The Project Gutenberg eBook of Reisen in den Philippinen

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Title: Reisen in den Philippinen

Author: Fedor Jagor

Release date: October 19, 2016 [eBook #53322]
Most recently updated: May 14, 2020

Language: German

Credits: Produced by Jeroen Hellingman and the Online Distributed
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*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISEN IN DEN PHILIPPINEN ***


[Inhalt]

Newly Designed Front Cover.

[Inhalt]

REISEN
IN DEN
PHILIPPINEN.

[Inhalt]

Original Title Page.

REISEN
IN DEN
PHILIPPINEN
BERLIN
WEIDMANNSCHE BUCHHANDLUNG.
1873.

[V]

[Inhalt]

VORWORT.

Die Reise, von der die folgenden Blätter berichten, wurde in den Jahren 1859 und 1860 unternommen, durch unvorherzusehende Umstände aber plötzlich abgebrochen, lange bevor die gesteckten Ziele erreicht waren. Der Wunsch, das Begonnene später fortzusetzen, ging nicht in Erfüllung, veranlasste aber zu weiteren Studien, die dem Verfasser manchen wenig bekannten Stoff lieferten und zugleich zeigten wie spärlich und ungenau die Nachrichten über jenes schöne Land sind, besonders über die Provinzen in denen er am längsten verweilte.

Einige werthvolle Mittheilungen vorzüglich über Verwaltung, Steuer- und Zollwesen verdankt der Verfasser dem spanischen Kolonialministerium, das ihm bereitwillig die Benutzung seines Archives gestattete; namentlich war ihm bei Entwurf der Geschichte des Handels, des Tributes und der Tabakregie eine dort vorgefundene Denkschrift von D. Ormacheo: Apuntes para la razon general, von Nutzen. Auch die Berliner und Londoner Bibliotheken lieferten manchen Stoff, der z. Th. mühsam aus dickleibigen öden Mönchschroniken herausgelesen werden musste. So häufte sich umfangreiches Material, woraus die nachstehenden Blätter das Wesentlichste in gedrängter Kürze mittheilen.

Dem eigentlichen Reiseberichte liegen ausführliche an Ort und Stelle gemachte Aufzeichnungen zu Grunde. Nach einem so langen Zeitraum erschien es um so nöthiger, sich streng daran zu halten, da das Gedächtniss gern ihm anvertraute Eindrücke und Erlebnisse zu farbigen Bildern und interessanten Abenteuern umgestaltet, hier aber nicht sowohl Unterhaltung als treue Schilderung beabsichtigt wird. [VI]

Einiges, besonders aus dem zwanzigsten Kapitel ist bereits in Bastian und Hartmann’s Zeitschrift für Ethnologie mitgetheilt worden.

Den wissenschaftlich werthvollsten Theil des Buches bilden zwei Abhandlungen, welche der Verfasser der Freundschaft der Herren Professoren Roth und Virchow verdankt.

Wenige Länder der Welt sind so unbekannt und werden so selten besucht wie die Philippinen und doch ist keines angenehmer zu bereisen, als jenes verschwenderisch ausgestattete Inselreich; kaum irgendwo findet der Naturforscher eine grössere Fülle ungehobener Schätze. Unbemittelte würden aus dem Verkauf von Sammlungen ihre Reisekosten reichlich decken.

[Inhalt]

Druckfehler.

Seite 145 Z. 10 v. unten lies: Rayray statt Ragay.
Seite
,,
173 Z. 15 v. unten lies: Oberleib statt Unterleib.
Seite
,,
210 Anm. lies: Bd. XXV. 2269 statt 2269.
[VII]
[Inhalt]

INHALT.

         Seite

Vorrede        V

Verzeichniss der Bilder        XI

Aussprache der Fremdwörter        XIII

Erklärung häufig vorkommender Fremdwörter        XIV

Maasse, Gewichte, Münzen        XVI

Erstes Kapitel.

Einleitende Bemerkungen.

Meridiandifferenz, Handelsgebiet der Philippinen, Theilung der Erde, erster Anblick Manila’s, Erdbeben        1

Zweites Kapitel.

Rhede, Zollwesen, Geschichte des Handels, spanische Kolonialpolitik, Reisen der Galeonen        7

Drittes Kapitel.

Manila, Leben in der Stadt und in den Vorstädten, Hahnenkämpfe, Trachten der verschiedenen Klassen        18

Viertes Kapitel.

Stellung der Europäer und Eingeborenen in englischen, holländischen und spanischen Kolonien, Einfluss der spanischen Kolonialpolitik auf die Sitten der Eingeborenen, Bequemlichkeit des Lebens, Kokospalme, Bambus        27

Fünftes Kapitel.

Geographisches, Meteorologisches, politische Eintheilung, Volksmenge, Sprachen        39

Sechstes Kapitel.

Reise in Bulacan, häufige Feuersbrünste, Fruchtbarkeit, Fischfang, Zigarrentaschen, spanische Priester, Gastfreiheit, Räubereien        45 [VIII]

Siebentes Kapitel.

Provinz Laguna, Bancafahrt, Barren des Pasig, See von Bay, Maare bei Calauan, Palmenwein, Reisen ohne Diener, Vulkan Majaijai, Büffelfahrt        55

Achtes Kapitel.

Seereise nach Albay, Mariveles, Schifffahrt zwischen den Inseln, San-Bernardino-Strasse, Vulkan Bulusan, Legaspi, Sorsogon        63

Neuntes Kapitel.

Der Vulkan Mayon oder Albay und seine Ausbrüche        69

Zehntes Kapitel.

Cacao, Kaffee, Kirchweihfest, Leben in Daraga        76

Eilftes Kapitel.

Reise nach Bulusan und Sorsogon, Strassenbau, Seeräuber        87

Zwölftes Kapitel.

Reisen in Süd-Camarines, Gliederung der Provinz, spanische Priester, Alkalden und Mandarine        94

Dreizehntes Kapitel.

Reisen in Süd-Camarines, (Fortsetzung), Batu-See, indische Priester, Niederlassung von Wilden, Feier der Kreuzbulle, Buhi-See, Vulkan Yriga, Ananasfasern, Pfeilgift, Blutegel, Solfatare Ygabo, Kieselsprudel von Tibi        103

Vierzehntes Kapitel.

Lebensweise und Sitten der Bicolindier        118

Funfzehntes Kapitel.

Vorgeschichtliche Ueberreste, hoher Werth alter Gefässe, Tropfsteinhöhlen im Yamtik, Reisen in Nord-Camarines, Bergbau, Gold, Bleiglanz, Rothblei, Kupfer, Hüttenprozess der Ygorroten, essbare Vogelnester        133

Sechszehntes Kapitel.

Reise längs der Küste von Camarines, Andringen des Meeres, zerstörter Palmenwald, Pasacao, schlechte Strassen        152

Siebenzehntes Kapitel.

Der Ysarog und seine Bewohner        161

Achtzehntes Kapitel.

Ersteigung des Yriga und des Mazaraga, See- und Strassenräuber, Wasserpflanzen von Berlin nach den Philippinen, mein Diener Pepe        176 [IX]

Neunzehntes Kapitel.

Reisen in Samar, Wetter, Beamtenwahl, Nordküste, Catbalogan, Flattermakis, Schlangenbändiger, Tertiärversteinerungen, Stromschnellen des Loquilocun, Gespensterthier        185

Zwanzigstes Kapitel.

Reisen in Samar, Fortsetzung, Südsee-Insulaner durch Stürme verschlagen, Todtenhöhlen und Leichenbestattung der alten Bisayer, Krokodile, Ignazbohne, Kokosöl        203

Einundzwanzigstes Kapitel.

Insel Leyte, Heuschrecken, Solfatare, Schwefelgewinnung, Bitosee, Krokodile        218

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Lebensweise und Sitten der Bisaya-Indier        227

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Die neuen Zollhäfen, Steinkohle in Cebu, Yloilo. Aufschwung des Zuckerbaues        239

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Abaca oder Manila-Hanf        245

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Das Tabakmonopol        257

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Die Chinesen        271

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Kurzer Abriss der Geschichte, Schlussbetrachtungen        280

ANHANG.

Kopfsteuer und Frohnden 293
Bürgerliche Einrichtungen 298
Ueber den Bodenkredit 303
Die gemeinnützige Gesellschaft der Landesfreunde [X] 307
Einführung der Opium-Regie 309
Beschreibung der Schiffe, Barangay genannt, die bei Ankunft der Spanier in Gebrauch waren 311
Das tagalische Vater Unser 312
Das neue Zolldekret 312
Handel mit China vor Ankunft der Spanier 314
Handel mit China nach Ankunft der Spanier 315
Flächeninhalt der grösseren Inseln des philippinischen Archipels 317
Uebersichtstabelle der meteorologischen Verhältnisse 318
Uebersicht der Volksmenge, der Ortschaften u. s. w. in den Philippinen 320
Gleichzeitiger Ausbruch dreier Vulkane 1641 323
Zusätze und Berichtigungen 329
Abgekürzt zitirte Schriften 331
Ueber die geologische Beschaffenheit der Philippinen von J. Roth 333
Ueber die älteren und neueren Bewohner der Philippinen von Rudolf Virchow 335
Index 378
Karte des südlichen Theiles von Luzon und benachbarter Inseln.
[XI]
[Inhalt]

Verzeichniss der Bilder.

Um den Grad der Genauigkeit der einzelnen Bilder beurtheilen zu können, ist durch Buchstaben die Art ihrer Herstellung angegeben.

c = Camera lucida,
p = Pause,
ph = Photographie,
r = reduzirt durch Camera lucida oder auf mechanischem Wege.
t = Originalzeichnung eines Tagalen.
z = freie Handzeichnung.

Der erste Buchstabe bezieht sich auf die Originalzeichnung, der folgende auf die Reproduktion.

[XIII]

[Inhalt]

Aussprache der Fremdwörter.

Die spanischen und einheimischen Wörter, meist Ortsnamen, sind nach spanischer Weise geschrieben. Die Aussprache ist wie im Deutschen, mit folgenden Abweichungen:

spanisch c vor e und i wie th englisch, aber schärfer.
spanisch
,,
ch
wie
,,
tsch deutsch.
spanisch
,,
g vor e und i
wie
,,
ch
deutsch.
,,
spanisch
,,
gu
wie
,,
g
deutsch.
,,
spanisch
,,
j
wie
,,
ch
deutsch.
,,
spanisch
,,
ll fast
wie
,,
j
deutsch.
,,
spanisch
,,
ñ
wie
,,
nj
deutsch.
,,
spanisch
,,
qu
wie
,,
k
deutsch.
,,
spanisch
,,
s
wie
,,
ss
deutsch.
,,
auch mitten im Wort.
spanisch
,,
v fast wie b.
spanisch
,,
y vor Vokalen wie j deutsch.
spanisch
,,
y vor Konsonanten wie i.
spanisch
,,
z wie c vor e und i.

In den philippinischen Namen ist e von i, o von u kaum zu unterscheiden.

In mehrsilbigen Wörtern ist der Tonfall meist durch einen Accent angedeutet worden. [XIV]

[Inhalt]

Erklärung einiger häufig wiederkehrender Fremdwörter.

Abacá = Manila-Hanf, Faser der Musa textilis s. S. 245.

Alkalde, Guvernör einer Provinz s. S. 100 Anm.

Bánca, kleines Boot.

Barangáy, Gruppe von 40 bis 50 Familien unter Verwaltung eines Cabeza s. S. 292.

Bólo, grosses Waldmesser.

Búyo, ein Stück Arecanuss, eingefasst von einem mit gebranntem Kalk bestrichenen zusammengerollten Blatt Betelpfeffer s. S. 126 Anm.

Cabéza, Haupt, Häuptling.

Casa reál, Wohnung des Alkalden oder Guvernörs, auch = Tribunal s. S. 50.

Camóte, süsse Kartoffel, Convolvulus Batatas s. S. 122.

Castíla, werden die Spanier, auch wohl die Europäer im Allgemeinen genannt.

Cimarrón, in Freiheit lebender Eingeborener s. S. 106.

Convénto, Wohnhaus des Pfarrers, nicht Kloster.

Cuadrilléro, Steuersoldat, Polizeisoldat.

dM. = M.

Estánco, Laden in welchem von der Regierung monopolisirte Artikel verkauft werden.

Falúa, Feluke.

Gábi, Caladium sp. div. mit essbaren Knollen.

Gobernadorcíllo (Guvernörchen), Dorfschulze s. S. 189.

Guinára, Gewebe von Abacá.

Haciénda, Landgut, die Finanzverwaltung, der Staatsschatz.

Indier, Indios, werden die Eingeborenen im Allgemeinen, besonders aber die der spanischen Herrschaft unterworfenen im Gegensatz zu den Cimarronen genannt.

L, Légua Wegstunde, (20 = 1° des Aequators).

£, Pfund Sterling.

M, Meile, (15 = 1° des Aequators).

Polísta, Frohnarbeiter.

Pólos, Frohnden s. S. 292.

Puéblo, Ortschaft.

Principalía, inländischer Adel.

R. C., Reál Cédula, Königliches Handbillet.

R. D., Reál Decréto, vom Suverän selbst unterschrieben.

R. O., Reál Órden, nur vom Minister gezeichnet.

Sáya, Frauenrock von der Hüfte zum Knöchel reichend.

Sm., Seemeile (60 = 1° des Aequators).

Súndang, Waldmesser.

Tápis, ein um den oberen Theil der Saya gewundenes Tuch.

Teniénte, Lieutenant.

Tribunál, auch Casa real genannt, Gemeindehaus.

Tribúto, Kopfsteuer.

Túba, gegohrener Palmensaft.

Visíta, Filial einer Pfarre. [XV]

[Inhalt]

Maasse, Gewichte und Münzen.

Seit Januar 1862 gelten in den Philippinen die folgenden Maasse, Gewichte und Münzen.

Längenmaasse:

1 Braza = 1 Doppelvara von Burgos = 1,671 Meter (= 5,3205 Rh.-Fuss)
1 Vara = 1 Vara (Elle) desgl. = 0,835 Meter (= 2,66 Rh.-Fuss)
1 pié = 1 pié (Fuss) desgl. = 0,278 Meter (= 0,89 Rh.-Fuss).

Wegemaasse:

1 Legua (L.) sehr nahe 20,000 piés = 3 Seemeilen (Sm.) 20 L. = 60 Sm. = 15 geogr. oder deutsche Meilen (M.) = 69 engl. Meilen = 111,1 Kilometer.

Feldmaasse:

1 Quiñon, (spr. Kinión) = 10 Balístas = 100 Loánes = 10,000 Brázas cuadrádas = 27949,486 Quadrat-Meter = 2,79495 Hektar. 1 Hektar = 3577,833 Brazas cuadrádas = 0,35778 Quiñones = 3,5778 Balistas = 35,778 Loánes.

Die hier zu Grunde gelegte Braza cuadr. ist die von 4 Varas cuadr. de Burgos. 1 Quiñon = 10,946, also sehr nahe = 11 preuss. Morgen).

Getreidemaasse:

1 Cabán (Caván) = 25 Gántas = 200 Chúpas = 800 Apatánes = 75 Liter = 1,35132 Fanégas de Castilla.

Von 1. Januar 1862 gilt der am 1. Januar 1860 in Manila eingeführte Caban als gesetzliches Maass für alle Provinzen. Er misst genau 75 Liter oder in Form eines Würfels 422 mm. innerer Seite, oder 5990,96 span. Kubikzoll. (Der Caban von 1859 hatte 80,00919 Liter.)

(1 Ganta = 3 Liter, 1 Preuss. Metze = 3 Quart. 1 Ganta verhält sich also zu 1 preuss. Metze (= ​1⁄16​ Scheffel) genau wie 1 Liter zu 1 Quart. 1 Caban = 1,362 Scheffel. 1 Caban Reis wiegt 128 bis 137 Pf. span. = 59 bis 63 Kilogr.

Flüssigkeitsmaasse:

1 Ganta = 8 Chupa = 3 Liter.

Die Tinája (grosser Thonkrug) ist ein willkürliches Maass und bedeutet eine Anzahl Gantas, die in jedem Kontrakte besonders bestimmt wird oder durch Gebrauch feststeht, z. B. 1 Tinája Cocosöl der Laguna = 16 Gantas.

Gewichte:

1 Quintál = 1 Quintál de Castilla = 4 Arróbas = 46,009 Kilogramm.

1 Arroba = 25 Libras (Pfund span.) = 11,502 Kilogr. [XVI]

1 Libra = 2 Marcos = 0,460 Kilogr. 1 Marco = 8 Onzas = 0,230 Kilogr.

1 Onza = 16 Adarmes = 28,76 Gramm. 1 Adarme = 36 Granos = 1,80 Gramm. 1 Grano = 0,05 Gramm.

Schwere Gewichte.

1 Pico = 10 Chinántas = 100 Cátes = 1600 Tael = 137,500 Libras de Castilla = 63,262 Kilogr. (1 Tael = 22000 Adarmes = 39,539243 Kilogr.)

Der Píco (Pikul) ist kein festes Gewichtsmaass, er variirt selbst in China. In Manila hat sich durch den Gebrauch das Verhältniss 1 Píco = 137,5 Libras de Castilla festgestellt. In den chinesischen Häfen und in Singapore haben die Engländer den Pikul = 133⅓ Pfund engl. eingeführt. 1 Píco von Manila = 140 Pf. engl., 1 Pikul (engl.) = 131,4 Libras de Castilla.

1 (Schiffs)-Tonne, früher = 16 Picos (1012 Kilogramm), jetzt = 1000 Kilogr.; dem Maasse nach = 1 Kubikmeter.

Gewicht für edle Metalle:

1 Tael = 10 Mas = 100 Condrín = 754,75 Granos del Marco de Castilla = 37,68 Gramm.

Münzen:

1 span. Dollar ($) = 2 Escúdos (Esc.) = 5 Pesetas = 8 Réales plata (r.) = 160 Cuartos (cu.) = 100 Centésimos (ce).

Im täglichen Verkehr wird nach Cuartos, im Grosshandel nach Centisimos gerechnet. Der Escudo ist erst seit 1. Juli 1865 für alle amtlichen Rechnungen in Spanien und den Kolonien eingeführt, um die spanische Währung dem Dezimalsystem anzupassen.

(In Spanien wird der Dollar in 20 Reales vellon (rv.) getheilt. 1 Real vellon = 8,5 Cuartos, = 34 Maravedis.)

Die in Manila 1861 errichtete Münze prägt Gold: 4 $, – 2 $, – 1 $-Stücke, Silber: 0,5 $ = 1 Escudo; seit 1866 auch 0,2 $ = 4 rv., — 0,1 $ = 2 rv.

Der Kurs des $ pflegt zwischen 42 und 44 Silbergroschen zu schwanken.

In den spanischen Kolonien bestehn keine Wuchergesetze. Alljährlich wird in Spanien der gesetzliche Zinsfuss für Fälle, wo kein besonderer Zins verabredet worden, festgestellt. [1]

[Inhalt]

ERSTES KAPITEL

EINLEITENDE BEMERKUNGEN

MERIDIANDIFFERENZ.—HANDELSGEBIET DER PHILIPPINEN.—THEILUNG DER ERDE.—ERSTER ANBLICK MANILA’S.—ERDBEBEN.

Wenn es in Madrid Mittag schlägt, so ist es in Manila, der Hauptstadt der Philippinen, mehr als 8 Uhr Abends, genau 8h 18m 41s; d. h. Manila liegt 124° 40′ 15″ östl. von Madrid (7h 54m 35s von Paris. Conn. des temps). Wenn früher aber Madrid Neujahr feierte, so war in Manila erst Sylvester.

Da Magellan, der die Philippinen 1521, bei jener denkwürdigen ersten Weltumsegelung entdeckte, sich in derselben Richtung um die Erde bewegte, wie die Sonne in ihrem scheinbaren täglichen Lauf, so hatte er für jeden Grad, den er weiter nach Westen vordrang, vier Minuten später Mittag, und als er die Philippinen erreichte, betrug der Unterschied fast 16 Stunden. Er scheint dies aber nicht bemerkt zu haben, denn Elcano, der Führer des einzigen geretteten Schiffes, wusste nicht, als er zum Meridian seiner Abfahrt zurückkehrte, dass er nach der Schiffsrechnung einen Tag weniger zählen musste, als in dem Hafen, den er durch fortgesetztes Westwärtsfahren wieder erreicht hatte.12

In den Philippinen blieb jener Umstand gleichfalls unberücksichtigt; deshalb war dort Sylvester, wenn in der übrigen Welt Neujahr begonnen hatte, und so ging es fort bis Ende 1844, wo man sich, nach eingeholter Genehmigung des Erzbischofs, entschloss, den Sylvestertag einmal gänzlich zu überspringen.3 Seitdem liegen die Philippinen nicht mehr im [2]fernsten Westen, sondern im fernen Osten, und sind ihrem Mutterlande um 8 Stunden voraus. Ihr eigentliches Handelsgebiet ist aber unser ferner Westen; von dort her wurden sie kolonisirt, und Jahrhunderte lang, bis 1811, hatten sie fast keinen andern Verkehr mit Europa als mittelbar, durch die jährliche Reise der Nao zwischen Manila und Acapulco. Nun aber, wo endlich die östlichen Gestade des stillen Meeres sich bevölkern und mit beispielloser Schnelligkeit ihrer grossen Zukunft entgegen gehen, werden die Philippinen nicht länger in ihrer bisherigen Abgeschlossenheit verharren können; denn für die Westküste Amerika’s liegt wohl keine tropische Kolonie Asiens so günstig; auch für Australien kann ihnen nur in einigen Beziehungen Niederländisch-Indien den Rang streitig machen. Auf den Handel mit China dagegen, dessen Stapelplatz anfänglich Manila war, so wie mit den westlicher, den atlantischen Häfen näher gelegenen Ländern Asiens, unserm fernen Osten, wird es wohl immer mehr verzichten müssen.4

Wenn sich die hier angedeuteten Verhältnisse verwirklichen, so würden die Philippinen oder wenigstens ihr Handelsgebiet schliesslich doch in den Bereich der westlichen Erdhälfte fallen, in welche sie die berühmten spanischen Geographen zu Badajóz verwiesen.

Nach der Bulle Alexanders VI., vom 4. Mai 1493,5 welche die Erde durch einen Meridian in zwei Hälften theilte, sollten die auf seiner östlichen Seite zu entdeckenden heidnischen Länder den Portugiesen, die auf der westlichen den Spaniern gehören. Die Philippinen konnten daher von Letzteren nur unter der Voraussetzung in Besitz genommen werden, dass sie auf der westlichen Hälfte lägen. Die Demarkazionslinie sollte vom Nord- zum Südpol, 100 Leguas gen Abend und Mittag aller sogenannten Azoren und Capverdischen Inseln verlaufen. Durch einen am 7. Juni 1494 zwischen Spanien und Portugal zu Tordesillas geschlossenen, 1506 von Julius II. bestätigten Vertrag wurde sie 370 Leguas West der Capverdischen Inseln gezogen.

Von den damals in Spanien und Portugal gebräuchlichen Leguas wurden 17½ auf einen Grad des Aequators gerechnet, im Parallel der Capverden betrugen 370 Leguas 21° 55′; nimmt man dazu die Längendifferenz zwischen der Westspitze dieser Inselgruppe und Cadix = 18° 48′, so erhält [3]man 40° 43′ W. und 139° 17′ O. von Cadix (rund 47° W. 133° O. Gr.) als die Grenzen der spanischen Erdhälfte. Aber die zur damaligen Zeit vorhandenen Mittel waren für solche Ortsbestimmungen völlig unzureichend.

Die Breite wurde mit unvollkommenen Astrolabien oder hölzernen Quadranten gemessen und nach sehr mangelhaften Tafeln berechnet; die Abweichung der Magnetnadel war so gut wie unbekannt, ebenso das Log.6 Für brauchbare Längenbestimmungen waren weder die Methoden noch die Instrumente erfunden. Unter solchen Umständen bewiesen 1524 zu Badajóz die Spanier den protestirenden Portugiesen, dass die östliche Grenzlinie die Gangesmündung schnitte, und sprachen sich dadurch den Besitz der Gewürzinseln zu.

In Wirklichkeit müsste die östliche Grenzlinie 46½° weiter östlich fallen; d. h. so weit wie von Berlin bis an die Küste von Labrador oder den kleinen Altai, da im Parallel von Calcutta 46½° = 2575 See-M. Albo’s Tagebuch giebt die Längendifferenz der östlichsten Inseln des Archipels von Cap Fermoso (Magellan’s Strasse) auf 106° 30′ an, während sie 159° 25′ beträgt.

Die durch die Unsicherheit der östlichen Grenzlinie veranlassten Streitigkeiten zwischen den Spaniern und Portugiesen, welche letztere früher nach den Gewürzinseln gekommen waren, wurden 1529 durch einen Vergleich beigelegt, indem Carl V. alle seine angemaassten Anrechte auf die Molukken für die Summe von 350,000 Dukaten an Portugal abtrat. Die Philippinen hatten damals keinen Werth.


Von Hongkong nach Manila sind 650 Seemeilen, fast genau S.O., die in 3 bis 4 Tagen von dem Dampfschiff zurückgelegt werden, welches alle 14 Tage die Post-Verbindung zwischen der Kolonie und der übrigen Welt herstellt.7 [4]

Ohne diesen kleinen Dampfer würde man in Hongkong, in dessen Hafen sich die Schiffe aller Nationen drängen, kaum vermuthen können, dass in so grosser Nähe ein Inselstaat liegt, der durch glückliche Gliederung und Fruchtbarkeit mehr als irgend ein andrer begünstigt scheint.

Obgleich die Philippinen Spanien gehören, so findet doch zwischen beiden Ländern fast kein Handel statt. Die Verbindung mit dem Mutterlande war früher der Art, dass die Ankunft eines Schiffes mit der spanischen Post durch Tedeum und Glockenläuten für die Vollbringung einer so gewaltigen Reise gefeiert wurde. Bis Portugal an Spanien fiel, war den Philippinen der Weg um Afrika verschlossen. Wie es mit der Ueberlandreise stand, zeigt der Umstand, dass zwei Augustiner, die 1603 dem Könige eine wichtige Botschaft bringen sollten, und daher den kürzeren Weg über Goa, die Türkei und Italien gewählt hatten, Madrid erst nach drei Jahren erreichten.8

Die bisher den Kaufleuten durch hohe Differenzialzölle aufgezwungene spanische Flagge beförderte, trotz des Schutzzolles für nationale Produkte, fast nur ausländische Waaren nach der Kolonie und die Erzeugnisse der letzteren nach fremden Häfen. Der Verkehr mit Spanien beschränkte sich auf den Transport von Beamten und Geistlichen und deren gewohnten Lebensbedürfnissen, namentlich Nahrungsmitteln, Wein, andren Flüssigkeiten (Caldos) und, einige französische Romane ausgenommen, entsetzlich geistlosen Büchern: Geschichten von Heiligen und Aehnlichem.

Die Bay von Manila ist gross genug um alle Flotten Europa’s aufzunehmen; sie gilt für eine der schönsten der Welt. Der Anblick des Landes entspricht aber, wenn man, wie der Verfasser, gegen Ende der trocknen Jahreszeit ankommt, durchaus nicht den begeisterten Schilderungen mancher Reisenden. Das kreisrunde, fünf Provinzen begrenzende Wasserbecken von fast 120 Seemeilen Umfang ist in der Gegend Manila’s von flachen Ufern umgeben, hinter welchen sich ein eben so flaches Gestadeland ausbreitet. Die karge Vegetation war von der Sonne verdorrt, nur einige Bambusbüsche und Arecapalmen, in der Ferne die blauen Berge von San Mateo unterbrachen die Einförmigkeit. Zur Regenzeit, wenn unzählige, die Ebene durchschneidende Kanäle aus ihren Ufern treten, bilden sich grosse zusammenhängende Wasserbecken, bald darauf verwandelt sich Alles in ein üppig grünendes Reisfeld. [5]

Manila liegt zu beiden Seiten des Pásig. Die eigentliche Stadt von Mauern und Wällen umschlossen, mit niedrigen Ziegeldächern und einigen Thürmen, sah 1859 vom Meere aus einer alterthümlichen europäischen Festung ähnlich. Vier Jahre später wurde sie durch ein Erdbeben zum grössten Theil zerstört.

Am 3. Juni 1863, als ganz Manila mit den Vorbereitungen zum Frohnleichnamsfeste beschäftigt war, bebte nach einem Tage drückender Hitze um 7 Uhr und 31 Minuten Abends plötzlich die Erde, die festesten Gebäude bewegten sich, die Mauern barsten, die Balken brachen; das furchtbare Geräusch dauerte eine halbe Minute. Dieser Zeitraum war hinreichend, um die ganze Stadt in ein Ruinenfeld zu verwandeln, und hunderte von Einwohnern lebendig zu begraben. Nach einem mir mitgetheilten Briefe des General-Guvernörs wurden der Palast, die Kathedrale, die Kasernen und alle öffentlichen Gebäude Manila’s völlig zertrümmert; die wenigen stehen gebliebenen Privathäuser drohten einzustürzen. Spätere Berichte geben 400 Todte, 2000 Verwundete an und schätzen den Verlust auf 8 Millionen Doll. 46 öffentliche und 570 Privat-Gebäude waren eingestürzt, 28 öffentliche und 528 private waren dem Umsturz nahe, alle stehen gebliebenen Häuser mehr oder weniger beschädigt.

Um dieselbe Zeit fand in Cavite, dem Kriegshafen der Philippinen, ein 40 Sekunden anhaltendes Erdbeben statt, das viele Gebäude umwarf.

Drei Jahre nach diesem Ereignisse findet der Herzog von Alençon (Luçon et Mindanao, Paris 1870 S. 38) noch überall dessen Spuren. Drei Seiten des Hauptplatzes der Stadt, auf denen sich früher der Palast, die Kathedrale, das Stadthaus erhoben, lagen da als Schutthaufen mit Gesträuch bewachsen. Alle grossen öffentlichen Gebäude waren »vorläufig« durch Holzbauten ersetzt, man dachte aber nicht daran, etwas Bleibendes zu schaffen.

Manila ist sehr häufigen Erdbeben ausgesetzt; am verhängnissvollsten die von 1601, 1610 (30. Nov.), 1645 (30. Nov.), 1658 (20. Aug.), 1675, 1699, 1796, 1824, 1852, 1863. — 1645 kamen 600 Personen um9, nach Andern sogar 3000,10 die unter den Trümmern ihrer Häuser begraben wurden. Von allen öffentlichen Gebäuden blieben nur das Kloster, die Kirche der Augustiner und die der Jesuiten stehen.

Kleine Erdstösse, welche plötzlich alle Hängelampen in Schwingung versetzen, finden sehr oft statt und bleiben gewöhnlich unbeachtet. Die [6]Häuser sind mit Rücksicht auf diesen Umstand nur einstöckig, und der lockere, vulkanische Tuff, aus dem sie gebaut, mag zur Milderung der Stösse beitragen. Höchst unzweckmässig aber erscheinen unter solchen Verhältnissen die schweren Ziegeldächer. Auch in den Provinzen sind Erdstösse sehr häufig, richten aber, weil die Häuser nur aus Brettern oder Bambus und Palmenblättern bestehn, gewöhnlich so wenig Schaden an, dass sie gar nicht erwähnt werden.

Herr Alexis Perrey giebt in den Mém. de l’Acad. de Dijon 1860 ein mit grossem Fleiss aus der ihm zugänglichen Literatur zusammengestelltes Verzeichniss von Erdbeben, welche die Philippinen und besonders Manila heimgesucht haben. Selbst über die bedeutenderen sind die Nachrichten sehr spärlich, die Daten oft schwankend. Von unerheblicheren sind nur einige wenige angeführt, die von zufällig anwesenden wissenschaftlichen Männern verzeichnet wurden.

Ein sehr heftiges fand nach Aduarte (I. 141) 1610 statt. Ich lasse die Uebersetzung der betreffenden Stelle abgekürzt folgen, da ich es sonst nirgends erwähnt finde:

Ende November dieses Jahres (1610) am St. Andreas-Tage fand in diesen Inseln, von Manila bis an das äusserste Ende der Provinz Neu-Segóvia (das ganze nördliche Luzon), eine Entfernung von 200 Leguas, ein so furchtbares Erdbeben statt, wie man es nie erlebt hatte; es that grossen Schaden im ganzen Lande, in der Provinz Ilocos begrub es Palmbäume und liess nur die Blattkronen über der Erde, Berge wurden durch die Gewalt des Erdbebens gegen einander geschoben, viele Gebäude zerstört und Menschen getödtet. Am meisten aber wüthete es in Neu-Segóvia, wo es Berge öffnete, und neue Wasserbecken aufthat; die Erde spie grosse Haufen Sand aus und schwankte der Art, dass die Leute, da sie nicht aufrecht stehen konnten, sich auf die Erde setzten und am Boden festbanden als wären sie in einem Schiff auf stürmischer See. In dem von den Mendayas bewohnten Höhenzuge stürzte ein Berg ein, zertrümmerte dabei ein Dorf und erschlug die Bewohner. Ein grosses Stück Land am Fluss versank, so dass jetzt da, wo früher Hügel meist von ansehnlicher Höhe gestanden, die Oberfläche fast dem Wasserspiegel gleich ist. Im Flussbett war die Bewegung so stark, dass sich Wellen erhoben wie im Meer oder als ob das Wasser von fürchterlichem Winde gepeitscht würde. Die steinernen Gebäude litten den meisten Schaden, unsere Kirche und Convento stürzten ein ....

[7]


1 Navarrete IV. 97. Obs.2a

2 Nach Albo’s Schiffsjournal wurde er den Unterschied an den Capverdischen Inseln gewahr, am 9. Juli 1522. »y este dia fue miercoles, y este dia tienen ellos por jueves.« 

3 In einer Anmerkung zu Seite 18 der meisterhaften englischen Uebersetzung Morga’s finde ich die auffallende Angabe, dass gleichzeitig eine ähnliche Berichtigung in Macao vorgenommen wurde, wo die Portugiesen, die von Osten gekommen waren, den entgegengesetzten Fehler von einem Tage hatten. 

4 Zu Ende des 16ten Jahrhunderts belief sich die Abgabe von den aus China eingeführten Waaren auf 40,000 Doll., die Einfuhr also wenigstens auf 1⅓ Million. 1810 nach 250-jähriger ungestörter Herrschaft der Spanier war letztere auf 1.150.000 Doll. gesunken. Seit dem steigt sie allmälig und betrug 1861: 2.130.000 Doll. 

5 Navarrete IV. 54. Obs. 1a

6 Nach Gehler’s Phys. Lex. VI, 450 wird das Log zuerst von Purchas auf einer Reise nach Ostindien 1608 erwähnt. Pigafetta führt es nicht an in seinem Trattato di Navigazione, aber S. 45 seiner Erzählung heisst es: Secondo la misura che facevamo del viaggio colla cadena a poppa, noi percorrevamo 60 a 70 leghe al giorno. Das wäre so viel wie unsere schnellsten Dampfer, 10 Knoten

7 Die europäische Post geht über Singapore und Hongkong nach Manila. Ersteres ist von beiden Orten etwa gleich entfernt. Man konnte die Briefe also eben so schnell in den Philippinen haben als in China, wenn man sie direkt aus Singapore holte. In diesem Falle würde aber die Dampfverbindung mit Hongkong beibehalten werden müssen, doch ist bis jetzt der Verkehr noch zu unentwickelt, um die doppelte Ausgabe tragen zu können.

Nach dem Bericht des engl. Konsuls (Mai 1870) läuft gegenwärtig ausser dem Regierungsschiff auch ein Privat-Dampfer zwischen Hongkong und Manila. Die Zahl der Passagiere nach China betrug 1868: 441 Europäer. 3048 Chinesen, zusammen 3489. Nach Manila 330 Europäer, 4664 Chinesen, zusammen 4994. Der Fahrpreis ist 80 Doll. für Europäer, 20 Doll. für Chinesen. 

8 Zuñiga, Mavers I. 225. 

9 Zuñiga XVIII, M. Velarde f. 139. 

10 Capt. Salmon, Goch. S. 33. 

[Inhalt]
Barre des Pasig, Manila.

Barre des Pasig, Manila.

ZWEITES KAPITEL

RHEDE. — ZOLLWESEN. — GESCHICHTE DES HANDELS. — SPANISCHE KOLONIALPOLITIK. — REISEN DER GALEONEN.

Die Zollvisitation und die vielen, von den einheimischen Subalternbeamten ohne alle Rücksichten nach dem Buchstaben gehandhabten Förmlichkeiten erschienen dem neu Angekommenen um so lästiger, da er eben erst in den englischen Freihäfen Ostasiens verkehrt hatte. Auf die Bürgschaft eines angesehenen Kaufmanns wurde ihm nach 16 Stunden als eine besondere Gunst die Landung gestattet, jedoch ohne das kleinste Gepäckstückchen.

Die Rhede ist im S.W. Monsun und zur Zeit der von Stürmen begleiteten Monsunwechsel unsicher; dann suchen grössere Schiffe in dem 7 SM. entfernten Cavite Schutz; im N.O. Monsun können sie ½ L. vom Lande ankern. Fahrzeuge von weniger als 300 Tonnen gelangen über die Barre in den Fluss Pásig, wo sie bis zur Brücke, unmittelbar am Ufer, und bis in die Mitte des Flusses hinein, in dicht gedrängten Reihen liegen, und durch ihre Anzahl sowohl, wie durch das zwischen ihnen herrschende rege Treiben von der Lebhaftigkeit des Binnenhandels zeugen.

In jedem Regenmonsun führt der Pásig der Barre so viel Schlamm zu, dass dessen Fortschaffung die Thätigkeit der aufgestellten Baggermaschine wie es scheint vollauf in Anspruch nimmt.

Die geringe Zahl von Schiffen auf der Rhede, besonders fremder Flaggen, war um so auffallender, als, ausser Manila, kein Hafen des Archipels mit dem Auslande verkehrte. Allerdings hatten seit 1855 noch drei andere Häfen diese Berechtigung erhalten (später kam noch ein vierter [8]dazu), zur Zeit meiner Ankunft, März 1859, war aber noch keiner von einem fremden Schiffe besucht worden; erst einige Wochen später traf das erste englische Fahrzeug in Iloílo ein, um Zucker für Australien zu laden.1

Der Grund jener Erscheinung lag zum Theil in der geringen Entwicklung des Landbaues, trotz der ausserordentlichen Fruchtbarkeit des Bodens, zum grösseren Theil aber wohl in veralteten, den Verkehr künstlich beschränkenden Verordnungen. Die Zölle waren an und für sich nicht sehr hoch: im Allgemeinen 7 Procent vom Werth für Schiffe unter spanischer Flagge; für fremde Flaggen aber das Doppelte, und wenn die Waaren spanischen Ursprungs, 3 Proc. für nationale, 8 Proc. für fremde Flaggen. Letztere konnten daher in der Regel nur mit Ballast einlaufen.2 Da aber die Hauptbedürfnisse der Kolonie aus England und dem Auslande eingeführt wurden, so mussten sie entweder für spanische Fahrzeuge, welche fast dreifache Fracht berechnen (4–5 statt 1½–2 Pf. Sterl. per Tonne), und nur in grossen Zwischenräumen in englischen Häfen erscheinen, aufbewahrt, oder in fremden Schiffen nach Singapore oder Hongkong geschickt werden, wo sie auf spanische Schiffe umgeladen wurden. Ausserdem wurden selbst von Schiffen in Ballast, und solchen, die ohne zu löschen oder Fracht einzunehmen, wieder ausliefen, Tonnengelder erhoben, und wenn ein solches Fahrzeug auch nur ein Päckchen landete, so wurde es nicht mehr als in Ballast betrachtet, sondern nach einer viel höheren Taxe besteuert. Ein Schiff musste also durchaus keine, oder so viel Ladung haben, dass es die erhöhten Hafengelder decken konnte, was für ausländische wegen der Differenzialzölle, die einem Verbote gleich wirkten, beinahe unmöglich war. Fremde Fahrzeuge kamen daher fast immer nur in Ballast, und wenn sie für einen bestimmten Zweck besonders herbeigerufen wurden.

Die Kolonie exportirt fast nur Rohprodukte, die mit einem Ausfuhrzoll von 3 Procent belastet waren; für die spanische Flagge betrug er nur 1 Procent; da aber fast keine Ausfuhr nach Spanien stattfindet, und spanische Schiffe, wegen ihrer theuren Frachten, vom Weltverkehr ausgeschlossen sind, so war die Begünstigung für den Handel nur eine scheinbare.3 [9]Diese ungeschickten, mit endlosen misstrauischen Formen gehandhabten Zollgesetze verscheuchten alle frachtsuchenden Schiffe vom Hafen, so dass Aufträge auf Landeserzeugnisse zuweilen nicht ausgeführt erden konnten. So gering war der Schiffsverkehr, dass der Gesammtertrag der hohen Hafengelder nach einem zehnjährigen Durchschnitt kaum 10,000 Doll. erreichte.

An und für sich ist die Lage Manila’s für den Welthandel sehr günstig, als Zentralpunkt zwischen Japan, China, Anam, den englischen und holländischen Häfen des Archipels und Australien.4

Während des N.O. Monsun, in unseren Wintermonaten, wo die Schiffe vom indischen Archipel nach China, um einige Deckung zu haben, durch die Gilolostrasse gehn, müssen sie überdies dicht an Manila vorbei, und würden dort eine bequeme Station finden; namentlich aber liegen die Philippinen wie bereits erwähnt, für die Westküste Amerikas sehr günstig.

Dass das spanische Ultramar-Ministerium diese Verhältnisse richtig erkennt und ihnen Rechnung trägt, geht aus dem für die Zukunft der Kolonie so wichtigen Dekret vom 5. April 1869 hervor, das wohl schon früher erschienen wäre, wenn nicht die durch Schutzzölle verwöhnten spanischen und kolonialen Schiffsrheder sich hartnäckig gegen eine Neuerung gesträubt hätten, die ihre bisherigen Privilegien antastet und sie zu grösserer Rührigkeit zwingt.

Die bemerkenswerthesten Punkte dieser neuen Verordnung sind: Ermässigung der Differenzialzölle und ihr gänzliches Erlöschen nach zwei Jahren, Abschaffung aller Ausfuhrzölle und das Verschmelzen mehrerer lästiger Hafengebühren in einen einzigen Hafenzoll.5

Als die Spanier nach den Philippinen kamen, fanden sie die Eingeborenen mit Seiden- und Baumwollenstoffen bekleidet, die von chinesischen Schiffen im Austausch gegen Goldstaub, Sapanholz,6 Holothurien, [10]essbare Vogelnester und Häute eingeführt wurden.7 Auch mit Japan, Cambodia, Siam,8 den Molukken und dem malayischen Archipel standen die Inseln in Verkehr; de Barros erwähnt Schiffe von Luzon, die 1511 Malacca besuchten.9

Durch die grössere Sicherheit, die mit den Spaniern in’s Land kam, mehr noch durch den von ihnen eröffneten Verkehr mit Amerika und mittelbar mit Europa, nahm der Handel schnell zu und erstreckte sich über Vorder-Indien bis an den persischen Meerbusen. Manila wurde zum Stapelplatz für die Erzeugnisse Ostasiens und befrachtete damit die Galeonen, die von 1565 an nach Neu-Spanien (zuerst nach Navidad, von 1602 ab nach Acapulco) fuhren und als Rückfracht vorzüglich Silber brachten.10 Die Kaufleute in Neu-Spanien und Peru fanden diesen Handel gleichfalls so vortheilhaft, dass dadurch der Einfuhr aus dem Mutterlande, dessen Fabrikate gegen die indischen Baumwollen und die chinesischen Seidenstoffe nicht konkurriren konnten, grosser Abbruch geschah. Die verwöhnten Monopolisten von Sevilla verlangten daher das Aufgeben der Kolonie11, die jährlich beträchtlicher Zuschüsse bedurfte, das Mutterland in der Ausbeutung der amerikanischen Besitzungen hinderte, und das Silber aus den Reichen Sr. Majestät in die Hände der Heiden gelangen liess. Schon der Gründung der Kolonie hatten sie grosse Hindernisse in den Weg gelegt.12 Jenes Verlangen scheiterte aber an dem Ehrgeiz der Krone und am Einfluss der Geistlichkeit; doch wurde, den damals allgemein gültigen Ansichten durchaus entsprechend13, zu Gunsten des Mutterlandes den Kaufleuten von Peru und Neu-Spanien verboten, Waaren aus China unmittelbar oder über Manila zu beziehen. Den Bewohnern der Philippinen allein blieb gestattet, chinesische Waaren in Amerika einzuführen, [11]aber nur bis zum Werthe von 250,000 Doll. jährlich, die Rückfracht ward auf 500,000 Doll. beschränkt.14

Später wurde erstere Summe auf 300,000 Doll. mit entsprechender Rückfracht erhöht, den Spaniern aber untersagt, China zu besuchen, so dass sie die Ankunft der Junken abwarten mussten. 1720 endlich wurden chinesische Stoffe in allen spanischen Besitzungen beider Welttheile gänzlich verboten. Eine Verordnung von 1734 (mit Zusätzen von 1769) gestattete den Handel mit China auf’s Neue und erhöhte das Werthmaximum der Fracht nach Acapulco auf 500,000 Doll., die Rückfracht auf 1,000,000 Doll. Silber.

Nachdem endlich die auf Kosten der Staatskasse erhaltene Nao von Acapulco ihre Reisen eingestellt (die letzte Galeon verliess Manila 1811 kehrte 1815 von Acapulco zurück), wurde der Handel mit Amerika durch Kauffahrer betrieben, denen 1820 erlaubt ward, bis zu 750,000 Doll. jährlich aus den Philippinen auszuführen und ausser Acapulco auch San Blás, Guayaquíl und Calláo anzulaufen. Dieses Zugeständniss war aber nicht ausreichend, um den Philippinischen Handel für seine durch den Abfall Mexico’s von Spanien erlittenen Verluste zu entschädigen. Die Besitznahme Manila’s durch die Engländer (1762) hatte die Bewohner mit Gewerbserzeugnissen bekannt gemacht, welche ihnen die Einfuhren von China und Indien nicht bieten konnten. Um der Nachfrage zu genügen, wurden Ende 1764 spanische Kriegsschiffe mit Produkten der spanischen Industrie (Wein, Esswaaren, Hüte, Tuche, Kurzwaaren und Luxusgegenstände) nach der Kolonie gesandt.

Die an den bequemen Acapulco-Handel gewöhnten Manila-Kaufleute sträubten sich aber gewaltig gegen diese Neuerung, obgleich sie gute Geschäfte dabei machten; denn die Krone kaufte die indischen und chinesischen Waaren für die Rückfracht in Manila doppelt so theuer als an den Ursprungsorten. 1784 traf das letzte jener Schiffe ein.15

Europäischen Fahrzeugen war nach der englischen Invasion streng verboten, Manila zu besuchen; da dieses aber die indischen Waaren nicht entbehren mochte und sie nicht durch eigne Schiffe holen konnte, so wurden sie in englischen und französischen Böden eingeführt, die einen türkischen Namen und einen indischen Schein-Kapitän erhielten.16 [12]

1785 erlangte die Compañia de Filipinas das Handelsmonopol zwischen Spanien und der Kolonie, durfte sich aber nicht in den direkten Verkehr zwischen Acapulco und Manila mischen. Sie wollte grosse Massen von Kolonialprodukten, Seide, Indigo, Zimmet, Baumwolle, Pfeffer etc. für die Ausfuhr erzielen (ähnlich wie es später durch das Kultursystem in Java geschah); da sie aber nicht über Zwangsarbeit verfügte, so misslang die plötzliche künstliche Steigerung des Landbaues vollkommen.

Durch ihr falsches System und die Unfähigkeit ihrer Beamten erlitt sie grosse Verluste (sie zahlte z. B. 13,5 Doll. für den Pico Pfeffer, der 3–4 Doll. in Sumatra galt).

1789 wurde fremden Schiffen gestattet, Waaren aus China und Indien einzuführen, aber keine europäischen. 1809 erhielt ein englisches Handelshaus Erlaubniss, sich in Manila niederzulassen.17 1814, nach dem Friedensschluss mit Frankreich, ward es, unter mehr oder weniger Beschränkungen, allen Fremden gestattet.18

1820 wurde auf 10 Jahre der direkte Handel zwischen den Philippinen und Spanien freigegeben, ohne Beschränkung für die Produkte der Kolonie, vorausgesetzt, dass die Erzeugnisse Indiens und China’s 50,000 Doll. bei jeder Expedition nicht überstiegen. Von 1834 an, wo das Privilegium der Philippinischen Kompanie erlosch, ist in Manila der freie Verkehr mit dem Auslande gestattet, doch zahlten fremde Schiffe doppelte Zölle. Seit 1855 sind noch vier neue Häfen dem Weltverkehr geöffnet; 1869 ist der oben erwähnte freisinnige Tarif erlassen worden.

Heute nach drei Jahrhunderten ungestörten Besitzes hat Manila in jenen Meeren durchaus nicht mehr dieselbe Bedeutung, die es bald nach Ankunft der Spanier errang. Die Verschliessung Japans und der indo-chinesischen Reiche, besonders in Folge der Zudringlichkeit und Anmaassung katholischer Missionäre,19 der Abfall der Kolonien an der Westküste Amerika’s, vorzüglich aber das lange Festhalten einer misstrauischen Handels- und Kolonial-Politik bis in die Gegenwart, während bedeutende Emporien in günstigerer Lage mit grossartigen Mitteln und nach freisinnigen Grundsätzen in Britisch- und Niederländisch-Indien entstanden, — alle diese [13]Umstände haben dies Ergebniss herbeigeführt und den China-Handel in andere Bahnen geleitet. Die Ursachen liegen eben so klar zu Tage wie ihre Wirkung, doch würde man irren, wenn man die befolgte Politik der Kurzsichtigkeit zuschreiben wollte. Die Spanier hatten bei ihrer Kolonisation zum Theil religiöse Zwecke im Auge, abgesehen davon fand aber die Krone in der Verfügung über die äusserst einträglichen Kolonialämter einen grossen Machtzuwachs. Sie selbst sowohl als ihre Begünstigten hatten nur die unmittelbare Ausnutzung der Kolonien im Sinne, und weder die Absicht noch die Kraft, den natürlichen Reichthum der Länder durch Ackerbau und Handel zu erschliessen. Unzertrennlich von diesem System war die strenge Ausschliessung der Fremden.20 Mehr noch als in Amerika schien es in den abgelegenen Philippinen nöthig, die Eingeborenen gegen alle Berührung mit dem Auslande abzuschliessen, wenn die Spanier im ungestörten Besitz der Kolonie bleiben wollten. Bei dem erleichterten Verkehr der Gegenwart und den Ansprüchen des Welthandels an die Produktionskraft eines so ausserordentlich fruchtbaren Gebietes sind aber die früheren Schranken nicht mehr aufrecht zu halten, es muss daher der kürzlich eingeführte freisinnige Zolltarif als eine durchaus zeitgemässe Massregel begrüsst werden.


Die mehrfach erwähnten Reisen der Galeonen zwischen Manila und Acapulco nehmen eine so hervorragende Stelle in der Geschichte der Philippinen ein und gewähren einen so interessanten Einblick in das alte Kolonialsystem, dass sie wenigstens in ihren Hauptzügen kurz geschildert zu werden verdienen.

Zu Morga’s Zeit, Ende des 16ten Jahrhunderts, kamen jährlich 30–40 chinesische Junken nach Manila (gewöhnlich im März); Ende Juni ging die Nao (oder Galeon) nach Acapulco ab. Der Acapulcohandel, dessen Geschäft sich auf die dazwischen liegenden drei Monate im Jahr beschränkte, war so gewinnbringend, bequem und sicher, dass die Spanier sich in keine andere Unternehmungen einlassen mochten.

Da der Raum des einzigen jährlichen Schiffes dem Zudrang durchaus nicht entsprach, so vertheilte ihn der Guvernör nach seinem Dafürhalten, und die Begünstigten trieben gewöhnlich nicht selbst Handel, sondern übertrugen ihre Konzessionen an Kaufleute. [14]

Nach de Guignes21 wurde der Frachtraum der Nao in 1500 Theile getheilt, von denen eine grosse Anzahl den Klöstern, der Rest bevorzugten Personen zufiel. In Wirklichkeit war der amtlich auf 600,000 Doll. beschränkte Werth der Ladung beträchtlich höher, und diese bestand vorzugsweise in indischen und chinesischen Baumwollen- und Seidenstoffen (unter andern 50,000 Paar seidene Strümpfe aus China) und Goldschmuck. Die Rückfracht belief sich auf 2 bis 3 Millionen Dollars.

Alles war bei diesem Handel im Voraus bestimmt: Zahl, Form, Grösse und Werth der Waarenballen, ja sogar ihr Verkaufspreis. Da dieser dem doppelten Kostenpreis gleichkam, so entsprach die Erlaubniss, Waaren für einen gewissen Betrag zu verschiffen, unter gewöhnlichen Verhältnissen dem Geschenk eines solchen Betrages. Solche Erlaubnissscheine (Boletas) wurden daher später zum grossen Theil an Pensionäre, Offizierswittwen und als Gehaltszulagen an Beamte gegeben, doch durften die also Begünstigten unmittelbar keinen Gebrauch davon machen, denn zum Acapulcohandel waren nur die Mitglieder des Consulado (einer Art Handelsgericht) berechtigt, die einen mehrjährigen Aufenthalt im Lande und 8000 Doll. Kapital nachweisen mussten.

Der Astronom Legentil22 beschreibt ausführlich die zu seiner Zeit geltenden Verordnungen und deren Umgehung: die Ladung war auf 1000 Ballen, jeder zu 4 Pack23 zum Werth von 250 Doll. festgesetzt. Die Zahl der Ballen durfte nicht überschritten werden, sie enthielten aber in der Regel mehr als 4 Pack, und ihr Werth überstieg den vorgeschriebenen so sehr, dass eine Boleta 200–225 Doll. galt. Die Beamten gaben wohl Acht, dass keine Güter ohne Boleta an Bord geschmuggelt wurden; die Jagd auf letztere war daher zuweilen so eifrig, dass Comyn später24 für das Frachtrecht von Gütern, die kaum 1000 Doll. werth waren, 500 Doll. bezahlen sah. Die Kaufleute borgten das Geld für ihre Unternehmungen gewöhnlich von den obras pias, frommen Stiftungen, welche bis auf die Gegenwart die Stelle von Banken vertraten.25 In der frühesten Zeit verliess die Nao Cavite im Juli, ging mit S.W. Winden nordwärts über [15]den Kalmengürtel hinaus, bis sie in 38 oder 40° westliche Winde traf.26 Später war den Schiffen vorgeschrieben, mit den ersten S.W. Winden Cavite zu verlassen, längs der Südküste von Luzon durch die San Bernardino-Strasse und in 13° N.Breite27 so weit östlich als möglich zu fahren, bis der N.O. Passat sie zwang, in höheren Breiten N.W. Winde aufzusuchen. Dann sollten sie, so lange als möglich, die Breite von 30°,28 statt wie früher 37° und mehr innehalten. Dem Kapitän war nicht erlaubt, sogleich weiter nördlich zu gehn, obgleich er dann eine viel schnellere und sichere Fahrt gehabt und das Gebiet des Regens früher erreicht hätte. Und doch war namentlich letzteres für ihn von höchster Wichtigkeit, denn die mit Gütern überfüllten Schiffe hatten nur wenig Raum für Wasser übrig und waren, obgleich sie 4–600 Mann an Bord zu haben pflegten, ausdrücklich auf den unterwegs aufzufangenden Regen angewiesen und zu dem Ende mit besonderen Vorrichtungen von Matten und Bambusrinnen versehen.29

Wegen der Unbeständigkeit der Winde waren die Reisen in so niedrigen Breiten äusserst beschwerlich und dauerten fünf Monate und darüber. Die Furcht, das reiche, unbeholfene Schiff den kräftigen, zuweilen stürmischen Winden höherer Breiten auszusetzen, scheint dieser Vorschrift zu Grunde gelegen zu haben.

Sobald die Schiffe an die grosse Sargassobank gelangten, schlugen sie einen südlichen Kurs ein und liefen dann die Südspitze der Californischen Halbinsel (San Lucas) an, wo Nachrichten und Erfrischungen für sie bereit gehalten wurden.30 In der ersten Zeit aber müssen sie Amerika viel nördlicher, etwa bei Cap Mendocino erreicht haben und in Sicht der Küste [16]südlich gefahren sein, denn als Vizcaino 1603 seine Entdeckungsreise von Mexico nach Californien unternahm, fand er die bedeutenderen Berge und Caps, obgleich sie nie von Europäern betreten waren, schon benannt, weil sie den Galeonen als Landmarken gedient hatten.31

Die Rückkehr nach den Philippinen war bequem und dauerte nur 40–60 Tage.32 Das Schiff verliess Acapulco im Februar oder März, lief südwärts, bis es, gewöhnlich in 10 oder 11° N., den Passat traf, mit dem es ohne Mühe nach den Ladronen, von da über Samar nach Manila ging.33

Eine Galeon oder Nao maass 1200–1500 Tonnen und führte 50–60 Kanonen, letztere aber gewöhnlich im Schiffsraum, wenigstens bei der Reise ostwärts. Auf der Heimkehr, wo es nicht an Platz mangelte, wurden die Kanonen aufgestellt.

Fray Gaspar (S. 436) erzählt von der Nao Sa. Ana, die Thomas Candish 1586 an der Küste von Californien kaperte und verbrannte: »Die Unsrigen fuhren so sorglos, dass sie ihre Artillerie als Ballast mit sich führten ... der Korsar machte eine so glückliche Reise, dass er in London einlief mit Segeln von chinesischem Damast und seidenem Tauwerk.«

In Acapulco wurde die Ladung mit 100 Prozent Nutzen verkauft und in Silber, Cochenille, Quecksilber etc. bezahlt. Der Gesammtwerth der Rückfracht mochte 2–3 Millionen Doll. betragen34, wovon 250,000 bis 300,000 Doll. für Rechnung des Königs.

Die Rückkehr des Schiffs in Manila, mit Silberdollars und neuen Ankömmlingen beladen, war ein grosses Fest für die Kolonie. Ein beträchtlicher Theil des ohne Anstrengung wie im Spiel gewonnenen Geldes wurde gewöhnlich schnell verprasst; dann sank Alles wieder in die gewohnte Leblosigkeit zurück.

Oft aber gingen auch Schiffe verloren, da sie über die Grenzen der Verordnungen und der Vorsicht, mit grosser Beeinträchtigung ihrer Seetüchtigkeit beladen und schlecht geführt waren; denn nicht Fähigkeit, sondern Gunst entschied bei dem Vergeben der sehr einträglichen Stellen.35 [17]Mehrere Galeonen fielen englischen und holländischen Kapern in die Hände.36 Auch der Gewinn nahm immer mehr ab, da die Compañia de Filipinas später das Recht erhielt, indische Baumwollenstoffe, die einen Hauptbestandtheil der Ladung bildeten, mit 6 Prozent Zoll über Veracruz in Neu-Spanien einzuführen, und Engländer und Amerikaner diese und andre Waaren einschmuggelten.37 Schliesslich sei hier noch erwähnt, dass die spanischen Dollars durch die Nao über Manila nach China und Hinterindien gelangten, wo sie noch gegenwärtig Handelsmünze sind.

Lastboot (Casco).

Lastboot (Casco).

Nach der Zeichnung eines Tagalen.

[18]


1 Die Oeffnung dieser Häfen hat sich so erspriesslich erwiesen, dass darüber einige interessante Thatsachen in einem besonderen Kapitel mitgetheilt werden sollen, — grösstentheils nach mündlichen und schriftlichen Bemerkungen des vor drei Jahren verstorbenen englischen Vizekonsuls N. Loney und nach späteren Konsulatsberichten. 

2 1868 liefen 112 fremde Schiffe von 74,054 Tonnen, 93 spanische von 26,762 Tonnen in Manila ein; erstere kamen fast alle in Ballast, und verliessen den Hafen mit Ladung; letztere kamen und gingen beladen. (Ber. d. engl. Konsuls 1869.) 

3 1868 14,013,108 Doll. Gesammtausfuhr, England 4,857,000 Doll., das ganze übrige Europa 102,477 Doll., wobei freilich der von der Kolonie nach Spanien gesandte Tabakstribut (3,169,114 Doll.) nicht mitgerechnet wird (Ber. engl. Kons. 1869). 

4 Lapérouse nennt Manila die vielleicht am glücklichsten gelegene Stadt der Welt. 

5 Näheres über das Zollwesen s. im Anhange. 

6 Sapán oder Sibucao, Caesalpinia Sappan. Das Fernambuk- oder Brasilholz, dem das Kaiserreich Brasilien seinen Namen verdankt, kommt von C. echinata und C. brasiliensis. (Die älteste Karte von Amerika bemerkt vom Lande des Brasil[holzes]: hier giebt es weiter nichts brauchbares als Brasil.) Das Sapan der Philippinen ist reicher an Farbstoff als die übrigen ostasiatischen, steht aber dem von Brasilien nach. In neuer Zeit hat es seinen Ruf verloren, da es aus Unverstand häufig zu früh geschnitten wird. Es geht vorzüglich nach China, dient zum Rothfärben und -drucken. Das vorher mit Alaun gebeizte Zeug wird dort zum Schluss in ein schwach alkoholhaltiges Alkalibad getaucht. Das in den Kleidern der ärmeren Chinesen so häufige Braunroth ist mit Sapan dargestellt. 

7 Ein interessantes Verzeichniss der zu jener Zeit von den Chinesen eingeführten Waaren findet sich im Anhang. 

8 Schon damals gingen grosse Mengen kleiner Muscheln (Cypraea moneta) nach Siam, wo sie noch heut als Münze dienen. 

9 Berghaus Geo-hydrogr. Memoir. 

10 Manila wurde erst 1571 gegründet, aber schon 1565 glückte es Urdaneta, Legaspi’s Steuermann, den Rückweg durch das Stille Meer zu finden, indem er in höheren nördlichen Breiten N.W. Winde aufsuchte. Genau genommen war übrigens Urdaneta nicht der Erste, dem die Rückfahrt gelang; denn eines der fünf Schiffe Legaspi’s, unter dem Befehl Don Alonso de Arellano’s, das einen Mulatten, Lope Martin, als Steuermann an Bord hatte, trennte sich von der Flotte, nachdem diese die Inseln erreicht, und kehrte nach Neu-Spanien auf einem nördlichen Kurs zurück, um die für diese Entdeckung ausgesetzte Belohnung zu verdienen, was durch das baldige Eintreffen Urdaneta’s vereitelt wurde. 

11 Grav. No. 6. 

12 Vgl. Kottenkamp I. 1594. 

13 Gestützt auf Leyes de India 1a u. 6a, C. 4, L. 9. 

14 Zuerst wurde nur die Einfuhr durch Festsetzung eines Werthmaximums beschränkt, die Manila-Kaufleute halfen sich durch Angabe viel zu geringer Werthe; um diesem Missbrauch ein Ende zu machen, wurde ein Maximum für Silberausfuhr festgesetzt. Nach Mas (Informe I, 3, 60) betrug aber das geschmuggelte Silber sechs bis acht Mal soviel. 

15 Informe Hist. 2. 

16 Informe I. 4. 6. 

17 Lapérouse (358) erwähnt 1787 ein französisches Handelshaus (Sebis), das seit mehreren Jahren in Manila etablirt war. 

18 Informe, Comercio 2. 

19 R. Cocks to Thos. Wilson (Calendar of State Papers (India) No. 823) . . »the English will obtain a trade in China, so they bring not in any padrese (as they term them) which the Chinese cannot abide to hear of, because heretofore they came in such swarms and are always begging without shame.« 

20 Noch 1857 werden ältere, gegen die Niederlassung von Ausländern gerichtete strenge Erlasse durch ein Gesetz (L. ult. II 512) erneut. Eine R. O. von 1844 (L. ult. II 465) verbietet, Fremde unter irgend welchem Vorwande das Innere der Kolonie betreten zu lassen. 

21 Pinkerton XI, 85. 

22 II, 201. 

23 Von 5 × 2½ × 1½ = 18,75 span. Cub.-Fuss (St. Croix II, 360). 

24 Comercio exterior 47. 

25 Die Obras pias sind fromme Vermächtnisse, bei denen in der Regel bestimmt war, dass zwei Drittel zu kaufmännischen Unternehmungen im Seehandel gegen Zinsen ausgeliehen werden sollten, bis durch die Prämien, die für das Risiko nach Acapulco 50 Prozent, nach China 25 Prozent, nach Indien 35 Prozent betrugen, das ursprüngliche Kapital auf eine gewisse Summe angewachsen war, deren Zinsen dann, für das Seelenheil des Stifters, zu frommen oder wohlthätigen Zwecken verwendet wurden. (Arenas hist. 397.) Ein Drittel blieb gewöhnlich als Reservefond zurück, zur Deckung etwaiger Verluste. (Diese Reservefonds sind längst von der Regierung als Zwangsanleihen für sich in Anspruch genommen, »werden aber noch als vorhanden angesehn.«)

Als der Acapulcohandel ein Ende nahm, konnten die Kapitalien nicht mehr nach der Bestimmung der Stifter angelegt werden, und wurden anderweitig auf Zinsen ausgeliehen. Durch R. O. 3. Novbr. 1854 (Leg. ult. II, 205) wird eine Junta administradora eingesetzt, um die Gelder der Obras pias zu verwalten. Das Gesammtkapital der fünf Stiftungen (eigentlich nur vier, da eine derselben kein Kapital mehr besitzt) beträgt etwas weniger als 1 Million Dollars. Der aus den Darlehen erzielte Gewinn wird nach Höhe des Einlagekapitals vertheilt, welches aber nicht mehr baar vorhanden ist, weil die Regierung darüber verfügt hat. 

26 Thevenot Religeux 12. 

27 14–15° Morga 171. 

28 Nach Legentil 32–34°. 

29 De Guignes, Pinkerton XI, Anson X. 

30 Anson X. 

31 Edmund Randolph, Hist. of California. 

32 Zu Morga’s Zeit 70 Tage bis zu den Ladronen, 10–12 Tage bis Cap Espiritu Santo, 8 Tage bis Manila. 

33 Eine sehr gute Beschreibung der Naofahrten findet man in Anson Kap. X. Dasselbe Werk enthält die Kopie einer an Bord der Cavadonga erbeuteten Seekarte, auf welcher die Reise dieser Galeon von den Philippinen nach Acapulco und zurück eingetragen ist. 

34 de Guignes. 

35 Dem Befehlshaber, der den Titel General hatte, war ein Kapitän untergeordnet, dessen Gewinn auf jeder Reise 40,000 Doll. betrug. Für den Steuermann belief sich der Nutzen auf 20,000 Doll. Der erste Lieutenant (Maestre) hatte 9 Prozent vom Verkauf der Waaren und löste daraus und aus seinem besonderen Handel über 350,000 Doll. (Arenas hist. 394.) 

36 Die von Anson erbeutete Ladung betrug 1,313,000 Doll., abgesehen von 35,682 Unzen Feinsilber und Cochenille. Die von Drake mitten im Frieden zwischen England und Spanien geraubte 1½ Millionen Doll. Th. Candish (s. oben) verbrannte die reiche Ladung der Sa. Ana, da er keinen Raum mehr für sie hatte. 

37 So fand z. B. 1786 die Nao S. Andrés, die für 2 Millionen Doll. Fracht enthielt, keinen Markt in Acapulco; ebenso erging es 1787 der S. José, und 1789 abermals der S. Andrés. (Informe 1. 4. 33.) 

[Inhalt]
Haus mit Azotea am Pasig.

Haus mit Azotea am Pasig.

DRITTES KAPITEL

MANILA. — LEBEN IN DER STADT UND IN DEN VORSTÄDTEN. — HAHNENKÄMPFE. — TRACHTEN DER VERSCHIEDENEN KLASSEN.

Die eigentliche Stadt Manila, hauptsächlich von Spaniern, Kreolen und zu ihnen in unmittelbarer Beziehung stehenden Einheimischen und Chinesen bewohnt,1 liegt, von Mauern und breiten Gräben umschlossen, am linken, südlichen Ufer des Pásig, eine Seite dem Meere zukehrend; ein heisser, öder Ort, voll Klöster, Stifter, Kasernen, Regierungsgebäude. Rücksicht auf Sicherheit, nicht auf Annehmlichkeit, war bei der Gründung maassgebend. Manila erinnert an spanische Provinzialstädte und ist nach Goa die älteste Stadt in Indien. Die Fremden wohnen auf der Nordseite des Flusses, in Binóndo, dem Sitz des Gross- und Kleinhandels, oder in den freundlichen angrenzenden Dörfern, die ein zusammenhängendes Ganze bilden. Die Gesammtbevölkerung wird, wohl mit Uebertreibung, auf 200,000 geschätzt. Eine hübsche, alte, steinerne Brücke von zehn Bogen, [19]in neuer Zeit auch eine eiserne Hängebrücke, verbinden die beiden Ufer des Flusses.2

Zwischen den Bewohnern von Manila und Binóndo findet sehr wenig Verkehr statt. Das Leben in der eigentlichen Stadt soll nicht angenehm sein: Stolz, Neid, Stellenjägerei, Kastenhass sind an der Tagesordnung; die Spanier halten sich für besser als ihre Kreolen, welche wiederum jenen vorwerfen, dass sie nur in die Kolonie kommen, um sich satt zu essen, ebenso herrscht Hass und Neid zwischen Weissen und Mestizen. Aehnliche Verhältnisse bestehn zwar in allen spanischen Kolonien und liegen im Wesen der spanischen Kolonialpolitik, die immer bestrebt war, die verschiedenen Rassen und Stände feindlich zu trennen, aus Furcht, dass ihr Bündniss die Herrschaft des fernen Mutterlandes gefährde.3

In Manila aber werden diese Zustände durch den Umstand gesteigert, dass die Klasse der durch grossen Grundbesitz an das Land gefesselten Pflanzer bisher fast gänzlich fehlte. Erst jetzt scheint die steigende Nachfrage nach den Landesprodukten allmälig einen erfreulichen Umschwung in dieser Beziehung herbeizuführen. Wie aber der einem Glücksspiel vergleichbare Naohandel, früher die einzige Quelle des Reichthums, auf die spanische Bevölkerung wirkte, schildert treffend Murillo Velarde (p. 272): »Die Spanier, die hierher kommen, betrachten diese Inseln nicht wie eine Heimath, sondern wie ein Wirthshaus. Heirathen sie, so geschieht es zufällig; wo giebt es eine Familie, die Generationen überdauerte? .. Der Vater sammelt Schätze, der Sohn vergeudet, der Enkel bettelt. Die grössten Kapitalien sind nicht beständiger als die Wogen des Meeres, auf denen sie sich gründen.«

Auch unter den Ausländern in Binóndo herrscht durchaus nicht so viel Geselligkeit als in englischen oder holländischen Kolonien, und fast kein Umgang mit den Spaniern, welche die Fremden beneiden und deren im Lande gemachten Erwerb fast wie einen an ihnen, den Eigenthümern, begangenen Raub betrachten. Dabei ist das Leben sehr theuer, theurer als in Singapore und Batavia. Bei Vielen scheinen die Ausgaben in grossem Missverhältniss zu ihrem amtlichen Gehalt zu stehn.

Die zum Theil sehr geräumigen Häuser sind düster und hässlich, mit Rücksicht auf das Klima schlecht ventilirt; statt luftiger Jalousien schwere Schiebefenster, welche das Licht nicht durch Glas, sondern durch [20]dünne Austerschalen (Placuna placenta L.) einlassen, die kaum zwei Zoll im Geviert haben und in Gitterrahmen von zolldicken Latten sitzen. Das Erdgeschoss ist verständiger Weise, der grossen Feuchtigkeit wegen, meist unbewohnt, zu Magazinen, Stallungen, Diensträumen benutzt.

Bambushaus in der Vorstadt Trozo.

Bambushaus in der Vorstadt Trozo.

Die Pfähle auf denen es ruht, bestehen grösstentheils aus Stämmen der Nibongpalme (Caryota) der Raum zwischen denselben ist durch Bambuslatten eingefasst. Das ganze Gerüst des Hauses besteht aus Bambus, durch Stuhlrohr verbunden; der Fussboden aus Bambuslatten, die Wände aus Pandanusblättern, die Fensterladen aus Blättern einer Fächerpalme (Corypha) durch dünne Bambuslatten zusammen gehalten; den Boden der Azotéa bilden ganze, ihre Einfassung gespaltene Bambusen. Das Dach besteht aus Ataps von der Nipapalme (s. Reise-Skizzen S. 12) die oben an der Firste durch Bambuslatten zusammen gehalten werden.

Die anspruchslosen, in ihrer Art zweckmässigen Häuser von Brettern oder Bambus und Palmenblättern stehn der Feuchtigkeit wegen auf Pfählen, jedes für sich, der untere Raum gewöhnlich durch ein Gitter eingefasst, dient als Stall oder Magazin; so war es schon zu Magellan’s Zeiten. Solche Häuser sind ausserordentlich leicht gebaut. Lapérouse schätzt das Gesammtgewicht mancher mit vollständigem Mobiliar auf weniger als 200 Pfund.

Fast sämmtliche Häuser, sogar die Hütten der Eingeborenen, haben eine Azotea, d. h. einen nicht überdachten Raum in gleicher Flucht mit der Wohnung, der die Stelle von Hof und Balkon vertritt. Die Spanier scheinen diese hübsche Einrichtung den Mauren entlehnt zu haben; die Eingeborenen kannten sie aber wohl schon vor Ankunft der Europäer, denn Morga (Bl. 140) erwähnt bereits dergl. »Batalanes«. In den Vorstädten ist fast jede Hütte von einem Gärtchen umgeben.

Das Trinkwasser ist mit Ausnahme des in Zisternen gesammelten, sehr schlecht. Es wird etwas oberhalb der Stadt in flache Kähne geschöpft und [21]so den Haushaltungen zugeführt. Das Flusswasser ist oft ganz grün von Conferven, häufig sieht man auch todte Hunde und Katzen darin treiben, von grossen Pistien wie von Kopfsalat umgeben. In der trocknen Jahreszeit werden die zahlreichen Kanäle der Vorstädte stellenweis zu stagnirenden Kloaken, der Stadtgraben bietet bei jeder Ebbe einen solchen Anblick.

An Gelegenheit zu Vergnügungen ist Manila sehr arm. Während meines Aufenthalts bestand kein spanisches Theater; tagalische Schauspiele (Uebersetzungen) wurden zuweilen aufgeführt. Es gab keinen Klub, keine lesbaren Bücher. Nicht einmal Zeitungsnachrichten belebten die matte Unterhaltung; denn nachdem die alle vierzehn Tage aus Hongkong eintreffenden Nachrichten durch die Priesterzensur gesichtet, blieb zur Speisung der Lokalblätter wenig übrig als Madrider und Pariser Hofnachrichten.4 Nur die mit bunter Pracht gefeierten Kirchenfeste unterbrachen zuweilen die Einförmigkeit.

Das grösste Vergnügen der Eingebornen sind die Hahnenkämpfe, die mit einer Leidenschaftlichkeit betrieben werden, welche jedem Fremden sogleich auffallen muss. Fast alle Indier halten sich Kampfhähne. Viele gehn nie aus, ohne ihren Liebling im Arm zu tragen; sie zahlen zuweilen 50 Doll. und mehr dafür und überhäufen ihn mit den zärtlichsten Liebkosungen. Man kann die Sucht für Hahnenkämpfe wohl ein Nationallaster nennen, doch sollen sie erst durch die Spanier oder die sie begleitenden Mexicaner eingeführt worden sein; ebenso das in China zum [22]Nationallaster gewordene Opiumrauchen durch die Engländer. Wahrscheinlicher ist es wohl, dass die Malayen die Sitte in’s Land brachten. Im östlichen Theil der Philippinen müssen zu Pigafetta’s Zeiten Hahnenkämpfe unbekannt gewesen sein. Er sah die ersten Kampfhähne in Paláuan: »Sie haben grosse Hähne, die sie aus einer Art von Aberglauben nicht essen, sie halten sie aber, um sie kämpfen zu lassen; es werden dabei Wetten gemacht, deren Ertrag der Eigenthümer des Siegers erhält.«56

Für Europäer ist das Schauspiel in hohem Grade widerwärtig: Der einen Ring um den Kampfplatz bildende Zuschauerraum ist mit Eingeborenen überfüllt, die aus allen Poren schwitzen, während ihre Gesichter von hässlichen Leidenschaften auf’s Höchste erregt sind. Die Hähne sind je mit einem sehr scharfen, sichelförmigen, 3 Zoll langen Messer bewaffnet, das tiefe Wunden reisst und immer den Tod des einen oder beider Hähne durch grausame Verletzungen herbeiführt. Ein Hahn, der aus Feigheit davonläuft, wird lebendig gerupft. Im Verhältniss zu den Mitteln der Spieler werden unglaublich hohe Summen verwettet.

Dass diese Hahnenkämpfe für ein so sehr zu Müssiggang und Liederlichkeit geneigtes, nur den Regungen des Augenblicks folgendes Volk im höchsten Grade entsittlichend wirken, liegt auf der Hand. Der Lockung, ohne Arbeit Geld zu gewinnen, vermögen sie schwer zu widerstehn; Viele werden durch die Leidenschaft des Spieles zu Wucherschulden, Unterschlagungen und Diebstahl verleitet, auch zu Strassenraub: die Land- und Seeräuberbanden, von denen weiter unten, sollen zum grossen Theil aus ruinirten Spielern bestehn.7 [23]

Alle Städte Hinterindiens übertrifft Manila durch angenehme Frauengestalten, die seine Strassen beleben. Herr Mallat schildert sie in glühenden Worten. Ein hübsches, phantasiereiches, in der Lokalfarbe gehaltenes Bild des Strassenlebens findet man auch in den sehr unterhaltenden Aventures d’un gentil’homme Breton.8

Wie viele der hübschesten »India’s« von ganz reinem Blute sind, ist freilich nicht zu ermitteln. Manche sind sehr weiss, nähern sich dem europäischen Typus und unterscheiden sich dadurch merklich von ihren Stammesgenossen in den abgelegeneren Provinzen.

Der unmittelbaren Umgebung Manila’s fehlt es nicht an schönen Punkten, ihr Besuch gehört aber nicht zum Ton, da Toilettenschau, nicht Naturgenuss, Zweck des Spazierengehns ist. In der trockenen Jahreszeit fahren Abends Alle, die es bezahlen können, auf staubigen Strassen nach einem kürzlich angelegten Platz am Meer, von 1000 Fuss Breite, 200 Fuss Länge, wo mehrere Mal in der Woche die recht gute Musik inländischer Regimenter spielt, und gehen steif auf und ab. Die Spanier stecken alle in Uniformen oder schwarzen Fracks. Wenn die Glocken zum Abendgebet (Angelus) läuten, stehn Wagen, Reiter und Fussgänger plötzlich still, Jedermann entblösst sein Haupt und scheint zu beten.

Derselbe Guvernör, der die Promenade angelegt, hatte auch einen botanischen Garten geschaffen. Zwar waren die wenigen von ihm dahin versetzten Pflanzen, auf dem morastigen Boden der vollen Sonnengluth preisgegeben, schnell wieder zu Grunde gegangen, aber der Platz war eingezäunt, in Felder getheilt, mit Unkraut bewachsen und hatte wenigstens einen Namen erhalten, gegenwärtig soll er besser im Stande sein.9

Tagalin

Tagalin

in Sarong, Tapis, Camisa und Schultertuch.

In der Umgegend von Manila sind die Kirchenfeste wohl des Besuchs der Fremden werth, schon wegen der zahlreichen hübschen Indierinnen und Mestizinnen, die sich Abends dort einfinden und in ihrem besten Putz [24]auf den festlich beleuchteten, mit Fahnen und Blumen geschmückten Strassen spazieren gehn. Sie sind namentlich für den aus den Malayenländern kommenden eine anmuthige Erscheinung. Die Indierin ist sehr schön gewachsen, hat üppiges schwarzes Haar, grosse dunkle Augen; der obere Theil des Körpers ist in inländische, oft kostbare Stoffe von durchsichtiger Feinheit und tadelloser Weisse gehüllt, und von der Hüfte abwärts in ein buntstreifiges, weitfaltiges Kleid (Saya), dessen oberer Theil bis zum Knie durch ein dunkles Tuch, Tapis, so fest zusammengehalten wird, dass die reichen, bunten Falten der Saya daraus wie die Blumenblätter einer Granate hervorbrechen, und die Mädchen nur ganz kurze Schritte machen können, was in Verbindung mit den niedergeschlagenen Augen ihnen einen sehr sittsamen Anstrich giebt. An den nackten Füssen tragen sie gestickte Pantoffeln (Chinelas), so schmal, dass die kleine Zehe, die nicht Platz darin hat, den Pantoffel von aussen festhalten muss.10

Aermere Indierinnen kleiden sich nur in eine Saya und ein sogenanntes Hemd, so kurz, dass es oft nicht bis zu dieser hinabreicht; in den östlichen Inseln tragen selbst erwachsene Mädchen und Frauen ausser einem katholischen Amulet gewöhnlich nur diese zwei Kleidungsstücke, die namentlich nach dem Bade, bis sie die Sonne wieder getrocknet hat, fast durchsichtig sind.

Tagalen.

Tagalen.

Hut, Hose und darüber ein Hemd, beide aus grober Guinára, bilden die Tracht der ärmeren Männer. Die Hemden der Reicheren sind mitunter aus sehr theuren inländischen Geweben, von Ananas oder Bananenfasern mit oder ohne seidene Streifen, auch ganz aus Jusi (chinesische Floretseide), in welchem Falle sie nicht gewaschen und also nur [25]einmal getragen werden können. Der Hut, Salacót (ein Kugelsegment aus inländischem Flechtwerk), dient als Regen- und Sonnenschirm, und ist zuweilen bis zu beträchtlichem Werthe mit Silber beschlagen. Die Principalia hat das Vorrecht, eine kurze Jacke über dem Hemde zu tragen, und ist gewöhnlich auch an ihrer, zuweilen bis an’s Drollige streifenden Würde und ihrem vergilbten, in der Familie forterbenden Zylinder-Hute kenntlich. Der einheimische Stutzer hat lackirte Schuhe an den nackten Füssen, lange, enganliegende Hosen, schwarz oder grellbunt gestreift; darüber ein gefaltetes, gestärktes Hemd von europäischem Schnitt; auf dem Kopf einen zylindrischen Seidenhut, in der Hand ein Stöckchen. Recht unanständig sieht es aus, wenn bei Gala-Mahlzeiten die Dienerschaft in weissen gestärkten Hemden über den Hosen erscheint, nie sind mir die Hässlichkeiten unserer europäischen Kleidung mehr aufgefallen als in der Nachäffung durch den Manila »Elegante«.

Elegante.

Elegante.

Die Mestizinnen kleiden sich wie die Indierinnen, aber ohne Tapis, an Europäer verheirathete tragen auch Schuhe und Strümpfe. Manche Mestizinnen sind von grosser Schönheit, ihr Gang hat aber gewöhnlich etwas Schleppendes, von der Gewohnheit, den Pantoffel zu schleifen. In der Regel sind sie klug, wirtschaftlich, zu Handelsgeschäften sehr geschickt, in Unterhaltung aber oft unbeholfen und langweilig. Mangel an Bildung allein ist wohl nicht die Ursache, denn eine Andalusierin hat [26]ausser der Doctrina christiana auch nichts gelernt, und ist doch in ihrer Jugend eines der reizendsten Wesen. Der Grund liegt wohl eher in der Zwitterstellung der Mestizin: von den weissen Frauen wird sie hochmüthig zurückgestossen, während sie selbst ihre mütterlichen Verwandten verläugnet. Ihrem Auftreten fehlt die Sicherheit, der richtige Takt, den die Süd-Europäerin in allen Lebensverhältnissen zeigt.

Die Mestizen, besonders die von Chinesen und Tagalinen, bilden den reichsten, unternehmendsten Theil der einheimischen Bevölkerung; sie kennen alle guten und schlechten Eigenschaften des Eingeborenen und beuten sie rücksichtslos für ihre Zwecke aus.

Kleines tagalisches Mädchen. Phot.

Kleines tagalisches Mädchen. Phot.

[27]


1 1855: 586 Spanier aus Europa, 1378 Kreolen, 6323 Indier und Mestizen, 332 Chinesen, 2 Hamburger, 1 Portugiese, 1 Afrikaner. (Com. centr. de Estadistica. Heft I.) 

2 Das Erdbeben von 1863 zerstörte die alte Brücke, sie wird jetzt wieder hergestellt; die Pfeiler sind vollendet, das eiserne Gerüst soll demnächst aus Europa eintreffen (April 1872). 

3 Vergl. Roscher’s Kolonien. 

4 Folgende Maasse werden einen Schluss auf den Gehalt der Zeitungen erlauben: ich wähle nicht das Boletin oficial, da es zu amtlichen Ankündigungen bestimmt ist und diesen gegenüber sein sonstiger Inhalt nicht in Betracht kommt. Die mir vorliegende Nummer des wöchentlich 6 mal erscheinenden Comercio (vom 29. Nov. 1858) hat 4 Seiten, deren bedruckter Raum je 11×17, im Ganzen also 748 Quadratzoll beträgt. Sie vertheilen sich wie folgt:

Titel, 27½ Quadratzoll; Aufsatz über die Volksmenge in Spanien, aus einem Buche abgedruckt, 102½ Quadratzoll. — Unter dem Titel: Nachrichten aus Europa, ein Artikel, abgedruckt aus den Anales de la Caridad, über die Zunahme der Barmherzigkeit und des katholischen Unterrichts in Frankreich, 40½ Quadratzoll; über die Kunst und ihren Ursprung (allgemeine Redensarten), 1. Abschnitt, 70 Quadratzoll; Auszug aus dem amtlichen Blatt, 20½ Quadratzoll; alte Anekdote, 59 Quadratzoll. — Religiöser Theil: dieser zerfällt in eine amtliche und eine nichtamtliche Abtheilung, in der ersten werden die Heiligen des Tages und die des folgenden, sowie die Kirchenfeste bekannt gemacht; der zweite Theil enthält die Anzeige einer glänzenden Prozession und den 1sten Abschnitt einer 3 Jahre früher, bei Gelegenheit desselben Festes gehaltenen Predigt, »die so schön war, dass sie den Lesern unverkürzt mitgetheilt werden soll«, 99 Quadratzoll. — Stück eines alten Romans in vielen Kapiteln, 154 und Anzeigen, 175, zusammen 748 Quadratzoll. In den letzten Jahren enthielten die Zeitungen zuweilen gediegene Aufsätze, jedoch nur äusserst selten. 

5 Pigafetta 111. 

6 In den Ordenanzas de Buen Gobierno von Hurtado Corcuero, Mitte des 17ten Jahrhunderts, werden Kampfhähne nicht erwähnt. 1779 wurden sie zuerst als Steuerquelle ausgebeutet; 1781 verpachtete die Regierung das Recht, Eintrittsgelder zu den Galleras (von Gallo, Hahn) zu erheben für 14,798 Doll. jährlich. 1863 ist der Ertrag der Galleras mit 106,000 Doll. im Budget ausgeworfen. 

7 Es giebt eine besondere Verordnung von 100 §§. über die Hahnenkämpfe (Madrid, 21. März 1861). § 1 bestimmt, dass die Kämpfe, da sie eine Staatseinnahme bilden, nur auf öffentlichen Schauplätzen stattfinden dürfen; § 6. sie sind an Sonn- und Festtagen zu gestatten; § 7. von Schluss der Hauptmesse bis Sonnenuntergang; § 12. mehr als 50 Doll. dürfen nicht auf einmal gewettet werden. § 38. Jeder Hahn darf nur ein Messer und zwar am linken Sporn tragen. § 52. Der Kampf ist beendet, wenn beide Hähne oder einer derselben stirbt, oder wenn einer von beiden aus Feigheit davonläuft. In Daily News vom 30. Juni 1869 findet sich die Notiz, dass in Leeds, fünf Männer jeder zu 2 Monaten Gefängniss verurtheilt wurden, weil sie sechs, mit metallenen Sporen bewaffnete Kampfhähne gegen einander hatten kämpfen lassen. Danach scheint in England das früher sehr beliebte Schauspiel nicht mehr gestattet zu sein. 

8 Der Pflanzer de la Gironière hat den Rohstoff, Al. Dumas angeblich die Ausschmückung dazu geliefert. 

9 Botanische Gärten scheinen unter Spaniern nicht zu gedeihen. Chamisso (S. 71) klagt, dass zu seiner Zeit von dem vom gelehrten Cuellar bei Cavite angelegten botanischen Garten keine Spur mehr vorhanden war. Der Madrider Garten ist in einem traurigen Zustande, die Glashäuser stehen meist leer. Auch der von einem reichen Patrioten in Orotava (Teneriffa) mit grossen Kosten geschaffene, der als Akklimatisations-Station wichtige Dienste leisten könnte, geht schnell zu Grunde. Es soll alljährlich eine nicht unbeträchtliche Summe dafür im Budget ausgeworfen werden, von der aber nur selten Spuren bis Orotava gelangen. Bei meiner Anwesenheit 1867 hatte der Gärtner seit 22 Monaten keinen Gehalt bekommen, alle Arbeiter waren entlassen, sogar der unumgänglich nöthige Zufluss des Wassers war eingestellt worden. 

10 Proben im Berl. ethnogr. Mus. No. 294. 295. 

[Inhalt]

VIERTES KAPITEL

STELLUNG DER EUROPÄER UND EINGEBORENEN IN ENGLISCHEN, HOLLÄNDISCHEN UND SPANISCHEN KOLONIEN. — EINFLUSS DER SPANISCHEN KOLONIALPOLITIK AUF DIE SITTEN DER EINGEBORENEN. BEQUEMLICHKEIT DES LEBENS. — KOKOSPALME, BAMBUS.

Ein schottischer Grosshändler, dem ich empfohlen war, bot mir mit so überzeugender Liebenswürdigkeit sein Haus und seine Gastfreundschaft an, dass ich nicht umhin konnte sie anzunehmen. Obgleich ich mich dadurch unter dem Schutz eines der reichsten und geachtetsten Männer der Stadt befand, verlangten dennoch die Miethskutscher für jede Fahrt Vorausbezahlung. Dies Misstrauen liess auf die geringe Achtung schliessen, die die Mehrzahl der hiesigen Europäer den Einheimischen einflösst. Zahlreiche spätere Beobachtungen bestätigten diese Vermuthung. Wie anders ist es in Java und Singapore! Die Ursache lässt sich vielleicht erklären:

Holländer können sich ebensowenig als Engländer in heissen Erdstrichen akklimatisiren; sie beuten die Länder aus, in denen sie nur vorübergehend weilen, jene durch Frohnden und Monopole, diese durch Handel; in beiden Fällen genügen aber wenige, durch die Grösse ihrer Unternehmungen oder ihre amtliche Stellung durch Reichthum und Bildung hoch über der Masse der Bevölkerung stehende Individuen. In Java sind überdies die Europäer der Mehrzahl nach Regierende, die Eingeborenen Regierte; aber auch in Singapore, wo beide gesetzlich gleichstehn, wissen sich die wenigen Weissen so entschieden auf der Höhe zu halten, dass ihnen, wenn auch nicht durch das Gesetz, doch im Verkehr alle Vorrechte einer höheren Kaste ohne Widerspruch eingeräumt werden. Die Verschiedenheit der Religion vergrössert die Kluft. Endlich sprechen dort alle Europäer die Landessprache, während die Eingeborenen die der Fremden nicht verstehn. Die holländischen Beamten werden schon in der Heimat in besonderen Schulen für den Dienst in Ostindien erzogen; die Kunst mit den Eingeborenen umzugehen, die Aufrechthaltung des »Prestige«, das für das eigentliche Geheimniss der [28]holländischen Macht gegenüber der zahlreichen einheimischen Bevölkerung gilt, bildet einen wesentlichen Punkt in ihrer Erziehung. Daher richten sich die Holländer im Verkehr mit den Eingeborenen, wie sehr sie diese auch ausbeuten, streng nach den Regeln des herkömmlichen »Adat« (alter Brauch), verletzen nicht das Ehrgefühl des Inländers und geben sich auch im Umgang mit einander nicht leicht eine Blösse vor jenem, für den sie ein verschlossenes Buch bleiben.

In den Philippinen ist es umgekehrt. Mit Ausnahme derjenigen Beamten, denen das Gesetz oder die bei jedem spanischen Ministerwechsel zum Durchbruch kommende Aemtergier nur einen beschränkten Aufenhalt gestattet, kehren wenige Spanier, die einmal die Kolonie betreten, in ihr Vaterland heim; die Geistlichen dürfen nicht, die meisten der übrigen können nicht zurück; ein nicht unbeträchtlicher Theil besteht aus Subalternen, Soldaten und Seeleuten, politischen Verbrechern und politisch Unbequemen, deren sich das Mutterland entledigt, auch nicht selten aus Abenteurern, denen die Mittel zur Rückkehr fehlen und wohl eben so sehr die Lust; denn wie herrlich ist ihr hiesiges Leben im Vergleich zu dem, welches sie in ihrer Heimat führen müssten. Sie kommen an ohne Kenntnisse des Landes, ganz unvorbereitet; Manche sind so faul, dass sie nie die Sprache lernen, selbst wenn sie sich im Lande verheirathen. Ihre Diener verstehen Spanisch, belauschen die Gespräche und Handlungen, und kennen alle Geheimnisse ihrer meist wenig diskreten Herren, während die Eingeborenen diesen ein Räthsel bleiben, das sie auch schon aus Dünkel nicht zu entziffern versuchen.

Dass die grosse Zahl der hiesigen, ungebildeten, über ihre Mittel hinaus lebenden Spanier, die alle die Herrn spielen wollen, gleichviel welche Stellung sie zu Haus einnahmen, das Ansehn der Europäer sehr beeinträchtigen muss, ist leicht einzusehn. Die relative Stellung des Indiers kann aber dabei nur gewinnen und schwerlich giebt es eine Kolonie, in welcher sich die Eingeborenen im Ganzen genommen behaglicher fühlen als in den Philippinen. Sie haben Religion, Sitten und Gebräuche ihrer Herren angenommen, und fühlen sich, obwohl diesen gesetzlich nicht gleichgestellt, doch nicht durch eine hohe Schranke von ihnen geschieden, wie sie, ganz abgesehn von Java, die schroffe Zurückhaltung der Engländer zwischen sich und den Eingeborenen aufbaut.

Die gleiche Religion, der gemeinschaftliche Gottesdienst, das Zusammenleben mit den Einheimischen, Alles trägt dazu bei, den Europäer dem Indier näher zu bringen, wie auch das Vorhandensein einer verhältnissmässig sehr zahlreichen Mestizenklasse bezeugt. [29]

Spanier und Portugiesen scheinen in der That die einzigen Europäer, die in tropischen Ländern Wurzel schlagen, sich mit Eingeborenen auf die Dauer fruchtbar vermischen können; wobei das Coelibat der Priester begünstigend mitwirkt.1

Den Mangel an Eigenthümlichkeit, der bei den Mestizen aus ihrer Zwitterstellung hervorzugehn scheint, nimmt man auch an den Indiern wahr. Stark ausgeprägte nationale Sitten, die man in einem so fernen Lande wohl erwarten sollte, sucht man vergebens; immer von Neuem merkt man den Leuten an, dass Alles angelernt und äusserlich ist.

Wie der spanische Katholizismus im Mutterlande die hohe Kultur der Mauren, in Peru die der Inka’s mit Gewalt ausgerottet, so hat er hier, was etwa an eigenthümlicher Gesittung vorhanden war, ebenso gründlich zu beseitigen verstanden, indem er sich, um schnell Wurzel schlagen, den bestehenden Formen und Missbräuchen in fast unglaublicher Weise anschmiegte.2

Die in der Kultur wenig vorgeschrittenen Philippiner nahmen schnell die Aeusserlichkeiten der fremden Religion an, und zugleich die Aeusserlichkeiten [30]im Wesen ihrer neuen Herren; die eignen Sitten lernten sie, als heidnisch und wild, verachten. Jetzt singen sie andalusische Lieder und tanzen spanische Tänze, aber wie! Alles äffen sie nach, ohne den Geist zu erfassen, aus dem es hervorgegangen. Deshalb sind sie selbst und ihre Kunsterzeugnisse meist langweilig und charakterlos, man möchte sagen unächt, trotz der auf letztere zuweilen verwendeten grossen Geschicklichkeit und Geduld. Diese beiden Eigenschaften werden übrigens bei allen wenig fortgeschrittenen Nationen wahrgenommen; die bewunderte Geduld ist aber oft nur Verschwendung von Zeit und Mühe, im Missverhältniss zum Zweck; die grössere Anstelligkeit eine Folge der weniger vorgeschrittenen Arbeitstheilung.

Betritt man das Haus eines wohlhabenden Eingeborenen, der spanisch spricht, so empfängt er uns mit denselben Redensarten wie sein Vorbild; man hat aber dabei immer das Gefühl, dass sie nicht am Platz sind. In den Ländern, wo die einheimische Bevölkerung ihren alten Sitten treu geblieben, wird dies nie empfunden; selbst wenn uns nicht mit der gebührenden Rücksicht begegnet werden sollte, bemerken wir es kaum, da sich bei ganz verschiedenen gesellschaftlichen Formen, wie bei fremdem Maass und Gewicht, nicht unmittelbar Vergleiche aufdrängen. — Während in Java und namentlich in Borneo und den Molukken die Gegenstände des täglichen Gebrauchs häufig mit so feinem Gefühl für Form und Farbe verziert sind, dass sie von unseren Künstlern als Muster der Ornamentik gerühmt werden und den Beweis liefern, dass die Arbeit mit Lust und Liebe und innigem Verständniss vollbracht wurde, ist in den Philippinen von solchem Schönheitssinn wenig wahrzunehmen. Alles ist Nachahmung oder liederlicher Nothbehelf. Selbst die wegen ihrer Feinheit so berühmten, mit unglaublicher Geduld und nicht minderem Geschick ausgeführten Piña-Stickereien sind in der Regel geistlose Nachahmungen spanischer Muster. Zu ähnlichen Betrachtungen gelangt man unwillkürlich, wenn man die Kunstprodukte der spanisch-amerikanischen Völker mit denen der wilden Stämme vergleicht. Das ethnographische Museum in Berlin bietet dazu Stoff in Fülle.

Die Ruder bestehn in den Philippinen häufig aus einer Bambusstange, an deren Ende ein Brett mit Rotangstreifen festgebunden ist; bricht es unterwegs entzwei, um so besser; bis es geflickt ist, muss die anstrengende Arbeit nothwendig unterbrochen werden.

In Java sind die völlig regendichten Büffelkarren auf das Mannichfaltigste und Geschmackvollste gemustert. In den Philippinen wird der dachlose Karren gewöhnlich erst im letzten Augenblick zusammengeflickt. [31]Soll die Ladung durchaus vor Nässe geschützt werden, so wirft man ein paar alte Matten darüber, mehr in der Absicht, die Ansprüche des Castila zu beschwichtigen, als um den Regen abzuhalten.

Engländer und Holländer bleiben Fremdlinge unter den Tropen, sie üben keinen Einfluss auf die alten Gebräuche, die in der Landesreligion gipfeln. Die Völker aber, die Spanien durch den Katholizismus unterworfen, haben alles Ursprüngliche, Volksthümliche verloren; die fremde Religion ist bei ihnen nicht in’s Innere gedrungen, es fehlt ihnen an moralischem Halt, und wohl kein zufälliges Zusammentreffen ist es, dass sich alle diese Völker mehr oder weniger kennzeichnen durch einen gewissen Mangel an Würde, grosse Leichtlebigkeit und selbst Liederlichkeit.

Abgesehn von diesem Mangel an nationalen Eigenthümlichkeiten und überlieferten Gebräuchen, deren Vorhandensein vielen Ländern Ostasiens einen Hauptreiz verleiht, ist der Eingeborne höchst anziehend als Typus des Menschen unter bequemsten äussern Verhältnissen. Die Willkürherrschaft der Häuptlinge und die Sklaverei wurden von den Spaniern bald nach ihrer Ankunft abgeschafft, an Stelle der häufigen Raubzüge und Kriege trat Ruhe und Sicherheit. Das spanische Regiment ist in diesen Inseln im Ganzen immer milde gewesen, nicht weil die Leyes de Indias so sehr wohlwollend, ja fast zärtlich für den Indier lauten, den sie wie einen Minorennen behandeln, sondern weil die Ursachen fehlten, die in Spanisch-Amerika trotz derselben Gesetze und in den Kolonien anderer Völker so grosse Grausamkeiten veranlassten.

Es war ein Glück für die Eingeborenen, dass ihre Inseln keine Reichthümer an edlen Metallen und kostbaren Gewürzen besassen. Die voluminösen Produkte des Ackerbau’s konnten bei den ehemaligen Verkehrsverhältnissen keine Ausfuhren bilden; es lohnte daher nicht, sie nachdrücklich auszubeuten. Die wenigen in der Kolonie lebenden Spanier fanden im Handel zwischen China und Mexico durch die Nao (S. 10) ein so bequemes Mittel zum Gelderwerb, dass sie sich fern hielten von allen wirthschaftlichen Unternehmungen, die ihren eignen adelshochmüthigen Neigungen wenig entsprachen und die angestrengte Arbeit der Eingeborenen erfordert hätten. Für Spanien, dem schon übergrosse Besitzungen in Amerika eine erschöpfende Menschensteuer auflegten, war es bei der damals so langwierigen, gefahrvollen Schifffahrt unmöglich, in den Philippinen eine starke, bewaffnete Macht zu halten. Die durch einige glänzende militärische Unternehmungen eingeleitete Unterwerfung ward wesentlich durch Mithülfe der Mönchsorden vollendet, deren Missionäre vorwiegend Klugheit und Geduld anwenden mussten. [32]So wurden die Philippinen zum grossen Theil durch Conquista pacifica (Pacifacion, Poblacion) gewonnen.

Die den Eingeborenen aufgelegten Abgaben waren so gering, dass sie nicht entfernt für den Kolonialhaushalt genügten. Der Ausfall wurde durch jährliche Zuschüsse aus Mexico gedeckt. An Erpressungen gewissenloser Beamten hat es freilich nicht gefehlt. Grausamkeiten, wie in den amerikanischen Bergwerksdistrikten oder in den Fabriken von Quito werden aber von den Philippinen nicht gemeldet.

Das unbebaute Land ist frei, gehört Jedem, der es urbar machen will, fällt aber, wenn es zwei Jahre unbenutzt bleibt, wieder an die Krone zurück.3 Die einzige Abgabe, die der Indier zahlt, ist eine Kopfsteuer, Tributo genannt, die ursprünglich vor drei Jahrhunderten einen Dollar für je zwei Erwachsene betrug, was in einem Lande, wo Alle früh heirathen und die Geschlechter gleich vertheilt sind, fast gleichbedeutend mit Familie ist. Allmälig ist der volle Tribut auf 2 ​1⁄16​ Doll. erhöht worden. Ein Erwachsener zahlt also 1 ​1⁄32​ Doll. und zwar vom 16ten bis zum 60sten Lebensjahre, gleichviel ob Mann oder Frau. Ausserdem hat der Mann 40 Tage Arbeit für öffentliche Zwecke zu leisten. Diese Frohnden (Pólos y Servicios) zerfallen in ordentliche und ausserordentliche; jene bestehn in Wacht- und Botendienst, Reinhalten des Tribunals und anderen leichten Diensten, diese in Strassenbau und ähnlichen zum Besten des Dorfes oder der Provinz. Wie wenig aber diese Leistungen ausgenutzt werden, geht wohl am besten daraus hervor, dass Jedermann sich davon loskaufen kann für eine Summe, die im höchsten Falle nicht über 3 Doll. beträgt. Frauen sind von persönlichen Leistungen frei. Die wichtigsten Einzelheiten über den Tribut sind weiter unten in einem besonderen Kapitel, vorzüglich nach amtlichen Quellen, die mir im Ultramar-Ministerium zugänglich waren, kurz zusammengestellt.

In andern Ländern, wo das Klima ebenso milde, der Boden ebenso ergiebig, wird der Eingeborene von einheimischen Fürsten fast erdrückt, von Ausländern rücksichtslos ausgebeutet oder vertilgt, wenn er nicht schon eine höhere Zivilisationsstufe einnimmt. In diesen abgelegenen, von der Natur so reich ausgestatteten Inseln, wo der Druck von oben, der innere Trieb und jede äussere Anregung fehlte, hat sich das behagliche Leben bei geringen Bedürfnissen in voller Breite entfalten können. Von [33]allen Ländern der Welt mögen die Philippinen wohl den Anforderungen an ein Schlaraffenland am meisten entsprechen. Wer das Dolce far niente nur von Neapel her kennt, hat noch keinen Begriff davon; es gedeiht nur unter Palmen. Die folgenden Reiseberichte werden Beispiele genug enthalten, um dies zu bekräftigen; aber schon eine Fahrt auf dem Pásig giebt einen Vorgeschmack des Lebens im Innern. Niedliche Bretterhäuser und Bambushütten, von üppigster Laub- und Blüthenfülle umgeben, gruppiren sich malerisch mit Arecapalmen und hohen gefiederten Bambusen am Ufer. Zuweilen reichen die Zäune in den Fluss und grenzen Räume zur Entenzucht ab — oder zum Baden. Der Saum des Wassers ist von Kähnen, Senknetzen, Flössen, Fischapparaten und dergleichen eingenommen. Beladene Boote ziehen den Fluss entlang und kleine Nachen schiessen zwischen Gruppen von Badenden hindurch von einem Ufer zum andern.

Am Lebhaftesten geht es bei den Tiendas zu, grossen, den javanischen Warongs entsprechenden Schuppen, deren offene Seite aber dem Fluss, der Hauptverkehrsstrasse, zugewendet ist. Sie üben eine mächtige Anziehung auf die vorüberziehenden Schiffer, die dort ausser Speisen und andern Lebensbedürfnissen gewöhnlich auch müssige Gesellschaft beiderlei Geschlechts, Hazard-Spiel, Tuba, Betel und Tabak finden.

Zuweilen sieht man einen Indier im Schlafe auf einem grossen Berg von Kokosnüssen hockend mit der Ebbe den Fluss hinabtreiben. Strandet er, so erwacht der Schläfer, macht sich mit Hülfe eines langen Bambus wieder frei und treibt im Halbschlaf mit der Strömung weiter. Durch einen Schlag mit dem Waldmesser ist es leicht, von der Faserhülle der Nuss einen schmalen Streifen so weit zu lösen, als nöthig ist, um sie mit einer andern zu verknüpfen; so wird ein Kranz gebildet, der die in der Mitte lose aufgethürmten Nüsse umgürtet und zusammenhält.

Wir haben freilich vollkommenere Transportmittel als Errungenschaft Jahrtausende langer mühevoller Arbeit, hier aber kann der Mensch sehr Vieles unmittelbar aus den Händen der Natur für seine Zwecke verwenden und sich durch geringe Mühe verhältnissmässig grosses Behagen schaffen.

Auf der Insel Talim im grossen See von Bay kauften meine Bootleute für einige Cuartos mehrere Dutzend fast fusslanger Fische; diejenigen, die sie nicht verzehren mochten, wurden gespalten, gesalzen und auf dem Dach des Bootes in wenigen Stunden an der Sonne getrocknet. Als die Fischer ihr beabsichtigtes Frühstück verkauft hatten, bückten sie sich und füllten ihre Kochtöpfe mit Sumpfmuscheln (Paludina costata Q. & G.), [34]die sie händevoll vom Boden des flachen Wassers aufnahmen, indem sie die todten zum Theil fortwarfen.

Fast alle Ortschaften liegen am Wasser. Der Fluss ist eine von der Natur gegebene, sich selbst erhaltende Strasse, auf welcher Lasten bis an den Fuss der Berge befördert werden können. An seinem Ufer und besonders an seiner breiten Mündung erheben sich auf Pfählen die Hütten der Eingeborenen, Pfahlbauten von unmittelbar ersichtlicher Zweckmässigkeit. Dort vorzugsweise ist der Sitz des Lebens, weil es dort am bequemsten ist. Bei jeder Ebbe liefern die Fischreusen mehr oder weniger reichliche Ausbeute; Weiber und Kinder holen dann, ohne sich zu bücken, vermittelst ihrer Zehen, mit denen sie greifen können, Zweischaler aus dem Schlamm, oder sammeln am Strande Krebse, Seethiere, essbare Algen.

Leben am Wasser.

Ein hübscher Anblick ist es, wenn Frauen, Männer und Kinder im Schatten von Palmen baden und scherzen, Andere ihre Wassergefässe füllen: geräumige Bambusen, die geschultert, oder Krüge, die auf dem Kopf getragen werden, und wenn die Knaben auf dem breiten Rücken der Büffel aufrecht stehend diese jubelnd in’s Wasser reiten.

Dort ist es auch wo die Kokospalme am besten gedeiht, die dem Menschen nicht nur Speise und Trank, sondern auch das gesammte Material für seine Hütte und allerlei Geräth liefert. Während sie landeinwärts nur bei grosser Pflege spärlich Früchte trägt, giebt sie am unmittelbaren Seestrande auf dem schlechtesten Boden ohne menschliche Bemühung reichen Ertrag. (Im Treibhaus ist sie wohl noch nie zur Blüte gekommen?). Thomson4 hebt hervor, dass sie auf solchem Standorte ihren Stamm gern über das Meer neigt, dessen Fluthen die herabfallenden Früchte an öde Küsten und niedere Inseln tragen und diese dadurch zu menschlichen Wohnsitzen geschickt machen. So mag wohl die Kokospalme einen wesentlichen Antheil an dem maritimen Vagabundenthum der malayischen und polynesischen Völkerschaften haben.

Neben dem Kokoshain zieht sich ein Saum stammloser Nipapalmen hin, die nur in brackischem Wasser wachsen5; ihre Blätter liefern die besten Ataps zum Dachdecken. Aus ihrem Saft wird Zucker, Branntwein und Essig bereitet. Schon Pigafetta fand vor 350 Jahren diese Gewerbe in vollem Betriebe, sie scheinen auch heut noch auf die Philippinen beschränkt zu sein. Auch derjenige Pandanus, aus dessen Blättern die weichsten Matten geflochten werden, entfernt sich nicht weit vom Strande. [35]

Bambusbusch.

Bambusbusch.

Landeinwärts breiten sich Reisfelder aus, die durch jährlich wiederkehrende Ueberschwemmungen eine Lage fruchtbaren Erdreichs aus den Bergen erhalten und daher nie gedüngt werden. Der Büffel, das Lieblingshausthier des Malayen, dasjenige welches er vorzugsweise zum Feldbau zu benutzen pflegt, zieht diese Orte allen andern vor; er liebt, sich im Schlamm zu wälzen und ist nicht zur Arbeit tauglich, wenn er sich nicht häufig baden kann. Aus den Reisfeldern an den Flussufern neben den Hütten erheben sich fein gefiederte Bambusbüsche. Wie sehr dies Riesengras zur Bequemlichkeit des Lebens der Tropenbewohner beiträgt, hat Verfasser in früheren Reiseskizzen (S. 174) zu schildern versucht. Noch manche interessante Verwendungen sind ihm seitdem bekannt geworden, deren Beschreibung hier nicht am Ort wäre.6 Es sei ihm aber vergönnt, noch nachträglich an einigen Beispielen deutlich zu machen, mit wie einfachen Mitteln alle jene vielfältigen Ergebnisse erzielt werden. Die Natur hat diese herrliche Pflanze, die vielleicht alle andere auch an Schönheit übertrifft, mit so vielen nützlichen Eigenschaften ausgestattet, und liefert sie dem Menschen so fertig zum unmittelbaren Gebrauch in die Hand, dass meist einige kecke Schnitte genügen, um die mannichfaltigsten Geräthe daraus herzustellen. Der Bambus hat eine, im Verhältniss zu seiner Leichtigkeit ausserordentlich grosse Festigkeit, bedingt durch die Röhrenform und die in angemessenen Abständen vorhandenen Zwischenwände. Wegen des Parallelismus und der Zähigkeit seiner Fasern ist er sehr vollkommen und leicht spaltbar; gespalten aber, von ausgezeichneter Biegsamkeit und Elastizität. Dem Reichthum an Kieselerde verdankt er grosse Dauerbarkeit, und eine harte, glatte, stets reine Oberfläche, deren Glanz und schöne Farbe im Gebrauch zunehmen. Von besonderer Wichtigkeit endlich für Völker mit geringen Verkehrsmitteln ist der Umstand, dass der Bambus in Fülle auf sehr verschiedenen Standorten, in allen möglichen Dimensionen von wenigen Millimetern bis zu zehn, fünfzehn Centimetern und mehr, ausnahmsweise sogar von doppeltem Durchmesser, angetroffen wird, und überdies wegen [36]seiner unübertrefflichen Flössbarkeit selbst in jenen strassenarmen, aber wasserreichen Ländern mit grösster Leichtigkeit fortgeschafft werden kann.

Verarbeitung des Bambus.

Ein Schlag mit dem Waldmesser reicht gewöhnlich aus, um ein starkes Rohr zu fällen, entfernt man die dünnen Zwischenwände, so hat man Röhren, deren Enden in einander geschoben werden können. Durch einmaliges Spalten erhält man Rinnen, Tröge, Dachziegel; durch mehrmaliges Latten, die wiederum bis in die feinsten Streifen und Fäden, zur Anfertigung von Rahmen, Gestellen, Körben, Stricken, Matten und feinen Geflechten zerlegt werden können. Zwei Schnitte in die Seite geben ein rundes Loch, in welches ein Halm von entsprechendem Durchmesser fest eingepasst werden kann (a). Macht man solchem Ausschnitt gegenüber einen zweiten, so kann ein Halm durchgesteckt werden (b), auf diese Weise werden Thüren wagerecht oder senkrecht verschiebbar, oder um eine senkrechte oder wagerechte Axe mit oder ohne Reibung drehbar, hergestellt.

Zwei tiefere Schnitte gestatten das Rohr in einen Winkel (c) , oder wenn sie weit genug auseinander, um einen andern Halm zu biegen, z. B. für Dachfirsten (d), für Gestelle von Stühlen oder Tischen (e), auf denen dann ein aufgeschlitztes, plattgedrücktes Rohr, statt eines Brettes oder Bambus-Latten (f) mittelst Stuhlrohr befestigt werden. Eben so leicht ist es eine längliche schmale Oeffnung herzustellen zum Einpassen von Latten (g).

Zwei Schnitte genügen beinahe, um eine Gabel oder Zange (h), einen Haken (i) anzufertigen.

Macht man ein durch Auflegen des Fingers verschliessbares Loch in die Seite, dicht unter einem Knoten, so erhält man einen Heber und zugleich ein Filtrum (k), wenn man über das offene Ende ein Läppchen bindet. [37]

Spaltet man ein abgestutztes Rohr bis auf einen Knoten in Streifen, die man auseinander biegt und mit andern Streifen durchflicht, so erhält man einen konischen Korb, der unter dem Knoten kurz abgeschnitten als Tragkorb (l), langgestielt, mit Harz gefüllt als Signalfackel dient. (m) Steckt man in solche spitzkegelförmige Körbe flachere von gleichem Umfang, deren Knoten abgeschnitten oder durchstossen sind, so erhält man Fangkörbe für Krabben und Fische. (n) Spaltet man aber einen kurz über einem Knoten abgestutzten Halm so, dass nur ein Kranz kurzer Zähne stehn bleibt, so hat man, wenn man die Scheidewand durchstösst, einen Erdbohrer (o) und zugleich ein Brunnenrohr und so weiter und endlos weiter. — Als Beispiele sinnreicher Bambuskonstruktion mögen ausser nachstehender, die Zeichnungen zu S. 177. 193. 210 der Reiseskizzen dienen.

Floss mit Senknetzen (Salambau),

Floss mit Senknetzen (Salambau),

alles von Bambus

Auch der im Innern reisende Fremde hat täglich neue Gelegenheit, die Gastfreiheit der Natur in vollen Zügen zu geniessen. Die Luft ist so gleichmässig warm, dass man mit Ausnahme eines Sonnenhutes und leichter Schuhe alle Kleider entbehren könnte. Uebernachtet man im Freien, so ist aus Palmen- oder Farnwedeln in kürzester Zeit eine Hütte gebaut. Im kleinsten Dörfchen aber befindet sich ein Gemeindehaus (casa real), in dem man wohnen kann und die nöthigen Lebensbedürfnisse zum Marktpreis geliefert erhält. Auch ist dort immer eine Anzahl Semanéros (Leute, die den Wochendienst haben) anwesend und gegen geringen Tagelohn als Boten oder Träger zur Verfügung des Reisenden. Bei längerem Verkehr zeigt sich, dass ihr Dienst hauptsächlich in Nichtsthun besteht. Es ist mir vorgekommen, dass ich einen Mann, der mit den übrigen Karten spielte und Tuba (frischer oder schwach gegohrener Palmensaft) trank als Boten senden wollte, dieser sich aber, ohne im Spiel [38]inne zu halten, damit entschuldigte, dass er Gefangener sei; so musste denn einer seiner Hüter den unbequemen Gang in der Hitze machen. Die Gefangenen haben nicht zu klagen. Das einzige Unangenehme sind die Rotangschläge, die für geringe Vergehn von den Lokalbehörden freigiebig dutzendweis verordnet werden. Sie scheinen aber auf den von Jugend auf dagegen abgehärteten Eingeborenen in den meisten Fällen durchaus keinen andern Eindruck als den des unmittelbaren körperlichen Schmerzes zu machen. Seine Bekannten stehn häufig um ihn, sehen zu und fragen scherzend, wie es geschmeckt hat.

Nach längerem Aufenthalt unter den ernsten, schweigsamen, würdevollen, für ihre Ehre ängstlich besorgten, gegen Vornehmere unterwürfigen Malayen empfindet man den Gegensatz im Charakter der hiesigen Eingeborenen, die doch auch wesentlich malayischer Rasse sind, um so greller. Er scheint eine natürliche Folge der oben skizzirten spanischen Herrschaft: in Spanisch-Amerika begegnet man ähnlichen Verhältnissen. Unter ihren einheimischen Häuptlingen mögen sich die Eingeborenen in Folge der Rangunterschiede und des despotischen Druckes wenig von den heutigen Malayen in ihrem Wesen unterschieden haben. [39]


1 Bertillon (Acclimatement & Acclimatation, Dict. encycl. des sc. méd.) schreibt die Fähigkeit der Spanier, sich in heissen Ländern zu akklimatisiren, vorzüglich ihrer starken Vermischung mit syrischem und afrikanischem Blut zu: die alten Iberer scheinen aus Chaldaea über Afrika gekommen zu sein, Phoenizier und Carthager hatten blühende Kolonien in Spanien, in neuerer Zeit haben die Mauren Jahrhunderte lang das Land besessen und grossen Glanz entfaltet, was der Kreuzung förderlich sein musste. So hat sich zu drei Malen afrikanisches Blut reichlich mit spanischem gemischt. Das heisse Klima der Halbinsel mag wohl auch dazu beitragen, ihre Bewohner für das Leben in den Tropenländern geschickt zu machen. Unvermischten Indo-Europäern ist es nie gelungen, am Südrande des Mittelmeers sich fortzupflanzen, noch weniger in heisseren Ländern.

In Martinique, wo 8–9000 Weisse von der Ausbeutung 125,000 Farbiger in Fülle leben, nimmt die Bevölkerung trotzdem nicht zu, sondern ab. Die französischen Kreolen haben die Eigenschaft verloren, sich im Verhältniss der vorhandenen Lebensmittel zu erhalten und zu vermehren. Familien, die nicht von Zeit zu Zeit durch Zuführung neuen europäischen Blutes gestärkt werden, erlöschen in drei bis vier Generationen. Ebenso geht es in den englischen Antillen, nicht aber in den spanischen, obwohl Klima und natürliche Verhältnisse dieselben sind. Nach Ramon de la Sagra ist die Zahl der Todesfälle unter den Kreolen geringer, die der Geburten grösser als in Spanien; die Sterblichkeit bei der Garnison aber sehr bedeutend. Danach scheint bei der spanischen Rasse eine ächte Akklimatisation durch Auswahl stattzufinden: die ungeeigneten Individuen sterben, die andern gedeihen. 

2 Ueber die in Amerika zu demselben Zweck angewendeten Mittel bemerkt Depons S. 171: »Man ist von jeher davon überzeugt gewesen, dass man der christlichen Religion auf keine andre Weise bei den Indianern Eingang verschaffen könnte, als wenn man ihre eigenen Neigungen und Gewohnheiten mit dem Christenthum vermischte; dies ist so weit gegangen, dass sogar in früheren Zeiten die Theologen die Frage aufgeworfen haben, ob es wohl erlaubt wäre, Menschenfleisch zu essen? Das allersonderbarste aber hierbei ist, dass die Frage wirklich zu Gunsten der Anthropophagen entschieden worden ist.« 

3 Thatsächlich ist urbares Land freilich immer in festen Händen und an manchen Orten hoch im Preise. Bei Manila und in Bulacán ist der Morgen schon vor Jahren über 150 Thaler bezahlt worden. 

4 Journ. Ind. Arch. IV. 307. 

5 Im Buitenzorger Garten, Java, sah Verfasser einige in Süsswasser gezogene Exemplare. 

6 Boyle (Adventures among the Dayaks, S. 67) fand sogar pneumatische Feuerzeuge aus Bambus bei den Dayaks in Gebrauch, Bastian traf solche in Birma. Auch sah Boyle einen Dayak etwas Zunder auf einen Porzellanscherben legen, ihn mit dem Daumen fest halten und einen scharfen Schlag damit gegen ein Bambusrohr führen: der Zunder fing Feuer. Dieselbe Art Feuer zu schlagen beobachtete Wallace in Ternate. 

[Inhalt]

FÜNFTES KAPITEL

GEOGRAPHISCHES. — METEOROLOGISCHES. — POLITISCHE EINTHEILUNG. — VOLKSMENGE. — SPRACHEN.

Die Umgebung Manila’s, der Pásig und der See von Bay, die jeder Fremde besucht, sind so oft beschrieben worden, dass ich mich auf einige kurze Aufzeichnungen über diese Gegenden beschränken und nur über meine Reisen in den südöstlichen Provinzen Luzóns, Camarines und Albay und den östlich davon liegenden Inseln Samar und Leyte ausführlicher berichten werde. Vorher dürfte es angemessen sein, durch Betrachtung der Karte sich einen Ueberblick der geographischen Verhältnisse zu verschaffen.

Der philippinische Archipel liegt zwischen Borneo und Formosa und trennt den nördlichen stillen Ozean von der China-See. Von den Sulu-Inseln im Süden bis zu den Babuyanes im Norden zieht er sich durch 14½ Breitengrade, von 5 bis 19½° N., und wenn man die Bashee-Inseln oder Batanes dazu rechnet, bis 21° N. Aber weder im Süden noch im Norden reicht die spanische Herrschaft in Wirklichkeit bis an diese äussersten Grenzen, so wie sie sich auch nicht überall bis in das Innere der grössern Inseln erstreckt. Von Ost nach West nehmen die Philippinen 9 Längengrade ein. Zwei Inseln, Luzon mit 2000, Mindanao mit mehr als 1500 □M. Flächenraum sind zusammen grösser als alle übrigen. Dann folgen der Grösse nach sieben Inseln: Paláwan, Sámar, Panáy, Mindoro, Leyte, Negros, Cebú, deren erstere 250, letztere etwa 100 □M. misst, Bojól, Masbáte, je halb so gross; 20 kleinere bemerkenswerthe Inseln und zahllose kleine Eilande, Felsen und Riffe.1

Der Philippinische Inselstaat ist ausserordentlich durch seine Lage und reiche Gliederung begünstigt. Seine Erstreckung von 5 bis 21° N., durch 16 Breitengrade gewährt ihm eine Mannichfaltigkeit des Klima’s, welcher [40]sich die niederländisch-indischen Besitzungen, deren Hauptstreichen west-östlich ist, während sie nur wenige Breitengrade zu beiden Seiten des Aequators einnehmen, durchaus nicht in solchem Maasse erfreuen. Die durch die Richtung des Archipels gegebene Mannichfaltigkeit wird durch seine vertikale Gliederung vergrössert, so dass die Produkte der heissen und gemässigten Zone, die Palme und die Fichte, die Ananas, der Weizen und die Kartoffel dort gedeihen.

Die grösseren Inseln enthalten ausser tief in das Land eindringenden Buchten ausgedehnte Binnenseen und beträchtliche, auf weite Strecken schiffbare Flüsse; der Archipel ist reich an sicheren Häfen und unzähligen Zufluchtsorten für Schiffe; ein Umstand aber, der aus dem Anblick einer Karte nicht ersichtlich wird, und doch eine der glücklichsten Eigenschaften dieser Inseln ausmacht, ist die endlose Zahl kleiner Flüsse, die von den Bergen herabströmen und sich, bevor sie das Meer erreichen, zu breiten Aestuarien erweitern, in denen Küstenfahrer von geringem Tiefgang bis an den Fuss der Berge gelangen können um ihre Ladung einzunehmen. Die Fruchtbarkeit des Bodens ist unübertrefflich, Salz- und Süsswasser wimmelt von Fischen und Schalthieren, im ganzen Archipel giebt es kaum ein reissendes Thier. Es scheinen nur zwei Viverren: Miro (Paradoxurus philippinensis Temm.) und Galong (Viverra tangalunga Gray) vorzukommen. Mehr noch als an Grösse überragt Luzon alle übrigen Inseln an Bedeutung, und wohl mag es, wie Crawfurd andeutet, durch Fruchtbarkeit und andre natürliche Vorzüge die schönste der gesammten Tropenwelt sein.

Der Hauptkörper der Insel Luzon erstreckt sich in wenig gegliederter Masse als längliches, 25 Meilen breites Viereck von 18° 40′ N. bis zur Bay von Manila (14° 30′ N.) und sendet dann einen durch grosse Seen und tiefe Buchten zerrissenen Ausläufer nach Osten, der westlich und östlich vom grossen Binnensee von Bay nur durch zwei schmale Bänder mit der Hauptmasse zusammenhängt. Manche Spuren rezenter Hebungen deuten an, dass beide Theile früher getrennt waren, zwei selbstständige Inseln bildeten. Das grosse, nach O. gerichtete Stück, fast so lang als das nördliche, wird in seiner Mitte, wo von SO. die tiefe Bucht von Ragay, von NW. die von Sogod einander entgegenstreben, in zwei fast gleiche Theile zerlegt, so dass man es betrachten kann, als aus zwei parallel streichenden Halbinseln bestehend, die an der eben erwähnten Stelle durch eine kaum 3 Meilen breite Landzunge zusammenhängen. Zwei kleine Flüsschen, die in geringer Entfernung von einander entspringen und in die entgegengesetzten Buchten münden, machen die Trennung fast vollständig und bilden zugleich die Grenze zwischen den Provinzen Tayabas im Westen und Camarines im [41]Osten. Die westliche dieser Halbinseln wird zum grossen Theil von der Provinz Tayabas eingenommen. Die grössere östliche zerfällt in die Provinzen Nord-Camarines, Süd-Camarines und Albay. Erstere ist durch die erwähnte Grenze von Tayábas, durch eine vom Südrande der Bucht von S. Miguél östl. zur Küste gezogene Linie von Süd-Camarines getrennt. Den Ostrand der Halbinsel bildet die Provinz Albay, von Süd-Camarines durch eine Linie geschieden, die von Donzól an der Südküste, nordwärts über den Vulkan Mayon, dann mit einem Bogen nach Westen zur Nordküste läuft. Ein Blick auf die Karte wird diese Verhältnisse klar machen.

In den Philippinen sind zwei Jahreszeiten zu unterscheiden: eine trockene, eine nasse. Den, den Süd- und -Westwinden offen liegenden Gebieten bringt der SW.-Monsun in unseren Sommermonaten die Regenzeit. An den Nord- und -Ostküsten fallen die reichlichsten Niederschläge in unseren Wintermonaten, während des NO.-Monsuns. Durch die Zerrissenheit des Landes und die hohen Berge werden diese allgemeinen Verhältnisse örtlich vielfach verändert. In Manila dauert die trockene Jahreszeit vom November bis Juni (NO.-Monsun), die Regenzeit während der übrigen Monate (SW.-Monsun). Am meisten regnet es im September; März und April sind häufig regenlos, Oktober bis einschliesslich Februar kühl und trocken (NW.-, N.-, NO.-Winde), März, April, Mai heiss und trocken (ONO. O. OSO.), Juni bis Ende September feucht und mässig warm.

Seit einigen Jahren ist in Manila ein meteorologisches Observatorium unter Leitung der Gesellschaft Jesu errichtet. Nachstehendes ist ein Auszug aus dem Jahresbericht für 1867 den ich Professor Dove’s Güte verdanke.2

Barometer: Der mittlere Stand der Quecksilbersäule betrug 1867: 755,5 Millimeter, (1865: 754,57 Millimeter, 1866: 753,37 Millimeter.)

1867: Der Unterschied zwischen den äussersten Barometerständen überstieg nicht 13,96 Millimeter, und wäre viel geringer, hätten nicht Stürme im Juli und September die Quecksilbersäule so sehr herabgedrückt; die stündlichen Schwankungen betragen nur wenige Millimeter. —

Täglicher Gang des Barometers: Es steigt in der Frühe bis gegen 9 Uhr, fällt dann bis 3 oder 4 Uhr Nm. und steigt dann wieder bis 9 Uhr Abends, von wo an es bis zum Morgen fällt. Die beiden Hauptströmungen der Atmosphäre üben grossen Einfluss auf den Gang des Barometers, die nördliche macht ihn steigen (Normalhöhe 756mm) die südliche fallen (Normalhöhe 753mm). [42]

Temperatur. Die Wärme wächst von Januar bis Ende Mai, und nimmt dann ab bis zum Dezember. Jahresmittel: 27°.9 C. (0°.4 mehr als in den Vorjahren). — Die beobachtete höchste Temperatur betrug 37°.7 C. (15. April 3 Uhr Nm.) die niedrigste: 19°.4 (14. Dez. und 30. Jan. 6 Uhr Vm.) — Unterschied: 18°.3 C.

Grösse der Thermometerschwankungen: Januar 13°.9. — Februar 14°.2. — März 15°. — April 14°.6. — Mai 11°.1. — Juni 9°.9. — Juli 9°. — August 9°. — September 10°. — Oktober 11°.9. — November 11°.8. — Dezember 11°.7. Kühlste Monate: November, Dezember, Januar mit nördlichen Winden. — Wärmste Monate: April und Mai. Ihre hohe Temperatur veranlasst den Wechsel des Monsuns von NO. nach SW. Von Juni bis September kommt die Temperatur der normalen am nächsten, die Schwankungen sind dann am geringsten wegen der fast ununterbrochenen Niederschläge und trüben Luft. Täglicher Gang: am kühlsten ist es von 6 bis 7 Uhr Vm., die Wärme steigt langsam, erreicht ihr Maximum gegen 2 bis 3 Uhr Nm., und nimmt dann wieder ab. Während einiger Stunden der Nacht bleibt die Temperatur fast unverändert, gegen Morgen fällt sie schnell.

Die Richtung der Winde ist zu allen Jahreszeiten sehr regelmässig, wenn auch zuweilen lokale Ursachen sie etwas verändern; im Zeitraum eines Jahres durchlaufen sie die ganze Windrose. Im Januar und Februar herrschen Nordwinde, im März und April südöstliche Winde, im Mai, Juni, Juli, August, September südwestliche. Anfang Oktober schwanken sie zwischen Südost und Südwest, und befestigen sich gegen Ende des Monats in NO., wo sie während der beiden folgenden Monate ziemlich beständig bleiben. Die beiden Monsunwechsel finden immer im April oder Mai und im Oktober statt. Im Allgemeinen halten sich beide Monsune das Gleichgewicht, in Manila aber, weil es gegen Norden durch hohe Gebirge geschützt ist, wird der NO. Monsun oft nach SO. und NW. abgelenkt; aus demselben Grunde bläst der SW. dort auch stärker.

Der Himmel ist gewöhnlich theilweise bedeckt, völlig heitere Tage sind sehr selten; sie kommen nur von Januar bis April (NO. Monsun) vor.

Regentage: 168. Am häufigsten und stärksten regnet es von Juni bis Ende Oktober; der Regen fällt dann in Strömen, im Sept. allein betrug die Regenmenge 1m. 5. d. h. fast dreimal so viel als in Berlin durchschnittlich in einem Jahre. Im ganzen Jahre 3072,8mm (dies ist mehr als das Mittel).

Das verdampfte Wasser betrug nur 2307,3mm. In gewöhnlichen Jahren ist die Verdampfung den Niederschlägen ziemlich gleich (im Laufe des Jahres nämlich, aber nicht in den einzelnen Monaten). [43]

Die mittlere tägliche Verdunstung war etwa 6,3mm.

Die Monsunwechsel sind oft von furchtbaren Stürmen begleitet, während eines solchen im September erreichte die Geschwindigkeit des Windes 37 bis 38 Meter in der Sekunde. (Der Bericht des englischen Vize-Konsuls erwähnt einen Teifun am 27. Sept. 1865, der in Manila grossen Schaden anrichtete, und 17 Schiffe auf’s Land setzte.)


Die Philippinen sind in Provinzen (P.) und Distrikte (D.) eingetheilt, denen je ein Alcalde mayór 1., 2., 3. Klasse, oder de término, de ascénso, de entráda, (A1, A2, A3), oder ein Gobernador politico y militar (G), oder ein Comandante (C) vorsteht. In einigen Provinzen ist dem G ein A3 beigeordnet. An dieser Eintheilung wird oft geändert.

Die Gesammtbevölkerung wird auf ungefähr 5 Millionen geschätzt.

Trotz des langen Besitzes hat sich die Sprache der Spanier fast keinen Eingang verschafft. Es herrscht eine grosse Verschiedenheit von Sprachen und Mundarten, von denen bisáya, tagálo, ilocáno, bícol, pagasinán, pampángo die verbreitetsten sind.

Insel Luzon.

Rang des Verwaltungs- Namen. Herrschende Dialekte. Seelenzahl. Pueblo.
beamten bezirks.
G. P. Ábra ilocano 34,337 5
A1. P. Albáy bicol 230,121 34
A2. P. Bataán tagalo, pampango 44,794 10
A1. P. Batángas tagalo 280,100
D. Benguét igorrote, ilocano pangasinan 8465
D. Bóntoc suflin, ilocano, igorrote Bergdialekt 7052
A1. P. Bulacán tagalo 240,341 23
A1. P. Cagayán ibanag, itanes, idayan, gaddan, ilocano, dadaya, apayao, malaneg 64,437 16
A2. P. Camarínes Norte tagalo, bicol 26,372 7
A2(?) P. Camarínes Sur bicol 81,047 31
A3. P. Cavíte spanisch, tagalo 109,501 17
A1. P. Ilócos Norte ilocano, tinguian 134,767 12
A1. P. Ilócos Sur ilocano 105,251 18
C. D. Infánta tagalo 7813 2
G. P. Isabéla ibanag, gaddan, tagalo 29,200 9
A1. P. Lagúna tagalo, spanisch 121,251 26
D. Lepánto igorrote, ilocano 8851 48
3A1. P. Manila tagalo, spanisch, chinesisch 323,683 28
C. D. Moróng tagalo 44,239 12
A2. P. Nueva Écija tagalo, pangasinan, pampango, ilocano 84,520 12
A3. P. Nueva Vizcáya gaddan, ifugao, ibilao, ilongote 32,961 8
A1. P. Pampánga pampango, ilocano 193,423 24
A1. P. Pangasinán pangasinan, ilocano 263,472 26
D. Pórac pampango 6950 1
C. D. Príncipe tagalo, ilocano, ilongote 3609 3
D. Sáltan gaddan 6640 [44]
A2. P. Tayábas tagalo, bicol 93,918 17
D. Tíagan verschiedene igorroten Dialekte 5723
G. P. Unión ilocano 88,024 11
A2. P. Zambáles zambal, ilocano, aeta, pampanga tagalo, pangasinan 72,936 16
Inseln zwischen Luzon und Mindanao.
G a3. P. Antíque (Panay) bisaya 88,874 13
G a3. P. Bojól bisaya 187,327 2
C. Burías bicol 1786 1
G a3. P. Cápiz (Panay) bisaya 206,288 26
G a2. P. Cebú bisaya 318,715 44
G a3 P. Iloílo (Panay) bisaya 565,500 35
G a3. P. Leíte bisaya 170,591 28
D. Masbáte, Ticao. bisaya 12,457 9
A2. P. Mindóro tagalo 23,054 10
G a3. P. Négros cebuano, panayano, bisaya 144,923 31
D. Romblón bisaya 21,579 4
G a3. P. Sámar bisaya 146,539 28
Mindanao.
D. Cotabatú spanisch, manobo 1103 1
G a3. D. Misámis j bisaya 63,639 14
G a3. D. Surigáo j 24,104 12
D. Zamboánga j mandaya, spanisch 9608 2
G a3.
D. Daváo bisaya 1537
Fernere Inseln.
G a3. P. Batánes ibanag 8381 6
G a3. P. Calamiánes coyuvo, agutaino calamiano 17,703 5
G. P. (Mariánas) chamorro, carolino 5940 6

Vorstehende Tabelle ist im Wesentlichen einem kürzlich erschienenen kleinen Werke des Herrn Barrantes, General-Sekretärs der Philippinen entnommen, der Uebersichtlichkeit wegen aber anders geordnet. Obwohl Herrn B. das beste amtliche Material zur Verfügung stand, darf obigen Zahlen dennoch kein grosser Werth beigelegt werden, da sie in allen Stadien ihrer Entstehung mit Fehlern behaftet sind, von denen man in Europa keine Vorstellung hat.

Beispielsweise führt Herr B. folgende Abweichungen seiner amtlichen Quellen an: Cavite 115,300 und 65,225; Mindoro 45,630 und 23,054; Manila 230,443 und 323,683; Capiz 788,947 und 191,818 Seelen. [45]


1 Eine Berechnung des Flächeninhalts der einzelnen Inseln befindet sich im Anhange. 

2 Eine Uebersichtstabelle der Witterungsverhältnisse, und eine zweite, enthaltend die aus fünfjährigen Beobachtungen (1865–69) gewonnenen Mittel, befinden sich im Anhange. 

[Inhalt]
Fischerhütten bei Bulacan.

Fischerhütten bei Bulacan.

SECHSTES KAPITEL

REISE IN BULACAN. — HÄUFIGE FEUERSBRÜNSTE. — FRUCHTBARKEIT. — FISCHFANG. — ZIGARRENTASCHEN. — SPANISCHE PRIESTER. — GASTFREIHEIT. — RÄUBEREIEN.

Mein erster Ausflug ging nach der Provinz Bulacán, am Nordrande der Bay von Manila. Zwei Stunden braucht der Dampfer bis zur Barre Binuánga, (nicht Bincanga, — Coello’s Karte) und eine Stunde, um in einem Arme des Pampánga-Delta’s, zwischen flachen Rhizophoren-Ufern, Bulacán, den Hauptort der Provinz, zu erreichen. Ausser mir war kein Europäer an Bord, nur Tagalen, Mestizen und wenige Chinesen, erstere namentlich durch Frauen vertreten, denen vorzugsweise die Handelsgeschäfte obliegen, weil sie dazu viel geschickter sind als die Männer. Man sieht daher in der Regel mehr Frauen als Männer auf der Strasse, und es scheint allgemein angenommen, dass bei den Geburten die weiblichen überwiegen. Nach den von mir durchgesehenen Kirchenbüchern ergiebt sich aber, wenigstens für die östlichen Provinzen, eher das Gegentheil. Am Landungsplatz erwartete uns eine Anzahl Caramáta’s, bunt bemalte, flache, zweirädrige Kasten mit Sonnendach versehn, und mit zwei Pferden bespannt, von denen die wohlhabenderen Ankömmlinge schnell nach allen Richtungen entführt werden. [46]

Die Stadt Bulacán hat 11 bis 12,000 Einwohner, war aber einen Monat zuvor, mit Ausnahme der Kirche und weniger Steinhäuser, abgebrannt. Alle Leute waren daher beschäftigt sich neue Häuser zu bauen, die seltsamer-, aber zweckmässigerweise, wie beim Zeichnen, mit dem Dach begonnen wurden. Lange Reihen Dächer aus Palmenblättern und Bambus standen bereits fertig am Boden und dienten einstweilen als Zelte. Dergleichen verheerende Feuersbrünste sind ungemein häufig. Die mit wenigen Ausnahmen aus Holz und Bambus bestehenden Häuser werden in der trocknen Jahreszeit völlig ausgedörrt, von der Sonne angeheizt; mit dem Feuer wird sehr unvorsichtig umgegangen, an Löschanstalten fehlt es gänzlich. Entsteht ein Brand an einem windigen Tage, so ist in der Regel das ganze Dorf unrettbar verloren. Während meines Aufenthalts in Bulacán brannte die Vorstadt S. Miguél bei Manila bis auf das Haus eines befreundeten Schweizers ab, das seine Rettung nur dem kräftigen Gebrauch einer Privatspritze und der Mithülfe eines Bananengärtchens verdankte, deren saftstrotzende Stämme auf einer Seite den Fortschritt der Flammen hemmten.

Den Weg nach Calumpít, 3 L., legte ich im schönen Wagen eines Gastfreundes zurück, auf sehr guter Strasse, unter Obstbäumen, Kokos- und Arecapalmen. Der Anblick dieser fruchtbaren Provinz erinnert an die reichsten Gebiete Java’s, aber die hiesigen Pueblos verrathen mehr Wohlstand als die dortigen Desas. Die Häuser sind substanzieller; geräumige Bretterhäuser häufig, selbst Steinhäuser nicht selten, die in jener Insel fast immer einen Beamten oder inländischen Fürsten anzeigen. Während aber selbst der arme Javane sein Wohnkörbchen zierlich flicht, die Strassen des Dorfes mit blühenden Hecken einfasst, Alles Nettigkeit und Sauberkeit verräth, scheint hier weniger Sinn dafür vorhanden. Auch fehlt den Dörfern der Alun-alun, jener schöne sorgfältig gepflegte, von Waringibäumen beschattete Platz.1 Die Zahl und Manchfaltigkeit der Fruchtbäume, unter deren Laub die javanischen Desas ganz verborgen liegen, ist selbst in dieser Provinz, dem Garten der Philippinen, viel geringer als dort. Abends erreichte ich Calumpít, als gerade eine hübsche Prozession mit vielen Fahnen und Fackeln, unter wohlklingendem Gesang sich um die stattliche Kirche bewegte, bei deren trefflichem Pfarrer Llanos ein Brief aus Madrid mir die gastlichste Aufnahme verschaffte. Calumpít, ein wohlhabender Ort von 12,250 E., liegt am Zusammenfluss des von O. kommenden Quíngoa mit dem Pampánga, in einer sehr fruchtbaren, häufigen Ueberschwemmungen [47]ausgesetzten Ebene. Im Norden, etwa 6 Leguas NW. erhebt sich der Arayat, ein hoher isolirter Kegelberg. Von Calumpít gesehn, zeigt sein westlicher Abhang (a b) 20°, sein östlicher (e f) 25°, die Gipfelplatte (b c) 4 bis 5° Neigung gegen den Horizont.

Berg Arayat.

Berg Arayat.

Bei Calumpít sah ich einen Chinesen auf eigenthümliche Art Fische fangen: queer durch das Bett eines Baches, der, fast versiegt, nur noch einzelne Lachen bildete, war unterhalb einer solchen ein Gitter enggesteckter Bambusen gezogen, dahinter ein niedriger Damm errichtet. Mittelst einer langgestielten Wurfschaufel wurde das stehngebliebene Wasser über den Damm geworfen. Die Schaufel war da, wo der Stiel ansetzt, durch ein Seil an ein zehn Fuss hohes Bambusgestell befestigt, dessen Federkraft die Arbeit erleichterte. Sobald die Pfütze trocken gelegt, grub der Arbeiter ohne Mühe eine grosse Menge Dalags (Ophiocephalus vagus. Peters.) aus dem Schlamm. Diese durch besondere Apparate, vielleicht zum Luftathmen, jedenfalls zu längerem Verweilen im Trocknen befähigten Fische sind in der nassen Jahreszeit in allen Gräben und Pfützen und auf den Reisfeldern so häufig, dass sie mit Knitteln todtgeschlagen werden. Bei dem Zurückweichen des Wassers ziehn auch sie sich zurück, oder bohren sich nach Prof. Semper tiefer in den Schlamm des Bodens ein, wo sie bis zum Anfang der nassen Jahreszeit durch eine harte sie bedeckende Erdkruste gegen die Nachstellungen des Menschen geschützt, im Winterschlaf zubringen. Der Fangapparat des Chinesen schien den Gewohnheiten des Fisches wohl angepasst. Der Umstand, dass nur auf der untern Seite der Wasserlache ein Gitter gezogen war, und dass die Fische unmittelbar vor demselben am dichtesten angetroffen wurden, scheint anzudeuten, dass sie auch noch im Schlamm weiter wandern und sich in dem Maasse als die Bäche und Gräben austrocknen in die grösseren Wasseransammlungen zurückziehn.

Dem Quíngoa aufwärts, in östlicher Richtung, auf bequemer Strasse folgend, durch wohlbebautes, üppig fruchtbares Gebiet, an zahlreichen steinernen Kirchen und Kapellen vorüber, die sich mit den Palmen und Bambusbüschen zu hübschen Bildern gruppiren, erreichte ich in Pater [48]Llano’s Vierspänner den bedeutenden Ort Balívag, dessen Gewerbfleiss weit über die Grenzen der Provinz hinaus berühmt ist.

Ich besuchte mehrere Familien und fand überall freundliche Aufnahme. Die Häuser waren von Brettern (casas de tabla), ruheten auf Pfählen, fünf Fuss über dem Boden, und bestanden aus einem geräumigen Wohnzimmer, an welches auf einer Seite die Küche, auf der andern ein offner Raum, die Azotéa (s. S. 20) stösst; ein hohes luftiges Dach von Palmenblättern erhob sich darüber, der Eingang war von der Azotéa, die fast zur Hälfte vom Dach überragt wird. Der Fussboden bestand aus zollbreiten Holzlatten mit halb so breiten Zwischenräumen. Stühle, Tische und Bänke, ein Schrank und verschiedene kleine Luxusgegenstände, Spiegel, eingerahmte getuschte Lithographien waren vorhanden. Die Sauberkeit der Häuser sowohl als der Zustand der Möbel zeugten von Ordnung und Wohlstand.

Fast in jedem Hause fand ich Frauen mit Weben von Tápis beschäftigt, die auf dem Markt von Manila den besten Ruf haben. Es sind schmale, sehr dicht gewebte 6 Varas lange Seidenzeuge in dunkelbraunen Farben mit schrägen weissen Streifen. Sie werden über dem Sarong getragen. (Vergl. S. 24).

Zubereitung der Zigarrentaschen

Besonders berühmt ist Balívag aber wegen seiner Zigarrentaschen Petáca,2 die alle andern an Feinheit übertreffen. Sie bestehen nicht aus Stroh, sondern aus feinen Streifen spanischen Rohres, und zwar aus dem untern Ende der Blattstiele einer Calamusart, die angeblich nur in der Provinz Neu-Écija wächst. Ein Bündel von hundert ausgesuchten 2 Fuss langen fingerdicken Stöcken kostet bis 6 r. Nachdem diese Stöcke vier bis fünf mal der Länge nach gespalten, entfernt man das innere Holz, so dass nur die äussere Haut übrig bleibt; die so erhaltenen dünnen Streifen werden dann aus freier Hand zwischen einem convexen Porzellanscherben und einem schräg dagegen gestellten Messer durchgezogen, und schliesslich noch durch zwei schräg gegen einander stehende Stahlklingen. Die Arbeit [49]verlangt viel Geduld und Uebung; bei der ersten Handhabung zerbricht durchschnittlich die Hälfte der Fäden, bei der zweiten gewöhnlich mehr als die Hälfte, so dass kaum 20% übrig bleiben. Für sehr feine Geflechte ist das Verhältniss noch weit ungünstiger. Das Flechten geschieht über hölzerne Walzen. Eine Tasche von mittlerer Feinheit, die an Ort und Stelle 2 Doll. kostet, kann bei ununterbrochener Arbeit in sechs Tagen vollendet werden. Ausnahmsweise feine, auf besondere Bestellung für Kenner angefertigt, werden mit 50 Doll. und mehr bezahlt.

Von Balívag den Quíngoa aufwärts verfolgend, kommt man an vielen Steinbrüchen vorbei, wo in Bänke gesonderter vulkanischer Tuff zu Bausteinen ausgebeutet wird. Die mit hohen stacheligen Bambusen besetzten Ufer waren 10 bis 12 Fuss hoch. In der Regenzeit tritt der Fluss aus und überschwemmt weithin die Ebene, daher die vielen Klappen grosser Süsswassermuscheln (Corbicula sp.) in der den Tuff überlagernden Dammerde. Bei Tobóg, einer Visíta, halbwegs zwischen Balívag und Angat, zeigen sich die ersten Hügel. Ihre flachen Abhänge sind wie in Java terrassenförmig als Rieselfelder zum Reisbau eingerichtet. Ausser bei Lúcban habe ich dergleichen Sawas in den Philippinen nicht wahrgenommen. Viele kleine Zuckerfelder, deren Produkt aber von den Eigenthümern noch recht ungeschickt verwerthet wird, zeigen, dass die Vorbedingungen zum schwunghaften Betriebe des Ackerbaus vorhanden sind. Streckenweis sind Schattendächer über die Strasse gebaut mit Bänken zum Rasten; ich habe sie nur in dieser Provinz gefunden. Man könnte sich in einem der dichtbevölkerten, ertragreichsten Bezirke Java’s glauben.

Die Nacht brachte ich in einem Convento zu (so heissen in den Philippinen die Wohnhäuser der Pfarrer). Es war äussert schmutzig, der Geistliche, ein Augustiner, voll Bekehrungsgelüste. Ich hatte ein langes geographisches Verhör zu bestehn über den Unterschied zwischen Prusia und Rusia, ob das grosse Norimbergo die Hauptstadt des Granducado oder des Imperio de Rusia sei? erfuhr dass die Engländer auf dem Punkte stünden in den Schooss der christlichen Kirche zurückzukehren, die »Andern« dann auch wohl bald nachfolgen würden, und wurde trotz angelegentlicher Empfehlung des Pfarrers Llanos recht schlecht aufgenommen. Später bin ich noch einmal zwei jungen Kapuzinern in die Hände gefallen, die Bekehrungsübungen an mir vornahmen, mich aber, abgesehn von dieser kleinen Zudringlichkeit, auf’s beste behandelten und verpflegten. Es gab sogar in Wasser gesottene Gänseleberpastete, die ich an den fettumflossenen Trüffeln schnell erkannte. Zur Strafe für ihre Zudringlichkeit enthüllte ich meinen Wirthen nicht die richtige Gebrauchsanweisung, kaufte ihnen die [50]noch übrigen Blechbüchsen ab, und hatte später das Vergnügen im Urwald Gänseleberpastete zu essen. Dies sind die beiden einzigen Fälle, wo ich in solcher Weise belästigt worden, bei einem Aufenthalt von mehr als anderthalb Jahren.

Der mit einem Pass versehene Reisende ist übrigens durchaus nicht auf die Gastfreundschaft der Pfarrer angewiesen, wie in manchen abgelegeneren Gegenden Europa’s. Jede Ortschaft, jedes Oertchen, hat sein Gemeindehaus, Casa real oder Tribunal genannt, in welchem er wohnen kann und Lebensmittel zum Marktpreis geliefert bekommt, ein Umstand, der mir bei meinem ersten Ausflüge nicht bekannt war. Der Reisende ist also in dieser Beziehung völlig unabhängig, wenigstens in der Theorie; in der Praxis wird er freilich oftmals nicht umhin können, in den abgelegneren Provinzen, im Convento zu wohnen, denn der Pater, vielleicht der einzige Weisse auf viele Meilen in der Runde, lässt sich schwerlich die Gelegenheit entgehn, einen seltenen Gast einzufangen, ihm das beste Zimmer im Hause zu geben, und alles aufzubieten, was Küche und Keller zu leisten vermögen. Alles wird mit so aufrichtiger unverhohlener Freude über den Besuch dargeboten, dass der Gast durchaus nicht das Gefühl hat, als würde er verpflichtet, sondern umgekehrt die Ueberzeugung gewinnt, dass er seinem Gastfreunde Vergnügen macht, wenn er seinen Besuch verlängert. Einmal, als ich trotz der erhaltenen Einladung des Padre Cura darauf bestand, in’s Tribunal zu gehn, und mich darin eben niedergelassen hatte, erschien alsbald der Pater mit den Ortsbehörden und dem Musikchor, die wegen der Vorbereitung zu einem Kirchenfeste im Convento zufällig anwesend waren, liess mich auf meinem Stuhle sitzend aufheben und mit Musik und allgemeinem Jubel in sein Haus tragen.

Am folgenden Tage besuchte ich eine NNO. von Angat gelegene Eisenhütte Kúpang, von zwei mir aufgenöthigten Bewaffneten begleitet, da die Gegend wegen Räubereien übel berüchtigt war. Nach einer Stunde in nördlicher Richtung durchfurtheten wir den Banávon, damals ein schmaler Bach, zwischen vorwiegend plutonischem Gerölle fliessend, in der Regenzeit ein mehrere hundert Fuss breiter Strom, und erreichten nach zwei Stunden die Eisenhütte, einen mitten im Walde gelegenen grossen Schuppen, mit einem Hängeboden an einem Ende, der dem Unternehmer, einem vor Jahren in Sámar gestrandeten Engländer, und seiner Frau, einer hübschen Mestizin, zur Wohnung diente. Legte ich mein Taschentuch, ein Bleistift oder sonst einen Gegenstand aus der Hand, so wurde er sofort von der Frau eingeschlossen, um ihn vor der Diebeswuth ihrer Diener zu schützen. Die armen Leute, deren Unternehmung keinen Erfolg versprach, mussten [51]ein trauriges Leben führen. Zwei Jahre zuvor drangen 27 Räuber ein, plünderten alles und warfen die Frau, die mit einer Magd allein im Hause war, zum Fenster hinaus; sie kam ohne erhebliche Beschädigung davon, die Magd aber, die vor Angst aus dem Fenster sprang, starb an den erlittenen Verletzungen. Ohne Mühe gelang es die Räuber, Bergleute und Bewohner von Angat, einzufangen, sie sassen damals bereits 2 Jahre in Untersuchungshaft.

Ich traf hier eine Negritofamilie, die mit den Leuten der Eisenhütte in freundlichem Verkehr stand, und Nahrungsmittel gegen Waldprodukte eintauschte. Der Mann begleitete mich auf die Jagd mit einem Bogen und zwei Pfeilen bewaffnet, die Pfeile hatten zwei Zoll lange, lanzenartig geformte eiserne Spitzen, deren eine mit Pfeilgift, einem schwarzen Harz dick bestrichen war. Die Frauen nahmen Guitarren (tabaŭa) mit, genau, wie die der Mintras auf der malayischen Halbinsel: fusslange Bambusrohre, an welchen Saiten aus gespaltenem Stuhlrohr aufgespannt waren. Auf nebenstehender Abbildung sind nicht diese Negritos, von denen ich nur unvollkommene Zeichnungen besitze, sondern weiter nördlich lebende, nach guten Photographien dargestellt.

Um auf der Rückreise nicht wieder in dem leidigen Convento zu übernachten, wo mein Diener mit meinen Sachen zurückgeblieben war, folgte ich dem Rath der freundlichen Leute, spät abzureiten und erst nach 10 Uhr dort einzutreffen. So konnte ich, da das Pfarrhaus um 10 Uhr verschlossen wird, ohne Anstoss bei einem ihnen befreundeten reichen Mestizen einkehren. Um halb eilf erreichte ich das gastliche Haus, und setzte mich zu den muntern Frauen, die gerade am Abendessen waren. Da erscheint plötzlich auf der Schwelle des Hinterzimmers mein Pfarrer nebst zwei andren Augustinern, die mit dem Hausherrn Karten gespielt hatten, und indem sie mich mitschleppten, mein Glück priesen: »denn wären Sie nur eine Minute später gekommen, so hätten Sie nicht mehr in das Convento gekonnt.«

Negrita (von Panay).

Negrita (von Panay).

[52]


1 Reiseskizzen S. 143. 

2 Nach Tylor (Anahuac 227) petlatl (mexikan.) eine Matte, in den Philippinen: petate; petla-calli mexikanisch. Mattenhaus, davon petaca, geflochtene Zigarrentasche. 

[Inhalt]
Aussicht von Jalajala auf die Insel Talim.

Aussicht von Jalajala auf die Insel Talim.

SIEBENTES KAPITEL

PROVINZ LAGUNA. — BANCAFAHRT. — BARREN DES PASIG. — SEE VON BAY. — MAARE BEI CALAUAN. — PALMENWEIN. — REISEN OHNE DIENER. — VULKAN MAJAIJAI. — BÜFFELFAHRT.

Meine zweite Reise führte mich auf dem Pasigfluss nach dem grossen See von Bay. Ich verliess Manila Abends in einer Banca, einem ausgehöhlten Baumstamm mit flach gewölbtem, aus Bambusstreifen geflochtenem so niedrigem Dach, dass man kaum aufrecht sitzen kann, weshalb auch jede Vorrichtung dazu fehlt. Ein im Boden des Kahnes liegendes Bambusgitter schützt den Reisenden gegen Grundwasser und dient ihm zum Lager. Jurien de la Gravière vergleicht die Banca treffend mit einer Zigarrendose, worin der Reisende so eng eingeschlossen, dass ihm im Fall des Umschlagens wenig Hoffnung auf Rettung bleibt.1 Die Mannschaft bestand aus vier Ruderern und einem Steuermann, die je 5 r. zusammen 4½ Thaler täglich erhielten, ein hoher Preis für die trägen Leute im Vergleich zur Billigkeit der Lebensmittel, denn der Reis, den ein kräftiger Arbeiter täglich verzehrt, kostet selten mehr als 1 bis 1½ Silbergroschen (in der Provinz oft kaum 3 Pfennige), die Zuspeise (Wasserthiere und Kräuter) einige Pfennige. Zahlreiche Dörfer und Tienda’s, in denen Lebensmittel feil geboten werden, ziehn sich an den Ufern hin. Nachdem die Mannschaft unter allerlei Vorwänden die Fahrt zu unterbrechen versucht, verliess sie bei dem Dorfe Pasig das Boot, um Segel zu holen, kam aber [53]nicht wieder. Erst mit Hülfe der Nachtwächter, gelang es, sie einzeln aus den Häusern ihrer Freunde zu holen, worin sie sich verborgen hatten. Nachdem wir einigemale auf Sandbänken festgesessen, gelangten wir in den von Hügeln und Bergen umschlossenen See von Bay und erreichten früh morgens Jalajala.

Der Pasig bildet einen natürlichen, etwa 6 Leguas langen Kanal zwischen der Bay von Manila und der Laguna de Bay, einem Süsswassersee von 35 Leguas Umfang, den drei der fruchtbarsten Provinzen, Manila, Laguna, Cavite, umgrenzen. Früher sollen grosse Lastschiffe bis an den Rand des Sees gefahren sein2, jetzt wird es durch Sandbänke verhindert; bei den Barren von Napíndan und Tagúíg gerathen selbst sehr flache Boote auf den Grund.3 Würden die Barren fortgeräumt und die Manila mit Binondo verbindende steinere Brücke in eine Drehbrücke verwandelt oder durch einen Kanal umgangen, so könnten Küstenfahrer die Erzeugnisse der Lagunenprovinzen am Rande der Felder, auf denen sie wachsen, einnehmen. Der Verkehr würde sehr gewinnen, der Wasserspiegel sinken, die Untiefen des Seerandes zu fruchtbaren Reis- und Zuckerfeldern werden. Ein solcher Plan war vor mehr als 30 Jahren in Madrid gebilligt worden, ist aber nicht zur Ausführung gekommen. Die Versandung des Flusses wird im Gegentheil durch zahlreiche Fischreusen befördert, deren Anlage sonderbarer Weise gerade die Marine-Verwaltung begünstigt, da sie eine kleine Abgabe davon erhebt.

Jalajala, eine Hacienda, deren Gebiet die östliche der beiden von N. nach S. in den See ragenden Halbinseln einnimmt, pflegt eines der ersten Reiseziele des Fremden zu sein. Es verdankt diesen Vorzug seiner hübschen Lage in der Nähe Manila’s und den phantasiereichen Schilderungen des früheren Besitzers de la Gironnière. Die Halbinsel ist vulkanisch, das Gebirge sehr zersetzt, alljährlich führen die Wasserfluthen (Avenidas) viel Erde von den Bergen herab, und vergrössern die Anschwemmungen am Fuss derselben. Der mit Gras und stachligen bis 8′ hohen Sinnpflanzen (Mimosa pudica) bewachsene Strand dient als Büffelweide, dahinter breiten sich Reis- und Zuckerfelder bis an den Fuss des Berges aus. Im Norden wird die Besitzung durch den dicht bewaldeten Sembrano, den höchsten Berg der Halbinsel begrenzt, auf den übrigen [54]Seiten ist sie von Wasser umgeben. Den flachen Seerand ausgenommen ist das ganze Gebiet hügelig mit Gras und Baumgruppen bewachsen, ein trefflicher Weideplatz für die ansehnlichen Heerden (1000 Büffel, 1500 bis 2000 Rinder, 600 bis 700 Pferde fast im Zustande der Wildheit). Beim Herabsteigen von einem Berge umzingelten uns sechs Bewaffnete, die uns für Viehdiebe gehalten und zu ihrem Verdruss auf die gehoffte Prämie verzichten mussten.

Vulkan Maquiling von ONO.

Vulkan Maquiling von ONO.

Jalajala gegenüber, am Südrande des Sees von Bay liegt das Dörfchen Los Baños, nach einer heissen Quelle am Fuss des Vulkane Maquiling benannt. Schon vor Ankunft der Spanier diente sie den Eingeborenen zu Heilzwecken,4 jetzt wird sie nur noch wenig benutzt. Das Ufer des See’s ist dort und fast ringsum so seicht, dass man selbst vom flachen Kahne aus nicht trocknen Fusses landen kann, eine Schicht von Sumpfmuscheln (Paludina) bedeckt den Boden.

NW. von Los Baños liegt ein kleiner dicht bewaldeter Kratersee, Dagátan genannt (laguna encantada der Turisten), zum Unterschied von Dagát (Meer) wie die Tagalen den grossen See von Bay nennen. Von den Krokodilen, die in jenem hausen sollen, zeigte sich keines, aber Schaaren von Wasservögeln flogen auf, als ihre Einsamkeit gestört wurde.

Von Los Baños wollte ich Lupang puti (weisse Erde) besuchen, wo, nach den erhaltenen Proben zu urtheilen, feine weisse Kieselerde (bianchetto) gewonnen wird, die geschlämmt in Manila zum Anstrich dient. Ich erreichte den Ort nicht, da sich mein mit Mühe erlangter Führer nach einer halben Stunde todtmüde stellte. Die eingezogenen Erkundigungen deuten [55]auf eine Solfatara, und scheinen sich deren mehrere am Fuss des Maquiling zu befinden.5

Auf der Rückfahrt wurde die Insel Talim besucht, die, eine Lichtung mit wenigen ärmlichen Hütten ausgenommen, unbewohnt und dicht mit Wald und Gestrüpp bewachsen ist. In der Mitte erhebt sich der Soson dalaga (Mädchenbusen), ein Doleritberg mit schön geformter Kuppe. Am Strande fand ich auf dem nackten Felsen vier Eier mit völlig ausgebildeten Krokodilen, die bei dem Oeffnen der Schalen ausschlüpften.

Obwohl der SW. Monsun in Jalajala gewöhnlich später zur Geltung kommt als in Manila, so regnete es schon so sehr, dass ich mich entschloss nach dem südlich vom See gelegenen Orte Caláuan zu gehn, der durch den queer davor liegenden Maquiling geschützt den Einfluss des Regenmonsuns erst später empfindet. In Caláuan traf ich Herrn v. la Gironnière, den durch seine haarsträubend erzählten Abenteuer wohlbekannten »Gentilhomme breton«, seit kurzem aus Europa zurückgekehrt um eine grosse Zuckerfabrik zu gründen; sein Unternehmen misslang indessen. Das Haus des seitdem verstorbenen rüstigen alten Herrn, der aus Liebhaberei Tracht und Bedürfnisslosigkeit der Indier angenommen, liess sowohl Reinlichkeit als Ordnung vermissen, obgleich es ausser ihm zwei an dem Geschäft betheiligte Freunde, einen Schotten und einen jungen Franzosen beherbergte, die in der verfeinerten Pariser Gesellschaft gelebt hatten.

Auf der Besitzung liegen mehrere Maare und einige Kratere ohne Wasseransammlungen. SW., nicht fern vom Wohnhause, links von der Strasse die nach S. Pablo führt, befindet sich die Llanura de Imúc, ein von mehrere hundert Fuss hohen Wällen doleritischer Rapilli gebildetes Kesselthal. Auf grossen Basaltblöcken kann man den Rand erklimmen, alles übrige ist dicht bewachsen. Den Boden des Kessels nimmt eine verwilderte, vom früheren Besitzer angelegte Kaffeepflanzung ein. Eine genauere Uebersicht war wegen des Dickichts nicht zu gewinnen.

Nördlich davon liegt ein andrer Krater mit niedrigen Wänden. Der Boden ist versumpft mit Rohr und grobem Gras bewachsen, aber selbst in [56]der Regenzeit sammelt sich nicht hinreichend Wasser an, um einen See zu bilden. Er dürfte daher leicht zu entwässern und urbar zu machen sein.

Südwestlich von diesem Krater, rechts der Strasse von S. Pablo liegt der Tigui-See: Aus einer Ebene von weisslich grauem Tuff, worin viele konzentrisch schalige Kugeln von Nussgrösse, erhebt sich ein kreisrunder Wall mit sanftgeneigtem Abhang nur durch eine schmale Kluft (in N. b. W.) unterbrochen, die als Zugang dient und an Einstürzen die losen Rapilli zeigt, aus denen das Ringgebirge besteht. Die Wände ragen hundert Fuss über den ganz flachen Boden. Queer durch die Mitte läuft ein Weg OW. und theilt ihn in zwei Hälften, die nördliche ist mit Kokospalmen und Kulturpflanzen bewachsen, die südliche nimmt ein See ein, dessen Spiegel zum grössten Theil von Pistien bedeckt ist. Der Boden besteht aus schwarzen Rapilli.

Vom Tigui-See kehrte ich nach der Hacienda zurück die auf einer 2 Fuss mächtigen Bank vulkanischen Tuffes voll rezenter Blattabdrücke liegt. Der Zustand der Erhaltung reicht zwar zur Bestimmung der Arten nicht aus; sie sind aber alle ächt tropisch6 und können nach Professor A. Braun sehr wohl denselben Arten angehören, die noch heut an dieser Stelle wachsen.

SO. davon etwa ½ Legua entfernt liegen zwei kleine Maare; der Weg führt durch vulkanischen Schutt, der auf Tuff lagert; in dem Flussbett grosse vulkanische Blöcke.

Der erste See Maycap, völlig umwallt, hat nur an seiner NW. Seite eine künstliche Kluft mit Schleuse zur Speisung eines Kanals; vom Nordrand, der allein eine freie Aussicht gestattet, liegt die Südspitze des S. Cristoval N. 73° O. Die gegen 80′ hohen Wände erheben sich gen W. zu dem Hügel Maiba von etwa 500 Fuss. Sie sind, wie bei den andern Maaren aus Rapilli und Tuff gebildet, und dicht bewachsen.

Daneben liegt ein andres Maar: Palákpakan, von ziemlich gleichem Umfang und gleicher Struktur (schwarzer Sand und Rapilli), die Wände, 30 bis 100 Fuss hoch. Vom NW-Rand erscheint der S. Cristoval N. 70° O. Der Wasserspiegel ist leicht zu erreichen, eine grosse Anzahl Fischapparate ragen daraus hervor.

Gegen 9 Uhr Morgens ritt ich von Caláuan nach Píla, dann NO. nach Sa. Cruz, auf ebener, breiter, gut unterhaltener Strasse, durch einen meilenlangen, in Breite einer halben Legua sich den Umrissen der Laguna anschmiegenden Kokoshain. Diese Palmen werden zum grossen Theil nicht auf Oel, sondern auf Branntwein ausgebeutet. Man lässt sie dann keine [57]Früchte tragen, sondern fängt den aus der angeschnittenen Blüthenknospe quellenden zuckerhaltigen Saft auf, und destillirt sein Gährungsprodukt.7 Da der Saft täglich zweimal gesammelt wird, und die Blüthen unter der Blätterkrone 40 bis 50′ über der Erde sitzen, so sind in dieser Höhe zur Verminderung des beschwerlichen Auf- und Abkletterns Bambusen paarweis übereinander von einer Palme zur andern angebracht, auf deren unterer der Arbeiter geht, indem er sich an der obern festhält.

Der Verkauf des Palmenbranntweins war damals noch Monopol der Regierung, die ihn im Estanco zusammen mit Zigarren, Stempelpapier und Ablassscheinen im Einzelnen verkaufte. Die Bereitung geschah durch Privatleute, der Gesammt-Ertrag musste aber an die Hacienda abgeliefert werden, die indessen einen so hohen Preis dafür zahlte, dass den Kontrahenten ansehnlicher Nutzen blieb.

Später traf ich in Camarines einen Spanier, der in Folge eines solchen Lieferungsvertrages, nach seinen Angaben, bequemen und reichen Gewinn machen musste. Er hatte Kokospalmen den Stamm zum Mittelpreis von 5 r. gekauft, (gewöhnlich kosten sie wohl mehr, doch sind sie zuweilen für 2 r. zu haben). 35 Bäume geben im geringsten Falle täglich 36 Quart Tuba (zuckerhaltigen Saft), aus denen durch Gährung und Destillation 6 Quart Branntwein von vorgeschriebener Stärke erzielt werden. Zur Bearbeitung genügt ein Mann, der für seine Leistungen die Hälfte des Ertrages erhält: Die Hacienda bezahlt das Quart Branntwein mit 6 Cuartos. Der Kontrahent erhält also jährlich von 35 Bäumen, die im Ankauf 21⅞ Doll. kosten, 360 × ​6⁄2​ × 6 cuartos = 40½ Doll., nützt also sein Anlagekapital fast zu 200%.

Die Einnahme aus jenem Monopol (Vinos y licores) war im Kolonial-Budget für 1861 auf 1,622,810 Doll. veranschlagt, ihre Eintreibung aber sehr schwierig und so unverhältnissmässig kostspielig, dass sie fast den ganzen Nutzen verschlang. Sie veranlasste Spionage, Reibereien aller Art, [58]Unterschleife und Bestechungen in grossem Umfange. Das Ausschenken von Schnaps durch bestallte, mit Prozenten am Verschleiss betheiligte Beamte beeinträchtigte das Ansehn der Regierung. Ueberdies lähmte die ungeschickte Steuer einige der wichtigsten Gewerbe des Landes, nicht nur die Ausbeutung der Palmen im freien Verkehr, sondern auch die Rohrzuckerbereitung, denn zu Gunsten ihres Monopols hatte die Regierung den Zuckerfabrikanten verboten aus den Melassen Rum zu destilliren, weshalb diese so werthlos waren, dass man in Manila die Pferde damit tränkte. Die Klagen der Zuckerfabrikanten bewogen endlich die Regierung, die Rumbereitung zu gestatten (Januar 1862), die Palmenbranntwein-Regie blieb aber bestehn. Die Indier tranken nun nichts als Rum, so dass man sich gezwungen sah, das ganze Monopol fallen zu lassen. (Januar 1864.) Seitdem zahlen die Rumfabriken eine nach der Grösse ihres allgemeinen Betriebes, aber nicht nach der Menge des Produktes normirte Gewerbesteuer; ausserdem wurde zur Deckung des Ausfalls ein kleiner Zuschlag zur Kopfsteuer (Recargo s. unten) eingeführt. Das Branntweintrinken soll seitdem sehr zugenommen haben, ist übrigens eine alte Gewohnheit.8 Abgesehn davon ist die Maassregel vom günstigsten Erfolge begleitet gewesen.

Kirche und Convento, Majaijai.

Kirche und Convento, Majaijai.

In Sa. Cruz, einem lebhaften wohlhabenden Orte [1865: 11,385 E.] durchfurtheten wir den Fluss, der, zumal Sonntag war, von Badenden wimmelte, darunter viele Frauen in breiten Sonnenhüten mit auffallend üppigem [59]Haar. Nach der Furth biegt die Strasse in einem spitzen Winkel um, und zieht erst O. dann SO. über Magdalena, wo die Landschaft bergig wird nach Majaijái, indem sie vor letzterem Ort (über 9000 E.) auf einer Brücke eine tiefe Schlucht überschreitet, in welcher stattliche Baumfarne die grössere Meereshöhe (über 600′) andeuten. Das von den Jesuiten erbaute geräumige Convento Majaijái, ist wegen seiner herrlichen Lage berühmt. Nach NW. dehnt sich der See von Bay aus, in der Ferne von der Halbinsel Jalajala und Insel Talim mit dem Vulcan Soson-dalága begrenzt. Vom Convento bis zum See hinab erstreckt sich nach O. und W. ein unabsehbarer Saum von Kokospalmen. Gen Süden wird der Abhang schnell steiler und hebt sich zu einem mächtigen, gerade abgestutzten, von tiefen Schluchten zerrissenen Kegelberge, dem Vulkan Banajáo oder Majaijái, neben welchem der S. Cristoval mit schöner glockenförmiger Kuppe hervorragt.

Insel Talim mit dem Pik Soson-dalága und Südspitze der Halbinsel Jalajala von Majaijai.

Insel Talim mit dem Pik Soson-dalága und Südspitze der Halbinsel Jalajala von Majaijai.

Da Alles mit Vorbereitungen zu einem Kirchenfeste beschäftigt war, begab ich mich über Lucban an die Ostküste nach Mauban, in tiefen Tuffschluchten, an Lavablöcken vorüber dem Fuss des Majaijái folgend. Der Pflanzenwuchs war von unbeschreiblicher Pracht, die sehr schadhafte Strasse angenehm belebt durch muntere zur Kirchweih ziehende Gruppen.9

Nach drei Stunden erreicht man Lúcban, einen wohlhabenden Ort von 13,000 E. im NO. des Majaijái (ein Jahr darauf brannte es gänzlich ab). Zwar ist der Ackerbau wegen des bergigen Gebietes, nicht bedeutend, es herrscht aber viel Gewerbfleiss, die Einwohner flechten feine Hüte aus Blattstreifen der Buripalme (Corypha sp.) und Pandanusmatten und treiben über Mauban einträglichen Handel mit den Goldwäschern von Nord-Camarines. Durch die in ihrer ganzen Breite mit Cement belegten Strassen floss ein klarer Bach in offener Rinne.

Der Weg von Lucban nach Mauban, das in der Bucht von Lamón, der Insel Alabát gegenüberliegt, führt im engen Thal des Rio Mápon durch [60]tiefe Schluchten senkrecht gehobener Thone. Bei Lucban sieht man Reisfelder in Terrassen wie in Java10, in den Philippinen eine Seltenheit. Bald betritt man den Wald. Fast alle Bäume sind mit Aroideen und Kletterfarnen bedeckt, dazwischen Angiopteris, Pandanus, und einzelne grosse Fächerpalmen (Corypha) mit kronleuchterartiger Fruchtkrone.

Drei Leguas von Lucban drängt sich der Fluss an einem grossen, aus prismatischen Säulen bestehenden Felsen vorbei und fliesst dann durch ein Konglomerat von nussgrossen völlig abgerundeten Geröllen aus vulkanischem Gestein und weissem marmorartigen Kalk, in welchem Spuren von Zweischalern und Korallen zu erkennen sind. Weiter flussabwärts tritt das vulkanische Gerölle zurück, das Konglomerat besteht nur noch aus Marmorkugeln durch Kalkspath an einander gekittet, es wechsellagert mit Bänken von Thon und grobkörnigen Tuffen, in denen spärlich schlecht erhaltene Blatt- und Muschelabdrücke vorkommen; doch gelang es eine zwar plattgedrückte aber doch noch erkennbare fossile Melania zu finden. Diese Bänke mögen wohl 500′ über dem Meeresspiegel liegen.

Im Dunkeln setzten wir, eine Legua oberhalb Mauban, über den schon ziemlich breiten Fluss, auf einem elenden durchlöcherten Bambusfloss, das, mit den Pferden belastet, einen halben Fuss tief einsank und jenseits in einer Sumpfpfütze strandete.

Wegen des Kirchweihfestes am folgenden Tage war das Tribunal mit Menschen gefüllt. Die Cabezas trugen, als Zeichen ihrer Würde, ein kurzes Jäckchen über dem Hemd. An den Wänden standen bunt verzierte Tische voll Obst und Gebäck, in der Mitte des Saales eine gedeckte Tafel für 40 Personen.

Ein Europäer, der ohne Bedienten reist, (mein Diener hatte sich mit einigen Vorschüssen geflüchtet) gilt für einen Landstreicher; ich wurde daher mit zudringlichen Fragen belästigt, liess sie aber unbeantwortet, suchte mir, da ich das geforderte Abendbrot nicht erhielt, in der Küche einige gute Bissen aus den Fleischtöpfen, verzehrte sie von vielen Zuschauern umgeben, und streckte mich, da ich keinen bessern Platz fand, auf der Bank an der gedeckten Tafel, die sich zweimal mit Gästen füllte, zum Schlafen aus. Als ich am folgenden Morgen erwachte, waren schon wieder so viele Menschen anwesend, dass es mir nicht möglich war, mich umzukleiden. In schmutzigem Reiseanzuge begab ich mich zu einem in Pueblo ansässigen Spanier, der mich, sobald mein Pass das durch meinen Aufzug erschütterte Vertrauen hergestellt, auf das liebenswürdigste aufnahm. Mein freundlicher Hausherr trieb nicht unbedeutenden Handel; es [61]lagen zwei englische Schiffe im Hafen, die er für China mit Moláve, einer dem Teak verwandten Holzart befrachtete.

Auf der Rückkehr besuchte ich, wenig seitwärts vom Wege, zwischen Mauban und Lucban, einen schönen Wasserfall Butúcan. Auf einer Sohle von vulkanischem, durch Obsidianmasse verkittetem Tuff, ähnlich dem seltenen Piperno der Pianura bei Neapel, strömt zwischen dicht bewachsenen hohen Tuffwänden ein wasserreicher Fluss und stürzt plötzlich in eine angeblich 360′ tiefe Schlucht, in der er weiter fliesst; die Kluft ist aber so enge, die Vegetation so üppig, dass man ihm von oben nicht mit den Augen folgen kann. Dieser Wasserfall hat grosse Aehnlichkeit mit dem am Abhange des Semeru in Java (s. Reiseskizzen.) Hier, wie dort, bildet ein, über gewaltige Tuffmassen geflossener Lavastrom eine horizontale Fläche, die wiederum vom mächtigen Tuffablagerungen bedeckt ist. Der Fluss hat sich durch diese leicht sein Bett bis auf die harte Lavabank gegraben, bis an ihr Ende fliesst er zwischen hohen, engen, dicht bewachsenen Wänden und stürzt dann jäh in die, von ihm selbst ausgewaschene tiefe Schlucht. Strömender Regen verhinderte mich leider den schönen Wasserfall zu zeichnen. Im Regen erreichte ich das Convento von Majaijái und ebenso verliess ich es nach drei Tagen anhaltenden Regens, da auf Monate hinaus besseres Wetter nicht zu hoffen war. »In Majaijái dauert die Regenzeit 8 bis 9 Monat, während welcher kaum ein Tag vergeht, ohne dass es in Strömen giesst« (Estado geogr. S. 150).

Vulkan Majaijai und San Cristobal.

Vulkan Majaijai und San Cristobal.

Vom Thurme des Conventos von Majaijai.

Eine Besteigung des Vulkans war unter solchen Umständen nicht ausführbar. Nach den schriftlichen Aufzeichnungen des Pfarrers von Majaijái ist der Banajáo am 22. April 1858 von den Herren Roldan und Montéro, zwei tüchtigen, mit Revision der Seekarte des Archipels beauftragten spanischen Marine-Offizieren erstiegen und gemessen worden. Sie peilten von der Spitze die Kathedrale von Manila, den Vulkan Máyon in Albay, die Insel Políllo und bestimmten den Gipfel zu 7020 Fuss span., die Tiefe des Kraters auf 700′. Der Krater enthielt früher einen See, der bei dem letzten Ausbruch des Berges, 1730, durch die in der Südwand entstandene Lücke abfloss.11 [62]

Auf ausgehungerten Frohnkleppern, unter anhaltendem Regen, durch tiefaufgeweichten Thonboden watend, wurde Caláuan erreicht; die Weiterreise nach Manila musste, da in Bay kein Boot zu haben, auf den folgenden Tag verschoben werden. Am nächsten Morgen waren keine Pferde zu bekommen, erst Nachmittags erhielt ich einen Karren und zwei Büffel zur Fahrt nach Sa. Cruz, von wo Abends das Marktschiff nach Manila abgehn sollte. Ein Büffel war vorgespannt, der andre zur Ablösung hinten angebunden. Da Büffel No. 1 nicht zieht, No. 2 auf ebener Strasse als Hemmschuh wirkt, so werden sie gewechselt. Kaum spürt No. 2 die Last hinter sich, als er sich niederlegt. Durch Schläge zum Aufstehn bewogen, geht er bedächtig, aber unaufhaltsam in eine nahe Pfütze, und legt sich darin nieder. Nur mit grosser Mühe gelingt es den Karren los zu machen und rückwärts wieder auf die Strasse zu schieben, während die beiden Thiere ein Schlammbad nehmen. Das Gepäck wird von Neuem aufgeladen, die Büffel wieder in die ursprünglichen Stellen eingesetzt, der Treiber legt sich mit dem Gewicht seines Körpers in das Nasenseil des vorgespannten Thieres und zieht. Der Büffel folgt langsam sammt dem Karren und dem Reservisten. In Pila erhielt ich ein besseres Gespann, mit dem ich spät Abends bei strömendem Regen eine Häusergruppe Sa. Cruz gegenüber erreichte. Das Marktschiff war abgegangen, alle Bemühungen ein Boot zur Ueberfahrt nach dem Dorf zu erlangen, führten nur zu unverschämten Prellversuchen; so ging ich denn in das geräumigste der Häuser, das ich von einer Wittwe und ihrer Tochter bewohnt fand. Nach einigem Zaudern wurde mein Gesuch um Nachtquartier gewährt, ich liess Oel zur Beleuchtung und Nahrungsmittel holen, die Frauen brachten einige Verwandte mit, die bei Zubereitung der Speisen halfen, und als Beschützer im Hause blieben. Am nächsten Morgen ging ich zwischen muntern Gruppen von Badenden durch den Fluss nach Sa. Cruz und erhielt dort ein Boot um über den See nach Pasig, von da nach Manila zu fahren. Gegenwind zwang uns aber auf der Spitze von Jalajala zu landen, und die vor Tagesanbruch eintretende Windstille abzuwarten. Zwischen der äussersten Südspitze und dem Wohnhause sieht man an mehreren Stellen, 15 Fuss hoch über dem Wasserspiegel, Bänke mariner Muscheln, (hauptsächlich Tapes virgineus Lin. Phil. und Cerithium moniliferum Kien.) dieselben, die noch heut an der Meeresküste sehr häufig sind; ein Zeichen dass auch an dieser Stelle Hebungen des Bodens stattgefunden haben. [63]


1 Voyage en Chine II, 33. 

2 Informe II, 37. 

3 Nach dem Berichte eines Ingeniörs sind die Barren dadurch entstanden, dass der Rio S. Mateo, der bald nach dem Ausfluss des Pasig aus der Laguna rechtwinklig auf diesen stösst, ihm in der Regenzeit eine grosse Menge Schlamm zuführt, welcher durch die dann herrschenden SW. Winde aufgestaut wird. Es würde daher wenig nützen die Barre fortzuräumen, ohne zugleich durch Ablenkung der S. Mateo in den See, die Ursache ihrer Entstehung zu beseitigen. 

4 .. »ils se baignent aussi dans leurs maladies et ont des sources d’eau chaude pour cet effet, particulièrement au bord de l’Estang du Roy (Laguna del Rey statt de Bay offenbar in Folge eines Lesefehlers) qui est dans l’île de Manille.« Thévenot, Religieux. 

5 »Vom Maquiling bis zu der Stelle Bacon genannt, die im Osten von Los Baños liegt, kann man kaum 30 Schritte gehn, ohne auf sehr verschiedenartige Wasserbäche zu stossen: sehr heisse, lauwarme, natürliche und sehr kalte. In einer in unserm Archiv aufbewahrten Beschreibung dieser Ortschaft, vom Jahre 1739 heisst es: dass SSO. ¼ S. vom Dorf ein Hügel Natognos liegt, auf dessen Platte eine Stelle von 400 □Fuss in fortwährender Bewegung ist wegen des heftig ausströmenden Dampfes. Der von den Dämpfen durchdrungene Körper ist eine ausserordentlich weisse Erde, die zuweilen 1 bis 1½ Ellen hoch geschleudert wird, und wenn sie die Kälte fühlt, in kleinen Stücken herabfällt.« (Estado geogr. 1865). 

6 Laurineen, Scitamineen, Fächerpalmen, Dombeyaceen, Araliaceen. 

7 Pigafetta sagt (S. 55), dass man, um den Kokoswein zu gewinnen, den Wipfel der Palme bis auf das Mark (den Trieb), durchbohrte und den aus der Wunde quellenden Saft auffing. Nach Regnaud (Hist. nat. du cocotier p. 120) befolgen die Neger von St. Thomas noch heut ein ähnliches Verfahren, das dem Baum sehr schädlich ist und ein weniger gutes Produkt liefern soll.

Hernandez, I, 344, beschreibt ein eigenthümliches Verfahren, um aus der Sacsac-Palme, deren kurze Charakteristik so ziemlich auf Arenga saccharifera zu passen scheint, Wein, Honig und Sago zu gewinnen. Sie wird dicht an der Blattkrone gekappt, der Stamm, jedoch nur so weit er zart ist, ausgehöhlt, in der Vertiefung sammelt sich der süsse Saft. Ist aller Saft abgezapft, so lässt man den Baum vertrocknen, zerschneidet ihn dann in dünne Stücke, die an der Sonne gedörrt zu Mehl zerrieben werden. 

8 Schon Pigafetta erzählt, dass die Eingeborenen aus den Kokospalmen Oel, Essig, Wein und Milch bereiteten und viel Kokoswein tranken, die Könige berauschten sich mehreremale bei den Gelagen. 

9 In der Londoner Illustrirten Zeitung von Ende 1857 oder Anfang 1858 befindet sich eine drastische Darstellung des Reisens auf dieser Strasse von einem talentvollen Künstler unter dem Titel: a macadamized road in Manilla. 

10 Vergl. Reiseskizzen. 

11 Erd und Pickering. (U. S. Expl. Exp. V 314,) fanden die Höhe = 6500′ engl. also 7143′ span., bei ihren unvollkommenen Hülfsmitteln kein unbefriedigendes Resultat.

Im Estado geogr. Manila 1865 S. 150 wird ohne Quellenangabe die Höhe = 7030′ 7″ gesetzt. An derselben Stelle heisst es: »der grosse Vulkan ist seit 1730 erloschen, in welchem Jahre sein letzter Ausbruch stattfand; er barst an der Südseite, stiess Ströme von Wasser und brennender Lava aus und Steine von ungeheurer Grösse, deren Spuren bis zum Dorf Sariaya zu verfolgen sind. Der Krater mag gegen eine Legua im Umfang haben, ist im Norden höher, hat im Innern die Form einer Eischale; diese Vertiefung scheint die Hälfte der Berghöhe zu betragen.« 

[Inhalt]

ACHTES KAPITEL

SEEREISE NACH ALBAY. — MARIVELES. — SCHIFFFAHRT ZWISCHEN DEN INSELN. — SAN BERNARDINO STRASSE. — VULKAN BULUSAN. — LEGASPI. — SORSOGON.

Gegen Ende August fuhr ich von Manila nach Albay in einem Schoner, der Abacá gebracht hatte und in Ballast zurückkehrte. Wir liefen bei gutem Wetter aus, aber am folgenden Tage mehrten sich die Anzeichen eines herannahenden Sturmes in sehr bedenklicher Weise, der Kapitän beschloss umzukehren und in dem kleinen sicheren Hafen von Marivéles, einer Lücke im Südrand der Halbinsel Bataán, welche die Bay von Manila westlich begrenzt, Schutz zu suchen. Wir erreichten ihn Nachts zwei Uhr, nachdem wir vierzehn Stunden vor der Einfahrt gekreuzt hatten. Hier mussten wir zwei Wochen vor Anker liegen, während es fast ununterbrochen regnete und draussen stürmte.

Negrito von Mariveles

Negrito von Mariveles

der Hinterkopf ist geschoren. — Knieband von Wildschweinsborsten.

Ausflüge auf das Land mussten sich daher auf die unmittelbare Umgegend beschränken. Leider erfuhr ich erst in den letzten Tagen, dass in den Bergen eine Niederlassung von Negrito’s bestehe, und erst kurz vor der Abfahrt gelang es mir, einen Mann und eine Frau zu sehen und zu zeichnen. Die Bevölkerung von Mariveles hat keinen guten Ruf. Das Oertchen wird fast nur von Schiffern besucht, die dort bei schlechtem Wetter einlaufen; die müssigen Mannschaften bringen dann die Zeit am Lande mit Trinken und Spielen zu. Auffallend war die Schönheit und weisse Farbe vieler jungen Mädchen, offenbar Mischlingen; wenn sie auch [64]offiziell als Tagalinnen gelten. Dieselbe Erscheinung nimmt man in vielen Häfen und in der Umgebung von Manila wahr; in Gegenden, die fast nicht von Spaniern besucht werden, ist die Bevölkerung dunkler und von reinerer Rasse.

Tagalin in einer Hängematte

Die Zahl der Schiffe, die hier Zuflucht suchten, stieg auf zehn, darunter drei Schoner. Ein kleiner Pontin1 versuchte jeden Morgen auszulaufen, kaum aber hatte er sich die See draussen angesehen, als er wieder umkehrte und von den übrigen mit höhnischem Jubel begrüsst wurde. Der Hunger machte ihn so kühn. Die Mannschaft, die ihre eigenen Produkte nach Manila gebracht, hatte den Erlös der Ladung verspielt und war ohne Proviant ausgelaufen, in der Hoffnung, ihre Heimat schnell wieder zu erreichen, was wohl auch bei günstigem Winde gelungen wäre. Solche Fälle kommen nicht selten vor. Mehrere Eingeborne miethen zusammen ein kleines Schiff, laden ihre Erzeugnisse ein und fahren sie nach Manila zum Verkaufe. Die Strasse zwischen den Inseln gleicht einem schönen breiten Strom mit entzückenden Uferlandschaften voll kleiner Niederlassungen. Gegen Abend finden die Seefahrer das Wetter häufig bedenklich und legen an, um den Morgen zu erwarten. Die gastliche Küste [65]bietet ihnen Fische, Krabben, Muscheln in Fülle, häufig auch ungehütete Kokosnüsse; — ist sie bewohnt, um so besser. Die Gastfreundschaft zwischen den Indiern ist sehr gross und umfassender als in Europa. Die Gäste vertheilen sich in die einzelnen Hütten. Nach gemeinschaftlicher Mahlzeit, bei der es nicht an Palmwein fehlt, werden die Matten auf den Boden des Hauses ausgebreitet, die Lampe, eine grosse Schnecke mit Binsendocht, verlöscht und Alles schläft zusammen. Als ich einmal nach fünftägiger Fahrt in die Bay von Manila einlief, überholten wir ein Schiffchen, das aus derselben Gegend wie ich, abgefahren war, um Kokosöl nach Manila zu bringen und sechs Monat auf seinem Argonautenzuge zugebracht hatte. Nicht selten wird dann die Ladung in der Hauptstadt verprasst, wenn es nicht schon unterwegs geschehn.

Als sich der Sturm endlich gelegt, verlassen wir Abends den Hafen von Mariveles. Vor der Einfahrt liegt eine kleine vulkanische Felseninsel aus säulenförmig abgesondertem Gestein von ganz auffallender Aehnlichkeit mit der Cyclopen-Insel bei Trezza (Sizilien). Wie dort, so auch hier eine spitze Pyramide, daneben ein kleines flaches Eiland. Wir fahren die Küste von Cavite entlang bis zur Punta Santiago, der SW. Spitze Luzon’s, und wenden dann östlich, in die schöne Seestrasse ein, die im Norden durch Luzon, im Süden durch die Bisaya-Inseln begrenzt wird. Mit Sonnenaufgang enthüllt sich ein herrliches Bild vor unseren Augen. Im Norden erhebt sich der Vulkan Taal über das Flachland von Batangas, im Süden die dicht bewaldete Felsen-Küste von Mindoro (anscheinend Kalk) mit ihrem Hafen Porto Galera, dem eine kleine davor liegende Insel als Wellenbrecher dient. Dichte Züge von Schiffen, die den Sturm in den Bisaya-Häfen abgewartet, kommen uns, auf ihrem Wege nach Manila, entgegen.

Denn dies ist die grosse Verkehrsstrasse des Archipels, die sich von SO. nach NW. erstreckt, und das ganze Jahr fahrbar bleibt, da sie durch den nach SO. ausgestreckten Arm Luzon’s und die in gleicher Richtung streichende Insel Sámar gegen den Anprall der NO. Stürme und gegen die aus SW. durch die Bisayas geschützt ist. Die Inseln Mindóro, Panáy, Negros, Cebú und Bojól folgen auf einander, bilden den südlichen Saum der Strasse und bieten in ihren Zwischenräumen eben so viele nach S. geöffnete Queergassen zur Mindoro See, die im W. von Paláuan, im O. von Mindanao, im S. vom Sulu(Jólo)-Archipel begrenzt wird. Vor das Ost-Ende lagern sich die Inseln Sámar und Leyte die nur drei schmale Strassen zum grossen Ozean offen lassen: die Engen von S. Bernardino, S. Juaníco und Surigáo. Mehrere grössere und unzählige kleine Inseln liegen innerhalb dieser flüchtig angedeuteten Umrisse. [66]

Zwei grosse Buchten in der Südküste von Batángas bieten den Schiffen Ankergrund, doch nur geringen Schutz, so dass diese bei schlechtem Wetter nach Porto Galéra auf der gegenüber liegenden Insel Mindóro flüchten. Taal, der Haupthafen der Provinz ist mit dem grossen Binnensee von Taal oder Bombón durch einen nur 1½ Leguas langen Fluss verbunden, der früher schiffbar, jetzt so verschlämmt ist, dass nur bei Fluth kleine Schiffe in den See gelangen können. Durch Ausbaggern des Flüsschens liesse er sich in einen grossen Binnenhafen verwandeln. Die Provinz Batángas liefert das beste Vieh nach Manila, und führt Zucker und Kaffee (1865 16,000 Picul) aus.

Vulkan Bulusan von Osten

Vulkan Bulusan von Osten

im Vorbeisegeln aufgenommen.

Auf Luzon steigen Reihen von Bergen auf, deren schöne Umrisse vulkanischen Ursprung vermuthen lassen. Die südlichen Inseln scheinen meist aus geschichtetem Gebirge zu bestehn. Sie endigen gewöhnlich in schroffen, bis an den Rand bewaldeten Klippen. Der weithin sichtbare, von allen Seiten gleiche, drehrunde Máyon oder Albáy bildet den Hauptpunkt der Landschaft. Abends erscheint uns auf der südöstlichen Spitze Luzon’s der Bulusán, und alsbald wenden wir nördlich in die enge San Bernardino Strasse, die Luzon von Samar trennt.

Vulkan Bulusan von SSW

Vulkan Bulusan von SSW

vor Anker liegend aufgenommen.

Der Vulkan Bulusán, »der lange erloschen schien, 1852 aber wieder zu dampfen begann«2, wiederholt in überraschender Weise die Formen des Vesuv. Wie dieser zeigt er zwei Spitzen, im Westen eine glockenförmige Kuppe, den Eruptionskegel; im Osten, als Rest eines grossen Ringgebirges einen hohen Bergzacken, der dem Monte Somma entspricht; deutlich erkennt man daran die dem äussern Abhange parallele Schichtung. Wie beim Vesuv steht der Eruptionskegel im Mittelpunkte des alten Kraterwalles; der Zwischenraum, der ihn von der gegenüberliegenden Bergwand trennt, der alte Kraterboden ist beträchtlich grösser und viel unebener als das Atrio del Cavallo am Vesuv.

Die Strömung ist in der San Bernardino Strasse so stark, dass wir zweimal ankern mussten, um nicht zurückzutreiben. Wir hatten fortwährend vor uns den schönen Vulkan, mit dem Dörfchen Bulusán, das auf seiner Ostseite in einem Kokoshain hart am Strande liegt. Mit schwachen unstäten Winden mühsam gegen die Strömung kämpfend, gelangten wir erst am folgenden Abend nach Legaspi, dem Hafen von Albay.

Der Schiffskapitän war ein Spanier, und hatte sich bemüht die Reise so schnell als möglich zu machen. Auf der Rückkehr von Leyte fuhr ich mit einem eingeborenen Kapitän. Da diese Fahrt manche Eigenthümlichkeiten [67]darbot, so mögen des Vergleichs wegen einige bezeichnende Züge derselben aus meinem Tagebuch Erwähnung finden: ... Der Kapitän wollte Gemüse für mich mit nehmen, hat es aber »vergessen«. Er landet auf einer kleinen Insel und kommt nach einiger Zeit mit einem grossen Palmenkohl zurück, den er in Abwesenheit des Eigenthümers aus einer zu dem Zweck gefällten Kokospalme geschält hat.... Ein andrer Theil der Mannschaft war inzwischen nach einem Dörfchen, an der NW. Spitze von Leyte gefahren, um Lebensmittel zu kaufen. Anstatt sich im Hafen von Taclóban, vor der Abfahrt zu verproviantiren, ziehn die Schiffer meist vor, es in irgend einem Dorf der schmalen Strasse zu thun, wo es billiger als dort ist, und sie zugleich Gelegenheit haben sich ein wenig am Lande umher zu treiben. Diese, kaum eine Seemeile breite, durch dazwischen liegende Inseln stellenweis auf weniger als tausend Fuss eingeengte San Juanico Strasse ist zwanzig Seemeilen lang; die Schiffe brauchen aber zuweilen eine Woche um durchzufahren; denn bei widrigen Winden und Strömungen wird geankert und ebenso Nachts an schmalen Stellen. Gegen Abend meint unser Kapitän, der Himmel sähe recht bedenklich aus; er läuft daher in die Bucht von Návo auf Masbáte. Das Schiff geht vor Anker, er und ein Theil der Mannschaft gehn an’s Land.

Am folgenden Tag war Sonntag, »der Himmel schien schon Nachmittags recht bedenklich«, auch hatte der Kapitän Einkäufe zu machen. Das Schiff ankerte vor Magdalena auf Masbáte, wo die Nacht zugebracht wird. Am Montag fuhren wir mit günstigstem Winde in schneller Fahrt an Marindúque und der südlich davor liegenden kleinen Felseninsel Elefante vorbei. Elefante scheint der Rest eines Kraters, hat dieselbe Form wie der Yriga, ist aber nicht halb so hoch, mit Futtergras bedeckt, und hat Baumgruppen in den Schluchten. Es sollen tausend Stück halbwilde Rinder darauf weiden. Ihr Preis ist 4 Doll., Fracht nach Manila 4 Doll., dortiger Werth 16 Doll. Durch die Schiffer wird viel Vieh gestohlen, da es fast ohne Aufsicht ist. Mein indischer Kapitän bedauerte sehr, dass der günstige Wind ihm nicht zu landen gestatte — vielleicht war ich ihm im Wege? »Das schöne Vieh! wie gut liessen sich ein paar Köpfe für das Schiff einthun! Es hat kaum einen Herrn; die reichen Eigenthümer wissen gar nicht, wie viel sie besitzen, und der Bestand vermehrt sich fortwährend ohne ihr Zuthun.... Man steckt sich ein paar Dollar in die Tasche, kommt ein Hirt, so giebt man ihm einen Dollar, und der arme Mann ist glücklich; kommt Niemand, um so besser, man kann auch allein fertig werden, ein Schuss oder eine Wurfschlinge reichen hin«.... Ein Schiff »Luisa« kommt uns entgegen, es macht ein sonderbares Manöver, bald [68]hören wir lauten Jubel, denn es ist ihm gelungen einen, von den Fischern von Marinduque auf den Boden des Meeres hinab gelassenen Fischkasten zu stehlen, indem es mittelst herabgelassener Haken, das Tau der Boye geschickt zu packen wusste. Unser Kapitän ist ausser sich vor Neid.

Legaspi ist der Haupthafen der Provinz Albay, weil er inmitten des Abacágebietes liegt. Seine Rhede ist aber sehr unsicher; in den Wintermonaten, weil sie den NO. Stürmen offen, nicht zu benutzen.

Der NNO. ist der herrschende Wind an dieser Küste; der SW. ist kaum zwei Monate, Juni und Juli, beständig. Die stärksten Stürme finden zwischen Oktober und Januar statt. Sie beginnen meist mit schwachem Westwind, von Regen begleitet, gehn nach N. oder S., und erreichen ihre grösste Heftigkeit in NO. oder SO. Nach dem Sturm tritt gewöhnlich Windstille ein, worauf der Wind des herrschenden Monsun wieder zur Geltung kommt. Die leicht gebauten, elastischen Häuser der Gegend widerstehen den Stürmen sehr gut, aber Dächer, auch schadhafte Häuser werden häufig fortgerissen. Die Schifffahrt zwischen Manila und Legáspi dauert höchstens von Januar bis Oktober, während der Herbstmonate hört alle Wasserverbindung auf. Nur die Briefpost kommt dann ziemlich regelmässig jede Woche an. Schweres Gepäck kann in dieser Jahreszeit nicht anders befördert werden, als auf grossem Umwege mit bedeutenden Kosten zur Südküste, von da zu Schiffe nach Manila. Viel günstiger für die Schifffahrt liegt der Hafen von Sorsogón, dessen nach Westen offene Bucht durch die quer davor liegende Insel Bagaláo geschützt ist. Ausser der Sicherheit hat er den Vortheil der schnelleren, nie unterbrochenen Verbindung mit der Hauptstadt des Archipels, während die Schiffe von Legáspi, in den Monaten, wo Schifffahrt überhaupt möglich bei jeder Reise das östliche Ende Luzon’s umkreisen müssen, bei der starken Strömung der S. Bernardino Strasse, oft ein sehr schwieriges Unternehmen. Kleinere Schiffe sind dann während sie ankern überdies in grosser Gefahr von Seeräubern genommen zu werden. Aber Sorsogón hat kein so fruchtbares Hinterland wie Legáspi.

Ich brachte Empfehlungen an die beiden angesehensten Spanier der Provinz mit. Sie nahmen mich auf das liebenswürdigste auf, und waren mir, während der ganzen Dauer meines Aufenthalts in dieser Gegend, von grösstem Nutzen. Auch hatte ich das Glück hier einen Alkalden zu treffen, der dem Beamtenstande jedes Landes zur Zierde gereicht haben würde. Von guter Familie, liebenswürdig im Umgang, ein ächter Caballero. Um seine Rechtlichkeit zu bezeichnen wurde in Sámar von ihm gesagt, mit einem Aktenbündel unter dem Arm sei er dort angekommen und ebenso wieder abgegangen. [69]


1 Von Ponte, Verdeck, zweimastige Schiffe mit Mattensegeln von etwa 100 Tonnen. 

2 Estado geogr. S. 314. 

[Inhalt]

NEUNTES KAPITEL

DER VULKAN MAYON ODER ALBAY UND SEINE AUSBRÜCHE.

Durch Vermittelung meiner spanischen Freunde gelang es mir, ein bequemes Haus in Darága zu miethen,1 einem wohlhabenden Pueblo von beinahe 20,000 E. am SSO. Fuss des Mayon 1½ Leguas von Legáspi. Dieser Vulkan galt für unersteiglich bis zwei junge Schotten, Paton und Stewart, im April 1858 das Gegentheil bewiesen.2 Nach ihnen waren mehrere Eingeborene oben gewesen, aber kein Europäer.

Vulkan Albay oder Mayon

Vulkan Albay oder Mayon

aufgenommen von Convento von Daraga.

Ich brach am 25. Sept. Abends auf und übernachtete, auf Herrn Muñoz Rath, in einer Hütte 1000 Fuss über dem Meere, um am folgenden Morgen die Besteigung mit frischen Kräften zu beginnen. Aber zahlreiche Müssiggänger, die bis dahin gefolgt waren, vereitelten durch ihren Lärm im Biwuak die freundliche Absicht des Rathgebers; nur wenig erquickt trat ich um 5 Uhr Morgens den Weg an. Der Nachts am Gipfel wahrzunehmende Feuerschein verschwand mit Tagesanbruch. Nachdem man einige hundert Fuss weit durch 6′ hohes Gras gestiegen, folgt kurzes Gras auf einer Strecke von etwa tausend Fuss, dann Flechten; auch diese hören bald auf. [70]Der ganze obere Theil des Berges ist ein kahler Schutthaufen. So weit das Gras reicht, wachsen Casuarinen; sie bilden zuerst ein Gehölz, das sich aber nach oben in kleine Gruppen und einzelne, zwischen gewaltigen Felsblöcken mühsam fortkommende Bäumchen auflöst. Um Ein Uhr erreichten wir den Gipfel. Er war nach allen Richtungen von Spalten zerrissen, aus denen heisse schwefligsaure und Wasser-Dämpfe in solcher Menge drangen, dass wir, um athmen zu können, Mund und Nase mit Tüchern verbanden.

An einer tiefen breiten Schlucht, wo die Dampfentwickelung besonders heftig und massig war, machten wir Halt; wahrscheinlich standen wir am Rande eines Kraters; doch konnte man keine klare Uebersicht der Verhältnisse erlangen, da die Dichtigkeit der aufsteigenden Dampfwolken es unmöglich machte die Breite der Klüfte zu übersehn. Die Kuppe bestand aus etwa zwei Fuss mächtigen Bänken festen Gesteins, unter einer von schwefliger Säure gebleichten Schlackenkruste. Viele regellos umherliegende prismatische Blöcke zeigten, dass der Gipfel früher höher war. Auch wurden einigemale, als starke Windstösse Lücken in die Dampfwolke rissen, gen Norden mehr als hundert Fuss hohe Felsenpfeiler sichtbar, die der Verwitterung und dem Ausbruch von 1814 (s. unten) bisher widerstanden hatten.

Später fand ich Gelegenheit den Gipfel durch ein gutes Fernrohr bei sehr klarem Wetter von Darága aus zu beobachten; es ergab sich dabei, dass der Nordrand die Südseite überragte. (Vergl. d. Zeichnung.)

Krater des Mayon

An mehreren Stellen, wo die Zersetzung besonders stark gewesen, waren breite Rinnen ausgewaschen, auf deren Boden sich gelbe und rothe Salze abgesetzt hatten. Ueber 20′ lange, von der Kuppe herabgeglittene Steinplatten lagen am obern Abhange. Auf der Darága zugekehrten Seite war ein Lavastrom herabgeflossen, dessen Oberfläche aus so feinen lockern Schlacken bestand, dass er wie ein Moosteppich aussah. Die Neigung dieses Stromes betrug über 30°, dennoch hat er unverkennbar eine zusammenhängende Masse gebildet, es kamen Stücke von 5 bis 6′ Länge [71]vor, in der Regel freilich war durch Verschiebung des darunter liegenden Schuttes die 6 Zoll starke Lavadecke in kleinere Stücke zersprungen. An einer Stelle aber, etwa 600′ tiefer, wo sich dieselbe Lava über eine feste Steinplatte ausgebreitet hatte, bildete sie eine mehr als 40′ lange zusammenhängende, nur durch kleine Sprünge zerborstene Platte von 45° Neigung.

Wir hatten noch nicht zwei Drittel des Abhanges hinter uns, als es dunkel wurde. In der Hoffnung die Hütte zu erreichen, wo unsere Lebensmittel zurückgeblieben, irrten wir noch bis gegen 11 Uhr hungrig und müde zwischen grossen Felsblöcken umher und entschlossen uns endlich den Morgen zu erwarten. Dies Missgeschick war nicht durch Mangel an Vorbedacht, sondern durch die Unzuverlässigkeit der Indier veranlasst. Zwei zum Wasser- und Provianttragen mitgenommene Leute waren gleich Anfangs verschwunden, ein dritter zur Bewachung unserer Sachen im Biwuak zurückgelassener »sehr zuverlässiger Mann«, der den Auftrag hatte, uns bei einbrechender Dunkelheit mit Fackeln entgegen zu kommen, war schon Vormittags nach Darága zurückgekehrt. Mein Diener, der eine wollene Decke und einen Schirm für mich trug, verschwand plötzlich im Dunkeln, als es zu regnen begann, und fand mich trotz alles Rufens erst am folgenden Morgen wieder. Wir brachten die regnerische Nacht auf den kahlen Steinen zu, und froren, als unsere sehr dünnen Hüllen durchnässt waren, zum Zähneklappern. Mit Sonnenaufgang wurde es sogleich warm, die gute Laune stellte sich bei Allen wieder ein. Gegen 9 erreichten wir unsere Hütte und erholten uns nach 29stündigem Fasten.

In den Trabajos y Hechos notables de la Soc. econom. de los Amigos del pais ist angeführt unter 4. September 1823: »Das Mitglied D. Antonio Siguenza besuchte den Vulkan von Albay am 11. März und die Gesellschaft befahl eine Denkmünze zu schlagen um die Thatsache festzustellen und besagten Siguenza und seine Gefährten zu belohnen.« In der Provinz Albay aber versichern Alle, dass die beiden Schotten die Ersten waren, denen es gelang den Berg bis zum Gipfel zu erklimmen. Eine Besteigung des Vulkans ist in obiger Notiz allerdings nicht ausdrücklich erwähnt, die Belohnung lässt es aber vermuthen. Arenas (Memorias 142) sagt: »Der Mayon ist vom Capt. Siguenza gemessen worden. Vom Krater bis zu seiner Basis, die sich im Niveau des Meeres befindet, beträgt seine Höhe 1682 span. Fuss (= 468,66 Meter)« und Seite 143: er habe in den Akten der Soc. economica gelesen, dass sie eine goldene Medaille schlagen liess zu Ehren Siguenza’s (und seiner Gefährten), der 1823 den Krater des Vulkan’s untersucht, doch habe er seine Zweifel gegen letztere Leistung. Nach den Registern des Franziskanerordens sollen 1592 zwei Mönche, um [72]die Eingeborenen von ihrem Aberglauben in Betreff des Vulkanes zu heilen, die Ersteigung versucht haben; der erste kam nicht weit, der zweite, Pater Estevan Solis erreichte zwar nicht den Gipfel, da drei tiefe Schlünde ihm den Weg versperrten, aber auf die blosse Erzählung seiner Abenteuer bekehrten sich hundert Eingeborene zum Christenthum, er starb indessen noch in demselben Jahre »an den Folgen der mannichfachen Temperaturen« denen er bei Besteigung des Berges ausgesetzt gewesen.

In manchen Büchern heisst es, der Berg sei beträchtlich hoch, in andern, auch noch im Estado geografico der Franziskaner von 1855, wo man die gedankenlose Wiederholung eines so groben Druckfehlers nicht erwarten sollte, ist zu lesen, dass seine Höhe nach den Messungen des Capt. Siguenza 1682 Fuss betrage. Die von diesem trefflichen Hydrographen wirklich ermittelte Höhe habe ich nirgends gefunden. Nach meinen Barometermessungen beträgt die Meereshöhe der Gipfelplatte, die aber noch von einzelnen Pfeilern überragt wird, 2374 Meter = 8559 span. Fuss, = 7564 Rh. Fuss.

Der erste Ausbruch des Mayon oder Albay, den Al. Perrey verzeichnet, ist vom Februar 1616: »Anchoras suas 19. Februarij ad maximam insulam projecerunt, quae Lucon appellatur, et in qua sita est urbs Manila ..... videruntque incredibilis altitudinis montem perpetuo igne flagrantem, Albaca nomine, plenum sulphure (Nach Spilbergens Reise in Th. de Bry Americae t. XI.) App. p. 26 Francf. 1620 Fol.«

Am 23. October 1766 fand ein furchtbarer Ausbruch statt, der die Ortschaft Malináo gänzlich zerstörte, und in Cagsáua, Camálig, Budiáo, Guinobátan, Polángui und Ligáo grosse Verheerungen anrichtete. Nach einem Brief des Alkalden der Provinz (Legentil II, S. 14 giebt eine Uebersetzung, Al. Perrey S. 71 einen Auszug aus dieser) entzündete sich der Berg am 20. Juli und brannte 6 Tage lang. Die Flamme hatte zuerst die Gestalt einer Pyramide, allmälig wurde sie niedriger, die Spitze erschien entflammt. Vom Gipfel ergoss sich nach Osten ein Lavastrom, der 120 Fuss breit zu sein schien, und 2 Monate lang beobachtet wurde. Am 23. October spie der Vulcan während eines sehr heftigen Sturmes, der gegen 7 Uhr Abends aus WNW. begann und um 3 Uhr Morgens plötzlich nach S. umsprang und dabei alle Hütten des Dorfes zerstörte, eine so gewaltige Menge Wasser aus, dass zwischen Tíbog und Albáy mehrere Flüsse von 30 Varas Breite entstanden, die mit grosser Wasserfülle und Gewalt in das Meer liefen und bei Fluth nicht zu durchfurthen waren. . . . »Zwischen Bacacáy und Malináo betrug die Breite der Flüsse über 80 Varas. Von Cemálig nach dem Innern von Sayaras Provinz Naya, ist das Land so verändert, dass man die Strassen nicht wieder erkennt. Malináo ist gänzlich zerstört, fast alle Hütten fortgerissen, die Felder sind mit Sandhaufen bedeckt; ein Drittel von Cagsáva ist gleichfalls vernichtet, der Ueberrest bildet eine Insel oder vielmehr einen von tiefen breiten Schluchten umgebenen Berg, durch welche der Strom von Sand und Wasser geflossen ist. Dieser Strom hat in Cemálig, Guinobatam, Liga und Bolangui noch grössere Verheerungen angerichtet. . . Im SW. sind die Palmen und andere Bäume bis an ihre Wipfel begraben worden. . . . In Albay wurden 18, in Malináo [73]über 30 Leichname gefunden. . . es hat allen Anschein, dass die ungeheuere Wassermasse aus dem Innern des Vulkans gekommen ist. . .«

1800 fand abermals ein verheerender Ausbruch statt, der Berg schleuderte viel Steine, Sand und Asche aus (Fr. Aragoneses).

Der Ausbruch vom 1. Febr. 1814 war aber bei weitem der schlimmste. Al. Perrey S. 85 giebt einen Auszug aus der Beschreibung eines Augenzeugen.3 Um 8 Uhr Morgens warf der Berg plötzlich eine dicke Säule von Steinen, Sand und Asche aus, die sich schnell bis in die höchsten Luftschichten erhob. . . Die Seiten des Vulkans verschleierten sich und verschwanden vor unsern Blicken. Ein Feuerstrom stürzte vom Berge herab und drohte uns zu vernichten. . . Alles floh und suchte die höchsten Punkte auf. Das gewaltige Geräusch des Vulkans setzte alles in Schrecken. Die Finsterniss nahm zu . . die Fliehenden wurden zum Theil von den herabfallenden Steinen erschlagen. . . die Häuser gewährten keinen Schutz, da die glühenden Steine sie in Brand steckten. So wurden die blühendsten Ortschaften von Camarines in Asche gelegt. Gegen 10 Uhr hörte das Herabfallen der grossen Steine auf, ein Sandregen trat an die Stelle; um halb zwei Uhr liess das Getöse etwas nach, der Himmel klärte sich allmälig auf. . Der Boden war mit Leichen und Schwerverwundeten bedeckt, in der Kirche von Budiáo waren 200, in einem Hause desselben Ortes 35 Personen umgekommen. Fünf Ortschaften in Camarines sind gänzlich, Albay zum grossen Theil zerstört. Zwölftausend Personen kamen um, viele sind schwerverwundet, die Ueberlebenden haben alles verloren. Der Anblick des Vulkans ist traurig und schrecklich, seine vorher so malerischen, reich bebauten Abhänge sind mit Sand bedeckt, furchtbar dürr . . die Schicht von Steinen und Sand ist 10 bis 12 Varas dick. Wo früher das Dorf Budiáo stand, sind die Kokosbäume bis an ihre Wipfel begraben. In den andern Dörfern ist die Schicht nicht weniger als eine halbe Elle dick. . . Die Spitze des Vulkans hat, so weit ich es beurtheilen kann, über 120 Fuss an Höhe verloren, an der Südseite entdeckt man eine ungeheure Oeffnung; drei andre Mündungen haben sich in geringer Entfernung vom Hauptschlunde aufgethan; sie stossen noch Asche und Rauch aus . . . die schönsten Ortschaften von Camarines und der beste Theil der Provinz sind in eine unfruchtbare Sandwüste verwandelt.« — Im Estado geogr. ist ein Auszug aus der Schrift eines andern Augenzeugen, Pater Franc. Tubino, aus Guinobátan von 1816 enthalten; es heisst darin: Nach häufigen Erdstössen am vorhergehenden Abend und starken Erschütterungen am Morgen spie der Berg plötzlich aus seinem Rachen etwas wie Schnee aus, das sich pyramidenförmig erhob, und die Gestalt eines schönen Federbusches annahm. Da die Sonne hell schien, so gewährte die vernichtende Erscheinung verschiedene schöne Anblicke. Der Berg war an seinem Fuss schwarz, weiter aufwärts dunkel, in der Mitte bunt, oben aschfarben. Während der Betrachtung des Schauspiels wurde ein heftiger Erdstoss verspürt, gefolgt von starkem Donner. Der Berg fuhr fort Lava mit Gewalt auszustossen, während die Wolke, die er bildete, sich allmälig vergrösserte. Die Erde wurde verdunkelt, die Luft brannte, man sah aus der Erde Blitze und Funken kommen, die sich durchkreuzten und ein furchtbares Gewitter bildeten. Darauf folgte unmittelbar ein Regen von grossen, brennenden und verbrannten Steinen, die alles was sie trafen vernichteten und verbrannten, bald darauf kleinere Steine, Sand und Asche. Dies währte über drei Stunden, die Dunkelheit etwa fünf. [74]Die Städte Camálig, Cagsáua, Budiáo, die Hälfte von Albáy und Guinobátan wurden verbrannt und zerstört. Die Dunkelheit verbreitete sich sehr weit — bis nach Manila und Ilócos, die Asche soll, wie einige versichern, bis nach China geflogen, der Donner in vielen Theilen des Archipels gehört worden sein.

1827 brach in Manila (Luzon) ein Vulkan aus, in der Provinz Albay, der Ausbruch dauerte bis zum Februar 1828. (A. Perrey S. 93).

Den Pfarrern der Ortschaften am Fuss des Mayon verdanke ich folgende Mittheilungen über die Ausbrüche des Vulkans, deren Zeugen sie gewesen sind:

1834 und 1835. In diesen beiden Jahren war der Berg fast ununterbrochen in Thätigkeit. Aschenausbrüche wurden nicht wahrgenommen, aber fast jede Nacht sah man glühende Lava von der Spitze nach verschiedenen Richtungen in den oberen Schluchten herabfliessen. Im Monat Mai 1835 fand ein sehr starker Gipfel-Ausbruch statt, mit Aschen- und Steinregen; er begann um 6 Uhr früh, dauerte aber nicht bis zum Abend; man sah abwechselnd graue und weisse Säulen sich vom Gipfel erheben; in den grauen Säulen konnte man grosse Steine erkennen, die Erscheinung war von starkem Donner begleitet.

Nach den Ausbrüchen von 1835 blieb der Berg ruhig bis 1845, selbst Dampfwolken waren oft mehrere Monate lang nicht wahrzunehmen. Nach Capt. Wilkes (U. S. Expl. Exp. V 283) wäre zu vermuthen, dass auch 1839 ein Ausbruch statt fand: ... »aber viele (Vulkane) rauchten, besonders der im Gebiete von Albay, Ysarog genannt. Sein letzter Ausbruch fand 1839 statt, that aber wenig Schaden im Verhältniss zu dem von 1814 ... er liegt 150 Miles SO. von Manila und soll ein vollkommener Kegel sein.« — Statt des Ysarog ist hier der Mayon gemeint; die mit gesperrter Schrift gedruckten Stellen passen nur auf diesen, der Ysarog ist erloschen. Dieselbe Namenverwechselung wiederholt sich noch zweifelloser bei Dana. (U. S. Expl. Exp. Geology. 541): »In der SO. Ecke (von Luzon) steht der hohe Kegelberg Albay, von den Eingeborenen Ysarog genannt.« — Der fragliche Ausbruch kann wohl nur unbedeutend gewesen sein, da die Pfarrer ihn nicht erwähnen.

Am 21. Januar 1845 verkündete starkes Donnergeräusch einen Gipfelausbruch, der indessen nur 10 Minuten währte. Eine Viertelstunde darauf wiederholte sich dieselbe Erscheinung, dauerte abermals zehn Minuten und trat nach etwa einer Stunde zum dritten Mal ein. Um 9 Uhr aber fand mit starkem Getöse ein Aschen-Ausbruch statt, der zwei Stunden ohne Unterbrechung anhielt und in dem Gebiet SW. vom Berge die Luft verfinsterte. In Darága blieb es hell und man konnte die schöne Erscheinung, die in Guinobátan Alles in Schrecken setzte, ungefährdet betrachten. Der Ausbruch hielt noch einige Tage an, aber schwächer; bei Tage gewahrte man eine dunkle Aschensäule, Nachts erschien sie glühend. Auch sah man dann glühenden Sand in den Schluchten sich abwärts schieben; dies Schauspiel währte eine Woche lang. Zugleich hörte man Nachts ein Rauschen wie von einem Sturzbach; bei Tage war nur das Geräusch der gegeneinander schlagenden Steine wahrzunehmen. Wegen des herrschenden NO.-Windes fiel die Asche in Guinobátan, Ligáo und Camálig nieder, wo es bei Tage so finster war, dass man mit Laternen auf der Strasse ging. Auf dem Bergabhange überraschte Büffel und Rinder kamen um, sonst waren keine Unglücksfälle zu beklagen.

1846 starker Ausbruch an einem Nachmittage. Von Camálig aus (im S.) erscheint der ganze Berg in eine Wolke gehüllt, darüber eine schwarze Aschensäule. Mehrere Nächte starker Feuerschein am Gipfel.

1851 zwei Aschenausbrüche, beide unbedeutend, der zweite im Juni. [75]

1853, 27. Juli (13. Juli nach Estado geogr. S. 318). Grosser Ausbruch von zwölf Uhr Mittags bis drei Uhr. Er wird durch starkes Donnern, aber ohne Erdstösse eingeleitet. Aus dem Gipfel bricht eine hohe Aschensäule hervor, welche die Gestalt eines Baumes annimmt; die Dörfer im Umkreise mehrerer Meilen werden mit Asche bedeckt. Glühende Steine rollten bis an den Fuss des Berges herab und zerstörten mehrere Häuser. 31 Menschen kamen in einer Abacápflanzung um (33 nach Estado 318.).

Ein heftiger Ausbruch soll am 22. März 1855 während eines Erdbebens in Manila stattgefunden haben. (A. Perrey S. 105 nach einer Mittheilung der Herren Meister und Kluge.)

Nach Hochstetter (Sitzungsber. Wiener Akad. Bd. 36, S. 131) hat der Mayon 1857 so viel Asche ausgeworfen, dass alle Bienen der Umgegend getödtet wurden.

1858 war der Berg fast ununterbrochen thätig, doch fanden keine grossen Ausbrüche statt, aber fast alle Nächte sah man am Gipfel glühende Lava in den Schluchten. 1859 und 1860 konnte man fast jede Nacht bei klarem Wetter einen Feuerschein am Gipfel wahrnehmen, Ausbrüche fanden nicht statt.

Erdbeben sind in dieser Provinz seltener als in Manila und gewöhnlich wegen der Bauart der Häuser unschädlich. 1840 und 1846 fanden zwei bedeutende statt, deren ersteres die Ortschaft Sorsogón zum grösseren Theil zertrümmerte. Im Anhang zur engl. Uebersetzung von Morga S. 373 wird ein furchtbares Erdbeben angeführt, das am 19. Oct. 1865 in der Provinz Albay viel Hab und Gut zerstörte, wobei die Orte Malináo und Tabáco von der See überschwemmt wurden.

Nach einer in Nature enthaltenen Notiz aus Manila brach Mitte Dezember 1871 der Mayon aus und spie mehrere Wochen lang Rauch, Steine und Lava aus.

[76]


1 Amtlich Cagsáua genannt, denn das alte, höher am Berge belegene durch den Ausbruch von 1814 zerstörte Cagsáua wurde an dieser Stelle wieder aufgebaut, wo früher ein unbedeutendes Oertchen, Darága stand. 

2 Wie mir Herr Paton brieflich mittheilt, hatte man ihnen in Albay das Unternehmen als unausführbar dargestellt. Weder einem Spanier noch einem Indier sei es jemals gelungen den Gipfel zu erreichen, sie würden trotz aller Vorsichtsmaassregeln vom Sande verschüttet werden. Von einem grossen Reiterzuge begleitet, brachen sie um 5 Uhr auf und gelangten bis an den Fuss des Schlackenkegels, von wo sie in Begleitung zweier Landsleute, die aber unterwegs zurückblieben, den Berg zu erklimmen begannen. Auf halber Höhe rastend, sahen sie in häufigen Gipfelausbrüchen ausgestossene glühende Lava den Berg hinabgleiten. Mit grosser Anstrengung erreichten sie zwischen 2 und 3 Uhr den Gipfel, konnten aber wegen der schwefligen Gase nur 2 oder 3 Minuten verweilen. Beim Hinabsteigen erfrischten sie sich durch Nahrungsmittel, die ihnen Herr Muñoz entgegen gesandt, und gelangten Abends nach Albay, wo sie während der paar Tage ihres Aufenthalts als Helden gefeiert wurden, und über ihre »Conquista« ein amtliches Beglaubigungsschreiben erhielten, für welches sie mehrere Dollar zu erlegen hatten. 

3 Francisco Aragoneses Suceso espantoso y memorable acaecido en la provincia de Camarines el dia 1de Febrero 1814. 

[Inhalt]

ZEHNTES KAPITEL

CACAO. — KAFFEE. — KIRCHWEIHFEST. — LEBEN IN DARAGA.

Ein herabspringender Stein hatte mich auf dem Mayon so erheblich am Fusse verletzt, dass ich über einen Monat nicht ausgehn konnte. Unter solchen Umständen war es sehr angenehm eine geräumige bequeme Wohnung zu haben. Mein Häuschen lag an einem klaren Bach von einem Garten umgeben, in welchem Kaffee, Cacao, Orangen, Bananen, Papayas in üppiger Fülle zwischen hohem Unkraut wuchsen. Viele überreife Cacaofrüchte waren unbenutzt abgefallen, ich liess die reifen sammeln, rösten und mit gleicher Menge Zucker zu Chocolade verarbeiten, eine Kunst, die hier in jeder grösseren Haushaltung verstanden wird; denn Chocolade vertritt bekanntlich bei den Spaniern die Stelle des Thee’s und Kaffee’s; auch die Mestizen und bemittelten Eingeborenen machen starken Gebrauch davon.

Der Cacaobaum stammt aus dem zentralen Amerika, reicht dort von 23° N. bis 20° S. (von 30° N. bis 30° S. Rappt. Jury XI, 268), gedeiht aber nur in den heissesten, feuchtesten Erdstrichen. Nach Karsten setzt er bei einer mittleren Temperatur von unter 23°.3 C. schon keine Frucht mehr an, von allen Kulturfrüchten verlangt er die grösste Wärmemenge.

In die Philippinen wurde er von Acapulco aus eingeführt, entweder nach Camarines 1670 durch einen Steuermann, Pedro Brabo de Lagunas, oder nach Samar, unter Salcédo’s Regierung (1663–1668) durch die Jesuiten.1 Seitdem hat er sich über einen grossen Theil der Inseln verbreitet, und, obgleich wohl nie Gegenstand besonderer Pflege, ist seine Frucht doch von vorzüglicher Beschaffenheit. Der Cacao von Albay steht, wenn man den im Lande dafür gezahlten Preis als Maassstab gelten lässt, dem Carácas wenigstens gleich, der in Europa den ersten Rang behauptet und wegen seines hohen Preises gewöhnlich zu drei Vierteln mit geringeren Sorten gemischt [77]wird.2 Man findet aber den Strauch meist nur in kleinen Gärten, in unmittelbarer Nähe der Häuser, und so gross ist die Trägheit der Indier, dass sie die Früchte häufig verfaulen lassen, ohne die köstlichen Saamen zu nutzen, obgleich der einheimische Cacao höher im Preise steht als der eingeführte. Auf Cebú und Négros wird etwas mehr gebaut, aber lange nicht ausreichend für den Bedarf der Kolonie, die das Fehlende gewöhnlich von Ternate und Mindanao einführt. Den besten Cacao der Philippinen erzeugt die kleine Insel Maripipi, NW. von Leyte; er ist schwer zu haben, gewöhnlich schon voraus bestellt, das Liter wird gern mit 1 Dollar bezahlt; der von Albay gilt 2 bis 2½ Doll. die Ganta (3 Liter).

Der Indier steckt die zum Keimen bestimmten Kerne gewöhnlich einzeln mit etwas Erde in dütenförmig gefaltete Blätter und hängt sie unter seinem Dache auf. Sie wachsen schnell und werden, um die Entwicklung des Unkrauts zu hemmen, in sehr geringen Entfernungen von einander (6′ bis 7′) ausgepflanzt. Diesem Verfahren ist es wohl zuzuschreiben, dass sich die Pflanzen nur zu Sträuchern von 8 bis 10 Fuss Höhe entwickeln, während sie in ihrem Vaterlande bis 30′, manche Arten selbst 40′ hoch werden. (Nach Angabe des Paters von Borongan freilich kommen auf einer kleinen Insel bei Guiuan ausserordentlich grosse Cacaobäume vor.) Dennoch soll ein solcher Strauch, der schon im 3ten oder 4ten Jahre die ersten Früchte trägt, vom 5ten oder 6ten Jahre an volle Ernten von je einer Ganta Cacao geben die, (wie oben bemerkt), 2 bis 2½ Doll. gilt, und immer Käufer findet.3 Der Nutzen einer in vollem Ertrage stehenden Pflanzung [78]muss daher höchst beträchtlich sein. Trotz dem ist es bisher nicht gelungen den Cacaobaum im Grossen einzubürgern. Es heisst die ökonomische Gesellschaft habe eine erhebliche Geldprämie für Jeden ausgesetzt, der eine Pflanzung von 10,000 tragenden Bäumen aufweisen könnte, nur ein Einziger, der verdiente Oidor Azoala, soll sie gewonnen, die Pflanzung aber trotz der gebrachten Opfer wieder aufgegeben haben. (Im Bericht über die Thätigkeit der Gesellschaft finde ich diese Prämie nicht erwähnt.)

Das Haupthinderniss scheint in den fast alljährlich wiederkehrenden gewaltigen Stürmen zu liegen, die zuweilen in einem Tage eine ganze Pflanzung der nicht tief wurzelnden Bäumchen zerstören. 1856 soll ein einziger Taifun mehrere bedeutende Plantagen kurz vor der Ernte von Grund aus vernichtet und dadurch allgemeine Entmuthigung hervorgerufen haben.4 In Folge davon wurde eine Zeitlang die steuerfreie Einführung von Cacao gestattet und man konnte den von Guayaquíl für 15 Doll. den Quintál kaufen, während der einheimische mehr als das doppelte galt.

Der Baum hat auch viel durch feindliche Insekten zu leiden, durch eine Krankheit deren Ursache unbekannt,5 und wird, abgesehn von andern Raubthieren, besonders von Ratten heimgesucht, die zuweilen in solchen Schaaren einfallen, dass sie in einer Nacht die ganze Ernte vernichten. Gutgehaltene Cacaopflanzungen werden von amerikanischen Reisenden als sehr schön geschildert. In den Philippinen, wenigstens in Ost-Luzon, zeigt der enggepflanzte, vernachlässigte, von Flechten bedeckte Baum schon früh ein greisenhaftes Ansehn. Seine Lebensdauer ist kurz. Die zuweilen fast fusslangen ovalen Blätter hängen vereinzelt an den Zweigen, bilden keine dichte Krone, die Blüthen sind sehr unscheinbar, nicht grösser als Lindenblüthen, röthlich gelb, und brechen an langen Stielen einzeln, oder in kleinen [79]Büscheln unmittelbar aus dem Stamm oder den stärkeren Aesten hervor. Die Frucht reift in sechs Monaten, wird 5 bis 8″ lang, gleicht einer sehr warzigen Gurke und ist im reifen Zustand roth oder gelb. Zwei Spielarten scheinen auf den Philippinen nur gebaut zu werden.6 Das Fleisch ist weiss, breiartig weich, schmeckt angenehm säuerlich, und enthält in fünf Reihen anderthalb bis zwei Dutzend Kerne, die so gross sind wie Mandeln und wie diese aus zwei Samenlappen und einem kleinen Keim bestehen, dies sind die Cacaobohnen, geröstet und fein gerieben geben sie Cacao, dieser mit Zucker und gewöhnlich auch mit Gewürzen vermischt, Chocolade. Bis vor wenigen Jahren bereitete fast jede Haushaltung in den Philippinen ihre Chocolade selbst, nur aus Cacao und Zucker. Indier, die Chocolade geniessen, setzen oft gerösteten Reis dazu. Jetzt ist in Manila eine Fabrik errichtet, die Chocolade nach europäischer Art bereitet. Ein beliebter Zusatz zur Chocolade in den örtlichen Provinzen sind geröstete Pilikerne.7

Die Europäer lernten das aus dem Cacao bereitete Getränk zuerst in Mexico unter dem Namen Chocolatl kennen.8 Schon zur Zeit Cortes’, eines leidenschaftlichen Chocoladentrinkers, war der Baum Gegenstand [80]ausgedehnter Kultur. Die Cacaokerne vertraten bei den Azteken die Stelle des Geldes, Montezúma empfing darin einen Theil seines Tributes. Bei den alten Mexicanern genossen aber nur die Reichen den Cacao ungemischt, die andern setzten, wegen des hohen Werthes der Bohne als Münze, Mais- oder Mandioca-Mehl dazu. Noch heut dienen in Zentral-Amerika die Cacaobohnen als Scheidemünze, weil kein Kupfergeld vorhanden ist, die kleinste Silbermünze aber ½ Real beträgt.9 Doch soll es im zentralen Amerika und am Orinoco noch jetzt undurchdringliche Wälder geben, die fast ganz aus wilden Cacaobäumen bestehn.10 Ein Theil ihrer Früchte wird auch gesammelt, ist aber von sehr geringem Werth. Schon an und für sich weniger aromatisch als die kultivirten Sorten, können sie nicht mit Sorgfalt zur rechten Zeit gepflückt und getrocknet werden und verderben auf dem langen Transport durch die feuchten Wälder.

Bis vor kurzem, als namentlich Franzosen sehr bedeutende Pflanzungen in Zentral-Amerika anlegten, hatte der Ertrag in den amerikanischen Produktionsländern seit Aufhebung der Sklaverei fast von Jahr zu Jahr abgenommen. Obgleich nach F. Engel eine gedeihende Cacaopflanzung bei geringer Mühe und Auslage mehr Ertrag giebt als jede andre tropische Kultur, so sind auch dort die Ernten, die überdies erst nach 5 oder 6 Jahren beginnen, wegen der vielen Feinde der Pflanze nicht sicher, die Kultur eignet sich daher nur für grössere Kapitalisten oder ganz kleine Bauern, die den Baum in ihren Gärten ziehen. Die grossen Pflanzungen sind aber nach Aufhebung der Sklaverei meist in Verfall gekommen und die frei gewordenen Sklaven sind zu unbetriebsam.

In Europa mundete die ursprüngliche Chocolade nicht allgemein; sie fand erst später durch Zusatz von Zucker grössern Anklang. Das übertriebene Lob ihrer Verehrer rief den erbitterten Widerspruch der Gegner des neuen Getränks hervor, auch regten sich bei den Geistlichen Gewissensskrupel wegen des Gebrauchs des nahrhaften Cacao als Fastenspeise. Der Streit dauerte bis zum 17. Jahrhundert fort, wo das Getränk in Spanien zum allgemeinen Bedürfniss wurde.11 In Spanien wurde der Cacao 1520 eingeführt, die Chocolade zuerst heimlich bereitet, wegen des Monopols der Conquistadoren. 1580 war sie dort schon in allgemeinem Gebrauch, in England aber so unbekannt, dass 1579 ein englischer Kapitän eine weggenommene Ladung als nutzlos verbrannte (Kottenkamp I., 579). Nach Italien [81]kam sie 1606, nach Frankreich wahrscheinlich durch Anna von Oesterreich. In London wurde 1657 das erste Chocoladenhaus eröffnet. Deutschland folgte 1700 nach.12

Mit dem Kaffee geht es in den Philippinen beinahe wie mit dem Cacao. Der Strauch gedeiht vorzüglich, seine Frucht ist von so ausgezeichnetem Geschmack, dass geringer Manila-Kaffee wie guter Java bezahlt wird, dennoch ist die Kaffeeproduktion der Philippinen höchst unbedeutend und verdiente bis vor Kurzem kaum der Erwähnung. Nach dem Berichte eines Engländers von 182813 war der Kaffeestrauch vierzig Jahre vorher unbekannt, nur durch wenige Exemplare in den Gärten Manila’s vertreten. Von dort nach Laguna verpflanzt, vermehrte er sich schnell durch Vermittelung eines kleinen Raubthiers (Paradoxurus Musanga), das nur die reifsten Früchte nascht und die harten Kerne (die Kaffeebohnen) unverdaut auswirft.14 Die Sociedad economica bemühte sich ihrerseits durch Ertheilung von Preisen zur Anlage grösserer Kaffeepflanzungen zu ermuntern. 1837 gewährte sie P. de la Gironnière eine Prämie von 1000 Doll., weil er über 60,000 Kaffeepflanzen im Zustande der zweiten Ernte aufweisen konnte, und in den folgenden Jahren noch vier Prämien an Andre für dieselbe Leistung. Aber sobald die Prämien gewonnen waren, liess man die Pflanzungen wieder verwildern. Daraus scheint hervorzugehn, dass die Unternehmungen bei den damaligen Marktpreisen und künstlich gesteigerten Frachten keinen hinreichenden Nutzen gewährten.

Was patriotische Bestrebungen vergeblich versucht, scheint jetzt die bedeutende Steigerung der Kaffeepreise bei gleichzeitiger Erleichterung des Verkehrs allmälig zu bewirken: 1856 betrug die Kaffeeausfuhr nicht über 7000 Picos, 1865: 37,588 P., 1871: 53,370 Picos. Diese Steigerung giebt aber noch nicht das Maass für die Zunahme der Pflanzungen, da diese in den ersten Jahren nach der Anlage keinen Ertrag liefern. In Kurzem darf wohl mit Zuversicht eine höhere Ausfuhr erwartet werden. Aber selbst diese dürfte nicht als Maassstab für die Leistungsfähigkeit der Kolonie gelten. Erst wenn europäisches Kapital grössere Pflanzungen an geeigneten Oertlichkeiten hervorruft, werden die Philippinen den gebührenden Rang unter den Kaffee erzeugenden Ländern einnehmen. [82]

Den besten Kaffee liefern die Provinzen Lagúna, Batángas und Cavíte, den schlechtesten Mindanao; letzterer ist in Folge nachlässiger Behandlung sehr unrein, enthält viele schwarze Bohnen beigemischt. Die Mindanaobohnen sind gelblichweiss (pale), während die von Lagúna grünlich und fast um die Hälfte kleiner sind als jene.

Von Kennern wird der Manila-Kaffee sehr hoch geschätzt und stets entsprechend bezahlt, obgleich er nicht so sauber aussieht als Ceylon und manche andre sorgfältiger behandelte Sorten. Jedenfalls ist es bemerkenswerth, dass Frankreich 1865, ausser 105,000 Frcs. Manila-Hanf, fast nichts als Kaffee aus den Philippinen einführte, davon aber für 1,042,000 Frcs., d. h. mehr als ein Drittel der Gesammternte.15 In London wird Manila-Kaffee nicht besonders gewürdigt und nicht besser als guter Native Ceylon (60 Schillinge pr. Cwt.) bezahlt,16 weil er dem englischen Geschmack nicht entspricht; dies ist aber kein Vorwurf für den Kaffee, wie Jeder, der den englischen Kaffeegeschmack kennt, einräumen wird.

Einer der Hauptabnehmer wird mit der Zeit wohl Californien werden, ein vortrefflicher Kunde der für gute Waare gern ermunternde Preise zahlt.17 1868 galt der Kaffee in Manila selbst, mit sehr geringen Schwankungen 16 Doll. per Pikul18 (1871: 13 Doll. 50 C.) d. h. nicht viel unter dem Londoner Marktpreise. In Java zahlt die Regierung den zum Kaffeebau gezwungenen Eingeborenen 9 fl. 20 c. (etwa 3½ Doll. für den Pikul).

Wie unbedeutend die oben angeführte Kaffeeproduktion im Verhältniss zur Produktionskraft der Kolonie ist, ergiebt sich am besten aus dem Vergleich mit der Ausfuhr anderer Länder. Nach Scherzer, Fachmännische Berichte, 71, betrug 1868 die Kaffeeausfuhr von Brasilien 4,262,000 Zoll-Ctr., Java und Sumatra 1,400,058, Ceylon 1,023,455 Zoll-Ctr.

In meinen Reiseskizzen (S. 158) wurde die Abnahme der Kaffeeproduktion in Java unter dem »Kultursystem,« die Zunahme derselben in Ceylon bei freier Arbeit hervorgehoben und als Ertrag des Jahres 1858/59 67,500 Tonnen für Java, 35,000 T. für Ceylon angegeben. Beide Ursachen haben seitdem fortgewirkt und Niederländisch-Indien erzeugte 1866 nur 56,000 T. (in 7 Jahren 11,000 T. weniger), Ceylon 36,000 T. (1000 T. mehr).19 [83]

Während meines gezwungenen Aufenthalts in Darága brachten mir die Eingeborenen Muscheln und Käfer zum Kauf und eine Anzahl meldeten sich um in meinen Dienst zu treten, da sie »Beruf zum Naturforscher in sich fühlten«. Ich hatte ihrer endlich eine ganze Küche voll. Täglich gingen sie aus, um Insekten zu sammeln; freilich waren sie gewöhnlich nicht glücklich, desto munterer ging es aber bei den Mahlzeiten zu. Fast täglich erhielt ich freundliche Besuche von benachbarten Spaniern. Auch mehrere eingeborene Würdenträger und Mestizen besuchten mich, selbst aus grösserer Ferne, nicht sowohl um mich, als um meinen Hut zu sehn, dessen Ruf sich über die Grenzen der Provinz verbreitet hatte. Er bestand aus Nito20, hatte die landesübliche zweckmässige Pilzform, war aber mit einer Spitze zum Aufstecken einer kleinen stark leuchtenden Laterne versehn, auf deren Oellampe, wenn unbenutzt ein dicht schliessender Deckel, wie bei einer Löthrohrlampe geschraubt wurde, so dass man die Laterne in der Tasche tragen konnte. Die Einrichtung erwies sich namentlich beim Reiten im Dunkeln als höchst zweckmässig.

Im benachbarten Puéblo, Tabaco, wurden aus demselben Stoff Zigarrentaschen geflochten. Sie kommen wohl kaum in den Handel, und werden nur auf vorherige Bestellung angefertigt. Um ein Dutzend zu erhalten, muss man sich an ebensoviele Individuen wenden, und es dauert günstigen Falles mehrere Monate, bis eine Tasche vollendet wird. Der Stiel des Farn hat die Dicke eines Schwefelholzes, man sucht möglichst lange Stücke zwischen zwei Blattansätzen aus, spaltet sie in 4 Theile und jedes Viertel durch Aufschlitzen und Zwischenklemmen des Fingers noch einmal; dann nimmt der Arbeiter ein Messer in die fest aufliegende linke Hand, den Daumen auf den Rücken, die Schärfe gegen den Zeigefinger [84]gerichtet, und zieht die Streifen so oft unter der Klinge durch, bis sie von den innern, weniger zähen Theilen befreit und hinreichend fein sind, eine viel Geduld und Geschick erfordernde Arbeit. Geflochten wird über eine zwei Fuss lange zylindrische, nach unten spitz zulaufende Holzform. In der Mitte der geraden Endfläche steckt ein Stift um welchen das Geflecht beginnt; ist der dem Durchmesser der Walze entsprechende Boden der Tasche vollendet, so wird mittelst eines Stiftes eine kleine Holzscheibe auf den Boden der Tasche gepresst, die ihn während des Flechtens der Seitenwand festhält.

Zigarrentaschen-flechten

Meine erste Ausfahrt war zur Kirchweih nach Legáspi, wo die Indier Abends Theater spielten. Ein aus politischen Gründen verbannter Spanier hatte die Anordnung übernommen. Zu beiden Seiten der mit Palmenblättern überdachten Bühne befanden sich erhöhte bedeckte Gallerien für die Honoratioren; der dem grossen Publikum bestimmte mittlere Raum war oben offen. Es wurde ein grosses Schauspiel aus der Persergeschichte gegeben, in spanischer Sprache, mit Fantasiekostümen. Da das Theater an einer lebhaften Strasse lag, die selbst einen Theil des Zuschauerraumes bildete, so war der Lärm so gross, dass man nur hin und wieder ein Wort vernehmen konnte. Die Schauspieler marschirten bei dem Hersagen ihrer Rollen, deren Sinn sie nicht einmal sprachlich verstanden, von einer Seite zur andern, indem sie die Arme auf und abbewegten; am Rande der Bühne angekommen machten sie Kehrt und setzten ihren Marsch in entgegengesetzter Richtung fort, wie Schiffe, die gegen den Wind kreuzen; sie verzogen dabei keine Miene, und sprachen, wie Automaten. Hätte man wenigstens den Text verstehn können, so wäre der Kontrast desselben mit den maschinenartigen Bewegungen gewiss drollig gewesen; Lärm, Hitze und Qualm waren aber so gross, dass wir nur kurze Zeit blieben.

Das Schauspiel sowohl als das ganze Fest trug das Gepräge der Schlaffheit und Gleichgültigkeit, des unverstanden Nachgeahmten. Vergleicht man die ausgelassene Fröhlichkeit bei den Kirchweihen in Europa mit den ausdruckslosen starren Gesichtern der Indier, so begreift man kaum warum dergleichen Feste mit so grossem Aufwande von Zeit und Geld gefeiert werden.

Derselbe Mangel an Fröhlichkeit wird von vielen Reisenden in noch höherem Grade bei den Indianern Amerika’s bemerkt und von einigen aus einer geringeren Entwicklung des Nervensystems erklärt, daher auch der wunderbare Gleichmuth jener beim Ertragen von Schmerz. Das Gesicht [85]des Indianers ist nach Tylor21 so verschieden von dem unsrigen, dass der Europäer erst nach Jahre langer Uebung seinen Ausdruck deuten lernt. Beide Ursachen mögen zusammenwirken. Wenn aber auch lebhafte Aeusserungen der Freude nicht wahrzunehmen waren, so findet doch der Indier grosses Vergnügen schon an den wochenlang dauernden Vorbereitungen zur Ausschmückung des Dorfes, noch grösseres bei dem Feste selbst an den Prozessionen, bei denen jeder in seinem besten Putz oder den Abzeichen seiner Würde erscheint. Der Kampf um den Vortritt, um die Ehre eine Fahne zu tragen, erfüllt den also Begünstigten mit dem höchsten Stolz und erregt den Neid der Uebrigen. Aus allen nahegelegenen Ortschaften kommt Besuch, ganze Triumphbogen von Bambus und Laubwerk werden von benachbarten Gemeinden, mit der Inschrift Obsequio del puéblo de ... mitgebracht und aufgerichtet. Zuweilen wird auch stark gezecht. Die Filipinos haben Vorliebe für geistige Getränke; selbst junge Mädchen berauschen sich gelegentlich gern. Für die Nacht finden die fremden Gäste die entgegenkommendste Aufnahme in den Häusern des Pueblo. Ueberhaupt strahlt die Gastfreundschaft bei solchen Gelegenheiten in hellem Licht. Jedes Haus steht Jedem offen. In den grösseren Ortschaften fehlt es auch nicht an Bällen, es tanzen aber gewöhnlich nur Spanier und Mestizen mit Mestizinnen; blos ausnahmsweise wird eine begünstigte Indierin aufgefordert. Unter sich pflegen die Eingeborenen selten zu tanzen; in Samar sah ich aber einmal einen nicht ungraziösen, angeblich einheimischen Tanz aufführen, zu dem »improvisirte« Strophen gesungen wurden: der Tänzer verglich seine Dame mit einer Rose, und sie erwiderte, er möge sich hüten sie zu berühren, da sie auch Dornen habe; was im Munde einer Andalusierin reizend geklungen hätte, bei der Indierin aber nur den Ursprung der Improvisation verrieth.

Das müssige Leben in Darága gefiel meinen Dienern und ihren zahlreichen Freunden so gut, dass sie es gern so lange als möglich geniessen wollten. Sie wählten dazu oft sinnreiche Mittel. Zweimal, als alles zum Aufbruch für den nächsten Morgen gerüstet war, wurden Nachts meine Schuhe gestohlen. Ein andermal stahl man mir mein Pferd. Hat ein Indier eine schwere Last zu befördern, oder einen anstrengenden Ritt zu machen, so benutzt er dazu gern den wohlgenährten Gaul eines Castila, und lässt ihn dann ungefüttert laufen, bis ihn jemand auffängt und in das nächste Tribunal liefert. Dort wird er angebunden und muss so lange hungern bis ihn sein Herr reklamirt und den angerichteten Schaden ersetzt. Ich hatte [86]einen Dollar zu zahlen, da mein Pferd, obgleich es sehr verhungert that, in der Zwischenzeit für einen Dollar Reis genascht haben sollte.

Kleine Diebstähle kamen sehr häufig vor, werden aber, wie mich ein freundlicher Gönner eines Abends belehrte, als ich ihm mein Elend klagte, nur gegen neue Ankömmlinge verübt; lange dort angesessene Leute, die sich der allgemeinen Achtung erfreun, sind solchen Ungelegenheiten nicht ausgesetzt. Ich weiss nicht, ob ein schalkhafter Eingeborener unsere Unterhaltung belauscht hatte, aber am nächsten Morgen sandte der freundliche Herr, der mir oft aus der Noth geholfen hatte, zu mir, und liess sich Chocolade, Zwieback und Eier holen, da man ihm in der Nacht Speisekammer und Hühnerstall ausgeräumt hatte.

Montag und Freitag Abend war Markt in Darága, — bei gutem Wetter immer ein hübscher Anblick. Man sah dann die Frauen, die fast ausschliesslich den Verkauf besorgen, nett und sehr sauber gekleidet, in langen von Fackeln glitzernden Reihen sitzen, und auf den Abhängen der Berge bei Fackelschein nach allen Richtungen in ihre Wohnungen zurückkehren. Sie tragen ihre Waaren, darunter viele selbst gewebte Stoffe von Seide, Ananas- und Bananen-Fasern, auf dem Kopf; den jüngern fehlt es aber selten an Liebhabern, die ihnen die Mühe abnehmen.

Bicol Naturforscher bei Regenwetter.

Bicol Naturforscher bei Regenwetter.

Hut von Cacaoblättern und Nito-Stengeln,
Puschel von Pferdshaar.
Bastmantel.

[87]


1 Blanco Flora 420. 

2 [Der Cacaoverbrauch in Europa beträgt jährlich 36 bis 40 Millionen Pfd. (Humboldt schätzte ihn 1818 auf 23 Millionen Pfund—H. und Bonpl Reise III., 206), wovon ⅓ für Frankreich, dessen Bedarf sich von 1853 (6,215,000 Pfd.) bis 1866 (12,973,534 Pfd., Werth 2,681,000 Thaler) mehr als verdoppelt hat. Venezuela liefert den feinsten Cacao für den europäischen Markt: Porto Cabello und Carácas; am besten und theuersten ist der Carácas in 4 Sorten: 1° Chuao, 2° Ghoroni, 3° O’Cumar, 4° Rio chico; sie werden auf vorzüglich gepflegten Pflanzungen von lange dort angesiedelten Basken gewonnen.

England verbraucht den in seinen eigenen Kolonien erzeugten Cacao, obgleich der Zoll (1 d. per Pfund) für alle gleich ist; Spanien, das bedeutend konsumirt, bezieht seinen Bedarf besonders aus Cuba, Portorico, auch Ecuadór, Mexico, Trinidad. Sehr beträchtliche neue Pflanzungen sind neuerdings in Nicaragua von Franzosen angelegt worden: 250,000 Bäume von denen 60,000 1867 schon trugen. (Rapp. du Jury XI, 268.)

Mehr noch als die feinsten Venezuéla-Sorten sind die Bohnen von Soconusco (Zentr.-Amer.) und Esmeraldas (Ecuadór) geschätzt; sie werden aber im Lande selbst verbraucht, kommen kaum in den Handel. Deutschland begnügt sich mit geringeren Sorten; Guayaquíl, der im Mittel etwa halb soviel als Carácas kostet, wird bei uns am meisten, mehr als von allen übrigen Sorten zusammen, eingeführt. (Vergl. A. Mitscherlich S. 39–46, wo reiches Material über den Cacaohandel in übersichtlicher Kürze zusammengestellt ist.) 

3 [Nach C. Scherzer, Central-Amerika p. 554 giebt der Baum 20 Jahre lang je 30 bis 40 Loth Ertrag; 1000 Pflanzen 1250 Pfund Cacao = 250 Doll. (zu 20 Doll. der Zentner) also 1 Baum ¼ Doll. — Mitscherlich nimmt 4 bis 6 Pfd. frische Bohnen als den mittleren Ertrag an. Ein Liter Cacaobohnen wiegt lufttrocken 630 Gr., geröstet und geschält 610 Gr. (Jordan und Timäus). 

4 1727 zerstörte ein Orkan die durch langjährige Bemühungen geschaffenen bedeutenden Cacaopflanzungen von Martinique mit einem Schlage; dasselbe geschah auf Trinidad. Mitscherlich S. 14. 

5 F. Engel (Unsere Zeit 1. Dez. 67) nennt auch eine Krankheit (Mancha), welche in Amerika an der Wurzelbasis mit Zerstörung der Cambiumschicht beginnend, den Baum schnell tödtet und sich so rasch verbreitet, dass ganze Cacaowälder niedergehauen und in Weideplätze für das Vieh verwandelt wurden, um ihr Einhalt zu thun. Selbst in den begünstigsten Gebieten wurden nach langem ruhigen Besitz in einer einzigen Nacht kurz vor der Ernte, tausende von Bäumen durch diese Krankheit getödtet. Ein fast ebenso gefährlicher, den Anbau einschränkender Feind ist eine Motte, deren Larve die fertigen Cacaobohnen gänzlich zerstört; man kennt nur ein Mittel sie zu tödten, Kälte und Luftzug. Schon Humboldt führt an, dass Cacaobohnen, die über den kalten Kamm der Cordilleren geführt wurden, auf immer von dieser Plage frei blieben. 

6 G. Bernoulli (Uebersicht der bis jetzt bekannten Arten von Theobroma. Zürich 1869) führt im Ganzen 18 Arten an; für die Philippinen nur eine: Theobroma Cacao, Lin., nach Blüthen und Früchten aus meinem Garten in Darága bestimmt. 

7 Pili, ein Canarium, dessen Species wohl noch nicht genügend feststeht, ist in Süd-Luzon, Samar und Leyte sehr verbreitet, es fehlt dort wohl in keinem Dorfe. (Die vom Verfasser eingesandten Blüthen sind im Berliner Herbar bei dessen vielen Wanderungen von einem Ort zum andern aus massig geräumigen in immer engere Lokalitäten verlegt worden.)

Die Frucht von der Grösse einer Pflaume, aber spitzer, enthält eine harte Mandel, deren Kern roh, in Syrup eingemacht, oder kandirt genossen wird, wie Pinienkerne, denen sie im Geschmack sehr ähnlich ist. Die von Pigafetta (S. 55) auf Jomonjol angetroffenen grossen Bäume mit Früchten »etwas kleiner als Mandeln, Pinienkernen ähnlich«, sind wohl Pili gewesen. Aus den Kernen wird ein Oel gepresst, dem aus süssen Mandeln vergleichbar. Aus Einschnitten des Stammes erhält man reichlich ein weiches, angenehm riechendes, weisses Harz, das unter dem Namen Piliharz, oder Brea blanca, im Lande zum Kalfatern der Schiffe, mit Reishülsen durchknetet zu Fackeln verwendet wird. Auch als Pflaster steht es bei Rheumatischen in gutem Ruf. Seit etwa zwanzig Jahren kommt es nach Europa. Die ersten Sendungen brachten grossen Gewinn, da das in seiner Heimath sehr billige Produkt bei uns als ein neues beliebtes Elemiharz Stellung nahm. 

8 Der allgemeine Name war aber Cacahoa-atl (Cacao-Wasser), Chocolatl bezeichnete eine besondere Sorte. F. Hernandez (opera omnia II, 155, vergl. auch E. Nierembergius Cap. XV.) kannte bei den Azteken vier Cacaoarten, (eine fünfte Pflanze, die er nennt, lieferte wohl nur ein Surrogat) und beschreibt vier Sorten daraus bereiteter Tränke, deren dritte Chocolatl hies, und angeblich auf folgende Weise bereitet wurde: Gleiche Maasstheile von Fruchtkernen des Baumes Pochotl (Bombax ceiba) und cacahoatl (Cacao) wurden fein gerieben, in einem irdenen Gefäss erhitzt, das oben sich ansammelnde Fett abgesondert. Zum Rückstand setzte man gequollenen zermalmten Mais, und bereitete daraus einen Trank, der warm genossen wurde, nachdem das vorher abgesonderte Fett wieder beigemischt worden. 

9 M. Wagner, Centr. Amer. 146. 

10 Rappt. du Jury XI. 

11 Näheres bei Mitscherlich und F. Engel. 

12 Berthold Seemann (Nicaragua pg. Ausland 16.7.67) berichtet von einem Baum mit fingerförmigen Blättern und kleinen runden Kernen, die zuweilen von Indianern zum Verkauf angeboten werden. Man macht Chocolade daraus, die an Wohlgeschmack die gewöhnliche aus Cacao bereitete übertrifft. Der Baum wird gewiss mit der Zeit von Europäern in grosser Menge angepflanzt werden. 

13 Remarks on the Philippine Islands, Calcutta 1828. 

14 Reiseskizzen S. 157. 

15 Bericht des franz. Konsuls v. 1866. 

16 Mysore und Mokka erzielen die höchsten Preise: ersterer 80 bis 90 Sch., Mocca, wenn 5 bis 6 Jahr alt, bis 120 Schilling. 

17 Kaffeeeinfuhr in S. Francisco 1865, 66, 67 = 3½, 8, 10 Million Pfd., davon 2, 4, 5 Million Pfd. Manila-Kaffee. 1868 soll England die grösste Menge Kaffee eingeführt haben. 

18 Rappt. Cons. Belge. 

19 Kaffee ist ein so vorzüglichstes Getränk und wird so selten gut bereitet, dass folgende von Sachverständigen gegebene Winke [Rappt. du Jury] gewiss nicht unwillkommen sein werden: 1) Wahl guter Sorten, 2) Mischung derselben im besten, durch Erfahrung festgestellten Verhältniss, 3) Vollständiges Austrocknen der Bohnen, da sonst der während des Brennens aus ihnen entwickelte Wasserdampf einen Theil des Aromas mit fortreisst, 4) Brennen in heisser Luft, wobei der Hitzegrad genau bemessen werden kann. Jede Sorte muss für sich gebrannt werden, 5) schnelles Abkühlen der Bohnen. Wer seinen Kaffee aus einer allen diesen Bedingungen entsprechenden Quelle beziehn kann, thut wohl am besten, die gebrannten Bohnen in Tagesrationen zu kaufen. Mit Ausnahme der 4ten sind aber die obigen Vorschriften in jeder Haushaltung zu erfüllen, und die kleinen in Berlin käuflichen Brennapparate, die ohne Unbequemlichkeit, sehr geringe Mengen über der Spiritusflamme zu rösten und dabei zu überwachen gestatten, bieten einigen Ersatz. Der Vorschrift 3. genügt man am besten, wenn man den Kaffee vor dem Gebrauch mehrere Jahre lang an einem trocknen Orte aufbewahrt. 

20 Lygodium circinatum (?) Swartz, nicht ein kletternder, sondern ein wirklich rankender Farn, wohl die einzige Gattung in der Familie. 

21 Anahuac p. 24. 

[Inhalt]

ELFTES KAPITEL

REISE NACH BULUSAN UND SORSOGON. — STRASSENBAU. — SEERÄUBER.

Während ich in Darága das Zimmer hüten musste, blieb das Wetter fast ununterbrochen schön und leider waren dies die letzten guten Tage, auf die ich rechnen konnte, da der NO. Monsun, der Regenbringer für diesen Theil des Archipels, im Oktober einzusetzen pflegt. Trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit machte ich noch einen Versuch den Bulusán zu besteigen. Man fährt im Boot nach Bácon, im Busen von Albáy (7 Leguas östl.), reitet von dort auf guter Strasse nach Gúbat (3 Leguas) an der Ostküste, dann den Strand entlang, genau S. bis Bulusán, und, wenn man will, bis Matnóg, dem letzten Dorf an der Südost-Spitze Luzons. Ein alter erfahrener Indier hatte Boot und Mannschaft besorgt und zehn Uhr Abends als die günstigste Zeit für die Abfahrt bestimmt. Als wir aber eben abstossen wollten, rief er uns zu, es seien vier Seeräuberboote in der Bay gesehn worden. Im Nu war meine Mannschaft verschwunden, ich blieb allein im Dunkeln. Erst nach vier Stunden gelang es mir, mit Hülfe eines Spaniers, sie wieder herbei zu holen und zur Abfahrt zu bewegen. Um 9 Uhr erreichten wir Bácon, von wo der Weg durch flache Gegend über S. Róque SW. in einem spitzen Winkel nach Gúbat führt, zu beiden Seiten Reisfelder mit einzelnen Hütten unter Kokos- und Arecapalmen. Zehn Minuten von Bácon stehn drei prachtvolle Feigenbäume, die schönsten die ich in den Philippinen gesehn, einer der Arten angehörend, die sich aus zahllosen in einander geschlungenen und zusammengewachsenen Luftwurzeln, Stämme von riesenhaftem Umfange und phantastischer Gliederung aufbauen. Sie waren bedeckt mit ächten und unächten Parasiten, darunter eine grosse Zahl blühender Orchideen. Der Boden besteht aus trachytischem Gerölle. SW. von S. Roque gabelt sich die Strasse, ein Arm führt S. nach Sorsogon, das wohlgeschützt in der NO. Ecke einer tiefen Bucht liegt, der andre O. [88]zu S. nach Gúbat. Hinter S. Róque bemerkt man viele Abacápflanzungen in Waldlichtungen. Der letzte Theil des Weges ist schlecht und führt über schlüpfrige Thonrücken (verwitterten Trachyt) mit Gypskrystallen. Von Gúbat läuft die Strasse längs des Strandes. An vielen Stellen stehn kleine verfallene oder verfallende viereckige Thürme aus Korallenblöcken, von den Jesuiten zum Schutz gegen die Moros aufgeführt. Moren werden hier die Seeräuber genannt, weil sie, wie die ehemaligen Mauren in Spanien, Mohamedaner sind. Sie kommen aus der Solosee, von Mindanao und der Nord-Westküste von Borneo. Die Seeräuberei stand zur Zeit meiner Reise noch in voller Blüthe. Erst Tags vorher hatten Piraten einige Leute fortgeschleppt, die nicht weit von Gúbat mit Aufstellen einer Fischreuse beschäftigt waren. Dem Strande parallel und in geringer Entfernung läuft ein Korallenriff, das im SW. Monsun bei Ebbe stellenweis entblöst wird; zur Zeit aber staute der NO. Wind die Wogen des stillen Ozeans so hoch an der Küste auf, dass es nicht sichtbar wurde; es liefert den einen Bestandtheil des Bodens, der zur Hälfte aus Kalk, und aus vulkanischem Sand besteht. Die Stürme hatten nebst vielen andern Resten von Seethieren, auch eine grosse Anzahl Schwämme ans Land geworfen, unter denen eine unserem Badeschwamme des Mittelmeeres (Spongia officinalis L.) durchaus ähnliche Art und wohl derselben Gattung angehörend. Sie fühlen sich eben so weich an, sind [89]dunkelbraun, über faustgross, halbkugelförmig, nehmen mit derselben Leichtigkeit Wasser an und würden vielleicht einen Handelsartikel bilden können. Proben davon befinden sich im Berliner zoologischen Museum. Dem Strande zunächst wachsen verkümmerte Pandanus, weiter landeinwärts Casuarinen; daran schliesst sich hoher Laubwald, mit Abacápflanzungen in den häufigen Lichtungen. Die Strasse ist recht gut; über viele der Flussmündungen führen überdachte, hölzerne Brücken aus Molave, alle noch wohl erhalten. Von den steinernen Brücken aber sind die Bogen fast ausnahmslos eingestürzt. Man setzt in einem Nachen über, das Pferd folgt schwimmend. Ein paar tausend Fuss vor Bulusán kommt man durch eine, mehrere hundert Fuss tiefe Schlucht aus weissem Bimsteintuff.

Stamm eines Feigenbaums bei Bacon.

Stamm eines Feigenbaums bei Bacon.

Der Ort wird so selten von Fremden besucht, dass das Tribunal sich mit Neugierigen füllte, die mich betrachten wollten. Die Frauen hatten den Ehrenplatz und kauerten in mehreren konzentrischen Linien auf dem Boden, die Männer drängten sich hinter ihnen. Als ich in einem von Bambusen nur undicht verschlossenen Schuppen ein Rieselbad nahm, sah ich plötzlich durch alle Oeffnungen neugierige Augen auf mich gerichtet; es waren ausschliesslich Frauen, die mich mit der grössten Neugier betrachteten, sich ihre Bemerkungen mittheilten und durchaus nicht gestört sein wollten. Ein andres Mal als ich in der Provinz Laguna im Freien badete, lief eine Anzahl Weiber, alte, junge und kleine Mädchen herbei, die mir zusahen, während des Ankleidens dicht um mich hockten, mich aufmerksam besichtigten, und mit den Fingern auf alle Einzelheiten wiesen, die zu besonderer Besprechung Anlass gaben.

Den letzten Theil des Weges nach Bulusán hatte ich in Sturm und Regen zurückgelegt; beide nahmen nach kurzer Pause während der Nacht zu, ein Theil des Tribunals wurde abgedeckt. Am andern Morgen lagen alle schadhafteren Häuser des Dorfes am Boden, eine grosse Menge Dächer waren fortgeweht. Fast ohne Unterbrechung, wenn auch nicht mit gleicher Heftigkeit, dauerte das Wetter während der 3 Tage meines Aufenthaltes fort; den Vulkan, an dessen Fuss ich mich befand, bekam ich nicht auf einen Augenblick zu sehn, und da die Sachverständigen in dieser Jahreszeit gutes Wetter nicht in Aussicht stellen konnten, wurde die Besteigung auf bessere Zeit verschoben und die Umkehr beschlossen. Der ehemalige Alkalde Peñeranda soll den Berg etwa 15 Jahre früher bestiegen haben, nachdem angeblich 60 Menschen 2 Monate lang beschäftigt gewesen, einen Weg zum Gipfel zu bahnen; die Besteigung soll 2 Tage gedauert haben. Der Teniente, ein aufgeweckter Indier, glaubt aber, dass in der trocknen Jahreszeit 4 Mann in 2 Tagen einen schmalen Pfad öffnen könnten bis nahe [90]zur Spitze, die nur mit Leitern zu ersteigen sei. Am Tage nach meiner Ankunft traf der Strassenbau-Inspector und ein Begleiter hier ein, beide bis auf die Haut durchweht und durchnässt. Der freundliche Alkalde hatte sie hergesandt zu meiner Unterstützung. Unter den obwaltenden Umständen mussten sie unverrichteter Sache mit mir umkehren.

Als ich auf der Rückreise kaum in Bacon angekommen, ertönte ein Böllerschuss und Musiklärm: »Es kommt der Señor Alcalde.« — Er fuhr in offenem Wagen, umgeben von einer regellosen Reiterschaar, Eingeborene und Spanier der Umgegend, erstere in festlich flatternden Hemden und vergilbten Seidenhüten prangend. Der liebenswürdige Herr nahm mich in seinem Wagen nach Sorsogon mit, das wir in einer Stunde erreichten.

Die Provinz Albáy hat gute Strassen, sie werden aber schlecht unterhalten, und müssen, wenn die Unthätigkeit der Verwaltung fortdauert, allmälig wieder zu Grunde gehn. Der grösste Theil der steinernen Brücken ist eingestürzt. Statt ihrer muss man eine Furth oder ein Floss benutzen, oder in einem Nachen übersetzen und die Pferde schwimmen lassen. Die Strassen wurden in den vierziger Jahren durch den bereits erwähnten Alkalden Peñeranda, einen ehemaligen Ingeniör-Offizier angelegt, dem der Ruhm gebührt, den Wohlstand der Provinz sehr gefördert zu haben, indem er ihre damals unbedeutenden Mittel mit Umsicht und Eifer zu nützlichen Anlagen verwendete. Er wachte darüber, dass die schuldigen Frohnden wirklich geleistet oder in Geld abgelöst wurden, und benutzte letzteres zur Beschaffung von Werkzeug und Material. Vor ihm bestanden grosse Missbräuche, indem die der Principalía Verwandten oder Befreundeten keine- oder Scheinarbeiten verrichteten, und die Ablösungsgelder nicht in die Gemeindekasse, sondern in die Tasche des Gobernadorcillos flossen, oft unter Mitwissenschaft und Betheiligung des Alkalden. Auch heut sind solche Missbräuche ganz allgemein in den Provinzen, wo die Wachsamkeit des Alkalden es nicht verhindert.

Bei der zahlreichen Bevölkerung und dem grossen Wohlstand, deren sich die Provinz jetzt erfreut, wäre es ein leichtes die vorhandenen Strassen zu erhalten und zu vervollständigen. An gutem Willen fehlte es dem trefflichen damaligen Beamten gewiss nicht, aber ihm waren die Hände gebunden. Die jetzigen Alkalden bleiben nur 3 Jahr in einer Provinz (zu Peñerandas Zeit 6 Jahr), ihre Zeit wird fast gänzlich durch die laufenden amtlichen und richterlichen Geschäfte in Anspruch genommen; bevor sie ihre Provinz, deren Mittel und Bedürfnisse einigermaassen kennen lernen, müssen sie dieselbe schon wieder verlassen; so gross ist das Misstrauen der Regierung [91]in ihre eigenen Diener. Ihre Macht ist auf das äusserste Maass beschränkt, sie haben fast keine Initiative. Unternehmen wie das Peñeranda’sche durchzuführen, wäre heut nicht möglich. Die für Ablösung von Frohnden eingehenden Gelder, die ausschliesslich zum Nutzen der betreffenden Provinz verwendet werden sollten1, müssen nach Manila abgeliefert werden. Schlägt der Alkalde eine dringend nothwendige Verbesserung vor, so hat er so viele Berichte, Eingaben, Anschläge einzureichen, die häufig unbeantwortet bleiben, dass ihm gewöhnlich bald die Lust zu allen Verbesserungsvorschlägen vergeht. Bedeutende Werke aber, die grössere Ausgaben erfordern, werden fast ausnahmslos von der Zentralstelle, als nicht dringend, zurückgewiesen. Der Grund liegt nicht im bösen Willen der Kolonialregierung, sondern darin, dass die Caja de Comunidad in Manila fast immer leer ist, da sich die spanische Regierung in ihrer chronischen Finanznoth das Geld borgt und nicht im Stande ist es zurückzuzahlen.

Sorsogon hat 1840 bedeutend durch Erdstösse gelitten, die mit Unterbrechungen 35 Tage lang anhielten. Ihre grösste Heftigkeit erreichten sie am 21. März. Die Kirchen von Sorsogon und Casigúran nebst den wenigen Steinhäusern wurden zertrümmert, 17 Menschen kamen um und 200 wurden verletzt. Das Land senkte sich um 5 Fuss.

Am folgenden Morgen begleitete ich den Alkalden in einer Falúa mit 14 Rudern nach Casigúran, das genau S. von Sorsogon in der Südostecke der 2 Leguas breiten Bucht liegt; die Ueberfahrt dauerte 1½ Stunde. Das Wasserbecken ist so still wie ein Binnensee, fast rings von Bergen umgeben und an der dem Meer geöffneten Westseite durch die queer davor liegende Insel Bagaláo (nicht Bagatáo, wie sie Coello nennt), geschützt. Unter der Mannschaft war es sehr laut, da Jeder sich vor dem Señor Alcalde geltend machen wollte. Bei der Landung: Böllerschuss, Musik, flatternde Hemden und Fahnen. Die freundliche Einladung des Herrn T. ihn weiter zu begleiten, lehnte ich ab, da für mich, ohne amtliche Geschäfte die Reise fast nur aus Malzeiten, Zwischenmalzeiten und eingeschobenen Chocolates bestand mit fortwährender Musik, Knallfeuerwerk und andrem Lärm.

Im Jahre 1850 etwa ist an einer heut schon vom Meer verschlungenen Stelle des Strandes, der so weit ich ihn untersuchen konnte, aus 5 bis 6 Fuss Thon über vulkanischem Sand mit Bimssteinbruchstücken besteht, Quecksilber gefunden worden. Ein in dieser Gegend des Archipels gestrandeter Engländer, derselbe, den ich in der Eisenhütte bei Angat besuchte, [92]hatte begonnen es zu sammeln, und durch Schlämmen des Sandes etwa 2 Unzen gewonnen. Als aber der inländische Priester erfuhr, dass Quecksilber Gift sei, schilderte er seinen Pfarrkindern, wie er mir selbst erzählte, die Gefahren des neuen Erwerbszweiges in so grellen Farben von der Kanzel herab, dass sie davon abliessen. Seitdem ist nie wieder eine Spur von Quecksilber entdeckt worden; vielleicht stammte es von einem zerbrochenen Barometer. Abends waren der Bulúsan in SO., der Mayon in NW. auf kurze Zeit sichtbar. Casigúran liegt in einer geraden Linie mit denselben.

Die Zerstörung der Küsten bei Casigúran ist auffallend gross, die Berichte darüber sehr abweichend. Nach dem Augenschein und den mässigsten Angaben zu urtheilen, mag sie doch wohl seit einer Reihe von Jahren jährlich eine Elle betragen. Im Norden ist die Bucht von Sorsogon durch einen Bergrücken geschützt, der sich O. von Bacon plötzlich verflacht, und dadurch dem Nordost eine schmale Gasse nach dem Winkel der Bucht von Casigúran öffnet, wo zuweilen ein einziger Sturm sehr bedeutende Verwüstungen in der aus Thon und Sand bestehenden Küste hervorbringt.

Als ich Abends wieder in Legáspi landete, erfuhr ich, dass der Alarm wegen der Seeräuber, der meine Abreise verzögert hatte, in der That begründet war. Aechte Moros waren es freilich wohl nicht, da solche in jener Jahreszeit nicht in diese Gewässer gelangen können, sondern Desertöre und Vagabunden aus der Umgegend, die in dieser maritimen Provinz das Räuberhandwerk lieber zu Wasser als zu Lande treiben. Sie hatten während meiner Reise eine Anzahl Räubereien verübt und Personen fortgeschleppt.2

Anfang November ist die Jahreszeit der Stürme. Die Schifffahrt zwischen Albáy und Manila hat völlig aufgehört; selbst von der Südküste wagte kein Schiff abzugehn. Am 9. läuft aber noch der verloren geglaubte Casaisái ein; er hat starke Haverei gelitten, den grössten Theil seiner Ladung über Bord geworfen. Schon zwölf Tage zuvor hatte er die Strasse von S. Bernardino geklärt, als ein Sturm ihn zwischen den Inseln Balicuátro zu ankern zwang. Einer der Passagiere, ein neu angekommener Spanier, bestieg ein mit sieben Matrosen bemanntes Boot, und fuhr auf vier Pancós zu, die bewegungslos vor der Küste lagen. Er hielt sie für Fischer, es waren aber Seeräuber. Sie beschossen ihn, als er weit genug von seinem Schiff war, seine Mannschaft warf sich in’s Wasser, wurde jedoch sammt ihm selbst gefangen genommen. Der Kapitän fürchtend, dass die [93]Räuber sein Schiff angreifen würden, kappte das Ankertau, stach trotz des Sturmes wieder in See und entging nur mit genauer Noth und arg zugerichtet gänzlichem Schiffbruch.

Die Gefangenen werden in der Regel nicht umgebracht, sondern zum Rudern benutzt. Europäer kommen aber selten mit dem Leben davon, da sie die grossen Anstrengungen bei spärlichster Kost nicht ertragen. Man nimmt ihnen die Kleider ab, überlässt sie fast nackt jedem Wetter und giebt ihnen täglich kaum eine Hand voll Reis zur Beköstigung. [94]


1 Siehe Anhang Bürgerliche Einrichtungen. 

2 Nach amtlichen, in der Alkaldie erhaltenen Nachrichten 21 Menschen in den beiden letzten Wochen. 

[Inhalt]

ZWÖLFTES KAPITEL

REISEN IN SÜD-CAMARINES. — GLIEDERUNG DER PROVINZ. — SPANISCHE PRIESTER. — ALKALDEN UND MANDARINE.

In Albáy war vor Januar nicht auf besseres Wetter zu rechnen, es stürmte und regnete täglich; ich ging daher in die westlich davon gelegene Provinz Süd-Camarínes, die, durch hohe Berge an ihrem NO. Rande gegen die herrschenden Winde geschützt, gutes Wetter hatte. Abgesehn von der in NO. vorliegenden, nur durch eine vom Ysaróg gebildete Landenge mit Camarínes verbundenen Halbinsel Caramúan, streicht Camarínes NO. SW. und bildet eine im Mittel zehn Leguas breite an mehreren Stellen von tiefen Buchten ausgezackte Halbinsel. In ihrer nordöstlichen Hälfte liegt eine Reihe von Vulkanen und Trachyt- und Doleritkuppen; der südwestliche Rand besteht, so weit ich Gelegenheit hatte ihn zu untersuchen, aus Kalk, anscheinend gehobene Korallenriffe. Zwischen beiden Bergzügen dehnt sich ein vielfach gewundenes fruchtbares Thal aus, in welchem sich die von den innern Abhängen herabfliessenden Gewässer sammeln und einen schiffbaren Fluss, den Bicol, bilden, an welchem sich der Reihe nach eine Anzahl blühender Ortschaften angesiedelt hat. So reichlich ist die dem Bicol aus den östlichen Bergen zuströmende Wassermenge, so gering die Neigung der Thalsohle, die ein fast ununterbrochenes Reisfeld bildet, dass an vielen Stellen kleine Seen entstehn. Fast jede Ortschaft hat einen solchen; der bedeutendste ist der Batu-See, die kleinsten schrumpfen in der trocknen Jahreszeit zu blossen Wasserpfützen ein. Von Südosten anfangend, liegen in dem nordöstlichen Streifen die Vulkane Bulusán, Albay, Mazarága, Yriga, Ysaróg und, jenseits der Bucht von S. Miguel, der Colási, in einer geraden Linie, wie die ganze Landzunge selbst, von NW. nach SO. streichend. Der Vulkan Buhi oder Malináo, auch Tikát genannt, tritt in NO. ein wenig über diese Linie hinaus. Parallel dieser Vulkanenreihe sind die Ortschaften der Provinz in der Mittellinie geordnet; der südliche Streifen ist spärlich bewohnt, und sendet in seiner ganzen Erstreckung nur wenige Bäche in das Thal, was auch dafür zu sprechen scheint, dass er aus Kalk bestehe. Der vulkanische Bergwall [95]hält, wie erwähnt, die NO. Winde ab und verdichtet ihre Wasserdämpfe an seinem dem Meere zugewandten Abhang, so dass der südwestlich davon liegende Theil der Provinz während des NO. Monsuns trocken ist, während des SW. Monsuns Regen hat. Die sogenannte trockene Jahreszeit, die für Süd-Camarínes mit November beginnt, ist aber von häufigen Regenschauern unterbrochen; verhältnissmässig trocken sind nur die Monate Januar bis Mai. Im Mai und Juni findet der Monsunwechsel statt, der sich durch starke Gewitter und Stürme aus SW. verkündet, die zuweilen eine bis zwei Wochen fast ohne Unterbrechung dauern und von starkem Regenfall begleitet sind. Sie leiten die eigentliche Regenzeit ein, die bis in den Oktober währt.

Die Strasse führt um den Südostrand der Vulkane Máyon und Mazarága, über die Ortschaften Camálig, Guinobátan, Ligáo, Oas, Polángui, die alle in einer geraden Linie SO. NW. an einem Flüsschen, Quínali, liegen, das nach Aufnahme zahlreicher Bäche bald hinter dem letzten Ort schiffbar wird. Es stehn dort einige Hütten, die wie der Fluss selbst, Quínali heissen. Eine ausgenommen, haben alle genannte Ortschaften über 14,000 Seelen, doch liegen sie meist weniger als eine Legua von einander entfernt. Die Conventos sind grosse stattliche Gebäude, die damaligen Curas, grösstentheils ältere Leute, waren im höchsten Grade gastfrei und liebenswürdig. Bei jedem musste eingekehrt werden, worauf der Señor Padre anspannen liess und seinen Gast zum nächsten Amtsbruder fuhr. In Polángui wollte ich ein Boot miethen, um nach dem See von Batu zu fahren; es war aber keines vorhanden, nur zwei grosse aus einem Baumstamm gezimmerte Barotos von 80 Fuss Länge lagen da, mit Reis aus Camarínes beladen. Damit ich nicht aufgehalten werde, kaufte der Padre den Inhalt des einen Bootes unter der Bedingung des sofortigen Ausladens, so dass ich Nachmittags meine Reise fortsetzen konnte.

Steht der Reisende mit dem Cura gut, so kommt er nicht leicht in Verlegenheit. Ich wollte einmal mit einem Pfarrer eine kleine Reise gleich nach Tisch antreten, um 11¼ Uhr waren alle Vorbereitungen fertig. Ich äusserte, dass es schade sei, die ¾ Stunden bis zur Malzeit zu warten. Gleich darauf schlug es 12; alle Arbeit im Dorfe hörte auf; wir sowohl als unsere Träger setzten uns zu Tisch; es war Mittag. Dem Glockenschläger war die Botschaft zugegangen: »Der Señor Padre liesse ihm sagen, er schliefe gewiss wieder, es müsse längst 12 Uhr sein, denn der Señor Padre habe Hunger.« — »Il est l’heure, que Votre Majesté désire.«

Dorfglocke in Camarines.

Dorfglocke in Camarines.

Ein ausgehöhlter Baumstamm, mit einem horizontal schwebendem Holzklotz als Klöppel.

Die grosse Mehrzahl der Geistlichen in den östlichen Provinzen von Luzon und Samar besteht aus Franziskaner-Mönchen (Religiosos menores [96]descalzos de la regular y mas estrecha observancia de nuestro Santo Padre San Francisco en las Islas Filipinas de la Santa y Apostolica Provincia de San Gregorio magno), die in besonderen Seminarien in Spanien für die Mission in den Kolonien erzogen werden. Früher stand ihnen frei, nach zehnjährigem Aufenthalt in den Philippinen in ihr Vaterland zurückzukehren; seitdem aber in Spanien die Mönchsklöster aufgehoben, ist ihnen dies nicht mehr gestattet, da sie gezwungen sein würden, dort der Ordensregel zu entsagen und als Rentner zu leben. Sie wissen, dass sie jetzt ihre Tage in der Kolonie beschliessen müssen und richten sich danach ein. Bei ihrer Ankunft werden sie gewöhnlich zu einem Priester in die Provinz gesandt, damit sie die Landessprache erlernen, erhalten dann zunächst eine kleine, später eine einträgliche Pfarre, in der sie meist bis an ihr Lebensende verbleiben. Der grösste Theil dieser Männer ist aus den untersten Volksschichten hervorgegangen. Zahlreiche, in Spanien vorhandene fromme Stiftungen machen es dem Armen, der für seinen Sohn nicht die Schule zahlen kann, möglich, ihn in das Seminar zu schicken, in welchem er ausser dem besonderen Dienst, zu dem er abgerichtet wird, nichts lernt. Wären die Mönche von feinerer Bildung, wie ein Theil der englischen Missionäre, so würden sie wohl ebenso wenig Neigung haben sich unter das Volk zu mischen und ebenso wenig Einfluss auf dasselbe erlangen wie diese in der Regel. Die früheren Lebensgewohnheiten der spanischen Mönche, ihr enger Gesichtskreis befähigen sie ganz besonders dazu, mit den Eingeborenen zu leben. Gerade dadurch haben sie ihre Macht über dieselben so fest begründet.

Wenn dergleichen junge Leute eben frisch aus ihrer Pflanzschule kommen, sind sie unglaublich beschränkt, unwissend, zuweilen auch ungezogen, voll Dünkel, Ketzerhass und Bekehrungseifer. Allmälig schleift sich diese rauhe Aussenseite ab; die geachtete Stellung, die reichlichen Einkünfte, die sie geniessen, machen sie wohlwollend. Der gesunde Menschenverstand und das Selbstvertrauen, die den niedern spanischen Volksklassen eigen [97]sind und sich bei Sancho Panza als Guvernör so ergötzlich offenbaren, haben in dem einflussreichen, verantwortlichen Posten, den der Cura einnimmt, volle Gelegenheit, sich geltend zu machen. Sehr häufig ist der Cura der einzige Weisse im Ort und meilenweit wohnt kein andrer Europäer. Er ist dann nicht nur Seelsorger, sondern auch Vertreter der Regierung, das Orakel der Indier, dessen Ausspruch namentlich in Allem, was sich auf Europa und Zivilisation bezieht, ohne Appell ist; — in allen wichtigen Angelegenheiten wird er um Rath gefragt und hat Niemand, bei dem er sich Rath holen kann. Unter solchen Verhältnissen kommen alle seine geistigen Fähigkeiten zur vollen Entfaltung. Derselbe Mensch, der in Spanien hinter dem Pflug hergegangen wäre, führt hier grosse Unternehmungen aus; ohne technische Bildung, ohne wissenschaftliche Hülfsmittel baut er Kirchen, Strassen, Brücken. So vorteilhaft aber auch diese Verhältnisse für die Entwicklung der Fähigkeiten des Geistlichen sind, so wäre es doch für die Bauten selbst besser, wenn sie von Fachmännern ausgeführt würden; denn die Brücken stürzen gern ein, die Kirchen sehn oft wie Schafställe aus, die anspruchsvolleren haben zuweilen gar tolle Fassaden, und die Strassen verfallen bald wieder; aber Jeder macht es eben so gut, wie er kann. Fast Allen liegt das Wohl ihrer Ortschaft am Herzen, wenn auch der Eifer und die eingeschlagenen Wege, auf denen sie dieses Ziel verfolgen, nach den Persönlichkeiten sehr verschieden sind. Ich habe in Camarines und Albáy viel Umgang mit den Curas gehabt und sie ausnahmlos liebgewonnen. Sie sind in der Regel ohne allen Dünkel und in den abgelegenen Orten so glücklich, wenn sie einmal Besuch erhalten, dass sie Alles aufbieten, um ihrem Gast den Aufenthalt so angenehm als irgend möglich zu machen. Das Leben in einem grossen Convento hat viel Aehnlichkeit mit dem bei einem Gutsbesitzer im östlichen Europa. Nichts kann zwangsloser sein. Man lebt so unabhängig wie im Gasthaus, und manche Gäste betragen sich auch so, als wären sie in einem solchen. Ich habe einen Subalternbeamten ankommen sehn, der ohne Weiteres den Mayordomo vor sich beschied, sich ein Zimmer anweisen liess, sein Essen bestellte und nur beiläufig fragte, ob der Pfarrer, mit dem er doch nur ganz oberflächlich bekannt war, zu Hause sei.

Häufig wird den Priestern in den Philippinen ihre grosse Liederlichkeit vorgeworfen; das Convento stecke voll hübscher Mädchen, unter denen der Cura wie ein Sultan lebe. Auf die eingeborenen Priester mag dies oft passen; bei den zahlreichen spanischen Pfarrern, deren Gast ich war, habe ich nicht ein einziges Mal etwas Anstössiges in dieser Beziehung zu sehn bekommen, die Dienerschaft bestand nur aus Männern und vielleicht einem [98]oder zwei alten Weibern. Ribadeneyra behauptet1: »Die Indier, welche sehn, wie die Barfüsslermönche ihre Keuschheit bewahren, sind in ihren Gedanken dahin gekommen, sie nicht für Menschen zu halten. . . . und obgleich der Teufel sich bemüht hat, viele, bereits verstorbene, keusche Geistliche zu verführen und auch solche, die noch leben, indem er sich der Frechheit einiger Indierinnen als Werkzeug bediente, so sind sie dennoch zur grossen Beschämung der Indierinnen und Satans siegreich geblieben.« Dieser Autor ist aber sehr unzuverlässig, sagt er doch (Kap. III. S. 13), die Insel Cebu hiesse mit anderem Namen Luzon! Jedenfalls passt seine Schilderung nicht auf die heutigen Zustände. Der junge Geistliche lebt in seiner Pfarre wie ein Gutsherr früherer Zeit; die Mädchen rechnen es sich für eine Ehre an, mit ihm umzugehn, die Gelegenheit ist für ihn viel bequemer, da er durch keine eifersüchtige Frau bewacht wird und als Beichtiger und geistlicher Rathgeber beliebig mit den Frauen allein zu sein Gelegenheit hat.2 Die Beichte muss namentlich eine gefährliche Klippe für ihn sein. Im Anhange zur tagalischen Grammatik, der in den für das Publikum käuflichen Exemplaren fehlt, ist zur Bequemlichkeit des jungen Pfarrers, welcher der Sprache noch nicht mächtig ist, eine Reihe von Fragen enthalten, die er der Beichtenden vorlegen soll; mehrere Seiten derselben beziehn sich auf den geschlechtlichen Umgang.

Da die Alkalden nur drei Jahre in einer Provinz bleiben dürfen, die Landessprache niemals verstehn, durch ihre amtlichen Geschäfte sehr in Anspruch genommen sind und keine Zeit, gewöhnlich auch keine Lust haben, die Eigenthümlichkeiten der Provinz, die sie verwalten, kennen zu lernen, während der Cura in der Mitte seiner Pfarrkinder lebt, sie genau kennt und auch ihnen gegenüber die Regierung vertritt, so kommt es, dass er die wirkliche Behörde in seinem Distrikt ist. Die Stellung der Geistlichen, den Regierungsbeamten gegenüber, spricht sich auch in den Wohnungen aus. Die »Casas reales« meist klein, schmucklos, oft baufällig entsprechen nicht dem Range des ersten Beamten der Provinz; das Convento dagegen ist gewöhnlich ein sehr geräumiges, stattliches, wohleingerichtetes Gebäude. Früher, als die Guvernör-Stellen an Abenteurer verkauft wurden, die nur darauf bedacht waren sich zu bereichern, war der Einfluss der Geistlichen noch viel grösser als gegenwärtig.3 Folgende [99]Verordnungen deuten ihre ehemalige Stellung besser an, als lange Beschreibungen:

»Obgleich einige frevelhafte Eingriffe (atentados) gerechten Grund zum Kapitel X. der Ordonnanzen gegeben haben, worin der Guvernör D. P. de Arandia befiehlt, dass die Alkalden und Justizbeamten nicht anders als schriftlich mit den Missions-Geistlichen verkehren, und sie nicht anders als in Begleitung besuchen sollen, so wird dennoch verordnet, dass dies nicht also geschehn soll . . . in der Voraussetzung, dass die Kirchenprälaten ihren ganzen Eifer aufwenden werden, um ihre Untergebenen innerhalb der Grenzen der Mässigung zu halten.« . . »Die Alkalden sollen dafür sorgen, dass die Pfarrer und Diener der Religion besagte Gobernadorcillos und Justizbeamte mit der nämlichen Achtung behandeln, ohne zu gestatten, dass sie dieselben prügeln, züchtigen oder misshandeln . . . noch sich bei Tische von ihnen bedienen lassen.«4

Die ehemaligen Alkalden, die ohne vorhergehende Uebung in amtlichen Geschäften, oft ohne Bildung und Kenntnisse und ohne die zu einem so verantwortlichen einflussreichen Amte erforderlichen geistigen und moralischen Eigenschaften, ihre Stellen kauften oder sie durch Gunst erwarben, empfingen vom Staat ein nominelles Gehalt und zahlten ihm eine Patentsteuer für die Berechtigung Handel zu treiben. Nach Arenas (S. 444) galt diese Patentsteuer als eine den Alkalden für Uebertretung des Gesetzes auferlegte Geldstrafe: »denn da ihnen durch verschiedene Gesetze5 jede Art Handelsbetrieb untersagt war, so geruhte S. Majestät dennoch, ihnen die Erlaubniss dazu zu ertheilen.«6 Dieser Unfug wurde erst durch R. D. 23. September und 30. Oktober 1844 aufgehoben.

Die Alkalden waren Guvernöre und Richter, Befehlshaber der Truppen und zugleich die einzigen Händler in ihrer Provinz.7 Sie kauften in Manila die Sachen, die in ihrer Provinz gebraucht wurden, gewöhnlich mit Geld der obras pias; (s. S. 14, Anmerkung 17) denn sie selbst kamen ohne alles Vermögen nach den Philippinen. Die Indier mussten dem Alkalden ihre Produkte verkaufen und seine Waaren abnehmen zu Preisen die er selbst feststellte.8 Unter solchen Verhältnissen waren die Priester die Einzigen, welche die Indier gegen diese Blutsauger schützten, wenn sie nicht, was auch zuweilen vorkam, mit ihnen gemeinschaftliche Sache machten. [100]

Gegenwärtig sendet die Regierung Rechtskundige als Alkalden in die Philippinen, die etwas besser besoldet sind, und nicht Handel treiben dürfen. Ueberhaupt ist die Regierung bemüht den Einfluss der Curas zu mindern, den der Zivilbehörden zu vermehren, was ihr indessen nur sehr unvollkommen gelingen wird, wenn sie nicht die Amtsdauer der Alkalden verlängert und letztere so stellt, dass sie nicht in Versuchung kommen Nebenverdienste zu machen.9

Ich finde in Huc10 eine Stelle über die Folgen des schnellen Beamtenwechsels in China, die manche zu beherzigende Winke enthält:

. . . »Weil die Magistratur nicht mehr Personen anvertraut wird, die Freunde der Gerechtigkeit sind, sieht man dies ehemals so blühende und wohl regierte Reich von Tag zu Tag verfallen und einer furchtbaren, vielleicht nahen Auflösung entgegeneilen.

Wenn wir die Ursachen dieser allgemeinen Zersetzung, dieser Verderbniss aufsuchen, die sichtlich alle Klassen der chinesischen Gesellschaft auflöst, so glauben wir sie in einer wichtigen Abänderung des alten Regierungssystems zu finden, welche die Mantschu-Dynastie eingeführt hat. Es wurde bestimmt, dass kein Mandarin sein Amt länger als drei Jahre an demselben Ort ausüben dürfe, und dass Niemand in seiner eigenen Provinz Beamter sein könne. Man erräth leicht den Gedanken, der ein solches Gesetz ersann. Sobald die Mantschu-Tartaren sahen, dass sie Herren des Reichs waren, erschraken sie über ihre geringe Zahl, die in dieser unzähligen Menge von Chinesen wie verloren war . . . Das Ansehn, welches die hohen Beamten in den Provinzen genossen, konnte ihnen grossen Einfluss geben um das Volk aufzureizen . . .

Die Magistratspersonen, die nur einige Jahre auf demselben Posten verbleiben dürfen, leben darin wie Fremde, ohne sich um die Bedürfnisse der von ihnen regierten Bevölkerung zu kümmern, kein einziges Band verknüpft sie mit derselben, ihre ganze Sorge besteht darin, so viel Geld als möglich zusammen zu schlagen, um später an einem andern Orte dasselbe Geschäft von neuem zu beginnen, bis sie endlich in ihre Heimat zurückkehren und ein Vermögen geniessen können, das sie nach und nach in den verschiedenen Provinzen erpresst haben . . . Sie sind ja nur Vorübergehende — was schadet es? morgen ziehen sie an das andre Ende des Reichs, wo sie das Schreien der von ihnen geplünderten Opfer nicht mehr hören. . . So sind die Mandarinen selbstsüchtig und gegen das Gemeinwohl gleichgültig geworden. Der Urgrundsatz der Monarchie ist vernichtet, denn der Magistrat ist nicht mehr ein Familienvater, der inmitten seiner Kinder lebt, sondern ein Marodör, der ankommt, ohne dass man weiss woher, und wieder abzieht, niemand weiss wohin? Daher stockt alles . . . man sieht nicht mehr, wie ehedem, jene grossen Unternehmungen . . Heut wird nicht nur nichts Aehnliches ausgeführt, man lässt die Werke früherer Dynastien gänzlich [101]verfallen . . . Der vorübergehende Mandarin sagt sich: Wozu soll ich unternehmen was ich doch nicht vollenden kann? warum sollte ich säen, damit ein Andrer ernte? . . . Die Mandarinen sind niemals mit den Angelegenheiten der Oertlichkeit vertraut. Am häufigsten sehn sie sich plötzlich inmitten einer Bevölkerung versetzt, deren Sprache sie nicht verstehn. Wenn die Mandarine in ihrem Mandarinat ankommen, so finden sie dort fest angesessene Dolmetscher vor, subalterne Beamte, die, weil sie mit den Angelegenheiten der Oertlichkeit vertraut sind, ihre Dienste unentbehrlich zu machen wissen; sie sind im Grunde die eigentlichen Verwalter.«

In den Philippinen ist letzteres Amt unentbehrlich, da der Alkalde nie die Landessprache versteht; zum Glück für Spanien muss es in wichtigen Angelegenheiten der eingeborene Schreiber meist mit dem Cura theilen, der in vielen Fällen die eigentliche Behörde ist. Er kennt den Charakter der Insassen, und alle ihre Angelegenheiten, wobei ihm der intime Verkehr mit den Frauen sehr zu Statten kommt. Wie mir 1867 ein hoher Beamter in Madrid mittheilte, lag damals dem Minister ein Antrag zur Erwägung vor, wodurch die Beschränkung der Amtsdauer auf drei Jahre aufgehoben werden sollte.11 Die ihr zu Grunde liegende Furcht, dass der Beamte in einer entfernten Provinz zu mächtig, sein Einfluss dem Mutterlande gefährlich werden könne, passt nicht mehr in die heutigen Verhältnisse. Die Verkehrserleichterungen haben die frühere Abgeschlossenheit der fernen Provinzen aufgehoben. Die neuen Zollgesetze, die wachsende Nachfrage nach Kolonialprodukten, das den Fremden gewährte Niederlassungsrecht müssen eine bedeutende Steigerung des Landbaus, des Handels und einen entsprechenden Zuzug von Weissen und Chinesen zur Folge haben. Dann wird an Stelle jener Bedenken die Notwendigkeit treten, das Ansehn und den Einfluss der Beamten zu heben, durch Verminderung ihrer Zahl, sorgfältige Wahl der Personen, Beförderung nach Fähigkeit und Leistung, angemessene Besoldung und langen Verbleib in einer Stelle. Voraussichtlich werden besonders die Beziehungen mit Californien und Australien lebhaft werden. Aus diesen freien Ländern werden freie Ideen eindringen. Der Wohlstand der Mestizen wird beträchtlich zunehmen, um so ungeduldiger werden sie die wirkliche oder eingebildete Zurücksetzung der Regierung, den Hochmuth ungebildeter Spanier ertragen. Dann wird das Mutterland ernstlich zu erwägen haben, [102]ob es klug ist, die Kolonie ferner durch Monopole und Geldentziehungen auszubeuten und einer unnützen, hungrigen Beamtenschaar preiszugeben.12 Englische und holländische Kolonialbeamte werden für ihren schwierigen verantwortlichen Dienst besonders ausgebildet, erlangen ihre Anstellung durch ein strenges Examen in der Heimat, und rücken in der Kolonie nur allmälig je nach ihren Fähigkeiten in die höheren Stellen ein. Wie ganz anders werden die Philippinen mit Beamten versorgt. Ob es aber Spanien gelingen wird, einen den neuen Verhältnissen gewachsenen Beamtenstand zu schaffen, ist schwer vorauszusagen, werden doch in Spanien selbst die Aemter nicht sowohl durch Befähigung und Verdienst als durch politische Intriguen erlangt und eingebüsst.13 [103]


1 Histor. de las islas. Cap. XI. 

2 St. Croix (II, 157) erzählt, dass sich zu seiner Zeit die Curas von jungen Mädchen bedienen liessen. Ein Franziskaner am See von Bay hatte deren zwanzig zu seiner Verfügung, von denen ihm immer zwei zur Seite waren. 

3 »Die Mönche sind Herren in den Provinzen . . . regieren dort als Herrscher . . . sind so unumschränkt, dass kein Spanier sich dort niederzulassen wagt. . . Die Mönche würden ihm zu viele Schwierigkeiten bereiten. Legentil 1, 183. 

4 Leg. ult. I, 266 §§. 87, 89. 

5 Namentlich durch No. 26 Tit. 6, 54 Tit. 16, Bch. II. und 5 Tit. 2 Recop. 

6 R. C. 17. Juli 1754. 

7 St. Croix II, 124. 

8 St. Croix II, 336. 

9 Die Alkaldien zerfallen in 3 Rangstufen: entrada, ascenso, termino. (R. O. 31 März 1837 Tit. I, 1.) In jeder dient der Alkalde 3 Jahre. (Tit. II, Art. 11, 12, 13) Niemand darf unter irgend einem Vorwand in der Magistratur der Provinzen von Asien länger als 10 Jahre dienen. (Art. 16.) 

10 Chine I, 360. 

11 Das Gesetz rührt aus der frühesten Zeit der Kolonisation Amerika’s her, daneben bestanden noch eine Anzahl argwöhnischer Vorkehrungen, um zu verhindern, dass die höheren Beamten in ein freundschaftliches Verhältniss zu den Kolonisten träten. Weder sie noch ihre Söhne durften in der Kolonie heirathen, liegende Gründe erwerben etc. vergl. Kottenkamp I, 509. 

12 Ein Weltgeistlicher in den Philippinen erzählte mir ganz unbefangen, was ihn zur Wahl seines Berufes veranlasst habe. Als Unteroffizier spielte er einst Karten auf einem schattigen Balkon: »Seht, rief einer seiner Kameraden, wie die Esel dort schwitzen, damit wir hier faulenzen können,« indem er auf die Bauern wies, die in voller Sonnengluth den Acker bestellten. Der glückliche Gedanke die Esel für sich arbeiten zu lassen, machte einen so tiefen Eindruck auf ihn, dass er sofort beschloss, Geistlicher zu werden, wobei ihm sein ehemaliger Besuch einer lateinischen Schule zu Statten kam. Derselbe Gedanke hat wohl auch manchen mittellosen Caballero zur Wahl des Beamtenstandes geführt. Die geringe Achtung der bürgerlichen Arbeit in Spanien und Portugal, die Aussicht auf Nebenverdienste namentlich in den Kolonien tragen das Ihrige dazu bei. 

13 Ausbeutung des Staates durch die Parteien, Ausbeutung der Parteien durch die Personen . . . das eigentliche Geheimniss aller Revolutionen, ein über alle Maassen widerwärtiger Aemterkrieg . . . Man mag nicht arbeiten und will doch glänzend leben. Man kann es nur auf Kosten des Staats, den man gewissenlos ausbeutet. . . Es gab Orte wo (nach Vertreibung Isabela’s) das Amt eines Alkalden dreimal an einem Tage gewechselt wurde. . . (Preuss. Jahrb. Januar 1869.) 

[Inhalt]
Dorf Batu.

Dorf Batu.

Tribunal. Bambus.

DREIZEHNTES KAPITEL

REISEN IN SÜD-CAMARINES, FORTSETZUNG. — BATU-SEE. — INDISCHE PRIESTER. — NIEDERLASSUNG VON WILDEN. — FEIER DER KREUZBULLE. — BUHI-SEE. — VULKAN YRIGA. — ANANASFASERN. — PFEILGIFT. — BLUTEGEL. — SOLFATARE YGABO. — KIESELSPRUDEL VON TIBI.

Anderthalb Stunden nach der Abfahrt von Polángui erreichten wir den Ort Bátu, in der NW. Ecke des gleichnamigen Sees. Die Leute, besonders die Frauen fielen mir wegen ihrer Hässlichkeit und geringen Reinlichkeit auf. Obgleich sie unmittelbar am See wohnen und täglich ihr Trinkwasser daraus schöpfen, scheinen sie nur selten darin zu baden. Die Strassen des Dorfes sind gleichfalls schmutzig und vernachlässigt, was zum Theil wohl daran liegt, dass der Geistliche ein Eingeborner ist.

Der Bátu-See nimmt im November, zu Ende des Regenmonsun, einen viel grösseren Raum ein als in der trockenen Jahreszeit und ist dann, besonders in der SW. Ecke, weit über seine flachen Ufer getreten. Eine grosse Menge von Wasserpflanzen wächst an den seichteren Stellen, namentlich aber ist eine zierliche Alge1, nicht dicker als Pferdehaar, aber sehr verästelt und endlos durch einander fortwachsend, in so ungeheurer Fülle [104]vorhanden, dass sie eine hinreichend starke Decke bildet, um grosse Wasservögel zu tragen. Zu hunderten gehn sie darauf spazieren und fressen kleine Fische und Garnelen, welche zwischen den Maschen dieses Netzwerkes wimmeln und ihnen bequem zur Beute fallen. Auch von den Eingeborenen werden letztere massenhaft mit gestielten Netzen aus dem Wasser geschöpft und theils frisch, theils wie alter Käse durch Fäulniss pikanter gemacht, zum Reis gegessen. Diese kleinen Krebse sind durchaus nicht auf den Bátu-See beschränkt. Im Süss- und Brackwasser des philippinischen und indischen Archipels und hinterindischen Festlandes werden sie (oder verwandte Arten) in zahllosen Mengen gefangen und bilden gesalzen, gedörrt, in Salz- oder Gewürzbrühen eingemacht, auch in Form von Pasten wichtige Nahrungsmittel oder Kondimente. Sie fehlen auf keinem Markte und sind Gegenstand nicht unbedeutender Ausfuhr nach China.2 Es gelang mir nicht von den Wasservögeln zu schiessen, da das dichte Pflanzengewirr den Nachen nicht hinreichend nahe kommen liess.

Als ich denselben See im Februar wieder besuchte, fand ich sein Wasser so bedeutend gefallen, dass ringsum ein breiter Saum trocken lag, der an manchen Stellen über 100′ maass. Das Algengewirr war bei dem allmäligen Zurücktreten des Wassers zu einem dichten, zolldicken, von der Sonne völlig gebleichten Filzteppich zusammengesunken, der sich als ein einziges grosses Tuch rings um den Rand des Sees ausspannte und über die Sträucher fort hing, die bei meinem ersten Besuch unter Wasser standen. Nie habe ich etwas ähnliches gesehn oder erwähnt gefunden. Der Stoff, der in Streifen von beliebiger Länge umsonst zu haben war, erwies sich so vortrefflich zu Flintenpfropfen, zum Ausstopfen von Vogelbälgen und zum Verpacken, dass ich eine grosse Menge davon mitnahm. Diesmal war auch die Vogeljagd ergiebig.

Der eingeborene Priester von Bátu klagt sehr über seine Pfarrkinder, die ihm nichts zu verdienen geben: »Keine Messen Herr; ja dies ist ein so elendes Nest, dass kaum Todesfälle vorkommen. In D. wo ich Coadjutor war, hatten wir täglich unsere zwei Beerdigungen zu drei Dollar das Stück, und Messen zu einem Dollar, mehr als wir lesen konnten; — ausserdem Taufen und Trauungen, die doch auch etwas einbringen; hier aber ist nichts, gar nichts zu verdienen.« Er hatte sich daher mit Eifer auf den Handel gelegt. Die eingeborenen Geistlichen machen ihrem Stande in der Regel wenig Ehre. Unglaublich unwissend, sehr liederlich, nur in den Aeusserlichkeiten [105]ihres Dienstes unterrichtet, bringen sie einen grossen Theil ihrer Zeit mit Spielen, Trinken und andern sündhaften Dingen zu. Sie bemühen sich nicht einmal den äussern Anstand zu wahren, ausgenommen bei der Messe, die sie mit drolliger Würde lesen, ohne ein Wort davon zu verstehn. Häufig sind Mädchen und kleine Kinder im Convento, Alles isst mit den Fingern gemeinschaftlich aus einer Schüssel. Der hiesige Priester stellte mir unaufgefordert zwei hübsche Mädchen als seine beiden armen Schwestern vor, die er trotz seiner grossen Dürftigkeit unterhielte; ihre Töchter wurden aber von den Dienern ohne Scheu Töchter des Cura genannt.

Der Grundsatz der spanischen Kolonialpolitik, eine Kaste durch die andere in Schranken zu halten, damit keine zu mächtig werde, scheint die Ursache, warum ein grosser Theil der Pfarrstellen mit Eingeborenen besetzt wird (angeblich die Hälfte, nach einer gesetzlichen Bestimmung die ich vergeblich gesucht habe). Die Klugheit dieser Maassregel mag wohl zweifelhaft erscheinen. Der spanische Cura hat grossen Einfluss in seiner Gemeinde und bildet vielleicht das einzige feste Band zwischen der Kolonie und dem Mutterlande; in beiden Punkten gewährt der einheimische Priester keinen Ersatz; er geniesst gewöhnlich selbst bei seinen Landsleuten nur wenig Achtung; Anhänglichkeit an Spanien hat er nicht, namentlich hasst und beneidet er seine spanischen Amtsbrüder, die ihm die schlechtesten Stellen übrig lassen und ihn verachten.

Von Bátu reitet man auf guter Strasse N. b. O. in einer halben Stunde im Schritt nach Nábua. Das Land ist flach, zu beiden Seiten Reisfelder; während aber in Bátu der Reis damals gepflanzt wurde, war er in Nábua fast reif. Ich habe über diesen auffallenden Umstand keine genügende Auskunft erhalten können und weiss den dadurch angedeuteten schroffen klimatischen Unterschied zwischen zwei so nahe gelegenen, durch keine hohe Bergwand getrennten Orten nicht zu erklären. Die Menschen sind hässlich und schmutzig und unterscheiden sich darin merklich von den Tagalen. Nábua (10,875 E.) wird von mehreren kleinen Flüssen durchschnitten, die aus den Bergen in Osten kommend hier einen kleinen See bilden, dessen Ausfluss bei Báo durch Aufnahme von Bächen abermals zu einem See anschwillt und sich dann in den Bícol ergiesst. Dicht vor der zweiten Brücke in Nábua wendet sich die Strasse ostwärts und führt in gerader Linie nach Yriga, im Südwesten des gleichnamigen Vulkanes belegen.

Auf dem Abhange des letzteren besuchte ich eine kleine Niederlassung heidnischer Eingeborenen. Von den Bewohnern der Ebene werden sie abwechselnd Ygorroten, Cimarronen, Remontados, Infieles oder Montesinos (Waldbewohner) genannt, keiner dieser Namen, mit Ausnahme der beiden [106]letzten passt aber recht auf sie; der erste kommt eigentlich Stämmen im Norden der Insel zu, die für Mischlinge von Chinesen und Indiern gelten.3 Cimarron, französisch Marron, den amerikanischen Sklavenkolonien entlehnt, bezeichnet dort einen entsprungenen in Freiheit lebenden Negersklaven, hier einen Eingeborenen, welcher die Bequemlichkeiten des Dorfes sammt seinen Steuern und Frohnden gegen die Entbehrungen und die Unabhängigkeit des Lebens in der Wildniss vertauscht hat. Die Bezeichnung Remontado (remonté) erklärt sich selbst und ist gleichbedeutend mit Cimarron. Da der Gegensatz zwischen jenen beiden Zuständen wegen der Milde des Klimas und der Bedürfnisslosigkeit der Eingeborenen nicht entfernt so gross ist, als er bei uns sein würde, so kommen solche Rücktritte öfter vor, als man glauben sollte, gewöhnlich in Folge eines Vergehens oder einer unbequemen Schuld, zuweilen aus blossem Widerwillen gegen Kopfsteuer und Frohndienste. Der Indier hat eine ausgesprochene Neigung, sich aus den Puéblos in die Einsamkeit zurückzuziehn, auf seinem Felde zu wohnen; und nur dem vereinten Eifer der für die Kopfsteuer haftbaren Dorfältesten und der Geistlichen, die, abgesehn von andern Interessen, auch ihre nach der Kopfzahl berechneten Stipendien zu berücksichtigen haben, gelingt es zu verhindern, dass sich die Puéblos in Visitas, diese in Ranchos auflösen. Nachdem der Verkehr in andern Ranchos desselben Berges meine ersten Eindrücke bekräftigt, möchte ich die unabhängigen Bewohner des Yriga für Mischlinge von Indiern und Negrítos halten. Die Hautfarbe ist dunkelbraun, nicht schwarz, wohl nicht dunkler als bei Indianern, die sich der Sonne sehr aussetzen. Einige, aber durchaus nicht Alle, haben krauses Haar. Während sowohl die in grösseren Truppen zusammenlebenden Negrítos wie die von mir vereinzelt bei Angat und Marivéles angetroffenen keinen Ackerbau treiben, fast ohne Obdach im Freien hausen, sich von spontanen Naturerzeugnissen nähren4, wohnen die Halbwilden des Yriga in bequemen Hütten und bauen verschiedene Knollengewächse und etwas Zuckerrohr. Reine Negrítos kommen, so weit meine Erkundigungen reichen, in Camarines nicht vor. Ein zum grossen Theil dicht bevölkertes Gebiet, aus dem sich die höheren Berge nur in einzelnen Kuppen erheben, dürfte wohl kaum für ein herumschweifendes Jägerleben ohne Feldbau die erforderlichen Bedingungen darbieten.

Rancho auf dem Abhange des Yriga.

Rancho auf dem Abhange des Yriga.

Die wenigen Ranchos des Yriga sind sehr zugänglich, sie stehn im freundschaftlichsten Verkehr mit den Indiern; andern Falls wären ihre Bewohner [107]wohl längst ausgerottet. Trotz dieser nachbarlichen Beziehungen hatten sie doch noch viel von ihrem ursprünglichen Wesen bewahrt. Die Männer waren nackt bis auf ein Schamband, die Weiber gleichfalls oder trugen einen Schurz, von der Hüfte bis zum Knie reichend.5 In dem grössten Rancho waren die Frauen sehr dezent, nach Art der Indianerinnen bekleidet. Ihr Hausrath bestand aus Bambusgeräth, Kokosschalen, einem irdenen Kochtopf, Bogen und Pfeilen. Bei letzteren, die sehr sorgfältig gearbeitet, war der Schaft aus Rohr, die Spitze aus einem scharfen Bambusschnitt oder aus Palmenholz, dreispitzig oder einspitzig; im letzteren Fall war um die Spitze oft eine spirale Rinne eingeschnitten; zur Schweinejagd werden vergiftete Pfeile mit eiserner Spitze benutzt. Obgleich die Ygorroten nicht Christen sind, hatten sie ihre Hütten mit Kreuzen verziert, die ihnen als Talismane dienen. Wenn sie nichts nützten, meinte eine Alte, würden die Castilas sie nicht überall anbringen.6 Die grösste der von mir besuchten Rancherien stand unter einem Kapitän, der aber nur wenig Macht hatte. Auf meinen Wunsch rief er einige nackte Bursche herbei, die müssig auf Baumstämmen hockten. Sie gehorchten ihm erst nach langen Erörterungen. Kleine Geschenke, messingene Ohrringe und Kämme für die Frauen, Zigarren für die Männer gewannen leicht ihre Gunst.

Nach einem vergeblichen Versuch den Yriga von hier aus bis zum Gipfel zu besteigen, ging ich um seinen Südwestrand nach Buhi im Südwinkel des Buhi-See’s. Zehn Minuten nach der Abreise von Yriga kommt man an eine Stelle, wo der Boden unter dem Hufschlag hohl klingt. Unzählige kleine, im Mittel 50 Fuss hohe Hügel erheben sich aus der Ebene. Im Norden erblickt man den grossen Krater des Yriga, dessen dem See zugewendete Ostseite eingestürzt ist. Von Yriga her erscheint der Vulkan als ein geschlossener Kegel. Der See hat etwa 1½ Meilen Umfang. Die Hügel bestehn an dieser Stelle aus Basalt, bei Buhi aus grobgeschichteten Rapilli, die Schichten fallen gegen den Yriga ein, der NW. davon liegt. Von einem der höchsten der Basalthügel betrachtet, sieht es aus als wären diese kleinen Anhöhen Ueberreste eines grossen ehemaligen Kraters, der, vielleicht durch Erdbeben zertrümmert, später durch Erosion in diese zahlreichen kleinen Kuppen umgestaltet wurde. [108]

In Buhi liess der freundliche Pfarrer durch Trommelschlag verkünden, dass der eben angekommene Fremde allerlei Thiere zu haben wünsche, Thiere der Erde, der Luft und des Wassers, Thiere der Berge, der Wälder und Felder, und alles baar bezahlen würde. Es wurden aber von den zahlreich herbeiströmenden Neugierigen nur Thiere der Häuser und der Leiber, Schaben, Tausendfüsse und andres Ungeziefer gebracht, die, nachdem sie zu Einlasskarten gedient, als seltene Waare verwerthet werden sollten.

Am folgenden Tage sah ich einen bunten Aufzug: Voran die spanische Fahne, welcher die Dorfpauke, 7×4 Reiter in kurzen Jacken und flatternden Hemden, ein Dutzend Musikanten und schliesslich als Hauptfigur der Träger einer rothseidenen Standarte folgten; eine Ehre, die den Bevorzugten nicht wenig stolz macht und zu einem Schmaus mit reichlichen Spenden von Kokoswein verpflichtet. Er sass zu Pferde, affenartig aufgeputzt, auf dem Kopf einen Dreimaster, der statt goldener Tressen, mit buntem Papier beklebt war, über dem Frack eine papierene Weiberpelerine, kurze enge gelbe Hosen, lange weisse Strümpfe und Schuhe. Rock und Hose waren gleichfalls statt der Tressen mit Papier benäht. Auf ähnliche Weise war das von zwei Cabezas geführte Pferd verziert. Nachdem der Zug sich durch die Strassen des Dorfes bewegt, machte er vor der Kirche Halt.

Dieses Fest wird alljährlich gefeiert zum Gedächtniss der von den Päpsten dem Könige von Spanien gemachten Konzession, die Erträge der Kreuzbulle für sich zu verwenden. Die spanische Krone besitzt in Folge davon das Recht, verschiedene Ablässe, auch für schwere Verbrechen, im Namen des Papstes zu ertheilen. Sie hat dieses Recht gewissermassen im Grossen erworben und verschleisst ihren Kunden die Indulte im Wege des Kleinhandels, früher durch die Pfarrer, seit 1851 im Estanco, zugleich mit andern von ihr monopolisirten Artikeln: Tabak, Branntwein, Loterieloosen, Stempelpapier etc.; jedoch »unter Mithülfe der Pfarrer«.7 Ohne letztere würde das Geschäft wohl wenig abwerfen. Die Einnahmen daraus haben immer sehr geschwankt; sie betrugen 1819: 15,930 Doll., 1839: 36,390 Doll., und waren für 1860 auf 58,954 veranschlagt; in den beiden Jahren 1844/45 aber stiegen sie auf 292,115 Doll., weil die Ablassscheine damals den Familien zwangsweise aufgenöthigt wurden, indem sie [109]von den Barangayhäuptern »unter Beihülfe und Ueberwachung der Pfarrer und Untersteuerbeamten«, die dafür, bezüglich, 8% und 5% Prämie erhielten, in die einzelnen Häuser vertheilt wurden; — wohl eine der schamlosesten Anwendungen des Repartimiento Systems.8

Der Buhi-See (92 Meter Meereshöhe) ist malerisch schön, fast auf allen Seiten von über tausend Fuss hohen Bergen umgeben; sein Westrand wird von dem noch vorhandenen Theil des Yriga-Kraters gebildet. Wie mir die Pfarrer der umliegenden Ortschaften mittheilten, soll der Vulkan bis zu Anfang des 17ten Jahrhunderts ein geschlossener Kesselberg gewesen, und als er bei einem grossen Ausbruch zur Hälfte einstürzte der See entstanden sein. Uebereinstimmend damit heisst es im Estado geogr. S. 247 (der wahrscheinlichen Quelle jener Mittheilungen): Am 4. Januar 1641, einem denkwürdigen Tage, weil zur selben Stunde alle damals in diesem Archipel bekannten Vulkane ausbrachen, stürzte in der Provinz Camarínes ein grosser, von Ungläubigen bewohnter Berg ein, und an seiner Stelle erschien ein schöner See, an welchen die Bewohner des (damaligen) Dorfes Buhi übersiedelten, weshalb er fortan Buhi-See genannt ward.

A. Perrey (S. 48) führt einen Ausbruch vom Jahre 1628 in Camarínes an, der gleichfalls auf jenes Ereigniss bezogen werden könnte:

»1628 bebte die Erde; nach glaubwürdigen Zeugnissen, an einem Tage vierzehnmal in Camarínes; viele Gebäude stürzten ein, ein grosser [110]Berg barst und es brach aus demselben eine solche Menge Wasser hervor, dass in den überschwemmten Gefilden die Bäume ausgerissen, und eine Stunde vom Meer (die direkte Entfernung zum Meer beträgt 2½ Leguas), die Ebene ganz mit Wasser bedeckt war.«9 Sonderbarer Weise aber stimmt der in einer Note gegebene Originaltext nicht zu A. Perrey’s Uebersetzung. Jener erwähnt nichts vom Hervorbrechen des Wassers aus dem Berge und sagt im Gegentheil, dass die von der ungeheuren Gewalt umgestürzten Bäume am Strande auf eine Stunde weit die Stelle des Meeres einnahmen, so dass auf dieser Strecke kein Wasser zu sehn war.10

Vulkan Yriga von Ost-Süd-Ost.

Vulkan Yriga von Ost-Süd-Ost.

Die Angabe im Estado geogr. muss deshalb Misstrauen erregen, weil in dem amtlichen Bericht über das grosse Erdbeben von 1641 die gleichzeitigen Ausbrüche dreier Vulkane, zweier im Süden des Archipels, einer in Nord-Luzon ausführlich geschildert werden, Camarínes aber ganz unerwähnt bleibt. Das Misstrauen wird durch den Umstand vergrössert, dass derselbe Autor (Nierembergius), dem obige Angabe über den Ausbruch von 1628 in Camarínes entlehnt ist, in einem andern Werke einen ausführlichen Bericht über das Ereigniss von 1641 giebt, ohne dabei dieser Provinz zu gedenken.11 Bei der grossen Gleichgültigkeit, mit welcher die Mönche Naturereignisse behandeln (waren doch selbst die am Fuss des Albay [111]wohnenden Pfarrer nicht einmal über die Daten seiner letzten Ausbrüche einig), ist es nicht unwahrscheinlich, dass der Ausbruch von 1641, bei welchem in Nord-Luzon ein Berg einstürzte und ein See an die Stelle trat, im Lauf der Zeit auf den Yriga übertragen wurde.

Vulkan Yriga von Südwest.

Vulkan Yriga von Südwest.

Auch von Tambong aus, einer kleinen zu Buhi gehörigen Visita am Seeufer, glückte es mir diesmal nicht die höchste Spitze zu erreichen. Wir gelangten Abends auf den südlichen Zacken des Kraterrandes (1041 Meter nach meiner Bar. Beob.), wo uns eine tiefe Schlucht am weiteren Vordringen hinderte. Die Ygorroten verliessen mich, die Indier weigerten sich zu bivuakiren um am folgenden Tage die Reise fortzusetzen; ich musste umkehren. Spät Abends kamen wir durch eine Kokospflanzung am Fuss des Berges und fanden Obdach gegen ein Gewitter bei einer freundlichen Alten, der meine Diener so viel vorlogen, dass wir trotz unseres Misserfolges, als der Regen nachgelassen, mit Fackeln nach Tambong geleitet wurden und den Palmenhain um den kleinen Weiler mit hellstrahlenden Freudenfeuern von trocknen Kokosblättern zauberhaft schön erleuchtet fanden, zu Ehren der »Conquistadores del Yriga«. Ich musste die Nacht in Tambong bleiben, weil die Leute zu zaghaft oder zu faul waren über den bewegten See zu fahren.

Hier sah ich Ananasfasern für Gewebe bereiten. Den zu diesem Zweck bestimmten Pflanzen wird gewöhnlich der Fruchttrieb ausgebrochen, wodurch die Blätter an Länge und Breite beträchtlich zunehmen. Eine Frau legt ein Brett auf den Boden, darauf ein Ananasblatt, die hohle Seite nach Oben gekehrt; sie hockt an einem Ende des Brettes, hält das Blatt mit den Zehen fest, und schabt mit einem Tellerscherben, nicht mit der scharfen Bruchkante, sondern mit dem stumpfen Rande des Umfangs die oberste Schicht des Blattes ab, die sich in Fetzen löst; dadurch wird eine Lage grober Längsfasern entblöst, die Arbeiterin fährt mit dem Nagel [112]des Daumens darunter, hebt sie auf, zieht sie in einem zusammenhängenden Streifen ab und schabt abermals bis eine zweite feine Faserschicht blosgelegt ist; dann dreht sie das Blatt um, schabt etwa eine Handbreit vom untern Ende der jetzt oben liegenden Rückseite des Blattes bis zur Faserschicht ab, fasst diese mit der Hand und zieht sie der ganzen Länge nach auf einmal vom Blattrücken ab. Nachdem die Fasern gewaschen, um sie von dem noch daran haftenden Parenchym zu reinigen, trocknet man sie an der Sonne. Später werden sie mit einem gewöhnlichen Kamm wie Frauenhaar gekämmt, nach ihrer Feinheit in vier Klassen sortirt, an einander geknüpft und ebenso behandelt wie Lupifasern.12 Auf diese rohe Weise gewinnt man die Fäden für die berühmten Gewebe, Nipis de Piña, die von Kennern für die feinsten der Welt gehalten werden. Zwei Hemden aus diesem Stoff sind im Berliner ethnographischen Museum (unter 291 und 292), feinere Gewebe im Gewerbe-Museum ausgestellt. In den Philippinen, wo man die Feinheit der Arbeit am besten zu würdigen versteht, sind reich gestickte Piñakleider mit mehr als 2000 Thaler das Stück bezahlt worden.13

In Buhi, das nicht hinreichend gegen den NO. gedeckt ist, regnete es fast so viel wie in Darága. Ich hatte mit den Ygorroten ausgemacht, dass sie einen Pfad durch das hohe Rohr bis zum Gipfel durchschlagen sollten, es unterblieb aber wegen des anhaltenden Regens, und ich entschloss mich über den Malinao zu steigen, längs der Küste in mein Standquartier zurückzukehren und neu ausgerüstet den Bicolfluss bis Naga hinabzufahren.

Bevor wir uns trennten bereiteten die Ygorroten noch Pfeilgift für mich, aus zwei Baumrinden, von denen sich Proben unter B. 103 und B. 104 in der botanischen Sammlung der Berl. Universität befinden. Ich bekam nur die Rinden zu sehn, weder Blätter noch Blüthen. Die Bastschicht der Rinde B. 103 wurde zerklopft, ausgedrückt, angefeuchtet und noch einmal ausgedrückt. Dies geschah mit der blossen Hand, die aber nicht verletzt sein darf. Der Saft sieht wie dünne Erbsensuppe aus, er wird in einem Topfscherben über schwachem Feuer eingedampft, wobei er an den Rändern gerinnt. Das Coagulum löst sich durch Umrühren wieder in der kochenden Flüssigkeit. Ist diese zu Syrupsdicke eingedampft, so wird von der innern Oberfläche der Bastschicht B. 104 eine geringe Menge, etwa ​1⁄10​ so viel als [113]B. 103, abgeschabt und über dem Topf ausgedrückt; dieser Saft ist dunkelbraun. Wenn das Gemenge die Konsistenz einer zähen Salbe hat, so wird es mit einem Span aus dem Scherben herausgekratzt und in einem mit Asche bestreuten Blatt aufbewahrt. Zum Vergiften eines Pfeils verwendet man ein Stück von der Grösse einer Haselnuss, das durch Erwärmen gleichmässig über die breite eiserne Spitze vertheilt wird. Ein vergifteter Pfeil dient viele Male.

Ende November verliess ich den schönen Buhi-See und fuhr, von seinem östlichsten Winkel aus, eine kurze Strecke den kleinen Sapafluss hinauf14, dessen Anschwemmungen einen beträchtlichen Vorsprung im Umriss des Sees bilden. Ueber eine feuchte Wiese gelangt man an den Abhang des Malinao oder Buhi, der schlüpfrige Thon des untern Abhanges geht weiter oben in vulkanischen Sand über. In dem sehr feuchten Wald wimmelte es von kleinen Blutegeln; ich hatte sie nie zuvor in solcher Menge angetroffen. Die Thierchen, ausgestreckt nicht dicker als Zwirnsfäden, sind ausserordentlich behende, setzen sich an alle Stellen des Körpers fest, dringen selbst in die Nase, in die Ohren, in die Augenlider und saugen sich, wenn man sie nicht bemerkt, so voll, dass sie kugelrund werden und wie kleine Kirschen aussehn. Während sie saugen empfindet man keinen Schmerz, aber später jucken die angegriffenen Stellen oft noch tagelang.15 An einer Stelle bestand der Wald überwiegend aus Feigenbäumen mit sechs Fuss langen, an dem Stamm und den dickeren Aesten hängenden Fruchttrauben. Die Früchte von Kirschengrösse sassen vereinzelt an den sparrigen holzigen Stielen. Zwischen den Bäumen wucherten kletternde Farne, Aroideen, Orchideen. Nach fast sechs Stunden erreichten wir um 12½ Uhr die Passhöhe (841 Meter) und stiegen am östlichen Abhang hinab. Der Wald ist auf der Ostseite des Berges noch prächtiger als auf der westlichen. Von einer Lichtung hatten wir eine Aussicht auf das Meer, die Insel Catanduanes und die Ebene von Tabaco. Mit Sonnenuntergang langten wir in Tibi an, wo ich mich in dem saubern, von starken Bambusen eingefassten Gefängniss einquartierte, dem wohnlichsten Raum eines langen Schuppens, der die Stelle des vor zwei Jahren durch Sturm zerstörten Tribunals [114]vertrat. Von Tibi hatte ich Gelegenheit den Malinao (auch Buhi und Takít genannt,) zu zeichnen: der von dieser Seite als ein grosser Vulkan mit deutlichem Krater erscheint, vom Buhi-See aus ist er als ein solcher nicht mit voller Sicherheit zu erkennen.

Die Spitze a liegt von Tibi gesehn S. 49°7; b 54°8; d 64°2; e 67° W.; die Einsenkung c S. 59°5 W.

Die Spitze a liegt von Tibi gesehn S. 49°7; b 54°8; d 64°2; e 67° W.; die Einsenkung c S. 59°5 W.

Nicht weit von Tibi, genau NO. vom Malinao, liegt eine schwache Solfatara, Igabó genannt: in der Mitte einer rings von Bäumen umgebenen Rasenfläche ist eine kahle Stelle von ovaler Form, nahe hundert Schritt lang, 70 breit. Der ganze Raum ist mit kopfgrossen und grösseren, durch Zersetzung abgerundeten Steinen bedeckt, beim Zerschlagen lösen sich von der Oberfläche dünne konzentrische Schalen, der Kern ist grau und besteht aus Trachyt. An einigen Stellen sprudelt aus dem Boden heisses Wasser, das sich zu einem kleinen Bach sammelt, einige Weiber waren beschäftigt ihre Mahlzeit zu kochen, indem sie mittelst eines Netzes Caladiumschnitte in das dem Siedepunkt nahe Wasser hingen. An der untern Fläche einiger Steine war ein wenig Schwefel sublimirt, von Alaun kaum Spuren wahrnehmbar; in einer Vertiefung hatte sich Kaolin angesammelt; es wird gelegentlich zum Anstrich benutzt.

Kieselsprudel bei Tibi.

Kieselsprudel bei Tibi.

Rother Kegel. Weisser Kegel.

Der weisse Kegel.

Der weisse Kegel.

Von hier begab ich mich zu den nahegelegenen Sinterquellen von Naglĕgbĕng.16 Ich hatte Kalksprudel erwartet, und fand die prachtvollsten [115]Kieselbildungen, in den manchfaltigsten Aggregatzuständen, in den verschiedensten Stufen der Ausbildung: flache Kegel mit zylindrischen Aufsätzen, Stufenpyramiden, runde Becken mit geripptem Rande, kochende Teiche. Eine von Bäumen entblösste Stelle zwei bis dreihundert Schritt breit und anderthalb mal so lang, ist, wenige mit Rasen bewachsene Lücken ausgenommen, mit einer Kruste von Kieselsinter bedeckt, die zuweilen grosse zusammenhängende Flächen bildet, gewöhnlich aber durch vertikale Sprünge in fliesenartige Platten zerborsten ist. An unzähligen Stellen dringt siedend heisses, kieselsäurehaltiges Wasser aus dem Boden, verbreitet sich über die Fläche und setzt sowohl durch Erkaltung als durch Verdampfung allmälig eine Kruste ab, deren Dicke mit der Entfernung vom Mittelpunkt regelmässig abnimmt; so entsteht mit der Zeit ein sehr flacher Kegel, mit einem Becken kochenden Wassers in der Mitte. Durch weiteren Sinterabsatz verengt sich der Zuflusskanal, es läuft weniger Wasser über, das schon in unmittelbarer Nähe des Beckenrandes verdampft und in jedem Tropfen ein feines Körnchen Kieselerde absetzt; dadurch wird nicht nur der obere Theil des Kegels steiler als seine Basis, es bildet sich auch zuweilen ein zylindrischer Aufsatz, dessen äussere Seite, weil das Wasser nicht völlig gleichmässig überfliesst, stalaktitisch gerippt ist. Ist der Kanal soweit verstopft, dass der Zufluss geringer ist als die Verdampfung, so läuft kein Wasser mehr über den Rand; der Sinter setzt sich dann bei der allmäligen Abkühlung des Wassers mit der grössten Gleichmässigkeit am innern Umfang des Beckens ab; in dem Maasse aber als der Spiegel des Wassers sinkt, hört die Sinterbildung im oberen Theil des Beckens auf; daher nimmt die innere Wand an Dicke zu, und wenn der Kanal gänzlich verstopft, alles Wasser verdampft ist, so bleibt ein glattes drehrundes, wie von Menschenhand ausgemeisseltes, umgekehrt glockenförmiges Becken zurück. In der Abbildung des weissen Kegels sind drei Indierinnen auf [116]dem Rande eines solchen stehend dargestellt, ein noch schönerer Beckenrand ist auf der rechten Kuppe des rothen Kegels wahrzunehmen. Das Wasser sucht sich nun einen neuen Ausweg, und bricht an der Stelle hervor, wo es den geringsten Widerstand findet, ohne den schönen von ihm aufgebauten Kegel zu zerstören. Solcher Beispiele sind mehrere vorhanden. Bei den grössten Kegeln aber, die aus einer bedeutenden Wassermasse, einem kleinen Teiche entstanden, erlangen die Dämpfe, wenn ihr Schlot verstopft ist, solche Spannkraft, dass sie die oberflächliche Kruste in konzentrisch strahlige Schollen zersprengen. Das Wasser sprudelt nun reichlich aus der Mitte hervor und richtet, indem es den Sand unter den Schollen zusammenschwemmt, diese steil, zuweilen fast senkrecht in die Höhe; so entstehen ringförmige Stufen, deren horizontale Decke sich erst allmälig durch neue Absätze aus dem überströmenden Wasser bildet. An den auf der Zeichnung dargestellten beiden grossen Kegeln, dem »weissen« und dem »rothen«, sieht man diese Stufenbildung vollendet, an vielen andern Stellen ist sie im Entstehn. Zuweilen bricht, nachdem die Stufenpyramide fertig, der Zufluss verstopft ist, das Wasser auf dem Abhang desselben Kegels aus, dann entsteht ein zweiter Kegel neben dem ersten auf derselben Basis, die vorstehende Zeichnung stellt eine solche Bildung im Entstehn dar, die folgende zeigt sie in der Vollendung. In der Nähe der Kieselbrunnen sieht man Ablagerungen, weisse, gelbe, rothe, graublaue Thone, in schmalen Bändern wie bunte Mergel einander überlagern, offenbar Zersetzungsprodukte vulkanischer Gesteine durch Regen dahingeschwemmt und durch die Oxyde des Eisens gefärbt. Vielleicht stammen diese Thone von denselben Gesteinen, aus deren Zersetzung die Kieselerde hervorgegangen, und sind die letzten festen Ueberreste derselben. Ihre Menge ist aber nur gering, sie liegen nicht an ihrer ursprünglichen Lagerstätte und würden nur einen kleinen Theil der ursprünglichen Masse darstellen. Ganz ähnliche Verhältnisse kommen in Island und in Neuseeland vor, aber sehr viel mannichfaltiger, schöner, reiner als die Produkte der isländischen Geyser sind die der Sprudel von Tibi. Es finden sich Lager von Pflanzen mit einer so feinen Kruste von Kieselsinter überzogen, dass alle Blattnerven deutlich zu erkennen, die Galvanoplastik könnte nicht zierlicher arbeiten. An andern Stellen wechsellagern dünne Schichten undurchsichtig weissen oder sehr schwach röthlichen Sinters mit Bändern durchsichtigen gelben Opals und Hyaliths. Zuweilen, wo die Kieselerde lange in gallertartigem Zustande geblieben, haben die durch die zähe Masse dringenden Gasblasen Reihen dünnwandiger Zellen gebildet, so dicht und regelmäsig, als wären sie organischen Ursprungs, die Zellen sind leer oder [117]mit Hyalith erfüllt, der zuweilen in ununterbrochenen Strahlen die Sintermassen durchdringt.17 An andren Stellen hat sich der Sinter in dünnen konzentrischen Schalen um feste Körperchen abgesetzt und Lager von Erbsenstein gebildet. Ueberraschend schön wirklich monumental aber ist der wunderbare Aufbau des rothen Kegels, der schwerlich irgend wo in der Welt seines gleichen haben dürfte.

Der rothe Kegel.

Der rothe Kegel.

[118]


1 Nach Grunow, der sie bestimmt hat, Cladophora anisogona Kützing. = Conferva anisogona Montagne. 

2 Giebel und Siewert Ztschrft. f.d. ges. Naturw. 1870 Bd. 1, 377 enthält einen interessanten Aufsatz von Rob. Pott über Javanische Fleisch-, Fisch- und Krebsextrakte. 

3 Dr. Semper, der sie nach eigner Anschauung schildert (Skizzen 57), scheint bei den Ygorroten eine solche Mischung nicht anzunehmen. 

4 S. Semper 52. 

5 Genau eben so fand Pigafetta die Musikmädchen des Königs von Cebu ganz nackt oder mit einem Schurz aus Baumrinde bekleidet (S. 82). Die Hofdamen trugen ausser Hut und kurzem Schleier nur ein kleines Schamband. (S. 89.) 

6 Aus denselben Gründen haben vielleicht die Chinesen bei ihrem ersten Verkehr mit den Portugiesen den später wieder aufgegebenen Gebrauch der Kreuze angenommen. Pigafetta (187) bemerkt: Die Chinesen sind weiss und tragen Kleider, sie essen von Tischen, wie wir. Sie haben Kreuze, man weiss aber nicht wozu. 

7 »Die Kirchenprälaten sollen ihren Untergebenen ausdrücklich vorschreiben, den Indiern häufig zu predigen, und sie zu überreden ... dass es Pflicht der Gerechtigkeit und des Gewissens sei, ihren Tribut zu zahlen, und dass sie eine Fülle von Ablass gewinnen, indem sie die heilige Kreuz-Bulle kaufen, ... wegen der geringen Aufklärung und Wissenschaft besagter Indier über diese beiden, für ihre Erlösung eben so wichtigen, als dem Sinne unseres katholischen Monarchen entsprechenden Punkte.« Leg. ult. I, 266 §. 90. 

8 Der Ursprung dieser Bullen liegt in den von den Päpsten des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts zu Gunsten derjenigen Personen erlassenen geistlichen Gnaden, die sich persönlich oder durch Spenden an den Kreuzzügen betheiligten. Julius II. überliess die Einnahmen daraus auf drei Jahre den spanischen Königen, spätere Päpste verlängerten den Termin; 1750 erhielt Ferdinand VI. für sich und seine Nachfolger das Recht die Erträge der Kreuzbulle selbstständig zu erheben und zu verausgaben. Die Kreuzbulle besteht in einer Bulle für Lebende (de vivos), deren Besitzer durch jeden Priester sogar wegen verheimlichter Verbrechen frei gesprochen werden können; einer Bulle für Todte (de difuntos) zur schnelleren Erlösung aus dem Fegefeuer; einer Bulle den Genuss von Milch, Eiern und Fleisch an Fasttagen gestattend (de lacticinios), Abfindungsbullen (de composicion), wodurch u. a. Diebe, Betrüger, Erbschleicher, Alle, die fremdes Gut nehmen oder behalten, wenn ihnen der eigentliche Besitzer unbekannt ist, Buhler, solche die um Geld falsches Urtheil sprechen, Frauen, die für Geld Ehebruch treiben, falsche Zeugen u.s.w. vollkommenen Ablass erhalten, und das schlecht erlangte Gut in gutem Glauben und mit ruhigem Gewissen als rechtmässig erworbenes Eigenthum behalten dürfen. Doch dürfen jene Verbrechen nicht begangen sein mit der Absicht, sich durch den Kauf der Bulle von der Schuld frei zu machen; denn in solchem Falle müsste der Kasse der heiligen Kreuzbulle das Ganze herausgegeben werden. Nach dem ersten amplifizirten spanischen Text des päpstlichen Kommissars genügte ein Ablasschein von 2 r. für Veruntreuungen bis zur Höhe von 2000 Maravedis. Für solche von über 100,000 Maravedis war mit dem Kommissar zu akkordiren. (R. P. And. Mendo Bullae Sanctae Crucis Elucidatio.). Seit 1801 gilt in den Philippinen ein bedeutend höherer Tarif. 

9 En 1628, d’après des rapports dignes de foi, la terre trembla 14 fois le même jour dans les Camarínes; beaucoup d’édifices furent renversés, une grande montagne se fendit et il en sortit une telle quantité d’eau, que dans les campagnes inondées les arbres furent arrachés et qu’à une lieue de la mer la plaine était toute couverte d’eau. 

10 Apud Camarines quoque terram eodem die quatuor decies contremuisse, fide dignis testimoniis renuntiatum est: multa interim aedificia diruta. Ingentem montem medium crepuisse immani hiatu, ex immensa vi excussisse arbores per oras pelagi, ita ut leucam occuparent aequoris, nec humor per illud intervallum appareret. Accidit hoc anno 1638. S. Eusebius Nierembergius, Historia Naturae lib. XVI, 383. Antwerpiae 1635 Fol. (1638 ist bei Perrey, nicht aber im Original verdruckt für 1628). 

11 Siehe Anhang: Succeso raro. 

12 Siehe weiter unten bei Abacá. 

13 Im Fort William, Calcutta, angestellte Versuche haben die ausserordentliche Festigkeit der Ananasfaser dargethan. Ein Kabel von 8 Cm. Umfang zerriss erst bei einem Gewicht von 2850 Kilogr. (Rappt. Exp. Lond. II. 62.) 

14 Sapa heisst flach. 

15 Hooker (Himalayan Journ. I, 167) schreibt der ausserordentlichen Häufigkeit dieser Annulaten in Sikkim den Tod vieler Thiere zu, auch das für Rinderpest geltende Viehsterben, wenn es nach einer sehr nassen Jahreszeit eintritt, in deren Folge die Blutegel in unglaublichen Mengen erscheinen . . . Es ist eine bekannte Thatsache, dass diese Würmer Tage lang in den Nasenlöchern, im Schlund und Magen von Menschen gelebt, unsägliche Schmerzen und den Tod veranlasst haben. 

16 Gemelli Careri erwähnt sie schon. 

17 In ausserordentlicher Schönheit und Ausdehnung fand ich diese Aggregationsform bei den grossen Kieselablagerungen von Steamboat Springs, Nevada Territory. 

[Inhalt]
Pavavá

Pavavá

Gestell und Kasten von Bambus, Verbände und Nasenseil des Büffels von Stuhlrohr, Dach von Pandanusblättern.

VIERZEHNTES KAPITEL

LEBENSWEISE UND SITTEN DER BICOLINDIER.

Bei der zweiten Reise nach Camarínes, die ich im Februar unternahm, fuhr ich zu Wasser von Polángui über Bátu bis Nága. Der Quináli, der SO. in den Batusee fliesst, tritt am Nordrande als Bicolfluss wieder aus, und läuft in NW. Richtung bis zur Bay von S. Miguél. Er vermittelt einen nicht unbedeutenden Handel zwischen Albáy und Camarínes, namentlich in Reis, da der in erster Provinz gewonnene für die in Folge des Abacábau’s sehr gestiegene Bevölkerung nicht ausreicht und Camarínes Ueberfluss davon hat. Der Reis wird in grossen Kähnen flussaufwärts bis Quináli geschafft und von dort in Büffelkarren weiter verführt; die Boote gehn leer zurück. Die Breite des sehr windungsreichen Bicol beträgt in der trocknen Jahreszeit am Seeausfluss wenig über 60 Fuss und nimmt nur sehr allmälig zu. Die Vegetation der Ufer bietet ziemliche Abwechslung, besonders anziehend ist das Thierleben, namentlich das Treiben der zahlreichen Affen und Wasservögel. Unter letzteren waren Plotus (P. melanogaster) besonders häufig — aber schwer zu schiessen. Bewegunglos sitzen sie auf den Bäumen am Ufer, nur ihr dünner Hals und Kopf ragt wie eine Baumschlange aus dem Laube hervor. Bei dem Annähern des Bootes stürzen sie jäh in’s Wasser und erst nach vielen Minuten sieht man den dünnen Hals wieder empor tauchen, weit entfernt von der Stelle, wo der Vogel verschwunden war. Im Fliegen scheint der Plotus nicht minder gewandt als im Schwimmen und Tauchen. [119]

Halbwegs zwischen Batu und Bula steht ein Kalkofen; das Gestein, ein fester, gelblicher Kalk voll Steinkerne von Korallen (Seriatopora? und unbestimmbaren Zweischalern), kommt aus einem flachen Hügelzug, zwei Stunden Büffelschritt WSW, anscheinend einem gehobenen Korallenriff. Weiter stromabwärts wird die Gegend flacher, nur die grossen Vulkane ragen über die von Reisfeldern eingenommene Ebene.

In Nága, der Hauptstadt von Süd-Camarínes, stieg ich im Tribunal ab, wurde aber alsbald von dem wegen seiner Gastfreundschaft weit über die Grenzen seiner Provinz berühmten Administrador in sein Haus geholt und mit Liebenswürdigkeit und Gefälligkeiten überhäuft. Der allgemein beliebte Herr setzte alles in Kontribution um meine Sammlungen zu bereichern, und that was er konnte um mir den Aufenthalt angenehm zu machen und meine Zwecke zu fördern.

Nága ist die Hauptstadt von Süd-Camarínes, Sitz eines Bischofs und der Provinzial-Regierung. In amtlichen Dokumenten wird es Nueva-Cáceres genannt zu Ehren des aus Cáceres gebürtigen General-Kapitäns D. Fr. de Sande, der 1578 neben dem Indierdorf Nága eine spanische Stadt gründete. Zu Anfang des 17ten Jahrhunderts zählte sie gegen 100 spanische Einwohner (Morga f. 151), gegenwärtig kaum ein Dutzend. Schon Murillo Velarde (XIII, 272) bemerkt, dass, im Gegensatz zu Amerika, von allen in den Philippinen gegründeten Städten, mit Ausnahme Manila’s, nur noch die Skelette, die Namen ohne die Substanz sich erhalten haben. Der Grund liegt, wie schon mehrfach hervorgehoben, darin, dass es bis jetzt an Pflanzungen und mithin an eigentlichen Ansiedlern fehlt. Früher war Nága Hauptstadt des ganzen östlich von Tayábas gelegenen Theiles von Luzon, der bei zunehmender Bevölkerung in die drei Provinzen Nord- und Süd-Camarínes und Albáy zerlegt wurde. Die Grenzen dieser Verwaltungsbezirke sind namentlich zwischen Albáy und Süd-Camarínes ziemlich willkürlich gezogen, während das Gesammtgebiet, wie die Karte zeigt, geographisch sehr gut begrenzt ist. Im Verkehr wird es auch wohl noch gegenwärtig im Zusammenhang Camarínes genannt; am passendsten könnte man es das Land der Bicol nennen; denn es ist von einem Volksstamm, den Bicolindiern bewohnt, der sich sowohl durch seine Sprache, als durch manche Eigentümlichkeiten von seinen Nachbarn, den Tagalen im Westen und den Bisayern, auf den Inseln im Süden und Osten unterscheidet.

Die Bicol sind auf das in Rede stehende Gebiet und einige kleine unmittelbar davor liegende Inseln beschränkt. Ueber ihre Herkunft geben die umfangreichen, inhaltlosen Geschichten spanischer Mönche keinen Aufschluss. Morga hält sie für Eingeborene der Insel, dagegen sei durch [120]Ueberlieferung bekannt, dass die Bewohner von Manila und Umgebung von vor Zeiten dort eingewanderten Malayen und Bewohnern anderer Inseln und ferner Provinzen abstammen.1 So wie ihre Sprache zwischen der der Tagalen und Bisayer mitten innen steht, so scheinen die Bicols selbst auch in ihren Fähigkeiten und Sitten einen Uebergang zwischen beiden zu bilden, den Tagalen körperlich wie geistig im Allgemeinen nachzustehn, den Bewohnern der östlichen Bisaya-Inseln überlegen zu sein. Bicol wird nur in beiden Camarínes und Albáy auf Luzon, und auf den Inseln Masbáte, Burías, Ticáo, Catanduánes und den kleinen benachbarten Eilanden gesprochen. Am reinsten sprechen es die Bewohner des Vulkanes Ysaróg und seiner unmittelbaren Umgebung. Von dort gen Westen nimmt die Bicolsprache immer mehr tagalisch, nach Osten hin bisaya auf, und geht allmälig, wohl noch ehe sie die Grenzen ihres ethnographischen Gebietes erreicht, in diese beiden Nachbarsprachen über. Es dürfte zweckmässig sein, die hervorragendsten Züge in der Lebensweise der Bicolindier, deren Mehrzahl sie mit den Tagalen und Bisayern gemein haben, hier an einander zu reihen.

Ein allgemeiner Ueberblick der geographischen Verhältnisse und der durch sie bedingten Vertheilung der trockenen und nassen Jahreszeiten ist bereits S. 94 gegeben worden.

Der Pflug, Arado,

Der Pflug, Arado,

ist von dem noch heut in Spanien gebräuchlichen wenig verschieden. Ausgenommen d und e ist alles von Holz, selbst die Nägel. — a, tokod 0m71; b, timon 0m21; c, caballo 1m67; d, lipia, Länge 0m21, Breite oben 0m16, unten 0m11; e, sodsod 0m21 lang, 0m16 breit; g, pakanap 0m71; d ist mit a, g mit a und c durch Stuhlrohr verbunden.

Ackergeräth der Bicolindier.

Ackergeräth der Bicolindier.

Fig. 1 und 2 Soród: a, tampong aus Bambus 0m52; b, badas von Caryota 0m68; c, papan aus dem sehr harten Holze des Camagon, einer Ebenacee 0m73 lang, 0m12 dick; d, tagiak, aus knorrigen Aesten, zum Anspannen des Büffels; e, nipon (Zahn) aus Caryota 0m31; f, Bänder von Stuhlrohr.

Fig. 3 und 4 Azadón.

Fig. 5 und 6 Kag-kag (ganz von Bambus) Länge der Zähne 0m16.

Reismesser.

Reismesser.

NB. Der Reishalm ist aus Versehn zu gross dargestellt, ist nicht dicker als ein Strohhalm.

Die Aussaat des Reises in Beeten beginnt in Süd-Camarínes im Juni oder Juli, je nach dem Eintritt der Regenzeit; in künstlich berieselten Feldern [121]früher, weil die Frucht dann zu einer Zeit reift, wo ihr Vorrath im Lande gering, ihr Preis hoch ist. Obgleich Rieselfelder sehr wohl zwei Ernten jährlich liefern könnten, so werden sie doch nur einmal bestellt. Im August wird umgepflanzt mit handbreiten Zwischenräumen zwischen den Linien und den einzelnen Pflanzen, vier Monate später ist der Reis reif. Die Felder werden nie gedüngt und nur selten gepflügt, gewöhnlich lässt man durch einige Dutzend Büffel das Unkraut und die Stoppeln in den schon durchweichten Boden eintreten, der dann nur noch mit einer stachlichten Walze gerollt, oder mit dem Sorod gelockert wird. Ausser den genannten Ackergeräthschaften, sind noch die spanische Hacke (Azadón) und ein Rechen von Bambus (Kag-kag) in Gebrauch. Bei der Ernte geht es eigenthümlich zu. Der Reis, welcher zuerst reift, wird für 10% geschnitten, d. h. der Arbeiter empfängt für seine Mühe das 10te Bündel vom Eigenthümer. Um diese Zeit ist der Reis sehr knapp, oft ist Noth vorhanden und Arbeitskraft billig; je mehr Felder aber in Reife kommen, um so theurer wird der Schnitterlohn, er steigt auf 20, 30, 40 selbst 50%, ja die Behörden halten es zuweilen für nöthig, die Leute durch Körper- und Gefängnissstrafe zum Ernten zu zwingen, damit nicht ein grosser Theil auf dem Halm verfaule. Dennoch geht in sehr fruchtbaren Jahren immer ein Theil der Ernte verloren. Man schneidet den [122]Reis Halm für Halm (wie in Java), mit einem eigentümlich geformten Messer, oder in Ermangelung eines solchen, mit der scharfrandigen Klappe einer in den Gräben der Reisfelder lebenden Muschel2; man braucht sich nur zu bücken, um sie aufzunehmen.

Ein Quiñon bestes Reisland gilt 60–100 Dollars (8 bis 13 Thaler per Morgen). Am theuersten sind Rieselfelder auf Anhöhen, die nicht wie die Felder in der Ebene verheerenden Ueberschwemmungen ausgesetzt sind, und so bewirtschaftet werden können, dass ihre Frucht zur Zeit der höchsten Preise reift.

Auf vier Topones (1 Topon = 1 Loan) pflanzt man 1 Ganta und erntet 100 Manojos (Bündel), die je ½ Ganta Reis geben, also das fünfzigste Korn. Man darf die alte Ganta von Naga wohl = 1½ Gantas setzen, dann berechnet sich der Ertrag auf 75 Cabanes per Quiñon, etwa 9¾ Scheffel per Morgen, ungefähr soviel wie in Preussen.3 In Büchern werden gewöhnlich 250 Cabanes als Ertrag eines Quiñon angegeben, als Durchschnitt wohl eine Uebertreibung. Die Ergiebigkeit der Felder ist allerdings eine sehr verschiedene, aber wenn man erwägt, dass die Aecker in den Philippinen nie gedüngt werden, sondern zur Erhaltung ihrer Fruchtbarkeit ausschliesslich auf den durch die Ueberfluthungen aus den Bergen ihnen zugeführten Schlamm angewiesen sind, so mögen obige Zahlen dem wirklichen Durchschnitt wohl eher entsprechen. In Java beträgt in vielen Provinzen die Ernte nur 50 Cabanes per Quiñon, in manchen freilich das Dreifache4; in China bei sorgfältigster Kultur und reichlicher Düngung 180 Cabanes.5 Ausser Reis wird Camote (süsse Kartoffel, Convolvulus batatas) gebaut, die wie Unkraut wuchert, ja sie wird zuweilen sogar angepflanzt, um auf dem zum Kaffee-, Cacao- oder Abacábau bestimmten Boden das Unkraut zu vertilgen. Sie breitet sich zu einem dichten Teppich aus, und ist, da die Ausläufer Wurzel schlagen und Knollen bilden, eine fast unversiegbare Vorrathskammer für den Besitzer, der das ganze Jahr hindurch seinen Bedarf dem Felde entnehmen kann. Auch Gabi (Caladium), Ubi (Dioscorea), Mais und zwei Arum-Arten sind Gegenstände des Feldbaus.

Nach der Reisernte werden Büffel, Pferde und Rinder auf die Felder gelassen. Während des Reisbaues bleiben sie in den Gogonales, Rohrsteppen, die namentlich dort entstehn, wo für den Bau von Bergreis [123]gelichtete Stellen wieder verlassen werden. Gogo ist der Name eines 7 bis 8′ hohen Rohres (Saccharum sp.). Transport findet dann fast nicht statt, weil während der Regenzeit die Wege nicht benutzbar sind und das Vieh nichts zu fressen fände. Der Indier füttert sein Vieh nicht; er lässt es verhungern, wenn es sich nicht selbst erhalten kann. In der nassen Jahreszeit kommt es nicht selten vor, dass ein Büffel, während er den Karren zieht, vor Hunger zusammenstürzt. Ein Büffel kostet 7–10 Dollars, ein Pferd 10–20, eine Kuh 6–8. Sehr schöne Pferde bezahlt man mit 30–50 Dollars, ausnahmsweise sogar bis 80 Dollar, doch werden die hiesigen Pferde in Manila nicht geschätzt, weil sie nicht aushalten; das schlechte Wasser, das schlechte Heu und die grössere Hitze daselbst, richten sie schnell zu Grunde, sonst würde es vortheilhaft sein, Pferde in der guten Jahreszeit nach Manila zu verschiffen, wo sie etwa das Doppelte kosten. Nach Morga (f. 130) gab es weder Pferde noch Esel auf der Insel, bis die Spanier sie aus China und Neu-Spanien einführten.6 Erstere waren klein und bösartig; auch aus Japan wurden Pferde bezogen, »nicht schnell aber stark mit grossen Köpfen und dicker Mähne, wie Friesen aussehend«.7 Die Pferde vermehrten sich schnell, die im Lande geborenen, meist von gekreuzter Rasse, schlugen gut ein.

Das Rindvieh ist gewöhnlich in den Händen Einzelner. Es giebt in Camarínes Individuen, welche 1000 bis 3000 Stück besitzen, in der Provinz ist es kaum verkäuflich, doch wird es seit einigen Jahren mit Vortheil nach Manila ausgeführt. Das Rindvieh der Provinz ist klein aber wohlschmeckend, zur Arbeit wird es nie benutzt, auch die Kühe werden nicht gemolken. Die Indier ziehen das Büffelfleisch dem Rindfleisch vor, essen es aber nur an Festtagen, gewöhnlich geniessen sie nur Fische, Krebsthiere, Muscheln und wilde Kräuter zum Reis.

Die alte, von den Spaniern vor Jahrhunderten eingeführte Rasse von Schafen hält sich gut und vermehrt sich leicht; die gelegentlich von Shanghai und Australien gebrachten stehn im Rufe, nicht so gut auszudauern; sie sollen unfruchtbar sein, gewöhnlich bald sterben. In Manila ist Hammelfleisch [124]täglich zu haben, im Innern aber, wenigstens in den östlichen Provinzen fast nie, obgleich die Schafzucht ohne Schwierigkeit, an manchen Orten mit grossem Vortheil getrieben werden könnte. Man ist aber zu nachlässig, um die jungen Lämmer zu hüten, und klagt, dass sie von den Hunden zerrissen werden, wenn sie frei herumlaufen. Die Schafe scheinen sich schwer akklimatisirt zu haben. Morga (f. 130) sagt, dass sie viele male aus Neu-Spanien mitgebracht wurden, sich aber nicht vermehrten, so dass zu seiner Zeit diese Art von Hausthieren nicht vorhanden war. Schweinefleisch wird von wohlhabenden Europäern nur dann gegessen, wenn das Schwein von Jugend auf im Hause erzogen worden ist. Um zu verhüten, dass es sich herumtreibe, wird es gewöhnlich in einen Bambuskäfig, einen weitmaschigen zylindrischen Korb, eingeflochten, und geschlachtet, wenn es denselben ausfüllt. Von den Schweinen der Eingeborenen zu essen ist zu ekelhaft; die Thiere leben unter dem Abtritt, der in manchen kleinen Häusern nur aus den Zwischenräumen der aus Bambuslatten gebildeten Diele besteht und ernähren sich von seinen Abfällen, die sie gierig verschlingen; häufig sieht man sie im Dorfe herumlaufen, Kopf und Hals mit den Resten ihrer Malzeit besudelt.

Crawfurd (338) bemerkt, dass die Namen aller Hausthiere in den Philippinen fremden Sprachen angehören. Hund, Schwein, Ziege, Büffel, Katze, selbst Huhn und Ente seien malayisch oder javanisch; Pferd, Ochs, Schaf, spanisch. Wenn jene Thiere erst von den Malayen eingeführt wurden, so waren die Ureinwohner übler daran, als die Amerikaner, die doch das Alpaca, Llama und Vicuña hatten. — Auch die Namen der meisten Kulturpflanzen, Reis, Yams, Zuckerrohr, Kokos, Indigo seien malayisch, so wie die für Silber, Kupfer, Zinn. Von den auf Gewerbe bezüglichen Wörtern sei ein Drittel malayisch, von Handelsausdrücken die grosse Mehrzahl; auch die Benennungen für Maasse, Gewichte, für den Kalender, soweit ein solcher vorhanden, so wie die (sehr entstellten) Zahlwörter, die Wörter für Schreiben, Lesen, Sprache, Erzählung. Dagegen ist nur eine Minderzahl der Ausdrücke, die sich auf den Krieg beziehn, dem malayischen entlehnt.

Aus den ächt einheimischen Wörtern schliesst Crawfurd auf den Grad der Zivilisation, den die Philippiner vor ihrem Verkehr mit den Malayen besassen: sie baueten kein Getreide, ihre Pflanzenkost bestand in Bataten (?) und Bananen. Sie besassen nicht ein Hausthier, kannten Eisen und Gold, aber kein anderes Metall, und kleideten sich in selbst gewebte Baumwollen- und Abacá-Stoffe. Sie hatten ein eignes phonetisches Alphabet erfunden. Ihre Religion bestand im Glauben an gute und böse Geister und Hexen, in Beschneidung und etwas Sterndeuterei. Somit waren sie den Bewohnern der Südsee voraus durch den Besitz von Gold, Eisen und Geweben und standen ihnen nach, indem sie weder Hund, Schwein noch Huhn besassen.

Lässt man die obige nur mit Hülfe mangelhafter sprachlicher Quellen entworfene Skizze des vorchristlichen Kulturzustandes gelten und vergleicht damit den gegenwärtigen, so ergiebt sich ein grosser Fortschritt, den die Philippiner [125]den Spaniern verdanken. Insofern er die gesellschaftlichen Verhältnisse betrifft, ist er bereits mehrfach im Text hervorgehoben worden. Die Spanier haben das Pferd, das Rind, das Schaf, den Mais, den Kaffee, Rohrzucker, Cacao, Sesam, Tabak, Indigo, viele Früchte und wohl auch die Bataten eingeführt, die sie unter dem Namen Camotli in Mexico vorfanden.8 Daraus scheint die in den Philippinen allgemeine Benennung Camote entstanden zu sein, die Crawfurd wohl irrthümlich für einheimisch hält. (Wie mir Dr. Witmack mittheilt, neigt man neuerdings zu der Ansicht, dass die Batate nicht nur in Amerika, sondern auch in Ostindien heimisch sei, da sie im Sanskrit zwei Namen habe: Sharkarakanda und Ruktaloo.)

In den Gewerben, ausgenommen in der Stickerei, im Weben und Mattenflechten haben die Eingeborenen nur geringe Fortschritte gemacht. Die Handwerke werden hauptsächlich von Chinesen betrieben.

Die Ausfuhr besteht in Reis und Abaca. Die Provinz führt etwa zweimal so viel Reis aus als sie verzehrt, hauptsächlich nach Albay, das zum Reisbau weniger geeignet, fast nur Abacá erzeugt. Ein Theil geht nach Nord-Camarínes, das sehr bergig und wenig fruchtbar ist. Nach Manila kann der Reis kaum verschifft werden, da eine Landstrasse nach dem der Hauptstadt nahen Südrande der Provinz nicht vorhanden und der Wassertransport vom Nordrande und dem ganzen östlichen Theil von Luzon das Produkt zu sehr vertheuern würde. Die Einfuhr beschränkt sich auf das Wenige, was chinesische Krämer einführen. Die Händler sind fast alle Chinesen, sie allein besitzen Läden, in denen namentlich Kleiderstoffe und Tücher, theils inländischer, theils europäischer Fabrik, gestickte Frauenpantoffeln und unächte Schmucksachen zu haben sind. Das Gesammtkapital, welches in diesen Läden steckt, erreicht gewiss nicht 200,000 Dollar. In den übrigen Pueblos von Camarínes giebt es keine chinesischen Handelsleute, sie müssen sich also aus Naga versorgen.

Das Land gehört dem Staat, wird aber einem Jeden, der es bebauen will, umsonst überlassen; der Niessbrauch geht auf die Kinder über, und hört nur dann auf, wenn der Boden zwei Jahre lang unbenutzt liegen bleibt. Es steht dann der Behörde frei, zu Gunsten eines Andern darüber zu verfügen.

Jede Familie besitzt ihr eignes Haus. Gewöhnlich erbaut es der junge Ehemann mit Hülfe seiner Freunde. An manchen Orten kostet es nicht über 4 bis 5 Dollar; zur Noth kann er es auch selbst herstellen, ohne Auslagen, ohne andres Handwerkzeug als das Waldmesser (Bolo) und ohne andres Material, als Bambus, spanisches Rohr und Palmblätter. Dergleichen Häuser, die wegen der Feuchtigkeit immer auf Pfählen stehn, und oft nur einen einzigen überdachten Raum haben, in welchem alle Verrichtungen vorgenommen [126]werden, sind Ursache grosser Liederlichkeit und schmutziger Gewohnheiten; die ganze Familie schläft darin gemeinschaftlich und jeder Durchreisende ist ein willkommener Gast. Ein schönes Haus von Brettern für die Familie eines Cabeza mag gegen 100 Dollar kosten. Das Vermögen einer solchen Familie an Immobilien, Möbeln, Schmuck u. s. w. (sie müssen jährlich ein Inventarium einreichen) beläuft sich auf 100 bis 1000 Dollars. Einige haben sogar über 10,000, der Reichste der ganzen Provinz wird auf 40,000 Dollars geschätzt.

Im Allgemeinen lässt sich behaupten, dass jedes Pueblo seine Bedürfnisse selbst erzeugt und wenig darüber hervorbringt. Für den indolenten Indier, namentlich für den der östlichen Provinzen, ist das Dorf, in dem er geboren worden, die Welt. Er verlässt es nur unter dringenden Umständen. Uebrigens würde das von der Kopfsteuer unzertrennliche strenge Passwesen der Reiselust, falls sie vorhanden wäre, grosse Schwierigkeiten in den Weg legen.

Der Indier isst täglich dreimal: um 7 Uhr Vormittags, 12 und 7 oder 8 Abends; die kräftigsten Arbeiter verzehren bei jeder Malzeit eine Chupa Reis, gewöhnliche Individuen eine halbe zum Frühstück, eine zum Mittag, eine halbe zum Abend, zusammen 2 Chupas. Jede Familie erntet ihren Reisbedarf selbst und bewahrt ihn in Scheuern auf, oder kauft ihn enthülst auf dem Markt, und dann gewöhnlich nur den Bedarf eines Tages oder einer Malzeit auf einmal. Der mittlere Einzel-Preis ist 3 Cuartos für 2 Chupas (14 Chupas del Rey für 1 r.). Für jede einzelne Malzeit wird der Reisbedarf in einem hölzernen Mörser von den Frauen gestossen um ihn zu enthülsen — aus alter Gewohnheit, und auch wohl aus Furcht, dass der Vorrath sonst zu schnell verschmaust werden würde. Der Reis wird nur halb gar gekocht. Es scheint, dass dies überall geschieht, wo er einen wesentlichen Theil der Nahrung ausmacht; schon in Spanien und Italien ist dies wahrzunehmen. An Würzen werden Salz und viel spanischer Pfeffer (Capsicum) genossen, der, ursprünglich aus Amerika eingeführt, überall um die Häuser wächst. Die Eingeborenen ziehn sogenanntes Steinsalz dem gemeinen Kochsalz vor; es wird durch Eindampfen von Meerwasser erhalten, das vorher durch Asche filtrirt worden. Eine Chinanta (12,6 Zoll-Pfund) kostet 1½ bis 2 r. Der Salzverbrauch ist äusserst gering.

Die Genussmittel des Indiers sind Buyo9 und Zigarren, eine Zigarre kostet 1, ein Buyo 0,1 cu. Die Zigarre wird fast nie geraucht, [127]sondern in Stücke zerschnitten und mit dem Buyo gekaut, auch die Frauen kauen Buyo und Tabak, aber gewöhnlich sehr mässig, sie färben sich auch nicht die Zähne schwarz, wie die Malayen, die jungen und hübschen putzen sich sogar dieselben fleissig mit der Hülle der Arecanuss, deren parallel und eng neben einander liegende starre Fasern im Queerschnitt eine vortreffliche Zahnbürste bilden, baden mehrere male täglich, und übertreffen an Sauberkeit die Mehrzahl der Europäerinnen. Wohl jeder Indier hält sich einen Kampfhahn; selbst wenn er nichts zu essen hat, findet er Geld zum Hahnenkampf.

Hausrath: Zum Kochen dient ein irdener Topf für 3–10 cu., beim Reiskochen wird er mit einem Bananenblatt fest zugebunden, so dass der Dampf einer sehr geringen Wassermenge hinreicht. Ein anderes Küchengeräth ist bei Aermeren nicht vorhanden. Reichere haben auch einige gusseiserne Pfannen, irdene Töpfe und Schüsseln. Der Heerd besteht in den kleineren Häusern aus einer tragbaren irdenen Pfanne oder einem flachen Kasten, oft einer alten Zigarrenkiste voll Sand, mit drei Steinen, welche als Dreifuss dienen; in den grossen Häusern hat der Heerd die Form einer Bettstelle, die statt einer Matratze mit Sand oder Asche gefüllt ist. Das Wasser für kleine Haushaltungen wird in dicken Bambusen geholt und aufbewahrt; Jedermann besitzt ausserdem in seinem Bolo (Waldmesser) ein Universalinstrument, das er in einer selbstgefertigten Holzscheide an einer aus Bastfaser nachlässig zusammengedrehten Schnur um den Leib trägt. Dies und der Reismörser (ein Holzklotz mit einer entsprechenden Vertiefung) sammt Stösser und einige Körbe bilden das gesammte Hausgeräth einer ärmeren Familie; zuweilen findet sich noch eine grosse Schnecke mit Binsendocht als Lampe. Man schläft auf einer Matte von Pandanus oder Buri (Fächerpalme, Corypha), wenn eine vorhanden, sonst auf den Bambusspliessen, womit das Haus gedielt ist. Oel zur Beleuchtung wird von den Armen fast gar nicht verwendet, sondern Harzfackeln, die je 1–2 Tage dauern und auf dem Markt für ½ cu. verkauft werden.

An Kleidung braucht eine Frau: Camisa de Guinara (kurzes Hemd von Abacáfasern), ein Patadíon (Rock der von der Hüfte bis zum Knöchel reicht), ein Tuch, einen Kamm. Ein Stück Guinara zu 1 r. giebt 2 Hemden, die gröbsten Patadíon kosten 3 r., ein Tuch höchstens 1 r., Kamm [128]2 cu, zusammen 4 Realen 12 cu = 24 Sgr. Die Frauen besserer Klasse tragen Camisa 1 bis 2 r, Patadíon 6 r, Tuch 2–3 r., Kamm 2 cu. Der Mann trägt Hemd 1 r, Hose 3 r, Hut (Tararura), aus spanischem Rohr, 10 cu, oder Salacot (grosser Regenhut, häufig verziert) wenigstens 2 r, oft mit Silberbeschlag bis zum Werthe von 50 Dollar. Es werden jährlich wenigstens drei, wohl eher vier Anzüge verbraucht, die Frauen pflegen aber fast den ganzen Bedarf für die Familie selbst zu weben.

Arbeitslohn: Für den gewöhnlichen Arbeiter 1 r, kein Essen; Arbeitszeit von 6–12 und von 2–6 Uhr. Die Frauen verrichten in der Regel keine Feldarbeit, doch pflanzen sie den Reis um und helfen ihn ernten; in beiden Fällen ist ihr Lohn gleich dem der Männer. Holz- und Stein-Arbeiter erhalten 1,5 r. per Tag, Kalfaterer 1,75 r.

Ein ziemlich gebräuchlicher Kontrakt bei dem Landbau ist der des Tercio: der Eigenthümer überlässt das nackte, aber urbar gemachte Land für den dritten Theil der Ernte. Einzelne Mestizen besitzen viele Grundstücke, aber selten zusammenhängend, da sie ihnen gewöhnlich als Schuldpfänder zu einem geringen Theil des Werthes zufallen.

Verdienst einer kleinen Familie: Der Mann verdient täglich 1 r, die Frau, wenn sie grobe Stoffe webt ¼ r. und Essen (1 Stück Guinara kostet ½ r. Weberlohn und erfordert 2 Tage Arbeit). Die geschickteste Weberin feinerer Stoffe erhält für das Stück 12 r. Arbeitslohn; und vollendet es in einem Monat, der aber wegen der vielen Feiertage im allerhöchsten Fall gleich 24 Arbeitstagen zu rechnen ist, sie verdient also ½ r. per Tag und Essen. Für das Aneinanderknüpfen der Ananasfasern zur Piña-Weberei (Sugot genannt) wird nur ⅛ r. und Essen bezahlt.

In allen Pueblos sind Schulen vorhanden. Der Schullehrer wird von der Regierung bezahlt, und erhält gewöhnlich 2 Dollars monatlich, weder Wohnung noch Beköstigung. In grossen Pueblos steigt das Gehalt auf 3½ Dollars, davon muss aber ein Gehülfe besoldet werden. Die Schulen stehen unter Aufsicht des Ortsgeistlichen. Es wird Lesen und Schreiben gelehrt, die Vorschriften sind spanisch. Der Lehrer soll eigentlich seine Schüler spanisch lehren, er versteht es aber selbst nicht, andererseits verstehn die spanischen Beamten nicht die Landessprache, die Priester aber haben keine Neigung an diesen Zuständen zu ändern, die ihrer Macht sehr förderlich sind. Es können fast nur solche Indier spanisch, die im Dienst von Europäern gewesen sind. Gelesen wird in der Landessprache (bicol) zuerst eine Art religiöser Fibel, später die Doctrina cristiana, das Lesebuch heisst Casayayan. Durchschnittlich geht die Hälfte aller Kinder in die Schule, gewöhnlich vom siebenten bis zehnten Jahr, sie lernen etwas lesen, [129]einige auch ein wenig schreiben, vergessen es aber bald wieder; nur solche, die später als Schreiber Dienst nehmen, schreiben geläufig und haben meist eine gute Handschrift. Einige Pfarrer dulden nicht, dass Knaben und Mädchen dieselbe Schule besuchen, in diesem Fall besolden sie noch eine besondere Lehrerin mit 1 Dollar monatlich. Rechnen lernen die Indier sehr schwer, sie nehmen gewöhnlich Muscheln oder Steine zur Hülfe, die sie in Häufchen legen und dann zählen.

Die Frauen heirathen selten vor dem vierzehnten Jahre, — zwölf Jahre ist der gesetzliche Termin. Im Kirchenbuche von Polangui fand ich eine Trauung (Januar 1837) verzeichnet zwischen einem Indier und einer Indierin, die den ominösen Namen Hilaria Concepcion führte und bei Vollziehung der Ehe, wie aus einer Randbemerkung hervorgeht, nur 9 Jahre und 10 Monate alt war. Es kommt vor, dass Leute ungetraut zusammen leben, weil sie die Kosten der Trauung nicht zahlen können. Mädchen, die als Geliebte von Europäern Kinder bekommen, rechnen es sich fast zur Ehre. Noch mehr ist dies der Fall, wenn das Kind vom Pfarrer ist; der Cura erhält immer seine Kinder, aber unter angenommenen Namen. In Fällen ehelicher Untreue, die nicht selten sind, wird die schuldige Frau gewöhnlich geprügelt, der Verführer geht frei aus; fast nie gelangen Beschwerden an das Gericht. Die Männer sind meist liederlich. Eine Frau brachte die Geliebte ihres Mannes durch Zureden zum Geständniss ihrer Schuld, und schnitt ihr darauf mit einer bereit gehaltenen Scheere das ganze Haupthaar ab; dies ist das einzige Beispiel von Rache, das in den letzten Jahren vorgekommen war. Europäerinnen, ja selbst Mestizinnen, lassen sich, nach Versicherung ihrer Männer, nie mit Indiern ein. Die Frauen werden im Allgemeinen gut behandelt, verrichten nur leichte Arbeit, Nähen, Weben, Sticken, Besorgung des Haushalts; alle schwere Arbeit mit Ausnahme des Reisstampfens fällt den Männern zu. Oeffentliche Mädchen verkehren mit allen Frauen und verheirathen sich auch oft, zuweilen bieten Väter ihre Töchter Europäern an, indem sie ein Darlehn erbitten und die Tochter dafür als Näherin in’s Haus bringen.

Fälle von hohem Alter sind unter den Indiern, namentlich in Camarínes häufig. Das Diario de Manila vom 13. März 1866 berichtet über einen Alten in Darága (Albay) den ich wohl gekannt habe: Juan Jacob 1744 geboren, 1764 verheirathet, 1845 verwittwet, hat bis 1840 viele öffentliche Aemter bekleidet, hatte 13 Kinder, von denen 5 leben, 170 direkte Nachkommen, ist mit 122 Jahren noch rüstig, hat gute Augen und Zähne; — erhielt sieben mal die letzte Oelung! [130]

Die ersten Excremente eines neugeborenen Kindes werden sorgfältig aufbewahrt und unter dem Namen Triaca (Theriacum) als ein besonders auch gegen den Biss von Schlangen und tollen Hunden wirksames Universalheilmittel aufbewahrt. Es wird auf die Wunde gelegt und zugleich eingenommen.

Eine grosse Anzahl Kinder stirbt in den ersten beiden Wochen nach der Geburt. Es fehlen darüber alle statistischen Daten, aber nach Ansicht eines der ersten Aerzte in Manila kommt wenigstens ein Viertel um. Die Ursache soll allein in der grossen Unreinlichkeit und schlechten Luft liegen, da in den Stuben der Kranken und Wöchnerinnen Thüren und Fenster so dicht verschlossen werden, dass vor Gestank und Hitze Gesunde krank werden, Kranke schwer genesen. Früher verstopfte bei Geburten der Mann alle Oeffnungen des Hauses, damit Patianac nicht eindringe, ein böser Geist der den Wöchnerinnen Unheil bringt und die Geburt zu hindern sucht. Der Gebrauch hat sich fort erhalten, bei Vielen wohl auch der Aberglaube ohne eingestanden zu werden; wo dieser erloschen, hat man in der Furcht vor Zugluft eine neue Erklärung für einen alten Brauch gefunden: Beispiele solcher Anpassungen finden sich bei allen Völkern. Eine sehr verbreitete Krankheit ist die Krätze, doch soll sie nach Versicherung des bereits erwähnten Arztes weniger allgemein sein, als Nichtärzte glauben, die jene Bezeichnung auf Hautausschläge überhaupt anwenden; an solchen haben die Eingeborenen in Folge schlechter Diät sehr zu leiden, Bicolindier mehr als Tagalen.10 Unter gewissen Verhältnissen, welche die darüber befragten Aerzte nicht genauer zu bestimmen vermochten, können die Eingeborenen weder Hunger noch Durst ertragen (davon bin ich mehreremale Zeuge gewesen). Sie sollen, wenn sie in solchem Zustande gezwungen sind, das Bedürfniss ungestillt vorüber gehn zu lassen, bedenklich erkranken und oft an den Folgen sterben.

Die krankhafte Sucht des Nachahmens, in Java Sakit-latar genannt, kommt auch hier vor und heisst Mali-mali. In Java glauben Viele, dass die Krankheit nur Verstellung sei, weil die angeblich damit Behafteten es vortheilhaft finden, sich vor neu angekommenen Europäern sehn zu lassen. Hier aber beobachtete ich ein Beispiel, bei dem wohl keine Verstellung vorausgesetzt werden konnte; meine Begleiter benutzten den krankhaften Zustand einer armen Alten, die uns begegnete, um auf offener Strasse rohe [131]Spässe mit ihr zu treiben. Die Alte ahmte alle Bewegungen nach, wie von einem unwiderstehlichen Drang getrieben, und äusserte zugleich ihren lebhaftesten Unwillen über die Leute, die ihre Schwäche missbrauchten.

In R. Maak’s Reise nach dem Amur (Путешестіе на Амуръ pg. 83) heisst es: »Nicht gerade selten, leiden auch die Maniagrer an einer höchst sonderbaren Nervenkrankheit, mit welcher wir schon gründlich bekannt waren durch die Beschreibungen vieler Reisenden.11 Man begegnet dieser Krankheit bei der Mehrzahl der wilden Völker Sibiriens, so wie auch bei den dort angesiedelten Russen. Im Gebiete der Jakuten, wo dieses Leiden sehr häufig vorkommt, sind die damit behafteten, sowohl bei den Russen als den Jakuten unter dem Namen Emiura bekannt; hier aber (d. h. in dem Theile Sibiriens, wo die Maniagri wohnen) werden dergleichen Kranke von den Maniagrern »Olon«, von den Argurischen Kosaken »Olgandshi« genannt. Die Anfälle der von mir hier besprochenen Krankheit bestehn darin, dass ein daran leidender Mensch, wenn er in Schrecken oder Bestürzung geräth, unbewusst und oftmals ohne das geringste Schamgefühl alles nachahmt, was vor ihm geschieht. Wird ein solcher Mensch geärgert, so geräth er in eine Raserei, die sich dadurch äussert, dass er ein wildes Geschrei ausstösst, auf andre Weise wüthet und sich sogar mit einem Messer oder irgend einem andern Gegenstand, der ihm gerade in die Hände fällt, auf diejenigen losstürzt, die ihn in diesen Zustand versetzten. Bei den Maniagrern leiden vorzugsweise Frauenspersonen an dieser Krankheit, besonders sehr alte; übrigens sind mir auch Beispiele von Männern bekannt, welche damit behaftet waren. Bemerkenswerth ist, dass die von diesem Leiden heimgesuchten Weiber dessen ungeachtet kräftig waren, und sich in allen übrigen Beziehungen einer guten Gesundheit erfreuten.«

Es ist vielleicht nur ein zufälliges Zusammentreffen, dass in den Malayenländern Sakit latar und Amok, wenn auch nicht bei demselben Individuum, doch bei denselben Völkern neben einander bestehn. Beispiele von Amok scheinen auch in den Philippinen vorzukommen.12 Folgenden Bericht finde ich im Diario de Manila vom 21. Februar 1866: In Cavite drang am 18. Februar ein Soldat vom 8. Regiment in das Haus eines Schullehrers, gerieth mit diesem in Streit und erstach ihn, mit einem zweiten Dolchstoss tödtet er den Sohn des Lehrers, stürzt auf die Strasse, ersticht zwei junge Mädchen von 10 bis 12 Jahren, verwundet eine Frau in der Seite, einen neunjährigen Knaben im Arm, einen Kutscher (tödtlich) im Unterleib, ferner noch eine Frau, einen Matrosen, drei Soldaten. An seiner Kaserne angekommen, und von der Schildwache angehalten, stösst er sich selbst den Dolch in die Brust . . . Leider steht der Fall nicht vereinzelt da . . .

Es ist eine der grössten Beleidigungen über einen schlafenden Eingeborenen zu schreiten, oder ihn schroff zu wecken. Sie wecken einander, [132]wenn es durchaus geschehen muss, mit der grössten Rücksicht und ganz allmälig.13

Der Geruchsinn ist bei den Indiern in so hohem Grade entwickelt, dass sie im Stande sind durch Beriechen der Taschentücher zu erkennen, welcher Person sie angehören, (Reisesk. pg. 39). Verliebte tauschen beim Abschied Stücke getragener Wäsche aus, und schlürfen während der Trennung den Geruch des geliebten Wesens ein, ebenso bei dem Küssen.14 [133]


1 Arenas (Memorias 5. 9) glaubt, dass vielleicht die alten Jahrbücher der Chinesen, da dieses Volk schon früh mit dem Archipel verkehrte, Aufschluss über die Herkunft seiner heutigen Bewohner enthalten. »Ist dies aber nicht der Fall, so dürfen wir nicht danach forschen, denn Gott will uns den Ursprung dieser Indier verbergen, und seine Beschlüsse müssen wir achten«. 

2 Wahrscheinlich Anodonta purpurea Val. nach v. Martens. 

3 Das Mittel der Durchschnittsernten in den zwölf preussischen Provinzen ist 9,211 Scheffel Getreide per Morgen. (Nassau und Hohenzollern nur 7,98 und 7,19). 

4 650 Pfund per Bünder. — De Rijst, Maatsch. tot nut S. 13. 

5 Scherzer, Fachmännische Berichte A. 91. 

6 Mehr als hundert Jahre später berichtet Pater Taillandier: »die Spanier haben aus Amerika Kühe, Pferde und Schafe kommen lassen, aber diese Thiere können dort nicht leben, wegen der Feuchtigkeit und der Ueberschwemmungen.« Letzteres soll sich wohl nur auf die Schafe beziehen. — (Taillandier au père Willard, Lettres édifiantes.

7 Gegenwärtig sollen die chinesischen Pferde plump, grossköpfig, buschig, behaart, die japanischen zierlich, ausdauernd, den arabischen ähnlich sein. Gute Manilapferde entsprechen letzterem Typus und werden in den chinesischen Hafenplätzen von den Europäern sehr geschätzt. 

8 Vergl. Hernandez Opera omnia; Torquemada, Monarchia Indica. 

9 Buyo nennt man in den Philippinen die mundgerechte Zurichtung des Betels. Ein Blatt Betelpfeffer (Chavica betel) von der Form und Grösse eines Bohnenblattes, wird mit einem erbsengrossen Stückchen gebrannten Kalkes bestrichen, und von beiden Rändern nach der Mittellinie hin zusammengerollt; dann wird das eine Ende der Rolle in das andere gesteckt, so dass ein Ring entsteht; in diesen wird ein flaches Stück Arecanuss von entsprechender Grösse eingepasst. 

10 Im Lande glaubt man, dass Fleisch von Schweinen, die sich auf die S. 124 angegebene Weise nähren, oft diese Krankheit hervorrufe; ein befreundeter Physiologe vermuthet die Ursache eher in reichlichem Genuss sehr fetten Schweinefleisches — Indier essen aber gewöhnlich nicht viel Fleisch und die Schweine sind selten sehr fett. 

11 Vergl. A. Erman Reise um die Erde durch Nordasien. Abth. I. Bd. 3, S. 191. 

12 Nach Semper S. 69 in Zamboanga und Basilan. 

13 Die Scheu den Schlafenden zu wecken beruht wohl auf dem sehr verbreiteten Aberglauben, dass im Traume die Seele den Körper verlasse (zahlreiche Beisp. davon in Bastian’s Werken). Bei den Tinguianes (Nord-Luzon) lautet der ärgste aller Flüche: mögest Du schlafend sterben (Informe I, 14). 

14 Lewin, (Chittagong Hill tracts 1869. S. 46,) erzählt von den dortigen Bergvölkern: »Ihre Art zu küssen ist sonderbar: statt Lippe an Lippe zu pressen, legen sie Mund und Nase auf die Wange, und ziehn den Athem stark ein. In ihrer Sprache heisst es nicht: Gieb mir einen Kuss, sondern: rieche mich.« 

[Inhalt]

FUNFZEHNTES KAPITEL

VORGESCHICHTLICHE UEBERRESTE. — HOHER WERTH ALTER GEFÄSSE. — TROPFSTEINHÖHLEN IM YAMTIK. — REISEN IN NORD-CAMARINES. — BERGBAU. — GOLD. — BLEIGLANZ. — ROTHBLEI. — KUPFER. — HÜTTENPROZESS DER YGORROTEN. — ESSBARE VOGELNESTER.

Von Naga aus besuchte ich den Cura von Libmánan (Ligmanan), der Dichtertalent und den Ruf eines Naturforschers besass. Er sammelte und taufte hübsche Käfer und Muscheln, und widmete den zierlichsten kleine Sonette. Er erzählte mir Folgendes:

1851 wurde beim Anlegen einer Strasse etwas unterhalb Libmánan, an einer Stelle Poro genannt, 100′ vom Fluss entfernt, unter 4′ Dammerde ein Muschellager aufgegraben. Es bestand aus Cyrenen (C. suborbicularis Busch.) einer zur Familie der Cycladen gehörigen Gattung von Zweischalern, die nur in warmen Gewässern vorkommt und namentlich in den brackischen der Philippinen ausserordentlich häufig ist. Bei dieser Gelegenheit fand man in Tiefen von 1½ bis 3½ Fuss zahlreiche Ueberreste früherer Bewohner: Schädel, Gerippe, Knochen von Menschen und Thieren, ein Schenkelbein eines Kindes in einer Spirale von Messingdraht steckend, mehrere Hirschgeweihe, schön geformte Schüsseln und Gefässe, zum Theil bemalt, wahrscheinlich chinesischen Ursprungs, gestreifte Armbänder aus einem weichen gypsartigen kupferrothen Gestein, glänzend, als wären sie gefirnisst1; kleine Messer von Kupfer, aber kein Eisengeräth, mehrere in der Mitte durchbohrte breite, flache Steine;2 auch einen Keil aus verkieseltem [134]Holz in einem gespaltenen Baumstamme steckend. Die an einer Vertiefung noch deutlich zu erkennende Stelle dürfte, bei planmässig fortgesetztem Nachgraben, noch manche interessante Ergebnisse liefern. Was nicht unmittelbar zum Gebrauch geeignet, wurde an Ort und Stelle vernichtet, das übrige verzettelt. Trotz aller Bemühungen gelang es mir nur durch die Güte des Herrn Fociños in Naga, ein kleines Gefäss zu erhalten. An der Mündung des Bígajo, nicht weit von Libmánan sollen in eben solchem Muschellager ähnliche Reste früherer Bewohner, und an der Mündung des Pérlos, westlich von Sítio de Póro, 1840 eine Urne mit einem menschlichen Skelet gefunden worden sein. Zur Zeit, als ich diese Angaben des Pfarrers niederschrieb, waren weder ihm noch mir die in Europa bereits seit einigen Jahren in den Pfahldörfern gemachten Entdeckungen geläufig, sonst wären diese Aufzeichnungen wohl ausführlicher, vielleicht aber weniger unbefangen ausgefallen.

⅓ Grösse.

⅓ Grösse.

Das ganze Gefäss ist, den Fuss ausgenommen, mit seladongrüner Glasur überzogen.

Mr. W. A. Franks, der die Güte hatte das Gefäss zu untersuchen, ist geneigt es für chinesisch zu halten und erklärt es für sehr alt, ohne jedoch das Alter genauer feststellen zu können (ähnlich sprach sich ein gelehrter Chinese der Burlingame’schen Gesandtschaft aus). Ihm ist nur ein Stück, nämlich ein von Kämpfer aus Japan mitgebrachter, im British Museum befindlicher Krug von noch festerer Masse bekannt, dessen Farbe, Glasur und Glasurrisse (Craquelés) genau mit dem meinigen übereinstimmen. Nach Kämpfer fanden die Japanesen dergleichen Krüge im Meer, und schätzten sie sehr hoch um ihren Thee darin aufzubewahren.

Morga (f. 135) meldet: »Auf dieser Insel Luzon, besonders in den Provinzen Manila, Pampánga, Pangasinán und Ylócos finden sich bei den Eingeborenen sehr alte Thonkrüge von dunkelbrauner Farbe und nicht von gutem Ansehn, einige von mittlerer Grösse, und andre kleiner, mit Zeichen und Stempeln. Sie wissen nicht anzugeben, woher sie dieselben erhielten noch zu welcher Zeit; denn jetzt werden sie nicht mehr gebracht, noch werden sie in den Inseln angefertigt; die Japanesen suchen und schätzen dieselben, denn sie haben gefunden, dass die Wurzel eines Krautes, welches sie Tscha (Thee) nennen und welche heiss getrunken wird als grosse Delikatesse und Arznei, bei den Königen und Herren in Japan, sich nicht hält und konservirt ausser in diesen Krügen, die in ganz Japan so hoch geschätzt werden, dass es die grössten Kostbarkeiten ihrer Wohnzimmer und Kabinette sind, und hat ein solcher Krug einen hohen Werth und sie belegen sie auswendig mit feinem, mit grosser Kunst getriebenem Golde und sie stecken sie in Futterale von Brokat, und es giebt Krüge die auf 2000 Tael zu 11 Realen, geschätzt und verkauft werden . . . Die Eingeborenen dieser Inseln verkaufen sie an die Japanesen so hoch sie können, und bemühen sich sie zu [135]suchen, dieses Gewinnes halber, obgleich jetzt wenige gefunden werden wegen des Eifers, mit dem man sie aufgesucht hat.«

Als Carletti 1597 von den Philippinen nach Japan kam, wurden auf Befehl des Guvernörs sämmtliche Personen an Bord sorgfältig untersucht und ward ihnen Todesstrafe angedroht, wenn sie zu verheimlichen suchten »gewisse irdene Gefässe, die von den Philippinen und andern Inseln jenes Meeres gebracht zu werden pflegen,« da der König sie alle kaufen wollte . . . »Dergleichen Gefässe gelten bis fünf-, sechs- ja bis zehntausend Scudi das Stück, während man sie nicht auf einen Giulio (etwa ½ Paolo) schätzen möchte.« — 1615 traf Carletti einen als Gesandten von Japan nach Rom geschickten Franziskaner, der ihm versicherte, er habe einen der Könige von Japan 130,000 Scudi für ein solches Gefäss zahlen sehn — seine Gefährten bestätigten es. — Auch Carletti giebt als Grund des hohen Preises an, »dass sich das Blatt Cia oder Thee, dessen Güte mit dem Alter zunähme, in jenen Krügen besser konservire als in allen andern Gefässen. Die Japanesen erkennen diese Gefässe sogleich an gewissen Schriftzeichen und Stempeln. Sie sind sehr alt und sehr selten und kommen nur aus Cambodia, Siam, Cochinchina, den Philippinen und andern benachbarten Inseln. Nach dem Aussehn würde man sie auf drei oder vier Quatrini (ein paar Dreier) schätzen ... es ist durchaus wahr, dass der König und die Fürsten jenes Reiches eine sehr grosse Zahl dieser Gefässe besitzen und sie als ihren köstlichsten Schatz, höher als andere Kostbarkeiten schätzen — dass sie mit deren Besitz prahlen und aus Eitelkeit einander durch die Menge derartiger Gefässe die sie besitzen zu überbieten suchen.«3

Auch bei den Dayaks und den Malayen in Borneo werden von vielen Reisenden Krüge erwähnt, die aus abergläubischen Ursachen sehr übertrieben, zuweilen auf mehrere tausend Dollars geschätzt werden.

St. John4 erzählt, dass der Datu von Tamparuli (Borneo) Reis im Werth von fast 700 £ für einen Krug hergab, und dass derselbe Datu einen zweiten Krug von fast fabelhaftem Werth besässe, dieses Gefäss sei etwa zwei Fuss hoch, dunkel olivengrün. Der Datu füllt beide Krüge mit Wasser, setzt Kräuter und Blumen dazu, und debitirt es an alle Kranke der Umgegend. Der berühmteste Krug in Borneo ist aber wohl der des Sultans von Brunei, da er nicht nur alle schätzbaren Eigenschaften der übrigen Krüge besitzt, sondern sogar sprechen kann. St. John sah ihn nicht, da er immer im Frauengemach verwahrt wird; der Sultan, ein glaubwürdiger Mann, erzählte ihm aber sehr ernsthaft, dass der Krug in der Nacht vor dem Tode seiner ersten Frau kläglich geheult habe und bei bevorstehenden Unglücksfällen ähnliche Töne von sich gäbe. St. John ist geneigt die räthselhafte Erscheinung aus einer vielleicht eigenthümlichen Form der Mündung des Gefässes zu erklären, in welcher die darüber hinstreichende Zugluft ähnlich wie bei der Aeolsharfe in tönende Schwingungen versetzt wird. Gewöhnlich ist das Gefäss in Goldbrokat eingewickelt und wird nur enthüllt, wenn es befragt werden soll, daher kommt es vielleicht, dass es nur bei feierlicher Gelegenheit spricht. St. John berichtet noch, dass früher sogar die Bisayer dem Sultan Geschenke brachten und dafür etwas Wasser aus dem heiligen Kruge erhielten um ihre Felder damit zu besprengen und sich dadurch reiche Ernten zu sichern. Als man den Sultan fragte, ob er seinen Krug wohl um 20,000 £ hergeben würde, antwortete er, dass kein Gebot in der Welt ihn veranlassen könne sich davon zu trennen. [136]

Morga’s Beschreibung passt weder auf das Gefäss von Libmánan noch auf den Krug des British Museum, eher noch auf ein unserem ethnographischen Museum vor Kurzem aus Japan zugegangenes Gefäss. Dieses ist aus braunem Thon, unansehnlich, doch von gefälliger Form, aus vielen Bruchstücken zusammengekittet, die Fugen sind vergoldet und bilden auf dem dunklen Grunde eine Art Netzwerk. Wie hoch dergleichen alte Töpfe, selbst einheimischen Ursprungs noch heut in Japan geschätzt werden, zeigt das von einem Dolmetscher des deutschen Konsulats verfasste Begleitschreiben: »Dieses irdene Gefäss wurde in dem Porzellanfabrikorte Tschisuka in der Landschaft Odori, im südlichen Idzumi gefunden, und ist ein zu den tausend Gräbern gehöriger Gegenstand . . . dasselbe ist von Giogiboosat (berühmtem Buddhisten-Priester) angefertigt, und nachdem es dem Himmel verehrt, von ihm begraben worden. Nach den Ueberlieferungen des Volkes wurde dieser Platz von Grabhügeln mit einem Gedenksteine versehn, das ist jetzt tausend und mehr Jahre her . . . Ich hielt mich zum Zweck meiner Studien lange Jahre in dem Tempel Sookuk jenes Dorfes auf und fand das Gefäss. Ich brachte dasselbe dem Oberpriester Shakudjo, der sehr erfreut darüber war, und es immer wie ein Kleinod bei sich trug. Als er starb, fiel es mir zu, doch konnte ich es nicht finden. Neulich nun als Honkai Oberpriester wurde, sah ich es wieder, und es war mir, als wäre ich dem Geiste Shokudjos wieder begegnet. Gross war meine Erregung und staunend klatschte ich in die Hände, und so oft ich das Kleinod betrachte, gedenke ich, dass es ein Zeichen ist, dass der Geist Shokudjos in Honkai wieder auflebt. Deshalb habe ich die Geschichte dieses Kleinods aufgeschrieben und gut gewahrt. Fudji Kuz Dodjin«.

Freiherr Alexander von Siebold macht mir noch folgende Mittheilung: Der Werth, den die Japaner auf derartige Gefässe legen, beruht auf deren Verwendung bei den geheimnissvollen Theegesellschaften »Cha-no-yu«. Ueber den Ursprung dieser, den Europäern fast noch gar nicht bekannten Verbindungen bestehen verschiedene Legenden, ihre Hauptblüthezeit aber war unter der Regierung des Kaisers Taikosama, der im Jahre 1588 die Gesellschaft der Cha-no-yu zu Kitano bei Myako, mit neuen Statuten versehn, wieder einführte. Seine Zwecke waren sowohl moralische als politische. In Folge der verheerenden Religions- und Bürgerkriege war das ganze Volk entartet und verwildert, aller Sinn für Künste und Wissenschaft untergegangen, nur die rohe Kraft geachtet, an Stelle der Gesetze herrschte das Faustrecht. Der tiefdenkende Taikosama begriff, dass er die rohen Gemüther besänftigen, sie wieder an die Künste des Friedens gewöhnen müsse, um seinem Lande den Wohlstand, sich und seinen Nachkommen die Herrschaft zu sichern. In dieser Absicht rief er die Gesellschaft Cha-no-yu auf’s Neue in’s Leben, versammelte die Meister derselben und die Kenner ihrer Gebräuche um sich.

Der Zweck der Cha-no-yu ist, den Menschen den Einflüssen des ihn umgebenden irdischen Treibens zu entziehn, in seinem Innern das Gefühl vollkommener Ruhe herzustellen, ihn zur Selbstbetrachtung zu stimmen; sämmtliche Gebräuche des Cha-no-yu sind auf dieses Ziel gerichtet.

In luftige reine Gewänder gekleidet, ohne Waffen, versammeln sich die Mitglieder der Cha-no-yu um den Hausherrn und werden von ihm, nachdem sie einige Zeit im Vorsaale ausgeruht, in einen eigens für diese Versammlungen hergerichteten Pavillon geführt. Dieser besteht aus den kostbarsten Holzarten, ist aber ohne jeden Schmuck, der die Gedanken abziehn könnte, ohne Farbe, ohne Firniss, durch kleine mit Pflanzen dichtbewachsene Fenster nur spärlich beleuchtet, und so niedrig, dass man darin nicht aufrecht stehn kann. Die Gäste betreten [137]das Gemach mit feierlich gemessenen Schritten, werden vom Hausherrn nach den vorgeschriebenen Formeln empfangen, und setzen sich dann im Halbkreise zu seinen beiden Seiten. Jeder Unterschied des Ranges hört auf. Nun werden die alten Gefässe unter feierlichen Zeremonien aus ihren kostbaren Umhüllungen hervorgeholt, begrüsst und bewundert; mit eben so feierlichen genau vorgeschriebenen Formeln wird das Wasser auf dem dazu bestimmten Heerde gekocht, der Thee den Gefässen entnommen, und in Tassen zubereitet. Der Thee besteht aus den grünen zu Staub zerriebenen jungen Blättern des Theestrauchs, und wirkt sehr aufregend. Unter tiefem Schweigen wird der Trank genossen, während Weihrauch auf dem erhabenen Ehrenplatz »toko« brennt. Nachdem sich der Geist gesammelt, beginnt die Unterhaltung, die sich aber nur auf abstrakte Gegenstände erstrecken darf (Politik soll indessen nicht immer ausgeschlossen bleiben). Der Preis der bei diesen Versammlungen verwendeten Gefässe ist sehr bedeutend, und stehn letztere im Werthe unseren theuersten Gemälden nicht nach. Taikosama belohnte seine Feldherren oftmals mit dergleichen alten Gefässen, statt mit Ländereien, wie sonst üblich. Auch nach der jüngsten Revolution wurden einige der hervorragendsten Daimios (Fürsten) vom Mikado dafür, dass sie ihm zum Thron seiner Ahnen verholfen, mit solchen Cha-no-yu-Gefässen belohnt. Die besten, die ich gesehn, waren nicht schön, es waren alte, verwitterte, schwarze oder dunkelbraune Krüge mit ziemlich breitem Halse zum Aufbewahren des Thees, hohe Tassen aus Craquelé-Porzellan oder Steingut zum Trinken des Aufgusses, tiefe breite Wasserbehälter, und alte verrostete eiserne Kessel mit Ringen zum Wasserkochen, alles höchst einfach von Ansehn, aber in die kostbarsten Seidenstoffe eingewickelt und in vergoldeten Lackkasten aufbewahrt. Unter den Schätzen des Mikado und des Taikun’s, auch in einigen Tempeln werden unter den höchsten Kostbarkeiten dergleichen alte Gefässe mit Dokumenten über ihre Herkunft aufbewahrt.

Von Libmánan besuchte ich den SW. gelegenen Berg Yámtik (Amtik, Hantu)5, der aus Kalk besteht und viele Höhlen enthält. Flussaufwärts 6 Stunden W. und eine Stunde SSW. zu Fuss, bringen uns zu der kleinen von 1000′ hohen Kalkbergen umgebenen Visita Bícal, von wo man im Bett eines Baches auf einer Sintertreppe zu einer kleinen Höhle emporsteigt, in welcher Schaaren von Fledermäusen und grosse langarmige Spinnen von der als giftig verrufenen Gattung Phrynus hausen.6

Ein dicker, queer über den Weg liegender Baumstamm war von einer kleinen Ameise seiner ganzen Ausdehnung nach in Zellen zerfressen. Mehrere Eingeborene wagten gar nicht, die andern nur schüchtern die Höhle zu betreten, nachdem sie einander die gegen Calapnitan zu beobachtenden [138]Rücksichten eingeschärft.7 Eine der Hauptregeln war, in der Höhle keinen Gegenstand zu nennen, ohne hinzuzufügen: »Herrn Calapnitan’s«, also nicht schlechtweg: Flinte, Fackel, sondern Herrn C’s Flinte, Fackel . . Tausend Schritt davon liegt eine andre Höhle »San Vicente«, welche dieselben Insekten, aber eine andre Art Fledermäuse enthält. Beide Höhlen waren nur von geringer Ausdehnung, in Libmánan hatte man mir aber von einer sehr grossen Tropfsteinhöhle gesprochen, deren Beschreibung, trotz aller beigemischten Erdichtungen, wirkliche Anschauung zu Grunde liegen musste. Die Führer stellten sich unwissend. Erst nach zweitägigem Herumirren und vielen Erörterungen entschlossen sie sich, da ich auf meinem Vorhaben bestand, zu dem Wagniss, und geleiteten mich zu meinem grossen Erstaunen nach Calapnitans Höhle zurück, von welcher eine enge, durch einen Felsenvorsprung verborgene Spalte in eine der allerprachtvollsten Tropfsteinhöhlen der Welt führt. Ihr Boden ist überall fest und bequem zu betreten, meist trocken. Sie läuft in viele Zweige aus, deren Gesammtlänge wahrscheinlich über eine Meile beträgt, und machte die Beschreibung, dass sie ganze Reihen von Königssälen und Kathedralen mit Säulen, Kanzeln und Altären enthalte, nicht zu Schanden. Knochen oder andre Reste waren darin nicht zu finden. Meine Absicht später mit Arbeitern zurückzukehren um planmässig nachzugraben kam nicht zur Ausführung.

Den Gipfel des Berges zu erreichen, auf dem ein See befindlich sein soll, »wo käme sonst das Wasser her?« gelang mir nicht. Zwei Tage versuchten wir mit grossen Anstrengungen von verschiedenen Seiten durch den dichten Wald zu dringen, der Führer, der in Libmánan dem Cura versichert hatte, den Weg zu wissen, erklärte jetzt das Gegentheil. Ich liess den bisher Unbelasteten nun zur Strafe einen Theil des Gepäcks tragen, an der nächsten Wendung des Pfades aber warf er es ab und entsprang, so dass wir zur Umkehr gezwungen wurden. In diesen Wäldern sind Hirsche und Wildschweine sehr häufig. Sie bildeten den Hauptbestandtheil unserer Malzeiten, zu denen sich, im Anfang unseres Zuges, bis gegen 30 Personen einfanden, die angeblich in den Zwischenzeiten Schnecken und Insekten mit erfolglosem Eifer für mich suchten.

Bei meiner Abreise aus Darága hatte ich einen muntern kleinen Jungen mitgenommen, der »Beruf zum Naturforscher« fühlte. In Libmánan kam er plötzlich abhanden, mit ihm zugleich ein Bund Schlüssel. Alles Suchen war vergebens. Er war direkt nach Naga gegangen, hatte sich, [139]durchs Vorzeigen der entwendeten Schlüssel legitimirt, vom Mayordomo meines Gastfreundes einen weissen Filzhut ausliefern lassen und war damit verschwunden. Schon einmal hatte ich ihn, mit dem Hut sich im Spiegel bewundernd, stehn sehn. Die Versuchung war zu gross für ihn gewesen.

Anfang März hatte ich das Vergnügen den Administrador von Camarínes und einen spanischen Oberst, die über Daet und Mauban zur Hauptstadt reisten, nach Nord-Camarínes zu begleiten. Um 5 Nachm. verliessen wir Butúngan am Bicolfluss, 2 Leguas unterhalb Naga, in einer Falúa von 12 Rudern, mit einem Sechspfünder und zwei Vierpfündern ausgerüstet, von Bewaffneten begleitet, und erreichten Cabusáo, am Ausfluss des Bícol, bald nach 6, von wo wir gegen 9 in See gingen. Die Falúa gehörte der Steuerverwaltung und hatte im Verein mit einer andern, unter dem Befehl des Alkalden, die Nordküste der Provinz gegen Schmuggler und Seeräuber zu schützen, die in dieser Jahreszeit in den Schlupfwinkeln der Bay von San Miguél herum zu liegen pflegen. Zwei ähnliche Kanonenboote versahn den Dienst an der Südküste der Provinz.

Die Ufer des Bicolflusses sind auf beiden Seiten flach, und dehnen sich zu weiten Reisfeldern aus; im Osten sieht man gleichzeitig die schönen Vulkane Mayon, Yriga, Malinao und Ysarog.

Gebirge Bacacáy von der Barre von Daet.

Gebirge Bacacáy von der Barre von Daet.

Mit Tagesanbruch erreichten wir die Barre von Daet und nach zweistündigem Marsche die gleichnamige Hauptstadt der Provinz Nord-Camarínes, wo wir im Hause des Alkalden, eines gebildeten Navarresen, vortreffliche Aufnahme fanden. — Nur der zahme Affe, der auch die Gäste seines Herrn bewillkommnen sollte, wandte ihnen mit angelernter unhöflicher Geberde den Rücken und ging auf die Thür zu. Da stellte der Mayordomo einen Spiritusflakon mit einer kleinen giftlosen Schlange auf die Schwelle, schnell sprang der Affe zurück und verbarg sich zitternd hinter seinem Herrn.

Abends war Ball, es waren aber keine Tänzer vorhanden, einige eingeladene Indierinnen sassen im besten Putz schüchtern an einem Ende des Saales und tanzten mit einander, wenn sie dazu aufgefordert wurden, ohne von den Spaniern beachtet zu werden, die sich am andern Ende unterhielten. [140]

Nachdem Festlichkeiten und Regengüsse die Abreise um zwei Tage verzögert, brachen wir auf und trabten in einer Stunde mit den muthigen Pferden des Alkalden auf ebener Landstrasse NW. nach Talisáy, in einer andern Stunde nach Indang, wo Bad und Frühstück bereit standen. Bisher hatte ich nie in der Provinz ein Badezimmer im Hause eines Spaniers getroffen; bei Nordeuropäern fehlt es nie. Die Spanier scheinen Bäder als eine Art Heilmittel zu betrachten, das nur mit Vorsicht gebraucht werden darf, vielleicht halten es auch jetzt noch Manche für nicht gut christlich; zur Inquisitionszeit galt bekanntlich häufiges Baden für ein Kennzeichen der Mohren und war daher durchaus nicht ohne Gefahr. Nur in Manila machen die am Pasig Wohnenden eine Ausnahme; dort herrscht bei den Familien die Sitte, oder Unsitte mit den Freunden des Hauses zusammen in geräumigen Verschlägen Flussbäder zu nehmen.

Indierin die Bulaqueña tanzend.

Indierin die Bulaqueña tanzend.

In Indang endet die Strasse, wir fahren in zwei Kähnen flussabwärts bis zur Barre, und erwarten an einer, durch die Liebenswürdigkeit des Alkalden reich besetzten Tafel die von unsern Dienern auf schlechten Wegen dahin gebrachten Pferde. An der öden Barre erhebt sich, von zwei oder drei Fischerhütten und eben so vielen Casuarinen umgeben, ein Kastell gegen die Moros, die zum Glück für dasselbe, selten so weit westlich gehn, denn es besteht nur aus einer offnen, mit Palmenblättern gedeckten Hütte, einer Art Sonnenschirm, auf 15′ hohen armdicken Stangen. Die dazu gehörigen Kanonen sollen, der Sicherheit wegen, vergraben sein. Wir folgen dem Seeufer, das aus kalkigem Sande besteht und mit einem Teppich kriechender Strandpflanzen in voller Blüthe überzogen ist. Im Waldrande zur linken, viele blühende Sträucher und Pandanus mit grossen scharlachrothen Früchten. Nach einer Stunde überschreiten wir den Fluss Longos auf einer Fähre, und kommen bald darauf an einen Sporn krystallinischen Gebirges, das uns den Weg versperrt und als Punta Longos in’s Meer ragt. Die Pferde klettern mit Mühe hinüber, jenseits finden wir die Fluth schon so hoch gestiegen, dass wir knietief im Wasser reiten. Nach Sonnenuntergang setzen wir einzeln mit grossem Zeitaufwand in einer elenden Fähre über die breite Mündung des Pulundága, wo ein angenehmer Waldweg über einen [141]abermals quer vor uns in’s Meer fortsetzenden Bergsporn Malangúit uns in 15 Minuten an die Mündung des Paracáli bringt. Die lange Brücke ist so schadhaft, dass wir die Pferde vorsichtig, durch weite Zwischenräume getrennt, hinüber leiten müssen; jenseits liegt der Ort Paracáli, von wo meine Gefährten die Reise über Mauban nach Manila fortsetzen.

Kastell gegen Seeräuber.

Kastell gegen Seeräuber.

Paracáli und Mambuláo sind zwei, allen Mineralogen wegen der dort vorkommenden Rothbleierze wohlbekannte Oertlichkeiten. Am folgenden Morgen kehrte ich nach Lóngos zurück. Es zählt nur wenige elende Hütten, von Goldwäschern bewohnt, die fast nackt gehn; vielleicht weil sie den grössten Theil des Tages im Wasser arbeiten: sie sind aber auch sehr arm.

Der Boden besteht aus Schutt, zersetzten Trümmern krystallinischen Gesteins, reich an Quarzbruchstücken. Die Arbeiter machen Löcher in den Boden 2½ Fuss lang, 2½ Fuss breit, bis 30 Fuss tief. 3 Fuss unter der Oberfläche fängt das Gestein gewöhnlich an, goldhaltig zu werden, der Gehalt nimmt bis 18 Fuss Tiefe zu und wird dann wieder geringer; doch sind diese Verhältnisse sehr unzuverlässig, daher viele fruchtlose Versuche. Das Gestein wird in Körben auf Bambusleitern aus den Löchern herauf getragen, das Wasser in kleinen Eimern; in der Regenzeit ist es aber nicht möglich die Löcher wasserfrei zu halten, da sie am Bergabhang liegen und sich schneller füllen, als sie ausgeschöpft werden können; der Mangel an Wasserhebevorrichtungen ist auch schuld, dass die Gruben nicht tiefer gemacht werden. [142]

Das Pochen des goldhaltigen Gesteins geschieht zwischen zwei Steinen, deren einer als Ambos, der andre als Hammer dient. Jener flach, in der Mitte etwas vertieft, liegt am Boden, dieser von 4 × 8 × 8 Zoll, also von etwa 25 Pfund Gewicht ist mit Rotang an der Spitze eines schlanken Bäumchens befestigt, das schräg in einer Gabel liegt und am entgegengesetzten Ende im Boden festgemacht ist. Der Arbeiter schnellt den als Hammer dienenden Stein auf das goldhaltige Gestein und lässt ihn durch die Federkraft des jungen Baumes wieder in die Höhe fahren.

Eben so roh ist die Vorkehrung zum Zermahlen des gepochten Gesteines: Aus der Mitte einer kreisförmigen Unterlage — aus roh behauenen Steinen, die mit einem Kranz eben solcher Steine eingefasst ist, erhebt sich ein dicker Pfahl, oben mit einem eisernen Stift versehn, um welchen ein in der Mitte horizontaler, an beiden Enden abwärts gebogener Baum drehbar befestigt ist; durch zwei vorgespannte Büffel in Bewegung gesetzt, schleift er mehrere schwere Steine, die durch Rotang an ihn fest gebunden sind, im Kreise herum, und mahlt so das mit Wasser gemischte vorher gepochte Gestein zu feinem Schlamm. (Bei den mexicanischen Goldwäschern ist dieselbe Vorrichtung unter dem Namen Rastra in Gebrauch.) Das Auswaschen des Schlammes geschieht durch Frauen. Sie knieen auf einer Seite einer schmalen bis an den Rand mit Wasser gefüllten Holzrinne, an deren entgegengesetzter Seite, jeder Arbeiterin gegenüber, ein schräges nach abwärts geneigtes Brett befestigt wird; die Rinne ist an diesen Stellen entsprechend ausgeschnitten, so dass ein sehr dünner Wasserstreifen ununterbrochen der ganzen Breite nach über das Brett fliesst. Die Arbeiterin vertheilt den goldhaltigen Schlamm mit der Hand über das am untern Rande mit einer Querleiste versehene Brett, der leichte Sand wird fortgewaschen, es bleibt eine dunkle, hauptsächlich aus Eisen-Kiesen und -Erzen bestehende Schicht zurück, die von Zeit zu Zeit mit einem flachen Span aufgenommen, bei Seite gelegt, und zum Schluss des Tagewerks in einer flachen Holzschüssel (batea), zuletzt in einer Kokosschale, ausgewaschen wird, wobei sich im glücklichen Fall ein feines gelbes Pulver am Rande zeigt.8 Bei der letzten Wäsche wird dem Wasser der schleimige Saft des Gogo zugesetzt, der feine schwere Sand bleibt darin länger schweben als in blossem Wasser und lässt sich somit leichter vom Goldpulver trennen.9 [143]

Es ist noch zu erwähnen, dass der aus den Gruben kommende Schutt am obern Ende der Wasserrinne gewaschen wird, damit der Sand, der den zum Pochen bestimmten Steinen anhaftet, sein Gold in der Rinne oder auf dem Waschbrett absetzen könne. Um das gewonnene Goldpulver zu einem Klumpen zusammen zu schmelzen, in welcher Form es die Händler kaufen, wird es in die Schale einer kleinen Herzmuschel (Cardium) gespült und von einer Handvoll Holzkohlen umgeben, in einen Topfscherben gestellt. Eine Frau bläst durch ein enges Bambusrohr auf die entzündeten Kohlen; in einer Minute ist die Arbeit vollendet.10 Nach vielfältigen Erkundigungen soll der Ertrag per Kopf durchschnittlich nicht über 1½ r. täglich betragen. Weiter SO. von hier im Berg Malagúit sieht man die Reste eines zu Grunde gegangenen spanischen Aktienunternehmens, eine Schutthalde, eine 50′ tiefe Grube, ein grosses zerfallenes Haus und einen 4′ breiten 6′ hohen Stollen. Das Gebirge besteht aus sehr zersetztem Gneiss mit Quarzgängen, im Stollen mit Ausnahme der Quarzbänder fast reine Thonerde mit Sand.

⅓ Grösse.

⅓ Grösse.

Nester von Collocalia troglodytes.

An den Wänden hafteten einige essbare Salanganennester, aber nicht von derselben Art wie in den Höhlen der Südküste von Java.11 Die hiesigen, viel weniger werthvoll als jene, werden nur gelegentlich für chinesische Händler gesammelt, die das Stück angeblich mit 5 Cents bezahlen. Auch von den die Nester bauenden Vögeln, (Collocalia troglodytes Gray) gelang es einige zu fangen.12 Ringsum liegt eine so grosse Zahl von Indiern [144]bearbeiteter, dann verlassener kleiner Gruben, halb oder ganz zerfallen, mehr oder weniger bewachsen, dass man sich mit Vorsicht dazwischen bewegen muss. Einige Gruben werden noch betrieben, ähnlich wie bei Longos, jedoch mit einigen kleinen Verbesserungen. Die Gruben sind doppelt so gross als jene, das Gestein wird mit einer Winde herauf gefördert, einem walzenförmigen Bambusgerippe, das von einem auf einer höheren Bank sitzenden Jungen mit den Füssen getreten wird.

Zehn Minuten N. vom Dorf Malagúit liegt ein Berg, in welchem Bleiglanz und Rothblei gewonnen worden sind. Das Gestein besteht aus sehr zersetztem glimmerreichem Gneiss. Es ist ein über 100′ langer Stollen vorhanden. Das Gestein scheint sehr arm gewesen zu sein.

Auf der Kuppe dieses selben Hügels, N. 30° W. vom Dorf, sind die berühmten Rothbleierze gefunden worden. Die Grube war eingestürzt, vom Regen zugeschwemmt, so dass nur noch eine flache Vertiefung im Boden zu sehn war; nach langem Suchen gelang es zwischen dem darauf wachsenden Gestrüpp einige kleine Bruchstücke zu finden, auf denen noch Chrombleierz deutlich zu erkennen war. Kapitän Sabino, der ehemalige Gobernadorcillo von Paracáli, ein wohlunterrichteter Indier, der mich auf Veranlassung des Alkalden begleitete, hatte aber vor einigen Jahren graben lassen um Probestücke für einen Spekulanten zu erhalten, der darauf ein neues Aktienunternehmen in Spanien zu gründen beabsichtigte. Die gefundenen Proben wurden indessen nicht abgenommen, da Philippinische Bergwerksaktien inzwischen an der Madrider Börse in Misskredit gerathen waren. Leider war, ausser einigen kleinen Drusen, nur noch ein Kistchen voll Sand vorhanden, bestimmt, zerklopft, als bunter Streusand verkauft zu werden. Durch Aussieben wurde alles Brauchbare gerettet.

Auf diesem Hügel kommt eine besonders schöne Fächerpalme vor; ihr Stamm ist 30 bis 40′ hoch, zylindrisch, dunkelbraun mit ¼ Zoll breiten weissen Ringen in Abständen von 4 Zoll; und in gleichen Zwischenräumen kronenartige Bänder von 2 Zoll langen schwarzen Stacheln; gegen die Blattkrone geht der Stamm in das reiche Braun der gebrannten Sienna über.

Von Paracali führt ein trotz des sehr schlechten Weges angenehmer Ritt abwechselnd am Seestrand und durch schönen Wald in 3½ Stunde nach Mambuláo, das W. b. N. liegt. Ich steige im Tribunal ab und richte [145]mich in dem Raum ein, worin die Munition aufbewahrt wird, dem einzigen verschliessbaren. Zur grössern Sicherheit soll das Pulver in eine Ecke getragen, mit einer Büffelhaut zugedeckt werden. Es geschieht, wie ich angeordnet; mein Diener hält dabei ein brennendes Talglicht, sein Gehülfe eine Pechfackel in der Hand. Als ich den eingeborenen Priester besuche, werde ich von einem jungen Mädchen freundlich begrüsst; ich will ihr die Hand geben, sie dankt mit einem Knicks: »tengo las sarnas« (ich habe die Krätze). Die in den Philippinen sehr verbreitete Krankheit scheint in dieser Gegend ihren Mittelpunkt zu haben. Ich glaube kaum hier eine Indierin ohne Krätzflecke gesehn zu haben. (Vergl. S. 130.)

¼ Legua NNO. stösst man auf die Ruinen einer andern Aktienunternehmung, der Ancla de Oro. Schacht und Stollen waren eingefallen und dicht bewachsen; von den beträchtlichen Gebäuden standen nur noch wenige dem Einsturz nahe Reste. Ringsum waren Indier beschäftigt auf ihre Weise einige Goldkörnchen zusammen zu lesen. Das bis zur Unkenntlichkeit verwitterte Gestein ist Gneiss, einige tausend Schritt jenseits steht solcher deutlich krystallinisch an.

½ Legua N. b. O. von Mambulao liegt der Bleiberg Diniánan. Auch hier waren alle Werke eingestürzt, zugeschlämmt, bewachsen. Erst nach langem Suchen wurden wenige Bruchstücke mit Spuren von Rothbleierz aufgefunden. Dieser Berg besteht aus Hornblendegestein, an einer Stelle sehr schöner grosskrystallinischer Hornblendeschiefer.

1½ Legua S. von Mambulao deutet eine flache Bodenvertiefung im dichten Walde die Stelle einer ehemaligen Kupfergrube an, die 84′ tief gewesen sein soll. Kupfererze finden sich in Luzon an mehreren Orten. Proben gediegen vorkommenden Kupfers erhielt ich von der Bucht von Lúyang nördlich der Enseñada de Patág, in Caramúan.

Sehr beträchtliche Lagerstätten von Kupfererzen kommen bei Mancayán, im Distrikt Lepanto, im Zentralgebirge von Luzon zwischen Cagayán und Ilócos vor und werden seit Mitte der 50er Jahre von einer Aktiengesellschaft in Manila ausgebeutet. Das Unternehmen scheint indessen bis jetzt ziemlich erfolglos. 1867 hatte die Gesellschaft ein beträchtliches Anlagekapital verausgabt, Schmelzöfen und hydraulische Betriebsmaschinen errichtet, es war ihr aber bis ganz vor Kurzem wegen der örtlichen Schwierigkeiten, namentlich des Strassenmangels, nicht gelungen Kupfer darzustellen.13

1869 hörte ich in London, der Betrieb sei ganz aufgegeben worden; nach den neuesten Nachrichten geht er zwar fort, die Aktionäre haben aber [146]nie eine Dividende in unserem Sinne erhalten, auch der Abschluss von 1872 ergiebt wieder Verlust oder wie die schönredenden Spanier sagen, einen dividendo pasivo.

Was den Europäern bisher nicht gelungen zu sein scheint, haben indessen die wilden Ygorroten, die jenes unwegsame Gebirge bewohnen, schon seit Jahrhunderten mit Erfolg und in verhältnissmässig grosser Ausdehnung betrieben und dies ist um so bemerkenswerther als das Metall in jenem Gebiete fast nur in Form von Kiesen vorkommt, die auch in Europa nur durch umständliche Verfahren und nicht ohne Zuschlag verwerthet werden könnten.

Man schätzt das von 1840 bis 1855 durch die Ygorroten in den Handel gebrachte Kupfer, theils roh, theils verarbeitet, auf jährlich 300 Picos; auch die Ausdehnung der unterirdischen Erdarbeiten und die bedeutende Menge vorhandener Schlacken deuten auf einen lange bestehenden beträchtlichen Betrieb.

Höhe 17 Cm., Durchmesser oben 19 Cm., grösster Umfang 71 Cm.

Höhe 17 Cm., Durchmesser oben 19 Cm., grösster Umfang 71 Cm.

Die Zeichnung stellt einen von jenen wilden Stämmen angefertigten kupfernen Kessel dar, der sich im Berliner ethnographischen Museum befindet. Meyen, der ihn mitgebracht, berichtet, dass er von den Negritos im Innern der Insel verfertigt sei, und zwar mit Hämmern von Porphyr, da ihnen das Eisen fehle, in der Sammlung des General-Kapitäns der Philippinen habe sich noch ein grosser flacher Kessel von 3½ Fuss Durchmesser befunden, der für nur 3 Dollar gekauft worden, woraus zu schliessen sei, dass das Kupfer im Innern der Insel in grossen Massen vorkommen müsse, vielleicht sogar gediegen, denn wie sollten jene ganz rohen ungebildeten Neger die Kunst das Kupfer zu schmelzen verstehn? Der Ort jener reichen Gruben war dem Guvernör noch unbekannt, obgleich die von dort kommenden kupfernen Geräthschaften nach einem amtlichen Berichte desselben Guvernörs (von 1833) schon seit zwei Jahrhunderten in Manila gebräuchlich waren. Jetzt weiss man, dass die Kupferschmiede nicht Negritos sondern Ygorroten sind und zweifelt nicht, dass sie diese Kunst und die viel schwierigere, metallisches Kupfer aus Kiesen darzustellen, wohl schon lange vor Ankunft der Spanier übten; wahrscheinlich haben sie dieselbe von den Chinesen oder Japanesen gelernt. Der Ober-Ingeniör [147]Santos14 und mit ihm viele Andere sind der Ansicht, dass jener Volksstamm von Chinesen oder Japanesen abstamme, von denen er nicht nur seine Gesichtszüge (mehrere Reisende erwähnen die schiefstehenden Augen der Ygorroten), seine Götzen und einige seiner Gebräuche, sondern auch die Kunst Kupfer zu bereiten herleite.

Jedenfalls ist die Thatsache, dass ein wildes, isolirt im Gebirge lebendes Volk in der Hüttenkunde soweit vorgeschritten sei, von so grossem Interesse, dass eine Beschreibung ihres Verfahrens nach Santos (im wesentlichen nur eine Wiederholung einer früheren von Hernandez, in der Revista minera I. 112.) gewiss willkommen sein wird.

Das gegenwärtig von der erwähnten Aktiengesellschaft, Sociedad minero-metalurgica cantabro-filipina de Mancayan, erworbene erzführende Gebiet war bei den Ygorroten in grössere oder kleinere Parzellen, je nach der Volkszahl der anliegenden Dorfschaften eingetheilt deren Grenzen eifersüchtig gehütet wurden. Das Besitzthum eines jeden Dorfes war wiederum unter bestimmte Familien vertheilt, weshalb jene Bergdistrikte noch heut den Anblick von Honigwaben darbieten. Zur Förderung des Erzes bedienten sie sich des Feuersetzens, indem sie an geeigneten Stellen Feuer anzündeten, um durch die Spannkraft des in den Spalten enthaltenen erhitzten Wassers, mit Zuhülfenahme eiserner Werkzeuge den Fels zu zerkleinern. Die erste Scheidung des Erzes wurde in dem Stollen selbst vorgenommen, das taube Gestein blieb liegen und höhete den Boden auf, so dass bei späterem Feuersetzen die Flamme der Holzstösse stets die Decke traf. Wegen der Beschaffenheit des Gesteines und der Unvollkommenheiten des Verfahrens fanden häufig sehr bedeutende Einstürze statt. Die Erze wurden in reiche und quarzhaltige geschieden, jene ohne weiteres verschmolzen, diese einer sehr starken und anhaltenden Röstung unterworfen, wobei nachdem sich ein Theil des Schwefels, Antimons und Arsen’s verflüchtigt, eine Art Destillation von Schwefelkupfer und Schwefeleisen stattfand, die sich als »Stein« oder in Kugeln an der Oberfläche des Quarzes festsetzten und zum grössten Theil abgelöst werden konnten.15 [148]

Die Oefen oder Schmelzvorrichtungen bestanden aus einer runden Vertiefung in thonigem Boden und hatten 0m[P2: 0m] 30 Durchmesser bei 0m[P2: 0m] 15 Tiefe. Eine damit in Verbindung stehende 30° gegen die Vertiefung geneigte konische Röhre (Düse) von feuerfestem Gestein nahm zwei Bambusrohre auf, die in die unteren Enden zweier ausgehöhlten Fichtenstämme eingepasst waren, in denen sich zwei an ihrem Umfange mit trocknem Grase oder Federn bekleidete Scheiben abwechselnd auf und ab bewegten, und die für das Schmelzen erforderliche Luft zuführten.

Wenn die Ygorroten Schwarzkupfer oder gediegen Kupfer erblasen hatten, so beugten sie dem Verlust (durch Oxydation) vor, indem sie einen Tiegel aus gutem feuerfesten Thon in Gestalt eines Helmes aufsetzten, wodurch es ihnen leichter ward , das Metall in Formen zu giessen, die aus demselben Thone bestanden. Nachdem der Ofen hergerichtet, beschickten sie ihn mit 18 bis 20 Kg. reichen oder gerösteten Erzes, das nach Hernandez wiederholten Versuchen über 20% Kupfer enthielt, und verfuhren dabei ganz wissenschaftlich, indem sie das Erz stets an der Mündung der Düse also dem Luftzuge ausgesetzt, die Kohlen aber an den Wänden des Ofens aufgaben, die aus losen zur Höhe von 0m50 übereinander geschichteten Steinen bestanden. Nachdem das Feuer angezündet und das beschriebene Gebläse in Gang gesetzt war, entwickelten sich dichte gelbe, weisse und oraniengelbe von der theilweisen Verflüchtigung des Schwefels Arsens und Antimons herrührende Rauchwolken, bis nach Verlauf einer Stunde, sobald sich nur durchsichtige schweflige Säure bildete, und die Hitze den höchsten, bei diesem Verfahren möglichen Grad erreicht hatte, das Blasen eingestellt und das Produkt herausgenommen wurde. Dies bestand aus einer Schlacke oder vielmehr aus den eingetragenen Erzstücken selbst, die wegen des Kieselgehaltes des Ganggesteines sich bei der Zersetzung des Schwefelmetalls in eine poröse Masse verwandelten (und sich nicht verschlacken und kieselsaure Verbindungen eingehn konnten, weil es sowohl an Basen als an der erforderlichen Hitze gebrach); ferner aus einem sehr unreinen »Stein« von 4 bis 5 Kg. Gewicht und etwa 50 bis 60% Kupfergehalt.

Mehrere solcher »Steine« wurden zusammen 12 bis 15 Stunden lang in starkem Feuer niedergeschmolzen und dadurch abermals ein grosser Theil der genannten drei flüchtigen Körper entfernt. In denselben Ofen stellten sie die schon geglühten »Steine« aufrecht, und zwar ebenfalls so, dass sie sich im Kontakt mit der Luft, die Kohlen dagegen an den Wänden des Ofens befanden, und erhielten, nachdem sie eine ganze oder halbe Stunde geblasen, als Schlacken ein Silikat von Eisen mit Antimon und Spuren von Arsen, einen »Stein« von 70 bis 75% Kupfergehalt, den sie in sehr dünnen Scheiben abhoben (Konzentrationsstein) indem sie die Abkühlungsflächen benutzten. Im Boden der Vertiefung blieb, jenachdem die Masse mehr oder weniger entschwefelt war, eine grössere oder geringere Menge (stets aber unreines) Schwarzkupfer zurück.

Die durch diesen zweiten Prozess gewonnenen Konzentrationssteine wurden abermals geglüht, indem man sie durch Holzschichten trennte, damit sie nicht an einander schmelzen konnten bevor sie das Feuer von den Unreinigkeiten befreit hatte.

Das bei der zweiten Beschickung erhaltene Schwarzkupfer und die bei eben dieser Operation niedergeschmolzenen Steine wurden in demselben (durch Bruchsteine verengten und mit einem Schmelztiegel versehenen) Ofen einer dritten Operation unterworfen, die eine Schlacke von kieselsaurem Eisen und ein Schwarzkupfer erzeugte, das in Thonformen ausgegossen wurde und in dieser [149]Gestalt in den Handel kam. Dieses Schwarzkupfer enthielt 92 bis 94% Kupfer und war verunreinigt mit einer, durch ihre gelbe Farbe gekennzeichneten Kohlenstoffverbindung desselben Metalles, und das durch langsame Abkühlung an der Oberfläche entstandene Oxyd, das sich stets bildete trotz der angewandten Vorsichtsmaasregel, die der Oxydation ausgesetzte Oberfläche mit grünen Zweigen zu peitschen. Wenn das Kupfer zur Anfertigung von Kesseln, Pfeifen und anderem häuslichen Geräth oder Schmuck dienen sollte, die von den Ygorroten mit so grosser Geschicklichkeit und Geduld ausgeführt werden, so wurde es dem Läuterungsprozess unterworfen, der sich nur dadurch von dem vorhergehenden unterschied, dass man die Kohlenmenge verringerte und den Luftstrom vermehrte, in dem Maasse als der Schmelzprozess sich seinem Ende näherte, was die Fortschaffung der Kohlenstoffverbindung durch Oxydation zur Folge hatte. Durch wiederholte Versuche fand Santos, dass selbst bei Erzen von 20% mittlerem Gehalt nur 8 bis 10% Schwarzkupfer aus der dritten Operation erzielt wurden, so dass also in den Schlacken oder porösen Quarzen der ersten Operation 8 bis 12% zurückblieben.

Es war schwierig zur Rückreise nach Paracáli die nöthigen Transportmittel für mein Gepäck zu erlangen, da die Wege durch anhaltende Regen so aufgeweicht waren, dass Niemand sein Vieh hergeben mochte. In Mambuláo ist der Einfluss der westlich angrenzenden Provinz schon sehr wahrnehmbar: Tagalisch wird fast besser als Bicol verstanden; unter der Bevölkerung macht sich das tagalische Element durch hübsche Frauen geltend, die mit ihrer Familie von Lucban und Mauban hierherkommen um Handel zu treiben. Sie kaufen das Gold auf und führen dagegen Stoffe und andre Waaren ein. Das gewonnene Gold ist in der Regel 15 bis 16 karätig; der Strich entscheidet über den Feingehalt. Die Händler zahlen durchschnittlich für die Unze 11 Dollar, wenn es aber wie gewöhnlich, in geringeren Mengen als eine Unze feilgeboten wird, nur 10 Dollar16; sie wägen mit kleinen römischen Wagen und stehn nicht im Ruf grosser Rechtlichkeit.

Nord-Camarínes ist spärlich bewohnt, in den Bergbaudistrikten hat die Bevölkerung abgenommen, seitdem die vielen durch Aktienschwindel künstlich in’s Leben gerufenen Unternehmungen zu Grunde gegangen. Die Goldwäscher sind meist liederlich und verschuldet, sie hoffen fortwährend auf reiche Funde, die nur äusserst selten vorkommen und dann gewöhnlich gleich verprasst werden, daher findet man auch Champagner und andre Luxusgegenstände in den Läden der sehr ärmlichen Dörfer.

Malagúit und Matángo sollen in der trocknen Jahreszeit durch einen ziemlich guten Weg verbunden sein, jetzt trennte eine Schlammpfütze, in welcher die Pferde bis zum Bauch einsanken, beide Ortschaften. [150]

In Lábo, einem Dörfchen am rechten Ufer des Laboflusses, der dem gleichnamigen Berge entspringt, wiederholen sich die oben mehrfach geschilderten Verhältnisse: schnellverschwindende Spuren der Werke früherer Aktiengesellschaften, dazwischen kleine von Indiern bearbeitete Gruben. Rothblei ist hier nicht gefunden worden, aber Gold und besonders »Platina«, das sich aber durch Besichtigung einiger Proben als Bleiglanz erweist. Der Berg Labo scheint nach seiner Glockenform und den Geschieben im Flussbett aus Hornblendetrachyt zu bestehn. ½ Legua WSW. durch fusstiefen Schlamm watend erreichen wir den Berg Dallas, wo ehemals Bleiglanz und Gold von einer Aktiengesellschaft, jetzt Gold von wenigen Indiern auf die mehrfach erwähnte Weise gewonnen wurde.

Gebirge Bacacáy vom Tribunal von Labo.

Gebirge Bacacáy vom Tribunal von Labo.

Es gelang mir weder in dieser Provinz noch in Manila näheres über die Geschichte der vielen verunglückten Bergbauunternehmungen zu erfahren. So viel aber scheint festzustehn, dass sie nur von Spekulanten in’s Leben gerufen, niemals mit genügenden Mitteln sachkundig betrieben worden sind und verfallen mussten sobald die Spekulanten ihre Aktien untergebracht hatten.

Ausser dem wenigen von den Indiern auf so unergiebige Weise gewonnenen Golde, liefert Nord-Camarínes jetzt kein Metall. Anfänglich erhob der König von Spanien ein Fünftel, dann einen Zehnten vom Golde, später hörte die Abgabe auf. Zu Morgas Zeit betrug der Zehnten durchschnittlich 10,000 Doll. (»denn viel wird verheimlicht«), die Ausbeute also über 100,000 Doll. Gemelli Carreri (S. 443) erfuhr vom Guvernör von Manila, dass jährlich 200,000 Doll. Werth an Gold, ohne Hülfe von Feuer oder Quecksilber gesammelt werde, und dass Paracáli besonders goldreich sei. Zur Schätzung der gegenwärtigen Erträge fehlen mir alle Daten. Die auf viele Anfragen erhaltenen Antworten verdienen keine Erwähnung. Sehr gering sind die Erträge jedenfalls, sowohl wegen der Unvollkommenheit des Verfahrens, als der Unbeständigkeit der Arbeit, denn die Indier arbeiten nur, wenn die Noth sie dazu zwingt. [151]

In einem Nachen kehrte ich stromabwärts nach Indang zurück, einem verhältnissmässig blühenden Ort, mit geringerer Bevölkerung, aber bedeutenderem Handel als Daet; die Ausfuhr besteht vorzüglich aus Abaca, die Einfuhr aus Reis.

Nach den Mittheilungen eines alten Schiffers, der viele Jahre lang an dieser Küste fährt, herrschen dieselben Winde von Daet bis zum Cap Engaño, der NO. Spitze Luzons: Von Oktober bis März der Nordost, hier der Regen-Monsun, mit Nordwinden beginnend, die von kurzer Dauer sind und bald in NO. übergehn; im Januar und Februar treten Ostwinde ein und beschliessen den Monsun; die stärksten Regen fallen von Oktober bis Januar, im Oktober kommen zuweilen Taifune vor. Sie fangen an mit N. oder NO., gehn nach NW. wo sie am heftigsten sind, dann durch N. und O. zuweilen bis SO. und selbst S. — März, April, mitunter auch Anfang Mai wehen Wechselwinde, sie leiten den SW.-Monsun, die von Regenschauern unterbrochene trockene Jahreszeit ein. Am trockensten sind April und Mai. Gewitter kommen von Juni bis November, am häufigsten im August vor. Im SW.-Monsun ist das Meer sehr ruhig, in der Mitte des NO.-Monsuns hört alle Schifffahrt an der Ostküste auf. In der Umgegend von Balér wird der Reis im Oktober gesäet, im März oder April geerntet. Bergreis wird nicht gebaut. [152]


1 Vielleicht Topfstein, der in China zur Anfertigung billigen Schmucks dient; gypsartig bezieht sich wohl nur auf den Härtegrad. 

2 In der Christy’schen Sammlung in London sah ich an einer Vorrichtung aus den Schifferinseln einen derartigen Stein geschickt verwendet, um Vorräthe gegen Ratten und Mäuse zu schützen: man zieht eine Schnur durch den Stein, befestigt das eine Ende derselben an der Decke der Wohnung, hängt am andern die aufzubewahrenden Gegenstände auf. Ein Knoten in der Mitte der Schnur verhindert ihn weiter hinabzugleiten, jede Berührung bringt ihn aus dem Gleichgewicht, es ist den Ratten nicht möglich über ihn fort zu klettern. Eine ähnliche auf den Viti-Inseln gebräuchliche Vorrichtung, aber von Holz, ist im Atlas zu Dumont d’Urville Voy. au Pole sud I. 95 abgebildet. 

3 Carletti Viaggi 2. 11. 

4 Life in the Forests of the Far East 1. 300. 

5 Nach Pater Camel (Philos. transact. London vol. XXVI. pg. 246): hantu schwarze Ameise von der Grösse einer Wespe, amtig kleinere schwarze, hantic rothe Ameise. 

6 Nach Dr. Gerstäcker wahrscheinlich Phrynus Grayi Walck Gerv., lebendig gebärend. S. Sitzungsb. Ges. Naturf. Freunde Berl. 18. März 1862 und Abbildung und Beschreibung in G. H. Bronn Ord. Class. Bd. V. 184. 

7 Calapnit, tagal. und bicol: die Fledermaus, Calapnitan also wohl: Herr der Fledermäuse. 

8 Von mehreren in der Berliner Bergakademie untersuchten Proben Goldsand enthielt nur eine 0,014 Gold, auch in einer Probe des auf dem Schlammbrett zurückgebliebenen schweren Sandes fand sich kein Gold. 

9 Der Gogo ist eine in den Philippinen sehr häufige kletternde Mimose (Entada purseta) mit grossen Schoten; der zerklopfte Stamm wird wie die chilenische Seifenrinde (Quillaja saponaria) beim Waschen verwendet und für manche Zwecke, z. B. beim Baden und Waschen des Haupthaares der Seife vorgezogen. 

10 Ein auf diese Weise gewonnenes Goldkügelchen bestand nach einer in der Berliner Bergakademie angestellten Analyse aus:

Gold 77,4
Silber 19,0
Eisen 0,5
Kieselerde 3,0
Verlust 0,1
100,0

war also über 18 karätig. 

11 S. Reiseskizzen S. 198. 

12 Nest und Vogel sind in Gray’s genera of birds abgebildet; das Nest entspricht aber nicht den hier gefundenen. Diese sind halbkugelförmig und bestehn zum grossen Theil aus Coir (Kokosfaser); wahrscheinlich von Menschenhand zubereitet, das ganze Innere ist mit einem unregelmässigen Netzwerk feiner Fäden der glutinösen, essbaren Substanz überzogen, ebenso der obere Rand, der von der Mitte nach den Seiten hin, allmälig anschwillt und sich zu zwei einander berührenden flügelartigen Fortsätzen ausbreitet, womit das Nest an der Wand festgeheftet ist. — Die Zeichnung ist in ⅓ Grösse der Originale ausgeführt die sich unter B 3333 im Berl. Zool. Mus. befinden. Dr. v. Martens vermuthet, die Bezeichnung Salangane komme von langayan, Schwalbe, und dem malayischen Praefix sa und bedeute eigentlich das Nest als etwas von der Schwalbe herrührendes. (Journ. f. Ornith. Jan. 66. S. 19). 

13 Spanischer Katalog der Pariser Ausstellung 1867. 

14 Informe sobre las minas de Cobre, Manila 62. 

15 Nach dem Katalog kommen folgende Erze vor: Buntkupfererz (cobre gris abigarrado), Arsenkupfer (c. gris arsenical), Kupferglas (c. vitreo), Kupferkies (pirita de cobre), gediegen Kupfer (mata cobriza), Schwarzkupfer (c. negro). Die am häufigsten auftretenden Erze haben folgende Zusammensetzung, A nach einer in der Escuela de Minas in Madrid analysirten Probe, B nach Santos’ Analysen, Mittel mehrerer verschiedenen Stellen entnommener Proben:

A B
Kieselsäure 25,800 47,06
Schwefel 31,715 44,44
Kupfer 24,640 16,64
Antimon 8,206 5,12
Arsen 7,539 4,65
Eisen 1,837 1,84
Kalk Spuren
(Verlust) 0,263 0,25
100,000 100,00

 

16 Nach den bei uns geltenden Preisen würde sich der Werth auf etwa 12 Dollar berechnen, der Werth der analysirten Probe (S. 143) auf 14¼ Dollar. 

[Inhalt]

SECHSZEHNTES KAPITEL

REISE LÄNGS DER KÜSTE VON CAMARINES. — ANDRINGEN DES MEERES. — ZERSTÖRTER PALMENWALD. — PASACAO. — SCHLECHTE STRASSEN.

Von Daét sandte ich mein Gepäck in einem Schoner nach Cabusáo und setzte den Weg dahin zu Fuss, an der Küste, dem Westrande der Bay von S. Miguél, fort. Wir fuhren in einem Boote über die Flussmündung, die Pferde folgten schwimmend, wurden aber bald wegen Untauglichkeit zurückgelassen. An der nächsten Flussmündung Sácavin war das Wasser so hoch, dass sich die Träger nackt auszogen und das Gepäck auf dem Kopfe hinübertrugen: in einfacher Jacke und Hose von Kattun fand ich diese Vorsicht überflüssig; es ist im Gegentheil bei hoher gleichmässiger Temperatur nach meiner Erfahrung erfrischend und zuträglich in nassen Kleidern zu gehn, auch spart man dadurch manchen Sprung über Gräben, manchen Umweg um Pfützen, die man, einmal durchnässt, nicht mehr fürchtet. Nachdem wir noch acht kleine Flüsse durchwatet, mussten wir den Strand verlassen und auf steilen schlüpfrigen Waldpfaden den Weg nach Colási fortsetzen, das gerade in der Mitte des Westrandes der Bay liegt. Der Seestrand war sehr schön: statt eines einförmigen, bei Ebbe übelriechenden Rhizophorensaumes, der dort nie fehlt, wo das Land in’s Meer hineinwächst, reichen hier die Wellen an den Fuss der alten Waldbäume, deren viele unterwaschen sind. Am bemerkenswerthesten war ein Saum alter stattlicher, mit Orchideen und andern Epiphyten behangener Barringtonien, prachtvolle Bäume wenn sie in Blüthe stehn und die 5 Zoll langen rothen Staubfäden mit goldgelben Antheren wie Quasten von den Zweigen herabhängen; durch ihre faustgrossen Früchte sind sie dem Fischer zwiefach nützlich, der sie ihres geringen spezifischen Gewichtes wegen zum Flottiren der Netze, zerklopft zum Betäuben der Fische verwendet. Die vordersten Bäume standen schief gegen das Meer geneigt, und sind wohl schon längst verschlungen, gleich vielen andern, deren Wrack noch aus dem Wasser hervorragte. Die Zerstörung dieser Küste scheint [153]sehr beträchtlich zu sein. Unter den kletternden Palmen war eine eigenthümliche Art sehr häufig, deren armdicker Stamm sich blätterlos am Boden hinschleppte oder in Bögen über die Aeste hing, und nur an seinem Ende eine Blattkrone trug. Eine andre, vom Habitus gewöhnlicher Calamus, hatte Caryota-Blätter. Wildschweine sind hier sehr häufig; ein Jäger bot uns deren zwei, das Stück zu einem Real an.

Der Pik Colasi von der Visita Colasi.

Der Pik Colasi von der Visita Colasi.

Die Richtung der seit der Spitze von Daét NNW. SSO. streichenden flachen Küste wird hier durch den nach O. hinaus tretenden kleinen Pik von Colási unterbrochen, der so schnell wachsen soll, dass alle älteren Leute ihn niedriger gekannt haben wollen. In der Visita Colási, am Nordabhange des Gebirges, ist das Meer so wild, dass kein Boot sich halten kann. Die Bewohner treiben zwar Fischfang, ihre Fahrzeuge liegen aber am Südabhange des Berges, in der geschützten Bucht Lalauígan, die wir nach dreistündigem Marsche über das Joch erreichten.

Von der Visita Lalauigan.

Von der Visita Lalauigan.

Der Pik Colasi. Der kleine Pik.

Ein hier gemiethetes vierruderiges Baroto wollte uns, da das Wetter günstig, in zwei Stunden nach Cabusáo, dem Hafen von Naga bringen, aber der Wind schlug um, es stürmte; durchnässt, nicht ohne Haverei, flüchteten wir nach Barcelonéta, einer im Drittel der Entfernung gelegenen Visita. Auch der hier angetroffene einsichtsvolle Teniente von Colási bestätigte das schnelle Wachsen des kleinen Piks. [154]

Gegen meinen Wunsch den Berg zu besteigen wurden grosse Schwierigkeiten geltend gemacht; schwerlich könne es in den nächsten Wochen geschehn, weil Alle mit Vorbereitungen zum Osterfest beschäftigt seien. Da mich diese Einwendungen nicht überzeugten, so fand sich am nächsten Morgen ein triftigerer Grund. Inländische Schuhe sind im Schlamm, namentlich zu Pferde, wohl zu brauchen; beim Bergsteigen aber, auf rauhem Boden, halten sie nicht einen Tag. Das einzige noch übrige Paar starker europäischer Schuhe, das ich für besondere Zwecke aufgespart, hatte mein Bedienter, der nicht gern Berge stieg, verschenkt, weil er fürchtete sie möchten viel zu schwer für mich sein.

Von Barcelonéta bis Cabusáo behält der Strand denselben Charakter wie zwischen Daét und Colási. Seine Richtung ist aber NS. Der Boden, sandiger Thon, ist mit einer dicken Schicht zerbrochener Zweischaler bedeckt. Der Weg war sehr beschwerlich, da die hohe Fluth uns zwang zwischen Bäumen und dichtem Unterholz zu klettern. Unterwegs trafen wir eine unternehmende Familie, die von Daét abgefahren, um Kokosnüsse nach Naga zu bringen, hier Schiffbruch gelitten hatte.1 Von 5 Tinajas Oel hatten sie nur eine, die Nüsse aber alle gerettet. Sie lebten in einer kleinen schnell erbauten Hütte, von Kokosnüssen, Reis, Fischen und Muscheln, auf günstigen Wind zur Rückkehr wartend. Es giebt hier eine grosse Manchfaltigkeit von Strandvögeln, aber meine Flinte ging nicht los, obgleich sie mein Diener, in Aussicht auf die Jagd, mit besonderer Sorgfalt geputzt hatte; die Ladung konnte, da er beim Putzen den Ladestock verloren, erst in Cabusáo herausgezogen werden, wobei sich ergab, dass beide Läufe unten bis über das Zündloch voll Sand waren.

Das Gestade war noch schöner als am vorigen Tage, namentlich an einer Stelle, wo die Brandung gegen einen Wald von Fächerpalmen (Corypha sp.) anprallte. An der dem Meer zugekehrten Seite standen die Bäume, ihrer Kronen beraubt, in Gruppen oder Reihen, oder lagen umgestürzt, wie Säulen gewaltiger Tempelruinen (einige derselben hatten drei Fuss Durchmesser). Der Anblick erinnerte unmittelbar an Pompeji. Ich konnte mir die Ursache der Kahlheit der Stämme nicht erklären, bis ich mitten unter den Palmen eine Hütte entdeckte, in welcher zwei Männer bemüht waren den Wogen in ihrem Zerstörungswerk zuvor zu kommen, durch Bereitung von Zucker (tunguleh). Zu dem Zweck wird nach Entfernung [155]der Blätter, da diese Palme terminal blüht, das obere Ende des Stammes queer abgeschnitten, die Schnittfläche ist ein wenig (etwa 5°) gegen den Horizont geneigt und nach dem untern Rand hin zu einer sehr flachen Rinne ausgetieft. Der Saft quillt aus der ganzen Schnittfläche, mit Ausnahme der durchschnittenen äussern Blattstiele, sammelt sich in der flachen Rinne und wird von da auf einem zwei Zoll breiten, vier Zoll langen Stück Bananenblatt in ein am Stamm hängendes Bambusrohr geleitet. Um den hervorquellenden Saft gegen Regen zu schützen, ist jeder angezapfte Baum mit einer Kappe aus einem dütenförmig zusammengebogenen Palmenblatt bedeckt. Der Saft hat einen schwachen, angenehm aromatischen Beigeschmack von Karamell. Ein Baum liefert täglich im Durchschnitt vier Bambusen voll Tuba, die Bambusen haben gegen 3½ Zoll innern Durchmesser, und sind, wenn sie abgenommen werden, etwa 18 Zoll hoch gefüllt, dies gäbe etwas über 10 Quart täglich.

Palmenwald durch die Brandung zerstört

Der Ertrag der einzelnen Bäume ist indessen sehr ungleich; er lässt allmälig nach und hört nach 2, höchstens 3 Monaten gänzlich und für [156]immer auf2; aber das Verhältniss der frisch und vor längerer Zeit angeschnittenen bleibt dasselbe, mithin auch der Durchschnittsertrag. Der Saft von 37 Palmen liefert bei jedem Einsammeln, nachdem er in einer eisernen Pfanne abgedampft, eine, täglich also vier, wöchentlich 28 gantas oder 2⅓ tinájas Zucker, der an Ort und Stelle 2½ Doll. die tinája gilt. Diese, von den Leuten selbst herrührenden Angaben stellen das Verhältniss vielleicht etwas ungünstiger dar, als in der Wirklichkeit; doch kann, nach der Ansicht eines kundigen Mestizen der Unterschied nicht sehr bedeutend sein. Lässt man obige Zahlen gelten, so würde ein jeder dieser herrlichen Bäume etwa 1⅔ Doll., und nach Abrechnung des Arbeiterlohns (1 r. per Tag) etwa 1⅔ Thaler geben, freilich nicht viel, doch mag es zum Troste dienen, dass er ohne die Dazwischenkunft des Menschen bald der Brandung anheim fiele, und selbst gegen alle äussern Feinde geschützt, nach einmaligem Fruchttragen verdorren muss.

Cabusáo liegt im Südwinkel der Bucht von S. Miguél, die fast rings von hohen Bergen umgeben, den Schiffen einen sichern Ankerplatz gewährt. — Von hier begab ich mich über Naga an die Südküste. Vier Leguas von Naga, im Busen von Ragay, am Südrande Luzons, liegt der kleine, aber tiefe Hafen von Pasacáo. In zwei Stunden erreicht man zu Wasser die halbwegs liegende Visita Pamplóna, von wo der Weg zu Lande fortgesetzt wird. Der noch vorhandene Rest der früheren Strasse befand sich in erbärmlichem Zustande, selbst in der damals trocknen Jahreszeit kaum passirbar; die Brücken über die vielen kleinen Gräben waren eingestürzt, an manchen Stellen lagen grosse Steine und Baumstämme queer über den Weg, die, vor Jahren zum Ausbessern der Brücken herbeigeschafft, unbenutzt liegen blieben und seitdem die Strasse sperrten.

In Quitang, zwischen Pamplóna und Pasacáo, wo sich zwei Bäche zu einem, bei letztem Orte mündenden Flüsschen vereinigen, hatte ein junger Franzose eine Hacienda gegründet. Er war zufrieden und hoffnungsvoll, und lobte namentlich den Fleiss und guten Willen seiner Leute. Ausländer scheinen in der Regel mit den Eingeborenen besser auszukommen, als Spanier, wohl weil sie weniger Ansprüche machen. Unter letzteren sind namentlich solche aus den untern Klassen sehr geneigt ungerechtfertigte Anforderungen zu stellen und bitter zu klagen, wenn sie nicht für jede Arbeit sofort die nöthigen Hände finden, zu Lohnsätzen, die dem gesteigerten Werthe der Produkte durchaus nicht entsprechen. Ginge es [157]nach ihnen, so müssten die Eingeborenen von Amtswegen gezwungen werden für sie zu arbeiten.3

Freilich ist der Indier unabhängiger als der europäische Arbeiter, weil er bedürfnissloser, und als geborener Grundbesitzer nicht gezwungen ist, sich als Tagelöhner eines Anderen sein Brod zu erwerben, dennoch ist es fraglich, ob, in Bezug auf Löhne, irgend eine Kolonie dem Pflanzer günstigere Verhältnisse darbietet, als die Philippinen. In Holländisch Indien, wo Privatindustrie durch das Regierungsmonopol fast ausgeschlossen, erhalten freie Arbeiter ⅓ Gulden, etwas mehr als 1 r., den üblichen Lohn in den wohlhabenden Provinzen der Philippinen (in den ärmeren beträgt er nur die Hälfte) und die Javanen kommen den Filipinos weder an Kraft, noch an Intelligenz und Geschick gleich. Wie hoch der Tagelohn in allen ehemaligen Sklavenstaaten ist, ist bekannt. Mauritius und Ceylon müssen um Zucker und Kaffee zu bauen, fremde Arbeiter mit grossen Unkosten einführen und theuer bezahlen, und stehn sich dennoch gut dabei.

Von Quitang bis Pasacáo ist der Weg noch schlechter als vorher und doch ist dies die wichtigste Strasse der Provinz! Bevor man Pasacáo erreicht, sieht man an den Entblössungen der Kalkwände deutliche Zeichen, dass sie früher vom Meer bespült wurden. Pasacáo liegt malerisch am Ende des vom Itulán durchflossenen Thales, welches sich von Pamplona zwischen bewaldeten Kalkbergen bis an’s Meer erstreckt. Die Ebben sind hier höchst unregelmässig. Von Mittag bis Abend war kein Unterschied wahrzunehmen, und als die Abnahme eben sichtbar wurde, stieg die Fluth schon wieder. Unmittelbar südlich vor der Ortschaft war eine von den Wellen unterwaschene Bergwand von 2000′ Höhe und über 1000′ Breite zwei Jahre vorher herabgerutscht. Der Fels besteht aus einer zähen Kalkbreccie voll Muschel- und Korallenbruchstücken; ich konnte es aber ohne Schuhe auf dem scharfen Gestein nicht lange genug aushalten, um es näher zu untersuchen.

Aus demselben Grunde musste auch von dieser Seite die schon von Libmánan vergeblich versuchte Besteigung des Yamtik unterbleiben. Statt dessen fuhr ich in Begleitung des gefälligen französischen Pflanzers im Boot nordwestlich die Küste entlang. Unser Nachen schwebte über Korallengärten [158]hin, von prachtvoll gefärbten Fischen umschwärmt. Nach zwei Stunden erreichten wir eine Höhle im Kalk »Suminabáng«, so niedrig, dass man sich nur kriechend darin bewegen konnte. Sie enthielt einige Schwalben und Fledermäuse. Am Flusse Calebáyan, jenseits der Punta Tanáun schlugen wir in einem einzeln stehenden Schuppen unser Nachtlager auf. Hier wird das Kalkgebirge durch einen am linken Ufer des Flüsschens isolirt stehenden Felsen aus hornblendereichem krystallinischen Gestein unterbrochen, er ist, ausser an der, dem Wasser zugekehrten Seite, ringsum von Kalk umgeben.

Die umliegenden Berge sollen von Wildschweinen wimmeln: unter dem Strohdach unserer Hütte, die gelegentlichen Jägern zum Obdach dient, waren über 150 Unterkiefer als Jagdtrophäen aufgesteckt. Der Ort, an dem wir uns befanden, erschien wie zur Viehzucht geschaffen, sanfte mit Futtergras und einzelnen Baumgruppen bewachsen, von Bächen durchrieselte Abhänge, ziehn sich vom Meere aus in die Höhe und werden von einer steilen Felsenmauer im Halbkreis eingefasst. Das Vieh würde dort Gras, Wasser, Schatten und den Schutz einer geschlossenen Umwallung finden. Längs der Küste hinfahrend, hatten wir eine Reihe solcher Oertlichkeiten bemerkt, sie sind aber völlig unbenutzt, aus Mangel an Unternehmungsgeist, und aus Furcht vor Seeräubern. Sobald unser Abendbrot bereitet war, löschten wir das Feuer sorgsam aus, damit es den Meerstrolchen nicht als Signal diene, und hielten Nachtwachen.

Am folgenden Morgen wollten wir eine nie zuvor betretene Höhle besuchen, fanden aber zu unserm Erstaunen keine eigentliche Höhle, sondern nur eine wenige Fuss tiefe Höhlenpforte; weithin sichtbar, muss sie den Jägern oft aufgefallen sein, doch hatte sich, wie unsere über die Täuschung erstaunten Begleiter versicherten, aus abergläubischer Scheu bisher Niemand hineingewagt.

Wie mehrfach erwähnt, ist die nördliche Küste von Camarínes im NO. Monsun fast unnahbar, während die durch vorliegende Inseln gedeckte Südküste immer zugänglich bleibt. Die fruchtbarsten Gebiete der östlichen Provinzen, die im Sommer ihre Erzeugnisse durch die nördlichen Häfen ausführen, bleiben im Winter oft Monate lang von allem Verkehr mit der Hauptstadt abgeschlossen, weil kein Weg über den schmalen Landstreifen zur Südküste führt. Wie viel die Natur für die Erleichterung des Verkehrs gethan, wie wenig die Menschen, wird recht deutlich, wenn man den eben geschilderten Zustand der Strasse nach Pasacao, in Zusammenhang mit den östlichen Verhältnissen betrachtet, wie sie die Karte zeigt. [159]

Zwei Flüsse, der eine von NW., der andre von SO. kommend, beide schiffbar, bevor sie die Grenzen der Provinz erreichen, fliessen mitten durch dieselbe, in einer, wenn man die Windungen nicht berücksichtigt, mit den Küsten gleichlaufenden Linie und senden, nachdem sie zusammengetroffen, ihre Wasser gemeinschaftlich durch den Aestuar von Cabusáo in die Bay von S. Miguél. Die ganze Provinz wird also in ihrer Mittellinie von zwei schiffbaren Flüssen durchströmt, die in Bezug auf den Verkehr nur Einen bilden. Von ihrem Vereinigungspunkt, an der schmalsten Stelle der Provinz, beträgt die Entfernung bis zur Südküste nur 3 Leguas.

Der Hafen von Cabusáo im Grunde der Bucht von S. Miguél ist aber im NO. Monsun nicht zugänglich und hat den Nachtheil nur auf dem grossen Umwege um den ganzen östlichen Theil Luzons mit Manila zu verkehren. An der Südküste dagegen liegt der Hafen von Pasacáo, in welchen ein, über eine Meile weit schiffbares Flüsschen mündet, so dass die Entfernung zwischen dieser Wasserstrasse und dem nächsten Punkte des Bicolflusses wenig über eine Meile beträgt. Die 1847 von einem thätigen Alkalden angelegte, bis 1852 erhaltene, beide Meere verbindende Strasse war aber zur Zeit meines Besuches so schlecht, dass der Pico Abacá auf dieser kurzen Strecke in der trocknen Jahrszeit 2 r. Fracht zahlte, in der nassen aber selbst für den doppelten Preis nicht befördert werden konnte.4

Es liessen sich viele ähnliche Beispiele anführen: 1861 berichtet der engl. Vize-Konsul, dass in Yloilo der Pico-Zucker um mehr als 2 r. vertheuert wird (so viel als die Fracht von Yloilo nach Manila beträgt) durch den schlechten Zustand der Strasse zwischen zwei Dörfern, die nur 1 Legua auseinander liegen.

Wären die Inseln nicht, abgesehn vom Seetransport, so ausserordentlich begünstigt durch unzählige Flüsse mit schiffbaren Mündungen, so würde ein noch viel grösserer Theil ihrer Produkte nicht zu verwerthen sein. Die Eingeborenen haben kein Verlangen nach Strassen, die sie selbst durch Frohnarbeit bauen, und nachdem sie vollendet, durch Frohnarbeit erhalten müssen, auch die Lokalbehörden nicht, denn wo keine Strassen gebaut werden, sind die Frohnden um so leichter für Privatzwecke zu nützen. Eben so wenig sind die Curas in der Regel der Anlage von Verkehrswegen günstig, durch welche Handel, Wohlstand und Aufklärung in’s Land dringen, ihre Autorität untergraben wird. Ja die Regierung selbst begünstigte bis vor Kurzem solche Zustände, denn schlechte Strassen [160]gehören zum Wesen der alten spanischen Kolonialpolitik, die immer darauf bedacht war, die einzelnen Provinzen ihrer grossen überseeischen Besitzungen zu isoliren, das Gefühl der nationalen Gemeinschaft nicht aufkommen zu lassen, um sie desto leichter vom fernen Mutterlande aus beherrschen zu können.

In Spanien selbst sieht es übrigens nicht viel besser aus; es fehlt dort so sehr an Verkehrswegen, dass z. B. die Waaren von Santandér nach Barcelóna den Seeweg um die ganze iberische Halbinsel dem direkten, zum Theil mit Eisenbahn versehenen Wege vorziehn.5 In Estremadura wurden die Schweine mit Weizen gefüttert (lebendes Schweinefleisch kann ohne Strassen transportirt werden), während gleichzeitig die Seehäfen fremdes Getreide einführten.6 Der Grund dieser Zustände liegt auch dort weniger in den zerrütteten Finanzen, als in der Regierungsmaxime, die einzelnen Provinzen zu isoliren. [161]


1 In Daét galten damals 6 Nüsse 1 cuarto, in Naga, das zu Wasser nur 15 Leguas entfernt, hofften die Leute 2 für 9 c. zu verkaufen (das 27fache); eine Nuss kostete damals in Naga 2 c., 12mal so viel als in Daét. 

2 Seitlich blühende Palmen können eine lange Reihe von Jahren ununterbrochen oder indem man sie zeitweis Früchte tragen lässt, abgezapft werden. 

3 N. Loney versichert in einem seiner trefflichen Berichte, dass es bei angemessener Bezahlung nie an Arbeitern fehle. Als beispielsweise zum Ausladen von Schiffen in Yloilo viele Leute auf einmal gebraucht wurden, lockte die geringe Lohnerhöhung von 1 auf 1¼ r. deren mehr herbei als beschäftigt werden konnten. Der belgische Konsul berichtet seinerseits, dass in den Provinzen, wo das Abaca wächst, die gesammte männliche Bevölkerung bei dieser Kultur betheiligt ist in Folge einer geringen Lohnerhöhung. 

4 Ein unvollendeter Kanal soll vom Bicol- zum Pasacaofluss führen, wie man glaubt vor Zeiten von Chinesen gegraben, deren Schiffe dort zahlreich verkehrten. (Arenas S. 140.) 

5 La Situation économique de l’Espagne, Delmarre pg. 7. 

6 Lesage Coup d’oeil, in Journ. des Economistes Sept. 68. 

[Inhalt]

SIEBENZEHNTES KAPITEL

DER YSAROG UND SEINE BEWOHNER.

In der Mitte von Camarínes erhebt sich der Ysarog (sprich Issaró), zwischen den Meerbusen von San Miguél und Lagonóy. Während sein östlicher Abhang fast das Meer erreicht, ist er gegen Westen durch einen breiten Streifen fruchtbaren Schwemmlandes von der Bucht von S. Miguél getrennt. Sein Umfang beträgt wenigstens 12 Leguas, seine Höhe 1966 Meter.1 An seiner Basis sehr flach, schwillt er allmälig zu 16°, weiter oben zu 21° Neigung und wölbt sich, von Westen gesehn, zu einer flachen, domförmigen Kuppe. Betrachtet man ihn aber von der Ostseite, so gewahrt man ein durch eine grosse Schlucht zerrissenes Ringgebirge. Auf Coello’s Karte ist diese Schlucht irrthümlich als von S. nach N. streichend dargestellt; ihre Richtung ist WO. Gerade vor ihrer Oeffnung liegt, ½ Legua S. von Goa, das winzige Dörfchen Rungus; nach welchem sie benannt wird. Die äusseren Seiten des Berges und die Trümmer seines grossen Kraters sind mit undurchdringlichem Wald bedeckt. Von seinen vulkanischen Ausbrüchen meldet die Ueberlieferung nichts.

Vulkan Ysarog in WSW

Vulkan Ysarog in WSW

aufgenommen von Goa.

Die höheren Abhänge dienen einem kleinen Volksstamme zum Wohnsitz, der in fast gänzlicher Abgeschlossenheit von den Bewohnern der Ebene, seine Selbstständigkeit und die Sitten einer früheren Zeit bewahrt hat. Gelegentlich mögen wohl einzelne Cimarronen (s. S. 106) zugezogen sein, doch hatte sich kein solcher Fall in der Erinnerung erhalten. Die Bewohner des Ysaróg werden gewöhnlich, wenn auch missbräuchlich, Ygorroten genannt, dieser Name ist hier beibehalten, da ihre Nationalität noch [162]nicht genügend festgestellt ist. Sie selbst sind überzeugt, dass ihre Vorfahren immer dort gehaust haben. Sie sind es, die nach dem Urtheil der Pfarrer von Camarínes die Bicolsprache am reinsten sprechen (s. S. 120). Ihre Sitten und Gebräuche sind in vielen Punkten denen, welche die Spanier bei ihrer Ankunft vorfanden, sehr ähnlich, andererseits erinnern sie vielfach an diejenigen, welche noch heut bei den Dayaks in Borneo herrschen.2 Diese Umstände lassen vermuthen, dass sie der letzte Rest eines Stammes seien, der seine Unabhängigkeit gegen die spanische Herrschaft und wahrscheinlich auch gegen die kleinen Tyrannen behauptet hat, die vor Ankunft der Europäer in der Ebene herrschten. Als Juan de Salcedo seinen Siegeszug um das nördliche Luzon unternahm (s. unten), fand er überall an den Flussmündungen seefahrende, unter vielen Häuptlingen lebende Völkerschaften, die nach kurzem Kampf der höhern Mannszucht und besseren Bewaffnung der Spanier erlagen oder sich freiwillig der überlegneren Rasse unterwarfen; es gelang ihm aber nicht, die unabhängigen Stämme im Innern zu besiegen. Noch heut giebt es solche auf allen grösseren Inseln der Philippinen-Gruppe.

Aehnliche Zustände findet man vieler Orten im indischen Archipel: die Handel und Seeraub treibenden Malayen besitzen das Gestade, dort herrscht auch ihre Sprache; die Eingeborenen sind von ihnen unterjocht oder in die Wälder gedrängt, deren Unzugänglichkeit ihnen ein kümmerliches aber unabhängiges Leben sichert.3

Um den Widerstand der wilden Stämme zu brechen, verbot die spanische Regierung ihren Unterthanen bei Strafe von 100 Schlägen und zwei Jahr Zwangsarbeit, »Handel zu treiben und Umgang zu pflegen mit den Heiden in den Bergen, die seiner katholischen Majestät keinen Tribut zahlen; denn wenn diese ihr Gold, Wachs u. s. w. gegen andere Bedürfnisse austauschen können, so werden sie sich nie bekehren.«4 Vielleicht hat gerade dies Gesetz dazu beigetragen, die Wilden, trotz ihrer geringen Kopfzahl, Jahrhunderte lang vor gänzlicher Ausrottung zu schützen; denn freier Verkehr zwischen einem Volke auf der Stufe des Ackerbaus und [163]einem, das hauptsächlich von der Jagd lebt, führt häufig zur Vernichtung des letzteren.

Dennoch hat die Zahl der Ygorroten des Ysarog sehr abgenommen durch Todtschlägereien zwischen den einzelnen Ranchos, und durch die Raubzüge, welche bis vor Kurzem die Steuerbeamten alljährlich im Interesse des Regierungsmonopols gegen die Tabakfelder der Ygorroten unternahmen. Einzelne sind auch »pazifizirt« (zu Christenthum und Tribut bekehrt worden), in welchem Falle sie sich in kleinen Weilern mit zerstreuten Hütten niederlassen müssen, wo sie gelegentlich vom Geistlichen des nächsten Ortes besucht werden können. Um ihnen den Uebertritt zu erleichtern, werden von dergleichen neugewonnenen Unterthanen eine Zeitlang geringere Steuern erhoben.

Ich hatte die Besteigung des Berges auf den Eintritt der trockenen Jahreszeit verschoben, erfuhr aber in Naga, dass mein Wunsch dann kaum ausführbar sein dürfte, weil um diese Zeit die schon erwähnten Expeditionen gegen die Ranchos des Berges stattzufinden pflegen. Da die Wilden nicht begreifen konnten, warum sie nicht auf ihrem eigenen Felde eine ihnen zum Bedürfniss gewordene Pflanze bauen sollten, so sahen sie in den Cuadrilleros nicht Beamte eines zivilisirten Staates, sondern Räuber, gegen welche sie sich nach Kräften wehren mussten, und das Auftreten dieser trug nicht wenig dazu bei, jene in ihrem Irrthum zu bestärken; denn sie begnügten sich nicht die Tabakpflanzungen zu zerstören; die Hütten wurden niedergebrannt, die Fruchtbäume umgehauen, die Felder verwüstet. Solche Raubzüge gingen nie ohne Blutvergiessen ab und arteten oft in einen kleinen Krieg aus, der dann von den Bergbewohnern noch lange nachher, auch gegen ganz unbetheiligte Personen, Indier und Europäer, fortgesetzt wurde. Anfangs April sollte die diesjährige Expedition stattfinden; die Ygorroten waren daher in grosser Aufregung und hatten einige Tage vorher einen jungen wehrlosen Spanier in der Nähe von Mabotobóto, am Fuss des Berges, ermordet, indem sie ihn mit einem vergifteten Pfeil zu Boden streckten, und ihm dann noch 21 Wunden mit dem Waldmesser beibrachten.

Glücklicher Weise traf bald darauf ein Gegenbefehl von Manila ein, wo man sich allmälig von der Schädlichkeit solcher Gewaltmassregeln überzeugt zu haben schien. Es war nicht zu zweifeln, dass diese Nachricht sich schnell unter den Ranchos verbreiten würde und auf den Rath des Kommandanten, dem sehr gegen seine Neigung die Führung des Zuges zugefallen sein würde, zögerte ich nicht, die zu erwartende günstige Stimmung für meine Zwecke zu benutzen. In der neuesten Zeit hat die Regierung das [164]verständige Mittel ergriffen, den Tabak, den die Ygorroten freiwillig bauen, nach dem allgemeinen Satze zu bezahlen und sie wo möglich zur Anlage neuer Felder zu ermuntern, statt die vorhandenen zu zerstören.

Glockenthurm von Calabanga

Glockenthurm von Calabanga

(ein ähnlicher mexikanischer ist abgebildet in Oviedo y Valdes Hist. gen. y nat. de las Indias.)

Am nächsten Nachmittag ritt ich von Naga ab. Die Pueblos Mogaráo, Canáman, Quipáyo und Calabánga folgen in diesem fruchtbaren Gebiet so dicht auf einander, dass sie eine fast ununterbrochene Reihe von Häusern mit Gärten bilden. Calabánga liegt ½ Legua vom Meer, zwischen zwei Flussmündungen, deren südlichste 60′ breit und tief genug für grosse Lastboote ist.5

Um den Fuss des Ysaróg wendet sich die Strasse NO. dann O. Bald hören die blühenden Hecken auf; es folgt eine grosse, kahle Ebene, aus der sich zahlreiche flache Hügel erheben. Hügel und Ebene dienten damals als Viehweiden: vom August bis Januar sind sie mit Reis bestellt. Nur hin und wieder sieht man kleine Batatenfelder. Nach vier Stunden erreichten wir das Dörfchen Maguíring (Manguirin), dessen Kirche, ein dem Einsturz naher Schuppen, auf einem solchen kahlen Hügel stand und an ihrer Verwahrlosung erkennen liess, dass der Priester ein Eingeborener sei.

Dieser Hügel, wie alle übrigen, die ich untersuchte, bestand aus Schutt vom Ysaróg, mehr oder weniger zersetzten hornblendereichen Trachyttrümmern, deren Zwischenräume durch rothen Sand ausgefüllt waren. Die Zahl der Flüsse, die der Ysarog in die Buchten von S. Miguél und Lagonóy sendet, ist ausserordentlich gross: Auf der Strecke hinter Maguíring zählte ich in ¾ Stunden 5 ansehnliche, d. h. über zwanzig Fuss breite Aestuarien, dann bis Góa noch 26, zusammen 31; es sind aber mehr, [165]da ich die kleinsten nicht aufzeichnete; und doch beträgt die Entfernung zwischen Maguíring und Góa, in gerader Linie, nicht über 3 Meilen. Dies lässt auf die enorme Menge von Wasserdampf schliessen, mit welcher dieser mächtige Kondensator gespeist wird. Bei keinem andern Berge ist mir diese Erscheinung in so auffallender Weise entgegengetreten. Ein sehr bemerkenswerther Umstand ist die Schnelligkeit, mit welcher die wasserreichen Bäche in Aestuarien übergehn, die sie befähigen Lastboote, zuweilen selbst Schiffe zu tragen, in einem Alter, wenn dieser Ausdruck erlaubt ist, wo ihre auf die spärlichen Niederschläge in nördlichen Breiten angewiesenen Verwandten kaum die Bedeutung eines Mühlbachs erlangt haben. Diese Gewässer erscheinen der Breite nach als kleine Flüsse, ihrem Wesen nach bestehn sie nur aus einem Bache bis zum Fuss des Berges und einer Flussmündung in der Ebene; der Mittellauf fehlt ihnen.

Die Landschaft gleicht hier dem merkwürdigen, von Junghuhn beschriebenen Hügelgebiete des Gelungúng6 in ganz auffallender Weise; doch ist der Ursprung dieser Anhöhen einigermaassen von dem der javanischen verschieden, denn letztere verdanken ihre Entstehung dem Ausbruch von 1822, und schon die grosse, ihnen zugekehrte Lücke in der Kraterwand des Gelungúng zeigt deutlich, woher die Stoffe zu ihrem Aufbau kamen; die grössere Kraterschlucht des Ysaróg ist aber nach O. geöffnet und steht daher zu den zahllosen Hügeln im Nordwesten des Berges in keiner Beziehung. Hinter Maguíring rücken sie dichter zusammen, ihre Kuppen werden flacher, ihre Seiten steiler, sie gehn allmälig in einen sanft geneigten Abhang über, zerrissen von unzähligen Klüften, auf deren Boden eben so viele Bäche thätig sind, die eckigen Umrisse dieser kleinen Inseln in jene abgerundeten Hügel umzuformen. Der dritte Fluss hinter Maguíring ist bedeutender als die früheren; am sechsten liegt eine grössere Visita, Borobód, am zehnten die von Ragáy. Die Reisfelder haben mit dem Hügelland aufgehört: auf dem durch tiefe Rinnen wohldränirten Abhange wachsen nur wildes Rohr und einzelne Baumgruppen. An vielen Weilern vorüber, deren Hütten so vereinzelt und versteckt liegen, dass man sie wohl übersehn kann, gelangten wir um 5 Uhr nach Tagúnton, von wo eine, für Büffelkarren fahrbare, zum Transport des in der Umgegend gewonnenen Abaca’s dienende Strasse nach Goa führt. In diesem Ort, den wir Abends erreichten, miethete ich in Folge eines Ruhranfalles ein Häuschen, in dem ich fast vier Wochen lag, da mir keine andre Heilmittel als Hunger und Ruhe zur Verfügung standen. [166]

Während dieser Zeit machte ich die Bekanntschaft einiger neu bekehrten Ygorroten, und gewann ihr Vertrauen, ohne sie wäre es mir später schwerlich gelungen den Berg zu ersteigen und ihre Stammesgenossen ungefährdet in ihren Ranchos aufzusuchen.7 Als ich endlich Goa verlassen konnte, begleiteten mich meine Freunde zunächst nach ihrer Niederlassung, wo ich leicht die nöthige Zahl Begleiter fand, da ich schon vorher empfohlen war und erwartet wurde, um die für mich gesammelten Thiere und Pflanzen in Empfang zu nehmen.

Weberin vom Ysarog.

Am folgenden Morgen wurde die Besteigung begonnen. Schon bevor wir den ersten Rancho erreichten, konnte ich mich überzeugen, welch guter Ruf mir vorausging: der Hausherr kam uns entgegen, und führte uns auf einem engen Pfade zu seiner Hütte, nachdem er die schräg aus dem Boden ragenden, aber mit Reisig und Blättern geschickt verdeckten Fusslanzen daraus entfernt hatte.8 Eine mit Weben beschäftigte Frau setzte auf meinen [167]Wunsch ihre Arbeit fort. Der Webestuhl war von der allereinfachsten Art, das obere Ende, der Kettenbaum, der in einem Stück Bambus besteht, wird an zwei Bäumen oder Pfählen befestigt; die Weberin sitzt auf dem Boden und hakt in die beiden eingekerbten Enden einer schmalen Latte, welche die Stelle des Zeugbaums vertritt, einen hölzernen Bügel, in dessen Wölbung ihr Rücken passt. Indem sie die Füsse gegen zwei Pflöcke im Boden stemmt und den Rücken krümmt, spannt sie vermittelst des Bügels das Zeug straff. Statt des Weberschiffchens dient eine Netznadel, länger als die Breite des Gewebes, die nur mit Ueberwindung bedeutender Reibung und nicht immer ohne Kettenfäden zu zerreissen, durchgeschoben werden kann. Eine messerartig zugeschärfte Latte aus hartem Holz (Caryota) vertritt das Schlaggestell und wird nach jedesmaligem Anschlag auf die hohe Kante gestellt. Dann wird der Kamm vorgeschoben, ein Faden durchgesteckt, festgeschlagen und so fort. Das Gewebe bestand aus Abacáfäden, die nicht gesponnen, sondern an einander geknüpft werden.

Die von mir betretenen Hütten verdienen keine besondere Beschreibung: aus Palmenblättern und Bambus zusammengefügt, unterscheiden sie sich nicht wesentlich von den Wohnungen armer Indier. In der Nähe waren kleine Felder mit Bataten, Mais, Caladium und Zuckerrohr bepflanzt; prachtvolle Baumfarne umgaben sie; einer der höchsten, den ich zu dem Zwecke umhauen liess, maass: Stamm 9m 30, Krone 2m 12, Gesammtlänge 11m 42 (36′ 38 Rh.).

Ein junger Bursche machte Musik auf einer Art Laute, Baringbau genannt; sie bestand aus dem trocknen Schaft einer Scitaminee, die statt der Sehne (Saite) durch eine dünne Ranke bogenförmig gespannt war. In der Mitte des Bogens war eine halbe Kokosschale befestigt, die beim Spielen gegen den Bauch gesetzt wird und als Resonanzboden dient. Die Saite gab, mit einem Stäbchen geschlagen, einen angenehm summenden Ton, (Lyra und Plectrum in einfachster Form). Einige begleiteten den Musiker auf Maultrommeln aus Bambus, genau wie die der Mintras auf der Malayischen Halbinsel. Ein Andrer spielte auf einer Guitarre, die er zwar selbst, aber nach einem europäischen Muster gemacht hatte. Ausser Bogen, Pfeilen und Kochtopf enthielt die Hütte kein Geräth. Wer Kleider besass, trug sie am Leibe. Die Frauen fand ich so dezent gekleidet wie christliche Indierinnen, sie trugen überdies ein Waldmesser. Als ein Zeichen vollkommenen Vertrauens führte man mich in die wohl verborgenen, durch Fusslanzen vertheidigten Tabakfelder, die mir sorgfältig gepflegt schienen.

Was ich im Verkehr mit diesen Leuten bisher erfahren hatte und noch erfuhr, fasse ich kurz zusammen: Sie wohnen auf den höheren Abhängen [168]des Berges, wohl nie unter 1500′, jede Familie für sich. Wie viel ihrer noch vorhanden sein mögen, ist schwer zu ermitteln, da unter ihnen nur geringer Verkehr besteht. Auf dem zum Gebiete von Goa gehörigen Theile des Berges wird ihre Anzahl auf etwa 50 Männer und 20 Weiber mit Inbegriff der Kinder geschätzt. Vor 20 Jahren war die Bevölkerung zahlreicher. Ihre Nahrung besteht ausser etwas Gabi (Caladium), vorzüglich aus Bataten. Auch ein wenig Mais wird gebaut, etwas Ubi (Dioscorea) und eine geringe Menge Zuckerrohr zum Kauen.

Zur Anlage eines Batatenfeldes wird ein Stück Wald gelichtet, der Boden mit dem stumpfen Waldmesser gelockert, in diesen werden Knollen oder Ableger gepflanzt. Schon nach 3 bis 4 Monaten beginnt die Ernte und dauert ununterbrochen fort, da die auf dem Boden kriechende Pflanze Wurzeln schlägt und Knollen bildet. Nach 2 Jahren hat aber der Ertrag so abgenommen, dass man die alten Pflanzen ausreisst, um für neue, aus den Ausläufern entstandene Ableger Platz zu machen. Das Feld wird weder gewechselt oder mit andern Früchten bebaut, noch gedüngt. Ein Stück Land, 50 Brazas lang, 30 breit, genügt für den Unterhalt einer Familie. Nur in der nassen Jahreszeit versagt zuweilen diese Hülfsquelle, dann wird Gabi genossen, das auf trocknem und feuchtem Boden ziemlich gleich gut zu wachsen scheint, aber nicht so lohnend ist wie Bataten. Die jungen Schösslinge des Gabi werden in Entfernungen von einer Vara gepflanzt und dürfen, wenn man sie ausgiebig nutzen will, nicht vor einem Jahre ausgebeutet werden. Jede Familie mag wöchentlich ein oder zwei Wildschweine erlegen. Hirsche sind selten, doch erhielt ich ein schönes Geweih; ihr Fell wird nicht benutzt. Zur Jagd dienen Bogen mit Pfeilen und Lanzen (s. Zeichnung) theils giftfrei theils vergiftet. Jeder Rancho hält Hunde, die hauptsächlich von Bataten leben, auch Katzen um die Felder gegen Ratten zu schützen. Einiges Geflügel ist ebenfalls vorhanden, aber keine Kampfhähne, die in den Hütten der Indier fast nie fehlen. Hahnenkämpfe sind erst durch die Spanier in die Philippinen eingeführt worden; die Ysarogbewohner sind noch frei von dieser Leidenschaft.

Ihre geringen Bedürfnisse an Erzeugnissen einer fortgeschritteneren Zivilisation erlangen sie durch den Verkauf der freiwilligen Produkte ihrer Wälder, hauptsächlich Wachs und Harze: Pili9, Apnik, Dagiangan (eine Art Copal) und etwas Abacá. Wachs, das wegen der Kirchenfeierlichkeiten sehr begehrt ist, wird mit ½ Dollar das Katti bezahlt; die Harze gelten durchschnittlich ½ Realen die Chinanta. Der Handel findet auf die Weise [169]statt, dass ein Indier, der mit den Ygorroten im Verkehr steht, mit diesen einen Lieferungsvertrag schliesst; die Ygorroten sammeln die Produkte und bringen sie an einen bestimmten Ort, wo die Indier sie aufnehmen, nachdem sie den dafür bedungenen Preis niedergelegt haben.

Bogen und Pfeile der Ygorroten des Ysarog.

Bogen und Pfeile der Ygorroten des Ysarog.

Die Pfeile (pănă) bestehn aus einem 1m bis 1m 8 langen Schaft (gahŏ) von Rohr und einer Spitze (buchi). Bei A, D, F ist die ganze Spitze von Caryotaholz, bei B, E nur die mit dem Schaft fest verbundene Basis, in welcher ziemlich lose eine Bambuslanze steckt. C hat drei Spitzen von Caryota, an jede derselben ist die mit scharfen Haken bewehrte, peitschenförmige Verlängerung eines Calamuswedels befestigt. G Bogen von Caryota, Sehne von Abacá, 3mm dick. Die Pfeile haben besondere Namen: A, bulóg, B, boló, C, Serápong, D, garaigai, E = B. Ausser den hier abgebildeten Waffen waren noch vorhanden Lanzen (Pica) mit (gekaufter) eiserner Spitze von 42cm, Gesammtlänge 2m 27, runde Schilde (Kalásag) von Holz, am Rande mit Rotang beflochten, 1m 7 Umfang und Waldmesser.

[170]

Aerzte, Zauberer oder Leute, denen geheime Kräfte zugetraut werden, kennt man nicht; jeder hilft sich selbst. Um über ihre religiösen Ansichten in’s Klare zu kommen, würde längerer Verkehr nöthig sein; sie glauben an einen Gott, oder sagen es wenigstens, wenn sie von Christen zudringlich befragt werden, auch haben sie dem Katholizismus manche äusserliche Gebräuche aufs Gerathewohl entlehnt, die sie wie Zauberformeln anwenden.

Ygorrote vom Ysarog

Ygorrote vom Ysarog

das Haar ist ein wenig gekräuselt.

Jagd und schwere Arbeit ist Sache des Mannes wie in den Philippinen allgemein. Die fast allen rohen Völkern eigene, aber auch noch bei manchen Nationen Europa’s (namentlich Basken, Walachen, Portugiesen) bestehende Sitte, die Frau als Lastthier zu nützen, scheint in den Philippinen schon zur Zeit der spanischen Entdeckung verschollen gewesen zu sein; auch bei den Wilden des Ysarog verrichten die Weiber nur leichte Arbeit und werden gut behandelt. Jede Familie erhält ihre Greise und Arbeitsunfähigen. — Als herrschende Krankheiten wurden mir angegeben Kopfweh und Fieber, als Heilmittel: braun gerösteter Reis, der gestossen mit Wasser zu Brei angerührt, genossen wird. Bei starkem Kopfweh macht sich der Leidende Einschnitte in die Stirn. Rührt die Krankheit davon her, dass jemand erhitzt zu viel Wasser trank, so trinkt er grosse Mengen warmen Wassers, hatte er aber in solchem Zustande zu viel Kokoswasser getrunken, so trinkt er warmes Kokoswasser. Ihre Muskelkraft ist gering; mehr als 50 Pfund Gewicht vermögen sie nicht eine grössere Strecke weit zu tragen.

Ausser Jagd und Feldbau beschränken sich ihre Gewerbe auf die Anfertigung ziemlich roher Waffen, wozu sie das Eisen, falls solches dazu erforderlich, von den Indiern kaufen, und auf die von den Frauen verfertigten groben Gewebe und Flechtarbeiten. Jeder Familienvater ist Herrscher in seinem Hause und erkennt über sich keine höhere Gewalt an. In Fällen von Krieg mit benachbarten Stämmen, oder bei den Raubzügen der Steuerbeamten, stellt sich der Tapferste an die Spitze, die andern folgen ihm, so lange sie eben mögen; Wahl eines Anführers findet nicht statt.

Sie sind meist friedliebend und ehrlich unter einander; doch stehlen die Faulen zuweilen Feldfrüchte. Wird der Dieb ertappt, so straft ihn der [171]Bestohlene mit Rotangschlägen, ohne Rache dafür fürchten zu müssen. Stirbt jemand, so ziehn die nächsten Verwandten aus, um den Tod durch den Tod irgend eines Andern zu vergelten. Für einen gestorbenen Mann soll eigentlich ein Mann, für eine Frau eine Frau, für ein Kind ein Kind erschlagen werden, man pflegt aber das erste sich zufällig darbietende Opfer zu tödten, ausser wenn es ein Freund ist. In neuer Zeit soll dieser Brauch immer mehr in Verfall kommen, da es Männern von einigem Ansehn häufiger als früher gelingt, den Todesfall als ein unvermeidliches Geschick darzustellen, in welchem Falle die Verwandten ihn nicht zu sühnen brauchen. Es gelingt dies namentlich, wenn der Verstorbene eine gleichgültige Person war, stirbt aber ein geliebtes Kind oder Weib, so wird gewöhnlich auch jetzt noch Rache dafür genommen. Tödtet ein Mann eine Frau aus einem andern Hause, so sucht der nächste Verwandte der Erschlagenen eine Frau aus dem Hause des Mörders zu tödten; dem Mörder thut er nichts. Der Leichnam des als Todtenopfer Erschlagenen wird nicht verscharrt, auch wird ihm nicht der Kopf abgeschnitten. Die Familie des Erschlagenen sucht den Tod am Mörder zu rächen; dies ist das ehrenvollste; ist der Mörder aber zu stark, so wird zur Vergeltung irgend ein Schwächerer erschlagen, daher vielleicht die geringe Verhältnisszahl der Frauen.

Ygorroten Mädchen vom Ysarog.

Ygorroten Mädchen vom Ysarog.

Vielweiberei ist gestattet, aber selbst die Tapfersten und Geschicktesten haben fast nie mehr als eine Frau. Ein junger Mann, der heirathen will, beauftragt seinen Vater mit dem Vater der Braut den Preis zu verabreden, der in neuer Zeit sehr gestiegen ist (durchschnittlich 10 Waldmesser zu 4 bis 6 r. und 10 bis 12 Doll. baar). Um eine so hohe Summe durch Verkauf von Wachs, Harz und Abacá zu beschaffen, braucht der Bräutigam [172]oft zwei Jahre. Das Brautgeld geht theils an den Vater, theils an die nächsten Verwandten. Jeder der Letzteren erhält einen gleichen Antheil. Sind ihrer Viele, so bleibt fast nichts für den Vater übrig, der einen grossen Schmaus zu geben hat, bei welcher Gelegenheit viel Palmenwein getrunken wird.

Ein Mann, der gegen ein Mädchen Gewalt braucht, wird von deren Eltern getödtet. Ist ihm das Mädchen zu Willen gewesen und der Vater erfährt es, so verabredet er mit jenem einen Tag, an welchem er den Brautschatz bringen soll; weigert er sich, so wird er von den Verwandten gefangen, an einen Baum gebunden und mit Rohr gepeitscht. Ehebruch findet fast nie statt; kommt er dennoch vor, so muss entweder die Frau den Brautschatz zurückerstatten, wodurch sie frei wird, oder der Verführer, dem die Frau dann folgt. Der Ehemann hat nicht das Recht, sie zurückzuhalten, wenn er das Geld annimmt, wohl aber, wenn er dasselbe ausschlägt. Der letzte Fall soll aber nie vorkommen, da sich der Mann für dasselbe Geld eine neue Frau kaufen könne.

Nachmittags erreichten wir, 973 Meter über Uacloy, etwa 1134m Meereshöhe, eine grosse Schlucht »Basira« zwischen hohen, steilen, bewaldeten Wänden, sie streicht SO. — NW., ihre Sohle hat 33° Neigung, besteht aus einer nackten Felsbank und veranlasst nach jedem heftigen Regen einen Wasserfall, da sie schroff abbricht. Hier wurde biwuakirt; die Ygorroten bauten in der kürzesten Zeit eine Hütte und waren ausgelassen munter. Bei Tagesanbruch zeigte das Thermometer 13,9° R.

Der Weg zum Gipfel ist sehr beschwerlich wegen des schlüpfrigen Thonbodens und des zähen Pflanzengewirres, die letzten 500 Fuss aber sind unerwartet bequem, denn die sehr steile Spitze ist mit einem überaus dichten Wuchs von blätterarmen, knorrigen, bemoosten Thibaudien, Rhododendren und andrem Krüppelholz bestanden, deren zahlreiche starke Aeste in geringer Höhe über dem Boden und ihm parallel verlaufend, ein enges sicheres Gitterwerk bilden, auf dem man, wie auf einer schwach geneigten Leiter emporsteigt. Die Spitze, die wir erreichten, ist der auf der Zeichnung sichtbare höchste Zacken der hufeisenförmigen Bergwand, welche die grosse Schlucht von Rungus im Norden begrenzt. Die Kuppe hat wohl kaum 50 Schritt Durchmesser, sie ist so dicht mit Bäumen bestanden wie ich ähnliches nie gesehn: wir hatten nicht Raum zum Stehn. Meine rüstigen Gastfreunde gingen aber, obgleich ihnen die Arbeit einen Pfad durch den Wald zu schlagen, grosse Mühe verursacht hatte, sogleich an’s Werk, kappten Aeste und baueten daraus auf den Wipfeln der abgestutzten Bäume eine Warte, von wo aus ich eine weite Rundsicht und Gelegenheit [173]zu Peilungen gehabt haben würde, wäre nicht alles in dichten Nebel gehüllt gewesen. Nur auf Augenblicke erschienen die nächsten Vulkane, die Bucht von S. Miguel und einige Binnenseen. Gleich nach Sonnenuntergang zeigte das Thermometer 12°5 R.

Auch am folgenden Morgen blieb es trübe, und als gegen 10 Uhr die Wolken immer dichter wurden, traten wir den Rückweg an. Ich wollte die Nacht in einem Rancho zubringen, um am nächsten Tage eine Solfatara zu besuchen, die eine Tagereise weiter gelegen sein soll; meine Begleiter waren aber von den Strapazen so angegriffen, dass sie wenigstens einige Tage Rast verlangten.

Ausser Calamus bemerkte ich keine Palmen auf dem oberen Abhange, Baumfarne sehr häufig, und eine ausserordentliche Fülle von Orchideen. An einer Stelle waren alle Bäume in bequemer Höhe mit blühenden Aërides behangen, man hätte sie mühelos zu tausenden sammeln können, die schönste Pflanze war eine Medinella, von so weichem Gewebe, dass es nicht möglich war sie einzulegen.

Eine Viertelstunde NO. von Uacloy sprudelt eine starke kohlensaure Quelle (28° R.) aus dem Boden und setzt reichlich Kalksinter ab. Brennende Fackeln verlöschten schnell, und ein mit einer Zigarrenkiste zugedecktes Huhn starb in wenigen Minuten, beides zum grössten Erstaunen der Ygorroten, denen diese Erscheinungen bisher unbekannt geblieben waren.

Meine armen Gastfreunde, die mich nach Uacloy zurückbegleitet hatten, fühlten sich auch noch am zweiten Rasttage so müde, dass sie zu keiner Unternehmung tauglich waren. Mit nacktem Kopf und Oberleib hockten sie sich in die glühende Sonne, um dem Körper die Wärme wieder zuzuführen, die er durch das Biwuak auf dem Gipfel verloren hatte; Wein aber mochten sie nicht trinken. Als ich sie endlich am nächsten Tage verliess, waren wir so gute Freunde geworden, dass man mir ein gezähmtes Wildschwein zum Geschenk aufnöthigen wollte. Ein Trupp Männer und Frauen begleiteten mich, bis sie die Dächer von Maguíring schimmern sahen, worauf sie nach herzlichem Abschiede in ihre Wälder zurückkehrten.

Die aus Goa mitgenommenen Indier hatten sich bei der Expedition so faul und mürrisch gezeigt, dass fast die ganze Arbeit einen Pfad durch den Wald zu schlagen, den Ygorroten zugefallen war; selbst das Trinkwasser hatten die indischen Träger aus Faulheit fortgeschüttet, die Ygorroten mussten für unser Biwuak auf dem Gipfel aus ziemlicher Entfernung frisches holen. Bei allen beschwerlichen Märschen bin ich immer besser mit Cimarronen, als mit Indiern ausgekommen. Jene fand ich gefällig, zuverlässig, [174]thätig, ortskundig, während diese gewöhnlich die entgegengesetzten Eigenschaften zeigten. Es wäre aber ungerecht daraus auf das beiderseitige Wesen schliessen zu wollen; denn die Wilden sind im Walde zu Hause, was sie thun, geschieht freiwillig, der Fremde wird, wenn er ihr Vertrauen besitzt, als Gast behandelt. Die Indier aber sind gezwungene Begleiter, Polistas, die selbst wenn man ihnen höheren Tagelohn giebt, von ihrem Standpunkte aus ganz richtig handeln, wenn sie so wenig als möglich thun. Es ist für sie durchaus kein Vergnügen, ihr Dorf zu verlassen, um als Gepäckträger oder Wegbahner anstrengende Märsche in unwegsame Gebiete zu machen, und unter Entbehrungen im Freien zu kampiren. Für sie, mehr noch als für den europäischen Bauer, ist Ruhe die angenehmste Erholung. Je weniger Bequemlichkeit Jemand zu Haus geniesst, um so schwerer verzichtet er darauf. In Europa kann man dieselbe Beobachtung machen.

Cuadrillero,

Cuadrillero,

bewaffneter Begleiter in voller Ausrüstung (Hut, Hemd, Schwimmhose und Waffen).

Da die Ygorroten, um nicht das Monopol der Hacienda zu beeinträchtigen, keine Kokospalmen zur Bereitung von Wein, Essig und Branntwein haben durften, so überreichten sie mir eine Bittschrift, damit ich ihnen diese Gunst erwirken möchte. Das Dokument ist von einem indischen Schreiber so drollig konfus verfasst, dass ich es als Probe philippinischen Kanzleistils mittheile10: Es hatte übrigens den besten Erfolg, da den Bittstellern doppelt so viel bewilligt wurde als sie erbaten. [175]

Der SW. Monsun dauert in dieser Gegend (Gebiet von Goa) von April bis Oktober. Der April ist sehr windstill (navegacion de señoras) am beständigsten sind die SW.-Winde von Juni bis August, am trockensten März, April, Mai. Der NO.-Monsun herrscht von Oktober bis Ende Februar. März und Anfang April Wechselwinde, Oktober bis Dezember ist die Zeit der Stürme: »San Francisco (4. Okt.) bringt schlechtes Wetter«. Der Reis wird im September gepflanzt, im Februar geerntet. [176]


1 Nach meinen Barometermessungen:

Goa am Nordabhang des Ysarog 32m.
Uaclóy, Ygorroten-Ansiedlung 161m.
Schlucht Basira 1134m.
Gipfel des Ysarog 1966m.

 

2 Ein von einem erschlagenen Ygorroten herrührender Schädel hat nach Prof. Virchow’s Untersuchung eine gewisse Aehnlichkeit mit Malayen-Schädeln von den benachbarten Sundainseln, namentlich mit Dayakschädeln. 

3 Pigafetta fand Amboina von Mohren (Muhamedanern) und Heiden bewohnt »aber die ersten sitzen am Seegestade, die zweiten im Innern«. Im Hafen von Brune (Borneo) sah er zwei Städte, eine von Mohren, und eine, grösser als jene und ganz in Salzwasser stehend, von Heiden bewohnt. Wie der Herausgeber bemerkt, fand Sonnerat später (Voy. aux Indes) dass die Heiden vom Meer verdrängt, sich in die Berge zurückgezogen hatten. 

4 Leg. ult. I. 256 §. 75. 

5 Auf Coello’s Karte sind diese Verhältnisse falsch angegeben. 

6 Java, seine Gestalt, .. II. 125. 

7 Auch ein intelligenter Mestize besuchte mich öfter während meiner Krankheit. Nach seiner Aussage wird dicht bei Caramúan ausser dem bereits S. 145 erwähnten Kupfer, an drei Stellen Kohle gefunden; auch Gold und Eisen soll vorhanden sein. Demselben Manne verdanke ich auch die von Prof. Virchow im Anhange besprochenen Schädel von Caramúan, die angeblich aus einer Höhle bei Umang, 1 Legua von Caramúan stammen. Auch auf der Spitze der Halbinsel, bei der Visita Paniniman und auf einer kleinen Insel, dicht bei der Visita Guiálo, sollen ähnliche Schädel vorkommen. 

8 Sie bestehn aus Bambus. 

9 Der wild wachsende Pili hat ungeniessbare Früchte. Vergl. Anm. 48 S. 79. 

10 Sor Inspector por S. M.

Nosotros dos Capnes actuales de Rancerias de Lalud y Uacloy comprension del pueblo de Goa prova de Camarines Sur. Ante los pies de vmd postramos y decimos. Que portan de plorable estado en que nos hallabamos de la infedelidad recienpoblados esta visitas de Rancerias ya nos Contentamos bastantemente eu su felis ilegada y suvida de este eminente monte de Ysarog loque havia con quiztado industriamente de V. bajo mis consuelos, y alibios para poder con seguir a doce ponos (i. e. arboles) de cocales de mananguiteria para Nuestro uso y alogacion a los demas. Ygorotes, o montesinos q. no quieren vendirnos; eta utilidad publica y reconocer a Dios y a la soberana Reyna y Sora Doña Isabel 2a (que Dios Gue) Y por intento.

A. V. pedimos, y suplicamos con humildad secirva, proveer y mandar, si es gracia segun lo q. imploramos etc. Domingo Tales †. Jose Laurenciano †. 

[Inhalt]
Schifffahrt im Sumpf.

Schifffahrt im Sumpf.

ACHTZEHNTES KAPITEL

ERSTEIGUNG DES YRIGA UND DES MAZARAGA. — SEE- UND STRASSENRÄUBER. — WASSERPFLANZEN VON BERLIN NACH DEN PHILIPPINEN. — MEIN DIENER PEPE.

Vom Ysaróg kehrte ich über Naga und Nábua zum Yriga zurück, den es mir endlich zu ersteigen gelang.

Der Häuptling der Montesinos hatte täglich Rationen für zweiundzwanzig Mann erhalten, mit denen er angeblich einen Weg zum Gipfel bahnte. Als er aber am Abend des dritten Tages selbst nach Yriga kam, um neue Vorräthe zu holen, da die Arbeit noch einige Zeit erfordere, erklärte ich, dass ich am folgenden Morgen versuchen würde den Berg zu besteigen und forderte ihn zum Führen auf. Er willigte ein, verschwand aber Nachts sammt seinem Begleiter, da die Indier im Tribunal sich das Vergnügen gemacht hatten, ihnen schwere Strafen in Aussicht zu stellen falls die Leistung nicht den Arbeitstagen entspräche. Nach vergeblichem Bemühn um einen andern Führer, verliessen wir Buhi Nachmittags, und übernachteten im Rancho, wo man uns früher so freundlich aufgenommen hatte. Die Feuer brannten noch, aber die Bewohner waren bei unserer Annäherung geflüchtet. Am folgenden Morgen um 6 Uhr begann die Besteigung. Nachdem wir mit Benutzung der früher von uns gebahnten Pfade den Wald durchschritten, ging es durch 3 bis 4 Fuss hohes Gras mit scharfschneidenden Blättern, dann folgte 7 bis 8′ hohes Rohr, vom Habitus unseres Arundo phragmites (es stand aber nicht in Blüthe), das den ganzen oberen Theil des Berges bis zum Rande einnimmt; nur in den Schluchten reichten [177]die Bäume hoch hinauf. In den untern Gehängen waren sie mit Aroideen und Farnen, gegen den Gipfel zu mit Flechten und Moosen bedeckt. Ich fand hier eine schöne neue eigenthümlich gestaltete Orchidee.1 Die Cimarronen hatten etwas Rohr umgehauen, weiter bahnten wir uns mit Waldmessern den Weg und erreichten schon um 10 Uhr die Spitze. Es war sehr trübe. Auf einen klaren Abend oder Morgen hoffend, liess ich eine Hütte bauen, wozu das Rohr sehr geeignet war. Für sich selbst ein Obdach zu errichten und Brennholz zum Wachtfeuer herbeizuschaffen, waren die Indier zu faul. Sie kauerten, um sich zu erwärmen, dicht an einander gedrückt auf dem Boden, assen kalten Reis und dursteten dazu, da keiner Wasser holen wollte. Von zwei Wasserträgern, die ich mitgenommen, hatte der Eine sein Wasser unterwegs »aus Versehn« verschüttet, der Andre es unten ausgegossen, »weil er geglaubt, dass wir es nicht brauchen würden«.

Ich fand die höchste Spitze des Yriga 1212 Meter, 1120 Meter über dem Spiegel des Buhi-See’s. Von Buhi ging ich nach Bátu.

Der Batu-See (111 Meter Meereshöhe) war seit meinem letzten Besuch im Februar noch tiefer gesunken, der Algenteppich hatte an Breite beträchtlich zugenommen, sein oberer Rand war an vielen Stellen zerfetzt, der untere ging allmälig in einen dicken Wulst faulender Wasserpflanzen über (Charen, Algen, Pontederien, Valisnerien, Pistien u. s. w.), der den Wasserspiegel ringsum einfasste und nur durch einzelne Lücken an das Ufer zu gelangen gestattete. Queer vor der Mündung des Quinali in den See lag eine Barre von schwarzem Moder, in welcher einige schmale Wasserrinnen die weichsten Stellen anzeigten. Da wir mit einem grösseren Boote nicht über die Barre gelangen konnten, so wurden zwei kleine schmale Nachen durch einen Bambusrost verbunden, und mit einem Sonnendach versehn. Vermittelst dieser Vorrichtung, die von 3 kräftigen Büffeln gezogen wurde, während die Mannschaft mit sichtlichem Behagen und lautem Jubel knietief im schwarzen Schlamm watend, schieben half, gelangten wir, wie auf einem Schlitten über das Hinderniss in den Fluss, der bei meinem ersten Besuch an vielen Stellen die Felder überfluthete, so dass die Hütten der Eingeborenen wie Schiffe aus dem Wasser ragten und jetzt (im Juni) nicht einmal sein Bett ausfüllte. Wir mussten daher die Schlittenfahrt bis dicht vor Quinali fortsetzen.

Mazaraga von NNO.

Mazaraga von NNO.

Fuss des Malinao.

In Ligáo stieg ich bei einem befreundeten Spanier ab, da seit meinem letzten Besuch ein grosser Theil der Ortschaft sammt Tribunal und Convento abgebrannt war. Nachdem die nöthigen Vorbereitungen getroffen, [178]ging ich Abends nach Barayong, einem kleinen Cimarronen-Rancho, am Fuss des Mazarága, mit dessen Insassen ich am folgenden Morgen den Berg bestieg. Auch die Frauen begleiteten uns eine gute Strecke und erhielten die Gesellschaft in munterer Laune. Unterwegs wurde einem zu dem Zweck mitgenommenen Indier eine Bambuse voll Wasser zum Tragen übergeben, er warf sie fort, und lief davon, eine Alte trat für ihn ein und schleppte das Wasser unverdrossen bis auf den Gipfel. Dieser Berg war feuchter, als alle die ich je bestiegen, den Semeru in Java etwa ausgenommen. Auf halbem Wege fand ich einige angefaulte Rafflesien.2 Zwei elend aussehende Cimarronenhunde jagten uns einen jungen Hirsch zu, den einer der Leute durch einen Schlag mit dem Waldmesser erlegte. Im Drittel der Höhe hörte der Pfad auf, doch war es nicht schwierig durch den Wald zu gelangen, der mit Rohr dicht bewachsene obere Theil des Berges verursachte wiederum grosse Schwierigkeiten. Gegen zwölf erreichten wir die Gipfelplatte, die von keinem Krater durchbohrt, flach gewölbt, fast horizontal, und dicht mit Rohr bestanden ist. Ihre Höhe ergab sich = 1354 Meter. In kurzer Zeit bauten die unermüdlichen Cimarronen eine schöne grosse Rohrhütte: ein Zimmer für mich und das Gepäck, einen grossen Vorsaal für die Leute, ein besonderes Haus für die Küche. Leider war das Rohr so nass, dass es nicht brannte. Um etwas Brennholz zum Reiskochen zu haben, wurden dicke Aeste aus dem Walde geholt, und ihr verhältnissmässig trockner Kern mühsam herausgeschält. Die Schwefelhölzer waren so feucht, dass der Phosphor sich beim Reiben ablöste; auf Löschpapier gesammelt, mit dem geschwefeltem Ende des Zündholzes geknetet, ward er trocken, und entzündete sich durch die Reibung. Von anstehendem festem Gestein war nicht eine Spur zu sehn. Alles, von da ab wo der Pfad aufhörte, war dicht bewachsen, der Boden mit einer hohen Schicht feuchter Walderde bedeckt. Der folgende Morgen war hell und gestattete eine weite Rundsicht, [179]aber noch ehe ich sie fertig gezeichnet, ward es wieder trübe, und als nach mehrstündigem Warten der Himmel sich mit dichten Regenwolken bezog, traten wir den Rückweg an.

Rundsicht von Mazaraga.

Rundsicht von Mazaraga.

Lith. Institut v. Wilh. Greve, Berlin.

Auf dem Gipfel schwärmten viele Schmetterlinge umher. Wir konnten aber nur wenige fangen, da das Gehn zwischen den hohen Rohrstoppeln für nackte Füsse sehr beschwerlich war: von zwei Paar, aus Manila bezogenen neuen Schuhen hatten sich, noch ehe ich die Spitze erreichte, die nur leicht angehefteten Sohlen abgelöst, so dass ich den Weg nach Ligao barfuss zurücklegen musste.

Am folgenden Tage ging mein spanischer Gastfreund zweimal nach dem Tribunal, um mir die zur Beförderung meiner Sammlungen nöthigen Büffelkarren zu verschaffen. Seine höflichen Bitten blieben ohne Erfolg; dem Befehl des Cura, der den Gobernadorcillo zu sich in’s Haus beschied, wurde sogleich gehorcht. Für spanische Privatleute haben die einheimischen Behörden in der Regel wenig Rücksichten, sie begegnen ihnen nicht selten mit deutlicher Geringschätzung. Eine amtliche Empfehlung des Alkalden ist gewöhnlich wirksam, aber nicht in allen Provinzen, denn manche Alkalden schaden ihrem Ansehn, indem sie zur Förderung ihrer persönlichen Interessen die Mithülfe oder Verschwiegenheit der einheimischen Behörden in Anspruch nehmen.

Ich schoss hier einige Paníkes, grosse Fledermäuse, mit Flügeln von fast fünf Fuss Spannweite, die im Tagesschlaf an den Aesten eines Baumes hingen (s. Reisesk. S. 216), darunter zwei Mütter mit unversehrten säugenden Jungen. Es sah rührend aus, wie sich die Thierchen fester und fester an den Körper der sterbenden Alten klammerten und auch noch nach erfolgtem Tode sie zärtlich zu herzen schienen; der anscheinenden Innigkeit lag aber nur Selbstsucht zu Grunde, denn als ihr Milchvorrath erschöpft, wurden die Alten rücksichtslos, wie leere Schläuche behandelt. Sobald die Jungen abgenommen wurden, frassen sie Bananen und lebten mehrere Tage lang bis ich sie in Spiritus steckte.

Früh Morgens ritt ich auf dem Gaule des Pfarrers nach Legaspi, und Abends durch tiefen Schlamm zum Alkalden nach Albay. Wir befanden uns jetzt (Juni) mitten in der sogenannten trocknen Jahreszeit, es regnet aber fast täglich. Der Weg zwischen Albay und Legaspi war schlechter als je. Während meines Besuches ging vom Kommandanten der Falúas an der Südküste die Meldung ein, dass er zwei Seeräuberboote verfolgte als plötzlich sechs andre erschienen, um ihm den Rückweg abzuschneiden, weshalb er schleunig umkehrte. Die Falúas sind zwar stark bemannt, und mit Kanonen versehn, aber die von den Ortschaften der Küste gestellte [180]Mannschaft ist gänzlich ungeübt im Gebrauch der Feuerwaffen, und hat solche Furcht vor den Moros, dass sie, wenn nur die geringste Hoffnung zur Flucht vorhanden, mit allen Kräften das Land zu erreichen sucht um davon zu laufen. Die Küstenorte, ohne andre Waffen als hölzerne Piken, waren den Seeräubern völlig preisgegeben, die in Catanduánes, Biri, und mehreren kleinen Inseln festen Stand gefasst hatten und ungestraft Schiffe kaperten oder am Lande Menschen raubten. Fast täglich wurden neue Räubereien und Mordthaten aus den Stranddörfern gemeldet. Die während des Raubzuges zum Rudern verwendeten Gefangenen werden schliesslich als Sklaven verkauft. Bei der Theilung sollen je zwei dem Dato, der die Schiffe ausgerüstet, einer der Mannschaft zufallen.3 Zwar sind die Küstenfahrer in diesen Gewässern grösstentheils mit Geschützen versehn, doch liegen diese gewöhnlich im Schiffsraum, da Niemand an Bord damit umzugehn weiss. Sind die Kanonen auf Deck befestigt, so fehlen die Kugeln oder das Pulver, aber der Kapitän verspricht es das nächste Mal besser einzurichten.4 Der Alkalde berichtete die Thaten der Seeräuber mit jeder Post nach Manila, wies auf die grossen dem Handel zugefügten Verluste, und auf die Pflicht der Regierung ihre Unterthanen zu schützen, um so mehr, als diesen keine Feuerwaffen gestattet sind.5 Von den Bisaya-Inseln ertönten dieselben Hülferufe. Die Regierung war aber machtlos gegen das Uebel. Wurden die Klagen gar zu laut, so sandte sie in die am meisten heimgesuchten Gewässer ein Dampfboot, das fast nie einen Seeräuber zu sehn bekam, obgleich diese dicht vor und hinter ihm ihr Wesen trieben.

In der Hauptstadt Samars traf ich später einen Regierungsdampfer, der seit vierzehn Tagen vergeblich gegen Piraten kreuzte; denn diese, gewöhnlich schon durch ihre Spione gewarnt, sehn den Rauch des Dampfbootes früh genug, um mit ihren flachen Kähnen zu entschlüpfen. Die Offiziere wussten von vornherein, dass ihre Fahrt schwerlich andern Erfolg haben [181]würde, als den geschädigten Provinzen zu zeigen, dass ihr Nothschrei nicht unbeachtet blieb.6

Es waren indessen damals schon 20 kleine Dampfkanonenboote von geringem Tiefgang in England bestellt und ihrer Vollendung nahe, sie wurden in Stücken um das Kap transportirt, die ersten beiden trafen bald darauf in Manila ein, die übrigen folgten, und es gelang ihnen den Archipel auf einige Zeit von dieser schweren Plage fast zu befreien7, wenigstens von den ächten Moros, die jährlich aus der Solosee meist von der Insel Tavi-tavi kamen, im Mai nach den Bisayas gelangten, und dann ihre Raubzüge im Archipel fortsetzten, bis der Wechsel des Monsun im Oktober oder November sie zur Rückkehr zwang.8 In den Philippinen erhielten sie neuen Zuwachs durch Vagabunden, Desertöre, entlassene Sträflinge, ruinirte Spieler. Aus denselben Elementen werden auch die Banden von Strassenräubern (Tulisánes) gespeist, die zuweilen sehr zahlreich auftreten und Streiche von ausserordentlicher Keckheit ausführen. Nicht lange vor meiner Ankunft waren sie in eine Vorstadt Manila’s eingefallen und hatten in den Strassen mit dem Militär gekämpft. Ein Theil des letzteren pflegt regelmässig durch den Dienst gegen Tulisanes in Anspruch genommen zu [182]werden. Die Räuber sollen in der Regel gegen ihre Opfer nicht grausam sein, wenn kein Widerstand geleistet wird.9

In Legaspi fand ich mehrere Kisten mit Blechfuttern, die mit der Ueberlandpost nach 16 Monaten, statt nach 7 Wochen, für mich angekommen waren, da sie von Berlin über Triest versandt, wegen des italienischen Krieges dort liegen geblieben. Ihr fast ausschliesslich zum Gebrauch in den Philippinen bestimmter Inhalt war mir jetzt zum grössten Theil überflüssig. In einer Kiste befanden sich zwei mit Glasstöpseln verschlossene Fläschchen, die eine mit feuchtem Kohlenpulver, die andre mit feuchtem Lehm gefüllt, beide enthielten Samen von Victoria regia und Knollen rother und blauer Nymphäen. Die in der ersten Flasche waren verdorben — wie sich erwarten liess; aber in der mit feuchtem Lehm gefüllten hatten zwei Knollen ½ Zoll lange Keime getrieben und sahen ganz gesund aus. Ich pflanzte sie sogleich; in einigen Tagen entwickelten sie kräftige Blätter. Eine dieser schönen, ursprünglich für den Buitenzorger Garten in Java bestimmten Pflanzen blieb in Legaspi, die andre sandte ich nach Manila, wo ich sie später in voller Blüthe wieder sah. Im Kohlenpulver hatten zwei Victoriakerne über einen Zoll lange Wurzeln gemacht, die aber abgefault, vielleicht auch bei der Zollrevision abgerissen und dann gefault waren, denn der Hals des Fläschchens war zerbrochen; das Kohlenpulver sah aus als wäre darin gerührt worden. Ich theilte dem Inspektor des Berliner botanischen Gartens den glänzenden Erfolg seiner Verpackungsart mit; er machte eine zweite Sendung direkt nach Java, die im besten Zustande ankam, so dass nicht nur die Victoria, sondern auch die von einem afrikanischen Vater und einer asiatischen Mutter in Berlin erzeugten rothen Teichrosen jetzt die Wasserbecken Java’s (letztere Pflanzen vielleicht auch die der Philippinen) schmücken. [183]

Wegen der anhaltenden Regen benutzte ich zwei Backöfen, um meine Sammlungen vor dem Einpacken zu trocknen. Mein Diener verbrannte den grössten Theil, so dass der Rest in einer geräumigen Kiste Platz fand, die ich für einen Dollar erstand. Leider fehlte der Deckel. Um diesen zu beschaffen, musste ich zuerst einen Zimmermann, der wegen einer kleinen Schuld gefangen sass, frei machen, dann Vorschuss geben, um ein Brett zu kaufen und Vorschuss um das versetzte Handwerkzeug auszulösen; die endlich begonnene Arbeit wurde mehrere Male unterbrochen, weil ältere Vorschüsse ungestümer Gläubiger durch Arbeit getilgt werden mussten. Nach fünf Tagen war der Deckel fertig; er kostete drei Dollar, hielt aber nicht lange, denn schon in Manila musste er durch einen neuen ersetzt werden.

In Legaspi fand ich Gelegenheit einen kleinen Schoner nach der Insel Samar zu benutzen, die SO. von Luzon, jenseits der 3 Leguas breiten S. Bernardino-Strasse liegt. Im Augenblick der Abreise verliess mich mein Diener »um ein wenig von den Strapazen auszuruhn« — zu meinem grossen Bedauern, — denn Pepe war gutmüthig, sehr anstellig und immer guter Laune. Er hatte in seinem Geburtsorte Cavite, wo viele spanische Soldaten und Seeleute leben, diesen manches abgesehn, und wurde scherzweis Español de Cavite genannt. Das Herumstreichen von einer Ortschaft zur andern gefiel ihm sehr, er machte schnell Bekanntschaft, und wusste sich bei den Frauen beliebt zu machen; denn er besass viele gesellige Talente, verstand auch Guitarre zu spielen und Büffelkühe zu melken. Kamen wir in ein Pueblo, wo eine Mestizin oder gar eine »Landestochter« (Kreolin) wohnte, so requirirte er, wenn es anging, sogleich eine milchende Büffelkuh, molk sie, brachte der Señora einen Theil der Milch und hielt, unter dem Vorgeben der Dolmetscher meiner Gesinnungen zu sein, eine so höfliche wohlgesetzte Rede, pries die Schönheit und Anmuth der Dame und liess sich mit demüthigster Miene so ungeheuerliche Reiseabenteuer abfragen, dass Ritter und Knappe in hellem Glanze strahlten. Das Geschenk war immer willkommen, (und brachte uns manch Körbchen Orangen ein); denn Büffelmilch ist zur Chocolade sehr beliebt, es kommt aber, wie es scheint, nur selten jemand auf den Einfall eine Kuh zu melken. Leider mochte Pepe nicht Berge steigen, und bekam Bauchweh, wenn er mich begleiten sollte, oder er verschenkte meine starken Schuhe oder liess sie stehlen; die einheimischen aber blieben unangetastet; denn er wusste wohl, dass sie fast nur zum Reiten taugen, woran auch er Freude hatte. In meiner Gesellschaft arbeitete er schnell und gern, aber allein langweilte es ihn, er fand überall Freunde, die ihn abhielten; dann liess er bei dem Abbalgen [184]der Vögel das Fleisch in den Beinen sitzen, so dass sie verfaulten und fortgeworfen werden mussten. Noch unangenehmer war ihm das Packen, darum that er es so schnell als möglich, doch nicht immer mit genügender Sorgfalt, wie einmal, wo er Schuhe, Arsenikseife, Zeichnungen und Chocolade in ein Tuch zusammenband. Trotz solcher kleinen Mängel war er mir sehr nützlich und angenehm. Nach einer so unzivilisirten Insel, wie Samar, ging er aber nicht gern, und als er gar seinen Lohn für acht Monate auf einmal erhielt, und plötzlich ein kleiner Kapitalist war, konnte er der Versuchung nicht widerstehn, ein wenig von den Strapazen auszuruhn.

Spanisch-tagalische Mestizin.

Spanisch-tagalische Mestizin.

[185]


1 Dendrobium ceraula n. sp. Reichenbach fil. 

2 Rafflesia Cumingii R. Brown nach Dr. Kuhn. 

3 Nach E. Bernaldez (Guerra al Sur) betrug die Zahl der innerhalb 30 Jahren geraubten und getödteten Spanier und Indier 20,000. 

4 Die reichbeladene Nao machte es eben so. s. S. 16. 

5 Auszug aus einem Brief des Alkalden an den Generalkapitän 20. Juni 60:

Seit 10 Tagen liegen zehn Seeräuberboote ungestört auf der Insel S. Miguel, 2 Leguas von Tabaco, und unterbrechen den Verkehr mit der Insel Catanduanes und dem östlichen Theil von Albay .. sie haben viele Räubereien begangen, 6 Menschen fortgeschleppt .. Es ist ihnen nichts anzuhaben, da es den Dörfern gänzlich an Feuerwaffen fehlt; die beiden einzigen Falúas sind in der San Bernardino-Strasse durch Stürme zurückgehalten.

Brief vom 25. Juni: Ausser den obigen Seeräuberbooten sind 4 grosse Pancos und 4 kleine Vintas in der Bernardino-Strasse erschienen ... ihre Besatzung beträgt 450 bis 500 Mann, sie haben ... zusammen 16 Menschen getödtet, 10 geraubt, 1 Schiff gekapert. 

6 Zu Chamissos Zeit war es schlimmer: »Die Expeditionen auf bewaffneten Booten, die von Manila aus geschickt werden um gegen den Feind (die Seeräuber) zu kreuzen, ... fröhnen nur dem Schleichhandel und Christen und Mauren weichen dabei einander aus mit gleichem Fleiss (v. Ch. Bemerkungen und Ansichten S. 73). Mas (I. IV. 43) berichtet dasselbe nach Notizen aus dem General-Sekretariat in Manila und fügt hinzu, dass die Kreuzer sogar die ihnen anvertrauten königl. Waffen und Munitionen verkauften, wovon viel in die Hände der Mohren gelangte. Die Alkalden sollten die Befehlshaber der Kreuzer, diese die Alkalden überwachen, sie machten aber gewöhnlich gemeinschaftliche Sache. — Lapérouse erzählt sogar (II. S. 357), dass die Alkalden eine sehr grosse Anzahl der von den Seeräubern (in den Philippinen) gemachten Sklaven kauften, so dass diese nicht nach Batavia gebracht zu werden brauchten, wo sie viel weniger galten. 

7 Nach dem Diario de Manila 14. März 1866 hat die Seeräuberei zwar abgenommen, aber nicht aufgehört. Paragua, Calamiánes, Mindoro, Mindanao, die Bisayas, haben noch darunter zu leiden. Häufig werden auch Räubereien und Menschenraub von Handelsprauen ausgeführt, wenn die Gelegenheit günstig. Solche Gelegenheitspiraten sind am schwersten auszurotten. Nach meinen neuesten Berichten ist die Seeräuberei wieder im Zunehmen. 

8 Die Spanier versuchten die Eroberung der Suluinseln 1628, 1629, 1637, 1731, 1746. Später haben häufig Expeditionen stattgefunden, um Repressalien zu üben. Auch im Oktober 1871 wurde eine grosse Expedition gegen Sulu ausgesandt, um die in neuer Zeit wieder sehr überhand nehmende Seeräuberei zu bändigen, ein oder zwei Jahre vorher hatten sich die Piraten bis in die Nähe von Manila gewagt. Im April dieses Jahres (1872) kehrte die Flotte aber wiederum unverrichteter Sache nach Manila zurück. Die Spanier hatten zu dieser Unternehmung fast die ganze Seemacht der Kolonie, vierzehn Schiffe, meist Kanonendampfer, aufgeboten; sie bombardirten die Hauptstadt, ohne besonderen Schaden anzurichten, die Moros zogen sich in’s Innere zurück und erwarteten die Spanier, die indessen nicht zu landen wagten, mit einem wohl ausgerüsteten Heer von 5000 Mann. Nach monatelanger Unthätigkeit brannten die Spanier einen wehrlosen Küstenplatz nieder, verübten dabei viele Grausamkeiten, zogen sich aber zurück, als die Krieger zum Kampfe heranrückten. Die Häfen des Suluarchipels sind jetzt durch Dekret dem Handel verschlossen, doch ist es fraglich ob alle Schiffer dies berücksichtigen werden. Vor nicht langer Zeit hat der Sultan von Sulu dem Könige von Preussen die Oberherrschaft über sein Gebiet angetragen, sein Anerbieten ist abgelehnt worden. 

9 Das Diario de Manila vom 9. Juni 1866 berichtet: Gestern hat die durch Verordnung vom 3. August 1865 eingesetzte Militärkommission ihre Thätigkeit eingestellt. Es funktioniren wieder die ordentlichen Gerichte. Die zahlreichen Banden von 30, 40 und mehr, bis an die Zähne bewaffneten Individuen, die ihre Spuren von Blut und Feuer an den Thoren von Manila und an so vielen andern Orten zurückgelassen, sind vernichtet ... Mehr als 50 Räuber haben ihr Verbrechen am Galgen gebüsst, 140 sind zum Presidio (Zwangsarbeit) oder zu andern Strafen verurtheilt worden. 

[Inhalt]

NEUNZEHNTES KAPITEL

REISEN IN SAMAR. — WETTER. — BEAMTENWAHL. — NORDKÜSTE. — CATBALOGAN. — FLATTERMAKIS. — SCHLANGENBÄNDIGER. — TERTIÄRVERSTEINERUNGEN. — STROMSCHNELLEN DES LOQUILOCUN. — GESPENSTERTHIER.

Die Insel Sámar, von beinahe rhombischem Umriss, mit wenig ausgezackten Rändern, erstreckt sich NW.—SO. von 12° 37′ bis 10° 54′ N., ist im Mittel 22 M. lang und halb so breit; ihr Flächenraum beträgt über 220 □M. Im Süden wird sie durch die schmale San Juanico-Strasse von der Insel Leyte getrennt, mit welcher sie früher zu einer Provinz vereinigt war. Jetzt steht jede Insel unter einem besondern Guvernör.

Von ältern Schriftstellern wird die Insel Tendaya, Ybabáo, auch Achan und Philippina genannt, später hiess die östliche Seite Ybabáo, die westliche Sámar, welches jetzt die amtliche Benennung für die ganze Insel ist; das östliche Gestade wird als die Contracosta unterschieden.1

Der NO. Monsun überwiegt hier, wie an den Ostküsten Luzon’s, an Dauer und Stärke den SW.-Monsun, dessen Gewalt durch die südwestlich liegenden Inseln gebrochen wird; während die NO. Winde mit ihrer ganzen Kraft und der Wucht ihrer im grossen Ozean aufgesogenen Wassermasse gegen die Küsten dieser östlichen Inseln anprallen. Im Oktober treten zwischen NW. und NO. schwankende, vorherrschend nördliche Winde ein, Mitte November wird der Nordost beständig und dauert, nur selten von Nord unterbrochen, bis zum April. Dies ist auch die Regenzeit; am nassesten sind Dezember und Januar, wo es zuweilen vierzehn Tage ohne [186]Unterbrechung regnen soll. An der Nordküste bei Láuang dauert die Regenzeit von Oktober bis Ende Dezember. Januar bis April sind trocken; Mai, Juni, Juli Regen; August, September trocken. Es giebt also dort zwei nasse und zwei trockene Jahreszeiten. Von Oktober bis Januar kommen zuweilen heftige Stürme vor (Baguios = Taifun); sie beginnen gewöhnlich mit Nordwind, gehen nach Nordwest, von schwachem Regen begleitet, dann zurück nach N., mit zunehmender Stärke nach NO. und O., wo sie ihre grösste Gewalt erreichen, und dann mit schwachem Winde nach Süden übergehen; zuweilen aber drehen sie schnell durch Ost nach Süd und erlangen erst dort ihre grösste Kraft.

Von Ende März bis Mitte Juni herrschen unbeständige östliche Winde (NO. O. SO.) mit sehr hoher See an der Ostküste. Der Mai ist gewöhnlich windstill. Im Mai und Juni häufige Gewitter, welche den SW.-Monsun einleiten, der in den Monaten Juli, August, September zur Geltung kommt, aber nie so beständig ist, wie der NO.. Die genannten drei Monate bilden die trockene Jahreszeit, sie wird aber von häufigen Gewittern unterbrochen. Es vergeht wohl keine Woche regenlos. In manchen Jahren findet an jedem Nachmittage ein Gewitter statt. In dieser Jahreszeit können Schiffe an der Ostküste anlegen; während des NO.-Monsun ist Schifffahrt dort nicht möglich. Diese allgemeinen Verhältnisse sind manchen örtlichen Abweichungen, namentlich an der Süd- und Westküste unterworfen, wo die Regelmässigkeit der Luftströmungen durch die davor liegenden, bergigen Inseln gestört wird. Nach dem Estado geogr. 1855 S. 345 tritt alljährlich bei dem Monsunwechsel, im September oder Oktober eine ausserordentlich (unter Umständen 60 bis 70 Fuss) hohe Fluth ein, Dolo genannt, die sich mit furchtbarer Gewalt gegen die Ost- und Südküste wirft, grossen Schaden anrichtet, aber eine Gezeit nicht überdauert. Das Klima von Samar und Leyte scheint an den Küsten sehr gesund zu sein und zu den zuträglichsten des Archipels zu gehören. Ruhr, Durchfall und Fieber kommen seltener vor als in Luzon; auch Europäer sollen ihren Anfällen hier weniger ausgesetzt sein als dort.

Samar ist fast nur an seinen Rändern von zivilisirten Indiern bewohnt, und zwar von Bisayern, die durch Sprache und Sitten etwa in demselben Grade von den Bicols verschieden sind, wie diese von den Tagalen. Im Innern fehlen Strassen und Dörfer beinahe gänzlich; es ist mit dichtem Walde bedeckt und dient unabhängigen Stämmen zum Aufenthalt, die etwas Ackerbau treiben (Knollengewächse und Bergreis), und die Produkte des Waldes sammeln, namentlich Harze, Honig und Wachs, woran die Insel sehr reich ist. [187]

Am 3ten Juli verliesen wir Legáspi, schlichen, durch häufige Windstillen aufgehalten, am Nordrande von Albáy bis zur Punta Montúfar, dann an der kleinen Insel Viri vorbei, und erreichten Láuang erst am 5ten Abends. Das Gebirge von Bácon (Pocdol bei Coello), das mir auf früheren Reisen durch Nacht oder Nebel verborgen geblieben, zeigte sich im Vorüberfahren deutlich als ein Kegelberg, daneben ragte eine sehr schroffe tiefgefurchte Bergwand auf, anscheinend der Rest eines Ringgebirges. Nachdem der Steuermann, ein alter, aus der Gegend gebürtiger Indier, der die Reise schon oftmals gemacht, uns zuerst nach einem falschen Hafen gefahren, setzte er das Schiff auf der Barre fest, obgleich hinreichend Wasser vorhanden war, um bequem in den Hafen einzulaufen.

Lauang.

Lauang.

Die Ortschaft Láuang (Láhuan) von mehr als 4500 Einwohnern, liegt zusammengedrängt auf dem 40 Fuss hohen Südwestrande der gleichnamigen kleinen Insel, durch einen Arm des Catúbig von Sámar getrennt. Nach einer verbreiteten Ueberlieferung lag der Ort früher auf Sámar selbst, inmitten seiner noch heut dort vorhandenen Reisfelder, bis wiederholte Ueberfälle von Seeräubern die Einwohner bewogen sich trotz der damit verbundenen Unbequemlichkeiten zu ihrem Schutz auf der Südkante der steil aus dem Meer emporsteigenden kleinen Insel anzusiedeln.2 Diese besteht aus fast horizontalen, 8 bis 12 Zoll dicken Tuffbänken. Die an der Fluthgrenze von den Wellen fortwährend benagten Schichten veranlassen die obern Bänke abzubrechen, so dass die ziemlich gleich dicken, durch [188]vertikale Sprünge zerklüfteten Schichtenköpfe wie Festungsmauern erscheinen. Die Kirche und das Convento haben des beschränkten Raumes wegen jeden flachen Absatz des Felsens in verschiedenen Höhen benutzen, sich der Oertlichkeit anbequemen müssen und sind daher, wohl ohne Absicht des Erbauers, ganz malerisch geworden.

Der Ort liegt hübsch, die Häuser sind aber nicht, wie sonst häufig, von kleinen Gärten umgeben, es herrscht grosser Wassermangel und übler Geruch. Zwei oder drei spärliche Quellen, fast im Meeresniveau, liefern ein trübes, brackisches Wasser, mit dem die trägen Leute sich begnügen, so lange es eben ausreicht. Wohlhabende lassen ihr Wasser von Samar holen, wozu auch die Aermeren zuweilen durch das Versiegen der Quellen gezwungen werden. Zum Baden reicht das Quellwasser nicht aus, Seebäder sind nicht beliebt, die Leute sind daher sehr schmutzig. Ihre Kleidung ist dieselbe wie in Luzon, die Frauen tragen aber keinen Tapis, sondern nur Camisa (ein kurzes, die Brüste kaum deckendes Hemd) und Saya, meist aus grober, störriger Guinara, die hässliche Falten bildet und wenn nicht schwarz gefärbt, sehr durchscheinend ist. Schmutz und dezentes Wesen schützen aber mehr als dichte Gewänder. Die Bewohner von Láuang stehen wohl mit Recht in dem Ruf sehr träge zu sein. Ihr Gewerbfleiss beschränkt sich fast auf etwas Landbau, selbst der Fischfang wird so vernachlässigt, dass es häufig an Fischen mangelt. Eigene Schifffahrt ist kaum vorhanden, obgleich es keine Landstrassen giebt. Der Handel wird meist durch Schiffer aus Catbalógan betrieben, die den Ueberschuss der Ernten gegen andere Erzeugnisse eintauschen.

Vom Convento überblickt man einen Theil der Insel Samar, deren Bergformen die Fortsetzung der flachen Schichtung anzeigen. In der Mitte der Landschaft ragt in Entfernung einiger Meilen ein in der Geschichte der Gegend berühmter Tafelberg hervor. Dorthin hatten sich die Eingeborenen des nahen Dorfs Palápat, nachdem sie ihren Pfarrer, einen zu lüsternen Jesuitenpater, ermordet, zurückgezogen und Jahre lang mit den Spaniern Guerillakrieg geführt, bis sie endlich durch Verrath überwältigt wurden.

Das Innere der Insel ist schwierig zu bereisen, da keine Wege vorhanden sind; die Küsten werden sehr von Seeräubern heimgesucht. In den letzten vierzehn Tagen waren mehrere Pontins und vier mit Abacá beladene Schoner gekapert, die Mannschaft zum Theil grausam ermordet, ihre Leichname zerstückelt worden, — eine Abweichung vom Brauch, denn gewöhnlich werden die Gefangenen während der Dauer des Raubzuges zum Rudern benutzt und später in den Inseln der Solosee als Sklaven verkauft. Es war gut, dass wir den Piraten nicht begegnet, denn obgleich [189]wir vier kleine Kanonen an Bord führten, verstand Niemand ihre Behandlung.3

Alguacil. Gobernadorcillo.

Alguacil. Gobernadorcillo.

Nach der Zeichnung eines Tagalen.

Der zur Leitung der Wahlen für die Gemeindeämter erwartete Guvernör sandte, durch Krankheit verhindert, einen Stellvertreter. Da die Wahlen alljährlich im ganzen Lande nach derselben Vorschrift vollzogen werden, so mag diese, der ich beiwohnte, als Beispiel beschrieben werden: Sie findet im Gemeindehaus statt; am Tisch sitzt der Guvernör (oder sein Vertreter), ihm zur Rechten der Pfarrer, links der Schreiber, der zugleich Dolmetscher ist. Sämmtliche Cabezas de Barangay, der Gobernadorcíllo und die es früher gewesen, haben auf Bänken Platz genommen. Es werden zuerst durch das Loos je 6 von den Cabézas, und von den Gobernadorcillo’s zu Wählern ernannt; der fungirende Gobernadorcíllo ist der dreizehnte, die Uebrigen verlassen den Saal. Nachdem der Vorsitzende die Statuten verlesen und die Wähler zur gewissenhaften Erfüllung ihrer Pflicht ermahnt, treten diese einzeln an den Tisch und schreiben drei Namen auf einen Zettel. Wer die meisten Stimmen hat, wird, wenn weder Pfarrer noch Wähler begründeten Einspruch erheben, sofort zum Gobernadorcíllo für das kommende Jahr ernannt, vorbehaltlich der Bestätigung der Oberbehörde in Manila, die wohl immer erfolgt, denn schon der [190]Einfluss des Cura würde eine missliebige Wahl verhindern. Auf dieselbe Weise findet die Wahl der übrigen Beamten statt, nachdem zuvor der neue Gobernadorcillo in den Saal gerufen, damit er etwaige triftige Einwendungen gegen seine aus der Wahl hervorgehende künftige Beamten machen könne. Die ganze Handlung ging mit grosser Ruhe und Würde vor sich.4

Am folgenden Morgen fuhr ich in Gesellschaft des gefälligen Pfarrers, dem sich fast alle Knaben des Dorfes anschlossen, in einem grossen Boot nach Samar über. Von elf kräftigen Gepäckträgern, die der Vertreter des Guvernörs für mich ausgewählt hatte, bemächtigten sich vier einiger Kleinigkeiten und eilten damit voraus, drei andere verbargen sich im Gebüsch, vier waren schon in Láuang davongelaufen. Das Gepäck wurde auseinandergenommen, unter die zurückgeholten vier Träger und die zum Vergnügen mitgegangenen kleinen Jungen vertheilt. Wir folgten dem Seestrand in westlicher Richtung und erreichten sehr verspätet die nächsten Visitas, wo es dem Cura nach vieler Mühe gelang, die fehlenden Träger zu ersetzen. Westlich von der Mündung des Pambújan springt eine Landzunge in’s Meer, ein Lieblingsaufenthalt der Seeräuber, da sie dort im Walde verborgen, den Strand übersehen können, der sich zu beiden Seiten in weiten Bogen ausdehnt und die einzige Strasse zwischen Láuang und Catárman bildet. Schon viele Menschen sind hier geraubt worden und nur mit genauer Noth war der mich bis hierher begleitende Pater vor einigen Wochen dieser Gefahr entgangen.

Der letzte Theil der Tagereise verlief sehr munter. Ein vorausgesandter Bote hatte an allen Flussmündungen Kähne stellen lassen; da man in diesem Gebiet kaum andre Europäer kennt, als Geistliche, so wurde ich in der Dunkelheit für einen Kapuziner im Reiseanzug gehalten, die Männer leuchteten mir mit Fackeln bei der Ueberfahrt, die Frauen drängten sich heran um mir die Hand zu küssen. Ich übernachtete unterwegs und gelangte am folgenden Tage nach Catárman (Caladman auf Coellos Karte), einem reinlichen, geräumigen Ort von 6358 Seelen, an der Mündung des gleichnamigen Flusses. Sechs Pontins aus Catbalógan lagen dort um Reis für Albáy zu laden. Die Bewohner der Nordküste sind zu schlechte Seefahrer, [191]um ihre Produkte selbst auszuführen; sie überlassen es den Leuten aus Catbalógan, die, weil es ihnen an Reisfeldern mangelt, gezwungen sind, ihre Thätigkeit auf anderen Gebieten zu entfalten.

Früher mündete der Fluss von Catárman weiter östlich und war sehr verschlämmt. Im Jahre 1851 bahnte er sich in dem lockeren, aus Quarzsand und Muscheltrümmern bestehenden Boden nach anhaltendem, heftigen Regen einen neuen, kürzeren Ausgang zum Meer, den jetzigen Hafen, in welchem Schiffe von 200 Tonnen unmittelbar am Lande laden können, zerstörte aber dabei den grössten Theil des Dorfes, auch die steinerne Kirche und Priesterwohnung. In dem neuen Convento sind zwei Säle, der eine von 16,2×8,8, der andre von 9×7,6 Schritt Inhalt, mit Brettern aus einem einzigen Ast eines Dipterocarpus (guiso) gedielt. Den Schritt = 30 Zoll, die Dicke der Bretter mit Inbegriff der Abfälle zu einem Zoll angenommen, entspricht dies einem festen Holzblock, so hoch wie ein Tisch (2½’), ebenso breit und 18′ lang, etwa 110 Cubikfuss.5 Die Häuser sind von Gärten umgeben, zum Theil auch nur von Einzäunungen, in denen Unkraut wuchert. Bei dem Neubau des Dorfes nach der grossen Wasserfluth wurde die Anlage von Gärten befohlen; es fehlt aber oft der Fleiss, sie zu erhalten. Südlich vom Dorf dehnen sich Weideplätze aus, mit feinem kurzem Grase bewachsen, doch ist mit Ausnahme einiger dem Cura gehörenden Rinder und Schafe, kein Vieh vorhanden.

Immer noch ohne Diener, fuhr ich mit meinem Gepäck in zwei kleinen Kähnen den Fluss hinauf, an dessen beiden Seiten sich Reisfelder und Kokoshaine ausbreiten, die aber, durch einen dichten Saum von Nipapalmen und hohem Rohr verborgen, nur durch gelegentliche Lücken sichtbar sind. Die zuerst flachen, sandigen Ufer werden allmälig steiler, bald zeigt sich anstehendes Gestein, feste Bänke von sandigem Thon, mit seltenen Spuren undeutlicher Versteinerungen. Eine kleine Muschel6 hat an der Wassergrenze so zahlreiche Löcher in die Thonbänke gebohrt, dass diese wie Honigwaben aussehn. Um 12 kochten wir unsern Reis in einer einzeln stehenden Hütte bei freundlichen Leuten. Die Frauen, die wir in zerlumpten, schwarzen Guináragewändern überraschten, zogen sich beschämt zurück und erschienen bald darauf in sauberen bunten Sayas, [192]messingenen Ohrringen und Schildkrötenkämmen. Als ich ein kleines nacktes Mädchen zeichnete, nöthigte die Mutter sie ein Hemd anzuziehn. Um 2 bestiegen wir die Boote wieder, ruderten die ganze Nacht und erreichten um 9 Vormittags eine kleine Visita, Cobocóbo. Nach Abzug der zweistündigen Mittagsrast hatten die Leute 24 Stunden ununterbrochen gearbeitet und waren guter Dinge, wenn auch etwas müde.

Kleines Bisaya-Mädchen.

Um 2½ Uhr traten wir den Landweg über die Salta Sangley (Chinesensprung) nach Tragbúcan an, welches in gerader Richtung etwa eine Meile entfernt, an der Stelle liegt, wo der an der Westküste bei Punta Hibáton mündende Calbáyot für Nachen schiffbar wird. Mittelst dieser beiden Flüsse und des kurzen aber beschwerlichen Landwegs besteht eine Verbindung zwischen den bedeutenden Ortschaften Catárman an der Nordküste und Calbáyot an der Westküste. Der Landweg, im besten Falle ein schmaler, von der Sonne nicht beschienener Pfad im dichten Walde, oft nur eine Richtung, führt über schlüpfrige Thonrücken, verschwindet in den Schlammpfützen der dazwischen liegenden Niederungen und läuft zuweilen im Bett der Bäche hin. Die Wasserscheide zwischen dem Catárman und Calbáyot wird von der genannten Salta Sangley, einem flachen, aus Thon- und Sandsteinbänken bestehenden, nach beiden Seiten treppenförmig absteigenden Rücken gebildet, von der das oben angesammelte Wasser in kleinen Kaskaden herabfällt. An den schwierigsten Stellen sind rohe Bambusleitern angebracht. Ich zählte 15 Bäche auf der NO. Seite, die den Catárman speisen und etwa ebenso viele Zuflüsse des Calbáyot auf der SW. Seite. Um 5 Uhr 40 Minuten erreichten wir den höchsten Punkt der Salta Sangley (etwa 90′ Meereshöhe). Um 6 Uhr 30 Minuten einen Fluss, den oberen Lauf des Calbáyot, in dessen Bett wir wanderten, bis die zunehmende Tiefe uns zwang, im Dunkeln unsern Weg mühsam durch das Unterholz an seinem Rande zu bahnen; um 8 Uhr befanden wir uns der Visita Tragbúcan gegenüber. [193]

Der Fluss war hier bereits 6 Fuss tief, ein Nachen nicht vorhanden. Nach langem Rufen, Bitten und Drohen entschlossen sich die durch einen Revolverschuss aus dem Schlafe geschreckten Leute ein Bambusfloss zu bauen, auf dem sie uns und unser Gepäck übersetzten. Das nur aus wenigen ärmlichen Hütten bestehende Oertchen liegt hübsch, von bewaldeten Hügeln umgeben, auf einer Sandplatte 50 Fuss über dem schilfbesäumten Fluss.

Dank der Rührigkeit des mich begleitenden Teniente von Catárman war in aller Frühe ein Boot herbeigeschafft worden, so dass wir um 7 Uhr die Reise fortsetzen konnten. Die Ufer blieben 20 bis 40 Fuss hoch. Ausgenommen das Schreien einiger Nashornvögel, die auf den höchsten Bäumen von Ast zu Ast flatterten, nahmen wir keinen Laut, keine Spur von Thierleben wahr. Um 11½ Uhr gelangten wir an eine kleine Visita, Taibágo, um 1 Uhr 35 Minuten an eine ähnliche, Magubáy, und nach zweistündiger Mittagsrast, um 5 Uhr an eine Stromschnelle, die wir geschickt, fast ohne Wasser zu schöpfen, hinabglitten. Der bisher im Mittel 30 Fuss breite, wegen vieler hineingestürzter Baumstämme schwierig zu befahrende Fluss wird hier doppelt so breit. Gegen 11 Uhr Nachts erreichten wir das Meer und ruderten bei völliger Windstille 1 Legua weit die Küste entlang nach Calbáyot, dessen Convento eine herrliche Aussicht auf die davorliegenden Inseln gewährt.

Boot mit Ausriggern von Bambus.

Boot mit Ausriggern von Bambus.

Der obere Rand besteht nur aus einem losen Geflecht von Palmenblättern, durch Bambusstreifen zusammengehalten.

[194]

Ein Gewittersturm zwang uns, die Fahrt nach der 7 Leguas entfernten Hauptstadt Catbalógan (oder Catbalónga) auf den Nachmittag zu verschieben. Wir fuhren in einem langen, aus einem Baumstamme gezimmerten, mit Ausriggern versehenen Boote am Strande hin, an welchem sich eine Reihe niedriger bewaldeter Hügel mit vielen kleinen Visitas hinzieht, und umschifften mit einbrechender Dunkelheit die Spitze Napalísan, einen Felsen aus trachytischem Konglomerat, der durch senkrechte Klüfte mit abgerundeten Kanten in eine Reihe thurmartiger Vorsprünge gegliedert, 60 Fuss hoch wie eine Ritterburg aus dem Meere hervorragt. Nachts erreichten wir Catbalógan, die Hauptstadt der Insel (6000 E.) in der Mitte des Westrandes gelegen, in einer kleinen von Eilanden und Landzungen malerisch umgebenen Bucht, schwer zugänglich und dennoch wenig geschützt. — Nicht Ein Fahrzeug ankerte im Hafen.

Die Häuser, darunter viele von Brettern, sind zierlicher als in Camarínes, die Leute zwar träge, aber bescheidener, ehrlicher, gutmüthiger und von reineren Sitten als die Bewohner Süd-Luzon’s. Durch die gefällige Verwendung des Guvernörs erhielt ich schnell eine geräumige Wohnung und einen Diener, der Spanisch verstand. Auch traf ich hier einen sehr intelligenten Indier, der sich grosse Fertigkeit in den verschiedensten Handwerken angeeignet hatte. Mit dem einfachsten Werkzeug besserte er manches an meinen Instrumenten und Apparaten, deren Zweck er schnell begriff, zur vollständigen Zufriedenheit aus und gab viele Proben bedeutender geistiger Fähigkeit.

In Samar sind Flattermakis oder Lemure, Káguang der Bisayer, Galeopithecus, nicht selten. Die Thiere, von der Grösse einer Hauskatze, gehören zu den Vierhändern, sind aber, ähnlich wie die fliegenden Eichhörnchen, mit einer am Halse entspringenden, über Vorder-, Hinterglieder und Schwanz reichenden Flatterhaut versehn, vermittelst welcher sie von einem Baum zum andern in einem sehr stumpfen Winkel gleiten können.7 Körper und Flatterhaut sind mit einem sehr zarten kurzen Pelz bekleidet, der dem Chinchilla an Feinheit und Weiche wohl kaum nachsteht, und deshalb sehr gesucht ist. Während meiner Anwesenheit trafen zum Geschenk für den Pfarrer sechs lebende Káguangs ein (drei hellgraue, ein dunkelbrauner, zwei graubraune, alle mit kleinen weissen unregelmässig vertheilten Flecken), von denen ich ein Weibchen mit ihrem Jungen erhielt. [195]

Es schien ein harmloses ungeschicktes Thier. Als es von seinen Fesseln befreit war, blieb es am Boden liegen, alle vier Glieder von sich gestreckt, die Erde mit dem Bauch berührend und hüpfte dann in kurzen schwerfälligen Sprüngen, ohne sich dabei emporzurichten, nach der nächsten Wand, die aus gehobelten Brettern bestand. Dort angekommen tastete es lange mit den einwärts gebogenen scharfen Krallen seiner Vorderhände umher, bis ihm endlich die Unmöglichkeit an jener Stelle emporzuklettern klar geworden. Gelang es ihm in einer Ecke oder mit Benutzung einer gelegentlichen Spalte, einige Fuss aufwärts zu klimmen, so fiel es alsbald wieder herab, weil es die verhältnissmässig sichere Stellung seiner Hinterglieder aufgab, bevor die Krallen der vorderen festen Halt gefunden hatten; es nahm aber keinen Schaden, da die Jähheit des Falles durch die schnell ausgespannte Flughaut gebrochen wurde. Diese mit unerschütterlicher Beharrlichkeit fortgesetzten Versuche zeigten einen auffallenden Mangel an Urtheil, das Thier muthete sich viel mehr zu, als es ausführen konnte; daher blieben seine Bemühungen erfolglos, stets aber fiel es ohne sich zu verletzen, Dank dem Fallschirm, womit die Natur es ausgestattet hatte. Wäre der Káguang nicht gewöhnt sich so ganz und gar auf diese bequeme Vorrichtung zu verlassen, so hätte er wohl seinen Verstand mehr gebrauchen, seine Kräfte richtiger beurtheilen gelernt. Das Thier hatte seine fruchtlosen Versuche so oft wiederholt, dass ich es nicht weiter beachtete, — nach einiger Zeit war es verschwunden. Ich fand es in einem dunklen Winkel unter dem Dache wieder, wo es wahrscheinlich die Nacht erwarten wollte, um seine Flucht fortzusetzen. Offenbar war es ihm gelungen den oberen Rand der Bretterwand zu erreichen und zwischen dieser und der festaufliegenden elastischen Decke aus Bambusgeflecht seinen Körper durchzuzwängen. Das arme Geschöpf, das ich voreilig für dumm und ungeschickt gehalten, hatte unter den gegebenen Umständen die grösstmögliche Geschicklichkeit, Klugheit und Beharrlichkeit gezeigt.

Ein zum Besuch anwesender Padre aus Calbígan versprach mir so viele Wunder in seinem Gebiet, — eine Fülle der seltsamsten Thiere, höchst unzivilisirte Cimarronen, — dass ich ihn am folgenden Tage auf seiner Heimreise begleitete. Eine Stunde nach der Abfahrt erreichten wir die kleine Insel Majáva, die aus steil aufgerichteten Schichten eines festen, feinkörnigen vulkanischen Tuffes mit kleinen glänzenden Hornblendekrystallen besteht. Die Insel Buat (Coello’s Karte) wird von unsern Schiffern Tubígan genannt. In 3 Stunden gelangen wir nach Umáuas, einem Filial von Calbígan. Es liegt 50 Fuss über dem Meer in einer Bucht, vor welcher [196]sich, wie so oft an dieser Küste, eine Reihe kleiner malerischer Inseln hinzieht, 4 Leguas genau S. von Catbalógan. Calbígan aber, das wir gegen Abend erreichten, liegt von Reisfeldern umgeben 2 Leguas NNO. von Umáuas, 40 Fuss hoch über dem gleichnamigen Fluss, fast anderthalb Leguas von dessen Mündung. An den Ufern des Calbígan ist ein Baum mit schön violblauen Blüthenrispen besonders häufig, er liefert das geschätzteste Bauholz der Philippinen, das dem Teak gleichgeachtet und wie dieses zu den Verbenaceen gehört. Sein inländischer Name ist Molave. (Vitex geniculata Blanco.)8

Nach der Versicherung glaubwürdiger Männer soll es in hiesiger Gegend Schlangenbändiger geben. Sie pfeifen die Schlangen angeblich aus ihren Schlupfwinkeln herbei, lassen sie nach ihrem Willen sich bewegen oder innehalten und hantiren sie nach Belieben, ohne von ihnen verletzt zu werden. Den berühmtesten derselben hatten aber die Seeräuber vor Kurzem fortgeschleppt, ein zweiter war zu den Cimarronen in die Berge entwichen, ein dritter, dessen Ruf nicht recht begründet schien, begleitete mich bei meinen Ausflügen, entsprach aber nicht den Schilderungen seiner Freunde. Zwei Giftschlangen9, die wir unterwegs trafen, fing er, indem er sie geschickt, unmittelbar hinter dem Kopf packte, so dass sie wehrlos waren, und wenn er ihnen still zu liegen befahl, so setzte er ihnen zuvor den Fuss auf den Nacken. Ich verletzte mir auf der Jagd, an einem im Schlamm verborgenen spitzen Ast, den Fuss so erheblich, dass ich unverrichteter Sache nach Catbalógan zurückkehren musste. Die Bewohner von Calbígan gelten für thätiger und umsichtiger als die übrigen der Westküste, auch ihre Ehrlichkeit wird gerühmt. Ich fand sie sehr anstellig, das Sammeln und Zubereiten von Pflanzen und Thieren schien ihnen Freude zu machen, gern hätte ich einen Diener von hier mitgenommen; sie trennen sich aber so schwer von ihrem Dorf, dass alle Bemühungen des Pfarrers, einen zur Mitreise zu bewegen, erfolglos blieben.

In geringer Entfernung NW. von Catbalógan gewahrt man bei Ebbe in weniger als 2 Faden Tiefe einen der üppigsten Korallengärten. Auf einem bunten Teppich von Kalkpolypen und Schwämmen erheben sich wie Staudengewächse Gruppen von lederartigen, fingerdicken Stielen, deren oberes Ende dicht mit Polypen besetzt ist (Sarcophyton pulmo Esp.), die ihre in den schönsten Farben schillernden Tentakelrosen weit geöffnet haben, so dass sie wie Blumen in voller Blüthe erscheinen. Sehr grosse [197]Serpeln strecken aus ihren Kalkröhren zierliche rothe, blaue und gelbe Fühlerkronen heraus, dazwischen wuchern fein gefiederte Plumularien; kleine Fische von wunderbar prächtigen Farben tummeln sich in diesen Nixengärten.

Nachdem Stürme und die Flucht meines Dieners, der das ihm anvertraute Geld beim Hahnenkampf verspielt hatte, mich einige Tage in der Hauptstadt aufgehalten, fuhr ich die Bucht hinauf, die sich im S. von Catbalógan, WO. bis Paránas erstreckt. Der Nordrand derselben besteht aus NS. streichenden, gleich hohen, regelmässigen, von W. sanft ansteigenden, nach O. steil abfallenden Erdwogen, die gegen das Meer scharf abschneiden; 9 kleine Dörfchen liegen an dieser Küste zwischen Catbalógan und Paránas, sie ziehn sich unter Kokos- und Betelpalmen in vereinzelten Häusergruppen von den Mulden aus die westlichen, sanften Abhänge hinauf und endigen, indem sie den Gipfel erreichen, mit einem kleinen Castillo, das schwerlich Schutz gegen die Seeräuber, aber fast immer einen hübschen landschaftlichen Punkt gewährt. Vor dem Südrande der Bucht und nach SW. hin sieht man viele kleine Inseln und bewaldete Felsen, im Hintergrunde die Berge von Leyte, sich zu immer wechselnden Veduten verschieben.

Da die Leute bei schwüler Hitze, völliger Windstille und fast wolkenlosem Himmel beinahe so viel schliefen als ruderten, so erreichten wir erst Nachmittags Paránas, ein sauberes zwischen 20 und 150 Fuss Meereshöhe an einem Abhang gelegenes Dorf. Die am Meere senkrechten Wände bestehn aus grauen gegen das Land einfallenden Thonbänken, und werden überlagert von einer Schicht Muscheltrümmer, deren Zwischenräume mit Thon ausgefüllt sind; über dieser liegt eine festere, durch Kalk verkittete Breccie, aus eben solchen Bruchstücken bestehend. In den Thonbänken finden sich wohlerhaltene Versteinerungen, in Farbe, Habitus, und Vorkommen manchen deutschen Tertiärbildungen zum Verwechseln ähnlich; die Breccien sind gleichfalls fossil, vielleicht auch tertiär; jedenfalls liess sich die Identität der wenigen darin erkennbaren Cerithien, Pecten und Venus mit lebenden Arten nicht feststellen.10

Am folgenden Morgen fuhr ich nördlich in einem schmalen Kanal durch einen stinkenden Rhizophorensumpf und setzte dann die Reise zu [198]Lande nach einem kleinen, im Walde gelegenen Dörfchen Loquilócun fort. Halbwegs durchfurtheten wir einen 20′ breiten, OW. strömenden Fluss, mit steilen durch Leitern zugänglich gemachten Uferwänden.

Da ich noch immer lahmte (Fusswunden heilen sehr schwer in heissen Ländern), liess ich mich einen Theil des Weges auf landesübliche Weise tragen: der Reisende liegt in einer an einem Bambusrahmen befestigten Hängematte; eine III versinnlicht die Vorrichtung: der mittlere Strich stellt die Hängematte, der Rest den Rahmen dar, dessen hervorragende Enden vier rüstige Polistas auf die Schultern nehmen. Etwa alle zehn Minuten werden die Träger durch andre abgelöst. Zum Schutz gegen Sonne und Regen ist der Rahmen mit einem leichten Pandanusdach versehn.

Die Wege, die man nach Analogie von Unmensch und Unwetter Unwege nennen könnte, waren ziemlich so schlecht, wie die bei der Salta-Sangley; mit Ausnahme des zuweilen bequemen Seestrandes scheinen in Samar keine bessere vorhanden. Nach 3 Stunden gelangten wir an den Loquilócun, der von Norden kommend, dort seinen südlichsten Punkt erreicht, dann NO. dem grossen Ozean zufliesst. Ich fand hier durch die liebenswürdige Fürsorge des Guvernörs zwei kleine Nachen bereit, die durch je zwei in den äussersten Spitzen hockende Männer mit bewundernswürdiger Gewandtheit getrieben zwischen den Baumstämmen und Felsen im Bett des reissenden Bergstromes durchschlüpften. Unter lautem Jauchzen glitten beide Kähne einen 1½ Fuss hohen Fall hinab, ohne Wasser zu schöpfen.

Das Dörfchen Loquilócun liegt in drei Häusergruppen auf drei Hügeln. Die Bewohner waren sehr freundlich, gefällig, bescheiden und so erfolgreich im Sammeln, dass mein mitgeführter Weingeist schnell verbraucht war; in Catbalógan konnten meine Boten nur einige Flaschen auftreiben, und meine eignen Vorräthe waren durch ungeschickte Zuvorkommenheit eines zu gefälligen Freundes in falscher Richtung gesandt, und erreichten mich erst nach Monaten wieder; der in Samar käufliche Palmenwein war zu schwach. Täglich fuhren ein oder zwei Nachen aus, um für mich zu fischen, doch erhielt ich nur wenige Individuen, die fast ebenso vielen Arten und Gattungen angehörten. Wahrscheinlich hat der Missbrauch, die Fische durch Vergiftung des Wassers zu tödten (es wird hier die zerklopfte Frucht einer Barringtonia dazu verwendet) den Fluss so fischleer gemacht.

Nach einigen Tagen verliessen wir das Oertchen um 9 Uhr 30 Minuten Vormittags, enggepackt in zwei kleinen Nachen, und waren, als wir um 1 Uhr 7 Minuten Dini, eine bewohnte Hütte im Walde erreichten, über 40 Stromschnellen von 1 bis 1½ Fuss und mehr Tiefe hinabgestiegen. Die [199]bedeutendsten derselben haben Namen, die auf der Coelloschen Karte richtig angegeben sind. Folgendes sind ihre Abstände nach der Uhr: 10 Uhr enge Felsenschlucht, an deren Ende das Wasser mehrere Fuss tief in ein grösseres Becken stürzt. Die Kähne, die bisher mit wunderbarer Geschicklichkeit, wie gewandte Pferde zwischen allen Hindernissen des Flussbettes und über alle Sprudel und Schwellen, fast ohne Wasser zu schöpfen, geglitten, werden ausgeladen, es bleiben nur 2 Mann in jedem Nachen zurück, die laut jauchzend hinabschiessen, wobei sich die Kähne bis an den Rand füllen.

Visita Loquilocun.

Visita Loquilocun.

Kirche. Pfarrhaus. Gemeindehaus.

Glockenthurm. Haus eines Mestizen.

Dem Wasserfall gegenüber war eine Schuttbank angeschwemmt, in welcher sich, ausser Trümmern des anstehenden Gesteins, sehr abgeschliffene Gerölle von Porphyr und Jaspis, auch einige Stücke Kohle mit vielem Schwefelkies fanden, die wohl zur Regenzeit weiter oberhalb in den Fluss gelangen; ihr Ursprung war den Schiffern unbekannt. — 11 Uhr 56 Minuten bis 12 Uhr: ununterbrochene Reihe von Schnellen, die mit grösster Gewandtheit, ohne Wasser zu schöpfen, überwunden wurden. Etwas tiefer, um 12 Uhr 3 Minuten nahmen wir so viel Wasser ein, dass wir landen und ausschöpfen mussten. Um 12 Uhr 15 Minuten die Fahrt fortgesetzt, der Fluss war nun durchschnittlich 60 Fuss breit. Im Waldrande machen sich eine kaum 10′ hohe, schlanke Palme durch ihre Häufigkeit und viele Phalaenopsis [200]durch seltene Blüthenpracht bemerklich. Weder Vögel noch Affen noch Schlangen wurden wahrgenommen, doch sollen grosse, bis schenkeldicke Python nicht selten sein.

Um 12 Uhr 36 Minuten gelangten wir an eine der schwierigsten Stellen, eine Reihe von Schwellen mit vielen aus dem Wasser aufragenden Felsen, zwischen welchen die in vollem Schuss befindlichen Nachen mit schnellen Wendungen glücklich durchschlüpfen. Das Wagstück wurde von beiden Mannschaften mit gleicher Meisterschaft unter äusserster Anspannung ihrer Kräfte ausgeführt. — 1 Uhr 17 Minuten Ankunft bei Dini, dem bedeutendsten Wasserfall der ganzen Strecke. Hier mussten die Kähne mit Zuhülfenahme der von den hohen Waldbäumen wie Taue herabhängenden Lianen aus dem Wasser gezogen und über die Felsen geschleppt werden. — 2 Uhr 21 Minuten Fortsetzung der Reise. — 2 Uhr 28 Minuten bis 2 Uhr 30 Minuten eine unregelmässige, aus vielen Stufen gebildete Treppe hinabgestiegen, viel Wasser geschöpft. Bisher floss der Loquilócun in einem Felsenbett mit meist steilen Ufern, zuweilen auf lange Strecken unter einem dichten Laubgewölbe, von welchem mächtige Ranken und mehr als Klafter lange zierliche Farne herabhingen. Hier öffnet sich die Gegend etwas; es zeigen sich flache Hügel mit niedrigem Gebüsch, im NW. höhere bewaldete Berge. Während der letzten zwei Stunden von einem Sturzregen begleitet, erreichen wir um 5 Uhr 30 Minuten ein einzelnes Haus mit freundlichen Leuten, wo Nachtquartier gemacht wird.

Am folgenden Morgen wurde die Fahrt stromabwärts fortgesetzt. Nach 10 Minuten glitten wir den letzten Wasserfall hinunter, zwischen weissen marmorartigen mit herrlichstem Pflanzenwuchs beladenen Kalkfelsen. Ganze Aeste voll Phalaenopsis (P. Aphrodite Reichb. fls.) ragten über den Fluss; wie grosse prächtige Schmetterlinge schwebten ihre Blüthen über der schäumenden Fluth. Zwei Stunden später ist der Strom 200′ breit geworden und schleicht, nachdem er von Loquilócun eine 50 Meter hohe Treppe herabgesprungen, in gemächlichen Windungen durch flaches Schwemmland der Ostküste zu, ein breites Aestuar bildend, an dessen rechtem Ufer, eine halbe Legua vom Meer entfernt, die Ortschaft Jubásan oder Paríc (2300 Seelen) liegt; sie giebt dem untern Lauf des Stromes ihren Namen. Hier verliessen mich die trefflichen Männer von Loquilócun, um die sehr beschwerliche Rückfahrt anzutreten.

Durch Sturm aufgehalten konnte ich mich erst am folgenden Tage nach Túbig (2858 E.), südlich von Paríc, einschiffen. Immer noch an anstrengenden Märschen verhindert, fuhr ich im Ruderboot die Küste entlang von Túbig nach Boróngan (7685 E.), bei dessen eben so intelligentem als [201]gefälligen Pfarrer ich einige Tage verweilte, und setzte dann die Fahrt nach Guíuan (auch Guiuang, Guiguan) fort, der bedeutendsten Ortschaft Samars (10781 E.), auf einer schmalen von der SO. Spitze der Insel ins Meer ragenden Landzunge gelegen.

Dicht am Strande bricht bei letzterem Ort aus fünf bis sechs Oeffnungen eine wasserreiche, schwach nach Schwefelwasserstoff riechende Quelle aus, die während der Fluth vom Meer bedeckt, bei Ebbe frei liegt, so dass sie dann kaum merklich salzig schmeckt. Zur Untersuchung des Wassers wurde durch Einsenken eines hohen bodenlosen Topfes ein Brunnen geschaffen und nachdem das Wasser eine halbe Stunde lang übergeflossen, eine Probe genommen, die leider später abhanden kam. Wärme des Quellwassers 8 Uhr Vorm.: 27°7., der Luft: 28°7, des Meerwassers: 31°2 C. Die Quelle dient den Frauen zum Färben ihrer Sarongs. Die mit dem Absud einer gerbestoffreichen Rinde getränkten Stoffe (Abacázeuge erhalten zuvor eine Kalkmilchbeize) werden, nachdem sie an der Sonne getrocknet, bei Ebbe in die Quelle gelegt, während der Fluth herausgenommen, getrocknet, in Rindenabsud getaucht und nass wieder in die Quelle gelegt; dies wird drei Tage lang wiederholt. Das Ergebniss ist ein dauerhaftes, aber hässliches Dintenschwarz (gallussaures Eisenoxyd).

In Loquilócun und Borongan hatte ich Gelegenheit, zwei lebende Gespensterthiere11 zu kaufen. Diese äusserst zierlichen, seltsamen, zu den Halbaffen gehörenden Thierchen sollen, wie man in Luzon und Leyte versicherte, nur in Samar vorkommen und ausschliesslich von Holzkohle leben. Mein erster Mago musste anfänglich etwas hungern, denn Pflanzenkost verschmähte er, in Bezug auf Insekten war er wählerisch; lebende Heuschrecken frass er mit grossem Behagen.12 Es sah äusserst drollig aus, wie das Thier, wenn es bei Tage gefüttert wurde, aufrecht stehend, auf seine beiden dünnen Beine und den kahlen Schwanz gestützt, den grossen kugelrunden, mit gewaltigen gelben Uhuaugen versehenen Kopf nach allen Richtungen bewegte, wie eine Blendlaterne auf einem Statif mit Kugelgelenk. Nur allmälig gelang es ihm, seine Augen auf den dargebotenen Gegenstand richtig einzustellen; hatte es ihn aber endlich wahrgenommen, so reckte es plötzlich beide Aermchen seitwärts, etwas nach [202]hinten aus, wie ein Kind, das sich freut, griff schnell zu, mit Händen und Maul zugleich, und verzehrte bedächtig die Beute. Bei Tage war der Mago schläfrig, blödsichtig, und wenn man ihn störte, mürrisch; mit abnehmendem Tageslicht erweiterte sich seine Pupille, Nachts bewegte er sich lebhaft und behend mit geräuschlosen schnellen Sprüngen, am liebsten seitwärts. Er wurde bald zahm, starb aber leider nach einigen Wochen. Das zweite Thierchen am Leben zu erhalten, gelang mir auch nur kurze Zeit. [203]


1 Nach Arenas (Memorias 2 1) hiess Albay früher Ibalon; Tayabas, Calilaya; Batangas, Comintan; Negros, Buglas; Cebu, Sogbu; Mindoro, Mait; Samar, Ybabao; Basilan, Taguima, Mindanao wird von B. de la Torre Cesarea; Samar in R. Dudleo, Arcano del mare (Florenz 1761) Camlaia genannt. In Hondiv’s his map of the Indian Ilands, (Purchas 605) wird Luzon Luconia; Samar, Achan; Leyte, Sabura; Camarines, Nebui genannt. In Albo’s Tagebuch heisst Cebu Suba, Leyte Seilani. Pigafetta erwähnt eine Stadt Cingapola auf Zubu, Leyte ist auf seiner Karte im Norden Baybay, im Süden Ceylon benannt. 

2 Im Estado geogr. der Franziskaner, Manila 1855, ist nichts davon erwähnt. 

3 Kleine Schiffe, die keine Kanonen haben, sollen Krüge, mit Wasser und den Früchten der Arenga sacharifera gefüllt an Bord nehmen, in der Absicht mit der ätzenden, heftiges Brennen verursachenden Brühe, die Seeräuber bei einem etwaigen Angriffe zu bespritzen. Dumont d’Urville erzählt, dass die Bewohner von Solo bei seinem Besuch die Brunnen mit dergleichen Früchten vergiftet hatten. Die in Zucker eingemachten Kerne sind ein angenehmes Konfekt. 

4 Es wurden noch gewählt ein Teniente mayór (Stellvertreter des Gobernadorcillo), ein Juéz mayór (Oberrichter) für die Felder, immer ein Excapitan, ein zweiter Richter für die Polizei, ein dritter Richter für Streitigkeiten, die das Vieh betreffen, ein zweiter und dritter Teniente und erster und zweiter Polizeidiener; endlich noch für jede Visita ein Teniente, ein Richter, ein Polizeidiener. Alle drei Richter können Excapitano’s sein, kein Excapitan kann Teniente werden. Der erste Teniente muss aus der Principalía sein; die übrigen können dieser oder der Plebe angehören; die Polizeidiener (Alguacíls) sind immer aus letzterer. 

5 G. Squier (States of Central Amerika 192) erwähnt einen Mahagonyblock, 17 Fuss lang, der im unteren Queerschnitt 5 Fuss 6 Zoll im Geviert, im Ganzen 550 Cubikfuss maass. 

6 Nach Dr. v. Martens: Modiola striatula Hanley, der denselben Zweischaler auch zu Singapore in Brackwasser bedeutend grösser fand. Reeve bildet die von Cumming in den Philippinen, ohne nähere Ortsangabe gesammelte Art auch grösser ab (38 mm), die vom Catarman hat 17mm

7 In Sumatra sah Wallace in der Dämmerung einen Lemur einen Baumstamm hinauf laufen, und dann in schiefer Richtung durch die Luft nach einem andern Stamm gleiten, den er nahe dem Boden erreichte; die Entfernung beider Bäume betrug 210 Fuss, der Höhenunterschied nicht über 35 oder 40 Fuss, also weniger als 1 : 5. (Malay Archipelago I. 211.) 

8 Die dem Berliner Herbar eingesandten Exemplare sind nicht aufzufinden. 

9 Nach W. Peters Tropidolaenus philippinensis Gray. 

10 v. Martens erkannte unter den Tertiär-Muscheln der Thonbänke die noch jetzt im indischen Ozean lebenden Arten Venus (Hemitapes) hiantina Lam., V. squamosa L., Arca cecillei Phil., A. inaequivalvis Brug., A. chalcanthum Rv. und die Gattungen Yoldia, Pleurotoma, Cuvieria, Dentalium; ohne ihre Uebereinstimmung mit lebenden Arten verbürgen zu können. 

11 Tarsius spectrum Tem., in der Landessprache: Mago. 

12 Schon der alte Pater Camel führt an, dass das Thierchen angeblich nur von Kohlen lebe, dies sei indessen ein Irrthum, es frässe Ficus indica (worunter hier wohl Bananen zu verstehn) und andere Früchte. (Camel de quadruped. Philos. trans. 1706/7 London). — Auch über den Kaguang (s. S. 194) giebt Camel einen interessanten noch heut passenden Bericht. ibid. 2. S. 2197. 

[Inhalt]

ZWANZIGSTES KAPITEL

REISEN IN SAMAR, FORTSETZUNG. — SÜDSEE-INSULANER DURCH STÜRME VERSCHLAGEN. — TODTENHÖHLEN UND LEICHENBESTATTUNG DER ALTEN BISAYER. — KROKODILE. — IGNAZBOHNE. — KOKOSÖL.

In Guíuan erhielt ich Besuch von Mikronesiern, die seit vierzehn Tagen beschäftigt waren, bei Sulángan auf der schmalen Landzunge SO. von Guiuan nach Perlmuscheln zu tauchen, und eigens zu dem Zweck die gefahrvolle Reise unternommen hatten.1

Sie waren aus Uleai (Uliai 7°20 N. 143°57 O. Gr.) in fünf Booten, jedes mit 9 Mann Besatzung ausgelaufen, jedes Boot enthielt 40 Kürbis voll Wasser, Kokosnüsse und Bataten. Jeder Mann bekam täglich eine Kokosnuss und zwei in der Asche der Kokosschalen gebackene Bataten. Sie fingen einige Fische unterwegs und sammelten Regenwasser auf. Bei Tage steuerten sie nach der Sonne, Nachts nach den Sternen. Ein Sturm zerstreute die Boote. Zwei derselben gingen sammt der Mannschaft vor den Augen der Uebrigen zu Grunde, nur eines, wahrscheinlich das einzige gerettete, erreichte zwei Wochen nach der Abfahrt Tandag an der Ostküste von Mindanao. In Tandag blieben die Leute zwei Wochen, verrichteten Feldarbeit für Tagelohn und fuhren dann nordwärts die Küste entlang nach Cántilang 8°25′ N., Banóuan (bei Coello irrthümlich Bancuan) 9°1′ N., Taganáan 9°25′ N., von da nach Surigáo an der Nordspitze von Mindanáo und dann mit Ostwind in zwei Tagen gerade aus nach Guíuan. [204]In der deutschen Uebersetzung von Capt. Salmon’s Historie der orientalischen Inseln ... Altona 1733 heisst es Seite 63:

»Man hat neuerlicher Zeit noch etliche andere Inseln Ostwerts von den Philippinischen entdecket und selbigen den Namen der neuen Philippinischen beigeleget, weil sie in der Nachbarschaft der alten und bereits beschriebenen liegen. Der Pater Clan (Clain) giebet in einem Brief aus Manila, welcher den Philosophical transactions ist einverleibet worden, folgenden Bericht von denselben: Es trug sich zu, als er in der Stadt Guivam auf der Insel Samar war, dass er daselbst 29 Palaos (es waren 30, einer starb bald darauf in Guiuan) oder Einwohner von gewissen erst neulich entdeckten Inseln antraff, welche von den östlichen Winden, welche hier vom December bis an den Majum wehen, dahin waren verschlagen worden. Sie hatten 70 Tage lang nach ihrem Bericht vor dem Winde geseegelt, ohne einiges Land in’s Gesicht zu bekommen, bis sie vor Guivam angeländet waren. Als sie aus ihrem Vaterlande geseegelt, waren ihrer zwey Boote gestopft voll, und mit ihren Weibern und Kindern, in allen 35 Seelen gewesen: unterschiedliche aber waren von dem unter Weges erlittenen Ungemach crepiret. Als einer von Guivam zu ihnen an Bord kommen wolte, wurden sie in eine solche Angst gesetzet, dass alle Kerls, die in dem einen Fahrzeug waren, mit ihren Weibern und Kindern über Bord sprungen. Wiewohl sie doch zuletzt am besten zu seyn befunden in den Hafen einzulaufen, so dass sie den 28. Decembris 1696 ans Land kamen. Sie assen Cocusnüsse und Wurzeln; welche ihnen mildiglich zugetragen, und geschenckt wurden: aber den gekochten Reis, die allgemeine Speise der asiatischen Völcker, wollen sie gar nicht einmal kosten. Zwo Weiber welche vormals aus denselben Inseln dahin verschlagen waren, dieneten ihnen zu Dollmetscherinnen ....

... Die Leute des Landes gehen halb nacket und die Männer schildern (malen) ihre Leiber mit Flecken und machen allerhand Figuren darauf ... So lange sie auf der See waren, lebten sie von Fischen welche sie in einer gewissen Art von Fischkörben fiengen, die einen weiten Mund hatten, unten aber spitz zuliefen und hinter ihren Booten hergeschleppt wurden. Das Regenwasser so sie etwa auffingen (oder wie in dem Brief selber stehet, in den Schalen der Cocusnüsse aufhuben) diente ihnen zum Getränk. Als sie vor den Pater sollten gebracht werden, welchen sie wegen der Hochachtung, die man ihm erwiess, für den Gouverneur hielten, färbeten sie ihren Leib ganz gelb, welches sie für den grössten Staat halten in welchem sie für ansehnlichen Leuten erscheinen können. Im Tauchen sind sie sehr erfahren und finden unterweilen Perln in den Muscheln, die sie herauf bringen, welche sie aber als unnütze Dinge wegwerfen.«

Eine der wichtigsten Stellen in Pater Clains Brief hat Capt. Salmon ausgelassen: »Der älteste dieser Fremdlinge war schon einmal an die Küste der Provinz Caragan auf einer unserer Inseln (Mindanao) geworfen worden, da er aber nur Ungläubige gefunden hatte, die in den Bergen und auf dem öden Strande wohnen, war er in sein Vaterland zurückgekehrt.«

In einem Briefe des Pater Cantova an den Pater d’Aubenton, Agdana (d. h. Agaña, Mariannen) 20. März 1722, der die Carolinen- und Paláosinseln beschreibt, heisst es: »das vierte Gebiet liegt westlich. Yap (9° 25′ N. [205]138°1′ O. Gr.)2 welches die Hauptinsel ist, hat über 40 Leguas Umfang ... Ausser den verschiedenen Wurzeln, die bei den Eingeborenen der Insel die Stelle des Brodes vertreten, findet man Bataten, welche sie Camotes nennen und welche sie von den Philippinen erhalten haben, wie mir einer von unseren Carolinen-Indiern mittheilt, der von dieser Insel gebürtig ist. Er erzählt, dass sein Vater, Namens Coorr ... drei seiner Brüder und er selbst durch den Sturm nach einer der Provinzen in den Philippinen verschlagen wurden, welche man Bisayas nennt, dass ein Missionär unserer Gesellschaft (Jesu) sie freundlich aufnahm ... dass sie nach ihrer Insel zurückkehrend, Samen verschiedener Pflanzen dahin brachten, unter andern Bataten, die sich so sehr vermehrten, dass sie genug hatten, um die andern Inseln dieses Archipels damit zu versehn« ... Murillo Velarde (f. 378) erwähnt, dass 1708 einige vom Winde verschlagene Paláos in Palapag (Nordküste von Samar) ankamen. Ich hatte später Gelegenheit in Manila eine Gesellschaft von Paláos und Carolinen-Insulanern zu photographiren, die ein Jahr zuvor durch Stürme an die Küste von Samar geworfen worden waren. Dies sind, abgesehn von der freiwilligen Reise, sechs ungesucht sich darbietende Beispiele von Mikronesiern, die nach den Philippinen verschlagen wurden. Es würde vielleicht nicht schwer sein noch mehrere aufzufinden, aber wie oft mögen vor und nach Ankunft der Spanier Fahrzeuge von jenen Inseln in den Bereich der NO. Stürme gerathen und von diesen unwiderstehlich an die Ostküsten der Philippinen getrieben worden sein, ohne dass die Kunde davon aufbewahrt blieb.3 Wie am Westrande des Archipels der lange Verkehr mit China, Japan, Hinterindien und später mit Europa den Typus der Rasse beeinflusst zu haben scheint, so mögen wohl auch am Ostrande polynesische Beziehungen in ähnlicher Weise gewirkt haben. Auch der Umstand, dass die Bewohner der Ladronen4 und die Bisayer5 die Kunst besassen ihre Zähne schwarz zu färben, scheint auf frühen Verkehr der Bisayer und Polynesier zu deuten.6 [206]

In Guiuan schiffte ich mich auf einem unangenehm schwankenden, offenen, nur mit einem drei mal drei Fuss grossen Sonnendach versehenen Boote nach Tacloban, der Hauptstadt von Leyte, ein. Ein Windstoss brachte uns in einige Gefahr, sonst hatten wir fortwährend Windstille, so dass die ganze Strecke rudernd zurückgelegt werden musste. Die Fahrt war für die durch kein Dach geschützte Mannschaft sehr ermüdend (Wärme in der Sonne 35°R., des Wassers 25°R.) und dauerte 31 Stunden, mit kleinen Unterbrechungen für die Malzeiten; denn die Leute kürzten freiwillig die Pausen ab, um bald nach Taclóban zu kommen, das in lebhaftem Verkehr mit Manila steht und für die an der unzugänglichen Ostküste lebenden Männer den Reiz einer üppigen Hauptstadt hatte. Es ist fraglich, ob das Meer irgendwo eine Stelle von so eigenthümlicher Schönheit bespült, als die enge Strasse, die Samar von Leyte trennt. Nach Westen hin ist sie von steilen Tuffbänken eingefasst, die keine Mangrove-Sümpfe an ihrem Rande dulden. Dort tritt der hohe Urwald in seiner ganzen Erhabenheit unmittelbar an den Strand, nur stellenweis von Kokoshainen unterbrochen, in deren scharf gezeichneten Schatten einzelne Hütten liegen. Die dem Meer zugekehrten steileren Hügel und viele kleine Felseninseln sind mit Kastellen aus Korallenblöcken gekrönt. Am östlichen Eingang der Enge besteht die Südküste von Samar aus weissem, marmorartigen, wenn auch sehr jungem Kalk, der an vielen Stellen steile Klippen bildet.7 Bei Nipa-Nipa, einem kleinen Weiler 2 Leguas O. von Basey, setzen sie im Meere fort, in einer Reihe malerischer, über hundert Fuss hoher Felsen, die oben domförmig abgerundet, dicht bewachsen, an der Basis ringsum vom Seewasser benagt, wie riesige Pilze aus der Fluth hervorragen. Es weht über dieser Oertlichkeit ein eigenthümlicher Zauberhauch, dessen Wirkung auf den eingeborenen Schiffer um so mächtiger sein muss, wenn er den draussen vom Nordost gepeitschten Wogen glücklich entronnen, plötzlich diesen geschützten stillen Ort erreicht. Kein Wunder, dass die fromme Einbildungskraft die Stätte mit Geistern bevölkerte.

In den Höhlen dieser Felsen setzten die alten Pintados die Leichname ihrer Helden und Aeltesten bei in wohlverschlossenen Särgen, umgeben [207]von den Gegenständen, die ihnen im Leben am werthvollsten waren. Auch Sklaven wurden bei ihrem Begräbniss geopfert, damit es ihnen in der Schattenwelt nicht an Bedienung fehle.8 Die zahlreichen Särge, Geräthschaften, Waffen und Geschmeide, welche diese Höhlen enthielten, waren durch Aberglauben geschützt Jahrhunderte lang unangetastet geblieben. Kein Nachen wagte vorüber zu fahren, ohne ein aus der heidnischen Zeit fortgeerbtes religiöses Zeremoniell gegen die Höhlengeister zu beobachten, die in dem Rufe standen, Unterlassungen durch Sturm und Schiffbruch zu bestrafen.

Felsen im Meer bei Nipa-nipa.

Felsen im Meer bei Nipa-nipa.

Vor etwa 30 Jahren beschloss ein eifriger junger Geistlicher, dem diese heidnischen Gebräuche ein Gräuel waren, sie mit der Wurzel auszurotten. In mehreren Booten, wohlausgerüstet mit Kreuzen, Fahnen, Heiligenbildern und allem beim Austreiben der Teufel bewährten Apparat, unternahm er den Zug gegen die Geisterfelsen, die unter Musik, Gebeten und Knallfeuerwerk erklommen wurden. Nachdem zuvor ein ganzer Eimer voll Weihwasser zur Betäubung der bösen Geister in die Höhle geschleudert worden, drang der unerschrockene Priester mit gefälltem Kreuze ein, gefolgt von seinen durch das Beispiel angefeuerten Getreuen. Ein glänzender Sieg belohnte den wohlangelegten und muthig ausgeführten Plan; die Särge wurden [208]zertrümmert, die Gefässe zerschlagen, die Skelete in’s Meer geworfen. Mit gleichem Erfolg wurden die übrigen Höhlen erstürmt. Die Ursache des Aberglaubens ist nun zwar vernichtet, dieser selbst hat sich aber, wenn auch abgeschwächt, bis heut erhalten.

Durch den Pfarrer von Basey erfuhr ich später, dass in einem Felsen noch Ueberreste vorhanden seien, und einige Tage darauf überraschte mich der liebenswürdige Mann mit mehreren Schädeln und einem Kindersarg, die er von dort hatte bringen lassen. Trotz des grossen Ansehens, das er bei seinen Pfarrkindern genoss, hatte er doch seine ganze Beredsamkeit aufbieten müssen, um die muthigsten zu einem so kühnen Wagstücke zu bewegen. Ein Boot mit 16 Ruderern bemannt war zu dem Zweck ausgerüstet worden; mit weniger Mannschaft hatte man die Reise nicht zu unternehmen gewagt. Während der Heimfahrt brach ein Gewitter aus; die Schiffer betrachteten es als eine Strafe für ihren Frevel und nur die Furcht, die Sache noch schlimmer zu machen, verhinderte sie, Sarg und Schädel in’s Meer zu werfen. Zum Glück waren sie dem Lande nahe und ruderten mit aller Kraft demselben zu. Als sie angekommen waren, musste ich selbst die Gegenstände aus dem Boote holen, da kein Eingeborener sie anrühren mochte.

Trotzdem gelang es am folgenden Morgen einige entschlossene Leute zu finden, die mich nach den Höhlen begleiteten. In den beiden ersten, die wir untersuchten, fand sich nichts; eine dritte enthielt mehrere zertrümmerte Särge, einige Schädel, und Scherben von glasirtem, roh bemalten Steingut, es war aber nicht möglich auch nur zwei zusammengehörende Stücke zu finden. Ein enges Loch führte aus der grossen Höhle in einen dunklen, so kleinen Raum, dass man mit der brennenden Fackel kaum einige Sekunden hintereinander darin verweilen konnte. Dieser Umstand mag die Ursache gewesen sein, weshalb sich dort in einem sehr verrotteten, von Bohrwürmern zerfressenen Sarge ein wohl erhaltenes Skelet befand, oder eher eine Mumie, denn an vielen Stellen war das Gerippe noch mit ausgetrockneter Muskelfaser und Haut bekleidet. Es lag auf einer immer noch erkennbaren Pandanusmatte, unter dem Kopf ein mit Pflanzen ausgestopftes, mit Pandanusmatte überzogenes Kissen. Auch Reste von gewebten Stoffen waren noch vorhanden. Die Särge waren von dreierlei Gestalt, ohne alle Verzierungen. Die von der ersten Form aus vortrefflichem Molave-Holz (s. S. 196) zeigten keine Spur von Wurmstich oder Vermoderung, während die übrigen bis zum Zerfallen zerstört waren, die dritte Art, die häufigste, unterschied sich von der ersten nur durch weniger geschweifte Formen und schlechtes Material. [209]

Kein Märchen hätte eine verzauberte Königsgruft mit einem passenderen Zugang ausstatten können, als den zur letzten dieser Höhlen: mit senkrechten Marmorwänden erhebt sich der Felsen aus dem Meer; nur an einer Stelle gewahrt man die kaum zwei Fuss hohe Oeffnung eines natürlichen Stollens, durch welchen der Nachen plötzlich in einen geräumigen, fast kreisrunden, vom Himmel überwölbten Hof gelangt, dessen vom Meer bedeckten Boden ein Korallengarten schmückt. Die steilen Wände sind dicht mit Lianen, Farnen und Orchideen behangen, vermittelst deren man zur Höhle, 60 Fuss über dem Wasserspiegel emporklimmt. Um die Situation noch märchenhafter zu machen, fanden wir gleich beim Eintritt in die Grotte auf einem grossen 2 Fuss über den Boden ragenden Felsblock eine Seeschlange, die uns ruhig anstarrte, aber getödtet werden musste, weil sie wie alle ächte Seeschlangen giftig war. Schon zweimal hatte ich dieselbe Art in Felsenritzen im Trockenen gefunden, wo sie die Ebbe zurückgelassen haben mochte; auffallend war es aber sie hier in solcher Meereshöhe anzutreffen. — Jetzt ruht sie, als Platurus fasciatus Daud., im zoologischen Museum der Berliner Universität.

Särge.

In Guíuan hatte ich Gelegenheit, vier aus solcher Höhle stammende reich bemalte chinesische Schüsseln zu kaufen und einen goldenen Ring zu zeichnen; er bestand aus dünnem Goldblech, das zuerst zu einer Röhre mit klaffender Naht von der Dicke eines Federkiels, dann zu einem nicht völlig schliessenden Reifen von Thalergrösse zusammengebogen war. Die Schüsseln wurden in Manila gestohlen.

Aehnliche Todtenhöhlen befinden sich noch an manchen andern Orten in dieser Gegend: auf der Insel Andog bei Borongan (bis vor Kurzem enthielt sie Schädel); auch bei Batinguitan 3 Stunden von Borongan an den Ufern eines kleinen Baches; bei Guíuan auf der kleinen, wegen der stürmischen See schwer zugänglichen Insel Monhon. — Bei Catúbig sind goldene Geschmeide gefunden, aber in moderne Schmucksachen umgearbeitet worden. In der ganzen Gegend berühmt ist jedoch eine Höhle bei Lánang wegen der darin enthaltenen flachgedrückten Riesenschädel ohne Kopfnähte.910 [210]Es wird nicht uninteressant sein die geschilderten Verhältnisse mit den Berichten älterer Schriftsteller zu vergleichen, weshalb hier einige Auszüge folgen mögen:

Mas (Informe I. 21) beschreibt ohne Quellenangabe die von den alten Bewohnern des Archipels bei der Todtenbestattung befolgten Gebräuche: sie balsamirten ihre Todten zuweilen mit aromatischen Stoffen ein ... und legten die Vornehmen in eine Kiste, die aus einem ausgehöhlten Baumstamme mit gut zugepasstem Deckel bestand.... Der Sarg wurde nach dem von dem Verstorbenen vor seinem Dahinscheiden ausgesprochenen Willen entweder in den obersten Raum des Hauses, wo sie Sachen von Werth verbargen, oder unter dem Wohnhause in eine Art Gruft gestellt, die nicht zugedeckt, aber mit einem Gitter umgeben wurde; oder in ein abgelegenes Feld, oder auf einen erhabenen Ort oder Felsen am Ufer eines Flusses, auf dass er von den Frommen verehrt werde. Sie stellten eine Wache dabei auf, damit während einer gewissen Zeit kein Boot vorüberführe, und der Todte nicht die Lebenden nach sich zöge.

Nach Gaspar (S. 169.) wurden die Todten in Tücher gewickelt, in einen groben, aus einem Holzblock ausgehöhlten Kasten gelegt, mit Juwelen und goldenen Ringen und einigen Goldblechen über Mund und Augen und unter ihren Häusern mit Mundvorräthen, Schüsseln und Näpfen begraben. Auch pflegten sie Sklaven mit den Vornehmsten zu bestatten, um letztere in der andern Welt bedienen zu lassen.

»Ihr Hauptgötzendienst bestand darin, diejenigen ihrer Ahnen, die sich am meisten durch Muth und Geist hervorgethan hatten, anzubeten und für Götter zu halten.... Sie nannten sie humalagar, welches dasselbe ist was man lateinisch Manes nennt.... Die Greise selbst starben in dieser Eitelkeit, deshalb wählten sie einen ausgezeichneten Ort, wie Einer auf der Insel Leyte, der sich am Rand des Meeres beisetzen liess, damit die vorüberfahrenden Schiffer ihn als Gott anerkannten und sich ihm empfahlen.« (Thévenot Religieux S. 2.)

»Sie legten sie (die Todten) nicht in die Erde, sondern in Särge von sehr hartem unzerstörbaren Holz ... man opferte ihnen Sklaven und Sklavinnen, damit es ihnen in der andern Welt nicht an Bedienung fehle. Starb eine Person von Bedeutung, so wurde dem ganzen Volk Stillschweigen auferlegt, das je nach dem Range des Verstorbenen dauerte und unter gewissen Umständen erst dann aufhörte, wenn seine Verwandte viele Andre getödtet hatten, um den Geist des Todten zu versöhnen (ibid. S. 7).

»Aus diesem Grunde (um als Götter verehrt zu werden) wählten die Aeltesten unter ihnen zum Begräbniss einen bemerkenswerthen Ort im Gebirge, und besonders auf Vorgebirgen, die in das Meer hineinragen, damit sie von den Schiffern verehrt würden.« (Gemelli Careri S. 449).

[211]

Von Taclóban, das ich des bequemen Tribunals wegen und weil es gut verproviantirt ist, zum Standquartier wählte, kehrte ich am folgenden Tage nach Samar zurück, zunächst nach Basey, Taclóban gegenüber. Die Leute von Basey sind wegen ihrer Trägheit und geringen Begabung in ganz Samar berüchtigt, sollen sich aber von den Bewohnern von Taclóban durch Sittenreinheit vortheilhaft auszeichnen. Basey liegt im Delta des nach ihm benannten Flusses. Wir fuhren einen schmalen Arm hinauf in den Hauptstrom, der sich mit sehr geringem Gefälle durch die Ebene windet; daher reicht das brackische Wasser und der es begleitende Nipapalmensaum mehrere Leguas landeinwärts. Hinter demselben breiten sich Kokospflanzungen aus, zwischen welchen die aus dem engen Felsenbett des obern Flusslaufes zuweilen hervorbrechenden Wasserfluthen (avenídas) grosse Zerstörungen anrichten, wie die verstümmelten Palmen zeigen, die von ihrem Standort fortgerissen, mitten aus dem Fluss emporragen. Nach fünfstündigem Rudern gelangten wir aus dem Flachland in ein enges Thal mit steilen Marmorwänden, die immer mehr zusammenrücken und höher werden. Sie sind an vielen Stellen unterwaschen, zerklüftet, übereinandergestürzt, und bilden mit ihren kahlen Seitenwänden einen schönen Gegensatz zu dem blauen Himmel, der klaren grünlichen Fluth und den üppigen Lianen, die sich an allen Unebenheiten wo sie haften können festgesetzt haben und in langen Guirlanden über die Felsen hängen.

Der Strom wird so reissend und so seicht, dass die Leute aussteigen und das Boot über das steinige Bett ziehn. Auf diese Weise gelangen wir durch einen zwölf Fuss hohen, von zwei gegeneinander gestürzten Felsen gebildeten Spitzbogen in ein ovales stilles Wasserbecken, rings umgeben von 60 bis 70 Fuss hohen, nach innen einspringenden Kalkwänden, auf deren oberem Rande ein Ring von Bäumen nur gedämpftes Sonnenlicht durch dichtes Laub schimmern lässt. Dem niedrigen Eingangsthor gegenüber erhebt sich eine prachtvolle 50 bis 60 Fuss hohe, mit Tropfsteinen reich verzierte Felsenpforte, durch welche man den in Sonne gebadeten oberen Lauf des Flusses noch eine Strecke weit überblickt. In der linken Wand des ovalen Hofes, 40 Fuss über dem Wasserspiegel, öffnet sich eine leicht zu ersteigende Höhle von 100 Fuss Länge; sie endet mit einer schmalen Pforte durch die man auf einen von Tropfsteinen getragenen altanartigen Vorsprung tritt. Von dort überblickt man sowohl die Landschaft, als den Felsenkessel und erkennt letzteren als den Rest einer Tropfsteinhöhle deren Decke eingestürzt ist. Die Schönheit und Eigenthümlichkeit des Orts wird auch von den Eingeborenen empfunden, er heisst Sogóton (eigentlich eine Bucht im Meer). In dem sehr harten marmorartigen Kalk [212]waren Spuren von Zweischalern und Seeigelstacheln in Menge wahrzunehmen, es gelang aber nicht, bestimmbare Reste herauszuschlagen. Der Fluss liess sich noch eine kurze Strecke weiter aufwärts verfolgen. In seinem Bett kommen Gerölle von krystallinischen Talk- und Chloritgesteinen vor.

Mit vieler Mühe wurden einige kleine Fische erlangt; darunter eine interessante lebendig gebärende neue Art.11 Eine verwandte Art (H. fluviatilis Bleeker), die ich zwei Jahre früher in einer Kalkhöhle auf Nusa Kumbangan bei Java fand, enthielt gleichfalls lebende Junge. Das zum Fischen verwendete Netz schien der Oertlichkeit, einem seichten Fluss voll Geschiebe, wohl angepasst: ein feinmaschiges, länglich viereckiges Netz, mit den langen Seiten an zwei Bambusstangen befestigt, die unten mit einer Art von Holzschuhen (krummen aufwärts nach vorn gerichteten Schnäbeln) versehn waren. Der Fischer packt die obern Enden der Stangen und schiebt das schräg gehaltene Netz vor sich hin, das mittelst seiner Schnabelschuhe über die Steine gleitet, während ein Anderer ihm die Fische entgegentreibt.

Am rechten Ufer unterhalb der Höhle kommen 20 Fuss über dem Wasserspiegel Bänke von fossilen Pectunculus, Tapes, Placuna vor, die zum Theil kaum an der Zunge haften, also sehr rezent sein müssen. Ich übernachtete in einer kleinen, schnell erbauten Hütte und versuchte am folgenden Tage vergeblich flussaufwärts bis an die Grenze des krystallinischen Gesteins zu gelangen. Nachmittags traten wir die Rückfahrt nach Basey an, das wir Nachts erreichten.

Basey liegt etwa 50′ über dem Meer, auf einer Thonbank, die im Westen des Orts in einen mehrere hundert Fuss hohen Hügel mit steilen Wänden übergeht. Ich fand darin in 25 bis 30′ Meereshöhe dieselben rezenten Muschelbänke wie bei der Tropfsteinhöhle Sogóton. Nach den Aussagen des Cura und Anderer scheint in dieser Gegend eine schnelle Hebung der Küsten stattzufinden: vor 30 Jahren konnten Schiffe bei Fluth in 3 Faden Wasser am Lande anlegen, jetzt beträgt die Tiefe dort nicht viel über einen Faden. Dicht vor Basey liegen zwei kleine Inseln, Genamók und Tapontónan, die gegenwärtig bei tiefster Ebbe durch eine Sandbank verbunden erscheinen. Noch vor zwanzig Jahren war eine solche nicht wahrnehmbar. Die Richtigkeit dieser Angaben vorausgesetzt, wäre zunächst zu ermitteln, wieviel zu diesen Niveauveränderungen die Strömungen, wieviel vulkanische Hebungen beigetragen haben, die nach der nahen [213]thätigen Solfatara auf Leyte zu schliessen immerhin beträchtlich sein mögen.

Im Baseyfluss sollen nach Versicherung des Pfarrers Krokodile von über 30 Fuss Länge vorkommen, und solche von mehr als 20′ häufig sein. Der gefällige Pater versprach mir eines von wenigstens 24 Fuss, dessen Skelet ich gern mitgenommen hätte, und sandte einige Leute aus, die im Fangen dieser Thiere so geübt sind, dass sie zu dem Zweck nach entfernten Orten geholt werden. Ihre Fangvorrichtung, die ich aber nicht selbst sah, besteht in einem leichten Bambusfloss mit einem Gerüst, auf welchem mehrere Fuss über dem Wasser ein Hund oder eine Katze angebunden ist. Längs der Seite des Thieres ist ein starker eiserner Haken angebracht, der vermittelst Abacáfasern an dem schwimmenden Bambus befestigt ist. Hat das Krokodil den Köder und damit zugleich den Haken verschlungen, so bemüht es sich vergeblich loszukommen; denn die Nachgiebigkeit des Flosses verhindert das Zerreissen, die eigne Elastizität das Durchbeissen des Faserbündels. Das Floss dient zugleich als Boye für das gefangene Thier. Nach Angabe der Jäger hausen die grossen Krokodile entfernt von menschlichen Wohnungen, am liebsten unter dichtem Gebüsch, in weichem Sumpf, worin ihr schleppender Bauch Spuren zurücklässt, die sie dem Kundigen verrathen. Nach einer Woche meldete der Pfarrer, seine Leute hätten drei Krokodile eingeliefert, deren grösstes aber nur achtzehn Fuss mässe, er habe keines für mich behalten, da er eines von 30 Fuss zu erlangen hoffe. Seine Erwartung ging aber nicht in Erfüllung.

In der Umgegend von Basey wächst die im Süden Samar’s und wohl noch auf einigen andern Bisaya-Inseln vorkommende Ignazbohne ganz besonders häufig. Auf Luzon wird sie nicht angetroffen; vielleicht habe ich sie ohne meinen Willen dort eingeführt. Ihr Verbreitungsbezirk ist sehr beschränkt. Meine Bemühungen sie nach dem botanischen Garten von Buitenzorg zu übersiedeln, blieben erfolglos; einige dazu bestimmte, während meiner zeitweisen Abwesenheit in Daraga für mich eintreffende grössere Pflanzen wurden von einem meiner Gönner seinem eignen Garten einverleibt. Von mir selbst gesammelte, nach Manila gebrachte kamen später abhanden. Alle Versuche, die über ganz Ostasien als Medikament verbreiteten Kerne zum Keimen zu bringen, misslingen, weil letztere, angeblich um sie gegen Verderben zu schützen (vielleicht auch um das Monopol zu wahren), vor der Versendung gesotten werden.

Nach Flückinger12 enthält die kürbisartige Beerenfrucht des hochklimmenden Strauches (Ignatia amara L. Strychnos Ignatii Berg. Ignatiana philippinica [214]Lour.) bis 24 zollgrosse, unregelmässig eiförmige Samen, die Ignatiusbohnen, die wie Brechnüsse schmecken, aber noch giftiger sind. In diesen Samen wurde 1818 von Pelletier und Caventou das Strychnin entdeckt; (später auch in den Brechnüssen). Jene enthalten davon doppelt soviel als diese, nämlich 1½%, da sie aber viermal so theuer sind, so wird es nur aus letzteren dargestellt.

In den Philippinen ist die gefährliche Drogue unter dem Namen Pepita de Catbalonga in vielen Haushaltungen als gepriesenes Heilmittel vorhanden. Schon Gemelli Careri (S. 420) erwähnt es und führt 13 verschiedene Verwendungen an. — Dr. Rosenthal, (Synopsis plantarum diaphor. S. 363) sagt: »In Indien hat man sie unter dem Namen Papecta gegen Cholera angewendet«. Papecta ist wohl ein Schreibfehler; in K. Lall Dey’s Indigenous drugs of India wird sie Papeeta genannt, was in der englischen Aussprache Pepita lautet. Pepita heisst auf Spanisch Fruchtkern. — Auch als Gegenmittel bei Schlangenbiss steht sie in hohem Ruf. Padre Blanco (Flora de Filipinas 61) berichtet, er habe ihre sichere Heilkraft in dieser Hinsicht mehr als einmal an sich selbst erprobt; doch warnt er vor den Gefahren des innerlichen Gebrauchs, der schon sehr viele Todesfälle veranlasste. Man solle sie nicht in den Mund nehmen, denn verschlucke man den Speichel, so sei der Tod, wenn nicht Erbrechen erfolge, unvermeidlich. Der Pfarrer von Tabáco trug aber fast immer eine Pepita im Munde. Er hatte 1842, um sich gegen die Cholera zu schützen, damit begonnen, von Zeit zu Zeit eine Ignazbohne in den Mund zu nehmen, und sich allmälig daran gewöhnt. Als ich 1860 mit ihm verkehrte, befand er sich wohl und schrieb seine Gesundheit und Rüstigkeit gern jener Gewohnheit zu. Nach seiner Mittheilung wurde bei Cholerakranken mit Erfolg der wässerige Absud in geringer Menge als Zusatz zum Thee, besonders aber, mit Brantwein vermischt, als Einreibung an den von Krampf ergriffenen Stellen angewendet.

Auch Huc (Thibet I. 252) preist den wässerigen Auszug des kouo-kouo (Faba Ign. amar.) sowohl für den innerlichen als äusserlichen Gebrauch, und bemerkt, dass er in der chinesischen Medizin eine grosse Rolle spiele, in keiner Apotheke fehle. Früher galt die giftige Drogue (vielleicht auch jetzt noch bei Vielen) für ein Zaubermittel; so erzählt Pater Camel13, die Catbalogan- oder Bisaya-Bohne, welche die Indier Igasur oder Mananaog (die siegreiche) nennen, werde u. a. als Amulet am Halse getragen, schütze gegen Gift, Ansteckung, jederlei Zauber und Zaubertrank, ja sogar der leibhaftige Teufel könne dem Träger nichts anthun. Besonders wirksam sei sie auch gegen ein Gift, das durch Anblasen beigebracht wird, indem sie nicht nur den Träger beschütze, sondern denjenigen tödte, der ihm das Gift beibringen wolle. Camel führt noch eine Reihe von Wunderthaten auf, die der Aberglaube der Ignazbohne zuschreibt.

Auf der südlichen Hälfte des östlichen Küstensaumes, von Boróngan über Lánang bis Guíuan, sind beträchtliche Kokospflanzungen vorhanden, die in höchst unvollkommener Weise zur Oelgewinnung genutzt werden. Von Boróngan und seinen Visitas gehn jährlich 12000 Krüge Kokosöl nach Manila; die von Menschen und Schweinen verzehrten Nüsse würden wenigstens zu 8000 Krügen ausreichen. Da 1000 Nüsse 3½ Krug geben, so liefert die Umgegend von Borangan allein jährlich 6,000,000 Nüsse, wozu, [215]den Durchschnittsertrag zu 50 Nüssen angenommen, 120,000 volltragende Kokospalmen nöthig sind. Die Angabe, dass ihre Zahl in dem oben erwähnten Gebiete mehrere Millionen betrage, dürfte wohl übertrieben sein.

Das Oel wird auf sehr rohe Weise dargestellt, indem man den aus der holzigen Schale der Nuss in groben Spänen herausgeraspelten Kern der Fäulniss überlässt. Zu Behältern dienen schadhaft gewordene, im Freien auf Pfählen stehende Kähne, aus deren Spalten das Oel in darunter gestellte Krüge abtropft. Schliesslich werden die Späne noch gepresst. Das Verfahren erfordert mehrere Monate Zeit und liefert ein so schlechtes, dunkelbraunes, dickflüssiges, ranziges Produkt, dass in Manila der Krug nur 2¼ Dollar gilt, während besser bereitetes 6 Dollar kostet.14

Seit einiger Zeit hatte ein junger Spanier in Boróngan eine Fabrik errichtet, um nach einem bessern Verfahren Oel zu bereiten: ein durch zwei Büffel gedrehter Göpel setzt durch Zahnräder und Treibriemen eine Anzahl Raspeln in Bewegung. Sie haben etwa die Form eines Zitronenbohrers und bestehn aus fünf an ihrem Aussenrande gezähnten eisernen Blättern, die radial am Ende eines eisernen Stieles sitzen und vorn in eine stumpfe Spitze zusammenlaufen. Das andre Ende des Stiels geht durch den Mittelpunkt einer Scheibe, die ihm die drehende Bewegung mittheilt, ragt aber über dieselbe hinaus. Der Arbeiter ergreift eine halbirte Kokosnuss mit beiden Händen, hält ihre innere mit dem ölhaltigen Kern gefütterte Wölbung gegen die rotirende Raspel, die er fest anpresst, indem er mit seiner durch ein gepolstertes Brett geschützten Brust gegen das hervorragende Ende des Stiels drückt. Die feinen Späne des Kerns bleiben 12 Stunden in flachen Behältern liegen, damit sich die Zellenwände theilweise zersetzen. Man presst sie dann leicht in Handpressen, fängt die aus ⅓ Oel ⅔ Wasser bestehende Flüssigkeit in Kübeln auf, schöpft nach 6 Stunden das oben schwimmende Oel ab und erhitzt es in eisernen Pfannen von hundert Liter Inhalt, bis alles beigemischte Wasser verdampft ist, was zwei bis drei Stunden erfordert. Um das Oel schnell abzukühlen, damit es sich nicht bräune, giesst man zwei Eimer voll kalten wasserfreien Oels hinzu und entfernt schnell das Feuer. Die gepressten Späne werden abermals 6 Stunden der Luft ausgesetzt, dann unter starkem Druck gepresst. Nachdem beide Operationen noch zweimal wiederholt worden, hängt man das Geraspel in Säcken zwischen zwei starke vertikale Bretter und presst es mittelst Klemmschrauben so viel als möglich aus, indem man es mehrere [216]Male umschüttelt. Der Rückstand dient als Schweinefutter. Das aus den Säcken ablaufende Oel ist wasserfrei, daher sehr klar, und wird zum Abkühlen des zuerst erhaltenen benutzt.15

Die Fabrik machte 1500 Tinájas Oel. Sie arbeitete nur 9 Monate. Vom Dezember bis Februar können wegen der hohen See keine Nüsse zugeführt werden; Landstrassen sind nicht vorhanden. Es war dem Fabrikanten nicht gelungen, während dieser Zeit Nüsse aus der nächsten Umgegend in hinreichender Menge zu erhalten, um ununterbrochen arbeiten zu können, oder in der guten Jahreszeit Vorräthe für die Wintermonate zu sammeln, obgleich er den verhältnissmässig hohen Preis von drei Dollar für das Tausend zahlte.

Indem die Eingeborenen nach der oben beschriebenen Weise Oel machten, erzielten sie aus 1000 Nüssen 3½ Krug zu 6 r. = 21 r., d. h. 3 r. weniger als ihnen für die rohen Nüsse geboten wurde. Diese vom Fabrikanten herrührenden Angaben sind vielleicht übertrieben, im Wesentlichen mögen sie aber doch wohl begründet sein. Wer in den Philippinen reist, hat oft Gelegenheit solche Verkehrtheiten zu beobachten. In Daet, Nord-Camarines, kaufte ich 6 Kokosnüsse für 1 cuarto = 960 für 1 Dollar; dies ist dort ihr gewöhnlicher Preis.16 Auf meine Frage, weshalb man keine Oelfabrik errichte, erhielt ich zur Antwort, dass die Nüsse im Einzelnen billiger seien als im Grossen. Im ersten Falle verkauft der Indier, wenn er Geld braucht; weiss er aber, dass der Fabrikant, um seinen Betrieb nicht zu unterbrechen, zu Opfern bereit ist, so beutet er diesen Umstand rücksichtslos für Einmal aus, ohne daran zu denken, sich eine regelmässige Einnahmequelle zu sichern.

In der Provinz Laguna, wo die Indier aus Zuckerrohr groben braunen Zucker bereiten, tragen ihn die Frauen Leguas weit nach dem Markte oder bieten ihn an der Landstrasse in kleinen Broden (Panoche) gewöhnlich zugleich mit Buyo feil. Jeder Vorübergehende schwatzt mit der Verkäuferin, wägt die Brode in der Hand, nascht davon und geht vielleicht ohne zu [217]kaufen weiter. Abends kehrt die Frau mit ihrem Kram nach Hause zurück, um es am nächsten Tage ebenso zu machen.

Die betreffenden Notizen sind mir verloren gegangen; ich erinnere mich aber, dass wenigstens in zwei Fällen der Preis des Zuckers in solchen Broden billiger war als im Pico. Die Regierung ging übrigens den Indiern damals mit dem Beispiel voran und verkaufte Zigarren einzeln billiger als im Grossen.

In Europa kann ein Unternehmer meist mit ziemlicher Sicherheit die Herstellungskosten eines Gegenstandes im Voraus berechnen; in den Philippinen ist dies nicht immer so leicht. Abgesehn von der Unzuverlässigkeit der Arbeit wird die Regelmässigkeit in der Lieferung von Rohstoffen nicht nur durch Trägheit und Launenhaftigkeit, sondern auch durch Neid und Misstrauen gestört. Die Indier sehen es in der Regel nicht gern, wenn sich ein Europäer unter ihnen niederlässt, um mit Erfolg die lokalen Reichthümer auszubeuten, die sie selbst nicht ausgiebig zu nutzen verstehn. Aehnlich verhalten sich die Kreolen den Ausländern gegenüber, die ihnen durch Kapital, Geschäftskenntniss und Thätigkeit gewöhnlich sehr überlegen sind. Ausser dem Neide spielt auch das Misstrauen eine grosse Rolle, das der Mestize sowohl als der Castila dem Eingeborenen einflösst. Es kommen noch heut Fälle genug vor, die dieses Gefühl durchaus rechtfertigen. Früher aber, als die verkommensten Subjekte Guvernörstellen kaufen konnten und ihre Provinzen schamlos ausbeuteten, sollen so arge Missbräuche stattgefunden haben, dass sich das Misstrauen im Laufe der Zeit bei den Indiern zu einer Art Instinkt ausgebildet hat.

Nach der Zeichnung eines Tagalen.

Nach der Zeichnung eines Tagalen.

[218]


1 Nachstehende Mittheilung ist zuerst in den Sitzungsberichten der Berliner Anthropologischen Ges. erschienen, nur waren meine Besucher dort Paláosinsulaner genannt. Da aber Prof. Semper, der längere Zeit auf den eigentlichen Paláos (Pelew)-Inseln zugebracht hat, im Corresp.-Bl. f. Anthropol. 1871 No. 2 mit Recht hervorhebt, dass Uliai zur Gruppe der Carolinen gehöre, so habe ich hier den allgemeineren Ausdruck Mikronesier gewählt, obwohl jene Männer, über deren Herkunft aus Uliai kein Zweifel bestand, sich nicht Carolinen-Insulaner, sondern Paláos nannten. Wie mir Dr. Gräffe mittheilt, der viele Jahre in Mikronesien verweilte, ist Paláos ein ähnlich loser Begriff wie Kanaka und so viele andere und bezeichnet durchaus nicht ausschliesslich die Bewohner der Pelewgruppe. 

2 Dumont d’Urville, Voy. pole sud. V. 206 bemerkt, dass die Eingeborenen ihre Insel Gouap oder Ouap, aber niemals Yap nennen, und dass der Ackerbau dort alles übertreffe, was er je in der Südsee gesehn hatte

3 Die Reisen der Polynesier wurden auch durch die Tyrannei der siegreichen Parteien veranlasst, welche die Ueberwundenen zur Auswanderung zwangen (Ausland 29. Jan. 70.). 

4 Pigafetta S. 51. 

5 Morga f. 127. 

6 »Die Bisayer überziehn ihre Zähne mit glänzend schwarzem oder feuerfarbenem Firniss, und so werden ihre Zähne schwarz oder roth wie Zinnober, und in der oberen Reihe machen sie eine kleine Oeffnung und füllen sie mit Gold, das auf dem schwarzen oder rothen Grunde um so mehr glänzt« (Thévenot, Religieux 54). Ein König aus Mindanao, der Magellan auf Massana besucht: »in ogni dente haveva tre machie d’oro, che parevano fosseno legati con oro«, woraus Ramusio gemacht hat: in ciascun dito avea tre anelli d’oro. (Pigafetta S. 66). Vergl. auch Carletti Viaggi 1. 153. 

7 In einer dieser Klippen, 60 Fuss über dem Meer, fanden sich Muschelbänke: Ostrea, Pinna, Chama .. nach Dr. v. M.: O. denticulata Bron., O. cornu copiae Chemn., O. rosacea Desh., Chama sulfurea Reeve, Pinna nigrina Lam.(?). 

8 Im Athenaeum 7. Jan. 71 ist nach Capt. Ullmann eine Todtenfeier (Tiwa) der Dayaks beschrieben, die in vielen Punkten mit der der alten Bisayer übereinstimmt. Der Sarg wird vom nächsten männlichen Anverwandten aus einem Baumstamme ausgehöhlt, so eng, dass der Leichnam hineingepresst werden muss, damit nicht bald darauf ein andres Familienglied sterbe, um die Lücke zu füllen. Es werden möglichst viele Habseligkeiten auf den Todten gehäuft, um seinen Reichthum darzuthun, und sein Ansehn in der Geisterstadt zu erhöhen, unter den Sarg wird ein Gefäss mit Reis, eines mit Wasser gestellt.

Eine der Hauptfeierlichkeiten des Tiwa bestand vormals (auch jetzt noch an einigen Orten) in Menschenopfern. Wo die holländische Regierung gebietet, können solche nicht stattfinden, es werden aber zuweilen Büffel oder Schweine auf grausame Weise getödtet, mit deren Blut die Hohepriesterin Stirn, Brust und Arme des Familienhauptes bemalt. Aehnliche Opfer von Sklaven oder Schweinen mit eigenthümlichen Zeremonien durch Priesterinnen (Catalona’s) fanden bei den alten Philippinern statt. (s. Informe I. 2. 16.) 

9 Ein Aufsatz von Professor Virchow über die von mir aus den Philippinen mitgebrachten Schädel befindet sich im Anhange. 

10 In dem Kapitel de Monstris et quasi monstris ... des Pater Camel, Lond. Philos. Trans. Bd. XXV. p. 2269 wird erwähnt, dass in den Bergen zwischen Guíuan und Borongan Fusstapfen, dreimal so gross, als die gewöhnlicher Menschen, gefunden worden seien. Vielleicht haben die sehr breit gedrückten, mit einer dicken Kalksinterkruste überzogenen Schädel von Lánang, die Riesenschädel, Veranlassung zur Sage der Riesenfussspuren gegeben. 

11 Hemiramphus viviparus W. Peters (Berl. Monatsb. 16. März 1865). 

12 Lehrbuch der Pharmakognosie des Pflanzenreichs S. 608. 

13 Philos. trans. 1699 No. 249. S. 44, 87. 

14 In Boróngan kostet die Tinája von 12 Gantas 6 r. (ein Quart etwa 10 Pfennige), das Gefäss 2 r., die Fracht nach Manila 3 r., oder wenn der Produzent als Matrose mitgeht, 2½ r. Der Preis in Manila bezieht sich auf die Tinája von 16 Gantas. 

15 Frisch bereitetes Kokosöl dient zum Kochen, es wird aber schnell ranzig. Als Brennöl findet es sehr allgemeine Verwendung. In Europa, wo es selten flüssig erscheint, da es erst bei 16° R. schmilzt, dient es zur Darstellung von Kerzen, besonders aber von Seife, wozu es vorzüglich geeignet; denn Kokosseife ist sehr hart, glänzend-weiss und leichter als alle andre Seifen in Salzwasser löslich. In neuerer Zeit wird auch der ölhaltige Kern unter dem Namen Copperah, namentlich aus Brasilien in England eingeführt und heiss ausgepresst. 

16 In Legaspi, dem besuchtesten, im Sommer leicht zugänglichen Hafen kostete im Juni 1 Kokosnuss 8 bis 10 c., d. h. 50 bis 60 mal so viel als in Daet oder Buhi, Plätze die leicht zu erreichen sind. 

[Inhalt]
Hafen von Tacloban.

Hafen von Tacloban.

EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL

INSEL LEYTE. — HEUSCHRECKEN. — SOLFATARA. — SCHWEFELGEWINNUNG. — BITOSEE. — KROKODILE.

Die Insel Leyte, zwischen 9° 49′ und 11° 34′ N., und 124° 7′ und 125° 9′ O. Gr., ist über 25 Meilen lang, fast 12 Meilen breit und hat 170 □M. Flächeninhalt. Von Samar ist sie, wie mehrfach erwähnt, nur durch die schmale San Juanico-Strasse getrennt. Die Hauptstadt Taclóban oder Taclóbang liegt am östlichen Eingang dieser Strasse, hat einen sehr guten Hafen und ununterbrochenen Verkehr mit Manila; daher ist sie zum Stapelplatz für Leyte, Biliran, Süd- und Ost-Samar geworden.1

Auch der hiesige Guvernör erwies mir viel liebenswürdige Aufmerksamkeit. Fast ausnahmlos sind mir von meinem Verkehr mit den spanischen Beamten die angenehmsten Erinnerungen geblieben. Um so unbefangener konnte ich, wo es mir am Platz schien, über die Missstände der Verwaltung sprechen.

Am Tage nach meiner Ankunft in Taclóban entstand Nachmittags ein Geräusch, wie das Brausen eines Wildbachs; die Luft verfinsterte sich, es [219]schwebte eine grosse Heuschreckenwolke über den Ort.2 Ich will die oft beschriebene in allen Erdtheilen sich wesentlich gleichbleibende Erscheinung nicht noch einmal erzählen und bemerke nur, dass der über 500 Schritt breite, gegen 50′ tiefe Schwarm, dessen Ende sich im Walde verlor, für nicht sehr bedeutend galt. Er brachte Munterkeit statt Bestürzung hervor. Alt und Jung war eifrig bemüht mit Laken, Netzen, Fahnen möglichst viele der leckeren Thiere zu fangen, um sie wie Dampier erzählt »in einer irdenen Pfanne über Feuer zu rösten, bis ihre Beine und Flügel abfallen, und ihre Köpfe und Rücken die Farbe gesottener Krebse annehmen«, in welcher Zubereitung sie ihm geschmeckt haben. In Birmah gelten sie noch heut bei Hof als Leckerbissen.3

Die Heuschrecken sind eine der grössten Plagen der Philippinen und vernichten zuweilen die Ernte ganzer Provinzen. Die Legislacion ultramarina IV. 604 enthält ein besonderes Gesetz über die Vertilgung dieser verheerenden Kerfe. Sobald sie erscheinen, soll die Bevölkerung der betroffenen Ortschaften in grösster Anzahl unter Leitung der Behörden zu ihrer Vernichtung ausziehn. Die erprobtesten Mittel zur Erreichung dieses Zwecks sind in einer amtlichen Vorschrift enthalten und in der Verordnung, betreffend ausserordentliche Leistungen bei öffentlichen Nothständen, stehn die Heuschrecken zwischen den Seeräubern und Feuersbrünsten in der Mitte. Von allen ersonnenen Mitteln, die sich aber gegen die zuweilen in unglaublicher Menge erscheinenden verderblichen Thiere in den Philippinen ebenso unzureichend wie anderwärts erweisen, sei nur eines hier erwähnt: Am 27. April 1824 beschloss die Sociedad economica den Vogel Martin (Gracula sp.) einzuführen, »der aus Instinkt Heuschrecken frisst«. Im Herbst des folgenden Jahres traf die erste Sendung derselben aus China ein, 1829 eine zweite, 1852 findet sich abermals ein Posten von 1311 Dollar für Martinvögel verausgabt.

Am folgenden Tage fuhr ich mit dem Pater von Dagámi (in Leyte giebt es Strassen) von Taclóban südlich nach Pálos und Tanáuan, zwei blühenden Orten an der Ostküste. Kaum ½ Legua von letzterem ragt unmittelbar [220]am Meer aus der bisher ganz flachen sandigen Ebene ein Felsen von krystallinischem Gestein hervor, graugrüner quarziger Chloritschiefer, aus dem der unternehmende Pater mit bessern Erfolges würdiger Beharrlichkeit versucht hatte, Kalk zu brennen. Nach reichlichem Frühstück im Convento fuhren wir Nachmittags nach Dagami und erst am folgenden Tage nach Buráuen.4

Vom Tribunal von Buráuen:

Vom Tribunal von Buráuen:

a. Kaparasanan N. 175°5 S.; b, N. 179°2 S.; c, Manacagan S. 2°7 N.; d, Pass zur Solfatara S. 12° N.; e, Kasiboi S. 15°2 N.

Die Gegend bleibt flach; Kokoshaine und Reisfelder unterbrechen stellenweis den dichten Wald, das Land ist spärlich bewohnt, die Menschen scheinen aufgeweckter und sind schöner und reinlicher als in Samar. Südlich von Buráuen erhebt sich ein Gebirgszug Manacagan, an dessen jenseitigem Abhang eine grosse Solfatara liegt, die Schwefel für die Pulverfabrik in Manila und den Handel liefert. Ein spanischer Seemann begleitete mich. Wir ritten, wo der Weg durch Sumpf führte, auf Büffeln; der Schritt der Thiere ist nicht unangenehm, aber das Spreizen der Schenkel auf dem breiten Rücken der riesigen philippinischen Büffel ermüdend. Eine Viertelstunde hinter Buráuen überschritten wir den SW. NO. fliessenden 100′ breiten Dagúitan, dessen Bett voll grosser vulkanischer Blöcke liegt, bald darauf einen schmalen Fluss in einem breiten Bett, einige hundert Schritt weiter einen 150′ breiten, beide letztere, Arme des Buráuen; sie fliessen WO. und münden bei Dulag. Der zweite Arm war erst im vorigen Jahr bei einer Ueberfluthung entstanden.

Wir übernachteten in einer Hütte am nördlichen Abhang des Manacagan, welche die Besitzer, als sie uns ankommen sahen, mit Weib und [221]Kind unaufgefordert geräumt hatten, um anderswo Unterkommen zu suchen. So erfordert es die Landessitte, wenn der Raum für beide Theile zu klein ist — dafür wird keine Entschädigung beansprucht und wohl nur selten gewährt.

Am folgenden Morgen um 6 Uhr brachen wir auf und überstiegen um 6 Uhr 30 Minuten auf angenehmem Waldpfade das Joch des aus hornblendereichem Trachyt bestehenden Manacagan, um 7 Uhr durchfurteten wir zwei kleine Flüsse, die NW. fliessen und dann in einem Bogen angeblich bei Dulag die Küste erreichen. Vom Joch aus sieht man im Süden die grosse weisse Schutthalde des Berges Dánan durch die Bäume schimmern. Um 9 Uhr kamen wir durch den dicht bewaldeten Krater des Kasiboi und weiter südlich an einige Schuppen, in denen Schwefel ausgeschmolzen wird.

Hütte im Krater des Kasiboi.

Hütte im Krater des Kasiboi.

Das aus der Solfatara kommende Rohmaterial wird nach drei Klassen bezahlt: 1o bereits zu Krusten zusammengeschmolzener Schwefel, 2o sublimirter, der in seinen Zwischenräumen noch viel Kondensationswasser enthält, 3o im Thon mehr oder weniger reichlich vertheilter (aus dem die überwiegende Menge gewonnen wird). Man setzt zum Schwefelthon Kokosöl,

6 Quart auf 4 Arroben, wirft ihn in flache eiserne Pfannen von 6 Arroben Inhalt und schmilzt unter beständigem Umrühren. Nachdem der obenaufschwimmende entschwefelte Thon abgeschöpft, wird neuer Schwefelthon in den Kessel geworfen und so fort. In 2 bis 3 Stunden gewinnt man auf diese Weise aus 24 Arroben Schwefelthon durchschnittlich etwa [222]6 Arroben Schwefel, der in hölzerne Kasten gegossen, zu Blöcken von 3 bis 4 Arroben erstarrt. Die Hälfte des verwendeten Oeles wird wieder gewonnen, indem man den ölgetränkten Thon in ein Gestell aus zwei einen spitzen Winkel bildenden engen Bambusgittern wirft. Das Oel tröpfelt in eine darunter befindliche geneigte Bambusrinne, und fliesst von da in einen Topf. Der Preis des Schwefels in Manila schwankt zwischen 1½ und 4½ Dollar per Pico. Ich sah die mit Thon gefüllten Gestelle, aus denen das Oel abtropfte, das Verfahren selbst habe ich aber leider nicht mit angesehn, und weiss nicht zu erklären, weshalb das Oel zugesetzt wird. Nach einigen im Kleinen, also unter wesentlich andern Bedingungen und nicht einmal mit demselben Material angestellten Versuchen scheint es, dass das Oel die Abscheidung des Schwefels beschleunigt, den Zutritt der Luft zum Schwefel erschwert. Bei den Versuchen war der im Boden des Tiegels erhaltene Schwefel immer durch Ausscheidung von Kohle aus dem Oele schwarz gefärbt und würde erst durch Destillation gereinigt werden müssen. Von einer solchen erwähnten indessen die Leyter Schwefelschmelzer nichts, auch waren Apparate dazu nicht vorhanden, ihr Schwefel war von rein gelber Farbe.

Einige hundert Schritte weiter S. fliesst ein von O. kommender, 12′ breiter heisser Bach (50°R.), der an seinen Rändern Kieselsinter absetzt.

Man folgt einer NS. streichenden Schlucht mit 100 bis 200′ hohen Wänden; der Pflanzenwuchs hört allmälig auf, das Gestein ist blendendweiss, oder durch sublimirten Schwefel gelb gefärbt. An zahlreichen Stellen dringen dichte Dampfwolken mit starkem Schwefelwasserstoffgeruch aus dem Boden, einige tausend Schritt weiter biegt die Schlucht nach links (O.) um und erweitert sich zugleich an der Bucht. Hier brechen zahlreiche Kieselsprudel durch den lockeren von Schwefel durchdrungenen Thonboden. Diese Solfatara muss früher viel thätiger gewesen sein als gegenwärtig; die durch Zersetzung des Gesteins von ihr gebildete Schlucht, voll hoher Schutthaufen, mag gegen 1000′ breit und wohl fünfmal so lang sein; am östlichen Ende ist eine Anzahl kleiner kochender Schlammpfützen vorhanden, und rings um diese bricht, wenn man den Stock in den durchwühlten Boden stösst, Wasser und Dampf hervor. An einigen tiefen Stellen, weiter westlich, sind graue, weisse, rothe und gelbe Thone in schmalen Bändern über einander geschwemmt; sie sehn wie Keupermergel aus.

Im Süden, dem Joch, das nach Buráuen führt, gerade gegenüber sieht man in einer Höhle im weissen zersetzten Gestein ein 25′ breites Becken, aus welchem kieselsäurehaltiges inkrustirendes Wasser reichlich ausfliesst. Die Decke der Höhle ist mit Tropfsteinen behangen, die mit gediegenem Schwefel überzogen sind oder gänzlich daraus bestehn. [223]

Am oberen Abhange des Berges Dánan, nahe am Gipfel setzt sich so viel Schwefel aus den Schwefelwasserstoffdämpfen ab, dass er mit Kokosschalen abgenommen werden kann. In einigen gegen die kühlende atmosphärische Luft geschützten Spalten schmilzt er zu dicken braunen Krusten zusammen. Die Solfatara des Dánan liegt genau S. von jener unten am Ende der Schlucht des Kasiboi. Die nach Auslaugung der Kieselsäure zurückbleibende Thonerde wird durch den Regen in das Thal geschwemmt, wo sie eine Ebene bildet, deren grösster Theil von einem kleinen schwach schwefelsauren See Malaksan (malaksan, sauer) eingenommen wird. Seinen Spiegel, der wegen der sehr flachen Ufer, je nach dem Wetter sich merklich verändert, fand ich etwa 500 Schritte lang, 100 breit. Von der Höhe der Solfatara erblickt man durch eine Kluft genau S. einen etwas grösseren Süsswasser-See von bewaldeten Bergen umgeben, er heisst Jaruánan. Die Nacht wurde in einem verfallenden Schuppen an der SO. Ecke des Sees Malaksan zugebracht. Am folgenden Morgen stiegen wir über das Bergjoch im Süden, dicht neben der Solfatara des Dánan vorbei, in ½ Stunde zum See Jaruánan hinab.

Hütte auf einem Baum.

Dieser See, so wie der Malaksan flösst den Eingeborenen wegen der bedenklichen Nachbarschaft der Solfatara abergläubische Furcht ein; er war daher angeblich noch von keinem Schiffer, Fischer oder Schwimmer entweiht und sehr fischreich. Um seine Tiefe messen zu können, liess ich ein Floss aus Bambus bauen. Als mich aber meine Begleiter ungefährdet im See schwimmen sahen, sprangen sie alle ohne Ausnahme hinein und tummelten sich im Wasser mit besonderem Behagen und grossem Jubel, als wollten sie sich für die lange Zurückhaltung entschädigen. Das Floss wurde daher erst gegen 3 Uhr fertig. Die Sondirungen ergaben für den mittleren Theil des Beckens, das am Südrande etwas steiler als am Nordrande, 13 Brazas = 21,7 Meter Tiefe; die grösste Länge des Sees beträgt gegen 800 Varas (668 Meter), die Breite etwa halb so viel. Indem wir Abends bei Fackelschein über den Bergrücken nach unserm Nachtquartier am sauren See zurückkehrten, kamen wir an der sehr bescheidenen Wohnung eines Ehepaares vorüber: drei aus gemeinschaftlichem Stamm auseinander strebende, in gleicher Höhe abgestutzte Aeste trugen eine Hütte von Bambus und Palmenblättern, 8′ im [224]Geviert. Ein Loch im Boden bildete den Eingang, sie war in Zimmer und Vorzimmer getheilt; vier Bambusstangen trugen oben und unten eine Bambuslage, erstere diente als Balkon, letztere als Laden, in dem Betel verkauft wurde.

Am Tage nach meiner Rückkehr in Buráuen fuhr mich ein gefälliger spanischer Kaufmann durch die mit Reis, Mais und Zuckerrohr bebaute fruchtbare Ebene von vulkanischem Sand nach Dúlag, das gerade westlich am Strande des stillen Meeres liegt. Die Entfernung (bei Coello 3 Leguas) beträgt wohl kaum 2 Lg. Von hier erscheint Punta Guíuan, die Südspitze Samars, wie ein von der Hauptinsel getrenntes Eiland, und weiter südlich (N. 102,4 bis 103,65 S.) als schmaler Streifen Jomonjol, die erste Insel des Archipels die Magellan (16. April 1521) erblickte. In Dúlag stiess mein voriger Begleiter zu uns, um die Reise nach dem Bitosee mitzumachen. Die Beschaffung der Beförderungsmittel und des Proviants und mehr noch die rücksichtsvolle Berathung aller Vorschläge dreier Gleichberechtigter nahm viel Zeit und Geduld in Anspruch. Schliesslich segelten wir in einem grossen Casco (Lastboot) südwärts die Küste entlang zur Mündung des Rio Mayo, der nach der Karte und den eingezogenen Nachrichten aus dem Bitosee herkommen soll. Wir fuhren in einem Nachen aufwärts, wurden aber an der ersten Hütte belehrt, dass der See nur auf grossen Umwegen durch sumpfigen Wald zu erreichen sei. Die Mehrheit beschloss umzukehren. Verschiedene durch Mangel einheitlicher Leitung herbeigeführte Abenteuer verzögerten unsere Ankunft in Abúyog bis 11 Uhr Nachts. Wir hatten unterwegs zuerst einen kleinen Nebenarm des Mayo, dann den Bitofluss zu überschreiten. Die Entfernung des letztern von Abúyog, auf Coello’s Karte zu gross angegeben, beträgt nach einer Messung des Gobernadorcillo 1400 Brazas, was wohl richtig sein mag.5

Der folgende Tag wurde, da es stark regnete, benutzt, um Erkundigungen über den Weg zum Bitosee einzuziehn. Wir erhielten sehr abweichende Angaben über die Entfernung, Alle stimmten aber überein, den Weg dahin abschreckend zu schildern. Eine beschwerliche Reise von wenigstens zehn Stunden schien uns das Wahrscheinlichste.

Tags darauf gelangten wir in einer Stunde auf angenehmem Waldwege an den Bitofluss und fuhren in dort vorgefundenen Nachen flussaufwärts zwischen flachen, sandigen, mit hohem Rohr und Schilf bestandenen Ufern. Nach 10 Minuten zwangen uns queer über den Strom gestürzte Bäume einen Umweg zu Lande zu machen, der uns nach einer halben Stunde wieder [225]an den Fluss oberhalb der Hindernisse führte. Hier bauten wir Bambusflösse, auf denen wir, da das Material sehr knapp bemessen, einen halben Fuss tief eintauchend, in 10 Minuten den See erreichten. Wir fanden ihn mit grünen Conferven bedeckt; ein Doppelsaum von Pistien und 6 bis 7′ hohen breitblättrigen Riedgräsern fasste ihn ein, in S. und W. erheben sich niedrige Hügel, von der Mitte erscheint er fast kreisrund, ringsum Wald. Coello giebt den See viel zu gross an (4 statt 1 Sm.), seine Entfernung von Abúyog kann nur wenig über 1 Legua betragen. Mit Hülfe einer aus Lianen zusammengeknüpften Schnur und alliniirter Stäbe fanden wir seine Breite = 585 Brazas = 977 Met. (die breiteste Stelle dürfte wenig über 1000 Met. betragen); die Länge berechnete sich nach einigen unvollkommenen Peilungen auf 1007 Brazas (1680 Met.), also weniger als 1 Sm. Sondirungen ergaben ein sanft geneigtes, in der Mitte 8 Braz. (13m.3) tiefes Becken. Gern hätte ich die Verhältnisse genauer bestimmt, aber Mangel an Zeit, Unzugänglichkeit des Uferrandes und die elende Beschaffenheit unseres Flosses erlaubten nur einige rohe Messungen.

Am Strande war keine Spur menschlicher Wohnungen wahrzunehmen, aber eine Viertelstunde Weges vom Nordrande fanden wir, von tiefem Schlamm und stacheligen Calamus umgeben, eine bequeme Hütte, deren Insassen zwar als Cimarronen jedoch in Fülle und mit grösserer Bequemlichkeit als manche Dorfbewohner lebten. Man nahm uns sehr gut auf, Fische waren reichlich vorhanden, auch Tomaten und Capsicum, um sie zu würzen, und Teller von englischem Steingut, um sie zu verzehren.

Die Häufigkeit der Wildschweine hatte die Einsiedler zur Erfindung einer eigenthümlichen Vorrichtung veranlasst, um selbst im Schlaf von deren Annäherung unterrichtet und im Dunkeln auf ihre Spur geleitet zu werden. Ein über tausend Fuss langes aus Bananenstreifen zusammengeknüpftes Seil schleppt in gerader Linie am Boden hin, das eine Ende ist an einer mit Wasser gefüllten, über dem Schlafplatz des Jägers aufgehängten Kokosschale befestigt. Berührt ein Schwein das Seil, so wird durch den Ruck das Wasser über den Schläfer ausgeschüttet, den das Seil, indem er es durch die Hand gleiten lässt, zu seiner Beute führt. Die Hauptbeschäftigung unserer Wirthe schien der Fischfang zu sein, der so ergiebig ist, dass die rohesten Vorrichtungen genügten. Nicht einmal ein Nachen war vorhanden, sondern nur lose zusammengefügte Bambusflösse, auf denen die Fischer, wie wir auf unserem Floss, halbfusstief einsinkend, zwischen den Krokodilen umhertrieben, die ich nie in solcher Menge und in so beträchtlicher Grösse wie in diesem See gesehn habe. Einige schwammen an der Oberfläche mit ihrem Rücken aus dem Wasser ragend langsam herum. [226]Auffallend war die völlige Sorglosigkeit, mit welcher selbst zwei kleine Mädchen angesichts der grossen Ungethüme im Wasser wateten. Zum Glück scheinen letztere sich mit ihren reichlichen Fischrationen zu begnügen. Es sollen vier Arten Fische im See vorkommen, darunter ein Aal; wir erlangten aber nur eine.6

Am folgenden Morgen waren unsere einheimischen Begleiter schon in aller Frühe betrunken. Dies führte zur Entdeckung eines andern Gewerbes der Einsiedler, das ich jetzt nach Aufhebung des Regierungsmonopols wohl verrathen darf. Sie destillirten heimlich Palmenbrantwein und trieben damit einträglichen Handel. Nun begriff ich auch, warum man uns die Schrecknisse des Weges am Mayofluss und in Abuyog in so lebhaften Farben geschildert hatte.7 Wir fuhren auf unsern Flössen bis zur Stelle zurück, wo wir sie gefunden hatten, eine Strecke von etwa 1500′, gingen O. bei N. zu unsern Nachen, durch 16′ hohes wildes Rohr (Saccharum sp.) mit sehr grossen silberweissen Blüthenbüscheln und fuhren zur Barre, von wo wir nach 1½ stündigem Marsche Abuyog erreichten. Von dort kehrten wir zu Wasser nach Dulag, zu Lande nach Buráuen zurück, wo wir Nachts eintrafen, früher als unsere Pferdeknechte erwartet hatten, weshalb wir sie in unseren Betten schlafend antrafen.

Bis vor kurzem wurde in dieser Gegend viel Tabak gebaut, und sein Verkauf unter gewissen Beschränkungen den Bauern gestattet. Neuerdings war verboten worden den Tabak anders als an die Regierung zu verkaufen, und zwar zu einem von ihr selbst bestimmten so äusserst niedrigen Preise, dass der Tabakbau fast ganz aufgehört hatte. Da aber die Tabakregie bereits Speicher errichtet und Einnehmer angestellt hatte, so sahen die Eingeweihten richtig voraus, dass demnächst der Zwangsbau eingeführt werden würde, wie es auf ähnliche Weise an andern Orten geschehen war. — Die Ostküste von Leyte soll sich heben, während an der Westseite das Meer die Küste zerstört, bei Ormog soll es in 6 Jahren um 50 Ellen vorgedrungen sein. [227]


1 Auf Pigafetta’s Karte ist Leyte in zwei Theile getheilt, der nördliche heisst Baibay, der südliche Ceylon. Als Magellan in Massana (Limasana) nach den bedeutendsten Handelsplätzen der Gegend fragt, nennt man ihm Ceylon (d. h. Leyte), Calagan (Caraga) und Zubu (Cebu). Pigaf. 70. 

2 Nach Dr. Gerstäcker: Oedipoda subfasciata de Haan, Acridium manilense Meyen. Meyen’s Name, den die Systematiker übersehn haben müssen, hat die Priorität vor dem de Haan’s, müsste aber in Oedipoda manilensis umgeändert werden, da die Art nicht zur Gattung Acridium im modernen Sinne gehört. Sie kommt auch in Luzon und in Timor vor und ist nahe verwandt mit unserer europäischen Wanderheuschrecke, Oedipoda migratoria. 

3 Nachdem sich der König zurückgezogen, .. »wurde Zuckerwerk und Kuchen in Fülle gebracht, auch gebratene Heuschrecken, die den Gästen als grosse Delikatessen aufgenöthigt wurden«. (Col. Fytche Mission to Mandalay Parlament. Papers June 1869.) 

4 Die Namen dieser beiden Ortschaften sind auf Coello’s Karte vertauscht, Buráuen liegt S. von Dagami. 

5 950 Brazas südlich vom Kastel von Abuyog mündet ein kleiner Fluss. 

6 Gobius Giuris Buch. Ham 

7 Der See hatte damals nur einen Ausfluss; in der nassen Jahreszeit mag er aber wohl mit dem Mayo in Verbindung stehn, da sein NO-Rand ganz flach ist. 

[Inhalt]

ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL

LEBENSWEISE UND SITTEN DER BISAYA-INDIER.

Die Bisayer, wenigstens die Bewohner der Inseln Samar und Leyte (andre habe ich nicht näher kennen gelernt) gehören Einem Stamme an.1 Sie sind körperlich und geistig, in Charakter, Tracht, Sitten und Gebräuchen so ähnlich, dass meine ursprünglich an verschiedenen Punkten der beiden Inseln gemachten Aufzeichnungen durch Ausscheidung der zahlreichen Wiederholungen zu Einer verschmolzen, die ein vollständigeres Bild und zugleich Gelegenheit giebt, kleine Verschiedenheiten, wo sie stattfinden, deutlicher hervortreten zu lassen.

Bisaya-Indierin

Bisaya-Indierin

Camisa von Guinara, Saya von europäischem Kattun, Regenhut von Nito (Lygodium).

Negritos sind weder in Samar noch in Leyte vorhanden, aber viele Cimarronen, die keinen Tribut zahlen und nicht in Dörfern, sondern unabhängig in den Wäldern leben. Ich habe leider keinen persönlichen Umgang mit ihnen gehabt, und was ich von den christlichen Bewohnern Samar’s über sie erfahren, ist zu unzuverlässig, um wiederholt zu werden. [228]Sicher scheint es aber, dass alle diese Cimarronen oder ihre Vorfahren schon mit den Spaniern verkehrt haben, und dass ihre Religion manche katholische Formeln aufgenommen hat. So pflegen sie bei dem Reispflanzen, wo sie nach alter Sitte etwas von der Saatfrucht absondern, um es an den vier Ecken des Feldes als Opfer darzubringen, gern einige verstümmelte katholische Gebete herzusagen, die sie für wirksamer zu halten scheinen, als ihre alten heidnischen. Einige lassen sogar ihre Kinder taufen, da es nichts kostet, erfüllen aber sonst keine christlichen oder bürgerlichen Pflichten. Sie sind sehr friedlich, bekriegen einander nicht, haben auch keine vergifteten Pfeile. Beispiele von Cimarronen, die zum Christenthum und Dorfleben sammt Tribut und Frohnden übertreten, sind äusserst selten. Umgekehrt ist auch die Zahl der Indier, welche sich in die Wälder zurückziehn, um Cimarronen zu werden, sehr unbedeutend, wohl noch geringer als in Luzon, da die Eingeborenen bei dem leidenschaftlosen, fast pflanzlichen Leben, das sie führen, nicht leicht in den Fall kommen, ihr Dorf verlassen zu müssen, das mehr noch als in Luzon für sie die Welt bedeutet.

Der Reisbau richtet sich nach den Jahreszeiten. An einigen Orten, wo grössere Felder vorhanden sind, ist der Pflug (arado) und der Sodsod (hier surod genannt) in Gebrauch; fast allgemein aber lässt man das Reisfeld in der Regenzeit nur von Büffeln durchtreten. Man säet an der Westküste im Mai und Juni, pflanzt im Juli und August und erntet von November bis Januar. Eine Ganta Aussaat giebt zwei, zuweilen drei bis vier Cabanes (d. h. 50, 75 bis 100 fach). Bei der Hauptstadt Catbalógan sind nur sehr wenige bewässerte Reisfelder (Tubigan, von Tubig, Wasser) vorhanden, deren Ertrag für das Bedürfniss nicht ausreicht, das Fehlende wird aus andern Küstenplätzen der Insel ergänzt; Catbalógan führt dagegen Abaca, Kokosöl, Wachs, Balate (essbare Holothurien), getrocknete Fische und Gewebe aus. An der Nord- und Ostküste säet man von November bis Januar und erntet sechs Monate später. Während der übrigen sechs [229]Monate dient das Feld als Weide für das Vieh; an manchen Orten findet auch während dieser Monate, also von Juli bis Dezember Reisbau, aber auf andern Feldern statt. Von diesem Reis geht häufig wegen des schlechten Wetters ein grosser Theil verloren.

Käufe von Land kommen nur ausnahmsweise vor; gewöhnlich wird es durch Urbarmachen, Erbschaft oder als verfallenes Pfand erworben. Bei Catbalógan war bestes Reisland mit 1 Dollar für eine Ganta Aussaat, und an der Nordküste bei Láuang ein Feld, das jährlich 100 Cabanes trägt, mit 30 Dollar bezahlt worden. Rechnet man wie bei Naga, 1 Ganta Aussaat auf 4 Loanes, und 75 Cabanes Ertrag auf 1 Quiñon, so kostet der Morgen Reisland im ersten Falle 3⅓ Thaler, im zweiten 3 Thaler. Bei Verpachtungen leiht der Besitzer den nackten Grund und Boden und empfängt als Zins die Hälfte der Ernte.2 Der Reisbau in Leyte ist von dem in Samar nicht verschieden, hat aber abgenommen, durch die Abacákultur verdrängt, da die Guvernöre als sie noch Handel treiben durften, die Eingebornen zwangen, einen Theil ihrer Felder und ihrer Arbeit auf diese zu verwenden. Der Reis zur Ausfuhr wird gewöhnlich auf dem Halm zu einem vor der Ernte verabredeten Preise per Caban verkauft. Dergleichen Verträge pflegen selbst im Falle der Vorausbezahlung pünktlich erfüllt zu werden. Bleibt ein Bauer im Rückstand, so ist es im Lande allgemein geltender Brauch, dass er dem Händler bei der nächsten Ernte das Schuldiggebliebene doppelt liefere.

Bergreis (bei Catbalógan wird fast nur solcher gewonnen) erfordert kein andres Ackergeräth als das Waldmesser, um den Boden etwas aufzulockern, und einen spitzen Stock, um Löcher in Entfernungen von 6 Zoll zur Aufnahme von je 5 bis 6 Reiskörnern zu machen. Man säet von Mai bis Juni, jätet zweimal und schneidet nach 5 Monaten Halm für Halm. Der Schnitter empfängt ½ Real Tagelohn und Kost. Der Ertrag ist 2 bis 3 Cabanes auf eine Ganta oder 50 bis 75 fach. Das Land kostet nichts, der Arbeitslohn beträgt gegen 5 Realen per Ganta Aussaat. Nach einer guten Ernte gilt der Caban 4 Realen. Kurz vor der Ernte steigt der Preis bis auf 1 Dollar, oft viel höher. Der Boden wird nur ein einziges Mal für trocknen Reis benutzt; nach der Ernte pflanzt man Camote (Bataten), Abaca und Caladium darauf. Der Bergreis wird besser bezahlt als Wasserreis, etwa im Verhältniss von 9 zu 8.

Nächst Reis sind die Hauptnahrungsmittel Camote (Convolvulus Batatas), Ubi (Dioscorea), Gabi (Caladium) Paláuán (ein grosses Arum mit gefingerten [230]Blättern und geflecktem Stiel). Camote kann das ganze Jahr gepflanzt werden und reift in 4 Monaten; aber es geschieht gewöhnlich, wenn der Reisbau vorüber ist, da während desselben wenig Arbeitskräfte verfügbar sind. Wird der Camotebau beibehalten, so lässt man in der Regel die alten Pflanzen sich selbst durch ihre Ausläufer vermehren und nimmt nur die Knollen aus dem Boden. Mehr Ertrag erhält man aber, wenn man den Boden reinigt und neu pflanzt. Für ½ Real erhält man 8 bis 15 Gantas Camote, einen Scheffel etwa für 3 bis 6 Sgr.3

Abacá, obgleich davon grosse Pflanzungen vorhanden sind, wurde zur Zeit meiner Anwesenheit, da der Preis nicht lohnend genug war, fast gar nicht ausgebeutet.

Tabak wird auch gebaut; er durfte früher im Lande verkauft, muss jetzt aber an die Hacienda abgeliefert werden.

In Samar und Albay, wahrscheinlich auch in andern Provinzen, wird ein harziges Oel, Baláo oder Malapájo gewonnen; man erhält es von einem Dipterocarpus (Apíton), einem der höchsten Bäume des Waldes, indem man ein breites Loch einen halben Fuss tief in den Stamm schlägt, es beckenartig aushöhlt und von Zeit zu Zeit, um die verstopften Zuflusskanäle wieder zu öffnen, Feuer darin anmacht. Das angesammelte Oel wird täglich ausgeschöpft und ohne weitere Vorbereitung in den Handel gebracht. Seine interessanteste Verwendung ist zur Konservirung des Eisens bei dem Schiffbau. Vor dem Einschlagen in Balaoöl getauchte Nägel sollen, wie glaubwürdige Leute versicherten, noch nach zehn Jahren völlig rostfrei sein. Hauptsächlich wird Balao als Firniss für Schiffe benutzt, die sowohl innen als aussen damit angestrichen werden; es schützt auch die Hölzer gegen Termiten und andre Insekten. Das Balao wird in Albay, die Tinaja von 10 Gantas zu 4 Realen, (das Liter zu 8 Pfennig) verkauft; nach Europa scheint es bis jetzt nur in Proben gekommen zu sein. Zum Schutz der Schiffsböden verwendet man auch ein Zement aus gebranntem Kalk, Elemiharz und Kokosöl in solchem Verhältniss gemischt, dass es vor dem Auftragen einen dicken Schleim bildet. Der Anstrich hält sich ein Jahr.4 Wachs wird von den Cimarronen eingetauscht. Ganz Samar liefert jährlich 200 bis 300 Picos, deren Werth 25 bis 50 Dollar per Pico beträgt; in Manila [231]ist der Preis gewöhnlich 5 bis 10 Dollar höher; doch schwankt er sehr, da dasselbe Erzeugniss von mehreren andern Lokalitäten und in sehr unregelmässigen Zwischenräumen einkommt.

Viehzucht ist trotz des üppigen Graswuchses und der Abwesenheit reissender Thiere fast gar nicht vorhanden. Pferde und Büffel sind sehr selten und sollen spät, angeblich erst in diesem Jahrhundert, eingeführt sein. Da es in Samar kaum andre Landstrassen giebt als den Seestrand und seichte Flussbetten (im Norden von Leyte ist es besser), so wird der Büffel nur gebraucht, um alljährlich einmal den Boden des Reisfeldes durchzutreten. Den Rest des Jahres bringt er frei auf der Weide zu, im Walde oder auf einer kleinen Insel, wenn eine solche in der Nähe. Nur gelegentlich werden mehrere Büffel vor einen grossen Baumstamm gespannt, um ihn nach dem Dorfe zu schleifen; ihre Zahl ist daher äusserst gering. Büffel, welche Reisland gut durchtreten, werden bis zu 10 Dollar bezahlt. Der Mittelpreis ist 3 Dollar für einen Büffelstier, 5 bis 6 Dollar für eine Büffelkuh. Rindvieh wird nur zuweilen bei Festen als Schlachtvieh benutzt, ist in sehr geringer Menge vorhanden, unter viele Besitzern vertheilt, lebt halb verwildert in den Bergen. Handel findet darin kaum statt, aber drei Dollar für Jungvieh, fünf bis sechs Dollar für eine Kuh mag etwa der Mittelpreis sein. Fast jede Familie besitzt ein Schwein, einige deren drei bis vier. Ein fettes Schwein kostet sechs bis sieben Dollar, also mehr als eine Kuh. Rindfleisch wird von vielen Indiern gar nicht gegessen; bei ihren Schmausereien darf aber Schweinefleisch nicht fehlen. Auch wird das Schmalz so theuer bezahlt, dass daraus unter günstigen Verhältnissen von einem fetten Thiere für drei bis vier Dollar erlöst werden. Schafe und Ziegen gedeihen vorzüglich, vermehren sich leicht, sind aber auch nur in geringer Zahl vorhanden und werden fast gar nicht, weder der Wolle noch des Fleisches wegen, benutzt. Kreolen und Mestizen sind meist zu träge, um selbst Schafe zu halten, und essen lieber das ganze Jahr täglich Hühnerfleisch. Auch Shanghai-Schafe, die der Guvernör in Taclóban eingeführt hatte, gediehen und vermehrten sich sehr gut. Eine Eier legende Henne kostet ½ r., ein Hahn dasselbe; ein Kampfhahn bis drei Dollar, oft viel mehr. Man kauft sechs bis acht Hühner oder 30 Eier für einen Real.

Eine Familie von Vater, Mutter und fünf Kindern braucht täglich nicht ganz 24 Chupas Palay (Reis mit der Hülse), welcher enthülst ungefähr 12 Chupas giebt und zum Mittelpreise von 4 r. per Caban, etwa ½ r. kostet (nach der Ernte zuweilen 3 r. per Caban, vor derselben 10 r., in Albay 20 bis 30 r.); ausserdem 2 bis 3 cu. für Zuspeise (Fische, Krabben, Kräuter, etc.), die aber gewöhnlich von den Kindern gesammelt werden, [232]endlich für Oel 2 cu., Buyo 1 cu., Tabak 3 cu. (3 Blatt für 1 cu.); letzterer wird geraucht, nicht gekaut. An Buyo und Tabak verbraucht eine Frau halb so viel als ein Mann. Buyo und Tabak wird in Leyte weniger genossen als in Samar.

An Kleidungsstücken verwendet ein Mann jährlich: 4 grobe Hemden von Guinara zu 1 bis 2 r., 3 bis 4 Hosen zu 1 bis 2½ r., 2 Kopftücher zu 1½ r. (Hüte werden an der Süd- und Westküste nicht getragen) und für die Kirchweih gewöhnlich: 1 Paar Schuhe 7 r., 1 feines Hemd 1 Dollar oder mehr, 1 feine Hose 4 r. — Eine Frau hat 4 bis 6 Camisas von Guinara zu 1 r., 2 bis 3 Sayas von Guinara zu 3 bis 4 r. und 1 oder 2 gedruckte Kattunsayas aus Europa zu 5 r., 2 Tücher zu 1½ bis 2 r., 1 oder 2 Paar Pantoffeln (Chinelas), um in die Messe zu gehen, zu 2 r. und mehr nöthig.

Ausserdem besitzen die Frauen fast immer einige feine Camisas zu wenigstens 6 r., eine Mantilla zum Kirchgang 6 r.; (sie dauert 4 Jahre), einen Kamm, 2 cu. Manche haben auch Unterröcke (nabuas), 2 Stück zu 4 r., Messing-Ohrringe und einen Rosenkranz, Sachen die nur einmal angeschafft werden. In den ärmeren Ortschaften, in Láuang z. B., werden nur im Hause gewebte Guinaras getragen. Dort bedarf ein Mann: 3 Hemden und 3 Hosen, die aus 3 Stück Guinara zu 2 r. geschnitten werden; einen Salacot (Hut) gewöhnlich eigener Anfertigung, Werth ½ r. Eine Frau braucht jährlich: 4 Sayas, Werth 6 r., Camisas, mit Einschluss einer feineren für das Fest, 8 r. Unterröcke werden nicht getragen. Die Kleidung der Kinder kann etwa auf die Hälfte der obigen Preise veranschlagt werden.

Hausrath: Ein Kochtopf — die Kochtöpfe, aus unglasirtem gebrannten Thon, werden von den Schiffen aus Manila mitgebracht; ihr Inhalt an Reiskörnern ist ihr Preis;5 — mehrere Bambusrohre; Teller, 7 Stück à 2 bis 5 cu.; ein Carahai (eiserne Pfanne) 3 bis 4 r.; Kokosschalen statt der Gläser; einige kleine Töpfe, zusammen ½ r.; 1 Sundang, 4 bis 6 r., oder Bolo (grösseres Waldmesser) 1 Dollar; 1 Scheere (für die Frauen) 2 r. Der Webestuhl, den jede Haushaltung selbst aus Bambus zusammenfügt, veranlasst keine baare Auslagen.

Der Tagelohn unter den Eingeborenen beträgt ½ r., keine Beköstigung. Europäer müssen aber immer 1 r. und Kost geben, wenn sie nicht durch Begünstigung des Gobernadorcillo Polistas zu dem obigen niedrigen Tagelohn erhalten können, der dann ordnungsmässig in die Gemeindekasse fliessen soll. Ein Zimmermann verdient 1 bis 2 r., die besten [233]3 r. täglich. Der Arbeitstag ist von 6 bis 12 Mittags und von 2 bis 6 Uhr Abends.

Fast jedes Dorf hat einen rohen Schmied, der Sundangs und Bolos zu machen versteht; es müssen aber bei jeder Bestellung das Eisen und die Kohlen dazu geliefert werden. Andre Metallarbeiten werden nicht angefertigt. Ausser etwas Schiffbau wird kaum ein andres Gewerbe betrieben als Weberei; der Webestuhl fehlt fast in keinem Hause. Es werden Guinara fabrizirt, d. h. Abacázeuge, auch etwas Piña und gemusterte Seidenstoffe; die Seide dazu wird aus Manila bezogen und ist chinesischen Ursprungs. Alle diese Gewebe werden in den einzelnen Häusern gefertigt, eine Fabrik ist nicht vorhanden.

An Orten, wo es an Reis mangelt, fischen die geringeren Leute, salzen und trocknen die Fische und tauschen dafür Reis ein. In den Hauptstädten wird gewöhnlich für baares Geld gekauft; im Innern sind Gewebe und getrocknete Fische sehr gebräuchliche Tauschmittel. Geld ist dort fast nicht vorhanden. Salz wird durch Abdampfen des Meerwassers in kleinen eisernen Handpfannen (Carahais) ohne vorherige Verdampfung an der Sonne gewonnen. Die Schifffahrt zwischen Catbalógan und Manila dauert von Dezember bis Juli; von Juli bis Dezember liegen die Schiffe abgetakelt unter Schuppen. Ausserdem findet Küstenschifffahrt östlich bis Guíuan, nördlich bis Catarman, selten bis Láuang statt. Die Mannschaft besteht zum Theil aus Einheimischen, zum Theil aus Fremden, da die Bewohner der Inseln sehr ungern zur See gehen, fast nur gezwungen ihr Dorf verlassen. Ausser der Küsten- und Flussschifffahrt besitzt Samar beinahe keine Verkehrsmittel; das Innere ist unwegsam, Lasten können nur auf der Schulter getragen werden. Ein starker Träger, der 1½ r. ohne Kost erhält, schleppt 3 Arrobas (75 Pfund span.) 6 Leguas weit in einem Tage, kann aber am folgenden Tage nicht dieselbe Arbeit verrichten und braucht wenigstens einen Tag Ruhe. 1½ Arrobas trägt ein kräftiger Mann täglich 6 Leguas weit eine ganze Woche lang.

Märkte finden in Samar und Leyte nicht statt; wer etwas kaufen will, sucht es in den einzelnen Häusern; auf dieselbe Weise bietet der Verkäufer seine Waaren an.

Ein Indier, der Geld borgen will, muss reichliches Pfand geben und den Dollar monatlich mit 1 r. (12½ % pro Monat) verzinsen. Mehr als 5 Dollar findet er nicht leicht zu borgen, da er gesetzlich nur bis zu dieser Summe haftbar ist. Im östlichen und nördlichen Samar sind Handel und Kreditwesen noch weniger entwickelt als im westlichen Theile der Insel, der in regerem Verkehr mit den übrigen Bewohnern des Archipels [234]steht. Baares Geld wird dort fast gar nicht geliehen, sondern nur Waaren zu einem Real per Monat für jeden Dollar des Werthes. Kann der Schuldner zur festgesetzten Frist nicht zahlen, so wird ihm häufig eines seiner Kinder genommen, das bis zur Tilgung der Schuld bei dem Darleiher ohne Lohn für die blosse Beköstigung dienen muss. Ich habe einen jungen Mann gesehn, der wegen 5 Dollar, die sein Vater, ein ehemaliger Gobernadorcillo von Paranas, einem Mestizen in Catbalógan schuldete, 5 Jahre lang umsonst gedient hatte, um die Schuld zu tilgen, und an der Ostküste ein hübsches junges Mädchen, das wegen einer väterlichen Schuld von 3 Dollar schon seit 2 Jahren bei einem Eingeborenen diente, der im Ruf eines Wüstlings stand. Man zeigte mir in Borongan eine Kokospflanzung von 300 Bäumen; die vor etwa 20 Jahren wegen einer Schuld von 10 Dollar verpfändet, seitdem vom Gläubiger wie sein Eigenthum genutzt worden war. Vor einigen Jahren starb der Schuldner, und es gelang den Kindern desselben nur mit vieler Mühe, gegen Zahlung der ursprünglichen Schuld das Eigenthum zurückzuerhalten. Es kommt vor, dass ein Eingeborener von einem andren 2½ Dollar borgt, um sich von den 40 Tagen jährlicher Frohnden loszukaufen, und dann seinem Gläubiger ein ganzes Jahr lang dient, weil er nicht im Stande ist, das Geld pünktlich zurückzuzahlen.6

Die Bewohner von Samar und Leyte sind träger, nicht so reinlich als die von Luzon, und scheinen hinter den Bicol eben so sehr zurückzustehn, als diese hinter den Tagalen. Bei Taclóban, wo lebhafter Verkehr mit Manila stattfindet, sind diese Eigenschaften weniger ausgesprochen; die Frauen dort sind angenehm und baden viel. Uebrigens sind die Bewohner beider Inseln freundlich, gutmüthig, folgsam und friedfertig. Schimpfreden oder Thätlichkeiten kommen fast nie vor; wird Einer beleidigt, so verklagt er seinen Gegner im Tribunal. An der Nord- und Westküste scheint grosse Sittenreinheit zu herrschen, aber nicht an der Ostküste und in Leyte. Die äusserliche Frömmigkeit ist überall sehr gross; das haben sie von den Priestern gelernt. Die Familien sind sehr einig, die Frauen haben grossen Einfluss, verrichten vorzüglich die häuslichen Geschäfte und sind zum Theil sehr geschickt im Weben, auf dem Felde fallen ihnen nur [235]die leichteren Arbeiten zu. Das Ansehen der Eltern und des ältesten Bruders ist sehr gross; die jüngeren Geschwister wagen nie, diesem zu widersprechen. Frauen und Kinder werden sehr gut behandelt.

Die Eingeborenen von Leyte haften eben so sehr an dem heimathlichen Boden wie die von Samar, haben auch keine Lust zur Schifffahrt, wenn schon die Abneigung dagegen nicht ganz so ausgesprochen ist, wie bei den Bewohnern von Samar.7

Anstalten der Wohlthätigkeit sind auf keiner der beiden Inseln vorhanden. Jede Familie erhält ihre Armen und Krüppel und behandelt sie gut. In Catbalógan, der Hauptstadt der Insel, mit 5 bis 6000 Einwohnern, gab es nur 8 Almosenempfänger (in Albay fehlte es nicht an Bettlern). In Láuang hatte bei einer feierlichen Gelegenheit ein Spanier ausrufen lassen, dass er Reis unter die Armen vertheilen wolle; es meldete sich Niemand. Die Ehrlichkeit der Bewohner von Samar wird sehr gepriesen. Schulden sollen fast immer ohne schriftliche Dokumente kontrahirt und nie abgeleugnet, wenn auch nicht immer pünktlich bezahlt werden. Räubereien kommen auf Samar fast nie vor, Diebstahl höchst selten. Schulen giebt es auch hier in den Pueblos, sie leisten nicht viel weniger als in Camarínes.

Unter den öffentlichen Vergnügungen stehn die Hahnenkämpfe obenan, werden aber nicht so leidenschaftlich betrieben wie auf Luzon. An den Kirchweihfesten wird ein aus dem Spanischen übersetztes Schauspiel, gewöhnlich religiösen Inhalts aufgeführt, die Kosten werden durch freiwillige Beiträge der Principalia gedeckt. Die Hauptlaster der Bevölkerung sind Spiel und Trunksucht; auch Weiber, selbst junge Mädchen betrinken sich gelegentlich. Bei den Heirathen dauern die Festlichkeiten, Gesang und Tanz oft mehrere Tage und Nächte hintereinander, so lange Speisen und Getränke ausreichen. Der Freier muss im Hause der Brauteltern 2, 3, selbst 5 Jahre dienen, bevor er die Braut heimführen kann. Durch Geld ist diese Last nicht abzukaufen. Er speist im Hause der Brauteltern, die den Reis liefern, hat aber die Zuspeise selbst zu beschaffen.8 Zu Ende der Dienstzeit [236]baut er mit Hülfe seiner Verwandten und Freunde das Haus für die neu zu gründende Familie.

Ehebruch ist häufig, Eifersucht selten und führt nie zu Gewaltthätigkeiten; der Beleidigte geht mit dem Schuldigen gewöhnlich zum Pfarrer, der mit einer Strafpredigt für den Einen und Trostworten für den Anderen Alles wieder in’s Geleise bringt. Ehefrauen sind leichter zugänglich als Mädchen, aber auch diesen wird die Aussicht auf Verheirathung durch Fehltritte im ledigen Stande kaum geschmälert. Mädchen unter väterlicher Gewalt werden in der Regel streng gehalten, schon um die Dienstzeit des Freiers zu verlängern. Der äussere Schein wird bei den Bisayern noch mehr gewahrt als bei den Bicols und Tagalen. Auch hier herrscht die irrthümliche Ansicht, dass die Zahl der Frauen die der Männer übersteige (vergl. S. 45). Mütter von 12 Jahren kommen vor, aber selten. Frauen gebären 12 bis 13 Kinder; es sterben indessen viele derselben, und Familien mit mehr als 6 oder 8 Kindern sind äusserst selten.

Es herrscht viel Aberglauben. Ausser dem katholischen Marienbildchen, das jede Indierin an einer Schnur um den Hals trägt, haben Viele auch heidnische Amulete. Ich hatte Gelegenheit, ein solches zu untersuchen, das einem sehr kühnen Verbrecher abgenommen worden war. Es bestand aus einem Unzenfläschchen, vollgestopft mit feinen, anscheinend in Oel gebratenen Wurzelfasern, war von den heidnischen Stämmen bereitet und hatte die Eigenschaft, den Besitzer stark und muthig zu machen. Die Gefangennehmung des Letztern war sehr schwierig; sobald ihm aber das Fläschchen entrissen war, gab er allen Widerstand auf und liess sich binden. Fast in jedem grössern Dorf giebt es eine oder mehrere Asuán-Familien, die allgemein gefürchtet und gemieden, wie Ausgestossene behandelt werden und sich nur untereinander verheirathen können. Sie stehen im Rufe, Menschenfresser zu sein. Vielleicht stammen sie von solchen ab? — Der Glaube ist sehr allgemein und festgewurzelt. Darüber zur Rede gestellt antworteten alte einsichtsvolle Indier, sie glaubten allerdings nicht, dass die Asuánen jetzt noch Menschen frässen, aber ohne Zweifel hätten ihre Vorfahren es gethan.9

Alte Legenden, Traditionen, Lieder sollen nicht vorhanden sein. Bei ihren Tänzen singen sie zwar; es sind aber Improvisationen ohne Geist, [237]meist obszön. Denkmäler früherer Zivilisation haben sich nicht erhalten. »Tempel besassen die alten Pintados nicht, jeder machte sich seine Anitos im Hause selbst, ohne besondere Feierlichkeit.« (Morga f. 145 v.). Pigafetta (S. 92) erwähnt zwar, dass der König von Cebu, als er Christ geworden, viele am Seestrande erbaute Tempel zerstören liess, es mögen indessen wohl nur Bauten sehr vergänglicher Art gewesen sein. Bei gewissen Gelegenheiten feierten die Bisayer ein grosses Fest Pandot, bei welchem sie ihre Götter in eigens erbauten mit Blumen und Lampen geschmückten Laubhütten verehrten. Sie nannten diese Hütten Simba oder Simbahan (so heissen jetzt die Kirchen) »und dies ist das einzige, was sie haben, das einer Kirche oder einem Tempel ähnlich sieht«. (Informe I. 1. 17). Nach Gemelli Careri, (S. 449) beteten sie auch einige besondere, ihnen von ihren Vorfahren hinterlassene, von den Bisayern Davata (Divata), von den Tagalen Anito genannte Götter an10; es gab auch einen See-Anito und einen für das Haus, um die Kinder zu behüten. Unter diese Anitos wurden ihre Grossväter und Urgrossväter versetzt, die sie in allen Nöthen anriefen (s. S. 210), zu ihrem Gedächtniss bewahrten sie kleine hässliche Bildsäulen von Stein, Holz, Gold und Elfenbein, welche sie Liche oder Laravan nannten. Auch zählten sie zu ihren Göttern Alle, die durch das Schwert umkamen, vom Blitz getödtet, oder von Krokodilen gefressen wurden und glaubten, dass ihre Seelen gen Himmel stiegen auf einem Bogen, den sie Balangas nannten. Pigafetta (S. 92) beschreibt die von ihm gesehenen Idole folgendermaassen: »Sie sind von Holz, konkav oder hohl ohne Hintertheile, ihre Arme sind geöffnet, auch die Beine, die Füsse nach oben gekehrt. Sie haben sehr grosse Gesichter mit vier gewaltigen Zähnen, Eberstosszähnen ähnlich, und sind ganz bemalt.11 [238]

Zum Schluss eine kurze Nachricht über die Religion der alten Bisayer nach Fr. Gaspar (Conq. 169): Den Teufel oder Genius, dem sie opferten, nannten sie Divata was einen Gegensatz der Gottheit, einen gegen dieselbe Empörten zu bezeichnen scheint ... die Hölle nannten sie Solad, den Himmel (in ihrer gebildetsten Sprache) Ologan ... die Seelen der Verstorbenen gehn auf einen Berg in der Provinz Oton, welcher Medias heisst, wo sie sehr gut bewirthet und bedient werden. Erschaffung der Welt: Ein Geier schwebt zwischen Wasser und Himmel, findet keine Stätte, um sich zu setzen, das Wasser steigt gen Himmel. Der Himmel wird zornig, erschafft Inseln. Der Geier spaltet einen Bambus, daraus entstehn Mann und Frau, sie zeugen viele Kinder und treiben sie als ihre Zahl zu gross geworden, mit Schlägen aus. Einige verbergen sich in der Kammer, dies werden die Datos, einige in der Küche, das werden die Sklaven, die übrigen gehn die Treppe hinab und werden das Volk. [239]


1 Pintados oder Bisayos, nach einem einheimischen Worte, welches dasselbe bedeutet, sollen die Bewohner der Inseln zwischen Luzon und Mindanao von den Spaniern genannt worden sein, weil sie die Gewohnheit hatten sich zu tatuiren. Crawfurd (Dict. 339) meint, diese Thatsache stehe nicht fest, sicherlich werde sie von Pigafetta nicht erwähnt. Pigafetta sagt aber S. 80: Egli (il re di Zubu) era ... dipinto in differente guisi col fuoco. — Purchas (Pilgrimage fol. I. 603): the king of Zubut had his skinne painted with a hot iron pensill, und Morga f. 4: traen todo el cuerpo labrado con fuego. Danach scheinen sie sich nach Art der Papuas, durch Einbrennen von Flecken und Streifen in die Haut, tatuirt zu haben. Aber an einer andern Stelle (f. 138) berichtet Morga: Sie unterscheiden sich (von den Bewohnern Luzons) durch ihr Haar, das die Männer zu einem Zopf schneiden nach der alten spanischen Art und bemalen ihre Körper mit vielen Mustern ohne das Gesicht zu berühren. Der Gebrauch des Tatuirens, der mit Einführung des Christenthums aufgehört zu haben scheint, denn schon der oft zitirte Geistliche (Thévenot S. 4) erwähnt ihn als verschollen, kann aber nicht für ein Kennzeichen der Bisayer gelten; Stämme des nördlichen Luzons tatuiren sich noch heut. 

2 Mezzeria, (Italien), Metayer, (Frankreich). 

3 Bei uns kostet der Scheffel Kartoffeln durchschnittlich auf dem Lande 10, in der Stadt 20 Sgr. 

4 In China wird aus den Samen von Vernicia montana ein Oel gewonnen, das durch Zusatz von Alaun, Bleiglätte und Steatit bei gelinder Wärme leicht in einen kostbaren Firniss übergeht, der, mit Harz vermischt, zum Wasserdichtmachen der Schiffsböden verwendet wird. (P. Champion Indust. anc. et mod. de l’Emp. Chinois 114.) 

5 Petzholdt (Kaukasus I, 203) erwähnt, dass in Bosslewi so viel Maiskörner als ein Thongefäss fassen kann, seinen Preis bestimmen. 

6 Wie allgemein derartige Missbräuche, geht aus einem auf dem Papier vorhandenen, aber nicht in die Praxis gedrungenen Gesetz von 1848 (Leg. ult. I. 144) hervor, welches wucherische Kontrakte mit Dienern oder Gehülfen verbietet, und diejenigen mit strengen Strafen bedroht, die unter dem Vorwande, Vorschüsse geleistet, oder Schulden oder die Kopfsteuer, oder Ablösung von Frohnden gezahlt zu haben, Eingeborene oder ganze Familien in immerwährender Abhängigkeit bei sich erhalten, und ihre Schuld fortwährend erhöhen, indem sie ihnen für ihre Leistungen keinen hinreichenden Lohn gewähren. 

7 Früher scheinen sie anders gewesen zu sein: »Diese Bisayer sind Leute, dem Ackerbau weniger zugethan, gewandt in der Schifffahrt, lüstern nach Krieg und Seezügen, wegen der Plünderungen und Prisen, welche sie Mangubas nennen, was dasselbe ist, wie Ausziehn um zu stehlen.« Morga f. 138. 

8 Der Missbrauch dauert fort, obwohl ein strenges Gesetz ihn verbietet und die Alkalden, welche unterlassen es anzuwenden mit 100 Dollar Geldbusse für jeden einzelnen Fall bedroht werden. In manchen Provinzen zahlt der Bräutigam, ausser der Aussteuer, eine Entschädigung an die Mutter der Braut für die von letzterer genossene Muttermilch (Bigay susu). Nach Colin (Labor evangelico S. 129) betrug der Penhimuyat, das Geschenk, welches die Mutter für die Nachtwachen und Sorgen bei Erziehung der Braut empfing, ein Fünftel der Aussteuer. 

9 Eigentliche Menschenfresser werden in den Philippinen von den alten Schriftstellern nicht erwähnt. Pigafetta (S. 127) hat gehört, dass an einem Fluss, am Cap Benuian (N.-Spitze von Mindanao), Leute wohnen, die von ihren gefangenen Feinden nur das Herz und zwar mit Zitronensaft essen. Dr. Semper (Philippinen 62) fand denselben Brauch mit Ausnahme des Zitronensaftes an der Ostküste von Mindanao. 

10 Der Anito kommt bei den Völkern des malayischen Archipels als Antu vor, der Anito der Philippinen ist aber wesentlich ein Schutzgeist, der malayische Antu mehr dämonischer Art. 

11 Mir sind dergleichen Götzenbilder nie vor Augen gekommen. Die in Bastian und Hartmann’s Zeitschrift für Ethnologie B. I. Tafel VIII. abgebildeten »Idole aus den Philippinen«, deren Originale sich im Berliner ethnographischen Museum befinden, sind zwar in den Philippinen erworben, gehören aber nach A. W. Franks unzweifelhaft den Salomons-Inseln an. Im Katalog des Prager Museums Abth. II-VIII S. 46 sind aufgeführt: vier hölzerne Götzenköpfe von den Philippinen, welche der böhmische Naturforscher Thaddäus Hänke, der im Auftrage des Königs von Spanien im Jahre 1817 die Südseeinseln bereiste, mitgebracht hat. Die auf meinen Wunsch von der Direktion des Museums gütigst hergestellten Photographien entsprechen aber durchaus nicht obiger Beschreibung, deuten vielmehr auf die Westküste von Amerika, das Hauptfeld der Thätigkeit Hänke’s. Auch die aus seinen nachgelassenen Papieren hervorgegangenen Reliquiae botanicae geben keinen Aufschluss über die Herkunft jener Idole. 

[Inhalt]

DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL

DIE NEUEN ZOLLHÄFEN. — STEINKOHLE IN CEBU. — YLOILO. — AUFSCHWUNG DES ZUCKERBAUES.

1830 wurden versuchsweise sieben neue Häfen geöffnet, wegen grosser Zolldefraudationen aber bald darauf wieder geschlossen. 1831 Errichtung eines Zollamtes in Zamboánga, SW. Spitze von Mindanáo. 1855 wurden Suál im Golf von Lingayen, einer der sichersten Häfen auf der Westküste Luzon’s und Yloílo auf Panay, 1863 Cebú auf der gleichnamigen Insel für den direkten Verkehr mit dem Auslande geöffnet.

Schon 1635 hatten die Spanier ein Fort in Zamboánga errichtet, das die Seeräuberzüge gegen die Kolonie zwar nicht ganz verhindern konnte, sie aber doch sehr einschränkte.1 Bis 1848 sollen von den Moros jährlich 800 bis 1500 Personen fortgeschleppt worden sein.2 Der Gründung dieses Zollamtes lagen daher mehr politische als kommerzielle Rücksichten zu Grunde: man wollte den Seeräuberstaaten der Solosee einen leicht zugänglichen Platz zum Umsatz ihrer Produkte öffnen. Der Handel ist bis jetzt höchst unbedeutend; die Ausfuhr besteht hauptsächlich in etwas Kaffee (1871 gegen 6000 Picos), der wegen seiner nachlässigen Behandlung 30% weniger als Manila-Kaffee gilt, und in eingesammelten Produkten des Waldes und Wassers (Wachs, Vogelnester, Schildpatt, Perlen, Perlmutter, und essbare Holothurien). Dieser Handel wird, so wie der mit Solo nur durch Chinesen betrieben, welche allein die dafür erforderliche Geduld, Geschmeidigkeit und Gewandtheit besitzen.

Suál ist besonders für Reisausfuhr wichtig. Sein Fremdhandel wird daher vom Ausfall der Ernten in Saigon, Birma, China beeinflusst. 1868, [240]wo in obigen Ländern die Ernten gut ausgefallen, trieb Suál nur Küstenhandel.

Cebú, 34,000 E., Hauptstadt der Insel desselben Namens, Sitz der Regierung und des Bischofs für die Bisayas, in 48 Stunden von Manila im Dampfboot zu erreichen, hat eine eben so günstige Lage für den östlichen Theil der Bisaya-Gruppe, als Yloilo für den westlichen und wird mehr und mehr zum Stapelplatz seiner Produkte. Von Bojól erhält es Zucker und Tabak, von Panay Reis, von Leyte und Mindanao Abacá, von Misámis (Mindanao) Kaffee, Wachs, spanisches Rohr, Perlmutter. Es ist von Samar 26, von Leyte 7½ von Bojol 4, von Negros 18 M. entfernt.

Die Insel Cebú hat 75 □M. Flächeninhalt, ein hohes Gebirge durchzieht sie von N. bis Süd und scheidet die Ost- von der Westseite, ihre Einwohnerzahl wird auf 340,000 geschätzt, 4533 auf die □M. Die Bewohner sind friedfertig und gefügig, Diebstähle kommen sehr selten, Räubereien nie vor. Die Gewerbe bestehn in Ackerbau, Fischerei und Weberei für den eignen Gebrauch. Cebú produzirt Zucker, Tabak, Mais, Reis u. s. w., in den Bergen auch Kartoffeln, aber der gewonnene Reis deckt den Bedarf nicht, da nur wenig ebenes Land vorhanden ist, der fehlende Reis wird von Panay eingeführt.

Die Insel besitzt beträchtliche Kohlenlager, deren nachdrückliche Ausbeutung jetzt zu erwarten steht, da der Ausfuhrzoll durch Dekret vom 5. Mai 1869 aufgehoben worden ist.3 Während in Luzon und Panay das Land grösstentheils Eigenthum der Bauern, gehört es in Cebú meist Mestizen und wird von ihnen in ausserordentlich kleinen Parzellen nach dem Metayer-System verpachtet. Die Grundbesitzer wissen die Bauern durch [241]wucherische Vorschüsse in Abhängigkeit zu erhalten; eine der Folgen dieses Missbrauches ist, dass der Ackerbau auf dieser Insel tiefer steht als in irgend einem andern Theil des Archipels.4 Der Gesammtwerth der Ausfuhr 1868 betrug 1,181,050 Dollar, davon 481,127 Dollar Zucker und 378,256 Dollar Abacá nach England, 112,000 Dollar Abacá nach Amerika, 188,260 Dollar Tabak nach Spanien. Die Einfuhr fremder Güter findet über Manila statt, grösstentheils durch Chinesen, die von den fremden Importhäusern in Manila kaufen. Der Werth dieser Einfuhren betrug 1868 182,522 Dollar, davon 150,000 Dollar für englische Baumwollenstoffe. Die Gesammteinfuhr der Insel wurde auf 1,243,582 Dollar, die Lokalausfuhr auf 226,989 Dollar geschätzt. Unter den Einfuhren werden 20 Kisten Bilder, ein Zeichen des tief gewurzelten Marienkultus, aufgeführt. Früher kauften die fremden Kaufleute die Ausfuhrprodukte meist durch chinesische Mestizen auf, jetzt unmittelbar von den Produzenten, welche nun, nach Wegfall der hohen Maklergebühren, höhere Preise erhalten. Diesem der Energie der fremden Kaufleute zu dankenden Umstande ist die allmälige Zunahme des Ackerbaues hauptsächlich zuzuschreiben.

Yloilo ist der wichtigste der neu eröffneten Häfen, Zentralpunkt der Bisayas, in einer der volkreichsten, betriebsamsten Provinzen. N. Loney schätzt die Ausfuhr von Geweben aus Ananasfasern von Yloilo und den benachbarten Provinzen auf eine Million Dollar jährlich. Der Hafen ist ausgezeichnet, völlig geschützt durch eine queer davor gelagerte Insel. Die Fahrzeuge liegen in zwei Faden Tiefe (bei Ebbe) unmittelbar am Strande. Wegen der Barre müssen tiefgehende Schiffe ihre Ladung ausserhalb derselben vervollständigen. Vor Eröffnung der neuen Häfen waren alle Provinzen gezwungen, ihre für die Ausfuhr bestimmten Produkte nach Manila zu bringen, und ihre ausländischen Bedürfnisse von dort zu beziehn, wodurch erstere namentlich wegen der doppelten Schifffahrts-, Umlade-, Makler- und Lagerkosten sehr erheblich vertheuert wurden. Aus einem handschriftlichen Bericht N. Loney’s geht hervor, wie günstig die Eröffnung von Yloilo schon nach so wenigen Jahren auf die davon zunächst betroffenen Provinzen der Inseln Panay und Negros gewirkt hat.

Die höheren Preise, die für direkt ausgeführten Zucker gezahlt werden konnten, die Leichtigkeit und Sicherheit des Geschäfts, im Vergleich zu dem früher von Manila monopolisirten, hatte eine grosse Ausdehnung des Zuckerbaus zur Folge. Nicht nur in Yloilo, sondern auch in Antíque und Negros entstanden viele neue Pflanzungen; die alten wurden so viel als [242]möglich vergrössert. Nicht weniger bedeutend war der Fortschritt in der Fabrikation. 1857 gab es auf der ganzen Insel nicht eine eiserne Mühle; bei den vorhandenen hölzernen blieben im Rohr, nachdem es dreimal durch die Walzen gegangen, 30% Saft zurück. Jetzt verdrängen eiserne, durch Dampf oder Büffel getriebene Pressen die hölzernen. Ihre Anschaffung wird unbemittelten, auch eingeborenen Pflanzern sehr erleichtert, da diese jetzt aus den Niederlagen der englischen Importhäuser auf Kredit kaufen können. Anstatt der alten chinesischen gusseisernen Pfannen werden bessere aus Europa eingeführt. Mehrere grosse, mit allen Erfordernissen der Neuzeit ausgerüstete, durch Dampf betriebene Fabriken sind entstanden, auch im Feldbau ist reger Fortschritt bemerkbar. Aus Europa bezogene verbesserte Pflüge, Karren und Ackergeräthe werden immer häufiger. Diese Veränderungen zeigen wie wichtig es war, an verschiedenen Punkten des über 200 Meilen ausgedehnten Archipels Verkehrszentren zu schaffen, wo sich Ausländer niederlassen können. Ohne Letztere und die durch sie herbeigeführten Krediterleichterungen wäre der schnelle Aufschwung Yloilo’s nicht möglich gewesen, denn die Handelshäuser der Hauptstadt können ihnen unbekannten Pflanzern in fernen Provinzen nicht anders, als gegen baar verkaufen. Eine grosse Anzahl Mestizen, die früher mit in Manila gekauften Manufakturwaaren Handel trieben, vermögen, seitdem die dortigen fremden Firmen ihre Güter direkt in die Provinz senden, weder diesen, noch den chinesischen Kleinhändlern gegenüber zu bestehn, und haben sich zu ihrem und des Landes grossen Vortheil auf Zuckerbau verlegt. So sind auf Negros bedeutende Pflanzungen entstanden, die mit Eingeborenen von Yloilo bewirthschaftet werden, da es auf jener Insel an Händen fehlt.

Ausländer können jetzt gesetzlich Grund und Boden erwerben und vollgültige Besitztitel erhalten, was bis vor wenigen Jahren nur durch Umgehung des in diesem Punkt sehr unbestimmt lautenden Gesetzes möglich war. Das Land wird durch Kauf oder, wenn es noch unbenutzt ist, durch »Denuncia« erworben. In diesem Falle bezeichnet der Denunziant den betreffenden einheimischen Behörden das Stück Land, das er bebauen will, und erhält, falls kein Andrer Anspruch darauf erhebt, einen Schein darüber ausgestellt, auf dessen Einreichung der Alkalde ohne andre Kosten als Stempel und Gebühren den Besitztitel ausfertigt.

Manche Mestizen und Eingeborene, denen das nöthige Kapital zum erfolgreichen Betriebe einer grossen Pflanzung fehlt, verkaufen ihre urbar gemachten Felder an europäische Kapitalisten und bilden so einen Vortrab für bemittelte Pflanzer. Die Kolonial-Regierung ist jetzt aufrichtig geneigt, die Anlage grosser Pflanzungen zu begünstigen. [243]

Es fehlt noch sehr an guten Strassen. Mit der Zunahme des Landbaus werden sie sich aber vermehren; auch liegen die meisten Zuckerfabriken in Negros an Flüssen, die hinreichend tief für flache Lastboote sind. Der Bodenwerth hatte sich in manchen Gegenden seit zehn Jahren verdoppelt.5 Diese Ergebnisse sind der durch Ausfuhrfreiheit so lukrativ gewordenen Zuckerindustrie zuzuschreiben.

Bis 1854 galt der Pico Zucker 1,25 Dollar bis 1,5 Dollar in Yloilo und selten über 2 Dollar in Manila; 1866: 3,25 Dollar, 1868: 4,75 bis 5 Dollar per Pico in Yloilo. Schon zu 1,75 Dollar in Yloilo ist das Geschäft lohnend.6

Ende 1866 waren auf der Insel Negros allein, ausser zahlreichen Mestizen, 20 Europäer als Zuckerpflanzer angesiedelt, von denen mehrere mit Dampfmaschinen und Vacuumpfannen arbeiteten. Der Tagelohn betrug 2,5 Dollar bis 3 Dollar monatlich. Auf einigen Pflanzungen sind »Acsa« (Antheil) Kontrakte in Gebrauch: der Eigenthümer überlässt ein Stück Land sammt Zugvieh und Ackergeräth zur Bearbeitung an einen Eingeborenen, der das gewonnene Rohr in die Mühle zu liefern hat und einen Theil (gewöhnlich ein Drittel) für sich erhält. In Negros wird violettes, bei Manila weisses (Otaheiti) Rohr gebaut; der Boden wird nicht gedüngt. Auf neuem Boden wird das Rohr oft 13 Fuss hoch. Die grosse Zunahme des Wohlstandes ist auch an den Kleidern ersichtlich; Stoffe von Piña und Seide werden immer allgemeiner. Die Zunahme von Luxus ist ein gutes Zeichen: mit den Bedürfnissen wird der Fleiss steigen.

Wie schon mehrfach erwähnt, scheinen Californien, Japan, China, Australien die naturgemässen Hauptabnehmer für die Kolonial-Produkte der Philippinen. Gegenwärtig freilich ist England der beste Kunde, aber mehr als die Hälfte seiner Rechnung ist für Zucker, in Folge eigenthümlicher Zollgesetze. Nur ein Viertel etwa der Zuckerernte wird hinreichend gereinigt, um in Californien und Australien mit den Sorten von Bengalen, Java, Mauritius konkurriren zu können; die übrigen drei Viertel müssen sonderbarer Weise die weite Reise nach England machen, trotz der hohen Fracht und eines Gewichtverlustes auf der Seereise von 10 bis 12% (durch Auslaufen der Molasse). Gerade seine schlechte Beschaffenheit empfiehlt [244]den philippinischen Zucker dem englischen Raffinör, der ihn nur mit 8 Sh. per Cwt. verzollt, während reinerer 10 bis 12 Sh. kostet.7

So prämiirt das englische Zollgesetz die schlechte Zuckerfabrikation. Dasselbe that bis 1862 die Kolonial-Regierung, indem sie den Fabriken nicht gestattete ihre Molassen zu Rum zu destilliren (s. S. 58). Man hatte daher wenig Lust, dem Zucker mit Unkosten einen nicht zu verwerthenden Körper zu entziehn. Unter normalen Verhältnissen deckt die Rumfabrikation nicht nur die Kosten der Reinigung, sie liefert auch einen erheblichen Gewinn. [245]


1 Als beispielsweise wegen des erwarteten Angriffes von Cogseng (s. unten), alle verfügbaren Kräfte, auch die von Zamboánga, um Manila zusammengezogen worden waren, fielen die Moros mit 60 Schiffen über die Inseln her, während sonst ihre Ausrüstungen 6 bis 8 Schiffe nicht zu übersteigen pflegten. Torrubia S. 363. 

2 Hakl. Morga Append. 360. 

3 Nach der Revista minera, Madrid 1866 XVII. 244 sind die Kohlen vom Berge Alpacó, im Gebiet von Nága in Cebú, trocken, rein und fast frei von Schwefelkiesen; sie brennen leicht und mit starker Flamme. Bei den, im Laboratorium der Bergschule zu Madrid angestellten Versuchen gaben sie 4% Asche und eine Heizkraft von 4825 Calorien, d. h. durch Verbrennung von 1 Gewichtstheil wurden 4825 Gewichtstheile Wasser um 1° C. erwärmt — gute Steinkohle giebt 6000 Cal. Die ersten Kohlengruben in Cebú wurden im Massángathal betrieben, die Arbeiten aber 1859, nachdem bedeutende Kosten darauf verwendet, wieder eingestellt. Später entdeckte man im Thal von Alpacó und im Berg Oling bei Nága vier Schichten von beträchtlicher Mächtigkeit.... »Die Kohle von Cebu ist anerkannt besser, als die von Australien und Labuan, besitzt aber nicht hinreichende Heizkraft um ungemischt für längere Seereisen verwendet zu werden.«

Nach dem Katalog der Produkte der Philippinen (Manila 1866) haben die Kohlenschichten in Cebú an vielen Stellen des NS. durch die ganze Insel streichenden Gebirges eine durchschnittliche Mächtigkeit von 2 m. Die Kohle ist von mittlerer Güte, sie wird in den Regierungsdampfern, mit Cardiffkohle gemischt, verbrannt. Ihr Preis in Cebú ist durchschnittlich 6 Dollar per Tonne. 

4 Engl. Konsular Bericht 217. 

5 In Jaró hat sich der Pachtzins in 6 Jahren verdreifacht, Vieh, das 1860 10 Dollar galt, kostete 1866 25 Dollar. Grundstücke an der Ria von Yloilo sind in wenigen Jahren von 100 Dollar auf 500, sogar auf 800 Dollar gestiegen (Diario Febr. 1867). 

6 1855 führte Yloilo, einschliesslich 3000 Picos von Negros, 11,700 Picos aus, 1860 schon 90,000 P., 1863: 176,000 P. (in 27 ausländischen Schiffen), 1866: 250,000 P., 1871: 312,379 Picos von beiden Inseln. 

7 Der für den englischen Markt bestimmte Zucker kostete in Manila 1868/69 15 bis 16 £ per Ton und stellt sich in London auf 20 £. Best gereinigter, wie ihn Manila für Australien bereitet, wäre in London wegen des höheren Zolles nur 3 £ per Ton mehr werth, aber 5 £ theurer als der schlechte, der mithin eine Prämie von 2 £ geniesst. Manila exportirt hauptsächlich den Zucker von Pangasinán, Pampánga und Lagúna. (Nach Privatberichten.) 

[Inhalt]

VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL

ABACA ODER MANILA-HANF.

Eines der interessantesten Erzeugnisse jener Inseln ist der sogenannte Manila-Hanf, von den Franzosen, die aber fast keinen Gebrauch davon machen, wegen des seidenartigen Glanzes Pflanzenseide genannt. Bei den Eingeborenen heisst die Faser Bandála, im Handel gewöhnlich Abacá, wie die Pflanze von der sie gewonnen wird. Letztere ist eine in den Philippinen ursprünglich wild wachsende Banane, auch árbol de cáñamo (Hanfbaum) genannt, Musa textilis Lin. Sie unterscheidet sich im allgemeinen Anblick nicht merklich von der essbaren Banane, M. paradisiaca, einer der allerwichtigsten Kulturpflanzen warmer Erdstriche, die als beliebte Zierpflanze unserer Treibhäuser Jedermann bekannt ist. Ob die an andern Orten des indischen Archipels wild wachsenden Musen (M. troglodytarum, M. sylvestris und andere), häufig auch M. textilis genannt, derselben Art angehören, ist noch nicht festgestellt.

Die Musen sind nur krautartige Pflanzen, der scheinbare Stamm besteht aus Blattstielen von mondsichelförmigem Querschnitt, die einander umschliessend den dünnen zentralen Blüthenschaft umgeben. Diese Blattstiele stecken voll Bastfasern und werden deshalb vielfach statt Bindfadens benutzt, bilden aber keinen Handelsartikel. Als solcher dienen bis jetzt ausschliesslich die in dem südöstlichen Theil der Philippinen gewonnenen Abacáfasern.

Besonders geeignet für den Anbau dieser Pflanze sind die Provinzen Süd-Camarines und Albay, die Inseln Samar und Leyte und die umliegenden Eilande, auch Cebu; ein Theil des »Cebu-Hanfs« kommt aber von Mindanao. Auf Negros gedeiht die Bastbanane nur im Süden, nicht im Norden, und Yloilo, das die meisten Abacá-Gewebe (Guináras) erzeugt, muss den Rohstoff von den östlicheren Distrikten einführen, da er auf der [246]Insel Panay nicht gedeiht (In Capiz wächst wohl etwas Abacá, es ist aber von geringem Werth). Alle Versuche den Abacábau auch in den westlichen und nördlicheren Provinzen heimisch zu machen — es soll an ernstlichen Bemühungen nicht gefehlt haben — sind bisher misslungen; die Pflanzen wurden kaum zwei Fuss hoch, ihr Ertrag deckte die Unkosten nicht. Als Ursache des Fehlschlagens gilt die dort mehrere Monate dauernde trockne Jahreszeit; in den östlichen Provinzen fallen das ganze Jahr reichliche Niederschläge.

Der grosse Nutzen, den der Manilahanf seit einigen Jahren den Produzenten abwirft, ermuthigt aber zu immer neuen Versuchen, und so wird sich wohl bald zeigen, ob der Abacábau wirklich an sein bisheriges enges Gebiet gebunden ist, während die essbaren Arten sich innerhalb der Wendekreise über die ganze Erde verbreitet haben. Auf den vulkanischen Bergen des westlichen Java wächst eine wilde Musa in grosser Ueppigkeit, die Regierung hat sie aber nicht zum Gegenstand nachhaltiger Kulturversuche gemacht, und der Privatunternehmungsgeist ist dort bis jetzt durch das »Kultursystem« gefesselt. In verschiedenen Schriften wird angegeben, dass im Norden von Celébes Abacá gewonnen werde. Bickmore sagt aber ausdrücklich, dass die von den Residenten mit grosser Anstrengung gemachten Versuche wieder aufgegeben wurden, weil der Kaffeebau sich lohnender erwies.1 Guadalupe soll auf vorhergehende Bestellung Abacá (Fasern von M. textilis?) liefern können.2 Pondichery und Guadalupe sollen Abacágewebe und Französisch-Guiana Stoffe von Fasern essbarer Bananen ausgestellt haben.34 Alles dies sind aber nur Versuche.

Nach Royle5 übertrifft die Abacáfaser den russischen Hanf an Festigkeit, Leichtigkeit, Tragkraft und Billigkeit, und steht ihm nur darin nach, dass die daraus gefertigten Taue bei Regenwetter steif werden, was aber an der Art des Verspinnens liegen und durch zweckmässige Behandlung zu vermeiden sein soll.6 In der That werden diese Uebelstände jetzt z. Th. durch bessere Bereitung des Rohstoffs in Manila vermittelst geeigneter [247]Maschinen beseitigt. Den Vortheil grösserer Billigkeit hat das Abacá gegenwärtig nicht mehr, da die Nachfrage viel schneller zunimmt, als sie befriedigt werden kann. Während es 1859 in London 22 bis 25 £ per Tonne galt, kostete es 1868 45 bis 50 £, russischer Hanf 31 £, es war also in 9 Jahren auf das Doppelte gestiegen.

In Albay werden etwa zwölf Abarten von Bastbananen gebaut, deren Wahl sich nach der Beschaffenheit des Bodens richtet. Die Kultur ist äusserst einfach und von den Jahreszeiten unabhängig. Am besten gerathen die Pflanzungen auf den Abhängen vulkanischer Berge, woran Albay und Camarines so reich sind, auf Waldlichtungen, in denen jedoch schattengebende Bäume in Entfernungen von etwa 60 Fuss stehn bleiben. Auf offenen Flächen gelingen sie weniger, in Sumpfland gar nicht.

Zur Anlage einer neuen Pflanzung werden gewöhnlich junge Triebe benutzt, die in solcher Fülle aus der Wurzel sprossen, dass jedes Individuum bald zu einem Busch wird. Auf gutem Boden lässt man daher Abstände von wenigstens 10 Fuss zwischen den Pflanzen, auf geringerem 6 Fuss. Die ganze Arbeit beschränkt sich auf gelegentliche Vertilgung des Unkrautes und Unterholzes während der ersten Zeit; später wuchern die Pflanzen so üppig, dass sie keine andere neben sich aufkommen lassen, dann sind auch schattengebende Bäume nicht mehr nöthig, da die jungen Triebe unter den wedelartigen Blättern der alten hinreichenden Schutz gegen die Sonnengluth finden. Nur in seltenen Fällen, bei Uebersiedelung in entfernte Gebiete, werden Pflanzen aus Samen gezogen. Zu dem Zwecke schneidet man die Früchte ab und trocknet sie, doch dürfen sie nicht überreif sein, da die Kerne sonst nicht keimen. Letztere haben die Grösse von Pfefferkörnern (bei den essbaren Arten sind sie fast bis zum Verschwinden verkümmert). Zwei Tage vor dem Aussäen werden die Kerne aus der Frucht genommen, über Nacht in Wasser gelegt, am folgenden Tage im Schatten getrocknet, am dritten Tage ausgesäet, in zolltiefe Löcher, auf frisch umgegrabenen hinreichend beschatteten Waldboden, mit 6 Zoll Abstand zwischen den Pflanzen und Reihen. Nach einem Jahre pflanzt man die dann etwa 2′ hohen Sämlinge um und behandelt sie weiter wie Wurzeltriebe. Während viele essbare Bananen schon nach einem Jahre Früchte tragen, einige sogar schon nach 6 Monaten, braucht die Abacá im Durchschnitt 3 Jahre bis zur Bastreife, wenn sie aus Wurzeltrieben; vier Jahre, wenn sie aus ein Jahr alten Sämlingen gezogen wird; unter den günstigsten Verhältnissen 2 Jahre.

Bei der ersten Ernte schneidet man von jedem Busch nur einen Stamm, später nimmt der Nachwuchs so schnell zu, dass alle paar Monate geschnitten [248]werden kann;7 nach einigen Jahren wird die Pflanzung so dicht, dass es kaum möglich ist, durchzudringen. Am besten ist der Bast zur Zeit, wo die Blüthe ansetzt, doch wird, wenn die Faser hoch im Preise steht, dieser Zeitpunkt nicht immer abgewartet.

Pflanzen, die geblüht haben, werden gar nicht ausgebeutet, angeblich weil ihre Faser zu schwach ist. Eine so zartfühlende Rücksicht für den unbekannten Konsumenten jenseits des Weltmeers trotz dringender Nachfrage und mangelnder Aufsicht wäre befremdend. Auch ist kein Grund ersichtlich, weshalb die Faser schwächer werden sollte durch den Vorgang der Fruchtbildung, der doch nur zu den Gefässzellen in Beziehung steht, die Umwandlung ihres Inhalts in lösliche Stoffe und ihre allmälige Entleerung zur Folge hat, während die Faserzellen dadurch nicht beeinflusst werden. Diese nehmen im Gegentheil mit dem Alter der Pflanze an Festigkeit zu; haften aber, weil die entleerten Zellen, durch Ablagerung harziger Stoffe an einander kleben, so fest zusammen, dass es nicht möglich sein würde, sie ohne sehr vermehrten Kraftaufwand und unzerrissen zu gewinnen. So mag die irrige Meinung entstanden sein. Durch vorheriges Rösten, wie beim Hanf, liessen sich vielleicht auch die alten Pflanzen verwerthen, jedoch nicht ohne beträchtliche Erhöhung des Arbeitslohns, der schon jetzt den grössten Theil der Darstellungskosten ausmacht.8

Um den Bast zu erhalten, wird der Stamm dicht über dem Boden abgeschnitten und von den Blättern und äussern Hüllen befreit; dann löst man die einzelnen Blattstiele in Streifen ab, macht auf der innern, konkaven Seite einen Querschnitt durch die Haut und reisst sie sammt dem daran haftenden fleischigen Theil (dem Parenchym) ab, so dass nur die äussere Haut möglichst rein zurückbleibt. Oder man löst den Bast von dem unzertheilten Stamm. Zu dem Zweck macht der Arbeiter einen schrägen Einschnitt in die Haut am untern Ende des Stammes, fährt mit dem Messer unter den Zipfel, zieht einen möglichst breiten Streifen der ganzen Länge nach ab, und wiederholt dies so lange es lohnt. Dies Verfahren, ausgiebiger, aber zeitraubender als das zuerst beschriebene und daher nur selten angewendet, heisst: jagot, jenes: luni. Die Baststreifen werden dann unter einem drei Zoll hohen, sechs Zoll langen Messer durchgezogen, [249]das mit einem Ende an einem elastischen Stock so befestigt ist, dass die Klinge senkrecht über einem geglätteten Block schwebt, und am andern Ende, dem Griff, mittelst einer an einem Trittbrett angebrachten Schnur fest aufgedrückt werden kann. Der Arbeiter zieht die mehr oder weniger gereinigten Bastreifen zwischen Block und Messer durch, von der Mitte anfangend erst nach der einen, dann nach der andern Seite. Das Messer darf nicht schartig oder gar sägenförmig gezähnt sein, wie Padre Blanco angiebt.9

In Lohn arbeitend liefern 3 Mann gewöhnlich 25 Pfd. per Tag. Einer haut den Stamm um, löst die Blätter ab und trägt zu; ein Zweiter, häufig ein Knabe, bereitet die Streifen, der Dritte zieht sie unter dem Messer durch. Es kommt vor, dass einzelne Pflanzen bis 2 Pfund Fasern liefern; der günstigste Durchschnitt beträgt wohl nur selten ein Pfund, auf schlechtem Boden kaum den sechsten Theil. Der Besitzer beutet die Pflanzung entweder selbst aus, oder durch Tagelöhner oder, bei sehr niedrigen Marktpreisen, indem er den Arbeitern die Hälfte des Ertrages überlässt. In diesem Fall soll ein tüchtiger Arbeiter einen Pico in der Woche liefern können. Legt man den bei meiner Anwesenheit ausnahmsweise niedrigen Preis, 16,5 r. für den Pico zu Grunde, so gewinnt der Arbeiter in 6 Tagen den halben Betrag = 8,25 r., täglich 1,375 r. Der Tagelohn war damals 0,5 r. und Beköstigung = 0,25 r., zusammen 0,75 r.

im Tagelohn: auf halben Antheil:
Der Arbeiter verdiente also täglich 0,75 r. 1,375 r.
Der Arbeitslohn per Pico betrug 12,6 r. 8,25 r.
Der Nutzen des Pflanzers nach Abzug
des Arbeiterlohns 3,9 r. 8,25 r.

Die Ränder der Blattstiele, die viel feinere Fasern enthalten als die Mitte, werden in zollbreiten Streifen besonders abgelöst und mit starkem Druck mehrere Male unter dem Messer durchgezogen. Ihr Produkt heisst Lúpis, steht hoch im Preise und wird zu feinen inländischen Geweben benutzt, während die Bandála hauptsächlich zu Tauwerk dient.10 Das Lupis wird nach der Feinheit der Fasern in vier Klassen sortirt (1o Binani, 2o Totogna, 3o Sogotan, 4o Cadaclan) indem man ein Bündel davon in die linke Hand nimmt, und mit der rechten die drei ersten Sorten in die [250]Zwischenräume der vier Finger einreiht, die vierte zwischen Daum und Zeigefinger behält. Diese letztere ist für sehr feine Gewebe nicht mehr verwendbar, und wird daher häufig mit der Bandála verkauft. Nachdem die feinen Sorten im Reis-Mörser gestampft worden, um die Fasern geschmeidiger zu machen, werden diese einzeln an einander geknüpft und zum Weben verwendet.

Gewöhnlich wird die erste Sorte als Einschlag mit der zweiten als Kette, die dritte als Kette mit der zweiten als Einschlag verarbeitet. Dergleichen Gewebe sind fast so schön, wie Ananas-Stoffe (Nipis de piña), kommen den feinsten Batisten an Feinheit gleich, sind trotz der vielen kleinen vom Verknüpfen der Fasern herrührenden Knötchen, die man bei genauerer Beschauung entdeckt, noch klarer, auch starrer, und haben einen wärmeren gelblichen Ton.11 In Bezug auf diese letzten drei Eigenschaften, Klarheit, Starrheit und Farbe, verhalten sie sich zum Batist etwa wie Pauspapier zu Seidenpapier.

Die Herstellung solcher Stoffe auf sehr unvollkommenen Webstühlen ist äusserst mühsam, da die nicht gesponnenen, sondern geknoteten Fasern häufig reissen. Die feinsten Zeuge verlangen einen so grossen Aufwand von Geschick, Geduld und Zeit, und steigen dadurch so sehr im Preise, dass sie in Europa der billigen Maschinenarbeit gegenüber keine Käufer finden würden. Selbst ihr schöner warmer Ton wird ihnen von den an stark gebläute Wäsche gewohnten Europäerinnen zum Vorwurf gemacht. Im Lande dagegen werden sie von den reichen Mestizinnen, welche die Arbeit zu würdigen verstehn, sehr hoch bezahlt.

Die Fasern der innern Blattstiele, die weicher, aber nicht so stark sind als die der äussern, heissen Tupus und werden mit der Bandála verkauft, oder zu inländischen Geweben, besonders zu Tapis benutzt. Auch die Bandála dient zu Geweben, und in dem Theil des Archipels, wo die Abacákultur einheimisch, besteht oft der ganze Anzug beider Geschlechter nur aus grober Guinára. Noch gröbere starrere Zeuge werden für den europäischen Markt bereitet, als Krinoline, oder zum Fassonniren für Putzmacherinnen.

Schon vor Ankunft der Spanier trugen die Eingeborenen Stoffe von Abacá. Einen wichtigen Ausfuhrartikel bildet es erst seit einigen Jahrzehnten. Dies ist zum grossen Theil dem Unternehmungsgeist zweier amerikanischen [251]Häuser zu danken und wurde nicht ohne viel Beharrlichkeit und beträchtliche Geldopfer erreicht.

Da die Pflanzen ohne Pflege fortwachsen, und nur die Gewinnung der Fasern Mühe macht, so scheut der durch die Freigiebigkeit der Natur gegen Noth geschützte Eingeborene diese Mühe, wenn der Marktpreis nicht sehr lockend ist. Auf regelmässige Lieferungen wäre bei niedrigen Preisen kaum zu rechnen, wenn der Leichtsinn der Indier den Händlern nicht eine Handhabe böte, um sie zur Arbeit anzuhalten: man macht ihnen Vorschüsse in Waaren oder Geld, die sie durch Lieferungen von Bandála aus der eigenen Pflanzung oder durch Arbeit in der des Gläubigers tilgen müssen.12 So lange das Produkt hoch im Preise steht, geht alles ziemlich gut, obwohl auch dann durch Unredlichkeit der Indier, Trägheit, Unwirthschaftlichkeit und Unfähigkeit der nicht kaufmännisch geschulten Zwischenhändler zuweilen beträchtliche Verluste vorkommen. Sinkt aber die Waare bedeutend im Preise, so sucht der Indier auf jede Weise seine dann sehr unbequeme Verpflichtung zu umgehn; der nach Prozenten berechnete Nutzen der Zwischenhändler deckt kaum die Zinsen des geborgten Kapitals; dennoch müssen sie liefern, da sie kein andres Mittel zur Verzinsung ihrer Schuld besitzen. Dann führen die Indier bittre Klage über die Agenten, die sie durch Vorschüsse unter wucherischen Bedingungen zu harter unergiebiger Arbeit zwingen, die Agenten (gewöhnlich Kreolen und Mestizen) klagen über die schlauen habgierigen Fremden, die sich nicht entblöden, sie, die Herren der Kolonie, in ihre Schlinge zu locken um sie zu Grunde zu richten, die schlauen Fremden endlich verlieren beträchtliche Kapitalien. Nachdem auf solche Weise eine der bedeutendsten Firmen sehr hohe Summen eingebüsst, soll es den an diesem Handel vorwiegend betheiligten Amerikanern gelungen sein dem bisher befolgten Vorschusssystem ein Ende zu machen, selbst Magazine und Pressen an den Bezugsquellen zu errichten, und durch ihre Kommis unmittelbar vom Produzenten zu kaufen. Alle früher dahin zielenden Bestrebungen waren an [252]dem Widerstand der Spanier und Kreolen gescheitert, denn diese betrachten die Ausbeutung der Kolonie und besonders den Binnen- und Kleinhandel als ihr ausschliessliches Recht, sind sehr neidisch auf die »fremden Eindringlinge, die sich auf ihre Unkosten bereichern« und legen ihnen jedes Hinderniss in den Weg. Hinge es von diesen Leuten ab, so müssten alle Fremde aus dem Lande vertrieben, die Chinesen nur als Kulis zugelassen werden.13

In derselben Weise werden die Chinesen als tüchtige zuverlässige Arbeiter von den Indiern gehasst, und alle Versuche, grössere Unternehmungen mit chinesischen Arbeitern zu betreiben, sind bisher durch die inländischen Arbeiter vereitelt worden, die jene nicht dulden, sie durch offene Gewalt oder heimliche Verfolgung vertreiben. Auch den Kolonialbehörden wird vorgeworfen, dass sie die Chinesen nicht wie sie sollten, gegen dergleichen Gewaltthätigkeiten beschützen. Dass bisher in den Philippinen grössere Unternehmungen in der Regel nicht glückten, oder wenigstens keinen bedeutenden Nutzen abwarfen, ist nicht zu bestreiten, und wird von Vielen vornehmlich jenen Umständen zugeschrieben. Manche freilich erklären die Misserfolge aus andern Ursachen und versichern, dass die Indier gut arbeiten, wenn sie pünktlich und angemessen bezahlt werden. Die Regierung scheint allmälig zu der Einsicht gekommen, dass die natürlichen Hülfsquellen der Kolonie nicht erschlossen werden können ohne das Kapital und den Unternehmungsgeist der Ausländer. Sie hinderte daher in neuer Zeit ihre Niederlassung in der Provinz durchaus nicht. 1869 ist den Fremden endlich das Niederlassungsrecht durch ein Gesetz zugestanden worden.

Die nächste Zukunft scheint sich für die Abacákultur sehr glänzend zu gestalten. Seit Beendigung des amerikanischen Krieges, der ein bedeutendes Fallen im Werthe dieses hauptsächlich in Amerika verwendeten Produktes zur Folge hatte, sind die Preise fortwährend im Steigen. Mas (Informe) giebt an, dass 1840 136,034 Picos Abacá zum Werth von 397,995 Dollar ausgeführt wurden, wonach sich der Werth per Pico auf 2,9 Dollar berechnet. Der Preis stieg allmälig und hielt sich zwischen 4 und 5 Dollar; erreichte während des Krimkrieges, der die Ausfuhr des russischen Hanfs verhinderte, die enorme Höhe von 9 Dollar, was die Anlage vieler neuen Pflanzungen veranlasste, deren Produkt, als es nach 3 Jahren bei inzwischen wieder eingetretenen normalen Verhältnissen auf den Markt kam, die Preise auf 3½ Dollar herabdrückte, wobei es sich eben noch lohnte, vorhandene [253]Pflanzungen auszubeuten, nicht aber neue anzulegen. Diese Preise erhielten sich bis 1860, sind seitdem allmälig gestiegen (nur während des amerikanischen Krieges trat eine Stockung ein), stehn jetzt wieder so hoch wie während des Krimkrieges, und es scheint keine Aussicht vorhanden, dass sie fallen werden, so lange den Philippinen kein Konkurrent erwächst. 1866 kostete in Manila der Pico nie weniger als 7 Dollar, was noch 2 Jahre vorher als Maximum galt, und stieg bis auf 9½ Dollar für ordinäre Sorten. »Die Produktion hat in manchen Provinzen die äusserste Grenze erreicht, eine Steigerung derselben ist für das Erste wenigstens nicht möglich, da die ganze männliche Bevölkerung bereits an der Kultur betheiligt ist ... ein Beleg dafür, dass reichlicher Lohn die Faulheit der Eingeborenen zu überwinden vermag«.14

Nachstehende Tabelle scheint die Richtigkeit dieser Ansicht zu bestätigen.

Abacá-Ausfuhr (in Picos).

Nach 1861 1864 1866 1868 1870 1871
Grossbritanien 198,954 226,258 96,000 125,540 131,180 143,498
N.-Amerik. Atlant. Häfen 158,610 249,106 280,000 294,728 327,728 285,112
Californien 6600 9426 14,200 15,900 22,500
Europa Continent 901 1134 200 244 640
Australien 16 5194 21,144 11,434 6716
Singapore 2648 1932 3646 1202 2992
China 5531 302 882 2294
Total 273,269 493,352 406,682 460,558 488,560 463,752
Balanza mercantil. Preuss. Konsul-Bericht. Belg. Konsul-Bericht. Engl. Konsul-Bericht. Marktbericht T. H. & Co.

Der Verbrauch im Lande ist in obigen Zahlen nicht enthalten und schwer zu ermitteln, muss aber sehr bedeutend sein, da die Eingeborenen ganzer Provinzen in Guinara gekleidet sind; die Gewebe für den Bedarf der Familie werden aber gewöhnlich im Hause selbst angefertigt.

Als Surrogat für Abacá kommt seit einigen Jahren in zunehmender Menge Sesal, auch Sesalhanf oder mexicanisches Gras genannt, in den Handel. Es sieht ungefähr so aus wie Abacá, entbehrt aber den schönen Seidenglanz, ist schwächer, kostet 5 bis 10 £ per Ton weniger, wird nur zu Tauwerk verwendet; seine Abfälle sind zur Papierfabrikation gesucht, als Zusatz zu besserem Papierzeug. Eine Notiz über den Ursprung dieses [254]Surrogates bringt The Technologist Juli 1865, einen davon wesentlich abweichenden ausführlichen Aufsatz mit Abbildungen der U. S. Agricultural Report Washington 1870. Bei der zunehmenden Wichtigkeit des Stoffes und der Unbekanntschaft, die selbst in London über seine Herkunft herrscht, dürfte ein kurzer Auszug daraus willkommen sein. Der Bericht erwähnt die grössere Schönheit der Abacáfaser, aber nicht ihre grössere Festigkeit.15

Der Sesalhanf, nach dem Ausfuhrhafen Sisal (im NW. der Halbinsel) benannt, ist bei weitem das wichtigste Bodenerzeugniss Yucatan’s und scheint jenes felsige, von der Sonne verbrannte Land zur Hervorbringung dieser Fasern besonders geeignet. In Yucatan wird die Faser jenequem genannt, auch wohl die Pflanze, aus der sie gewonnen wird. Von letzterer sind 7 Arten oder Abarten Gegenstand des Anbaus, nur zwei derselben, die erste und siebente, kommen auch wild vor. 1o Chelem, wahrscheinlich identisch mit Agave angustifolia, sie nimmt den ersten Rang ein. 2o Yaxci (spr. yachki, yax = grün, ki = agave), die zweite im Range, sie wird nur für feine Gewebe verwendet. 3o sacci (spr. Sakki, sac = weiss) die wichtigste, ergiebigste, liefert fast ausschliesslich die Fasern für die Ausfuhr, jede Pflanze jährlich 25 Blätter = 25 Pfd., davon 1 Pfd. reine Faser. 4o Chucumci, ähnlich No. 3, aber gröber. 5o babci, die Faser sehr gut, aber die Blätter klein, daher nicht ausgiebig. 6o citamci (spr. kitamki, kitam = Schwein) weder gut noch ausgiebig. 7o cajun oder cajum, wahrscheinlich Fourcroya cubensis, Blätter schmal, 4 bis 5′ lang.

Der Sesalbau wird erst in neuester Zeit schwunghaft betrieben, die Gewinnung der Faser aus den Blättern und ihr Verspinnen zu Tauwerk geschieht zum Theil schon durch grosse Dampfmaschinen. Vorzugsweise aber wird das ganze Gewerbe von den Mayaindianern ausgeübt, Abkömmlingen der Tolteken, die es bei ihrer Einwanderung aus Mexico mitbrachten, wo es schon lange vor Ankunft der Spanier bestand.

Der Sesalbau soll jährlich 95% Nutzen abwerfen. Ein Mecate = 576 □Varas enthält 64 Pflanzen, giebt 64 Pfd. reine Faser, Werth 3 Doll. 84 C., nach Abzug der Kosten (1 Doll. 71) 2 Doll. 13 C. Gewinn. Die Ernten beginnen 4 bis 5 Jahre nach Anlage der Pflanzung und halten 50 bis 60 Jahre an.

Da es in tropischen Ländern kaum eine Hütte ohne Bananen giebt, so sind schon Viele auf den Gedanken gekommen, dass es sehr vortheilhaft sein würde, die Fasern dieser Pflanzen zu verwerthen, die jetzt gänzlich verloren gehn und für den blossen Arbeitslohn zu haben wären, denn die geringe Mühe des Anbaus vergelten die Bananen schon auf’s reichlichste durch ihren Fruchtertrag.16 Für die Philippinen würde diese Voraussetzung [255]unter den bestehenden Verhältnissen wohl nicht zutreffen, da es nicht einmal lohnt den Bast der ächten Abacápflanzen zu gewinnen, sobald diese Früchte getragen haben. Die Faser der essbaren Arten wäre doch wohl nur als Papierstoff zu gebrauchen, ihre Gewinnung würde mehr kosten als die der ächten Bandála (s. S. 248).

Im Sitzungsbericht der Society of Arts, London 11. Mai 1860 wird eine von F. Burke in Montserrat erfundene Maschine zur Erzielung von Bananen- und andern endogenen Pflanzenfasern besprochen. Während frühere Maschinen der Faser parallel wirkten, arbeitet jene queer gegen dieselben, wodurch sie vorzüglich rein erhalten werden; man soll damit von der Banane 7 bis 9 % Faserstoff gewinnen. Die Tropical Fibre Company hatte solche Maschinen nach Demarara, auch nach Java und andern Orten gesandt in der Absicht, die Fasern der essbaren Bananen zu Gespinnst und Papierstoff zu verwerthen. Auch lagen bereits Proben also gewonnener Fasern aus Java vor, deren Werth für den Spinner auf 20 bis 25 £ geschätzt wurde.(?) Es scheinen aber diese vielversprechenden Versuche noch nirgends zu nachdrücklichem Betriebe geführt zu haben, wenigstens wird in den mir zu Händen gekommenen Konsularberichten nichts davon erwähnt. Bei der Bandalagewinnung in den Philippinen hat sich die Erfindung nicht Eingang verschafft; selbst noch in seinem neuesten Bericht (Aug. 1869) klagt der englische Konsul, dass alle bisher von den Ingeniören ersonnenen Maschinen sich als völlig unbrauchbar erwiesen.

Der Nutzung des Bastes essbarer Bananen steht aber in den Philippinen auch noch der Umstand entgegen, dass diese Pflanzen dort, nicht wie an manchen Orten in Amerika, in grossen Gärten, sondern vereinzelt um [256]die Hütten gezogen werden; die Heranschaffung des Rohmaterials, der Lokaltransport und die hohe Schiffsfracht würden den doch immer nur mässig guten Stoff für Europa zu sehr vertheuern, wenigstens wohl auf 10 £ per Tonne, während Spartogras (Lygaeum spartum Loeffl.), das seit einigen Jahren in steigender Menge als Papierstoff eingeführt wird, in London nur 5 £ die Tonne kostet.17 Einen andern billigen Papierstoff liefern die Kaffeesäcke aus Jute (Corchorus capsularis). Sie dienen namentlich zur Darstellung festen braunen Packpapiers, da es noch nicht gelingen will, die Faser zu bleichen. Nach P. Symmonds verwenden die Vereinigten Staaten in neuester Zeit viel Bambus. Ein sehr gutes Zeug soll die Rinde der Adansonia digitata geben; besondere Beachtung aber verdiene der Neu-Seeland-Flachs, da sich daraus gefertigtes Papier wegen seiner grossen Zähigkeit vorzüglich für Werthpapiere eigne.

Es darf indessen nicht übersehen werden, dass die zur Papierbereitung verwendeten Lumpen von Leinen- und Baumwollenstoffen, die das vorzüglichste Papier geben, ebenfalls für die blosse Mühe des Einsammelns zu haben sind, dass sie die Kosten ihrer Herstellung schon in der Form von Kleiderstoffen gedeckt, und sogar durch die Abnutzung und durch vieles Waschen eine weitere Zubereitung erhalten haben, die sie zur Papierbereitung geeigneter macht.

Je mehr übrigens die Papierfabrikation fortschreitet, um so mehr verdrängen einheimische Holzfasern, namentlich Holz und Stroh, die schon gegenwärtig recht gute Pasten geben, jeden aus der Ferne eingeführten Rohstoff. Dass England so viel Sparto bezieht, hat wohl mit darin seinen Grund, dass es nur sehr wenig Stroh erzeugt, weil es einen grossen Theil seines Getreidebedarfs in Körnern vom Auslande empfängt. [257]


1 The Islands of the East-Indian Archip. 1868. S. 340. 

2 Catalogue de l’Expos. perman. des Colonies françaises 1867. S. 80. 

3 Rapport du Jury, Exp. 1867 IV. 102. 

4 Die Indier Süd-Amerika’s verwenden angeblich schon lange die Bananenfaser zur Anfertigung von Kleiderstoffen (The Technologist Sept. 1865 S. 89. ohne Quellenangabe.) und in Lu-tschu soll von der Banane fast nur die Faser benutzt werden. (Faits commerciaux No. 1514 S. 36.) 

5 Fibrous plants of India. 

6 Das Abacá nimmt auch keinen Theer an, und kann daher nur zu laufendem nicht zu stehendem Tauwerk gebraucht werden. 

7 Eine Pflanzung im vollen Betriebe liefert jährlich 30 Zentner Bandála vom Preuss. Morgen. Vom Morgen Lein gewinnt man nur 2 bis 4 Ztr. reinen Flachs, 2 bis 8 Ztr. Samen. Lein kann aber, da er den Boden erschöpft, nicht alle Jahre gebaut werden. 

8 Wie mir Dr. Wittmack mittheilt, kann man auch vom Hanf nur Fasern oder Samen gewinnen, da der reife Hanf zu spröde, grobe Fasern besitzt. Beim Flachsbau wird freilich häufig Same und Faser verwerthet, doch sind dann beide von geringer Güte. 

9 Flora de Filipinas. 

10 Lupis wurde 1868 in London 100 £ per Tonne bezahlt, jedoch nur in geringer Menge, etwa 5 Tons jährlich, eingeführt und angeblich in Frankreich zu einer besonderen Art von Unterröcken verwendet; die Mode soll bald wieder aufgehört haben. Quitol, eine geringe Sorte Lupis, soll 75 £ bezahlt worden sein. 

11 Die Starrheit ist allen Fasern von Monokotyledonen eigen, weil sie aus dickwandigeren Zellen bestehn, während die eigentlichen Bastfasern der Dikotyledonen (Flachs z. B.) geschmeidiger sind. 

12 Auch bei andern Ackerbauerzeugnissen pflegen Mestizen und Indier sich die Arbeit ihrer Landsleute zu sichern, indem sie diesen Vorschüsse machen und sie erneuern, bevor die alten abgetragen sind. So gerathen Unbesonnene immer tiefer in Schulden und werden thatsächlich zu Sklaven ihrer Gläubiger, wenn es ihnen nicht gelingt, zu entfliehn. Dasselbe findet bei Antheilkontrakten statt, wo der Grundbesitzer dem Bauer Boden, Ackergeräth und Zugvieh zu liefern hat, oft schiesst er dann auch noch Kleidung und Nahrungsmittel für die ganze Familie vor; bei Theilung der Ernte deckt der Antheil des Bauers nicht seine Schuld. Gesetzlich sind die Indier freilich nur bis zu 5 Dollar haftbar, ein besonderes Gesetz verbietet überdies ausdrücklich dergleichen wucherische Geschäfte, sie sind aber allgemein in Gebrauch. s. S. 234 Anm. 127. 

13 Dieser Neid hätte beinahe die Schliessung der neuen Häfen (s. Kap. 23) bald nach ihrer Eröffnung zur Folge gehabt. 

14 Rapport Consulaire Belge XIV. 68. 

15 Im Agricultural Report für 1869, S. 232 wird eine andre Faser sehr gepriesen, die von einer dem Sesal sehr nahe verwandten Pflanze (Bromelia sylvestris) stammt, vielleicht nur eine Abart derselben; ihren einheimischen Namen jxtle soll sie wegen der Aehnlichkeit ihrer flachen, stacheligen Blätter mit den gezähnten Obsidianmessern (iztli) der Azteken erhalten haben. 

16 Die Bananen sind bekanntlich eine der allerwerthvollsten Pflanzen für den Menschen, sie liefern unreif Stärkemehl, reif eine angenehme nahrhafte Frucht, die selbst in Menge genossen weder widerlich wird, noch nachtheilige Folgen hat. Einige der besten essbaren Abarten tragen schon Früchte 5 oder 6 Monate nachdem sie gepflanzt worden und treiben immer neue Schösse aus der Wurzel, so dass sie eine unausgesetzte Fruchtfolge geben und die Mühe des Menschen fast auf das Umhauen der alten Pflanzen und das Pflücken der Früchte beschränkt ist. Die breiten Blätter gewähren andern jungen Pflanzen den in tropischen Ländern so nöthigen Schatten, werden vielfach in der Haushaltung verwendet und manche Hütte hat es nur ihrem Bananengärtchen zu danken, wenn sie die Feuersbrunst übersteht, die gelegentlich das Dorf in Asche legt.

Ich möchte hier auf einen Irrthum aufmerksam machen, der einige Verbreitung erlangt hat. In Bischof Pallegoix’s trefflichem Werke Description du royaume Thai on Siam I. 144 heisst es: L’arbre à vernis, qui est une espèce de bananier et que les Siamois appellent rak, fournit ce beau vernis qu’on admire dans les petits meubles qu’on apporte de Chine. — Als ich in Bangkok den fast neunzigjährigen liebenswürdigen Greis über diese auffallende Angabe zur Rede stellte, meinte er kopfschüttelnd, das könne er nicht geschrieben haben; — ich zeigte ihm die Stelle. — »Ma foi j’ai dit une bêtise; — j’en ai dit bien d’autres«, flüsterte er mir in’s Ohr, indem er die Hand vorhielt, als fürchtete er behorcht zu werden. 

17 1862 bezog England aus Spanien 156 Tons, 1863: 18,074 t., 1866: 66,913 t., 1868: 95,000 t. Die Lumpeneinfuhr fiel von 24,000 t., 1866; auf 17,000 t., 1868. In Algier wächst auch sehr viel Sparto (Alfa), der Transport nach Frankreich ist aber zu theuer, um es dort zu verwenden. 

[Inhalt]

FÜNFUNDZWANZIGSTES KAPITEL

DAS TABAKMONOPOL.

Für die Regierung ist der Tabak das wichtigste aller Landesprodukte; sie hat den Anbau der Pflanze, ihre Verarbeitung und den Debit zum Gegenstande eines umfassenden, rücksichtslos geübten Monopols gemacht und zieht daraus einen beträchtlichen Theil ihrer Einkünfte.1 Soviel sich auch gegen die Zweckmässigkeit und Moralität mancher anderer Einnahmequellen des Kolonialbudgets (Kopfsteuer, Spiel- und Opiumpacht, Handel mit Brantwein und Ablasscheinen) einwenden lässt, keine ist so gehässig und verderblich wie das Tabakmonopol.

Oftmals ist im Laufe dieser Reiseberichte die Milde der spanischen Regierung in den Philippinen gerühmt worden; in grellem Widerspruch damit steht das Verfahren der Tabakregie: Sie nimmt den Bauern ohne jegliche Entschädigung die Aecker, die sie zum Anbau notwendiger Nahrungsmittel urbar gemacht hatten, zwingt sie durch harte Körperstrafen auf dem konfiszirten Eigenthum ein Produkt zu bauen, das sehr viel Mühe verlangt und unsichere Ernten giebt; sie klassifizirt die gewonnenen Blätter willkürlich ohne Appell und zahlt dafür im günstigsten Fall einen von ihr selbst festgestellten nominellen Preis — im günstigsten Fall; ein solcher ist aber seit einer Reihe von Jahren nicht mehr vorgekommen, Spanien bleibt jetzt regelmässig den unglücklichen Bauern jenen kärglichen Lohn Jahre lang schuldig; die Regierung prämiirt die Beamten, die von der verarmten [258]Bevölkerung der Tabakdistrikte höhere Erträge erpressen, und belohnt Denunzianten, die ihr zum Tabakbau geeignete Felder nachweisen, indem sie die Spione an Stelle der Eigenthümer in den Besitz der denunzirten Ländereien setzt.

Zur Begründung dieser Anschuldigungen mögen hier einige §§. der in Kraft bestehenden General-Instruktion2 und weiter unten einige Auszüge aus dem amtlichen Berichte des General-Intendanten Agius an den Kolonial-Minister folgen:3

Kap. XXV. §. 329. Die Zwangskultur in Cagayan, Neu-Vizcaya, Gapan, Ygorrotes und Abra bleibt bestehn.

§. 331. Die General-Direktion der Regie ist ermächtigt, die Zwangsarbeit auf andere Provinzen auszudehnen, oder da aufzuheben, wo solche eingeführt ist ... sie darf diese Instruktionen ganz oder theilweise umändern,

§. 332 die Preise erhöhen oder herabsetzen.

§. 337. Ansprüche oder Prozesse, die über den Besitz von Tabakländereien vor den gewöhnlichen Gerichten anhängig sind, hindern nicht, dass solche Ländereien zum Tabakbau verwendet werden, im Gegentheil soll der Besitzer verpflichtet sein, sie mit Tabak zu bebauen oder durch einen Stellvertreter bebauen zu lassen; geschieht es nicht, so ernennt der Alkalde oder Richter einen solchen Stellvertreter.

§. 351. Die Kollektoren haben »Denuncias« d. h. Anzeigen, dass zum Tabakbau fähiges Land brach liege, auch Privatländereien betreffend, entgegenzunehmen, und falls der Boden zum Tabakbau geeignet ist, den Besitzer zur Bestellung desselben, vorzugsweise mit Tabak, aufzufordern. Nach Ablauf einer gewissen Frist wird das Land dem Denunzianten übergeben. Durch diese Verfügung geht der Besitz dem Eigenthümer zwar nicht verloren, doch verliert er auf 3 Jahre alle Rechte und allen Niessbrauch.

Kap. XXVII. §. 357. Eine Hauptpflicht der Kollektoren ist die grösstmögliche Ausdehnung des Tabakbaus auf alle geeigneten Ländereien, besonders aber auf den fruchbarsten, zuträglichsten Boden. Ländereien, die obgleich zum Tabakbau passend, vorher mit Reis oder Korn bestellt waren, sollen so weit thunlich durch Waldlichtungen ersetzt werden, um Theuerungen möglichst vorzubeugen und das Interesse der Eingeborenen mit dem der Renta in Einklang zu bringen.

§. 361. Damit die Eingeborenen, ohne die Arbeiten, welche der Tabak verlangt, zu vernachlässigen, auch die zu ihrem Unterhalt nöthigen Feldarbeiten verrichten können, wird die Grösse des von je zwei Individuen zu bebauenden Tabaklandes auf 8000 □Varas (= 2⅕ Morgen) festgesetzt.

§. 362. Durch Alter oder Krankheit Unfähige und Wittwen trifft obige Vorschrift nicht, sie sollen sich mit dem Pfarrer verständigen, der jedem so viel Arbeit überweisen wird, als seine noch vorhandenen Kräfte oder die Zahl der noch kleinen Kinder gestatten. [259]

§. 369. Ein Kollektor, der von seinem Gebiet 1000 Fardos mehr als in den früheren Jahren abliefert, erhält für den Ueberschuss doppelte Gratifikation; doch nur wenn sich das Verhältniss der Blätter I. Klasse zu den übrigen nicht verringert hat.

§. 370. Desgleichen wenn die Menge im Ganzen nicht abgenommen und die der Blätter I. Klasse um ⅓ zugenommen hat.

Es folgen §§. welche die Gratifikationen der Lokalbehörden regeln.

§. 379. Alljährlich hat jeder Gobernadorcillo eine vom Pfarrer revidirte Liste sämmtlicher Ortsangehöriger beiderlei Geschlechts und der Kinder einzureichen, die alt genug sind um auf dem Felde zu helfen.

§. 430. Die Beamten sollen die Einwanderung nach Cagayan und Neu-Biscaya fördern und werden sogar angewiesen mit 5 Dollar die Schulden solcher Individuen zu bezahlen, die ihre Provinz schuldenhalber nicht verlassen dürfen.

§. 436. »denn da durch Verordnungen des Buen Gobierno bestimmt ist, dass ein Indier nicht in Anspruch genommen werden kann für eine Summe die 5 Dollar übersteigt, und von einem Darlehn oder einer einfachen Schuld herrührt, so kann die Beanspruchung einer höheren Summe kein Hinderniss für die Auswanderung sein

§. 437. Die Hacienda bestreitet die Reisekosten und den Unterhalt der Einwanderer von Ilocos,

§. 438. schiesst ihnen die Mittel zur Beschaffung von Vieh, Geräth etc. bis zur ersten Ernte vor (obgleich der Indier nur für 5 Dollar haftbar ist!).

§. 439. Solche Vorschüsse sind zwar persönlich, aber das ganze Dorf haftet dafür im Falle des Todes oder der Flucht des Schuldners.

Der Tabak (Nicotiana tabacum L.) wurde in die Philippinen, bald nach Ankunft der Spanier durch Missionäre eingeführt, die den Samen aus Mexico mitbrachten.4 Der Boden, das Klima, der Anklang, den sein Genuss bei den Eingeborenen fand, wirkten zusammen, um ihm schnell grosse Verbreitung zu verschaffen. Nach dem Tabak von Cuba (und einigen türkischen Gewächsen)5 soll er der beste sein und in der Kolonie [260]behaupten Sachverständige, dass er selbst jenen bald übertreffen würde, wenn die darauf begründeten Gewerbe frei wären. Dass Güte und Menge des Produktes unter solchen Umständen beträchtlich zunehmen würden, wird wohl kein Unbefangener bezweifeln; manche verstockte Beamte behaupten freilich das Gegentheil. Es kann sich nur um die Frage handeln, bis zu welchem Grade die an eine solche Maassregel geknüpften Erwartungen in Erfüllung gehen würden, wobei allerdings nicht übersehen werden darf, dass gerade die Sachverständigen, vielleicht zu grosse Hoffnungen an die Abschaffung eines Systems knüpfen, das sie verhindert ihre Fachkenntniss zu verwerthen.

Thatsache ist aber, dass schon jetzt der heimlich gebaute Tabak, trotz aller vom verbotenen Betriebe unzertrennlichen Mängel, selbst von den Regiebeamten ihrem eigenen Fabrikat vorgezogen, von Vielen dem Habana gleichgeschätzt wird und dass die Regie-Zigarren der Philippinen in ganz Ostasien die beliebtesten sind. Reiche Kaufleute sogar, für welche der Preisunterschied nicht in Betracht kommt, ziehen in der Regel die Manila- den Habana-Zigarren vor.

Nach Agius, (Memoria 1871.) dürfte der philippinische Tabak auf den europäischen Märkten keinen andern Nebenbuhler haben, als den der Vuelta abajo von Cuba, und müsste in den Häfen von Asien und Ozeanien ohne Rivalen dastehen, (weil der Habana auf der langen Reise nach jenen Ländern an Güte einbüsst), während er jetzt von Jahr zu Jahr an Ruf verliert.

Wenn es den Manila-Zigarren bisher nicht gelingen wollte, sich in Europa einzubürgern, so liegt die Schuld daran, dass sie unter dem Einfluss der Zwangsarbeit und der Insolvenz des Kolonial-Fiscus immer schlechter werden, während das Produkt anderer Tabakländer, in Folge der freien Konkurrenz sich verbessert. Ein wenig leidet ihr Ruf wohl auch durch den sehr verbreiteten irrigen Glauben, dass sie Opium enthalten.

Wie sehr die Produktion durch Freigebung des Gewerbes zunehmen würde, zeigt unter anderen das Beispiel von Cuba: Zur Zeit als die Regierung den Tabak dort monopolisirte, reichten die Ernten nur ein einziges Mal zur Deckung des innern Bedarfs, während sie gegenwärtig alle Märkte der Welt versehen.6 Höchst beachtenswerth in diesem Punkte ist auch der [261]Ausspruch des General-Kapitäns de la Gándara7, in einer Denkschrift die Maassregeln zur Verschärfung des Monopols vorschlägt: »ginge der Tabakbau an das Privatgewerbe über, so würde dieses vielleicht in wenigen Jahren dahin gelangen, fast alle Märkte der Welt zu beherrschen.« Fast sämmtliche Inseln erzeugen Tabak; nach der Güte des Produktes nehmen die Tabakgebiete folgenden Rang ein: 1o Cagayan und Ysabel, 2o Ygorrotes, 3o Insel Mindanao, 4o Bisayas, 5o Neu-Écija.

Aus R. O. 20. Nov. 1625 (Razon general 11) ist ersichtlich, dass schon damals der Verkauf von Betel, Palmwein, Tabak u. s. w. Regierungsmonopol war. Es wurde aber wohl nicht streng durchgeführt. Das Tabakmonopol in seinem jetzigen Umfang, welches das ganze Gewerbe von der Aussaat der Pflanze bis zum Verkauf der fertigen Produkte in die Hände der Regierung legt, ist erst durch den General-Kapitän José Basco y Bargas eingeführt. R. O. 9. Jan. 1780 (bestätigt durch R. D. 13. Dec. 1781) verfügt, dass die Tabakregie, so wie in allen spanischen Besitzungen in dieser und jener Welt (de uno y otro mundo), auch auf die Philippinen ausgedehnt werden soll.

Bis zur Verwaltung dieses sehr eifrigen Guvernörs, zweihundert Jahre lang, empfing die Kolonie jährlich Zuschüsse aus Neu-Spanien (Situado de Nueva España). Um die spanischen Finanzen von dieser Last zu befreien, führte Basco, den damals herrschenden national-ökonomischen Ansichten entsprechend, die unmittelbare Ausbeutung der natürlichen Hülfsquellen durch den Staat, ein Vorbild des fünfzig Jahre später in Java gegründeten »Kultursystems« ein. In den Philippinen waren die Verhältnisse dafür aber weniger günstig. Abgesehn von der geringeren Unterwürfigkeit der Bevölkerung, lagen zwei Haupthindernisse im Widerstand der Priester und im Mangel zuverlässiger Beamten. Von allen durch Basco künstlich in’s Leben gerufenen ländlichen Gewerben hat sich nur die Indigobereitung als Privatindustrie, der Tabakbau als Regierungsmonopol erhalten.8

Zunächst beschränkte Basco das Monopol auf die unmittelbar um die Hauptstadt gelegenen Provinzen, in welchen der Tabakbau allen, von der Regierung nicht besonders dazu ermächtigten und verpflichteten Personen [262]bei strenger Strafe verboten wurde.9 In den übrigen Provinzen blieb der Anbau Jedem gestattet, doch durfte das Produkt nach Abzug des Selbstverbrauchs nur an die Regierung verkauft werden.

In den Bisayas kauften die Alkalden den Tabak für die Regierung und lieferten ihn zu vorher festgesetzten Preisen an die k. Fabriken in Manila; es war ihnen gestattet die Ueberschüsse der k. Kassen zu diesem Zwecke zu benutzen. Ein schlechteres System hätte kaum ersonnen werden können: der nur auf seinen Privatvortheil bedachte Beamte duldete keinen Konkurrenten in seiner Provinz, benutzte seine amtliche Gewalt, um den Produzenten auf das härteste zu drücken, und hemmte dadurch die Produktion; die k. Kassen aber erlitten häufige Verluste durch Bankerotte, da die Alkalden, welche 600 Dollar Gehalt bezogen, und für die Berechtigung Handel treiben zu dürfen, eine Patentsteuer von 100 bis 300 Dollar entrichteten, sich, um schnell reich zu werden, in die gewagtesten Unternehmungen einliessen. Erst 1814 ward diesem Unwesen ein Ende gemacht. Alsbald stiegen auch die Tabaklieferungen aus den Bisayas, da die Konkurrenz der Privathändler, denen nun erst thatsächlich der Ankauf zufiel, obgleich ihn das Gesetz schon seit 1839 gestattete, dem Pflanzer höhere Preise verschaffte, als ihm die Habsucht des monopolisirenden Alkalden gewährte.

Gegenwärtig gelten im Allgemeinen folgende Bestimmungen, an deren Einzelheiten aber fortwährend geändert wird: Durch R. D. 5. Sept. 1865 wird der Tabakbau in allen Provinzen gestattet, doch darf der Ertrag nur an die Regierung zu einem von ihr festgesetzten Preise verkauft werden. Der Aufkauf geschieht in Luzon und den angrenzenden Inseln nach Fardos10 durch Colleccion, d. h. direkt durch die Finanzbeamten, welche den Bau der Pflanze von der Aussaat an zu leiten haben; in den Bisayas durch Acopio, indem Regiebeamte den ihnen angebotenen Tabak vom Bauer oder vom Spekulanten und zwar nach Quintales aufkaufen.

In den Bisayas und in Mindanao ist Jedem erlaubt, Zigarren für seinen eignen Bedarf selbst zu fabriziren, doch darf er keinen Handel damit treiben. Dort werden den Tabakbauern auch Vorschüsse gemacht. In Luzon und den benachbarten Inseln theilt die Regierung Samen und Sämlinge aus. In Luzon und den Nachbar-Inseln darf auf Land, das zum Tabakbau geeignet ist, nichts andres als Tabak gepflanzt werden. [263]

Da die Finanzverwaltung den Tabak nicht, wie freie Konkurrenz thun würde, nach seinem wirklichen Werthe klassifiziren kann, so hat sie den Ausweg ergriffen, die Preise nach der Blattgrösse festzusetzen; auch soll die auf Erziehung der Pflanze verwendete Sorgfalt bis zu einem gewissen Grade die Grösse der Blätter bedingen, die demnach wenigstens ein Kennzeichen für die sorgsame Behandlung, wenn auch nicht gerade für die Güte ist.11

Wohl weiss man in Madrid, wie sehr das Tabakmonopol das Gedeihen der Kolonie hemmt, die betroffene Bevölkerung drückt; dennoch sind bisher die Regierungsmaassregeln darauf gerichtet gewesen, immer höhere Einnahmen aus dieser bedenklichen Steuerquelle zu erpressen.

R. O. 14. Januar 1866 befiehlt den Tabakbau in den Philippinen so viel als irgend möglich auszudehnen um dem Bedarf der Kolonie, des Mutterlandes [264]und der Ausfuhr zu genügen, ohne dass Rücksichten untergeordneter Art, die einer späteren Lösung vorbehalten bleiben können, diese unbegrenzte Ausbreitung hemmen oder verzögern. In der bereits zitirten Memoria schlägt der General-Kapitän »Reformen« vor, die an die Geschichte der Gans mit den goldenen Eiern erinnern (Pfropfen neuer Monopole auf die schon bestehenden, Ausbeutung durch Generalpächter) und glaubt dadurch in weniger als drei Jahren den Tabakertrag von 182,102 Quintales (Mittel der Jahre 1860/67) auf 600,000 und selbst 800,000 Q. steigern zu können. Einstweilen aber solle die Regierung, um höhere Preise zu erzielen, ihren Tabak selbst nach den Konsumtionsländern exportiren und dort verkaufen. Im Jahre 1868 ist dieser Vorschlag wirklich ausgeführt worden, der nach London gesandte fand einen so guten Markt, dass in Folge davon verordnet wurde, fortan in Manila keinen Tabak unter 25 Dollar p. Quintal loszuschlagen.12 Diese Bestimmung kann sich aber nur auf Tabak der ersten drei Klassen beziehen, deren relative Menge in dem Maasse abnimmt, als der Druck auf die Bevölkerung gesteigert wird. Selbst aus den de la Gándara’s Denkschrift beigefügten Tabellen ergiebt sich dies deutlich: Während die Gesammternte von 1867 (176,018 Quintales) nicht viel unter dem Mittel der Jahre 1860/67 (182,102 Q.) bleibt, ist der Tabak I. Klasse von mehr als 13,000 Q. 1862, auf weniger als 5000 Q. 1867, gesunken.

Die IV., V., VI. Klasse, die früher grösstentheils verbrannt wurden, jetzt aber einen nicht unbeträchtlichen Theil der Gesammternte bilden, sind im freien Verkehr geradezu unverkäuflich und können nur als »Geschenk« für Spanien verwendet werden, das alljährlich unter dem Titel atenciones a la peninsula über 100,000 Zentner empfängt. Wäre die Kolonie aber nicht gezwungen, die Hälfte der Fracht für ihr Geschenk zu bezahlen, so würde Spanien genöthigt sein, sich diese »Aufmerksamkeiten« zu verbitten, denn nach dem Ausspruch des Chefs der Regie ist jener Tabak grössten Theils von solcher Beschaffenheit, dass er zu keinem Preise Käufer finden würde, da sein Werth weder die Unkosten des Zolles noch der Fracht zu decken vermöchte. Dennoch ist dieser Tabaktribut eine grosse Last für das Kolonialbudget, das trotz seines Defizits nicht nur den Tabak zu beschaffen, sondern auch die Verpackung, den Lokaltransport und die Hälfte der Fracht nach Europa zu tragen hat.

Vom März 1871, der goldenen Zeit, im Fall de la Gándara’s Vorschläge ausgeführt worden, seine Verheissungen in Erfüllung gegangen [265]wären, liegt ein trefflicher Bericht des General-Intendanten der Hacienda an den Kolonial-Minister vor (s. S. 258 Anmerkung), der als Chef der Regie die Schäden dieses Verwaltungszweiges schonungslos aufdeckt, und auf die schleunige Aufhebung des Monopols dringt. Zunächst wird auf amtliche Beläge gestützt, der Beweis geführt, dass der Gewinn am Tabakmonopol viel geringer sei, als gewöhnlich angenommen wird. Das Mittel sämmtlicher Einnahmen der Tabakregie für die 5 Jahre 1865/69 betrug nach amtlichen Rechnungen 5,367,262 Dollar, (für die Jahre 1866/70 nur 5,240,935 Dollar) die Ausgaben sind nicht genau festzustellen, weil darüber keine Berechnungen vorhanden sind, addirt man aber die im Kolonialbudget aufgeführten betreffenden Ausgaben zusammen, so erhält man 3,717,322 Dollar, wovon 1,812,250 Dollar für Ankauf des Rohtabaks. Zu obigen die Tabakregie ausschliesslich treffenden Ausgaben müssen aber noch verschiedene andere Posten gerechnet werden, an denen dieser Verwaltungszweig betheiligt ist, die sogar gänzlich oder zum grössten Theil wegfallen würden, wenn der Staat das Tabakmonopol aufgäbe. Die Summe der Unkosten muss wenigsten auf 4 Millionen Dollar veranschlagt werden, so dass dem Staate nur ein Reingewinn von etwa 1,367,000 Dollar verbliebe, aber selbst auf diesen ist in Zukunft nicht zu rechnen, denn wenn die Regierung nicht schleunigst diesen Gewerbebetrieb aufgiebt, so wird sie zu sehr bedeutenden unabweisbaren Ausgaben gezwungen sein. Namentlich müssten dann Fabriken und Magazine neu errichtet, oder verbesserte Maschinen gekauft, die Gehalte bedeutend erhöht, vor Allem aber Mittel geschafft werden, nicht nur um die enorme Summe von 1,600,000 Dollar zu zahlen, welche die Regierung den Bauern für die Ernten von 1869 und 70 schuldet, sondern auch um die Baarzahlung der künftigen Ernten sicher zu stellen, »denn dies ist die einzige Möglichkeit, den Verfall des Tabakbaus in den betreffenden Provinzen in dem Maasse, als das Elend seiner unglücklichen Bewohner zunimmt, zu verhindern.«

Nachdem Agius nachgewiesen, wie gering in Wirklichkeit jene Ueberschüsse sind, wegen welcher die Regierung die Zukunft der Kolonie preisgiebt, schildert er die aus dem Monopol hervorgehenden Uebelstände, von denen ich hier nur einige in zusammengedrängter Kürze zur Ergänzung des Eingangs Gesagten anführe:

Die Bevölkerung der Tabakdistrikte, die nach Aufhebung der Regie die reichste und glücklichste des gesammten Archipels sein würde, befindet sich im tiefsten Elend. Sie wird grausamer behandelt als die Sklaven von Cuba, die, wenn auch aus selbstsüchtiger Absicht, gut genährt und verpflegt werden, während erstere die Produkte der Zwangsarbeit dem [266]Staate hergeben muss zu einem von ihm willkürlich bestimmten Preise, einem Preise den er zahlt, wenn die immer schwierige und bedrängte Lage des Schatzes es gestattet. Häufig fehlt es an Nahrungsmitteln, da ihr Anbau verboten ist. Die unglückliche Bevölkerung, die keine andere Mittel besitzt, um ihre dringendsten Bedürfnisse zu befriedigen, ist gezwungen mit ungeheuren Verlusten die Schuldverschreibungen eines Schuldners zu veräussern, welcher ihm die Frucht der Zwangsarbeit zwar abkauft, aber nicht bezahlt. Wegen eines so geringfügigen Nutzens (1⅓ Million) wird die Bevölkerung der reichsten Provinzen in furchtbares Elend gestürzt, tiefgehender Hass zwischen Regierten und Regierenden erzeugt, ununterbrochener Krieg zwischen Behörden und Unterthanen. Es wird eine höchst gefährliche Klasse von Schmugglern erzogen, die sich schon jetzt nicht auf blosses Schmuggeln beschränken, und um die sich bei der ersten Gelegenheit die übrigen Unzufriedenen wie um einen festen Kern schaaren werden. Die Regiebeamten werden grober Bestechungen und Betrügereien beschuldigt, die wahr oder unwahr grosses Aergerniss geben und zunehmende Missachtung der Kolonialverwaltung sowohl, als des gesammten spanischen Volks erzeugen.13

Dass obige Denkschrift nicht nur geschrieben, sondern auch gedruckt worden, scheint anzudeuten, dass man sich in Spanien allmälig auch in weiteren Kreisen von der Unhaltbarkeit des Tabakmonopols überzeugt. Trotz der vernichtenden Kritik von kompetentester Stelle ist es aber dennoch fraglich, ob es aufgehoben werden wird, so lange es auch nur Scheinerträge giebt. Im Kolonialministerium sind die gerügten Schäden längst bekannt, aber wegen der häufigen Ministerwechsel und der zunehmenden Geldnoth, welche die Regierenden, so lange sie im Amte sind, zur rücksichtslosen Ausbeutung aller greifbaren Mittel zwingt, unterbleiben selbst die dringendsten Reformen, wenn dadurch augenblickliche Ausfälle entstehn. In Bezug auf das Tabakmonopol pflegt man sich überdies mit der Hoffnung zu trösten, dass zunehmende Nachfrage die Preise fortwährend steigern, einige besonders gute Ernten und günstige Konjunkturen die Kolonialkasse von ihren Verlegenheiten befreien würden, dann wolle man gern die Tabakregie aufgeben. [267]

Ein Umstand der in haushälterisch verwalteten Staaten zur Beseitigung, des Monopols treiben würde, in Spanien aber vielleicht gerade umgekehrt wirkt, ist das zahlreiche Beamtenheer, welches die Tabakregie erfordert. Der Unzahl von Stellenjägern gegenüber muss es den jeweiligen Ministern sehr willkommen sein, Gelegenheit zu haben, ihren Kreaturen einträgliche Posten zu verschaffen, oder unbequeme Personen auf eine ehrenvolle, für das Mutterland kostenfreie Art zu den Antipoden senden zu können. (Die Kolonie muss nicht nur die Besoldung, sondern auch die Kosten für die Hin- und Rückreise tragen.) Jedenfalls machen sie so reichlichen Gebrauch davon, dass zuweilen in Manila neue Aemter erfunden werden müssen, um die Ankömmlinge unterzubringen.14

Zur Zeit meiner Anwesenheit konnten die k. Fabriken nicht so viel Zigarren liefern als der Handel verlangte und es trat der sonderbare Fall ein, dass die Grosshändler, welche die Zigarren in bedeutenden Posten auf den Regierungs-Auktionen kauften, mehr dafür zahlten, als dieselben Zigarren, einzeln gekauft, im Estanco kosteten. Um nun zu verhindern, dass die Kaufleute ihren Bedarf den Estancos entnähmen, war für diese ein Maximum festgesetzt, das kein Käufer überschreiten durfte und eine komplizirte Kontrolle mit Spionage hatte darüber zu wachen, dass Niemand durch verschiedene Boten in verschiedenen Estancos grössere Mengen zusammenkaufte. Im Fall der Entdeckung konfiszirte man dem Uebertreter den ganzen Vorrath. Jedem stand frei Zigarren im Estanco zu kaufen, Niemand aber durfte einem Bekannten eine Kiste Zigarren zum Kostenpreise ablassen.

Mehrere Spanier, mit denen ich über diese auffallende Maassregel sprach, billigten sie ganz entschieden, da ihnen sonst die Fremden alle Zigarren fortholen würden, und sie nicht einmal in ihrer eignen Kolonie eine preiswürdige Zigarre rauchen könnten. Es war aber, wie ich später erfuhr, noch ein zweiter, triftigerer Grund für diese Verordnung vorhanden. Da [268]die Regierung in ihren Kassen die Goldunze zu 16 Dollar Silber annahm, während sie im Handel weniger galt und die Silberprämie einmal sogar auf 33 % gestiegen war, da ausserdem wegen der unzureichenden Menge von Kupfergeld für den kleinen Verkehr, die Scheidemünze abermals eine Prämie gegen den Silberdollar genoss, so zwar, dass man bei jedem Einkauf der nicht wenigstens einen halben Dollar betrug, 5 bis 15 % Abzug erlitt, wenn man einen Dollar gab, so war es vortheilhaft im Estanco für eine Goldunze Zigarren zu kaufen, und diese in kleineren Posten, wenn auch zum nominellen Preise des Estanco wieder zu verkaufen, denn beide Prämien zusammen konnten im extremen Falle 33 % + 10 % = 43 % betragen.15

Eine Beschreibung des Tabakbaues nach eigener Anschauung kann ich nicht geben; ich lasse einen kurzen Auszug aus der amtlichen Anweisung (Cartilla agricola) folgen.

Anweisung wie die Samenbeete anzulegen. Ein geeignetes Stück Land wird vierseitig abgegrenzt, zwei oder dreimal gepflügt, von Unkraut und Wurzeln gesäubert, etwas abschüssig gemacht, mit einem flachen Graben umgeben, durch Abzugsgräben in Beete von zwei Fuss Breite getheilt. Die Erde auf demselben muss sehr fein, fast zu Pulver zerrieben werden, sonst würde sie mit dem äusserst feinen Tabaksamen nicht in innige Berührung kommen. Der Same wird gewaschen, zum Ablaufen des Wassers in Tüchern aufgehängt, Tags darauf, mit gleicher Menge Asche gemischt, auf die Beete gestreut. Von der sorgfältigen Ausführung dieser Arbeit hängt der spätere Erfolg ab. Nach einer Woche keimt der Same, die Beete müssen sehr rein gehalten, bei trocknem Wetter täglich besprengt, durch Decken mit Dornen gegen Geflügel und andre Thiere, durch leichte Matten gegen Stürme und starke Regen geschützt werden. Nach etwa zwei Monaten haben die fünf bis sechs Zoll hohen Pflanzen gewöhnlich vier bis sechs Blätter und werden umgesetzt. Dies geschieht, da die Samenbeete im September angelegt werden, Anfang oder Mitte November. Eine zweite Aussaat findet am 15. Oktober statt, sowohl aus Vorsicht gegen mögliche Misserfolge, als um Pflanzen für die Niederungen zu erhalten.

Von dem für den Tabak zuträglichsten Boden und seiner Bestellung; vom Umpflanzen der Sämlinge. Man wähle Boden [269]von mittlerem Korn, ziemlich schwer; besonders empfiehlt sich der kalkhaltige, wenn er reichlich mit verwesten Pflanzenresten gemischt und nicht weniger als zwei Fuss tief ist, denn je tiefer die Wurzel eindringt, um so höher erhebt sich die Pflanze. Daher sind in Cagayan diejenigen Ländereien für den Tabakbau am besten, die alle Jahre durch die Ueberschwemmungen des dortigen grossen Stromes unter Wasser gesetzt werden, und alljährlich neue Schichten fruchtbaren Schlammes erhalten. Auf solchem Boden angelegte Pflanzungen unterscheiden sich daher sehr merklich von höher belegenen, nicht also begünstigten. In jenen schiessen die Pflanzen, sobald sie Wurzel geschlagen, schnell empor, in diesen wachsen sie langsam und erreichen nur mittlere Höhe; dort entwickeln sie in Menge grosse starke saftreiche Blätter, die eine reiche Ernte versprechen, hier bleiben die Blätter kleiner und wachsen spärlich. Aber die Niederungen sind Ueberschwemmungen ausgesetzt, besonders im Januar und Februar, selbst noch im März, wenn der Tabak schon umgepflanzt und ziemlich hoch geworden ist. In solchem Falle ist alles rettungslos verloren, namentlich wenn die Ueberschwemmungen zu einer Zeit eintreten, wann es zu spät ist neue Pflanzungen anzulegen. Desshalb müssen auch hochgelegene Felder bebaut werden, die bei gehöriger Pflege vielleicht denselben Ertrag geben würden. Solche Felder sollten im Oktober drei bis viermal gepflügt und 2 bis 3 mal geeggt werden. Die Felder in den Niederungen können wegen der Ueberschwemmungen nicht vor Ende Dezember oder Mitte Januar gepflügt werden, ihre Bearbeitung ist dann leicht und einfach. Man wählt nun die stärksten Pflanzen in den Saatbeeten aus, und versetzt sie mit Ballen in Entfernungen von einer Elle in den zubereiteten Boden.

Von der auf die Pflanzen zu verwendenden Sorgfalt. Im Osten jeder Pflanze ist ein kleiner Schirm aus zwei Erdschollen aufzurichten, damit sie gegen die Morgensonne geschützt, den Thau länger geniesse. Sorgfältige Vertilgung des Unkrauts, Entfernung der wilden Triebe. Besonders gefährlich ist auch ein Wurm der zuweilen in Menge erscheint. Kurz vor der Reife sind Regen sehr schädlich, denn um diese Zeit ist die Pflanze nicht mehr im Stande, die für den Tabak so wesentliche gummiartige Substanz auszuscheiden, die in Wasser löslich, ihr durch den Regen entzogen wird. Der dem Unwetter preisgegebene Tabak bleibt immer ohne Saft, ohne Güte und ist voll weisser Flecke, ein sicheres Zeichen seiner schlechten Beschaffenheit. Der Schaden ist um so grösser, je näher der Tabak seiner Reife. Die auf den Boden hängenden Blätter faulen, und werden entfernt. Ist der Untergrund nicht tief genug, so vergilbt eine gut gepflegte Pflanzung und vertrocknet fast. In nassen Jahren kommt dies nicht leicht vor, da die Wurzeln dann auch in geringer Tiefe hinreichende Feuchtigkeit finden.

Abschneiden und Behandeln der Blätter im Trockenschuppen. Die obersten Blätter reifen zuerst, sie sind dann dunkelgelb und spröde. In dem Maasse als sie zeitigen, werden sie geschnitten, in Bündel gesammelt, in bedeckten Karren nach den Schuppen gebracht. An nassen, selbst an trüben Tagen, wenn die Sonne den nächtlichen Thau nicht völlig verdampft, darf nicht geschnitten werden. In den Schuppen zieht man die Blätter auf Schnüre oder gespaltenes spanisches Rohr mit genügenden Zwischenräumen zum Lüften und Trocknen. Die trocknen Blätter werden in Haufen gelegt, die nicht zu gross sein dürfen, und öfter umgepackt. Es muss sorgfältig darauf geachtet werden, dass sie sich nicht zu sehr erhitzen und zu stark gähren. Diese für die Güte des Tabaks äusserst wichtige Behandlung verlangt grosse Aufmerksamkeit und [270]Geschicklichkeit und muss so lange fortgesetzt werden, bis die Blätter nur noch einen aromatischen Tabakgeruch wahrnehmen lassen.

Das nöthige Geschick für diese Hantirung ist aber nur durch lange Uebung, nicht durch Vorschriften zu erwerben.

Nach der Zeichnung eines Tagalen.

Nach der Zeichnung eines Tagalen.

[271]


1 Der englische Konsul schätzt die Einnahme aus diesem Monopol für das Jahr 1866/67 auf 8,418,939 Dollar, sämmtliche Ausgaben auf 4,519,866, den Reinertrag also auf 3,899,075 Dollar. Im Kolonialbudget für 1867 war der Gewinn am Tabak auf 2,627,976 Dollar, die Gesammtausgaben der Kolonie, nach Abzug der durch die Tabakregie veranlassten, auf 7,033,576 veranschlagt. Nach den amtlichen Tabellen des Chefs der Regie, Manila 1871 betrugen die Gesammteinnahmen der Tabakregie in den Jahren 1865/69 durchschnittlich 5,367,262 Doll., die wegen mangelnder Spezialrechnungen nicht genau festzustellenden Ausgaben wenigstens 4 Million Dollar, so dass nur ein Reingewinn von 1,367,262 verbleibt. 

2 Instruccion general para la direccion, administracion y intervencion de las rentas estancadas 1849. 

3 Memória sobre el desestanco del tabaco en las islas filipinas .. Don J. S. Agius Binondo (Manila) 1871. 

4 Von den Philippinen scheint der Tabak nach China gekommen zu sein: »Die von Wang-tao entdeckten Notizen lassen keinen Zweifel, dass er zuerst in Süd-China im 16. und 17. Jahrhundert von den Philippinen aus eingeführt wurde; wahrscheinlich über Japan. (Notes & Queries China und Japan, May 31 67.) Nach Schlegel, Batavia, wurde er 1573–91 von den Portugiesen nach Japan gebracht, und verbreitete sich in China so schnell, dass schon 1638 der Verkauf mit der Strafe des Köpfens bedroht wurde. Nach N. & Q. Chin. Jap. 31 Juli 67, war der Gebrauch des Tabaks 1641 im Mantchu-Heer allgemein. In einem chinesischen Werk Naturgeschichtliche Miscellen heisst es: Yen-t’sao (die Rauchpflanze) wurde gegen Ende der Regierung Wan-li zwischen 1573–1620 in Fukien eingeführt und auch Tan-pa-ku (von Tombaku) genannt. 

5 West-Cuba erzeugt den besten Tabak, die berühmte Vuelta abajo 400,000 Ztnr. zu 20 bis 140 Thlr. Ausgewählte Sorten werden bis zu 800 selbst 1000 Thlr. p. Zentner bezahlt. Cuba produzirt 640,000 Ztnr. Die in Paris 1867 ausgestellten Zigarren waren im Werth von 35 bis 570 Thlr. das Tausend. Die jährliche Zigarren-Ausfuhr wird auf 500 Million geschätzt. (Rappt. Jury V. 375) ... In Jenidje-Karasu (Salonich) werden jährlich 17,500 Ztnr. gewonnen, wovon 2500 erster Qualität, 2 Thlr. 12 Sgr. die Oka (etwa 1 Thaler das Pfd.) gelten. Ausgewählte Sorten werden bis 5 Thlr. per Pfd. und höher bezahlt. Salaheddin Bey La Turquie à l’Exposition S. 91. 

6 In Cuba ist die Tabakindustrie durchaus frei. Der ausserordentliche Aufschwung des Gewerbes, die zunehmende Güte der Waare werden zum grossen Theil dem regen Wetteifer der Fabrikanten zugeschrieben, die von der Regierung keinen andern Schutz als den ihrer Fabrikzeichen erhalten. (Rappt. Jury 67. V. 375.) 

7 Handschriftlicher Bericht an den Kolonial-Minister, März 1868. 

8 Basco führte auch den Seidenbau ein und pflanzte in Camarínes 4½ Million Maulbeerbäume, die man alsbald nach seinem Rücktritt wieder eingehn liess. 

9 Nach Lapérouse rief diese Maassregel auf allen Punkten der Insel Empörungen hervor, die durch bewaffnete Macht unterdrückt werden mussten. Ebenso veranlasste das um dieselbe Zeit in Amerika eingeführte Monopol gefährliche Aufstände, brachte Venezuela an den Bettelstab und wurde eine Hauptursache des späteren Abfalls der Kolonien. 

10 Ein Fardo (Pack) enthält 40 Manos (Bund). 1 Mano = 10 Manojítos, 1 Manojíto = 10 Blätter. Reglement §. 7. 

11 Reglement für alle Sammelstellen von Luzon: §. 1. Der Tabak wird nach vier Klassen bezahlt. §. 2. Zur I. Klasse gehören Blätter von wenigstens 18 Zoll von Burgos (0m 418) Länge, zur II. solche von 18 bis 14 Zoll (0m 325), zur III. von 14 bis 10 Zoll (0m 232) zur IV. Blätter von wenigstens 7 Zoll (0m 163); kleinere werden nicht angenommen. (Letztere Beschränkung ist jetzt aufgehoben. Da sich die Qualität des Tabaks in den Händen der Regie immer mehr verschlechtert, so sind jetzt noch zwei geringere Klassen (V. und VI.) eingeführt). —

Ein Fardo I. Kl. wiegt 60 Pfd. und wurde von der Regierung (1867) bezahlt 9 Doll 50 C.
Ein
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Fardo
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II.
Kl.
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wiegt
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46
Pfd.
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und
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wurde
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von
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der
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Regierung
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(1867)
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bezahlt
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6
Doll
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-
C.
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Ein
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Fardo
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III.
Kl.
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wiegt
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33
Pfd.
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und
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wurde
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von
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der
,,
Regierung
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(1867)
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bezahlt
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2
Doll
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75
C.
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Ein
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Fardo
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IV.
Kl.
,,
wiegt
,,
18
Pfd.
,,
und
,,
wurde
,,
von
,,
der
,,
Regierung
,,
(1867)
,,
bezahlt
,,
1
Doll
,,
-
C.
,,

(Bericht engl. Kons.)

Folgende Tabelle giebt die von der Regierung fabrizirten Sorten, und die Preise, zu welchen sie 1867 im Estanco zu haben waren.

Menas (Klassen). Folgenden Habana-Klassen assimilirt. PREIS Zahl der Zigarren in einer Arroba.
einer Arroba von 1000 Zigarren einer Zigarre
Doll. Doll. Cents.
Imperiales derselben Klasse 37 ,50 30 4 ,80
Prima veguéro do. do. 37 ,50 30 4 ,80
Segunda do. Regalía 26
Prima superiór filipino Regalía 26
Segunda do. do. ohne Assimilirung 38 19 3 ,4
Tercéra do. do. Lóndres 15
Prima filipino Superiór habano 21 15 2 ,40 1400
Segunda do. Segunda superiór habano 24 8 ,57⅛ 1 ,37⅜ 2800
Prima corládo derselben Klasse 21 15 2 ,40 1400
Segunda do. derselben Klasse 24 8 ,57⅛ 1 ,37⅜ 2800
Mista Segunda batído 20 ,50
Prima batído lárga ohne Assimilirung 18 ,75 1 ,66⅔ 1800
Segunda do. do. do. do. 18 ,75 0 ,80 3750

 

12 Es gehn im Mittel 407½ Million Zigarren und 1,041,000 Kg. Rohtabak jährlich in’s Ausland, zusammen dem Gewichte nach etwa 56,000 Quintales, abgesehn von dem geschenkten Tabak. 

13 ... Der in diese Lage gebrachte Bauer findet es schwer seine Familie zu erhalten, ist gezwungen Geld zu übertriebenen Zinsen zu borgen und geräth immer tiefer in Schulden und Elend .. die Furcht vor Geld- und Körperstrafen, mehr als die Aussicht auf hohe Preise, ist die Haupttriebfeder, durch welche die Lieferungen aufrecht erhalten werden können .. (Bericht des engl. Konsuls.) 

14 Von Dezember 1853 bis November 1854 hatte die Kolonie 4 General-Kapitäne (2 effektive und 2 provisorische). 1850 soll ein neu ernannter Oidor, (Mitglied des obersten Gerichtshofes) mit seiner Familie den Weg nach Manila um das Kap genommen und bei seiner Ankunft bereits seinen inzwischen über Suez gereisten Nachfolger im Amte getroffen haben. Solche Zustände werden nicht befremden, wenn man damit vergleicht, wie es in Spanien selbst zugeht. Nach einem Aufsatz in der Revue nationale April 1867 hat Spanien von 1834 bis 1862, d. h. seit dem Regierungsantritt Isabella’s 4 Konstitutionen, 28 Parlamente, 47 Premierminister, 529 Minister mit Portefeuilles, darunter 68 Minister des Innern gehabt, so dass jeder der letztern durchschnittlich nur 6 Monate im Amte war. Die Finanzminister sollen seit 10 Jahren nicht länger als 2 Monate geblieben sein. Seitdem und namentlich seit 1868 erfolgen die Wechsel viel schneller. 

15 Der Grund des hohen Silberagios lag darin, dass die Chinesen alle spanischen und mexikanischen Dollar aufkauften, um sie nach China auszuführen, wo sie mehr gelten als andre Dollar, weil sie, von den Reisen der Nao her, seit alten Zeiten bekannt sind und auch in den innern Provinzen Kurs haben. (Am höchsten werden dort Carlos III. bezahlt). Eine seitdem in Manila errichtete Münzanstalt, die sich selbst erhält, wenn sie auch der Regierung keinen andern Nutzen abwirft, hat jenen Uebelstand gänzlich beseitigt. Die Chinesen pflegen das Silber und Gold gewöhnlich als Geld mit ausländischem Gepräge nach Manila zu bringen, indem sie Landesprodukte dafür kaufen, die einheimischen Kaufleute lassen es umprägen. Anfänglich waren in Manila fast nur Silberunzen vorhanden, Goldunzen äusserst selten. Das hohe Agio, das sie genossen, hatte eine so starke Einfuhr zur Folge, dass sich das Verhältniss umkehrte, in den Regierungskassen wurde aber die Goldunze immer der Silberunze gleich gerechnet. 

[Inhalt]

SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL

DIE CHINESEN.

Es bleibt noch von einem wichtigen Theile der Bevölkerung zu sprechen, den Chinesen, die wohl bald eine bedeutendere Rolle spielen werden, da die vom zunehmenden Verkehr geforderte Entwickelung des Landbaues kaum anders als durch chinesischen Fleiss zu erlangen sein dürfte. Von jeher ist Manila ein Lieblingsziel chinesischer Einwanderung gewesen, weder Feindseligkeit der Bevölkerung, noch Bedrückungen und Verbote seitens der Regierung, ja nicht einmal wiederholte Massenschlächtereien vermochten sie zu verhindern. Die Lage der Inseln S. O. der zwei seetüchtigsten Provinzen China’s musste schon früh den Verkehr zwischen beiden Ländern wachrufen, da Schiffe sowohl im S. W. als N. O. Monsun die Reise in jeder Richtung mit halbem Winde machen können. In einigen älteren Schriftstellern findet sich sogar die Angabe, dass die Philippinen einstmals der chinesischen Herrschaft unterworfen waren1 und Pater Gaubil (Lettres édifiantes) erwähnt, dass Joung-lo (Ming Dynastie) eine Flotte von 30,000 Mann hielt, die zu verschiedenen Zeiten nach Manila ging. Auch die bei Magellan’s Ankunft selbst im äussersten Osten des Archipels vorhandenen, so wie die in den Grabhöhlen gefundenen Porzellanschüsseln und Thongefässe zeigen, dass der Handel mit China sich schon lange zuvor bis in die fernsten Inseln des Archipels erstreckte. Für die junge spanische Kolonie bildete er die Hauptquelle und, nachdem die Encomiendas aufgehoben (s. folgendes Kapitel), fast die einzige Quelle des [272]Wohlstandes. Es war zu fürchten, dass die Junken ihre Frachten den Holländern bringen würden, wenn man ihnen in Manila Hindernisse in den Weg legte; auch konnte die Kolonie nicht ohne die Sangleyes bestehn,2 die alljährlich in grosser Zahl in den Junken aus China kamen und sich als Krämer, Handwerker, Gärtner, Fischer über Stadt und Land verbreiteten, denn sie waren die einzigen geschickten und fleissigen Arbeiter; da die Indier unter spanischem Priesterregiment sogar manche Gewerbe verlernten, die sie früher betrieben hatten (Morga).

Trotzdem sind die Spanier von Anfang an bemüht, die Zahl der Chinesen auf das äusserste Maass zu beschränken; denn damals wie heut wurden letztere von den Indiern beneidet und gehasst wegen ihrer grossen Betriebsamkeit, Sparsamkeit, Schlauheit, wodurch sie schnell reich wurden; den Geistlichen waren sie ein Gräuel als verstockte Heiden »deren Umgang die Eingeborenen hinderte, Fortschritte im Christenthum zu machen«; die Regierung aber fürchtete sie wegen ihres festen Zusammenhaltens und als Angehörige des grossen Reiches, dessen bedenkliche Nähe dem kleinen Häuflein Spanier Verderben drohte.3 Zum Glück für letztere dachte die damals dem Untergange entgegeneilende Mingdynastie nicht an Eroberungen, aber selbst die bei ihrem Sturze frei werdenden bösen Mächte brachten die Kolonie in äusserste Gefahr.

Bei dem Angriff des grossen Seeräubers Limahong 1574 entging sie nur wie durch ein Wunder der Vernichtung; neues Verderben drohte ihr bald darauf: 1603 kamen einige Mandarine nach Manila, unter dem Vorwande sehn zu wollen, ob der Boden bei Cavite wirklich von Gold sei? Man hielt sie für Spione und schloss aus ihrer sonderbaren Mission, dass die Chinesen einen Angriff auf die Kolonie beabsichtigten. Der Erzbischof und die Priester schürten das Misstrauen gegen die zahlreichen in Manila angesiedelten Chinesen; Hass und Verdacht wuchsen auf beiden Seiten, beide Theile fürchteten sich vor einander und rüsteten sich. Die Chinesen griffen zuerst an, unterlagen aber den vereinten Spaniern, Japanern und Indiern; 23,000, nach andern 25,000 Chinesen wurden erschlagen oder in die Wildniss getrieben. Wie diese Metzelei in China aufgenommen worden, [273]geht aus dem Brief des kaiserlichen Kommissars an den Guvernör von Manila hervor. Das merkwürdige Dokument zeigt in so überraschender Weise, wie hohl das grosse Reich damals war, dass ich es am Schlusse des Kapitels in wörtlicher Uebersetzung mittheile.

Nach der Vertilgung der Chinesen fehlte es in Manila wegen der Unbetriebsamkeit der Indier an Nahrungsmitteln und allen andern Lebensbedürfnissen, aber schon 1605 hat die Zahl der Chinesen wieder so zugenommen, dass ein Gesetz4 sie auf 6000 beschränkt, »denn diese reichen aus für die Bebauung des Bodens«; zugleich wird als Grund ihrer schnellen Zunahme der Eigennutz des General-Kapitäns gerügt, der für die Erlaubniss zum Verbleib von jedem Chinesen 8 Dollar erhebt. 1639 ist die chinesische Bevölkerung auf 30,000 (nach Andern auf 40,000) gestiegen, sie revoltiren und werden bis auf 7000 niedergemacht. »Die sonst so gleichgültigen Eingeborenen zeigten den grössten Eifer beim Todtschlagen der Chinesen, mehr aus Hass gegen dies betriebsame Volk als aus Liebe zu den Spaniern.«5

Schnell füllt die chinesische Einwanderung die entstandene Lücke wieder aus. 1662 droht der Kolonie aufs neue grosse Gefahr durch den chinesischen Seeräuber Kog-seng, der über 80 bis 100,000 Mann gebot und Formosa bereits den Holländern entrissen hatte. Er forderte die Philippinen zur Unterwerfung auf; sein plötzlicher Tod rettete die Kolonie und gab zugleich das Zeichen zu einem neuen Wuthausbruch gegen die in Manila angesiedelten Chinesen; eine grosse Zahl wird in ihrem Ghetto niedergemetzelt6, andre vertrieben, einige stürzen sich vor Schreck in’s Wasser, oder erhängen sich; eine grosse Zahl flüchtet in kleinen Booten nach Formosa7. 1709 hat der Neid gegen die Chinesen abermals solche Höhe erreicht, dass sie der Empörung und besonders des Monopolisirens beschuldigt, mit Ausnahme der nothwendigsten Handwerker und solcher, die im Dienste der Regierung stehn, vertrieben werden. Spanische Schriftsteller preisen die Heilsamkeit dieser Maassregel: »denn unter dem Vorwande des Ackerbaues treiben die Chinesen Handel, sie sind schlau und rücksichtslos, werden reich, und schicken ihr Geld nach China; so betrügen sie die Philippinen jährlich um ungeheure Summen.« Sonnerat klagt aber, dass Künste und Gewerbe sich nie von diesem Schlage erholt hätten; zum Glück, [274]fügt er hinzu, kehrten die Chinesen, trotz des Verbotes, durch Bestechung der Guvernöre und Beamten zurück.

Noch heut werden sie des Monopolisirens beschuldigt, besonders von den Kreolen, und in der That haben sie durch Fleiss und kaufmännisches Geschick den Kleinhandel fast ganz an sich gerissen. Der Verkauf der von Europa eingeführten Waaren ist ausschliesslich in ihren Händen, den Aufkauf der Kolonialprodukte in den Provinzen für die Ausfuhr theilen sie etwa zur Hälfte mit Indiern und Mestizen, da bis jetzt nur diesen letzteren gestattet ist, Schiffe zu halten, um die Produkte nach Manila zu führen.

1757 erwirkt der Neid der Spanier einen neuen Befehl aus Madrid zur Vertreibung der Chinesen, 1759 werden die wiederholt ergangenen Verbannungsdekrete ausgeführt. Da aber das Privatinteresse der Beamten mit dem der kreolischen Krämer nicht zusammenfällt, so »strömen die Chinesen bald wieder in unglaublicher Menge herbei« und machen bei der Invasion der Engländer (1762) gemeinschaftliche Sache mit diesen. Deshalb befiehlt Señor Anda8, »dass alle Chinesen in den philippinischen Inseln aufgehängt werden sollen, welcher Befehl sehr allgemein ausgeführt wird«.9 Die letzte grössere Chinesen-Schlächterei fand 1819 statt, als die Fremden im Verdacht standen durch Vergiftung der Brunnen die Cholera erzeugt zu haben; auch der grösste Theil der Europäer fiel damals in Manila der Volkswuth zum Opfer, die Spanier wurden meist geschont.

Von jeher galt die Missgunst der Spanier und Kreolen besonders den chinesischen Handelsleuten, die sie in der bequemen Ausbeutung des Eingeborenen stören; daher waren die beschränkenden Gesetze besonders gegen diese Klasse gerichtet. Zum Landbau möchte man Chinesen wohl zulassen, die Feindseligkeit der Indier verhindert es aber gewöhnlich.

Ein Gesetz von 1804 befiehlt alle chinesischen Handelsleute aus Manila binnen 8 Tagen auszuweisen, nur Verheirathete dürfen in ihrem Parian einen Laden halten. Ausschliesslich um Ackerbau zu treiben, soll ihnen der Aufenthalt in den Provinzen gestattet werden; Alkalden die ihnen in ihrem Gebiet herum zu reisen gestatten, sollen 200 Dollar, Gobernadorcillos 25 Dollar Strafe zahlen, die betroffenen Chinesen aber 2, bezüglich 3 Jahre Kettenstrafe erleiden.

1839 werden die Strafen gegen die Chinesen gemildert, die gegen die Alkalden aufrecht erhalten, was auf deren Bestechlichkeit schliessen lässt. 1843 werden die chinesischen Schiffe andern ausländischen Schiffen gleichgestellt. [275](Leg. ult. II. 476) 1850 versucht der General-Kapitän Urbiztondo chinesische Ackerbau-Kolonien einzuführen, indem er den zum Zweck des Landbaues Einwandernden Erleichterung der Abgaben verspricht.10 Viele Chinesen benutzen den gebotenen Vorwand um der hohen Kopfsteuer zu entgehen, wenden sich aber gewöhnlich bald dem Handel zu.

In der neuesten Zeit werden die Chinesen nicht mehr in Massen geschlachtet oder vertrieben; man begnügt sich damit, ihre Thätigkeit durch drückende Steuern zu hemmen. So wurde Ende 1867 den chinesischen Händlern in Pangasinán ausser der bisherigen Gewerbesteuer von 12 bis 100 Dollar eine Abgabe von 60 Dollar jährlich für Beschickung der Wochenmärkte aufgelegt, und ihnen zugleich befohlen, ihre Bücher fortan spanisch zu führen (engl. Kons. Ber. 1869).

Die Chinesen bleiben wie überall, so auch in den Philippinen, ihren Sitten treu, ihr Christenthum, falls sie übertreten, ist nur äusserlich angenommen, um zu heirathen oder aus andern weltlichen Rücksichten. Sie lassen es bei der Heimkehr nach China, zuweilen sammt ihrer Frau, in Manila zurück. Sehr viele aber gründen Familien, sind gute Hausväter und ihre Kinder bilden den unternehmendsten, fleissigsten, wohlhabendsten Theil der stehenden Bevölkerung.

Durch den härtesten Lebenskampf in ihrer übervölkerten Heimat erstarkt, scheinen die Chinesen unter jedem Himmelsstrich ihre Arbeitsfähigkeit ungeschwächt zu bewahren. Kein Volk kommt ihnen gleich an Fleiss, Genügsamkeit, Ausdauer, Schlauheit, Geschick und Rücksichtslosigkeit in bürgerlichen Geschäften. Wo sie einmal Fuss fassen, reissen sie allmälig den Handel an sich. In allen Ländern Hinterindiens verdrängen sie auf diesem Felde nicht nur die einheimischen, sondern mehr und mehr auch ihre europäischen Mitbewerber. Nicht minder anstellig und erfolgreich sind sie im Betriebe des Ackerbaus und der Gewerbe.

Die Auswanderung aus dem mit Menschen überfüllten Riesenreich hat kaum begonnen, ist sie erst einmal in Fluss gekommen, so wird sie sich als ein gewaltiger Strom zunächst über die tropischen Länder des Ostens ergiessen, und alle kleinlichen Schranken fortschwemmen, die Neid oder ohnmächtige Vorsicht ihr entgegenstellen.

Auf dem hinterindischen Festlande, in der Südsee, im indischen Archipel, in den Südstaaten Amerika’s scheinen die Chinesen bestimmt, mit der Zeit jedes andere Element zu verdrängen, oder fruchtbare Mischrassen zu bilden, denen sie ihren Stempel aufdrücken. [276]

In den westlichen Staaten der Union ist ihre Zahl in schnellem Zunehmen begriffen, die Fabriken in Californien werden nur mit chinesischen Arbeitern betrieben, da europäische unerfüllbare Ansprüche stellen.

Eine der interessantesten unter den vielen Fragen von grosser Tragweite, die sich an das Eindringen der mongolischen Rasse in Amerika knüpfen, das bisher als ein Erbtheil der kaukasischen betrachtet zu werden pflegte, ist die der relativen Leistungsfähigkeit dieser beiden grossen Rassen, die in den westlichen Staaten der Union zum erstenmale ihre Kräfte im friedlichen Wettkampfe messen. Beide sind dort durch ihre thatkräftigsten Individuen vertreten.11 Der Kampf wird mit Anstrengung aller Kräfte geführt, denn kein anderes Land belohnt die Arbeit mit so hohen Prämien. Die Bedingungen sind aber nicht gleich, denn den Chinesen legt das Gesetz Hindernisse in den Weg, die Behörde schützt sie nicht gegen rohe, zuweilen bis zum tückischen Morde gesteigerte Misshandlungen des Pöbels, der sie als bescheidene Arbeiter tödtlich hasst. Dennoch nimmt die chinesische Einwanderung stetig zu. Die westliche Strecke der Pazifik-Bahn ist hauptsächlich von Chinesen erbaut worden, die nach dem Zeugniss der Ingeniöre die Arbeiter aller anderen Nationalitäten durch Fleiss, Nüchternheit und gutes Betragen übertrafen; was ihnen etwa an Körperkraft abging, ersetzten sie durch Ausdauer und intelligentes Zusammenwirken. Die einzig dastehende, fast unglaubliche Leistung, dass am 28. April 1869 in 11 Arbeitsstunden 10 englische Meilen Eisenbahn auf einer durch keine Vorarbeiten zugerichteten Bodenstrecke ausgeführt wurden, und zwar in einer den Anforderungen der Regierungs-Kommission genügenden Weise, ist von Chinesen vollbracht worden, und war nur durch sie ausführbar.12 [277]

Im Gebiete der höchsten geistigen Thätigkeit ist das Uebergewicht der Europäer wohl nicht zu bezweifeln; auf dem Felde der bürgerlichen Gewerbe aber, wo Geschick und ausdauernder Fleiss den Ausschlag geben, scheint der Preis den Chinesen zu gebühren. Auch bis zu uns dürfte sich der Einfluss der Chinesen in dem zwischen Kapital und Arbeit entbrannten Kampfe früher oder später fühlbar machen und maasslos wachsenden Ansprüchen Schranken setzen.

Dem amerikanischen Staatsmanne drängt die sich mehrende chinesische Einwanderung schon gegenwärtig Fragen von höchster sozialer und politischer Bedeutung auf. Welchen Einfluss wird dieses neue gänzlich fremde Element auf die Gestaltung der amerikanischen Verhältnisse üben? Werden die Chinesen einen Staat im Staate bilden oder, den andern Bürgern politisch gleichgestellt, in der Union aufgehn, sich mit dem kaukasischen Elemente zu einer neuen Rasse mischen? Welche Rückwirkung werden die chinesischen Kolonisten andererseits auf die Zustände in China üben?

Diese Probleme, die hier nur vorübergehend angedeutet werden können, hat Pumpelly mit Meisterschaft in seinem Werke Across America and Asia London 1870 behandelt.


Brief des General-Kommissars von Chincheo an Don Pedro de Acuñia, Guvernör der Philippinen.

»An den grossen General-Kapitän von Luzon. Da ich in Erfahrung gebracht, dass die Chinesen, die in das Königreich Luzon gingen, um zu kaufen und verkaufen, von den Spaniern umgebracht worden sind, so habe ich nach der Ursache dieser Tödtungen geforscht und den König gebeten, Gerechtigkeit zu üben gegen diejenigen, die so grosses Uebel veranlasst, damit künftig Abhülfe geschafft werde und die Kaufleute Ruhe und Frieden haben. In den vergangenen Jahren, bevor ich als königlicher Kommissar hierher gekommen, ist ein chinesischer Kaufmann Namens Tioneg sammt drei Mandarinen mit Erlaubniss des Königs von China nach Luzon, nach Cabit gegangen, um Gold und Silber zu suchen, was alles erlogen war, denn er fand weder Gold noch Silber, und deshalb bat ich ihn (den König) diesen Betrüger Tioneg zu bestrafen, damit kund werde die strenge Gerechtigkeit die in China geübt wird.

Es war zur Zeit des Ex-Vizekönigs und Eunuchen, als Tioneg und sein Begleiter Namens Yanglion die erwähnte Unwahrheit sprachen, und ich bat später den König, dass er sich alle Papiere in der Angelegenheit Tioneg’s übersenden und besagten Tioneg sammt den Prozess-Akten kommen liesse und ich selbst sah die erwähnten Papiere ein und erkannte, dass alles, was besagter Tioneg gesprochen, erlogen war. Und ich schrieb an den König und sagte, dass wegen der Unwahrheit, die Tioneg gesprochen, die Castilier den Verdacht geschöpft, [278]wir wollten sie bekriegen, und dass sie deswegen mehr als 30,000 Chinesen in Luzon umgebracht hätten; und der König that, wie ich gebeten und bestrafte den besagten Yanglion, indem er befahl ihn zu tödten; und dem Tioneg befahl er den Kopf abzuschlagen und in einen Käfig zu stecken, und die chinesischen Leute, die in Luzon umgekommen, hatten keine Schuld. Und ich und andre verhandelten dies mit dem König, damit er befinde was sein Wille sei, in dieser Angelegenheit und in einer andern; nämlich, dass zwei englische Schiffe an diese Küsten von Chincheo (Fukien) gekommen waren, eine sehr gefährliche Sache für China, und dass der König entscheide, was in diesen beiden so ernsten Angelegenheiten geschehen solle. Auch schrieben wir an den König, dass er Befehl geben möge, die beiden Chinesen zu bestrafen, und nachdem wir die beiden vorerwähnten Dinge dem König geschrieben, antwortete er uns, wegen der englischen Schiffe, die nach China gekommen, falls sie gekommen, um zu rauben, so solle man ihnen unverzüglich befehlen, von dort nach Luzon zu gehn, und denen von Luzon solle man sagen, sie möchten Schelmen und Lügnern aus China keinen Glauben schenken, und unverzüglich die beiden Chinesen umbringen, welche den Engländern den Hafen gezeigt hätten, und in allem übrigen, was wir ihm geschrieben, wolle er unsern Willen thun. Und nachdem wir diese Botschaft empfangen, der Vizekönig, der Eunuch und ich, senden wir jetzt diese unsere Botschaften an den Guvernör von Luzon, damit seiner Herrlichkeit kund werde die Grösse des Königs von China und des Königreichs; denn er ist so gross, dass er alles beherrscht, was Mond und Sonne bescheinen; und auch damit der Guvernör von Luzon wisse, mit wie viel Weisheit dieses grosse Reich regiert wird, welches grosse Reich seit langer Zeit Niemand zu beleidigen wagte; und obgleich die Japaner versucht haben, Coria zu beunruhigen, welches zur Regierung von China gehört, sind sie damit nicht zu Stande gekommen, im Gegentheil sind sie daraus vertrieben worden, und Coria ist in grosser Ruhe und Frieden verblieben, wie die von Luzon von Hörensagen wohl wissen.

Im vergangenen Jahre, nachdem wir erfahren, dass wegen der Lüge Tioneg’s so viele Chinesen in Luzon umgekommen, traten viele von uns Mandarinen zusammen, und beschlossen dem König anheim zu stellen Rache zu nehmen wegen so vieler Tödtungen; und wir sagten: das Land von Luzon ist ein elendes Land von geringer Bedeutung, und war vor Alters nur ein Wohnsitz für Teufel und Schlangen und weil (seit einigen Jahren bis jetzt) eine so grosse Anzahl Chinesen dorthin gegangen, um mit den Castillas zu handeln, hat es sich so sehr veredelt, wobei die besagten Sangleyes viel gearbeitet, indem sie Mauern aufgeführt, Häuser und Gärten angelegt, und andre Dinge von grossem Nutzen für die Castillas; und da dies also ist, warum haben die Castillas nicht Rücksicht auf diese Dinge genommen, und diese guten Werke mit Dank erkannt, ohne so viele Menschen grausam zu tödten? und obgleich wir zwei oder dreimal an den König über die besagten Angelegenheiten geschrieben, antwortete er uns, da er über die oben erwähnten Dinge zornig war, und sagte: aus drei Gründen sei es nicht angemessen Rache zu nehmen, noch Krieg zu fuhren gegen Luzon. Der erste Grund, weil die Castillas (seit langer Zeit bis jetzt) Freunde der Chinesen sind, und der zweite Grund war, weil man nicht wissen könne, ob die Castillas oder die Chinesen den Sieg erlangen würden, und der dritte und letzte Grund, weil die Leute, welche die Castillas getödtet hatten, schlechtes Volk wären und undankbar gegen China, ihre Heimat, ihre Aeltern und Verwandten, da sie schon seit so vielen Jahren nicht nach China zurückgekehrt, welche Leute, so sagte der König, er wenig achte, aus den oben erwähnten Gründen; und er [279]befahl nur dem Vizekönig, dem Eunuchen und mir, diesen Brief durch diesen Gesandten zu schicken, damit die von Luzon wissen, dass der König von China ein grosses Herz hat, grosse Langmuth und viel Barmherzigkeit, denn er hat nicht befohlen die von Luzon zu bekriegen, und seine Gerechtigkeit tritt wohl zu Tage, da er auch die Lüge Tioneg’s bestraft hat. Und da die Spanier weise und verständig sind, wie kommt es, dass es ihnen nicht leid thut, so viele Menschen umgebracht zu haben, und dass sie nicht Reue darüber empfinden und milde sind gegen die Chinesen, die übrig geblieben? Denn wenn die Castillas Wohlwollen zeigen, und die Chinesen und Sangleyes die vom Kriege übrig geblieben, zurückkehren, und das schuldige Geld erstattet wird und das Eigenthum, was den Sangleyes fortgenommen worden, so wird Freundschaft bestehn zwischen diesem Königreich und jenem, und alle Jahre werden Handelsschiffe kommen und wenn nicht, so wird der König nicht erlauben, dass Handelsschiffe abgehn, im Gegentheil wird er Befehl geben tausend Kriegsschiffe zu bauen, mit Soldaten und Verwandten der Getödteten bemannt und mit den übrigen Leuten und Königreichen, welche Tribut an China zahlen, und sie werden Krieg führen ohne irgend Jemand zu schonen. Und darauf wird man das Königreich Luzon an die Leute geben, welche Tribut an China zahlen. Der Brief ist geschrieben vom General-Visitadór am zwölften des zweiten Monats.«


Einen denkwürdigen Gegensatz bildet ein etwa gleichzeitiger Brief des Herrschers von Japan:

Brief Daifusama’s, des Herrschers von Japan, an den Guvernör Don Pedro de Acuña im Jahre 1605. Ich habe von Eurer Herrlichkeit zwei (Briefe) erhalten und alle Gaben und Geschenke, entsprechend dem Verzeichniss. Unter dem was ich erhalten, war der Wein aus Trauben gemacht; ich habe mich daran sehr erfreut. In früheren Jahren bat Eure Herrlichkeit, dass sechs Schiffe kommen dürften, und im vergangenen Jahre bat sie um vier, welche Bitten ich immer gewährte. Das aber erregt mein grosses Missfallen, dass unter den vier Schiffen, um die E. H. bittet, eines von Antonio ist, welcher die Reise gemacht, ohne dass ich es befohlen; dies war eine Sache von grosser Keckheit, und eine Geringschätzung für mich. Will E. H. etwa das Schiff, das sie nach Japan senden möchte, ohne meine Erlaubniss senden? Abgesehen davon haben E. H. und Andre vielemal wegen der Sekten in Japan verhandelt und viele Dinge diese betreffend erbeten, welches ich eben so wenig gestatten kann; denn dieses Gebiet heisst Xincoco, welches bedeutet »den Götzen geweiht«, die seit unsern Vorfahren bis heut mit höchsten Lobpreisungen verehrt worden sind, deren Thaten ich allein nicht ungeschehn machen und vernichten kann. Weshalb es in keiner Weise statthaft ist, dass in Japan Euer Gesetz (Lehre) verbreitet und gepredigt werde; und wenn E. H. Freundschaft halten will mit diesen Reichen von Japan und mit mir, so thue sie das was ich will, und das was mir nicht gefällt, das thue sie niemals.

Endlich haben mir Viele gesagt, dass viele Japanesen, schlechte, verdorbene Menschen, die in jenes Königreich gehn und viele Jahre dort bleiben, darauf nach Japan zurückkehren, welches meinen grossen Unwillen erregt; und deshalb gestatte E. H. von jetzt fortan nicht, dass einer von den Japanesen in dem Schiffe mitkomme, welches hierher geht und in den übrigen Dingen wolle E. H. mit Ueberlegung und Vorsicht verfahren und solcher Art, dass sie fortan nicht mein Missfallen errege.

[280]


1 »Es haben vor der Zeit diese Insulen alle in gemein gehört vnder die kron China, sie haben sich aber umb gewisse vrsachen daruon abgesondert, Dannen her kein Regiment oder Policey ordnung vnder ihnen war, vnd diejenige welche am mächtigsten waren, behielten die Oberhandt, lebten vndereinander wie dz Viehe ... Die von China treiben in den Insuln gross Gewerb«. (J. H. Lindschotten 1596, deutsch Gebr. Brey Frkft. 1613 S. 58). Vergl. auch The Dutch memor. Embassies I. 140; Morga Hakl. 18, Anm.; Purchas 602; Don Juan Grav y Monfalcon Mem. al Rey No. 6; Calendar of State Papers, China & Japan No. 266; Manrique Itinerario de las Misiones, Roma 1653 S. 282. 

2 In den Philippinen werden die Chinesen gewöhnlich Sangleyes genannt. Nach Professor Schott: šang-lúi (im Süden szang-lói auch šenng-lói) mercatorum ordo; sang heissen besonders die ambulanten Händler, im Gegensatz zu den Kù, tabernarii. 

3 .. Es ist ein schlechtes lasterhaftes Volk, .. und da ihrer so viele, und sie grosse Esser sind, so vertheuern sie die Lebensmittel und verzehren sie ... es ist wahr, dass die Stadt ohne die Chinesen nicht bestehn kann, denn sie sind die Arbeiter in allen Beschäftigungen, sie sind sehr fleissig und schaffen um geringen Lohn, aber dafür würde eine geringere Anzahl ausreichen. (Morga f. 349.) 

4 Recopilacion Lib. IV. Tit. XVIII. ley 1. 

5 Informe I, III. 73. 

6 Die Chinesen durften nicht in der Stadt, sondern nur in einem besondern Bezirk Parian wohnen. 

7 Velarde 274. 

8 s. folgendes Kapitel. 

9 Zuniga XVI. 

10 Autos acordados II. 272. 279. 

11 Kein einzelnes Volk in Europa kann sich auch nur entfernt mit der Bevölkerung Californiens messen, die aus allen Ländern auserlesen, in den ersten Jahren wenigstens nur aus strebsamsten Männern in der Fülle ihrer Kraft bestand, ohne Greise, ohne Weiber, ohne Kinder, — deren Thätigkeit in einem Lande, wo alles geschaffen werden musste, (da auf hunderte von Meilen kein zivilisirter Nachbar wohnte) und wo alles Schaffen märchenhaften Gewinn brachte, auf die äusserste Grenze des Möglichen gesteigert war. Ohne hier auf Einzelheiten ihrer Leistungen einzugehn, mag nur daran erinnert werden, dass sie in 25 Jahren einen mächtigen Staat gegründet, dessen Ruf die ganze Welt erfüllt, an dessen Rändern ringsum junge Territorien kräftig aufsprossen, deren zwei schon zu Staaten herangewachsen sind. Nachdem die Californischen Goldgräber die Konfiguration des Bodens ganzer Provinzen geändert, indem sie mit Titanengewalt die Erdmassen ausgedehnter Hügellandschaften ins Meer schwemmten, um sich durch sinnreich ersonnene Vorrichtungen die feinsten darin enthaltenen Goldstäubchen anzueignen, setzen sie die Welt jetzt in Erstaunen als Ackerbauer, deren Erzeugnisse auf die fernsten Märkte gehn und überall unbestritten den ersten Rang einnehmen. So Grosses hat ein Volk geleistet, dessen Gesammtzahl heut wohl kaum eine halbe Million übersteigt, und dennoch wird es ihm nicht leicht, den Wettkampf mit den Chinesen zu bestehn. 

12 Sämmtliche Schienen in einer Gesammtlänge von fast 103,000 Fuss Rh. und von 20,000 Ztr. Gericht wurden von acht Chinesen gelegt, die in Gruppen von vier Mann einander ablösten. Aus zehntausend Arbeitern waren sie als die tüchtigsten ausgewählt. 

[Inhalt]

SIEBENUNDZWANZIGSTES KAPITEL

KURZER ABRISS DER GESCHICHTE. — SCHLUSSBETRACHTUNGEN.

Die Philippinen wurden von Magellan am 16. März 1521, dem S. Lazarus-Tage entdeckt,1 aber erst 1564, nachdem mehrere frühere Versuche fehlgeschlagen, gelang es Legaspi, der mit fünf Schiffen von Neu-Spanien auslief, den Archipel für Philipp II. in Besitz zu nehmen. Der Entdecker hatte die Inseln nach dem heiligen Lazarus getauft, dieser Name wurde indessen nicht gebräuchlich; die Spanier nannten sie hartnäckig die westlichen, islas del poniente (s. S. 2), die Portugiesen islas del oriente; Legaspi gab ihnen ihren gegenwärtigen Namen zu Ehren Philipps II., der ihnen seinerseits den später wieder verschollenen Titel Neu-Castilien beilegte.2 Zunächst nahm Legaspi Cebu, dann Panay in Besitz, erst sechs Jahre später (1571) eroberte er Manila, damals ein von Palissaden umgebenes Dorf und begann sofort den Bau einer befestigten Stadt. Die Unterwerfung der übrigen Gebiete geschah so schnell, dass sie bei Legaspis Tode (Aug. 1572) im Wesentlichen vollendet war. Zahlreiche wilde Stämme im Innern, die Muhamedaner-Staaten Mindanaos und der Sulugruppe haben bis heut ihre Unabhängigkeit bewahrt. Der Charakter der Bevölkerung sowohl als ihre politischen Einrichtungen begünstigten die Besitznahme. Es gab kein mächtiges Reich, keine alte Dynastie, keine einflussreiche Priesterkaste zu überwältigen, keine nationalstolzen Ueberlieferungen zu unterdrücken. Die Eingeborenen waren Heiden oder seit Kurzem oberflächlich zum Islam bekehrt und lebten unter vielen kleinen Häuptlingen, die mit grosser Willkür herrschten, einander befehdeten und [281]leicht überwunden wurden. Eine solche Gemeinschaft hiess Barangay; sie bildet noch heut, wenn auch in sehr veränderter Form, die Grundlage der Gemeindeverfassung.

Die Spanier beschränkten die Gewalt der eingeborenen Häuptlinge, hoben die Sklaverei auf und verwandelten den Erbadel in einen Dienstadel; sie führten aber alle diese Veränderungen mit Vorsicht, sehr allmälig aus.3 Die alten Gebräuche sofern sie nicht gegen das natürliche Recht verstiessen, blieben zunächst bestehn und hatten bei Prozessen Gesetzeskraft; in Kriminalsachen galt spanisches Recht. Heut haben die Cabezas de Barangay ausser dem Titel Don und der Befreiung von Kopfsteuer und Frohnden keine Vorrechte; sie sind, abgesehn von Ausnahmen, zu unbesoldeten, aber mit ihrem Privatvermögen haftbaren Steuereinnehmern geworden, — eine Maasregel, deren Klugheit bezweifelt werden mag; denn abgesehn davon, dass sie die Häuptlinge zu Unterschleifen und Erpressungen verleitet, entfremdet sie der Regierung eine Klasse von Eingeborenen, die eine Stütze ihrer Macht sein könnte. [282]

Wenn die vorgefundenen Verhältnisse die Eroberung ausserordentlich erleichterten, so scheinen auch die ersten Guvernöre und ihre Begleiter, die der Zeit angehörten, wo Spanien reich an Helden war, sich durch Muth und Klugheit ausgezeichnet zu haben. Legaspi besass beide Eigenschaften in hohem Grade. Angelockt wurden jene kühnen Abenteurer, wie in Amerika, durch Privilegien, die ihnen die Krone gewährte, und durch gehofften, zum Glück für das Land aber nicht bestätigten Goldreichthum. In Luzon, so meldet Hernando Riquel4, sind viele Goldminen, an vielen Orten, die von Spaniern gesehn wurden; das Erz ist so reichlich, dass ich nicht darüber schreibe, damit ich nicht in den Verdacht der Uebertreibung komme; aber ich schwöre als Christ, dass auf dieser Insel mehr Gold ist als Eisen in Biscaya. Von der Krone erhielten sie keinen Sold, aber das förmliche Recht die von ihnen eroberten Länder auszubeuten. Einige unternahmen solche Eroberungszüge für eigene Rechnung, andere waren zur Verfügung des Guvernörs und wurden von ihm je nach Verdienst mit Kommenden, Aemtern und Benefizien (Encomiéndas, ofícios y aprovechamiéntos) belohnt.

Die Kommenden wurden anfänglich für drei Generationen gewährt (in Neu-Spanien für vier), aber sehr bald auf zwei Generationen beschränkt; denn schon di los Rios5 hebt dies als eine der Krone sehr nachtheilige Maassregel hervor, »da sich nur wenige bereit finden Sr. Majestät zu dienen, indem ihre Enkel in das äusserste Elend gerathen.« Nach dem Tode des Belehnten fielen die Encomiendas an den Staat zurück, der Guvernör verfügte von neuem darüber. Das ganze Land war übrigens gleich Anfangs in Encomiendas getheilt worden, deren bei Weitem grössten Theil die Krone zur Bestreitung ihrer Ausgaben behielt. Dergleichen Lehne bestanden in einem mehr oder weniger grossen Gebiet, dessen Bewohner dem Komthur (Encomendéro) Tribut zahlen mussten; letzterer wurde aber in Produkten des Landbaues zu einem vom Lehnsherrn selbst festgesetzten sehr geringen Werth erhoben und mit grossem Vortheil an die Chinesen verkauft. Auch begnügten sich die Lehnsherren nicht mit diesen Einnahmen, sondern hielten die Eingeborenen als Sklaven, bis es durch R. C. und Breve des Papstes6 verboten wurde. »Kaffern- und -Negersklaven, welche die Portugiesen über Indien einführten«, blieben noch gestattet.7 [283]

Die alten Komthure beuteten ihre Lehne rücksichtslos aus. Schon vom Interims-Guvernör Labezares (1572–75) meldet Zuniga (S. 115), dass er die Bisayas besuchte und die Habgier der Encomendéros zügelte, so dass sie wenigstens während seiner Anwesenheit in ihren Erpressungen nachliessen. Gegen Ende von Lasánde’s Regierung (1575–80) bricht heftiger Streit zwischen Priestern und Komthuren aus, erstere predigen gegen die Bedrückungen der letzteren und berichten darüber an Philipp II., der König befiehlt die Indier zu schützen, da die Habsucht ihrer Lehnsherren alle Schranken übersteige. Es ward nun den Eingeborenen freigestellt ihren Tribut in Geld oder in natura zu entrichten. In Folge dieser wohlmeinenden Verordnung scheinen Ackerbau und Gewerbfleiss abgenommen zu haben, »da die Indier ohne Zwang nicht über das äusserste Bedürfniss arbeiten mochten«.

In Kürze mögen hier noch die Thaten Juán’s de Salcédo erwähnt werden, des ausgezeichnetsten jener Conquistadoren. Von seinem Grossvater Legaspi mit 45 spanischen Soldaten unterstützt, rüstete er auf eigene Kosten eine Expedition aus, schiffte sich im Mai 1572 in Manila ein, zog die ganze Westküste der Insel hinauf, lief in alle, seinen kleinen Schiffen zugänglichen Buchten und wurde an den meisten Orten von den Eingeborenen gut aufgenommen. Grösseren Widerstand fand er gewöhnlich, wenn er in das Innere drang, doch unterwarfen sich auch viele Stämme des Binnenlandes, und als er die NW.-Spitze Luzon’s, Kap Bogeadór erreichte, erkannten die ausgedehnten Gebiete, welche gegenwärtig die Provinzen Zambáles, Pangasinán, Nord- und Süd-Ylócos bilden, die spanische Herrschaft an. Die Ermüdung seiner Soldaten zwang Salcédo zur Umkehr. In Bígan, der jetzigen Hauptstadt von Süd-Ylócos, baut er ein Fort und lässt darin seinen Lieutenant mit 25 Mann zurück, er selbst aber kehrt um, begleitet von nur 17 Soldaten in drei kleinen Fahrzeugen. So erreicht er den Cagayánfluss an der Nordküste, und fährt denselben hinauf bis die grosse Zahl feindlicher Eingeborener ihn zur Rückkehr an das Meer zwingt. Die Reise an der Ostküste fortsetzend, gelangt er endlich nach Paracali, von da zu Lande an den See von Bay, dort schifft er sich auf einem Nachen nach Manila ein, schlägt um und wird, dem Ertrinken nahe, durch vorüberfahrende Indier gerettet.

Inzwischen war Legaspi gestorben; von Labezares, der provisorisch die Regierung führte, erfährt Salcédo kränkende Zurücksetzung. Als er über seine Neider gesiegt, wird ihm die Unterwerfung von Camarines aufgetragen, die er in kurzer Zeit vollbringt. 1574 kehrt er nach Ylócos zurück, um seinen Soldaten Encomiendas auszutheilen und die ihm zufallenden [284]zu übernehmen. Noch mit dem Bau von Bígan beschäftigt, sieht er die Flotte des grossen chinesischen Seeräubers Limahón, der sich der Kolonie bemächtigen wollte, 62 Schiffe mit zahlreicher Mannschaft, an der Küste vorüberfahren. Sofort eilt er mit allen in der Nachbarschaft zusammengerafften Anhängern nach Manila, wo er an Stelle des bereits gefallenen Maestro de Campo zum Befehlshaber der Truppen ernannt, die Chinesen aus der von ihnen zerstörten Stadt vertreibt. Sie ziehn sich nach Pangasinán zurück, Salcedo verbrennt ihre Flotte; nur mit genauer Noth gelingt es ihnen zu entkommen.

1576 starb dieser »Cortes der Philippinen«. (Zuñiga)

Abgesehen von den Geistlichen, bestanden die ersten Ankömmlinge nur aus Beamten, Land- und Seesoldaten (Morga 159); ihnen fiel daher auch der hohe Gewinn am Chinahandel zu. Manila war der Stapelplatz desselben und zog einen grossen Theil des hinterindischen an sich, den die Portugiesen durch ihre Grausamkeiten aus Malacca verscheucht hatten. Die Portugiesen sassen zwar in Macao und in den Molukken, es fehlte ihnen aber die von den Chinesen fast ausschliesslich begehrte Remesse, das Silber nämlich, das Manila aus Neu-Spanien erhielt.

1580 fiel überdies Portugal mit allen seinen Kolonien an die spanische Krone. Der Zeitraum von diesem Ereigniss bis zum Abfall Portugals (1580–1640) bezeichnet zugleich die höchste relative Machtstellung der Philippinen. Der Guvernör von Manila gebot über einen Theil von Mindanao, Sulu, die Molukken, Formosa, und die ursprünglich portugiesischen Besitzungen in Malacca und Vorderindien. »Alles was vom Kap v. Sincapura bis Japan liegt, hängt von Luzon ab; seine Schiffe befahren die Meere, gehn nach China, nach Neu-Spanien, und treiben so reichen Handel, dass man ihn, wenn er frei wäre, den bedeutendsten der Welt nennen könnte.« (Grav 30). »Es ist unglaublich, welchen Ruhm diese Inseln der spanischen Krone verleihen. Der Guvernör der Philippinen unterhandelte mit den Königen von Cambodia, Japan, China, ersterer war sein Verbündeter, letzterer sein Freund, sowie der von Japan. Er erklärte Krieg und Frieden ohne Befehl aus dem fernen Spanien abzuwarten.« — Aber schon begannen die Niederländer den Kampf, den sie gegen Philipp II. führten, in jenen fernen Erdwinkel zu tragen, und bereits 1610 klagt di los Rios, dass er seit 30 Jahren das Land wegen der Fortschritte der Holländer sehr verändert fände. Auch die Moros von Mindanao und Sulu wurden, von den Niederländern unterstützt, immer unbequemer (Carillo 3). Mit dem Abfall Portugals gingen auch die portugiesischen Kolonien wieder verloren. Die spanische Politik, das Priesterregiment, der Neid der spanischen Kaufleute und Gewerbetreibenden [285]that das Uebrige um die Entwickelung des Ackerbaus und des Verkehrs zu hemmen — vielleicht zum Glück für die Eingeborenen.

Die spätere Geschichte der Philippinen ist in ihren Einzelheiten eben so uninteressant und unerfreulich als die der spanisch-amerikanischen Besitzungen. Fruchtlose Expeditionen gegen Seeräuber, Streitigkeiten zwischen den geistlichen und weltlichen Behörden, bilden den Hauptstoff.8

»Als die ersten Zeiten des Glaubens und Waffenruhmes vorüber waren, ergriff elende Selbstsucht die Gemüther, Veruntreuungen wurden zur Regel, die meisten derjenigen, die später nach diesen entlegenen Besitzungen gingen, pflegten aus der Hefe der Nation zu bestehen.9 — Die spanischen Schriftsteller sind voll von Schilderungen jener traurigen Gesellschaft, die hier nicht wiederholt zu werden brauchen.

Von äussern Feinden, ausgenommen von Seeräubern, ist die Kolonie kaum belästigt worden. In frühester Zeit unternahmen die Holländer einige Angriffe gegen die Bisayas. 1762 (im Kriege über den Bourbonischen Familienpakt) erschien plötzlich eine englische Flotte vor Manila und bemächtigte sich ohne Mühe der überraschten Stadt. Die Chinesen hielten zu den Engländern, unter den Indiern bricht ein grosser Aufstand aus, die Kolonie von einem schwachen Erzbischof interimistisch regiert, schwebt in grosser Gefahr. Einem energischen Patrioten, dem Kanonikus Anda gelingt es aber, die Indier der Provinz gegen die Fremden aufzureizen. Von den Geistlichen eifrig geschürt, wächst der Widerstand so, dass die thatsächlich in der Stadt eingeschlossenen Engländer froh sind, abziehen zu können, als im folgenden Jahre die Nachricht des Friedensschlusses aus Europa eintrifft. Inzwischen hatten die durch die Invasion hervorgerufenen Aufstände sehr an Ausdehnung gewonnen; erst 1765 gelang es durch Aufhetzen der verschiedenen Stämme gegen einander, ihrer Herr zu werden. Die Provinz Ylocos soll dabei 269,270 Personen, die Hälfte ihrer Bevölkerung, verloren haben. (Zuñiga).

Härten und Taktlosigkeiten der Regierung und ihrer Werkzeuge, auch abergläubische Missverständnisse haben unter den Eingeborenen manchen Aufstand hervorgerufen, wohl keinen indessen von ernster Gefahr für die spanische Herrschaft. Die Unruhen blieben immer auf einzelne Gebiete [286]beschränkt, denn die Eingeborenen bilden keine einheitliche Nation, weder das Band Einer Sprache, noch das gemeinsamer Interessen verbindet die verschiedenen Stämme, die staatliche Gemeinschaft reicht bei ihnen kaum über die Grenzen des Dorfes und seiner Filiale.

Ein für die ferne Metropole viel bedenklicheres Element als die gleichgültigen, der augenblicklichen Eingebung folgenden, politisch zerrissenen, ziellosen Indier sind die Mestizen und Kreolen, deren Unzufriedenheit mit ihrer Zahl, ihrem Wohlstande und ihrem Selbstgefühl zunimmt. Schon die 1823 ausgebrochene Militärrevolte, deren Hauptanstifter zwei Kreolen waren, hätte leicht verhängnissvoll für Spanien enden können. Viel gefährlicher nicht nur für die spanische Herrschaft, sondern für die gesammte europäische Bevölkerung scheint der jüngste von Mestizen ausgegangene Aufstand gewesen zu sein: Am 20. Januar 1872 zwischen 8 und 9 Uhr Abends empörten sich in Cavite, dem Kriegshafen der Philippinen, die Artillerie, die Marine-Soldaten und die Zeughauswache und machten ihre Offiziere nieder. Ein Lieutenant, der die Kunde nach Manila bringen wollte, fiel einem Haufen von Eingeborenen in die Hände; erst am nächsten Morgen gelangte die Nachricht nach der Hauptstadt. Sofort wurden die verfügbaren Truppen abgesandt, aber erst nach heftigem Kampfe glückte es am folgenden Tage die Zitadelle zu erstürmen. Ein furchtbares Blutbad folgte, alles wurde nieder gemacht, niemand verschont. In Manila wurden zahlreiche Verhaftungen vorgenommen.

Nicht Ein Europäer war unter den Verschworenen, aber viele Mestizen, darunter eine Anzahl Geistlicher und Advokaten. Wenn die unter dem Eindruck des Schreckens geschriebenen ersten Berichte vielleicht auch manches übertreiben, so stimmen doch amtliche sowohl als Privatbriefe überein, das Komplot als lange geplant, weitverzweigt und wohl angelegt zu schildern. Die gesammte Flotte und ein zahlreiches Truppenkorps befand sich damals auf dem Feldzuge gegen Solo abwesend (s. S. 181), ein Theil der Garnison von Manila sollte sich gleichzeitig mit der von Cavite erheben, und Tausende von Eingeborenen waren bereit sich auf die caras blancas (die weissen Gesichter) zu stürzen und alle zu ermorden. Das Scheitern des Komplots war, wie es scheint, nur einem glücklichen Zufall zu danken, dem Umstände nämlich, dass ein Theil der Verschworenen einige bei Gelegenheit eines Kirchenfestes abgebrannte Raketen für das verabredete Signal hielt und zu früh losbrach.


[287]

Zum Schluss sei es gestattet, einige meist schon im Text zerstreut vorkommende Bemerkungen über das Verhältniss der Philippinen zum Auslande zusammenzustellen und kurze Betrachtungen daran zu knüpfen.

Spanien gebührt der Ruhm, die auf niederer Kulturstufe vorgefundene, von kleinen Kriegen zerfleischte, der Willkür preisgegebene Bevölkerung in verhältnissmässig hohem Grade zivilisirt, ihre Lage erheblich verbessert zu haben. Wohl mögen die gegen äussere Feinde geschützten, von milden Gesetzen regierten Bewohner jener herrlichen Inseln im Ganzen genommen während der letzten Jahrhunderte behaglicher gelebt haben als die irgend eines andern tropischen Landes unter einheimischer oder europäischer Herrschaft. Die Ursache lag zum Theil an den mehrfach erörterten eigentümlichen Verhältnissen, welche die Eingeborenen vor rücksichtsloser Ausbeutung schützten. Einen wesentlichen Antheil an dem Erfolge hatten aber auch die Mönche. Aus dem niederen Volke hervorgegangen, an Armuth und Entbehrungen gewöhnt, waren sie auf den nahen Verkehr mit den Eingeborenen angewiesen und daher besonders geeignet ihnen die fremde Religion und Sitte für den praktischen Gebrauch anzupassen. Auch als sie später reiche Pfarren besassen und ihr frommer Eifer in dem Maasse nachliess als ihre Einkünfte zunahmen, hatten sie den wesentlichsten Antheil an der Gestaltung der geschilderten Zustände mit ihren Licht- und Schattenseiten; denn ohne eigene Familie und ohne feinere Bildung blieb ihnen der intime Umgang mit den Landeskindern Bedürfniss, und selbst ihr hochmüthiger Widerstand gegen die weltlichen Behörden kam in der Regel den Eingeborenen zu Statten.

Die alten Zustände sind aber unter den veränderten Bedingungen der Gegenwart nicht mehr haltbar. Die Kolonie kann nicht länger gegen Aussen abgeschlossen werden. Jede Verkehrserleichterung ist ein Riss in das alte System und führt nothwendig zu weiteren freisinnigen Reformen. Je mehr fremdes Kapital und fremde Ideen eindringen, Wohlstand, Aufklärung und Selbstgefühl zunehmen, um so ungeduldiger werden die vorhandenen Misstände ertragen.

England mag seine Besitzungen unbekümmert dem Auslande öffnen, Fremde den Nationalen gleichstellen; die britischen Kolonien sind durch das Band gegenseitiger Vortheile, Erzeugung von Rohstoffen mit englischem Kapital, Austausch derselben gegen englische Fabrikate an das Mutterland gebunden, Englands Reichthum ist so gross, seine Einrichtungen zum Betriebe des Welthandels so vollkommen, dass die Ausländer in den britischen Besitzungen zumeist Agenten des englischen Handels werden, dessen altgewohnte Geleise selbst ein Aufhören des politischen Verbandes kaum [288]merklich verrücken dürfte. Anders ist es mit Spanien, das die Kolonie wie ein ererbtes Gut besitzt, ohne sie zweckmässig bewirthschaften zu können.

Schonungslos gehandhabte Regierungsmonopole, kränkende Zurücksetzung der Kreolen und reichen Mestizen und das Beispiel der Vereinigten Staaten waren die Hauptveranlassungen des Abfalls der amerikanischen Besitzungen. Dieselben Ursachen drohen auch in den Philippinen. Von den Monopolen ist hinreichend im Text die Rede gewesen. Mestizen und Kreolen werden zwar nicht wie ehemals in Amerika von allen Aemtern ausgeschlossen, fühlen sich aber tief verletzt und geschädigt durch die Schaaren von Stellenjägern, welche die häufigen Madrider Ministerwechsel nach Manila führen. Auch der Einfluss des amerikanischen Elementes ist wenigstens am Horizonte erkennbar und wird mehr in den Vorgrund treten, wenn die Beziehungen beider Länder zunehmen. Gegenwärtig sind diese noch gering, der Handel folgt einstweilen seinen alten Bahnen, die nach England und den atlantischen Häfen der Union führen.

Wer indessen versuchen will sich über die künftigen Geschicke der Philippinen ein Urtheil zu bilden, darf nicht einseitig ihr Verhältniss zu Spanien ins Auge fassen, er wird auch die gewaltigen Veränderungen berücksichtigen müssen, die sich seit einigen Jahrzehnten auf jener Seite unseres Planeten vollziehn. Zum ersten male in der Weltgeschichte beginnen die Riesenreiche zu beiden Seiten des Riesenmeeres in unmittelbaren Verkehr zu treten: Russland, für sich allein grösser als zwei Welttheile zusammengenommen, China das ein Drittel aller Menschen in seinen engen Grenzen einschliesst, Amerika mit Kulturboden genug um fast die dreifache Gesammtbevölkerung der Erde zu ernähren. — Russlands künftige Rolle im stillen Ozean entzieht sich zur Zeit jeder Schätzung. Der Verkehr der beiden andern Mächte wird voraussichtlich um so folgenschwerer sein, als der Ausgleich zwischen unermesslichem Bedürfniss an menschlichen Arbeitskräften einerseits und entsprechend grossem Ueberfluss daran auf der andern Seite ihm zur Aufgabe fallen wird. (s. S. 176).

Die Welt der Alten war der Rand des Mittelmeeres, unserem Welthandel genügten der atlantische und indische Ozean. Erst wenn das stille Meer vom lebhaften Verkehr seiner Gestade wiederhallt, wird von Welthandel und Weltgeschichte im wahren Sinne die Rede sein können. Der Anfang dazu ist gemacht. Vor nicht langer Zeit war der grosse Ozean eine Wasserwüste, den die einzige Nao alljährlich Einmal in beiden Richtungen durchzog. Von 1603 bis 1769 hatte kaum ein Schiff Californien besucht, jenes Wunderland, das vor 25 Jahren, mit Ausnahme weniger Stellen des Küstensaumes, eine unbekannte Einöde war, heut mit blühenden Städten [289]bedeckt, von Eisenbahnen durchschnitten, dessen Hauptstadt unter den Häfen der Union bereits den dritten Rang einnimmt, schon jetzt ein Zentralpunkt des Welthandels, und wahrscheinlich bestimmt bei Erschliessung des grossen Ozeans, eine der Hauptrollen zu übernehmen.

In dem Maasse aber als die Schifffahrt der amerikanischen Westküste den Einfluss des amerikanischen Elementes über die Südsee ausbreitet, wird der bestrickende Zauber, den die grosse Republik auf die spanischen Kolonien übt10, nicht verfehlen sich auch in den Philippinen geltend zu machen. Die Amerikaner scheinen berufen, die von den Spaniern gelegten Keime zur vollen Entfaltung zu bringen. Als Conquistadoren der Neuzeit, Vertreter des freien Bürgerthums im Gegensatz zum Ritterthum folgen sie mit der Axt und dem Pfluge des Pioniers, wo jene mit Kreuz und Schwert vorangegangen.

Ein beträchtlicher Theil des spanischen Amerika’s gehört bereits den Vereinigten Staaten an und hat seitdem eine Bedeutung erlangt, die weder unter der spanischen Herrschaft noch während der auf sie und aus ihr folgenden Anarchie geahnt werden konnte. Auf die Dauer kann das spanische System nicht neben dem amerikanischen bestehn. Während jenes die Kolonien durch unmittelbare Ausbeutung, zu Gunsten bevorzugter Klassen, die Metropole durch Entziehung der besten Kräfte, bei ohnehin schwacher Bevölkerung erschöpft, zieht Amerika aus allen Ländern die thatkräftigsten Elemente an sich, die auf seinem Boden von jeglicher Fessel befreit, rastlos vorwärtsstrebend, seine Macht und seinen Einfluss immer weiter ausdehnen. Die Philippinen werden der Einwirkung der beiden grossen Nachbarreiche um so weniger entgehn, als weder sie noch ihre Metropole sich im Zustande stabilen Gleichgewichtes befinden.

Für die Eingeborenen scheint es wünschenswerth, dass die oben ausgesprochenen Ansichten nicht schnell zu Thatsachen werden, denn ihre bisherige Erziehung hat sie nicht genügend vorbereitet um den Wettkampf mit jenen rastlos schaffenden, rücksichtslosesten Völkern zu bestehn; sie haben ihre Jugend verträumt. [290]


1 Am 27. April fiel Magellan, von einem vergifteten Pfeil getroffen, auf der kleinen Insel Mactan, vor dem Hafen von Cebu. Sein Lieutenant Sebastian de Elcano umschiffte das Kap der guten Hoffnung, brachte am 6. September 1522 eines der fünf Schiffe, mit denen Magellan 1519 aus San Lúcar ausgelaufen, und 18 Mann, darunter Pigafetta, nach demselben Hafen zurück und vollendete so die erste Weltreise, in 3 Jahren weniger 14 Tagen. 

2 Morga f. 5. — Nach späteren Schriftstellern sollen sie schon von Villalobos 1543 also benannt worden sein. 

3 Nach Morga (f. 140 v.) gab es in jenen Inseln weder Könige noch Herren, sondern in jeder Insel und Provinz viele Vornehme, deren Anhänger und Unterthanen in Quartiere (Barrios) und Familien eingetheilt waren. Solchen Häuptlingen wurden Abgaben von der Ernte (Buiz) und Frohnden geleistet, ihre Verwandten aber waren von den Leistungen der Plebejer (Timauas) befreit. Die Häuptlingschaften waren erblich, der Adel ging auch auf die Frauen über. Zeichnete sich ein Häuptling besonders aus, so folgten ihm die Uebrigen, behielten aber die Herrschaft über ihre durch besondere Beamte verwaltete Barangays.

Ueber das unter den Eingeborenen bestehende System der Sklaverei berichtet Morga (f. 141 — abgekürzt): Die Bewohner dieser Inseln zerfallen in drei Klassen: Adelige, Timauas oder Plebejer, und Sklaven der Adeligen und der Timauas. Es giebt verschiedene Arten von Sklaven, einige in ganzer Sklaverei (Saguiguilires); sie dienen im Hause, ihre Kinder desgleichen. Andre bewohnen mit ihren Familien eigene Häuser und leisten ihrem Herrn Dienste zur Saat- und Erntezeit, auch als Ruderknechte und beim Hausbau etc. Sie müssen kommen so oft sie gerufen werden, und diese Dienste leisten ohne Bezahlung oder Entschädigung, sie heissen Namamahayes, ihre Verpflichtungen gehn auf ihre Nachkommen über. Von diesen Saguiguilires und Namamahayes sind einige Vollsklaven, andre Halbsklaven und andere Viertelsklaven.

Wenn nämlich der Vater oder die Mutter frei war, so wird der einzige Sohn halb frei und halb Sklave; bei mehreren Söhnen erbt der erste den Stand des Vaters, der zweite den der Mutter, bei unpaarigen Kindern, ist das letzte halb frei und halb Sklave; die Nachkommen solcher Halbsklaven mit einem oder einer Freien sind Viertelsklaven. Die Halbsklaven, gleichviel ob Saguiguilires oder Namamahayes, dienen ihrem Herrn einen um den andern Monat. Halb- und Viertelsklaven können auf Grund des freien Theiles, der in ihnen ist, ihren Herrn zwingen sie für einen festgesetzten Preis frei zu lassen. Vollsklaven haben dieses Recht nicht. Ein Namamahaya gilt halb so viel als ein Saguiguilir. Alle Sklaven sind Eingeborene.

f. 143 v.: Eine Sklavin, die von ihrem Herrn Kinder hatte, wurde dadurch frei sammt diesen Kindern. Letztere galten aber nicht für wohlgeboren, nahmen nicht an der Erbschaft Theil, auch die Vorrechte des Adels, falls der Vater diesem Stande angehörte, gingen nicht auf sie über. 

4 Sehr wahrhafte und gewisse Beschreibung von dem, was neulich bekannt geworden über die neuen Inseln des Westens ... von H. R. Sekretär der Regierung dieser Inseln. Sevilla 1574. Morga Hakl. 389. 

5 Relation et Mém. de l’estat des isles Ph. Thévenot 28. 

6 Bulle Gregor XIV. 18. Apr. 1591. 

7 Morga Hakl. 328. 

8 v. Chamisso (Bemerkungen und Ansichten S. 72) weiss es dem Uebersetzer des Zuñiga Dank, dass er ihn der Pflicht überhoben bei dieser eklen Geschichte zu verweilen; doch ist Zuñiga’s Erzählung immer noch verhältnissmässig kurz und sachlich; die mit Recht abgekürzte engl. Uebersetzung enthält viele Fehler. 

9 Herzog von Almodovar Informe I. III. 199. 

10 Ich erlaube mir ein Beispiel anzuführen: Als ich mich 1861 an der Westküste von Mexico befand, bestand der zur Zeit durch die Invasion europäischer Mächte vereitelte Plan ein Dutzend nordamerikanischer Hinterwäldlerfamilien im Yaquithal (Sonora), einer Oase in der Wüste, anzusiedeln. Grosse einheimische Hacendéros erwarteten die Ankunft dieser Einwanderer, um sich unter ihrem Schutz anzusiedeln. Der Bodenwerth war nach Verlautbarung des Projektes beträchtlich gestiegen. 

[Inhalt]

Schiff aus dem 17. Jahrhundert.

[291]

[Inhalt]

ANHANG.

[293]

[Inhalt]

KOPFSTEUER UND FROHNDEN.

(Tributo, Polos y servicios.)

Der Tribut ist eine ehemals auch in Amerika bestehende Kopfsteuer, welche die der spanischen Herrschaft unterworfenen Eingeborenen zahlen. Die gleich nach der Eroberung eingeführte Steuer hatte ursprünglich einen doppelten Zweck: 1. Dotirung von Encomiendas zu Gunsten von Spaniern, denen für hervorragende Verdienste um die Krone eine Anzahl Indier überwiesen wurde, die ihnen Tribut zahlen mussten; 2. Bildung eines Fonds zur Bestreitung der Kolonial-Verwaltung.

Ein ganzer Tribut umfasst immer zwei Personen, gewöhnlich Mann und Frau, und ist daher ziemlich gleichbedeutend mit Familiensteuer. Die Einwohnerzahl der Ortschaften wird nach Tributen angegeben; früher wurden auf einen Tribut (wohl zu niedrig) 4½ Seelen gerechnet, gegenwärtig 6 Seelen, was eher zu hoch sein dürfte. Ein Einzelner bezahlt einen halben Tribut.

Ursprünglich betrug ein voller Tribut 1 Dollar = 8 r., 1611 wurde er auf 10 Realen erhöht (1½ r. Zuschlag für das Heer, ½ r. für den Klerus1) und, trotz mehrfacher Gegenverordnungen, von den Provinzialbehörden meist in Produkten erhoben — zu ihrem Nutzen, aber zum Schaden der einheimischen Bevölkerung und der Regierung; da die Einnehmer nur wenn der Markt ungünstig war, die Produkte mit grossen Unkosten belastet nach Manila schickten, wo die Fülle sie noch werthloser machte. Erst 1841 wurden Baarzahlungen allgemein eingeführt.

Seit 1852 beträgt ein Tribut 12 r. (in einigen Distrikten gelten besondre Bestimmungen). Dazu kommen noch: Sanctorum 3 r., Comunidad 1 r., Recargo ½ r, so dass die Gesammtabgabe 16½ r. oder für den Einzelnen 1 Dollar + ¼ r. beträgt.

Sanctorum ist für den Kultus, wird aber an die Regierung entrichtet, welche die Pfarrer nach dem Maassstabe von 180 Dollar für 500 Tributos besoldet.

Comunidad ist ein Zuschlag zum Gemeindefond (s. unten, Bürgerliche Einrichtungen).

Recargo ist ein seit Aufhebung des Brantweinmonopols eingeführter Zuschlag zur Deckung des dadurch veranlassten Ausfalls. — In Mindanao und den Bisayas wird kein Zuschlag erhoben.

Nach Agius (Memoria, Documento 5) steuert der einzelne Tributant jetzt 6.25 r. + 0.55 r. Recargo, zusammen 6.s, abgesehen von Sanctorum und Comunidad. Die Bewohner von Abra, Ilocos, Union, zahlen ausserdem noch 1½ bis 2¼ r. für die Bewilligung ihren Tabak ausserhalb des Estanco’s kaufen zu dürfen. [294]

Jeder Eingeborene ohne Unterschied des Geschlechts ist tributpflichtig vom zurückgelegten 18. Jahre an, wenn unter väterlicher Gewalt, vom 16. falls selbstständig.

Ausgenommen sind die Nachkommen der ersten Christen auf Cebu, Neubekehrte (letztere gänzlich oder für eine Reihe von Jahren), Gobernadorcillos und ihre Frauen, Barangay-Vorsteher, ihre Frauen und »Erstgeborene«. So heissen die vom Barangay-Vorsteher erwählten Assistenten, die zur Annahme des Amtes gezwungen und gleichfalls mit ihrem Vermögen haftbar sind, weshalb auch ihr Eigenthum jährlich inventarisirt wird (s. S. 181). »Manche ziehn sechs Monate und selbst ein Jahr Gefängniss solchem Ehrenamte vor«. (Barrantes 51. Anm.)

Ferner sind befreit Beamte mit festem Solde nebst Frau und Kindern unter väterlicher Gewalt; Mestizen und Abkömmlinge von Spaniern; Indierinnen die sich mit Chinesen verheirathen, weil sie auch als Wittwen wie Mestizinnen bezahlen, und verschiedene Andre; endlich Eingeborene die über 60 Jahre alt sind; arbeitsunfähige Krüppel; Kranke bis zu ihrer Wiederherstellung.

Reservados: Die durch Privilegium (spanische Mestizen), durch Alter oder Krankheit von der Kopfsteuer Befreiten zahlen ½ Realen per Kopf an die Regierung, wofür diese die Unkosten für ihr Seelenheil übernimmt, angeblich mit einem Schaden von ½ r. für den Kopf, da der Pfarrer für die Seele des Reservado dieselben Sporteln erhält, wie für die des Tributanten.

Mestizen von einem Chinesen und einer Indierin zahlen seit 1852 jährlich 3 Dollar an Tribut, früher weniger.

Die mit einem solchen Mestizen verheirathete Indierin steuert wie dieser während der Ehe, als Wittwe aber nur wie eine Indierin. Mestizen, die wie Eingeborene eigenhändig Feldbau treiben, zahlen auch nur wie diese. Die Mestizen bilden eigene Barangays, wenn ihrer 25 bis 30 Tributos zusammenwohnen, andernfalls gehören sie zu dem nächst gelegenen Barangay der Eingeborenen.

Jeder Chinese (Landbauer ausgenommen, von welchen nur 12 r. erhoben werden) zahlt seit 1852 6 Dollar Kopfsteuer und ausserdem eine Gewerbesteuer von 100 Dollar, 60 Dollar, 30 Dollar oder 12 Dollar.2

Der Gesammtertrag der Kopfsteuer ergab

1862 1867
Indier 1,740,637 Dollar 1,814,850 Dollar
Mestizen 141,206 - 149,900 -
Chinesen 100,356 - 117,550 -
Ungläubige 11,998 - 11,750 -
1,994,197 Dollar 2,094,050 Dollar

Der Tribut wird von den Alkalden oder Guvernören der Provinzen durch die Barangay-Vorsteher erhoben, »unter der wirksamen Mithülfe des frommen und fiskalischen Eifers der Pfarrer«, die ein direktes Interesse an der Zunahme der Kopfsteuer haben, da ihre Stipendien sich danach beziffern.

Jeder Barangay-Vorsteher hat in der Regel 45 bis 50 Tribute einzuziehn und in die Hauptkasse der Provinz abzuliefern. Für Erhebung der Kopfsteuer erhält er 1½%, der Gobernadorcillo ½% und der Deputirte der Hacienda (d. h. der Alkalde oder Provinzial-Guvernör) 3%. [295]

Die Barangay-Hauptmannschaften sind erblich und wählbar, bedürfen aber in beiden Fällen der Bestätigung der Hacienda, die nur den zuverlässigsten und wohlhabendsten Leuten ertheilt wird. Die Amtsdauer ist drei Jahre, nach deren Ablauf dasselbe Individuum wieder gewählt, aber niemals, ausser in Folge gesetzlich begründeter Ursachen, abgesetzt werden kann. In Wirklichkeit ist das Amt freilich oft ein gezwungenes, (s. oben). Der Cabeza wird von der Regierung ernannt und wählt sich einen »Erstgeborenen«. Den Cabeza liegt ausser Eintreibung der Kopfsteuer das Aufrechthalten der guten Ordnung unter den Tributanten ihres Barangay ob. Sie haben auch alle Leistungen, welche die Gemeinschaft treffen, unter die Mitglieder derselben zu vertheilen und diese gesetzlich zu vertreten. Der Tribut wird jährlich in drei Raten entrichtet, es finden dabei grosse Unterschleife, Ungerechtigkeiten und Bedrückungen seitens der Einnehmer statt.

Ausser dem Tribut hat jeder Indier jährlich 40 Tage öffentlicher Arbeiten zu leisten (Pólos y servicios), eine Woche Dienst im Tribunal (Tanoría), eine Woche Nachtwachen (Guárdia). Die Pólos y servicios bestehn in Arbeiten und Leistungen für Staats- und Gemeinde-Zwecke (Strassen- und Brückenbau, Botendienst u. s. w.).3 Da die Arbeitskräfte aber nur zum Theil zur Verwendung kommen, so sind die Frohnden in Geld ablösbar; im Allgemeinen für 3 Dollar. Die Summe ändert sich nach dem Wohlstande der Provinz; in den ärmeren beträgt sie 2 Dollar, in einigen sogar nur 1 Dollar (42½ Silbergr. für 40 Arbeitstage).

Die Tanoría besteht in einer Woche Dienst im Tribunal, der sich in der Regel auf Reinhaltung des Gebäudes, Bewachung der Gefangenen und ähnliche leichte Leistungen beschränkt. Die Semanéros müssen aber eine Woche im Gemeindehause anwesend und verfügbar sein. Auch von der Tanoría kann man sich loskaufen für 3 r.; von den Nachtwachen für 1¾ r.

Von allen persönlichen Leistungen befreit sind die Principales (und ihre Familien) nämlich Ex-Gobernadorcillos, Juéces-mayores und Cabezas von wenigstens 10 Jahren Amtsthätigkeit. Sie bilden einen inländischen Adel und werden »Don« titulirt.

Ein Gesetz vom 3. Novbr. 1863 (L. ult. III.) bestimmt zwar, dass alle männlichen Einwohner der Philippinen, Europäer oder Eingeborene, Spanier oder Ausländer, jährlich vier und zwanzig Tage persönliche Dienste zu verrichten oder deren Ablösung in Geld zu bewirken haben. Dieses Gesetz ist aber nicht zur Ausführung gekommen; Europäer sind von allen Abgaben frei. Mestizen von einem Spanier und einer Indierin gleichfalls, zahlen aber 7 r. Sanctorum und ½ r. Diezmo für die Regierung. Mit der Zahlung der Mestizen, namentlich der Mestizinnen wird es indessen nicht genau genommen.

Noch grössere Missbräuche als bei Einziehung des Tributes finden bei Vertheilung der Frohnden und ihrer Ablösung in Geld statt; da hierbei eine genaue Kontrolle um so weniger möglich ist, als die Vertheilung und Ueberwachung der Arbeit gänzlich von den inländischen Ortsbehörden, die immer zusammenhalten, abhängt. Ueberdies wagt ein Plebejer nicht leicht gegen seinen Cabeza [296]zu klagen. Häufig sollen auch spanische Beamte sich an jenen Unterschleifen und ihren Erträgen betheiligen. Sehr allgemein ist die missbräuchliche Verwendung der Polistas zu Privatdiensten.

Die Gemeindeverfassung der Philippinen4, welche die Spanier bei ihrer Ankunft schon vorgebildet fanden und geschickt abänderten, indem sie die erblichen Häuptlinge mehr und mehr durch einen Adel ersetzten, der nur im Regierungsdienst erworben werden kann, dessen Mitglieder zwar von den Eingeborenen, aber doch nur nach den Wünschen der Regierung gewählt werden, ist gewiss im Ganzen als eine glückliche Umgestaltung vorgefundener Verhältnisse zu betrachten. Die Regierung verkehrt nur mittelbar durch diesen unbesoldeten Adel mit den Eingeborenen; ihm liegt die Gemeindeverwaltung, die Polizei, die Eintreibung der Steuern ob. Das von Manchen übermässig gepriesene System hat aber auch grosse Nachtheile: die von ihren Genossen gewählten inländischen Beamten, welche von der spanischen Regierung keine Besoldung erhalten, keine Dienstbeförderung, zu erwarten haben, stehn dieser sehr unabhängig gegenüber und der Verband ist um so loser, als die spanischen Beamten so schnell wechseln, dass es ihnen, wenn nicht an den übrigen Eigenschaften, schon an Zeit mangelt, um das Vertrauen, die Zuneigung und Achtung der Eingeborenen zu erwerben. Da die unbesoldeten Cabezas überdies mit ihrem Vermögen für die Kopfsteuer ihrer Barangays haften, so werden sie leicht verleitet, sich durch Unterschleife gegen mögliche Ausfälle vorweg reichlich zu decken. Ein noch grösserer Uebelstand ist es, dass die Polizei während der Amtsdauer zwar von Kopfsteuer und Frohnden befreit bleibt, übrigens aber weder von der Gemeinde, noch von der Regierung besoldet wird, und daher freigebigen Uebertretern des Gesetzes sehr zugänglich ist.

Als der Tribut bei Gründung der Kolonie eingeführt wurde, um zur Deckung der Verwaltungskosten beizutragen, war in den Philippinen kein besteuerbares Eigenthum vorhanden; seine Beibehaltung unter den gegenwärtigen Verhältnissen erscheint weder geschickt noch gerecht. Die Steuer nimmt keine Rücksicht auf die Erwerbsfähigkeit, ja sie trifft nicht einmal den Armen und den Reichen gleich, sondern lässt Letztern gewöhnlich frei.

Nur diejenigen Europäer, die Ländereien besitzen, zahlen davon eine dem Zehnten des angeblichen Bruttoertrages entsprechende Abgabe (diezmos prediales). Der Gesammtertrag dieser Abgabe übersteigt nicht 7000 Dollar jährlich! Andrerseits berechnet Herr Agius (General-Intendant der Hacienda) die Summe, welche der Staat den Krüppeln, Altersschwachen und andern auf die öffentliche Wohlthätigkeit angewiesenen Individuen abpresst, auf 12,600 Dollar.

Schon lange wünschen die einsichtsvolleren Beamten den Tribut durch eine Steuer auf Grundbesitz und Gewerbe zu ersetzen, und alle davon Betroffenen vom Tribut zu befreien. Die Ausführung einer so heilsamen Maassregel ist aber unmöglich, so lange die Verhältnisse des Grundbesitzes nicht geordneter sind. Auch fehlen nicht nur alle statistischen Daten, sondern auch die Personen, von denen das mangelnde Material in irgend zuverlässiger Weise beschafft werden könnte. Die Schwierigkeit wird noch bedeutend dadurch vermehrt, dass wenige Spanier die Landessprachen, wenige Eingeborene spanisch verstehn, dass letztere im höchsten Grade misstrauisch sind und sich der Lüge fast instinktmässig als einer immer bereiten Schutzwehr gegen Jeden bedienen, der sie ausfragen will. [297]Um so schwieriger würde es sein, richtige Angaben zu erlangen, wenn es sich um ihren Geldbeutel handelt.

Ein Hinderniss sonderbarer Art, für eine Volkszählung in den Philippinen ist das fast gänzliche Fehlen aller Familiennamen und die geringe Manchfaltigkeit der angenommenen Namen. Früher scheint das Uebel noch grösser gewesen zu sein, wie aus folgendem Dekret des General-Kapitäns vom Novbr. 1849 (Leg. ult. I. 449) hervorgeht:

»Die Indier haben gewöhnlich keine Familiennamen, nehmen beliebige Namen meist von Heiligen an, wodurch die Polizei-Kontrolle und das Einsammeln des Tributes erschwert werden. Es werden daher an die Provinzialbehörden Verzeichnisse passender Namen geschickt, auch solcher aus dem Mineral-, Pflanzen- und Thierreich damit jeder Familie eines Pueblo ein Name ertheilt werde, den sie zu führen und zu behalten hat. Die Eingeborenen welche bereits Familiennamen besitzen, behalten dieselben. Solche, die schon vier Generationen hindurch einen Heiligennamen geführt haben, können ihn behalten, ausgenommen sind aber Namen wie Sa. Cruz und los Santos u. s. w., die wegen ihrer grossen Häufigkeit Anlass zu Verwirrungen geben.« [298]

[Inhalt]

BÜRGERLICHE EINRICHTUNGEN.

(Nach einem handschriftlichen Aufsatz im Ultramar-Ministerium.)

Es würde eine sehr eingehende Durchforschung der im Kolonial-Ministerium vorhandenen Präjudizien nöthig sein, um alle diejenigen, welche sich L. ult. III. 64.auf die bürgerlichen Einrichtungen der Philippinen beziehen, vor Augen zu haben, und selbst dann würde man vielleicht nicht dazu gelangen, sie vollständig kennen zu lernen, da die provinzielle Einheit kaum besteht und die städtische, mit der alleinigen Ausnahme von Manila, gänzlich unbekannt ist. Da aber diese Notizen nur zum Zweck haben in grossen Zügen zu schildern, welche Einrichtungen dort in Bezug auf lokale Fonds sowohl in ihrem Bestande, als in ihrer Verwaltung und Verwendung gelten, so soll hier nur summarisch besprochen werden, aus welchen Elementen das Ayuntamiento (Gemeinderath) der Hauptstadt besteht und durch welche Beamten in den übrigen Ortschaften (pueblos) der Mangel städtischer Körperschaften ersetzt wird. Das Ayuntamiento von Manila besteht aus zwei Alkalden und zwölf Regidoren, welche letztere unabsetzbar waren, bis durch R. C. 3. Dez. 1677 verfügt wurde, dass sie aus der freien Wahl der abtretenden Kapitulare (d. h. Regidoren) hervorgehn sollten. Diese am 1. Januar unter dem Vorsitz eines K. Rathes des obersten Gerichtshofes vereinigt, ernennen auch die beiden Alkalden, den Einen aus zwölf im Voraus bezeichneten Eingesessenen, nach Bestätigung ihrer Befähigung durch eine von der Ober-Zivilbehörde genehmigte Ausfertigung, den Andern aus den Regidoren, die den neuen Gemeinderath bilden sollen. Falls sich bis Mitternacht die Regidoren nicht über die Ernennung der Alkalden einigen können, so L. ult. III. 129.erfolgt dieselbe durch die Ober-Zivilbehörde; wenn letztere aus triftigen Gründen glauben sollte, den zu ihrer Kenntniss gebrachten Ernennungen die Bestätigung versagen zu müssen, so setzt sie ihre Gründe dem Ayuntamiento auseinander, damit dasselbe beschliesse, was ihm sachgemäss scheint.

Zur besseren Verwaltung der verschiedenen städtischen Geschäfte und Leistungen werden diese unter die Regidoren vertheilt; drei der letzteren versehn die Aemter des Alferez real, Procurador und Obrero mayor. Zwei sind deputirt für öffentliche Feste, zwei für die Polizei, zwei andre für die Verproviantirung. Es würde natürlich erscheinen, dass das Ayuntamiento über alle Angelegenheiten der Stadtgemeinde zu erkennen hätte: dies ist indessen nicht der Fall, denn nur die Angelegenheiten innerhalb der Stadtmauern gehören zu seinem Wirkungskreise, die übrigen zu dem des Ober-Alkalden von Tondo (jetzt Provinz Manila). Der Gobernador-Corregidor von Manila (ein durch R. D. Sept. 1859 gestiftetes Amt) führt den Vorsitz im Ayuntamiento, die Friedensrichter der Vorstädte handeln hinsichtlich der Zivilverwaltung als seine Abgeordnete. Er führt die Beschlüsse besagter Körperschaft aus, und sorgt für [299]Alles was sich auf städtische Polizei, Zufuhren, städtische Anlagen bezieht, ernennt auf Vorschlag des Ayuntamiento die Beamten desselben, vertritt es vor Gericht und bringt dessen Vorlagen an die Oberbehörde. Seine Befugnisse darf er auf einen der Alkalden oder Regidoren übertragen. Als Zivil-Guvernör führt er die Anordnungen der Oberbehörde aus, ordnet den Gesetzen entsprechend alle Maasregeln an, welche die persönliche Sicherheit, das Eigenthum und die Erhaltung der öffentlichen Ordnung betreffen, ertheilt Pässe und Erlaubnisscheine zur Führung von Waffen, unterstützt mit allen Kräften die Einziehung des Tributes und vollstreckt die in der Polizei-Ordnung festgesetzten Strafen. Diese Strafen dürfen nach R. D. 29. Sept. 1862 im Einzelfalle nicht übersteigen 600 Esc., wenn sie die Ober-Zivilbehörde, 300 Esc., wenn sie die Guvernöre von Manila, Bisaya, Mindanao, und 100 Esc. wenn sie die politisch-militärischen Guvernöre der Provinzen oder die Ober-Alkalden verhängen. Das Maximum der Arrest- oder Gefängnissstrafe soll 2 Monate sein, wenn sie von den obersten Behörden, einen Monat, wenn sie von den zweiten, 15 Tage, wenn sie von den dritten verfügt wird.

Ursprung der Lokalfonds. Zur Bestreitung der örtlichen Bedürfnisse in den Philippinen dienen die Leg. ult. III. 136.Fondos de Propios, Arbitrios y Comunidad, Gemeinde- Eigenthum- und Gefälle-Gelder. Die ersteren bestehn aus jeder Art beweglicher und unbeweglicher Güter und Gerechtsame, deren Eigenthum oder Niessbrauch den Städten, Ortschaften und Weilern gehört. Sie zerfallen je nach ihrem Ursprung in provinzielle und örtliche und werden demnach zu den Lasten einer Provinz oder einer bestimmten Oertlichkeit verwendet. Arbitrios nennt man das Produkt der Abgaben für Schlachtvieh, Stempel, Wagen, Reitpferde, Wege und Brücken, Fähren, Billards u. s. w. Von diesen Abgaben sind einige zur Bildung eines Provinzialfonds bestimmt, andre, wie der Loskauf von den persönlichen Leistungen (Polos y servicios), Wege- und Fährgelder und andre kleine Einnahmen, werden besondern Ortschaften oder Oertlichkeiten überwiesen. Früher hatten auch einige Abgaben den Zweck, ausschliesslich zur Deckung bestimmter Leistungen zu dienen, sie hiessen especiales; aber durch R. O. 21. Oct. 1858 wurde ihre Einzahlung in die k. Kassen angeordnet. Seitdem fällt ihre Erhebung sowohl, als die Leistungen, zu welchen sie bestimmt waren, der Verwaltungsbehörde zur Last. Zu dieser Klasse gehörten die Gebühren für Lagerhäuser, Reinigung des Hafens, Haverei, Leuchtthurm, der Aufschlag auf Reis u. s. w.

Die Fondos de comunidad (Gemeinde-Fonds) entspringen aus dem Zuschlag zum Tribut, welchen die k. Kassen erheben. Dieser Zuschlag beträgt ½ Real für Eingeborene und Mestizen von Chinesen, und 2 r. für Chinesen. Aus den Fonds der Propios und Arbitrios wird eine einzige Masse gebildet, die ohne Unterschied zur Bestreitung der Ausgaben der lokalen, allgemeinen oder provinzialen Verwaltung, oder der der Pueblos dient, so weit das Kapital eines jeden dieser Verbände reicht.

Die Fonds der Gemeindekassen dagegen sind von denen der Propios und Arbitrios gänzlich getrennt und haben eine besondere Verwendung; sie tragen mit dem Staate (hier so viel als k. Kasse) und den Propios und Arbitrios je zu einem Drittheil die Kosten der Erbauung und Instandhaltung der Casas reales (R. O. 24. Mai 1855), betheiligen sich an der Unterhaltung der allgemeinen Asyle und Krankenhäuser, kommen den Steuerzahlern bei allgemeinen Nothständen zu Hülfe und entrichten für dieselben den Tribut, wenn diese ihn aus eben dieser Ursache nicht zahlen können. Sollte indessen die Kasse der [300]Propios und Arbitrios einer Provinz oder einer Ortschaft zur Bestreitung ihrer Ausgaben nicht hinreichen, so ergänzt die General-Kasse des Verwaltungszweiges das Fehlende; eben so wie diese, wenn sie nicht hinreichendes Kapital besitzt, um ihre Ausgaben zu decken, von den Gemeindekassen unter Bedingung der Rückzahlung unterstützt wird.

Die General-Kasse, welcher, wie erwähnt, die allgemeinen Ausgaben der Verwaltung zur Last fallen, besteht aus zwei Theilen: erstens dem Kapital der Gemeindekassen, deren Verpflichtungen angeführt worden sind, zweitens aus den Erträgen dieses Kapitals und der zwei Prozente von den jährlichen Einnahmen der drei Zweige.

Obgleich in der Regel die Lokal-Kassen ⅔ der Unkosten für die Wohnungen Leg. ult. III. 480, I. 219.der Provinzial-Guvernöre trugen, wurde durch R. O. 4. und 21. Januar 1863 verfügt, dass genannte Beamte diese Unkosten aus den 2 Prozenten zu bestreiten hätten, welche sie für Erhebung der Abgaben erhalten.

Desgleichen wurde verordnet, dass sowohl der Unterhalt als der Transport armer Gefangener aus den Munizipal-Fonds bestritten werde (R. O. 2. Oct. 1859); Leg. ult. II. 11 & 113.durch eine andre bereits angeführte R. O. 24. März 1855 wird verfügt, dass die Leg. ult. IV. 260.Ausgaben für Erbauung und Instandhaltung der Gefängnisse von den Ortschaften aus den Fonds der Propios und Arbitrios bestritten werden, und in Ermangelung solcher aus den Gemeindekassen; durch R. D. 20. Dec. 1863 wird befohlen, dass die Normalschule von Manila aus der Zentralkasse der Propios und Arbitrios und die Provinzialschulen aus dem Lokalbudget erhalten werden.5

Verwaltung der lokalen Fonds. Seit Publikation der R. O. 2. April 1846 galt in der Verwaltung der Grundsatz, dass die Fonds der Propios, Arbitrios und Comunidad auf die lokalen Bedürfnisse verwendet werden und eine von den Staatsfonds getrennte, der Verwaltungsbehörde anvertraute Masse bilden. Folge davon war die Bildung (R. O. 17. März 1854 und 1. August 1856) einer Sektion für Propios und Arbitrios in der Verwaltung der Tribute und einer Sektion in der Kanzlei der Ober-Zivil-Regierung, indem zugleich vorläufige Bestimmungen für die gute Verwaltung dieser Fonds erlassen wurden.

Leg. ult. III. 135.Später gingen laut Verfügung vom 30. Aug. 1858 sowohl die Propios y arbitrios als die Gemeindefonds in die Verwaltung der Ober-Zivilbehörde über; es wurde eine dirigirende Junta der lokalen Verwaltung gebildet, welche unter dem Vorsitze jener Behörde, aus dem Staatsanwalt und einem Rath des obersten Gerichtshofes, dem General-Administrator des Tributes und dem Direktor der Lokalverwaltung bestand, mit dem zuerst genannten Beamten als Schriftführer. Zugleich wurde das Personal des Letzteren und eine Rechenkammer für die Lokalverwaltung, durch Umformen der im Sekretariat der Ober-Zivilbehörde und der General-Verwaltung des Tributs vorhandenen Sektionen geschaffen.

Leg. ult. III. 137.Die Obliegenheiten dieser Direktion bestehn in Ermittelung der Propios und Arbitrios der einzelnen Ortschaften und Provinzen, der Abgaben für den Gemeindefonds, [301]und der auf diesen Fonds ruhenden Lasten; in Erforschung angemessener Veränderungen in diesen Abgaben, Revision der veranschlagten Einnahmen und Ausgaben, welche die Ortschaften und Chefs der Provinzen nach diesen Voranschlägen entwerfen und endlich in Ausarbeitung und Einreichung eines allgemeinen Planes (formar los generales) an die Zivil-Regierung, damit diese nach erfolgter Bestätigung durch die dirigirende Junta der lokalen Verwaltung, der obersten Behörde Abschrift davon ertheile. Die Bestätigung ist der Rechenkammer (tribunal de cuentas) der Inseln vorzulegen, welcher die monatlichen (halbjährlichen laut R. O. 5. Okt. 1863) und die jährlichen Rechnungen zur Prüfung einzureichen sind, auf dass sie mit beiden gemäss Instruktion vom 31. Okt. 1859 (bestätigt durch R. O. 19. Mai 1861) verfahre.

Desgleichen hat die genannte Direktion die Versteigerung der verpachtungsfähigen Abgaben zu verfügen, welche die Ober-Zivilbehörde bestätigen oder verwerfen kann. Auch wird diese Behörde der höchsten Regierung die Einführung neuer Abgaben oder die Abänderung bestehender, wenn es angemessen erscheint, vortragen indem sie einstweilen den Ausfall einiger Provinzen, vorbehaltlich der gelegentlichen Rückgewähr, aus den Ueberschüssen anderer deckt. Nach R. O. 29. April 1860 muss, so oft ein Werk mit den lokalen Fonds ausgeführt werden soll, vorher der betreffende Anschlag gemacht werden, und wird die Ober-Zivilbehörde durch R. O. 23. Juli 1861 und 6. Juli 1863 ermächtigt, nach Vernehmung des Verwaltungsrathes Ausgaben zu bewilligen, welche 20,000 Dollar für Einmal und 10,000 Dollar, wenn es sich um wiederkehrende Anweisungen handelt, nicht übersteigen, und sollen die Arbeiten in derselben Form wie die aus Staatsgeldern bezahlten, in öffentlicher Lizitation vergeben und die Regierung davon in Kenntniss gesetzt werden, jedoch ohne die Akten einzusenden, wie R. O. 24. Juli 1862 vorschrieb. Falls diese Behörde von dem Ermessen der dirigirenden Lokalbehörde abweicht, bleibt die Ausgabe bis zur Erlangung der k. Genehmigung, welche ebenfalls nöthig ist für Alles was eine fortdauernde Belastung dieser lokalen Fonds herbeiführt, schweben.

Leg. ult. I. 164.Durch andre R. O. 1. Aug. 1861 wurde die Bildung einer von der Regierungs-Kanzlei abhängigen Sektion genehmigt, welche in Angelegenheiten der Verwaltung der Propios und Arbitrios und der Ueberschüsse der General-Kasse befindet, und ward ihr aufgetragen eine Verordnung für die gute Verwaltung besagter Gelder zu entwerfen. In der Absicht diese zu sichern, und da die Kassen der Ortschaften, wo sie aufbewahrt wurden, keine Gewähr boten, verfügte die Leg. ult. III. 224.oberste Zivilbehörde (19. April 1858) ihre Zentralisirung in den Hauptstädten der Provinzen zu Lasten der Ober-Alkalden und politischen Militär-Guvernöre. Leg. ult. III. 215.(Der Alkalde mayor sammelt die Gelder und schickt sie an die Haupt-Kasse in Manila.) Später (R. O. 21. Oct. 1858) ward verfügt, dass die Einnahmen aus den Zweigen der sogenannten Agenos und der Propios und Arbitrios in den öffentlichen Schatz flössen. Für diese Dienstleistung behält der Staat 20 % von den Propios (der Staat erhebt auch in Spanien 20 % von jedem Verkauf eines Gemeinde-Grundstücks oder andern Propios) und 10 % von den Arbitrios und Gemeindegeldern der Ortschaften und Provinzen.

Ausserdem beziehn die Chefs der Provinzen, welche Bürgschaft geleistet haben, (R. O. 21. Dez. 1860) 2 % und die Gobernadorcillos ½ % für die Mühe der Erhebung. In Folge dieser Maasregel trägt der Staatsschatz die Unkosten für die Direktion und die Rechenkammer der lokalen Verwaltung.

Leg. ult. III. 256.Voranschläge. Damit die Veranschlagung der Einnahmen und Ausgaben nach festen Regeln erfolge, sind solche durch R. O. 18. Mai 1861 aufgestellt [302]und sollen jene nach den einzelnen Provinzen, und zwar die für die Propios und Arbitrios getrennt von denen für die Gemeindekassen entworfen werden. Letztere Fonds sind für die besonderen Erfordernisse der Ortschaften bestimmt, die der Propios und Arbitrios für die der Provinzen und Distrikte. Die Einnahmen zerfallen in ordentliche und ausserodentliche je nach ihrer Art; die Ausgaben in nothwendige und freiwillige. Zunächst bestimmte die oberste Zivilbehörde über die Klassifikation der ersteren, unbeschadet der einzuholenden Bestätigung Ihrer Majestät und der jährlichen Einsendung ihrer Voranschläge (im Monat Juli) zur Kenntnissnahme der höchsten Regierung. Später wurde angeordnet, dass die Veranschlagungen klar und in’s Einzelne gehend abgefasst sein, dass die Ausgaben die Einnahmen nicht übersteigen, und dass am Schluss jedes Geschäftsjahres die Ueberschüsse der Gemeinde-, Propios und Arbitrios-Gelder in die betreffende Zentralkasse des Zweiges fliessen sollen.

Die Verordnung des Intendanten von 1786 verfügt (Art. 47), dass jede Ortschaft ihre jährlichen Ueberschüsse aus den Propios und Arbitrios oder Gemeindegütern zum Ankauf von Immobilien und zinsbaren Anlagen verwende, um unnöthige Gefälle (Arbitrios) zu beseitigen oder, falls keine vorhanden, genannte Ueberschüsse zur Förderung nützlicher Anstalten für den Ort oder die Provinz zu benutzen.

Bisher sind die Regeln über die Verwendung besagter Ueberschüsse noch nicht festgestellt worden; R. O. 18. März 1861 bestimmt nur, dass sie zentralisirt und über ihre Anlegung durch die Ober-Zivil-Verwaltung oder die Staatsregierung je nach Umständen, und gemäss den in Kraft bestehenden Vorschriften verfügt werden soll.6 [303]

[Inhalt]

UEBER DEN BODENKREDIT.

(Nach Aufsätzen im Diario de Manila, Dezember 1866.)

Ausgenommen einige grosse, durch Schenkungen in früherer Zeit erworbene Besitzungen ist das Grundeigenthum meist durch das Recht der Besitzergreifung und Urbarmachung entstanden, welches noch jetzt durch die Gesetze von Indien (Leyes de India) zu Gunsten der Eingeborenen anerkanntes Gemeinderecht ist. In Ausübung dieses Gemeinderechts nimmt der Eingeborene das zu seiner Wohnung und zum Feldbau benöthigte unbenutzte Land in Besitz und verliert es nur dann, wenn er es zwei Jahre lang nicht bearbeitet. Abgesehn von diesen geborenen und trotzdem sehr armen Grundeigenthümern, ist Grundbesitz gesetzlich auf folgende Weise zu erwerben: durch Kauf eines bestimmten Flächenraumes unbenutzten Kronlandes vom Staat; durch wirklichen Kauf von den Eingeborenen welche Ländereien besitzen; durch Verträge, pactos de retro genannt, die mit den Eingeborenen geschlossen werden; durch Verpfändung oder Hypothezirung von Schuldverschreibungen, welche eben diese Eingeborenen besonders bei Handelsgeschäften einzugehn pflegen.

Das erste Mittel sollte eine Quelle von Reichthümern sein, ist es aber aus verschiedenen Gründen nicht. Nur Wenige sind heut mit der Gesetzgebung über unbebautes Kronland vertraut, die aus einer Unzahl einzelner Beschlüsse besteht und ein kasuistisches, unzusammenhängendes verwirrtes Durcheinander bildet. Es wurde daher durch R. O. 1864 der Entwurf einer Verordnung für den Verkauf unbenutzter Ländereien befohlen, und müssen wir annehmen, dass diese Arbeit ziemlich weit vorgeschritten sei ... Nach einer Beschreibung der dabei stattfindenden Weitläufigkeiten heisst es weiter: das Ergebniss war, dass nach Verlauf von 2 oder 3 Jahren, wenn es gelang den Widerstand der Ortschaft zu besiegen, in deren Gerichtsbezirk das beanspruchte (pedido) Land lag, die betreffende Person einen Besitztitel darüber ausgefertigt erhielt, gegen Erlegung der unbedeutenden Summe von 4 r. für den Quiñon (weniger als 2 sgr. für den Morgen), einer Summe die nicht sowohl die Bedeutung eines Kaufpreises, als einer Anerkennung des Besitzes hatte. Diese Bestimmung war in Anbetracht der grossen Unkosten erlassen, welche das Ausroden und Urbarmachen in den Philippinen verursacht. Durch R. O. 1857 würde das Angebot für unbebautes Kronland auf 50 Doll. per Quiñon festgesetzt, und konnte der Zuschlag (concesion) nicht ohne vorhergehende öffentliche Lizitation erfolgen. Von jener Zeit an hielten sich Privatleute von derartigen Gesuchen fern: zu den alten Uebelständen gesellte sich der hohe Preis und die Gefahr überboten zu werden und dadurch Mühe und Kosten für Untersuchung des Terrains zu verlieren. 1859 [304]wurde das Dekret abgeändert, der alte Preis von 4 r. per Quiñon als Angebot wieder eingeführt; dieses Dekret ist aber noch nicht publizirt.

Damit dem Ackerbau Kapitalien zufliessen, ohne welche er sich unmöglich entfalten, Korn und Kolonialwaaren für die Ausfuhr erzeugen kann, ist es durchaus nöthig alle Hindernisse zu beseitigen, die Vermögende abschrecken. Unter diesen Hindernissen stehn in erster Reihe die Lokalgerichtsbarkeit bei Bewilligung unbebauter Kronländer; in zweiter die Hindernisse, welche Nationalen sowohl als Ausländern, die in Landgemeinden Niederlassungs- und Bürgerrecht (radicacion y vecindad) erwerben wollen, in den Weg gelegt werden. Ausser der Schwierigkeit grosse Besitzungen zu erwerben, sind noch andre vorhanden. Der Pflanzer kann leicht Arbeiter finden, denen er bedeutende Vorschüsse an Kleidern, Korn, Vieh und Geld machen muss; aber die Indier halten ihre Kontrakte schlecht; die dem Pflanzer zu Gebot stehenden gesetzlichen Mittel, um sie zur Erfüllung der eingegangenen Verpflichtungen zu zwingen, sind so schwerfällig und so verderblich wie das Aufgeben des Rechtes selbst. Wenn der Alkalde nicht thätig ist und guten Willen zeigt, so ziehn die Pflanzer gewöhnlich vor, ihre Ansprüche nicht geltend zu machen; sie tragen den Verlust und manche werden dadurch bewogen ihre Unternehmungen aufzugeben. Dieser Krebsschaden der Landwirtschaft wird verschwinden, sobald jeder Indier einen Bürgerbrief (cedula de vecindad) besitzt. Ist das erste Jahr überstanden, so sind später Stürme, Heuschrecken, Handelskrisen, die den Preis der Produkte herabdrücken, zu gewärtigen. In solchen Fällen wird es für den Pflanzer zum grossen Uebelstand, dass kein Kredit vorhanden. Hypotheken giebt es nicht, wenigstens keine obligatorische Hypothekenregister; daher wagt Niemand sein Geld auf dergleichen Grundstücke auszuleihn, oder thut es nur gegen erdrückende Wucherzinsen. Eine Besserung in dieser Beziehung wird in den Philippinen von der grossen und kleinen Landwirthschaft, vom Handelsstand, vom grossen und kleinen Besitz dringend verlangt; sie würde dem Pacto de retro so wie den wucherischen Verträgen, die in Luzon tacalanan, in Bisaya alili heissen (Darlehn auf den Ertrag der nächsten Ernte) und denen an vielen Orten das herrschende Elend, das Zurückbleiben zugeschrieben werden muss, für immer ein Ziel setzen.

Es müssen klare, schnell ausführbare Bestimmungen erlassen werden, durch welche die mit den Kolonen geschlossenen Verträge zur Wahrheit werden; den Eigenthümern muss durch Eintragung ihrer Grundstücke in ein Hypothekenbuch die Möglichkeit gegeben werden, Darlehen ohne andre Sicherheit unter mässigen Bedingungen zu erlangen.

Pacto de retro ist eine der gebräuchlichsten Formen durch welche ländliche Besitzungen aus den Händen der Eingeborenen an Andre übergehn. Ein beträchtlicher Theil von Pampánga, Bataán, Manila, Laguna, Batángas und anderen Provinzen hat innerhalb weniger Jahre auf diese Weise die Besitzer gewechselt. Auf diese Weise erwerben gewöhnlich die unbeschreiblich schlauen und sparsamen Mestizen ihre Ländereien, deren Kultur sie dann verbessern; was aber nicht hindert dass dieser Gebrauch für den Volkswohlstand verderblich ist.

Der Eingeborene, der ein Stück Land durch Urbarmachung und Besitzergreifung, aber fast nie oder sehr selten durch Kauf von einem andern Eigenthümer inne hat, bietet, wenn er sich in drückender Geldnoth befindet, sein Land zum Pfande für ein vom Kapitalisten begehrtes Darlehn, da er aber keine Urkunde besitzt, um sein gutes Recht zu beweisen und zu zeigen, dass es von allen Lasten und Verpflichtungen frei ist, so ist keine Grundlage für ein hypothekarisches Darlehn unter billigen Bedingungen vorhanden. [305]

Der Kapitalist sucht daher seine Sicherheit im unmittelbaren Besitz. Die Hypothek verwandelt sich in ein antichretisches Pfand (prenda pretoria), und da es sehr schwer ist, oder wenigstens sehr selten vorkommt, dass der Indier, der das Geld empfängt, es freiwillig zur festgesetzten Zeit zurückzahlt, und es nicht im Interesse des Darleihers liegt, ihn zur Zahlung zu zwingen, so geschieht es, dass für die einem hypothekarischen Darlehn entsprechende Summe, d. h. für den halben oder drittel Werth des Pfandes, das Grundstück definitiv den Besitzer wechselt; nicht selten geschieht es, dass der ehemalige Eigenthümer dann als Kolon (Arbeiter, thatsächlich Schuldsklave) auf dem Grundstück verbleibt. Häufig wird der Indier in Folge seiner Sucht für Hahnenkämpfe und Hasardspiele zu dergleichen Kontrakten verleitet.

Die Landesgesetze verlangen, dass die Indier in Ortschaften leben, ihre Gehöfte zu Dörfern vereinigen, damit sie überwacht und ihre Leistungen erhoben werden können. Unter gewöhnlichen Umständen baut sich der Indier eine Hütte auf seinem Acker, wo er zur Zeit der Feldarbeiten wohnt, und geht Samstag Abend nach dem Dorf um am Sonntag die Messe zu hören. Sein Feld hat für ihn keinen grossen Werth, da er immer wieder ein andres Stück urbar machen kann; so gross ist der Ueberfluss an Land bei allen von der Hauptstadt entfernten Ortschaften. Die Leichtigkeit, mit der ein Grundstück aufgegeben, ein andres in Besitz genommen werden kann, ist der Entwicklung des Landbaus sehr schädlich. Ein kleiner Grundbesitzer, der ohne Jemand um Erlaubniss zu fragen ein wüstes Stückchen Land mit Reis oder Bataten bepflanzt hat, erhebt ein Geschrei, wenn es von einer Kuh oder einem Pferde, das seit Jahren dort graste, betreten wird, und lässt sich, da das Gesetz zu seinen Gunsten lautet, vom Eigenthümer des Viehs einen oftmals imaginären Schadenersatz zahlen, während doch der Schaden von demjenigen getragen werden sollte, der sein Feld baut, ohne es einzuhegen.

Derselbe kleine Eigenthümer macht zu seinen Gunsten alle Vorrechte und Gerechtsame eines ganzen Dorfes voll Indier geltend, wenn ein vermögender Mann in seiner Nachbarschaft eine Pflanzung anlegen will. Oft findet der zu solcher Anlage entschlossene Kapitalist, dass in dem vorher völlig unbebauten oder wüsten, gegen Zahlung einer gewissen Summe nach langen Weitläufigkeiten von der Hacienda erworbenen Gebiete einige Indier ein Saatfeld angelegt haben und durch Zeugnisse, die mit Unterschriften bedeckt aus dem Tribunal kommen, bekräftigen, dass sie dieselben von ihren Vätern geerbt und nie unterlassen haben, sie zu bearbeiten.

Eine Abhülfe dieser Missbräuche würde in der Begrenzung des Gebietes und der Gerichtsbarkeit der Gemeinden liegen, so dass zum Behuf der Vermehrung des ländlichen Eigenthums, für die Insassen eines Pueblo so viel Land frei bliebe, als sie gegenwärtig vernünftiger Weise beanspruchen können; mehr oder weniger, als die sogenannte Gemeinde-Feldmark (legua comunal), deren übrigens kein Gesetz Erwähnung thut. Alles übrige im Gerichtsbezirk belegene Land müsste aber für Kronland erklärt, alle gegenwärtig ausserhalb des Gemeindegebiets belegene Besitzungen für rechtsgültig erworben; in der Folge aber alles nicht nach den vorgeschriebenen Regeln Besessene für ungültig erklärt werden; innerhalb des Gemeindebezirkes oder rechtmässigen Eigenthums der Ortschaften, welches nicht über die Schallweite der Kirchenglocke hinausreichen darf, muss dem einheimischen Bauer gestattet sein, ausserhalb des Pueblo in Mitten des von ihm bebauten Landes zu wohnen; und nur falls er letzteres veräussert oder aufgiebt, muss er gezwungen sein, im Pueblo zu leben; die [306]Eingeborenen müssen innerhalb des Gemeindegebietes neue Grundstücke urbar machen und erwerben können, indem sie einen kleinen Erbzins an die Gemeinde-Kasse, oder eine mässige Summe für Einmal erlegen.

Dergleichen Beleihungen müssen von der Gesammtheit der Dorfältesten (Principales) mit voller Oeffentlichkeit, unter Mitwirkung des Pfarrers erfolgen und in ein von jedem Pueblo zu haltendes Buch eingetragen werden; sie dürfen nie mehr Raum umfassen, als der Bewerber mit seinen eignen Büffeln bearbeiten kann.

Wenn solche Beleihungen von Staatsländereien nicht über ein Quiñon betragen, so sollen sie nach vorgeschriebenen Formen vom Alkalden der Provinz, wenn von grösserem Umfange, in der Hauptstadt der Kolonie ausgefertigt werden. Alle aber müssen in das Grundbuch der betreffenden Provinz und des betreffenden Pueblo eingetragen werden. Die zur Begünstigung der Eingeborenen und zur Förderung der Viehzucht erlassenen, aber das Gegentheil bewirkenden Bestimmungen müssen aufgehoben werden.

Der Landbau bedarf, wie jedes andre Gewerbe keines Schutzes, als Klarheit und Sicherheit in seinen Lebensbedingungen. — [307]

[Inhalt]

DIE GEMEINNÜTZIGE GESELLSCHAFT DER LANDESFREUNDE.

(Sociedád de los Amígos del país.)

Der Schöpfer des Tabakmonopols Basco y Vargas, der durch künstliche Reizmittel die Trägheit der Kolonisten zu überwinden und Sinn für das Gemeinwohl zu erwecken hoffte, gründete 1781 die Sociedád económica de los Amígos del país zur Förderung des Ackerbaus und der Gewerbe. Die von der Gesellschaft selbst 1860 veröffentlichten Akten über ihren Ursprung und ihre denkwürdigen Thaten (hechos notables) sind so bezeichnend für die Erfolglosigkeit derartiger Bestrebungen in einer Kolonie, wo es gänzlich an Gemeinsinn fehlt, dass ein Auszug gerechtfertigt scheint.

Bald nachdem die Gesellschaft ihre Statuten entworfen, gerieth ihr Eifer in’s Stocken und 1797 fasste ihr Präsident auf eigene Hand den Beschluss, die Sitzungen einzustellen und das 6000 Dollar betragende Gesellschaftsvermögen dem Handelsgericht zu übergeben. Erst 1820 gelang es einem Generalkapitän, sie wieder in’s Leben zu rufen. Bei ihrer Stiftung war der Gesellschaft das Vorrecht eingeräumt worden, in der Nao von Acapulco (siehe S. 14) bis zum Betrage von 2 Tonnen Handel zu treiben oder dieses Privilegium zu verkaufen. Der daraus erzielte Gewinn war bei der Wiedereröffnung auf 41,749 Dollar, beinahe 60,000 Thaler, angewachsen. Die wiederentstandene Gesellschaft revidirte ihre Statuten, theilte sich in 4 Sektionen: Naturgeschichte, Ackerbau, Gewerbe, Handel, jede mit Vizedirektor, Vizezensor, Vizeschatzmeister, und stellte abermals ihre Thätigkeit ein. 1822 ermunterte sie sich noch einmal und gab auch während einer Reihe von Jahren fast alljährlich einige Lebenszeichen s. S. 219. Neuerdings ist sie indessen wiederum müde geworden, denn in ihrer Sitzung vom 24. August 1866 beschloss sie, ihr Vermögen als patriotisches Geschenk den von der Bombardirung Callao’s zurückkehrenden Schiffen darzubringen, und »diese besonders günstige Gelegenheit zu benutzen, um einen Akt patriotischer Aufopferung zu begehn und dem Staate einen Dienst zu leisten«.

Die Gesellschaft besitzt 25 bis 30,000 Dollar; aber Reichthum macht Sorgen. »Von diesem Vermögen, dessen genauer Betrag den Mitgliedern unbekannt, ist seit vielen Jahren nicht die geringste Summe auf Förderung des Gemeinwohls verwendet worden, obgleich die Gesellschaft nur zu diesem Zweck besteht. Der grösste Theil der für die Sitzungen bestimmten Zeit geht gewöhnlich mit Fragen, betreffend die Anlage und Einziehung dieser Kapitalien, verloren. Förmlichkeiten und Rechnungsführung haben Jahre lang die ganze Aufmerksamkeit der Gesellschaft beschäftigt. Auch ist es vorgekommen, dass einige mit dem Zensorenamte beehrte Mitglieder die Schlüssel der Kasse nicht annehmen wollten, welche letztere seit vielen Jahren nicht geöffnet werden konnte wegen der Schwierigkeit, die übrigen Inhaber der Schlüssel (conclaveros) zu vereinigen.« [308]

Der damalige eifrige Generalkapitän Don Jose de la Gandara tadelte die Gesellschaft in einer Ansprache vom 17. Januar 1867 für ihren patriotischen Beschluss und forderte sie auf, ihr Geld zur Gründung eines botanischen Gartens verbunden mit einer Ackerbauschule zu verwenden und eine zur Verbreitung im Auslande bestimmte Denkschrift auszuarbeiten, worin die Fruchtbarkeit der Philippinen, die Leichtigkeit mit welcher dort Pflanzungen angelegt werden könnten, hervorgehoben werde, um Familien, welche das nöthige Kapital und praktische Kenntnisse besitzen, zur Einwanderung zu veranlassen.

Die wahrscheinlich aus einem sehr ausgebildeten Schicklichkeitsgefühl hervorgegangene Kunst, für etwas, das man zu thun oder zu unterlassen entschlossen, einen schönen Beweggrund aufzufinden, offenbart sich öfter in amtlichen spanischen Dokumenten. Auch das folgende Stück über Einführung der Opium-Regie kann als Beispiel dienen. [309]

[Inhalt]

EINFÜHRUNG DER OPIUM-REGIE.

Die Opium-Regie ist seit 1. Januar 1844 in den Philippinen eingeführt, nachdem die Mehrheit einer zur Berathung dieser Maasregel berufenen Junta sich dafür ausgesprochen hatte. In der Einleitung zu dem betreffenden Gesetz (Autos acordados I. 392) lobt der Generalkapitän diese Mehrheit und tadelt die dissentirende Minderheit, die sich, durch veraltete Vorurtheile und gemeine Ueberlieferungen irre geleitet, gegen alle Verbesserungen, selbst die nützlichsten, sträubt, während die Fortschritte der Volkswirthschaft und das Beispiel der zivilisirten Nationen dergleichen Bedenken längst beseitigt haben. In einem Bericht des Consejo pleno an den Generalkapitän vom 22. September 1864 über dieselbe Angelegenheit heisst es (im Auszuge): Nachdem der Rath alle Gründe für und gegen die Opium-Regie wohlerwogen, kommt er zu dem Schluss, dass das Opiumrauchen zu erlauben sei.... Zuerst werden die gegen die Maasregel sprechenden Ansichten von eilf bedeutenden Aerzten, Volkswirthen und Gesellschaften angeführt; gegen alle diese Autoritäten aber giebt der Ausspruch des spanischen Konsuls in China7 den Ausschlag, wonach die Chinesen, die nach Belieben Opium rauchen, dennoch stark und arbeitskräftig sind. Auch sei das Opium in der Türkei, in ganz Britisch-Indien, Cochinchina und China gesetzlich erlaubt. Ferner sage Dr. Pedro Mata in seiner Medicina legal y toxicologia 1846, welche in den medizinischen Anstalten Spaniens als Lehrbuch diene, geistige Getränke, gewisse Medikamente und zu angestrengtes Studiren führten zur Impotenz; das Opium erwähne er aber nicht. Der Consejo schliesst weiter: führte das Opium zur Impotenz, so würden es die reichen Chinesen gewiss nicht rauchen; in Europa seien mehrere Personen von grossen Fähigkeiten Opiumraucher gewesen, Opium sei nicht schlimmer als Brantwein, verbiete man das Eine, so müsse man auch das Andere verbieten ...

In der Antwort des Generalkapitäns auf diesen Bericht heisst es unter Anderem ... Beim Abwägen der Gründe für und gegen die Zulassung des Opiums hat der Rath die Zeugnisse gegen diese Maasregel angeführt und ihnen andere, wenigstens so achtbare aber »amtlichere« gegenübergestellt ... Sicherlich, wenn das Opium gegen die Religion, die Moral, die Humanität verstiesse, so würden Nationen wie Frankreich und England, die einen so hohen Rang in der allgemeinen Zivilisation einnehmen, es nicht gestatten; da aber das Gegentheil stattfindet, so müsse man natürlich zu dem Schluss kommen, dass jene aller wichtigsten und heiligsten Dinge nicht, wie Manche andeuten möchten, davon betroffen werden; der Türkei und China’s solle hier gar nicht gedacht werden ... [310]

Weiter heisst es: »Da keine Statistik vorhanden ist, welche nachweist, dass Chinesen in Singapore vom Opiumgebrauch gestorben sind, so müssen die Gründe der Opiumgegner offenbar übertrieben sein, und kann man ihre, der Renta nachtheilige Meinung nicht gelten lassen. Wäre das Opium so giftig, wie sie sagen, so müssten die Chinesen daran zu Dutzenden sterben, was jedoch nicht zutrifft« ... »Es sind aber auch wichtige politische Gründe für die Gestattung vorhanden: Die Chinesen sind jedenfalls in unsern Archipel gekommen in der Voraussetzung, dass sie hier Opium rauchen dürfen; wollte man nun das Opium plötzlich verbieten, wie in den früheren Eingaben vorgeschlagen worden, und die Uebertreter mit Geld- und Gefängnissstrafen belegen, wie dies vor Einführung dieser Renta geschehn, so würden die meisten Chinesen in die Gefängnisse kommen oder auswandern, was gewiss nicht recht und billig wäre und auf keinen Fall geschehen darf. Eine so unzweckmässige Maasregel wäre gerade gegenwärtig höchst unpolitisch. Wir wollen mit China Verträge schliessen zur Erleichterung des Handels; was würde die chinesische Regierung sagen, wenn wir mit ihren Unterthanen also umgingen? ... Für unsere Kassen ist die Opiumrente unentbehrlich. Dennoch tritt diese Erwägung ganz in den Hintergrund gegen die volkswirthschaftliche und politische Frage, betreffend die Einwanderung der Chinesen, für welche der Opiumgebrauch eine Lebensnothwendigkeit ist ..«

Durch Gesetz vom 29. September 1864 wird die Beibehaltung der Opium-Regie genehmigt. Mestizen und Indier dürfen nicht Opium rauchen.

In einer vertraulichen »Comunicacion« des Generalkapitäns de la Gandara an den Kolonial-Minister, Februar 1867, die mir im Ultramar-Ministerium vorgelegt worden, klagt derselbe, dass das Opiumrauchen sehr zugenommen habe, was grossentheils den ungeschickten Maasregeln oder der Unehrlichkeit der Beamten zuzuschreiben sei. Entweder um die Einnahmen aus dieser unlautern Steuerquelle zu vermehren, oder aus Eigennutz haben jene Beamten ausser den 478 öffentlichen Opiumläden (Fumaderos) »wahren Heerden der Immoralität und immer mit Chinesen angefüllt«, Hunderten von chinesischen Privaten die Erlaubniss verkauft, zu Hause Opium zu rauchen, was durchaus dem Gesetz und den Absichten der Regierung widerspricht.

Nach dem Presupuesto betrug die Einnahme der Opium-Regie 1860 98,000 Esc., 1865/66 140,000 Esc. und 1866/67 207,000 Esc. Wie wenig Opium die Chinesen brauchten, bevor es ihnen von den Engländern aufgedrungen wurde, zeigt folgende Stelle aus dem Briefe des Pater Parennin v. 20. Sept. 1740: »Was die indischen Gummi betrifft, so machen die chinesischen Aerzte und Chirurgen fast keinen Gebrauch davon. Ich glaube nicht, dass in Pekin in einem ganzen Jahre ein halbes Pfund Yapien (Opium) verwendet wird.« (Lettres édifiantes). [311]

[Inhalt]

BESCHREIBUNG DER SCHIFFE, BARANGAY GENANNT, DIE BEI ANKUNFT DER SPANIER IN GEBRAUCH WAREN.

Nach Morga 128 v.

Ihre Schiffe und Fahrzeuge sind von vielerlei Art, denn in den Flüssen und ihren Mündungen gebrauchen sie sehr grosse Kähne aus Einem Baumstamm und Bancas von Planken mit einem Kiel, und Vireyes und Barangayes welches schnelle, leichte Schiffe sind, niedrig von Bord, mit hölzernen Bolzen zusammengefügt, hinten so spitz wie vorn, zu beiden Seiten viele Ruderer fassend, die mit Paddeln und Rudern ausserhalb Bord rudern und den Schlag nach dem Schall einiger andern regeln, welche in ihrer Sprache passende Dinge singen, wodurch sie sich verständigen ob das Rudern beschleunigt oder verlangsamt werden soll. Ueber den Ruderern ist eine Gallerie aus Bambus welche die streitbaren Männer trägt, ohne jene zu belästigen, und auf welche eine, der Grösse des Fahrzeuges entsprechende Schiffsmannschaft steigt. Von da wird das Segel, welches viereckig und von Segeltuch ist, an einem Krahn aufgezogen, der aus zwei grossen Bambusen besteht, und als Mast dient. Wenn das Schiff gross ist, hat es auch einen Vormast von derselben Gestalt; und beide Krähne haben ihr Takelwerk, um die Masten auf die Gallerie niederzulassen, wenn der Wind entgegen ist, und Steuermänner auf dem Hintertheil um es zu lenken. Es trägt noch ein Gerüst von Bambus auf der Gallerie, über welches wenn die Sonne scheint oder wenn es regnet, ein Zelt von Matten, Kayanes genannt, gespannt wird, die aus Palmenblättern sehr dick und dicht geflochten sind, wodurch das ganze Schiff und die Mannschaft desselben bedeckt und geschützt wird. Es ist noch ein andres Gestell aus dicken Bambusen auf beiden Seiten des Schiffes in seiner ganzen Länge angebracht, und stark befestigt, welches das Wasser eben berührt ohne im Rudern zu hindern und als Gegengewicht dient, damit das Schiff nicht kentern oder scheitern kann, wie hoch auch die See gehe, und wie stark der Wind in das Segel blase. Es kommt vor, dass sich das Schiff mit Wasser füllt, sein ganzer Rumpf, (denn sie sind ohne Verdeck) und bis es ausgeschöpft ist zwischen zwei Wassern schwimmt, ohne unterzugehn, wegen der Gegengewichte (Ausrigger). [312]

[Inhalt]

DAS TAGALISCHE VATER UNSER.

Ama
Vater
namin
unser
sung
der
ma
bist
sa
im
langit
Himmel
ca,
du,
sambahin
werde geheiligt
ang
der
ng̃ala
Name
mo,
dein,
napa
komme
sa
zu
amin
uns
ang
das
cahavian
Reich
mo.
dein.
sundin
geschehe
ang
der
loob
Wille
mo
dein
aqui
desgleichen
sa
auf
lupa
Erden
para
so
nang
wie
sa
im
langit,
Himmel,
Bigyan
werde gegeben
mo
von dir
cami
uns
ng̃aion
jetzt
nang
von