The Project Gutenberg eBook of Der Occultismus des Altertums

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Title: Der Occultismus des Altertums

Author: Karl Kiesewetter

Contributor: Ludwig Kuhlenbeck

Release date: July 2, 2013 [eBook #43078]

Language: German

Credits: Produced by richyfourtytwo, Wolfgang Menges and the Online
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Weitere Anmerkungen befinden sich am Ende des Textes.

Der Occultismus des Altertums

von

Karl Kiesewetter.

Verlags-Signet

Leipzig,
Verlag von Wilhelm Friedrich.

Druck von Emil Herrmann senior in Leipzig.


Der Occultismus des Altertums.

Von demselben Verfasser erschien in gleichem Verlage:
Geschichte des neueren Occultismus.
Broschiert Mark 16,–, gebunden Mark 18,–.

Geheimwissenschaften.
Broschiert Mark 16,–, gebunden Mark 18,–.


V

Inhaltsverzeichnis.

Der Occultismus des Altertums.

I. Buch.

Der Occultismus bei den Akkadern, Babyloniern, Chaldäern und Assyriern.

I. Kapitel.

Religionsphilosophie, weiße und schwarze Magie der Akkader.

Eine aus der Bibliothek des Königspalastes von Niniveh stammende Tafel mit den Fragmenten von 28 Zaubersprüchen. – Die akkadische Magie. – Religion der Kuschiten. – Planetengötter. – Tammuz. – Die obersten zwölf Götter. – Astralgeister. – Die obersten Naturgeister der Akkader. – Sieben Maskim. – Die akkadischen Beschwörungen der Maskim. – Die akkadischen Krankheitsbeschwörungen. – Mesmerisierte Bäder. – Verschiedene Arten von Talismanen. – Heilmesmerismus. – Transplantation der Krankheiten. – Der Bildzauber. – Die Verwünschung. – Silik-mulu-khi. – Das Urbild des Paktes mit dem Teufel. – Das Intellektualsystem der Akkader. – Die akkadische Geisterlehre. – Lehre von den Feruern.

II. Kapitel.

Das Divinationswesen der Chaldäer.

Die Astrologie. – Observatorien. – Die Loswahrsagung. – Belomantie. – Die Beobachtung des Vogelflugs. – Wahrsagung aus den Eingeweiden der Opfertiere. – Traumdeutung. – Die wahrsagerische Beobachtung der VIWolken und atmosphärischen Erscheinungen. – Die Fulguration. – Wahrsagerei aus Erdbeben. – Phyllomantie, Wahrsagung aus der Bewegung und dem Rauschen der Bäume. – Die Schlange als wahrsagendes Tier. – Baalzebub, Baalfliege, Herr der Fliege. – Träume von Feuer und Flammen. – Incubation. – Nekromantie.

II. Buch.

Der Occultismus der Meder und Perser.

Erste Abteilung.

Der medische Magismus.

Das System des Magismus. – Kambyses in Ägypten. – Feier des Magiermords. – Geist des ursprünglichen Mazdeismus. – Der siebenstöckige Thurm zu Borsippa. – Der babylonische Gestirn- und Planetendienst. – Die Trias. – Die drei Weltzonen. – Zrvâna-akarana, Ahuramazdâ und Angrômainyus. – Der Brauch der Menschenopfer. – Die turanischen Ureinwohner Mediens. – Die Wurzel aller Schlangen- und Teufelskulte. – Directe Nachkommen der alten Angrômainyusverehrer. – Yezidis oder Teufelsanbeter.

Zweite Abteilung.

Der Zoroastrismus.

I. Kapitel.

Das Leben Zoroasters.

Sohn des Poraschasp und der Dogdo. – Zendavesta. – Amschaspands. – Die vier Elemente des Menschenkörpers. – Parsismus. – Gustaspes. – Die mediumistischen Erscheinungen der Feuerfestigkeit und des forcierten Pflanzenwachstums. – Spuren der Physiognomik. – Das Darunopfer mit Wein, Wohlgerüchen, Milch und einem Granatapfel. – Sein Körper, aller Verwundung unfähig. – Der Brahmine Tschengregatscha. – Ardjaspes. – Iran. – Gründung des Cypressendienstes.

Dritte Abteilung.

Der religionsphilosophisch-occultistische Inhalt und die Kosmogonie des Zoroastrismus.

I. Kapitel.

Der religionsphilosophisch-occultistische Inhalt des Zoroastrismus.

Der Unendliche und Anbeginnlose Ahuramazdâ und Angrômainyus. – Zrvâna-akarana. – Die Feruer aller Wesen. – Gedanken du Prels anticipiert. – Die sieben Amschaspands. – Bahman. – Schahriver. – Sapandomad. VII– Chordad. – Amerdad. – Die Izeds. – Die Stufenleiter der Izeds. – Mithra. – Korschid. – Aban. – Ader. – Anahid. – Amiran. – Ard. – Arduisur. – Aschtad. – Asman. – Barzo. – Behram. – Dahman. – Din. – Farvardin. – Gosch. – Goschorun. – Mah. – Mansrespand. – Neriosengh. – Pavand. – Rameschne-kharan. – Raschne-rast. – Serosch. – Taschter. – Vad. – Venant. – Zemiad. – Der Urvater der Menschheit. – Die sieben Erzdews. – Kampf der guten und bösen Geister. – Der Tod. – Die Auferstehung der Toten.

II. Kapitel.

Der zoroastrische Kultus.

Liebe und Haß, Sympathie und Antipathie. – Zoroaster gebietet unähnlich dem indischen Quietismus keine empfindungslose Geistesstille, keine Abtötung des Leibes. – Das heilige Altarfeuer Behram, das heilige Wasser Zahre, welches auf dem Urberg Albordj entspringt, und der heilige Hombaum, aus welchem der Lebenssaft, das Wasser der Unsterblichkeit hervorquillt. – Die Zauberer als Hände und Füße, Augen und Zungen von Angrômainyus betrachet. – Zweck der Religion Lichtwerdung der ganzen Schöpfung. – Die allgemeine Harmonie alles Lebendigen. – Gemeinde der Lebendigen. – Körper des Urworts. – Das Wort, das Urwesen, durch welches alle Wesen geworden sind, was sie sind. – Es ist eins mit der Lebenskraft und dem göttlichen Wesen. – Das erste Gesetz. – Das Werk der Finsternis. – Erhaltung der Reinheit der Seele. – Feuerdienst. – Die Reinigungen. – Das Wasser. – Das Fasten.

III. Kapitel.

Auszug aus dem Bun-Dehesch, der parsistischen Kosmogonie.

Ahuramazdâ und Angrômainyus. – Die beiden Urprinzipien. – Die Fixsterne der Sichtbarkeit. – Meschgah. – Kaiomorts. – Sieben Fixsterne als Wächter. – Schöpfung des Wassers. – Der Urstier. – Der Hund Sura. – Meschia und Meschiane. – Von der Zeugung. – Eine Art mystischer Zoologie. – Von der Auferstehung der Toten und Wiederherstellung der Leiber. – Sostosch. – Vom sublunarischen Himmel. – Ewige Dauer.

IV. Kapitel.

Die Orakel Zoroasters.

Aphorismen. – Oneirokritik des Astrampsychus. – Kommentar des Psellos. – Plethon. – Incarnationen. – Das Bild von den Ausklopfern der Seele. – Paradies. – Der Astralkörper. – Hefe der Seele.

VIII

III. Buch.

Der Occultismus der Inder.

Veden. – Rigveda. – Yayurveda. – Samaveda. – Artharvaveda. – Sabäismus. – Göttertrias: Brahma, Wischnu, Schiwa. – Brahma. – Der vergeistigte Mazdeismus. – Das Gesetzbuch des Manu. – Die kosmogonischen Philosopheme. – Äther (âkâsa). – Reincarnationen. – Die Weltendauer. – Pessimismus der indischen Religionsphilosophie. – Drei Dimensionen des Raumes. – Tamas. – Maya. – Satya. – Sankhyaphilosophie. – Echtheit der Theosophie. – Yogi. – Autohypnose. – Somatrank. – Atma. – Traumschlaf. – Ekstase. – Das Manas. – Indische Astrologie. – Die Siebenzahl. – Die Wochentage. – Tierkreis. – Die Entstehung des Tierkreises. – Harmonie des Makrokosmos mit dem Mikrokosmus. – Die eigentliche Astronomie. – Der Brahmane und später portugiesische Abbé Faria. – Schaustellungen der Bokte-Lamas. – Hucs Bericht über die magischen Wunderheilungen. – Der französische Gesandte Gobineau. – Zauberei in Camerun. – Oberstlieutenant T. G. Frazer. – Die wandelnden Krüge. – Die Fakire Jacolliots. – Covindasamy.

IV. Buch.

Der Occultismus der Ägypter.

I. Kapitel.

Der ägyptische Occultismus als Priesterwissenschaft.

Jamblichus. – Die ägyptischen Priester. – Porphyrius. – Die Hofzauberer Pharaos. – Die Heilgottheiten der Ägypter. – Isis. – Horus. – Apis. – Phtha, das Bild des unendlichen Geistes.

II. Kapitel.

Der Heilmagnetismus bei den alten Ägyptern.

Bentrosch-Stele nach der Übersetzung des Professor Dr. Lauth. – Chonsu Heilgott. – Der ägyptische Hypnotiseur. – Die sa-Striche. – Festmachen. – Erzeugung von Hypnose und Somnambulismus.

III. Kapitel.

Die eigentliche magische Heilkunde der Ägypter.

Hermes Trismegistos. – Die hermetische Litteratur. – Heilkräfte gegen Hautkrankheiten und Epilepsie, gegen Augenkrankheiten, Zahnleiden, Ohrenleiden, IXNasenleiden, für die Kehle, für den Magen, für die Gedärme, für die Blase, für die Geschlechtsteile, für die Gebärmutter, für die Nieren. – Humoralpathologie. – Der Grundsatz: similia similibus. – Homöopathie. – Impfung und Serumtherapie. – Ebn Esras.

IV. Kapitel.

Die Seelenlehre der alten Ägypter.

Wahrscheinlichkeit, daß die Kabbala auf Moses zurückzuführen. – Totengericht. – Wägung des Herzens. – Das Zwischenreich. – Die Unterwelt Amenti. – Paradies. – Papyrus, Totenbuch. – Der Mensch als Monade in einer Siebenteilung. – 92. Kapitel des Totenbuches. – Tetragramme oder magische Quadrate.

V. Buch.

Der Occultismus der Hebräer.

I. Kapitel.

Die schwarze Magie der Hebräer.

Elementarwesen des Feuers, der Luft, des Wassers und der Erde. – Salamander, Sylphen, Undinen und Pygmäen. – Pflanzlicher Nephesch (Astralleib). – Gewisse Vorgänge im modernen Mediumismus. – Mit Hilfe der Elementarwesen ausgeführte Magie. – Der Sohar. – Das magische Schauen. – Monen. – Astrologie der Tagewählerei. – Nichusch, wahrsagende Deutung der Erscheinungen und Veränderungen irdischer Dinge. – Doresch ha Methim, ein Befragen der Toten. – Der Kischuph. – Beschwörung der Satanim. – Habal de Garmin. – Schädigende Willensmagie.

Zweite Abteilung.

Die Kabbala.

I. Kapitel.

Das Alter der Kabbala.

Joseph ben Akiba. – Simon ben Jochai. – Gemara. – Mischna. – Rabbi Zera. – Die mysteriöse und heilige Lehre der Merkaba. – Das Tetragrammaton. – Maimonides. – Geheimlehre über die Schöpfung und die Natur der Gottheit. – Kultus des Buchstabens. – Kabbalisten im Gegensatz zu den Essäern. – Die Adepten der Kabbala.

X

II. Kapitel.

Die kabbalistischen Bücher. – Die Authenticität des Sepher Jezirah.

Überlieferung des Talmud. – Die Darstellungsweise des Jezirah. – Autorität des Moses Botril. – Rabbi Akiba. – Der Verfasser des Buches der Schöpfung.

III. Kapitel.

Die Authenticität des Sohar.

Rabbi Moses ben Nachman. – Rabbi Ascher. – Rabbi Gedalia. – Jehuda ben Gerim. – Simon ben Jochai. – Der Verfasser des Sohar. – Moses von Leon. – Die Emanationslehre, Grundlehre des ganzen im Sohar entwickelten Systems. – Hieronymus, von den zehn mystischen Namen. – Die Stephiroth. – Die Kette der Tradition. – Supplement des Sohar. – Die kabbalistischen Lehren durch mündliche Tradition überliefert. – Das System des Simon ben Jochai. – Das Copernikanische System. – Der heilige Augustin über denselben Gegenstand.

IV. Kapitel.

Die Lehren der kabbalistischen Bücher. – Analyse des Sepher Jezirah.

Das Buch Jezirah. – Die zweiunddreißig wunderbaren Wege der Weisheit. – Die zehn Sephiroth. – Die zweiundzwanzig Buchstaben des hebräischen Alphabets. – Das letzte Wort des kabbalistischen Systems. – Transformation des Symbols zur Idee.

V. Kapitel.

Analyse des Sohar. – Die allegorische Methode der Kabbalisten.

Die Kabbalisten schoben auf eine den Profanen unbekannte Weise in mysteriösem Sinn den historischen Thatsachen und positiven Geboten eine geheime Bedeutung unter. – Origenes, Homil 7 in Levit.

VI. Kapitel.

Die Anschauungen der Kabbalisten über die göttliche Natur.

Das Buch des Geheimnisses. – Dreizehntausend Myriaden Welten. – Der Name des Unendlichen En Soph. – Die göttlichen Attribute. – Idra Suta. – Der höchste Gedanke oder das Wort. – Besondere Rolle der einzelnen Sephiroth und ihre Gruppierung nach Trinitäten und Personen. – Hegel. – Die Personen dieser Trinität als drei aufeinanderfolgende und absolut notwendige Phasen des Denkens und Seins. – Mit der Hegelschen Philosophie vergleichbar, eine Verbindung von Ideen Platos und Spinozas. – Die drei ersten Sephiroth. – Die Sephiroth bilden in ihrer Gesamtheit XIden himmlischen oder idealen Menschen. – Absolute Identität der Existenz und des Gedankens. – Schechinah. – Die immanente Kraft der Dinge. – Das Buch der Geheimnisse. – Die Könige von Edom, die Welten, welche bestanden, noch ehe sich die Formen gebildet hatten, um als Mittelglied zwischen der Schöpfung und der göttlichen Wesenheit in ihrer größten Reinheit zu dienen. – Von dem Geschlechtsunterschied des idealen Menschen. – Die Metempsychose. – Die Dämonen. – Hüllen.

VII. Kapitel.

Die Weltanschauung der Kabbalisten.

Kommentatoren des Sepher Jezirah. – Das Dogma von der Schöpfung. – Ex nihilo nihil. – Der Erzengel des Bösen. – Samael. – Die Kabbalisten über die Physiognomik. – Die vier Gestalten des mystischen Wagens des Hesekiel. – Von der himmlischen und der höllischen Hierarchie. – Der Engel der Reinheit (Tahariel), der Barmherzigkeit (Rachmiel), der Gerechtigkeit (Zadkiel), der Befreiung (Padael), und der berühmte Raziel, welcher mit eifersüchtigen Augen die Geheimnisse der kabbalistischen Weisheit bewacht. – Der Engel des Feuers Nuriel, der des Lichts Uriel. – Die Absicht dieser Allegorien. – Die große Hure oder die Meisterin der Ausschweifungen Lilith. – Die Dämonologie der Kabbalisten eine notwendige Ergänzung ihrer Metaphysik.

VIII. Kapitel.

Die Lehrmeinung der Kabbalisten von der menschlichen Seele.

Drei Principien oder vielmehr drei Grade der menschlichen Existenz. – Das individuelle Princip. – Von den Androgynen Platos. – Dogma der Präexistenz. – Die Lehre von der moralischen Prädestination. – Diejenigen welche auf der Welt Böses thun, haben schon im Himmel angefangen, sich vom Heiligen zu entfernen. – Probe der Seelenwanderung (Gilgul). – Die Rückkehr der Seele in den Schoß der Gottheit. – Palast der Liebe. – Küsse der Liebe. – Das Dogma vom Sündenfall.

Anhang.

Blüten vom Baume der Kabbala.

Grundstoff (Huli) der Welt. – Isaak Loriah: Sepher Cch'wanoth, Fol. 46. – Massel (Genius, transcendentales Subject). – Nischmath Chajim, Fol. 101. – Nephesch. – Machschaba (Imagination). – Mairecheth Aeloluth, Fol. 41, 63. – Der Ruach der Tiere. – Der umkreisende Äther. – Gedanken des Herzens wirken auf den Äther ein. – Esarah Maimeroth, Fol. 49.

XII

VI. Buch.

Der Occultismus der alten Griechen.

I. Kapitel.

Die jonischen Naturphilosophen.

Berührung des Occultismus mit der Philosophie. – Thales von Milet. – Seine Lehre vom flüssigen Urstoff. – Hylozoimus. – Aussprüche des Thales. – Anaximander. – Der gasförmige Urzustand. – Nebularhypothese. – Entstehen und Vergehen der Welten. – Anaximenes. – Bedeutung der Verdünnung und Verdichtung. – Hippo, Idaeus und Diogenes von Apollonia. – Kreisbewegung. – Heraclit der Dunkle. – Sein ist Werden. – Lehre von den Weltperioden. – Das große Jahr. – Beziehungen zu Zoroaster.

II. Kapitel.

Pythagoras und die Alt-Pythagoräer.

Geschichte seines Lebens. – Geheimbund. – Die einfachsten Zahlenbestimmungen der musikalischen Harmonie. – Zahlenmystische Spielereien. – Theologie der alten Pythagoräer. – Die kosmologischen Einsichten. – Harmonie der Sphären. – Metempsychose, richtiger Metemsomatose. – Palingenesie. – Sexuelle Enthaltsamkeit. – Genuß der Bohnen.

III. Kapitel.

Die Eleaten.

Xenophanes. – Skepsis. – Reiner Monotheismus. – Parmenides. – Vorläufer der Naturphilosophie des Telesius. – Warmes und Kaltes. – Zeno, der Eleat. – Einheit des Seins. – Wesen von Raum und Zeit. – Wirklichkeit und Erscheinung. – Gesetz der bestimmten Anzahl. – Rangordnung der Realitäten.

IV. Kapitel.

Empedocles, Pherekydes, Epimenides von Kreta.

Praktiker auf dem Gebiete der sog. Geheimwissenschaften. – Medizin-Mann. – Hypnotische Technik. – Goëtie. – Charlatanerie. – Kreislauf des Stoffwechsels. – Attraktionskraft und Repulsionskraft. – Liebe und Haß. – Darwinistische Theorie. – Antizipation der Lehre von der indirekten Auslese. – Seelenwanderungslehre. – Vegetarismus. – Pherekydes. – Sehertum. – Theogonie. – Epimenides von Kreta. – Jatromanten. – Nona. – Epidemische Geisteskrankheit. – Reinigungsceremonien. – Orpheotelesten. – Das Wunder suggestiver Massenheilung.

XIII

V. Kapitel.

Die Geheimlehre der Mysterien.

Bacchische und cerealische. – Kreta. – Soziale Nebentendenz. – Die bacchischen Mysterien. – Ahnung der göttlichen Einheit. – Geheimkult indischen Ursprungs. – Dionysos. – Zagreus. – Die Siebenzahl. – Weltökonomie. – Spiegelbecher. – Phallus. – Lingam und Yoni. – Die Welt des Scheins. – Becher der Reinigung oder Wiedergeburt. – Spekulative Analyse der indischen Ideen. – Die schaffende Gottheit Welt-Lingam. – Die cerealischen Mysterien.Die Eleusinien. – Erntefeste. – Die sog. kleinen Mysterien. – Erkennungszeichen. – Die letzte Weihe, epopteia. – Selbstschau. – Conx ompax. – Spiritismus. – Unsterblichkeit. – Demeter eine Gottheit mit doppeltem Charakter. – Spekulative Analyse des Inhalts der eleusinischen Lehre. – Die Toten sind Demetrier. – Die Thesmophorien. – Der Ackerbau als das fruchtbarste Prinzip der Humanität. – Mysterium der Ehe. – Natürlich geschlechtliche Basis der Ehe. – Neuntägige Enthaltung von geschlechtlichem Verkehr. – Sthenien. – Die Orgie in Halimus. – Schamlose Seite altheidnischer Feste. – Kteis. – Orgiasmus. – Die samothrakischen Mysterien. – Todesfeier des Dionysios. – Orphiker. – Heilige Sage.

VI. Kapitel.

Anaxagoras.

Nus, Verstand. – Homöomerien.

VII. Kapitel.

Die Atomistiker, insbesondere Demokritos.

Leucippos. – Demokrit. – Atomverbindungen. – Quantitative Beziehungen. – Primäre und sekundäre Eigenschaften. – Besonderer Seelenstoff. – Sophistik.

VIII. Kapitel.

Sokrates und sein Dämonium.

Problem des sog. Genius. – Glauben an die Orakel. – Dämonion. – Vulgäre Psychologie. – Unbegreiflichkeit des Phämomens. – Dühring. – Dramatische Spaltung des Ich. – Du Prels Mystik der alten Griechen.

IX. Kapitel.

Platon.

Platon der Vater des Idealismus. – Traum des Sokrates. – Große Reise nach Cyrene und nach Ägypten. – Syrakus. – Dionysios. – Dion. – Unverletzte Virginität. – Platos Lehre. – Der Theätet, der Sophist und der XIVPolitikos. – Parmenides. – Ideenlehre. – Bedeutung der platonischen Ideen. – Lotze in seiner Metaphysik. – Verhältnis der Ideenwelt zur Gottheit. – Phädrus, Philebus, die Republik und der Dialog von den Gesetzen. – Unsterblichkeit der Seele. – Phaedon, der Staat, Phaedrus, Timaeus und das Gastmahl. – Der intelligible Charakter. – Ästhetische Mystik.

X. Kapitel.

Aristoteles.

Universal-Gelehrter. – Scholastik. – Überschätzung. – Exoterische und esoterische Schriften. – Form und Stoff. – Dualismus. – Seelenlehre. – Entelechie. – Persönliche Substanz. – Der thätige Intellekt. – Der leidentliche Intellekt. – Rationalistische Theorie der Träume.

VII. Buch.

Der Occultismus der alten Römer.

I. Kapitel.

Einfluß der Etrusker auf die römische Religion.

Die Verhüllten.

II. Kapitel.

Die Religion der Römer.

Die Religion im Dienste des Staates. – R. v. Ihering. – Machiavellismus der Römer. – Ver sacrum. – Jupiter. – Mars. – Quirinus. – Juno. – Die Matronalien. – Ficus Ruminalis. – Nebenbedeutung allerintimster Natur. – Lupercus. – Lupera. – Innuus. – Unfruchtbarkeit. – Februare. – Rock der Juno. – Subigus. – Prema. – Pertunda. – Perfica. – Fluonia. – Lucina. – Befriedigung des Geschlechtstriebes. – Janus. – Saturn. – Das goldene Zeitalter. – Ceres, Liber und Libera. – Fascinum = Phallus. – Flora. – Euhemeristische Mythologie. – Die Freudenmädchen. – Die römische Venus. – Volupia, die eigentliche Göttin der Wollust. – Angeronia. – Cloacina. – Minerva. – Vulcan. – Faunus. – Ficarii und Incubi. – Fatua. – Pales. – Priapus. – Anna Perenna. – Acca Laurentia. – Die Apotheose eines Freudenmädchens. – Die geschlechtliche Sinnlichkeit des Römers. – Volksmetaphysik.

III. Kapitel.

Unsterblichkeitsglaube und Jenseitsvorstellung.

Eine sozial sehr zweckmäßige Eigenschaft. – Genien, Laren oder Manen und Lemuren. – Manen. – Totenfest. – Aller-Seelenfeier. – Larenopfer. – Venus Libitina. – Beziehung der Demeter zum Tode und zur Zeugung.

XV

IV. Kapitel.

Der Glaube an Magie und symbolische Handlungen.

Cicero in seiner Schrift über die Weissagung. – Ausführung des Naturforschers Plinius.

V. Kapitel.

Weissagung und Zeichendeuterei. Orakel. Sibyllinische Bücher.

Werfen der Loose. – Orakel. – Tibur. – Somnambule Zustände. – Orakel zu Tumae. – Sibylle. – Neun Bücher Weissagungen. – Die sog. sibyllinischen Bücher. – Eine sibyllinische Weissagung.

VI. Kapitel.

Beobachtung der Himmelszeichen, Vögel, Blitze u. s. w., und Opferschau.

Augurium. – Auguren. – Der Glaube der alten Römer an die Unfehlbarkeit der Auspicien. – Geheimwissenschaft. – Verfahren. – Flug der Vögel. – Fressen der heiligen Hühner. – Cicero über die Auspicien. – Opferschauer. – Haruspicium. – Ein Wort Hannibals. – Beobachtung der Blitze. – Jupiter, Elicius. – Wettermagie.

VIII. Buch.

Der Occultimus der Alexandriner, Neupythagoräer und Neuplatoniker.

Vorbemerkung.

Erste Abteilung.

Die Alexandriner.

I. Philo von Alexandria

I. Kapitel.

Philos Leben und Lehrweise.

Alexandria. – Bibliothek. – Philos Leben. – Versuche, das alte Testament esoterisch zu deuten. – Die mystische Reise nach Haran. – Ekstase der indischen Sonnen- und Mondkinder. – Der Logos.

II. Kapitel.

Philos Mystik.

Sekte der Essäer durch buddhistische Missionäre gestiftet. – Sündenfall. – Askese oder Unterricht. – Heraustreten aus dem eigenen Ich.

XVI

III. Kapitel.

Die Elemente der Gnosis bei Philo.

Theosophie Philos. – Die doppelte Erkenntnis.

II. Die Therapeuten und Essäer.

Josephus. – Ihre Gütergemeinschaft.

Zweite Abteilung.

Die Neupythagoräer.

Apollonius von Tyana.

Parallele Christi. – Zweifel an der Existenz des Apollonius. – Eduard Baltzer. – Apollonius, ein entschiedener Spiritist. – Julia Domna. – Philostratus von Lemnos. – Mysterien des Aeskulapdienstes. – Schweigezeit. – Die indischen Brahmanen. – Ereignisse im Leben des Apollonius. – Parallele aus der Autobiographie des Bürgermeisters Barth. Sastrow zu Stralsund. – Gymnosophisten.

Dritte Abteilung.

Die Neuplatoniker.

I. Kapitel.

Plotinos.

Plutarch. – L. Apulejus. – Ammonios Sakkas. – Longinos. – Porphyrius. – Die Verstandeswelt, das Muster der Sinnenwelt. – Das Geisterreich. – Die Einkörperung der Seele. – Zwei Wege, zum Schauen des Einen, Ersten und Höchsten.

II. Kapitel.

Porphyrius, Jamblichus, Proklus, Sosipatra.

Vereinigung mit Gott. – Vehikel der Seele. – Dämonologie. – Mantik. – Jamblichus. – Materialisation. – Schrift De mysteriis Aegyptiorum. – Annahme eines Astralleibes. – Prachtstück der theurgischen Weisheit. – Proklus. – Sosipatra.

III. Kapitel.

Hierokles und sein Kommentar zu den goldenen Sprüchen des Pythagoras. – Die letzten Neuplatoniker.

Vierundfünfzig Strophen der goldenen Sprüche. – Hierokles. – Erkenntnis der Doppelnatur des Menschen. – Die mystische Reinigung.

XVII

IV. Kapitel.

Synesios, der letzte Neuplatoniker, sein Leben und seine Lehren.

Hypatia. – Cyrenaica oder Pentapolis. – Messias-Putsch. – Synesios in Konstantinopel. – Schrift „Die Ägypter, oder über die Vorsehung“. – Bischofswürde. – Die Schrift über die Träume.

V. Kapitel.

Die Gnostiker und Manichäer.

IX. Buch.

Der Occultismus der Kelten und Germanen.

Erste Abteilung.

Die Kelten.

I. Kapitel.

Die Druiden.

Das Religionssystem der Kelten. – Pentalpha. – Geheimlehre. – Die auf Eichen wachsende Mistel. – Triaden. – Oberdruide.

II. Kapitel.

Gottesdienst und Geheimlehre der Druiden.

Menschenopfer. – Teutates. – Seelenführer. – Esus oder Hesus. – Die Insel Mona. – Hu gadarn. – Die Gotteinheit der britischen Kelten. – Mysterien vom Tode des Hu. – Ceridwen. – Tetragrammaton. – Lehrgebäude des Kesselordens.

Zweite Abteilung.

Der Occultismus der Germanen.

Entwickelungsgeschichte der germanischen Mythologie.

I. Kapitel.

Die Weltschöpfung der Edda. Yggdrasil.

Dualismus eines bösen und guten Weltprinzips. – Der Mythus vom Weltbaum.

XVIII

II. Kapitel.

Der Götterhimmel der Germanen.

Die Edda. – Odin. – Odin-Wodan. – Das Gespensterheer. – Die Erzählung der Edda vom Dichtertrank. – Der runenkundige Gott. – Lehre vom Doppel-Ich. – Thor und Loki. – Balder. – Hödur. – Deutung dieses Mythus. – Frigg. – Iduna.

III. Kapitel.

Götterdämmerung und Wiedergeburt.

Ragnarök. – Weltuntergang. – Esoterische Idee der Wiedergeburt.

X. Buch.

Der Occultismus der barbarischen Völker.

Skythen. – Toxaris und Anacharsis. – Massageten. – Geten. – Zamolxis. – Hyperboräer. – Abaois. – Taurer.

XIX

Vorwort.

Am zweiten Ostertage v. J. (1895) starb Karl Kiesewetter, einer der eifrigsten Forscher auf dem Gebiete des „Wunderbaren und Geheimnisvollen“, der Verfasser der „Geschichte des neueren Occultismus“, der „Geheimwissenschaften“ und des ersten Halbbandes dieses Buches über den „Occultismus des Altertums“. Ein plötzlicher Tod entriß ihn im besten Mannesalter seinem eigenartigen Studiengebiete, auf dem er augenscheinlich eine erstaunliche Belesenheit und Quellenkunde besaß.

Die Verlagshandlung wandte sich nun an mich, mit dem Antrage, die Herstellung des zweiten Halbbandes dieses Buches unter Benutzung des Kiesewetterschen handschriftlichen Nachlasses zu übernehmen und zwar genau nach der bereits von Kiesewetter festgestellten Disposition. Die Einsicht des handschriftlichen Nachlasses ergab, daß der Verstorbene nur das achte Buch seiner Disposition, den Abschnitt über die Alexandriner, Neupythagoräer und Neuplatoniker ausgearbeitet hatte.

Der wohlwollende Leser möge die ganze von mir gelieferte Arbeit nicht etwa als ein Werk auffassen, das mit wissenschaftlicher Prätension sich etwaigen ähnlichen Forschungen über „vergleichende Religionswissenschaft“ zur Seite stellen möchte, sondern als das Ergebnis dilettantischer Nebenstunden, als eine dem gebildeten Dilettanten XXselber, der über keine Zeit und keine genügende Ausdauer verfügt, aus dem Staube der Bibliotheken und dem Studium schwerfällig gelehrter Originalwerke das ihn Interessierende selber herauszusuchen, gewidmete Skizze eklektischer Streifzüge ins Gebiet der Mystik.

Dixi et salvavi animam meam.

Jena, im Februar 1896.

L. Kuhlenbeck.

1

Erstes Buch.
Der Occultismus bei den Akkadern, Babyloniern, Chaldäern und Assyriern.

3

Erstes Kapitel.
Religionsphilosophie, weiße und schwarze Magie der Akkader.

Der Occultismus ist so alt wie die ihrer selbst bewußte Menschheit, und selbst wo uns die Hieroglyphen Ägyptens im Stich lassen, führt uns die Keilschriftlitteratur der Euphrat- und Tigrislande in die graueste Urzeit des Menschengeschlechts hinauf und zeigt uns, daß zum allermindesten tausend Jahre vor Beginn der beglaubigten Geschichte der Occultismus in seinem Kern derselbe war wie heute. Natürlich wechselten mit den verschiedenen Staatsreligionen seine Formen, und wir haben deshalb den stets gleichen esoterischen Kern unter den wechselnden Hüllen der Dogmen nachzuweisen sowie auch seine fortschreitende Weiterbildung und Ausreifung.

Vor noch nicht einem Menschenalter – im Jahre 1866 – veröffentlichten die englischen Orientalisten Sir Henry Rawlinson und Norris im zweiten Band der Cuneiform Inscriptions of Western Asia eine aus der Bibliothek des Königspalastes von Niniveh stammende Tafel mit den Fragmenten von 28 Zaubersprüchen, welche, wie Lenormant sagt[1]: „von der Existenz einer so künstlichen und zahlreichen Dämonologie bei den Chaldäern zeugt, wie sie sich ein Jacob Sprenger, Jean Bodin, Wier oder Pierre de Lancre wohl nimmer vorgestellt hätten. Es erschließt sich uns darin eine ganze Welt von bösen Geistern, deren Rangordnung mit vieler Gelehrsamkeit festgestellt, deren Persönlichkeiten sorgfältig unterschieden und deren besondere Eigenschaften scharf präcisiert sind.“

4

Außerdem entdeckte Layard an gleicher Stelle die gegenwärtig im British Museum aufbewahrten Fragmente eines umfangreichen magischen Werkes von zweihundert Tafeln, welches für Chaldäa wohl das Gleiche war, was die alten Inder in ihrem Atharva-Veda besaßen, nämlich eine Sammlung aller Formeln, Beschwörungen und Hymnen der chaldäischen Magier, von denen die Schriftsteller des Altertums berichten.

Diese Urkunden sind in akkadischer, einer den finnischen und tartarischen Dialekten verwandten turanischen Sprache abgefaßt, welche von den vorgeschichtlichen Ureinwohnern Chaldäas, den Akkadern, gesprochen wurde. Assurbanhabal ließ dieselben im siebenten Jahrhundert v. Chr. für seine Palastbibliothek mit der überlieferten assyrischen Interlinearversion abschreiben, ohne welche sie wohl nicht mehr verstanden worden wären, weil damals die akkadische schon über tausend Jahre eine tote Sprache war.

Dieses Erbe der Akkader, welches offenbar aus ältern im Laufe der Zeit zusammengestellten Überlieferungen besteht, führt in eine altersgraue Zeit hinauf, in welcher, wie wir sehen werden, neben dem Kultus kosmischer und tellurer Potenzen der Glaube an die Einheit und Geistigkeit des göttlichen Wesens bestand.

Die akkadische Magie beruhte auf einem vollständigen wohlgegliederten mythologischen System, welches in seinen Ursprüngen über das dritte Jahrtausend vor Christus zurückreicht. In diesem Jahrtausend wanderten vermutlich in das von den Akkadern bewohnte nachmalige Chaldäa Kuschiten ein, welche Sprache, Religion und Volkstum der Akkader allmählich in den Hintergrund drängten. In Babylonien wie in Chaldäa bildeten sich verschiedene Religionsformen aus, bis ums Jahr 2000 König Sargon eine einheitliche Staatsreligion einführte, die in Chaldäa und Babylonien wie später auch in Assyrien galt.

Diese Staatsreligion beruhte zum Teil auf der der syrischen und phönicischen verwandten Religion der Kuschiten; sie nahm aber viele akkadische Elemente auf, und so beginnt denn die bis zur Zeit Alexanders des Großen reichende Periode der „Chaldäer“. Allerdings nahmen in dieser Mischreligion die akkadischen Elemente mit ihrer Dämonenlehre und ihren Exorcismen einen untergeordneten Rang ein, und ihre Pfleger waren eine niedere Kaste von Zauberpriestern, 5welche durch ihre Beschwörungen Krankheiten und Bezauberungen zu heilen, Dämonen zu vertreiben, widrige elementarische Einflüsse zu zerstreuen usw. usw. suchten. Die oberste Priesterkaste waren die Chaldäer, welche – wie die persisch-medischen Magier – sich nur mit Astronomie und Astrologie befaßten.

Da bei den genannten Völkern Kultus und Occultismus auf das engste verbunden sind, müssen wir zunächst zu einer Darstellung ihrer Religionslehren übergehen.

Nach chaldäisch-babylonischer Anschauung ist die Erde von den als Gottheiten gedachten Meer, Ocean und Chaos (chald. Tiamat, Apsu und MummuΘαυάτϑ, Ἀπασῶν und Μωυμῖς des Berosus) geboren. Jedoch werden diese mystischen Gottheiten im öffentlichen Kultus nicht verehrt, sondern an ihre Stelle tritt zuerst die oberste Trias der männlichen Gottheiten, welcher eine gewisse Ähnlichkeit mit der christlichen Dreieinigkeit nicht abzusprechen ist. Die erste Person dieser Trias ist Anu (Himmel), der Erstgeborene, der Uralte, der Älteste der Götter, der Vater der Götter, der Gebieter der Finsternis. Er ist der Herr des Himmels und des Weltalls, schon ehe er dem Chaos eine feste Gestalt gegeben hatte, und zugleich der Gott der Welt und Zeit. Auf ihn folgt Ea, die das All durchdringende, belebende, lenkende und befruchtende göttliche Weisheit, der über dem Meer schwebende Geist. Die dritte Person dieser Trias ist Bel (akkad. Mul-ge), der Gebieter und die Personifikation der geordneten Schöpfung, der Bildner des Sternenhimmels und Lenker der geordneten Bewegung der Himmelskörper.

Diese drei Personen der obersten göttlichen Trias sind in ihrem Wesen gleich und gleich mächtig, ohne jedoch auf gleicher Stufe der Emanation zu stehen; Anu ist stets der Vater des Ea, aber bald der Vater und bald der Bruder des Bel.

Dieser obersten männlichen Trias steht eine weibliche gegenüber, Anat (akkad. Anu), Belit (akkad. Ningelal) und Davkina, welche man sich als der weibliche Ausdruck und Form der männlichen Trias dachte. Diese Gottheiten sind androgyner Natur, und dieser uralten Anschauung entstammen die von den Orphikern und Neuplatonikern gelehrten hierhergehörigen Mythen der klassischen Völker.

Der Begriff der Androgynie war bei den Chaldäern auch auf die 6Planetengötter übertragen, wie es denn von der Venus (Dilbat) heißt:

„Der weibliche Stern ist der Venusstern; er ist weiblich bei Sonnenaufgang;
Der männliche Stern ist der Venusstern; er ist männlich bei Sonnenuntergang.“

Wie lange sich diese Anschauungen erhielten, möge man daraus ersehen, daß in der Astrologie bis auf die neueste Zeit Mercur als Hermaphrodit gilt, welcher – am Morgenhimmel sichtbar – weiblich und am Abendhimmel männlich ist.

Die höchste Planetengottheit ist die Sonne, Samas, dessen weibliche Potenz Gula hieß; ihr folgte der Mondgott Sin, dessen weibliches Prinzip im Akkadischen Nin-gelal hieß; der assyrische Name ist noch nicht mit Sicherheit entziffert.

Diesen höchsten Planetengöttern folgen nun in bekannter Stufenreihe: Adar (Saturn), Maruduk (Jupiter), Nergal (Mars), Istar (Venus), Nebo (Mercur); akkadisch: Nin-dara, Amar-utuki, Nirgal, Sukus und Ak. Ihnen allen stehen mit Ausnahme der unklar androgyn gedachten Istar, deren geheimnisvoller Gatte Dumuzu heißt, ausgesprochene weibliche Prinzipe gegenüber. So dem Adar: die Belit, dem Maruduk die Zarpanit, dem Nergal die Laz, und endlich dem Nebo die Tasmit.

Da nun Venus und Mercur bald am Morgen, und bald am Abend sichtbar sind, so nahm man eine doppelte Istar, eine von Arbela und eine von Niniveh, an und machte aus Nebo gar zwei Persönlichkeiten, Nebo den Gott der Wissenschaften und Künste, und Nuzku, den Diener und Boten des Bel. – Wir sehen also hier schon völlig den mythologischen wie den astrologischen Charakter des Mercur vorgebildet.

Der geheimnisvolle Gatte Dumuzu (Tammuz) der Istar wurde ihr in seiner Jugendblüte entrissen und veranlaßte ihre Wanderung in das „Land ohne Heimkehr“, das Totenreich, wodurch er Anlaß zur Dichtung des ältesten Epos der Menschheit, die „Höllenfahrt der Istar“, gab. Da nun Dumuzu die Sonne ist, liegt diesem Mythus wohl der astronomische Vorgang des zeitweisen Verschwindens der Venus unter den Sonnenstrahlen zu Grund.

Die Planetengötter bilden die auf die höchste Trias folgende 7oberste Götterklasse und regieren mit ihnen nach Diodorus Siculus[2] die zwölf Monate und zwölf Zeichen des Tierkreises.

Auf Denkmälern, wie dem Obelisk des Salmanassar zu Nimrud und dem Monolithen des Assur-nasir-habal werden die obersten zwölf Götter folgendermaßen genannt:

„1. Anu, der König der himmlischen und irdischen Erzengel, König der Welt.

2. Bel, Vater der Götter, Schöpfer.

3. Ea, König des Oceans, Lenker des Schicksals, Gott der Weisheit und Erkenntniß.

4. Sin, Herr der Kronen, zum höchsten Glanz erkoren.

5. Bin, der Krieger und Herr der befruchtenden Kanäle.

6. Samas, Richter des Himmels und der Erde.

7. Maruduk, gerechter Fürst der Götter, Herr der Geburt.

8. Adar-Samdar, der Mächtige, Krieger unter den kriegerischen Göttern, Vernichter des Bösen.

9. Nergal, der Edelmüthige, König der Schlachten.

10. Nebo, Träger des höchsten Scepters.

11. Belit, Gattin des Bel und Mutter der höchsten Götter.

12. Istar, die Älteste des Himmels und der Erde, die das Antlitz der Krieger mit Glanz erfüllt.“

Anderswo[3] heißen die zwölf Monate des Jahres mit ihren Göttern:

1. Nisannu, Anu und Bel.

2. Airu, Ea, Gebieter der Menschheit.

3. Sivanu, Sin, Erstgeborener des Bel.

4. Duzu, Adar, der Krieger.

5. Abu, Allat, Herrin des Zauberstabes (Nin-gis-zida).

6. Ululu, Istar, Herrin der Schlachten.

7. Tasritu, Samas, der Herr der Welt.

8. Arak-samma, Maruduk, der große Fürst der Götter.

9. Kisilvu, Nergal, der große Krieger.

10. Tebitu, Pap-sukul, Diener des Anu und der Anat.

11. Sabatu, Bin, Feldherr des Himmels und der Erde.

8

12. Addaru, die sieben großen Götter der Planeten.

13. Makru-sa-addari, (Schaltmonat) Assur, Vater der Götter.

Mit Leichtigkeit erkennt man in diesen Monaten diejenigen des Kalenders der Juden, welche ihr Jahr mit dem siebenten Monat der Chaldäer beginnen ließen. Der erste jüdische Monat Tischri entspricht dem Tasritu, der Marchesvan dem Arak-samma, der Kaslev dem Kisilvu, der Thebet dem Tebitu, der Schebat dem Sabatu, der Adar dem Addaru, der Nisan dem Nisannu, der Ijar dem Airu, der Sivan dem Sivanu, der Tammuz dem Duzu, der Ab dem Abu, der Elul dem Ululu und der jüdische Schaltmonat Veadar endlich dem chaldäischen Makru-sa-addari.

Damit endlich, daß man die Planeten vergöttlichte und sie zu den Herren der Zeichen des Tierkreises wie der Monate machte, waren die Grundlagen der Astrologie geschaffen.

Eine große Anzahl von Sternbildern und einzelnen Fixsternen wurden als Götter niederen Ranges und Genien (musedu) angesehen und nach ihrem Rang und ihrer Bedeutung genau klassifiziert. Man suchte sich ihrer Kräfte durch Anfertigung ihnen geweihter Talismane zu versichern, aus denen dann die astrologischen Bilder entstanden, von denen ich in meinen „Geheimwissenschaften“ ausführlich handelte.

Diese Astralgeister standen zwischen den Göttern und Menschen und griffen segenbringend oder unheilstiftend in das Schicksal der letzteren ein. Die vier wichtigsten schützenden Genien waren: der bekannte Flügelstier mit dem Menschenhaupt, der sedu oder Kirubu, akk. Alad; der Löwe mit dem Menschenhaupt, lamassu oder nirgallu, akkad. lamass; der menschlich gestaltete ustur und endlich der geierköpfige nattig, welcher Hesekiel bei seiner Beschreibung der vier symbolischen, den Thron Jehovas tragenden Wesen vorschwebte.

Über diesen Genien standen noch zwei besondere Engelgruppen, die Igigi, die Geister des Himmels, und die Amuna-irsiti (akkad. amuma-ge), die Geister der Erde, welche den phönizischen Kabiren entsprechen.

Nach Angabe eines Täfelchens aus der Bibliothek von Niniveh gab es außer der obersten Trias sieben höchste Götter, fünfzig große Götter des Himmels und der Erde, dreihundert Geister des Himmels und sechshundert Geister der Erde.

9

Es ist natürlich, daß die Annahme eines solchen Götter- und Dämonenschwarmes die Aufnahme des akkadischen Beschwörungs- und Zauberritus in die chaldäische Priesterwissenschaft begünstigen mußte, obschon die alten Akkader keine eigentlichen Götter, sondern nur gute und böse Naturgeister kannten, welche die Chaldäer später in Götter, Genien und Dämonen umbildeten.

Lenormant nimmt an, daß diese Jahrhunderte währende Umbildung und der Ausbau der alten Religion innerhalb der chaldäischen Priesterschulen zur Zeit Sargons I. um das Jahr 2000 v. Chr. abgeschlossen wurde.

Die obersten Naturgeister der Akkader sind die allad (assyr. sedu), Genien, und lamma (assyr. lamassu), Kolosse, welche jedoch in sehr unklarer Weise bald als gute und bald als böse Geister aufgefaßt werden. Besser sind wir über die eigentlichen Dämonen, utuk, welches Wort aber auch zuweilen einen guten Geist oder die menschliche Seele bedeutet, unterrichtet. Die wichtigsten unter ihnen sind die alal (assyr. allu), Zerstörer, die gigim (assyr. e-kimmu), welcher Name nicht entziffert ist, die tellal (assyr. gallu), Krieger, und endlich die maskim (assyr. rabisu), Nachsteller.

Diese letzten bilden die wichtigste scharf abgegrenzte Klasse und sind aufs genaueste das Widerspiel der sieben Planetengottheiten, kosmische Dämonen, welche überall störend und vernichtend in das Naturleben eingreifen; „sieben böse Geister, sieben Flammengespenster, sieben Dämonen der feurigen Sphären“.

Diese sieben Maskim, welche sich als Planetendämonen durch alle Mythologien ziehen[4] und noch als Vorbilder der sieben „Kurfürsten“ der Teufel des Faustschen Höllenzwangs deutlich erkennbar sind, sind die Söhne des Ana, des Gottes und Königs der finstern Welt der Akkader; sie stören die Ordnung des Planetenlaufs, erregen Sonnen- und Mondfinsternisse; sie führen gleich den griechischen Titanen und den Naphelim oder Nephilim des Buches Henoch kurz nach der Schöpfung erbitterte Kämpfe gegen Gott. Sie thronen gleich den Teufeln im Innern der Erde und verursachen Unheil und Umsturz im Himmel und auf Erden. Eine akkadische Inschrift schildert ihr Treiben folgendermaßen mit lebhaften Farben:

10

„Die Sieben, sie werden im Gebirge des Westens geboren;
Die Sieben, sie werden groß im Gebirge des Ostens;
Sie thronen in den Tiefen der Erde;
Sie lassen ihre Stimme erschallen auf der Höhe der Erde;
Sie lagern im unermeßlichen Raum im Himmel und auf Erden.
Einen guten Namen im Himmel und auf Erden besitzen sie nicht;
Sie, die Sieben, erheben sich im Gebirge des Westens;
Sie, die Sieben, legen sich im Gebirge des Ostens zur Ruh. –
– – Sieben sind es, sieben sind es:
Sieben sind es in des Oceans tiefsten Gründen, aus dem verborgenen Schlupfwinkel.
Sie sind nicht männlich, sind nicht weiblich,
Sie breiten sich aus gleich Fesseln.
Sie haben kein Weib, zeugen nicht Kinder;
Ehrfurcht und Wohlthun kennen sie nicht.
Gebet und Flehen erhören sie nicht.
Ungeziefer, das dem Gebirge entsprossen,
Feinde des Ea,
Sind sie die Werkzeuge des Zornes der Götter.
Die Landstraße störend, lassen sie auf dem Wege sich nieder,
Die Feinde, die Feinde;
Sieben sind sie! Sieben sind sie! Sieben sind sie!
Geist des Himmels, daß sie beschworen seien!
Geist der Erde, daß sie beschworen seien! – – –
Sie sind der Tag der Trauer, der schädlichen Winde!
Sie sind der verhängnißvolle Tag, der verheerende Wind, der ihm vorausgeht.
Sie sind die Kinder der Rache, die Söhne der Rache;
Sie sind die Vorboten der Pest;
Sie sind die Werkzeuge des Zorns der Nin-kigal[5];
Sie sind die flammende Wettersäule, welche arg hauset auf Erden;
Sie sind die sieben Götter des unermeßlichen Himmels;
Sie sind die sieben Götter der unermeßlichen Erde;
Sie sind die sieben Götter der feurigen Sphären;
11Die sieben Götter, sie sind sieben an der Zahl;
Sie sind die sieben schädlichen Götter;
Sie sind die sieben Schreckgeister;
Sie sind die sieben bösen Flammengespenster,
Sieben im Himmel, sieben auf der Erde,
Der böse Dämon, der böse alal, der böse gigim, der böse telal, der böse Gott, der böse maskim.
Geist des Himmels, beschwöre sie! Geist der Erde, beschwöre sie!
Geist der Nin-gelal, der Herrin der Länder, beschwöre sie!
Geist des Nin-dara, Sohn des Feuerhimmels, beschwöre sie!
Geist der Sukus, Herrin der Länder, die zur Nachtzeit erglänzt, beschwöre sie!“

Die akkadischen Beschwörungen der Maskim erhalten zuweilen eine noch größere Ausdehnung und nehmen dann stets eine dramatische Form an. Eine Schilderung der von den Dämonen verursachten Verheerungen bildet die Einleitung, wobei vorausgesetzt wird, daß die Klage von dem wohlwollenden Silik-mulu-khi, dem Sohne Ea's, der über den Menschen wacht und zwischen ihnen und den obern Göttern als Vermittler dient, erhört worden sei. Aber seine Macht und Weisheit sind nicht derart, daß sie die übermächtigen Geister, deren Einfluß beschworen werden soll, zu überwinden vermögen. Silik-mulu-khi wendet sich daher an seinen Vater Ea, den Herrn der ewigen Geheimnisse, der die theurgischen Handlungen leitet, und dieser offenbart endlich den mysteriösen Ritus, die Zauberformel oder den „allmächtigen geheimnißvollen Namen“, der im Stande ist, alle Anschläge der furchtbarsten Höllenmächte zu vereiteln.

Es wird also in den akkadischen Beschwörungen von einem allmächtigen, geheimnisvollen Namen gesprochen, „mittelst dessen Ea im Innern seines Herzens die Zukunft bewacht und beschirmt“; dieser Name aber, der alle höllischen Mächte zu Boden streckt, wird nicht genannt: er wird in geheimnisvoller Weise vom Vater auf den Sohn übermittelt, ähnlich wie die wahre Aussprache des יהוה bei den Juden von Hohepriester zu Hohepriester. Ea erteilt noch einige Vorschriften zum Behuf der Beschützung und Heilung der von den Maskim Besessenen, worauf endlich mehrere göttliche Wesen, wie die Höllengöttin Nin-kigal und Nin-akka-quddu, deren 12Eigenschaften weniger bekannt sind, unter Eas Anführung in die Handlung eingreifen und zusammen mit dem Feuergott zur völligen Unterwerfung und Bindung der Maskim schreiten.

Noch ist zu bemerken, daß diese soeben besprochenen Dämonen, deren Thätigkeit vorwiegend eine allgemeine und kosmische ist, nicht selten auch Menschen angreifen, deren Mißgeschick sie herbeiführen. Ihre Einwirkung kann aber auch – wie die der Teufel des Mittelalters und der Reformationszeit – infolge der Bezauberung durch Schwarzkünstler, wovon weiter unten, eintreten, und diese gilt daher als Urquelle alles menschlichen Unglücks sowie als Ursache aller tellurischen Katastrophen.

Wir sehen also in dem akkadischen Beschwörungsritual den ganzen Modus der mittelalterlichen Teufelsbeschwörungen vorgebildet, und wie dort die Maskim durch Silik-mulu-khi, den Sohn des Ea, und den „allmächtigen, geheimnißvollen Namen“ Eas beschworen werden, so werden hier die sieben Kur- oder Großfürsten der Hölle durch Jesum Christum, Gottes Sohn, und die geheimnisvollen kabbalistischen Namen Gottes citiert und wieder entlassen. Ja, der „allmächtige, geheimnißvolle Name“ der Akkader erinnert sogar an die Worte des Goetheschen Fausts, mit welchen dieser den in Pudelsgestalt hinter dem Ofen hockenden Mephistopheles apostrophiert:

„Verworfenes Wesen,
Kannst du ihn lesen,
Den nie entsprossenen,
Unausgesprochenen,
Durch alle Himmel gegossenen,
Freventlich durchstochenen?“

Die akkadisch-chaldäischen Planetengötter und Maskim wurden im Parsismus zu den Amschaspands und Devs, bei den Juden zu den Erzengeln und Dämonen der Planeten, bei den Neuplatonikern zu den Weltfürsten und den Fürsten der Materie, und bei den mittelalterlichen Magiern endlich zu den Planetenintelligenzen und Großfürsten der Hölle.

Die andern Naturgeister wurden nicht zu den eigentlichen Dämonen gezählt, sondern – wie der keilschriftliche Ausdruck lautet – 13als „an sich selbst böse Geister“ angesehen. Namentlich waren dies die Geister heißer und ungesunder Winde, welche in Verbindung mit den klimatischen Verhältnissen Chaldäas die Ausbildung und Verbreitung ansteckender Krankheiten begünstigten. Noch die Magie der nachreformatorischen Zeit läßt die vier Kardinalwinde von den Teufeln Oriens, Paymon, Egyn, Amaymon beseelt sein, und noch Robert Fludd schrieb in seiner Medicina catholica einen stattlichen Folioband, worin er die Entstehung und Heilung aller Krankheiten durch die Geister der Winde detailliert.

Die Thätigkeit der übrigen, unbestimmt klassifizierten akkadischen Dämonen ist auf die Vorgänge des täglichen Lebens gerichtet, und eine Beschwörung sagt hierüber Folgendes:

„Sie sind der Hölle Ausgeburt,
Sie tragen den Umsturz nach oben, sie bringen Verwirrung nach unten.
Sie sind das Gift in der Galle der Götter, die großen Tage, die vom Himmel sich weg stehlen.
Sie fallen als Regen vom Himmel, sie sind die der Erde entsprossenen Kinder.
Sie drängen sich rings um hohe Gerüste, um geräumige Gerüste.
Sie dringen aus einem Hause in das andere,
Sie werden von den Thüren nicht abgehalten,
Sie werden von den Riegeln nicht aufgehalten,
Sie schleichen zwischen den Thüren hindurch wie Schlangen,
Sie verhindern die Schwängerung des Weibes durch den Gatten[6],
Sie stehlen die Kinder vom Schooße des Menschen[7],
Sie vertreiben den Besitzer vom väterlichen Hause,
Sie sind die Stimme, die den Menschen verflucht und verfolgt.“

Diese Dämonen wohnen in Einöden und Wildnissen[8], von wo aus sie in bewohnte Ländereien einfallen, um die Menschen zu schrecken und zu schädigen. Sie werden in den Beschwörungen nach ihren Wohnorten klassifiziert, nach der Wüste, rauhen Berggipfeln, pesthauchenden Sümpfen und dem Meere. Ferner heißt es an einer Stelle, daß der utuk die Wüste bewohne, der alad sich 14auf den Berggipfeln aufhalte, der gigim die Wüste durchstreife und der telal in den Städten umherschleiche.

Von allen bösen Einwirkungen, welche die Dämonen auf die Menschen ausüben, ist die Besessenheit am meisten gefürchtet, und es giebt zahlreiche Sprüche und Beschwörungen zur Heilung derselben. So heißt es z. B.:

„Den Dämon, der sich des Menschen bemächtigt, den Dämon, der sich des Menschen bemächtigt,
Den gigim, der das Üble anthut, den bösen Dämon,
Geist des Himmels, beschwöre ihn! Geist der Erde, beschwöre ihn!“

Wenn die Dämonen aus den Besessenen vertrieben waren, so suchte man zum Schutz gegen ihre Wiederkehr durch Beschwörung dahin zu wirken, daß nach Ausfahrt des bösen Geistes ein guter in den Leib des Besessenen fahre. In diesem Sinne sagt eine Beschwörung:

„Daß der böse Dämon ausfahren möge!
Daß er sich anderswo niederlasse!
Daß der holde Dämon, der holde Coloß
Einfahren möge in seinen Körper!
Geist des Himmels, beschwöre sie! Geist der Erde, beschwöre sie!“

Nach akkadischem Glauben waren alle Krankheiten ein Werk der Dämonen, woraus sich die schon Herodots Aufmerksamkeit erregende Thatsache erklärt, daß es bei den Erben der Akkader, den Babyloniern und Assyriern, keine Ärzte in unserm Sinne gab; die Medizin war bei ihnen nicht wie bei den Griechen eine rationelle Wissenschaft, sondern ein Zweig der Magie, welche wiederum mit der Religion zusammenfiel. Das ärztliche Verfahren bestand in Beschwörungen, Exorcismen und der Anwendung von Zaubertränken, wodurch allerdings nicht ausgeschlossen wird, daß man sich bei Anwendung der letzteren nicht auch einer Anzahl von Stoffen bediente, deren Heilkraft die Erfahrung gelehrt hatte.

Die Auffassung, daß die Krankheiten ein Werk feindlicher Dämonen seien, zieht sich bekanntlich durch die ganze Geschichte, und diesbezügliche Beschwörungen wären wohl kaum zu allen Zeiten geübt worden, wenn sie nicht zuweilen wirksam gewesen wären. Die so von und bei geeigneten Persönlichkeiten erzielten Heilungen 15bestärkten natürlich den Glauben an die objektive Wahrheit des den Beschwörungen zu Grund liegenden zufällig herrschenden Dogmas, welcher Irrtum zur Zeit der „Aufklärung“ Veranlassung gab, das Kind mit dem Bade auszuschütten und mit der falschen Voraussetzung auch den thatsächlich erzielten Erfolg preiszugeben. Die durch Exorcismen erzielten Heilungen sind ganz einfach als mind-cures zu betrachten, in denen eine willenskräftig liebevolle durch die dem jeweiligen Kulturzustand entsprechende Beschwörung gläubig erregte Psyche auf eine andere, schwächere wirkt; und dies mag wohl schon bei den Akkadern der Fall gewesen sein.

Das zweite Buch des Sargonschen Auguralwerks enthält die akkadischen Krankheitsbeschwörungen, welche nach einem Muster geformt sind: Eine Erklärung der Krankheit und ihrer Symptome macht den Anfang und füllt den größten Teil der Beschwörung aus, worauf die Wünsche nach Genesung, oder aber eine an die Krankheit selbst[9] gerichtete kategorische Aufforderung, sich zu entfernen, den Schluß bilden. Manchmal erhält die Beschwörung am Schluß eine dramatische Form, und es entspinnt sich dann stets ein Dialog, in welchem Ea von Silik-mulu-khi angegangen wird, das gewünschte Heilmittel nachzuweisen.

Manchmal sind diese Heilmittel magnetische, wie z. B. magnetisiertes Wasser, Transplantation der Krankheit und magnetisierte Amulette. Ein Beispiel für den Gebrauch magnetisierten Wassers liefert uns eine längere Beschwörung, deren Anfang leider verstümmelt ist. Der Text beginnt mit den Worten:

„Die Krankheit der Stirn ist der Hölle entsprungen,
Sie ist dem Wohnsitz des Gebieters der Hölle entsprungen.“

Im Folgenden werden die besonderen Symptome des Leidens charakterisiert; es wird von der „anschwellenden Geschwulst“ und „beginnender Eiterung“ sowie von der Gewalt des Übels gesprochen, welches „die Wände des Kopfes gleich denen eines morschen Schiffes zersprengt“. Vergeblich hat der Kranke die Wirkung der reinigenden Gebräuche versucht; sie vermochten die der Hölle entstammende Plage nicht zu bemeistern:

16

„Er hat sich gereinigt und hat den Stier nicht gebändigt,
Er hat sich gereinigt und hat den Büffel nicht ins Joch gespannt.“

Trotzdem läßt das Übel nicht ab, den Kranken „gleich Heuschreckenschwärmen“ zu zernagen; da schreiten endlich die Götter ein, und von jetzt ab lautet der Text:

„Silik-mulu-khi hat ihm Beistand geliehen.
Er ist in seines Vaters Behausung getreten und hat zu ihm gesprochen:
Mein Vater! die Krankheit des Hauptes ist der Hölle entstiegen.
Ein zweites Mal hat er zu ihm gesprochen:
Was er dagegen thun soll, das weiß dieser Mann nicht; wie wird er dieselbe überwinden?
Er hat seinem Sohne Silik-mulu-khi erwidert:
Mein Sohn! weshalb weißt du das nicht? Warum soll ichs dich erst lehren?
Was ich weiß, das weißt du doch auch.
Doch komme her, mein Sohn Silik-mulu-khi;
. . . . . . . . . .[10] nimm den Eimer;
Schöpfe Wasser von der Spiegelfläche des Flusses;
Theile diesem Wasser deine hohe Zauberkraft mit;
Verleihe ihm durch deinen Zauber den Glanz der Reinheit.
Benetze mit ihm den Mann, den Sohn seines Gottes;
. . . . . . . . . . umhülle sein Haupt.
Daß der Irrsinn vergehe!
Daß die Krankheit seines Hauptes sich auflöse wie ein flüchtiger Nachtregen!
Daß Eas Vorschrift ihn heile!
Daß Davkina[11] ihn heile!
Daß Silik-mulu-khi, des Oceans Erstgeborener, das günstige Bild schaffe!“

Nehmen wir, was hier zulässig ist, an, daß bei den Akkadern, wie bei den Ägyptern der heilende Gott in der Praxis durch einen Priester vertreten wird[12], so sehen wir in dem letzten Passus der 17Beschwörung gleichzeitig eine Vorschrift zur Herstellung magnetisierten Wassers vor uns, welches angewendet wurde, wenn der Exorcismus oder – besser gesagt – die geistige Heilkraft, nicht stark genug war.

Daß die alten Akkader auch eine Art mesmerisierter Bäder kannten, ergiebt sich aus dem Inhalt folgenden Zauberspruchs[13]:

„Fülle ein Gefäß mit Wasser;
. . . . . . . . . .
Stelle einen Zweig von der weißen Ceder hinein;
Übertrage demselben den Zauber der von Eridhu[14] kommt.
Bekräftige sodann die Bezauberung dieses Wassers;
Vervollständige den göttlichen Zauber.
Reiche dieses Wasser dem Menschen;
Thue, was . . . . . . . . . . sein Haupt.
Den hinfälligen Menschen, Sohn seines Gottes, stelle wieder her!
. . . . . . . . . . sein Zauberbild.
Beschwöre diesen Menschen.
Verleihe Heilkraft diesem bezauberten Wasser, auf daß
Ihn alle Folgen der Verwünschung verlassen.
Gleichzeitig, während dieses Wasser über seinem Körper zerrinnt,
Möge die Pest, die seinen Körper behaftet, zerrinnen wie dieses Wasser.
Fange dieses Wasser im Gefäße wieder auf
Und schütte es aus als Trankopfer auf die Seite der Landstraße,
Daß die Landstraße die Krankheit, die seine Kräfte verzehrt, entführe!“

Wie allbekannt, werden noch heute Bäder mesmerisiert, indem man mit einem Stab, dem Konduktor, das in der Wanne befindliche Wasser eine Zeit lang in gleicher Richtung kreisförmig umrührt, eine Manipulation, welche, wie der Augenschein beweist, schon vor Jahrtausenden bekannt war. Nach unserer Vorschrift scheint man das magnetisierte Wasser sowohl zum Trinken als zu einer Art Douche benutzt zu haben. Das Ausgießen des Bades auf die Landstraße ist eine sogenannte „Transplantation der Krankheit in die Elemente“, wie sie noch heute bei den sogenannten magnetischen 18Kuren vielfach geübt wird, indem man die mit der kranken „Mumie“ angefüllten „Magnete“ – um die klassisch gewordenen Ausdrücke der Paracelsisten beizubehalten – an die Luft oder in den Rauch hängt, vergräbt, verbrennt, ausschüttet usw.

Der Zauberstab oder magnetische Konduktor spielt in den Euphratländern eine große Rolle und heißt akkadisch gis-zida, „der günstige, wohlthätig wirkende Stab“, oder gi-namekirru, „Rohr des Schicksals“ und assyrisch qan mamiti, „Rohr des Schicksals“ und qan pasari, „Rohr der Offenbarung“. Als Schilfrohr ist der Zauberstab Attribut des heilenden Gottes Silik-mulu-khi, und es heißt von ihm[15]:

„Goldenes Schilfrohr, mächtiges Schilfrohr, leuchtendes Schilfrohr der Sümpfe,
Heilige Streu der Götter,
Kupfernes Schilfrohr, das die Vollendung erhöht,
Ich bin der Bote des Silik-mulu-khi,
Der Verkünder hehrer Verjüngung.“

Offenbar beziehen sich die dem Schilfrohr oder Zauberstab beigelegten Bezeichnungen auf durch denselben hervorgerufenes Hellsehen oder erzeugte Heilungen resp. wohlthätige allgemeine Wirkungen, und es gewinnt nach obiger Strophe den Anschein, als ob man sich auch metallener Konduktoren bedient habe. Vielleicht unterstützten die Erben der Akkader ihre Seher und Seherinnen durch das „Rohr der Offenbarung“. Die bekannteste dieser antiken Somnambulen wohnte im Turme zu Borsippa, und Herodot äußert sich, das Wesen der Incubation mißverstehend, folgendermaßen über die dort erteilten Orakel:

„Im obersten Thurm ist ein geräumiger Tempel, in demselben befindet sich eine große wohlgebettete Lagerstätte und daneben steht ein goldener Tisch; ein Götterbild ist aber dort nicht aufgerichtet, auch verweilt kein Mensch darin des Nachts außer einem Weibe, eine von den Eingeborenen, welche der Gott sich aus allen erwählt hat, wie die Chaldäer versichern, welche die Priester dieses Gottes sind. Eben dieselben behaupten auch, wovon sie mich jedoch nicht überzeugt haben, daß der Gott selbst in den Tempel komme und 19auf dem Lager ruhe, gerade wie in dem egyptischen Theben auf dieselbe Weise nach Angabe der Aegypter, denn auch dort schläft im Tempel des thebanischen Zeus ein Weib. Diese beiden pflegen, wie man sagt, mit keinem Manne Umgang; ebenso verhält es sich in dem lycischen Patara mit der Priesterin des Gottes zur Zeit des Orakels, denn es findet dasselbe nicht immer dort statt; wenn es aber stattfindet, so wird sie dann die Nächte hindurch mit dem Gott in den Tempel eingeschlossen.“[16]

Einigen Aufschluß über die Anwendung magnetisierter Stoffe zu Heilzwecken in Verbindung mit magnetisiertem Wasser bei den Akkadern giebt uns folgender Zauberspruch, in welchem Ea die Mittel zur Heilung eines Kopfübels angiebt[17]:

„Nimm das Fell eines weiblichen Camels, das sich nie begattete,
Die Zauberin[18] stelle sich zur Rechten, auch treffe sie ihre Vorbereitungen zur Linken (des Kranken);
Zertheile (dieses Fell) in zweimal sieben Stücke und theile ihnen den Zauber mit, der da kommt von Eridhu.[19]
Umhülle das Haupt des Kranken,
Umhülle den Sitz seines Lebens,
Umhülle seine Hände und Füße.
Lasse ihn sich niedersetzen auf seinem Lager und
Benetze ihn mit den bezauberten Wassern;
Daß die Krankheit seines Hauptes in den Himmelsraum entführt werde gleich einem reißenden Sturmwind.
Daß sie von der Erde entführt werde wie die zeitweise übertretenden Wasser.[20]
Daß Eas Vorschrift ihn heile!
Daß Davkina ihn heile!
Daß Silik-mulu-khi, des Ozeans Erstgeborener, dem Bilde die heilsame Kraft verleihe!“

20

Soviel über den Mesmerismus bei den Akkadern, dessen Anwendung auf dem heilenden wie auf dem divinatorischen Gebiet die gleiche ist, heute wie tausend Jahre vor dem Beginn der eigentlichen Geschichte.

Oben wurde bereits angedeutet, daß die Akkader die Krankheit als ein persönliches Wesen betrachteten, welches sich des Menschen bemächtige. Dies geschah besonders bei den beiden schwersten Krankheiten, an denen die Chaldäer zu leiden hatten, der Pest und dem Fieber, Namtar und Idpa. Diese zählen zu den gefürchtetsten Dämonen, wie wir aus folgendem Beschwörungsfragment ersehen:

„Gegen den Kopf des Menschen richtet seine Macht der fluchwürdige idpa,
Gegen das Leben des Menschen der grausame namtar,
Gegen den Hals des Menschen der schädliche utuq,
Gegen die Brust des Menschen der verderbenbringende alal,
Gegen die Eingeweide des Menschen der böse gigim,
Gegen die Hand des Menschen der schreckliche telal.“

Die auf diese schadenstiftenden Dämonen folgende Klasse sind die Schreckgespenster, welche mit den Schatten der Toten im Innern der Erde, in dem dem jüdischen Scheol vergleichbaren „Land ohne Heimkehr“ wohnen und aus ihm hervorgehen. Die drei wichtigsten Wesen dieser Klasse sind das larvenartige „Schreckgespenst“ oder „Schattenbild“ (akkad. dimme, assyr. lamastuv), das „Gespenst“ (akkad. dimmea, assyr. labasu) und der Vampyr (akkad. dimmekhab, assyr. abharu), von welchen die ersteren nur die Menschen durch ihre Erscheinung erschrecken, während der Vampyr „den Menschen anfällt“. Der Vampyrglaube ist in Chaldäa sehr verbreitet, und in dem Epos „die Höllenfahrt der Istar“ ruft die Göttin dem Hüter der Hölle am Thore folgende Worte zu:

„Hüter, öffne dein Thor;
Öffne dein Thor, damit ich eintreten kann!
Öffnest du aber das Thor nicht, und kann ich nicht eintreten,
Dann stürme ich das Thor und sprenge sein Schloß,
Stürme die schließenden Riegel, durchschreite das Thor.
Dann werde ich die Todten erwecken, zu verschlingen die Lebenden,
21Ich werde die dem Tageslicht wieder zugeführten Todten zahlreicher machen denn Alles, was lebt.“

Eine besondere Geisterklasse sind die „Dämonen der nächtlichen Samenergüsse“, das Nachtmännchen, lillal, und das Nachtweibchen, kiel-lillal, die „bezwingende Beischläferin“, deren Umarmungen sich weder Weiber noch Männer entziehen können. Die kiel-lillal ist die Lilith der Juden, und es heißt von ihr ganz conform der Stelle bei Jesaias[21]:

„Dornen werden in ihren Palästen wachsen,
In ihren Festen Nesseln und Disteln;
Schakale werden da hausen,
Strauße werden da nisten.
Dort werden die Thiere der Wüste den Wölfen begegnen,
Die Dämonen mit einander verkehren.
Dort allein wird Lilith ihre Wohnstatt suchen, ihren Ruheplatz finden.“

Außer dem Nachtweibchen giebt es noch einen weiblichen Kobold (akkad. kiel-udda-karra, assyr. ardat), von welchem nur bekannt ist, daß er sich gern in der Nähe der Menschen aufhält und besonders die Ställe zum Schauplatz ihres Treibens macht, also ein Hauskobold.

Noch sei erwähnt, daß die Akkader den bösen Blick und das Berufen kannten. Das „böse Wort“ und der „böse Mund“ werden überall neben dem bösen Blick erwähnt; so heißt es:

„Den, der das gefertigte Ebenbild bezaubert,
Das böse Antlitz, den bösen Blick,
Den bösen Mund, die böse Zunge,
Die böse Lippe, das schädliche Gift,
Geist des Himmels, beschwöre sie! Geist der Erde, beschwöre sie!“

Außer den Beschwörungen bedienten sich die Chaldäer und später die Assyrer in ausgedehntester Weise der Talismane (akkad. sagba, assyr. mamituv). Folgende Beschwörung wurde über einen solchen Talisman gesprochen, um ihm die Macht zu verleihen, die sich in die Häuser einschleichenden Dämonen zu vertreiben:

22

„Talisman! Talisman! Unwandelbarer Hort!
Unüberschreitbare, von den Göttern errichtete, Schranke!
Grenzscheide des Himmels und der Erde, die man nimmer hinwegrückt.
Einziger Gott, der sich nimmer verändert,
Dessen Macht kein Gott, kein Mensch zu bekämpfen vermag,
Schlinge, die nimmer gelöst wird, dem bösen Zauber gelegt,
Schwert, dem man nimmer entgeht, gegen den schädlichen Zauber gerichtet!
Sei's auch ein böser utuk, ein böser alal, ein böser gigim, ein böser telal, ein böser Gott, ein böser maskim,
Ein Schreckgespenst, ein Nachtgeist, ein Vampyr,
Ein Nachtmännchen, ein Nachtweibchen, ein weiblicher Kobold,
Sei's gar die verheerende Pest, das schmerzhafte Fieber, eine bösartige Krankheit:
Wer sein Haupt gegen die Wasser des Ea erhebt, die durch Besprengen verbreitet,
Den soll die Falle des Gottes Ea erfassen.
Wer sein Haupt gegen die Speicher des Gottes Serakh erhebt,
Den soll das Sichelschwert des Gottes Serakh in Stücke zerschneiden,
Wer den Grenzstein des Eigenthums überschreitet,
Den wird der Grenzstein der Götter, der Grenzstein des Himmels und der Erde nimmer entkommen lassen! –
. . . . . . . . . .
Wer Arges im Schilde führt wider das Wohnhaus,
Den soll er in den Graben des Hauses versenken!
Diejenigen, die aller Orten Verwirrung und Umsturz stiften,
Die soll er anderswohin verjagen, in öde, unfruchtbare Orte!
Wer am Thore des Hauses auflauert,
Den soll er einsperren im Hause, an einem Ort, aus dem keine Wiederkehr möglich ist!
Wer sich den Thürflügeln, den Querriegeln anhängt,
Den sollen die Thürflügel, die Riegel in unauflösbare Bande einschließen!
Wer sich heimlich in die Rinnen und Dachtraufen stiehlt,
Wer mit Gewalt den Verschluß fortstößt, der auf die Thür und Angeln gelegt ist,
23Den soll er wie Wasser hindurchfließen lassen!
Den soll er zerschmettern wie einen irdenen Krug!
Den soll er zermalmen wie Thonerde.
Wer das Zimmerwerk überschreitet, den soll er der Flügel berauben!
Den, der seinen Hals zum Fenster hinaussteckt, den soll das Fenster erwürgen!“

Es gab sehr verschiedene Arten von Talismanen bei den Akkadern: so auf Zettel geschriebene Zaubersprüche, welche gleich den Denkzetteln der Juden an die Kleider geheftet getragen wurden. Auch trug man Periapte aus allerlei Stoffen um den Hals als Schutzmittel gegen Unglück aller Art, Krankheiten, dämonische Nachstellungen usw., ebenso in Steine geschnittene Bildnisse von Göttern und Genien, wie dergleichen vielfach in den Museen aufbewahrt werden.

Eine ganze Anzahl talismanischer Götterstatuetten aus gebranntem Lehm fand Botta unter der Thorschwelle des Königspalastes von Khorsabad und ließ sie in das Museum des Louvre schaffen. Es sind dies: Bel mit einer Kopfbedeckung, die mit mehreren Reihen Stierhörnern geschmückt ist; Nergal mit einem Löwenkopf, Nebo mit einem Scepter usw. In einer dazugehörigen Inschrift, welche sich gegenwärtig in Cambridge befindet, sagt Nergalsarussur, ein Nachfolger des babylonischen Königs Nabukudurussur, daß er bei der Wiederherstellung der Thore der heiligen Pyramide von Babylon „acht talismanische Figuren von Bronce, welche durch Todesschrecken Böse und Feinde entfernen“, habe verfertigen lassen, um sie dort aufzustellen.

Aus dem Fragment folgenden Zauberspruches lassen sich recht deutlich die Bestimmung, Macht und Anwendung derartiger Talismane ersehen:

„Zur Erhebung eurer Hände habe ich mich in einen dunkelblauen Schleier gehüllt;
Ich habe ein vielfarbiges Kleid angelegt; in eure Hände . .
Ich habe die Zauberbinde vervollkommnet, ich habe sie gereinigt.
Ich habe mich mit Glanz umhüllt . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . .
24Stelle zwei an einander gebundene Bilder, untadelhafte Bilder, welche die bösen Dämonen verjagen,
Neben den Kopf des Kranken zur Rechten und Linken.
Stelle das Bild des Gottes Ungal-Nirra[22], der nicht seines Gleichen hat, an die Umzäunung des Hauses.
Stelle das Bild des Gottes, der im Glanze der Tapferkeit strahlt, der nicht seines Gleichen hat[23],
Und das Bild des Gottes Narudi, des Gebieters der mächtigen Götter,
Auf den Boden unter das Bett.
Zur Abhaltung alles nahenden Ungemaches stelle den Gott . . und den Gott Latarak an die Thür.
Zur Abhaltung alles Übels stelle als Scheuche an die Thür . .
An den Thorweg stelle den streitbaren Helden, der seine Hand dem Feinde entgegenstreckt,
Stelle ihn zur Rechten und Linken.
Stelle die wachsamen Bilder des Ea und Silik-mulu-khi unter den Thorweg;
Stelle sie zur Rechten und Linken . . . . . .
. . . . die Zauberkraft Silik-mulu-khis, welche dem Bilde innewohnt,
. . . . . . . . . .
O, die ihr dem Ocean entsprossen, ihr Glänzenden, Kinder des Ea,
Esset, was mundet, trinket, was süß schmeckt!
Dank eurem Schutz kein Ungemach eindringe!“

Aus dem Schluß des Zauberspruches ergiebt es sich mit Sicherheit, daß die Akkader für ihre Götter und Genien, gerade wie unsere Altvordern für die Hauskobolde, irgendwo im Hause Speise und Trank aufzustellen pflegten, um sich ihrer Gunst zu versichern. Analog heißt es in einer Sammlung assyrischer Beschwörungen gegen die Einwirkung böser Zauberer:

„Gegen die Dämonen, den Genius, den rabisu, den ekimmu,
Das Gespenst, das Schattenbild, den Vampyr,
Das Nachtmännchen, das Nachtweibchen, den weiblichen Kobold
25Und alles Übel, das den Menschen erfaßt,
Veranstaltet Festlichkeiten, opfert und kommt alle zusammen;
Daß euer Weihrauch zum Himmel emporsteige!
Daß die Sonne das Fleisch eures Opfers verzehre!
Daß Eas Sohn, der Held, dessen Zauber . . . . . . euer Leben verlängere!“

Eine andere Art von Talismanen wurde in der Absicht hergestellt, daß man die durch sie dargestellten Dämonen durch die Scheußlichkeit ihrer Ebenbilder zu vertreiben gedachte. So giebt z. B. Ea seinem Sohne Silik-mulu-khi behufs Vertreibung des Pestdämons Namtar folgenden Rat:

„Tritt heran, mein Sohn Silik-mulu-khi,
Knete den Schlamm des Oceans
Und forme daraus das ihm (Namtar) ähnliche Bild,
Lege den Menschen nieder, nachdem du ihn einer Reinigung unterzogen;
Lege das Bild auf seinen entblößten Unterleib;
Theile ihm den Zauber mit, der von Eridhu kommt.
Wende sein Antlitz nach Westen.
Daß der böse Namtar, der seinen Körper bewohnt, sich anderswo niederlasse.
Amen.
Das Bild, das sein Haupt emporgerichtet, ist mit großer Macht ausgestattet.“

Eine derartige Broncestatuette, welche nach einer auf ihrem Rücken befindlichen akkadischen Inschrift den Dämon des Westwindes darstellt, befindet sich im Museum des Louvre. Die aufrechtstehende Figur hat einen Totenkopf mit Augen und Ziegenhörnern, den Rumpf eines Hundes, Löwentatzen, Adlerfüße, einen Skorpionsschweif und ausgespannte Flügel. An einem am Hinterkopf der Figur befindlichen Ring wurde dieselbe am Fenster oder vor der Thür des Hauses aufgehängt, um den schädlichen Einfluß des von der arabischen Wüste nach Babylon herüberstreichenden Westwindes zu vernichten.

Im British Museum befinden sich ähnliche Talismane wie z. B. ein Bild eines Dämons mit einem Widderkopf und übermäßig langem Hals oder mit einem Hyänenkopf, Bärenleib und 26Löwentatzen usw. usw. Es ist leider nicht möglich, alle Formen dieser Talismane festzustellen und zu deuten, indessen kann nicht der mindeste Zweifel darüber herrschen, daß in späterer Zeit aus ihnen Abraxasgemmen und -ringe sowie die astrologischen Bilder entstanden. Die abenteuerlichen Formen dieser aus menschlichen und tierischen Teilen bestehenden Geschöpfe hängen mit uralten kosmogonischen Mythen zusammen, denn Berosus schildert die Geschöpfe des Chaos ganz analog, wenn er sagt:

„Es gab eine Zeit, wo alles in Finsterniß gehüllt und vom Wasser durchdrungen war, und wo mitten in diesem wirren Chaos die scheußlichsten Thiere und wunderbarsten Geschöpfe urplötzlich entstanden; es gab Menschen mit zwei und vier Flügeln, mit zwei verschiedenen Gesichtern oder Köpfen, von denen der eine oft männlichen, der andere weiblichen Geschlechtes war, ja es gab sogar Menschen, welche gleichzeitig männlichen und weiblichen Geschlechtes waren; es gab Menschen mit Ziegenfüßen und Ziegenhörnern oder solche mit Pferdefüßen; es gab endlich Menschen, welche mit dem Hintertheil eines Pferdes und dem Vordertheil eines Menschen ausgestattet waren, ähnlich den Hippocentauren, Es gab Stiere mit menschlichem Kopfe, Hunde mit vierfachem Körper und Fischschwänzen, Pferde und Menschen mit Hundeköpfen, desgleichen Thiere, welche mit dem Kopf und Körper eines Pferdes und dem Schwanze eines Fisches versehen, auch andere Vierfüßler, welche aus verschiedenen Thieren, wie Fische, Schlangen und andere Reptilien zusammengesetzt, desgleichen zahlreiche Arten von wunderbaren Ungeheuern, welche auf das verschiedenartigste gestaltet waren und deren Abbildungen man auf den Wandgemälden des Baaltempels sehen kann. Ein Weib, Amoroka[24], leitete diese Schöpfung; sie wird im Chaldäischen Thavatth[25] genannt, ein Name, der im Griechischen „das Meer“ bedeutet; doch wird sie auch mit dem Monde identificiert.“

Diese Geschöpfe des Chaos sind nach Lenormant[26] entweder wohlthätige Genien oder von den Göttern bekämpfte Dämonen, welche bei der Scheidung der Elemente entstanden, und denen 27Diodorus Siculus die ganze untere Hälfte des Weltalls als Sitz anweist.[27] Die Ungeheuer, welche Tiamat im Chaos beherrschte, sind indessen auch die Bestandteile jenes Heeres, mit welchem Tiamat – die Personifizierung der von den Göttern noch ungeordneten Materie – die geordnete Welt befehdet. Auch ist es Tiamat, welche die ersten Menschen zur Verletzung der göttlichen Gebote verleitet, so daß sie in der chaldäo-babylonischen Schöpfungstradition die gleiche Rolle spielt, wie die Schlange in der biblischen. Die beim Kampfe der Tiamat mitwirkenden chaotischen Geschöpfe werden vollständig mit den Dämonen identifiziert und deshalb von den oberen Göttern bekämpft. Im British Museum befindet sich z. B. ein aus dem Palast von Nimrud herrührendes Basrelief, auf welchem der mit Königskrone und Stierhörnern geschmückte Maruduk, welcher an den Schultern vier Flügel trägt, mit dem Blitzstrahl in der Hand die Tiamat verfolgt, welche als Ungeheuer mit Körper, Kopf und Vorderfüßen eines Löwen und den Flügeln, Kopf und Krallen eines Adlers erscheint.

Die Talismane, welche man zum Schutz in den Häusern verbarg, entfalten nach dem Glauben der Urzeit wie nach dem des späteren Mittelalters nur so lang ihre heilbringende Kraft, als sie an ihrem Platz bleiben, wie sich schon aus folgender von König Assurakhiddin herrührenden Inschrift ergibt:

„Daß der bewachende Stier, der bewachende Genius,
Der die Macht meines Königthums schützt,
Für alle Zeiten meinen freudestrahlenden und geachteten Namen erhalte,
Bis seine Füße von seinem Platz verdrängt werden.“

In anderen Bruchstücken unseres magischen Sammelwerkes wird dem reuevollen Bekenntnis begangener Sünden, der aufrichtigen Buße und reinigenden Gebräuchen schützende Wirkung gegen die Nachstellung böser Dämonen beigelegt. Man sieht also, daß gewisse kirchliche Gebräuche nichts weniger als christlichen Ursprungs sind.

Zu den wichtigsten der schützenden Talismane der Chaldäer wird der Zauberstab bezeichnet, dessen akkadische Bezeichnung gis-zida, 28der günstige, wohlthätige wirkende Stab auch von den Babyloniern und Assyriern, wenn er auch Beinamen führte, doch nicht durch einen andern Namen ersetzt wurde. Der Titel Nin-gis-zida, „die Herrin des Zauberstabs“, ist eine Nebenbezeichnung der akkadischen Göttin Nin-kigal und der assyrischen Allat, der „Herrin des Totenreichs“, welche daher auch die Sondergöttin der Magie und Geisterbeschwörung ist; ihr, „der Herrin des Zauberstabs“, ist der Monat Ab geheiligt.

Welche Rolle der magische Stab bei den Hofzauberern Pharaos, in der Odyssee, bei Cicero usw. usw. spielt, ist bekannt.

Die Chaldäer machten einen Unterschied zwischen helfender Magie und schädigender schwarzen Kunst. Die Vorschriften zu ersterer wurden in den heiligen Büchern mitgeteilt und ich habe oben an einigen Stichproben gezeigt, daß dem Verfahren im wesentlichen Heilmesmerismus und Transplantation der Krankheiten zu Grund lag; außerdem spielten noch die Beschwörungen eine große Rolle. Durch die Beschwörung der Schutzgötter, als welche besonders Ea und der Sonnengott betrachtet werden, sollen nicht allein die bösen Dämonen bekämpft, sondern es soll auch die Wirkung des Zaubers vernichtet werden. In diesem Sinne heißt es in einem Hymnus:

„Der du die Lüge zu Schanden machst, den bösen Einfluß vernichtest,
Der du Wunder, schreckliche Zeichen, Deutungen, Träum' und Erscheinungen,
Der du die bösen Ränke vereitelst, Menschen und Länder vernichtest,
Die der Hexerei und bösem Zauber ergeben sind, usw.“

Der Zauberer und Schwarzkünstler wird in den akkadischen Beschwörungen meist „der Bösewicht“, „der boshafte Mensch“ bezeichnet, welche Namen dessen magische Thätigkeit aus Furcht nur verschleiert andeuten, gerade wie man im Mittelalter die Hexen „gute Frauen“, „bonnes dames“ usw. zu nennen pflegte. So wird auch bei den Akkadern im gleichen Sinn die Zauberei „das Wirkende“, „das Gewaltsame“; die magischen Gebräuche „die Handlung“; die Beschwörung „das Wort“ und der Zaubertrank „die wirkende Sache“ genannt.

29

Der akkadische „Bösewicht“ übt die gleichen Venefizien wie die mittelalterlichen Hexen. Sie bezaubern den Menschen durch den bösen Blick oder böse Worte; durch seine Beschwörungen und Künste zwingt er die Dämonen, daß sie seinen Befehlen gehorchen und Menschen wie ganze Länder mit Krankheit, Besessenheit und Tod überziehen. Durch Zauberei, Verwünschungen und wirkliches den Zaubertränken beigemischtes Gift tötet er die Menschen, während umgekehrt die zur Heilung der Zauberei angewendete Beschwörung den tödlichen Ausgang auf den Schwarzkünstler zurückzuwälzen sucht. So lautet ein hierhergehöriger Passus einer assyrischen Beschwörung, die gegen die bösen Künste einer Hexe gerichtet ist[28]: „Daß sie sterbe und ich am Leben bleiben möge!“

Bei den Akkadern wird wie bei den Thessaliern, den übrigen Völkern des Altertums und den Hexen die Schwarzkunst hauptsächlich von den Frauen betrieben, weshalb sich auch eine große Anzahl assyrischer Beschwörungen gegen das Treiben der Zauberinnen und Hexen richtet. Bei den mesopotamischen Völkern herrschte auch der Glaube, daß die Hexen auf Besenstielen durch die Luft ritten, und das dazu bestimmte „Stück Holz“ (gusur) heißt „das Reitthier der Hexe“ (rakabu sa kasipti).

Ein lebhaftes Bild von den Künsten der akkadischen Hexen entwirft uns folgende Beschwörung[29]:

„Der Zauberer hat mich durch Zauber bezaubert, er hat mich durch seinen Zauber bezaubert;
Die Zauberin hat mich durch Zauber bezaubert; sie hat mich durch ihren Zauber bezaubert;
Der Hexenmeister hat mich durch Hexerei behext; er hat usw.;
Die Hexe hat mich durch Hexerei behext; sie hat mich usw.;
Die Zauberin hat mich durch Hexerei behext, sie hat mich usw.
Derjenige, der Bildnisse anfertigt, entsprechend meiner ganzen Erscheinung, hat meine Erscheinung bezaubert;
Er hat den mir bereiteten Zaubertrank ergriffen und meine Kleider verunreinigt.
30Er hat meine Kleider zerrissen und sein zauberisches Kraut mit dem Staube meiner Füße vermengt[30],
Daß der Feuergott, der Held, ihre Zaubereien zu Schanden machen möge!“

Eine andere Beschwörung derselben Tafel spricht von dem Zauberer, „der die Nachtwachen mit Zauberei hinbringt“, „schädliche Worte spricht“, „zauberische Knoten schürzt, die gelöst werden müssen“[31], und schließt mit dem Wunsche, „daß er durch das Machtwort der Götter beschworen werden möge!“

Das Venefizium wurde von den Akkadern wie von den Hexen durch die Beschwörung, die symbolische Handlung und den Zaubertrank ausgeübt, der unter Umständen irgend ein pflanzliches oder mineralisches Gift ist.

Der Bildzauber spielt eine große Rolle und scheint eine der häufigsten Manipulationen der chaldäischen Schwarzkünstler gewesen zu sein, denn in fast allen Beschwörungen wird vor dem „Anfertiger des Ebenbildes“ gewarnt. Diese Manipulation scheint sich Jahrtausende hindurch fortgeerbt zu haben, denn der im 14. Jahrhundert lebende arabische Geschichtsschreiber Ibn Chaldûn berichtet als Augenzeuge von den am untern Euphrat lebenden nabatäischen Zauberern[32]:

„Wir haben mit eigenen Augen gesehen, wie einer dieser Schwarzkünstler das Bildniß einer Person herstellte, die er bezaubern wollte. Die Bildnisse bestehen aus Stoffen, deren Qualität sich je nach den Absichten und Plänen des Zauberers richtet, und deren symbolische Bedeutung mit dem Namen und Stand seines Opfers gewissermaßen harmonirt. Nachdem der Zauberer das Bildniß, welches die zu bezaubernde Person thatsächlich oder sinnbildlich darstellt, vor sich aufgestellt und einige Worte darüber gesprochen, speit er einen Theil des im Munde gesammelten Speichels gegen dasselbe, während er gleichzeitig die Organe bewegt, mittelst deren die Buchstaben der verhängnißvollen Formel ausgesprochen werden. 31Endlich spannt er über diesem symbolischen Bildniß eine bereit gehaltene Leine, in welche er einen Knoten macht[33], womit er andeuten will, daß er mit Entschlossenheit und Beharrlichkeit handelt und mit dem Dämon, der im Augenblick des Ausspeiens seine Handlung unterstützte, einen Bund schließt, und beweist, daß er die feste Absicht hegt, den Zauber unlösbar zu machen. Ein böser Geist, der, im Speichel verborgen, dem Munde des Zauberers entfährt, nimmt an diesen unheilvollen Handlungen und Worten Theil, während allmählich noch andere böse Geister hinzutreten, sodaß der Zauberer vollkommen im Stande ist, seinem Opfer das Böse anzuthun, was er ihm angewünscht hat.“

Des magischen Knüpfens der Knoten bedienten sich übrigens auch die helfenden Magier, und eine akkadische Formel sagt u. a.: „Silik-mulu-khi, Eridhus Sohn, durchschneide den Knoten mit deinen reinen, heiligen Händen!“ Es scheint jedoch hier die Lösung eines in schädigender Absicht geknüpften magischen Knotens von Seiten eines helfenden Zauberers gemeint zu sein, wie wir ähnlichen Manipulationen beim Nestelknüpfen und andern magischen Künsten des Mittelalters begegnen.

Das mächtigste Zaubermittel des akkadischen Bösewichts war die Verwünschung, welche nicht allein die Dämonen entfesselte, sondern auch die Götter beeinflußte, insofern sie deren Handlungen und Worte mit schädlichen Eigenschaften ausstattete. Nach chaldäischer Anschauung machten sich die Schwarzkünstler durch ihre Verwünschungen die über die einzelnen Menschen wachenden Götter unterthan und verwandelten ihre wohlthätige Macht in eine feindliche. Dieser Gedanke liegt folgender Beschwörung zu Grund[34]:

„Die schändliche Verwünschung, sie wirkt auf den Menschen wie ein böser Dämon;
Der Spruch der Verwünschung schwebt über ihm;
Der Spruch des Verderbens schwebt über ihm;
Die schändlichste Verwünschung, sie ist der Zauber, der den Irrsinn hervorrief.
32Die schändliche Verwünschung, sie erwürgt diesen Menschen wie ein Lamm.
Sein Gott hat sich aus dem Innern seines Körpers entfernt;
Seine Göttin, aufgebracht, hat sich anderswo niedergelassen,
Die dröhnende Stimme umhüllt ihn wie ein Schleier, sie schmettert ihn zu Boden durch die Kraft ihres Schalles.“

Hierauf kommt Silik-mulu-khi dem Verwünschten zu Hilfe und befragt Ea um Rat, welcher antwortet:

„Reich' ihm die Hand von der Höhe der glänzenden Wohnsitze herab;
Zerstöre das böse Geschick, befreie ihn vom bösen Geschick,
Welches Übel auch in seinem Innern wühlen mag,
Sei es eine Verwünschung seines Vaters,
Eine Verwünschung seiner Mutter,
Eine Verwünschung seines älteren Bruders,
Oder gar der Fluch eines Unbekannten.
Das böse Geschick, möge es auf den Zauberspruch, den Ea verkündet,
Gleich einer Zwiebel sich abschälen,
Gleich einer Dattel zerstückelt,
Gleich einem Knoten gelöst werden!
Das böse Geschick! Geist des Himmels, beschwöre es! Geist der Erde, beschwöre es!“

Die Fortsetzung des Zauberspruches zerfällt in eine Anzahl von Strophen, welche zu symbolischen Handlungen gesprochen wurden, die sich aus den Anfängen derselben ergeben. So heißt es:

„I. Gleichwie diese Zwiebel ihrer Schale beraubt ist, so wird es auch dem bösen Zauber ergehen!
Das lodernde Feuer wird sie verzehren!
II. Gleichwie diese Dattel in Stücke zerschnitten ist, so wird es auch dem bösen Zauber ergehen!
Das lodernde Feuer wird sie verzehren!
III. Gleichwie dieser Knoten gelöst ist, so wird es auch dem bösen Zauber ergehen! usw.
IV. Gleichwie diese Wolle zerfetzt ist, so usw.
V. Gleichwie dieses Fähnlein zerrissen ist, so usw.
VI. Gleichwie dieses gewalkte Tuch zerfetzt ist, so wird es auch dem bösen Zauber ergehen!
33Das Feuer wird es verzehren!
Der Walker wird es nimmermehr färben und zu einem Kleidungsstück verwenden,
Es wird nimmermehr zum Gewand eines Königs, eines Gottes erwählt werden!
Der Mensch, der den bösen Zauber verhängt hat, desgleichen sein Weib,
Die gewaltsame Einwirkung, das Zeigen mit den Fingern, die bezaubernde Schrift, die Verwünschung und sündige Rede,
Das Übel, welches meinen Unterleib, mein Fleisch, meine Wunden behaftet,
Möge dies Alles zerfetzt werden wie dieses gewalkte Tuch!
Möge es noch an diesem Tage vom lodernden Feuer verzehrt werden!
Möge sich das böse Verhängniß verziehen, möge es wieder hell um mich werden!“

Soviel von der schwarzen Magie der Akkader.

Wie bereits oben gesagt, ging der akkadische Kultus der Naturgeister in die Staatsreligion der Chaldäer über, in welcher er eine untergeordnete Stellung einnahm, während die Naturgeister selbst zu niedrigen, kaum über den Menschen stehenden Emanationen wurden. Die akkadischen Zauberpriester, die wir uns wohl als eine Art Medizinmänner oder Schamanen zu denken haben, fanden Aufnahme in die Priesterkaste der Chaldäer, ähnlich wie in Indien Priesterfamilien der braunen, den Ariern vorausgehenden Rasse unter die Brahminen aufgenommen wurden. Aber diese Zauberpriester bildeten nach ihrer Aufnahme besondere, den andern Priestern im Rang nachstehende Körperschaften, die Khartumim, hakamim und asaphim des Buches Daniel.

Die Sammlung ihrer überlieferten Beschwörungen, welche wohl um diese Zeit abgeschlossen wurde, fand Aufnahme unter die heiligen Bücher der Chaldäer und erhielt einen kanonischen Charakter. Sie war das Hauptlehrbuch dieser der Magie ergebenen Priesterkollegien, ähnlich wie man in Indien das Atharva-Veda, welches in vielen Stücken mit dem ursprünglichen reinen Glauben der Arier wie auch mit der orthodoxen brahminischen Lehre in Widerspruch stand, unter die heiligen Bücher aufnahm, insofern es als den 34Priesterfamilien Goptris oder Angiras angehörend betrachtet wurde.

Die akkadische Magie beruht auf dem Glauben an unzählige persönliche Geister, welche überall in der Natur verbreitet und bald mit den von ihnen beseelten Naturkörpern eins sind, bald eine von diesen abgesonderte Existenz besitzen. Diese naive Anschauung des Übersinnlichen ist dem Fetischismus nahe verwandt, mit welchem sie das blinde Vertrauen zu den an die Stelle der Fetische tretenden Talismanen gemein hat. Die genannten Geister rufen alle Naturerscheinungen hervor; sie beleben und beherrschen alle Geschöpfe, verursachen das Gute und Böse, leiten die Himmelskörper in ihren Bahnen, führen den Wechsel der Jahreszeiten herbei, bewirken das Wehen der Winde, erzeugen den Regen sowie alle guten und schadenstiftenden atmosphärischen Erscheinungen; sie machen den Boden fruchtbar, lassen die Pflanzen keimen und reifen; sie sind die Erzeuger und Erhalter der Lebenskraft und die Bringer von Krankheit und Tod. Diese Geister wohnen überall: im Sternenhimmel, in der Atmosphäre, auf der Erde, in der Luft, im Feuer und Wasser. Jeder Himmelskörper wird von Geistern bewohnt. Man verleiht diesen Geistern sichtbare, bestimmte Persönlichkeiten.

Wie überall in der Natur Böses und Gutes, Licht und Nacht, Leben und Tod, Gesundheit und Krankheit einander gegenüberstehen, so findet sich – ähnlich wie bei Zoroaster – auch bei den akkadischen Zauberpriestern ein ausgesprochener Dualismus in ihren Vorstellungen von der Geisterwelt, von welcher sie weniger Gutes erhoffen, als Böses fürchten. Gewaltige Gruppen böser und guter Geister stehen einander gegenüber und bekämpfen sich unaufhörlich in allen Teilen des Weltalls. Die abwechselnden Siege und Niederlagen der guten Geister verursachen den Wechsel zwischen guten und bösen, glücklichen oder unglücklichen Ereignissen und lassen auf den regelmäßigen Verlauf der Dinge plötzliche Katastrophen folgen. Mit jedem Stern, jedem Element, jedem Wesen und Ding sind gute wie böse Geister verbunden, leben und weben in ihm, weshalb denn auch überall Zwietracht herrscht und nichts vom Kampfe zwischen dem Guten und Bösen verschont bleibt. Dieser Kampf wird – dem niederen kulturellen Standpunkt der Akkader entsprechend – in überwiegender Weise als ein physischer aufgefaßt, und die ethische Seite desselben tritt selbst in den religiösen 35Hymnen völlig zurück. In einer an gewisse Stellen des alten Testaments erinnernden Weise erscheinen in den magischen Texten der Akkader Verstöße gegen den Ritus als die schwersten Vergehen, welche durch äußere Gebräuche gesühnt werden müssen. Eines der größten Verbrechen ist die unterlassene Anrufung der guten Geister und der mit den bösen eingegangene Bund. Wir haben also hier das Urbild des Paktes mit dem Teufel.

Auf dieser dualistischen Grundlage beruht auch die fromme und erlaubte akkadische Magie, welche als Theurgie, als ein durch heilige Gebräuche zwischen den Menschen und der Welt der guten Geister vermittelter Verkehr zu betrachten ist.

Der Mensch ist selbst in den beständigen Streit zwischen den guten und bösen Geistern verwickelt, ohne ihm entrinnen zu können. Alles ihm widerfahrende Gute rührt von den guten, alles Böse von den bösen Geistern her. Deshalb bedarf er des Beistandes der guten gegen die bösen Geister und die von diesen hervorgerufenen Krankheiten und Plagen. Denselben gewähren ihm die allmächtigen, geheimnisvollen Worte der Beschwörungen der Zauberpriester, ihre Bannungen und Talismane. Allein durch diese werden die bösen Dämonen vertrieben und die guten herbeigerufen. Ja man hat einen so hohen Begriff von der Allgewalt dieser Beschwörungsworte und Gebräuche usw., daß man annimmt, sie erhöhten die Kraft der guten Geister im Kampfe gegen die bösen, daß sie dieselben unüberwindlich machten und ihnen den Sieg verliehen. Darum beschirmen die Zauberpriester nicht nur die Menschen, sondern verhindern auch schädigende Naturereignisse und greifen entscheidend in den Kampf der guten und bösen Geister ein.

Die guten Geister wurden in Klassen geteilt, welche mit denen der Dämonen parallel liefen; jedoch sind die keilschriftlichen Angaben über die Einteilung und Rangordnung der guten Geister noch ungenauer als die über die Klassifizierung der bösen erhalten gebliebenen. Nur soviel ist ersichtlich, daß die Geisterrassen der alad, lamma und utuk sowohl unter den guten, als unter den bösen Geistern vorkamen, insofern in den Beschwörungen sehr häufig „der gute alad“, „der gute lamma“ und „der gute utuk“ den bösen entgegengestellt werden. Auch ist von Elementargeistern (zi) im engeren Sinn, Schutzgeistern und körperlich gestalteten Engeln die 36Rede, unter denen namentlich die auf Erden wohnenden anunna und die unter dem Himmel schwebenden igigi oder igaga unterschieden werden.

Auf der Spitze dieser Geisterleiter stehen eine Anzahl Götter, – ana, dingi oder dimmer –, welche sich jedoch nicht erheblich von den Geistern (zi) unterscheiden und nur dadurch auszeichnen, daß man ihnen eine größere Macht oder einen größeren Wirkungskreis beilegt. Soweit sich das Intellektualsystem der Akkader übersehen läßt, ist ein Gott von einem Naturgeist nur dadurch unterschieden, daß er an weniger enge räumliche Grenzen gebunden ist und einen größeren Teil des Universum, eine größere Menge von Naturvorgängen und eine besondere Gruppe von Menschen und Dingen, von welchen übrigens eine jede Individualität durch einen besondern Geist beherrscht wird, regiert.

Diese Götterklasse erscheint äußerst zahlreich. Viele werden in den Beschwörungen gegen die Dämonen und Krankheiten sowie in den magischen Hymnen genannt; viele werden aber auch nur an einer einzelnen Stelle und unter Umständen erwähnt, daß man daraus nichts Bestimmtes über ihre Persönlichkeiten, Ämter usw. entnehmen kann.

Um die akkadische Geisterlehre völlig verstehen zu können, müssen wir uns mit den Begriffen bekannt machen, welche sie von Himmel und Erde hatten:

Die Akkader dachten sich die von den Menschen bewohnte Erde () als eine umgestürzte Barke in Gestalt einer halben Kugel, deren innere, nach unten geöffnete Höhlung der Abgrund, die Unterwelt (ge) ist, in welcher die Toten wohnen (kur-nu-ga, kîgal, arali), und in welcher auch die Sonne ihre Wanderung während der Nachtzeit vollbringt. Über der Erde dehnt sich der Himmel (ana) wie eine Decke aus. Derselbe dreht sich mit den Fixsternen (mul) um „den Berg des Ostens“ (charsak kurraj), nämlich um eine Himmel und Erde verbindende, dem Himmel als Axe dienende Säule. Dieser Berg ist nordöstlich von Akkad gelegen, welches – unter dem Zenith (nuzku) befindlich – der Mittelpunkt der bewohnten Erde ist. Weiter nordöstlich vom „Berge des Ostens“ befindet sich das Land der Aralli, „der goldreiche Wohnsitz der Götter und seligen Geister“.

37

In späterer Zeit nahmen die chaldäischen Astrologen einen sphärischen Himmel an, welcher die Erde nach allen Seiten hin umschloß; jedoch lassen gewisse charakteristische Ausdrücke die Vermutung zu, daß man in der Zeit, in welcher der größte Teil der magischen Urkunden abgefaßt wurde, sich den Himmel als Halbkugel dachte, deren unterer Rand als „Fundamente des Himmels“ (uru ana) auf den äußersten Enden der Erde jenseits des „großen Wasserbeckens“ (abzu) ruhten, welches das Festland gerade wie der Okeanos des Homer umgab. Die Planeten, welche, wie ihr akkadischer Name lubad – Leithammel – anzeigt, als lebende Wesen betrachtet wurden, bewegen sich in einer niedern Sphäre (ul-gana), die sich unterhalb des Fixsternhimmels (e-sara) befindet. Jedoch findet sich in diesen Texten noch keine Spur einer Annahme konzentrischer Planetenbahnen. Der Fixsternhimmel trägt den Ocean der himmlischen Gewässer (ziku), welche noch in der mittelalterlichen Magie spuken; derselbe wird auch wie der irdische Ocean als ein alles umschlingender Fluß gedacht.

Das Universum besteht aus drei Regionen, dem Himmel, der Erde und Luft sowie endlich dem Abgrund. Über diese drei Regionen gebieten die drei mächtigsten Götter: Ana, Ea und Mul-ge oder Elim, entsprechend den chaldäischen Anu, Ea und Bel. Der akkadische Ana ist jedoch nicht nur der Himmel selbst, sondern auch der Gott desselben und der oberste Herr der Naturgeister.

Ea ist „der gewaltige Fisch des Oceans“ (gal-chana-abzu), den er bewohnt, der Oannes (ea-chan) des Berosus. Derselbe nennt Ea den Beschützer und Retter des Xisuthros (khasisatra), des chaldäischen Noah und sagt, nachdem er erzählt hat, wie das Schiff des Gerechten auf einem hohen Berge stehen geblieben war: „Ein Theil dieses gestrandeten Schiffes ist noch vorhanden in den korydäischen Bergen in Armenien, und Wallfahrer holen von da Asphalt, den sie vom Wrack abkratzen, um es als Mittel gegen Bezauberung zu gebrauchen.“ Ähnlich sagt der Auszug des Abydenus: „Aus dem Holze des Schiffes machen die Bewohner des Landes Amulette, welche sie zum Schutz gegen Bezauberung um den Hals hängen.“

Über die Vorstellungen, welche die Akkader von der Gestalt der Erde hatten, wurde bereits das Nötige gesagt; es bleibt nur 38noch übrig, die Anschauungen derselben von der Unterwelt, dem „Abgrund“ und „Land ohne Heimkehr“ zu entwickeln. In der Höllenfahrt der Istar wird dasselbe ähnlich dem hebräischen Scheol folgendermaßen geschildert:

„Die Tochter des Sin (Istar) hat ihren Geist gerichtet
Auf die Stätten der Auflösung, den Sitz des Gottes Irkalla,
Auf die Stätte, in die man eintritt, ohne wiederzukommen[35],
Auf den Pfad, den man wandelt, ohne wiederzukehren,
Auf die Stätte, wo Allen, die da eintreten, das Licht durch Blindheit ersetzt wird,
Wo die Menge nur Staub für ihren Hunger, nur Schlamm zu ihrer Nahrung hat,
Wo man das Licht nicht erblickt und im Finstern wohnt,
Wo die Schatten gleich Vögeln gekleidet sind in ein Gewand von Flügeln,
Wo auf der Thür und den Thürflügeln der Staub sich anhäuft.“

In Istars Höllenfahrt wird eine „Quelle des Lebenswassers“ erwähnt, welche sich im Hintergrund des Landes ohne Heimkehr befindet und von den unterirdischen Mächten eifersüchtig vor der Annäherung der Schatten (utuk) der Verstorbenen bewacht wird. Nur ein Befehl der himmlischen Götter kann sie veranlassen, eine Annäherung zu gestatten; wer aber „das Wasser des Lebens“ getrunken, kehrt lebend an das Tageslicht zurück. – Eine ähnliche Vorstellung hat wohl schon zur Zeit der Abfassung der magischen Texte existiert, weil ein Hymnus auch dem Silik-mulu-khi, dem Mittler zwischen Gott und Mensch, die Macht zuschreibt, „die Todten ins Leben zurückzuführen“. – Auch Diogenes Laërtius berichtet ausdrücklich, daß die Chaldäer an eine Auferstehung glaubten, nach welcher die Menschen unsterblich sein sollten.

In dem genannten chaldäischen Epos wird das Land ohne Heimkehr nach dem Vorbilde der Planetensphären in sieben konzentrische Kreise geteilt, zu welchen „sieben Thore und Verschlüsse der Welt“ führen, die man sich vermutlich rings um den Saum der Erde verteilt dachte. Der Haupteingang in die Unterwelt, welchen der Gott Negab (Thürhüter), „der große Thürhüter der 39Welt“ bewachte, lag im Westen in der Nähe des „großen Berges“, welcher dem „Berge des Ostens“, der „Wiege des Menschengeschlechts“ und dem „Versammlungsort der Götter“ gegenüberliegt.

Während die Pelasger die Götter der Unterwelt als die Erzeuger der Fruchtbarkeit verehrten, verehrten die Akkader die Sonne der Unterwelt[36] als den Gott der glänzenden Steine und Metalle, aus welchen die Talismane gefertigt wurden. Die magischen Bücher kennen einen Gott des Goldes, des Silbers und Kupfers, einen „Gott und Herrn des Ostens in seinem Berg von Edelsteinen“ und einen „Gott der Ceder“, welcher namentlich bösen Zauber abwendete.

In einem Hymnus an Nin-dara werden öfter kostbare Steine erwähnt, deren talismanische Kräfte ihr Besitzer Nin-dara gegen das feindliche Land richtet, woraus sich wohl die Thatsache erklären läßt, daß das Altertum den Ursprung des talismanischen Zaubers nach Chaldäa verlegt. Das Buch, welches nach Angabe des Plinius der Babylonier Zacharias über Talismane verfaßte und dem König Mithridates widmete, gehörte wahrscheinlich zu den Produkten der griechisch-babylonischen Litteratur, welche zu den alten akkadischen Zauberbüchern in einem ähnlichen Verhältnis standen wie die hermetischen Bücher zu den Schriften der alten Ägypter.

Die der Hölle entsprossenen Dämonen hegen wie die Schwarzkünstler eine große Vorliebe für die Finsternis und schleichen unter dem Schutz der Finsternis als Plagegeister umher, welche die Menschen überall belästigen und heimsuchen. Die Finsternis galt deshalb als sichtbare Offenbarung des bösen Prinzips ebenso wie das Licht als Offenbarung des guten. Utu, die Tagessonne, verscheucht die Dämonen und Zauberer:

„Du machst die Lüge schwinden, du vernichtest den bösen Einfluß
Der Wunder, Vorbedeutungen, Zaubereien, Träume und schädlichen Erscheinungen.“

Ein anderer Gegner der Dämonen und Zauberer ist Ini oder Mermer, der Gott der Winde und fruchtbaren Regen, welcher später in den chaldäischen Bin oder Ramann, den Gott aller atmosphärischen Erscheinungen umgewandelt wurde.

40

Auch der Feuergott Bil-gi ist ein mächtiger Widersacher der Zaubereien und Bekämpfer der bösen Dämonen, als welchen ihn folgendes Fragment preist:

„Der du die bösen Maskim verjagst,
Der du gedeihen läßt die Wohlfahrt des Lebens,
Der du des Bösen Brust in Schrecken bannst,
Hüter des Orakels des Mul-Gelal.
Feuer, Vernichter des Feindes,
Schreckliche Waffe, welche die Pest vertreibt,
Welche befruchtet und leuchten läßt,
Welche unter den sieben Göttern die Bösen vernichtet.“

Ini, der altakkadische Feuergott, nahm bei den Babyloniern einen solaren Charakter an und wird als Izdhubar der Held eines der bedeutendsten chaldäischen Epen, in welchem auch die Sintflutmythe eine besondere Episode bildet. Er wird wie Bil-gi der Herr der Talismane genannt, und seine hauptsächlichsten Prädikate sind: puvalu, Riese, und puvalu-emuki, Riese an Macht. Sein Abzeichen ist das Schilfrohr, welchem wir als Zauberstab schon oben begegneten, und das später an Silik-mulu-khi übergeht.

Silik-mulu-khi, der Verkünder des Willens und der Ratschläge Eas, der Mittler zwischen ihm und der Menschheit, ist eng mit dem Erzengel Çraoscha, „dem Heiligen und Gerechten“ des Zoroastrismus verwandt, ebenso mit Mithra, wie man denselben am Ende der Periode der Achämeniden unter dem Einfluß des medischen Magismus zur Zeit der Zersetzung der alten mazdeischen Lehre auffaßte.

Eine andere Analogie zwischen der Magie der Akkader und der spätern mazdeischen Religion findet sich in der Lehre von den Feruern, welche im Zoroastrismus die reinen Formen der Dinge, himmlische Urbilder der irdischen Wesen sind. Jeder Engel, jeder Mensch, jeder Stern, ja jedes Tier und jede Pflanze hat seinen eigenen Feruer, seinen unsichtbaren Schutzgeist, welcher beständig über ihm wacht, und den der Mensch durch Gebet und Opfer um Gnade anfleht. Diese Feruer sind offenbar die den Einzelwesen vorstehenden Geister der Akkader, welche in den spätern Parsismus Aufnahme fanden und hier ihren Platz auf den untern Stufen der Hierarchie des guten Prinzips fanden.

41

Wie im Zendavesta jeder Mensch seinen Feruer besitzt, so ist bei den Akkadern einem jeden von Geburt an ein besonderer Gott zugeeignet, welcher ihn beschützt, in ihm lebt und sein geistiges Urbild ist.[37] Nach einer Vorstellung entspricht jedem Menschen sogar „ein Gott und dessen Göttin, reine Geister über ihm“. Daher heißt es auch so häufig anstatt z. B. der fromme Mensch, der fromme König: „der Mensch, Sohn seines Gottes“, „der König, Sohn seines Gottes“. Daher ruft auch z. B. in einer Beschwörung der Priester dem Feuergott zu: „Mit dir sei in Frieden das Herz meines Gottes und meiner Göttin, der reinen Geister!“ und deshalb heißt es: „Er werde zurückversetzt in die gnädigen Hände seines Gottes!“

Diese Schutzgötter sind übrigens keineswegs vollkommene Wesen, sondern teilen die menschliche Natur ihrer Schutzbefohlenen mit ihren Unvollkommenheiten und Schwächen. Sie können samt den mit ihnen verbundenen Menschen von den Dämonen und Zauberern bezwungen und dienstbar gemacht und sogar dahin gebracht werden, alles Böse im Menschen zu bewirken und zu veranlassen, was Dämonen und Zauberer befehlen. Wenn z. B. der Pestdämon Namtar einen Menschen ergriffen hat, so befinden sich der Gott und die Göttin des Menschen ebensogut in der Gewalt des Geistes der Krankheit als dessen Körper. Es läßt sich mithin sagen, daß der besondere Gott und die besondere Göttin eines Menschen einen Teil seiner Seele bilden, was auch von den zoroastrischen Feruern gilt, nur daß die Auffassung der letzteren eine dem „transcendentalen Subjekt“ entsprechende höhere war und sich von der Stofflichkeit und Unvollkommenheit des irdischen Menschen besser abgelöst hatte.

42

Zweites Kapitel.
Das Divinationswesen der Chaldäer.

Das chaldäische Divinationswesen gehört der sechzehn Jahrhunderte umfassenden Periode an, welche von Sargon I., König von Agane, bis zu Alexander dem Großen reicht.

Aus den im vorigen Kapitel angegebenen Elementen hatte sich die chaldäische Staatsreligion herausgebildet und war in den in Babylonien, Assyrien und Chaldäa gleich einflußreichen Priesterschulen nach einem einheitlichen philosophischen System geregelt worden. Ihre ein zusammenhängendes Ganze bildenden Lehren waren in den heiligen Büchern codifiziert und wurden in den Tempeln und Priesterschulen, deren einflußreichste sich zu Erech befand, gelehrt.

Wie schon gesagt, nahm die akkadische Magie in dieser Staatsreligion nur eine niedere Stufe ein, denn die den forschenden Geist der Priester der neuen Religion belebenden Ideen waren ganz anderer Natur. Die Basis derselben war die Astrologie, welche die im Altertum sprichwörtlich gewordene Hauptbeschäftigung der Chaldäer bildete. Die Bezeichnung Chaldäer hat hier jedoch keine ethnische Bedeutung, sondern wird im Sinne der Bibel wie der Griechen für die Angehörigen jener großen Priesterkaste gebraucht, welche sich nach der eingangs erwähnten großen Reformation um das Jahr 2000 v. Chr. über Babylonien wie Chaldäa verbreitete und ihren allgewaltigen Einfluß auch auf die assyrische Kultur ausübte.

Philo sagt: „Die Chaldäer scheinen die Sternkunde und Wahrsagerei vor allen andern Völkern gepflegt und befördert zu haben. Sie brachten die irdischen Dinge mit den himmlischen, mit andern 43Worten den Himmel mit der Erde in Verbindung und suchten dann aus den wechselseitigen Beziehungen dieser nur räumlich, nicht wesentlich geschiedenen Theile des Weltalls auch den harmonischen Einklang derselben nachzuweisen. Sie stellten die Vermuthung auf, daß die sinnliche Welt an sich oder doch wenigstens durch die sie belebende Kraft Gott sei, und riefen, indem sie diese Kraft unter dem Namen Verhängniß oder Nothwendigkeit vergöttlichten, den reinen Atheismus hervor, denn sie erweckten den Glauben, daß alle Naturerscheinungen nur eine sichtbare Ursache hätten, und daß von der Sonne, dem Mond und dem Laufe der Gestirne das Glück oder Unglück eines jeden Menschen abhänge.“

Der Kern der chaldäischen Lehren, ihre Licht- und Schattenseiten können wohl kaum treffender charakterisiert werden; nur ist das, was Philo über den Atheismus und Materialismus der Chaldäer sagt, eben so wenig wörtlich zu nehmen als eine ähnliche Stelle des Diodorus Siculus[38]:

„Die Chaldäer behaupten, daß die Welt ihrem Wesen nach ewig sei, daß sie keinen Anfang gehabt habe und kein Ende haben werde. Die Schönheit und die Ordnung des Weltalls schreiben sie einer göttlichen Vorsehung zu und behaupten dennoch, daß auf Erden keine Erscheinung, kein Vorkommniß zufällig oder spontan, sondern schon im Voraus von den Göttern bestimmt sei.“

Die von Diodorus gemeinte Vorsehung ist nicht die schaffende, sondern die ordnende Urkraft, welche einerseits mit der Ewigkeit der Welt verbunden ist, andererseits aber nach einem höheren Willen den Lauf der Gestirne in den bestimmten Bahnen regelt. Dieses Gesetz aber ist nichts anderes als das Verhängnis oder die Notwendigkeit des Philo, das Gesetz und die Harmonie, welche Sanchuniathon personifiziert[39], die Thuro-Chusartis der phönizischen Theologie, das Sinnbild der Einheit der unwandelbaren Ordnung und wunderbaren Harmonie des Weltalls. Die Bezeichnung Atheismus ist insofern unzutreffend, als die Chaldäer ein göttliches Urwesen oder eine allgemeine Weltseele, aus welcher alle niederen Gottheiten emanierten, annahmen. Nur leiten sie dieses göttliche Urwesen von 44der Materie ab, welche sie sich niemals völlig von ihm getrennt dachten. Deshalb war auch ihr Gott weder ein Wesen an sich, noch rein geistiger Natur, noch auch unumschränkt. Er war als Ordner und Leiter der Welt doch durch das unbeugsame Gesetz der Notwendigkeit gebunden, nach dessen Bestimmungen er durch seine oberste Emanation die Schöpfung der Welt hatte vollbringen lassen.

Die Neigung zur Astrologie erwuchs den Chaldäern aus ihren eigentümlichen, den nördlichen Semitenvölkern entlehnten religiösen Anschauungen. Indem sie den Himmel, die Harmonie seiner Bewegung und die Einwirkung der Sonne auf alle Lebewesen beobachteten, waren sie in durchaus naheliegender Weise dahin gekommen, alle Naturerscheinungen mit den Sternen, namentlich mit den Planeten, in Verbindung zu bringen; sie führten den Gestirndienst ein. Die Chaldäer verehrten die Gestirne nicht nur als die glänzendste Offenbarung der göttlichen Macht, sondern verehrten sie als Gottheiten. Auch führten sie zuerst systematische astronomische Beobachtungen ein, wie sie zur Einteilung der Zeit und Innehaltung ihrer religiösen Feste unbedingt notwendig waren.

Diese Beobachtungen nahmen sie auf ihren Pyramiden vor, welche in Stockwerke geteilt und wie die ägyptischen mit den Seiten nach den Himmelsgegenden orientiert waren. Die Zahl der Stockwerke schwankt zwischen drei zu Ur und sieben zu Borsippa am großen Turm, den Nabukudurussur wieder herstellen ließ. Die drei Stockwerke zu Ur entsprechen der Trias der Götter der Sonne, des Mondes und der Luft, Samas, Sin und Bin. Fünf Stockwerke, welche ebenfalls vorkommen, entsprechen den Planeten, und sieben den Planeten samt den Lichtern. Alle Pyramiden von sieben Stockwerken sind mit den Farben der Planeten übertüncht.[40] Sie waren sowohl die Stätten des Gestirnkultus als auch wirkliche Observatorien, wie Diodorus Siculus von der großen Pyramide zu Babylon ausdrücklich sagt. Man glaubte sich durch sie den Göttern stufenweise zu nähern, und auch auf einem Basrelief von Denderah ist die in den Geheimlehren des Altertums eine so 45große Rolle spielende Leiter in dieser Gestalt abgebildet, und auch Celsus bedient sich bei der Beschreibung der Mithrasmysterien des Wortes κλίμαξ, Leiter, in entsprechender Weise.[41] Die Himmelsleiter Jakobs ist ebenfalls als eine solche Pyramide zu betrachten.

Die Chaldäer zeichneten die auf diesen Pyramiden beobachteten Himmelserscheinungen, Konstellationen, Mondphasen usw. samt ihrem Zusammenfallen mit irdischen Ereignissen auf und glaubten, indem sie von der Ähnlichkeit und Gleichheit der Erscheinungen auf den Parallelismus der Geschicke schlossen, den Schlüssel zu den Rätseln der Zukunft gefunden zu haben.

Lenormant sagt: „Die unabänderliche Regelmäßigkeit des Laufes der Sterne und ihr Einfluß auf den Wechsel der Jahreszeiten rief die Vorstellung vom Walten eines unabänderlichen und ewigen Gesetzes hervor, welches durch ein festes solidarisches Verhältniß alle Erscheinungen und Ereignisse verbinden und die irdischen Dinge von den himmlischen abhängig mache. Und daraufhin wurde angenommen, daß alle beobachteten Coincidenzen sich mit nothwendiger Gleichheit wiederholen müßten.

Die Astrologie nahm allmählich eine immer bestimmtere Form an, ja sie machte sogar auf wissenschaftliche Genauigkeit Anspruch, da sie mittelst der fortgesetzten alltäglichen Beobachtungen eine Reihe astronomischer Wahrheiten erhärtet hatte. Die menschlichen Geschicke und geschichtlichen Begebenheiten wurden lediglich in die Kategorie der gewöhnlichen Naturereignisse gerechnet, und daher suchte man denn auch das Geheimniß derselben in den complicirten wechselnden Stellungen derselben, sowohl unter einander als in Bezug auf Sonne und Mond zu ergründen. Die Gestirne waren nicht allein Lenker des Weltalls, die bestimmende Ursache aller Vorkommnisse und Begebenheiten, sondern auch die Verkünder derselben. Denn ihre Stellungen und Erscheinungsphasen hatten sämmtlich eine bestimmte Bedeutung, und wie die ersteren die Ereignisse bestimmten, so waren die letzteren auch sichere Vorzeichen derselben. Man reihte deshalb alle wahrgenommenen Coincidenzen der verschiedenen Begebenheiten mit den Erscheinungen der Sonne, des Mondes, der Planeten und Fixsterne in ein bestimmtes System 46ein, unterließ aber gleichzeitig nicht, aus den allgemeinen Beziehungen der wechselnden Erscheinungen zur Atmosphäre neben den politischen und historischen Prophezeiungen auch manche sich nicht selten als richtig erweisende Vermuthungen über das Wetter abzuleiten. Endlich wurden derartige Beobachtungen und Erfahrungen tabellarisch verzeichnet, um eben in allen vorkommenden Fällen befragt und als Richtschnur beobachtet zu werden.“

Hier einige Proben derartiger Aufzeichnungen der Keilschriftlitteratur:

„Erscheint der Mond auffällig groß, so wird eine Finsterniß eintreten. Erscheint er dagegen auffällig klein, so wird die Ernte des Landes gesegnet sein.“ (Unvollkommene Beobachtungen von Perigäum und Apogäum des Mondes, welche zufällig mit einer Finsternis und guten Ernte zusammenfielen.)

„Zeigt der Mond am 1. und 28. des Monats das gleiche Aussehen, so ist dies ein verhängnißvolles Zeichen für Syrien. – Ist der Mond am 30. sichtbar, so ist dies ein gutes Zeichen für das Land Akkad und ein böses für Syrien.“

„Zeigt der Mond am 1. und 27. des Monats das gleiche Aussehen, so ist dies ein verhängnißvolles Zeichen für Elam.“

„Jupiter geht auf, und sein Licht ist hell wie der Tag; in einem Glanze bildet er hinter sich einen Schweif, ähnlich dem Stachel der Scorpione. Es ist dies ein günstiges Vorzeichen, welches Glück verkündet dem Herrn des Hauses und dem ganzen ihm unterthänigen Lande.“

„Leuchtet im Monat Duz der Stern Entemaslun (Aldebaran) bei seinem Aufgang sehr hell, so wird die Ernte des Landes sehr gut, und ihr Ertrag ein reichlicher sein. – Ist dagegen dieser bei seinem Aufgange verhüllt, so wird die Ernte des Landes mißrathen.“

„Wird der Mond von dichtem Gewölk verhüllt, so stehen Überschwemmungen bevor. – Trinkt der Mond in den Wolken, so wird es regnen.“

Man sieht, daß diese Aufzeichnungen der frühesten Kindheit der Beobachtung entstammen und mit Ausnahme der letzten Schlüsse vom Prügel auf den Winkel sind.

Außer den astronomischen Erscheinungen wurden noch die tellurischen 47eifrig beobachtet, und es hat sich das Inhaltsverzeichnis eines augurallitterarischen Werkes aus der Bibliothek des Statthalters von Niniveh erhalten, welches fünfundzwanzig Tafeln und Kapitel stark war. Von diesen fünfundzwanzig Kapiteln handelten vierzehn von günstigen und ungünstigen tellurischen Erscheinungen, elf von Astrologie. Der Text selbst ist verloren, und von den Kapitelüberschriften sind folgende Reste erhalten:

„1. Also, die Prophezeiungen von Glück und ihr Gegentheil, – die Anzeichen von Freude und Trübsal für das Menschenherz.“

„2. Also: der Herr des Geldes, der Erklärer der Regengüsse –.“

Es handelt sich hier offenbar um die Wahrsagung aus den Regen, welche als Brechomantie noch heute in der Türkei eine große Rolle spielt.

„3. Von den Sternwarten der Stadt.“

Die Überschrift des vierten Kapitels ist schwer verständlich; es scheint von der Deutung des Gesanges oder Geschreis, des Erscheinens und des Fluges „der Vögel des Himmels, der Gewässer und der Erde“ gehandelt zu haben. Den diesbezüglichen Beobachtungen scheint man besonders dann eine große Wichtigkeit beigelegt zu haben, wenn sie „in der Stadt und den Straßen derselben“ gemacht wurden.

„6. Zinnober ist über der Flamme verbrannt.“

„7. Wird das Aussehen eines Hauses alterthümlich, so ist dies für die Bewohner des Hauses ein verhängnißvolles Zeichen.“

Über diese sogenannte Ökoskopie schrieb bei den Griechen ein gewisser Xenokrates, und auch der heilige Basilius spricht in seinen Schriften darüber.

„13. Ein Traum von hellem Schein, das Land in Feuer, – ein Traum von hellem Schein, die Stadt in Flammen.“

„14. Ein Seedrache mit den Vögeln des Himmels . . .“

Aus den astrologischen Kapitelüberschriften sind folgende hervorzuheben.

„3. Der Venusstern erhebt sich bei Tagesanbruch . . .“

„4. Der Marsstern mit sieben Namen in . . . . . . . .“

„5. Das gleichmäßige Aussehen von Sonne und Mond . .“

„6. Der gleichzeitige Anblick von Sonne und Mond . .“

48

„7. Vom 1. und 5. des Monats, der Mond . . . . .“

„8. Der Stern, welcher vorn einen Stern und hinten einen Schweif hat . . . .“

„10. Der Stern iku . . . .“

„11. Der Polarstern, der am Scheitelpunkt (des Himmels) sich um sich selbst dreht . . . .“

„Elf Tafeln, betreffend Himmelserscheinungen, unter ihnen der Stern, der vorn einen Stern und hinten einen Schweif hat, – die Himmelserscheinungen . . . . Die Erscheinungen auf Erden und am Himmel . . . . Himmel und Erde . . . .“

Die Schlußzeilen der Vorderseite dieser Tafel sind nur fragmentarisch erhalten und betreffen irgend eine Himmelserscheinung, deren verhängnisvolle Bedeutung auf der Rückseite folgendermaßen angegeben wird:

„Diese Erscheinung lehrt, daß die Stadt des Landesfürsten samt ihren Einwohnern in die Gewalt des Feindes gerathen wird; Sterblichkeit und Hungersnoth . . . . auf der Tafel, die Zahl, welche du genannt, dir verkünden wird, und wie . . . . .“

„Diese Sammlung von fünfundzwanzig Tafeln betrifft die Erscheinungen am Himmel und auf Erden, sowie ihre günstigen und ungünstigen Vorbedeutungen . . . . alle Erscheinungen am Himmel und auf Erden . . . . hierin ist ihre Deutung verzeichnet.“

König Sargon I. ließ diese Sammlung sowie ein großes Werk von siebenzig Tafeln über alle bis auf seine Zeit erhaltenen astrologischen Resultate anlegen, welches das Hauptwerk der chaldäischen Astrologie und anscheinend von Berosus ins Griechische übersetzt wurde.

Neben der bienenfleißig getriebenen Beobachtung der astronomischen und tellurischen Erscheinungen und Vorzeichen übten die Chaldäer auch das einfachste und unentwickeltste Divinationsverfahren, die Loswahrsagung. Ich habe dieselbe in meinen „Geheimwissenschaften“ ausführlich beschrieben und muß darauf zurückverweisen. Hier will ich nur kurz rekapitulieren, daß man in einem Köcher sieben mit Schriftzeichen versehene Pfeilschäfte durcheinander schüttelte und aus dem zuerst herausspringenden wahrsagte. Mit diesen Stäben ist nicht das „Rohr des Schicksals, der Offenbarung, 49der Enthüllung“ (akkad. gi-namekirru, qan-mamiti, qan pasari, assyr. kil-killuo) zu verwechseln, welches durch Bewegungen in der Hand der Magier Orakel erteilte.

Neben dieser Art Belomantie kannten die Chaldäer noch ein anderes Verfahren, welches in einem besonderen Kapitel eines Werkes der Bibliothek von Niniveh besprochen wird.[42] Es wurden wirkliche Pfeile nach verschiedenen Richtungen hin abgeschossen und sodann aus der größeren und geringeren Entfernung derselben vom Schützen, sowie aus der Art und Weise ihres Niederfallens Schlüsse auf die Zukunft gezogen.

Bekanntlich wird diese Wahrsagungsart im alten Testament mehrfach erwähnt.

Über die chaldäischen Auguren und Haruspices sagt Diodorus Siculus[43]: „Die Chaldäer sind erfahren in der Deutung des Vogelfluges und in der Auslegung von Träumen und Wunderzeichen, auch hält man sie für geschickte Opferschauer, welche genau das Richtige treffen.“

Die Auguralwissenschaft der Chaldäer war demnach, und wie sich aus den Keilschriften ergiebt, in vier Abteilungen geteilt: in die Beobachtung des Vogelflugs, in die Wahrsagung aus den Eingeweiden der Opfertiere, in die Auslegung aller Arten von Naturerscheinungen (τέρατα) und in die Traumdeutung.

Leider sind wir bei dem gänzlichen Mangel an Keilschrifttexten nicht im Stande, etwas Näheres über die Vogelschau der Chaldäer zu sagen; nur soviel ergiebt sich – wie schon erwähnt –, daß dieselben dem Gesang und Geschrei der Vögel große Bedeutung beimaßen, wie dies die Griechen, Etrusker und Römer ebenfalls thaten.

Nach Festus teilten die Etrusker und Römer die Vögel in alites und oscines, je nachdem man ihren Flug oder Ruf für bedeutungsvoll hielt. Bei den Griechen war die Kunst der οἰνωπόλοι schon in sehr früher Zeit im Gebrauch und kommt bereits bei Homer völlig ausgebildet vor. Wahrscheinlich war sie von Chaldäa nach Griechenland gekommen. Wie Suidas angiebt, sei sie eine 50Erfindung des Telegonus, des Sohnes des Odysseus und der Circe gewesen, Clemens von Alexandrien hingegen sagt, daß sie aus Phrygien stamme, womit Cicero übereinstimmt, der Phrygien, Cilicien, Pisidien und Pamphylien als die Länder nennt, in welchen diese Divinationsgattung besonders im Schwang sei. Diese Gegenden hatten aber bereits in sehr früher Zeit die Kultur der Euphratländer angenommen und mit andern babylonisch-chaldäischen Elementen auch diese Wahrsagungsart nach Griechenland getragen. Auch die nach Cicero[44] in hohem Grad entwickelte Auguralwissenschaft der Araber ist wohl auf babylonische Einflüsse zurückzuführen ebenso wie die Spuren, die sich bei den Maçudi und Juden[45] finden. Auch das Haruspicium kennen die Juden, und zwar spricht Hesekiel an der bekannten Stelle davon[46], wo Nabukudurussur das Pfeilorakel befragt und sich aus der Leber der Opfertiere weissagen läßt.

Nach den Fragmenten des großen auguralwissenschaftlichen Werkes von König Sargon I. suchten die Chaldäer in den Eingeweiden der verschiedensten Tiere vorbedeutende Anzeichen. Ein Fragment handelt von einem leider nicht näher angegebenen Vorzeichen, welches man in den Herzen junger Hunde, Füchse, wilder und zahmer Schafe, Pferde, Esel, Rinder, Löwen, Bären, Fische, Schlangen u. a. m. beobachten könne. Doch hatte die betreffende Erscheinung bei jeder Tierart eine besondere Vorbedeutung. Ein zweites Fragment bezieht sich auf Wahrzeichen, welche man aus der Farbe und dem Ansehen der Eingeweide der Opfertiere besonders der Esel und Maultiere entnehmen wollte. So heißt es z. B.: „Sind die Eingeweide des Esels auf der rechten Seite schwarz, – auf der rechten Seite bläulich, desgleichen ihre Windungen, – auf der rechten Seite dunkelfarbig, – auf der rechten Seite kupferfarbig, – auf der linken Seite kupferfarbig“, so sind diese Erscheinungen ebenso viele Vorbedeutungen für die Jahreszeiten sowie die Schicksale des Landes und des Landesherrn. Die gleichen Erscheinungen, welche auf der rechten Seite günstig waren, waren auf der linken Seite ungünstig und umgekehrt. Die auf 51der linken Seite auftretenden Erscheinungen waren im allgemeinen ungünstiger als die auf der rechten vorkommenden.

Andere Vorbedeutungen suchten die chaldäischen Haruspices im Innern der Eingeweide, welche nach vorausgegangener äußerer Besichtigung geöffnet wurden. So heißt es z. B.:

„Zeigen sich im Innern der Eingeweide auf der linken Seite Risse, so tritt Hader und Zwietracht ein.“

„Zeigen sich im Innern der Eingeweide auf der linken und rechten Seite Risse, so tritt ebenfalls Hader und Zwietracht ein.“

„Ist das Innere der Eingeweide auf der rechten und linken Seite schwarz, so tritt Zwietracht ein.“

Von den noch unveröffentlichten Fragmenten bezieht sich nach Lenormant eines auf die Hepatoskopie, die Leberschau, welche bekanntlich außer bei den Babyloniern bei den Völkern des klassischen Altertums eine große Rolle spielte. Das erhaltene keilschriftliche Fragment ist klein und verstümmelt und enthält nur die Aufzählung der Fälle, welche mit der größeren oder geringeren Entwickelung des einen oder anderen Lappens der Leber oder beider zugleich sowie mit dem völligen Schwund des rechten oder linken Lappens oder aber mit der schwarzen, bläulichen, kupferigen oder roten Färbung eines oder beider Lappen zusammenhängen, worauf die aus dem Aussehen und der Entwickelung der Gallenblase gezogenen Schlüsse folgen.

Die Opferschau verbreitete sich von Babylonien aus über alle Länder der alten Welt: im Norden über Armenien und Komagene, im Westen über Phönizien und Palästina (die O. wird den Juden ausdrücklich verboten[47]) bis nach Karthago. Vorzugsweise wurde sie in Kleinasien betrieben, wo namentlich die Einwohner von Telmessos als geschickte Haruspices berühmt waren. Von Kleinasien kam das Haruspicium sehr frühzeitig nach Griechenland, wo die Familienangehörigen der Damiden und Klytiaden als Haruspices in großem Ansehen standen. Der griechischen Tradition zufolge soll Delphos, der Sohn des Apollo, der Erfinder des Haruspicium gewesen sein, was indessen wohl nur darauf hindeutet, daß die Opferschau 52vorzugsweise in Delphi ausgeübt wurde. In Italien war diese Divinationsgattung besonders in Etrurien gebräuchlich und erlangte in Rom selbst niemals den offiziellen Charakter, den die Beobachtung der Auspicien und sonstigen Naturerscheinungen trug. Zur Zeit, als der Senat die haruspices befragte[48], wurden dieselben aus Etrurien berufen und bildeten eine besondere Körperschaft, welche gesetzlich anerkannt war.[49] Die libri haruspicini waren ebenso wie die libri fulgurales und tonitruales[50] etruskische Bücher, deren Vorschriften und Lehren man für Offenbarungen des der Erde entstiegenen Tages hielt.[51]

Außer den Regengüssen wurde die Gestalt und Farbe der bei Tage erscheinenden Wolken eifrig beobachtet und gedeutet, während die Deutung der Beziehungen der nächtlichen Wolken zu den Sternen Sache der Astrologen war.

Über die erstere Wolkengattung heißt es z. B.:

„Steigt bläulichschwarzes Gewölk am Himmel auf, so wird im Verlaufe des Tages der Wind wehen.

Ausgefertigt durch Nabu-akha-irib.“

Wie man sieht, tragen diese kindlich naiven Beobachtungen einen meteorologischen Charakter.

Moses[52] und Jeremias[53] verbieten den Juden die wahrsagerische Beobachtung der Wolken und atmosphärischen Erscheinungen.

Die Fulguration scheint bei den Chaldäern sehr ausgebildet gewesen zu sein. Wie die klassischen Schriftsteller berichten, unterschieden die Chaldäer im allgemeinen zwei Arten von Blitzen: 1. auf die Erde herabfallende und 2. nur in den Wolken leuchtende. Nach der Versicherung des Plinius[54] nahmen die Chaldäer an, daß diese Blitze von den Planeten Saturn, Jupiter und Mars herrührten und beobachteten sie vorzugsweise. Die zweite Art, die 53fulgura fortuita des Plinius „verkündeten durch ihren Donner die Stimme der atmosphärischen Wächter, deren Pfad sie durch ihre Leuchtkraft bezeichneten“.[55]

Es ist nur ein einziges und zwar sehr verstümmeltes keilschriftliches Fragment über die Einteilung der Blitze bei den Chaldäern erhalten[56], das aber trotz seiner Verstümmelung sehr wichtig ist, insofern es die Richtigkeit der Angaben des Plinius beweist. Dasselbe lautet:

„Der Blitz . . . . . . . . . . . . . . . . .
Der Blitz der Sterne . . . . . . . . . . . .
Der Blitz des Gottes Bin . . . . . . . . . .
Der Blitz der Erde . . . . . . . . . . . . .
Der Blitz des Wassers . . . . . . . . . . . .
Der Blitz der Nacht, welcher leuchtet . . . .
Der Blitz des Gottes Mamna . . . . . . . . .
Der Blitz des Gottes Baluv . . . . . . . . .
Der Blitz des Gestirnes . . . . . . . . . . .
Der Blitz . . . . . . . . . . . . . . . . . .“

Vergleichen wir nun die Blitze der Planeten und die fulgura fortuita des Plinius mit den Angaben des Fragments, so finden wir, daß die Blitze des Ersteren mit dem „Blitz der Gestirne“ und dem „Blitz des Gottes Bin“ (assyr. Rimmon) zusammenfallen. Bin ist der Gott der Luft und des Donners und wird deshalb mit einem Donnerkeil oder einem zackigen Blitz dargestellt.

Die Blitze der Götter Mamna und Baluv sind verschiedenen Erscheinungsphasen des Planeten Mars zugeeignet und waren wegen ihrer zündenden Kraft berüchtigt.[57]

Die übrigen auf dem Fragment genannten Blitzarten waren den Etruskern ebenfalls bekannt, welche dieselben auch zum Teil den obern Planeten zuschrieben.[58] Dieselben kannten auch eine Art dem Saturn geweihte Blitze, welche von der Erde zum Himmel emporstiegen.[59] Dies ist wohl „der Blitz der Erde“ des Fragments, 54welcher mit dem Blitz des Bel oder Mul-ge identisch ist. Endlich kannten die Etrusker noch „die Blitze der Nacht“, welche der Gott Summanus erzeugen sollte, während die Römer die komplizierte etruskische Fulgurallehre einfacher gestalteten und nur „Blitze des Tages“ und „Blitze der Nacht“ annahmen, die sie dem Jupiter oder dem Summanus zuschrieben. Dagegen findet sich in den Berichten über die etruskische Fulguration nichts, was sich mit dem rätselhaften „Blitz des Wassers“ der Chaldäer vergleichen ließe.

Über die Wahrsagerei der Chaldäer aus Erdbeben, welche Diodorus Siculus erwähnt[60], wissen wir nichts näheres, ebensowenig als über die chaldäische Kapnomantie und Pyromantie. In Griechenland war die Pyromantie, deren Erfindung dem Amphiaraus zugeschrieben wurde, allgemein gebräuchlich. Man warf unter Gebeten Weihrauch in die Flamme und beobachtete, ob derselbe verzehrt oder zerstreut wurde, worauf man dann Schlüsse auf günstige oder ungünstige Vorbedeutung schloß. Diese auch Libanomantie genannte Wahrsagungsart war besonders in Apollonia gebräuchlich, wo die heiligen Feuer durch dem Boden entströmende Kohlenwasserstoffgase genährt wurden.

Da oben ein mitgeteiltes Fragment einer Kapitelüberschrift des Sargonschen Auguralwerkes lautet: „Zinnober ist über der Flamme verbrannt“, so scheint es, daß die Akkader ein ähnliches Verfahren kannten; auch dürften sie, weil sie ihrem Feuergott eine so große Bedeutung als Bekämpfer der bösen Dämonen beilegten, auch auf das äußere Ansehen der Feuerflammen geachtet haben.

Nach einigen Bruchstücken des Sargonschen Werkes schrieben die Akkader auch Quellen und Flüssen prophetische Bedeutung zu und weissagten aus der Menge, dem Aussehen und der Strömung des Wassers.

Nach Psellus[61] sind die Assyrer die Erfinder der Lekanomantie, welche bei ihnen jedoch anders als in späterer Zeit ausgeübt wurde. Psellus sagt:

„Die Lekanomantie wird mittelst einer Schale ausgeübt, welche man mit prophetischem Wasser anfüllt und vor sich stehen hat. – 55Dieses Wasser unterscheidet sich äußerlich durch nichts vom gewöhnlichen Wasser, aber die Handlungen und Beschwörungen, welche über dem Gefäß vorgenommen werden, beschenken es mit einer prophetischen Kraft, welche im Schoße der Erde entspringt und sich eigenartig äußert: Denn während sie sich dem Wasser mitteilt, ruft sie ein unbestimmtes Rauschen hervor, welchem die Anwesenden zunächst keinen rechten Sinn abgewinnen können; hat sie sich aber in der Flüssigkeit nach allen Seiten hin gleichmäßig ausgebreitet, so vernimmt man gewisse seltsame Töne, aus denen man die Prophezeiung der Zukunft schöpft. Diese der materiellen Wirklichkeit angehörenden Klänge haben aber stets etwas Rätselhaftes und Geheimnisvolles an sich[62], daher denn auch die Weissager, welche diesen Umstand möglichst ausbeuten, niemals eines Betrugs überführt werden können.“

Nach einigen Tafeln der Bibliothek zu Niniveh legte man auch dem größern oder geringeren Glanz edler Steine divinatorische Bedeutung bei, wie denn z. B., um über das Gelingen oder Fehlschlagen eines feindlichen Angriffs zu prophezeien, geprüft wurde, ob „der Diamant am Finger“ seine Strahlen nach rechts oder links warf.

Unter den Akkadern wie unter allen Völkern des Altertums war die Phyllomantie, die Wahrsagung aus der Bewegung und dem Rauschen der Bäume sehr gebräuchlich[63] und von ihnen zu den Juden übergegangen; bei ihnen finden wir die Zaubereiche in Sichem[64]; die Maulbeerbäume, aus deren Rauschen David prophezeite[65], und die Palme, unter welcher Deborah weissagte.[66] Auch die vorislamitischen Araber hatten heilige Palmen und verehrten auch den Sumurahstrauch (Spina aegyptiaca) als göttlich. Überhaupt war es ein sehr verbreiteter Glaube der Araber, daß sie aus allen möglichen Arten dorniger Sträucher prophetische Laute zu vernehmen glaubten, und dieser Anschauung dürfte auch die Erscheinung Jehovahs im brennenden Dornbusch 56ihren Ursprung verdanken. – Die Etrusker, deren Kultur entschieden von der chaldäischen abhängig ist, unterschieden günstige und ungünstige Bäume je nach den Prophezeiungen, welche sie denselben entnahmen.[67] Die Griechen hatten redende Eichen (προσήγοροι δρύες), wie zu Dodona, der ältesten pelasgischen Orakelstätte, und weissagende Lorbeerbäume zu Delphi und Delos. – Auf den Baumkultus der Germanen werde ich später zurückkommen.

Die den Tieren entnommene Orakel anlangend, so betrachteten die Chaldäer vorzugsweise die Schlange als wahrsagendes Tier, was die alten Philosophen damit zu erklären suchen, daß die kriechende Schlange am meisten von allen Tieren mit der Erde, dem Urquell aller Inspiration, in Verbindung stehe. Auch ist darauf aufmerksam zu machen, daß in den semitischen Sprachen die Worte „Schlange“ und „weissagen“ der gleichen Wurzel nahasch entspringen.

Die Schlange ist bei den Chaldäo-Babyloniern und Assyriern das Sinnbild des Ea, der höchsten Einsicht wie des Inhabers der höchsten Weisheit, weshalb sie auch als Sinnbild alles magischen Wissens betrachtet wird. Die Genesis hält sie für listiger denn alle Tiere, die Jehovah erschaffen und die alten Araber glaubten, daß man durch den Genuß eines Schlangenherzens und einer Schlangenleber die Sprache der Tiere verstehen lerne, eine Anschauung, welche bekanntlich noch in der deutschen Volkssage fortlebt. – Es scheint sogar, daß man in einigen babylonischen Tempeln Schlangen züchtete, welche man als Mittler zwischen den Göttern und Menschen ansah und aus ihren Gebahren orakelte. – Auf Ähnliches scheint auch die biblische Erzählung „vom Drachen zu Babel“ hinzudeuten.

Ein anderes prophetisches Tier war der Hund, und Lenormant teilt eine ganze Reihe von Regeln mit, nach welchen die Chaldäo-Babylonier aus der Farbe und dem Exkrementieren eines fremd in den Königspalast oder ein Privathaus gelaufenen Hundes wahrsagten.

Eine leider nur lückenhaft erhaltene Inschrift giebt an, daß Fliegen (zumbi) von den Chaldäo-Babyloniern zum Wahrsagen 57benutzt wurden. Dieser Umstand beleuchtet einen wichtigen Punkt der semitischen Mythologie, nämlich die Rolle, welche der große Gott von Akkaron (Ekron) spielt. Derselbe hieß bei den Philistern bekanntlich Baal-Zebub, „Baal-Fliege“ oder „Herr der Fliege“; die Septuaginta nennt ihn Βαὰλ μυῖα, Josephus θεὸς μυῖα, und die Juden machten ihn später zum Obersten der Teufel. Dieser Baal-Zebub besaß ein berühmtes Orakel, welches nach dem alttestamentarischen Bericht selbst Achasja, König von Israel, über den Ausgang seiner Krankheit um Rat befragte und dadurch den Zeloteneifer des Elias entflammte. Berücksichtigen wir nun obige keilschriftliche Nachricht, so bleibt kein Zweifel, daß zwischen dem Namen des großen Gottes von Akkaron und der Art und Weise der Ausübung seines Orakels Zusammenhang herrscht, und daß die semitischen Völker so gut wie die Chaldäer Fliegenorakel besaßen. Daß Bienen und Ameisen als wahrsagende Tiere auch bei den klassischen Völkern eine Rolle spielten, beweist die Erzählung von der Kindheit Platos und die Midassage.

Nach dem Bericht des Jamblichus[68] weissagten die Babylonier sogar aus dem Verhalten der Ratten, Heuschrecken &c., und endlich wurden nach Angabe des Sargonschen Auguralwerks auch „die Fische der Teiche“ zu den prophetischen Tieren der Chaldäer gerechnet, worunter wahrscheinlich heilige Fische zu verstehen sind, die man zum Behuf der Wahrsagung züchtete. So gab es z. B. in Lycien heilige Fische, welche durch Flötenspiel an die Oberfläche des Wassers gelockt wurden, worauf man aus ihrem Verhalten orakelte; das Gleiche war nach Varro[69] auch in Lydien der Fall. Auch dürften die in einem Teiche beim Tempel des Zeus Labrandeus zu Mylasa in Karien gezüchteten Fische, welche Ohrgehänge an den Kiemen trugen, zu Wahrsagezwecken gehalten worden sein, wie ferner die zu Ehren der Göttin Atargatis oder Derketo zu Askalon gezüchteten, wo bekanntlich ein dem babylonischen verwandter Kultus herrschte.

Auch war die chaldäische Mantik bemüht, aus spontanen Bewegungen oder Tönen von Hausgeräten und Möbeln wahrzusagen, 58und es ist ein Fragment erhalten, welches eine ganze Reihe von hölzernen Möbeln und Teilen des Hauses nennt, aus denen prophetische Laute hervortönen (assaput, ku-a), „geeignet, das Menschenherz fröhlich zu stimmen“. Die einzelnen Deutungen sind jedoch verloren gegangen. Ich habe schon oft darauf hingewiesen, daß wir es hier wohl mit den Anfängen des Tischklopfens und Tischrückens zu thun haben.

Auch zufällig gehörten Worten wurde prophetische Bedeutung beigelegt; es sind dies die von den Juden bath-kol genannten Stimmen.

Hingegen läßt sich im Sargonschen Auguralwerk nicht die Ausübung der im Buche Hiob erwähnten Chiromantie, der Onychomantie sowie der Kranioskopie nachweisen.

Die Beschäftigung der Chaldäer mit der Astrologie brachte es mit sich, daß sie den Mißgeburten große Aufmerksamkeit zuwendeten. Nach ihren Behauptungen rechtfertigten 470 000 jahrelang angestellte Beobachtungen die Annahme, daß der bei der Geburt eines Menschen vorhandene Sternenstand dessen Geschick bestimmen. Da aber Gebrechen und Mißgestaltungen neugeborener Kinder ebenfalls von diesem Sternenstand abhängig seien, so lasse sich aus Mißgeburten ebenso gut die Zukunft entschleiern als aus den Sternen selbst.[70] Deshalb legte man den Mißgeburten eine ungeheuere Wichtigkeit bei und behandelte deren Deutung sehr ausführlich in dem Sargonschen Auguralwerk. Von den 72 diesbezüglichen Texten, welche Lenormant beibringt, will ich nur folgenden anführen, welcher beweist, daß man schon in jener altersgrauen Vorzeit der „Glückshaube“ eines neugeborenen Kindes eine ebenso große Wichtigkeit beilegte als heute:

„Gebiert eine Frau ein Kind,
dessen Haupt mit einer Haube bedeckt ist, so wird beim Anblick desselben ein
günstiges Vorzeichen im Hause walten.“

Namentlich wurde den Mißgeburten fürstlicher Frauen große Bedeutung beigelegt, und auch die Mißgeburten mancher Tiere – wie z. B. der Stuten – galten als besonders ominös.

59

Der Glaube an die Vorbedeutung der Portenta ging auf Etrusker und Römer über, und noch in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts schrieb Caspar Schott De mirabilibus portentorum.

Mit die wichtigste Rolle im chaldäischen Divinationswesen spielt die Traumdeutung. Nach Diodorus Siculus rechneten die Chaldäer die Träume zu den tellurischen Vorzeichen und deuteten sie nach den Vorschriften des Sargonschen Auguralwerks. Ein Fragment desselben lautet[71]:

„Sieht einer im Traum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Einen männlichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Die Gestalt eines Hundes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Die Gestalt eines Bären mit den Füßen eines . . . . . . . . . . .
Das Vordertheil eines Bären mit den Füßen eines . . . . . . . . .
Die Gestalt eines Hundes mit den Füßen eines andern Thiers . . . .
Einen todten Hund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Den Gott Nin-kistu (Nergal) todtschlagen . . . . . . . . . . . . .
Leichen großer Thiere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Ein Licht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Einen Mann auf sich harnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .“

Das Urinlassen als Traumsymbol dünkte den Chaldäern ganz besonders wichtig und wird auch noch von einem Weib, Bären, Hunde usw. angeführt. Herodot berichtet bekanntlich von einem hierhergehörigen Traum des Astyages, dessen Tochter Mandane auf diese Weise ganz Asien überschwemmte und so die Herrschaft des Cyrus prognostizierte.

Von den Kapiteln des Auguralwerkes scheint besonders das von der Traumdeutung gehandelt zu haben, dessen Anfang lautet:

„Ein Traum von hellem Schein, das Land in Feuer . . . .
Ein Traum von hellem Schein, die Stadt in Flammen . . .“

Bekanntlich spielen Träume von Feuer und Flammen noch in der modernen Traumdeutung eine große Rolle.

Nach Jamblichus begaben sich die babylonischen Frauen absichtlich 60in den Tempel der Zirpanit oder Aphrodite, um divinatorische Träume zu erhalten, welche sie sofort von den Traumdeutern auslegen ließen. Bekanntlich wurde dieser incubatio oder ὲγκοίμησισ genannte Brauch auch in Ägypten oder Griechenland ausgeübt.

In Chaldäa und wahrscheinlich auch in Assyrien, da ja die Assyrier in diesen Dingen nur die Schüler und Nachbeter der Chaldäer waren, gab es nach den Keilschrifttexten Seher (sabru), welchen die Götter vorzugsweise prophetische Träume zu Teil werden ließen. Derartige Seher und Seherinnen scheint es, wie die oben mitgeteilte Nachricht Herodots vom Tempel zu Borsippa andeutet, in manchen Tempeln ständig gegeben zu haben. – Zweifellos wurden bei den Chaldäern prophetische Träume auch durch narkotische Mittel hervorgerufen wie bei andern Völkern des Altertums und noch bei vielen wilden Völkerschaften.

Der Eingang des obersten – siebenten – Stockwerks des Turmes von Borsippa war dem Gott Nebo (Prophet) geweiht und hieß bab assaput, „Thor des Orakels“. Ein ähnliches Orakelgemach, bil assaput, existierte noch nach inschriftlichen Angaben in der Pyramide des königlichen Stadtviertels zu Babylon. Ob jedoch die Art und Weise, wie die Orakel in diesem erteilt wurden, die gleiche war wie im Turme von Borsippa, ist aus den Inschriften nicht ersichtlich. Gewiß ist nur, daß dieses Gemach als Grabkammer des Bel-Maruduk galt, was vermuten läßt, daß daselbst Incubation stattfand, weil man im Altertum häufig Grabstätten aufsuchte, um in ihnen prophetische Träume zu erhalten. Auch ist bekannt, daß das Orakel des Belus oder Bel-Maruduk in der Geschichte Alexanders des Großen insofern eine Rolle spielt, als die Chaldäer den siegreichen Eroberer im Namen dieses Heiligtums zu bestimmen suchten, von Babylon fern zu bleiben. Allerdings blieb dieser Versuch erfolglos, weil Alexander die egoistischen Beweggründe der Chaldäer wohl erkannte.

Das Gebet, welches Incubation im Grab des Bel-Maruduk einleitete, ist teilweise erhalten und enthält folgende charakteristische Stellen:

„Gewähre mir den Eintritt, daß mir ein Glückstraum zu Theil werde!
61Der Traum, den ich träume, daß er günstig sei!
Der Traum, den ich träumen werde, daß er wahrhaft sei!
Der Traum, den ich träumen werde, laß ihn ausfallen zu meinen Gunsten!
Makhir, der Traumgott, möge walten über meinem Haupt!
Gewähre mir Eintritt in den E-saggal, in das Götterschloß, den Wohnsitz des Herrn!
Auf daß ich mich nähere Maruduk, dem Erbarmer, dem Glückspender und den gesegneten Händen seiner Allmacht!
Möge ich rühmen können deine Größe, lobpreisen deine Gottheit!
Mögen die Bewohner meiner Stadt rühmen können deine Werke!“

In der Zeit vom 8. bis 6. Jahrhundert erreichte die Traumdeutung ihren Höhepunkt in Vorderasien und Ägypten, woselbst sie sogar die Politik und Kriegsführung beeinflußte. Durch einen siegverheißenden Traum wurde Assurbanhabal zum Kriege gegen Te-Umman angeregt, und durch Träume wurde mehrfach sein Heer zur Ausdauer ermuntert. Ein Traum bewog Gyges zur Anerkennung der assyrischen Oberherrschaft. Träume waren es, welche Krösus den Tod seines Sohnes Atys, Astyages die Herrschaft seines Enkels und Cyrus die des Darius verkündeten. Ein Traum führte Sebek, König von Ägypten, zum Entschluß, seine Regierung niederzulegen; auch war es wiederum ein Traum, welcher dem König Seti die endliche Vernichtung des assyrischen Heeres unter Senacherib zusicherte und ihn so zum Ausharren in der Gegenwehr ermunterte. Endlich hatte der äthiopische Fürst Ta-nuat-Amen einen Traum, welcher ihm seine zukünftige Macht offenbarte und ihn zur Eroberung Ägyptens anspornte.

Bei den Juden war die Deutung der von Jehovah gesandten Träume erlaubt, dagegen bei Strafe der Steinigung verboten, im Namen fremder Gottheiten Träume herbeizuführen und zu deuten. Diese Bestimmung wirkt in der bei den Christen gemachten Einteilung der Träume in göttliche und teuflische bis in das vorige Jahrhundert nach.

Die letzte wichtige Wahrsagung der Chaldäo-Babylonier ist die Nekromantie. Wie oben schon mitgeteilt, ist jedem Menschen von Geburt an ein den Feruern entsprechender besonderer Geist beigegeben, 62welcher ihn schützt, in ihm lebt und sein geistiges Urbild ist. Nach dem Tode des Menschen wird aus diesem Geist ein Dämon (utuk, utukku), dessen Schicksal „im Land ohne Heimkehr“ je nach Maßgabe der Geneigtheit der Götter ein günstiges oder ungünstiges ist. Nur bevorzugte Seelen von Helden und Königen fanden Eingang in den Himmel und bewohnten fortan:

„Das Land mit Silberhimmel,
Wo Segensgüter
Sind zu ihrer Nahrung
Und süße Lust
Sie zu beseligen,
Wo ist Einhalt
Des Kummers und Jammers.“

Das Loos der großen Überzahl der Menschen, deren utuk in das „Land ohne Heimkehr“ (akkad. kur-nu-ga, assyr. mat la Tayarti) hinabstieg, gestaltete sich ziemlich trostlos. Das „Land ohne Heimkehr“ wird in der „Höllenfahrt der Istar“ folgendermaßen geschildert:

„Dort wohnen die Führer und die des Glückes entbehren,
Wohnen die Geringen und Großen,
Wohnen die Ungeheuer des Abgrunds der großen Götter,
Wohnt Etanna, wohnt Nir . . . .“

Im „Land ohne Heimkehr“ lebt die Seele wie im Scheol der Hebräer ohne Empfindung und Willenskraft, von Finsternis umgeben, fort. Ihr Zustand ist weder völlige Vernichtung noch Unsterblichkeit, sondern eine Art von Erstarrung oder Schlummer. Im Hintergrund des „Landes ohne Heimkehr“ befand sich jedoch, wie oben erwähnt, im „ewigen Heiligthum“ die „Quelle der Lebenswässer“, deren Sprudel die höllischen Mächte mit der größten Wachsamkeit und Ehrfurcht behüteten. Den Zugang zu ihr konnte nur ein Gebot der höchsten Götter, namentlich des Ea, erschließen, und wer daraufhin von ihr getrunken hatte, kehrte – wie Istar am Schluß ihrer Gefangenschaft – lebend an das Licht zurück. Ob diese Quelle eine Andeutung der Auferstehung, an welche die Chaldäer nach Diogenes Laërtius glaubten, ist, läßt sich nach den Texten nicht entscheiden.

63

Übrigens konnten die Seelen nicht nur auf Eas Gebot, sondern auch als Vampyre dem „Land ohne Heimkehr“ entsteigen, um die Lebenden zu quälen. Deshalb droht auch Istar dem Schließer des Höllenreichs mit den Worten:

„Oeffnest du aber das Thor nicht, und kann ich nicht eintreten, –
Dann werde ich die Todten erwecken, zu verschlingen die Lebenden;
Ich werde die dem Tageslicht wieder zugeführten Todten zahlreicher machen denn Alles, was lebt.“

Auch die Schwarzkünstler vermögen Vampyre aus dem „Land ohne Heimkehr“ heraufzubeschwören und die Gegenstände ihres Hasses von ihnen peinigen zu lassen.

Da man sonach an die Citation Verstorbener glaubte, so lag es sehr nahe, die von den Schranken des Raumes und der Zeit befreiten Geister der Verstorbenen über die Zukunft zu befragen, und die Nekromantie mußte sich folgerecht entwickeln. Über die Ausübung der Nekromantie habe ich anderwärts[72] schon das Nötige gesagt. Hier will ich nur rekapitulieren, daß wir uns aus dem alten Testament ein ungefähres Bild von der Totenbeschwörung der Chaldäer entwerfen können.

Der biblische Ob ist ein unsauberer Geist, ein Totengeist, welcher in dem Körper eines Mannes oder einer Frau wohnt und von hier aus die Zukunft offenbart, entsprechend dem jidoni, dem „Wissenden“ oder „Belehrenden“, welcher fast immer mit den oboth zusammen genannt wird. Es ist dabei zu bemerken, daß die Worte oboth und jidonim sowohl für die Geister selbst als die von ihnen Besessenen gebraucht werden.

Das Letztere ist nicht nur der Besprechung der Hexe von Endor durch Josephus[73] sondern auch daraus zu entnehmen, daß die Septuaginta wiederholt oboth mit ὲγγαστρίμυϑοι übersetzt, sowie überhaupt aus den charakteristischen Ausdrücken, deren sich die Propheten bei der Schilderung der oboth bedienen.

64

Ziehen wir nun die ausdrückliche Angabe des Jamblichus, daß die Babylonier mittelst ihrer Σακχοίρας die Geister der Toten über die Zukunft befragten, in Betracht, und erwägen wir, daß ob kein semitisches Wort ist, sondern vom akkadischen ubi, „strafwürdigen Künsten obliegen“, abstammt, so kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die hebräische Nekromantie aus der akkadischen hervorging.

65

Zweites Buch.
Der Occultismus der Meder und Perser.

67

Erste Abteilung.
Der medische Magismus.

Medien war bis zur Einwanderung der eigentlichen iranischen Meder im Besitz eines Volkes turanischer Rasse, welches mit den Akkadern eine große Ähnlichkeit hatte und das protomedische genannt wird. Die iranische Einwanderung geschah nach Lenormant und Maury im achten Jahrhundert vor Christus; jedoch bildeten auch nach der völligen Besitznahme Mediens die Iraner immer noch den kleineren, wenn auch herrschenden Teil der Bevölkerung. Zur Zeit der Achämeniden sprach das Volk noch die protomedische Sprache, welche auch die amtliche Sprache der Perserkönige wurde. Das turanische Medien aber bewahrte nicht nur seine eigene Sprache, sondern auch seinen eigenen religiösen Charakter, welchem es erst nach langem mit wechselndem Glück geführten Kampf gegen die Religion Zoroasters entsagte. Die den Protomedern eigenen religiösen Vorstellungen fanden endlich sogar bei den iranischen Eroberern Eingang und erzeugten durch ihre Vermischung mit der Religion derselben das System des Magismus, so genannt nach dem Stamme der Magier, welche das ausschließliche Privilegium besaßen, daselbst das Priesteramt auszuüben.[74]

Der Name Magismus wurde sehr lange Zeit der Religion des Zoroaster beigelegt, was jedoch auf einer von den griechischen Schriftstellern begangenen Verwechslung beruht, die namentlich Herodot verschuldet hat, welcher wohl Medien, aber nicht das eigentliche Persien bereiste. Ja diese Annahme ist nach den neuesten 68Forschungen sogar ein entschiedener Irrtum, da beide Religionssysteme, der Magismus und der Zoroastrismus einander entgegengesetzt sind.

Darius, Sohn des Hystaspes, welcher wohl genauer als Herodot unterrichtet war, berichtet ausdrücklich in seinen Regierungsannalen auf dem Felsen von Behistan, daß die Magier, welche mit Gaumata, dem falschen Smerdis, eine Zeit lang Herren des Reichs waren, den Versuch machten, die iranische Religion durch die ihrige zu verdrängen, und daß Darius ihre „gottlosen Altäre“ stürzte.

Es heißt in der genannten Inschrift[75]:

„Als Kambyses in Aegypten war, verfiel das Volk in Gottlosigkeit, und Wahnglauben wurde im Lande mächtig, in Persien, Medien und andern Provinzen. Die Königswürde, welche unserm Geschlecht entrissen war, habe ich wiedererlangt; ich habe sie von Neuem wiederhergestellt. Die Tempel, welche der Magier Gaumata zerstört hatte, habe ich wieder erbaut; ich habe die Familien, welchen sie vom Magier Gaumata entrissen worden, die heiligen Gesänge und rituellen Gebräuche wiedererstattet; ich habe den Staat auf seinen alten Grundlagen wiederhergestellt und Persien, Medien sowie die übrigen Provinzen wieder an mich gebracht.“

In der zu Naksch-i-Rustam befindlichen Grabschrift des Darius heißt es ferner: „Als Ahuramazdâ dieses Land dem Aberglauben preisgegeben sah, vertraute er es mir an.“ Das im Text für Aberglauben gebrauchte Wort ist yâtum, „Religion der Yâtus“, wie die Feinde des Zoroaster im Zendavesta genannt werden. Danach und nach der im nächsten Kapitel zu gebenden Lebensbeschreibung des Zoroaster erscheint das Blutbad, welches die Perser bald nach der Ermordung des falschen Smerdis anrichteten, und die sonst unerklärliche Einsetzung der „Feier des Magiermords“, welche man lange Zeit hindurch am Jahrestag desselben beging, begreiflich. Die Magier werden überhaupt in keiner alten entschieden zoroastrischen Urkunde persischen oder baktrischen Ursprungs als Diener der Religion erwähnt. Jedoch trat die Zersetzung und Entstellung der ursprünglichen und nationalen iranischen Lehre des reinen Mazdeismus der Ghâtâs und der ersten Fargards der Vendidad-Sâde 69bei den Medern schon frühzeitig durch ihre Berührung mit turanischen Elementen ein, bevor sie das ganze Medien genannte Land erobert hatten.

Indessen charakterisieren Herodot und die andern alten Schriftsteller den eigentlichen Geist des ursprünglichen Mazdeismus sehr richtig, indem sie die Perser als ein Volk hinstellen, welches Götzendienst und fremde Religionen verabscheute und deshalb auf seinen Kriegszügen den Kultus anderer Völker zu zerstören suchte, Tempel verbrannte, die Götterbilder vernichtete, wertvolle gottesdienstliche Geräte als Beute mitschleppte, die Priester beschimpfte und tötete, die Feier religiöser Feste verhinderte, heilige Tiere tötete und sogar die Gräber entweihte. – Kambyses in Aegypten ist das Prototyp des persischen Fanatismus.

Wenn aber Herodot auf die positive Seite des Mazdeismus einzugehen versucht, so sehen wir mit Erstaunen, daß er nicht einmal den Namen des Ahuramazdâ kennt. Er spricht von einem Kultus der Sonne, des Mondes, des Feuers, der Erde, des Wassers und der Winde, also von einer Religion, welche mit dem Geiste des Zendavesta nicht das Mindeste gemein hat und weit mehr der der Veden oder gar der alten akkadischen Zauberbücher gleicht. Hiermit stimmt überein, daß Herodot ausdrücklich die Magier, die Vertreter der alten protomedischen Religion als die Priester dieses Kultus nennt.[76]

Der Gestirndienst war im medischen Magismus sehr ausgebildet, obschon er in den Zendschriften nur wenig und zwar in neueren unter fremden Einflüssen stehenden Teilen hervortritt. Gegen das Ende der persischen Herrschaft jedoch hatte er – wie auch in den am spätesten Zendbüchern – große Bedeutung gewonnen.

Daß dieser von den Magiern herrührende Kultus bei den Medern eine Hauptrolle spielte, bezeugt übrigens auch Herodot in seiner Schilderung der sieben Mauern Ekbatanas, welche mit den Farben der sieben Planeten bemalt waren. Wir begegnen dieser Sitte noch zu Gazaka, dem „zweiten Ekbatana, der Stadt mit den sieben Ringmauern“ und zur Zeit der Sassaniden an dem Palaste Bahram-Gurs. Dieser Brauch entstammt direkt chaldäo-babylonischer Anschauung, denn der siebenstöckige Thurm zu Borsippa wurde nach 70seiner Wiederherstellung durch Nabukudurussur ebenfalls mit den sieben Planetenfarben bemalt, und das Gleiche war bei dem Zipurrat, dem heiligen Turm des Palastes zu Khorsabad der Fall.

Der babylonische Gestirn- und Planetendienst gelangte gleich dem Anatkultus vermutlich durch die Assyrier zu den medischen Turanern und zwar während deren langer Berührung mit der Kultur der Euphratländer; dann ging er auf die Magier über, welche ihn hinwiederum auf die Perser und andern iranischen Völker übertrugen.

Erwähnt sei, daß die Lehre von Zrvâna-akarana, „der unbegrenzten Zeit“, der gemeinsamen Quelle des Ahuramazdâ und Angrômainyus, eine von der Sekte der Zervanier herrührende Entstellung der ursprünglichen mazdeischen Lehre ist. Eudemius, der Lieblingsschüler des Aristoteles, welcher diese Person wie das aus ihr entspringende dualistische Paar sehr eingehend behandelt, bezeichnet sie ebenfalls als eine Schöpfung der Magier.[77] Auch ist es von Interesse, hier eine Angabe des Berosus zu erwähnen, wonach derselbe Name Zrvâna auch der mythischen Personifikation der alten turanischen Rasse, welche in der chaldäisch-babylonischen Legende vom Ursprung der Rassen in Armenien auftritt, beigelegt wurde. In den Bruchstücken der akkadischen Zaubertexte begegnet man aber ebenfalls Anschauungen, welche denen der Auffassung der Zrvâna-akarana entsprechen. In derselben emanieren aus Mul-ge sowohl gehässige Götter wie Namtar, als gnädige, die Dämonen bekämpfende Götter, wie z. B. Nin-dara; auch aus Ana entspringen sowohl Dämonen, als auch der Feuergott, welcher den Charakter eines Deus averruncus, eines die Dämonen vertreibenden Gottes trägt. Betrachten wir die Trias: das Urwesen Ana und den dem düstern Mul-ge entgegengesetzten holden Ea, die drei Götter, welche die Akkader über die drei Weltzonen setzten, so werden wir bei Zrvâna-akarana, Ahuramazdâ, und Angrômainyus nur unwesentliche Modifikationen finden.

Aus dem medischen Magismus ist indessen noch mehr hervorzuheben als das gemeinschaftliche Urprinzip, aus welchem Ahuramazdâ und Angrômainyus hervorgingen. Während nämlich im 71echten Mazdeismus der Perser Ahuramazdâ allein verehrt und Angrômainyus mit Verwünschungen überschüttet wurde, wurden im Magismus das gute wie das böse Prinzip in gleicher Weise verehrt. Plutarch erzählt[78], daß die Magier dem Angrômainyus (Ἄιδης, Ἀρειμάνως) Opfer darbrachten, und beschreibt die drei üblichen Gebräuche, welche hauptsächlich in der Darbringung des Sumpfgrases (ὄμωμι) bestanden, das mit dem Blute eines Menschen benetzt und an einem finstern Ort aufbewahrt wurde. Herodot[79] läßt Amnestris, die Gemahlin des Xerxes, welche dem Einfluß der Magier gänzlich ergeben war, „dem Gotte der Finsterniß und der untern Regionen“ sieben Kinder opfern; auch berichtet er von einem ähnlichen Opfer, welches die Perser auf ihrem Zug nach Griechenland beim Übergang über den Strymon zu Ehren desselben Gottes verrichtet haben sollten. Der Brauch der Menschenopfer ist aber ebenso wie die Anbetung des Angrômainyus den Grundprinzipien des Zoroastrismus durchaus zuwider, auch wiederholt er sich sonst in der Geschichte der Perser nicht, weshalb er wohl als ein Rückfall in den Magismus zu betrachten ist.

Der medische Magismus steht insofern auf einer tieferen Stufe wie die akkadische Magie, als in ihm das böse wie das gute Prinzip gleichmäßig verehrt wurden. Aber, wie es scheint, rührt dies daher, daß die Meder einen ihrer Hauptgötter vor der iranischen Einwanderung und Eroberung in Schlangengestalt verehrten, ein Brauch, welcher sich mehrfach bei den turanischen Völkern findet. So war bei den Akkadern die Schlange eine Erscheinungsform des Ea und ein häufig gebrauchtes religiöses Symbol. So legt z. B. ein akkadischer Zauberhymnus einem Gott – vielleicht Ea – folgende Worte in den Mund:

„Wie die gewaltige siebenköpfige Schlange ihre Köpfe heftig schüttelt, so schwinge ich die siebenköpfige Waffe.
Wie die Schlange, die die Wogen des Meeres peitscht, ihren Feind von vorn angreift,
So führe auch ich die Verheererin in tobendem Schlachtgetümmel, die Beherrscherin von Himmel und Erde, die siebenköpfige Waffe.“

72

Bei der Vermischung der protomedischen Religion mit den iranischen Überlieferungen mußte sich der alte Schlangengott mit dem iranischen bösen Prinzip zu einem Wesen verschmelzen, um so mehr, als in der iranischen Überlieferung Angrômainyus Schlangengestalt angenommen hatte, um in den Himmel Ahuramazdâs zu gelangen. Da nun die turanischen Ureinwohner Mediens wohl sicher größere Neigung ihren alten Schlangengott als den iranischen Ahuramazdâ zu verehren besaßen, mußte der Kultus des Angrômainyus so recht zu der mit magischen Gebräuchen verbundenen Volksreligion werden, und hier haben wir auch die Wurzel aller späteren Schlangen- und Teufelskulte zu suchen, deren ursprüngliche Bedeutung verloren gegangen war. – Direkte Nachkommen der alten Angrômainyusverehrer sind die noch heute im nördlichen Mesopotamien lebenden Yezidis oder Teufelsanbeter, deren Religion noch ganz die alte dualistische ist, die aber nur das böse Prinzip verehren, weil das gute keine Anbetung verlange.

Hervorgehoben muß noch werden, daß seit Artaxerxes Memnon der persische Mithra eben dieselbe Vermittlerrolle zwischen der Gottheit und der Menschheit ausübt wie der akkadische Silik-mulu-khi. So wird auch Mithra „der Freund“ genannt, was als iranische Übersetzung des akkadischen Beinamens des Silik-mulu-khi, „der den Menschen Gutes zuwendet“, gelten kann. Jedenfalls hat Mithra im Magismus die Stellung irgend eines vermittelnden, dem akkadischen Silik-mulu-khi entsprechenden Gottes in der protomedischen Religion mit Ähnliches bedeutendem Namen innegehabt.

Was nun den eigentlichen Ritus der Magier anlangt, so sind nach Ansicht aller mazdeischen Schriften die Beschwörungs- und Zaubergebräuche des medischen Magismus nur ein Werk und eine Erfindung der Yâtus, der Feinde des Zoroaster, weshalb dieselben ausdrücklich untersagt und mit strengen Strafen belegt werden.

Die Weissagung übten die Magier, wie schon oben gesagt, hauptsächlich durch das Loswerfen mit Tamariskenstäben aus. Das in späterer Zeit das Hauptabzeichen der Diener des mazdeischen Kultus bildende Bareçma ist nichts als ein Bündel solcher Wahrsagestäbe, deren Anwendung in Persien unter dem Einfluß der Magierkaste Eingang gefunden hatte.

Die Magier gaben ferner vor, daß sie durch bestimmte Worte 73und Handlungen himmlisches Feuer auf ihre Altäre herabziehen könnten, und legten sich überhaupt nach Herodot[80] und Diogenes Laërtius[81] alle möglichen übersinnlichen Kräfte bei. Das Herabziehen des Blitzes, welches wir auch bei den Etruskern und Römern antreffen, könnte vielleicht auf primitiven elektrischen Kenntnissen beruhen, welche bei der Ausübung der Fulguration erworben worden waren.

Endlich verbreitete sich zur Zeit der Perserkriege in Griechenland ein Buch, welches von einem Magier Osthanes verfaßt worden war und nach Plinius[82] „den Griechen einen wahren Heißhunger nach Magie beibrachte“, die von jetzt ab an die Stelle der alten rohen Goëtie trat. So viel von dem Buche bekannt ist, lehrte es allerlei Zauber- und Wahrsagekünste sowie die Beschwörung der Toten und Dämonen.[83]

74

Zweite Abteilung.
Der Zoroastrismus.

Erstes Kapitel.
Das Leben Zoroasters.[84]

Der große parsische Gesetzgeber heißt in der Zendsprache Zarethoschtro, im Pehlvi Zerathescht oder Zertoscht, und endlich im Parsi Zerduscht. Die Griechen machten aus diesen Namen Zeroasters, Zabratos, Zaratas, Zarasdes und endlich den gebräuchlichsten Namen Zoroaster. Die Bedeutung desselben ist „Goldstern“ oder „Sohn des Stern“, ähnlich wie Bar Cochba oder Nazaratos.

Nach den Zendschriften lebte Zoroaster im 6ten Jahrhundert v. Chr. und wurde zu Urmi in Aderbedschan als Sohn des Poraschasp und der Dogdo geboren.

„Dies begab sich – heißt es im Zerduscht-nameh – am Ende eines Zeitpunkts, wo Angrômainyus Macht hatte. Bosheit war gewaltig auf Erden, die Völker ohne Richter, und Angrômainyus war ihr Herrscher und Plager. Da zeigte Gott das Antlitz seiner Liebe, ließ aus Feriduns Wurzel einen Baum hervorgehen[85], Zoroaster, den Propheten der mußte die Gefangenen erlösen.“

„Dogdo, Zoroasters Mutter, hatte im sechsten Monat ihrer Schwangerschaft einen Traum voll Furcht und Schauder. Eine 75schwarze Wolke war vor ihrem Auge, die wie ein Adlerflügel das Licht bedeckte und schreckliches Dunkel erzeugte. Löwen und Tiger und Wölfe und Rhinocerosse mit Schlangen regneten aus dieser Wolke in Dogdos Haus. Das gewaltigste und grausamste dieser Ungeheuer stürzte sich auf sie, wüthete und brüllte, riß ihr den Leib auf und zog Zoroaster hervor, packte ihn zwischen die Klauen und wollte ihn umbringen. Alle Menschen erhoben ein furchtbares Geschrei, und Dogdo rief mit Zittern und Zagen: Wer will mich erretten von dem Ungeheuer, das mich erdrückt? – Sei guten Muths, sprach Zoroaster, die Ungeheuer werden nichts ausrichten, denn der Herr wacht zu meinem Schutz; lerne ihn nur kennen, Mutter! Ich, der Einzige, will die Menge der Ungeheuer bezwingen!“

„Diese Worte waren Trost für Dogdos Herz. Und am Orte der Bestien erhob sich ein hoher Berg; Sonnenglanz zerstäubte die Nachtwolke, Südwind blies, und die Ungeheuer zerstiebten wie Blätter.“

„Am hohen Tage zeigte sich ein Jüngling, schön wie der Glanz des vollen Mondes, leuchtend wie Djemschid, mit einem Lichthorn[86] in der einen Hand riß er die Wurzel der Dews aus, die andere hielt ein Buch. Er schwang sein Buch nach den Bestien, da schwanden sie aus Dogdos Haus, als wären sie zu nichts geworden. Nur die drei mächtigsten: Löwe, Wolf und Tiger blieben. Es schlug sie aber der Jüngling mit dem Lichthorn, daß sie vergingen. Da schloß er Zoroaster wieder in seiner Mutter Leib, blies sie an, und sie ward schwanger. Ohne Furcht! sprach er zu Dogdo, der König des Himmels schützt das Kind; die Welt ist voll seiner Erwartung; er ist der Prophet Gottes an sein Volk. Sein Gesetz wird der Erde Freude bringen. Durch ihn soll Löwe und Lamm zusammen trinken. Fürchte diese Bestien nicht! Wessen Helfer Gott ist, wie sollte er die ganze Welt fürchten?“

„Der Jüngling verschwand und Dogdo erwachte. Dies war gegen Mitternacht. Die zagende Dogdo suchte einen ehrwürdigen Greis auf, der erfahren war in der Traumdeutung und Kenntniß der Welt wie des Laufes der Gestirne. Sie erzählte ihr Gesicht, 76um das Unglück zu erfahren, welches sie befürchten müsse. Mein Leben lang, sprach der Alte, habe ich dergleichen nicht gehört. Bringe mir den Planetenstand bei deiner Geburt und komme in vier Tagen wieder.“

„Die drei Nächte, welche kamen, waren schlaflos für Dogdo. Als der vierte Tag anbrach, sah sie den Traumdeuter wieder, und Freudenlicht glänzte aus seinen Augen. Sein Astrolabium war zur Sonne gerichtet; er betrachtete nochmals, was sich begeben sollte, nahm darauf eine Tafel und schrieb darauf bei einer Stunde lang, indem er die Sterne beobachtete, und sprach dann zur Mutter Zoroasters: Ich sehe, was noch kein Menschenkind gesehen hat. Du bist schwanger fünf Monate und dreiundzwanzig Tage, und wenn deine Zeit gekommen ist, sollst du einen Sohn gebären[87], den man nennen wird „gebenedeieter Zoroaster“. Er soll ein Gesetz verkündigen, das der Erde Freude bringen wird. Die Verehrer des unreinen Gesetzes werden seine Widersacher sein und gegen ihn streiten. Du wirst davon leiden, wie du gelitten hast von jenen Bestien, endlich aber siegen. Der lichtglänzende Jüngling, der dir im Gesicht erschienen, ist aus dem sechsten Himmel; das Lichthorn in seiner einen Hand ist ein Sinnbild der Größe Gottes, der Zoroasters Beistand sein wird zur Vertreibung des Bösen. Das Buch in seiner andern Hand ist ein Siegel seiner Weissagung[88], vor welchem die Dews fliehen. Die drei Bestien, welche bleiben, sind drei gewaltige Feinde, die aber nichts gegen ihn auszurichten vermögen. Um diese Zeit wird ein König sein, der das vortreffliche Gesetz einführen wird. Welcher Mensch Zoroasters Worten glaubt, dem wird Gott das Paradies schenken; die Seele seiner Feinde wird zum Duzakh[89] müssen.“

„Woher, sprach Dogdo, weißt du meine fünfmonatliche Schwangerschaft? Wisse, war seine Antwort, daß ich Wahrheit sage: Die Berechnungen meiner Kunst beruhen in der Kenntniß des Himmels. So schreiben die alten Bücher.“

77

„Dogdo, deren Herz vor Freude trunken war wie von Wein, hüpfte wie die Wolken, segnete den Traumdeuter, kehrte heim und sagte Alles, was sie begeben hatte, Poroschasp, ihrem Manne.“

„Am Ausgang der neun Monate gebar sie einen Sohn. Kaum geboren, lächelte der Knabe, worüber sich alle Welt verwunderte und große Dinge weissagte.“

„Unter den Frauen in Dogdos Gemach waren Magierinnen, welche dieses Wunder, das sie im Leben noch nicht gesehen hatten[90], stumm machte. Das Gerücht des Wunders erscholl allenthalben und machte den großen Haufen der Magier bekümmert. Sie besorgten daraus Böses für sich und wollten Zoroaster umbringen. Dies entdeckte Ahuramazdâ Zoroaster[91] mit den Worten: Im Anfang verschworen sich die Dews wider den großen Zoroaster und trachteten ihm nach dem Leben. Aber Zoroaster soll reine Freude haben und die Dews überwinden.“

„Von Norden aus kommt Angrômainyus[92], aus allen Gegenden und Orten kommt der todschwangere Fürst der Dews; er läuft ruhelos, dieser todschwangere Angrômainyus, dieser Eingeber des argen Gesetzes. Dieser Darudj[93] durchstreicht die Länder und verheert sie, o reiner Zoroaster! Überall dringt er hin; er, der Dew, der Vater alles Bösen, der Verheerer, Plager und Lehrer des bösen Gesetzes.“

„Darauf offenbarte Ahuramazdâ dem Zoroaster, was beim Anfang der Welt zwischen ihm und Angrômainyus vorgefallen; wie der Arge im Anblick des künftigen Untergangs seines Reiches durch Zoroaster Alles, die Kräfte seiner Engel, gegen ihn aufgebracht von der Stunde seiner Geburt an.“

„Er mit seinem langen Arm und ausgedehnten Körper, heiliger Zoroaster, durchstreifte die weite Erde, ohne nach Ahuramazdâ dem Großen, dem gerechten Richter der Welt, zu fragen; er durchlief sie lang und breit, und da er wie über eine weitgehende Brücke war, drang er in die feste Stadt des Poroschasp. Doch war Zoroaster weit stärker als Angrômainyus, der Vater des bösen Gesetzes.“

78

„Damals lebte in dieser Gegend Fürst Duranserun, Haupt der Magier und Erster der Schüler des bösen Gesetzes.[94] Er wußte, daß Zoroaster, sobald er aufstünde, durch sein reines Gesetz alle Magie töten würde. Kaum wurde ihm des Kindes Geburt verkündigt[95], als er auf den Thron sprang wie ein Stier, zu Pferde stieg und sich mit Eifer in das Haus des Poroschasp begab. Er fand Zoroaster an der Mutter Brust, seine Wangen waren wie des Frühlings Blüte, und Größe Gottes ging von ihm aus. Belehrt von dem, was sich begeben hatte bei seiner Geburt, machte Duranserun der Zorn blaß, und er befahl seinen Leuten, daß sie das Kind greifen und mit dem Säbel zerhauen sollten. Aber der Vater der Seelen ließ seine Hand verdorren auf dem Fleck. Im Feuerzorn verließ er Zoroasters Wiege, und die Magier, wie Schlangen gekrümmt, machten sich von dannen.“

„Einige Zeit darauf nahmen sie Zoroaster und trugen ihn in die Wüste. Daselbst bauten sie einen Holzstoß von Pech und andern Feuermaterien, entzündeten ihn und warfen Zoroaster darauf und gingen mit Freude und Jauchzen, Duranserun anzusagen, was sie gemacht hätten. Dogdo hörte dies und lief wie außer sich zur Wüste, fand aber Zoroaster sanft und ruhig schlafen. Feuer war ihm süßes Wasser. Sein Antlitz glänzte wie Zohore[96] und Moschteri.[97] Sie nahm ihr Kind, gab ihm hundert Küsse und trug es heim.“

„Augenblicklich verbreiteten sich diese Wunder. Feuer hatte nicht Macht gehabt über Zoroaster, das wußte Jedermann. Darauf trugen ihn die Magier auf Befehl ihres Obersten in einen Hohlweg, den Ochsen begingen; die sollten ihn zertreten und zerreißen. Aber der größte und stärkste der Heerde ging auf Zoroaster zu wie eine zärtliche Mutter, umfaßte ihn und schlug mit dem Horn alle Stiere, die auf ihn zu wollten, und wie sie alle vorbei waren, ging der Ochse seinen Weg und ließ das Kind. Dies ward wieder ruchbar. Als Dogdo hörte, wohin man ihr Kind getragen, holte sie es heim und behielt alle diese Dinge Tag und Nacht in ihr ihrem Herzen.“

79

„Ein gewisser Zauberer Turberatorsch, berühmt durch seine Zauberkünste, sah seine Gesellen ganz muthlos und sprach: Wozu das Klagen? Ich weiß, wir können nichts gegen Zoroaster. Gott schützt ihn. Bahman[98] wird ihn zum Throne Ahuramazdâs bringen; der wird ihm alle Geheimnisse aufschließen und ihn zum Propheten der ganzen Welt machen. Er wird ihr ein Gesetz geben, und ein gerechter König wird alle Magier verderben. Poroschasp hörte den Magier vom Schicksal seines Sohnes reden und fragte: Was denkst du von seinem Lachen bei der Geburt? Turberatorsch sprach: Dein Herz freue sich: So lange die Welt steht, hat sie dergleichen nicht gesehen. Das Kind wird ein Wunder der Heiligkeit werden und den Völkern den Weg zur Reinigkeit zeigen und nach dem Wort des reinen und siegreichen Gottes Zendavesta auf die Erde bringen. Der König Gustasp[99] wird sein Gesetz annehmen. – Das waren Worte der Freude für Zoroasters Vater.“

„Poroschasps Nachbar, alt in Weisheit und Heiligkeit, kam als der Hahn krähte, und bat Poroschasp, ihm Zoroaster anzuvertrauen. Er wolle seiner pflegen und für ihn sorgen als für die zarteste und schönste Blume. Poroschasp willigte darein, und Zoroaster blieb bei dem alten Weisen, geschützt durch die Glorie Ahuramazdâs, ohne den Feuerwind des Angrômainyus und der Magier zu empfinden.“

„Nach diesem kamen Turberatorsch und Duranserun zu Poroschasp, um durch ihre Bezauberungen seinen Knaben tödlich zu erschrecken. Sie trieben Kunst auf Kunst, erregten Schrecken auf Schrecken, daß alles Volk zitterte. Zoroaster, dessen ganzes Thun und Lassen in Gott war, blieb allein beherzt, ohne einen Fuß zu bewegen. Gott ließ ihn alle Zaubereien überwinden und erfüllte die Magier mit Verzweiflung, daß sie von dannen wichen.“

„Zoroaster wurde krank, und seine Freunde sehr betrübt. Turberatorsch, der Zauberer Oberster, bereitete einen Arzneitrank aus reinen und unreinen Pflanzen aller Art. Nimm diesen Trank, sprach er zu Zoroaster, wenn du genesen willst! Zoroaster, der gleich wußte, daß dies Zauberarznei wäre, die allem Volke Ahuramazdâs 80verboten ist, nahm sie aus der Hand des Argen und goß sie auf die Erde mit den Worten: Kothseele, ich bedarf deines Mittels nicht; verübe alle deine Magie gegen mich: komme zu mir im falschen Kleide, meine Seele kennet dich doch. Der Allerhöchste läßt mich sehen, wie du bist; er, welcher der Seele Leben giebt und nimmt.“

„Magier deckten damals das Erdreich, und die meisten Erdenkinder vergaßen des Weltenschöpfers und fragten blos die Dews.[100] Poroschasp, der Diener Ahuramazdâs ließ sich vom Strom mit fort reißen und vereinigte in sich Anbetung Ahuramazdâs und Ehrfurcht vor den Dewspriestern. Eines Tages versammelte er bei sich eine Schaar kundiger Magier, unter ihnen Turberatorsch und Duranserun, und gab ihnen ein Mahl. Als sie gegessen und getrunken hatten, sprach er zu Turberatorsch: O, du, der du alle Tiefen der Magie weißt, gieb mir ein geheimes Mittel, das heute Freude in meiner Seele erzeugt.“

„Zoroaster hörte seines Vaters Begehr und sagte: Sprich nicht, Vater, solche leere Worte; du brauchst nicht solche Mittel. Geht dein Fuß nicht reinen Weg, so mußt du einst zur Hölle. Folge dem, was Gott dir zeigt, der alle Dinge gemacht hat. Du trauest falsch den Zauberkünsten und vergissest das Werk des Gottes aller Welt. Ihr Ende wird sein Abgrund und Verderben, ihrer Thaten Frucht.“

„Turberatorsch antwortete: Warum kannst du nicht schweigen, kleiner Schwätzer? Du und dein Vater, was seid ihr vor mir? Du willst mit Gewalt mein Geheimniß aufdecken? Kein Mensch hat noch also von mir geredet. Warte! Ich will dich überall beschimpfen, deine Werke verrufen; nie soll dein Herz sich freuen!“

„Heillose Kothseele, sprach Zoroaster, alle deine Lügen werden nichts vermögen. Was ich sage ist wahr. Dieser Arm soll dich zerstäuben! Durch Hülfe des großen Gottes der Allmacht will ich all dein Beginnen zu nichts machen, dich an Leib und Seele plagen! Diese Worte erfüllten die Zauberer mit Schauder, und Turberatorsch – man sollte gedacht haben, seine Seele wäre außer dem Leibe – wich von dannen und wurde heftig krank.“

81

„So erreichte Zoroaster sein fünfzehntes Jahr.[101] Er war Tag und Nacht im Gebet, sein Haupt zur Erde gebeugt, und hatte Leiden an Seele und Leib.“

„Den Bedrängten spendete er Trost und Hülfe im Geheimen. Konnte Jemand nicht in seinem Vorhaben fort, so brachte er es in Ordnung, kleidete die Armen und gab Almosen, wo es nöthig war. All sein Gold und Silber gab er dahin, und sein Name war groß bei Jung und Alt.“

„Ein Jüngling wie Zoroaster, dessen Herz nicht durch irdische Güter umfaßt, noch durch die Vergnügungen seines Alters erwärmt wurde, fand keine Lust am Umgang der der Magie ergebenen Bewohner von Urmi. Er fand seine Freude und Trost in der Weisheit bis zum fünfundzwanzigsten Jahr. Er hörte die Weisen aus Chaldäa, und die hohen Gedanken, welche er aus ihren Schriften schöpfte, waren der Keim für alle die Wahrheiten, durch welche er später Persien erleuchtete.“

„Im dreißigsten Jahr trieb ihn sein Herz nach Iran.[102] – Er kam daselbst an am letzten Tag des Jahres. Man feierte daselbst just Farvardians, d. h. das Fest der Seelen des Gesetzes[103], und die Fürsten des Reiches waren beisammen. Zoroaster wollte auch dahin, aber die Nacht überkam ihn auf dem Wege. Er legte sich hier schlafen und sah im Traum ein Heer Schlangen von Mitternacht ausziehen, welche den ganzen Weg bedeckten und keinen Ausgang ließen. Wie Zoroaster sie eine Weile anschaute, sah er ein anderes Heer von Mittag kommen. Beide stießen wüthend auf einander; dieses aber überwand.“

„Dieser Traum deutete auf die Magier und Dews, welche wie brüllende Löwen gegen Zoroaster kriegen würden, wenn er, in den Geheimnissen Gottes unterrichtet, der Welt sein Gesetz bekannt 82gemacht hätte; daß aber Mediomah[104] an dieses Gesetz glauben, dem neuen Gesandten Gottes beistehen, und die Dews und Magier durch das Lesen des Zendavesta in die Flucht getrieben würden.“

„Sobald Zoroaster der geheime Sinn seines Traumes aufgegangen war, ging er zu dem Ort des Festes und überließ sein Herz der Freude. Dann besuchte er in der Mitte des Monats Ardibehescht[105] ein großes Meer und sah sich in der Mitte eines paradiesähnlichen Landes. Bei Sonnenaufgang des Tages Dapmeher[106] dachte Zoroaster hin und her über die Widersprüche, die er nun bald würde leiden müssen, und verließ Iran mit nassen Augen. Nachdem er über den Araxes war, kam er nach wenigen Tagen an das Ufer des Meeres Daeti.[107] Er stieg in das Wasser ohne Furcht; anfangs ging es ihm bis an die Schenkel, darauf bis an die Kniee, den Leib und den Hals.“

„Diese vier Wasserhöhen deuteten auf das Wachsen seines herrlichen Gesetzes[108] zu vier verschiedenen Zeiten: unter Zoroaster, unter den Propheten Oschederbami und Oschedermah in den letzten Tagen und unter dem Sosiosch, der bei der Auferstehung die ganze Welt reinigen und zum Paradies machen wird.[109] Zoroaster wusch sich Haupt und Leib im Daeti und dankte Ahuramazdâ, wie er hindurch war. Er zog sich hierauf in die Gebirge zurück, um den Allerhöchsten zu befragen, und in allergrößter Ruhe bei sich zu betrachten, was er seinem Vaterland verkünden wolle.“

„Hier erschien ihm nun Bahman im Lichtglanz wie die Sonne. Seine Hände waren in einen Schleier gehüllt, und er sprach zu Zoroaster: Wer bist du, und was suchst du? – Ich suche, was Ahuramazdâ gefällt, dem Schöpfer beider Welten, weiß aber nicht, was er von mir will. Du, der du rein bist, zeige mir den Weg des Gesetzes. – Bahman hatte Wohlgefallen an diesen Worten und sprach: Mache dich auf, um vor Gott zu erscheinen; da sollst du Antwort hören auf dein Begehr. Zoroaster machte sich auf 83und folgte Bahman, der zu ihm sprach: Schließe deine Augen und gehe frisch. – Es war, als ob ein Adler ihn aufnähme und vor Gott brächte. – Zoroaster that seine Augen auf und sah des Himmels Glanz, Heerscharen der Engel kamen auf ihn zu; jeder fragte ihn um etwas und zeigte es mit dem Finger. Vor dem Throne Gottes betete er erst an und fragte dann um dies und das, wie Djemschid einst that.“

„Zoroaster sprach zum Allerhöchsten: Wer ist der beste deiner Diener in der Welt? – Gott, der immer gewesen ist und immer sein wird, antwortete: Der ist's, der reines Herzens ist; wohlthätig gegen den Gerechten und gegen alle Menschen; der seine Augen vom Reichthum wendet; der von Herzen Gutes thut allem Geschöpf in der Welt, dem Feuer, Wasser und Thiergeschöpfen: der soll ewig sein in Fried und Freuden. Ich hasse den, sprach Ahuramazdâ, der den Guten betrübt, der meine Diener bekümmert und außer meinen Geboten wandelt, der – sage es allem Volk – muß ewig in der Hölle sein.“

Hierauf fragte Zoroaster Ahuramazdâ über die Amschaspands[110], die ihm lieb sind, über den unreinen Angrômainyus, der nur Arges denkt, über Gute und Böse und über den Ausgang derer, die den Dews anhängen.

Ahuramazdâ sprach: „Ich bin es, der lehrt, was gut ist[111]; Angrômainyus ist der Vater des Bösen; mein Wille ist nicht der Menschen Plage. Wisse: Böses kommt nur von Angrômainyus, alles böse Thun und alles böse Denken. Die Strafe der Sünde ist in der Hölle. Die Thoren lügen, wenn sie sagen, ich thäte Böses.“

Alsdann bat Zoroaster Angrômainyus um Unsterblichkeit, damit er in allen Zeiten die Menschen im Glauben und der Befolgung des Gesetzes stärken könne. Ahuramazdâ sprach[112]: „Befreie ich dich vom Tode, so wird auch der Körper des Dew Turberatorsch davon befreit sein, und es würde alsdann keine Auferstehung 84geben. Du würdest alsdann den Tod von mir suchen.“ Ahuramazdâ gab ihm eine Speise, ähnlich dem Honig. Zoroaster aß und sah im Traum die Herzen und Gedanken der Menschen aufgedeckt. Ahuramazdâ ließ ihn alle Begebenheiten vom Ersten der Menschen bis zur Auferstehung sehen und was im letzten Weltjahrtausend geschehen würde. Beim Anblick der Plagen und Übelthaten, welche die Welt verwüsten würden, wünschte er sich nicht mehr Todlosigkeit.[113]

Ahuramazdâ lehrte ihn noch den Umlauf des Himmels[114], die guten und bösen Einflüsse der Gestirne, die Tiefen der Naturgeheimnisse, die Hoheit der Amschaspands und die Freuden der himmlischen Wesen. Zoroaster sah auch die Gestalt des Angrômainyus in der Hölle und erlöste aus diesem Reich der Finsternis einen Menschen, der Gutes und Böses gethan hatte.[115]

Als Angrômainyus ihn erblickte, schrie er mit großer Stimme: „Verlasse das reine Gesetz; wirf es wie Staub hinweg; du sollst doch in der Welt haben, was dein Herz begehrt.[116] Kümmere dich nicht um deinen Ausgang, oder bekämpfe wenigstens mein Volk nicht, o reiner Zoroaster, Sohn des Poroschasp, der du geboren bist von der, die dich getragen.“ Zoroaster sprach: „Falscher Ruhm und Glanz ist dir und allen deinen Nachfolgern in der Hölle. Mit Gottes Barmherzigkeit will ich dein Werk in Schimpf und Schande bringen!“

Zoroaster – voll göttlicher Majestät – sah nun einen Feuerberg; er mußte hinein und ging schadlos hindurch. Es wurden geschmolzene Metalle über ihn ausgegossen, und er verlor kein Haar. Darauf öffnete man ihm auf Befehl Ahuramazdâs den Leib und nahm Alles heraus. Wen Gott schützt, dem ist Feuer in der Hand wie Wachs, und wenn er auch durch Feuer oder Wasser muß, so fürchtet er doch nichts.[117]

85

Ahuramazdâ sprach: „Sage nun allem Volk, was du gesehen hast, du, sein Hirte! Wer nun Angrômainyus unreinen Weg wandelt, aus dessen Leib sollen Blutflüsse fließen, und er soll den Feuerflammen übergeben werden, wie dir gezeigt ist. Vom Fluß des geschmolzenen Metalls siehe diese Deutung: Ein Menschengeschlecht wird das Gesetz verlassen und Angrômainyus anhängen; aber die Mobeds werden sich rüsten wider die Dews zu streiten. Zweifelsucht wird über die Menschen Gewalt üben, aber dieser Feuerstrom soll sie aufzehren. Aderbad Mahrespand[118] wird erscheinen und die Menschen lehren Alles, was sie wissen müssen. Geschmolzene Metalle werden über ihn gegossen werden, ihm aber nicht schaden. Dieses Wunder wird alle Zweifel wie Staub verschwinden machen und den rechten Weg zeigen.“[119]

Darauf befragte Zoroaster Ahuramazdâ, der alle Geheimnisse weiß, um die Pflichten seiner Diener – Desturs und wachsamen Mobeds – um die Art zu beten und sein Gesicht zu kehren. Der Allernährer jedes Tags und Allgenugsame sprach: „Sage den Menschen, daß mein Licht verborgen ist unter allem, was glänzt.[120] Richte dein Antlitz gegen das Licht und thue meine Gebote, so wird Angrômainyus fliehen; in der Welt geht nichts über das Licht.“

Dann lehrte Ahuramazdâ Zoroaster den Zendavesta und sprach: „Lies ihn vor dem König Gustasp, damit er ihn in seinen Schutz nehme; zeige ihm, wer ich bin, damit er Mitleiden und Güte beweise; lehre ihn Alles und unterrichte auch die Mobeds an meiner Statt, daß sie den Weg Angrômainyus meiden.“ Über diese Gebote freute sich Zoroaster und dankte Ahuramazdâ.

Nun kamen die Amschaspands zu Zoroaster, um ihre Aufträge auszurichten. Bahman, der die Tiere schützt[121], sprach: „Ich überlasse dir die Thiere und Herden; laß die Mobeds dafür sorgen. 86Kein junges und nützliches Thier müsse getödtet werden; das sage Alt und Jung: ich habe sie von Ahuramazdâ empfangen und darf sie keinem Bösen anvertrauen.“

Der glänzende Ardibehescht[122] sprach: „Sage in meinem Namen Gustasp, Diener des reinen Gottes, ich habe dir alle Feuer empfohlen. Laß Desturs, Mobeds und Herbeds[123] dafür sorgen, daß sie nicht getilgt werden, weder durch Wasser, noch Koth, daß jede Stadt ein Atesch-gah[124] habe und diesem Element zum Lobe die vorgeschriebenen Feste feiere, denn der Glanz des Feuers kommt vom Glanze Gottes. Was ist Schöneres in der Welt? Er will nur Holz und Gerüche; Jung und Alt bringt ihm die, und er wird die Gebete erhören. Ich überlasse es dir, wie es mir von Ahuramazdâ überlassen ist. Wer mein Wort nicht hört, der geht zur Hölle.“

Shariver[125] befahl, die Waffen – Säbel, Lanze &c. – nicht verrosten zu lassen.

Espendarmad[126]: die Menschen sollten nach dem Willen dessen, der alles segnet, die Erde vor Blut bewahren, vor Unreinigkeiten und Todten; alles Unreine und Todte an besondere Orte schaffen, die Erde fleißig bauen usw.

Chordad[127] empfahl ihm alles Wasser unter und über der Erde, in Quellen, Flüssen, Brunnen usw. Wasser giebt allem Lebendigen Stärke, macht grün usw.; deshalb darf man nichts Unreines und Todtes hineinwerfen.

Amerdad[128] sprach von Früchten und Bäumen und befahl sie nicht muthwillig zu beschädigen.

Noch wurde Zoroaster befohlen: „Laß die Desturs in alle Welt gehen und die Menschen zum Glauben an Ahuramazdâs Gesetz bekehren.[129] In jedem Ort bestelle einen zum Lehrer des 87Gesetzes und der Gerechtigkeit, der den Zendavesta liest und zu Gott, dem Schöpfer der Welt, betet. Alle Menschen sollen sich nach der Seite des Rechts wenden, mit dem Kosti[130] umgürtet sein, dem Kennzeichen der Schüler des heiligen Gesetzes, und rein erhalten die vier Elemente des Menschenkörpers, Luft, Wasser, Feuer, Erde; dann wird alles blühen und den Segen des Allerhöchsten genießen.“

Dies waren die Lehren, welche Ahuramazdâ und die Amschaspands ihrem Diener Zoroaster erteilten.

Da nun Zoroaster außerdem noch auf den Bergen Offenbarungen von Ahuramazdâ erhielt, so heiligte er in den Gebirgen Persiens dem Mithra[131] eine Höhle. Diese Höhle sollte ein Bild der Weltschöpfung durch Mithra sein, und die Dinge, welche in ihr in abgemessenen Entfernungen von einander lagen, sollten die Harmonie des Weltalls darstellen, die Bewegung der Planeten und Fixsterne und den Aufenthalt der Seelen auf denselben.

Nach Origenes[132] hatten die Perser in den später allenthalben entstandenen Mithrasgrotten eine symbolische Leiter von acht Sprossen. Die erste aus Blei bestehende Sprosse stellte den Saturn, die zweite aus Zinn bestehende den Jupiter, die dritte aus Eisen bestehende den Mars, die vierte aus Kupfer bestehende die Venus, die fünfte aus gemischtem Metall bestehende den Mercur, die sechste, silberne, den Mond, die siebente, goldene, die Sonne und die achte den Fixsternhimmel dar.

Auch im neueren Parsismus nimmt man sieben den Planeten entsprechende Himmel mit verschiedenen Graden der Seligkeit an. Über sie alle geht Gorotman, die Wohnung Ahuramazdâs und der himmlischen Geister. Gorotman ist die achte Stufe der Leiter des Origenes.

Nachdem Zoroaster die Offenbarungen Ahuramazdâs und der Amschaspands erhalten hatte, kehrte er in die Welt zurück. Die 88Dews und Magier versuchten ihn zu bekriegen, konnten aber nichts ausrichten. Der oberste Magier sprach: „Sprich du immerhin Avesta, du sollst gegen uns doch nichts können.“ Da ward Zoroaster zornig und sprach Avesta in Zend[133], da flohen alle Dews und verbargen sich in den Abgründen der Erde. Die Magier erfüllte Schrecken und Verzweiflung; ein Teil derselben starb, der andere bat um Gnade.

Nunmehr nahte sich Zoroaster auf der Straße von Balkh dem Palaste des Gustasp.[134] An einem Glückstag kam er in die Stadt und ruhete ein wenig; dann betete er zu Gott und ging zum König. Da er nicht vor sein Angesicht kommen sollte, spaltete er das Dach des Hauses darin der König Hof hielt.

Die Hofleute flohen, und nur Gustaspes blieb allein ohne Schrecken. Die Hofleute aber bestanden aus den Großen Irans und den berühmtesten Weisen. Der nähere und entferntere Zutritt zu seiner Person war die Belohnung ihrer größeren oder geringeren Verdienste.

Zoroaster trat vor den glänzenden Gustaspes und segnete ihn. Getroffen durch Zoroasters Worte der Weisheit, fragte der König seine Weisen, wer er wäre. Zoroaster setzte sich und redete unerhörte Dinge und beantwortete die Fragen, daß alle staunten.

Darauf breiteten die Weisen ein Decke auf den Fußboden und setzten sich um Zoroaster.[135] Jeder fragte ihn besonders, so viel er konnte, um die alten Wissenschaften und bewunderte die Tiefe und Weite seiner Einsicht. Gustaspes fragte auch nach der Weisheit der Alten und vernahm mit der Freude des Herzens seine Antwort und schenkte ihm darauf eine herrliche Wohnung neben 89sich. Die Weisen sannen die ganze Nacht auf Fragen, womit sie Zoroaster beschämen wollten; er aber betete die ganze Nacht und dankte Gott für den Sieg über sie.

Bei Tagesanbruch fanden sich die Diener und Weisen beim König ein. Sie redeten von vielen Dingen, aber Zoroaster war ihnen immer überlegen. „Was will daraus werden?“ sagten sie.

Wie ein scharfschneidendes Schwert war seine Zunge gegen sie, und ihre Fragen aus der Weisheit beantwortete er hundertfältig. Gustaspes erwies ihm Ehre über Ehre, und Zoroaster mußte ihm seinen Stand, Namen, Familie und Geburtsort anzeigen. Am folgenden Tag Ahuramazdâ war Versammlung aller Großen, Heerführer und Weisen. Des Königs Diener aber entbrannten vor Zorn und sprachen: „Was, ein Fremdling will uns unsern Namen rauben? Wohlan, wir wollen zusammenhalten und alle seine Reden unnütz machen!“

Aber Zoroaster machte, daß am Tage Ahuramazdâ[136] wie an den vorigen Tagen alle Großen und Weisen verstummen mußten, und er wurde groß vor Gustaspes und sprach: „Ich bin von Gott ausgegangen, der die sieben Himmel gemacht hat, die Erde und die Sterne; von dem Gott, der Leben und Nahrung giebt Tag vor Tag und sich seines Dieners annimmt; der dir die Krone aufgesetzt hat und dich schützt und deinen Körper aus dem Nichts gezogen. Durch ihn regierst du und hast Gewalt über seine Knechte.“ Zoroaster stellte Gustaspes Avesta vor und sprach: „Gott hat mich den Völkern gesandt, daß sie sein Wort in Zend, Ahuramazdâs Willen, annehmen. Thust du Gottes Willen, so wirst du Glanz haben in der andern Welt, wie dieser; hörst du aber sein Wort nicht, so wird Gott in seinem Zorn deine Krone zerbrechen, und dein Ende der Duzakh[137] sein. Neige dein Ohr den Belehrungen Ahuramazdâs und thue nicht mehr den Willen der Dews.“[138] – Gustaspes sprach: „Was thust du zum Beweis deiner göttlichen Sendung für Zeichen, daß ich deinen Worten glaube und dich wider Ungerechtigkeiten schütze?“

90

„Wer das thut, was ich lehre, sprach Zoroaster, wird große Wunder thun. Gott hat mir gesagt: Wenn dein König Zeichen fordert, so sprich: Lies nur Zendavesta, so brauchst du keine Wunder. Das Buch selbst, das du siehst, ist Wunder genug. Es wird dich lehren, was in beiden Welten ist, der Sterne Lauf und den Weg des Guten.“ – „So lies denn Zendavesta“, sprach Gustaspes. Zoroaster las ein ganzes Stück, und der König fand nicht Geschmack, denn die Größe von Avesta ging über seinen Verstand. Er war wie ein Kind, das nicht köstliche Steine schützt; wie ein Unwissender, der nicht kennt den Wert der Wissenschaft.

Der König sprach zu Zoroaster: „Ich billige deine guten Wünsche für mich; aber wir müssen die Sache besonders ansehen. Ich will untersuchen und dir meine Zweifel darlegen. Um nicht Lüge zu glauben, will ich Zendavesta lesen, und was ich klar erkenne, dem will ich folgen.“ Zoroaster freute sich über den König und versprach zur Zerstreuung seiner Zweifel alle Zeichen zu thun, die der König verlangte.

Die Weisen des Königs gestanden, daß Zoroasters Lehre rein sei; daß man aber, um sich von seiner göttlichen Sendung zu überzeugen, ein außerordentliches Zeichen von ihm verlangen müsse. „Welches denn?“ fragte der König. Die Weisen antworteten: „Wir wollen ihn stark binden, mit Kräutern, deren Kraft wir kennen, reiben und ein Man[139] geschmolzenes Erz über ihn ausgießen.“ Zoroaster war damit zufrieden, legte den Zendavesta vor sie und sprach: „O Gott, wenn dieses Buch dein ist, so zeige es jetzt!“ Man goß geschmolzenes Erz auf seine Brust, und es schmerzte ihn nicht. Zoroaster that noch andere Wunder als: er pflanzte eine Cypresse, die in wenig Tagen zu einem großen Baum erwuchs[140] usw.

Nun glaubte Gustaspes, und Zoroaster erklärte ihm den ganzen Zendavesta. Des Königs Diener wurden eifersüchtig und sannen auf Mittel ihn zu stürzen. Einst erhielten sie durch Bestechung den Schlüssel zu Zoroasters Gemach im Palast des Königs. Sie trugen Blut, unreine Dinge, Haare, Leichname usw. zusammen, 91alles in einen Sack und legten es in sein Bett unter das Kopfkissen. Darauf gingen sie zum König und sprachen: „Zoroaster ist ein großer Betrüger; die ganze Nacht zaubert er und erfüllt dein Reich mit Gräueln.[141] Du bist unser König, und wir sagen nichts, als was wir wissen; du kennst diesen Schalk noch nicht!“ Gustaspes dachte dem nach und wollte doch wissen, ob es wahr wäre. Zoroaster, der sich seiner Unschuld freute, öffnete ganz ruhig sein Gemach; aber da fand man Nägel, Todtengebeine usw.[142] Gustaspes zeigte das Alles seinen Dienern, und sie verfluchten Zoroaster. „Du Unreiner!“ sprachen sie. „Ist das nicht Rüstzeug der Zauberer?“ Zoroaster berief sich auf den Thürhüter, welcher sagte, kein fremder Wind sei in sein Gemach gegangen. Gustaspes glaubte und nannte Zoroaster einen Hund, warf ihm den Zendavesta vor die Füße und ließ ihn in Eisen legen. Solch ein Zauberer sei noch nicht in der Welt gewesen, denn er könne die Welt umkehren. – Täglich bekam Zoroaster im Kerker ein Brod und einen Krug Wasser. Nach sieben Tagen offenbarte ein Wunder seine Unschuld. Der König hatte ein Lieblingspferd, das war schwarz. Er glaubte, wenn er dasselbe reite, so folge ihm der Sieg. Plötzlich hatten sich diesem die Beine in den Leib gezogen, und kein Arzt oder Weise wußte Hülfe. Der König aß und trank nicht, und die ganze Stadt war Trauer und Klage. Zoroaster hörte es endlich und sprach: „Lasse mich der König aus dem Kerker, so soll sein Pferd gesund sein.“

Es geschah. Als Zoroaster vor den König kam, sprach dieser: „Von dem, was du mir sagst, begreife ich nichts; heilst du aber mein Pferd, so bist du ein wahrer Prophet.“ Zoroaster sprach: „Zuerst mußt du glauben[143], daß ich ein Prophet Gottes bin, der dir dein Gesicht gegeben hat und darin einen Charakter ausdrückt.[144] Wenn dein Herz ist wie deine Lippen, so soll dein Wunsch geschehen.“ Gustaspes versprach sein Leben lang das Gesetz zu halten, zu thun, was recht sei, und Gott zu ehren. Darauf rief Zoroaster Gott an und weinte, und dem Pferde kamen die Beine wieder.

92

Vor dem Heraustreten des zweiten Beines mußte der Held Espendiar versprechen, daß er Zoroaster und sein Gesetz schützen wolle. Vor dem Heraustreten des dritten ließ sich Zoroaster in das Innerste des Palastes führen und verkündete dem ganzen königlichen Hause den Zendavesta. Endlich mußte der Thürhüter die Betrüger unter den Dienern des Königs entdecken, die ihn in Ungnade gebracht hatten. Der König bedrohte ihn mit dem Leben, die Wahrheit zu sagen. Er fiel auf sein Angesicht und bat um Gnade. „Die Weisen haben mich bedroht, sprach er, und wie sollte ich denen widerstehen, die mein Herr und König ehrt?“ – Die vier vornehmsten der Weisen wurden gespießt. Zuletzt sprach Zoroaster: „Gottes Macht ist so groß, daß er thut, was er will, ohne daß man fragen darf, wie und warum?“ Von nun an fragte der König Zoroaster um Alles, was er vornehmen wollte. Einst sprach er: „Mein Herz verlangt vier Dinge, die eben so groß und wunderbar sind als Gottes Gesetz: Zu wissen, was für ein Ort mir in in der andern Welt bestimmt ist; daß ich mich vor keinem meiner Feinde fürchte; daß ich sehe, alles Gute und Böse, was in der Welt sich begeben wird, und daß meine Seele im Körper bleibe bis zur Auferstehung.“[145]

„Ich will zwar, sprach Zoroaster, um diese vier Dinge von Gott bitten; du mußt dich aber an einem begnügen und den drei Vornehmsten deines Hofes die andern überlassen; denn Gott schenkt sie alle nicht einem Menschen allein, damit er nicht sagen könne: ich bin allmächtig.“ Da verlangte Gustaspes seinen Ort in der andern Welt zu wissen.

Am Morgen des andern Tags kam Zoroaster vor den König, der auf einem goldenen Thron saß. Er hatte den König kaum gesegnet, so standen vier edle Krieger im reichsten Waffenschmuck und hoch wie Berge vor der Thüre. Sie hießen Bahman, Ardibehescht, Chordad und Adergoschasp.[146] Sie sprachen: „Gott hat uns zu dir gesandt, König der Länder, um dir zu sagen, daß, wenn du Zoroasters Worten glaubst, du vor der Hölle bewahrt bleiben sollst, denn ich, sagt Ahuramazdâ, habe ihn gesandt.“

93

Der König war eine Zeit lang sprach- und sinnlos. Als er wieder bei Sinnen war, sprach er: „Ich, der Geringste unter den Dienern Ahuramazdâs, bin zu allem bereit, was ihr mir gesagt habt.“ Der König sprach zu Zoroaster: „Ich übergebe mich dir mit Leib und Seele, wie mir Ahuramazdâ befohlen hat.“ Zoroaster antwortete: „Sei getrost und guten Muths; du sollst sehen, was du verlangt hast!“ Er verrichtete darauf das Darunopfer mit Wein, Wohlgerüchen, Milch und einem Granatapfel. Nachdem er diese Dinge und las Zendavesta und trank von dem Wein und gab den Becher dem König, der auch trinken mußte und wie berauscht einschlief. Im Schlafe, der drei Tage dauerte, erhob sich seine Seele zum Throne Gottes und sah seinen Kerdar[147] in Reinheit glänzend, seinen Platz, der für ihn und die Heiligen im Himmel bereitet war.

Dem zweiten Sohn des Gustaspes, Paschutan, gab Zoroaster die Milch zu trinken. Er wurde dadurch unsterblich. Djamaspes, der Diener des Gustaspes, bekam die Gerüche und damit alle Weisheit und die Erkenntnis alles Geschehenden bis an die Auferstehung. Espendiar endlich genoß einige Granatkerne, und sein Körper wurde fest wie ein Fels, aller Verwundung unfähig; daher nannte man ihn „Kupferleib“ (Ruintan).

Als der König nach drei Tagen erwachte, sprach er: „O Gott der beiden Welten, dein Reich wird währen von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Er berief hierauf Zoroaster zu sich und sagte Alles, was er gesehen hatte, und befahl auch allen seinen Unterthanen, dem Gesetz zu gehorchen.

Nun verlangte der König, daß Zoroaster von einem erhabenen Sitz den Zendavesta vorlesen sollte, damit ihm alle Zweifel benommen würden und er das Gesetz vollkommen verstehen lerne. Zoroaster that dies mit Herzensfreude und begann mit dem Gebet an Gott. Durch das Lesen erzitterten alle Dews und flohen in die Abgründe. Darauf ließ Zoroaster die reinen Mobeds und Herbeds zu sich kommen und redete mit ihnen in Gegenwart des Königs der Könige von den verschiedenen Arten des Feuers, zeigte ihnen den Dienst derselben &c. Er ließ auch ein gewölbtes Gemach 94bauen, darunter das Bild eines halben Mondes setzen, und in dieses Gemach einen mit Gold und Silber bekleideten Thron; es wurde auch allenthalben bedeckt, damit kein Unreiner es sehen könne. In diesen Atesch-gah wurde das heilige Feuer[148] gebracht, und Zoroaster befahl, daß an jedem Ort ein ähnlicher Atesch-gah erbaut werden solle. Da war das Herz der Diener Ahuramazdâs in Freude und das der Anbeter der Dews[149] in Traurigkeit.

Vor dem Atesch-gah gab Zoroaster dem Gustaspes noch folgende Ermahnungen: Den Anfang machte eine Lobpreisung Gottes, der alle Welt geschaffen hat, und die Bösen am Ende, wie er sie aus dem Nichts genommen, wieder ins Nichts zurückbringen wird; er, der den Himmel gemacht und den Sternen Glanz gegeben, dessen Reich ohne Ende dauert, der ein König alles Lichtes und aller Herrlichkeit ist.

Darauf erklärte Zoroaster dem König das Gesetz nach den Zendbüchern und sprach also: „Betest du Gott an in der Wahrheit, so wirst du zum Himmel gehen. Angrômainyus ist Ahuramazdâs Feind; er wendet das Herz der Menschen unaufhörlich vom Gesetz der Gerechtigkeit und sucht sie nach sich in die Hölle zu ziehen, um seine natürliche Wuth zu stillen, denn der Menschen Unglück ist der Hölle Freude. Am Ende werden die Sünder von den Dews verspottet, welche sagen: Warum hast du den Weg der Gerechtigkeit verlassen und bist den Weg der Finsterniß gewandelt?“

Zoroaster fuhr fort: „Gott, der herzliches Mitleiden mit seinen Dienern hat, hat mich mit dem Gesetz zu ihnen gesandt, damit sie den Weg des Bösen verlassen. Wer sein Herz vom Übel wendet, der wird ewige Freude haben. Möchte doch der Ungerechte seine Ungerechtigkeiten verwünschen und Andere mit sich auf den Weg der Wahrheit führen.“

„Der Gott der Welt hat mich zu dir gesandt, o reiner und 95gerechter König, und gesagt: Verkündige meinen Dienern, daß sie nicht von meinen Geboten weichen; lehre die Völker der Erde den Weg des verwünschten Angrômainyus zu hassen und meinen Weg der Gerechtigkeit zu wandeln; dann werden sie in den Himmel gelangen. Wer ihn verläßt, der muß mit Angrômainyus in der Hölle sein.“

„Siehe, noch folgenden Unterricht hat mir Ahuramazdâ gegeben.“

„Die Welt ist wie nichts in den Augen dessen, der sie gemacht hat. Auch die längste Geschlechtsreihe muß ihr Ende haben.“

„Du siehst diese runden Gewölbe – er zeigte nach dem Himmel und dem Atesch-gah[150] –; hier wird einst der König mit seinem Unterthan, der Herr mit dem Knecht vereinigt sein.“

„Lehre nie, was du nicht von mir gehört hast, und am Ende will ich mich deiner erbarmen; denn ich finde nicht Wohlgefallen an deiner Sünde; ich will dein Böses und deine Strafen mindern.“

„Bei deinen Handlungen werden die Früchte sein, je nachdem du gepflanzt hast. Wer in der Welt Reinigkeit säet, dem wird sie im Himmel zu Theil. Gott spricht ein Wort, dazu und davon kommt nichts: Wer Sünde thut, wird in der Hölle Schande tragen.“

„Siehe, was Ahuramazdâ über die verständigen Mobeds sagt: Das Wasser der Größe[151] ist Ebenmaaß, das weder zu viel noch zu wenig hat. Wenn diese Wahrheit schon gesagt ist, bin ich ein Lügner; wenn aber noch kein Mund etwas Ähnliches hervorgebracht hat, so muß man meine Worte nicht mit einem bösen Herzen betrachten. Der Mensch soll vielmehr wissen, daß dies Worte des reinen Gottes sind und nicht der unreinen Dews. Denn die Dews würden nicht so reden und Gott lobpreisen.“

„Von allen, die als Propheten in die Welt gekommen sind und den Völkern Gesetze gegeben haben, hat noch keiner gezeigt, was auf Erden ist oder geschehen wird. Nur Zoroaster, der Reine, hat nach Zendavesta verkündigt, was sein wird; Gutes und Böses, das nach der Weltschöpfung bis zur Auferstehung verborgen geblieben 96sein würde, hat er aufgedeckt. Er hat uns die Dews kennen lehren, Gerechtigkeit und gute und böse Thaten.“

„Noch kein Prophet hat mit reinem, geraden, menschlichen und fehlerlosen Herzen gebetet als Zoroaster, der Meister des reinen Gesetzes, der Lobpreiser und Vertraute Ahuramazdâs.“

„Ahuramazdâ sagt zum Menschen des Gesetzes: wer Gutes thut, wird guten Lohn empfangen, nachdem sein Gutes ist.“

„Ahuramazdâ verkündet dies den Völkern der Welt: Die Seelen aller Menschen müssen einige Zeit in der Hölle dauern, nachdem ihr Böses ist, groß oder klein.“

„Noch zuletzt sagt Ahuramazdâ: Wer nicht dein Schüler ist, über den frage nicht, wie es mit ihm werden wird; Strafe erwartet ihn am Ende seiner Tage.“ –

Der Eifer des Gustaspes war die feste Stütze Zoroasters. Es wurden Atesch-gahs errichtet, und zwar zuerst dem Feuer Farpa[152], das Djemschid heilig ist, auf dem Berge Charesom, neben Kasbin im Vardjemguerd; ferner dem Feuer Goschasp[153], dem Kekhosro auf dem Berge Asnevand in Aderbedjan einen Atesch-gah gebaut hatte; und dem Feuer Burzin-meher und Behram[154], das aus verschiedenen Feuern bestand. Allenthalben wurden nun auch Gesellschaften von Mobeds und Desturs gegründet.

Zu Kaschmer[155] in Khorasan war ein sehr berühmter Atesch-gah. Neben dem Tempelthor pflanzte Zoroaster eine Cypresse, in deren Rinde er die Annahme des Gesetzes durch Gustaspes schnitt. Wie nun nach einigen Jahren diese Cypresse groß und stark genug geworden war, so baute man darüber einen Palast, der in der Höhe und ins Gevierte vierzig Ellen hielt. Er schloß zwei Säle ein, deren Decke mit Gold, deren Fußboden aber mit Silber überzogen war; die Mauern waren mit köstlichen Steinen ausgeschmückt. Daselbst hing man die Bildnisse Djemschids und Feriduns auf. Hierher zog Gustaspes, als seine Stunde gekommen war, daß seine Seele sich in den Himmel erheben wollte. Vor seinem Ende ließ dieser Fürst den Satrapen aller Provinzen bekannt machen, daß sie zu Fuße nach dieser Cypresse wallen, an Zoroasters Gesetz glauben 97und allem Götzendienst von Turan und Tschin absagen sollten. Diesem Gesetz kam man teils mit Lust, teils aus Furcht nach.

Zoroasters Name drang bis Indien. Der Brahmine Tschengregatscha, der die Weisen der Welt gebildet hatte, und dessen Bücher in Iran sehr berühmt waren, hörte von einem ihm unbekannten Propheten, der den König von Iran und seine Diener und alle seine Länder bekehrt habe. Er schrieb daher mit dem Eifer eines Mannes, der sich für die Stütze der Wahrheit hält, an Gustaspes.

Sein Brief begann mit dem Namen Gottes, des Allbeherrschers, der den kreisenden Himmel zu seinen Füßen hat und Leib und Seele des Menschen geschaffen. Hierauf erhob er den König mit einer Lobpreisung und bezeugte, daß er von einer neuen Religionsform gehört habe, die ihn tief schmerze und ruhelos lasse. Er sagte: „Ein Betrüger, ein Heuchler, hat Iran verführt. Dergleichen hat sich weder unter Feridun, noch unter Kobad, noch unter Djemschid, noch unter Kaus begeben. Die Einwohner Irans haben sich einem jungen Mann[156] ergeben und seine Lügen gläubig angenommen. Was mich am meisten wundert, ist Djamaspes, der Diener des Königs Lohraspes. Er hat mehrere Jahre hindurch meine Lehren gehört; ich habe ihm nichts von meiner Weisheit verhalten. Er, der Andere hätte vor Gefahr schützen sollen, ist selbst in die Schlingen gefallen. Ich weiß nicht, welches Netz ihm gestellt ist, daß seine Kraft ihn verlassen hat, und er mit Schande verstummt ist.“

Hierauf gab Tschengregatscha Gustaspes den Rat, sich ja nicht durch dieses Betrügers Zaubereien, noch durch seine gleißenden Worte fangen zu lassen. „Ich selbst will mich aufmachen, sprach der Brahmine, ihn seiner Lügen überführen und auf Alles antworten, was er vorbringen wird. Du, o großer König, mußt ihn so lange bewahren, bis ich komme, und wenn ich alsdann werde die Schande dieses Schurken aufgedeckt haben, so werde ich dich um seine Bestrafung bitten, damit kein Ähnlicher in Zukunft das Herz habe, die Völker durch falsche Gesetze und Neuerungen in der Religion irre zu führen.“

98

Als dieser Brief Tschengregatschas anlangte, befand sich Djamaspes bei Gustaspes. Die Schreiber mußten ihn lesen, und der König sprach zu seinem Diener: „Kein Andrer als du bist im Stande, die Sache einzusehen. Prüfe sie und antworte Tschengregatscha, wie du es für passend erachtest.“ „Ich bin unbeweglich im himmlischen Gesetz“, sprach Djamaspes, „ich glaube an Gottes Wort. Kein Mensch kann aus sich selbst wissen, was Zoroaster weiß, noch thun, was er thut. Gott muß sein Lehrer sein. Doch glaube ich auch, o großer König, daß kein Mensch auf der Welt so weise sei wie Tschengregatscha. Ich habe seine Bücher gelesen, Iran verlassen und ihn in Hindostan aufgesucht; er hat meine Seele in allen Wissenschaften ausgebildet. Ich halte es also für das Beste, daß man ihn mit Güte bitte, nach Iran zu kommen, damit er selbst das Gesetz des Himmels annehme; dadurch werden, wenn die Welt es hört, alle Zweifel gegen Zoroasters Gesetz völlig vernichtet werden.“

Tschengregatscha erhielt folgende Antwort: „Wir haben deinen Brief gelesen. Was du von Zoroaster gehört hast, ist wahr. Wir glauben an sein Gesetz. Wir sagen dir hiermit, daß wir uns der Weisheit und den Lehren Zoroasters ergeben haben. Mit unsern Augen haben wir seine unglaublichen Thaten gesehen. Wir haben seine Worte gehört, seine Bücher gelesen, und kein Mensch kann etwas dagegen sagen. Wir haben die Weisen aller Länder berufen, und alle haben sie der Weisheit seiner Antworten weichen müssen. Die Großen Irans beneiden ihn nicht mehr, sondern glauben an sein Gesetz und sagen: Kein Mensch kann solche Dinge aus sich lernen; der Mund Gottes muß sie ihm sagen. Wundert dich das, so komme selbst und du wirst über die Tiefe seiner Weisheit staunen. Dem denke fleißig nach. Gott leite dich!“

Tschengregatscha wurde mit Freude erfüllt, als er dieses las. Er las noch eine Menge Bücher, um die ganze Weisheit der Vorwelt in sich zu sammeln, und erdachte zwei ganze Jahre hindurch ohne Schlaf und Ruhe die schärfsten, tiefsten und feinsten Fragen. Den Weisen von Hindostan schrieb er, daß sie sich wie Löwen bereiten sollten, mit ihm zu ziehen. „Fürchtet euch aber nur nicht“, sprach er zugleich; „ganz Iran soll noch sagen: Wer Weisheit sucht, muß nach Hindostan, und über Tschengregatscha ist kein 99Menschenkind weise.“ – Der Brahmine schrieb darauf an Gustaspes: „Ich bin bereit, mit meinen Weisen vor deinen Thron zu kommen, und dich und die Herzen deiner Unterthanen vom Irrthum zu erlösen.“ Es wurden nun alle Anstalten der Pracht und des Glanzes gemacht. Tschengregatscha stellte sich am siebenten Tag nach seiner Ankunft in der Königstadt vor den Thron des Gustaspes, segnete ihn und sprach: „Es sei mir erlaubt, o König, mit dir zu reden!“ Gustaspes antwortete: „Hier ist nicht der Ort des Kampfes mit der Lanze oder aus Neid; sondern Thaten, Fragen, Worte, das sind die Waffen, welche die Zweifel auflösen müssen.“ Es wurden hierauf zwei goldene Throne gesetzt für Tschengregatscha und Zoroaster, dessen lichtglänzendes Antlitz die Blicke aller Weisen auf sich zog. Tschengregatscha erhob sich und sprach: „Gerechter König! Wir sind hier versammelt aus zwei Ursachen; erstlich, daß ich diesem Mann, welcher Gottes Prophet sein will, Fragen vorlege und, wenn er sie lösen kann, ich mit meinen Freunden, den Weisen Hindostans, sein Gesetz annehme; zweitens aber, daß du ihn zur Stunde strafest, wenn meine Fragen ungelöst bleiben.“ Gustaspes sprach, daß er nach der bloßen That richten werde und sich durch keine Vorliebe für irgend eine Partei binden lassen wolle.

Zoroaster sprach zu Tschengregatscha: „Zum Besten meines Gesetzes will ich vor dem Ersten der Völker ein Neues thun, was den Augen als Wunder erscheinen muß. Völker haben mich schon gehört; neige auch du dein Ohr gegen einen der göttlichen Nosks[157], den ich vorlesen will; oder gefällt es dir, so laß ihn einen deiner Schüler vorlesen.“ Die Weisen hörten nun mit Aufmerksamkeit einen Nosk des Avesta an. Dieser Nosk enthielt die Lösung aller Fragen, auf welche Tschengregatscha zwei Jahre lang gesonnen hatte.

Kaum war das Lesen beendet, so rief Tschengregatscha ganz in Verwunderung versunken aus: „Wie, ich bin schon grau, und Alles, was mir Gott erschlossen hat von meiner Jugend an bis heute, das Alles habe ich eben aus Avesta gehört. Welche Wissenschaft hat dies errathen können? Auf wie Vieles habe ich nicht in den zwei Jahren gedacht, welche Fragen, die mir so viel Mühe gemacht haben, und von denen ich glaubte, daß sie in zweihundert 100Jahren nicht aufgelöst werden könnten! Keinem Menschen habe ich sie eröffnet, o König des Ruhms! Ich erkenne das Übermenschliche, das Werk Gottes!“

Tschengregatscha bezeugte hierauf, daß er an Avesta glauben und Zeit seines Lebens danach handeln werde. Zoroaster empfahl ihm die Anbetung Ahuramazdâs, Reinheit des Leibes und der Seele und verhieß ihm einen Platz im Himmel. Zoroaster umarmte Tschengregatscha und gab ihm eine Abschrift vom Avesta; auch wurde wegen der wunderbaren Bekehrung dieses Brahminen, welche nach allen Enden der Welt erscholl, ein Fest von sieben Tagen gefeiert. Tschengregatscha studierte nun sein Leben lang im Avesta und entzündete die Brahminen mit gleichem Eifer. Mehr als achtzigtausend der Weisen und Häupter von Indien, Sind und andern Reichen glaubten an Zoroasters Avesta.

Nach der Bekehrung Tschengregatschas begab sich Zoroaster nach Babylon, um den Chaldäern den Avesta zu lehren, und soll daselbst auch Pythagoras unterwiesen haben. Dann begleitete er Gustaspes nach Istakhar, nachdem er die von ihm so gerühmten „reinen Seelen“[158] in den Provinzen Serman, Saenan und Dahu besucht hatte.

Nach etwa zwanzig Jahren wurde die zoroastrische Religion dem König von Turan mißfällig, und selbst verschiedene vom König von Iran abhängige Fürsten waren dagegen. Unter andern Sal und Rustem, Fürsten von Sistan, Vater und Sohn. Darum glänzen ihre Namen auch nicht in den Zendbüchern, obschon ihre Ahnen, Sam und Guerschaspes, als alte Helden Persiens darin verewigt sind.

Nicht so mild wie gegen diese Fürsten, an denen er sich nur durch Stillschweigen rächte, verfuhr Zoroaster gegen den Dewsanbeter Ardjaspes, König von Turan.

Ardjaspes stammte von Afrasiab und war nach dem Schah-nameh einer der mächtigsten Fürsten Asiens. Er hatte vom Könige Irans einen jährlichen Tribut erzwungen und besaß auch im westlichen Iran am kaspischen Meer Ländereien; auch haßte er 101Zoroaster persönlich. Darum auch sagte derselbe[159]: „Sei mir gnädig, o Quell Arduisur, daß Zerir verderbe den, der große Schätze hat, den Frieden mindert, den Dew, den Anbeter der Dews, meinen Feind Ardjaspes, der in der Welt Macht hat.“

Zoroaster fürchtete, daß Ardjaspes seine Religion vernichten würde, und trachtete daher nach dem Tod desselben. Er kannte den gewaltsamen, schnell entschlossenen Charakter des Gustaspes und war sich seines Einflusses auf ihn wohl bewußt. Deshalb stellte er ihm die Notwendigkeit vor, den König von Turan zu bekriegen. Nach seinem Gesetz sei Freundschaft mit Gottlosen unerlaubt; es sei unverantwortlich, daß Gustaspes, als rechtgläubiger Fürst, dem König von Tschin, einem Dewsanbeter, den Tribut der Unterthänigkeit zahle. „Wirst du ihn angreifen“, sprach Zoroaster zu Gustaspes, „so ist Gott gewiß dein Schutz.“

Der König war froh, sagte Ardjaspes den Gehorsam auf und verlangte von ihm, er solle Zoroasters Gesetz annehmen und ihm einen Teil seiner Länder nordwestlich von Balkh abtreten; wo nicht, so werde er ihn zu Staub machen.

Beim Anblick des diese Botschaft enthaltenden Briefes entbrannte Ardjaspes vor Zorn und schrieb an Gustaspes, daß er sich mit seinem ganzen Hofe von einem alten Betrüger habe verführen lassen. Er rate ihm die Religion der Väter wieder anzunehmen, die Lehren und Grundsätze der Magier, welche einen König, welchem Gott die Krone aufgesetzt habe, zu verwerfen. Wo nicht, so werde er ihn bekriegen und sein Reich zerrütten und verheeren. „Die Herrlichkeit Gottes will es, daß ich dich angreife!“ sprach Ardjaspes.

Gustaspes zeigte den Brief dieses Fürsten Zoroaster und seinen Dienern und allen Großen des Hofes. Djamaspes wollte mit großer Klugheit darauf antworten; aber Zoroaster sprach: „Was Klugheit? Ziehe gegen ihn zu Feld!“

Nach diesem Ausspruch wurde die Antwort abgefaßt und beide Könige stellten große Heere gegeneinander auf. Der Krieg war sehr blutig, und ein Teil der Familie des Gustaspes – sein Bruder Zerir und mehrere seiner Kinder – fielen. Aber Espendiar entschied endlich den Sieg für Gustaspes. Der König von Turan 102mußte sein Land abtreten, und Gustaspes bezeugte Zoroaster seine Dankbarkeit.

Der weitere Verlauf der Kriege hängt nicht direkt mit dem Leben des Religionsstifters zusammen.

Nach den Ravaets[160] starb Zoroaster im 77. Jahre seines Alters.

Kleuker setzt Zoroasters Geburt in das Jahr 589 v. Chr. Im dreißigsten Jahr durchzog er Iran, lebte dann zehn – nach anderer Angabe zwanzig – Jahre in der Wüste und nährte sich nur von Käse. Zehn Jahre that er Wunder. Im 65. Jahre gab Zoroaster philosophischen Unterricht zu Babylon und kehrte nach drei Jahren zur Gründung des Cypressendienstes zurück. Nach acht Jahren riet er Gustaspes zum Krieg gegen Turan und starb als Greis von 77 Jahren.

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Dritte Abteilung.
Der religionsphilosophisch-occultistische Inhalt und die Kosmogonie des Zoroastrismus.

Erstes Kapitel.
Der religionsphilosophisch-occultistische Inhalt des Zoroastrismus.

Der Geist des ausgebildeten Zoroastrismus setzt vor den Anfang „der Welt und der Wesen Zrvâna-akarana“[161], die „unbegrenzte Zeit“, die anbeginnlose Ewigkeit. Sie ist der unergründliche Urgrund, in dem heilige Dunkelheit, Ewigkeit im Leben in unschaubarer Nacht, in Unergründlichkeit der Länge und Weite, Höhe und Tiefe ist. In ihr ist aber nicht leere Öde, sondern aller Wesensstufen Urgrund, der allerhöchste Gott. Der Ewige ist Schöpfer des Urlichts, Urwassers und Urfeuers, und der Same dessen, was beim Beginn der Wesen Licht, Wasser und Feuer wurde lag von Ewigkeit her in der grenzenlosen Zeit verborgen. Der Ewige ist seinem Wesen nach Wort, das vor allen Wesen, sichtbaren und unsichtbaren, da war, und wodurch alles, was Wesen hat, geboren ist.

Aus dem göttlichen und ewigen Samen zeugte der Unendliche und Anbeginnlose Ahuramazdâ und Angrômainyus, die zweiten Wesen nach sich, lebendig, wirkend, schaffend, die Wurzeln aller Geschöpfe.

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Ahuramazdâ, aus dem ewigen Samen des Unendlichen erzeugt, der Erstgeborene aller Wesen, das Glanzbild und Gefäß der Unendlichkeiten des Unergründlichen aus ewigem Licht geboren und fort und fort an sich ziehend, wohnend im Urlicht, dem Thron der Ewigkeit, von Anbeginn. Durch und durch gut, rein und alles Guten Quell und Wurzel, hat der Himmlische der Himmlischen fast alle Herrlichkeiten und Eigenschaften des Unendlichen; denn er ist der Urabdruck seines Wesens, worin das Wesen des Ewigen allein sichtbar wird. Seine Weisheit und Einsicht ist ohne Anfang in Weite, Höhe und Tiefe, und seine Macht, sein Wille, unbegrenzt heilig bis auf die Wurzel seines Wesens. Der Erste und Erhabenste im Wissen und Verstehen, im Wirken des Reinen und Guten. Darum ist er die höchste Weisheit selbst und – schlaflos bei Tag und Nacht – der höchste Weltenrichter, König aller Wesen in reinster Gerechtigkeit, Güte, Licht und Glanz. Sein Körper, d. h. seine Hülle, die ihn umschließende Sphäre ist das reinste Licht.

Ahuramazdâ hat die ganze reine Welt aus sich geboren durch sein allschaffendes Wort; den Himmel und was darin ist: Licht, Feuer, Wasser, Sterne und Sonne. Er liebt in sich sein Volk die durch ihn gewordenen Menschen. Er ist als König gut und weise, lebendig über Alles; er stärkt, nährt und erhält alle Wesen, giebt ihnen das geistige Lebensfeuer, wodurch sie dauern und leben. Er giebt dem Menschen, der ihn bittet, Lichtsamen zur Reinigkeit des Gedankens, des Herzens, Geistes und Willens. Gnade und Liebe ist seine Lust; er ermüdet nie, der sichtbaren und unsichtbaren Welt, der ganzen Natur wohlzuthun. Er bestreitet durch seine und seiner Diener Kraft alles Böse Tag und Nacht bis zum endlichen Triumph des Guten über das Böse.

Angrômainyus, vom Ewigen nach Ahuramazdâ geschaffen, war anfangs gut und kannte das Gute; aber er wurde aus Neid gegen Ahuramazdâ Dew, arg, Quell, Grund und Wurzel alles Unreinen, Argen und Bösen. Sein Licht verwandelte sich in Finsternis; im Lichtreich der Schöpfung entstand ein Schatten. Die Zerrüttung seines Wesens aus Licht in Finsternis kam nicht vom Ewigen, sondern aus ihm und durch ihn selbst. Durch ihn wurde die Finsternis geboren, der Same alles Bösen, Argen und Todes. Als er Dew wurde, stürzte er aus der Höhe und wurde vom Abgrund 105der Finsternis verschlungen, bis auf die Wurzel seines Wesens böse. Ahuramazdâ ist seinem Wesen nach Licht und wohnt im Lichtreich höher denn die Himmel; Angrômainyus ist seinem Wesen nach Finsternis, d. h. Laster, Zerrüttung und Argheit selbst, und die Sphäre seiner Wohnung, alles, was ihn einhüllt, ist Finsternis der Finsternisse. In Duzakhs Tiefen ist sein Thron, und soweit die Finsternis reicht, ist er König und grausamer Gewalthaber. Seine Kenntnis ist groß, aber durch die Finsternis beschränkt; seine Macht, als die des Zweiten nach Ahuramazdâ, ist ausgedehnt, reicht aber nicht an Ahuramazdâs Erhabenheit und Glanz.

Seiner Neigungen Wurzel ist die ewige Grundfeindschaft alles Guten, das durch Ahuramazdâs Herrlichkeit erzeugt wird. Er, die als ein mächtig wirkendes Wesen symbolisierte Finsternis ist in einem ständigen Kampfe gegen das Licht begriffen, soweit ihm dieser zugelassen ist. Durch ihn wird alles Böse. Wie nichts Reines, Gutes und Seliges in der Welt sein kann, ohne aus Ahuramazdâs Lichtquell zu fließen, so steigt der Grund alles Bösen von Ursache zu Ursache bis in seinen Abgrund. Sein Sinnen und Dichten endigt sich in beständigem Streben und Wirken zur Erweiterung seines Reichs. Darum vergiftet er mit seinen Dews die ganze Natur, Pflanzen, Tiere und Menschen durch Krankheiten, Seuchen, Plagen, und besonders streut er den Samen zu unreinen Gedanken und schwarzen Begierden in der Menschen Herz, wodurch sein und der Dews Reich beständig an Umfang und innerer Macht zunimmt. Er durchstreift die Welt, um überall Irrtum, Tod und Laster auszustreuen, denn damit ist er stets schwanger, und er ist der Einzige, welcher unter den Izeds im Himmel erscheinen darf. Wo er einen Menschen findet mit großer Kraft und Heldeneifer für des Guten Vermehrung in Ahuramazdâs Lichtwelt, dem ist er todfeind. Der bloße Gedanke oder Anblick desselben macht ihn blaßgelb, er wagt alles gegen ihn, vermag aber nichts, denn der Streiter für das Gute gehört zu dem geliebten Volk Ahuramazdâs und hat den Schutz aller Izeds des Lichtes für sich.

Das Bild seines Wesens ist die Schlange oder der Drache. Der Ewige hat ihn zur Dauer aller Ewigkeiten geschaffen; er soll aber nicht immer der Grundfeind des Lichtes, der Bestreiter des Guten und König der Finsternis bleiben, sondern nach der 106Auferstehung der Toten wird er von Ahuramazdâ mit Ohnmacht geschlagen und sein Reich bis auf die Tiefen seiner Grundfesten zertrümmert werden. Er selbst wird ausgebrannt in feurigen Metallströmen, wodurch er Sinn und Willen ändert; er wird heilig, himmlisch, und begründet in seiner Welt Ahuramazdâs Gesetz und Wort, wodurch alle Wesen geworden sind. Er wird auf ewig Freund Ahuramazdâs, und beide singen Zrvâna-akarana Izeschné, d. h. Ruhm- und Lobgesänge.

Aus der unbegrenzten Ewigkeit wurde der Anfang, die Zeit. Wie der Ewige Ahuramazdâ und Angrômainyus geboren, faßte er den Ratschluß einer Zeitdauer von zwölf Jahrtausenden, worin alles, was der Ewige in Gedanken hatte in aufeinanderfolgenden Reihen erscheinen und vollendet werden sollte. Dies geschah noch vor der Schöpfung der Wesen auf höheren oder niederen Stufen. Noch hatte der Unbegrenzte kein Volk außer Ahuramazdâ und Angrômainyus. Dieser „die begrenzte Zeit“ genannte Cyclus ist für die Herrschaft von Ahuramazdâ und Angrômainyus bestimmt; sie als die Erstgeborenen aus der Unendlichkeit des Ewigen sollen die ersten Regenten und Machthaber bis nach Ablauf dieses Zeitraumes sein. Diese zwölf Jahrtausende teilte der Unendliche nach wechselnden Perioden unter diese beiden Könige aus. Das erste Vierteil wurde Ahuramazdâ, dem Erstgeborenen der Wesen, zu Teil. Ahuramazdâ in Licht und Herrlichkeit fing an zu schaffen und zu wirken nach der Art und Natur seines Wesens. Angrômainyus sah Ahuramazdâs Glorie und Herrlichkeit, wurde neidisch, schwur ihm ewige Feindschaft und begann den Krieg gegen Ahuramazdâ. Nun begann der Kampf zwischen Licht und Finsternis. Ahuramazdâ entbot ihm zwar Freundschaft, wenn er Mitschöpfer der reinen, guten Welt sein wolle, aber Angrômainyus verhärtete sich aus Stolz, Neid und Haß und wurde der Grundärgste. Nun zerfiel alles in zwei Königreiche, Welten und Gewalten. Das Licht ward Ahuramazdâs Eigentum, die Finsternis das des Angrômainyus. Angrômainyus stürzte aus der Höhe unendlich tief in den Abgrund, blieb aber König des Abgrundes, und wenn die Zeit seiner Herrschaft kommt, ist er der grausamste Gewalthaber, der ärgste Tyrann. In der Zeit seiner Herrschaft wirkt er mit äußerstem Streben, Unruhe und Anspannung aller seiner Kräfte, denn er 107weiß sein Ende. In dieser Zeit des Angrômainyus hat oft das Böse die Oberhand, und die Finsternis verdunkelt das Licht. So steigt und fällt bis zum Schluß der begrenzten Zeit die Übermacht oder Schwäche des Guten und Bösen. Ahuramazdâ und Angrômainyus befinden sich in stetem Kampf gegeneinander, und das Ende ist der Sieg des Guten, der Triumph Ahuramazdâs.

Am Anfang schuf Ahuramazdâ zur Bekämpfung des Angrômainyus die Feruer aller Wesen. Er dachte als Schöpfer auf Wesen aller Art, die rein, gut, stark und edel wären, und jeder dieser Gedanken war ein Feruer, der Geist des künftigen Wesens, das künftig ein Teil von Ahuramazdâs Welt sein sollte, ganz Licht und Geist, im Wesen Geist und im Leben Geist, durch den bloßen Schöpfergedanken geboren; denn Ahuramazdâ dachte im Wort, und jeder Gedanke im allschaffenden Wort ist Geist, der das Geschöpf belebt, zu dem er gedacht ist.

Die aus Ahuramazdâs allschaffendem Geist hervorgegangenen zahllosen Arten, Gestalten und Stufen der Feruer aller reinen Wesen sind unsterblich, denn ihr Same war vom ewigen Geist und unzerstörbaren Licht. Sie sind ganz Leben, denn der sie gebar, schuf sie durch ihre schaffende Feuer- und Lichtkraft stets wirkend und belebend. Durch sie lebt Alles in der Natur, Stern und Mensch, Tier und Baum; Alles erhält durch sie Bewegung und Segen. Sie sind des Himmels Schutz und Wache gegen Angrômainyus; der Seele Schutz, denn sie sind erhaltend, reinigend bei der Auferstehung von allem Bösen; sie bekämpfen die Schlangen, Dews, die Bösen und erlösen die Gerechten. Mit der Schnelligkeit eines Vogels fahren sie gen Himmel und bringen die Gebote vor Ahuramazdâ. In der Welt sind sie an die Körper gebunden.

Die Zahl und Stufen der Feruer sind unendlich wie die der Wesen, weil die unbegrenzte Ewigkeit sich denkt im allmächtigen Wort, und dieser Abdruck des unergründlichen Wesens ist Ahuramazdâs Feruer. Des Gesetzes Feruer ist des Gesetzes Geist und Lebenskraft, das Lebendige und Belebende im Wort, das Wort, wie Gott es denkt. Der Feruer Zoroasters ist köstlich in den Augen Ahuramazdâs, denn er hat das Gesetz in Gang gebracht und des Weltenherrschers Glanz und Herrlichkeit an das Licht gebracht.

Nach diesen reinen ersten Schöpfungsbildern sind alle himmlischen 108und irdischen Wesen in endlosen Reihenfolgen geworden. In ihnen steht die Welt Ahuramazdâs, und gegen sie kämpft Angrômainyus mit seinen argen Geistern.

An diese zoroastrischen Sätze knüpft Kleuker eine längere Anmerkung, die insofern Interesse besitzt, als in einem Teil derselben Kleuker den Gedanken du Prels anticipiert, der Genius des Sokrates sei dessen transcendentales Subjekt oder Feruer.

Die betreffende Stelle lautet:

„Zend-Avestas Feruers sind ein feiner Gedanke. Sie sind der Übergang von dem, was wir Substanz nennen, zum bloßen Schöpfergedanken der Substanz. Weil aber der Wesenschöpfer nach dem Geist Zendavestas, keinen einzigen Gedanken leer – als einer bloßen Möglichkeit denkt, so dachte er lauter Feruers. Feruers sind die ersten, reinsten Abdrücke aller künftigen Wesen und Geschöpfe; das, was in allen Wesen abgezogenster Geist, reinster Funke, himmlischer, göttlicher Natur ist. Sie werden immer von den Seelen unterschieden; sie sind höher und eher als dieselben; sie haben zwar schon den Grund in sich, warum sie künftig mit solchen und nicht andern Geschöpfen vereinigt werden sollen, aber noch nicht die Gestalt eines besonderen Geschöpfes; sie sind Platos Ideen. Wie Ormuzds Gedanke Zoroasters Feruer schuf, so war er von allen Feruers höherer Geister, wie von allen Feruers aller Menschen unterschieden; er war aber noch nicht Zoroaster, sondern enthielt nur das ganze Bild, doch aber in wahrer, lebendiger Existenz, was Zoroaster künftig werden sollte. Sobald Ormuzd sie dachte, lebten sie, und können Jahrtausende leben und wirken, ehe sie mit den Geschöpfen vereinigt werden, dieselben zu beleben. Daher kommts, daß die alten Philosophen, die aus dem Quell der Weisheit des Orients getrunken, den Geist lange vorher leben und freiwirken lassen, ehe er mit dem Körper verbunden wird, daß sie ihn göttlichen Geschlechts und Natur nennen, sagen, im Tode geh' er wieder hin, woher er gekommen sei. Nach Zoroaster sind die Feruers die reinsten Ausflüsse von Ormuzds Schöpfergeist, derselben Natur, wahres Licht, wahres, lebendiges Wort: darauf wird auch ihre Unsterblichkeit und ewige Fortdauer gegründet: denn kein Funke göttlichen Geistes kann sterben, er ist seiner Natur nach Leben und belebende Kraft. Zunächst wird Feruer von verständigen und 109lebenden Geschöpfen gebraucht, die gewesen sind, oder sind, oder noch geboren werden sollen, (denn auch diese sind schon vorhanden,) wie wir nur von Himmelswesen und Menschen Geist eigentlich zu gebrauchen pflegen; aber es giebt auch Feruers (Geist) in Thieren, Bäumen, Blumen, Sternen. – Kurz, wo Leben, Regsamkeit, Bewegung, Wachsthum ist, da lehren die Parsen innere Kraft, Feuer, Lichtsamen, und das bestimmt eben die Natur der Feruers. Sind sie mit Wesen verbunden, so werden sie oft für das Wesen oder Geschöpf selbst gesagt, weil sie das Reinste und letzter Mittelpunkt jeden Geschöpfes sind. Sie sind der Seele Schutz. Daher muß der Parse für seinen Feruer besonders beten, daß Ormuzd ihn bewahren wolle; denn ohne ihn wird Seel' und Leib unrein, irre geleitet. Siehe da Sokrates Schutzgeist!“[162] – –

Die von Ahuramazdâ geschaffene Welt ist unendlich groß, lebend und wirkend in Wesen und Geschöpfen von zahllosen Arten und Stufen; sie teilt sich in eine himmlische und irdische, in eine geistige und materielle Welt ein.

Den höchsten Rang in der geistigen Welt nehmen die sieben Amschaspands ein. Ihr König und Schöpfer ist Ahuramazdâ, der Urquell alles Lebens. Sie sind die sieben ersten Geister Gottes, Könige, ganz Leben, heilig, rein und groß; der Menschen Muster. Sie gehen an keinen unreinen Ort. Ein jeder hat einen Tag, dem er vorsteht, an dem er Segen und Wohlthaten spendet. Ihre Namen sind heilig.

Der zweite Amschaspand ist Bahman, der König der Welt, des Lichtes und Himmels. Die übrigen Amschaspands ruhen unter seinem Schutz. Er sieht durch Ahuramazdâs Lichtverstand, giebt Weisheit, Friede und Reinigkeit des Herzens; er nimmt die Seelen der Gerechten in Gorotman auf und segnet ihre Ankunft im Sitz der Seligkeit. Er ist fort und fort in Lichtglanz und Glorie.

Der dritte Amschaspand ist der lichtglänzende Ardibehescht. Er giebt Feuer und Gesundheit.

Der vierte Amschaspand ist Schahriver. Er ist der Vorsteher der Metalle, der Vater des Mitleids und der Pfleger der Hungrigen.

110

Der fünfte Amschaspand ist Sapandomad, Ahuramazdâs Tochter, der weibliche Ized der Erde; die heiligste und reinste der ersten reinen Wesen; weise, freigebig und demütig wie Demut verleihend; er hat reine, wohlthätige Augen und befruchtet die Erde. Von ihr sind das erste Menschenpaar, Meschia und Meschiane, gebildet.

Der sechste Amschaspand ist der von Ahuramazdâ den Menschen zum Heil geschaffene Chordad, der König der Jahre, Monate, Tage und Zeiten. Den Reinen giebt er reines Wasser und süße Speise. Sein Tag ist heilig und der erste des Jahres.

Der siebente Amschaspand ist Amerdad, der Schutzgeist der Bäume und des Getreides, der Befruchter der Herden, welcher Früchte aller Art in Fülle spendet.

Die zweite Klasse der guten Geister sind die Izeds. Ahuramazdâ hat sie geschaffen zum Segen der Welt, zu Richtern und Schutzaugen des reinen Volks. Der Mensch muß ihre heiligen Namen nennen und durch Nachahmung ihrer Eigenschaften nach ihrem Wohlgefallen streben. Alle Monate und Tage sind unter die Amschaspands und Izeds verteilt, und selbst die fünf Abschnitte des Tages und die fünf Schalttage werden als unter besondere Ized stehend gedacht. Jeder höhere Geist hat niedriger stehende zu Begleitern; so ist Ahuramazdâ von den Amschaspands, und diese sind von den Izeds begleitet.

Folgendes ist die Stufenleiter der Izeds nach den Zendbüchern:

1. Mithra (auch Meher), der Höchste und Glanzreichste aller Izeds, wird mit der Sonne angerufen, ohne die Sonne selbst zu sein. Er glänzt wie der Mond, ist hocherhaben wie Taschter[163], hebt seine Hände auf zu Ahuramazdâ, dem König der Welt. Er ist mit tausend Ohren und Augen der Schutzwächter und Segner aller Menschen und Geschöpfe, und spricht die Wahrheit in den Versammlungen der Izeds. Er segnet Iran mit Friede und Glück, giebt der Erde Licht und Sonne und vertreibt die Druschts.[164]

2. Korschid (die Sonne) ist groß, unsterblich, Ahuramazdâs Auge. Er hat vier Pferde und vollendet seinen Lauf in 365 Tagen wie ein Held.

111

3. Aban, Ized des Wassers.

4. Ader, Ized des Feuers; er giebt Glanz, und sein Name bezeichnet alle göttlichen Feuererscheinungen, welche sich den Menschen gezeigt haben.

5. Anahid (Venus), die Bewahrerin des Samens Zoroasters.

6. Amiran, das von Gott geschaffene Urlicht; der Urheber des Lichtes des menschlichen Leibes.

7. Ard, giebt Weisheit, Größe, Edelmuth, Glanz, Güter; er wird mit dem weiblichen Ized Aesching oder Aschehing identificirt, welcher Gesundheit, tägliche Nahrung und Freuden spendet.

8. Arduisur, ein weiblicher Ized, kommt den Toten zu Hilfe, hat einen jungfräulichen Leib, heißt die Tochter Ahuramazdâs und ist das von Ahuramazdâs Thron ausfließende Wasser; von Arduisur kommen alle Wasser unter dem Himmel.

9. Aschtad ist der Ized des Überflusses, Oschens Mitgehülfe. Sein Sitz ist der Berg des Lebens. Von da wacht er über die Erde und hilft das Tagewerk der Menschen vollbringen.

10. Asman, der Himmel, schützt wider den Duzakh.

11. Barzo ist der Schutzgeist von Bordj, woher die Wasser ausströmen. Taschters Gehilfe bei der Austeilung des Wassers auf der Erde.

12. Behram, der lebendigste aller Izeds, besitzt einen himmlischen Körper, dessen Glanz von Ahuramazdâ kommt. Derselbe hat ihn auch zum König der Wesen gesetzt, welche er alle wie Feuer durchdringt. Er erscheint im Winde und unter allerlei Tiergestalten.

13. Dahman ist der Segen der Geschöpfe und des gerechten Menschen, dessen Seele er von Seroschs Händen nimmt und in den Himmel trägt.

14. Din, Ized des Gesetzes, giebt Wissenschaft.

15. Farvardin, der Herr des ersten Monats des Jahres und des neunzehnten Tags eines jeden Monats, giebt Kraft und Licht.

16. Gosch, giebt alle Güter, Unsterblichkeit, Reinigkeit; er vermehrt die Wesen, die Kinder des Verdienstes, welche für das 112Gesetz mit Eifer brennen; er verleiht die Freundschaft der Gerechten, vertreibt die Dews und hilft die Dewsanbeter besiegen.

17. Goschorun ist der Ized der Herden und die Seele der Tiere; er seufzt und klagt vor Ahuramazdâ und bittet um Erlösung vom Dew Eschem.

18. Mah (der Mond) ist ein weiblicher Ized und schützt den Keim des Stiers; er geht von Albordj aus, giebt Wärme, Geist und Frieden. Bei seiner Fülle beginnt alles zu grünen und zu wachsen; er ist wohlthätig und giebt allen Herden Samen.

19. Mansrespand, der Ized als göttliches Wort, ist der Schutzwächter des Himmels. Sein Glanz ist rein, und was er sehen läßt, ist gut.

20. Neriosengh, der Ized des Feuers zu königlichem Mut und des Friedens, schützt den Gerechten nach Gottes Willen; er schützt zwei Teile zu Kaiomorts Samen, zum männlichen Gliede und zur Seele.

21. Parvand ist ein weiblicher Ized.

22. Rameschne-kharan ist der Ized des Glücks, der reine dauernde Freuden giebt.

23. Raschne-rast, der Ized der Wahrheit und Redlichkeit, ist herrlich und weise, sieht scharf und weit und schützt die Erde. Zehntausende himmlischer Geister begleiten ihn; er hat tausend Kräfte und zehntausend Augen.

24. Serosch ist der Ahuramazdâ der Erde, weil er ihr König ist. Er ist auf dem Gipfel der Welt über alles erhaben, lebendig und der wirksamste aller Izeds, der gehorsamste und am meisten thätige. Er ist der Menschen Schutz, und durch seinen Dienst haben sie das Gesetz.

25. Taschter. Sein Auge ist Gerechtigkeit und Güte. Er ist der Ized des Regens und erscheint unter mancherlei Gestalten, als Jüngling, als mutiges Pferd usw.; er belebt die ganze Natur durch fruchtbare Gewässer und Regen.

26. Vad, der Ized des Windes, giebt Kraft und Mut.

27. Venant, Ized des Rigel[165], schützt im Mittage und giebt Kraft und Gesundheit.

113

28. Zemiad giebt ewigen Thron, thut alles Gute, wenn sie gepflegt wird, und ist ein weiblicher Ized.[166]

So viel über die himmlische Welt.

Die sichtbare Welt, Himmel und Erde, schuf Ahuramazdâ in sechs Reihenfolgen, und die Amschaspands waren dabei thätig.

Zuerst schuf Ahuramazdâ das Licht zwischen Himmel und Erde, die Fixsterne und Planeten.

Alsdann schuf er das Wasser, welches die ganze Erde bedeckte, in die Tiefen der Erde stieg und durch den himmlischen Wind, der es durchdrang wie der Geist den Leib, in die Höhen getrieben wurde, damit sich Wolken bildeten. Darauf schloß Ahuramazdâ dieses Wasser ein und gab ihm die Erde zur Grenze.

Hierauf ward die Erde, bei deren Schöpfung – wie auch bei der des Wassers – Angrômainyus mit thätig war, denn diese Elemente besitzen einen Teil Finsternis, und alle Finsternis kommt von Angrômainyus. Albordj[167] wurde zuerst geboren, darauf die übrigen Gebirge. Albordj ist der Erde Kern, Wurzel, Herz und Nabel.

Ferner wurden die Bäume aller Art geschaffen. Im Anfang ließ Ahuramazdâ einen Baum erstehen, aber der war dürr. Aber der Amschaspand Amerdad, welchem Ahuramazdâ die Bäume anvertraut hat, setzte den Keim dieses Baumes, als Taschter über die ganze Erde Regen ausgoß, in Taschters Wasser. Darauf wuchsen Bäume aus der Erde wie Haare auf des Menschen Haupt.

Zum Fünften wurden die Tiere geschaffen. Zuerst wurde der Stier gebildet. Dieser starb, und aus seinem Schweif gingen fünfzig Heilpflanzen hervor, die sich auf Erden mehrten. Die Izeds brachten den Samen dieses Stieres in den Mondhimmel, durch dessen Licht er gereinigt wurde, so daß Ahuramazdâ einen neuen, schönen Körper daraus bildete, den er belebte. Hieraus wurde ein neues Paar erzeugt, welches Vater und Mutter aller Tiergeschlechter wurde, die auf Erden sind, der Vögel in den Wolken und der Fische im Wasser.

114

Am Ende wurde der Mensch geschaffen, dessen Keim ebenfalls dem Urstier, dem Vorbild aller lebenden und sich bewegenden Geschöpfe entstammt. Der Urvater der Menschheit war Kaiomorts.[168] Er war lichtglänzend mit zum Himmel schauenden Augen, rein durch seinen Feruer und lebte noch dreißig Jahre nach dem Tode des Urstiers. Als er starb, weissagte er den künftigen Triumph des Menschengeschlechts über Angrômainyus. Bei seinem Tod ließ er seinen Samen zurück, den die Sonne reinigen, und von welchen Neriosengh zwei Teile und Sapandomad den dritten aufbewahren mußte. Aus diesem Samen erwuchs der Baum Reivas aus der Erde, welcher ein Zwitter[169] war, anzusehen, wie zwei, die aufs Innigste vereinigt sind. Ahuramazdâ bildete diesen Baum zum Doppelmenschen um, worauf er anstatt Früchte zehn Menschenpaare trug. Das erste Paar war Meschia und Meschiane, die Stammeltern des Menschengeschlechts. Sie waren anfangs rein und unschuldig, und der Himmel sollte ihnen werden, wenn sie rein wären in Gedanken, rein und demütig im Herzen, rein in ihren Thaten. Anfangs waren sie das und erkannten Ahuramazdâ als den einzigen Schöpfer aller Dinge und beteten auch keine Dews an. Sie lebten aber schon in dem Jahrtausend, da Angrômainyus Gewalt hatte, Böses unter das Gute zu mischen, und so wurde zuerst das Weib Meschiane und darauf Meschia von Angrômainyus, der sich der Gedanken und Begierden ihres Herzens bemächtigt hatte, verführt, und beide wurden Darvands (Sünder). Jedoch vermehrte sich ihr Geschlecht durch immer neue Zeugungen.

Als Ahuramazdâ seine Schöpfung vollendet hatte, feierte er ihr zu Ehren die himmlischen Gahanbars.[170]

Von der Lichtwelt Ahuramazdâs wenden wir uns zur finstern Welt des Angrômainyus.

Angrômainyus, der grundarge Feind Ahuramazdâs und alles Guten, gedachte, sobald er nur könne, eine Reihe von Wesen zu schaffen, die ihm ähnlich sind, Feinde Ahuramazdâs und aller reinen und guten Geschöpfe wie er, und die wie Angrômainyus aus dem 115innern Quell der Bosheit und Feindschaft an Zerrüttung der Welt Ahuramazdâs arbeiten. Wie auf Erden Tier gegen Tier ist, so ist im Reiche der unsichtbaren Wesen Geist gegen Geist. Die ersten sieben Dews sind das im Reiche der Finsternis, was die Amschaspands im Reiche des Lichts sind. Jeder hat seinen besondern Namen und einen besondern Widersacher unter den Amschaspands, mit dem er zunächst zu kämpfen hat. Die sieben Erzdews[171] sind an die sieben Planeten gekettet. Sie kommen von Norden, sind männlichen und weiblichen Geschlechts, und alle Übel kommen von ihnen. Jeder ist eine besondere Quelle eines besonderen Übels; andere Dews wiederum sind deren Gehilfen, gerade so wie die Amschaspands ihre Gehilfen (Hamkars) an den Izeds, und diese wieder an den geringeren Izeds besitzen. Sie erscheinen unter allerlei Gestalten auf der Erde, als Schlange, Mensch, Wolf, Fliege &c.

Am Ende der Welt und Zeit sollen alle Dews bis auf Angrômainyus ausgerottet werden.

Ihre Zahl ist – wie die der guten Geister – über zehntausendmal zehntausend.

Folgende sind die wichtigsten:

1. Akuman, welcher unter allen Dews zuerst von Angrômainyus geschaffen wurde. Er ist der Widersacher Bahmans, in seinen Gedanken ganz Gift und der häßlichste der Dews. Er plagt vorzüglich die gut und edel lebenden Menschen.

2. Aresch, der Dew des Neids.

3. Aschmogh, raubt alles Gute von der Erde und bringt dafür alles Böse. Das Wort der Wahrheit ist ihm wegen seiner außerordentlichen Grundbosheit unerträglich. Er heißt auch die zweifüßige Schlange.

4. Astuiad, der Dew des Todes, raubt den Toten die Seele.

5. Boete besitzt und lähmt die Gelenke des menschlichen Leibes.

6. Derevesch ist der Dew der Armut.

7. Djadu ist der Dew der Magie.

116

Dies sind die sieben Erzdews. Weiter folgen:

8. Dje, Dew der Unreinigkeit.

9. Eghetesch, Dew der Zerrüttung des Herzens.

10. Eschem, Dew des Neides, Goschoruns Widersacher.

11. Epeosche, erscheint in Gestalt eines Pferdes.

12. Kesosch, giebt Zwerggestalt.

13. Khevezo ist der Besitzer der Toten.

14. Khiveh ist der Feind des Feuers und Wassers.

15. Xonde ist der Dew der Trunkenheit.

16. Nesosch besitzt ein ganzes Heer von Dews, die nach Norden schwärmen.

17. Pretesch ist der Dew aller Falschheit und Lästerung.

18. Sor ist Seroschs Widersacher.

19. Vaziresch besitzt die Toten.

20. Vato ist der Dew der Ungewitter.

21. Verin ist der Dew der Regengüsse.

22. Zaretsch ist der Allverderber.

Dies sind die wichtigsten Dews. Fast jedes Laster, jede böse Neigung, jede Plage und Krankheit hat ihren Dew. Jeder Wohlthäter unter den Amschaspands und Izeds hat mit vielen und namentlich mit dem ihm entgegengesetzten Erzdew zu kämpfen.

Die neun Häupter der Druschts sind:

1. Angrômainyus, der Widersacher Ahuramazdâs.

2. Akuman, der Widersacher Bahmans.

3. Ander, der Nebenbuhler Ardibeheschts.

4. Savel, der Nebenbuhler Schahrivers.

5. Tarmad, der Gegner Sapandomads, der Druscht des Stolzes.

6. Tarik, der Gegner Chordads.

7. Zaretsch, der Gegner Amerdads.

8. Eschem, einer der schlimmsten Druschts, Druscht der Gewaltthätigkeit, Gegner des Serosch, Dämon der Grausamkeit, welcher Ahuramazdâs Volk mit ganz besonderem Grimm bekämpft.

9. Aschmogh, raubt alle Güter, schwächt und kränkt die Menschen und verursacht alle Übel der Erde. Er weiß, daß Avesta das wahre Gesetz Ahuramazdâs ist, weigert sich aber infolge seiner grenzenlosen Bosheit dasselbe auszuüben.

117

In dem beständigen Kampf der guten und bösen Geister, Menschen und Kräfte, liegt nun die Mischung des Guten und Bösen, wie sie in der Welt in Erscheinung tritt. Alles Gute, alle lebendige Kraft und Wirkung stammt von Ahuramazdâ und führt wieder zu ihm zurück. Die Thätigkeit eines jeden Wirkenden, sei er auch der Unterste der unendlichen Kette, reicht in ihren Folgen wie in der Kette ihrer Ursachen bis hinab in die „unbegrenzte Zeit[172]“. – Ebenso verhält es sich mit dem Bösen. „Die Welt der Übel“ ist unter gute und böse Prinzipien, Wesen und wirkende Ursachen verteilt. Des Guten ist nur soviel vorhanden, als wirkende Ursachen sind und Angrômainyus mit seinen Dews geschlagen wird. Deshalb betrachtet sich der Anhänger Zoroasters als einen Krieger Ahuramazdâs, welcher nicht sündigen kann, ohne alle guten Izeds zu betrüben, die Kräfte des Guten in der Welt Ahuramazdâs zu schwächen, und keine Todsünde begehen, ohne selbst ein Darvand, ein Glied der Welt des Angrômainyus zu werden.

Der Tod ist durch Angrômainyus durch die Sünde des ersten Menschenpaares in die Welt gebracht worden. Er erlöst den Anhänger Zoroasters von seinem Streit gegen Angrômainyus. Wenn er in seinem Leben treu war im Streit und rüstig durch Tilgung des Bösen gegen Angrômainyus und die Dews kämpfte, so hat er vom Tod nichts zu fürchten. Er geht über die Brücke Tschinvad zur Ruhe und Seligkeit ein.

Sofort nach seinem Abscheiden eilen die Dews herbei und wollen sich seiner Seele bemächtigen. Ist sie aber gerecht und rein und hat sie sich im Leben die Izeds zu Freunden gemacht, so sind diese zu ihrem Schutz bereit. Die Seele des Gottlosen aber ist von allen verlassen, und da sie sich in ihrer Ohnmacht nicht selbst wehren kann, so wird sie der Raub der Dews. Einige Tage nach ihrem Hinscheiden kommt sie an die große Brücke Tschinvad, welche die Scheidewand und Verbindung zwischen dieser und jener Welt bildet. Hier untersuchen Ahuramazdâ und Bahman den Wandel des Menschen und verweisen ihn, wenn sich Gutes und Böses annähernd die Wage halten, zu einem Mittelaufenthalt bis zur Auferstehung, der je nach dem Wandel mehr oder weniger 118selig oder von Unseligkeit und Angst erfüllt ist.[173] – Spricht Ahuramazdâ Lob und Preis über des Menschen Leben, so wird er von den heiligen Izeds über die Brücke in das Land der Freuden geführt, wo er einer fröhlichen Auferstehung wartet. Im andern Fall kann er nicht über die Brücke und muß in den Duzakh, den seine Thaten verdienen.

Zuletzt erfolgt die Auferstehung der Toten. Gute und Böse sollen auferstehen, und Erde und Flüsse sollen die Gebeine der Menschen wiedergeben. Ahuramazdâ will sie zusammensetzen und mit Fleisch und Adern überziehen und neu beleben.[174] Gute sollen sich zu Guten und Böse zu Bösen gesellen. Darauf soll die ganze Natur so neu werden wie der Mensch an Leib und Seele. Nun folgen noch nach einem von der „anbeginnlosen Zeit“ festgestellten Ratschluß Versuche, den Sündern die Thore Gorotmans aufzuschließen. Wenn die Verdammten durch Strafen im unterirdischen Duzakh geläutert und gedemütigt worden sind, so müssen sie durch Feuerströme geschmolzenen Metalls, wo sie die letzte Reinigung erfahren; alsdann genießen sie mit den Gerechten die endlose Seligkeit. Die ganze Natur ist alsdann am Endziel ihrer Bestimmung angelangt und Licht geworden. Selbst Duzakh ist nicht mehr, sondern ist Paradies geworden. Das Reich des Angrômainyus ist zertrümmert und das des Ahuramazdâ Alles in Allem geworden. Das Gesetz Ahuramazdâs herrscht allein im Weltall und ist das alleinige Element, in dem die Geschöpfe aller Stufen und Arten leben und weben. Ahuramazdâ, im Gefolge die Amschaspands, und Angrômainyus, von den vormaligen Erzdews begleitet, bringen dem Urwesen Zrvâna-akarana die Opfer ewigen Lobes. Dies ist das Ende der begrenzten Zeit.

119

Zweites Kapitel.
Der zoroastrische Kultus.

Die Anbetung Ahuramazdâs, die Liebe gegen alles von ihm kommende, tödlicher Haß gegen Angrômainyus und sein Reich ist die erste Pflicht des Avestabekenners.

Liebe und Haß, Sympathie und Antipathie sind die causa movens des Parsismus, wie alles Bestehenden. Der Anhänger Zoroasters muß alles Gute, die sichtbare und unsichtbare Lichtschöpfung Ahuramazdâs lieben, das Reich des Angrômainyus aber hassen und bestreiten, so lange ein physisches und moralisches Übel zu bekämpfen ist.

Ahuramazdâ ist Licht, sein Reich ist Licht, sein religiöses System ein Lichtsystem, und der ganze Kultus bezweckt die Verherrlichung Ahuramazdâs, wobei seine Glorie erkannt und durch Vermehrung des Lichtes Lebensgenuß und Lebensmitteilung vermehrt werden. Dies ist das Wesen der Religion Zoroasters, der heilige Dienst des lebendigen Worts.

Die Erkenntnis Ahuramazdâs ist die erste Pflicht des Parsen, der Anfang und das Ende seiner Bestimmung, die Grundlage seines Denkens, Thuns und Lassens in der sichtbaren und unsichtbaren Welt. Ohne Ahuramazdâ würde alles Nacht sein, tot und öde, durch ihn ist der Parse, was er ist, und hofft in alle Ewigkeit an Kraft und Licht, Leben und Güte zu wachsen.

Ahuramazdâ muß erkannt werden als Gott und Schöpfer aller guten Wesen. Er ist seinem Wesen nach Licht; Licht aber ist Leben, Lebenskraft, Güte und Urwort. Aus ihm strömt Licht, Leben, Geist, Kraft, Güte und Wahrheit über das ganze von ihm geschaffene Weltall aus. Er muß erkannt werden als der allein alles Belebende, 120der alles zu Licht und Leben macht und Güte und Seligkeit zu erkennen und genießen giebt.

Darum preisen auch die Gebete des Zendavesta alle Geschöpfe Ahuramazdâs hoch, alle Izeds, alle reinen Menschen, reine Tiere und Pflanzen. Denn alle leben mehr oder minder im Lichte Ahuramazdâs, durch seine belebende Geisteskraft. Selbst Bahman, der höchste Amschaspand und seinem Wesen nach Ahuramazdâ am nächsten stehend, bekennt in seinen Lobgesängen, daß er seinen Verstand, sein Licht, seine Weisheit und vielzeugende Kraft nur von Ahuramazdâ habe.

So muß Ahuramazdâ erkannt werden im Himmel und auf Erden von allen Wesen, die ihn erkennen können.

Die Verehrung Ahuramazdâs muß aber zur That, zu lebendigen Handlungen werden. Das Bild des Lichtes, welches ohne Unterlaß leuchtet, wärmt, belebt und wirksam ist, muß die ganze Empfindung durchdrungen haben und thätig sein. Obgleich Zoroaster in der heiligen Höhle seinen Geist nach orientalischer Sitte lang in tiefe Betrachtungen versenkt hatte, so gebietet er doch unähnlich dem indischen Quietismus keine empfindungslose Geistesstille, keine Abtötung des Leibes, um durch Versenkung in die Gottheit nur Geist zu werden. Bei ihm ist alles Leben und That, Wachsamkeit und reger Dienst des Göttlichen bei Tag und Nacht. Deshalb auch konnte er durch das Judentum und Christentum so unendlichen Einfluß auf die Völker der kaukasischen Rasse gewinnen, welcher der faule Buddhismus gänzlich zuwider ist.

Nach dem Zendavesta ist alles Lichte und Reine, alles, was Leben besitzt und Leben mitteilt, gut; die ganze Welt Ahuramazdâs mit allen in ihr lebenden Wesen ist gut, alles durch Gedanken, Wort und That Belebende ist gut. Zoroaster faßt alles, was im einzelnen Wahrheit, Güte, Liebe, Leben, Kraft, Geist, Segen und Seligkeit ist, in dem Worte Licht zusammen. Darum schreibt er auch allen Wesen einen Glanz, einen Lichtschein zu, dem Baume wie dem edlen Menschen, dem nützlichen Tier wie dem Amschaspand. In allen Wesen und Geschöpfen Ahuramazdâs ist Licht, und der Glanz eines Geschöpfes ist der Inbegriff seines Geistes, seiner Kraft und seiner Lebensregungen als Funken der Gottheit. Je nach Maßgabe der Beschaffenheit dieser Funken ist 121der Grad des Glanzes größer oder geringer. In Ahuramazdâ vereinigt sich alles, darum ist sein Glanz der höchste und vollkommenste. Da nun der zoroastrische Kultus nur den Zweck hat, Ahuramazdâ in seiner Schöpfung zu verherrlichen, so muß der Parse alles vom Schöpfer des Lichts kommende Gute lieben, verehren und sich ihm gefällig zu machen suchen. Vor allen Dingen aber muß er Ahuramazdâ in Gedanken, Worten und Thaten anbeten. Kein Wesen darf er gleich Ahuramazdâ verehren außer Zrvâna-akarana, die zuweilen auch der Urgrund und Abgrund aller Wesen genannt wird.

Nach dem Schöpfer alles Guten muß aber sein Geschöpf, die Welt, wie sie von den Menschen erkannt wird, je nach der Stufe der Hoheit, Würde und Vollkommenheit der Dinge geliebt und angerufen werden; denn die Welt enthält, soweit sie gut ist, lauter Söhne Ahuramazdâs, von Ahuramazdâ geliebte Geschöpfe, in welchen er sich mit Wohlgefallen widerspiegelt, über die er sich freut wie beim Anbeginn der Dinge, da alles durch ihn geboren ward. Darum richtet der Parse sein Gebet zuerst an die Amschaspands, die ersten Abdrücke Ahuramazdâs, die Nächsten seines Glanzes und die Ersten an seinem Thron. In den an sie gerichteten Gebeten und Lobpreisungen werden die besonderen Eigenschaften eines jeden gerühmt, und sie werden um Schutz, Hilfe und Segen angerufen, je nachdem ihnen Ahuramazdâ die verschiedenen Teile der Schöpfung anvertraut hat.

Hieraus, wie aus den übrigen Anrufungen der Geschöpfe ergiebt sich, worin deren Verehrung besteht. Sie besteht darin, daß ein jedes Geschöpf für das erkannt wird, was es ist, daß dies in der Form eines Gebetes bekannt wird, und daß man von jedem Geschöpf, je nach seinem Daseinszweck die Wohlthat erbittet, welche zu erteilen ihm von Ahuramazdâ anbefohlen ist.

Der Zoroastrismus personifiziert im Geiste des alten Orients die guten oder bösen Eigenschaften der Dinge in guten oder bösen geistigen Wesen und glaubt z. B. seine Dankbarkeit für die wohlthätigen Eigenschaften des Wassers nicht besser beweisen zu können, als wenn er dieselben in einem an den Ized des Wassers gerichteten Lobhymnus preist, wobei indessen Ahuramazdâ ebensowenig vergessen wird, als wenn er von einem Ized oder dem ihm geweihten Gegenstand dessen wohlthätige Wirkungen erbittet.

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Das Gebet an die himmlischen Geister bezieht sich genau auf ihre Eigenschaften wie Funktionen und – wenn es Himmelskörper sind – auf die Zeit ihrer Erscheinung. So wird z. B. die Sonne nur bei Tag angerufen, der Mond aber bei Tag und bei Nacht.

Die Sonne als Quell alles Lichtes, die alles mit Leben und Freude erfüllt, wird als sichtbares Bild Ahuramazdâs angerufen, als König des Himmels, der ohne Ruhe im Lauf ist wie ein Held.

Die Anrufungen sind je nach den Tageszeiten verschieden. Das Morgengebet geht dahin, daß Ahuramazdâ seinen Glanz erhöhen wolle wie der Sonne Glanz, und das Abendgebet, daß der Beter durch Ahuramazdâs und aller Izeds Schutz seinen Lebenslauf vollenden möge wie der himmlische Glanzkönig, um in Gorotman einzugehen. Mithra wird in allen Gebeten nach seinem reinen Glanz als Befruchter der Erde gepriesen, welcher Nahrungssaft über die ganze Natur ausgießt, als Urheber des Friedens, als mächtiger Streiter wider alle Dews des Streites, des Krieges und der Zerrüttung. Endlich richtet der Parse sein Gebet an den eigenen Feruer und den aller reinen Menschen. Diese Feruer werden schon im irdischen Leben eng verbunden gedacht als Glieder jener lebendigen Gemeinde, welche in Gorotman noch mehr eins werden soll. Auch die Tiere werden unter Hinweisung auf Ahuramazdâ gepriesen, und der Gedanke an den himmlischen Stier, von welchem alle Menschen, Tiere und Pflanzen kommen, giebt diesem Gebet Leben und inneres Gewicht.

Endlich wird alles von Ahuramazdâ kommende gepriesen: Feuer, Wasser und Bäume, so namentlich das heilige Altarfeuer Behram, das heilige Wasser Zare, welches auf dem Urberg Albordj entspringt, und der heilige Hombaum, aus welchem der Lebenssaft das Wasser der Unsterblichkeit hervorquillt.

Nach der Anbetung Ahuramazdâs und der Hochschätzung aller wohlthätigen und reinen Geschöpfe befiehlt der Zendavesta die Ausübung des Guten in Reinigkeit des Gedankens, des Wortes und der That. Der Mensch soll im ganzen Verhalten des äußern und innern Menschen wie Licht sein und wirken. Dies ist der beste Beweis für die zu Ahuramazdâ getragene Liebe. Er soll wirken wie das Licht, d. h. wie Ahuramazdâ, die Amschaspands, die Izeds, wie Zoroaster und die reinen Menschen, in denen Ahuramazdâ sich 123gefällt, weil sie ihm ähnlich sind. Je mehr Lichtreinheit und Güte ein Mensch in seinem Wesen ausdrückt, um so näher sind ihm die himmlischen Geister, um so mehr können sie ihn lieben und zu seinem Dienst bereit sein. In diesem Geist muß man auch gegen die Menschen auf Erden handeln und wie die Izeds alles mit Wohlthätigkeit segnen, so muß der Mensch die Natur zu veredeln und überall Lebenslicht und Fruchtbarkeit auszustreuen suchen. In diesem Sinn speist er die Hungrigen, pflegt die Kranken, beherbergt die Wanderer, bepflanzt die Wüste mit Bäumen, tränkt die Erde und besäet sie zur Freude der heiligen Sapandomad mit reinem Samen; er sorgt für die Nahrung und Fortpflanzung der Tiere, stiftet Ehen usw. Dies alles thut er, damit er nicht Finsternis sei, sondern Licht werde und die Finsternis durch sein wohlthätiges Licht erleuchte, daß das Wüste fruchtbar werde, das Schwache stark und das Tote lebendig.

Der zweite Teil des Ahuramazdâdienstes besteht im Streit gegen Angrômainyus und seine Anhänger, im Haß gegen alles Böse und der Unterdrückung des physischen und moralischen Übels. Jeder Parse muß Angrômainyus, den Thronfürsten der Finsternis, Vater alles Bösen, durch Gedanken, Wort und That, so sehr verwünschen und hassen, als er nur Kraft zu hassen hat. Wer Angrômainyus und seine Gesellen anbetet, und als Darvand thut, was die Dews thun, liebt was sie lieben, in irgend welcher Weise ihre feindlichen Absichten fördert, ihre Einflüsse erleichtert und vermehrt, der ist verwünscht an Leib, Seele und Vermögen; Flüche ruhen auf ihm zu Tausenden. Zum Streit gegen Angrômainyus gehört besonders noch, daß der Anhänger Zoroasters bekenne, von Angrômainyus und den Dews komme alles Böse her.

Zu den Anhängern des Angrômainyus gehören besonders die Zauberer, welche Zoroaster als Hände und Füße, Augen und Zungen von Angrômainyus betrachtet. Um so höher das Ansehen der Magier beim Volke gestanden hatte, um so mehr verwünscht Zoroaster ihr Thun. Sie hören und Gemeinschaft mit ihnen haben, ist Fluch und Verdammnis; sie verfolgen und vertreiben, ist die Freude Ahuramazdâs und aller Izeds und Segen für alle Menschen und Geschöpfe.

Eine That ist edel, wenn die Dews dadurch erbittert werden, 124und bei jedem amschaspandähnlichem Thun möchten sie vor Bosheit und Zornwut ohnmächtig werden; jeder Anblick einer reinen hochstrebenden Seele – wie z. B. die Zoroasters – macht sie mutlos und blaßgelb. Thaten des Lichts, reine, edle Werke sind das beste Mittel, das Beginnen der Dews zu zerstören. Was die Dews verheeren, muß der Anhänger Zoroasters blühend machen. Die Dews lehren den Menschen das Gesetz Duzakhs und der Finsternis; der Mensch dagegen muß das Wort des Lebens überall lebendig machen und das Gesetz des Lichts und der Wahrheit in Gang bringen. So wie bei der Verehrung Ahuramazdâs nichts als die That gilt, so ist der Kampf gegen Angrômainyus und sein Reich ganz That und Streit durch Gebet im lebendigen Wort, durch Reinheit der Seele und des Leibes und durch Vertreibung der Dews, wo sie oder ihre Anhänger sich einfinden sollten.

Nach dem Zendavesta ist der Zweck der Religion Lichtwerdung der ganzen Schöpfung Ahuramazdâs, Triumph des Guten, des Lichts der Wahrheit und des Lebens, sowie Zerstörung des Todes, der Finsternis und Unseligkeit.

Der Anhänger Zoroasters ist nicht der Ansicht, daß er für sich und Ahuramazdâ für Alle sorgen müsse, sondern betrachtet sich als ein Glied der lebendigen Gesellschaft, das nur dann gesund ist, wenn der ganze Körper in Gesundheit und Stärke blüht. Er wacht über die Mitanbeter Ahuramazdâs mit der gleichen Sorgfalt wie über sich selbst, denn je mehr durch ihn die ganze Schöpfung zum Licht emporgehoben wird, desto glücklicher ist sein Zustand. So thun Ahuramazdâ wie die Izeds, und der Parse muß ihr Thun nachahmen. Ahuramazdâ, seinem Wesen nach ganz Licht und Leben, hat bei seiner Schöpfung und Regierung der Welt nur den Zweck, daß dieselbe Licht und Leben werde, und alle Glieder seines Reiches, jedes nach seiner Stellung zum Ganzen, zu Reinheit, Wahrheit, Vollkommenheit und Seligkeit gelange, deren es fähig ist, und alles gewonnen werde und nichts verloren gehe, daß alles in Ahuramazdâ, dem Schöpfer und Urquell alles Lichts und aller Güte, zuletzt zusammenfließe.

Das Licht muß immer im Kampf sein mit der Finsterniß, und Ahuramazdâ mit dem zahllosen Heer seiner Kräfte ist ohne Unterlaß geschäftig, die Mächte, Wirkungen und Geschöpfe von Angrômainyus 125täglich zu schwächen, sein Volk zu retten und zu reinigen von allen physischen und moralischem Übel, wo eins das andere erzeugt, eins das andere verschlingt, und jedem seines Volkes durch Verleihung von Kraft im Kampfe beizustehen. Dies ist das tägliche Geschäft Ahuramazdâs, und darum soll jedes Glied seiner Welt durch seine Kräfte in seiner Sphäre thun, was Ahuramazdâ im ganzen All seines Reiches für alle Geschöpfe und durch die ganze Fülle seiner Licht- und Lebenskräfte vollendet.

Im Zendavesta wird die allgemeine Harmonie alles Lebendigen, die Existenz eines Lebens in der ganzen Schöpfung gelehrt. Alle Einzelheiten, welche Zoroaster dem Schöpfer alles Guten beigelegt, einigen sich im Begriff der Allbelebung, der Allschöpfung und Allbeseligung, dessen Geist, Wort und Kraft durch alle Glieder des Lebens und Webens der Schöpfung dringt, der in allen Gliedern wohnt und sie alle leben, fühlen, thun und wachsen läßt wie der menschliche Lebensgeist den menschlichen Organismus. Was nun Ahuramazdâ für das All der Schöpfung ist, das soll jeder Ahuramazdâverehrer in seinem Wirkungskreis sein, wobei er allezeit den großen Zweck Ahuramazdâs im Auge haben muß, der das Ganze zu Einem machen will, voll Harmonie, Leben, Wahrheit, Licht und lebendiger Wirksamkeit.

Die ganze Schöpfung ist ein Wesen, worin alles in Harmonie verbunden ist von Glied zu Glied, von Ursache zu Ursache, von Wirkung zu Wirkung. Besonders werden alle Izeds, die Feruers des Lichts und alle Seelen reiner Menschen als eine lebendige Gemeinde, als das Volk Ahuramazdâs vorgestellt, worin derselbe König und Haupt ist und in allen und durch alle wirkt. Kein Geschöpf kann im Licht der Wahrheit leben und wahre Seligkeit genießen, wenn es nicht ein Teil dieser Gemeinde der Lebendigen ist. In der lebendigen Gemeinde der Ahuramazdâdiener hat ein jedes Glied einen Teil der Kräfte des Alls. Diese Kräfte sind Kräfte des Lebens und kommen von Ahuramazdâ; sie müssen gebraucht werden, wozu sie dienen, zur Zerstörung des Bösen und Schaffung des Guten. Der Anhänger Zoroasters muß fortwährend Licht schaffen, sonst weicht Ahuramazdâ von ihm und er selbst hört auf ein Lebendiger zu sein. Jedes Glied der lebendigen Gemeinde hat eine von Ahuramazdâ ihm angewiesene Wirkungssphäre, welche 126er durch sein Licht beleuchten und den Samen seiner guten Thaten befruchten und beleben muß, sonst wird sie öde Wüste, Sphäre der Finsternis und des Todes. Der Wirkungskreis eines jeden Wesens in Ahuramazdâs Lichtwelt liegt in der Sphäre, worin er lebt. So wirkt Bahman nicht in der Sapandomads, die Sonne nicht in der des Mondes, und der Priester nicht in der Sphäre des gemeinen Parsen. Wenn ein jeder Wirkende in der Kette lebendiger Ursachen sich und was um ihn ist belebt, so ziehen alle übrigen Glieder aus seiner Fülle Lebenssaft an sich und teilen ihn wieder mit; er macht vielen ihr Wirken leicht und sie wieder ihm. Deshalb muß jeder Parse für Alle beten; der Priester muß durch die Fülle seiner guten Handlungen und durch die Erfüllung aller Pflichten Ahuramazdâ und Zoroaster nachahmen und so ein Beispiel für das Volk und zum Segen für alle Stände werden. Vom Ackerbautreibenden wird beständige Sorge für seine Ländereien und Herden begehrt, damit er ein Quell des Überflußes für Viele werde.

So wie im himmlischen Reich Ahuramazdâs jeder Ized seine Verrichtungen mit Freude und Leichtigkeit thun kann, weil sie sie alle freudig thun, so soll nach dem Zendavesta ein jedes Glied eines jeden Standes im sichtbaren Reich Ahuramazdâs auf Erden die Pflichten seiner Sphäre ganz und mit Reinigkeit, Lust und Leben thun, damit alle sie thun können, und diese Gemeinde der Ahuramazdâverehrer auf Erden ein Abbild sei der lebendigen Gemeinde des Himmels, und sie immer höher gehoben und weiter gefördert werde, bis sie im großen All des Lichtreiches von Ahuramazdâ aufgeht.

Ein jedes Glied der Gemeinde der Ahuramazdâdiener hat den Zweck, vollkommen zu werden; aber wie die Vollkommenheit des Auges nicht die Vollkommenheit des Ohrs ist oder der Hand oder des Fußes, so hat auch in der lebendigen Gemeinde jeder Obere wie jeder Untergeordnete eines jeden Standes eine besondere Bestimmung, und im besten Erreichen seiner Bestimmung besteht seine Vollkommenheit, darin beruht sein Glanz, seine Güte, sein Leben und sein Licht. Und obgleich der Glanz des Kriegers nicht wie der Glanz des Priesters, noch der Glanz des Unterthanen wie der Glanz des Königs, so hat doch ein jeder seine Vollkommenheit, und darin beruht sein Ruhm und Glanz. Wenn alle sind, was sie sein sollen, so fließt daraus die Verherrlichung Ahuramazdâs 127wie die Lichtwerdung der ganzen guten Welt. Alsdann freut sich die ganze Gemeinde im Lebensgenuß, ein jedes Glied im Leben aller genießt und giebt zu genießen, jedes für alle und alle für jedes.

Es soll also jeder Anhänger Zoroasters als Glied der lebendigen Gemeinde die Verherrlichung Ahuramazdâs zum ersten und letzten Zweck haben sowohl für sich in dieser Welt dadurch, daß er sich von allem Bösen des Leibes und der Seele reinigt, Angrômainyus und seine Diener im ganzen Reich der Finsternis bestreitet, Licht wird und Licht schafft; und in der künftigen Welt, daß er als treuer Diener Ahuramazdâs ewiges Leben genieße, ewig Ahuramazdâ gefalle, und im Licht lebe und webe. Er soll aber auch die Verherrlichung Ahuramazdâs zum ersten und letzten Zweck haben für Andere, daß er die ganze Schöpfung verehre, in ihr Ahuramazdâ überall finde und mit sich die Geschöpfe verschiedener Art veredle, die Geister nach ihrer Hoheit, nach ihrem verschiedenen Glanz, nach ihrer mannigfaltigen Wohlthätigkeit rühme und hoch erhebe und in ihnen lebendige Muster seines ganzen Verhaltens erkenne. Die Menschen verehre und veredle er dadurch, daß er für ihr Heil in diesem und jenem Leben sorge, für sie bete und über sie wache, damit sie ihre Pflichten thun. Er nähre die Tiere, ziehe sie auf und sorge, daß alle guten Geschöpfe auf Erden sich vermehren und die Elemente rein erhalten bleiben, damit von Tag zu Tag alles in Licht und Reinheit, Lebensgenuß, Güte, Freude wachse, und er mit allem, was ihn umgiebt, von Tag zu Tag edler werde und von Finsternis zum Licht, vom Tod zum Leben, von der Materie zum Geist sich entwickle und alles mit sich emporhebe in die Nähe Ahuramazdâs, damit alles eins werde und eine Seligkeit des Lebens genieße.

Zur Erreichung dieses Zwecks schrieb Zoroaster einen Kultus vor, dessen genaue und sorgfältige Ausübung das Mittel dazu ist.

Zoroasters Gesetz ist der Körper des Urworts[175], das vor allen Wesen war, und ist als fortwährend schaffende göttliche Geistessprache im Zendavesta wahrhaftig aufbehalten. Das Wort war das Urwesen, durch welches alle Wesen geworden sind, was sie sind. Es ist eins mit der Lebenskraft und dem göttlichen Wesen, 128insofern es ganz Licht, Geist und Kraft des Lebens ist und alles belebt, sobald Ahuramazdâ haucht. Insofern Gottes Natur ganz Leben und Lebenskraft ist und weder von Anfang noch von Ende weiß, heißt Gott das Urwort, und insofern Gottes Geist dieses Wort spricht und durch dieses Sprechen außer sich andern Wesen außer sich Sein, Leben und Wirksamkeit, d. h. Licht mitteilt, heißt dieses Sprechen Gottes auch Wort, Wort der Belebung, lebendige Geistessprache Gottes. Die Sprache Gottes ist blos geistig, ein unsichtbarer Zug der göttlichen Willenskraft, der aus dem Mittelpunkt der Gottheit in die Izeds übergeht und zugleich die Kraft zu beleben und zu schaffen mit sich führt. Diese Sprache verstehen die Izeds vollkommen, denn sie ist die unmittelbare Anschauung der Dinge, das Gefühl des Willens, wie es in Gott war und das aus Gott in sie überging, was keine Menschenzunge aussprechen kann. Die Izeds und Feruers selbst reden unter sich diese Sprache innerer Empfindung und Anschauung, die Menschen aber sprechen mit dem von der Zunge gefaßten Wort miteinander, darum wissen sie auch nicht, wie Gott spricht, und was die Sprache und das Wort Gottes ist. Dieses Wort heißt auch das erste Gesetz, die höchste Weisheit, Ahuramazdâs ursprünglichstes Element, das mit dem Urlicht so zu sagen eins ist, der Ausfluß und die Seele Ahuramazdâs, denn es enthält gewissermaßen die wahren Elemente Gottes; es ist das ewige „Ich bin“, vor dem Beginn aller Dinge vorhanden, ewig die Vollkommenheit selbst, Licht, schrecklich, lebendig und schnell. Ahuramazdâ sprach es, und alle Wesen wurden. Er spricht es von Augenblick zu Augenblick, und dadurch kommt aller Überfluß, alles Gute, aller Samen des Lichts in die Welt; alle Dinge in der Welt sind nur ausgesprochene Worte Ahuramazdâs. Wie Ahuramazdâ das Wort der unbegrenzten Ewigkeit ist, so ist die ganze Welt sein Wort, und alles, was die Izeds wirken, ist ihr Wort.

Dieses Wort wurde unter der Hülle des Gesetzes den Menschen offenbart, oder – besser gesagt: der Schöpfer aller Dinge wollte den Menschen Erkenntnis und Licht der Natur der ewigen und in jedem Augenblick neu schaffenden Gottheit geben und redete deshalb zu den Menschen in menschlicher Sprache, die sie verstehen konnten, und so wurde das Gesetz, das im Zendavesta, das himmlische, 129göttliche Gesetz genannt wird, das Gesetz des Lichts, der Wahrheit und des Lebens.

Die Gottheit hat sich schon vor Zoroaster offenbart und offenbart sich nach ihm, aber Zoroaster ist ihr vornehmster Prophet.

Der Hauptinhalt des ganzen Gesetzes besteht in den Worten: Du mußt Ahuramazdâ, den König der ganzen Welt, erkennen in Reinheit, seine Schöpfung hochschätzen, Zoroaster für den wahren Propheten Gottes halten und das Reich des Angrômainyus zerstören. Die Menschen sollen Gutes thun wie der erste der Amschaspands, weise sein in ihrem Verstand, wahrhaftig in der Rede, groß, edel und verstandvoll in ihrem Thun und Lassen.

Die einzelnen Vorschriften des Gesetzes bezwecken Ahuramazdâs Reich im einzelnen und im ganzen zu verschönern, Licht, Leben, Wahrheit und Seligkeit überall auszubreiten, und sind entweder moralisch oder gottesdienstlich oder politisch-religiös.

Die moralischen Vorschriften beziehen sich auf die Seele, ihre inneren und äußeren Wirkungen. Hier ist das Hauptgebot die größte Reinheit des inneren und äußeren Lebens, Reinheit des Gedankens, Reinheit des Worts und der That. Der Schwerpunkt liegt auf dem Innern der That.

Die Reinheit des Gedankens, aus welcher Reinheit der Rede und der That entspringt, ist die Richtschnur, nach welcher die Handlungen bemessen und beurteilt werden müssen. Die Reinheit des Gedankens verdammt alle bösen Begierden, welche aus den Keimen Duzakhs entspringen. Jede unreine Lust hat ihren eigenen Dew, wie jede Vollkommenheit und Tugend ihren besonderen Ized. Jeder unreine Gedanke betrübt die Izeds und hindert sie dieser Seele zu dienen, er schwächt das Licht und Leben der Seele und macht, daß die Dews sich freuen und mehr Gewalt bekommen.

Die Reinheit des Worts besteht in der Güte und Wahrheit der Rede, in der Harmonie zwischen Gedanken und Wort, Zunge und Herz. In der Bezeichnung Reinheit der Rede wird im Zendavesta alles zusammengefaßt, was in der Reinheit des Gedankens liegt, nur daß die Rede unsern Nebenmenschen versinnlicht, was im Herzen Edles, Wahres und Gutes verborgen liegt. Bekannt ist, daß die alten Schriftsteller nicht genug die Wahrheitsliebe der Perser zu rühmen wissen, und nach Herodot bedeutete die Lüge 130bei den Persern bürgerlichen Tod, und die Jugend wurde von früh an an die strengste Wahrheitsliebe gewöhnt. Im Zendavesta heißt es sehr oft: „Sei wahrhaftig in deinen Worten!“ und von allen Persern wird Reinheit, Edelmut, Hoheit im Denken und Wahrhaftigkeit im Reden vorzüglich verlangt. Ahuramazdâ, dessen Wort lautere Wahrheit ist, wird beständig als Muster aller Muster gepriesen, und Mithra ist der spezielle Ized der Wahrheit in der lebendigen Gemeinde; er ist der Schutzengel der Wahrheit, der Einigkeit und des Friedens. Die Lüge gilt im Zendavesta als das Häßlichste, wodurch der Mensch zum Dew wird; Angrômainyus ist der Erzlügner und Vater aller Lügen.

Die Reinheit der That oder Gerechtigkeit ist der Tugendgeist und die Lichtabsicht der Handlungen. Wie alles zwischen Ahuramazdâs und Angrômainyus Reich, zwischen Licht und Finsternis, Reinheit und Unreinheit geteilt ist, so auch die Thaten. Die Handlungen haben Licht und Glanz, wenn der Geist des Gesetzes in ihnen lebt, wenn der sie erzeugende Trieb auf Ahuramazdâ und die Verherrlichung seiner Schöpfung durch Vermehrung des Guten gerichtet ist. Alles dagegen, was nicht hierauf abzielt, ist das Werk der Finsternis, ein Werk von Angrômainyus. Im Zendavesta wird die Reinheit der Handlungen nicht durch viele subtile Regeln bestimmt, sondern der Unterricht ist, weil die Vorschriften für Menschen aller Stände bestimmt sind, so beschaffen, daß alle bei der Befolgung des Gesetzes wissen können, wie sie aus reinen Trieben zu handeln imstande sind. „Verehre Ahuramazdâ und sein glänzendes Volk, das er im Anfang geschaffen hat, – heißt es im Zendavesta, – wähle ihr Beispiel dir zum Muster und thue den Willen Ahuramazdâs so, wie die Izeds im Himmel ihn thun, so handelst du rein.“ – Wenn die Anhänger Zoroasters beten, so müssen sie vorher in demütiger Reue ihre Sünden bekennen, wodurch das Herz erleichtert und zum Gebet gereinigt wird. Beim Spenden der Almosen, das den Parsen oft und dringend geboten wird, müssen sie beständig an Ahuramazdâ und die Izeds gedenken und betrachten, wie wohlthätig dieselben sind. Mit größter Bereitwilligkeit des Herzens soll ein Parse dem andern wohlthun, der Reiche den Armen speisen, weil auch dieser ein Verehrer Ahuramazdâs ist, weil alle im Gorotman eins zu werden hoffen, und weil Ahuramazdâ 131und die Amschaspands sich vorzüglich der Notleidenden annehmen. – Der König soll hauptsächlich dahin streben, daß sein Thun und Lassen rein sei, wozu gehört, daß er seinem Volk sei, was Ahuramazdâ der ganzen Welt ist, Ernährer und Vater der Armen und Betrübten, der Schützer und Helfer der Gerechten, daß er ihnen viel Freude mache und mit seiner ganzen Gewalt das Böse unterdrücke, daß er seine Macht und Würde allein als Ahuramazdâs Geschenk trage und sie nur zum Wohlthun benutze. Weiterhin wird allen Ständen die Nachahmung Ahuramazdâs und seiner Izeds anbefohlen, und jeder Stand hat einen besondern Ized, den er vorzugsweise nachahmen soll, und wenn er dies befolgt, so trägt sein Thun zur Verherrlichung und Lichtwerdung der Schöpfung Ahuramazdâs bei, was der Zweck der Lebensthätigkeit eines jeden Geschöpfs sein soll. Jede darauf hinzielende That ist rein, und je reicher jemand an reinen Thaten ist, desto ähnlicher ist er Ahuramazdâ und seinen Lichtgeschöpfen.

Diese Reinigkeit des Herzens und der That ist das Endziel aller Parsen, und wer sie besitzt, der soll Tag und Nacht dahin wirken, daß ihr Samen sich vermehre. Ist erst jemand durch die Reinheit des Gedankens, des Worts und der That so weit gereinigt, daß er nichts als Gutes thut und – als Mensch auf Erden betrachtet – ganz Licht ist und immer mit ganzem Herzen Ahuramazdâ anbeten kann, dessen Gewalt ist so groß, daß alle Darvands, Druschts und Dews vor ihm fliehen müssen, daß er sie durch seinen Willen, sein Gebet und das Licht seiner Thaten vollständig ohnmächtig macht. Jedoch soll niemand glauben, daß er ohne die Kraft und den Beistand Ahuramazdâs, der Izeds und namentlich Mithras sich in der Reinheit der Seele erhalten könne.

Vorzugsweise soll der Parse die Sprache und die Kraft zu wirken heilig halten, denn beide sind Ahuramazdâs Geschenke und die Mittel, wodurch der Mensch Größe, Edelmut und Thatkraft im Dienste Ahuramazdâs beweisen und vermehren kann.

Zur Erhaltung der Reinheit der Seele dient in erster Linie der Gebrauch des Gesetzes. Das Lesen des Zendavesta ist eine der notwendigsten Pflichten, und ein dem Urwort gebrachtes Opfer ist eine tägliche Nahrung der Seele, ohne welche ihr Licht zu Finsternis wird. Nur durch dieses Opfer erhält sich der Anhänger Zoroasters im Besitz des lebendigen Worts.

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Außer dem Lesen des Gesetzes ist das Gebet die heiligste Pflicht der Ahuramazdâverehrer und unumgänglich notwendig, weil dieselben mit den täglichen Anläufen Angrômainyus und seiner Diener sowie mit den Lockungen zum Bösen kämpfen müssen, welche nicht anders als durch das Gebet zu überwinden sind. Das Gebet verleiht neue Kraft und neuen Eifer zum Streit gegen das Böse und zum Streben nach dem Guten. Es erweckt den hohen Gedanken, daß jeder Anhänger Zoroasters für Ahuramazdâ kämpfe, täglich in der Seele von neuem und erhebt das Herz zum Himmel. Ohne das Gebet können die Geister in ihrer Sphäre das nicht wirken, wozu sie geschaffen sind und wovon die Diener Ahuramazdâs alles Gute erhoffen müssen.

Die Beschaffenheit des Gebets ist im Zendavesta vorgeschrieben. Zuerst legt der Parse ein aufrichtiges Gebet seiner Sünden ab, deren Entstehungsarten aufgezählt werden. Alsdann beklagt er seine und aller Menschen Sünden und rühmt die grenzenlose Barmherzigkeit und Gnade Gottes, von welcher er Vergebung erhofft. Hierauf beteuert er seine Liebe zu Ahuramazdâ und seinen Haß gegen das Reich des Angrômainyus, seine Treue gegen das Gesetz und die Notwendigkeit guter Thaten. Nach diesem Sündenbekenntnis und Gelübde folgen Lobpreisungen Ahuramazdâs, der Amschaspands, Izeds und aller reinen Menschen von Kaiomorts an bis zur Auferstehung sowie aller Söhne Gottes, d. h. aller Geschöpfe, in denen Leben und Spuren von Ahuramazdâs Geist zu finden sind.

Die Parsen beten nicht nur für sich, sondern für alle reinen Menschen, welche den Schöpfer der Natur erkennen und verehren auf allen Teilen der Erde. Besonders ist der Priester verbunden, für sich und alle zu beten: für den König, den Ahuramazdâ über sein Volk gesetzt hat und so herab bis auf alle Menschen, die noch bis an das Ende der Welt in Ahuramazdâs Reich leben werden; er betet ferner für die Seelen und Feruer, gleichviel ob dieselben auf Erden bereits verkörpert waren oder nicht. Damit das Gebet eine größere innere Energie habe, vereinigt es der Priester mit dem Gebet aller reinen Menschen auf der ganzen Erde, die gelebt haben, leben und bis zur Auferstehung leben werden.

Ein Ahuramazdâdiener betet für Alle, und Alle für Einen. Der Priester bekennt, daß er Teil nehme an den guten Werken aller 133von Ahuramazdâ geliebten Seelen, wie sie umgekehrt alle an den Früchten seiner eigenen guten Thaten teilnehmen.

Ebenso atmen alle religiösen Ceremonien und liturgischen Formen den Geist der Gemeinsamkeit.

Unter den eigentlichen gottesdienstlichen Gebräuchen und Riten ist in erster Linie der Feuerdienst zu nennen. Die Parsen glauben nämlich an ein Urfeuer und ein materielles Feuer, welches letztere ein Bild vom Ersteren ist. Jenes ist von Ewigkeit, und dieses ist aus jenem entstanden. Das Urfeuer ist das Band der Vereinigung und den in Zrvâna-akarana verschlungenen Wesen; es ist der Samen, aus welchem Ahuramazdâ alle Wesen erzeugt hat und was Ahuramazdâ durch sein Feuer erzeugt ist sein Sohn. Deshalb heißen die Amschaspands, Izeds, Feruer, Sterne, Menschen, Tiere und Pflanzen, alle Söhne Gottes, weil alle diese Wesen etwas vom Samen der Allschöpfung und Allbelebung in sich tragen und dadurch sind, was sie sind. Das Urfeuer hat sich von Anfang an unter verschiedenen Gestalten hier auf Erden zu erkennen gegeben, teils in sichtbaren Feuererscheinungen, teils in unsichtbaren Wirkungen seiner Kraft in den Geschöpfen. Alle großen Thaten, alle Heldenthaten, alle Weisheit und alle Weissagung werden der Kraft des Urfeuers zugeschrieben. Je reiner und stärker das Feuer ist, durch welches die Menschen belebt werden, desto reiner, stärker und geistiger sind ihre Wirkungen.

Das Urfeuer war von Ewigkeit in der unendlichen Gottheit und gab allen Geschöpfen ihr Wesen, und das durch jenes entstandene und in alle Wesen übergegangene Feuer, welches nun in Millionen und aber Millionen von Geschöpfen unter den verschiedensten Äußerungen und Wirkungsarten das einzige allschaffende, allwirkende und allbelebende Prinzip ist, das Mittel, durch welches Ahuramazdâ die ganze Schöpfung in Leben und Bewegung erhält. Das Feuer ist also der Ausfluß des Geistes und der Kraft Gottes, das reinste Symbol der unaufhörlich schaffenden, allwirkenden und allbelebenden Gottheit.

Zum Ruhm dieser Kraft Gottes stiftete Zoroaster den Feuerdienst, und weil das göttliche Urfeuer unsichtbar ist, so befahl er, heilige Feuerherde, Tempel zur Feuerverehrung (Dad-gah) zu errichten. Ihr Zweck war, die Gottheit unter dem Symbol des 134Feuers zu verehren. Das Bild des Feuers mußte also mit aller ihm zu Grund liegenden Kraft und Hoheit der Idee den Seelen der Anhänger Zoroasters tief eingeprägt werden. Deshalb sagt Strabo[176]: „Zu welcher Gottheit die Perser auch beten mögen, sie rufen vor allen Dingen zuerst das Feuer an.“

Trotzdem verehren die Parsen das Feuer nicht als Gottheit selbst, sondern beten in ihm nur die Eigenschaften des Schöpfers an, Ahuramazdâs belebende und erzeugende Kraft. Die dem Feuer gebrachten Opfer dienen zur Unterhaltung desselben, und die an das Feuer gerichteten Gebete sind Lob- und Dankgebete für die genannten Äußerungen Ahuramazdâs. Auch die Elemente, Izeds, Sterne usw. wurden nicht als eigentliche Gottheiten verehrt, sondern als wohlthätige Kräfte, als belebte Wesen, durch welche Ahuramazdâ die Welt regiert. Wenn die griechischen Schriftsteller derartigen von den Persern verehrten Wesen Namen wie Zeus, Hestia usw. beilegen, so beweist dies nur, daß es ihnen unmöglich ist, aus dem Bannkreis ihrer Mythologie herauszukommen.

Außer dem Feuerdienst hatten die Perser noch andere rituelle Gebräuche, von denen in erster Linie die Opfergeschenke zu nennen sind. Dieselben bestanden in Miezd, Hom und Perahom genannten Kleidern für die Priester, deren Darbringung durch Gebete an Ahuramazdâ und die Izeds und das Lesen der heiligen Bücher begleitet wurde.

Einen äußerst wichtigen Teil der parsistischen Ceremonien machen die Reinigungen aus. Die Reinheit des Leibes ist das Bild der Reinheit des Herzens und dieses ist Alles in Allem. Das Herz kann aber nicht rein sein ohne Reinheit des Körpers, weshalb diese die größte Sorgfalt und Wachsamkeit erfordert. Den unreinen Körper besitzen eine Menge Dews, aber vor dem reinen müssen sie weichen. Die Menschen werden von Natur unrein geboren, denn sie stammen alle von Kaiomorts, welcher durch Angrômainyus verunreinigt ist.[177]

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Aus dem Glauben an die Unreinheit des Körpers sind verschiedene rituelle Gebräuche entstanden. So das Gebot, beim Gebet und Essen den untern Teil des Angesichts mit dem Penom[178] verhüllt zu halten, weil der Speichel irgend etwas verunreinigen könne. Daher rührt auch das Gebot, nichts vom oder aus dem Körper Kommendes in das Wasser oder Feuer zu werfen; auch dürfen die Parsen beim Beten, Essen und Verrichten der Notdurft nur eine Zeichensprache reden, weil sich sonst Dews in den Körper einschleichen können, wenn sich das Gemüt nicht in gehöriger Sammlung, Stille und Wachsamkeit befindet. – Ähnliche Anschauungen gingen bekanntlich in den Talmud über.

Die Unreinheit des inneren Körpers kann nicht ganz aufgehoben werden, weshalb der Parse wenigstens für die Reinhaltung des äußeren sorgen und durch beständige Aufmerksamkeit auf alles, was verunreinigen kann, verhüten muß, daß die Unreinheit des Innern wachse. Dabei muß sein Blick sowohl auf die Außenwelt als auf sich selbst gerichtet sein, weil dies die beiden Wege sind, auf welchen sich Verunreinigungen einschleichen können. Auf die Außenwelt, damit er keinem unreinen Menschen oder Tier nahe, und daß er nichts Totes berühre, ohne die vorgeschriebenen Bräuche beobachtet zu haben. Auf sich selbst insofern, als er in allen Fällen, in welchen Dews ihn verunreinigen können, besonders wachsam auf sich ist und sich nicht durch sinnliche Gegenstände zerstreuen läßt. Ist der Mensch, was nicht zu vermeiden, verunreinigt worden, so muß er sich durch das Wasser reinigen.

Das Wasser wird im Zendavesta eben so hoch gepriesen als das Feuer. Es gehört mit zum Ursamen aller Dinge, und das reinste Himmelswasser fließt vor dem Throne Ahuramazdâs, es belebt die Natur, reinigt die Körper der Natur, giebt ihnen Nahrungssaft, Samen, Gehirn, Verstand, Mark und Kraft, Milch und Fruchtbarkeit zur Zeugung, es erneuert die Wesen und giebt Überfluß aller Art. Ahuramazdâ hat das Wasser dem Menschen zum Schutz gegen die Dews und ihre Erzeugnisse gegeben; es hat einen heiligen Ized und muß des Morgens beim Krähen der Hähne angerufen werden. Das Wasser ist – wie Feuer und Licht – Symbol 136alles Guten und unterstützt das Feuer in seinen Wirkungen. So wie das Feuer alle Geschöpfe durchdringt und in allen Geschöpfen Wirkungen des Lebens äußert, so auch das Wasser, welches den Lebenssaft aller Menschen, Tiere und Pflanzen enthält.

Die Parsen haben zwei heilige Wässer, Zur und Hom. Das Wasser Zur wird zu Mitternacht unter mancherlei Ceremonien und Gebeten aus gemeinem Wasser bereitet, während Hom, das Wasser des Lebens und der Unsterblichkeit, aus dem Saft des Hombaumes bereitet wird.

Die Fälle, in welchen der Parse der Wasserreinigung bedarf, sind: nach Verrichtung der Notdurft, bei Frauen nach der Menstruation, das Kind nach der Geburt, überhaupt nach jeder Verunreinigung usw. usw. Ist der Parse verhindert, sich zu reinigen, so ersetzen Reue und Gebet die Reinigung.

Auch die gesetzlichen Strafen gelten als Reinigungsmittel, und die reinigende Kraft der Todesstrafe ist so groß, daß die Sünde dadurch getilgt und der Sünder in Gorotman aufgenommen wird.

Das Fasten hält Zoroaster weder für nötig, noch für verdienstlich, noch überhaupt für erlaubt. Er befiehlt Mäßigkeit, aber der Parse soll seinen Leib pflegen, damit er Ahuramazdâ zu Ehren wirken und gegen die Dews kämpfen könne, und damit der Hunger seinen Geist nicht von der Aufmerksamkeit auf das Gesetz abziehe. Die religiösen Feste der Parsen beziehen sich auf die Schöpfung und das Naturleben überhaupt. So die sechs je fünftägigen Gahanbars auf die sechs Perioden der Schöpfung, das allerheiligste No-ruz (Neujahr) als Frühlingsfest auf die Vollendung der Schöpfung, auf den Triumph Kaiomorts über den Dew Eschem, auf die Schaffung des ersten Menschenpaares und die Neubelebung der Natur an diesem Tag. Dem No-ruz ist die Mithrafeier Mehrdjan als Herbstfest entgegengesetzt.

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Drittes Kapitel.
Auszug aus dem Bun-Dehesch[179], der parsistischen Kosmogonie.

Im Urbeginn wurde Ahuramazdâ und Angrômainyus das Wesen mitgeteilt. Darauf nahm die Welt ihren Anfang und was sie sein wird bis ans Ende, bis zur Wiederherstellung aller Dinge.[180] Ahuramazdâ lebt erhaben über alles mit höchster Weisheit und Heiligkeit im Lichtkreise der Welt. Dieser Lichtthron[181] Ahuramazdâs wird „das erste Licht“ genannt und ist als alles übertreffende Weisheit und Reinheit Ahuramazdâs Gesetz.

Ahuramazdâ und Angrômainyus sind im Laufe ihrer Existenz allein „das Volk der unbegrenzten Zeit“. Der wahre Schöpfer ist die Zeit, welche keine Schranken kennt, nichts über sich und keine Wurzel hat, die ewig gewesen ist und ewig sein wird. Deshalb spricht der Verständige nicht: Woher ist die Zeit gekommen? In der Größe, worin die Zeit war, war nichts Geschaffenes, das sie Schöpfer nennen konnte, denn es war noch nichts geschaffen. Darauf ward Feuer und Wasser, und aus ihrer Vereinigung Ahuramazdâ. Die Zeit war der Schöpfer und führte die Herrschaft über alle Geschöpfe. Ahuramazdâ war in der Zeit und wird sein in Ewigkeit.

Angrômainyus wohnt mit seinem Gesetz in der ersten Finsternis und war allein ihre Mitte. Die beiden Urprinzipien, in Unendlichkeit des Guten und Bösen verschlungen und ohne Grenzen der Fortdauer, wurden sichtbar durch Vermischung. Ihre Wohnungen, 138des großen Ahuramazdâ erstes Lichtreich und Angrômainyus Urfinsternis, waren ebenfalls ohne Grenzen. Sie lebten einsam in der Mitte dieser Abgründe, und einer näherte sich dem andern. Ein jedes dieser Wesen war durch seine Hülle begrenzt. – Angrômainyus weiß alles, wie Ahuramazdâ, und beide haben alles, was ist, geschaffen. Ahuramazdâ ist ohne Grenzen, denn er durchschaut die Schranken der Macht beider in Unendlichkeit verschlungenen Wesen. Angrômainyus ist Sklave und König.

Ahuramazdâs Volk wird bis zur Auferstehung der Toten endlos dauern, ewig wie der Lauf der Wesen.

Die Genossen des Angrômainyus werden, wenn dereinst die Toten neu belebt sind, schwinden. Er selbst wird ohne Ende sein.

Ahuramazdâ kannte durch seine ihm von der unbegrenzten Zeit gegebene allumfassende Wissenschaft das listige Unterfangen der argen Wünsche des Angrômainyus, wie er bis an das Ende der Dinge seine Werke mit den Werken des guten Wesens vermischen dürfe, und wie seine Macht sich endigen werde.

Darauf sprach Ahuramazdâ: Ich muß durch meine Macht das Volk des Himmels schaffen. Da schuf er in dreitausend Jahren den Himmel und sein Volk. Und Angrômainyus, fort und fort auf Böses sinnend zum Widerstand des Guten, war unbekümmert um das, was vorging. Angrômainyus wußte nicht, was Ahuramazdâ wußte.

Endlich erhob sich der Grundarge und näherte sich dem Licht. Wie er nun Ahuramazdâs Licht erblickte, wollte er, dem nie Gutes in den Sinn kommt, der nichts denkt, als wie er als Druscht alles schlagen und zerstören mag, er wollte das Licht verschlingen. Aber durch dessen Schönheit, Glanz, Erhabenheit geblendet, stürzte er von selbst in seine vorige dicke Finsternis zurück und zeugte ein großes Heer von Dews und Druschts zur Plage der Welt.

Ahuramazdâ, der alles weiß, erhob sich, sah Angrômainyus Volk, sein gräßlich-schreckliches Volk; sein Hauch war Fäulnis, Bosheit und der Schöpfung unwert. Angrômainyus erblickte das Volk Ahuramazdâs, das Volk in Scharen, das Volk in Herrlichkeit, über welches der in Ewigkeit verschlungene den Schöpfungsrat fassen mußte, das der Schöpfung wert war und welches Ahuramazdâ für würdig erklärt hatte.

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Ahuramazdâ indessen, welcher wußte, daß zuletzt Angrômainyus Werk doch ein Ende nehmen müsse, bot ihm Friede und sprach: O Angrômainyus, hilf der Welt, die ich geschaffen habe, ehre sie, und deine Schöpfung soll unsterblich sein, nicht altern, sich nicht zerrütten und nie Mangel haben.

Angrômainyus, der Lügenvater, schuf Akuman, den ersten der Dews und Widersacher Bahmans.

Der Himmel war die erste Schöpfung Ahuramazdâs in der reinen Welt; ihm ward Bahman vorgesetzt. Er sah, daß seine Schöpfungen bis zur Auferstehung dauern würden, und ließ Ardibehescht, Schahriver, Sapandomad, Chordad und Amerdad der Folge nach werden. In der dunkeln Welt schuf Angrômainyus Akuman, Ander, Savel, Nakaed, Tarik und Zaretsch.

Nach dem Himmel schuf Ahuramazdâ das Wasser, die Erde, die Pflanzen, die Tiere und die Menschen.

Ahuramazdâ ließ Licht werden zwischen Himmel und Erde, Fixsterne und Planeten, Sonne und Mond, wie gesagt ist: Er schuf anfangs den Himmel. Die Fixsterne der Sichtbarkeit ordneten sich in zwölf Gestirne wie in eben so viel Stammmütter. Ihre Namen sind: Lamm, Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe, Ähre, Wage, Scorpion, Bogen, Steinbock, Schöpfeimer und Fische. Diese Konstellationen sind seit ihrem Ursprung in achtundzwanzig Kordehs[182] männlichen Geschlechts eingeteilt, welche heißen: Pesch, Parviz, Peruesch, Pehe, Aveser, Beschen, Rekhad, Tarehe, Avre, Nehn, Meian, Avdem, Maschahe, Sapner oder Sapur, Hohro, Srob, Nor, Guel, Grefsche, Vareand, Gao, Goi, Moro, Bonde, Kehtser, Veht, Meian, Keht.

Alle diese Gestirne wurden anfangs geschaffen, um in der Welt immerfort Stand zu halten, damit, wenn der Feind sich darstellt, wenn Peetiaré[183] selbst zu schaden trachtet, durch ihren Beistand die Geschöpfe von den Übelthätern gerettet werden.

Dieser Sterne sind sechstausend und vierhundert und zwanzigtausend zum Dienst des großen Gestirns geschaffen worden. Noch hat Ahuramazdâ an den vier Enden des Himmels vier Wachen 140aufgestellt, welche auf die Fixsterne achten müssen. Ein jeder steht da als Wächter seines Kreises und seiner Himmelsgegend durch seine Kraft und Macht, er, der Schöpfer der Sternenheere, wie gesagt ist: Taschter schützt den Osten, Satevis den Westen, Venand den Mittag und Haftorang den Norden.

Meschgah ist ein großer Stern in der Mitte des Himmels, und wenn der Feind mit seinem Heer herannaht, so deckt derselbe – auch Rapitan genannt – den Mittag. Um den Gah Rapitans[184] lobsingt Ahuramazdâ mit den Amschaspands himmlische Izeschné.[185] Izeschné giebt jedem Kraft, Peetiaré zu schlagen. Notwendig ist dieser Dienst.

Zu gleicher Zeit führte die allwissende und vortrefflichste Weisheit den Menschen Feruer zu und sprach: Welcher Gewinn für euch, Körper in der Welt zu beleben! Seid daher im Kampfe gegen die Druschts und macht die Druschts schwinden! Am Ende sollt ihr in den ersten Zustand zurückkehren. Seligkeit soll euch werden, Unsterblichkeit ohne Veraltung, ohne Übel. Meine Fittige sollen euch gegen den Feind decken! – Darauf kam des Menschen Feruer, durch des Allwissenden Geist gegen die Druschts des Angrômainyus geschützt, in die Welt und ward sichtbar. Am Ende der Zeit wird er, vom Feinde Peetiaré errettet, des ersten Glücks genießen, wenn die Toten neu leben, durch alle Ewigkeiten der Wesendauer.

Angrômainyus, der Machtberaubte, und alle Dews mit ihm sahen den Menschen und stürzten vor seiner Macht zu Boden. Eine Zeitlänge von drei Jahrtausenden mußte Angrômainyus angekettet liegen, und wie er so gebunden lag, sprach jeder der Dews zu ihm: Auf und mit mir! Ich will diesen Ahuramazdâ und die Amschaspands in dieser Welt bestürmen und zusammentreiben! – Der Arge überlegte zweimal und war sehr unzufrieden, denn Furcht vor dem reinen Menschen hielt Angrômainyus zurück. Am Schluß der dreitausend Jahre kam der Darvand Djé zu ihm und sprach: O Angrômainyus, mache dich auf mit mir! Ich will hinaus in die Welt, Ahuramazdâ und die Amschaspands bekriegen und sie 141ängstigen! – Der Übelthäter überzählte zweimal seine Dews, aber mit Verdruß. – Angrômainyus wollte sich gern von seinem Kummer beim Anblick des reinen Menschen losmachen, aber der Darvand Djé sprach: Auf, mit mir zum Krieg! Welche Plagen will ich über die reinen Menschen und arbeitenden Rinder ausgießen! Wenn ich meinen Willen an ihnen vollbracht habe, so sollen sie, so wahr ich bin, nicht leben! Zerstören will ich ihr Licht, durchdringen das Wasser, die Bäume, das Feuer Ahuramazdâs, ja alle Geschöpfe Ahuramazdâs.

Der nichts als Böses thut übersah nochmals seine Heere, und siehe, wie außer sich vor Freude, sprang er aus dem Kleinmut, welcher bis jetzt gefangen hielt, und küßte Djés Haupt. Djé ist der Schöpfer der Unreinigkeit, die man der Weiber Zeit nennt. Angrômainyus sprach zu Djé: Was du nur immer wünschen kannst, nimm von mir! Djés Bitte war: Mit Menschengestalt wollte ich bekleidet sein, gieb sie mir! – Angrômainyus bildete eines fünfzehnjährigen Jünglings schönen Leib und zeigte ihn Djé, und Djé, unsauber in Gedanken, trug ihn davon.

Nach diesem stellte sich Angrômainyus in Begleitung aller Dews vors Licht und sah den Himmel, und die nur Zerrüttung sinnenden Dews gedachten, wie sie ihn stürzten. Angrômainyus allein drang in den Himmel. In Schlangengestalt sprang er vom Himmel auf die Erde.

Am Tage Ahuramazdâ des Monats Farvardin[186] lief er von Süden aus und sah den Himmel, aber Schauder und Schreck durchfuhr ihn, wie das Schaf vor dem Wolf. Er zog in die Wolken, sah unter sich die Erde und drang durch die gemachte Öffnung in die Mitte der Erde. Darauf durchfuhr er die Bäume, den Stier, Kaiomorts[187] und das Feuer. In Fliegengestalt durchstreifte er alles Geschaffene. Gegen Süden, in Mittag verheerte er die Erde durchaus, und Alles überzog Schwärze wie Nacht. Danach schickte er fressende Kahrfesters auf die Erde, welche Gift haben, wie 142Schlangen, Skorpione, Kröten usw. Alles verbrannte bis zur Wurzel, und nichts konnte den Kahrfesters widerstehen. Glutheißes Wasser regnete auf die Bäume und machte sie im Augenblick verdorren. Der grausam plagende Verin und Boschasp[188] mußten sich auf den Stier und Kaiomorts stürzen, um sie an der Brust zu fassen.

Vor des Stiers Erscheinung schuf Ahuramazdâ Binak, das Wasser der Gesundheit. Wer daraus an der Quelle trank, mußte ihre ganze Heilkraft spüren.

Der, dessen ganzer Wille Böses war, schlug durch sein Gift den Stier, daß er krank darnieder sank und seufzend starb.

Im Sterben sprach er noch: Siehe, was geschehen muß für die Tiere, die noch werden sollen. Mein Wille ist, sie vor dem Bösen zu schützen!

Ehe Kaiomorts ward, schuf Ahuramazdâ das Wasser Chei[189] und brachte es zu ihm. Mit großem Ruhm spricht das Gesetz von dem Wasser Chei, welches Kaiomorts Lichtglanz und Jugend verlieh.

Kaiomorts sah die Welt in Finsternis wie die Nacht, und wie die durch Kahrfesters verbrannte Erde kaum noch bestand. Am Himmel liefen Sonne und Mond in ihren Bahnen, und die Dews von Mazenderan kämpften gegen die Fixsterne. Denn Angrômainyus hatte außer dem, was er gegen Kaiomorts Böses im Sinne hatte, einen Plan, welcher war der ganzen Welt Zerstörung. Astruiad[190] mußte mit tausend Dews, Kunstmeistern des Todes, Kaiomorts besitzen; aber seine Zeit war noch nicht gekommen, daher vermochten sie nichts an seinem Körper, denn es heißt: Zur Zeit der Ankunft Angrômainyus Peetiarés war Kaiomorts schon im Leben; schon dreißig Jahre war er König. Nach der Ankunft Peetiarés lebte er noch dreißig Jahre. Kaiomorts sprach zu ihm: Du bist wie ein Feind gekommen; aber alle Menschen meines Samens werden thun, was rein ist, verdienstvolle Werke und dich zu Boden stürzen!

Nach diesem drang Angrômainyus ins Feuer und ließ schwarzen Rauchdampf daraus aufsteigen. Geschützt durch ein Heer von 143Dews mischte er sich unter die Planeten und versuchte sich mit dem Sternenhimmel zu messen und drang durch die Fixsterne und an allen Orten hervor. Durch neunzig Tage und neunzig Nächte standen des Himmels Izeds im Kampfe mit Angrômainyus und den Dews aller Welt. Die Dews stürzten entkräftet in den Abgrund, und der Himmel half den Izeds, daß Angrômainyus sich nicht mehr an sie wagen durfte. Aus des Abgrunds Mitte stieg Angrômainyus auf die Erde, durchbrach sie, zeigte sich darauf und durchreiste sie; Alles in der Welt kehrte er um. Als Feind des Guten mischte er sich in Alles, zeigte sich in Allem und suchte Böses zu schaffen oben und unten.

Es steht ferner geschrieben, daß im Augenblick, da der noch einzig geschaffene Urstier starb, Kaiomorts aus seiner rechten Schulter hervorging. Nach seinem Tode kam aus seiner linken Schulter Goschorun als Seele des einzig geschaffenen Stiers. Goschorun, also geboren, verweilte bei dem Leichnam des Stiers und erhob ein lautes Geschrei wie tausend Menschen. Er trat vor Ahuramazdâ mit diesen Worten: Wen hast du zum König der Erde gesetzt? Angrômainyus geht darauf aus, in Eile die Erde zu zertrümmern, die Bäume zu schädigen und sie durch feuriges Wasser zu verbrennen. Ist es dieser Mensch, von dem du gesagt hast, ich will ihn schaffen, daß er lerne sich vor dem Argen zu schützen? Ahuramazdâ antwortete: Krank ist der Stier geworden durch Angrômainyus Krankheit; aber dieser Mensch ist für eine Erde und Zeit aufgehoben, wo Angrômainyus nicht wird Gewalt üben können.

Goschorun ging und zog durch die Sphären der Sterne und den Himmel der Sonne wie des Mondes. Nun zeigte ihm Ahuramazdâ Zoroasters Feruer und sprach: Ihn will ich der Welt schenken, und er soll sie lehren, wie man sich vor dem Bösen rein bewahre. Goschorun wurde freudig, zollte dem Verlangen Ahuramazdâs Beifall und sprach: Ich werde für der Welt Geschöpfe sorgen. – –

Über die Welt sind sieben Fixsterne als Wächter bestellt:

1.Taschter,von dem PlanetenTir (Jupiter)begleitet.
2.Haftorang,"Beram (Mars)"
3.Venant,"Anhuma (Merkur)"
4.Satevis,"Anahid (Venus)"
1445.Mesch,"Revans (Saturn)"

6. Gurzscher und
7. Dodjdom Muschever mit ihren Schweifen (Kometen), stehen unter der Wache der Sonne und des Mondes.

Albordj ging hervor. Dieser Berg umkreist die Welt und steht in der Mitte der Erde.

Wie das Wasser, so geht auch die Sonne im Kreislauf, schwebend in der Mitte der Welt, beginnend bei Albordj, beim Zeichen Varé.[191]

Hundert und achtzig Tage läuft die Sonne östlich und eben so viel westlich.[192] Tag für Tag besucht sie Albordj mit ihrem Licht. Das macht einen Tag.

Fixsterne wie Planeten, sichtbar in ihrem Lauf, durchschwärmen alle Tage drei Keschwars und einen halben[193], wie deine Augen sehen können.

Jedes Jahr hat zweimal Gleichheit der Tage und Nächte. Am ersten Kordeh zur Frühlingszeit beginnt die erste Gleichheit zwischen Dunkel und Licht. Längster Tag ist am ersten Kordeh des Krebses, die zweite Gleichheit des Tages und Dunkels am Kordeh der Wage, wo Anfang des Herbstes ist, und am Kordeh des Steinbocks ist die längste Dauer der Nacht. Hier beginnt der Winter, und wenn Varé wieder sichtbar wird, so ist neue Gleichheit zwischen Licht und Dunkel, so daß die Sonne von Beginn ihres Laufs bis zur Rückkehr 360 Tage braucht. Dazu kommen die fünf Tage der Gahs.[194] Wer in ihnen die vorgeschriebenen Gebete vollendet, der soll die Geheimnisse der Dews wissen und wird dieselben binden können.

Angrômainyus lief hinaus in die Welt, und beim Anblick der Schönheit, Reinheit und Stärke der Izeds ergriff er von neuem die Flucht. Der Himmel stellte sich wie ein Streiter im Harnisch vor Angrômainyus zum Kampf. Ahuramazdâ half aus dem festen 145Himmel, seinem Wohnsitz, dem Himmel, der umläuft. Die Feruer der Krieger und Reinen, mit Lanzen und Keulen in der Hand, rüsteten sich zur Unterstützung des Himmels, der sich umdreht, und halfen ihm mit der That. Angrômainyus ward zur neuen Flucht gezwungen, indem er sah, daß seine Dews flohen und er selbst seine Kraft verlieren werde, weil der endliche Sieg Ahuramazdâ aufbehalten ist, von der Auferstehung der Toten an durch die ewige Dauer der Wesen hindurch.

Ahuramazdâ und Angrômainyus wirkten beide bei der Schöpfung des Wassers. Als nämlich der Stern Taschter im Krebs war, floß Wasser im Kordeh Avré.[195] Am Tage, da der Feind im Wassergebiet seinen Lauf hatte, kehrte Taschter in seiner Bahn zurück[196] und schien im Kordeh Avré westwärts, denn jeder Monat hat sein besonderes Zeichen. Der Tirmonat ist der vierte des Jahres. Der Krebs ist das vierte Zeichen vom Lamm an. Wie Taschter dieses Zeichen berührt hatte, ließ er Regen kommen, der allen Dingen Wachstum giebt, und daraus zog er mit der Kraft des Windes Wasser in die Wolken. Taschter fand Schutz an Bahman und dem Ized Hom[197], den der gesegnete Ized Barso[198] begleitete, und reine Seelen wachten mit Sorge über Taschter. Dreißig Tage und dreißig Nächte lang glänzte sein Licht hoch[199], und unter jedem Körper gab er zehn Tage Regen, wie es von den Fixsternen heißt: jeder dieser Sterne hat drei Körper.

Jeder Wassertropfen war wie eine Schale, und die Erde war in der Höhe eines Menschen mit Wasser bedeckt. Alle Kharfesters auf Erden starben durch diesen Regen[200]; er durchdrang alle Öffnungen. In der Folge teilte sich ein Wind vom Himmel dem Wasser mit und trug es in den Wolken mit sich fort und gab ihm die Erde zum Pfand. So ward Zaré Ferakh kand[201] gebildet.

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Die toten Kharfesters blieben auf Erden zurück und teilten derselben Gift und Fäulnis mit. Um die Erde von der großen Menge Kröten zu reinigen, kam Taschter in Gestalt eines weißen Pferdes mit langem Schwanz in den Zaré herab, und der Dew Apevesch[202] in der Hülle eines schwarzen Pferdes mit starkem Schwanz zog ihm entgegen in den Streit. Taschter wurde geschwächt und überwunden und mußte ein Stück zurückfliehen, bat aber Ahuramazdâ um den Sieg, der ihm Übermacht schenkte, denn es heißt: Alsobald bekam Taschter von Ahuramazdâ zehn junge Pferde, eben so viel Kameele und Stiere, zehn Berge und zehn Flüsse. Der Dew Apevesch wurde schwach und floh als Überwundener ein Stück zurück. Tschem[203] soll keine Stütze gewesen sein wie Tir[204] die Taschters. Darauf wirkte Hom in der Höhe mit großer Macht, daß das Wasser über die Erde schwemmte.

Jetzt ist Frage über das Wasser, das Taschter aus dem Zaré nahm. Er ließ es in wunderbarer Menge regnen, und es fielen Tropfen in der Größe eines Rinder- und Menschenkopfs, größere und kleinere. Unter Taschters Regen versuchte der Dew Apevesch in Roßgestalt Böses zu thun. Taschter schleuderte aber den Blitz (das Vadjeschtefeuer) auf ihn und Aspotschereh[205] erhob ein fürchterliches Gebrüll.

Wie beide so wirkten, regnete es zehn Tage und Nächte und die Flüsse wurden. Die Erde behielt Kröten in Menge und Gift der Kharfesters, die sich in alles Wasser mischten und es salzig machten. Denn alle Kharfesterkeime, die der Erde blieben, verursachten giftige Fäulnis. Darauf stürmte ein heftiger Wind drei Tage lang allerseits Wasser über die Erde; daraus sammelten sich drei große Zarés und dreiundzwanzig kleine. Zwei Zaréquellen, Tetscheschtvar und Sumbar, fingen an zu springen, welches zwei große Quellen sind, die sich bei dem Quell der Zarés einigen.

Von der Nordseite aus flossen zwei Wasser, eines ost- und das andere westwärts, Arg und Veh, wie es heißt: Ahuramazdâ ließ nach seiner höchsten Liebe gegen die Menschen von seinem Thron 147aus zwei Wasser fließen, die ihren Kreislauf über die Oberfläche der Erde nehmen und zuletzt im Zaré Ferakh kand in eins zusammenfließen. Diese zwei Wasser fließen aus Quellen, woraus Gott achtzehn andere ausgehen läßt, und daraus kommt alles übrige Gewässer, das er zuletzt wieder in den Arg und Veh zurückfließen läßt, er der da ist der Weltenschöpfer.

Während sich Angrômainyus in das Innere der Erde zurückzog, ward den Bergen ihre Kraft anerschaffen, die Erde gleichsam zu entwickeln. Im Anfang entstand Albordj, darauf die übrigen Berge der Erde. Wie sich Albordj nach allen Seiten weit ausgedehnt hatte, gelangten alle andern Berge auch zur Vervielfältigung, da sie aus der Wurzel von Albordj entsprossen waren. Sie stiegen tief aus der Erde in die Höhe empor, wie ein Baum, dessen Wurzel bald hoch, bald in die Tiefe wächst. So kam es, daß alle Berge aller Wurzel Sprossen waren, sich durch den ganzen Erdkörper ausbreiteten und seit der Wesenschöpfung gesehen worden sind.

Das Erdwasser quillt in den Bergen, wo die Ader verborgen liegt. Aller Berge Wurzel ist in Höhen und Tiefen gepflanzt; man sieht ihre Ausbreitung durch die Erde, den Verschlingungen der Baumwurzeln in der Erde gleich, und wie alle Adern des menschlichen Körpers in einen Stamm zusammenlaufen und dem ganzen Körper Kraft und Stärke geben.

Außer dem Albordj wuchsen innerhalb hundertundsechzig Jahren aus und über der Erde alle Berge mit allem ihrem Überfluß und ihrer Fruchtbarkeit.

Ahuramazdâ und Angrômainyus waren beide Schöpfer des Baumes. Anfangs war derselbe dürr, aber der Amschaspand Amerdad, dem der Baum zugehört, setzte ihn, als er noch klein war, in das Wasser Taschters, als Taschter durch einen allgemeinen Regen Wasser über die ganze Erde führte. Der Baum wuchs wie Haar des Menschenhauptes, und aus einem Baum sproßten zehntausend fruchtbare Baumarten zur Heilung der Zehntausenden von Krankheiten, welche Angrômainyus in der Welt geschaffen hat. Diese zehntausend Gattungen von Bäumen gaben wieder die Keime zu einhundertundzwanzigtausend Arten von Gewächsen, welche sich – aus einem Keim entspringend – fruchtbar vermehrten.

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Ahuramazdâ legte den Keim aller Pflanzen in den Zaré Ferakh kand, worin dieser Keim wuchs, der alle Pflanzenarten mit ihren Vervielfältigungen in sich schloß. Neben diesen Urkeim aller Pflanzen setzte Ahuramazdâ den Baum Gogard, welcher alle verjüngende und reichmachende Kraft in sich schloß.[206]

Ahuramazdâ und Angrômainyus sind der Schöpfer des Urstiers. Als derselbe tot war, gingen aus seinem Schweif fünfundfünfzig Arten Getreidepflanzen und zwölf Arten gesundmachender Bäume hervor, die sich auf Erden vervielfältigten. Den Samen des Lichts und der Stärke des Stiers übergaben die Izeds dem Mondhimmel, wo er durch das Mondlicht geläutert wurde. Ahuramazdâ bildete daraus einen wohlgebauten Körper, belebte ihn, und daraus wurden zwei andere Stiere, männlichen und weiblichen Geschlechts. Aus diesen entwickelten sich wieder 282 Tierarten auf Erden, die Vögel in der Luft und die Fische im Wasser.

Während des dreißigtägigen Regens, welchen Taschter über die Erde ausgoß, teilte sich dieselbe in sieben Teile, deren mittelster, um welchen sich die sechs anderen gruppieren, Khunnerets (Iran) ist. In Khunnerets hat Ahuramazdâ alles gelegt, was im höchsten Grad rein ist, und seit Anbeginn schon sucht Angrômainyus diesen Erdteil zu schädigen, weil er sah, daß Khunnerets das Vaterland des Keans (reinen, weisen Menschen) sein, und das reine Gesetz in Keans gegeben werden würde, von wo aus es erst die andern Teile der Erde erhalten, und daß der Sosiosch in Khunnerets geboren werden würde, der bestimmt ist, Angrômainyus ohnmächtig zu machen und die Auferstehung der Toten sowie die Wiederherstellung der Leiber zu bewirken.[207] – –

Im Gesetz steht geschrieben: Als der Urstier tot war, ging aus dem Mark seines Leibes Samen in Mannigfaltigkeit aus, wie es heißt: Aus dem Marke kamen Schöpfungen verschiedener Art, denn im Marke liegt alles verborgen. Aus den Hörnern des Stiers wuchsen die Früchte, aus seiner Nase die Laucharten, aus seinem Blute die Trauben, aus denen der Wein gekeltert wird, 149welcher das Blut vermehrt. Aus seiner Brust keimte Espand[208], welches gegen Fäulnis und Hauptkrankheiten dient.

Als der Same des Stiers im Mondhimmel gereinigt worden war, wurden aus ihm verschiedene Tiergattungen gebildet, zuerst zwei Stiere männlichen und weiblichen Geschlechts. Darauf setzte Ahuramazdâ von jedem Tierpaare eines auf die Erde, welche sich in Iran-vedj vermehrten und einen Hesar von drei Farsangs mit mit ihren Jungen anfüllten.[209] Diese Tiere blieben tausend Tage und tausend Nächte ohne Nahrung, danach tranken sie Wasser und nährten sich von den Bäumen.

Aus dem Stierpaar wurden zuerst Ziegen und Schafe, dann Kameel und Rindvieh und endlich Pferd und Esel geschaffen. Diese wurden zuerst und zum Gebrauch der Reinen erzeugt. In zweiter Linie schuf Ahuramazdâ Soweje[210], dessen Lauf schnell ist, und den Hirsch, Tiere, die keine Hand zähmt. Drittens schuf Ahuramazdâ die Wassertiere.

Diese Tiere teilte Ahuramazdâ in fünf Gattungen: in solche mit gespaltenem Huf zum Gebrauch der Reinen, in Tiere mit ungespaltenem Huf, in Tiere mit fünf Klauen, in Vögel und Fische. – Im Bun-Dehesch werden die Säugetiere in 282, die Vögel und Fische in je zehn Arten geteilt.

Es ist auch von einem mystischen Hund Sura am Himmel nach der Seite des Gestirns Haftorang zu die Rede, den Ahuramazdâ zur Wache über die Menschen und zum Schutz der Tiere schuf. Wenn Menschen und Tiere zusammenkommen, ist er in der Welt und bewacht sie. Er ist es, welcher durch die Hilfe des Arduisurwassers aus einem Menschen eine unzählige Menge hat entstehen lassen. Sein Haar ist ihm Kleid, und er wacht mit Thätigkeit und Größe.

Der lebendige Sa (Wolf) ist vom Haupte der bösen Geister geschaffen und richtet unter den Herden viel Unheil an. In Abwesenheit des Hundes vermehrt er die Furcht.

Ahuramazdâ sagt: Ich habe den Vogel Varescha in großer Anzahl wider das Böse in der Welt geschaffen und besonders wider 150den, der – durch das Gesetz erleuchtet – häufig die Werke Angrômainyus thut. Ich habe ihn geschaffen, damit die Wünsche des Menschen Darvand nicht erfüllet werden. Du wirst dich nicht sättigen können, wenn du den Wasservogel schlägst. Ohne den Vogel Varescha würde Angrômainyus Darvand alle Arten von Übeln über die Körper verhängen; die Welt würde nicht bestehen können.[211]

Der Hund Sura vervielfältigt alle Tierarten, und Angrômainyus zerrüttet eines wie das andere, daß zuletzt nur eines übrig bleibt.

Nach dem Tode Kaiomorts wurde dessen Same durch das Licht der Sonne gereinigt, und nach Ablauf von vierzig Jahren ging eine Reivaspflanze aus der Erde hervor, die wie ein Baum aufwuchs fünfzehn Jahre mit fünfzehn Sprößlingen. Dieser Baum ist wie zwei nebeneinander gestellte Körper, da einer dem andern die Hand ans Ohr hält und beide – so miteinander vereinigt – gleichsam ein Leib sind.[212] – Sie waren so genau miteinander verbunden, daß man weder männliches noch weibliches voneinander unterscheiden, noch sehen konnte, ob Ahuramazdâ das männliche Glied zuerst erschaffen habe, wie gesagt wird in Hinsicht auf das Erstgeschaffene, ob es das Glied oder der Leib gewesen. Ahuramazdâ sagt davon, daß er zuerst die Hand und darauf den Körper gemacht und dann jenes Glied dem Körper angefügt habe; daß er dem Körper seine eigentümliche Wirkungskraft anerschaffen, um sein Werk zu thun und zu leben. Aber die Seele ist von ihm vor dem Körper erschaffen worden. Wie Körper und Seele aus Pflanzenwesen in Menschenwesen umgebildet waren, so bekam das Glied von Ahuramazdâ seine Stelle, und die Seele nahm ihre Wohnung im Körper.

Der Baum wuchs empor und trug zehn Menschenarten als Früchte.

Ahuramazdâ redete von Meschia und Meschiane. Der Mensch als Weltvater wurde. Der Himmel ward ihm bestimmt mit der Bedingung der Herzensdemut, Gehorsam gegen den Willen des Gesetzes, der Reinheit in Gedanken, der Reinheit in Reden, der 151Reinheit in Thun und Lassen, und daß er keine Dews anbete. Durch Beharren in diesem Geist sollten der Mann zum Glücke des Weibes und das Weib zum Glücke des Mannes leben. So waren auch im Anfang ihre Gedanken und ihre Werke. Sie nahten sich einander und hatten Gemeinschaft zusammen.

Anfangs sprachen sie: Ahuramazdâ ist es, von dem Wasser und Erde, Bäume und Tiere, Sterne, Sonne, Mond und alles Gute kommt, das reine Wurzel und reine Frucht hat. Darauf bemächtigte sich Angrômainyus ihrer Gedanken, verdarb ihre Seele und gab ihnen ein, er sei es, der Wasser und Erde, Bäume und Tiere und alles Gute geschaffen habe. Das glaubten sie, und so gelang es Angrômainyus, sie gleich anfangs zu betrügen durch Irrtümer in der Lehre von den Dews, und von Anfang bis zu Ende suchte der Grausame nichts als Betrug. Meschia und Meschiane wurden durch den Glauben an diese Lüge Darvands, und ihre Seelen müssen bis zur Neubelebung der Leiber im Duzakh verharren.

Meschia und Meschiane kleideten sich dreißig Tage lang schwarz; danach gingen sie auf die Jagd und fanden eine weiße Ziege, aus deren Zitzen sie die Milch sogen; die war ihnen liebliche Nahrung. Meschia und Meschiane sprachen: ich habe noch nichts so angenehmes genossen wie diese Milch, sie hat mich ungemein erquickt. Das war aber ein Übel für ihren Körper, denn dadurch sündigten sie gegen ihren Leib und wurden gestraft.

Angrômainyus, dessen Rede ganz Lüge ist, zeigte sich – durch jenen Betrug noch beherzter – ihnen zum zweiten Mal und gab ihnen Früchte, die sie aßen. Dadurch verloren sie die hundert Glückseligkeiten, die sie bisher genossen hatten, bis auf eine. Nach dreißig Tagen und dreißig Nächten kam ein fetter weißer Schöps zu ihnen, dem sie das linke Ohr abschnitten. Die himmlischen Izeds hatten sie gelehrt, Feuer aus dem Konarbaum zu ziehen, dessen Holz sie mit einem scharfen Eisen rieben. Beide legten das Feuer an den Baum und machten durch ihr Blasen, daß es in einer Flamme ausschlug. Zuerst brannten sie Holz von Konarbaum, darauf von Datteln und Myrten. Den Schöps brieten sie und teilten ihn dreifach, und von den zwei Teilen, die sie nicht aßen, wurde ein Teil durch den Vogel Kehrkas gen Himmel getragen.

152

Anfangs kleideten sie sich in Hundsfelle, denn Hundefleisch war ihre Speise, danach jagten sie fleißig und machten sich Kleider von den Fellen des Rotwilds.

Es steht auch geschrieben, daß Meschia und Meschiane eine Öffnung in die Erde machten. Darin fanden sie Eisen, woraus sie eine Axt fertigten, nachdem sie es mit Steinen geschärft hatten. Diese legten sie einem Baum an die Wurzel, hieben ihn ab und bauten sich eine Wohnung, ohne Gott zu danken. Dadurch bekamen die Dews große Gewalt über sie. Einer wurde der Feind des andern, einer entbrannte in Neid und Haß gegen den andern, einer lehnte sich gegen den andern auf, schlug und beschädigte ihn und erlitt ein Gleiches. Endlich schrie der Fürst der Dews aus seiner finstern Wohnung gewaltig: O, betet an, ihr Menschen, betet an die Dews! Der Dew des Neides und des Hasses setzte sich auf seinen Thron. Meschia nahte sich, zog Milch von seiner Kuh und goß sie nordwärts aus. Dadurch bekamen die Dews größere Macht, und Meschia und Meschiane wurden unfruchtbar. In fünfzig Jahren dachten sie an keine leibliche Vereinigung. Am Ende der fünfzig Jahre bekam Meschia zuerst Lust zur Zeugung und danach Meschiane. Meschia sprach zu Meschiane: Ich möchte deine Schlange sehen, denn die meinige erhebt sich mit Macht. Danach sprach Meschiane: O Bruder Meschia, ich sehe deine große Schlange, sie fährt auf wie ein leinen Tuch. Darauf sahen sie sich, und dieses Sehen ward ihnen verderblich, denn sie thatens mit Ausschweifung, indem jedes bei sich selbst dachte: schon seit fünfzig Jahren hätte ich das thun sollen. Nach neun Monaten wurden ihnen Zwillinge, ein Knäblein und ein Mägdlein, geboren. Von diesen geliebten Kindern pflegte die Mutter das eine und der Vater das andere. In der Folge nahm ihnen Ahuramazdâ diese Lieblinge ab und sorgte für ihre Erziehung; sie blieben auf der Erde. Meschia und Meschiane sahen noch sieben Paar Nachkommen männlichen und weiblichen Geschlechts von ihnen. Alle waren Brüder und Schwestern. Jedes Paar zeugte Kinder bis zum fünfzigsten Jahr und gegen das hundertste starb es. Unter diesen sieben Paaren waren Siamakh, der Mann, und Veschak, die Frau, welche wieder zwei Kinder beiderlei Geschlechts miteinander hatten, Frevak und Frevakein.

Von diesen wurden fünfzehn Paare Kinder geboren, von denen 153ein jedes die Eltern eines besonderen Volkes wurde, und auf welche alle Völker der Erde zurückgehen. – Dabei sei nebenbei bemerkt, daß im Bun-Dehesch monströse Menschen – ähnlich wie bei Berosus – angeführt werden, so Menschen mit einem Ohr, einem Auge, einem Haarschweif, einem Pferde- oder Hundskopf usw.

Von der Zeugung sagt das Gesetz, daß eine Frau, nachdem sie vom Daschtan[213] gekommen ist, innerhalb zehn Tagen und zehn Nächten nach ihrer Empfängnis schwanger wird. Der Beginn ihrer Schwangerschaft ist das Ende ihrer Periode. Ist der Same des Mannes kräftiger, so wird ein Knabe geboren, ist es der weibliche Same, ein Mädchen. Hat der Same von Mann und Frau gleichviel Kraft und Geist, so wird die Geburt zwei- und dreifach. Tritt der Samen des Mannes zuerst aus, so wird die Frau Mutter; quillt aber der weibliche Samen zuerst, so ist es bloßes Blut, und sie hat Ungemach davon.

Der Samen des Weibes ist blutähnlich und kommt aus der Seite als eine weißlich-rot-gelbe Flüssigkeit. Der feurige und trockene Samen des Mannes quillt aus dem Haupt und Marke, ist flüssig, weiß, stark und in Menge ausschießend. Sobald der weibliche Samen in die Mutter dringt, ist er wirksam; der männliche bedeckt ihn und erfüllt die Mutter; aller nachmalige geht in die Adern der Mutter und wird zu Blut, und nach der Geburt wird er zu Milch, der Nahrung des Kindes, denn alle Muttermilch kommt vom männlichen Keime.

Vier Dinge sind Mutter. Himmel, Metalle, Wind und Feuer sind zeugende Väter und werden nie etwas anderes; aber Wasser, Erde, Bäume und Mond sind weiblich ohne alle Verwandlung. Alles übrige ist männlich und weiblich.

Das Gesetz spricht von fünf Arten Feuer: vom Feuer Berezesengh in Ahuramazdâ und den Königen; von Voh freiann in den Menschen und Tieren; von Oruazescht in den Tieren und Gewächsen; von Vazescht, dem Feuer des Blitzes und dem Feuer des Beehenescht, welches den Bedürfnissen des Menschen dient und aus dem das heilige Feuer Behram zubereitet wird. Das Behramfeuer stammt aus der reinsten Lichtmaterie aller Feuer.

154

Nachdem der Menschenkörper im Mutterleib gebildet ist, kommt die Seele vom Himmel herab und belebt ihn. So lange er durch sie lebt und sich bewegt, begleitet sie ihn unablässig. Wenn der Mensch stirbt, wird sein Leib Staub, und die Seele kehrt in den Himmel zurück.

Im Bun-Dehesch folgt nun eine Art mystischer Zoologie, worin namentlich dargestellt ist, welche Tiergattungen gegen gewisse Dämonen schützen, eine Anschauung, welche sich bekanntlich bis in das Mittelalter fortspinnt. Aus den diesbezüglichen Anführungen des Bun-Dehesch will ich nur folgende, als bei den Juden, den Neuplatonikern und im Mittelalter noch besonders in Ansehen stehend mitteilen, obschon die Erinnerung an die Quelle dieser Anschauung verloren gegangen war:

Der Hahn ist den Dews und Zauberern feind. Er unterstützt den Hund, wie im Gesetz steht: Unter den die Druschts plagenden Geschöpfen vereinigen der Hahn und der Hund ihre Kräfte. – Das Gesetz sagt: wenn der Hund und der Hahn gegen Druscht streiten, so entkräften sie ihn, der sonst Menschen und Vieh peinigt. Daher heißt es: Durch ihn werden alle Feinde des Guten überwunden; seine Stimme zerstört das Böse. Der Hund verlangt vom Menschen nichts als Fleisch und Fett; ihm es geben, ist Quelle der Gesundheit, die Ahuramazdâ schenkt. Nichts Schädliches darf ihm gegeben werden. Wer ihm – auch unbewußt – etwas Faules giebt, der muß von den Desturs, welche die fünf nötigen Eigenschaften haben, gestraft werden. Nährt man ihn aber mit dem, was vorgeschrieben ist, so macht man alle Dews zu Schanden.

In der deutschen Volkssage spielt bekanntlich ein dreibeiniger gespenstiger Schimmel eine bedeutende Rolle, während im Bun-Dehesch von einem ähnlichen dreibeinigen weißen Esel die Rede ist. Offenbar walten hier uralte Reminiscenzen arischer Völker ob, deren Sinn verloren gegangen ist.

Vom Wasser wird im Bun-Dehesch allerlei Mystisches berichtet: Das erste Wasser ist das der Pflanzen; das zweite, das aus den Bergen quillt und Quellen bildet; das dritte Wasser ist der Regen; das vierte das in Brunnen gegrabene; das fünfte der menschliche und tierische Samen; das sechste der Schweiß; das siebente das Rückenmark; das achte der Urin; das neunte der Speichel; das 155zehnte das menschliche und tierische Fett; das elfte der menschliche und tierische Lebenssaft; das zwölfte der von unten aufsteigende Baumsaft, von welchem es heißt: Der Saft in den Bäumen gleicht Wassertropfen, die ausquellen, wenn man den Baum nahe an das Feuer legt. Das dreizehnte Wasser endlich ist die Milch der Tiere und Menschen.

Wenn alle diese Dinge ein Nefa[214] berührt oder wenn ein aus dem Wasser gezogener Leichnam oder ein Stück davon sich wieder mit dem Wasser der Ruds vermischt, alsdann sind, wie geschrieben steht, die drei Ruds: Arg, Muru und Itmand, sie die himmlischen, mit Unreinheit geschlagen; ihr Fluß tränkt die Welt nicht mehr; und wenn eine Frau nach unzeitiger Geburt aus dem besondern Ort ihrer Entfernung dieses Wasser anschauet, so zeigt sich in diesen Fällen das Wirken des Menschenfeindes.[215] Aber Zoroaster hat auch dafür gesorgt, denn Ahuramazdâ spricht: Ich gebe euch das sechste Wasser Zur. Wen ihr damit begießt, der gelangt zur ersten Reinheit. Von diesem Wasser heißt es: Wenn wenig Her[216] und viel Zur ist, so kommt das Wasser in drei Jahren wieder zur Quelle; sind Her und Zur gleich, so geschieht es in sechs Jahren; ist aber mehr Her als Zur, so bedarf es neun Jahre, und dann kehrt es zurück, um den Bäumen Glanz zu geben.

Es folgt im Bun-Dehesch wieder eine längere naturgeschichtlich-mystische Exkursion, aus welcher ich nur hervorheben will, daß die Affen als eine Art Dews betrachtet werden, erzeugt aus der Ehe der Schwester Djemschids mit einem Dew. Bekanntlich hält noch Luther in seinen Tischreden die Affen für Teufel.

Hinsichtlich der Chronologie will ich nur folgende Stellen des Bun-Dehesch anführen.

Es heißt, daß im Jahr, durch der Monate Lauf Wärme und Kälte und Kälte und Wärme sich innerhalb sechzig Tagen zweimal miteinander vereinigen. Die Monate Farvardin, Ardibehescht, Chordad 156machen Frühling; Tir, Amerdad, Schahriver Sommer, Meher, Avan, Ader Herbst und Din, Bahman und Sapandomad sind Wintermonate. Die Sonne vollendet vom Kordeh Vareh (Widder), bis sie wieder an diesen Ort kommt, in ihrem Lauf 365 Tage und fünf kleine Zeitteile. Das macht ein Jahr. Alsdann kehrt sie dahin, woher sie gekommen ist. In drei Monaten durchläuft sie drei Himmelszeichen mehr oder minder sichtbar und kehrt wieder zurück.

Alle Zeit vollendet sich in zwölf Jahrtausenden. Im Gesetz steht, daß das Himmelsvolk in den ersten drei Jahrtausenden allein war, daß damals das Heer des Feindes nicht in die Welt ausstreifte. Kaiomorts und der Stier machen bis zur Erscheinung der Welt drei andere Jahrtausende. Das sind also sechs Jahrtausende. Diese Tausende Gottes bilden sich ab in den sechs ersten himmlischen Zeichen: Lamm, Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe, Kornähre. Diese begreifen die sechs Jahrtausende Gottes.

Nach den Tausenden Gottes kam die Wage. Angrômainyus lief aus in die Welt.

Nach der Zeitrechnung des Bun-Dehesch würde die Gegenwart unter dem Zeichen des Steinbocks stehen.

Ich will bemerken, daß die Verteilung der Zeit unter die Himmelszeichen und Planeten auf die ganze Astrologie nachwirkte.

Noch sei erwähnt, daß auch im Bun-Dehesch die biblische Anschauung von einem paradiesischen unschuldigen Urzustand der Natur vertreten ist. Es heißt:

„Vor des Feindes Ankunft in der Welt hatten die Bäume weder Dornen noch Rinde. Seit Angrômainyus Peetiaré, der sich in alles, was ist, mischte, tragen sie Stachel und Rinde. Am stärksten wirkte seine Macht auf die Gewächse, denn ihre Schädlichkeit übertrifft alles andere Übel; ihr Giftsaft tötet durch seinen Genuß Menschen und Tiere.“

Von den Druschts heißt es: Dew Tarmat ist der Dew des Hochmuts. Dew Medokht ist Angrômainyus. Dew Areschk ist Urheber des Neids. Der mächtigste dieses argen Volkes ist Dew Eschem, wie geschrieben steht. Sieben Kräfte werden Eschem gegeben zur Zerrüttung der lebendigen Geschöpfe. Durch seine siebenfachen Kräfte schlug er zu seiner Zeit die Keans, lebendige Bewohner 157der sieben Keschvars. Ein einziger Keschvar kämpfte gegen ihn, Medokht kam dahin, und Areschk ward darüber froh. Eschem kehrte alles um. Eschem eroberte eine Gegend, woselbst er viele Geschöpfe zerrüttete und in großer Zahl zu Grund richtete. Eschem ist es eigentlich, der gegen das von Ahuramazdâ geschützte Volk feindselig handelt. Die Keans, Geschöpfe des Lebens, wurden durch die Bosheit Eschems gedrückt, wie es heißt: Eschem Khruidrosch schuf Dew Odjescht, der Tag und Nacht frißt in der Welt und der Toten Seelen mit Furcht quält, ihnen Schrecken einflößt und vor dem Höllenthor sich aufhält. Er schuf Dew Ode, der den Menschen, er sitze am Orte der Aufmerksamkeit oder speise an einem himmlischen Ort, auf die Schulter schlägt und ihm zuredet, Unreines zu essen, damit er nicht zu den reinen Wohnungen der Seligkeit (Behescht) gelangen möge.

Von der Auferstehung der Toten und Wiederherstellung der Leiber berichtet das Gesetz, daß so, wie Meschia und Meschiane, Erdengezeugte, zuerst von bloßem Wassertrinken lebten, nachmals festere Nahrung, Baumfrüchte, genossen, dann Milch und endlich Fleisch, so in umgekehrter Ordnung die Menschen, welche durch die ganze Zeitdauer von ihnen abstammen, zuerst Fleisch, dann Milch und Brot zur Nahrung machen werden, bis sie wieder dahin gebracht sind, daß sie von nichts als Wasser leben.

Im Jahrtausend Oscheder mah wird noch Kraft in der Natur sein, aber abnehmen. Die Menschen werden nur in je drei Tagen ein Izeschné[217] vollenden, eines wie das andere essen und sich am Ende der Tage erkennen. Darauf werden sie nicht mehr Fleisch essen, sondern Baumfrüchte und Milch wird ihre Nahrung sein. Dann werden sie auch nicht mehr Milch genießen, sondern blos von Gewächsen leben und Wasser trinken. Im letzten Jahr der Erscheinung des Sosiosch wird der Mensch ohne alle Nahrung leben.

Danach wird Sosiosch die Toten beleben, wie geschrieben steht: Zoroaster fragte Ahuramazdâ und sprach: Der Wind führt den Staub der Körper fort, Wasser nimmt ihn mit sich; wie soll der Tote auferstehen? Ahuramazdâ antwortete: Ich bin es, der den allweiten sternreichen Asman (Himmel) im Raum des Äthers hält; 158der macht, daß er – hier zeigte er auf das Antlitz des Himmels – in Tiefen und Weiten Licht, das einst in Nacht begraben war, ausstrahlen muß. Durch mich ist die Erde geworden zur Dauer und Bestand, die Erde, darauf der Herr der Welt wandelt. Ich bin es, der den Glanz der Sonne, des Monds und der Sterne durch die Wolken leuchten läßt. Ich bin der Schöpfer des Samenkorns, das nach der Verwesung in der Erde von neuem keimt und sich vermehrt ins Unendliche. Ich bin es, der den Bäumen Adern des Saftes und Wurzeln mancherlei Art geschaffen. Durch meine Kraft lebt in den Bäumen und allen Geschöpfen ein Feuer, das nicht verzehrt. Ich bin es, der die lebendige Frucht in die Mutter legt nach ihrer Art, der allen Wesen besonders giebt Haut, Nägel, Blut, Fuß, Auge, Ohr. Ich bin es, der Wasser in den Tiefen schafft und in den Höhen, damit die Welt getränkt werde durch Flüsse und Regen. Ich bin es, der den Menschen macht, dessen Auge Licht ist, dessen Lebenskraft im Hauche des Mundes liegt; will er sich heben durch die unsichtbare Kraft des Lebens, das ich in ihn gelegt, so kann kein Arm ihn niederdrücken. Ich bin Schöpfer aller Wesen. Trete der Arge auf und versuche die Auferweckung; er wird sie umsonst versuchen und keinen Leichnam beleben können. Sicher und gewiß sollen deine Augen einst durch die Auferstehung neu leben sehen. Gerippe sollen Sehnen und Adern bekommen. Und ist die Belebung der Toten vollendet, so wird sie kein zweites Mal erfolgen. Denn um diese Zeit wird die verklärte Erde Gebeine und Wasser, Blut und Pflanzen, Haar und Feuer und Leben geben wie beim Beginn der Dinge.

Kaiomorts wird der Erstling der Auferstehung sein und Meschia und Meschiane nach ihm; nach diesen wird das übrige Menschengeschlecht Leben bekommen. Der Mensch soll wieder auf Erden sichtbar werden. Rein oder Darvand, jeder Mensch soll nach dieser Ordnung neu leben. Ihre Seelen sollen erst sein; alsdann sollen alle Leichname der ganzen Welt, so weit sie ist, ganz so neu werden wie beim Anbeginn der Schöpfung. Ein Lichtstrahl der Sonne wird Kaiomorts Licht und Glanz geben, ein anderer der übrigen Menschenmenge. Jede Seele wird die Leiber erkennen: Siehe, mein Vater! meine Mutter! mein Bruder! mein Weib! meine Freunde und Verwandten! Alsdann werden die Wesen aller Welt 159mit dem Menschen auf Erden versammelt sein. In dieser Versammlung wird jeder sein Gutes und Böses, das er gethan hat, sehen. In dieser Versammlung wird der Darvand sein wie ein weißes Tier unter den schwarzen. In dieser Weltversammlung wird der Darvand den Gerechten, dessen Freund er hier war, besonders an sich ziehen und sagen: Ach, warum hast du mich doch auf Erden, da ich doch dein Freund war, nicht gelehrt, mit Reinheit zu handeln. Du, o Reiner, hast mich nicht zum Guten geleitet, und darum bin ich unter diesen Seligen!

Danach wird eine Scheidung sein zwischen den Gerechten und Darvands. Die Gerechten werden in Gorotman eingehen, und alle Darvands werden von neuem in den Abgrund gestürzt werden. Drei Tage und drei Nächte hindurch müssen Leib und Seele büßen, unterdessen der Gerechte in der Himmelswohnung die Lieblichkeiten der Seligen mit Leib und Seele schmecken wird, denn so steht geschrieben. Am Tage der Scheidung des Reinen von Allem, was Darvand ist, wird jeder Befleckte in die Tiefe sinken.

Dann wird der Vater von seinen Geliebten, die Schwester vom Bruder, der Freund vom Freund geschieden sein. Jeder wird nehmen nach seinen Werken. Unbefleckte werden weinen über die Darvands, und die Darvands über sich selbst. Von zwei Schwestern wird die eine rein sein, die andere Darvand. Zohak und Afrasiab aus Turan und ihnen Ähnliche werden die Strafe der Sünde Marguerzan (Tod) erleiden. Die Menschen werden jener Läuterung von drei Tagen und drei Nächten nicht entrinnen.

Beim Beginn dieser Auferstehung werden von den noch lebenden Reinen fünfzig männlichen und fünfzig weiblichen Geschlechts dem Sosiosch zu Hilfe kommen.

Wenn einst Gurzscher[218] vom sublunarischen Himmel auf die Erde stürzen wird, so wird die Erde krank sein gleich dem Schaf, das mit Zittern und Zagen vor dem Wolf niederfällt. Alsdann werden durch des Feuers Hitze große und kleine Berge mit Metallen zerfließen. Das geschmolzene Erz bildet einen großen Strom, und alles, was Mensch heißt, muß hindurch zur Reinigung. Der 160Reine durchgeht ihn wie einen warmen Milchfluß. Die Darvands müssen auch hindurch, sie fühlen sich dazu gezwungen, und so muß die ganze Welt den geschmolzenen Erzstrom durchgehen, damit sie rein und glücklich werde, Vater, Sohn, Schwester, Freund, Einer wie der Andere, und Einer mit dem Andern werden Gutes thun.

Wenn nun die Seelen, es sei der Gerechten oder Darvands, sprach Zoroaster, über die ich deinen Unterricht gesucht habe, so gereinigt worden sind, was wird dann weiter aus dem Menschen, sowohl der Seele als dem Leibe nach, werden? Ahuramazdâ sprach: Alle Menschen werden sich zu einem Werk vereinigen und werden Ahuramazdâ und den Amschaspands mit lebendigem Eifer ein großes Setaesch[219] bringen. Wenn nun um diese Zeit alle Schöpfungen Ahuramazdâs vollendet sein werden, wird er nichts mehr hinzuthun. Die Neubelebten werden dem Knechtsdienst entrissen sein. Sosiosch wird mit allen belebten Toten lobpreisen, und der Stier Hedeiavesch wird einstimmen.

Die Toten werden leben durch das, was vom Stier ausgeht und dem weißen Hom. Sosiosch wird allen Menschen von diesen Säften zu trinken geben, und sie werden groß und unvergeßlich sein, so lange Wesen dauern. Alle Tote, groß und klein, werden davon trinken und neu leben.

Endlich wird Sosiosch auf Befehl des gerechten Richters Ahuramazdâ von einem erhabenen Ort aus allen Menschen geben, was ihre Thaten wert sind. Der Reinen Wohnung wird der glänzende Gorotman sein, Ahuramazdâ selbst wird ihre Körper zu sich in Gorotmans Höhen ziehen, und sie werden alle Ewigkeiten hindurch unter seinem Schutze wandeln.

Dann werden Ahuramazdâ und Angrômainyus, Bahman und Akuman, Ardibehescht und Ander, Schahriver und Savel, Sapandomad und Darmad, Naonghes, Kordad, Amerdad, Tarik und Zaretch, Serosch und Eschem vereinigt Izeschné anstimmen.

Alsdann wird Druscht Angrômainyus bleiben und in Ahuramazdâs Welt zurückkehren. Er selbst, Djuti[220] und Serosch und Raspi[221] werden den Evanguin[222] in der Hand führen. Alsdann 161wird Angrômainyus, des Argen, Macht, die nichts als Böses thut, geschlagen sein. Er wird vom Himmel zur Brücke Tschinvad eilen und sich von neuem in die dichte Finsternis stürzen. Dieser Morddrache wird in dem Flusse geschmolzenen Erzes ausbrennen: Alles Faule und Unreine des Duzakh wird darin aufgelöst und geläutert werden. Der unterirdische Angrômainyus wird von neuem erscheinen, des Abgrunds Erde durch den Erzstrom ziehen und sie zum fruchtreichsten Land machen. Auch wird die Welt durch das Wort bei der Auferstehung ewige Dauer bekommen.

162

Viertes Kapitel.
Die Orakel Zoroasters.

Wie bereits gesagt, galt – wenn auch durchaus irrtümlicher Weise – im ganzen Altertum Zoroaster als der Erfinder und größte Adept der Magie. Deshalb standen auch bei den Magiern und Theurgen, Neuplatonikern und Gnostikern ihm zugeschriebene Aphorismen, die sogenannten Oracula magica Zoroastris, im höchsten Ansehen.

Läßt sich nun auch ein Zusammenhang dieser Orakel mit der Person Zoroasters nicht nachweisen, so vertreten sie doch entschieden zoroastrische Ideen, obschon dieselben neuplatonisch und gnostisch überfirnißt erscheinen. Uralt sind sie gewiß; und wenn der um 220 gestorbene Kirchenvater Clemens von Alexandria in seinen „Stromata“ sagt: „Pythagoras machte zuerst auf den berühmten persischen Magier Zoroaster aufmerksam, dessen Geheimschriften die Anhänger des Prodicus zu besitzen vorgaben“, so haben wir in dem den „magischen Orakeln Zoroasters“ zu Grund liegenden Original vielleicht eine solche Geheimschrift zu sehen, welche – von den alten Pythagoräern wollen wir ganz absehen – zweifelsohne den Neupythagoräern, Neuplatonikern und Gnostikern bekannt war. Dafür spricht außer dem sachlichen Inhalt auch der Umstand, daß sie von dem gelehrten Byzantiner Michael Psellos († 1106) kommentiert wurden, von demselben Psellos, der so viele neuplatonische Schriften dem Untergang entriß und mit Commentaren versah. Auch ist sie den von Marsilius Ficinus mitgeteilten „Symbolen des Pythagoras“ sehr ähnlich.

Ich habe von dem den magischen Orakeln zu Grund liegenden Original gesprochen und zwar mit Recht, denn die uns heute 163unter diesem Namen vorliegenden Aphorismen sind ganz offenbar nicht das Original, sondern Fragmente, welche sich in vier verschiedenen Fassungen mit eben soviel Kommentaren erhalten haben. Drei Fassungen tragen neuplatonisches, die vierte anscheinend gnostisches Gepräge.

Ich wende mich zuerst zu den neuplatonischen Bearbeitungen samt ihren Kommentaren. Der erste Commentator der Orakel ist der oben genannte Psellos, der zweite ist der als Rat des Manuel und Theodor Paläologos und berühmter Philosoph der Renaissance bekannte, wahrscheinlich 1452 gestorbene Georgios Gemistios Plethon, der dritte, aber der hier beobachteten Reihenfolge nach der erste, ist ungenannt. Ich vermute in diesem unbekannten Kommentator einen gewissen Johannes Opsopoeus, welcher diese mystischen Fragmente mit den Kommentaren des Psellos und Plethon unter dem Titel herausgab: Oracula magica Zoroastris cum scholiis unter Plethonis et Pselli nunc primum edita, e bibliotheca regia stud. Joh. Opsopoei, Graec. et Lat. Paris. 1607. 8°. Beigebunden sind noch die sogenannten metrischen Orakel des Jupiter, Apollo, Serapis und der Hekate, sowie die von Joseph Scaliger besorgte Ausgabe der Oneirokritik des Astrampsychus.

Opsopoeus schickt seiner Zusammenstellung der drei verschiedenen Redaktionen der zoroastrischen Fragmente eine Sammlung von Stellen aus Platos „Alcibiades“, aus Plutarchs „Isis und Osiris“, „Über den Verfall der Orakel“, aus Plinius „Naturgeschichte“, aus Suidas Ammianus Marcellinus, Clemens von Alexandria und Eusebius über die Person &c. Zoroasters voraus, welche wir hier übergehen können. Darauf läßt er die erste Fassung der „Orakel“ mit dem Kommentar des Ungenannten, alsdann die Fassung und den Kommentar des Psellos folgen. An denselben giebt er eine kurze Erläuterung der chaldäischen[223] Religionslehren durch Psellos, aus welcher ich nur herausheben will, daß Psellos sagt:

„Die Chaldäer nehmen sieben Welten an, eine feurige, drei ätherische und drei materielle, deren letzte die unter dem Mond befindliche irdische ist.“

164

Weiterhin sagt Psellos noch, daß nach chaldäischer Lehre die Seelen sich nach dem Tode nach Maßgabe ihres Läuterungsbedürfnisses zerstreuten und sich in teilbare und unteilbare Naturen absonderten. Das Übrige dieses Abschnittes über die chaldäischen Lehren enthält nichts als bekannte exoterische Äußerlichkeiten. Den Schluß des Buches von Opsopoeus bilden die zoroastrischen Orakel in der Fassung, wie sie Plethon kannte, mit dem Kommentar des selben. – Am meisten gleichen sich die erste Fassung der Orakel und die des Plethon; die Fassung des Psellos weicht erheblich ab.

Ich gebe nun eine vergleichende Zusammenstellung der Orakel sowohl als der Kommentare.

Der erste Aphorismus in der ersten Fassung lautet:

„Erforsche den Weg der Seele, woher sie komme und weshalb sie dem Leib dienen müsse. Trachte dahin, daß du sie an den Ort zurückbringst, von dem sie ausgegangen ist.“

Dieser Aphorismus fehlt bei Psellos und lautet in dieser Fassung des Plethon:

„Erforsche die Reihenstufe, auf welcher deine Seele steht, welchen Rang sie vor ihrer Verbindung eingenommen; mittelst magischer Worte und Gebräuche wirst du sie zu ihrer früheren Würde wieder aufrichten.“

Der anonyme Kommentator bemerkt hierzu, daß nach Annahme der Magier die Seele unsterblich vom Himmel herabkomme, um sich auf der Erde mit dem Körper analog dem Verhältnis des Mannes zur Frau zu verbinden und ihn dereinst wieder behufs ihrer Rückkehr in den Himmel zu verlassen. Ob sie aber thatsächlich in den Himmel zurückkehre, komme auf ihr Verhalten während des irdischen Lebens an, ob sie sich nämlich mehr den Prinzipien des Lichts oder der Finsternis zugeneigt habe &c. „Darauf deutet nun ermahnend der Spruch hin, daß wir über den reinen Spruch der Seele nachdenken sollen; denn kennen wir den Weg, welchen sie aus dem Himmel genommen hat, so wird sie ihn auch zurückfinden.“ – Bestimmter spricht sich Plethon aus:

„Die Magier aus der Schule Zoroasters glaubten, daß die Seele wegen früherer Verschuldung mit dem Körper sich verbinde, sich aber derselben in dieser Verbindung nicht mehr entsinnen könne. Nur wenn die Seele während ihres irdischen Aufenthaltes 165einen tugendhaften Wandel geführt habe, stehe ihr die Rückkehr in die himmlische Heimat frei. Weil aber mannigfache Wohnungen der Seele bereitet sind, so ist es natürlich und begreiflich, daß der Aufenthalt der einen ein lichtumflossener, der der andern ein undurchdringliches Dunkel sein muß. Der Zug der Seele führt sie dahin, wo ihr die während der Verbindung mit dem Leibe begangenen Handlungen eine Stelle anweisen. Das Orakel ermahnt uns daher, daß wir über den Ursprung der Seele und über unsere Handlungen auf Erden nachdenken und darauf durch Gebet und gottgefällige Ceremonien ihre Erhebung in den Himmel zu bewirken trachten.“

Unter diesen Ceremonien sind die sogenannten „theurgischen Hülfen“ zu verstehen, welche nach Philo und den Neuplatonikern, wie überhaupt nach den Mystikern aller Zeiten in der Zurückgezogenheit von der Welt und Stille, in der Enthaltsamkeit von überflüssiger Nahrung, Fleischspeisen, alkoholischen Getränken und physischer Liebe, in der Zurücksetzung weltlicher Geschäfte, Meditation und Betrachtung gewisser Worte und Symbole bestehen. Von diesen sagt Proklos[224]:

„Die Vollbringung geheimer, über alle Vernunft gehender, den Göttern wohlgefälliger Handlungen und die Kraft der von den Göttern allein erkannten unaussprechlichen Symbolen gewährt nur die theurgische Vereinigung. Daher wird sie nicht durch das Denken bewirkt, und wir bringen sie nicht durch die Thätigkeit der Vernunft in uns hervor. Die göttlichen Charaktere oder Symbole (συμβολα oder συνϑηματα) bringen vielmehr, ohne daß wir denken, die theurgische Vereinigung (ϑεουγικην ἑνωσις, bei Porphyrius συνουσια) hervor, also daß die verborgene Kraft der Götter, worauf sich jene beziehen, durch sich selbst ihre eigenthümlichen Bilder erkennt.“[225]

Der zweite sich dem Sinn nach völlig an den ersten anschließende Aphorismus lautet in der ersten Fassung:

„Wende dich nicht rückwärts! Das Verderben ist auf der 166Erde, und sieben Wege sind es, welche dich vom Bessern abziehen und dem Schicksal unterwerfen.“

Dieser Aphorismus fehlt bei Psellos und lautet in der Fassung des Plethon:

„Damit du nicht zum Abgrund hinneigst und abermals dem Schicksal verfällst.“

Der anonyme Kommentator versteht unter dem „Verderben“ das Laster, die sittliche Verdorbenheit und das sittliche Elend; unter Erde den irdischen Leib, die sinnliche Natur, unter „Feuer“ das Göttliche im Menschen. Die sieben den Menschen dem Schicksal unterwerfenden Wege sind die sieben nach der alten Weltanschauung von den Planeten abhängigen Kardinalfehler, die Todsünden der katholischen Kirche. Nach diesem Kommentator erhebt sich der Mensch durch die Anwendung seiner sittlichen Kraft über das Fatum oder die vorher bestimmte Versuchung, indem er der unsittlichen Neigung, welche sich, je nach dem in ihm herrschenden Temperamente, seiner Seele am meisten zu bemächtigen droht, den kräftigsten Widerstand entgegensetzt.

Plethon versteht unter dem „Abgrund“ die Erde als Gegensatz zur Lichtwelt und giebt dem Aphorismus folgenden Sinn: „Lebe so, daß du vor der Wiederverkörperung behütet werdest, denn solltest du zu einem abermaligen Wandeln auf der Erde verurteilt werden, so befindest du dich wieder unter der Herrschaft der Nothwendigkeit.“

Der dritte Aphorismus lautet in der ersten Fassung und bei Plethon übereinstimmend:

„Dein Gefäß werden die Thiere der Erde bewohnen“ und beide Kommentatoren verstehen einstimmig unter dem „Gefäß der Seele“ den Leib, und unter seinen Bewohnern die Würmer. Psellos dagegen, in dessen Fassung dieser Aphorismus der Reihenfolge nach der neunzehnte ist, versteht unter „Gefäß“ das Temperament des aus allen Elementen zusammengesetzten Leibes, und unter den Bewohnern des Gefäßes die sich eines jeden Menschen, der seine Leidenschaften nicht beherrschen kann, sich bemächtigenden Dämonen nach dem Grundsatz, daß Gleiches von Gleichem angezogen wird.

Der vierte Aphorismus lautet in der ersten Fassung:

„Strebe nicht dein Schicksal zu erweitern, denn die Vorsehung 167giebt allen Dingen ihr bestimmtes Maaß, und ihre Handlungen sind nicht unvollkommen.“

Bei Plethon und Psellos (bei letzterem Aph. 29):

„Erweitere nicht dein Schicksal.“

Der anonyme Kommentator erklärt diesen Aphorismus allgemein moralisierend und sagt, daß diese Mahnung diejenigen angehe, welche mit der ihnen im Leben angewiesenen Stellung unzufrieden seien und wähnen, daß sie selber ihr Schicksal machen und die Beschlüsse der Gottheit verbessern könnten. Psellos und Plethon fassen das Schicksal (εἱμαρμενη, fatum, des Grundtextes) im landläufigen Sinn auf und sagen, es sei thöricht, durch Wünsche und Gebete die unabwendbaren Beschlüsse der Gottheit abändern zu wollen.

Die zweite Hälfte des vierten Aphorismus der ersten Fassung bildet in der Reihenfolge Plethons den fünften und lautet hier:

„Denn es geht nichts Unvollkommenes vom Vater der Seelen aus.“

Der Kommentar dazu sagt:

„Du bist nicht im Stande, dein Erdenlos zu verbessern, denn alle Ereignisse geschehen nach naturgemäßem Lauf, und es ist eines die Folge des andern bis zum Zeitpunkt der Schöpfung zurück; alle Begebenheiten greifen harmonisch in einander, nirgends nimmt man einen Zufall wahr. Wo ist also Unvollkommenheit?“

Dieser wie der fünfte Aphorismus der ersten oder der sechste der Plethonischen Fassung fehlt bei Psellos. Bei dem fünften (sechsten) Aphorismus zeigt sich jedoch recht deutlich, daß die auf uns gekommenen Fassungen Varianten eines alten, verloren gegangenen Originals sind. Derselbe lautet in der ersten Fassung:

„Der Seelen Vater gestattet nicht solche Ausschweifungen des Eigenwillens;“

bei Plethon:

„Er kann nicht auf deine Wünsche achten, so lange die Binde der Vergessenheit deinen Blick umschleiert, bis endlich diese fallen wird, und das heilige Zeichen des Vaters sich deinem Gedächtniß einprägt.“

Was bei Plethon Text ist, wird in der ersten Fassung ähnlich im Kommentar gesagt, denn daselbst heißt es:

„Erst dann wird unsere Seele sich freier bewegen, wenn sie 168die Binde der Vergessenheit ihrer himmlischen Heimath zugleich mit den Banden des sie umnachtenden Leibes abgestreift hat. Dann besitzt sie wieder das Vermögen, in die tiefste Vergangenheit und in die ernste Zukunft zu blicken. Aber es kann dieses Vermögen auch schon bei Lebzeiten des Leibes zum Theil erreicht werden, wenn man sich eines heiligen Wandels befleißigt und gewisse magische Sprüche erlernt hat, welche dem Reinen die Pforten der Geisterwelt öffnen.“

Plethon kommentiert:

„Die Vergessenheit der früheren Zustände (Incarnationen) ist eine Folge der Verbindung der Seele mit dem Leibe. Erst nach der Auflösung des letzteren wird ihr Blick wieder freier, und sie begreift nun auch, indem sie ihres früheren Seins wieder bewußt wird, daß ihr Schicksal auf der Erde nur die notwendige Folge ihrer Handlungen und deshalb unabänderlich war.[226] Die freigewordene Seele ist alsdann wieder gottähnlich und allwissend; das ist das Zeichen des Vaters, welches ihr Gedächtniß auffrischt.“

Der sechste Aphorismus der ersten Fassung ist bei Psellos der sechzehnte und bei Plethon der siebente. Sein Wortlaut in den drei Redaktionen ist der Reihenfolge nach:

1. „Eile, daß du zum Urlicht zurückkehrst, zum Glanze deines himmlischen Erzeugers, von dem deine Seele ausgeflossen ist.“

2. „Das Göttliche erfülle deine Seele!
Den Blick zum Himmel stets gewendet!“[227]

3. „Eile zum Licht des Vaters, von welchem deine Seele ausgeflossen ist.“

Der Anonymus und Plethon deuten diesen Spruch übereinstimmend dahin, daß die Gottheit das höchste Licht, und in diese Lichtheimat zurückzukehren das einzige Verlangen der Seele sein müsse. Psellos dagegen sagt etwas abweichend:

„Die Seele entwickelt drei Kräfte: Verstand, Gedächtniß und Urtheilskraft; diese drei Potenzen vereinige, um über das Wesen der Gottheit nachzudenken und sich mit dieser zu vereinigen.“

Bis hierher haben wir in der Aufeinanderfolge der Aphorismen 169einen gewissen Zusammenhang beobachten können. Jetzt aber folgt ein dem Sinn nach gar nicht verwandter Spruch, was auf einen verloren gegangenen Teil des den drei Bearbeitungen zu Grunde liegenden Originals deutet. Dieser in der ersten Fassung als siebenter folgende Aphorismus ist bei Psellos der achtundzwanzigste und bei Plethon der achte. Sein Wortlaut ist der Reihenfolge nach:

1. „Jene beweint die Erde sammt ihren Kindern.“

2. „Die Erde klagt fortwährend über sie und ihre Kinder.“

3. „Sie beweint die Erde und mit ihnen zugleich ihre Kinder.“

Plethon kommentiert diesen Spruch folgendermaßen:

„Diejenigen, welche dieser Mahnung nicht folgen, werden von der Erde beklagt. Unter der Erde ist aber hier die irdische Natur verstanden, welche eine Folge der Unvollkommenheit ist, denn das irdische Leben ist eine Strafe. Darum beweint die Erde auch die Kinder der Unvollkommenheit, denn die Eltern pflanzen ihre sündhaften Begierden auf die Kinder fort; die Tugendhaften befleißigen sich eines keuschen Wandels.“

Während also Plethon obigen Spruch mit Bezugnahme auf die Reincarnations- und Vererbungstheorie deutet, so kommentieren ihn der Anonymus und Psellos nur in Hinsicht auf die Wiederverkörperung. Ich kann ihre Aussprüche hier übergehen.

Der nächste Aphorismus, ebenfalls ohne Zusammenhang mit den übrigen, findet sich nur in der ersten Fassung und lautet:

„Die Ausklopfer der Seele, welche ihr aufzuathmen möglich machen, sind auflösender Art.“

Der Kommentar sagt:

„Unter den ‚Ausklopfern der Seele‘, welche hier unter dem Bilde eines Kleides eingeführt sind, werden die Vernunftgründe verstanden, welche, wenn sie Eingang in die Seele finden, den Staub der Leidenschaften und alle bösen Neigungen aus ihr heraustreiben. Ihre auflösende Art besteht darin, daß sie von den Schlacken reinigen, welche die Seele von ihrer Hülle, der unreinen Materie, an sich zieht.“

Ich bemerke hierzu, daß auch die Kabbala das Bild von den „Ausklopfern der Seele“ kennt, welche der Seele im Moment des Todes den letzten schweren „Grabschlag“ (Chibbut Hakkeber) erteilen. 170Da die Kabbala zum großen Teil im Zoroastrismus wurzelt, so ist diese Stelle ein Beweis für das hohe Alter unserer Aphorismen.

Der neunte auch zusammenhanglose Aphorismus, bei Psellos der zwölfte und bei Plethon ebenfalls der neunte lautet:

1. „Auf der linken Seite ist der Sitz der tugendhaften Begierden.“

2. „Der Tugend Quell ist auf der linken Seite der Hekate. Jungfräulichkeit bewahre.“

3. „Auf der linken Seite ist der Tugend Quell, bewahre die Jungfräulichkeit.“

Alle drei Kommentatoren betrachten diesen Spruch als Keuschheitsgebot und sagen, daß die linke Seite als Sitz der Tugend betrachtet werde, weil auf ihr das Herz liege; die rechte Seite sei wegen Anwesenheit der Leber der Sitz der Begierden.

Der zehnte Aphorismus der ersten Fassung findet sich in allen drei Bearbeitungen, er ist bei Psellos der fünfzehnte und bei Plethon ebenfalls der zehnte und hat der Reihe nach folgenden Wortlaut:

1. „Die Seele strebe danach, sich mit dem Göttlichen zu verbinden. Hat sie sich dadurch von den Einflüssen der Materie frei gemacht, so wird sie von Gott durchdrungen sein.“

2. „Die Seele trachte gottberauscht zu sein,
Was irdisch und gebrechlich von sich thuend.“

3. „Die Seele des Menschen strebe, das Göttliche in sich zu behalten.“

Der erste Kommentar sagt sehr dürftig, die Seele könne des Göttlichen nicht voll sein, ohne zuvor die irdischen Gelüste abgelegt zu haben.

Psellos bemerkt:

„Die Seele heilige sich zu einem Gefäße, in welchem die Gottheit ihre Wohnung nehme. Dies geschieht, wenn sie erleuchtet ist, in einem Zustand also, dem ein heiliger Wandel, eine Verachtung alles Irdischen vorhergehen muß.“

Plethon endlich sagt:

„Obgleich die Seele mit dem Leib verbunden ist, so vergesse sie doch ihren himmlischen Ursprung nicht, beklage sich aber auch 171nicht, daß ihr der schmutzige Leib zur Hülle gegeben wurde, ebenso wenig als sie auf die himmlischen Güter und göttlichen Eigenschaften stolz sein darf, mit welchen sie der Vater so reichlich bedachte.“

Aphorismus elf in allen drei Fassungen lautet der Reihenfolge nach:

1. „Weil die Seele ein durchsichtiges Feuer ist, so bleibt sie unsterblich und die Herrin des Lebens.“

2. „Weil die Seele ein leuchtendes Feuer ist, darum ist sie unsterblich und Herrin des Lebens.“

3. „Weil sie ein lichtes Feuer ist und unsterblich . . . .“

Die drei Kommentatoren sagen:

1. „Das Irdische ist das Vergängliche, das Geistige das Unvergängliche. Nur des letzteren können wir verlustig gehen, und deshalb ist die Seele die Herrin des Lebens, d. h. des ewigen Lebens.“

2. „Die Seele ist immateriell, stofflos, daher unvergänglich, weil sie nicht aus auflösbaren Stoffen zusammengesetzt ist. Sie nimmt nichts von der Finsterniß an, weil sie keinen Körper hat; sie ist also eitel Licht.“

3. „Unter dem Feuer sind die geistigen Fähigkeiten verstanden, mit welchen die Seele des Menschen begabt ist.“

Bei Plethon folgt nun als zwölfter, bei Psellos als achtzehnter ein kurzer Aphorismus, der in der ersten Fassung fehlt:

„Suche das Paradies!“

Plethon sagt kommentierend nur, daß unter Paradies der lichtumflossene Aufenthalt der reinen Seelen zu verstehen sei; Psellos dagegen äußert sich folgendermaßen:

„Die Chaldäer verstehen unter Paradies den Chorus von sämmtlichen Eigenschaften der Gottheit, welche ihn als besondere Personificationen umgeben.[228] Dem Unwürdigen wehrt ein feuriges Schwert. Daselbst findet man alle Tugenden, welche den Menschen gottähnlich machen.“

Der zwölfte Aphorismus der ersten Fassung, bei Psellos der siebzehnte und bei Plethon der dreizehnte hat dieser Reihenfolge nach folgenden Wortlaut:

172

1. „Verunreinige nicht den Geist und ziehe ihn nicht in die Tiefe hinab.“

2. „Beflecke nicht den Geist und ziehe
Sein Lichtgewand nicht in die Tiefe.“

3. „Verunreinige nicht den Geist.“

Der bedeutsamste Kommentar dieses Spruches ist der erste:

„Die Pythagoräer und Platoniker denken sich die Seele auch nach dem Tode nicht vom Körper getrennt. Sie theilen nämlich die Seele in einen unsterblichen Geist, der vom Himmel stammt, und in die Thierseele. Ersterer kehrt nach dem Tode in den Äther zurück, Letztere[229] bewohnt noch einige Zeit den Körper bis zu seiner gänzlichen Auflösung. Die Wünsche, von welchen sie während des Lebens bewegt wurde, beschäftigen sie noch jetzt, während ihr die Organe zur Befriedigung derselben fehlen[230]; sie sind nach der Erde gerichtet und verhindern die volle Befriedigung des Geistes. Das sind die Dämonen, welche unstät umherirren; sie verunreinigen den Geist und ziehen ihn in die Tiefe hinab. Die reineren Seelen hingegen, welche sich schon im leiblichen Leben dem Ewigen zuwendeten, vereinigen sich nach dem Tode sogleich mit dem Urquell des Lichts. Das ist, was die Jünger Zoroasters lehren.“

Psellos sagt, daß die Chaldäer der Seele zwei Gewänder zuerteilen, deren eines (es ist der Astralkörper gemeint) aus den feinsten Stoffen der Sinnenwelt gewebt, das andere aber ätherisch, lichtglänzend und unfaßlich sei. Der Spruch warne, beide mit sündigen Lüsten zu beflecken. – Plethon äußert sich folgendermaßen:

„Die Pythagoräer und Platoniker nehmen mit Zoroaster eine dreifache Seele an, nämlich die Thierseele, welche vom Leibe unzertrennlich ist und mit diesem aufhört zu sein. Höher als diese steht die mit Vernunft begabte Seele des Menschen, welche aber durch die Verbindung der Seele mit dem Körper der Versuchung sich zu verunreinigen ausgesetzt ist, aber auch durch den Sieg über die Versuchung die Unsterblichkeit sich zu bewahren vermag. Die höchste Stufe nehmen die Seelen der Dämonen ein, deren Hülle eine feinere 173ist und nicht aus materiellen Stoffen besteht, weshalb sie auch nicht dem Verderbniß einer gebrechlichen Natur ausgesetzt ist. Über diesen stehen die Planetenintelligenzen, deren Hülle aus reinem Licht besteht.“

Bei Plethon folgt nun als vierzehnter Aphorismus der bei den Andern fehlende Spruch:

„Vernachlässige aber auch nicht den Leib.“

mit dem kurzen Kommentar:

„D. h. man schwäche ihn nicht absichtlich, um sich aus diesem Leben früher zu befreien, als es der Wille der Vorsehung beschlossen hat.“

In der ersten Fassung der Orakel folgt nun als dreizehnter, nachstehender, bei Psellos gleichlautender und in seiner Reihenfolge erster, bei Plethon aber fehlender Aphorismus:

„Auch von dem Schattenbild der Seele ist ein Theil eitel Licht.“

Der anonyme Kommentator bemerkt hierzu:

„Das Schattenbild der Seele ist die thierische Psyche im Menschen, welche zwar mit dem bessern Ich desselben in Wechselwirkung steht und insofern also von dem göttlichen Theil im Menschen einiges Licht empfängt, aber an sich selbst der Vernunft beraubt ist und nur den Einflüsterungen der Sinne gehorcht.“

Psellos sagt:

„Schattenbilder oder Idole sind bei den Philosophen solche Dinge, welche an sich selbst schlechter oder den bessern untergeordnet sind, aber doch mit ihnen eine gewisse Ähnlichkeit besitzen, wie z. B. der menschliche Verstand ein Theil der Gottheit, aber doch dem Irrthum unterworfen ist. Vom Verstand ist nun wieder die Thierseele im Menschen in gleichem Abstand; sie hat nur materielles Streben und ist deshalb ein Schattenbild des Geistes. Dieser begiebt sich nach seiner Trennung vom Leibe in die Lichtregion. Zoroaster will also sagen: Nicht blos die mit Vernunft begabten Seelen können in die vollkommen erleuchtete Region versetzt werden, sondern auch die Thierseele im Menschen, wenn dieser tugendhaft wandelte. Hier weicht also der Grieche vom Chaldäer ab, insofern Ersterer die Thierseele sich nach ihrer Trennung vom Leibe im Weltenraum unbewußt verflüchtigen läßt, d. h. ihr die Fortdauer abspricht.“

174

Aphorismus vierzehn und fünfzehn der ersten Fassung (bei Plethon fehlend) lauten:

„Überlasse auch nicht deine Seele der Hefe der Materie.“

„Überlasse auch nicht die Hefe deiner Seele dem Abgrund, damit sie bei ihrer Trennung vom Körper nicht zu Schaden komme.“

Bei Psellos zwei und drei:

„Überlasse auch nicht die Hefe der Seele dem Abgrund
Damit sie nicht bei der Trennung vom Körper zu Schaden komme.“

Der erste Kommentar nennt diese Aphorismen:

„Eine Ermahnung, daß die Seele stets über sich wache und nicht den Anfechtungen des Leibes unterliege, wodurch sie mit ihm ins Verderben sinkt. Damit ist vor der Strafe der Seelenwanderung gewarnt, welcher alle verfallen, die während ihres Erdenlebens dem Körper, d. h. der Hefe der Seele, eine zu große Macht einräumen.“

Psellos sagt:

„Unter Hefe der Seele ist der aus den vier Elementen zusammengesetzte Körper verstanden. Der Jünger wird also ermahnt: Nicht nur die Seele erhebe zu Gott, sondern suche auch ihr Kleid, nämlich den Leib, zu erheben. Abgrund ist Erde, auf welche die aus dem Himmel verwiesene Seele herabgeschleudert wurde. Wie läßt sich aber diese Ermahnung anders befolgen, als indem man den Körper dem Scheiterhaufen übergiebt. Oder ist die Läuterung durch göttliches Feuer gemeint, wie wir an Henoch und Elias sehen, die es wegen ihrer Auffahrt zum Himmel noch bei lebendigem Leibe wohl in ihrer Vervollkommnung so weit gebracht hatten, daß sie nur noch einen ätherischen Leib besaßen? Dieses Ziel zu erreichen ist aber ohne den Beistand der göttlichen Gnade unmöglich.“

Bezüglich des zweiten Spruchs sagt Psellos, daß auch Plotinos denselben anführe und bemerkt weiter:

„Diese Ermahnung ist sehr wichtig, denn die Furcht vor dem Tode zieht die meisten Menschen von edleren Betrachtungen ab, so daß die Seele ihre Läuterung nicht bestehen kann. Daher kommt es, daß die aus der Welt abscheidende Seele noch einige ihrer 175irdischen Sorgen und Wünsche mit hinüber nimmt, anstatt sie zu Gott und den Engeln zu erheben, wie die Erleuchteten thun, deren Blick schon diesseits des Grabes eine höhere Richtung nimmt.“

Der sechzehnte Aphorismus der ersten Fassung, der zwanzigste bei Psellos und fünfzehnte bei Plethon hat in den drei Bearbeitungen folgenden Wortlaut:

1. „Wenn du deinen aus ätherischem Stoff bestehenden Geist zur Verehrung der Gottheit hinleitest, so wird auch dein irdisches Theil dabei wohl fahren.“

2. „Wenn du dein feurig Ich zu guten Werken lenkst,
So wirst du auch dein feuchtes Ich erretten.“

3. „Wenn du dein feuriges Theil aufrichtest, so wirst du auch den feinsten Stoff des Leibes dir erhalten.“

Der anonyme erste Kommentator bemerkt, daß unter der Verehrung der Gottheit nicht allein der Kultus, sondern alle sittlichen Handlungen zu verstehen seien. Psellos versteht unter dem feurigen Ich die vom Göttlichen erleuchtete Seele und unter dem feuchten Ich den materiellen Leib. Plethon sagt:

„Wenn du einen gottesfürchtigen Wandel führst, so wird dir auch leibliches Wohlsein zu Theil werden.“

Der siebzehnte Aphorismus, bei Plethon der sechzehnte (bei Psellos fehlend) wird in mystischen Werken sehr häufig citiert[231] und lautet in der ersten Fassung:

„Von allen Enden der Erde kommen Hunde herbei, die den Sterblichen durch falsche Zeichen äffen.“

In der zweiten:

„Aus allen Enden der Erde springen Hunde hervor, den Menschen Gaukelbilder zeigend.“

Beide Kommentatoren sagen übereinstimmend, daß den in die Mysterien Einzuweihenden Gespenster mit Hundefratzen erschienen, und verstehen unter denselben Personifikationen der zerstörenden Leidenschaften, welche die Seele aus ihrer Ruhe aufschrecken.

Der achtzehnte (bei Psellos fehlende) und bei Plethon siebzehnte Aphorismus hat folgenden Wortlaut:

176

1. „Die Vernunft lehrt uns, daß die Dämonen ursprünglich heilige Geister seien, und die bösen Eigenschaften eine Verkehrung der guten sind.“

2. „Die Natur sagt uns, daß die Dämonen vollkommene Wesen seien.“

Der erste Kommentar ergeht sich in ziemlich nichtssagender Weise über den Fall der Engel, welchen wir auch oben bei Zoroaster vorkommen sahen. – Plethon versteht unter Dämonen nicht im vulgären Sinn böse Geister, sondern geistige Wesen überhaupt; im übrigen umschreibt er nur den Aphorismus, ohne etwas von Bedeutung zu sagen.

Der nächste Aphorismus findet sich nur in der ersten Fassung:

„Die rächenden Furien zügeln den Menschen. Es führe die Seele die Oberherrschaft und schicke vorsichtig nach allen Seiten ihre Blicke aus.“

Der Kommentar versteht unter den rächenden Furien die notwendigen Folgen der Thaten der Menschen, und unter den Blicken die angeborenen guten Eigenschaften, mit deren Hilfe wir die schlechten erkennen und ihren Einfluß auf uns abwehren.

Der folgende, sich auch bei Psellos findende Aphorismus:

„O Mensch, du kühnes Kunstwerk der Natur.“

gehört offenbar zum einundzwanzigsten Spruch der ersten Fassung, welcher in den beiden andern fehlt:

„Hättest du meinen Beistand fleißiger angerufen, so würdest du wohlgethan haben, denn nicht vom himmlischen Stoffe scheint dir das Weltgebäude, sondern zu Schlechten und Krummen sich neigend. Die Sterne glänzen nicht, der Mond ist verfinstert, die Erde wankt, und alle Gegenstände scheinen sich in Blitze zu verwandeln.“

Der Kommentar sagt nur:

„So spricht das Orakel zu dem in die Weihen Initiierten.“

Der zweiundzwanzigste – bei Psellos fehlende – und bei Plethon achtzehnte Aphorismus lautet:

„Nimm nicht das Bild der Natur für die Gottheit selbst!“

Bei Plethon:

„Berufe dich nicht auf das Bild der Natur!“

177

Beide Kommentare sagen übereinstimmend, Gott sei nicht durch das Bild zu erfassen.

„Alle dem Eingeweihten[232] sich darbietenden Erscheinungen, wie Flammen, Blitze, sind nur Sinnbilder des Schöpfers, nicht sein eigentliches Wesen.“

Der dreiundzwanzigste – bei Psellos zehnte – Spruch heißt:

„Mit reinem Gemüth umfasse die Zügel des Feuers.“

Bei Psellos:

„Die gestaltlose Seele halte die Zügel des Feuers.“

Der erste Kommentar ist nichtssagend. Psellos bemerkt:

„Die gestaltlose, d. h. die von der Materie sich abwendende Seele halte die Zügel des Feuers. Sie soll sich nämlich in den Besitz des zum ewigen Licht führenden Mittels setzen. Wer die Zügel schlaff hält, dessen gute Vorsätze erschlaffen, und er fällt wieder der Erde anheim.“

Der vierundzwanzigste, bei Psellos dreizehnte Spruch hat den Wortlaut:

„Wenn du das heilige Feuer aller Gestalt ledig durch die Tiefen des ganzen Weltalls wirst schimmern sehen, so horche auf den Ton des Feuers.“

Bei Psellos heißt es:

„Wenn du gewahrst des heiligen Feuers Strahl,
Das doch Gestalt nicht hat, der Unterwelt auch leuchtend,
Dann horche auf des Feuers Ton!“

Der erste Kommentator giebt folgende Auslegung:

„Das gestaltlose Feuer ist die Gottheit selbst, welche alle Räume der Welt durchdringt. Auf ihr Flüstern achte du!“

Psellos bemerkt:

„Dieses Feuer ist das göttliche Licht, weil es keine Gestalt hat. Wenn dieses den Seher erleuchtet, daß er im Geist der Erde Tiefen durchschaut, dann vertraue er seinen Eingebungen.“

Der fünfundzwanzigste Aphorismus lautet bei dem Anonymus und Psellos:

178

1. „Die Seele des Menschen trägt die Spuren ihrer göttlichen Abkunft in sich.“

2. „Eile zum Lichte zu gelangen, zu den Strahlen des Vaters, von welchem deine Seele ausgeflossen ist.“

Beide Commentare sind nichtssagend, weil der Aphorismus für sich spricht.

Der sechsundzwanzigste Aphorismus in der ersten Fassung und zweiunddreißigste bei Psellos lautet:

1. „Vernimm, was sich durch den Verstand fassen läßt, denn dies ist über die Vernunft.“

2. „Wisse, das durch den Geist Wahrnehmbare kann vom Verstande nicht begriffen werden.“

Der erste Kommentar lautet:

„Obschon der Schöpfer die Bilder der unsichtbaren Dinge dir eingegeben hat, so bestehen sie in deiner Seele doch nur durch das Vorstellungsvermögen; trachte du aber danach, sie in der Wirklichkeit zu besitzen, d. h. dich nach dem Tode des Leibes mit dem Urgeist, dem nichts verborgen ist, zu vereinigen.“

Psellos dagegen sagt:

„Obschon der Verstand uns alle Dinge erklärt, so kann doch das Wesen Gottes von ihm nicht erfaßt werden, denn dies wäre nur durch unmittelbare Erleuchtung von oben möglich. Weder der Gedanke des Menschen, noch das artikulirte Wort kann das Wesen des Schöpfers definiren. Er ist durch ehrfurchtvolles Schweigen weit passender verehrt, als durch einen Schwall von Worten. Er ist über alles Lob erhaben.“

Der siebenundzwanzigste – bei Psellos fehlende – Aphorismus hat den Wortlaut:

1. „Wahrlich, etwas ist durch den Geist wahrnehmbar, das sich den Sinnen entzieht.“

Der Kommentator bezieht das den Sinnen nicht Wahrnehmbare kurzweg auf Gott.

Der achtundzwanzigste – bei Psellos sechsundzwanzigste – Aphorismus lautet:

1. „Alles ist aus Einem Feuer hervorgegangen, welches der 179Urheber dem aus ihm hervorgegangenen Geist übergab, welch' Letzteren die Menschen für das Urwesen[233] selbst halten.“

2. „Alles ist aus einem Feuer entstanden.“

Der erste Kommentator sagt:

„Alles emanirt aus Gott. Er hat Alles geschaffen, nämlich die geistigen Vorbilder der Dinge[234]; der eigentliche Weltbaumeister verfertigte die irdischen Abbilder der vorigen, denn von der Materie, welche aber nicht vom Urquell des Lichts herstammt, konnte die Körperwelt nicht entstehen.“

Psellos bemerkt zu diesem Aphorismus in seiner Fassung nur, daß er dem christlichen Glauben entspreche, insofern alles in Gott wurzele.

Der neunundzwanzigste Aphorismus der ersten Fassung fehlt bei Psellos und ist der neunzehnte bei Plethon; er hat folgenden Wortlaut:

1. „Die Dinge, welche vom Verstand erforscht werden, sind selbst Intelligenzen.“

2. „Die Seelen, welche vom Vater empfangen werden, sind selbst der Empfängniß fähig.“

Der erste Kommentar lautet dahin, daß die geistigen, unkörperlichen Wesen Zeugungen Gottes, selbst handelnde Persönlichkeiten und verschieden von den mit dem Leib vermählten Seelen[235], den Geschöpfen des Demiurgen sind. Plethon sagt nur, daß hier die geistige Fortpflanzung der Ideen gemeint sei, welche die Chaldäer sich als unsichtbare Personifikationen der Dinge auf Erden vorstellten.

Der dreißigste Aphorismus der ersten Fassung ist bei Psellos der siebente und bei Plethon der zwanzigste. Er lautet der Reihenfolge nach:

1. „Die Welt wird nach unwandelbaren Gesetzen von vielen Intelligenzen regiert.“

2. „Die Welt wird durch vernunftbegabte und doch unbewegliche Wesen vor dem Untergang geschützt.“

180

3. „Die Welt erhält zu Lenkern solche Wesen, die, weil sie nur intellektuell, also mit den Sinnen nicht wahrnehmbar, auch der Veränderung nicht unterworfen sind.“

Der erste Kommentator und Plethon bemerken nur, daß die oberste dieser Intelligenzen der Demiurg[236] sei, und daß, da die Welt unvergänglich sei, diese Eigenschaft deren geistigen Regenten erst recht zukomme. Psellos verliert sich in die unfruchtbare magisch-astrologische Lehre von den Planetenintelligenzen.

Der einunddreißigste Aphorismus ist bei Psellos der dreiundzwanzigste, bei Plethon der einundzwanzigste und lautet in den drei Fassungen:

1. „Sich selbst hat der höchste Gott dem Blicke aller Wesen entzogen, welche, obschon mit dem Vermögen ausgerüstet, sich von unsichtbaren Dingen eine Vorstellung zu machen, doch seine Eigenschaften nicht begreifen können.“

2. „Der Schöpfer hat sich in die Verborgenheit zurückgezogen und ist selbst den geistigen Naturen unerforschlich.“

3. „Der Vater hat sich selbst entzogen.“

Über diese auch in der Kabbalistik ausgesprochene Lehre bemerkt der erste Kommentator nur, daß dies daher komme, weil kein geschaffener Geist Gott als ungeschaffenes Wesen begreifen könne. Psellos läßt sich auf keine Erklärung ein und sagt nur, daß dieser Satz dem christlichen Glauben widerspreche. Plethon hingegen äußert sich folgendermaßen:

„Obgleich geistige Wesen mittelst des Geistes wahrgenommen werden, entzieht sich doch der Schöpfer auch diesem, wenn der menschliche Forschungsgeist die Natur der Gottheit zu erforschen sich vermißt.“

Der zweiunddreißigste und letzte Aphorismus der ersten Fassung, der zweiundzwanzigste bei Psellos und Plethon lautet:

1. „Der Vater aller Wesen flößt nicht Furcht ein, sondern den Trieb, ihm gehorsam zu sein.“

2. „Gott flößt keine Furcht ein, sondern den Trieb, ihm gehorsam zu sein.“

181

3. „Der Vater flößt nicht Furcht ein.“

Der erste Kommentator und Plethon sagen nur, daß Gott als Urquell alles Guten nur Liebe, nicht aber Furcht einflößen könne. Psellos bemerkt:

„Die göttliche Natur kennt weder Zorn noch Unwillen, sie bleibt sich stets gleich. Deshalb flößt sie auch den Geschöpfen keine Furcht ein. Wäre sie feindlicher Gesinnung, so könnte die Schöpfung keinen Bestand haben. Gott ist ein Licht, aber dem Sünder ein verzehrendes Feuer.“

Damit schließen bei Plethon und in der ersten Fassung die magischen Orakel Zoroasters. Aus der Fassung des Psellos hebe ich noch folgende, bei den andern Beiden fehlenden Aphorismen hervor:

Aph. 5: „Nicht niederwärts den Blick gerichtet!
Zum Himmel strebe auf! Denn unten
Herrscht nur Nothwendigkeit, die harte,
Die den Planeten ihre Richtung gab.“

Der Kommentar enthält nur den bemerkenswerten Ausspruch, daß sich die Seele auf jedem Planeten verkörpern müsse. Das übrige ist astrologische Spitzfindelei.

Aph. 14: „Es läßt Natur uns Geisterreiche ahnen,
Des Bösen wie des Guten allzugleich.“

Der Kommentar sagt nur, daß die geahnten Geisterreiche auch zur Erscheinung gebracht werden könnten, wenn es dem Theurgen gelinge, die Elementarkräfte aufzuregen. Damit schließen die Orakel Zoroasters in der Redaktion des Psellos, welche ich hier der fortlaufenden Vergleichung halber außer der Reihenfolge brachte.

In der anscheinend gnostischen Fassung lauten die Orakel folgendermaßen:

„Erforsche den Weg der Seele, woher oder auf welche Weise du, wenn du dem Leibe dienest, jene wieder in die Ordnung, von der du abgewichen bist, bringen kannst, indem du mit dem heiligen Wort dein Werk vollbringst.“

„Nicht abwärts sollst du dich neigen; ein Abgrund ist auf Erden, welcher dich von der Schwelle, die sieben Gänge hat, abzieht, unter welcher der Thron des furchtbaren Schicksals steht.“

182

„Denn dein Behältniß werden die wilden Thiere der Erde bewohnen.“

„Gieb ja nicht dem Schicksal einen Zuwachs; denn nichts Unvollkommenes geht von der Herrschaft des himmlischen Vaters aus.“

„Aber der Wille des Vaters läßt nicht den Willen jener Seele, bis sie die Vergessenheit preisgegeben und das Wort gesprochen hat, im Gedächtniß behaltend das heilige Zeichen des Vaters.“

„Du mußt zum Lichte eilen und zum Glanze des Vaters, von dem deine Seele ausgegangen ist, welcher viel Verstand inne wohnt.“

„Die Erde beweint sie bis auf die Kinder.“

„Die Vertreiber der Seele, welche sie wieder ins Leben rufen, können erlöst werden.“

„In der linken Höhle deines Lagers wohnt die Kraft der Tugend und bleibt ganz darin, ohne ihre Jungfräulichkeit preiszugeben.“

„Die Seele der Menschen wird Gott gewaltig an sich ziehen; nichts Sterbliches habend, ist sie ganz Gottestrunken. Denn sie rühmt sich der Einheit[237], in welcher sich der sterbliche Körper befindet.“

„Weil die Seele glänzendes Feuer ist durch die Macht des Vaters, so bleibt sie unsterblich und ist Herrin des Lebens, und weil sie viele Vollendungen der Welt hat, sollst du das Paradies suchen.“

„Verunreinige nicht den Geist und drücke ihn nicht in die Tiefe nieder.“

„Es ist auch dem Bilde der Seele[238] sein Theil allenthalben an einem hellglänzenden Ort.“

„Laß nicht den Auswurf des Stoffes am Abgrunde liegen.“

„Führe nicht die Seele heraus, damit sie nicht den Körper verlassend, in Gefahr komme.“[239]

„Wenn du den feurigen Geist zum Dienste Gottes antreibst, so wirst du auch den Körper im Leben wohl-erhalten.“

„Aus dem Busen der Erde gehen irdische Hunde hervor, die niemals das wahre Zeichen dem irdischen Menschen aufweisen.“

„Die Natur räth, daß die Geister heilig seien, und daß auch die Steine des schlechten Stoffs gut und edel sind.“

183

„Rächende Wesen züchtigen den Menschen.“

„Eine unsterbliche Tiefe wird über die Seele herrschen; du aber richte die Augen ganz in die Höhe.“

„O Mensch, du Gebilde der zuversichtlichsten Natur! Wenn du öfter mit mir geredet haben wirst, so wirst du alles wohl im Gedächtniß behalten. Denn dann wird dir nicht mehr krumm und schief die himmlische Masse erscheinen. Die Sterne glänzen nicht; das Licht des Mondes ist verdeckt. Die Erde steht nicht fest, und Alles wird wie Blitze aussehen.“

„Du sollst nicht das durch sich selbst offenbare Bild der Natur anrufen.“

„Allenthalben mit einfältigem Herzen ergreife die Zügel des Feuers.“

„Wenn du gestaltlos das heilige Feuer erblickst, wie es schimmernd springt durch die Tiefen der ganzen Welt, so höre auf das Geräusch des Feuers.“

„Der Geist Gottes selber gab den Seelen der Menschen die väterlichen Sinnbilder ein.“

„Begreife, was mit dem Verstand begriffen werden kann, denn es ist außer dem Geiste.“[240]

„Es giebt wahrlich etwas, was mit dem Verstand begriffen werden kann.“[241]

„Alles ist aus einem Feuer hervorgebracht, sintemal Alles der Vater vollbracht hat und hat es dem zweiten Geiste mitgetheilt, welchen die Geschlechter der Menschen den ersten nennen.“

„Die Gestalten, welche im Geiste ergriffen werden, vernommen durch den Geist des Vaters, begreifen auch selbst, damit sie, durch schweigende Überlegung bewegt, einsehen.“

„O wie hat diese Welt Lenker, welche mit der Kraft der Einsicht begabt sind und nicht gebeugt werden können.“

„Sich selber hat der höchste Vater von allen andern getrennt; aber nicht auf die Kraft seiner Einsicht hat er sein Feuer beschränkt.“

„Der Vater läßt keine Furcht zu, sondern nur Gehorsam.“

185

Drittes Buch.
Der Occultismus der Inder.

187

Am reinsten gelangt der indische Occultismus in den Veden zur Darstellung.

Veda, das Wissen, heißt im weiteren Sinn alles Geoffenbarte, weshalb gewissermaßen alle heiligen Bücher der Inder Veden genannt werden können. In engerem Sinn jedoch versteht man unter Veden die vier ältesten Sammlungen religiöser Urkunden, welche nach indischer Anschauung in der Urzeit von Brahma selbst gegeben wurden, und auf welche die indische Religion, die Gesetze und die Litteratur gegründet sind. Es sind:

1. Der Rigveda mit religiös-moralischen Vorschriften, Ermahnungen und Hymnen auf alle Gottheiten.

2. Der Yayurveda, bestehend in sechsundachtzig prosaischen Abschnitten über die verschiedenen Arten der Opfer und die dabei zu beobachtenden Gebräuche.

3. Der Samaveda, welcher für den heiligsten gehalten wird und lyrische Gebete enthält, die gesungen werden.

4. Der Atharvaveda mit über siebenhundert Hymnen, Exorcismen, Zaubersprüchen, Verfluchungen usw.

Die Veden zerfallen weiter in einen rituellen, Pûrvakândam oder Karmakândam genannten Teil, welcher u. a. die Gebete – Mantras – enthält, die, wenn sie metrisch – rig – sind, gesungen und, wenn nicht metrisch – yajush – leise gemurmelt werden. Daran reiht sich der Brâhmana, Uttarakânda oder Gnâna – Gnosis – genannte Abschnitt, welcher sich über Kosmogonie, das göttliche Wesen, die göttlichen Attribute usw. verbreitet. Jeder Veda, besonders die Brâhmanas enthalten noch eine Anzahl Upanischads oder Meditationen, genannte Traktate, welche die eigentliche Theologie 188der Veden enthalten. Jedes auf die Veden sich stützende Werk führt den Namen Sâstra; deren giebt es eine große Anzahl und sie wie ihre Kommentare enthalten die zahllosen ceremoniellen Vorschriften.

Die Veden werden häufig Sruti, „das durch Offenbarung Gehörte“ genannt, weil sie von Brahma selbst heiligen Männern, deren Namen genannt werden, geoffenbart worden sein sollen; doch gestehen die Kommentare selbst zu, daß die genannten Heiligen, die Rischis, die wahren Verfasser sind. – Die über diese Verfasser usw. umlaufenden Traditionen lasse ich beiseite.

Zur Zeit als die arischen Indier sich von verwandten Völkern trennten und von den asiatischen Hochebenen in das Tiefland einwanderten, war ihre Religion wohl Sabäismus und im wesentlichen Sonnendienst, wie denn noch jetzt bei Sonnenaufgang das Homaopfer dargebracht wird und die Sekte der Sauras ausschließlich die Sonne verehrt; bei den Indiern wie bei den Essäern darf die Sonne die Blöße des Menschen nicht bescheinen, und in den Veden ist es wie im Zendavesta und bei den Pythagoräern verboten, sein Wasser gegen die Sonne zu lassen, &c. &c.

Als mythische Gottheit und erste Person der allbekannten indischen Göttertrias: Brahma, Wischnu, Schiwa, führte die Sonne den Namen Brahman, der Leuchtende. Sie schläft zur Zeit des winterlichen Regens, sie stirbt, wird neugeboren, und zahlreiche Mythen des alten Indiens sind nur aus dem Sonnenkultus zu erklären und mutatis mutandis universalgeschichtliche Erscheinungen. Überall, wo Sonnendienst herrschte, begegnen wir denselben Festen und den gleichen ihnen zu Grund liegenden mythologischen Vorstellungen, die – wie die ganze Theogonie – in epischem Gewand gleichsam historisiert auftreten.

Die zum Heil des Menschengeschlechts unternommenen Thaten und Wanderungen des Sonnengottes bilden sich im Laufe der Zeit in eine Götterlegende oder – wenn auf menschliche Heroen übertragen – zu einer Heldensage um, aus welcher für das Volk Belehrung und Moral geschöpft wird, und an deren thatsächlicher Grundlage weder Priester noch Geschichtschreiber zweifeln.

In den Veden treffen wir den Brahmaismus in engerem Sinn oder den Sonnendienst mit dem untergelegten Gedanken eines ewigen Lichtquells und weltschaffenden Geistes, welcher – an sich 189von der Sonne als Weltkörper unabhängig – diese wie das ganze Universum hervorgebracht hat, welcher alles Thun der Götter und Menschen wahrnimmt und unter dem Bilde der Sonne zu verehren ist.

Mit der Zeit ging diese Anschauung zum reinen Monotheismus über, und wie im Mazdeismus Zrvâna-akarana, so wird im Brahmaismus Brahma, „das Große“, ein neutrales Abstraktum, welchem erst die Prädikate durch Kraftäußerungen nach außen werden müssen; deshalb wird es auch tat, das Ich, die Seele oder das Wesen, sat, genannt. Dieses „Große“ wurde als das höchste Wesen betrachtet, in welchem alles seinen Grund habe, und das man mit Eifer aus seinen Wirkungen zu erkennen suchen müsse. Es führt in den Veden den Namen Parabrahma, das Urgroße; Avoyaka, das Unsichtbare; Nirvikalpa, das Unerschaffene; Svayambhu, das durch sich selbst Seiende, wodurch Brahma den Begriff des Ewigen und Selbständigen erhält. Auf dieses unendliche Urwesen bezieht sich keine Mythe, und es heißt in den Veden nur, daß vor ihm nichts vorhanden war, und daß seine Glorie so groß sei, daß es kein Bild derselben geben kann. Eine Manifestation desselben ist erst die als Demiurg, als weltschaffender Brahma gedachte Sonne, ähnlich wie im Mazdeismus Ahuramazdâ der vollkommenste Abdruck des Erhabenen ist.

Das durch sich selbst Seiende regiert durch diesen seinen Statthalter und andere aus ihm geflossene göttliche Emanationen, welche nur das persönliche Hervortreten und Sichtbarwerden der verschiedenen Attribute und Eigenschaften des Urersten sein sollen, die Welt nur mittelbar, und hierbei verliert sich die indische Spekulation in ein buntes Gewimmel metaphysisch-mythologischer Gestaltungen, welches wir hier bei Seite lassen können. Bei diesem Personifikationsprozeß der einzelnen Attribute trat vorerst das durch sich selbst Seiende in den Hintergrund zurück, und selbst Brahma – seine erste Emanation – verlor an Ansehen, so daß vom Brahmaismus Indiens nur insofern die Rede sein kann, als sich derselbe auf den ursprünglichen vergeistigten Sonnendienst bezieht.

Trotzdem ist aus den heiligen Büchern der Indier überall nachweisbar, daß die indische Religion sich schon sehr bald vom 190Sabäismus zur Verehrung eines höchsten Wesens erhoben hatte, und es ist leicht einzusehen, daß in Indien, wo kein Eroberer die beschauliche Ruhe der Weisen unterbrach, der Sinn für die religiösen Grundwahrheiten früher geweckt werden mußte, als es in dem von wilden Stürmen bewegten Westen möglich war. Hier begannen die schüchternen, von Sokrates nachmals mit der Moral verbundenen Anfänge der Religionsphilosophie mit Anaxagoras und Xenophanes und nahmen dann unter Pythagoras und Plato einen höhern Aufschwung bis sie in den Lehren der Stoa einen dem Christentum ähnlichen würdigen Ausdruck fanden.

Der vergeistigte Mazdeismus übte mächtigen Einfluß auf die Religion der Juden, unter denen bisher nur die Propheten auf einer höheren Erkenntnisstufe gestanden hatten, während der große Haufe zwischen den polytheistischen Religionen seiner Nachbarvölker hin und her schwankte bis endlich der Stifter des Christentums die Lichtstrahlen des Mazdeismus, des Buddhismus und der hellenistisch-jüdischen Religionsphilosophie in einem Brennpunkt vereinigte und mit einer reinen praktischen Moral verband.

Alle Religionen des Altertums zeigen ein Fortschreiten vom Fetischismus aus durch den Sabäismus und Sonnendienst zur Lichtreligion und Verehrung Eines höchsten Wesens, von welchem die Volksgottheiten usw. nur niedere Potenzen, Emanationen, Attribute &c. sind.

Gerade die indische Litteratur zeigt wie keine andere die Fähigkeit des menschlichen Geistes, von der Bewunderung der menschlichen Natur ausgehend, aus eigner Kraft zum Höchsten sich erheben zu können, und beweist die Nichtigkeit einer erträumten göttlichen Urweisheit und eines Urpriestertums des menschlichen Geschlechts, wie es sich bei den mehr oder weniger von Jakob Böhme abhängigen gläubigen Naturforschern und Naturphilosophen der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts in so aufdringlicher Weise breit macht.

Für den indischen Monotheismus der Indier erheben sich schon früh gewichtige Stimmen. So sagt Philostratus in seinem Leben des Apollonius von Tyana[242], daß in Indien nur eine höchste Gottheit 191alles leite, daß aber daneben Untergötter angenommen würden. Bardesanes spricht sich dahin aus[243], daß es mehrere tausend Brahminen gebe, die nach Gesetz und Tradition keine Bilder verehrten, weder Fleisch noch geistige Getränke genössen, ohne Falsch seien, ihren Geist allein auf die Gottheit richteten. Selbst der Muhammedaner Abulfeda gesteht zu, daß der gebildete Indier keine Idololatrie treibe, und daß beim Volk endlich die Götterbilder nur zur Fixirung der Andacht dienten. In unserer Zeit bekennt endlich Colebrooke[244], daß der Monotheismus in den Lehren der Vedas genau ausgesprochen, wenn auch nicht immer klar von der Polylatrie geschieden sei; daß er aber in den den Veden folgenden Schriften der Indier, welche sich demnach mit Recht auf die Lehre ihrer religiösen Schriften von der Einheit Gottes beriefen, immer mehr hervortrete.

Das Gesetzbuch des Manu sagt ausdrücklich, daß die Veden nur einen Gott lehren als den Herrn aller Götter und Menschen, den man in jedem Wesen erkennen und verehren müsse, und im allgemeinen schildern die Veden die Gottheit als immateriell, unsichtbar, über alle Vorstellung erhaben, aus deren Werken der Mensch ihre Ewigkeit, Allmacht, Allwissenheit und Allgegenwart erkennen kann; als das göttliche unvergleichlich große Licht, von welchem alles ausgeht, zu dem alles zurückkehrt, welches allein unsern Verstand erleuchten kann und auf gerechte Weise Vergeltung erteilt durch die rollenden Zeiten.[245]

Die Veden lehren: „Es ist ein lebendiger, wahrer Gott, ewig, körperlos, ohne Theile und ohne Leidenschaft, allmächtig, allweise und allgütig, ein Schöpfer und Erhalter aller Dinge. – Er ist allwissend, aber Niemand kennt ihn, den man den großen, weisen Gott nennt. – Gott, der die vollkommene Weisheit ist, ist die endliche Zuflucht des Menschen, der freigebig sein Vermögen spendete, fest in der Tugend war und der den großen Einen kennt und verehrt. – Er ist der Gott, welcher das Weltall regierend durchdringt; er war der Erstgeborene und ruht fort im Mutterleib; 192er kam in das Licht des Daseins, wohnt im Licht und in Allem, was ist. Der Herr der Schöpfung war früher als das All, er wirkt in allen Wesen und freut sich über seine Schöpfung. Wem sollten wir blutlose Opfer bringen, als ihm, der die ätherische Luft geschaffen wie die feste Erde, ihm, der die Scheibe der Sonne festheftete und des Himmels Wohnung, ihm, der des niedern Luftkreises Tropfen in eine Gestalt brachte? Wem sollten wir unsere Gaben bieten als ihm, den Himmel und Erde im Geiste beschauen?“[246]

„Wer weiß genau, und wer wird in dieser Welt aussprechen, von wannen und warum diese Schöpfung stattgefunden? Die Götter sind später als die Schöpfung. Der im höchsten Himmel der Lenker dieses Alls ist, weiß es; aber kein Anderer kann darüber Kunde haben.[247] – Über den Sonnen hinaus scheint keine Sonne mehr, kein Mond und kein Stern mehr, dort funkelt kein Blitz, sondern die Gottheit strahlt dort allein und giebt dem Universum sein Licht.“

„Es ist kein Größerer als Brahma, der Mächtige, in jedem Raume gegenwärtig, allwissend und einzig. Forsche nicht über das Wesen des Ewigen, noch über die Gesetze, nach welchen er regiert, beides ist eitel und strafbar; dir sei es genug, daß du täglich seine Weisheit, Macht und Güte in seinen Werken schaust. Dies sei dir Heil. Du, o Gott, bist das wahre ewig selige Licht aller Zeiten und Räume; deine Weisheit erkennt tausend und mehr als tausend Gesetze, und doch handelst du allezeit frei und zu deiner Ehre; du warst vor Allem, was wir verehren, dir sei Lob und Anbetung. – Man kann Gott erkennen aus dem Gesetz, das er gegeben hat, und aus den Wundern, die er in der Welt wirkt. Man entdeckt ihn auch durch die Vernunft und den Verstand, welche er den Menschen gegeben, und durch die Schöpfung und Erhaltung aller Dinge. Was er von den Menschen fordert, besteht hauptsächlich in Liebe und Glauben, denn so steht in unserm Gesetz vom Dienste des höchsten Gottes: der Mensch soll ihn lieben, ihn mit Mund und Herz bekennen und soll nichts thun als aus Liebe und 193Glauben, nach welchem er Gott anrufen und seinen Geboten gehorchen muß, also daß er sich in Allem unverbrüchlich nach seinem Willen richte.“[248]

„Das höchste Wesen ist unsichtbar; niemand hat es je gesehen, und die Zeit hat es nicht begriffen. Sein Wesen erfüllt Alles, und alle Dinge entspringen aus ihm; alle Kraft, alle Weisheit, alle Heiligkeit und alle Wahrheit ist in ihm; es ist unendlich gütig, gerecht und barmherzig; es hat alle Dinge geschaffen, erhält Alles und ist gern unter den Menschenkindern, um sie zur ewigen Glückseligkeit zu führen, die darin besteht, daß man das unendliche Wesen liebe und und ihm diene.“[249]

„Ich diene dem Herrn der Welt, in welchem sie besteht, zu dem sie einst zurückkehrt, und in dessen Licht sie glänzt; dem Herrn, dessen Herrlichkeit ewig und unaussprechlich; der ohne Wechsel ruhend und immer dauernd ist, und zu dem heilige Menschen sich erheben, wenn sie die Finsterniß des Irrthums zerstreut haben.[250] – Als Einsiedler mußt du mit einem aufrichtigen Herzen an Gott denken, an denjenigen Gott, der weder veralten, noch ein Ende haben wird, welcher der Höchste ist, der Allen, die ihn suchen, Verstand giebt; seiner sollst du allein gedenken.[251] – Welchen Vortheil hat man, wenn man die Vedas, Puranas und Shastras liest? Besser ist allezeit an Brahma denken und also seine Seele bewahren, denn diese wird immerdar bestehen, und der, durch welchen weiße Flamingos, grüne Papageien und bunte Pfauen geschaffen wurden, der wird für dich sorgen.“[252]

Soviel über den indischen Monotheismus.

Was nun die kosmogonischen Philosopheme anlangt, so widersprechen sich dieselben in den Veden und namentlich in den Puranas vielfach. Am reinsten treten die Schöpfungstheorien in den Veden entgegen, in welchen es heißt, daß das Weltall durch den 194bloßen Gedanken Brahmas entstanden sei: „Er[253] dachte, ich will Welten schaffen, und sie waren da!“ oder durch sein Schöpfungswort, welches – wie später in der Gnosis – personificiert erscheint. Im Rigveda erscheint vâch, die Rede, als aktive Kraft Brahmas, welche von ihm als Göttin ausgeht, als die höchste Weisheit und Königin aller Wissenschaft. Alle Wesen durchdringend erzeugte sie erst den als Demiurg gedachten Brahma und ist mit dem Urwesen eins.[254]

Auch Origenes sagt[255], daß die Brahminen sich die Gottheit nicht sowohl als ein Licht denken, verschieden von Sonne und Feuer, sondern auch als Wort (λόγος), göttlich und körperlich, als das Wort der Gnosis, durch welches den Weisen die verborgensten Mysterien sichtbar würden. Ja, ein anonymer Indier äußert sich in seinem Schriftchen De Brahmanis[256]:

Nam verbum Deus est, hoc mundum creavit, hoc regit et alit omnia. Hoc nos veneramur, hoc diligimus, ex hoc spiritum trahimus, siquidem ipso Deus spiritus est atque mens.

Diese und ähnliche schon früher erwähnte Anschauungen liegen der schon spätern spezifischen Logosidee zu Grund.

In Manus Gesetzbuch heißt es über die Schöpfung:

„Zahllose Weltentwickelungen giebts, Schöpfungen, Zerstörungen,
Spielend gleichsam wirkt er dies, der höchste Schöpfer für und für“,

und in den Veden spielt der alles hervorbringende Brahma mit Maya, der illusorischen Ideenwelt, und ruht gleichsam in der Mitte des Universum, wie eine Spinne in ihrem Gewebe, alles aus sich selbst herausspinnend und wieder in sich hineinziehend. An einer andern Vedastelle, wo von der Schöpfung gehandelt wird, heißt es, daß anfangs weder Sein noch Nichtsein – sat und asat – gewesen, sondern das große Es – tat – oder Brahma habe sich 195selbst erst zum Sein manifestiert, während die Maya oder Täuschung rings um ihn in gestaltlosem Nebel als asat oder non Ens geschwebt habe.[257] Indem aber nun auf diese Weise das Urwesen sich selbst im Spiegelglanz der Maya anzuschauen begann, ward durch seine Betrachtung die Finsternis geteilt, und die Liebe in seinem Gemüt wurde zur produktiven Schöpferkraft.

Im Upnekhata bildet sich die Welt aus einem Ei, woraus sich zunächst Brahma als Makrokosmus in der Gestalt eines Menschen entwickelt. Zu seinem Körper gehören selbst die Götter, da alles eins ist, und wer ihn erkennt und ihn versteht, der ist selbst Gott.[258]

Wenn in den indischen Kosmogonien ein Urstoff angenommen wird, so ist derselbe je nach dem herrschenden Kultus verschieden, bei den Verehrern des Schiwa das Feuer, und im Wischnukultus das Wasser. Im Ramayana heißt es[259]:

„Alles war Wasser, dann wurde die Erde geschaffen, und darauf entstand der selbstständige Brahma mit den Devatas.“

In Manus Gesetzbuch wird gesagt[260]:

„Als der Ewige und Unsichtbare, den nur die Vernunft ergründet, aus seiner eigenen göttlichen Substanz mannigfache Wesen hervorbringen wollte, schuf er zuerst durch einen Gedanken das Wasser und that darein den Zeugungsstoff. Dieser ward zu einem Ei, wie die Sonne glänzend, und in ihm entwickelte sich der große Urvater aller Geister, Brahma, die schaffende Kraft des Ewigen, welche nach einem Schöpfungsjahr allein durch den Gedanken das Ei zertheilte, dessen beide Hälften sodann Himmel und Erde bildeten.“

Andere wieder halten die Luft oder – besser gesagt – den Äther (âkâsa) für das erste Prinzip und betrachten ihn, wie später die Griechen usw., als ein fünftes Element, in welchem sich die Himmelskörper bewegen, seit sie von der Hand des Schöpfers den ersten Anstoß erhielten.

In noch andern Kosmogonien waltet ein dualistisches Prinzip, insofern der ewigen Materie ein ewiger Urgeist als Seele oder 196sensorium commune gegenübergestellt wird, auf welchen die höchste Gottheit durch Bewegung einwirkt. In diesem Sinne heißt es in einem Purana[261]:

„Den Stoff und auch den Geist durchdrang von Anbeginn der Weltenfürst,
Mit seiner Einheit Majestät bewegte sie der höchste Herr;
Dem jungfräulichen Sehnen gleich, und wie des Frühlings Zephirhauch
Verharrte in Bewegung dann Er, dieser Eingestaltige.“

Eine Grundlehre der Brahmanen ist ferner, daß Gott alle Dinge gut schuf, und der Mensch als freies Wesen allein die Schuld an dem moralischen Übel trägt, insofern seine Seele eine Emanation der Gottheit ist.

Als Brahma das Schöpferwort aussprach, entstanden die geistigen Urbilder alles Lebens, deren Aufenthalt der Äther ist. Sie sind völlig den Feruers des Mazdeismus vergleichbar. Andere aus Brahma emanierende, den Amschaspands, Izeds oder Engeln ähnliche Wesen sind die Devâs und Surâs, welche in der intelligiblen Welt ihre Freiheit genossen, bis einer von ihnen – Mahîsasura, der Büffeldämon, – aus Neid und Eifersucht von Brahma abfiel, ihm ähnlich gesinnte Geister verführte und dadurch der Seligkeit verlustig ging. Hierauf schuf Brahma die materielle Welt, damit in ihr die abgefallenen Geister durch Prüfungen geläutert und erneuert würden. Die menschliche Seele ist das Ebenbild (mûrtî) der Gottheit, denn sie ist vom göttlichen Atem belebt. Sie hat ihren Sitz im Gehirn, wo sie wie die Luft in einem Gefäß eingeschlossen ist. Zerbricht die Form, so vereinigt sich der menschliche Geist wieder mit dem göttlichen, gleichwie ein in das Meer geworfenes Gefäß seinen Inhalt mit dem des Oceans mischt. Die übrigen Teile des Menschen lösen sich in die vier Elemente auf. Diese Auflösung in fünf Bestandteile – panchatvam, „der Zustand von Fünfen“, denen die fünf Sinne als ebensoviel Thüren dienen, welche man gegen die Außenwelt verschlossen halten soll – ist der Tod, der keine Vernichtung ist, sondern eine stete Umbildung in neue Formen. Die endliche Vereinigung mit der Gottheit sucht 197der Mensch dadurch zu erreichen, daß er in strenger Askese alle sinnlichen Einflüsse auf sich abzuhalten sucht.

Das moralisch Böse wird als etwas Negatives, als das Nachlassen der geistigen Kraft auf die Materie aufgefaßt, gegen welche das Gute als Positives, als frei waltende Kraft fortwährend zu kämpfen hat. Die Götter selbst gaben dazu durch ihre Büßungen ein Vorbild.

Das Dasein des Menschen auf Erden ist eine Strafe und wie jedes Leiden und Ungemach durch in früheren Daseinsstufen begangene Sünden verschuldet, und je weiter sich alles von der Quelle der Gottheit entfernt, desto mehr verschlimmert es sich, weil die Gesetze der Emanation und Evolution es mit sich bringen, daß die Kette und der Kreis aller Wesen sich je länger je mehr vom Mittelpunkt entfernt. Das Böse würde demnach bei seinem beharrlichen Sinken keine Aussicht auf eine Rückkehr zum Göttlichen haben, wenn die Gottheit nicht selbst dazu ein Mittel gegeben hätte. Sie hat, sich gewissermaßen zum Fatum – Karma – gestaltend, nicht nur jedem Einzelwesen ein besonderes Ziel in einer Einzelexistenz – Incarnation – gesteckt, sondern vergönnt ihm auch in wiederholten Existenzen – Reincarnationen – auf die Erde herabzukommen, um sich in ihnen zum endlichen Rückfluß in die Gottheit zu läutern. – Durch die Kenntnis dieses Gesetzes erhält der Mensch die Richtschnur für sein Denken und Handeln.

Die Weltendauer ist auf 12 000 resp. 432 000 Jahre beschränkt, nach deren Verlauf alles Böse vernichtet wird, wenn die Gottheit abermals erscheint, die materielle Welt zerstört und ein allgemeines Reich des Geistes einführt.

Es heißt in den Veden: „Was kann die Welt für Freude gewähren, wo Alles sich verschlimmert? Könige sind gefallen, Ströme versiegt, Berge versunken. Der Pol selbst hat seinen Ort verändert; Sterne sind aus ihrer Bahn gewichen, die ganze Erde ist von ihrer Bahn heimgesucht und die Geister selbst vom Himmel geschleudert worden.“ Darum muß alles Sein dahinschwinden, und das Ramayana[262] ergeht sich in folgenden Betrachtungen:

198

„So wie die reife Baumesfrucht im Augenblicke fallen kann,
Muß dir, o Mensch, dein Erdenziel beständig in Gedanken sein;
Denn wie veraltet ein Gebäu, so fest es war, in Trümmer fällt,
So welkt der Sterblichen Geschlecht dem Tode unaufhaltsam zu.
Es kehret nimmermehr zurück die Nacht, wenn einmal sie verschwand,
Und mit des Ganges Wasser mischt ohne Rast sich Yamuna.
Es schwinden unsre Tage hin, und aller Wesen Lebenshauch
Ist wie ein Dunst zur Sommerzeit, den aufwärts zieht der Sonnenstrahl,
Zur Seite wandert uns der Tod, kehrt ein mit uns von Jugend auf.
Und wendet sich mit uns zurück, wenn wir am höchsten Ziele sind,
Wenn grau das Haar geworden ist, wenn eingeschrumpft die Glieder sind. –
Es freuen sich die Menschen hier, wenn auf- die Sonn' und untergeht:
Es sollte Warnung ihnen sein, daß Alles auf- und untergeht:
Sie freuen sich der Frühlingszeit, wenn Alles jung und neu erscheint:
Ach, wie das Jahr die Zeiten rollt, so schwindet auch das Leben hin! –
Wie dort am Lotosblatte sich ein Tropfen Thaues zitternd hält,
So ist dem steten Falle nah des Menschen zitternd Erdenglück,
Und wie im großen Ocean ein Splitter Holz den andern trifft,
So treffen hier auf Erden sich die Wesen einen Augenblick.“

Der ausgesprochene Pessimismus der indischen Religionsphilosophie läßt, wie bekannt und bereits gesagt, die irdische, materielle, sublunarische Welt ein Übel sein, welches steter Veränderlichkeit und stetem Wechsel ausgesetzt ist, während darüber hinaus stete Ruhe und Seligkeit herrscht.

Diese dem Wandel unterworfene Sinnenwelt zerfällt in drei Abteilungen nach den drei Dimensionen des Raumes. In diesen drei Abteilungen sind vierzehn Klassen von Wesen verteilt nach den drei Grundkräften, mit denen die Natur wirkt. Denn gleichwie der Zusammenfluß von drei Strömen nur einen bildet, oder wie 199durch Vereinigung von Öl, Docht und Flamme das Licht entsteht, so wirken die drei Grundkräfte durch Vereinigung der feindlichen Gegensätze zu einem Zwecke hin. Die drei Grundkräfte sind folgende:

1. Tamas, Finsternis, Unwissenheit und niedere Selbstsucht, bei welcher das Gewissen und die Scham wegen böser Handlungen eintritt.[263] Diese Eigenschaft ist in Erde und Wasser vorherrschend, weil diese Elemente abwärts streben. Zu ihr gehören fünf Abteilungen der untersten Weltzone, die Tierwelt und die leblosen Körper. Deshalb findet auch bei Menschen, in denen diese Eigenschaft vorherrscht, die Metempsychose in niedere Tierkörper statt, sodaß die größten Sünden wie Ehebruch, Zerstörung religiöser Gebäude die Seelenwanderung in die niedersten Tierkörper, ja sogar den Übergang in Pflanzen und Mineralien nach sich zieht.

2. Maya, die Täuschung oder der Schein. Dieselbe herrscht in der Luft vor und ist beim Menschen ein passiv-leidenschaftlicher Zustand, in welchem die Vernunft gefangen genommen ist. Bei ihm findet eine Metempsychose in menschliche oder höchstens übermenschliche Wesen niederster Gattung statt. Sie hat in der mittlern, nur von einer Wesensreihe – der menschlichen – bewohnten Weltzone die Oberhand. In ihr herrscht die Leidenschaft, weshalb sich der Mensch gegen dieselbe wappnen und seine Sinne beherrschen soll.

3. Satya, die Wesenheit, Wahrheit, Tugend. Sie herrscht im Feuer vor, weil dieses nach oben steigt. Bei dem Menschen ist sie die harmonische Wirksamkeit aller Seelenkräfte und das Streben nach dem Guten und Wahren, bei dessen Obwalten bei der Metempsychose eine beständige Vergöttlichung stattfindet, ähnlich wie sich der Neuplatoniker Hierokles in folgenden Versen ausdrückt[264]:

„Dann wirst du froh in den reinen Äther dich singend erheben,
Vom Tod auf ewig befreit, bist du unsterblicher Gott dann!“

Bevor aber die Seele, wie es in der Bhagavadgita heißt[265], nach dem zerrissenen und abgenutzten Gewand ein neues anzieht oder vom Mund zum Himmel sich erhebt, muß sie vor den Totenrichter 200Yamas kommen, der ihr das Verzeichnis ihrer Thaten vorliest, worauf sie in dem Fall, daß in ihrer Incarnation die Sünde vorherrschte, eine Zeit lang ohne körperliche Hülle in verschiedenen Höllen büßen muß. Dieselben sind Fegefeuer mit furchtbaren Einrichtungen, wie glühende Betten, Schlammgruben &c., zur Peinigung der sündigen Seelen. Erst wenn eine solche Seele je nach dem Grad ihrer Sündhaftigkeit eine größere Anzahl Höllen durchwandert hat, kann sie einen neuen Körper anziehen und behufs ihrer Besserung den Weg der Reincarnation weiter beschreiten.

Die Guten kommen direkt in das Paradies Indras, wo sie in seliges Anschauen, in Ekstase versinken.

In der sogenannten „Theosophie“ oder dem esoterischen Buddhismus ist unendlich viel von den sieben Grundteilen des Menschen die Rede, ohne daß jedoch im Entferntesten diese Lehre etwas dem Buddhismus oder der indischen Religionsphilosophie Eigentümliches wäre. Im Gegenteil finden wir bei allen philosophischen, religiösen und occultistischen Lehren, die auf pantheistischer Grundlage ruhen und ein Emanieren der Seele aus Gott annehmen, ein Zerlegen des nicht körperlichen Menschen in mehrere, keineswegs stets sieben Grundteile; im Gegenteil ist die Zahl derselben eine sehr schwankende. Der Annahme mehrerer Grundteile des übersinnlichen Menschen liegt die Folgerung zu Grund, daß die eigentliche als Teil der Gottheit emanierte Seele weder leiden noch sündigen könne. Darum giebt man ihr noch mehrere mehr oder weniger niedere Grundteile bei, um Leiden, Sünde, Leidenschaft usw. erklären zu können. Damit ist die Annahme eines Astralkörpers als ätherisches Grundschema des Menschenleibes eng verbunden. Ich werde die Ausbildung dieser Anschauungen verfolgen und will hier einstweilen nur bemerken, daß die „Theosophie“ eine Entwickelung oder Sublimation der sieben Grundteile aus dem Stoff heraus und empor analog der Entwickelung des Menschen aus dem Urschleim annimmt, um den Umstand erklären zu können, daß in manchem Menschen der göttliche Funke total fehlt oder nur ganz rudimentär entwickelt ist, wie beim Idioten, Verbrecher usw. So ist bei dem Menschen der westlichen Kultur nach „theosophischer“ Anschauung erst der fünfte Grundteil entwickelt, bei den hochbelobten Mahatmas der sechste und erst bei den verschiedenen Buddhas 201und Christus – ein hirnverbrannter „Theosoph“ zählt neunzehn Christus auf – ist der siebente Grundteil ausgebildet. – Die als die geistigste aller geistigen Lehren und uralt gepriesene „Theosophie“ ist also durchaus materieller Natur und modernsten Ursprungs.

Die „theosophische“ Anschauung entstammt der Sankhyaphilosophie, welche zwischen einer spirituellen und einer sensitiven Seele oder einer Art Astralkörper unterscheidet. Die Gründer der „Theosophie“ haben dann aus den verschiedensten Geheimlehren Brocken aufgelesen, die „Lebenskraft“ hinzugethan und endlich, um der mystischen Zahl Sieben Genüge zu thun, sieben Grundteile glücklich herausgebracht. Davon, daß Paracelsus und Agrippa von Nettesheim wie Helmont wirklich sieben Grundteile annahmen, wußten sie kein Wort, das habe ich erst entdeckt und Herr Franz Hartmann in seinem Paracelsus verwendet. Später wies Herr Franz Lambert die Annahme von sieben Grundteilen bei den Ägyptern und in der Kabbala nach, was indessen ebenso wie meine Entdeckungen für die Echtheit der Theosophie gar nichts beweist, als daß in den ersten beiden Jahren des Bekanntwerdens der Blavatskosophie in Deutschland ein Jagdfieber nach Grundteilen herrschte. Das Zusammentreffen ist ein rein zufälliges und eine durchgehende esoterische Annahme von sieben Grundteilen im Menschen ist nicht im Entferntesten vorhanden. Ich werde den Nachweis führen. Mit der durchgehenden Annahme von sieben Grundteilen aber, die sich einer aus dem andern entwickeln, steht und fällt die ganze Theosophie.

Nach der Sankhyaphilosophie also sind zwar die Seelen aus dem Urgeist – Atma – geflossen, aber wir müssen sie mit Perlen vergleichen, die an eine Schnur gereiht sind. Ein jeder Körper hat seine individuelle Seele, weil sonst jeder Einfluß auf alle zusammen wirken würde, und ebenso hat auch jede Seele ihre Vollkommenheiten und Schwächen, gerade wie eine jede der auf der Schnur verteilten Perlen. Die geistige, „lebende, selbstbewußte“ Seele – jîva, buddhi – ist umhüllt mit einem feinen Leib aus dem feinsten materiellen Äther. Derselbe ist das, was die späteren Philosophen anima sensitiva – bei den Indiern manas – nannten, welches der Sitz der Neigungen und Leidenschaften der Menschen ist, und welchen man durch die geistige Seele, die Vernunft, buddhi, 202beherrschen muß. Die anima sensitiva führt auch den Namen sûkshmasarîra, „feiner Körper“ – also Astralkörper – und ist der Sitz des Selbstbewußtseins; derselbe wird durch innere und äußere Eindrücke angeregt, ist aber des sinnlichen Genusses so lange unfähig, bis er von einem materiellen Körper umgeben ist. – Derselbe – sthûlasarîra – besteht aus den Elementen, wird durch die Zeugung fortgepflanzt und ist sehr vergänglich, während der „feine Körper“ dauerhafter ist und sich durch eine Reihe von Generationen hindurchzieht, gleich wie derselbe Schauspieler die verschiedenen Rollen seines Repertoirs spielt. Endlich aber wird der „feine Körper“ im Äther aufgelöst, während die Vernunft – buddhi – in der Gottheit aufgeht, ohne dabei ihre Individualität zu verlieren. Dies ist die ewige Seligkeit, die Auferstehung in der Lichtwelt.

Nach der Lehre der Brahmanen ist die eigentliche Aufgabe des höheren geistigen Lebens die Contemplation und Meditation, bis die Seele ganz und gar dasjenige erreicht, womit sie sich ausschließlich beschäftigt. Indem sie sich mit allen Kräften in die Natur dessen, womit sie sich beschäftigt, versetzt und darin aufgeht, so muß sie die ganze Kraft ihres Willens dahin richten, den Gebrauch solcher Mittel zu üben, welche einen derartigen magisch-mystischen Rapport hervorrufen, um durch stufenweise Einweihung und fortschreitende Übung jene mystische Vollendung zu erreichen, in welcher ihnen Brahma selbst erscheint und sich mit ihnen vereinigt.

Diese Mittel sind Buße und strenge Askese. Um die Seele ganz von dem Irdischen loszulösen und sie in völlige Freiheit zu setzen, muß der Yogi genannte Asket allen natürlichen Verhältnissen entsagen, sich gänzlich von der Welt zurückziehen und allem Umgang mit Menschen entsagen, durchaus keusch leben und streng fasten. Auch scheint ein anhaltender Aufenthalt im Dunkeln und eine Überladung des Bluts mit Kohlensäure, herbeigeführt durch systematisch verlangsamtes Atmen, die Yoga zu befördern. Unbedingter Gehorsam gegen den Führer – Guru – auf den ansteigenden Stufen der Yoga ist ebenfalls unbedingt erforderlich, um die vollkommene Ruhe der Seele zu erlangen, ebenso wie „der Leib ganz ohne Bewegung, dem Holze gleich, ohne Empfindung und Regung festgehalten und alle seine Pforten der natürlichen Ausgänge verschlossen gehalten werden müssen.“

203

Übrigens kommen in Manus Gesetzbuch mehrere Stellen vor, welche noch äußere Mittel nennen, die zur Erreichung des inneren Schauens mithelfen sollen, wie das Schauen in Feuer, Sonne oder Mond – also Autohypnose – Opfer, Gesänge und endlich der berühmte Somatrank. Der Somatrank gilt als unerläßlich zur Vollendung der Yoga und soll in jenen magischen Zustand versetzen, in welchem die Yogis sich über alle Welten erheben und – mit Brahma vereint – das All durchschauen. Nach Decandolle ist der Somatrank der Milchsaft der Asclepias acida (Cynanchum viminale), und der genannte Botaniker spricht sich über denselben folgendermaßen aus: „Dieser Saft ist scharf und reizend und kann in größerer Gabe leicht giftig werden, und in manchen Fällen werden die Nerven wie von narkotischen Mitteln afficiert, die besser als erstarrend bezeichnet werden können, da sie die Bewegungsthätigkeit der Nerven hemmen, ohne einen betäubenden Schlaf hervorzurufen.“ Ähnlich sagt Windischmann in seinem bekannten Werk über die Anwendung des heiligen Trankes, daß der Genuß des Somatrankes schon in älterer Zeit als ein heiliger Akt und gleichsam als ein Sakrament betrachtet wurde, wodurch die Vereinigung mit Brahma bewirkt werden sollte, leuchtet aus mehreren Zeugnissen der indischen Schriften ein; öfter heißt es: „Paradschapati selbst trinke diese Milch, die Essenz aller Nahrung und Wahrnehmung, die Milch der Unsterblichkeit.“

Oben wurde der eigentümlichen Methode, durch systematisch gehemmtes Atmen das Blut mit Kohlensäure zu überladen und so ekstatische Zustände zu erzeugen, gedacht. Nach dem Oupnekhata ist der Vorgang folgender: Voraus geht ein Gebet:

„Brahma ist ein unvergängliches Wesen, reines Licht in einer heiligen Wohnung, und so ist auch die denkende Seele eine Offenbarung jener lichtausstrahlenden Kraft. Ich sinne im Geiste jener Lichtkraft – Brahma – nach, durch ein verborgenes Licht geleitet, das in mir selbst wohnt, und durch das ich denke, welches in meinem Herzen ist. Der allerhöchste Brahma, der die sieben Welten erleuchtet, wolle meine Seele mit ihrem Lichte erleuchten.“

Dann heißt es weiter:

„Um die weiße Magudschi (Betrachtung) zu machen, soll man sich auf eine viereckige Basis setzen, auf die Fersen nämlich, und 204dann die neun Pforten verschließen. Die beiden untern durch die Fersen, die Ohren durch die Daumen, die Augen durch die Zeigefinger, die Nase durch die mittleren, die Lippen durch die vier andern Finger. Die Lampe im Gefäß des Körpers wird dann bewahrt vor Licht und Bewegung, und das ganze Gefäß wird Licht. Wie die Schildkröte muß der Mensch alle Sinne in sich hineinziehen, das Herz dann in der Mitte der Öffnung hüten, dann wird Brahma in ihn eintreten als Feuer, Blitz. In dem großen Feuer in der Herzöffnung wird eine kleine Flamme aufwärts lodern, und in ihrer Mitte Atma sein. Und wer alle weltliche Lust und ihre Weisheit in sich zerstreut, wie ein Habicht ist er durch die Fäden des Netzes gebrochen und ist mit Brahma eins geworden. Wie die Flüsse, nachdem sie einen großen Raum durchlaufen, eins werden mit dem ungebundenen Meer, so diese sich absondernden Menschen; sie werden selbst Brahma, selbst Atma. Im Großen der Großen und der Große der Großen ist mit seinem Lichte Alllicht; wer ihn als Brahma erkennt, wird Brahma. Hunderttausendmal hunderttausendfaches Sonnenlicht reicht nicht an das Licht dessen, der Brahmatma geworden ist. Atma selbst zeigt ihm seine Gestalt. Eben darum gelangt nicht jeder zu dieser Höhe, weil Atma ihre Sinne von sich treibt, daß sie nur Äußeres sehen. Wer daher diesen Weg zu Brahma einschlägt, muß aller Welt und Lust entsagen, die Scham nur bedecken, einen Stock nur führen und so viel Almosen nehmen, als zur Fristung des Lebens nothwendig ist. Dies thun aber nur noch die Kleineren; der Große wirft Gefäß und Stock weg und liest auch nicht die Oupnekhata. Brahma erkennt die Luft als seine Decke; er heftet sich an nichts, er ist nicht geschieden und nicht gebunden mit irgend etwas; für ihn ist nicht Tag und nicht Nacht, nichts als Atma, und Brahma ist ihm Alles.“

Analog heißt es in den Upanischads:

„Das Herz wandelt in der Zeit des Wachens an Orten, wohin das Auge, das Ohr und die andern Sinne nicht gelangen und gewährt schon so ein großes Licht. Ebenso wandelt es im Traume an entlegene Orte und zündet den andren Sinnen ein großes Licht an. Im tiefen Schlaf ist es eins und ungetheilt und hat nicht seines Gleichen im Leibe; es ist das Princip aller Sinne. Der Fähige vollbringt seine Werke mittelst des Herzens, und der Erkennende 205erkennt durch das Herz, auch ist es der Beweggrund aller Opfer. Es ist die Leuchte des Leibes und der Mittelpunkt desselben und aller Sinne Mitte. In ihm wohnt die Erinnerung und alle Überlegung. In seinen Banden ist der vergangene, gegenwärtige und zukünftige Zustand der Welt, alles Vergängliche; es selbst aber ist unvergänglich. In der Herzhöhle wohnt die unsterbliche Person nicht größer als ein Daumen, in der Mitte des Geistes, diese Person ist klar wie eine rauchlose Flamme. In dieser Höhle ist Brahmas Wohnung, eine kleine Lotosblume, ein kleiner Raum, der von ätherischem Licht erfüllt ist. Was das sei, was darin ist, sollte erforscht und erkannt werden. Derselbe Äther, wie er außen ist, ist auch innerhalb jenes kleinen Raumes im Herzen und in ihm sind Himmel und Erde enthalten, und das Feuer und der Wind, und Sonne und Mond, und der Blitz und die Gestirne. Alles ist und ist nicht an diesem Ort. Und wenn Einer sagt, daß hierin Alles enthalten ist und alles Verlangenswerthe, was bleibt dann übrig, wenn Brahmas Wohnung, welche im Herzen ist, altert und vergeht? Darauf muß erwidert werden: jener zarte Äther altert nicht und wird nicht getödtet mit dem Leibe. Er ist wahrhaftig und Brahmas Wohnung, in welcher Alles enthalten ist. Er ist der Geist, von allem Übel weit entfernt, dem Alter, der Krankheit, dem Tode nicht unterworfen. Wer diesen Atma nicht erkennt, geht aus der Welt und in alle Welten, seiner nicht mächtig, und zieht aus, den Lohn der Werke zu empfangen, der ihm gebührt. Die aber von hier weg gehen, den Geist erkennend, die gehen ihrer und ihrer Wünsche mächtig und empfangen ewigen Lohn. Wem der Schleier der Unwissenheit und des Irrthums vom Herzen genommen wird, wer die Gestalt des zarten Äthers angenommen hat, dem ist alles Wünschenswerthe gegenwärtig. Wie der Nichtwissende über einen in der Erde verborgenen Schatz wegschreitet und ihn nicht findet, so wissen die Menschen nicht, wohin sie gehen und mit wem sie alle Tage zusammenkommen, wenn sie – in tiefen Schlaf versinkend – wirklich zu Brahma eingehen und einkehren in jenen innern Äther. Wer aber den Geist erreicht, der sieht, wenn er auch äußerlich nicht sieht, der wird gesund, wenn er auch krank ist. Ihm wird die Nacht zum Tag, das Dunkel zum Licht, er ist sich offenbar, und diese offenbare Gegenwart ist die Welt 206des Brahma selbst. Wer sie gewinnt, der ist aller Orten und auf alle Weisen, wie er will, zu jeder Zeit; wenn er sich von aller Anhänglichkeit an die Sinnenwelt geschieden hat, ist er wahrhaftig.“

Nach Manus Gesetzbuch hat die Seele drei Zustände der Erkenntnis: das Wachen, der Traumschlaf und die durch die Yoga hervorgerufene Ekstase.

Das Wachen in der äußern sinnlichen Welt gilt den Indiern nicht als ein wahres Erkennen, denn Unwissenheit und Bethörung walten vor wegen der Anhänglichkeit an äußere Dinge und der Begierde nach deren Besitz. Daher die Habsucht, die Anhänglichkeit an das Vergängliche und sinnlich Handgreifliche, das Trachten nach falschen Gütern, die Unbeständigkeit und das Gemisch von gut und böse, hohem und niedern, Laster und Tugend, Tier und Mensch. Dieser Zustand entspricht der Finsternis nach den verschiedenen Stufen vom ersten Erwachen ins irdische Dasein bis zur Intelligenz und allem Raffinement in den Künsten und Wissenschaften.

Im Traumschlaf herrscht noch der Sonnendienst in Bildern; die Seele schwebt noch im Dämmerlicht in Bewegung zwischen Freude und Leid, Liebe und Haß, zwischen Kühnheit und Furcht vor Gefahren. Das ganze Leben ist ein Traumleben voll Eitelkeit, ohne je das wahre Ziel zu erreichen; jedoch ist es schon der Übergang zum wahren Erwachen in Brahmas Welt.

Die Ekstase öffnet erst das wahre Licht der Erkenntnis, und das rechte Wachen ist ein Schauen eines dem gemeinen Auge unsichtbaren unzugänglichen Lichtes. Hier wird erst das innere Auge aufgeschlossen, und das Sehen ist nicht mehr das sinnliche, dem Zufall und dem natürlichen Licht preisgegebene verwirrbare, sondern es ist das Hellsehen, das Durchschauen der Dinge. – Die Ekstase hat aber verschiedene Grade des innern Erwachens, in welchem die Yogis in tiefen Schlaf versenkt und wie die im Traumschlaf Befangenen der Welt entrückt sind, und in den niedern Stufen herrscht Ohnmacht und Ruhe und halbaufgeschlossener innerer Sinn wie im Traumschlafe. Alle Menschen verfallen täglich in diesen Zustand, aber daraus zurückgekehrt wissen die wenigsten etwas davon und fallen beim Erwachen in die äußere Welt wieder der Unwissenheit anheim.

207

Nach einer Erzählung der Upanischads antwortete ein Rischi auf die Frage: wer wohl der Größere sei, der wache, der Träume schaue, und wo der Ort der Wonne sei? auf folgende Weise: „Wenn die Sonne untergeht, gehen ihre Strahlen in den Kern zurück; auf dieselbe Weise gehen die Sinne in Manas (den Allsinn) zurück. Die Person sieht nichts, hört nichts, riecht nichts, schmeckt und fühlt nichts, faßt nichts mit der Hand und hat keine Lustbegierde, eine solche Person ist in Supta (im Schlafe). Aber innerhalb der Stadt des Brahma (im Leibe des Schlafenden) sind dann die fünf Pranas leuchtend und wach. So lange die Pforten des Leibes noch offen stehen und das Herz in den Regionen der äußern Sinneswelt umherschweift, erwacht keine wesentliche Selbstheit, denn die Sinne stehen dann geschieden und vereinzelt. Werden sie aber in das Herz hineingezogen, so gehen sie Gemeinschaft ein, und der Mensch erreicht sich selbst im Licht jener Pranas, er ist bei verschlossenen Pforten des Leibes und im tiefen Schlafe – auch bei völliger Erstarrung und Unempfindlichkeit – innerlich wach und genießt die Erkenntnis des Brahma an jedem Tag und zur Zeit des seligen Schlafes. Da sieht er dann, was er im Wachen that, und sah an jedem Ort Alles aufs Neue. Er sieht Alles insgesammt, Gesehenes und Nichtgesehenes, Gehörtes und Nichtgehörtes, Gewußtes und Nichtgewußtes, und weil Atma selbst Urheber aller Handlungen ist, so verrichtet er nun im Schlaf gleichfalls alle Handlungen und nimmt seine ursprüngliche Gestalt wieder an. Um dahin zu gelangen, müssen die Sinne und die Sinnenlust verschlossen sein, auch innerlich im Leibe muß diese Macht in die Pfortader eintreten und der Galle den Ausfluß verschließen, denn das Manas bindet in dieser Zeit jene Ader, welche der Weg der Begierde ist, und der Schlafende sieht dann keinen Traum mehr, sondern er wird dann ganz Atma, lichtartig, und sieht die Dinge, wie sie sind. Er wirkt vernünftig und vollbringt Alles. Er wird mit Brahma Eins.“

„Wie Ströme rinnen und im Ocean,
Aufgebend, Name und Gestalt, verschwinden,
So geht, erlöst von Name und Gestalt,
Der Weise ein zum göttlich höchsten Geist.“

So viel über Kosmogonie, Mystik &c. der Inder.

208

Ich wende mich nun zur indischen Astrologie, über die ich in meinen „Geheimwissenschaften“ schon Einiges sagte.

Eine jede sabäische Religion ist aus der Beobachtung der Gestirne erwachsen, und es gehört zum Glauben der hierhergehörigen Kulte, daß die Himmelskörper die Geschicke der Menschen bestimmen. Deshalb ist und bleibt die Astrologie die Mutter der Astronomie. Es ist ein tiefeingreifender Glaube der sabäischen Religionen, daß die Gestirne belebt, daß sie entweder göttliche Wesen an sich seien, deren Pfad am Himmel die Milchstraße darstellt, weshalb diese bei den Indern sowohl die Sternenbahn, als auch die Götterstraße und der Weg der Frommen genannt wird, oder daß wenigstens die Seelen der Tugendhaften aus ihnen strahlen, so lange ihr Verdienst währt, dann aber als Sternschnuppen herabfallen, um abermals in irdische Körper gebannt zu werden. So sagt Matalis zu Arjunas: „es sind Fromme, welche du in Sternengestalt auf der Erde gesehen hast!“ und diese Vergleichung mit einem gefallenen Stern bei den indischen Dichtern findet nach dieser Ansicht erst einen tiefen Sinn. Ähnlich war die Vorstellung bei einigen Griechen; denn bei Aristophanes heißt es ausdrücklich, daß die Seele zum leuchtenden Stern werde, und auch Origenes kann sich von diesem Stern kaum losreißen.

Werden aber die Gestirne mit diesem Interesse betrachtet, so muß die Astrologie in dem ursprünglichen Sinn der Astrognosie gar bald ein unzertrennlicher Teil der Religion werden, und die Beobachtung muß sich auf die Himmelskörper mit gesteigertem Anteil lenken, um womöglich ihre ewigen Gesetze zu berechnen und die scheinbar regellos zerstreuten Funken in eine kosmische Symmetrie zu bringen.

Die Beobachter waren Priester, durch Muße, höhere Bildung, Kastenverbindung und Beruf am ersten angewiesen, auf alles, was Religion betraf, aufmerksam zu sein, und so konnte es auch der oberflächlichsten Beobachtung nicht entgehen, wie die alles belebende Sonne als Hauptgottheit des Sabäismus im Laufe der Jahreszeiten ihren Einfluß zugleich mit der anscheinenden Bahn veränderte, wie die Sterngruppen zu ihrer Stellung wechselten, und besonders der Mond eine regelmäßige Wanderung zu machen schien am unermeßlichen Himmelsgewölbe, bald dieses, bald jenes Gestirn begrüßend, 209bald im vollen Glanz, bald unscheinbar und ganz verschwindend.

Im Geiste des Orients hüllte man die beobachtete Regelmäßigkeit in populäre Allegorien ein, teils um die Mitteilung der Erfahrungen zu erleichtern, teils um dem Volke den geglaubten Einfluß jener glänzenden Körper auf die Erde bemerklich zu machen.

Dies war der Ursprung der Astrologie.

Fortgesetzte Beobachtungen mußten bald neben Sonne und Mond noch fünf Planeten entdecken lassen, und wirklich geht die Bekanntschaft mit denselben über die uns bekannte Geschichte hinaus. Bereits Homer kennt die Venus, während die Chaldäer besonders Jupiter und Mars verehrten, und aus keinem andern Grund genießt die mystische Zahl Sieben eine solche Verehrung, als aus Rücksicht auf die Zahl der Planeten.

Bei den Indern ist die Siebenzahl hochheilig und spielt in den Mythen eine sehr bedeutende Rolle; dabei will ich nur an die sieben heiligen Rischis, die sieben Rosse des Surya, die sieben Zungen des Agnis, an den siebenköpfigen Drachen und an die sieben Reinigungshöllen erinnern.

Die Planeten werden in den ältesten heiligen Schriften der Indier genannt, und es giebt sogar besondere Gebete an sie. Venus ist eine männliche Gottheit; sie und Merkur sind glückliche Sterne und stehen wie Jupiter, „der Lehrer der Götter“, in hohem Ansehen. Hingegen ist Saturn, „der Langsame“ (Sanis), unheilbringend; ihm ist der Rabe gewidmet, welcher allenthalben als ein Anzeichen des Unglücks, der Trennung und der Regenzeit erscheint.

Die Wochentage werden folgendermaßen unter die Planeten verteilt:

1.SonntagTag desSûryas (Sonne).
2.Montag"Chandras (Mond).
3.Dienstag"Mangalas (Mars).
4.Mittwoch"Buddhas (Merkur).
5.Donnerstag"Vrihaspatis (Jupiter).
6.Freitag"Sukras (Venus).
7.Sonnabend"Sanis (Saturn).

Der Sonntag war der heiligste Tag; er war der Schöpfungstag unter dem Meridian von Lanka, und mit ihm – um Sonnenaufgang – beginnt die Kalpa oder eine neue Weltperiode.

210

Die Indier haben einen doppelten Tierkreis, insofern derselbe nämlich sowohl in die zwölf Bilder der Ekliptik, als in achtundzwanzig Mondstationen geteilt ist.

Die Indier nennen den Zodiacus Gestirnkreis (jyotishimandala) oder Zeichenrad (râsichakra), und die Bilder kommen sowohl in den Veden, als im Ramayana und Bhagavadgita vor. Sie sind ursprünglich einfache Kalenderzeichen und beziehen sich auf die klimatischen Verhältnisse, von denen die drei bedeutsamsten Zeichen auf eine periodische Überschwemmung hinweisen. Diese sind:

Der Steinbock, welcher eine Doppelgestalt, halb Bock, halb Fisch, besitzt. Aratus gedenkt des Fischschwanzes noch nicht, wohl aber Eratosthenes, welcher ihn nach geläufigen Ideen Pan nennt. Bei den Indiern ist er eigentlich ein Delphin (makara) und wird dann mit einem Seeungeheuer, welches dem Gotte Varuna geweiht ist, am gewöhnlichsten mit einem Krokodil, verwechselt. Die Bildung des ausgehenden Fischschwanzes kommt hier häufiger vor, unter andern bei der Matsyavatara des Wischnu; um aber das Steigen des Wassers recht anschaulich zu machen, fügt die indische Sphäre das Bild einer Gazelle hinzu.

Der Wassermann gießt aus seiner Urne Ströme Wasser aus, und schon Eratosthenes meint, er scheine seinen Namen von der That zu haben. Im Sanskrit heißt dieses Zeichen Krug (kumbha), welcher in der Hand des Wassermanns die auffallendste Ähnlichkeit mit den ägyptischen Canopuskrügen darbietet. Nach dem periodischen Regen zur Zeit, in welcher die Sonne im Zeichen des Wassermannes steht, folgt im dritten Monat der Regenzeit das völlige Wachsen der Ströme, welches

die Fische andeuten, deren Mythus sich unwandelbar an die syrische Göttin Atargatis – Derketo – knüpft. Im nächsten Monat ist das Wasser so weit abgelaufen, daß man im Zeichen des

Widders das Kleinvieh wieder auf die Weide treiben kann. Der Widder wird bald als der des Bacchus in Libyen, bald als der des Phrixus und der Helle aufgefaßt und wiederum mit Jupiter Ammon in Verbindung gebracht. Sein Charakter als Zeichen der Frühlingsnachtgleiche würde auf ein Entstehen des Tierkreises um etwa 560 v. Chr. hindeuten.

211

Der Stier ist das natürlichste Zeichen, daß im Frühling das Feld bestellt werden muß; außerdem ist auch in Bezug seiner Reihenfolge auf den Widder zu beobachten, daß im Frühling nach den Schafen die Rinder werfen. Ägyptische Mythen beziehen den Stier auf den Apis; mit größerem Recht haben wir wohl an den zoroastrischen Urstier, Moloch &c. zu denken.

Die Zwillinge erscheinen auf der indischen Sphäre getrennten Geschlechts; jedoch erscheint diese Darstellung jünger als die griechischen Mythen, welche in diesem Sternbild die Dioskuren, Triptolemus und Jasion, Zethus und Amphion, Herkules und Apollo sehen. Bemerkt sei noch, daß sich anstatt der menschlichen Zwillinge, auf welche sich jedoch schon die Asvinau der Indier in den epischen Gedichten zu beziehen scheinen, in indischen Darstellungen zwei Gazellen finden, und das ganze Bild somit die im Frühling üppig grünende Natur anzudeuten scheint.

Die Darstellung des folgenden Zeichens durch einen Krebs ist zwar allverbreitet und uralt, unterliegt aber doch wohl ursprünglich einer falschen Deutung, insofern die ältesten Darstellungen der ägyptischen und indischen Sphäre nicht einen Krebs, sondern den der Sonne geheiligten Scarabäus darstellen, welcher jedoch erst in späterer Zeit als Solstitialzeichen dem Anubis beigesellt wurde.

Die griechische Mythe läßt den Krebs aus dem lernäischen Sumpf hervorgehen und den Herkules bei seinem Kampf gegen die Schlange am Fuße verwunden. Diese Mythe entstand höchst wahrscheinlich erst aus dem Sternbild selbst, um so mehr, als Taschenkrebse – denn einen solchen stellt das Sternbild vor – nur im Meere leben. – In späterer Zeit erklärt Makrobius den Krebs aus der abnehmenden Deklination der Sonne, nachdem sie den Sommersolstitialpunkt erreicht hatte.

Auf der alten Sphäre bezeichnet der Löwe, das Sinnbild der Kraft, den ursprünglichen Kulminationspunkt der Sonne, und hierauf beziehen sich die diesbezüglichen Mythen wie vom nemeischen Löwen usw.

Die Jungfrau mit der Ähre (Spica) ist an sich klar das Bild der Ernte und kann sich, da dem gesamten Altertum das Bild einer Frau als Schnitterin fremd ist, nur auf die Erde als Göttin beziehen, welche ihre Gaben spendet. Darauf beziehen sich auch 212die schwankenden Mythen, welche bald auf Dike, bald auf Asträa, Isis usw. abzielen.

Bekannt ist, daß der ältesten griechischen Sphäre das Zeichen der Wage fehlt, und daß sich an ihrer Stelle die Scheren des Skorpions befinden. Auf der indischen Sphäre jedoch befindet sich die Wage (tulâ) mit zwei Schalen, deren die Goldschmiede sich bedienen und worauf der Totenrichter Yama die Thaten der Menschen abwägt. Außerdem bedeutet sie an sich aequalitas und ist somit das natürlichste Zeichen des Äquinoktium.

Bezüglich des Skorpions finden sich nur wenig Mythen, doch fängt in Ägypten unter ihm das Reich des Typhon an. Am richtigsten ist wohl, bei der Aufstellung dieses Sternbildes daran zu denken, daß im Herbst Indien und Persien von Skorpionen, Schlangen und anderm Gewürm wimmeln; auch wäre es vielleicht angezeigt, an die Kharfesters des Zendavesta zu denken.

Die Entstehung des Sternbildes des Schützen ist sehr zweifelhaft; auf keinen Fall kann die Mythe von den Centauren, Chiron &c. genügen, und auch an einen ägyptischen Ursprung ist wohl kaum zu denken, da das Nilthal ein durchaus pferdearmes Land ist, wohingegen die Entstehung der Centaurenmythe durchaus auf die Ebenen Hochasiens paßt.

Überhaupt steht die Annahme des ägyptischen Ursprungs des Tierkreises in entschiedenem Widerspruch zum dortigen Naturleben, abgesehen von dem Umstand, daß das Alter des Tierkreises von Denderah nicht über die Zeit des Tiberius hinausgeht. Wenn andere Flüsse abnehmen, sagen schon die Alten, so steigt der Nil vom Sommersolstitium bis zum Herbstäquinoktium, und wenn andere Völker Winter haben, ist in Ägypten alles blühend. Die Frühlingsnachtgleiche findet im Widder statt; der Nil steigt im Krebs, und die Überschwemmung dauert bis in das Zeichen der Wage, weshalb der Löwe nicht mehr ein Bild der Sonnenhöhe sein kann. Die Landbestellung fängt im November, also im Zeichen des Schützen an, die Ernte fällt in den März, weshalb der Stier nicht Erntestier sein kann, und im Zeichen der Jungfrau steht das Land unter Wasser. Aus den genannten Ursachen würde ein ägyptischer Ursprung des Tierkreises nur dann annehmbar sein, wenn man das Frühlingsäquinoktium in die Wage, und das Wintersolstitium in den Krebs versetzen 213wollte. Dabei würden aber die so charakteristischen Zeichen des Stiers, des Krebses und des Löwen ihre Bedeutung völlig einbüßen, abgesehen von dem Umstand, daß man die Entstehung des ägyptischen Tierkreises in das Jahr 14272 v. Chr. setzen müßte.

Dahingegen würde die Entstehung des Tierkreises völlig auf das nördliche Indien und Bengalen passen, insofern die Regenmonate (chaturo vârshikan mâsân nach der Ramayana) der Sphäre entsprechend vom November bis Februar fallen. Die Vedas setzen den Frühling (vasanta) unter die Zeichen von den Fischen bis zum Stier sofort nach der Überschwemmung. Die betreffenden drei Monate sind die angenehmsten, und in ihnen beginnen die Pilgerfahrten nach Haridvari bis zum April hin, wo endlich die Zeit der Feldbestellung im Zeichen des Stieres beginnt. Der Tierkreis bietet somit noch gegenwärtig den Indiern einen völligen Naturkalender dar, während er für Ägypten eine nichtssagende Hieroglyphe ist.

Es fragt sich nun endlich noch, ob die Anordnung des Tierkreises getroffen wurde, als noch Bild und Sache zusammenfielen, d. h. mit andern Worten, als der Katasterismus des Widders das Zeichen des Frühlingsäquinoktium war, was um ca. 550 v. Chr. stattfand, oder ob dies früher geschehen sei. Dabei ist der Betrag der Präcession – in 72 Jahren ein Grad – wohl zu berücksichtigen und zu bedenken, das die Präcession eines Zeichens 2160 Jahre, die des ganzen Tierkreises jedoch rund ca. 26 000 Jahre beträgt.

Da nun trotz der Behauptungen des Ktesias, der alten chaldäischen Priester usw. nicht an ein solches Alter der Astronomie zu denken ist, so bleibt nur die Annahme des indischen Ursprungs des Zodiacus übrig, wobei nur das spät entstandene Zeichen der Wage störend wirkt, während alle anderen Zeichen ihre ungezwungene Erklärung finden, wenn mit dem Stier das Jahr sich eröffnete. Die Hitze mit ihren Fiebern wird am drückendsten zur Zeit des Herbstäquinoktium, wenn die Sonne in den Skorpion tritt, gerade wie der Parsismus und die biblische Kosmogonie das Hereinbrechen des Übels unter dem alten Drachen und die neueren Stücke des Zendavesta im Zeichen der Wage annehmen. Im Steinbock steigt die Sonne wie das Wasser der Ströme, welches durch das 214Amphibium Makara angedeutet wird. Der Wassermann gießt seine Ströme herunter, und der Scarabäus erhält dadurch Bedeutung, daß er erst zur Sonne strebt, aber noch nicht deren Kulminationspunkt bezeichnet. Derselbe tritt im Löwen, im astrologischen Haus der Sonne ein, weshalb Herkules auf der Löwenhaut ausruht und in Ägypten der Löwe der Thron des Horus ist. Überhaupt beziehen sich alle siderischen Mythen nur auf diese Sphäre, besonders wenn in ihnen der Stier figuriert, an dessen Stelle in späterer Zeit der Widder oder das Lamm trat.

Die Chinesen beginnen noch heute den Tierkreis mit dem Stier und feiern die Wiederkehr der Sonne im Wassermann, während die Perser die zwölf Bilder des Tierkreises mit den zwölf ersten Buchstaben des Alphabets bezeichnen und für den Stier A, für die Zwillinge B setzen usw. Dabei will ich nochmals daran erinnern, daß im Zendavesta der Urstier, der himmlische Lichtbringer, welcher das Gras wachsen läßt, im Frühjahr geschaffen wird.

Noch deutlicher wird dies bei den Mithramonumenten und bei dem ägyptischen Apis usw. In allen diesen religiösen Mythen, welche das ganze Altertum durchdringen, eröffnet der Stier das Jahr, und es geht mit ihm und dem Frühlingsäquinoktium bei der Weltschöpfung die Umwälzung sämtlicher Gestirne aus. In den Vedas beginnen die Krittikas oder die Plejaden am Halse dieses Sternbildes ebenso wie die 28 Mondnakshatras, eine Anordnung, welche Colebrooke um das Jahr 1400 v. Chr. setzt.

Nur die Ägypter, bei denen die Personifikation der Erde als eine Kuh als eine ihnen ursprünglich fremde Vorstellung vorausgesetzt werden darf, treten hier – durch ihr Klima genötigt – mit der späteren Sphäre allenthalben in Widerspruch.

Der Widder, welcher im koptischen Tierkreis das Reich des Ammon genannt wird, war den Ägyptern bereits das Zeichen des Frühlingsäquinoktium, und die Mythen von Jupiter Ammon sind wie die Sothisperiode wohl kaum so alt als man gewöhnlich annimmt. Der Sirius (Sothis) sollte nach den Anschauungen der Ägypter der Schöpfung der Welt vorgestanden haben, weil sie nach dem astronomischen Jahr des Meton den Jahresanfang in das Sommersolstitium verlegten oder die Schöpfung im Zeichen der Wage geschehen sein ließen, weil sonst die Züge des Osiris keine 215Beziehungen zu dem Land gehabt hätten, denn nach Diodorus Siculus trat, während Osiris in Äthiopien war, der Nil aus seinen Ufern. Dennoch begannen sie die Trauer um Isis, wenn der Nil noch im Steigen war, und die Thränen der Isis vermehrten das Wasser, und Osiris stirbt im Zeichen des Skorpions. Alles dies sind Anschauungen der Perser und Indier von dem Absterben der Natur und dem Sieg des Bösen, welche jedoch mit dem Anfang des Frühlings im Nilthal ohne alle Bedeutung sind.

Alle diese Umstände würden auf eine Entstehung des Tierkreises um etwa 1600 v. Chr. deuten. Das hohe Alter des Tierkreises erhellt auch aus dem Umstand, daß das älteste Jahr 360 Tage zählte. Die Griechen schrieben die Einführung desselben dem Solon zu, während nach Diodor[266] in Ägypten zu Philä täglich ein Gefäß mit Milch aufgestellt wurde, bis die Zahl von 360 erreicht war; eben so viele Priester mußten Wasser in ein durchlöchertes Faß gießen, und der Kriegsrock des Amasis bestand aus Fäden von 360 Drähten. Am Rocke des Hohepriesters befanden sich nach einigen Rabbinen 360 Glöckchen, und in der Kaaba der alten Araber standen 360 Götterbilder; Semiramis baute um Babylon eine Mauer von 360 Stadien Länge, und auch das altpersische Jahr hatte 360 Tage. Bei den Indiern bilden 360 irdische Jahre ein Götterjahr, und noch jetzt ist ein Jahr von 360 Tagen auf Sumatra, Java, in Surate usw. in Gebrauch. Die indische Stunde hat 60 Minuten oder 360 Augenblicke, und es scheint, daß auch die Ägypter ihre Stundeneinteilung diesem Jahre entlehnten. Wenigstens scheint dies aus Ptolemäus zu erhellen, welcher nach den 360 Graden des Tierkreises der Stunde fünfzehn Minuten und der Minute fünfzehn Sekunden, dem Tag also 60 Stunden giebt, während der bürgerliche Tag nur 24 Stunden zählt.

Es bleibt nun noch die indische Lehre zu erwähnen, nach welcher der Tierkreis in 120 Dekatemorien geteilt wird, so daß auf jedes Zeichen zehn entfallen, ferner in 36 Dekanate, deren Herren – die Dekane – die einzelnen menschlichen Glieder analog der Harmonie des Makrokosmos mit dem Mikrokosmos regieren. Ursprünglich entstammte diese Anordnung wohl den Chaldäern, 216weil Psellus und andere sie denselben zuschreiben. Diodorus Siculus nennt dieselben ϑεοὶ βουλαῖοι, und bei den Indiern heißen sie dreskânâs.

Einer der bedeutendsten indischen Astrologen war der um 506 nach Christus lebende Varahamihioas, ein Brahmane zu Udjayini, von seinen Schülern Avantikas genannt, welcher ein reichhaltiges astronomisch-astrologisches Werk schrieb. Der erste Teil desselben enthält die eigentliche Astronomie, und die beiden letzten die Astrologie. Die letztere zerfällt wieder in drei Teile (skandâs), nämlich Tantra, welches die Berechnung der Planetenorte lehrt, alsdann Horâ, das eigentliche Stellen der Nativitäten und das Ermitteln glücklicher Elektionen zu Reisen, Hochzeiten usw. Der dritte Teil enthält die Wetterprognostika (Sâkhâ). Von dem Gesamtwerk sind nur die astrologischen Teile unter dem Namen Vrihatsanhitâ erhalten geblieben und von Bhattatpala kommentiert worden.

Ein anderer berühmter Astrolog war der um 581 n. Chr. lebende Brahmaguptas, welcher großen Einfluß auf die Araber ausübte, und mit welchem namentlich Abumassar in der Theorie von den großen Umläufen des Saturn und Jupiter übereinstimmt.

Noch will ich bemerken, daß es nach Diodorus Siculus und Strabo bereits zur Zeit Alexanders des Großen in Indien astrologische Ephemeriden gab, und daß am Neujahrstage die Astrologen bei Hofe erscheinen mußten, um „die Witterung“ für das Jahr vorauszusagen. Was aber Strabo und Diodorus „Witterung“ nennen, bezieht sich auf die „glücklichen“ und „verbrannten“ Tage (dagdhas), welche bis auf die Neuzeit in der Astrologie eine große Rolle spielen. Es leuchtet ein, daß die Ermittelung dieser Tage, welche an gewisse Konstellationen geknüpft sind, Berechnungen erfordern, weshalb der Astrolog im Sanskrit Rechner (ganakas) oder Zeichenkenner (nimittavid) heißt. Die Astrologie heißt entweder Götterbefragung (devaprasna) oder Nativitätsberechnung (jâtaka), und der Berechner astrologischer Ephemeriden führt den Namen Sâmoatsaras. In Trankebar besteht gegenwärtig noch der Kalender (panchângam) aus fünf Hauptteilen: aus den Titthis, den Wochentagen (vara), den Nakschatras, den Yogas und aus dem astrologischen Teil, der die Kâana und Tyâga oder dasjenige vorschreibt, was an den glücklichen 217oder unglücklichen Tagen zu thun und zu lassen sei. Die Astrologie kommt bereits im Ramayana bei der Geburt des Rama vor, welche unter einer glücklichen Konstellation stattfand, ja aus vielen Stellen alter Sanskritschriften ergiebt sich, daß das Leben der alten Inder durch astrologische Ideen so beherrscht wurde, daß er nichts that, ohne die Planeten zu befragen. Diese Anschauungen mußten sich allenthalben da entwickeln, wo die Gestirne ihren Einfluß auf die Regierung der Welt, auf Charakter und Sitten, auf die künftigen Schicksale, auf die Körperbildung wie auf das ganze Naturleben behaupteten.

Was sonst noch über indische Astrologie zu sagen ist, habe ich in meinen „Geheimwissenschaften“ mitgeteilt.

Sehen wir nun zu, was an verbürgten Resultaten des praktischen Occultismus der Inder in Europa bekannt geworden ist.

Dr. Johannes Baumgarten berichtet in der Sphinx[267]:

„Seitdem Charcot 1878 den wissenschaftlichen Bann gebrochen hat, der auf den Magnetisten (nicht zu verwechseln mit den Magnetiseurs) lastete, sind die ‚Profanen‘ allseitig in das sorgfältig gehütete dunkle Gebiet des Occultismus eingedrungen und haben als Gewinn ihrer Streifzüge eine Reihe sogenannte Entdeckungen von Thatsachen heimgebracht, die seit Jahrhunderten, vielleicht seit Jahrtausenden, nur der blinden Schulweisheit unbekannt waren, die sie jedoch unter neuen Namen zuerst an das Licht gezogen zu haben wähnen. Keine einzige der durch die Experimente von Charcot, Baurneville, Richet, Liebeault, Bernheim, Dumontpallier, Preyer u. v. a. herausgestellten Hauptthatsachen des Hypnotismus und der Suggestion ist neu; sie lassen sich nachweisen in den Schriften von Du Potet und dessen Schülern; ja manche bei den ersten Mesmeristen und selbst weiter rückwärts im 18. Jahrhundert.“

„Der Brahmane und spätere portugiesische Abbé Faria, der in dem ersten Viertel unseres Jahrhunderts durch seine Experimente in Frankreich Aufsehen erregte und Schüler wie Noizet und Bertrand bildete, stellte die erste Theorie der Suggestion auf. In vielen Dingen steht er bereits auf heutigem wissenschaftlichem Boden. Sein etwas schwer zu lesendes Werk ist eine Fundgrube für Forscher; 218man findet darin: Gedankenübertragung, Lesen geschlossener Bücher oder versiegelter Briefe, Fernsehen, Ortsveränderung der Seele &c.“

„Ein anderer Brahmane Lahanteka, der 1854 und 55 Amerika bereiste, bewies in merkwürdigen Experimenten die direkte Wirkung des Willens auf die äußere Welt und zeigte u. a. wie durch einen einfachen Willensakt die Sinne seiner Zuhörer dergestalt von Illusionen befangen wurden, daß sie glaubten, einen Schwarm von Vögeln durch den Saal fliegen zu sehen und deren Gesang zu hören. Von Gedankenlesen gab er ihnen folgenden Beweis:“

„Lahanteka hatte ihnen zu wiederholten Malen unter zwanzig Münzen diejenige richtig bezeichnet, auf welche sie während seiner Abwesenheit ihre Willenskraft koncentrirt hatten. Da schlug einer, ebenfalls in Abwesenheit des Brahmanen, vor, um ihn zu prüfen, unter den Geldstücken keine Wahl zu treffen und sie ihm so vorzulegen. Lahanteka untersuchte die Münzen genau und erklärte dann, man habe auf keine einzige speziell den Gedanken gerichtet; hierauf betrachtete er eben so genau seine Zuhörer und bezeichnete dann richtig denjenigen, der diese Probe vorgeschlagen hatte.“

„Bei aufmerksamer Lektüre der seit dem 16. Jahrhundert erschienenen Reisebeschreibungen wird man auf eine Menge bisher wenig beachteter occultistischer Thatsachen stoßen, die nicht selten durch ihre Übereinstimmung in den verschiedensten Ländern eine entscheidende Beweiskraft für ihre Wirklichkeit und dadurch vielfach fast den Wert direkter Experimente haben.“

„Erst seit sieben Jahren weiß man genauer, daß in den Bazars des Orients eine geheime Korrespondenzweise bekannt ist, wodurch man Nachrichten in die Ferne senden und daraus erhalten kann. Dieselbe heißt Hindostan und im westlichen Asien Khabar (d. h. arab. Nachrichten).“

„Diese bis jetzt für die Wissenschaft unerklärliche Mitteilung geschieht mit der Schnelligkeit des Blitzes, wie Lord Cameron in seinen ‚Erinnerungen an die Drusen‘ sagt:“

„Fragt euch ein Kaufmann, Türke, Araber, Hindu oder Perser, ob ihr die neuesten Nachrichten kennt, und ihr antwortet verneinend, so teilt er euch diejenigen mit, welche der Khabar eben offenbart hat.“

„Hieraus erklärt sich, wie während des Krimkrieges die Brahmanen 219eher als die Engländer und noch vor dem Eintreffen der telegraphischen Nachricht den Fall Sebastopols und nachher den Abschluß des Friedens von 1856 erfuhren. Das Journal Du Potets erinnert daran, daß 1816 ein kurzer Aufstand unter einigen Völkerschaften im Innern von Hindostan entstand, weil diese – drei Wochen bevor die englische Regierung es erfuhr – die Nachricht von der Niederlage der Engländer am Vormittage von Waterloo erhalten hatten. Kurz darauf traf ebenso schnell die Nachricht vom schließlichen Siege der Engländer ein. An der Thatsache, die in ähnlicher Weise auch in Central- und Nordasien von Reisenden beobachtet wurde, ist kaum zu zweifeln. Aber wie soll man sie erklären? Noch kein wissenschaftlicher Beobachter hat sie untersucht, man ist also auf Vermuthungen beschränkt, da auch von der Benutzung des Hellsehens einer Somnambule dabei nicht die Rede ist.“

„Man könnte denken an den Gebrauch des magischen Spiegels Sarwa anjoun, den die Hindu und Mohammedaner in Indien kennen, und welcher in merkwürdiger Weise an das Experiment des Grafen de Laborde mit dem Magier Achmed in Ägypten erinnert. Die Operationsweise mit diesem Spiegel ist folgende:“

„Man nimmt eine Handvoll von dolichos lablab, welche man über dem Feuer verkohlen läßt und zu Pulver zerreibt und dann mit Biberöl befeuchtet. Hierauf läßt man dieses Präparat in einem neuen irdenen Gefäß, Lota genannt, verbrennen und drückt diese Masse, nachdem man eine gewisse Formel gesprochen hat, in die Hand eines Knaben, der bald darauf darin geheimnisvolle Gestalten und Geister erblickt. – Höchst bemerkenswerth ist, daß eine der ersten Gestalten, welche das Kind erblickt, gewöhnlich die des fourach oder Straßenkehrers ist, dem ein Wasserträger folgt; hierauf kehrt der fourach zurück, breitet einen Teppich aus und es erscheint eine große Schaar von guten und bösen Geistern, bis sich ihr Führer auf einem Throne zeigt und dadurch die Erscheinung zu Ende geht.“

„So geht die Sache in Hindostan vor sich. Nun hat sich aber ganz dasselbe in Kairo beim Experiment Achmeds vor dem Grafen de Laborde gezeigt: Der in seine Hand blickende Knabe beschrieb einen türkischen Soldaten, der einen Platz vor einem Zelte fegte. 220Die Beweise von Fernsicht, welche das Kind gab, waren durchaus überzeugend.“

„Von einem zum Fernsehen gebrauchten Knaben ist weder beim Khabar noch bei den Sannyasis und Hoyis, welche den Sarwa anjoun handhaben, die Rede. Es muß also eine andere Erklärung gesucht werden, und da dürfte denn die von einem Herrn Magliulo 1856 zu Bona in Algerien (jedenfalls im Verkehr mit den dortigen Arabern) gemachte Entdeckung eines höchst einfachen, Ferngesichte erzeugenden Zauberspiegels eine Handhabe bieten. Nach Du Potets Journal (XV, 494) bereitet man diesen Spiegel auf folgende Weise:“

„Man schwärzt mit Tinte in der Höhlung der linken Hand eine Fläche von der Größe eines Zehncentimes-Stückes, gießt 2–3 Tropfen Öl darauf, den Flecken magnetisiert man durch einige Striche mit der rechten Hand, was auch ein anderer eine halbe Minute lang thun kann, hierauf lehnt man die Hand irgendwo an, um sie nicht ermüden zu lassen, und haftet unverwandt den Blick ohne die Augen und Gedanken jemals abschweifen zu lassen, auf den schwarzen Flecken in der linken Hand und erwartet die sicher eintreffenden Erscheinungen und verlangten Fernblicke ab. Personen von nervösem oder lymphatischem Temperamente erhalten dieselben recht bald, vollkommen gesunde und kräftige oft erst nach längerer Zeit.“

„Die Möglichkeit dieser Operationsweise beim Khabar läßt sich nicht ohne weiteres zurückweisen, da eine Reihe ähnlicher Beobachtungen mit anderen sogenannten Zauberspiegeln vorliegen. Das Ganze beschränkt sich auf eine braidistische Konzentration des Blickes und Gedankens, die eine Auto-Hypnose erzeugt, welche bei hysterischen und nervösen Personen die bekannten Erscheinungen unzweifelhaft zur Folge haben. Es kann nicht eindringlich genug darauf aufmerksam gemacht werden, daß diese Auto-Hypnose wie überhaupt alle Auto-Magnetisations-Experimente äußerst gefährlich sind, daß häufig Wahnsinn, selbst Tobsucht eintritt, jedenfalls eine dauernde Disposition zu Delirien und Wahnvorstellungen. Aubin Gauthier machte schon auf die Gefährlichkeit der vor ihm so genannten Ipso-Magnetisation aufmerksam in dem Falle, wo sie die Erzeugung eines somnambulen Zustandes bezwecke. Es treten zuweilen unheimliche Zustände einer Art von fast dämonischer Besessenheit 221mit entsetzlichen Hallucinationen ein, wie sie uns Du Potet beschreibt, der sie an sich selbst erfahren hat. Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht unerwähnt lassen, daß Paul Gibier in seinen beiden letzten Schriften und mehrere andere Sachkenner es für einen höchst gefährlichen Unfug halten, wenn sogenannte Antispiritisten und Hallucinationskünstler in Deutschland umherziehen und mit ihren hypnotistischen Experimenten die unwissende Menge, wozu auch auf diesem Gebiete die meisten Gebildeten gehören, verblüffen. ‚Es sind Kinder‘, sagte er, ‚welche mit Dynamitpatronen spielen.‘“

„Wir gehen jetzt über zur Schilderung einiger occultistischer Merkwürdigkeiten aus Tibet, welche wir den Reisebeschreibungen des Missionars Huc entnehmen. Die Werke dieses Reisenden wurden auf den Index gesetzt und er selbst seiner Stelle als Missionar entkleidet, weil er in naiver Weise die Übereinstimmung einer Reihe katholischer Ceremonien und Gebräuche mit tibetanischen wahrheitsgetreu ans Licht gezogen und ebenso über einige Wunderdinge, die er unter den Lamas mit eigenen Augen gesehen, berichtet hatte. Einiges harrt noch der wissenschaftlichen Erklärung und Bestätigung, anderes, wie die Schaustellungen der Bokte-Lamas, ist heute durch ähnliche Beobachtungen in Kleinasien und Nordafrika vollständig außer Zweifel gesetzt.“

„Wir gehen jetzt zu einer andern occultistischen Thatsache über, deren Bericht dem Missionär Huc[268] den Spott und Hohn der wissenschaftlichen Welt, namentlich der Mediziner, zuzog, die aber heute durch ganz dieselben Beobachtungen in andern Ländern in die Reihe jener zahlreichen, scheinbar unmöglichen und übernatürlichen Thatsachen gerückt worden ist, deren Erklärung auf positiv wissenschaftlichem Boden gegenwärtig teils schon erfolgt ist, teils mit Zuversicht erwartet werden kann. Allerdings wird das Ergründen der letzten atomistischen Vorgänge für uns Erdensöhne ewig ein vergebliches Suchen bleiben; man wird zuletzt immer auf ein unbegriffenes Residuum stoßen, wie dies selbst bei einigen Vorgängen des Telephonierens der Fall sein dürfte.“

222

„Die in ganz Tibet berühmten Schaustellungen der Bokte-Lamas finden an den großen religiösen Festen in den buddhistischen Klöstern statt. Vor der Tempelthüre im Klosterhof wird ein großer Altar errichtet, welchen zahlreiche im Kreise geordnete Lamas und die dichtgedrängte Schaar der Pilger schweigend umlagern. Der Bokte-Lama, der stets den untern Stufen der Hierarchie angehört, erscheint, schreitet würdevoll zum Altar und setzt sich darauf unter dem Beifallrufen der Menge. Hierauf nimmt er ein großes Messer aus seinem Gürtel und legt es vor sich auf die Kniee. Nun erheben die Lamas, die zu seinen Füßen sitzen, die schrecklichen Anrufungen und Gebete dieser scheußlichen Ceremonie. Unter den fortdauernden Gebeten beginnt der Lama an allen Gliedern zu zittern und mehr und mehr in wahnsinnige Krämpfe zu gerathen. Bald verlieren die Lamas alles Maaß; ihre Stimmen werden begeistert, ihr Gesang wird unordentlich und übereilt; das Hersagen der Gebete geht zuletzt in Schreien und Heulen über.“

„In diesem Augenblick wirft der Bokte die Schürze, mit welcher er umwickelt ist, ab, ebenso seinen Gürtel, ergreift das geheiligte Messer und öffnet sich den Bauch in seiner ganzen Länge. Während das Blut fließt, wirft sich die Menge vor diesem schauderhaften Schauspiel auf die Kniee und man befragt diesen Wahnsinnigen über verborgene Dinge, über zukünftige Ereignisse und dergleichen. Der Bokte giebt auf alle diese Fragen Antworten, die von Jedermann als Orakel betrachtet werden.“

„Ist die fromme Neugierde der zahlreichen Pilger befriedigt, so beginnen die Lamas wieder mit Ernst und Ruhe ihre Gebete herzusagen. Der Bokte nimmt in seiner rechten Hand Blut aus seiner Wunde auf, hält es an seinen Mund, bläst dreimal darüber und wirft es mit einem großen Schrei in die Luft. Dann fährt er rasch mit der Hand über seine Wunde und alles kehrt in seinen früheren Zustand zurück, ohne daß außer einer außerordentlich großen Entkräftung die geringste Spur dieser diabolischen Operation zurückbleibt.“

„Das Bauchaufschneiden – fügt Huc hinzu – ist eine der berühmtesten Siéfas (tibetanisch: verworfene Mittel) der Lamas; andere gleichartige sind weniger volksthümlich und auffallend; sie werden in Privatkreisen und nicht an den großen Festen der Lamaserieen 223gezeigt: so hält man z. B. glühende Eisen ungestraft an die Zunge, bringt sich Schnitte bei, von denen einen Augenblick nachher keine Spur mehr sichtbar ist usw. Allen diesen Schaustellungen muß das Hersagen eines Gebetes vorangehen.“

„Der Missionär, der von seinem Standpunkt aus alles als Wirkungen und Wunder des Teufels erklärt, sagt jedoch ausdrücklich: Wir denken durchaus nicht, daß man diese Thatsachen stets auf Rechnung der Betrügerei setzen kann.“

„Wenn Hucs Bericht über die magischen Wunderheilungen vereinzelt dastände, so würde er sicherlich in das Gebiet der Fabeln verwiesen und der wissenschaftlichen Verwerthung entzogen werden; aber derselbe schließt sich einer langen Reihe ähnlicher Beobachtungen anderer Reisender bis auf die neueste Zeit an, wodurch, wie wir später sehen werden, eine für die Psychologie und Philosophie überaus wichtige Thatsache festgestellt, bewahrheitet und der definitiven wissenschaftlichen Erklärung näher gebracht wird. Wir heben einige dieser Beobachtungen hervor und bemerken dabei, daß wir das ganze Gebiet der christlichen Wunderwirkungen ausschließen. Dieselben sind keine bloßen Schaustellungen, sondern meistens auf sittliche Zwecke gerichtet, und es dürfte daher trotz mancher Analogien eine bloße physiologische und psychologische Erklärung nicht ausreichen.“[269]

„Von den Aissawas, den tanzenden und heulenden Derwischen und der Secte der Ruffais ist bekannt, daß sie sich durch Tänze, krampfhafte Bewegungen, Musik, lange wiederholte Gutturaltöne usw. in epileptische Ekstase versetzen und sich dann unbeschadet die gräßlichsten Wunden beibringen und glühende Eisen belecken. Diedier sah in Cairo die Derwische vom Orden des Scheiks Bedr-Eddin nicht nur sich ohne Schaden spitze Eisen in die Brust, den Kopf und die Augen stoßen, leere Gefäße aus der Ferne mit Wasser füllen, sondern auch am Feste des Propheten auf lange Stangen aufgepfählt, deren eiserne Spitzen zwischen ihren Schultern hervorragten, sich durch die Moschee umhertragen lassen, während die Gläubigen laut beteten oder die Kapitel des Korans hersagten. Kein Beobachter hat genauer und drastischer die grausenhaften Vorstellungen 224der heulenden Derwische geschildert als Theophile Gautier, der sie in Scutari und Pera sah. Der Raum gestattet uns leider nicht, den interessanten Bericht, der das allmähliche Entstehen der Ekstase, ihre wahnsinnigen Gestaltungen und deren Ansteckungsfähigkeit auf die Zuschauer fast photographisch treu schildert, hier wiederzugeben.“

„Seit Tavernier haben zahlreiche Reisende ganz dieselben Vorkommnisse aus Hindostan berichtet; doch dürfte eine Erfahrung, welche ein Oberst und mehrere Marine-Officiere mit den hindostanischen Ruffais machten, weniger bekannt geworden sein. Die Officiere sahen, wie diese Leute sich ohne Schaden Glieder und selbst die Zunge abschnitten, welche sie wieder in den Mund steckten, wo sie augenblicklich anheilte.“[270]

„In andern Theilen Asiens machte man dieselben Beobachtungen. So berichtet der französische Gesandte Gobineau[271], der in Persien Ekstatiker glühende Kohlen in den Mund stecken sah; Bastian[272], der von den burätischen Schamanen berichtet, daß sie unbeschadet ins Feuer springen und glühende Eisen über die Zunge ziehen, bis sich die Hütte mit dem Geruch des verbrannten Fleisches füllt.“

„Zu den vorstehend mitgetheilten Thatsachen giebt die von Carl Rehbinder in der Sphinx 1889, VII, S. 243ff. mitgetheilte, der Pall Mall Gazette (Nr. 3, Januar 1889) entnommene merkwürdige Nachricht von einer ‚Zauberei in Camerun‘ eine sehr willkommene Ergänzung, welche allerdings der heutigen officiellen Wissenschaft etwas ärgerlich, ungeheuerlich und unerklärbar, also absurd fabelhaft vorkommen muß. Doch Thatsachen sind hartnäckig und weichen keiner bloßen Leugnung. – Die Leistungen der schwarzen Zauberin übertrafen alle bekannten Wunderwirkungen der Fakire und Derwische:“

„Nichts von alledem, was ich von ihr sah, sagt der Berichterstatter, konnte übernatürlich im eigentlichen Sinn genannt werden. Sie schien nämlich die Naturkräfte bloß in ihrer Gewalt zu haben, 225ja, wie der eben erzählte Fall (Schweben in der Luft) beweist, ihre Gesetze aufheben, aber nicht umkehren zu können. Sie konnte z. B. einen frisch abgehauenen Arm durch Berührung ihres Stabes und angeblicher Zaubersprüche innerhalb einer Secunde mit dem Stumpf wieder so vereinigen, daß auch nicht eine Spur von einer Verletzung zu sehen war (ganz wie bei den Ruffais oben); als ich sie jedoch aufforderte, unserm Quartiermeister den vor mehreren Jahren verlorenen Vorderarm zu ersetzen, erklärte sie freimüthig, daß sie es nicht im Stande sei. Sie sagte: der Arm ist todt, ich habe nicht die Macht. – Über alles Lebendige hatte sie eine erstaunliche, unmittelbare, Grausen erregende Gewalt. Als sie einst in meiner Gegenwart mit einem boshaft gezischten Fluchwort ihren Stab gegen einen Krieger richtete, schwand dieser förmlich hin: Die Muskeln begannen zusammenzuschrumpfen, und nach ein paar Minuten blieb von dem großen, starken Mann nicht viel mehr übrig als ein Gerippe. – Ebenso verwandelte sich unter dem Zauberstabe eine Frau in ein hartes und kaltes Steinbild im buchstäblichen Sinn des Wortes, wovon ich mich überzeugte, indem ich mit meinem Revolver den ganzen Körper ausklopfte und einen Ton erhielt, als wenn ich Marmor angeschlagen hätte.“

„Rehbinder meint: Das Weib war einfach in hypnotische Katalepsie versetzt; aber der Hypnotismus, ein neues Wort für alte Thatsachen, reicht hier zur Erklärung nicht aus, ebensowenig wie bei der Fernwirkung jenes malabarischen Fakirs Covindasamy, der vor den Augen Jacolliots von der Terrasse des Hauses aus die Hand gegen einen Diener ausstreckte, der aus dem Brunnen inmitten des großen Gartens Wasser heraufzog; zuerst wurde das Brunnenseil unbeweglich, dann als der Mann, im Wahne, das Seil sei bezaubert, mit gellender Stimme Beschwörungen zu singen begann, stockte dieselbe plötzlich in seiner Kehle, er konnte trotz aller Anstrengung kein Wort mehr hervorbringen, bis der Fakir durch Sinkenlassen der Hand den Bann löste. Die magische Wirkung des Fakirs ist derselben Art, wie die der schwarzen Zauberin von Kamerun; die Hypnose, unter welchem Namen man heute eine ganze Reihe verschiedener Zustände und Wirkungen zusammenfaßt, erklärt sie nicht, ebensowenig wie die Kataplexie oder Schrecklähmung Preyers. Suggestion oder Hallucination findet auch nicht dabei statt; die 226Erklärung muß also einen andern Weg suchen, der zu einem occultistischen Arkanum führen dürfte, dessen vollständige Kenntniß auch das Können einschließen und deshalb nur Eingeweihten zugänglich sein würde. Von welchem Ausgangspunkte aus man eine annähernde Kenntniß zu erstreben haben wird, läßt sich jedoch, wie wir sehen werden, mit einiger Sicherheit bestimmen.“

„Jemehr die Aufmerksamkeit sich auf occultistische Thatsachen in Reisebeschreibungen lenkt, desto mehr Bestätigungen viel bisher mit ungläubigem Lächeln als dummer Aberglaube der Beachtung nicht werth gehaltener älterer Berichte werden zu Tage treten. Es mögen hier noch als besonders merkwürdig hervorgehoben werden die noch wenig bekannten occultistischen Vorgänge mit Drusen im Libanon, welche seit Jahrhunderten die Magie und deren Praxis in einem sorgfältig gehüteten geheimen Orden lehren und ausüben. Der ganze Stamm zerfällt in Akkals, Eingeweihte, und Dschahils, Profane, Nichteingeweihte. Die Geheimlehre wird nur mündlich überliefert; die auf den Bibliotheken von London, Paris und Oxford befindlichen drusischen Bücher und Handschriften enthalten wenig darüber. Silvester de Sacy, der sich eingehend damit beschäftigte, fand nicht so viel Zuverlässiges, als Gerard de Nerval (Voyage en Orient, Paris 1867), der einem drusischen Scheik wichtige Dienste leistete, als Gast desselben manche Einzelheiten der Tradition erfuhr und u. A. auch einen drusischen Katechismus veröffentlichte. Einige englische Berichte theilt A. Diezmann mit, worin auch merkwürdige Wunderheilungen, namentlich der Epilepsie und des Wahnsinnes, erwähnt werden. Der Akkal giebt den Kranken, die man zu ihm bringt, durchaus keine Arznei, sondern spricht nur einige Beschwörungsformeln und streicht mit der Hand über sie.“

„Ein Engländer, welcher sechs Monate unter den Drusen verweilte und mit ihnen sehr vertraut wurde, hatte von einem Landsmann, ‚dessen Aussage unbedingten Glauben verdiente‘, erfahren, daß der Scheik Beschir nicht blos Wunderheilungen, sondern auch unerklärliche Zaubereien verrichte. So habe er einen Stock auf dessen Befehl ganz allein und ohne sichtbare Beihilfe von einem Ende des Zimmers zum andern gehen sehen. Ferner wurden in seiner Gegenwart zwei Krüge, ein leerer und ein gefüllter, in zwei 227Ecken des Zimmers einander gegenüberstellt, worauf bald der leere sich in Bewegung setzte, über das Zimmer hin und danach auch der volle sich erhob, dem andern entgegenmarschirte (d. h. sich bewegte) und ihm seinen Inhalt übergab, mit dem der letztere dann an die Stelle zurückkehrte, von welcher er gekommen war. – Durch diese Erzählung neugierig gemacht, beschloß der Berichterstatter, den merkwürdigen Mann näher kennen zu lernen und berichtet darüber:“

„Anfangs lehnte Scheik Beschir mit aller Bestimmtheit meine Bitte ab, mir einige seiner Zauberkräfte zu zeigen, von denen ich so viel gehört, und erklärte, er habe es sich zur Regel gemacht, nichts mehr mit der unsichtbaren Welt zu schaffen zu haben, außer etwa um Heilungen zu bewirken. Nachdem wir aber genauer mit einander bekannt geworden waren, willigte er eines Tages ein, mir eines seiner Kunststücke zu zeigen ... Er nahm einen gewöhnlichen Wasserkrug, murmelte gewisse Beschwörungsformeln in denselben hinein und übergab ihn zwei Personen, die aufs Geradewohl unter den Anwesenden ausgewählt wurden, und die einander gegenüber saßen. Eine Zeit lang rührte sich der Krug nicht, während der Scheik sehr rasch hintereinander, wie es mir vorkam, Verse aus dem Koran sprach und dazu den Takt mit der rechten Hand in die linke schlug. Der Krug blieb noch immer unbeweglich und der Scheik wiederholte seine Verse so ungestüm und schien wegen des Erfolges so aufgeregt zu sein, daß trotz dem kalten Winde, der in das Zimmer blies, in welchem wir saßen, der Schweiß ihm über das Gesicht und den Bart strömte. Endlich begann der Krug sich zu bewegen, anfangs langsam, dann schneller, bis er ziemlich rasch drei- bis viermal herumging. Der Scheik wies triumphirend darauf hin und stellte sein Gemurmel ein, worauf der Krug stehen blieb. Nach einer Pause von etwa einer Minute begann der Scheik seine Beschwörungen von Neuem und wunderbarer Weise drehte sich der Krug ebenfalls sofort wieder. Endlich hörte er auf, nahm den Krug aus den Händen derer, die ihn gehabt hatten und hielt ihn einen Augenblick an mein Ohr, so daß ich deutlich ein singendes Geräusch darin hörte, wie von kochendem Wasser. Darauf goß er das Wasser sorgsam aus, murmelte wieder etwas in den Krug hinein und gab ihn den Dienern, damit sie ihn wieder mit Wasser 228füllten und an den Ort stellten, wo er vorher gestanden hatte, für den Fall, daß Jemand zu trinken wünsche. Ich hätte vorausschicken sollen, daß der Krug einer der gewöhnlichen war, wie man sie in Syrien hat und mit mehreren andern an der Thür stand. Als die Vorstellung zu Ende war, sank der Scheik ganz erschöpft auf den Divan und erklärte, es sei das letzte Mal, daß er sich solcher Anstrengung aussetze und Zauberkünste verrichte, außer wenn es einen Kranken gesund machen könne.“

„Der Scheik, berichtet der Engländer, bereitet sich zu den Heilungen durch längere Fasten vor, die, wie er sagte, nothwendig seien, um die Macht über die Geister zu erlangen, die er dabei brauche. Er ist wohlhabend, nimmt keine Belohnung an; will seine Kunst, die aus der Pharaonenzeit stamme, von einem alten Marokkaner erlernt haben; sie könne nicht für Geld erlangt werden; es lebten jetzt nicht fünfzig Personen in der Welt, welche die wahre Kenntniß davon besäßen; er selbst sei noch ein Anfänger, da er die erforderlichen strengen Fasten nie ohne Nachtheil für seine Gesundheit habe halten können.“

So weit der Engländer.

Oberstlieutenant T. G. Fraser berichtet folgende Erzählung einer Generalin W. in seinem Werke: „Sport and Military life in Western India“ –, übrigens ein Buch, in welchem man nicht leichtgläubige Voreingenommenheit für die übersinnliche Erklärung von Thatsachen vermuten wird. Die Dame beschreibt Fraser als „untadelhaft in Genauigkeit und Aufrichtigkeit, furchtlos und starksinnig, auch so wenig unter dem Einflusse krankhafter oder abergläubischer Einbildung stehend, wie nur irgend Jemand, den er kenne.“ Von Fraser selbst aber sagt u. a. Oberst Malteser C. B. J., daß er „der offenste und zuverlässigste Mann sei, mit dem er je das Glück gehabt habe, in Berührung zu kommen.“ Fraser giebt die Erzählung der Generalin folgendermaßen wieder:

„An einem schwülen Aprilabende stand ich an der Eingangspforte unseres Grundstücks, als ein Birudge, ein Hindubüßer von mittleren Jahren, mit Asche bedeckt, auf der Straße daher kam und an mir vorüberging. Dabei sah er mich einen Augenblick eindringend an, ohne jedoch stehen zu bleiben oder mir zu zeigen, daß er mich kenne. Als er einige Schritte weiter gegangen war, 229wandte er sich um und sagte zu mir: Im Namen Gottes, es ist mir gegeben, Dir zu sagen, was Dein Schicksal sein wird. – Ich rief eine in der Nähe stehende Ordonanz herbei und befahl ihr, dem Manne eine Rupie zu geben. – Nein, sagte der Mann, ich bitte um nichts; aber Dein Schicksal steht für mich auf Deiner Stirn geschrieben, und ich will es Dir, wenn Du es wünscht, enthüllen. – Ich vermuthe, erwiderte ich, Du gewinnst Deinen Unterhalt damit. – Ich kann dies, sagte er dagegen, nur für wenige Personen, Du aber bist eine derselben. – Wirklich? Nun dann laß einmal hören! Sag mir, wer ich bin; wenn Du aber etwas unrichtiges sagst, werde ich Dich bestrafen lassen. – Du bist die Frau des General Sahib, Du hast einen Sohn und eine Tochter! – Ich hatte, warf ich ein, aber ich habe ersteren verloren. – Nein, erwiderte er, es ist wie ich sage. – Nun fahre nur fort. – Du wirst sehr bald das Land verlassen und in Deine Heimath zurückkehren. (Mein Mann hatte indessen sehr häufig erklärt, niemals wieder Indien verlassen zu wollen.) – Nun, wann soll denn das vor sich gehen? – Sehr bald! – Werden wir denn unversehrt daheim ankommen? – Du wirst; aber vierzehn Tage, nachdem Ihr von hier abreist, wird er in Gott ruhen! – Bis dahin hatte ich ihm gleichgültig zugehört, jetzt aber fuhr ich erbost und geängstigt auf: Was sagst Du, Elender? – Nicht ich rede, hohe Frau, nur Dein Schicksal redet. In 18 Tagen wirst Du an Bord sein, und wirst Alles hier verkauft haben bis auf ein einziges Pferd. – Hier, rief ich, ist der Stall; komm und zeige mir das Pferd, von dem Du meinst, daß wir es nicht verkaufen werden. – Er ließ seine Augen schnell an der Reihe der Pferde entlang gleiten, und zeigte sofort auf einen Grauschimmel: das da! (Mein Mann hatte mir dieses Pferd zwei Jahre vorher zum Geburtstage geschenkt.) – Nun, sagte ich, wenn Du doch so viel weißt, sage mir doch, ob ich sicher im Hause anlangen und mein Kind sehen werde? – Ja, Du wirst Deinen Sohn sehen, wenn Du von hier abreisest, aber wirst ihn nicht mehr sprechen; er wird Dir mit einem Tuche von ferne zuwinken. Du wirst in Europa anlangen und dort eine Zeit bleiben, aber Geldschwierigkeiten werden Dich zwingen, hierher zurückzukehren; danach jedoch wirst Du wieder heimkehren und nach einiger Zeit wirst Du das Geld erhalten und glücklich sein.“

230

„Bis diesen Augenblick ist All und Jedes eingetroffen, genau wie es jener Mann vorhergesagt. Noch an demselben Abend beim Thee sagte plötzlich der General, der so oft seinen Entschluß geäußert hatte, nur in Indien leben und sterben zu wollen: ‚Was würdest Du zu einer Tour nach England sagen? Ich sprach mit F. und er hat mir einen Platz an Bord der *** gesichert, wenn wir zum *** bereit sind; ich habe Lust dazu.‘“

„Ich war so überrascht, daß mir fast die Tasse aus der Hand fiel. Ich starrte meinen Mann an, aber es war nur zu wahr. Noch im Laufe desselben Monats waren die erforderlichen Einrichtungen getroffen, Alles wurde verkauft bis auf den arabischen Grauschimmel, der, da er ein Geburtstagsgeschenk war, an *** gegeben wurde. Wir schifften uns bei vollständiger Gesundheit ein, und als wir eben auf der Höhe des Leuchtthurmes waren, sahen wir in der Ferne ein Boot, das sich vergeblich bemühte, uns einzuholen. Mit dem Fernglas konnten wir in demselben einen Europäer bemerken, der mit einem Taschentuch winkte; nachher stellte sich heraus, daß dies mein Sohn gewesen, dessen Tod uns zwei Monate vorher aus den oberen Provinzen berichtet worden war. Hätte ich ihn damals erkennen können, so wäre ich dadurch gewissermaßen auf das, was folgte, vorbereitet worden. Zehn Tage später fiel der General auf dem Deck nieder, wurde in seine Cabine getragen und starb am vierzehnten Tage nach unserer Abreise, wie der Fakir es richtig vorhergesagt hatte. Ich kam übrigens wohlbehalten daheim an und es muß sich zeigen, ob sich auch der Rest seiner Prophezeiungen erfüllen wird. Jedenfalls sehen Sie, daß ich wieder nach Indien zurückgekehrt bin, um meine Geldangelegenheiten und das Testament des Generals zu ordnen, denn F. wollte mir kein Geld weiter auszahlen.“

Oberst Fraser fügt hinzu: „So weit die Geschichte; sie redet für sich selbst. Bald nachher hörte ich, daß meine verehrte Freundin, die Generalin, wieder nach England abgereist ist.“ – –

Je tiefer man in das occultistische Gebiet, auf dem sich heute eine höchst bedeutende wissenschaftliche Neugestaltung zu vollziehen im Begriff ist, vordringt, auf desto mehr Thatsachen, wiederholen wir, stößt man, die bisher vereinzelt, als unglaublich erschienen sind, deren vergleichende Zusammenstellung jedoch zur Anerkennung 231ihrer Wirklichkeit führt, wenn auch die Wissenschaft dabei noch vor ungelösten Rätseln steht. Wir fahren mit den Belegen dazu fort.

Was die wandelnden Krüge betrifft, welche bei den Drusen im Libanon Wasser herbeischleppen und ausgießen, so erinnern sie auffallend an Berichte der Alten[273] von laufenden Dreifüßen, von Bildsäulen, welche sich automatisch bewegen und an den Höfen der indischen Fürsten bei der Tafel aufwarten. Das Bewirken von Ortsveränderungen lebloser Gegenstände ohne Berührung und aus der Ferne bei Sitzungen mit Medien ist durch zahlreiche Experimente aus letzter Zeit eine so unzweifelhafte Thatsache geworden, daß selbst Vertreter der exakten Wissenschaften, wie Wallace, Crookes und neuerdings Paul Gibier, de Rochas und viele andere dieselbe anerkannt haben, obgleich ihnen, wie allen unbefangenen Forschern dabei zugestoßen ist, was der berühmte Foucault Jahrzehnte vorher prophetisch gesagt hatte: „Le jour, où l'on ferait bouger un fétude de paille sons la seule action de ma volonté, j'en serais épouvanté.“ Die ungläubigsten Beobachter haben bei solchen Sitzungen sehr oft gesehen, wie ohne Berührung Stühle herbeihumpelten, Bücher und Instrumente durch die Luft flogen und Tische sich fußhoch über den Boden erhoben; Thatsachen, die zu derselben Kategorie gehören, wie die durch Berichte von russischen und deutschen Reisenden bekannten ebenso unzweifelhaften fliegenden Tische der Schamanen.

Es ließen sich aus Hindostan, Tibet und China noch eine Reihe ähnlicher, genugsam beglaubigter Vorkommnisse anführen; wir übergehen sie und geben dafür aus neuester Zeit eine Mitteilung von Horace Pelletier, einem Schüler des Obersten de Rochas, welcher mit drei Sensitiven (magnetisch Begabten) occultistische Experimente vornimmt, die ihn zu höchst interessanten Ergebnissen geführt haben.

„Sie wissen“, schreibt er an den Direktor der l'Initation, „daß dank der psychischen Kraft, welche aus dem Körper meiner Sensitiven ausgeht, leblose Gegenstände aus der Ferne und ohne jede Berührung bewegt werden und ihre Stelle verlassen. Diese Gegenstände bleiben nicht bei der bloßen Ortsveränderung, sie drehen 232sich, Kreise beschreibend, um sich selbst, laufen von einem Ende der Tischplatte bis zur andern, kehren selbst zu ihrem Ausgangspunkte zurück, um von neuem mit erstaunlicher Schnelligkeit wieder davon auszugehen; manchmal schnellen sie in die Höhe, springen über den Tischrand und fallen zur Erde.“

„Oft gehorchen sie dem Worte; ja sie gehorchen wirklich; wenn man ihnen befiehlt. Bei allen meinen Sitzungen wiederholt sich diese merkwürdige Thatsache mehrmals, als wenn das Fluidum, welches ihnen die Bewegung mittheilt, mit Verstand begabt wäre.“

„Ich stelle zwei Korkstöpsel mitten auf die Tischplatte, 1½–2 Zoll von einander entfernt, und ich sage zu ihnen: Küßt euch! Sofort drücken sie sich aneinander, nachdem jeder die Hälfte des Zwischenraumes zurückgelegt hat. Nun befehle ich ihnen sich zu trennen, und jeder seines Weges zu gehen. Sie gehorchen pünktlich, trennen sich und, indem jeder eine entgegengesetzte Richtung einschlägt, bewegt er sich bis an den Rand der Tischplatte. – Ich befehle ihnen sich zu vereinigen; sie kehren zu einander zurück und von Neuem drückt der eine sich an den andern. – Hierauf sage ich zu dem einen: Nimm einen Anlauf und springe! Sofort läuft der treue Korkstöpsel, meinem Befehl gehorchend, an den Rand der Tischplatte; aber zuweilen hat er die Entfernung schlecht bemessen und bleibt am Rand stehen. Ich wiederhole meinen Befehl, und er kehrt zu seinem Ausgangspunkt zurück, aber besser berechnend, läuft er mit großer Schnelligkeit, springt wie eine Gemse über den Rand und fällt zu Boden. Ich weiß wohl, daß ich da sonderbare, unerhörte, unglaubliche Dinge erzählte, aber ich übertreibe nichts, ich behaupte nur, was genau wahr ist. Auch habe ich hierfür Zeugen. Bemerken will ich noch, daß meine Sensitiven, während die Dinge vor sich gingen, sich drei Fuß vom Tischchen entfernt befanden und meistens, gelangweilt durch diese von mir unablässig wiederholten Experimente, wenig darauf achteten, plauderten und lachten, ohne sich um das Ergebniß zu kümmern.“

Der Umstand, daß die vorgehend geschilderten Experimente mit ganz gewöhnlichen Krügen, Stöpseln u. dergl. gemacht wurden, kann dieselben weder lächerlich machen, noch deren Bedeutsamkeit für die Erkenntnis der ihnen zu Grunde liegenden, zum Teil noch unbekannten Naturgesetze im mindesten schmälern.

233

Ich wende mich jetzt zu den Berichten über die Fakire Jacolliots, deren Künste wie die oben erwähnten auf uralten Traditionen beruhen und ähnlich schon im alten Indien geübt wurden, wie wir bei Apollonius von Tyana sehen werden. Ich referiere nach Perty[274], dessen Darstellung in weiteren Kreisen wenig bekannt wurde:

Die Urgeschichte gerade derjenigen alten Völker, welche am meisten auf die klassische und moderne Kultur Einfluß übten, wurde am spätesten, hauptsächlich erst in diesem Jahrhundert aufgeschlossen. Es sind die Indier und die noch älteren Ägypter, Völker mit wesentlich hierarchischen Verfassungen einer mächtigen Priesterschaft, ausgebildeter Geheimlehre, bis ins kleinste geordnetem Ritus und Ceremoniell, deren Sitten, Künste, Meinungen, Philosophie mächtig auf die Perser, Araber, Griechen eingewirkt haben, deren Religionsbegriffe z. B. auch in andern Glaubenslehren, die christliche nicht ausgeschlossen, eingedrungen sind. An die Geister der Vorfahren scheinen schon die Arier in ihren Ursitzen geglaubt zu haben, bei den Indiern wurde dieser Glaube im „Buche der Pitris“ zu einem System ausgebildet. Diese und andere indische Verhältnisse wurden wieder in den letzten Jahren durch den Franzosen Herrn Louis Jacolliot untersucht, der in Pondichery wohnhaft, von hier aus Indien durchstreifte, und Forschungen über seine Geschichte, seine Altertümer und Religion anstellte. Der Teil derselben, welcher die Leser näher interessieren dürfte, führt den Titel: Le spiritisme dans le monde, l'Initiation et les scienses occultes dans l'Inde (Paris 1875) und enthält, sich hauptsächlich auf das Buch der Pitris (Geister) stützend, unter anderem selbstbeobachtete Produktionen der Fakirs, welche mit den spiritualistischen des Abendlandes große Ähnlichkeit haben.

Zum Verkehr mit den Geistern können nur die Eingeweihten, von den Fakirs an, gelangen. Nur durch schwere, lang fortgesetzte Büßungen kommt man zu den oberen Stufen, deren höchste, der Yogi, unermeßlich hoch über den gewöhnlichen Menschen steht. Die Yogis bilden den Rat der Alten, enthalten sich des geschlechtlichen Verkehrs, und so erhaben ist ihr Zustand und Verdienst, daß gewöhnliche Menschen ihn in Tausenden von Generationen und 234Seelenwanderungen nicht erreichen könnten. Das siebenknotige Bambusstäbchen, welches schon die Fakirs immer führen, findet man auch bei den oberen Stufen, und es wird feierlich durch den Oberpriester zugestellt; die sieben Knoten stellen die sieben Stufen der Anrufung und der äußeren Manifestationen vor. Der oberste Priester führt den Namen Brahmatma. Wenn der Guru (Oberpriester) seinen Unterricht vor den Schülern beginnt, die gläubig und verehrend zu seinen Füßen sitzen, so spricht er zu ihnen: Hört! Während der elende Sudra (die unterste Kaste) sich dem Hunde gleich auf sein Lager wirft, der Vaysia die Reichtümer der Erde anzuhäufen denkt, der Tschatrya (Fürst, Krieger) im Frauengemach schläft, ermüdet aber nie gesättigt vom Vergnügen, so ist es jetzt für die Gerechten, die nicht von der unreinen Körperhülle sich wollen beherrschen lassen, Zeit, die Wissenschaft zu studieren.

Die Eingeweihten gelangen zu der ihnen zugeschriebenen Macht durch ein langes Leben der strengsten Askese und zwar zu den verschiedenen Graden ihrer Macht. Zu einer ersten Klasse gehören die Grihastas, die ihre Familien nicht verlassen und die Vermittelung zwischen den Tempeln und dem Volk herstellen, keine magischen Phänomene hervorbringen können, sondern nur die Seelen der Vorfahren, und zwar nur in ihrem Stammbaum anrufen dürfen, um von ihnen Eingebungen zu erhalten; dann die Purohitas, welche, bereits den Tempeln zugeteilt, die gewöhnlichen Priesterfunktionen versehen, bei den Geburten, Ehen, Bestattungen thätig sind, die Familiengeister anrufen, die Horoskope stellen, die Dämonen vertreiben; endlich die Fakirs, die Almosensammler der Tempel, zugleich die Zauberer, welche willkürlich die auffallendsten und unsern sogenannten Naturgesetzen am meisten widersprechenden Wirkungen hervorbringen und zwar mit Hilfe der Pitris, Geister der Vorfahren, zu deren Herbeirufung nach brahmanischer Behauptung sie ermächtigt sind. Für die Eingeweihten der zweiten Klasse, der Sanyassis, und der dritten, der Nirvanys und Yogis ist die Macht ihrem Wesen nach gleich und nur dem Grade nach verschieden. Sie bringen ihre Manifestationen nur im Innern der Tempel, äußerst selten bei sehr vornehmen Personen oder bei seltenen öffentlichen Festen hervor, glauben, daß die sichtbare und unsichtbare Welt ihrem Willen unterworfen sei, daß sie den Elementen gebieten, 235ihren Körper verlassen und wieder in denselben zurückkehren können; ihre orientalische Phantasie kennt keine Schranke und kein Hindernis, und sie werden in Indien gleichsam für Götter gehalten. Man sieht, daß daselbst eine durchgeführte priesterliche Organisation besteht und es wird behauptet, daß in den Krypten der Pagoden die Eingeweihten viele Jahre hindurch einer strengen Disziplin unterworfen werden, welche ihren Organismus physiologisch umstimmt und das reine Fluidum in ihnen vermehrt, welches, Akasa genannt, das Vehikel aller magischen Wirkungen ist. Es war Herrn Jacolliot nicht möglich, über diese verborgenen Vorgänge sich zu unterrichten, und er kann daher nur über die Fakirs Mitteilungen machen. Sogar die Gebets- und Evokationsformeln der höheren Grade wurden nie aufgeschrieben, sondern nur mündlich mitgeteilt, und das „Buch der Pitris“ schweigt hierüber.

Nach brahmanischer Lehre ist jener Akasa, das reine Lebensfluidum – etwa unser Äther – durch die ganze Natur verbreitet und setzt alle belebten und unbelebten, alle sichtbaren und unsichtbaren Wesen miteinander in Verbindung; Elektrizität, Wärme, alle Naturkräfte kommen nur durch den Akasa zur Wirksamkeit. Wer eine größere Quantität desselben besitzt, erlangt Macht über diejenigen, welche davon weniger haben, und über die leblosen Wesen. Selbst die Geister, welche ihre Macht zum Dienst der Menschen anwenden, die imstande sind, sie herbeizurufen, fühlen die allgemeine Verbindung, welche der Akasa unter den Weltdingen herstellt. Für gewisse Brahmanen ist der Akasa das wirkende Prinzip der Weltseele und der Beherrscher aller Seelen, die in inniger Gemeinschaft stehen würden, träte nicht die grobkörperliche Materie bis auf einen gewissen Grad hindernd dazwischen; je mehr von dieser eine Seele sich durch ein beschauliches Wesen frei macht, desto inniger fühlt sie die allgemeine Strömung, welche die sichtbare und unsichtbare Welt durchzieht.

Allgemein bekannt ist die außerordentliche Geschicklichkeit der indischen Fakirs, die man gewöhnlich als Zauberer oder Jongleurs bezeichnet und welchen alle asiatischen Völker eine übernatürliche Kraft zuschreiben. Viele glauben zwar, daß unsere geschicktesten Taschenspieler das Gleiche zu vollbringen vermögen, es bestehen aber zwischen beiden die wesentlichsten Unterschiede, denn der Fakir 236giebt nie Vorstellungen vor größeren Gesellschaften, sondern nur im Innern von Privatwohnungen, hat nie einen Helfer, ist immer ganz unbekleidet mit Ausnahme eines handgroßen, die Geschlechtsteile bedeckenden Lappens, weiß nichts von den tausend Geräten und Apparaten, den Bechern, Büchsen mit doppeltem Boden, Zaubersäcken, präparierten Tischen, eigens eingerichteten Localitäten unserer Taschenspieler. Der Fakir hat gar nichts als ein Bambusstäbchen, dick wie ein Federhalter, mit sieben Knoten in der rechten Hand und ein Pfeifchen von etwa drei Zoll Länge, an einer seiner Haarflechten befestigt, weil er, als ganz unbekleidet, keine Tasche hat, um es darin aufzubewahren. Er operiert, wie man will, sitzend oder aufrecht, auf der Rohrmatte des Salons, auf dem Marmor-, Granit- oder Mörtelboden der Veranda, auf der nackten Erde des Gartens. Hat er zur Hervorrufung lebensmagnetischer und somnambulistischer Zustände eine Person nötig, so nimmt er den nächsten Domestiken dazu, den man ihm bezeichnet, gleichviel ob Indier oder Europäer; bedarf er ein Musikinstrument, Rohr, Papier, Bleistift, so ersucht er darum. Zugleich wiederholt er seine Darstellung, so oft man es verlangt, um sie kontrollieren zu können, und verlangt niemals eine Bezahlung, sondern nimmt das Almosen an, das man ihm für seinen Tempel giebt; alle Fakire der verschiedenen indischen Länder beobachten diese Vorschriften. Glaubt man in der That, fragt Jacolliot, daß unsere Taschenspieler unter diesen Bedingungen etwas leisten könnten?

Derselbe, seit vielen Jahren in Indien, kannte die Phänomene des amerikanischen und europäischen Spiritualismus nicht, hatte in Europa nie einen Tisch sich bewegen sehen, der „übertriebene Glaube an die Unsichtbaren“ erinnerte ihn so sehr an die Ekstasen und Mysterien des Katholicismus, daß er, ein eingefleischter Rationalist, welcher noch jetzt zu sein er behauptet, sich nicht entschließen konnte, bei den Vorgängen in einem Cirkel zugegen zu sein. Die indischen Fakirs, von ihm einfach für Taschenspieler gehalten, hat er immer abgewiesen, hörte aber fortwährend von ihrer wunderbaren Geschicklichkeit sprechen. Als nun in Pondichery einst gegen den Mittag durch den Dobaschy, Kammerdiener, wieder ein Fakir bei ihm gemeldet wurde, entschloß er sich doch, ihn zu empfangen, was in einer der inneren Verandas seines Hauses geschah, wo ihn der Fakir, 237auf den Marmorplatten des Fußbodens kauernd, erwartete. Jacolliot war betroffen über seine Magerkeit, sein fleischloses Gesicht und die halberloschenen Augen erinnerten ihn an die graublauen Augen der Haie des großen Oceans. Der Fakir erhob sich langsam, verneigte sich mit an die Stirne gelegten Händen und murmelte: Ehrerbietigen Gruß, Herr! Ich bin Salvanidin-Odéar, Sohn des Canagareyen-Odéar. Der unsterbliche Wischnu beschütze deine Tage! – Sei gegrüßt Salvanidin-Odéar, Sohn des Canagareyen-Odéar, könntest du sterben am heiligen Ufer des Tucangy, und möge diese Transformation deine letzte sein! erwiderte Jacolliot. – Der Guru der Pagode hat mir diesen Morgen gesagt: geh auf geradewohl Ähren lesen längs den Reisfeldern, und Ganesa, der Schutzgott der Wanderer, hat mich zu Dir geführt. – Sei willkommen! – Was wünschest Du von mir? – Man behauptet, Du könntest leblose Körper bewegen, ohne sie zu berühren; ich möchte gerne dieses Wunder dich vollbringen sehen. – Salvanidin-Odéar hat diese Macht nicht; er ruft seine Geister an, die ihm ihren Beistand gewähren. – Nun wohl, Salvanidin-Odéar, rufe die Geister und zeige mir ihre Macht! – Gleich nach diesen Worten kauerte der Fakir sich wieder auf dem Boden nieder, stellte sein Stäbchen mit den sieben Knoten zwischen seine gekreuzten Beine und bat mich nun, ihm sieben kleine irdene Töpfe mit Erde, sieben dünne Holzstäbchen von je zwei Ellen Länge und sieben beliebige Blätter bringen zu lassen. Dann ließ er die gebrachten Gegenstände, ohne sie selbst zu berühren, durch den Dobaschy etwa zwei Meter von seinen ausgestreckten Armen in eine Linie legen; hierauf mußte der Diener in jeden Topf eines von den Holzstäbchen stecken und über jedes ein in der Mitte durchbohrtes Blatt stülpen, das am Stäbchen hinuntergleitend, den Topf wie einen Deckel bedeckte. Hierauf hob der Fakir die geschlossenen Hände über seinen Kopf und sprach in tamulischer Sprache folgende Anrufung: Mögen alle Mächte, die über das geistige Prinzip des Lebens und über das Prinzip der Materie wachen, mich gegen den Zorn der bösen Geister beschützen, und der unsterbliche Geist Mahatatritandi, der drei Formen hat, mich nicht der Rache Yamas überliefern! – Dann streckte er die Hände gegen die Töpfe und blieb unbeweglich wie in Ekstase, nur von Zeit zu Zeit seine Lippen bewegend, als wenn er innerlich spräche.

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Plötzlich schien es Jacolliot, als wenn ein leichter Wind seine eigenen Haare bewege und über sein Gesicht streiche wie der tropische Abendwind nach Untergang der Sonne, und doch bewegten sich die Vorhänge zwischen den Säulen der Veranda nicht; die gleiche Empfindung wiederholte sich mehrmals nach einander. Es war etwa eine Viertelstunde verflossen, wo der Fakir seine Stellung nicht verändert hatte; da stiegen langsam die Feigenblätter an den Holzstäben empor und ließen sich wieder herab, und der Beobachter, näher tretend und gar keine Verbindung zwischen dem Fakir und ihnen findend, fühlte eine gewisse Aufregung; die Blätter unterbrachen ihr Auf- und Absteigen nicht, obschon er mehrmals zwischen den Töpfen und dem Fakir durchging. Jacolliot nahm dann, was ihm unbedenklich zugestanden wurde, die Blätter von den Stäben und diese aus den Töpfen und leerte die ganze Erde auf dem Fußboden aus. Hierauf klingelte Jacolliot dem Koch, ließ sich aus der Küche sieben Fußgläser, aus dem Garten Erde und neue Blätter bringen, teilte selbst ein Bambusrohr in sieben Stücke, die er in die Gläser steckte, über welche er die durchbohrten Blätter stülpte und fragte nun den etwa vier Meter entfernten Fakir, der regungslos dem Allen zugesehen hatte, ob er glaube, daß seine Geister auch jetzt noch wirken könnten. Der Hindu antwortete nicht, sondern streckte nur wie zuvor seine Hände gegen die Gläser aus, und es dauerte keine fünf Minuten, als das Auf- und Absteigen der Blätter von neuem begann. Jacolliot fragte hierauf den Fakir, ob denn die Töpfe und Erde für die Hervorbringung des Phänomens notwendig seien, und als dieser die Frage verneinte, ließ Jacolliot sieben Löcher in ein Brett bohren und steckte in diese die Bambusstücke. Nach kurzer Zeit folgte die Erscheinung mit gleicher Regelmäßigkeit und zwar zwei Stunden hindurch nach vielfach geänderten Versuchen in immer gleicher Weise, so daß Jacolliot sich fragen wollte, ob er nicht selbst unter einer starken magischen Einwirkung stehe. Da sprach der Fakir: Hast Du von den Unsichtbaren nichts zu verlangen, ehe ich mich von ihnen trenne? Jacolliot hatte gehört, daß die europäischen Medien sich für ihre angebliche Unterhaltung mit den Geistern eines Alphabets bedienen, teilte dies dem Hindu mit und fragte, ob man nicht durch ähnliche Mittel eine Verbindung mit jenen herstellen könnte. Wörtlich antwortete der 239Fakir: Frage, was Du wünschest. Haben die Geister Dir nichts zu sagen, so werden die Blätter unbeweglich bleiben; haben sie, welche die Blätter bewegen, Dir ihre Gedanken mitzuteilen, so werden die Blätter an den Stäbchen emporsteigen. Jacolliot zeichnete eiligst das Alphabet auf ein Blatt Papier, da fiel ihm noch ein anderes Mittel ein. Er besaß kupferne Buchstaben und Zahlen auf Zinkplatten gelötet, die er brauchte, seinen Namen und eine Ordnungsnummer auf seine Bücher zu prägen, und warf diese nun alle unter einander in einen kleinen Sack, um eine nach der andern herauszunehmen. Der Fakir hatte seine Anrufungsstellung angenommen, Jacolliot dachte an einen vor fast zwanzig Jahren verstorbenen Freund und nahm nun eine Zinkplatte nach der andern heraus, immer die Buchstaben und Zahlen und zugleich die Blätter beobachtend. Vierzehn von jenen waren schon herausgenommen, als beim Buchstaben A die Blätter schnell bis zum Gipfel der Stäbchen emporstiegen, dann herunterfielen und unbeweglich auf dem Brett liegen blieben, in welchem die Stäbchen steckten. Jacolliot fühlte sich bewegt, denn A war der erste Buchstabe des Namens jenes Verstorbenen. Als der Sack leer war, wurde er wieder mit den Typen gefüllt, und nach und nach, Buchstaben für Buchstaben, erhielt der Beobachter den Satz:

Albain Brunier, mort à Bourg-en-Bresse, 3. Janvier 1856.

Es flimmerte vor seinen Augen, als er dieses Resultat vor sich sah, und er mußte, unfähig, die Beobachtungen diesen Tag länger fortzusetzen, den Fakir für den nächsten Tag zu sich laden.

Nachdem er einen Teil der Nacht über diese Dinge nachgedacht, dann in der folgenden Sitzung die Phänomene des vorigen Tages in gleicher Art hatte wiederholen lassen, bat Jacolliot den Fakir, noch einmal anzufangen, richtete aber sein Verhalten nach einer von ihm gemachten Voraussetzung ein. Er änderte nämlich im Geiste die Buchstaben jener Phrase, wie er meinte, beibehaltend, die Stellung derselben und erhielt so durch dieselbe Prozedur wie am vorigen Tage die Namen:

Halbin Pruniet, mort à Bourg-en-Bresse, 3. Janvier 1856.

Jacolliot wollte auch den Namen der Stadt und den Todestag ändern, gelangte aber nicht dazu, sondern erhielt wieder:

mort à Bourg-en-Bresse, 3. Janvier 1856.

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Vierzehn Tage nacheinander ließ Jacolliot den Fakir kommen, welcher die größte Hingebung bewies, und veränderte fortwährend seine Versuche, bald erhielt er Änderungen in den Buchstaben jenes Namens, die denselben ganz unkenntlich machten, bald Modifikationen des Tages, Monats und Jahres des Todes, nie aber eine Änderung im Namen der Stadt, woraus er, immer von der Voraussetzung einer natürlichen Kraft ausgehend, die den Fakir und die Blätter in Verbindung setze, schloß, daß er vielleicht sein Wissen der wahren Orthographie vielleicht nicht bei allen Worten genügend isoliren könne. Er wiederholte dann noch öfter zu verschiedenen Zeiten mit verschiedenen Subjekten die Versuche, ohne zu einem andern Resultat zu gelangen. Während einesteils die materiellen Phänomene sich sozusagen konstant reproduzierten, wechselte ebenso konstant die Verschiedenheit in Übertragung der Gedanken, und zwar von ihm gewollte oder ganz gegen seinen Willen eingetretene Verschiedenheit.

In der letzten Sitzung mit dem Fakir machte dieser mit einer gewöhnlichen Pfauenfeder die leere Schale einer Wage sinken, während die andere mit 80 Kilos belastet war; auf einfache Auflegung seiner Hände flog ein Blumenkranz in die Luft; man hörte in dieser unbestimmte Töne, und eine ätherische Hand schrieb in der Luft leuchtende Zeichen, Phänomene, die Jacolliot damals für reine Phantasmagorie hielt und von denen später noch die Rede sein wird. Die erwähnten materiellen Phänomene ließen auch bei der strengsten Untersuchung keinerlei Betrug entdecken, hinsichtlich der psychologischen hat er nichts ganz Festes und Unveränderliches erhalten und neigt sich mit Ausschluß aller natürlichen Einwirkung zu der Ansicht, daß die Phänomene auf einer „fluidischen Gemeinschaft“ zwischen ihm und dem Operateur beruhen. Seine richterlichen Funktionen einerseits und dann die Studien über das alte Indien gestatteten ihm nicht die Fortsetzung dieser Untersuchungen, doch zeichnete er Alles auf, was sich auf die Lehre von den Pitris und den Geisterglauben bezog, ebenso was ihm über die materiellen Wirkungen des Fakirs kund wurde, in der Absicht, das über diese fremdartigen Gegenstände Gefundene später bekannt zu machen, wobei er sich jedoch bloß als Historiker verhalten wollte, da er nach seiner Aussage zu keiner wissenschaftlichen Ansicht hierüber kommen konnte.

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Jacolliot glaubt jedoch, daß in der Natur und im Menschen, der in der Welt doch nur ein Atom ist, unermeßliche Kräfte liegen, deren Gesetze man jetzt noch nicht kennt, aber sie entdecken wird, und daß die Zukunft Dinge als Wirklichkeiten erweisen wird, die man jetzt für Träumereien hält, und Phänomene sehen wird, die man jetzt nicht einmal ahnen kann. Man könnte vielleicht einwenden, die Indier hätten seit tausenden von Jahren nicht vermocht, die Gesetze jener Phänomene festzustellen und man solle seine Zeit damit nicht weiter verlieren. Aber bei den Brahmanen, die alles unter den religiösen Glauben gebeugt haben, giebt es eben wegen des Glaubens weder Erfahrung noch wissenschaftliche Prüfung, und was hat, fragt Jacolliot, das Mittelalter, das seine Grundsätze aus dem Text der Bibel holte, von Wissenschaft zu Tag befördert? Man hat in den Pagoden die Dampfkraft gekannt und durch sie Vasen zersprengen lassen, man hat auch einige Äußerungen der Elektrizität beobachtet, ist aber weder zu Eisenbahnen, noch zu Telegraphen gekommen, die freilich auch bei uns von sehr gelehrten Gesellschaften als Schwindel behauptet worden waren. Das, was er in Indien sah, bringt Jacolliot schließlich zum Ausspruch, daß im Menschen eine spezifische Kraft vorhanden sein müsse, die unter einer unbekannten, oft intellektuellen Leitung wirkt, eine Kraft, deren Gesetze durch vorurteilsfreie Männer studiert werden sollten. Und ist es am Ende nicht die gleiche Kraft, welche, durch Erziehung und Leitung entwickelt, die Tempelpriester der alten Völker in den Stand setzte, der Menge durch angebliche Wunder zu imponieren? Dann wäre manches begründet, was uns in den alten Überlieferungen geboten wird, und neben abergläubischen Vorstellungen hätten wir auch reale Wirkung einer natürlichen Kraft vor uns.

Jacolliot hatte den ganzen Abschnitt über diese Gegenstände 1866 in Pondichery geschrieben, und als er das vorliegende Buch für den Druck vorbereitete, anfänglich die Absicht, ihn ganz zu unterdrücken, weil er, der sich vorgenommen, nur einfacher Berichterstatter sein zu wollen, bemerkte, daß er doch Partei für eine nach seiner Meinung eine natürliche, in Wahrheit jedoch übernatürliche Wirkungen erzeugende Kraft genommen habe. Da bekam er durch Gefälligkeit des Dr. Pual den bekannten Artikel von Crookes über die sogen. psychische Kraft im „Quarterly Journal of Science242zu lesen, der während seines Aufenthaltes in Indien erschienen war, und geriet in Erstaunen, als er sah, daß der berühmte englische Chemiker nach seinen Versuchen die Existenz einer Kraft im Menschen förmlich behauptete, die er, Jacolliot, mehrere Jahre früher nur vermutet hatte. Dieses bestimmte ihn, das betreffende Kapitel so zu lassen, wie es ursprünglich geschrieben worden war und demgemäß auch seine hier folgenden Erfahrungen mitzuteilen.

Unter dem indischen Himmel mit seiner Glut und Farbenpracht ist die Gefahr noch größer als bei uns, aus der Sprache nüchterner und objektiver Erzählung in eine solche zu verfallen, welche Sensation zu beabsichtigen scheinen könnte. Am 3. Januar 1866 reiste Jacolliot in einem Dungui, einem landesüblichen Fahrzeug, mit kleiner Kajüte, von Tschandernagore auf dem Hugly ab und gelangte 14 Tage später nach der heiligen Stadt Benares. Zwei Eingeborene, nämlich ein Kammerdiener und ein Koch, begleiteten ihn, ein Bootsführer und sechs Ruderer aus der Fischerkaste bildeten die Bemannung des Fahrzeuges. Jacolliot schilderte mit Begeisterung die Pracht der großen Wallfahrtsstadt der Bekenner der Brahmareligion, in welcher unzählige Pilger aus dem weiten Indien kommen und gehen, mit ihren Tempeln, den Minaretstürmen der Mohammedaner, welche über die Massen der Paläste emporragen, den zahlreichen mächtigen Quadertreppen (Chabs), welche zum Ganges hinabführen, an dessen gekrümmten Ufern sich die Stadt in einer Ausdehnung von fast zwei Stunden hinzieht. Überall lange Arkaden, von Säulen gestützt, hohe Quais, Terrassen mit Balkonen und dazwischen das üppige Laubwerk der Baobabs, Tamarinden und Bananenbäume, vielfach mit vielfarbigen Blütentrauben bedeckt, Gärten voll Blumen in weiten Höfen. Mohammedanische und indische Baukunst mischen sich wundersam in der ganz unregelmäßigen Stadt, in welcher die Waren von Indien und Asien zusammenströmen, in der eine Toleranz ohnegleichen herrscht, so daß die Moslim und Brahmadiener gemeinsam ihre Waschungen im heiligen Strome verrichten. Jacolliot hatte in Tschandernagore einen Mahrattenfürsten kennen gelernt, der sich nach Benares zurückgezogen hatte und ihm nun ein Quartier in seinem prachtvollen siebenstöckigen Palast am Strome, links von der berühmten Moschee Aurengzebs, anwies.

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Es ist nicht selten, daß indische Große ihre letzten Jahre in Benares, zurückgezogen von der Welt, hinbringen, und unter den Pilgern giebt es solche, welche in kleinen Säcken die nach der Leichenverbrennung gesammelten Knochenreste der Bagahs oder reicher Personen mitbringen, welche die Reise bezahlen können, beauftragt, sie in den heiligen Strom zu werfen; denn die letzte Hoffnung des Hindu ist, an den Ufern des Ganges zu sterben, oder seine Reste dahin bringen zu lassen. Diesem Umstand verdankt Jacolliot die Bekanntschaft vielleicht des außerordentlichsten Fakirs, den er in Indien getroffen, Covindasamy mit Namen. Er kam von Trivanderam, nicht weit von Kap Comorin, der Südspitze Hindostans, mit dem Auftrage, die Leichenreste eines reichen Malabaren, aus der Kaste der Kaufleute, Commutys, nach Benares zu bringen. Der Fürst, dessen Familie aus dem Süden stammte, war gewöhnt, in den Nebengebäuden seines Palastes die Pilger von Travancor, Maisur, Tandjaor und der alten Mahrattenlande aufzunehmen und hatte Covindasamy, der schon 14 Tage da war, eine kleine Strohhütte am Ufer angewiesen, wo er während einundzwanzig Tagen zu Ehren des Toten jeden Tag morgens und abends seine Waschungen machen sollte. Nachdem sich Jacolliot von seinem guten Willen überzeugt hatte, ließ er ihn eines Tages um die Mittagsstunde, wo Alles im Palast wegen der Hitze Siesta hielt, zu sich in ein Zimmer führen, vor welchem eine Terrasse mit der Aussicht auf den Ganges sich befand, in welcher ein Springbrunnen höchst angenehme Kühlung verbreitete. Nachdem sich der Fakir mit gekreuzten Beinen auf den Boden gekauert, sprach Jacolliot zu ihm, ob er wohl eine Frage an ihn richten könne? – Ich höre, war die Antwort. – Weißt Du, fuhr Jacolliot fort, ob in Dir eine Kraft sich entwickelt, wenn Du die Phänomene hervorbringst, und hast Du nie in Deinem Gehirn oder Deinen Muskeln eine besondere Empfindung erhalten? – Es ist nicht eine natürliche Kraft, die wirkt, antwortete Covindasamy, sondern ich rufe die Seelen der Vorfahren an, und sie sind es, welche ihre Macht zeigen, deren Werkzeug ich nur bin. – Eine Menge Fakirs, welche Jacolliot über den gleichen Punkt befragt hatte, gaben fast die gleiche Antwort, und er ließ nun Covindasamy seine Wirksamkeit beginnen. Derselbe hatte schon Stellung genommen und streckte seine 244Hände in der Richtung gegen eine große, mit Wasser gefüllte Bronzevase aus. Kaum nach 5 Minuten begann die Vase an ihrem Grunde in Schwingungen zu geraten und sich ohne sichtbare Rucke unmerklich dem Zauberer zu nähern, und im Maße wie ihre Entfernung von ihm abnahm, hörte man mehr und mehr metallische Töne aus ihr, als wenn mit einem Stahlstab auf sie geschlagen würde, und diese Töne wurden in einem gegebenen Moment so zahlreich und folgten sich so rasch, als wenn ein Hagelschauer auf ein Zinkdach fiele. Jacolliot verlangte, die Operation leiten zu dürfen, was der Fakir ohne weiteres zugab, und die Vase, stets von ihm beeinflußt, rückte vor oder wieder zurück, oder blieb ruhig, und die Töne stellten ein ununterbrochenes Rollen dar, oder folgten sich langsam und regelmäßig, wie die Stundenschläge einer Uhr, je nach dem Verlangen, welches Jacolliot äußerte; auch geschah eine bestimmte Zahl von Schlägen in einer gegebenen Zeit, und es wurde das Spiel einer Musikdose, welche sich im Palast befand, für die die Hindus so große Liebhaberei hegen, und welche zuerst den Walzer aus dem Freischütz, dann den Marsch aus dem Propheten spielte, im Takt von den Schlägen begleitet. Alles geschah ohne Apparat auf einer Terrasse von einigen Quadratmetern, und die, wie angegeben, bewegte Vase, breit ausgeschweift wie eine Schale und bestimmt, das Wasser des Springbrunnens aufzunehmen, das zu den morgendlichen Waschungen diente, die in Indien ein wahres Bad sind, hatte, wenn ganz leer, ein solches Gewicht, daß kaum zwei Männer sie bewegen konnten. Der Fakir, bis dahin unbeweglich kauernd, erhob sich nun und stützte seine Fingerspitzen auf den Rand der Vase, die nach einigen Augenblicken immer schneller hin und her zu schwanken begann, ohne daß ihr Fuß, der bald die eine, bald die andere Seite auf den Stuckboden setzte, das geringste Geräusch machte. Dabei blieb, was Jacolliot am meisten in Erstaunen setzte, das Wasser in der Vase unbeweglich, als wenn ein starker Druck es hinderte, seinem durch die Bewegung des Behälters fortwährend geänderten Schwerpunkt zu folgen. Dreimal während dieser Schwankungen erhob sich die Vase ganz über den Boden, 7–8 Zoll hoch, und wenn sie auf diesen wieder zurück ging, geschah es ohne wahrnehmbaren Stoß. Die sich gegen den Horizont neigende Sonne mahnte Jacolliot, seine Exkursionen durch die 245Monumente und Ruinen des alten Kassy, des Mittelpunktes geistlicher Macht zu unternehmen, nachdem die Brahminen im Kampf mit den Rajahs ihre weltliche verloren hatten, – und den Fakir, sich im Sivatempel durch die üblichen Gebete auf die Waschungen und Trauerceremonien vorzubereiten, die er jeden Abend am Ufer des heiligen Stromes zu erfüllen hatte. Er versprach, jeden der wenigen Tage seines Bleibens in Benares noch zu kommen, denn Jacolliot hatte sein Herz gewonnen, da er, so lange Jahre im Süden Indiens lebend, das sanfte und wohlklingende Tamul sprach, was in Benares nicht verstanden wurde, der Fakir daher mit ihm sich über sein wunderbares Heimatsland voll alter Denkmäler und herrlicher Vegetation, und über die geheimnisvollen Krypten der Pagode von Trivanderam unterhalten konnte, in welchem er von den Brahminen in die Kunst der Anrufung eingeweiht worden war.

Nachdem dies auch bei der Zusammenkunft am nächsten Tage geschehen, und hierauf Covindasamy sinnend mit gekreuzten Beinen verharrt hatte, stand er plötzlich auf, näherte sich der Bronzevase, die bis zum Rand mit Wasser gefüllt war, hielt seine Hände über dieses, ohne es zu berühren, und blieb unbeweglich. Vielleicht weil seine Kraft heute schwächer war, verfloß eine Stunde ohne alle sichtbare Wirkung, bis endlich das Wasser wie unter einem leichten Luftzug sich zu runzeln begann; Jacolliot, der seine Hände auf den Rand des Gefäßes gelegt hatte, empfand einen Hauch von Frische, und ein auf das Wasser geworfenes Rosenblatt trieb gegen den Rand. Eigen war dabei, daß die kleinen Wellen sich an der dem Fakir entgegengesetzten Seite bildeten und gegen den Rand, an dem er stand, anschlugen. Nach und nach geriet die Wassermasse wie bei starker Erhitzung in eine sprudelnde Bewegung, überflutete die Hände des Zauberers und manche Wasserstrahlen schossen ein bis zwei Fuß hoch empor. Bat Jacolliot den Fakir, seine Hände vom Wasser zurückzuziehen, so ließ dessen Bewegung allmählich nach, näherte er sie wieder, so nahm sie aufs neue zu.

Der Hindu bat um ein kleines Stäbchen, und Jacolliot gab ihm einen noch nicht angeschnittenen Bleistift, den Covindasamy auf das Wasser legte und der nach einigen Minuten den Händen des Fakirs folgte, wie man eine Magnetnadel durch vorgehaltenes 246Eisen in allen Richtungen zu führen vermag. Dann legte er äußerst leise die Spitze seines Zeigefingers auf die Mitte des Bleistiftes und dieser sank nach wenig Augenblicken unter das Wasser bis auf den Grund der Vase. Jacolliot hatte schon bei manchen Fakirs Erhebungen vom Boden gesehen und bat auch Covindasamy um eine solche. Dieser ergriff ein Rohr von Eisenholz, welches Jacolliot von Ceylon gebracht hatte, stützte die rechte Hand auf den Kopf, schlug die Augen zur Erde und begann seine Evokationen zu sprechen, worauf er sich allmählich, die eine Hand auf den Kopf gestützt, mit nach orientalischer Weise gekreuzten Beinen bis etwa zwei Fuß über den Boden erhob, dabei unbeweglich bleibend in einer Stellung, ähnlich den bronzenen Buddhas, welche jetzt alle Touristen aus dem äußersten Orient mitbringen, während die meisten dieser Statuetten in den Schmelzereien von London angefertigt wurden. Jacolliot vermochte schlechterdings nicht zu begreifen, wie der Fakir über 20 Minuten lang in einer dem Gesetze der Schwere gänzlich widersprechenden Stellung verharren konnte. Als er an diesem Tage Abschied nahm, kündigte er Jacolliot an, daß in dem Augenblick, wo die heiligen Elephanten auf den kupfernen Becken in Sivas Pagode die Mitternachtsstunde schlagen würden, er die Familiengeister der Franguys (Franzosen) anrufen wolle, welche im Schlafzimmer Jacolliots dann ihre Gegenwart anzeigen würden. Um gegen alle Täuschung gesichert zu sein, schickte Jacolliot die beiden Diener auf das Dingui, um dort mit dem Cercar (Bootsführer) und seinen Leuten die Nacht zuzubringen. Der Palast des Peischwa hat Fenster nur nach dem Ganges hin und besteht aus sieben übereinander gebauten Stockwerken, deren Zimmer sich gegen bedeckte Gallerien und Terrassen öffnen. Die Stockwerke sind auf sonderbare Weise untereinander in Verbindung gesetzt; vom untersten führt nämlich eine einzige Freitreppe (Perron) in das nächste obere, und am andern äußersten Ende von diesem wieder ein Perron nach dem dritten Stockwerk und so fort bis zum sechsten, von welchem ein beweglicher Perron durch Ketten, nach Art einer Zugbrücke aufhebbar, in das siebente Stockwerk führt, welches letztere, halb orientalisch und halb europäisch möbliert, der Peischwa seinen fremden Gästen anzuweisen pflegt. Nachdem Jacolliot die Zimmer genau untersucht, die Zugbrücke aufgehoben hatte, war alle Verbindung 247nach außen abgeschnitten. Da schien es ihm um die angegebene Stunde, er höre deutlich zwei Schläge gegen die Mauer seines Zimmers, und als er gegen die Stelle zuging, einen schwachen Schlag, der aus der Glasglocke zu kommen schien, welche die Hängelampe gegen die Mücken und Nachtschmetterlinge schützte, dann noch Geräusch in den Cedernbalken der Decke, worauf alles still war. Er ging dann an das Ende der Terrasse, es war eine der Silbernächte, die man in unserem Klima nicht kennt, der Ganges breitete seinen ungeheuren Teppich zu Füßen der schlafenden Stadt aus, und auf einem der Tritte war eine dunkle Gestalt sichtbar: Der Fakir von Trivanderam, welcher für die Ruhe der Toten betete.

Jacolliot konnte sich nicht überzeugen, daß für die Hervorbringung der so oft von ihm gesehenen Phänomene die Theorie der Hindus, nach welcher die Geister der Vorfahren sie erzeugen, erwiesen sei, versichert aber wiederholt, daß niemand in Hindostan die von den Zauberern angewandten Mittel kennt; die Hindus trennen die materiellen Phänomene nicht von ihrem religiösen Glauben. Jawohl, sagte er zum Fakir, als dieser am nächsten Abend wieder erschien, die Geräusche, welche Du angezeigt hast, haben sich vernehmen lassen, der Fakir ist sehr geschickt. – Der Fakir ist nichts, antwortete Covindasamy höchst kaltblütig, er spricht die Mentrams und die Geister hören ihn. Es waren die Manen Deiner französischen Vorfahren, welche Dich besucht haben. – Du hast also Macht auch über fremde Geister? – Niemand kann den Geistern gebieten. – Ich meine, wie können die Seelen der Franguys die Bitten eines Hindu erhören, sie sind ja nicht von Deiner Kaste? – Es giebt keine Kaste in der obern Welt. – Es war diesmal so wenig als ein andermal möglich, Covindasamys Überzeugung wankend zu machen; er ergriff, ohne weiteres abzuwarten, einen kleinen Schemel von Bambus und setzte sich darauf, die Beine nach Moslimweise gekreuzt, die Arme über die Brust gelegt. Der Kammerdiener (Cansama in Hindustani, das Gleiche was Dobaschy im Tamul) hatte die Terrasse taghell erleuchtet, und so sah auch Jacolliot nach einigen Augenblicken der Willenskonzentration des ganz unbeweglichen Fakirs, den Bambusschemel geräuschlos in kleinen Rucken von etwa 10 Centimeter über den Boden gleiten und in 248etwa 10 Minuten an das Ende der sieben Meter langen Terrasse gelangen, dann sich wieder rückwärts bis zum alten Platz bewegen. Dreimal erfolgte auf Jacolliots Wunsch das gleiche; die Beine des Fakirs waren um die ganze Höhe des Schemels über dem Boden. Die Hitze war an diesem Tag außerordentlich, die kühlende Brise, jeden Abend vom Himalaya kommend, noch nicht eingetreten und der Koch bewegte zur Abkühlung nach Leibeskräften über den mittelst eines Strickes aus Kokosfasern einen enormen Pankah, eine Art beweglichen Fächer, der an einer der mittleren Eisenstangen der Terrasse aufgehängt war. Der Fakir ließ sich den Strick geben, stützte beide Hände auf die Stirne und kauerte sich unter dem Pankah nieder, der bald, ohne daß Covindasamy eine Bewegung gemacht hatte, zuerst sanft, dann immer schneller, wie von Menschenhand bewegt, zu schwingen anfing. Ließ der Zauberer den Strick fahren, so bewegte sich der Pankah langsamer und langsamer, bis er zuletzt still stand. Von drei Blumentöpfen auf der Terrasse, so schwer, daß Manneskraft zur Hebung von einem erforderlich war, wählte Covindasamy einen, legte seine Fingerspitzen auf dessen Rand und bewirkte damit ein regelmäßiges, pendelartiges Hin- und Herbewegen auf seiner Basis und zuletzt schien Jacolliot der Topf sich über den Boden zu erheben und nach dem Willen des Fakirs hin und her zu gehen, ein Phänomen, was Jacolliot auch sehr oft am hellen Tag gesehen hatte.

Derselbe hatte dem Fakir auch so gut als möglich den Lebensmagnetismus und Somnambulismus erklärt, die nach des letzteren Meinung ebenfalls durch Geisterwirkung zustande kommen; er konnte aber keine Zeit finden, hierüber Versuche anzustellen. Er hatte manchmal Gegenstände durch Zauberer fest an den Boden heften sehen, entweder, wie ein englischer Mayor meinte, indem sie durch ihr Fluidum deren spezifisches Gewicht ungemein vermehrten, oder auf unbekannte Weise. Jacolliot, willens den Versuch zu wiederholen, nahm einen kleinen Leuchterstuhl von Teakholz, den er leicht mit Daumen und Zeigefinger aufheben konnte, setzte ihn in die Mitte der Terrasse und fragte den Fakir, ob er ihn hier nicht so befestigen könne, daß er nicht anderswo hin zu bringen sei? Der Malabare, seine beiden Hände auf die obere Platte legend, blieb fast eine Viertelstunde in dieser Stellung, worauf er lächelnd sprach: 249Die Geister sind gekommen, und niemand kann diesen Gueridon ohne ihren Willen verrücken. Jacolliot versuchte dieses, aber das Möbel verrückte sich so wenig, als wenn es durch Klammern am Boden befestigt wäre, und als er seine Anstrengungen verdoppelte, blieb ihm die obere zerbrechliche Platte in den Händen. Als er mit den ein Kreuz bildenden Füßen auch nichts machen konnte, dachte er, wenn das Geräte durch die Hände des Zauberers mit einer Kraft geladen worden sei und diese nicht mehr erneuert werde, so müsse nach einiger Zeit der Gegenstand bewegt werden können. Er bat daher den Fakir, an das Ende der Terrasse zu gehen, und in der That konnte nach einigen Minuten Jacolliot das Möbel verrücken, was Covindasamy damit erklärte, daß die Geister abgegangen seien. „Aber höre, sie kehren wieder zurück.“ Mit diesen Worten legte er seine Hände auf eine der gewaltig großen silberplattierten Kupferplatten, welche die reichen Eingeborenen zu einem gewissen Spiel brauchen, und fast augenblicklich hörte man eine gewaltige Menge starker Laute, als wie von Hagel auf ein Metalldach, und Jacolliot glaubte, ungeachtet es Tag war, eine Anzahl die Platte in allen Richtungen durchkreuzender Flämmchen zu sehen. Nach dem Willen des Fakirs verschwand die Erscheinung und kehrte wieder zurück.

Auf den Gestellen dieser halb europäisch, halb orientalisch möblierten Zimmer standen eine Menge Nippsachen: kleine Windmühlen, welche Schmiedehämmer bewegten, Bleisoldaten, Tierchen in Holz mit grünen Bäumchen, ein frühes Spielzeug der Kinder, und andere Nürnberger Waren, dazwischen wieder wertvolle und künstliche Dinge, alles durcheinander. Jacolliot nahm eine kleine Mühle, die, durch Blasen in Bewegung gesetzt, diese einigen Persönchen mitteilte, und ersuchte Covindasamy, sie ohne Berührung in Bewegung zu setzen. Dies geschah durch bloßes Darüberhalten seiner Hände, und die Bewegung wurde immer schneller, je mehr er die Hände näherte. Jacolliot hing eine Harmonika an einer dünnen Schnur an einen der eisernen Griffe der Terrasse auf, so daß sie etwa zwei Fuß über dem Boden schwebte, und bat den Zauberer, Töne aus ihr zu ziehen, ohne sie zu berühren. Dieser ergriff mit Daumen und Zeigefinger beider Hände die Schnur, an welcher das Instrument schwebte, und ging dann, völlig unbeweglich 250werdend, in sich selbst ein. Bald regte sich das Instrument, das Pfeifenwerk erhielt eine Bewegung von unsichtbarer Hand und man hörte langgezogene reine Töne, doch keine Akkorde. Könntest Du nicht eine Arie erhalten? fragte Jacolliot. – Ich will den Geist eines alten Musikers der Pagoden anrufen, erwiderte dieser höchst kaltblütig. Das Instrument hatte nach Jacolliots Frage sogleich geschwiegen; nach langer Stille regte es sich, gab zuerst wie präludierend, eine Reihe von Akkorden und dann ganz entschieden eine der populärsten Arien der Malabarküste, deren Anfangsworte lauten: Bringe Kleinodien für die Jungfrau von Aruna. Der Fakir, ganz unbeweglich bleibend, hielt nur die Schnur zwischen seinen Fingern; Jacolliot, der beim Instrument niederkniete, sah die Griffe nach Bedürfnis sich auf- und niederbewegen.

Es war für Covindasamy der einundzwanzigste Tag seiner Anwesenheit in Benares gekommen, wo er 24 Stunden lang von einem Sonnenaufgang zum andern im Gebet verharren mußte, um dann nach Trivandaram zurückzukehren. Aber zuvor, sprach er zu Jacolliot, werde ich Dir noch einen Tag und eine Nacht widmen, denn Du warst gut mit mir, und ich, dessen Mund lange verschlossen war, habe in der Sprache mit Dir reden können, die meine Mutter brauchte, als sie mich in einem Bananenblatt in Schlaf wiegte. Alle Indier sprechen nie ohne Bewegung von ihrer Mutter. Als am Vorabend des langen Gebetstages Covindasamy die Terrasse verließ und in einem Gefäß vielfarbige Federn der merkwürdigsten indischen Vögel sah, ergriff er davon eine Hand voll und warf sie so hoch als möglich über seinen Kopf, und als sie herab kommen wollten, machte er mit den Händen Luftstriche unter ihnen, und sowie letzteren eine Feder nahe kam, so drehte sie sich leicht um sich selbst und stieg in Spiralen bis zum Zeltdach der Terrasse empor. Alle folgten der gleichen Richtung, aber einen Augenblick später wollten sie, der Schwere folgend, zu Boden sinken, stiegen aber, kaum auf der Hälfte des Weges angelangt, wieder auf und setzten sich an der Decke fest. Noch einmal erzitterten sie und zeigten eine schwache Neigung zum Herabsinken, aber bald blieben sie vollkommen unbeweglich hängen und gewährten durch ihre Anordnung auf dem Goldgelb der Strohmatte der Decke und ihre bunten Farben einen angenehmen Anblick. Kaum aber war 251der Fakir abgegangen, so fielen sie träg zu Boden, wo sie Jacolliot längere Zeit liegen ließ, um sich zu überzeugen, daß er beim Anblick dieser unbegreiflichen Phänomene nicht das Opfer einer Hallucination geworden sei.

Der Fakir weihte nach Beendigung seiner Mission Jacolliot noch einen Tag für zwei Sitzungen, eine zur Tages-, die andere zur Nachtzeit, jedoch bei voller Beleuchtung, und hatte Jacolliot versprochen, alle Geister, welche ihm beistehen, anzurufen, damit Jacolliot Dinge sehe, die ihm stets unvergeßlich bleiben würden. Covindasamy brachte zur Tagsitzung ein Säckchen sehr feinen Sandes mit, den er auf den Boden leerte und mit der Hand zu einer gleichförmigen Fläche von etwa 50 Quadratcentimeter ausbreitete. Dann ließ er an einem Tisch gegenüber mit Papier und Bleistift Jacolliot Platz nehmen, verlangte ein Stückchen Holz, worauf ihm Jacolliot einen Federhalter reichte, den er vorsichtig auf die Sandfläche legte. Ich rufe, sprach Covindasamy, nun die Geister an; sobald Du den mir gegebenen Gegenstand sich vertikal erheben siehst, so aber, daß sein eines Ende mit dem Sand in Verbindung bleibt, kannst Du auf das Papier beliebige Zeichen machen, und Du wirst sie auf dem Sande nachgebildet sehen. Er streckte dann seine beiden Hände wagerecht vor und murmelte seine geheimen Anrufungen, worauf in kürzester Zeit der Federhalter sich allmählich erhob und zu gleicher Zeit, wo Jacolliot auf sein Papier die bizarrsten Figuren zeichnete, dieselben getreu auf dem Sande kopierte. Hielt Jacolliot an, so stand auch der Federhalter still, und fuhr seinerseits fort, wenn Jacolliot wieder begann; der Fakir, der keine Verbindung mit ihm hatte, blieb vollkommen ruhig. Jacolliot, um zu veranlassen, daß der Fakir nicht einmal die Bewegungen sehen könne, die er mit seinem Bleistift mache, nahm hierauf eine Stellung an, wo dieses unmöglich war, untersuchte hierauf die Zeichnungen auf dem Papier und dem Sande und fand sie ganz identisch. Der Fakir, nachdem er den Sand wieder geglättet hatte, forderte Jacolliot auf, sich ein Wort in der Göttersprache, dem Sanskrit, zu denken und auf dessen Frage, warum gerade in dieser? bemerkte er, daß die Geister sich leichter dieser unsterblichen, den Unreinen verbotenen Sprache bedienen; Jacolliot, der mit Covindasamy über dessen religiöse Anschauungen diskutierte, dachte sich hierauf ein 252Sanskritwort; der Hindu regte sich, erhob sich, und schrieb alsbald: Purucha (der himmlische Erzeuger), das Wort, was Jacolliot gedacht hatte. Und auch eine ganze Phrase: „Adicêtê Vaicuntam Haris (Vischnu schläft auf dem Berge Veikunta)“, die Jacolliot zu denken aufgefordert worden war, wurde geschrieben. Könnte mir wohl der Geist, der Dich inspiriert, fragte Jacolliot, die 243. Sloca des vierten Buches von Manu geben? Er hatte kaum diesen Wunsch ausgesprochen, so setzte sich der Federhalter in Bewegung und schrieb Buchstaben für Buchstaben jener Strophe: „Darmaprâ dánam purucham tapasâ hatakilvisam paralôkam nayati âcou bâsuantam kaçarininan (der Mensch, dessen sämmtliche Handlungen auf Tugend zielen, dessen Sünden durch fromme Akte und Opfer versöhnt werden, gelangt zum himmlischen Aufenthalt, lichtstrahlend und von einem geistigen Leibe bekleidet).“ Jacolliot legte die Hand auf ein kleines geschlossenes Buch, das im Auszug einige Hymnen des Rigveda enthielt und fragte, welches das erste Wort der fünften Zeile der einundzwanzigsten Seite sei? Der Federhalter schrieb „Devadatta (von Gott gegeben)“, und es war so. Willst Du eine Frage in Gedanken stellen, fragte Covindasamy, und Jacolliot nickte einwilligend mit dem Kopfe. Der Stift schrieb auf den Sand: „Vasundara (die Erde).“ Jacolliot hatte in Gedanken gefragt: Was ist unsere gemeinschaftliche Mutter?

Es war 10 Uhr morgens geworden, Licht und Hitze bereits sehr groß, der Spiegel des Ganges warf einen blendenden Glanz. Jacolliot ging mit dem Zauberer an das Ende der Terrasse und sie sahen im Garten einen Koch, der Wasser aus einem Brunnen schöpfte und es in eine Bambusleitung goß, die in einen Badesaal ausmündete. Covindasamy streckte seine Hände in der Richtung des Brunnens aus, und alsbald wollte das Seil des Eimers nicht mehr in der Rolle laufen, trotz des Zornes des Kochs. Wie alle Hindus Widerwärtigkeiten den bösen Geistern zuschreiben und diese dann durch magische Gesänge zu vertreiben suchen, so auch dieser Koch. Kaum hatte er jedoch einige Worte in dem scharfen näselnden Tone hervorgebracht, der uns den orientalischen Gesang so unangenehm macht, so blieben ihm die Worte in der Kehle stecken, und er konnte trotz aller Grimmassen kein einziges mehr sprechen. Nach einigen Minuten ließ der Fakir seine Hände sinken, und der 253Koch erhielt seine Stimme wieder und den Gebrauch seines Seiles. Jacolliot klagte über die Hitze, der Fakir schien ihn nicht zu hören, so tief war er in sich selbst gekehrt. Da sah der erstere einen Fächer von Palmblättern von einem Tisch, auf dem er lag, sich erheben und die Luft um sein Gesicht fächeln, und glaubte harmonische Töne einer Menschenstimme zu hören. Als der Fakir, Abschied nehmend, die Hände über die Brust gekreuzt, im Ausschnitt der Pforte stand, welche von der Terrasse auf den Perron führte, erhob er sich ohne alle Stütze 25–30 Centimeter in die Luft, was Jacolliot dieses Mal genau messen konnte; indem hinter ihm sich ein seidener Vorhang befand, der als Thüre diente und weiße und Goldstreifen hatte; die Füße des Fakirs waren beim nächsten Streifen. Das Erheben, Schweben in der Luft und Wiederherabkommen währte etwas über 8 Minuten, das Beharren im Maximum der Erhebung etwa 5 Minuten. Auf die Frage, ob er dieses Phänomen willkürlich hervorbringen könne, antwortete er mit orientalischer Emphase: „Der Fakir könnte sich bis in die Wolken erheben.“ Obschon er sich schon oft nur als ein Werkzeug der Geister erklärt hatte, enthielt sich Jacolliot doch wieder nicht der Frage, wie er diese Macht der Erhebung erlange? worauf Covindasamy mit einer Sentenz antwortete: Man muß durch Gebete und Betrachtung mit den Pitris in beständiger Verbindung bleiben, dann steigt ein hoher Geist vom Himmel herab.

Jacolliot sah schon öfter die Leistungen der Fakire, einen Einfluß auf das Pflanzenwachstum in der Weise üben, daß dadurch, wie sie behaupten, in wenigen Stunden Resultate erreicht werden, die sonst Monate, selbst Jahre erfordern, wie ähnliches der Missionär Juc auch aus Tibet berichtet. Jacolliot hatte dieses jeder Zeit als ein sehr künstliches Taschenspielerstückchen betrachtet, demselben daher keine nähere Beachtung geschenkt, jetzt wollte er es auch von Covindasamy sehen, dessen Fähigkeiten wirklich wunderbar waren, und alle Aufmerksamkeit darauf wenden. Als der Fakir nachmittags 3 Uhr erschien, glaubte er ihn mit diesem Ansinnen zu überraschen, aber Covindasamy sagte in seiner gewöhnlichen einfachen Weise: Ich stehe zu deinem Befehl. – Wirst Du mich auch die Erde, das Gefäß und den Samen wählen lassen, den Du vor mir treiben lassen willst? – Das Gefäß und den Samen ja! 254Die Erde hingegen muß aus einem Nest der Carias (Termiten) genommen sein. – Der Kammerdiener wurde beauftragt, eine Blumenvase voll Erde und verschiedene Samen zu bringen, und der Fakir bat ihn noch, die Erde zwischen zwei Steinen zu zermalmen, denn sie ist durch den mörtelartigen Speichel der Insekten fast so fest wie Mauerstücke. In weniger als einer Viertelstunde waren die Sachen zur Hand, und Jacolliot schickte den Cansama fort, weil er nicht wollte, daß er mit dem Fakir etwa Gemeinschaft habe. Er gab nun letzterem die Erde, die derselbe mit etwas Wasser anrührte, dabei seine Mentrams murmelnd. Dann verlangte er die Samen und einige Ellen irgend eines weißen Stoffes. Jacolliot ergriff auf geradewohl einen Kern des Melonenbaumes und fragte ihn, ob er ihn zeichnen dürfe? Auf die bejahende Antwort schnitt Jacolliot die äußere Haut dieses, mit Ausnahme der Farbe, einem Kürbiskern ähnlichen, nur ganz dunkelbraunen Kernes leicht ein und übergab ihn nebst einigen Ellen Moskitotuch dem Fakir. – Ich werde bald den Schlaf der Geister schlafen, sagte dieser, schwöre mir, weder mich noch die Vase zu berühren. Nachdem Jacolliot dieses gelobt, pflanzte er den Samenkern in die nun einem flüssigen Schlamm ähnliche Erde, stieß dann sein Stäbchen mit sieben Knoten, dem Attribut des Eingeweihten, ohne das er nie ging, in einen Winkel der Vase und breitete über ihn das Mousselinstück aus. Dann kauerte er sich nieder, streckte beide Hände horizontal über den Apparat und verfiel in vollkommene Katalepsie. Als nach einer halben Stunde, immer die Arme horizontal ausgestreckt, was kein Wacher thun könnte, und selbst nach einer Stunde nicht die geringste Muskelzuckung eintrat und der fast nackte durch die Hitze gebräunte und glänzende Körper einer Bronzestatue glich, wobei die Augen offen und starr waren, konnte Jacolliot, der sich der Beobachtung halber ihm gegenübergesetzt hatte, den Blick dieser halberloschenen Augen nicht mehr ertragen; es schien ihm die ganze Umgebung – der Fakir mit – vor den Augen zu tanzen, ohne Zweifel infolge der zu gespannten Aufmerksamkeit, und er mußte sich an das Ende der Terrasse setzen, wo er abwechselnd auf den Strom und Covindasamy blickte. Endlich nach zwei Stunden machte ein leichter Seufzer ihn erzittern, der Fakir war wieder zum Bewußtsein gekommen, gab ihm ein Zeichen sich 255zu nähern, hob das Mousselintuch weg und zeigte ihm ein frisches junges Stämmchen des Melonenbaumes von etwa 20 Centimeter Höhe. Jacolliots Gedanken erratend, griff er in die Erde, zog vorsichtig die junge Pflanze heraus und zeigte an dem Häutchen, das noch an den Wurzeln hing, den vor zwei Stunden gemachten Einschnitt. Jacolliot bemerkt, der Fakir habe vor seinem Kommen nicht gewußt, was von ihm verlangt würde; er konnte nichts unter Kleidern verbergen, da er fast nackt war, er konnte auch nicht wissen, daß Jacolliot, der ihn während der ganzen Zeit nicht aus den Augen gelassen hatte, gerade einen Samenkern des Melonenbaumes wählen werde. Es sei dies einer von den Fällen, wo die Sinne keinerlei Betrug zu entdecken vermochten, die Vernunft sich aber doch nicht gefangen geben wolle. Nachdem der Fakir sich einige Augenblicke an seinem Staunen geweidet, sagte er nicht ohne Stolz: „Hätte ich die Anrufungen fortgesetzt, so würde der Melonenbaum in 8 Tagen Blüten und in 14 Früchte gehabt haben.“ – An die Erzählung von Huc und an gewisse Phänomene denkend, die Jacolliot selbst in Carnatic gesehen, sprach er, es gäbe Zauberer, die das Gleiche in zwei Stunden hervorbringen könnten. – „Du irrst, erwiderte Covindasamy, das, wovon Du sprichst, war die Herbeibringung fruchtbarer Bäume durch die Geister; was ich Dir zeigte ist Wachsthum; nie hat das von den Pitris gerichtete reine Fluidum in einem einzigen Tage Keimung, Blüte und Frucht erzeugen können.“ – Jacolliot macht darauf aufmerksam, daß unter dem Himmel Indiens, wenn man den Samen vieler Küchenkräuter um die Morgenröte in feuchtes, der Sonne gut ausgesetztes Erdreich säet, die Pflänzchen schon um Mittag aus der Erde hervorkommen und um 6 Uhr abends fast einen Centimeter hoch sind, daß aber freilich ein Same des Melonenbaumes 14 Tage zur Keimung braucht.

Um zehn Uhr abends an diesem Tage trat Covindasamy wie gewöhnlich schweigend in das Zimmer von Jacolliot, nachdem er auf einer der Stufen der Treppe das Languty abgelegt hatte, jenes kleine Zeugstück, und gewöhnlich seine einzige Bekleidung, und er war nun ganz nackt, sein Bambusstäbchen mit den sieben Knoten an einer seiner langen Haarflechten befestigt. – Nichts Unreines, sagte er, darf den Körper des Anrufenden berühren, wenn er seine 256Fähigkeit, mit den Geistern in Verbindung zu treten, in ihrer ganzen Stärke erhalten will. – Jacolliot kam hierbei der Gedanke, ob nicht die von den Griechen am Indus getroffenen Gymnosophisten eben solche Eingeweihte wie Covindasamy waren. Es wurde an diesem Abend auf der Terrasse und im Schlafzimmer von Jacolliot experimentiert, beide, nur unter sich zusammenhängend, waren nach außen vollständig abgeschlossen, in jeder der beiden Lokalitäten brannte eine Hängelampe mit Kokosöl, in ein Krystallglas eingeschlossen. In allen indischen Häusern findet man kleine kupferne Kohlenbecken, beständig mit glühenden Kohlen gefüllt, um darauf von Zeit zu Zeit einige Prisen eines wohlriechenden Pulvers von Sandelholz, Iriswurzel und Myrte zu verbrennen. Der Fakir stellte ein solches Becken auf die Mitte der Terrasse und daneben eine kupferne Platte mit jenem wohlriechenden Pulver, dann kauerte er sich in gewohnter Stellung mit gekreuzten Armen auf den Boden, begann hierauf eine lange Inkantation in einer unbekannten Sprache, rezitierte seine Mentrams und blieb dann unbeweglich, die linke Hand auf dem Herzen, die rechte auf sein Stäbchen gestützt; von Zeit zu Zeit brachte er die Hand an die Stirne, wie um durch Striche sein Gehirn frei zu machen. Auf einmal mußte Jacolliot erzittern, denn eine schwachleuchtende Wolke bildete sich in seinem Schlafzimmer, aus der nach allen Seiten hin rasch Hände hervorkamen und wiederum in sie zurückgingen; nach einigen Minuten verloren mehrere dieser Hände ihr dunstiges Ansehen und glichen, sich gewissermaßen materialisierend, menschlichen Händen, während die andern leuchtender wurden; erstere waren undurchsichtig und warfen Schatten, die andern so durchsichtig, daß man Gegenstände hindurchsehen konnte; Jacolliot zählte im Ganzen sechzehn. Kaum hatte Jacolliot den Fakir gefragt, ob es nicht möglich wäre, diese Hände zu berühren, so löste sich eine von der Gruppe ab, kam gegen ihn geschwebt und drückte seine dargebotene Hand. Sie war klein, geschmeidig und feucht wie die Hand einer jungen Frau. – „Der Geist ist da, obwohl nur eine seiner Hände sichtbar ist, sprach Covindasamy. Du kannst mit ihm reden, wenn Du es wünschest.“ – Jacolliot fragte lächelnd, ob der Geist, dem diese kleine Hand gehöre, ihm nicht ein Andenken geben wolle? und fühlte darauf jene Hand in der seinen vergehen und sie gegen ein Blumenbouquet 257schweben, eine Rosenknospe abbrechen, welche sie zu seinen Füßen warf, worauf sie verschwand. Während zwei Stunden kamen Dinge vor, ganz geeignet, die Besinnung zu verwirren; bald streifte eine Hand Jacolliots Gesicht oder fächelte ihm mit einem Fächer, bald verbreitete eine andere im Zimmer einen Blumenregen oder zeichnete in der Luft feurige Buchstaben, welche verschwanden, nachdem der letzte erschienen war, wobei wahrhafte Blitzstrahlen durch das Zimmer und die Terrasse fuhren. Zwei der Sanskritsprüche, die Jacolliot rasch mit dem Bleistift aufzeichnete, lauteten: Divyavapur gatwâ (Ich habe einen fluidischen Körper angenommen) und unmittelbar darauf schrieb die Hand: Atmâram crêyasa yoxyatas Dchasya'sya vimô canat (Du wirst das Glück erlangen, wenn du dich von diesem vergänglichen Körper losmachst). Nach und nach verschwanden die Hände, die Wolke hatte in dem Maße abgenommen, als die Hände sich zu materialisieren schienen; an der Stelle, wo die letzte Hand verdunstet war, fand man einen Kranz von jenen stark duftenden Immortellen, welche die Hindus bei allen ihren Ceremonien verwenden.

Einen Augenblick nach dem Verschwinden der Hände, während der Fakir seine Anrufungen eifrig fortsetzte, bildete sich eine dunklere und dichtere Wolke neben dem kleinen Kohlenbecken, das Jacolliot nach dem Wunsch des Hindu stets mit Glut gefüllt erhalten hatte, und allmählich nahm diese Wolke menschliche Form an und erschien als der Schemen eines alten opfernden Brahminen, der neben dem Becken kniete. Er hatte auf der Stirne die dem Wischnu heiligen Zeichen, seine Hände hielt er vereinigt wie beim Opfern über den Kopf, und seine Lippen bewegten sich wie betend. In einem gegebenen Augenblick nahm er eine starke Prise des wohlriechenden Pulvers und warf sie auf die Glut, worauf alsbald ein dichter Rauch alle Räume erfüllte, nach dessen Verschwinden Jacolliot den Schemen zwei Schritte vor sich sah, der ihm seine fleischlose Hand reichte, die Jacolliot grüßend in die seine faßte und – obwohl knöchern und hart – doch warm und lebend fand. „Bist du wohl, fragte er laut, ein früherer Bewohner der Erde?“ Und kaum hatte er diese Frage beendet, als auf der Brust des Schemens glänzend wie Phosphorlicht das Wort Am (Ja) erschien und sogleich wieder verschwand. Und als Jacolliot weiter fragte: „Willst 258du mir kein Zeichen deines Vorübergangs hinterlassen?“ zerriß der Geist seinen aus drei Baumwollenschnüren gemachten Gürtel, gab ihm denselben und verschwand zu seinen Füßen.

Jacolliot glaubte die Sitzung beendet, aber der Fakir dachte noch immer nicht daran, seine Stellung zu verändern. Da hörte ersterer plötzlich eine bizarre Melodie, ausgeführt auf einem Instrument, das ihm die zwei Tage vorher gebrauchte Ziehharmonika zu sein schien, welche jedoch der Peischwa des Abends vorher hatte abholen lassen, und die sich nicht mehr in den Zimmern von Jacolliot befand. Die anfangs fernen Töne erklangen bald wie aus näheren Räumen und zuletzt wie im Schlafzimmer, als Jacolliot längs den Mauern hingleitend das Phantom eines Pagodenmusikers erblickte, welcher, die Harmonika spielend, auf ihr jene einförmigen und klagenden Töne hervorbrachte, wie sie der religiösen Musik der Hindus eigen sind.

Als das Phantom durch das Zimmer und die Terrasse passiert war, verschwand es, und an der Stelle seines Verschwindens lag das von ihm gebrauchte Instrument, in der That die Ziehharmonika des Rajah, und doch waren alle Thüren wohl verschlossen. Covindasamy stand nun auf, in Schweiß reich gebadet, auf das äußerste erschöpft, und doch sollte er in wenig Stunden seine Reise antreten. – „Dank Dir, Malabare, sprach Jacolliot, ihn so mit dem Namen seiner geliebten Heimat anredend –, und möge der, welcher die drei geheimnisvollen Gewalten vereinigt, (die brahmanische Dreifaltigkeit), Deine Reise nach den lieblichen Ländern des Südens beschützen, und mögest Du erfahren, daß während Deiner Abwesenheit Freude und Glück in Deiner Hütte gewohnt haben.“ – Der Fakir antwortete in noch mehr emphatischem Tone, und nachdem er das dargereichte Geschenk empfangen, ohne es anzusehen, selbst ohne dafür zu danken, sprach er melancholisch seinen letzten Salam (Gruß) und verschwand geräuschlos. Als Jacolliot in der ersten Morgenröte von der Terrasse auf den Strom blickte, sah er auf demselben einen schwarzen Punkt und mittelst des Nachtfernrohrs, daß es der Fakir war, der den Fährmann geweckt hatte und nun den Ganges kreuzte, um den Weg nach Trivanderam einzuschlagen und das blaue Meer, die Kokospalmen und seine Hütte wiederzusehen, von der er so oft gesprochen. Nach einigen Stunden Schlafs 259im Hamak erwachend, schien ihm die vergangene Nacht Traum und Hallucination zu sein, aber die Harmonika war da, die geworfenen Blumen bedeckten alle noch die Terrasse, der Immortellenkranz lag noch auf einem Divan, und die Worte, die er in Feuerschrift gesehen, standen in seiner Schreibtafel aufgezeichnet, einen Betrug konnte Jacolliot ebensowenig entdecken als Abbé Huc in Tibet bei den dort gesehenen Produktionen.

Etwa vier Jahre später reiste Jacolliot über Madras, Bellary und Bedjapur nach der Provinz Aurungabad, um den unterirdischen Tempel von Karli zu besuchen, welche berühmten Krypten wie Ellora, Elephantea, Rosach &c. in einem Hügelkranz des Mahrattenlandes liegen, der – mit Forts versehen – Jahrhunderte lang das Eindringen der Moslims gehindert hat. Der Eingang in die in Felsen gehauenen Krypten von Karli befindet sich etwa 300 Fuß über der Basis des Hügels, und man gelangt dahin auf einem Wege, der eher dem Bett eines Bergstroms als einer Straße gleicht und auf eine Terrasse führt, die einen würdigen Vorplatz des prachtvollen Innern bildet. Auf der linken Seite des Porticus steht eine mit unentzifferbaren Charakteren bedeckte massive Säule, die auf ihrem Kapitäl drei noch kaum erkennbare Löwen trägt; auf die Schwelle tretend, hat man einen ungeheuren Vorsaal vor sich, der in seiner ganzen Länge von etwa 600 Schritt mit Arabesken und Skulpturen bedeckt ist; an jeder Seite des Eingangs stehen drei riesige Elephanten mit ihren Cornacs auf Hals und Rücken; das Gewölbe ist durch zwei Reihen von Pfeilern gestützt mit einem Elephanten über jedem, der auf seinem Rücken eine männliche und eine weibliche Gestalt trägt, wie gebeugt unter der ungeheuern auf ihnen ruhenden Last. Dieses imposante dunkle Innere ist nun eine berühmte Wallfahrtsstätte für die Fakirs aus ganz Indien, und manche schlagen ihre Wohnung in der Nähe des Tempels auf, kasteien ihren Leib und leben allein noch der Betrachtung. Tag und Nacht vor flammenden Feuern hingekauert, welche die Gläubigen unterhalten, eine Binde über den Mund, um nicht das geringste Unreine einzuatmen, nichts genießend als einige Körner gerösteten Reis mit Wasser befeuchtet, das durch ein Tuch geseiht wird, magern sie nach und nach zu Skeletten ab, die Geisteskräfte sinken rasch, und ehe ihre letzte Stunde schlägt, haben sie schon eine lange 260Zeit physischer und intellektueller Schwäche durchlebt, die kein Leben mehr ist. Alle Fakirs, welche in der obern Welt die höchsten Transformationen erlangen wollen, müssen ihren Leib diesen schrecklichen Kasteiungen unterwerfen. Man zeigte Jacolliot einen, erst vor wenigen Monaten vom Kap Comorin angekommenen, der, zwischen zwei Glutpfannen liegend, fast schon ganz gefühllos geworden war. Wie erstaunte Jacolliot, als eine breite Narbe auf dem Schädel ihn den Fakir von Trivanderam erkennen ließ, und er fragte ihn in seiner geliebten Sprache des Südens, ob er sich nicht an den Franguy von Benares erinnere. Einen Augenblick schien ein Blitz durch seine fast verloschenen Augen zu zucken, und er murmelte die zwei Sanskritworte, welche in jener Sitzung in feurigen Buchstaben erschienen waren: „Divyavapur gatwâ. Ich habe einen fluidischen Körper angenommen.“ Es war von ihm, den sie nur „Karli Sava, den Leichnam, das Phantom von Karli“ nannten, kein weiteres Zeichen von Aufmerksamkeit zu erlangen. So enden, sagt Jacolliot, in Siechtum und Geistesschwäche die indischen Medien. –

Es ist denkbar, selbst wahrscheinlich, daß Jacolliot manches mit zu lebhaften Farben geschildert hat, und daß eine Gruppierung der Phänomene stattgefunden hat, um die Überzeugung herbeizuführen, daß namentlich vielleicht die Steigerung derselben ein teilweises Produkt späterer Anordnung sei, die Folge nicht gerade in der angegebenen Weise stattgefunden habe. Prüft man aber die einzelnen Fälle für sich, so stimmen sie nach Wegrechnung des Volkscharakters, der natürlichen Umgebungen, des Bodens, auf dem sie spielen, dem Wesen nach mit den übrigen mystischen Erscheinungen der verschiedensten Zeiten und Völker überein und sind nicht mehr und nicht weniger wunderbar als diese, namentlich auch die spiritistischen Phänomene. Diese Übereinstimmung in der innern wesentlichen Beschaffenheit läßt demnach die Angaben Jacolliots so glaubwürdig erscheinen, wie die meisten andern, und wir befinden uns auch ihnen gegenüber in der gleichen Kontroverse einer Hervorbringung durch magische Kräfte lebender Menschen oder in der Regel unsichtbare Wesen, sogenannte Geister, welche die Lebenden, speziell die, welche man Medien nennt, als Organe ihrer Kundgebung brauchen. Man sieht aus den hier mitgeteilten Angaben, 261daß die Indier seit uralter Zeit sich für die letztere Meinung entschieden haben und ihre Pitris, die Geister der Vorfahren, für die hierbei Wirkenden ansehen. Haben sie recht, so muß man schließen, daß bei diesen Kräfte frei werden, die nicht an die sogenannten Naturgesetze gebunden sind, daß sie aber zur Bestätigung derselben in sehr vielen Fällen mit Lebenden in Verbindung treten, nicht sowohl als wenn sie dieselben zur Hervorbringung der Phänomene nötig hätten, als vielmehr durch diese ihr eigenes Dasein zu erweisen und wenigstens teilweise ihre Fähigkeiten dem Verständnis der Lebenden näher zu bringen. – Was aber die Fakirs, Sanyassis, Nirvanys &c. betrifft, so ist kaum daran zu zweifeln, daß manche nicht dazu gelangen werden, das magische Vermögen in sich zu entwickeln, und dadurch der Versuchung verfallen, dasselbe zu simulieren, durch seinen Schein zu täuschen, daß sie von Magiern zu Taschenspielern herabsinken. Dieses würde, wie beim ägyptischen, Zend- und anderem Kultus geschehen ist, in dem Maße zunehmen, als der Brahmanismus seinem Verfall entgegen ginge, wovon jedoch bis jetzt nicht viel zu bemerken ist. Lachten doch schon in der spätern Zeit der Republik römische Auguren, wenn sie sich begegneten, und als die Römer nach Ägypten kamen, waren die Priester nur noch imstande, als Führer zu den alten Herrlichkeiten zu dienen.

Die Erfahrung aller Zeiten hat gelehrt, daß die Übung dieser Dinge für die Lebenden mit Gefahr verbunden ist, und daß sie auf Kosten ihrer Bestimmung für die gegenwärtige Form des Daseins vollzogen wird. Bekannt ist, wie gefährlich z. B. jene das visionäre Vermögen erweckenden Räucherungen sind, von denen schon Benvenuto Cellini erzählt, vor welchen Horst und Eckartshausen warnen und deren Wirkung auch Jacolliot erfahren hat. Um wie viel bedenklicher werden aber jene fortgesetzten asketischen Übungen sein, die in manchen Fällen zur Stigmatisation, in andern sonst zum Hinsiechen des Organismus führen. Wenn ein Trost für solche Hingebung zu finden ist, so wird er darin bestehen, daß durch sie Aufschlüsse über das innerste Wesen der menschlichen Natur erlangt worden sind, die auf anderem Wege nicht zu erhalten waren, und wenn jene Meinung richtig ist, welche die Wirkung oder doch Mitwirkung der nicht mehr im irdischen Leben Wandelnden behauptet, so wäre damit ein empirischer Beweis für die persönliche Fortdauer 262geleistet, ungleich wertvoller als alle Spekulation darüber. Und so hätten die Mystiker aller Zeiten, indem sie irdische Bestimmung wenigstens teilweise verfehlten, sehr oft auch das, was man irdisches Glück nennt, einbüßten, doch nicht umsonst gelebt und entbehrt, sondern der Menschheit einen sehr großen Dienst indirekt erwiesen. Dieses und nicht die vermeinte Gottgefälligkeit der sich jenen abnormen Zuständen Hingebenden oder von ihnen Überwältigten, scheint mir der Gesichtspunkt zu sein, von welchem aus sie zu würdigen sind.

Eine spezielle göttliche Einwirkung muß man wohl bei ihnen allen ausschließen; es erfolgen diese Vorgänge bei einer Gesetzmäßigkeit, wie sie durch die Weltvernunft für alle Gebiete des Seins festgestellt, aber für das in Frage stehende uns noch ganz verschleiert ist. Diese Dinge sind sehr wunderbar, aber kein Wunder im populären Sinn des Worts, wofür sie freilich der fromme Glauben aller Zeiten zu halten geneigt ist. Mit denjenigen aber ist nicht zu rechten, welche bei ihrer gänzlichen Unkenntnis dieses Gebietes mit dem Schlagwort „Betrug“ die Thatsachen vernichten zu können glauben, welche aus Naturgesetzen, die hier nicht gelten, die Unmöglichkeit mystischer Erscheinungen erweisen wollen und den Beifall einer urteilslosen Menge der ernsten und unbefangenen Forschung vorziehen.

So weit Perty. Ich habe seinen Worten nichts hinzuzufügen.

263

Viertes Buch.
Der Occultismus der Ägypter.

265

Erstes Kapitel.
Der ägyptische Occultismus als Priesterwissenschaft.

Mehr als in jedem Land des Altertums – Akkad vielleicht ausgenommen – wurde der Occultismus und zwar zumeist in den Zweigen des Somnambulismus und Heilmagnetismus – in Ägypten von den Priestern ausgeübt, deren ganze Lebensweise und Disziplin an die Brahmanen gemahnt. Schon Jamblichus sagt[275]:

„Die Priester verlegen sich nur auf die Erkenntniß Gottes, ihrer selbst und der Wahrheit. Sie beachten nicht einen eitlen Ruhm bei ihren heiligen Handlungen und geben der Phantasie keinen Platz.“

Bekanntlich waren sie gleich den Brahmanen die herrschende Kaste und ihr Rang dem des oft von ihnen beherrschten und ihrer Kaste angehörigen Königs gleichgestellt. Wie die Brahmanen führten sie die strengste Lebensweise und abermals wie diesen waren auch ihnen wiederholte tägliche Waschungen vorgeschrieben. Ihre Kleidung bestand aus Baumwolle und Leinwand, und ihre Sandalen waren aus Papyrus gefertigt. Ihre Diät war zumeist die vegetarische, jedoch genossen sie auch zuweilen Fleisch, welches jedoch vorher von besonders dazu angestellten Beamten besichtigt werden mußte, die dasselbe, wenn sie es für rein und gesund erkannten, mit einem Stempel bezeichneten. Schweinefleisch genossen sie nur zur Zeit des Vollmonds, und Fische – ganz besonders aber Seefische – waren ihnen ebenfalls verboten. Von Pflanzenkost 266waren ihnen die Hülsenfrüchte und Zwiebeln verboten, und zwar – wie Plutarch meint – erstere, weil sie zu stark nähren und Blähungen erzeugen, letztere wegen ihrer stimulierenden Wirkung und weil sie zum Durst reizen. Wein durften sie nach einigen alten Schriftstellern nicht trinken, nach anderen war es jedoch gestattet. Sprengel sucht diesen Widerspruch dergestalt zu erklären[276], daß er annimmt, der Wein sei erst zu Psammetichs Zeiten in Ägypten eingeführt worden und auch dann noch ein Privilegium der höheren Stände gewesen.

Die ägyptischen Priester waren bekanntlich in verschiedene Grade und Klassen geteilt, von denen einige – wie die Fakire – magisch-mediumistische Künste ausübten, andere die Astrologie pflegten, wieder andere magisch-magnetische Heilkunst trieben und Somnambulismus hervorriefen. Sie teilten ihre geheimen Künste keinem nicht zur Kaste gehörenden mit, und lange war es Ausländern unmöglich, in dieselbe aufgenommen zu werden.

Die ersten Fremden, welche der Tradition zufolge in die Tempelgeheimnisse eingeweiht wurden, waren Orpheus, Thales und Pythagoras.

Von letzterem erzählt Porphyrius[277]:

„Pythagoras bat vor seiner Reise nach Ägypten den Polykrates, König von Samos, um ein Empfehlungsschreiben an den ägyptischen König Amasis, damit man ihn dort in die geheimen Lehren der Priester einweihe. Der König gab es ihm, allein die Helipoliten, an die er sich zuerst wendete, schickten ihn nach Memphis, gleichsam zu den Höheren und Älteren. Zu Memphis wurde er unter demselben Vorwand zu den Diospoliten oder Thebanern entlassen. Da diese aus Furcht vor dem König nichts mehr vorzuschützen wußten, kamen sie überein, ihn durch übermäßiges Arbeiten und Druck von seinem Vorhaben abzuwenden. Da aber Pythagoras auf das Pünktlichste Alles erfüllte, so wunderten sie sich darüber so sehr, daß sie ihn einweihten und ihren Geheimnissen beiwohnen ließen, was sonst keinem Fremden gelang.“

Wie allbekannt, spricht die Bibel von ägyptischen Magiern, 267Traumdeutern, und die Hofzauberer Pharaos kennt jedes Kind. Auch Homer deutet Ähnliches an, wenn er singt[278]:

„Aber ein Neues ersann die liebliche Tochter Kronions:
Siehe, sie warf in den Wein, wovon sie tranken, ein Mittel
Gegen Kummer und Groll und aller Leiden Gedächtniß.
Kostet einer des Weins, mit dieser Würze gemischet,
Dann benetzt den Tag ihm keine Thräne die Wangen,
Wär ihm auch sein Vater und seine Mutter gestorben,
Würde vor ihm sein Vater und sein geliebtester Sohn auch
Mit dem Schwerte getödtet, daß seine Augen es sähen.
Siehe, so heilsam war die künstlich bereitete Würze,
Welche Helenen einst die Gemahlin Thons, Polydamna,
In Aegyptos geschenkt. Dort bringt die fruchtbare Erde
Mancherlei Säfte hervor zu gut und schädlicher Mischung;
Dort ist jeder ein Arzt und übertrifft an Erfahrung
Alle Menschen, denn wahrlich, sie sind vom Geschlechte Paons.“

Die Heilgottheiten der Ägypter waren Isis, Horus, Serapis, Osiris, Apis und Phtha.

Bezüglich der Isis sagt Diodorus Siculus[279]:

„Die Aegypter versichern, daß Isis ihnen in der Arzneikunst große Dienste geleistet habe durch heilsame Mittel, die sie entdeckte; daß sie jetzt, wo sie unsterblich geworden, an dem Gottesdienst der Menschen ein besonderes Wohlgefallen habe und sich vorzüglich um ihre Gesundheit bekümmere; daß sie ihnen durch Träume zu Hülfe komme, womit sie ihr ganzes Wohlgefallen offenbare. Die Probe ist darüber festgesetzt nicht durch Fabeln, wie bei den Griechen, sondern durch gewisse Thatsachen. In der That, alle Völker der Erde geben Zeugniß von der Macht dieser Göttin in Bezug auf Heilung von Krankheiten durch ihre Verehrung und Dankbarkeit. Sie zeigt in den Träumen denjenigen, die leidend sind, die für ihre Krankheiten geeigneten Mittel an, und die treue Erfüllung ihrer Verordnungen hat gegen die Erwartung aller Welt Kranke gerettet, die von den Ärzten aufgegeben waren.“

Die berühmtesten Isistempel befanden sich zu Memphis und Busiris.

268

Horus, der Sohn der Isis, hatte nach dem Glauben der Ägypter von seiner Mutter die Heilkunst erlernt und wurde namentlich in seiner späteren Gestaltung als Harpokrates als Heilgott verehrt. Höhere Verehrung genoß Serapis, dem nach Jablonski zweiundvierzig Tempel geweiht waren, von denen sich die berühmtesten zu Memphis, Canopus und besonders in Alexandria befanden. Strabo sagt von Serapis[280]:

„In seinen Tempeln ist eine große Gottesverehrung, wo viele medicinische Wunder geschehen, an welche die berühmtesten Männer glauben und für sich und andere den Tempelschlaf pflegen.“

Der Serapistempel zu Canopus wurde von den angesehensten Personen mit großer Ehrfurcht besucht und nach Strabo befanden sich im Innern desselben eine Menge Wunderkuren enthaltende Weihetafeln.

Der berühmteste Serapistempel war bekanntlich der zu Alexandria, wo auch die von Kaiser Vespasian ausgeübten magnetischen Heilungen sich ereigneten. Tacitus erzählt dieselben folgendermaßen[281]:

„Als Vespasian sich zu Alexandrien aufhielt, geschahen sehr viele Wunder, wodurch besonders sich die göttliche Gewogenheit und Zuneigung für Vespasian offenbarte. Irgend ein gemeiner und wohlbekannter Blinder von Alexandrien kam auf Anrathen des Gottes Serapis zu den Knieen des Kaisers, mit Thränen um Hülfe rufend. Er bat den Kaiser, daß er seine Augen mit seinem – des Kaisers – Speichel benetzen möchte. Ein anderer an der Hand Gelähmter bat gleichfalls auf Anrathen des Serapis, daß ihn der Kaiser mit seinem Fuß berühren, d. h. mit der Fußsohle treten möchte.“

„Allein Vespasian lachte zuerst, war ungehalten und fürchtete, als jene dringend zu bitten fortfuhren, in den Ruf der Eitelkeit zu kommen; endlich aber wurde er durch ihr Flehen, durch den Zuspruch und durch die Liebkosungen Anderer zur Hoffnung bewegt. Zuletzt ließ er die Ärzte entscheiden, ob eine solche Blindheit und Schwäche durch menschliche Hülfe zu heilen wäre. Die Ärzte 269sprachen hin und her und meinten, die ganze Sehkraft sei noch nicht erloschen[282], und das Gesicht könne wiederkehren, wenn nur die Hindernisse gehoben werden könnten; allein der Kaiser versuchte es vor der Versammlung, und der glückliche Erfolg blieb nicht aus. Jener andere könne seine bösen Gliedmaßen wieder heilen, wenn irgend eine hülfreiche Kraft angewendet würde. Zu diesem göttlichen Dienst könne vielleicht der Kaiser ausersehen sein. Und endlich würde der Ruhm der geleisteten Hülfe immer dem Kaiser bleiben, der Spott aber im Falle des Fehlschlags die armen Kranken treffen. Vespasian vollzog also im Glauben, daß seinem Glücke Alles offen stehe, und daß nichts unmöglich sei, mit freudigem Gesicht vor der aufs Äußerste gespannten Versammlung das Gebot. Der Eine gebrauchte gleich seine Hand und dem Blinden schien das Tageslicht. Alle, die gegenwärtig waren, stimmen bezüglich der Wahrheit mit einander überein, daher erwartet die Lüge umsonst ihren Preis.“

Eine weitere Heilgottheit war Apis, von welchem Plinius berichtet[283]:

„In Aegypten wird ein Ochse, den sie Apis nennen, göttlich verehrt; er hat an der rechten Seite einen glänzenden weißen Fleck, welcher mit dem Neumonde zu wachsen beginnt.[284] Er darf nur ein gewisses Alter erreichen, dann ertränken ihn die Priester und suchen klagend nach einem andern an dessen Stelle. Nachdem sie einen gefunden haben, führen ihn die Priester nach Memphis, wo das Orakel blos durch Zeichen und Deutungen künftige Dinge verkündete. Aus der verschiedenen Haltung, aus den Bewegungen und dem Thun des Ochsen pflegten sie wahrzusagen, indem ihm die Rathfragenden Speise darboten. Aus der verschiedenen Zu- oder Abneigung, solche anzunehmen, leitete man seine Antworten ab.[285] So stieß er z. B. die Hand des Kaisers Augustus von sich, 270worauf derselbe nach kurzer Zeit starb. Apis lebt ganz verborgen; wenn er sich aber einmal losreißt, so treiben die Lictoren das Volk aus dem Wege und eine Herde Knaben begleitet ihn, Loblieder zu seiner Ehre singend, was er zu verstehen scheint.“

Phtha ist das Bild des unendlichen Geistes, der Alles schuf. Er ist ein feines ätherisches Feuer, welches unaufhörlich fortleuchtet, und dessen Glanz weit über den der Sterne und Planeten erhaben ist. Er ist also gewissermaßen das Symbol des Astral- oder odischen Lichtes, welches ja bekanntlich bei somnambulen und heilmagnetischen Vorgängen eine große Rolle spielt. Der berühmteste Phthatempel befand sich zu Memphis und hatte wie die Isistempel die Inschrift: „Ich bin, der ich bin, und kein Sterblicher hat mein Geheimniß entdeckt.“

Über das, was im Innern dieser geheimnisvollen Tempel vorging, haben wir bruchstücksweise überlieferte Nachrichten, denn den Uneingeweihten war der Zutritt gänzlich untersagt, und die Eingeweihten – selbst die Griechen – hielten den abgelegten Schwur des Stillschweigens.

Dennoch wissen wir aber, daß, wie im nächsten Kapitel näher ausgeführt werden soll, Hervorrufung von Somnambulismus und heilmagnetische Praxis eine Hauptrolle spielte. Die Vorbereitung dazu bestand in Fasten, Baden, Reinigung, Salben und Reiben; in an die Götter gerichteten Gebeten und Lobpreisungen, während feierliche Opfer, heilige Ceremonien und geheimnisvolle Musik in tiefer Dunkelheit die Seele der Gläubigen in mystische Schwingungen versetzte.

Vom Priester selbst sagt Jamblichus:

Ipse sacerdos, antequam det oracula, multa rite peragit sacrificia, observat sanctimonium, lavatur; triduum prorsus abstinet cibo, habitat in secessu, jamque incipit paulatim illuminari mirificeque gaudere.

Betrachten wir nun das magnetische Verfahren der Ägypter selbst.

271

Zweites Kapitel.
Der Heilmagnetismus bei den alten Ägyptern.[286]

Auf der auf der Pariser Nationalbibliothek befindlichen sogen. Bentrosch-Stele von dreitausendjährigem Alter wird die glückliche Heilung der besessenen Tochter eines mesopotamischen Fürsten erzählt, und es kann nicht der mindeste Zweifel obwalten, daß die Heilung durch Hypnotismus und Heilmagnetismus geschah.

Der Text der Bentrosch-Stele lautet nach der Übersetzung des Professor Dr. Lauth in München[287]:

„Siehe, es befand sich Se. Majestät in Nahar gemäß seiner alljährlichen Gepflogenheit. Die Großen jedes Fremdlandes zogen als Gebückte, als Friedfertige mit Opfergaben vor die Geistigkeit Sr. Majestät von den äußersten Hinterländern her. Sie brachten ihre Tribute an Gold, Silber, Lapis Lazuli, Kupfer und allen Holzarten des heiligen Landes auf ihren Rücken; ein jeglicher suchte seinen Nebenmann zu überbieten. Da ließ auch der Fürst des Landes Buchtan herbeigebracht werden seine Tribute und gab ihm seine älteste Tochter an der Spitze derselben, indem er anrief Se. Majestät und das Leben erbat von demselben. Es war dies ein schönes Weib, überaus geschätzt von Sr. Majestät über Alles. Sofort schrieb man ihren Titel als königliche Hauptfrau mit dem 272Namen Ranofru ‚Sonne der Schönheiten‘. Nachdem Se. Majestät der König nach Ägypten gelangt war, vollbrachte er ihr alle Ceremonien, die einer königlichen Hauptfrau gebühren.“

„Im Jahre 15 am 22. Payni[288] geschah es nun, daß sich Se. Majestät in der Stadt Theben befand, der siegreichen, der Gebieterin der Städte, beschäftigt mit Lobpreisungen des Vaters Amun, des Herrn der Throne beider Welten, an seinem schönen Panegyrienfeste im südlichen Apt, seinem Lieblingssitze von Anfang. Da kam man zu sagen Sr. Majestät: ‚Es ist ein Bote des Fürsten von Buchtan da, gekommen mit zahlreichen Geschenken für die Königsfrau‘, und sofort wurde dieser vor Se. Majestät gebracht mit den Geschenken. Alsdann sprach er, den Boden küssend vor Sr. Majestät: ‚Preis Dir, Du Sonne der neun Völker! Gestatte uns zu leben bei Dir! Ich komme zu Dir, o Großkönig, mein Gebieter, in Betreff der Bentrosch, deiner jüngern Schwester von Seiten der Königsfrau Ranofru. Ein Übel ist eingedrungen in ihre Glieder. Möge darum abreisen lassen Deine Majestät einen Sachverständigen, um sie zu besehen.‘ Sofort sprach Se. Majestät: ‚Bringet mir die Schreiber des Hierogrammatenhauses und die Gelehrten der Geheimnisse des Adytum!‘ Sie wurden auf der Stelle herbeigeführt. Da sprach Se. Majestät: ‚Warum hat man Euch rufen lassen? Damit ihr höret dieses Wort: Sofort liefert mir einen Künstler in seinem Herzen, einen Schreiber (Operateur) mit seinen Fingern aus Eurem Kreise.‘ Nachdem nun der Basilicogrammate Thotemhebi vor Se. Majestät getreten war, befahl ihm Se. Majestät, daß er ausziehe gen Buchtan mit diesem Boten. Als nun aber gelangt war der Sachverständige gen Buchtan, traf er die Bentrosch im Zustande einer von einem Dämon Besessenen, und fand sich selbst zu schwach, um mit demselben zu kämpfen. Da sandte der Fürst von Buchtan wiederum einen Boten an Se. Majestät mit den Worten: ‚O Großkönig, mein Herr, es möge befehlen Se. Majestät, daß gebracht werde der Gott Chonsu selber.‘[289] Es 273ereignete sich nun, daß Se. Majestät im Jahre 26 im Monate Pachon[290] zur Zeit der Amunspanegyrie im Innern von Theben sich befand. Da trat Se. Majestät wieder vor Chonsu nofer hotep[291] mit den Worten: ‚O gütiger Herr, ich bin wieder vor dir in Betreff der Tochter des Königs von Buchtan.‘ Sofort wurde gebracht Chonsu nofer hotep zu Chonsu p-ari secher[292], dem großen Gott, welcher vertreibt die Unholde. Alsdann sprach Se. Majestät vor Chonsu nofer hotep: ‚O du gütiger Herr, wenn du doch wendetest dein Antlitz gen Chonsu p-ari secher, welcher vertreibt die Unholde, damit er ziehe gen Buchtan.‘ Zunickung, große, große. Alsdann sprach der König: ‚Gieb deinen Segen mit ihm, damit ich ziehen mache Se. Heiligkeit gen Buchtan, um zu erlösen die Tochter des Fürsten von Buchtan.‘ Zunickung des Hauptes, große, große, von Seiten des Chonsu nofer hotep. Sofort machte er den Segen viermal über den Chonsu p-ari secher. Es befahl dann Se. Majestät, daß man ausziehen mache Chonsu p-ari secher auf einer großen Barke mit fünf Schifflein, einem Wagen und zahlreichen Pferden rechts und links. Als nun gelangt war dieser Gott gen Buchtan in einer Dauer von 1 Jahr 5 Monaten, siehe da kam der Fürst von Buchtan mit seinen Soldaten und Edeln entgegen dem Chonsu p-ari secher, dem Planausführenden. Derselbe that sich auf seinen Bauch, indem er sprach: ‚Du kommst zu uns, du läßt dich bei uns nieder nach der Weisung des Königs Vesu-ma-Ra sotep-en-Ra.‘“

„Sofort begab sich dieser Gott[293] zu dem Ort, wo Bentrosch sich aufhielt. Alsdann machte er den Segen über die Tochter des Fürsten von Buchtan: gut ward sie augenblicklich. Hierauf sprach der Dämon, der mit ihr war, vor Chonsu p-ari secher[294]: ‚Komme in Frieden, großer Gott, welcher vertreibt die Unholde: Deine Stadt ist Buchtan, deine Sklaven sind seine Bewohner; auch ich bin dein Sklave: ich werde fortgehen zu dem Ort, von dem ich ausgezogen bin, um zu befriedigen dein Herz in Betreff dessen, weshalb du gekommen bist. Nun möge Deine Heiligkeit befehlen, daß man 274begehe einen Festtag mit mir und dem Fürsten von Buchtan.‘ Sofort nickte dieser Gott gegen seinen Propheten mit den Worten: ‚Lasse veranstalten den Fürsten von Buchtan ein Speiseopfer vor diesem Dämon.‘ Während nun Chonsu p-ari secher dies mit dem Dämon verhandelte, stand der Fürst mit seinen Soldaten dabei, sich gar sehr fürchtend. Indessen veranstaltete er ein großes Opfer vor Chonsu p-ari secher und vor diesem Dämon; der Fürst von Buchtan hielt ein Freudenfest für sie. Hierauf ging der Dämon in Frieden an den Ort, den er liebte, auf Befehl des Chonsu p-ari secher.“

„Da war der Fürst von Buchtan aufjubelnd über alle Maßen sowie jede Person, welche in Buchtan war. Alsdann überlegte er in seinem Herzen, indem er bei sich sprach: ‚Es könnte werden dieser Gott eine Gabe für Buchtan; ich werde ihn nicht heimziehen lassen nach Ägypten.‘ So blieb derselbe 3 Jahre 9 Monate in Buchtan. Da lag der Fürst von Buchtan einstmals auf seinem Bette und sah träumend, wie dieser Gott herausging aus seinem Hause, in Gestalt eines Goldsperbers aufschwebend himmelwärts gen Chemi. Nachdem er vor Entsetzen aufgewacht war, sagte er sofort zu den Theodulen des Chonsu p-ari secher: ‚Dieser Gott, welcher bei uns weilt, will gen Chemi ziehen. Lasse also seinen Wagen fahren gen Chemi.‘ Alsdann ließ der Fürst von Buchtan fortziehen diesen Gott gen Chemi, indem er ihm mitgab Geschenke, viele von allen guten Dingen, Soldaten und zahlreiche Pferde; sie gelangten in Frieden nach Theben. Alsdann ging Chonsu p-ari secher zum Tempel des Chonsu nofer hotep, und er legte die Geschenke, die ihm der Fürst von Buchtan gegeben hatte, an allen guten Dingen, vor Chonsu nofer hotep; er that nichts in sein eigenes Haus. Es gelangte Chonsu p-ari secher zu seinem Hause in Frieden im Jahre 33 am 19. Mechir[295] des Königs von Ober- und Unterägypten Vesu-ma-Ra sotep-en-Ra, der dieses Denkmal geschaffen hat. Möge er Leben spenden gleich dem Sonnengott immerdar.“

Soweit der Text der Bentrosch-Stele.

275

Festzuhalten ist, daß Chonsu Heilgott ist, welcher durch geistige, magische Kraft heilt.

Wir sehen aus der Erzählung, daß die Schwägerin eines ägyptischen Königs – es ist Ramses XII. gemeint – erkrankt, resp. besessen ist. Da die Kunst der einheimischen Ärzte nicht geholfen zu haben scheint, so wurde eine Gesandtschaft abgeschickt, um einen der in hohem Rufe stehenden ägyptischen Ärzte herbeizuholen. Ramses läßt sich darauf einen geeigneten Mann bezeichnen, einen – wie Prof. Dr. Lauth übersetzt – „Künstler in seinem Herzen, einen Schreiber (Operateur) mit seinen Fingern.“ – Setzt man nun die Kenntnis des Heilmagnetismus und Hypnotismus bei den Ägyptern voraus, wozu sich die Berechtigung bald ergeben wird, so wird man die Stelle anders übersetzen müssen. Deshalb übersetzt auch der französische Ägyptologe Vicomte de Rougé: „Ein Mann mit intelligentem Herzen, ein Meister mit geschickten Fingern.“ – Allein nach Lambert ist auch dies nicht ganz richtig, insofern „Herz“ für „Wille“ gebraucht wird, und er sagt deshalb[296]:

„Es hat also nach dieser Analyse alle Berechtigung, wenn ich den Befehl des Pharao so verstehe, daß ihm ein Mann bezeichnet werde, der ‚Herr seines Willens und Meister seiner Finger‘ sei. Bei der letzteren Eigenschaft ist jedoch weniger an einen Operateur, als an einen tüchtigen Hypnotiseur und Magnetiseur zu denken, weil ein solcher sowohl mit seiner Hand als mit seinem Willen arbeiten muß.“

Der erwählte ägyptische Hypnotiseur, der älteste, dessen Namen bekannt wurde, hieß Thotemhebi. Als derselbe nach Buchtan kam, gewahrte er, daß Bentrosch besessen war, und versuchte sie ohne Erfolg zu heilen. Es vergingen elf Jahre, ohne daß die Leidende gesund wurde, worauf deren Vater abermals eine Gesandtschaft nach Ägypten schickte mit der Bitte, man möge doch einen Gott nach Buchtan schicken. Wie sich aus dem Zusammenhang klar ergiebt, wird hier „Gott“ euphemistisch für einen Priester der oberen hierarchischen Stufen gebraucht. Der Pharao begiebt sich also nach dem Tempel des Chonsu und bittet den Chonsu nofer hotep, welcher offenbar als Oberpriester zu betrachten ist, er möge den Chonsu 276p-ari secher, einem unter diesem stehenden Priester, seinen Segen oder seine Kraft mitteilen. Dies wird gewährt, und der Chonsu nofer hotep macht die segnende Bestreichung – sa – viermal. Für dieselbe wird folgende Hieroglyphe gebraucht:

Hieroglyphe

Darauf wird der Chonsu p-ari secher nach Buchtan geleitet, wo er die besessene Bentrosch durch eine segnende Bestreichung heilt, die mit folgender Hieroglyphe bezeichnet wird:

Hieroglyphe

Über die Bedeutung dieser Segen lasse ich nun Lambert selbst sprechen:

„Was sind nun diese verschiedenen Segen? Ich denke, ich werde keinem Widerspruch begegnen, wenn ich dieselbe für mesmerische Bestreichungen, und ihre verschiedenen, durch die beiden Hieroglyphen deutlich dargestellten Formen für die Schemata halte, nach denen die Striche geführt wurden. Der Segen ist ja in seiner ursprünglichen Wesenheit wohl nichts Anderes als ein Ausströmenlassen einer Kraft aus seinen Händen.“

„Der einfachere sa-Strich (No. 2) wurde ausgeführt, indem die segnende Gottheit oder der Arzt in der durch die Hieroglyphe gekennzeichneten Art über den Hinterkopf nach den Schultern zu strich, nicht einmal, sondern wiederholt und mit beiden Händen. So spricht die Göttin Muth zu Ramses III. auf einer Abbildung, die sich in Lepsius Denkmälern (III. 21.) veröffentlicht findet: ‚Ich strecke aus meine beiden Arme, um zu machen die sa-Striche 277hinter deinem Haupte.‘ An beiden Seiten des sa-Zeichens sehen wir Knoten oder Verdickungen. Jedenfalls bezeichnen diese die Stellen, wo der Streichende einen Halt in der Bewegung zu machen oder einen besondern Nachdruck auszuüben hatte. Das Gleiche ist an jener Stelle der Fall, wo die Linie des Striches in der Gegend des Genickes sich selbst schneidet. Aus der ganzen Führung des Striches scheint hervorzugehen, daß sich an dieser Stelle des Genickes die Kraft der Streichungen concentriren soll. Warum aber gerade dort? Die Kabbalisten lehren, daß ein kleiner Knochen des Halses, Luz genannt, ‚unverweslich‘ sei, in ihn versenkte sich die Schattengestalt des Nephesch bei dem Verstorbenen, und aus beiden werde der Auferstehungsleib am Ende der Tage gebildet. Dieser Luz der Kabbala ist aber identisch mit dem Uls der ägyptischen Lehre, welcher da liegt, wo das Rückgrat vom Hinterhaupt nach den Schultern eine Einbiegung macht. (Luz heißt im Hebräischen wie Uls im Altägyptischen Einbiegung oder Krümmung.) Es würde zu weit führen, diesen Uls und seinen ganzen Kultus in der Stadt Mendes, wo die Rückgratreliquie des Osiris aufbewahrt wurde, hier zu besprechen. Ich wollte hier nur darauf hinweisen, warum bei dem Akte jenes sa-Striches der Nachdruck auf die hintere Halspartie verlegt wurde, und die Ursache hiervon liegt wohl unzweifelhaft, daß dort eine günstige Stelle zum Erwecken gewisser transscendentaler Kräfte des Menschen gesehen wurde. Vielfache Textstellen bezeugen, daß bei der sa-Bestreichung die Absicht war, inneres Leben zu erwecken.“

„Die andere – complicirtere – Bestreichung (No. 1), welche vom Nofer hotep an dem Ari-secher ausgeführt wird, erstreckte sich vermuthlich über den ganzen Körper, ob aber über die Vorder- oder Rückseite desselben, ist fraglich.“

Hieroglyphe

„Es kommen nun unter den Hieroglyphen noch mehrfache Zeichen vor, die solche Knoten vorstellen, und jedenfalls als ähnliche Manipulationen wie die sa-Striche zu verstehen sind. Ein solches Zeichen ist rod, was ‚festmachen‘ bedeutet. Das dürfte wohl ein Strich gewesen sein, um die Unbeweglichkeit der Extremitäten zu bewirken. Ist dies der Fall, dann geschah diese Action nicht durch einfache gerade Striche, wie bei unsern Hypnotiseuren, 278sondern es wurde, z. B. um den linken Arm ‚festzumachen‘, wohl an der rechten Schulter begonnen, von da eine über den Rumpf gehende Schleife gezogen, die an der linken Schulter endigte, und dann von hier aus ein gerader Strich über den Arm mit einem Halt am Ellenbogengelenk nach den Fingerspitzen zu ausgeführt.“

„Daß der Chonsu nofer hotep die Bestreichung viermal machte, scheint einen ganz besondern Grund zu haben. Es entspricht dies den Bezeichnungen, die in Verbindung mit dem sa-Zeichen No. 1 vorkommen, nämlich tos-sa, ‚den Einfluß herbeiführen‘, tu-sa, ‚den Einfluß mittheilen‘, meh-sa, ‚den Einfluß vermehren‘, und sotep-sa, ‚den Einfluß fixiren‘. Es hat also wohl jede der vier Bestreichungen ihren bestimmten Zweck: die Wirkung wird herbeigeführt, mitgetheilt, vermehrt und fixirt.“

„Nicht ohne Bedeutung ist es, daß der Gott Thot, der später zum Hermes Trismegistos geworden ist, den Beinamen Sa führt. Thot ist ein Gott der Heilkunde, der Ibis ist ihm heilig. Thot ist auch ein Gott der Erkenntniß und zwar besonders der transscendentalen Erkenntniß, und es hat alle Wahrscheinlichkeit für sich, daß er seinen Beinamen Sa deswegen führte, weil in der Hypnose, die ja, wie wir jetzt wissen, durch einen Act, der Sa heißt, herbeigeführt wird, die innere transscendentale Erkenntniß aufgeht. Demnach ist es Gott Thot, welcher in der Hypnose nach der Meinung der Aegypter das innere Schauen und besonders auch als Heilgott die Heilverordnungen eingiebt. – Thot wird vielfach mit Chonsu identificirt und scheint in seiner medicinischen Eigenschaft als Mondgott mit Chonsu nofer hotep vollständig dieselbe Person zu sein. Ich möchte hierzu auch an den Einfluß des Mondes auf Schlafende erinnern.“

Soweit Herr Franz Lambert. Ich möchte noch hinzufügen, daß auch die bekannten Hände der Isis, welche nach Apulejus bei Prozessionen umhergetragen wurden (auf einen Stab gesteckte linke Hände, deren Daumen und zwei erste Finger ausgestreckt, deren drei letzte aber eingeschlagen sind), auf Erzeugung von Hypnose und Somnambulismus hinzudeuten scheinen.

279

Drittes Kapitel.
Die eigentliche magische Heilkunde der Ägypter.

Die magische Heilkunde der Ägypter knüpft, wenn in ihr auch uralte Tempelgeheimnisse des Thot enthalten sein mögen, im Wesentlichen an den mythischen Hermes Trismegistos[297] an und entstammt somit einer verhältnismäßig späten Zeit. Über ihren Ursprung heißt es im hermetischen Asklepius:

Quoniam ergo proavi nostri multum errabant, contra rationem Deorum increduli et non animadvertentes ad cultum religionemque divinam, invenerunt artem, qua Deos efficerent, cui inventae adjunxerunt virtutem de mundi natura convenientem, eamque miscentes, et quoniam animas facere non poterant, evocantes animas Daemonum vel Angelorum, eas indiderunt imaginibus suis divinisque mysteriis, per quas sola idola et benefaciendi et maleficiendi vires habere potuissent. Avus tuus, o Asclepi, medicinae primus inventor, cui templum consecratum est in monte Lybiae circa littus Crocodilorum, in quo ejus jacet mundanus homo, id est corpus; reliquus enim, vel potius totus, si est homo totus in sensu vitae melior, remeavit in coelum, omnia etiam nunc adjumenta hominibus praestans infirmis numine suo, quae ante solebat Medicinae arte praebere. Hermes, cujus nomen mihi avitum est, sibi cognomen patrium consistens omnes mortales undique venientes adjuvat atque conservat.

280

Constat, o Asclepi, de herbis, lapidibus et de aromatibus vim divinitatis naturalem in se habentibus, et propter hanc causam sacrificiis frequentibus oblectantur numina hymnis quoque et laudibus dulcissimisque sonis in modum coelestis harmoniae, concinnantibus, ut illud, quod est coelesti usu et frequentatione illectum in idola, possit laetum humanitas patiens longe durare per tempora; sic Deorum autor est homo. Et ne putes fortuitos effectus esse terrenorum Deorum, o Asclepi, Dii coelestes inhabitant summa coelestia unusquisque per ordinem, quem accepit complens atque custodiens. Hi vero nostri sigillatim quaedam curantes, quaedam praevidentes, quaedam hortibus et divinatione praedicentes, his pro mado subvenientes humanis, quasi amica cognatione auxiliantur.

Mit diesen Worten des mythischen Hermes Trismegistos stimmt der spätere Neuplatoniker Proklos (412–485 n. Chr.) völlig überein, wenn er sich folgendermaßen ausspricht:

„Und wenn uns auch der Verstand an sich selbst gleichsam als Gott erscheint, und die Seele von Urbeginn verständig ist, so sind doch die obersten Dämonen höher geartet, sie stehen den Göttern am nächsten, sind gleichförmig und göttlich. Die zweite auf diese folgende Dämonenclasse ist ebenfalls des Intellects theilhaftig; sie stehen den himmlischen Aufsteigungen und Absteigungen vor und überbringen und offenbaren die göttlichen Befehle allen Dingen. Die dritte Dämonenclasse ist jene, welche die Befehle der göttlichen Seelen überbringt und das Band zwischen diesen und den niedern Dingen bildet. Die vierte überbringt die wirkenden Kräfte aller Naturen auf die erzeugten Dinge, flößt den Einzelnen Leben ein, schafft Ordnung, Regel und Wirkung. Die fünfte ist gewissermaßen körperlich und schafft das Äußere der Körper. – Die meisten von ihnen beschäftigen sich mit der Materie und überbringen herabsteigend die Kräfte der himmlischen Materie der irdischen, verbinden beide, bewachen das Irdische sodann und bringen die Verschiedenheit der Formen hervor.“

Nach diesen Grundsätzen wurden göttliche Wesen konstruiert, welche den einzelnen Krankheiten vorstanden, und man richtete an 281dieselben Gebete, Hymnen und Beschwörungen, damit sich ihr Zorn besänftige, und sie die verlorene Gesundheit wieder verliehen. Also ganz dieselbe primitive Anschauung, wie wir sie schon bei den Akkadern fanden, und der wir noch heute bei den Indianern, Negern &c. begegnen.

Die Ägypter betrachten die Welt als ein großes Lebewesen, in welchem alles in wechselseitiger Verbindung stehe, das von einer beständigen Sympathie durchströmt und durch eine Kraft zu einem Leben vereinigt werde.[298] Deshalb suchte man nach Kräften die wechselseitigen Beziehungen und Wirkungen der Dinge zu erforschen, was bei den Krankheiten, da man von dem Grundsatz: similia similibus ausging, zu der von Paracelsus aufgefrischten Lehre von den Signaturen führte. D. h. man schloß aus der Ähnlichkeit irgend eines Teils einer Pflanze, eines Tiers oder Minerals mit irgend einem Glied des menschlichen Körpers, daß ersterer Heilkräfte gegen die Krankheiten des letzteren besitzen müsse. So galt als gegen Hauptkrankheiten und Epilepsie besonders wirksam die Päonienknospe, ferner der Mohn, die Wallnuß, Muskatnuß, Meerzwiebel, der Lerchenschwamm &c. Gegen Augenkrankheiten wurden Augentrost, Habichtskraut, Skabiosen usw. angewendet; gegen Zahnleiden die Zahnwurz, Granatapfelkerne, Zirbelnüsse, die Knöllchen des Feigwarzenkrautes &c., gegen Ohrenleiden die Blätter von der Haselwurz, dem Löffelkraut und der Wassermünze. Dieselben sollten auch gegen Nasenleiden dienen, weil zwischen Ohr und Nase eine besondere – wahrscheinlich aus der Beobachtung der Katarrhe geschlossene – Verwandtschaft bestehe. Für die Kehle galt als heilsam das Wintergrün, der Hirschschwamm und der Zimmt. Für die Lunge war das Lungenkraut signiert; für das Herz die Citrone, der Pfirsich, die Brechnuß und Anthora; für die Leber Äpfel, eine – nicht genannte – Moosart, Birkenschwamm, Eicheln und das Leberkraut; für die Milz das Scolopendrium, die Hirschzunge, Mauerraute, das Milzkraut; für den Magen die Blätter des Alpenveilchens, Ingwer, Galgant; für die Gedärme eine nicht näher genannte Windenart, Calmus, Zimmt; für die Blase die Judenkirsche, Staphisagria, der Nachtschatten; für die Geschlechtsteile die Wurzeln aller 282Orchisarten; für die Gebärmutter die Hohlwurz; für die Nieren der Portulac und das Alpenveilchen; für die Gelenke die Datteln; für die Hände die jetzt Palma Christi genannte Orchideenwurzel.

In ähnlicher Weise wandte man in späterer Zeit in Ägypten den humores peccantes der Galen'schen Humoralpathologie ähnlich gefärbte Pflanzensäfte zur Austreibung der Ersteren an. So gegen die gelbe Galle Kümmel, Crocus, Aloe, Senna, Wermut, Koloquinte, Rhicinus, Rhabarber. Gegen die schwarze Galle allerlei Pflanzen mit dunkelgefärbten Blüten, wie Smilax, rote Melde, Ochsenzunge &c. Gegen überflüssige phlegmatische Feuchtigkeiten Pflanzen mit Milchsaft oder weißen Blüten, weiße Schwämme, wie Lerchenschwamm &c. Gegen die sogenannte rote Galle wurden Pflanzenstoffe von rotem Aussehen, rote Blüten, rote Säfte usw. angewendet, wie rotes Sandelholz, Rotkohl, Alkannawurzel &c.

Der Grundsatz: similia similibus durchzog die ganze Arznei. So wandte man z. B. gegen den Stein einige zubereitete Steinarten, menschliche Blasensteine, die steinigen Concremente in gewissen Fischaugen &c. an; gegen Wunden brauchte man scheinbar von der Natur durchlöcherte Kräuter wie das Johanniskraut. Giftige Schlangen, Spinnen, Scorpione wurden zubereitet, um als Gegengift zu dienen. Gegen allzulebhaften Geschlechtstrieb wandte man Pflanzen an, welche nach alter Anschauung keine Frucht hervorbrachten, wie Salat, Sadebaum, Weide. Umgekehrt suchte man durch saftstrotzende Pflanzenteile – wie Orchideenwurzeln – oder durch den Genuß geiler Tiere, wie des Sperlings und des Skinks die daniederliegende Zeugungskraft zu heben. Das Fleisch gefräßiger Tiere, wie des Wolfs oder des Karpfens genoß man zur Hebung des Appetits, während der Genuß des Fleisches intelligenter Tiere Intelligenz, das träger Trägheit hervorrufen sollte. Endlich wandte man sich durch hervorragende Leistungen auszeichnende Körperteile gewisser Tiere gegen Leiden der entsprechenden menschlichen Körperteile an, wie z. B. Fuchslunge gegen Lungenschwindsucht.

Erscheint uns nun auch bei der Lehre von den Signaturen das Meiste nicht mehr haltbar und barock, so läßt sich jedoch keineswegs in Abrede stellen, daß dem Ganzen ein großer und richtiger Gedanke zu Grund liegt, welcher der Vater der Homöopathie ist; und erinnert es nicht an die Impfung und Serumtherapie, wenn die Ägypter aus giftigen Tieren Gegengifte bereiteten?

283

Wie allbekannt, nahm man einen Gestirneinfluß auf alles Irdische und mithin auch auf die menschlichen Glieder und Pflanzen an, wobei die Ägypter (doch wohl erst der alexandrinischen Zeit?) nach Ebn Esra besonders die zwölf Zeichen des Tierkreises als maßgebend betrachteten. Auf diese Art entstand eine astrale Botanik und eine astral-botanische Heilkunde, bei welcher die vier Grade der alten Grundeigenschaften der Dinge: warm und trocken, warm und feucht, kalt und trocken, kalt und feucht, besondere Berücksichtigung fanden. Ebn Esra giebt von dieser Lehre folgende Grundzüge[299]:

„Der Widder ist ein männliches, feuriges, warmes und trockenes, das menschliche Haupt beherrschendes Zeichen. Die ihm unterworfenen Pflanzen sind warm und trocken in vier Graden.

Im ersten Grad stehen: der rothe Beifuß, die Betonica Cichorie, die Dürrwurz, der Traubenhollunder, die Münze, der Huflattig und Ehrenpreis. Diese Pflanzen sind nach dem in die Hundstage fallenden Vollmond zu sammeln.

Dem zweiten Grad gehören an: der Spargel, das Johanniskraut, die Schafgarbe, der Wegebreit, die Päonie. Zu sammeln sind sie, wenn sich Sonne und Mond im Krebs befinden.

Dem dritten Grad gehören an: der Lerchenschwamm, Kellerhals, die Coloquinthe, der Enzian, Liguster, Rhicinus, Hollunder. Sie sind Ende Juli und Anfang August[300] zu sammeln.

Dem vierten Grad gehören an: die weiße Nießwurz, der Majoran, der weiße Andorn, die Kresse, der Rosmarin. Sie sind theils im April, theils im September zu sammeln.

Der Stier ist ein weibliches, kaltes, trockenes und irdisches Zeichen; ihm ist Hals und Gurgel unterthan. Die ihm angehörigen Pflanzen sind kalt und trocken.

Dem ersten Grad gehören an: das Milzkraut, Cathera(?), der Gamander, Epheu, die Lilienwurzel, Narcisse, das Engelsüß, 284die Rose, der Baldrian, das Veilchen. Dieselben erweichen die Geschwülste des Halses und der Milz.

Dem zweiten Grad gehören an: das Venushaar, die Judenkirsche, die Aklei, die Eiche und Eichenmistel. Diese Pflanzen sind Wundkräuter.

Dem dritten Grad gehören an: die Ochsen- und Hundszunge, das Carduibenedictenkraut, der Wasserhanf, die Klette, die Doste, Petersilie, der Sanikel, die Braunwurz, Tormentill und das Kreuzkraut. Alle sind Wundkräuter.

Dem vierten Grad gehören an: das Mausöhrchen, Schöllkraut, die Esche, Malve, das Lungenkraut und die Scabiose.

Die Zwillinge sind ein männliches, luftiges, warmes und feuchtes Zeichen, dem die Schultern unterworfen sind. Die ihm zugehörigen Pflanzen sind warm und feucht.

Dem ersten Grad gehören an: der Anis, Althästrauch, Boretsch, Fenchel, Ysop, die Prunelle und Mauerraute.

Dem zweiten Grad: das Farrnkraut, die Linde und Rübe.

Dem dritten Grad: die Vogelmiere, Aronswurz, der Macis, Sauerklee und die Taubnessel.

Dem vierten Grad: der Sauerampfer, die Camille, das Mutterkraut, der Rhabarber.

Der Krebs ist ein weibliches, wässeriges, kaltes und feuchtes Zeichen, dem Brust, Lunge, Rippen und Zwerchfell unterthan sind. Die ihm angehörigen Pflanzen sind kalt und feucht.

Dem ersten Grad gehören an: der Kohl, die Kardendistel, die Bohnen, die Rapunzel, die Weinreben und die Braunwurz.

Dem zweiten Grad: der Erdbeerstrauch, die Tanne, die Zirbelnüsse, der Nachtschatten, die Terebinthe und Mistel.

Dem dritten Grad: die Binse, die Brunnenkresse, der Petersiliensamen, Portulac, die Weide, der Steinbrech und Mauerpfeffer.

Dem vierten Grad: die Muscheln[301], die weiße Coralle, der Krystall, die Perlmutter, die Wasserrose, die Krebsaugen, der Vitriol.

Der Löwe ist ein männliches, feuriges, warmes und trockenes Zeichen, welchem Herz und Magen unterthan sind. Die ihm zugeschriebenen Pflanzen sind warm und trocken.

285

Dem ersten Grad gehören an: das Basilicum, der Crocus, die Cypresse, Gewürznelke, der Ysop, Lavendel, Wegerich, Sonnenthau und Thymian.

Dem zweiten Grad: die Angelica, das Zweiblatt, die Kornblume, der Galgant, Enzian und Teufelsabbiß.

Dem dritten Grad: die Hundscamille, Pastinakwurz, Münze, Gartenkresse, das Flöhkraut, die Ranunkel und Brennnessel.

Dem vierten Grad: die Birke, der Buchsbaum und Lorbeer.

Die Pflanzen des ersten Grades müssen gesammelt werden, wenn die Sonne in den Fischen, der Mond im Krebs ist; die des zweiten Grades: zu Anfang Mai vor Sonnenaufgang oder zu Ende August; die des dritten Grades, wenn die Sonne im Löwen und der Mond in der Jungfrau, oder wenn die Sonne im Stier und der Mond in den Zwillingen sich befinden, vor Sonnenaufgang; die des vierten Grades, wenn die Sonne in den Fischen und der Mond im Wassermann steht.

Die Jungfrau ist ein weibliches, irdisches, kaltes und trockenes Zeichen, dem der Bauch, die Leber und Eingeweide unterthan sind. Die ihr zugeschriebenen Pflanzen sind kalt und trocken.

Dem ersten Grad gehören an: die Berberitze, Cichorie, der spitze Wegerich, die Birne und der wilde Salbei.

Dem zweiten Grad: der Mangold, die Hagebutten, die Mispel, das Salomonssiegel.

Dem dritten Grad: die Osterluzei und Dürrwurz.

Dem vierten Grad: das Tausendgüldenkraut, die Schlangenzunge, die Schlehe und Schlangenwurz.

Die Wage ist ein männliches, luftiges, warmes und feuchtes Zeichen, welches den Nieren und der Blase vorsteht. Ihr werden folgende warme und feuchte Pflanzen zugeschrieben:

Dem ersten Grad gehören an: das Gänseblümchen, der Bärwurz, der Bocksbart.

Dem zweiten Grad: der Lauch, Türkenbund und das Eisenkraut.

Dem dritten Grad: das Löwenmaul, der Beifuß.

Dem vierten Grad: der Lachenknoblauch, Hühnerdarm, die Haselnuß und Mauerraute.

Der Scorpion ist ein weibliches, wässeriges, kaltes und feuchtes 286Zeichen, welches den Genitalien vorsteht. Ihm werden folgende kalte und feuchte Pflanzen zugeschrieben:

Dem ersten Grad gehören an: das Kreuzkraut, der Weißdorn, die Vogelbeere.

Dem zweiten Grad: die Esche, der Apfelbaum, die Pflaume.

Dem dritten Grad: die Erbse und das Seifenkraut.

Dem vierten Grad: die Melde, das Bingelkraut und die Narcisse.

Der Schütze ist ein männliches, feuriges, warmes und trockenes Zeichen, welchem die Lenden und Schenkel unterthan sind. Ihm werden folgende Pflanzen zugeschrieben:

Dem ersten Grad gehören an: die Zwiebel, der Rettig, der Sesam und die Königskerze.

Dem zweiten Grad: der Lauch, das Liebstöckel.

Dem dritten Grad: die Haselwurz, das Curcume, der Gundermann, die Maulbeere.

Dem vierten Grad: die Eselsgurke, Wolfsmilch und Waldrebe.

Der Steinbock ist ein weibliches, irdisches, kaltes und trockenes Zeichen, welches den Knieen und Sehnen vorsteht. Ihm gehören folgende Pflanzen an:

Dem ersten Grad: die Ringelblume, Schwarzkirsche, der Alant, die Maul- und Heidelbeere.

Dem zweiten Grad: das Scharlachkraut, das Wollkraut.

Dem dritten Grad: der Wasserschwertel, das Täschelkraut, der Kürbis und die Disteln.

Dem vierten Grad: die Nießwurz, das Bilsenkraut, die Mandragora, der Sturmhut, der Nachtschatten und das Läusekraut.

Der Wassermann ist ein männliches, luftiges, warmes und feuchtes Zeichen, welches den Schienbeinen vorsteht. Ihm gehören folgende Pflanzen an:

Dem ersten Grad: die Möhre, die Feige, der Steinklee und die Sanikel.

Dem zweiten Grad: der Kümmel, die Flachsseide, die Rosenwurz, das Mauerkraut.

Dem dritten Grad: die Odermennige, das Mäuseöhrchen, die Gerste, der Steinbrech.

Dem vierten Grad: das Herzgespann und die Mispel.

287

Die Fische sind ein weibliches, wässeriges, kaltes und feuchtes Zeichen, welches den Füßen vorsteht. Ihm gehören folgende Pflanzen an:

Dem ersten Grad: Die Buche, die Osterluzei, das Kraut, die Myrobalanen und Rüben.

Dem zweiten Grad: Die Artischocke, die Kornblume, das Stächaskraut.

Dem dritten Grad: der Schwarzkümmel und Mohn.

Dem vierten Grad: der Schierling, das Bilsenkraut, der Sturmhut und Nachtschatten.“

Wir dürfen Ebn Esra wohl unbedenklich glauben, daß das eben geschilderte astrologisch-botanische System den Ägyptern der alexandrinischen Zeit entstammt; allein, was uns hier vorliegt – ich habe Ebn Esras Originalwerk nicht auftreiben können[302] – ist offenbar die Bearbeitung desselben durch einen deutschen Arzt des 16. Jahrhunderts. Es kam indessen auch nur auf eine Darstellung des Systems und der Methode an.

288

Viertes Kapitel.
Die Seelenlehre der alten Ägypter.[303]

Die Berichte, welche das erste Buch Mosis über die Schöpfung der Welt und die älteste Geschichte des Menschengeschlechtes liefert, sind nicht ausschließlich Eigentum der Juden, sondern finden sich bei fast allen Kulturvölkern semitischer und hamitischer Abstammung bereits in uralter Zeit, so bei den Babyloniern, Phöniziern und Ägyptern. Es werden in unsern Tagen an den Ufern des Euphrats ganze Bibliotheken von beschriebenen Thontafeln zu Tage befördert, welche von der Schöpfungsgeschichte, dem Paradiesgarten mit dem Lebensbaume und der Schlange, der Sintflutsage Nachricht geben, und zwar mit einer Übereinstimmung in der Detaillierung, daß ein notwendiger Zusammenhang mit den biblischen Erzählungen unmöglich geleugnet werden kann. In Ägypten sind es weniger zahlreiche und deutliche Überreste, doch darf auch für das alte Pharaonenland die Kenntnis der Flutsage, des Gartens Eden und des Babelturmes als erwiesen betrachtet werden.

Diese merkwürdigen Übereinstimmungen weisen auf die gemeinsame asiatische Urheimat dieser Völker hin und auf die Verwandtschaft aller Nachkommen der Söhne Noahs, Sem, Cham und Japhet, die sich über die benachbarten Länder verbreiten mußten, weil die Heimat die allzu zahlreich Gewordenen nicht mehr zu fassen vermochte. Nach Genesis X, 6 sind die Söhne Chams: Kusch, Mizraim, Put und Kanaan. Diese wanderten nach Westen und wir dürfen für die Nachkommen des Put und Kanaan die Bewohner des Landes Punt und Keft ansehen, die Araber und Phönizier, während Kusch am weitesten nach Süden gelangt und der Stammvater der Äthiopier wurde, und Mizraim sich in Ägypten niederließ.

289

Die ältesten Abkömmlinge des Mizraim erkennen wir in Ägypten in den prähistorischen Hor-schasu, den Horusdienern, den Gründern der ältesten Stadt des Landes Anu (On der Bibel, Heliopolis der Klassiker), mit theokratischer Regierung, deren letzter Herrscher, Bytes, bis auf 4245 v. Chr. zurückreicht. Die Kultur dieser Hor-schasu muß schon in unvordenklichen Zeiten eine hochentwickelte gewesen sein; in den ältesten Schriften wird auf ihre Epoche als auf ein goldenes Zeitalter hingewiesen und ihr eine Dauer von Myriaden von Jahren zugesprochen, während eine Dauer von 4000 Jahren eine mäßige Schätzung der heutigen Gelehrten ist. Ihnen ist die Gaueinteilung des Landes, Einführung der Gesetze, Erfindung der Künste und Wissenschaften, des Papiers und der Schrift zuzuschreiben. Nach der Hor-schasu beginnt (etwa 4000 v. Chr.) die historische Zeit mit der Regierung von Königen, und wir finden schon unter der ersten Dynastie derselben in Ägypten eine ausgebildete Mythologie, die nur das Produkt langer theosophischer Spekulationen sein kann, mit Tempeln und Pyramiden, welche letztere wieder die Einbalsamierung der Leichen und somit die Lehre von einer Fortdauer der Seele nach dem Tode voraussetzt. – War ein Keim aus der asiatischen Urheimat mitgebracht worden, aus welchem die Priester ihre esoterischen Lehren von Gott, der Welt und den Menschen entwickelten?

Man könnte versucht sein, die jüdische Geheimlehre, die Kabbala, hier in Betracht zu ziehen, die so viele Übereinstimmungen mit dem ägyptischen Emanationssystem der Priesterlehre aufweist, und vermuten, daß der Ursprung beider auf eine solche asiatische Quelle zurückzuführen sei. In der That greifen einige Kabbalisten bezüglich der Entstehung ihrer Lehre bis auf Adam zurück, dagegen nennen andere den Abraham, wieder andere Moses als den ersten, dem die Lehre mitgeteilt worden sei, ganz zu schweigen von den neueren Forschern, von denen jeder zu einem andern Resultate gelangt. – Ich möchte der Wahrscheinlichkeit, daß die Kabbala auf Moses zurückzuführen, demnach ägyptischen Ursprungs sei, vor allen anderen Theorien den Vorzug geben. Die jüdische Nation war als Nomadenfamilie von 70 Gliedern in Ägypten eingewandert (11. Moses 1, 5), und erst während ihres mehr als 400jährigen Aufenthaltes daselbst das große Volk geworden, das nachmals durch 290das rote Meer zog. Moses selbst, in ägyptischer Weisheit erzogen und wie auch sein Bruder Aharon-Levi, in die Geheimnisse der Priester eingeweiht, tritt gleich nach dem Auszuge als Gesetzgeber auf – mit ägyptischen Gesetzen. Die Hierarchie der Leviten, Lebensart und Verrichtungen derselben, die Bestimmungen über reine und unreine Tiere, die Einteilung der Stiftshütte mit dem Allerheiligsten, alles dieses, auch die zehn Gebote, von denen das vierte mit derselben Verheißung bei den Ägyptern vorkommt, ist von Moses nach ägyptischen Vorbildern bestimmt und zum Gesetz erhoben worden. Sollte dagegen Moses die geheime Priesterweisheit selbst seinem Volke ganz und gar vorenthalten haben?

Hieran anknüpfend, will ich im Nachfolgenden den Beweis zu liefern versuchen, daß die Vorstellung vom Menschenwesen, von seinem materiellsten, körperlichsten Prinzip, dem Leib, bis hinauf zu dem höchsten, dem transscendentalen Ich, dem Geist, wie in der jüdischen und sonstigen esoterischen Lehre, so auch wohl in der Priesterlehre der alten Ägypter die gleiche war, daß für alle Zwischenglieder der beiden Extreme, Körper und Geist, sich Bezeichnungen im ägyptischen Totenbuche vorfinden, die für vollständig kongruent mit den Bezeichnungen der jüdischen und indischen Geheimlehren gehalten werden dürfen. – Zuvörderst muß ich jedoch zum besseren Verständnis die altägyptische Vorstellung von dem Schicksal des Menschen nach dem Tode schildern.

Dem griechischen Schriftsteller Stobäos verdanken wir die Schilderung eines Fragmentes aus einer älteren hermetischen Schrift, die einen wichtigen Beitrag zur Seelenlehre enthält. Es wird darin gelehrt, daß:

„Von einer Seele, der des Alls, alle diese Seelen stammen, welche sich, gleichsam verteilt, in der Welt umhertreiben. Diese Seelen erfahren viele Verwandlungen; die, welche jetzt kriechende Geschöpfe sind, verwandeln sich in Wassertiere; aus diesen Wassertieren werden Landtiere, aus diesen Vögel. Aus den Geschöpfen, die oben in der Luft leben, werden die Menschen. Als Menschen aber empfangen sie den Anfang der Unsterblichkeit, indem sie zu Dämonen werden und in den Chor der Götter gelangen.“

Wir erkennen hier die Wanderung eines Ausflusses der Allseele durch die Tierleiber als Präexistenz einerseits und die Fortdauer 291der Seele nach dem Tode des Menschen als Unsterblichkeit andererseits; die Begriffe Seelenwanderung und Unsterblichkeit sind streng auseinander zu halten. Auch die bis auf unsere Tage erhaltenen inschriftlichen Denkmäler des Pharaonenlandes trennen stets diese beiden Begriffe, und zwar so, daß die Unsterblichkeit als ein Zustand dargestellt wird, in welchem die Seele, mit ihrem verklärten Leibe vereinigt, ein ewiges glückliches Dasein genießt, befreit von allen Leiden der irdischen Wesen, während die Seelenwanderung sich auf der Erde vollzieht, in einem steten Wechsel zwischen Tod und Wiederaufleben in einem neuen Körper besteht, wobei die Leiden in den irdischen Körpern, besonders der Schmerz des jedesmaligen Todes, von der Seele ertragen werden müssen. Hand in Hand mit dem göttlichen Ursprung der Seele geht dann die Lehre von einer Belohnung der Guten und einer Bestrafung der Bösen. So heißt es im ersten Kapitel des Totenbuches:

„Da ich für fromm befunden wurde auf Erden und Sorge hatte vor dem Herrn der Götter, darum habe ich erreicht das Land der Wahrheit und Rechtfertigung. Ich erstehe als ein lebender Gott und strahle im Chor der Götter, welche im Himmel wohnen, denn ich bin von ihrem Stamm.“

Der Glaube an „ein ewiges Leben der Gerechten und an einen zweiten Tod der Frevler“, wie sich die Ägypter ausdrücken, setzt ein Gericht voraus, das nach dem Hinscheiden über den Verstorbenen gehalten wird. Dieses Totengericht wird vielfach bildlich dargestellt. Im Saale der zweifachen Wahrheit sitzt Osiris als Totenrichter auf dem Thron, Krummstab und Geißel in den Händen, auf dem Haupt die Federkrone, um den Hals eine Kette mit dem Abzeichen des Oberrichters, einem Täfelchen, welches die Wahrheit genannt wurde. Anbetend tritt der Verstorbene ein, ihn empfängt die Göttin der Wahrheit, Mat. In der Mitte des Saales steht eine Wage, auf deren eine Schale der Verstorbene sein Herz legt. Anubis, der schakalköpfige, legt eine Statuette der Göttin der Gerechtigkeit auf die andere Wagschale. Horus, der sperberköpfige, prüft das Gewicht, und Thot, der ibisköpfige Gott der Schreibkunst, verzeichnet das Resultat der Wägung auf einer Schreibtafel. Osiris spricht das Urteil.

292

Wurde das Herz zu leicht befunden, so mußte der Verstorbene zum zweitenmal sterben, d. h. sein Herz hat die dreitausendjährige Wanderung durch die verschiedenen Tierleiber, vom Schwein angefangen, von neuem durchzumachen, während die Seele unrettbar der Vernichtung durch die Höllengeister anheimfällt. Bei der Vollstreckung ihrer Strafe tritt in die Seele das transscendentale Wesen des Verdammten als rächender Dämon, erinnert sie an die Verachtung seines Rates, an die Verhöhnung seiner Bitten, züchtigt sie mit der Geißel ihrer Sünden und giebt sie dem Sturme und Wirbelwinde der heraufbeschworenen Elemente preis. Beständig zwischen Himmel und Erde hin und hergeworfen, ohne je ihrem Bannfluche zu entgehen, sucht die verurteilte Seele menschliche Körper heim, um sich in ihnen einzunisten, und sobald sie einen gefunden hat, martert sie diesen, belädt ihn mit Fluch und stürzt ihn in Mordthaten und Irrsinn. Wenn die Seele nach Jahrhunderten schließlich das Ziel ihrer Qualen erreicht, so fällt sie doch nur dem zweiten Tode anheim. In den 75 Abteilungen der Hölle, die in ihrer Einrichtung dem Gehenna oder Ghinam der Kabbala entspricht, werden die Seelen der Verdammten den qualvollsten Martern unterworfen. Sie werden in glühenden Kesseln gebraten, unter den fürchterlichsten Durstesqualen in kaltes Wasser geworfen, versuchen sie zu trinken, so wird das Wasser zu Feuer. Die Speisen, die sich den Hungernden darbieten, verwandeln sich in Schatten. Von roten Dämonen werden sie an Pfähle gebunden und mit Schwertern zerfleischt, mit den Füßen nach oben gehängt, ihnen das Herz aus dem Leibe gerissen usw. – Die Darstellung dieser Qualen der Hölle scheint jedoch nur an die Adresse der großen Menge gerichtet gewesen zu sein, in der esoterischen Lehre dürften die Strafen für immaterielle Wesen doch anders gelautet haben.

Hat der Verstorbene jedoch Gnade gefunden vor den Augen des Osiris, so harren seiner die Freuden des Paradieses, des Gefildes Aalu. Götter erscheinen an seinem Sterbebette, um die Seele in Empfang zu nehmen.

Sie reinigen seinen Körper von allen Makeln, sie richten seine Beine ein und kräftigen seine Gelenke, sie bereiten seinen Körper zur Wiedergeburt vor.

Die Vorstellung, daß am Sterbebette der Frommen Götter 293erscheinen, seine Seele in Empfang zu nehmen und vor Gefahren zu schützen, begegnet uns wieder im Gnostizismus. – So sagt St. Pachomius:

„Wenn jemand im Punkte ist zu sterben, dann kommen zu demselben vier Engel. Gott will durch sie bewirken, daß die Trennung der Seele vom Leibe eine schmerzlose sei. Einer dieser Engel steht zu Häupten, der andere zu Füßen des Hinscheidenden, und zwar in der Stellung von Menschen, die den Körper mit Öl einreiben, bis sich die Seele vom Leibe trennt. Der dritte Engel hält in den Händen ein Tuch von nichtstofflicher Beschaffenheit, in das er die Seele aufnimmt, der vierte endlich singt Hymnen in einer dem Menschen unverständlichen Sprache: so geleiten sie die Seele zu den Sphärenwohnungen.“

Diese Vorstellung ist, wie so vieles im Gnostizismus, eine ächt ägyptische. Zahl und Amt der Engel entsprechen genau denen der vier ägyptischen Totengenien.

Der Verstorbene, welcher bei der Wägung des Herzens von sich sagen konnte, daß er die verschiedenen Sünden nicht begangen und genügend gute Handlungen, die er im Leben verrichtet, zu seinem Herzen auf die Wage legen konnte, führt nun den Namen Osiris und kann seine Reise nach dem Paradiese antreten. Das Vermeiden böser und Verrichten guter Handlungen wurde jedoch nicht für genügend erachtet, um den Verstorbenen des direkten Eintrittes in das Paradies, der Genossenschaft der Götter zu würdigen. Die guten und bösen Handlungen waren nach der Priesterlehre zunächst Ergebnis seiner Neigungen, also Handlungen, die ihren Grund im Herzen haben. Aber nicht nur das Herz, sondern auch der Verstand mußte den Göttern ähnlich sein. Der Verstorbene mußte die Religionslehre kennen, die Namen der Götter wissen und in den Geheimnissen der Priesterlehre bewandert sein. Stand sein Wissen nicht auf dieser Höhe, so mußte er im Zwischenreich längere oder kürzere Zeit verweilen. Wir werden solchen Verstorbenen, den Uschabti, noch begegnen.

Im Westen wurde der Verstorbene begraben, und wie im Westen die Sonne als Osiris untergeht, dann um die untere Hemisphäre, ohne zu leuchten, durch das von Osiris beherrschte Reich Amenti, den dunkeln Hades, das Zwischenreich zieht, um anderen 294Tages als Morgensonne, Horus, im Osten wieder aufzuleuchten, so dachte man sich auch den Weg des Verstorbenen von der westlichen Grabregion nach Osten durch die untere Hemisphäre, Amenti, gehend, worauf er dann am Himmel, jetzt nicht mehr mit dem Namen Osiris, sondern als Horus gleich der Sonne erscheint.

Die Unterwelt Amenti ist zu denken als ein Land, dem obern Land Ägypten etwa gleich mit einem unterirdischen Nil, Gauen und Städten, mit Äckern und Wiesen, jedoch dunkel, ohne leuchtende Sonne. Ebenso ist das Paradies, das Gefilde Aalu, welches der Verstorbene betritt, wenn er die Unterwelt verlassen hat, als ein ähnliches Land zu denken, jedoch mit Abänderungen, welche auf die, vor undenklichen Zeiten von den eingewanderten Ägyptern aus Asien mitgebrachten Paradies-Vorstellungen zurückzuführen sein dürften.

Die Überfahrt von der westlichen Grabesregion nach der unteren Hemisphäre macht der Verstorbene auf der Sonnenbarke des Osiris als dessen Gefährte. Sobald die Barke im verborgenen Lande anlegt, betritt er den „Weg, der unter der Erde ist“. Auf diesem Wege nun begleiten wir unsern Osiris. Er ist noch immer als ein Verstorbener in Mumienform zu denken, er kann nicht sprechen, er ist ohne Erinnerung, ohne Atem und Lebenswärme. In der Region der Unterwelt, die den Namen Nutercherti hat, trifft er als deren Bewohner, die vorhin erwähnten Uschabti. Ich halte diese für die noch nicht an Wissen vollendeten Verstorbenen, gewissermaßen „die armen Seelen des Fegfeuers“. Auch sie sind, wie er, in Mumiengestalt ohne Sprache u. s. f. Der Verstorbene müßte nun eigentlich helfen, die Arbeiten dieses Gaues zu verrichten, „zu bebauen die Felder, zu füllen die Kanäle mit Wasser, zu führen den Sand des Westens nach dem Osten und umgekehrt“. Alles Arbeiten, welche die Uschabti ohne Gebrauch von Händen und Füßen verrichten, nur „vermöge der ihnen innewohnenden Fähigkeiten“, wie es auf den Texten der Uschabtifigurinen heißt. Ist er jedoch bereits geistig höher entwickelt, so genügte es, daß man den Verstorbenen, dessen Name, gefolgt von dem seiner Mutter, fast stets darin bemerkt ist, „Licht ausgestrahlt“, das heißt, daß er bereits ein Geläuterter ist, und daß die Uschabti ihn für fähig erklären sollen, die besagten Arbeiten zu thun. Da aber, wie gesagt, die 295Uschabti noch stumm sind, und die Befähigung nicht aussprechen können, gerade deshalb ist dieselbe auf den Figurinen aufgeschrieben. Die anerkannte Befähigung genügt, der Verstorbene braucht sich nicht im Nutercherti aufzuhalten und kann seinen Weg fortsetzen. Er wandert nun im großen Zuge der Götter. Nach und nach erhält er seinen Mund, d. h. seine Sprache, seine Erinnerung, sein Herz und seine Seele zurück. Er bekämpft Krokodile und allerlei schlimmes Gewürm; er wird bedroht, gebissen zu werden von dem, der das Gesicht nach hinten hat; er stößt den zurück, der den Esel verzehrt; er rettet sich vor der Gefahr, Kot essen zu müssen, – Abenteuer, die zwar recht albern lauten, denen jedoch eine tiefere allegorische Bedeutung zu Grunde liegt. Er kommt auch an den Ort, wo die Gottlosen, die zweifach Toten, sich befinden, und man zeigt ihm ihre Leiden und Qualen, gleichsam um ihm den Wert der himmlischen Freuden noch schätzbarer zu machen. Auch diese Vorstellung findet sich in der Kabbala wieder.

Es würde natürlich zu weit führen, alle Details des Zwischenreiches Amenti, wie auch des nun folgenden Paradieses hier ausführlich zu besprechen, oder auch nur deren Namen anzuführen; auch würde es sehr schwer sein, einen Begriff von diesen Labyrinthen mit allen ihren Gängen, Hallen, Thoren, Städten und Gauen zu geben. In der That war das berühmte, von dem König Amenemha III. erbaute Labyrinth nichts anderes, als eine steinerne Darstellung des Amenti.

An dem Paradies, das wir uns im Bereiche des Sonnengottes Ra, also am Himmel über uns, vorzustellen haben, angekommen, tritt der Verstorbene ein, gefolgt von dem Gotte Thot. Nach den vorgeschriebenen Verbeugungen bringt er den dreimal drei großen Göttern ein Opfer dar. Dann besteigt er die Barke, um auf dem „Wasser des Friedens“ zu fahren, vorbei an Städten und Inseln, und gelangt endlich an den ihm angewiesenen Wohnort, wo er den Göttern der beiden Sonnenberge und dem Herrn des Himmels ein zweites Opfer darbringt. Wir sehen den Verstorbenen im Gefilde des Aalu pflügen, säen und ernten. Das Getreide wird sieben Ellen hoch, die Ähren haben drei Ellen, die Halme vier. Vom Ertrage bringt er dem Hapi, dem Gott der Fruchtbarkeit, ein Dankopfer dar für den reichen Erntesegen. Auf der Reise dahin nimmt 296er in jedem himmlischen Gau die Gestalt und Eigenschaft des Gottes an, der dem Gau vorgeht. Er sproßt als ein reiner Lotus auf dem Wiesengrunde des Ra. Er nimmt die Gestalt des Phtha an, und genießt die Opfer, welche diesem Gotte dargebracht werden. Er erhebt sich in die Lüfte als Horussperber, verwandelt sich in den heiligen Phönix usw.

Der Aufenthalt im Gefilde Aalu soll aber kein ewig dauernder sein, sondern scheint nur ein Lohn zu sein für das menschlich Gute des Verstorbenen. Wie alle Seelen ein Ausfluß der All-Seele sind, so müssen sie auch wieder zur All-Seele zurückkehren, in den höchsten reinsten göttlichen Urzustand. Maspero sagt:

„Es giebt zwei Götterchöre, der eine schweift umher, der andere steht unbeweglich fest. Letzterer bildet die letzte Stufe in der verklärten Weihe der Seele. Auf dieser wurde sie ganz Vernunft“ (richtiger: Dämon = chu), „sie sieht Gott von Angesicht zu Angesicht und versenkt sich in ihn.“

Es erübrigt mir noch, einige Bemerkungen über das Totenbuch beizufügen. – Da dem lebenden Bewohner des schwarzen Landes, wenigstens dem Laien, die Geheimnisse der Priesterlehre streng vorenthalten wurden, der Verstorbene dieselben jedoch zu seinem Heil im Jenseits kennen mußte, so wurden sie auf einer Papyrusrolle niedergeschrieben, und diese nebst verschiedenen Amuletten und Talismanen dem Toten mit ins Grab gegeben. Diese Papyrus führen in der Wissenschaft seit Lepsius den Namen Totenbuch. In der Form und Redaktion, in der uns die erhaltenen Exemplare dieser Papyrus vorliegen, dürfte deren Entstehung wohl nicht über die 18. Dynastie zurückreichen. Einzelne Teile und Kapitel derselben waren jedoch bereits im alten Reiche, in der ersten und vierten Dynastie, bekannt. So heißt es z. B. ausdrücklich im 64. Kapitel:

„Dieses Kapitel wurde gefunden zu Hermopolis, auf einer Alabasterplatte, mit blauer Farbe geschrieben zu Füßen des Gottes Thot, zur Zeit des Königs Menkera durch den Prinzen Hartatef, als er auf einer Reise begriffen war, um die Tempel zu besichtigen. Er trug den Stein in den königlichen Wagen, als er sah, was darauf geschrieben stand. O, großes Geheimniß! Er sah nicht mehr, er hörte nicht mehr, als er dies reine und heilige Kapitel las, er berührte kein Weib mehr und aß weder Fleisch noch Fisch.“

297

Die ältesten Fragmente, die auf uns gekommen sind, finden sich auf Holzsärgen der 11. Dynastie. – Das Totenbuch wurde von den Priestern sorgfältig geheim gehalten. So heißt es am Schlusse des 162. Kapitels:

„Dieses Buch ist ein großes Geheimniß: Lasse es kein Menschenauge sehen; es wäre das eine große Sünde. Verbirg sein Vorhandensein. Sein Name ist: Buch von der verborgenen Wohnung.“ (Ferner Kapitel 133:) „Laß dieses Buch keines Menschen Antlitz schauen, studire es geheim vor deinem Vater, vor deinen Söhnen, denn wer es verwahrt, der ist ein reiner Geist vor Ra, und es verleiht ihm Macht vor dem Herrn der Götter, da die Götter ihn betrachten, wie einen ihres Gleichen, und die zweifach Toten schauen ihn liegend auf ihrem Antlitz, denn er wird betrachtet als ein Bote des Ra.“

Der Grund der Geheimhaltung dürfte der sein, daß der Mensch nicht im Streben nach Reinigung des Herzens erlahmen, dann auch, daß er sich nicht über die Furcht vor dem letzten Gericht hinwegsetzen sollte, was bei der Kenntnis der geheimnisvollen Kapitel zu befürchten war. Ein weiterer Grund war wohl auch der, daß nicht Mißbrauch damit getrieben werden sollte. Es wird in Papyros Lee und Rollin von dem gottlosen Huy, dem Aufseher der Herden des Ramses, berichtet, welcher dergleichen Schriften aus der Hofbibliothek entwendete und dann mit denselben bösen Zauber versuchte.

Ich komme nun zu meinen Resultaten über die verschiedenen Bezeichnungen für die leiblichen, seelischen und geistigen inhärierenden Bestandteile des Menschen, wie sich solche in der hieroglyphischen Sprache, besonders im Totenbuch, vorfinden, und zu dem Beweise, daß diese mit den Bezeichnungen der Kabbala und des Esoterismus überhaupt übereinstimmen. Letzterer tritt uns in deutscher Darstellung zuerst mit dem Aufblühen der neueren Zeit bei den tonangebenden Männern des 16. und 17. Jahrhunderts, Agrippa, van Helmont und anderen entgegen, findet sich aber wohl am weitestgehenden bei Paracelsus ausgeprägt.

Wie in manchen esoterischen Lehren der Mensch als Monade in einer Siebenteilung sich darstellt, so auch in der ägyptischen 298Priesterlehre. Ich will diese Teile des menschlichen Wesens kurz die sieben Grundteile des Menschen nennen.

Von dem untersten, materiellsten Grundteile, dem Körper, ägyptisch chat, hebräisch guf, bei Paracelsus „Elementarleib“ ausgehend, finden wir als das zweite, das Leibesleben, ägyptisch anch, hebräisch coach ha guf, bei Paracelsus „der Archäus“ oder die „Mumia“. Dieses anch, Leben, wurde als Hauch und Lebenswärme (nifu und bas) gedacht, und da es durch den Tod dem Körper verloren geht, von dem Gott Anubis, dem Wiederbeleber, von neuem dem gerechten Verstorbenen verliehen. Die alten Abbildungen zeigen den Gott Anubis, die Hände wie zum Segnen über den auf der Bahre liegenden Leichnam ausbreitend. Infolgedessen zieht die Seele in Gestalt eines Vogels mit Menschenkopf, mit dem Lebenszeichen und dem Zeichen des Hauches, dem Segel, versehen, in den Körper wieder ein. Dadurch wird aber der Verstorbene nicht ein anch, ein körperlich Lebender, sondern ein sahu, ein geistig Lebender. So sagt ein Text einer Votivtafel in Wien: „Es macht ihn zum sahu der Gott Anubis selbst.“ Bei einer ähnlichen Abbildung lautet die Beischrift: „Die Seele, ihren Körper erblickend, vereinigt sich zu ihrem göttlichen sahu.“

Der dritte Grundteil, in der Kabbala Nephesch, bei Paracelsus „der siderische Mensch“, „Astralleib“ oder Evestrum wird durch die Hieroglyphe ka bezeichnet, welche zwei nach oben ausgebreitete Arme darstellt. Über den ka ist von den Ägyptiologen vielfach geschrieben und gestritten worden. Le Page Renouf und Maspero haben die Bedeutung als Reflex des Menschen nach dem Tode, le double de l'homme, erklärt. Pierret widerspricht dem und findet in ka gerade im Gegenteil die körperliche Substanz, die materielle Person, die Individualität des Leibes. Zieht man die esoterische und kabbalistische Bezeichnung zu Rate, so findet man, daß beide Deutungen nicht unrichtig, aber auch nicht vollständig sind. Ka ist die Persönlichkeit des körperlichen Menschen und zugleich ein Doppelgänger stofflicherer Art, als der geistige Doppelgänger, welchen wir im sechsten Grundteil, dem cheybi, kennen lernen. Ka ist auch die körperliche Erscheinung des Verstorbenen im Hades, dem Zwischenreich; er entspricht somit vollständig dem obersten Gliede im Zelem des Nephesch.

299

Der Gebrauch der Ägypter, die Leiche auf das sorgfältigste vor Verwesung zu schützen, um dadurch dem Verstorbenen, wie es heißt, die Möglichkeit der astralen Erscheinung zu sichern, setzt voraus, daß in dem mumifizierten Körper etwas Immaterielles als zurückbleibend gedacht wurde, das, mit den höheren Grundteilen in Verbindung tretend, die Erscheinung bewirkt. Es muß angenommen werden, daß den Ägyptern ein ähnliches wie der Habal de garmin der Kabbala, der sich in die Knochen versenkende Zelem des Nephesch, bekannt war. In der That finden wir im 154. Kapitel des Totenbuches die, wenn auch mystisch dunkel gehaltene Bestätigung dessen. Die Vignette, welche dieses Kapitel ziert, stellt den Sonnendiskus dar, der von dem baldachinartigen Himmelsgewölbe auf die Mumie herabsteigt, und von dem es im Texte heißt, daß er sich „in den Leib versenkt“. Einige Zeilen weiter heißt es: „(Dieses ist) das Geheimniß von demjenigen Leben, welches das Ergebnis der Zerstörung des Lebens ist.“ Dieses Leben also, das Resultat des durch den Tod vernichteten anch, kann daher wohl für übereinstimmend mit dem Habal de garmin angesehen werden.

Der vierte Grundteil ist der Wille, das Gemüt, in der Kabbala Ruach, bei Paracelsus „der tierische Geist“. Die Hieroglyphe dafür stellt das Herz dar, mit der Lautung hati und ab. Als der Sitz des Gemütes, des Ethischen im Menschen, sahen wir bereits das Herz auf der Wage im Totengericht; und es wurde dadurch darauf hingewiesen, daß nicht die Seele, sondern das Herz, dessen Ausflüsse die guten und bösen Thaten, die Werke der Barmherzigkeit und die Gebete sind, bei der Wägung in Betracht kommen. Auch als Wille oder tierische Seele finden wir hati im Totenbuch aufgefaßt. Im 26. Kapitel wird dem Verstorbenen sein Herz zurückgegeben, wodurch er die Herrschaft über seine Glieder zurück erhält, und zwar geschieht dies, wie es dort heißt, „zum Besten seines ka“, seines Astralleibes. Dieses „zum Besten seines ka“ ist insofern wichtig, als daraus zur Evidenz hervorgeht, daß der ka, der Astralleib, als die körperliche Form des Verstorbenen in der Unterwelt gedacht wurde.

Der fünfte Grundteil ist die Seele, Neschamah, bei Paracelsus die „verständige Seele“, die Trägerin der Vernunft, des Verstandes und Gedächtnisses, hieroglyphisch dargestellt durch den Sperber mit 300Menschenkopf, bai oder ba. Horapollo lehrt, daß die Psyche, die Seele, ägyptisch bai heißt. Da nun aber das griechische Wort ψυχὴ verschiedene Bedeutung hatte, so: Verstand (ratio), Gemüt (mens) und Leidenschaft (appetitus), dann Lebenskraft (spiritus vitalis), wir aber die letzteren bereits in hati, ab und anch kennen gelernt haben, da ferner ba im Totenbuche nie im Sinne von Gemüt, Leidenschaft oder Lebenskraft gebraucht wird, so bleibt uns für bai nur die Bedeutung Verstand (ratio) übrig, in welchem Sinne es auch vortrefflich mit zu dem Neschamah der Kabbala paßt.

Die Seele ist das oberste Glied unter den dreien, die den Zelem des Ruach ausmachen, und zugleich das unterste Glied im Zelem der Neschamah. Mit dem fünften Grundteil, Seele, schließt die Reihe der Bezeichnungen für die bewußte Person des Menschensubjektes und es beginnt die unbewußte, die transscendentale Person.

Der sechste Grundteil, in der Kabbala chaijah, bei Paracelsus „Geistesseele“, ist hieroglyphisch cheybi, der Schatten, geschrieben durch ein Zeichen, welches den Schattenspender, den Sonnenschirm darstellt (ungefähr in der Form von einem Palmblattfächer). Es entspricht den σκιαὶ und umbrae der klassischen Autoren und ist die Erscheinung der Verstorbenen, die von den Lebenden gesehen aber nicht angefühlt werden kann. Der cheybi wandelt täglich auf Erden umher, sieht seine Angehörigen und freut sich über die an das Grab gebrachten Opfergaben. Häufig kommt die Dualform cheybti vor, mit der Bedeutung, der zweite Schatten, jedenfalls bezieht sich dies auf eine Unterscheidung von dem Astralleib ka, der ja als Doppelgänger auch eine Art von Schatten ist.

Merkwürdig dürfte es sein, daß sehr häufig in den bildlichen Darstellungen der cheybi umgedreht, also das unterste zu oberst dargestellt wird. Ein Fries aus Karnak zeigt Köpfe mit dem Zeichen cheybi bekrönt abwechselnd mit der Geißel, dem heute noch in Ägypten vielgebrauchten Kurbatsch.

Der siebente Grundteil endlich ist der Geist, in den verwandten Lehren jeschida und „der göttliche Gedanke“ der deutschen Mystik, oder bei Paracelsus „der Mensch des neuen Olymps“, ägyptisch geschrieben durch die Hieroglyphe chu, deren Bedeutung: „Der Leuchtende, Strahlende“ ist. Es ist der „Geist“ im höchsten Sinne des Begriffs. Mit cheybi und bai vereint bildet er die Wesenheit 301des verstorbenen Gerechten oder Verdammten (für welche beide der Ausdruck chu gebraucht wird, bei letzteren jedoch mit dem Zusatz moti, der zweifach Tote). Diese Wesenheit ist der gute oder böse Dämon, von dem bereits oben die Rede war. Identisch mit diesen drei obersten Grundteilen erscheinen mir auch die δαίμονες, ήρωες und ψυχαὶ ἄρχοντοι in dem Jamblichus zugeschriebenen de mysteriis liber zu sein.

Eine Bestätigung für die richtige Aufeinanderfolge der einzelnen Prinzipien in der Zusammenstellung, in der ich dieselbe gegeben, findet sich im 92. Kapitel des Totenbuches, woselbst die Bezeichnungen für die geistig-seelischen Grundteile in einer unzweifelhaft absichtlichen Reihenfolge angeführt sind, und zwar immer vom unteren Prinzip ausgehend, zum oberen fortschreitend. So heißt es: „Nicht werde meine Seele gefangen, nicht werde mein Schatten aufgehalten, damit ich den Weg bahne meinem ba, meinem cheybi und meinem chu“. Dieses also sind die drei obersten Grundteile. Ferner erwähne ich die Stelle: „Der Weg der Bösen sei abgelenkt von meinem ka, meinem ba und meinem chu.“ Hier sind also der 3., 5. und 7. Grundteil zusammengestellt, je das oberste Glied aus der körperlichen, der bewußt-geistigen und transscendental-geistigen Triade, außerdem findet sich ein schlagender Beweis für die Richtigkeit meiner Aufstellung im Grabe des Nebunef in Theben. Der Verstorbene ist dargestellt in: Anbetung der vier Totengenien Amasath, Hapi, Tiaumutef und Kebsonuf, welche vier stets in dieser typischen Reihenfolge auftreten. Amasath überreicht dem Verstorbenen seinen ka, Hapi sein ab, Tiaumutef seinen ba und Kebsonuf seinen cheybi.

Es wird nach dem bisher Gesagten als höchst wahrscheinlich gelten müssen, daß sich wesentliche Teile der ägyptischen Seelenlehre mehr oder weniger unmittelbar über die späteren Kulturvölker verbreiteten. Daß Griechenland seine Kunst und Wissenschaft, auch zum Teil seine Gesetze, Staatsverfassungen und Religionsgebräuche aus Ägypten bezogen, wird von den griechischen Schriftstellern selbst zur Genüge bezeugt. Schon Orpheus soll ein Schüler ägyptischer Priester gewesen sein, und die durch ihn gestifteten eleusinischen Geheimnisse erinnern an ägyptische Mysterien. Thales von Milet, der den Joniern eine Sonnenfinsternis genau voraussagte, was er wohl aus eigenem Studium nicht vermocht hätte, hatte Ägypten 302besucht. Pythagoras war mit den größten Anstrengungen in die esoterischen Lehren eingedrungen, indem er selbst ägyptischer Priester wurde. Er verdankte wohl den besten Teil seines Wissens dem Unterricht in den Tempeln. Nebenbei will ich seine Kenntnis der Tetragramme oder magischen Quadrate erwähnen, deren sich auch die Kabbalisten bedienen. Solon, welchem die Hierogrammaten mitteilten, daß der Weltteil Atlantis vor 9000 Jahren vom Meere verschlungen worden sei, dasselbe verschollene Land, das auch in verschiedenen neueren Werken wieder ein Gegenstand wissenschaftlicher Forschung geworden ist, Solon und ebenso Lykurg gaben Gesetze nach ägyptischen Vorbildern. Auch Platos ist nicht zu vergessen, der mit Weisheit und Philosophie dieses Landes durch seine Reisen dahin wohl vertraut wurde.

In den ersten Jahrhunderten des Christentums ward Ägypten, und speziell Alexandria, noch einmal der Glanzpunkt in der Geschichte der Gelehrsamkeit mit dem Aufblühen des Neuplatonismus und des Gnostizismus; und daß auch die deutschen Mystiker zur Zeit des Wendepunktes unserer Kulturentwickelung durch diese Vermittelung aus der alten Quelle ägyptischer Weisheit schöpften, wird ebenfalls nicht bezweifelt werden können. Ganz besonders hatte Paracelsus vermutlich eine Gelegenheit, unmittelbare Unterweisung in diesen esoterischen Lehren während seiner Orientreise zu genießen. Seitdem nun aber die Sprachforschung der letzten hundert Jahre uns mehr und mehr auch die Schätze altindischer Weisheit erschlossen hat, finden wir selbst in dieser einige charakteristische Züge, welche eine Verwandtschaft mit der ägyptischen Seelenlehre nicht wohl verkennen lassen; so die Anschauung einer Aufwärtsentwickelung der Lebewesen von den niedrigsten Gestaltungen durch unzählige Verkörperungen bis zum Menschen und zum Gotte, ferner die daran anknüpfende Lehre der Seelenwanderung und nicht minder die Einteilung des menschlichen Wesens in verschiedene Grundteile, deren Zahl allerdings je nach den verschiedenen Zeiten und Anschauungen verändert gerechnet wurde.

Ob nun vielleicht auch die Indier aus der ägyptischen Quelle esoterische Weisheit geschöpft haben und wann? Ob in frühester Zeit oder etwa erst um 1300 v. Chr., wo die Handelsverbindung beider Länder ihren Anfang genommen haben dürfte: darüber läßt 303sich Bestimmtes nicht sagen. Soviel dürfte gewiß sein, daß die brahmanischen Weisen einen großen Teil der ägyptischen Priesterweisheit bis zum heutigen Tage besitzen, wo es denjenigen Forschern des Westens, welche nach denselben begehren, allmählich mehr gelingt, in deren Wesen einzudringen. Freilich aber standen wohl nicht ohne Grund auf dem Standbild der Göttin Neith zu Sais, welche die Hüterin der Geheimnisse war, die Worte geschrieben:

„Keiner lüftet jemals meinen Schleier“.

305

Fünftes Buch.
Der Occultismus der Hebräer.

307

Erstes Kapitel.
Die schwarze Magie der Hebräer.[304]

Nach der Kabbala steht alles Existierende im großen wie im kleinen, im einzelnen wie im ganzen, in einer magischen Verbindung. Überall ist das Äußere der Ausdruck des Innern und das Untere die Ausprägung des Höheren, und in derselben Weise, wie das Höhere und Innere nach unten und außen wirkt, so wirkt umgekehrt das Untere und Äußere nach oben und innen magisch zurück. Diese Sympathie bildet das innere Prinzip alles Geschaffenen.

Der Welt des Lichtes steht eine Welt der Finsternis gegenüber, während der Mensch seinen Platz in der Mitte behauptet und als der unterste Ausläufer der Welten sowohl des Lichtes als auch der Finsternis gelten kann. Der Rapport zwischen dem Unteren und dem Höheren wird durch den Kultus, durch die mit rituellen Handlungen verknüpfte Assimilation hergestellt, indem das Untere, welches nur durch sein Oberes existiert, sich demselben gleichförmig zu machen und mit ihm eins zu werden bestrebt ist. Gleichzeitig sucht es von ihm immer mehr Kräfte an sich zu ziehen, um in seinem Geiste zu leben und zu wirken. Es ist also die Möglichkeit der Existenz einer heiligen und einer finstern Magie gegeben.

Es wird aber auch ein Rapport des Innern mit dem Äußern, des Menschen mit der Natur, d. h. eine Naturmagie möglich sein. Bei derselben wird die Beobachtung eines fest bestimmten naturgesetzmäßigen Verhaltens gefordert, um sich mit den Kräften und 308Individualitäten der Natur in Verbindung zu setzen, sowie sich denn auch der Mensch hier durch Anwendung von künstlichen Mitteln auf naturnotwendigem Wege in einen ekstatischen Zustand versetzen muß.

Diese Naturmagie ist an sich weder unrichtig noch böse, kann aber leicht in beide Eigenschaften umschlagen und ist dem Irrtum und Trug leicht ausgesetzt. Nach kabbalistischer Lehre bilden nämlich alle Wesenheiten des Universums eine organisch gegliederte, auf das Innigste verbundene Kette, in welcher die obern Glieder auf die untern, und diese wieder auf jene wirken. Der Mensch aber kann durch die Naturmagie nur mit den untern und äußern Wesen dieser Kette (Merkabah), den Elementarwesen und Astralgeistern, in Verbindung treten, nie aber mit den höheren Intelligenzen, welche sich ihm auf äußerliche Weise durch die unteren getrübten Naturkräfte mitteilen. Die Mitteilungen, welche diese Wesen den Menschen zukommen lassen, sind je nach ihrem höheren oder tieferen Ursprung von sehr verschiedenem Wert, nur bedingungsweise richtige und nichtsweniger als unverbrüchliche Wahrheiten. Selbst die höheren Wesen dieser Klasse haben nur Einsicht in die natürlichen Verhältnisse der Dinge und das Schicksal der Menschen, insofern dasselbe durch ihre früheren Handlungen bedingt ist, während sich das aus den künftigen Thaten Entspringende ihrer Kenntnis entzieht. Die Mitteilungen der untern Wesen dieser Klasse aber sind noch unzuverlässiger, indem ihr Wissen mit jeder tieferen Stufe dunkler und unbestimmter wird, und die am tiefsten stehenden, an die dämonische Region grenzenden Naturgeister und Elementarwesen (Schedim) den Menschen oft geflissentlich belügen. – Die Kabbala kennt also bereits die bedingte Richtigkeit der von ihr dem sogen. Elementarwesen zugeschriebenen mediumistischen Mitteilungen, und konstruiert eine an Kardek erinnernde Geisterleiter, in welcher selbst die hier allerdings außermenschliche Züge tragenden esprits menteurs unverkennbar geschildert sind.

Aber auch zum Bösen kann die Naturmagie führen, weil der Mensch große Gefahr läuft, unter den Einfluß niederer Wesen zu gelangen, die ihn immer tiefer in das Dunkel der Natur führen, ihn moralisch und intellektuell verkommen lassen und alle „Schrecken des Mediumismus“ über ihn heraufbeschwören.

Es dürfte umsomehr am Platze sein, hier eine kurze Übersicht 309über das zu geben, was die Kabbala von den Elementarwesen lehrt, als sich diese Lehren bei den Neuplatonikern, bei Psellus, den mittelalterlichen Magiern, Paracelsus, van Helmont und überhaupt in der ganzen Mystik wiederholen; und von der Kabbala wird die Naturmagie im wesentlichen als von den Elementarwesen abhängig gedacht, weshalb sie dieselbe auch Maase Schedim, das Werk der Elementarwesen, nennt.

Die Kabbala geht von dem Prinzip aus, daß nichts in der Welt ohne geistiges Leben sei und daß, wie sich Paracelsus völlig im Geiste der jüdischen Geheimlehre ausdrückt, „nichts geschaffen ist, das ohne ein Mysterium (bei P. geistiges Leben überhaupt) ist[305]“. Demgemäß läßt sie die Elemente durch Wesen belebt sein, welche sie die Hefen oder Reste des untersten Geistigen nennt und klassifiziert dieselben in Elementarwesen des Feuers, der Luft, des Wassers und der Erde, welche als Salamander, Sylphen, Undinen und Pygmäen sich durch die ganze Geschichte der Magie ziehen. – Die ersteren sind nach Loria[306] zum Guten weise und unsichtbar, sie haben etwas von der menschlichen Seele an sich, kennen die Geheimnisse der Natur und helfen den Menschen gern. – Die zweite Klasse ähnelt der ersten, nur steht sie auf einer etwas niedrigeren Stufe. – Die dritte Klasse steht noch tiefer und besitzt nach Loria[307] einen pflanzlichen Nephesch (Astralleib), während die vierte Klasse am tiefsten steht und mit einem mineralischen Nephesch bekleidet ist. – Diese beiden letzten Klassen können mit unsern Sinnen leichter wahrgenommen werden, und im ganzen unterscheiden sich die Elementarwesen hauptsächlich nur dadurch von den Menschen, daß ihnen sowohl die höheren geistigen Grundteile als auch der Elementarleib abgehen und sie nur aus einem Ruach und Nephesch bestehen. Darum sind auch diese Elementarwesen der Nahrung bedürftig, welche sie aus den feinsten Teilen der Speisen, aus den Dämpfen der Opfer und Räucherungen ziehen; darum pflanzen sie sich fort und sind der Auflösung unterworfen.[308]

310

Die letzten beiden Klassen sind meist bösartige Koboldnaturen, die den Menschen necken, verspotten[309] und ihm gerne Schaden zufügen; doch giebt es unter ihnen auch friedlichere Wesen, welche es mit dem Menschen gut meinen und allerlei häusliche Dienste verrichten.[310] – Die Kabbala unterscheidet die Elementarwesen ferner nach ihrem Aufenthaltsort, ob sie nämlich unter Menschen, in Einöden, an unflätigen Orten usw. wohnen, ein Gedanke, welchem wir bei den Sylvestres, Vulcanales usw. des Paracelsus wieder begegnen.

311

Die oben genannten beiden Koboldklassen bilden nach kabbalistischer Lehre den Übergang aus dem Reiche des Sichtbaren in das Unsichtbare und sind, weil dem Menschen leiblich am nächsten stehend, demselben besonders gefährlich. Sie sind mit mancherlei ungewöhnlichen Kräften und Einsichten in das verborgene Reich der unteren Natur ausgerüstet und entbehren auch nicht einzelner Blicke in die Zukunft und die höhere geistige Naturwelt, weshalb ein Kultus derselben[311] von seiten der jüdischen Zauberer nahe lag, der zum Reiche des Bösen hinabführt. – Ganz besonders sind es widernatürliche sexuelle Verbindungen, Claim, welche diese S'hirim anziehen, weshalb manche Zauberer – Bileam[312] gilt hier κατ' ἐξοχὶν als Beispiel – solche Claim geflissentlich aufsuchen, denn „das Wesen der Zauberei besteht in der Verbindung von Dingen, welche voneinander verschieden sind, und wenn man solche Dinge hierunten verbindet, dann vermischen und verbinden sich ihre oberen Kräfte miteinander und bringen eine wunderbare fremdartige Wirkung hervor. Das Verbot der Claim geht auch dahin usw. Der Mensch muß die Welt lassen nach dem einfachen natürlichen Gange, das ist der Wille Gottes[313]“. – Ich habe wohl kaum nötig, hierzu auf gewisse Vorgänge im modernen Mediumismus hinzuweisen.

Durch diese Claim werden nämlich nach kabbalistischer Lehre unvollkommene Nephesch erzeugt, welche den unreinen Klippoth zur Hilfe dienen und eine Art dämonischer Schemen bilden. – Der gleiche Gedanke wird von Paracelsus und Jung-Stilling wiederholt.[314] – Doch nicht allein durch die Claim werden magische Geburten erzeugt: ein jeder Gedanke, jedes Wort und jede That besitzt eine bleibende und lebende magische Existenz, welche das Reich der Finsternis oder des Lichts auf reale Weise vermehrt.[315] Deshalb wurde auch beim Tode frommer Israeliten ein Exorcismus über die aus ihren Sünden erzeugten Wesen gesprochen, damit diese 312dem Leichnam nicht nahen und ihn nicht zu Grabe geleiten sollten.[316]

Die mit Hilfe der Elementarwesen ausgeführte Magie heißt – wie erwähnt – Maase Schedim, das Werk der Schedim, und ist nicht so strafbar als das Maase Kischuph, die schwarze Magie, weil die Schedim – entgegengesetzt den wirklichen Dämonen – die Menschen nicht in völliges Verderben ziehen. – Interessant ist die Ansicht verschiedener Talmudisten, daß die Schedim zwar nicht die Wesenheit der Dinge verändern, wohl aber die Dinge sammeln und von Ort zu Ort bewegen können.[317] – Die Bringungen, Bewegungsphänomene usw. werden also den Elementarwesen zugeschrieben.

Die eigentliche Naturmagie ist zum großen Teil von der geistigen Stärke und dem Willen abhängig, und die Kabbala lehrt ausdrücklich, daß bei allen Menschen Sehergabe und magische Kraft – wenn auch in verschiedenen Graden – vorhanden ist. Zu allem magischen Wirken wird nach der Kabbala[318] von seiten des Menschen eine feste und starke Kwanah (Willensrichtung, Intention) erfordert, um den höheren geistigen Einfluß an sich zu ziehen und zu seinen Zwecken verwerten zu können, was nur durch Willenskraft möglich ist.

Der Wille des Menschen muß ausschließlich auf seinen Gegenstand gerichtet sein und mit ihm übereinstimmen, indem nur das Verwandte einander anziehen kann.[319] Ferner gehört zu allem magischen Wirken eine starke, lebhafte und klare Vorstellungskraft (Koach ha Dimian), damit die Impressionen aus der geistigen Welt sich tief und lebendig in die Seele eingraben und dort festgehalten werden. Dieselben Bedingungen gehören auch zum richtigen magischen Schauen. Es muß nämlich der Zustand des Geistes, der Seele und des Leibes des Sehers in einer inneren harmonischen Übereinstimmung mit dem innerlich anzuschauenden geistigen Objekt stehen, denn bloß Ähnliches vermag das Ähnliche wahrzunehmen. Deshalb darf die Seele nicht durch weltliche Dinge, Leidenschaften usw. getrübt, sondern muß ganz auf ihr inneres Objekt gerichtet 313sein. Endlich aber muß die Imagination klar, stark und lebhaft sein, damit nach kabbalistischer Lehre die Einzeichnung aus der geistigen Welt (Reschima) sich tief und fest einprägt und nicht verwischt oder durch fremde Vorstellungen entstellt wird. Darum lieben auch die Zauberer die Einsamkeit und suchen sich bei ihren Beschwörungen durch allerlei künstliche Mittel von der Außenwelt abzuziehen und so ihre Imagination zu steigern.

Weil nun zu allem magischen Schauen und Wirken außer der natürlichen Kraft und Stärke des Geistes und der Seele noch ganz besonders notwendig ist, daß die ganze Neigung und Willensintention eine bestimmte feste Richtung hat, und der Mensch sich in völliger Übereinstimmung mit dem Gegenstand seiner Wünsche befindet, so wird in der schwarzen Magie nur derjenige erfolgreich wirken, welcher mit einer hohen geistigen Stärke eine eben so große Verkehrtheit des Willens verbindet. Deshalb sagt auch der Sohar: Der Mensch muß für dergleichen Dinge geordnet sein. Bileam war dazu geordnet, denn er hatte einen Fehler im Auge[320], worunter jedoch nicht bloß ein körperlicher, sondern vielmehr ein moralischer Fehler zu verstehen ist, weil Bileam in der Kabbala als das Prototyp der Wollust, des Stolzes und des Neides gilt. – Überhaupt ist nach dem Sohar die äußere Physiognomie der objektive Ausdruck der Beschaffenheit der Seele[321], welche demnach als organisierendes Prinzip gedacht wird. In dieser Beziehung behauptet dann auch die Kabbala folgerecht, daß jeder Schwarzkünstler etwas Verzerrtes oder Gebrechliches an sich habe.[322]

Der Virtuosität der weißen Magie im Guten entspricht die Virtuosität der Schwarzkunst im Bösen, welche beide besondere Stärke der Seele und des Geistes voraussetzen, weshalb auch die Kabbala – in Hinsicht der Stärke – Bileam dem Moses gleichstellt.[323] Zauberer wie Bileam sind die Priester und Heroen im Reiche der Tumah, und es hat solche überall und zu allen Zeiten gegeben. Die Kabbala rechnet zu ihnen die Nephilim der Tradition und 314die großen Magier der mosaischen Zeit wie Jamnes und Jambres[324] und Balak.[325]

Da nun die Kabbala dem Menschen eine sowohl auf das Schauen als auch auf das Wirken gerichtete magische Kraft beilegt, so tritt die Frage an uns heran, weshalb nach dieser Lehre das Herbeiziehen und die Mitwirkung einer Geisterwelt notwendig wird. Diese Frage wird zwar in der Kabbala selbst nirgends ausdrücklich aufgestellt, aber ihre Beantwortung ergiebt sich leicht aus den Prinzipien der jüdischen Magie: Obschon der Mensch von Natur aus magische Kraft besitzt, so wird doch dieses Vermögen bei weitem erhöht, durch den Einfluß anderer mächtigerer geistiger Wesen, und zwar hat er die Hilfe um so nötiger, wenn er in Sphären gelangen will, für welche seine eigene Kraft nicht ausreicht.

Was nun das magische Schauen betrifft, so muß das Erkennen der äußeren Sinne örtlich oder zeitlich verborgener, oder in natürlicher Verbindung stehender Dinge unterschieden werden von der höheren Divination oder dem Voraussehen künftiger durch die freie Wahl der Menschen bedingter Begebenheiten. Allerdings kann der geistige Mensch durch das Entbundensein von den äußeren Sinnen, durch das innere geistige Wesen der Dinge auf eine für ihn fühl- und bemerkbare Weise affiziert werden[326], infolgedessen er ohne alle fremde Beihilfe unmittelbar das Verborgene durchschaut und aus der Beschaffenheit desselben die dadurch verursachten Wirkungen erkennt. Er vermag daher auch, da nach kabbalistischer Lehre nicht nur jede Handlung eines Menschen eine Reschimah (Einzeichnung) hinterläßt, sondern auch alles Geschehene seit Beginn der Welt sich in den Äther eingräbt, die Zukunft vorauszusehen, insofern sie durch frühere Handlungen bedingt ist. Trotzdem hat diese unvermittelte Seherschaft ihre Grenzen, weil der innere Mensch nur von demjenigen affiziert wird, das ihm verwandt ist. Je freier und höher entwickelt der geistige Mensch, desto weiter wird sich seine eigenste unmittelbare Anschauungs- und Aktionssphäre erstrecken. Wo aber dieselbe endigt, hat er die Hilfe anderer geistiger Wesen nach kabbalistischer 315Lehre nötig, die sein inneres Schauen erweitern und ihm kund thun, was er selbst nicht zu schauen vermag. Darum lehrt die Kabbala auch bei den höheren Graden der niederen Magie den Einfluß und die Einwirkung geistiger Wesen, welche sich gern und leicht zu den Menschen gesellen, die in ihr Gebiet hineinimaginieren.

Anders verhält es sich mit künftigen, vom freien Willen abhängigen Handlungen eines Geschöpfes oder mit dem Ratschluß der Gottheit und ihrem Eingreifen in die Schicksale der Einzelnen wie des Ganzen. Diese Dinge sind nur der Gottheit als dem absoluten selbständigen Urgrund bekannt und werden von derselben den Propheten durch einen freien Willensakt mitgeteilt.[327]

Die Intellektualwelt ist eine in zahllosen Stufen gegliederte Hierarchie von Wesen, welche von der Gottheit nach unten emanieren, die von ihr erhalten und regiert werden und um so höher und geistiger sind, als sie ihrem Urquell näher stehen. Die Gottheit, der absolute Urgrund, offenbart sich allen Geschöpfen, jedem nach seiner Art, auf doppelte Weise, auf eine innerlich subjektive und eine äußere objektive. Vermöge der ersteren erfüllt die Gottheit die Kreatur in der Art, daß der Schöpfer in seiner ganzen Unendlichkeit im Geschöpfe gegenwärtig, demselben innerlich unmittelbar nahe und für dasselbe gleichsam nur allein vorhanden ist. Vermöge der letzteren jedoch ist die Gottheit zwar der eine allgemeine Gott für alle Geschöpfe der intellektuellen und materiellen Welt, aber er befindet sich außerhalb der Geschöpfe und teilt sich denselben auf eine äußerliche geistige Weise mit in der Art, daß die der Gottheit zunächststehende Stufe der Intellektualwelt den göttlichen Einfluß unmittelbar empfängt und mittelbar auf die unteren Stufen überträgt, die sich stufenweise ineinander abspiegeln. So gelangen die göttlichen Offenbarungen nach unten, in welche die niederen Stufen nur so viel Einsicht erlangen als ihnen die oberen mitteilen; endlich empfangen die Offenbarungen – namentlich die unglücklicher Ereignisse – „die Vollzieher der Strenge“ (die finstern Wesen) und zeigen sie, die in baldiger Erfüllung stehen, den Menschen im Traume.[328] 316Deshalb ist nach kabbalistischer Lehre auch in vielen Fällen des finstern magischen Schauens und Wirkens die Beihilfe der Dämonen nötig, welche sich gern freiwillig zu den Menschen gesellen, sobald diese in ihre Sphäre energisch einzugreifen beginnen.

Die schauende Naturmagie ist sowohl auf das äußere Sinnliche, als auch auf das innere Übersinnliche gerichtet. Die äußerlich schauende Magie besteht in den Versuchen, aus den Erscheinungen und Veränderungen in den äußeren sichtbaren Dingen den verborgenen Willen ihrer unsichtbaren Lenker und damit die Zukunft zu erforschen und zerfällt in zwei Abteilungen, deren erste die Aufmerksamkeit auf die oberen himmlischen, die letzte jedoch auf die unteren irdischen Dinge richtet. Die erstere wird Monen, die letztere Nichusch genannt.

Unter Monen versteht man die gesamte Astrologie der Tagewählerei durch astrologische Elektionen. Die Tagewählerei ist verboten, ebenso das unbedingte Vertrauen auf die astrologischen Schicksalssprüche und das Einrichten des Lebens nach den Konstellationen des Himmels. Doch ist die Astrologie als Naturweisheit erlaubt, und der Jude soll die Aussprüche der Astrologen nicht verachten, sondern beherzigen; er darf sie jedoch nicht als untrüglich ansehen, weil alle natürlichen Mantien die Zukunft nur mit bedingter Gewißheit verkünden.[329]

Der Nichusch ist also die wahrsagende Deutung der Erscheinungen und Veränderungen irdischer Dinge und gründet sich darauf, daß nach kabbalistischer Lehre erstens alles beseelt ist und das Himmlische sich dem Irdischen sowohl mitteilt als auch einprägt. Das Innerste der Elemente ist geistiger Natur und von Intelligenzen belebt, welche ihren Einfluß und ihre Wirkung selbst auf die Vögel und vierfüßigen Tiere ausdehnen.[330] Zweitens gründet sich der Nichusch auf den Umstand, daß es keinen reinen Zufall giebt, sondern daß alle Dinge auf der Welt in einem inneren geistigen Zusammenhang stehen und sich aufeinander beziehen.

Der Nichusch schöpft also seine Weissagungen aus allen Reichen der Natur, aus meteorologischen Erscheinungen, aus dem Rauschen 317der Bäume, aus dem Verhalten des Feuers wie der Tiere, besonders der Vögel, aus den Eingeweiden der Opfertiere, den Angängen, Anzeichen usw. und umfaßt bei weitem die meisten der zum Teil noch heute üblichen niederen Wahrsagekünste.

Die innerlich schauende Naturmagie beruht darauf, daß der Mensch durch verschiedene Manipulationen und Methoden seine Sehergabe entwickelt und sich auf künstliche Weise mit der innern Naturwelt in Verbindung setzt. Auch die innerlich schauende Naturmagie zählt verschiedene Stufen, deren unterste Kosem K'samim genannt wird, auf dieser wird ein mehr oder minder klares Hellsehen durch die Kleromantie mit ihren Unterarten[331], sodann durch Hypnotismus und Mesmerismus, also durch das Blicken auf glänzende Gegenstände, Spiegel, blanke Messer und Pfeile, Wasserbecken usw. sowie endlich durch das Auflegen der Hände erzeugt.[332] – Die Kleromantie oder Looswahrsagung beruht jedoch nicht allein auf einer bewirkten inneren Konzentration der Seele, sondern auch gleichzeitig auf der Übereinstimmung des äußeren magischen Aktes mit der inneren Ordnung der Dinge selbst, und wird daher nur insoweit von Erfolg begleitet sein, als diese Übereinstimmung vorhanden oder hergestellt ist.[333] – Bei dem magischen Schauen bedienen sich die Magier vielfach junger Leute, welche noch keinen Umgang mit Frauen gehabt haben, unter der Voraussetzung, daß sich die Unschuld noch in ungetrübter Verbindung mit dem Wesen des Seins befindet.[334]

Die zweite höhere Stufe der schauenden Naturmagie ist das Doresch ha Methim, ein Befragen der Toten, welches jedoch nicht mit der Nekromantie zu verwechseln, sondern eher als eine Art Inspirationsmediumschaft zu betrachten ist. Der Magier sucht nämlich durch Fasten, Beten gewisser Sprüche, Verbrennung von Rauchwerk und Übernachten auf Gräbern eine Art Inkubation und den Rapport mit geistesverwandten Verstorbenen herbeizuführen.[335] – Die dritte und geistige Stufe ist endlich die, auf welcher der Mensch sich nach mystischer Vorbereitung, Abziehung von allem Äußeren und die Anwendung 318heiliger Schemoth (Namen) mit den oberen „Sarim“ (Naturgeistern) in Verbindung setzt, um von ihnen Offenbarungen zu erhalten; also wieder ein inspiriertes Medientum, bei welchem auch die „hohen Geister“ der Spiritisten nicht fehlen.

Die wirkende Naturmagie besteht in der Kunst, auf äußerem, physischem Wege die wirksamen Beziehungen im inneren Elementarnephesch der Dinge zu erregen und so irgend welche Wirkungen und Veränderungen hervorzubringen, wobei sowohl Leben auf Leben wirkt, als auch die Willensrichtung und Willensstärke des Menschen eine bedeutende Rolle spielen. Hierher gehören die magischen Heilungen, die auf Hypnose beruhende Augenverblendung, das Segnen organischer Wesen zur Beförderung ihres Wachstums und Wohlseins und endlich das Chober-Chaber genannte Besprechen resp. Bannen von Menschen und Tieren durch leise geraunte, manchmal keinen Sinn ergebende Zaubersprüche, welche nach Moses Maimonides nur zur Fixierung der Seelenkräfte dienen, nach anderen aber eine innere Kraft besitzen.[336]

Die letzte Stufe der Naturmagie ist die Verbindung mit den Elementarwesen, um mit deren Hilfe Veränderungen sowohl im Leben der allgemeinen als auch der individuellen Natur hervorzubringen. Maimonides schildert einige hierher gehörende magische Gebräuche[337], welche im wesentlichen in einer entsprechenden Lebensweise, im Tragen von aus gewissen Metallen oder Metallmischungen gefertigten Amuletten, sowie in Reinigungen, Opfern und Räucherungen bestanden.

Die schwarze Magie, der Kischuph[338], ist ebenfalls ein schauender und wirkender und wird von der Kabbala zwar als ein Werk der finstern Welt betrachtet, bei welchem sich jedoch der dazu besonders veranlagte Mensch nicht passiv verhält, sondern selbstthätig mitwirkt, weshalb der Seher auch sagt: „Mancher macht Zauberei, und es gelingt ihm, ein anderer macht es ebenso und es gelingt ihm nicht, denn zu solchen Dingen muß der Mensch geordnet sein.“[339]

319

Der schauende Kischuph besteht nach kabbalistischer Lehre entweder in der Beschwörung der „Satanim“ oder in der eigentlichen Nekromantie. Die Satanim sind gewissermaßen als Schedim auf der tiefsten Stufe zu betrachten, als außer der irdischen Beschränkung lebende, geistig schauende, nicht an die Kategorien der Zeit und des Raumes gebundene Wesen, die insofern einen Blick in die Zukunft haben, als diese nicht von den freien Handlungen der Menschen abhängt, und hintergehen die Zauberer mit Lügen.[340]

Die Beschwörung der Satanim geschieht entweder in der Art, daß durch schamanistisches Tanzen, Toben, Drehen, Heulen, durch Selbstverstümmelung usw. ein ekstatischer Zustand hervorgerufen wird, in welchem die Satanim angeblich von den „Jidonim“ genannten Zauberern Besitz ergreifen und aus ihnen heraussprechen.[341] – Die zweite Art ist die förmliche Beschwörung mit blutigen Opfern und zur Materialisation dienende Räucherungen.[342]

Die Nekromantie geschieht nach der Kabbala durch Einwirkung auf den Habal de Garmin, des eigentlichen Elementarnephesch, welches sich von der Empfängnis an nicht wieder von dem irdischen Stoff trennt, sondern selbst in der Nähe des Grabes bleibt. Der Habal de Garmin, „durch dessen Kraft der Auferstehungsleib gebaut wird[343]“, hat die Gestalt des Körpers, schwebt über dem Grabe und kann von jenen gesehen werden, denen die Augen geöffnet sind.[344] – Da nun nach der Kabbala der Leichnam unter die Herrschaft der finstern Welt fällt, so ist die von den „Ob“ genannten Nekromanten gewünschte und für den Toten mit großer Erschütterung[345] verbundene Erregung des Habal de Garmin für die Satanim ein Leichtes. – Eine andere Art Nekromantie besteht darin, daß 320der Zauberer den Schädel eines Verstorbenen[346] einräuchert und Beschwörungen spricht, worauf der Habal de Garmin zwar nicht sichtbar erscheint, aber mit vernehmlicher Stimme antwortet.[347]

Die wirkende schwarze Magie der Juden besteht der Kabbala zufolge in der Störung der Elemente und des Naturlebens mit Hilfe der Satanim, in Versuchung von Menschen und Tieren, in der Stiftung von Haß und Feindschaft (schädigende Willensmagie), in der Erzeugung von Schmerz, Krankheiten und Tod von Menschen und Vieh durch böse, namentlich mit körperlichen Excretionen geübte Sympathie. Ja, die Kabbala kennt selbst die Lykanthropie und den spezifischen Hexensabbath, wobei gewisse Salben und Öle eine große Rolle spielen.[348]

Die weiße Magie besteht in der Vergeistigung des Menschen durch ein aufrichtiges Streben nach oben, zum Göttlichen hin, wobei dieselbe in dem Maße, als er nichts egoistisch für sich selbst zu erringen strebt, sondern das Heilige nur um dessen willen sucht, aus freier, göttlicher, nur das Reine und Heilige liebender Gnade mit der Kraft des göttlichen Lebens erfüllt wird. Ist nun nach der Kabbala das Nephesch und der Ruach eines solchen Menschen dazu disponiert, so kann dessen N'schamah in Verbindung mit den Engeln und der göttlichen Welt treten und von dieser je nach ihrer Fassungskraft Offenbarungen erhalten und mit magischer Wirkungskraft ausgerüstet werden. Die unmittelbare Verbindung mit der Gottheit, wobei alles Irdische und Stoffliche vergeistigt wird, ist die letzte, höchste Daseinsstufe, die heilige Manie.

321

Zweite Abteilung.
Die Kabbala.

Erstes Kapitel.
Das Alter der Kabbala.[349]

Die enthusiastischen Anhänger der Kabbala lassen dieselbe durch die Engel vom Himmel herabgebracht werden, um dem ersten Menschen nach seinem Fall die Mittel zu bezeichnen, wie er seinen ursprünglichen Adel und seine ursprüngliche Glückseligkeit wieder erlangen könne. Andere sind der Meinung, daß der Gesetzgeber der Hebräer, nachdem er sie während seines vierzigtägigen Aufenthaltes auf dem Sinai von Gott selbst empfangen habe, sie den siebenzig Ältesten, mit denen er die Gaben des heiligen Geistes teilte, mitgeteilt habe, und daß sie sich mündlich bis zu der Zeit fortgepflanzt habe, in welcher Esra sie und das Gesetz niederschreiben ließ. Mag man aber mit der skrupulösesten Aufmerksamkeit die Bücher des alten Testamentes durchsehen, so wird man nirgends auf die Spuren einer Geheimlehre oder auf eine tiefere und reinere esoterische Lehre stoßen, welche nur einer kleinen Zahl Auserlesener vorbehalten sei. Das hebräische Volk kannte von seinem Ursprung bis zur Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft – wie alle anderen Nationen in ihrer Jugend – keine anderen Organe der Wahrheit und keine anderen Diener der Gottheit als die Propheten, Priester und Dichter, von denen die beiden letzteren – ungeachtet 322einer gewissen trennenden Verschiedenheit – in dem ersteren aufgehen; der Priester lehrte nicht, sondern wandte sich nur mittelst des Pompes der religiösen Ceremonien an das Auge, und was die die Religion in Form einer Wissenschaft, welche der Sprache der Inspiration den dogmatischen Ton substituiert, lehrenden Theologen anlangt, so wissen wir nur, daß sie – ohne Sonderbezeichnung – in jener Periode überhaupt existierten. In bestimmten Umrissen treten sie erst zu Anfang des dritten Jahrhunderts der christlichen Ära unter der Allgemeinbezeichnung „Thannaïm“ auf, welches Wort „Organe der Tradition“ bezeichnet, kraft deren man alles lehrte, was nicht klar in der heiligen Schrift zum Ausdruck gelangte. Die Thannaïm, die ältesten und geachtetsten der jüdischen Gelehrten, bilden eine lange Kette, deren letztes Glied der heilige Judas, der Verfasser der Mischna ist, in welchem Werk er der Nachwelt alle Aussprüche seiner Vorgänger sammelte und überlieferte. Man zählt zu ihnen die angeblichen Verfasser der ältesten kabbalistischen Bücher, nämlich Joseph ben Akiba und Simon ben Jochai samt ihren Söhnen und Freunden. Unmittelbar nach dem in das Ende des zweiten Jahrhunderts n. Christi fallenden Tod des Judas beginnt eine neue Gelehrtengeneration, welche den Namen Amoraim (אמוראים) führt, weil sie für sich selbst keine Autorität beanspruchen, sondern nur in erklärender Weise die Aussprüche ihrer Vorgänger wiederholen; auch sammelten sie alle noch nicht redigierten Sentenzen derselben. Während der nächsten drei Jahrhunderte hörten diese Kommentare und neuen Traditionen nicht auf, sich in einer wahrhaft wunderbaren Weise zu vermehren und wurden endlich unter dem Namen der Gemara (גמרא) d. h. „Tradition“ gesammelt. In diesen beiden Sammlungen, welche von ihrer Zusammenstellung bis auf unsere Zeit heilig aufbewahrt und unter dem Namen „Talmud“ (Studium, Wissenschaft) vereinigt wurden, müssen wir zweifelsohne die Ideen suchen, welche die Basis des kabbalistischen Systems bilden und Gelegenheit zur Entstehung der Kabbala gaben.

Man findet in der Mischna[350] folgende merkwürdige Stelle.

„Es ist verboten, zwei Personen die Genesis zu erklären, nur 323einer einzigen darf man die Merkaba oder den himmlischen Wagen lehren, und diese sei ein weiser Mann, der ein gutes Verständniß besitze.“

Der Talmud überliefert (Hagiga 13a) eine Bereita, welche nicht in die Mischna des Rabbi Judas aufgenommen wurde, in welcher Rabbi Hiya hinzusetzt: „Aber man kann ihm die ersten Worte der Kapitel erklären.“

Ein Talmudist, Rabbi Zera (a. a. O.) zeigt sich noch strenger, denn er sagt, daß selbst der Hauptinhalt der Kapitel nur Menschen von hoher Würde und außerordentlicher Klugheit mitgeteilt werden dürfe, oder, um die Worte des Originals zu gebrauchen: „welche in sich ein Herz voll Unruhe tragen.“

Augenscheinlich ist hier weder vom Text der Genesis noch von der Vision des Hesekiel, welche derselbe an den Ufern des Flusses Khebar hatte, allein die Rede. Die ganze Schrift war, so zu sagen, in aller Mund, und seit undenklichen Zeiten machten es auch die skrupulösesten Beobachter der Traditionen zur Pflicht, daß sie jährlich mindestens einmal in den Synagogen ganz gelesen werde. Moses selbst hört nicht auf, das Studium des Gesetzes zu empfehlen, unter welchem man allgemein den Pentateuch verstand, und Esra las dasselbe nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft mit lauter Stimme dem versammelten Volke vor. Es ist in der That unmöglich, daß die von uns citierten Worte ein Verbot der Erklärung oder des Suchens eines Verständnisses der Erzählungen der Genesis oder der Vision des Hesekiel enthielten; es handelt sich vielmehr um eine bekannte Auslegung oder Lehre, welche jedoch mit einem gewissen geheimnisvollen Schleier umgeben ist. Es handelt sich um ein Wissen, welches sowohl in seiner Form, als in seinen Prinzipien feststeht, kennt man doch seine Einteilung in verschiedene Kapitel mit ihrem Inhalt. Es ist zu bemerken, daß die Vision des Hesekiel nichts Ähnliches enthält; sie erstreckt sich nicht über mehrere Kapitel, sondern nur über ein einziges und zwar das erste des diesem Propheten zugeschriebenen Buches. Wir sehen weiter, daß diese Geheimlehre zwei Theile enthält, welchen man jedoch nicht gleiche Wichtigkeit beilegte, denn der eine Teil durfte zwei Personen gelehrt werden, der andere jedoch nur einer einzigen, welcher die schwersten Bedingungen auferlegt wurden. Wenn wir 324Maimonides Glauben schenken dürfen, der, obgleich nicht eingeweiht in die Kabbala, weit entfernt ist, deren Existenz zu leugnen, so enthielt die erste Hälfte unter dem Titel: „Geschichte der Genesis oder der Schöpfung“ (מעשה בראשית) die Wissenschaft der Natur, während der zweite, „die Geschichte des Wagens“ (מעשה מרכבה) genannte, eine geheime Theologie lehrte. Diese Anschauung wird von allen Kabbalisten angenommen.

Ich führe hier eine weitere Stelle an, aus welcher dasselbe auf eine nicht weniger evidente Weise hervorgeht:

„Rabbi Jochanan sagte eines Tages zu Rabbi Eliezer: Siehe, ich will dir die Geschichte der Merkaba lehren. Darauf antwortete dieser: Ich bin noch nicht alt genug dazu. Als er das Alter erreicht hatte, starb Rabbi Jochanan, und einige Zeit später sagte Rabbi Assi ebenfalls zu ihm: Siehe, ich will dir die Geschichte der Merkaba lehren. Da antwortete Eliezer: Wenn ich mich dazu würdig gehalten hätte, so würde ich sie von Rabbi Jochanan, deinem Lehrer, gelernt haben.“[351]

Man sieht aus diesen Worten, daß, um in die mysteriöse und heilige Lehre der Merkaba eingeweiht zu werden, weder Intelligenz, noch eine hervorragende Stellung genügte, sondern daß auch dazu ein gewisses fortgeschrittenes Alter nötig war, und selbst wenn man diese auch von den modernen Kabbalisten verlangte Bedingung erfüllte[352], so hielt man sich weder hinsichtlich seiner Intelligenz noch seiner moralischen Kraft für sicher genug, um die Last dieser gefürchteten Geheimnisse auf sich zu nehmen, welche durchaus nicht ohne Gefahr für den positiven Glauben und für die äußere Beobachtung der religiösen Vorschriften waren. Es möge hier ein merkwürdiges im Talmud erzähltes Beispiel folgen, welches uns in allegorischer Sprache folgende Erläuterung giebt:

„Nachdem unser Meister uns belehrt hat, gingen vier in den Garten der Wonne ein, nämlich Ben Azaï, Ben Zoma, Acher und Rabbi Akiba. Ben Azaï warf einen neugierigen Blick hinein und starb. Man kann auf ihn den Spruch der Schrift anwenden: Der 325Tod seiner Heiligen ist werth gehalten vor dem Herrn.[353] Ben Zoma blickte ebenfalls hinein und verlor die Vernunft, und sein Schicksal wird durch den Ausspruch des weisen Salomo gekennzeichnet: Findest du Honig, so iß seiner genug, daß du nicht zu satt werdest und speiest ihn aus.[354] Acher aber richtete Verwirrung unter den Pflanzen an. Nur Akiba ging davon in Frieden.“[355]

Es ist kaum nötig, diesen Text buchstäblich zu verstehen und anzunehmen, es handle sich hier um eine wirkliche Vision des künftigen Lebens, denn erstens ist es ohne Beispiel, daß der Talmud, wenn er vom Paradies spricht, solche mystische Ausdrücke gebraucht, wie sie in obiger Stelle Anwendung finden. Und wie würde sich zweitens damit vereinigen lassen, daß zwei lebende Personen, welche in den Himmel der Auserwählten blicken, den Glauben und die Vernunft verlieren, wie die Erzählung angiebt? Dagegen ist zu bemerken, daß nach den angesehensten Autoritäten der Synagoge der Garten der Wonne, in welchen die vier Rabbinen eingetreten sind, als die mysteriöse Wissenschaft, von welcher wir sprechen, die so schrecklich für schwache Gemüter ist, daß sie dieselben entweder dem Wahnsinn oder den schrecklichsten Verwirrungen der Gottlosigkeit preisgiebt. Das letztere will die Gemara andeuten, wenn sie bezüglich Achers sagt, daß er Verwirrung unter den Pflanzen angerichtet habe. Dieselbe erzählt uns, daß der in den talmudistischen Erzählungen so berühmte Acher ursprünglich einer der Weisesten in Israel war. Sein wahrer Name war Elisa ben Abuja, welcher in Acher[356] umgewandelt wurde, um die Änderung zu kennzeichnen, die sich in ihm vollzog. Denn als er den allegorischen Garten verließ, in welchen ihn eine verhängnisvolle Neugierde geführt hatte, ward er ein ausgesprochener Gottloser; er verlor sich, wie der Text sagt, in der Erzeugung des Bösen, lebte sittenlos und der Welt zum Abscheu, verriet den Glauben, und einige klagen ihn sogar des Kindesmordes an. Und worin bestand die Ursache seines ersten Irrtums? Wohin führten ihn seine Forschungen über die wichtigsten 326Religionsgeheimnisse? Der jerusalemitische Talmud sagt positiv, daß er die beiden obersten Prinzipien anerkannt habe, und der babylonische Talmud, nach welchem wir die obige Erzählung mitteilten, deutet das Gleiche an. Er sagt, daß Acher, als er im Himmel Metatron in all seiner Macht sah, den Engel, welcher unmittelbar nach dem Herrn kommt, betete: „Wenn es möglich ist, so sei mir erlaubt, zwei Mächte anzunehmen.“ Wir wollen uns nicht zu lange bei dieser Sache aufhalten, denn es sind noch viel bedeutungsvollere anzuführen, nur sei bemerkt, daß der Engel oder die Metatron[357] genannte Hypostase eine große Rolle im System der Kabbala spielt. Er ist es, welchem recht eigentlich die Herrschaft der sichtbaren Welt anvertraut ist, er herrscht über alle himmlischen Sphären, die Planeten und Fixsterne sowie über die Engel, welche denselben vorstehen, denn die über ihm stehenden intelligibeln Formen der göttlichen Wesenheit und reinsten Geister sind so immateriell, daß sie keine unmittelbare Wirkung auf körperliche Dinge ausüben können. Auch ist der Zahlenwert seines Namens gleich dem des Allmächtigen. – Zweifelsohne ist die Kabbala weit davon entfernt, einen eigentlichen Dualismus zu lehren, aber die allegorische Manier, mit welcher sie die intelligible Wesenheit Gottes von der das Weltall ordnenden Kraft scheidet, ist sehr geeignet, diesen von der Gemara gekennzeichneten Irrtum hervorzurufen.

Ein letztes, derselben Quelle entnommenes und von Reflexionen des Maimonides begleitetes Citat wird, wie ich hoffe, die Darlegung des wichtigen Punktes abschließen, daß eine Art Philosophie oder religiöser Metaphysik so zu sagen von Mund zu Mund von den Thannaïm oder den ältesten hebräischen Theologen gelehrt wurde. Der Talmud lehrt uns, daß man früher drei Namen besaß, um die göttliche Wesenheit zu bezeichnen und auszudrücken: nämlich das berühmte Tetragrammaton oder den aus vier Buchstaben bestehenden Namen, sodann zwei andere der Bibel unbekannte Namen, von denen der eine aus zwölf und der zweite aus zweiundvierzig Buchstaben zusammengesetzt ist. Das Tetragrammaton, 327dessen Gebrauch der großen Menge allerdings verboten war, fand freie Anwendung im Innern der Schule. „Die Weisen, sagt der Text, lehrten diesen Namen einmal wöchentlich ihren Söhnen und ihren Schülern.“ Der aus zwölf Buchstaben bestehende Namen war anfänglich noch bekannter und verbreiteter. „Man lehrte ihn aller Welt. Aber als die Zahl der Gottlosen sich vermehrte, wurde er nur den verschwiegensten unter den Priestern anvertraut, und diese ließen ihn mit leiser Stimme von ihren Brüdern während der Segnung des Volkes wiederholen.“ Der Name von zweiundvierzig Buchstaben wurde endlich als das heiligste Geheimnis betrachtet. „Man lehrte ihn nur einem Mann von anerkannter Verschwiegenheit, reifem Alter, welcher dem Zorn, der Unmäßigkeit und Eitelkeit unzugänglich und in angenehmem Verkehr mit seines Gleichen lebte.“ „Wer, sagt der Talmud, in dieses göttliche Geheimniß eingeweiht war und dasselbe wachsam, in reinem Herzen bewahrt, kann auf die Liebe Gottes und die Gunst der Menschen zählen; sein Name flößt Achtung ein, sein Wissen darf das Vergessenwerden nicht fürchten und er wird der Erbe beider Welten, der gegenwärtigen und der künftigen.“[358]

Maimonides bemerkt mit viel Scharfsinn, daß in keiner Sprache ein aus zweiundvierzig Buchstaben bestehender Namen existiert, und daß dies im Hebräischen noch unmöglicher sei, da dasselbe keine Vokale besitzt. Er hält sich deshalb zu dem Schluß berechtigt, daß diese zweiundvierzig Buchstaben auf mehrere Worte entfielen, von denen ein jedes eine notwendige Idee oder ein fundamentales Attribut des ewigen Wesens ausdrückte, welche in ihrer Gesamtheit die wahre Definition der göttlichen Wesenheit ergaben. Sagt man alsdann, fährt unser Autor fort, daß der hier in Frage stehende Name der Gegenstand eines Studiums, einer nur den Weisesten vorbehaltenen Lehre war, so will man uns zweifelsohne zu wissen thun, daß mit der Definition der göttlichen Wesenheit notwendige Aufklärungen und gewisse Enthüllungen über die Natur der Gottheit und der Dinge im allgemeinen verbunden waren. Dies ist noch zutreffender für das Tetragrammaton, denn wie wäre es sonst möglich, einem in der Bibel so häufig gebrauchten Wort, von welchem 328diese selbst die Erklärung giebt: „Ich bin, der ich bin“, einen geheimen Sinn unterzulegen, den die Weisesten des Volkes wöchentlich einmal ihren auserlesensten Schülern im Geheimen mitteilten? „Das, was der Talmud die Kenntniß der Namen Gottes nennt, sagt Maimonides, ist nichts als ein guter Theil der Wissenschaft von Gott, oder der Metaphysik, was man die Probe des Vergessens nennt, denn ein Vergessen ist nicht möglich für Ideen, welche ihren Sitz in der aktiven Intelligenz, d. h. in der Vernunft haben.“ Es dürfte schwer sein, sich diesen Reflexionen hinzugeben, wenn nicht die tiefe Wissenschaft und die allgemein anerkannte Autorität der Talmudisten sich nicht schließlich doch an den gesunden Menschenverstand des freien Denkers wendete. Wir wollen hier nur eine einzige Beobachtung anführen, die, wenn auch in den Augen des kritischen Verstandes bestreitbar, doch nicht ohne Wert für die hier behandelte Ideenfolge ist, und die wir als eine geschichtliche Thatsache hinnehmen müssen, nämlich den Umstand, daß die Buchstaben der heiligen zehn Sephiroth der Kabbala zusammengezählt die Zahl zweiundvierzig ergeben. Ist es da nicht erlaubt anzunehmen, daß dies der dreimal heilige Name sei, welchen man selbst den auserlesensten Weisen nur mit Zittern mitteilte? Wir finden eine volle Bestätigung der gemachten Bemerkungen bei Maimonides: Zunächst bildeten die zweiundvierzig Buchstaben nicht nach gewöhnlicher Annahme einen Namen, sondern mehrere Worte. Weiterhin drückt jedes Wort – wenigstens nach der Anschauung der Kabbalisten – ein wesentliches Attribut der göttlichen Natur aus oder, was für sie dasselbe ist, eine der notwendigen Formen des göttlichen Seins. Endlich aber geben alle nach der kabbalistischen Wissenschaft, nach dem Sohar und allen Kommentatoren die exakteste Definition, welche unsere Intelligenz vom Grundprinzip aller Dinge gewähren kann. Diese Art, das Verständnis des göttlichen Wesens zu suchen, ist durch einen Abgrund von der vulgären Gläubigkeit getrennt, und man begreift nun sehr wohl die getroffenen Vorsichtsmaßregeln, daß dieses Geheimwissen nicht aus dem Kreis der Initiierten heraustrete. Doch, es sei nochmals gesagt, ist dies ein Punkt, welchem wir kein besonderes Gewicht beilegen wollen, es möge genügen, daß wir die allen Citaten zu Grund liegende Thatsache zur Evidenz bewiesen haben.

329

Zur Zeit der Zusammenstellung der Mischna existierte also eine Geheimlehre über die Schöpfung und die Natur der Gottheit. Man einigte sich über die Art der Einteilung dieser Lehre, deren Name bei den nicht Eingeweihten einen frommen Schauder hervorrief. Wäre es nun nicht möglich, genau die Zeit ihres Ursprungs zu bestimmen und so die denselben umgebende Finsternis aufzuhellen? In dieser Beziehung läßt sich folgendes sagen: Nach Ansicht der vertrauenswürdigsten Historiker wurde die Redaktion der Mischna spätestens im Jahre 3949 der Schöpfung oder 189 n. Chr. beendet. Weiterhin müssen wir uns ins Gedächtnis zurückrufen, daß Judas hanassi nur die Vorschriften und Traditionen der ihm vorausgehenden Thannaïm sammelte, und daß weiterhin die oben mitgeteilten Citate, welche die unvorsichtige Mitteilung der Geheimnisse der Schöpfung und Merkaba verbieten, älter sind, als die Mischna selbst. Es ist wahr, man kennt den Autor obiger Citate nicht, aber eben dieser Umstand ist der sicherste Beweis für ihr Altertum, denn wenn sie nur die Meinung eines Einzelnen aussprächen, so würden sie entweder nicht so viel Gewicht besessen haben, um Autorität werden zu können, oder man würde ihren verantwortlichen Urheber genannt haben. Weiterhin muß eine Lehre selbst älter sein als ein Gesetz, welche ihre allgemeine Bekanntmachung verbietet. Sie mußte bekannt geworden sein und eine gewisse Autorität erworben haben, bevor man die Gefahr ihres Bekanntwerdens nicht sowohl unter dem Volk, als unter den Gelehrten und Weisen in Israel einsah. Wir können also ihre Entstehung unbedenklich mindestens in das Ende des ersten christlichen Jahrhunderts setzen. Es ist dies die Zeit, in welcher Joseph ben Akiba und Simon ben Jochai lebten, welchen die Kabbalisten die Autorschaft ihrer wichtigsten und berühmtesten Bücher zuschreiben. In dieser Zeit lebte auch Rabbi Joseph von Sepphoris, der Verfasser der Idra Rabba, eines der wichtigsten und ältesten Theile des Sohar, welcher zu den vertrautesten Freunden und eifrigsten Schülern des Simon ben Jochai gehörte. Die Idra Rabba ist derjenige kabbalistische Traktat, welchem wir die meisten auf die Merkaba bezüglichen Citate entnahmen. Zu der Zahl der das Alter, wenn nicht der Bücher, so doch der kabbalistischen Ideen bezeugenden Autoritäten gehört auch 330die unter dem Namen des Onkelos vorhandene chaldäische Übersetzung der fünf Bücher Mosis.

Diese berühmte Übersetzung stand von Anfang an in so hohem Ansehen, daß sie für eine göttliche Offenbarung gehalten wurde. Ja der babylonische Talmud nimmt an, daß Moses dieselbe auf dem Sinai gleichzeitig mit dem geschriebenen und dem mündlichen Gesetz erhalten habe, daß sie durch Tradition bis auf die Zeit der Thannaïm gekommen sei, und daß dem Onkelos allein der Ruhm ihrer Niederschrift gebühre. Eine große Anzahl moderner Theologen will in ihr die Grundlage des Christentums sehen und den Namen der zweiten göttlichen Person in dem Wort Mêimra (מימרא) finden, welches in der That „das Wort“, „der Gedanke“, λόγος bedeutet, und welches der Verfasser dem Namen Jehovah substituiert. Thatsache ist, daß in dem ganzen Buch ein der Mischna, dem Talmud, dem ganzen vulgären Judaismus, ja selbst dem Pentateuch entgegengesetzter Geist herrscht; mit einem Wort, die Spuren des Mysticismus sind nicht selten. So wurde es möglich, daß eine Idee an die Stelle einer Sache oder eines Bildes trat, daß der geschriebene Buchstabe dem geistigen Sinn aufgeopfert wurde, und daß der zerstörte Anthropomorphismus die göttlichen Attribute in ihrer Nacktheit sehen ließ.

In einer Zeit, wo der Kultus des Buchstabens bis zur Idololatrie ging, wo die Menschen ihr Leben damit zubrachten, die Verse, Worte und Buchstaben des Gesetzes zu zählen, wo die offiziellen Lehrer, die legitimen Vertreter der Religion nichts Besseres zu thun wußten, als die Intelligenz sowohl als den Willen unter einem Wust äußerlicher Religionsvorschriften zu ersticken, macht uns dieser Abscheu vor allem Materiellen und Positiven, die Gewohnheit, sowohl Grammatik als Geschichte einem hochgeschraubten Idealismus zu opfern, unfehlbar die Existenz einer Geheimlehre klar, welche alle charakteristischen Eigenschaften und Prätensionen des Mysticismus besitzt und die sicher nicht erst von dem Tage stammt, an welchem ihre Existenz verlautbarte.

Ohne der Sache zu viel Gewicht beizulegen, sei noch bemerkt, daß die Kabbalisten ihre Zuflucht zu wenig rationellen Mitteln nahmen, um zu ihren Zwecken zu gelangen und ihre eigenen Ideen 331in die göttliche Offenbarung einzuführen. Eines dieser Mittel bestand in der Bildung eines neuen Alphabets, wobei man die Buchstaben nach ihrem Zahlenwert betrachtete oder sie vielmehr nach einer durch denselben gegebenen Ordnung vertauschte. Diese Methode wird häufig im Talmud angewendet, wurde aber schon weit früher in der chaldäischen Paraphrase des Jonathan ben Usiel gebraucht, eines Schülers und Zeitgenossen von Hillel dem Älteren, welcher während der ersten Regierungsjahre des Herodes in hohem Ansehen stand. Es ist richtig, daß ähnliche Prozeduren unterschiedslos den verschiedensten Ideen dienen können, aber man findet nicht leicht eine künstliche Sprache, deren Schlüssel man sowohl nach seinem Willen verbergen kann, wenn man entschlossen ist, seine Gedanken der großen Menge zu verbergen. Aber, obschon der Talmud oft analoge und weit ältere ähnliche Methoden anwendet, auf welche wir zurückkommen werden, so ist diese doch die seltsamste. Vergleicht man alle zusammen, so kommt man zu dem Schluß, daß vor dem Ende des ersten Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung sich geheimnisvoll unter den Juden eine hochverehrte Wissenschaft sich verbreitete, welche von der Mischna, dem Talmud und der heiligen Schrift sehr verschieden ist, eine mystische Lehre, welche von dem Bedürfnis der Reflexion und Selbständigkeit, besser gesagt, der Philosophie, erzeugt wurde, und in welcher man mit Vorliebe die Autorität der Tradition und der heiligen Schrift vereinigt sah.

Die Urheber dieser Lehre, welche man jetzt Kabbalisten nennt, dürfen nicht mit den Essäern verwechselt werden, welche schon bedeutend früher bekannt waren und ihre Gebräuche wie ihren Glauben bis in das Zeitalter Justinians erhielten. Wenn wir Philo und Josephus, den einzigen vertrauenswürdigen Berichterstattern über dieselben Glauben schenken[359], so war der Zweck dieser Sekte lediglich ein moralischer und praktischer; sie strebten die Herrschaft des Geistes der Gleichheit und Brüderlichkeit unter den Menschen an, also das Gleiche, was Christus und die Apostel wollten. Die Kabbala aber ist im Gegenteil nach den uns überlieferten alten Zeugnissen eine durchaus spekulative Wissenschaft, welche die Geheimnisse der Gottheit und der Schöpfung entschleiern will. Die Essäer hingegen 332bildeten eine organisierte Gesellschaft, welche mit den religiösen Bruderschaften des Mittelalters vergleichbar ist; ihre Anschauungen wie ihre Ideen reflektierten sich in ihrem äußern Leben, und sie nahmen alle in ihre Gemeinschaft auf, welche ein reines Leben führten, selbst Frauen und Kinder. Die Kabbalisten waren im Gegensatz zu den Essäern von ihrem ersten Auftreten an in Geheimnisse gehüllt. Erst nach und nach öffneten sie unter tausend Vorsichtsmaßregeln einem neuaufgenommenen Adepten die Thüre ihres Sanktuarium ein wenig, bei dessen Auswahl sie jedoch nur die Elite des Geistes berücksichtigten und darauf sahen, daß sein Alter wie seine Weisheit Garantien für seine Verschwiegenheit boten. Die Essäer scheuten sich ungeachtet der pharisäischen Strenge, mit welcher sie den Sabbath feierten, nicht, öffentlich die Traditionen zu verwerfen und zuzugestehen, daß die Moral weit über dem Kultus stehe, und waren sogar bezüglich desselben weit entfernt, die vom Pentateuch vorgeschriebenen Opfer darzubringen und die anbefohlenen Ceremonien auszuüben. Aber die Adepten der Kabbala banden sich wie die Karmaten unter den Mohammedanern und die meisten christlichen Mystiker streng an die äußerlichen Gebräuche; sie hielten sich genau an die Tradition, welche sie zu ihren Gunsten auslegten, und mehrere von ihnen waren – wie schon gesagt – berühmte Mischnagelehrte, und auch noch in den späteren Zeiten wurden sie selten diesen Geboten der Klugheit untreu.

333

Zweites Kapitel.
Die kabbalistischen Bücher. Die Authenticität des Sepher Jezirah.

Wir kommen jetzt zu den Originalschriften, in welchen nach der allgemein verbreiteten Meinung das kabbalistische System seit seiner Entstehung niedergelegt ist. Nach den uns erhaltenen Titeln scheinen sie sehr zahlreich gewesen zu sein, allein wir beschäftigen uns hier nur mit denjenigen, welche vollständig erhalten geblieben sind und unsere Aufmerksamkeit sowohl durch ihre Wichtigkeit als durch ihr Alter fesseln. Dieselben entsprechen also der Überlieferung des Talmud, daß die Kabbala in die Geschichte der Schöpfung und die heilige Merkaba zerfällt. Das eine ist betitelt: „Buch der Schöpfung“ (ספר יצירה) und enthält, ich will nicht sagen ein physikalisches, wohl aber ein kosmologisches System, welches einer Epoche und einem Land entspricht, wo der Geist gewohnt war, alle Naturvorgänge aus einem unmittelbaren Eingreifen der Gottheit zu erklären, und in welcher demgemäß allgemeine Beziehungen und oberflächliche Beobachtungen für Naturwissenschaft galten. Das andere Buch ist „Sohar“ (זהר) „Licht“ genannt nach den Worten des Propheten Daniel[360]: „Die Lehrer aber werden leuchten wie des Himmels Glanz.“ Der Sohar beschäftigt sich ausschließlich mit Gott, den Geistern und der menschlichen Seele, mit einem Wort, mit der intellektuellen Welt. Wir sind weit von der Annahme entfernt, daß beide Bücher von gleichem Wert und gleicher Wichtigkeit 334sind. Das zweite ist viel umfangreicher, viel reichhaltiger, aber auch viel schwieriger als das erste und verdient eine weit eingehendere Behandlung. Jedoch müssen wir uns zunächst mit dem ersten als dem älteren beschäftigen.

Man hat sich zu Gunsten des Alters des Sepher Jezirah auf den Talmud berufen und dabei viel Scharfsinn vergeblich verschwendet. Wir übergehen also die diesbezüglichen umlaufenden Legenden und Kontroversen mit Stillschweigen und suchen nur den Inhalt des Buches kennen zu lernen. Dies wird genügen, seinen Charakter zu taxieren und seinen frühen Ursprung kennen zu lernen.

1. Das System, welches das Buch Jezirah enthält, entspricht genau den Begriffen, welche man sich nach seinem Titel von ihm machen muß, und wir können zunächst folgenden Satz aufstellen:

„Der Ewige, der Herr der Heerscharen, der Gott Israels, der lebende, allmächtige, allerhöchste Gott, der von Ewigkeit ist, und dessen Name hehr und heilig ist, schuf die Welt durch zweiunddreißig Wege der Weisheit.“

2. Die zur Erklärung des Werks der Schöpfung angewandten Mittel, die den Zahlen und Buchstaben beigelegte Wichtigkeit machen es begreiflich, wie Unwissenheit und Aberglaube in späterer Zeit das angewandte Prinzip mißbrauchten, wie sich die bekannten über die Kabbala umlaufenden Fabeln verbreiteten, und wie die sogenannte praktische Kabbala entstehen konnte, welche durch die Kraft der Buchstaben und Zahlen den Lauf der Natur verändern zu können glaubt.

Die Darstellungsweise des Jezirah ist einfach und schwerfällig, und man findet nicht das Geringste, was einem Beweis oder einer Begründung gleicht; es enthält nur in eine ziemlich regelmäßige Ordnung getheilte Aphorismen, welche ungefähr die gleiche Bündigkeit wie die alten Orakel besitzen. Eine Thatsache ist frappant, daß nämlich das in späterer Zeit ausschließlich für „Seele“ gebrauchte Wort[361] gerade wie im Pentateuch und im ganzen alten Testament überhaupt für den lebenden, von der Seele noch nicht verlassenen Leib gebraucht wird. Außerdem finden sich mehrere Worte fremden Ursprungs. So gehören z. B. die Namen der Planeten und des 335himmlischen Drachens[362] der Sprache der Chaldäer an, welche zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft einen fast allmächtigen Einfluß auf die Juden ausübten. Hingegen wird man keinem der vielen griechischen und arabischen Ausdrücke begegnen, wie sie im Talmud oder in den Werken einer Zeit vorkommen, in welcher die hebräische Sprache bereits in den Dienst der Wissenschaft und Philosophie getreten war. Wir kommen also zu dem Schluß, daß das Buch Jezirah zu einer Zeit, wo die jüdische Civilisation noch nicht an der griechischen und arabischen teilnahm, ja vielleicht schon vor der Entstehung des Christentums abgefaßt wurde. Wir müssen jedoch zugestehen, daß es nicht schwer ist, in dem uns beschäftigenden Werk Spuren der Sprache und Philosophie des Aristoteles nachzuweisen. Nach dem oben citierten Satz, laut welchem der Ewige die Welt auf zweiunddreißig wunderbaren Wegen der Weisheit schuf, gebraucht das Buch Jezirah noch die Ausdrücke: „der, welcher zählt, das Gezählte und die Handlung des Zählens“, was schon die ältesten Kommentatoren durch „Subjekt, Objekt und die Handlung der Reflexion oder das Denken“ auslegen. Es ist unmöglich, sich dabei nicht an den berühmten Satz des zwölften Buches der Metaphysik des Aristoteles zu erinnern: „Die Intelligenz begreift sich selbst, indem sie das Intelligible wahrnimmt, und sie wird selbst intelligibel durch den Akt des Begreifens und Einsehens, insofern nämlich die Intelligenz und das Intelligible identisch sind.“ Jedoch liegt es auf der Hand, daß obige Worte später hinzugesetzt sind, insofern sie weder mit dem Satz selbst, noch im Vorausgehenden und Folgenden; sie kommen überhaupt im ganzen Verlauf des Werkes nicht wieder zum Vorschein, obgleich in demselben in der umfangreichsten Weise von dem Gebrauch der zehn Zahlen und zweiundzwanzig Buchstaben die Rede ist, welche die zweiunddreißig Wege bilden, deren sich die Gottheit bei der Schöpfung bediente. Man begreift endlich kaum, wie sie ihren Platz in einem Werk finden konnten, in welchem nur die Rede von den verschiedenen Beziehungen der verschiedenen Teile der materiellen Welt ist. Was nun die Abweichungen der beiden Manuskripte der Mantuaer Ausgabe[363] 336anlangt, von denen das eine am Schluß des Bandes, das andere inmitten anderer Traktate abgedruckt ist, so sind dieselben nicht im Entferntesten so bedeutend, als manche moderne Kritiker annehmen wollen. Bei einer unparteiischen und eingehenden Vergleichung findet man nur einige unbedeutende Varianten, welche sich bei dem hohen Alter des Sepher Jezirah im Laufe der Jahrhunderte sehr leicht durch die Unaufmerksamkeit der Abschreiber und Kommentatoren einschleichen konnten. Andererseits behandeln die beiden Manuskripte nicht nur denselben Stoff, dasselbe von einem allgemeinen Standpunkt aus betrachtete System, sondern sie haben auch die gleiche Einteilung, die gleiche Kapitelzahl und den gleichen Inhalt der Kapitel; endlich aber sind die gleichen Gedanken mit den gleichen Ausdrücken dargestellt. Aber man findet nicht die gleiche Übereinstimmung in der Zahl und Stellung derjenigen Sätze, welche unter dem Namen Mischna hier und da eingestreut sind. Hier hat man sich nicht vor überflüssigen Wiederholungen gehütet, an der einen Stelle die Sätze unnötig zusammengehäuft und an der andern ungerechtfertigt getrennt und vereinzelt. Endlich erscheint ein Satz klarer als der andere, weniger bezüglich des Wortlautes als hinsichtlich des Gedankenganges. Wir wollen nur eine einzige Stelle anführen, bei welcher dieser letztere Unterschied auffällig hervortritt. Das eine Manuskript sagt ganz einfach, daß der Urbeginn des Alls der Geist des lebendigen Gottes sei; das andere Manuskript fügt hinzu, daß dieser Geist Gottes der heilige Geist sei, welcher gleichzeitig Geist, Stimme und Wort sei. Ohne Zweifel ist dieser Gedanke von hoher Wichtigkeit, aber er fehlt auch nicht in dem Manuskript, wo er weniger klar dargestellt ist, und er bildet, wie wir bald sehen werden, die Grundlage und das Schlußergebnis des ganzen Systems. Übrigens wurde „das Buch der Schöpfung“ zu Anfang des zehnten Jahrhunderts ins Arabische übersetzt und kommentiert von Rabbi Saadiah, einem großen Geist und methodischen, klugen Kopf; derselbe hält es für eines der ältesten und frühesten Denkmäler des menschlichen Geistes. Wir fügen, ohne diesem Zeugnis einen zu großen Wert beizulegen, hinzu, daß die ihm während des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts folgenden Kommentatoren der gleichen Meinung sind.

Wie alle Werke einer weit zurückliegenden Zeit ist auch das 337uns beschäftigende ohne Titel und Namen des Verfassers; jedoch schließt es mit folgenden merkwürdigen Worten:

„Und als Abraham, unser Vater, alle diese Dinge betrachtet, untersucht, ergründet und erforscht hatte, offenbarte sich ihm der Herr der Welt und nannte ihn seinen Freund und machte ein ewiges Bündnis mit ihm und seiner Nachkommenschaft. Und Abraham glaubte an Gott, und dies ward ihm als ein Werk der Gerechtigkeit angerechnet, und der Glanz Gottes fiel auf ihn, denn von ihm sind die Worte gesprochen: Siehe, ich habe dich gekannt, ehe du im Mutterleib gebildet wurdest.“

Diese Stelle kann nicht als eine neue Erfindung gelten, denn sie findet sich in den beiden mantuanischen Texten und den meisten alten Kommentaren. Wahrscheinlich wurde sie im Interesse des „Buches der Schöpfung“ untergeschoben, damit es scheine, als ob der Stammvater der Hebräer der Verfasser dieses Buches sei und durch dasselbe zu dem Gedanken eines einzigen und allmächtigen Gottes gelangt sei. Ferner existiert unter den Juden eine Tradition, nach welcher Abraham große astronomische Kenntnisse besaß und sich allein durch die Betrachtung der Natur zu der Idee des wahren Gottes emporgeschwungen habe. Nichtsdestoweniger hat man bis heute obige Worte auf eine grobmaterielle Weise interpretiert. Man glaubte nämlich, daß Abraham der Verfasser sei und nannte seinen Namen mit einer religiösen Scheu. Folgendes sind die Ausdrücke, mit denen Moses Botril seinen Kommentar des Sepher Jezirah beginnt:

„Unser Vater Abraham, Friede sei mit ihm, schrieb gegen die Weisen seiner Zeit, welche nicht an das Prinzip der Einheit glaubten. Wenigstens sagt so Rabbi Saadiah – das Andenken dieses Gerechten sei gesegnet! – im ersten Kapitel seines Buches, welches den Titel führt: der Stein der Weisen.[364] Ich führe seine eigenen Worte an: Die chaldäischen Weisen bekämpften unsern Vater Abraham um seines Glaubens willen. Die chaldäischen Weisen aber zerfielen in drei Sekten. Die erste glaubte, daß das Weltall zwei in der Art ihrer Thätigkeit durchaus verschiedenen Grundursachen unterworfen sei, von denen die eine zu zerstören versuche, was die 338andere geschaffen habe. Es ist dies die Anschauung der Dualisten, die sich auf ein System stützen, welches auf die Urheber des Guten und des Bösen gegründet ist. Die zweite Sekte nimmt drei Grundprinzipien an, nämlich die eben genannten, welche sich gegenseitig aufheben, und das aus dieser Aufhebung entspringende Nichts. Die dritte Sekte endlich erkennt keinen anderen Gott als die Sonne an, welche sie als das Grundprinzip des Werdens und Vergehens betrachtet.“

Ungeachtet der großen und allgemein respektierten Autorität des Moses Botril können wir seine Meinung nur als eine ganz vereinzelte betrachten, denn an die Stelle des Namens von Abraham ist längst der des Ben Akiba getreten, eines der fanatischsten Träger der Tradition und eines der vielen Märtyrer der Freiheit seines Landes, welcher verdient, zu den bewundernswertesten Helden gezählt zu werden, wie sie je in Athen und Rom eine Rolle spielten. Uns erscheint jedoch diese letztere Annahme ebenso unwahrscheinlich und nicht besser begründet als die erstere. Überall, wo der Talmud Akiba erwähnt, erscheint er als ein fast göttliches, selbst über Moses hinausragendes Wesen, jedoch repräsentiert er sich in keiner Weise als eine der Leuchten der Merkaba oder der Weisheit der Genesis, nichts läßt vermuten, daß er das „Buch der Schöpfung“ geschrieben habe oder irgend ein Buch von ähnlicher Beschaffenheit, und im Gegenteil tadelt man ganz positiv an ihm, daß er von der Gottheit gerade keine sehr erhabenen Anschauungen gehabt habe. So sagt z. B. Rabbi Joseph von Galiläa: „O Akiba, wie sehr vermischest du Gewöhnliches mit der göttlichen Majestät.“ Nur die Begeisterung, welche er einflößte, die Geduld, mit welcher er Regeln für alle Lebenslagen aufstellte, der von ihm vierzig Jahre lang gezeigte religiöse Eifer und endlich der Heroismus seines Todes haben der Tradition ein gewisses Gewicht gegeben; hingegen stimmen die ihm zugeschriebenen vierundzwanzigtausend Schüler durchaus nicht mit dem Verbot der Mischna überein, auch nur das geringste Geheimnis der Kabbala bekannt zu machen.

Einige neuere Kritiker haben geglaubt, es hätten zwei verschiedene Bücher unter dem Titel Sepher Jezirah existiert, von denen das dem Abraham zugeschriebene und im Talmud erwähnte längst verloren gegangen und nur das neuere uns erhalten geblieben sei. 339Morin, der Verfasser der Exercitationes biblicae, entnimmt einem Chronisten des 16. Jahrhunderts folgende Stelle, an welcher sich derselbe über Akiba äußert: „Derselbe hat das Buch der Schöpfung zu Ehren der Kabbala geschrieben; es existierte aber noch ein anderes von Abraham geschriebenes Buch der Schöpfung, über welches Rabbi Moses ben Nachman (abgekürzt Ramban genannt[365]), einen großen und wunderbaren Kommentar schrieb.“ Dieser zu Ende des dreizehnten Jahrhunderts geschriebene und in der Mantuaer Ausgabe einige Jahre nach der erwähnten Chronik gedruckte Kommentar entspricht auf das Genaueste dem Buche Jezirah, wie wir es noch heute besitzen. Die meisten seiner Ausdrücke sind genau hinübergenommen, und es liegt auf der Hand, daß der von uns genannte Chronist den Kommentar nicht gelesen hat. Endlich ist der erste, welcher an die Stelle des Namens von Abraham den des Akiba setzte, ein Kabbalist des 16. Jahrhunderts, Isaak Delares, welcher in seiner Vorrede zum Sohar fragt: „Wer hat Rabbi Akiba erlaubt, unter dem Namen Mischna das Buch Jezirah zu schreiben, da dasselbe ein Buch ist, welches seit Abraham mündlich überliefert wurde?“ Allerdings ist dieser Ausspruch der Fiktion, welche wir zerstören wollen, entgegenstehend; aber nichtsdestoweniger beruht dieselbe auf der eben genannten Autorität. Der Verfasser des „Buches der Schöpfung“ ist noch nicht entdeckt, und es ist nicht unsere Sache, den über seinem Namen liegenden Schleier zu lüften; ja wir glauben sogar, daß dies bei dem geringen vorliegenden Material unmöglich ist. Diese Ungewißheit kann sich aber nicht auf die im Sepher Jezirah demonstrierten Lehrsätze erstrecken, welche das philosophische Interesse erwecken müssen, das dieser Stoff beanspruchen kann.

340

Drittes Kapitel.
Die Authenticität des Sohar.

Ein lebhaftes Interesse, aber auch große Schwierigkeiten sind mit dem jetzt zu besprechenden litterarischen Denkmal, dem Sohar oder „Buch des Lichtes“, dem Universalkodex der Kabbala verbunden. In der bescheidenen Form eines Kommentars zum Pentateuch berührt er mit großer Unabhängigkeit alle geistigen Fragen und erhebt sich manchmal zu Lehren, welche dem größten Genie unserer Zeit zur Ehre gereichen würden. Aber er ist weit entfernt, sich beständig auf dieser Höhe zu erhalten, sondern steigt oft zu einer Sprache, zu Ausdrücken und Ideen herab, welche den äußersten Grad von Unwissenheit und Aberglauben verraten. Man findet in ihm einerseits die Einfachheit und den naiven Enthusiasmus der biblischen Zeit, andererseits Namen, Thatsachen, Kenntnisse und Gebräuche, welche auf eine ziemlich vorgerückte Epoche des Mittelalters deuten. Diese Ungleichheit der Form wie des Inhalts, die bizarre, die verschiedensten Zeiten ineinander werfende Mischung des Charakters, das fast völlige Schweigen der beiden Talmud und endlich das Fehlen positiver Dokumente bis zum Schluß des 13. Jahrhunderts haben die verschiedensten Meinungen über den Ursprung und den Verfasser dieses Buches aufkommen lassen. Wir wollen zunächst die ältesten und zuverlässigsten Zeugnisse beibringen und sprechen lassen, bevor wir unsere eigene Meinung über diese schwierige Frage kund thun.

Alles, was man über die Entstehung und das Alter der Sohar sagt und vermutet, ist in einer durchaus unparteiischen Weise zwei Schriftstellern entnommen. Der erste derselben, Abraham ben Zakuth (um 1492) sagt in seinem „Buch der Genealogien“:

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„Der Sohar, dessen Strahlen die Welt erleuchten und die tiefsten Geheimnisse des Gesetzes und der Kabbala enthüllen, ist nicht das Werk des Simon ben Jochai, obgleich er unter dessen Namen veröffentlicht wurde. Aber es ist von seinen Schülern verfaßt, welche es wiederum ihren Schülern anvertrauten und denselben die Fortsetzung ihrer Arbeit zur Aufgabe machten. Die mit der Wahrheit vollkommen übereinstimmenden Worte des Sohar wurden von Männern niedergeschrieben, welche spät genug lebten, um die Bestimmungen der Mischna und die Vorschriften des mündlichen Gesetzes zu kennen. Dieses Buch wurde erst nach dem Tod von Rabbi Moses ben Nachman (ca. 1309) und Rabbi Ascher (ca. 1320; beide spanische Juden) verbreitet, die es noch nicht kannten.“

Rabbi Gedalia, der Verfasser einer berühmten Chronik unter dem Titel „Kette der Tradition“ sagt:

„Um das Jahr 5500 der Schöpfung (1290 n. Chr.) gab es eine Anzahl Leute, welche annahmen, daß alle im aramäischen Dialekt geschriebenen Theile des Sohar das Werk des Rabbi Simon ben Jochai seien, und daß ihm nur die in heiliger Sprache (dem reinen Hebräisch) abgefaßten nicht zugeschrieben werden dürften. Andere glaubten, daß Rabbi Moses ben Nachman dieses Buch im heiligen Land entdeckt und nach Catalonien geschickt habe, von wo es nach Arragonien und in die Hände des Rabbi Moses von Leon gekommen sei. Wieder Andere waren der Meinung, daß Rabbi Moses von Leon als wohl unterrichteter Mann die Commentare selbst geschrieben und dieselben, um bei den Gelehrten seinen finanziellen Nutzen zu wahren, unter dem Namen des Rabbi Simon ben Jochai und seiner Freunde veröffentlicht habe. Man fügt hinzu, daß er dies gethan habe, weil er arm und von Geschäften erschöpft gewesen sei. Was mich jedoch anlangt, sagt Rabbi Gedalia, so glaube ich, daß alle diese Meinungen grundlos sind, und daß Rabbi Simon ben Jochai mit seinen heiligen Genossen in Wirklichkeit alle diese und noch andere Dinge gesagt haben, daß sie aber zu seiner Zeit noch nicht niedergeschrieben, sondern, nachdem sie lange Zeit in verschiedenen Handschriften umgelaufen waren, gesammelt und geordnet wurden. Man darf sich darüber nicht wundern, denn in gleicher Weise stellten Rabbi Ascher die Gemara und Rabbi 342Judas die Mischna zusammen, deren Manuscripte anfänglich in alle vier Enden der Erde zerstreut waren.“

Wir sehen aus diesen Worten, welchen die moderne Kritik auch nichts Wesentliches hinzuzufügen weiß, daß die uns beschäftigende Frage drei verschiedene Lösungen gefunden hat. Eine Partei schreibt die Urheberschaft des Sohar mit Ausnahme der rein hebräischen Stellen, die übrigens in keiner gedruckten Ausgabe[366] und in keinem bekannten Manuskript vorkommen, dem Rabbi Simon ben Jochai zu. Die andere Partei macht den Sohar zum Werk eines Betrügers, Moses von Leon, und setzt seine Entstehung in den Schluß des 13. oder Anfang des 14. Jahrhunderts. Die dritte Partei endlich schlägt einen Mittelweg zwischen beiden Extremen ein: sie läßt Simon ben Jochai die im Sohar enthaltene Philosophie seinen Schülern lehren, welche dieselbe mündlich fortpflanzten, bis nach einigen Jahrhunderten die zerstreuten Niederschriften im Sohar, wie er uns jetzt vorliegt, gesammelt worden seien.

Die erste Anschauung verdient keine ernsthafte Widerlegung, und sie gründet sich auf folgendes dem Talmud entlehnte Faktum[367]:

„Rabbi Jehuda, Rabbi Joseph und Rabbi Simon ben Jochai waren eines Tages versammelt, und bei Ihnen befand sich ein gewisser Jehuda ben Gerim. Da sagte Rabbi Jehuda bezüglich der Römer: Was hat diese Nation groß gemacht? Doch nur das Erbauen von Brücken und die Einrichtung von Märkten und öffentlichen Bädern. – Auf diese Worte hin schwieg Rabbi Joseph, aber Rabbi Simon ben Jochai antwortete: Sie haben dies nur zu ihrem eigenen Nutzen gethan. Sie haben Märkte eingerichtet, um Huren anzulocken; sie haben Brücken gebaut, um Zölle zu erheben, und Bäder, um sich zu erfrischen. Rabbi Jehuda ben Gerim erzählte weiter, was er gehört hatte, und es kam zu den Ohren des Kaisers, welcher befahl: Jehuda, welcher mich gelobt hat, soll erhöht werden; Joseph, welcher schwieg, soll nach Sipora (Sephoris) verbannt, und Simon, welcher mich geschmäht hat, getödtet werden. Daraufhin verbarg sich dieser 343mit seinem Sohn in der Schule, und die Thürhüterin brachte ihm jeden Tag ein Brod und einen Napf Wasser. Aber die Acht, welche auf ihn gelegt war, war sehr schwer, und Simon sprach zu seinem Sohn: Die Frauen sind von schwachem Charakter; deshalb steht zu befürchten, daß unsere Thürhüterin, wenn man ihr mit Fragen zusetzt, uns verräth. Auf diese Betrachtungen hin verließen sie ihr Asyl und verbargen sich in einer Höhle. Dort schuf Gott durch ein Wunder zu ihren Gunsten einen Johannisbrotbaum und eine Quelle. Simon und sein Sohn legten ihre Kleider ab, vergruben sich bis an den Hals in den Sand und brachten ihre Tage mit der Betrachtung des Gesetzes zu. So lebten sie in dieser Höhle zwölf Jahre lang, bis der Prophet Elias am Eingang ihres Zufluchtsortes erschien und ihnen zurief: Wer verkündet dem Sohn des Jochai, daß der Kaiser gestorben und sein Befehl vergessen ist? Darauf gingen sie hinweg, lebten wie andere Menschen und bebauten das Land.“

Während dieser zwölf Jahre der Einsamkeit und Verbannung soll nun nach dem Talmud Simon ben Jochai mit Hilfe seines Sohnes Eleazar das berühmte Werk geschrieben haben, an welches sein Name geknüpft blieb. Aber, selbst wenn man aus dieser Erzählung die beigemengten fabelhaften Umstände ausscheidet, ist es noch immer sehr schwierig, die daraus gezogenen Folgerungen zu rechtfertigen, denn man kann natürlich unmöglich sagen, was die Resultate der Betrachtungen waren, durch welche die beiden Proskribierten ihre Qualen zu vergessen suchten. Endlich findet man im Sohar eine Menge von Thatsachen und Namen, welche Simon ben Jochai, der nicht lang nach der Zerstörung Jerusalems um den Anfang des zweiten christlichen Jahrhunderts starb, unmöglich kennen konnte. Wie konnte er z. B. von den sechs Teilen sprechen[368], in welche die etwa sechzig Jahre später geschriebene Mischna zerfällt? Wie konnte er die Autoren und Vorschriften der Gemara erwähnen[369], welche nach dem Tod des heiligen Judas begonnen und fünfhundert Jahre nach Christus vollendet wurde? Wie konnte er die Namen, die Gesichtspunkte und andere Eigentümlichkeiten 344der Schule von Tiberias kennen, welche erst zu Anfang des sechsten christlichen Jahrhunderts entstand? Ja manche Kritiker wollen sogar die mohammedanischen Araber im Sohar unter dem Namen der Ismaëliten erwähnt finden, und es ist in der That sehr schwer, sich der Beweiskraft folgenden Satzes zu verschließen:

„Der Mond ist sowohl das Zeichen des Guten als des Bösen. Der Vollmond ist das Gute, der Neumond das Böse. Und weil er sowohl das Gute als das Böse in sich begreift, so haben ihn sowohl die Kinder Israels als Ismaels ihrer Rechnung zu Grund gelegt. Wenn eine Mondfinsterniß eintritt, so ist dies ein böses Zeichen für Israel, tritt dagegen eine Sonnenfinsterniß ein, so ist es ein solches für Ismael. Also bewahrheiten sich die Worte des Propheten: Die Weisheit der Weisen wird zu Grunde gehen, und die Klugheit der Klugen wird verdunkelt werden.“

Es muß jedoch bemerkt werden, daß diese Worte nicht im Text, sondern in einem weit jüngeren Kommentar stehen, welcher den Titel führt: „der gute Hirte“, רעיא מהימנא, und daß sie die ersten Herausgeber aus eigener Machtvollkommenheit dem Sohar hinzufügten, weil sie an der betreffenden Stelle eine Lücke zu finden glaubten.

Man hat im Sohar selbst noch eine bestimmtere Stelle finden wollen, welche ein Schüler des Simon ben Jochai aus dem Munde seines Meisters gehört haben will:

„Wehe über den Augen, da Ismael zur Welt geboren wurde und das Zeichen der Beschneidung annahm. Denn was that der Herr, dessen Name gelobt sei? Er schloß die Kinder Ismaels von der himmlischen Verbindung aus. Aber da sie das Verdienst hatten, das Zeichen des Bundes angenommen zu haben, so behielt er ihnen für ihren Theil den Besitz des heiligen Landes vor. Also sind die Kinder Ismaels bestimmt, das heilige Land zu beherrschen, und sie hindern die Kinder Israels dorthin zurückzukehren. Aber dies wird nur bis zu der Zeit dauern, in welcher das Verdienst der Kinder Israels erloschen sein wird. Alsdann werden sie schreckliche Kriege entfesseln, und die Kinder Edoms werden sich gegen sie vereinigen und sie schlagen zu Wasser, zu Land und bei Jerusalem. Der Sieg wird bald auf der einen und bald auf der andern Seite sein, aber das heilige Land wird nicht in die Hände der Kinder Edoms gegeben werden.“

345

Zum richtigen Verständnis dieser Zeilen sei bemerkt, daß die hebräisch schreibenden jüdischen Schriftsteller unter den Kindern Israels sowohl das heidnische, als das christliche Rom, als auch die Christenheit überhaupt verstehen. Da nun hier nicht vom heidnischen Rom die Rede sein kann, so hat man in dieser Stelle die Niederlagen der Sarazenen gegen die Christen während der Kreuzzüge vor der Eroberung Jerusalems sehen wollen. Was die Prophezeiung des Simon ben Jochai anlangt, so habe ich wohl kaum nötig zu sagen, welches Gewicht sie unserer Ansicht nach besitzt. Auch will ich mich nicht lange bei der Darstellung der heute allgemein bekannten und von der modernen Kritik zur Genüge wiederholten Thatsachen aufhalten. Ich will nur einen für unser endliches Urteil ganz besonders wichtigen Umstand anführen. Um die Überzeugung zu gewinnen, daß Simon ben Jochai nicht der Verfasser des Sohar, und dieses Buch selbst nicht die Frucht dreizehnjähriger Betrachtungen und der Einsamkeit sein kann, genügt es, einige Aufmerksamkeit auf die Erzählungen zu verwenden, welche fast stets mit der Entwickelung des Gedankenganges verbunden sind. So vereinigte nach dem Idra Suta (אדרא זוטא) genannten Fragment, welches eine in jeder Hinsicht bewundernswürdige Episode in dieser ungeheuren Kompilation bildet, Rabbi Simon vor seinem Tode eine kleine Anzahl seiner Schüler und Freunde um sich, unter welchen sich sein Sohn Eleazar befand. Simon sagte zum Letzteren: Du wirst studieren, Rabbi Aba wird schreiben und meine andern Freunde werden stillschweigend ihren Betrachtungen nachhängen. An allen andern Stellen spricht der Meister in den seltensten Fällen; wohl aber sind seine Worte im Munde seiner Söhne und Freunde, welche sich noch nach seinem Tod versammeln, um ihre Erinnerungen auszutauschen und sich gegenseitig über den rechten Glauben zu belehren nach den Worten der heiligen Schrift: Siehe, wie fein und lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig bei einander wohnen! – Begegnen sich einige seiner Schüler unterwegs, so dreht sich ihre Unterhaltung sofort um den gewöhnlichen Gegenstand ihrer Betrachtungen und sie beginnen irgend eine Stelle des alten Testaments in einem geistigen Sinn auszulegen. Hier ein Beispiel statt tausend: Rabbi Jehuda und Rabbi Joseph waren unterwegs, und der erstere sprach zu seinem Reisegefährten: Sage mir etwas vom Gesetz, denn wenn der Mensch 346die Worte des Gesetzes betrachtet, so steigt der Geist Gottes zu ihm herab oder geht vor ihm her, um ihn zu führen.[370]

Man pflegt endlich, wie wir bereits oben sagten, Bücher zu citieren, von denen nur vereinzelte Bruchstücke auf uns gekommen sind, die aber notwendiger Weise älter als der Sohar sein müssen. So wollen wir nur folgende Stelle hierhersetzen, von welcher man glauben könnte, daß sie von einem Schüler des Copernicus geschrieben sein müsse, wenn ihr Ursprung nicht mit voller Gewißheit spätestens in das Ende des 13. Jahrhunderts zu setzen wäre[371]:

„Im Buch des Rabbi Hamnuna des Ältern wird vermittelst verschiedener Erklärungen gelehrt, daß sich die Erde um sich selber kreisförmig dreht, daß Einige oben und Andere unten sind, daß alle Menschen nacheinander in gleicher Lage die verschiedenen Stellungen des Himmels zu Gesicht bekommen, daß ein Theil der Erde erleuchtet ist, während der andere in Dunkelheit liegt, daß ein Theil der Menschen Tag hat, während es bei den andern Nacht ist, daß es Gegenden giebt, wo es beständig Tag ist, oder wo wenigstens die Nacht nur wenige Augenblicke dauert.“

Es liegt auf der Hand, daß der Verfasser des Sohar, sei er, wer er sei, gewiß nicht Rabbi Simon ben Jochai sein kann, dessen Tod und letzte Augenblicke darin erzählt werden.

Sind wir aber deshalb genötigt, die Ehre seiner Urheberschaft einem obskuren Rabbi des dreizehnten Jahrhunderts, einem unglückseligen Charlatan, zuschreiben zu müssen, welcher seinem Elend auf eine ebenso unwürdige als unsichere Weise ein Ende machen wollte? Ganz gewiß nicht. Und selbst wenn wir die innerste Natur, den innersten Wert des Buches prüfen, so macht es nicht die mindeste Mühe darzulegen, daß diese Ansicht ebensowenig als die erste begründet ist. Doch müssen wir zu ihrer Widerlegung positive Beweisgründe beizubringen suchen.

Der Sohar ist in aramäischer Sprache geschrieben, welche keinem ausgesprochenen Dialekt angehört. Welche Absicht könnte wohl Rabbi Moses von Leon gehabt haben, als er sich eines Idioms bediente, das zu seiner Zeit gar nicht gebräuchlich war? Wollte 347er, wie ein neuerer, bereits angeführter Kritiker annimmt[372], seinen Erdichtungen eine gewisse Wahrscheinlichkeit geben, wenn er die Personen des Sohar, unter deren Namen er seine Ideen einschmuggelte, in der Sprache ihrer Zeit reden läßt? Aber selbst, wenn er so ausgedehnte Kenntnisse besessen hätte, so würde er selbst nach der Meinung der von uns hier bekämpften Gegner nicht haben übersehen dürfen, daß Simon ben Jochai und seine Freunde zu den Verfassern der Mischna gehören, deren gewohnte Sprache der jerusalemitische Dialekt war, und welche demnach gewiß hebräisch geschrieben hätten. Er würde sich also gewiß der letzteren Sprache bedient haben, wenn er den Sohar durch Einschmuggelung seiner eigenen Ideen hätte fälschen wollen, welcher Betrug sicher bald entdeckt worden wäre. Da wir aber nirgends etwas dergleichen auf unsere Zeit Gekommenes finden, so braucht uns obige Annahme nicht mehr zu beschäftigen.

Aber sei sie wahr oder falsch, sie dient zur Bekräftigung folgenden Umstandes:

Wir wissen mit größter Gewißheit, daß Moses von Leon in hebräischer Sprache ein kabbalistsches Werk unter dem Titel: „der Name Gottes“ oder einfach „der Name“ (ספר השם) schrieb. Moses Corduero besaß dieses noch handschriftlich erhaltene Werk und bringt daraus mehrere Stellen bei, aus welchen sich ergiebt, daß es ein sehr subtiler und detaillierter Kommentar über einige der dunkelsten Stellen der Lehren des Sohar ist, wie z. B.: Welches sind die verschiedenen Kanäle oder – so zu sagen – Influenzen, wechselseitige Rapporte, welche zwischen den Sephiroth bestehen und die das göttliche Licht oder die Ursubstanz der Dinge von dem einen zum andern führen? Läßt sich nun annehmen, daß derselbe Mann, welcher den Sohar in chaldäisch-syrischer Sprache geschrieben haben soll, um die Schwierigkeiten desselben noch durch den Dialekt zu vermehren, um die in ihm erhaltenen Gedanken dem Volk zu verschleiern, im Hebräischen entschleierte und preisgab, was er in einer selbst von den Gelehrten halbvergessenen Sprache so ängstlich zu verbergen gesucht hatte? Glaubt man wirklich, daß er durch diesen Wechsel der Methode bei seinen Lesern Erfolg erzielt haben 348würde? Es ist in der That viel zu viel Zeit und Mühe mit viel zu gelehrten und komplizierten Kombinationen verschwendet worden, um einen unbedeutenden Mann der dümmsten Widersprüche und gröbsten Anachronismen zu beschuldigen.

Ein anderer Grund zwingt uns, den Sohar für weit älter als Moses von Leon und für nicht europäischen Ursprungs zu halten, nämlich der, daß man nirgends eine Spur aristotelischer Philosophie und keine Erwähnung des Christentums und seines Begründers findet, und es ist doch allbekannt, daß während des 13. und 14. Jahrhunderts in Europa das Christentum und Aristoteles unbeschränkt herrschten. Wie könnte man also annehmen, daß in einer so fanatischen Zeit ein armer spanischer Rabbi, welcher in unverständlicher Sprache über religiöse Stoffe schrieb, der Anklage entgangen wäre, welche so oft gegen spätere Schriftsteller erhoben wurde, nämlich, daß sie sich nicht wie Saadiah, Maimonides und ihre Nachfolger von dem unwiderstehlichen Einfluß der peripatetischen Philosophie hätten frei machen können? Man lese aber alle Kommentare des „Buches der Schöpfung“ und werfe einen Blick auf alle religiösen und philosophischen Schriften seiner Zeit, und man wird überall der Sprache des Organon und der unbeschränkten Herrschaft der Philosophie des Stagyriten begegnen. Das Fehlen dieses Merkmals im Sohar ist aber von einer nicht hoch genug zu schätzenden Bedeutung. Man kann in den zehn Sephiroth, von denen wir weiter unten ausführlich sprechen werden, keine verkappte Nachahmung der aristotelischen Kategorien sehen, weil nämlich die letzteren nur einen logischen Wert besitzen, die ersteren hingegen ein erhabenes metaphysisches System darstellen. Wenn einige Teile der Kabbala ja einem System der griechischen Philosophie ähneln, so ist es das System Platos, welcher ja bekanntlich einem gewissen Mysticismus ergeben war; Plato war aber damals außerhalb seines Vaterlandes sehr wenig bekannt.

Endlich aber bemerken wir, daß die im Sohar gebrauchten Ideen und Ausdrücke, welche zur Erläuterung des kabbalistischen Systems dienen, in weit älteren Schriften als solchen vorkommen, die zu Ende des 12. Jahrhunderts abgefaßt wurden. So ist z. B. der von uns schon genannte Moses Botarel, einer der Kommentatoren des Sepher Jezirah, der die Emanationstheorie nach den 349Anschauungen der Kabbalisten lehrt, von Saadiah wohl gekannt, denn dieser führt folgende Stelle des ihm zugeschriebenen „der Stein der Weisen“ genannten Buches an:

„O du, der du aus den Cisternen schöpfst, hüte dich, wenn man dich versuchen will, die Emanationslehre zu enthüllen, denn dieselbe ist ein großes Geheimniß im Munde der Kabbalisten, und ein anderes Geheimniß ist enthalten in den Worten des Gesetzes: Ihr sollt den Herrn nicht versuchen!“

Aber Saadiah greift die Emanationslehre, welche die Grundlage des ganzen im Sohar entwickelten Systems ist, heftig in seinem „Glauben und Meinen“ betitelten Buch an, wie einwandsfrei aus folgender Stelle desselben hervorgeht[373]:

„Ich bin oft Leuten begegnet, welche die Existenz eines Schöpfers nicht leugnen, aber nicht begreifen, wie unser Geist fassen könne, daß irgend etwas aus nichts geschaffen sei. Da nun der Schöpfer das einzige Wesen ist, welches von Anbeginn an existiert, so muß ihrer Meinung nach das Weltall aus der eigenen Wesenheit des Schöpfers hervorgegangen sein. Diese Leute (Gott behüte euch vor ihren Anschauungen) sind noch sinnlicher als alle andern, von denen wir bisher gesprochen haben.“

Der Sinn dieser Worte wird noch klarer, wenn man in demselben Kapitel liest, daß der Glaube, auf welchen sie anspielen, durch die Worte bei Hiob[374] gerechtfertigt werde: „Woher kommt denn die Weisheit? Und wo ist die Stätte des Verstandes? – Gott weiß den Weg dazu und kennet ihre Stätte.“ Man findet hier in der That die Namen, welche der Sohar den drei ersten und obern Sephiroth weiht, und die alle andern in sich fassen: nämlich die Weisheit, den Verstand und die Stätte. Anstatt Stätte sagen nun die Kabbalisten „das Nichtseiende“ und nennen sie so, weil das Nichtseiende das Unendliche ohne Attribut, Form und Eigenschaft in einem unbegreiflichen Zustand ohne Realität repräsentiert.[375] „Dies ist der aus dem Nichtseienden gezogene Sinn“, sagen die Kabbalisten.

Derselbe Autor giebt uns auch eine psychologische Theorie, welche völlig identisch mit der Simon ben Jochai zugeschriebenen 350ist[376] und lehrt uns, daß das im Sohar[377] enthaltene Dogma der Präexistenz und Rëincarnation zu seiner Zeit von Leuten angenommen worden sei, welche nur dem Namen nach Juden gewesen seien und ihre extravagante Meinungen durch das Zeugnis der heiligen Schrift zu stützen gesucht hätten.

Dies ist jedoch nicht alles, denn der heilige Hieronymus spricht in einem seiner Briefe[378] von den zehn mystischen Namen (decem nomina mystica), durch welche die Engel die Gottheit bezeichneten. Diese von Hieronymus erwähnten und ausgewählten Namen sind aber genau dieselben, mit welchen der Sohar die zehn Sephiroth oder Attribute der Gottheit bezeichnet. Sie mögen hier folgen, wie sie im „Buch des Geheimnisses“ (ספרא דצניעותא), einem der ältesten Fragmente des Sohar enthalten sind und gleichzeitig die Grundprinzipien der Kabbala in sich fassen:

„Wenn der Mensch eine Bitte an den Herrn richten will, so muß er stets die heiligen Namen Gottes anrufen, nämlich: Eheie, Jah, Jehovah, El, Elohim, Jedud, Eloha, Sabaoth, Schadai, Adonai. Dies sind die zehn Sephiroth, welche heißen: Krone, Weisheit, Verstand, Schönheit, Gnade, Gerechtigkeit usw.“

Alle Kabbalisten stimmen darin überein, daß die zehn Namen Gottes und die zehn Sephiroth einunddasselbe sind, nämlich der geistige Teil derselben sei die Wesenheit der göttlichen Emanationen. Hieronymus spricht auch in mehreren seiner Schriften von gewissen hebräischen Traditionen, welche das Paradies, oder, wie es hebräisch heißt: Eden (גן עדן), älter sei als die Welt.[379] Bemerkt sei dazu zunächst, daß bei den Juden keine andern Traditionen ähnlichen Inhalts bekannt waren als die geheimnisvolle Wissenschaft, welche der Talmud „die Geschichte der Schöpfung“ nennt. Was ferner den mit ihrem Namen verbundenen Glauben anlangt, so stimmt derselbe völlig mit dem Sohar überein, wo die höchste Weisheit, das göttliche Wort, durch welches die Schöpfung begonnen und vollendet wurde, das Prinzip aller Intelligenz und des ganzen Lebens, als das wahre oder obere Eden (עדן עלאה) bezeichnet wird. 351Aber ein schwerer als dies alles wiegender Umstand ist, daß die Kabbala sowohl der Sprache als dem Inhalt nach mit allen gnostischen Sekten – namentlich den in Syrien entstandenen – und dem Religionskodex der Nazarener besitzt, welcher vor einigen Jahren entdeckt und aus dem Syrischen in das Lateinische übersetzt wurde. Es sei ferner noch bemerkt, daß die Lehren eines Simon Magus, Elxaï, Bardesanes, Basilides und Valentinus nur bruchstückweise in den Schriften einiger Kirchenväter wie Clemens von Alexandria und Irenäus erhalten sind, die auf keinen Fall einem in der christlichen Litteratur gänzlich unbewanderten Rabbi des 13. Jahrhunderts bekannt waren. Wir sind also zu der Annahme gezwungen, daß der Gnosticismus auf den Sohar nicht sowohl in seiner uns heute vorliegenden Form, als bezüglich der in ihm enthaltenen Traditionen und Theorien einwirkte.

Außer obiger Annahme ist noch die Ansicht zu erwähnen, welche die Kabbala zu einer Nachahmung der mystischen Philosophie der Araber macht und sie zur Zeit der Herrschaft der Khalifen ungefähr zu Anfang des elften Jahrhunderts entstehen läßt, also in einer Epoche, wo sich die ersten Spuren des Mysticismus bei den Arabern zeigen. Diese Konjektur wurde schon im neunten Band der Memoiren der Akademie des Inscriptions ausgesprochen, und auch Tholuck hat sie durch seine große Gelehrsamkeit zu unterstützen gesucht. In einer älteren Schrift[380], worin er den Einfluß der griechischen Philosophie auf die Araber untersucht, kommt Tholuck zu dem Schluß, daß die Emanationslehre den Arabern zu gleicher Zeit wie die Philosophie des Aristoteles bekannt geworden sei. Die letztere jedoch wurde ihnen nur durch die Kommentare des Themistius, Theon von Smyrna, Aeneas von Gaza, Johann Philopon, mit einem Wort, mit alexandrinischen Philosophemen in einer sehr unvollständigen Gestalt überliefert. Dieser vom Stamme des Islam abgelegte Zweig entwickelte sich zu einem ausgedehnten System, ähnlich dem des Plotinos, welcher den Enthusiasmus über die Vernunft setzt, und – indem er alle Wesen aus der Gottheit hervorgehen läßt, dem Menschen als Endziel der Vervollkommnung die 352Ekstase und Verneinung seiner selbst vorschreibt. Diesen halb griechischen, halb arabischen Mysticismus will Tholuck als die Quelle der Kabbala hinstellen.[381] Zu diesem Zweck greift er die Authenticität der kabbalistischen Bücher und vor allem die des Sohar an, welchen er als eine am Schluß des 13. Jahrhunderts entstandene Kompilation betrachtet, obschon er der Kabbala im allgemeinen ein höheres Alter zugesteht. Nachdem er dies außer allen Zweifel gesetzt zu haben glaubt, sucht er die vollkommene Ähnlichkeit der im Sohar enthaltenen Ideen mit denen des arabischen Mysticismus nachzuweisen. Jedoch bringt er kein Argument vor, das von uns nicht schon widerlegt wäre, und wir brauchen uns nur an den letzten und zweifelsohne interessantesten Teil seiner Arbeit zu halten. Dabei sind wir jedoch genötigt, vorausgreifend uns mit den Grundlagen des kabbalistischen Systems zu beschäftigen und daran einige ziemlich trockene Bemerkungen über seinen Ursprung zu knüpfen.

Die erste Beobachtung, welche wir machen, ist die, daß allerdings die hebräischen Lehren den arabischen vollkommen gleichen, ohne daß die ersteren jedoch ein Abklatsch der letzteren zu sein brauchen. Wäre es nicht möglich, daß beide Lehren durch verschiedene Kanäle aus ein und derselben Quelle geflossen sein könnten, welche älter als die arabische und alexandrinische Philosophie ist? Und in der That giebt auch Tholuck zu, daß die Araber mit den Hauptwerken der alexandrinischen Philosophie unbekannt waren, daß sie die Schriften des Plotinus, Jamblichus und Proclus, von denen weder eine syrische noch eine arabische Übersetzung existiert, gar nicht, und von Porphyrius nur einen rein logischen Kommentar, nämlich die Einleitung seiner Abhandlung über die Kategorien kannten. Andererseits aber läßt sich kaum annehmen, daß die im ganzen Altertum unter dem Namen der „orientalischen Weisheit“ so hochberühmte parsistische Religionsphilosophie den Arabern bei ihrer Invasion nicht bekannt geworden wäre, da sie doch offenbar der großen unter der Herrschaft der Abbassiden sich Bahn brechenden Bewegung zu Grunde liegt. Wissen wir doch, daß Avicenna ein Werk über die „orientalische Weisheit“ schrieb, welche ein neuerer Autor auf Grund einiger weniger Citate für eine Zusammenstellung neuplatonischer 353Ideen halten will. Er stützt sich dabei auf folgende Stelle des Al Gazali: „Du mußt wissen, daß zwischen der Körperwelt und der, von welcher wir sprechen (der Geisterwelt), ähnliche Beziehungen obwalten wie zwischen unserm Körper und unserm Schatten.“

Hat sich jener Kritiker nicht in das Gedächtnis zurückgerufen, daß in diesen Worten das Grundprinzip des Mazdeismus formuliert ist, und daß die Juden von ihrer Gefangenschaft an bis zu ihrer Zerstreuung in ununterbrochener Verbindung mit Babylonien standen? Wir wollen uns bei diesem Punkt nicht länger aufhalten, sondern nur sagen, daß der Sohar ganz positiv die „orientalische Weisheit“ wiederholt; er sagt: „diese Weisheit, welche die Söhne des Orients seit der frühesten Zeit kannten“, und citiert aus ihr ein vollständig mit seinen Lehren übereinstimmendes Beispiel. Schließlich kann hier keine Rede von den Arabern sein, welche die hebräischen Schriftsteller unabänderlich „die Kinder Ismaels“ oder „die Kinder Arabiens“ nennen. In solchen Ausdrücken spricht man aber nicht von gleichzeitigen Philosophen und ihren eben erst unter dem Einfluß des Aristoteles und seiner alexandrinischen Kommentatoren entstandenen Lehren. Endlich würde der Sohar den Ursprung seiner Lehren nicht in die älteste Zeit der Menschheit verlegen und sie nicht von Abraham den Söhnen seiner Kebsweiber und von diesen den Völkern des Orients überliefern lassen.

Aber es ist gar nicht nötig, sich dieses Arguments zu bedienen, denn in Wahrheit bieten der arabische Mysticismus und der Sohar viel mehr Unterscheidungs- als Berührungspunkte dar, denn die ersteren beschränken sich nur auf einige in allen mystischen Systemen nachweisbare allgemeine Grundanschauungen, während die metaphysischen Hauptpunkte der beiden Systeme keinen Zweifel über ihre Verschiedenheit aufkommen lassen. So sehen, um das Wichtigste hervorzuheben, die arabischen Mystiker in Gott die Grundsubstanz aller Dinge und die immanente Ursache des Weltalls und sie behaupten, daß sich die Gottheit in dreierlei Weise offenbart habe: Erstens als Einheit oder absolutes Sein, in welchem noch keinerlei Scheidung war. Zweitens als die das Weltall bildenden Objekte, als diese anfingen sich in ihrer Wesenheit und intelligibeln Formen sich zu scheiden und sich vor der göttlichen Intelligenz als gegenwärtig darzustellen. Drittens als das Universum, die reale 354Welt selbst, in welcher die Gottheit sichtbar geworden ist. Das kabbalistische System ist weit davon entfernt, diesen Charakter der Einfachheit aufzuweisen. Zweifelsohne gilt auch in ihm die göttliche Wesenheit als die Grundsubstanz, als die Quelle, aus welcher von Ewigkeit, ohne daß sie erschöpft wird, alles Leben, alles Licht und alles Dasein fließt; aber anstatt der drei Manifestationen, der drei Generalformen des unendlichen Wesens, hat sie deren zehn, nämlich die zehn Sephiroth, welche sich in drei in einer Dreiheit aufgehenden Dreiheiten und eine höchste Form teilen. In ihrer Gesamtheit betrachtet, repräsentieren die Sephiroth nur den ersten Grad, die erste Sphäre des Seins, nämlich das, was man die Welt der Emanationen nennt. Unterhalb derselben befinden sich noch von einander unterschieden in unendlicher Vielfältigkeit die Welt der reinen Geister oder der Schöpfung, die Welt der Sphären und der sie lenkenden Intelligenzen oder die Welt der Formation, und als unterste Stufe endlich die Welt der Arbeit oder Thätigkeit. Die arabischen Mystiker nahmen ebenfalls eine Kollektivseele an, aus welcher alle einzelnen die Welt belebenden Seelen ausgeflossen seien, einen zeugenden Geist, welchen sie den Vater der Geister, den Geist Muhammeds, die Quelle, das Vorbild und die Wesenheit aller andern Geister nennen. In dieser Auffassung des Geistes hat man das Vorbild des Adam Kadmon, den himmlischen Menschen der Kabbalisten sehen wollen. Aber das, was die Kabbalisten mit diesem Namen bezeichnen, ist nicht allein das Prinzip der Intelligenz und des geistigen Lebens; es ist auch das, was sie für über und unter dem Geist stehend ansehen, nämlich die Gesamtheit der Sephiroth oder die ganze Emanationswelt, nämlich das Wesen in seinem abstraktesten und unbegreiflichsten Charakter bis herab zu den bildenden Kräften der Natur, welches sie in diesem Sinn den Punkt oder das Nichtsein nennen. Weiterhin findet man bei den Arabern keine Spur der Metempsychose, welche im kabbalistischen System eine so große Rolle spielt. Vergebens wird man auch in den Werken der arabischen Mystiker die fortlaufenden Allegorien, die beständige Berufung auf die Tradition, die endlosen Geschlechtsregister nach den Worten des heiligen Paulus[382], die gigantischen 355und bizarren Metaphern suchen, welche so ganz mit dem Geist des alten Orients übereinstimmen. Schließlich kommt Tholuck von seiner anfänglich vertretenen Ansicht zurück und meint, es sei unmöglich die Kabbala aus arabischen Quellen abzuleiten, eine Meinungsäußerung, die bei einem philosophisch so geschulten gelehrten Orientalisten ganz besonders ins Gewicht fällt. Hier seine eigenen Worte:

„Was können wir nun aus diesen Analogien schließen? Meines Erachtens sehr wenig. Denn was die beiden Systeme übereinstimmendes haben, findet sich bereits in den ältesten Geheimlehren, in den Büchern der Sabäer und Perser und bei den Neuplatonikern. Im Gegenteil aber ist die ungewöhnliche Form, in welcher uns der Gedankeninhalt der Kabbala entgegentritt, der arabischen Mystik ganz fremd. Um nun zu beweisen, daß die Kabbala wirklich aus der letzteren hervorgegangen wäre, müßte man vor allem die Lehre von den Sephiroth untersuchen; aber von ihnen findet sich bei den arabischen Mystikern, welche nur eine einzige Art und Weise kennen, wie Gott sich selbst offenbart, nicht die mindeste Spur; wohl aber nähert sich hier die Kabbala den Lehren der Sabäer und Gnostiker.“

Ist nun die Unzulässigkeit der Annahme dargethan, daß die Kabbala arabischen Ursprungs sei, so verliert die Meinung, welche den Sohar zu einem Werk des 13. Jahrhunderts machen will, den letzten Halt. Der Sohar enthält ferner, wie wir s. Z. näher darlegen werden, ein philosophisches Werk von höchstem Gedankenflug und einer ungeheuren Ausdehnung; ein solches Werk entsteht aber nicht – so zu sagen – über Nacht in einer Epoche der Unwissenheit und des blinden Glaubens, und namentlich nicht bei einer Menschenklasse, auf welcher der Druck der Verachtung und Verfolgung lastet. Endlich aber begegnen wir im ganzen Mittelalter weder Vorläufern noch Elementen des kabbalistischen Systems, weshalb wir genötigt sind, die Entstehung desselben in das Altertum zurückzuversetzen.

Wir sind nun jetzt bei Jenen angelangt, welche behaupten, daß Simon ben Jochai thatsächlich einer kleinen Anzahl seiner Schüler 356und Freunde, unter welchen sich auch sein Sohn befunden habe, die die Basis des Sohar bildenden metaphysischen und religiösen Lehren mitgeteilt habe. Diese Lehren seien dann als unverletzliche Geheimnisse von Mund zu Mund überliefert und nach und nach niedergeschrieben worden. In neuerer Zeit seien nun diese Traditionen mit Anmerkungen und Kommentaren versehen worden, wodurch sie zum Teil ihre Eigentümlichkeit veränderten, und endlich gegen das Ende des 13. Jahrhunderts hin von Palästina nach Europa gekommen. Wir hoffen, daß diese bisher nur schüchtern als Konjektur vorgetragene Meinung bald den Charakter der völligen Gewißheit annehmen wird.

Wie schon der Verfasser der „die Kette der Tradition“ betitelten Chronik bemerkt, stimmt der Sohar vollkommen mit der Geschichte der übrigen religiösen Denkmäler des jüdischen Volkes überein; sie vereinigt in sich die auf gemeinschaftlicher Grundlage stehenden Traditionen der verschiedenen Zeitalter und die Lehren der verschiedenen Meister, aus denen auch die Mischna wie der jerusalemitische und babylonische Talmud entstanden. Er sagt: „Ich habe die Tradition gehört, dieses Werk sei so umfangreich, daß es in seiner Vollständigkeit zur Belastung eines Kameels genügen würde.“ Es läßt sich nun aber nicht annehmen, daß ein einziger Mann, auch wenn er sein ganzes Leben hindurch über den betreffenden Stoff geschrieben hätte, eine so schreckenerregende Probe seiner Fruchtbarkeit abgelegt haben könne. Endlich aber liest man in den in derselben Sprache geschriebenen und mit dem Sohar gleichalterigen „Supplementen des Sohar“ (תקוני זוהר), daß derselbe nie ganz veröffentlicht worden sei, oder – um uns an den Wortlaut zu halten – erst am Ende der Tage werde veröffentlicht werden.

Beginnt man nun den Sohar selbst zu untersuchen, um ohne Vorurteil einige Aufklärung über seinen Ursprung zu erhalten, so ersieht man bald aus der Ungleichheit des Styls, aus dem Fehlen einer Einheit und Geschlossenheit nicht sowohl des Systems, als der Exposition, der Methode, der Anwendung der allgemeinen Grundsätze wie endlich aus dem Gedankengang im Einzelnen, daß es unmöglich ist, die Autorschaft des Buches einer einzigen Person zuzuschreiben. Wir beschränken uns auf eine kurze Darstellung der hauptsächlichsten Differenzen der drei Hauptteile des Sohar, nämlich 357des „Buches des Geheimnisses“ (ספרא דצניעותא), welches als der älteste Teil gilt; der „großen Versammlung“ (אדרא רבא), in welcher sich Simon ben Jochai inmitten seiner Jünger repräsentiert; und endlich die „kleine Versammlung“ (אדרא זוטא), in welcher Simon auf dem Sterbebett vor seinem Ende drei seiner Schüler zu sich berufen hat, um ihnen seine noch übrigen Lehren mitzuteilen.

Diese drei durch große Zwischenräume in der ungeheuren Sammlung getrennten Werke bilden jedoch ein zusammengehöriges Ganzes sowohl was die Thatsachen, als auch was den Gedankengang des Inhalts anlangt. Man findet darin bald in allegorischer Form, bald in durchaus metaphysischer Sprache eine fortlaufende und glänzende Beschreibung der göttlichen Attribute, ihrer verschiedenen Attribute, der Art und Weise der Schöpfung und der Beziehungen zwischen Gott und dem Menschen. Jedoch verläßt der Sohar nicht selten diese Höhen der Spekulation, um zu dem äußern und praktischen Leben herabzusteigen und die Beobachtung des Gesetzes und der religiösen Gebräuche zu empfehlen. Häufig begegnet man auch einem Namen, einer Thatsache oder einem Ausdruck, welcher uns die Authenticität dieser Blätter bezweifeln lassen könnte, auf denen die Originalität der Form dem Fluge des Gedankens preisgegeben wird. Das Wort führt immer der Meister, welcher seine Zuhörer nicht mit logischen Gründen, sondern nur durch die Macht seiner Autorität überzeugt. Er demonstriert nicht, er erklärt nicht, er wiederholt nicht, was er von andern gelernt hat, sondern er versichert, und ein jedes seiner Worte wird als ein heiliger Glaubensartikel betrachtet. Diesen Charakter trägt besonders „das Buch des Geheimnisses“, ein sehr ausführliches, aber auch sehr dunkles Resumé des ganzen Werkes. Man könnte von ihm sagen: docebat quasi auctoritatem habens. Im übrigen enthält das Buch anstatt einer fortlaufenden Exposition eine Menge ungeregelter Ideen; anstatt eines festen, konsequent verfolgten Planes, wobei die vom Autor als Belege seiner eigenen Ideen herangezogenen Schriftstellen sich dem Gedankengang anschmiegen müßten, ist der Verlauf des Kommentars untergeordnet und ohne Zusammenhang. Jedoch ist, wie wir bereits bemerkten, die Auslegung der Schrift nur ein Vorwand, und wir werden, ohne den Bannkreis ihrer Ideen zu verlassen, durch den Text von einem Gegenstand zum andern geführt, 358womit sich die Traditionen der Schule des Simon ben Jochai beschäftigte, der, anstatt ein logisch geordnetes System aufzustellen, dem Zeitgeschmack folgend, seine Ideen den Hauptstellen des Pentateuch anpaßte. Diese Ansicht wird noch durch den Umstand bestärkt, daß oft nicht die mindesten Beziehungen zwischen dem betreffenden biblischen Text und den Stellen des Sohar bestehen, welche ihm als Kommentar dienen sollen. Dieselbe Zusammenhangslosigkeit und Unordnung herrscht in der Anordnung des Stoffes, und es finden sich nur eine kleine Anzahl von Stellen, die einen gleichförmigen Charakter zur Schau tragen. Hier herrscht die metaphysische Theologie völlig souverän; aber ungeachtet der kühnsten und hochfliegendsten Theorien begegnet man sehr häufig den materiellsten Details des äußern Kultus oder kindischen Fragen, mit welchen die Gemaristen gleich den Kasuisten anderer Religionen Zeit und Papier zu verschwenden pflegten. Und hierin sind alle Argumente aufgehäuft, deren sich die neueren Kritiker zur Stütze ihrer Anschauungen bedient haben, und wovon wir die Falschheit nachgewiesen zu haben hoffen. Dieser letztere Teil des Sohars endlich weist nach Form und Inhalt die Spuren einer ziemlich neuen Zeit auf, während die Einfachheit wie der gläubige und naive Enthusiasmus der andern Teile an die Zeit und Sprache der Bibel erinnert. Wir wollen als Beispiel nur die Erzählung vom Tode des Simon ben Jochai von Rabbi Aba anführen, welcher derjenige Schüler Simons war, den er mit der Niederschrift seiner Lehren beauftragt hatte:

„Die heilige Leuchte (so wurde nämlich Simon ben Jochai von seinen Schülern genannt) hatte den letzten Satz noch nicht beendet, als seine Worte stockten, während ich dennoch weiter schrieb; ich schrieb noch eine Zeit lang, obschon ich nichts mehr hörte. Ich erhob mein Haupt nicht, denn das Licht war zu hell, als daß ich es hätte betrachten dürfen. Auf einmal vernahm ich eine Stimme, welche sprach: Lange Tage und Jahre des Glücks stehen dir bevor. – Darauf hörte ich eine andere Stimme, welche sprach: Er verlangt dein Leben, und du giebst ihm die Jahre der Ewigkeit. Während des ganzen Tages wird das Feuer nicht vom Hause weichen, und Niemand wird sich ihm wegen des Feuers und Glanzes zu nähern wagen. – Ich habe den ganzen Tag auf der Erde gelegen 359und meinen Klagen freien Lauf gelassen. Als das Feuer verschwunden war, sah ich, daß die heilige Leuchte, der Heiligste der Heiligen, die Erde verlassen hatte. Er lag auf seiner rechten Seite, und sein Antlitz lächelte. Sein Sohn Eleazar stand auf, ergriff seine Hände mit Küssen, und ich hätte gern den Staub gegessen, den seine Füße berührt hatten. Alsdann kamen alle seine Freunde, um ihn zu beklagen; aber keiner von ihnen konnte das Schweigen brechen. Aber endlich flossen ihre Thränen. Rabbi Eleazar warf sich dreimal auf die Erde und konnte nur die Worte hervorbringen: Ach, mein Vater! mein Vater! Rabbi Hiah, der erste seiner Schüler, setzte sich zu seinen Füßen und sprach: Bis heute hat die heilige Leuchte nicht aufgehört uns zu erleuchten und über uns zu wachen, und jetzt können wir nichts weiter thun, als ihm die letzten Ehren zu erzeigen. Rabbi Eleazar und Rabbi Aba standen auf, um ihm sein Sterbekleid anzulegen; alsdann versammelten sich seine Freunde klagend um ihn, und Wohlgerüche durchdufteten das ganze Haus. Er wurde auf die Bahre gelegt, und Rabbi Eleazar verrichtete mit Rabbi Aba dies traurige Geschäft. Als die Bahre aufgehoben wurde, sah man über Simons Antlitz einen feurigen Glanz in der Luft. Darauf hörte man eine Stimme, welche sprach: Kommt und feiert die Hochzeit des Rabbi Simon! – So wurde Rabbi Simon, der Sohn des Jochai, jeden Tag von dem Herrn geehrt, und sein Loos war glücklich in dieser und der andern Welt. Er ist es, von dem gesagt wurde: Ruhe in Frieden nach deinem Ende und erwarte deinen Gewinn am jüngsten Tage!“[383]

Mag man nun auch über den Wert dieser Stelle denken, wie man will, so giebt sie uns doch einen Begriff von dem Ansehen, in welchem Simon ben Jochai bei seinen Schülern stand, und von dem wahrhaft religiösen Kultus, den die ganze kabbalistische Schule mit seinem Namen trieb.

Zweifelsohne aber wird man in dem folgenden Text einen schlagenden Beweis für die von uns vertretene Meinung finden, obschon dieser Text noch nie, weder in älterer noch in neuerer Zeit citiert wurde. Er sagt, nachdem er zwei Klassen von Gelehrten, 360die der Mischna (מארי משנה), und die der Kabbala (מארי קבלה) unterschieden hat:

„Er gehört zu denen, von welchen der Prophet Daniel sagt: Die weisen Männer leuchten wie das Licht des Himmels. Es sind das diejenigen, welche sich mit dem „Buch des Lichtes“ beschäftigen, das gleich der Arche Noah zwei aus einer Stadt und sieben aus einem Königreich in sich vereinigt. Aber manchmal vereinigt sie weder zwei aus einer Stadt, noch zwei aus einer Familie. Auf diese sind die Worte anwendbar: Der ganze Mensch wird in einen Fluß geworfen werden. Dieser Fluß aber ist das Licht dieses Buches.“[384]

Diese Worte erwähnen den Sohar, welcher demnach zu jener Zeit bereits geschrieben und unter demselben Namen wie heute bekannt war. Wir sind also zu dem Schluß gezwungen, daß der Sohar während des Verlaufs mehrerer Jahrhunderte durch die Arbeit verschiedener Generationen von Kabbalisten entstand.

Es möge hier nicht in wörtlicher Übersetzung, die zu viel Raum beanspruchen würde, wohl aber dem Inhalt nach eine durch ihre Beziehungen sehr wertvolle Stelle folgen, welche beweist, daß die Lehren Simon ben Jochais lange Zeit nach seinem Tod in Palästina, wo er gelebt und gelehrt hatte, in Umlauf waren, und daß sogar von Babylon Abgesandte kamen, um seine Worte zu sammeln. Rabbi Joseph und Rabbi Hesekiel waren eines Tages zusammen unterwegs, als die Rede auf den Vers des Predigers Salomonis kam[385]: „Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh; wie dies stirbt, so stirbt er auch, und haben alle einerlei Odem, und der Mensch hat nichts mehr denn das Vieh.“ Die beiden Weisen konnten nicht begreifen, daß Salomo, der weiseste der Menschen, diese Worte geschrieben hätte, welche, um mich des Originalausdrucks zu bedienen, eine offene Thür für die Ungläubigen bilden. Indem sie also sprachen, begegnete ihnen ein Mann, welcher – von den Anstrengungen des langen Weges und dem Sonnenbrand erschöpft – zu trinken begehrte. Sie gaben ihm Wasser und führten ihn zu einer Quelle. Als sich der Fremde gelabt hatte, teilte er 361ihnen mit, daß er ihr Glaubensgenosse sei, und daß er durch die Vermittelung eines seiner Söhne, der das Gesetz studiert habe, in ihre Wissenschaft eingeweiht worden sei. Darauf legten sie ihm die Frage vor, mit welcher sie sich vor seiner Ankunft beschäftigt hatten. Für den von uns hier verfolgten Zweck ist die Mitteilung, wie er sie auflöste, überflüssig; es genüge, daß er großen Beifall fand, und die Rabbinen ihn nicht von sich lassen wollten. Kurze Zeit darauf hatten die beiden Kabbalisten Gelegenheit sich zu überzeugen, daß dieser Mann den „Freunden“ angehörte, mit welchem Namen der Sohar die Adepten der Kabbala bezeichnet, und daß er, obschon einer der größten Gelehrten seiner Zeit, aus Demut seinem Sohn die Ehren zukommen ließ, welche ihm allein gebührten. Er war von den „Freunden“ zu Babylon abgesandt worden, um die Aussprüche des Simon ben Jochai und seiner Schüler zu sammeln. – Alle andern in diesem Buch mitgeteilten Dinge tragen dieselbe Farbe und bewegen sich auf dem gleichen Schauplatz. Noch wollen wir erwähnen, daß auch oft andere orientalische Glaubenssätze, wie solche des Sabäismus und Islam erwähnt werden, daß sich aber nicht die geringste Erwähnung des Christentums findet, und es somit wahrscheinlich wird, daß der Sohar in der gegenwärtig vorliegenden Gestalt erst zu Ende des 13. Jahrhunderts nach Europa kam. Einige der im Sohar enthaltenen Lehren waren, wie das Beispiel des Saadiah beweist, schon lange bekannt, aber es scheint eine Thatsache zu sein, daß vor der Zeit des Moses von Leon und der Reise des Nachmanides nach dem heiligen Land, kein vollständiges Exemplar desselben nach Europa gekommen ist. Was nun den Gedankeninhalt anlangt, so belehrt uns Simon ben Jochai selbst, daß derselbe nicht ihm entstammt, sondern daß er seinen Schülern nur lehrte, was die „Freunde“ in alten Büchern niedergeschrieben hatten. Er citiert hauptsächlich Jeba den Älteren und Hamnuna den Älteren. Er hofft, daß in dem Augenblick, wo er die tiefsten Geheimnisse der Kabbala enthüllen will, ihm der Schatten des Hamnuna von sechzig Gerechten begleitet zuhören werde. Ich bin von der Annahme weit entfernt, daß diese Bücher und Personen in der That ein so hohes Alter repräsentieren, sondern will nur darthun, daß die Verfasser des Sohar den Simon ben Jochai niemals als den Erfinder der kabbalistischen Wissenschaft hinstellen wollten.

362

Eine andere Thatsache verdient jedoch unsere größte Aufmerksamkeit. Es gab nämlich noch über hundert Jahre nach dem Bekanntwerden des Sohars in Spanien immer noch Leute, welche die kabbalistischen Lehren durch mündliche Tradition überlieferten und überliefert erhalten hatten, wie z. B. Rabbi Moses Botril, welcher sich im Jahre 1409 über die Kabbala und die Vorsichtsmaßregeln, unter denen sie zu lehren sei, folgendermaßen äußert:

„Die Kabbala ist nichts als die reinste und heiligste Philosophie; aber die Sprache der Philosophie ist nicht die der Kabbala. Dieselbe trägt ihren Namen, nicht weil sie von Vernunftschlüssen ausgeht, sondern weil sie durch die Tradition überliefert wird. Und wenn ein Lehrer ihren Inhalt seinem Schüler überliefert hat und nicht das genügende Vertrauen in dessen Weisheit setzt, so wird diesem nicht eher erlaubt, von dieser Wissenschaft zu sprechen, als bis er von seinem Meister dazu autorisiert worden ist. Dieses Recht wird ihm gewährt, d. h. er darf über die Merkaba sprechen, wenn er genügende Proben seiner Intelligenz gegeben hat, und wenn die in seinen Busen gestreuten Samenkörner Frucht getragen haben. Man muß ihm aber Stillschweigen auferlegen, wenn man in ihm nur einen profanen Menschen erkannt hat, welcher noch nicht zu denjenigen gehört, die sich durch ihre Meditationen auszeichnen.“

Der Verfasser dieser Zeilen ignoriert den Namen des Sohar, welcher auch nicht ein einziges Mal in seinem Werk genannt wird. Auf der anderen Seite nennt er aber eine große Anzahl sehr alter dem Orient angehöriger Schriftsteller, wie Rabbi Saadiah, Rabbi Hai und Rabbi Aron, das Oberhaupt der Schule von Babylon. Manchmal spricht er auch davon, daß er seine Weisheit aus dem Munde seines Meisters habe, weshalb nicht anzunehmen ist, daß er seine kabbalistischen Kenntnisse aus den von Nachmanides und Moses von Leon veröffentlichten Manuskripten geschöpft habe. Das System des Simon ben Jochai ist aber vor Anfang des 13. Jahrhunderts der berühmteste Vertreter der kabbalistischen Philosophie, das treu aufbewahrt und in einer Menge von Traditionen fortgepflanzt wurde, welche die Einen niederschrieben, während die andern nach dem Brauch ihrer Väter vorzogen, es in ihrem Gedächtnis zu behalten. Im Sohar selbst finden sich nur die Traditionen, welche dem ersten bis siebenten christlichen Jahrhundert entstammen, ohne 363daß wir jedoch dadurch genötigt würden, die Abfassung des Sohars in jene Zeit zurückzuversetzen. Wohl aber entstammen ihr die einander so ähnlichen und durch den gleichen Geist verbundenen Traditionen, denn damals kannte man schon, wie wir bereits sahen, die Merkaba, d. h. den Teil der Kabbala, mit welchem sich der Sohar ganz besonders beschäftigt; und Simon ben Jochai hatte, wie er selbst sagt, Vorläufer. Wir können unmöglich die Entstehung dieser Traditionen in eine uns nahe liegende Zeit verlegen, da kein einziger Umstand dafür spricht; im Gegenteil stehen den der unsern entgegengesetzten Meinungen unüberwindliche Hindernisse entgegen, unter welchen die von uns angeführten Gründe nicht die geringsten sein dürften.

Es bleiben nun noch zwei Einwürfe zu widerlegen. Man hat eingewendet, daß man während eines so frühen Zeitalters, in welchem unserer Ansicht nach das Hauptmonument des kabbalistischen Systems entstanden ist, unmöglich das Copernikanische System, die Grundlage unserer Weltanschauung, gekannt haben könne, welche Kenntnis zweifelsohne aus der von uns oben citierten Stelle hervorgeht. Wir entgegnen darauf, daß auf alle Fälle, selbst wenn der Sohar eine am Schluß des 13. Jahrhunderts begangene Fälschung wäre, die betreffende Stelle doch lange vor der Geburt des großen preußischen Astronomen bekannt gewesen ist. Auch war diese Weltanschauung schon im klassischen Altertum bekannt, weil Aristoteles dieselbe der pythagoräischen Schule zuschreibt. Er sagt[386]:

„Fast Alle, die den Lauf des Himmels erforscht zu haben, versichern, nehmen an, daß sich die Erde im Mittelpunkt desselben befindet; aber die Philosophen der italischen Schule oder die Pythagoräer lehren gerade das Gegentheil davon. Nach ihrer Meinung nimmt das Feuer die Mitte ein, und die Bewegung der Erde um dasselbe bringt Tag und Nacht hervor.“

Die ersten Kirchenväter haben in ihren Angriffen gegen die heidnische Philosophie diese mit der Genesis unvereinbare Weltanschauung widerlegen zu müssen geglaubt, und Lactanz sagt über dieselbe:

364

Ineptum credere esse homines quorum vestigia sint superiora quam capita, aut ibi quae apud nos jacent inversa pendere; fruges et arbores deorsum versus crescere. – Hujus erroris origenem philosophis fuisse quod existimarint rotundum esse mundum.[387]

Der heilige Augustin drückt sich über denselben Gegenstand mit ähnlichen Worten aus.[388] Endlich aber hatten die ältesten Autoren der Gemara Kenntnis von den Antipoden und der sphärischen Form der Erde, denn man liest im jerusalemitischen Talmud[389], daß Alexander der Große auf seinem Eroberungszug gelernt habe, die Erde sei rund, und daß sie recht gut mit einem Ball verglichen werden könne. Der gegen uns sprechen sollende Umstand spricht also thatsächlich für uns, denn im Mittelalter war das wahre Weltsystem nur sehr wenigen bekannt, während das falsche des Ptolemäus unbeschränkt herrschte.

Man könnte sich auch darüber wundern, daß in dem von uns für den ältesten gehaltenen Teil des Sohar, der Idra Rabba oder großen Versammlung, medizinische Kenntnisse anzutreffen sind, die einer sehr vorgeschrittenen Civilisation anzugehören scheinen. Hier findet sich z. B. folgende bemerkenswerte Stelle, welche einem modernen Lehrbuch der Anatomie entnommen sein könnte[390]:

„Das Hirn inmitten des Schädels wird in drei Theile getheilt, deren jeder einen gesonderten Platz einnimmt. Zu äußerst ist es mit einer sehr zarten Haut bedeckt, auf welche eine harte Haut folgt. Aus der Mitte dieser drei Theile des Gehirns verbreiten sich zweiunddreißig Kanäle auf beiden Seiten durch den ganzen Körper, so daß sie den Körper in allen Punkten umfassen und sich durch alle Theile erstrecken.“

Es ist unmöglich, in diesen Worten sowohl die Hirnhäute mit der Marksubstanz als die zweiunddreißig Nervenpaare zu verkennen, welche sich symmetrisch durch den Körper verteilen, um dem ganzen animalischen Haushalt Leben und Empfindung zuzuführen. Dabei 365ist jedoch zu bemerken, daß der religiöse Zwang der Speisegesetze und die Furcht, etwas Unreines zu genießen, die Juden schon sehr früh zum Studium der Naturgeschichte und Anatomie führen mußte. So giebt es im Talmud eine Vorschrift, daß der Genuß des Fleisches derjenigen Tiere verboten sei, deren Gehirnhäute durchbohrt sind. Jedoch sind die Meinungen über diese Vorschrift geteilt. Einige nehmen an, daß das Verbot nur dann gelte, wenn beide Häute, andere dagegen, wenn nur die dura mater verletzt sei. Wieder andern genügt schon eine Trennung des Zusammenhangs der beiden Häute.[391] In demselben Traktat ist auch vom Rückenmark und seinen Häuten die Rede, wozu bemerkt sei, daß es um die Mitte des zweiten Jahrhunderts unter den Juden bereits Ärzte von Beruf gab, denn im Talmud wird erzählt[392], daß Judas, der Verfasser der Mischna, während dreizehn Jahre an einer Augenkrankheit litt, und daß sein Arzt Rabbi Samuel, einer der eifrigsten Verteidiger der Tradition war, welcher außer der Medizin noch das Studium der Astronomie und Mathematik betrieb, und von dem man zu sagen pflegte, daß er die Bahnen des Himmels gleich den Straßen von Nehardea, seiner Vaterstadt, kannte.

Wir beenden hiermit die bibliographischen Bemerkungen und die äußere Geschichte der Kabbala, deren Bücher nicht, wie die Enthusiasten wollen, übernatürlichen und vorgeschichtlichen Ursprungs sind. Sie sind aber auch nicht, wie eine oberflächliche und parteiische Kritik will, die Erzeugnisse des Betrugs und der schmutzigen Spekulation eines vom Hunger getriebenen Charlatans, welcher ohne eigene Idee und Überzeugung auf eine stupide Gläubigkeit rechnet. Die Bücher Jezirah und Sohar sind, wir sagen es noch einmal, die Erzeugnisse mehrerer Generationen. Sei nun auch der Wert ihrer Lehren, welcher er wolle, so verdienen sie doch als Monumente des freien Denkens zu einer Zeit, wo der religiöse Despotismus mit bleiernem Druck auf den Völkern lastete, alle Ehrfurcht. Aber das ist nicht der Hauptgrund unseres Interesses, sondern der Umstand, daß ihr System einen der wichtigsten Marksteine in der Geschichte des menschlichen Denkens bildet.

366

Viertes Kapitel.
Die Lehren der kabbalistischen Bücher. – Analyse des Sepher Jezirah.

Die beiden Bücher, welche wir ungeachtet des Aberglaubens auf der einen und des Skepticismus auf der andern Seite als wahre Monumente der Kabbala erkannt haben, sollen uns allein das Material zu unserer Darstellung der kabbalistischen Lehren liefern, wobei es jedoch nicht selten die Dunkelheit der Texte nötig machen wird, daß wir uns der Kommentare bedienen, denn die zahllosen, ohne Auswahl und Unterschied zu den verschiedensten Zeiten zusammengestellten Fragmente, aus denen diese Bücher bestehen, sind weit davon entfernt, einen einheitlichen Charakter zur Schau zu tragen. Einige von ihnen enthalten nichts als ein mythologisches System, dessen wesentliche Elemente sich bereits im Buche Hiob und den Visionen des Jesaias finden; sie belehren uns mit der größten Ausführlichkeit über die Attribute der Engel und Dämonen und entsprechen zu sehr uralten volkstümlichen Anschauungen, um einer Wissenschaft anzugehören, welche seit ihrem Entstehen als ein schreckliches und unverletzbares Geheimnis galt. Andere und zweifelsohne die am spätesten entstandenen enthalten so knechtische Ideen und einen so ausgesprochenen Pharisäismus, daß man in ihnen nur talmudistische Ideen sehen kann, welche Stolz und Unwissenheit mit den Anschauungen jener berühmten Sekte vermischte, mit deren bloßen Namen schon eine wahre Götzendienerei getrieben wurde. Die bei weitem meisten Fragmente jedoch lehren uns den wahren Glauben der alten Kabbalisten, und sie bilden die Quelle, 367aus welcher – mehr oder weniger von der Philosophie ihrer Zeit beeinflußt – bis auf die Gegenwart deren Schüler und Nachfolger geschöpft haben. Wir bemerken jedoch, daß unsere eben aufgestellte Klassifikation nur den Sohar angeht. Was dagegen das „Buch der Schöpfung“ betrifft, so ist dasselbe, obschon es keinen großen Umfang besitzt und unsern Geist nicht zu schwindelnden Höhen emporhebt, doch von einer durchaus gleichmäßigen Komposition und einer seltenen Originalität. Die Wolken, mit denen dasselbe die Imagination seiner Kommentatoren umgeben zu müssen geglaubt hat, werden sich ganz von selbst zerstreuen, wenn wir, anstatt in ihm die Geheimnisse einer unaussprechlichen Weisheit zu suchen, nichts anderes darin zu finden hoffen als die Anstrengungen, welche die Vernunft im Augenblick ihres Erwachens macht, um den Plan des Universum und das Band zu erkennen, welches ein gemeinsames Grundprinzip mit den Elementen verbindet und vereinigt.

Die Bibel und jedes andere religiöse Denkmal stützt sich nur auf die Gottesidee und macht sich zum Interpreten des göttlichen Willens und Gedankens, wenn sie uns die Welt und die sich auf derselben abspielenden Vorgänge zu erklären versucht. Dies geschieht in der Genesis, wo wir auf den göttlichen Befehl hin das Licht aus der Finsternis hervorbrechen sehen. Als Jehova aus dem Chaos Himmel und Erde geschaffen hatte, betrachtete er sein Werk und fand es seiner würdig; darum heftete er zur Erleuchtung der Erde dem Firmament die Sonne, den Mond und die Sterne an. Dann bläst er dem Staub einen lebenden Odem ein und läßt aus seinen Händen das letzte und schönste der Geschöpfe hervorgehen, welches er nach seinem Bilde geschaffen hatte. In dem Werk dagegen, das wir jetzt analysieren wollen, wird gerade der umgekehrte Weg eingeschlagen, und gerade das erste Vorkommen dieses Unterschiedes ist für die Geschichte des jüdischen Volkes sehr bezeichnend, denn auf diese Weise erhebt es sich durch die Betrachtung der Welt zur Gottesidee, indem durch die das Weltall durchziehende Einheit gleichzeitig die Einheit und Weisheit des Schöpfers dargethan wird. Dies ist der Grund, weshalb unser Buch eigentlich nichts anderes als ein dem Erzvater Abraham in den Mund gelegter Monolog ist, dem Betrachtungen untergeschoben werden, welche den Kultus der Gestirne durch den des Ewigen ersetzen 368sollen. Daß der von uns gekennzeichnete Charakter des Sepher Jezirah sich mit voller Evidenz ergiebt, geht schon aus einer sehr markanten Stelle eines Schriftstellers des zwölften Jahrhunderts hervor. Rabbi Jehuda Halevi sagt nämlich:

„Das Buch Jezirah lehrt uns das Dasein eines einzigen Gottes, indem es uns in der Verschiedenheit und Vielheit die Gegenwart der Einheit und Harmonie zeigt, welche Übereinstimmung nur von einem einzigen Anordner herrühren kann.“

Bisher entspricht das Buch Jezirah völlig den Ansprüchen der Vernunft; aber weiterhin macht es, anstatt die im Universum herrschenden Gesetze zu ergründen, um aus ihnen die Weisheit und den Plan des Schöpfers darzulegen, Anstrengungen, um eine grobe Analogie zwischen den Dingen und Zeichen des göttlichen Gedankens und den Mitteln, durch welche sich die göttliche Weisheit den Menschen kundgiebt, aufzusuchen. Wir müssen jedoch, ehe wir weiter gehen, bemerken, daß der Mysticismus aller Zeiten und Erscheinungsformen ein übertriebenes Gewicht darauf gelegt hat, daß er eine freie Offenbarung der göttlichen Intelligenz, und daß die heilige Schrift kein menschliches Erzeugnis, sondern ein Geschenk der Offenbarung sei.

Das Buch Jezirah sucht dies durch die zweiundzwanzig Buchstaben des hebräischen Alphabets darzuthun, dessen ersten zehn Buchstaben, indem sie ihren eigenen Wert behalten, den Ausdruck der übrigen bilden. Unter einem Gesichtspunkt vereinigt, bilden diese beiden Klassen von Zeichen die „zweiunddreißig wunderbaren Wege der Weisheit“, durch welche, wie der Text sagt, der Ewige, der Herr der Heerschaaren, der Gott Israels, der lebendige Gott, der König des Weltalls, der Gott der Barmherzigkeit und Gnade, der höchste Gott, welcher in Ewigkeit herrscht, der über alles Erhabene und Allerheiligste seinen Namen gegründet hat.

Mit diesen zweiunddreißig Wegen der Weisheit darf man nicht die auf ganz andere Dinge bezüglichen Haarspaltereien der neueren Kabbalisten verwechseln; man muß im Gegenteil drei Formen annehmen, die sich – allerdings in einem dem Zweifel unterworfenen Sinn – an drei Ausdrücke anpassen, welche jedoch – wenigstens ihrem grammatikalischen Ursprung nach – eine große Ähnlichkeit mit dem haben, was die griechische Philosophie 369das Subjekt, das Objekt und den Akt des Denkens nennt. Wir haben oben dargelegt, daß diese Worte nicht im Text enthalten sind; jedoch dürfen wir nicht verschweigen, daß ein angesehener spanischer Schriftsteller[393] diesen Sinn in einer den Gesetzen der Etymologie nicht widersprechenden Weise im Jezirah zu finden glaubt. Er sagt:

„Durch den ersten dieser drei Ausdrücke (Sephar) will man die Zahlen bezeichnen, welche uns allein in den Stand setzen, die Dispositionen und Proportionen abzuschätzen, welche jeder Gegenstand nöthig hat, um das Ziel und den Zweck zu erreichen, zu welchem er geschaffen ist; das Maß seiner Länge, seines Inhalts, seines Gewichtes, seiner Bewegung und Harmonie: alles ist durch die Zahl geregelt. Der zweite Ausdruck (Sipur) bedeutet das Wort oder die Stimme, weil durch das göttliche Wort oder die Stimme des lebendigen Gottes alle Wesen in ihrer innern und äußern Form geschaffen sind, und worauf die Worte anspielen: ‚Gott sprach: es werde Licht, und es ward Licht.‘ Der dritte Ausdruck endlich (Sepher) bedeutet die Schrift; die Schrift Gottes oder das Werk der Schöpfung; das Wort Gottes ist seine Schrift, und der Gedanke Gottes sein Wort. So sind bei Gott Gedanke, Wort und Schrift Eins, während sie beim Menschen Drei sind.“

Diese Erklärung charakterisiert und veredelt sehr schön das bizarre System, welche den Gedanken mit allgemeinen Symbolen zusammenwirft, um ihn gewissermaßen in der Gesamtheit und Vielheit der Schöpfung sichtbar zu machen.

Unter dem Namen der Sephiroth, welche in der Kabbala eine so große Rolle spielen und im Buche Jezirah zuerst genannt werden, versteht man die zehn abstrakten Zahlen oder Numerationen. Sie repräsentieren die allgemeinen und essentiellen Formen der Dinge oder, wenn ich mich so ausdrücken darf, der Kategorien des Weltalls, denn wenn man nach der Kabbala – von welchem Gesichtspunkt aus es auch sei – die ersten Elemente oder unverletzlichen Grundlagen der Welt sucht, so begegnet man stets der Zahl Zehn.

„Es giebt zehn Sephiroth, heißt es im Buche Raziel, zehn und nicht neun, zehn und nicht elf. Du mußt sie mit deinem Verstand 370und deiner Einsicht zu begreifen suchen und an ihnen beständig deine Forschung, deine Spekulation, dein Wissen, dein Denken und deine Imagination üben. Laß die Dinge auf ihrem Urgrund beruhen und halte den Schöpfer für denselben.“

Mit andern Worten: das Walten Gottes und die Existenz der Welt erscheinen in den Augen des Verstandes unter der abstrakten Gestalt von zehn Zahlen, deren jede etwas Unendliches repräsentiert, sei es bezüglich der Ausdehnung, der Dauer oder irgend welcher andern Eigenschaft. Dies scheint wenigstens der Sinn folgender Stelle[394] zu sein:

„Für die zehn Sephiroth giebt es kein Ende, weder in der Zukunft, noch in der Vergangenheit, weder im Guten noch im Bösen, weder in der Höhe, noch in der Tiefe, weder im Osten noch im Westen, weder im Süden, noch im Norden.“

Es verdient bemerkt zu werden, daß hier das Unendliche in zehnerlei Hinsicht betrachtet wird, weshalb wir aus dieser Stelle nicht allein den allgemeinen Charakter der Sephiroth, sondern auch die mit ihnen korrespondierenden Prinzipien und Elemente kennen lernen. Alle diese paarweise einander gegenübergestellten Gesichtspunkte entsprechen jedoch einer einzigen Idee und einem einzigen Unendlichen, denn es heißt[395]:

„Die zehn Sephiroth sind wie die Finger der Hand der Zahl nach zehn, fünf gegen fünf, aber zwischen ihnen hindurch zieht sich das Band der Einheit.“

Diese Worte bestätigen unsern Ausspruch:

Diese Auffassung der zehn Sephiroth, ohne tiefer auf ihre Beziehungen zu den äußeren Dingen einzugehen, hat einen eminent abstrakten und metaphysischen Charakter. Wollten wir hier eine genauere Untersuchung anstellen, so würden wir die Kategorien der Dauer und des Raumes in einer gewissen unabänderlichen Ordnung dem Unendlichen und der absoluten Einheit unterworfen sehen, ohne welche es selbst in der sinnlichen Sphäre weder Gutes noch Böses geben würde. Jedoch geben wir hier eine scheinbar dem Sinnlichen etwas mehr Rechnung tragende Darstellung der zehn Sephiroth:

371

„Die erste der Sephiroth, Eins, ist der Geist des lebendigen Gottes. Gelobt sei sein Name; gelobt sei der Name dessen, der da lebt in Ewigkeit! Der Geist, die Stimme, das Wort, der heilige Geist.“

„Zwei ist der vom Geist ausgehende Hauch; in ihm sind die zweiundzwanzig Buchstaben, welche jedoch zusammen nur einen Hauch bilden, eingegraben und ausgeprägt.“

„Drei ist das vom Geist oder Hauch kommende Wasser. Im Wasser ergründete er die Finsterniß und Leere; im Wasser bildete er die Erde und den Thon und spannte sie gleich einem Teppich aus, geformt wie eine Mauer und mit einem Dach bedeckt.“

„Vier ist das vom Wasser kommende Feuer, woraus der Ewige den Thron seines Ruhmes, die himmlischen Räder (Ophanim), die Seraphim und dienstbaren Engel bildete. Mit diesen Dreien erbaute der Himmlische seine Wohnung, wie denn geschrieben steht: Er macht die Winde zu seinen Boten und die Feuerflammen zu seinen Dienern.“

Die sechs folgenden Zahlen repräsentieren die vier Enden der Welt oder die Kardinalpunkte des Himmels, die Höhe und die Tiefe. Die Enden der Welt gelten auch als die Embleme der Kombinationen, welche aus den drei ersten Buchstaben des Wortes יהוה gebildet werden können.

An Stelle der verschiedenen Punkte des Raumes, welche angenommen werden, aber nicht reell existieren, kann man die verschiedenen Elemente, aus denen die Welt zusammengesetzt ist, substituieren, die, dem Ewigen entspringend, um so materieller werden, je mehr sie sich von ihrem Urquell entfernen. Hier haben wir die dem populären Glauben, daß die Welt aus nichts geschaffen sei, entgegengesetzte Emanationslehre. Folgende Worte setzen dies außer allem Zweifel:

„Das Ende der Sephiroth ist mit ihrem Anfang verbunden, wie die Flamme mit dem Brand, denn der Herr ist ein einiger Herr, und es giebt keinen andern. Und was sind in Gegenwart des Einigen Namen und Zahlen?“[396]

372

Um uns nicht vergessen zu lassen, daß hier ein großes Geheimnis verborgen ist, heißt es sogleich weiter:

„Schließe deinen Mund, damit du nicht davon redest, und dein Herz, daß es nicht darüber nachdenke; und ist es dir entschlüpft, so bringe es zurück, denn deshalb wurde der Bund geschlossen.“[397]

Ich füge hinzu, daß diese letzten Worte auf einen Eid anspielen, welchen die Kabbalisten schwuren, um ihre Lehren der großen Menge zu verbergen. Was die erste Stelle anlangt, so wird der in ihr enthaltene einfache Vergleich sehr häufig im Sohar wiederholt, und wir werden ihn dort sowohl auf die Seele als auf Gott angewendet und ausgedehnt wiederfinden. Wir fügen hinzu, daß zu allen Zeiten und in allen Sphären des Seins, sei es im innern Bewußtsein, sei es in der äußern Natur, die Schöpfung auf dem Wege der Emanation mit den Ausstrahlungen des Lichts oder der Flamme verglichen wurden.

Mit dieser Theorie verbindet sich eine andere von äußerst beachtungswertem Charakter, nämlich die, welche das göttliche Wort mit dem heiligen Geist identificiert und es nicht nur als absolute Form, sondern als das zeugende Element und die Substanz des Weltalls betrachtet. Es ist in der That nichts weiter als die Lehre des Onkelos, welcher, um den Anthropomorphismus zu vernichten, an die Stelle der Persönlichkeit Gottes, welcher uns in der Bibel in menschlicher Gestalt entgegentritt, den Gedanken oder die göttliche Inspiration setzt. Auch in unserm vorliegenden Buch wird in klarer und conciser Sprache gesagt, daß der heilige Geist oder der Geist des lebendigen Gottes und die Stimme oder das Wort ein und dasselbe ist; es nimmt nach und nach je nach der Entfernung von seinem Ursprung eine immer materiellere Gestalt an und wird schließlich, um in der Sprache des Aristoteles zu reden, das materielle Prinzip der Dinge. Es ist das Welt gewordene Wort, denn wir müssen uns ins Gedächtnis zurückrufen, daß im Buche Jezirah nur von der Welt, nicht aber vom Menschen und von der Menschheit die Rede ist.

Die Betrachtungen über die zehn Zahlen nehmen einen großen Raum des „Buches der Schöpfung“ ein, und man bemerkt leicht, 373daß sie sich auf das Weltall im allgemeinen, mehr auf die Wesenheit als auf die Form beziehen. Man vergleicht sie mit den verschiedenen Teilen des Weltalls und sucht sie auf ein gemeinsames Grundprinzip und Grundgesetz zurückzuführen. Ihre Basis bilden die zweiundzwanzig Buchstaben des hebräischen Alphabets, welche als äußerliche Zeichen der Ideen eine ungemein große Rolle spielen. Betrachten wir dieselben nach ihrem Klang oder Laut, so stehen sie sozusagen auf der Schwelle der intellektuellen und physischen Welt, denn einesteils werden sie durch ein materielles Element, durch die Luft oder den Hauch hervorgebracht, während sie andererseits die von der Sprache untrennbaren Zeichen und somit die einzig mögliche und unveränderliche Form des Geistes sind. Auch lassen weder der Inhalt des ganzen Systems noch der buchstäbliche Sinn eine andere Deutung der bereits oben citierten Worte zu:

„Die Zahl Zwei (oder das zweite Prinzip des Weltalls) ist der vom Geist ausgehende Hauch; in ihm sind die zweiundzwanzig Buchstaben, welche zusammen nur einen Hauch bilden, eingegraben und ausgeprägt.“

Also spielen hier infolge einer bizarren, aber keineswegs einer gewissen Größe entbehrenden Kombination die Grundelemente der Sprache, die Buchstaben, eine ähnliche Rolle wie die Ideen Platos.

Infolge ihrer Gegenwart und ihres Eindruckes auf die Dinge erkennt man in allen Teilen des Alls das Walten einer höchsten Intelligenz, und durch ihre Vermittelung offenbart sich der heilige Geist in der Natur. Nur dies ist der Sinn folgender Stelle:

„Gott schuf die Seele alles dessen, was ist und sein wird, durch die zweiundzwanzig Buchstaben, indem er ihnen Form und Figur gab und sie auf die verschiedenste Weise kombinierte. Auf dieselben Buchstaben hat der Allerheiligste, gebenedeit sei er, seinen erhabenen und unaussprechlichen Namen gegründet.“

Die Buchstaben werden in drei Klassen geteilt, nämlich in drei Mütter, sieben doppelte und zwölf einfache Buchstaben. Es ist für unsern Zweck ohne Belang, dem Grund dieser sonderbaren Einteilung hier nachzuspüren: es sei nur bemerkt, daß man per fas et nefas die Drei, Sieben und Zwölf im Naturleben wiederfinden will, nämlich: 1. in der allgemeinen Einteilung der Welt; 2. in der Einteilung des Jahres und 3. im Bau des Menschen. – Wir 374finden hier, wenn auch nicht ausdrücklich ausgesprochen, die Idee des Makrokosmus und Mikrokosmus, oder den Glauben, daß der Mensch – so zu sagen – das Bild oder das Resumé des Weltalls sei.

Hinsichtlich der allgemeinen Zusammensetzung der Welt repräsentieren die Mütter oder die Zahl Drei die Elemente Wasser, Luft und Feuer. Das Feuer ist die Substanz des Himmels, und das Wasser wurde, indem es sich verdichtete, die der Erde. Zwischen diesen einander feindlichen Elementen befindet sich die Luft, welche sie trennt, verbindet und beherrscht.[398] Bei der Einteilung des Jahres in die Jahreszeiten begegnen wir der gleichen Signatur: dem Sommer entspricht das Feuer, dem Frühling, der Regenzeit des Orients, das Wasser, und dem gemäßigten Herbst die Luft. Im Bau des menschlichen Körpers entspricht die Drei dem Kopf, dem Herzen oder der Brust und dem Magen oder dem Unterleib, welche Teile ein neuerer Arzt „den Dreifuß des Lebens“ genannt hat. Die Dreizahl erscheint hier wie in allen mystischen Kombinationen als etwas so notwendiges, daß man sie auch zum Symbol des moralischen Menschen gemacht hat, bei welchem das Buch Jezirah „die Ebene des Verdienstes, die Ebene der Schuld und den zwischen beiden stehenden Wegweiser des Gesetzes“ unterscheidet.

Die sieben doppelten Buchstaben repräsentieren die Gegensätze oder wenigstens Dinge, welche zueinander entgegen gesetzten Zwecken dienen können. Es sind zunächst die sieben Planeten, deren Einfluß bald gut und bald böse ist, ferner die sieben Tage und Nächte der Woche und die sieben Pforten des Körpers, nämlich die Augen, Ohren, Nasenlöcher und der Mund. Endlich giebt es siebenerlei Glücks- und Unglücksfälle, welche dem Menschen zustoßen können. Wie man jedoch sieht, ist diese Einteilung eine sehr willkürliche, und wir haben ein längeres Verweilen bei derselben nicht nötig.

Die zwölf einfachen Zahlen, von denen wir noch reden müssen, entsprechen den zwölf Zeichen des Tierkreises, den zwölf Monaten des Jahres, den Hauptgliedern des menschlichen Körpers und den wesentlichsten Verrichtungen des menschlichen Organismus, nämlich: dem Gesicht, dem Gehör, dem Geruch, der Sprache, der Ernährung, 375der Zeugung, des Gefühls, der Bewegung, des Zorns, des Lachens und des Schlafes.[399] – Wir sehen hier den Geist der Untersuchung bei seinem Erwachen und brauchen uns weder über seine kindliche Forschungsweise noch die Resultate zu verwundern, die eben seine Originalität beweisen.

Die durch die Buchstaben des Alphabets dargestellte materielle Form der Intelligenz ist gleichzeitig die Form alles Seienden, denn außer dem Menschen, dem Universum und der Zeit ist nichts als das Unendliche denkbar; deshalb nennen die Gläubigen jene drei „die Zeugen der Wahrheit[400]“. Jedes von ihnen ist ungeachtet der zu beobachtenden Verschiedenheit ein System, welches ein Centrum und gewissermaßen eine Hierarchie besitzt:

„Denn, sagt der Text, die Einheit herrscht über die Drei, die Drei über die Sieben, und die Sieben über die Zwölf; aber ein jeder Teil des Systems ist von dem andern untrennbar.“[401]

Das Universum hat den himmlischen Drachen[402] als Centrum; das Herz ist das Centrum des Menschen, und der Lauf der Himmelszeichen die Basis des Jahres. „Das Erste, sagt der Text, gleicht einem König auf seinem Thron, das Zweite einem König inmitten seiner Unterthanen, und das Dritte einem König in der Schlacht.“[403] Ich glaube, daß man durch diesen Vergleich die vollkommene im Weltall herrschende Regelmäßigkeit und die Gegensätze bezeichnen will, welche im Menschen walten, ohne seine Einheit zu vernichten. Der Text sagt, daß die zwölf Hauptglieder des menschlichen Körpers einander gewissermaßen in Schlachtordnung gegenüberstehen; drei dienen der Liebe, drei dem Haß, drei geben das Leben und drei den Tod. – Dem Guten steht das Böse gegenüber, und das Böse erzeugt nur Böses, wie das Gute nur Gutes. Über diese drei Reiche, über den Menschen, das Universum und die Zeit sowohl als über die Buchstaben und Sephiroth ist der Herr erhaben, welcher in seiner Heiligkeit thront und herrscht von Ewigkeit zu Ewigkeit.

376

Auf diese Worte folgt der Schluß des Buches in einer Art dramatischen Lösung des Ganzen, worin Abraham vom Götzendienst zur Religion des wahren Gottes bekehrt wird.

Das letzte Wort des kabbalistischen Systems ist die Ersetzung jeder Art eines Dualismus durch die absolute Einheit: so des Dualismus der heidnischen Philosophie, welche im Stoff eine ewige Substanz erblickt, deren Gesetze sich nicht stets im Einklang mit dem göttlichen Willen befinden; so aber auch des Dualismus der Bibel, welche im Schöpfungsgedanken wohl die Idee des göttlichen Willens erfaßt und folgegemäß im unendlichen Sein die einzige Ursache und den einzigen realen Ursprung der Welt erblickt, die aber doch die Gottheit und die Welt als zwei absolut verschiedene Dinge auffaßt. Im Sepher Jezirah wird dagegen Gott als das unendliche Sein und infolgedessen als undefinierbar erklärt; Gott steht nach unserm Text in aller Größe seines Wesens und seiner Macht über und nicht unter der Möglichkeit, ihn durch Zahlen und Buchstaben auszudrücken, oder durch irgendwelche unserer Vernunft begreifbare Gesetze des Weltalls. Jedes weltliche Element hat seine Quelle in einem höheren Element, deren gemeinsamer Ursprung das Wort oder der heilige Geist ist. Im Wort finden wir auch die unveränderlichen Zeichen des Gedankens, welche sich in jeder Sphäre des Seins wiederholen und überall die bestimmte Absicht des Schöpfers durchblicken lassen. Und ist dieses Wort, die erste der Zahlen, das erhabenste aller Dinge, die wir wahrnehmen und definieren können, nicht die höchste und absoluteste Offenbarung Gottes oder des Denkens der höchsten Intelligenz? Also ist Gott im tiefsten Sinn und in der höchsten Bedeutung der Stoff und die Form des Weltalls, denn nichts kann ohne ihn existieren, seine Wesenheit ist die Grundwesenheit der Dinge, die alles erfüllt, und alle Dinge sind nur ihr Symbol.

Diese scheinbar so verwegene Folgerung ist die Grundlage der Lehren des Sohar, welcher jedoch einen dem Buche Jezirah völlig entgegengesetzten Weg einschlägt. Denn, anstatt sich nach und nach durch Vergleichung der Formen der Einzelheiten mit denen ihnen übergeordneten emporzuschwingen, beschäftigt er sich sogleich mit dem höchsten Prinzip, mit der universellen Form und der absoluten Einheit, welche er stets als ein unberührbares Axiom betrachtet.

377

Man könnte allerdings das den Gedankengang der beiden Bücher verbindende Band durch die Art und Weise der Darstellung zerrissen betrachten, obschon in ihnen ein wesentlich synthetischer Charakter vorherrscht. Aber nichtsdestoweniger beginnt der Sohar dort, wo das Buch Jezirah aufhört.

Eine zweite sehr bemerkenswerte Verschiedenheit trennt diese beiden Monumente und erklärt sich durch ein allgemeines Gesetz des menschlichen Geistes: den Zahlen und Buchstaben können wir nämlich die innern Formen, die unveränderlichen Konzeptionen des Denkens, mit einem Wort die Ideen in ihrer edelsten und weitesten Bedeutung substituieren. Das göttliche Wort, anstatt sich ausschließlich in der Natur zu manifestieren, erscheint uns vor allem im Menschen und in der Intelligenz und wird insofern als der urbildliche oder himmlische Mensch, אדם קדמון, bezeichnet. Endlich aber würde, wie wir noch sehen werden, in gewissen Fragmenten von hohem Alter die absolute Einheit oder der Gedanke nicht als die Universalsubstanz bezeichnet und die regelmäßige Entwickelung dieser Potenz nicht an die Stelle der ziemlich groben Emanationstheorie gesetzt werden.

Diese Transformation des Symbols zur Idee, welche die Kabbala vornimmt, wiederholt sich bei allen großen religiösen und philosophischen Systemen, und es genüge hier, an dieser allgemeinen Thatsache die Beziehungen des Sepher Jezirah zu denselben dargethan zu haben.

378

Fünftes Kapitel.
Analyse des Sohar. – Die allegorische Methode der Kabbalisten.

Da die Autoren, aus deren Arbeiten der Sohar entstand, ihre Ideen in der einfachsten und einer sehr wenig logischen Form darstellten, nämlich in der eines Kommentars zu den fünf Büchern Mosis, so können wir, ohne die ihnen schuldige Achtung zu verletzen, unsere Darstellung nach der uns am geeignetsten scheinenden Weise einrichten. Und zwar müssen wir zunächst ihre Methode der Schriftauslegung betrachten, deren Basis der symbolische Mysticismus ist. Ihr Urteil hierüber formulieren sie mit folgenden Worten:

„Wehe über den Menschen, welcher im Gesetz nur einfache Erzählungen und gewöhnliche Worte sieht. Denn wenn es in Wahrheit nichts weiter als solche enthielte, so könnten wir noch heute ein ebenso bewundernswertes Gesetz aufstellen. Um nur einfache Worte zu finden, brauchten wir uns nur an die irdischen Gesetzgeber zu wenden, bei welchen man oft noch größere Erhabenheit des Ausdrucks findet. Es würde genügen, dieselben nachzuahmen und ein Gesetz nach ihrem Vorgang und Beispiel aufzustellen. Aber dem ist nicht also, denn jedes Wort des Gesetzes hat einen erhabenen Sinn und schließt ein hohes Geheimniß in sich.“

„Die Erzählungen des Gesetzes sind das Kleid des Gesetzes, und Wehe dem, welcher das Kleid für das Gesetz selbst nimmt! In diesem Sinn hat David gesagt: Mein Gott, öffne meine Augen, auf daß ich sehe die Wunder an deinem Gesetz! David wollte mit diesen Worten das unter dem Kleid des Gesetzes Verborgene 379bezeichnen. Es giebt unverständige, die, wenn sie einen Menschen in seinem schönen Kleid sehen, nur auf dieses ihr Augenmerk legen, und doch ist es nur der Körper, welcher dem Kleid Werth verleiht; dem Körper aber giebt die Seele seinen Werth. So hat auch das Gesetz seinen Körper. Es giebt Gebote, welche man den Körper des Gesetzes nennen könnte. Die im Gesetz vorkommenden Erzählungen sind die Kleider, mit welchen dessen Körper bedeckt ist. Die Thoren betrachten nur die Kleider oder die Erzählungen des Gesetzes; sie kennen nichts Anderes und sehen nicht, was unter diesen Kleidern verborgen ist. Die Klugen wenden keine Aufmerksamkeit auf die Kleider, sondern auf den Körper, welchen dieselben bedecken. Die Weisen endlich, die Diener des höchsten Königs, welche auf dem Gipfel des Sinai wohnen, beschäftigen sich nur mit der Seele, welche die Grundlage alles Übrigen ist, nämlich mit dem Gesetz selbst; und in der Zukunft sind sie bereit, die Seele der Seele, welche das Gesetz durchweht, zu betrachten.“[404]

Die Kabbalisten schoben also auf eine den Profanen unbekannte Weise in mysteriösem Sinn den historischen Thatsachen und positiven Geboten, aus denen sich die Schrift zusammensetzt, eine geheime Bedeutung unter. Dies war für sie das einzige Mittel, ihre Freiheit zu bewahren, ohne mit der religiösen Autorität zu brechen, und vielleicht hatten sie dasselbe auch zur Beruhigung ihres Gewissens nötig. In folgendem Passus treffen wir den nämlichen Geist in einer noch bemerkenswerteren Form an:

„Wenn das Gesetz nur aus gewöhnlichen Worten und Erzählungen bestände, wie die von Esau, Hagar, Laban, von Bileam und seiner Eselin, warum würde es dann wohl das Gesetz der Wahrheit, das vollkommene Gesetz, das wahre Wort Gottes heißen? Warum würde es der Weise dann höher schätzen als Gold und Perlen? Es ist eben unter jedem Wort ein erhabener Sinn verborgen, und jede Erzählung lehrt uns etwas Anderes als die Thatsachen, welche sie scheinbar erhält, und dieses erhabene und heilige Gesetz ist das wahre Gesetz.“[405]

Es ist nicht ohne Interesse, daß wir in den Werken eines Kirchenvaters 380einer vollkommen ähnlichen Ausdrucksweise begegnen. So sagt Origenes[406]:

Si adsideamus litterae et secundum hoc vel quod Judaeis, vel quod vulgo videtur, accipiamus quae in lege scripta sunt, erubesco dicere et confiteri quia tales leges dederit Deus: videbuntur enim magis elegantes et rationabiles hominum leges, verbi gratia, vel Romanorum, vel Atheniensium, vel Lacedaemoniorum.“ –

Cuinam quaeso sensum habenti convenienter videbitur dictum quod dies prima et secunda et tertia, in quibus et vespera nominatur et mane; fuerint sine sole et sine luna et sine stellis; prima autem dies sine coelo? Quis vero ita idiotes invenitur, ut putet, velut hominem quemdam agricolam, Deum plantasse arbores in Paradiso, in Eden, contra orientem, et arborem vitae plantasse in eo, ita ut manducans quis ex ea arbore vitam percipiat? et rursus ex alia manducans arbore, boni et mali scientiam capitat.[407]

Triplicem in Scripturis divinis intelligentiae modum, historicum moralem et mysticum: unde et corpus inesse et animam ac spiritum intelleximus.[408]

Um nun zwischen dem heiligen Text und ihren willkürlichen Auslegungen plausibel erscheinende Beziehungen herzustellen, griffen die Kabbalisten zu verschiedenen künstlichen Mitteln, welche zwar im Sohar keine Anwendung finden, dafür aber in späterer Zeit in um so höherem Ansehen stehen. Diese Mittel sind an sich wertlos, und wir haben uns mit ihnen nicht zu beschäftigen.

Anstatt dessen suchen wir kennen zu lernen, was in den ältesten Teilen des Sohar über die Natur und die Attribute der Gottheit, über die Schöpfung und die Beziehungen Gottes zur Welt, sowie endlich über den Ursprung, die Natur und die Bestimmung des Menschen gelehrt wird.

381

Sechstes Kapitel.
Die Anschauungen der Kabbalisten über die göttliche Natur.

Die Kabbalisten haben zweierlei Manier von Gott zu reden, ohne daß dies jedoch der Einheit ihres Gottesgedankens Eintrag thäte. Wenn sie die Gottheit zu definieren suchen, ihre Attribute unterscheiden und uns eine präzise Anschauung ihrer Natur geben wollen, so ist ihre Sprache eine metaphysische und sie besitzt so viel Klarheit, als die Natur der Sache und Sprache mit sich bringt. Manchmal aber begnügen sie sich, die Gottheit als ein unbegreifliches Wesen darzustellen, welches weit über alle Formen erhaben ist, mit denen es die menschliche Imagination zu bekleiden liebt. In diesem Falle ist ihre Ausdrucksweise poetisch und bildlich, wobei gewissermaßen ihre Imagination gegen die erwähnte profane zu Feld zieht. Alle ihre Anstrengungen sind auf die Zerstörung des Anthropomorphismus gerichtet, dem sie gigantische schreckenerregende Proportionen verleihen, um für die Idee des Unendlichen passende Vergleiche aufzustellen.

„Das Buch des Geheimnisses“ ist durchaus in diesem Styl geschrieben, wobei zu bemerken ist, daß die Allegorien oft gleichzeitig Rätsel bilden, wie wir aus folgender Stelle des Idra Rabba darthun wollen: Simon ben Jochai versammelt seine Schüler und sagt ihnen, daß die Zeit gekommen sei, für den Herrn zu arbeiten, d. h. den wahren Sinn des Gesetzes kennen zu lernen; die Tage der Menschen seien gezählt, der Arbeiter nur eine kleine Zahl, und die Stimme des Herrn und Schöpfers treibe zur Eile. Er ermahnt 382sie, die Geheimnisse, welche er ihnen anvertrauen wolle, nicht zu profanieren, setzt sich mitten unter sie auf das Feld unter den Schatten eines Baumes und beginnt unter tiefem Schweigen:

„Und siehe, eine Stimme ertönte, und ihre Kniee erbebten vor Schrecken. Was war diese Stimme? Es waren die Stimmen der himmlischen Versammlung, welche sich vereinigten, um gehört zu werden. Rabbi Simon aber rief voll Freude aus: Herr, ich sage nicht wie einer deiner Propheten[409], daß ich erbebte, als ich deine Stimme hörte, denn es ist nicht mehr die Zeit der Furcht, sondern die der Liebe, wie da geschrieben steht: du wirst den Ewigen, deinen Gott lieben.“[410]

Nach dieser Einleitung, welche weder eines gewissen Pompes noch Interesses ermangelt, folgt eine lange durchaus allegorische Beschreibung der göttlichen Größe. Es mögen hier einige Stellen aus derselben folgen:

„Er ist der Älteste der Alten, das Geheimniß der Geheimnisse, der Unbekannteste der Unbekannten. Er hat die Gestalt, welche ihm gehört und erscheint uns besonders als Greis, als der Älteste der Alten und der Unbekannteste unter den Unbekannten. Aber unter der Gestalt, in welcher er sich uns zu erkennen giebt, bleibt er dennoch der Unbekannte. Sein Kleid ist weiß und sein Anblick glänzend. Er sitzt auf einem Thron von Funken, welcher seinem Willen unterworfen ist. Das weiße Licht seines Hauptes erhellt viermalhunderttausend Welten. Viermalhunderttausend von diesem weißen Licht geborene Welten werden das Erbtheil der Gerechten in der künftigen Welt sein. Jeden Tag entsprossen aus seinem Gehirn dreizehntausend Myriaden Welten, welche ihm ihre Existenz verdanken und deren Last er allein trägt. Von seinem Haupt träuft der Thau, welcher die Todten erweckt und ihnen ein neues Leben bereitet. Darum steht geschrieben: Dein Thau ist der Thau des Lichtes. Er ist die Nahrung der Heiligen vom erhabensten Rang. Er ist das Manna, welches den Gerechten im künftigen Leben bereitet ist. Er steigt herab auf das Feld der heiligen Früchte.[411] Der Anblick dieses Thaues ist glänzend wie Diamanten, deren Farbe 383alle Farben in sich faßt. Die Größe dieses Gesichtes ist dreihundertsiebenzig mal zehntausend Welten. Darum heißt es ‚das große Gesicht‘, denn also ist der Name des Ältesten der Alten.“

Es würde jedoch der Wahrheit nicht entsprechen, wenn wir behaupten wollten, daß alles Übrige nach diesem Beispiel zu beurteilen sei, obschon die Bizarrerie, die Affektation und die orientalische Gewohnheit, die Allegorie auf die Spitze zu treiben, häufig den Adel und die Größe des Ausdrucks überwuchern. So wird z. B. das blendende Haupt, welches den ewigen Herd des Seins und Wissens repräsentieren soll, gewissermaßen zu einer anatomischen Studie, bei welcher weder die Stirn, noch das Gesicht, die Augen, das Gehirn, die Haare und der Bart vergessen sind; alles dies giebt Gelegenheit mit bis ins Unendliche gehenden Zahlen zu spielen, und dies gab Veranlassung, daß von neueren Schriftstellern gegen die Kabbalisten der Vorwurf des Anthropomorphismus und selbst des Materialismus erhoben wurde, obgleich sie denselben in keiner Weise verdienen. Ohne uns dabei weiter aufzuhalten, wollen wir hier einige für die Geschichte des menschlichen Geistes wichtige Stellen des Sohar mitteilen, deren erste – sehr umfangreiche – in Anschluß an die Worte des Jesaias[412]: „Wem wollt ihr denn mich nachbilden, dem ich gleich sei?“ sich mit den zehn Sephiroth oder den Attributen der Gottheit beschäftigt, so lange dieselbe noch in ihrer eigenen Wesenheit verborgen ist:

„Bevor irgend eine Form, irgend ein Bild in dieser Welt geschaffen wurde, war er allein, ohne Form und nichts ihm ähnlich. Und wer konnte ihn erfassen, da er vor der Schöpfung und noch ohne Form war? Daher ist es auch verboten, ihn unter irgend welchem Bild, in irgend einer Gestalt darzustellen, sei sie auch, was sie immer sei, selbst sein heiliger Name oder ein Buchstabe oder ein Punct. Dies ist der Sinn der Worte[413]: ‚So bewahret nun eure Seelen wohl, denn ihr habt kein Gleichniß gesehen des Tages, da der Herr mit euch redete aus dem Feuer auf dem Berge Horeb.‘ Das heißt nämlich: ihr habt nichts gesehen, was ihr in einer Gestalt, einem Bildniß darstellen könntet. Aber nachdem er die Gestalt des 384‚himmlischen Menschen‘ (אדם עלאה) hervorgebracht hatte, bediente er sich der Merkaba (מרכבה) als eines Wagens, um herabzusteigen.“

„Er will unter der Form des heiligen Namens Jehovah genannt sein und giebt sich unter seinen Attributen zu erkennen, deren jedes einen besonderen Namen besitzt, als: Gott der Gnade, Gott der Gerechtigkeit, allmächtiger Gott, Herr der Heerscharen und ‚der, welcher ist‘. Seine Absicht war, seine Eigenschaften zu offenbaren und kund zu thun, wie sich seine Gnade und Barmherzigkeit sowohl auf die Welt als auf die Werke der Menschen erstreckt. Denn wie würden wir ihn erkennen können, wenn er nicht sein Licht allen Kreaturen geoffenbart hätte? Wie könnte man sonst sagen, daß die Welt von seinem Ruhm erfüllt sei? Wehe dem, der es wagt, ihn selbst mit einem seiner Attribute zu vergleichen! Noch weniger aber darf er mit dem Menschen verglichen werden, der auf die Welt gekommen und dem Tode verfallen ist. Man muß ihn als über allen Geschöpfen und allen Attributen stehend erkennen. Wenn man von all diesen Dingen abstrahiert, so bleibt weder Bild, noch Attribut, noch Figur, und er ist dem Meere vergleichbar, dessen Gewässer ohne Grenzen und Form sind; wenn sie sich aber über die Erde ergießen, so bringen sie ein Bild (דמות) hervor, welches sich in folgender Berechnung ausdrücken läßt: Die Quelle der Wässer des Meeres und der Glanz, welchen der Strahl der Sonne darauf wirft, sind zwei. Aus ihnen bildet sich ein riesengroßes Becken, welches in ungeheurer Tiefe ausgehöhlt ist. Dieses Becken ist mit den aus ihrer Quelle entströmenden Gewässern angefüllt; es ist das Meer selbst und kann als das Dritte betrachtet werden. Diese ungeheure Tiefe teilt sich in sieben Kanäle, durch welche sich, wie durch große Gefäße, das Wasser des Meeres ergießt. Die Quelle, der Strom, das Meer und die sieben Kanäle bilden zusammen die Zahl Zehn. Und wenn der Arbeiter, der diese Gefäße gebildet hat, dieselben zerbricht, so kehrt das Wasser zu seiner Quelle zurück, und es bleibt nichts als die vertrockneten wasserlosen Scherben. Die Ursache aller Ursachen hat also die zehn Sephiroth hervorgebracht. Die erste derselben, ‚die Krone‘, ist die Quelle, welche ein endloses Licht ausstrahlt, und von ihr kommt der Name des Unendlichen (אין סוף), En Soph, um die höchste Ursache zu bezeichnen, denn sie hat in dieser Gestalt weder Form noch Figur, und es giebt noch 385kein Mittel, sie zu begreifen, und keine Art und Weise, sie zu erkennen. In diesem Sinn steht geschrieben: ‚Sinnet nicht nach über etwas, das über euch ist.‘ Darauf bildet sich ein Gefäß, das fast wie ein Punkt zusammengedrückt ist, (der Buchstabe י), welches aber dennoch vom göttlichen Licht durchdrungen ist; es ist die Quelle der Weisheit, ja die Weisheit selbst, die Tugend, von welcher die höchste Ursache sich Gott nennt. Diese Quelle bildet alsdann ein Gefäß, unendlich wie das Meer selbst; man nennt es die Weisheit, und von ihm kommt der Name: der allweise Gott. Wir müssen nämlich wissen, daß Gott intelligent und weise seinem eigensten Wesen nach ist, und daß die Weisheit ihren Namen nicht durch sich selbst verdient, sondern durch ihn, der weise ist und das aus ihm emanirende Licht hervorgebracht hat. Nicht durch sie selbst kann man die Intelligenz begreifen, sondern durch ihn, welcher intelligent ist und die Intelligenz mit seiner eigenen Wesenheit erfüllt. Wenn er sich aus ihr zurückzöge, würde sie völlig zu nichte werden. Dies ist der Sinn der Worte[414]: ‚Wie ein Wasser ausläuft aus dem See, und wie ein Strom versieget und vertrocknet.‘ Endlich theilt sich das Meer in sieben Arme, welche sieben kostbare Gefäße bilden, welche genannt werden: die Barmherzigkeit oder die Größe; die Gerechtigkeit oder die Stärke; die Schönheit; der Triumph; der Ruhm; das Reich; der Grund oder die Basis. Aus diesem Grund wird Gott der Große oder der Barmherzige, der Starke, der Prächtige, der Gott des Siegs, der Schöpfer, welchem allein Ruhm gebührt, und der Urgrund aller Dinge genannt. Dies ist das letzte Attribut, welches die Grundlage aller übrigen und der Totalität der Welten bildet. Endlich ist Gott auch der König des Weltalls, denn in seiner Gewalt steht Alles, sei es, daß man die Zahl der Gefäße vermindern oder, je nach der zu treffenden Wahl das Licht, welches er ausstrahlt, vermehren will.“[415]

In diesem Text ist so ziemlich alles enthalten, was die Kabbalisten über die göttliche Natur gedacht haben; jedoch leidet derselbe selbst für die mit der kabbalistischen Ausdrucksweise Vertrauten an großer Unklarheit, weshalb es sich empfiehlt, seinen Inhalt in präciserer 386Ausdrucksweise wiederzugeben, indem wir das im Sohar an verschiedenen Stellen über die göttlichen Attribute Gesagte in einer Anzahl von Fundamentalsätzen zusammenfassen:

1. Gott war, bevor irgend etwas existierte, die unendliche Wesenheit. Deshalb kann er weder als die Gesamtheit der Dinge, noch als die Summe seiner Attribute betrachtet werden. Aber ohne diese Attribute und die von ihnen hervorgebrachten Wirkungen – so zu sagen ohne eine determinierte Form – ist es unmöglich, ihn zu begreifen oder zu erkennen. Dieser Grundsatz ist klar in folgenden Worten ausgesprochen: „Vor der Schöpfung war Gott ohne Gestalt, nichts gleichend, und in diesem Stand war er für die Intelligenz unbegreiflich.“ Aber wir beschränken uns nicht allein auf dieses Zeugnis, sondern hoffen, daß man den gleichen Sinn auch in folgender Stelle wiederfinde: „Bevor sich Gott offenbarte, als alle Dinge noch in ihm verborgen lagen, war er der Unbekannteste unter den Unbekannten. In diesem Stand hatte er keinen andern Namen als den der Frage. Er begann einen unfaßbaren Punkt zu bilden, welcher sein eigener Gedanke war. Alsdann bildete er durch seinen Gedanken eine geheimnißvolle und heilige Form, die er endlich mit einem reichen und glänzenden Kleid bedeckte. Dies ist das Weltall, welches nothwendiger Weise im Namen Gottes enthalten ist.“[416]

Weiterhin heißt es in der Idra Suta:

„Der Älteste der Alten ist gleichzeitig der Unbekannteste der Unbekannten; er ist von allem getrennt und nicht getrennt; er vereinigt in sich Alles, und nichts ist außer ihm. Er besitzt eine Gestalt, ohne daß es möglich ist, sie zu beschreiben. Er giebt Form und Existenz allem, das ist. Er läßt aus seinem Busen zehn Lichtstrahlen ausgehen, welche in der von ihm verliehenen Form erglänzen und alles mit Tageshelle erleuchten. Er ist gewissermaßen ein Pharus, welcher nach allen Seiten seine Strahlen spendet. Der Älteste der Alten, der Unbekannteste der Unbekannten ist ein erhabener Pharus, den man nur an seinem Licht erkennt, welches in überschwenglicher Fülle und Glanz in unsere Augen blitzt; und was man seinen heiligen Namen nennt, ist nichts anderes als dieses Licht.“[417]

387

2. Die zehn Sephiroth, durch welche sich das unendliche Wesen ursprünglich zu erkennen gab, sind nichts anderes als die Attribute, welche an sich selbst keine substantielle Realität besitzen; jedoch repräsentiert sich in jedem derselben die göttliche Wesenheit, und in ihrer Gesamtheit besteht das erste Attribut, die vollkommenste und erhabenste Offenbarung der Gottheit. Es wird der ursprüngliche oder himmlische Mensch (אדם עלאה, אדם קדמון) genannt und es ist die Gestalt, welche den geheimnißvollen Wagen des Hesekiel lenkt, und von der der irdische Mensch nur eine blasse Kopie ist.[418]

„Die Gestalt des Menschen, sagt Simon ben Jochai zu seinen Schülern, faßt alles in sich, was im Himmel und auf Erden ist, die obern Wesen wie die untern Wesen, und deshalb hat sie auch der Älteste der Alten zu der seinen gemacht. Keine Gestalt, keine Welt kann vor der menschlichen bestehen, denn sie schließt alle Dinge in sich, und alles besteht nur durch sie. Ohne sie würde die Welt nicht bestehen können, und in diesem Sinn sind die Worte zu verstehen: Der Ewige hat die Erde auf die Weisheit gegründet. Aber man muß den obern Menschen (אדם דלעילא) von dem untern Menschen (אדם דלתתא) unterscheiden, von denen keiner ohne den andern bestehen kann. Unter der menschlichen Gestalt ist die Vollkommenheit des Glaubens verborgen, und das ist es, was durch die Menschengestalt, die den Wagen lenkt, ausgedrückt werden soll. Und das ist es, was Daniel mit den Worten kund thun will: Und ich sah des Menschen Sohn kommen mit den Wettern des Himmels und vordringen bis zu dem Alten der Tage und sich vor ihm darstellen.“[419]

Was man also den himmlischen Menschen oder die erste Offenbarung der Gottheit nennt, ist nichts anderes als die absolute Form alles Seienden, die Quelle aller andern Formen oder vielmehr der Ideen; mit einem Wort: der höchste Gedanke, welcher der λόγος oder das Wort genannt wird. So heißt es:

„Die Gestalt des Alten (sein Name sei geheiligt!) ist die einzige Form, welche alle Formen in sich einschließt; sie ist die höchste und geheimnißvollste Weisheit, welche alles Übrige in sich faßt.“[420]

388

3. Die zehn Sephiroth sind, wenn wir den Verfassern des Sohar Glauben schenken dürfen, bereits im alten Testament durch eben so viele Gott geheiligte Namen gekennzeichnet, welche identisch mit denen sind, welche der heilige Hieronymus in seinem Brief an Marcella erwähnt.[421] Man hat sie auch in der Mischna finden wollen, weil dort gesagt ist, daß Gott die Welt durch zehn Worte geschaffen habe, welche als eben so viele Befehle aus seinem allmächtigen Wort ausgingen.[422] Obschon sie alle gleich notwendig sind, können die Attribute und die Distinktionen, welche sie ausdrücken, uns doch nicht die göttliche Natur in ihrer ganzen Hoheit erkennen lassen, aber sie stellen dieselbe unter verschiedenen Gesichtspunkten dar, welche in der Sprache der Kabbalisten „Gesichter“ (אנפין, פרצופין) genannt werden. Simon ben Jochai und seine Schüler machten sehr häufig von dieser metaphorischen Ausdrucksweise Gebrauch, aber sie mißbrauchten dieselbe nicht, wie ihre neueren Nachfolger. Wir sind genötigt, uns länger bei diesem wichtigsten Punkt der kabbalistischen Wissenschaft aufzuhalten; aber bevor wir den besondern Charakter der einzelnen Sephiroth darlegen, müssen wir einen Blick auf die allgemeine Frage ihrer Wesenheit werfen und mit wenigen Worten die verschiedenen Meinungen darstellen, welche über dieselben bei den Adepten der Kabbala kursieren.

Die Kabbalisten haben zwei Fragen aufgestellt, nämlich: warum giebt es Sephiroth? und was sind die Sephiroth sowohl in ihrer Gesamtheit, als an sich selbst, als auch in ihren Beziehungen zu Gott? Über die erste Frage äußert sich der Sohar sehr positiv, ohne den mindesten Zweifel aufkommen zu lassen. Es giebt so viele Sephiroth als Namen Gottes; beide sind dem Geist nach eins, und die Sephiroth sind nichts als die durch die Namen ausgedrückten Ideen und Dinge. Wenn Gott keine Namen hätte, oder, wenn die ihm gegebenen Namen keine Realitäten bezeichneten, so würde er nicht allein uns unbekannt sein, sondern er würde auch an sich nicht existieren, denn er kann sich selbst nicht ohne Intelligenz begreifen, ohne Weisheit nicht weise sein und ohne Macht nicht handeln. – Die zweite Frage wird nicht in gleich bündiger Weise 389beantwortet. Manche Kabbalisten stützen sich auf den Grundsatz, daß Gott unveränderlich sei, und sehen in den Sephiroth nur die Werkzeuge der göttlichen Allmacht, Geschöpfe einer höheren Natur, welche jedoch vom ersten Wesen durchaus verschieden sind. Es sind dies diejenigen, welche die Sprache der Kabbala mit dem Buchstaben des Gesetzes vereinigen wollen. – Das, was der Sohar En-Soph nennt, nämlich das Unendliche an sich, ist in ihren Augen die Gesamtheit der Sephiroth, nichts mehr und nichts weniger, und jede der letzteren ist nur das Unendliche von einem verschiedenen Standpunkt betrachtet. Zwischen diesen extremen Anschauungen steht ein tieferes und dem Geist der Originale konformeres System, welches die Sephiroth als Werkzeuge, als Geschöpfe und als von der Gottheit verschiedene Wesen betrachtet, die nicht mit ihr verwechselt werden dürfen. Diese Anschauung beruht auf folgendem Ideengang: Gott ist in den Sephiroth gegenwärtig, sonst würde er sich durch dieselben nicht offenbaren können; aber er wohnt nicht ganz in ihnen, und er ist es nicht allein, was man unter diesen sublimen Ideen- und Existenzformen verhüllt. Die Sephiroth an sich können nie den Unendlichen begreiflich machen; das En-Soph, die Quelle aller Formen, besitzt an sich selbst keine, oder um in der dem Sohar heiligen Ausdrucksweise zu sprechen: obschon eine jede Sephire einen bekannten Namen hat, so besitzt er allein doch keinen. Gott bleibt immer das unaussprechliche, unendliche Wesen, welches über allen Welten, selbst über der Emanationswelt thront, die uns seine Gegenwart offenbaren. Die zehn Sephiroth können mit ebensoviel Gefäßen von verschiedener Form verglichen werden oder mit verschieden gefärbten Gläsern. Welches nun auch das Gefäß sei, womit man die göttliche Wesenheit messen will, so wohnt doch die absolute Wesenheit der Dinge beständig in ihm, und das göttliche Licht verändert nicht wie das Sonnenlicht seine Natur nach dem Mittel, durch welches es hindurch geht. Diese Gefäße und Mittel haben an sich keine positive Realität und keine eigene Existenz, sondern sie sind gewissermaßen die Grenzen, in denen die höchste Wesenheit der Dinge eingeschlossen ist, oder die verschiedenen Grade der Dunkelheit, mit denen das göttliche Licht seine unendliche Klarheit verschleiert, um sich anschaubar zu machen. Darum hat man in jeder Sephire zwei Elemente oder vielmehr zwei Gesichtspunkte 390erkennen wollen: der eine, rein äußerliche und negative, welcher den Körper repräsentiert, wird recht eigentlich das Gefäß (כלי) genannt, während der andere, innere positive, den Geist und das Licht bildet. Darum spricht man auch von den zerbrochenen Gefäßen, welche das göttliche Licht entweichen lassen. Dieser auch von Isaak Loriah und Moses Corduero eingenommene Standpunkt wird von letzterem mit viel Logik und Präcision vertreten und bildet die Basis des ganzen metaphysischen Teils der Kabbala.

Nachdem wir nun die allgemeinen Grundsätze festgestellt haben, auf denen die Autorität der Texte und der geschätztesten Kommentare beruhen, müssen wir jetzt die besondere Rolle der einzelnen Sephiroth und ihre Gruppierung nach Trinitäten und Personen betrachten.

Die erste und erhabenste der göttlichen Offenbarungen oder die erste Sephire ist „die Krone“ (כתר), welche so genannt wird, weil sie über allen andern Sephiroth steht. Der Text sagt:

„Sie ist das Princip aller Principien, die geheimnißvolle Weisheit, die über alles erhabene Krone, das Diadem der Diademe.“

Sie ist nicht die verschwommene Totalität ohne Namen und Form, der geheimnißvolle Unbekannte, welcher alle Dinge und selbst die Attribute (אין סוף) hervorgebracht hat. Sie repräsentiert das vom Unendlichen geschiedene Endliche, und sein Name in der Schrift bedeutet „ich bin“ (אהיה), weil es das Wesen an sich selbst ist. Dieses Wesen wird unter einem Gesichtspunkt betrachtet, den keine Untersuchung mehr ergründet, der keine Qualifikation mehr zuläßt, und in welchem alles in einem unteilbaren Punkt zusammenfließt. Aus diesem Grund wird sie auch der primitive Punkt genannt, und es heißt:

„Als der Unbekannteste der Unbekannten sich offenbaren wollte, brachte er einen Punkt hervor; jedoch war dieser Punkt nicht von seinem Busen ausgegangen; der Unendliche war noch durchaus unbekannt, und es strahlte kein Licht.“[423]

Die neueren Kabbalisten erklären dies durch die absolute Konzentration Gottes in seine eigene Substanz. Diese Konzentration 391hat aus sich den Raum, die „primitive Luft“ (אויר קדמון) geboren, welche keine reale Leere, sondern eine gewisse Stufe eines niedern Lichtes der Schöpfung ist. Und durch dasselbe hat die in sich selbst konzentrierte Gottheit alles Endliche geschieden, begrenzt und bestimmt, und von ihm kann man in gewisser Beziehung sagen, daß es durch das Wort „Nichts“ oder „das Nichtseiende“ (אין) bezeichnet wird. Die Idra Suta sagt:

„Wir nennen es also, weil wir es nicht kennen und weil es unmöglich ist, dasselbe in diesem Stand zu erkennen, denn es steigt nicht zu unserer Unwissenheit herab, sondern wohnt über der Weisheit selbst.“[424]

Eine ganz ähnliche Anschauung vertritt Hegel, wenn er sagt[425]:

„Das reine Sein macht den Anfang, weil es sowohl reiner Gedanke, als das unbestimmte einfache Unmittelbare ist, der erste Anfang aber nichts Vermitteltes und weiter Bestimmtes sein kann. Dieses reine Sein ist nun die reine Abstraktion, damit das Absolut-Negative, welches, gleichfalls unmittelbar genommen, das Nichts ist.“

Um nun wieder auf die Kabbalisten zurückzukommen, so bildet der Gedanke des Seins oder des Absoluten von diesem Standpunkt aus eine vollständige Form oder – um in ihrer Sprache zu reden – einen Kopf, ein Gesicht. Sie nennen dasselbe „das weiße Gesicht“ (רישא חוורא), weil in ihm gewissermaßen alle Farben, alle Begriffe und alle Bestimmungen zusammenfließen, oder auch „den Alten“ (עתיקא), weil es die erste der Sephiroth ist. In dem letzteren Fall darf es aber nicht mit „dem Ältesten der Alten“ verwechselt werden, d. h. mit dem En-Soph selbst, vor welchem das hellste Licht nur Finsternis ist. Man bezeichnet es im allgemeinen mit dem Ausdruck „das große Gesicht“ (אריך אפיים), zweifelsohne deshalb, weil es alle Eigenschaften, alle intellektuellen und moralischen Qualitäten, alle Formen in sich einschließt; in ähnlichem Sinn heißt es auch „das kleine Gesicht“. Der Text sagt[426]:

„Das Erste ist der Alte. Von Angesicht zu Angesicht gesehen ist er das höchste Haupt, die Quelle alles Lichts, das Princip aller Weisheit, welches nur durch die Einheit definirt werden kann.“

392

Aus dem Schoß dieser absoluten Einheit, unterschieden von der Vielheit und der relativen Einheit, gehen einander parallel zwei scheinbar verschiedene Prinzipien aus, welche jedoch in Wirklichkeit eine untrennbare Realität bilden; das eine, männlich und aktiv, wird die Weisheit (חכמה), das andere, weiblich und passiv, die Intelligenz (בינה) genannt, und der Text sagt:

„Alles, was existiert, ist durch den Alten – gelobt sei sein Name! – geschaffen worden und kann nur durch das männliche und weibliche Princip bestehen.“[427]

Die Weisheit wird auch der Vater genannt, denn, wie es heißt, hat sie alle Dinge erzeugt. Auf den zweiunddreißig wunderbaren Wegen ergießt sie sich durch das Weltall und verleiht allen Dingen Form und Maß.[428] Die Intelligenz ist die Mutter, denn es steht geschrieben: du wirst die Intelligenz mit dem Namen Mutter nennen.[429] – Aus ihrer geheimnisvollen und ewigen Verbindung entsproßt ein Sohn, welcher nach dem Ausdruck des Originals die Züge des Vaters wie der Mutter trägt und so Zeugnis von beiden giebt. Dieser Sohn der Weisheit und Intelligenz wird wegen seiner doppelten Erbschaft der älteste Sohn Gottes, das Bewußtsein oder die Weisheit (דעת) genannt. Diese drei Personen umfassen und schließen in sich alles, was war, ist und sein wird, und sind in dem weißen Haupt, dem Ältesten der Alten vereinigt, denn er ist Alles, und Alles ist er.[430] – Er wird bald durch drei Häupter dargestellt, welche zusammen nur eines bilden, bald wird er mit dem Gehirn verglichen, welches, ohne seine Einheit zu verlieren, in drei Teile zerfällt, und von dem zweiunddreißig Nervenpaare in den Körper ausgehen, vergleichbar mit den zweiunddreißig Wegen, auf welchen sich die Gottheit dem Universum mitteilt.

„Der Alte, gelobt sei sein Name! besitzt drei Häupter, welche zusammen blos eines bilden; dieses Haupt ist erhaben über alle erhabene Dinge. Und weil der Alte, dessen Name gelobt sei, durch die Zahl drei dargestellt wird, so sind alle übrigen Lichter, welche 393uns mit ihren Strahlen erleuchten (nämlich die übrigen Sephiroth), in der Zahl Drei inbegriffen.“[431]

In der folgenden Stelle werden von der Trinität etwas andere Ausdrücke gebraucht; es figuriert in ihr das En-Soph, aber wir begegnen nicht der Intelligenz, zweifelsohne weil sie nur ein Reflex, eine gewisse Expansion des Logos ist, die hier „die Weisheit“ genannt wird:

„Es giebt drei kunstvoll gebildete Häupter, eines in dem andern und eines über dem andern. Zu ihnen wird gezählt: die geheimnißvolle Weisheit, die verborgene Weisheit, welche nie ohne Schleier erscheint. Diese geheimnißvolle Weisheit ist die Grundlage jeder andern Weisheit. Über dem ersten Haupt ist der Alte, dessen Namen gelobt sei! und welcher das Geheimste der Geheimnisse ist. Darauf kommt das Haupt, welches alle andern Häupter beherrscht, ein Haupt, welches nicht nur eines ist. Was es in sich schließt, weiß Niemand und kann Niemand wissen, denn dies entzieht sich sowohl unserer Weisheit als unserer Unwissenheit. Deshalb wird auch der Alte, dessen Namen gelobt sei! das Nichts genannt.“[432]

Wir haben also auch hier die Einheit des Wesens und die Dreiheit der intellektuellen Offenbarung oder des Denkens, was nachzuweisen war.

Manchmal werden die Bezeichnungen oder, wenn man will, die Personen dieser Trinität als drei aufeinanderfolgende und absolut notwendige Phasen des Denkens und Seins dargestellt, als ein logischer Prozeß, welcher die Welt hervorbringt. Dies ergiebt sich aus folgender Stelle:

„Kommet und sehet: der Gedanke ist die Grundlage alles Seienden; aber der Gedanke ist Anfangs unbekannt und in sich selbst eingeschlossen. Wenn der Gedanke sich zu offenbaren beginnt, so gelangt er zu der Wohnung des Geistes. Er erhält alsdann den Namen der Intelligenz und ist nicht mehr auf sich selbst beschränkt. Der Geist enthüllt sich im Schooß der Geheimnisse, von denen er noch umgeben ist, und geht daraus hervor als eine Stimme, welche die Vereinigung aller himmlischen Dinge ist; diese offenbart 394sich in unterschiedenen und articulirten Worten, denn sie kommt vom Geist. Aber wenn wir alle diese Abstufungen betrachten, so sehen wir, daß Gedanke, Intelligenz, Stimme und Wort Eins sind, daß der Gedanke die Grundlage von allem ist und keine Unterbrechung in ihm stattfinden will. Der Gedanke selbst verbindet sich mit dem Nichts und trennt sich nicht von ihm. Dies ist der Sinn der Worte: Jehovah ist Eins, und sein Name ist Eins.“[433]

Es möge noch eine andere Stelle folgen, welche den gleichen Sinn in einer älteren und originelleren Form enthält:

„Der Name, welcher ‚Ich bin‘ (אהיה) bedeutet, zeigt uns die Vereinigung alles Seienden an; in ihm sind alle Wege der Weisheit noch verborgen und zusammen untrennbar vereinigt. Man kann ihn mit einer Mutter vergleichen, welche in ihrem Schooß alle Dinge trägt und im Begriff ist, sie zu gebären, um den höchsten Namen Gottes zu offenbaren, den der Allmächtige mit den Worten bezeichnete: ‚ich bin, der ich bin‘ (אשר אהיה). Wenn nun endlich alles wohlgebildet aus dem Mutterschooß hervorgegangen ist, wenn jedes Ding an seiner Stelle ist, und man das Einzelne oder das Seiende bezeichnen will, so wird Gott Jehovah genannt oder ‚ich bin der, welcher ist‘ (אהיה אשר אהיה). Dies sind die Geheimnisse des heiligen, Moses geoffenbarten Namens, von welchem sonst Niemand Kenntniß besitzt.“[434]

Das kabbalistische System beruht also nicht nur einfach auf dem Prinzip der Emanation oder der Einheit der Substanz, sondern ist weit ausgedehnter und gewissermaßen mit der Hegelschen Philosophie vergleichbar, auch läßt es sich in mancher Beziehung so zu sagen als eine Verbindung von Ideen Platos und Spinozas bezeichnen.

Um nun endlich darzuthun, daß die neueren Kabbalisten den Traditionen ihrer Vorgänger treu blieben, wollen wir eine Stelle aus dem Kommentar des Moses Corduero zum Sohar anführen:

„Die drei ersten Sephiroth, nämlich die Krone, die Weisheit und die Intelligenz, müssen als ein und dieselbe Sache bezeichnet werden. Die erste repräsentiert die Erkenntniß oder die Wissenschaft, 395die zweite das Erkennende und die dritte das Erkennbare. Um diese Identität zu erklären, muß man wissen, daß die Erkenntniß des Schöpfers nicht die Erkenntniß der Geschöpfe ist, denn bei diesen ist die Erkenntniß vom Erkennenden unterschieden und auf das von diesem getrennte Erkennbare übertragen. Man bezeichnet es auch mit den Ausdrücken: der Gedanke, der Denker und das Gedachte. Im Gegentheil ist der Schöpfer die Erkenntniß selbst und erkennt, was erkennbar ist. Die Art und Weise seines Erkennens geschieht nicht durch Anwendung des Gedankens auf die Dinge, welche außer ihm sind, sondern er erkennt sich selbst und schaut sich in allem Seienden. Es giebt nichts, was nicht mit ihm vereinigt und in seiner eigenen Wesenheit auffindbar ist. Er ist der Typus des ganzen Seins, und alle Dinge existieren in ihm in ihrer reinsten und vollendetsten Form in der Weise, daß die Vollkommenheit der Geschöpfe in dieser Existenz selbst besteht, durch welche sie mit der Quelle ihres Seins vereinigt sind je nach Maßgabe, wie sie sich von einem so vollkommenen und erhabenen Zustand entfernen. Alle Wesenheiten der Welt haben also ihren Ursprung in den Sephiroth, und die Sephiroth sind die Quelle, von welcher sie ausfließen.“

Die sieben Attribute, von welchen wir noch sprechen müssen, und die die neueren Kabbalisten „die Sephiroth der Konstruktion“ nennen, – zweifelsohne weil sie bei der Schöpfung am meisten in Thätigkeit traten, offenbaren sich wie die ersten in Trinitäten, und bei jeder sind zwei Extreme durch ein Mittelglied verbunden. Aus dem Schoße des göttlichen Denkens in ihrer vollendeten Offenbarung geschaffen, gehen zuerst zwei entgegengesetzte Prinzipien hervor, eines männlich und aktiv, das andere weiblich und passiv; in der Gnade oder Barmherzigkeit (חסד) ist das erste anzutreffen, das zweite wird durch die Gerechtigkeit (דין) repräsentiert. Es ist leicht, die Rolle zu erkennen, welche diese Sephiroth im kabbalistischen System spielen, und daß weder Gnade noch Gerechtigkeit in buchstäblichem Sinn genommen werden dürfen; es handelt sich vielmehr um das, was wir Extension und Konzentration des Willens nennen. Aus der ersteren gehen die männlichen und aus der zweiten die weiblichen Seelen hervor. Diese beiden Attribute werden auch „die Arme der Gottheit“ genannt; der eine giebt das Leben und der 396andere den Tod. Die Welt würde nicht bestehen können, wenn sie getrennt wären; es ist unmöglich, daß sie sich trennen, denn nach der Ausdrucksweise des Originals kann die Gerechtigkeit nicht ohne die Gnade bestehen; beide sind zu einem gemeinschaftlichen Wesen vereinigt, welches die Schönheit (תפארת) ist, als deren Symbol die Brust oder das Herz gilt. Es ist eine merkwürdige Thatsache, daß die Schönheit als der Ausdruck und das Resultat aller moralischen Eigenschaften und die Summe des Guten angesehen wird. Die drei folgenden Attribute sind durchaus dynamischer Natur und repräsentieren so zu sagen die Gottheit als Ursache, als allgemeine Kraft und das Urprinzip alles Seins. Die beiden ersten, welche in dieser neuen Sphäre das männliche und weibliche Prinzip repräsentieren, werden übereinstimmend nach einem Schrifttext der Triumph (נצח) und der Ruhm (הוד) genannt. Es würde sehr schwer sein, den eigentlichen Sinn dieser Worte herauszufinden, wenn sie nicht durch folgende Definition erklärt würden:

„Unter dem Triumph und dem Ruhm versteht man die Ausdehnung, die Vervielfältigung und die Stärke, denn alle Kräfte des Universum gehen aus deren Schooß hervor, und deshalb werden diese Sephiroth ‚die Heerschaaren des Ewigen‘ genannt.“[435]

Sie vereinigen sich in einem gemeinsamen Prinzip, welches gewöhnlich durch die Zeugungsorgane repräsentiert wird und das auch das zeugende Element, die Quelle und Wurzel alles Seins darstellt. Man nennt es in dieser Hinsicht das Fundament oder die Basis (יסוד). Der Text sagt:

„Alles kehrt zu der Basis zurück, von der es ausgegangen ist. Alles Mark, aller Saft, alle Macht versammelt sich hier. Alle existierenden Kräfte gehen von hier aus durch die Organe der Zeugung.“[436]

Alle diese drei Attribute bilden gewissermaßen nur ein Gesicht, das der göttlichen Natur, welches die Bibel mit dem Namen „der Herr der Heerschaaren“ bezeichnet.

Was nun die letzte der Sephiroth, „das Reich“ (מלכות), anlangt, so stimmen alle Kabbalisten darin überein, daß dieselbe kein 397neues Attribut bezeichnet, sondern nur die zwischen den übrigen bestehende Harmonie und ihre Herrschaft über die Welt.

Die zehn Sephiroth bilden also in ihrer Gesamtheit den himmlischen oder idealen Menschen oder das, was die neueren Kabbalisten die Emanationswelt nennen. Sie teilen dieselbe in drei Abteilungen, deren jede die Gottheit von einem verschiedenen Standpunkt, aber stets in Gestalt einer unteilbaren Dreieinigkeit darstellt. Die drei ersten sind durchaus intellektueller oder metaphysischer Natur und drücken die absolute Identität der Existenz und des Gedankens aus; sie bilden das, was die neueren Kabbalisten die intelligible Welt nennen. Die folgenden tragen einen moralischen Charakter zur Schau und lassen Gott als die Identität der Güte und Weisheit erscheinen; andererseits zeigen sie uns in der Güte oder vielmehr im höchsten Wesen den Ursprung der Schönheit und Größe oder Erhabenheit. Man nennt sie auch „die Tugenden“ oder „die sensible Welt“ in der erhabensten Bedeutung dieses Wortes. Endlich sehen wir in den letzten dieser Attribute sowohl die allgemeine Vorsehung als den höchsten Künstler, welcher auch die absolute Kraft, die allmächtige Ursache und das zeugende Element alles Seienden ist. Dies sind die letzten Sephiroth, welche die natürliche Welt oder die Natur in ihrer Wesenheit und in ihrem Prinzip, Natura naturans, bildet. Es möge hier eine Stelle folgen, in welcher die verschiedenen Anschauungsstandpunkte auf eine Einheit oder eine oberste Trinität zurückzuführen gesucht werden:

„Um die Wissenschaft der göttlichen Einheit zu erhalten, müssen wir die Flamme betrachten, welche von einem Feuer oder einer angezündeten Lampe emporflackert; man sieht in ihr zwei Lichter: ein weißes und ein dunkles oder blaues. Das weiße schwebt oben und steigt in gerader Linie empor, während sich das blaue darunter befindet und in der Gewalt des weißen zu sein scheint. Beide sind jedoch so vollkommen mit einander vereinigt, daß sie nur eine Flamme bilden. Der Sitz des blauen Lichtes ist am Docht. Das weiße wechselt nicht, sondern bewahrt stets die ihm eigene Natur, aber man unterscheidet verschiedene Nuancen in dem darunter befindlichen blauen, welches sich nach oben an das weiße Licht und nach unten 398an die angezündete Materie anhängt. Alles zusammen bildet jedoch eine Einheit.“[437]

Über den Sinn dieser Allegorie kann kein Zweifel obwalten, und wir fügen hinzu, daß sie in einem andern Teil des Sohar fast buchstäblich wird, um die Natur der menschlichen Seele zu erklären, welche ebenfalls eine Trinität bildet, die eine abgefaßte Kopie der Allerhöchsten ist.

Die letzte Gattung der Trinitäten, welche alle übrigen in sich faßt, giebt uns die ganze Theorie der Sephiroth, und sie ist es auch, welche im Sohar die größte Rolle spielt. Sie wird wie die vorhergehenden durch drei Ausdrücke dargestellt, von denen jeder als Centrum, als höchste Offenbarung, eine der untergeordneten Trinitäten repräsentiert: unter den metaphysischen Attributen ist es die Krone, unter den moralischen die Schönheit, und unter den untergeordneten das Reich. Was aber ist in der kabbalistischen Sprache die Krone? Die Substanz, das eine und absolute Wesen. Was ist die Schönheit? Sie ist, wie die Idra Suta ausdrücklich sagt, der höchste Ausdruck des Lebens und der moralischen Vollkommenheit. Als Emanation der Intelligenz und Gnade wird sie im Orient oft mit der Sonne verglichen, die ihr Licht auf alle Dinge der Welt wirft, und ohne welche dieselbe in Nacht versinken würde; mit einem Wort: sie ist das Ideal. Was ist nun endlich das Reich? Die permanente und immanente Aktion aller vereinigten Sephiroth, die reelle Gegenwart Gottes in der Mitte der Schöpfung, welche Idee durch das Wort „Schechinah“ (שכינה) bezeichnet wird, durch einen Beinamen des Reichs. Sie ist also das absolute ideale Wesen, die immanente Kraft der Dinge oder, wenn man will, die Substanz, der Gedanke und das Leben, d. h. die Vereinigung des Gedankens mit den Objekten. Dies ist der wahre Sinn dieser Trinität. Diese enthält, was die Kabbala „die Säule der Mitte“ nennt, weil sie unter allen Bildern, in die man die Sephiroth gekleidet hat, die Mitte in Gestalt einer geraden Linie oder Säule einnimmt. Diese drei Bezeichnungen werden, wie man leicht ersehen kann, von den „Gesichtern“ oder symbolischen Personifikationen entnommen, und zwar wechselt die Krone nicht einmal den Namen, sondern ist stets 399„das große Gesicht“, der Alte der Tage, der Alte, dessen Name geheiligt ist. Die Schönheit ist der heilige König oder einfach der König und die Schechinah, die göttliche Gegenwart in den Dingen oder die Matrone und Königin. Wenn die eine mit der Sonne, so wird die andere mit dem Mond verglichen, oder nach anderer Ausdrucksweise: die reelle Existenz ist nichts als der Reflex oder das Bild der idealen Schönheit. Die Matrone wird auch mit dem Namen Eva bezeichnet, denn, sagt der Text, sie ist die Mutter aller Dinge, und alles, was hier unten existiert, geht aus ihrem Schoß hervor und wird durch sie gesegnet.[438] – Der König und die Königin, welche man auch „die beiden Gesichter“ nennt[439], bilden zusammen ein Band, dessen Aufgabe es ist, der Welt immer neue Gnade zu spenden und durch ihre Vereinigung das Werk der Schöpfung fortzusetzen und zu vollenden. Aber die gegenseitige Liebe, welche sie zu diesem Werk tragen, offenbart sich auf zweierlei Weise und bringt infolgedessen zweierlei Arten von Früchten hervor. Von oben kommt der Gatte zu der Gattin, so zu sagen die Existenz und das Leben; sie gehen aus aus der Tiefe der intelligibeln Welt und suchen sich in den Naturkörpern zu vermehren. Von unten kommt die Gattin zu dem Gatten, von der realen Welt zur idealen, von der Erde zum Himmel, und sucht im Schoße der Gottheit das, was sie zurückführen kann. Der Sohar selbst giebt uns ein Beispiel der beiden Zeugungsarten in dem Kreislauf, welchen die heiligen Seelen durchlaufen. Die Seele, in ihrer reinsten Wesenheit, in ihrer Wurzel in der Intelligenz betrachtet, unterscheidet sich schon in der universellen Seele. Ist die Seele nun eine männliche, so passiert sie von hier aus das Prinzip der Gnade oder der Expansion; ist sie aber eine weibliche, das der Gerechtigkeit oder Konzentration. Endlich wird sie zur Welt geboren, wo wir durch die Vereinigung des Königs mit der Königin leben, welche, wie der Text sagt, das für die Erzeugung der Seele sind, was Mann und Frau für die Erzeugung des Körpers.[440] Dies ist der Weg, auf welchem die Seele auf die Erde herabsteigt. Und nun folgt der Weg, auf welchem sich die Seele in den Schooß der Gottheit zurückbegiebt. 400Wenn sie ihre Bestimmung vollendet und sich mit allen Tugenden geschmückt hat, so erhebt sie sich durch ihre eigene Bewegung, durch die Liebe, welche sie zur Gottheit trägt, zu dem höchsten Grad der Emanation, wo die reale Existenz sich in Harmonie mit der idealen Form setzt. Der König und die Königin vereinigen sich von neuem, aber aus anderer Ursache und zu einem andern Zweck als das erste Mal.[441] Der Sohar sagt hierüber: „Auf diese Weise ergießt sich das Leben sowohl von oben als von unten, die Quelle erneuert sich, und das immer gefüllte Meer vertheilt seine Gewässer aller Orten.“[442]

Diese Vereinigung findet auch auf eine accidentielle Weise statt. Aber wir würden hierbei die Lehre von der Ekstase, der mystischen Verzückung und der Rëinkarnation berühren, von welcher wir an anderer Stelle sprechen müssen.

Jedoch müßten wir glauben, die Theorie der Sephiroth unvollkommen dargestellt zu haben, wenn wir nicht die Figuren kennzeichneten, unter welchen die Sephiroth unsern Augen dargestellt werden. Im Sohar kommen zum mindesten zwei derselben vor. Die eine besteht aus zehn konzentrischen Kreisen oder – besser gesagt – aus neun, welche um einen Punkt aus ihrem gemeinsamen Mittelpunkt gezogen sind. Die andere ist die Figur des menschlichen Körpers. Die Krone ist der Kopf, die Weisheit das Hirn, die Intelligenz das Herz; der Rumpf und die Brust sind das Symbol der Schönheit, die Arme der Gnade und Gerechtigkeit, und die untern Körperteile entsprechen den übrigen Attributen. Auf diese ganz willkürlichen Beziehungen wird in den Tikunim, den Supplementen des Sohar, die praktische Kabbala begründet, welche durch die verschiedenen Namen Gottes die Krankheiten, welche die einzelnen Körperteile befallen, zu vertreiben sucht. Es ist in der Geschichte des menschlichen Geistes nicht das erste Mal, daß zu einer Zeit des Verfalls die Ideen oft durch die gröbsten Symbole erstickt werden, und die Form an die Stelle des Gedankens tritt. Schließlich kann man die letzte Manier der Darstellung der Sephiroth in drei Gruppen teilen: rechts in einer senkrechten Linie 401stehen die expansiven Attribute, nämlich des Logos oder die Weisheit, die Gnade und Stärke; links in einer Parallellinie befinden sich die des Widerstands und der Konzentration: die Intelligenz oder das Bewußtsein des Logos, die Gerechtigkeit und der Widerstand. In der Mitte befinden sich die substantiellen Attribute, welche wir in der höchsten Trinität gefunden haben. An der Spitze befindet sich die Krone und an der Basis das Reich.[443] Der Sohar spielt oft auf diese Figur an, welche er mit einem Baum vergleicht, dessen Leben und Mark das En-Soph ist; derselbe wird deshalb auch der kabbalistische Baum genannt. Man hat die verschiedenen Seiten dieser Figur auch die Säule der Gerechtigkeit, die Säule der Gnade und die Säule der Mitte genannt. Übrigens betrachtet man die Figur auch nach Horizontallinien, wobei die sekundären Trinitäten entstehen, von denen wir oben gesprochen haben. Außer diesen Figuren sprechen die neueren Kabbalisten auch noch von Kanälen, welche unter einer materiellen Form alle unter den Sephiroth bestehenden Beziehungen und Kombinationen darstellen. Moses Corduero spricht sogar von einem Autor, welcher siebenmalhunderttausend solcher Beziehungen gezählt hat.[444] Diese Subtilitäten können bis zu einem gewissen Grad die Kombinationsgabe interessieren, für die metaphysische Spekulation sind sie jedoch belanglos.

In die Lehre von den Sephiroth mischt der Sohar eine fremdartige Idee, welche in einer noch fremdartigeren Gestalt dargestellt wird, nämlich in der eines Verfalls und einer Wiederherstellung in der Sphäre der Attribute selbst, einer gescheiterten Schöpfung, in welcher Gott herniederstieg, um auf der Erde zu wohnen, weil er sich mit dieser Mittelform zwischen ihm und der Kreatur bekleidet hatte, von welcher die menschliche Gestalt die beste Darstellung ist.

Die verschiedenen Darstellungen, welche die beiden Idra und „das Buch der Geheimnisse“ davon geben, sind ohne Interesse, jedoch wollen wir hier wenigstens die bizarrste derselben mitteilen: Die Genesis spricht von sieben Königen von Edom, welche den Königen Israels vorangingen und einer nach dem andern starben. In diesem bizarren Bild wollen nun die Autoren des Sohar eine 402solche Gedankenordnung sehen, daß ihre Gläubigkeit daraus eine Art Revolution in der unsichtbaren Welt der göttlichen Emanation macht. Unter den Königen von Israel verstehen sie die beiden Gestalten des absoluten Seins, welche als König und Königin bezeichnet werden, und für unsere schwache Intelligenz die Essenz des Wesens selbst repräsentieren. Die Könige von Edom oder, wie man sie auch nennt, die alten Könige sind die Welten, welche bestanden, noch ehe sich die Formen gebildet hatten, um als Mittelglied zwischen der Schöpfung und der göttlichen Wesenheit in ihrer größten Reinheit zu dienen. Schließlich ist das beste Mittel, uns diese dunkle Partie des kabbalistischen Systems, ohne es zu verändern, klar zu machen, wenn wir eine andere in den Fragmenten des Sohar befindliche citieren, welche dieselbe zu erläutern sucht:

„Bevor der Älteste der Alten, welcher das verborgenste der verborgenen Dinge ist, die Gestalten der Könige und der ersten Kronen geschaffen hatte, besaß er weder Grenzen noch Ende. Er bildete also diese Formen nach seiner eigenen Wesenheit. Er spannte vor sich eine Decke aus und bildete auf derselben die Umrisse und Gestalten der Könige ab. Aber dieselben konnten nicht existiren, weil geschrieben steht: Dies sind die Könige, welche im Lande Edom regierten, ehe denn ein König über Israel herrschte. Es handelt sich hier um die idealen Könige und um das ideale Israel. Alle die so geschaffenen Könige hatten ihre Namen, aber sie konnten nicht eher bestehen, als bis der Älteste der Alten herabstieg und sich vor ihren Augen enthüllte.“[445]

Daß in dieser Stelle von einer der unsern vorausgegangenen Schöpfung, von einer früheren Welt die Rede ist, daran kann kein Zweifel sein, und der Sohar teilt uns an einem späteren Ort diese einstimmige Anschauung der neueren Kabbalisten unter den bestimmtesten Ausdrücken mit. Aber warum sind diese früheren Welten verschwunden? Weil Gott nicht in ihrer Mitte regelmäßig und beständig wohnte, oder – wie der Text sagt – weil er nicht zu ihnen herabgestiegen war, weil er sich nicht in einer Gestalt gezeigt hatte, die ihm erlaubte, inmitten der Schöpfung zu bleiben und seine Vereinigung mit ihr fortzusetzen. Die Existenzen, welche 403er damals durch eine spontane Emanation seiner eigenen Wesenheit schuf, werden mit Funken verglichen, welche in ungeordneter Weise von einem Herdfeuer aufflackern und ersterben, wenn sie sich von ihm entfernen.

„Unter den zerstörten Urwelten waren formlose, welche man Funken nennt, weil es sich bei ihnen ähnlich verhält wie bei einem Schmied, der das glühende Eisen hämmert, wobei die Funken umherspringen. Diese Funken sind die Urwelten, welche zerstört wurden und nicht bestehen konnten, weil der Alte, dessen Name geheiligt sei, sich noch nicht mit einer Gestalt bekleidet hatte und der Arbeiter noch nicht an seinem Werke war.“[446]

Und welches ist die Gestalt, ohne welche alle Dauer und alle Organisation der endlichen Existenzen unmöglich ist, und welche so recht eigentlich den Arbeiter in den göttlichen Werken darstellt, die Gestalt, unter welcher die Gottheit sich offenbart und kundgiebt? Es ist die in ihrer höchsten Allgemeinheit verstandene menschliche Gestalt, welche alle moralischen und intellektuellen Attribute unserer Natur in ihrer gesamten Entwickelung und Fortdauer umfaßt, mit einem Wort den Geschlechtsunterschied, den die Verfasser des Sohar sowohl auf die Seele wie auf den Körper anwenden. Dieser so verstandene Geschlechtsunterschied oder vielmehr die Teilung und Reproduktion der menschlichen Gestalt sind für sie das Symbol des universellen Lebens, die regelmäßige und unendliche Entwickelung des Seins, eine regelmäßige und fortgesetzte Schöpfung nicht allein hinsichtlich der Dauer, sondern auch hinsichtlich der aufeinanderfolgenden Realisation aller möglichen Existenzformen.

Wir sind der Grundlage dieser Idee schon früher begegnet, hier folgt aber noch etwas mehr, nämlich die graduelle Expansion des Lebens, des Seins und des göttlichen Gedankens, welche nicht unmittelbar mit der Substanz begonnen hat, welcher im Gegenteil jene tumultuöse, ungeordnete und unorganische Emanation vorausging, von welcher wir eben gesprochen haben.

„Warum wurden jene Urwelten zerstört? Weil der Mensch noch nicht geschaffen war. Da nämlich die menschliche Gestalt alle Dinge in sich einschließt, ist auch Alles in ihr enthalten. Weil nun 404diese Gestalt noch nicht existirte, so konnten die früheren Welten weder bestehen noch sich erhalten, sie zerfielen in Trümmer, ehe die menschliche Gestalt geschaffen wurde, worauf sie aufs Neue, aber unter anderen Namen wiedergeboren wurden.“[447]

Wir wollen nicht abermals die Stellen wiederholen, in welchen von dem Geschlechtsunterschied des idealen Menschen die Rede ist; es genüge, daß von dieser Anschauung an unzähligen Stellen des Sohar die Rede ist, und daß sie auf den charakteristischen Namen „die Wage“ führt. Das Buch des Geheimnisses sagt:

„Ehe die Wage geschaffen wurde, beschauten sich der König und die Königin (die ideale und reale Welt) nicht von Angesicht zu Angesicht, und die alten Könige starben, weil sie nicht existiren konnten. Diese Wage ist an einem Ort aufgehangen, der nicht ist, (das primitive Nichtseiende), denn die auf ihrer Schale existierenden Orte waren noch nicht. Es ist eine ganz innere unsichtbare Wage ohne Stütze. Sie ist das, was nicht ist, was ist und was sein wird. Das trägt diese Wage.“[448]

Wir haben schon in einem früheren Citat gesehen, daß die Könige von Edom, die Urwelten, nicht durchaus verschwunden sind, denn nach dem kabbalistischen System wird nichts absolut geschaffen, und geht nichts absolut unter. Sie haben nur ihren alten Platz verloren, welcher der des aktuellen Universum war. Wenn aber Gott sich außerhalb seiner selbst in menschlicher Gestalt offenbart, erwachen sie wieder um unter andern Namen in das allgemeine System der Schöpfung einzutreten.

„Wenn man sagt, daß die Könige von Edom gestorben sind, so spricht man nicht von einem wirklichen Tod oder von einer vollkommenen Zerstörung, sondern jeder Verlust wird mit dem Namen Tod bezeichnet.“[449]

In Wirklichkeit stiegen sie wieder herab, oder besser gesagt – sie erhoben sich wieder aus dem Nichts, denn sie waren in den äußersten Grad des Universum versetzt worden. Sie repräsentieren die rein passive Existenz, oder, um uns der eigenen Ausdrucksweise 405des Sohar zu bedienen, die Gerechtigkeit ohne irgend welche Beimischung von Gnade, einen Ort der Strenge und Gerechtigkeit[450], wo alles weiblich ohne irgend ein männliches Prinzip, wo alles Widerstand und Trägheit wie in der Materie ist.

Deshalb wurden sie auch die Könige von Edom genannt, denn Edom war diametral Israel entgegengesetzt, welches die Gnade, das Leben, die spirituelle und aktive Existenz repräsentiert. Wir können also, wenn wir die meisten dieser Ausdrücke wörtlich nehmen, mit den neueren Kabbalisten sagen, daß die Urwelten ein Aufenthaltsort für die Bestrafung der Verbrechen geworden sind, und daß von ihnen jene bösartigen Wesen ausgehen, welche der göttlichen Gerechtigkeit zu Werkzeugen dienen. Nichts wird durch diesen Gedanken verändert, denn wie wir bei weiterer Untersuchung des Sohar sehen werden, in welchem die Metempsychose eine so große Rolle spielt, besteht die Züchtigung schuldiger Seelen hauptsächlich in der Wiedergeburt auf niedriger Stufe der Schöpfung und in größerer Sklaverei der Materie. Was die Dämonen anlangt, so wurden sie übereinstimmend mit dem Namen „Hüllen“ (קליפות) bezeichnet und sind weiter nichts als die Materie selbst und die von ihr abhängigen Leidenschaften. Also ist jede Existenzform von der Materie bis zur ewigen Weisheit eine Offenbarung oder, wenn man will, eine Emanation des unendlichen Wesens. Aber es genügt nicht, daß alle Dinge von Gott kommen müssen, um Realität und Bestand zu haben, Gott muß auch beständig inmitten derselben sein, damit er lebe, sich enthülle und von Ewigkeit zu Ewigkeit in ihnen aufs Neue erzeuge, denn wenn er sich von ihnen losmachen wollte, würden sie vergehen wie ein Schatten. Dieser Schatten ist auch ein Teil des göttlichen Wesens; er ist die Grenzmarke, wo Geist und Leben vor unsern Augen verschwinden; er ist das Ende, wie der ideale Mensch der Anfang ist.

Auf diese Grundsätze ist die Kosmologie und Psychologie der Kabbala gegründet.

406

Siebentes Kapitel.
Die Weltanschauung der Kabbalisten.

Was wir über die Anschauungen der Kabbalisten von der göttlichen Natur wissen, nötigt uns, etwas länger bei ihrer Betrachtungsweise der Schöpfung und des Ursprungs der Welt zu verweilen, weil nämlich beides in ihrem Geist ineinander fließt. Wenn sich Gott mit ihr in ihrer unendlichen Totalität, im Gedanken und Sein vereinigt, so ist es gewiß, daß außer ihm nichts existieren und erkannt werden kann, denn Alles, was wir durch die Vernunft oder die Erfahrung erkennen, ist eine teilweise Enthüllung oder ein teilweiser Anblick des absoluten Seins. Die ewige Dauer einer trägen und von ihm getrennten Substanz ist eine Unmöglichkeit, eine Chimäre, und die Schöpfung ist, wie sie gewöhnlich aufgefaßt wird, unmöglich. Diese letzte Konsequenz ist klar in folgenden Worten ausgesprochen:

„Der unteilbare Punkt (das Absolute) hat keine Grenzen und kann nicht erkannt werden. In Folge seiner Stärke und Reinheit hat er sich in sich selbst zurückgezogen und ein Zelt gebildet, das wie ein Vorhang den unteilbaren Punkt bedeckt. Dieses Zelt, obgleich von einem weniger reinen Licht als der Punkt selbst, ist immer noch zu hell, um betrachtet werden zu können. Es hat sich in sich selbst concentriert, und diese Extension dient ihm als Bekleidung. Alles ist also in einer beständig herniedersteigenden Bewegung, welche das Universum geschaffen hat.“[451]

Wir müssen uns ins Gedächtnis zurückrufen, daß das absolute Sein und die sichtbare Natur nur einen einzigen Namen „Gott“ 407haben. Eine andere Stelle deutet uns an, daß die vom Geist ausgehende und mit dem höchsten Gedanken identische Stimme im Grund nichts anderes ist als das Wasser, die Luft und das Feuer, der Norden, der Mittag und alle Kräfte der Natur.[452] Alle diese Elemente und Kräfte sind in einem Ding verbunden, in der vom Geist ausgehenden Stimme. Die Materie endlich, unter einem allgemeinen Gesichtspunkt betrachtet, ist der untere Teil der geheimnisvollen Flamme, von der wir weiter oben gesprochen haben. Durch diese Lehrmeinung suchten sich die Kabbalisten mit dem landläufigen Glauben, daß die Welt aus nichts geschaffen sei zu versöhnen. Aber das Nichts hat für sie einen anderen Sinn als den gewöhnlichen. Es möge folgen, was über diesen Punkt ziemlich deutlich von einem der Kommentatoren des Sepher Jezirah gesagt wird:

„Wenn man zugiebt, daß alle Dinge aus dem Nichts geschaffen sind, so spricht man nicht von dem eigentlichen Nichts, denn niemals kann aus dem Nichtseienden etwas entstehen. Man versteht aber unter dem Nichtseienden das, was nicht seiner Ursache und Wesenheit nach erkannt werden kann, nämlich dasjenige, was wir das primitive Nichtseiende (אין קדמון) nennen, weil es vor der Welt da war. Unter ihm verstehen wir nicht allein die materiellen Objekte, sondern auch die Weisheit, auf welche die Welt gegründet ist. Wenn man nun fragt, was ist das Wesen der Weisheit, und auf welche Weise ist sie in der Weisheit oder der höchsten Krone enthalten? so kann Niemand auf diese Frage antworten, denn in dem Nichtseienden ist kein Unterschied und keine Existenz. Man wird zunächst nicht begreifen, wie die Weisheit mit dem Leben verbunden ist.“[453]

Alle alten und neueren Kabbalisten erklären auf diese Weise das Dogma von der Schöpfung und sagen in daraus sich ergebender Konsequenz: Ex nihilo nihil. Sie glauben weder an eine absolute Vernichtung, noch an eine Schöpfung in der landläufigen Auffassung. Der Sohar sagt:

„Nichts geht in der Welt verloren, selbst nicht der Hauch unseres Mundes. Jedes Ding hat seinen Bestimmungsort, und der Heilige, 408gelobt sei er, läßt dort seine Werke zusammenströmen. Nichts fällt ins Leere, selbst nicht die Stimme des Menschen. Alles hat seinen Bestimmungsort.“[454]

Ein unbekannter Greis sprach diese Worte zu den Schülern des Jochai, und sie erkannten darin einen der geheimnisvollsten Artikel ihres Glaubens, weshalb sie in die Worte ausbrachen:

„O Greis, was hast du gethan? Konntest du nicht Stillschweigen bewahren? Denn jetzt bist du ohne Segel und ohne Mast auf ein uferloses Meer hinausgetragen. Du wolltest fliegen und konntest es nicht, sondern fielst in einen bodenlosen Abgrund.“[455]

Sie führen auch das Beispiel ihres Meisters an, welcher immer gemäßigt in seinen Ausdrücken, sich nicht ohne Mittel zur Rückkehr auf dieses uferlose Meer hinauswagte, d. h. seine Gedanken unter einer Allegorie verbarg. Dieses Mittel wird mit großer Freimütigkeit folgendermaßen kundgegeben:

„Alle Dinge, aus denen die Welt zusammengesetzt ist, der Geist sowohl als der Körper, kehren zu dem Ursprung und der Wurzel zurück, woraus sie entsprossen sind.[456] Sie beginnen aufs Neue am Ende aller Stufen der Schöpfung, welche alle mit ihrem Siegel bezeichnet sind, das man nur mit dem Namen der Einheit bezeichnen kann. Es ist das einzige Wesen ungeachtet der unzähligen Formen, mit denen es bekleidet ist.“[457]

Wenn Gott die Ursache und Substanz oder, wie Spinoza sagen würde, die immanente Ursache des Universum, welches notwendigerweise das Meisterstück der Vervollkommnung, der Weisheit und höchsten Güte ist. Zur Darstellung dieses Gedankens bedienen sich die Kabbalisten einer sehr originellen Ausdrucksweise, wie sie mehrere neuere Mystiker, z. B. Jakob Böhme und St. Martin in ihren Werken anwenden. Sie nennen die Natur eine Segnung und betrachten es als eine sehr bezeichnende Thatsache, daß der Buchstabe, mit welchem das erste Wort des mosaischen Schöpfungsberichtes beginnt (בראשית), auch der Anfangsbuchstabe des Wortes Segen 409(ברכה) ist.[458] – Nichts ist absolut schlecht, nichts ist für immer verdammt, selbst nicht der Erzengel des Bösen, die vergiftete Schlange (חוייא בישא), wie sie denselben manchmal nennen. Es wird die Zeit kommen, wo er seinen Namen und seine Engelsnatur wiedererhalten wird.[459] Schließlich ist die Weisheit hier unten so wenig sichtbar als die Güte, weil das Universum durch das göttliche Wort geschaffen ist und weil es selbst nichts anderes ist als dieses Wort, oder nach der mystischen Ausdrucksweise des Sohar: der artikulierte Ausdruck des göttlichen Gedankens. Es ist, wie wir schon gesehen haben, die Gesamtheit aller Sonderwesen, die in ihrem Keim in den ewigen Formen der höchsten Weisheit existieren. Folgende Worte sind die markanteste Stelle über diese Lehre:

„Der Heilige, gelobt sei er, hatte schon mehrere Welten geschaffen und zerstört, bevor ihm der Schöpfungsgedanke unserer Welt kam. Als nun dieser Gedanke auf dem Punkt angelangt war, sich zu verwirklichen, standen alle Geschöpfe des Weltalls, welche geschaffen werden sollten, vor Gott in ihren wahren Gestalten, wie der Prediger sagt: Was war, wird auch in Zukunft sein, und was sein wird, ist schon gewesen.[460] Jede untere Welt hat Ähnlichkeit mit der obern Welt, und alles, was in der obern Welt existiert, erscheint uns in der untern Welt wie ein Bild, und Alles ist nur Eins.“[461]

Diesen erhabenen Glauben, welchen man – allerdings mehr oder weniger verändert – in allen großen metaphysischen Systemen wiederfindet, haben die Kabbalisten auf ihren Mysticismus zurückgeführt, 410indem sie annehmen, daß Alles eine symbolische Bedeutung besitze, und daß sich alle materiellen Dinge in dem göttlichen Denken oder der menschlichen Intelligenz wiederfinden. Alles, was vom Geist kommt, muß sich äußerlich manifestieren und sichtbar werden.[462] Dies ist die Wurzel des Glaubens an ein himmlisches und ein physiognomisches Alphabet. In folgenden Ausdrücken sprechen die Kabbalisten über das Erstere:

„In der ganzen Ausdehnung des Himmels, der die Welt umgiebt, sind Figuren und Zeichen verborgen, mittelst deren wir die tiefsten und verborgensten Geheimnisse ergründen können. Diese Figuren werden durch die Constellationen und Sterne gebildet, welche für den Weisen ein Gegenstand der Betrachtung und eine Quelle mystischer Freuden sind.[463] Wer sich auf eine Reise begiebt und früh aufsteht, sieht, wenn er aufmerksam den Osten betrachtet, wie diese Buchstaben am Himmel erscheinen; die einen steigen auf, die andern gehen unter. Diese glänzenden Formen sind die Buchstaben, durch welche Gott Himmel und Erde geschaffen hat; sie bilden seinen geheimnißvollen und heiligen Namen.“[464]

Solche Ideen können, wenn sie nicht in einem erhabenen Sinn aufgefaßt werden, einer ernsten Arbeit unwürdig erscheinen. Bevor wir sie aber verurteilen, müssen wir das ganze System des Sohar betrachten, welches voll der glänzendsten und begründetsten Aphorismen ist und sich wohl hütet, gegen unsere intellektuellen Gewohnheiten zu verstoßen, andernfalls würden wir der geschichtlichen Wahrheit untreu werden. Endlich ist noch zu bemerken, daß noch eine große Anzahl ähnlicher Träumereien von dem gleichen Prinzip ausgingen und keineswegs schwachen Köpfen entstammten. Pythagoras und Plato sind hier zu nennen, und alle großen Repräsentanten des Mysticismus, welche in der äußern Natur nur eine lebende Allegorie sehen, nehmen je nach Maßgabe ihrer Intelligenz die Theorie der Zahlen und Ideen an. Es ist dies nur eine Konsequenz ihres allgemeinen metaphysischen Systems oder, wenn es hier gestattet ist, in der philosophischen Sprache unserer Zeit zu reden, ein Urteil a priori, 411welches die Kabbalisten über die Physiognomik abgaben, die ihrer Natur nach schon im Zeitalter des Sokrates bekannt war. Sie sagen:

„Die Physiognomik besteht, wenn wir den Meistern der innern Wissenschaft Glauben schenken dürfen, nicht in der Erkenntniß der sich äußerlich kundgebenden Züge, sondern in der Erkenntniß jener, welche sich auf geheimnißvolle Weise im tiefsten Grund unserer Natur abzeichnen. Die Gesichtszüge verändern oft die Form des innern Gesichts unseres Geistes; der Geist allein aber bringt die die Weisen kennzeichnenden Gesichtszüge hervor; es ist der Geist, welcher ihnen den Ausdruck giebt. Wenn der Geist oder die Seelen von Eden (so nennt man die höchste Weisheit) auswandern, so haben sie alle eine gewisse Gestalt, welche sich später in der Physiognomie ausprägt.“[465]

Auf diese allgemeinen Betrachtungen folgen eine große Anzahl detaillierter Beobachtungen, welche noch heut zu Tage ihre Gültigkeit besitzen. So ist z. B. eine breite und konvexe Stirn das Zeichen eines lebhaften und tiefen Geistes, einer auserlesenen Intelligenz. Eine breite, aber platte Stirn ist ein Zeichen der Dummheit. Eine breite, in eine Spitze auslaufende und an den Seiten zusammengedrückte Stirn ist ein unfehlbares Zeichen eines sehr beschränkten Geistes, welcher jedoch mit einer maßlosen Eitelkeit verbunden sein kann.[466] Endlich werden alle menschlichen Physiognomien in vier Hauptklassen geteilt, welche sich je nach dem Rang, welchen die menschlichen Seelen in der intellektuellen und moralischen Reihenfolge einnehmen von einander entfernen oder sich einander nähern. Diese Figuren werden durch die vier Gestalten des mystischen Wagens des Hesekiel gekennzeichnet: des Menschen, des Löwen, des Ochsen und des Adlers.[467]

Es will uns scheinen, als ob die kabbalistische Dämonologie nichts anderes sei als eine von den verschiedenen Graden des Lebens und der Intelligenz in der äußern Natur abgeleitete Personifikation. Der Glaube an Dämonen und Engel hatte sich seit 412altersgrauer Zeit als eine dem ernsten Dogma von der göttlichen Einheit entgegengesetzte lächerliche Mythologie im menschlichen Glauben festgewurzelt. Warum also hätten sich die Kabbalisten ihrer nicht bedienen sollen, um ihre Ideen über die Beziehungen der Gottheit zur Welt zu verschleiern, da sie sich der Schöpfungslehre bedienten, um gerade das Gegenteil auszudrücken, und der Schrifttexte, um sich von der Autorität der Schrift und Religion zu befreien? Wir haben zu Gunsten dieser Lehre keinen einzigen einwandfreien Text gefunden, aber hier mögen wenigstens einige Wahrscheinlichkeitsgründe folgen:

Erstens ist in drei Fragmenten des Sohar, in den beiden Idra und im Buche des Geheimnisses in verschiedenster Weise sehr viel von der himmlischen und höllischen Hierarchie die Rede, was augenscheinlich eine Erinnerung an die babylonische Gefangenschaft ist. Weiterhin wird in andern Teilen des Sohar von unter dem Menschen stehenden Engeln gesprochen, welche als von einem blinden Impuls angetriebene Kräfte betrachtet werden. Hier eine solche Stelle:

„Gott belebte einen jeden Theil des Firmaments mit einem besondern Geist. Also wurden die himmlischen Heerschaaren gebildet, und sie standen vor ihm. Dies ist mit den Worten ausgedrückt: Mit dem Hauche seines Mundes schuf er die himmlischen Heerschaaren. Die heiligen Engel, welche die Boten des Herrn sind, steigen nur auf einem Weg herab, aber in den Seelen der Gerechten giebt es zwei Wege, welche sich zu einem verbinden. Deshalb steigen die Seelen der Gerechten höher, denn ihr Rang ist ein höherer.“[468]

Die Talmudisten selbst, obgleich sie sich an den Buchstaben halten, bekennen sich zu dem gleichen Grundsatz:

„Die Gerechten stehen höher als die Engel.“[469]

Wir begreifen das, was man mit diesen Geistern, welche die Himmelskörper und Elemente beseelen, sagen will, besser, wenn wir auf ihre Namen und die ihnen zugeschriebenen Verrichtungen Obacht geben.

413

Vor allen Dingen muß man die rein poetischen Personifikationen, über deren Natur kein Zweifel obwalten kann, ausscheiden. Dies sind jene Engel, deren Namen einer moralischen Eigenschaft oder einer metaphysischen Abstraktion entnommen sind, wie z. B. das gute und böse Verlangen, welche man unsern Augen als reale Personen darstellen will, der Engel der Reinheit (Tahariel), der Barmherzigkeit (Rachmiel), der Gerechtigkeit (Zadkiel), der Befreiung (Padael) und der berühmte Raziel, welcher mit eifersüchtigen Augen die Geheimnisse der kabbalistischen Weisheit bewacht.[470]

Etwas anderes ist der von allen Kabbalisten anerkannte Grundsatz, nach welchem das allgemeine System der Wesen, welche die himmlische Hierarchie bilden, in der dritten Welt, welche „die Welt der Gestaltung“ (Olam Jezirah) genannt wird, beginnt, und die die Fixsterne und Planeten umfaßt. Wie wir schon gesagt haben, ist der Herr dieser unsichtbaren Welt der Engel Metatron, welcher unter dem Throne Gottes steht, und durch den dieser „die Welt der Schöpfung“ oder der reinen Geister (Olam Briah) schuf. Seine Aufgabe ist es, die Einheit, Harmonie und Bewegung zu erhalten. Er ist eine jener blinden unendlichen Kräfte, durch welche man Gott unter dem Namen „Natur“ ersetzen wollte. Unter seinem Befehl stehen Myriaden von Geistern, welche man – zweifelsohne zu Ehren der Sephiroth – in zehn Kategorien geteilt hat. Diese untergeordneten Engel befinden sich in den verschiedenen Teilen der Natur, in jeder Sphäre und in jedem Element, während ihr Herr im Universum thront.

Also beherrscht der eine die Bewegungen der Erde, der andere die des Mondes, und das gleiche findet statt bezüglich der anderen Himmelskörper.[471] Der Engel des Feuers heißt Nuriel, der des Lichts Uriel; ein dritter steht den Jahreszeiten vor, ein vierter der Vegetation. Endlich werden alle Erzeugnisse, alle Kräfte und alle Erscheinungen der Natur auf dieselbe Weise repräsentiert.

Die Absicht dieser Allegorien wird vollkommen klar, wenn es sich um die bösen Geister handelt. Wir haben schon die Aufmerksamkeit auf den Namen gelenkt, welchen man im allgemeinen den 414Mächten dieser Ordnung beilegt. Die Dämonen sind für die Kabbalisten die gröbsten, unvollkommensten Formen, die Hüllen der Existenz, nämlich alles das, welches die Abwesenheit des Lebens, der Intelligenz und der Ordnung darstellt. Also bilden diese Engel wie die zehn Sephiroth, zehn Grade, in denen die Finsternis und die Unreinheit sich mehr und mehr verdichtet wie in den höllischen Kreisen Dantes.[472]

Der erste oder vielmehr die beiden ersten sind nichts anderes, als der Zustand, in welchem uns die Genesis die Erde vor dem Werk der sieben Tage zeigt, nämlich die Abwesenheit jeder sichtbaren Form und aller Organisation. Der dritte ist der Aufenthaltsort der Finsternis, der nämlichen Finsternis, welche im Anfang den Abgrund bedeckte. Alsdann folgt das, was man die sieben Tabernakel oder die eigentliche Hölle nennt, welche unsern Augen eine systematische Reihenfolge aller Unordnungen der moralischen Welt und der daraus folgenden Leiden darbietet. Dort sehen wir jede Leidenschaft des menschlichen Herzens, jedes Laster und jede Schwäche, in einem Dämon personifiziert, zu einem Henker werden, welcher in die Welt entsendet wird. Hier ist die Wollust, die Verführung, der Zorn, die grobe Unreinheit, der Dämon der stummen Gräuel, der Totschlag, der Neid, der Götzendienst und der Stolz. Die sieben höllischen Tabernakel werden bis in das Unendliche geteilt[473]; für jede Art der Verkehrtheit giebt es ein besonderes Reich, und man sieht also den Abgrund sich stufenweise in seiner ganzen Tiefe und Unendlichkeit aufthun. Der Beherrscher dieser finstern Welt, welchen die Bibel Satan nennt, trägt in der Kabbala den Namen Samael, das heißt der Engel des Giftes und des Todes, und der Sohar sagt bestimmt, daß der Engel des Todes, die schlechte Begierde, Satan und die Schlange, welche unsere Mutter Eva verführte, ein und dasselbe sind.[474]

Man giebt auch Satan eine Gattin, welche die Personifikation des Lasters und der Sinnlichkeit ist, denn sie wird in der Kabbala die große Hure oder die Meisterin der Ausschweifungen genannt.[475] 415In der Regel wird sie durch das einfache Symbol der Schlange dargestellt.

Wenn man diese Theorie der Dämonen und der Engel auf die einfachste und allgemeinste Form zurückführen will, so wird man sehen, daß die Kabbalisten in jedem Naturerzeugnis und infolgedessen in der gesamten Natur zwei sehr verschiedene Elemente anerkennen: Ein innerliches, unverderbliches, welches sich ausschließlich der Intelligenz enthüllt, nämlich der Geist, das Leben oder die Form; das andere ist rein äußerlich und materiell, und dessen Symbol der Verfall, die Verfluchung und der Tod.

Man kann diese ganze Theorie mit den Worten Spinozas ausdrücken: Omnia, quamvis diversis gradibus, animata tamen sunt.[476]

Auf diese Weise wird die Dämonologie der Kabbalisten eine notwendige Ergänzung ihrer Metaphysik und erklärt uns vollkommen die Namen, mit welchen man die beiden unteren Welten bezeichnet.

416

Achtes Kapitel.
Die Lehrmeinung der Kabbalisten von der menschlichen Seele.

Durch den erhabenen Rang, welchen die Kabbalisten dem Menschen einräumen, empfehlen sie sich nicht nur unserem Interesse, sondern das Studium ihres Systems gewinnt auch eine hohe Wichtigkeit sowohl für die Geschichte der Philosophie als für die der Religion. „Du bist vom Staub und wirst zu Staub werden“, sagt die Genesis, und auf diese Worte des Fluches folgt kein Versprechen einer bessern Zukunft, keine Erwähnung der Seele, welche zu Gott emporsteigt, wenn der Körper zu Erde geworden ist. Nach dem Autor des Pentateuch hat das Urbild der israelitischen Weisheit, der Prediger Salomonis, der Nachwelt folgende fremdartige Parallele hinterlassen:

„Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh; wie dies stirbt, so stirbt er auch; und haben alle einerlei Odem; und der Mensch hat nichts mehr denn das Vieh; denn es ist alles eitel.“[477]

Der Talmud drückt sich manchmal in poetischen Äußerungen über die Belohnungen aus, welche die Gerechten erwarten. Er stellt dieselben dar, sitzend im himmlischen Eden, das Haupt mit Licht umflossen und sich der göttlichen Herrlichkeit freuend. Aber die menschliche Natur sucht er mehr zu erniedrigen als zu adeln.[478]

„Woher kommst du? Von einem Tropfen faulenden Stoffes. Wohin gehst du? In die Mitte des Staubes, der Verderbnis 417und der Würmer. Und vor wem wirst du dich eines Tages rechtfertigen und Rechenschaft geben von deinen Handlungen? Vor demjenigen, welcher herrscht über die Könige der Könige, vor dem Heiligen, gelobt sei er.“[479]

Dieses sind die Worte, welche man in einer Sammlung von Sentenzen liest, welche einem der ältesten und geachtetsten Häupter der talmudistischen Schule zugeschrieben wird. Der Sohar belehrt uns in einer ganz andern Sprache über unsern Ursprung, unsere zukünftige Bestimmung und unsere Beziehungen zum göttlichen Wesen. Er sagt:

„Der Mensch ist die Zusammenfassung und der erhabenste Ausdruck der Schöpfung; deshalb wurde er am sechsten Tag geschaffen. Sobald der Mensch erschien, war alles vollendet, sowohl die obere als die untere Welt, denn alles ist im Menschen zusammengefaßt, er vereinigt in sich alle Formen.“[480]

Aber es ist nicht allein das Bild der Welt, der Universalität der Wesen, die man unter dem absoluten Sein versteht, er ist auch das Bildnis Gottes, betrachtet in der Gesamtheit seiner unendlichen Attribute. Er ist die göttliche Anwesenheit auf der Erde, der himmlische Adam, welcher, von der tiefsten und ersten Dunkelheit ausgehend, den irdischen Adam geschaffen hat.[481]

Es möge hier in erster Linie folgen, in welcherlei Hinsicht der Sohar den Menschen die kleine Welt nennt:

„Glaube nicht, daß der Mensch allein Fleisch, Haut, Knochen und Adern sei. Im Gegentheil: Das, was wirklich den Menschen ausmacht, ist seine Seele, und die Dinge, von denen wir sprachen, die Haut, das Fleisch, die Knochen, die Adern, sind für uns nur ein Kleid, ein Schleier, aber sie sind nicht der Mensch. Wenn der Mensch stirbt, legt er alle Schleier ab, welche ihn bedecken. Jedoch sind diese verschiedenen Theile unseres Körpers übereinstimmend mit den Geheimnissen der höchsten Weisheit. Die Haut entspricht dem Firmament, welches sich allenthalben ausdehnt und alle Dinge wie ein Kleid bedeckt. Das Fleisch entspricht der üblen Seite des 418Universum, die wir weiter oben das rein äußerliche und sinnliche Element genannt haben. Die Knochen und Adern bilden den himmlischen Wagen, die innerlichen Kräfte, die Diener Gottes. Alles dies ist jedoch nur ein Kleid. Denn im Innern ist das Geheimniß des himmlischen Menschen verborgen. Also steigt der irdische Mensch, der himmlische und innere Adam, sowohl hinauf als herab. Es hat dies denselben Sinn, als wie gesagt ist, daß Gott den Menschen nach seinem Bilde schuf. Aber selbst am Firmament, welches das Weltall einschließt, sehen wir verschiedene durch die Sterne und Planeten gebildete Figuren, welche uns verborgene Dinge und tiefe Geheimnisse ankündigen. Ebenso finden wir auf der Haut, welche unsern Körper umgiebt, Formen und Züge, welche als die Planeten und Sterne unseres Körpers zu betrachten sind. Alle diese Formen haben einen verborgenen Sinn und sind ein Gegenstand der Aufmerksamkeit für die Weisen, welche im Gesicht des Menschen lesen können.“[482]

Allein durch die Gewalt seiner äußern Gestalt, durch den Reflex der Intelligenz und der über seine Züge ausgegossenen Größe macht der Mensch die wildesten Tiere erzittern.[483] Der Engel, welchen Gott Daniel zur Verteidigung gegen die Wut der Löwen sandte, ist nach dem Sohar nichts anderes, als das Gesicht des Propheten, oder die Herrschaft, welche ein reiner Mensch ausübt. Aber er fügt hinzu, daß dieser Vorzug sogleich verschwindet, sobald sich der Mensch durch die Sünde und das Vergessen seiner Pflichten herabsetzt.[484] Wir wollen nicht länger bei diesem Punkt verweilen, weil derselbe, wie wir schon bemerkt haben, durchaus unter die Theorie von der Natur gehört.

An sich selbst betrachtet, das heißt, unter dem Gesichtspunkt der Seele und verglichen mit Gott, bevor derselbe in der Welt sichtbar wurde, ruft uns das menschliche Wesen durch seine Einheit, seine substantielle und seine dreifache Natur vollkommen die höchste Trinität ins Gedächtnis zurück. Er ist aus folgenden Elementen zusammengesetzt:

419

1. Aus dem Geist, נשמה, welcher den erhabensten Grad seiner Existenz repräsentiert; 2., aus der Seele, רוח, welche das Behältnis des Guten und Bösen, des guten und schlechten Verlangens, mit einem Wort: der moralischen Eigenschaften ist; 3., aus einem gröberen Geist, נפש, welcher in unmittelbarer Verbindung mit dem Körper steht und direkt das verursacht, was der Text „die untern Bewegungen“, d. h. die Handlungen und Instinkte des tierischen Lebens verursacht.

Um zu begreifen, wie sich diese drei Prinzipien oder vielmehr diese drei Grade der menschlichen Existenz, ungeachtet des sie trennenden Abstandes, sich zu einem einzigen Wesen verbinden, wird hier der Vergleich wiederholt, dessen sich schon das Buch der Schöpfung hinsichtlich der göttlichen Attribute bedient. An einer Unzahl von Stellen wird von diesen drei Seelen gesprochen; aber ihrer Klarheit wegen bringen wir nur die folgenden zur Wiedergabe:

„In den drei Dingen, dem Geist, der Seele und dem sinnlichen Leben finden wir ein getreues Bild von dem, was von oben herabsteigt; denn alle drei bilden nur ein einziges Wesen, in welchem alles zu einer Einheit verbunden ist. Das sinnliche Leben besitzt an sich selbst kein Licht und ist deshalb mit dem Körper eng verbunden, welchem es die Freuden und die Nahrung, deren er bedarf, beschafft. Man kann es mit den Worten des Weisen erklären: ‚Es bereitet seinem Haus die Nahrung und weist den Knechten ihr Tagewerk an.‘ Das Haus ist der zu ernährende Körper, und die Knechte sind die Glieder, welche ihm gehorchen. Über das sinnliche Leben erhebt sich die Seele, welche es unterjocht, ihm Gesetze auflegt und erleuchtet, soviel es die Natur bedarf. Das animalische Prinzip steht also unter der Herrschaft der Seele. Über die Seele endlich erhebt sich der Geist, welcher alles beherrscht und auf sie ein Licht des Lebens wirft. Die Seele wird durch dieses Licht erleuchtet, und alles hängt vollkommen vom Geist ab. Nach dem Tod hat sie keine Ruhe; die Thore des Eden werden nicht eher geöffnet, als bis der Geist zu seiner Quelle, dem Ältesten der Alten, zurückgekehrt ist, um von ihm von Ewigkeit zu Ewigkeit erfüllt zu werden, denn alles kehrt zu seiner Quelle zurück.“[485]

420

Jede dieser drei Seelen hat, wie leicht einzusehen, ihren Ursprung in einem verschiedenen Grad der göttlichen Wesenheit. Die höchste Weisheit, welche auch das himmlische Eden genannt wird, ist der alleinige Ursprung des Geistes. Die Seele kommt nach den Auslegern des Sohar von dem Attribut, welches in sich die Gerechtigkeit und Gnade vereinigt, nämlich von der Schönheit. Das animalische Prinzip endlich, welches sich nie über diese Welt erhebt, hat keine andere Basis als die Attribute der Stärke, welche im Reich zusammengefaßt sind.

Außer diesen drei Elementen kennt der Sohar noch ein anderes von ganz außerordentlicher Natur, auf dessen alten Ursprung wir im weiteren Verlauf zurückkommen werden. Es ist die äußere Form des Menschen, aufgefaßt als eine vom Körper getrennte Existenz, mit einem Wort: die Idee des Körpers mit den persönlichen Zügen, welche uns von den andern unterscheiden. Diese Idee steigt vom Himmel herab und wird sichtbar im Augenblick der Empfängnis.

„In dem Augenblick der irdischen Vereinigung sendet der Heilige, dessen Name gelobt sei, vom Himmel herab eine Form von der Ähnlichkeit des Menschen, welche den Abdruck des göttlichen Siegels trägt. Diese Form hilft bei dem Act, von welchem wir sprechen, und wenn das Auge sehen könnte, was dabei vorgeht, so würde man über seinem Haupt ein dem menschlichen Gesicht vollkommen ähnliches Bild erblicken, welches das Modell ist, nach welchem wir geschaffen sind. Wenn es von dem Herrn nicht herabgesandt wird und nicht über unser Haupt schwebt, so findet keine Zeugung statt, denn es steht geschrieben: ‚Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde.‘ Dieses Bild empfing uns bei unserer Ankunft auf der Welt, es entwickelt sich, wenn wir wachsen, und verläßt mit uns die Erde. Sein Ursprung ist im Himmel. Im Augenblick, wo die Seelen ihren himmlischen Aufenthaltsort verlassen, erscheint jede Seele vor dem höchsten König, bekleidet mit einer erhabenen Form, in welche die Züge eingegraben sind, welche sie hier unten tragen soll. Das Bild, von dem wir reden, besteht in dieser erhabenen Form, es kommt als drittes hinter der Seele, es geht uns auf der Erde voraus und erwartet unsere Ankunft 421seit dem Augenblick der Empfängniß; es ist beständig gegenwärtig bei dem Akt der ehelichen Vereinigung.“[486]

Bei den neueren Kabbalisten wird dieses Bild das individuelle Prinzip genannt.

Endlich haben einige unter dem Namen Lebensgeist in die kabbalistische Psychologie ein fünftes Prinzip eingeführt, welches seinen Sitz im Herzen hat, und das der Kombination und Organisation der materiellen Elemente vorsteht und sich gänzlich vom Prinzip des tierischen Lebens, vom sinnlichen Leben unterscheidet, wie bei Aristoteles und den scholastischen Philosophen die negative Seele sich von der sensitiven unterscheidet. Diese Meinung gründet sich auf eine allegorische Stelle des Sohar, wo gesagt wird, daß jede Nacht während unseres Schlafs unsere Seele zum Himmel hinaufsteigt, um Rechenschaft von ihrem Tagewerk abzulegen, und daß in diesem Augenblick der Körper nur von einem im Herzen wohnenden Lebenshauch beseelt wird.[487]

Aber diese beiden letzteren Elemente zählen nichts in unserer geistigen Existenz, welche völlig in der innigen Verbindung des Geistes mit der Seele aufgeht. Was nun die augenblickliche Verbindung dieser beiden oberen Prinzipien mit dem sinnlichen anlangt, wodurch dieselben an die Erde gekettet werden, so wird sie nur als ein Übel angesehen.

Man will dieselbe nicht nach dem Beispiel des Origenes und der Gnostiker für einen Fall oder ein Exil gelten lassen, wohl aber für ein Erziehungsmittel und eine heilsame Probe. In den Augen der Kabbalisten ist es eine Notwendigkeit für die Seele, eine mit ihrer endlichen Natur zusammenhängende Notwendigkeit, eine Rolle im Universum zu spielen, das Schauspiel der Schöpfung zu betrachten, und das Bewußtsein ihrer selbst und ihres Ursprungs zu erhalten, und zurückzukehren ohne sich vollkommen mit der unerschöpflichen Quelle des Lichtes und Lebens zu vermischen, welche man den göttlichen Gedanken nennt. Im andern Fall würde der Geist nicht hernieder steigen können, ohne gleichzeitig die beiden unteren Prinzipien, ja sogar die noch niedriger stehende Materie zu erheben. 422Wenn das menschliche Leben vollendet ist, ist es gewissermaßen eine Art Versöhnung zwischen den beiden äußersten Grenzen der Existenz, in ihrer Gesamtheit betrachtet, zwischen dem Idealen und Realen, zwischen der Form und dem Stoff, oder wie das Original sagt, zwischen dem König und der Königin. Es mögen hier diese beiden zwar in poetischer Form, aber unverkennbar geschilderten Konsequenzen folgen:

„Die Seelen der Gerechten sind über alle Mächte und Diener des Himmels erhöht. Und wenn du fragst, warum sie von einer so erhabenen Stelle auf die Welt herabsteigen und sich von ihrem Ursprung entfernen, so antworte ich darauf: Es ist das Beispiel eines Königs, welchem ein Sohn geboren wird, welchen er auf das Land schickt, damit er dort ernährt und erzogen werde, bis daß er groß geworden und vorbereitet ist zu den im Palast seines Vaters herrschenden Gebräuchen. Wenn man nun dem König meldet, daß die Erziehung seines Sohnes vollendet sei, was wird er wohl in seiner Liebe zu ihm thun? Er läßt, um seine Rückkehr zu feiern, die Königin, seine Mutter, holen, er führt ihn in seinen Palast und freut sich mit ihm den ganzen Tag. Der Heilige, gelobt sei sein Name, hat auch einen Sohn von der Königin; dieser Sohn ist die obere und heilige Seele. Er schickt sie auf das Land, das heißt in diese Welt, um hier groß und eingeführt zu werden in die Gebräuche, welche man im Palast des Königs befolgt. Wenn es nun zur Kenntniß des Königs kommt, daß sein Sohn erwachsen und die Zeit gekommen ist, ihn bei sich einzuführen, was wird er dann in seiner Liebe zu ihm thun? Er läßt ihm zu Ehren die Königin holen und den Sohn in seinen Palast eintreten. So verläßt die Seele die Erde nicht, bevor nicht die Königin sich mit ihr verbunden hat, um sie in den Palast des Königs einzuführen, wo sie ewig wohnen wird. Und doch haben die Landbewohner die Gewohnheit zu weinen, wenn der Sohn des Königs sich von ihnen trennt. Wenn aber ein hellsehender Mann zugegen wäre, so würde er zu ihnen sagen: Warum weint ihr? Ist es nicht der Sohn des Königs? Ist es nicht recht, daß er euch verläßt, um im Palast seines Vaters zu wohnen? Deshalb richtete Moses, welcher die Wahrheit wußte und sah, daß die Landbewohner, das heißt die Menschen zu klagen pflegen, an sie folgende Worte: Ihr seid 423Kinder des Herrn, eures Gottes: Ihr sollt euch nicht Maale stechen, noch kahl scheeren über den Augen über einem Todten.[488] – Wenn alle Gerechte diese Dinge wüßten, so würden sie mit Freuden den Tag erwarten, an dem sie diese Welt verlassen müssen. Und ist es nicht der Gipfel des Ruhmes, wenn die Königin, die Schechinah oder die göttliche Gegenwart, in ihre Mitte herabsteigt, damit sie in den Palast des Königs aufgenommen werden und seine Wonnen schmecken von Ewigkeit zu Ewigkeit.“[489]

Wir finden hier noch in den Beziehungen, welche zwischen Gott, der Natur und der menschlichen Seele bestehen, die nämliche Form der Trinität, welcher wir so oft begegnet sind, und der die Kabbalisten eine viel größere logische Wichtigkeit beilegen, als man nach dem exklusiven Kreis der religiösen Ideen noch erwarten sollte.

Aber nicht allein unter diesem Gesichtspunkt ist die menschliche Natur das Bild Gottes; sie schließt auch auf allen Stufen ihrer Existenz die beiden Prinzipien in sich ein, welche mit Hilfe eines Mittelgliedes aus ihrer Verbindung hervorgeht, wodurch die Trinität, welche das Resultat oder der vollkommenste Ausdruck ist, erzeugt wird. Der himmlische Adam ist das Resultat eines männlichen und weiblichen Prinzips. Dies mußte sein, damit daraus der irdische Mensch entstehen konnte, und diese Unterscheidung findet sowohl hinsichtlich des Körpers, als auch der Seele, in ihrer höchsten Reinheit betrachtet, statt. Der Sohar sagt:

„Jede Form, in welcher man nicht ein männliches und ein weibliches Prinzip findet, ist keine obere und vollkommene Form. Der Heilige, gelobt sei er, schlägt seine Wohnung nur an einem Ort auf, wo diese beiden Prinzipien vollkommen vereinigt sind. Nur von hier und durch diese Vereinigung strömt der Segen herab, wie wir aus folgenden Worten ersehen: Er segnete sie und nannte ihren Namen Adam an dem Tag, an welchem er sie schuf, denn selbst der gegebene Name Mensch kann nur einem Mann und einer Frau werden, welche zu einem einzigen Wesen vereinigt sind.“[490]

Die Seele war ursprünglich so eng mit der höchsten Intelligenz verbunden, daß beide Hälften des menschlichen Wesens, in welchem 424alle Elemente unserer geistigen Natur zusammengefaßt sind, sich unter einander vereinigt befanden, bevor sie auf diese Welt kamen, wohin sie gesandt wurden, um sich selbst zu erkennen und sich von neuem im Schoße der Gottheit zu vereinigen. Dieser Gedanke ist nirgends so rein ausgedrückt als in folgendem Fragment:

„Vor ihrer Herabkunft auf die Erde ist jede Seele und jeder Geist aus einem Mann und einer Frau zusammengesetzt, welche zu einem einzigen Wesen vereinigt sind. Indem sie zur Erde herabsteigen, trennen sich beide Hälften und beseelen verschiedene Körper. Wenn aber die Zeit der Ehe gekommen ist, vereinigt der Heilige, gelobt sei er, welcher alle Seelen und alle Geister kennt, sie wie zuvor, und alsdann bilden sie wie vorher einen einzigen Körper und eine einzige Seele. Aber das sie verbindende Band entspricht den Werken des Menschen und den Wegen, welche er wandelte. Wenn der Mensch rein war und fromm handelte, so wird er sich einer Vereinigung erfreuen, welche vollkommen jener gleicht, die seiner Geburt vorausging.“[491]

Der Autor scheint hier von den Androgynen Platos zu sprechen, deren Name in der alten Tradition der Hebräer bekannt genug ist. Aber wie kommt dieser Punkt der griechischen Philosophie in die Kabbala? Man wird uns die Bemerkung gestatten, daß diese Frage hier präokkupiert erscheint, daß aber der Grundsatz, nach welchem sie gelöst wird, nicht unwürdig eines so großen metaphysischen Systems erscheint: Denn, wenn Mann und Frau ihrer geistigen Natur nach und hinsichtlich der absoluten moralischen Gesetze gleiche Wesen sind, so sind sie hinsichtlich der natürlichen Richtung ihrer Fähigkeiten vollkommen ähnlich, und wir haben allen Grund, mit dem Sohar zu sagen, daß die Trennung der Geschlechter nicht weniger für die Seelen als für die Körper Geltung besitzt.

Der Glaube, welchen wir jetzt klarlegen, ist unzertrennlich von dem Dogma der Präexistenz und bereits mit der Ideenlehre verbunden, indem er genau mit ihr die Existenz und den Gedanken verbindet. Auch ist dieses Dogma mit völliger Klarheit in dem Prinzip klargelegt, worin es seinen Ursprung hat. Wir brauchen nur unsere bescheidene Rolle des Übersetzers beizubehalten:

425

„In der Zeit, in welcher der Heilige, gelobt sei er, das Universum schaffen wollte, war dasselbe bereits in seinen Gedanken gegenwärtig. Er schuf deshalb die Seelen, welche in der Folge den Menschen gehören sollten. Sie standen alle vor ihm vollkommen in der Form, welche sie nachher in den menschlichen Körpern annehmen sollten. Der Ewige betrachtete eine nach der andern und sah mehrere, welche ihre Wege auf der Welt verderben würden. Wenn ihre Zeit gekommen ist, wird jede dieser Seelen vor den Ewigen gerufen, welcher zu ihnen sagt: Gehe auf den oder jenen Theil der Erde und belebe diesen oder jenen Körper. Die Seele antwortet ihm: O Herr des Weltalls, ich bin glücklich auf der Welt, in welcher ich bin, und ich wünsche sie nicht um eine andere zu verlassen, wo ich jeder Beschmutzung ausgesetzt bin. Alsdann wird der Heilige, gelobt sei er, antworten: Am Tag, an welchem du geschaffen wurdest, hattest du keine andere Bestimmung, als auf die Welt zu gehen, wohin ich dich sandte. Die Seele schlug mit Schmerzen den Weg zur Erde ein und stieg in die Mitte von uns herab.“[492]

Dieselbe Idee finden wir einfacher ausgedrückt in folgender Stelle:

„Insofern vor der Schöpfung alle Dinge im göttlichen Gedanken gegenwärtig waren in den ihnen eigenthümlichen Formen, existirten alle menschlichen Seelen, bevor sie auf diese Welt herabstiegen, in Gott und dem Himmel in der Form, welche sie hier unten beibehielten; und alle, welche zur Erde herabstiegen, wußten dies, bevor sie hier ankamen.“[493]

Man wird leicht mit uns einsehen, daß ein Prinzip von solcher Wichtigkeit nicht irgend welchen Offenbarungen entstammt, um seinen Platz in der Gesamtheit des Systems einzunehmen, im Gegenteil wird es auf eine viel kategorischere Weise gebildet sein müssen.

Wir müssen uns jedoch hüten, die Lehre von der Präexistenz mit derjenigen der moralischen Prädestination zu verwechseln. Mit dieser wird die menschliche Freiheit vollkommen unmöglich; mit jener ist sie nur ein Geheimnis, wozu der heidnische Dualismus und 426das biblische Dogma von der Schöpfung ebensowenig geeignet sind, den Schleier zu lüften, als der Glaube an die absolute Einheit. Dieses Mysterium wird förmlich im Sohar anerkannt:

„Simon ben Jochai sagte zu seinen Schülern: Wenn der Herr, gelobt sei er, in uns nicht das gute und böse Verlangen gelegt hätte, welches uns die heilige Schrift unter dem Bilde des Lichtes und der Finsterniß darstellt, so würde für den Menschen weder Verdienst noch Schuld existiren. Aber warum ist diesem also? fragten seine Schüler. Wäre es nicht besser, wenn für ihn weder Lohn noch Strafe existirten, damit der Mensch nicht sündigen und Böses thun könnte? Nein, entgegnete der Meister, es ist gerecht, daß der Mensch so geschaffen wurde, wie er ist, denn alles, was der Heilige geschaffen hat, gelobt sei er, war nothwendig. Wegen des Menschen wurde das Gesetz der Schöpfung geschaffen. Dieses Gesetz ist ein Kleid der Gottheit. Ohne den Menschen und ohne dieses Gesetz würde die göttliche Gegenwart gewesen sein wie ein Armer, der seine Blöße nicht bedecken kann.“[494]

Mit andern Worten ist die moralische Natur des Menschen die Idee des Guten und Bösen, welche man ohne den Begriff der Freiheit nicht erfassen kann, eine derjenigen Formen, unter welchen wir uns das absolute Wesen vorzustellen gezwungen sind. Wir haben schon oben gesehen, daß Gott die Seelen, welche ihn eines Tages verlassen, schon vor ihrer Ankunft auf der Welt erkennt. Aber der Begriff der Freiheit ist nicht von dieser Meinung abhängig; im Gegenteil, sie existiert schon zu dieser Zeit, und hier möge folgen, wie die freien Geister noch die Ketten der Materie mißbrauchen:

„Alle diejenigen, welche auf der Welt Böses thun, haben schon im Himmel angefangen, sich vom Heiligen, dessen Name gelobt sei, zu entfernen; sie haben sich in den Abgrund gestürzt und sind vor der ihnen bestimmten Zeit zur Erde herabgestiegen. So waren diese Seelen vor ihrer Ankunft unter uns beschaffen.“[495]

Dies ist hinlänglich, um den Begriff der Freiheit mit der Bestimmung der Seele zu verbinden und dem Menschen die Möglichkeit der Verbesserung seiner Fehler zu lassen, ohne ihn für immer 427aus dem Schoße der Gottheit zu verbannen. Deshalb haben die Kabbalisten das pythagoräische Dogma der Metempsychose angenommen, jedoch dasselbe veredelt. Die Seelen müssen, wie alle Sonderexistenzen dieser Welt, zur absoluten Substanz zurückkehren, von welcher sie ausgegangen sind. Darum müssen aber alle Fähigkeiten der Vervollkommnungen, deren unzerstörbarer Keim in ihnen liegt, entwickelt werden; sie müssen durch eine Menge von Proben das Bewußtsein ihrer selbst und ihres Ursprungs gewinnen. Wenn sie diese Bedingungen nicht in einem früheren Leben erfüllt haben, so beginnen sie ein neues und nach diesem ein drittes mit immer neuen Proben, denn alles kommt schließlich darauf an, daß die Seelen immer neue Tugenden erwerben, welche ihnen früher gefehlt traben. Dieses Exil hört auf, wenn wir wollen; nichts aber hindert uns, daß es ewig dauere. Der Text sagt:

„Alle Seelen sind der Probe der Seelenwanderung (Gilgul) unterworfen, und die Menschen wissen nicht, was sie sind in Bezug auf die Wege, welche der Allerhöchste mit ihnen einschlägt. Sie wissen nicht, daß sie für alle Zeiten gerichtet sind, bevor sie auf diese Welt herabkommen und wenn sie dieselbe verlassen. Sie wissen nicht, wieviel Transformationen und geheimnisvolle Proben sie durchmachen müssen, wieviel Seelen und Geister auf diese Welt herabkommen, welche niemals in den Palast des himmlischen Königs zurückkehren; wieviel sie endlich solche Verwandlungen bis zum Stein, welchen man mit der Schleuder wirft, durchmachen müssen. Die Zeit ist endlich gekommen, daß diese Geheimnisse enthüllt würden.“[496]

Auf diese Worte, welche so vollständig mit der Metaphysik des Sohar im Einklang stehen, folgen Details, in denen sich die höchste poetische Imagination kundgiebt, welche vielleicht das Genie Dantes in seinem unsterblichen Werk gesammelt hätte, die aber keinerlei Interesse für die Geschichte der Philosophie besitzen und nichts dem hier kennen zu lernenden System hinzufügen. Wir bemerken hier nur, daß die Seelenwanderung, wenn wir dem heiligen Hieronymus Glauben schenken dürfen, unter den ersten Christen lange Zeit als eine esoterische und traditionelle Lehre im Umlauf 428war, welche nur einer kleinen Anzahl Auserlesener anvertraut wurde: „abscondite quasi in foveis viperarum versari, et quasi haereditario malo serpere in paucis.“ Origenes betrachtet die Seelenwanderung als das einzige Mittel zur Erklärung gewisser biblischer Erzählungen, wie zum Beispiel des Kampfes von Jakob und Esau vor ihrer Geburt, von der Auswahl des Jeremias, als er sich noch im Mutterschoß befand, und einer Menge anderer Erzählungen, welche den Himmel der Ungerechtigkeit anklagen würden, wenn sie nicht durch gute oder böse Handlungen in einem früheren Leben gerechtfertigt würden. Um nun schließlich keinerlei Zweifel über den Ursprung dieses Glaubens aufkommen zu lassen, trägt der Priester von Alexandria Sorge zu sagen, daß es sich hier nicht um die Metempsychose Platos, sondern um eine davon ganz verschiedene und weit erhabenere Theorie handelt.

Weiterhin glauben die neueren Kabbalisten, daß die göttliche Gnade uns in der eigentlichen Metempsychose ein Mittel zur Wiedererlangung des Himmels darbietet. Sie geben an, daß, wenn zwei Seelen die Kraft fehlt, – jede für sich die Vorschriften des Gesetzes zu erfüllen, Gott sie beide in einem einzigen Körper und zu einem Leben verbindet, damit eine die andere ergänze, wie der Blinde den Lahmen. Manchmal hat eine dieser beiden Seelen die Ergänzung einer Tugend nötig, welche in der andern besser und stärker entwickelt ist. Diese wird alsdann gewissermaßen die Mutter der ersteren; sie trägt dieselbe alsdann in ihrem Schoß und ernährt sie wie die Mutter ihr Kind. Dies ist der kabbalistische Sinn der Worte „Trächtigkeit“ oder „Schwangerschaft“, mit welchen diese merkwürdige Verbindung bezeichnet wird, deren philosophischer Sinn sehr schwer zu begreifen ist. Aber lassen wir hier diese Träumereien oder unwichtigen Allegorien und halten wir uns weiter an den Text des Sohar.

Wir wissen bereits, daß die Rückkehr der Seele in den Schoß der Gottheit stets das Ende und die Belohnung aller Proben ist, von denen wir sprachen.[497] Jedoch haben die Autoren des Sohar dabei nicht Halt machen wollen: diese Verbindung, aus welcher für den Schöpfer sowohl als für das Geschöpf unaussprechliche 429Freuden hervorgehen, schien ihnen eine natürliche Thatsache, deren Prinzip in der Natur des Geistes selbst begründet ist; mit einem Wort, sie wollten es durch ein psychologisches System erklären, welches man ohne Ausnahme in allen dem Mysticismus entsprungenen Theorien wiederfindet. Nachdem der Sohar von der menschlichen Natur die blinde Kraft getrennt hat, welche dem tierischen Leben vorsteht, das nie die Erde verläßt und infolgedessen keine Rolle in der Bestimmung der Seele spielt, unterscheidet der Sohar noch zwei Arten des Empfindens und Erkennens. Die beiden ersten sind die Furcht und die Liebe: das direkte und reflektierte Licht, oder das innere und äußere Gesicht; dieses sind die Ausdrücke, welche gewöhnlich zur Bezeichnung der beiden letzteren angewendet werden. Der Text sagt:

„Das innere Gesicht empfängt sein Licht von der höchsten Flamme, welche in Ewigkeit leuchtet, und deren Geheimniß nie entschleiert werden wird, es ist innerlich, weil es von einer verborgenen Quelle stammt; es ist auch erhaben, weil es von oben kommt. Das äußere Gesicht ist nur ein Reflex dieses Lichtes, welches direkt von oben emanirt.“[498]

Als Gott zu Moses sagte, daß er ihn nie von Angesicht, sondern nur von hinten sehen werde, spielt er auf diese beiden Weisen des Erkennens an, welche außerdem noch durch den Baum des Lebens dargestellt werden, welcher die Erkenntnis des Guten und Bösen giebt. Es ist mit einem Wort das, was wir heute die Intuition und die Reflexion nennen. Die Liebe und die Furcht, vom religiösen Standpunkt aus betrachtet, werden in einer sehr bemerkenswerten Weise in folgendem Satz definiert:

„Durch die Furcht wird der Mensch zur Liebe geführt. Ohne Zweifel ist der Mensch, welcher Gott aus Liebe gehorcht, auf der erhabensten Stufe angekommen, und ihm gebührt schon in Folge seiner Heiligkeit das zukünftige Leben; aber man darf nicht glauben, daß Gott aus Furcht dienen, Gott nicht dienen sei. Es ist im Gegentheil eine sehr wichtige Ehrerbietung gegen Gott, daß die Furcht vor Gott zwischen diesem und einer weniger fortgeschrittenen Seele ein gewisses Band herstellt. Es giebt nur eine über die 430Furcht erhabene Stufe, nämlich die Liebe. In der Liebe ist das Geheimniß der Einheit verborgen. Sie ist es, welche die Einen zu den obern Stufen hinauf und die Andern zu den untern hinabzieht. Sie ist es, welche alles Seiende auf die höchste Stufe erhebt, wo Alles nothwendiger Weise vereinigt werden muß. Dies ist der geheimnisvolle Sinn der Worte: Höre, Israel, der Herr, dein Gott, ist ein einiger Gott.“[499]

Wir begreifen auf der Stelle, wenn wir einmal auf diesem höchsten Grad der Vollkommenheit angelangt sind, daß der Geist weder Reflexion noch Furcht mehr kennt, daß vielmehr seine in die Intuition und Liebe eingeschlossene glückliche Existenz ihren individuellen Charakter verloren hat; ohne Interesse, ohne Handlung, ohne Rückkehr zu sich selbst kann sie sich nicht mehr von der göttlichen Wesenheit trennen. Hier möge folgen, wie sie sich zunächst unter dem Gesichtspunkt der Intelligenz darstellt:

„Kommet und sehet: wenn die Seelen an den Ort gekommen sind, welche man den Schatz des Lebens nennt, so erfreuen sie sich jenes glänzenden Lichtes, dessen Herd im höchsten Himmel ist: und so groß ist der von ihm ausgehende Glanz, daß ihn die Seelen nicht würden ertragen können, wenn sie nicht mit einer Lichthülle bekleidet wären. Dank dieser Hülle können sie Angesichts dieses blendenden Herdes bestehen, welcher den Aufenthaltsort des Lebens verklärt. Moses selbst konnte sich ihm nur nähern, um ihn zu betrachten, nachdem er seine irdische Hülle abgelegt hatte.“[500]

Wenn wir nun wissen wollen, wie sich Gott aus Liebe mit der Seele vereinigt, so müssen wir die Worte jenes Greises hören, welchen der Sohar nächst Simon ben Jochai die größte Rolle spielen läßt:

„In einem der geheimsten und erhabensten Orte des Himmels steht ein Palast, welchen man den Palast der Liebe nennt. Von ihm gehen die tiefsten Geheimnisse aus; in ihm sind alle vom himmlischen König geliebten Seelen versammelt; in ihm wohnt der himmlische König, der Heilige, gelobt sei er, mit den heiligen Seelen und vereinigt sich mit ihnen durch Küsse der Liebe.“[501]

431

Kraft dieser Idee wird der Tod des Gerechten ein Kuß Gottes genannt. Der Text sagt ausdrücklich:

„Dieser Kuß ist die Vereinigung der Seele mit der Substanz, woraus sie entsprungen ist.“[502]

Das gleiche Prinzip macht uns begreiflich, warum die Interpreten des Mysticismus den zärtlichen, aber oft sehr profanen Ausdrücken des Hohenliedes eine so große Verehrung entgegen bringen.

„Mein Geliebter gehört mir, und ich gehöre meinem Geliebten“, sagte Simon ben Jochai vor seinem Tod, und es verdient als wichtig bemerkt zu werden, daß dieser Ausdruck auch die Abhandlung Gersons über die mystische Theologie schließt. Ungeachtet der Überraschung, welche der eben genannte berühmte Name und der große Name Fenelons in Verbindung mit dem Sohar hervorrufen könnte, würden wir keine Mühe haben, darzulegen, daß in den „Betrachtungen über die mystische Theologie“ und in der „Auseinandersetzung der Grundsätze der Heiligen“ es unmöglich ist, etwas anderes zu finden, als diese Theorie der Liebe und Betrachtung, deren Grundzüge wir darlegten. Ihre letzte Konsequenz hat endlich niemand mit solchem Freimut dargestellt wie die Kabbalisten. Unter den verschiedenen Stufen der Existenz, welche man auch die sieben Tabernakel nennt, giebt es eine, welche der Heiligste der Heiligen genannt wird, auf welcher alle Seelen sich mit der höchsten Seele vereinigen und einander ergänzen. Hier kehrt alles zur Einheit und Vollkommenheit zurück; alles verbindet sich zu einem einzigen Gedanken, welcher sich über das Weltall ausdehnt und dasselbe völlig erfüllt. Aber der Grund dieses Gedankens, das Licht, welches sich verbirgt, und das nie verlöscht oder erkannt werden kann, wird nur sichtbar durch den von ihm ausgehenden Gedanken. In diesem Zustand endlich kann die Kreatur nicht mehr vom Schöpfer unterschieden werden; derselbe Gedanke erleuchtet sie, derselbe Wille beseelt sie; die Seele sowohl sich selbst als Gott befehlend und dem Weltall, und was sie befiehlt führt Gott aus.[503]

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Es bleibt uns noch zum Beschluß dieser Untersuchung übrig, mit wenig Worten die Meinung der Kabbalisten über ein traditionelles Dogma kennen zu lernen, welches in ihrem System zwar eine sehr untergeordnete Rolle spielt, das aber für die Religionsgeschichte von der höchsten Wichtigkeit ist. Der Sohar erwähnt öfter den Abfall und den Fluch, welchen der Ungehorsam unserer ersten Eltern in die menschliche Natur brachte. Er lehrt uns, daß Adam, indem er der Schlange nachgab, in Wirklichkeit den Tod auf sich, seine Nachkommenschaft und die ganze Natur herab beschwor. Vor seinem Fall war er von größerer Schönheit und Stärke als die Engel. Wenn er einen Körper hatte, so war er nicht von gemeinem Stoff wie der unsere, er hatte keine Bedürfnisse und sinnliche Wünsche. Er wurde durch die höchste Weisheit verklärt, durch diejenige der Boten Gottes von der höchsten Ordnung, welche ihn später aus dem Paradies vertreiben mußten. Man kann jedoch nicht sagen, daß dieses Dogma das nämliche sei, wie das vom Sündenfall. In Wirklichkeit handelt es sich hier, wenn man nur die Nachkommenschaft Adams im Auge hat, weder um ein Verbrechen noch um eine menschliche Tugend, wohl aber um ein erbliches Übel, um eine schreckliche Strafe, welche sich sowohl über die Zukunft als über die Gegenwart erstreckt. Der Text sagt:

„Der reine Mensch ist an sich selbst ein wahres Opfer, welches zur Heilung dienen kann; deshalb werden auch die Gerechten die Reinigungsopfer des Weltalls genannt.“[504]

Die Kabbalisten gehen sogar so weit, den Todesengel als den größten Wohlthäter des Weltalls hinzustellen; denn, sagen sie, er beschützt uns gegen das gegebene Gesetz, er ist die Ursache, daß die Gerechten die erhabenen Schätze erben, welche ihnen für das zukünftige Leben vorbehalten sind.[505] Schließlich ist dieser alte, in der Genesis so positiv ausgedrückte Glaube an den Sündenfall des Menschen in der Kabbala mit großer Geschicklichkeit als eine natürliche Thatsache, als eine Schöpfung der menschlichen Seele dargestellt, welche folgendermaßen erklärt wird:

„Bevor Adam gesündigt hatte, wußte er noch nicht, daß die Weisheit des Lichtes von oben kommt; er war noch nicht vom 433Baum des Lebens getrennt. Aber als er dem Verlangen nachgab, die unteren Dinge kennen zu lernen und in ihre Mitte herabzusteigen, alsdann wurde er verführt, er erkannte das Böse und vergaß das Gute; er trennte sich vom Baume des Lebens. Bevor er dieses gethan hatte, hörte er eine Stimme von oben; er besaß noch die höhere Weisheit und bewahrte noch ihre lichtartige Natur. Aber nach seinem Fall hörte er die Stimme nicht mehr.“[506]

Wie könnte man die Meinung nicht erkennen, welche wir eben darstellten, wenn man uns lehrt, daß Adam und Eva, bevor sie durch die Einflüsterungen der Schlange betrogen wurden, nicht allein von den Bedürfnissen des Körpers befreit waren, sondern sogar nicht einmal einen Körper besaßen; daß sie also sozusagen der Erde gar nicht angehörten? Sie waren beide reine Intelligenzen, glückliche Geister, wie diejenigen, welche den Aufenthaltsort der Gerechten bewohnen. Dies bedeutet die Nacktheit, unter welcher sie uns die heilige Schrift im Stande ihrer Unschuld darstellt. Und wenn der heilige Geschichtsschreiber erzählt, daß ihm der Herr ein Kleid von Fellen anzog, so will dies sagen, daß die Erlaubnis diese Welt zu bewohnen, eine unvorsichtige Neugierde von ihnen war oder vielmehr der Wunsch, das Gute und Böse kennen zu lernen. Gott gab ihnen einen Körper und Sinne. Hier möge eine der zahlreichen Stellen folgen, worin diese auch von Philo und Origenes angenommene Idee in ziemlich klarer Weise dargestellt wird:

„Als Adam, unser erster Vater, den Garten von Eden bewohnte, war er wie im Himmel mit einer Hülle aus dem oberen Licht bekleidet. Als er aus dem Garten von Eden verjagt und gezwungen wurde, sich den Nothwendigkeiten der Welt zu unterwerfen, was geschah dann mit ihm? Gott, sagt uns die Schrift, machte für Adam und seine Frau Kleider von Fellen, denn vorher hatten sie Kleider von Licht, welches in Eden strahlt. Die guten Handlungen, welche der Mensch auf Erden vollbringt, lassen auf ihn einen Theil dieses obern Lichtes herabsteigen, welches im Himmel erglänzt. Es ist dasjenige, welches ihm als Kleid dient, wenn er diese Welt verlassen und vor dem Heiligen, dessen Name gelobt sei, erscheinen muß. Dank diesem Kleid kann er die Wonnen der 434Auserlesenen schmecken und sich von Angesicht zu Angesicht im Spiegel des Lichtes betrachten. Also besitzt die Seele, bevor sie die Vollkommenheit in allen Dingen erlangt, ein verschiedenes Kleid für jede der beiden Welten, welche sie bewohnen muß, eines für die irdische und das andere für die obere Welt.“

Andererseits wissen wir schon, daß der Tod, welcher nichts anderes ist als die Sünde selbst, nicht ein allgemeiner Fluch, sondern nur ein allgemeines Übel ist. Er existiert nicht für den Gerechten, welcher sich mit Gott durch einen Kuß der Liebe verbindet, sondern er trifft nur den Bösen, welcher in dieser Welt alle seine Hoffnungen zurückläßt. Das Dogma vom Sündenfall wird auch von den neueren Kabbalisten, namentlich von Isaak Loriah angenommen, welcher glaubt, daß alle Seelen mit Adam geschaffen wurden und zuerst nur eine und dieselbe Seele bildeten, sämtlich gleich strafbar für den ersten Akt des Ungehorsams sind. Aber in derselben Zeit, worin er sie uns so erniedrigt seit dem Beginn der Schöpfung darstellt, spricht er ihnen die Fähigkeit zu, sich wieder durch sich selbst zu erheben, indem sie alle Gebote Gottes ausführen kann. Über die Verpflichtung, sich diesem niedern Zustand zu entreißen und, so viel in ihrer Macht steht, die Gebote Gottes auszuführen, schreibt das Gesetz vor: „Glaubt und vermehrt euch.“ Hieraus rührt auch die Notwendigkeit her der Metempsychose, denn ein einziges Leben reicht nicht hin, um das Werk der Rehabilitation zu vollbringen. Immer ist, wenn auch stets unter einer andern Form, die Veredelung unserer irdischen Existenz und Heiligung unseres Lebens das einzige Mittel zur Vervollkommnung, wozu sie das Bedürfnis und den Keim in sich trägt.

Es liegt nicht in unserem Plan, ein Urteil über das große, jetzt von uns dargestellte System auszusprechen; denn wir könnten dies nicht thun, ohne daß wir eine profane Hand an die erhabensten Lehren der Philosophie und religiösen Dogmen legen müßten, deren Geheimnis mit Recht hochgeachtet ist. Wir sind hier nur zu der bescheidenen Rolle eines Auslegers bestimmt; aber wir haben wenigstens die Überzeugung, daß, ungeachtet der zahllosen Widerwärtigkeiten, mit denen wir zu kämpfen haben, ungeachtet der kindischen Träumereien, welche jeden Augenblick den erhabensten Ideengang unterbrechen, die geschichtliche Wahrheit sich nicht über uns zu beklagen haben wird.

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Wenn wir jetzt auf die einfachste Weise den durchmessenen Raum übersehen wollen, so finden wir, daß sich vom Standpunkt des Sepher Jezirah und des Sohar aus, die Kabbala aus folgenden Elementen zusammensetzt:

1. Indem sie alle Erzählungen und Worte der Schrift als Symbole auffaßt, will sie den Menschen Vertrauen zu sich selbst einflößen; sie setzt die Vernunft an die Stelle der Autorität und läßt die Philosophie in unserer eigenen Brust unter der Obhut der Religion geboren werden.

2. An die Stelle des Glaubens an einen von der Natur unterschiedenen Schöpfer, welcher ungeachtet seiner Allmacht eine Ewigkeit in Unthätigkeit verharren mußte, setzte sie den Gedanken einer universellen, durchaus unendlichen, stets aktiven, immer denkenden Substanz, welche die immanente Ursache des Weltalls ist, die jedoch durch das Weltall nicht ausgefüllt wird, und für welche endlich Schaffen nichts anderes ist, als Denken, Sein und sich selbst Enthüllen.

3. An die Stelle einer rein materiellen, von Gott verschiedenen Welt, welche aus dem Nichts hervorging und bestimmt ist, dahin zurückzukehren, erkennt sie zahllose Formen an, unter denen sich die göttliche Substanz nach den unveränderlichen Gesetzen des Denkens enthüllt und offenbart. Alle existierten ursprünglich in der höchsten Intelligenz vereinigt, bevor sie sich in einer sinnlichen Form realisierten; hierher stammen die beiden Welten, die intelligible oder obere und die untere oder materielle.

4. Der Mensch besitzt von allen Formen die erhabenste und vollkommenste, unter welcher es allein erlaubt ist, Gott darzustellen. Der Mensch dient als Band und Verbindung zwischen Gott und der Natur. Beide reflektieren ihn in seiner doppelten Natur. Also ist alles Begränzte anfänglich in der absoluten Substanz vereinigt, mit welcher es sich dereinst aufs neue verbinden muß, damit sie für die noch möglichen Entwickelungen vorbereitet sei. Aber man muß die absolute und universelle Form des Menschen von der der einzelnen Menschen unterscheiden, welche nur eine schwache Wiedergabe der ersteren ist. Die erstere, gewöhnlich der himmlische Mensch genannt, ist durchaus untrennbar von der göttlichen Natur und deren erste Offenbarung.

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Anhang.
Blüten vom Baume der Kabbala.[507]

In der Kraft und dem Wesen der Seele liegt die Fähigkeit zu wirken auf den Grundstoff (Huli) der Welt, daß sie ein