Title: Im Kampf um Ideale
Die Geschichte eines Suchenden
Author: Georg Bonne
Release date: February 8, 2026 [eBook #77887]
Language: German
Original publication: München: Verlag von Ernst Reinhardt, 1917
Credits: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.
Im Kampf um die Ideale
Ein Gegenwartsroman
Die Geschichte eines Suchenden
Ein
Gegenwartsroman
von
Georg Bonne
Gekürzte
Volksausgabe
17.-19. Tausend
München 1917
Verlag von Ernst Reinhardt
Roßberg'sche Buchdruckerei, Leipzig
»Diese Blätter enthalten Wellenringe meines Geistes. Hilf ihnen, daß sie frei werden.«
Mit diesen Worten vertraute mir mein Freund auf seinem Sterbebette ein Manuskript, das Werk seines Lebens, an. In der Arbeit für andere, in seinem Helferberufe, hatte er seine Kräfte erschöpft. Bei der Pflege des kranken Kindes einer armen Witwe hatte er den Keim des Todes eingeatmet. Sein Lebenslicht war erloschen. Aber der Samen seiner Liebestätigkeit spreute weit über die Lande.
Nun hatten wir ihn da droben in den Bergen zur Ruhe gebracht, hoch oben in den Schneeregionen, wie er gebeten, — um der Sonne recht nahe zu sein. —
Und wie wir ihn betteten, war es mir, als hörte ich deutlich drei schrille Hammerschläge und spürte den Zauber, der von einer unendlichen Kette unsichtbarer Hände ausging, die den Erdball umspannten, wie eine wunderbare, schier übermenschliche Kraft. —
So flutet denn hinaus, ihr Wellenringe seines Geistes, um zu wirken, wie er es gewünscht!
[S. 7]
Ich war müde geworden im Kampfe gegen das Unglück und die Torheiten der Menschen, gegen Krankheit und Tod, gegen Härte und Verzagtheit.
Von Jugend auf hatte ich Körper und Seele gestählt für diesen Kampf, hatte als zarter Knabe Abend für Abend Gott angefleht, mich zum starken Manne werden zu lassen, um meinem Vaterlande dienen zu können. Die Spartaner und alten Germanen hatte ich mir zum Vorbild genommen, Hitze und Kälte ertragen gelernt. Meine Muskeln waren hart und die Nerven zähe geworden. Dulden von Schmerzen und Entsagung hatte ich auf mich genommen, um mich für den Kampf des Geistes zu stählen. Sollte ich nun doch unterliegen?
Ich fühlte, wie tausend Gegner nach meinem Leben zielten mit Haß und Verleumdung, mit Hinterlist und Verhetzung, fühlte, wie Neid und Eifersucht, wie wilde Kaninchen und Maulwürfe einen gut gehaltenen Garten, mein Arbeitsfeld unterminierten. Und daß ich diese ganze Gesellschaft von Philistern, von Kriechern und Strebern, von Heuchlern und hoffärtigen Toren, die ich gewohnt war nur mit Mitleid zu betrachten, in meinem Lebensgarten an der Arbeit sah: daß ich diese ganze Gesellschaft als dräuende Gegnerschaft empfand, das machte schon, daß ich mich doppelt elend und müde fühlte.
Ritt oder fuhr ich durch unser herrliches Land, über mir den blauen Himmel, auf dem wie silberne Schwäne einzelne schneeweiße Wölkchen schwammen, so sah ich über der nahen Stadt den Dunst stehen wie eine große dunkle Mauer. Die erinnerte mich täglich, ja stündlich an die Riesengröße meiner Aufgaben. Denn hinter dieser großen dunklen Mauer da wohnten das Elend, der Tod, die Krankheiten, die Verkommenheit, die Härte und Kälte, die Leichtfertigkeit und Gleichgültigkeit.
[S. 8]
Und aus diesem großen dunklen Dunstkreise heraus kamen zu mir, wie droben am Himmel die kleinen einzelnen Wölkchen, die bei Ostwind von der Stadt her über unserer grünen Gartenlandschaft dahinzogen, gleichsam, als wollten sie dem eklen Dunst entfliehen: Hungernde und Verzweifelte, Ratlose, Liebelose, Kranke und Sieche, wie die Großstadt sie aus dem Taumel der Arbeit und der sogenannten Genüsse gebiert. Und alle wollten Hilfe, — der wollte Rat, jener Liebe, dieser Brot, jener Arbeit, einer sein Recht, ein anderer Aufklärung oder einen handfesten Rippenstoß in die Seele, daß er aufwachte. Und ich gab, was ich hatte, und was ich wußte.
Aber nun war ich müde geworden. Denn riesengroß, als ob sie mich erdrücken und ersticken wollte, sah ich tagtäglich die dunkle Wand am Horizonte stehen und wachsen, — wie die riesengroße Verkörperung meiner Lebensaufgaben, die ich mir gestellt: mein Volk, mein geliebtes deutsches Volk, reich und frei, stark, gesund und glücklich machen zu helfen.
Wohl klang mir das Wort des Altmeisters Goethe durch die Seele: Mensch sein, heißt Kämpfer sein, wie ein steter Weckruf, nicht nachzulassen im Kampf. — Aber je mehr ich kämpfte, desto mehr erkannte ich die Größe des Elends.
Manchmal war es mir geradezu, als schwanke der Boden unter meinen Füßen. — Ich hatte ein Gefühl wie vor langen Jahren, wenn ich als Knabe über die Moore meiner Heimat schweifte: mir kam es vor, als ob der Lebensboden unserer Heimat hohl sei, — leer an Liebe. Ja, das war's, die Liebe fehlte in der Welt! Und weil die Liebe fehlte, zersetzte sich unser Lebensboden, und tausend Giftpflanzen schossen auf, — die Sünden unserer Zeit: Selbstsucht und Habgier, Neid und Eifersucht, Unzucht und schrankenlose Genußsucht. Herrgott —, schenke uns doch die Liebe wieder, wie du in jedem Frühling die Sonne der Erde wiederschenkst, damit sie wieder erwärmt wird, grünt, blüht und Früchte trägt.
Und so liebeleer schien mir die Welt trotz alles Glückes daheim, daß ich schließlich nur noch das Elend sah und die Not, nur noch die Sünde und die Lieblosigkeit, — hoffnungslos.
Mir aber war's, als ob alle Kraft von mir gewichen sei.
Da ging ich in die Heide, um, — wie einst der Riese Antäus im[S. 9] Kampfe mit Herkules durch die Berührung mit seiner Mutter Gäa, der Erde, neue Kraft gewann, — im engen Zusammenleben mit Mutter Natur neue Kräfte zu sammeln zu neuem Kampf und neuem Leben.
Ich zog über den Elbstrom in die schwarzen Berge des Hannoverlandes, die den Nordrand der Lüneburger Heide bilden. An den Buchen hing noch zum Teil goldgelbes Laub, durch das das satte Grün der Tannen tröstend und wärmend leuchtete. Noch stand die Heide im Braunrot ihres Herbstgewandes; Erde und Moos strömten ihren kräftigen Dunst aus. Würzig frisch strich die Luft durch Heide und Wald, — eine Zeit, so recht zum Genesen und zum Kräftesammeln. Tag um Tag, Woche um Woche schlenderte ich durch das Land. Mein Weggenosse war der Herbstwind, der kühler und kühler wurde. Ich hielt Zwiesprache mit den Eichhörnchen und den Rehen im Walde und den Hasen auf der Heide. Warf ich im Tannendickicht meine Kleider ab, um in der frischen Herbstluft die Glieder zu recken und mir von Wind und Sonne den Körper stählen zu lassen, so kam das Wild und lugte neugierig nach dem Fremdling.
Freilich, die Kräfte und der Schlaf kamen wieder bei dem Leben, das ich da führte, aber die Seele wurde doch nicht frei. Und das kam so. Wenn die Sonne im Westen, dort, wo die Elbe sich ins Meer ergießt, versank, und ihr letzter matter Strahl verglommen war, dann saß ich oben am waldigen Bergesabhang, wo ich als Knabe schon gesessen und mich satt getrunken hatte an der Abendsonnenglut, und schaute über die Elbe, dorthin, wo in grünen Hügeln mein Heim versteckt lag, wo meine Lieben hausten, mein Weib, die treue Gefährtin meines Lebens, meine Buben und Mädel. Ich sah sie im Geiste ihre Schiffe bauen und ihre Spiele spielen mit selbstgeschnitztem Pfeil und Bogen, sah sie ihre Gärtchen bestellen und die Tauben füttern, ich sah, — nein, ich durfte nicht sehen, sonst erfaßte mich die große schlimme Krankheit, welche die Menschen befällt, wenn sie eine Heimat haben, — das Heimweh. Aber ich war ja kein Knabe mehr, das Heimweh meisterte ich schon.
Doch es war ein Schlimmeres da, was ich sah, was meine Seele selbst aus der Ferne nicht ruhen ließ, sondern wie ein ätzendes Gift in ihr fraß und bohrte. Wenn über die Heide und den Wald, über die weiten Marschwiesen und den Strom das Dunkel sich gesenkt[S. 10] hatte, dann strahlte drüben im Westen, von Blankenese an bis zum Osten, da, wo Harburg an den Elbstrom stößt, ein Riesenkranz von Lichtern auf, wie eine ungeheure Perlenkette als Schmuck für die Königin Nacht. Wo tagsüber die Dunstwolke über der großen Stadt gestanden hatte, flammte jetzt eine heiße, qualmende Glut auf: der Widerschein von Tausenden von Lampen und Lichtern. Gleichzeitig drang deutlich vernehmbar ein Summen und Brausen an mein Ohr, wie das Rauschen eines fernen Meeres. Mir klang es wie das Ächzen und Stöhnen eines großen Elends. Wohl hörte ich das Rasseln und Stampfen der schweren Wagen und Maschinen, das Pfeifen der Lokomotiven und das Tuten der Nebelhörner der Schiffe, — das waren nur Zeichen des tätigen Lebens, — die störten mich nicht, die liebte ich. Waren sie mir doch vertraut von Jugend auf. Aber aus all dem Lärm heraus hörte ich immer wieder, leise, doch ganz deutlich, das Ächzen und Stöhnen der Tausende und Abertausende von Unglücklichen, von Hungernden und Verzweifelnden, von Verführten und Verkommenen, von Obdachlosen und Arbeitslosen, von Kranken und Siechen, die krank und siech geworden waren durch eigene Schuld, durch den Trunk, zu dem andere sie verführt, und zu dem sie wiederum andere verführt hatten, krank und siech durch liederliche Dirnen, die, selbst ein Opfer des großen Molochs, mit ihren Opfern elend zugrunde gingen.
Und durch das trunkene Jauchzen und wilde Schreien hörte ich das Wimmern elender Kinder und das Schluchzen hungernder, gemißhandelter Frauen, das Stöhnen der Reue und der Verzweiflung und das Röcheln reuevoll und ruhelos Sterbender. Und nicht helfen zu können mit allem guten Willen, das machte mich schier rasend! Und in ohnmächtigem Schmerz sah ich die Glutwolke über der Vaterstadt und hörte den Puls seines Lebens und das Stöhnen und Röcheln seiner Elenden und Sterbenden. Und von der Vaterstadt flog mein Geist weiter durchs deutsche Land und überall sah er das nämliche Elend. So nagte der Gram weiter, und die müde Seele kam nicht zur Ruhe.
Eisiger wurde der Wind; kahl stand der Buchenwald; graubraun lag die Heide. Regenschauer wechselten mit Nebeltagen, heulender[S. 11] Weststurm mit Schneetreiben aus Osten. Da wurde mir allmählich klar, was mir fehlte. Ich hatte den Glauben an die Menschheit verloren. Ich hatte verlernt zu hoffen, daß sie je aus dem Elend herauskommen könnte; hatte den Glauben verlernt, daß je das Gute das Böse werde besiegen können. Aber ohne diesen Glauben, ohne dieses Hoffen gleichen wir hungernden Reptilien, die in dunkler Erde eklem Gewürm nachkriechen, um zu leben!
Tief im Herzen wohnte mir die Sehnsucht nach der Sonne, nach Wärme und Licht, — ich war ja Licht und Wärme und Sonne gewohnt, — das rettete mich — aber nur zu oft kam immer wieder ein dunkler Drang über mich, es ebenso zu machen, wie die Tiere des Waldes, wenn sie den Tod nahen fühlen! Ich wußte oben im Tannendickicht ein lauschiges Plätzchen, wo kaum je der Fuß eines Wanderers hinkam. Wenn ich mich dort hinlegte und mit Laub ganz zudeckte und einschlief, einschlief für immer, — dann war ich alle meine Qualen los.
Eines Tages tat ich es, schlief ein dort oben. Da träumte mir, ein überirdisch schönes Weib, nur mit dem Schmuck ihrer langen blonden Haare angetan, trat zu mir und weckte mich mit Küssen, die neues Leben durch meine Adern rieseln ließen. Und als sie mir entwich durch den Tann, eilte ich ihr nach und holte sie ein. »Wer bist du?«, fragte ich. »Ich bin die Hoffnung,« sprach sie, »verzage nicht, ich will dir Wege, immer neue Wege zeigen, wenn du am Ende deines Tuns und Könnens glaubst angelangt zu sein.« — Da wachte ich auf.
An einem der nächsten Abende, — ich war wiederum völlig verzagt, — wanderte ich weit, weit durch die Heide, durch braune, schweigende Dünentäler, die kaum betreten schienen. In ehrfurchtgebietender Ruhe lagen sie da, wie eine in sich abgeschlossene Welt, wie der verlassene Riesentempel eines unbekannten Gottes.
Da war es mir, als hörte ich neben mir Schritte. Wie ich zur Seite schaue, schreitet neben mir ernst und still ein Weib. So heilig ernst und doch fröhlich heiter. Wunderlich wurde mir zu Sinn. Mir war's, als käme die Stimme von ihr, und kam doch nur aus meinem Herzen: »Ich bin die Pflicht. Hast du das Elend deines Volkes erkannt, so darfst du auch nicht verzagen, mußt arbeiten und schaffen und helfen, solange noch ein Atemzug in dir ist.« — Und wie sie sprach, ging im Westen die Sonne unter.
[S. 12]
Am frostklaren Himmel stand eine große, zerrissene Wolke. Die sah aus wie ein gigantischer Cherubim mit zwei Flügeln, die von Osten nach Westen reichten. Dunkler wurde die Heide. Ihr Braun wich blauschwarzem Violett. Plötzlich strahlten die Flügel des Wolkenengels in leuchtendem Purpurgold, und es schien mir, als ob sein ausgestreckter linker Arm nach Westen reiche und seine Rechte mich faßte, als ob sie mir den Weg weisen wollte. Dann versank Himmel und Heide in tiefes nächtliches Schwarz.
Da tauchte in mir wie ein heller Hoffnungsschimmer der Gedanke auf: Geh' übers Meer, weit, weit fort, daß tausend Meilen zwischen dir und dem Elend sind, damit du lernst, es aus der Ferne schauen. Dann wird es dir kleiner scheinen, als jetzt, wo du es täglich vor Augen hast. Du wirst zur Ruhe kommen und genesen. Und mit frischer Hoffnung und neuem Mut, mit neuer Kraft wirst du ans Werk, an deine Arbeit, deine Pflicht gehen!
So schüttelte ich den Staub von den Füßen und stieg zu Schiff, um hinaus zu fahren über das Meer, um mir neue Kräfte und klaren Blick zum Helfen und Schaffen und Kämpfen zu suchen.
Der Hafen von Hamburg war in Eis verwandelt. Krachend und stöhnend arbeiteten sich die Schlepper durch die weißen Schollen der Elbe hindurch. Mühsam drangen die Jollen hinterher. Ein grauer Nebel lag über den Fluten der Elbe. Schrille Signale der Dampfsirenen durchschnitten die kalte Luft. Von den Türmen der Stadt klang zitternd der Ton der Glocken, die den ersten Weihnachtsfeiertag einläuteten. Kalt und grau lagen Hafen und Stadt. Vereist und verschneit die Straßen am Hafen. Vereist und verschneit das Schiff.
Fröstelnd bis in das Innerste meiner Seele betrat ich seinen Boden. Doch was war das! Waren die Menschen, die mich begrüßten, eine andere Rasse? Aus dem rauhen Ton ihrer Stimme klang etwas unendlich Warmes und Weiches heraus, etwas Herzliches, als ob es aus einer anderen Zeit stamme, etwas, was der Seele so wohl tat, wie dem Leibe bei kaltem Wetter ein heißes Getränk. Ein kurzes, männliches, herzliches »Willkommen«, ein derber Händedruck, »auf gute Kameradschaft für die Reise«, und eingereiht war ich als Schiffsarzt in die Besatzung. Ich trat in meine Kabine, und seltsam, — als ich dies kleine Raumgeviert betreten hatte, das wohldurchwärmt und behaglich erleuchtet[S. 13] war, so groß, daß ich mit ausgestreckten Armen nach allen vier Richtungen fast die Wände berühren konnte, da wurde mir so seltsam wohlig zumute, es kam solche innere Ruhe über mich, wie ich sie seit Jahren nicht gekannt. Ich hätte aufschluchzen können vor Glück und Frieden: hier in den vier sauberen engen Wänden wird dir unendlich wohl sein. Ich hatte die Empfindung, als ob ich in meinem eigenen Herzen zu Besuch war.
Ich saß und saß und träumte und fühlte mich selig wie ein Kind. Ab und zu hörte ich wie aus weiter Ferne und doch ganz in meiner Nähe, daß geklopft und gerasselt wurde. Doch es störte mich nicht in meinem Glücke. So saß ich Stunden. Dann schritt ich hinaus auf Deck.
Knirschend schob sich unser Schiff durch das Eis des Hafens. Leer gähnte in dem die Stadt verhüllenden Nebel die Lücke, wo einst mit grünleuchtendem Haupte der hohe Turm der großen Michaeliskirche den seewärts fahrenden Schiffern sein letztes Lebewohl zugewinkt hatte. Mir war der mächtige Turm von Jugend auf wie ein steter Mahner zur christlichen Liebe erschienen. Und nun hatten Gedankenlosigkeit und Fahrlässigkeit, die so oft das Beste im Leben vernichten, ihn zu Schutt und Asche werden lassen. Da faßte mich aufs neue namenlose Bitterkeit. Dieses Kunstwerk, eines der schönsten, das Menschen je geschaffen zu Ehren des Höchsten, des Gottes der Liebe, durch Nachlässigkeit und Gedankenlosigkeit zerstört! Aber, machten sie es nicht mit der ganzen christlichen Kirche so, mit der ganzen Lehre Christi? Ließen sie die nicht ebenso verbrennen, wie die Handwerker bei ihrer Arbeit den herrlichen Turm, beim Streit um das Dogma, beim Tanz um das goldene Kalb, in ihrer öden Genußsucht? Wohl übten sie Wohltätigkeit, veranstalteten Basare und Konzerte, Sammlungen und Tees, — aber Liebe, — Liebe hatten sie nicht, oder doch nur die allerwenigsten unter ihnen, keine Liebe und kein Nachdenken! Denn sonst hätten sie all das Elend nicht entstehen lassen können bei all ihrem Reichtum, geschweige denn dulden, daß es so fortwucherte, namenlos, riesengroß. Oh, sie taten so viel mit Ferienkolonien und Lungenheilstätten, mit Asylen und Kinderkrippen, mit Krankenhäusern und Arbeiterkolonien, in denen sie den Armen die Brosamen reichten, die von ihren reichen Tischen fielen, hielten fromme Reden und warnten das Volk vor Begehrlichkeit. Aber ihre Hypothekenzinsen[S. 14] und ihre Einnahmen aus dem Bodenwucher wollten sie nicht einbüßen; und deshalb bauten sie immer neue Massenquartiere als Brutstätten des Elends um die alten herum. Oh, ich kannte wohl den Dunst, der aus ihnen emporstieg, und was er sagen wollte. — —
Eindringlich und gigantisch hob sich das Riesenstandbild unseres großen Bismarck in den Nebel hinaus, warnend, mahnend, zur Tat aufrufend, wie ein Herold aus alter, großer Zeit. —
Immer rascher wurde die Fahrt, immer freier das Fahrwasser. Hinter uns lag die Stadt in Rauch und Nebel. Wir glitten vorbei an den verschneiten Gärten der Hamburger Patrizier, vorbei an den weiten, jetzt durch verschneite Deiche geschützten Marschen Schleswig-Holsteins und Hannovers.
Längst war das Eis aus dem Strome verschwunden, nur an dem Ufer schob es sich schneeig und glitzernd zusammen. In voller Fahrt eilte unser Schiff dem Meere zu, und in der Brust erwachte und wuchs ein neues seliges Gefühl — Freiheit! Und dieses Gefühl wuchs und dehnte sich aus, als wollte es das ganze Wesen, die ganze Seele erfüllen, als wollte es alle Hüllen sprengen, die den inneren Menschen gefesselt hielten. Es war, als ob in jenem leichten Dunstnebel, der nur von fern anzeigte, wo Rauch und Qualm der großen Stadt verschwunden waren, alles Kleinliche, alle Sorgen, alle Qualen hängengeblieben wären. Frei und groß lag vor uns das Meer, frei und groß wurde die Seele, und es war, als ob die Seele mit dem Meere verwandt wäre.
Der Tag ging zu Ende. Schatten um Schatten senkte sich hernieder auf die Wogen. Der Mann am Steuer verfolgte seinen Kurs unverwandt, das Auge auf den kleinen, erleuchteten Kompaß gerichtet. Um uns herum tiefe, schwarze Nacht und eine eigenartig kraftvolle Symphonie, deren Melodie gebildet ward von dem Stampfen der Maschine, und deren Begleitung das tosende Grollen des Meeres bildete.
Da plötzlich, wie aus unendlicher Ferne, durch alles Dunkel ein heller Lichtschimmer in der Gegend, aus der wir kamen. Wie ein magischer Strahl durchzitterte er hell auf Sekundendauer die finstere Nacht, und wieder und wieder in regelmäßigen Zwischenräumen, so regelmäßig wie der Schlag unseres Herzens: Das Leuchtfeuer von[S. 15] Helgoland. Wie ein letzter Gruß aus der Heimat winkte er herüber, als wollte er sagen: nun, wo du die Heimat hinter dir gelassen, laß dort alles Trübe und Schwere, alles, was dich bedrückt und kränkt, und nimm nur mit hinaus aufs Meer das Lichte, Helle, was dich erfreut, und was du liebst, — so grüß' ich dich, leb' wohl, fahr' wohl! —
Und weiter ging es in die schwarze, stürmende, tosende Nacht. Bald tauchte rechts, bald links ein Lichtschein auf, als wollte er uns warnen vor dräuender Gefahr. So geht es dem Wanderer auf dem Lebenswege. Er schreitet dahin mit verbundenen Augen, keiner von uns weiß, was die Zukunft bringt. Es ist, als ob unser Leben in Dunkel gehüllt wäre. Unsere Pflicht, unser Lebenskompaß, weist uns den Weg durch die Nacht. Weh' dem, der seines Lebenskompasses vergißt und auf die Klippen und Riffe zusteuert, vor denen blinkende Lichter ihn warnen.
Eisig warf der Sturm schneeige Böen über das Schiff. Krachend und donnernd schlugen die Wogen an seinen Bug. Ruhig und stolz kämpfte es sich hindurch, dem Morgen entgegen.
Da suchte ich für kurze Stunden mein Lager auf. Mein kleines Zimmerchen, fast kam es mir vor wie ein traulicher Sarg, in dem ich lag. Mir war's, als ob alles Leibliche und Weltliche von mir abgeweht sei, und ein unendlicher Friede und eine unendliche Ruhe kam über mich. Das Wogen des Meeres wurde mir schließlich so vertraut, daß es mir war, als würde ich in meine früheste Kindheit zurückversetzt und im Arme der Mutter gewiegt.
Und so losgelöst von Zeit und Raum schlief ich erquickt bis in den hellen Tag.
Mächtig umbrausten die Wogen der Nordsee das stampfende Schiff. Mit rauher Hand umstrich mich der Sturm. Mir war es stärkende Wohltat. Und jauchzend löste sich die Seele vom erdrückenden Gram:
Brausend ließ ich den Sturm seinen Riesenarm um meine Glieder schlingen. Mir war's, als ob die Urkraft selbst mich küßte. Alles dehnte und reckte sich in mir.
Ich stand vorn im Schiff. Donnernd schlugen die Wellen über den Bug, zerstäubten in silbern glänzendem Gischt und überschütteten mich mit wundervoller Kraft.
Oben im Mastkorb saß der Schiffsjunge, putzte seine Laterne und sang dabei:
Mir klang es wie ein Widerhall des eigenen Empfindens, o Heimat, — du Wiege unseres Seins, du Urquell all unserer Kraft, unseres Schaffens!
[S. 18]
Und wieder neigte sich der Tag. Mit dem Wachsen der Finsternis nahm der Sturm zu. Zur Linken begannen Hollands Leuchtfeuer aufzublinken.
An der Scheldemündung stoppte plötzlich der Dampfer. Wie ein Falke schoß durch die brandenden Wogen ein Boot auf uns zu und, nachdem es unseren Schiffsrumpf berührte, wieder zurück in die dunkle stürmische Nacht. Wir hatten den Scheldelotsen an Bord genommen.
Ehe er an sein Amt ging, setzte er sich zu uns an die Abendtafel. Und da der Kapitän auf der Kommandobrücke blieb, nahm er dessen Platz ein. Er war ein großer, starker Mann mit ruhigem, festem Gesicht und Blick. Unsere Mitreisenden waren alle mehr oder minder seekrank. Eine große Schüssel mit Spargel wurde aufgetragen. Unser Lotse, gewohnt mit Geistesgegenwart die Situation zu überschauen und mit Schnelligkeit zu handeln, ließ einen prüfenden Blick über die Tafelrunde gleiten, und da er sah, daß ich bereits genommen hatte, und die anderen krank waren, schnitt er mit ruhiger Hand dem gesamten Spargel die Köpfe ab und legte sie schmunzelnd auf seinen Teller. Das ist die Überlegenheit der starken, gesunden Menschen im praktischen Leben über die Schwachen.
Als ich die blassen Gesichter der anderen sah, meist Leute in jüngeren Jahren, denen man aber anmerkte, daß sie beim Becher oder in nächtlichen Kaffeestunden oder durch zu langes Sitzen in der Schule, im Bureau und Kontor, oder bei dunklen Dingen, die das Licht des Tages zu scheuen haben, ihre jungen Manneskräfte gelassen hatten, da befiel mich ein Grausen vor der Zukunft unseres deutschen Volkes.
Ich sah vor meinen geistigen Augen die Scharen ausgemergelter Industriearbeiter in unseren Großstädten vorüberziehen. Und wie Hohn kam es mir vor, wie auf all den Kongressen mit den schön klingenden Namen für die Bekämpfung der Tuberkulose gesorgt werden sollte. Und ich sah hinein in die Hunderttausende von Proletarierwohnungen im deutschen Vaterlande, klein, dumpf, dunkel, ohne Licht und Luft, vollgepfropft mit Menschen und Lampen und Petroleumkochherden, Einmietlinge mitten zwischen den Familien untergebracht, alle gleich stumpf, übermüdet, unlustig, verbittert. Und heißer Groll stieg in mir hoch, wenn ich daran dachte, wie all die klugen Professoren und Geheimräte und all die Minister und Landräte, und wie sie alle[S. 19] heißen, so schön ihres Amtes walten, und wie die Fürsorgevereine und Frauenvereine und alle diese Menschen sich Mühe geben, das grenzenlose Elend zu lindern, und wie sie Erholungsheime bauen und Waldkurorte und Sanatorien, und wie keiner den Mut hat, hervorzutreten und die Wahrheit zu sagen, daß das alles ja Humbug ist und eitel Schwindel und Selbstbetrug. Seht ihr denn nicht, wie die großen Städte aus ihren Gängevierteln und Höfen, aus ihren Mietskasernen und Mansardenstübchen immer neue Hunderttausende bleicher, ausgemergelter, müder, verbitterter Gestalten hervorquellen lassen, als ob eine Welt von Finsternis und Krankheit und Unglück sich entladen wollte?
Was nützt es euch denn, den krankgewordenen Familienvater ein paar Wochen aus seinem Elend herauszureißen und in ein Sanatorium zu stecken, um ihn nachher in sein häusliches Elend wieder zurückzusenden, das er nun doppelt empfindet? Wenn daheim sein Weib und seine Kinder in der dunklen Mietswohnung dahinsiechen?
Krank und müde und verbittert schleppt sich eine Generation nach der anderen an ihr Tagewerk, und warum? Weil einige Tausende in unserem Volke in dem Grund und Boden der Städte und in den Häusern ihr Geld in Hypotheken angelegt haben. Sie wollen ihre Zinsen einsäckeln, sie haben die Gewalt in Händen, dafür zu sorgen, daß es nicht anders wird, daß es so bleibt bis an der Welt Ende.
Und im Gewirbel der Wogen, die schaumsprühend an die Kajütenfenster klatschten, zogen sturmschnell andere Bilder an meiner Seele vorüber. Da saßen sie, dicht gedrängt wie Heringe, die Knaben mit blassen Gesichtern, die Mädchen schmalbrüstig, blaß, in einer Luft zum Ersticken, ein übler Geruch den ganzen Raum erfüllend, in der Schule.
Ich hörte die pedantisch harte Stimme des Lehrers, der mit dem in jahrelangem Dienste angewöhnten Berufspathos sein Pensum dozierte und seine Fragen stellte. Und die Jungen und Mädchen machten gelangweilte Gesichter und hatten nur den einen Gedanken: ach, wenn es doch nur erst Pause wäre und Frühling, und die Schule zu Ende und Ferien! Und alles, was der Lehrer sagte, ging zu dem einen Ohr herein und zu dem anderen wieder hinaus. Und als sie die Schule verließen, hatten sie vieles gelernt, was sie schnell wieder vergaßen, aber nur bitterwenig, was sie fürs Leben reicher, froher, glücklicher[S. 20] machte. Und vielen waren die Schwingen gebrochen, und sie waren schwach und krank und unlustig und unfähig zu eigener Denkarbeit von all dem Druck aus ihrer Schulzeit! —
Mächtig stampfte das Schiff. Die Wogen prasselten aufs Deck, als wollten sie alles, was nicht niet- und nagelfest war, mit sich reißen. Traumverloren saß ich da. Wieder schweiften meine Gedanken zurück zu all dem Elend, das ich in der Heimat gelassen. Ich sah die Scharen von Studenten auf der Universität mit verhauenen, biergedunsenen Gesichtern, und manche von ihnen mit einem Ausdruck, der an die Physiognomien ihrer großen Verbindungshunde erinnerte. Herrgott im Himmel, was hat denn diese jahrzehntelange Fütterung mit humanistischer Bildung genützt, wenn sie weiter nichts vermochte, als solch' stumpfe, anmaßende Gesellen zutage zu bringen? Freilich, es waren auch andere da. Einzelne feine Kerle mit blitzenden Augen und frischen, roten Gesichtern, biegsam wie Stahl, blondgelockt, aber es waren wenige Ausnahmen. Ich sah Kneipen in feudalem Kreise, buntbebänderte Jünglinge, trunken vom Saft des Gambrinus. Und mancher, der einer der Ersten sein sollte und der Besten, tanzte wie ein Wahnsinniger auf den Tischen, rasend in der Tollheit des Trunkes, ekelhaft und bemitleidenswert zugleich. Es war ein Jammer. Und aus der Rausch- und Katerstimmung der Zechgelage spann sich wie ein giftiges Kraut heraus das hochmütige und herztötende odi profanum vulgus et arceo des Horaz.
Und diejenigen, denen die Nation ihre köstlichen geistigen Güter von Jugend auf überliefert hatte, um mit diesem Pfande zu wuchern und die Gedanken der Humanitas und Charitas ins Leben zu übersetzen, sie, die nach ihrem Wissen und mit ihrer Bildung in der Lage hätten sein sollen, zu übersehen, was unserem Volke nötig war, um die große Masse des Volkes nicht weiter in Elend und Verkommenheit versinken zu lassen, sondern es hochzureißen aus der Stumpfheit, alle seine geheimen Samenkörner zu pflegen, ihm zu helfen, alle seine schlummernden Keime zu entfalten, — sie denken überhaupt nicht an dich, mein Volk — odi profanum vulgus. Und wenn sie an dich denken oder über dich schreiben und reden, so fehlt ihnen nur zu oft zum Worte die Tat, und wenn sie etwas für dich tun, so tun sie es, weil sie es müssen, denn eins fehlt ihnen allen, bis auf einige Ausnahmen,[S. 21] die heiße, glühende Liebe zu dir, die Liebe, die sie sich selbst vergessen läßt. — Aber auf ihren Gütern pflanzen und ernten sie das Korn, um es zu dem Gifte umzuwandeln, mit dem sie sich und dich vergiften. Freilich, deinen Branntwein trinken sie nicht, dazu sind sie zu wohlanständig, den brennen sie nur, — aber die Weinhändler sorgen dafür, daß das sogenannte edle Rebenblut mit ihrem Spiritus verschnitten wird, und dieser ihnen so wieder zugute kommt. Und das nennen sie Nationalökonomie und sich selbst konservativ. Und ihre Gelder legen sie in Brauereiaktien an, denn das trägt zehn und vierzehn und mehr Prozente, und gaukeln dem Volke vor, daß es die deutsche Tugend der Germanen sei, zu trinken. Und so füllen sich ihre Taschen und gleichzeitig die Gefängnisse und die Irrenhäuser.
Und die Trinksitten der hohen Herren von den Korpskneipen und den Offizierskasinos, sie spreuen wie giftiger Unkrautsamen aus durch das Beispiel, das der Offiziersbursche daheim in seiner Heimat, in seinem Dorfe in Hinterpommern gibt, und der Lohnkellner der Korpskneipe in seinem Kreise, bis der Handwerksbursche in der Fuhrmannskneipe am Wege mit seinem Kumpanen Komment trinkt.
Und weiter sah ich, wie diesen Sitten Mord und Totschlag folgte. Hier ist der Handwerksbursche auf einsamer Landstraße, vom Branntwein berauscht, zum Wegelagerer geworden. Dort fällt der Sohn des greisen Gelehrten durch den Schuß seines Gegenübers, weil sie sich im Ballsaal im Champagnerrausche auf die Füße getreten oder um ein Mädel geschimpft haben.
Wirbelnd, stürmend jagten diese Bilder und Gedanken sich, und immer wieder endigten sie in dem Ausruf: »Herrgott, Kaiser, ist denn niemand da, der dir ob all des Elendes die Augen öffnet, der dir zeigt, wie dein Volk wohnt, wie die Kinder von stumpfen Lehrern in überfüllten Klassen stumpf gemacht werden fürs Leben, wie dein Volk sich dumpf und siech und müde trinkt und seine Keime und Knospen vergiftet durch den Trunk. Und wie es glücklich und froh und frei und stark sein könnte, wenn es die Wissenschaft als schöne Blume pflanzte und als heilige Frucht zöge, und wenn der Grund und Boden wieder in den Besitz der Allgemeinheit käme, der er gehört, so daß jedem sein Plätzchen an der Sonne sicher wäre! Oh, könnte man den Menschen das verfluchte Gift doch nehmen, das sie so aufgeblasen und hart und[S. 22] voll falschen Stolzes und Dünkels macht, und so siech und so schlecht, und Tausende so todunglücklich.
Und wenn dir, mein Kaiser, niemand einen alten Hut und Mantel borgen will, so nimm den meinen und tue endlich das, was schon vor dir mehr als ein König und Kaiser tat, und gehe ohne Kling Klang Gloria und ohne Töff-Töff hinaus in dein Volk, still und unerkannt, aber mit offenen Augen und Ohren, und sieh zu, wie es ihm geht, was es treibt, und was es leidet, was es sündigt, wie es sich quält, was es ersehnt, was es sich wünscht, was es glaubt, und was es hofft, was ihm fehlt und ihm mangelt. Dann bist du ein Kaiser, nein — dann bist du ein Vater! Jetzt bist du nur ein glänzender Kaiser. O Gott, Kaiser, könntest du doch groß sein, was könntest du schaffen, was könntest du helfen, was könntest du aus unserem Vaterlande machen, was für ein Denkmal könntest du dir setzen! Wenn du auf all den Firlefanz verzichtetest, Schnurrbartbinden und Purpurmantel, Champagner und Paradefrühstück, — Kaiser, mein Kaiser, wie könntest du glücklich sein!« — —
Bitterkalt war die Nacht. Scharf trieb ein schneidender Oststurm dichte Schneemassen unserem Schiff entgegen, als wir die Schelde hinauffuhren. Weißgrau dehnten sich im Morgennebel rechts und links die Ufer hin. Dunkel hoben sich aus dem Grau die Türme Antwerpens ab. Lautes Pfeifen und Tuten kündeten an, daß wir im Hafen waren, Schiff bei Schiff, fast alles deutsche Schiffe. Ich sehe es, mein Volk, noch wohnt Riesenkraft in dir, noch Tatenlust und Unternehmungslust, — Gott Lob und Dank.
Nach langem hin und her der Lotsen und Hafenpolizei erhielten auch wir endlich unser Plätzchen am Kai. Meterhoch lag der Schnee auf den Straßen. Grau und kalt hob sich die Silhouette des Steen von dem Häusergewirr der Stadt ab. Alles überragte die majestätische Pyramide des Domes. Starkknochige, schwere Pferde zogen am Hafen Karren voll Schnee. Zahlreiche Arbeiter, die sonst wohl keinen Verdienst fanden, schaufelten den Schnee aus den Straßen. Alle, ebenso wie die Frauen des Volks, derb, starkknochig wie ihre Pferde.
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Wie wohltätig, trotz Schnee und Frost, wieder Land unter den Füßen zu haben, wenn es auch fremde Erde war. Je mehr ich dieses Antwerpen kennen lernte, um so mehr drängte sich in mir die Empfindung auf, daß hier eigentlich zwei Städte in eine vermengt waren: Hier eine Stadt der Gegenwart, die lebte nur im Handel und vom Handel. Es war, als ob der Trieb nach Provision, die Jagd nach Gewinn alles andere erstickt hätte, den Trieb zu großem, freiem Schaffen und Handeln. Die Anlagen am Hafen, sie machten den Eindruck, als wenn sie neu, aber unter dem Druck der dringendsten Erfordernisse entstanden wären. Wo waren die Schiffe, die Flotte der einst so stolz die Meere beherrschenden Holländer und Belgier? — Und dann im Gegensatz zu dieser, fast möchte ich sagen nüchternen Gegenwartstadt diese warm empfindende sonnige Stadt der Vergangenheit, die, obwohl Jahrhunderte tot, doch so intensiv gelebt haben muß, daß man den Puls ihres Lebens noch jetzt zu spüren vermeint — die Stadt Rubens' und van Dycks.
Einsam schlenderte ich durch die verschneiten Straßen, von Museum zu Museum, von Kirche zu Kirche.
Niemals in meinem Leben bin ich von einem Kunstwerk so ergriffen gewesen, wie von Rubens' Kreuzabnahme in der Kathedrale. Das ist tatsächlich ein vollendetes Meisterwerk. Will der Meister uns hier zu Gesichte führen, was die Liebe vermag, — daß sie selbst den Tod überwindet? Fast scheint es so! Sieh nur, wie der Leichnam Christi, von der Liebe getragen, sanft und leise vom Kreuz herabgleitet, wie die Schulter der Maria dem gleitenden Fuß Halt bietet, wie alle Hände beschäftigt sind, mit größter Sorgfalt den Körper zu stützen, wie selbst der Mund mithelfen muß, das Leinentuch zu halten, wie alle Blicke und Gebärden sich in der einen Aufgabe vereinigen, ihn zu stützen, ihm durch dieses letzte Liebeswerk noch irgend etwas Gutes zu erweisen. Hier hat menschliche Kunst wahrhaft Unsterbliches geschaffen. Im Königlichen Museum erkannte ich, wie dieses wunderbare Werk zustande gekommen war. Saal bei Saal, gefüllt mit Hunderten von Zeichnungen, Entwürfen, Skizzen und Bildern, großen und kleinen, und immer wieder die Kreuzabnahme. Ein ganzes, langes Leben hat der Meister sich mit eiserner Selbsterziehung und Selbstkritik durchgearbeitet, bis er das Werk zustande brachte, nach[S. 24] dem seine Seele dürstete. Hier könnt ihr Modernen lernen, ihr, die ihr so viel Wesens macht von eurer Kunst, und die ihr mit so viel Leinwand die modernen Kunsthallen schmückt und bezeugt, daß euer Können auch noch nicht annähernd eurem Wollen entspricht, hier könnt ihr lernen, wie man ein Meister wird, und daß das Genie nur zur Reife gelangen kann durch eisernen Fleiß.
Ich sah in der Kathedrale das unsagbar fein gemalte Christushaupt von Leonardo da Vinci auf weißer Marmorplatte, — kunstvoll geschnitzte Altäre und über dem allen ein Duft von Mystizismus, der sonderbar kontrastierte mit dem nüchternen Geschäftsleben draußen.
Sieh, lauschig, in schwere Eichenholzschnitzereien eingebettet ein Beichtstuhl, dessen traulicher Charakter beinahe etwas Verführerisches hat zugunsten des Katholizismus. Als ich dann aber im Steen die Mittel der Inquisition sah, die Marterwerkzeuge und die dunklen, engen Kerkerverließe, gerade wie in Nürnberg auf der Burg, da packte mich ein Schauder vor der Kirche, die solches vollbringen konnte.
Aber ist es heute denn anders? Ist es bei uns im evangelischen Lande anders? Verfolgt nicht auch heute noch bei uns die Kirche jedes Streben nach Wahrheit? Will sie nicht heute noch herrschen, hart, liebeleer, unerbittlich? Jesus Christus, daß du so falsch verstanden werden konntest und heute noch so falsch verstanden wirst!
Und wie ich in Sinnen und Schaudern versunken stand vor all den finsteren Kerkerlöchern mit ihren eisernen Ketten und Ringen, da war es mir, als quöllen aus den dunklen, modrigen Winkeln wie greulicher Schrecken die Geister der Vergangenheit heraus, unheimlich, schwarz, tödlich kalt, die Geister der Inquisition, der Unduldsamkeit, des Pharisäertums, der Härte und Lieblosigkeit, des Fanatismus, — und wie sie quollen, — Entsetzen —, da nahmen sie Gesichter an von heute noch lebenden Menschen, Erzbischöfen und Kultusministern, Vikaren und Superintendenten, von Katholischen und Lutherischen, die alle den rechten Glauben hatten — nur eins fehlte ihnen: die Liebe!
Da, Gott sei Dank, ein heller Strahl der Wintersonne, und verschwunden der grausige Spuk. Und als ich hinaustrat in Eis und Schnee, da schien es mir frühlingswarm im Vergleich zu dem eisigen Grabeshauch, welcher der Fronfeste einstiger Unduldsamkeit entströmte.
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Während ich so in der Stadt herumschlenderte, herrschte an Bord reges Treiben. Unaufhörlich hoben die Kräne aus den Eisenbahnzügen die an das Schiff herangeführten Ballen um Ballen in den Raum. Nürnberger Tand und Webereien waren da aus dem Rheinland, Stahl aus Westfalen; ganz Deutschland entlud hier die Produkte seiner Industrie.
Wie aber, wenn die Belgier in Antwerpen und die Holländer in Rotterdam darauf kämen, selbst Schiffe zu bauen und die Produkte deutschen Gewerbefleißes über die See zu führen? Dann würde ein großer Teil deutscher Arbeiter brach liegen, unser Sechzig-Millionenvolk um ein gut Teil seiner Schiffahrt verkürzt werden, und navigare necesse est, vivere non necesse. — — — — — — — — — — — Ei, so baut doch eure Kanäle, wie der Kaiser sie wollte, mit klarem Blicke und scharfem Verstande, vom Rhein zur Weser, von der Weser zur Elbe; warum laßt ihr nicht Emden und Bremen die Ausfuhrhäfen deutschen Fleißes sein?
Kaiser, mein Kaiser, hat dich das Junkertum, das dir schon andere Suggestionen um den klaren Verstand herumgesponnen hat, so weit schon untergekriegt, daß du deinen guten Willen zu großer Tat nicht mehr durchsetzen kannst? Das nämliche Junkertum, das dir das odi profanum, das deinem warmen Herzen so fern lag, als Jüngling in die Seele gehaucht hat, daß es sich wie Mehltau auf dein ernstes, großes, heiliges Wollen legte, damals, als du ein Kaiser werden wolltest dem ganzen Volke, ein Arbeiterkaiser. Besteht doch dein ganzes Volk aus Arbeitern, mit Ausnahme jener kleinen Schar giftiger Drohnen, die dir dein Leben zu verbittern und zu lähmen drohen! Sie, die dir beständig vorgaukeln, daß sie deine treuesten Freunde seien, die sich die Konservativen nennen, die Erhalter des Reiches, und die dir jedesmal lähmend in den Arm fallen, wenn du zu großem Wurf und Werk ausholen willst? Klar hattest du erkannt, daß große Wasserwege unser Binnenland mit unseren Häfen verbinden müssen, um die Landesprodukte billig und schnell ans Schiff bringen zu können. Werde stark und vollende dein Werk, fahre über das Meer und ziehe in die Fremde und sieh, wie notwendig das ist, was du als richtig erkannt hast. Und dann jage die selbstgefälligen Schmarotzer zum Teufel, die vor dir kriechen und dienern, so lange es ihnen Vorteil bringt, und die dir[S. 26] Gruben und Fallstricke bereiten, sobald es ihrem Geldbeutel frommt, und für die dein Volk nur Bagage ist, die ihnen Geld einzubringen hat, bis es zugrunde geht. —
Reges Leben herrschte trotz des Feiertages am Hafen. Knirschend und schreiend flogen die großen Kräne von den Eisenbahnwagen, die an der Kaimauer entlang standen, hinüber zum Schiff und wieder herüber. Kommandorufe der Schiffsoffiziere, Fluchen und Lachen der belgischen Schauerleute, Klirren der Ketten und das Aufknirschen der Lasten im Schiffsraum, Pfeifen der Dampfsignale im Hafen ringsum, und zum Zeichen, daß Feiertag ist, von den Türmen der Stadt feierliches Glockengeläute.
Endlich ist die Ladung fertig, die Luken werden geschlossen. Alles drängt zur Abfahrt, der Lotse schilt und mahnt, daß wir mit der Tide fortkommen. Schon rasseln die Ankerketten in die Höhe, fauchend entweicht aus dem Bauche des Schiffes der Dampf.
Ein Dutzend und mehr der belgischen Schauerleute sind noch an Bord beschäftigt mit Stauen und Packen. Da löst sich unser Schiff vom Ufer und stromabwärts geht's, die Schelde hinunter, dem Meere zu. Neues Fluchen und Schelten der Männer, daß sie nun mit müssen, bis der Lotsenschoner kommt, den Lotsen von Bord zu holen. Frierend und hungrig stehen sie am Deck. Ein junger Mensch tritt höflich auf mich zu und teilt mir auf französisch mit, daß er den ganzen Tag eigentlich noch nichts genossen hätte, ob ich ihm ein Stück Brot verschaffen könne. Ich spreche mit dem behäbigen Obersteward. Doch der kennt keine Not. Er regiert in seiner Sphäre wie ein Fürst. Das odi profanum steht auch ihm auf den Lippen geschrieben. Mit harten Worten fährt er die Bittenden an, so daß sie scheu zurückweichen, aber unter sich grollend und murrend. Merkwürdig, daß das Wohlleben und der Luxus die Menschen oft gerade so hart und herzlos macht, wie die Not und die bittere Armut.
Die kleine Stewardeß hat unseren kurzen Wortwechsel belauscht, sie weiß noch, wie der Hunger tut. Ehe sie aufs Schiff kam, hatte sie es erfahren. Viele, viele Pfunde Brot und Speisereste wandern tagtäglich ins Meer, ein Fraß für den Mövenschwarm, der von Hamburg[S. 27] her schreiend und kreischend unser Schiff begleitet. Und da sollte man diesen Männern nichts zu essen geben? Kaum ist der gestrenge Obersteward um die Ecke verschwunden, so wandert Teller um Teller mit Bröten durchs Küchenfenster in die Hände der hungrigen Gesellen.
Vorbei ziehen wieder die schnee- und eisbedeckten flachen Ufer der Schelde, schon holt der Lotsenschoner die Belgier vom Schiff, und hinaus geht es wieder in die wogende See, in Schneegestöber und Sturm.
Nach der Abfahrt von Hamburg hatte ich anfangs noch genug mit mir selbst zu tun gehabt, so daß ich wenig Muße fand, auf meine Mitreisenden zu achten. Jetzt schaute ich um mich. Mein Kapitän war ein trefflicher Mann, Sohn eines Predigers in der alten Hohenzollernburg. So rühmte er sich denn mit gutem Humor, er sei auch ein Hohenzoller, aber höher geboren als der Kaiser. Unser erster Offizier, ein breitschultriger Friese, der schon drei Schiffbrüche mitgemacht hatte. Der erste Maschinist, im Dienste ergraut, hatte vor wenigen Jahren seinen Dampfer allein mit einem kleinen Rest der Mannschaft, nachdem Kapitän, Offiziere und Mannschaften im Hafen von Santos dem gelben Fieber erlegen waren, sicher nach Hamburg zurückgeleitet. Die Mannschaft, vom Bootsmann bis zum Schiffsjungen, bestand zumeist aus Friesen, echt deutschen Gestalten, breitschultrig, blondbärtig, mit herzgewinnenden, offnen blauen Augen und gesunden, von Sonne und Sturm gebräunten Gesichtern. — Als Kajütspassagiere hatten wir von Hamburg her, außer einem kindlichen jungen Hanseaten, nur zwei österreichische Juden mit, die sich bei der Vorstellung stolz als »Magyaren« bezeichnet hatten, weil sie, die in Wien geboren waren, in Pest wohnten. Verlebte, läppische Kerle, von denen der eine, nachdem er den Tag in seiner Koje mit Katzenjammer und Seekrankheit gekämpft hatte, immer erst in den Abendstunden erschien, um dann mit seinem älteren Bruder zusammen um die Wette Zigaretten zu rauchen, Bier zu trinken und Zoten zu erzählen. Mit letzteren hatten sie freilich kein Glück; denn keiner von uns Schiffsoffizieren zeigte Neigung, ihr fades, unsauberes Gewäsch anzuhören. Außer diesen führten wir von der Heimat noch zwei Zwischendeckspassagiere mit, einen vierschrötigen, rothaarigen dänischen Kapitän, der sein Segelschiff[S. 28] in Lissabon treffen wollte, nebst seinem neu angemusterten Schiffsjungen, den er, da dessen Vater gestorben war, unter seine Flügel genommen hatte, um ihn für das Seehandwerk auszubilden, einen blassen, schmalbrüstigen Jungen. Der arme Schelm tat mir von Herzen leid, da er vor Seekrankheit kaum auf den Beinen stehen konnte. Ich gab ihm von meinen Äpfeln und Nüssen und meinem Weißbrot, weil es das einzige war, was er bei sich behielt.
In Antwerpen erhielten wir eine ganze Anzahl frischer Kajütspassagiere. Der erste, der auf unser Schiff stieg, war ein junger sächsischer Offizier von höchst sympathischem Äußeren, männlich, vornehm in seinem Auftreten, mit freien, offnen, ehrlichen Augen. Nach ihm kam ein Thüringer auf Deck, ein feiner Mensch, gesund und kräftig; ich hielt ihn anfangs für einen Musikus. Später stellte sich heraus, daß er Eisenbahningenieur war, voll Sinn für Kunst. Von ernstem, fast finsterem Ausdruck war ein Balte, ein Mann in reifen Jahren, dem der Ernst des Lebens tiefe Furchen ins Antlitz gegraben hatte. Um seinen Mund zuckte es oft wie in schmerzlicher Verzweiflung. Mit schwerem, müdem Schritt war er die Schiffstreppe emporgestiegen.
Mit fröhlichem Lachen betrat nach ihm ein Ehepaar in mittleren Jahren unser Schiff. Frohe Hoffnung lag auf ihren Gesichtern. Sie war blond, schlank, mit den grau-blauen Augen, die man in Norddeutschland so viel findet, die bei flüchtiger Bekanntschaft eher fernhalten, als anziehen, die aber bei näherem Kennenlernen die ganze Tiefe und Wärme der Seele erkennen lassen.
Den gleichen lebensbejahenden Zug, nur froher noch als bei der Frau, fand ich bei ihrem Gatten, einem sehnigen, augenscheinlich an Arbeit gewöhnten Manne, dem der Schalk und die Schwärmerei aus den blauen Augen leuchtete. Mir war es gleich, als ich ihn sah, als ob ein Stückchen Heimathimmel sich in ihnen widerspiegelte.
Ganz im Gegensatz zu diesen schien mir ein junger badenser Lehrer, ein weicher, fast zarter Geselle mit großen, träumerischen, braunen Augen, die aber doch von gesundem, kräftigem Wollen sprachen. In seiner Begleitung befand sich ein junges Mädchen, braunlockig, mit seelenvollen Augen, deren Dialekt an österreichische Abkunft erinnerte. Als sie das Schiff betreten hatte, war es, als ob plötzlich etwas Frühlingsartiges, Märchenhaftes auf unser überschneites Fahrzeug geraten[S. 29] war, — so eine Art verirrter Märzensonnenschein, nach dem man sich schon im Dezember sehnt.
Einen höchst sympathischen Eindruck machte mir ein rheinländischer Kollege, eine auffallende schöne, kräftige Erscheinung mit hoher Stirn und edlen, energischen Zügen.
Pustend und schnaubend, auf alles, auf den Schnee, die Kälte, Antwerpen, das Schiff, den Kapitän, die Mannschaft, Belgien und Gott weiß was schimpfend, kam ein dicker, aufgeschwemmter Mensch an Bord, wie sich herausstellte, ein geborener Ostpreuße, der als Delegierter zum internationalen Gastwirtstag nach Lissabon wollte. Und weil er gleichzeitig Vorsitzender des Kriegerverbandes seiner Heimat war, reiste er mit einer Art Ordensbändchen im Knopfloch. Er streckte den dicken Bauch immer möglichst weit vor, als ob er sagen wollte: »Platz da, ich komme!« Ein grenzenlos unausstehlicher Mensch, an dem man schon genug hatte, wenn man ihn zum erstenmal sah.
Schließlich kam noch ein junges Kerlchen aufs Schiff, ein Elsaß-Lothringer, dem man das Muttersöhnchen auf den ersten Blick ansah. Und endlich, damit das weibliche Element nicht fehle, eine fragwürdige junge Polin aus Warschau, die angeblich ihre Schwester in Manáos besuchen wollte, die aber, wie unsere beiden ungarischen Juden bald, nachdem sie angekommen war, ausbaldowert hatten, sich in ihrer Heimat für ein bekanntes Bordell in Manáos hatte anwerben lassen.
Als unser braver Kapitän von diesen Dingen erfuhr, schüttelte er den Kopf. Hatte er an den beiden Lästermäulen von Juden schon genug gehabt, so machte ihm die Ergänzung dieser beiden zu einem Kleeblatt ernste Kopfschmerzen. Etwas von Aberglauben steckt in jedem Seemann. Und wenn ein Schiff untergeht, so sagt ein alter Seemannsglaube, war einer an Bord, der's verdient hatte, den Fischen zum Fraß zu dienen. Und nun drei, — das war ein bißchen viel.
Das Wetter war danach, um solchen Gedanken Vorschub zu leisten. Schreiend umkreisten die Möwen wie Boten der Sorge das stampfende Schiff. Stockfinster war die Nacht, als wir aus der Schelde wieder in den Kanal einliefen. Dabei dicker Nebel, der von Hagel und Schneeböen nicht lichter wurde. Unaufhörlich warnten die Sirenen. Aber[S. 30] tapfer kämpfte sich unser braver Dampfer durch Wetter und Wogen hindurch.
In dickem, graugelbem Nebel lag Englands Küste versteckt. Mir aber war es, als hörte ich durch das Donnern der Wogen und das Brausen des Sturmes hindurch das Hämmern auf den Werften unserer englischen Vettern, auf denen sie Schiff um Schiff bauten in siegdürstendem Eifer, um über uns Deutsche herzufallen und unseren aufkeimenden Welthandel brachzulegen. Und im Geiste sah ich den gekrönten Moloch der Pall-Mall-Gazette als Commis voyageur im Hermelin unter dem Frack von Hof zu Hof reisen, das Feuer zum Weltbrand zu schüren.
Seid ihr blind, oder sollen wir in kurzem wiederum einem Jena entgegentreiben? Die Weltgeschichte schreitet im Zeitalter des Dampfes und der Elektrizität schneller als in der Zeit der Postkutschen und Galeeren. England hat mit Japan sein Schutz- und Trutzbündnis; mit Amerika ist es durch die Sprachverwandtschaft enger verbunden als wir; — an Frankreich ist es durch herzliches Einvernehmen verknüpft, — mit Rußland fädelt es Verhandlungen ein, die einem Bündnis verzweifelt ähnlich sehen, — Österreich buhlt augenscheinlich um Englands Freundschaft, — Frankreichs Kriegsflotte schwärmt an der Nordsee wie eine Schar Krähen, — und von Englands besten Schiffen liegen siebenzig kriegsbereit an der Küste des Atlantischen Ozeans. — Und unser Heer, unsere Offiziere, unser Volk? Sollte es doch an der Zeit sein, daß wir wieder einmal die Not des Krieges kennen lernen? Für viele unserer Offiziere wäre es ein Aufrütteln aus eitler Streberei und fadem Genußleben. Ist nicht unser ganzes Bürgertum angesteckt von diesen beiden Krankheiten?
Ja, der Krieg ist furchtbar, und doch möchte man fast ausrufen: »Kommt, ihr Feinde, greift uns an, damit der deutsche Michel, damit der Stammtischphilister in Uniform und Zivil erwache aus seiner Narkose, damit wir herauskommen aus dem Zeitalter der Phrase in das Zeitalter der Tat.«
Ihr Gedanken, wohin verirrt ihr euch! — Freilich ist es verführerisch, diese schlaffe Masse mit einem Male aufgerüttelt zu sehen durch den dröhnenden Kriegslärm, aber tausendfach ehrenvoller und größer ist es doch, in tausend und abertausendfacher Arbeit, in Liebe und Gerechtigkeit[S. 31] ein Volk zu heben und aufzuklären und vorwärts zu führen zur Gesundheit, zur Freiheit, zur wahren Kultur.
Mit diesen Gedanken kam ich zur Tafel. Gleich zum Beginn fielen unsere neuen Gäste über mich her, ich solle berichten, warum ich nichts tränke, warum ich den guten deutschen Trunk verabscheue. Ich blieb ihnen die Antwort nicht schuldig: »Sicherlich,« führte ich aus, »rührt nicht alles menschliche Elend aus der Trinksitte und von der Trunksucht her; aber ebenso sicher ist es, daß wir einen sehr großen Teil aller Not und allen Elends aus der Welt schaffen könnten, wenn wir die Trinksitte, das heißt, die Sitte, berauschende Getränke als Genußmittel zu gebrauchen, aus der Welt schafften. Und ich an meinem Teil will diese Sitte nicht stützen helfen.«
Ich sah, wie der eine und der andere nachdenklich wurde. Zwei oder drei riefen, während die Stewards aus und ein liefen: »Doktor, erzählen Sie mehr!« Und da sagte ich ihnen kurz, wie ich's wußte, und wie es mir in den Sinn kam: »Es ist im Laufe der letzten Jahrzehnte tatsächlich eine ganz neue Wissenschaft entstanden, die leider selbst manchem sonst ausgezeichneten Gelehrten ein noch unbekanntes Gebiet ist. Sie umfaßt eine neue Volkswirtschaftslehre und eine neue und doch uralte Sittenlehre. Sie lehrt uns die Schädlichkeit selbst des mäßigen Trinkens; sie lehrt uns, wie schon durch dieses unser Denken verlangsamt und unsere Widerstandskraft gegen Krankheiten herabgesetzt wird. Diese neue Wissenschaft zeigt uns, daß eine Reihe wichtigster Kulturaufgaben in unserem Volke liegen bleibt wegen angeblichen Geldmangels; aber unser Volk vertrinkt den zehnten Teil seines Gesamteinkommens und gibt noch einmal die gleiche Summe aus, um die Opfer unserer Trinksitten in Krankenhäusern, Irrenanstalten und Gefängnissen unterzubringen.«
Da warf einer der beiden Juden ein: »Doktor, Sie vergessen die vielen Tausende, die in der Alkoholindustrie ihr Brot verdienen.« »Jawohl,« antwortete ich, »anderthalb Millionen deutsche Männer.« »Sehen Sie wohl,« zischte triumphierend der Jude über den Tisch herüber, »die macht der Doktor brotlos mit seiner Temperenzlerei.« »Nein, Herr,« erwiderte ich ruhig und ernst, »nicht brotlos. In der Alkoholindustrie haben sie die schlechteste Sterbestatistik. Alle diese Wirte und Brenner und Brauer und Direktoren und Weinhändler[S. 32] und Whiskyreisenden« — bei diesem Worte zuckte die Begleiterin des Badensers schmerzlich zusammen, ich wußte nicht warum, weil er mir nicht danach aussah, als ob er je im Leben Whiskyreisender gewesen wäre — »haben eine schlechtere Sterbestatistik als die Feilenhauer und die Arbeiter in den Schwefelbergwerken.« »Ach was,« schnarrte der andere edle Magyare über den Tisch hinüber in einem Ton, mit dem er offenbar den Anschein erwecken wollte, als habe er in den Kreisen von Honvedoffizieren verkehrt, »auf Statistik gebe ich gar nichts! Alles läßt sich auf statistischem Wege beweisen.« — »Nun,« erwiderte ich, »Sie haben ja einen gut ausgeprägten Geschäftssinn, Sie wissen selbst, die deutschen Lebensversicherungsgesellschaften nehmen keine Alkoholisten auf, geschweige denn die englischen. Nun lehnen schon seit Jahren viele deutsche Gesellschaften Brauereidirektoren und Weinreisende von vornherein ab und machen selbst oft bei den solidesten Hotelwirten die größten Schwierigkeiten. Warum wohl? — Aber noch mehr. Eine Reihe großer, englischer Lebensversicherungsgesellschaften führt getrennte Statistiken über die Lebenschancen der Mäßigen und der Totalenthaltsamen und gibt den letzteren auf Grund ihrer Erfahrungen erheblichen Prämienrabatt. Bis zu fünfundzwanzig Prozent! Glauben Sie, daß diese Engländer so geschäftsunkundig sind, daß sie das tun würden, wenn sie nicht ihren Profit dabei machten?« Ich sah, wie unsere beiden ungarischen Helden um eine Nuance nachdenklicher wurden; der jüngere der beiden Brüder bestellte sich eine Flasche Apollinaris, und als der Steward sie brachte, folgte der ältere seinem Beispiel, schenkte sich ein und rief mir mit verlegenem Grinsen über den Tisch zu: »Prost Doktor.« »Aber diese anderthalb Millionen, die jetzt in der Alkoholindustrie ihr Brot verdienen, die machen Sie brotlos; das müssen Sie doch zugeben?« »Meine Herren,« erwiderte ich, »wir haben Gott sei Dank noch eine derartige Fülle großer Kulturaufgaben zu erledigen, daß die Hände und Köpfe dieser anderthalb Millionen Männer kaum ausreichen werden, um diese Aufgaben in Deutschland zu erfüllen. Sehen Sie unsere Schulen. Tausende sind überfüllt, und die Kinder unseres Volkes aus allen Ständen erleiden durch die Überfüllung der Klassen in dumpfiger, übelriechender Atmosphäre von ermüdeten und überangestrengten Lehrern unterrichtet, dauernden Schaden und erhalten,[S. 33] statt daß sie fürs Leben mit Herzens- und Geistesbildung ausgerüstet werden, im besten Falle einen Geistesdrill, der sie aufjubeln läßt, wenn die Zeit des Schulbankdrückens für sie vorüber ist. Jetzt schlagen Sie aber einmal im Staate oder in der Gemeinde vor, daß mehr Schulen gebaut werden müssen, da heißt es gleich: Es ist kein Geld vorhanden. Aber über dreitausend Millionen Mark vertrinken wir jährlich! Gehen Sie durch unsere Großstädte, und sehen Sie, wie unser Volk dort haust, in engen Höfen und finsteren Mietskasernen zusammengepfercht, und da wundern wir uns noch, wenn diese Leute, die einen großen Teil ihres sauer verdienten Geldes für Wohnungen ausgeben müssen, die die meisten von ihnen sich scheuen würden zu betreten, Sozialdemokraten werden, unzufrieden mit der heutigen Staats- und Gesellschaftsordnung ........« »Aha,« rief der Delegierte vom deutschen Gastwirtsverbande und gleichzeitiger Ehrenvorsitzender im Provinzialkriegerverein, »merken Sie es, meine Herren, wohin der Doktor hinaus will? Das sind ja die reinen sozialdemokratischen Anschauungen.« »Mann,« erwiderte ich ihm, »ich bin Arzt und Offizier und weiß, was ich meinem Vaterlande und meinem Kaiser an Treue schuldig bin. Aber das sage ich Ihnen, wenn Sie und ich und wir alle, die wir hier sitzen, einfache Arbeiter wären und in diesen Gängevierteln und Kasernen unserer Großstädte wohnten, wir wären Narren oder Schwächlinge, wenn wir uns nicht gegen eine Weltordnung aufbäumten, die so viel Ungerechtigkeit und Elend im Gefolge hat.« Alle stimmten mir bei, der patriotische Gastwirtsvertreter wurde rot wie ein Krebs und schwieg. Der Ingenieur fragte gespannt: »Und wie denken Sie diese Zustände zu ändern?« »Sehr einfach,« erwiderte ich, »statt der jetzigen Zentralisation der Bevölkerung in die Städte müssen unsere Städte systematisch dezentralisiert werden. Der Staat muß das die Städte umgebende Gelände zu dem Preise ankaufen, der dem Werte entspricht, den der jetzige Besitzer seinem Grund und Boden verliehen hat. Dieses Land wird vom Staate nur in Erbpacht gegeben. Durch geeignete Bauverordnungen wird die Bebauung des Landes in der Weise geregelt, daß die sozial und hygienisch verderbliche, heute beliebte großstädtische Bebauungsweise vermieden wird. Sodann müssen in radiärer Weise Verkehrswege aus der Stadt nach diesen neuen Ortschaften geführt werden, die dem Arbeiter und den draußen Wohnenden[S. 34] ermöglichen, auf schnellstem Wege des Morgens in der Frühe in die Stadt zu den Arbeitsstätten zu gelangen.« »Beim Zeus,« sagte der Rheinländer, »das scheint einleuchtend und einfach genug, und warum wird's nicht so gemacht?« »Freund,« sagte ich, »wir haben kein Geld, unser Patriotismus und der Gastwirtestand verlangen, daß wir alljährlich dreitausend Millionen Mark vertrinken.« Der dicke Ostpreuße brummte etwas in den Bart, was ich nicht verstand.
»Nun, Herr Kollege,« sagte der rheinländische Doktor, der mit einem Blick voll Heimweh übers Meer hinüber sich nach seiner herrlichen Heimat zu sehnen schien, »wenn Sie durch die Befreiung unseres Volkes von seinem sinnlosen Trinken so viele Millionen flüssig bekommen, so tun Sie mir eine Liebe und helfen Sie mir, unseren schönen Rhein, dessen früher grüne Fluten von unseren Dichtern besungen wurden, von seinen entsetzlichen Verunreinigungen zu befreien.« Da fiel ihm der Thüringer ins Wort: »Ach, Doktor, und unsere Saale und unsere Unstrut, — die reinen Kloaken! Es ist doch der reine Hohn, wenn unsere Studenten singen: An der Saale hellem Strande. Sind doch in ganz Sachsen und Thüringen fast alle Flüsse und Bäche bis ins Gebirge hinein verpestet und verjaucht.« »Bei uns ist's kaum besser,« klagte der Badenser. »Was wollen Sie denn mit allem Wasser aus den Flüssen und Bächen machen?« brummte der Baß des Ostpreußen. »Als ich noch Lehrer war, ließ ich mich auf einer Turnfahrt von meinen Jungens verleiten, einen Schluck aus einer Quelle zu nehmen. Den schönsten Typhus hätte ich mir beinahe geholt, so hatte ich mir den Magen dabei erkältet! In einem guten Restaurant ein gutes Glas Bier, wenn möglich einen Kognak vorher, oder ein gutes Glas Wein, noch besser eine Flasche, das sind die einzigen Getränke, an denen ein echter Deutscher seinen Durst löschen sollte.« Keiner der Anwesenden würdigte sein fades Geschwätz, mit dem gewohnheitsgemäßen Pathos des Bierphilisters vorgebracht, auch nur eines Wortes. Es war einen Augenblick so still, daß man durch das Klatschen der Wogen gegen die Kajütenfenster den gellenden Schrei der Sturmmöwen, meiner Sorgenvögel, hören konnte, die kreischend, durch das Licht der Kajüte angezogen, im Dunkel der Nacht an der Schiffswand entlangstrichen.
[S. 35]
Weh dir, Deutschland, dachte ich, daß so viele solcher Subjekte in deinem Volke ihr ungewaschenes Maul auftun dürfen.
»Nun Doktor, worüber sinnen Sie,« fragte mich unser erster Maschinist über den Tisch herüber, »wollen Sie von Ihren Millionen etwas hergeben oder nicht?« »Und ob ich will! Hat mir unser Reichskanzler doch selbst zu wiederholten Malen versichert, daß er die Reinhaltung unserer deutschen Gewässer, für die ich seit Jahren mit meinen Freunden mit allen Kräften kämpfe, für eine der wichtigsten Kulturaufgaben des Reiches halte.« »Der Reichskanzler?« fragte mein rheinländischer Kollege mit einem leichten Anflug von Ironie, und fügte gleichzeitig hinzu: »Ich bin überzeugt, er hat Ihnen mit guter Absicht und redlichstem Willen sein Versprechen gegeben. Aber wird er's halten? Er ist ein so gutherziger Kerl, daß er allen alles verspricht, — aber die Tat, — die fehlt ihm. Er will's allen recht machen und kommt nicht dazu, es auch nur einem recht zu machen. Und diese Schwäche wird ihn eines Tages noch zu Fall bringen. Herr Gott, wenn wir doch endlich einmal wieder einen Mann der Tat unter uns hätten. Aber verzeihen Sie, Kollege, daß ich Sie unterbrach.«
Ich fuhr fort.
»Vor gut einem Menschenalter noch brachte die Elbe einen schier überreichen Segen an Fischen aller Art, und die Ortschaften an ihren Ufern waren bevölkert von Hunderten von fleißigen Fischern, die in ihrem gesunden Gewerbe behaglichen Wohlstand fanden. Längst ist das Wasser verpestet, die Ufer sind verschlammt und die Fische zum großen Teil verschwunden.
Gut ein halbes Menschenalter ist es erst her, daß die Cholera wie ein furchtbarer Würgengel Tausende und Abertausende von Bürgern des reichen Hamburgs ins Grab warf und grenzenloses Elend über die Einwohnerschaft brachte, weil die Regierung der Stadt in unglaublicher Verblendung es gelitten hatte, daß ihre Bewohnerschaft mit dem ungereinigten Wasser des verseuchten Flusses versorgt wurde. Sie hatten die Kosten für die Klärung gescheut. Und das Vielfache dieser Kosten wird alljährlich in Hamburgs Mauern vertrunken. Freilich, wer gewohnt ist, seinen Durst nur mit Wein und Bier zu löschen« — hier bebte meine Stimme vor Zorn, so viel ich mir auch Mühe gab, mich zu beherrschen — »und sich dabei das Denken immer mehr abgewöhnt,[S. 36] der braucht sich über die Umwandlung unserer deutschen Flüsse in Kloaken keine grauen Haare wachsen zu lassen.« Der Ostpreuße schwieg, weil er offenbar instinktiv scheute, einen neuen Sturm zu entfesseln. So tat er, als wenn er meine Worte nicht gehört hätte und kaute um so eifriger als der Vertreter des Materialismus und der Streberei an dem gebratenen Geflügel.
»Aber Doktor,« warf der Badenser ein, »bedenken Sie unsere herrlichen Weinberge im Rheinland und bei uns in Baden, was soll aus ihnen werden? Hat man mich doch im Elternhause, so streng mäßig wie es bei den ernsten Lebensanschauungen meines Vaters und meiner Mutter auch herging, gelehrt, den Wein als eine edle Gottesgabe zu betrachten.« »Laßt uns da,« erwiderte ich, »wo mehr Trauben wachsen, als wir verzehren können, unsere herrlichen übrigen Früchte anbauen. Ist's doch ein Jammer, daß wir alljährlich Hunderte von Millionen für Früchte ins Ausland schicken! Und dabei bekommt ein guter Teil unseres deutschen Volkes beinahe überhaupt kein Obst auf seinen kärglichen Tisch. Ich gehe aber noch viel weiter.«
In diesem Augenblick wollte der dicke Ostpreuße sein volles Rotweinglas an die Lippen setzen. Man sah's auf seinem Gesicht geschrieben, wie es ihm schmeckte, weil er's nicht zu bezahlen brauchte, denn es war von dem offiziellen Tischwein, der in offener Karaffe vor ihm stand. Plötzlich legte sich das Schiff nach Lee hinüber — unser Ostpreuße, sein Glas mit Rotwein, die Kompottschüssel, die vor ihm stand, die Karaffe mit Wein, beschrieben gemeinsam eine große Bogenlinie nach der Schiffswand hin. Als sich der Dicke wieder erhob, scheltend und fluchend über die schlechte Gangart des Schiffes, über die Unberechenbarkeit der Meereswogen, über mangelhafte Führung des Kahnes, wie er sich ausdrückte, mußte er es sich gefallen lassen, daß irgend jemand aus der Gesellschaft ihn fragte, ob er es dem seligen König Jerome hätte nachmachen und in seinem Rotspon hätte baden wollen. Er sah aus, seine weiße Weste mit roten Kirsch- und Weinflecken übersät, das dicke Gesicht fast grün vor Ärger, wie ein halbverblühtes Rhododendronbeet.
Der Ostpreuße verschwand in seiner Kabine. Die andern hatten große Neigung, mich meinen Vortrag weiter halten zu lassen. Mich aber drängte es hinaus in die Nacht und den Sturm. Schwer rollten[S. 37] die Wogen, hochauf spritzte der Gischt am Bug des Schiffes — kein Stern am Himmel.
Ich ging hinauf zur Kommandobrücke, weil es mir ein Labsal war, nach dem Zusammensein mit diesem faden Menschen, dessen Kaumuskel ich noch im Geiste immer arbeiten sah, einen Augenblick mit unserem braven Kapitän zu verplaudern. Seine ernste Ruhe tat mir wohl. Mit sicherer, ruhiger Stimme gab er dem Steuermann seine Befehle. Mir war's, als ob der Glaube an sein Ziel ihn durch das Dunkel der Nacht seinen Weg finden ließ, und doch, welcher Fleiß, welches Nachdenken, welche Gewissenhaftigkeit, welche Umsicht, zugleich aber welches Selbstvertrauen gehörte dazu, mit diesem schwankenden Werk von Menschenhand sich seinen Weg durch diese schier undurchdringliche schwarze Wand, die ständig vor uns stand, zu bahnen.
Der Glaube an uns selbst, das ist eine der Quellen der Kraft für unser Handeln, die wir uns bewahren müssen. Wer den Glauben an sich selbst verloren hat, der lasse alles andere beiseite stehen und sehe zu, daß er diesen Kompaß des Lebens wiederfinde.
Ich fühlte es, es war nicht nur der Sturm und die frische Nachtluft, das Atmen des Meeres, was mir neue Kraft einflößte, sondern es war immer wieder die Nähe dieses kraftvollen, ruhigen, festen Mannes, die auf mich wie ein beruhigender und stärkender Zauber wirkte. Wir wechselten nur wenige Worte: »Nach Boulogne werden wir gut kommen; was dann kommt, müssen wir abwarten. Boulogne erreichen wir morgen früh um zehn und nehmen neue Passagiere an Bord. Nach einer Stunde dampfen wir weiter in die Biscaya.« »Gute Nacht.« »Gute Ruh'!« Ein Händedruck, und durch den sprühenden Gischt kletterte ich treppauf, treppab, bis ich in meinem kleinen, hellerleuchteten Traumreich wieder anlangte.
Mir kam der Disput von der Mittagstafel wieder ins Gedächtnis. Wie war's denn eigentlich gekommen, daß der Streit um die alt geheiligten Trinksitten unseres Volkes solchen Raum in meinem geistigen Leben eingenommen hatte? Wie war's gekommen, daß ich in diesem Riesenkampf in vorderster Reihe mit stand? — Wie es kam, ich weiß es selbst nicht. Das Bild meines guten lieben Mütterchens tauchte plötzlich vor mir auf, ich sah ihren tränenschweren Blick, sah sie mit ihrer sorgendurchfurchten Stirn sich zu uns, ihren Knaben, wenden,[S. 38] als ob sie in banger Sorge um uns und unsere Zukunft sei, in banger Sorge, was wohl das Leben mit seinen tausend Versuchungen aus uns machen würde.
Wie oft hatte sie uns Jungen gesagt: »Vor allem hütet euch vor einem, vor dem Trinken. Der Wein macht hitzig, und das Bier macht dumm. Und gebt acht, wo ihr Elend findet in der Welt, zum allergrößten Teil rührt es vom Trunk her! Bleibt nüchtern und gut, wie euer Vater es war.
Alles, was Gott in euch hineingelegt hat, das baut aus und verwertet es für euch und eure Mitmenschen.
In jedem, auch in dem Geringsten, achtet den Nächsten. Nur aus dieser Achtung kann die Liebe zum Nächsten erwachsen.
In jedem Mädchen achtet eure eigene Schwester, in jeder Frau eure Mutter; dann werdet ihr euch am leichtesten vor der Sünde hüten.
Euer Körper sei euch das heilige Gefäß eurer Seele. Seele und Körper untrennbar voneinander hat euch eine wunderbare Güte geschenkt. Haltet das Gefäß eurer Seele rein und heilig, damit eure Seele rein und heilig bleibe.«
Mit solcher Lehre zog ich hinaus in die Welt.
Und dann sah ich mich als Schüler auf dem Gymnasium der kleinen Stadt, die rote Primanermütze keck auf die Locken gedrückt im Kreise der Kommilitonen. Ich wollte sie herausreißen aus ihren Kneipgewohnheiten. Aber wie? Da lockte ich sie mit der Einladung zu einem Wurstessen in mein Bodenkämmerchen: Doch die Wurst wurde erst aufgetischt, nachdem wir »Die Räuber« mit verteilten Rollen gelesen hatten. Und siehe, es gefiel ihnen so sehr, daß wir die Wurst fast ganz vergessen hätten, wenn »Philipp der Eiserne«, unser Athlet der Prima, zum Schluß des letzten Aktes nicht daran erinnert hätte.
Dann kamen sie allwöchentlich, und wir verschlangen die Dramen von Schiller, Goethe, Lessing, Shakespeare und vergaßen darüber Wurst und Bier. Und sie nannten mich ihren Führer, ihren Achilles. Wir Myrmidonen hielten gute Freundschaft bis auf den heutigen Tag. — Und die nicht zu unserem Kreise gehörten, — wo sind sie geblieben? Verdorben, gestorben. Der eine ertrank im Rausch bei einer Bootfahrt auf der Elbe, der andere starb im Gefängnis, der dritte im Delirium,[S. 39] der vierte siechte an der Schwindsucht dahin, und der fünfte, der als Zwischendecker nach den Vereinigten Staaten auswanderte, verscholl als Schafhirte in den Prärien Amerikas.
Und was war der Dank von seiten der Lehrer dafür, daß ich die entsetzlichen Trinksitten auf der Schule durch Erweckung der Liebe zur Kunst und zu allem Guten, durch Sport und Turnen, in einem Teil der Schülerschaft ausgerottet hatte, dafür, daß mir in kurzer Zeit gelang, was die Herren Magister in jahrelangem Kampfe mit drakonisch strengen Polizeimaßregeln nicht hatten erreichen können? Ich sehe sie noch, die vom Weinfrühschoppen geröteten und gedunsenen Gesichter der Herren, wie sie aus der Tür ihres Stammlokals auf mich Ahnungslosen zugesegelt kamen, gleichsam als ob meine rote Primanermütze die gleiche Anziehungskraft auf sie ausgeübt hätte, wie das rote Tuch auf den Stier. »Wir kennen Sie! Unter dem Vorwand, das neue Fußballspiel von Hamburg hier einzuführen, treiben Sie Politik! Wir werden Ihnen das eintränken!« — Zu ihrer Entschuldigung konnte ich nur anführen, daß wir in den Attentatsjahren lebten. Kurze Zeit war verstrichen, nachdem jener wahnsinnige Verbrecher auf unseren geliebten greisen Kaiser geschossen hatte.
Ich und Politik! Aber ich wollte den Schmutz und die Gemeinheit aus dem Leben meiner Mitschüler ausmerzen. Und da galt ich ihnen als Idealist, und Idealisten sind Schwärmer, sind gefährlich. Und dabei lag mir die Politik schon damals so weltenfern, wie heutigen Tages noch.
Aber halt — ich hatte mit meinen 17 Jahren einen Vortrag gehalten über die Wohnungsnot in meiner Vaterstadt Hamburg. Das hatte der Schmidt, der Judas Ischariot in unserem Kreise, der würdige Sohn eines preußischen Subalternbeamten, seinem Vater hinterbracht, und dieser hatte es gewissenhaft der Schulbehörde weiter gemeldet, und diese hatte den Fall pflichtgemäß registriert, — und daher die Wut und der Zorn der Herren Schulmänner, nachdem sie sich soeben mit dem edlen Wein gestärkt hatten. Über Wohnungsnot zu sprechen in einem Schülerleseverein, — das war ja tatsächlich kolossal verdächtig. Wie ich dazu gekommen war? —
Hatten im Vater die Überlieferungen nachgewirkt, daß die Vorfahren aus edlem Hugenottengeschlecht ihr Vaterland Frankreich um[S. 40] ihres Glaubens willen verlassen hatten, um in der alten Hansastadt ungestört ihrem Glauben nachleben zu können? Hatte das Christentum der Tat, das mein Vater von den Ahnen ererbte, ihn veranlaßt, seinen blühenden Handel nach Brasilien in andere Hände zu legen, nachdem er so viel verdient hatte, um seine und der Seinen Zukunft vor Not und Sorge gesichert zu sehen, damit er den Rest seines Lebens als Armenpfleger in der Vaterstadt wirken und auf seinen täglichen Gängen durch die Höfe und Gassen der Stadt das Elend der Ärmsten lindern könne? Hatte die Mutter dieses Erbteil des früh verstorbenen Vaters auf den Sohn verpflanzt, hatte dazu das eigene warme Herz, das sie von ihren Vätern ererbt hatte, auf ihre Kinder wieder vererbt? Sicher nicht ohne Grund hatte sie ihren hoch aufhorchenden Kindern von den Vorfahren erzählt, wie diese in Urzeiten als edle Ritter im Westfälinger Lande gesessen hatten. Wie der Erzbischof von Bremen sie als die Tapfersten und Zuverlässigsten in die Marschen an der Elbmündung gesandt, damit sie das reiche Land dort gegen den verheerenden Ansturm der Wenden und die räuberischen Überfälle der Normanen schützen sollten. Und wie sich die Bauern des Landes um sie sammelten zu einer Heldenschar, genannt die Männer vom Morgenstern. Die bauten für sich und ihre ritterlichen Schirmherren, die Ritter von Lappen, die feste Burg Ritzebüttel, die heute noch steht wie ein aus der Urzeit ragendes Wahrzeichen schirmender Kraft.
Es war wohl beides gewesen, das Gefühl der Pflicht, den Sinn des Vaters auf die Kinder zu vererben, und das eigene warme, mitempfindende Herz, das die Mutter antrieb, uns als Kinder schon in die Wohnstätten der Armut zu schicken, um Not lindern zu helfen, wo immer sie davon erfuhr. Und wenn ich mit der Schwester, dem guten Geiste meiner Kindheit, die engen finsteren Stiegen in den dunklen Gassen und Höfen hinaufstieg, um in den dumpfigen Wohnungen der Armen uns unserer kleinen Aufträge zu entledigen, und wir all das namenlose Elend und Unglück dieser Menschen sahen, die doch auch Menschen waren, wie wir, deren Kinder Kinder waren, wie wir, dann krampfte sich mein jugendliches Herz zusammen, und wenn ich abends auf meinem Bette lag, betete ich inbrünstig zu meinem Gott: »Herr, hilf mir, daß, wenn ich ein Mann bin, ich dieses Elend lindern kann.«
Aus diesen Erfahrungen heraus hielt ich eines Tages meinen[S. 41] Myrmidonen einen Vortrag über die Wohnungsnot in meiner Vaterstadt. Und daraus drehten sie mir den ersten Strick.
Als die Zeit heranrückte, in der wir uns vorbereiten sollten für das Reifeexamen, da warf der Ordinarius mit seinem weingeröteten Gesicht mir, dem Primus, mein Zeugnisbuch durch die Klasse zu mit dem höhnischen Ruf: »Bei mir werden Sie nie das Examen machen.« Ich ließ das Heft unter dem Tische liegen, wohin es geflogen war, nahm meine Bücher unter den Arm und verließ mit einem stolzen: »Lebt wohl, — Kameraden!« die Klasse.
Oh, wie danke ich es euch guten, freundlichen Menschen heute noch, dir, meinem alten guten Direktor Detlefsen, und dir, meinem alten treuen Freunde und Magister Reuter, daß ihr mich, wie einst die Phäaken den irrfahrtmüden Odysseus, in Glückstadt's traulichen Mauern so freundlich aufnahmt. Ihr kanntet kein Polizeiregiment und keinen Frühschoppen, und mit warmem Herzen halft ihr dem Vorwärtsstrebenden, die Flügel zur Fahrt durchs Leben zu entfalten.
Und dann hinaus zur Universität, nach Leipzig, in das geistige Zentrum akademischen Lebens. Wohl schäumte dem jungen Studio fröhlich das Leben entgegen. Aber die Klinge war scharf und gut geübt, um dem eklen Zwang zum viehischen Saufen mit Trotz zu begegnen. —
Nun aber war ich zwanzig Jahre gegen den Strom geschwommen und hatte geliebt, wo die anderen verachteten und haßten. Zwanzig Jahre lang hatte ich versucht, ihnen klar zu machen, wo sie fehlten. Ich sah, wie Lieblosigkeit und Härte, Genußsucht und Gewinnsucht, Ungerechtigkeit und Hochmut Tausende und Abertausende krank und elend, hart und trotzig und schließlich fähig zu allem Bösen machten. Ich sah, wie man Scharen unserer Volksgenossen in Gefängnisse und Zuchthäuser sperrte, weil sie schlimme Dinge getan hatten, Junge und Alte, und sah, wie die Alten, im Verbrechen grau Gewordenen, die Jungen, deren Herz noch weich und gut war, die nur der Taumel ins Gefängnis geworfen hatte, in den Morast der Sünde hinabzerrten.
Ich sah die Irrenhäuser und Krankenanstalten sich füllen mit Siechen und Schwächlingen. Unzählige lebensunfähige Kinder, —[S. 42] andere, die den Keim elenden Siechtums in sich trugen, sah ich geboren werden; Kinder, die entweder keinen Vater hatten, oder wenn sie einen hatten, besser daran gewesen wären, wenn sie keinen gehabt hätten. Und ich sah den Staat und seine hochweisen Behörden lächelnd an Toren und Schurken die Erlaubnis erteilen, Brotkorn in Gift zu verwandeln und dieses Gift dem Volke zu verkaufen.
Ich sah die nämlichen Herren, die diesen großen unbekannten Geist, »Regierung« genannt, zusammensetzen, lächelnd bei Tisch aus ihren Pokalen das nämliche Gift schlürfen und abends aus schweren Krügen noch einmal das gleiche Gift beim Qualm der Zigarren, der ihnen half, die Sorgen um Land und Volk in ein sanftes Grau zu hüllen. Und weil sie selbst von dem Gifte schlürften, gaben sie ruhigen Gewissens und dreist die Erlaubnis, dieses Gift auch dem Volke zu schenken. Und Scharen um Scharen deutscher Männer zogen alljährlich, vergiftet durch den Trank, ein in die Gefängnisse und Zuchthäuser und füllten die Lücken, die dort der Tod durch die Bazillen der Schwindsucht alljährlich riß. Schar um Schar taumelte in eklem Rausch in die Bordelle, um sich dort bei den unglücklichen Opfern ihrer Lüste mit den Seuchen zu vergiften, die sie daheim dann ihren Frauen und Kindern einimpften, — körperliches und geistiges Siechtum verbreitend nach Mosis grausigem Wort: Ich will die Sünde der Väter heimsuchen bis ins dritte und vierte Glied.
Und als meine Seele mit ihrem geistigen Auge dieses grauenhafte Elend überschaute, schluchzte sie auf, und in ohnmächtigem Schmerz und Zorn krampfte sich mein Geist, daß trotz aller Arbeit es nicht gelingen wollte, die beim eignen Becher erstarrten Gewissen der klugen Herren, die an der Spitze des Volkes stehen, aufzurütteln.
An den Grenzen unseres Landes hörte ich das Klirren der feindlichen Schwerter. Und wie dunkle Gewitterwolken gefahrdräuend eine blühende Ortschaft mit Nacht überziehen, so sah ich an unseren Grenzen die Gefahr feindlichen Überfalles von Westen und Osten. Anstatt aber wie in alten Zeiten zusammenzuhalten, wie ein Volk, wie Kinder einer Familie, in deren Haus ein feindlicher Nachbar eindringt, hörte ich in unserem Volke Gekeif und Geschelt von beiden Seiten, von den Besitzenden und Besitzlosen. Die einen sollten alles, die anderen wollten alles. Und ich sah, wie die einen, die im Besitz waren, nur[S. 43] danach strebten, ihren Besitz zu mehren. Sie hatten das Land, sie hatten das Geld und damit die Macht, Häuser zu bauen. Da suchten sie diejenigen, die kein Heim hatten, auf kleiner Fläche hoch übereinander in den Städten zusammenzuschichten, nicht duldend, daß jeder ein Heim hatte; damit sie aus ihren steinernen Quartieren den höchstmöglichen Zins zögen. Und nachdem sie so den Volksgenossen das Vaterland genommen, schalten sie sie noch dazu vaterlandslose Gesellen!
Und die Besitzlosen, anstatt in Ruhe nachzudenken, was ihnen fehle, suchten und suchten, in ihrer Erbitterung und Wut blind, und fanden nicht den Ausweg aus dieser Wirrnis. Bald suchten sie Arbeit, wenn der Hunger sie quälte, bald warfen sie ihr Arbeitszeug hin und ließen die Maschinen stille stehen. Und der Gifttrank verwirrte ihr Hirn vollends.
Und die weisen Herren dort oben sahen es, runzelten die Stirn über die Unzufriedenen, gaben Gesetze über Gesetze und wußten sich doch keinen Rat. Und der Staat, den sie regierten, hätte mit leichter Hand rings um die Städte das Ödland von den Bauern kaufen können; fleißige Genossenschaften würden Häuschen um Häuschen errichten, mit Stall und Garten; der Dung von Mensch und Vieh konnte in Kürze aus den sandigsten Einöden blühende Gefilde schaffen. Auf Schienensträngen müßte der Zug morgens in der Frühe, wie in Holland und Nordamerika, arbeitsfreudige Scharen aus ihren dörflichen Gärten in wenigen Minuten in die Städte tragen, wo sie auf den Speichern und auf der Werft rüstig die kräftigen Hände regen könnten. Und abends hätte die nämliche Bahn die Heimatdurstenden aus den Städten wieder hinausgeführt zu den von Luft und Sonne gebräunten Ihrigen.
Aber die Väter der Städte wollen steuer- und zinszahlende Massen, und mit Schank und Trunk und Flitter und Lärm und mit Licht und Fladusen locken sie die noch mit dem Erdgeruch behafteten Kinder des Landes hinein in die Städte. Sind die Wurzelfäden jener dann zerrissen, sind sie benebelt von Branntwein und Bier, das die reichen und vornehmtuenden Herren ihnen brennen und brauen, sind sie verwildert und entnervt und stumpf und erschlafft in der Großstadtluft: dann zetert und stöhnt und schilt und schreit kein Mensch mehr über die »verwilderte Bande«, als Brenner und Brauer! So bilden diese,[S. 44] mit den Wirten und Hausbesitzern im Bunde, einen wahrhaft edlen Kern der staatserhaltenden Elemente.
Kein Tyrann knechtet unser Volk so wie diese Gesellschaft. Keinen Tyrannen hat je die Weltgeschichte gesehen, der einem ganzen großen Volke so das Mark aus den Knochen gesogen hat, wie dieses Kleber-Vier.
Und weiter sah ich. Wo waren die Nachen unserer fleißigen Fischer geblieben, die bei Tag und Nacht auf schwankendem Kahn den schimmernden Segen, die wimmelnden Fische, den Flüssen und Seen unseres schönen Vaterlandes mit Netz und Angel entlockten? Wo sind die Scharen geblieben von Knaben und Jünglingen, die schwimmend im reißenden Strome die Kräfte erprobten? Dunkel und trübe ziehen die einst so klaren Fluten der meisten unserer deutschen Bäche und Ströme dahin, seit der Unrat unserer Städte und die Abwässer der Fabriken sie verpesten. Und wiederum waren es die Reichen und Mächtigen der Städte und große Fabrikherren, die sich sträubten, die deutschen Ströme rein zu halten. Mochten selbst die Wiesen und Äcker vergiftet werden durch die trüben Fluten der Ströme! Mochten die Fischer doch ihr Gewerbe aufgeben und in die Städte ziehen, wenn die Flüsse ihnen keine Nahrung mehr lieferten, — was geht das die reichen Fabrikherren, was geht es die Magistrate der Städte an! Jene sparen ihr Geld, und diese halten sich schadlos durch Hinzuzug der reichen Leute, die nicht sehen mögen, wie ihr Dünger dem Acker, der ihnen Brot und Gemüse liefert, zugeführt wird.
Alle diese Reichen und Mächtigen hören und sehen eins nicht. Ihr Hunger nach Genuß und ihr Durst nach Geld macht sie blind und taub. Und ihr vom Rauschtrank umnebeltes Gehirn dämmt ihnen ihren Horizont ein, daß sie die Leiden und den Kummer und die Sorgen ihrer Volksgenossen nicht sehen und nicht hören, sondern nur an sich denken. Und so hören sie nicht, wie es im Volke gärt und murrt, in dem Volke, zu dem doch auch sie gehören; wie es auseinanderfällt wie eine Ehe, aus der die Liebe gewichen ist. Und doch könnten sie gerade tagtäglich in nächster Umgebung prüfen, was es für die Ehe heißt, wenn die Liebe hinauszieht.
Da sind Hunderte von Paaren — und gerade unter den Reichen und Mächtigen, denen die Kinder versagt sind, weil der Gatte in jungen[S. 45] Jahren ein lustiges Leben führte und sich, wie man sagte, die Hörner ablaufen mußte. Da sind andere, deren Kinder siech und elend und idiotisch sind, weil ihre Väter so urgermanisch den Becher schwingen konnten. Und weiter gibt es Hunderte und Tausende von Ehen in allen Ständen, und in ihnen Hunderte und Tausende von Frauen, die dem Manne, der vor seiner Ehe nur käufliche Dirnen oder nur oberflächliche Gesellschaftsbekanntschaften hatte, nur Magd oder Haushälterin im Hause sind: Frauen, die als Mädchen mit höchsten Lebenszielen in die Ehen gingen, und nun schaudernd gewahr werden, daß ihr Lebensschifflein als sinkendes Wrack auf trübem Strome dahinfährt.
Und all der Tausende von Frauen mit ihrem Martyrium mußte ich tagtäglich gedenken, weil ich tagtäglich Frauentränen zu trocknen hatte. Und das war das schwerste für mich von allem: die Trauer und das Leid um die Trauer und das Leid derjenigen, die die Seelen der Welt bedeuten.
Und schließlich ward diese Trauer und das Leid über all dieses Elend so groß, die dunkle Wand stieg so schwarz, so riesengroß vor mir auf, daß sie mich zu Boden drückte, und alles Glück im eigenen Heim, alle Liebe daheim, der Jubel meiner Kinder, mein Haus, mein blumen- und vögelreicher Garten, die Freunde, die Freude am Gelingen der täglichen Pflicht, mich nicht froh machen konnten. Ich war müde geworden. Und wenn ich mich auch meiner Müdigkeit noch so sehr schämte, mir war's, als ob alle Kraft von mir gewichen sei.
Nun war ich übers Meer gegangen. Hatte ich das Glück suchen wollen? oder Frieden und Ruhe? oder neue Kraft?
Das Glück? was ist das Glück? Mir fiel ein Lied aus früherer Zeit wieder ein:
Das Glück hatte ich in reichstem Maße, — für mich. Aber die anderen? mein Volk?
Und wieder legte sich der Gedanke an sein Elend wie Alpdruck auf meine Seele.
Aber das Ächzen und Stöhnen klang wie aus weiter Ferne. Und dazwischen klang Kinderjubel und Nachtigallensang, und wie Heimatduft kam es zu mir. Da wurde mir leichter.
Und wie ich so lag in meiner Kabine und von den alten Zeiten träumte, spürte ich kaum noch das Stampfen des Schiffes und hörte kaum noch, wie die Wogen brandend an seine Brüstung schlugen. Ich drehte mein Lämpchen wieder an, das am Kopfende meines Bettes hing, und griff nach meinem kleinen Bücherbord hinüber. Dort stand in sauberem festen Einband eine Mappe mit Erinnerungen aus alter und neuer Zeit, mit Briefen und Liedern und kleinen Schriften, die ich veröffentlicht hatte im Laufe der Jahre, mit Tagebuchblättern aus dem Leben und aus der Praxis, Bildern von meinen Liebsten, von Weib und Kindern, und dazwischen Rosenblätter und Zypressenzweige, — das Ganze eine kleine Welt für sich: Mein liebes Weib hatte es mir als Talisman mit auf die Reise gegeben. »Wenn du in deiner Einsamkeit schwere Stunden hast, so nimm es und zaubere dir aus der Vergangenheit eine neue Gegenwart und vergiß, was dich drückt.« So hatte sie gesagt.
Und da fiel mir, als ich die Mappe öffnete, ein Heftchen in die Hand: mein Erstlingswerk, das gedruckt war.
Zu Anfang der achtziger Jahre war es gewesen. Tschechische Studenten hatten damals in Prag die deutschen Kommilitonen überfallen. Die Leipziger Studenten hatten keine Zeit, sich um die Schmach der deutschen Brüder im Osten zu kümmern. Sie hatten offizielle und inoffizielle Kneipen Abend für Abend. Da gelang es mir, einen Leipziger Cherusker, mit dem ich auf dem Fechtboden Freundschaft[S. 49] geschlossen hatte, für meinen Plan zu gewinnen: Die Gelegenheit zu benutzen und die Kommilitonen aus ihrer Lethargie aufzurütteln. Wir eilten von Verbindung zu Verbindung, von Behörde zu Behörde. Endlich hatten wir die Genehmigung zu einer großen Studentenversammlung. Annoncen wurden veröffentlicht, Einladungen erlassen. Hofprediger Stöcker, der uns jungen Studenten als Hauptvertreter des nationalen Gedankens am meisten empfohlen worden war, wurde zum Vortrag gewonnen. In meisterhafter, flammender Rede wußte er die Sympathien für das bedrohte Deutschtum im Osten zu entfesseln. Aber als wir nach dem Vortrage im kleinen Kreise mit ihm bei einem Glase Bier zusammen saßen, da schien es mir, als ob er die Maske abwürfe und alles, was er in seinem Vortrage an Begeisterung in unsere jugendlichen Herzen gepflanzt hatte, wieder herausrisse und zerträte.
Hatte er vorher davon gesprochen, daß die akademische Jugend vor allem dazu berufen sei, das Deutschtum hochzuhalten dadurch, daß es die deutschen Tugenden pflege, so schwächte er die Wirkung seiner Rede nunmehr gründlich dadurch ab, daß er erklärte, an dem Niedergange des Deutschtums seien einzig und allein die Juden schuld; die Juden müßten bekämpft werden. So säete er, ein gefährlicher Aufrührer im Priesterkleide, damals die schlimme Saat des Antisemitismus in die deutsche Studentenschaft, anstatt ihr das einzige zu bringen, aus dem unserer Jugend neue Kraft zu neuen Taten erwachsen kann. Das ist Selbsterkenntnis. Hatten doch die alten Athener nicht umsonst über den Tempel des Apollo die Worte geschrieben: Γνῶθι σ'αὺτόν! »erkenne dich selbst!« Ein neuer politischer Studentenverein entstand mit deutschnationaler Tendenz. Es wurden viele Reden gehalten, und noch mehr wurde gekneipt. Nach Prag wurden einige Begrüßungsdepeschen gesandt. Es gehörte zum guten Ton, auf die Juden zu schimpfen und germanisch zu kneipen. Das war die Frucht unserer Bemühungen gewesen!
Da nahm ich meinen Wanderstab und wanderte von Leipzig zu Fuß durch die Goldene Aue über den Kyffhäuser nach Göttingen. Und wie ich da oben auf dem sagenumsponnenen Kyffhäuser stand, allein in stiller Wald- und Bergeinsamkeit —, noch stand kein Denkmal da oben, noch kein Wirtshaus, — da reifte in mir der Entschluß,[S. 50] für unser Volk zu kämpfen und zu arbeiten, solange Gott mir Leben ließe.
Als ich in Göttingen ankam, rüsteten sich die Freunde gerade zur Fahrt zum Kyffhäuser —, von dem ich eben herkam, — um dort die erste große Versammlung der deutschnational gesinnten Studenten aus ganz Deutschland mitzumachen. Ich kannte von Leipzig her schon genug, was bei solchen Versammlungen herauskam. Doch der Freunde wegen ging ich mit. Es kam, wie ich gefürchtet hatte. Nur wenige Stunden des Redens und des Hurrarufens, und die allgemeine Berauschung an Phrasen ging über in eine große Berauschung durch das Bier, das in Strömen floß.
Da bäumte sich alles in mir auf, und weinend lief ich querfeldein, den Berg hinunter. Unterwegs begegneten mir bereits Scharen von betrunkenen Studenten, die gemeinsten Lieder gröhlend ... Im Wartesaal der kleinen Eisenbahnstation an der Bahn, die mich nach Göttingen zurückführen sollte, kam ich gerade dazu, wie ein angetrunkener Student sich an einem Mädchen vergreifen wollte, das schüchtern in einer Ecke Platz genommen hatte. Meine drohende Haltung verlieh meinem flammenden Protest Nachdruck. Ich war voll Ekel!
Und dann, anstatt nach meiner Rückkehr in Göttingen zur Ruhe zu gehen, schrieb ich voll Zorn und Scham über das Erlebte meinen »Mahnruf aus Jungdeutschland an Jungdeutschland«.
Allein wanderte ich weiter über den Großen Meißner nach Marburg, von Marburg rheinabwärts bis nach Bonn. — Überall traf ich Freunde und überall das gleiche sinnlose Kneipen. Und was hatte ich auf meinen Tagen der Wanderfahrt alles gesehen und erlebt! Wie hatte sich der Nüchterne berauscht an den Schönheiten der Natur, an der Größe und Herrlichkeit des deutschen Vaterlandes! Wie hatte er mitgejubelt und gefeiert, mitgetanzt und mitgesungen, wo immer er zu fröhlichen Menschen kam! Wie war er auf einsamer Wanderung eingedrungen in das Empfinden und die Sprache unseres Volkes, wie hatte er gelernt, es zu achten und zu lieben!
Dann kam die Zeit des Kampfes um den Mahnruf.
Manch einer fühlte sich getroffen und glaubte, an dem Verfasser sich reiben zu müssen. Keiner wagte es zum zweiten Male.
Aber eines Tages traf aus Würzburg ein Brief ein von dem Physiologen[S. 51] Professor Fick. Der hatte den Mahnruf im Buchhandel entdeckt. Er schrieb begeistert, ich solle dorthin kommen, mit ihm arbeiten, mit ihm zusammen kämpfen. Welche Aussicht! Wie schlug das Herz höher! Der erste Erfolg im Kampf. Ein Mitkämpfer und was für einer!
Und dann ein herrliches Jahr mit diesem vortrefflichen Manne zusammen. Aber ein neues ging mir auf im Umgange mit ihm: nicht die Begeisterung allein konnte zum Siege führen, — die wissenschaftliche Erkenntnis mußte helfen.
Jahrelang versuchte ich als Arzt in der Praxis meinen Mitmenschen zu predigen, daß sie Maß halten müßten mit dem Trinken, damit sie nicht krank würden. Alles vergeblich. Es war, als ob sie blind wären. Sie sahen in allen Ständen die Männer sterben, — fünfzig Familienväter starben mir in zehn Jahren im besten Mannesalter am Trunk dahin, Reiche und Arme, — und die andern tranken weiter.
Da erhielt ich eines Tages wiederum einen Brief aus Würzburg, in dem der Freund mir schrieb: seine physiologischen Studien hätten ihn aus logischen Gründen geradezu gezwungen, gänzlich enthaltsam zu werden. Ich aber verstand ihn nicht und schrieb ihm, ich hätte ihn immer für einen so mäßigen und verständigen Mann gehalten und könne nicht begreifen, warum er jetzt so übertrieben strenge sei. Und dann ging ich zu meinem Freunde und früheren Lehrer, dem Professor Reuter, und klagte ihm meine Skrupel. Ich wußte, daß er als Student ein flotter, schneidiger Burschenschafter gewesen war. Er erwiderte mir auf meine Zweifel: »Männer von so radikalem Standpunkt wie Ihr Freund, der Professor Fick, sind in Zeiten des Niederganges gleichsam ragende Säulen, Stützen, an denen die große Masse sich wieder aufrichten kann.«
Und doch — wie schien es schwer, mit der alten Gewohnheit, der alten Form der Geselligkeit zu brechen.
Da war unser Gänseessen im November, zu dem die Kollegen aus der Stadt kamen. Wie mancher hatte sich ein fröhliches Räuschlein beim gut temperierten Rotspon dabei geholt. Wie harmlos vergnügt waren wir gewesen, und doch —, war irgend etwas von bleibendem Werte aus irgend einer dieser Gesellschaften entstanden? — Wie mancher Bocksbeutel mit altem Steinwein war mit Kennermiene[S. 52] im engsten Freundeskreise geleert worden bei ernstem, anregendem Gespräch, bei welchem Gedanken über Pläne und Ziele des Lebens ausgetauscht wurden, nachdem wir wissenschaftliche Arbeiten prüften und Kunst pflegten. Was hatte das alles mit dem alten Wein zu tun! Und doch war es so unsagbar schwer, mit dem alten Vorurteil zu brechen, daß ein gutes Glas Wein notwendig sei zum Leben! Hatte ich doch meinem Mütterchen bei der Hochzeit versprechen müssen, — dieser einzig guten und klugen Mutter, — meine halbe Flasche Wein bei Tisch zu trinken. Das hätte ich nötig bei meinem schweren Beruf. —
Draußen klatschte der Regen an die Kabinentür. Das Ohr gewöhnte sich allmählich an das brandende Gewoge und die stampfende Gangart des Schiffes.
In der Hand hielt ich noch immer die Mappe mit den Erinnerungen. Da waren sie ja, die Tagebuchblätter aus dieser Übergangszeit, die mich bald hinausführen sollte in den großen heiligen Kampf um die besten Güter der Menschheit. Da hielt ich sie alle in der Hand, die Zeugen aus jenen Tagen der ersten Kämpfe und der ersten Erfolge. Ich erinnerte mich an jedes einzelne Erlebnis, als ob es gestern gewesen wäre. Und während ich las, vergaß ich völlig, daß ich mit einem Dampfer mitten im Schneesturm in nebliger Nacht durch den Kanal dahinfuhr, vergaß, daß Jahre schwerer Arbeit und schweren Kämpfens dahingegangen waren, und genoß in vollen Zügen aus den schlichten Blättern noch einmal die Zeit des Erkennens und des Erwachens und der ersten Taten.
So muß es kommen. Treffe ich da heute den Hausmann angetrunken auf der Straße. Als ich ihn stelle und ihm eine Standrede halte, daß er doch das alte Schnapssaufen nachlassen solle, kümmerlich genug ging es doch her in seinem Hause, und für sein Herz und seinen Rheumatismus tauge es erst recht nicht, — was antwortet er mir? »Ja, Herr Doktor, ich habe kein Geld zu Bier und Wein, wie Sie, da trinke ich eben Schnaps!« Und als ich ihm antworte: »Ja, mein Lieber, das wenige, was ich trinke, das habe ich nötig als Anregung bei meinem schweren ärztlichen Beruf! Sie wissen, Tag und[S. 53] Nacht muß ich heraus, immer soll man frisch sein.« »Will ich auch gar nicht sagen, Herr Doktor, aber den ganzen Tag in dem nassen Lehm stehen, ist auch was, da brauche ich eben meinen Schnaps, wie Sie Ihren Wein.« — Ich fühle mich doch recht beschämt. Was sollte ich dem Manne nur darauf antworten? Und ich möchte dem armen Teufel doch gern helfen.
Kommt da heute solch junger Fant zu mir zum Besuch, ein Studentlein, lang aufgeschossen, mit hellblondem Flaum unter der langen, geraden Nase, mit blitzenden, blauen Augen, ein echter junger Germane, gesund, fröhlich, der Typ der Ariers. Ich kenne ihn von Jugend auf; stammt aus altdeutschem Geschlecht; die Väter seit zwei Jahrhunderten protestantische Prediger im Holsteinischen, Hannoverschen und in den Hansestädten. Das ist Urrasse. Als ich ihn frage, wie er denn mit seinem Wassertrinken auf der Universität durchkomme, — hat er doch überhaupt noch niemals Wein oder Bier in den Mund genommen —, lacht er mich strahlend an: »Fein! wenn die anderen benebelt sind, bin ich fein klar und fröhlich, und dann gehe ich nach Hause.« —
Von dem kann man lernen! Und als er mir rät, es doch einmal ebenso zu machen, ich solle nur mal sehen, wie viel besser es sich ohne alle diese Getränke leben ließe, schlage ich kurzerhand ein und verspreche ihm, die nächsten vier Wochen nicht zu trinken. Wollen sehen, was es gibt.
Ob ich den Hausmann nun durch mein Beispiel wohl nüchtern mache?
Wieder einer! Es ist ein Jammer, diese Zunahme der Geschlechtskrankheiten. Und nicht nur unter der Stadtbevölkerung, nein, auch die Landbevölkerung wird durchseucht. Entweder kommen die jungen Burschen krank vom Militär zurück, oder die Knechte und die jungen Bauernsöhne gehen in die Stadt, um sich zu »amüsieren«. Und nachher? Kommen sie heulend in unsere ärztliche Sprechstunde und jammern um ihre schöne verloren gegangene Gesundheit und um ihr[S. 54] Lebensglück. Denn daß dies was auf sich hat, empfinden sie alle, und mit Recht. Wohin ich komme als Arzt, fast überall sind diese Jugendsünden die Ursache alles Elendes in der Ehe. Und wie ein Strom schwellen die Folgen dieser Entgleisungen unserer jungen Männer an. Da lese ich kürzlich, daß die Geschlechtskrankheiten unseren Krankenkassen bereits 100 Millionen Mark kosten, und daß die Zeit nicht fern sei, wo sie mit 300 Millionen rechnen müßten. Aber was nützt alles Predigen und Ermahnen, alles Resolutionenfassen und Konferenzenmachen der Sittlichkeitsvereine und des Vereins zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, solange alle diese vielen Herren in ihren maßgebenden Stellungen selbst noch dem Sekt, dem Wein und dem Bier huldigen. Denn eins ist doch klar! Nehmt unseren jungen Männern die Gelegenheit, den alten Adam in ihnen mit diesen Getränken zu stacheln und gleichzeitig ihr Gewissen einzuschläfern; gebt ihnen andererseits dafür Gelegenheit, sich zu tummeln und auszutoben; gewöhnt sie, im zwanglosen täglichen Verkehr das andere Geschlecht als ein ihnen gleichstehendes anzusehen; lehrt sie, in jedem Mädchen die eigene Schwester, in jeder Frau die eigene Mutter zu achten! Vor allem aber schafft unserem wachsenden Volke Raum auf der Erde und besonders im eigenen Lande, daß es sich wieder seßhaft machen kann auf eigener Scholle, — heraus aus dem Dunst der Städte, — wofür haben wir denn Eisenbahnen und Elektrische —: so muß es anders werden! Aber mit Reden ist nichts getan, nur mit Taten.
Wenn wir doch lernen wollten, die Gesetze der Physik auf das Geistige zu übertragen! Denn da die sichtbare Welt nur ein Gleichnis ist für die unsichtbare, so müßten die Gesetze der sichtbaren Welt auch Gültigkeit für die geistige haben! Und sie haben sie. Wir sehen es täglich; Kälte erzeugt Kälte, Wärme Wärme. Das Gesetz der Polarisation, der Anziehung, der Abstoßung, der Anhäufung der elektrischen Spannungen mit ihren Entladungen, — ist es nicht das gleiche in der sichtbaren Welt, wie in der geistigen? Kann daher in dieser irgend etwas verloren gehen an Kraft, da doch von der Kraft, die den Stoff bewegt und erwärmt, nichts verloren geht? Die Kraft des Dampfes und der Gase, die unter Druck stehen, ist sie nicht zu vergleichen mit[S. 55] der Kraft niedergehaltenen Hasses, der eines Tages, übermächtig geworden, jeglichen Druck überwindet? Sollte die Macht des Beispiels nicht ebenso nach gleichen Gesetzen wirken?
Nun habe ich vier Wochen weder Wein noch Bier getrunken. Als ich dann das erste Glas von meinem leichten Landwein an die Lippen setze, rieche ich den Spiritus. Der erste Schluck schmeckt wie Branntwein. Da lasse ich das Glas stehen. Ich schreibe an den Weinhändler, er solle mir nicht so verschnittenen Wein schicken. Der tut bis in den Tod beleidigt und verlangt gerichtliche Untersuchung seiner Vorräte. Kein Tropfen Spiritus komme in seinen Keller. Nun weiß ich es, was ich längst wußte: diese ganze Geschichte von dem sogenannten Göttertrank, mit der die Weinhändler uns allen und sich selbst ein X für ein U vormachen, ist Mumpitz. Vergorener, verdorbener Traubensaft ist's und weiter nichts, der die Menschen duselig macht, weil satanische Hefezellen den süßen Zucker der Trauben in noch satanischeren Sprit verwandelt haben. Das ist der ganze Zauber, der uns hypnotisiert.
So geht es nicht weiter. Der dritte Fall von Kindbettfieber in vier Wochen. Aber die Leute sind selbst schuld. Haben sie dem armen Weib von Hebamme bei ihren Wochenbettbesuchen, an Kindbetten und Kindtaufen das Trinken beigebracht, und nun scheinen Seife und Lysol unbekannte Dinge für sie zu sein, und die armen Frauen müssen es büßen, und die Männer werden zu Witwern und die Kinder zu Waisen. Was soll ich tun? Der Kreisarzt reagiert nicht auf meine Meldungen, die Regierung nicht auf meine Beschwerden. Es scheint, man sieht mich als unbequemen Querulanten an. Und ich kann doch meine jungen Frauen nicht um dieses Weibes willen dem sicheren Tode ausliefern!
Der Tischler ist untröstlich. Noch kein Jahr verheiratet! Und was hatte er für eine Frau, — fleißig, sauber, liebevoll wie nur eine. Nun liegt sie da, — mit verfallenem Gesicht und aufgetriebenem Leib, —[S. 56] vier Tage hat die pflichtvergessene Person sie schon mit heißen Umschlägen behandelt. Bis heute abend wird die Kranke ausgelitten haben. Und das Kind, den kleinen strammen Burschen, der erst acht Tage lang mit seinen blauen Augen den Vater angeleuchtet hat, den können wir ihr getrost mit in den Sarg legen, — Nabelvereiterung. Natürlich, — mit rostiger Schere und ungewaschenen Händen besorgt. Es ist zum Rasendwerden.
Es lebe die Konkurrenz! Heute stellt sich eine neue Hebamme bei mir vor, eine saubere junge Witwe mit gutem Gesicht. Ob ich sie unterstützen wolle, eine Praxis zu bekommen. Sie habe schon gehört, daß ich aus bestimmten Gründen die andere umgehe, wo ich könne.
Halt, — Witwe ist die andere auch; aber ich kann die Verantwortung nicht tragen. Drum, es sei! Vielleicht, daß die Not sie kuriert. Und doch, ich kann nicht anders. Ich sage der neuen gleich dabei, wenn die alte sich bessert, müssen sich beide in das Feld teilen.
Wir alle zusammen sind nur Tagelöhner, die die Türme ihres Lebens bauen. Die einen kommen kaum dazu, ein paar Steine zum Fundament zusammenzutragen; die anderen bauen das Fundament notdürftig; wieder andere schleppen ihr ganzes Leben rüstig Steine, kommen aber nie zum Bauen; nur wenige, die zum Bau von Türmen kommen, von denen sie ein wenig Ausschau halten können; — aber nur einzelnen Auserwählten gelingt es, sich Lebenstürme zu errichten, von denen aus sie über die Wälder des Irrtums, die Täler der Vergangenheit, die Schluchten der Sünde und die Berge der Zukunft in die unendliche Weite der Ewigkeit blicken können.
Heute war ich bei dem Hofbesitzer Helmers. Er lag um zwei Uhr noch betrunken im Bett. Der Gülzow ist nun schon von Haus und Hof und arbeitet als Gelegenheitsarbeiter in der Stadt. Und was war er für ein netter Kerl. Ein echter Germane. Und der Evers? Sitzt im Armenhaus und erwartet mit seinem gebrochenen Bein sein[S. 57] Letztes. Der reichste Bauer in der Gegend einst. Aber nun wollte ihn niemand als Knecht mehr haben. Und da sitzt der Krugwirt und reibt sich die Hände. Man sagt, er habe sich in der Nähe von Berlin eine Villa gebaut, — natürlich von den Hufen unserer Bauern, die er ins Garn gelockt hat. Es ist eine Schande! Was nützt uns da Agrarpolitik und Innenkolonisation! Sitzt da so eine verfluchte Kreuzspinne in ihrem Netze und zieht ihre Opfer an sich heran: Besprechung über den Bauernbund, Karpfenessen, Skatabend, — und schließlich sitzen die Brüder da abends und morgens und würfeln und bilden sich ein, sie wären alte Germanen und sehen nicht, wie ihnen der Teufel von Wirt das Blut aussaugt. Und ehe sie es sich versehen, zieht der Jude die Schnüre zu, klagt die Wechsel ein, und der Hof kommt unter den Hammer.
Meinem Bäuerlein habe ich einen Denkzettel mit großen, schwarzen Buchstaben an seine Stubentür geheftet, daß er draufschauen muß, sobald er aufwacht: »Wenn ich so weiter trinke, wie bisher, so muß ich bald eines elendigen Todes sterben.« Der Helmers ist aufgestanden am andern Tag, liest den Zettel über der Tür, zuckt zusammen und sagt ruhigen, festen Tones zu seiner Frau: »Frau, nimm den Zettel von der Tür. Ich trinke nichts mehr.« Wirklich zieht der gute Kerl tagtäglich in der Früh mit zu Felde, wie er's seit Jahren nicht mehr getan hat, nimmt seine Blechflasche voll Milch mit und setzt keinen Fuß mehr zum Krugwirt hinüber.
Der grüßt mich seitdem nicht mehr. Ist mir auch recht. Spar' ich meinen Hutrand.
Als ich heute zu Hofbesitzer Helmers komme, sitzt dort ein Weib aus dem Nachbardorf, eines Kätners Frau. Sie habe gehört, daß ich den Bauer vom Trunk befreit hätte, so solle ich auch ihr das Mittel geben. Auch ihr Mann trinke so, schlage sie und die Kinder und versaufe den ganzen Hof. Ich sage ihr, sie solle sich an ihren Arzt wenden. Der wüßte nichts dafür, antwortet sie. Ich suche ihr klar zu machen, ich hätte keine Medizin dafür, ich hätte dem Helmers nur etwas aufgeschrieben auf einen Zettel, das habe er gelesen —, freilich hätte ich schon vorher auf ihn einzuwirken versucht. So solle ich ihr das gleiche[S. 58] auf den Zettel schreiben, drängt sie. Vielleicht hülfe es auch, und schaden könne es ja nicht. Da das arme Weib mir leid tat und so flehte, schrieb ich ihr mit innerem Widerstreben auf ein Stück Papier das nämliche auf, wie erst kürzlich dem Helmers, und gab ihr das Blatt. Hocherfreut dankt sie und fragt, was sie schuldig sei. Ich lehne ab, weil es mir im Innern graust, als ob sie mir einen Judaslohn böte. Und weiß doch nicht, warum. Ob's hilft? Wenn nur, sie haben sieben Kinder.
Durch ein Stück Papier zum Mörder geworden! Herrgott, daß mir das widerfahren mußte! Wollte Segen stiften und trieb einen in den Tod. Heute erzählt mir Frau Gärtner, sie sei die Schwester des Kätners, dessen Frau ich neulich den Zettel aufgeschrieben habe. Mich schüttelt es wie im Fieberfrost. Weiter, weiter. Sie habe das Blatt, wie ich geheißen, über die Tür genagelt; da habe der Mann es gelesen, habe mit der Faust auf den Tisch geschlagen und gerufen: »Und wenn ich nicht mehr trinken soll, hänge ich mich auf.« Damit sei er aus der Stube gestürzt. Als er nach einer Stunde noch nicht zurückgekehrt sei, hätten sie ihn gesucht. — Endlich hätten sie ihn auf dem Heuboden am Dachsparren erhängt aufgefunden.
Die Sinne wollten mir schwinden. Ein Stück Papier, ein einfaches kleines Stück Papier, bekritzelt mit ein paar Worten, die einen Menschen warnen, ihm helfen sollen, treiben ihn in den Tod. Grundgütiger Vater, konntest du so grausam sein und das dulden? Dachtest du nicht an seine sieben Kinder? Und ich, ich habe ihn ermordet! Hätte ich nicht lieber hinüberreiten sollen übers Moor und ihn aufklären und trösten und heben? Statt dessen schicke ich, ich, der Liebe säen will, ihm ein Stück Papier. Ich solle mich trösten, sagt die Schwester des Toten. »Gut,« sagt sie, »daß das Schwein tot ist, es ist ein Glück für ihn und die Familie; die kommt ohne ihn besser durch als mit ihm.« Gott im Himmel, wohin sind wir geraten, in welchen Höllensumpf von Herzensroheit und Verzweiflung. Und dabei ist diese Schwester keineswegs ein schlechtes Weib, ist eine kreuzbrave Gattin und Mutter. Aber ein Stück Papier! Daß das eine solche Macht haben kann! Und da will einer leugnen, daß leblose Dinge Kraft und Geist an sich haben[S. 59] können, den wir nicht sehen, nicht schmecken, nicht fühlen noch wägen können!
Ich will sehen, was ich für die Witwe tun kann. Aber es ist furchtbar!
Nein, es ist schier zu arg. Sechs- oder siebenmal habe ich versucht, den Lehrer Horst zu retten. Das Stadtverordnetenkollegium, der Superintendent ebenfalls, hatten mich hingeschickt, — er würde ohne Gnade kassiert, wenn er sich noch einmal betränke. — Auf den Knien hat er vor mir gelegen, seiner braven Frau und seiner Kinder willen solle ich ein gutes Wort für ihn einlegen, er selbst habe es nicht verdient. Aber nun solle es anders werden. Bei allem, was ihm heilig sei, schwöre er es, — und drei Tage darauf war er wieder total betrunken in die Klasse gestolpert. Ich weiß es wohl, wer der eigentlich Schuldige war. Die Herren Honoratioren am Stammtisch, vor allem der schneidige Herr Brauereidirektor, der ihn angrölte: »Nanu, Sie wollen doch kein lappiger Wassertrinker werden? Oder gar eine Teeschwester?« — Da hatte er sich seinen Stammschoppen kommen lassen und Bescheid getan, bis er lallte. Und nun? Kommt da ein alter Bettfedernfabrikant, und was ich als Arzt und Stadtverordneter mit aller meiner Autorität nicht erreichen konnte, erreicht er mit ein wenig — Liebe.
Liebe, Liebe, was bist du? Frage, die mich nicht verlassen will! Ich rufe dich hinaus in den sonnenwarmen Tag und in die sternenklare Nacht, in den heulenden Sturm, in den leis rauschenden Wald und die stille Heide und in das Getriebe der Menschen, und immer wieder tönt es mir zurück: es ist das Aufgehen des einen in den anderen, das Sichselbstvergessen und Selbstverlieren, um sich im anderen wiederzugewinnen. Wie die Sonne die Erde erwärmt, und die Erde die Wärme wieder ausstrahlt; wie die Sterne sie erhellen, und sie ihr Licht zurückgibt, wie der Sturm die Wolken türmt, daß sie bersten und den Wald und die Heide tränken, bis diese, vom Regen gesättigt, dem Himmel den Tau zurückgeben unter dem Kuß der Sonne, daß er neue Wolken aus ihm forme! Es ist Hingabe der Mutter an ihr Kind, das sie hegt von der wachsenden Zelle, deren Befruchtung sie in liebender Umarmung erfuhr. Es ist das ewige »Nicht ich, sondern du!«, mit[S. 60] dem Christus dahinging, um uns vom Todgedanken zu befreien, um uns zu zeigen, daß es keinen Tod gäbe, um uns alle Angst und allen Schrecken zu nehmen und uns zu lehren: seid eins mit eurem Vater im Himmel, dem Inbegriff aller Liebe, und es gibt keinen Tod für euch, wie es keinen für mich gibt, denn ich bin die Liebe und das Leben. Lieben und Leben sind eins, denn Gott ist die Liebe!
Heute war ein wunderlicher Alter bei mir, der Bettfedernfabrikant aus der Stadt, Sonnemann. Mit seinem langen, grauen Bart sah er gar würdig aus, fast wie der Weihnachtsmann in den Bilderbüchern der Kinder. Er sei Guttempler, habe von mir gehört, daß ich mich für Trinkerrettung interessiere, auch, daß ich schon mehrmals versucht habe, auf den Gärtner einzuwirken, bis jetzt allerdings nur mit zweifelhaftem Erfolg. Ich wisse wohl selbst, daß er trinke wie immer. Ob es mir als Arzt recht sei, wenn er nun einen Rettungsversuch unternähme und den Gärtner dem Guttemplerorden zuführe. Ich dankte ihm und freute mich im voraus auf seinen Erfolg. Dann erzählte ich ihm von meinem Erfolg bei dem Hofbesitzer, von dem er bereits wußte, und von meinem Unglück bei dem Kätner im Moor, und sagte ihm, wie tief unglücklich ich darüber sei. Er sagte nichts, und doch lag in seinem ganzen Wesen eine solche sichere Ruhe, ein solcher Frieden und so viel warme Menschenliebe, daß mir selbst ganz warm ums Herz wurde. Mir war zumute, als säße ich beim Beichtvater. Ich wüßte selbst, fuhr ich fort, woher das Unglück käme. Mein geschriebener Spruch habe den alten Trinker zu unvorbereitet getroffen. Da erhebt der Alte sein Gesicht, sieht mich ernst und warm an und sagt nur: »Es war keine Liebe dabei. Daher kam es.«
Daher kam es. Ja, bei Gott, daher kam es. Es war keine Liebe dabei. Das Weib hatte keine mehr für den Mann, der sie und die Kinder so oft verprügelt hatte. Und in meinem Zettel war auch nichts vom Geiste der Liebe zu spüren.
Herr Gott, lehre mich, im Geiste der Liebe zu arbeiten! In deinem Geiste!
[S. 61]
Kommt da heute abend spät der Tischler weinend bei mir angerannt. »Mensch,« sage ich, »was haben Sie, armer Kerl, denn schon wieder?« »Herr Doktor, kaum vier Wochen ist meine Frau tot, und nun liegt über mir die Frau von dem Schneidermeister krank im Wochenbett. Und der Kerl sitzt schon den ganzen Tag beim Wirt ›Zur Eiche‹ und säuft und will nicht heimkommen. Und meine Frau ist tot, und er hat noch eine und kümmert sich nicht darum. Ich kann's nicht mit ansehen!«
Halt, — nun ist's genug. Etwas in mir regt sich und gibt mir neue Kraft. Ein heißer Strom rinnt durch meine Adern. Den Lindwurm, der mit seinen Ringen unser herrliches deutsches Volk erdrosseln will, sehe ich leibhaftig vor mir! — Wohlan, ich nehme den Kampf auf. Hier, Obermeister, hast du meine Hand: in deinem Geiste! Bis zum letzten Atemzuge! Ich habe einen Augenblick vergessen, daß mein verzweifelter Tischlermeister neben mir steht, — mir ist, als stände ich auf hohem Berge.
Plötzlich zerreißen die Nebel um mich her, und mit einem Male wird es klar und licht vor meinen Augen. Da ist der Drache, furchtbar und dräuend, voll Riesenkraft und arger Hinterlist: Mit schmeichelndem Lockruf lockt er die Opfer, ein ganzes Volk, — nein, ganze Völker! Mit Nebeldunst betört er die Hirne der Besten und Klügsten, der Ersten im Volk, und die Menge läuft ihnen nach, wie eine Herde Hammel. Und immer neue Hekatomben verschlingt er, und doch merken sie es nicht, betäubt von seinem eklen Atem. Sie sehen nicht, wie die Frauen und Kinder dahinsiechen, die Höfe verfallen, das Land verdorrt; sehen nicht, wie das Volk in den Städten, angelockt wie die Fliegen im Sommer vom Sirupfaß, in den Branntweinschänken und Bierpalästen verdummt und verwildert, die Kinder verrohen und die Mütter ermüden im Kampfe um den Tag. Sie taumeln und taumeln endlich in den Rachen des Ungetüms, lachend und jauchzend, gröhlend und schreiend, bis es auch sie verschlingt.
Aber es soll und muß anders werden! Gib mir, mein Gott, ein Schwert, flammend, unter den Händen mir wachsend; gib, daß mein Auge sehend wird! Zeige mir Wege, die ich sonst nie geschaut, Sonnenblicke in die Zukunft, die ich sonst nicht geahnt.
»Herr Doktor, kommen Sie recht bald, die Frau ist sehr krank«,[S. 62] weckt mich mein Tischler aus meinen Sinnen. — »Ich komme sofort mit.«
Bleich und abgezehrt liegt die kleine gute Frau auf ihrem Bette. Der Gram hat tiefe Furchen in ihr noch jugendliches Gesicht gegraben. Ich untersuche sie. Sie ist noch zu retten. Ich fasse ihre Hand und sehe ihr ins Auge und sage fest und ruhig: »Haben Sie guten Mut. Ich weiß alles, was Sie drückt. Es wird noch alles gut.« Da bricht der Tränenstrom befreiend los, und ein Hoffnungsstrahl überflutet das Gesicht.
»So, Tischler, nun gehen Sie mit diesem Rezept in die ›Eiche‹ und sagen Sie ihm, ich hieße ihn sich beeilen, er solle mit diesem Rezept sofort zur Apotheke gehen.« — »Er wird nicht gehen.« — »Sagen Sie es ihm in dem nämlichen Tone, wie ich es Ihnen eben sage.«
Der Schneider ist denn richtig sofort aufgestanden und ist zur Apotheke gegangen. Mein Tischler war selbst starr über seinen Erfolg. Hatte in meiner Stimme etwas vom Geiste deiner Liebe gelegen, du Ewiger, und hatte mein kleiner Tischler das hinübergetragen in das lärmende, rauchige Wirtshauszimmer? Es kann schon nicht anders sein.
Der Frau geht's heute besser.
Er stand am Fenster, machte ein Gesicht wie ein Schulbube, der was ausgefressen hat.
Da trat ich zu ihm und legte meinen Arm um seinen Nacken und strich ihm mit der Hand über den Kopf: »Lieber!« — Da blickte er mich an, als ob er etwas fragen wollte.
Ich sah ihn zum ersten Male.
Plötzlich stürzten ihm die Tränen aus den Augen.
»Nicht wahr,« sagte ich, »Sie wollen ein recht glücklicher Mensch werden, so glücklich, wie damals, als Sie um Ihre kleine Frau freiten?« Da schüttelt es den Mann, und schluchzend kommen die erstickten Worte heraus: »Helfen Sie mir.« »Werden Sie Guttempler!« — »Wie die in Hamburg? Nein, niemals! — Zum Gespött der Leute werden? — Ja, wenn ich wüßte, daß Sie Guttempler wären, — dann ja.« — »Ich gehe mit, morgen nachmittag um 7 Uhr treffen wir uns auf dem Bahnhof.«
[S. 63]
Heute früh um sieben Uhr hinausgerufen zu Gärtner Friedrichs. Sollte Verbandzeug mitbringen. Schußverletzung. Was war's? Der Sohn, 25 Jahre, hatte gestern abend gekneipt. Als er heute früh um sechs Uhr vom Vater geweckt wird, hält der ihm noch eine Gardinenpredigt, daß er so spät nach Hause gekommen sei, überhaupt in letzter Zeit die Gärtnerei vernachlässige und viel herumkneipe. Nimmt der Kerl seinen Revolver vom Nachttisch und schießt sich kurzerhand eine Kugel in die Brust. Er hat aber Glück gehabt. Ich konnte ihm das Blei hinten zwischen den Rippen aus der Haut herausschneiden. Es muß aber doch die Lunge verletzt haben, denn er röchelte bös und hustete Blut.
Friedrichs ging es besser. Morphium und Kampfer, gegeben, um den Schmerz und den Hustenreiz zu lindern und gleichzeitig die erlahmende Herzkraft in Gang zu halten, haben ihre Schuldigkeit getan. Als ich ihm heute ins Auge sehe und ihm sage, daß er genesen würde, da bricht's durch, und unter Schluchzen meint er, es sei doch nichts mehr an ihm gelegen, er sei zu tief gesunken. Da nahm ich seine Hand und mache ihm klar, daß er ja eigentlich erst zu leben anfange. Wie er da so etwas sagen könne. Er solle einfach den alten Menschen abschütteln und ein neues Leben beginnen. Sieht er mich mit großen Augen verwundert an und fragt: »Ja, aber wie?« Da erzähle ich ihm von dem neuen Enthaltsamkeitsverein, der jetzt in Deutschland so viel von sich reden mache und auch in der Stadt schon Anhänger habe. Dem solle er sich anschließen. »Zu den Guttemplern?« Er schüttelt den Kopf. »Nein, — ja das heißt, wenn ich wüßte, daß Sie auch dazu gehörten.« — Da überläuft es mich heiß. Nun schon der zweite! Trinken tue ich ja sowieso nichts mehr, — hab' ich ja meinem urdeutschen Studentelein schon abgeschworen, — nun kann ich hier vielleicht schon wieder ein junges, hoffnungsreiches Menschenleben retten, einem Vater seinen Sohn, einer Mutter ihr alles, einer Braut den Verlobten! »Schön, es sei. Heute abend werde ich Guttempler. Aber nun hübsch still liegen. Und nachher werden Sie ein ganz gesunder, tüchtiger, glücklicher Mensch, und Ihre Eltern erleben frohe Tage.« Wir hatten beide Tränen in den Augen. Der wird gut. Die[S. 64] Eltern können's noch nicht fassen, daß ihr Sohn nicht nur am Leben bleibt, sondern, — vielleicht, — noch ein tüchtiger Mensch wird. Ich aber weiß es, — denn der Augenblick war zu heilig, — der kann nicht trügen.
Nun habe ich ihn kennen gelernt, den Mann mit dem eisernen Willen und dem reichen, warmen Herzen, Asmussen. Tags leitet er auf der großen Werft von Blohm & Voß den Bau der großen Schiffe, Hunderte von Händen packen zu nach seinem Wort, Kräne drehen sich, Maschinen schwirren, Schiffe gleiten ins Wasser nach seinem klugen, starken Willen, und abends steht er in der Loge, trocknet Tränen, richtet gebrochene Herzen wieder auf und sammelt die Geister zur Geisterschlacht.
Er hat auch mich eingeführt in den Orden. Nun weiß ich, was Liebe heißt, und was sie wirken kann.
Heute waren drei Frauen aus Westhusen bei mir, um mich zu bitten, doch dafür zu sorgen, daß der Stein die Schankkonzession in dem Neubau nicht bekäme. »Warum?« Sie wohnten dort in der Nähe. Und bekäme er die Konzession, dann würde er so lange hinter ihren Männern her sein, bis er sie zu Stammgästen hätte, die dort ihren Wochenlohn verzehrten, und sie und ihre Kinder könnten dann darben. Ich versprach ihnen, zu tun, was ich könnte, — ich fürchtete aber, ich würde nichts ausrichten. Verwandte des Stein säßen im Kreisausschuß, die würden schon dafür sorgen, daß er die Konzession erhielte.
Das beste ist, ich beuge vor und bringe die Männer vorher zu den Guttemplern. Dann hat der Stein sich doch verrechnet. Denn die Konzession ist ihm sicher.
Wie ich's gefürchtet, so ist's gekommen. Der Landrat wand sich wie ein Wurm. Der Kreisausschuß habe die Konzession anstandslos bewilligt; insbesondere hätten mehrere angesehene Leute aus Westhusen dieselbe aufs wärmste befürwortet, auch die patriotische Gesinnung des[S. 65] Stein lobend hervorgehoben. — Womit hat derselbe denn diese betätigt? Vielleicht damit, daß er zu faul ist, mit seinen derben Knochen irgend eine ehrliche Arbeit zu tun? Und wovon soll er nun leben? Er kann nur existieren, wenn er die Nachbarschaft zum Saufen verführt; denn fremder Verkehr ist nicht da. Gottlob, daß ich meine Leute aufgeklärt und fest habe. Freilich, den einen oder anderen wird er doch wohl in seine Schlingen ziehen.
Was soll nun die Tollheit! Hat der Lautenthal seine schöne Krämerei. In der kleinen Gaststube kehren die Fuhrleute ein, die ihre Pferde tränken wollen und nebenbei ihre Einkäufe besorgen. Aber der Kerl ist zu faul, um sein Geschäft zu betreiben. Lieber liegt er den ganzen Tag hinter der Tonbank. Nun hat er einen Kriegerverein im Dorf gegründet. Zum Lohn bekommt er die Konzession zum vollen Wirtschaftsbetrieb und zur Anlage eines Salons. Die Krämerei wird verpachtet. Er selbst liegt den ganzen Tag auf der Lauer, wen er wohl zum Mittrinken verführen kann. Sein Land hat er ebenfalls verpachtet. Man kennt in drei Monaten den früher so gesunden und fleißigen Mann nicht wieder, so dick und aufgeschwemmt sieht er aus. Mich grüßt er nicht mehr. Solange er die Kneipe nicht hatte, war ich der beste Doktor!
Herrgott, Landrat, siehst du denn nicht oder willst du nicht sehen? Kennt ihr das Leben denn nicht? Kennt ihr unser Volk denn, ihr Herren vom grünen Tisch? Wißt ihr denn nicht, daß ihr mit jeder neuen Konzession eine Anzahl neuer Witwen und Waisen macht, mit jeder neuen Konzession zu einer Kneipe unsere Krankenhäuser und Gefängnisse füllt? Denn der, dem ihr die Konzession verleiht, will leben, muß leben, — er kann aber nicht von den paar Mäßigen leben; er muß die Mäßigen zu Trinkern, zu Unmäßigen machen, sonst kommt er nicht auf seine Kosten! Und während die Spinne ihren Opfern das Blut aussaugt, vergiftet sie sich selbst und geht mit zugrunde! Schaut, ihr Landräte und ihr Kreisausschüsse, guckt doch nur in die Statistik, — nein, besser schaut ins Leben, schaut in eure Dörfer und Flecken, lernt das Leben der Bürger in den Städten kennen, — und dann wagt noch zu behaupten, daß wir unrecht haben! Ihr spielt mit einem furchtbaren Gift, als ob es Milch wäre! Was würdet ihr wohl zu uns Ärzten[S. 66] sagen, wenn wir so leichtfertig mit der Verschreibung von medizinischen Giften sein würden? Und doch besitzen wir im ganzen Arzneischatz keins, das aus Verständigen Toren, aus ruhigen Menschen Berserker, aus Wohlanständigen Bestien macht, wie es das Gift in euren Kneipen-Apotheken tut, die ihr konzessioniert, als ob es Kindergärten wären.
Bei Gott im Himmel, ich klag euch an, — nein, ich brauche euch nicht anzuklagen: Hunderttausende Witwen und mißhandelte Frauen im ganzen Reich, Hunderttausende darbende und entartete Kinder klagen euch an, daß ihr den Strom des Wohlstandes unseres Volkes — 3000 Millionen Mark! — nicht in die Bäckereien und Mühlen, nicht zu den Schlachtern und Fruchthändlern, nicht zu den Schneidern und Schustern, nicht zum Maurer und Zimmermann hindämmt, sondern zum Kneipwirt, zum Brauer, zum Brennereibesitzer. — Ist's vielleicht gar euer leiblicher Vetter, dem ihr die Kundschaft nicht verderben wollt? — Tod und Hölle, ist unserer Regierung denn das Hirn vertrocknet oder das Herz versteinert?
Heute kommt in die Sprechstunde eine weinende Frau aus der Stadt bei mir an, ob ich ihren Mann nicht retten kann. Vor Jahren sei er Guttempler gewesen. Vorher ein arger Trinker. Eines Tages fiel er vom Gerüst und brach ein Bein. Im Krankenhause hat er seine abendliche Flasche Bier standhaft täglich wieder hinausgeschickt. Aber als er entlassen werden soll, sagt der junge Assistenzarzt zu ihm: »Recht so, Meves, Bier taugt nicht viel. Ist mir auch zu wabbelig. Macht dicken Bauch. Aber ein kleiner Schnaps, der schadet nicht, wärmt die Eingeweide.« Da ist er hingegangen und hat einen getrunken. Seitdem säuft er nun und ist noch nicht nüchtern gewesen. — — »Will sehen, was ich tun kann.«
Kommt da heute zu mir ein blasses Weib. Ob ich nicht ein Häuschen für sie wüßte, am liebsten da oben am Wald. Sie hätten eine so feuchte Kellerwohnung in der Stadt. Und zwei Kinder seien ihnen schon gestorben, an Tuberkulose. Nun wollten sie die anderen beiden so gern retten. Und sie wüßten nun, es käme von der Wohnung her.
[S. 67]
Wieder geht durch die Zeitungen ein Wort des Kaisers von den »vaterlandslosen Gesellen«. Merkwürdig, — als ich es las, tauchten zwei Bilder der Vergangenheit vor mir auf. Ich sah einen Jüngling in meinem Geiste. Der besuchte das letzte Jahr vor dem Abiturientenexamen das Gymnasium und erzählte mit leuchtenden Augen den Freunden, wie er als Kaiser schaffen wollte, um sein Volk zum ersten der Welt zu machen, — ein Kaiser des ganzen Volkes wollte er sein, — ja, lieber wollte er ein »Arbeiterkaiser« heißen, als ein Kaiser für die oberen Zehntausend sein. Not und Elend sollten unbekannte Gespenster in seinem Reiche werden. Jeder, auch der Ärmste, sollte zu ihm kommen dürfen. Den Vornehmen wollte er durch die Tat zeigen, wozu Adel verpflichtet. Die Gerechtigkeit gegen die Geringsten des Volkes solle ihm Richtschnur seines Handelns sein. Alles wolle er praktisch kennen lernen, wie Kaiser Franz wolle er sich ungekannt und ungesehen unter sein Volk mischen! Die Not des Bergmannes und des Fabrikarbeiters sollte ihm nicht fremd bleiben, die Armut der Weber und der Heimarbeiter wolle er kennen lernen, das Wohnungselend in den Großstädten und die Arbeitsnot auf dem Lande.
Früh kam er ans Ruder, jung, überschäumend an Kraft und gutem Willen.
Dann kamen die Erlasse! Die Bergleute kamen an den Hof! Arbeiterdeputationen wurden gehört. Versprechungen wurden gemacht. Das Volk fing an, aufzuhorchen: es könnte wahr werden! Der Kaiser, die Regierung hatten Herz fürs Volk. Der Not sollte gesteuert werden! Wie eine warme Welle ging der Glaube durch das Land.
Aber die Schmeichler und Scharfmacher waren an der Arbeit — der Kaiser solle nicht blind sein: Nattern zöge er an seinem Herzen groß; Falsche seien es, Erbschleicher, Lügner, Heuchler, — Sozialisten seien sie alle, Landes- und Hochverräter, — ausgerottet werden müßten sie, niedergetreten! Zugeständnisse würden nur neue Unzufriedenheiten wecken. Altar und Thron, die Heiligkeit der Familie, die Fundamente des Staates seien in Gefahr durch die Umstürzler! — Solche Leute rühmten sich öffentlich seiner Gunst.
Freilich waren es Sozialisten, — aber er wollte sie ja gewinnen, gewinnen zur Mitarbeit an seiner großen Aufgabe: sein Volk reich und glücklich zu machen!
[S. 68]
Er aber vergaß im Rausch der höfischen Feste, daß er das Elend und die Not ja noch nie mit eigenen Augen gesehen hatte, den Urgrund, aus dem die »umstürzlerischen« Bestrebungen, wie eine dunkle Quelle aus mooriger Tiefe, empordrangen; — kaum daß er ihr leises Murmeln je hörte —; und wie er die Not und das Elend zu sehen, selbst mit eigenen Augen zu sehen, vergaß, so trat auch im täglichen Glanz der Wunsch, hier Wandel, gründlich Wandel zu schaffen, in den Hintergrund; — anderen, anscheinend größeren Zielen schlug sein jugendlich stürmisches Herrscherherz entgegen: Deutschland sollte Weltmacht sein; eine Periode des Glanzes sollte anbrechen, eine neue Renaissance — in der Allianz der Fürsten der Erde wollte er als glanzvollster sein Kaiserreich vertreten! — Persönlich wollte er jeden einzelnen gewinnen, überall Glanz und Licht verbreiten helfen! — So begann die Zeit der Reisen und der Reden; und das Volk vergaß, daß es einen Kaiser hatte. Und weil Hunderttausende kein Heim besaßen, das ihnen auch nur einen Blutstropfen wert war, so vergaßen sie auch ihr Vaterland, und so wurden sie »vaterlandslose Gesellen«, — und du, und du, mein Kaiser, warst mit schuld daran!
Nun sag' einer, daß unser niederes Volk kein Herz hat! Hat der Ahrends vor Freude geweint, als ich ihm sagte, sein Junge würde gerettet. Schwere, eitrige Rippenfellentzündung. Aber die Operation ist glatt verlaufen. Nun einige Wochen Geduld, und dann hat er seinen Buben wieder.
Der Hochtempler der Loge, welcher der Sattler Meves angehört, ist bei mir gewesen. Mit einer Kriegslist will er den Meves veranlassen, zu mir in die Sprechstunde zu kommen. Er selbst könne ihn nicht wieder zum Eintritt in den Orden bewegen, und er habe doch schon so manchen gewonnen.
Meves war da. Pochte ganz siegesgewiß darauf, daß der Doktor ihm den Schnaps selbst, freilich nur einen kleinen, empfohlen habe. Da erinnere ich ihn an die Zeit, als er nüchtern war und zum Orden[S. 69] gehörte, und frage ihn, welche Zeit schöner war, damals oder jetzt, da er nicht aus dem Rausch herauskommt. Da bricht er zusammen und weint wie ein Kind.
Nun wollen wir zusammen den Doktor retten, denn der hat's auch nötig.
Ich weiß nicht, der Ahrends ist nicht mehr, wie früher. Er sieht elend und schlapp aus; auch sein Blick hat etwas Unstetes. Ich kann mir nicht denken, daß er trinkt.
Da haben wir's! Das erste Opfer der Konzessionserteilung an den faulen Halunken, den Lautenthal. Heut hat mir die Frau Ahrends, als ich sie so gar elend und verweint antraf, denn gebeichtet, sie habe schon den Plan gehabt, mit ihrem Jungen ins Wasser zu gehen. So ginge es nicht weiter. Kaum, daß sie Brot im Hause hätten! Und ihr Mann hätte doch seine gute Arbeit. Der aber sei seit einiger Zeit wie verwandelt. Und nun, — vor Schluchzen konnte sie kaum sprechen, — niemals habe er sie früher belogen; heute aber habe sie von dem Krämer, dem Pächter des Lautenthal, eine Rechnung für Mehl und Salz und dergleichen bekommen, und da habe sie denn erfahren, daß ihr Mann das Geld, das sie ihm zum Einkauf mitgegeben, beim Wirt vertrunken, und die Waren beim Krämer hätte anschreiben lassen.
Zum Glück kam er gerade nach Hause. Ich sagte ihm sein Sündenregister auf den Kopf zu. Beschämt schwieg er. Als ich ihn nun aber an seine gute Zeit erinnerte, wie glücklich er mit Weib und Kind gehaust habe, — da schluchzte der Mann bitterlich. Heute abend fährt er mit zur Loge. Das wird ein guter Mitkämpfer. Gerade zur Aufklärung unter seinen Mitarbeitern am Kanal kann ich ihn gut gebrauchen.
Heute war schon wieder einer von den Führern der Arbeiterpartei bei mir. Warum ich bei meinen menschenfreundlichen Bestrebungen nicht zu ihnen käme. In kurzem würde ich einen der ersten Plätze in ihrer Partei einnehmen. Wie das auf meine Praxis einwirken würde, — die ganze Arbeiterschaft sei mir sicher! Toren, — die über ihren[S. 70] Brotkorb und ihren Ehrgeiz nicht hinaussehen können. Als ob man dazu auf der Welt ist! Und nicht vielmehr dazu, zu helfen, zu fördern, wo immer es not tut. Mir erzählte kürzlich ein Schiffsoffizier von der Woermann-Linie, ein rotbärtiger, stämmiger Urgermane, wenn dort an der Südwestküste Afrikas, bei Swakopmund, die Neger die schweren Mahagoniblöcke nicht durch die Brandung wälzen könnten, dann spränge er wohl aus seinem Boot ins Wasser und legte selbst Hand mit ans Werk, da es unter Umständen darauf ankäme, zur rechten Zeit den Block über die richtige Kante zu rollen. So ist's im Menschenleben, wie im Volksleben. Ich muß frei sein, um da zupacken zu können, wo es not tut.
Was wollen denn alle unsere heutigen Parteien? — Laßt sie doch endlich ihre fadenscheinigen, politisch klingenden Deckmäntelchen abwerfen und sich offen und ehrlich nach ihren Interessen benennen: die katholische Partei, die Arbeiterpartei, die Großgrundbesitzerpartei, die Kleinbauernpartei, die Handelspartei, die Industriepartei, die Gelehrten- und Beamtenpartei, die Kleinhändler- und die Handwerkerpartei — dann könnte noch wieder Ehrlichkeit in unsere Politik kommen. So aber triefen sie von Patriotismus und meinen sich selbst. Wenn sie aber ehrlich wären und sagten, dies und das brauchen wir für uns, dann könnten die anderen Stände kommen und sagen: »soweit können wir euch entgegenkommen und soweit nicht«, und jeder Stand fände die natürliche Begrenzung seiner Interessen in denen der anderen. Und das Ganze könnte gesunden.
Das kommt davon. Immer wollte ich hinein in die Stadt. Aber Abend für Abend kommen neue Kranke. Nun ist's zu spät. Der Doktor, den der Meves und ich retten wollten, ist tot. Ist im Rausche nach Hause gekommen, — »alter Herrenabend« — die Lampe hat geschwelt — ist erstickt. Kohlschwarz von Ruß haben sie ihn auf dem Fußboden gefunden. Schade um ihn — es war ein heller Kopf und der Sohn einer Mutter. Warum hat die Mutterliebe ihn nicht gerettet? Kam auch sie zu spät, wie ich? Mein Gott, gib mir zwei Köpfe und zweimal zwei Arme und zwei Beine. Es ist zum Wildwerden, daß man nicht so kann, wie man möchte.
[S. 71]
Das mögen die Bauern aber. Kommt da der Militärfiskus und kauft ihnen ihr schlechtes Sand- und Heideland für 200 Mark den Morgen ab, um einen neuen großen Truppenübungsplatz zu schaffen, — und kaum 20 Mark ist er wert.
Hei, wie die neuen Scheunen in die Höhe fliegen und neue Schweineställe und Anbauten an die Gehöfte, damit die Frau eine gute Stube und die Kinder ein großes Schlafzimmer erhalten. Nur für die Tagelöhnerwohnungen bleibt nichts übrig. Es geht mit dem Mammonsrausch, wie mit dem Alkoholrausch — er umnebelt die Sinne, daß sie nur ihr eigenes Joch noch merken.
Ein paar machen mir Sorgen, daß sie ihr ganzes schönes Geld in den Krug tragen werden.
Sie wundern sich alle darüber, daß ich von der Alkoholfrage so viel Aufhebens mache. Alkoholfrage? Kaum wissen sie, was es bedeutet! Zum Donnerwetter, — ist es denn etwas Gleichgültiges, wenn wir alljährlich mit einem Kostenaufwand von dreitausend Millionen Mark die Gehirne unserer Nation lähmen, von den Regierenden an bis zu den Strolchen der Landstraße! Dreitausend Millionen Mark alljährlich in unsere Nachtgeschirre und Kloaken fließen lassen, anstatt so viele dringende Kulturaufgaben mit ihnen zu lösen! Für dreitausend Millionen Mark jährlich Elend, Krankheit und Tod uns kaufen, und in was für unsagbaren Zahlen! Und hätten das Geld so dringend nötig, um sechzig Millionen Deutsche gesund und glücklich zu halten! —
Die Bauern in Groß-Wandendorf bekommen, glaube ich, den Größenwahnsinn. Nun ist ein Konsortium aufgetaucht, das will neben dem Truppenübungsplatz eine Villenkolonie anlegen, die Höhen sollen aufgeforstet und mit Gartenanlagen versehen werden. Die ersten Villenbewohner werden mehrere von den Bauern selbst sein. Denn was sollen sie sich nun noch mit Arbeit schinden. Ein paar ziehen nach Hamburg und Berlin als Rentiers. Und den Rest ihrer Höfe, den haben sie teuer an Leute verkauft, die dort mit ihrer Hände Arbeit ihren Unterhalt verdienen wollen und nun mit ihrem Schweiß dem mageren[S. 72] Boden nicht nur ihr Brot abringen müssen, wie es vorher die Bauern getan, sondern noch obendrein die unsinnigen Zinsen, die sie den früheren Besitzern schulden.
Ich sag's ja, der Mammonismus ist so schlimm, wie der Alkoholismus, oder vielmehr, er ist noch schlimmer als dieser. Will da eine verständige Gesellschaft neben dem Truppenübungsplatz ein Soldatenheim errichten. Verlangen die Bauern für zwei Morgen Land 1400 Mark! Es ist ein Skandal, — vierzig wäre es wert. Ist denn da ein Unterschied zwischen Geldwucher und Bodenwucher?
Hei, das war eine Fahrt! Wie der Sleipnir, der brave Hengst, vor dem Schlitten ausholte, um seinen Doktor möglichst schnell aus dem rasenden Schneegestöber ins warme Nest zu bringen!
Aber der Heinsen war doch dankbar, daß ich kam. Leid tut er mir doch, trotz seines Trinkens und seiner selbstverschuldeten Not. Das Wasser in den Beinen zu haben und dabei das Bewußtsein, daß einem kein Ziegel auf dem Dache mehr gehört, das ist keine Kleinigkeit. Ja, wenn er seine Maria nicht hätte, sein braves Weib. Und wenn sie auch dreimal von Juden abstammt, — fix ist sie doch. Wo wäre heute dieser alte trunkene Germane wohl, wenn sie ihm nicht seit Jahresfrist die Schlüssel und Bücher aus der Hand genommen und wenigstens erst einmal Ordnung in diesen Wust von Schulden gebracht hätte. Und kein Wort der Klage darüber, daß er fast ihr ganzes Erbteil durchgebracht hat, daß Vater und Mutter sich, weil sie treu zum Gatten hielt, von ihr losgesagt haben. — Und wie die Felder anders bestellt sind als früher! Wie sehen die Gebäude, wie die Leute schon anders aus. Unter den ganzen Leuten ist ein anderer Zug. Man merkt, sie haben Achtung vor der Frau. Aber eine Kunst muß es sein, die drängenden Gläubiger von Tag zu Tag hinzuhalten, bis man endlich wieder Boden unter den Füßen fühlt. Aber nur so, wie sie's macht, ist's möglich.
Jede Ecke im Garten selbst wird ausgenutzt. Hier für Beerenobst, da für Erdbeeren, dort hat sie Gemüse angebaut gehabt, alles Dinge,[S. 73] die schnell Geld bringen; kein Ei geht in die Wirtschaft, kein Maß Milch wird gebucht, zu dem sie nicht ihr ja und Amen gesagt. Und was sie in unserer Kreisstadt nicht absetzt, geht wohlverpackt zu noch besserem Preise zur Stadt. Ich wette, daß sie in absehbarer Zeit den Hof schuldenfrei gearbeitet hat, während ihr Gatte seine geschwollene Leber, das Resultat eleganter Herrendiners und feiner Bowlen, im Lehnstuhl pflegt. Das Ganze ist ein Stück unserer Agrarfrage, wie es im Buche steht. Entweder kaufen diese Herren ihre Güter zu teuer, weil sie nun mal versessen darauf sind, und der Verkäufer nutzt das aus. Oder sie kaufen aus Ehrgeiz oder jugendlichem Tatendrang eins, das größer ist, als ihre Mittel es erlauben, so daß sie kein Betriebskapital in Händen behalten, — da nützt denn freilich kein Fleiß und keine Umsicht! — Oder aber der Herr Papa setzt sie so recht warm in die Wolle, und sie verstehen nichts von der Landwirtschaft oder zechen und reisen im Lande herum, als ob sie der Kaiser selbst seien, und überlassen ihrem Inspektor die Verwaltung, der dann mit seinen akademischen Kenntnissen bestenfalls so viel herausackert, wie er versteht, — wenn er's nicht ebenso macht, wie sein Herr, und sich bei Skat und Bier auf die faule Haut legt. Und dann kommt Herr Diederich Hahn, unser Reichstagsabgeordneter, mit seinen Genossen im Land und in der Presse und schreit über die Not der Landwirtschaft, bis die Bauern, bis die Parteien, die Minister und der Kaiser selbst es glauben: Und schwupps hagelt es Getreidezölle und Grenzsperre fürs Vieh, und der kleine Bauer hat das Nachsehen, weil er das Futter fürs Vieh zukaufen muß und nicht bezahlen kann bei den hohen Preisen, und der Arbeiter in den Städten klagt über die hohen Fleischpreise und verlangt mehr Lohn. Und je mehr Lohn er erhält, desto mehr laufen die deutschen Knechte vom Lande in die Stadt, und weil sie dort nicht ihr gesuchtes Brot finden können, wenden sie sich weiter nach Westen übers Meer und werden drüben zu Konkurrenten für uns. Und statt ihrer kommen zu uns die Polen. Und da auch sie von den hohen Löhnen in den Städten und im Westen hören, wenden sie sich ebenfalls weiter, und so kommen die Russen über die Grenze. Und das nennt man »nationale Wirtschaftspolitik«!
Heilige Einfalt! Und hier zeigt ein Weib, wie man es machen muß. Das Geheimnis heißt: arbeiten, rechnen, sparen, gerecht sein. Ist ihr[S. 74] doch in diesem ganzen Jahr kein Knecht, keine Magd weggelaufen! Freilich kriseln tut's auch hier. Wenn ich ihr nur helfen könnte!
Dann kam eine schwere Zeit. — Da lagen die Blätter, die davon berichteten. Ich kannte ihren Inhalt nur zu genau. Ein halbes Jahr unter unsäglichen Qualen und Schmerzen, sehenden Auges ständig zwischen Tod und Leben. Aber mein Geist rang mit dem Körper, — ich mußte ja leben, leben meines Weibes, meiner Kinder, meiner Armen, meines Volkes willen!
Doch leise traten meine vom Trunk geretteten Freunde an mein Krankenbett: »Bruder, wir haben schon wieder einen! den haben wir gerettet!« »Und wieder einen!« »Und noch einen! Und bald sind wir so viele, daß wir selbst eine Loge gründen können.« »Ja, — ich bleibe am Leben und helfe euch, treu als Bruder Hand in Hand! Und dann wollen wir gemeinsam retten, helfen, Samen des Guten ausstreuen!« Das half. Wie Feuerstrom glitt es durch die Adern. Wahrhaftig! die Seele überwand den Körper. — Ich genas.
Die Loge wurde gegründet. Sie wuchs und gedieh. Töchterlogen wurden abgezweigt in die Umgegend. Einer riß den andern aus dem Sumpf. Die Inhaber der Branntweinschenken, die schon in sicherer Hoffnung auf meinen Tod wahre Orgien in ihren Spelunken gefeiert hatten, sie mußten bald sehen, wer der Stärkere war. Wir siegten. Nein, — die Wahrheit und die Liebe siegten.
Bald gab's kaum noch einen Trinker in unseren Gemeinden!
Und dann sprach es sich herum. Da sitzt einer, der rettet die Menschen vom Trunk. Da kamen sie heran, in Scharen, flehend, Hilfe suchend, Frauen und Mütter, Bräute und Schwestern, Greise und Jünglinge, Arme und Reiche. Offiziere, die als junge Leutnants durch das Beispiel des Herrn Hauptmanns oder des Herrn Obersten an den Trunk gebracht waren, Grafen, Minister- und Professorensöhne, die der Sekt an der elterlichen Tafel ins Elend gestürzt hatte, Lehrer, die den Trunk auf dem Seminar vom Herrn Direktor oder auf der Universität vom Professor gelernt, Ärzte, die ihren reichen Patienten zuliebe sich das Trinken angewöhnt hatten.
Auch ein Pfarrer kam. Er hatte in seiner Gemeinde viel Gutes[S. 75] getan, viel Segen gestiftet. Sein Superintendent konnte viel vertragen, er aber nicht, weil sein Vater gern pokuliert hatte. Aß er nun aber bei seinem Vorgesetzten zu Mittag, so trank ihm dieser fleißig zu. Daher kam es, daß er eines Tages nach der Nachmittagspredigt, noch erhitzt von dem Wein des Herrn Superintendenten, sich in der Sakristei am Abendmahlswein vergriff, dann im Halbrausch, um das Fehlen des Weins zu maskieren, die Kirchenfenster einschlug, den Chorrock zerriß und so einen Einbruch mit Schändung des Gotteshauses vortäuschte. Durch Zufall wurde er entlarvt.
Der nämliche Herr Superintendent, der ihn an seinem Tische das Trinken gelehrt hatte, und der selbst so viel vertragen konnte, saß über ihn zu Gericht. Mit Schimpf und Schande wurde der Pfarrer aus dem Amte gejagt. Da kam er zu mir. Und ich half ihm. Nun sitzt er wieder in Ehren im Amt, trinkt aber nichts mehr und ist ein Segen für seine Gemeinde.
Draußen heulte der Schneesturm, rasselten die Ketten am Schornstein. Stampfend arbeitete das Schiff sich vorwärts. Wunderlich drängten sich die Erinnerungen. Wie Scharen lebender Menschen quollen sie aus der Tiefe empor. Ich sah die verweinten Gesichter, die gramdurchfurchten Züge, sah die Verzweiflung, die Reue, — sah das ungläubige Aufhorchen, das Aufleuchten der Augen und fühlte den dankbaren Druck der Hände. Mir wurde ganz warm ums Herz. Aber weiter, weiter wie das Schiff, jagten die Gedanken.
Neue Aufgaben drängten. Immer teurer wurden die Wohnungen, immer knapper der Boden, immer größer die Not. Es mußte Wandel geschaffen werden.
Eine Baugenossenschaft wollte ich gründen, wie sie anderswo auch bestanden. Keiner wollte helfen. Jeder hatte eine andere Ausrede: in unserer Gegend sei das Land zu teuer. Ein anderer: die Löhne seien zu hoch. Solche Häuschen, wie ich sie wollte, würden unerschwinglich werden für die Arbeiter. Der dritte: Wer denn für alle die vielen Arbeiterkinder, die in den Häusern geboren werden würden, die Schullasten tragen sollte! — Als ob in den Mietskasernen der Herren Unternehmer keine Kinder geboren würden! Der vierte: die Schweineställe würden riechen und Ratten herbeiziehen. — Als ob[S. 76] die Schweine der Herren Ortsvorsteher und Honoratioren im Dorfe nach Eau de Cologne röchen! — Der fünfte hielt die ganze Sache für sehr riskant, — er wolle kein Risiko laufen und sich die Finger verbrennen. Das Genossenschaftsgesetz — na, und dann ... Der Sechste war der Patriotische: er sähe im voraus, in den Häusern würden Sozialdemokraten wohnen, und denen auch noch obendrein Häuser bauen, — nee, Deibel. —
Da wünschte ich ihnen eine »gute Nacht«, — dann würde ich das Werk allein angreifen. Aber gemacht würde es. Das half. Der eine und der andere lenkte ein: Wenn ich denn durchaus meinte, daß es ginge, dann wollten sie auch nicht zurückbleiben.
Aber die Feigen, die Halben und diejenigen, die sahen, daß es nichts für sie zu fischen gab, verzogen sich leise im Hintergrund.
Die Baugenossenschaft wurde gegründet.
Hier und dort wurde unter der Hand ein Stückchen Land gekauft, hier ein sandiges Feld, da eine Ecke Heideland, dort ein Stück Wald; die Landesversicherungsanstalt gab uns Kredit, — der Landpreis blieb als Hypothek stehen; Häuschen um Häuschen entstieg dem Boden, weiß, mit rotem Dach und grünen Fensterrahmen, einem Stall fürs Schweinchen und die Ziege, ein Gärtchen für Obstbäume und Gemüse lockte zur Arbeit, — Himmel, welch ein glückliches Leben entwickelte sich da!
Aber Sozialisten waren dazwischen, hatten Häuser erhalten, — Staatsfeinde bauten Kohl und freuten sich am Gedeihen ihres Schweines. Das war ja der reine Landesverrat, — diesen Feinden von Thron und Altar auch noch Häuser bauen, und noch dazu mit staatlichen Geldern! Das mußte gerochen werden. Und Neid und Haß und Klatschsucht machten sich an die Hetze und Wühlarbeit. Da nahm ich mein Schwert in die Hand und ließ es funkeln, und die Feinde schwiegen feige eine Zeitlang, um aber immer aufs neue wieder zu stören. Ich aber ließ nicht nach im Kampf, so müde er auch machte.
Eines Tages wurde ich vor den Landesdirektor zitiert. So ginge es nicht weiter mit der Baugenossenschaft. Mit staatlichen Geldern, mit den Mitteln der Landesversicherungsanstalt den Sozialisten Häuser bauen, — das hieße auf den Landesverrat Prämien aussetzen.
[S. 77]
Während der alte Herr auf mich einsprach in ständig steigender Erregung, sah ich durchs Fenster die jungen Apfelbäume in seinem Garten. Als er geendet hatte, stand ich ruhig auf, zeigte mit der Hand in seinen Garten und sprach: »Die Bäume haben Sie neu gepflanzt, Herr Graf?« »Jawohl, Herr Doktor, — was soll's?« »Wie lange müssen Sie wohl warten, bis sie Früchte tragen?« »Fünf bis sechs Jahre schätze ich.« »Und dann verlangen Sie von mir, daß ich aus verbitterten Proletariern, die durch den Mangel an Liebe und Weisheit in unserer Regierung zu verbitterten Feinden der Gesellschaft geworden sind, im Handumdrehen hurrarufende Bürger mache? Warten Sie wenigstens so lange, wie Sie bei Ihren Apfelbäumen auf die Frucht warten, und Sie sollen aus diesen verarmten, heruntergekommenen, verbitterten Leuten wieder Menschen, Staatsbürger werden sehen. Aber damit sie's werden, werden können, braucht's Zeit und — Liebe.«
Mit Tränen in den Augen reichte mir der alte brave Mann über den Tisch hinüber die Hand: »Bauen Sie nur, — Sie haben den Kredit, den Sie brauchen.«
Wie ich heute meinen Vortrag im ärztlichen Verein über die Fortschritte unserer Wissenschaft in der Erkenntnis der Giftwirkungen kleinster Mengen von berauschenden Getränken gehalten habe, — natürlich unter verstecktem Gekicher und schlecht unterdrücktem Grinsen einer großen Zahl der zuhörenden Kollegen, — was erwidert mir in der Diskussion der Klügsten einer? 's ist kaum zu glauben! Als Antwort auf die Mitteilungen von all den nackten Tatsachen und exakten Forschungen unserer besten Gelehrten, unserer ersten Nervenärzte und Physiologen: »er glaube nicht, daß ein mäßiges Glas so schädlich sei, — ihm sei es immer vortrefflich bekommen, — und dann solle man doch einmal an unseren größten Deutschen, an Bismarck, denken, — der habe einen tüchtigen Humpen gehoben und habe doch so viel geleistet!« —
Da erwachte teutonischer Zorn in mir: »Meinen Bismarck sollten sie mir unangetastet lassen! Freilich habe er zeitweise reichlich getrunken, — eine Folge alter studentischer Suggestionen aus der Zeit[S. 78] des Korpsstudententums, — aber selbst diesen urgermanischen Recken habe das heillose Gift zerrüttet, wie er oft genug selbst bitter geklagt hat, kaum aus Doktors Händen ist der alte Riese gekommen sein Leben lang, — er selbst hat in nüchternen Stunden dem Nationallaster unseres Volkes arg genug gegrollt, — und was er, der Gewaltige, wenn er stets nüchtern gewesen wäre, unserem Volke noch mehr geleistet hätte, als er so schon getan hat, — von uns Epigonen soll's keiner sagen!« —
Die Diskussion war zu Ende. Aber Sturm gab's. Die einen waren für mich, die anderen gegen mich. Wenn sie nur erst zum Nachdenken kommen. Die Wahrheit siegt doch. Haben die Sklavenbefreier unter ihrem Banner gesiegt, so werden auch wir unter dem gleichen Zeichen siegen!
Da — ein neues Blatt!
Kaiserparade! — Ich hatte mit meiner Sanitätskolonne den Sicherheitsdienst beim Publikum, dort, wo der Kaiser aufs Paradefeld ritt. Das Gedränge war fürchterlich. Zehntausende waren zusammengeströmt, von weit her, um das glänzende Schauspiel zu sehen. Von hinten drängte das Volk, von vorn die Pferde der zur Absperrung kommandierten Reiter. Fast schien größeres Unglück unvermeidbar. Da postierte ich in Zwischenräumen meine braven Sanitäter, ich selbst ging ständig durchs Gedränge, — vor der Uniform bahnten sie willig eine Gasse, — und ermahnte in ruhigem, freundlichem Ton die Massen zur Vernunft, ihnen die Gefahr kurz auseinandersetzend. Und siehe da, — in weniger als einer halben Stunde hatte sich die wogende Menschenmasse beruhigt, — kein Unfall kam vor, — jeder stand auf seinem Platz; die Hintersten gaben die Aufklärung gleich in dem gleichen Tone weiter an die Neuzukommenden, — in Ruhe und Frieden verlief das ursprünglich unheimliche Gedränge. Mir aber wurde klar, wie der Ton die Musik macht, — wie das Samenkorn zur Ernte wird, — wie sich das Geistige in Wellenringen fortpflanzt bis ins Urewige, — wie nichts verloren geht, was wir tun, wie auch das Geringste seine Wirkung hat fort und fort, wie die Kraft unbeschränkt weiterwirkt im Reiche der Natur.
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Paradeessen im Rathaussaal! Sämtliche »Spitzen der Behörden« waren geladen. Der Kaiser ließ sich alle vorstellen, redete mit diesem und jenem ein paar Worte und war anscheinend befriedigt von der »Fühlung«, die er mit seinem Volke hatte.
Während der Tafel saß ihm zur Rechten der Erzbischof von Stablewsky, jener polnische Schürer, der im geheimen die Brandfackel durchs Land trägt. Verdenken kann's ihm kein Mensch; denn er ist Pole und will seine Polen polnisch erhalten. Dann soll er aber ehrlich sein und vor den Kaiser hintreten und sagen: »Kaiser, ich kann dir nicht in deinem Geiste zu Willen sein. Ich und meine Volksgenossen wollen keine Deutschen sein, sondern Polen, freie Polen.« — Aber hier mit ruhiger Stirn neben dem Kaiser zu sitzen, mit diesem süßlichen, devoten Lächeln das Zutrinken des Kaisers erwidern und dabei im Innern brütend, wie er die Seinen zum Siege führen könne gegen den verhaßten Deutschen; — Kaiser, mein Kaiser, bist du denn blind?
Der Kaiser trank hastig von seinem Sekt; sein Auge glühte, als er den Trinkspruch ausbrachte auf sein Heer, auf die Provinz, auf die Zunahme des Deutschtums — glatt, wie ein Meer vor dem Sturme, waren die Züge des Erzbischofs, — auf die Zunahme von Wohlstand und Bildung im Bürgertum, — die Philister schmeckten mit Wollust noch das letzte Genossene. — Allgemeines Hurra! Und jeder schlürfte andächtig sein Glas aus. Wie war man patriotisch!
Dann sprach der Bürgermeister. Er erstarb in Ehrerbietung und Dankbarkeit und zählte beredt alle guten Eigenschaften der allerdurchlauchtigsten Majestät auf, alle guten Absichten und Ziele; zum Schluß ein dreimaliges Hurra, — die Herren vom Honoratiorenstammtisch riefen so laut, daß sie sicher alle den Kronenorden vierter Güte zu erwarten haben, — dann schlürften alle ihren Sekt und setzten sich mit höchst befriedigten Mienen in dem Bewußtsein, eine große patriotische Tat getan zu haben, wieder auf ihre Polster.
Nach Tisch sprach der Monarch leutselig mit diesem und jenem ein paar Worte und bekam überall höchst zufriedenstellende Auskünfte und schied endlich, — eine Wolke von Patriotismus hinterlassend; die aber verflog, wie der Rauch der Zigarren, die sie qualmten.
Ich hatte zum Schluß noch einen langen Disput mit den anwesenden Geistlichen über die Alkoholfrage. Sie machten mir mein Wassertrinken[S. 80] zum argen Vorwurf. Dies taten sie aber offenkundig nur aus Neid! Sie konnten nicht von ihrem eigenen Glase lassen, obwohl sie in innerster Seele einsahen, daß sie eigentlich als Seelsorger und Hüter des geistigen Wohles zum mindesten ebenso viele Ursache hatten, den Menschen mit gutem Beispiele voranzugehen, wie ich als Arzt und Hüter des leiblichen Wohles meiner Mitmenschen, da die Seele ja immerhin noch etwas Vornehmeres ist, als der Leib, und die Seele durch den Rausch noch mehr leidet, als der Körper. Ihr gröbstes Geschütz führten sie wider mich zu Felde. Anmaßung sei es, mich auszuschließen von allgemeiner Sitte, sagte der Propst; der Erzbischof meinte mit lächelnder Miene, da selbst das Oberhaupt der Christenheit den Wein nicht verschmähe, so dürfe wohl jeder gläubige Christ das nämliche tun. Der rechtgläubige Pastor meinte, Gott habe nichts Schlechtes geschaffen, also könne auch der Wein nicht schlecht sein, worauf ich ihm erwiderte, Gott habe auch das Opium geschaffen, ein vortreffliches Heilmittel gegen Schmerzen, so sei der Wein ein herrlich linderndes Trugmittel für den Sterbenden. Das Volk, das sich dem Opiumgenuß ergäbe, ging unter, wie auch die Goten in Italien nicht dem römischen Schwerte, sondern dem römischen Weine erlegen seien. Der alte Burschenschaftler, der liberale Pastor, zitierte singend »wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang!« Er hielte es mit Dr. Martin Luther, — was? — das Lied ist ja gar nicht von Luther, — hat Luther selbst doch den Erfinder des Bieres eine Pest für Deutschland genannt! Ob sie denn alle nicht den Zusammenhang zwischen ihren Gläsern und dem ganzen entsetzlichen Elend im ganzen Reiche, ja, in der ganzen Menschheit durchschauen könnten? Es nützte nichts.
Der Kaiser war längst gegangen. Mit ihm sein Gefolge. Die Honoratioren nur noch waren geblieben. Bald hörte man hier ein lautes: »nach Hause gehen wir nicht«, — bald dort ein: »und so wollen wir denn noch mal«.
Wo der Patriotismus wohl heute endigt? — —
Das war ein wunderlicher Traum! Erst das Kaiserdiner und dann der Disput mit der Geistlichkeit. So schwer habe ich lange nicht geschlafen und geträumt.
[S. 81]
Ich stand am Säuleneingang eines hohen Tempels. Mir zu Füßen war eine Riesentafel gedeckt. An ihrer Spitze saß der Kaiser, umgeben von seinen Generälen in goldblitzenden Uniformen, von Prälaten und Bischöfen, Ministern und Räten, dann kamen die Ratsherren, die Gelehrten, und unten drängte sich in endloser, bunter Reihe das Volk. Es ging hoch her. Trinksprüche wurden ausgebracht, Hurra gerufen, der Jubel wollte kein Ende nehmen. Der Sekt am Kopf der Tafel floß in Strömen, bei andern Gruppen der Wein, lange Reihen saßen beim schäumenden Bier, und die grölende Menge, weil ihr Beutel für Wein und Bier nicht ausreichte, stürzte Gläser voll Branntwein in sich hinein. Und nicht lange dauerte es, da begann da unten am Tisch ein Schreien und Streiten; Messer wurden gezogen, Blut floß, und mehr als einer sank tödlich getroffen unter den Tisch. Aber die Tafel war so lang, daß sie oben nicht hören noch sehen konnten, was unten geschah. Da aber das obere Ende des Tisches höher lag, sahen die unten Sitzenden wohl, wie die oben Sitzenden schmausten und pokulierten. Aber die silbernen Schüsseln mit den Pasteten und Fasanen kamen nicht bis zu ihnen, — und je mehr sie tranken, desto kleiner waren die Schüsseln, die zu ihnen gelangten, ja, schließlich kam nur ab und zu eine trockene Brotrinde von oben nach unten heruntergereicht. Dann murrten die Zechenden wohl. Doch vergaßen sie über den Trunk die trockene Rinde.
Und um die Bier und Schnaps zechende Menge drängte sich ein blasses und hungriges Völklein, elende Kindlein und gramgebeugte Frauen, — die zupften hin und wieder wohl leise die trinkenden Väter und Gatten von hinten am Rockärmel und flehten, sie möchten doch mit nach Hause kommen. Der eine oder andere erhob sich auch und schlich sich leise mit den Seinigen fort; andere nahmen seinen Platz ein; für jeden, der ausschied, waren drei frische Trinker da.
Aber halt, was war das? Bald erblaßte hier ein Bischof, dort ein General, — zwei verglaste Augen, — ein Toter sank unter den Tisch, — bald dort ein Rat, der noch eben eine Flasche Sekt geleert, — dort einer, der schon längst Grimassen, wie vor Schmerzen, schnitt, — — die Opfer des Gelages, des Trunkes! — Einer nach dem anderen sank unter die Tafel. Ein kurzes Verwundern, — schnell schloß sich wieder die Reihe der Zechenden und Schmausenden.
[S. 82]
Aber allmählich, — der Kaiser stutzte, als ob ihn etwas schüttelte, — eine Unruhe, ein Zittern durchlief die Gesellschaft, — ein durchdringender Geruch, wie von Leichen, erfüllte den Saal, — da hob der Kaiser den Zipfel des Tafeltuches empor, schaute unter den Tisch und sprang auf: er hatte die Tausende von Opfern seiner Tafelrunde erblickt, die unter dem Tische verwesten.
Hoch aufgerichtet stand er da. Klirrend stieß er sein Schwert auf den Boden. Die Zornesader auf seiner Stirn schwoll hoch, seine Augen funkelten, und wie Donner klang seine Stimme: »Warum verschwieg man mir dies?« — Wie erstarrt hielt er inne, alles lauschte.
Während des Gelages hatten die wenigsten beachtet, daß unablässig eine Schar von Männern und Frauen sich an die Reihe der Trinkenden heran machte, und wo sie sahen, daß einer in Gefahr war, durch das taumelerzeugende Gift zu erkranken, ihm winkten. Und manch einer stand auf und folgte ihnen. Und mit seltsamen, frommen und frohen Gesängen geleiteten sie ihn über die Brücke, die hoch im Bogen im Hintergrunde der Tafel in selige Gefilde führte. Und Scharen von Geretteten überschritten sie, und Reihen von Rettern und Helferinnen zogen singend an ihnen vorüber, aufs neue ihr Werk an der Tafel zu tun.
Sprachlos schaute der Kaiser dem Treiben zu. Der Zorn wich aus seinem Antlitz. Tiefer Ernst legte sich um seine Züge; — um viele Jahre reifer schien er plötzlich geworden; — dann aber, festen Schrittes, das Haupt geradeaus der Brücke zugewandt, als wollte er den Lärm der im Zechen Gestörten nicht hören, schritt er dem Zuge der Singenden nach, hinüber über die Brücke! Da erhoben sich viele und eilten ihm nach. Nur ein Rest blieb sitzen und trank weiter, bis auch die letzten unter die Tafel sanken, zu denen, die da schon moderten.
Plötzlich entstand eine Flamme, blitzschnell zu loderndem Feuer entfacht, — sie verzehrte die Tafel, die Zecher und die Leichname, — und erlosch — und ungetrübt schaute mein Blick von des Tempels Stufen, auf denen ich stand, hinüber in die Gefilde der Seligen.
Da wachte ich auf.
[S. 83]
In der Generalversammlung vom Bauverein meldeten sich zwanzig Genossen für die neuen Häuser am Walde. Jeder will eins haben. Es ist aber auch ein schönes Stück Land dabei und viel Sonne. Und ein Duft von Tannen! Es ist schier zum Gesundwerden. Aber das blasse Weib aus der Stadt, dem die Kinder in der Kellerwohnung gestorben waren! Sie sind eben erst eingetreten in den Verein, haben noch kein Anrecht. Es ist gegen die Statuten. Was mache ich nun? Da erzählte ich den Genossen, wie sie es mir gesagt hat, und ich weiß, es ist alles wahr. Aber schließlich kann ich nicht weiter. Mir läuft es naß über die Backe. Die Stimme will nicht weiter.
Ja, — was ist los? Alle zwanzig wollen zurücktreten. Kinder, — eine Wohnung brauche ich nur. Da erhebt sich ein wohlgenährter Brauer und sagt bestimmt und gutherzig: »Mir macht's nichts. Ich kann in meiner Wohnung gern noch ein Jahr wohnen bleiben. Für mich lost der Neue!« Ich gehe zu ihm hin und schüttle ihm die Hand. Es ist ganz still. Dann losten die anderen. — Der Mann mit der blassen Frau hat sein Haus am Wald.
Das sind nun die gefürchteten und gehaßten Sozialisten. Kinder sind es. Mir ist zum Weinen, und doch bin ich so froh, daß ich am liebsten hell lachte.
Wenn's nicht so bitter ernst wäre, — zum Lachen wäre es! Heute mittag zum Fischereikongreß in die Stadt hinein. Es war das reine Theater. Wirklich dramatisch war es.
Ich sollte auf Wunsch des Vorsitzenden einen kurzen einleitenden Vortrag über die Folgen der Flußverunreinigung für die Fischzucht halten. Kaum hatte ich geendet, erhoben sich die Gegner. Aber nicht mehr mit den früheren billigen Einsprüchen: die Schiffsschrauben bewirkten durch die Wasserbewegung eine Sauerstoffanreicherung des durch die Fäulnisprozesse an Sauerstoff verarmten Elbewassers. Das hatte ein alter Apotheker ausgeklügelt. Und wütend waren die Herren geworden, als ich ihnen in der Presse spottend vorwarf: das bißchen Schiffsverkehr könnte den Schaden, den die Kloakenwässer der Elbe zufügten, wohl nicht wettmachen. — Hamburgs Welthandel, — und den nannte ich »das bißchen Schiffsverkehr!« Nun natürlich doch nur[S. 84] im Verhältnis zu der Menge des Elbewassers und des Schmutzes, den die Hamburger ihrem Trinkwasser zusetzten.
Dann kam der gelehrte Herr Professor und wollte den Herren Kollegen im ärztlichen Verein, nachdem ich meinen Vortrag über meine Untersuchungen des Flusses und seiner Ufer gehalten und ihnen den ganzen Schmutz ad oculus demonstriert hatte, mit Pathos weismachen: Die Möwen mit ihren Augen, die schärfer sähen, als die der Menschen, fischten den Unrat aus der Elbe wieder heraus.
Aber da kam er schön an. Den Unsinn ließen sie sich doch nicht vorschwätzen. So wurde denn getrampelt und gezischt.
Aber heute war's bitter ernst. Sie hatten sich jetzt einen »Spezialfachmann« herangebildet, um zu beweisen, »daß die Elbe rein sei, und all der Schmutz aus ihren Kloaken die Elbe nur in dankenswerter Weise — dünge!« Der Herr fischte tagaus tagein auf Infusorien, und da die Infusorien Fischnahrung bilden, und die Elbe infolge von all der faulenden Substanz sehr reich, ja schier überreich an Infusorien ist, so mußte die Elbe schier überreich an Fischen sein. Und Inspektor Meier und Schulze, die von auswärts kamen, die haben es auch gesagt und haben sehr viel Weißfische gefangen. Und alles, was ich geschrieben hätte, sei Phantasie und stamme vom grünen Tisch.
Schon wollte ich antworten, da kam unerwartet Hilfe: ein Fischer nach dem anderen stand auf: »der grüne Tisch sei auf der anderen Seite. Recht habe ich: die Laichplätze seien vergiftet und verschlickt durch den Kloakenschmutz, die Fische, vor allem der Lachs, könnten nun nicht stromaufwärts wandern wegen des verpesteten Wassers, und im heißen Sommer stürbe durch die Fäulnisprozesse die junge Brut zu Tausenden und Abertausenden. Und ihnen, den Fischern, ginge es ans Portemonnaie. Und wenn die Elbe dreimal von Infusorien wimmele.«
Und dann kamen sie an, bieder und kernig, und schüttelten mir die Hand. Das tat wohl.
Ich wollt', ich könnte den Kaiser selbst einmal an seiner geliebten Elbe spazieren führen und ihm persönlich den Schweinekram demonstrieren. Sonst kriegt er es doch nicht zu sehen! — Herr Gott, wenn der wüßte, was die Hamburger Herren ihm in seinem Kaffee und seiner Bouillon vorsetzen, wenn er in Hamburg zu Gast ist, — verdünnte[S. 85] Abtrittsjauche hat schon vor zwanzig Jahren der verstorbene große Pettenkofer das Elbewasser genannt, — und der mußte es doch wissen! — und wenn's auch filtriert und mit Grundwasser verdünnt ist, — es bleibt, was es ist! — Daß sich aber alle die Tausende reicher Leute in Hamburg und Altona eine derartige Schmutzerei tagtäglich gefallen lassen, wo sie doch sonst so peinlich sauber mit ihrem Essen und Trinken sind, das ist mir ein psychologisches Rätsel. Vielleicht kommt es daher, weil sie diese heillosen Zustände von Kindesbeinen auf gewohnt sind. Vielleicht fürchten sie auch, etwas mehr Steuern zahlen zu müssen. — Pfui Deubel aber, — begreifen kann ich es doch nicht. Wie bin ich dankbar, daß ich für mein Haus meinen schönen Brunnen habe!
In Mörchingen sind nach der amtlichen Statistik 30 Prozent der Garnison syphilitisch.
Mein Kaiser, schläfst du, daß du nicht weißt, wie es in deinem Heere hergeht?
Nach der amtlichen Statistik sind 25 Prozent der Marine syphilitisch, 8 Prozent vom Landheer! Und die Zahlen werden in den öffentlichen Blättern gedruckt, und die Stammtischphilister lesen sie mit Grinsen und pharisäerhafter Entrüstung.
Wer aber treibt die Söhne unseres Volkes, wenn sie als Soldaten ihrer Pflicht gegen das Vaterland genügen, in die Bordelle? Der Schnaps, das Bier, der Wein, bei den Einjährigen und Offizieren außerdem der Sekt.
Mein Kaiser, — ich weiß ein Mittel. Kein Erlaß, kein Armeebefehl, kein Verbot, keine Rede kann so wirken, als wenn du mit der Tat voraufgingest! Leb enthaltsam, und du rettest Hunderttausenden deutscher Eltern ihre Söhne, dir und dem Vaterlande Hunderttausende tüchtiger Soldaten! Du säest in unzählige Familien, in unabsehbare Generationen, die sonst von Siechtum verzehrt würden, Kraft und Gesundheit. Du hebst den Sinn für Wissenschaft und Kunst in deinem ganzen Volke, du hebst unsere ganze Kultur, — aber die Philister am Stammtisch werden dir grollen, und die Brenner und Brauer und die Wirte werden dir fluchen.
[S. 86]
Es gibt offenbar Wissenschaften, die beharrlich stehenbleiben, anstatt sich weiter zu entwickeln. Das sind vorzugsweise diejenigen Wissenschaften, deren Betätigung vorwiegend abhängig von den Charakteren ist, die ihre Träger sind. Und da die Charaktere der Menschen sich seit Jahrhunderten, vielleicht seit Jahrtausenden nicht geändert haben, sofern es immer schon Sanftmütige und Heftige, Bescheidene und Anmaßende, Demütige und Hochmütige gab, so ist es wohl kein Wunder, daß gerade diese Wissenschaften in all der Zeit kaum fortgeschritten sind. Dahin gehört vor allem die Pädagogik. Das fiel mir ein, als heute morgen die kleine Doktorswitwe mit ihrem zehnjährigen blonden Krauskopf zu mir kam, dem der Oberlehrer B. mit der Faust einen Schlag ins Gesicht versetzt hatte. Warum? — Weil der Junge die Luftklappe geschlossen hatte, ohne dazu befugt zu sein. »Es habe auf seinem Platze so gezogen.« Ich versprach der braven Mutter, die ihren Jungen vortrefflich erzieht, selbst zu dem Lehrer zu gehen, um solchen Vorkommnissen vorzubeugen. Ich kannte den schneidigen Oberlehrer, der sich sehr viel auf seinen Reserveleutnant zugute tut, seit Jahren schon als einen jähzornigen, bildungsbedürftigen, von sich übermäßig eingenommenen Herrn. So ging ich denn gleich auf den Kern meines Besuches ein und sagte ihm, ich käme wegen einer pädagogischen Eigentümlichkeit von ihm, deren Begründung zu erfahren mir als Psychologe interessant sei. Er meinte, er wüßte nicht, — worauf ich ihn kurzerhand fragte, wie er psychologisch oder pädagogisch wissenschaftlich seine Erziehungsregel begründete, die Jungen mit der Faust ins Gesicht zu schlagen. Er errötete, stotterte etwas von Übertreibung, worauf ich aufstand und ihm empfahl, die beiden mitgebrachten Bücher zu studieren: Försters Erziehungslehre, von dem ausgezeichneten Pädagogen in Zürich, und Gottfried Kämpfer, eine Herrenhuter Erziehungsgeschichte, aus der jeder Pädagoge lernen kann, wie er es nicht, und wie er es machen soll. Ich würde mich freuen, wenn er mir an einem der nächsten Sonntagnachmittage zur Kaffeestunde die Bücher wiederbringen wollte.
Wie hat Bismarck doch so schön gesagt? »An seinen Geheimräten wird Deutschland noch einmal zugrunde gehen.« — Es ist zu fidel:[S. 87] seit Jahren haben meine Freunde und ich immer wieder darauf hingewiesen in Dutzenden von Publikationen, daß ebenso wie die Flüsse, die Meere allen Unrat, alles Tote an ihren Ufern absetzen, um sich rein zu halten, — jeder Geheimrat kann's beobachten, wenn er in seinem Sommerurlaub ins Seebad reist, — nichts hat's genutzt: ertrinken da in einer Sturmnacht oben im Schleswigschen an die achthundert Rinder. Als bei der Regierung telegraphisch angefragt wird, was sie mit den achthundert Kadavern machen sollen, telegraphiert irgend ein kluger Herr zurück: ins Meer damit. Dabei ist in Kiel eine große Kadaververwertungsanstalt! Und achthundert Rinder haben doch wahrlich einen respektablen Wert an Fett und Knochen und Fleisch zu Dung- und Futterzwecken aller Art. Allein der grüne Tisch kommandiert »ins Meer«, — also ins Meer. Aber siehe da, — alsbald speit das Meer die Kadaver ans Land, jetzt heißt es, schleunigst die verwesenden Teile sammeln und beerdigen, um Seuchen vorzubeugen; und nun hat man zu den Extrakosten noch den Hohn und Spott zu tragen.
Ja, ja, die Unfehlbarkeit ist ein eigen Ding!
Heute wurde ich eilends zur Brauerei gerufen. Einem der Heizer war ein schweres Kohlenstück auf den Fuß gefallen. Nachdem ich ihn verbunden und gelagert hatte, — auf der Pritsche unten im Heizkeller neben den Dampfkesseln, — kamen wir miteinander ins Gespräch. Der Krankenwagen war bestellt, um ihn ins Krankenhaus zu fahren. Ich mußte noch seine Personalien aufnehmen wegen der Meldung an die Berufsgenossenschaft. Er war bekannt als einer der Hauptsozialisten auf dem Platz. Ein tüchtiger Arbeiter, nüchtern, riesenstark. Ich fragte nach seinen Familienverhältnissen. Sieben Kinder. Er hatte ein Haus vom Bauverein bekommen. Nun ging's ein wenig besser. Er hatte doch nun wenigstens einen Keller und einen Schweinestall und einen Garten. So konnte in der kleinen Wirtschaft alles verwertet werden. Jeder Pfennig schlug zu Buch. Die Milch und Fleischreste, die früher verdorben waren, — sie konnten im Keller bis zum nächsten Tage geborgen werden. Die Abfälle bekam das Schweinchen. Der Mist düngte das Land. Das war Gewinn. Aber[S. 88] es kneift doch arg mit der Miete bei sieben Kindern; die putzen was weg. Und Kleider und Schuhe sollen auch da sein. Die Frau kann nicht mehr vom Hause fort, — der Jüngste bedarf der Mutter, — und dann die Krampfadern an den Beinen von den Wochenbetten. Ja, — wenn er noch einen kleinen Handel würde anfangen können, eine kleinere Hökerei im Hause, der die Frau von der Küche aus vorzustehen vermöchte. Ich versprach zu tun, was möglich sei.
Dann fragte ich ihn, warum er Sozialist geworden sei. Da erzählte er, wie er als Bergmann in den Steinkohlengruben gearbeitet habe, in Schlesien, im Ruhrgebiet, in Gruben, die in Privatbesitz und in solchen, die fiskalisch waren. Fast überall seien die Bergleute von den Vorgesetzten gedrückt, oft übers Ohr gehauen, und wenn sie sich's merken ließen, schikaniert worden bis aufs Blut. Die polizeilich vorgeschriebenen Vorsichtsmaßregeln seien oft nicht getroffen gewesen. Habe einer sich beschwert, sei er als Nörgler gebrandmarkt worden und Schikanen und Härten seien ihr Los gewesen. Um die Frage, wie die Arbeiter hausten, habe kein Mensch sich gekümmert, ob sie mit dem Lohn auskämen, noch viel weniger. Aber Kantinen und Wirtshäuser seien massenhaft dagewesen. Denn die Grubenbesitzer seien oft auch selbst Besitzer von Brennereien, und wenn sie nicht, ihre Freunde. So habe das Geschäft doppelt geblüht: einmal habe die Kohle, die der Bergmann mit Gefahr seines Lebens aus den Tiefen der Erde heraushole, die Herren reich gemacht, — dann aber sei der karge Lohn, den die Herren dafür zahlten, zu einem guten Teil für Schnaps, den sie den Leuten verkauften, wieder in ihre eigenen Taschen zurückgeflossen. Gerad wie die Engländer es mit den Kulis, Hottentotten und Abenteurern in den Diamantgruben und Bergwerken in Südafrika machten. Und weil er die anderen vom Trinken abhielt, wurde er als unruhiger Kopf notiert und erfuhr die üblichen Schikanen. Daher der Groll und die Verbitterung unter den Leuten. Daher das Gefühl, daß von diesen Zuständen nur Befreiung möglich sei, wenn alle zusammenhielten. Früher sei es anders gewesen. Da habe jeder Bergmann sein Häuschen gehabt. Schnaps sei kaum ins Revier gekommen. Der einzelne Besitzer habe getan, was er konnte, habe jeden Bergmann gekannt, für jeden ein Herz gehabt. Aber nun! Seitdem die Aktiengesellschaften da seien, kümmere sich kein[S. 89] Mensch um die Arbeiter, und die ausrangierten Unteroffiziere, die als Aufseher angestellt würden, trügen den Kasernenhofton auf die Arbeitsstätte. Und das halte kein Mensch aus. Und dann das Saufen! Bei solchem Leben würde der Beste zum Vieh. Da sei er abgewandert, und trotzdem, daß er es sich sauer genug hier werden lassen müsse, wolle er's in seinem Leben nicht besser haben. Er sei völlig zufrieden. Nur die kleine Hökerei, — die hätte er zu gern. »Ja, aber, — wenn er so zufrieden sei, warum er dann noch Sozialist wäre?« »Nicht für mich, Herr Doktor, können's mir glauben,« — und sein Gesicht leuchtet so ehrlich, — das lügt er nicht, — »ich krieg's in Bebel seinem Zukunftsstaat nicht um einen Deut besser, als ich's jetzt hab' — aber ich denke an die anderen, da in den großen Städten, in den Gängevierteln, an meine früheren Kameraden, die noch in den Bergwerken sich abschinden und nicht herauskommen aus ihrem Elend, — ein Hundsfott wär ich, wenn ich die vergessen wollt'.«
Der Krankenwagen kam. Er wurde hineingehoben. Ich mußte eilends zur Sprechstunde. In meinem Ohr klingt immer noch sein: »ein Hundsfott wäre ich, wenn ich die vergessen wollt'!«
Was für naive Menschen sind doch diese Theologen. Da glauben sie immer noch, daß mit der Taufe und der Konfirmation der Mensch etwas Neues, Bestimmtes geworden sei, — und ist doch nichts von alledem, sondern er ist und bleibt ein Werdender und Wachsender, der, wenn er gesund ist und bleibt, sich durchringt zur Erkenntnis dessen, was Geist bedeutet. Als der Pastor heute beim Abendmahl sein: »Das ist der Leib Christi« sprach, — da wollt' ich in dem Augenblick wahrhaftig lieber Reformierter, als Lutheraner sein. Denn lediglich als symbolische Handlung hat Christus das Abendmahl doch eingesetzt! Warum also diese Verdrehung der Tatsachen? Warum in aller Welt diese ganzen Dogmen, die auf den verschiedenen Konzilien von den Päpsten und den Parteien zusammengeschroben sind, als ob es sich um Paragraphen irgend eines menschlichen Gesetzbuches oder um Abmachungen eines Geschäftes handelte?
Seht ihr Männer auf der Kanzel denn nicht, daß das Volk nicht nur der Kirche entfremdet ist, — aber wohlvermerkt das ganze Volk,[S. 90] mit Ausnahme einer kleinen, noch gläubigen Gemeinde, — das ganze Volk, arm und reich, gebildet und ungebildet, weil es an eure Dogmen nicht mehr glauben kann und glauben will? Und weil es an eure im Laufe der Jahrhunderte künstlich zusammengeschmiedeten Dogmen nicht mehr glaubt, wirft es ohne Bedenken die Lehre Christi mit über Bord, als ob die eins sei mit euren Dogmen, und — vergißt sein oberstes Gebot, wie die meisten von euch es vergessen haben über euren Streit um die Dogmen! Mein Gott, wann wacht ihr auf und werdet klug?
Nein, so etwas, — wer hätte das gedacht! Bringt mir der alte Zigarrenmacher, der mich vor noch nicht allzu langer Zeit in der Generalversammlung vom Bauverein so höhnisch angriff, als er sich mit seinem Glase Bier Mut angetrunken hatte, — er wolle den Genossen nur sagen, warum ich den Bauverein gegründet habe, — meinen reichen Patienten, die Geld zu dem Häuserbau hergegeben hätten, wolle ich nur hohe Zinsen damit verschaffen, — bringt mir der heute in der Sprechstunde, als ich ihm seinen Krankenschein unterschreiben soll, ein Buch, sauber eingewickelt: Er sei ein anderer geworden. Seit zwei Jahren habe er sein eigenes Haus. Seit einem Jahre sei er Guttempler.
Nun sei ihm erst so recht aufgegangen, wie reich und schön das Leben sei. Und daß er mir das Buch bringe, solle ich ihm nicht übelnehmen. Seine Frau habe ihn davon zurückhalten wollen, — ich könne es als Anmaßung auffassen und ihm übelnehmen. Er wolle mich aber sicher nicht beleidigen, — denn es sei so wundervoll schön und groß, daß, falls ich es nicht kenne, ich es kennen lernen müsse. — Und was ist es? Trines herrliches Werk: In Harmonie mit dem Unendlichen.
O, nehmt unserem Volke das verfluchte Bier und den verfluchten Schnaps, und gebt ihm wieder ein Heim, und ganz von selbst findet es sich wieder, und das Volk der Dichter und Denker ersteht aus ihm von neuem!
Es geht nichts über den Patriotismus, der nebenbei bemerkt, nichts gemein hat mit der Vaterlandsliebe. Es ist eben eins dieser vielen[S. 91] Fremdwörter, mit denen wir Deutsche uns so gern beduseln, weil wir uns bei ihnen nichts zu denken und somit keinen von ihnen angeregten Gedanken in die Tat umzusetzen brauchen. — Sitzt da der dicke Kanzleirat Abend für Abend bei dem Lautenthal in der Wirtschaft, streicht seinen langen Schnurrbart und trinkt und trinkt, nicht etwa aus Lasterhaftigkeit oder Genußsucht, i Gott bewahre! — nein, aus reinem Patriotismus und treuer konservativer Gesinnung (d. h. der »Konservativen« der Kreuzzeitung usw.). Denn wenn er dort nicht säße und den anderen Gästen, die durch sein Dortsein angelockt werden, nicht so reichlich spendierte, so könnte der Lautenthal sich nicht halten, oder er müßte, — schrecklich auszudenken —, sein Lokal den Sozialdemokraten für ihre Versammlungen vermieten. »Aber so weit darf es nicht kommen in unserem Dorf! Kinder, sauft, sauft, sauft, damit der Lautenthal leben kann, und wenn wir alle darüber das Zipperlein oder den Schlagfluß kriegen.«
Herr Kanzleirat, — ich wollte, der Teufel holte dich, ehe du mir noch mehr Unheil im Dorfe anstiftest!
Meine Ursula Lorenzen! Liegt das liebe Kind da, röchelnd, mit kurzem Atem, doppelseitiger Lungenentzündung, — den Rippenfellerguß habe ich ihr abgezapft, hat gute Linderung gegeben. Aber nun muß sie schwitzen, das mag sie gar nicht. Ich verspreche ihr für jedes Schwitzen zehn Pfennige. Wie ich nach ein paar Stunden wiederkomme, hat sie sie verdient. »Weißt du, Onkel Doktor, das Geld kann ich prachtvoll brauchen.« »Wofür denn, Schatz?« »Erika braucht so schrecklich viel Geld!« »So, die Erika?« frage ich neugierig, »wofür denn die?« »Für ihren Kanarienvogel, — der frißt so schrecklich viel Rübsamen! Aber nun schenke ich ihr von meinem Geld.« — Du wonniges Kind, wie du deinem Schwesterchen eine Freude machen kannst, — in all deiner Not denkst du daran. O Liebe, wie bist du groß! Selbst in solch schwachem Kinderherzen! — Vielleicht da am meisten.
Nun ist der Kronprinz schon viermal in dieser albernen Narrensposse »Die lustige Witwe« gewesen! Er soll sich ausgezeichnet amüsiert[S. 92] haben, berichten die Blätter, ja, sogar seine Leibkompagnie habe er ins Theater führen lassen.
Und das ist der Mann, der uns vielleicht einmal, wie Hermann der Cherusker vor 2000 Jahren die alten Deutschen vom Joch der Römer befreite, durch die Kämpfe des Weltbrandes führen soll!
Und dabei soll er durchaus einen guten Kern in sich und guten Willen haben. Ist denn kein Mann in seiner Umgebung, der ihm zeigt, wie sein Geschmack maßgebend ist für breite Schichten unserer Nation? Verflachend, herunterziehend — oder hinaufführend.
Heute ist großer Festtag im Dorf: Stiftungsfest des Vereins zur Bekämpfung der Sozialdemokratie mit Karpfenessen beim Lautenthal, nachher Vortrag über Capri, zum Schluß Ball und Preisskat.
Und mir wollen sie keine Baukonzession für die Häuschen von unserem Bauverein geben, angeblich, weil sie die Schweineställe beim Hause nicht wollen, der Ratten und des Geruchs wegen, — als ob der Schweinestall vom Herrn Bauernvogt nicht stänke und der Pferdestall des Herrn Kanzleirat keine Ratten anzöge! — Oh, ich weiß es wohl, ihr wollt nicht, daß die von euch so gehaßten Sozialdemokraten ein eigen Heim haben, — diese Landesverräter verdienen das nicht.
Aber wenn der Herr Maurermeister Schulze oder Zimmermeister Müller eine ordentliche Proletarierkaserne aufbaut, in der die Wohnungen fast die Hälfte mehr kosten, als unsere wohnlichen Häuschen mit Stall und Garten, dann gibt es prompt die Bauerlaubnis. In solcher Kaserne kann das Pack hausen.
Daß ihr es aber zu dem macht, was ihr sie schimpft, durch euren Haß, euren Mangel an Liebe; daß ihr sie von ihren Frauen, ihren Kindern, ihren feuchten, dunklen, kalten, öden Heimstätten hinaustreibt in die Kneipen, wo sie sich vollsaugen mit Bitterkeit und Haß gegen euch und eure Gerechtigkeit, — daran denkt keiner von euch, ihr selbstgerechten Pharisäer!
Und jeder einzelne von euch, wenn er nicht der Herr Kanzleirat wäre, oder der Herr Bauernvogt, oder der Herr Gemeindediener, sondern Erdarbeiter oder Zigarrendreher, und sollte mit seinen sechs oder acht Kindern in der feuchten Kate oder dem dunklen, muffigen[S. 93] Keller wohnen und sehen, wie er trotz allen Fleißes und Sparens nicht um einen Deut vorwärts kommt, und wie die Frau blaß und blässer wird, und die Kinder immer krank sind, und wie nun das zweite schon stirbt, wer weiß, das dritte, — Herren, ihr wäret samt und sonders so knallrot, wie nur irgend einer von jenen da und schriet und balltet die Fäuste noch ingrimmiger in der Tasche als jene.
Nun haben wir auf Anraten von Freund Landesrat Schuldverschreibungen ausgegeben für den Bauverein, zu tausend, zu hundert, zu fünfzig und zu zwanzig Mark. Ich hatte gehofft, es würde ordentlich etwas bringen. Und was hat's gebracht? Lumpige paar tausend Mark! Und von wem? Von ein paar Leuten, die mir einen Gefallen tun wollen; der eine oder andere auch, weil er es für »praktisch« hält, auch etwas von »gutem Zweck« wittert. Kaum einer mit der warmen, brennenden Liebe, die nicht anders kann, die jener hatte, den sie alle im Munde führen, aber den keiner von ihnen im Herzen, und von dem mancher nicht einmal eine Ahnung hat.
Und könnten mit ihrem Kapital ihre vier Prozent verdienen und gleichzeitig unsagbaren Segen stiften. Herr Gott, was für Segen. Aber sie ahnen es nicht, wie Samen der Liebe aufgeht!
Vor kurzem habe ich meine Rundfrage an die deutschen Fischereivereine geschickt. Und nun hagelt es Antworten und Bitten. Als ob ich der Herrgott selbst sei. Es ist, als ob diese Männer aufatmen, daß endlich jemand da ist, der sich ihrer annimmt, und der den Mut hat, den Mächtigen die Wahrheit zu sagen, — denn hier ein armer Fischer, — und dort die große Stadt oder der reiche Fabrikherr, die den Fluß verpesten: wie könnte einer dagegen ankommen!
Aber der eine Brief von dem ostpreußischen Dorfvorsteher, der ist doch zu bunt. Die Zuckerfabrik hat das ganze Flüßchen, aus dessen Fischereiertrag das einst arme Dörfchen sich zur Wohlhabenheit heraufgearbeitet hatte, in eine Kloake umgewandelt. Kein Fisch ist mehr darin. Beschwerden beim Landrat — fruchtlos. Der Landrat ist gut Freund mit den Fabrikherren. Beschwerde beim Kreisausschuß —[S. 94] fruchtlos. Der Landrat sei Vorsitzender. Beschwerde bei der Provinzialregierung. Alles umsonst. Ging an den Landrat zur Berichterstattung. Vorher hätten sie alle konservativ gewählt. Nun seien sie fast alle Sozialisten geworden, weil sie sich nicht anders zu helfen wüßten. Ihr Kandidat habe gesagt, er wolle es im Reichstag schon an die große Glocke bringen. Aber nun hätte er zu mir doch noch größeres Vertrauen. Sei ihm auch lieber, wenn die Sache in Frieden geschlichtet werde. Aber geschehen müßte bald etwas. Ich habe ihm geraten, schleunigst eine dringliche Eingabe beim Reichsgesundheitsamt einzureichen. Habe ihm auch gleich die Eingabe dazu mitgeschickt, da er mit der Feder nicht recht Bescheid weiß. Hoffentlich hilft's was!
Und wie in Ostpreußen, so sind auch hier bei uns die ganzen Flüsse verpestet, — kein Lachs, kein Aal, kaum noch ein Weißfisch darin. Es ist ein Skandal. Die Gerbereien richten alles zugrunde. Und vor zwanzig Jahren noch Lachse bis oben hinauf. Wegen des Schmutzes kommen sie nicht mehr zum Laichen in den Fluß.
Heute nacht hatte ich einen wunderlichen Traum. In einem Garten stand eine Tulpe dicht neben einer Narzisse im hellen, warmen Frühlingssonnenschein. War es die Wärme, oder war es der Duft der Narzisse, der die Tulpe sich zur Narzisse neigen ließ, ich weiß es nicht. Aber die beiden freundeten sich an, sie tauschten Duft um Duft und waren guter Dinge dabei und blühten und dufteten, daß es eine Freude war. Und die Tulpe dachte nicht anders, als daß die Narzisse nur ganz allein für sie blühte und duftete. Da kam der Gärtner, schnitt beide ab und stellte sie mit anderen Blumen in eine Vase mit Wasser. Als die Tulpe nun sah, in wie enge Berührung die Narzisse mit den anderen Blumen trat, da richtete sie sich stracks auf, so daß ihr Blumenhaupt möglichst weit von der Narzisse sich wegbog, und machte ein steifes, selbstbewußtes Gesicht. Vor Scham über die Kälte der Freundin ließ die Narzisse ihr Blütenhaupt hängen. Das merkten die anderen Blumen und sprachen: »Tröste dich doch, sie hat nur zu viel Wasser geschluckt. Sie wird verblühen, wie wir alle. Daher laß uns duften und Freude spenden, solange es Zeit ist. Mag sie in ihrem Stolze prangen. Dufte du nur und erquicke die Menschen.«
[S. 95]
Als ich aufwachte, fiel mir ein kleines Erlebnis ein, das ich kürzlich auf der Straße gehabt hatte. Ich hörte im Vorbeigehen, wie zwei Bürschchen von vier bis fünf Jahren sich zankten, nachdem sie mir ihre Patschhände gegeben und guten Tag gesagt hatten: »Dat is mien Doktor!« »Nee,« sagt der andere, »dat is mien Doktor!« So fliegt Rede und Gegenrede immer erregter herüber und hinüber, bis schließlich der eine weinerlich ausruft: »Wenn dat ok dien Doktor is, denn mag ick em gornich mehr lieden.«
Merkwürdig, daß die Menschen die Neigung haben, alles ganz besitzen zu wollen, während doch unser ganzes Leben darauf hinweist, daß uns allen alles gemeinsam ist; das Sonnenlicht, das uns alle umflutet, die Luft, die wir alle gemeinsam einatmen, die Töne, die gemeinsam unser Ohr treffen. So sollten auch wir lernen, neidlos Liebe um Liebe zu geben und zu nehmen, uns an ihr zu freuen und zu erquicken, wie am Duft der Blumen, und uns in ihr stärken, wie durch das Licht der Sonne; denn die Liebe ist das Sonnenlicht der Seele!
Da schreibt mir der Ökonomierat Ahsbahs aus Glückstadt, daß 1890 im Deutschen Reiche an Milzbrand und Rauschbrand 2798 Stück Rindvieh krepiert sind, 1906 schon 7333 Stück, in Schleswig-Holstein 1890 86 Rinder, 1906 1324 Stück. Er habe meine Schriften gelesen und eingesehen, daß ich völlig recht habe. So dürfe es nicht weitergehen. Die verjauchten Flüsse träten bei Hochwasser über ihre Ufer und verpesteten die ganzen Weideländereien. Die ganze holsteinische Pferdezucht litte darunter. Seine besten Rassetiere unter den Kühen seien dem Milzbrand zum Opfer gefallen. Nun wolle er mit mir Schulter an Schulter für die Wahrheit kämpfen.
Der König von Schweden, der schon als Kronprinz durch seine Mitgliedschaft des schwedischen Nüchternheitsvereins ein tapferer Vorkämpfer im Kampfe gegen das Elend war, hat die Vertreter des Guttemplerordens auf der Weltlogensitzung in seiner Sommerresidenz empfangen, und offen vor allem Volk die Notwendigkeit unseres Kampfes anerkannt. Nun muß er sich den Haß von Brennern und[S. 96] Brauern gefallen lassen. Aber sein Volk liebt und verehrt ihn mit heißem Herzen.
Ich sah in einer Gemäldesammlung ein wunderlich ergreifendes Bild. Auf einem sandigen, kahlen Hügel, auf dem nur spärlich stachlichtes Kraut wuchs, stand ein Kreuz, aus drei rohen Balken gezimmert. An ihm hing ein jugendliches Weib. Sein Antlitz zeigte noch im Tode ein selig verklärtes Lächeln und eine schier überirdische Güte. Zart umhüllte das weiße Gewand den vollendet schönen Körper. An dem Fuß des Hügels brandete grau und tot das Meer. Am fernen Horizont ging in trübem Nebel die Sonne unter. Das Bild war ergreifend gemalt. Erschüttert stand ich vor ihm. Wollte es mir eine Geschichte unseres Lebens erzählen, einen Schlüssel des menschlichen Lebens geben? Plötzlich berührte jemand von hinten meine Schulter. »Gefällt es Ihnen,« kicherte eine leise Stimme. »Soll ich Ihnen sagen, was es bedeutet? Ich weiß es, denn ich bin der Maler, der es gemalt hat. Sehen Sie, das schöne Weib dort am Kreuz ist das Glück. Der Hügel, auf dem das Kreuz steht, mit seinen Nesseln und Disteln, — das ist der Alltag, — die drei Balken, die das Kreuz zusammenhalten, sind der Hochmut, die Herzlosigkeit und die Genußsucht. Das Meer sind die unnützen Sorgen, die wir uns machen, der Nebel ist der Kleinmut, der die Sonne, unsere Tatkraft, verdunkelt.« Der Maler hatte recht, aber er war über seine Erkenntnis wahnsinnig geworden. Ihm hatte offenbar die Kraft gefehlt, die Nebel zu verscheuchen, das Weib vom Kreuz zu erlösen und vom Hügel herab durch die Wogen des Meeres zum Land der Sonne zu tragen.
Herrgott, — ich wollte, ich wäre ein reicher Kerl; ich wüßte, was ich täte! Ich legte mein ganzes Geld in Bauvereinen an. Aber nur Einzelhäuser mit Gärten müßten sie schaffen, weit draußen, wo das Land noch billig ist, aber so, daß die Leute mit der Bahn doch schnell zur Stadt kommen könnten, — und mit den Zinsen, die sie in ihrer Miete zahlen müßten, schüfe ich immer neuen Segen, trocknete ich Tränen von Witwen, hülfe Kranken und Armen und trüge Aufklärung in unser Volk und immer wieder Aufklärung. So schüfe ich ihnen[S. 97] Leben und Vaterland und zeigte ihnen, wie sie beides lieben könnten. Denn Aufklärung heißt Lieben. Nur wo die Aufklärung fehlt, wo die Beschränktheit das eigene Ich in den Vordergrund schiebt, fehlt die Liebe! Nur hier fehlt sie auf die Dauer!
Ist es Zufall? Oder sind es die Wellenkreise des Geistes, die unser menschliches Leben ausmachen und, unsichtbar für uns und, oft genug von uns nicht beachtet, sich gegenseitig schneidend uns berühren?
Heute abend war ich bei Professor U., einem der Führer des neuen Monistenbundes, zum Herrenabend eingeladen, »zu Ehren von Professor Verworn«, dem Physiologen und Philosophen aus Göttingen. Lange schon haben sie an mir herumgebastelt, daß ich in ihr Lager übertrete; ich, als alter Naturwissenschaftler, Anhänger der Deszendenztheorie, Schüler von Darwin und Haeckel, könne und dürfe gar nicht anders. Aber mich hielt etwas zurück, wußte selbst nicht was.
Monisten? »Monos?« »Nur Eins« — das ist's, was mich abhielt: Ihr seht nur den Stoff und seine Kraftäußerungen. Für euch ist die Seele nur die Tätigkeit der Ganglienzellen in euren Gehirnen, die aufhört zu sein, wenn euer Gehirn nach eurem Tode wieder in Atome zerfällt, — aber ihr vergeßt die Wellenringe, die von diesen Ganglienzellen ausgingen, als sie noch zusammenhielten, diese Wellenringe des Geistes, die ebensowenig vergehen können wie irgend eine Kraftäußerung der Materie. Und nun nehmt die Summe dieser Wellenringe des Guten, Schönen; nehmt die Summe dieser Wellenringe der Liebe, die, ehe es Lebendiges auf der Welt gab, das All durchfluten, die es durchfluten seit Ewigkeiten; nehmt die Summe aller jener Gesetze, die so wunderbar das Ganze »werden« ließen, in denen auch ihr die Zweckmäßigkeit bewundern müßt, die wir Weisheit nennen, — was wollt ihr mit der Summe all dieser Liebe und Weisheit anfangen, die seit Ewigkeiten wirkt und webt?
Ich kenne ihren Träger nicht und hüte mich, das Gebot Mosis zu verletzen, mir ein Bildnis von ihm zu machen! Aber diese Summe ist da, — ist »Er!« —
Sie wollen auf meine Kinderstubenweisheit nicht hören. »Man könne nicht ins Aschgraue weiterfragen. Man müsse sich mit der[S. 98] erreichbaren Erkenntnis der Gesetze zufrieden geben.« Ein schöner Trost.
Aber es sind feine, kluge, gute Menschen, zumeist Juden. Und einer der klügsten und besten mein Professor U. Es ist wirklich schade, daß er »Monist« ist, und hat doch solch starke Dosis von dieser großen Summe der »Liebe« abbekommen, jener Charitas, die Christus der Welt als Lebensbasis gepredigt hat, Er, der doch auch aus dem Judentum hervorgegangen ist, wenn auch manche jetzt behaupten wollen, Christus sei arischen Stammes gewesen. Aber gelernt hat er im jüdischen Tempel.
Mehr als einmal hat mir der gute Professor geholfen, wo es galt, Not zu lindern, Kollegen, Mitmenschen aus tiefster Not wieder emporzureißen zu menschenwürdiger Existenz. Und nun Monist? Zu schade.
Nach dem Essen komme ich mit seiner braven Frau ins Gespräch, einer feingebildeten, strenggläubigen Jüdin.
»Sie wissen, Doktor, wie lieb ich meinen Mann habe, und wie ich ihn verehre, — aber in seinen Monistenbund kann ich nicht mit eintreten. Als mein Mann vor einem Jahre so krank war, daß wir uns alle auf das schlimmste gefaßt machten, da habe ich zu Gott gebetet, täglich, stündlich, — und mein Mann genas. Und nun, wo es uns so gut geht, da soll ich Gott abdanken und in den Bund eintreten, — das kann ich nicht. Das käme mir zu treulos und undankbar vor.«
Mich durchrieselt es wie von heiliger Scheu vor dieser Frau, die so still und schlicht und dabei so offen und ehrlich ihr Glaubensbekenntnis ablegt. Ich wollte, recht viele von unseren kaltherzigen, modernen Christenfrauen könnten ihr Glaubensbekenntnis hören. Vielleicht würden sie dann auch mehr Dankbarkeit und Liebe für ihre Männer haben.
Und was mich da aus dem kindlichen, unwissenschaftlichen Bekenntnis dieser Jüdin packt, — ist's nicht wieder ein Wellenring jenes großen Geistes, der eben die Summe aller jener guten, großen, liebevollen Gedanken umfaßt, die die Welt des Geistes seit ihrem Bestehen erwärmt haben? —
Wie ich daheim auf der Eisenbahnstation unserer Vorortsbahn in unserem Gottesgarten aussteige, — 's ist der letzte Zug, Mitternacht ist vorbei —, treffe ich den Hochtempler unserer Loge, meinen braven[S. 99] Schulmeister. Er sieht so gedrückt aus, fast, als habe er geweint, und etwas Zorniges, Festes liegt auch noch auf dem Gesicht. »Hallo, Bruder, was gibt's? Wo drückt der Schuh?« — Da erzählt er mir, während wir durch den nächtlichen Nebel heimwärtsschreiten, er käme aus der Distriktslogensitzung. Heiße Köpfe habe es gegeben. »Was war denn los?« — Zwei Ordensbrüder, — ich kenne sie wohl, intelligente Köpfe sind es und eifrig an der Rettungsarbeit, — hätten den Antrag gestellt, aus unserem Ritual alles, was von Gott, Christus oder Gebet darin vorkomme, zu streichen. Es sei nicht mehr zeitgemäß. Wir lebten im Zeitalter der Naturwissenschaften, und da sei es an der Zeit, mit den Überbleibseln der alten Dogmen aufzuräumen. Aber er wolle sich seinen Gott und seinen Christus nicht rauben lassen; lieber träte er ganz aus dem Orden aus. — So heftig und scharf habe ich den sanftmütigen Mann noch nie reden hören.
Der Teufel soll drein schlagen! Was hat denn Gott und Christus mit dem Dogma zu tun! Mag doch ein jeder sich seinen Gott so groß und so behaglich denken, wie er's kann nach seinem bißchen Verstande. Aber ihn so einfach mir und dir nichts streichen, das ist ja gerade wie zur Zeit der Französischen Revolution!
»Wann ist die nächste Sitzung?« — »In vierzehn Tagen.« — Da muß ich hin, ich will ihnen Wellenkreise um ihre Köpfe ziehen, daß ihnen die Schuppen von ihren Augen fallen, und ...
Das war eine heiße Sitzung. Das Gebet sollte fallen. Es sollte nur eine Aufforderung erlassen werden zu einem sittlichen Lebenswandel. — Warum nicht in Form des Gebetes?
Wunderlich, die Antragsteller sind alle Beamte. Da liegt's. Sie wollen außerhalb ihres Amtes keinen Vorgesetzten haben. Und wenn sie bitten: Herr, hilf mir —, so spüren sie in dem »Herrn« eben den über ihnen Stehenden. Und weil sie von der Schule her gewohnt sind, dabei an den »Persönlichen« zu denken, so wollen sie ihn abschütteln, wollen frei sein.
Da sagte ich ihnen, wie ich es erschaut hatte: ich halte es für einen Frevel, von einem »persönlichen Gott« zu reden, für einen Frevel gegen das Wort im 2. Buch Mosis: »Ihr sollt euch kein Bildnis machen!«[S. 100] Denn diesen »persönlichen Gott« haben sich die Menschen nach ihrem kleinen Menschenbildnis zurechtmodelliert.
Ich aber beuge mich vor dem »Unbekannten«, — der in der Welt ist als Seele der Welt, unvergänglich, wie die Welt unvergänglich ist, unvergänglich, wie jede Kraftäußerung der Materie, — eins mit ihr und doch über ihr stehend, wie eure guten, mitfühlenden Herzen, die euch zu eurem Samariterwerk treiben, die Verlorenen aufzusuchen und zu retten; die euch treiben, die Wahrheit zu bekennen, Aufklärung zu verbreiten und Samen des Guten auszustreuen, Samen, der, wenn eure Körper längst in Atome zerflattert sind, weiterwächst und weiterwuchert, wie ein feiner Same, heute und weiter wohl in alle Ewigkeit.
Und mögen sie tausendmal beweisen, daß der Christus, den sie sich in ihren Dogmen zurechtgeschnitzt haben, nicht gelebt hat, — Einer hat sicher gelebt, Der, dessen Wellenringe der Liebe nun schon zwei Jahrtausende die Menschen lebendig gemacht haben; die, wie die Sonne, Wärme und Licht in die Menschheit ausgestrahlt haben! Und wenn sie sagen, daß Christi Lehre schuld sei, daß so viel Blut vergossen ist, und so viel Martyrium erduldet ist, so sage ich euch: nicht Christus, nicht Christi Lehre ist daran schuld, sondern einzig und allein der Mangel an Liebe, die Genußsucht und die Selbstsucht der Fürsten, Pfaffen und ihrer Knechte.
Aber dieses: »Herr, hilf uns!« — Da sagte ich ihnen: »dann laßt uns beten: Du Unfaßbarer, Unendlicher, von dem jeder von uns ein Teil ist, der du das Ganze, das All umfassest und mit ihm eins bist, wie das Gute, das aus irgendeinem von uns herausging, eins ist mit dir und doch noch weiterwirkt, wenn der Leib, dem es entsprang, längst verweht ist, du Großer, Inbegriff alles Guten, aller Liebe, sei in mir, sei in uns lebendig, damit wir dich ausströmen in die Menschheit als neue lebendige Liebe, als neue lebendige Kraft, wie die Sonne tagtäglich neue Wärme ausstrahlt in das allnächtlich erkaltende All. — — So wollen wir uns konzentrieren, um möglichst gut und groß zu werden.«
Das war ihnen wieder zu lang. Da blieben wir denn bei dem kurzen: Herr, hilf uns!
[S. 101]
Heute war ich bei dem Ehepaar Waldbrecht. Mein Gott, was ist das für ein Elend. Beides brave, tüchtige, gesunde Menschen. Sie eine kühle, nordische Natur, nüchtern, ihrem Hause, ihren Kindern lebend, er mit seinem heißeren, südlichen Temperament alles ergreifend, was ihm in den Weg kommt, in sich verarbeitend, von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr über sich selbst hinauswachsend. Aber anstatt in ihrer Ehe immer mehr in eins zusammen zu wachsen, entfremden sie sich immer mehr, und anstatt in Frieden und Freundschaft ehrlich zu sagen: »wir hatten uns ineinander geirrt, laß uns wie ein paar gute Kameraden, die ein Stück Weg zusammen gewandert sind, auseinandergehen und unseren heranwachsenden Kindern, jeder in seiner Art, Freund und Berater sein«, zerquälen sie sich gegenseitig in diesem Martyrium ihrer Ehe ihr schönes Leben und machen sich gegenseitig, ohne es selbst zu wissen und zu wollen, krank. Und unser Leben auf dieser Welt fliegt doch gar so schnell dahin und wird uns doch nur einmal geschenkt. Da ist eine ehrliche und reinliche Scheidung doch das einzig Sittliche.
Es gibt Menschen, die von Natur jeder Verinnerlichung und Vergeistigung abhold, und andere, für die die gesamte äußere Welt lediglich Symbole des Geistigen sind, und die in sich nicht zur Ruhe kommen, die nicht leben können, wenn sie nicht diesen geistigen Kern der Außendinge erfaßt, in sich verarbeitet und aufgenommen, — ihn genossen haben. Wenn zwei derart verschiedene Naturen in einer Ehe zusammenkommen, so muß das zur Katastrophe führen, — früher oder später.
Heute zum Hofbesitzer R. gerufen. Herzlähmung. Tod. — Jahrelang habe ich um ihn gekämpft. Als ich ihn vorzeiten zum erstenmal untersuchte, merkte ich gleich, wo der Hase im Pfeffer lag. Herz und Leber vergrößert. Die Bäuerin sagte nichts. Aber ihr gramerfülltes, stummes Gesicht und das angsterfüllte Auge sprachen mehr als eine lange Jeremiade. Er war einer der Hauptkunden von dem patriotischen Lautenthal. »Junge, so'n Kerl as du, de ward doch wol noch[S. 102] 'n Grog drinken können.« »Du warst di doch von de Waterdrinkers nich int Slepptau nehmen loten? 'n Kerl as du!« »Wenn du di dat nich leisten wullt, wokeen kann sik denn sünst dat leisten?« — Mit solchen Redensarten umgarnte die fette Kreuzspinne ihn immer wieder, wenn er eben versuchte, den stummen Bitten der Augen seiner Frau zu folgen und daheim zu bleiben. Nun hatten sie ihn so weit. Ein Glück, daß der Sohn inzwischen herangereift war. Der hatte sein Einjährigenexamen bestanden, sein Dienstjahr hinter sich, — nun leitete er mit seinen zwanzig Jahren den Hof, so gut er's konnte. Vom Vater hatte er keinen Rat. Der stand nur höchstens störend auf der Tenne oder dem Hofe herum, wo er am wenigsten am Platze war.
Aber ehe der Sohn zum Militär ging, hatte er Sommertags auf dem Hofe gearbeitet und im Winter die landwirtschaftliche Schule besucht. Daher befremdete es mich auch nicht, als ich den Hof betrat, in dem ich den Vater auf dem Totenlager wußte, daß auf der Diele die Dreschmaschine ging, — es war der Pulsschlag gesunden Lebens. Den Vater hatten sie schon längst zu den Toten gerechnet.
Als ich auf dem Heimweg den Kanzleirat traf und meinem Kummer Luft machte, daß der 54jährige Mann so früh hätte ins Gras beißen müssen, meinte der achselzuckend: »trank zu viel.« —
An sämtliche Ecken im Dorf möchte ich mich stellen und rufen: »Die da sind seine Mörder! Die da sind die Räuber, die seinem Weibe den Gatten, seinen Kindern den Vater geraubt haben, um seine Taler zu kriegen, die er mit Pflug und Egge aus seinem Acker herausgearbeitet hat im Schweiße seines Angesichts. Mit Lug und Trug haben sie ihn umnebelt, bis sein Geist umnachtet war, und er als halber Idiot auf seinem Hofe herumschlich.«
Oh, — aber es ist so patriotisch zu saufen! Der Lautenthal muß ja doch gehalten werden gegen die verdammten Roten. Und erst neulich im Reichstage haben die Konservativen wieder einstimmig dagegen Front gemacht, daß der Zehnte aus der Branntweinsteuer zur Bekämpfung der Trunksucht verwandt würde, — das sei keine Sache des Reiches, das sei »Privatsache«. Jawohl, Privatsache! Privatsache von euch adligen und bürgerlichen Branntweinbrennern, die ihr euch die »staatserhaltenden Elemente« schelten laßt, — als ob man unser Volk wie Museumspräparate in Spiritus konservieren könnte!
[S. 103]
Wie sich in alten Zeiten die Germanen gegenseitig in Bruderkriegen abschlachteten, so vernichten sie sich heutzutage gegenseitig mit der Verführung zum Trunk aus schmutziger Erwerbssucht, aus Eitelkeit, aus Stumpfsinn, aus »Patriotismus« und aus sonstigen blödsinnigen Gründen. Man möchte mit dem Schwerte dreinschlagen!
Heidi, nun tobt der Kampf! Aber Methode haben die Gegner, — das muß ihnen der Feind lassen. Die Arbeiter unter meinen Kranken hetzen sie dadurch gegen mich auf, daß sie ihnen vorhalten, ich sei so ein hochnasiger Reserveoffizier, und was ich für sie täte, tue ich nur aus politischen Gründen, aus Eitelkeit und aus Selbstsucht. Den Unternehmern sagen sie, ich hetze ihnen die Arbeiter auf, mache sie begehrlich und verwöhne sie mit meinen Häusern, die ich ihnen mit Hilfe der Baugenossenschaft baue. Den Führern in der Arbeiterschaft haben sie klar gemacht, daß ihre politischen Versammlungen nur deshalb so schlecht besucht seien, weil die Arbeiter jetzt diese verdammte Genügsamkeit sich angewöhnten und mehr an Schweineschlachten und Kohlpflanzen und Kartoffelbauen dächten als an Politik. Und gleichzeitig denunzierten sie mich bei meinem Bezirkskommando, ich hielte es mit den Arbeitern und sei nur so ein verkappter Roter, und das dürfe doch nicht gelitten werden! Aber sie sagen nicht dabei, daß sie nur deswegen so wütend auf mich sind, weil ihr Schnapshandel nicht mehr so floriert und die Schankstuben nicht mehr alle vierundzwanzig Stunden des Tages so voll gepfropft sind voll rauchender und trinkender Menschen, die dort ihr Geld und ihre Gesundheit lassen, wie ehedem.
Und sterben doch immer noch genug Männer in den Dörfern ringsumher, die nicht auf uns Guttempler hören wollen, die auf uns schimpfen und über uns lachen, Wirte und Stammtischler, Arbeiter, Handwerksmeister und Rentnersleute, denen kein Mensch ansah, daß Herz und Leber längst gelb und verfettet waren.
Daß ich aber mit meiner Nüchternheit und mit meinem Häuserbauen nur eins will: gesunde, glückliche Menschen schaffen, — oder vielmehr — auf eine praktische Art den Menschen helfen will, gesund und[S. 104] glücklich zu werden, — ein Sandkorn beitragen will mit meinen schwachen Kräften, daß unser geliebtes deutsches Volk stark und tüchtig bleibe für alle Zeiten, das sagen diese edlen Patrioten, obwohl sie es selbst klar genug wissen und durchschauen, weder den Arbeitern, noch den Unternehmern, weder den Führern, noch meinem Bezirkskommando. Nun wohl, — so muß ich's allen diesen wohl selber sagen.
Sie wollten's nicht wahr haben mit ihrer Verurteilung und hatten Revision eingelegt. Nun haben sie noch die Kosten und den Spott dazu. Hatten gedacht, sie könnten's mit mir ebenso machen, wie mit dem armen Landpfarrer, den das Gericht zu 200 Mark Geldstrafe verurteilt hat, weil er öffentlich gesagt hat, das Braugewerbe sei ein unsittliches Gewerbe.
Zurücknehmen sollte ich, was ich in meinem letzten Vortrage von den Vampyren und Kreuzspinnen unter den Wirten gesagt hätte. Nichts nähme ich zurück, habe ich ihnen geantwortet. Aber beleidigend für mich und albern sei es, mir, der ich, wenn ich hungrig und durstig auf der Praxis sei, tagtäglich bei den Wirten einkehre, um mich mit Milch und Brot oder Früchten oder Bouillon zu restaurieren, zuzumuten, diese Leute, die mir helfen, mich zu erquicken, schlechthin von Standes wegen zu Vampyren stempeln zu wollen.
Da habe ich es ihnen naturwissenschaftlich klargemacht, was ich gesagt habe. Vampyre und Kreuzspinnen sögen ihren Mitgeschöpfen das Blut aus. Und daß viele, nur zu viele unter den Wirten dieses ebenso machten, dafür wolle ich den Beweis der Wahrheit antreten und ihnen reihenweise die Bierfahrer aufführen als Zeugen an Gerichtsstelle, die mir, ihrem Arzte, ihr Leid geklagt, daß sie, um ihre Familie ernähren zu können, erst ordentlich trinken müßten bei den Wirten, weil diese ihnen sonst kein Bier abkauften, und wieder trinken, damit sie nur ihr Geld beim Einkassieren erhielten. Und die Witwen und Waisen von solchen, die sich auf diese Weise zu Tode getrunken hätten.
Und wie das Gericht eine Pause machte, tritt aus dem Zuschauerraum ein Milchhändler auf meinen Rechtsanwalt und mich zu und bietet sich gleich als weiteren Zeugen an, um das, was ich gesagt,[S. 105] sofort unter seinem Eid zu bekräftigen. Champagner hätte er ausgeben müssen, nur um die Ehre zu haben, in einer Wirtschaft seine Milch zu verkaufen, und Wirt und Wirtsfrau und Kellnerin hätten mittrinken müssen, um die Zeche hochzubringen. Da hätte er die Sache vor Gericht gebracht, und der Wirt sei wegen Nötigung und Begünstigung der Völlerei verurteilt und mit Entziehung der Konzession bedroht.
Aber meine Richter kannten die Gesellschaft offenbar ebensogut wie ich. Der Vorsitzende hat hochdeutsch mit ihnen geredet. Nun ist ihr Schimpfen und Verleumden ihnen teuer zu stehen gekommen.
Ich kann nicht darüber wegkommen, daß die Juden in der Monistenbewegung wiederum die Hauptrolle spielen. Das Gute, das sie dabei tun, ist wieder die zersetzende Kritik, die sie damit an unseren verspakten Dogmen üben, an die ja doch von hundert keine drei mehr glauben. Es ist die reine Bakterienarbeit, die sie treiben: wie die mikroskopischen Tausendkünstler der Chemie zersetzen sie, was immer in unserem Kulturleben sich als Absterbendes, Totes zeigt, in Rußland, in Österreich, in Italien, in Frankreich, in Spanien, wie bei uns. So sind sie in der Tat der Sauerteig der Erde.
Wunderbar, wie fein die Bibel diese Wirkung der Hefezellen des Sauerteigs bereits auf das Geistige zu übertragen wußte, obgleich sie von der mikroskopischen und mikrochemischen Natur dieser kleinsten Lebewesen noch keine Ahnung hatte. Aber es ist keine Frage; die alte Prophezeiung ist eingetroffen: sie sind der Sauerteig der Erde.
Aber wirken sie nur zersetzend, nicht auch aufbauend, schaffend? Ist nicht die Tätigkeit jener zahllosen jüdischen Frauen, die ihr Leben selbstlos der Wohltätigkeit, besonders in den Frauenvereinen widmen und gewidmet haben, — ich denke an eine Rahel Varnhagen, Lina Morgenstern, — ist nicht die Tätigkeit aller dieser eine aufbauende? Ja und nein. Vor allem zersetzen sie die Kälte, die Lieblosigkeit, die ein Zeichen des Todes ist, und bringen die Herzen in Gärung, und Gärung erzeugt Wärme, und Wärme ist Liebe.
Wohlan, ihr tapferen, warmherzigen, jüdischen Frauen, kommt mit eurer Wärme, die ihr vor tausend Jahren mit der wärmeren Sonne[S. 106] eures Vaterlandes Palästina eingesogen habt, und helft die Gleichgültigkeit und Kälte des Nordens in Gärung versetzen! Ich heiße euch willkommen im Kampfe der Geister!
So mußte es kommen. Haben sie den großen starken Lümmel, den Jacobsen, auf der Schulbank festgehalten, anstatt ihn, der mit seinen vierzehn Jahren so ungeschlacht war, wie ein starker Zweiundzwanzigjähriger, laufen zu lassen. Der Vater hat gebeten, — er könne den Jungen nicht mehr zahm halten, — der Großvater habe mit fünfundsechzig Jahren noch die fünfte Frau gefreit.
Die Mutter hat gefleht, — sie sollten den Jungen konfirmieren, damit er zur See könne. Ungern ließe sie den Einzigen aufs Schiff; aber sie, als Mutter, wisse am ehesten, daß es das Beste für den Jungen sei. Er müsse sich ausarbeiten; könne die Kraft nicht mehr zügeln. Alles umsonst. »Er weiß noch nicht genug. Soll noch ein Jahr zur Schule gehen.«
Vor einem halben Jahre erst hat er den Streich gemacht und ist mit des Brückenwarts Boot die Elbe hinuntergesegelt, — hat nach Amerika wollen, — fort, nur fort!
Nun ist es über ihn gekommen, der große dunkle Drang, — alles Denken hatte aufgehört in ihm, wie er nachher selbst geäußert hat.
Mit des Nachbars Zehnjährigen hat er Holz gesammelt am Strand. Da hat er sie niedergeworfen in den weichen Sand. Und da ist's geschehen. Das Mädel ist nachher zur Mutter gelaufen, die Mutter zum Gendarmen, — der hat den Burschen gleich verhaftet. Dann ist sie mit dem Kind zu mir gekommen. Ich sollte es untersuchen. Nichts ist ihm geschehen zum Glück.
Aber der Bursche! Wenn er gelind davonkommt, stecken sie ihn in die Fürsorgeerziehung. Einstweilen sitzt er erst einmal Wochen, Monate in Untersuchungshaft, wie sie das so schön nennen, bis diese entsetzlich langsam arbeitende Maschine Justiz Untersuchung und Urteil beendet hat. Und dann? Dann ist aus dem kräftigen Burschen mit seinem ungebändigten Naturtrieb ein elender, verkommener Wicht geworden. So züchtet man Verbrecher, — im maximam Dei gloriam et scholae.
[S. 107]
Alle Kämpfe, die wir draußen im Leben kämpfen, müssen wir zuerst in unserem Herzen durchgekämpft haben. Sei es, daß es sich um die Klarheit in unserem Verhältnis zu dem handelt, was wir Gott nennen, sei es, daß es sich um unsere Stellung handelt, die wir den sozialen Fragen unserer Zeit und unserer Regierung gegenüber einnehmen wollen, vor allen Dingen unseren Mitmenschen gegenüber, — sei es, und das ist das Wichtigste für den Mann, daß wir das Weib zu gewinnen suchen, mit dem zusammen wir in eins verschmolzen uns zu dem Gemeinschaftswesen »Mensch« verbinden und erheben wollen, in der Erkenntnis, daß weder der Mann allein, noch das Weib allein den Ehrennamen Mensch verdient! — — — Nur die Unklarheit diesen Fragen gegenüber ist es, die uns schwächt und lähmt und nur zu oft die Sucht in uns großzieht, uns zu betäuben, damit wir nicht an sie zu denken brauchen. Und doch ist dieser Kampf in uns das einzige, was uns Klarheit und Ruhe und damit die Kraft zum Weiterleben und den Sieg über uns selbst wiedergeben kann.
Wie ich es vorher gesagt, ist es gekommen! Nun gibt es was zu reden für die Sittlichkeitsrichter, unter denen sich nur zu oft Leute befinden, die sich mit ihrem vielen Bier dicke Bäuche herangezüchtet, und, wie Bismarck so schön gesagt hat, »impotent getrunken« haben, nun jammern und zetern sie über das Zunehmen der Sinnlichkeit. Und was ist geschehen? Ein unreifer Schlingel, der längst auf dem Schiff oder auf dem Acker sich seine pferdestarken Muskeln und Knochen hätte müde arbeiten sollen, hat, krank vor unverbrauchter Kraft, unreife Früchte pflücken wollen.
Diese verfluchten scheinheiligen Pharisäer mit ihrem Zetern über die Zunahme der Sinnlichkeit, als ob die an sich eine Sünde wäre. Und ist doch eingesetzt von der ewig gütigen und allweisen Mutter Natur zur Erhaltung der Menschheit! Ist zu vergleichen einer reinen und schönen Quelle, die uns Gesundheit und Kraft zu geben bestimmt ist. Aber die Torheit und Gemeinheit der Menschen wirft Kot und Unrat hinein und verunreinigt und vergiftet sie und wundert sich dann, wenn diese Quelle ekle Krankheiten und Tod hervorbringt, oder die Menschen lassen sie versiegen, wie diese Stammtischpharisäer mit ihren dicken Bäuchen, und schelten dann neidisch auf die Gesunden, bei denen sie sprudelt. Und dabei fangen die deutschen Regierungen[S. 108] bereits an, sich zu sorgen über die Abnahme der Geburten! — Verdammt noch mal, — schließt doch diese verfluchten Schnapshöllen, Bierpaläste und Bordelle, und gebt unserem Volke Land, Land und nochmal Land, und unser Volk wird für alle Ewigkeiten der Menschheit eine Quelle sein für Kraft und Gesundheit und Fortschritt zum Guten!
Ich kann in mir nicht zur Ruhe kommen. Was heißt denn Sünde? Ich habe herumgefragt bei den Autoritäten, auch den amtlich für solche Fragen angestellten, — aber keiner scheint es zu wissen. Auch mein Pfarrer nicht. Der eine sagt, alles, was den Gesetzen widerspricht. Den Gesetzen? Welchen Gesetzen? Jenen, die von Menschenhand gemacht sind und anders sind in diesem oder jenem Land, anders heute und anders morgen? Ein anderer sagt, alles sei Sünde, was unserem Gewissen widerspricht. Da haben die Menschen es sich freilich bequem gemacht, — denn Fürst, Minister, Professor, Doktor bis zum jüngsten Lehrling, — sie betäuben einfach ihr Gewissen mit ein wenig oder — mit etwas viel Wein, Bier, Sekt oder Schnaps, — und dann schweigt der unbequeme Schlingel Gewissen, — und die Sünde ist keine mehr. So machen sie es, wenn sie nach ihren Diners, Kommersen, patriotischen Festgelagen und Kneipereien in Gott weiß was für Winkelschenken ins Bordell taumeln, wie neulich erst wieder die Turner nach ihrem großen Fest zu Hunderten, — so machen sie's am Regierungstische, wenn sie zugeben, daß unseren so wertvollen, ja unentbehrlichen Arbeitskräften in unseren Kolonien, den Negern, schiffsladungsweise der Schnaps, den unsere hohen Herren brennen, verkauft wird, und dann, wenn sie zu Säufern geworden sind, noch obendrein Gewehre hinterher. Denn Menschen mit klarem Gewissen und nüchternem Verstande können doch solche an Wahnsinn grenzende Taten nicht begehen oder auch nur gutheißen!
Auch das mit dem Gewissen genügt also nicht. —
Halt, — ich hab's: Sünde ist alles das an Gedanken, Worten oder Werken, wodurch wir selbst oder andere krank oder unglücklich werden oder gar sterben.
[S. 109]
Mir ist so angst, seitdem mir seit gestern das Wesen der Sünde, wie es schon in der Macht des Gedankens beruhen kann, klar geworden ist. Der einzige Mensch, den ich je in meinem Leben wirklich gehaßt habe, aus ganzer tiefster Seele gehaßt habe, weil er gar so verlogen und falsch ist, die Jugend zum Trinken verführt und mit seiner Gehässigkeit so viel Unglück stiftet unter den Menschen, saß mir im Gericht gegenüber, wohin ich ihn zitiert. Und wie ich ihm gegenüber saß, hatte ich nur den einen Gedanken, ihm im Zweikampf mit einer Hand, die, wenn sie will, nicht fehlt, eine Kugel in die Stirn zu jagen, damit er nicht weiter Haß und Unheil unter den Menschen säen kann. — Und grauenhaft! Seit dem Tage fast trägt der Mensch an seiner Stirn ein Kainszeichen, just an der Stelle, an der meine Gedanken sich wie eine Kugel einbohrten, um ihn zu töten. Und die Stelle heilt nicht, — will nicht heilen, kann nicht heilen. —
Die Okkultisten nennen das »schwarze Magie«. Aber das ist ja Unsinn. Ich glaub' nicht daran.
Ich weiß als Arzt, woher die Stelle stammt und kann doch nicht ruhig werden.
Herrgott im Himmel, — gib, daß seine Stelle heilt! Hilf mir, wenn es nicht anders sein kann, meinen Haß besiegen, damit sie heilen kann! —
Es ist entsetzlich in diesen ganzen Monaten. Ich habe sie nicht gehaßt! Bei Gott im Himmel, ich habe sie nicht gehaßt, und sie sterben reihenweise; der eine an Zuckerkrankheit, der andere an Arterienverkalkung, der dritte und vierte an Herz- und Leberverfettung und ich weiß nicht was alles. Ich weiß aber, sie haben sich gebrüstet damit, wieviel sie vertragen könnten und haben auf uns Wassersimpel geschimpft, haben uns verleumdet und schlecht gemacht. Wir haben versucht, sie aufzuklären, ich habe es wahrhaftig an Mühe nicht fehlen lassen, und nun sterben sie weg, diese armen Kerle, wie die Fliegen. Sie sagten, wir wären ihre Gegner und ruinierten ihr Gewerbe. Mein Gott, aber sie ruinierten die Menschen, und mehr als ein Dutzend kräftiger, junger Männer könnte ich an den Fingern herzählen, die gesund und arbeitsfroh in unsere Gegend kamen, und die sie an ihren[S. 110] Stammtischen festgehalten haben, und die nun schon längst auf dem Kirchhofe liegen. Ich habe sie nicht gehaßt, wahrhaftig, ich weiß es, ich habe sie nicht gehaßt. — Warum, mein Gott, hast du sie denn sterben lassen und sie nicht aufgeklärt, daß sie gesund blieben? Vielleicht hätten sie doch Einsicht bekommen und hätten alles anders gemacht. Mein Gott, es ist zu entsetzlich!
Das erschwert uns den Kampf aufs äußerste, daß dieser Mann, dessen Beispiel als Tat so unsagbar segenbringend für unser ganzes Volk, für unsere ganze Nation wirken könnte, beständig hin und her gezogen wird durch die Einflüsse seiner Umgebung. Da sind auf der einen Seite diese vielen vortrefflichen, klugen Männer, mit allen Waffen der modernen Wissenschaft und Technik ausgerüstet. Und ist er durch diese aufgeklärt, so hält er vortreffliche Reden in unserem Sinne, begeistert und begeisternd. Und alsbald kommt die Gegenpartei; Leute, die große Brennereien haben auf ihren Rittergütern und die für den Absatz ihres Branntweins fürchten, hohe Herren, deren Verwandte Brauereidirektoren sind, und tuscheln ihm ins Ohr, der deutsche Trunk müßte hochgehalten werden, die Alkoholgegner wären schlappe Kerle und Guttempler vollends mit ihren internationalen Gefühlen verdächtig. Das »international« erinnert womöglich ein wenig an die »internationale« Sozialdemokratie. Und alsbald wird an einer passenden oder unpassenden Stelle wieder ein freundliches Wort über das deutsche Trinken gesagt, und der Alkohol müßte hochgehalten werden, und der Wein soll leben, und begeistert wird von der ganzen Alkoholpresse und Alkoholindustrie das Wort aufgenommen und in tausendfachem Echo in der deutschen Tagespresse breitgetreten. Und dann wird wieder drauflos gesoffen, und wir Guttempler haben wieder die Rettungsarbeiten in erhöhtem Maßstabe. So kommen wir nimmer und nimmer vorwärts!
Heut morgen war die junge Heidbäuerin bei mir. Ich solle ihr helfen, ihren Mann wieder auf den richtigen Weg bringen. Die braune Lisbeth mache ihn ihr abspenstig.
[S. 111]
Ich kenne die Bäuerin von klein auf. Das hübscheste Weib ist es in ihrem Dorfe, und er ein kreuzbraver Kerl, und gut und tüchtig.
Ich lege ihr die Hände auf die Schultern, schau ihr ins Gesicht und frage: »Sag, Margreth, hast ihm schon fix zugeredet?« — »Und ob, — ich passe ihm auf Schritt und Tritt auf, und kommt er mir einmal später nach Hause, lese ich ihm tüchtig den Text.«
»So ist's recht, Heidbäuerin, dann wirst ihn bald los sein und der anderen ins Garn jagen!« —
Oh, über euch törichten Weiber!
Ihr wollt, daß euere Männer euch lieb haben und euch treu seien, und das einzige Zaubermittel, das unfehlbar wirkt, das nichts kostet und euch nur Glück bringt, das wendet ihr nicht an!
»Deern, sei nicht so kreuzdumm, sondern leg' ihm Schlingen der Liebe um seinen Hals und seinen Nacken, daß er dir nicht durchbrennen kann, — sollst sehen, er ist zahm wie der Stier, der dem Hütejungen am dünnen Strick folgt.«
Sie sieht mich ungläubig an. Als sie aber mein ernstes Gesicht sieht, begreift sie. Dankbar schüttelt sie mir unter Tränen lachend die Hand. Da schiebe ich sie zur Tür hinaus.
Der dicke Brauereidirektor aus der Stadt war bei mir wegen seines Fettherzens und seiner Leber wegen, ein humaner, guter Mensch. Tausende hat er mir gegeben für meinen Bauverein und 300 Mark für meine Bestrebungen, die Elbe reinzuhalten, und manches Zwanzigmarkstück für unsere Rettungsarbeit an Trunksüchtigen. Ist nun sein Gewerbe ein sittliches oder unsittliches? Ich muß an den Brauer Jacobsen in Kopenhagen denken, der seiner Vaterstadt die wunderbarsten Kunstschätze und herrlichen Museen geschenkt und sie damit zu einer der kunstreichsten und schönsten Städte der Erde gemacht hat.
Aber ich muß auch an unseren guten Br. Wobsen denken in Flensburg, der vor fast einem Menschenalter in Dänemark den Vortrag eines schwedischen Guttemplers hörte und dadurch aufwachte und erkannte, welch furchtbares Unheil er mit seinem Schnapshandel über seine Mitmenschen und Mitbürger die langen Jahre gebracht hatte.[S. 112] Als er nach Hause kam, nahm er seine Flaschen und Demijohns mit den giftigen Getränken und schüttete sie in den Handstein in seiner Küche, eine nach der anderen, — und wurde Guttempler! Er rettete durch seine Tat der Erkenntnis und der Liebe Hunderten und Tausenden Leben und Gesundheit, wie er früher Leben und Gesundheit von vielen, ohne es zu wissen und zu wollen, vernichtet hatte. Das ist der Markstein, ich möchte sagen die mathematische Lösung, die die Erkenntnis uns gibt: Nicht der Beruf, nicht das Geschäft, alle diese giftigen Getränke herzustellen und zu vertreiben, an sich ist unsittlich. Aber sie werden unsittlich und werden zum Verbrechen, sobald diejenigen, die diese Getränke herstellen und vertreiben, Wissende geworden sind, sobald sie diese Getränke herstellen und vertreiben, trotzdem sie wissen, daß sie mit den Groschen und den Milliarden Mark, die sie daran verdienen, ihre Mitmenschen auf den Weg des Verbrechens und auf den Kirchhof bringen und ihr Vaterland in Not und Gefahr. Sobald sie dies wissen und erkannt haben, handeln sie nicht viel besser als der Straßenräuber, der sein Opfer mit der einen Hand an der Gurgel packt und ihm mit der anderen das Messer in die Brust stößt, um ihm sein Geld abzunehmen. Ob er ihn langsam hinwürgt oder schnell, das bleibt sich für seine Gesinnung und für das Endresultat gleich. Nicht die Verschiedenheit der Anschauungen macht es, — auf die Gesinnung kommt es an. Und weil sie instinktiv fühlen, daß diese eigene Erkenntnis des furchtbaren Unheils, das von diesen Trinksitten ausgeht, ihnen selbst ihr Urteil spricht, so fürchten und hassen sie diese Erkenntnis, und alle, die sie ihnen bringen. Und belügen sich und andere, um sich und ihr Gewissen zu betäuben! — Das ist der Kernpunkt unseres Kampfes!
Und wenn er nicht zu uns kommen will, weil er nicht ganz von seinem Glase lassen will, so mag er doch die Kelle in die Hand nehmen und zu den anderen gehen, wie sein Vater und Großvater getan haben. Dort wird er manches lernen und erfahren, was ihm seine Höflinge doch niemals sagen. Und wir Menschen können nie genug lernen. Besonders, wenn wir an einer solchen Stelle stehen, wie er!
[S. 113]
Ich fühle es, wie sie hetzen und schüren, die Gegner. Und da sie mir sonst nichts anhaben können, versuchen sie es mit Lügengespinsten und Verleumdungen.
Als mir ihre Stammtischausgeburten zu toll wurden, habe ich das ganze Nest wieder einmal dem Staatsanwalt überantwortet. Der hat wacker zugegriffen und sie als Verleumder festgenagelt und ihnen den Kopf gewaschen, daß es dampfte.
Da sind sie zu Kreuz gekrochen, haben Abbitte getan und zugegeben, es sei »nur ein Bierwitz« gewesen. Nicht meinetwegen hab' ich es getan, — aber von meinem Wirken sollen sie mir ihre unsauberen Hände lassen, damit ich ungestört weiter schaffen kann für meine Armen und mein Volk!
Wie aber, wenn solch ein »Bierwitz« einen trifft, der dieses schmutzige Gift nicht so, wie ich es getan habe, von sich abstreifen kann, als ob er mit seinen Stiefeln in etwas getreten hat? Da kann's auch mal ein Unglück geben, an das die Herren Stammtischphilosophen nicht gedacht haben.
Unsere Knicks, die die Felder so lieblich umsäumten, die Hecken, in denen die Vögel im Frühling nisteten und im Winter Schutz suchten, zerstören sie, um Bauland zu gewinnen oder den Streifen ihrem Acker zuzuschlagen. Unseren Wald holzen sie ab, und die Heide, meine geliebte Heide, pflügen sie um. Aus allem wollen sie Geld machen. Ja, — freilich! Unser Volk wächst und braucht Land und Brot. O mein Gott, daß ich doch reich wäre und möglichst viel von dem Land aufkaufen könnte, damit es uns wenigstens hülfe Häuser darauf zu bauen für meine Armen. Ich fürchte aber, das meiste wird der Spekulation anheimfallen, bis es schier unerschwinglich teuer wird. Und dann? — Aber einen Teil wenigstens muß ich für meine Arbeiter retten, und wenn die Gemeinden mir auch noch so viele Schwierigkeiten machen! —
Nun kann ich nicht mehr. Eine seltsame Sehnsucht nach Ruhe erfaßt mich.
Heute morgen kommt der junge Heidbauer in meine Sprechstunde, fällt mir wie ein Kind, — der große starke Mann, — um den[S. 114] Hals und schluchzt: »Doktor, ich hab' sie geschlagen! Sie, die ich so über alle Maßen lieb gehabt, lieber als mein Leben, die hab ich geschlagen, — mit dieser meiner Hand.«
Und dabei sieht er seine Hand an, als ob sie Blutflecken hätte.
Tribuliert hat sie ihn, gequält mit Eifersüchteleien, — da hat's ihn übermannt. Erst hat er sie gewarnt: tu's nicht, — angefleht hat er sie, — aber sie hat weiter tribuliert. Dann ist's geschehen.
Und nun könnt' er sie nicht mehr lieb haben, weil sie ihn so weit gebracht, daß er sich vor sich selber schämen müßte.
Ich red' ihm Mut und Trost ein, an den ich selbst nicht glaube. Dann fahre ich auf Praxis.
Wie ich durch Nienhusen komme, werde ich angehalten: »Doktor, um Himmels willen, schnell! Ein Gräßliches ist geschehen! In unserem Dorf!«
Ich denke zunächst an den Heidbauern.
Gott sei Dank, — der ist's nicht. Aber der Hansen ist's.
Wie ich in den Buschwinkel komme, da steht Hinrich Hansen sein rothaariger Bub in der Gartenpforte, den Kopf auf den Arm gebeugt, und weint in sich hinein, daß es einen Kiesel erweichen könnte. Ich streiche ihm über den struppigen Kopf und trete über den Flur ins Zimmer.
Barmherziger Gott, liegt die Frau ausgestreckt auf dem Boden, — tot, — der Kopf in einer großen Blutlache.
Ich gehe nebenan hin, wo unter dem nämlichen Dache der Bruder, der Jakob, wohnt. Sitzt die Frau in der Küche am Kaffeetisch, die Kinder um sie herum. Alle wie versteinert. Die abgebissenen Butterbröte und die halbgeleerten Kaffeetassen verlassen und kalt auf dem Tisch.
Um Gottes willen, was ist denn passiert? Tränenlos, mit müder Hand zeigt die Frau durchs Küchenfenster auf den Hof.
Ich trete hinaus, und Grausen packt mich. Blut und Gehirnfetzen rings auf dem Erdboden. Und mitten drin liegt der Jakob, tot, starr, der Kopf von der Küchenschürze der Frau bedeckt. Neben ihm sein Gewehr.
[S. 115]
Ich lüfte die Schürze. Schuß in den Mund. Der Schädel auseinandergesprengt. —
Wie ich wieder vor der Frau stehe und ihr stumm die Hand reiche, löst sich der Krampf. Unter Schluchzen stürzt es heraus: »O, er war so gut. Trank nicht. Spielte nicht. Aber das Wildern konnt' er nicht lassen. Vorige Woche hat er einen Fasan geschossen. Da hat der Flurschütz ihn angezeigt.
Und nun ging's los. Ging er über's Feld, hänselten ihn die Arbeiter schon von weitem, legten die Spaten an die Backe und taten, als ob sie schössen.
Vom Stammtisch schickten sie ihm eine namenlose Karte, er solle sich den Fasan nur gut schmecken lassen.
Die Schwägerin hat ihn auch geneckt und gehänselt. Er hat sich's verbeten, ein-, zwei-, dreimal — sie konnt's nicht lassen.
Morgen sollte er vor's Gericht. Das konnte er nicht überleben.
Drei Glas Grog hat er auf dem Heimweg hinuntergestürzt. Ganz gegen seine Gewohnheit. Den Gram und den Groll hatte er hinunterspülen wollen.
Und wie er beim Kaffee sitzt mit den Seinen, geht die Schwägerin über den Hof am Küchenfenster vorbei und macht ihm eine Grimasse zu.
Da ist sein Maß voll gewesen. Die Verbitterung und der aufgespeicherte Groll haben ein Opfer verlangt. Das hat er mit hinübernehmen wollen in das Nichts.
Denn der Haß ist der Tod. Nur die Liebe bedeutet Leben.
Plötzlich ist er aufgestanden vom Tisch. — Gleich darauf zwei Schüsse. Und nun haben zwei Kinder keine Mutter und sechs keinen Vater mehr. Und alles um einen Fasan.«
Herr Gott, Vater, nimm mich zu dir. Ich kann nicht mehr. Das ist zuviel für einen Tag. Erst der Heidbauer und nun dieses.
Zwanzig Jahre habe ich Liebe zu säen versucht, und überall geht der Haß hoch, und überwuchert die Liebe. Denn wo sie Haß säen, geht er auf, wie Distelsamen auf Weizenland, daß der Weizen schier erstickt wird.
Was nützt da noch ein Leben in Liebe? Ich kann nicht mehr. Und[S. 116] hab' in meinem eigenen Herzen mit meinem eigenen Haß zu kämpfen! — —
Und den Gott der Liebe wollen sie auch noch abschaffen? Wie mag es dann erst werden! — — — — — — — — — — — —
Als ich am Morgen erwachte, hielt ich meine Tageblätter noch in den Händen. Der Himmel hatte sich etwas aufgehellt. Von Englands Küste war kaum etwas zu sehen. Dort im Nebel mußte Dungeneß liegen, weiter nach Süden Brighton, dort Hastings, dort der Leuchtturm von Quessant. Plötzlich trat die englische Majorsfrau auf mich zu, die sich bis jetzt nur selten an der Tafel gezeigt hatte.
Wir hatten sie in Antwerpen mit an Bord genommen, da sie ihren Gatten in Boulogne treffen wollte. In ihrem englischen Akzent, der die amerikanische Herkunft verriet, fragte sie mich: »Nun, Doktor, Sie schauen ja mit so bitterbösem Blick nach England hinüber, als suchten Sie dort jemanden, den Sie erdrosseln möchten.« »Ich denke,« erwiderte ich ihr, »mit banger Sorge an das, was der Minotaurus von England wieder Schlimmes für England und für die Welt spinnt.« — »Der Minotaurus von England,« fragte sie, gespannt aufhorchend? »Erinnern Sie sich nicht, Mrs. Elson, an die Artikelreihe aus der Pall Mall Gazette, in der dieses Blatt vor rund zwanzig Jahren von einem Moloch, dann wieder von einem Minotaurus berichtete, von einem Ungeheuer, dem alljährlich Hunderte unschuldiger Kinder Englands geopfert wurden? Haben Sie nie von diesem gekrönten Ungeheuer gehört?« »Nein,« erwiderte sie, »die Geschichte ist mir entfallen. Richtig, sie war in der Presse erschienen, als mein Gatte und ich in Afrika in unseren englischen Kolonien waren und viele Monate fern von aller Kultur in der Wildnis lebten. Ich weiß, wen Sie meinen. Und ich will Ihnen eine kleine Geschichte aus meinem Leben erzählen, die Ihre Kenntnis dieser Persönlichkeit bereichern wird.
Mein Gatte und ich waren damals verlobt. Ich besuchte ihn in Aldershot, wo er damals als Leutnant stand, um mit ihm noch einige Dinge für unsere nahe bevorstehende Hochzeit zu besprechen. Wir saßen an einem Tischchen in einem der ersten Hotels der Stadt, um unser Frühstück einzunehmen. An einem zweiten Tischchen in unserer[S. 117] Nachbarschaft saß ein General. Ich fühlte instinktiv, auch wenn ich nicht zu ihm hinsah, wie derselbe mich fast unausgesetzt fixierte. Mein Verlobter mußte bald nach unserer kurzen Mahlzeit in den Dienst. Mein Zug, der mich nach London zurückführen sollte, fuhr früh abends, ehe mein Verlobter den Dienst beendet hatte, so daß ich in dem nämlichen Hotel vor meiner Abfahrt noch zu Mittag speiste. Kaum hatte ich mich an meinem Platze niedergelassen, als ich an dem Nachbartischchen wieder jenen General erblickte, der mich genau in derselben unverschämten Weise fixierte, wie am Vormittage. Ich beendete, unangenehm berührt, hastig mein Mahl, zahlte und fuhr nach Hause. Am andern Morgen meldete mir mein Diener einen Herrn. Ich fragte nach seinem Namen. Der Diener antwortete, der Herr hätte seinen Namen nicht nennen wollen. Ich nahm an, daß es sich um irgend eine Überraschung oder einen Scherz meines Verlobten handle und ließ den Herrn bitten. Wer beschreibt mein Erstaunen, als mit der verlegensten Miene von der Welt und mit tiefsten Bücklingen der Wirt des Hotels in Aldershot bei mir eintrat. Ich unterbrach seine endlosen Entschuldigungen, daß er es wage, sich bei mir melden zu lassen, mit der Frage, was er von mir wünsche. Mit dem Zeichen der höchsten Verlegenheit fragte er mich, ob ich mich entsinne, daß an einem Nebentischchen im Hotel ein älterer Herr gesessen, der sich sichtlich für mich interessiert habe. Ich nickte bejahend. »Was ist's?« — Er erwiderte: »Der Herr war General E.« — »Ich habe ihn erkannt; was wünscht der Herr von mir?« Der Wirt, sich sichtlich vor Verlegenheit krümmend: »Der Herr General läßt das gnädige Fräulein fragen, ob dem gnädigen Fräulein daran läge, Seiner Königlichen Hoheit, dem Prinzen von Wales, vorgestellt zu werden.« Ich fühlte, wie mir alles Blut zum Herzen schoß, als ob ich einer Ohnmacht nahe wäre, und wie gleich darauf mir eine flammende Röte ins Gesicht stieg. Nur einen kurzen Augenblick besann ich mich auf meine Antwort, — dann erklärte ich dem verlegen auf Antwort Harrenden mit so eisiger Stimme, daß ich mein eigenes Organ kaum wiedererkannte: »Sagen Sie General E., ich wäre die Braut des Herrn Leutnant R. bei den 4. Dragonern. In vierzehn Tagen wäre unsere Hochzeit. Nach meiner Hochzeit würde es mir eine Ehre sein, mit meinem Gatten zusammen Seiner Königlichen Hoheit vorgestellt zu werden.« Wie der Wirt aus dem Zimmer[S. 118] gekommen ist, weiß ich nicht mehr, — ich hatte nur ein Gefühl von grenzenlosem Ekel, von unsagbarer Scham, wie nach einer tödlichen Beleidigung. War doch in der Gesellschaft genugsam bekannt, was eine derartige Einladung bedeutete. — Mir, der Tochter der großen Republik, der Braut eines königlichen Offiziers, eine solche Schmach! — Aber ich war schön und jung, von tadellosem Wuchs, und so schien ich dem General geeignete frische Ware für seinen königlichen Herrn. Wenige Tage nach unserer Hochzeit erhielt mein Gatte seine Versetzung in die afrikanischen Kolonien, wohin ich ihm selbstverständlich folgte. »Wissen Sie,« fuhr sie fort, »es mag Mörder und Verbrecher in England und auf dem Kontinent geben, — dieser Minotaurus der Pall Mall Gazette ist der größte unter ihnen, der blutgierigste, der habgierigste, der skrupelloseste. Erinnern Sie sich an die Entstehungsgeschichte des Burenkrieges, den Jamesoneinfall in Transvaal und die Gerichtskomödie mit der Bestrafung seiner Urheber?« Ich nickte. Sie fuhr fort: »Ich kannte sie alle, diese Herren, den Jameson, Cecil Rodes sowohl, wie Beit.
Die Depesche Ihres Kaisers war ein Zeugnis für das reine, gesunde und starke Empfinden dieses großen Mannes, daß es sich um einen gemeinen Schurkenstreich, um einen frechen, räuberischen Überfall auf ein scheinbar wehrloses Volk handelte. Aber hinter diesem Jameson standen Chamberlain, Cecil Rodes und Beit, von dessen Hotel geheime Gänge zu den Gemächern im Palaste ihres Freundes führten, des Minotaurus der Pall Mall Gazette. Und lediglich die gemeinste Habsucht war die Triebfeder ihres verbrecherischen Vorgehens. Der gewinnbringende Handel nach Afrika mit Branntwein, an dem alle diese Herren beteiligt waren, war bedroht durch die antialkoholische Politik der Burenrepubliken; die Goldgruben und die Diamantenfelder in Transvaal lockten diese Mörderbande; die Waffen und Pulverfabriken, deren Mitinhaber sie waren, mußten bei einem Kriege enorme Gewinne abwerfen. So wurde mit Hilfe des käuflichen Teiles der englischen Presse der englischen Nation und der übrigen Kulturwelt das Märchen aufgebunden, der Krieg gegen die Burenrepubliken sei eine Ehrensache für England. Es sei eine Kulturaufgabe für die englische Nation, aufzuräumen mit dem verkommenen Volke dieser Freistaaten. Es ist die alte Geschichte: Wenn der großen Masse[S. 119] das Verlogenste, Widersinnigste nur immer wieder aufgetischt wird, vergißt sie, was ursprünglich wahr war, und glaubt das, was sie glauben soll. Ich habe durch unseren jahrelangen Aufenthalt in Afrika die Buren gründlich kennen gelernt, und ich kann Ihnen sagen, es waren, natürlich von Ausnahmen abgesehen, die fleißigsten, intelligentesten Leute, die ich je gesehen. Sie wären eine Quelle von unschätzbarem Werte zur Regeneration unserer Kulturwelt gewesen. Sie wissen, wie der Krieg verlief. Ein reiches, glückliches, lebensfrohes Volk wurde vernichtet unter unsäglichen Martern, Englands Waffen befleckten sich mit Schimpf und Schande, bis endlich die Scharte einigermaßen wieder ausgewetzt wurde, bis endlich der schwächere Gegner nach jahrelangem Ringen von dem um das Vielfache stärkeren erwürgt wurde. Aber um welchen Preis! — Wieviel gutes englisches Blut ist geflossen, wieviel Elend über englische Familien gekommen, wieviel Glück zerstört! Ich schweige von meinem eigenen angesichts des endlosen Jammers im ganzen Königreiche. — Und warum? Lediglich der gewissenlosen Habsucht dieses Minotaurus und seiner verbrecherischen Freunde willen. Begreifen Sie, daß ich diesen Menschen, der kein Mensch ist, hasse, hasse, wie man die Sünde haßt? Mir ist es, als ob alles Böse, alle Verlogenheit, alle Grausamkeit der Welt von ihm ausginge. Denken Sie an den Krieg zwischen Rußland und Japan! Wer hat ihn geschürt? Der Minotaurus! Und nun sehen Sie, wie er und seine Henkersknechte die Welt durch die Presse beherrschen.
Haben Sie seinerzeit den Umschwung der öffentlichen Meinung beachtet, als endlich unter Lord Roberts und Kitcheners Führung das Kriegsglück sich zugunsten Englands wandte? Wie plötzlich der ganze Haß gegen England verstummte? Wie plötzlich die Kulturtat Englands in allen Tonarten gepriesen wurde?
Aber so wahr ein Gott lebt,« und hier hob sich ihre Stimme, daß sie bei dem herrschenden Sturm und der Brandung des Meeres fast etwas Dämonisches bekam, »so wahr es eine Gerechtigkeit im Leben des einzelnen und der Völker gibt, es wird und muß der Tag kommen, wo dieser Minotaurus entlarvt sein wird, wo er zusammenbrechen wird unter der Wucht seiner Verbrechen, verfolgt von den Geistern seiner zahllosen Opfer, die er gemordet hat, und wo endlich Frieden auf Erden sein wird!«
[S. 120]
Das war nicht mehr das in ihrer Frauenehre beleidigte, haßerfüllte, rachedürstende Weib: wie eine Prophetin stand sie da, — ihr rotgoldenes Haar, vom Winde zerzaust, leuchtete durch den Gischt, der uns entgegensprühte, wie strahlende Abendsonne, die in der Heimat im Herbstnebel untergeht.
In mir aber war etwas, das mir Mut und Ruhe verlieh: der Glaube an meinen Kaiser. —
Wie eine Lichtgestalt sah ich ihn durch das Dunkel der Nacht in die Zukunft unseres Volkes schreiten. —
In diesem Augenblick kam ein Steward und bat mich, zu dem jungen Elsässer zu kommen, der sich sehr elend fühle. Er saß vor seiner Kabinentür zwischen seinem wohlverschnürten Handgepäck und seinen fertig gepackten Koffern. »Wollen Sie an Land gehen?« fragte ich ihn lachend, wohl wissend, daß sein Billett nach Brasilien lautete. »Ich will wieder nach Hause,« stöhnte er, »ich kann nicht mehr. Sagen Sie dem Kapitän, Doktor, daß er den nächsten Hafen anlaufen solle, koste es, was es koste, ich muß an Land.« — »Aber Ihr Billett?« — »Ist mir einerlei! — Ich will an Land, ich will wieder nach Hause.« Ich versuchte, ihm Mut einzureden. Ich erinnerte ihn an seine kühnfliegenden Pläne, mit denen er prahlte, als er in Antwerpen aufs Schiff gekommen war. Ich malte ihm aus, wie seine Landsleute ihn verspotten würden, wenn er so bald und unverrichteterweise wieder heimkehren würde, — alles umsonst. Kalter Schweiß perlte auf seiner Stirn, und mühsam stieß er die Worte heraus: »Durch die Biskaya bringen Sie mich nicht lebendig durch, — ich kann nicht mehr!« Er dauerte mich.
Bis zur seiner Abreise hatte er im Elternhause gelebt, unter der Obhut des alternden Vaters und der schwächlichen Mutter, verzogen als einziger Bruder von drei Schwestern, — so hatte er niemals gelernt, die Kraft im Kampfe ums Dasein zu erproben und zu stählen.
Sind doch die kleinen und großen Widerwärtigkeiten des Lebens, auf welche die allermeisten Menschen schimpfen und schelten, die notwendigen Heilmittel der Natur und des Lebens, um unsere Seelenkräfte zu stärken, unseren Willen zu kräftigen, um unser ganzes geistiges und damit auch unser körperliches Sein vor Erschlaffung zu behüten. Wehe dem, dem diese Widerwärtigkeiten des Daseins in seiner Jugend allzusehr erspart werden. Er bleibt ein Muscheltier ohne Schale, und[S. 121] ist den Unbilden des Lebens in einer Weise ausgesetzt, wie der Hummer seinen Feinden, wenn er im Frühling seinen Panzer abgeworfen hat.
Unwillkürlich mußte ich, während ich bei meinem Elsässer auf einem seiner Koffer Platz genommen hatte, an eine Reihe junger und älterer Leute denken, die bis ins reifere Alter im Elternhause geblieben und dadurch in ihrer ganzen Entwicklung gehemmt, ja, geradezu geistig verkümmert und krank geworden waren. Und plötzlich tauchte mein Garten vor meinem Auge auf, und ich mußte daran denken, daß unter den Buchen keine Buche, unter den Tannen keine Tanne, unter den Eichen keine Eiche gedeihen könne.
Da ich sah, daß alles Zureden nutzlos sei, kalkulierte ich einfach: stirbt er in der Biskaya vor Angst, mag er ebensogut nach seinem Willen zu Hause sterben. Hoffentlich sorgt ein gütiges Geschick dafür, daß er seine willensschwache Rasse nicht vererbt.
Da lag Boulogne auch schon vor uns. In sanftem Halbkreise lag die freundliche Stadt mit ihrem Badestrand da, geschützt gegen die anbrandende und hochaufschäumende See durch einen in großem Bogen mehrere Kilometer in das Meer hinausgebauten Steindamm, hinter dessen felsigen Böschungen haushoch das Meer seine Wellen in schneeweißem Gischt emporpeitschte.
Kaum legte der Hafendampfer unserer Kompagnie längseits an unserem Schiff an, so warf unser Elsässer auch schon sein Gepäck über die Reeling in das Boot und sprang mit einem Satze nach, — auf ein Haar beide Beine brechend, — begleitet von dem schallenden Hohngelächter unserer Matrosen.
Statt seiner stieg ein fetter Herr mit gerötetem Gesicht an Bord, dem man den Weinhändler aus Bordeaux auf den ersten Blick ansah, aber mit mehr deutschem, als französischem Typus; ferner ein hagerer Franzose mit Augen, die den fanatischen Politiker verrieten; nicht zu vergessen eine allerliebste kleine Französin, mit großen dunkelbraunen Augen und einem entzückend fein geschnittenen Mund, das fast schwarze Haar glatt gescheitelt. Auf ihren Armen trug sie ein Kindchen, blondlockig, das mich unwillkürlich an die Christuskinder von Rubens in der Antwerpener Galerie erinnerte.
[S. 122]
Als unsere neuen Passagiere an Bord waren, verließ unser treuer Lotse, der uns so sicher durch den Kanal geleitet hatte, das Schiff. So führt den Menschen, der in die Fremde zieht, durch Sturm und Klippen des Lebens, die Erinnerung an die Heimat, dachte ich und wußte nicht, wie bald die Erinnerung an die Heimat, an die Jugend, an alles, was ich hinter mir gelassen, mein Lotse durch Sturmesnot mir werden sollte.
Unser kurzer Aufenthalt in Boulogne war beendet. Nun hinaus ins offene Meer!
Wir Reisenden, die wir von Hamburg und Antwerpen schon an Bord waren, hatten uns allmählich an den Sturm gewöhnt. Unsere Neuankömmlinge hatten die Fahrt auch schon einige Male gemacht. So saßen wir trotz des Unwetters ziemlich vollzählig bei der Mittagstafel.
»Ja, was ist denn das, meine Herren,« platzte der Weinhändler aus Bordeaux heraus, »ich scheine hier ja auf ein nettes Schiff geraten zu sein. Was muß ich sehen, der Kapitän trinkt nichts, der Doktor trinkt nichts, — lauter Selterswasser und Apollinaris, — sind Sie denn alle krank?« Ein schallendes Gelächter war die Antwort auf seine Frage. Der dicke Ostpreuße brummte: »Bedanken Sie sich bei dem Doktor, der verdirbt Ihnen das ganze Geschäft. Der hat die anderen alle angesteckt mit der verdrehten Wassertrinkerei.« — »Werde meinem Schwager in Hamburg davon Mitteilung machen,« schnarrte der Weinhändler, »Mitglied der Bürgerschaft. Wird dafür sorgen, daß künftig solche Leute auf Hamburger Schiffen nicht mehr angestellt werden. Hat das größte Rotweingeschäft in Hamburg, Herr, wird dem gerade passen, sich von Ihnen und Ihren Gesinnungsgenossen das Geschäft verderben zu lassen.« Die anderen Gäste der Tafel fochten statt meiner das Thema, über das sie inzwischen genügend Kenntnisse, gesammelt hatten, in geschickter Weise durch.
Ich versuchte der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben und lenkte das Gespräch noch einmal auf die Kunstschätze Antwerpens, die wir erst vor wenigen Tagen genossen hatten, und erwähnte beiläufig, wie auffallend es doch sei, daß wir zurzeit und eigentlich seit langem schon nicht einen Künstler gehabt hätten, der so wie Rubens einer ganzen Zeitepoche den Stempel aufdrückte. »Mir will es immer wie[S. 123] ein Zeichen des Niederganges erscheinen, wenn ein Künstler nicht wie der gigantische Rubens oder Michelangelo aus sich selbst heraus aus seiner Zeit heraustritt, sondern vielmehr den Künstlern von den regierenden Fürsten, wie jetzt oft von unserem Kaiser, gewissermaßen die Richtung vorgeschrieben wird, in der die Kunst ihrem Wunsche gemäß sich weiter entwickeln soll.« — »Kaiser, — großartiger Mann,« schnarrte der Weinhändler dazwischen, »kenne S. M.! Habe mit ihm in der Kieler Woche an einer Tafel gespeist, — kolossal gebildet, von allem unterrichtet, — steckt die ganzen Geheimräte in die Tasche! Sind die Herren mal in Berlin gewesen? Hat Berlin überhaupt erst zu dem gemacht, was es ist! Schönste Stadt der Welt!« »Kann ich nicht behaupten,« warf ich dazwischen. »Eine Stadt, die solche Unsummen von Elend in sich birgt, kann nie und nimmer eine schöne Stadt genannt werden. Wer gewohnt ist, mit geistigem Auge zu sehen, sieht nicht nur die paar Statuen, Paläste, Denkmäler, die breiten Parkstraßen und die glänzenden Läden, sondern sieht in dem engen Häusergewirr die vielen, vielen Tausende von Hungernden und Verkommenen.« »Na, Doktorchen,« sagte der Weinhändler, »das ist wohl nur halb so schlimm, als Sie meinen.« — »Lassen Sie uns, meine Herren,« sagte ich, »nur eine Zahl nehmen, nur den einen Umstand, daß diese schönste Stadt der Welt, wie unser neuer Freund aus Bordeaux sie eben nannte, über 50000 Prostituierte in ihren Mauern birgt. Können Sie ermessen, welche Unsummen von Menschenelend hinter dieser Riesenschar von Unglücklichen lauert? Können Sie ermessen, welche unglaubliche Flut von Unglück und Krankheit durch diese eine Schar Unglücklicher über unser ganzes Volk gebracht wird? In wie viele hunderttausend Familien durch den Verkehr mit diesen Unseligen die entsetzlichsten Krankheiten getragen werden? Wie viele Hunderttausende von Frauen mit den furchtbarsten Krankheiten durch ihre Männer vergiftet werden, die diese sich im Verkehr mit jenen Verlorenen zugezogen haben?« — »Wir kennen schon Ihre trübselige Art,« grunzte der Ostpreuße, »immer die Schattenseiten des Lebens zu sehen.« — »Ich sehe die Wahrheit«, entgegnete ich. »Diese Dinge waren immer so und werden immer so bleiben«, behauptete der Ostpreuße gleichmütig. »Der Doktor hat recht,« unterbrach ihn mein rheinländischer Kollege, »das furchtbarste an der Sache ist nur, daß es in kaum einer deutschen Stadt besser aussieht,[S. 124] als in Berlin, und daß die Pest dieser Krankheiten unser ganzes deutsches Volk längst durchseucht hat. Wenn es so weitergeht, werden wir in wenigen Generationen entartet sein, wie die untergegangenen Völker des Altertums.« »Ach was,« rief der Ostpreuße und schlug mit der Faust auf den Tisch, »so schlapp sind wir noch lange nicht. Freilich, wenn die Wassertrinkerei so weiter zunimmt, — wir müssen nur ordentlich am deutschen Trunk festhalten! Steward, bringen Sie mir noch eine Münchener!« — »Mir noch eine Flasche Bordeaux«, rief der Weinhändler.
Plötzlich wurden die beiden Vertreter des germanischen Trunkes aschfahl, — das Schiff stampfte wie ein Roß, das seinen Zügel zerrissen hat, und legte sich bald auf die linke, bald auf die rechte Seite. Schweigend standen sie auf und wanden sich mit tastender Hand zur Kajüte hinaus aufs Deck.
Wir Zurückbleibenden schauten uns an, keiner sprach ein Wort. Aber auf den Mienen aller lag es halb wie Verachtung und halb wie Mitleid. Mein Herz aber war voll banger Sorge, weil ich diese Stimmen der Gemeinheit und der Kurzsichtigkeit nur zu oft schon gehört hatte. Ich dankte meinem Schöpfer, als ich erst wieder im nächtlichen Dunkel oben auf Deck stand, umbraust vom Sturm, der uns den Gischt entgegenpeitschte. Das Donnern der Wogen und das Kreischen der Möwen klang mir wie Musik gegen das, was ich soeben wieder gehört hatte. Ich hatte das Gefühl, als müßte ich mich, ehe ich zur Nachtruhe in meine kleine, weiße Kabine ging, vom Sturm erst einmal ordentlich wieder reinigen lassen.
Und wie ich da oben stand, war es mir, als sähe ich wieder die Hunderttausende blasser Schulkinder in Deutschland und die Tausende junger Studenten mit bierstumpfen Gesichtern und die Millionen deutscher Bier-, Wein- und Sektphilister, die Millionen deutscher Schnapsbrüder, die Millionen von geschlechtskranken Männern, von eitlen Strebern, von faulen Nichtsnutzen und albernen, hochmütigen Gecken! O, könnte ich meinem Herzen Luft machen und den Mann treffen durch Sturm und Schneeböen, der im Grunde doch maßgebend ist für die Erziehung unseres Volkes, von dessen Beispiel der Geist ausgeht, der in die Seelen der jungen Generationen gelegt wird.
Da fiel mir ein, was unser deutscher Philosoph Fechner, der[S. 125] Amerikaner Trine und viele andere Philosophen schon, und mit Recht, behauptet haben: daß die Wellenringe des Geistes ebensowenig der körperlichen Leitung bedürfen, wie die Wellenringe des Äthers, die durch Schall, Licht oder Elektrizität erzeugt werden. So setzte ich denn meine Hände an den Mund und rief, um meinen Gedanken möglichsten Nachdruck zu verleihen, in den Schneesturm hinaus:
Der Sturm schleuderte Hagelböen und Wogenschwall auf das Schiff. Er donnerte durch die Takelage und die Rahen an den Schornstein, daß die schweren eisernen Ketten, die ihn hielten, klirrten und kreischten. Dann entfaltete er plötzlich seine Schwingen und wehte mit aller Macht aus einem Atem der Heimat zu, als wolle er die Worte, die ich ihm mitgegeben, in rasendem Schwunge hinüber tragen in mein geliebtes Vaterland.
Warm und licht umfing mich meine Kabine. Vom Wärmeraum für die Mannschaft hörte ich die Stimme unseres Schiffsjungen, der dort sein triefendes Ölzeug trocknete. Seine Stimme, die sonst so froh klang, hatte einen sehnsuchtsvollen Ton. Wort für Wort drang durch die dünne Wand zu mir, und meine Seele, die auf den gleichen Ton gestimmt war, sang mit:
Als ich dann in meiner Koje lag, wohl merkend, wie das Wetter zunahm, mußte ich noch einmal unseres Lotsen gedenken, und wie er mir vorgekommen war wie die Erinnerung, die uns durch die Stürme des Lebens hindurchführt.
Und da kam sie schon selbst, die gütige Zauberin.
Das Lied des Schiffsjungen weckte alte Melodien und traute Farben und süßen, berauschenden Erdgeruch. Ich vergaß den Sturm, vergaß, daß wir im gefürchteten spanischen Meere auf schwankem Schiffe von brüllenden Wogen auf und nieder gehoben wurden. Ich fand mich wieder im Geiste, wie ich als Knabe mit meinem treuen Hunde durch die braune Heide streifte. Ich lag in der duftenden Erika und sang mein Lied. Über mir blaute der Himmel und aus dem nahen Kornfeld stieg jubelnd die Lerche in die Luft.
Und mit dem Lerchengesang und dem Heideduft kamen die Lieder wieder angeflogen, die der Zauber der Heide mir zugetragen hatte vor langer, langer Zeit. Und eins nach dem anderen sang ich leise für mich hin, — meine Begleitung war das Heulen des Sturmes draußen — oft genug hatte ich meine Lieder bei meinen nächtlichen Wanderungen durch die heimische Heide mir gesungen, wenn die Äquinoktialstürme über die Erde brausten. So war mir das Toben der Sturmgeister im Zauber der Erinnerungen an die Jugendzeit doppelt heimisch.
Unwillkürlich griff die Hand nach dem Buche der Erinnerungen, das mein Weib mir mitgegeben hatte beim Abschied. Da lagen sie sauber eins beim anderen, und dazwischen gepreßter Jasmin, rote Rosenblätter und Veilchen, da ein Goldlack aus ihrem Fenster und hier ein Myrtenzweiglein von einem Bäumchen, das ich ihr einst in einer Scherbe geschenkt. Und da, fast wehmuthauchend ein Taxuszweig, ein getrocknetes Distelblatt, — Erinnerungszeichen an all die kleinen Schmerzen und Kämpfe der ersten Liebe, an dieses Suchen[S. 130] und Sehnen, dieses Ausweichen und Fliehen, an all dieses wonnige Wiederfinden und zarte Hoffen.
Und da kam die Zeit der Trennung, — ich mußte hinaus in die Fremde, die Kräfte wollten wachsen, — ich mußte die Welt sehen, hinaus, hinaus. Doch wo ich auch ging und stand, wie zog's mich immer wieder zur Heimat hin. O wundervolle, sehnsuchtsvolle Zeit des Wanderns. Wie stärkst du die Kraft, wie weitest du den Blick, wie lehrst du das Gute der Heimat schätzen!
Aber auch diese Zeit des Drängens und Stürmens ging vorüber. Die Sehnsucht nach dem eigenen Herd, der Drang, Wurzel zu fassen im eigenen Lande, wurde so stark, daß der Wanderfalke sein Nest sich baute. Doch nicht in der Stadt — dahin paßte der freie Falke nicht, — da hätte er die Flügel sich wund gestoßen im engen Gemäuer. Aber da draußen, weit vor dem Tore am Ufer des blinkenden Stromes, mitten im Grünen, da fand er Platz, sein Nest zu bauen. Ein Häuschen, klein, aber sonnig und freundlich, ein Rosenkranz über der Gartenpforte und Goldregen und Jasmin, daß es nur ein Leuchten und ein Duften war, — dahinein führte er den Schatz. Und nicht zu lange dauerte es, da sandte Gott die erste Frucht der Liebe, ein liebliches, rosiges Kind. Und siehe da, bald kam ein zweites und drittes. Da ward das Häuschen zu klein.
War das das Glück? Himmel, welchen Sonnenschein hast du zu vergeben!
Mitten in jener weiten herrlichen Gartenstadt, die sich an den Ufern der Elbe von Hamburg abwärts hinzieht, liegt mein Heim. Wie ein geheimnisvolles Zauberschloß liegst du da, nach der Straße hin von deinen alten Buchen und Eichen, zartnickenden Birken, deinen schattigen Kastanien, hochragenden dunklen Zypressen und tiefgrünen Stechpalmen umgeben. Den Eintretenden grüßen die Wappen der beiden seit Urzeiten landeingesessenen Familien, das der eigenen und das meines Weibes. Bilder und Wandschmuck im Treppenhaus, soweit das Auge reicht; — doch halt, gleich hier an der Wand bei der Tür, auch für den Geringsten, der eintritt, leicht erreichbar, eine Reihe von Bauzeichnungen — Einzelhäuser für Arbeiter —, damit sie sich leicht aussuchen können, was für ein Häuschen sie in der Baugenossenschaft erwerben wollen.
[S. 131]
In alle Fenster versucht der Sonnenschein einzufluten. Und vom Garten her jubelnder Kinderlärm. Da erscheint die Hausfrau, mich willkommen zu heißen, — halb Krimhilde gleich an sonniger Lieblichkeit und Innigkeit, halb Brunhilde an Kraft, groß, schlank, goldblond das Haar, als ob ein Sonnenleuchten von ihrem Haupte ausginge und doch bei aller Herzlichkeit und Wärme etwas Gebieterisches, als ob sie eine Königin sei, gewohnt in ihrem Reiche zu herrschen. Und wie herrscht sie! War das das Verhältnis der Herrin zur Dienerin, wie sie mit ihren Mägden umging, oder waren es Freundinnen, die der Freundin einen Gefallen erwiesen, indem sie ihr dienten? Wie flogen die Weisungen an die Kinder, sobald das wilde Spiel Knaben und Mädchen in zu lauten Jubel hineinriß: »Magda, vergiß deine Geige nicht, — Emma, deine Rosen müssen noch Wasser haben, — Rudolf und Ernst, wird das neue Segelschiff auch zum Wettsegeln zeitig fertig?«
Da lag es auf den Helgen, fast zwei Meter lang, aus Rippen und Planken kunstfertig gefügt, — die Späne auf der Hobelbank und am Fußboden zeugten von dem Fleiß, der hier in der Knaben Werkstatt geherrscht hatte.
Sinnig half ein blonder Lockenkopf der Schwester im Gießkännchen Wasser tragen für die Blumenbeete und den Gemüsegarten, während aus offenem Fenster ein Trio erscholl: Schwester und Bruder begleiteten die Älteste zum Gesang, — alles Schönheit, Kunst, Sonnenschein, Kraft, Gesundheit und Leben.
Kinder von Armen kamen und holten Speisen für kranke Mütter, Väter, Kinder, — das war kein Wohltun an Fremde, sie traten ein, als ob sie hier hingehörten, ohne Scheu, wie in das Haus ihres Bruders.
Leidende kamen und holten sich Rat. Freundlich wurden sie empfangen; froher als sie gekommen, gingen sie wieder. Und über allem lag Sonnenschein.
Hungrige klopften an und erhielten ihren Platz im Zimmer: — »Hast Arbeit?« — »Nein.« »Weißt, wo du welche erhältst?« — »Bin fremd hier.« Da gab ihnen der Hausherr ein Verzeichnis mit, das er sich hatte drucken lassen, mit allen genauen Angaben aller Arbeitsnachweise der Umgegend. Mancher hat später mit einer Postkarte[S. 132] gedankt, daß ihm der Weg zur Arbeit gewiesen wurde. Es ist merkwürdig, wie das Alleinsein in der Fremde, Not, Sorge um die Zukunft und Hunger und Kälte den Menschen dumpf und stumpf und verzagt machen. Viele hören nichts mehr und sehen nichts mehr, nicht einmal die großen Plakate auf den Bahnhöfen. Sie irren wie verlaufene Schafe umher, bis sie im äußersten Elend sind, während andere ihrer Hände Arbeit dringend bedürfen.
Ich habe einmal in einem Terrarium eine Anzahl von Feuersalamandern und Eidechsen beobachtet. Als sie frisch aus der Freiheit in ihr Gefängnis hineingesetzt wurden, waren sie gefräßig und gingen rüstig auf die Jagd nach Regenwürmern. Aber je mehr der Reptilien im Kasten waren, je länger sie der Freiheit entbehrten, desto stumpfer und träger wurden sie, so daß ich ihnen schließlich die Würmer vors Maul legen mußte, damit sie nur nicht verhungerten. Gerade so geht es mit den Menschen. Die Entfremdung von der Natur, die Not macht sie stumpf, raubt ihnen die Tatkraft und bewirkt durch die Lähmung des Gehirns das nämliche, wie der Überfluß, der die Menschen verhindert, ihre Kräfte zu schulen und durch Übung zu nähren. Da heißt es, die warme Bruderhand ausstrecken. Vater im Himmel, laß unserm deutschen Volke recht viele warme Bruderhände wachsen, — wir können sie brauchen! Über der Tür meines Arbeitszimmers las ich täglich den Spruch als tägliche Mahnung: »Liebe deinen Nächsten als dich selbst!« Das ist's — was die Seele des Christentums ausmacht, das können wir uns nicht oft genug wiederholen!
Und wie sah ich es überall daran fehlen, in der Ehe, zwischen Herrschaft und Dienstboten, im Verhältnis zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber, zwischen Regierung und Volk, — überall, überall das nämliche Lied. Mit Geld trachten sie alle danach, ihre Verpflichtungen, ihre Dankesschulden gegen ihre Mitmenschen von sich abzutilgen, sich gegenseitig voneinander loszukaufen, und vergessen darüber, daß wir alle Brüder und Schwestern sind. Oh, diese Stumpfheit des Menschempfindens, die über uns gekommen ist!
Ich sah, wie das große Liebeswerk, das unser alter großer Kaiser mit Hilfe seines noch größeren Dieners, unseres Bismarck, ins Leben rief, als der Schuß des unseligen Nobiling ihn aufs Schmerzenslager[S. 133] geworfen hatte, unter den Händen unserer Bureaukraten zu einer Quelle des Hasses und der Erbitterung wurde.
Was hätte aus unserer Arbeiterschutzgesetzgebung werden können, wenn sie einfach und schlicht und einheitlich für unser ganzes Volk geschaffen wäre, für jeden, der in Not war durch Krankheit oder Unfall oder Alter oder Verlust des Ernährers, — keine Arbeiterversicherung mit dem bitteren Beigeschmack der Trennung des Volkes in zwei Klassen, Versicherte und Nichtversicherte, sondern eine Volksversicherung, die alle umfaßte, die allen half, die wirklich hilfsbedürftig waren! Was wäre das für eine Quelle der Liebe, der Versöhnung, der Gerechtigkeit geworden! Und den Kindern hätte in der Schule gelehrt werden müssen, daß es unehrenhaft und unmännlich und undeutsch sei, aus diesem Quell zu schöpfen, wenn man seiner nicht bedürfe, also aus Trägheit oder Bequemlichkeit. Und den angehenden Beamten hätte gelehrt werden müssen, daß es ein Ehrenamt sei, Priester sein zu dürfen, um die Dürstenden aus diesem Quell zu tränken! So aber wurde diese Quelle besudelt und verschlammt mit Parteihader und Geiz und Gewinnsucht.
Findige Köpfe, hartherzige und ehrgeizige Bureaukraten taten Galle in das Wasser dieser Quelle, so daß sich das Volk vielfach das Gift der Erbitterung daraus trank.
Gastwirte benutzten ihre Ämter an der Quelle, um ihr schmutziges Gewerbe zu fördern, indem sie die Hilfesuchenden zum Trunk luden.
Witwen und Waisen mußten mit den Behörden prozessieren, um endlich ihr Recht auf Rente zu erkämpfen, nachdem ihnen die Maschine oder das Gerüst den Ernährer geraubt hatte.
Krüppel und Sieche mußten darben, bis ihnen endlich nach jahrelangem Kampfe die Rente in der letzten Instanz zugebilligt wurde.
Ich hatte geholfen, wo ich konnte. Wahrlich nicht für mich. Aber ich sah ihre Not, ihren Jammer und ihre Ohnmacht dem Unrecht gegenüber. Und ich schaffte ihnen ihr Recht, kämpfte für sie, nahm den Haß und den Zorn der Besiegten auf mich für die, um derentwillen ich kämpfte. Und der Händedruck jener Armen und ihre Tränen waren mein Lohn. Oft war es mir, als ob es königliche Arbeit sei. Aber der Haß und der Groll der anderen trug dazu bei, mich müde zu machen.[S. 134] Und doch konnte ich nicht ablassen, für das Recht zu kämpfen. Wie Ertrinkende streckten sie ihre Hände zu mir empor und riefen: hilf uns! Mir war das Helfen Inhalt und Zweck des Lebens geworden.
Ich träumte weiter und hörte kaum noch das Donnern der Wogen und das Stampfen der Maschinen.
In meinem Vorzimmer standen Schränke voller Sammlungen aller Art, aus allen Reichen der Natur, aus aller Herren Länder. Seit meinen Knabenjahren hatte ich Stück für Stück zusammengetragen. Mir galten diese Schränke seit langem als ein Gleichnis für das Arbeiten an unserer Seele. So sollen wir aus dem gesamten Reiche der Natur, aus unserem Leben und dem Leben der anderen, wie aus der Geschichte aller Völker sammeln und lernen, was uns nützt, uns bereichert und weitet, und alles sorgfältig in uns ordnen und aufzeichnen. Nur so können wir die Fülle des Lebens in uns aufnehmen und mit ihr wachsen.
Und dann das Leben gemeinsam, zu zweien! Hier war vollendet, was ich mir immer unter der Ehe gedacht hatte: Mann und Weib zusammen erst ein Mensch. Das Weib allein ist kein Mensch und der Mann allein keiner. Wehe dem Weib, das glaubt, allein schon ein Mensch zu sein, — sie verliert ihr Bestes als Weib. Sie ist wie eine Regierung ohne Volk, ihr Leben ein Scheinleben, dem die Grundlage des Seins fehlt. Aber zweifach wehe dem Manne, der glaubt, des Weibes entbehren zu können, — er ist wie ein Volk ohne Regierung, das dahindämmert ohne den Ansporn seiner Besten, wie ein Land ohne Sonne, das nur Früchte des Schattens hervorbringt. Aber Mann und Weib zusammen in der wahren Ehe, die sind wie ein Volk und seine Königin. Sie aber ist die Tochter des ganzen Volkes.
Das Weib ist die Sonne des Mannes, in der Liebe zu ihr lebt er, die Liebe zu ihr adelt seine Arbeit. Ihr gemeinsames Leben ist gleichsam die Spitze der Pyramide, die sich aus der Menge der Schaffenden aufbaut, ihr Abschluß, ihre Krönung, und doch eins, untrennbar eins mit ihr.
Glückseliger Mensch, der so aus Mann und Weib zusammengefügt ist. Auf dir beruht die Zukunft der Menschengeschlechter, auf dir allein[S. 135] die Möglichkeit, aus diesem Staub des Alltäglichen, des Irdischen immer wieder emporzuwachsen zum Licht, zur Sonne, zum Ewigen, zum Geist, zu Gott!
Aber immer größer ward der Drang zum Schaffen, zum Helfen. Das Haus und der tägliche Beruf genügten nicht mehr, um alle schlummernden und erwachenden Kräfte zu betätigen. Die Erkenntnis drängte zur Tat.
Die Kräfte wachsen. In gemeinsamer Arbeit mit den Gleichgesinnten wächst das Selbstbewußtsein, und das Gefühl, anderen helfen zu können, — Wellenkreise auszusenden, — Aufgaben zu erfüllen, zaubert immer neue Kräfte, an deren Vorhandensein man selbst früher nie geglaubt haben würde.
Im Dienste des Ordens zog ich durch Deutschland, durch Europa, von Kongreß zu Kongreß, nach Wien, Paris, Stockholm. Überall säend und erntend zugleich. Überall galt es, Aufklärung zu verbreiten, überall, zu lernen. Und von Land zu Land, durchs Rheinland, Westfalen, durch Schlesien, Sachsen, von Stadt zu Stadt zog ich, Vorträge haltend, Logen gründend, Samen streuend. Wie ein richtiger Wanderfalke kam ich mir wieder vor, der in stolzem Bogen über das Land streicht.
Und doch wie anders als damals, da ich als junger Student das Reich durchstreifte.
Land und Leute lernte ich kennen, der Sinn weitete sich, und die Tatkraft wuchs. Und nun wächst der Einfluß! Die Geisteswellen schlagen Wellenringe! Nichts, was wir tun, vergeht spurlos: Der Kampf gegen den Erbfeind, für die Linderung der sozialen Not, der Kampf gegen die Volksmißwirtschaft zieht immer weitere Kreise.
Ich sah mich im Geiste an dem geöffneten Fenster meines Studierzimmers stehen; der Blick schweift über die Baumkronen hoffnungsreich in die sternendurchschimmerte Ferne, und neues Selbstvertrauen, neue Ruhe zieht in mich ein.
Die Gedanken hatten sich gejagt. Eine Zeitlang hatte ich vergessen, wo ich war. Die Mappe mit den Blättern hielt ich in der Hand. Plötzlich wurde ich gegen die Wand der Koje geschleudert.
Der Sturm riß an dem Schiff! Dann zwang er es, vorwärts zu jagen. Wenn es sich bäumte, um wie ein gehetztes Roß vorwärtszustürzen, heulte er von hinten nach vorn um das Schiff herum, stemmte sich ihm entgegen und drückte es tief in die schäumenden, gurgelnden Wasser, daß es, nicht wissend wohin, erzitternd stand.
Unser letztes Stündlein schien geschlagen zu haben. Der Sturm schrie in den Masten und brüllte um den Schornstein.
Ich stand auf. An Stricken und Stangen arbeitete ich mich durch rasselnde Hagelböen und Regengüsse von meiner Kabine über das Schiff! Im Zwischendeck und in den Kajüten schlief alles, — wie Kinder, die sich wohl behütet wissen im Schutze der Mutter. Hatte es irgend einen Sinn, auch nur einen zu wecken? Sollte es sein, so war es den Arglosen zu gönnen, in süßem Schlaf auf den Grund des Meeres zu sinken. Zu retten wäre keiner gewesen. Ein Dampfer mehr wäre in der Biskaya verschollen.
Im Rauchsalon saßen noch ein paar von den Passagieren beim Bier und spielten Skat und ahnten nichts von Gefahr. Alkohol und Tabaksqualm hatten ihr Hirn so umnebelt, daß sie keine klare Vorstellung mehr von ihrer Lage hatten. Ich mußte unwillkürlich an unsere Philister daheim denken, die sich so klug und sicher dünken an ihren Stammtischen und bei ihren Diners, und die keine Ahnung davon haben, wie der Sturm pfeift.
Betrunken war keiner. Im Gegenteil, — sie spielten sehr emsig.[S. 137] Ich wünschte gute Ruh. Im Hinausgehen fing ich noch die Worte auf, — es wurde gerade zu einer neuen Runde ausgegeben —: »Majestät wirklich famoser, schneidiger Kerl. Weiß es noch wie heute, als er mir nach dem letzten großen Diner auf der Kieler Woche die Hand schüttelte und sagte: ›Mahlzeit, wie jeht's?‹ — wirklich famoser Mensch, ganz genial.« Es war der Weinhändler aus Bordeaux, der es sagte. Die beiden Juden aus Budapest nickten andächtig, die Zigarette im Munde.
Ich kämpfte mich durch das Unwetter hindurch bis auf die Brücke, Mein Kapitän stand vorn und lugte in die Nacht hinaus. Ernst, nüchtern, wie aus Bronze. Er zog mich in seine Kajüte. »Doktor, wenn wir diese Nacht standhalten, dann sehen wir unsere Frauen und Kinder, so Gott will, noch wieder. Sorgen Sie dafür, daß die Passagiere nichts merken.« Ich konnte ihm berichten, daß die einen schliefen und die anderen Skat spielten. Ein Lächeln flog über sein männlich schönes, ernstes Gesicht. Dann drückten wir uns schweigend die Hände. Er ging wieder auf seinen Posten.
Mit Not und Mühe gelangte ich durch die Finsternis und die Hagelböen auf das Hinterdeck. Mir war es, als ob ich jemanden hörte. Sehen konnte ich nichts. Doch, dort hinten beim Steuer kauerte, fest angeschmiegt an die Schiffswand, eine menschliche Gestalt.
Der Balte war es! Als ich ihm meine Hand auf die Schulter legte, schüttelte er sie ab, und warf den Kopf zur Seite, — ich verstand ihn, — er wollte allein sein! und so verließ ich ihn. Was quälte ihn? Angst vor dem Tode war es nicht, das fühlte ich. — Durch Sturm und Gischt arbeitete ich mich wieder zu meiner Kabine. Und wie ich da stand in der finsteren Nacht, mich haltend an den Eisenstangen, in denen das Rettungsboot hing, um nicht von dem heulenden Sturme über Bord gefegt zu werden, unter mir der schwarze, brodelnde, schäumende, donnernde Ozean, da, — oh, da wurde ich so klein, so namenlos klein, — was nützte mir nun meine Kraft, was die moderne Schiffsbautechnik, was unser gut versorgtes Rettungsboot, — wenn der eine nicht wollte! Und dann wuchs, wuchs riesengroß, unfaßbar etwas vor mir auf, — gerade so wie damals, als ich ein Kind war, als ich ihm, dem nie Gesehenen, meine kleinen Heiligtümer zum Scheiterhaufen auftürmte und sie opferte, wie ich es in der Bilderbibel vom guten Abel gesehen hatte, — groß, unfaßbar, wie er mir in der Schule[S. 138] in der Religionsstunde erschienen war, wenn unser Lehrer von ihm erzählte und von seinen Eigenschaften redete, — als ob ein Mensch von seinen Eigenschaften irgend etwas wissen könne, — aber wir mußten seine Eigenschaften auswendig lernen, da standen sie ja gedruckt, schwarz auf weiß, — und der Knabe, der Jüngling bäumte sich auf gegen diese Entweihung seines Gottes, seines großen, unfaßbaren Gottes, bäumte sich auf gegen die Anmaßung dieser kalten, lieblosen Pharisäer und Heuchler, die mit diesem Allerheiligsten hantierten, als ob sie es mit ihrem Menschenverstand erfassen könnten! Den Gott wollte ich nicht kennen, den die erfassen konnten! Den Gott nicht, um dessentwillen sie in all den Jahrhunderten Tausende erschlagen und verbrannt hatten, über den sie in Konzilien gestritten und sich vertragen hatten, um den sie gefeilscht hatten auf ihren Kirchentagen, wie die Weiber am Markte um die Ware! Ich fühlte Gott, — das war mir genug. Ich wollte nichts Näheres von ihm wissen, ja, ich haßte und verachtete die Menschen, die vorgaben, seine Eigenschaften zu kennen, weil ich fühlte und wußte, daß sie nichts Näheres wissen konnten, kein Mensch, niemand. Sie sollten mir meinen Gott nicht beflecken mit ihren Lügen, anstatt sich einfach in Demut vor ihm zu beugen und zu sagen: »Herr wir wissen, daß du bist, aber wie du bist, und wer du bist, das wissen wir nicht: aber daß du bist, das macht unser Leben aus!« — —
Und wie alle diese Bilder aus der Vergangenheit unter dem Dröhnen des Sturmes und der Wogen durch mein Hirn jagten, da kam wieder diese himmlische große Ruhe über mich, wie früher, wenn ich nach dem Jammer dieser Religionsstunden hinausflüchtete in die weite Heide: Die Sonne sank. Die Nacht kam mit ihren Sternen und ihrem Nebelarme und ihrer großen Stille. Und dann war er da, — ich wußte es, fühlte es, ich hätte ihn greifen können, so fühlte ich ihn, — in diesem Gefühl, ein Nichts zu sein in dieser schier endlosen Weite, kaum ein Stäubchen, — darin erkannte ich ihn. Und dann strömte es zurück: Seinen Gesetzen gemäß leben, seinen Gesetzen, die in der ganzen Natur, wie eine große Harmonie sich ständig wiederholen, — alles, was an uns und in uns lebt, betätigen, ausbilden, zur höchstmöglichen Vervollkommnung, — Mutter, das war dein Samenkorn, das du in mich gelegt, — wie jede Blume, jeder Kristall, jedes Tier[S. 139] die höchste Vollendung erstrebt, die ihm möglich ist, — das soll mein Ziel sein, so will ich dir dienen, du Großer, Unfaßbarer, den ich weiß, weil ich ihn ahne, fühle, wie ich die Nähe der Mutter fühlte, auch wenn es im Zimmer noch so dunkel war.
Und nun stand ich mit den gleichen Gedanken, den gleichen Empfindungen hier oben in dem brandenden Gischt, umtobt vom Orkan, und nun fühlte ich ihn wieder ganz deutlich, — befreiend, stärkend, wunderbar stärkend, daß die Brust sich jauchzend dehnte, — nun laß das Schiff bersten und das Meer sich auftun, — daß ich dich gefühlt habe, Unendlicher, Unfaßbarer, dafür will ich gern mein Leben geben. —
Ich kleidete mich aus und legte mich in meine Koje. Beim Schein meiner Lampe las ich in Fechners Büchlein »Vom Leben nach dem Tode«. Mir sagte es nichts Neues, nur Allvertrautes: es gibt überhaupt keinen Tod. Mag der Leib sich auflösen in seine Atome und tausendfach neue Gestalt annehmen, — das, was von uns geistiger Natur war, kann ebensowenig vergehen, wie irgend eine Kraftäußerung der Materie. Geht doch nach Robert Meyers unumstößlichem Gesetze weder von der Materie selbst, noch irgend etwas von einer ihrer Kraftäußerungen jemals zugrunde. Und ist nicht unsere Seele, die Zeit unseres Lebens an unseren sterblichen Körper gebunden war, unser Geist, in letzter Linie auch eine solche Kraftäußerung unseres sterblichen Leibes? Und diese feinste Äußerung unserer Materie, die einst im Leben uns gehörte, sollte vergehen können? Unmöglich! Was wir auch tun und sagen, denken und empfinden, — es muß seine Wirkung haben in alle Ewigkeit. —
Ja, ja, so ist's, — in unsere Hand hat Gott es gelegt, daß unsere Seele, unser Leben, das unvergänglich ist, kleine oder große Wellenringe zieht, gute oder schlechte. — Oh, Gott im Himmel, gib, daß nur Gutes aus meiner Seele hineinfließt in die Welt! — —
Das Schiff erzitterte und krachte in seinen innersten Fugen. Ich hörte aus dem Ächzen seiner Planken und dem Kreischen in allen Ecken, wie die Nieten sich lockerten. Wie lange würde es den Elementen noch Widerstand leisten? Hatte ich doch Furcht? Da dachte ich eines anderen Lieblingsbüchleins von mir, »Die Hemmungen des Lebens« von Johannes Müller, der im Maintal in seinem Schloß Mainberg allen denen ein trauliches Asyl bietet, die ihre Seele in der[S. 140] Stille ausbauen wollen. Die Furcht sei eine der Hemmungen des Lebens, sagt Müller. Ja, wahrhaftig, das ist sie nur zu vielen! Herr, gib, daß ich keine Furcht habe, wenn es ans Sterben geht! Laß mich freudig sterben!
Und doch ergriff mich grenzenlose Verzagtheit.
Meine Seele kam mir so klein, so einzig klein und schwach vor. Was hatte ich denn geleistet, wie bitter wenig. Freilich, ich hatte mir Mühe gegeben, Tränen zu trocknen und Schmerzen zu stillen, war bestrebt gewesen, glückliche Menschen zu schaffen und Unglück zu verhüten, und wo es da war, zu lindern und zu mindern. Aber war es nicht bitter wenig gewesen, was ich erreicht? Würde es genügen, auch nur einen kleinen Wellenring ins Meer der Ewigkeit zu entsenden? Und hatte ich nicht auch oft, ach, gar so oft gefehlt? Ich hatte Christus nachleben wollen in Werken der Liebe, — und wie oft hatte ich ihn vergessen! Ich, ich hatte gesündigt, oft und schwer! Ich hatte Wellenringe des Bösen hinausgesandt, die diejenigen des Guten sicher aufheben mußten, — was blieb dann noch? So wollte Gott mich denn hier verderben? — Doch still, was war das, — heute war ja daheim Gustavs erstes großes Kirchenkonzert! Mein blinder junger Freund! Ihm hatte der Brand der herrlichen Michaeliskirche die kühnsten Hoffnungen für seine Zukunft zerstört. Aber die Liebe zum Höchsten führte ihn durch seine Kunst zu neuem Leben. Und nun? —
Hatte die Seele doch Flügel? Schwieg der Sturm? — Deutlich hörte ich weihevolle Klänge. Ich sah den Freund in der Kirche hinter seiner geliebten Orgel, — und deutlich vernahm ich von einer weichen, seelenvollen Altstimme das Lied:
Da zog es wie ein warmer, sonniger Strom von Demut und Frieden in mein Herz. Es hilft nichts, — wir müssen uns beugen vor dem, in dem allein und durch den allein wir sind, der allein die Größe ist und die Güte und Liebe.
Und jetzt wußte ich mit einem Male, wo ich gefehlt, was ich gesündigt: ich hatte das Schlechte hassen wollen und bekämpfen und hatte darüber die Menschen, die Träger des Schlechten waren, gehaßt und verachtet und bekämpft; und im Bestreben, zu helfen und zu lindern, zu trösten und Liebe zu geben, war ich über das Ziel hinausgeschossen und hatte mehr gegeben, als ich durfte. — Christus war Maß und Harmonie. Er hatte uns gezeigt, Maß zu halten, harmonisch[S. 142] zu bleiben, — ich hatte nicht von ihm gelernt, — so mußte ich als Mensch mich verirren in meinem Fühlen und Denken und Handeln. Und nun litt ich, litt unsäglich. Das war meine Strafe.
Aber da setzte die weiche Altstimme auch schon wieder ein, und wie beim Klang der Orgel durch die weiten Hallen der Kirche das Lied ertönte, drang es wie Trost in meine Seele:
Und nun erscholl jauchzend und triumphierend der Schlußchor:
Unendlicher Friede überkam mich. Eine unsagbare, große, wohltuende Ruhe erfüllte mich, und in mir selbst klang es wie eine sanfte Harmonie, wie ein Abschiedsgruß an die Menschen.
Voll Ruhe, wie in einer Feiertagsstimmung, schlief ich ein. Ein wunderbarer, großer Friede war über mich gekommen.
Wie lange ich geschlafen, ich weiß es nicht. Schließlich träumte mir, ich wäre auf meiner geliebten Nordseeinsel, auf Sylt. Donnernd schlug die Brandung gegen die Dünen, aber der Sturm hatte sich gelegt. Ich sah, wie die Männer mit ihrem Rettungszeuge vom Strande heraufkamen, triumphierend und singend:
Ganz deutlich hörte ich den Gesang. Ja, — was war das? Ich rieb mir die Augen, ich tastete nach der Wand meiner Koje, — ich war wach, wahrhaftig wach, und noch immer hörte ich in Wahrheit den Gesang, das alte Friesenlied, das ich von meiner Jugend auf kannte, das ich die Männer meiner nordischen Heimat so manches Mal hatte singen hören, wenn sie, den Spaten auf der Schulter, im festen Marschschritt von der Arbeit am Seedeich nach Hause marschierten. Mit einem Satze war ich aus dem Bette, die Tür aufgerissen, — wahrhaftig, lachend und singend wuschen sie bereits mit kräftigem Strahl das Deck, um die Spuren der furchtbaren Sturmnacht zu vertilgen. Die Biskaya war besiegt. Vorüber alle Not und Gefahr! — — —
Kap Finisterre! Ich kann mir denken, daß die alten Römer, wenn sie von Süden an diese Landspitze kamen, glaubten, daß hier das Ende der Welt gekommen sei. Noch umstürmte uns eisiger Wind, noch zog jeder von uns den Mantel fester an sich, als nach Südost hinüber eine niedrige leichtgraublaue Gebirgslinie sichtbar wurde. Aber dann, — war es Sinnestäuschung, war es Zauber? Der Sturm ließ nach, die Kälte wich, es schien plötzlich Frühling zu werden! Nein, es wurde Frühling! Linde, laue Lüfte umwehten uns, — den Mantel ab, in meinem Herzensstübchen die Heizung abgestellt, — wunderlich: Kaum hatte ich den Hebel auf kalt gestellt, ward mir fast wehmütig zu Sinn.[S. 145] Mir war's, als ob auch dieser tote Mechanismus eine Seele gehabt hätte: ich war ihm dankbar gewesen, er hatte mich gewärmt, hatte mir in Eiseskälte und Sturmeswüten Trost und Wärme gespendet, wie ein liebender, guter Freund, wie eine liebe, gute Freundin. Und nun, da wir ins Reich der Sonne kamen, drehe ich ihm mit einer Kurbeldrehung die Seele ab und stelle ihn auf kalt! Da fielen mir die Menschen ein, die ihr Herz, ihre Seele, ihr Empfinden so meisterlich in der Gewalt haben, wie eine Zentralheizung. Brauchen sie Wärme, rugs, stellen sie ihre Herzensleitung auf warm; wird es ihnen zu warm, rugs, stellen sie ihre Herzensleitung auf kalt. Was geht es sie an, wie die anderen empfinden, — haben sie nicht das Recht, die Zentralheizung ihrer Seele so zu stellen, wie es ihnen paßt?
Ich dachte einer schönen, klugen und guten Frau meiner Bekanntschaft. Die verstand es meisterhaft, ihre Herzensstimmung nach Bedarf zu regulieren. Bedurfte sie der Wärme, so flogen die Herzen ihrer Umgebung, ihrer Freunde und Verwandten, der Dienstboten, der Armen und Bedrängten in die Heizung, daß es nur so prasselte; — kam dann die Zeit, in der es ihr zu heiß wurde, hatte der eine dieses, der andere jenes verbrochen: hier wurde eine Heizung abgestellt, dort eine andere. Und vor mir tauchten die Gesichter meiner Armen auf, die ich ihr zur Hilfe anvertraut, mit deren Herzen sie ihre Heizung geheizt hatte, und die die schöne, kluge und gute Frau nicht verstehen konnten, wenn sie nun plötzlich die Heizung abstellte. Und dann flogen sie zurück zu mir mit stummem Flehen und tränenden, fragenden Augen: ob sie was verbrochen hätten; — du läßt uns doch nicht im Stich, du läßt uns doch nicht fallen? Nein, nein, nein, und tausendmal nein, — ich stelle die Heizung meines Herzens nicht ab, und wenn ich darüber zugrunde gehen sollte. Kommt nur, kommt, ihr trauernden, bekümmerten Herzen, ihr, die ihr in Not und Sorge seid, kommt nur, es findet sich wohl noch Rat und Hilfe, und wenn's nicht anders geht, so gehe ich für euch betteln, wie ich es schon so oft getan. Aber ich kann nicht frieren, und ihr sollt auch nicht frieren!
Kap Finisterre! Was hast du mich gelehrt! Hab Dank! — Fast hätte ich die Heizung in meiner Kammer wieder angestellt, um ihr[S. 146] die alte Seele wieder zu geben, das heiße, behagliche Rauschen in ihren Adern, den Röhren, — aber was war das? Die Seele war nicht tot, — strahlende, wonnige Wärme erfüllte mein kleines Gemach, himmlische Helle, blauender Himmel, lachende, lockende Sonne! O Liebe! Liebe, du bist wie die Sonne, nein, du bist die Sonne selbst, wärmend, hellend, lebenspendend! Weh euch Ärmsten, Unglücklichen, die ihr keine Liebe, keine Sonne, keine Wärme, keine Helle in eurem Leben habt! Ich wollte, ich könnte sie alle herrufen, oder zur Sonne sagen: geh hierhin, oder dorthin und wärme und helle, da tut es not!
Oh, ihr Menschen, die ihr reich an Sonne in eurem Leben seid, verschließt sie nicht in euch, nicht so ängstlich, nicht so selbstsüchtig, — strömt eure Liebe, eure Wärme aus, wie die Sonne ihr Licht, ihre Wärme jenseits von Kap Finisterre!
Ich eilte auf die Kommandobrücke. Oben erwartete mich schon mein Kapitän und empfing mich mit siegesfrohem Lächeln. »Das war eine harte Nacht. Graue Haare habe ich bekommen. Aber nun ist's überstanden.« Der erste Offizier kam und reichte mir die Hand —: »Nun sehen wir unsere Frauen und Kinder doch noch wieder.« »Ja, ich wußte schließlich nichts Besseres mehr zu tun, als zu Gott zu beten«, gab ich ruhig und fest zur Antwort. Da faßte der Friese aufs neue meine Hand, drückte sie und sprach: »Das habe ich auch getan, das ist das beste, was man dann tun kann.« Der Kapitän, der gerade voraus lugte, hatte unser Gespräch gehört, trat hinzu und sagte schlicht: »Ich habe es auch getan; es ist das einzige, was bleibt: seine Pflicht tun und beten!«
Wie ich am Zwischendeck vorbei kam, saß eine junge Französin, die in Boulogne mit ihrem Kindchen an Bord gekommen war, mit dem Rücken am Schornstein, ihr Kind, ein liebliches, blondlockiges Mädchen von zwei Jahren auf dem Schoß, und sang leise, dem Kind mit den Fingern die Locken streichend:
Es war ein Bild reinster Mutterseligkeit. Ich redete sie an: »Ihr Kind ist wohl Ihre ganze Freude?« »O ja,« sprudelte sie mit echt französischer Lebhaftigkeit entgegen, »meine ganze Seligkeit. Ich wünsche mir unzählige. Ich hasse das Eheleben, wie es in Frankreich betrieben wird. Jedes Kind ist ein Geschenk Gottes. Mein Mann ist vor gut zwei Jahren, unser Mädel war noch nicht geboren, nach drüben gegangen. Dieses Kind ließ er mir als Pfand unserer Liebe zurück. Nun will ich es ihm nachbringen. Er kann es nicht erwarten, es zu sehen. Er hat sich eine Farm in Brasilien erarbeitet und schreibt, ich solle kommen und ihm so viel Kinder schenken, als Gott uns anvertrauen wolle. Land sei genug da, und jedes Kind sei eine neue Arbeitskraft für uns und damit für die Menschheit. Wie viel Kinder haben Sie?« Ich erwiderte ihr, ich hätte sieben. »Können Sie die denn in Deutschland auch alle ernähren?« Da antwortete ich, mein Weib und ich erzögen unsere Kinder so, daß sie erstens einen gesunden, starken und widerstandsfähigen Körper hätten, sodann aber in der Anschauung, daß Arbeit ihnen Freude und Lebensgenuß dünke. Zu dritt lehrten wir sie, die ganze Welt als ihr Vaterland zu betrachten, da sie Menschen seien. In diesem großen Vaterlande sei ihr engeres Vaterland Deutschland, noch enger ihr Dorf, das engste ihr Elternhaus. Ebenso, wie sie als Kind, als sie zuerst die Schwelle des Elternhauses überschritten, sich an ihr Dorf gewöhnen mußten, und später, als sie hinauszogen, die Fremde sich ihnen als ihr Vaterland erwies, ebenso müßten sie sich gewöhnen, die weite Welt als ihr Vaterland in weiterem Sinne aufzufassen und lernen, sich darin zurechtzufinden.
Darauf bricht sie in den Ruf aus: »Es muß doch grenzenlos hart sein, keine Kinder zu haben. Ob es wahr sei, daß so oft der Mann schuld sei? Ein ihr befreundeter Arzt habe ihr gesagt, daß Professor Noeggerath in Neuyork, einer der größten Kenner der Frage dort, gesagt habe, 95 Prozent aller Frauen, die an Frauenkrankheiten litten, seien krank durch ihre Männer; das wäre ja entsetzlich!« Ich konnte[S. 148] es nur bejahen. »Dann«, fuhr sie fort, »hätte sie doppelt Mitleid mit allen kinderlosen Frauen. Nach ihren Empfindungen müsse jeder gesunde Mann das grenzenloseste Mitleid mit solchen Frauen haben und ihnen helfen, wenn es noch möglich sei, ihre Aufgabe zu erfüllen, sonst sei er kein Mann in ihren Augen. Der Ehemann aber habe sein Anrecht auf die Frau als Weib verscherzt.« Die kleine Frau glühte förmlich vor Zorn und Eifer. Ich erwiderte ihr, daß der sittenstrenge Martin Luther die Frage bereits ähnlich gelöst habe, wie sie, indem er dem kranken und unfähigen Ehemanne den Rat erteilte, zu seinem Freund oder Bruder zu gehen und den zu bitten, seine Pflichten zu übernehmen. »Sehen Sie,« eiferte die junge Mutter, — »ich bin ja freilich katholisch, aber das ist so ehrlich und gut gesprochen, das könnte mich mit Ihrem Doktor Luther beinahe aussöhnen.« Ich warf ihr ein, daß mir die Bedeutung der Ehe noch mehr in dem Zusammenschmelzen der Seelen beider Ehegatten zu liegen scheine und in der Erzeugung neuer Kulturwerte für die Menschheit aus dieser Verschmelzung, als in der Hervorbringung von Nachkommenschaft. Da rief sie leidenschaftlich aus: »Was nützen denn diese neuen Kulturwerte, wenn keine neuen Geschlechter da sind, denen das Menschenpaar, das diese Werte zutage förderte, sie vererben kann?« — —
Ein Heizer meldet sich krank, der im Sturm in der Biskaya gegen die Wand geschleudert war. Seine rechte Hand war stark gequetscht. Ein echt deutsches Gesicht. Er sprach auch deutsch; aber seine Sprache hatte den Beiklang des Polnischen. Ich fragte ihn, während ich ihn verband: »Was für ein Landsmann?« »Pole.« »Wo bist du her?« »Aus Schlesien.« »Wo da?« »Aus der Gegend von Ratibor.« »Was war deine Mutter von Geburt?« »Eine Deutsche.« »Dein Vater?« »Österreicher.« »Kerl, hast du Glück, dann bist du ja ein Deutscher. Freust dich?« »Ja.« Seine Augen leuchten auf. Etwas wie Zweifel liegt noch in seinem Gesicht. »Wer hat dir Karnickel denn aufgebunden, daß du ein Pole bist?« »Der Pfarrer. Er sagt, ganz Schlesien sei polnisch, alle seien wir polnisch. Deswegen dürften wir auch nur polnisch sprechen.« »Und ich sage dir, ganz Schlesien ist deutsch. Und ihr könnt stolz sein, deutsch sein zu dürfen, weil ihr deutsch seid. Bekommt[S. 149] eine Stute junge Hunde, oder eine Hündin Fohlen?« »Nein.« »Nun überleg' dir, kann der Sohn von einer deutschen Frau eine Pole sein? Oder der Sohn von einem deutschen Vater?« »Nein.« »Na also.« Nun leuchtet's ihm ein. Am andern Tage kommt er wieder zum Verbinden. »Ei, da kommt ja mein Schlesier. Was bist du doch für ein Landsmann?« »Ein Deutscher.« »Freust dich darüber?« »Freilich,« grinst der Bursche und strahlt über sein ganzes Gesicht. »Und ich will's dem Herrn Pfarrer schon klar machen.« Ob er's tut? Ob's was nützt? Aber schlimm ist's, wenn diese Vertreter Christi auf Erden sich in die Politik mengen. Eher könnte man eine Herde Wölfe in einer volkreichen Stadt loslassen. Größer wäre der Schaden auch nicht. Was in aller Welt hat das Evangelium der Liebe mit der Nationalität zu tun, mit der Politik? Wölfe sind es, Wölfe in Schafskleidern, diese »Diener des Höchsten«, blutgierige und macht- und ehrsüchtige Hetzer.
Noch ein Opfer des Sturmes in der Biskaya. Der 3. Maschinist war bei dem starken Seegang mit dem Knie gegen die Treppe geschleudert. Er mußte einige Tage das Bett hüten. In seiner Koje hing an der Wand, sauber eingerahmt, unter Glas, eine weiße Atlasschleife, augenscheinlich von einem Totenkranz stammend. Mit Schwarzdruck stand darauf: Die Hilfskrankenkasse der Schlosser in treuem Gedenken ihrem langjährigen Mitgliede Frau Eliese W. Ich fragte ihn nach der Bedeutung dieses seltsamen Wandschmuckes. Die Schleife stammte von dem Kranz, den die sozialistische Krankenkasse seiner Frau gestiftet hatte. Während des Sommers trug er den Kasten mit der Schleife alljährlich auf das Grab seiner Frau, während des Winters aber nahm er ihn mit in seine Koje, da er auf dem Kirchhof bei dem schlechten Wetter zu viel gelitten hätte. Und nun freue er sich immer auf den Winter, dann sei es in seiner Koje noch einmal so gemütlich. Es sei ihm dann immer, als ob er ein Stück von seiner verstorbenen Frau Liebsten noch bei sich habe. Und was ich wohl meine, ob wohl an solchen Dingen ein bißchen Seele haften könne. Ihm sei es manchmal, als ströme von der Schleife etwas zu ihm hinüber, daß ihm ganz warm werde.
Geht's nicht allen so? Ist's nicht so? Gibt es irgend etwas, was wirklich seelenlos ist, irgend etwas, was nicht Gedanken, Empfindungen[S. 150] auslöst, zu uns spricht? Sagen wir nicht selbst, »dieses, jenes, spricht uns an?« Ist es nicht tatsächlich ein Stück vom Leben, was an dieser Schleife haftet, was sie beseelt? Die Dankbarkeit und Treue der Freunde, die Erinnerung an die Liebe und Güte der Verstorbenen, sind das wirklich nur tote Begriffe? Sind es nicht vielmehr lebendige Kräfte, wie die Sonnenstrahlen, Kräfte, die andere Empfindungen ausgelöst haben, die Taten ins Werk gesetzt haben? Oh, ich glaube, wir sind nur so stumpf geworden im Gedränge des Alltags, so abgestumpft und gehärtet, so unfähig zu feinem Empfinden und Genießen aller dieser zarten, geistigen Dinge, — eben durch unser vieles Genießen. Und hier ein schlichter Mann in seiner kleinen Klause, der nur die Pflicht kennt, sein Glück, was man so Glück nennt, früh ins Grab gesenkt, allen Tand des Lebens von sich getan hat, — er genießt mit stiller Andacht die feinen Strahlen, die von dem Totenkranze der Geliebten ausgehen, und damit zieht ihre Liebe, die Treue der Freunde und neues Leben, neue Wärme in sein Herz. Bei Gott, — ich wollte, ich könnte unseren Reichen, unseren Gebildeten zeigen, wie arm sie vielfach sind diesem Manne gegenüber, und wie reich das Leben ist an Schätzen, die, ach, so viele verlernt haben zu genießen. Schätze, die sie vielleicht nie gekannt haben. Schätze, deren Genuß ein ruhiges Herz, eine stille Stunde, ein feines Horchen und Empfinden verlangt. Ich kenne euch, wärmende Strahlen und grüße euch als vertraute Freunde. Bahn möchte ich euch brechen, damit ihr wieder die Welt beherrscht mit eurer Wärme, eurem Licht, und das Lärmende und Gleißende und doch so Kalte dieser Zeit verdrängen helft.
Immer wärmer strahlte die Sonne. Das ganze Schiff schien von ihr erfüllt. Auf dem Hinterdeck ging der rothaarige Kapitän aus Friesland, die Pfeife im Munde, die Hände in den Hosentaschen, und wies mit dem Kopf grinsend auf seinen Schützling, der, noch blaß von den überstandenen Strapazen, sich wohlig in dem warmen Lichte reckte. Die Matrosen dehnten und sonnten sich, während der Dampfer die immer blauer werdenden Fluten flott durcheilte. Die junge Polin hatte ein reines, leichtes Kleid angezogen und freute sich ebenfalls am Leben und am Licht. Ich versuchte in freundlicher Weise auf ihre[S. 151] Seele einzuwirken, allein sie entschlüpfte allen Fragen wie ein Aal. Und doch schien auch ihr die Sonne, und auch sie wärmte sich an den warmen Strahlen. Sollen wir Menschen nicht lernen von dieser Alliebe, die das All beherrscht und die Sonne scheinen läßt über Gerechte und Ungerechte?
Auf der Reeling hockte unser Schiffsjunge aus Finkenwärder, mein blondlockiger Freund, und putzte die Messingbeschläge, an denen sich Rost und Grünspan als Erinnerung an die Stürme der Biskaya angesetzt hatten, gerade wie die Seele Rostflecken bekommt in den Schicksalsstürmen des Lebens.
Halb wehmütig, halb schelmisch, wohl denkend, den Sturm hätten wir erst einmal wieder überstanden, sang er ein altes Volkslied aus seiner Heimat. Sein Schatz hatte es ihm wohl dort beim Abschied vorgesungen. Nun dachte er ihrer und zauberte sich ihr Bild, indem er ihr Lieblingslied sang.
Auch unsere anderen in Antwerpen an Bord gekommenen Mitreisenden freuten sich der leuchtenden Wärme. Selbst dem finsteren Balten schien ein Strahl seinen Gram ein wenig aufhellen zu wollen.
Der Weinhändler aus Bordeaux, der ostpreußische Delegierte vom internationalen Gastwirtetag und unsere beiden Magyaren saßen mit müden Gesichtern auf der Schattenseite des Schiffes, jeder ein großes Glas Pilsener vor sich, wegen der Hitze. »Wissen Sie,« hörte ich ohne zu wollen den Weinhändler mit Emphase ausrufen, »hier auf dem Meere kommen einem die großartigsten Gedanken. Wir alle, die wir an möglichst großem Konsum der mit Recht so beliebten Getränke beteiligt sind, sollten uns zusammentun, um dieser albernen sogenannten Menschenfreundlichkeit, von der auch unser Doktor angekränkelt ist, den Garaus zu machen. Ich habe in Hamburg einen Freund, einen großen Spiritusfabrikanten, der wird Feuer und Flamme sein, wenn ich dem unsern Plan vortrage. Dieser verdammte Humanitätsdusel.« »Ja,« grunzte der Ostpreuße in seinem Bierbaß, »mit dem Wort haben Sie recht. — Wissen Sie, was der Doktor neulich sagte, als ich ihm seufzend vorrechne, was wir Besitzenden, die wir doch die Säulen des Staates sind, an Beiträgen für die verfluchten Arbeiterversicherungen in Deutschland zahlen müßten? — Das wäre unsere nackte Pflicht und Schuldigkeit und Bismarcks größtes Verdienst, daß er diese Versicherungen[S. 152] gegen den Willen der Mächtigen durchgesetzt hätte. Wissen Sie, was ich ihm am liebsten geantwortet hätte? — Se. Majestät hätte am klügsten getan, Bismarck vor Erfindung dieser Arbeiterversicherungen den Laufpaß zu geben. War entschieden Humanitätsdusel aus beginnender Altersschwäche. Äh, — sehr guter Schnack, nicht? Na, über Bismarck nichts Übeles: denn wissen Sie, was auf diesen Bismarck-Kommersen gesoffen wird, — meinetwegen könnte es zehn Bismärcke geben; — äh, muß selbst über meinen Schnack lachen.« Der Weinhändler lachte heiser mit und sagte: »Kommt von der Seeluft, macht so witzig, — haben aber vollständig recht. Großartig, was der Patriotismus unsereins einbringt. Freilich sollen wir die Geistlichen, die Ärzte und die Lehrer auch warm halten, denn die Kerls sind maßgebend in Deutschland und trinken gern akademisch bis in ihr Alter weiter, wie sie es auf der Universität gelernt haben. Aber der Patriotismus ist die Hauptsache, denn wenn der Deutsche patriotisch wird, dann säuft er. Muß Ihnen aber doch mal erzählen, — genialer Streich, — wie ich vor längerer Zeit mal etwas schlappe Champagnermarke auf den Markt brachte. Fabrikant zahlte ausgezeichnete Prozente. Lag mir viel daran, dem Manne einen Gefallen zu tun. Stiftete einfach Offizierskasino zwei Dutzend Flaschen ›zum Wohle Sr. Majestät.‹ Seitdem beständig Nachbestellungen. Habe nun ganze Reihe von Kasinos, wo ich's ebenso mache. Nenne das patriotischen Sekt. Geschäftsspesen. Rentieren sich großartig.« »Wissen Sie,« tönte der Baß des ostpreußischen Gastwirtsvertreters, »ähnlich geht es uns mit den Kriegervereinen. Ist das beste Geschäft von allen. Fahnenweihen, Stiftungsfeste, Sedan, Kaisers Geburtstag, Komiteesitzungen, Schießabende, Tanzkränzchen, na, usw. — alles bringt Geld in unsere Kassen. Die Wirte müssen natürlich mit im Verein sein, lieber nicht im Vorstand, fällt zu sehr auf. Was die Bande wegtrinkt an diesen Festen, — wundervoll, sage ich Ihnen. Wäre eigentlich Hauptspaß, auf dem internationalen Gastwirtetag Komitee anzuregen zur internationalen Ausnutzung des Patriotismus seitens des Wirtsgewerbes.« Allgemeines Gelächter belohnte den sinnlosen Schnack.
Voll Ekel über diese Gesellschaft wandte ich mich wieder der Sonnenseite des Schiffes zu und trank mich satt an der Sonne, bis sie sank.
[S. 153]
In einen märchenhaft zarten, blauvioletten Schleier gehüllt, tauchten von fern die Bergketten der spanischen Küste auf, die Ciousfelsen, die den Eingang zum Hafen von Vigo bilden. Donnernd brechen sich an den schroffen Klippen auf beiden Seiten der engen Einfahrt die Wogen.
Inzwischen ist die Nacht herabgesunken. Nur äußerste Vorsicht kann das Schiff ungefährdet in den Hafen bringen.
Aber nun sind wir in der Bucht und gehen vor Anker. Die erste ruhige Nacht seit unserer Abreise aus der Heimat.
Im ersten Morgengrauen erhob ich mich. In weitem, sanftem Bogen rahmen Bergketten das Meer ein. In liebliches Grün eingebettet liegt die Stadt. Noch ruht die Welt in morgendlicher Stille. Vereinzelt blinken sogar noch Lichter in den Fenstern. Aber der Nebel hebt sich. Leuchtend bricht im Osten die Sonne durch. Nun beginnt es am Ufer zu leben. Dampfpinassen und Boote stoßen vom Lande ab. Plötzlich wimmelt das Meer von Fischerbooten, die, wie große Möwen, mit weißen, geblähten Segeln schnell und sicher die Wogen durchschneiden.
Mit flotter Wendung legt sich eine große Schaluppe längsseits an unser Schiff, so daß sein Rumpf das Fischerboot gegen die Blicke vom Land her verbirgt. Das Segel fällt. Hoch aufgerichtet steht der Kommandant auf Deck und reckt den Hals auf unser Schiff. Da sieht er die beiden Zollwächter, die mit aufgepflanztem Bajonett gravitätisch auf unserem Schiff auf und nieder promenieren. Zum Glück sind es Bekannte. Er nickt ihnen zu, sie nicken wieder. Ein Tritt mit dem Fuß, und Tauwerk und Netze, welche die Falltür zur Kajütentreppe bedecken, fliegen zur Seite. Vorsichtig wird der Deckel gelüftet. Ein Kopf wird sichtbar, saugt gierig die frische Morgenluft ein, fragt nach oben, gibt das gehörte Ja nach unten weiter und heraus quillt's, als ob man von einem Korb mit Aalen den Deckel lüftet; braune Gestalten, der eine strahlend, jener keck, dieser schelmisch, ein anderer ängstlich, der frech beinah, jeder Gefahr spottend, die im engen Gelaß steif gewordenen Glieder reckend; und nun wie die Katzen vom Boot an der Strickleiter auf unser Schiff hinauf. Oben empfängt sie der Kommandant. Er stellt sie in Reih und Glied, zieht gravitätisch eine Rolle aus der Tasche und ruft die Namen auf. Dann zählt er noch[S. 154] einmal nach, geht zum Zollsoldaten und meldet 37. »Nein,« erwidert der Spanier, »es sind 38.« Der erstere beteuert die Richtigkeit seiner Zahl. Hier sei die Liste. Dort stehen die Leute. Es stimmt. — Schmunzelnd steckt der Soldat die Handvoll Silbermünzen in die Tasche. Ein Pfiff, und jauchzend fliegen die braunen Burschen vom Achterdeck über das Promenadendeck nach vorn — in die Arme ihrer Frauen, ihrer Liebsten.
Während die Schaluppe auf der einen Seite unseres Schiffes anlegte, um diese spanischen Deserteure heimlich einzuschiffen, war auf der dem Land zugekehrten Seite des Schiffes Boot um Boot mit Frauen und Kindern angekommen, mit Kisten und Kasten, mit Ballen und Körben. Nun fanden sich die Paare jubelnd zusammen.
Ich trat auf den Posten zu und redete ihn auf spanisch an, es sei doch unverantwortlich, um schnöden Geldes willen diese Leute dem Dienste fürs Vaterland zu entziehen. Da zuckte er lachend die Schultern und meinte: es sei ja doch nur Schund. Nein, es war kein Schund! Fixe, tüchtige Kerle waren es, sehnig, in Arbeit hart geworden, aber sie wollten Freiheit, Land, Arbeit und den Ertrag ihrer Arbeit, sie wollten lieben, und die Frucht ihrer Liebe wollten sie gedeihen sehen. Oh, ich verstand sie nur zu gut. Daheim? Da war es auch schön. Aber das Land gehörte den großen Herren. Und wollte man arbeiten, dann galt's für die, und für einen selbst blieb nichts nach. Nein, den eigenen Acker wollten sie bebauen, und wenn es noch so heiß, noch so mühsam sei. Aber was durch ihren Schweiß wuchs, das sollte auch ihr Eigen sein. Das wollten sie. Und deswegen kehrten sie ihrer schönen Heimat den Rücken.
War es nicht bei uns das nämliche Lied? Die eigene Scholle! Nur so groß, daß man sich ordentlich müde darauf arbeiten könnte und satt werden, selbst und die Seinen, — nicht mehr. Aber was darauf wuchs, ganz mein, mein Schweiß, meine Frucht. Und wenn Kinder kamen, so mußte Platz auch für sie sein, Luft, Licht, Boden, Frucht und Brot. Nur nicht die ewige, entsetzliche Angst, — um Gotteswillen, wovon soll es satt werden, das, was noch gar nicht geboren ist? Vor allem Elend ringsum ist der Sonnenschein des Wortes von den Lilien auf dem Felde der Menschheit verloren gegangen, — als ob kein Platz mehr für die Menschen auf der Erde sei! — —
[S. 155]
Schon durchfuhren wir vorsichtig steuernd das enge Felsentor des Hafeneinganges, im Hintergrunde verschwindet das liebliche Panorama, — die Heimat unserer Auswanderer. Wehmütig sitzen die Männer da, leise weinend die Frauen. Wie wird es werden? Werden wir dich wieder sehen, Land unserer Väter, dich, schönes Spanien? Selbst die Kinder scheinen angesteckt von der Wehmut der Eltern und lassen die Köpfchen hängen, wie Blumen, denen das Lebenslicht fehlt. Ich bringe den Kleinen Apfelsinen und Kuchen von unserer Kajütstafel, spreche den Männern Mut zu; die Frauen lachen, da sie die Freude der Kinder sehen. Nun kommt neues Leben in die Gesellschaft. Wie sie erst sehen, daß sie selbst hier auf dem Schiffe als Menschen gelten, da überkommt sie ja wohl das Gefühl: das warme Sonnenlicht, das in der Heimat uns die Früchte reifte, wird uns auch in der Ferne nicht verlassen!
Mich aber durchflutet es heiß, wie ein glühender Wunsch:
In ruhiger Fahrt fuhren wir an Spaniens Küste entlang. Auf den Bergketten hoben sich scharf vom blauen Himmel in langen Reihen die dunklen Silhouetten alter Pinien ab, die wie Wächter den Kamm des Gebirges hüteten. Mir schienen es Mahner. Wo sind die Wälder geblieben, von denen die einzelnen Stämme traurige Reste bildeten?[S. 156] Hatte hier die Habsucht die Axt geführt, wie überall, wohin Romanen den Fuß setzten? Hatte hier sinnlose Gewinnsucht die Berge entwaldet? Wie die Italiener ihre Berge in den weiten Gebieten, die einst in unerhörter Fruchtbarkeit die Kornkammern der Welt genannt wurden, und die nun zum Teil in trostloser Dürre daliegen? Und weiter schweifte mein Geist nach Palästina, wo die Entwaldung der Berge das Land in eine Wüstenei verwandelt, von dort nach Mexiko, wo die Barbarei der Spanier vor Jahrhunderten den Wald ausgerottet und das reiche fruchtbare Land der Azteken zum Teil in öde Steppen verwandelt hatte. Voll Sorge dachte ich an das schöne Schweden, wo in ähnlicher Weise die Raffgier fremder Kapitalisten beginnt, skrupellos den Wald zu lichten; dachte frohlockend an Deutschlands sorgsam gehegte Forsten, an Dänemarks treue Arbeit am Kattegatt, wo seit Jahrzehnten liebevolle Sachkenntnis den öden Dünen herrlichsten Wald entlockt hat, der nun das dahinter liegende Land vor der verheerenden Wucht der Meeresstürme schützt, so daß der dänische Bauer hoffnungsfroh sein Korn in den Acker senkt. Aber hier? — Wie fruchtbar müßte dieses Land sein, wenn der Wald das Wasser auf den Bergen hielt, um es von dort den tiefer gelegenen Ländereien als befruchtendes Element mitzuteilen. Wie viel tausende glücklicher Familien könnten hier wohnen, Korn, Trauben, Früchte aller Art bauend, sich und der Menschheit zum erquickenden Segen.
Plötzlich legte sich eine Hand auf meine Schulter. Während ich in Sinnen verloren die kahlen Ufer hatte vorüberziehen sehen, hatte ich nicht bemerkt, daß der Franzose sich mir genähert hatte. »Ich lese aus Ihrem ernsten Gesichte Ihre Gedanken,« redete er mich an. »Sie haben recht, was müßte bei verständiger Regierung aus diesem Lande, das von drei Seiten vom Meere umgeben ist, das unter der mildesten, herrlichsten Sonne liegt, zu machen sein! Wie viele Millionen würden hier Brot und Dasein finden, wenn Liebe und Klugheit hier das Szepter führten. Der Hauptfehler liegt hier, wie auch in Italien daran, daß der größte Teil des Landes in den Händen Großer und Mächtiger sich befindet, die ihn durch Pächter und Unterpächter ausnützen, um immer reicher, immer mächtiger zu werden, ohne sich des Segens, den sein Besitz bringt, des Segens der Bearbeitung des Bodens bewußt zu werden. Und wohin Sie sehen, finden Sie das nämliche Leid, nur[S. 157] in anderer Form, in Ihrer Heimat, wie in der meinigen. Die Allgemeinheit schafft neue Werte, baut Straßen, Bahnen, Kanäle, Plätze, Parks, Museen, Schulen, — aber nur die wenigen, die im Besitze von Grund und Boden sind, haben den Nutzen davon, daß der Grund und Boden durch alle diese Neuschöpfungen im Werte steigt. Die Städte drängen über ihre Weichbilder hinaus. Was heute Kartoffelland ist, wird morgen Baugrund. So wächst diese üble Sorte von Parvenüs aus der Erde heraus, diese Millionenbauern, Menschen ohne Bildung, zumeist infolge des mühelos erworbenen Reichtums Protzen und Schwelger, — und die Masse muß ihnen fronden mit Zins und Zinseszins. Die Schätze des Bodens, die Wälder und Bergwerke, die Salzlager und Petroleumquellen machen einzelne zu Fürsten des Geldes, — und die Menge darbt.
Handel und Industrie schaffen ungeheure Reichtümer, die, nur zu oft anstatt dem Ganzen zu dienen, törichten, schwelgerischen, übertriebenen Luxus fördern.
Dräuende Rüstungen aller Länder verschlingen den Wohlstand der Völker, die, aufgehetzt vom Rassenhaß durch eine gewissenlose und profitgierige Presse, sich gegenseitig befeinden und beargwöhnen.
Die Länder schließen sich ab und erzeugen so den tollen Zustand, daß hier Gebiete der Erde die Menschen kaum zu fassen vermögen, dort unermeßliche Gebiete des Pflugs und der Axt harren.
Die Künstler, der Natur entfremdet, in einem entarteten Kulturleben entnervt, schaffen zumeist Werke, die den Todeskeim schon in sich tragen, wie Kinder, die einen kranken Vater hatten, oder die in den Höfen der Großstadt erzeugt sind, wie Blumen, die der Sonne entbehrt haben. Die Lehre Christi ist vergessen. Die Sonne des Lebens ist erloschen. Die Liebe ist tot.« —
Vor uns lag die zerklüftete Steinwüste der Bocca da Inferno, der Höllenstrand. Dunkel stiegen die Felsen aus dem brandenden Meere empor, unheimlich finster. Wie eine Eiseshand legte es sich mir auf die Seele. Und doch, — war es nicht tröstend, daß ich hier auf fremdem Meere einen Menschen fand, der so klar das Elend der heutigen Welt erfaßt hatte! Aber gab es denn keinen Ausweg?
Oben auf der steilen Küste leuchtete weiß und hell ein Leuchtturm, ein Wahrzeichen für die Schiffer, das gefährliche, riffreiche Gestade[S. 158] zu meiden; warnte Portugiesen und Spanier, Engländer und Deutsche, Holländer und Franzosen, und wer immer hier vorbeifuhr, Freund und Feind.
Nein, und tausendmal nein, — die Liebe ist nicht tot! Liebe hat den Leuchtturm hier gesetzt, — Liebe zu fremden, wildfremden Menschen. Und Liebe muß dieses ganze Wirrsal entwirren.
Schweigend reichte er mir die Hand. — Nach einer Weile sagte er kurz: »Es ist schon so, der Alkoholismus, der Mammonismus und der Egoismus, diese drei internationalen Bestien sind es, die unsere Kultur in den Staub zu drücken drohen mit ihren Tatzen.« — —
Allmählich wurden die Ufer lieblicher, Dorfschaften in grüne Gärten eingebettet, dann wieder kahle Hügel mit felsigen Gestaden. Hügel, deren Kämme, wie man wieder an den hier und dort einsam ragenden Bäumen erkennen konnte, einstmals wohl Wälder getragen hatten, wechselten mit kleinen Städten. — Wir hatten es uns bequem gemacht und sahen das Panorama der portugiesischen Riviera an uns vorüberziehen.
»Eines schlimmen Feindes, vielleicht des schlimmsten für das Vorwärtskommen der Völker haben wir noch nicht gedacht,« hob mein französischer Reisegefährte wieder an, »das ist die Schule.« Gespannt fragte ich, womit er das begründen wolle. »Sie bringt den Kindern alle möglichen Kenntnisse bei, aber das Wichtigste bringt sie ihnen nicht.« — »Und was ist das Wichtigste?« — »Das Beste und Köstlichste! Sein Glück darin zu finden, daß man andere glücklich macht, Not lindert und der Not vorbeugt. Nicht der Besitz ist verwerflich, sondern der falsche Gebrauch des Besitzes.« — »Und worin besteht dieser falsche Gebrauch?« — »Darin, daß man seinen Reichtum, seine Stellung benutzt, um andere auszusaugen, andere Menschen unglücklich zu machen. Sehen Sie, das ist die Sünde. Und an dieser Sünde bewahrheitet sich wieder das alte Wort: ich will die Sünde der Väter heimsuchen bis ins dritte und vierte Glied. Denn der Mammonismus der Väter rächt sich an ihren Enkeln und Urenkeln. Erst wenn wir gelernt haben, die menschliche Persönlichkeit wieder zur Geltung zu bringen, die Selbstsucht der Besitzenden zu brechen; wenn wir erst wieder Achtung haben vor dem Nebenmenschen, vor dessen Leben; erst wenn wir gelernt haben, die Liebe zum Glück des Nebenmenschen[S. 159] zu tatkräftigem Leben zu erwecken: erst dann werden wir unser Ziel erreicht haben!«
Ich hatte während der letzten Worte des Franzosen die Augen geschlossen. Durch meine Seele zitterte es nach: mit dem Billigsten, mit dem, was nichts kostet, wie Sonnenschein und Luft, die noch allen Menschen gemeinsam sind, sind die Menschen am sparsamsten, mit der Liebe. O, mein Gott! Wie viel Liebe kann ein Mensch verschenken und wird dabei immer reicher, — und wie wenig Liebe verschenken die Menschen. Und da wundern sie sich, daß sie immer ärmer, daß es um sie herum immer finsterer, immer kälter, immer freudeloser auf der Erde wird. Und tragen die Lebenssonne doch im Herzen, aus der sie nur zu schöpfen brauchten, um die ganze Welt mit Licht und Wärme zu erfüllen! —
Als ich die Augen öffnete, bot sich mir ein märchenhafter Anblick. Hinter den Hügeln, die die Ufer begrenzten, stiegen bewaldete Bergketten empor, terrassenförmig sich hintereinander emportürmend. Und oben auf dem höchsten Gipfel, wie ein Gebild kühnster, dichterischer Phantasie, in lichten blauen Nebelhauch gehüllt, ein Zauberschloß, mit hochragenden Mauern und Zinnen, mit Türmchen und Türmen, und alles überragend ein gewaltiger Turm mit hell im Sonnenlichte blinkender, goldener Kuppel.
So mag dem Jüngling, der zuerst ins Leben tritt, von weitem das Ideal seines Strebens entgegenschimmern, aus weiter Ferne, lockend, leuchtend und doch fast unerreichbar.
Den Windungen des Ufers folgend, drängen sich neue Bergmassen vor das liebliche Bild — wie sich die Schwierigkeiten des Lebens vor das Ideal drängen —; verschwunden ist das Schloß, verschwunden wie Märchenzauber. Doch nun, was ist das, — von neuem taucht es empor, näher, deutlicher. Schon unterscheidet das Auge die arabischen Zinnengesimse, die maurischen Zacken und Hufeisenbogen der Fenster. Und wieder von neuem, obwohl dem Auge schon so faßbar nah, drängen sich in erneuter Windung neue Bergketten vor den herrlichen Bau, wiederum ihn den Blicken verbergend. Vergeblich sehnt sich das Auge, das Wunder zu schauen, immer höher türmen sich graugelb gewaltige Bergmassen im wirbelnden Zuge am Horizont empor, als wollten sie bis zu den Wolken sich emporrecken. Jetzt aber, strahlend in Goldesglanz[S. 160] und Farbenpracht, mit schimmernden Fenstern und leuchtenden Türmen, machtvoll, gebietend, wunderherrlich liegt es da, gleichsam als wollte es unser ganzes Denken und Empfinden erfüllen, wie das Ideal, das uns gepackt hat, unsere ganze Seele erfüllt, daß wir fortan nur seiner gedenken, ihm lebend, ihm uns hingebend mit jeder Faser unseres Seins.
Das ist die Cintra, die portugiesische Königsburg, mit ihren Zaubergärten, die Byron schon ein wundervolles Eden genannt hat.
Unter ihr, wie die durch die Gegenwart besiegte Vergangenheit, völlig beherrscht von dem machtvoll gebietenden Zauberschloß, ein kahler Hügel, der Felsberg mit der alten, zerfallenen Maurenburg, deren Ruinen melancholisch in die Täler zu ihren Füßen hinabschauen.
Ruhiger fließen die Wogen dahin. Wir sind längst in der Mündung des Tejo. Barken mit fremdartig geschweiften bunten Segeln beleben die Flut. Am Ufer grüßt der Turm von Belema, von dem aus Vasco da Gama seine Forschungsreisen antrat, der Menschheit neue Gebiete der Erde zu erschließen. — —
Hinter uns lag die Cintra. Von weitem winkte schon Lissabon, beherrscht von den Palästen des Königs und der Königin-Mutter.
»Warum fahren Sie nach Lissabon,« fragte ich den Franzosen? — »Der König muß abdanken.« — »Warum?« — »Weil er sein Land ruiniert, wie seinerzeit Ludwig der Sechzehnte mein Vaterland ruiniert hat durch seine Verschwendungssucht, seine Trägheit und seinen Mangel an Liebe zu seinem Volke und seinem Lande.« — »Und wenn er nicht abdankt?« — »Dann muß er sterben, wie Ludwig der Sechzehnte. Denn es ist wichtiger, daß ein Volk und ein Land gesund bleibt und gedeiht, als daß der Fürst, der es zugrunde richtet, am Leben bleibt!«
»Das sind ja nette Grundsätze, — Sie sind ja der reine Anarchist,« ließ sich der schnarrende Bierbaß des Ostpreußen da plötzlich hinter uns vernehmen, »werde Sie bei der Landung der Königlich Portugiesischen Polizei bestens empfehlen,« setzte er höhnisch triumphierend hinzu, »um Ihnen Ihre Throne stürzenden Ideen etwas zu durchkreuzen. Fehlte noch, die Monarchien durch solche phantastische Köpfe in Gefahr zu bringen. Müßte nicht Königlich Preußischer Unteroffizier der Landwehr sein, wenn ich nicht wüßte, wie ich mit Leuten Ihres Schlages zu verfahren hätte.«
[S. 161]
Lächelnd, ruhig in seinem Stuhle liegen bleibend, den dunklen Schnurrbart leicht zwischen den Fingern zwirbelnd, hörte unser französischer Reisekumpan das Geschnarre und Geschwätze seines beleibten Gegners an, dessen Wut sich nur steigerte, als der Franzose, ohne ihn eines Wortes zu würdigen, sich zu mir wandte und sagte: »Sehen Sie dort die Fahne auf dem Palaste des Königs. Wir sind in Sicht. Wenn sie jetzt niedergeht, so sind die Tage des Königs gezählt.« Kaum waren seine Worte verhallt, da senkte sich die Fahne, um nach einer Weile langsam wieder hochzugehen.
Vor uns lag die Stadt.
Ein wundervolles Panorama bot sich dem Auge. Wie ein Amphitheater zog sich Straße um Straße an den Bergen empor bis oben zu den Höhen, von denen die Königspaläste herabschauten.
Schon stoppte unser Dampfer seine Fahrt. Rasselnd fuhr der Anker zu Grund. Unmittelbar vor uns lag der Hafenplatz mit seinen Triumphbogen. Dahinter das Zeughaus, die Kathedralen, Kasernen, Klöster, ein Gewirr von Straßen, dazwischen große, mit Bäumen bepflanzte Plätze, ein immer aufs neue fesselndes Bild.
Die Dampfpinasse mit dem Regierungsarzte und der Hafenpolizei legte an, Zollwächter kamen aufs Schiff, zahlreiche Boote umschwirrten uns und legten zum Teil längsseits sich an den Dampfer. Der Franzose trat, in der linken Hand ein Köfferchen, höflich auf mich zu und reichte mir seine Rechte: »Leben Sie wohl, und bringen Sie uns Sonne mit. Wir alle können sie brauchen.« Damit wollte er die Schiffstreppe hinabsteigen, da sprang plötzlich unser Ostpreuße auf den nächsten Zollwächter zu: »Verhaften Sie den da! Er führt etwas im Schilde gegen Ihren König. Sie müssen ihn verhaften!« Der Mann verstand ihn nicht. Der Franzose aber rief dem Zöllner auf portugiesisch zu: »Haben Sie Mitleid mit dem Herrn. Er ist nicht ganz normal im Kopfe,« worauf der Portugiese mitleidig lächelte und seinen Patrouillengang auf dem Schiffe wieder aufnahm. Unser Ostpreuße aber, der sein Rettungswerk an der portugiesischen Monarchie noch nicht aufgab, kletterte, so schnell als seine Körperbeschaffenheit dieses erlaubte, in das nächste Boot, das hinter demjenigen, mit welchem der Franzose den Dampfer verlassen hatte, zur Hafentreppe fuhr, und landete kurz nach jenem am Kai.
[S. 162]
Wir sahen vom Schiff, wie er heftig gestikulierend und laut rufend auf Beamte der Hafenpolizei einredete, von denen ihn natürlich niemand verstand, und konnten deutlich sehen, wie die Beamten den immer aufgeregter sich Gebärdenden schließlich in ihre Mitte nahmen und abführten.
Eine Stunde später gingen auch wir an Land und erfuhren, daß die Polizei ihn als einen scheinbar Geistesgestörten erst einmal in Schutzhaft genommen, nach Klarstellung der Dinge durch einen Dolmetscher aber alsbald wieder entlassen hatte. Der Franzose war inzwischen von seinen Freunden längst in Sicherheit gebracht.
Leichten Herzens durchschlenderten wir in Gesellschaft liebenswürdiger Deutscher, die in Lissabon ansässig waren, die Stadt, labten uns an der erlesenen portugiesischen Küche und vergaßen am Abend im Zirkus bei Clownspäßen und Taschenspielerkunststücken die Todesnot der Biskaya und die Schönheit der Cintra. So ist der Mensch. —
Faß um Faß flog mit Hilfe unserer Schiffskräne aus den Leichtern in unsere Räume, Traubensaft aus Portugal enthaltend, vermischt mit Hamburger Spiritus. Nun sollte dieses Gift die Brasilianer krank machen. Der Teufel sollte dreinschlagen! Neuen Spiritus hatten wir selbst für die nächste Weinkampagne in zahlreichen Fässern von Hamburg mitgebracht und am Tage vorher ausgeladen. Gerade wie in Boulogne, wo wir den Hamburger Spiritus zur Fabrikation »besten französischen Rotweins« ausluden. Auch für Madeira hatten wir noch an die hundert Fässer im Schiffsraum. Daß doch die Menschen nicht klug werden! Da schauen sie mit Kennerblick nach den Etiketten, riechen am Glase, loben die »Blume«, nippen, schnalzen mit der Zunge, »feiner Bordeaux«, »feiner alter Portwein«. — Feiner alter Esel, — Hamburger Sprit trinkst du in deinem vergorenen Traubensafte, — wir selbst haben ihn mitgeschleppt, selbst durch die Biskaya. Ich kann's bezeugen. Und du, der du ihn trinkst, vergiftest damit dein Blut, dein Gehirn, deine Nachkommenschaft, deine Seele, daß sie nicht mehr lieben kann!
Nicht mehr lieben, wie unser Volk es verdient, wie es die Menschheit bedarf! —
[S. 163]
Vor uns lag die Stadt, — darüber die Paläste, zu ihren Füßen die Wogen des Tejo. In schlanken Windungen führt durch weite Gefilde die alte maurische Wasserleitung der Stadt ihr Wasser zu. Als ich aber weite Strecken um die Stadt herum nur mangelhaft bebaut liegen sah, drängte sich auch hier wieder die Frage auf: was würden die Leute unter diesem Himmel aus diesem Lande machen können, wenn sie die Abwässer der Stadt in richtiger Weise zur Berieselung ihrer weiten Ländereien heranzögen! Aber wenigstens trinken die guten Lissaboner das verseuchte Wasser des Tejo nicht, wie die Hamburger und die Altonaer die durch ihre Kanalwässer vergifteten Fluten der Elbe.
Die Schönheit des Anblickes verscheuchte alsbald wieder die trüben Gedanken. Das, was Lissabon als Stadt so schön erscheinen läßt, was so harmonisch einen anmutet, ist nicht der Reichtum an Denkmälern oder monumentalen Bauten, sondern eben diese Harmonie des gesamten Stadtbildes, die Einheitlichkeit der Bauart, die selbst in den Straßen mit den einfachsten Fassaden nicht ermüdend, sondern beruhigend und wohltuend wirkt. Man sollte wirklich einmal die gesamten Architekten und städtischen Baumeister Deutschlands auf längere Zeit hierher schicken, um Harmonie der Formen zu studieren. Gerade in der Einfachheit der Gesimsführung, in der schlichten Stilisierung der Fensterumrahmung, die immer wiederkehrt, wirken diese Fassaden der Straßen vornehm, behaglich.
In den Anblick der schönen Stadt versunken, habe ich kaum bemerkt, daß wir den Anker schon wieder gelichtet haben. Schon taucht von neuem, wie wir den Tejo wieder hinabfahren, die Cintra auf.
Oh, ich war da, in ihren Gärten mit der beispiellosen Üppigkeit; Wälder von Eichen, Buchen und Eukalyptus fuhren zur Höhe hinauf. Und droben, — Kamelien und Oleander, mit Blüten übersät, zu hohen Bäumen emporgewachsen, rosenübersponnene Laubgänge, von Veilchenduft erfüllte, lauschige Grotten mit plätschernden Quellen und Springbrunnen, und eine Pracht architektonischer Kunst, wie man sie kaum auf der Erde wiederfindet.
Hier tragen schlanke Säulen Bogengänge aus Marmor, der unter[S. 164] dem Meißel des Bildhauers zu einem zierlichen Spitzengewebe geworden zu sein scheint, das sich, wie unendlich zartes Gitterwerk, in graziösen Linienzügen bald zu geometrischen Figuren verbindet, bald sich trennt, um sich aufs neue zu rätselhaftem, von Schriftzeichen wimmelndem Gebilde zu gruppieren. Wände und Fußböden bedecken Arabesken, Ranken streng stilisierter Pflanzenformen, in denen der Künstler Farnkräutern, Pinien, Efeu und Granatäpfeln, dem ganzen Reichtum dieser verschwenderischen Natur, unsterbliches Leben verlieh! Dann ragen plötzlich massige Quadermauern auf steilem Felsen empor, die sich zu mächtigen Palästen mit Türmen zusammenschließen, gleichsam, als wollten sie ein Denkmal darstellen der unbesiegbaren Kraft des energischen Willens.
Und doch bei all der Pracht des Palastes und des Gartens, trotz aller Sonne und aller Blumen ein schwermütiger Hauch; — die Liebe fehlt doch in all dieser Schönheit. Einsam haust dort oben eine trauernde Königin, fern von ihrem Volke, während der König mit seiner Mätresse im Viergespann durchs Land kutschiert.
Das sagt alles. Und das Volk verarmt, durch Steuern ausgesogen, die der Hof verpraßt. Die Höhen stehen unbewaldet, das Land zum Teil verdorrt, Handel und Ansehen gesunken.
Ich gedenke des Franzosen und seiner Freunde. Wie wird das Schicksal dieses Volkes und seines Königs enden? Die Liebe fehlt, vom Könige zum Volke, und vom Volke zum Könige. Welch ein Menschheitsparadies würde hier erstehen, wenn hier Liebe waltete!
Hier in dieser Welt von Schönheit wird es einem klar, welche Bedeutung die Schönheit für unser Leben hat. Unzweifelhaft beruht sie auf Gesetzen, auf Gesetzen, die so einfach und klar sind wie die Grundgesetze der Natur. Es ist vor allem die Wirkung der Gegensätze und der Wiederholung. »Schön« ist das, was in uns die Sehnsucht erweckt, es wiederzusehen. Hier auf bewaldeter Höhe das stolze Königsschloß, dort, nur durch eine Kluft von jenem getrennt, auf kahlem Felsenkegel die Ruinen des alten maurischen Kastells. Das ist's, was dem Bilde die Vollendung gibt. Und nun der stete Wechsel des Bildes: dieses Verschwinden und Wiederauftauchen aus den Gebirgsmassen. Ist's nicht der gleiche Reiz, der uns das Spiel der Wellen, diesen Wechsel von Wellenberg und Wellental, so anziehend macht?[S. 165] Der gleiche Reiz des Gegensatzes von Berg und Tal in der Landschaft, von Frühling und Herbst, von Sommer und Winter, Tag und Nacht, Arbeit und Ruhe? Und nun im stetig wiederkehrenden Wechsel des Lebens, — ist's nicht dieser ewige Wechsel, der uns das Leben so lebenswert macht?
Mir fielen die Psalmen ein mit ihren Wiederholungen, die der hebräischen Poesie so eigentümlich sind, und die in ihrem Reichtum, mit dem sie den Gedanken immer wieder neue Färbungen verleihen, so machtvoll und eindringlich wirken.
Und weil die Schönheit in ihrer Wiederholung und in ihrem Wechsel zu einem Bestandteil unseres Lebens wird, so können wir nicht anders, wir müssen sie lieben, als ob sie ein Stückchen von uns selbst, von unserer Seele wäre. Wir müssen sie lieben, eben weil sie schön ist, weil sie, wie die Sonne, unser Leben erhellt, erwärmt, weil sie unser Leben erst zum Leben schafft. Die Aufgabe der Kunst aber ist es, uns die Schönheit so anschaulich zu machen, daß wir ohne sie nicht leben können, daß sie unser ganzes Denken und Empfinden erfüllt, uns immer wieder emporzieht, immer höher und höher hinauf zur Vollendung.
Da aber die Schönheit auf dem Gesetze beruht, so müssen wir auch das Gesetz lieben, weil es uns zur Schönheit, zur Schönheit des Lebens verhilft. Sollen wir aber das Gesetz lieben, so muß das Gesetz selbst Liebe sein, — denn alles, was Leben gibt, stammt von der Liebe ab.
Pflicht und Gesetz ist eins. Auch die Pflicht kehrt täglich wieder, sie geht mit uns zur Ruhe, schläft mit uns und wacht in der Frühe wieder mit uns auf, und dieser Wechsel macht auch sie schön. Wehe dem, der die Schönheit der Pflicht nicht erkennt. Anstatt in fürstlicher Ehe ihr vermählt zu sein, frönt er ihr als Knecht. Hier auf der Cintra hatte der Stein selbst Leben gewonnen. Ihn hatte der Geist, der Fleiß, die Phantasie, die Liebe des Künstlers beseelt, hatte ihm Geist von seinem Geiste eingehaucht. Hier war die Arbeit nicht als Fron geleistet, — hier war die Arbeit Freude, Leben gewesen! — Das sagte der Stein in tausendfältiger Form noch nach Jahrhunderten. Das war es, was ihn uns als schön empfinden ließ, was ihn uns so lieb machte. —
Das Bild der Cintra kommt und geht, kommt wieder und geht wieder, um leise im blauen Nebelhauch zu verschwimmen.
[S. 166]
Seltsam, — wie das Königsschloß meinem leiblichen Auge längst entrückt ist, und nur das geistige Auge das Wunderbild noch schaut, da sehe ich über dem maurischen Kunstwerk mit seiner Filigranarbeit und seinen Zinnen Strebepfeiler der Gotik emporsteigen, ernst, aufwärts, himmelan, wie eine Verkörperung der mahnenden Pflicht, zum Höchsten zu streben; sehe die hohen Spitzbogen der Fenster, sehe, wie ihre Pfosten in runde und spitze Kleeblattbogen auslaufen, wie sie sich zu Kreisbogen, zu Dreiecken und Polygonen zusammenschließen, wie sie in den großen Rundfenstern der Fassaden in strahlenförmigen Gebilden auseinandergehen. Und wie mein geistiges Auge, angeregt durch all die Herrlichkeit, die mein leibliches Auge geschaut hat, sich vertieft in alle Schönheiten der heimischen Gotik, da reißt sich die Seele plötzlich los und zieht wie ein Adler über das weite Vaterland, hoch im Bogen, aus der Höhe hinabspähend, und schaut und schaut all den herrlichen Reichtum an Münstern und Domen in Köln und Straßburg, in Freiburg und Ulm und ringsumher, schaut die Burgen und Schlösser, die stolzen Rathäuser; sie findet Rast in der Heimat am Fuße der herrlichen Nikolaikirche, da, wo meine Wiege stand, in dem alten Patrizierhause zu Füßen des hohen gotischen Turmes, der schon das Entzücken des Knaben bildete, zu dem der Jüngling mit Ehrfurcht emporsah.
Und dann durchzieht es die Seele wie Heimatklänge. — Ich sitze am Fenster und kann mich nicht satt sehen an den herrlichen Formen, die der Stein gewann, an den hohen Spitzbogen und den Zieraten. Die nach oben strebenden Spitzbogen mahnen an die Aufgaben, die der Jüngling sich gestellt, und die Zieraten an die Freuden, die ihm deren Erfüllung bringt. Die Drachenköpfe und Fratzen an den Knaufen der Dachrinnen aber, das sind die häßlichen Gedanken, die jedes Menschenherz einmal gebiert. Und wie die Fratzen an den Dachrinnen in ihrer Häßlichkeit noch dem praktischen Zwecke dienen, den stürzenden Regen vom Gesteine der Spitzbogen abzuhalten, so sollte es auch mit der Sünde sein. Sie soll die Treppenstufe sein, an die unser Fuß wohl stößt, die uns aber immer wieder aufwärts führt zur Höhe.
Wunderlich führt mich mein Traum. Hinter mir im Zimmer sitzt die Schwester. Unter ihren Fingern erklingt eine Symphonie Beethovens.[S. 167] Und auf den Fittichen ihrer Klänge, ihrer verschlungenen und doch so klaren Harmonien verirrt sich die Seele in immer neuen Gedankengängen, sie sucht und sucht nach dem Urgrunde der Dinge und findet ihn immer nur wieder in den strengen Gesetzen des Seins, gerade wie der Stein in seinen tausend Formen sich immer wieder auflöst in die Urformen des Kreises und des Dreiecks.
Das ist's, was diese hochragenden Münster und Dome uns zurufen: werdet wie wir, in Schönheit vollendet, aufwärts, himmelan! Erwin von Steinbach, das Münster, das du gebaut, es ist nicht dein Denkmal, das du dir gesetzt, — du selbst bist es, dein Leben, was da vor uns steht, groß, erhaben, schön, uns mahnend, zu werden wie du! Und so alle ihr erhabenen Baumeister, habt Dank, habt Dank für eure Beispiele, die ihr uns gebt! O kommt, alle ihr anderen, laßt uns ihnen nachleben! Laßt uns unser Leben schön leben, groß, erhaben, es ausgestalten, wie einen gotischen Dom! Du kannst nicht? Bist schwach und klein? Hast keine Kraft? Oh, so bau dein Lebenshaus, dein Hüttlein, und sei es noch so klein, so schön und erfreulich, wie du nur kannst, bau es, ein schlichtes Arbeiterhäuschen, bau es in Renaissance, bau es gotisch, — nur bau es, bau es schön, und daß es mit seinem Dache nach oben strebt! Aber bau dir dein Haus, dein Hüttlein, damit du ein Mensch bist!
Die Toren auf den Thronen und an den Stammtischen, — wollen Revolutionen, Kriege und Aufruhr mit Gewalt, mit Bajonetten und Kanonen verhindern und aus der Welt schaffen! Gebt jedem Mann ein Hüttlein in seinem Krautgarten, ein Stückchen Paradies, in dem er noch einmal wurzeln kann, wie Adam in seinem, als der Erzengel mit dem flammenden Schwerte ihn aus dem offiziellen Garten Eden vertrieben hatte, — und kein Mensch wird an Revolution, an Krieg, an Aufruhr denken. Aber das ist's, — der Mensch will wurzeln mit seinem Hüttlein, mit seinem Hause, mit seinem Dom auf dem Urboden von Mutter Natur, wie dieses stolze Königsschloß auf seinem Waldgebirge, wie unsere Vorfahren ihre stolzen Dome erbauten auf hohen grünen Hügeln.
Oh, ihr Toren, ihr, die ihr an der Spitze des Volkes steht, — fort mit euren Bajonetten und Kanonen und eurem Haß und eurer Verachtung, — baut eure eigenen Dome und Häuser aus und pflanzt[S. 168] Liebe in eure Lebensgärten und säet sie weiter! Schenkt eurem Volke Liebe und Raum, Frieden drinnen und draußen, damit eure Nebenmenschen auch ihre Häuschen und Häuser bauen können! Dann habt ihr Frieden! —
»Doktor, wollen Sie einen schönen Perserteppich kaufen?« weckte mich die Stimme unseres Rheinländers aus meinen Träumereien.
Einer der Syrier, die wir in Boulogne an Bord genommen hatten, und die in kaufmännischen Geschäften mit uns nach Brasilien fuhren, wollte die günstige Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, um auf der Ausreise bereits von seinen Waren in Geld umzusetzen. Und da er aus Erfahrung wußte, daß viele von den Passagieren in Madeira reiche Einkäufe machten, so wollte er die noch ungeschwächte Kaufkraft seiner Mitreisenden für sich nutzbar machen.
Er hatte einen in der Tat wundervollen Teppich, echt persische Handarbeit, auf Deck ausgebreitet. In gebrochenem Französisch erklärte er das Kunstwerk. »Ein guter Teppich sei wie ein Buch. Er müsse seinem Besitzer erzählen, ihn belehren; denn der Künstler webt seine Seele mit den Fäden und den Mustern hinein, wie der Dichter seine Seele in ein Buch haucht. Hier der Stern in der Mitte, das ist der Kern von des Mannes Leben: sein Beruf, seine Lebensaufgabe, die er sich gestellt, — bis zu dem Mittelpunkt des Lebens: seiner Erkenntnis Gottes. Und dieser warme Purpurgrund des Ganzen, von dem sich Stern und Nebenmuster so lebhaft abheben, als ob der Purpur des Grundes ihnen erst Leben verliehe, das ist die Liebe eines Weibes.
Diese goldenen Fädchen, die so unregelmäßig und kurz aufleuchten und wie Sonnenstrahlen dem Ganzen den Schimmer des Reichtums geben, das sind die Begegnungen und Freundschaften mit edlen Frauen. Und sehen Sie, diese blauen und roten Einschlagfäden, die den ganzen Teppich durchziehen, um als Fransen an beiden Enden herabzuhängen, das sind die Freunde, die sein Leben begleiten, die treuen und guten. Diese gelben Tupfen aber, die immer wiederkehren, das sind die Schmeichler die falschen Freunde. Und diese schwarzen? Das sind die Bosheit, der Haß, die Eifersucht. Die schwarzen Fäden sind notwendig. Sie geben dem Ganzen ein kraftvolles Gepräge und dem Muster gleichsam Richtung. Aber sehen Sie, sie treten ganz zurück gegen dies weißen Wellenlinien, die dem Ganzen ein heiter leuchtendes[S. 169] Aussehen geben; das sind die Freuden des Lebens. Diese breiten hier bedeuten die Dankbarkeit für Wohltaten, die uns erwiesen sind, diese schmalen die Freude an Guttaten, die wir anderen erwiesen haben. Und dieser Kranz von konzentrischen Ringen, der unser Auge fast magnetisch auf den Stern in der Mitte hinlenkt, das ist die Hoffnung, die uns im Leben aufrechterhält, unser Ideal doch noch zu erreichen. Und nun sehen Sie das Spiel der grünen Linien, wie sie, im Verein mit den weißen, die schwarzen von dem Stern in der Mitte fernzuhalten bestrebt sind. Wie sie die gelben isolieren, um schließlich in wundervollen Wellen den Stern zu umsäumen.« —
Und das war ein Syrier, ein Heide, der uns das erklärte. Er hatte keine Schule besucht, war nicht unter den lähmenden Fittichen eines Kultusministers aufgewachsen, sprach miserabel französisch und kannte keine Geschichtstabellen. Ich dachte an unseren Kultusminister. Er hätte mit mir zusammen von diesem Heiden etwas lernen können.
Ein Deutscher, namens Zarges, der in Pará sein Heim hatte, kaufte den sprechenden Teppich für einen angemessenen Preis. Mich freute es, das Kunstwerk in dem Besitz eines so liebenswürdigen und geistvollen Landsmannes zu wissen, als welchen ich den Käufer kennen gelernt hatte. —
Unsere neuen Passagiere, die wir in Lissabon an Bord genommen, bestanden vor allem aus portugiesischen Zwischendeckern, die Mangel an Arbeit und Land in die Fremde trieb. Und wie viel unbebautes Land hatten wir allein an der Küste vom Schiff aus gesehen! Mit Kisten und Kasten kletterten sie auf den Dampfer, wehmütigen Blicks, weinende Säuglinge an der Brust, verängstigte Kinder an der Hand.
»Signor, wo ist Numero vingt?« fragte mich mit verbindlichem Lächeln eine vornehm aussehende, ältere Portugiesin, die in Begleitung einer bildschönen, blühenden jüngeren Dame von reinstem romanischen Typus, offenbar ihrer Tochter, die Schiffstreppe heraufgestiegen kam. Mich amüsierte das Gemisch von Portugiesisch, Deutsch und Französisch. Ich zeige ihr den Weg zu ihrer Kabine, sie galant am Arm durch die Kasten der Auswanderer und über Ketten und Seile geleitend. Ein dankbarer Blick aus den großen dunklen Augen der Tochter lohnte meinen kleinen Ritterdienst.
Eins andere kleine Szene beobachtete ich. Eine junge Spanierin[S. 170] wurde von ihrer Familie, wohlhabenden Bürgersleuten, an Bord gebracht. Ich entnahm aus den lebhaften Abschiedsgesprächen, daß sie in Brasilien einen Mulatten heiraten wollte, der ihr durch eine Zeitungsannonce warm empfohlen war. Voller Hoffnung blickte sie in ihre Zukunft! Voller Hoffnung schied sie von den Ihren!
Am Abend, ehe wir nach Madeira kamen, ging ich aufs Hinterdeck, um dem Spiel des Mondes in dem blausilbernen Gischt des Kielwassers zuzuschauen. Hinter dem Ankerspill lehnte der Balte an der Reeling und starrte übers Meer hinaus. Er bemerkte mich nicht. Ich hörte aber, wie er leise nach einer unsagbar traurigen Melodie, die an die finnischen Volkslieder erinnerte, vor sich hin sang.
Auf dem Vorderdeck wurde es ruhig. Die Frauen lagen müde und teilnahmslos in ihren Stühlen. Die Männer saßen da und rauchten ihre Zigaretten oder ihre kleinen Pfeifen. Die Kinder spielten Kegel mit den Apfelsinen, die ich ihnen bei meiner Morgenvisite geschenkt hatte, oder schliefen auf Deck in der lauen Luft.
Unsere kleine Gesellschaft saß abends friedlich beieinander. Wir hatten Gedanken und Empfindungen ausgetauscht, die die Eindrücke von Lissabon und der Cintra in uns erweckt hatten. Der Badenser hatte in warmherzigen Worten seines Großherzogpaares und des Königs und der Königin von Württemberg gedacht, die, im Gegensatz zum portugiesischen Königspaare, für ihre Länder und Völker in warmer Liebe sorgen. Da ergriff die Badenserin ihre Laute, und sagte: »Wenn es allen genehm ist, so singe ich Ihnen eine alte Königslegende. Sie paßt wohl in unsere Stimmung.«
Als alle jubelnd beistimmten, begann sie mit sanfter, wohltönender Stimme im Volksliedton ihr Lied:
Die Sängerin schwieg. Die Saiten der Laute tönten noch eine Weile nach, — ich war wie im Traume. Der Zauber, der von dem seltsamen Liede ausging, hatte mich ganz umsponnen.
Da riefen die anderen laut durcheinander, — der Zauber verflog: ich war nicht mehr im grünen Wald — —
Tiefblau leuchtete das Meer, durchsichtig flimmerte die Luft.
In zarte Schleier eingehüllt schlummerten kleine Felseneilande im Ozean, — fuhren wir ein in das alte Märchenland Atlantic?
Noch eine Wendung nach Osten — und vor uns in blauem Zauberduft lag Madeira.
[S. 174]
Madeira, du Insel der Seligen, wie ein Traumbild steigst du aus den Tiefen des funkelnden Meeres empor! Wie trotzige Wächter erheben sich die zerklüfteten Uferfelsen zu deinen Füßen und gleich schneeweißem Hermelin umsäumt die Brandung das königliche Gewand, das dich umhüllt!
Wahrhaftig wie ein Traum lag das Märcheneiland da.
Zu unseren Füßen das tiefblaue Meer. Vom Strande terrassenförmig aufsteigend die Stadt, die Masse der Häuser unterbrochen vom Grün der Bäume, von Palmen, Bananen, Felswänden mit Geranien und Klematis bedeckt und von rot und blau blühenden Schlinggewächsen überrankt. Mitten im Stadtgewirr ein kleines altes Kastell auf steilragendem Felsen, über und über mit tiefvioletter Blütenpracht übersponnen. Die Stadt verliert sich allmählich höher hinauf an den Bergen hin: hier noch ein Hotel, dort ein Sanatorium, ein Häuschen, ein weißes Hüttchen, dort noch eins, wie ein Punkt, — dann beginnt die Region des Hochlandes. Neue Bergketten, von den vorderen durch tief einschneidende Täler getrennt, tauchen empor. Aus den Talschlünden steigt ein in zaubrisch zarten Schleiern bläulich schimmernder Duft, der sich allmählich zu Wolken zusammenballt, die gespenstisch zur Höhe strebend die hinter ihnen wiederum hochsteigenden Bergketten mit Nebelarmen zu umfassen scheinen.
So türmen sich die Bergmassen hintereinander immer höher und höher, bis der höchste Gipfel, aus Schnee und Eis emporragend, sich fast in den Wolken zu verlieren scheint. Versunken in die wahrhaft majestätische Schönheit des Bildes stand ich da. Da weckte mich aus meinen Sinnen lauter Lärm.
Zahllose kleine Boote, von braunen Jungen gerudert, umkreisten unser Schiff. Die Burschen warteten auf den Augenblick, daß einer von den Passagieren ein Silberstück ins Meer würfe. Dann schnell den Mantel abgeworfen, und wie Möwen, die nach den Bissen tauchen, die ihnen vom Schiff ins Meer geworfen wurden, schossen die nackten, braunen Gestalten ins Meer, um alsbald wieder aufzutauchen und triumphierend in der hoch aus den Fluten emporgereckten Hand das Geldstück zu zeigen. Klappernd und frierend saßen alsdann die armen[S. 175] kleinen Kerle in ihren Booten, ein Bild menschlichen Elends mitten in dieser schier überreichen Stätte und gleichzeitig Opfer menschlicher Gedankenlosigkeit und frivoler Schauspielsucht. Gleichzeitig kamen Scharen von Händlern an Bord mit Spitzen, Goldarbeiten, Korbflechtereien aller Art, bis unser Schiff einem europäischen Basar glich.
Endlich kamen der Hafenarzt und die Deutschen. Der eine der letzteren, ein liebenswürdiger Mann, verheiratet, voll Sehnsucht nach der Heimat. Der andere, von Haus aus offenbar ein gescheiter Kerl, total verkatert von einem Zechgelage von gestern. —
Man lud uns, den Kapitän und mich, zu einem Mittagessen in einem der vornehmsten Hotels auf der Insel ein. Wir speisten auf einer Art offener Veranda, zu unseren Füßen ein Meer von Blumen und Blüten in einer schier unerhörten Farbenpracht, darüber hinaus das azurblaue Meer. Bei Tisch herrschte allgemeine Verwunderung, daß zwei Deutsche, noch dazu ein Kapitän und ein Doktor, nichts tranken. »Warum?« Wieder streute sich der Samen aus. Unbemerkt, aber sicher fiel er ins Erdreich, helfend, rettend. Wirken die Wellenringe des Guten so stark? Sie mußten wirken, — nach den uralten Gesetzen von der Erhaltung der Kraft!
Nach Tisch ritten wir aus, an der Küste entlang in ein romantisch zwischen Felsen und Meer eingeklemmtes Fischerdorf.
Über schäumende Sturzbäche, die aus den Bergen zum Meer brausten, zwischen Weinbergen entlang, an deren Felsmauern zahllose grau- und grünschillernde Eidechsen entlang eilten. Von den Mauern rankten Geranien und wild wachsende Kaktusfeigen, dazwischen Bananenpflanzungen, Gärten mit wundervollen Obstbäumen — ein Garten Eden.
Endlich hieß es wieder aufbrechen. Die anderen reiten voraus. Wie ich mein Pferd schon am Zügel habe, sehe ich neben mir auf der Türschwelle ein Weib, in reifen Jahren, das immer noch schöne, von der Sonne gebräunte Antlitz von Tränen überströmt. Ich frage freundlich, was der Grund ihres Kummers sei. Ihr Sohn, ihr einziger, ist gestorben. Sie wies auf ihren Gatten, der in unserer Nähe Gemüse und Früchte auf einen Wagen ladet, um sie zur Stadt nach Funchal zu fahren: »Die Stütze ihres Alters hätte er werden sollen!« Neues Schluchzen erschüttert ihren Körper.
[S. 176]
Ergriffen beuge ich mich zu ihr nieder und flüstere ihr leise ins Ohr, — sie schüttelt ihr Haupt und sieht mich ungläubig und verzagend an, — ich weise auf ihren Mann und wiederhole meine Trostesworte, — da beginnt sie zu hoffen und zu glauben. Sie winkt dem Gatten und nun raunt sie dem ins Ohr, was ich ihr gesagt. Leuchtenden Auges tritt er an mich heran, schüttelt mir die Hand und dankt für die tröstende Aussicht, und wie ich mich aufs Pferd schwinge, ist mir's, als ob ein leises Lächeln über das tränennasse Gesicht der Frau huscht, wie sich ihre Augen in die des Gatten senken. —
Oh, wundervolles Los, Tränen trocknen zu dürfen! Und doch komme ich mir so klein, so armselig vor. Könige, Könige, wie seid ihr glücklich, ihr, die ihr berufen seid, durch eure Liebe, eure Macht, eure Gerechtigkeit Tränen eines ganzen Volkes trocknen zu können! — —
Ich will dem braunen Kerl, der mein Pferd gehalten hat, noch ein Trinkgeld geben. Ein Bauer mit einer torfbeladenen Karre sperrt mir meinen Weg. Mein Hengst darüber hin. Verschwunden sind die anderen. Mein Weg führt über eine Brücke, unter der schäumend ein Flüßchen zum Meer braust. Die Straße windet sich landeinwärts, dem Gebirge zu. Immer romantischer wird der Pfad. Rechts und links türmen sich waldbedeckte Berge immer dichter an den Weg heran. Bald scheint das Tal vor mir vermauert durch undurchdringlichen Wald. Plötzlich weicht der Weg zurück, in scharfem Bogen windet sich das Tal seitwärts, immer mehr sich verengend, immer steiler emporsteigend. Plötzlich ein neues, liebliches Tal, — auf der Insel des seligen Lebens das Tal des Vergessens. Soviel zauberhafte Üppigkeit habe ich nie vorher gesehen. Die purpurn blühende Erika mannshoch, die berauschendsten Düfte aushauchend; rote und weiße Kamelien; Rhododendron zu Bäumen aufgewachsen; Veilchen, wilde Rosen, Glyzinien; Jasmin in wildem Geranke, die Luft mit den herrlichsten Wohlgerüchen erfüllend.
Und mitten in dieser Blumenpracht ein Häuschen, klein, sauber, ein märchenhaft anmutendes Schmuckkästchen in dieser Waldeinsamkeit, umgeben von Wein, Bananen, Pfirsichen und Aprikosenbäumen. Zwischen den Felsgesteinen wucherte die Kaktusfeige; an den Hecken ästen zwei weiße Ziegen. Daneben eine kleine Weide mit saftigem[S. 177] Gras. Ich sprang vom Pferde und ließ es durch das Heck hineintraben, hinter ihm das Tor wieder schließend. Dann stieg ich den steilen Pfad zu Fuß bergan. Schweigender Hochwald nimmt mich auf. Bald weichen die Eichen den Tannen, die Tannen niedrigen Kiefern. Wolkenschwaden umspinnen den Pfad. Steiler führt er bergan.
Da höre ich durch den Nebel hindurch, ohne jemanden sehen zu können, eine wohlklingende Stimme in der Heimatsprache singen.
Ich bleibe stehen und lausche. Sehen kann ich niemanden.
Den unsichtbaren Sänger führt offenbar der Weg in Schlangenwindungen bergab. Die letzten Töne verhallen beinahe unhörbar. Sollte es der Bewohner jenes idyllischen Häuschens dort unten im Tale sein? Bei meiner Rückkehr werde ich das Rätsel lösen.
Jetzt weiter dem Gipfel zu.
Steiniger wird der Pfad; immer steiler führt er bergan. Dort hinauf winkt der Gipfel. Über Schneefelder schreitet mein Fuß; kein Sterblicher vor mir ist hier gegangen. Unter mir liegen die Wolkenschichten, die Nebelschleier, — zu meinen Füßen der Wald, — noch eine Steigung, — endlich, endlich am Ziel.
Und wie ich oben stehe auf dem höchsten Gipfel, einsam in Schnee und Eis und starrenden Felsen, unter mir die Waldtäler und Madeira mit seinen blühenden, duftenden, fruchtreichen Gärten, zu meinen Füßen das ewig blauende, reine Meer — da fällt mir ein, wie ich vor Jahren hoch oben auf dem »Père-la-chaise«, dem alten, berühmten Kirchhof von Paris stand. Unter mir, soweit das Auge reichte, lag die Riesenstadt, und aus dem Häusermeere empor hoben sich Türmchen und Türme, Dome und Kuppeln und alles überragend der Turm des altehrwürdigen Domes »Notre Dame«. Und wie mein Auge immer wieder traumverloren in die Weite schweift, weithin über das Meer, nach Norden sich verlierend in grauem Nebel, den das leibliche Auge schon nicht mehr sieht, — hinüber in das Heimatland, da scheint alles, was ich dort gelassen an Sorgen und Schmerzen, an Not und Elend, an Gram und Furcht, so klein, so unendlich klein, — mir war's, als ob ich plötzlich Herrscher über alles das war: die Brust dehnte sich, der Blick wurde heller und heller: jauchzend zog ich die reine Luft ein. Mir war's, als ob mir Schwingen wüchsen, Schwingen so groß, wie damals dem Genius in der Heide, dessen Flügel von Osten nach Westen[S. 178] reichten, — Schwingen und Hände, die vom Süden bis zum Norden reichten! Mein ganzes Sein wuchs und dehnte sich.
Mein Blick reichte weiter und weiter; ich sah die Menschen und Männer in meinem Vaterlande, wie sie sich quälten und mühten, wie sie dachten und schufen; sah sie, wie ein Heer wimmelnder Ameisen, nur hier und da ein Größerer, — und dort, alle überragend und beherrschend, wie der Dom von »Notre Dame« die Kuppeln und Türme von Paris, einen, stark an Geist und Willen, klug, weitblickend, sorgend für das Reich. Was Wunder, wenn er auf seiner Turmhöhe das Gewimmel und die Not der Kleinen da unten zu seinen Füßen nicht sieht.
Aber ich stand noch höher, als er, und sah es doch. Freilich, ich war ja dort unten aus dem Flachlande, aus ihren Höfen und Katen, aus ihren Hütten und Kellern, aus ihrer Not und ihren Schmerzen hier heraufgestiegen, Schritt für Schritt; hatte, den Rücken und die Seele gebeugt, all ihr Leid und ihre Schmerzen bis hier hinaufgeschleppt — was Wunder, daß ich ihr Leid, ihre Not, ihre Sorgen, ihr Elend selbst von hier aus besser kannte, als jener, der gleichsam als Turm zur Welt gekommen, nun hochragend dastand, selbst ein Türmer auf höchster Warte, weit ausschauend in die Zukunft, weise, wohlbedacht, und doch menschlich unvollkommen. Denn sonst müßte er ja auch zu seinen Füßen schauen können, wo es wie Ameisengewimmel sich mühte und sorgte in Elend und Tränen und Gram.
Da packte es mich mit Allgewalt. Das Bewußtsein von der Kraft der Wellenringe des Geistes übermannte mich, wie damals, als ich im Schneesturm den Kultusminister in die Wellenkreise zog, — ich mußte es ihm sagen, mußte meine Seele erleichtern, mußte Raum haben für das, was mich schier erdrückte, — und ohne es zu wollen, ohne Besinnung schier, von einer geheimen Kraft getrieben, breitete ich die Arme weit aus, als ob ich hinüberfassen könnte in mein Vaterland, — mir war's, als ob der Klang meiner Stimme in dem reinen Äther sich tausendfach verstärkte, so daß er wie Donner hinüberhallte über den Ozean, durch die brandende See der Biskaya, den Nebel des Kanals durchschneidend, nun über das Land. Jauchzend, trunken vor Begeisterung stand ich da:
»Kaiser, mein Kaiser, gib acht!
[S. 179]
Wellenringe vom höchsten Berge hier von Madeira, aus sonnenreinem Äther und sonnenreinem Herzen dringen zu dir! Kaiser, mein Kaiser, gib acht! Gib acht, es handelt sich um dich, deinen Ruhm, um dein Geschlecht, um dein Volk, um die Menschheit!
Wer bin ich? Ein Mann wie du! Gleich alt wie du! Stark und gesund an Geist und Körper wie du! Aus altem Geschlecht wie du, — dir ebenbürtig als Freier, Starker! So mußt du mich hören!
Wer bist du? Kaiser der Deutschen? Nur eines kleinen Teiles! Millionen und Millionen kennen dich nicht, — wie du sie nicht kennst! Wen kennst du denn von deinem Volke? Deine Höflinge am Hofe, ein paar Reiche, Vornehme. Und wenn dir einer die Wahrheit sagt, ja, sie dich nur empfinden läßt, so jagst du ihn weg, weil du sie nicht verstehen kannst. Wie kannst du dich Kaiser nennen des deutschen Volkes? Kennst du dein Volk? Weißt du, wie es ihm geht, wie es lebt, wie es sich freut, wie es leidet? Kennst du sein Elend, seine himmelschreiende Not?
Du sagst, Vaterlandsverräter seien es? Heimatlose Gesellen nennst du sie? Unter deiner und deiner Vorfahren Regierung wurden sie heimatlos! Sie haben keinen Boden mehr unter den Füßen; wissen nicht wohin mit ihren Kindern! Weißt du, wie dein Volk haust? Tausende, Millionen? Warum gehst du nicht hin, wie Kaiser Franz oder der große Fritz und schaust selbst nach?
Potemkinsche Dörfer läßt du dir zeigen, wenn du im Viergespann oder im Auto zur Kaiserparade jagst. Schaff' ihnen Land! Schaff' ihnen ein Vaterland, eine Heimat! Lehr' sie wieder wurzeln im Boden. Es geht. Es ist das einzige, was bleibt, dir, ihnen, uns allen.
Du hast keine Zeit, dich um alles zu kümmern? Ei, so lasse deine vielen Feste zum Teufel fahren und schau' dir dein Volk an! Du hast keine Macht, dieses alles zu ändern? Freilich, deine Erlasse und Gesetze bleiben Papier, wenn du nicht vorangehst durch die Tat!
Armer Kaiser, wie oft hast du deinen Offizieren Einfachheit gepredigt! Aber sie lachen deiner, und wenn sie unter sich sind, tuscheln sie und schlemmen weiter und bekommen dicke Bäuche und Gicht. Sie bitten dich zu Gast bei ihren Gelagen, und wenn du dort bist, vergißt du, was du ihnen befohlen!
[S. 180]
Weißt du, wie dein Volk seine Feste feiert? Kennst du seine Freuden, die von Tausenden, Millionen? Die der Jugend deines Volkes? — Nein? — Ei, so geh' einmal Sonntags oder auch Alltags in die Tausende von Tanzsälen und Bierpalästen und sieh, wie die Kultur, die du erstrebst, und die wir alle begeistert pflanzen und hegen, dort vergeudet und in den Staub getreten wird, erstickt in Bierdunst und Tabaksqualm. — —
Weißt du, wie dein Volk wohnt? Ei, so geh' in die Massenquartiere der Städte, in die Katenwohnungen der Arbeiter deiner Adligen, und du wirst schaudernd sehen, wie die Kultur, die du erstrebst, und die wir alle begeistert mit dir erstreben, in Elend und Schmutz und Schmach verkommt! — —
Willst du einmal sehen, wie deine Landräte, wie die großen Herren in der Industrie, wie die Städte deinen Königlichen Erlaß respektieren, die Flüsse, unsere herrlichen deutschen Flüsse reinzuhalten? Halte die Nase nicht zu dicht heran, mein Kaiser, — sie stinken, wie Kloaken! — —
Kaiser, mein Kaiser! Wohin sind wir gekommen unter deiner Regierung! Du meinst es so gut und bleibst auf dem Papier! Du hältst Reden, aber deinen Reden folgen keine Taten! Du predigst Christentum, aber Christus war demütig und war die Liebe. Du aber gehst in Purpur und kennst dein Volk nicht.
Nur zu oft haben auch deine Räte und Diener keine Liebe, sondern nur Hoffart; und Hoffart erzeugt Haß.
Du ziehst Wellenringe und stürzest Völker mit ihnen ins Unglück. Sie haben an dich geglaubt, alle, alle, und wie an dich geglaubt! Du aber hast ihnen dein Kaiserliches Wort nicht gehalten! Und nun lachen sie über dich und spotten deiner und hassen dich! Die Buren und die Russen, die Marokkaner und die Türken und ach, so viele, viele in unserem Volke!
Kaiser, mein Kaiser, was hast du gemacht! Kaiser, mein Kaiser! Nun gibt es nur eins für dich: schweige und handle! Lern dein Volk kennen, und du wirst es lieben! Denn wenn du als Kaiser dein Volk nicht kennst, so heißt du wohl Kaiser, bist aber kein Kaiser, und wenn du drei Purpurmäntel übereinander anziehst!
Lern dein Volk kennen!
[S. 181]
Lern seine Leiden kennen und lindere sie! Dein Beispiel in allem, deine Nüchternheit, deine Einfachheit sei deine Tat!
Deine Demut sei deine Größe!
Dein Schweigen in der Tat deine Beredsamkeit.
Kaiser, mein Kaiser! Wir brauchen einen Großen, Starken, der uns führt in den Kämpfen der Zeit! Wir brauchen dich!
Wie vor Jahrhunderten die Raubritter das Land zerfleischten und das Volk aussogen, sieh', so zerfleischen jetzt Gemeinheit und Genußsucht unser Volk, und Selbstsucht und Gewinnsucht saugen unser Land aus! Härte und Hochmut erzeugen Haß!
Oh, komm zu uns und bring uns deine Liebe! Zeig ihnen allen, diesen Hoffärtigen, Eigennützigen, Gewinnsüchtigen, wie man die Menschen, wie man sein Volk lieben muß! Das Kleinste sei dir groß genug, deine Kraft daran zu zeigen. Und die Völker ringsum werden aufhören, dich zu verspotten und zu verachten und zu hassen. Denn von dir und deinem Volke werden Wellenringe ausgehen des Reichtums und des Friedens! Kaiser, mein Kaiser! Ich wecke dich! Hör mich, Kaiser!« — —
War es das Meer, das ich branden hörte? Oder der Wald zu meinen Füßen, der rauschte? — Waren es Stimmen aus der Heimat, die herüberklangen? War es das Echo meiner Stimme, die sich am Elend unseres Volkes in der Heimat brach? — Ein seltsames Rauschen und Flüstern ging durch die Luft. — Er mußte mich gehört haben, — tausendfach rollte das Echo durch die Luft dahin, — ein ganzes Volk fing meine Stimme auf und gab sie weiter, millionenfach sie verstärkend. —
»Kaiser, mein Kaiser, ich bin dir über trotz deines Purpurs und Hermelins. Denn du stehst einsam auf deiner Höhe, nur wenige Getreue um dich, die in Sorgen um dich sind. — Deine Schmeichler und Höflinge zähle ich nicht, das ist Fliegengeschmeiß! — Ich aber stehe inmitten eines ganzen großen Volkes, das dich lieben möchte und dich nicht lieben kann, weil du dein eigen Volk nicht kennst! — Oh, lern es kennen und lern es lieben! Kaiser, mein Kaiser, dein Volk, die Menschheit braucht deine Liebe! Denn weil du so mächtig bist, muß auch deine Liebe Macht haben! Und wir brauchen soviel der Liebe in der Welt! Kaiser, mein Kaiser, gib Liebe um Liebe!« — —
[S. 182]
Wunderlich, — noch nie war mir so leicht gewesen. Mir war's, als ob ich mich befreit hätte von einer unerträglichen Last. War es die leichte, freie Bergluft, die mir das Blut schneller durch die Adern trieb? Mein Schritt war so leicht, mein Mut so frisch, mein Herz so voll von neuen Hoffnungen und Kraft, — ich fühlte es, ich war genesen!
Nun vorwärts ins Land der Sonne! Viel gab es noch zu ergründen! Viel zu erkennen! Viel zu durchkosten! Mir war's, als müßte ich mich nun noch so ganz von Sonnenschein volltrinken, um dann als Sonnenspender zu meinem Volk zurückzukehren!
Ja, arbeiten wollte ich, wieder schaffen, leben, helfen, heilen, lieben!
So stieg ich bergab. Als ich in die Nähe des Häuschens kam, hörte ich wieder jene einsame Männerstimme singen, der ich beim Aufstieg im Nebel gelauscht hatte. Der Sänger war offenbar in seinem Weingarten mit der Pflege der Reben beschäftigt. So konnte er mich nicht sehen, und ich ihn nicht. Wie in seligem Rausche der Erinnerung klang sein Lied.
Ich stand in Tränen verloren. Selige Jugendzeit stieg wieder empor. Des Pfarrers Töchterlein hinter den blühenden Linden, — der Deich mit seiner Jasminlaube, — die Heide mit ihren wilden Rosen, — in Träumen schwand die Zeit. Und dann klang es voll Inbrunst, als ob der Sänger zu einer Heiligen betete.
Ich merkte, wie er mit der Arbeit einhielt. Stützte er sich auf seinen Spaten? In meiner Seele tauchten neue Bilder auf. Ich sah mein blondes Weib, den Buben auf dem Schoß, einer Madonna gleich, selig lächelnd ihre Augen in die des blühenden Kindes versenken. Und nun lag zwischen uns die Biskaya. Ob ich sie wiedersah? Ob mich ein gütiges Geschick zum zweitenmal beschirmen würde? Es konnte nicht anders sein, — ich mußte sie noch einmal in die Arme schließen, sie, die Sonne meines Lebens. Da hub von neuem der Sänger an. Schwermütig klang seine Stimme.
Was mußte der Ärmste gelitten, wieviel Liebes verloren haben!
Ein Baumstumpf am Wege bot mir Rast. Sinnend saß ich da.
Der Abstand von dem, was ich soeben dort oben auf des Berges Gipfel erlebt hatte, zu diesem Herzeleid eines einzelnen war zu groß, um mich nicht zu übermannen.
[S. 183]
Ich, ich hatte alles, was das Menschenherz nur wünschen kann: ein blühendes Weib, eine Schar kraftstrotzender Kinder, ein sonniges Heim, — und doch freudlos durch das Elend der Menschheit, deren Leid mein Leid war. Ich aber rang mit mir und meiner Hoffnungslosigkeit, die mich mit einem Male wieder überfiel. Und der Schmerz des Sängers mischte sich mit dem meinigen, als er von neuem wehmütig anhub.
Mein unsichtbarer Freund hatte sich augenscheinlich wieder erhoben und war wieder an seine Arbeit gegangen. Ich hörte es an seiner Stimme. Wie ein Volkslied von den rebenumpflanzten Hügeln am Rhein, selig und sterbenstraurig zugleich, klang nun sein Lied.
Nun hörte er wieder auf. Ich hörte ihn tief aufatmen und litt mit ihm. Wieder legte es sich wie ein Alp auf meine Seele; wieder hörte ich das Stöhnen von Millionen Unglücklicher, denen ich nicht helfen konnte, und vor Schmerz krampfte sich meine Seele zusammen. Da setzte die Stimme aufs neue ein; fast hart, bitter klang das Lied durch die Stille.
Grausen packte mich. Stand ich denn auch mit meiner Liebe zu den Menschen so ganz allein?
Nein, und tausendmal nein, — ich durfte nicht verzagen! Hatte ich doch Freunde allüberall! Und nach Tausenden zählte das Heer der Mitarbeiter und Mitstreiter! Ich durfte nicht mutlos sein! Es wäre feige und undankbar zugleich gegen alle jene, die ebenso empfanden, wie ich, ebenso vorwärts strebten für ihr Volk, für die Menschheit.
Schon wollte ich mich erheben, um den Unbekannten zu trösten. Da klang seine Stimme von neuem, als ob er allen Schmerz in seiner Brust zum letzten Male so recht von Grund aus durchkoste, um ihn, zum Schlusse ihn meisternd, lieben zu lernen wegen der Kraft, die im Leide liegt:
Ja, — ich fühlte es mit, — hier verarbeitete ein starker Mensch seinen großen Lebensschmerz in aller Abgeschiedenheit, wie ein Heiligtum ihn hütend, beinahe ihn pflegend, und dabei sein ganzes großes, heiliges, verlorenes Glück noch einmal genießend.
Es ist schon so, — wenn das Glück so groß ist, daß es keine Steigerung mehr erträgt, dann muß der Schmerz um das verlorene Glück uns eine neue Quelle werden, um es in einer reineren Form noch einmal zu genießen.
Mein Sänger schwieg. Nun hielt es mich nicht länger. Nicht Neugierde trieb mich zu ihm, sondern eine Art Geistesverwandtschaft. Hatte ich nicht, gerade wie jener, soeben mein eigenes großes Leid, meinen Schmerz um das Elend der Menschen, in neue Zuversicht verwandelt, in eine Quelle neuen Glücks?
Ich trat durch die Büsche in seinen Garten. Er staunte. Beinah erschrocken blickte er auf.
Groß, blond, breitbrüstig, die Arme von der Sonne gebräunt, sehnig und muskulös, so stand er vor mir. Fragend ruhte sein großes, helles Auge auf meiner Erscheinung. Ich reichte ihm stumm die Hand. Mein Blick sagte ihm wohl, daß ich seine Lieder gehört, und er mir infolgedessen kein Fremder mehr sei.
Wir waren schnell bekannt. Es war so, wie ich vermutet hatte. Er hatte ein Weib geliebt, so schön und gut, wie nur eins. Als sie auf dem Gipfel des Glückes sich glaubten, entriß ihm der Tod die Ergänzung seines Seins, sie, die die Sonne seines Lebens gewesen war.
Ich versuchte ihm Mut einzusprechen. Er sollte nicht verzagen, sich aufraffen. Da zog ein feines, wehmütiges und gleichzeitig siegesfrohes[S. 185] Lächeln über sein Gesicht. »Ich verzagen? Niemals! Nur meinen Schmerz verarbeiten mußte ich hier in der Stille. Wenn doch die Menschen mit ihren Schmerzen, die ihnen heilig sein müßten, nicht immer auf den Markt des Lebens gingen. Oh, der Schmerz ist wunderbar schön. Aber nun? Hör zu!«
Da sprang er auf, seine Gestalt reckte und dehnte sich. Mir war's, als ob er zusehends größer wurde, und trotzig jubelnd klang sein letztes Lied in den Abend hinaus:
Jubelnd fiel ich ihm um den Hals. Wie Feuerstrom war mir sein Lied durch die Seele gedrungen, neue Kraft erweckend, neue Ziele entflammend. Das war gleicher Pulsschlag!
Aber das ist der Kernpunkt: der Schmerz um das eigene Herzeleid wird uns als ein Wichtiges, Notwendiges vom Schicksal ebenso auferlegt, wie der Schmerz um fremdes Leid. Der Schmerz ist eine heimliche, heilige Macht, durch die unsere Seele gereinigt, gekräftigt werden[S. 186] soll zu Größerem. Der Schmerz soll nicht uns, sondern wir sollen den Schmerz besiegen. Und während wir, mit ihm ringend, siegen, zwingen wir die Mächte, die den Fortschritt der Menschheit hemmen möchten.
Ich erzählte ihm von mir, von dem Elend daheim.
Er nickte zustimmend, kannte genug davon. Er war mit seinem Schmerz hier in die Einsamkeit gezogen, um die Seele erst genesen zu lassen. Und nun? — In die Heimat wolle er nicht wieder. Dort sei zu vieles, was ihn ständig an seinen Verlust erinnere.
Da schlug ich ihm vor, mit mir auf unser Schiff zu kommen; erzählte ihm von unserem Kapitän, unserer Reisegesellschaft, von dem Land der Sonne, in das wir führen. Er horchte hoch auf. Das paßte in seinen Lebensplan: neue Ziele, neue Felder zu schaffen für die Tatkraft, die in ihm wohnte.
Ein kurzer Entschluß: »Ich fahre mit.« — »Und das Häuschen?« — »Mag's ein anderer bewohnen, der seinen Schmerz verarbeiten will.«
Seine wenigen Habseligkeiten waren leicht gepackt. Ich warf meinem Hengst den Zaum wieder über, nahm ihn am Zügel. Das Gepäck hing über dem Sattel. So wanderten wir zwei fürbaß durch die Berge der Hafenstadt zu.
Längst hatte die Nacht sich auf Wald und Tal gesenkt. Aber was für eine Nacht! Die laue Luft von unendlichen Düften erfüllt, über uns ein Funkeln und Leuchten vom dunkelblauen Himmel herab, daß es einen schier berauschte. Zu unseren Füßen murmelten die Bäche. An unserer Seite rauschten die Quellen von den Felswänden ins Tal. Schweigsam wanderten wir unseren Weg, selig erfüllt von den wonnigen Wundern dieser zauberhaften Natur.
Im Morgengrauen gelangten wir nach dem Hafen. Ein Knabe nahm uns das Pferd ab. Ein Fischerboot brachte uns ans Schiff. Mein Kapitän, der sich schon um mein langes Ausbleiben gesorgt hatte, machte große Augen, als ich mit dem neuen Passagier ankam.
Aber es ging ihm, wie mir. Auch ihm war der Fremde bald kein Fremder mehr. Er paßte zu unserem kleinen Kreis. Als mein Findling, wie ich ihn scherzweise nannte, unserer jungen Badenserin vorgestellt wurde, zuckte er zusammen. Sein Gesicht wurde wachsbleich, um gleich darauf von flammender Röte übergossen zu werden. Hastig[S. 187] ergriff er ihre Hand, drückte sie, faßte sich mit der Linken an die Stirn, und ich hörte, wie er murmelte: »Verzeihung, — eine Ähnlichkeit, wie ich sie nie erlebt, — Sie sehen meiner verstorbenen Frau so unsagbar ähnlich!« Ich sah, wie er zitterte. Gleich darauf raffte er sich gewaltsam zusammen.
Der kleine Zwischenfall war von niemandem weiter beachtet worden. Ich aber bemerkte wohl, wie sein Auge an der lieblichen Erscheinung hing, wo sie auch ging und stand.
Bald darauf lichteten wir die Anker. Und wunderbar, wie wir dahinglitten auf diesen blauen Wogen, vorbei an der Küste Madeiras mit seinen grünen Wäldern und blühenden Gärten, seinen braunen, in blaue Märchenschleier gehüllten Felsen, da war das erste, was mir auffiel, — die Möwen, meine Sorgenvögel, die uns von der Heimat durch den Nebel des Kanals, die Stürme der Biskaya bis nach Madeira begleitet hatten, — sie waren verschwunden. Die Fahrt ins Land der Sonne machten sie nicht mit. Statt ihrer gaben uns eine Weile zwitschernde Seeschwalben das Geleit. Dann blieben auch diese zurück. Und einsam und majestätisch durchfurchte unser Schiff, die letzten Felseneilande in bläulichem Dunst hinter sich lassend, die kornblumenblauen Wogen des unendlichen Ozeans.
Atlantisches Meer! Wer dich nicht gesehen hat, hat nicht gelebt! Wer deine Luft nicht eingeatmet hat, deine kornblumenblauen Wogen, in denen der Kiel des Schiffes silberne Furchen zieht, nicht geschaut, deine Sonne nicht getrunken, deine unendliche Weite nicht gekostet hat, der hat das Größte und Schönste der Erde nicht genossen.
Alles schien aufzuleben. Alles trank Bläue des Himmels und des Meeres. Alles trank sich satt an der Sonne und an ewigem Frühling.
Unsere Auswanderer hatten es sich auf dem Deck bequem gemacht. Die Frauen schlummerten in ihren Liegestühlen; die Kinder balgten sich auf dem Boden, jauchzten und tanzten. Die Männer sangen oder rauchten, machten Pläne und waren guter Dinge. Ein Bild des Friedens und der Hoffnung.
[S. 188]
Wir standen auf dem Hinterdeck zusammen und schauten in die zaubrisch blauen Fluten. Plötzlich tauchte eine Schar Delphine auf. Paar auf Paar, Männchen und Weibchen, begleiteten in anmutigen Wellenbewegungen unser Schiff, gleichsam als wollten sie voll Freuden zeigen, daß es ihnen ein Vergnügen sei, mit unserem schnellen Schiff Schritt halten zu können.
Plötzlich trat einer unserer beiden Magyaren, der auf eine kurze Zeit verschwunden gewesen war, eine Doppelflinte, die er aus seiner Kabine heraufgeholt hatte, in der Hand, zum Schuß bereit an die Reeling.
»Was wollen Sie machen?« scholl es einstimmig und entsetzt aus unserem Kreise. »Eins von den Tieren wegblasen,« antwortete der Magyarenheld mit fadem Lächeln. Und damit legte er an.
In dem nächsten Augenblick ging der Schuß los, und die Rehposten flogen prasselnd nach oben in den blauen Himmel. Unser neuer Freund hatte dem Halunken blitzschnell die Flinte nach oben geschlagen.
In der ersten Wut wollte der kühne Schütze den zweiten Schuß auf sein wehrloses Gegenüber abfeuern. Allein der kam ihm zuvor, — ein Ruck, und der Schießprügel flog in weitem Bogen ins Meer. Wutschnaubend verduftete der Held aus Ofen-Pest.
Damit war unser Neuling nun tatsächlich unser Freund geworden. Und wie es im Leben geht — ein an sich keineswegs welterschütterndes Ereignis, aber eins, in dem die Gedanken und Empfindungen vieler sich begegnen, sich einen, genügt oft, um alle diese zu einem Kreise zusammenzuschließen.
Bis dahin waren wir nur eine Reisegesellschaft gewesen, wie andere auch. Aber unser gemeinsames Empfinden bei diesem Geschehnis hatte uns mit einem Schlage, ohne daß wir es selbst in dem Augenblicke so voll empfanden, zu einem Freundeskreise zusammengeschmiedet.
So geht es im Leben der einzelnen Familien, wie ganzer Völker. Deswegen sollten die Familien sehen, daß sie recht viel gemeinsam erleben, und sei es nur ein gemeinsamer Sonntagsspaziergang in Wald und Heide, ein feierlich begangener Geburtstag, ein Buch, das gemeinsam oder nacheinander von allen gelesen wird; damit sie etwas[S. 189] haben, was sie immer wieder durch das gemeinsame Empfinden neu zusammenbindet. Das ist der Segen gemeinsamer Freuden und gemeinsam ertragener Trauer, daß sie die Menschen immer wieder zusammenführen. Geistige Fäden sind es, die sie verbinden, indem sie sich von einem zum anderen spinnen.
Wehe den Familien, den Völkern, die nichts erleben, deren Leben im steten Alltagsgleichmaß dahinfließt. Ihr Zusammenhang wird sich lockern; das Gefühl ihrer Einheit wird absterben, und die Stunde der großen Freude, der Not, der Trauer findet eine zerfahrene Gesellschaft.
Aber ebenso wirkt jeder Schmerz, jeder Streit, jedes harte Wort, jede Wunde, die einer dem anderen schlägt, trennend, entfremdend, zerstörend zwischen Freunden, in der Ehe, in der Genossenschaft, zwischen Volk und Regierung: die geistigen Verbindungsfäden zerreißen!
So gibt es Menschen, die andere anziehen, wie der Magnet das Eisen anzieht, weil sie es verstehen, alles Harte, Trennende auszumerzen und mit ihrer Liebe und ihrem zarten Verstehen Geschehnisse zu erwecken, die eben bindend wirken. Und andere gibt es, Rechthaberische, nur an sich Denkende, alles auf sich Beziehende, nur ihre eigene Individualität bewahren Wollende, die wirken wie Schwefelsäure. Und mögen sie noch so mächtig sein, sie werden einsam stehen und einsam zugrunde gehen.
Die nächste Frage, die nach dem soeben Erlebten unseren kleinen Kreis beschäftigte, war die: haben die Tiere eine Seele? Wie ein stiller Jubel ging es durch unsere Reihen, als wir feststellten, daß wir sämtlich die Frage bejahten.
Nun kam die große Frage: was heißt »Seele«, — was ist die Seele? Ich sollte das, was wir alle empfanden, in Worte kleiden.
»Nun wohl, die Seele ist das, was wir am Sichtbaren nicht riechen und nicht sehen können, was aber vom Sichtbaren zu uns hin und von uns zu ihm strömt, wie die Atemluft von ihm zu uns und von uns zu ihm. Noch während du mit mir sprichst, wird dein Seele zu einem Teil der meinigen und meine zur deinigen, wie ich die Luft einatme, die dir entströmt, und du die Luft in dir aufnimmst, die ich ausatme.
Wenn du meinen Brief erhältst, so erhältst du Papier und Tinte[S. 190] und etwas, was nicht Tinte und nicht Papier ist, was du nicht sehen und nicht wägen kannst, und was doch da ist: das ist der Geist, die Seele des Briefes, die ich ihm eingehaucht habe, als Teil meiner Seele.
Der Kristall, der klare Tropfen, der dich in seiner Klarheit und Reinheit mahnt, deine Seele reinzuhalten, er gibt dir etwas Geistiges, Seelisches, was er dir nicht geben könnte, wenn er es nicht besäße. Was es ist? Woher es stammt? Wohl von dem einen, der die Seele der Welt ausmacht, und den wir nie ergründen können.
Und nun vollends ein Tier! Nimm deinen Hund, dein Pferd mit seiner Treue, mit seinem Verständnis deiner Freude und Trauer, — die sollten keine Seele haben? Das kann nur leugnen, wer das Denken verlernt hat.
›Aber ein Wurm, ein Fisch, ein Vogel?‹ Habt ihr denn nicht gehört, nicht gesehen, daß bei allen diesen Tieren das Männchen, wenn es um das Weibchen wirbt, in hellen Farben schillert?
Sieh den Täuber, wie er sich fein macht, wenn er die Taube umgirrt! Sieh den Hengst, wie er sich trägt, Kopf und Schweif und Rücken, um der Stute zu gefallen; die Katze, wie sie für ihre Jungen sorgt! Jedes Vöglein mit seiner rührenden, aufopfernden Mutterliebe; die Ameisen mit ihrem Seelenleben und ihren sozialen Einrichtungen; — und all diese Geschöpfe sollen seelenlos sein?
Ich sage euch, es geht durch das ganze All ein Geist der Liebe, von dem wir alle, Kaiser und Knecht, täglich, stündlich nur in Demut lernen können.
Und nun denkt an zwei Menschen, die sich lieb haben, — — wie das von einem zum andern hinüberflutet, unmeßbar, unsichtbar und doch so allgewaltig, wie zwei Ströme, die, sich zu einem vermischend, zusammenfließen.
Sagen wir nicht selbst: ein Herz und eine Seele? Gesehen hat sie keiner, aber da ist sie; denn sonst könnten wir sie nicht spüren.
Und selbst der, der sie nicht spürt, ist nicht seelenlos. Er hat wohl nur verlernt, ihr Leben zu spüren, in der Not und Hast des Tages, vielleicht auch im Dunst von Tabak und Bier. Aber auch er hat eine Seele. Habt nur Geduld mit solchem Menschen; klopft immer wieder mit Liebe auf den Stein — mit einem Male leuchtet sie aus ihm heraus, wie ein Feuerschein. Vielleicht kam es nur daher, daß seine Seele[S. 191] noch zu sehr mit Bierdunst und Zigarrenqualm überzogen war, durch den sie nicht so recht zu uns dringen konnte, wie die unsrigen nicht zu ihr.
Schaut, wohin ihr wollt, und ihr werdet den Geist, die Seele der Welt, erkennen!«
Ich hatte mich ganz warm geredet vor Eifer.
Gleichsam als wollten sie sich dankbar für die Fürsprache beweisen, schossen einige Delphinehepaare in ihren eleganten Bogensprüngen fröhlich neben dem Schiffe hin.
Unser Magyare, der, ohne daß ich es bemerkte, unser Gespräch mit angehört hatte, trat offenherzig auf mich zu, reichte mir seine Hand und sagte beschämt: »Ich erkläre mich für besiegt und will mich bessern! Nun bitte ich die Gesellschaft, mir nicht länger zu zürnen wegen meiner Unbedachtsamkeit.« Wir verziehen ihm alle aufrichtigen Herzens. Allein er blieb uns doch ein Fremder. Es lag eine Kluft zwischen seinem Empfinden und unserem. Und die trennte uns, so sehr wir uns Mühe gaben, eine Brücke zu schlagen.
Als ich am folgenden Morgen nach dem Bade in meine Kabine trat, lag, sauber auf Papier gebettet, ein fast fußlanger fliegender Fisch auf meinem Sofa. Ich hatte den freundlichen Geber richtig erraten: unser erster Offizier hatte den Fisch bei seinem morgendlichen Rundgang auf dem Deck gefunden. Der arme Schelm hatte seinen allzu kühnen Sprung aus den blauen Fluten mit dem Leben bezahlen müssen. Aber welch zarte Aufmerksamkeit von unserem rauhen und doch so weichherzigen Ostfriesen.
Zum Frühstück prangte der Fisch, delikat gebraten, auf unserer Tafel, und da er auf meinem Platz stand, hatte ich das Vergnügen, auch noch den gütigen Gastgeber spielen zu können. Unter Lachen und Scherzen erhielt jeder Fahrgast sein Stückchen, und alle fanden, daß es eine äußerst wohlschmeckende Speise sei. Für die Segelschiffer bilden diese Fische in der Tat einen höchst erfreulichen Leckerbissen und gleichzeitig eine sehr gesunde Abwechslung in der eintönigen Schiffskost.
[S. 192]
Seltsam, wie sich auf diese Weise selbst auf dem unwirtlichen Meere wieder der Geist dieser wunderbaren großen Liebe offenbart, deren Größe wir nie ergründen können.
Gegen Mittag begann von neuem das Spiel der Delphine. Fast schien es, als ob es die nämlichen Tiere vom Tage vorher seien. So waren sie uns alte Bekannte.
»Ob die beiden dort wohl eine andauernd glückliche Ehe haben,« fragte plötzlich unsere junge Freundin, auf ein fröhliches Delphinenpaar weisend, die in schlanken Bogen die blauen Fluten durchschnitten. »Oh, — ich habe eine Idee: — wir setzen uns hier zusammen in die Sonne, und jeder erzählt uns, da die Delphine nicht sprechen können, von daheim, von seinen Schicksalen, seinem Lande und seiner Regierung, und da wir Deutschen nun einmal das Volk der Dichter und Denker genannt werden, so soll es jedem freistehen, uns seine Dichtungen vorzulesen, aus denen wir seine Erlebnisse ersehen können. Fliegen wir wieder auseinander, — nun, so werden wir uns wohl kaum wiedersehen. Aber durch die Mitteilung dessen, was wir erlebt haben, sammeln wir die Erfahrungen der anderen ein, erleben ihre Empfindungen mit und werden so reicher, weiser, klüger — und vielleicht,« fügte sie schelmisch lächelnd hinzu, »immer noch ein wenig besser. Schöner können uns die Tage der Ozeanfahrt nicht vergehen. Und werden wir heute nicht fertig, desto besser, so fahren wir morgen fort. Hier hat keiner von uns Eile. Und es ist ein Labsal für die Seele, in unserem heutigen Kulturleben einmal nicht hetzen zu brauchen. Kein Telephon, kein Telegramm kann uns hier abrufen. Nicht wahr, Herr Doktor?« wendete sie sich neckend zu mir. Ich konnte ihre Ansicht nur bestätigen und dehnte mich wohlig in meinem Madeirastuhl.
»Wer soll beginnen?« »Der Jüngste fängt an.« Der jüngste Passagier war immer der Neuhinzugekommene. So war's dieses Mal mein Findling.
Ich war gespannt, weiteres von ihm zu hören, soviel ich nun auch schon von ihm wußte.
»Ich bin Österreicher von Geburt,« begann er, »und war Arzt in der schönen Kaiserstadt an der Donau, in Wien. Eines Tages wurde[S. 193] ich in ein rebenumsponnenes Häuschen der Vorstadt gerufen zu einem kranken, jungen Weibe von seltener Schönheit. Bald erkannte ich, daß ihre Seele noch kränker war als ihr Leib. Ich erfuhr ihre Geschichte, ihr Leid. Sie entstammte einem der ältesten Adelsgeschlechter des Landes. Ihre Eltern waren früh gestorben und hatten ihr nichts hinterlassen als eine Seele, wie eine Blume, ein Gemüt, wie ein Bergsee, — oh, mein Gott, wohin verliere ich mich!« Ich sah, wie er mit sich kämpfte, um nicht weich zu werden.
»Hatte sie denn niemanden auf der Welt,« fragte unsere Badenserin? »Doch,« — fuhr unser Österreicher fort, »eine Schwester, die frühzeitig nach dem Tode der Eltern nach Baden ausgewandert war, und die dann verschollen blieb. Wenigstens hatte kein Brief sie in den letzten Jahren erreicht.«
Unsere junge Freundin errötete. »Weiter, weiter,« fragte sie mit Augen, die die Worte von dem Munde des Erzählers wegsaugen zu wollen schienen.
»Man sagte, sie sei in Heidelberg mit einem Studenten, der sie in seine Netze gelockt hatte, auf und davon gegangen.
Als nun das arme Weib so verlassen in der Welt stand, das Herz voll Sehnsucht nach Frieden, Liebe, Kunst, Schönheit, Glück, näherte sich ihr ein Mann, ebenfalls aus altadliger Familie, der ihr vorspiegelte und vielleicht selbst davon überzeugt war, daß er sie liebe. Sein Vater war großer Brennereibesitzer. Er selbst hatte zu Hause nicht guttun wollen, war in der Welt herumgefahren, Kognakreisender geworden, war in Australien gewesen, hatte in den Spelunken in Melbourne Whisky verkauft, war dann nach Österreich zurückgekehrt und sollte nun, als Träger des alten Namens, ein geordnetes Leben beginnen.
Sie vertraute seinen Versprechungen und Beteuerungen. Die Eltern waren anfangs dagegen. Endlich heirateten sie. Das Ende vom Liede? Sein elterliches Erbe war bald vertan. Auf dem Gelde, an dem das Elend von Hunderttausenden klebt, ruht kein Segen. Aber zerstörend hatte der Unhold auf dieses einzige Weib gewirkt. Selbst krank durch seinen liederlichen Lebenswandel, hatte er sie mit erkranken gemacht. In die gemeinsten Spelunken hatte er sie unter Drohungen und schändlichem Zwang geschleppt, die niedrigsten Zumutungen[S. 194] hatte er an sie gestellt: Zeugin zu sein seiner Freundschaften hinter bier- und schnapsduftenden Schenktischen.
An Leib und Seele gebrochen fand ich dieses Weib vor. Durch eine Operation auf Leben und Tod gelang es, sie von ihrer schmachvollen Krankheit zu heilen. Allein ihre Seele blieb wund. Der tägliche Kampf mit der Gemeinheit drohte sie aufzureiben.
Das Leid eines Weibes ist das Leid eines Teiles der Seele der Welt. Ich habe nie ein Weib weinen oder leiden sehen können, ohne selbst auf das schwerste mitzuleiden. In dem Leide dieses Weibes litt ich das Leid der Welt, und um dieses ihres Leides willen liebte ich sie, liebte in ihr die leidende Menschheit, liebte in ihr das Leid der Welt. —
Da starb eines Tages der Mann. In der Trunkenheit war er eine steile Treppe, die zum Donauhafen hinabführte, hinunter gestürzt und hatte das Genick gebrochen. Sie sah blaß und müde aus, als ich kam, und doch lag in dem unendlichen Liebreiz ein Hauch auf ihrem Antlitz, der mich immer an die Heimat erinnerte, der die ganze Fülle jenes geheimnisvollen Zaubers auslöste, der, wie leise violetter Heideschimmer, sich als Erinnerung über unsere Jugendzeit legt, die Zeit der ersten Liebe, zart verhüllt, zu neuem Leben erweckt. Und ihre Stimme klang mir wieder wie eins jener weichen, zarten, schwermütigen Lieder, die sie mir einstens sang, wenn ich in den traurigsten Stunden meines Lebens zu ihr ging, um in ihrer Nähe für eine Stunde mein Leid zu vergessen, ihr helfend, das ihrige zu vergessen.
Als das Gesetz es erlaubte, hielt ich um ihre Hand an.
Von Tag zu Tag erkannte ich mehr, daß ich mich in ihr nicht getäuscht hatte, als ich sie zur Lebensgefährtin erwählte, daß alles Unnatürliche, alles Gezwungene nur Folgen der voraufgegangenen Leidenszeit waren.
Oft war es mir, als ob sie in ihrem Inneren mit einer bösen Macht kämpfe. Nur Toren verzagen im Kampfe gegen das Böse und schelten auf die Erbsünde, daß sie uns erdrücke und herunterzöge. Bei Schwachen mag sie es tun, den Starken aber ist sie die Prüfung zur Kraft, die Treppenstufe zur Vervollkommnung, zur Höhe. Nicht das Sündigen an sich ist Schwäche, — nur das Untergehen, das sich Untergehenlassen in der Sünde, das ist Schwäche, das ist Sünde, das ist der Tod.[S. 195] Das ist eine billige Tugend, die tugendhaft bleibt, weil ihr die Gelegenheit oder die Kraft zum Sündigen fehlt. Aber die Wollust der Sünde gekostet haben, mit der Schlange gespielt haben, und sie dann doch überwinden, sich losreißen aus den zuckenden Umwindungen der Überwundenen, und nun Stein um Stein empor, bis zur Höhe, bis dahin, wo wir uns eins fühlen mit Ihm, — das ist herrlich, — das ist die Lösung, auf deren Höhe wir es jauchzend singen hören: Tod, wo ist dein Stachel — Hölle, wo ist dein Sieg!
Und ihre Seele war groß. Ihre Seele war sie selbst, denn sie selbst war ganz Seele. Und groß wie ihre Seele war ihre, unsere Liebe. Unsere Liebe hatte nichts Selbstsüchtiges; die Liebe zueinander war gleichsam nur das Gefäß, das unsere Liebe zur leidenden Menschheit barg. So war es nur zu natürlich, daß sie in kurzem die gute Fee meiner Armen und meiner Kranken wurde.
Da sie immer wieder kränkelte, siedelte ich mit ihr nach Madeira über. Hier verlebten wir Zeiten seligsten Glückes. Schon hoffte ich auf vollständige, endgültige Genesung. Wie eine seltene Blume, die liliengleich aus Schutt und Moder erblüht, entfaltete sich ihr Geist. Aber ihre Krankheit saß doch schon zu tief, oder unser Glück war zu groß; nach einer kurzen Spanne Zeit wurde sie mir durch den Tod entrissen.« —
»Und ich bin ihre Schwester!«
Schluchzend lag die Badenserin zu Füßen unseres Erzählers. Schluchzend, abgerissen erzählte sie, wie ein Student ihr vor wenigen Jahren Liebe vorgegaukelt, gerade als die Eltern gestorben waren; sie sei ihm von Wien nach Heidelberg gefolgt. Sie habe versucht, ihn zu halten, er aber habe sie in sein leichtsinniges Leben mit hineinziehen wollen. Da habe sie der Ekel erfaßt, sie habe sich von ihm losgesagt und habe ihr Lehrerinnenexamen gemacht, um auf eigenen Füßen zu stehen. Nun sei sie mit dem jungen Lehrer, dem treuen Berater ihrer Studien, der auch in der Neuen Welt das Glück versuchen wolle, hinübergefahren.
Da reichte unser Freund ihr eine Anzahl Blätter hin: — »Hier, nimm diese, als Erbteil deiner Schwester. Es sind die Lieder aus der Zeit unseres Glückes.« Sie aber nahm die Blätter und schaute still über das Meer, als suche sie die Lösung all dieser wunderbaren Schikkungen.[S. 196] Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Dann stand sie auf und ging fort. Man sah, sie brauchte Einsamkeit.
Wir anderen saßen noch lange schweigend beieinander. Als ich am Abend, träumend von all den Erlebnissen des Tages, in meiner Kabine saß, klopfte es, und herein trat mein Findling und die junge Badenserin. Auf beider Antlitz lag ein Hauch von Frieden und reinstem Glücke. Es bedurfte keines erklärenden Wortes: ihre Seelen hatten sich gefunden.
»Sie haben mir mein Lebensglück aufs Schiff gebracht, Doktor,« sprach sie —, »so nehmen Sie die Lieder, die meiner verstorbenen Schwester gehörten, und bewahren Sie sie als ein Dokument aus der Vergangenheit und zur Erinnerung an ringende Menschenherzen. Wir aber wollen der Gegenwart gehören und der Zukunft leben.«
Lange noch saßen wir drei zusammen in traulichem Gespräch, das mir den feinen Geist und das tiefe Gemüt dieser beiden Menschen, die sich hier auf dem Schiffe so wunderbar gefunden hatten, in seltsamer Weise offenbarte.
Ich aber freute mich von Herzen dieser Fügung.
Als sie gegangen waren, las ich in meiner Kabine die Lieder und durchlebte dabei das Ringen zweier Seelen mit der Sünde und der Liebe.
Und während ich sie las, dachte ich daran, wie mein neuer Freund von dem Weibe stets als von der Seele der Welt sprach. Ich aber dachte an daheim und an diejenige, die die Seele meiner Welt, die Sonne meines Hauses war.
Und dann dachte ich wiederum, wie die Sonne gleichsam die Seele der sichtbaren Welt sei, und wie sie hier auf dem Ozean alles beherrschte, gerade wie Gott die Seele des Weltalls ist, die das Weltall durchdringend beherrscht. Und gleichzeitig mußte ich daran denken, daß noch niemals das Weib an sich so viel Raum in meinem Denken und Empfinden eingenommen hatte, wie hier auf dem Ozean. Kam es daher, weil hier draußen auf dem Meere die Sonne herrschte, daß das Weib als die Sonne des menschlichen Lebens die Gedanken an das Elend in den Schatten drängen wollte?
Es ist schon so. Die Liebe eines reinen, warmherzigen Weibes ist für den Mann der Himmel auf Erden. Wehe dem Ärmsten, der diese[S. 197] Himmelsgabe nie gekannt, — und wehe dem, der sie besessen, aber nicht erkannt und von sich gestoßen hat.
Aber dreifach wehe dem Weibe, das seine Aufgabe, die Lebenssonne des Mannes zu sein, nicht begriffen hat oder vergißt!
Sie verstößt gegen die Naturgesetze und bricht die Ehe, indem sie den Mann aus seinem Gleise treibt, wie die Erde ihre Bahn verlassen würde, wenn die Sonne nur auf einen Augenblick — nicht die Sonne wäre! —
Dieses Weib war eine Lebenssonne für den Mann gewesen. Sie hatte ihre Aufgabe erfüllt. —
Ich legte die Lieder zwischen die Blätter meines Tagebuches, wie man Rosenblätter zwischen die Blätter eines lieben Buches legt. Mag sie dort nach meinem Tode finden, wer will, und sie lesen, wer will. Mir waren sie Dokumente der Kämpfe zweier sich zum Guten und zueinander sehnenden Menschenherzen.
Am anderen Morgen erscholl vom Vorderdeck Gesang und Kling-Klang. Einer unserer spanischen Auswanderer hatte sich bei einem der Maschinisten einen Schleifstein erbettelt, und nun ging ein lustiges Schleifen los an Beil und Messer, an Sense und Sichel, Spaten und Säge. Oh, es ist etwas Herrliches und Großes um Menschen, die ihr Vaterland größer machen wollen, damit Raum wird für die Kinder ihrer Liebe! Jeder einzelne, der der alten Heimat in diesem Sinne den Rücken kehrt, ist ein Held, ein Großer und Freier, den seine Enkel deswegen noch dankbar feiern müssen.
»Weswegen seid ihr eigentlich aus dem Lande gegangen,« fragte unser Österreicher das Lüneburger Ehepaar; »ich dachte, in eurer Heide wäre noch Platz genug.«
»Unser Hof lag an der Grenze der Petroleumbezirke. Der Qualm der Schornsteine, der Lärm, der von den Bohrtürmen ausging, die Abwässer, die unseren Forellenbach vergifteten, die polnischen Arbeiter, die betrunken Sonntags unsere Dörfer unsicher machten, die Unzahl polizeilicher Bestimmungen, mit denen man uns in unserer freien Heide das Leben sauer machte, all das hat uns bewogen, die alte Heimat aufzugeben. Sauer genug ist uns der Entschluß geworden. Aber[S. 198] wir hoffen von der Tätigkeit unserer Arme besten Erfolg in neuen, freien Weiten. Unsere Heide ist schwer zu bearbeiten, ihre Schönheit schwer zu begreifen; aber hat man ihren Zauber erst erfaßt, dann läßt er einen auch nicht wieder los.
Und wie es mit unserer Heide geht, so geht es auch mit unseren Menschen. Schwer ist ihre Liebe zu erringen, — nicht wahr, Schatz?« und dabei legte er seinen Arm zärtlich um den Nacken seines Weibes und zog sie an sich, während sie ihn voll Liebe anlächelte, — »aber wenn sie sich erst einmal lieb gewonnen haben, dann trennt sie auch nichts mehr in der Welt.
Und wie es mit den einzelnen Menschen geht, so geht es der Regierung mit dem Volke. Und das ist der Grund, warum wir Hannoveraner noch immer nicht unser altes Welfenhaus vergessen können, soviel die preußische Regierung auch für unser Hannoverland getan hat. Anstatt unsere Liebe zum angestammten Herrscherhaus zu verfolgen und zu vertilgen, hätte sie unsere Treue ehren und verstehen sollen, das wäre klüger und besser gewesen.
Eine weise und liebevolle Stiefmutter ehrt die Liebe der Kinder erster Ehe zu der verstorbenen Mutter und hegt und pflegt ihr Andenken. Gerade dadurch erwirbt sie sich am ehesten die Liebe der fremden Kinder und bringt wieder Sonnenschein in das durch den Tod durchkältete Haus. Eine neue Regierung ist wie eine Stiefmutter. Mag sie an diesem Beispiel aus unserem Menschenleben lernen. — Wie einst bei uns in Hannover, so geht's wohl überall in der Welt, — in Elsaß und Lothringen nicht anders als in unseren Kolonien, — schließlich ist die Liebe doch eine stärkere Macht, als alle Schneidigkeit und Waffengewalt.«
»Hätte Bismarck 1866 seinen Willen gegen die preußischen Junker durchsetzen können,« warf der Rheinländer dazwischen, »ihr Hannoveraner hättet damals schon eine andere Verfassung nach eueren Wünschen erhalten. Denn unser großer Kanzler war nicht nur der Mann mit der eisernen Faust, sondern ebensosehr der Mann mit dem großen Herzen voll Liebe und Gerechtigkeit.« —
Es waren widerstreitende Empfindungen, die die Worte des Lüneburgers in mir auslösten. Die geschichtlichen Notwendigkeiten haben sicher für die Nächstbeteiligten Härten im Gefolge, die nur schwer verwunden[S. 199] werden, — aber seltsam, — gewisse Ideengänge liegen gleichsam in der Luft, wie Düfte im März, von denen alle Wege, alle Felder erfüllt sind, — an denen wir merken, daß der Frühling kommt. — Ist es das, was den Zeitgeist ausmacht, den »Geist der Zeit?«
Dann wäre das, was der Lüneburger uns da eben erzählte, ein Zeichen des Geistes, der nach Liebe hungert.
Bismarck hatte diesen Geist der Zeit damals begriffen, — oh, er war gut und groß, und seine Taten entsprangen einzig aus dem Geiste der Liebe, der Liebe zu seinem großen deutschen Vaterlande.
Doch der Haß und die Selbstsucht und die kleinliche Gesinnung jener preußischen Junker, die heute noch so viel Unheil bei uns anrichten, die lähmten selbst dem Starken damals den Arm zur Tat im Geiste der Liebe! —
Wenn aber ein Volk nach Liebe hungert, so ist es ein Zeichen, daß es nach Leben hungert! Nach dem höchsten Leben!
Ihr Könige, gebt acht, daß ihr diesen Liebeshunger eurer Völker nicht vergeßt! Sonst sterben sie ab, und ihr mit ihnen! — — —
»Du bist schuld mit deinen ernsten Auseinandersetzungen,« schmollte sein Weibchen, »daß sich diese Schweigewolke auf unsere Gesellschaft niedergelassen hat. Nun will ich versuchen, deinen Fehler wieder gutzumachen, und Ihnen, wenn's allen genehm ist, ein Märchen vorlesen, das ich mir zur Erinnerung an die Heimat mit aufs Schiff genommen habe, und das Ihnen, was mein Schatz da soeben berichtet hat, vielleicht noch ein wenig weiter erläutert und Sie den Zauber unserer geliebten Heide ahnen läßt.«
Ein Lied von der Heide, voll Sonne und Heimatduft, das war freilich verlockend hier draußen auf dem wogenden Ozean. So begann sie mit ihrer weichen Stimme, die bei dem Vortrage der eingestreuten Lieder wie seltsam feine Musik klang, »das Märchen aus der Heide«.
Und wie sie las, flutete es über den Ozean von der Heimat her, wie starker Heideduft. Alle Entfernung schwand. Ich war daheim, daheim im Vaterland! Das war der Dichtung Zauber! — —
[S. 200]
Vor meinem geistigen Auge tauchte die Heimat wieder auf mit ihren Tannenwäldern, ihren Mooren und Heiden. Ich sog den kräftigen Tannenduft und den Erdgeruch der frischgepflügten Felder ein, den feinen Rauchdunst, der im Frühling beim Westwind von den ostfriesischen Mooren zu uns herüberweht, wenn sie dort das Moor brennen. Ich vergaß den Atlantischen Ozean. Ich hörte nicht mehr die spanischen Lieder vom Vorderdeck und das Schleifen der Spaten!
Im rötlichen Heidekraute lag ich draußen in einsamer Heide. Sengend brannte die Sonne auf mich herab. Da schlief ich ein, vergaß die Welt und Haus und Hof. Mir war's, als ob ich glühende Küsse spürte. War das ein Weib? War's die Sonne? Feuer durchrieselte meinen Leib. Ich fühlte, wie ich wuchs, neue Kräfte durchfluteten meinen Körper, — endlich erwachte ich. Ich lag noch immer im Heidekraut. Glühend strahlte die Julisonne. Da sprang ich auf. Eine neue heiße Liebe hatte mich erfaßt, heißer als je, die Liebe zur Heimat. Und dann kam ich heim. Noch ganz trunken vom Sonnenrausch und seligem Wollen. Da kommt mir ein altes Mütterchen unterwegs entgegen. »Haben's schon gehört?« fragt sie mich mit erregtem, verstörtem Gesicht. »Ja, was denn?« »Die große Michaeliskirche in Hamburg ist abgebrannt.«
Blitzschnell liefen die Bilder vor meinem geistigen Auge dahin: ich sah die Jugendgeliebte, blond, züchtig, mit gesenktem Blick, das Gesangbuch in der Hand, zur Kirche wandern, den goldenen Zopf wie eine Krone ums Haupt gewunden. Ich sah den grünen Turmhelm aus der Ferne aus dem Stadtnebel zu uns in unser Gartenhaus draußen am Strome herüberschimmern und unter dem Helme die große Uhr mit ihrem vergoldeten Zifferblatte blinken. Ich hörte die Stimme meines Töchterleins: »Vater, heb' mich hoch, ich will die Uhr auch 'mal sehen!« — Und wieder sah ich uns, mein Weib und die Freunde, in der Kirche sitzen; durch ihre mächtigen Bogen hallten jubelnd und gen Himmel tragend die Orgeltöne, die Chöre der Bachschen Matthäuspassion. Und nun? Ich hörte im Geiste das Prasseln der Flammen, das Krachen der zusammenstürzenden Mauern. Fiebernd jagten sich die Bilder, — während ich träumend in der Heidesonne gelegen hatte, brannte in der Vaterstadt die Kirche nieder, die wir alle so liebten! — —
[S. 201]
»Doktor, wo sind Sie mit Ihren Gedanken?« — »In der Heimat,« erwiderte ich, — »das Heidemärchen hat's mir angetan.«
Da stand ich auf und ging auf das Kompaßdeck, hoch oben über dem Schiffe, um allein zu sein mit meinen Träumen und Gedanken.
Wunderlich, wie die Perspektive durch die Ferne wirkt. Durch das Heidemärchen war mir die Heimat vor die Sinne gezaubert, — aber wie ein fernes, grünes Land sah ich sie liegen, und wie auf sanftem Hügel hob sich aus dem Grün die Kirche mit ihrem Turme heraus. Deutlich sah ich sie vor mir liegen, die doch in Wirklichkeit in Trümmern lag. — —
Da war es mir, als müßte ich hier draußen auf dem Ozean die Kirche neu erstehen sehen, jetzt gleich, emporgewachsen aus dem grünen Boden der Heimat, aber größer, schöner als je zuvor.
Der unendliche, blaue Dom des Himmelsgewölbes, das sich wie ein azurnes Zelt über den weiten Ozean spannte, schien mir gerade groß genug, um den Tempel, den ich in meinem Herzen baute, aufzunehmen.
Hatte ich soeben den Zusammensturz der alten Kirche in meiner Erinnerung erlebt, mit deren Zusammenbruch gleichsam dieses ganze künstliche Gebäude verstaubter Dogmen in Asche zusammenstürzte, dieser künstlich zusammengestoppelten Lehren, die mit ihrem Moder lange genug die Herzen verstaubt hatten, so wuchs nun hier in dieser unendlichen Freiheit und Schönheit der Natur in meinem Geiste ein neuer Tempel empor und wuchs und wuchs, unendlich, wie der Geist dessen, der uns alle, der das All erfüllt, der eins ist mit dem All, und durch den wir eins sind mit dem All.
Ich wußte von der alten Orgel, die damals bei dem Brande der Kirche in Asche versank, daß geheime Kanäle unter dem Boden der Kirche hingingen, um zwischen den Emporen und den Reihen der Andächtigen zu münden. Nur einer außer mir kannte ihr Geheimnis. Von ihm hatte ich es erfahren. Alle Welt staunte nur über den Zauber, mit dem die alte Orgel den ganzen Riesenbau der Kirche erfüllte. Diese geheimen Kanäle waren die Lebensadern der Orgel. Durch sie strömte sie ihre Schallwellen, ihre Töne unter die Menge, andächtigen Zauber in ihr erweckend.
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Oh, mein Tempel, den ich der Menschheit baute, hatte auch solche geheime Kanäle, durch die der Geist des Tempels in die Menschheit strömen sollte. Und dieser Geist hieß Liebe!
Liebe, du bist die Mutter der Kraft!
Liebe, du bist die Mutter der Tat!
Liebe, sei mit uns! — — —
Verschwunden war der Heidetraum. Verschwunden Schiff und Atlantischer Ozean. Ich hörte nicht mehr das Singen und Kastagnettengeklirr vom Vorderdeck, nicht das Stampfen der Maschinen, noch das Wogen der kornblumenblauen Wellen rings um mich herum. Sehnsucht nach der Heimat hatte mit elementarer Macht den Wunsch entfesselt, gleichsam als ein Symbol der Heimat, die Kirche neu erstehen zu sehen. So träumte ich denn weiter, da oben, hoch über den Wogen des Ozeans: unser Leid über die Zerstörung der alten Kirche der Heimatstadt, ihren Wiederaufbau, ihre Einweihung; und halb im Traum, im Erinnerungsrausch, im Sehnsuchtsdrang nach daheim schrieb ich nieder, wie es mir kam. — —
Und siehe da: als es fertig war, wachte ich auf aus meinen Träumen. Vor mir lag der Text zu einem Oratorium für die Einweihung der neuerbauten Kirche. Und weil dieses Kind meiner Seele hier auf dem Ozean gezeugt und geboren ist aus der Liebe zur Heimat und zu den Menschen, so gehört es auch mit in meinen Reisebericht, — als ein Bindeglied im Geiste zwischen dem, der da draußen fuhr, und der Heimat, zu der ihn sein Sehnen trug.
Als ich nachts in meiner Kabine lag, sah ich im Traume wieder den abgebrannten Turm der alten Michaeliskirche. Ein riesiges Gerüst hatten sie um ihn gezimmert, mächtige eiserne Sparren in die Höhe geführt. Ja — es war offenbar — sie gaben sich alle Mühe, die durch Leichtfertigkeit zerstörte Kirche wieder aufzubauen.
Mir aber war es, als ob der Neubau keine Seele hatte.
Und dann versank alles in dunkles Schwarz. Es war Nacht. Plötzlich flammte es hell auf. In bengalischem Lichte erstrahlte das steinerne[S. 203] Standbild des großen Bismarck. Musik erscholl. Hurrarufen. Die deutschen Studenten brachten dem Eisernen einen Fackelzug. Da nahten sie schon. Wie eine Schlange mit tausend leuchtenden Schuppen ringelte sich der Zug durch die Finsternis herum um den Berg, vom Standbilde wiederum hernieder ins Tal. Dann erloschen die Fackeln, und in der Finsternis verschwand auch das Bild des Mannes der Tat.
Da hörte ich Gläser klirren und Brüllen von Kommersliedern, sah schwankende Gestalten und Dirnen in buntem Flitter und mit geschminkten Gesichtern, — und schließlich hörte ich Weinen, sah Jünglinge, die sich grämten und schämten über Grauen und Elend. — — — Der Geist der Tat war weggespült mit Bier. — —
Es war eine schlimme Nacht. —
Der Seewind und das Blau des Meeres waren meine Heilmittel, als ich erwachte. — — — —
Die Ruhe, die frische Seeluft und nicht zum mindesten die gute und reichliche Verpflegung hatten bei unseren Auswanderern Wunder gewirkt. Während der ersten Tage hatte eine Reihe von bleichen, mageren Frauen und Mädchen noch müde und matt in ihren Stühlen gelegen, aber die »soupe de galienas«, die Hühnersuppe, um die sie baten, und die ihnen freigebig gereicht wurde, und was wir ihnen von unseren Speisen, an Brot und frischen Früchten und Milch, brachten, hatte ihre Kräfte bald gehoben. Schon nach einigen Tagen röteten sich die Wangen, rundeten sich die Gesichter, die Augen erhielten wieder ihren Glanz, und bald mischte sich in den Gesang der Männer das Klingen des Stahls beim Schleifen ihrer Werkzeuge und das Klappern der Kastagnetten, und die bunten Röcke und blauen und roten Tücher der Tanzenden gaben im Umherwirbeln ein frohes, farbenprächtiges Bild.
Und wieder leuchtete mir die Sonne neue Hoffnung ins Herz. Ich dachte an daheim. Aus der weiten Entfernung schien mir unser ganzes Volk wie eine große, einheitliche Menge, wie ein Wald mit dichtem Bestand an Bäumen, wie das Heidekraut da draußen auf der Heide. Ich aber sah das Keimen und das innere Leben in unserem Volke in seinem feinsten Wurzelgeflechte.
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Oh, ich kannte Hunderte von jungen Volksschullehrerinnen und Lehrern, — nicht die im Dienste hart und grau gewordenen, — nein, fröhliche, frische Menschenkinder mit warmen Herzen. Die kannten auch diese feinen, zarten, hoffnungsreichen Triebe, die in den unschuldsvollen Kindern unseres Volkes schlummern, die aus den blauen Augen so frisch und freudig herausleuchten. — Kaiser, mein Kaiser, warum duldest du, daß so viele von diesen feinen und zarten und hoffnungsreichen Trieben im Elend verbittern und zugrunde gehen, und könntest sie retten mit deiner Macht! — — —
Heute war unser Rheinländer an der Reihe, von sich zu berichten. Er begann: »Man kann das Verhältnis zwischen Volk und Regierung sehr wohl unter dem Bilde einer Ehe betrachten, in welchem der Mann das Volk, das Weib die Regierung darstellt. Ebenso wie der schaffende Mann des Weibes bedarf, wie er durch das Weib erst die Ergänzung zum Vollmenschen erfährt, ebenso bedarf das schaffende, tätige Volk einer Regierung, die ihm den Bestand als Volk gleichsam gewährleistet. Wie eine prachtliebende und prunksüchtige Regierung ein Volk in Schulden stürzen kann, so wird ein verschwenderisches und putzsüchtiges Weib den fleißigsten Mann dem Bankerott zuführen.
Wie ein genußsüchtiges, rein sinnliches Weib den besten und gesündesten Mann stumpf und früh altern macht, so wird eine Regierung, der es nur auf ihre eigene Machtfülle ankommt, oder deren Ziele unklar sind, das intelligenteste Volk lahm und unlustig zum wahren Fortschritt machen. Das zeigen uns die romanischen Völker, vor allem aber die slawischen, am meisten Rußland. Und wenn unsere Spanier eine bessere Regierung hätten, dann brauchten vielleicht die Wackeren aus ihrem Lande, in dem sicher bei verständiger Verwaltung noch Platz genug ist, nicht übers Meer zu wandern.
Wie ich zu dieser Abschweifung komme? Ich will's Ihnen erzählen.
Ich bin von Hause aus Nationalökonom. Ich kam infolge meiner handelspolitischen Studien und sozialen Bestrebungen viel in das Haus eines unserer reichsten rheinischen Großindustriellen, eines klugen, energischen Mannes mit einem guten, warmen Herzen für seine[S. 205] Arbeiter. Sein Weib, von außerordentlicher Schönheit, war eine üppige Blondine, klug, kannte die halbe Welt, — aber sie war eine Kokette, kalt und sinnlich zugleich, eine Potiphar schlimmster Art.
Ich weiß nicht, wieviel Schuld an diesem Entgleisen ihres Empfindens der Erziehung ihrer Jugend im Elternhause zuzuschreiben war, wieviel vielleicht dem Umstand, daß ihr Mann, von seinen Bestrebungen und seiner Tagesarbeit völlig in Anspruch genommen, ihrem weiblichen Empfinden nicht genügend Rechnung trug.
So fehlte dem Hause, welches in seinem Reichtum und bei der Art des Mannes ein weithin leuchtendes Vorbild hätte sein können, der wahre innere Segen. Für den Mann empfand ich das tiefste Mitleid. Dieses Weib hatte es auf mich abgesehen.
Wenn, was nicht selten vorkam, einer der Leiter der sozialistischen Partei mit den glänzendsten Aussichten für eine ruhmvolle Führerrolle an mich herantrat, um mich für ihre Partei zu gewinnen, so mußte ich immer dieses dämonischen, in ihrem Wollen unklaren Weibes gedenken, — unklar und verführerisch wie dieses war auch das Bild der Herrschaft in dem zukünftigen Staate jener.
Sie wußte, daß ich die Absicht hatte, eine Reise um die Welt anzutreten.
Ich bin der Ansicht, daß unser Vaterland zu klein wird für unser schnellwachsendes Volk. In gut einem Menschenalter sind wir von 38 Millionen zu einer Nation von 63 Millionen Köpfen herangewachsen. Da habe ich mir die Aufgabe gestellt, selbst mich in der Welt umzusehen, wo noch Platz auf der Erde für uns Deutsche ist. Ich wollte zunächst nach Brasilien, von da nach Argentinien, Nordamerika, von dort nach Afrika und Australien. Nicht um den Erwerb neuer Kolonien zu planen. Unser Platz ist überall da, wo Spaten und Pflug einsetzen können, wo Schafe und Rinder gedeihen, wo der Mensch in der Bearbeitung des Bodens leben und gedeihen kann. Unser Vaterland soll seine Kinder so erziehen, daß sie, wenn sie in fremde Länder gehen, die Gesetze dieser Länder achten und ehren, und doch nicht vergessen, daß deutsches Blut durch ihre Adern fließt. Die Leute sollen Korn und Früchte bauen; das Vaterland wird ihre Ernten mit seinen Schiffen nach Deutschland schaffen und ihnen für das, was sie dem Erdboden[S. 206] entraffen, Werkzeuge, Kleider, Bücher, und was die Industrie nur schafft, liefern. So werden wir ein stetig wachsendes Volk sein, froh, gesund, reich und kraftvoll nach innen und außen.
Eines Abends kam ich früher als der Hausherr. Frau Potiphar, so will ich sie nennen, saß am lodernden Kamin. Der rote Schimmer einer Lampe überflutete die herrliche Gestalt. Sie bot mir einen Platz neben ihrem Sessel. Schweigend saßen wir eine Weile. Ich sah, wie ihre Augen die meinigen suchten, während ich in die knisternden Flammen sah. Plötzlich fiel sie mir zu Füßen, überschüttete mich mit Liebesbeteuerungen und geriet, als ich kühl und gelassen blieb, in eine Art Liebesraserei, so daß ich mich ihrer nur mit Aufbietung aller meiner Kräfte erwehren konnte. Ich solle bleiben, sie wolle es, sie könne nicht ohne mich leben, ich solle nicht die weite Reise machen, — fast hätte sie Gluten in mir entzündet, die nicht entzündet werden durften. Ich aber riß mich los, um die Aufgabe, die ich mir für mein Volk gestellt, zu erfüllen.«
Als unser Rheinländer geendet hatte, herrschte einen Augenblick nachdenkliches Schweigen in unserem Kreise. Es lag wie eine stille Anerkennung auf aller Gesichter für unseren wackeren Reisegefährten, der so unbeirrt durch die Lockungen der Welt sein Ziel verfolgte.
Plötzlich horchten wir auf. Die Luken, die zum Maschinenraum führten, standen der Hitze wegen weit offen, und da wir in der Nähe saßen, so hörte man, wenn es bei uns still war, und unten laut gesprochen wurde, fast jedes Wort.
Die Maschine ging leise ihren Takt. Das Kohlenschaufeln war eingestellt. So konnten wir deutlich das Lied vernehmen, das eine kraftvolle Männerstimme, offenbar die eines der Heizer, trotzig in den Raum hinaussang:
Armer Bursche, — welch Leid hat dich wohl solch ein Lied gelehrt? — Das war nicht nur der Liebe Leid! Fast klang es wie Haß gegen alles Bestehende.
Grimmig schurrte die Kohlenschaufel, — ich hörte, wie der, der sie handhabte, heftiger als sonst die Kohlen ins Feuer warf. Krachend flog die Feuertür des Kessels ins Schloß.
Dann war es stille da unten. Nur die Maschine sang ihr gleichmäßiges Lied von der Arbeit.
Der Sachse brach zuerst das Schweigen, das sich schließlich fast beklemmend unserer bemächtigt hatte.
»Ich will mich kurz fassen,« begann er. »Mir ist es ähnlich wie unserem Freund Rheinländer gegangen, — und doch um vieles anders. Ich bin eines Weibes wegen über See gegangen. Sie war klug, schön, edel, — wie kaum eine; ihr Mann, soweit ich sehen konnte, ein vortrefflicher Mensch. Aber aus einem Jugendfehltritt war ihm ein Kind entsprossen. Das hatte er ihr beim Eingehen der Ehe verschwiegen. Ihre Ehe selbst war kinderlos — eine Folge jener Liebschaft.
Eines Tages schrieb die verlassene Geliebte an seine Gattin und bat sie um Unterstützung für das kränkelnde Kind. Da fing sie an, den[S. 208] Mann zu hassen, — nicht, weil er ihr seine Vergangenheit nicht offenbart hatte, sondern weil er sich um sein Kind, sein Fleisch und Blut, nicht besser kümmerte. Und ohne daß er es wußte, half sie der armen Verlassenen mit ihrem Kindchen, sparte für dasselbe und sorgte für beide in rührendster Weise. Da ging ihre Liebe wandern.
Wir fühlten es, wie unsere Seelen zueinander drängten. Aber wir wollten nicht aus dem Gleise der Pflicht heraus. Ihr Händedruck, als ich von ihr Abschied nahm, um übers Meer zu fahren, sagte mir zur Genüge, daß wir uns voll und ganz verständen.
Nun warte ich ab, wohin der Zufall mein Lebensschifflein steuert. Ich habe meinen Abschied genommen, bin frei und ledig, gesund und arbeitsfroh, — irgendwo wird mir mein Glück ja wohl blühen.«
Sein männlich schönes Gesicht leuchtete voll zuversichtlicher Hoffnung bei diesen Worten. —
Es war ein eigen seltsamer Genuß, dieses Ineinanderaufgehen und Sichmitteilen. — — —
Vom Vorderdeck klang leise ein spanisches Lied in schwermütiger Weise. Unser Schiff glitt sanft durch die dunkelblaue Flut. Ich stand am Steuer und schaute in die Richtung der Heimat. Wie Abendglocken klang es in meiner Seele.
Als ich auf meinem Lager lag, führte mich der Traum heimwärts, und von einer lieben, lieben Stimme hörte ich das Lied:
Ich sah mein Weib an ihrem Flügel sitzen, das Fenster war geöffnet. Durch die Blumen, die auf der Fensterbank standen, zog milde Frühlingsluft. Aus dem Garten tönte Kinderjubel in das Lied hinein.
Mit einem Herzen voll Sehnsucht erwachte ich. Wie hatte ich je verzagen können! Ich hatte eine Heimat! Eine sonnige, liebedurchflutete Heimat! Kein Mißton, kein kalter Hauch trübte die Quelle der Kraft, — so konnte und durfte diese nie versiegen.
Es war mir, als ob mir die Bedeutung des Weibes und der Heimat für den Mann noch nie so klar geworden sei, wie hier, fern von der Heimat, draußen auf dem weiten Ozean, und ganz besonders nach den Erlebnissen der letzten Tage mit ihren Erzählungen und Beichten. Klarer als je war es mir: das Weib ist die Seele der Welt, die Sonne unseres Seins! — —
Auf dem Vorderdeck wurden eifrig Pläne geschmiedet. Einige der Auswanderer wollten mit uns den Amazonenstrom aufwärts, andere von Pará südwärts, nach Ceará und Pernambuco. Wie Samen streuten sie sich über das weite Land. Auf dem Promenadendeck, in einer schattigen Ecke, saßen unsere Magyaren mit dem deutschen Weinhändler aus Bordeaux — und spielten ihren Skat. Für sie gab es keine Biskaya, für sie keinen Atlantischen Ozean, keine Sorge und Liebe ums Vaterland, um ihr Volk. Sie tranken ihr Bier und spielten ihren Skat. So ist der Philister. Sein Horizont reicht nicht weiter, als der Rand seines Bierglases, seines Portemonnaies, im[S. 210] besten Fall bis zur Türe seines Hauses. Was Wunder, daß die erschreckend große Zahl dieser Sorte von Menschen, die sich in allen Ständen findet, unter den Handwerkern, wie unter den Geheimräten und Ministern, im Gemeinderat des Dorfes, wie im Reichstag, in steigendem Maße zu einem Hemmschuh, ja, geradezu zu einer Gefahr für unsere Kultur wird.
Während unser Trio von Zeit zu Zeit ein Stöhnen über die Hitze laut werden ließ, labten wir uns in unserem Kreise an der herrlichen Sonne. Die Freunde waren längst meinem Rate gefolgt, hatten mit der zunehmenden Wärme sich in steigendem Maße des Fleischgenusses enthalten — Wein und Bier hatte schon längst keiner mehr angerührt — und hatten sich durch regelmäßige Sonnen- und Luftbäder oben auf der Kompaßbrücke derart an die Tropensonne gewöhnt, daß sie sie ebenso wie ich, nur noch als wundersame Lebensweckerin empfanden.
So saßen wir denn wie gewöhnlich in trautem Kreise beisammen. Ich sollte erzählen von mir, von daheim, warum ich auf die Reise gegangen sei.
Da berichtete ich ihnen denn, wie ich müde geworden war in meinem Kampfe gegen das Elend und die Krankheiten und die Dummheit der Menschen. Und wie ich keine Hoffnung und keinen Glauben an die Menschen mehr gehabt hätte, weil ich tagtäglich gesehen habe, wie mit der Zunahme unserer Kultur das Elend, anstatt abzunehmen, riesengroß wuchs.
Aber durch die Erlebnisse der letzten Tage sei es mir so recht klar geworden, welch unerschöpfliche Quelle der Kraft für den Mann in einer liebevollen, geordneten Ehe und in einer Heimat läge, in der der Mensch wirklich wurzele. Noch niemals hatte ich das eigene Glück im eigenen Hause so warm und lebendig empfunden, wie am gestrigen Tage bei den Erzählungen der Freunde.
Und nun berichtete ich ihnen, von der Erinnerung an daheim und von der Sehnsucht getragen, von meinem Weibe, von meinen Lieben, meinen blonden Mädeln und meinen flinken und starken Jungen, wie sie mit der Armbrust zu schießen verständen, und wie geschickt sie ihre Schiffe bauten. Und von allem und jedem erzählte ich, und wenn[S. 211] ich's nicht tat, war des Fragens kein Ende. Alles wollten sie wissen. Sie hungerten förmlich nach dem Sonnenscheine meines Hauses. Und wie ich ihnen davon erzählte, wurde mir das eigene Glück so recht im Innern lebendig und erfüllte mich so ganz und gar mit Sonnenschein, daß ich schließlich durch die offene Tür in die Kajüte trat, in der das Klavier stand und jubelnd das Lied anstimmte, zu dem ich den Text gedichtet und mein Weib die Melodie komponiert hatte.
Und wie ich das alte Lied, das vor langen Jahren mein Lieblingslied gewesen war, mir vom Herzen gesungen hatte, da wuchs wiederum mein Mut, das Vertrauen in meine Kraft und mein Glaube an die Menschheit! Gewiß, — viele waren noch verblendet in Kurzsichtigkeit und Gehässigkeit, — aber stammten diese Fehler nicht vorzugsweise aus Unkenntnis und mangelhafter Erziehung her? Nun, Unkenntnis und mangelhafte Erziehung lassen sich abhelfen. Und schließlich waren es doch nur untergeordnete Mächte, die sich dem Fortschritte entgegenstellten. War nicht das Verhältnis der Regierung zum Volk in meiner Heimat ein ähnliches, liebevolles, fruchtbringendes, wie in unserer Ehe zwischen mir und meinem Weibe?
Hatte die Regierung mir nicht alle die Jahre treulich geholfen mit unermüdlicher Hergabe großer Summen, um Häuser zu bauen für meine Armen?
Waren es nicht nur die engherzigen, beschränkten, selbstsüchtigen Philister gewesen, die sich meinem Werke entgegenstellten, aus Angst, daß sie vielleicht ein paar Mark mehr Steuern bezahlen müßten, wenn sie der Kinder der Armen wegen eine neue Klasse anbauen, vielleicht sogar eine neue Schule einrichten müßten? Oder daß ihre Mietskasernen vielleicht einmal leer stehen könnten? Oder daß sie bei dem Bau der Arbeiterwohnungen statt Tausende nur Hunderte verdienen könnten? Oder, noch törichter, daß in der Nähe der Villen der Reichen zu viel Sozialdemokraten zu wohnen kämen, deren Kinder dann Lärm machen könnten oder Unfug? Als ob ihre Kinder und ihre Hunde keinen Lärm und keinen Unfug verursachten!
Hatte die Regierung mich nicht vor der Landwirtschaftskammer Vortrag über Vortrag halten lassen darüber, wie der Dung der Städte nutzbar gemacht werden könnte für unsere Felder, unsere Einöden, um gleichzeitig unsere Flüsse reinzuhalten von allem Unrat?
[S. 212]
Mußte ich nicht Geduld haben, wenn die neuen Lehren nur langsam in die Hirne der Geheimräte und Philister einziehen wollten, die in den Städten in den Kollegien saßen, ängstlich den Knopf auf dem Beutel, und doch nicht einsehen konnten, daß die neuen Lehren ihnen Vorteil über Vorteil bringen würden?
Hatte die Regierung in der Heimat nicht seit Jahren unsere Guttempler unterstützt, wo und wie sie konnte?
Waren es nicht wiederum nur die Philister gewesen, die Stammtischler, damit sie sich nicht zu schämen brauchten, daß sie immer noch hinter dem Bierglas hockten, — die Schenkwirte und Brauer, die in den Gemeindevertretungen saßen, die die Menschen immer wieder in die Kneipen zwingen wollten, damit sie ihre unsauberen Groschen durch das Elend, die Krankheit und die Not ihrer Mitmenschen verdienten? Und aller der Tausende gedachte ich, die mitkämpften im deutschen Vaterlande gegen das Elend, gegen Selbstsucht und Beschränktheit, gegen Ungerechtigkeit und Härte.
Und ich wollte mutlos werden? Hatte müde werden können? Nein, und tausendmal nein, — hab' Dank, du Atlantischer Ozean, daß du mir neue Kraft in die Seele brandetest, mit deiner Sonne mir neue Hoffnung einglutetest, — ich fühle es, — jetzt schon, — der Kampf muß zum Siege führen! — —
Es ist seltsam: wie nach dem Gesetze der Anziehung verwandter Körper in den Urzeiten der Erdentstehung aus dem Chaos das Eisen, das Silber, das Gold, der Sand, das Wasser, das Erdöl hier und dort sich anhäuften, so finden sich im Leben auch die Menschen, die geistesverwandt sind, zusammen aus der ganzen Welt, sei es auf dem Lande, sei es auf schwankendem Schiffe. Und gerade auf dem Schiffe, dem beweglichsten, aber so eng begrenzten Boden, finden sie sich oft am ehesten.
So ging es auch unserer kleinen Gesellschaft. Die Beichten und Erzählungen der letzten Tage hatten uns alle in wunderbarer Weise näher gebracht. Ein Wort weckte das andere, ein Gedanke den anderen. Nichts ist fruchtbringender und bereichernder für uns Menschen, als dieses Ineinanderfluten der Seelen, nichts lebenweckender und lebensstärkender als das Bewußtsein, Wellenringe zu ziehen im Reiche des Geistes, die, auch die kleinsten nicht, ebensowenig untergehen können, wie irgend eine Kraftäußerung der Materie.
[S. 213]
»Ihr Bericht über Ihr häusliches Glück und das erfreuliche Verhältnis zwischen Ihrer Regierung und Ihrem Volke in Ihrer Heimat ruft mir die Worte Fichtes in die Erinnerung zurück,« fing der Badenser an, als ich geendet hatte, »in denen er sagte: Der Glaube des edlen Menschen an die ewige Fortdauer seiner Wirksamkeit gründet sich auf die Fortdauer des Volkes, aus dem er selber sich entwickelt hat und der Eigentümlichkeit desselben, nach jenem verborgenen Gesetze, ohne Einmischung und Vererbung, durch irgend ein fremdes und in das Ganze dieser Gesetzgebung nicht Gehöriges. Diese Eigentümlichkeit ist das Ewige, dem er die Ewigkeit seiner selbst und seines Fortwirkens anvertraut, die ewige Ordnung der Dinge, in die er sein Ewiges legt.
In seinem Volkstum hat der Mensch seine Aufgaben, auch wenn er nicht zur Fortpflanzung gelangt. Die Liebe zum eigenen Leben kann umgesetzt werden in die Liebe zum Leben des Volkstums; denn dieses ist ein Stück vom eigenen Ich, nicht anders wie die Kinder ein Stück vom eigenen Ich sind.
So freue ich mich von ganzem Herzen des Glückes meiner lieben Freundin, die in unserem neuen Freunde, — hier wandte er sich zu unserem Österreicher — wie ich erkannt habe, den Mann gefunden hat, der mit ihr zusammen und durch sie sich zum Menschen ergänzen wird. Nun verzichte ich gern auf das Glück, das ich mir einst erträumt, das auszusprechen ich aber bis heute noch nicht gewagt hatte, und will mich auflösen in meiner Lebensarbeit für unser Volkstum.«
Feuchten Auges streckte das junge Paar ihm die Hände entgegen. Unsere junge Freundin erhob sich, nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und drückte einen innigen Kuß auf seine Stirn.
So kam es, daß eigentlich keiner von uns so recht darauf achtete, daß unser Balte, der als ein schweigsamer, aber gern gelittener Gast sich ganz unserem kleinen Kreise angeschlossen hatte, aufstand und verschwand.
Da er sich des öfteren nicht wohl fühlte, so fiel es auch nicht weiter auf, als er bei Tische nicht erschien.
Bei der Mahlzeit fing unsere junge Freundin, die wir bald »unser Kind«, bald »unser Mütterchen«, bald unser »Hexlein« nannten, »Hexlein« weil sie verstand, alles mit einem poetischen Schimmer zu[S. 214] vergolden, an: »Nun sagt einmal, ihr klugen Männer, woher kommen diese unendlich vielen unglücklichen und unstimmbaren Ehen heutzutage? Woher überhaupt diese Mißstimmungen in unserem ganzen Leben, in unserem ganzen Volke?
Die Männer verstehen die Frauen nicht mehr, die Frauen die Männer nicht, die einzelnen Stände im Volke einander nicht. Fast scheint es, als ob die Nation in Erwerbsklassen auseinanderfallen will. Vor allem aber versteht die Regierung das Volk nicht mehr, und das Volk die Regierung nicht.
Jene meint, sie müsse regieren, während sie doch offenbar nur dazu da ist, das Volk glücklich zu machen, andererseits ein glückliches Volk, meiner Ansicht nach, ganz von selbst eine starke Regierung haben wird. Denn eine Regierung, die, weil sie ihre Pflicht tut, das Volk glücklich macht, wird auch von der Liebe und Achtung des ganzen Volkes getragen werden, — gerade wie ein Weib, das einen Mann voll und ganz glücklich macht, weil sie ihn so recht von ganzem Herzen liebt, so daß sie ganz und gar in ihm aufgeht, nicht zu herrschen braucht und doch seine Königin ist, für die er lebt und schafft, eben weil er sein Glück, sein Leben, seine Zukunft in ihrem Glück, in ihrem Leben, ihrer Zukunft sieht.«
Ich dachte an unseren Kultusminister und hatte große Lust ihn wieder einmal in meine Wellenkreise zu ziehen, wie damals im Kanal. Da kam mir unser Rheinländer zuvor: »Das will ich Ihnen sagen,« begann er. »Der Hauptkrebsschaden, an welchem wir kranken, der die Ursache dieses Nichtverstehens zwischen Mann und Weib, zwischen den einzelnen Bevölkerungsklassen, wie zwischen Volk und Regierung ist, das ist neben der Vernachlässigung unserer Charaktere, das heißt unserer Willensbildung, die ungleiche Ausbildung, die bei uns in Deutschland nicht nur Knaben und Mädchen, sondern noch mehr die einzelnen Bevölkerungsklassen erhalten. Und zu dieser verschiedenen Ausbildung kommt dann noch die verschiedene Lebensführung hinzu.
So kommt es, daß bei der Ausbildung der Mädchen viel mehr Gewicht gelegt wird auf die Ausbildung des Gemüts, des Seelenlebens — in der Volksschule schon, mehr noch in den höheren Töchterschulen —, während in die Knaben schon von früh auf Kenntnisse, Kenntnisse, Kenntnisse hineingepaukt werden, von denen er nach[S. 215] Schulschluß neun Zehntel schleunigst wieder vergißt. Als ob das Leben selbst nicht schon Mann und Weib genügend drangsalierte.
Und die sogenannten unteren und oberen Volksklassen! Wie wenige Kinder unserer wohlhabenden Leute, aus denen sich später unsere Regierungsräte und Geheimen Regierungsräte rekrutieren, von unseren Ministern und Fürsten ganz zu schweigen, haben in ihrer Jugend einen armen Jungen gekannt, haben ihn hungern gesehen, haben, von Mitleid ergriffen, ihn in das elterliche Haus mitgenommen, um ihn dort zu sättigen. Ja, wie viele oder besser, wie wenige von unseren hohen Herren, aus denen dieser Organismus, Regierung genannt, sich zusammensetzt, sind denn je in einer Armenleutestube gewesen, haben mit ihnen Freud und Leid geteilt, haben mit ihnen empfunden und gesorgt?« —
Mich durchzuckte es ordentlich in Erinnerung an das, was ich noch vor kurzem selbst alles erlebt hatte. —
»Dieses ich hasse das gemeine Volk und halte es mir fern«, das die hohen Herren zu allermeist aus ihrem Korpsstudentenleben von der Universität, aus dem Offizierskasino, in dem sie als junge Reserveoffiziere mit den »Aktiven« trinken durften, mit ins praktische Leben hinübernehmen, in die Fabrik, ins Bureau, in den Gerichtssaal, ins eigene Haus, — das ist der Krebsschaden, an dem wir kranken!
So entsteht durch die getrennte und völlig verschiedene Ausbildung auf der Unterstufe, in der frühesten Kindheit schon ein in sich zerrissenes Volk, das sich untereinander in seinen einzelnen Ständen und Schichten kaum noch versteht. Und ebenso verstehen sich schließlich nicht mehr Mann und Weib, Volk und Regierung.
Freilich, — so, wie die Dinge jetzt liegen, läßt sich wohl kaum das ganze Volk mit einem Schlage in eine Schule bringen, — dazu ist durch unsere herzlose Wirtschaft bereits ein zu großer Teil unseres Volkes oben und unten proletarisiert.
Der Hochmut der Kinder der Reichen und die Verkommenheit der in den Gängevierteln der Großstadt, zwischen Bordellen und Kneipen aufgewachsenen Straßenjugend würde vielfach einen zu großen Gegensatz bilden.
Aber schließt von heute ab zehn Jahre lang alle Schnapskneipen und Bierhallen, lehrt unsere Studenten, daß Sichbetrinken eine Gemeinheit[S. 216] ist, unwürdig eines freien Mannes, lehrt in diesen zehn Jahren die Kinder unserer Reichen, daß sie Kinder eines Volkes sind, in dem jeder jeden als Menschen, als Schwester und Bruder, voll und ganz zu achten hat, einerlei, welch Gewand er auch trägt, und was er arbeitet; daß für andere zu leben das größte Glück ist; gebt unserm Arbeiter außerhalb der Erwerbs- und Geschäftsstadt ein Häuschen mit Stall und Garten, wo sein Völkchen gedeihen kann, für sich und die Seinen, wo er mit der Bahn morgens in der Früh' schnell zur Fabrik oder in die Stadt kann, und unser deutsches Volk wird in einer kurzen Spanne Zeit in seinen breitesten Schichten wieder ein Volk von Aristokraten sein, stark, gesund, glücklich, fröhlich, — unüberwindbar auf jedem Gebiete.
Dann ist die Zeit gekommen, das ganze Volk, Mädchen und Knaben, Kinder aller Stände, wieder gemeinsam zu unterrichten, bis Neigung, Befähigung und Berufswahl die Geister auseinanderziehen und verschiedene Ausbildung und Bildung verlangen.«
»Bruder, Freund, — das waren ja meine Gedanken und Empfindungen!« — »Geht's uns im Rheinland denn anders, als euch im Norden? Kranken wir nicht alle, alle im weiten deutschen Vaterlande, an dem gleichen System? dem System der Symptomenkuriererei und Flickarbeit? Hier ein Armenhaus und dort ein Findelhaus, hier eine Lungenheilanstalt und dort ein Siechenhaus, und hier eine geschiedene Ehe und dort eine geschiedene Ehe, hier ein trunksüchtiger Arbeiter und dort ein hypergenialer, verknöcherter Geheimrat, alter Herr von irgend einem Korps oder irgend einer Burschenschaft, feudal und konservativ bis in die Knochen. Aber in seinem Bezirke herrscht Not und Unglück.
Doch ich will nicht klagen. Es rührt sich bei uns im Rheinland mächtig, ebenso wie in Westfalen. Schaut, was Krupp Vorbildliches für seine Arbeiter geleistet hat! Seht nur, was die Baugenossenschaften überall schaffen, rings um die Städte die kleinen schmucken Häuschen!
Nur hier und da, wo Grundbesitzer in den Gemeindevertretungen sitzen, durchbrechen sie uns auch schon im Umkreise der Städte das Baugesetz und richten Mietskasernen in die Höhe, ein Fluch für unser Volk. Denn sobald der Mensch dem Erdboden entrissen ist, fehlt ihm der Boden, in dem er wurzeln kann. So zieht man ›vaterlandslose Gesellen!‹ Hier fehlt uns der Bismarck, der uns mit eiserner Hand[S. 217] ein Reichswohnungsgesetz aufzwingt mit nur einem Paragraphen: Zum Bewohnen durch Menschen dürfen im Gebiete des Deutschen Reiches und seiner Kolonien nur Häuser erbaut werden, in denen höchstens zwei Familien unter einem Dache wohnen. Zu Geschäftszwecken dürfen die Häuser in geschlossener Bauweise und so hoch erbaut werden, als die Bautechnik hierfür Sicherheit gewährt.«
Hier war das klar ausgesprochen, was ich seit Jahren bei mir selbst länger erwogen, was, wie es schien, wie Zündstoff in der Luft lag. Wenn der Kaiser, als ein zweiter Bismarck, hier zupackte, — hier galt eine Tat zu vollbringen, die, wie eine Quelle in der Wüste, ein steriles Land in eine Oase umwandeln könnte! —
Vom Auswandererdeck tönte leise ein Lied herüber, aus dem es wie scheue Hoffnung auf eine schönere Zeit heraus klang. Der schwarzlockige Bursche, der dort singend auf einer Kiste hockte und so keck über die See hinauslugte, erinnerte mich plötzlich an einen meiner Feuersalamander, der mir aus meinem Terrarium eines schönen Tages entschlüpfte. In seinem Gefängnisse hatte er meist trübselig in einer Ecke gesessen. Bald darauf traf ich ihn im Garten. In der Freiheit hob er stolz und frei den Kopf, als ob er sagen wollte: »Du kannst es nicht über dich gewinnen, mich wieder einzusperren, — sieh nur, wie mir die Freiheit in der kurzen Zeit gut getan hat.« — Und ich konnte es nicht. Ich ließ ihn laufen — und seine Kameraden mit. —
Menschenkinder, fahrt übers Meer, dorthin, wo Land und Freiheit ist! —
Sinnend saßen wir da. Ich sah im Geiste unser deutsches Vaterland in eine große Gartenstadt umgewandelt, hier und da kleine und große Zentren mit Fabriken und himmelhohen Geschäftshäusern und dort herum im Grünen weithin ein Gewimmel fröhlicher, glücklicher, gesunder Menschen, dann wieder weite Fluren fruchtbarer Felder und Wiesen. — Es muß so kommen, um unseres Volkes, um unser aller, um der Menschheit willen!
Vor meinem geistigen Auge tauchten meine Maurer und Zimmerleute, Garten- und Zigarrenarbeiter auf, denen ich ihre Häuschen durch unseren Bauverein hatte schaffen können. Manche von ihnen waren verschuldet, verbittert, andere mit biergedunsenem Gesichte eingezogen. Der hatte bisher nie Miete gezahlt, jener wegen Schlägerei[S. 218] im Gefängnis gesessen, der wegen seiner vielen Kinder nirgends Wohnung finden können, — und nun? Was für ein fröhliches, gesundes, nüchternes Völkchen war es geworden. Dort mein Maurer Börs, dessen Bücherschrank sich allmählich mit Schiller, Goethe, Liliencron und Prinz Schönaich füllte, — die er alle gelesen — und wie gelesen hatte; hier die junge Brotträgerin, die jetzt fröhlich per Rad ihr Geschäft besorgte, während sie früher nicht wußte, wovon sie mit ihren Kindern leben sollte. Oh, es ist gar einfach, aus einem proletarisierten Volke wieder Menschen zu machen. Es gehört nur guter Wille dazu, etwas Geduld und viel Liebe. — —
Spät trennten wir uns. Als ich in meine Kabine trat, fand ich auf meinem Tischchen einen dicken Brief. Ich öffnete ihn und las. Er war von unserem Balten, offenbar in fliegender Hast, geschrieben. Er schrieb:
»Lieber Doktor!
Ich finde nicht die Kraft in mir, Aug' in Auge mit Ihnen zu reden, und vertraue diesem Papier an, was ich doch nicht ungesagt lassen möchte.
Irgend etwas in mir treibt mich, gerade Ihnen zu beichten. Ich tue es, ohne über das Warum lange nachzudenken. In Ihren Augen, in Ihrem ganzen Wesen liegt etwas, das mein gemartertes Herz warm berührt, und so haben Sie mir, ohne es zu wissen, wohl getan, und dafür danke ich Ihnen. — —
Ich bin der Sohn eines baltischen Landedelmannes; mein Vater war nach Sibirien geschickt, weil er seine Sympathien für Deutschland zu laut bekundet hatte; meine Mutter, einem hannöverschen Adelsgeschlechte angehörig, starb aus Gram über das Schicksal ihres Gatten.
Ihr letzter Wunsch galt mir, ihrem Sohne. Sie wünschte, daß ich in Deutschland in der Familie eines Freundes ihres Vaters erzogen würde. Mit mir wurde meine Pflegeschwester in die Fremde gebracht. Wie sie in das Haus meines Vaters kam, weiß ich nicht. Das Gerücht sagte, sie sei das Kind eines Großfürsten und einer Leibeigenen. — Ich war der Sklave meiner Pflegeschwester, ihr mit Leib und Seele verfallen, so grausam sie mich[S. 219] mit ihren Launen auch quälte. Schon als Jüngling dachte ich nur an die Zeit, da sie meine Frau werden würde. — Durch einen Gnadenakt des Kaisers kam ich wieder in den Besitz der Güter meines Vaters, der inzwischen in der Verbannung gestorben war.
Meine Pflegeschwester wurde mein Weib. Vier Kinder entsprossen unserer Verbindung — alle vier sanken früh ins Grab, ich danke dem Himmel dafür, — und mein Weib — —
Was weiß eine Frau davon, was der Mann leidet, der um Liebe fleht und nur Kälte und Härte findet. Wie Kinder der mütterlichen Liebe bedürfen, wie die Blumen die Sonne nicht entbehren können, so bedarf der Mann zum Schaffen, was immer es auch sei, und wenn es sich nur darum handelt, das Feld zu bestellen, des Weibes, das an ihn glaubt, an seine Kraft, an seine Saat, an seine Ernte, des Weibes, das an ihn glaubt mit allen Fasern ihrer Seele. Dieses Glauben an ihn macht ihn zum Gott. Das ist's, was ihm Kräfte verleiht, von denen er früher keine Ahnung hatte. Wo aber dieser Glaube in der Ehe fehlt, da sinkt der Mann zum unfruchtbaren Philister herab, oder er sucht, wenn sein Lebensdrang stark genug dazu ist, so lange in der Welt, bis er das Weib findet, das an ihn glaubt.
Ich finde es nicht mehr.
Sie hatten recht, als Sie kürzlich das Verhältnis zwischen Mann und Weib in der Ehe mit dem Verhältnis zwischen Regierung und Volk verglichen.
Sie sagten: ›Weib und Mann sollen in der Ehe zusammenklingen wie Glockentöne, die zusammen einen harmonischen Zweiklang geben.‹ Wo die Menschenglocken dies aber nicht tun, da gibt es nur ein amtlich attestiertes Zusammenleben, aber keine Ehe. Heutzutage gibt es leider Gottes nur zu viel Ehen, deren Glockentöne nicht zusammen erklingen, und andere, die überhaupt nicht tönen, — die tot sind. Und wie es mit den Ehen geht, so geht es auch mit dem Verhältnis zwischen unserer Regierung und unserem Volke.
Aber das ist das größte Verbrechen, das ein Weib begehen kann, schlimmer als Treulosigkeit und Verrat: dem Manne, der[S. 220] sie zum Weibe gewählt hat, die Liebe nicht entgegenzubringen, deren er bedarf, und die er begehrt. Sie entwürdigt seine Mannheit und wandelt seine Liebe und Tugend in Haß und Verbrechen. Sie verkehrt Natur in Unnatur und verdient nicht mehr den heiligen Namen Weib.
Wie diese Liebe sein muß? Still, warm, hingebend, gleichmäßig. Der schaffende Mann will vor allen Dingen die Achtung vor seiner Arbeit, das Verständnis für seine Mühen sehen, einerlei, ob er als einfacher Knecht auf dem Felde ackert, oder als Künstler geistige Ewigkeitswerte schafft.
Und wie es dem einzelnen Manne geht mit seinem Liebesbedürfnis, so geht es dem ganzen schaffenden Volke.
Wehe der Regierung, die nicht die Achtung vor diesem Schaffen von früh bis spät hat, sei es das Schaffen mit der schwieligen Faust, sei es das Grübeln des Gelehrten oder das Jagen des Künstlers nach dem göttlichen Prometheusfunken!
Wehe der Regierung, die nicht diese stille, warme, hingebende gleichmäßige Liebe zu dem ganzen großen Volke hat; die duldet, daß Tausende verbittern, darben und verkümmern. Aus dem Moder dieser Tausende wächst furchtbare Saat.
Oh, es ist leicht, Liebe zu säen und Liebe lebendig zu erhalten; aber es ist unsagbar schwer, erstorbene Liebe neu zu erwecken, oder in Haß verwandelte Liebe in Liebe zurückzuverwandeln.
Wenn ein Weib einem Manne, der ihrer Liebe begehrt und von Natur ein Recht auf diese Liebe hat, diese ihre Liebe versagt, so tut sie dasselbe wie ein Wahnwitziger, der einen Damm mitten quer in einen Fluß hineinbaut, anstatt schützende Dämme an seinen Ufern zu errichten, und sich nun wundert, daß die sich aufstauenden Fluten verheerend Wiesen und Acker, Dörfer und Städte überfluten. — — —
Eines Tages tat mein Weib das Letzte: sie verließ mich und lebte mit einem Fürsten in der Großstadt.
Einsam, mit blutender Seele dämmerte ich auf meinen Gütern dahin. Der Schulmeister im Dorfe war mein einziger Freund, mit ihm las ich die Klassiker. Das war meine Erholung nach des Tages Last und Mühe.[S. 221] Mein alter Freund war ein aufgeweckter Mensch, — anders wie die Lehrer im russischen Reiche zu sein pflegen.
Eines Tages wurde er vor den Popen zitiert; in der Schule hatte er darüber gesprochen, wie grausig das Elend des Volkes sei, wie die großen Herren es mit Branntwein betäubten, um es auszusaugen. Einer seiner Schüler hat das im Hause erzählt, so kommt es auch dem Polizeiobersten zu Ohren, der meldet es dem Popen und der Pope wirft dem Lehrer Neigung zu nihilistischer Aufhetzerei vor.
— — Ich legte den Brief aus der Hand und dachte an vergangene Zeit, als auch ich als Schüler sozialistischer Umtriebe verdächtigt wurde, ja, mir war es einst ja in die Konduitenliste vermerkt: ich stände mit den Arbeitern auf vertrautem Fuße. Und warum das? Weil ich einem Arbeiter zu Hilfe kam, der von einem Hoteldiener mit einem Stock zu Boden geschlagen war. Und an den Judas Ischariot in unserem Kreise dachte ich. — Ja, ja, wie so etwas tat, hatte ich jung schon am eigenen Leibe verspürt. — Ich las weiter:
Nur wenige Tage später stand der Lehrer wieder vor dem Popen. Der Totengräber, der gern Küster geworden wäre, hatte ihn wegen Gotteslästerung verklagt: der Lehrer habe in der Schule behauptet, man könne nicht alles wörtlich nehmen, was in der Bibel stände. ›Das wolle er ihm eintränken!‹ hatte der Pope gerufen, und er tat's, tat's so gründlich mit Inquisitionen und Visitationen und brutalen Beschimpfungen angesichts der Kinder, daß er meinen armen, einzigen Freund in den Tod jagte. — Die Pulsadern hat er sich durchgeschnitten! Als man mich zu ihm ruft, liegt er röchelnd auf seinem armseligen Bette, — händeringend steht seine alte Lebensgefährtin neben mir. Er versucht noch zu sprechen. Ich verstehe nur einen Satz: ›Wilde Tiere haben mich zu Tode gehetzt!‹ — und sein Auge bricht.
Ich suchte die Ehre meines Freundes zu retten. Da fragte man mich, ob ich Lust habe, mit Sibirien Bekanntschaft zu machen.
Die Revolution feierte ihre Orgien. Das Volk, dem man mit Hilfe des Branntweinmonopols den Schnaps auf allen Gassen[S. 222] feilbot — denn der Staat brauchte Geld, viel Geld — war wild und toll in seinem Freiheitsdrang, die Jugend entartet und verwildert, je jünger der Nachwuchs, desto sinnloser.
Nur ein holdes Kind, ein Mädchen von seltener, überirdischer Schönheit, einer Lilie gleich, die in einem Sumpfe erblüht ist, die Tochter des Krugwirtes im Dorfe, war mir treu geblieben. Bei ihr saß ich oft und streichelte ihre fieberheiße Hand. Ihre Tage waren gezählt, da sie an der nämlichen Krankheit litt, an der ihr Vater kurz vorher hingesiecht war.
Eines Tages überfielen meine Bauern und Tagelöhner, aufgestachelt von ruchlosen Buben, mein Haus, zerstörten mein Hab und Gut und legten mein Heim in Asche.
Ich entkam in den Wald und kehrte, wie so viele meiner Leidensgenossen, meinem Vaterlande den Rücken.
Ich hatte gehofft, in der Ferne Frieden zu finden.
Aber je mehr ich über die Verrottung unserer Zustände nachdenke, die Allmacht des Beamtentums, die Dummheit und Korruption desselben, die Roheit, die fade Genußsucht, den Stumpfsinn in unserem Volke, die Früchte eines tyrannischen, kurzsichtigen Regimentes, und dann wiederum sehe, welche Fülle von Kraft und Liebe, von Freiheit und Einsicht Ihr ganzes deutsches Volk vom Fürsten bis zum Arbeiter durchdringt; als ich dann von Ihrem häuslichen Glücke hörte, da erkannte ich, wie in diesem Familienleben, das wir in Rußland kaum noch kennen, die Wurzeln der Kraft für ein ganzes Volkstum verborgen sind, wie recht Sie haben, daß die Ehe kennzeichnend sei für das Verhältnis zwischen Fürsten und Volk, wie recht unser Badenser hat, wenn er auf Fichtes Wort hinweist, daß unser Leben abhängig ist vom Leben unseres Volkes, daß wir nur in unserem Volke und durch unser Volk leben.
Das sogenannte heilige russische Reich aber ist ein Abgrund, aus dessen Tiefe giftige Dünste steigen, — Tod und Verderben!
Auch ich habe jene Dünste eingeatmet, — mein Leben ist vergiftet, meine Kraft gebrochen, — ich kann nichts mehr von der Zukunft hoffen, — ohne Hoffnung ist das Leben unerträglich, — Gott verzeihe mir meine Sünden.
[S. 223]
Mein letzter Wunsch ist, daß diejenigen, die mir in den letzten Tagen meines Lebens in freundlicher Weise begegneten, über die Beweggründe, die mich den Tod suchen lassen, aufgeklärt sind.
Leben Sie wohl! Mögen die Hoffnungen unserer kleinen Gesellschaft in Erfüllung gehen. Mögen Sie die Sonne finden auf Ihrer Reise, die Sie Ihrem Volke mitbringen wollen!
Leben Sie wohl, und seien Sie stolz auf das Vaterland, dessen Sohn Sie sind, und für das Sie kämpfen dürfen!
Dieser Brief soll Ihnen erst gegen Abend gegeben werden. Wenn Sie ihn gelesen haben, schlummert mein Körper schon seit Stunden in den Wellenarmen des Ozeans.
Es grüßt Sie Glücklichen
Ihr
unglücklicher Freund aus dem Baltenlande.«
Das Blatt flog zu Boden, — ich sprang die Treppe hinauf und eilte zum Kapitän.
»Der Balte, der russische Herr ist über Bord,« — wie ein Lauffeuer schnellte diese Kunde über das Schiff. Kommandorufe flogen hin und her, Rettungsboote wurden klar gemacht, alle Räume des Schiffes wurden abgesucht, Ferngläser wurden nach allen Seiten hin gerichtet, — — Menschenwerk! — unaufhaltsam, unerbittlich sank die Dämmerung auf die leise wogende Meeresfläche, — unser Balte ruhte im Schoße der Unendlichkeit.
Du armer Mensch, der du ohne Hoffnung warst!
Ohne Hoffnung, ja, ohne Hoffnung muß das Leben unerträglich sein. In der Hoffnung wurzelt alles menschliche Leben, von der Wiege bis zum Grabe, — Hoffnung hebt uns über das Irdische hinaus, — Hoffnung läßt uns den Himmel offen sehen.
Mußtest du sterben, du Armer?
War die Erde nicht vor Urzeiten eiserstarrt, und ist sie nicht doch wiedererstanden in neuer lebenspendender Wärme?
[S. 224]
Kann nicht auch aus deinem Volke, aus dem Schoße des mächtigen russischen Reiches wieder neues Leben erstehen, sind nicht auch dort geheime Kräfte im Verborgenen tätig, Keime des Guten zu erhalten?
Um wieviel glücklicher sind wir daran in Deutschland! Wieviel weiter sind wir! — Wie regt die Volksseele bei uns bereits ihre Schwingen. Auch bei uns wird es noch Arbeit von Generationen kosten, — aber die Grundlage ist geschaffen! Es lebt und sproßt da unten in der Volksseele, — oh, ich weiß es genau —, ich kenne sie, — in allen Schichten, — es brodelt und drängt, — alte Vorurteile weichen zurück. Überall schließen sich die Geister zusammen. —
Mir war es, als ob mein Geist mit Riesenschritten über die Erde ginge, alles sehend, alles hörend, — während mein Körper auf unserem kleinen Schiffe über die schäumenden Wogen des Ozeans getragen wurde.
Aber ist nicht unser ganzes Leben eine Reise? Ich hab's gespürt am ganzen Leibe. Wohin geht's? Wo ist der Hafen? —
Ich weiß, wie es tut, wenn man müde wird von vergeblichem Kampfe. Mutlos bin ich gewesen, aber ohne Hoffnung? Nein! Nur nicht ohne Hoffnung! — —
Der Kapitän nahm die Daten und Einzelheiten des Unfalls zu Protokoll und trug sie ins Schiffsbuch ein. Und damit war seiner Pflicht einstweilen Genüge getan.
Ich aber fand reiche Arbeit. Überall stieß ich auf erregte Gemüter: mehrere Damen weinten zum Herzbrechen, keinem schmeckte das Essen, Brausepulver und Zuspruch wurden verlangt.
Selbst im Zwischendeck herrschte Unruhe und fast Furcht vor der Nacht.
Das tiefe Blau des Ozeans bekam einen leichten Stich ins Gelbliche.
Wie ein großer, starker Mensch weit um sich her seinen Einfluß spüren läßt, so dringen die gelben Fluten des Amazonenstromes wohl hundert Seemeilen weit in das Meer vor, durch ihre Farbe schon[S. 225] kündend: »wir stammen von ihm und bringen Kunde von den Ländern, die er befruchtend durchschneidet!« —
Unsere Auswanderer banden Spaten und Äxte zusammen, knirschend fügte sich Holz zu Eisen. Kisten wurden auf Deck geholt, gelüftet und gepackt. Es wurde gewaschen und gebürstet. Dazwischen Gesang und Kastagnettengeklirr.
Die beiden Magyaren und der Weinhändler droschen ihren Skat oder rekelten sich auf ihren Stühlen, ihre unvermeidlichen Zigaretten paffend.
Unser kleiner Kreis saß traulich beisammen auf Deck. Der Tod des Balten hatte uns alle tief erschüttert. Aber er bedrückte uns nicht, im Gegenteil, es war uns allen, als ob ein Alp von uns gewichen sei.
Wir versuchten, uns darüber klar zu werden. Es wollte nicht so recht gelingen.
Da begann unser Hexlein: »Ich will es euch sagen, muß aber ein wenig weiter ausholen. Ihr wißt, alles, was wir sehen, ist nur ein Gleichnis für die geistige Welt. So sind auch wir Menschen nur Symbole unserer geistigen Beziehungen, äußerliche Erscheinungen unseres Seelenlebens. Das erstreckt sich naturgemäß auch auf die Tierwelt. Nennen wir nicht selbst den Hund das Sinnbild der Treue, die Ameise und die Biene das Bild des Fleißes, den Fuchs das Symbol der Schlauheit?
Ist's mit uns Menschen etwa anders? Jeder von uns ist eben nur ein Symbol, ein äußerliches Zeichen dessen, was er ist. Seht unsere Spanier dort. Sind sie nicht ein natürliches Bild hoffnungsfrohen Wagemutes? Und unser Trio dort ein trauriges Symbol ödesten Stumpfsinnes?« —
Unser Hexlein saß, das Haupt sinnend nach hinten gebeugt, während die Augen sich an dem herrlichen Sternenhimmel zu verlieren schienen, auf ihrem Stühlchen, die Hände über den Knien gefaltet. »Woran denkst du?« fragte der Freund, der Träumenden mit der Hand über das braune Haar streichend. »Ich denke noch immer,« sprach sie, »wie unsere schöne Fahrt so bis ins kleinste dem Leben gleicht, und wie alles, was wir erleben, was wir sehen, alles, was wir sind, nur Gleichnisse des Geistigen sind.
[S. 226]
Und so kam es, daß ich mich in meinen Gedanken in eine fesselnde Geschichte vertiefte.« —
»Erzählen! erzählen!« tönte es von allen Seiten. —
»Nun wohl,« begann sie mit ihrer weichen Stimme. »Meine Geschichte fängt an, wie alle Geschichten, mit ›es war einmal‹.
Es war also einmal ein starker Mann; wir wollen ihn die Verkörperung des praktischen Idealismus nennen. Der lebte glücklich zwischen seinen Kindern, die in ihrer blühenden Entwicklung den Künsten und Gewerben in seiner schönen Heimat glichen. Sein Weib war die Verkörperung der glücklichen, gesunden Häuslichkeit.
In seinem Garten blühten die Blumen als die Symbole für seine Freundschaften, seine Neigungen. Ihr kennt sie bereits.
Aber allerhand Getier unterwühlte seinen Garten und ermüdete ihn in seiner Arbeit: Neid, Dummheit und Torheit, kleinlicher Sinn und Eifersucht erregten seinen Ekel, so daß er, um Atem zu schöpfen und neue Kraft zu sammeln, einmal hinausziehen mußte in die Ferne.
Hier entdeckte er, daß seine Angreifer und Widersacher tatsächlich nur Ungeziefer waren.
Ganz glatt ging aber die Fahrt in die Ferne nicht vor sich. Fast wäre sein Schiff im Sturme gescheitert; denn die Gemeinheit und die Gewinnsucht fuhren mit und galten dem Kapitän, dem Glauben, als böses Omen.
Allein der erste Offizier, die Gewissenhaftigkeit, der erste Maschinist, die Sachkenntnis, und der Steuermann, die Treue, die führten das Schiff durch Sturm und Grauen zur Insel des seligen Vergessens.
Mit unserem Freunde zog aus der Heimat ein in sich gefestetes, glückliches, frohes Paar, die Heimatliebe und die Arbeit, denen ebenfalls durch Ungeziefer, Leichtsinn und Gewinnsucht die Heimat vergällt war. Sie wollten im Lande der Sonne sich eine neue Heimat suchen und schaffen.« —
Unser Ehepaar aus der Lüneburger Heide lächelte dem Hexlein verständnisinnig zu. —
»Und ferner zog mit ihm der gesunde Sinn in die Ferne, der den Schlingen der Lüsternheit entflohen war. Er wollte im Lande der Zukunft, in der Ferne die echte Weiblichkeit suchen, um mit ihr ein neues, tätiges Leben zu beginnen, zum Heile seines Volkes.« —
[S. 227]
Ich sah unseren Rheinländer leicht erröten. —
»Und weiter zog in die Ferne der Wagemut; der wollte sehen, ob in der Ferne für die Kunst Neuland zu finden sei.
Auch die Tugend begleitete das Schiff auf seiner Fahrt.« —
Hier legte unser Hexlein ihre Hand in die der jungen französischen Mutter, die, wirklich wie die Madonna selbst, mit ihrem Kindchen auf dem Schoße sich während der Erzählung neben dem Hexlein niedergekauert hatte. —
Ihre Anwesenheit auf dem Schiffe war wohl einer der Gründe mit für seine Rettung im Sturme gewesen.
»Und weiter fuhr mit« — träumte das Hexlein weiter — »die Freundschaft, die der Treue zuliebe hinausging in die Fremde, da die Treue in unglücklicher Ehe mit der Strenge vermählt war. Es war das Richtigste. Nun mögen sie im Geiste aus der Ferne sich lieben. Dagegen kann keine Macht der Erde, selbst die Strenge nicht, etwas haben.
Zur Reisegesellschaft gehörte auch der Pessimismus, ein unglücklicher Kranker, den die Herzlosigkeit aus seiner Heimat in die Fremde trieb, die Sonne, die Wärme zu suchen.
Und zum Schluß« — hier lachte das Hexlein schelmisch — »ein schnurriges Paar, ein herzlieber, guter Kerl, ich taufe ihn die Selbstlosigkeit, und seine Freundin, — die Romantik.«
»Wie sie da saß, in ihrem weißen Gewande, vom Scheine des Mondes und des tropischen Sternenhimmels überflutet, da konnte man tatsächlich glauben, irgend ein poetischer Spuk, ein Nixlein oder Hexlein aus dem Neckartale sei zu uns aufs Schiff gestiegen. »So kam« — erzählte die Romantik nun weiter — »unser Schiff zur Insel des seligen Vergessens. Hier traf unser Wanderer einen kraftstrotzenden Mann, die Verkörperung der Tatkraft, der trauerte hier um sein gestorbenes Lieb, das verlorene Ideal des Weibes. Aber unter dem Zuspruche unseres Freundes, des Idealismus, raffte auch er sich zu neuem Werke auf und zum Zuge ins Land der Sonne, der Liebe.
Was geschah? — Ihr alle wißt es, — der Pessimismus, unglücklich darüber, daß ihn hier mitten unter der Sonne, im Kreise der Liebe, noch fror, stürzte sich ins Meer. Mein Freund in seiner Selbstlosigkeit wollte ihn retten. Da griff die Tatkraft zu und rettete mir den Freund und damit auch mich. Denn sonst wäre ich mit zugrunde gegangen.«
[S. 228]
»Und nun zieh auch du mit uns ins Land der Sonne« — sagte das Hexlein und streckte dem Rheinländer vertrauensvoll die Hand hin, die dieser fröhlich ergriff und herzlich küßte, — »wir können dich herrlich gebrauchen, ja, ohne dich sind wir nichts.«
Wir alle waren von dem Zauber der Erzählung unserer kleinen Freundin so gefangen genommen, daß wir alle instinktiv fühlten, wie jeder immer weiter in die ihm von unserer Dichterin zudiktierte Rolle hineinwuchs.
Aber noch ehe jemand etwas sagen konnte, fuhr unser Hexlein fort: »Wißt ihr was, — wir bleiben alle zusammen, und gründen eine neue Kolonie der Sonnenmenschen.« Ich protestierte lachend, ich müsse zurück zu den Meinen. Desgleichen protestierte die junge französische Mutter, die zu ihrem Gatten wollte.
Schmollend hob das Hexlein gegen mich den Finger und sprach: »So will ich Ihnen prophezeien: Sie werden hier im Lande eine Fürstin finden, die die Welt kennt, — Sie als Doktor werden sie vielleicht prosaisch die soziale Hygiene nennen, — in ihrer Begleitung ein junges Mädchen, die Wohlfahrtspflege. Mit denen werden Sie zurückkehren in die Heimat, und die werden Ihnen helfen, unnennbaren Segen zu stiften unter allen Völkern! Und dann, — und dann« — und damit nahm sie meine Hände in die ihrigen, als ob sie darin lesen wollte, und ihre schönen, braunen Augen füllten sich mit Tränen — »dann werden Sie eines Tages in die Berge des Ruhmes und der Einsamkeit wandern. Dort lebt eine Schwester von Ihnen, die Frömmigkeit, mit ihrer Tochter, der Wohltätigkeit, die hier in der Schneeregion ein friedliches, aber segensreiches Leben führen, und hier in den schneeigen Bergen der Weltentrücktheit werden Sie eines Tages, im Begriffe, eine scheinbar kleine Aufgabe zu erfüllen, die zu erfüllen aber notwendige Pflicht ist, an eben dieser Pflicht zugrunde gehen. Doch nur Ihr Körper. Denn, wie Sie selbst es uns gelehrt haben, kann der Geist ja niemals sterben, und du, der du dich dein Leben lang bemüht hast, zu wirken und zu helfen, — du stirbst niemals!«
Weinend lag mir das liebliche Kind zu Füßen. Ich küßte sie auf ihren Scheitel, hob sie empor und legte sie ihrem Freunde in den Arm, der sie herzlich umfing.
Wir alle aber waren so ergriffen von den Worten unserer jungen[S. 229] Freundin, daß wir uns schweigend erhoben, uns die Hände schüttelten und mit einem Abschiedsblicke auf das im Silberglanze des Mondes und der unzähligen, hellflimmernden Sterne erschimmernde Meer still und andächtig unsere Lagerstätten aufsuchten.
Mit einem Herzen voll Sehnsucht ging ich zur Ruhe. Da träumte mir, ich läge zwischen zwei weißen Lilien, und mein Mund ruhte auf roten Rosen. Aber die Lilien wurden kälter und kälter und größer und größer, und plötzlich merkte ich, daß ich zwischen mächtigen Schneebergen wanderte.
Ich war in Graubünden, hatte in Davos meine kränkelnde Schwester und deren zarte Tochter besucht und war dann weiter gewandert in die Berge hinein.
Zuerst dem Landwasser nach auf der steilen Bergstraße hin in der Richtung zum Flüelapaß. Dann führte mich der Weg hinauf in mächtigem Zickzack durch Lärchenwald mit goldgelben Nadeln. Bald grüßen tiefgrüne, ernste Tannen. Die sagen bald kriechendem Kiefergestrüppe Lebewohl, dann eine Wegecke, und tot und steinern liegt die Bergwelt vor mir.
Noch ein Weilchen raschen Steigens und leuchtend weiß liegt vor mir die schneebedeckte Felsenwelt — Ruhe ringsum, große, majestätische Ruhe, — unter mir, um mich herum strahlend weiß der frischgefallene Schnee, über mir das leuchtende, reine Blau des Himmels, — allein mit Gott. Da schwebt über mir am Firmament ein Adler, in mächtigem Bogen strebt er der Sonne zu, — ein Bild der Seele, die suchend und strebend zum Höchsten, zum Ewigen flieht.
Tiefer wird der Schnee, mühsam arbeitet der Fuß sich durch. Die Einsamkeit legt sich schwer auf die Seele, sie fast erdrückend durch ihre eherne Größe.
Da, — was ist das? — Keuchend stürmt von oben den Weg herab ein Mann, das Antlitz gerötet, der Schweiß perlt ihm auf der Stirne. Schon will er ohne »Grüß Gott« vorüber eilen. — »Wohin? Wohin? Ist ein Unglück geschehen?« — »Laßt mich, — zu Tal muß ich. Den Doktor holen. Der Fels hat dem Wegesepp das Bein zerschlagen. Droben im Flüelahospiz liegt er, aber sie können das Blut nicht stillen.«[S. 230] »Aber ich bin ja Arzt. Schnell, kommt. Wollen sehen, ob wir ihn retten können.«
Sprachlos starrt der Mann mich an. »Euch hat der Herrgott selber geschickt. 's ist nicht allein um den Sepp, aber auch um seine neun Kinder, und sein Weib liegt krank in den Wochen.«
Das ist kein Steigen mehr durch den Schnee, — wir laufen.
Ich sah im Geiste das Blut rinnen, — das treibt an. Endlich am Flüelapaß, da ist auch das Hospiz.
»Kinder, hier ist der Doktor. Der Herrgott hat ihn mir unterwegs geschickt.« — Nun schnell den Hosenträger herunter, das Bein abgebunden, die Wunde mit dem Notverband, den ich stets bei mir führe, verbunden, geschient, — das Blut steht; — nun einen erquickenden Trunk, eine große Schale Milch, noch eine, — der Sepp ist gerettet. Nun zu der Frau, und die schonend vorbereiten. Schwach ist sie. Ein paar ätherische Tropfen, — nun ist ihr besser. »Ich hab's gleich gewußt, daß ein Unglück geschehen mußt'. Mir war gar zu elend. Aber Ihnen vergelt's Gott.« —
Ich ging. Draußen lag tiefer Schnee. Nachdem ich eine Weile gegangen, überfiel mich eine große Müdigkeit. Ein Felsblock bot mir einen Sitz. Da schlief ich ein, und schlief und schlief. —
Dann kamen Leute. — »Der ist tot. Ist erfroren.« — Vorsichtig trugen sie mich auf einer Bahre zu Tal. Die Kollegen kamen und untersuchten mich. Sie sagten Freundliches und Gutes. Meine Schwester und ihre Tochter kamen und schluchzten. Dann fuhren sie den blumengeschmückten Sarg zum Kirchhof hinaus. Wie in ein weißes Trauergewand gehüllt lag er da, unter ihm das weite Tal und ringsherum die Häupter der Berge, mit blendendem Schnee bedeckt. Als sie den Sarg ins Grab senkten, stieg ein Adler, die Schwingen weit ausgebreitet, in den blauen Äther empor, in weitem Bogen immer höher kreisend, zur Sonne. — — — Da erwachte ich.
Und wie ich da lag in meiner kleinen Kabine, den Traum überdenkend, da fiel mir die Geschichte von einem alten Doktor wieder ein. Der hatte, als er sein Hörrohr auf das Herz einer Patientin gesetzt hatte, einen Herzschlag bekommen. Als er gar solange horcht und auf die Frage der Kranken, ob er denn nicht bald fertig sei mit seiner Untersuchung, nicht antwortet, da stößt sie ihn an und entdeckt, daß ihr Doktor[S. 231] tot ist. Oh, es muß etwas Wundervolles sein, so mitten aus der Arbeit für andere abgerufen zu werden! Ja, ich will arbeiten, arbeiten, wie bisher, für euch alle, solange mir Gott nur Odem läßt, denn arbeiten für euch, heißt für mich — leben!
Es mochte zwei Uhr nachts sein, da kam der Kapitän und weckte mich. Das Kreuz des Südens stände am Himmel, und in einer halben Stunde müsse der Leuchtturm von Kap Salinas an der brasilianischen Küste in Sicht kommen.
In zauberhaftem Lichte strahlte der Himmel. Rubinrot funkelte der Aldebaran. Leuchtend glänzten das Schwert des Orion und das Sternbild der Plejaden und dort, ein schimmerndes Geheimnis, das Kreuz des Südens. Alles flimmerte, leuchtete, glänzte, strahlte, — es war eine Herrlichkeit ohne Ende.
Mir aber war es, als ob meine Seele größer und größer wurde und sich dehnte und weitete, bis sie eins war mit Gott. —
Ich stieg von der Kompaßbrücke, wo ich einsam, in Andacht versunken, die Wunder des Tropenhimmels getrunken hatte, hinunter zur Kommandobrücke, wo ich meinen Kapitän neben dem Steuermann stehend traf, die Uhr in der Hand. Tagelang waren wir über den weiten Ozean gefahren, — der hatte keinen Meilenstein, keine sichtbaren Fährten, — und nun? Ein Aufblinken am Horizont, — da ist er, der Leuchtturm von Salinas, just auf die Minute, da wir ihn erwartet hatten.
So geht es dem Manne, der die Wahrheit sucht und sie findet, und müßte er einen Ozean von Irrtümern durchqueren. — —
Wie ich bei der Maschine vorbeikam, war gerade der Maschinist dabei, die Achsenlager zu ölen. Schweigend schaute ich zu, wie er mit fast andächtiger Liebe seine Maschine behandelte, als ob es ein beseeltes Wesen sei. Mächtig arbeiten die Kolben in unermüdlicher Arbeit. Es war, als sängen sie ein Lied von der Pflichttreue. Wie ich hineinschaute in das Getriebe und sah die Kurbeln sich drehen, da fiel[S. 232] mir ein: ein jedes Rad braucht einen Punkt, in welchem seine Achse ruht, sein Achsenlager. In diesem Punkte duldet es keine Reibung. Und je größer die Schwungkraft des Rades, desto weniger Reibung duldet es. So geht es auch mit uns Menschen: Einen Punkt, ein Herz müssen wir haben, bei dem wir rasten können, ohne Reibung, ohne Kampf. Und je härter und schwerer unser Tagewerk ist, desto mehr sehnt sich unser Herz nach diesem Ruhepunkt. So braucht der Mann des Weibes, wie das Weib ohne den Mann ein Nichts ist. Erst Mann und Weib zusammen sind der Mensch. Nur aus dieser Verbindung heraus erwachsen die höchsten Seelenkräfte. Diese höchsten Seelenkräfte sind aber die eigentlich staatsbildenden Kräfte. So hängt von dem Verhältnis des Mannes zum Weibe unsere gesamte Kultur ab.
Ich gedachte des unglücklichen Balten und seines zerrütteten Vaterlandes.
Aber die Maschine lehrt uns noch mehr. Es ist nicht nur das, daß die Seele des Mannes einen Ruhepunkt braucht, von dem aus er schaffen und wirken kann. Wie das Rad sich nach dem Gesetze stets in seiner Richtung dreht, nicht nach links, noch nach rechts abweicht, so hat auch der, der einer sozialen Mission dient, nicht mehr das Recht, sich von der inneren Vorbereitung auf sein Ziel durch das ablenken zu lassen, »was die anderen tun«. Wahrhaft soziales Handeln kann nur aus einer ganz gründlichen Reinigung der Seele von allen Vorurteilen und aller Furcht vor Vorurteilen, von allen zügellosen Leidenschaften und von aller Selbstsucht, und aus einer tiefinnerlichen Begeisterung für die höheren Güter der Seele, der Menschheit entstehen.
Ohne eine tiefere Seelenbestimmung und Seelenbesinnung dient alle Haushaltungsfertigkeit nur der Welt des Todes: die Sparsamkeit der Habsucht, die Hygiene der Verweichlichung, die Kochkunst der Genußsucht, die Ordnung der Selbstsucht, die Schneiderei der Eitelkeit, die Erziehung dem Scheine, und alles zusammen der Verrohung und Verfeindung aller Beteiligten.
Könige, wieviel müßt ihr noch lernen! — — — —
Die Maschine singt und klingt, sie geht ihren Takt, leise, regelmäßig, nach den eisernen Gesetzen ihrer Seele, die der Künstler, der sie erbaute, ihr einflößte mit Hilfe seines Denkens.
[S. 233]
Das Meer war spiegelglatt. Beinahe geräuschlos durchschnitt unser Dampfer die Wogen. Leise, wie vergeistigt, arbeitete die Maschine: ruhig und doch unwiderstehlich der Kolben, unaufhaltsam das große Schwungrad, treu und sicher die kleinen Zahnräder.
Und wenn meines Lebens Werk auch nur der Arbeit des kleinsten dieser Räder gliche, jedes kleinste Rad lehrt es mich: die treue Erfüllung jeder kleinsten Pflicht ist notwendig, um unsere Kultur vorwärts zu bringen, auch die schwächste Kraft hat ihre Aufgabe, die sie zu erfüllen hat, — ohne Reibung.
Und nun schau einer dieses Geschreie und Gelärm in unserer Nation, sobald irgend etwas Notwendiges, irgend etwas, was dem Ganzen frommt, das Ganze fördert, durchgesetzt werden soll: da klagen die Konservativen über die Erbschaftssteuer, — sie wollen nichts missen vom Ererbten — da die Freisinnigen und die Brauer und die Tabakhändler über Bier- oder Tabaksteuer, die Sozialdemokraten über Bevormundung, die Brenner über die Branntweinsteuer, — keiner will sich einfügen, keiner geben, alle wollen den Nutzen vom Reiche, vom Ganzen, von den anderen, einerlei, ob sie damit dem Ganzen, den anderen schaden oder nicht. So werden unsere Flüsse zu Kloaken, unsere Städte zu menschenmordenden Massensiedlungen und unser Volk in weiten Schichten zu Proletariat. Und ihr, ihr alle seid schuld daran!
Wir brauchen heute, um die soziale Frage zu lösen, unsere Kultur vorwärts zu bringen, nicht so sehr neue Gesetze, als neue Menschen, Menschen mit neuem Pflichtgefühle dem Ganzen gegenüber, Menschen, die wissen, daß sie kleine und große Räder sind in der großen Maschine unserer Kultur, unserer Nation, daß sie totes Eisen sind, wenn diese große Maschine jemals still stehen würde. Aber sie müssen lernen, Räder zu sein, die still und treu ohne Reibung ihre Pflicht tun. Denn so unerbittlich erheischt es das Leben des Ganzen. —
Kaiser, — hierher, an die Maschine!
Sieh, du bist der Kolben; — hier das große Schwungrad ist unser Reichstag.
Kultusminister, du bist der Maschinist! Hast du deine Räder, deine Lager, deine Kolbenstange mit hingebender Liebe geölt, wie jener treue Mann da unten im Schiffsraum? Hast du es nicht getan, so[S. 234] warst du ein schlechter Maschinist im Schiffe unserer Nation. Oh, geh in dich, und nimm deine Ölkanne und lehre deine Räder, die großen und die kleinen, wie sie ohne Reibung ihre Pflicht zu tun haben; — aber nimm das Öl der Liebe, denn alles andere wird ranzig und frißt den Stahl unserer Kraft. —
Mir fiel der Balte wieder ein und sein an Liebe bares Vaterland. Ich sah im Geiste das tote Eisen der russischen Schiffe in den vereisten Häfen der Ostsee und auf dem Boden des japanischen Meeres. Sie waren ohne Liebe gebaut, ohne Liebe geführt, ohne Liebe waren sie zugrunde gegangen. Nun zerfraß sie der Rost. Und das große Reich, dem sie entstammten, zerfiel wie sie aus Mangel an Liebe. — —
Als ich beim Sternenschein vor meiner Kabinentür stand, hörte ich leises Singen. Ich beugte mich über den Rand der Treppe und sah unseren Freund von Madeira auf einem Deckstuhle sitzen, zu seinen Füßen das Hexlein, das lockige Köpfchen in seinen Schoß gebettet. Und deutlich hörte ich sein Lied:
Als ich dann in meiner letzten Runde beim Hintersteven vorbeikam, wo die Schraube aus den blauschwarzen Wogen silbernen Schaum emporwirbelte, da war es mir, als ob ich weit, weit aus der Ferne[S. 235] ein gar trauriges Lied vernahm mit einer unsagbar schwermütigen Melodie.
Sang ein Geist sie über den Wassern? Gespenstisch klangen die Töne durch die Nacht:
Alles andere verklang in dem Rauschen des Gischtes und in dem Brausen des Nachtwindes, der um die Rahen und Masten raunte.
Ich wußte nicht mehr, wo ich das Lied gehört hatte, — auf dieser Reise war es gewesen. Mir war's, als ob der Balte es einmal vor sich hingesummt hatte.
Brasilien!
Beim ersten Morgengrauen fuhren wir den Paráfluß hinauf.
Noch sahen wir kaum Land. Aber bald schimmerten durch den leichten Nebel hindurch die Kronen der Wälder, unermeßlicher Wälder. Eine weiche, warme, wunderbare Luft, erfüllt von märchenhaften Wohlgerüchen, wehte uns entgegen. Immer größer, immer grüner wurden die Wälder, immer berauschender der Duft.
Die portugiesische Mutter mit ihrer schönen Tochter hatte sich zu uns gesetzt. Ich hatte der jungen Frau von meinen Kindern erzählen müssen. Nun saß sie da und hielt traumverloren das Bild meines blondgelockten Jüngsten in ihrer Hand. Tränen standen in ihren Augen.
Nach dem Frühstück erzählte mir die Mutter die Ursache ihrer Traurigkeit. Ihr sehnlichster Wunsch, Kinder zu besitzen, war ihr versagt geblieben. Ihr Ehemann war bereits krank in die Ehe gekommen und trieb sich seit Jahren in den Hafenstädten von Südbrasilien oder in Buenos Ayres herum, ein arbeitsscheuer, verkommener Lebemann. Kurz vor ihrer Abreise hatte ein Telegramm die Damen nach Brasilien gerufen: der Mann war in Rio in einer Schenke von einem Neger, dessen Tochter er vergewaltigt hatte, erstochen. So war sie in jungen Jahren Witwe geworden.
[S. 236]
Die Tochter hatte vom Vater ausgedehnte Besitzungen am Amazonas geerbt, die die junge Frau, so gut sie es vermochte, mit großer Energie bewirtschaftete. Aber es mangelte an Arbeitskräften. Und vor allem, — der Erbe fehlte, der einst die Frucht ihres Fleißes ernten, ihre Ideen zu Ende führen könnte.
Als die Damen hörten, daß unsere Deutschen Land zur Niederlassung suchten, jauchzte die Jüngere auf und hieß unsere Gesellschaft mit offenen Armen willkommen.
In kurzem war der Plan fertig. Unsere Gesellschaft sollte sich in Pará mit Handwerkszeug, Waffen, Sämereien, Nahrungsmitteln für die erste Zeit versehen — unsere neue portugiesische Freundin stellte bereitwillig alle dazu notwendigen Mittel zur Verfügung — und sollten dann als Kolonisten in ihr Königreich am Amazonas einziehen. Ich aber solle und müsse auch mitkommen. Lachend wehrte ich ab. Ich müsse in Jahresfrist wieder daheim sein bei meinen Lieben. Da ward sie traurig. Aber es blieb bei der Abmachung mit unserer Gesellschaft.
Näher traten die Ufer. Immer wärmer wurde die Luft, immer würziger das Duften, das von den Wäldern herüberdrang.
Mitten im Strome taucht plötzlich ein altes Kastell auf: Pont de Barrá. Vor hundert Jahren mögen die ersten Ansiedler es zum Schutz gegen Überfälle der Indianer errichtet haben. Es erinnert an die Weihnachtsfestungen in unseren Spielzeugläden. Aus den Schießscharten lugen neugierig-harmlos ein paar verrostete Kanonen. Zwei nackte braune Gestalten markieren die Garnison. Als unser Dampfer in Sicht kommt, rennt einer der Burschen zur Flaggenstange und hißt die brasilianische Flagge, der andere steigt schnell in seine blauleinenen Unaussprechlichen, um, auf dem Wall stehend, die Honneurs zu machen. Glückliche Unschuld der Tropen!
Bald zeigen sich Villen am Flußufer, ein zweites Blankenese, die Herrensitze der reichen Kaufherren von Pará. Der Kapitän läßt den Mörser laden. Donnernd krachen hintereinander drei Böllerschüsse in den stillen Morgen hinein, den Brasilianern die Ankunft des deutschen Dampfers meldend.
[S. 237]
Vor uns liegt Pará, ein kleines, bescheidenes Lissabon, umrahmt von Palmenhainen und Urwald. Und über dem allen der strahlend blaue Himmel und die wundervoll glühende Sonne.
Wir sind in fremdem Land. Am Hafen liegen und lungern schwarze Neger und gelbe Mulatten, rothäutige Indianer und braune Brasilleres, ein fremdartiges Bild. In unseren weißen Tropenanzügen, durch große Panamahüte gegen die Sonne geschützt, schritten wir Deutsche wie ein Herrschergeschlecht durch dieses buntfarbige Volk.
Schmeichelnd hängt die junge Portugiesin an meinem Arme. Der blonde Germane hat es ihr angetan. Ich solle mitkommen. Ihr ganzes Königreich solle mein sein. Einen Sohn wolle sie haben, groß und stark, wie ein Deutscher, der solle ihr Erbe sein. Ich lasse sie schwatzen und lache.
Plötzlich verfinstert sich der Himmel, dicke Tropfen fallen herab. Eben war es doch noch strahlendes Blau? Wo blieb die Sonne? Schnell in das nächste Kaufhaus, um einen Schirm zu erstehen. Schon gießt es vom Himmel in Strömen. Ob wir das Schiff noch erreichen? Wir treten in ein offenes Portal. Eine Kaserne. Ein Unteroffizier, augenscheinlich indianisches Mischblut, tritt höflich an uns heran und bittet um die Erlaubnis, mir meinen triefenden Schirm abnehmen zu dürfen. Im Gewehrständer stehen die Gewehre. Gute Magazingewehre neuester Konstruktion von deutscher Firma. Da erwachte der alte Soldat in mir. Ich nehme eins heraus und übe stramm unsere deutschen Griffe. Staunend stehen die Brasilianer herum. So scharf machten sie es nicht. So — leichter, bequemer, wohl der Hitze wegen. Hitze? Ich fühle keine, fühle mich wohlig, wie nur je in meinem Leben. Der Übermut packt mich. Noch hält der Unteroffizier das Gewehr in der Hand, den Tornister hat er auf dem Rücken. Mit einem Ruck habe ich den bepackten Mann mitsamt seinem Gewehr wie ein Kind auf meinen Armen und trage ihn, gefolgt von den staunenden Soldaten, wie im Triumphzuge durch die Korridore der Kaserne. Beim Portal stelle ich ihn sanft wieder auf seine Füße, ihm lachend auf portugiesisch zurufend: das ist deutsche Kraft! Gleichzeitig strecke ich ihm zur Versöhnung die Hand entgegen, die er ehrfürchtig erfaßt.
[S. 238]
Es ist ein eigen Ding, wenn auf der Seefahrt die Kraft sich anhäuft. Ich spüre es selbst. Wahrlich, wir sollten sehr ernst daran denken, unserem Janmaat, wenn er an Land kommt, Gelegenheit zu geben, sich auszutummeln in olympischem Spiel, anstatt daß er sein Geld den Schnaps- und Bierhyänen in den Wirtschaften in den Rachen wirft und seine Kraft bei liederlichen Dirnen vergeudet. Das wäre besser, als pharisäisch zu richten.
Am anderen Tage geht's zum Professor Goeldi, einem Landsmanne meines Schweizer Freundes, des Professor Forel in Zürich, — Wassertrinker wie dieser und wie ich. Er ist bald dreißig Jahre hier in diesem als mörderisch verschrienen Klima, — noch ist er keinen Tag krank gewesen. Weder an Malaria noch an gelbem Fieber. Dabei züchtet er in seinem Laboratorium die als so unheilvoll erkannten Stechmücken, die Überbringer jener tödlichen Krankheiten. Er nimmt weder Chinin zum Schutz, noch Arsenik, aber er meidet das berauschende Gift, gerade wie Emin Pascha und Livingstone, Stanley und alle die anderen großen Tropenforscher. Und hier, mitten im Urwalde, hat dieser Mann, fern von der Heimat, der Wissenschaft die wichtigsten Dienste geleistet und ein naturhistorisches Museum geschaffen, das einzig in seiner Art dasteht.
In seinem Garten finde ich am Wege ein mehrere Fuß langes stachlichtes Gebilde, das Deckblatt der jungen Sprößlinge der Pupanhapalme. Wäre dieser Schutz nicht vorhanden, die Affen, die Faultiere und die Papageien würden das keimende Blatt schon zernagen und den Baum zerstören. So sorgt die Natur in ihrem schöpferischen Reichtume überall schützend für ihre Kinder.
Auf der Besitzung unserer in Pará ansässigen Freunde entdeckte ich eine andere Palme von wunderbarer Art. Sie nannten sie Assaypalme. Gerade und kräftig stieg ihr Schaft empor. Unter einer mächtigen Krone langer und breiter Blätter hingen in Abständen fußlange, dicke Büschel mit Nüssen, aus denen die Eingeborenen ein erfrischendes, gesundes Getränk bereiten. Über jedem Fruchtbüschel wölbte sich als Kelchblatt ein großes, holziges Dach in schön geschwungener Form, nach vorn in einen gefälligen Zipfel auslaufend, so daß das ganze Gebilde einen anmutigen Anblick erstaunlicher Fruchtbarkeit darbot. Auf den ersten Eindruck hin war mir klar, daß dieses Dach den Fruchtbüschel[S. 239] vortrefflich gegen die wolkenbruchartigen Tropenregen schützen müsse, die jeden Nachmittag um drei Uhr vom Himmel herunterprasselten, und die ohne diesen Schutz sicher die Früchte schon vor der Reife abschlagen würden.
Wie wuchs aber mein Erstaunen, als unsere Freunde mir erzählten, unter jedem dieser Schutzdächer niste, von der Blütezeit des Kolbens bis zur Reife der Früchte, ein kleines Eulenpärchen. Sobald die Früchte völlige Reife erreicht hätten, seien die Jungen flügge und dann flöge die ganze Gesellschaft von dannen.
Mit einem Schlage war mir der Zusammenhang klar. Das holzige Dach schützte den Fruchtbüschel vor Regen, gleichzeitig bot er den Eulenfamilien Schutz gegen Regen und Sonne, Tau und Wind. Aber die Eulen bedurften für sich und ihre Jungen der Nahrung. Wären sie nicht gewesen, so hätten sicher die zahlreichen Insekten, die in den von den reifen Früchten entblößten Büscheln ihr Dasein hatten, Blüte und Frucht schon im Werden zerstört. So aber sorgten die Eulen als treue Wächter für die Unberührtheit ihres Heims. Als nun aber die Früchte gereift waren und den Menschen zur Nahrung dienten, hatte der Aufenthalt der Vögel unter dem Schutzdache keinen Zweck mehr, — der von den Früchten entblößte Büschel diente nunmehr dem Heere der zahllosen niederen Tiere als Wohnstätte und Nahrung zugleich.
Mir war's, als hätte ich kaum je zuvor so anschaulich die unendliche Vatergüte der Alliebe zu bewundern Gelegenheit gehabt: in dem einen Blütenkolben schuf »er« so Nahrung für die Menschen, die Vögel und die kleinste Lebewelt in schönster Form und in so harmonischer Abwechslung und Ergänzung, daß ich am liebsten auf die Knie gefallen wäre, um hier an Ort und Stelle dem Allmächtigen zu danken. Und unwillkürlich fiel mir das alte Wort ein von den Lilien auf dem Felde und den Vögeln unter dem Himmel: sie säen nicht und ernten nicht und sammeln nicht in die Scheunen, und unser himmlischer Vater ernährt sie doch.
Da übermannte es mich. Tränen füllten meine Augen und bittere Wehmut mein Herz: in der ganzen Natur, auf der ganzen Erde diese schier unbegrenzte Fruchtbarkeit, diese endlose Weite, dieser unendliche Reichtum zum Leben, zum lachenden, blühenden, glücklichen[S. 240] Leben in Friede und Liebe, — und wir Menschen? O Gott, du Allgütiger und Allweiser, wir sind nicht wert, daß wir deine Kinder heißen, sind nicht wert, daß du uns diese wundervolle, überreiche, sonnige Erde geschenkt hast! Wie haben wir die Freiheit mißbraucht, die du uns geschenkt! Was haben wir daraus gemacht in unserer Selbstsucht, in unserer Genußsucht, unserer Lieblosigkeit und Härte, unserer Unvernunft und Kurzsichtigkeit! Und riesengroß stieg mitten in all dieser Sonnenherrlichkeit, all dieser Farbenpracht, all dieser Blumenfülle, dieser üppigen Fruchtbarkeit das Elend der Menschheit, das Elend meines Volkes wieder vor meinen Augen empor, riesengroß, dunkel, zum Himmel schreiend. Mir brauste es vor den Ohren, wie Gedröhn klang mir das Chaos der anklagenden, schluchzenden Stimmen der Hungernden und Frierenden, der Verlassenen und Verzweifelten, der Verkommenen und Verbitterten, und wie ein Angstschrei rang es sich aus meiner Seele los.
Haben es zugegeben, daß Menschen um schnöden Geldes und Gewinnes halber verführt wurden, all diese entsetzlichen Gifte zu sich zu nehmen, Opium und Branntwein, Bier, und wie sie sie alle tauften, Gifte, die sie krank und elend, arm und stumpf machten, falsches Glück ihnen vorgaukelten, sie und ihre Nachkommenschaft in Unglück und Tod stürzten?
Haben es geschehen lassen, daß Menschen von der Natur, dieser allgütigen Mutter aller, entfernt, in steinerne Massenquartiere zusammengedrängt wurden, so daß sie verlernten, die Allgüte und Alliebe zu erkennen und zu achten und zu lieben, — und wiederum nur, damit wenige sich bereicherten? Wir hatten zugegeben, daß Menschen, diese höchsten Geschöpfe der allmächtigen Liebe, als Sklaven verkauft wurden, und gaben es zu bis auf den heutigen Tag, daß sie sich mit ihrer Seele und ihrem Leibe verkauften, aus Not oder aus Unwissenheit, um fremden Lüsten zu dienen, seelenlos, schlimmer, als ob sie Tiere seien? Und wir, wir wagten es, uns Christen zu nennen? Da sprang ich auf! Auf euer Christentum pfeife ich, ihr Heuchler und Pharisäer, ihr kalten, herzlosen, selbstsüchtigen, herrschsüchtigen Priester und Mammonsknechte, Fürsten und Fürstendiener! Lügner und Heuchler seid ihr, die erhalten wollen, was euch beliebt, was euch paßt und guttut, damit ihr im warmen Nest euch wärmen, damit ihr[S. 241] schwelgen könnt, unbekümmert darum, daß Tausende, Millionen darben, hungern, frieren, zugrunde gehen!
Hier am Fuße dieser Palme knie ich und bete dich an, du Grundgütiger, Alliebender, und flehe dich an: gib mir Kraft und ein reines Herz, damit ich zu meinem bescheidenen Teil mit dazu beitrage, daß die Sonne, die Wärme, die Liebe, die du in deiner grenzenlosen Güte über die Erde ausgießest, sich auch über die Menschen ausbreitet und in ihre Herzen hineinfließt, sie erweichend, erwärmend, erhellend, wie deine Sonne, die die Erde erwärmt und erhellt! —
Die spanischen Auswanderer hatten bereits bei unserer Ankunft in Pará unser Schiff verlassen, um von hier über Ceará nach Südbrasilien und Argentinien weiterzureisen. Mit ihnen die junge Französin und unser Rheinländer. Unsere Verabredung ging dahin, er solle diese beiden Länderstrecken durchqueren und durch Mittelbrasilien bis nach Bolivia durchdringen, um dann mit mir am oberen Laufe des Amazonas wieder zusammenzutreffen. So würden sich unsere Erfahrungen ergänzen, und von hier aus würden wir dann gemeinsam heimfahren.
Inzwischen war unsere Reisegesellschaft beim Gouverneur gewesen, hatte die nötigen Schritte zur Erlaubnis der Niederlassung getan, hatte Spaten und Beile, Pflugschar und Äxte, Sägen und Seile eingekauft, und was sonst noch nötig war, um im fremden Lande eine neue Heimat zu gründen. So fuhren wir denn frohen Herzens den Paráfluß wieder hinab, noch einmal an der alten Festung im Flusse vorüber, und in schlankem Bogen um die Insel herum in die Mündung des gewaltigen Amazonenstromes hinein, und damit in das Reich des schier unbegrenzten Urwaldes.
Kein Dom, keine Kirche kann die Andacht erwecken, die die Gewalt dieser großen Natur über die Menschen bringt. Breit, majestätisch rollt der Amazonas seine gewaltigen, gelben Fluten dem Meere zu. Schweigend, unendlich dehnt sich der Wald an seinen beiden Ufern. Dann wieder verengt sich das Bett des Stromes. Dicht gleitet das Schiff am Ufer entlang. Der Wald, der eben noch, aus der Ferne gesehen, schweigend dalag, er ist nicht tot, nein, — er lebt, — Scharen[S. 242] buntbeschwingter Papageien beleben das Dickicht, hoch oben in den Baumkronen uralter Urwaldsriesen wiegen sich königliche Kakadus, farbenreich glüht es, wohin das suchende Auge irrt, im Dickicht von wunderbaren Blüten, goldgelben und in purpurnem Rot. Berauschender Duft erfüllt die Atmosphäre.
An kleinen Ranchos fahren wir vorbei, Hütten aus Bambus, mit Palmenblättern gedeckt, vor denen Kinder brauner Indianer sich fröhlich tummeln, laut jauchzend, als unser Schiff bei ihnen vorüberzieht, lange Kielwellen ans Ufer werfend. Ab und zu eine Lichtung im Walde, weißgetünchte Häuser. Auf fetter Weide wandeln wohlgenährte Rinder, gerade wie bei uns in der Marschenheimat. Und wieder Wald und Wald, Hüttchen der Indianer, wieder eine Farm mit Weiden und Rindern und wieder Wald, endloser, üppiger Wald, Tag um Tag.
Tropisch schwül sinkt die Nacht hernieder. Die ganze Welt ist in berauschenden Duft gehüllt. Wunderbare Schmetterlinge, schillernd in leuchtenden blauen und grünen Farben, durchgaukeln die Luft. Sternenklar ist der Himmel. —
Ich stand in meiner Kajütentür, lässig an den Pfosten gelehnt, bereit, zur Ruhe zu gehen. Auf dem Vorderdeck lagen die Auswanderer, die noch an Bord geblieben waren, schlafend zwischen ihren Kisten und Körben. Auf der Brücke war alles still. Plötzlich huschte eine Gestalt auf mein Bootsdeck die kleine eiserne Schiffstreppe hinauf, — von einem dunkelen Mantel lose umhüllt, in leichtem Hemd, die Polin. Sie gleitet zu meinen Füßen nieder, umklammert meine Knie und bettelt um Liebe.
Die Nacht ist glühend schwül. Vom Urwald weht süßberauschender Duft herüber. Leise stampft die Maschine ihren Takt, — oder ist es mein Herz? Das Blut siedet in meinen Adern, pocht in den Schläfen. Zu meinen Füßen fleht verführerisch das junge Weib. In all der Glut stehe ich wie aus Marmor. O, ich weiß es nur zu wohl, warum ich zitternd erstarre.
Plötzlich ertönt von der Brücke, leise und doch deutlich vernehmbar die Stimme des ersten Bootsmannes:
[S. 243]
Schon mehrmals hörte ich das Lied von ihm in stiller Nacht, — es ist sein Lieblingslied. Da kommt neues Leben über mich. Fast hart klingt meine Stimme: »Geh' in deine Kammer!« Mein Herz aber ist voll Mitleid. Ich fühle, wie die Arme von meinen Beinen sich lösen. Ich sehe, wie die dunkle Gestalt die Treppe hinabhuscht. Tief aufatme ich, als ob eine Last von mir genommen sei. Aber der Duft und die glutende Schwüle, — haben sie mein Blut zum Sieden gebracht? Will es die Adern sprengen?
Wie ich in meine Kabine trete, um schlafen zu gehen, — kaum habe ich die Tür hinter mir geschlossen, — barmherziger Gott, — was ist das? — Weiche Arme umschlingen meinen Hals, glühende Küsse bedecken mir Mund und Augen: »meinen Sohn will ich von dir, — einen blondgelockten!« — Die Portugiesin! —
»Signora!« — Schon habe ich mich befreit und halte die Zitternde an beiden Händen. — »Seien Sie doch vernünftig! Wie könnte ich! Denken Sie an meine Lieben zu Hause! Die warten auf mich und brauchen mich! Und mein Weib! Und hätten Sie einen Sohn von mir, so müßte ich mit Ihnen gehen, — denn mein Kind ließe ich nicht im Stiche.« — »Ich will aber nicht vernünftig sein! So komm mit mir! Ich will meinen Sohn!« —
Es gelingt mir, mit der einen Hand schnell die elektrische Lampe anzudrehen, so daß ich ihr Auge ins Auge sehen kann. Gluten bedecken das schöne Antlitz. Da senkt sie beschämt die Lider. Das helle Licht verträgt der Glutenrausch nicht.
Sanft drücke ich die schlanke Gestalt auf einen Stuhl und gebe ihre Hände frei, in die sie schluchzend ihr Gesicht birgt.
[S. 244]
Leise flüstere ich ihr in ihrer Muttersprache zu: »Signora — der sächsische Offizier geht mit Ihnen, — er hat mir gestern heimlich anvertraut, daß Sie es ihm angetan hätten. Er ist schön und stark und gut. Ehe Sie morgen alle von unserem Schiffe scheiden, will ich ihm Mut machen, daß er auf Gegenliebe hoffen dürfe! Er ist der Gatte für Sie, den Sie suchen, und den Sie brauchen. Als Sohn eines Rittergutsbesitzers ist er im landwirtschaftlichen Betriebe groß geworden. Selbst wenn ich frei wäre, paßte er besser für Sie, als ich. Und nun gehen Sie, damit Sie hier niemand findet, in so später Stunde!«
Ein glühender Kuß auf meiner Hand, — ein leises Öffnen der Tür, ein Rauschen, wie von einem Frauengewande, — war es ein Traum gewesen, — ein Spuk der Tropennacht, vom Urwalde hergeflattert? — — —
Ich steige zur Kompaßbrücke hinauf, um unter freiem Himmel die Nacht zu verbringen. Hier oben weht milde, frische Luft.
Über mir schimmern die Sterne und erzählen funkelnd von der Pracht und Größe des Alls, von der der Nordländer sich keinen Begriff macht.
Die Allgewalt der Natur und die Kühle der Nacht bringen den erregten Nerven allmählich wieder Ruhe.
Anfangs freilich wogen Gedanken und Empfindungen noch wild gegeneinander: die Gedanken an daheim, — an meine Lieben. Dann aber wallt das heiße Blut wieder auf, und das Bild der Portugiesin tritt dazwischen. Dann wieder war es mir, als ob ich das Lied unseres Steuermannes noch hörte, — das Lied von der Treue. — —
Und dann taucht in meinen Träumen neben der jungen portugiesischen Witwe plötzlich das Gesicht unseres braven Sachsen auf. Sein schönes, männliches Antlitz leuchtet siegesfroh. Mit zärtlichem Lächeln schmiegt sich das schöne Weib an ihn an. — — —
Nun drängt sich ein blondes Frauenantlitz durch die Sternenwelt über das Meer her, — wie Abendsonnenglut leuchtet ihr Haar, — ich höre den Jubel und das Geplauder der Kinder, — meiner Kinder! — — —
Dann kam eine wunderbare Müdigkeit über mich. Ich rollte meinen Mantel zusammen, legte mich aufs Deck nieder, schob die Rolle ins Genick und schlief ein.
[S. 245]
Wie ich am Morgen erwache, ist mir so wunderbar leicht, — ich fühle mich so rein, so frei, so aufgelegt zu allem Großen und Schönen und Guten, — wie ein Sieger! — Das kommt, — mein Herz ist frei von Reue, weil es Herrscher blieb über die Sinne.
Und dann denke ich an unseren Sachsen und die Portugiesin, und welch stattliches Paar sie abgeben werden, und denke an die Erfüllung der Hoffnungen dieser beiden jugendlichen Menschenkinder.
Eine frische Brise streicht über den Fluß. Ich muß einen Jauchzer hinausschicken in den vom Morgennebel dampfenden Urwald, der in majestätischer Ruhe an unserem Schiffe vorüberzieht.
Da quillt es aus meinem Herzen hervor, wie Jubelgesang lasse ich es in die frische Morgenluft hinausklingen:
Was ist das? Wie leises Echo schallt vom Kajütendeck ein portugiesisches Lied herauf, lockend, weich, schwärmerisch, selig:
[S. 246]
Ich kannte das Lied. Mein sterbender Bruder, der selbst auf seinem letzten Schmerzenslager sein schönes Brasilien nicht hatte vergessen können, hatte es mich kurz vor seinem Tode gelehrt:
Weib, Weib, — suchst du deinen Sohn, den König deiner Wälder? — —
Auf dem unteren Deck höre ich den Marschtritt unserer Bootsleute, die zum Deckwaschen kommen. Halblaut klingt ihr Friesenlied zu mir empor:
Das waren die Klänge, die mich nach der Sturmesnacht in der Biskaya aus schwerem Schlafe erweckten. — —
Lichter wird der Tag. In flammendem Golde liegen die Wipfel der Urwaldbäume. Strahlend frohlockt der blaue Himmel der Tropen. Unaufhaltsam kämpft unser Schiff gegen die Fluten des Amazonas. Unendlicher Wald zieht an uns vorüber.
Endlich eine große Lichtung. Eine Anzahl Indianerhütten zeigen an, daß der Ort zur Niederlassung günstig ist. Mais- und Maniokafelder, Kakaoplantagen und Bananenpflanzungen, zahlreiche Gummibäume und dazwischen fette Weiden mit bunten Rindern, mit Pferden und Schafen, zeigen die reiche Fruchtbarkeit des Landes.
Hier ist der Platz. Rasselnd fährt unser Anker zu Grund. Eine kleine Dampfpinasse, die unsere Gesellschaft in Pará erstanden, wird[S. 247] zu Wasser gelassen, Werkzeuge und Waffen, Saatgut und Nahrungsmittel werden hineingeladen, und nun geht es ans Abschiednehmen. Oh, wie ist doch die Trennung so schwer, wenn man weiß, daß es nach menschlicher Voraussetzung eine Trennung fürs Leben ist. Und doch, — die Seelen, die einmal ineinander geflossen sind, die Leid und Lust getauscht haben, für die gibt es keine Trennung, kann es keine Trennung geben.
Sanft errötend, die Augen schamhaft niedergeschlagen, reicht mir die junge Portugiesin die Hand zum Abschiede, ehe sie die Schiffstreppe hinabsteigt. Herzlich küßt mich unser Hexlein auf die Wange und raunt mir, schier triumphierend, zu: »ich glaube, wir haben unseren König an Bord.« Mit festem Händedruck grüßen wir Männer uns zum letztenmal. Sie werden ein neues Volk begründen. Vom Ufer her ein Winken, ein Tücherschwenken, und vorwärts dampft unser Schiff. —
Über die Baumkronen hin ziehen meine Gedanken. Ihr wird es schon gut gehen. Unser Sachse wird ihr ein trefflicher Gatte sein. Segen wird auf ihrem Bunde ruhen. Mein österreichischer Kollege wird ihr treu beistehen in schwerer Stunde. Unser Badenser Lehrer wird dem Kindchen ein treuer Führer sein. Der Freunde Liebe und Treue wird beide umgeben, solange sie leben.
Sehnsuchtsvoll ziehen meine Gedanken weiter über den Wald und das Meer, durch Sturm und Nebel bis in das Gartenland der Heimat, zum eigenen Herde, zu meinem Weibe, zu meinen Sieben, meinen starken blonden Jungen, meinen sinnigen Mädchen.
In die gelben Fluten des Amazonas mischen sich die schwarzen Wasser des Rio Negro. Das Flußbett weitet sich, und siehe da, mitten im Urwalde eine große, moderne Stadt mit Kirchen und Rathaus und Hospital und einem von stattlichem Säulengange umgebenen Theater, — wie ein Traumbild liegt vor uns Manáos, die Hauptstadt des Waldlandes.
Kaum liegt unser Schiff an der aus mächtigen Quadern erbauten Kaimauer, drangt durch die Menge der an Bord Kommenden ein stattlicher Neger, schwarz wie Ebenholz, und ruft laut den Namen der[S. 248] jungen Spanierin, die von Lissabon mitgefahren war, um hier in Manáos auf die Heiratsannonce hin ihren Mulatten zu freien. Er stellt sich ihr vor, er sei der Gesuchte. »O nein,« ruft sie entsetzt, »ein heller, ganz heller Mulatte solle es sein, so stände es im Kontrakte.« Da fletscht der Neger grinsend die elfenbeinweißen Zähne und antwortet mit höhnender Verbindlichkeit: »Jawohl, Signora, — aber er ist ein bißchen dunkel ausgefallen.« Dem jungen Weibe schwinden die Sinne. Wir versuchen zu intervenieren. Triumphierend zeigt der Neger seinen Kontrakt. Da ist nichts zu machen, weder mit List noch mit Gewalt. Wie ein gekauftes Stück Vieh zieht er die Willenlose mit sich fort. Mir aber fielen die Tausende von Mädchen und Frauen in der Heimat ein, die sich zwecks Versorgung für die Ehe verkaufen, — oft genug an Männer, deren Haut zwar weiß ist, deren Seele aber an Gemeinheit schwärzer ist, als die Haut jenes Negers.
Am folgenden Tage war Kaisers Geburtstag. Ich hörte auf der Straße, wie ein paar Brasilianer sich über die Feier zu Ehren unseres Kaisers unterhielten und lachend sagten: »Da betrinken sich die Deutschen wie die Schweine und rufen Hurra. Das nennen sie Vaterlandsliebe.« Ich fühlte, wie ich rot wurde bis unter meinen Panama. — —
Im deutschen Klub zuerst allgemeines Entsetzen, als mein Kapitän und ich statt des üblichen Bieres Sauerbrunnen bestellten, das Kaiserhoch in Sauerbrunnen tranken. Aber kein Mensch betrank sich bei der Feier. Zum ersten Male seit Bestehen der deutschen Kolonie waren alle nüchtern. Und — so schön sei es noch nie gewesen, behaupteten alle.
Nur später hatten zwei deutsche Jünglinge sich doch noch einen Rausch angetrunken. In dem durch das Bier erzeugten obligaten Größenwahne hatte der eine sich als »Reserveoffizier« aufgespielt, während er nur das Examen für den Einjährigen-Dienst bestanden hatte. Der andere, der davon wußte, hatte ihn Schwindler geschimpft. Das Ende vom Liede war eine solenne Keilerei zum Gaudium der Brasilianer, der Neger und Mulatten.
Könnte man unseren deutschen Studenten, Offizieren und Stammtischphilistern doch einmal, wenn sie nüchtern sind, im Spiegel zeigen, welch lächerliche und klägliche Rolle sie unter dem Banne von Bacchus und Gambrinus dem Nüchternen bieten. Und wieder fing ich das[S. 249] Wort aus Negermund auf: »Deutsche Schweine.« Ich tat, als hörte ich es nicht. Denn die beiden mit Kot besudelten Trunkenen lieferten dem Sprecher den Beweis der Wahrheit.
So untergraben unsere Landsleute draußen in der Fremde das Ansehen des deutschen Namens nur zu oft durch eine einzige Unbesonnenheit zehntausendmal mehr, als je der Paradeprunk und der Kanonendonner unserer Kriegsschiffe wieder gutmachen können. —
Vielfach hörte ich unsere Landsleute klagen, daß die Engländer ihnen das Geschäft verdürben. Als ich aber sah, wie die Deutschen beim Bier oder Soda mit Whisky über die Hitze stöhnten, während die Engländer unter der strahlenden Sonne ihr Fußballspiel trieben, wußte ich den Schlüssel zu der Frage, woher die angelsächsische Rasse uns draußen in der Welt so oft den Rang abläuft.
Im Hospital für die Gelbfieberkranken lernte ich in seinem Laboratorium einen englischen Arzt, Dr. Jonas, kennen, der von der englischen Regierung dorthin geschickt war, um diese mörderischste aller Tropenkrankheiten zu studieren. Er hatte in München von den deutschen Studenten das Biertrinken gelernt und hier in Brasilien zweimal bereits das Fieber gehabt, beide Male war er wie durch ein Wunder gerettet, — vielleicht, daß er von seiner früheren Nüchternheit, die er in England, ehe er nach Deutschland kam, geübt hatte, noch Schutzkraft in sich trug, die den Tod fernhielt.
Bei ihm arbeitete unter dem Namen einer Baronin von R. eine Fürstin deutscher Abkunft. Die Mutter stammte aus einer alten jüdischen Familie. Sie war fast in der ganzen Welt herumgewesen, in Indien, um die Cholera zu studieren, in Afrika, um die Schlafkrankheit zu erforschen, eine tapfere, kluge, energische Frau, die mir in ihrer zweifachen Abstammung wie die Verkörperung der aus deutschem Adelsgeiste und dem hygienischen Instinkte eines Moses entsprossenen Hygiene erschien.
Sie lehrte mich, immer tiefer in die Wunder der Tropen einzudringen. Die Urubus, die Aasgeier des Urwaldes, sie wurden zu richtigen Gesundheitsbeamten, die jeden Kadaver in den Straßen der Stadt sofort beseitigten, auf dem Marktplatz die Abfälle der Schlachter, am Ufer des Stromes die Eingeweide der Fische, die die Fischer beim[S. 250] Ausnehmen der Wasserbewohner achtlos beiseite werfen. Neben den Indianern, die auf dem Markte die Riesenschildkröten schlachteten, hockten sie zu Dutzenden, und sogen selbst das Blutwasser mit ihren Schnäbeln aus dem Sand und Kies heraus. Und was sie übrig ließen, beseitigten im Nu die flinken Ameisen und Milben, alles Tote, was vielleicht Fäulnis und Krankheitsherd werden könnte, in neues Leben verwandelnd. Überall Weisheit, überall Liebe, wohin das Auge sah! Überall Leben!
An den Ufern des Flusses hockten als Gesundheitspolizei Scharen prächtig braun gefiederter Cingunas, deren Beute aus den toten Fischen und Tierkadavern bestand, die sonst den Strom verpesten könnten. Wahrlich, man sollte einmal bei ihnen unsere deutschen Behörden in die Schule gehen lassen, damit sie hier aus dem Buche der Natur lernen, wie wichtig es ist, die Flüsse rein zu halten.
Weisheit, wie bist du voll Liebe! Liebe, wie bist du weise! Wenn nur die Menschen nicht so unweise und oft so lieblos wären!
Die Fürstin verabredet mit mir, sobald ich nach dem Abschlusse meiner Fahrt aus dem Gebiete des Waldlandes zurückgekehrt sei, die gemeinsame Heimreise.
Mein Kollege, der zu Studienzwecken nach Europa gehen und mich auf meinem Schiffe für die Rückfahrt als Arzt vertreten wollte, war zur Stelle.
So nahm ich denn Abschied von meinem Schiffe, — von der Welt, — nein, nur von der Welt, die mir bislang die Welt gewesen war. — — —
Und nun ging es weiter, immer weiter in das Waldland hinein, nur begleitet von meinen beiden indianischen Führern. Urwald auf beiden Seiten. Von den Ufern neigen üppige Blattpflanzen ihre sattgrünen Blätter in die graugelben Fluten. Aus dichtem Unterholz von wilden Kakaobäumen und zu schier undurchdringlichem Dickicht verwachsenen Schlingpflanzen erheben die Umbrula ihre schlanken weißen Stämme, die sich die Faultiere mit Vorliebe zu ihrem Aufenthalt[S. 251] ausersehen. Hin und wieder schimmert die birkenähnliche Rinde eines Gummibaumes durch das Gebüsch. Hochragende Palmen, überladen mit großen Büscheln rotbrauner Nüsse, drängen sich aus dem Gewirr der Schling- und Blattpflanzen empor. Große gelbe Blütenkelche, Stauden, mit rosa Blüten übersät, leuchten aus dem märchenhaften Grün. Wie eine unendliche grüne Wand, die eine fremde Zauberwelt umschließt, immer wieder die gleichen Formen in immer neuer Abwechslung zeigend, ziehen die Ufer an unserem Auge vorüber. Der seltsam fremdartige, süß aromatische Duft, der dem Walde mit seiner Blütenpracht und seinem Blütenreichtum entströmt, wird immer berauschender.
Aber was ist das? Kaum haben wir den Fuß wieder auf eine Stelle der Kultur gesetzt, da geht das Elend wieder los: durch Branntwein vertierte Indianer, die Mädchen und Frauen mit Syphilis durchseucht, das Wasser des Flusses vergiftet durch Unrat. Typhus und Ruhr dezimierten die Menschen neben tropischen Fiebern. Aber all dieses Elend drückte mich nicht mehr nieder, wie einstens; ich hatte den Schlüssel, hatte das Zauberwort gefunden, all dieses Elend aus der Welt zu schaffen.
Ein junger Hamburger, groß, breitschultrig, mit blauen Augen und blondem Haar und Bart, äußerlich der Typus eines kraftvollen Niedersachsen, hatte all dieses Unheil aus seiner Vaterstadt mitgebracht. Sein Vater hatte eine Destillation besessen und sich mit dem Ausschank von Branntwein an die Hafenarbeiter ein Vermögen erworben. Nun vergiftete der Sohn mit dem nämlichen Gifte die Kinder des Urwaldes, die Indianer. Von seiner Vaterstadt her war er gewohnt, daß die Kloaken in die Elbe gingen, und daß die Menschen dieses verschmutzte Wasser wieder tranken. So war ihm der Sinn für Reinlichkeit, die Mutter aller Gesundheitspflege, abhanden gekommen. Was Wunder, daß er die Unsitte der Vaterstadt auf die neue Heimat übertrug! Mit der gleichen Gewissenlosigkeit verseuchte er mit seiner ekelhaften Krankheit, die er von Hamburg mit herübergeschleppt hatte, die indianischen Mädchen, die sich nur zu gern dem blonden Recken ergaben.
Und hier lag der Schlüssel. Nicht in der Natur des Landes wurzelte all dieses Unheil, — einzig und allein in den Menschen selbst. Die Natur ist vollkommen, wohin wir kommen, — wir, wir selbst sind die[S. 252] Träger alles Unheils, wir Menschen. Die Menschen müssen anders, besser, größer werden! Wir müssen neue Menschen werden! Das ist die Aufgabe der neuen Zeit, unserer Zeit! — —
Immer mehr versanken Heimat und Erinnerung im Märchenzauber der Tropen. Ich ward eins mit der Natur. Ich vernahm ihre Stimme und lernte sie verstehen, immer mehr, immer klarer und deutlicher, — mir war es, als würde ich selbst wieder Kind, wieder ein Stück Natur, und in ihr wurde ich wieder ruhig und stark, — ruhiger, stärker, ja, ich glaube, besser, größer, als ich je gewesen.
Ich fühlte, wie die Blumen und Tiere uns verwandt waren, ich lernte ihre Sprache verstehen, verstand die Seelen der Blumen und der Tiere, die mir Geschwister und Freunde wurden, wirkliche Geschwister und Freunde. Mir war es, als ob ich mit meinen Füßen im Erdreiche wurzelte, neue Kräfte aus dem Boden trinkend. Ich verstand die Sprache der Sonne, die mich durchglühte.
Die Wilden, zu denen wir kamen, die als blutgierig und grausam galten, waren wie Kinder, und ich mit ihnen wie ein Kind. Sie hatten nur, wie jedes Tier, jedes Pferd, jeder Hund, wie jedes Kind, ein unendlich feines und doch starkes und gesundes Gefühl für Gerechtigkeit und vergalten die Herzlosigkeit und Grausamkeit der Weißen, da sie Christi Lehre nicht kannten, nach dem Urgesetze: Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Ich aber fühlte mich im Paradies, zeitlos, restlos. Aus der Enge hatte ich zur Weite gestrebt. Hier hatte ich die Weite, die unendliche Weite, voll von Leben bis in das kleinste. In diesem Sichausweiten bis ins Unendliche liegt der Fortschritt für uns Menschen. Daher der Drang nach der freien Natur. Dieses Sichausweiten ist Befreiung, ist Genesung, ist Leben, — es ist der Sinn des Lebens. Und ich lebte.
So floh die Zeit dahin, wie ein Traum, ein märchenhaft, wunderbar schöner Traum.
Auf Umwegen gelangten wir endlich nach Iquitos. Hier trafen wir mit unserem Rheinländer wieder zusammen. Wir hatten genug[S. 253] gesehen. Er in Argentinien und Bolivia und in Südbrasilien, ich in Nord- und Mittelbrasilien. Hier lag Land, nicht für ein neues Volk, — für neue Menschheiten, unermeßlich weites, fruchtbares Land. Kommt nur, ihr Ingenieure, und baut hier Bahnen! Strömt herbei, ihr Völker, baut, pflanzt, liebt euch, und Weltgeschichten könnt ihr hier erleben, ohne euch drangen zu müssen, wie in dem kleinen Europa! — —
Und nun heim! Flußabwärts! Zurück zur Heimat! Helfen, unserem Volke helfen, der Menschheit helfen, neue Menschen werden: größer, reiner, besser, kraftvoller, als bisher!
In Manáos trafen wir wieder unser Schiff, das zur Abfahrt bereit lag. Am letzten Abend gingen mein Kapitän und ich an Land, um noch ein paar Stunden mit den dortigen Deutschen zu verbringen. Wir saßen nach Landessitte in einem der offenen Cafés. Die Nacht war wunderbar milde und sternenklar. Den blauen und grünen großen Nachtfaltern gleich huschten und tänzelten leichtgekleidete Sirenen von der Straße in das Lokal, ließen sich hier und dort nieder, girrten und lockten, bis sie sich ihren Gimpel gefangen hatten.
Das Gespräch kam auf die Polin. Sie war bald erkrankt ins Hospital gekommen und dort durch die Moskitos mit gelbem Fieber infiziert, dem sie dann schnell erlag. Vielleicht war es gut so.
An dem Nebentische saß ein Brasilianer, der sich durch verschwenderisches Bestellen von Sekt bemerkbar machte. Mein Nebenmann stieß mich an und raunte mir zu: »Der Kerl da war ein Hauptkunde der Polin. Er versäuft hier sein Vermögen und seine Gesundheit. Es ist eine Schande!« Ich sah mir den Burschen näher an. Auf der Stirne trug er das Kainszeichen seines lasterhaften Lebens. Nicht lange darauf stand er auf und zog schwankend mit einem jener buntbeflirrten Nachtfalter ab, die unsere Tische umgaukelten.
Unser Schiff lag fertig zur Abfahrt. Die Matrosen holten die Taue ein. Der Maschinist stellte bereits auf langsam rückwärts, damit wir vom Kai loskamen. Plötzlich erschien auf der Kaimauer die Spanierin, ein dunkles Mulattenkind auf dem Arme, in Begleitung des heftig redenden und gestikulierenden Negers. Ich hörte, wie sie sagte, sie wolle nur dem Dampfer ein letztes Lebewohl mit ihrem Taschentuche[S. 254] zuwinken, er möge einen Augenblick das Kind halten. Kaum hielt der Neger seinen Sproß auf seinen Armen, als die Spanierin wie eine Gazelle auf unser Schiff losflog. Schon hatte sich der Rumpf des Schiffes vom Rande der Mauer gelöst. Aber mit der Kraft der Verzweiflung wagte sie den Sprung. Vier kräftige Arme griffen zu und zogen sie vollends aufs Schiff. In diesem Augenblicke kam der Dampfer frei, und »Voll Dampf voraus« zog er majestätisch den Strom hinab.
Einen Augenblick hatte der Neger wie versteinert, das Kind auf dem Arme, dagestanden. Dann brüllte er auf, wie ein verwundeter Tiger. Wütend warf er in weitem Bogen das Kind hinter dem Schiffe her, hinab in den strudelnden Strom, in dessen gurgelnden Wogen es sofort verschwand. Er schrie, fluchte, raufte sich die Haare und schäumte vor Raserei. In diesem Moment kam der Brasilianer, den wir am Abend vorher im Café getroffen hatten, auf die Brücke, lächelnd, trippelnd. Umstehende hatten ihm wohl kurz von der Liebestragödie des Negers erzählt. Lachend trat er an den Neger heran, ihn offenbar mit höhnendem Witze noch hänselnd, da, — ein Aufschrei, — wie ein rasendes Tier hatte sich der Neger auf den Unbesonnenen gestürzt, froh, ein Opfer zu haben, an dem er seine Wut auslassen konnte, — ein kurzes Ringen, — ein Aufklatschen im Wasser, und gurgelnd schlossen sich die Wogen des Amazonas über den Körpern der beiden Unseligen.
Sekunden nur hatte die ganze Tragödie gewährt. Vor Entsetzen starr hatten die Zuschauer am Hafen gestanden, starr hatten wir vom Schiffe aus das Entsetzliche mit erlebt. Jetzt ging es wie ein Aufatmen der Erleichterung durch uns alle. Es war, als ob die Verkommenheit und die Bestialität sich gegenseitig dem Untergange geweiht hätten.
Unsere Spanierin war von einer leichten Ohnmacht befallen, die sie später das Ende dieser furchtbaren Tragödie ihres Lebens nicht in der vollen Grausigkeit erinnern ließ.
In Manáos hatte mich seit meinem Verweilen in der Wildnis die erste Post aus der Heimat erreicht. Meinem Weibe und meinen Sieben ging es gut, — das war die Hauptsache. Die übrigen Briefe und Zeitungen hatte ich mit an Bord genommen, um sie hier in Muße zu lesen. Was war alles geschehen in der kurzen Zeit! Der König[S. 255] von Portugal ermordet, sein Sohn, der Kronprinz, ermordet! Wahrlich, — die Revolutionäre hatten gründlich gearbeitet.
Schlechte und Gute mäht der Tod. Mein lieber, guter Freund, Prinz Emil von Schönaich-Carolath, ist nicht mehr. Der Mensch, der die Güte und Liebe selbst war! Das tut weh, — so weh, als ob im März die Sonne sich plötzlich verbirgt, und nun die Frostluft uns doppelt empfindlich erschauern läßt. So weh tat es damals, als der Sonnenmensch von Egidy von uns ging, dieser Mensch, dessen Herz von Liebe zu den Menschen überfloß.
Doch da, — was ist das? Wellenringe des Geistes, die da zeigen, daß das Gute nicht mit dem Tode untergeht, sondern weiterwirkt im Geiste der Liebe, wie die Sonne nach Millionen von Jahren in der Steinkohle uns Wärme gibt, — ein Brief von meinem Maurer, dem verketzerten Sozialdemokraten, — mit einer Nummer vom Hamburger Echo: er wisse, wie warm ich den Prinzen als Freund und Mensch verehrt habe, und deswegen glaube er, daß es mir eine Freude und Genugtuung sein werde, zu sehen, daß auch in seinem sozialdemokratischen Parteiblatte, dem Hamburger Echo, diesem edlen Menschen, obwohl er ein Prinz sei, vollste Gerechtigkeit in einem warm gehaltenen Nachruf widerfahre. Er kenne die ganzen Schriften von diesem adligen Dichter und liebe sie, er habe sie sich alle angeschafft, und seine Frau und seine Freunde läsen sie auch gern. Und nun wünsche er mir baldige glückliche Heimkehr. —
Bei strahlendem Sonnenscheine waren wir abgefahren von Manáos. Während ich in meiner Kabine saß und las, hatte ich nicht bemerkt, wie am Horizonte schnell eine dunkle Wolke hoch stieg, und sich alsbald der Himmel verfinsterte. Plötzlich war tiefschwarze Nacht. Dicke Tropfen fielen, die Vorboten des Urwaldgewitters. Schon rauschte es vom Himmel in Strömen. Unsere indianischen Lotsen hatten die Maschine abstellen lassen und lagen, wie zwei Raubtiere, mit funkelnden Augen am Steuer, auslugend, daß sie sich beim Aufblitzen des Wetterleuchtens im Fahrwasser des Stromes hielten. Die zahlreichen Wracks, die wir auf der Hinfahrt im Uferschlamme des Urwaldes halb vergraben hatten sitzen sehen, waren Mahner genug zur äußersten Vorsicht.
[S. 256]
Und nun ein grelles Aufleuchten, als ob der ganze Wald in Flammen stände! In helleuchtendem Violett erstrahlten plötzlich die Blätter auf den Wipfeln der Bäume. Sekunden nur. Dann ein Krachen und Donnern, als ob die Erde bersten und uns verschlingen wolle. Tiefschwarze Nacht. Tosendes Rauschen des Wolkenbruches. Ein neues Flammenmeer, gelb dieses Mal, betäubendes Krachen, — Sekunden nun schwarze Nacht, nun in leuchtendem Blau der ganze Wald, rauschendes Plätschern, Blitz um Blitz, Donner um Donner, — ein wunderbar majestätisches Schauspiel. — —
Ich vergaß, wo ich war. Zeitlos ward mir die Zeit. Lautlos, langsam glitt unser Schiff, von den Fluten getragen, stromabwärts.
Zum Strome der Zeit ward mir der Strom, auf dem wir dahintrieben. In Nacht versunken lag mir die Menschheit. Blitz auf Blitz erhellte ihren Schicksalslauf, warnend, führend. Hier eine Sandbank, dort die Ufer mit ihren Gefahren, ihrem Schlamm, ihren Steinen. Könige und Fürsten sanken dahin, dieser infolge der Tafelfreuden, jener durch Mörderhand, emporgewachsen aus dem Elend des Volkes. Haben die Blitze euch nicht gelehrt, wohin ihr steuert, ihr Könige? Hattet ihr die Sonne vergessen, die allein Licht, Leben schafft, — die Liebe?
Kriege kamen und mähten die Völker nieder. Haben sie euch nichts gelehrt, ihr Könige, ihr Völker? Seuchen kamen, und wie Gras, das der Präriebrand frißt, starben die Menschen! Fünfzehntausend an einer Cholera, — weißt du es noch, du stolzes Hamburg? — Hunderttausende an Schwindsucht und Typhus im herrlichen Deutschen Reich, jämmerlich, elend! Und Kloaken gleich fließen unsere einst so reinen Flüsse im Vaterlande dahin. Niederem Gewürm gleich, zu Knäulen zusammengeballt, hausen die Menschen in euren steinernen Gefängnissen und siechen dahin! Schlaft ihr klugen Geheimräte und ihr Professoren? — In Nacht liegt die Menschheit, in finsterer, schwarzer, schweigender Nacht der Selbstsucht und der geistigen Blindheit, und die Seufzer und Tränen der Millionen klingen zusammen, wie das strömende Rauschen des Wolkenbruches.
Aber die Nacht währt nicht ewig, wie der Schlaf und der Tod nicht ewig währen. Ewig ist nur die Sonne und die Liebe.
Das Rauschen wird gelinder, von fernher leuchtet hier und da noch ein Blitz, — der Donner wird zu fernhin verhallendem Grollen,[S. 257] — lichter wird der Himmel. Endlich, endlich, was wir bänglich ersehnten, der Tag bricht wieder durch. Strahlend steht die Ewige wieder am Himmel. Sonne, du Allbezwingerin, Sonne, du alles Schaffende, Liebe, du alles Erhaltende, sei uns gegrüßt!
Da durchströmt es mich wie neues, warmes, pulsierendes Leben, wie neue, treibende, schaffende Kraft! Es ist, als ob der Blick nie so weit, die Kraft nie so groß, die Liebe zu den Menschen nie so warm gewesen sei, wie jetzt: Liebe muß die Nacht besiegen, Arbeit, nie rastende Arbeit die Menschheit vorwärts bringen!
Weiter, immer weiter wird der Blick, immer heller liegt mir das Ziel, wie weithin der Wald in flammendem Sonnenlichte: Der Kampf gegen den Trunk wird zum Kampfe gegen alles Niedrige, Gemeine, gegen alles Unglück und Elend der Menschen! Er wird zum Kampfe für die Gesundheit unseres Volkes, für das Schöne und Reine, für alles Gute und Große! Der Kampf gegen das Zusammendrängen der Menschen in den Städten, den Massenquartieren, er wird zum Kampfe gegen Selbstsucht und Habsucht, gegen alles Enge und Kleine, zum Kampfe für den eigenen Herd, für die Familie, die Ehe! Und der Kampf gegen die Verpestung der Flüsse, er wird zum Kampfe für die Erhaltung der Heimat, zum Kampfe für die Reinhaltung unserer Sitten, unserer Kunst, zum Kampfe für die geistige Reinheit unseres Volkes, zum Kampfe für die Menschheit! Für diesen großen Dreikampf das Leben einzusetzen, das heißt leben! Nun komm, Tod, wann du willst, — ich hab' gekämpft und kämpfe, bis du kommst! — mir ist es einerlei, — ich hab' gelebt! — Ihr Wellenringe, werdet frei! — — —
Ja, stampf' nur, Maschine, — dein Eisenton gibt mir den neuen Takt zu neuem Leben! Auf zu neuem Kampfe, zu neuem Schaffen und Ringen! Auf zur Heimat!
Jubelnder Zuruf weckte mich aus meinen Träumen. Vor uns lag die Kolonie unserer Freunde. Aber welche Veränderung hatte hier stattgefunden. Weithin war der Urwald gelichtet. Schmucke Blockhäuser, wohin man sah, umgeben von Bananen- und Orangenhainen, üppigen Maisfeldern, dazwischen saatgrüne Weiden mit wohlgenährtem[S. 258] Rindvieh, zahlreichen Pferden und Schafen, das ganze ein Bild blühenden Wohlstandes.
Unsere Freunde waren mit der Pinasse längsseits des Dampfers gekommen, der die Maschine gestoppt hatte und langsam stromab trieb. Während sie stolz und frohlockend berichteten von ihrer Arbeit, ihren Erfolgen, stand am Ufer jenes schöne Weib hochaufgerichtet, ein Bild strahlender Gesundheit, in den erhobenen Händen ihr Knäblein haltend, braun von der Sonne, mit dunkelblonden Locken. Und neben der glücklichen, jungen Mutter fest und glücklich unser sächsischer Freund von der Ausfahrt.
Mich aber erfaßte ein heiliger, beseligender Schauer, — ich sah den Gedanken Wirklichkeit geworden, Mensch geworden: sah den germanischen Stamm, wie er das Volk der Romanen zu neuem Leben erweckte, dieses herrliche, weite Land neuer Menschheit erschließend.
Hier durfte ich nicht bleiben, soviel mich auch hinüberzog an das verlockende Ufer. Die Pinasse löste sich vom Schiffe, — ein Tücherschwenken, ein Händewinken, — und stampfend sang die Maschine ihr »Vorwärts zur Heimat!« Lange stehe ich noch auf Deck und schaue in der Richtung der im Urwaldzauber verschwindenden Kolonie. Da höre ich über mir unseren Steuermann leise ein Lied singen:
Da schüttelte ich den Zauber von mir. Mich erwarten andere Aufgaben: andere Liebe! anderer Kampf!
Mit Volldampf eilt unser Schiff, von der reißenden Strömung getragen, flußabwärts. Eilends zieht der Wald an uns vorüber. Orangerot geht die Sonne hinter dem Urwalde unter. Gegen Norden lagert violettes Gewölk über den Wipfeln der Bäume, — düster starrt von beiden Seiten der Wald auf unser Schiff. Die Flußarme erweitern sich, — eine frische Brise weht von Osten uns entgegen, — Seeluft, — nur noch achtzig Seemeilen von der Küste. Die drückende Schwüle ist verschwunden. Wie ein Traum in farbenprächtiger Erinnerung liegt hinter mir das Erlebte. Im Dunkeln flimmern die Lichter von Boa Vista auf, einer größeren Niederlassung. Von den Gärten und den Booten, die im Dunkel des Dickichts versteckt lagen, steigen uns zu Ehren Raketen leuchtend zum nächtlichen Himmel empor, — über uns hellschimmerndes Sternengeflimmer auf dunkelblauem Grunde. Wie ich einsam oben auf der Brücke stehe, ist es mir, als hörte ich es leise, lockend aus dem unendlichen Waldrevier ertönen:
In Pará gab's fieberhafte Arbeit. Unaufhörlich hob der Kran die schweren Kisten mit dem kostbaren Gummi auf unser Schiff, daneben Bananen, Orangen, Paranüsse, Mais, Erze und Felle: — mit reicher Rückfracht kehrten wir heim.
Im Hospital, wohin ein Bote mich rief, da ein Schwerkranker mich zu sprechen wünschte, fand ich unseren Weinhändler aus Bordeaux. Das gelbe Fieber hatte ihn gründlich gepackt gehabt. Die Ärzte hatten[S. 260] erklärt, er könne nur noch Genesung hoffen, wenn er unter sorgsamer Pflege nach Hause transportiert würde. Matt und abgezehrt lag er da. Auf sein Flehen ließ ich ihn mittels Tragbahre auf unser Schiff schaffen und bereitete ihm auf Deck ein bequemes Lager. Dankbar faßte er meine Hand und sprach: »Sie haben nur zu recht gehabt mit Ihren Lehren. Ich wollte, ich hätte Ihnen früher geglaubt. Aber Sie sollen noch Ihre Freude an mir erleben.«
Unter anderen Passagieren nahmen wir in Pará noch einen reichen Nordamerikaner mit seiner Tochter auf, ferner eine Dame englisch-deutscher Abkunft, eine Miß Cantack, und einen deutschen Grafen, der mittellos nach Südbrasilien gekommen war und hier die Tochter eines reichen Großgrundbesitzers geheiratet hatte. Auch unsere beiden ungarischen Juden reisten wieder mit zurück, beide sehr kleinlaut. Der eine war krank, dem anderen hatte in Buenos Aires eine internationale Schöne in einer Schäferstunde beim Glase Sekt seine gesamte Barschaft abgenommen. Nun schimpften beide weidlich auf die »Weiber« und waren doch nur betrogene Betrüger.
Im Zwischendeck fand ich unseren Teppichhändler aus Beirut wieder. Er hatte alle seine singenden Teppiche verkauft und kehrte nun mit vollem Beutel in die Heimat zurück.
In seiner Begleitung befand sich ein alter Neger, der schwer lungenkrank war. Er wollte zurück um jeden Preis, um in der Heimat zu sterben. Dabei quälte ihn arge Todesfurcht. Ein Neger nur, ein einfacher Neger, und dabei doch so voll Seele und Empfinden, daß sein ganzes Trachten danach ging, einmal die Heimat noch wiederzusehen, nur einmal noch die Stätten seiner Kindheit, die Palmen seines Landes, — und dann in ihrem Schatten sterben.
Auch einige von unseren spanischen Auswanderern, die mit uns hinausgefahren waren, kehrten mit zurück. Die einen, um sich ihr Bräutchen nachzuholen, die anderen, die schnell reich geworden waren, um sich in der alten Heimat niederzulassen; andere aus Heimweh. Ihnen schloß unsere junge Spanierin sich an, und es schien mir, daß sie in nicht zu langer Frist den richtigen Ankergrund für ihr Herzensschifflein gefunden hatte.
Neue reiche Post kam an Bord. Und dann ging es fort vom sonnigen Wunderland, den Paráfluß hinab, an dem alten kleinen portugiesischen[S. 261] Kastell vorbei mit seinen zwei nackten Soldaten, die wiederum zum Flaggenhissen erst gelangten, als unser Dampfer bereits vorbei war, weil der eine sein Hemd und der andere seine Hose nicht gleich finden konnte, immer weiter flußabwärts, dem freien Ozean entgegen.
Der süße berauschende Duft wich wundervoll kräftiger Seeluft. Schäumend mengten sich die gelben Fluten des Paráflusses und des Amazonas mit den blauen Wogen des Atlantischen Ozeans. Dort in der Ferne Kap Salinas. — Leb' wohl, du großes, freies, herrliches Land, — leb' wohl, leb' wohl! Mögen meine Enkel in dir eine neue sonnige Heimat finden!
Silbern und kornblumenblau schäumten und spritzten am Bug hochauf die Wogen. Ein scharfer Nordostpassat trieb sie gegen das Schiff. Hart arbeitete die Maschine.
Ich saß in meiner Kabine und studierte meine Post. Obenauf hatte der Kapitän mir eine offene Postkarte, adressiert an den Balten, gelegt: ein Freund schrieb ihm, er sende keinen Brief, weil ein solcher doch nur abgefangen und nicht in seine Hände gelangen würde. Volk und Regierung in Rußland verständen sich ebensowenig, wie je. Er möge nicht erschrecken, hielte es aber doch für seine Pflicht, ihm mitzuteilen, daß die Leiche seines Weibes, eingebettet in das Eis der Newa, beim Aufbruche des Flusses im Frühjahre aufgefunden sei.
Unwillkürlich gedachte ich der Symbolik unseres Hexleins. Mir war es, als sähe ich die Regierung Rußlands, ohne Liebe zum Volke, zu Eis erstarrt, zugrunde gehen, und mit ihm das ganze, einst so mächtige Reich. Und von Rußland hatte der große Napoleon einst das Heil der Welt gehofft und prophezeit! Hatte ihn die Größe geblendet? Hatte er, der nur die Liebe zum Ruhme besaß, aber keine zu den Menschen, übersehen, daß in Rußland keine Kultur entstehen konnte, da die Liebe fehlte, die Liebe zwischen den herrschenden Klassen und dem großen Volke? Heute würde auch er kaum noch das Heil der Welt vom großen — unheiligen Rußland erwarten! —
Wie pulsierendes Leben muteten mich zwei andere Briefe aus der Heimat an. Der eine war von meinem treuen Mitarbeiter im[S. 262] Bauverein, Drazdak. Mein Plan, den ich ihnen vor meiner Abreise hinterlassen, die Heide und den Wald der Spekulation zu entreißen, sei gelungen. Hundert neue Häuschen mit Garten seien nach meinen Angaben erbaut und bezogen, ein fröhliches Gewimmel betriebsamer Männer und Frauen, jubelnder Kinder. Nur in dem einen Dorfe seien die Bauern noch rückständig, aufgestachelt von einem reichen Städter, der sich dort einen Luxushof gekauft, und nun mit mammonistischem Raffinement sich ausgerechnet hätte, daß wir ihm fein zu einem Wege durch sein Moorland verhelfen könnten. »Wir sollten in der Heide, die zu dem Dorfe gehörte, nicht bauen, es sei denn, daß wir eine Chaussee durch die Heide legten.« Das fehlte noch, mit den Arbeitergroschen dem reichen Herrn sein Moorland in Baugrund umwandeln!
Heftig stampft das Schiff gegen den Nordostpassat. Eisern singt die Maschine ihr »Vorwärts«.
Das wird Kampf kosten! Prozesse und Eingaben bei der Regierung bis ans Ministerium. Gott sei Dank, daß in Berlin Männer sitzen, die noch den Begriff der Gerechtigkeit kennen. Mehr als einmal haben wir dort unser Recht bekommen, das die unteren Behörden uns weigerten. Schimpfen auf die Sozialdemokraten können sie, aber sie züchten sie künstlich und gründlich mit ihren Härten und Ungerechtigkeiten. — —
Brauchst mir kaum Mut zuzurufen, mein treuer Freund im Amte, — ich gebe doch nicht nach, und wenn diese Kurzsichtigen mir für meine Armen auch noch so viel Schwierigkeiten machen. Den Prozeß der armen Brotträgerin, der der Vogt die Invalidenkarte zerrissen hatte, weil sie angeblich nicht versicherungsberechtigt war, die Karte, die ich ihr geschenkt, und die ihren ganzen Trost für Alter und Arbeitsunfähigkeit bildete, — den haben wir auch gewonnen in letzter Instanz. Herr Gott, gib unseren Vögten und Räten nicht nur Verstand, sondern auch Liebe, damit sie nicht so viele Dummheiten machen und immer wieder Petroleum ins Feuer gießen!
Und da ein langer Brief von Br. Asmussen über den Stand unserer Guttemplerbewegung! Fein ist all der Same aufgegangen, den wir gestreut. In Hamburg-Altona und Schleswig-Holstein ist unsere Hochburg. Tausende kennen das Wahrzeichen des Glases Wasser als Symbol für die Tat, für die Freiheit von törichtem Vorurteil[S. 263] und für die Liebe zu unseren Brüdern. Und wo immer wir den Samen gestreut, am Rhein und in Bayern, in Schlesien, und in Sachsen, überall ist er aufgegangen, überall streuen die Logen Glück, Gesundheit, Wohlstand aus. Freilich, die Wirte schimpfen, und die Brenner schreien Zetermordio.
Aus Berlin berichtet Freund Heinz, der mit seiner »goldigen« Ehehälfte, dieser kleinen tapferen Volksschullehrerin, unermüdlich arbeitet, rettet, aufklärt, Milchhäuschen schafft, Logen gründet, — Wellenringe aussät, die nie vergehen. Mensch, Lieber, wie bist du lebendig geworden! Wie wärest du tot gewesen, wärst du in deinem soliden und behaglichen Philistertum hängen geblieben! Ja, — so ist's. Die Lebendigen sind die, die für die anderen mitleben, und die Toten die, die nur an sich denken, an sich, an ihren Bauch oder ihr Portemonnaie. Die ziehen keine Wellenringe. Sie züchten sich dicke Bäuche, an denen die Würmer reichen Schmaus haben, wenn sie sterben, und ihr bißchen sogenanntes Leben sinkt mit ihnen ins Grab. Kommt mir nur mit eurer Unsterblichkeit der Seele, diesem unsichtbaren, weißen Schatten, der im Tode im langen weißen Hemde mit goldenen Flügeln gen Himmel fliegt, — zum ersten Rang, wenn's ein Reicher war, — ins Parterre, wenn sie einem armen Teufel gehörte. Nein, und tausendmal nein, — will euch ein ander Lied singen: Seele ist der Teil Gottes in euch, den ihr euch einsogt durch euer Leben, um ihn als Wellenringe wieder von euch zu geben, — als Wellenringe der Liebe, denn Gott ist die Liebe! So ihr aber keine Liebe hattet, hattet ihr Gott nicht, hattet ihr überhaupt keine Seele, wart nur Fleisch und Blut, — und das vergeht gar schnell. — —
Das Schiff stampft, und eisern singt die Maschine ihr Lied. In der Kabine hört man, wie der Nordost die Wogen gegen den Bug schleudert.
Merkwürdig, — beide, Asmussen und Freund Heinz klagen in gleicher Weise, was auch mir immer schon ein Rätsel war, daß sie unsere Lehre so schwer in die Reihen der Freimaurer tragen können, die doch die »Humanität« als obersten Begriff auf ihre Fahne geschrieben haben. Und jeder Begriff trägt doch seine Aufgabe, ihn zu erfüllen, ihn in Leben umzusetzen, in sich! Hätten sie statt des fremden, lateinischen, lieber das deutsche Wort gewählt: »Menschlichkeit«, vielleicht[S. 264] würde ihnen das Wort wärmer zu ihrer Seele sprechen und ihnen den Zusammenhang all' dieses grausigen Menschenelends mit seinen Trinksitten, die sie bei ihren Festen pflegen, klarer werden lassen. Denn das Wort ist der Vater der Tat, wie der Gedanke der Vater des Wortes.
Und doch, Schwager Ludwig, will ich nicht hart noch ungerecht gegen dich und die Brüder sein. Viel schafft ihr, viel, viel Gutes und Großes. Dein Brief führt es mir wieder so recht vor Augen, und ich verstehe deinen reinen Stolz, wenn du von deiner Commeniusgesellschaft berichtest und all den Werken der Liebe, die ihr ins Leben ruft, euren Landerziehungsheimen, euren Töchterheimen, euren Säuglingskrippen und Volksbibliotheken, und was ihr alles Gute schafft. Glaubst, ich sehe die Wellenkreise nicht, die da aus deinem Studierstübchen und aus deinem geheimen Archiv hinausziehen ins Land, alle die Geister mit unsichtbaren Fäden umspinnend, die im Geiste der Liebe zu wirken suchen? Möge vor allem euer Streben, unsere Erziehungskunst mit diesem Geiste zu durchtränken, von Erfolg gekrönt sein!
Wie weit ist's noch bis dahin! In Berlin soll jetzt ein besonderer Lehrstuhl für Pädagogik errichtet werden, nachdem unser vortrefflicher Paulsen gestorben, schreibst du? Das ist famos! Freilich — das hätte vor hundert Jahren schon geschehen dürfen. Immerhin, es ist ein Schritt vorwärts. Denn die Ergründung der Kindesseele und ihrer tausendfachen Feinde in Schule und Haus, auf der Straße und im Wirtshause ist für unser heutiges Kulturleben wahrlich eine Wissenschaft für sich.
Vorwärts, vorwärts! singt der Kolben in der Maschine. Ob der Kultusminister die Melodie wohl kennt?
Und wir kommen vorwärts! Da zwischen den Zeitschriften, die mein Weib mir, treulich gesichtet und geordnet, nachgeschickt hat, ein Aufsatz von dem tapferen Gurlitt: »Erziehung zur Tat.« Ein mannhaftes Wort an unsere akademischen Kreise über diesen entsetzlichen, so unsagbar viel Gesundheit, Kraft, Seelenleben und Liebe zerstörenden akademischen Trunk. Nur zu sehr hast du recht, wenn du wackrer Streiter sagst:
Durch die akademischen Trinksitten schädigen also die höheren Stände das Gesamtleben des deutschen Volkes in einer Weise,[S. 265] wie es annähernd kein germanisches anderes Volk heute duldet. Es ist Heuchelei schlimmster Art, sich über Trunksucht der Arbeiter zu entrüsten, solange das Vorbild dieser Trunksucht, die akademische Trinksitte, noch Duldung genießt.
Durch die akademischen Trinksitten seiner höheren Stände wird das deutsche Volk verhindert, in der Welt zu dem Platze völlig aufzusteigen, auf den es Anspruch hat. Die akademischen Trinksitten schädigen unser Ansehen im Auslande hauptsächlich da, wo wir vor allem Achtung suchen, bei den Germanen des Nordens und des Westens, den Skandinaviern, Engländern und Nordamerikanern. Diese begreifen nicht, weshalb die Brudernation ihre beste Intelligenz so frevelhaft gegen Vernunft, gute Sitte und eigenes Wohl wüsten läßt.
Vorwärts, vorwärts! Wie der Kolben stößt! Hochauf wirbelt die Schraube in die Luft, da das Schiff sich mit dem Bug vorn in die Wogen bohrt. Zitternd steht das Schiff. Aber vorwärts, vorwärts stampft der Kolben, und vorwärts drängt unser Kiel. —
Die Seele der Maschine hält mich in ihrem Bann. Wer gibt dir leblosem und doch belebtem Ungetüme die Kraft, gegen diese vom Nordost gepeitschten Wogen unermüdlich anzukämpfen? Wer beseelt dich, tote und doch lebende, gewaltige Eisenmasse, mit diesem unermüdlichen Willen? Und aus dem stählernen Dröhnen des Kolbens heraus klingt es wie eine unendliche Melodie: Die Sonne, die Liebe! —
Vor Jahrtausenden hatte die Sonne die Pflanzen aus der Erde gelockt. Die Kraft der Sonnenwärme speicherte sich in ihren Zellenleibern auf; — Liebe zum Leben, Liebe zu Weib und Kind hieß den Bergmann in die Tiefen der Erde hinabsteigen, die zu schwarzer Steinkohle gewordenen Palmen und Farne der Urzeit ans Tageslicht zu fördern, damit sie hier, in Herd und Ofen, den Menschen die Wärme wieder spenden, die sie vor Jahrtausenden in den Sonnenstrahlen getrunken hatten, die nämlichen Sonnenstrahlen, die hier unter den gewaltigen Dampfkesseln prasselnd das Wasser in Dampf verwandeln, der stöhnend und fauchend den Kolben zwingt, auf und nieder zu fahren.
Und der Ingenieur, der das rohe Eisen zur sinnreichen Maschine umgewandelt hatte, die Schmiede und Schlosser, deren Schläge und[S. 266] Feilenstriche ihr die Form gaben, — waren sie nicht geworden, was sie waren, durch die Liebe von Vater und Mutter? Und nun trug dieses Gebilde von Menschenhand, geschaffen von Urzeiten her durch Liebe, getrieben mit der Kraft der Liebe und der Sonne, Waren und Geistesfäden von Land zu Land, Länder und Völker verbindend zu immer neuer Freundschaft, den Pfändern der Liebe immer neue Wege weisend zu neuen Ländern, ein Träger der Liebe, getrieben von Liebe, und doch alle diese Liebe eingezwängt in den stählernen Rahmen des Gesetzes der Mechanik, — unabänderlich wie die Gesetze, die berufen sind, die Menschheit als Menschheit zusammenzuhalten, soll sie nicht als Herde zugrunde gehen.
Und wie der Kolben mächtig stampfend sich hob und senkte, und desto mächtiger, je mehr der Nordostpassat sich uns entgegenstemmte, da rief er mir zu: »Je größer die Aufgabe, je größer der Widerstand, um so größer sei unsere Kraft, um so eiserner unser Wille, ihn zu besiegen, unendlich, unermüdlich.«
Da gedachte ich wiederum unseres Bismarck, des Mannes der Tat, dem kein Widerstand zu groß war, und der seine Kraft schöpfte aus seiner Liebe zu seinem Vaterlande und seinem Volke.
Und das Achsenlager, in dem er ruhte, — dieser Eiserne, der uns vorwärts brachte! — ohne Reibung ruhte, — es lag in seinem deutschen Hause, in seiner Ehe, in der Liebe seines Weibes, seiner Johanna.
Und wieder flogen meine Gedanken heimwärts zu meinem Heime und den Meinen, zu meiner Heimat, zu unserem Elbstrome, zu meiner Vaterstadt Hamburg. Und wieder sah ich vor meinem geistigen Auge das Doppelzeichen der Liebe und der Tat: unsere alte Michaeliskirche und das granitene Standbild des eisernen Kanzlers. —
Neben mir standen der Amerikaner und seine Tochter. Unwillkürlich flossen unsere Gedanken zusammen. Da begannen sie zu erzählen von ihrem großen, freien Vaterlande, von ihrer Jugenderziehung, die nur das eine Ziel hatte, starke, kluge Menschen heranzubilden, die wußten, was sie ihrem Körper, dem Gefäße ihrer Seele schuldeten: die wußten, was sie dem Lande, das sie hervorgebracht, das sie ernährte, schuldeten. Stolze, freie Liebe sprach aus ihren Worten, wenn[S. 267] sie von ihrem Lande sprachen. Und ihr Präsident, ihr Roosevelt! Den Trusts, den schier allmächtigen Vereinigungen der Geldfürsten Amerikas, die nur an ihr eigenes Portemonnaie dachten, aber kein Herz für ihr Vaterland und ihr Volk hatten, hatte er den Riesenkampf aufgezwungen. Die unermeßlichen Wälder, die sinnlose Habgier vernichtet hatten, so daß das Klima nicht nur Amerikas, sondern sogar Europas darunter litt, sollten neu aufgeforstet werden. Die Arbeiter sollten durch eine Schutzgesetzgebung, der die deutschen Gesetze als Muster gelten sollten, sichergestellt werden für den Fall der Not infolge von Krankheit, Unfall und Alter. Fest und unerschütterlich hatte er gemahnt zum Frieden mit Japan. Aber seine Regierung war nur die Fortsetzung geworden all der anderen großen Präsidenten, wie Franklin und Lincoln, bis auf seinen letzten Vorgänger. Den unglücklichen Negern hatten sie das menschenunwürdige Sklavenjoch abgenommen, unbekümmert um das Geschrei der Frommen im Lande und der Besitzenden. Staat um Staat hatte sich frei gemacht von dem Fluche des berauschenden Giftes, Gefängnisse in Schulen, endlose Einöden in blühende Gefilde verwandelnd! Das alles hatte die starke Liebe eines freien Volkes zu seinem Vaterlande vermocht!
Und dann berichtete die Tochter, wie sie im Vereine mit Männern und Frauen für die Verbesserung der Wohnungsverhältnisse der arbeitenden Klassen arbeitete, erzählte von Pullmanns Arbeiterstadt mit ihren vortrefflichen hygienischen und sozialen Einrichtungen, berichtete von ihrer sunshine society, ihrer Sonnenscheingesellschaft, durch die sie keine Wohltätigkeit ausüben, sondern nur Freude und Liebe, Sonnenschein denen bringen wollten, die seiner bedurften. Ein Gedanke sei es, der alle, die ganze Nation, beseele, vom Präsidenten an bis zum jüngsten Mitgliede der Sonnenscheingesellschaft: daß die Menschen alles seien, die Institution nichts. Darum sei das ganze Ziel des Regierens, wie das der Erziehung, Menschen zu bilden, starke, freie, gesunde Menschen, die ihr Vaterland liebten.
Mir aber war es, als fühlte ich trotz des eisigen Nordostpassats, der uns entgegenwehte, einen warmen, weichen Hauch des Westwindes aus höheren Luftschichten, wie er im Frühlingssturme von Amerika her über den Ozean an die Küsten meines deutschen Vaterlandes braust.
[S. 268]
Weich und warm wie Frühlingswind klang auch das, was uns die Engländerin, die sich zu uns gesellt hatte, aus ihrem englischen Vaterlande erzählte. Sie hatte es sich zur Lebensaufgabe gewählt, zwischen dem englischen und dem deutschen Volke zu vermitteln, als eine liebevolle, geschickte Geschäftsträgerin von Volk zu Volk hinüber- und herüberzutragen, was jedes an sozialen Liebeswerken Neues, Großes, Gutes schuf in Bekämpfung der Alkoholnot, der Säuglingssterblichkeit, der Tuberkulose, der Flußsanierung, der Wohnungsnot, des Arbeiterschutzes, der Volksbildung, der Gartenstadtbewegung, der Bodenreform und der internationalen Schiedsgerichte zur Wahrung des Weltfriedens.
Diese schlichte Frau mit ihrem warmen Herzen, ihrer sprudelnden Lebhaftigkeit und ihrem klugen Verstande war eine Kulturträgerin und Kulturvermittlerin, von deren segensreicher Arbeit nur diejenigen etwas ahnten, die mit ihr zusammen arbeiteten, deren Arbeit wie befruchtende Samenkörner der Liebe in das geistige Erdreich beider Völker fiel, um zu immer neuer Saat aufzukeimen, und deren Name anspruchslos in den Archiven schlummerte, für die sie arbeitete. Und während kein Titel und kein Ruhmesblatt sie nannte, zog ihr Geist Wellenringe von Volk zu Volk, die sich wie dichte Fäden hinüber- und herüberspannten, unvergängliche Bande des Friedens knüpfend.
Bei Tisch wurde unser Gespräch fortgesetzt. Der Amerikaner erzählte, wie Roosevelt Kanada und Mexiko zu einem Kongreß eingeladen habe, um gemeinsam mit Nordamerika den Waldverwüstungen entgegenzuwirken, um so die natürlichen Hilfsquellen des Landes zu erhalten.
Ich berichtete mit freudigem Stolze, welchen Vorsprung Deutschland vor allen Ländern der Erde in der Arbeiterschutzgesetzgebung errungen habe, welche Summen alljährlich von den Arbeitgebern und Arbeitnehmern aufgebracht würden, um dem Elend zu steuern; und wie in Deutschland allen Ernstes jetzt an dem Ausbau der Witwen- und Waisenversicherung gearbeitet würde. Beschämt berichtete der Amerikaner, wie zurzeit in Nordamerika alljährlich noch 35000 Arbeiter infolge von Betriebsunfällen ums Leben und zwei Millionen[S. 269] Arbeiter alljährlich in ihren Betrieben zu Schaden kämen. Aber nun würde auch dieses bald anders werden.
Leuchtenden Auges erzählte seine Tochter von den Apfelsinenpflanzungen im San Bernardius-Gebirge in Kalifornien, wo menschliche Arbeit durch Kultur des Bodens, durch Düngung und Bewässerung, Vertilgung der Schädlinge, zweckmäßigsten Versand und Schaffung eines Riesenmarktes gezeigt hat, was sie zu leisten vermag; wo ein Gut von hundert Hektar alljährlich 100000 Dollars einbringt. Aber was ist geschaffen worden! Flüsse sind um und über und durch Gebirge geleitet, um Wüsteneien in Gärten der Hesperiden zu verwandeln.
Und dann erzählte sie, wie der Gesetzentwurf der Nationalreklamation durchgebracht wurde, durch den diese Bewässerungen zur Tat wurden. Wie es zum größten Teil der energischen Agitation des Senators Francis Newland vom Staate Nevada zu danken war, der vor der Annahme des Gesetzes Abend für Abend Lichtbildervorträge veranstaltete, um seine Notwendigkeit zu beweisen. Zwei Fünftel der gesamten Landfläche der Vereinigten Staaten bestanden bis vor zehn Jahren aus Wüsten oder doch aus Ländereien, die nur während der kurzen Regenfälle, die über sie niedergingen, sich mit einem Anfluge von Gras bedeckten. Und nun waren es fruchtbare Fluren, die Tausenden Brot und Arbeit spendeten.
Unwillkürlich gedachte ich der endlosen Heiden und Moore in unserem Vaterlande und sah sie umgewandelt im Geiste in blühende Gefilde und bevölkert von jauchzendem glücklichen Volke.
Der deutsche Graf aus Brasilien meinte, alle diese Liebeswerke nützten doch nichts, um die Sozialdemokratie aus der Welt zu schaffen; die könne und müsse man nur mit Kartätschen von der Erde wegfegen. So kam das Gespräch auf den Sieg der sogenannten nationalen Parteien im deutschen Reichstage über die Sozialdemokraten. Der Graf meinte, diese müßten ausgerottet werden, wie die Moskitos in den Tropen.
»Der Vergleich paßt recht gut,« ließ sich nun die Fürstin vernehmen. »Wir können die Sozialdemokratie als die Folgeerscheinung eines Krankheitszustandes in unserem Volke betrachten, eines Krankheitszustandes,« — und hier hob sie die Stimme, — »an dem wir aber[S. 270] selbst schuld sind. Die Moskitos sind freilich die Krankheitsursache selbst, und doch wieder auch eine Folgeerscheinung der Versumpfung des Bodens. So können wir ein altes Schlagwort: ›Eine jede Gesellschaft hat die Verbrecher, die sie verdient‹, dahin ausdehnen, daß wir sagen: ein jedes Volk hat die Sozialdemokraten, die es verdient, wie die Tropen die Moskitos.
Unsere bürgerlichen Parteien haben gesiegt? Gewiß, das ist erfreulich. Sie haben für einige Jahre die Mehrheit im deutschen Reichstage. Es war notwendig, schon der Erhaltung unserer Kolonien wegen. Aber jeder Sieg legt Pflichten auf gegen die Besiegten. War der Haß der Besiegten gegen die herrschenden Klassen ungerecht? Sind nicht seit langem Herzlosigkeit, Hochmut und Ungerechtigkeit der Besitzenden Schürer dieses Hasses? Füllen Brenner und Brauer sich nicht alljährlich ihre Taschen mit den Milliarden, mit denen sie Jahr für Jahr aufs neue Tausende und Abertausende in Schande und Tod treiben? Stecken nicht die Bodenspekulanten die Riesengewinste ein, für die die anderen ihnen hinterher zeitlebens fronen müssen? Die Besiegten sind unsere Brüder. Wenn Krieg ist, sollen wir Schulter an Schulter mit ihnen kämpfen. Sie sind die Masse, die unser Volk, unsere Nation ausmacht, die unser Vaterland verteidigen soll, wenn es in Gefahr ist.
Es ist nicht nur Pflicht des Siegers, gerecht zu sein, sondern auch klug.
Wenn die Menschen ein Land von Moskitos säubern wollen, so rotten sie vor allem die Brutstätten dieser Plage aus, indem sie die Wassertümpel, in denen diese Insekten ihre Eier ablegen, austrocknen oder mit Kalk oder Petroleum desinfizieren. So müssen wir der Sozialdemokratie ihre Brutstätten zerstören. Das sind diese Proletarierwohnungen in Stadt und Land, und was Kalk und Petroleum gegen die Moskitos ist, das ist Gerechtigkeit und Menschenliebe gegen die Besitzlosen. Jede Stadt, jedes Land, jeder Gutshof hat die Sozialdemokraten, die sie verdienen. Sie sehen, meine Herrschaften,« fügte sie lächelnd hinzu, indem sie sich von der Tafel erhob, — »die Hygiene bietet uns Handhaben genug, um Parallelen zur Politik zu ziehen.« — Ich konnte ihre Darlegungen nur bestätigen. Der Graf von Holstein hatte ebensowenig Sozialdemokraten auf seinen Gütern gehabt, wie[S. 271] mein guter Freund, der Prinz von Schönaich-Carolath, weder Sozialdemokraten noch fremde Arbeiter hatte, keine Polen, keine Italiener und keine Schweden. Die Arbeiter blieben bei ihnen, weil ihre Herren gerecht waren, weil sie durch Fleiß vorwärts kommen konnten, und weil sie fühlten, daß man sie nicht gering achtete, sondern als Menschen liebte.
Wir traten aus der Kajüte ins Freie und schauten vom Deck aus über die schäumende, blaue Flut. Gleichsam als wollte der Himmel uns den unerschöpflichen Reichtum der Natur zeigen, stoben nach beiden Seiten des Bugs silbern in der Sonne glitzernde Scharen von fliegenden Fischen über die Wogen dahin.
Ich ging zur Kommandobrücke hinauf. Dort fand ich unseren Kapitän in schwermütigem Brüten versunken. Ich fragte ihn nach seinem Kummer. Erst wollte er nicht mit der Sprache heraus. Schließlich schüttete er mir sein Herz aus. Er machte sich Sorgen, daß er mit dem Kohlenvorrat nicht reiche. Der ungewöhnlich heftige Nordost, gegen den wir ankämpfen mußten, hatte unsere Fahrt bereits um Tage verzögert. Leicht konnten wir noch auf weitere drei bis vier Tage rechnen, ehe wir Madeira erreichten. Ohne Kohlen im Sturm mitten auf dem Atlantischen Ozean, das war freilich eine ernste Lage. »Stimmt unser Kurs?« fragte ich ihn. »Wir haben genau navigiert, der Kurs stimmt.« »So kommen Sie mit zum ersten Maschinisten. Er muß genau wissen, wie lange unsere Kohlen reichen.«
Wir gingen in den Maschinenraum. Von dort mit unserem Maschinisten in den Kohlenraum. Dessen Rechnung stimmte. Wir hatten noch genügend Feuerung für mindestens sechs Tage. Und selbst wenn der Sturm anhielt, mußten wir längstens in vier Tagen Madeira erreichen. Der Kapitän atmete auf und schüttelte mir die Hand.
Da ward mir klar, ein Glaube ohne Gewißheit ist ein übles Ding.
Ich aber wußte, es gibt etwas, was nicht Stoff und nicht Kraft dieses Stoffes, sondern Geist ist, und da Gott Geist ist, so mußte dieser Geist Gott sein. — Und so wahr, wie die Sonne am Himmel stand, gab es Liebe in der Welt. Und die Liebe ist Geist, — so mußte Gott die Liebe sein, die alleinige, allmächtige Liebe. Aber dieser Glaube[S. 272] an Gott, an diesen Gott der Liebe, muß Gewißheit sein. Und wie die Sonne nicht tot ist, sondern lebendig und Leben schafft, so muß auch unser Glaube, der ja selbst Liebe ist, und somit allein uns schon mit Gott vereint, lebendig sein und Leben schaffen, Leben und neue Liebe. Denn der Glaube ohne Liebe, der Glaube ohne Werke ist tot, wie die Sonne tot sein würde ohne Wärme, wie unser Schiff ein toter Haufen Eisen und Holz sein würde ohne die Kohlen, die erfüllt sind von der wärmespendenden Kraft der Sonne.
Und über das Meer herüber grüßte mich das Doppelwahrzeichen der Heimat: der Turm der Heimatkirche und das granitene Standbild des eisernen Kanzlers, die Wahrzeichen der Liebe und der Tat.
Auf dem Vorderdeck war lustiges Gewoge Tag für Tag, Tanz und Gesang; Spanisch und Portugiesisch klang durcheinander. Alle fröhlich, ausgelassen, erwartungsvoll, was die in der Heimat Zurückgebliebenen wohl sagen würden, daß man nun heimkam mit Geld in der Tasche. Nur einer saß dazwischen, allein. Ich hatte ihn gefragt, was ihm fehle. Errötend hatte er mir gestanden, er habe sich kurz vor der Abreise mit einer Brasilianerin verlobt. Nun wollte er sich selbst von seinen Eltern die Erlaubnis holen zur Heirat; aber er kriege sie, fügte er tief aufatmend hinzu, denn sein Mädchen sei schön und gut, — fast wie die Madonna selbst. Als ich ihm den Rücken gekehrt hatte, hörte ich, wie er leise sang.
Da ging ich zu einer anderen Gruppe. Die zählte ihr Geld, das sie mit heim brachten. Der Amerikaner trat hinzu und fragte: »Womit habt ihr euer Geld verdient, Leute?« »Wir haben Land urbar gemacht,« antworteten die einen; »wir haben Straßen und Eisenbahnen gebaut,« die anderen. Da stellte sich ein Kecker vor den Amerikaner hin und fragte: »Und womit du?« »Du hast ein Recht zur Gegenfrage,« antwortete unser Mitreisender, »ich habe Möbel fabriziert, einfache und kostbare. Ich war ursprünglich Tischlergeselle, erfand mir dann selbst meine Maschinen für mein Gewerbe und wurde Fabrikant.« Der Frager zog mit höflichem Danke für die Auskunft ab.
»Wissen Sie,« wandte sich der Amerikaner lächelnd zu mir, »ich war ehrlich froh, daß ich dem Manne die Antwort geben konnte und[S. 273] nicht zu sagen brauchte: ich habe glücklich spekuliert; denn ich hätte mich vor diesen Leuten geschämt. Reichtum und Reichtum ist zweierlei. Jeder Reichtum, der erworben ist durch Schaffung von notwendigen, praktischen, gesunden oder schönen Gegenständen, von wirklichen Werten, oder durch geschickte und richtige Verteilung dieser Güter unter die Menschen, ist ein wohl verdienter Reichtum. Der Arbeiter, der Land urbar macht; der Bauer, der Korn oder Obst pflanzt; der Fabrikant, der irgend Gegenstände des täglichen Lebens anfertigt; der Kaufmann, der den Überfluß unserer einheimischen Waren über das Meer schafft und uns wiederum mit Früchten und Waren anderer Länder versorgt; der Ingenieur, der uns elektrisches Licht schafft; der Schiffsbauer, der unsere Schiffe, der Architekt, der unsere Häuser baut; der Arzt, der uns unsere Gesundheit erhält oder wiedergibt; der Künstler, der unser Dasein verschönt; der Seelsorger, der unseren Herzen Frieden spendet — sie alle schaffen Werte, die —« »Und die Könige, die Gesetzgeber?« »Auch sie schaffen Werte und vielleicht die größten, vorausgesetzt, daß sie ihre Pflicht tun und fähig sind, ihre Pflicht zu tun. Auf jeden Fall ist ihre Verantwortung am größten.
Aber nehmen Sie alle diese anderen modernen Erwerbszweige, die Brenner und Brauer, die mit ihren Erzeugnissen das Volk vergiften, die Kornspekulanten, die dem Volke das Brot verteuern, wie dieser Schuft von Patten, den sie den Weizenkönig nennen, und vor dessen zusammengeraubten Millionen sie knixen, die Bodenspekulanten, die dem Volke die Grundlage des Daseins verteuern, oft genug die Schaffung des eigenen Heims unmöglich machen und sich dabei die Taschen füllen, — sie sind Vampyre in des Wortes schlimmster Bedeutung für unsere menschliche Gesellschaft, und wir werden uns, soweit wir ihnen nicht mit Hilfe des Gesetzes ihr unsauberes Gewerbe legen können, nur dadurch von ihnen befreien, daß wir diese Art, Reichtümer zu sammeln, als unehrenhaft, als schimpflich brandmarken. Sie müssen gerichtet dastehen in der Gesellschaft, in einer Linie mit den Schnapswirten und Bordellinhabern.«
Mir ging es bei diesen Worten wie eine Befreiung von schwerem Druck durch meine Seele. Also auch jenseits des Ozeans der gleiche Pulsschlag! Mein Herz pochte vor Freuden. Der gewaltige Stoß des Kolbens aber, der zu uns herüberdröhnte, klang mir wie ein jauchzender[S. 274] Kampf- und Siegesruf zur Anbahnung einer besseren, größeren, glücklicheren Zeit.
Nach einer Weile, während wir beide in Schweigen unseren Gedanken nachgegangen waren, griff mein amerikanischer Reisegefährte den Faden unserer Unterhaltung noch einmal auf. »Sehen Sie,« begann er, »ich bin Jude, — aber mein Feind soll mir nicht nachsagen, daß ich an der Krankheit leide, die man Mammonismus nennt. Ich bin im Gegenteil der Ansicht und habe versucht, ihr durch mein Leben und das meiner Kinder Nachdruck und Geltung zu verschaffen, daß vornehm sein sich nicht verträgt mit irgend welcher Härte oder Ungerechtigkeit gegen diejenigen, die anscheinend unter uns stehen, sondern daß auch der Ärmste vornehm sein kann, wenn er freudig die Vorzüge des anderen anerkennt und sein Leben dafür einsetzt, anderen zu helfen und dem Ganzen zu dienen. Wir müssen dahin kommen, daß wir es als einen Mangel an Bildung brandmarken, wenn einer, wes Standes er auch sei, nur an sich denkt und hochmütig oder herzlos auf die anderen herabschaut. Ich habe oft darüber nachgedacht, wie sich diese, ich möchte sagen krankhafte Selbstsucht der Menschen von heutzutage entwickelt hat, und da komme ich immer wieder zu dem Resultat, daß sie zum Teil begründet liegt in der tierischen Abkunft des Menschen, wurzelt in dem rein tierischen Instinkte der Selbsterhaltung, des Hungers und der Fortpflanzung. Zum Teil aber scheint sie mir direkt zusammenzuhängen mit jenem von der christlichen Lehre zuerst gepredigten persönlichen Fortleben nach dem Tode, als ob unsere Seele etwas Umrissenes, etwas Substantielles, etwas in sich Abgeschlossenes, uns speziell Ausmachendes und Angehörendes sei und nicht vielmehr, ebenso wie unser Körper, ein sich täglich, stündlich Erneuerndes, Ergänzendes, über seine Grenzen Hinüberflutendes und von allen Seiten in sich Aufnehmendes, ständig Wachsendes und Gebendes.
Haben wir uns aber erst zu dieser Anschauung durchgerungen, so verliert ebenso der Tod seine Schrecken, wie das eigene Ich dieses überwiegende Interesse, das wir ihm heute schenken. Wir sind vielmehr gezwungen, uns mehr für die zu interessieren, von denen wir ständig neue Seelenbestandteile, wenn ich so sagen darf, in uns aufnehmen, als auch für die, in die Teile von uns ständig übergehen.[S. 275] Ja, es wird unser ernstestes Bestreben werden, möglichst viele solcher Seelenteile von außen in uns aufzunehmen und auf andere wieder zu übertragen, da wir sehr bald einsehen lernen, daß hierin vor allem und in denkbar schönster, vollkommenster Weise das Leben besteht.«
Mir war eigen zu Sinn. Nun entwickelte mir hier, mitten auf dem Ozean, ein Fremder diese innersten Gedanken meiner Seele, und noch dazu so klar und sicher, als ob sie bereits Gemeingut der ganzen heutigen Menschheit seien.
Ich saß in meiner Kabine und blätterte in Zeitungen aus der Heimat, die ich in Pará noch an Bord bekommen hatte. Meine Gedanken weilten noch bei den Gesprächen mit unserem Amerikaner. Wir waren wiederholt auf die Arbeiterversicherungen gekommen. Ich hatte ihm meine Pläne von der Vereinfachung und dem Ausbau dieser Versicherung zu einer deutschen Volksversicherung erzählt. Er war ganz meiner Ansicht, daß wir danach streben müßten, unser an sich schon kompliziertes modernes Kulturleben großzügiger, einfacher zu gestalten und begrüßte daher meine Vorschläge als wertvollen Anfang in dieser Richtung. Und nun las ich hier: »Die neue Reichsversicherungsordnung. Es heißt nicht mehr Arbeiterversicherung, weil eine ganze Reihe weiterer Berufszweige einbezogen wird, Lehrer und Beamte mit kleinen Gehältern; sie will endlich auch die Versicherung der landwirtschaftlichen Arbeiter und der Dienstboten von Reichs wegen sicherstellen.« Soweit wäre nun der Widerstand der Konservativen gebrochen, und diesen beiden großen Gruppen von Arbeitenden, die bislang zum größten Teile dem patriarchalischen Wohlwollen preisgegeben waren, endlich Gerechtigkeit geschehen. Nun, — meine Rechtsanwälte haben auf meine Kosten manchen Strauß ausfechten müssen, um armen Dienstmädchen zu ihrem Rechte gegen dieses »patriarchalische Wohlwollen« zu verhelfen, das nur zu oft gerade dann versagte, wenn Krankheit die Ärmsten arbeitsunfähig gemacht hatte.
Ja, stoß nur, Kolben, wirbele nur, Schraube, — unser Schiff geht vorwärts, — ich fühle es hier in der Kajüte, mag der Nordostpassat auch noch so ungebärdig sich entgegenstemmen. Und was du,[S. 276] eiserner Kolben, dem Schiff bist, das ist für das Vorwärtskommen der Menschheit die Kraft der Wahrheit und der Liebe.
Der Durst nach Gerechtigkeit in der Nation wächst. Der Wille ist da. So wird auch der Weg gefunden werden zur Gerechtigkeit.
Aber das ist köstlich, — das alte Gesetz hatte schon rund 900 Paragraphen, das neue gar 1793 Paragraphen! Herrgott, — das haben gewiß 1793 Geheimräte fabriziert! Und im Geiste sah ich 1793 Allongeperücken mit langen Zöpfen. Das Bild war so lustig, daß ich laut zu lachen anfing.
Da schaute mein Kapitän herein: »Was lachen Sie denn, Doktor?« Ich erzählte ihm von dieser drohenden Mißgeburt und erinnerte ihn an das Wort Bismarcks, »Deutschland wird noch an seinen Geheimräten zugrunde gehen.«
Er nahm aber meinen Arm unter den seinigen und zog mich auf die Kommandobrücke. »So,« sagte er, »hier oben unter der Sonne, im Sturme berichten Sie mir von Ihrem Plane, wie Sie sich die Sache denken.« Er mußte mir recht geben: ein Kaufmann, der sein ganzes Leben schwer gearbeitet hat und nun Bankerott macht, weil ein Bankhaus falliert, mit dem er geschäftlich verbunden war; ein Fabrikant, der sich ehrlich bemüht und fleißig geschafft hat, der sein Vermögen verliert, weil irgend eine unvorhergesehene Konjunktur seine Industrie lahmlegt; der Arzt, der durch Krankheit seine Tätigkeit einbüßt; der Künstler, den sein Genie über die Grenze menschlichen Könnens hinausführte und ihn in Trübsinn warf, daß seines Schaffens Kraft gelähmt wurde: wer sorgt für sie in Krankheit und Alter? Für jeden Arbeiter, für jedes Dienstmädchen soll gesorgt werden. Das ist gut, war längst notwendig, — aber wer sorgt für alle diese anderen?
Deswegen müssen wir eine deutsche Reichs- oder Volksversicherung haben, in die jeder Deutsche vom vierzehnten Lebensjahre hineinzuzahlen hat, wes Standes er sei, an die er aber erst Ansprüche stellen darf, wenn er unter 2000 Mark Jahreseinnahme hat. So wäre für die Schwachen gesorgt durch die Starken und für die Starken, wenn sie einmal schwach werden. Und statt der 1793 Paragraphen brauchten wir nur diesen einen.
In diesem Augenblicke drückte der Sturm das Schiff mit seinem[S. 277] Bug in die Wogen, daß der kornblumenblaue Schaum hoch über das Deck spritzte, und die fliegenden Fische erschreckt nach beiden Seiten über das Meer glitzerten. Sekundenlang schnarrte die Schraube hinten in der Luft, und seufzend stampfte der Kolben, bis endlich das Schiff wieder Fuß in den Wellen gefaßt hatte und seinen Kurs wieder aufnahm.
Schon lange hatte ich am fernen Horizonte einen leichten, grauen Streifen betrachtet, der wie eine Fata Morgana bald schwand und bald wieder sichtbar war, einer Nebelbank gleich, die über den Wogen zu ruhen schien. Aber nun wuchs das wolkenartige Gebilde. Es nahm Formen an, Bergketten ähnlich. Die Formen erhielten Farbe, das nebelhafte Grau wich helleren Streifen und dunkleren Schatten, — es war kein Zweifel mehr: vor uns lag Madeira. Dort oben, zum Teil im Sonnenlichte glitzernd, zum Teil von Nebelwolken verhüllt, der ewige Schnee jenes höchsten Gipfels, von dem aus ich Befreiung erlangt hatte von der Qual meiner Seele.
Und nun, am Fuße der Bergketten hier und da grüne Streifen, dazwischen, wie aus einer Spielzeugschachtel entnommen, Häuschen, Dörfer, und nun, in großem Bogen dem Meere angelagert, die Hafenstadt Funchal.
Kaum hatten wir Anker geworfen, so waren auch die Händler schon wieder an Bord mit Stickereien und Goldwaren, Spielzeug, aus seltenen Hölzern geschnitzt, und anderem Tand. Ich kaufte ein für meine Lieben daheim, was mir gefiel. Nur für mein Weib fand ich nichts, was mir gut genug schien. Und doch, — da oben in meiner Kabine lagen eine Anzahl Blätter, auf denen hatte ich festgehalten, was Sturm und Sonne mich gelehrt auf der Reise, — der »Sonnenscheinsamen«, der mir geworden war in fremden Landen und auf dem unendlichen Ozean.
Ich fuhr mit einem der zahlreichen Boote an Land, — einmal wollte ich noch das Tal des Vergessens erleben, in dem ich damals den österreichischen Kollegen entdeckt hatte. Ein gutes Pferd war bald[S. 278] gesattelt und in scharfem Trabe ritt ich die mir bekannten Pfade ins Gebirge hinein.
War niemand in der Zeit dorthin gekommen in diese Einsamkeit? Oder hatten Dankbarkeit und Pietät der Anwohner gegen den einstigen Besitzer das verlassene Häuschen mit einer Art heiliger Scheu beschützt? Ich fand noch alles genau, wie wir es seinerzeit verlassen. Nur der Garten war zu einer Art Wildnis ausgewachsen, so daß das Haus völlig versteckt in einem Walde von Bananenbüschen, Kamelien und Rhododendron lag, das Ganze mit wilden Rosen, Wein und Efeu überrankt, wie das Zauberschloß Dornröschens.
Und wie ich auf einem moosübersponnenen Stein dasaß in der Wildnis, tauchte noch einmal der ganze Zauber der Geschichte meines Freundes wieder vor mir auf, sein Leid, seine Liebe, seine Lieder.
Und unwillkürlich mußte ich eines Weibes gedenken, das mir selbst vor langen Jahren wie ein guter milder Stern erschienen war, an die ich geglaubt, und zu der ich gehofft hatte, und die mir dann schweres, bitter schweres Leid angetan. Ich hatte sie ausgemerzt aus meinen Sinnen, — doch wunderbar, hier in dieser märchenhaften Einöde, hier kam mir unwiderstehlich die Erinnerung und mit dieser das Bewußtsein, daß sie der Hilfe bedürftig sei. Da schwand der letzte Rest von Haß und Groll aus meinem Herzen, und das Gefühl drängte zur Tat, ihr helfen zu müssen um jeden Preis. Ja, — das wollte ich, sobald ich daheim war.
Und von dem einstigen Besitzer des Hauses zogen die Gedanken zu den anderen, die damals mit hinausfuhren: alle, alle kamen sie noch einmal im Geiste und grüßten mich, ehe ich von dem blauen Ozean, der uns nun trennte, Abschied nahm. Und leise, leise hörte ich aus weiter Ferne ein weiches brasilianisches Lied und sah ein paar glückliche Mutteraugen auf einem prächtigen Krauskopfe ruhen. — — —
Da horch, — vom Hafen her, wie ein störendes Aufwecken aus seligem Traume, drei schrille, doch nur zu bekannte, langgezogene Töne unserer Nebelpfeife, — das Zeichen meines Kapitäns, daß es Zeit zum Aufbruche sei.
Mir war es die Stimme der Pflicht, die mich aus weichen Träumen zur Arbeit, zu neuem Leben rief. Fort, ihr romantischen Zauber, die ihr so süß seid und die Wunden der Seele so wonnig zu heilen versteht.[S. 279] Das Leben verlangt mich, die Arbeit, die Tat. Denn nur Arbeit, strenge, ernste, ausharrende Arbeit führt zum Ziele.
Hellauf wieherte mein Pferd, als ich im Bügel saß. Die Studentenzeit tauchte noch einmal vor mir im Geiste auf. So hoffnungsfroh war mir zu Sinn. Während ich in der Richtung nach dem Meere zu durch die Schluchten Madeiras ritt, sang ich mein altes Reiterlied, das ich als fröhlicher Bruder Studio so oft gesungen hatte, wenn ich auf meiner Schimmelstute durch Marburgs Wälder und Berge geritten war. Und ich sang mein Lied von Anfang bis zu Ende:
Mein Ziel? — Was war mein Ziel? — Mein Heim stand fest begründet. Darinnen erwartete mich mein Weib und die blonde Schar meiner Kinder, meine schlanken Mädchen und meine starken Buben. — Größer noch war mein Ziel, — so groß, daß es mich schier erdrückt hätte: meinem Volke hatte ich helfen wollen nach meinen Kräften aus seiner Not, seinem Elend. Und dabei hatte ich mich müde[S. 280] und krank gearbeitet, und bitter gering hatte mich der Erfolg meiner Arbeit gedeucht, — zum Verzweifeln gering.
Aber da oben auf dem schneebedeckten Berge, da war es mir klar geworden, daß der Wille von uns Menschen größer ist, als alles Elend der Welt, daß der Geist mächtiger ist, als alle sogenannte Macht. Denn der Geist ist Liebe, und die Liebe stammt von Gott, dem allumfassenden, allmächtigen Geiste. So muß der Wille, der von der Liebe erfüllt ist, alles erreichen können!
So kam es denn nur darauf an, mit diesem Geiste diejenigen zu erfüllen, die an der Spitze des Volkes stehen, das ganze Volk, vor allem sich selbst erfüllen: dann mußte es anders werden.
Ich hatte erkannt, daß jeder Mensch sein Leid, seine Bürde hat. Daß aber ein froher Wille uns frei macht auch von dieser Bürde.
Die Weite der Erde hatte ich erkannt, und wie sie noch Platz hat für uns alle.
Und wohin ich kam, hatte ich die große, allumfassende Liebe gespürt, die das Weltall regiert. Aus aller Herren Länder hatte ich Atemzüge dieser Liebe empfunden und war erwärmt und gestärkt von den Wellen warmen Geistes, die von dieser Liebe ausgingen. Was Wunder, daß ich mit neuem Mute meinem Ziele entgegenstrebte.
So kam ich zum Hafen. Dem braunen Burschen übergab ich das Pferd, und dann aufs Schiff.
Dunkel drohte der Himmel. Ich hatte, in Sinnen verloren, nicht bemerkt, daß ein schweres Gewitter heraufzog. Schon fielen dicke Tropfen. Heulend brauste der Sturm los, während wir die Anker lichteten. In finstere Nacht versunken lag das schöne Madeira. Kaum sah man hier und da ein Lichtlein blinken. Dumpf rollten die Donner von Berg zu Berg, gespenstisch durchglühten Blitze die Finsternis.
Da — ein scharfer Blitz, ein Krachen, ein Splittern, als ob der Himmel einstürzen wollte, — plötzlich sah ich in der Richtung, aus der ich soeben gekommen, eine Flamme auflodern, fern oben in den Bergen.
Dort droben in der Richtung des Feuers lag der Gletschergipfel und an seinem Fuße das Hüttchen, in dem ich noch soeben geweilt.[S. 281] Weit und breit war kein anderes Haus. Kein anderes konnte es sein, das der Blitz sich ausgewählt. Nun sah man deutlich im Scheine der Flammen auf einen Augenblick die Umrisse erschimmern. Dann sank die Glut in sich zusammen, und dunkele, stille Nacht lagerte sich über die Insel.
Wir aber fuhren Volldampf voraus, der Heimat entgegen.
In meiner Kabine lag reiche Post, Briefe und Zeitungen, sorgfältig von liebender Hand gesichtet, aus langer Zeit angesammelt.
Wie schnell doch die Menschen heranreifen!
Meine Älteste will sich mit dem blonden Studentlein, der ein tüchtiger Arzt geworden, verheiraten, nach dem Osten des Vaterlandes, dort, wo der Slawenansturm unsere deutsche Kultur schon zu bedrängen droht! Recht so — das nenne ich Liebe zum Vaterlande durch die Tat. Helft nur mit eurem Leben und eurem Blute dort die Grenzwache verstärken und den germanischen Schutzwall.
Und mein Ältester, — das freut mich, — von unten auf! Willst du Baumeister werden, mußt du erst wissen, wie der Mörtel gemischt wird und die Steine gesetzt werden, und lernen, wie es tut, in Sonne und Regen mit gekrümmtem Rücken den Tag über stehen, und die Hände rühren. Höre von Mund zu Mund, wo unser Volk der Schuh drückt, — und hilf ihm später. Ich wollte, daß auch unsere Fürsten solche Lehrzeit von unten auf durchzumachen hätten!
Und die Emma? Ist am Rhein, lernt Obstbäume ziehen und Gemüse bauen. Ja, — wurzele nur mit beiden Beinen und deiner ganzen Seele im Reiche der Natur, erkenne ihr weises Walten, erstarke dabei an Leib und Seele, und zeige den anderen Frauen und Mädchen später den Weg zur Gesundung, damit wir herauskommen aus diesem faden, schwächenden Genußleben von heute. So tust du eine Kulturtat, so groß, daß du ihre Wellenringe heute noch nicht ahnen kannst.
Ich träumte lang, mit dem Briefe meines Weibes in der Hand, — sah im Geiste meine drei jüngsten Buben bei ihren Büchern sitzen, sah sie ihre Schiffe bauen und ihre Kähne zimmern, sah mein Weib meine Kranken trösten und Sonnenschein ausgießen über die Menschen. Alles, was sie schreibt, ist erfreulich, erwärmend, um sie herum[S. 282] ein Kreis sonniger, gütiger Menschen. Die reiche Nachbarin, die elf Kinder hat, hat bei dem Schneewetter einen ganzen Waschkorb voll alter Kinderstiefel geschickt. Bald ist's im Dorfe ruchbar geworden, und nun ist eine Völkerwanderung losgezogen von armen Leuten, die Schuhzeug für ihre Kleinen bei uns haben konnten.
Der Dölke, der Nachbar von meinem Freunde Maurer, ist seinem Krebsleiden endlich erlegen. Da hat denn Tante Olly, die vorher schon mit Bettzeug und Mietegeld ausgeholfen hatte, weil die Krankenkasse abgelaufen war, mit ihrer Schwester für die Hinterbliebenen einen musikalischen Abend veranstaltet; alle Freunde und Verwandten sind geladen worden. Die dritte Schwester hat an der Kasse gesessen, und jeder hat sein Scherflein beisteuern müssen. Sechshundert Mark haben sie zusammengebracht. Tante Olly hat einen Prolog gesprochen, weil die Schwester sich gar soviel Mühe gegeben hat. Den hebe ich mir auf!
Aber die Olly ist stecken geblieben, so hat sie die Rührung gepackt.
Das ist doch ein anderes Wohltätigkeitsfest, als die sonst üblichen Basare mit Putz und Flirt. Ich sehe sie vor mir, diese warmherzigen Frauen, — da ist nichts von Eitelkeit und Zurschaustellen. Da ist alles Herz und Liebe. Ein Fest sei es gewesen, so recht nach meinem Geschmack, alles äußerliche, Bewirtung und Bedienung, so einfach wie möglich, aber alles Frohsinn, Kunst und Liebe, — ein Fest im Geiste einer neuen, schönen Renaissance.
Noch einmal griff ich nach dem Briefe aus der Heimat, da, auf einer Seite, die ich vorhin übersehen:
»Und nun noch eine ganz besonders große Freude für Dich. Erinnerst Du Dich noch des Eisenfabrikanten aus der Stadt, dem Du beim Notar, als Du das letzte Stück Land für Deinen Bauverein kaufen wolltest, das halbe Prozent Zinsen abbetteltest? Du warst so glücklich darüber, hattest ihm klar gemacht dabei, wie wichtig es für die Arbeitgeber sei, gesunde, tüchtige, zufriedene und glückliche Arbeiter zu beschäftigen, statt eines in den dumpfen Höfen der Großstädte verkümmerten und verbitterten Proletariats, und wie es Dir gelungen sei, in Deinem Bauverein hier draußen, eine ganze Reihe solcher unglücklichen Familien[S. 283] wieder aufwachen zu sehen zu neuem Menschendasein. Und dann hatte er Dich acht Tage später gebeten, da ihm deine Worte als Samenkorn in die Seele gefallen waren, im Verein der Industriellen einen Vortrag zu halten über dieses Dein Lieblingskapitel. Weißt Du es noch? Denk' Dir nur, wie die Saat aufgegangen ist! Die Stadt hat die ganze große Heide aufgekauft! Und Dein Freund von der Wandsbecker Gartenstadtgesellschaft, für die Du damals den ersten Vortrag hieltest, um die Menschen für diesen neuen Gedanken zu gewinnen, der wird auch dort helfen, eine Arbeiter-Gartenstadt zu erbauen, wie es heißt für zwanzigtausend Familien, mit Einzelhäuschen, und alle im niedersächsischen Heimatstil. Was sagst Du nun dazu?« — — —
Wie eine Woge von warmem Sonnenschein durchflutet es mich: Hei, wie der Samen der Liebe aufgeht! Ich muß wieder heim, muß wieder dazwischen sein! Mein Herz verlangt nach Frohsinn, Kunst und Schaffen in Liebe. — —
Die Nacht ist längst hereingebrochen. Ruhiger ist das Meer, kraftvoll durchschneidet unser Schiff die Wogen, lind zieht die Luft in meine Kabine, durch deren offene Tür die Sterne zu mir hereinfunkeln.
Ich kann nicht schlafen. So greife ich denn zu meinen Zeitungen.
Herrgott — was ist das? — Der Kaiser hat einem englischen Berichterstatter sein Herz ausgeschüttet, — er wolle Frieden mit England um jeden Preis. Er habe sogar den englischen Feldherren damals im Burenkriege den Feldzugsplan geschickt, nach dem die unglücklichen Afrikaner dann besiegt wurden, — — — — — — — — — — — nein, nein und tausendmal nein, das ist nicht wahr, das hast du nicht getan, Kaiser, — so klein, so — — so kannst du nicht sein.
Aber zuviel geredet hast du, Kaiser, und nun kommen sie und schieben dir Dinge unter, die du nicht getan und nicht gesagt hast, — und du als Kaiser kannst dich nicht verteidigen, kannst dich nicht mit dieser Preßmeute herumzanken und sagen, das habe ich gesagt und getan, und das habe ich nicht gesagt und nicht getan. Oh, ich weiß es,[S. 284] drüben über dem Kanal, da neiden sie dich uns und wollen Katzenhaare säen zwischen dich und uns, damit du wehrlos seiest ohne dein Volk, und dein Volk führerlos ohne dich.
Doch du tust das, was du allein als Kaiser tun kannst: du schweigst. Oh, das ist schön, ist groß von dir, — nun kann ich dich wieder lieben wie zuvor, und über die Wogen des Ozeans hinüber fühle ich — sie alle lieben dich nun wieder wie zuvor um dieses deines Schweigens willen! Nun bist du wieder unser Kaiser! Und hast du auch zehnmal verkehrt gehandelt, du bist ein Mensch, warum solltest nicht auch du dich irren können? Allein diese Leute von der Feder, die angeblich deutsche Politik treiben wollen, aber an einem Strange ziehen mit deinen Verleumdern jenseits des Kanals, sie sollen dich uns nicht verleiden, damit sie ihr Geschäft machen; — sie können uns dir nicht abspenstig machen, — denn du bist aus unserem Stamme und unser Fürst, unser Kaiser, und sollst es bleiben!
Aber warum die lauten Feste, Kabaretts und Narrenspossen in so ernsten Tagen, in denen dein Volk um dich bangt? Haben sie dir die Wahrheit vorenthalten, deine sogenannten Freunde? Es kann nicht anders sein! Und da, — in deiner schwersten Stunde, während dein Volk entsetzt über das, was ihm zu Ohren gekommen, im Reichstage über dich zu Gericht sitzt, — beim glänzenden Festmahle — fern von deiner Hauptstadt — dein Flügeladjutant tot, — dein bester Freund, — tot von der Tafel gesunken — die Hand erstarrt, die eben noch den Sektpokal umklammert hielt, — der schöne, kraftvolle Mann! — Armer Kaiser, — deine Freunde holt das Geschick dir weg, als ob sie aus Unkrautsamen hochgeschossen seien! Armer, armer Kaiser! — —
Sei froh, Kaiser, — es waren keine Freunde! Feinde waren es, die dich umsponnen hatten und dich blind gemacht! — — — —
Ich aber gedenke meines Traumes, damals nach der Kaiserparade, — als ich die lange Tafel sah, an der unser Volk zechte, und oben saß der Kaiser. Und als er das Sterben an der Tafel sah und den Verwesungsgeruch roch von den Leichen, die beim langen Mahle zu Boden gesunken waren, da stand er auf und schritt über die Brücke. — —
Kaiser, mein Kaiser, wann stehst du von der Sterbetafel auf und schreitest über die Brücke in das Tal der Liebe und der Tat? — —
[S. 285]
Die Nacht ist wundervoll. Sternenklar der Himmel, maienlinde die Luft, blausilbern das leichtbewegte Meer. Ich gehe zur Brücke hinauf. Unser erster Offizier Stockhorst hat die Wache. »Nun sind wir bald heim,« flüstert er, sich die Hände reibend. »In zwei Tagen Lissabon, dann die Biskaya, Vigo, Havre, Rotterdam, — die Nordsee, unsere Elbe —« »Halt ein,« falle ich ihm ins Wort, »es ist zu schön, um es auszudenken, — und über allzu Schönem in der Zukunft soll man die schöne Gegenwart nicht vergessen.«
Nach einer Weile Schweigen berichtete er mir denn aus seinen Zeitungen von dem entsetzlichen Erdbeben in Messina: »Zweimal hunderttausend Menschen mit einem Schlage tot, eine ganze große Stadt mit einem Male ein riesiger Trümmerhaufen, ein unsagbar furchtbarer Kirchhof!« — »Warum?« — »Ich bin dagewesen,« brach er los mit ungestümer Kraft. »Ein Gottesgericht möchte ich es nennen. Die Menschen wußten doch, auf welch gefährlichem Boden sie wohnten! Warum mußten sie denn die Bevölkerung in diese steinernen Massenquartiere zusammenpferchen? Hätten sie die Bevölkerung auseinandergezogen, nach Art der neuen englischen Gartenstädte, nicht die Hälfte, nicht der zehnte Teil des Unheils wäre erfolgt. Aber der Bodenwucher, die Profitsucht hatte sie alle geblendet. So eng mit Mietskasernen besetzt, brachten die städtischen Grundstücke ungeheuren Zins.«
Da dachte ich an meine Vaterstadt und das Unglücksjahr 1892, als der Würgengel Cholera in wenigen Tagen die Tausende von Menschen dahinraffte, und an die Gängeviertel mit ihren Proletariermassen und an das schmutzige, verpestete Wasser der Elbe.
»Aber großartig«, fuhr unser Friese fort, »war die Hilfeleistung von allen Nationen. War noch kein Unglück, das die Menschheit betroffen, so groß gewesen, wie dieses, so waren die Völker noch nie so einig im Liebeswerk gewesen, wie hier. Gelt, Doktor, wenn wir gerade im Mittelmeer gewesen wären, wir wären auch gleich hingefahren und hätten mitgeholfen, so gut wir konnten?« Ich nickte nur und drückte ihm die Hand. In meinem Sinne dachte ich daran, wie dieses furchtbare Unglück Wellenkreise der Liebe gezogen hatte, die nie vergehen können, Freundschaftsbande unter den Nationen geknüpft hatte, fester, inniger, als irgend eine Predigt es vermocht hätte. So mußte auch[S. 286] wohl dieses große Unglück im Weltenplane vorgeschrieben sein, ohne dessen Gesetz nichts geschieht, vorgesehen, um die Menschheit ihrem großen Ziele, in Liebe vereinigt zu sein, näher zu bringen. — —
Am anderen Morgen tauchten die neuen Passagiere auf, die wir in Madeira spät abends an Bord genommen hatten. Ein Kommerzienrat aus Dresden, der mit seiner Tochter auf Madeira zur Kur geweilt hatte, um die Nachwehen eines schweren Unfalles ausheilen zu lassen. Das Automobil seines besten Freundes daheim hatte ihn auf der Straße überfahren und ihm ein paar Rippen gebrochen.
Mit Ingrimm gedachte ich bei seiner Erzählung dieser rasselnden und stinkenden Ungeheuer, in denen, wie unser Amerikaner sarkastisch bemerkte, vorzugsweise Menschen führen, die sehr viel Zeit haben: Reiche Damen, junge Gecken, Demimonde und dergleichen an Muße reiche Menschenkinder, die nun in ihrem Übermenschendünkel nichts Besseres zu tun haben, als ihre weniger wohlhabenden, auf der Chaussee dahinhastenden oder zur Erholung schlendernden Mitmenschen in graue, benzinduftende Staubwolken zu hüllen.
Und im Geiste sah ich einen endlosen Totenreigen, von Chausseestaub eingehüllt, von Reichen und Armen, von Greisen und Kindern, von Blinden und Trunkenen, lauter Opfer des Automobilsports, und hörte endlose Schmerzensschreie und Flüche von vereinsamten Müttern.
»Gott sei Dank«, fügte die Tochter des Amerikaners hinzu, »wird neuerdings bei uns in Amerika jeder, der durch zu schnelles Fahren einen Menschen tötet, kurzerhand wegen Totschlags bestraft, und ein Chauffeur, der das Auto seines Herrn ohne dessen Erlaubnis aus der Garage nimmt, um auf eigene Faust auf demselben Vergnügungsfahrten zu unternehmen, wegen Diebstahls, weil man beobachtet hat, daß gerade bei solchen Fahrten dieser rücksichtslosen Menschen das meiste Unglück passiert!«
Sodann war ein junger Arzt aus Südwestafrika aufs Schiff gekommen, ein paar Franzosen und Belgier aus dem Kongogebiete, feine, schneidige, jüngere Leute, dabei bescheiden und zurückhaltend und ein besonders angenehmer Landsmann in mittleren Jahren, der Sohn eines Hamburger Senators, der, von Ostafrika kommend, den[S. 287] Seeweg durchs Mittelmeer genommen hatte, um in Madeira Zwischenstation zu machen, ehe er in seine nordische Heimat zurückkehrte.
Ich erkundigte mich bei den Belgiern und Franzosen nach dem Gesundheitszustande in ihren Kolonien. »Uns geht es dort ausgezeichnet«, erwiderten zwei von ihnen in gutem Deutsch und lächelten dabei vielsagend. Ich fing den Blick auf und fragte, was sie mit der eigentümlichen Betonung des Wortes »uns« sagen wollten. »Eh nun,« sagte der Belgier, »die Deutschen sterben bei uns fast alle an der Malaria und am gelben Fieber.«
»Und warum?« »Sie können das Trinken nicht lassen, Bier und Wein und Whisky mit Soda; dazu essen sie viel zu viel Fleisch und vor allem die in den Tropen so überaus schädlichen Konserven, Wurst, Schinken und Büchsengemüse. Wir leben wie die Einheimischen dort von den Gemüsen und Früchten des Landes, Brot und Reis, etwas Fisch, ab und zu ein Huhn, und unser Getränk ist Milch, Kaffee, Tee oder Limonade aus unseren Früchten.«
Mein junger Kollege aus Südwest sprang erregt auf und sagte: »Meine Herren, Sie haben völlig recht. Ich selbst habe das Glück gehabt, zeitig durch einen vortrefflichen Landsmann, den deutschen Regierungsarzt Dr. Külz in Kamerun, über diese wichtigen Fragen aufgeklärt worden zu sein, der seit zehn Jahren in unseren Kolonien tätig ist und durch unausgesetzte Aufklärungsarbeit dort unendlichen Segen stiftet. Er ist einer der wenigen Deutschen dort, der absolut enthaltsam lebt und infolgedessen in den ganzen Jahren nicht einmal krank gewesen ist, während fast alle übrigen Deutschen durch Malaria und gelbes Fieber schwer zu leiden haben. Aber was soll der einzelne machen, solange in Berlin in unseren leitenden Kreisen eine solche schülerhafte, ja, ich möchte sagen frivole Unwissenheit über diese Frage herrscht. Hören Sie nur den Bericht über eine Rede des Staatssekretärs Dernburg, die ich soeben in einer meiner deutschen Zeitungen fand, die meine Mutter mir nach Madeira nachgeschickt hat. Dernburg hat diese Rede am 21. Januar in der deutschen Kolonialgesellschaft in Gegenwart des Kaisers im Plenarsitzungssaale des Reichstages gehalten:
›Die Tausende Bastardkinder machen einen geradezu schmerzlichen Eindruck. Die Eingeborenenverordnungen, die das Verhältnis[S. 288] der Schwarzen und Weißen regeln, müssen im wesentlichen aufrechterhalten bleiben. Der Schwarze wünscht eine Autorität über sich, die ihn verständig leitet. Da die Ansiedler in Südwestafrika eine dauernde Heimat für ihre Kinder und Kindeskinder suchen, wird ein Ausgleich ihrer speziellen Farminteressen und der allgemeinen Interessen leicht zu erreichen sein. Die meiste Bevölkerung gibt in der Heimat sehr vieles auf. Der einzige Ort zum Austausch der Gedanken und zu geistiger Anregung ist in Südwestafrika das Wirtshaus, daher ein enormer Alkoholkonsum; außer Spirituosen und Wein für 7000 erwachsene Männer jährlich 35000 Hektoliter Bier. (Große Heiterkeit, in die auch der Kaiser einstimmt.) Damit vergleiche man, daß auf der vorjährigen Münchener Ausstellung nur 8600 Hektoliter Bier ausgeschenkt wurden. (Erneute Heiterkeit.)‹«
Der Leser schwieg tiefaufatmend. Ein schwüles Schweigen herrschte in unserem kleinen Kreise. Mir schwindelte. Ich stand im Geiste wiederum auf dem Bergesgipfel von Madeira und reckte meine Hand nach ihm aus, der so viel Unheil verhüten konnte, und es nicht tat. — Kaiser, mein Kaiser, wie konntest du lachen, wenn der Mann, den du zur Erkundigung unserer Kolonien hinausschicktest, so entsetzlich beschämende Dinge mitteilt! — — Du hast nicht gelacht. Die Zeitung lügt einmal wieder. Oder hast du die Opfer vergessen, die unser Feldzug in Südwest gekostet hat, all dieses gute deutsche Blut, was dort geflossen ist?
Du hast es gelitten, daß den Hereros, die vor der Zeit, ehe wir ihnen »unsere Kultur« brachten, ein fleißiges, starkes, gesundes, nüchternes Volk waren, schiffsladungsweise der von unseren adligen Herren und Schnapsbrennern gebrannte Sprit hinübergebracht wurde. Wir haben diese Wilden, die uns fleißige Arbeiter in diesem heißen Klima hätten werden sollen, zu faulen Bestien gemacht, ihre Häuptlinge zu Trunkenbolden, — deine eigenen Behörden in unseren Kolonien haben ihnen den Branntwein verkaufen helfen und die Gewehre dazu, mit denen sie dann die Söhne unseres Landes aus dem Hinterhalt niederknallten, als ihnen in ihrer Verkommenheit der Durst nach der alten Freiheit — Freiheit von »unserer Kultur!« — aufdämmerte! Und als der Mann, den du selbst hinübergeschickt hast, dich über all das Unheil, was dort herrscht, durch uns dort herrscht, unterrichten will, — da lachst du mit[S. 289] der Menge, wie ein unwissender Knabe, — Kaiser, mein armer Kaiser, — wieviel mußt du noch lernen! — — — — — —
Kaiser, mein Kaiser, — du kannst nicht gelacht haben! — —
Oder hat dich dein eigener Sohn nicht aufgeklärt über das Unheil, das der deutsche Trunk in unserem Vaterlande sowohl wie in unseren Kolonien anrichtet? Der ist doch von unseren Freunden genügend unterrichtet worden! — Aber freilich, der ist ja, wie die Zeitungen melden, in letzter Zeit beschäftigt gewesen, ein neues Patent für Manschettenknöpfe zu erfinden, — und hat die Anmeldung zurückziehen müssen, weil selbst diese Erfindung vor ihm schon ein Handschuhmacher gemacht hatte. — — — — — —
Als wollte er das peinliche Schweigen brechen, fing der Erzähler noch einmal von dem Dr. Külz an und berichtete, wie dieser auf dem Zweirade durch die endlos weiten Distrikte führe, viele Tausende von Negern in ihren Dörfern bereits geimpft hätte, überall aufklärend wirke, helfend, heilend, dem deutschen Namen Achtung verschaffend, dankbar verehrt von den Schwarzen, wie ein Heiliger, und dabei ein lebensfroher Mensch!
Mir aber schlug das Herz höher, denn dieser Dr. Külz war ja vor Jahren als blutjunger, frischgebackener Doktor von Kiel zu mir als Assistent gekommen. Wie hatte er mich damals ausgelacht über meine Enthaltsamkeit von Wein und Bier. Dann hatte er sich selbst eine Praxis gegründet in seiner schlesischen Heimat, hatte sein blondes Mädel gefreit. Aber der Drang nach größerem Wirkungskreise ließ ihn nicht rasten.
So war er hinausgezogen in die afrikanische Wildnis. Aber ehe er hinausfuhr, war er noch einmal eingekehrt bei mir, und in der Fliederlaube in meinem Garten hatte ich ihm so lange zugesetzt, bis er, in die Enge getrieben durch meine Berichte über die Erfahrungen aller unserer großen Tropenforscher, die ich ihm aufzählte, mit raschem Entschlusse sein Gelübde unterschrieb. Die Feder mit Tinte hatte ich ihm in die Hand gedrückt. Und nun war das Samenkorn aufgegangen und trug tausendfältige Frucht.
Und dankbar und glücklich gedachte ich der Lehre von den Wellenringen des Geistes, die nimmer aufhören!
Die Franzosen und die Belgier hatten sich inzwischen taktvoll still[S. 290] empfohlen, da sie merkten, daß wir Deutsche durch den Bericht über den Vortrag von Dernburg sämtlich auf das peinlichste berührt waren. Mein junger Kollege wandelte wie ein Löwe über das ganze Schiff, um seine innere Erregung zu meistern.
Mein Landsmann, der Hamburger Patriziersohn, war ein stiller, kluger Mensch. Wir waren allein sitzen geblieben. Wir sprachen über Hamburg, über den Handel in Ostafrika, über Professor Koch und seine Studien über Schlafkrankheit. Aus allen seinen Erzählungen leuchtete ein vornehmer Sinn und ein scharfer Verstand, gepaart mit einer wohltuenden Freundlichkeit. Er erzählte von seiner Reise durch das alte Wunderland Ägypten und dem seltenen Schauspiele, das er in Kairo bei Gelegenheit der Heimkehr der Mekkapilger hatte erleben können.
Eins vor allen Dingen habe er gelernt bei dieser Gelegenheit, das sei das höchste Ziel, um das der Mensch ringen müsse: die Erkenntnis dessen, der die Seele der Welt ist, — einerlei ob die Menschen ihn Gott oder Jehova oder Allah nennten! — Ich aber gedachte der Offenbarung des Geistes aller Welten, die mir unter dem Himmel der Tropen am Fuße jener Palmen geworden war, die mich gelehrt hatte, daß dieser Geist eins ist mit der Liebe! —
Ein unsichtbares Band war es, was mich mit diesem neuen Freunde verband und mich lebhafter ahnen ließ als je zuvor, daß wir Menschen alle »Brüder eines Vaters« sind. — — —
Je mehr wir uns dem Festlande näherten, desto eisiger und schärfer wehte uns der Wind entgegen. Wenn ich oben auf der obersten Brücke, wo nur der Schiffskompaß stand, mein gewohntes Luftbad nahm, um mit Turnen die Glieder geschmeidig und stark zu halten, brannte die Sonne mir die Haut wund und braun, während der Sturm mich schier über den Ozean forttragen wollte. Aber da oben in meiner stillen Abgeschiedenheit, da war mir das Meer, dieses herrliche, blaue, endlose Meer, zum vertrauten Freunde geworden, dessen Seele mir Wunderdinge zuraunte, von unendlicher Schlichtheit und Größe. Und[S. 291] immer klang mir aus dem Rauschen des Ozeans die Mahnung wieder: Von dieser Schlichtheit sollen wir lernen für unser Leben, unsere Kultur.
Und klein und Stückwerk schien mir unser Kulturleben, hin und her gerissen und eingeengt von tausend kleinen selbstsüchtigen Interessen. Nur einen Gedanken sah ich von Christus Zeiten her wie ein sonnenhelles, die Menschheit erwärmendes Licht, sah ihn bei Protestanten und bei Katholiken das graue Gespinst ihrer Dogmen leuchtend überstrahlen, — den einen Gedanken, das eine Wort: »Liebet euch untereinander!« — und aus diesem Worte heraus, nur immer maßgebender, den einen Begriff wachsen für unsere Kultur, wie eine Aufgabe, wie eine ungeheure Pflicht, die der Erfüllung harrt: den Wert des einzelnen Menschen als Träger eines Stückchens Gottesgeistes!
Wer will heute sagen, was in zwanzig oder dreißig Jahren aus dem unehelichen Kinde einer Magd wird, das in Liebe gezeugt wird, — wenn es in Liebe zur Liebe, zur höchsten Liebe erzogen wird?
Sind nicht Bischöfe und Fürsten aus solchem Stande hervorgegangen? Und war Christus nicht der Sohn eines armen Zimmermanns?
Wer will uns sagen, welch edles Samenkorn in der Seele eines Verbrechers, eines Mörders schlummert? Ich kenne einen, der, hinter Zuchthausmauern sitzend, ein Leben lang aus seiner Zelle heraus mit seinen armseligen Mitteln mehr Gutes tat für die Ärmsten der Armen, als mancher Fürst!
Ich kenne Säufer, denen alle fluchten, die sie kannten, — und als sie nüchtern geworden waren, wurden sie ein Segen für die Ihrigen und für ihre Gemeinde!
Wir haben kein Recht zu verdammen, — aber wir haben eine große, hohe, heilige, unabweisbare Pflicht dem Gottesfünkchen gegenüber, das in jedem Menschenkinde schlummert, — denn dieses Fünkchen kann zur Flamme werden, die uns einstens als Fackel auf dunklen Wegen leuchtet und wie ein Herdfeuer wärmt in eisiger Nacht. — — —
Machen wir uns nicht alle zu Mitschuldigen unserer Verbrecher, dieser schier zahllosen Unglücklichen, wir alle, und diejenigen, die an der Spitze unserer Staaten stehen, am meisten, weil wir es dulden, daß die Menschen so vertieren und verrohen und gewissenlos werden?
[S. 292]
Und was ist die Ursache? Das alte Lied: das Schwinden der Liebe vor allem!
Sodann das Zusammenpferchen der Menschen in den Städten! Und wer ist schuld daran? Die Männer, die unsere Bebauungsgesetze zu machen haben!
Und weiter, — dieses teuflische Gift, für das unser Volk über drei Milliarden ausgibt, das unsere Männer krank macht und die Familien zerstört, das unser Brotkorn und unsere Trauben vernichtet und unsere Kultur hemmt und zurückschraubt! Und wer ist schuld daran? Die Männer, die unsere Gesetze machen helfen!
Schaut nach Kanada, schaut in den Finnischen Landtag, seht nach Norwegen und Schweden, — da sitzen im schwedischen Reichstage hundert Enthaltsame! — Die alle haben ihre Länder frei und glücklich gemacht! —
Aber unsere Herren im Reichstage und Landtage, in der Gemeinde und im Herrenhause, — sie können sich von ihrem Glase und Humpen noch immer nicht trennen! — — Hier, aufgewacht, ihr deutschen Philister an den Regierungstischen, die ihr über den Rand eures Glases nicht hinüberseht, — gebt acht, —: dort unten aus dem handarbeitenden Volke, da wächst ein Sturm heraus, angefacht von der Lohe der Wahrheit und der Menschenliebe, der wird eure Brennereien und eure Brauereiaktien und eure Sektkübel hinwegfegen, wie einstens drüben in Amerika die Sklavenbefreier die uralten Vorurteile und die Selbstsucht der Sklavenhalter!
Ihr wollt das deutsche Volk in eurer Sklaverei halten, mit drei Milliarden soll es euch alljährlich fronen — — aber es wird sich frei machen und euch besitzlos, ihr, die ihr mit eurem Bier und Branntwein ihm das Mark aussaugt!
Freilich — von euch, die ihr für euer eigenes Portemonnaie so wacker rechnen könnt, denkt keiner daran, daß jedes Menschenleben ein bares Kapital ausmacht, — einen greifbaren, volkswirtschaftlichen Wert, mit dem wir zu rechnen haben, den wir hüten müssen, als einen ungehobenen Schatz!
Was geht euch das an! Wenn ihr nur euren Sprit verkauft, euren Wein, euer Bier! Mag auch das Volk darüber zum Teufel gehen!
[S. 293]
Schöne »Konservative«, herrliche »Volkserhalter« seid ihr! — — —
Aus dem Brausen des Ozeans klang es wie ein Tosen an mein Ohr, wenn ich an all das Elend in unserem Volke dachte. Aber aus all den tausend Stimmen hörte ich immer wieder wie einen schrillen Klagelaut das Hohelied vom Leid der Frau. Und je tiefer ich mein eigenes Leid empfand, desto mehr litt ich mit ihr, — mit ihnen allen. Denn sie, die die Schwachen im Lande hießen, litten am meisten.
Aber ich sah auch, wie aus diesen Schwachen Heldinnen sich erhoben, die Tausende und Abertausende von den schwachen Schwestern mit sich rissen aus dem Leide zur Arbeit, zur Freude, zur Freiheit, zum Leben!
Ja, schäume nur, Ozean, — spritz nur deinen Gischt herauf bis zu mir, — siehst du, — unser Schiff kämpft doch gegen dich an trotz all deinem Wüten, — — so werden wir mit unserer Liebe und mit der Kraft der Wahrheit die tausend Vorurteile überwinden, die uns tagtäglich entgegenbranden! — — —
Und klarer und klarer, so durchsichtig, wie dieses durchsichtige kornblumenblaue Wasser des Ozeans ward mir der Kampf gegen das menschliche Elend: Das war keine düstere, graue Nebelwand mehr, die mich erdrücken wollte, — sondern lauter einzelne, praktische, greifbare Fragen, — wie der Nebel, der über unserer Vaterstadt lag, sich zusammensetzte aus dem Rauche der Tausende von Schornsteinen. Jede einzelne Frage war zu lösen, jede einzelne anzugreifen, jede einzelne durchzukämpfen, — vor allem die wichtigste: Wir müssen uns mehr Mühe geben, bessere, größere, reinere, willensstärkere, liebevollere Menschen zu ziehen, — und selbst zu werden: das ist und bleibt die Hauptaufgabe für unsere Kultur!
Wir müssen lernen, die Körperkultur der alten Griechen und Römer in der klassischen Zeit, die Kunst des schönen, großen und freien Lebens aus der Renaissancezeit und die Fortschritte der Technik unserer Zeit zu einem neuen großen Leben zu verbinden im Geiste jener großen Liebe zu unseren Mitmenschen, die Christus uns gelehrt hat!
Und dann wird es kommen, — diese neuen Menschen werden dann Hand anlegen ans Werk, nüchternen Sinnes, willensstark, liebevollen Herzens, — und dann, — und dann mit einem Male wird der Frühling da sein! Der Völkerfrühling! Der Menschheitsfrühling! —
[S. 294]
Wieder bog unser Schiff, dieses Mal von Süden kommend, in den Tejo ein. Wieder tauchte die Cintra auf, erst in der Ferne, dann, den Windungen des Flusses und der Berge folgend, immer wieder verschwindend, — immer näher, — aber den Zauber, wie damals auf der Ausreise, übte sie nicht mehr auf mich aus, — das war ein fremdes Ideal, — mein Geist schweifte weiter hinauf nach dem Norden, nach einem Hause in grünem Garten mit Lilien, Rosen und Veilchen und grünen Tannen und Buchen, Eichen, meinen Eichen, und blühenden Obstbäumen, und voll von Nachtigallengesang und Kinderjubel, und nach brauner Heide und stillen Tannenwäldern mit ihrem heimlichen Leben im Moose und Heidekraut, nach milder Sonne und brausendem Weststurme, nach einer Stadt am großen Strome, und einer Kirche, die aus der Asche wieder emporwuchs, und einem granitenen Standbilde des Mannes, der die Liebe und die Kraft zur Tat in sich verkörperte. — — —
Ich schlenderte durch die portugiesische Hauptstadt. Die Freunde drängten uns, den ermordeten König zu sehen, der, einbalsamiert und aufgebahrt, im Mausoleum ausgestellt lag.
Der Portier soll ein gutes Geschäft dabei machen. Oh, entsetzliches Metier!
Nein, — dieser König hatte keine Liebe für sein Volk gehabt. Aber warum hatten seine Freunde ihn nicht aufgeklärt? Oder hatte er keine Freunde? Ist es das Schicksal von euch Königen, keine Freunde zu haben, die euch die Wahrheit sagen? — Armer König, — vielleicht lebtest du heute noch, geehrt und geliebt von einem frohen, glücklichen, reichen Volke, wenn deine Freunde dir die Wahrheit gesagt hätten!
Von noch einem wissen unsere Deutschen zu berichten: von dem dicken Ostpreußen, den wir auf der Ausreise an Land gesetzt hatten. Er hatte auf dem internationalen Wirtekongreß in Lissabon des Guten zu viel getan, hatte den Portwein aus Biergläsern geschlürft, mit Orden und Ehrenzeichen, seiner Würde als Vorsitzender des heimischen Kriegervereins, in der Gosse gelegen, — als Spott für die Straßenjugend von Lissabon. — »Das deutsche Schwein« hatten sie ihn getauft.[S. 295] — Eines schönen Tages war er vom Schlage gerührt. Halbseitig gelähmt wurde er ins Hospital gebracht. Dann ging es langsam mit ihm zu Ende. Kurz vor seinem Tode legte er noch einem der ansässigen Deutschen, der sich seiner als Landsmann besonders mitleidig angenommen hatte, die Beichte seines Lebens ab: Er hatte studiert, stand vor dem Oberlehrer. Da mußte er als Einjähriger sein Jahr abdienen. Eines Tages warf er beim Exerzieren vor versammelter Mannschaft dem Unteroffizier sein Gewehr vor die Füße. Gehorsamsverweigerung. — Ein Exempel mußte statuiert werden, — im Gefängnis konnte er über Disziplinlosigkeit nachdenken. — Die Einjährigenschnüre waren ihm genommen, zur zweiten Klasse des Soldatenstandes wurde er degradiert. — Den Kopf voller Kenntnisse, überall scheel angesehen, so kam er in seinen Beruf der Lohnschreiber; der Trunk führte ihn in die Kreise der Wirte ein, für die er ein vortreffliches Werkzeug bildete.
Aber sein Geschäft blühte weiter. Die Regierung brauchte Kunde, wer in dem Kreise zu den »unruhigen Köpfen« gehörte. — Woher sie das Geld nahm zur Bezahlung solcher Ehrendienste? Da wurde gemunkelt, — aus dem Invalidenfonds, aus dem den alten Vaterlandesverteidigern ihr Ehrensold gezahlt werden sollte. Ging der in solche Kanäle? — Auf dem Totenbette schwatzt einer mehr, als er verantworten kann und sonst wohl tut.
So kam er zu seinen Orden und fetter Pfründe, und war doch nur ein allzu früh und schimpflich gestrandetes Lebenswrack. Ein Schalk, wie unser portugiesischer Gastfreund treffend bemerkte, gemischt aus viehischer Gemeinheit und eklem Strebertume, der mit dem einen Auge nach den derbsten, sinnlichen Genüssen schielte und mit dem anderen nach der Gunst von oben, um Judaslohn und Ordenszeichen! Friede seiner Asche! — — —
Uns war allen ganz elend geworden bei dieser Erzählung. Wir atmeten alle ordentlich auf, daß diese Mißgeburt von Mensch kein Unheil im Vaterlande mehr anrichten konnte mit seinem Schnüffeln und Hetzen. Gott sei's geklagt, daß es noch mehr solcher Unholde daheim gibt. Man sollte ihnen wie Schlangen den Kopf zertreten, denn sie demoralisieren gleichzeitig unsere Regierung und unser Volk. Aber wie der Gedanke auftauchte, sah ich auch schon im Geiste die Reihe[S. 296] der Gegner, — hingesunken in der Blüte der Jahre, einer nach dem anderen aufs Totenbett, weil sie die neue Lehre verhöhnt hatten. — —
Von dem jungen Könige Manuel wußten die Freunde nur Gutes zu berichten. Er hatte bestimmt, daß die acht Millionen, die seinem Vater von der Regierung zu Unrecht vorgestreckt waren, in Raten von 400000 Pesetas alljährlich durch Abzug von seiner Zivilliste allmählich getilgt werden sollten. Kürzlich hatte er auf einer Automobilfahrt, die er mit seiner Mutter unternahm, sich eines verunglückten Radfahrers auf das gütigste angenommen, ihn eigenhändig in sein Auto gehoben und zum Hospital gefahren. Dann war er zu den Angehörigen geeilt, um diese von dem Unheil schonend in Kenntnis zu setzen und sie zu trösten; hat sich auch nachher des Verletzten und seiner Familie auf das liebevollste angenommen.
Das war edel, mein junger König, und die Liebe deines Volkes mag deine Samaritertat dir lohnen, — aber für einen König nur ein Stäubchen. Dein ganzes Volk braucht dich als Samariter. Riesenarbeit wartet auf dich! Ans Werk! Ans Werk! — —
Doch was ist das? Haben Wahnsinnige das verübt? Oder Anarchisten? Oder — nein, das kann nicht sein. — Ich lese, — an allen Straßenecken sind wie von Zauberhand plötzlich Plakate in großer Schrift angeschlagen: »Christus hat nie gelebt!« — Wahnsinnige Toren! — — Wißt ihr, wer Christus war? Er war der Brennspiegel, der alle Strahlen göttlicher Liebe, die je die Welt durchleuchtet und durchwärmt haben, wie Sonnenstrahlen in sich aufgenommen hatte, und nun wie ein großes, leuchtendes und wärmendes Licht, wie eine große Menschensonne, alle diese Strahlen wieder von sich gab, zu leuchten und zu wärmen, wie die Sonne selbst, solange es Menschen gibt. —
Es dunkelt. — — — — Der Kapitän drängt zur Rückkehr aufs Schiff. Der Himmel bezieht sich. Ein Heulen und Ächzen geht durch die Luft. Dabei lastet von niedrigem Himmel bleierne Schwüle. Vom Hafen rufen die Warnungssignale der Sirene. Wir eilen. Hoch gehen schon die Wogen des Tejo. Mühsam kämpft sich die kleine Pinasse[S. 297] durch, die uns von der Hafenmauer des Königsplatzes an unser Schiff bringt. Mühsam kämpft sie sich zurück. Schon rasseln die Anker in die Höhe. Finsternis liegt auf dem Wasser. Schauerlich heult der Sturm. Blitz und Donner erfüllen die Luft mit fahlem Licht und krachendem Getöse. Da rollt es in der Tiefe, als ob der Donner in den dunklen Wolken vieltausendfaches Echo in dem Schoße der Erde fände. Und alles Toben der Natur übertönend, durchschneidet ein vieltausendfacher Schrei aus Menschenkehlen die finstere Nacht. — Tausend Schrecken der Vergangenheit werden wach, — die Erde bebt! Krachen und Wehgeschrei vom Lande her erfüllt die Luft, — hell lodern am Ufer die Brände in Stadt und Dorf. Schaurig spiegelt sich in den schwarzen Wolken und in den finsteren Fluten die rote Glut. Wir aber fliehen, da wir doch nicht helfen können, mit Volldampf diese Stätte des Grauens und der Zerstörung, um nicht im engen Hafen, Schiff gegen Schiff gepreßt durch die tobenden Wogen, Vernichtung den anderen bringend statt Rettung, mit unterzugehen in diesem — war es ein Strafgericht? Der Kapitän und ich wechselten kein Wort über diese Frage.
Als wir die Mündung des Tejo erreicht und wieder offenes Meer unter uns hatten, sahen wir uns beide in die Augen und drückten uns schweigend die Hand.
Wieder saß ich in meiner Kabine mit meiner Post aus der Heimat, die ich in Lissabon empfangen, vielleicht die letzte vor der Heimkehr. Zu Hause alles wohl. Aber in der Welt? — Seltsam. Nie habe ich die Hand eines gesetzmäßig waltenden Schicksals so empfunden, so scharf und sicher empfunden, wie in dieser Zeit. Ob die lange Seefahrt, das lange Zusammenleben mit der Natur die Sinne geschärft hat, — ich weiß es nicht. Aber wunderlich ist es.
Der Minotaurus von England, der im Orient so gern Geschäfte für seine Pulver- und Gewehrfabriken gemacht und nur zu gern einen Weltbrand entfesselt hätte, um dann im trüben fischen zu können, hat sich verrechnet. Nun sitzt er schmollend in seinem heimatlichen Nebellande und sinnt, wo nun vielleicht ein Geschäft zu machen sei. Halt — in Persien. Da wollen die Russen die begehrliche Hand nach[S. 298] Süden strecken, — also schleunigst an die zehntausend Gewehre und ein paar Millionen Patronen in großem Karawanenzuge an die Perser geliefert. Ist das Geschäft auch nicht groß, es ist doch mitzunehmen. Um so mehr, da die Serben doch auch schon allerlei an Gewehren und Kanonen gekauft hatten.
Da aber vollendete sich das Werk Bismarcks, des Helden der Tat und der Liebe. Er hatte das Bündnis mit Österreich geschmiedet, weise vorausschauend. Fest und treu stand unser Kaiser zu dem alten Verbündeten aus dem Hause Habsburg, — Wellenringe der Liebe und der Treue, die jener große Diener des alten Kaisers in die Welt hinausgesandt. Sie wirkten und wirkten so stark, daß alle Intrigen und Hetzereien des englischen Ungeheuers daran scheiterten.
Kaiser, mein Kaiser, — wir wußten, du würdest treu sein, — das hast du gut gemacht, mein Kaiser, — da warst du groß! — Kaiser, mein Kaiser, — ich grüße dich! — — — — —
Selbst dem Serbenvolke, das noch eben den prahlerischen Reden seines Kronprinzen zugejubelt hatte, wird's zuviel. Mit Schande und Spott muß der üble Bursche, überlastet mit Schulden, sein Heimatland verlassen. Er hatte keine Liebe zu seinem Volke, — so straft ihn die Gerechtigkeit. — —
Und noch einer irrt in der Welt umher, geächtet und verpönt, Castro, der einstige Präsident von Venezuela, der seinen Beutel füllte, aber sein Volk nicht kannte.
Und wiederum noch einen hat's gepackt, — den Abdul Hamid, den einst allmächtigen Sultan des großen türkischen Reiches. Mord und Raub war sein Herrscherleben, sein Volk verkam, seine Hauptstadt zerfiel. Er aber erschlaffte im Haremsleben und häufte Schätze auf Schätze. Mit Blut und Hinterlist wollte er den Fortschritt zu einer freieren, besseren Kultur dämpfen — aber die Macht des Gedankens, die Macht der Liebe zur Freiheit, zur Wahrheit, zum Fortschritt ist unüberwindlich. Ihn schützten seine Garden nicht, noch seine festen Mauern, — verbannt, einsam muß er den Tod erwarten!
Und Rußland? Die Zersetzung schreitet fort, — ein verwesender Leichnam. Wie kann es anders sein, da Liebe allein Leben ist, allein Leben verleiht, — und in Rußland die Liebe fehlt. — — —
[S. 299]
Ich gedachte des Balten und seiner Lebensgeschichte, seiner Verzweiflung und seines Endes. Es war die Leidensgeschichte des russischen Volkes.
Und plötzlich — wie es kam, ich weiß es nicht — fiel mir die Geschichte des dicken Ostpreußen wieder ein, und daß doch auch bei uns im Reiche so manches faul sei, daß an so manchem, manchem Orte die Liebe fehlte, als ob ein kalter Wind von Osten her über unsere Grenze wehe!
Mir aber war es, als fühle und höre ich aus der Tiefe ein heimliches Rauschen und Klingen, ein Raunen von Wahrheit und Gerechtigkeit, von großer Sehnsucht nach Sonne, nach Liebe und Frieden. —
Als ich in meiner Kabine lag, führte mich der Schlaf in einen seltsamen Traum. Um einen Jüngling mit wunderbar gütigen Augen, dessen Antlitz mich an das Kind erinnerte, mit dem Maria und Joseph aus Ägypten heimkehrten, saßen unsere Fürsten geschart: neben seinem großen Kanzler unser alter, weiser Heldenkaiser Wilhelm, sein Sohn, der gütige, geduldige Friedrich, der alte Kaiser von Österreich, der sein Volk so liebt und von seinem Volke so innig wiedergeliebt wird, und der ihm so gern helfen möchte und es nur nicht kann, weil er zu schwach ist gegenüber dem im Lande tobenden Nationalitätenhader — und viele, viele andere Fürsten, die ihr Volk geliebt hatten; — und dort der Minotaurus, in sich zusammengesunken, und dort der Sultan, dort Castro, da — der König von Portugal, und alle die anderen Fürsten und Könige. Seitwärts aber stand einer, der hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen und weinte bitterlich.
Nun erhob sich der Jüngling und ging auf die drei großen Kaiser zu und küßte sie auf die Stirn. Da loderten drei Flammen auf, die ringelten sich aufwärts zur Sonne und ihre Kreise gingen ganz in jener auf. Und ebenso erging es allen jenen, die ihr Volk geliebt hatten.
Mir aber war es, als ob die Sonne heller und wärmer schiene danach. Der Jüngling aber schritt auf den einen zu, der abseits stand, nahm ihm liebevoll die Hände vom Gesichte und führte ihn hinaus, damit er um seiner Reue willen noch einmal lebe.
[S. 300]
Auf dem Richterstuhle im Kreise aber saß nunmehr ein Greis, machtvoll, ehernen Antlitzes, der hielt eine Wage in der Rechten und wägte und wog und winkte einem nach dem anderen der Fürsten und Könige zu. Und einer nach dem anderen ging, wenn jener winkte, in Flammen auf, die aber nicht zur Sonne reichten, sondern alsbald in sich selbst zurückfielen, so daß nur ein Häufchen Asche nachblieb. Dann erhob sich ein Heulen, wie von einem Sturmwinde, und alle Asche zerstob in die Winde.
Da ward mir klar: ich hatte das Gericht der Zeit im Traume erlebt. —
Sobald der Tag graute, wechselten wir mit der portugiesischen Küste Signale, ob wir vielleicht nach dem Erdbeben von gestern irgendwo Hilfe leisten könnten. Man verständigte uns dankend, der Schaden sei zum Glück geringer als der Schrecken. Es sei reichlich Hilfe im Lande vorhanden. So konnten wir unsere Reise ruhig fortsetzen.
Beim Morgenfrühstück war das erste, was mir unser Amerikaner mitteilte, Roosevelt sei nicht mehr Präsident, er wolle sich fortan der Jagd und der Schriftstellerei widmen.
Seltsam, — sollte es in der Rasse liegen? Den kritischen Verstand hatte er schon. Er hatte ganz richtig gesehen, wo der Schaden lag: bei den Menschen, bei der Dollarsucht der Kleinen und dem Mammonismus der Großen, der Trusts. Hatte er doch selbst gesagt: »die Menschen seien alles, die Einrichtungen nichts in der Geschichte. Nur durch die menschliche Kraft erhielten die menschlichen Institutionen ihren Stempel.«
Auch der Wille zum Helfen war da. Aber eins fehlte ihm, so daß er es fertig brachte, vom unvollendeten Werke seines Lebens zu scheiden: er hatte nicht die glühende Liebe zu seinem Volke, die den Willen zur Tat reifen läßt, sein Geist war nicht von Christi Geist, und er war kein Bismarck. Sein Werk war unvollendet, sein Volk seufzte noch unter der Herrschaft des Dollars, — und er wollte Antilopen und Elefanten in Afrika jagen? — Aber war es denn sein Volk? Wo war sein Volk? — —
Kaiser, mein Kaiser, — du stammst aus deinem Volke! Du gehst[S. 301] nicht nach Afrika, um Elefanten zu jagen und dein Volk zu vergessen! — Ich weiß, was du tun willst! Ich sehe dich im Geiste und reiche dir im Geiste die Hand. — — — — — —
Der Amerikaner brach zuerst das Schweigen und sagte, obwohl er selbst geborener Republikaner sei, müsse er sich bei der Wahl einer Regierungsform doch für die Wahl einer Monarchie entscheiden. Die Republik komme ihm vor wie eine große Aktiengesellschaft, in der die Aktionäre kein Herz für die Arbeiter hätten, sondern nur an den Bestand des Unternehmens und die Höhe der Dividenden dächten. Die Monarchie aber schiene ihm wie ein großer Gutshof oder ein großes industrielles Unternehmen, das der Gründer selbst führe, der, selbst aus der Schar der Arbeitenden hervorgegangen, ihre Bedürfnisse und ihren Wert genau kenne und durch Dankbarkeit und Liebe mit ihnen zu einem einheitlichen Organismus verbunden sei.
Die Königinnen aber, wie das Beispiel der edlen Königin Elena von Italien bei dem Unglücke von Messina wieder beweise, und wie die meisten Königinnen und Fürstinnen der Jetztzeit zeigten, seien wie gütige Gutsherrinnen, gewissermaßen das Prinzip der werktätigen Liebe auf dem Throne. Selbst die alte Königin Viktoria von England hätte, trotz ihrer Schattenseiten, hiervon keine Ausnahme gemacht.
Ich aber dachte an unsere Kaiserin mit ihrem großen Herzen so überreich an Menschenliebe, an die Königin von Württemberg, an die Großherzogin von Baden, und alle die anderen edlen Frauen aus deutschen Fürstenhäusern. Und gedachte der Sonne meines Hauses. —
Vorwärts, weiter stampft der Kolben, — mir viel zu langsam. —
Unseren kranken Neger hatten wir glücklich schon in Madeira an Land gesetzt. Von dort wollte er mit dem nächsten Woermann-Dampfer nach Afrika.
Unsere Spanier waren ausgelassen vor Heimkehrfreude. Von früh bis spät war ein Gejubel wie in unserem Garten, wenn im Frühling[S. 302] Finken und Drosseln mit den Kindern um die Wette ihre Lieder erschallen lassen. Nun mußte auch bei uns bald Frühling werden.
Wieder lagen wir in der Bucht von Vigo. Mit Tücherschwenken und Liedern fuhren sie mit ihren Booten an Land, — die einen, um möglichst bald wieder zurückzukehren ins Land der Sonne, — die anderen, um in ihr Land die Sehnsucht hineinzutragen nach Wärme, Leben und Liebe.
Spanischer König, besinne dich, — denk daran, wie es deinem Nachbarn erging!
Zurück durch die Biskaya. Was sagt uns der Sturm und das wogende Meer? — — Heimwärts, heimwärts war der einzige Gedanke! Schaffen, helfen, befreien, aufklären, Sonne bringen, Liebe! — Vorwärts! Vorwärts! — — —
Oben auf Deck war's ungemütlich. Regen und Schnee, kalter Wind aus Norden.
Wenn ich so recht durchgefroren war, ging ich eine Weile in den Maschinenraum und setzte mich dort still in eine Ecke, ungesehen und unsichtbar für die Heizer und Maschinisten, und sah der Arbeit der Maschinen zu.
Da hörte ich, wie einer der Trimmer, die die Kohlen herbeischafften, den Heizer fragte: »Sag 'mal, Neumann, wie kommt es, daß du als Sozialist so für Bismarck schwärmst? Ich hörte dich neulich über den alten Junker reden, als ob du selbst Rittergutsbesitzer wärst.« Der Angeredete stand auf seine Schaufel gestützt da: »Einfach der Arbeiterversicherungen wegen. Denn das kann ich euch sagen, — wenn Bismarck nicht gewesen wäre, und wenn er zehnmal selbst Junker gewesen ist, der anständigste war er doch, — dann hätten wir die Arbeiterversicherung heute noch nicht. Denn diese Schnapsbrenner und Altarstützen, die jetzt dem Reiche wieder die Steuern versagt und sie dem kleinen Manne aufgehalst haben, sie hätten das Werk nie geschehen lassen, wenn Bismarck sie nicht gezwungen hätte. Und ist auch noch mancherlei an unserer Versicherung auszusetzen, ein großer Anfang[S. 303] ist gemacht. Nun müssen wir alle helfen, das Werk zu vollenden, denn einen Bismarck kriegen wir doch nicht wieder.«
»Wenn sie aber jetzt so vielen Lärm darüber machen, daß in den zwanzig Jahren, die die Arbeiterversicherungen nun bestehen, von den Unternehmern und den Arbeitern zehn Milliarden für die Versicherung aufgebracht sind, so ist das einfach lachhaft,« rief der eine Trimmer, den sie den Anarchisten nannten, — »denn in dem nämlichen Zeitraum hat unser deutsches Volk das Sechsfache von dem versoffen, — sechzig Milliarden in zwanzig Jahren! Das sagen die Herren Unternehmer aber nicht dabei, — das Volk könnte ja aufgeklärt werden, daß es sich für seine sechzig Milliarden was Besseres hätte kaufen können, als Schnaps und Bier, — und dann würden ja die Dividenden sinken von all diesen Spritbaronen und Brauereiaktionären! Und deren sind nicht wenige! Der Teufel soll die ganze Bagage holen!«
Er schlug mit seiner schwarzen, schwieligen Faust gegen die eiserne Schottentür, daß der Raum dröhnte.
»Aber nun sagt'mal Leute,« fing der erste Heizer wieder an, offenbar um das Gespräch in andere Bahnen zu lenken, — »das müßt ihr mir eigentlich 'mal erzählen, wie ihr Anarchisten geworden seid?«
»Nichts einfacher als das«, erwiderte einer der Angerufenen. Mir entging kein Wort, weil die Leute wegen des Lärmens der Maschine sehr laut sprachen.
»Du weißt, ich bin ein Bayer. Ich bewirtschaftete den kleinen Hof meines Vaters. Eines Tages fuhr ich mit meinen beiden Braunen aufs Feld, um Heu zu holen. Holt mich da so ein Prinz ein mit seinem Automobil und fährt so dicht an meinen Wagen heran, daß meine Pferde beiseite springen, und der Wagen durch den Anprall in den Graben fliegt. Ich hörte nur noch ein ›verdammtes, dummes Bauernpack‹ aus dem Wagen mir nachrufen. Mir selbst wurde die linke Schulter ausgerenkt. Das Automobil hatte aber bei dem Anfahren auch einen Knacks abgekriegt und stand auf der Landstraße. Da ging ich auf den Prinzen zu und sagte: ›Königliche Hoheit, das wird Euch halt an 3000 Mark kosten,‹ und schrieb's ihm auch noch, so gut ich's konnte.
Mit Glacehandschuhen hab ich ihn nit angefaßt, aber doch auch nit allzu grob, — so wie wir Bayern nun einmal sind. — Was meint[S. 304] ihr? Nix erhielt ich, wegen Erpressung wurde ich angeklagt, und drei Monate habe ich sitzen müssen. Als ich wieder frei war, habe ich meinen Hof verkauft und den Erlös versoffen und hab' auf alle Regierungen und Gesetze gepfiffen. Denn daß das Gerechtigkeit sein sollt', das ging in meinen bayerischen Bauernschädel nit rein. Nun mag halt alles gehen, wie es will!«
»Mir ist's nicht viel anders ergangen,« begann der zweite, ein Sachse. »Ich war Drechslergeselle in Dresden, hatte die Vorträge von Pfarrer Naumann gehört, und kam so zu den Christlichsozialen. Da fing ich an, zu den Arbeitern zu reden über Wohnungsnot und sprach gegen das Trinken und suchte sie für Bauvereine und Genossenschaftswesen zu begeistern, für Nüchternheit und Volksbildung, für Turnen und Sport, — mit einem Male war die Polizei auf mich aufmerksam, — hier stieß ich auf Widerstand und dort, — wurde hier schikaniert und da, — da wurde ich Sozialist und schwor dem Polizeistaate Urfehde und stimmte mit ein in den Ruf: »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« Dann aber sah ich, wie auch in der Arbeiterpartei Protektion und Strebertum, Geldinteresse und Ehrsucht sich breit machten. — Da graute mir davor, daß eines Tages der Zukunftsstaat Wirklichkeit werden könnte. Ich kann euch sagen: es würde noch tausendmal schlimmer werden, als es heute schon ist. Die Regierung, die was taugt, soll noch geboren werden. Einstweilen fühle ich mich wohl in dem Gedanken, daß keine mich etwas angeht.«
»Paß man auf,« lachte der Heizer, »daß dich die jetzige nicht beim Kragen kriegt.« — »Pah,« meinte der andere gleichmütig, »ich habe nichts auf der Kerbe, da kann mir die ganze Polizei im Mondschein begegnen.« »Und warum du?« wandte sich der Heizer an den dritten, einen hübschen, blonden jungen Burschen mit schwermütig dreinschauenden Augen. »Das ist eine traurige Geschichte,« begann jener. »Ich hatte ein Mädel lieb, es gab kein saubereres auf der Erde. Während ich auf der Wanderschaft war, hatte ein Assessor, der bei der Herrschaft, bei der mein Mädchen diente, als Einlogierer wohnte, sie verführt. Als sie ihn auf die Alimente verklagen wollte, schwor er ab, daß er der Vater sei und brachte Zeugen bei, daß sie sich auch anderen hingegeben habe. — Sie hatten sie mit Wein und Sekt betrunken gemacht. — Dann wurde sie krank und konnte nicht mehr für sich und[S. 305] das Kind arbeiten. Ich schickte ihr von der Wanderschaft, was ich hatte. Eines Tages kam die Verzweiflung über sie, und sie erstickte das Kind in ihren Kissen. Die Freundin, die ihr geholfen, bekam sechs Jahre Gefängnis, sie selbst wurde wegen Mordes zum Tode verurteilt und schließlich zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt.
Der Herr Assessor aber ist jetzt Landgerichtsdirektor geworden. Nun pfeife ich auf den heutigen Staat und seine Gesetze und leb' mein Leben als ein Freier.«
Das Stampfen des Kolbens mahnte zur Arbeit. Schweigend gingen die Trimmer wieder an ihr Werk. Krachend flogen die Kohlen von der Hand des Heizers wieder in die Glut. Mir war es, als ob er heftiger als sonst mit der Eisenstange die Glut durchstieß. Es war, als wollte er sich Luft schaffen. Ich aber ging nach oben in den Schneesturm. Mir hatte sich etwas aufs Herz gelegt, wie schwerer Alpdruck.
Die Erzählungen der drei Trimmer gingen mir durch den Kopf und machten mich schier krank. Ja, — es gehörten Titanenkräfte dazu, hier Wandel zu schaffen. Einmal unsere Gesetze auf das einzustellen, was der gesunde Menschenverstand als Gerechtigkeit empfand! Wie sollte geahndet werden, und mehr: wie sollte wieder gut gemacht werden, was einer an der Seele des anderen verbrochen hatte? Oh, ihr Regierungen und ihr Richter, ihr Ärzte und Lehrer, ihr Geistlichen und ihr Lehrherren, ihr Vorgesetzten und ihr Arbeiterführer, ihr Männer und ihr Frauen, ihr Eltern und ihr Kinder, — wir alle, alle, — was haben wir für eine rasend große Verantwortung auf uns für unsere Nächsten! Wehe, wehe, wenn wir der Liebe und Gerechtigkeit mangeln! —
Kultusminister! Kultusminister! Was hast du für eine Riesenaufgabe, in die Herzen von diesen 60 Millionen Deutschen durch deine Hunderttausende von Lehrern und Geistlichen den Samen der Liebe und der Gerechtigkeit zu säen und dafür zu sorgen, daß dieser Same aufgehe und durch nichts, durch keine Wohnungsnot in Proletariervierteln, durch keinen Schmutz in der Literatur, durch keine sinnverwirrenden Trinksitten, durch keine unheilvolle Rechtsprechung, durch[S. 306] keine Herzlosigkeit und keinen Standesdünkel, durch keine Klassenvorrechte und keine Menschenverachtung zerstört werde!
Kultusminister! — Tust du deine Pflicht? — — —
Zur linken Hand zog Englands Küste herauf. Da saß der Fluch der Welt und sann und spann, wo und wie er neuen Krieg entfesseln könnte, und hetzte sein Volk in neue Aufregung hinein. Ob's ihm gelang? Ob's seiner gütigen Gemahlin, der Königin Alexandra, die wie ein guter Engel durch die Londoner Hospitäler schritt, gelingen würde, ihn umzustimmen zu praktischer Friedensarbeit an seinem Volke und unter den Völkern? — —
Da trat der Amerikaner zu mir und zeigte mir ein englisches Zeitungsblatt. Unsterblich lächerlich hatten sich alle die Hetzer und Schürer gemacht. Die Angst, die Deutschen möchten über den Kanal herüberkommen, um das stolze Albion zu bekriegen, diese Angst, die sie künstlich angefacht hatten, um immer neue Dreadnoughts aus der Nation herauszupressen, hatte die lächerlichsten Blüten gezeigt. Geheimnisvolle Luftschiffe mit Scheinwerfern sollten über englischen Städten gekreuzt haben. Ganz England war in fieberhafter Erregung. Zeppelins Erfindung hatte das Volk halb wahnsinnig vor Deutschenfurcht gemacht.
Und was war des Pudels Kern? Ein paar Modelle eines englischen Luftschiffabrikanten, mit Spirituslämpchen versehen, um durch Erzeugung von verdünnter Luft den Auftrieb zu ermöglichen, hatten der erhitzten Phantasie John Bulls den Einfall deutscher Luftschiffe vorgegaukelt.
Und doch scheint man in England allmählich zur Einsicht zu kommen, daß es für die Regierung eines Landes höhere Zwecke gibt, als Kriegsschiffe zu bauen und Pulver- und Gewehrfabriken zu begünstigen.
Miß Cantack und die Fürstin traten hinzu. Besonders die erstere wurde nicht müde, von den neuen englischen wundervollen Arbeiterwohnungen und Gartenstadtkolonien zu berichten, über die neuen biologischen Kläranlagen zur Reinhaltung der Flüsse, über die großartigen abstinenten Arbeiterverbände, über die Vereinigung, um die[S. 307] Jugend zu gesunden und sittlich starken Menschen heranreifen zu lassen.
Da entfuhr es mir: »Wahrlich, die Völker sollten herüber- und hinüberfahren über den Kanal und voneinander das Gute lernen, das sie, ein jedes nach seiner Eigenart, hervorbringen, wie unser Kaiser es längst gewünscht hat mit weitem Blick, anstatt sich in Eifersüchteleien gegenseitig zu hemmen und in die Gefahren kriegerischer Verwicklungen hineinzusetzen.«
»Ihr Wunsch ist bereits erfüllt,« begann Miß Cantack, »geben Sie acht: Im Sommer dieses Jahres fahren mehrere hundert Ärzte, Architekten, Sozialpolitiker und Menschenfreunde von Deutschland nach England, um dort Arbeiterwohnungswesen, Gartenstadtentwicklung und Alkoholbekämpfung zu studieren.
Eben erst weilte eine Schar deutscher Arbeiter in England, um das Leben englischer Arbeiter kennen zu lernen. Eine Deputation englischer Stadtoberhäupter macht eine Studienreise nach Deutschland, um deutsche Vorbilder in Hygiene und Wohlfahrtseinrichtungen in Augenschein zu nehmen. Was wollen Sie mehr!«
»Und hier,« fuhr der Amerikaner fort, »finde ich eine ausgezeichnete Rede des englischen Handelsministers Churchill, in welcher er in der ernstesten und eindringlichsten Weise seine Nation zur Vernunft und zum Frieden mahnt. Und hier, ein Brief von Lord Northcliffe, dem Besitzer der Daily Mail, in welchem er die Invasionsfurcht der Engländer vor den Deutschen in der schärfsten Weise geißelt. Und hier ein Blatt von der Daily Chronicle, das in gleicher Weise seine Landsleute wegen ihrer Panik verspottet.«
Ich sah hinaus durch den dichter werdenden Nebel und sah jenseits des Kanals einen die Hände ballen, daß sein Spiel gescheitert war. Fast wäre es ihm geglückt, sein fleißiges, vorwärts strebendes Volk hineinzuhetzen in einen ruchlosen Krieg, damit er sein Geschäftchen machen und sich mit sogenanntem Ruhm bedecken könnte, um seine Vergangenheit etwas vergessen zu machen!
Nein, König Eduard, — es hilft dir alles nichts! Die Zeit ist über dich hinweggeschritten: Die Zeit steht im Zeichen der Liebe und der Tat! Die Menschheit will vorwärts! Du hast den Kolbenschlag nicht gehört von dem vieltausendarmigen Wunderwerk, das die Menschen[S. 308] vorwärtstreibt, um das Elend aus der Welt zu schaffen! Du hast keine Ahnung, was die Sonne der Welt bedeutet! Du hast keine Ahnung von der Macht der Liebe!
Geh' zu deiner Königin! Knie vor ihr nieder! Küsse den Saum ihres Kleides und bitte sie, daß sie dich lehrt, was Liebe heißt, und Liebe in Tat umzusetzen. Hilf deinem braven Volke, gesund zu werden! Gib ihm sein Land wieder, das deine Herzöge und Lords ihnen geraubt und in endlose Jagdgründe umgewandelt haben, damit es wieder ackern und Wurzel fassen kann in seinem Mutterboden.
Rotte die Pesthöhlen in deinen Fabrikstädten aus, wo sie noch bestehen. Hilf den Nüchternen in deinem Volke gegen die Übermacht der Schnapsbrenner und der Bierbrauer.
Wandle deine Gewehr- und Pulverfabriken um in Fabriken für elektrische Bahnen, um die Arbeitermassen aus deinen Fabrikstädten aufs Land hinaus zu bringen, — dann, Minotaurus von England, du Kreuzspinne der Welt, dann sollst du König von England heißen und Vater deines Volkes und gesegnet sollst du sein bis an deinen Tod und vergessen soll sein deine Vergangenheit!
Ich brauchte Einsamkeit. So ging ich oben auf mein Kompaßdeck. Von Südwest brauste der Sturm von hinten über das Schiff und überschüttete uns mit Schnee und Hagelschauern. Aber er trieb unser Schiff wie mit Geisterhand vorwärts der Heimat zu.
Unter mir klang, von kräftiger Männerstimme gesungen, es war der zweite Offizier, der auf der Kommandobrücke auf und nieder schritt, eins meiner Lieblingslieder:
Plötzlich stand mein Kapitän hinter mir: »Nun noch ein wenig Geduld, Doktor! Nach einem Tage liegen wir in Havre, — dann ein paar Tage Nordsee, — Cuxhaven, und dann sind wir wieder daheim!«
— »Daheim, daheim!« Das klang wie Glockengeläute mitten im Schneesturme und im Gestampfe der Maschinen. — »Wie weit sind sie wohl in Hamburg mit dem Wiederaufbau der Michaeliskirche?« begann mein Kapitän wieder. Sein Frauchen hatte ihm geschrieben, das Dach wäre schon neu gebaut; und der Turm sei schon fein hoch wieder erstanden. Freilich alles noch umgeben von großen Gerüsten.
Ich aber sah im Geiste klar und deutlich meine alte geliebte Kirche und ihr gegenüber das Standbild von unserem Bismarck, dem Vorbilde für alle, die deutsche Männer heißen wollen. — — — — —
Havre! Das erste, was aufs Schiff kam, waren die Pächter des französischen Zolles. Nirgends in der Welt habe ich eine so kleinliche, schikanöse Durchsuchung aller Räume des Schiffes und alles Gepäckes gefunden, wie hier von diesen Agenten der freien Republik Frankreich. Man glaubt sich hundert Jahre zurückversetzt. Da sah ich wieder, — nicht die Staatsform macht die Menschen glücklich, sondern einzig nur die Menschen, die an der Spitze einer menschlichen Gemeinschaft stehen.
Mir fiel die Erzählung von unseren Trimmern wieder ein und ihre Angst vor dem sozialistischen Zukunftsstaate, in dem vielleicht die stärksten Ellbogen regieren und arges Regiment führen könnten.
Und ohne Regiment, wie jene wollten? Grundgütiger Himmel, — das wäre noch schlimmer, als in ein Rudel hungriger Wölfe zu geraten, in dem die stärksten und hungrigsten die anderen auffressen, bis ein paar Starke und Satte übriggeblieben sind, die sich knurrend umkreisen, bis der vorletzte dem letzten zur Beute fällt.
Rein, danke! Wie der Körper Hände und Füße, Arme und Beine,[S. 310] einen Mund und einen Magen, Augen und Ohren und vor allem einen Kopf braucht, ein Gehirn als Sitz seiner Seele, so braucht die menschliche Gesellschaft Arbeiter für jegliches Fach und eine Regierung als Sitz ihrer Seele, die für sie sorgt, wie das Gehirn für den übrigen Körper, — in Übereinstimmung mit dem, was Auge und Ohr, Hand und Fuß ihm übermitteln.
Aber Pflicht unseres Gehirnes ist es, unseren Körper gesund und stark zu halten, dafür zu sorgen, daß er genügend Nahrung erhält, daß in den Adern, seinen Verkehrswegen, Blut und Lymphkörperchen frei kreisen können, daß Telegraph und Telephon, die Sinne und die Gefühlsnerven, ordentlich leitungsfähig sind, daß die Bewegungsnerven, die Exekutivbehörden, ihre Pflicht tun, ohne die Muskeln, die arbeitende Masse, zu drangsalieren.
Abends kam von einem in unserer Nachbarschaft liegenden Dampfer ein Schiffsjunge zu uns an Bord: er wolle den Doktor gern sprechen. Wer war's? Der große Schlingel aus der Heimat, den sie vor zwei Jahren in Untersuchungshaft gesteckt, aber dann mit Hilfe der bedingten Begnadigung freigelassen hatten. Nun war er ein guter, fixer Kerl geworden, — man sah es an seinen Augen, — starkknochig, mit breiter, brauner Brust. Trinken täte er auch nicht. Guttempler sei er geworden. Zur Bekräftigung gab er das Zeichen. Ich aber freute mich, denn mir war es, als ob ich einen Sonnenstrahl aus einer helleren Zukunft unseres Volkes erschimmern sah.
In der Nacht hatte ich einen schweren Traum. Ich sah in Riesengröße einen seltsam gestalteten Baum vor mir mit seinen entsetzlichen Früchten des Elends und der Verkommenheit. Und in der Tiefe des Bodens, in dem er wurzelte, war ein emsiges Hasten und Treiben. Wagen voll Korn wurden abgeladen, Eisenbahnzüge voll Kohlen. Mächtige Maschinen stampften und rollten, Essen qualmten, in riesigen Bottichen dampfte und brodelte giftige Brühe. Endlose Reihen von Wagen rollten in der Frühe Fässer auf Fässer die Straßen entlang und brachten das Gift in die Wirtschaften und in die Häuser, auf die Bauplätze und in die Fabriken. Dann hörte ich, erst leiser, und dann[S. 311] immer lauter ein Ächzen und Wimmern, ein Stöhnen und Weinen, ein Jammern und Klagen, als ob es von Tausenden von hungernden Kindern und geschlagenen und getretenen Frauen im ganzen Reiche käme, und von Kranken und Sterbenden, und von Verwundeten und Irren, von Rasenden und von Reuigen, die sich im Jammer wanden.
Ich sah, wie die Wurzeln des Baumes riesengroß, wie ein giftiges Rankengewächs, unser ganzes Volk durchwucherten, Mann und Weib, Greis und Jüngling, Bettler und Fürsten mit den Wurzeln umstrickend, ihnen den Atem auspressend, das Blut aussaugend, — und mächtig stieg der Saft aus den Wurzeln in die Höhe, dem Baume seine stattliche Krone mit den entsetzlichen giftigen Früchten schaffend.
Doch plötzlich — was ist das? — Ich höre Lieder singen, frohe, fromme Weisen. Wie Kampfgesänge tönt es. Ein Klirren von Äxten höre ich. Wie im Marschtritt eilt es heran, — immer neue Scharen, — Männer und Frauen. — Siegesgesänge. — Krachend splittern die blanken Äxte in den Stamm des Baumes. — Er wankt — er stürzt — und im Fallen begräbt er unter sich die qualmenden Essen, die Bottiche voll brodelnder Giftbrühe und die Wagenreihen mit Fässern. Jauchzender Siegesjubel erscholl, und über das weite Land ergoß sich der Strom eines großen glücklichen, freien Volkes! —
Da wachte ich auf.
Noch einmal kam all der Gram um das Elend unseres Volkes in mir hoch. Aber die Bitterkeit und das Gefühl des Erlahmens waren gewichen.
Ich will euch nicht anklagen, ihr fröhlich Trinkenden und Genießenden, daß ihr so träge im Helfen und so selbstsüchtig seid: — Geht über eure Kirchhöfe! Da liegen eure Angehörigen, eure Männer, eure Frauen, eure Brüder, Söhne, eure Freunde, die, durch eure Trinksitten verführt, an den Trunk kamen, — und nun sie auf dem Kirchhofe liegen, habt ihr sie schleunigst vergessen.
Aber ich habe sie nicht vergessen und habe nicht vergessen, wie sie dahin kamen. Und ich sage euch: eure Toten klagen euch an! — Geht durch eure Häuser! Seht eure blassen Kinder, die Früchte eurer Hochzeitsmahle, eurer fröhlichen Diners, eurer Skat- und Kegelabende, eurer Sektbowlen — und Bier- und Branntweinzechereien — seht eure kranken und vergrämten Frauen, die schlaflos wachten, während ihr in der Spelunke oder in der eleganten Bar herumlungertet: Eure[S. 312] Lieben, eure Kranken klagen euch an, — und ich rede für die, die stumm sind! — Geht durch eure Krankenhäuser, eure Gefängnisse und Zuchthäuser, eure Animierkneipen und Bordelle, in denen die Töchter unseres Volkes zur Ware und zum Tier erniedrigt werden, um gleichzeitig Tod und Pestilenz über eure Söhne zu bringen. — Das ganze Elend unseres Volkes, das aus allen diesen Stätten des Elends euch entgegenschreit in tausendfacher Gestalt, — das Elend unseres Volkes klagt euch an! Euch, die ihr noch immer an eurer Tafel sitzt und den Trinkfreuden opfert, ihr Fürsten und Knechte, ihr Ärzte und Lehrer, ihr klugen Räte und Minister! Und ihr, die ihr euch Diener des Höchsten nennt, — euch, euch alle klagt das Elend eurer Freuden an, die alle diese Tausende hinabgleiten ließen in Unglück und Schande und Tod! — —
Seht ihr denn nicht, daß schon Hunderttausende im Deutschen Reiche dem verfluchten Rauschtrank Valet gesagt haben, Männer und Frauen aller Stände, unsere Kaiserin als eine der ersten, Studenten und Studentinnen, und alle frisch und fröhlich leben, ein Leben der Liebe und der Tat?
Und wie ich mit wachenden Sinnen dalag, da hörte ich wieder den Klang der Äxte und die Siegesgesänge aus meinem Traume; — ich hatte sie singen hören in einem Tempel, den die Menschenliebe gebaut hatte in dem Geiste des Weltenmeisters, — seit Jahren hatten sie auch mir immer wieder neue Hoffnungen und Kampfesmut in die Seele gehaucht — und wie Sturmeswehen hörte ich aus der Tiefe des Volkes neue Erkenntnis, neues Wollen, neue Menschenliebe heraufbrausen, unaufhaltsam, unbezwingbar, siegreich bis ans Ende!
Ich sah im Geiste in meiner Heimat nüchterne Gesellen Stein auf Stein zu neuen Häusern bauen — jedes Haus ein Tempel, — in den Städten, auf den Dörfern, in der Heide, am Meere!
Ich sah die Erkenntnis einziehen auf unseren Universitäten, — schon machten unsere Studentenverbindungen sich frei vom albernen Trinkzwange — Frohsinn und Freiheit überall, — o mein Gott, es wurde wunderschön im Vaterlande! — Die Alten, die sich stumpf der neuen Lehre, der neuen Liebe verschlossen, sie starben dahin; aber in einem neuen, jungen Geschlechte wuchs die neue Zeit heran, herrlich, sonnig, blütenreich, wie ein Frühling unseres Volkes! — —
[S. 313]
Ich saß wieder unten im Maschinenraume auf meinem versteckten Lieblingsplätzchen. Wir hatten Havre hinter uns und steuerten der Nordsee zu.
Einer von den Zwischendeckspassagieren, ein Freund unseres einen Heizers, war in den Maschinenraum getreten und unterhielt sich mit ihm über die Englandfahrt der deutschen Arbeiter, die er mitgemacht hatte. »Krieg zwischen Deutschland und England? — Ich kann dir sagen, und wenn der englische König und seine Kreaturen es auch zwanzigmal wollten, — das englische Volk will nicht! Das englische Volk will mit uns Deutschen gemeinsam arbeiten, daß die Menschheit vorwärts kommt. Zurzeit handelt es sich vor allem um zwei Fragen: das arbeitende Volk zu befreien von der Blutsteuer, die es sich unter dem hypnotischen Banne der Trinksitten und der Brenner und Brauer für Bier und Branntwein selbst auferlegt. Schaut mal hier!« Und damit zog er ein englisches Flugblatt aus der Tasche, das mit großen Buchstaben die Überschrift trug: »Der Giftbaum des Volkes.« Da hingen an kahlen Zweigen eines knorrigen Baumes große, giftig ausschauende Früchte, die jede eine der Folgen unserer Trinksitten darstellte.
Merkwürdig, seltsam, — mein Traum von voriger Nacht! Ein Beweis mehr, daß wir Völker alle Kinder nur einer Mutter, der Menschheit, sind, verwandt in Gedanken und Gefühlen.
An der Hand dieses Flugblattes hielt er ihnen einen Vortrag, dem alle atemlos zuhörten. »Und wenn wir nun streikten,« hörte ich, — »nebenbei der einzig vernünftige Streik, den wir machen könnten, — was wäre die Folge? Wenn wir streikten und diese verfluchten Gifte nicht mehr söffen, für die wir jetzt unser so sauer verdientes Geld dieser ganzen Bande von Wirten und Giftmischern in den Rachen werfen? Kein Boykott kann uns zwingen, dieses Gift zu trinken!« Gespannt hingen die Blicke an seinen Lippen. »Nicht existieren könnten unsere hohen Herren auf ihren Schnapsgütern. Verkaufen müßten sie. Aber an wen?
Und nun kommt die zweite große Frage. Bleibt's, wie heute, geht's bei uns ebenso wie in England! Dann kommen, wenn nicht die Polen uns die besten Güter vor der Nase wegkaufen, die reichen Leute und lassen die Dörfer abreißen, als wenn es Laubhütten wären,[S. 314] und wandeln die Gutshöfe in sogenannte Jagdgüter um und pferchen uns immer weiter in die Städte ein, oder wir können übers Meer gehen. Nein, — so geht's nicht weiter. Da hat ein Engländer, Henry George heißt er, die Lehre erfunden — das, was wir Sozialisten schon immer verlangt haben —: Das Land gehört allen. Der Staat verleiht das Land an den, der es braucht, in Erbpacht. Seht, dann kann nicht damit spekuliert werden. Braucht der Staat oder eine Stadt oder ein Dorf Land, so ist es jederzeit zur Hand. Jeder, der sich ein Heim begründen will, kann sich eins erwerben zu einem Preise, daß es sich für ihn rentiert.« — »Aber wie ist das zu machen?« fragte der Heizer. — »Viel einfacher, als es scheint. Der Staat löst die jetzigen Besitzer durch Ausgabe von Banknoten oder Schuldverschreibungen ab, zu einem Preise, der dem Ertrage des Bodens entspricht. Mag man dem Bodenwucher zehn Jahre lang Zeit lassen, sich von der Spekulation zurückzuziehen, ehe das Gesetz in Kraft tritt. Dann aber hört jede Spekulation im Lande auf. Das, was einer auf seinem Lande erbaut hat an Gebäuden, was er durch Entwässerung oder Urbarmachung seinem Lande zugute getan hat, das ist natürlich sein Privateigentum und soll es bleiben; und will er seinen Besitz abgeben, so muß ihm der Staat das, was er geschaffen hat, nach der Schätzung von Sachverständigen vergüten.« — »Und die Hypotheken,« fragte der Heizer, »die heute auf den Grundstücken stehen?« — »Die werden bei der ersten Übernahme des Landes durch den Staat in zinstragenden Staatspapieren von diesem getilgt, und der Betrag wird dem Verkäufer in Abzug gebracht. Sturm wird's geben, daß kann ich euch sagen, schreien werden sie über Sozialismus und Zukunftsstaat, — aber kommen wird die Verstaatlichung des Bodens, so sicher, wie die Eisenbahnen, die Post und die Versicherung der Arbeiter schon verstaatlicht sind. Und da mögt ihr sagen, was ihr wollt« — und er schlug mit der Faust auf die Bank, daß sie krachte, — »wenn nur ein Bismarck unter uns lebte, da hätten wir es gleich!« — — — — —
Die Maschine stampfte, daß ich nichts weiter hörte. Ich aber wußte, daß da unten in der breiten Masse des Volkes Wellenringe ihr Spiel hatten, die nie zur Ruhe kommen würden, Wellenringe aus grauer Urzeit, als noch nicht römisches Recht unser gutes deutsches Recht verdrängt hatte, und der Besitz an Grund und Boden Besitz des Stammes,[S. 315] des Volkes war, heilig, unantastbar, — das Wurzelreich für jeden. Und unser Volk wollte wieder wurzeln im Boden seines Vaterlandes! — — —
In Havre hatte ich von daheim nur ein Telegramm erhalten: »Zu Hause alles gesund! Willkommen daheim!« Das sagte mir mehr als lange Briefe.
Und dann ein Gruß aus Hamburg von meinem fürstlichen Freunde! Ich wußte ja, es mußte so kommen! Nun wollen sie einen neuen Leiter anstellen am Biologischen Institut, da der alte gestorben ist, und der neue soll gut acht geben auf die Veränderungen, die unser Elbwasser erleidet durch das rapide Wachsen der Städte. Sie mußten sich ihrer Verantwortung bewußt werden. Und aus der Erkenntnis der Gefahr, mit der sie seit Jahrzehnten spielen, die die Verseuchung unseres Heimatstromes uns heraufbeschwört, wird ihnen die Kraft erwachsen, diese heillosen Zustände zu bessern.
Dein kurzer Gruß, mein Freund, mit dieser inhaltsschweren Nachricht läßt nun doppelt mich freuen auf die Heimkehr. — — — —
Es schreitet die neue Zeit über die Menschen hinweg, als ob sie Gras wären. Ich aber kämpfe für das Kommende und zum Besten der Kommenden für das Ewige.
Aber aus Berlin, von meinem alten, lieben, treuen Freunde Heinz war ein langes Schreiben da. Er wollte mir noch, ehe ich heimkam, mancherlei Gutes mitteilen — ein echter Freundschaftsdienst! Denn die Menschen, die uns immer nur Übles zu berichten wissen, sie schwächen sich und uns, unser Hoffen, unser Wollen, unser Können. Aber der Hinweis auf die Fortschritte, die die Menschheit macht, auf das Gute und Schöne, das hebt, das drängt dazu, um seinerseits die Kräfte weiter anzuspornen, das Ziel, das näher gerückt scheint, erreichen zu helfen.
So war es mir denn, als ich seinen Brief las, als rücke alles Gute in greifbare Nähe, als erfülle sich jetzt schon Hoffen und Wunsch; und mir schien, als ob aus seinen Zeilen neue Kraft in mich herüberströme.
Er schrieb:
[S. 316]
»Lieber Freund!
Nun bist Du bald wieder daheim von Deiner großen Reise.
Von ganzem Herzen willkommen! Willkommen!
Mich aber freut es, Dich bei Deiner Heimkehr mit guter Botschaft begrüßen zu können.
Freilich, Arbeit gibt es noch genug für Deine Kraft, wie für uns alle, alle!
Aber es geht vorwärts auf der ganzen Linie!
Da ist zunächst das, was Dir am meisten am Herzen liegt, weil Du in ihm mit Recht die Hauptquelle alles Elendes, aller Verrohung und Verstumpfung siehst, unsere deutsche Trinksitte!
Freilich gibt es noch manche Philistertische und dumpfe Kreise, die glauben, ohne den geliebten Becher mit Wein oder Bier nicht bestehen zu können, — aber schon schreitet die neue Zeit über sie hinweg. Solltest nur mal sehen, wie lustig es jetzt in München hergeht, — halb soviel wird getrunken, wie früher! Aber die Studenten ziehen mit Rodelschlitten und Schneeschuhen ins Gebirge und kehren mit sonnverbräunten und luftdurchglühten Gesichtern wieder heim.
Genau so geht es in Heidelberg. Nur die feudalen Korps in Bonn lebten noch bis vor kurzem im chronischen Rausche und alten Wahne, daß sie die Herren der Welt seien. Nun sind sie zusammengebrochen in tollem Frevel.
Aber unser Volk beschämt diese ›Aristokraten!‹ An die Hunderttausend, zumeist aus dem arbeitenden Volke, haben sich schon jetzt offen unserer Bewegung angeschlossen. Rastlos arbeiten die deutschen Frauen, unter denen es gärt und wogt, wie kaum je zuvor, aus denen heraus sich Kräfte schaffender Liebe entwickeln, die früher niemand ahnte. Und sollst mal schauen, wie die Kunst jetzt in den Logen gepflegt wird. Vor allem muß ich Dir, sobald wir uns sehen, Näheres erzählen von den kraftvollen und doch so zarten Hebbelaufführungen, die unser Br. Schornsteinfegermeister in Wesselburen zustande gebracht hat. Echt, sage ich Dir, echte schleswig-holsteinische Kunst, herzerquickend.
Auch aus den militärischen Kreisen kann ich Dir viel Erfreuliches[S. 317] melden. Im Landheere kriselt es. Man ahnt ›oben‹, daß die Gicht der Offiziere meist andere Ursachen hat als den Dienst. Es sind eben schon zu viele da, die die gleichen Strapazen auf sich nehmen, keine Gicht bekommen, sondern mit fünfzig Jahren noch wie Jünglinge sind. Du sollst es sehen: der Geist in Heer und Marine wird ein anderer. Der Kaiser hat als oberster Kriegsherr genehmigt, daß wir Marinelogen gründen, — eine ganze Anzahl sind schon gestiftet, — nächstens beginnen wir auch im Landheere! Ist es nicht herrlich? Prinz Heinrich hat in Amerika gelernt, was die Nüchternheit der Mannschaft für die Marine bedeutet. So fördert er uns, wie er nur kann.
Der Kaiser ist ernst, wie noch nie. Man raunt, er ginge oft unerkannt, allein oder mit seiner Gemahlin, durch die Stadt, in die Quartiere der Armen, und sei entsetzt über das, was er dort erfahren.
Ein Kinderheim hat er an waldumsäumter Ostseeküste gegründet, damit die Kinder seiner Hauptstadt dort in den Ferien sich stärken und genesen können. Und in Mürwick hat er bei der Vereidigung der Seekadetten eine Rede gegen den deutschen Trunk gehalten und in Kassel den Schülern seines alten Gymnasiums; — ich sage Dir, keiner von uns hätte kerniger die Wahrheit sagen können. Es ist offenbar, — er hat volle Einsicht dessen, was die Zeit angesichts der Fortschritte der Wissenschaft und der steigenden Anforderungen an den einzelnen erheischt. Und Du sollst sehen, er geht von den Worten zur Tat über, wie vor wenigen Jahren schon einmal auf seiner Mittelmeerfahrt.
Wenn wir uns vor dem Geschimpfe und den Verleumdungen der Brenner, Brauer, Wirte nicht fürchten, von denen heute einzig noch die Narkose in der Welt künstlich und gewaltsam unterhalten wird, er als Kaiser braucht sie erst recht nicht zu fürchten und, ich sage Dir, er wird sie nicht fürchten!
Der Kronprinz brennt vor Durst nach Wissen und Arbeit. Er fühlt, wie unendlich viel ihm noch fehlt, um seine Stellung dereinst den hohen Anforderungen der neuen Zeit entsprechend auszufüllen. Provinz auf Provinz will er kennen lernen, sagt man, in treuer Einzelarbeit.
[S. 318]
Wie ein neuer Geist ist es über beide Männer gekommen. Man weiß nicht, woher es kommt. Freunde des Hauses sagten, es läge im Blute. Andere, die beiden Frauen übten einen großen und guten Einfluß aus, beide erfüllt von einer großen, starken Liebe zu unserem Volke, zur Menschheit. Freilich, seien die Männer erschüttert durch eine Reihe von Todesfällen aus ihrem nächsten Freundeskreise, durch die Eulenburgkatastrophe, den moralischen Zusammenbruch ihres alten, einst so stolzen Bonner Korps. Eins aber steht fest: wie Sonnenschein strahlt es erwärmend und erhellend über das ganze Land von dem Familienleben des kaiserlichen Hauses aus!
Bei dem letzten Geburtstag der Kaiserin ging es wie ein Aufleuchten durch das ganze Land, — es war, als ob das ganze Volk fühle, wie warm ihr Herz mit ihm empfindet. Und wenn man weiß, wie sie, ebenso wie die gütige Alexandra von England, seit Jahren keinen Tropfen berauschenden Getränks zu sich nimmt, so muß das doch schließlich allen deutschen Mädchen und Frauen ein Ansporn sein, in gleicher Weise unserem Volke mit leuchtendem Beispiel voranzugehen, um es von dem furchtbaren Fluche unserer Trinksitten zu befreien, und die Herzen frei zu machen für alles Schöne, Gute und Große und für die Not unserer Brüder und Schwestern im Lande.
Wie er sich um alles kümmert, Du glaubst es nicht! Ich weiß aber aus sicherer Quelle, daß er seit einiger Zeit zu allen besonderen Kongressen der Gartenstadtgesellschaften und Baugenossenschaften seinen geheimen Berater schickt, der ihm Bericht erstatten muß, und mit dem er bespricht und berät, wie und wo er helfend eingreifen kann, weil die Wohnungsnot des Volkes sein Herz bedrückt. Er möchte eben wie ein Vater des Reiches sein. Und ich bin überzeugt, er wird es noch! Du sollst es sehen! Wird es noch immer mehr!
Im Reichstage soll einstweilen die Wertzuwachssteuer erwogen werden. Ich weiß, was Du sagen willst: ›halbe Arbeit!‹ Aber es ist doch ein Zeichen, daß die regierenden Kreise über diese Fragen, die die Lebensfähigkeit unserer Nation berühren, trotz ihrer Stumpfheit allmählich anfangen nachzudenken.
[S. 319]
Zwei Männer, von denen Du, und mit Recht, so viel hältst, Graf Posadowsky und Freiherr von Berlepsch, arbeiten im stillen fleißig und unverdrossen an dem Werke der Gerechtigkeit und der Liebe. Wir glauben alle sicher, daß ihre Zeit und damit die unseres Volkes bald kommen wird. Denn die Gebildeten aller Schichten werden wach.
Vor allem wirst Du Freude haben an unserem neuen Kultusminister! Einen Erlaß hat er herausgegeben, um die Jugendpflege zu fördern, der alle Deine Wünsche erfüllt! Die Besitzenden und Gebildeten sollen sich in Liebe der Jugend der Minderbegüterten annehmen, ihnen Freude verschaffen in Spiel und Sport, sie heranbilden in Handfertigkeit und durch Schaffung von Volksbibliotheken, um sie teilhaben zu lassen an den Kunstschöpfungen unserer Großen, — und, denk Dir, dieses alles ohne politische Hintergedanken! Vor allem auch deshalb, um sie vor dem Alkoholelend zu bewahren. Die Scharfmacher und politischen Streber wollen die Geschichte natürlich wieder zu einer Hetze gegen die Sozialdemokraten ausnützen. Und die Wirte und ihre Vertreter zetern jetzt schon, daß es ihnen ans Leben ginge. Du aber wirst Dich von Herzen freuen, das weiß ich.
Freilich, noch gibt es Arbeit genug. Doch dazu sind wir ja da!
Aber wohin Du siehst, wird es lichter. Weißt Du schon, daß König Leopold von Belgien tot ist? Sein Neffe, König Albert, versucht, die Kongogreuel zu mildern, wie er kann. Er hat große Summen für Pensionen für die Soldaten und Beamten des Kongostaates und ihre Witwen und Waisen ausgesetzt und über anderthalb Millionen zur Bekämpfung der Schlafkrankheit und für ein Hospital für die Schwarzen gestiftet. So beginnt es, sogar in diesem Erdteile zu tagen. Hoffentlich krönt er sein Werk und hilft uns baldmöglichst, die Branntweinpest aus Afrika zu verbannen, die noch mehr Unheil schafft, als die Schlafkrankheit und das gelbe Fieber zusammengenommen!
Selbst aus Rußland kann ich Dir Gutes melden. Eine Agrarreform soll ins Werk gesetzt werden, um den Bauern eine menschenwürdige Existenz zu schaffen. Eisern wird gegen die Betrügereien[S. 320] und gegen andere Verbrechen der höchsten Beamten vorgegangen. So versucht man, den russischen Augiasstall zu reinigen. Der Zar beginnt, wie es scheint, aus seiner Narkose zu erwachen. Er soll empört sein über die Unterdrückung Finnlands durch seine Beamten und schleunige Remedur zugunsten dieses aufstrebenden Landes verlangt haben.
Auch im Lager der Katholiken wird es lebendig, und man besinnt sich mancherorts darauf, wie es scheint, daß die Religion nicht dazu da ist, Politik zu treiben, um die Macht an sich zu reißen, sondern daß die Charitas, die das Grundprinzip der Katholiken, wie der ganzen Welt sein sollte, diese alles beherrschende Liebe, das einzige ist, was auf die Dauer Bestand hat.
Und nun zum Schlusse nur noch ein kurzes Wort über die Friedensbewegung. Ich habe den Eindruck, als ob unsere Arbeit auf diesem Gebiete noch nie so gute Fortschritte gemacht habe, als in diesen letzten zwei Jahren. Der Gedanke, daß alle Völker aufeinander angewiesen sind, daß alle Völker nur Glieder eines großen Haushaltes, einer großen Familie sind, beginnt immer mehr Allgemeingut der Völker selbst zu werden. So bleibt den Fürsten, und mögen sie noch so machtdurstig sein, nichts übrig, als sich dieser Erkenntnis der Massen zu fügen. Roosevelt widmet sich übrigens neuerdings immer mehr der Aufgabe, die Fürsten in diesem Punkte aufzuklären. Ja, selbst unser englischer Vetter scheint sich friedlicheren Gedanken zuwenden zu wollen.
Bruder, Du sollst es sehen, — der Menschheitsfrühling naht! Wohl jedem von uns, der eine Scholle mit umgraben durfte, um das Ackerland zu bereiten, damit die Saat aufgehe zur Ernte!
Und nun Glückauf zur Heimkehr! Die Hand an den Pflug! Noch dürfen wir schaffen!
Dein
Heinz.«
Heinz, du Goldiger! Hab Dank, tausend Dank für diese Wellen warmen Sonnenscheins auf dem Wege zur Heimat! — —
Kaiser, mein geliebter Kaiser, — oh, ich wußte es ja, du bist groß und gut, und mit der Frau an deiner Seite, die Gott dir geschenkt, mußtest du den Zeitgeist verstehen!
[S. 321]
Ja, wenn du könntest, so wie du wolltest! O ich weiß, es wird dir so schwer gemacht, alles das zu erfüllen, was du für recht und notwendig längst erkannt hast! In deinen besten Wünschen und Absichten bist du nur zu oft mißverstanden in engherziger Beschränktheit und durch die Liebeleere ihres Herzens gehemmt, nur zu oft von denen, die dir helfen, dich fördern sollten! — Doch nun weiter, unermüdlich.
Weiter! — Durch die Worte zur Tat! Immer größer, immer herrlicher! Immer mehr im Geiste der Liebe!
Im hellen Sonnenschein der Liebe sah ich mein Heimatland, — diese Liebe mußte siegen! Die Fürsten an der Spitze, — die Reichen und Großen folgten, — ich dachte an Krupp, den Kanonenkönig, und seine soziale Fürsorge für seine Tausende von Arbeitern, seine Wohnungsfürsorge, seine Alters- und Invalidenfürsorge, ich gedachte des großen Arbeiterfreundes Zeiß in Jena, der die Arbeit seiner Leute so gut zu schätzen wußte, daß er sie teilnehmen ließ an seinem Gewinn. Nach Bielefeld schweiften meine Gedanken zu dem großen Liebeswerke des greisen Pastor Bodelschwingh, der das Wort zur Tat werden ließ: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Und des Operationssaales in unserem Krankenhause gedachte ich, des messerkundigen Freundes und Kollegen, der schon so manchen Kranken dem schier sicheren Tode mit seiner Kunst entrissen hatte, und unserer Diakonissinnen dort und unserer gemeinsamen Arbeit, bei der jeder, ohne auf ein Wort zu warten, nur den einen Gedanken hatte, wie er auf seinem Posten mit seinen Händen am besten und geschicktesten zum Gelingen der Operation beitragen könnte, mit Zufassen und Stützen, einerlei, ob es ein Reicher oder ein armer Vagabund war, der ins Krankenhaus eingeliefert war; an alle die Tausende meiner Kollegen im Reiche dachte ich, die ebenso wie ich von früh bis spät sich mühten, das Leben ihrer Mitmenschen zu erhalten; und an die Liebestätigkeit unserer Frauen!
Und plötzlich tauchte vor mir das Bild von Rubens in der Kathedrale von Antwerpen wieder auf, wie die Jünger und die Freunde den Leichnam Christi bei der Kreuzabnahme stützen mit Schultern[S. 322] und Händen, nur von dem einen Gedanken beseelt: Die Liebe in die Tat zu wandeln! — — — —
Und mit einem Male quoll es mir hoch; Kaiser, mein Kaiser, auch diese alle sind deine Freunde, Krupp und Bodelschwingh und alle die, die sich mühen im Geiste der Liebe, du hilfst ihnen, und du liebst sie, wie du die Güte liebst, und weil du selbst gut bist! Du liebst sie, wie du die Größe liebst, weil du selbst groß bist!
Ich aber fühlte die zauberische Kraft, die von der Kette von Bruderhänden ausgeht, die den Erdball umspannen. — — —
Jauchzend streichen die Möwen um mich herum. Ein kräftiger Südwest drängt unser Schiff durch die Wogen der Nordsee der Heimat zu. Ruhelos arbeitet der Kolben. Vorwärts! Vorwärts! — Wir eilen heim. — In mir flutet es von Gedanken, Hoffnungen, Wünschen, — von Sonnenschein, von hellem, strahlendem, wärmendem Sonnenschein! — —
An der Kaffeetafel in unserer Kajüte war lebhafte Unterhaltung. In Havre waren neue Passagiere an Bord gekommen, die mit uns nach Hamburg wollten: englische und französische Mitglieder der internationalen Friedensliga, die nach Deutschland zum Friedenskongreß wollten, Hamburger Kaufherren, die von London nach Havre gefahren waren, um nun wieder heimzukehren. Und vor allem ein lieber Freund und Ordensbruder, Franziskus Hähnel aus Bremen, der zum 40jährigen Stiftungsfeste der englischen Großloge als Abgesandter der deutschen Großloge nach London gefahren war.
Da erhob sich Hähnel und berichtete mit leuchtenden Augen von der englischen Großlogensitzung:
»In einer großen, von den Guttemplern und anderen Enthaltsamkeitsorganisationen einberufenen öffentlichen Volksversammlung in Gloucester, die in dem großen Saale der Shire-Hall mit etwa 2000 Zuhörern stattfand, hatten Joseph Malins das Präsidium und der Großtempler der schottischen Großloge, Counselor J. Nelson, Kapitän Richard Rigg, High Sheriff von Westmoreland, und ich zu sprechen. Der erste über den Kampf um die Gesetzesvorlagen in Schottland,[S. 323] der zweite über diejenigen in England, und ich war aufgefordert worden, über die Ergebnisse der deutschen Alkoholforschung zu berichten. Unter stürmischem Beifall der Riesenversammlung hatten die beiden Ordensmitglieder ihre wirkungsvollen und dem Abend besonders glücklich angepaßten Reden in der ihnen eigenen temperamentvollen Weise gehalten, als ich der Aufforderung harrte, um das Wort zu nehmen. Aber es kam zunächst anders. Es war eine Resolution eingebracht worden von Mr. Fox, die folgenden Wortlaut hatte:
›Die Versammlung wünscht, durch ihren geehrten Gast, den Vertreter von Deutschlands Großloge II, den Mitgliedern des Guttemplerordens und der anderen Enthaltsamkeitsvereine in Deutschland, sowie durch diese der ganzen deutschen Nation eine Botschaft des Friedens, der Freundschaft und der Brüderschaft zu entbieten und ihm, sowie den Deutschen zu versichern, daß in den breiten Volksschichten Englands auch nicht der geringste Wunsch vorhanden ist, die gegenwärtigen freundlichen Beziehungen zwischen den beiden großen Nationen vermindert zu sehen, sondern sie vielmehr zu erhalten und zu erhöhen.‹
Mr. F. J. Brooke, sowie der Großtempler der Großloge von Wales, Evan Rees, unterstützten aufs lebhafteste diese mich aufs höchste überraschende und so unvermittelt als besondere Freundlichkeit gegen unsere Großloge eingebrachte Resolution. Unter stürmischem Beifall wurde sie einstimmig angenommen.
Da habe ich ihnen im Namen unserer gesamten deutschen Ordens- und Nüchternheitsbewegung aus vollstem Herzen gedankt für diese freundliche Kundgebung für mein Vaterland und ihnen im Sinne der Resolution versprochen, diese Botschaft nach Deutschland zu tragen, als einen neuen Beweis dafür, wie unser internationaler Guttemplerorden eine Vereinigung darstelle, die auch zur Erhaltung und Förderung des Weltfriedens in hohem Maße beitrage.
Ich habe nach dem Schlusse dieser mir unvergeßlichen Versammlung noch vielen Frauen und Männern die Hand drücken dürfen, aus deren Augen und aus deren herzlichen Worten ich entnahm, daß es ihnen heiliger Ernst mit ihrer Freundschaftsbezeigung war. ›Wir englischen Abstinenten glauben nicht an das Geschwätz der Presse!‹ Das hatte ich noch mehr als einmal zu hören!«
[S. 324]
Kaum hatte Hähnel geendet, da sprang der englische Parlamentarier Mr. Ramsah Macdonald auf und sagte mit warmer, herzlicher Betonung: »Deutschland hat seine Kriege ausgefochten und Ruhe in der Welt gefunden. Nun ist es Naturnotwendigkeit, daß es sich zum Erwerbs- und Industriestaate entwickeln muß. Deutschland ist ohne Ambition. Ein Krieg zwischen England und Deutschland kann nimmermehr durch den Willen des Volkes hervorgerufen werden, sondern nur durch Fehler und Mißverständnisse der Politik.
Wir wollen nach Berlin als ein Teil des britischen Parlaments, zwar nur ein kleiner Teil, aber wir werden dem englischen Volke über unsere Erlebnisse Bericht erstatten. Als unsere Partei anfing, sich politisch zu betätigen, haben wir es für erforderlich gehalten, auch mit Deutschland in Fühlung zu treten.
Verschiedene Einflüsse sind am Werke, uns zu trennen. Seien Sie überzeugt, daß wir diejenigen niemals unterstützen werden, die nach dem Kriege schreien. Kein englischer Arbeiter will Feindschaft mit Deutschland, überhaupt niemand in England will einen Krieg. Die englischen Arbeiter empfinden Scham, wenn in gewissen Hetzblättern Zwietracht gesät wird. Hier ist ein solches Hetzblatt,« rief er, hochaufgerichtet dastehend, leuchtenden Auges, zerriß das Blatt und streute die Fetzen in alle Winde: »und so möge es denen ergehen, die diese beiden Völker aufeinanderhetzen wollen. Wir fahren nach Deutschland, um von den Deutschen zu lernen, und kommen als Boten des Friedens!« — — — —
Nun, König Eduard, hast du noch ferner Lust, die Aktien deiner Gewehr- und Pulverfabriken zu protegieren? Ei, so verbünde dich doch mit deinen Lords, Brauern und Brennern und zwing dein Volk, das zur Nüchternheit strebt und zum Glück, wieder zum Trunke zurückzukehren, und führe deine Söldnerscharen, wie vor kurzen Jahren gegen die unglücklichen Buren, gegen die Deutschen! Versuch es nur, — aber hüte dich, daß der Sturm der Geschichte dich nicht wegbläst, wie Asche! Denn dein Volk kennt dich und deine Freunde! Und dein Volk will leben und aufwärts zur Sonne, wie das meinige! — Ich weiß es wohl, — es sind nicht nur deine eigenen ehrgeizigen und gewinnsüchtigen Gedanken, die dich treiben: du willst an deinem Volke wieder gut machen, was du früher gesündigt hast, — das erste Volk der Erde[S. 325] soll es sein! — Wohlan, wir sind gerüstet, wenn du es wagen solltest, uns anzugreifen, uns, ein waffengeschultes Volk von sechzig Millionen! — Wir aber werden euch nicht angreifen, — wir wollen den Frieden, und achten eure Arbeit. Wir wollen in friedlichem Wettstreite mit euch uns messen, wer vorangeht auf den Wegen der Kultur! —
Ihr Könige, gebt acht! — Die Völker werden nüchtern und werden durstig nach Liebe! — — — —
Das Wetter hatte sich aufgeklärt. Lange saßen wir noch auf Deck zusammen.
Alles, was die Landsleute aus der jüngsten Zeit sonst noch mitteilten aus Deutschland, aus Hamburg, klang erfreulich und zeigte steten Fortschritt zum Guten. Vor allem die zunehmende Erkenntnis von der Verantwortung für die Jugend. Auf das beste bewährten sich die neu eingerichteten Jugendgerichtshöfe. Unser Amerikaner freute sich, als dankbar anerkannt wurde, daß Amerika uns auch hier mit gutem Beispiele vorangegangen sei, — wieder ein Beweis für den edlen Wettstreit unter den Nationen.
Sein Töchterchen erzählte leuchtenden Auges von der einfachen Volksschullehrerin Miß Piersen, die vor wenigen Jahren die amerikanische Schulfriedensliga gegründet hatte, der bereits viele Tausende von Kindern beigetreten waren, und die so in dem heranwachsenden Geschlechte den Sinn für eine neue Menschheitskultur schuf.
Eine einfache kleine Volksschullehrerin, — aber mit dem Willen zur Tat, wie ein Bismarck, und einem Herzen voll Liebe, die von Christi Geist stammte.
Daran anschließend erzählte ein norwegischer Kollege, der sich unserem Kreise angeschlossen hatte, daß im Jahre 1905 die hundert enthaltsamen Mitglieder im schwedischen Reichstage, — ein gut Teil davon Sozialisten, — die Ursache gewesen seien, daß es nicht zum Kriege zwischen Schweden und Norwegen kam. Nüchterne Menschen führen keine Kriege. — —
Und dann wußte der eine dieses, der andere jenes zu berichten.
»Im Sommer sollte in Berlin eine große Ausstellung für Kinderfürsorge, Jugenderziehung und Wohlfahrtspflege stattfinden.«
[S. 326]
»Waldschulen wurden gegründet, freilich zunächst nur für kränkliche Kinder; aber schon hofften die Freunde, die Neuerung desgleichen auch für die gesunden Kinder zu erreichen, um sie hierdurch vor Krankwerden zu bewahren.«
»In Hamburg werde demnächst in den Schulen der staatsbürgerliche Unterricht eingeführt.«
»Fortschritt überall!«
»Immer mehr aber breche sich die Erkenntnis Bahn, daß es sich vor allem darum handle, dem Elend vorzubeugen durch Neugestaltung der Wohnungsverhältnisse: heraus aus der Stadt, hinaus aufs Land, wieder Fühlung gewinnen mit der Mutter Natur, wieder wurzeln im Mutterboden der Heimaterde, reich und arm, das sei die neue Losung für alle weitsichtigen Geister, die emsig die Hände rührten, um diese Pläne zu verwirklichen, in neuem großen Maßstabe, nach neuen, schönen Vorbildern, zu denen wiederum von England und Amerika die Anregungen gekommen seien.«
Und immer wieder zeigte es sich, wie eng unsere Kulturen verwebt sind durch Tausende lebendiger Fäden!
»Und noch weiter gingen bereits die Forderungen der neuen Zeit: unserer Heimat den Reiz der alten Zeit zu erhalten, trotz alles Drängens und Hastens der neuen, trotz aller Vermehrung der Menschen. Um die Städte herum sollten Gürtel gebildet werden von Naturschutzgebieten« — und wieder freute sich unser Amerikaner, daß anerkannt wurde, daß auch hierin Amerika durch Schaffung seines Yellowstone-Parkes die Anregung gegeben habe, — »um auch den nachfolgenden Generationen den Reiz der Heimat, den Märchenzauber von Wald und Heide, zu erhalten.«
»Ja sogar die Märchen würden wieder lebendig: Auf den Dörfern würden sie aufgeführt von den Dorfschulmeistern und den Kindern, draußen im Freien, im Wald und auf der Heide.« — — —
Da überkam es mich wie ein Rausch von zu vielem Lichte und zu großer Freude, und doch kam ich mir so unendlich klein vor mit meinen bescheidenen Kräften in diesem großen Getriebe der geistigen Wellenringe der Nationen.
[S. 327]
Leise stahl ich mich aus dem Kreise der Freunde weg und schlich auf meinen stillen Platz hinter der Maschine.
Mein Freund, der erste Maschinist, stand nicht weit von mir und putzte mit augenscheinlicher Liebhaberei an einer kleinen Schraube. Unwillkürlich fesselte seine Arbeit mein Interesse, so daß ich von meinen Träumen abgelenkt wurde.
Nachdem er eine Zeitlang die unscheinbare Stelle mit wahrer Liebe bearbeitet hatte, fragte ich ihn: »Nun sagen Sie 'mal, Freund, warum in aller Welt putzen Sie denn diese kleine Schraube mit solchem Behagen?« — »Weil ich sie liebe um das, was sie mich gelehrt hat,« antwortete er mir. »Sehen Sie, Doktor, diese kleine Schraube, die so unwichtig und klein aussieht und an sich im Vergleich zu der ganzen großen Eisenmasse der Maschine ja nur ein Pünktchen ist, — sie ist doch wichtig.
Denn wenn sie nicht wäre, so würden durch den Stoß des Kolbens sich allmählich diese Stahllager lockern, und der ganze Gang der Maschine würde leiden, ja, vielleicht diese selbst mit der Zeit gefährdet werden. So hat diese kleine Schraube mich gelehrt, wie jeder Mensch, — und sei der Posten, auf den ihn sein Geschick gestellt hat, anscheinend noch so unbedeutend, — seine Bedeutung hat für das Gedeihen des Menschengeschlechtes, und wie jeder Mensch auf seinem Posten ausharren und seine Pflicht tun soll zum Gedeihen des Ganzen.«
Er drückte mir die Hand und ging nach oben auf Deck.
Ich aber sah nur noch die kleine Schraube neben der großen Welle. — — — Und ich, was war ich denn?
Ich, der müde geworden war im Kampfe gegen das Elend der Menschen, — als ob ich allein etwas Nennenswertes gegen dieses ungeheure, große, graue Etwas ausrichten könnte! Was war ich denn?
War ich denn nur ein Deut mehr für das Ganze unseres Volkes, als diese kleine Schraube, — war ich überhaupt so viel?
Hatten nicht gerade die letzten Gespräche auf Deck von allen den Riesenfortschritten in unserer Kultur mir nur zu deutlich vor Augen geführt, wie bitter wenig der einzelne bedeutet in diesem Riesengetriebe des Ganzen, in dieser Riesenmaschine, die den Fortschritt der Menschheit bedeutete?
Nicht mehr als diese kleine Schraube für die große Maschine!
[S. 328]
Und doch, — und doch so viel, wie diese kleine Schraube für die Maschine. —
Wie hatte mein Freund, der Maschinist, doch gesagt? Wenn sie sich lockere, so würden durch den Stoß des Kolbens sich die Stahllager lockern, und der Gang der Maschine, ja, die Maschine selbst gefährdet werden. —
Da ward es mir klar: die Bedeutung des einzelnen liegt in seiner Verantwortung, die er dem Ganzen gegenüber hat. Und um dieser Verantwortung willen darf er nicht lassen von der Erfüllung seiner Pflicht, mag seine Kraft auch noch so gering sein.
Je höher aber seine Stellung ist, desto größer ist seine Verantwortung.
Da gedachte ich wieder des Kultusministers und seiner Riesenaufgabe, für die geistige und sittliche Zukunft unseres Volkes zu sorgen.
Und sinnend blickte ich in das Getriebe von Stangen und Kurbeln, die sich alle gewissenhaft drehten und bewegten, weil der Kolben sie unaufhaltsam vorwärtstrieb. — Und dankbar dachte ich seines neuen Erlasses.
Ich weiß es wohl, wir sind Träger des Geistes, der die Seele der Welt ausmacht, und diese Seele, dieser Geist ist die Liebe, weil nur dieser Geist lebendig ist, und nur Liebe Leben bedeutet. Und wenn wir auch aus der Liebe zur Liebe geboren sind, so bedeutet doch eben diese Liebe den steten Kampf mit allem Finsteren, Schlechten, Kalten, — allem, was die Menschen krank, unglücklich, elend zu machen fähig ist, — gerade wie die Sonne tagtäglich den neuen Kampf kämpft mit der Finsternis, mit der Nacht.
Da fiel mir ein Wort unseres großen Bismarck ein: »Das Leben ist ein Kampf, und ohne innere Kämpfe kämen wir zuletzt zur Versteinerung. Ohne Kampf kein Leben. Nur muß man in allen Kämpfen die nationale Frage doch immer als Sammelpunkt haben, und das ist für uns das Reich, nicht so, wie es vielleicht gewünscht wird, aber so, wie es besteht, das Reich und sein Kaiser, der der Vertreter davon ist.« —
Und nahe vor mir stand er im Geiste, groß und gewaltig, Granit, ein Mahner und Rufer zur Tat. Und neben ihm ein Tempel des Höchsten, aus grüner Erde emporwachsend, immer größer, immer herrlicher, alle Völker überschattend im Geiste der Liebe. — — — —
[S. 329]
Die englischen Friedensfreunde, die Amerikaner, Franziskus Hähnel und ich saßen zusammen auf Deck. Da wandte sich der Amerikaner zu mir und sagte: »Wir haben eine herrliche Fahrt zusammen gemacht und manchen Gedanken ausgetauscht. Nun geht es bald ans Scheiden. Ich bin von Jugend auf gewohnt, was mir je Gutes und Liebes erwiesen wird, in einem treuen und dankbaren Herzen zu bewahren. Das Schlimme, Harte, Kalte, Ungerechte, Häßliche, was man mir antut, habe ich mich als Philosoph gewöhnt, als Folge von Mißverständnissen oder Unbedachtsamkeit derjenigen, die mir jenes antaten, aufzufassen, oder wie ein Arzt als Äußerung einer krankhaften Veranlagung anzusehen. So kann es meine Seelenruhe nie erschüttern.
Aber das treue, dankbare Gedenken und Festhalten aller derer, die mir je im Leben gut waren, macht mein Leben so reich, daß ich es gar nicht fassen kann. Und nur in diesem Sinne lasse ich den Begriff der Treue gelten. Treusein heißt festhalten, nicht aufgeben, was man hat, zu dem man gehört, — treu sein heißt nicht, nur einem Menschen angehören, — die menschlichen Verhältnisse sind so vielgestaltig, daß sie nicht von einem Gesichtspunkte aus zu beurteilen sind, — aber festhalten heißt es, damit wir reicher werden und uns zusammenschließen zur gegenseitigen Förderung.
So lassen Sie auch uns, was wir auf dieser Fahrt gemeinsam erlebt haben, in einem treuen Herzen bewahren und reifen zum Besten unserer Völker, zum Besten der Menschheit!«
Wir reichten einander stumm die Hand. Eine weihevolle Stille lag über unserer kleinen Gesellschaft. Und während die Wogen des Meeres an den Bug des Schiffes schlugen, war es in uns so feierlich, als ob wir in einer Kirche der Heimat Ostern feierten.
Der Abend senkte sich. In regelmäßigem Scheine grüßt weithin übers Meer der Leuchtturm von Helgoland: willkommen daheim! willkommen daheim!
Dann das rote Licht vom ersten Feuerschiffe.
Da, die Lichter von Cuxhaven. Die Anker zu Grund. Wir müssen erst den Schein vom Hafenarzt haben. Nach den üblichen Formalitäten, dem Vorlegen der Krankenlisten, Einhändigen des Passagierscheines,[S. 330] noch ein kurzes Beisammensein in der Kajüte. Der Kollege wundert sich, daß der Kapitän und ich nur Zitronenlimonade trinken. — Wunderlich, wie schwer die Ärzte sich dem Fortschritte anbequemen. Die Suggestion der akademischen Trinksitten! — — — — —
»Freilich, man könne sich selbst als Studierter den neuen Anschauungen nicht mehr ganz verschließen,« meint der Kollege. »Auch in Cuxhaven würde neuerdings viel weniger getrunken als früher, seitdem der neue Amtsrichter dort sei. Merkwürdig, was so ein einzelner Mensch mit einem Herzen voll Liebe und dem Willen zur Tat beschaffen könne. — Mein junger Freund, den ich von Jugend auf gekannt! — Der Vater, Kollege, war Korpsstudent gewesen. Also mußte der Junge es auch werden. Ein schöner, strammer Bursche. Fast hätte es ihm den Magen und die Nerven gekostet, wie tausend anderen auch. Aber die beiden geheimnisvollen Kräfte, die die Heimat ihn gelehrt, die hatten ihn hochgerissen. — In kürzester Zeit habe er,« berichtet der Kollege weiter, »mit dem Kollegen Bulle zusammen einen Arbeiter-Bauverein gegründet. Der Bürgermeister der Stadt stände ihm wacker zur Seite, — eine Volksbibliothek, Volksunterhaltungsabende, Kunstausstellung — Cuxhaven habe noch nie so etwas erlebt, — aber es sei famos, — und die Stammtische noch nie so leer gewesen, wie dieses Jahr, es sei, als ob ein neuer Geist über die Stadt käme.« — — —
Ein Händedruck. — »Gute Nacht!« »Gute Fahrt!« — Der Kollege fährt wieder an Land.
Ich aber sehe im Dunkel der Nacht leuchtende Wellenringe des Geistes weiter und weiter hellende, wärmende Kreise ziehen. — —
Morgen früh sind wir daheim! Schon ist alles gepackt. Da liegt noch mein Bändchen Gedichte für meines Herzens Königin, — der »Sonnenscheinsamen« — der Samen aus dieser Fahrt ins Land der Sonne.
Noch einmal, ehe er aus meinen Händen geht, lese ich Blatt für Blatt; — er sei der Schlußstein in diesem Berichte meiner Reise, die ich antrat, um das Elend der Menschheit zu vergessen, und deren Frucht für mich geworden war, daß ich mich selbst wiederfand in neuer Kraft, zu neuem Lieben, zu neuem Kämpfen, zu neuem Schaffen! Deren Frucht für mich geworden war die Erkenntnis, wie wenig der einzelne[S. 331] an sich bedeutet gegenüber der ganzen großen Menschheit, und wie doch diese ganze große, nach Glück und Leben sich sehnende Menschheit ein einziger, großer Organismus ist, in dem ein jedes Glied seine heilige, große Aufgabe hat.
In diesem Sinne, in dieser Erkenntnis will ich leben, solange ich atme. — —
Vor mir lagen meine Lieder.
Sonnenscheinsamen.
Mein Sang von der Freiheit und von der Liebe.
[S. 338]
An meine Feinde.
[S. 346]
[S. 347]
[S. 348]
Einer Mutter.
[S. 350]
Vergeltung.
Einer Freundin.
[S. 358]
Wahrheit und Freiheit.
Meinem Volke!
Euch Königen.
[S. 364]
Meiner Königin!
Als ich zu Ende gelesen, warf ich mich angekleidet auf mein Lager. Und als ich so dalag, und nun, ein Heimkehrender, meine Reise überdachte, da war es mir, als sei das abgebrannte Gotteshaus in mir selbst wieder neu erstanden. Wie unten in den Gewölben der zerstörten Kirche die vermoderten Gebeine von Generationen ruhten, so hatte ich die verrotteten Vorurteile, die uns und unsere Kultur hemmen und binden, abgestreift und in dem tiefsten Keller meines Herzens begraben.
Aus der Fülle der Erinnerungen aus meiner Jugend und meiner Kampfzeit heraus hatte ich, wie die Bauleute auf den stehengebliebenen Fundamenten der alten Kirche den neuen Bau ausführten, neue Kraft, neue Hoffnungen geschöpft und nun mit der Kraft der neuen Erfahrungen[S. 367] und Erkenntnisse einen neuen Turm in den Himmel meiner Hoffnungen und meines Aufwärtsstrebens erbaut.
Fest und gerade wuchs er empor. Säulengleich trug die Erkenntnis von der Bedeutung des Weibes als der Sonne unseres Lebens die Kuppel des ganzen stolzen Baues: das uns über die Erde hebende Bewußtsein, daß wir eins sind in unserem Geiste mit dem Geiste, der das All beherrscht, mit Gott, — dem Geiste, dessen Wesen gipfelt in dem einen Begriffe, in der Liebe — in der Liebe zu unserem eigenen besseren Ich, in der Liebe zu unserem Nächsten, in der Liebe zu unserem Volke, in der Liebe zur Menschheit! — —
Dann schlief ich ein, und schlief so tief und ruhig, wie auf der ganzen Reise nicht, — wie einer, der weiß, daß er nun bald daheim ist.
Wundervoll führte mich mein Traum. Ich saß in der neuerbauten, großen Michaeliskirche, neben mir, Hand in Hand, mein Weib. Und an der Orgel saß Gustav, mein lieber, junger, blinder Freund, dem ich von Pará aus den Text zu meinem Oratorium geschickt hatte. Aber er war sehend geworden.
Und um ihn herum der Kirchenchor. Es war das Fest der Einweihung der neuen Kirche. Der Senior hatte seine Predigt gerade beendet. Nun erklang die Orgel. Wie die Melodie sich mit meinem Texte verwob, als nun der Chor einsetzte! — So ist's im Leben, — unser eigenes, inneres Leben ist die Melodie, — die Begleitung, das ist der Lärm des Tages, die Freude und die Not, die uns umgibt; jauchzend und klagend begleitet sie uns durchs Dasein, wo immer wir auch sein mögen; — dumpf und tief, wie die Baßnoten der Begleitung klingen die Nöte und das Leben der fremden Völker in unseres eigenen Lebens Symphonie hinein, — machtvoll, ergreifend, bestimmend, — und doch immer wieder drängt die eigene Melodie sich vor mit ihrer Sehnsucht nach Liebe und ihrer Sehnsucht, Liebe zu geben. —
Und mein Kaiser saß in der Kirche, mitten unter seinem Volke, um unseren neuen Tempel weihen zu helfen! —
Da schließlich klang das Oratorium aus in einen Jubelhymnus, alle Not übertönend, mit allem Irdischen, mit dem Tode selbst uns versöhnend. — Dann andachtsvolle Stille, — und — — — — —
[S. 368]
Und nun, — was ist das? —
Mir träumte weiter, die Tür sprang auf und herein stürmte die Schar meiner Kinder, mit Blütenzweigen in den Händen, und jubelten und lachten und küßten mich.
Plötzlich wachte ich auf. Der Kapitän hatte mich bei der Schulter gefaßt und schüttelte mich: »Doktor, wir sind in Hamburg! Liegen Sie hier bei offener Kabinentür, daß der Schnee Ihnen auf die Koje weht!« — Da sprang ich auf. Und wie ich aus der Tür auf Deck trat, brach durch allen Nebel und winterliches Gewölk mit einem Male in vollem. Strahlenglanze die Sonne durch, das Schiff, den Hafen, die Vaterstadt und weiterhin den Fluß, die Deiche, die weiten Heideberge mit Frühlingszauber überschüttend. Vor mir aber lag hochaufragend, neu erstanden aus Schutt und Asche, in hellem, goldenen Sonnenlichte die neuerbaute Kirche und auf hohem Hügel ihr gegenüber übermenschlich, groß, ernst, hoheitsvoll, gebieterisch, wie der Geist der Weltgeschichte selbst, das granitene Standbild des größten deutschen Mannes, des Mannes der Tat.
So war ich denn wieder daheim. Einst war ich niedergebrochen gewesen durch die Größe des menschlichen Elends und die Lieblosigkeit der Menschen und hatte gedacht, all diesem zu entfliehen, wenn ich übers Meer ging. Aber ich fand Elend und Herzeleid, wohin ich ging. Doch das Elend, das mich erdrücken wollte, das Elend meiner Heimat, meines Volkes, meines Vaterlandes lernte ich aus der Ferne übersehen, — ich gewann neuen Überblick.
Ich übersah aus der Ferne die Scharen der Mitkämpfenden besser, als ich es vordem in der Heimat gekonnt hatte, sah, daß die Scharen der Freunde und Gleichgesinnten bereits Legion war, — gerade da draußen in der Fremde, da war es mir so recht zum Bewußtsein gekommen, welch gewaltige Zahl der Besten und Klügsten in der vordersten Schlachtreihe kämpfte.
Gleichzeitig lernte ich fremde Menschen kennen, von denen der eine dieses, der andere jenes Unglück erlitten — und überwunden hatte, fremde Völker, von denen das eine dieses Elend, das andere jenes Elend aus der Welt geschafft und so unsere menschliche Kultur gefördert hatte.
[S. 369]
Da wurde ich befreit von dem Drucke, der auf mir lastete, und bereichert und gekräftigt und gesundet kehrte ich heim, — mit neuer Kraft, zu neuem Leben, zu neuem Kampfe, zu neuem Lieben.
Denn das war der größte Gewinn dieser Reise, das fühlte ich, — die Einsicht, daß wir vor allem dieser einen Kraft mehr bedürfen, als bisher, um das Unglück und das Böse, um alles Dunkele, um den Tod zu überwinden, dieser einen Kraft viel, viel mehr bedürfen, als wir je uns klar gemacht, — der Liebe: Der Liebe zu unseren Vorfahren, der Liebe zu unseren Kindern und Kindeskindern, der Liebe zu Kraft und Gesundheit, der Liebe zu unserem Körper, als dem Gefäße unserer Seele und dem Samen für unsere Nachkommen, der Liebe zur Schönheit, der Liebe zur Kunst, der Liebe zur Natur; der Liebe zu unserer Rasse, zu dem Menschengeschlechte, wie der Liebe zu den Pflanzen und zum Tiere; der Liebe zu unserer Heimat mit ihren Hecken und Blumen, mit ihren Flüssen und ihren Wäldern, mit ihren Heiden und ihren Seen, zu unserem Vaterlande, zum Meere, dem unendlichen Meere, und zu der Ferne dort drüben über dem Ozean, wo Raum für neue Menschheiten ist.
Wir müssen die Erinnerung mehr lieben; denn sie verlängert unser Leben ins Unendliche, weil wir aus der Unendlichkeit stammen. Und die Hoffnung, denn sie ist der Pfad, der uns aus kalten Schattentälern zu sonnenbeschienenen Höhen führt!
Vor allem aber müssen wir die Gegenwart mehr lieben. Schön soll sie sein und reich an Liebe und Sonnenschein für uns und die anderen, damit die Erinnerung aus ihr schöpfen und die Zukunft auf ihr fußen kann!
Und das ist wahr! Das Weib muß den Mann wieder mehr lieben um des Mannes willen, und der Mann das Weib um des Weibes willen. Denn das Weib ist für den Mann das, was Gott für die Welt ist, — das Weib ist das Symbol für die Seele der Welt. So sei das Weib die Seele des Mannes: rein, weich, keusch, stark und feurig. Das Weib muß die Liebe selbst sein und eins mit dem Manne, dem Symbol der kreisenden, schaffenden Welt.
Und das, was beide zusammen erzeugen, bedarf unserer größten Liebe: wir müssen das Kind mehr lieben, denn es ist hilflos und bedarf unserer Stärke! So müssen wir auch die Armen mehr lieben und die[S. 370] Unterdrückten, denn sie bedürfen unserer Kraft! Unser ganzes Volk müssen wir mehr lieben, denn aus ihm sind wir entsprossen; und unsere Fürsten, denn sie sind unser Hort. Und die Fürsten, sie müssen ihre Völker mehr lieben; denn ohne ihre Völker sind sie wesenlose Schatten!
Wir müssen die Pflicht mehr lieben, denn sie ist das Band, das die Menschheit zusammenhält; und die Freiheit, damit jeder einzelne das werden kann, wozu er berufen ist, — ein Mensch! Wir bedürfen größerer Liebe für den Ernst des Lebens und für die Fröhlichkeit, einer größeren, heiligen Liebe zur Einsamkeit und Ruhe nach ernster Arbeit und frohem Feste, einer größeren, heiligen Liebe für die Wahrheit und die Gerechtigkeit. Wir müssen den Stolz mehr lieben, wir selbst zu sein, und müssen Liebe hegen gegen die Ehrfurcht vor dem Größeren. Wir müssen den Haß wieder lieben lernen, den Haß gegen alles Schlechte und Gemeine, gegen alles Niedrige und Kleinliche, den Haß gegen alles, was uns krank und schwach macht. Wir müssen das Wort mehr lieben, auf daß es schön und groß und gut und friedfertig sei; aber mehr noch als das Wort müssen wir die Tat lieben. Das ist der Weg, der allein unsere Kultur zum Ziele führen kann: mehr Liebe!
Wir müssen das Leben mehr lieben lernen und den Tod und vor allem Den, Der in diesem allen lebt, dieses alles umfaßt und begreift, den Geist des Alls — Gott! Denn Gott ist die Liebe, und Leben heißt Lieben. So laßt uns mehr leben durch mehr Liebe! Denn Liebe ist Sonne, und ohne Sonne kein Leben. Wie die Sonne der Tropen soll die Liebe unser Leben durchfluten, erhellend, erwärmend! Mehr Sonne, mehr Liebe! — — —
[S. 371]
Als ich die Blätter, die mein sterbender Freund mir anvertraut, gelesen hatte, sah ich in meinem Geiste ein seltsames Bild: ein leuchtendes Leben hob sich von einem gewaltig großen, dunklen Hintergrunde ab. Aber am Horizonte lichtete sich das Dunkel. Golden und purpurn stieg da der junge Tag herauf.
Und während ich noch das Bild mit meinem inneren Auge sah, hörte ich eine schlichte, aber starke Melodie und ein Brausen, wie mächtige Orgeltöne einer wunderbar ergreifenden und erhebenden Begleitung.
Und dann schritt ich im Geiste mit traumhaft großen Schritten neben meinem Freunde über die Heide und sog den ganzen Zauberduft des Nordens ein. Er aber wies auf eine Reihe roter Ziegeldächer am Waldessaume hin, von denen leichte Wölkchen Rauch aufstiegen, — ein Bild des Friedens.
Und höher und immer höher stiegen wir bergan, bis der Wald aufhörte, — da, wo der ewige Schnee begann. Und das weite Land mit seinen qualmenden Städten und seinen duftenden Heiden lag wie Ameisengewimmel zu unseren Füßen.
Da verstand ich ihn, was er meinte, wenn er so oft sagte, wir müßten wieder lernen, die großen Probleme unserer Kultur aus der Vogelperspektive zu sehen.
Seltsam, — es war mir, als ob er noch lebte, und war doch nun gestorben, wie wir alle sterben müssen. Und hatten ihn da oben unter den Schnee gebettet, — ganz nahe der Sonne.
Und im Frühling, — mußte ich denken, — wenn der Schnee kam, dann löste auch sein Leib sich in seine Atome auf, und die Schneewässer nahmen sie mit zu Tal und düngten mit den Atomen die Wiesen[S. 372] und Äcker und verwandelten so seinen Leib in Algen, Halme und Blumen.
Aber das, was Geistiges an ihm war, seine große Liebe zu den Menschen und den Tieren und den Blumen und zu der Summe aller der Liebe, die das All durchflutet, die er Gott nannte, dieses Geistige, — nennen wir es seine Seele — das hatte längst Wellenringe der Liebe ausgestrahlt, die ebensowenig untergehen werden, wie die Atome seines Leibes, die die Schneewässer zu Tal führen.
Diese lose aneinandergereihten Blätter hatten eigentlich ein Buch werden sollen, hatte er mir kurz vor seinem Tode einmal anvertraut, ein großes, starkes Buch, das den Menschen helfen sollte, gesunder und froher, freier und glücklicher zu werden, ein Buch für Völker und Könige.
Aber der Tod war ihm zuvorgekommen. So sende ich denn diese Blätter in die Welt, wie ich sie von ihm empfangen habe. Mögen Wellenringe des Guten von ihnen ausgehen und, wie der Lebende es wünschend im Geiste geschaut, sich umwandeln durch Liebe in die Tat zu neuem Leben.
[S. 373]
Verlag von Ernst Reinhardt in München
Im Kampf um die Ideale
Die Geschichte eines Suchenden
von
Georg Bonne
Vollständige Geschenkausgabe
544 Seiten 8° — Preis broschiert M. 4.—, gebunden M. 5.—
Gekürzte Volksausgabe 17.— 20. Tausend. Preis gebunden M. 3.50
Eine Voraussage des Weltkrieges
Von der deutschen Dichtergedächtnisstiftung in 1500 Exemplaren angekauft
Urteile der Presse:
»Hamburger Nachrichten« 12. Juli 1910. Wir müssen sagen, wenn das Wesen eines wertvollen Buches darin besteht, daß es durchaus nur von dem einen geschrieben werden kann, der es schrieb, und daß es dessen ganze Persönlichkeit in sich zusammengefaßt und einen Teil von deren lebendiger Wirksamkeit auf den Leser zurückstrahlt, dann gehört das Buch sicher zu den wertvollen. Die Persönlichkeit des Verfassers spiegelt so daraus hervor, daß man zugleich Respekt vor ihr hat, Respekt vor ihrer Geradsinnigkeit und ihrem rüstigen Mut, die Dinge anzugreifen und zu wirken, wo überhaupt sich ein Wirkungsfeld zu erschließen scheint.
»Kölnische Zeitung« 17. August 1910. Ein warmes, lebhaft pochendes Herz breitet hier seine Sehnsucht, seine Hoffnungen und seine Ideale vor uns aus; ein Arzt, den seine Fahrten vielfach in der Welt umhergeführt haben, den seine Praxis mit dem Bettler und mit dem Protzen zusammengeführt hat, und der manches Mannes Gemüt erkundet hat, erzählt, bald behaglich plaudernd, bald mit dichterischem Schwung, aber stets des Zieles wohlbewußt, allerlei Beobachtungen, Erlebnisse und Schicksale aus dem bunten Leben der Menschen, die der Wahn und die Leidenschaft oft irregeführt und die eine treue Freundeshand zuweilen rettet. Man kann dem Werke nur gute Fahrt wünschen.
»Neue Hamb. Zeitung« 17. September 1910. Seine mutigen, helltönenden Anklagen gegen die kleinen und großen Mächtigen dieser Erde verdienen ein lautes Echo. Und darum ist dem Buche schnell eine zweite Auflage zu wünschen, der dann — man müßte sich schwer getäuscht haben, wenn es anders wäre — weitere folgen werden.
Dr. Holitscher schreibt in der »Internationalen Monatsschrift zur Erforschung des Alkoholismus«: Schon lange, lange habe ich nichts gelesen, was mich so tief gepackt und erschüttert hat wie diese Blätter. Ich habe sie mit dem Gefühl aus der Hand gelegt, neben diesem Prachtmenschen, der das geschrieben, gedacht und gefühlt hat, ein schwacher, armer, unwürdiger Irrender zu sein, aber auch mit dem sicheren Empfinden, daß mich dieses Buch besser gemacht hat, wie noch kaum je eins zuvor. Das ist Christentum, das ist Liebe, das ist Wahrheit! Ja, mögen die Wellenringe all des Guten, das es enthält, von ihm ausgehen, Liebe säen und neues Leben erwecken.
»Hamburger Hausfrau« 18. September 1910. Was für ein gesundes, starkes, freigewordenes Buch ist es! Das Donnern und Brausen des Ozeans tönt darin; die fruchtbaren Wälder rauschen in ihrem köstlichen Grün, die Maschinen stampfen; die Menschen leben ihre Ruhetage in ihren Leidenschaften und Hoffnungen; aber die Sonne des Südens steht darüber wie eine große heilige Freude, und die Sprache, die darin anklingt, ist wahr und tönend vor Liebe.
Solche Bücher braucht unsere materialistische Zeit, braucht ein Geschlecht, das der schrankenlosen Erotik weihrauchumduftete Altäre errichtet hat. Männer und Frauen aller Stände sollten es lesen. Pädagogen und Politiker, Kaufleute und Handwerker, Ärzte und Priester, keiner, er mag zu all diesen Fragen stehen wie er immer will, wird sich der flammenden Wahrheit, die aus diesen Blättern herausleuchtet, entziehen, und keiner wird unberührt bleiben von dem hohen Idealismus, der uns daraus entgegenweht.
»Deutscher Guttempler« 1910, Nr. 25. »Im Kampf um die Ideale« ist ein außergewöhnliches Buch. Außergewöhnlich seines eigenartigen Aufbaues wegen. Der gewaltige Stoff, die Fülle reichen Lebens, die Kämpfe und Probleme, an die uns der Dichter heranführt, ließen sich schwer in die Form einer geschlossenen romanhaften Erzählung pressen. Dafür gestattet das Buch aber demjenigen, der seinen reichen Stoff beherrscht, beliebig oft kleine Ausschnitte herauszugreifen und als selbständigen Unterhaltungsstoff einem kleinen oder großen Kreise von Zuhörern zu bieten. Neulich erlebte ich das in einer Loge in Hamburg, in welcher ein Mitglied recht geschickt die Geschichte, wie Bonne zum Orden kam und Guttempler wurde, vorlas. Das wirkte so tief, so wirklich ergreifend auf uns Zuhörer, daß wir geradezu erschüttert waren. Da ging mir die Gewißheit auf, daß hier ein wahrer Schatz für unsere Logen uns beschert worden ist, an dem wir reiche Freude finden müssen.
»Tägliche Rundschau« 22. November 1910. Ich habe noch kein Buch gelesen, dem in so reichem Maße die Kraft innewohnt, den ermüdeten Kämpfer zu stärken, dem Verzweifelten die Zuversicht an dem endlichen Siege des Guten wiederzugeben, es sei denn — das Evangelium. Und in der Tat: Geist des Evangeliums ist es, der diesem Buche seine Kraft, sein Feuer und seine anziehende Milde verleiht.
Starke Persönlichkeiten fordern immer auch den Widerspruch heraus. Aber man wird stets wieder nach dem Buche greifen; denn es zieht an, es fesselt durch die Fülle und Größe der Gedanken gleich wie durch die Kraft, mit der sie vorgetragen werden, durch den Reichtum und Fülle der Empfindungen und vor allem durch die Macht der Persönlichkeit des Verfassers, von der ein suggestiver Zwang ausgeht, welcher den Leser in den Kreis seiner Ideen nötigt. Es ist ein starkes Buch; eines, welches Wellenringe des Geistes aussendet, die fortwirken werden, gleichgestimmte Schwingungen erregend. Es ist ein Trompetenruf zum Sammeln, wie er not tut in unserer Zeit, in welcher viele Menschen nur ihre eigenen Interessen sehen und verfechten, zur Sammlung um die hohen Güter unserer deutschen Kultur.
»Die Hilfe« 31. Dezember 1910. Das ganze Buch will nichts anders mit seinen oft lose aneinander gereihten Blättern sein als das schlichte, offene Bekenntnis eines warmherzigen und tatkräftigen modernen Arztes. Als solches kann es auch wiederum manchem Leser zu einem wertvollen, starken Lebensbuche werden. Gerade solchen, die inmitten der Nöte unseres gesamten öffentlichen und sozialen Lebens oft den Mut verlieren wollen, sei dieses Buch als Führer zu einem tatkräftigen Idealismus empfohlen. Der Druck des Buches ist ausgezeichnet und fehlerfrei.
Weitere belletristische und sozial-hygienische Schriften
von Sanitätsrat Dr. G. Bonne, Kl. Flottbek.
1. Ein Mahnruf aus Jungdeutschland an Jungdeutschland. Th. Stauffer, Leipzig, 1881.
2. Kampfgesänge u. Friedensklänge. Georg Hertz, Würzburg, 1891.
3.Vorschläge zur Vereinfachung und zum Ausbau unserer heutigen Arbeiterversicherungen. Georg Hertz, Dresden, 1896.
4. Die Notwendigkeit der Reinhaltung der deutschen Gewässer. F.
Leineweber,
Leipzig, 1901. M. 4.—
5. Die Notwendigkeit einer systematischen Dezentralisation unserer Großstädte in hygienischer und sozialer Beziehung. Gustav Fischer, Jena, 1904.
6. Unsere Trinksitten in ihrer Bedeutung für die Unsittlichkeit nebst deren Folgen. Chr. G. Tienken, Leipzig, 1901. 25 Pf.
7. Mäßigkeit, Enthaltsamkeit und Christentum. 5. Auflage. Deutschlands Großloge II des J. O. G. T., Hamburg, 1902.
8. Über den Trinkzwang beim Broterwerb. 4. Aufl. Deutschlands Großloge. 1903. 10 Pf.
9. Unsere Trinksitten in ihrer Bedeutung für den Eisenbahner und das reisende Publikum. 2. Auflage. Deutschlands Großloge II des J. O. G. T., Hamburg, 1903. 25 Pf.
10. Die Bedeutung der modernen Alkoholfrage für den deutschen Kaufmannsstand. 2. Auflage. Deutschlands Großloge II des J. O. G. T., Hamburg, 1903. 50 Pf.
11. Der Giftbaum des deutschen Volkes. 3. Auflage. Deutschlands Großloge II des J. O. G. T., Hamburg, 1903. 10 Pf.
12. Die Alkoholfrage in ihrer Bedeutung für die ärztliche Praxis. 2. Auflage. Osiander'sche Verlagsbuchhandlung, Tübingen, 1904.
13. Die Zustände in der Unterelbe u. ihren Nebenflüssen im Jahre 1911. Kommissionsverlag Gebrüder Lüdeking, Hamburg, 1912.
14. Die Klagen der deutschen Binnenfischer über die zunehmende Verunreinigung unserer Gewässer. Kommissionsverlag Gebrüder Lüdeking, Hamburg, 1912.
15. Die soziale Frage als Bergkristall betrachtet. Ein Wegweiser im Kampf um die Ideale. Vortrupp-Verlag, Hamburg, 20 Pf.
Soeben erschien von dem Verfasser von »Im Kampf um die Ideale«:
Heimstätten für unsere Helden
Ein Mahnruf an alle Vaterlandsfreunde von Sanitätsrat Dr. Georg Bonne, Oberstabsarzt d. R. 128 Seiten. Preis M. 1.80.
Vom Bund deutscher Bodenreformer den Mitgliedern des deutschen Reichstages überreicht.
Mehr Nahrungsmittel!
Praktische Lehren des Weltkrieges über die Notwendigkeit der Harmonie
zwischen Hygiene und Volkswirtschaft von Sanitätsrat Dr.
Georg Bonne, Oberstabsarzt d. R. 208 Seiten.
Preis brosch. M.
4.—, gebunden M. 5.—
Osterglocken, Heimatklänge, Suchende Liebe
Dichtungen von Georg Bonne. 243 S. Preis steif brosch. M. 2.80.
Lieder der Arbeit
Von Georg Bonne. 32 Seiten stark geheftet Preis 50 Pf.
Vorwärts mit Gott!
VonGeorg Bonne. Lieder an mein Volk. Steif geheftet Preis 50 Pf.
Der Tempel der Schönheit
Schauspiel in drei Aufzügen von Georg Bonne. Neue, für die Bühne bearbeitete Auflage. Preis M. 1.50.
Die Zeitschrift »Bühne und Welt« schreibt in der Nummer vom 1. Mai 1914: Das vorliegende dramatische Gedicht in drei Akten steht hoch über dem Durchschnitt. Es ist die Schöpfung eines echten Dichters und Dramatikers nach Handlung und Charakteristik. W.