Title: Skizzen einer Fußreise durch Oesterreich, Steiermark, Kärnthen, Salzburg, Berchtesgaden, Tirol und Baiern nach Wien,
nebst einer romantisch pittoresken Darstellung mehrerer Ritterburgen und ihrer Volkssagen, Gebirgsgegenden und Eisglätscher auf dieser Wanderung, unternommen im Jahre 1825 von Joseph Kyselak. (2/2)
Author: Josef Kyselak
Release date: February 24, 2026 [eBook #78026]
Language: German
Original publication: Wien: Anton Pichler, 1829
Credits: Raymond Papworth and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was produced from images made available by the HathiTrust Digital Library.)
nebst einer
romantisch pittoresken Darstellung mehrerer Ritterburgen und ihrer Volkssagen, Gebirgsgegenden und Eisglätscher auf dieser Wanderung,
unternommen im Jahre 1825
von
JOSEPH KYSELAK.
Zweiter Theil.
Mit Kupfern.
Wien 1829.
Gedruckt bei Anton Pichler.
Wo Natur und Kunst sich binden,
Um ein Meisterwerk zu gründen:
Müssen Wand’rer stille steh’n,
Solcher Wunder Pracht zu seh’n.
Von diesem Tumelplatze gerieth ich bald in hohen Wald, der dichter und steiler als der vorige sich hinzog — ich wanderte nun auf tirolischem Boden. Mächtig sprach mich das Gefühl an: um Mitternacht in das Land meiner Wünsche und Achtung einzutreten, welches eine bewährte Schanze voll von kühnen Männern, doch den Wanderer ruhig und sicher zu allen Stunden seine Gebirgsschluchten durchdringen läßt.
Mein Hund schnaufte und bellte, sprang vor, und kehrte mit ängstlicher Geberde zurück; ich vermuthete, eine bedeutende Wunde müsse ihn quälen, aber plötzlich setzte er über entwurzelte Stämme, einige Laute noch, und im Nu war er im Forste verschwunden. Ich stand wie vom Blitze getroffen; noch nie verließ er mich, auch nicht eines Wildes wegen, das er itzt halb ängstlich, halb begierig zu verfolgen schien. Ich konnte und wollte nicht allein weiter wandern, und doch war die Zurückkehr des Entlaufenen zweifelhaft. Ich setzte mich auf den Stamm und sah gerade gegenüber etwas Weisses am Grase liegen; bei näherer Besichtigung erkannte ich den Hintertheil einer jungen Ziege. »Hier müsse ein Wolf sein Mahl gefeiert haben,« folgerte ich, »und wer weiß, ob Duna den 2Räuber nicht bannte?« Durch das ofte Beriechen von Wolfsfellen hatte ich ihm den natürlichen Scheu vor diesen Unholden benommen, und somit übte er seine Jagdlust. Ich schoß ihm einige Signale; er kam endlich zurück, ob als Sieger — weiß ich nicht; doch eine Wunde, welche er bei diesem Scharmützel davon getragen, ist heute noch unbehaart zu erkennen.
Nach geraumer Strecke bog sich der Weg durch einen Verhau von Stämmen und Zweigen. In dem Holzschlage hatte sich ein Bächelchen gedämmt, und bildete dadurch grundlosen Sumpf. Ich suchte aufwärts einen seichteren Platz, um leichter durchzukommen, und bemerkte im Mondenlichte ein Holzhacker-Hüttchen, welches zwar ohne Thür, aber für mich Ermüdeten sehr willkommen war. Duna wurde an den Eingang gekuppelt, mein Degen ober dem Haupte in die Dachbreter gestossen, und so warf ich mich mit dem wohlgeladenen Gewehre auf das aus Moos und Laub reich bereitete Lager.
Trotz Vorsatz hätte ich beinahe den halben Vormittag verschlafen; aber ein Bauer, vorüberwandernd, reitzte die Wachsamkeit meines Hundes, sein Bellen trieb mich zur Hütte hinaus, und eh ich noch das Thier besänftigte, war der schnellfüssige Bursche schon entflohen. Sechs Uhr — ich fühlte mich herrlich gestärkt! Die Morgenkälte drang sich zwar empfindlicher als gewöhnlich auf, aber der Füsse schnelleres Streben war bald die Besiegerinn dieser unschädlichen Empfindung. In dem Grase, das von des Himmels wohlthuenden Morgenthränen perlte, spielten lichtgrüner die Fußstapfen meines Vorläufers; ich erkannte an 3der Ausdehnung derselben die Sprünge, oder überhaupt beflügelte Eile des Vorbenannten. Was mag den Armen so angetrieben haben, daß er dieses herrliche Naturtheater so schweißtreibend flieht? Angst gewiß nicht! denn da hätte er nicht auf gerader Strecke stundenweit fortgestrebt, sondern beiderseits im dichten Holze genug Gelegenheit zu seiner Sicherung gefunden. Vielleicht daß es die Folge erklärt.
Nun kam ich auf ein kleines Wiesen-Oval; ringsherum standen Lärchenbäume; mehr durch herabhangendes Moos als Jahre entstellt, schienen sie den Thränenweiden zu gleichen, an Höhe aber den Hauptmasten der Kriegsschiffe. Selten gelingt es dem freundlichen Goldgesicht, niederzublicken durch die versponnenen Arme dieser Riesen, auf deren elastischen Boden. Auf der von einem Bächlein durchrieselten Wiese, haben Wanderer oder Schöpfung, Steine zum Ausruhen gehäuft; man könnte sie für Ueberreste ansehen von dem ehemalig hier gefeierten Gottesdienste abergläubischer Druden, wozu das unheimische Dunkel, die melancholische Gegend und todte Stille das Ihrige beiträgt. Dichter in der schwarzen Wildniß zur Rechten, sah ich das Skelet einer ehemaligen Hütte. Etwas Baumrinde der Bedachung, und die erübrigten Querbalken, könnten sich nun nimmermehr den Dank des Pilgers bei Unwetter erwerben.
Als ich meinen Durst mit dem guten Wasser befriedigt hatte, kam ein Bursche ausser Athem mir nachgelaufen. Er fragte ob ich nicht Einen ihm ähnlichen jüngst gesehen? Bejahend zeigte ich die Grasspuren. 4»Nun da könne er ihn wohl noch errennen, obgleich jener sein Wort nicht hielt, und beim
wartete.« »Freund, da mußt du schneller seyn als ein Hirsch!« erwiderte ich, »denn jener lief ärger wie du; aber wohin denn so eilig?«
Er. »Noch Zell, s’ is holt Kietog, und do geiht’s luisti; a Fleisch, wos z’ dringa und a guits Boacht, dos hom mir Hulzhokaknecht olzat s’ Johr oaml, und s’ Tonza nimmt gor schu koa n’ End.«
Ich. Darum also! und wo ist denn das Mordhölzel, wo dich dein Gefährte erwarten sollte, und warum nennst du es so?
Er. No des zombrochne Kaischl, wo i z’ dir kema bin, hoaßt so; s’ is oaml a Rauba beim Stroafen vo Joagern zomgschoissen worn.
Fort eilte er, als wenn ihm die Sohlen brennten, um nach vier Stunden den ermatteten Körper mit Tanz zu vergnügen, und nebenbei als Leckerbissen ein Stück Bocksfleisch zu geniessen — unglaublich! und doch wahr!
Warum aber mag sich hier einst ein Räuber aufgehalten haben, wo keine Menschen — und keine Schätze sind? Wahrscheinlich ein unglücklicher Raubschütze, der, um nicht zu verhungern, sich in diese Wildniß bannte, bis ihn ein Schuß davon erlöste.
Noch das harte Loos mißhandelter Geschöpfe erwägend, kam ich auf eine offene Berghöhe. Erhaben biethen sich daselbst die Gränzpunkte des Alpenthales: der hohe Filzberg, wilde Kopf, die Gerlos-Spitzen 5etc. Wald, Felsen, Wiesen, Klippen, Schneespitzen und Gießbäche sind eng in schönster Unordnung durch einander geworfen, um den Eindruck zu höhen, die Erinnerung daran reitzender zu erhalten. Am Abhange einer Wiese links stehen 13 Sennhütten, wie ein Dörfchen vertraulich gereiht. Dieß ist
beinahe die reichste Alpenanpflanzung, gegenwärtig aber ihrer Bewohner entblößt, welche in wärmerer Tiefe den Spätsommer zubringen.
Auf hölzerner Tafel, an einem Baume befestigt, erkennt man des Tirolers Neigung; »Tanzen und Trinken« wie ihn das gut entworfene Bild zeigt, mit der Unterschrift: »Weg ins Zillerthal.«
Zwei Sennhütten auf der Anhöhe zur Rechten, waren noch bewohnt; ich genoß darin mein Frühstück an vortrefflicher Milch, jedoch das Brot war für mich ungenießbar, aber staunenswerth! Es bestand aus gar nichts andern als Hafer- und Gerstenkleie, in welche zum Zusammenkneten etwas Türkenweizmehl gemischt wurde; Häckerling schien entweder geflissentlich oder aus Nachlässigkeit darin zu seyn. Dieses Brot hatte eine längliche Wurstform, und da es bereits sehr hart war, schlug der Alpler mit dem Beile einige Stücke ab, um sie für mich in der Milch aufweichen zu lassen. Ich verbat mir dankbarst diese Güte, und frug, ob dieses das gewöhnliche Brot für die Bewohner sey?
Er. Jo mir soans schu gwohnt, dir moags epping z’ schper schmeka.
6Ich konnte von schmecken gar nichts sagen, frug aber, warum sie denn das Brot nicht aus Mehl bereiteten?
Er. S’Mehl is hoalt ollas z’gluik, und wernd draus d’Knödl gmoacht, wochsa duit jo ollas z’wengi.
»So muß denn dieser schöne Landstrich gerade der ärmste seyn?« Ich glaube die meisten Gebirgsgegenden des Erbkaiserthums besucht zu haben, und fand wohl in den Karpathen Erdäpfelbrote, aber Kleien- und Häckerling-Gebäck für Menschen! war mir das Neueste. Nun leitet der Weg abwärts über Steingerölle, das die Bergbäche nach Gußregen zwischen den Gebüschen zurücklassen, und wo sich zu solcher Zeit gewiß kein Wanderer durchwagen kann. Im Thale schwindet das Nadelholz, Weiden und Erlen tauschen mit selben und verengen den Pfad; die Gerlos schäumt unten, erbost, daß man sie nicht sieht; wo aber der Weg höher strebt zum Gürtel der Berge, das Thal sich geduldig ergibt der rasenden Fluth: fühlt der Felsen-sprengende Bach seine gewohnte Schnelle plötzlich gehemmt durch menschlichen Willen. Eine Klause ists, ganz von Holz, aber kräftig gedacht und erbaut, welche zwingt die zerstörende Gerlos, Nutzen zu bringen, mit Hinabtragen zerstückelter Wälder. Wild streiten die Gewaltigen mit einander, daß man begierig hinabeilt, den Sieger zu loben. Diese kaiserliche Holzklause, erst unlängst erneuert, mißt 114 Schritte, sie ist die größte und schönste, welche ich je gesehen; die Festigkeit muß dem Aeusseren gleichen, sonst würde im nächsten Frühjahre der 7sich dabei bildende See, das herrliche Werk und Kapital verschlingen.
Bewundernswerth fand ich die übergrossen Forellen, welche in Schwemmwässern eine Seltenheit, nicht nur zahlreich die Klausenkanäle umschwammen, sondern im kristallenen Elemente ohne alle Scheu die hineingeworfenen Brotkörnchen augenblicklich naschten. Letzteres mag die Folge des vernachlässigten Fischfanges seyn, weil die Umwohner gewohnt sind, lieber bei Milch und Brot die hier häufigeren Fasttage zu verkümmern, als mit geringer Mühe durch wohlschmeckende Fische den Gaumen zu kitzeln. Die Schönheiten dieses Thales bis Zell, bleiben mir ewig unvergeßlich; aus einer Situation in die andere fühlte ich mich versetzt. Mit dem Steigen und Sinken des Weges, mit der Faunen und Dryaden schnellem Wechsel, und mit des Plutus und Neptuns ernstern Stellen, harmonirt das Gemüth des reisenden Fremdlings. Die 37 Häuschen des
ruhen einzeln zerstreut auf einem kleinen Thalabhange, welchen rings herum Kleefelder und Wiesen mit 100 Kaischen begränzen. Diese kleinen Vorrathskammern balanzieren wie Mücken auf den verschieden gefärbten Spitzhöhen; zu mancher müßte man ohne Eisen auf allen Vieren emporkriechen; ich glaube, daß alljährig einige dieser Unbeachteten durch Wind oder Schneelavinen hinabspazieren.
In dem untröstlichen Wirthshause war ausser schlechtem Biere, starkem Branntweine und miserablem 8Kleienbrote, wovon ich ein Stück zur Schau nach Innsbruck mitnahm, nichts zu bekommen. Drei Viertheile der Dorfsbewohner jubelten zu Zell, dafür schienen die Zurückgebliebenen einen Bußtag zu feiern. Ausser dem Dorfe wird der Weg am Bache freier, jedoch sieht man daran, so wie an den Gränzwiesen, die schädlichen Spuren der alljährigen Ueberschwemmung, welcher nicht durch gehörige Dämme vorgebeugt wird. Ueber grosse Steine mußte ich die Gerlos überschreiten, die Brücke hatte das letzte Hochwasser mitgenommen, und man ist vermuthlich so klug, zu warten, bis sie wieder zurückkommt.
Der Weg windet sich in einen ehrbaren Nadelwald hinauf, mit jedem Schritte steigt der pittoreske Werth der Wanderung. Treppelwege führen über abstürzende Wasserfälle und gähnende Abgründe; in schwindelnder Tiefe wirbelt sich die schneller wachsende Gerlos in den Stuben des Flußgottes; abgespühlte Bäume tanzen darin den üppigen Walzer, und erweitern die Grösse des Wellenraumes. Zwischen den Waldlücken sieht man hie und da auf kahlem Wiesenstreife eine dürftige Hütte, mit Kindern reicher als mit Nahrung ausgestattet, vor der wohlhabenden Welt versteckt; nahe dabei trösten steile Fleckchen Hafergrund, ein Rübenfeld, und bei Glücklicheren — Erdäpfel! die Gesammtzahl vor gänzlichem Erhungern. Diese Gegend ist für den Meisterpinsel eines Salvator Rosa würdig; wäre aber Ovids Exil hieher angewiesen worden, er hätte sicher den Muth auch zum Schreiben verloren! und doch ertragen diese Bewohner 9auf eine bewunderungswürdige Weise, Unwetter und Schicksal.
Liebe Gewohnheit mit deiner holden Schwester — Zufriedenheit! wo sollte man euch finden, wenn ihr nicht im Bereiche der Armen euren Wohnsitz behauptet? längst hat euch die Mode und Habsucht aus Städten verbannt!
Links entkletterten kaum merklichen Gangsteigen, zwei weinende Dirnen. Mir waren die Thränen im Gebirge bei aller Noth fremd geworden. Auf mein Befragens um die Ursache ihres Kummers, erwiderten sie schluchzend: eben habe der unersättliche Wolf ihre schönste Kalbin auf dem Fierst-Joche erwürgt; sie hätten vor mehreren Tagen schon abtreiben sollen, und weil übergenug Futter war, zögerten sie; nun würde der Schadenersatz und Zorn der Herrin gleich fürchterlich seyn. — So gibt es doch nirgends ein Eldorado auf Erden! Wo Menschen nicht feindselig gegen einander nagen, benützen Raubthiere ihr grimmig Gebiß.
Die Gegend, welche ohnedieß einen hohen Grad von Wildheit bereits erreichte, schien mir durch diese traurige Geschichte, wo möglich, noch furchtbarer; daher wunderte mich nicht, daß eine Schaar Kinder, welche Waldnüsse und sonstige Kleinigkeiten nach Hause schleppten, bei meinem Anblicke die mühsam errungene Beute wegwarfen, und ohne mein Rufen zu beachten, sich in zwei morschen Hütten versteckten, woran die besorgten Mütter schnell die Thüren sperrten, und 10dann mit ängstlicher Miene durch die kaum merklichen Fenster lugten.
Wenn schon ein einzelner Reisender (ich weiß nicht um was) bange Furcht erzeugt, wie oft mögen diese Armen bei wirklicher Ursache das Ende ihres Kummers erwarten? Das Leben um die Erziehung dieser Wildlinge bemitleidend, wanderte ich auf dem nun immer besser werdenden Wege fort, bis mit Schluß des Waldes die Gegend sich erheiterte, und ein reicheres Ansehen gewann. Hier neckten sich lustige Geissen, dort sah ich an einer preiswürdigen Herde, daß des Zillerthales angerühmtes Hornvieh keine Uebertreibung wäre. Menschen waren selten — aber auf stündiger Entfernung Kirchtag! Froh grüßt der Oekonome der wohlthätigen Ceres mütterliche Sorgfalt, welche bei Heitzenberg großmüthiger die Hügel bestreicht. Wie doch der Mensch unkonsequent ist! — Auf dem verschwenderischen Fruchtboden Ungarns und Baierns gähnt der Wanderer vor langer Weile; und sieht er in Gebirgen einige Aecker: so haftet mit Wohlgefallen sein Auge auf dieser Seltenheit und er bedauert, nicht mehrere zu finden! — Daß doch alles Häufige Gleichgiltigkeit erzeugt, wenn es auch nützlich ist! Ich glaube, wenn auf der guten Welt sehr wenig Menschen lebten, dann wäre der Zeitpunkt, daß sie sich wirklich nach einander sehnten, und liebten!
Von vorbenannter Gemeinde biethet sich bereits ein malerischer Ueberblick des tief eingeschlossenen Dorfes Zell, und der sich dabei gattenden Ziller- und 11Gerlos-Bäche. Auf dem steilen Hinabwege überraschen links grosse Felsenklüfte, in die man mehrere Klafter weit eindringen kann, bis sie verwachsen oder halb verschüttet, die weitere Untersuchung lästiger machen. Es sind die alten Einfahrtsstollen des ehemals reichhaltigen Goldbergwerkes, welches aber wegen Erschöpfung bereits lange aufgelassen ist. Der Geigen, Trompeten und Pfeiffen Freude verkündender Ton, sprach allmählig eingreifender zu den Kehlen der singlustigen Tänzer. Es war ein Wettkampf zwischen Gesang, Spiel und Fußgestrampe um den überwiegenden Lärm. Ich dachte, die hölzernen Wirthshäuschen müßten zusammenbrechen, durch das im ersten Geschosse Staub ausbreitende Springen; da krachten und blitzten noch gesellig dazu der Scharfschützen wohlberechnete Schüsse; und in dieses überwiegende Echo mischte sich jenes der beständig thätigen Kegler. Grell widersprach diesem freudigen Quodlibet die ungemeine Anzahl mühseliger Bettler, welche dieser Erlustigungstag aus weiter Entfernung hierher berief, um von der Mildthätigkeit minder armer Landsleute zu profitiren.
Ausser den mit Kleidungsstücken aller Art, Gewehren, Gamsbärten, Tücheln und sonstig gewöhnlichen Krampack angepropften Markthütten, welche viele Käufer und weit mehr Bewunderer zulockten, waren etwas entfernter die herrlichsten Kühe, schöne Ziegen und veredelte Schafe zum Handel aufgestellt. Ich sage »zum Handel,« weil deren Besitz bei dem hierorts nur zu auffallenden Geldmangel, nach Art der alten Deutschen, welche ebenfalls bei ihren lobenswerthen 12Eigenschaften kein Geld hatten, mittels Tausch und Daraufgabe abgeschlossen wurde.
Nunmehr glaube ich auf Bau, Kleidung und Charakter der Zillerthaler übergehen zu müssen. Mehr groß als mittelmässig, ist der Männerschlag gewöhnlich zu 5 Schuh 6 Zoll bis 10 Zoll österreichischen Masses; dabei aber entbehret er den starken Knochenbau und die Breite des Körpers, welche dem Inn- und Pusterthaler eigen sind; das Frauenzimmer hingegen braun oder blond, ist, bei angenehmer Gesichtsbildung, klein und wohlbeleibt. Beide Geschlechter sind unter allen Tirolern am wenigsten von Kröpfen entstellt.
Für Grün sind die Zillerthaler dermassen eingenommen, daß sich nicht nur der Mann, sein kurzes ledernes Beinkleid ausgenommen, beinahe ganz in dieser Hoffnungsfarbe sammt dem hohen kurzkrämpigen Filzhute gefällt, und das Frauenzimmer den langen vorragenden in vielen Falten geworfenen Unterrock, oder das enge Leibchen (Korsette) von grünem Stoffe sich wählt: sondern man sieht einige Häuser auf solche Weise bemalt, und die meisten zugespitzten Kirchthürme in dieser Farbe glänzen.
Beim Trunke entlarvt gemeiniglich der Mann seine Gesinnungen und Eigenschaften, hier gilt dieß sogar vom Weibe und Mädchen. In der Gaststube sah ich zum größten Erstaunen beide Geschlechter ohne Unterschied der Jahre gleich begierig dem schlechten Biere und Kornbranntwein huldigen. Nach jedem Zuge wurde gesungen und getanzt, daß Einige wie glühende Kohlen, Andere aber blaß wie Leichname aussahen; dieses letztere galt besonders den Dirnen von 1316 bis 19 Jahren, welche jenes hitzige Getränk wohl nur aus Gefälligkeit für ihre Burschen so häufig genossen, ohne die schädlichen Folgen zu ahnen. Wein war nicht zu bekommen, und unter den Leckerbissen und seltenen Kostbarkeiten der Tafel mußte man ja nichts anders verstehen, als — Bocks- und junges Schweinfleisch, dem semmelähnliches halbweisses Brot das Noble gab. Man hätte dieses Fest füglich einen Bocksfleischkirchtag nennen können, wenn anders dieser Ausdruck in Tirol etwas Seltenes oder Lächerliches wäre.
Neugierde scheint den Zillerthaler mehr als gewöhnlich zu reitzen. Ich hatte kaum Platz genommen, so umfingen mich augenblicklich zwanzig Bauern, frugen mich ironisch, ob ich aus Baiern käme, lustige Menschen zu finden? wer ich sey etc. Für einen Wiener wollten sie mich durchaus nicht halten, und massen mich fortwährend mit scheelen Blicken. Als ich aber darauf bestand, nahm einer das Wort »du muscht an sakrisch guiden Poas hon, wonst su roas’n tuscht über d’ Staigl und Olma, bischt etwo gor a Spion?« Ich sah, der mißtrauischen Leute Vertrauen zu gewinnen, mich genöthigt, den Paß auszukramen, und ihn dem Aeltesten einzuhändigen. Mit viel bedeutender Miene studirte er die Petschaften der Polizeibehörden und Kreisämter, und gab ihn dann einem Zweiten und Dritten u. s. w. zur Prüfung, der Letzte stellte selben mit einer Art Ehrfurcht zurück, und bemerkte: »der Poaß« wäre sehr gut, lesen könnten sie ihn zwar nicht, aber die »sakrisch vielen Zoachen« darauf bewiesen, daß ich überall herumreisen 14könnte. Ich hatte Mühe, das Lachen zu verbeissen, mußte mich aber bald mit ihrer Unkenntniß aussöhnen, als sie Einer um den Andern vom Tanze zu mir eilten, und mit biederem Handdrucke einen Schluck von ihrem Getränke auf »Gut und Blut« anzunehmen baten.
Von Wien wollten Alle so Viel und Mancherlei wissen »vom gueten Koaser Franzl, Herzog Hannes« von guter Zukunft u. d. gl., daß ich bei theilweiser Befriedigung eine bedeutendere Ermattung durch Diskurs befürchtete, als nach etwa achtmeiliger Wanderung! Endlich kam ein alter Tabakraucher, nahm mich vertraulich bei der Hand, und sprach, es freue ihn, auch mir ein Vergnügen machen zu können, ich hätte ihn so unterhalten, daß er zum Danke seine (er zeigte auf zwei muntere Dirnen) Kinder aufgefordert habe, mit mir so lang ich wolle zu tanzen. Ich dankte für diese Gutherzigkeit, die mich für einen Korb, oder Händelsucht eifersüchtiger Liebhaber, welche bei Kirchtagen so häufig ihre blutige Rolle spielen, sicherte; schützte aber meine Ermüdung vor, welche mich hindere, an dem Tanze Theil zu nehmen.
Komisch war mir die Art, wie hier die Bettler befriediget werden: Da man ihnen selten Geld gibt, so tragen sie zwei Hefen (Töpfe) mit sich, und da werden die gereichten Stücke Fleisch, Brot und Zugemüse in das eine, und ihr bekommenes Bier- und Branntwein-Getränk in das andere Hefen gethan. Nun hatte aber ein solch thätiger Sammler vielleicht das erstere schon voll, und da ihm der angesprochene Bauer abermal ein Stück glühendheisses Boksfleisch reichte, wechselte er es, nachdem der Biertopf auf die 15Erde gesetzt wurde, aus einer Hand in die andere unter beständigem »Vergelts Gott« bis der Schmerz ihn übermannte, und er mit einem Schrei das brennende Stück auf den Tisch der Bauern hinzuwerfen strebte, fehlgetroffen es aber vergebens am Boden einem schnellen Hunde abjagen wollte, und noch überdieß dabei seinen Biertopf zertrat. Die verzogenen Gesichter und Gruppirungen der Spender und des erboßten Empfängers hätte man füglich als künstlich entworfenes Tableau belachen können.
Zwei hochstämmige Burschen mit Schnurbärten, erdrangen sich izt Sitze an meinem Tische; ihre Dirnen bewunderten deren errungene Preise des Bestschiessens und Kegelns. Ein Haushahn, welcher angebunden auf 200 Schritte durch Kugel erlegt wurde, und mit sechs Kaiserthalern den Hauptschuß lohnte, erweckte den Neid vorzüglich eines nebenan sitzenden alten Bauers, welcher dem Schützenhelden zwar Glück wünschte, sich aber vorzüglich um den Preiserfolg seines Buben beim Treffen erkundigte. Sie wußten ihm nichts zu sagen, er konnte seinen Unwillen brummend nicht verbergen, und rutschte unwillig auf der Bank umher. Nun aber trat ein riesenhafter Mann von beiläufig 26 Jahren, mit tiefen Bücken zur kleinen Thüre herein; das Gewehr traurig in der Hand, wollte er sich Bier geben lassen. »Do trink Kospa! bischt oaml do?« begann der Alte, »zoag wosch hoscht denn gwonga?« Noch trauriger wurde der Befragte, und blieb die Antwort schuldig. »Bischt ma a saubersch Bierbal!« schrie zornig der Vater, »schoissen konnscht nit, in d’ Schon werife a nit, su a 16Bierbla konn i a seya!« es duldete ihn nicht länger, er machte sich auf, und verließ die Stube; mich aber interessirte der Gedanke: nun einmal einen, nicht mit Schimpfnamen bezeichneten Buben zu sehen, welcher an Grösse dem heil. Christoph ähnlich, seine Körperkraft drei gewöhnlichen Männern entgegen biethen könnte.
Später, als des Getränkes geistige Wirkung sich fühlbarer aller Sinne bemächtigte, entkeimten die Kraft-Bravouren; Der trug drei, Jener vier Gefährten, trotz Sträuben zur Thüre hinaus. Bei Hebung eines grossen Steines entquoll Einem das Blut aus Mund und Nase. Faustdrängen und Hackenziehen nahm kein Ende, letzteres strengte sie so sehr an, daß Mehreren beim schmerzlichsten Zusammdrängen der Finger das Blut zwischen den Nägeln vorquoll, und Zweien sogar Finger ausgekegelt wurden.
Ueberzeugt, daß der Abend und die Nacht gleich tumultuarisch verfliessen würde, und daher auf Ruhe nicht zu denken wäre: packte ich meine Wenigkeit zusammen, und wanderte in Begleitung mehrerer Bauern, welche ebenfalls das Kirchweihfest zu Genüge empfunden, und nun nach Hause strebten, im Zillerthale aufwärts. Bewaldet, von vielen Gießbächen durchschnitten, reichen die Ausläufer der Voralpen wie zu Gerlos — auch in dieses Thal herab. Der grössere Zillerfluß und die häufigeren Wohnhäuschen bringen darein den wesentlichsten Unterschied.
Unter meinen Mitreisenden waren zwei bejahrte Männer, welche mit der silbernen Tapferkeits-Medaille von der Landesvertheidigung 1809 geschmückt, mir 17die Gegend um Steinach und des Sillflusses, dann den Berg Isel bei Innsbruck wohl zu beachten empfahlen; den Einen hatten dort merkliche Wunden auf Brust und Haupt geschmückt, dem Andern hatte der Heldentod dreier Söhne, von jenen Plätzen aus die bleibend schmerzliche ins Herz gefurcht. Sie frugen mich um den eigentlichen Zweck meiner mühvollen Wanderung über die Schneeberge ins Sillthal? und als ich versicherte: »die Festungen und Schanzen der Schöpfung zu bewundern, welche Muth und Vaterlandsliebe gegen alle usurpirende Gewaltthätigkeit mit ehrlichem Blute zu vertheidigen wußte,« drückten sie mir die Hand, und heisse Thränen in ihren feuerfangenden Augen bewiesen, daß Jeder von ihnen bei ähnlichem Drang der Umstände, zu wiederhohlter Aufopferung sammt der seines Lebens, für den guten Kaiser und eignen Ruhm freudigst bereit sey. Meine Liebe und Achtung hatte sich durch diese zwei Bewohner auf das ganze Thal ausgebreitet. Die armen Dörfchen Oede, Leimach und Hilpach, welche alle an der Zill liegend, mit ihren unansehnlichen Häuschen und kleinen Fensterchen so viel Demuth und Muthlosigkeit verrathen, entwickelten sich in meiner Phantasie zu Feldherrn-Pallästen, aus deren grossen Fenstern man kaum die Siege der Nation übersehen kann.
Meine Begleiter verloren sich in den einzelnen Hütten der Gemeinden Mühlbach, Burgstall und Holenzen. Soviel der Abend erlaubte, sah ich, daß diese Thalbewohner sich füglich als Stiefkinder der Ceres beklagen dürfen; Fleiß könnte man ihnen aber nicht absprechen. Denn, wo der Bauer kahle Berghöhen 18nur durch äusserste Anstrengung mittels hinaufgeschlepten Erdreiches urbar macht, und wenn der nächste Gußregen jene bittere Arbeit, sammt der darauf tröstenden Hoffnung einer kleinen Ernte, in das Thal niederschwemmt, die Herstellung seines Ackers durch belastete Butten aufs Neue beginnt: muß man als Muster der Thätigkeit und Geduld bewundern, und wünschen, daß endlich das Schicksal ermüde, diesem ausdauernden Menschenfleisse schadenfrohe Hindernisse entgegen zu werfen.
Den ausgedehnten
welcher der Schlüssel und Trostplatz des Ziller-, Stillupp-, Zem- und Duxer-Hauptthales, dann mittels dieser noch von anderen sieben Nebenthälern ist, wählte ich mir bei der vorgerückten Nacht zum Erholungsort. Da ich der Vortrefflichkeit eines hiesigen Wirthshauses vor dem anderen keinen bedeutenden Unterschied zutraute, so frug ich nicht um das beste — sondern um das nächste beste derselben. Man wies mich an eines, dem die Aussenseite so ziemlich den Stempel des elendsten aufdrückte. Zum Schlafen schien mit jedes gut; ich trat ein und konnte Anfangs Niemanden im erstickenden Tabaksdampf erkennen; bald aber sah ich, daß dieser den Imbiß und Hauptnahrungsstoff beim Biergetränke für acht Bauern ausmachte, welche sich wunderten, daß ich nicht auch mit der Pfeife meinen Appetit stillte, und lieber den jungen Käs hinunter zu würgen beschloß.
Ich wünschte Lagerstroh, man both mir aber 19Betten; zufrieden damit folgte ich dem Wirthe in eine stallähnliche Kammer, welche klein, niedrig, mit lücken-ähnlichem Fenster eher das Ansehen eines Kerkers als Gastzimmers besaß; zwei Betten sprachen darin die wohlthätige Bestimmung aus. Eben entsetzte ich mich über die schlechte Wahl meiner Nachtherberge, als mich der Wirth noch mit der lächerlichen Frage zu necken schien, »ob denn der Hund auch gehörig reinlich wäre, daß ich ihn über Nacht im Zimmer belasse?« »Wenn er da bleibt« gab ich erboßt zur Antwort, »so geschieht es nur aus Anhänglichkeit für mich, sonst würde sich das Thier gewiß einen andern Ort suchen.« Der Wirth schien meine bittere Bemerkung nicht zu fühlen, wünschte gute Ruhe und ging. Kaum daß er die Thüre hinter sich verriegelte, so war auch schon das Stückchen Kerzendocht ausgebrannt; ich rief — vergebens! — In der Finsterniß umhertappend fand ich endlich doch meine Ledertasche, und benützte die gehörigen Feuerrequisiten, um mir beim Lichte das Bett zu besehen. Wie erstaunte ich aber, als ich auf dem grossen Leinentuche und denen Pölstern grosse Blutflecken erkannte; das andere Bette hatte noch häufigere Schreckensmerkmale aufzuweisen; ich hob in banger Ahndung den Strohsack, und sieh! ein altes Beinkleid und Jake war unter demselben verborgen. Nun hatte ich genug! Hinaus zu entkommen, war vergebens, weil die Thür vom Wirthe ohne meine Widerrede verschlossen wurde; das Fenster, ja dieses konnte mich retten; ich öffnete es — o weh! ein grosser Holzstoß hatte unzubesiegendes Bollwerk vor dasselbe gefestet.
20Ueberlegend, ob ich im Stande wäre, aus diesem einzelnen Hause die Hülfe der Nachbarn aufzufordern, oder ob das Rufen desto gewisser zu meinem Untergange beitrage, hörte ich deutlich nebenan Gelächter tiefer Baßstimmen. Ich hatte mich vorher um das Lokale nicht sonderlich bekümmert, glaubte aber auf jeden Fall die obbenannten acht fürchterlichen Tabakschmaucher, welche vermuthlich nebst Wilddieberei auch andere Jagden sich erlauben, als Schlafnachbarn zu verspüren. In der untersuchten Breterwand überraschte mich eine kleine Thür; sie öffnend, trat ich in ein noch tieferes Gemach als das meinige gewesen. Alle Einrichtung, welche darin vorfindig war, bestand ausser einem verrosteten französischen Kavallerie Pallasch — in lauter Eßmaterialien: Erdäpfel, Butter, Käse, schwarzes Mehl, drei geselchte Schinken und ein Fäßchen mit Essig warteten auf Ablösung. Dieß beruhigte mich; ich erkannte in dem behutsamen Zusperren meines Zimmers, des Wirthes nicht zu tadelnde Mißtrauen, vor unbekannten Fremden sein Eigenthum zu verwahren; der Säbel, welcher nur mit äusserster Anstrengung aus der Scheide ging, zeigte nicht minder des Besitzers friedliebende Gesinnung; aber das Blut, dieser verdammte Warner! machte mir gleichwohl etwas bange. Ich war zu matt, die ganze Nacht wachend zu verbleiben, und konnte mir auch nicht diese Möglichkeit vergewissen; heftete daher den bewährten Duna mit der Schnur an meinen Fuß, und warf mich angezogen aufs Bette, bei der geringsten Spur von des Hundes Wachsamkeit, die wohlbereiteten Waffen zu gebrauchen. Die brennende Wachskerze 21stellte ich in die halbgeleerte Wasserflasche, Unglück durch eigene Schuld nicht zu erzeugen.
Ich mochte einige Stunden geschlafen haben, da rüttelte mich fürchterlicher Schmerz aus der unbehaglichen Ruhe. Ich fühlte mein Gesicht, Leib und Hände brennen; es waren die verdammten Zecken, Schafkäfer, Achtfüßler und sonstige Ungeziefer, welche meinen Körper zu zergeisseln die Grausamkeit hatten, und dieselbe vermehrten, je häufiger ich die Unholde unwissend zerdrückte. Ich leuchtete umher, der ganze Boden war feucht und hohl, und die ergibigste Kolonie für Unken, während die Käfer vom nahen Schafstalle oder aufgehäuften Häuten am Dachboden ihren Ursprung zu entlehnen schienen. Noch nie solche Quälgeister empfunden, war ich thätigst besorgt, sie schleunig zu bannen, und den Ort, wenn auch die gräßlichere Meinung davon schwand, wegen der allenthalben sich aufdringenden Unreinlichkeit zu verlassen. Mein Klopfen und Rufen wollte Niemand hören, ich mußte, am Sessel sitzend, noch zwei Stunden abwarten, bis mit Thor-ähnlichem Gähnen der Wirth mich dieser Marterkammer entließ. Auf seine Frage wegen des zeitlichen Aufstehens, mußte ich ihm die Unreinlichkeit der Behausung, und Tollheit, mich einzusperren, vorhalten. Wider Vermuthen betheuerte er äusserst grob, solche Gäste gar nicht zu benöthigen, welche wegen einiger Groschen das ganze Haus geblankt haben wollen, und Nachts mit lästigen Lärmen alle Einwohner wecken; die Betten seyen ohnlängst erst überzogen worden, und wenn auch das eine von Nasenblutstropfen 22befleckt wäre, so brauchte ich nicht gerade dasselbe zu benützen.
Ich wollte den Streit nicht heftiger beginnen, und ging, jeden Reisenden in Vorhinein bedauernd, der in dieser Barake Erhohlung sucht. Da es erst vier Uhr war, hätte mich leicht der schlangenförmige Pfad in der Finsterniß irre leiten können; allein der Zufall wollte, daß ich gestern noch mich um Lage und Strasse nach Finkenberg erkundigte, und so die drei Thäler mit ihren herausströmenden Bächen Zill, Stillupp und Zem links lassend, dem
entgegen wanderte.
Ein Herbstmorgen in Alpenthälern ist etwas ganz Besonders; man kann ihn studiren und vergleichen, und kämpft sich sobald nicht heraus. Kahl und ernst stehen die hohen Berge sich gegenüber; sie scheinen losbrechen zu wollen über das tiefe Thal, dessen brausendes Murren aus den beflügelten Bächen sie erbittert. Schon schneiden sich schärfer ihre drohenden Formen aus, schon zittert der Wanderer für die Möglichkeit, ihre steilen Wände zu besiegen; da blendet eine Nebelwolke die gefährlichsten Stellen der Stolzen; weiter und tiefer dehnt sich der Schleier, und kleine Inseln vom grünen Gezweige, und braune Felsenkegel erübrigen nur, um Zeugen der Bezähmung ihrer starken Familie zu seyn.
Itzt öffnet der Bach seinen verborgenen Schatz; auf steigen daraus die Dünste des Morgens dem kalten Beete, schlagen sich wie Meereswogen über die 23Wipfel der Bäume, und wälzen an den Wänden zu den Wolken sich hinauf, um mit den Dünsten des Himmels in Verwandtschaft zu treten, und auf den Zinnen der Alpen die Vermählung zu feiern. Verändert ist die Welt, entschwunden der Reiz und die Sorge des Wanderers, er hoffet und fürchtet zugleich, die riesigen Zeugen der Ewigkeit längst hinter sich zu haben, und eine unbegränzte Fläche bei Sonneneindrang zu ersehen. Vergebens blickt er um Aufklärung; verschlossen, wie alle Zukunft, weilt sie, den Sterblichen mit Geduld zu waffnen, die ungewisse Bescherung ihm erträglich zu machen. Doch endlich, wie die Nebel sich einzeln ihre Plätze errangen, ziehen sie wieder ungeordnet zur wohlthuenden Bestimmung; der Schöpfer nimmt sie auf unter die Wolken des gesegneten Regens, oder weis’t ihnen den jungen Tag an, auf der Erde ihr sanftes Grab zu bereiten.
Die Welt wächst, höher und höher umfängt sie den Pilger, wie die Nebel schwinden; er bleibt der vorige, er bleibe es immer! Kein wolkentrüber Augenblick drücke ihn nieder zum Kleinmuthe, um ihn bei des Glückes Sonnenblicken empor zu schwingen zu des Hochmuths und Stolzes großthuendem Wahn; die Mitmenschen, jene schwachen Spielballen des Schicksals seyen sein Spiegel! — Wohl ihm, wenn er beharrlich an den Anker der Kraft sich gekettet, dann trotzt er dem Sturme und siegt über den Tumel der Wellen.
Während diesem Dekorationenspiel des kämpfenden Morgens, hatte ich das heitere Dörfchen Finkenberg 24nach anderthalb Stunden zurückgelegt; ausgesöhnt mit dem schwächer gewordenen Duxerbache, zog nun der Gangsteig vertraulich an seinen Ufern aufwärts. Hüttchen mit kleinen Wiesen und Ackerfleckchen, rechts wie auf einem Schachbrete sich kreuzend, spielten in eben dem Grade die sanfte Idylle: als links auf schroffen Berghöhen die finsteren Wälder, und rings sie umzingelnden Schneealpen[1] das ernste Epos herabsprachen. Ich fühlte mich dermassen froh und aufgeräumt, daß ich diesen holperig elenden Saumweg mehr tanzend als kletternd in einer Stunde zurücklegte, und nie wahrhafter den Entgang eines mitgeniessenden Freundes beklagte, als itzt, wo jede Wendung des Weges neue Seltenheiten zum Jubel both.
[1] Waren ehemals die Heimath der leider nun ganz ausgestorbenen Steinböcke.
Bei Duxer-Eck fällt vom Lachtelberge durch grüne Thalschlucht ein namenloses Bächlein in den Hauptbach, sorglos um die kurze Freiheit, unterhält es in derselben zum eigenen Ruhme, eine herrliche Cascade. In der kleinen Gemeinde Zettach suchte ich einen Führer über die Eisspitzen und Schneeberge ins Sillthal; aber zu meinem Verdrusse schienen oder wollten diese Bergkundigen von keinem anderen Wege was wissen — als über den Nürpner-Schneekopf, und dann durchs Wörer-Thal am Bache nach Wör ins Innthal. Mit dem Frühstücke sah es eben so schlecht aus; ich mußte mich in beiden auf
vertrösten. Dieses Dorf, wenn es auch von allen Glücksgütern der Erde weit geschieden ist, und häufiger von Gießbächen, Schlossen und Schneelavinen, als von milden Sonnenblicken heimgesucht wird: stimmt doch den Fremden zu stiller Bewunderung, und entlockt ihm den Wunsch, hier einige Tage zu verleben. Eingeschlossen, wie von den Wänden des Plutus, drängen sich die reinlichen Häuschen zum Bache, um durch diesen reisenden Dollmetsch mit der lebenden Aussenwelt noch im Verkehr zu bleiben. Kein Gesicht, kein Kopfhängen, klagt über das Unglück der Abgeschiedenheit; man fühlt sich genug begünstigt, daß unter den wenigen Nachbarn, weder Wölfe — Schafshüllen borgen, noch Kunstwörter Pfeile spitzen; und das Aussehen! — Voll und gesund gleicht der Mann den einstigen Heroen Germaniens, welche die Weichlichkeit mit dem entnervten Römer zugleich zertraten; das Weib aber prahlt mit der Gesundheit auf ihrem Antlitz, wenn es auch schon die Kreuze der Jahre durchzogen; sie schämt sich derselben nicht, denn wackere Töchter bestätigen der geachteten Mutter ungeschwächte Jugend, und das Verlangen, ihr ähnlich zu werden. Alle Achtung zollte ich dem Duxer-Thale, und ich wünschte, daß so mancher Jüngling, welchen sein reicher Vater nach Paris und London schickte — Sitten und Lebensart zu lernen, statt dessen sich hieher verirrt hätte; alle eitlen Mütter aber, die ihre koquetten Töchter nicht genug von Marchandemoden verbiegen lassen können, in Lanerbach Toilette machen 26liessen, und die späteren Jahre würden mir für diesen Rath Dank bringen.
Gesang und Jubel, aber nicht durch Getränk erzwungen, tönte von Höhen und Thälern zu mir; ich frug um das Wirthshaus — stand dabei und wußte es nicht! Still und klein, wie die Bescheidenheit, schien es nur da zu seyn, um dem Dorfe sein Gerechtsam nicht zu entziehen.
Der Wirth, mehr Hausvater, als Knecht des Lyäus, war aussen beschäftigt, mit dem Spaten einen widerspenstigen Acker zu bekämpfen[2]; seine Sprößlinge, für die er sich herzhafter mühte, halfen ihm dabei, um ihre zarten Muskeln zu stärken, zur einstigen Ueberhebung des schwach gewordenen Vaters. Die Mutter viel natürlicher als wirthisch gesinnt, bedauerte, daß im ganzen Hause zum Imbiß für einen so seltenen Gast nichts Gehöriges aufgebracht werden könne; jedoch sollte ich unterdessen mit Bier, Schnapps, Käse und dürrem Schwarzbrote mich begnügen, ihr Mann würde schon zu etwas Besserem Rath wissen.
[2] Wie überhaupt in mehreren Thälern Tirols auf den ungemein steilen Berghöhen weder Pferde noch Ochsen vor den Pflug gespannt werden können, sondern derselbe durch Menschenhände allein ersetzt werden muß.
Fort lief sie, als hinge von meiner Zufriedenheit das Heil ihres Hauses ab; ich war allein, allein in der Wohnung, wo unverschlossen mir alle kleine Habe der Familie anvertraut wurde. O wie wohlthuend schmeichelt dem Menschen seiner Mitbrüder Zutrauen! wie unvergeßlich wurzelt es, weil es so selten ist! 27Möget ihr nie diese Tugend durch höllischen Verrath büssen!
Nach einer halben Stunde kamen meine Wirthsleute zurück; ich habe noch von keinem Tiroler das Du lieber angenommen, als von diesem ehrlichen Kopfe; er setzte sich zu mir, frug um Neuigkeiten, prüfte und lobte mein Gewehr, und zeigte dann, wie seine Buben schon dasselbe zu schwingen vermöchten. Angenehmes Staunen fesselte mich, als ich plötzlich die Wirthin mit einer grossen Schüssel schön gesottener Forellen, und einer andern voll Milchsuppe zum Tisch hüpfen sah. »Dieß sey alles, was ich für itzt ansprechen könne, (lautete die wohlklingende Einladung), sollte ich aber länger verweilen, so käme es nicht zum Verhungern!«
Besser als jeder Prasserschmaus, behagte mir dieses unerwartete Frühstück, das, ich vermuthete es, auch mein Mittagmahl ausmachte. Die Zeche, welche ich, wenn auch übergroß, gerne vergessen hätte, mußte ich wider Willen so gering berechnet sehen, daß mir einen Augenblick bange wurde, wie ich dem seltenen Manne ohne Beleidigung meine Erkenntlichkeit beweisen könnte.
Sein Junge führte mich unter lauten Glückswünschen der braven Eltern zu einem einzelnen Hause, worin der aller Gebirgswege kundige Wegweiser wohnte. Ich sehe mich aus Dankbarkeit genöthiget, dessen Namen und nähere Schilderung zu übergehen, weil er trotz seiner hinlänglich bewiesenen Treue und Ehrlichkeit für meine Person, doch andern Lockungen nicht so enthaltsam und lobenswerth widerstand. Nebst Bergstock 28und Steigeisen nahm er ein wohl erhaltenes Gewehr mit, um nach seiner Aeusserung, vielleicht einen Raubvogel zu pelzen. Da er mich überredete, nach Sterzing und Passeyer nicht den lästigen Weg einzuschlagen, über Juns Moos durchs heitere Duxer-Thal längst des Schneetauern, sonach abwärts gegen Toldern am Schmiernerbache auf Staflach, wegen der sofort überlangen Strecke durchs Sill- und übern Prenner dann ins Eisakthal: so unterzog ich mich seinem Willen, zum Rückweg nach Finkenberg; wornach wir vom Zemthale aus die Wanderung beginnen, und auf Plätze kommen sollten, welche ebensowohl schöne Alpen-Ansichten als notorische Merkwürdigkeiten aufzuweisen hätten; daß dafür steilere Steigeln droheten, wollten wir Keiner bemerken.
Es mochten kaum anderthalb Stunden verflossen seyn, als wir im
uns befanden. Wenn dieser Name auf den wenigsten älteren Karten steht, und Millionen von seiner Existenz gar nichts wissen; so glaube ich dieses damit zu entschuldigen: daß die Menschen grosse Länderstrecken, welche verlassen und geschieen keinen Nutzen versprechen, auch nicht als bestehend betrachten; nur die höchsten Glätscher und Eisferner, als ausserordentliche Gegenstände, machen darin eine Ausnahme.
Das Zemthal, welches auf einer Länge von vier Stunden, nicht so viele Wohnhäuser zählt, besitzt (vielleicht Alpenwiesen ausgenommen) auch nicht ein Joch fruchtbaren Ackergrundes. Die ewigen Eisberge, deren 29niedrigere Ausläufer ins Thal hie und da einen dürftigen Nadelwald nähren, machen in Tirol keine Seltenheit; die steilen Felsen sind zu karg, etwas anderes als tobende Gießbäche durchzulassen; Flächen, welche das Wasser in der Ebene zum gewöhnlichen Beete nicht bedarf, decken boshaft dessen mitgeführte Steine, die es bei Gußregen den hohen Wänden entrieß. Wahrhaftig! hier könnte der emsigste Ansiedler ausser Steinen, Holz und Wasser, nichts erzwingen! Aus einem engen Thale zur Linken stürzt der Floiten-Bach; zwei Brücken über ihn und den älteren Zembach nahe beisammen geschlagen, sind die einzigen Zeugen, daß auch hier, in dem abgestorbensten Winkel, die rege Menschenhand wirkte.
Nun wandert man fortwährend am linken Ufer der immer kleiner aber widerspänstiger werdenden Nymphe; leere Hüttchen und Gangsteige deuten auf die muthmaßliche Anlage einiger Sennereien, welche in den Schluchten ihren Nutzen finden mögen; aber kein Peitschenknall, kein Gebrüll oder Glockengeläute sichert die Meinung. Immer steiler und gefährlicher wird das Klettern; wir mußten uns mit Steigeisen bewaffnen, dem feindlichen Pfade nicht zu erliegen. Der Zemer- und Zamserbach laufen hier zusammen, sie spielen mit eigenem Beifall die Meisterrollen auf dieser nie besuchten Bühne, weil kein Dritter es wagt, zwischen ihnen als Gast aufzutreten. Einiges Krummholz wuchert auf den Wänden des Zamserbaches, dessen Uferbeete wir nun aufwärts folgen sollten, wenn mein Führer nicht andere Spekulationen gebrütet hätte. Schon bettete sich Schnee zu unseren Füssen, schon 30grinsten die Gespensthäupter der zahlreichen Ferner[3] über die grünere Bergwelt, als mein Begleiter für gut fand, nach der vierstündigen Wanderung etwas zu rasten, und den mitgenommenen Schnapps- und Brotvorrath als Stärkung zu verzehren. Mir war dieß sehr erwünscht, da ich weiter wie er heute hergekommen, meine Ermattung kaum mehr zu bekämpfen vermochte. Der bleiche Stein, welcher uns beiden zu Sitzen und Tafel diente, war mit drey grossen Flecken von Schießpulver geschwärzt. Dieß war nach meines Führers Aussage ein Zeichen, daß Jäger-Nachstellungen für die Raubschützen zu besorgen wären; ein Kamerad pflege die Anderen, welche auf diesem Wege gemeiniglich ihrer Erbsünde, der Wilddieberei nachgehen, bei sicherer Erfahrung zu warnen; doch sei solche Markirung bisweilen eine List, sich mehrerer Mitschützen durch Furcht zu entledigen, und die gehoffte Beute leichter und ungetheilt für sich allein zu gewinnen.
[3] Ist in Tirol eine Benennung der höchsten, ewig mit Eis und Schnee bethürmten Alpen, welche todt für alle Vegetation, nicht einmal Gemsen beherbergen, ihnen aber dennoch bisweilen als kurze Zuflucht dienen.
Finsterer breitet sich itzt allmählig das Dunkel auf’s harrende Thal. Apollo’s ätherisches Licht scheint nicht hinabreichen zu können durch die Pyramiden von Alpen und lange Verhaue der Wälder, auf die gepreßte Kluft. Man bedauert und vergißt sie, weil man 31ängstlicher fürchtet, durch Vorwürfe des Sonnengottes Zorn zu reitzen auf den ihm huldigenden Alpen. Es war Zeit zum Aufbruch. Wir folgten noch eine mässige Strecke dem Bache aufwärts, der itzt brüllend die Sprache der Freiheit führte, und durch kühne Sätze beinahe eine ununterbrochene Cascade bildete. Man sah keinen Weg, frischer Schnee und Steingerölle machte fortwährend unseren feindlichen Widersacher; der Führer bemerkte nach meiner deßhalbigen Klage, daß es noch viel schlimmer kommen werde; die Jahreszeit sey schon zu weit vorgerückt, der junge Schnee wäre untragbar, und habe weiter oben vermuthlich den Bach gehemmt, wo wir dann theilweise durchwaten oder glatte Wände übersteigen müßten; wollte ich mich aber gleich einer kleinen Anstrengung unterziehen, so könnten wir auf der Höhenwand die von Sonnengluth und Frost ewig gefesteten Schneedecken gefahrlos überschreiten. War es wirklich so, oder ließ ihn der vermuthete Erfolg diese Finte ersinnen; kurz, ich mußte mich entschließen, links eine Felsenmauer zu besiegen, so schroff und drohend, daß mir beim Gedanken, sie zu überklettern, der Athem stockte. Ohne viel Umstände schleppte aber der Führer meine Tasche mit allen Habseligkeiten und Geldvorrath über die Spitzen und Abhänge hinauf, und ich folgte dem Köder, getröstet, daß wir solchen verwünschten Weg nicht abwärts wählen sollten, wo ich gewiß verunglückt wäre. Das Gestein war fest, nahm jedoch kein Ende, wir mußten bisweilen ausruhen auf den vorragenden Kanten, wo nur die Zehenspitzen Platz fanden, indeß der Fußballen frei über 32dem Abgrunde schwebte; ich wagte nicht, hinabzuschauen, meinem geängstigten Hunde Muth zuzusprechen, der winselnd sein Nichtweiterkommen klagte. Wie Duna nachkam, weiß ich nicht, aber er stand neben mir, als von Angst und Anstrengung schwitzend, ich oben auf dem Schmollkahr ausrastete; die perpendikuläre Höhe dieser Wand, welche ein Ausläufer des gewaltigen Fustschlag-Ferners ist, möge über 200 Klafter betragen. Mein Mentor deutete gegen Westen auf eine längliche Schneewölbung; dieß sey die Prennersspitze, versicherte er, man könne bei heiterem Tage deutlich die Landesvermessungs-Pyramide darauf ausnehmen; die Poststrasse überlaufe nur seinen niedrigsten Rücken[4], der unserem Standpunkte schon weit untergeordnet wäre. Kaum daß noch ein kleiner See sich zu verrathen Zeit hatte, schloß die Unterwelt ihre Hallen und Geheimnisse; denn bald hatte uns ein Wolkenschleier umhüllt, der, obgleich lästig, doch nicht gefährlich schien, so lange wir auf dem erträglichen Felsrücken fortschritten. Nun aber hieß es wieder empor, über Felsen und Schneefelder, die seltsam genug aussahen, im Nebel passirt zu werden, und welcher, je tiefer wir im erweichten Schnee fortackerten, desto zutraulicher uns zu umstricken schien, ohne daß die fühlbare Sonnengluth selben zu durchdringen vermochte. Mir wurde allmählich etwas bange wegen der Abgründe und muthmaßlichen Irrwege auf dieser Scheidewand des Himmels und der Erde. 33Immer kleiner — auf einige Klafter wurde die Gränze unseres sichtlichen Wirkungskreises beschrenkt, und von allen Anderen nahm das graue Land der Ewigkeit Besitz. Um so weniger konnte ich aus meinem Führer klug werden, der eine zunehmend fröhlichere Miene zeigte, je dichter sich die Wolkenballen um unsere Füsse schlugen; er bat mich, nicht zu murren, indem er den Weg so gut wisse, wie von seiner Hütte ins Wirthshaus. Zum Erstaunen versicherte er, daß unbezweifelt links (oder südlich) nebst dem Fustschlag- der Möselo- und Weiß-Lint-Ferner und die Hochseil-Spitze, rechts der Stampfl-Alpeiner- und Duxer-Ferner mit der gefrornen Wand, vor uns die Alpenspitzen des wilden Kreuzes, Wurmauls, der Norn und Grobwand, und hinter uns das Ingentkor aufstiegen.
[4] 4160 Fuß über dem mittelländischen Meere.
Bisweilige Durchrisse des Nebels wiesen in der That auf jenen bezeichneten Stellen hoch überragende Alpenkegel, denen ich auch bei dieser Bewährung den vorhergesagten Namen zutraute. Wir mußten sonach links abermal eine halsbrecherische Wand des Fustschlag-Ferners auf Händ und Füssen überklettern, um rechts einer schauerlichen Kluft, in welcher aus geschmolzenem Schnee der Zamserbach sein Gewässer für das gleichnamige Thal sammelt, auszuweichen. Still feierten die Dryaden die Geburt dieser Nymphe, welche zu zart und bescheiden war, mit Getöse zu erscheinen; desto sicherer aber würde sie den Unvorsichtigen zerschmettern, welcher zu kühn ihrer Wiege sich nahete.
Einen anschaulichen Begriff von solcher Gefahr 34lieferte nunmehr unsere Wanderung; ich glaubte sicher zu treten, und dennoch erschreckte mich das krachende Bersten der unter dem lockeren Schnee ausgebreiteten Eisdecke, auf welcher wir zwar manche Untiefen brückenähnlich übersetzten, wenn aber durch unsere Schwere bisweilen die hohle Masse brach, blaugrüne Schlünde zwischen den Rissen heraufgähnten, alles zu verschlingen. Der lange Bergstock ist bei solcher Gelegenheit von größtem Werth, man prüft damit die Oberfläche und überschwingt sich eben mit diesem bei deren Unverläßlichkeit. Gewöhnlich trägt man denselben in der Mitte anfassend in horizontaler Richtung, um bei unverhofftem Sturze in die tiefe Kluft, an dem krampfhaft umfaßten Stock eine rettende Spreitze zu haben.
Dünner wurden die Nebel; der Führer, noch immer mit meinem Gepäcke belastet, wünschte, obgleich wir einer dem andern mit schlechtem Beispiele vorangingen und bedeutende Strecken hinabrutschten, noch schneller zu eilen auf dem mehr Luft- als Erdpfade. Ich erkundigte mich um die Ursache dieser gefährlichen Fluchtreise, welche meine Kräfte bis zum Niedersinken schwächte, konnte aber, ausser seiner Bitte um Stillschweigen, nichts erfahren.
Itzt hatten wir eine Felsenscharte erklommen, undeutlich waren noch die schroffen Umrisse derselben; der Führer legte meine Jagdtasche ab, und bat, ihm zu wahrscheinlichem Glücke den Gefallen zu erweisen, 35nach einem Fingerpfiff meine beiden Läufe auszuschiessen.
Ich war nunmehr von der ausgedachten Spekulation einer Wilddieberei überzeugt, sie konnte vielleicht fehlschlagen; weigerte ich mich aber, seinem Ansinnen zu entsprechen, so hätte er Rache nehmend, in den bekannten Felsenschluchten sich schnell fortbegeben und mich in der umnebelten Alpenwüste zurücklassen können, um keiner geringeren — als Lebens-Gefahr mich preiszugeben.
Er verlor sich auf den hohen Felsenzacken; ich behauptete den mir angewiesenen Wachposten mit ähnlichem Herzpochen eines Rekruten, der zum erstenmal als Plänkler den Feind angreifen soll.
Lange harrte ich auf den Signalpfiff; endlich erscholl er, und Donner verkündigte meiner Läufe Entladung; bald darauf krachte es jenseits über der Alpenwand. Noch wiederholten sich die schneeigen Klüfte die seltenen Töne, noch rauschten abrollende Steine gegenüber, als ich den Erfolg zu wissen, ebenfalls der vom Führer erstiegenen Wand zueilte. Aber es war unmöglich da fortzukommen; mit Bastionen und Laufgräben schien die Schöpfung hier alles Weiterschreiten versagt zu haben, und die dunstige Atmosphäre zeigte kein heimliches Pförtchen, günstiger auf die Festung zu gelangen.
Weitere Berathschlagung hob des Wildjägers Ruf, welcher zurückgekehrt mich bereits bei dem verabredeten Plätzchen vermißte. Als ich hinabkam, bat er um meinen Beistand, indem er den wohlgetroffenen Gemsenbock schwerlich aus schroffer Kluft allein holen könne, 36und überdieß frische Spuren im Schnee, die schon heutige Anwesenheit zweier Schützen bei diesem Wechselpuncte andeuteten, und ihn desto mehr zur Eile zwängen, als dieser schöne Bock bei Rückkehr der Vorbenannten leicht blutige Auftritte bezwecken könnte.
Wenn man schon zu einer unerlaubten Handlung noch so unbedeutend mitwirkte, so führt diese immer die nachfolgenden grösseren nach sich. Ich mußte ihn nun in dem Vorhaben schnell unterstützen, um seine Nebenbuhler oder Feinde, nicht auch mir auf den Hals zu laden. Wir umkletterten die Wand auf einige Tausend Schritte, da grinste von einem kahlen Felsenrücken zwischen zwei Spitzen ein tiefer Abgrund, in dem lag der Bock, welchen mein Begleiter in dem Augenblicke schoß, als die Gemsen von meinem Schiessen jenseits aufgeschreckt, aus ihrem für Menschen unzugänglichen Sicherheitsorte dem ungesehenen Lauerer in den Schuß sprangen. Den Stahlhacken meiner mitführenden starken Schnur faßte des Glücksjägers eine Hand, mit der andern benützte er die vorragenden Steine zu seinem Vortheile, indeß ich von oben zeitweise immer einige Ellen nachließ, bis die Schnur erschöpft war, und er dann in augenscheinlichster Lebensgefahr nur mittels der Steigeisen sich gänzlich hinab begab, zu meinem Entsetzen den Mund auf die triefende Kugelwunde der Gemse preßte, und geraume Zeit das warme Blut (Fasch) ohne Unterbrechung genoß; sodann band er die vielgeliebte Beute auf den Rücken, und kletterte bis zum Schnurhacken sehr behende empor, woran ich zuerst das Wild, und sonach ihn heraufzog. Wie zum Danke both er mir 37auch etwas von dem gräßlichen Getränk, ich war verblüfft und konnte ihm nichts als meinen Abscheu dawider bezeugen. Er schien sich nicht daran zu kehren, hieß mich noch etwas gedulden, nahm um seine Nachfolger zu beirren, den vom Blute triefenden Bock, und wanderte, damit die Fährte geflissentlich andeutend, eine weite Strecke über gewölbte Schneefelder gegen Süden bis auf einen Abhang von schneelosem Steingerölle. Dort verstopfte er die schon größtentheils verblutete Kugelwunde mit Werg, band sein Tuch über das vom Sturze beschädigte Haupt des Gemsenbocks, und kehrte dann verkehrt gehend mit gleicher Spur seiner vorigen Hinfußtritte darneben zurück. Sonach schien es, als wenn zwei Schützen von dieser Stelle mit der Beute gegen Pfunders oder Vals ins Pusterthal hinabgewandert wären, statt daß wir in entgegengesetzter Richtung über kahle Felsen nordöstlich dem Pfitscherthale zuwanderten.
Ich bewunderte die List und Schlauheit dieses Raubschützen-Genies, das mit dessen platter Erziehung in gar keinem Vergleiche stand. »Man könne sich nicht genug hüthen,« bemerkte er, »daß einem die Steinacher und Hinterduxer den seltenen Gewinn nicht abjagen, indem die Gemsen schon sehr selten und ihre Nachsteller immer häufiger würden, überdieß wäre solch schönes Stück schon seit langer Zeit nicht erlegt worden.« Ich fragte, wie hoch er dessen Werth anschlage? »Der Bart[5]« erwiederte er, »gelte unter 38Brüdern sechs baierische Gulden, Decke und Fleisch seyen dasselbe im Kaufe. Um 12 fl. R. W. also Leben oder Freiheit zum Spiel setzen, ohne seine Pflichten und Familie zu bedenken!
[5] Welcher aber nicht am Kopftheile, sondern am Heschen zu suchen ist, und dann die werthvollste Hutzierde der Gebirgler ausmacht.
Ich konnte die Frage nicht unterdrücken, ob das Blut, welches er mit so vieler Gierde getrunken, ebenfalls unter die Geldartikeln zu setzen wäre? — Dieß möchte Mancher um den höchsten Preis an sich zu bringen suchen, behauptete er, wenn es nur möglich wäre, es Kranken frisch zu liefern; Schwindel und Frost ist Dem unbekannt, welcher warmes Gemsensblut trinkt; glücklich wird immer der Schütze jagen, wenn er von jeder erlegten Gemse seinen Durst mit Blute gelöscht. Ich bezweifelte diese Versicherung und lobte als Gegenbeweis meine Schwindellosigkeit bei niemalig ähnlichem Trankgenuß. Treuherzig rieth er, noch nicht zu jubeln, ich würde gewiß das Genick brechen, wenn jenes Wundergetränk ich verschmähend, noch lange auf Alpen mich herumtriebe. Diese Versicherung wäre mir an dem tragischen Orte ganz sonderbar vorgekommen, hätte ich sie nicht, gleich allen Vorurtheilen der Bauern, lächerlich gefunden.
Etwas reiner wurde das Firmament, ich freute mich dessen; der Führer war itzt auch damit zufrieden, indem es nur nicht früher eintraf, wo er sonst schwerlich sein Glück gemacht hätte. Mißmuthig entstieg ich allmählig einer Höhenwand nach der andern, ohne die gehoffte Uebersicht genossen zu haben, der Tag war und blieb ungünstig für Alpenreisen. »Wo sind die Zinken, wo die Ferner und Eiszähne, welche wie Obelisken und Sarkophagen, wie Tempel und Triumphpforten 39der Schöpfung im diamantenen Schimmer auf diesen kolossalen Grundmauern sich reihen? — Sie schienen aufgezehrt von eitlen Dünsten, welche alles Herrliche anzugreifen, alles Schöne zu besudeln suchen, durch Verderben sich geltend zu machen!«
Der steile Abhang führte uns bald an dem Beete des kaum gebornen Pfitscher-Baches einigen Sennhütten vorbei, die aber bereits verlassen, und mit Schnee gebleicht, keinen freundlichen Willkomm verkündeten. Mein Begleiter machte mich dabei auf den Männermuth der Tiroler-Dirnen aufmerksam. 1809 bei dem patriotischen Volkskriege des Landes gegen die aufgedrungenen Soldknechte, zog alles, was ein starkes Herz hatte, wider die verhaßten Fremdlinge zu Felde. Die schwächeren Dirnen (denn die erwachsenen und Weiber schlossen sich an die männlichen Reihen zum Kampfe,) wurden zur Huth des Viehes in die entlegeneren Gebirge beordert. Da geschah es denn, daß mehrere feindliche Freibeuter, die Kunde von dem hier aufgestellten Horn- und Schafvieh, für ihren Vortheil benützen wollten, und wohlbewaffnet dieser Höhe zukletterten. Allein die sorgsamen Dirnen hatten ihre Posten eben so kühn als geschickt vertheilt, und eh noch ein Mann als Sieger der kleinen Wiesenfläche nahte, hatte schon gewaltiger Steinregen die Räuber verwundet, und in die Flucht gejagt.
In einem Felsenloche versteckte nun der Schütze seinen Raub, und deckte ihn sorglichst mit Zweigen, Steinen und Schnee.
40Ein Nadelwald, sich zusehends in seiner Vertiefung höher und enger bildend, duldete uns geraume Strecke auf seinem glatten Gangsteige, dann aber mußten wir den versiegten, an oder inner den Ufern des Baches wählen, der mit allen Zeichen des Uebermuthes uns bald von oben herab tüchtig näßte, bald zum Durchwaten aufs jenseitige Ufer zwang. Zwei schöne Cascaden söhnten mich indes mit diesem Poltrone aus.
Wir waren bereits zum gewöhnlichen Gangsteig zurückgekehrt; mich wunderte der Abstand, jenseits im Zemthale gar kein Wohnhaus, und hier, obgleich nur armselige Hüttchen, mit der Benennung Stein, Sand, St. Jakob, doch in gleich wilder Kluft angesiedelt zu sehen. Wenn nicht Viehstand diese Menschen ernährte, so wüßte ich nicht, wie Jemand hier verzweifeln oder verhungern möge. Die Pfitsch stürzt nun über schroffe Felsen hinab, welche den Menschen die Mitreise verbiethen. Der Umweg über die Höhe des Dörfchens Kematen brachte mir vortreffliche Milch zur Labung. Wir waren nun dem Prenner am nächsten gekommen, und wanderten bereits auf seiner auslaufenden Arme unebenem Gebiethe, über Widen nach Straßberg, wo wieder der obige Bach Reisegesellschafter wurde.
Hier beurlaubte sich mein Führer, er schlug meine Einladung eines guten Abendessens aus, um, was ich jedoch nimmer glaube, noch heute Lanerbach wieder zu erreichen. Wir hatten mit Inbegriff der Gemsenjagd zehn Stunden bei rüstigstem Marsche von Lanerbach bis Straßberg zugebracht. Nun war 41es 6 Uhr; wenn also mein Führer trotz Hunger und Ermüdung noch so sehr auf Schnelle pochte, so hätte er bei der späten Jahreszeit, nur im Mondenlichte die 6 und 7000 Fuß über der Meeresfläche erhabenen Alpen überschreiten müssen, was ich, selbst wenn er oben geboren und erzogen wäre, nicht möglich finde. Mag er was immer für Ursachen gehabt haben, sich mir zu entziehen, ich wünschte, daß er glücklich seinen Endzweck erreiche. Dieser arme Mensch, welcher um einige Gulden alles zu verlieren wagt, sträubte sich anfänglich, die von mir bedungenen 3 fl. baier. Landmünze anzunehmen, weil, wie er bemerkte, ihm der heutige Tag ohnehin reichlich belohnt schiene, und ich, sein Gefährte, gar keinen Gewinnst zöge.
Ich verfolgte den schlechten aber unfehlbaren Gangsteig. Bäche, welche sich zwischen den einzelnen Häuschen von Straßberg, Wöhr und Wiesen auf der zweistündigen Strecke in die Pfitsch ergiessen, hatten feste Brücken, damit das Vieh, von oder auf die Alpenweiden der Thaleshöhen gelangend, nicht verunglücke. Von Wiesen kommt man in die kleine Ebene von
auf welcher, das Moos genannt, 1809 Heldthaten der Tiroler spielten. Es war bereits Abend, dunkle Schatten zogen vom jenseitigen Telferberge ins Thal, Sterzings Glocken riefen zum Gebeth, eingreifend sprach der Klang in die Thäler und in mein Herz. »Es ist der Schöpfung Leichenzug, welcher den Tag zu Grabe bringt, damit er verherrlicht wieder entkeime, wie die Thaten der hier gefallenen Edlen.« Die 42Eisak, das kleine Sterzing mitten durchdringend, strebte kräftiger itzt, das prahlende Wort zu führen in der zunehmenden Stille; die kaum dem Prenner Entsprungene vergaß, daß auch ihre Fluthen in dem Völkerkriege durch abgerollte Stämme und Felsenstücke, welche dem Feinde galten, im Lauf bezwungen wurden. Die Bergwerke Sterzings, obgleich gegen ehemals beträchtlich im Nutzen gesunken, machen die Stadt doch immer noch wohlhabend; was man zum Theile in den stark besuchten, mit guten Speisen und Trank versehenen Gasthäusern erkennt[6]. Gässen und Häuser führen zwar kein hochtrabendes Ansehen, demohngeachtet kann man ihren Bewohnern eine gewisse Art Stolz, in Handlungen und Redensarten, vor andern Tirolern nicht absprechen.
[6] Vorzüglich empfehlenswerth wäre jenes zur Nelke (Naglwirth genannt).
Zeitlichst verließ ich Sterzing, denn Passey ließ mich selbst auf dem vortrefflichen lang entbehrten Flaumenlager nicht ruhen; in Wien verlobte ich mich schon dahin, und in seiner Nähe sollte ich zögern? Neben dem schäumenden Geilflusse, dessen zwei Hauptquellen vom Jaufen und hohen Ferner Grüsse der sie aufnehmenden Eisak bringen, wanderte ich mässig aufwärts. Das
welches selbst im Morgendunkel sein gebietherisch Ansehen nicht vergab, erinnerte mich auf den lächerlichen 43Zustand, welcher die darin gefangenen Wölfe des 11. Aprils 1809 peinigen mußte, als sie ihre Besieger durch das nachrückende französische Heer unter General Bisson vertreiben sahen, ohne die vorbeiziehenden Verbündeten zu ihrer Befreiung anrufen zu können. Damals konnten die gefangenen Baiern dem hohen Schlosse jene ungewöhnliche aber richtige Eigenschaft, einer schönen aber höchst traurigen Aussicht beifügen. Ich gönnte den Häuschen von Gasteig, Ober- und Unter-Telfs den erquickenden Morgenschlummer, welcher sie so oft floh, wenn sorglos ich noch der Ruhe genoß.
Bei Telfs zerfällt der Geilfluß in zwei kleinere Arme, ich mußte dem links herbeispringenden entgegensteigen, um übern
meinen Endzweck zu erreichen. Prächtige Tafeln von weiß und rothem Marmor bewiesen den Werth und Ertrag des nun erreichten Marktes Ratschinges.
Die zwei Stunden von Sterzing bis hierher sind recht angenehm zurückzulegen, der Weg ist sehr gut, und somit gewinnt auch des Thales minderer Reitz an Vorzug. Die Stunde nach Flading kostet Schweiß, weil der Jaufen sich allmählig anmeldet. Hätte man nicht schon genug Wasserfälle belobet, so wäre hier Stoff genug zu deren Bewunderung; klein und groß schwätzen sie zusammen, links in den waldigen Klüften der Endersstoder-Korspitze, und neben dem Wanderer im Hauptbache.
Ich dung zu Flading einen Führer, weil ich auf 44der Jaufenhöh frischen Schnee vermuthete, welcher den Gangsteig (wie ich auch bewährt fand), unerkenntlich gemacht habe. Dieser Bursche, glaube ich, war der traurigste aller Tiroler; ich würde ihn für krank gehalten haben, hätte er nicht so riesenmässige Sätze vor mir gemacht; mein Befragen bekam einzelne Laute kaum zur Erwiederung. Die Gegend gewann zusehends an Erhabenheit, ich wollte mich den Schönheiten nicht so schnell entziehen, und hieß meinen Merkur etwas gedulden; als ich aber wieder mein Fernrohr einpackte, war er bereits verschwunden. Mein Erstaunen wuchs eben so groß als betrübt. Der Junge war mir über zwei Stunden vorgeschritten, ohne einigen Lohn, und verließ mich, da ich ihn am nöthigsten brauchte, an der Schneegränze. Die Riesenbollwerke von Felsen, welche sich nach einer kurzen Waldstrecke um mich bauten, konnten nicht verhüthen, daß ich allein den Weg fortsetzte; ihre Miene war das Drohendste, denn ich brauchte nicht einmal, um sicherer fortzukommen, Eisen anzulegen. Gegen die Höhe zu, wurde mir etwas bange, auf dem kahlen von Schnee strotzenden Rücken die Richtung des Pfades zu verfehlen. Den Fußtritten eines Mannes trauend, verfolgte ich sie geraume Zeit, bis mich eine kleine Kaische, etwas vor der Spitzgränze des Jaufen, zu sich lockte. Fürwahr! wenn man auch nichts als Brot und Branntwein hier zu erwarten hat, so muß man den Bewohner achten, der weniger um den armseligen Gewinn, als der Menschlichkeit wegen sich hier aufopfert. Seine Wohnung möge höher als des gedehnten Prenners Posthaus liegen, und doch weilt er und Familie an 45keiner Hauptstrasse, um wohlhabenden Reiselustigen die Entbehrungen des Lebens aufzurechnen; der selten besuchte Gangsteig bringt ihm häufiger die schöne Gelegenheit, Gutes zu üben, als selbes zu empfangen. Dafür ist aber auch sein kleines Eigenthum ein geheiligtes unangreifliches Gut allen Vorbeireisenden. Wie mag der Winter hier wüthen, da itzt (den 23. September) die ganze Umgebung unter Schnee lag; wie froh der Wanderer die warme Stube betreten, welche ihm den tödtenden Frost wilder Stürme aus den Gliedern jagt, und die Heimath zu erreichen erleichtert. Oft häuft sich der Schnee über das Häuschen; wochenlang sind dann die Bewohner allen Gefahren ausgesetzt. Menschliche Hülfe und Trost werden ihnen fremd. Die tägliche Bemühung, ihr dürftiges Hüttchen vor Erdrückung des Schnees zu bewahren, ermüdet sie des Tages, und gönnt in den fürchterlichen Nächten ihnen kaum etwas Ruhe. Endlich setzt sich der Schnee, wird hart und tragbar; da wandern die ersten Wagehälse aus den Thälern übern Jaufen, und bringen Kunde den kühneren Alplern von der unter ihnen athmenden Welt, und ihrer gedenkenden Freunde und Verwandten in Dörfern.
Weder Acker noch Garten lächelt denen Anachoreten, desto häufiger schwelgt im Sommer zahlreiches Hornvieh auf den frisch gekleideten Alpenwiesen. Ein hölzernes aber umgefallenes Kreuz bezeichnet, daß man endlich die Spitze des Jaufen erstiegen.
Mich nochmal an den ringsum in reiner Tageshelle glänzenden Schneespitzen ergetzend, welche auf dem Rumpfe der schwarzgrünen Thalberge wie weisse 46Schlafmützen der Ewigkeit klebten, glaubte ich plötzlich Stimmen und stockähnliches Stossen zwischen Steinen näher zu vernehmen. Laute auf Alpen täuschen; erst nach einer halben Stunde begegnete ich vier Männern. »Bischt du der, den der Mar hätt’ loat’n solln insch Passey?« frug der Erste.
Ich bejahte es.
»No do kommscht eh recht und brauchscht in saggra Buib’n nischt.«
Ich gab ihnen meine Verwunderung zu erkennen hinsichtlich jenes Umstandes.
»No er isch am Bühl unsch begegn’t, und hot g’schogt, er hätt’ di loat’n soll’n; do isch dir oba eingfolln, daschd’ wosch verlor’n hoscht, und er hätsch eh nischt g’funden, drum isch er weg g’rennt.«
Lachend versicherte ich, nichts verloren zu haben; ersuchte sie aber, mir zu sagen, ob jener Mar vielleicht verrückt wäre?
»Beilei nischt! z’gern gscheia hot der Saggra a Diernl z’Passey, und de mocht heut mit oan Ondern d’Hotschet; Pfieti in unscha Thol!«
Sie drückten mir die Hand und gingen, diese Erstlinge meiner Neugierde: »rüstige Männer die Passeyer, wenn ihnen die Andern gleichen! schlicht und einfach ihre Tracht, verdorben und undeutlich ihre Sprache: aber bieder und offen das Herz, in den Augen edelste Handlungen transparent!« — Die Spitze ihrer heimischen Alpen verschaffte mir zuerst deren Bekanntschaft, ihr höchster und der ganzen Nation würdiger Anführer, errang längst Allen meine Achtung.
47Als ich nun den vielen Fußtritten verläßlicher abwärts gehorchte, sah ich beiderseits wie gefliessentlich aufgehäufte Steine; sie waren die Spuren einstigen Erdbebens, welches sich durch das Steingerölle unter meinen Füßen, nach Endigung des Schnees, vollends bestätigte. Uebrigens wird viel von darauf gefeiertem Gottesdienste der Heiden in grauer Vorzeit gefabelt. Die Gegend ist so erhaben, so vom Geräusche geschieden, daß man für diese Meinung leicht eingenommen wird.
Nun betrat ich einen Nadelwald, dessen finsteres Haupt hie und da ein kahler Fels überragte; schauerlich predigte darin, ungesehen von mir und der Welt, ein gewaltig erzürnter Bach Verderben dem zerknirschten Thale. Die mächtigen Stämme schienen erbost über den Unversöhnlichen, und schlugen mit den Wipfeln drohenden Takt, um Gegenkraft ihm zu zeigen; der Felsgrund zitterte, zerbröckeln konnte der Berg. — So warf der kleine Körper grosser Seelen einst die um sich fressende Hydra in Ketten, weil er Muth genug besaß, sie anzugreifen!
Aus des Waldes Dickicht tretend, haftete mein staunendes Auge auf den Seltenheiten Passeyers. Ueberzeugt, daß nur wenig Hütten[7] in der engen Thalkluft Platz fänden, siedelten die anderen höher 48und höher, wie sie das Bedürfniß nach einander erschuf, auf die steilen Bergwände; ein Stück Wiese, Hafergrund oder Kohlgarten, war dem bescheidenen Alpler genügend, um von dem lang geprüften Nachbarn nicht scheiden zu müssen. Manche scheinen ausgestossen und hängen, wie verbannt, neben oder auf einem zackigen Fels, von dessen Ruhe das Leben der Hüttler abhängt — man schonte die Plätzchen Erdreich’s, der Hütte am Felsen zu nützen. Wohl möchte mancher Städter anstehen, selbe nur um etlichmaliges Hinaufsteigen zu kaufen, indeß sie von ihren Bewohnern doch so theuer angeschlagen wurden!
[7] Diese fand ich mit denen salzburgischen ähnlich gebaut, nur etwas niedriger, und die Dächer weniger mit Steinen beschwert, dafür festet man die Breter gerne mit Holznägeln an das Dachgebälke.
Aus Seen und von Schneefeldern eilen allenthalben geschäftigte Bäche herab, in diesem Thale die Pässe zu lösen; sie wollen damit in Italiens Fluren sich brüsten, und üben hier schon das Ringen, obgleich sie damit die Heimath verwüsten.
Die Bewohner, abgestossen durch der Natur Zwistigkeiten, ketten sich eben so fest an einander. Ob auch Schönau, Glaneg, Rain, Gries, Moos etc. von dem Dörfchen Passey im Namen sich sondern, so sind sie doch ein Herz, ein Sinn; dieß denken sie bewiesen zu haben, schiene meine Behauptung zu voreilig. Das Passeyerthal erstreckt sich bis Meran auf eine Strecke von ohngefähr sieben Stunden; ich glaube aber, daß die wesentlichste Veränderung das Grösserwerden des gleichnamigen Flusses bewirke.
Acht heisse Stunden von Sterzing bis ins eigentliche Passey hinab, erzwangen den Wunsch nach Labung. Wo ist das Wirthshaus am Sand? frug ich, und zwei Buben liefen, sich Bemerkungen zuflüsternd 49vor mir her, bis zu einem einzelnen Hause, welches den Untertheil gemauert, grösser und schöner als die anderen von Holz erbauten, sich ausnahm. Der Sandboden, welcher vom nebenan niederfliessenden Bache bei Ueberschwemmungen immer erneuert wird, möge ihm den seit 100 Jahren gegebenen Namen erhalten.
Also dieses Haus umfaßte den schlummernden Heroen zum fürchterlichen Erwachen für des bedrängten, ewig geliebten Kaisers Wohl? — Wie verstand der Mann, welcher hier Gastgeber und Hirte gewesen, das Kriegspanier über die vielen Alpen und Thäler einem friedfertigen Volke kampflustig vorzutragen? Wie wußte er sich das Vertrauen, die Liebe und Achtung so vieler Tausenden zu erringen, welche der Oberanführer so nöthig hat? — Es galt dem vergötterten Vater Franz! Tausende fühlten für ihn, was Hofer, eben so viele waren bereit; es kostete nur den ersten Schritt; der schlichte Sandwirth wagte ihn, und dies ist sein herrlichstes Verdienst! — Der Mann war gefunden, welcher für Kaiser und Vaterland auftrat; wie er aussah, wie seine Kenntnisse beschaffen — gleich viel! Er mußte es redlich meinen, denn er stritt um das Gute; Alle wollten dasselbe, daher hatte er Alle zu seinen Gefährten! — Um Hofer entwuchsen Talente und Genie’s, er gehorchte ihnen, weil er sich nur in der Anhänglichkeit an das liebste Kaiserhaus, der Oberanführersstelle würdig wußte. Dadurch gründete er Eintracht und Festigkeit unter den Patrioten, und oftmaliges Besiegen der Feinde.
Nun erst prüfte ich genauer das Haus; Fenster und Thüren schienen mir höher als bei gewöhnlichen 50Dorfwohnungen Tirols. Grössere Ideen mochten seinen Erbauer beseelen, sich eine Wohnung zu errichten, deren Umrisse den Bewohner nicht immer an das Zusammengedrückte und Verschrumpfte erinnern, dem derjenige ausgesetzt ist, welcher gebückt die Thüre passiren, und nur mit Hindernissen zum Fenster hinaussehen kann. Von jeher waren die Hofer — Sandwirthe, und geachtete Männer unter dem Volke; der unglückliche Andreas wollte seine heitere Wohnung nicht durch das krumme Joch der Sclaverei zum Schafstalle pressen lassen, er fiel, aber der Tod bewies die Grösse seines Ruhms!
Geboren 1767 zu St. Leonhard in Passeyer, wurde
nach seines Vaters Joseph Tode, ebenfalls Sandwirth; bieder, worttreu und fromm, war er nah und ferne geschätzt. Die Haltung seines herkulischen Körperbaues vom vielen Bergsteigen etwas vorwärts gebogen, entbehrte deßhalb nichts an Behendigkeit und Schnelle. Seine Kenntnisse beschrenkten sich auf deutsch und italienisches Lesen, und dessen unkorrektes Schreiben. Die einzige Schwachheit, seinen schönen schwarzen, bis an den Gürtel reichenden Bart, (der bei einigen Wirthen Tirols seit dem Mode geworden), um keinen Preis sich abnehmen zu lassen, erhielt er bis zum Tode, und war zum Theile Ursache, daß er bei allenfälliger Flucht aus Tirol, überall erkannt worden wäre. Bei mehreren Gelegenheiten Volkssprecher, war er in früheren Epochen Schützen-Anführer einzelner 51Kompagnien; vom April aber bis Dezember 1809 Volksanführer und Obergeneral der Landes-Vertheidigungstruppen in Tirol. Nebst der höchsten Gewalt über Leben und Tod, (welche er jedoch nie mißbrauchte,) brachte er die vom geliebten Monarchen ihm zugestandene Erlaubniß eigener Silbermünz-Präge in Ausübung. Glück und Mißgeschick wechselweise mit gleicher Grösse ertragend, sah er sich endlich genöthigt, in einer vier Stunden von seiner Wohnung entlegenen Alpenhütte, (Kellerlahn) Sicherheit zu suchen. Gegen zwei Monate lebte er dort mit seiner Familie, allen Qualen der Kälte und Bedürfnisse preisgestellt. Treue Gefährten brachten ihm zeitweilig dürftige Nahrung auf verschiedenen Umwegen.
Schon schwand den sorgsamen Feinden die Idee, Hofern zu entdecken, da entlarvte sich der schändliche Verräther Joseph Donay, welcher das ganze Vertrauen des unglücklichen Sandwirths lange genoß!
Auf Anrathen des Bösewichts ließ der Obergeneral Baraguay d’ Hillers den Staffel, (der, wie Donay wußte, Hofern Nahrung brachte), zur Anzeige von Hofers Schlupfwinkel zwingen. Fünfzehn hundert Franzosen folgten Nachts dem geängstigten Führer zur entlegenen Alpenhütte, um den gefürchteten Volksanführer, abgemagert, kränklich und der elenden Lage überdrüssig, zu fangen. Entschlossen trat er den Häschern entgegen, und ersuchte nur um gute Behandlung seiner Familie. Weib und Kinder erhielten zu Botzen die Freiheit, Hofer aber wurde unter Millionen Thränen seiner ihn liebenden Tiroler, ungefesselt, jedoch unter starker Bedeckung über Mailand 52nach Mantua gebracht. Ein rührender Beweis seiner Herzensgüte entsprang, als er auf diesem Zuge mehrere der braven Mitkämpfer, welche sich an ihn drängten, wegen manchen Unbilden um Vergebung bat, und seinen letzten Besitz, den Rosenkranz, die silberne Tabaksdose und 500 fl. B. Z. armen Landsleuten bestimmte.
Nur 20 Tage verflossen von seiner Gefangennehmung, (den 30. Jänner 1810) zur traurigen Hinrichtung. Man beeilte sich vergeblich, den Mann aus der Menschen Angedenken zu schaffen, der nur für seinen Kaiser gelebt, dessen letzter Gang auf die Bastion von Mantua keine Klagen, sondern das Vivat des geliebtesten Monarchen anstimmte. Ruhig, mit vollkommster Selbstbeherrschung kommandirte er stehend, mit unverbundenen Augen, sich selbst den wahrhaften Martertod; denn erst die vom Korporalen ihm durch den Kopf gegebene dreizehnte Kugel, endigte sein 42 jähriges Heldenleben. Hofers unerhörte Resignation möge die todtkundigen Soldaten zitternd gemacht, und dessen schlechtes Treffen beursacht haben.
Donay aber, von Napoleon begnädigt, mochte zu einem anderen Ende, als sein verrathener Freund gefunden, zähnklappernd sich Glück wünschen.
Der grosse Waisenvater Franz gab der ausgewanderten Hoferischen Familie, Adel, reichliche Pension, und Kapitalien zur beliebigen Ansiedelung, welch letztere jedoch nur den Sohn des Verblichenen zu Fischament in Nieder-Oesterreich fesseln konnte, da die Gattin und Töchter wieder nach der gesehnten Heimath 53zurückkehrten, um das Wirthshaus zur goldenen Krone nicht veröden zu lassen.
Dieß die gedrängte Skizze des merkwürdigen Mannes, dessen einstige Behausung ich nun betrat. Es war 1 Uhr Mittags, und die Tafel bereits aufgehoben; doch durfte ich nicht über den Heißhunger der abgespeis’ten Gäste klagen, denn mehr als ein Nachkömmling, hätten bescheidene Wünsche erfüllt gefunden. Die Geräthschaften und Einrichtung des Hauses würden mir so viel Aufmerksamkeit abgelockt haben, wüßte ich nicht, daß dieses Haus der Feinde Plünderung und Verwüstung unterlag; nur Hofers wohlgetroffenes Portrait zeigte mir dessen Witwe als werthvolles Denkmal. Die grosse Stube war leer, Abends sollte ich sie erst mit Gästen angefüllt sehen.
Der Wunsch, die merkwürdige Alpenhöhle zu sehen, worin sich Hofer im August 1809 nach Abzug des österreichischen Militärs verbarg, scheiterte; Lavinen hatten sie seit Wochen zugeschüttet. Ich fühlte also abermal Ursache, meine um einen Monat zu spät unternommene Wanderung zu bereuen. Sicherer versprach man mir die ebenfalls schon umschneite Sennhütte
zu weisen, in welcher der verborgene Sandwirth nach zwei monatlichem Aufenthalte gefangen genommen wurde. Sie lag ausser der Richtung meines einzuschlagenden Weges; für heute konnte ich die vom Wirthshause aus erforderlichen vier Stunden hinauf, und drei Stunden zurück, nicht mehr anwenden, und 54der morgige Tag schien mir mit mühsamer Erkletterung einer Hütte, deren ich hundert ähnliche gesehen, nicht hinlänglich Lohn bringend, besonders da sie seit den verflossenen 16 Jahren vielleicht nur den Ort andeutet, wo sie ihren einstigen Bewohner beherbergte. Ich widmete den Nachmittag meinen zu notirenden Bemerkungen, und den melancholischen Ufern des Sees, welcher mit noch einem höher gelegenen in Westen, den Passerbach ausbrütet. Neugierde ausgenommen, entsprach die Abendgesellschaft nicht meiner Erwartung; das unglückselige Kartenspiel schien hier wurzelnder als anderswo Platz zu greifen, mich dauerten die Armen, deren Aeusserem ich ansah, daß der verspielte Gulden ihnen schmerzlich fiele, und dennoch auf diese Weise Vergnügen suchten. Da der Morgen etwas Regen brachte, nahm ich mir über die Alpen-Höhen des
einen Führer; Moser (so hieß er), versicherte, daß nichts zu besorgen wäre, weil die hohe Fürstspitze keine Nebelkappe trage, treffe aber dieser Fall ein, so dürfe die Gemse keine Wurzel graben, (Sprichwort der Passeyer und Oezthaler,) damit die Lavinen nicht zittern und herumwälzend alles begraben. Moser war in der umgebenden Alpenwelt äusserst bewandert; ein angenehmer Schwätzer fabelte er viel vom südwestlichen Gurglersee, steinernen Tischbild und Schalf Kahr.
Als wir in bewaldeter Thalkluft, worin sich willkürlich durch gewaltige Sätze links der kleine Bach 55sein Beet erweitert, auf unmerklichem Gangsteige aufwärts drangen, winkten eingreifender die himmelanstrebenden Seitenscenen. Aber wenn man ausrastend zurückblickt, so täuscht neuer und launiger das krumme Thal. Häuschen und Sennhütten, die man zuvor nicht gesehen, ruhen auf waldumrankten Bergwiesen umher; Rinder, deren Glockengeläute sie früher verrieth, zeigen auf tiefem Grün nun die glänzend buntfarbigen Körper. Echoreich schalmeit ihnen nach, der Ton des lustigen Hirten. Glatte Streife frischen Schnee’s, ziehen sich wie silberne Ordensbänder der ausharrenden Hoffnung, über höhere Wiesenabhänge und durch schwarzgrüne Föhrenwälder herab; sie hauchen die Frische dem Wanderer, welche er nie in Städten genießt, auch wenn der haardurchwirbelte Boreas die Oefen zum Glühen zwingt. Der Bach verschwand, immer höher und höher zwischen wahren Riesengebirgen stufte sich auf den Marmor und Kalkabhängen unsere kritische Bahn. Wenn bisweilen die Gefahr, hinabzustürzen in die gähnenden Schlünde, sich minderte, so erhob sich wieder eine überhängende Felsenwand, welche mit ihren lockeren Steinmassen eben nur unsere Ankunft zu erwarten schien, auf immer uns zu begraben. Wir benützten die Steigeisen, der Seele Blähungen damit zu dämpfen, und dem Fusse die Tritte zu sichern.
Als nach drei Stunden das wenige Krummholz im pfadlosen Schnee durchklettert, und bald darauf der Hochrücken des Timlar- und Panker-Jochs erklommen war, spiegelten schmeichelhaft die zwei kleinen 56Passeyer-Seen tief unter unseren Füssen die Konturen der besiegten Felsen.
Merkwürdig bleibt diese Alpenhöhe vor hundert anderen dadurch, weil sie aus ihrem Schneevorrathe zwei sich ganz entgegenwirkende Flüsse erzeugt. Kaum eine halbe Stunde von einander murmeln die obersten Quellen des Passer- und Timbel-Baches. Ersterer nach Süden strebend, verschlingt alle Quellen des Passeyer-Thales, verliert zwar seinen Namen im ungleichen Kampfe mit der Etsch bei Meran, zieht aber, mit der Siegerin versöhnt, aus dem frostigen Vaterlande, um sich in Italiens milden Fluren zu wärmen, und der ermüdenden Fläche endlich überdrüssig, im adriatischen Meere zu ruhen. Letzterer aber, welcher gegen Norden niedereilend, zusehends grösser als Oezthaler-Bach dem sechs Meilen langen Thale den Namen bringt, fühlt sich trotz seiner vielen Begleiter zu schwach, die weite Reise eigenmächtig zu vollführen. Er huldigt dem gewaltigen Inn, welcher aus den Alpen-Schanzen östlich ihn fortführt zur herrschenden Donau, im gesegneten Oesterreich die freundliche Hauptstadt zu küssen, und mit diesem Troste durch Hungarns reiche und Türkey’s verwüstete Flächen zu wogen, das mittelländische Meer bedeutend zu süssen.
Durch mehrere hundert Meilen trennen sich diese erwachsenen Geschwister von ihrer Geburtsstätte; sie fliehen einander von erster Entstehung bis zum Ende, welches aber gleich erhaben, gleich ruhmvoll ist: Trauriger sondert oft die Zwietracht, des Vaters gleich 57geliebte Kinder, sie meiden sich, ohne je solch schönes Endziel zu begründen.
Auf der Höhe war nicht lange zu verweilen; tobender Nordost gab uns solche Froststösse von den Eiswänden, daß sie uns bei des angestrengten Kletterns starker Erhitzung gefährlich schienen, auch war ausser Eis und Schnee nichts Erhebliches zu sehen.
Wie ganz verschieden von dem thätigen, Hütten besäten Passeyer, macht sich das
Verlassen und arm, wie im Zemthal, umwuchern es Wälder und kahle Felsen; vor Zeiten sollen hier die meisten Gemsen und Schneehühner ihre Herberge gesucht haben; ich sah keine, man mochte sie längst dieser und anderer Wildnisse überheben.
Der merkliche Gangsteig führt nun fortwährend am rechten Ufer des Timbelbaches tiefer ins Thal; ich entließ also Mosern, um ihm beim Rückwege die abermalige Alpersteigung zu ersparen, obgleich mich dessen gute Laune und Frohsinn länger hingehalten hätten, den Führer zu benöthigen.
Nach anderthalb Stunden macht man die Bekanntschaft einer andern, sich mit der Timbel verschwesternden Nymphe, welche das Kamles- und Hangerer-Kahr ihre Eltern nennt, und auf dieses Herkommen gestützt, mit der neuen Freundin sich ebenfalls auf der guten Erde allen Muthwillen erlaubt.
Eine halbe Stunde darauf erfahren die Uebermüthigen, daß zwei dem Dritten stärkeren leicht unterliegen. Der Oezbach[8], das lange Thal nun taufend, zeiget dem Wanderer als Alleinherrscher alle seine Macht und Schönheit. Könnte man einen südlichen Flachländer oder Städter durch Zauberspruch plötzlich hierher bestimmen, ich glaube er müßte verwirrt, wenn nicht gar betäubt werden. Herrlich ist das Thal für den Naturforscher, Maler, Botaniker etc., preiswürdig selbst für denjenigen, welcher grosser Eindrücke gewohnt, durch die bunten Formen der Alpenwelt hierher drang. Man denke sich ein Thal, dem die hundert Zickzake des Weges eben so viel Veränderliches bringen, als die hundert Berge, Felsen und Alpen zur Variation geeignet sind. Gemeinden und Weiler[9] flüchteten in diesen entlegenen 59Winkel, weniger um darin Reichthum als vielmehr Ruhe zu suchen. Die zahlreichen Seitenthäler, aus denen eben so viele Bäche dem ungeheuer anwachsenden Oezbache zueilen, scheinen die Gänge eines unermeßlichen Labyrinths, dem das vom Dädalus in Creta zum Wunder der Welt errichtete, ein Kinderspiel geworden. Hat das Zemthal durch furchtbare Hoheit entzückt, so sieht man es hier wieder erzeugt, und Hütten darin, die jenem entgingen. Luden Aecker und Wiesen des Ziller- und Passeyerthals zum schönen Beruf, so grünen sie dichter hier, und der Kontrast spielt greller mit den allenthalben niederdrohenden Schneebergen. Des Eisakthales kräftiger Fluß müßte verstummen vor jenem kühnere Sprache behauptenden im Oezthale.
[8] Seine beiden Haupt- und mehrarmigen Nebenquellen, die als Rosenthaler Achenbach zuerst ein Ganzes bilden, ruhen westlich am Hochjoch-Ferner und Platey-Kögl; östlich auf der Firmisarspitze, den Mittmoll- und Murzoll-Bergen. Dagegen gibt der grosse Oezthaler-Ferner größtentheils dem Passeyer- und Rableider-Thälern seinen Wasservorrath.
[9] Die Benennung Weiler, Gemeinde, Dorf, welche in Tirol gangbar ist, von Fremden aber irriger Weise meistens gleichgeltend gebraucht wird, bezeichnet dreierlei Hauptabstufungen von Ansiedelungen. Ein Weiler kann ein einzelnes oder zwei, drei auch vier Häuschen enthalten, welche beisammen stehend, keine Kirche haben, und ein von anderen Ortschaften unabhängiges Eigenthum für ihren Besitzer bilden. Mehrere solche Weiler zusammen, oder überhaupt viele im Gebirge zerstreute Häuschen, die auch ohne Kirche, jedoch zu einem nahen Dorfe eingepfarrt sind, bilden eine Gemeinde. Ein Dorf in Tirol bezeichnet im Gegenspruche mit dem flachen Lande, schon einen wichtigeren Ort, weil ihm meistens eine Kirche und mehrere unterstehenden Anachoreten-Wohnungen ankleben.
Sölden ist das erste Dörfchen, welches dem Wanderer Erquickung biethet; denn in dem vorherigen Weiler Windau, so wie in den anderen Gemeinden Rechenau, Zukaiser, Grantst, Brand, Armeten und Grubl, welche unter Windau fortlaufen, kann man ausser heiteren und kraftvollen Bewohnern kein Mittel zur Stärkung erspähen. Zahlreicher und noch zu wenig bewundert sind die Wasserfälle des Oezthales. Schon mein beredter Führer Moser machte mich auf sie aufmerksam. 60Zeit und der äusserst beschwerliche Weg erlaubten mir zwar nicht, die auf meiner Wanderung oft angestaunten, hier vielleicht übertroffen zu sehen: allein ich hörte sie niederbrüllen, vorzüglich in den Klüften rechts bei Brand, und sah ihre Wogen einbrechen in die eisige Oez mit all der beflügelten Schnelle, welche den gähen Sturz auf der kurzen Bahn voraussetzt. Furchtbar müssen die Folgen eines Hochgewitters wüthen, wenn des Flüßchens Ufern die wachsende Fluth nimmer zu umfassen vermögen, und die Wellen ihre Freiheit fühlend, losbrechen über den grünenden Fleiß rastloser Menschen, welche zu nahe dem verschlagenen Feinde die Flecken Erdreich benützten; hart mit des Geitzes böser Gier entgräbt sich der Strom die Saat sammt den Ort, der künftig Ernten hoffen ließe, damit der Arm für Arbeit willig, keinen Platz zur Arbeit finde! — Nicht zu hoch für solchen Krieg scheinen die Häuschen im Thale gestellt, sie müssen wie Festungen sich behaupten, wenn zu ihren Füssen und über ihren Dächern tausend Gräule sich vereinen, durch einen gräßlichen Sieg das ganze Oezthal zu veröden.
Unter dem Dörfchen Hube, wo der mannbar gewordene Oezbach nach Westen bedeutend ausgreift, führt eine Brücke und Gangsteig zu ergibigen Sennereien, und dann immer westlich übern Felderkogl ins Pizenthal.
Noch kam ich zu dem kleinen Oertchen Burgstein, eh ich den Hauptort des ganzen Oezthales —
erreichte. Dieser Markt mit einigen hundert Einwohnern spielt im Miniatur die Rolle einer Hauptstadt. Wein und Braten biethet das Wirthshaus, zu Pferde kann der bequemere Reisende über Umhausen, Dumpen und Oes etc. das ganze Thal bis zum Inn passiren; die Häuschen verrathen einigen Wohlstand, die Kirche etwas Geschmack, und der bedeutende in die Oez einstürzende Fischbach gibt dem Markte das Ansehen eines kommerziellen Stappelortes. Indeß, wenn auch diese beiden Bäche nie ein Trog, geschweige denn Fahrzeuge durchstrichen, so sind sie doch nichts weniger als arm an Ausbeute und Nutzen. Mühlen und herrliche Fische sprechen ihnen das Wort, und ich hatte volle Ursache mit selben zufrieden zu seyn.
Ich benöthigte von Passey bis Oberlengenfeld eilf Stunden, zwey davon mochten der Erholung und Ansicht der Gegend hinfließen; eigentlich sollten noch zwei Meilen durch den Nachmittag zugefügt werden: allein meine Reise schwang sich über die höchsten Ferner des Alpenlandes in das Thal Stubay-Ruz. Dazu brauchte ich einen Führer, heiteren Tag, 10 Stunden und — volle Kraft! Alles mußte ich hier abwarten, da in dem einzelnen, eine Stunde vom Markte entfernten Gries, höchstens Branntwein und Nachtstroh mich begnädigt hätte.
Mein morgiger Führer Lehner machte mir bald den Besuch; er rieth Mundvorrath zu bestellen, dabei 62aber den Branntwein ja nicht zu vergessen, die Steigeisen etwas schärfen zu lassen, und bald der Ruhe zu pflegen, weil wir des Mondes abnehmende Sichel zu bequemerer Nachtwanderung benützen würden; »der kommende Tag scheine günstig zu erwachen, weil der Abend so wind- und wolkenlos entschlummere.« Die Gutherzigkeit einiger Gäste wußte viele Bedenklichkeiten von Gefahren und Anstrengung hervorzubringen. Ihre Beweise gründeten sich auf Hörensagen, denn nur drey von ihnen hatten diese Wanderung einige Male gemacht, und fanden eben nichts Halsbrecherisches daran. Den Gemsenbraten, welcher mir als Seltenheit überaus mundete, weniger zäh findend, strebten ich und mein Führer für die morgige Bagage zu verringern, dafür mußte aber eine tüchtige Portion Kalbfleisch und Brot die Wanderung auf die Alpen mitmachen.
Es war 12 Uhr Nachts, als mich Lehner aufbrechen hieß vom reinlichen Strohlager, und seine Pfeife anbrannte, um mit dem Tabaksdampf den Schlaf und die Morgendünste zu bannen. Kein Hahn krähte uns nach den Morgengruß über die schlummernden Hütten, welche von dem Silberschimmer des freundlichen Nachtschwärmers seltsam berührt, bald grösser, bald verkleinert sich ausdrückten auf den buntfärbigen Thalhügeln Oberlengenfelds. Der Fischbach, an dessen rechten Ufer ein sicherer Gangsteig uns aufwärts leitete, suchte mit der eingreifenden Stimme eines rastlosen Wächters durchaus alles zu erwecken, als wenn Feinde und Schlachten ihm 63folgten. Er bezweckte wie so manche gewohnte Brummerei — taube Ohren!
Beim Weiler
verließen wir nun den Gangsteig, welcher nördlich, hoch zwischen Gleirscher und Kögl-Ferner sich hinzieht ins Melacher- und Ziriner-Thal. Wir brauchten vom Markte bis zu dieser letzt bewohnten Stätte nächst den ewigen Eisfernern, fünf viertel Stunden; bei Tage kann hier der Wanderer auf Brot und Branntwein hoffen. Froh, dessen nicht zu bedürfen, stieg ich nun meinem Führer in den Nadelwald nach. Ohne Mondenlicht wäre bei Nacht darin schwerlich durchzukommen, indem Gruben und vom Sturme niedergerissene Bäume noch die geringsten Hindernisse gegen die steilen Abhänge des Nichtweges sind; demohngeachtet fand ich zu meinem Erstaunen, Spuren, daß hier bisweilen Hornvieh klettere, und wirklich lobte mein Führer zwei vortreffliche Sennereien in der Nähe. Aber kein Laut kündigte Leben; entwöhnt der Triller kosender Vögel, schien der Wald nur ein Aufenthalt freßlustiger Raubthiere zu seyn, welche stumm ihre Beute erlauern.
Lehner war wohl gut zu Fuß und kannte jeden Stein, aber sein dicker Hals und dampfähnliches Athmen erklärte ihn zum unpassendsten Führer, deren ich je hatte! Alle Augenblicke mußte ich seinetwegen rasten; er schob die Schuld auf meine Bagage, die er bedingnißweise trug; ich sah mich also genöthigt, sie anfänglich abwechselnd, und später durchaus allein zu 64tragen, wozu ich lieber noch einen Mann in Oberlengenfeld gedungen hätte.
Näher drangen wir dem Ursprunge des Fischbaches, der, sein Wasser im Schaume versilbernd, nunmehr aus zwei Armen zusammfloß; den vom Gaisten- und Schran-Kogl niederwirbelnden ließen wir links, und folgten dem rechts auf dem Glanersgrub-Ferner Erzeugten. Wir durchwateten das Beet, um auf den Abstufungen der Felsen leichter als in der unzugänglichen Bachkluft aufwärts zu kriechen. Die Eisen halfen hier wenig, weil die Zähne sich in dem tiefen und nassen Moose und Wurzelgeflechte öfter verwirrten, und man mehr zu thun hatte, den Fuß zu befreien, als Abgleiten zu besorgen; demohngeachtet mußte man sie belassen, indem mehrere mit Kalkgruß überdeckte steile Felsenwände sie wieder nothwendig machten. Lehner nannte diesen Bezirk
Itzt betraten wir den Schnee, dessen ausgedehntes Reich sich schon geraume Strecke um uns herzog; hier und da tupfte noch eine Alpenfichte ihr schwarzes Grün auf sein blendend Weiß; es schien die karge Stickerei eines Trauerschleiers, welchen die Schöpfung einem stiefmütterlichen Theile des Erdballes umwarf, damit der Mensch sie verkenne und fliehe. Allein, so wie der strömende Fluß seinen Wellen keinen Rückfall gestattet, so vermag wohl Keiner umzukehren, der bereits hierher gedrungen, sein Herz und Auge der Natur froh Preis zu geben. Meinem Führer 65war es mehr um Tabakschmauchen und Frühstück, als um rednerische Lobeserhebungen und Alpenschönheiten zu thun. Das angestrengte Klettern verboth ihm den Genuß der Pfeife und sogar den Diskurs; kaum daß ich aber glaubte, auf einem Steine ausruhend, von ihm etwas Merkwürdiges zu erfahren, so ward schon wieder der Tabak angebrannt, für dessen Fortglimmen er alle Aufmerksamkeit anzuwenden strebte, und nur das Ansuchen um Schnappserfolg herauskramte. Wie oft erinnerte ich mich an jenen rüstigen Wildschützen des Duxerthales und den munteren Moser, welche wie Cicerones die Wanderung angenehm zu machen wußten, ohne durch Sitzen und Schmauchen selbe in die Länge zu ziehen.
Solcher Rastperioden gab es übergenug, jedoch führten sie das Gute mit sich, daß Lehner’s Speise- und Trankvorrath immer leichter wog, und ich vor Ermüdung und zu starker Erhitzung in der decemberischen Morgenkälte mich wahrte. Dieser Frost und einige heisse Mittage, welche vorhergingen, hoben das Kritische der Wanderung, weil sonst der frische hie und da drey, am Ferner acht und zehn Schuh hohe Schnee, weder wie gegenwärtig hätte behutsam überschritten, noch durchwatet werden können. Desto mehr mußten wir uns vor dem Schmelzfeuer der hochgestiegenen Sonne scheuen, wenn es uns saumselig noch auf den Glätscher-Spitzen zu dieser Jahrszeit ertappen sollte. Im Februar und März, wo der Alpenschnee bereits durchgehends zu einer festen Masse geknetet ist, und Phöbus weniger feurig um sich blickt, kann man sorglos hinüberwandern; Thäler und Klüfte 66sind dann durch Lavinen verschüttet, und biethen eine flach emporstrebende Bahn, bis der Frühlingshauch diese unergründlichen Lager öffnet, und ihren unversiegbar scheinenden Reichthum durch kleine aber eingreifende Bäche verringert.
Das einzige Gefährliche, was bei Sommer- und Herbst-Reisen weniger zutrifft, ist, daß obgleich Februar und März solche Glätscher ersteigbar machen, die sonst nie besiegt würden, unvermuthet Schneegestöber bringen, welches schon allzuviele Opfer schöner Wißbegierde hinwegrafte.
Rein aber schwächer beglänzte noch der Mond die aufathmende Erde; schon fühlte die Bergwelt den Wiederbesuch der höheren Gebietherin; unaussprechliche Ahnung und Empfindungen wogten aus dem frischen Aether in meinen Busen, der mit heiligem Schauer diese Geschenke zu verwahren schien.
Wir hatten nun allmählich die Gränzscheide der Oezthaler Abdachung nach Endigung des Fischbaches erklommen, nur anderthalb Stunden sollten uns in das Bereich des Längen- respektive Stubay-Ruzthales bringen. An diese Zwischenhöhe ketten sich die ewigen und höchsten Ferner des hochgebauten Tirols. Wir sahen sie noch nicht; die vier Stunden von Oberlengenfeld hatten uns nur noch kleine Alpenumrisse vorgegaukelt, wir sollten dadurch zum frohen Erstaunen hingehalten werden, welches ihre Betretung und Ansicht zugleich entwickelt.
»Etwas rasten, eh wir die
erklimmen,« meinte Lehner kaltblütig, und setzte sich in Schnee; ich besah ihn und eine steile Wand, welche so benannt, bei 100 Klafter sich vor uns wirklich schanzförmig aufthürmte. Einige Gemsen entwichen eben von derselben links auf schroffere Höhen; ich machte ihn aufmerksam darauf. »Es sey gut, daß wir etwas verweilten,« versicherte er, »weil sonst von diesen saggra Springern Steinwürfe zu erwarten gewesen wären, welche uns unvorbereitet eben so hätten zerschmettern können, als einstens dadurch auf dieser nemlichen Stelle ein Raubschütze verunglückte.« Wieder ein neuer Stoff zur Bewunderung dieser ungewöhnlichen Thierchen; ich glaube, wenn man noch länger in ihrer Heimath herumreisete, und all ihre Schlauheit und Vortheile erführe, man müßte anstehen, sie als gewöhnliches Wild zu erlegen.
Mit Händ und Füssen konnten wir uns ziemlich sicher an den Kanten der Kalkwand hinaufhelfen; plötzlich aber trennte ein ungemein tiefer und acht Schuh breiter Felsenriß unsere acht bis sechzehn Zoll breite Grundfläche, auf der wir zur Rechten fortwährend die glatte Felsenwand, links den bodenlosen Abgrund sahen, und so in schiefer Richtung uns emporarbeiteten. Es befiel mich eine wahre Höllenangst, denn rückzukehren schien mir so gewiß Tod bringend, als der mißlungene Sprung, und den zauderte Lehner zu wagen. Es wunderte ihn, daß der Stein, welcher vielleicht schon vor Jahrhunderten der Felswand abstürzte und sich hier verschlug, durch den beständigen 68brückenähnlich daran gehäuften Schnee, endlich verwittert und ganz zerbröckelt sey, wodurch nun die Passage gefährlich werde; die
müsse also übersprungen werden, weil jenseits, aber nicht hier der Rückweg räthlich wäre. Es war die erste That, die ich ihm anloben konnte, als er nach einem Schluck Branntwein, sammt dem kleinen Bündel mit Mundvorrath, kühn hinübersetzte. Ich war nicht im Stande, mit meinem schwereren Gepäcke ihm gleich zu folgen. Die Jagdtasche flog zuerst, und dann warf ich mein Gewehr nach, dessen Schloß zwei umwundene Tücher schützten. Ich reihte mich an die Vorläufer, und mein Duna machte den Beschluß, ungrübelnd, warum er nach solcher Strapatze noch springen müsse.
Mit jedem Schritte wuchs der junge Tag auf den Höhen, während in der Tiefe noch alles im Schatten sich barg. Goldwölkchen zeigten schon, daß sie dem Reiche Apollo’s entsendet, mit seiner Leibfarbe geschmückt, Ehrenbesuche den Thälern vermeinen. Mir rann der Schweiß vom Haupte, ich fürchtete den Sonnenaufgang zu versäumen; Lehner fand keinen zum Sitzen noch Stehen bequemen Platz, er keuchte, daß Schneeflocken schmolzen. Itzt standen wir am Gürtel des
In gerader Richtung nach Norden zieht sich das Längenthal, dessen Hauptbach der Stubay-Ruz 69aus zwei Quellen auf diesem Ferner sein erstes Daseyn saugt. Der Eissee, die blaue Lacke genannt, sammelt jene Erstlinge, und schickt sie, vereint mit grösserem Vorrathe, in die Fremde. Dafür glänzt aber dieser kleine See unter den ihn umfangenden Schneedämmen mit besonderem Ansehen, und weiß seine Gewalt den Thalbewohnern furchtbar zu machen, wenn wie vorlängst, ein vom Ferner entlös’ter Eisberg in dessen tiefes Beet niederdringend, die Wogen überströmen macht. Dann zittern die Felsen von den wilden Springen der ausgesäeten Cascaden, und zähnklappern die Hüttler, wenn ihre Wohnungen wie Kähne entschwimmen. Südlicher und höher lehnt sich an diesen Ferner die mächtigere Schaufelspitze.
Es war fünf Uhr, purpurn flammte der Osten, des Mondes ausgeschnittenes C sah sich allmählig zurückgesetzt mit seinem Schimmer, und fühlte erblassend, daß nur noch die Thäler ihm Dank wissen für sein geduldig Ausharren. Traurig wich er der allgepriesenen Rivalin, blickte aber voll Neid lange auf sie, ihr beginnendes Tagwerk zu erforschen; die Goldscheibe weilte noch hinter den Eiswänden des Hoch-Grinds und der Doppelspitze des hohen Fretiel’s. Der blaue Himmel kleidete sich dort zum Festtage in die Farbe der Rosen, rother und glühender wurden die Wangen der Eiskönige, nun tauchten auch die Unterthanen ihre Schneehäupter in das Feuermeer; die Alpenwelt log sich in Brand aufzulösen, während wir uns zu Eis verwandelt wähnten. In der viertelstündigen Rast wirkte so die beissende Kälte auf meinen naßerhitzten Körper, daß ich aus 70der Ledertasche Sacktücher nahm, den Hals einzuwickeln, und ein Hemd über den Frack anzog. Lehner bat mich um das andere vorräthige, welches er ebenfalls über seine Jacke warf, worauf wir dann im gleich possierlichen Aufzuge, wie halbe Schneemänner, langsames Abkühlen erwarteten. Mein bequemer Führer war keineswegs gesonnen, die Erkletterung des Glamersgrub-Ferners gut zu finden. »Oben seye, nach ausserordentlicher Anstrengung, auch nichts mehr zu finden als hier, und er hätte von dessen gänzlicher Ersteigung mit mir nichts ausgemacht.« Ich sah mich genöthigt, seine Halsstärrigkeit mit zwei blanken Kaisergulden als Trinkgeld seiner Bemühung zu bannen; denn allein hätte ich es nie gewagt, hinauf zu trachten, und unverrichteter Sache von hinnen zu schreiten, wäre mir, da ich itzt eigends des Ferners wegen diesen ermüdenden Weg unternommen, weit lästiger gewesen, als dazumal, wie ich vom Zemthale bei der Gemsenjagd dem Fustschlag-Ferner genahet, wegen des trüben Tages erfolglos vorbeizog. Selbst die heiterste Atmosphäre konnte auf diesem Standpunkte nichts biethen, da wir zwischen Schneekegeln verschlagen, nur die nächsten Eisbegränzungen, den blauen Lackensee und den mitleidig niederblickenden Himmel sahen. Kein grünes Fleckchen munterte die Augenweide, kein Hüttchen zeigte, daß hier herum einstens Leben geathmet; die Aussicht war so frostig und sonderbar, so originel todt, daß sie mir eben darum denkwürdig bleibt.
Auf Glätscher zu gelangen, möge im Allgemeinen gleich seyn, unserer war keiner der höchsten (8312′), 71und doch lud kein anderer Weg als seine Eiswände hinan; die steileren mußten natürlich vermieden werden, weil man genug zu sorgen hatte, sich mit den 14 Fußeisenspitzen, und festem Stocke auf denen flächeren zu erhalten. Hund und Bagage blieben zurück, den Schnapps nahm Lehner in seine besondere Protektion, ich den nothwendigeren Tubus.
Nach der Dachssteins-Besteigung galt diese, als zweite gefährlichste Bahn meines Lebens; erstere[10] war es wirklich im ganzen Umfange, diese trug nur das Bild davon. Denn sicher klebt man mit festen Eisen auf dickem von der Sonne noch nicht erweichtem Eise; wenn auch hie und da sich Blättchen ablösen, so erklopft man schon vorher mit dem Stocke die Probe; auf dem ganz dünnen greifen die Stacheln durch. Ein Sprung, Gekrache (Lehner nannte es Gesang), wälzt bei gleicher Witterung noch nicht die hundertjährigen Lager herab. Man muß sich nur vor Schnelle hüthen, weil sonst die Kraft auf der thurmsteilen Wanderung bald erstirbt, und man nicht genug Zeit hat, den Fußgrund zu prüfen. Schwindel darf ohnedieß kein Glätscherbesteiger kennen, denn wenn er kleine Eisstückchen unter seinen Füssen hundert und mehr Klafter abgleiten sieht, so möchten ihn dann sonderbare Gefühle bestürmen, und sein Ende herbeiführen.
[10] Man sehe den Beschluß.
Einer langen überwölbten Lavine, die nur eines Lufthauches zu harren schien, auf uns herzufallen, konnten wir mit vieler Behutsamkeit ausweichen; ich 72kannte deren furchtbare Gewalt vom Dachsstein her, und war froh, nicht über sie unser gefährliches Glück versuchen zu müssen. Die Felsenzacken (Falkschnäbel genannt), welche wir überkletterten, waren zwar nichts weniger als Stufen, aber im Vergleiche mit der jungen ungefesteten Lavine — Parquettafeln! Nun gings zum Preisringen. Alle Glätscher sehen von Ferne wie mit grünlich weisser Glasur übergossene Obelisken aus, ihre Spitzen ausgenommen, die nie Glätscher sind, und zwischen dem Schnee auch vorragende kahle Felsen zeigen. Dieß erklärt sich daraus, daß auf Alpen, wo die ewige Schneegränze (wie in Steiermark, Salzburg, Kärnthen, Tirol und Schweiz,) mit 8000 Fuß ober dem mittelländischen Meere beginnt, und die Welt für sich schon todt ist, durch die Sonne verhindert wird, daß diese Schneemassen im hunderttausendjährigen Wuchse nicht zu ihr emporreichen. Kein Regen erweicht über jener Höhe, der Alpen frostige Lasten; die Sonne muß als Mittler auftreten zwischen dem unmässig sich häufenden Schnee, und der lebenden Welt, welche bald darunter begraben würde. Ihr Feuerhauch schmilzt auf den höchsten Ferner-Spitzen den Schnee, er fließt an den Schultern herab, in dünnen Wasserfäden; die Nacht festet ihn, er setzt sich dort zu Eis, wird immer dichter und glätter, schleift den frisch gefallenen Schnee nieder in die Thäler zu Lavinen, die dort bei grösserer Wärme leichter schmelzen, während der auf den Zinnen anwachsende Schnee nur periodisch abfließt, die Gürtel der Glätscher zu glätten. So erhält sich der Gang der wunderbaren Natur, die man nirgens leichter studirt, als 73wo sie aller Menschenhände enthoben, nur sich selbst überlassen ist.
In der Nähe präsentiren sich die Glätscher ganz anders; sie bestehen aus lauter kleinen wellenförmigen Hügeln oder Streifen, die bald über Felsen, bald über Klüfte sich hinspannen, wornach die dünneren, weil sie hohl aufliegen, wie Glas klingen und springen. Die dichteren, schuh- bis klafterdicken Massen, haften eben so fest wie der Fels, welcher sie trägt, bekommen aber dennoch bisweilen bei lauen Windstössen, Risse, diese erweitern und lösen sich etwas, ein Sturm hebt und schleudert sie dann sammt dem angewachsenen Gestein, wie Eisvulkane ins bebende Thal. Unser Ferner hatte vor anderen noch die Auszeichnung, daß er inner seinen Wänden selbst, vielleicht Eisseen barg, wenigstens gähnten auf westlicher Seite ungemeine Schluchten und Vertiefungen wie kristallisirte Hallen, denen ich aber unmöglich nahen konnte, weil sie ohne alle Steinstütze, bloß aus schroffen Eiszacken bestanden.
Da man jede zunehmende Höhe sicherer aufwärts als hinabklettert, so muß man sich bei ersterem ja nicht übernehmen, und hitzig die nächsten steilen Pfade wählen, sondern auf den Rückweg denken, welcher gleichermassen nicht Statt findet, und von oben herab keinen besseren Weg entdecken läßt. Wir wären schneller und dennoch sicher empor gelangt, wenn wir nicht manche Plätze gemieden hätten, welche uns beim Rückwege gefährlich worden wären. Die Eisen gruben die Spur, wo aber ein Fels oder geblätterter Schnee sie unkenntlich machte, kratzten wir uns mit den Stöcken 74Zeichen, welche wir auch glücklich beim Niederwandern erkannten.
Der Umfang des auf Granit ruhenden Glamersgrub-Ferners, möge dort, wo er Glätscher zu werden anfängt, zwei Stunden betragen; er zieht sich im länglichen Oval zur zwei Stunden entlegenen Höhe, deren südliche Abdachung weit steiler als die nördliche ist. Die Zinne endigt sich mit drei Spitzen, welche ohngefähr 30 Klafter hoch, wie Zähne den Himmel anzufallen drohen. Ich bestieg keine derselben, schroffe Klüfte scheiden einen Wipfel von dem andern; man müßte mehrere und verläßlichere Führer als der meinige gewesen, und Vorrichtungen wie jene am Dachsstein besitzen, um das Vorhaben auszuführen, welches kaum im hundertsten Theile mit jener des Dachssteins hochlohnend schiene. Denn obgleich ich über 8000 Fuß mich erhoben fand, so fühlte ich doch allzusehr den Abstand zwischen einer, niedrigere Distrikte beherrschenden Alpe, und einer wie der gegenwärtigen, wo die Stunden entlegenen Schaufelspitze und Pfaffen-Kamp südlich, Daun-Kahr, die hohen Fretil und Grind östlich, dann der Gaisten — Schran — Bok und Ferner-Kögl, nördlich ihre grössere Hoheit bewiesen. Im Thale kann man dieses alles nicht berechnen, man muß sich auf die Eingebornen und der Gegend kundige Männer verlassen; allein diese wissen weniger von Uebersichten und Höhen, als wo ein gut Stück Wild zu finden sey, und somit basta alle Auskunft. Den schönsten Hinblick gewährt übrigens westlich das Oez- mit den Höhen des Pizen-Thals, wo tausendfältige 75Schattirungen in das rohe Chaos der Eiswelt übergehen, und ein Tableau bilden, welches nur Tirol zu ordnen vermag; dann nordöstlich das Stubai-Ruzthal, dem man es ansieht, daß mehr als ein Naturfreund zur Sommerszeit aus Innsbruck herein walle, um Erholung aus seinen Herrlichkeiten zu saugen, für die trüben Wintertage der Hauptstadt.
Alpenwiesen und Wälder, welche durch die Entfernung wie grüne Hüte mit Feldsträußchen über den braunen und grauen Felsenkörpern sich ausnehmen, deuten eine Volksparade; der durchziehende Bach scheint ein Milchstreif, welcher an ihren Füssen sich hinzieht, die Durstigen zu tränken, welche für diesen Besitz zu kämpfen verstehen. Die Eisspitzen der Glätscher gleichen vorragenden Thürmen einer unermeßlichen, in Schnee versunkenen Riesenstadt, in der nur noch Geister und Gnomen hausen.
Lange durften wir auf dem länglichen Schneerücken nicht zögern, es war 8 Uhr; emsiger berührte der Sonnengott mit seiner Gluthfackel die Zinnen der Polarhöhen; ein Eiskegel um den andern erglühte, schien sich aufzulösen im vulkanischen Feuer, und dann herfallen zu wollen über die tiefere Schneewelt, um aus ihren Massen ein Meer schmelzend, die Welt zu ersäufen! Hier und da zersprang schon das Eis, wie die Saiten eines musikalischen Instrumentes, welches die Sonnenhitze nicht verträgt; der helle Ton sprach als Warner den Abmarsch.
Hinab ging es etwas schlechter; doch weil wir im Zickzack kletterten, so war nur das fürchterlichste, der Hinabblick in die grundlose Tiefe, die uns entgegen 76gähnte. Gleich lästig war der Glanz, welcher durch die Sonnenstrahlen an den Eiswölbungen sich reflektirend, unsere Augen quälte. Glücklicher Weise waren wir diesen Plagen bald enthoben, denn um 10 Uhr — wenn gegen Ende September die Tageshitze auf solchen Höhen erst zu entstehen pflegt, standen wir schon am Schneeufer des
Wir mußten die stündige Wanderung, vom Fusse des Glätschers bis hierher, über ein enges Schneethal (Fernerbach-Thal genannt) ausführen, von dem ich nichts behaupten kann, als daß es unmöglich ist, ein wilderes und wüsteres zu finden. Schnee, Eisbrocken und Felsstücke lagen so durch einander geworfen, als wären sie mitsammen kürzlich den Wolken entstürzt. Tiefer gränzend lag die im hohen Sommer von Alplern benützte Alpenfläche — Gräbe, ebenfalls bereits unter Schnee.
Der eingrabende Bach, früher in drei schönen Cascaden herabspringend, zwang uns nunmehr öfter — ihn zu übersetzen. Da ich bei diesen gymnastischen Uebungen meinem Führer, der überdieß mit seiner kleinen Pfeife wieder vollauf zu thun hatte, einen mässigen Vorsprung abgewann, und nun um einen Felsen bog: meldete der vorkletternde Hund etwas Verdächtiges. Ein Ruf beweist mir die Gegenwart eines Menschen. Ich eile vor und erblicke — einen jungen aber furchtbaren Blickes entstellten Mann, wie er eben auf den Duna anschlägt. »Halt!« rief ich dem verwilderten Nimrod zu, »halt, oder der zweite gilt 77dir!« Trotzig bleibt er stehen, wie der Fels, welcher ihn trägt, mit ruhiger, doch Verzweiflung ausdrückender Miene, schußfertig auf mich oder den beruhigten Hund. »No wosch mogscht, sollma mitsom schworzschoissen?«
Ich. Wir wollen einander nicht aufs Leben gehen, aber du darfst mir auch nicht schaden.
Der Wildschütze, welcher mich erforschen mochte, sah mich durchdringend an, schlug mit dem Gewehrschaft an die mit zollhohen Sohlen und Steigeisen versehenen Stiefeln, und bohrte mit dem starken eisenbeschlagenen Stocke in dem lockeren Sandgerölle. »Wonnscht m’r Feind bischt, so schau, dasch ma unsch nimmer finden!« Nach jedem Schritt sich umsehend, ging er, bis Schußweite ihn plötzlich zwischen Steinkegel verbarg.
Lehner schien ihn zu kennen, und geflissentlich zu zögern, um demselben auszuweichen. Er habe ein Eisen fester schnallen müssen, erwiderte er meinem Verweise wegen seiner Langsamkeit. Er wollte sich durchaus einer Antwort auf das ihm Erzählte entheben; als ich ihn aber darüber fragte, meinte er: um sich und Anderen nicht zu schaden, wäre das Beste, verdächtige Geschichten zu vergessen; das Unglück kenne keine Gränzen, zur Rache oder Rettung. Was Wunder, wenn ich jenen Fremdling für einen Erzbösewicht hielt? — Die spätere Bekanntschaft wird zeigen, was er alles ist.
Noch anderthalb Stunden, unter der blauen Lacke, muß man sich ohne Weg in dem nicht viel milderen, aber dennoch von Alpenfichten etwas beholzten Thale forthelfen. 78Die gähe Abdachung macht, daß man wider Willen so bald ins Thal zu gelangen, verwünscht. Aeusserst interessant mögen im hohen Sommer die hier herumliegenden Sennereien einladen; gegenwärtig sah man die Hüttchen kaum einige Schuh den Schnee überragen; wo die Wiesen dazu lagen, konnte nur Lehner mir zeigen. Weniger den Veränderungen der Jahreszeit unterliegen die preiswürdigen Wasserfälle, sie nöthigen, wenn man noch so viele gesehen, zum Stillstand. Einer (Lehner nannte ihn
welcher links, ohngefähr nach stündiger Strecke unterhalb des Sees, sein Wasser dem Hauptbache zutreibt, verdient das Stückchen Weges, um den 10 Schuh breiten Wasserfaden, in einem einzigen Bogen mit solcher Gewalt 30 Klafter niederwölben zu sehen, daß man rückwärts trocken unter ihm durchgehen, und zugleich das Ueberraschende eines Wasserschleiers geniessen kann, welcher Felsen und Bäume der Kluft deutlich darstellt. Tiefer unten, rechts vom Stubai-Thale, kommt man zu einer noch denkwürdigeren Werkstätte der Najaden. Der
seinen Reichthum beweisend, entstürzt 80 Fuß breit, den zweimal höheren Felsenbollwerken mit wahrem Donnergetöse; dem Wanderer bangt für seine Sicherheit bei der Alpenwände merklichem Rütteln. Im silbernen Schaume bricht die Farbe des Lichts; seit 79Jahrtausenden verjüngt sich der Fall, der Granit kämpft eben so lange, um durch beharrliche Kraft Frieden sich zu erzwingen; aber nie wird das Element sich versöhnen! — den ewigen Krieg befahl die strenge Natur. Wenn man bei ersterer Cascade lachen und jubeln mochte, so preßt sich tiefer Ernst bei dieser in die Seele des Wanderers.
Aus einem flachen Steine las ich die mit Rothstift hingeschriebenen Zeilen. »Wohl gethan, daß du dich Rasender in dieser abgeschiedenen Kluft verbirgst.«
A. Strenhelm 1825.
Ich pinselte daneben mit schwarzer Oehlfarbe:
Wem der Busen freudig schlägt,
Wem das Herz sich dankbar regt:
Der wird bei wilder’m Kampf besteh’n,
Und froh der Schöpfung Pracht erseh’n.
Lehner, welcher nicht buchstabiren — geschweige denn römisch zu lesen verstand, machte komische Glossen, und frug um Inhalt dieser seltenen Hacken. Ich erklärte ihm den Sinn jener Deutung. Beifällig schmunzelte er Zufriedenheit, meinte aber, ich sollte von der lieben Mutter Gottes, und dem heiligen Sebastian etwas mit einfliessen lassen, dann würde das Ganze recht gut passen.
Herzlichen Abschied sprach ich den Cascaden und Höhen, sie waren alle mir Freunde! — Innere Beklemmung lispelte, daß ich nie wieder hierher kommen würde. Nach ihnen mich umsehend, als wollt ich sie mitziehen in mein liebes Vaterland, winkte mir ein Alpengipfel um den andern Lebewohl; wie Karten schoben sie sich hinter einander zusammen; das Alpenspiel 80war geschlossen, nachdem des Thales enger Raum denen Riesen den Zutritt verboth. Der einzelne
grüßte uns als erstes Asyl der Ermüdung. Zwei Stunden vom Eissee, und 50 Schritte von Schneelagern entfernt, ist er gewiß ein erfreulicherer Fund für Reisende, als Wohnort für den Besitzer.
Die vierfüssigen Bewohner schienen uns mit voller Choral-Musik und einzelnen Bravour-Arien beehren zu wollen. Geisse, Schafe, Kühe, und ein ausgibiger Stier erweiterten in gräßlicher Harmonie ihre Gurgeln; sie mußten sich alle taub lärmen — oder von Taubheit heilen wollen. Der Alpler gab die Ursache dem kürzlichen Abtriebe von der Alpenweide, welche diese Freigeister im Stalle nicht sobald vergessen können. Es waren also Klagengesänge, welche mich wirklich eher, als manche meisterhaft in Städten abgehaltenen, zu bitteren Thränen würden bewegt haben, wenn ich länger hätte beiwohnen müssen.
Es war 1 Uhr, als wir nach genossener herrlicher Milch, die gutmüthigen Bewohner in ihrer verschwenderisch geheitzten Stube verließen. Der kennbare Gangsteig, obgleich noch immer steil niederführend, wurde itzt besser; Lehner mir nun überflüssig, erklärte, daß er zwar gleich mir nach Fulpens müsse, um einige Eisengeräthe daselbst zu kaufen, daß es aber mit seinem Marsche keine Eile habe, und er sich ein Mittagsschläfchen erlauben wolle, die verschwärmte Nacht einzubringen. Eigentlich möge ihn 81die Maß starken Branntweins niedergezogen haben, welche wir von Oberlengenfeld mitgenommen, und er beinahe allein ausgetrunken hatte. Was doch Gewohnheit alles bewirkt! ein Mann mit Kropf und Speckdrüsen — Bergsteigen, Tabakrauchen, Branntweinsaufen, und keine Spur einer schädlichen Einwirkung davon! — Den verdienten Lohn steckte er in seine Stiefeln, damit ihn der bleierne Schlaf vielleicht nicht darum bringe, und kroch ins Gebüsche, der bräunenden Sonne sein zartes Fell zu entziehen. Das meistens auf eine halbe Stunde sich erweiternde Thal gewinnt zusehends an Leben. Bei den Weilern
bemerkt man wohlgefällig, daß rege Menschenhände Feldungen anzulegen wußten, welche den Fleiß nicht von sich weisen. Wenn auch die fast unersteiglichen Felsenwände beiderseits, kein Brot — sondern Granitmassen (der oft in Granitschiefer übergeht) sind: so tragen sie doch auf ihren breiten Rücken, hie und da Holz mit abwechselnden Wiesenflächen, aus denen das Vieh reichliche Nahrung zieht. Von einigen niedrigeren tönte Glockengeläute bestätigend herab, die höheren waren ohnedieß bereits ausser Wirkung.
Ich wähnte, in dem 6 Meilen langen Stubai-Thale heute noch viel Weges rücklegen zu können, und wanderte, obgleich das nahe Innsbruck im Kopfe, dennoch schnellfüssig an den gewechselten Ufern des Ruzbaches 82hinab. Da komm ich von Ranalt nach anderthalb Stunden zum Weiler Folderau, welcher ebenso, wie die vorhergehenden, seinen Reichthum in der Viehzucht hegt. Den schönen Fall des schäumenden Mischlbaches zu prüfen, welcher von schwindelnder Höhe seinem Felsengrabe zustürzt, will ich mein vortreffliches Fernrohr zur Hand nehmen — und fühl es verloren! Weniger des Werthes, als weil ich’s seit acht Jahren auf allen meinen Exkursionen äusserst befriedigend benützte, schmerzte mich dessen Verlust. Dennoch kann ich diesen Zufall — glückliche Fügung nennen, weil er mir zwei Beweise verschaffte, daß Armuth nie zu Lastern verleiten müsse, und der Verdacht des Menschen oft nur auf seiner Aussenseite hafte.
Zu Ranalt, als ich von der Aussicht des Ferners mit dem Alpler sprach, nahm auf die Bitte des Letzteren, Lehner das vergoldete Rohr aus meiner Ledertasche; es wurde also nicht wieder hineingethan. Obgleich seit 12 Uhr Nachts die vierzehnstündige Wanderung keineswegs einen Weg dreimal zu machen gut hieß: so rang ich doch nach Ueberzeugung, ob der Verlust von Vorsatz oder Vergessenheit herrühre?
Ich beflügelte die Unterthanen, den Weg aufwärts nicht beschwerlicher als zuvor hinab zu finden; es ging hart, aber doch. Nach drei Viertel Stunden war ich schon beim Weiler Falbeson; eben trat der barfüssige Sohn meines vorigen Gastwirths mit dem Rohre aus diesem Häuschen; er hatte sich darin um mich erkundigt, und wollte eben weiter nachlaufen, damit ich zu meinem Eigenthume gelange. Der halb betrunkene Lehner nahm es den Kindern nicht ab, und 83so hätte sich der arme Junge eher eine Lungensucht aufhetzen können, als mich zu ereilen, wenn ich den Verlust unwahrnehmend, nicht rückgekehrt wäre. Ich fragte, wie weit er wohl damit gelaufen wäre, wenn er mich nicht gefunden hätte? »Bis nach Neustift sey ihm vom Vater befohlen worden, weil dort die erste Kirche sey, und der hochwürdige Pfarrer sich gewiß bemüht hätte, mir das Verlorne zurückzustellen.« Nun muß man aber wissen, daß bis dahin drei starke Stunden erforderlich seyen, und der Vater von mir erfuhr, was dieses theuerste meiner Reiserequisiten koste. Wer wird sich bei solchem Herzenszuge einer Freudenthräne schämen?
Ich reichte dem guten Jungen, welcher nothwendig seinem braven Vater ähneln muß, einige neue Zwanziger; er erschrak bei deren Glanze, weil ihm des Vaters Verboth einfiel, nichts anzunehmen, wenn er mich fände. Nicht ihm, seinen Geschwistern sollen sie gehören, erklärte ich; dankend sprang er nach Hause.
Mögen diese Anachoreten sich immerhin mit Schnee und Ungewitter herumbalgen, sie werden durch diese Nachbarn nicht verdorben! — Ich vergrub mich so in Gedanken über die Abarten der Menschengrösse, daß ich dadurch meine schöne Cascade vergaß. Erst beim Weiler Gasteig erkannte ich, daß ihr noch ein schärferer Blick gebührt hätte; sah aber auch, daß hier — freilich mit genauer Noth, Leiterwägelchen passiren könnten, und meine Füsse bei Entgang dieser wohlthätigen Ueberhebung, mindestens Rast bedürften, um 84nicht banquerott zu werden. »Fünf Uhr — ein Stündchen kann mir nützen!«
Ruhe und Schlaf vereinen sich bald, wenn sie beide hindangesetzt wurden. Duna weckte mich, Schwärze deckte das Thal, der Grasteppich schwamm im Abendschweiß, kein Stern lichtete dessen Kristallperlen; ich staunte, die Nässe nicht gefühlt zu haben, bei der empfindlichen Kälte; es war acht Uhr. Ich kramte meinen Besitz zusammen, um sobald als möglich unter Dach zu kommen, den Mann übersehend, welcher auf der Strasse in einer Entfernung von 60 Schritten mich betrachtete, und die Ursache von des Hundes Bellen war. Itzt galten sie ihm abermals erneuert, und ich nahte, des Fremden Begehren zu erfahren. Ich müsse süß geträumt haben, weil mir dieß Bett so wohl behagte, war der Anfang. Die Stimme schien bekannt, doch wußte ich nicht, wo ich sie bereits gehört. Ich fragte um das nächste Wirthshaus, weil ich ermüdet, und so hungrig mich fühle, daß ich rasend werden könnte. Also weit her Landsmann? forschte er. Ich erzählte ihm den heutigen siebenzehnstündigen Marsch. Er mißtraute meiner Versicherung: ohne geheimen Zweck und gutes Regal diese Beschwerlichkeiten unternommen zu haben. Vertrauter wurden wir auf der stündigen Wanderung durch das mehr beackerte, und breitere Thal, wo nächst der aus neun Haus bestehenden Gemeinde Kreßbach, beiderseits auf den Höhen im etwas reineren Nachtlichte sich Hüttchen verriethen. Nun machte er mir 85den Antrag, wenn ich mit gutem Stück Fleisch, Glas Branntwein, und reinlichem Bette Vorlieb nehmen wolle: so könne ich dieß bei seinem Schwager erwarten, welcher zwar kein Wirth ist, aber herzlich gerne jedem Menschen zu dienen sucht.
Der Antrag gefiel mir, wir lenkten vom Bache ab, und wanderten auf der Höhe einem einzelnen Hause zu, dessen matt erleuchtete Fenster noch das Wachen der Familie verbürgte; auch sah man unten schon die Lichter des netten Dorfes Neustift aufglänzen. Itzt rutschte die Schlittenkufe des Mondes über die Schneerücken heran; ich sah meinem Gefährten ins Gesicht — und erkannte den Wildfang des Fernerbachthales. Ich muß gestehen, daß mich Schauer befiel und Zweifel peinigten, was zu beschliessen wäre? Er wußte dieß, drückte mir die Hand, und die Worte »mir sand Männer« wirkten mehr, als wenn er geschworen oder geflucht hätte. Dennoch konnte ich mich eines gewissen heimlichen Gefühls nicht erwehren, und selbst die Gegend schien mir plötzlich durch die Phantasie ins Gräßliche verzogen. Kahle schroffe Felsen grins’ten hier wie Gespenster einer Hölle mit ihren bleichen Gesichtern von der Höhe herab; jenseits thürmten sich Berge, vom Monde noch nicht berührt, gleich mitternächtlichen Mördern schwarz unkennbar verhüllt; ferne färbten die letzten Strahlen der längst gesunkenen Sonne ein pyramidenförmig in die Wolken steigendes Schaffot, und die blutigen Streife zeigten von eben vollzogener gräßlicher Strafe; unten tief in den kalten Eingeweiden der Erde, übertönte die noch kältere Ruz — das fruchtlose Hülfegeschrei angefallener 86Opfer von raubgierig bedolchten Händen, und der reissende Lauf entführte die Leichen durch Klüfte.
Verworren war das Bild, verworren meine Stimmung, und so trat ich in die glühende Stube. »Bring enk an Goscht, brennts on, ol zwoa san m’r hungri.« Das Weib, wenn Kröpfe zieren — sattsam ausgestattet, wunderte sich über mein Eintreten, und griff mit beiden Händen zugleich unter den abgenützten Hut, um in den Haaren — Gedanken zu suchen. Ihr Mann, zwar noch in den Jahren der Kraft, trug im Gesichte den Stempel der Leiden und Noth, die Kinder halb nackt mit dürren Armen, schienen alle an Epidemie zu leiden, das Kleinste, ohne Kleidung, wälzte sich mit einer Katze unter der Ofenbank. Noch eine Bank, gelbe Truhe, vier Stühle, ein Tisch, Kruzifix und Gewehr, an der Wand aufgehangen, ein langer Hänguhrkasten ohne Werk, und sehr breites eckelhaftes Bett, waren die sämmtlichen luxuriösen Mobilien. Rauch des brennenden Kienspahns, und der im grossen Becken verdunstende Viehtrank, verdunkelten das spärliche Licht, und machten den Aufenthalt in dem kleinen und niedrigen Gemache unerträglich. Wahrlich ein würdiger Pendant zu meinen früheren phantastischen Ideen.
»Werd enk a Fleisch und Supp bringa,« sprach des Hauswirths schönere Hälfte, und verließ das Gemach; während ich schon meinen Hunger längst gestillt fand, und mich lieber wieder heraus sehnte. Ich verwarf den Kien, zündete Wachslichter an, und ersuchte, die Thüre etwas zu öffnen. Der Schützen Schwäche kennend, beschenkte ich beide mit 12 Patronen 87feinen Scheibenpulvers, und allem Bleivorrathe, den ich besaß. Jedes Kind bekam einen neuen Silbergroschen, um der Familie die Idee meines etwaigen Reichthums zu benehmen.
Dadurch vertraulich gemacht klagte der Hausvater: daß nebst dem Jahre 1809 eine spätere Viehseuche sein ganzes Unglück begründete; daß er früher als Holzknecht monatlich sieben Gulden Konv. Münze erworben habe, nun aber seit längerer Zeit dieser Verdienst versiegt sey; daß er mitunter von höchster Noth gezwungen, auf Erlegung eines Wildes allein oder mit seinem Schwager auszöge, bei Ertappung die fürchterlichste Strafe erwarten könne, und oft drei auch vier Tage ununterbrochen auf Bergen umherklettern müsse, um nur nicht ganz leer rückzukehren. Aber, unterbrach ich seine Elegie, da möchte ich doch weit lieber zu Hause bleiben, und etwas Unbedeutendes arbeiten, als so beschwerlich und strafbedroht umherklettern! »Jo wonni d’r hoam blei, orb’rt i, und hon nix z’ essen.« Itzt kommt die Mundköchin mit dem Bemerken: das Essen sey bereit. Der Tisch wurde gefegt, irdene Teller, zwei Paar schlechte Eßbestecke, drei Horn-Löffel[11], pechschwarzes, verschimmeltes Brot und Milchsuppe aufgesetzt. Ich versichere, daß der anfänglich betäubende Ekel, mich nun in Abwesenheit 88der schmutzigen Kinder, bei Besichtigung der reinlichen Suppe und beim Gefühl meines zurückkehrenden Hungers ziemlich verließ. Ich kostete Anfangs neugierig und furchtsam, wie von einer vergifteten Speise, genoß aber dann selbe, dem lebendigen Beispiele neben mir gemäß, zunehmend beherzter. Besonders schmackhaft fand ich das Stück Rehkeule, welche einfach geröstet und mit dicker Milch begossen war; unverfälscht und gut konnte ich das Wasser nennen. Verdächtiger blähte mich die Neugierde des Bauers, welche mich über Tische um die Eigenschaft und Verläßlichkeit meines Hundes, um Kugel- oder Schrottladung der Büchse, um meine Lokalkenntniß der Umgebung, und wirkliches Alleinreisen oder vielleicht nur heutige Trennung von Kameraden befragte.
[11] Diese waren von ordinärster Gattung; doch werden schön gearbeitete und meistens mit Denksprüchen versehene, deren einer 1 fl. K. M., und darüber zu kosten pflegt, sehr oft in den besten Wirthshäusern Tirols den Gästen als Auszeichnung vorgelegt.
Itzt, nachdem wir gegessen hatten, kam der Troß zum Tische, (wovon ich erst folgenden Tags die Ursache ersah;) ich machte gerne Platz. Das Schlucken und Plätschern war gräßlich; Hände waren die natürlichen Eßwerkzeuge, und in schleuniger Bemühung war der Wettkampf vollendet, und die Schüssel geleert; nun wurde gebethet, und die Kinder warfen sich allgesammt in das hier befindliche Bett. Wei, sprach itzt der Bauer, d’r Herr möcht a schlofen.
Sie. No? —
Er. I moan er isch mürd’r als mir (wir)! — Wonscht mogscht?
Sie. No meitweg’n!
Sie verließ das Zimmer, und der Bauer bedeutete mir, daß ich ein Bett, ein schönes reinliches Bett bekäme, und ihm folgen solle.
89Durch die Küche, über eine Stiege, kletterten wir zur Dachkammer. Ein hölzerner Stallriegel war das künstliche Schloß, und ließ willig in sein zu bewahrendes Heiligthum; das Licht verlosch; »was soll das?« frug ich erstaunt. Der Wind habe es ausgeblasen, versicherte er, ging und brachte bald ein anderes; es seyen keine Gläser in den Fenstern, (im Diskurse fortfahrend,) und er pflege sie erst bei zunehmender Kälte zu verschlagen, man schlafe so besser. Mit dem gewöhnlichen Wunsche holperte er die Stiege hinab. Ich fand es sonderbar, hier, wo auf den Höhen umher ewiger Schnee hauset, unverwahrte Fenster in einer Schlafstube zu finden, während man sich den ganzen Tag unten vom Rauch und Dunst verzehren läßt; sollte dieß Nachlässigkeit oder abhärtender Gebrauch seyn?
Ich hatte nun die schönste Gelegenheit, Betrachtungen anzustellen. Dieses Gemach war höher als das untere, und nahm den ganzen oberen Raum des Häuschens ein; auf drei Seiten offene Fenster, zwischen denen ein wollener Sonntagskittel und schwarzer Hut der Bäuerin aufgehangen war; etwas roher Flachs und Erdäpfel lagen in einer Ecke; selbe bewachten ein paar juchtene Stiefel und gleiche Schnallenschuh der Bäuerin, welche gewiß keine Hühneraugen drückten, weil ich sie bequem über meine Stiefel anziehen konnte. Aus Ruthen geflochtene, zum Tragen eingerichtete weite Körbe, zwei Stühle, eine ungehobelte Bank, nebst einem sehr hoch aufgethürmten Bett, waren die seltene Zierde des Pallastes, welchem als Parfume der Wohlgeruch einiger frisch gegossener 90gossener am Boden ausgebreiteter Käse nicht mangelte. Ich traute meinem Duna einen gewöhnlichen Nachappetit zu, und band ihn daher lieber an die Thüre fest. Nun wollte ich mein Lager besteigen, staunte aber, die grobe blaue Zwilchtuchet kaum erheben zu können. Wenig Mühe kostete mich die Untersuchung; ich fand sie mit Moos, die Pölster aber mit Wolle, Ziegenhaaren etc. angefüllt.
Wahrlich! es bedarf wenig Ueberredungskunst, sondern nur etwas Erfahrung, um überzeugt zu seyn, daß man träumend das realisirt fühle, womit uns lebendige Ideen früher folterten. Aus einem Gewirre von Raub, Todschlag, Blutgerüst, weckte mich nach paarstündigem Schlummer, Duna’s fürchterliches Bellen. Mechanisch ergriff ich den Stockdegen und sprang in die Mitte des Zimmers. Wagenrasseln, Kettengeklirr, und ein erzwungen scheinender Husten, bestätigten das vorhin geträumte Bild einer Mördergrube, und jagte mich mit emporstrebendem Haar an das offene Fenster. Was gibt’s? schrie ich mit mächtiger Stimme hinaus, und erblickte im reinen Mondenlichte zwei Männer, wie sie einen zwei rädrigen Karren über den Graben vor dem Hause hinüber hoben, während das Weib an einer Kette ziehend, ihnen zu helfen sich mühte. »U blei nur ruebig und schlof, mir roas’n nur um a Hulz und kämern bold,« sprach der Hauspatron, und das Kleeblatt entfernte sich. Ersteres befolgte ich, doch letzteres war mir itzo schon unmöglich. Sie werden wohl, grübelte ich, eine irgendwo versteckte Beute holen, oder vielmehr (weil mir der Karren bepackt schien,) die unlängst errungene 91an einen sicheren Ort zum Verkauf bringen; keineswegs aber um Holz gehen, was man hier nicht bei Nacht ängstlich nach Hause zu schaffen braucht; also doch nicht ganz aufrichtig! — Nun erst erinnerte ich mich, daß der Wildschütze ohne Gewehr nach Hause kam, was er sich schwerlich würde haben abnehmen lassen, und daher einen bekannten Schlupfwinkel vermuthen ließ.
Der gestrige lange und angestrengte Marsch hatte mir zum erstenmale einige Fußblasen gezogen. Ich übte also mein gewöhnliches Mittel, die Gehkraft zu schärfen, durch Einreibung der Füsse mit starkem Branntwein, dem ich etwas Seife beimischte; öffnete, aber erst nach einer Stunde darauf, die abgetödteten Blasen, und legte zwischen die Fußhaut und frischen Socken etwas welke Birkenblätter. Dieses einfache und unschädliche Mittel, wird sich jedem Fußwanderer, wenn er es anwenden will, bewährend empfehlen; so wie es mich bekanntermassen einmal in den Stand setzte, als Wette 30 deutsche Postmeilen in dreien Tagen folgenlos zurückzulegen, und eine ähnliche Aufgabe für die Zukunft nicht bang zu unternehmen.
Nunmehr hatte ich keine Muße, länger zu weilen; die feuchte Luft und Morgenkälte fühlte ich hier wie am Marsche, und die sechs Wanderstunden sollten mir das Mittagsmahl zu Innsbruck je eher je lieber würzen. Gestern um diese Zeit (5 Uhr), sah ich bereits Tageshelle, aber da stand ich um 5000 Fuß höher dem Horizonte, und verfolgte ihn noch mehr hinan; nun galt’s der zunehmenden Tiefe, und itzt sollte ich verweilen?
92Nichts was Bemerkung verdiente, als daß drei Töpfe, eine Reine, die zwei Paar Eßzeuge, drei Löffel, eine Schüssel, zwei Teller, ein Glas und ein Krug, das sämmtliche Geschirre der Diogen’schen Haushaltung ausmachten, enthüllte mir der heutige Tag. Ich wollte die Kinder nicht wecken, gab in den leeren Krug meinen schuldigen Dank, und verließ das Haus, nur von zwei Geissen gesehen. Noch ärmer kam mir beim Rückblick das Häuschen vor, noch bedauernswerther die Familie: Arme Leute! was soll euch im langen Winter erhalten? Geht und ernähret euch heute, vielleicht verhungert ihr morgen! Im Hinabwandern sah ich, daß auf dem Firmament ringsherum gewaltige Wolken hangen, und die schönen Tage bald seltener würden.
Der Oberberger-Wildbach, welcher aus Nordwest beim Weiler Auten mit zwei Vorplänklern die Ruz anfällt, und der aus Südost gleichfalls zerstörungssüchtig herbei eilende Pinnes- oder Herzebnerbach vergrössern nun ungemein die Wassergewalt des Hauptflüßchens, so zwar: daß die Einwohner des Dorfes
den ungewöhnlichen Entschluß — eine steinerne Einfassung des bestürmten Uferbeetes, lobenswerth in Ausübung brachten. Es wäre zu wünschen, daß dieser seltene Fleiß den Ruzbach dauerhaft bändige, die spärlich erhaltenen Feldungen zu verschonen.
Neustift biethet ausser den 15 Häusern, welche mit dem des Wirthes die artige Kirche umstehen, einen 93besonders schönen Rückblick ins Thal. Eben stieg der Tag aus seinem goldnen Thore; die Dünste flohen dessen Anblick; in Jugendfülle glühten die bleichen Alpengreise; heiter spielten an ihren Füssen die grünen Enkel, und auf diesen begann das rege Leben der Menschen in tausendfach nährender Lust! — Eine Morgentoilette wie diese, könnte deren fade Besuche in Residenzen auf immer schliessen, wenn dort die lange Weile nicht auch Tändeleien unterhalten hiesse.
Neder, Ameis und Medraz sind von Neustift auf stündiger Strecke die anmuthigen Weiler, welchen die fleissige Besorgung der Felder in diesem Thalbezirke obliegt. Die Ernten waren bereits längst eingebracht, die Aecker wieder frisch gepflügt, nur einige Flecke mit Gartenfrüchten und schönem Hanf verriethen, daß Boden und Mühe gleiche Anrühmung verdienen. Noch immer vermehrt neuer Zulauf die schon zum Uebermuth entwachsene Ruz; beim Dorfe Fulpens, wo ebenfalls ein bedeutender Rekrut — der Schlickerbach zu ihr stößt, will sie schon durch gewaltiges Toben in ihrem Felsenbeete sich das Ansehn eines Flusses erlärmen. Was ihr hier nicht gelungen, glaubt sie später, unterhalb des schönen Dorfes Mieders, durch Revolution bezwecken zu müssen; doch davon später. Das grosse Dorf
welches zwar wenig Ackergrund in seinem Bereiche hat, aber desto mehr mit Eisen- und Stahlarbeitern angepfropft ist, deren bunte Erzeugnisse sowohl im Inn- als Auslande weit herum reisen: kann man wohl 94ein eisernes nennen; und die schöneren Häuser, welche reichen Fabriksbesitzern gehören, sind, weil diese eben daraus ihren Wohlstand zogen, also wirklich von Eisen erbaut!
Während mich der Wirth mit frugalem Frühstücke zu dem vierstündigen Marsche nach Innsbruck stärkte, bereitete Zevs einen ausgibigeren Morgentrank für die todte und lebende Welt. Es war vergebens, den regenschweren Wolken zu enteilen; eine Weile noch hielt sie der Wind zusammen, bis alle herbei kamen, welche zu diesem Ungewitter berufen; nun platzten sie nach einander, und gossen ihren reichlichen Vorrath strömend herab. Ich war an das Zimmer gefesselt, hatte aber die volle Uebersicht auf die thätige Ruz und den ihr zustrebenden kleineren Schlickerbach. Es ist unglaublich, wie schnell die Fluth wuchs; das Beet erseufzte, Bäume und gleich gewaltig mitgerissene Felsstücke gaben ihm einen fühlbaren Stoß um den anderen. Jetzt schwangen sich die Wogen hinaus über die Gränzen der Bescheidenheit; die hohen Ufer schwanden, ein See lagerte sich auf ihrem Rücken, und wusch dort und da felsige Kammern darein. Die Brücke zitterte, mehr noch der sie überschreitende Pilger, welchen die Angst nicht ruhen ließ, und der nun auf ihr sein nasses Grab befürchtete. Gräßlicher zusehends würgte der Strom, die Wuth färbte ihn gelb und braun, er kannte sich nicht mehr! In wilden Sätzen übersprang er Zeit und Raum, um als Empörer, vom bleibenden Zufall begünstigt, durch einen kräftigen Sieg über den ewig herrschenden Inn, jeden Gehorsam zu brechen.
95Sechs Stunden mußte ich diesem Schauspiele Geduld opfern; itzt hatten sie ausgetobt, die Heere der Wolken; friedliebend baute Iris ihre Zauberwölbung über das Thal, das sich ihrem Willen fügte, und freundlich aussah zu der mit Phöbus im Bündniß Stehenden. Die Alpen hatten wieder frischen Schnee, einem Kapitalisten gleich, dem abermalige Glückstreffer den Reichthum mehren. Nur die Wälder konnten sobald den Krieg nicht vergessen; aus ihnen qualmte neblichter Dampf, stieg zur Höhe und schien um Rache zu rufen: wie die abgebrannten Dörfer und Märkte, welche nach den Schlachten sich ausbreiten zum Jammer, und denen ihr schwarzes Ansehn nur Flüche bringt, weil der Prasser die Verarmten nun fliehen muß.
Ich ging am, oder vielmehr im linken Ufer des Ruzbaches, weil bisweilen von der Strasse nichts, bisweilen mehr Wasser darauf zu durchwaten war, als ein mässiger Bach betrug. Schön müßten sich in sanfter Tagesruhe die jenseits vor dem ansehnlichen Dorfe Mieders zwischen Gebüsche klappernden zwei Mühlen anmelden; aber der Waldrasterbach, welcher von der holzreichen Höhe niedereilend, jenen Geschäftigen Stimme und Nahrung gibt, sprach itzt Trotz und Hohn dem Kleinlichen, und überboth seine Kräfte, um kurze Zeit selbst wie ein Mühlwerk zu brausen.
Von dem nun durchschrittenen Dorfe Telfs angefangen, gegen den Weiler-Gallenhof, zeiget die 96dreyviertelstündige Strecke alle rachesüchtigsten Verwüstungen des Baches vereinet, deren ich bei Neustift erwähnte. Man glaubt wieder einem frischen Glätscherbache zu nahen, welcher alle Gesetze der Natur, alle Barmherzigkeit abläugnet; nur für sich benützt er das Thal, zu seinem Spiele, zu seiner Zerstörung! Hie und da sieht man, daß zwischen den Gebüschen einst Wohnungen gestanden; wie, und wie oft die Ruz sie abriß, bis der trotzende Menschenmuth verzagte, sie zu erneuern, und diesen Thal-Distrikt in der Nähe von Innsbruck lieber veröden ließ, als ewig und fruchtlos mit Elementen zu ringen: mag Derjenige wissen, welcher die Welt überall fruchtbar nennt. Ich meines Theils war froh, der Steinbollwerke und Lacken des verwünschten Weges enthoben, und neben dem Weiler Kreit auf besserem Wege zu seyn; so wie am
nach zwei Stunden, abermals einen Schlupfwinkel vor dem wieder beginnenden Regen gefunden zu haben. Der gesprächige Wirth wies mir Platz und Tisch, wo Hofer mit seinen Volkshauptleuten zu sitzen und sich zu berathen pflegte. Unzählig eingeschnittene Buchstaben zeigten das Verlangen eben so vieler Personen, auf diesem Tische — auch zu arbeiten!
Ich wollte wegen der anderthalbstündigen Wanderung nach Innsbruck, hier keinen tagelangen Landregen abwarten. Gefesselt hielt mich jedoch einige Augenblicke die hochgespannte Schönberger Brücke, welche 97die beiden Ruz-Ufern mit der Poststrasse vereint, auf der ich nun im
der Hauptstadt zustrebte. Der muthigen Wellen schäumende Kreise drängten sich unten durch den ihnen angewiesenen Raum; sie brüllten, weil ihnen der fremde Zwang eine beschrenkende Erniedrigung schien, und stürmten um Freiheit — um ihr voriges Recht! — Treulich ahmten ober ihnen einst Menschen dieses nach.
Eine Strecke tiefer, kämpft diese, stolz, daß sie 2000 klaftrige Eishöhen erzeugten, mit der sich ihr anschliessenden Sill um Rang und Gewalt. Fürchterlich wüthen die beiden Alpenkinder gegen einander, als wollte sich Jede ein anderes Beet im Felsengrunde brechen; derselbe erbebt, aber trotzt der unerfahrenen Nymphen nutzlos Verlangen; der am Prenner Gebornen wird Sieg und Ehre zu Theil, von dem durch des Landes groß gezogenen Innfluß[12], als Sill unter die geachteten Enkelinnen bald aufgenommen zu werden. Der Heiligenwasser-Bach schenkt weiter unten seinen gepriesenen Besitz der Sill.
[12] Der Inn entspringt in Ober-Engardein von den höchsten Glätschern, mittels des Silsers-Sees, und soll über hundert Bäche bis Innsbruck bereits verschlungen haben.
Mit Wehmuth besah ich das einzelne Wirthshaus, Schupfen genannt, in welchem der heldenmüthige Patriot Andreas Hofer und seine würdigen 98Gefährten, ebenfalls die Plane zur Ueberrumpelung und Besiegung der feindlichen Haufen 1809 oftmals entwarfen. Damals war das geengte Thal, das itzt stumm und grün den Wanderer geleitet, der geheiligte Tempel zusammenströmender Helden, die reissender als der erboste Alpenfluß, ihre buntgekleideten Massen in gleicher Gesinnung fortwälzten, gegen den allgemeinen Feind des geliebten Vaterlandes und dessen theuresten Sorgenvater. Lauter schlugen die Herzen zum muthigen Kampfe: als die kräftige Stimme der Biederen, als das Poltern der herrlichen Cascade, welche die noch unbezwungene Sill nahe bei Wiltau (gemeiniglich Dorf Wilten genannt) verherrlicht. Feuriger glühten die Blicke der eng sich pressenden Reihen: als die Freudenbrände, welche rings von den Bergen die Erlaubniß verkündeten, daß noch mehrere der kampflustigen Hochländer am geheiligten Ruhme Theil nehmen dürfen! Die hölzernen Wände der Dörfchen Muttens und Natters bekamen Brustmauern von Fleisch und Blut, denen an Kraft und Beharrlichkeit quaderne Wehrthürme beschämt gewichen wären.
Ich stand nun auf des Berges Isel Spitze; links bog sich die lebendige Strasse hinab in das Thal, aus dem ich gekommen, rechts wirbelte in tiefer Kluft die kriegerische Sill ihrem Ende zu, hinter mir engte sich die Vergangenheit unkenntlich zwischen finsteren Gebirgen, vorwärts lachte mir über Wiltau’s grüner Fläche, Innsbruck als fröhliche Zukunft. Die Momente des Lebens spielten hier vertraut beisammen auf diesem Hügel, welcher seit jener Kriegsepoche seinen 99Schatten[13] verlor. O enthüll dich mir, Bild der Verewigung! welches dreimal auf deiner Runde geglänzet! Doch ohne den Kummer, ohne die Thränen nach denen Verblichenen zu erneuern. Alles geschah, um das fremde Joch abzuschütteln, welches fühlbar die alten herkömmlichen Gebräuche, liebgewohnte Regierungsform niederdrückte; die Stiefkinder haben wieder ihren Vater gefunden, das verwaist gewesene Ländchen drängt sich nun näher zum Herzen, und möge die Schicksale erzählen, welche es bis zu diesem Ruhepunkte erfuhr.
[13] Dieß ist keine Metapher, denn wie er durch die Siege darauf zu Ehren kam, so wurde später mit Abstockung des schönen Nadelwaldes sein Rücken gelichtet; einiges Gesträuche beweiset noch der Stämme üppige Spur.
Der 13te April, 29te Mai und 13te August des verhängnißvollen Jahres 1809, machen eben so viele klassische Trauerspiele Tirols Bewohnern unsterblich. Der erste, nachdem die patriotische Nation ihren Muth und Kräfte erwogen, siegte ohne Schwertstreich über 8000 wohlerprobte Veteranen von Franken und Baiern, welche nur Söldlinge zu besiegen hofften, gegen enthusiastische Herzen aber zu kämpfen verzagten; panisches Schrecken hemmte ihre Glieder, sie übergaben die Waffen und sich, wohl wissend, daß erstere in bessere Hände gerathend, sie als letztere der Berührung unwürdig befunden würden. Teimer, der schlichte Bürger, und Marschall wenn es dem Vaterlande galt, wußte sich dabei mit diktatorischer Gewalt die tiefste Demuth der Feinde und innigste 100Zuneigung seiner Mitbrüder zu erringen. Dankbar fühlte er dafür höchsten Orts den Lohn als Maria Theresien-Ordensritter und Besitzer der Herrschaft (als Freiherr von Wiltau), wo die Kapitulation geschah.
Der Zweite, gleich glänzend in den Annalen, wollte nicht länger dulden, daß Fremdlinge in der Alpenwände Hauptstadt Befehle erliessen, und Verderben brüteten zu des gutmüthigen Völkchens Ruin. Hofer und alle die Helden, welche ein Buch mit ihren Namen überfüllen würden, gleich rasch in der That, als muthvoll in der Ausübung, strömten zum Kampfe, zum Siege!
Ausgebreitet um die Stadt hatten sich bei 9000 Feinde, Kanonen und Pferde waren klug vertheilt; der Tiroler, nimmer gewohnt die Anzahl der Gegner, die Menge des Geschützes zu zählen, war zufrieden, mit seinem Liebsten — dem unzertrennbaren Gewehr, ein Plätzchen wider den Feind behaupten zu dürfen! Allein, auch das österreichische Militär, stolz auf die früheren Thaten, rang um die wichtigsten Plätze; es galt einen Wettkampf, der um so zweifelhafter war, als die edlen Rivalen durch ausserordentliche Thaten der Kraft und Tapferkeit wider das baierisch-französische Heer, einander zu übertreffen strebten.
Die Schlacht begann; tollkühn stürmten die Feinde jene Höhen des Berges Isel, Amras und Rinn; doch blutige Spuren bezeichneten jedesmal ihre Flucht. Nun aber versiegte der Patrioten Munition; hie und da fiel noch ein Kernschuß in das wogende 101Thal, die Noth wuchs augenblicklich grösser und schneller; heldenmüthig beschloß das erboste Militär, sich und ihre Brüder mit dem Bajonet bis zum letzten Athemzuge zu vertheidigen; aber es wäre gesunken, erdrückt worden von den anrückenden Scharen der Feinde! — Da stürzten zwei Männer, Spekbacher und Eisenstecken, an Entschlossenheit dem Hektor und Ajax ähnlich, an Kraft sie überwiegend, unter die knirschenden Tiroler. »Was braucht es noch Pulver und Blei, jene prahlenden Rotten zu züchtigen! Haben wir nicht Fäuste, gibt es nicht Steine genug, diese höllischen Gäste zu bannen? Nach der kurzen Rede starkem Sinn nahm Einer sein umgekehrtes Gewehr, der Andere ein Beil, Tausende ihnen nach, und nun gings auf den staunenden Feind! — Hofer aber, der Mann voll Muth und Gottesfurcht, hob das silberne Crucifix von frommer Brust, und den Segen damit über seine Meraner, Algunder und Passeyer spendend, drangen sie vom Berg Isel in die dichten Haufen der bald weichenden Gegner. Ein fürchterlicher Regenguß machte einige Verwirrung, und hemmte den glänzendsten Sieg der Tiroler; doch zeigte sich folgenden Tags kein Franke oder Baier nochmal des Treffens begierig; Nachts verließen sie in größter Stille das Unglück weissagende Innsbruck.
Soll ich auch den Schleier von dir 13tem August heben, als hätte nicht schon einer jener Tage genügt, ein ganzes Volk zu adeln? Ja das Volk, das Volk soll nun glänzen! denn an diesem Tage schlug es alleine die Schlacht.
Abgefallen waren, durch des Znaimer Waffenstillstandes 102(den 12ten Juli) harte Bedingnisse, die tapferen Söhne des Mars; geschmolzen an Zahl in Reihe und Gliedern geordnet, verliessen sie ungern das liebgewonnene Tirol, von den Thränen der Bewohner betrauert, in die sich manche des gutherzigen Mitleids vom braven Militär mischte.
Da öffneten sich die Schluchten und Thäler und Kasernen, und spien wie aus Höllenrachen, runde Zahlen von Feinden allenthalben in das seufzende Land. Hier wurde füsilirt, dort geplündert, Einkerkerung und Mordbrände ketteten sich an einander. Das konnte ein früher glückliches Volk, dem nun ausser Tod keine Erlösung schien, nimmer ertragen. Muth hat Jahrtausende regiert! Muth nicht, sonst alles konnte man den Tirolern rauben, auf diesen allein bauten sie ihr Glück!
Nach Hofers thätiger Ermahnung, wurden schnell der Alpen schlüpfrige Gangsteige, der Bäche trügerische Tiefen, die gewähltesten Strassen zur Befreiung. Tag und Nacht lieferte rüstige Kämpfer in Tod und Gefahr. Keine Stunde floß, wo nicht Ueberfälle geschahen, bei denen sich Männer und Weiber gleich tapfer bewiesen. Endlich wälzte sich die verarmte Masse, zunehmend wie die abrollende Lavine, ins Sillthal; begierig, weil man ihr die Winterwohnungen in Asche legte, dem Feinde die Hölle desto heisser zu machen. 25000 Feinde erwarteten die Ankunft jener Verzweifelten. An Geschütz und Mannschaft bei weiten überlegen, wollten sie die Schmach von der zweimal ungünstigen Fläche bei Wiltau durch einen herrlichen Sieg löschen. Im Buche des Schicksals 103war es anders bestimmt. Nebst dem Sandwirth Hofer, der nicht durch seinen schwarzen, bis an den Gürtel reichenden Bart, (wie einige Witzlinge erzählen), sondern durch Worte und That die Herzen der Seinen beseelte, wirkte vorzüglich der Kapuziner Joachim Haspinger mit Wundern der Beredungskunst und Beispielen der Tapferkeit. Die Gallwiese, Sill- und Volders-Brücke, der Berg Isel, das Dorf Wiltau, Amras, und alle die Höhen, Hütten und Felder um Innsbruck, wurden eben so viele Trophäen der sieggewohnten Nation. Aber hitzig kämpfte die Schlacht; um die Ehre und das verlorene Vertrauen Europas, wurzelte sich nun hartnäckig der Feind; um Vaterland, Haus und Herd, führte der Vater Söhne und Töchter ins Treffen, wählte sich der rüstige Bursche des Todes ruhmbringende Braut. Viermal wurde die Sillbrücke gestürmt, eben so schnell entsetzt. Mädchen und Weiber mühten sich, ringsum auf den Höhen Bollwerke von Stämmen und Steinen zu bauen, und sie auf die Feinde abrollen zu lassen. Fürchterlich war es, wenn der wandernde Berg donnernd und prasselnd niederstrebte, in Staubwolken alles umhüllte, und dann das Gekrächze und Fluchen der Sterbenden aus der Finsterniß röchelnd erscholl.
Holzer, ein wackerer Hausvater, stürzte von tödtlicher Kugel getroffen bei der Sillbrücke; sein braver Sohn eilt aus dem blutumzogenen Haufen, den unglücklichen Vater in Sicherheit zu bringen; er aber, wohl wissend, daß dieser Tag seines Lebens letzter sey, widersetzt sich des Sohnes heiliger Pflicht mit seltenem 104Edelmuth: »Nicht mir, dem Lande bist du itzt Sohn! fort und räche mich siegreich, oder stirb an deinen Wunden neben mir!« Mit dem Lodenrocke stillt er die strömende Wunde des königlichen Herzens, um noch die Wirkung seiner schlüßlichen Worte an dem folgsamen Sohne, als Trost in jene Welt hinüber zu nehmen. Kein Laut, keine Miene verräth seinen Schmerz, er stirbt, nachdem der bluttriefende Sohn die Feinde zurückwarf.
Drei Dirnen sahen einen verwundeten Tiroler von mehreren Feinden mit Tode bedroht; schnell eilen sie diesem vom Berg Isel herab mit Heugabeln zu Hülfe. Die Rettung gelingt, doch zu schwach ist der Arme, um sich wiederholter Gefahr zu entziehen; in einem Heustadel beim Dorfe Wiltau wollen die Mädchen ihn verbergen. Schon sind zum Unglücke feindliche Blessirte und Flüchtlinge darin, welche die Ankömmlinge zurückzubehalten streben. Entschlossen ergreift die Eine den zum Bivouaq bestimmten Feuerbrand, und wirft ihn in den Vorrath von Heu, indeß die anderen zwei wie verabredet, das Thor schliessen, und von Rauch und Flammen bewußtlos, sich mit der Feinde Anzahl verbrennen. Der Verwundete ausserhalb der Scheuer, vererbte jene beispiellose Selbstweihe dem Volke, welches zu arm, denenselben die verdienten Marmor-Denksäulen lieber in aller Herzen erbaute.
Solche Thaten, die sich zu Hunderten reihten, mußte der vollkommenste Sieg krönen. Die Feinde, mit einem Verluste von 6000 Mann, suchten folgenden Tags das Weite; Tirol war wieder befreit! Um den 105Spaten und Pflug vertauschten seine Sieger die Waffen — ach sie wußten nicht, daß schon wieder andere gegen sie geschmiedet wurden!
Man vergebe mir nunmehr diese kurze Schilderung jener drei Hauptepochen des patriotischen Volkskrieges, welche den Meisten bekannt seyn wird; doch wenn nur Einer sie noch nicht wußte, nur Einer verkehrt darüber dachte: so finde ich mich berechtiget, selbe, obgleich schon ein Zeitraum von 16 Jahren darüber seine Decke spannte, neu an’s Licht zu führen, damit nur ja Niemand, der dieses schöne Land durchreiset, seine heroischen Bewohner vergesse. Ruhig und bieder wie einstens, wirken nun wieder die Hochländer waffenlos unter einander; ewig im Kampfe mit Ungewitter und Schicksalen, welche die Lage des Landes ihren Nahrungsquellen bringt, macht sie ausharrend und kräftig, ohne der Heimath abhold zu seyn, die solche Prüfungen ersinnt; sie wiegen des Alpenländchens gut und böse Laune, und trillern ein freudig Juhe! weil erstere immer noch zog.
Ein Regentag ist keineswegs geeignet, malerische Betrachtungen über die Schönheiten einer zu betretenden Stadt anzustellen, ich verschiebe sie auf spätere Zeit. Die Wolken, welche itzt dicht über Innsbruck schwammen, trieben auch noch folgenden Tags ihr Unwesen, und liessen deutlicher den erfreulichen Unterschied fühlen, zwischen wüsten Gebirgen, oder im vortrefflichen Gasthause über solche Elementarzufälle sich zu trösten.
106Da ohnedieß die Notirung meiner Bemerkungen, und Beischaffung passender Kleidungsstücke mich zu einiger Ruhe zwangen, so war mir die Tagesfrist nichts weniger als lästig, und die heitere Folge desto erfreulicher.
Von der durch hohe Berge auf dreiviertelstündiger Thalbreite umfangenen Stadt Innsbruck, welche in ihren Mauern so viel Schönes und Gutes verwahrt, liesse sich wohl Manches herzählen; ich strebte aber nicht ihre Geheimnisse zu plündern, um damit hochtrabend zu prahlen; möge Jeder der Zureisenden für seinen Forscherblick eine neue Ausbeute finden, die ihn dann eben so freuen wird, wie wenn der Botaniker in dem Wust bekannter Pflanzen plötzlich ein seltenes Blümchen erspäht. Nur was Fremde, welche nicht so glücklich sind, Innsbruck zu sehen, einigermassen interessiren kann, erlaube ich mir zu schildern.
Die 12000 Einwohner besitzen ihre 574 reinlichen drei und vier Stockwerke hohen Wohnstätten zum Theile in dem eigentlichen, kaum von der Vorstadt zu unterscheidenden Städtchen am rechten Ufer des Inn, theils in dem am jenseitigen Ufer dieses Flusses ausgedehnten, zur Hauptstadt gehörigen Bezirke Mariahilf, mit der unteren und oberen Innbrucker- St. Nikolaus- und Kaiserstrasse. Daselbst gewährt die erste Häuserreihe am Strome recht anmuthige Behausungen; nur die etwas gegen den Berg zu entfernteren sind wegen der verschobenen engen Gässen und kleinen unansehnlichen Bauten die Anzeiger, daß dort ärmere Klassen ihre Zuflucht wählten.
Zwei Holzbrücken, wovon die obere den Beinamen 107Höttinger, die untere den der Möhlauer führt, verbinden die beiden Ufer; neben der ersteren bringen mehrere hölzerne Wasserröhren von den Quellen der Frau-Hütt-Alpe das herrlichste Getränk in die Stadt. Der Inn wird erst bei Hall schiffbar, aber auf kleinen Flössen kann man täglich von Hammingen, Oberhofen und Zierl Brennholz herbeischaffen sehen; die Fahrt soll bei dem unbedeutenden Werth der Fracht nichts weniger als gefahrlos seyn. Auf dem Inn selbst wird periodisch Holz geschwemmt; der ungeheuere Rechen oberhalb der Stadt, welcher diese Waldtribute auffängt, und wegen seiner Riesenhaftigkeit sowohl alljährig bedeutende Reparaturen erfordert, als auch Innsbruck bei Wassergefahr nicht selten in Verlegenheit bringt, macht einen Feind mehr für die Stromfahrer. Nahe dabei befindet sich der Thiergarten, neben welchen die Poststrasse über Zierl nach Baiern und Schwaben leitet.
In dem Bereiche der Stadt, bei den viel besuchten Dörfchens Rum, Arzl und Mühlen befindet sich eine Art Wasserfall, worin malerisch das Räderwerk einer Mühle kämpft, und damit den kleinen Spaziergang zur Möhlauer-Brücke, durch schöner Kastanienbäume Greisenallee doppelt würzt!
Die Promenade, weil schon jede Stadt für oder wider die lange Weile solche besitzen muß, biethet hier der Rennplatz, so benannt von den ehemals daselbstigen Kampfspielen; dabei eine niedliche englische Anlage. Die Burg, zuerst auf diesem Platze von Kaiser Maximilian I. 1494, in gegenwärtiger Pracht aber durch Maria Theresia 1766 erbaut, 108macht dabei die Hauptfronte, an die sich nördlich der Hofgarten anschließt, welcher mir aber trotz einiger verwahrlosten Steinfiguren und riesiger Lärchenbäume, in dem Lande der Felsen und Stämme kein Behagen einflößte. Die Einwohner mögen eben so wenig Zuneigung für selben fühlen, weil daselbst ausser etlichen der in Garnison liegenden Feldjäger kein Besucher zu sehen war. Der Burg gegenüber prangt das vom Erzherzog Ferdinand 1653 schön erbaute Theater.
Wer von Innsbrucks zierlicher Neustadt dem Berg Isel zureiset, wird daselbst durch die bekannte
vergnügt werden. Kollossal wurde selbe aus rothem ungeschliffenem Marmor 1765 vom Magistrate erbaut, zur erfreulichen Ankunft der Kaiserin Maria Theresia, ihres hohen Gemahls Kaiser Franz des I., und des römischen Königs Joseph, zur festlichen Vermählungs-Beiwohnung des Großherzogs von Toscana (nachmaligen Kaiser Leopold des II.) mit der Infantin Ludovika, Tochter Königs Karl des III. von Spanien. Ein grosses und zwei kleinere Thore gewähren die Passage über Wiltau nach Südtirol u. s. w., weiß marmorne Brustfiguren der höchsten Herrscherfamilie nehmen sich halb erhaben an den Wänden vortrefflich aus; acht grosse, weiß marmorne Vasen darauf, erhöhen den äussern Schmuck. Dieses Triumphthor schien mir überdieß noch prophezeihend für das Jahr 1809 erbaut, und die grossen Portraite sich hinverlobt zu haben, um die bildlichen Zeugen 109der schönen Thaten ihrer liebwerthen Nachunterthanen zu seyn; denn bei diesem Thore hatten sich die wehrhaften Tiroler im April mit Fässern und Ballen verschanzt, und unter diesen Thorbögen führten die fährtekundigen Gebirgler ihr ruhmvoll gefangenes Wild, in sicheres Gewahrsam zur Hauptstadt; das Servitenkloster, welchem nichts auszusetzen, als daß es für Innsbruck doch etwas zu groß ist! befindet sich nahe dabei.
Ich konnte mir das Vergnügen nicht versagen, über die einzige Fläche um Innsbruck — der vom Dorfe Wiltau, den wailand Graf Wolkensteinischen Pallast, wo selbst die merkwürdige Kapitulation den 13. April 1809 statt fand, zu besehen, als könnte ich dem Gebäude die Hoheit und Würde jener Verfügungen entnehmen. — Die alte Prämonstratenser-Abtei daselbst schien mir nur deßhalb interessant, weil ihre mächtigen Grundmauern aus den Ruinen der römischen Veldidena entwuchsen. Der Riese Haymo besiegte seinen Kraft-Rivalen Tyrsus, erlegte das würgende Krokodill der nahen Sillflußhöhle, und erbaute 680 obiges Stift, um vom thätigen Leben weg, darin als Layenbruder kauernd zu sterben. Das viel später erzeugte Innsbruck überboth schnell jene grosse Kolonie an Zunahme und Werth. Gallwiese und Kematen westlicher herüberblickend, locken der schönen Lage wegen zur Sommerszeit viele Städter in ihre Gasthäuser.
Die Patrolle geschah zu den Thoren, und über die Brücken hinaus, kein Feind ängstigt den Reichen, deßhalb kann man beruhigt die Schätze der Stadt mustern. »Das goldene Dach, die Klumpen Goldes auf Dächern in der Hauptstadt! die könnten Einen glücklich machen; Haus und Vieh würde ein einziger Ziegel verschaffen!« schreiet der arme Tiroler noch Jahrelang, wenn er im Leben einmal aus den Eisthälern der Drau, des oberen Inns, Oezbaches u. s. w. nach Innsbruck kam. Allein, wie viele Häuser und Vieh wären längst zu Grunde gegangen, ohne daß man von ihnen wüßte, ob sie je da gewesen? Indeß dieses vergoldete Vordach am Innsbrucker-Stadthause, das ewige Wahrzeichen von Tirols glücklicher Verfassung und Unterthansliebe des unvergeßlichen Herzogs Friedrich des IV. ist. Ueber seinen Verlust der wohlhabenden schweizerischen Besitzungen, und natürlichen Geldmangel, gaben reiche Feinde Friedrichen den Beinamen: »mit der leeren Tasche;« aber der Herzog bewies, daß, wenn ein Volk will, alle Spötteleien zerfliessen! Belegte das Vordach seiner damalig neu erbauten Burg mit kupfernen Platten, deren Vergoldung 1425 schon 300,000 Gulden erfordert haben soll, und bis heutigen Tag mit Reparaturen 200,000 Stück Dukaten übersteigt. Dadurch widerlegte er die Armuth des Landes, und dokumentirte das Recht des Tiroler-Landmanns bis auf heutigen Tag. Nachdem die späteren Landesbesitzer in der geräumigeren, von Kaiser Maximilian dem I. 111aufgeführten Burg ihren Wohnsitz wählten, wurde die vormalige als Kaserne benützt. Beinahe aber wäre dieses vaterländische Denkmal der nagenden Zeit unterlegen, wenn nicht eine patriotische Aktiengesellschaft das lange unbewohnt gelassene Gebäude durch hinlängliche Reparaturen zum schönen Stadthause umgewandelt und für die Zukunft gesichert hätte. Der Einwohner und Fremden aufrichtiger Dank bringen dem edlen Unternehmen nie ausbleibende Zinsen.
Kunstvoller erhebt sich in der Mitte des Stadtplatzes die marmorne St. Anna-Säule, 1703 von der Tiroler-Landschaft errichtet. Eine prächtige Statue aus Bronze, ließ sich der fünfte Erzherzog Leopold, wie er geharnischt das Zepter in der Rechten, mit entblößtem Haupte zu Pferde sitzt, von Heinrich Reinhart 1628 giessen, und am Rennplatze vor der Burg aufstellen.
Das Merkwürdigste, womit Innsbruck viele Hauptstädte an werthvoller Seltenheit übertrifft, biethet eines ihrer 12 Gotteshäuser. Nur einige Schritte erlaubt sich der eintretende Fremdling in die erhabene Hof- (oder Franziskaner) Kirche; stummes, ehrfurchtgebiethendes Staunen fesselt seine Sinne! — Er glaubt sich durch magische Kraft plötzlich in die Versammlung alter Heroen und Könige versetzt, deren 28 aus Erz gegossene, zwischen den Säulen der Kirche, gleich riesenhaft, im gedehnten Oval das Grabmal Kaiser Maximilian des I. umstehen. Auf demselben selbst kniet der hohe Verblichene im 112vollen Schmucke, und auf den Stufen jeder Ecke des Grabmals sitzt eine der vier Haupttugenden, als wären sie, wie im Leben, so im Tode seine unzertrennbaren Wächter. Die vier Seiten des Grabmals sind durch 16 schwarz marmorne Pfeiler in Felder abgetheilt, welche in doppelter Reihe 24 weiß marmorne Tafeln bilden, worauf halb erhaben die Heldenzüge des grossen Monarchen sich darstellen. Da die unzähligen, von ein bis 12 Zoll messenden Figürchen, bei äusserster Akuratesse die freieste Arbeit und perspektivische Ordnung vereinen, und zugleich jede Tafel, des Kaisers vorgerückte Jahre treulichst darstellt: so ist es gewiß, daß dieses Kunststück an edler Gefälligkeit vor hundert ähnlichen den Preis erringt, und eben so sehr den grossen Maximilian als die ruhmvollen Künstler verewigt. Alexander Colin aus Mecheln, und die Gebrüder Bernhard und Arnold Abel aus Kölln am Rhein, gaben dem Mausoleum und denen es umschliessenden 28 Riesengestalten das Daseyn. Kaiser Ferdinand der I. wollte des grossen Onkels Thaten dem geliebten Aufenthaltsorte bleibend erhalten, und widmete dieses Seiner würdige Monument, der neu erbauten (1553) Hofkirche. Auch Hofers ehrliche Gebeine wurden von Mantua im Februar 1823 hierher übertragen; links in der Nische eines ehemahligen Altars ruhen sie unterdeß, bis Meissel und Hammer selbe für die Zukunft verherrlicht.
Innsbruck verlassen ohne seine Umgebungen geprüft zu haben, hiesse sich an dem lieben Tirol versündigen. 113Frauhütt, ein kahles und schroffes Alpengebirge, welches sich zunächst der Stadt anschließt, und eben so, wie der kahle Berg bei Wien, an Sonntagen von den kletterlustigen Städtern besucht wird, lud auch mich auf seinen hohen Rücken. Verschiedene Hin- und Herwege können eher die vielen Naturherrlichkeiten biethen; ein erfahrener Führer (deren man in den artigen Gasthäusern Innsbrucks zu Duzenden erfrägt), weiß diese Wanderung auf das Angenehmste zu steigern. In Begleitung Sebastians Hauer, kam ich in drei Viertel Stunden, über Mariahülf auf der Poststrasse nach dem einzelnen Wirthshause Kranabiten, dort folgten wir rechts einem Seitenwege in den vorstehenden Wald, von dem ein grosser Theil vor 10 Tagen durch Unvorsichtigkeit in Brand gerieth, und gegenwärtig noch mit seiner lästigen Ausdünstung die Luft verpestete. Bald naheten wir der schauerlichen Bergschlucht Klam; der Gedanke, daß hier die Natur ihre Gräßlichkeiten dem Menschen aufs Herz preßt, begleitet den Wanderer in das passend benannte Schwefelloch; überhängend, zusammenwachsend, von furchtbarsten Konturen entstellt, ist es nur die Vorhalle zum Avernus. Jeder Schritt in das Innere durchschauert mehr den Fremdling; finster und schwarz zerklüftet sich gräßlicher die drohende Höhle, wenn man einige Leitersprossen hinabgestiegen ist in die sogenannte Hundskirche. Hier zwitschert kein Vogel, grünt kein Blatt, das Leben verstummt in dem ewig geblendeten Tage; nur einzelne Tropfen, den Angst schwitzenden Kalkwänden abplätschernd, deuten das Uhrwerk der thätig vorschreitenden 114Zeit! Kein Begriff gibt den Eindruck dieses leibhaftigen Tartarus der Alten. Die Schatten ziehen wie die Furien der Hölle, über die sich neigenden Formen der vulkanischen Felsen, Tosen des unsichtbar fortstrebenden Sulzbaches, läßt das grause Echo gefolterter Verbrecher vernehmen, wie sie die schmerzvollen Flüche ausstossen ihren verhärteten Peinigern. Alle Schrecknisse reichen sich die Hand; der Folter und Hinrichtung blutbringende Werkzeuge[14] enthüllen versteinert sich deutlich; unter den Füssen und über dem Haupte rollet der Donnerlaut stürmischer Winde, welche in den engen Klüften sich verirrten, und vergebens herauszubrechen trachten. Endlich dehnt sich die gepreßte Passage, wenn man durch die sogenannte Wagnerwand und Lehner den Felsenweg verfolgte; noch kann man sich von der furchtbar stündigen Wanderung nicht erholen, eine neue Ueberraschung soll den Pilger wieder zurückwerfen in die vorige Betäubung. Eine Thalgegend, zu schön und freundlich als jede Wirklichkeit, färbt sich mit dem herrlichsten Schmucke in zauberischer Runde; der Sulzbach, früher dem Ohr nur als drohender Zerstörer vernehmlich, windet sich nun schlangenförmig durch das liebgewonnene Thal, um länger darin zu verweilen; rein wie die sammt’ne Flur silbern sich seine Wellen in dem schlammlosen Steinbeet. Wälder und Wiesen hüpften auf die umgebenden Höhen, den Reigen zu tanzen über der duftenden Tiefe, und gigantische Felsen 115halten denselben die Ehrenwache. Man wähnt im Feenland zu wallen, wo nach bestandener Probe der gesprengten Pforte des Todes, das bessere Jenseits lohnend sich aufthut, alles zu überbiethen, was kühne Wünsche ersannen.
[14] Hauer nannte mir nemlich einige der Felsparthien: die Zange, den Bloch, das Rad etc.
Wir lenkten rechts auf die Bergwände über steile, aber gefahrlos zu betretende Pfade; ein herrlicher Wald (der Schober genannt,) begleitete uns geraume Zeit zu den Prunkwohnungen der Wolken; gelichtete Plätze dazwischen bothen malerische Uebersichten nach Alpenwiesen und Sennereien, deren höhere bereits ihre lärmenden Bewohner verloren. Aroma dufteten die umher wuchernden Kräuter, um den rastlosen Botaniker von den Höhen in die Tiefe, und wieder abseits zu locken. Auch Schnee- und Haselhühner gibts, denen der Weidmann so bald nicht die Bekanntschaft verzeiht.
Wie mit des Holzes merklich Schwinden das Leben der verworrenen Alpe sank, stieg die Reinheit ihrer Miene durch des hingestreuten Schnees allmählichen Wuchs. Gras und Schnee gossen langsam ihre Farbe zusammen, bis endlich die ausgibigere allein blieb. Ich glaubte daran das Bild eines lebensmüden Greises zu sehen, bei dem die dankbare Jugend zögert zu scheiden, um ihrem Großvater den Lebensabend zu erheitern. Wir standen am Scheidewege; ein Schneethal mit vorragenden Kalksteinen, einem gähnenden Rachen ähnlich, welcher mit seinen Spitzzähnen Welten zu zermalmen droht, verwies uns rechts oder 116links an seine Wände. Letztere hätten uns auf die Sollsteinspitze geleitet, welche von ihrer 1512 Klafter über’n Meere messenden Höhe eine überschwengliche Aussicht, vorzüglich nach Baiern biethet, wo die Wipfel der Gebirge dem jener stolzen Alpe unterliegen. Der frische Schnee war zu tief und locker, um sorglos durchwatet zu werden, wir mußten uns mit der, südlich dem Sollstein sich anschliessenden Frauhütt-Alpe begnügen, welche über Innsbruck, und deren Begränzungen im Innthal hinlängliche Ansichten spendet, und in dieser Rücksicht von dem Sollstein nicht viel übertroffen wird, weil er nur gegen Norden unüberbothen, in den anderen Richtungen ebenfalls hoch in die Wolken strebende Ferner zu seinen Gegnern hat. Ausgezeichnet bleibt er übrigens, indem seine unzugänglichen Klüfte dem allgemein verfolgten Gemsengeschlechte eine Freistätte biethen, und diese edlen Thiere heut zu Tage erhalten, obgleich sie schon in weniger umvölkerten Bezirken längst ausgerottet wurden. Auch die Frauhütt-Alpe trug seit dem letzten Gewitter ein Schneegewand; wir mußten die Eisen anlegen, denn der Sommer war vorüber, wo man in Schuhen hinanklimmen kann.
Hauer versicherte, die Alpe eben zum vierzigsten Mal zu ersteigen. Ich glaubte ihm, denn er kannte jede Grube, welche der Schnee geebnet. Die gewöhnlichsten Passagiers wären Studenten gewesen, welche im September aus allen Gegenden, meistens aber von München herbeieilen, durch einen Besuch der Frauhütt, Geist und Gefühl zu stärken. Nur Einer wäre bisher verunglückt, welcher am Sattelbüchel 117der Pflanzen wegen sich verstieg, abgleitend ein Bein brach, und nach einigen Tagen starb.
Da wir die Alpe von ihrer rückwärtigen oder vielmehr nordwestlichen Seite erkletterten, welche weit weniger steil als die südliche ist, so sah man während des Hinanklimmens gar nichts vom Innthale. Steigernd im Lohne wächst demohngeachtet die Wanderung, und würde mich längst schon zur Bewunderung hinreissen, wenn ich nicht vor einigen Tagen gleiche Punkte berührt hätte; doch das Ziel erringt sich dieselbe desto mehr, welches man auf einer steilen Abdachung nach Norden erreicht. Eigentlich hat das Frauhütter-Kalkgebirge mehrere vorragende Spitzen, wovon einige dort, andere da schönere Uebersichten biethen; doch weil keine auf die ganze Runde umher einen ausschliessenden Werth behauptet, so müht man sich auch nicht sonderlich, ihretwegen im Schnee sich zu baden. Der höchste Punkt ist aber ein Bollwerk von Steinen, welches der Alpe den Namen und Stoff zu fabelhaften Volkssagen gab; Hauer fragte mich, noch eh wir demselben genahet: ob es nicht aussehe, wie eine ungeheuere Matrone, welche auf der gedehnten Alpe sitze, mit gebogenem Rücken und gestützten Ellbogen, einen Hut aufgedrückt, wie ihn die Oberinnthaler trügen? Unaufgefordert würde ich nichts bemerkt haben, so aber kann sich Phantasie leicht Aehnlichkeiten zusammenstellen.
Von den vielen Mährchen, welche deßhalb gangbar sind, folget eines.
In jener Zeit, wo Geister und Zauberer noch auf der Welt ihr Glück machten, ich meine, wo man 118alle diejenigen dafür ausgab, welche klug oder spitzfindig genug waren, den Albernen den Kopf zu verrücken, befand sich in der Gegend, wo nun Innsbruck lebt, ein Gnomenpaar. Das Thal war ein Paradies, die sanften Bergabhänge trugen saftige Südfrüchte, der Bäume Harz dampfte Parfume, der Inn glitt über goldige Steine, und alle Thiere der Welt flogen und sprangen herbei, sich zur Benützung anzubiethen. Glücklich lebten anfänglich die Menschen unter ihrer Königin Frau Hütt; sie wählte das irdische Reich, um ihren Sohn Ol, den sie von Tyr, einem Bergriesen soll empfangen haben, für die Welt und Regierung zu leiten. Allein der Sohn mißglückte, von seinem rauhen Vater besaß er die Wildheit, der Mutter Güte war ihm fremd; geduldig gab sie nach, die Klagen der Menschen wie ihre eigenen niederdrückend. Bald strebte Ol um Alleinbesitz, um Freiheit vom Mutterbefehl. Nur Laster konnte ihm dazu verhelfen; Hütt war unverletzbar, verlor aber seit ihrem Umgange mit Tyr, die Gewalt über Wässer. Dieses wußte Ol. Er rieß einen Felsberg vom Sollstein, daß dadurch die glatte Martinswand entstand, schleuderte ihn abwärts ins Thal, wo noch der Berg Isel ein Stück davon ist. Der Innfluß dämmte sich, der See wuchs, Menschen und Thiere wurden seine Leichen; Frau Hütt floh auf die Alpe und flehte um Rache. »Ja Rache soll dir werden, thörichte Mutter!« lautete einer höheren Macht furchtbare Stimm; »die du den Sohn verzogen, und jene dir Anvertrauten verwarfst; Fluch trägt das Land durch deinen Ol; ewig sollst du schauen deiner dürren 119Alpe ausgespühlte Wände, wenn auch längst die Tiefe wieder urbar geworden; harren auf Erlösung von diesem Jammerpunkt! Jeder Blitz soll dein Haupt erschüttern, wie dein Sohn die Menschen quälte! und doch kein Ende dir schimmern, als bis zum zweiten Mal der hochgeschwellte Inn auch von diesem Sitz dich vertrieb! Dein frevelnd Ol jedoch möge erfahren, was ein harter Kopf für Schläge fühlt.« Und es sprangen die Felsen, es stürzte ihr Damm; hinab drang das Meer von Fluß, und riß den gottlosen Ol, der freudig das gräßliche Mordspiel gesehen, mit in die wäßrige Welt; vom Rumpfe brach ihm das Haupt, der Körper streckte als Salzberg sich hin auf die Höhen von Hall; das Haupt aber floß, und klebte nachher am Ufer des gesunkenen Inn; man nannte es dazumal Kopfstein, baute Mauern darüber, und kämpfte und grub auf der kriegerischen Burg, wie in den Eingeweiden des Salzberges, bleibend mit ewiger Müh! Dieß die Geschichte von der Frau Hütt, in möglichste Kürze verengt. Im Ganzen fand ich demohngeachtet sehr viel poetischen Sinn: Tirol, eine Familie aus Bergen und Wässern bestehend, bringt gleichwohl des Nordens und Südens verschiedene Frucht; Holz und Metalle tragen seine Alpen und Flüsse; Wild nährt sich zu gerne dazwischen. Die Herrscherin des Landes ist der Fleiß, er strebt über Berg und Thal, behauptet sich überall, nur an rauhen Glätschern bleibt die Mühe vergebens, man gibt sie auf und duldet ihre Wuth. Je weiter aber die Kultur des Bodens auf die erdreichen Höhen steigt, desto mehr unterliegt sie den Drohungen 120wankelmüthiger Bäche. Doch wenn endlich bei Erdrevolutionen Wogen gegen die wankenden Felsen stürmen, dann entstehen Verwüstungen, wo zuvor die rastlose Thätigkeit geblüht; Berge werden abgespühlt, und lagern sich dort, wo sie der Strom nicht mehr trägt. Mit Klagen wird dann Nichts ersiegt, Kraft erhielt der Mensch, zu ringen muthig in der That! Anderwärts muß das verarmte Volk seinen Erhalt suchen, ein festeres Plätzchen wählen zur Lebensfrist; Noth sucht alle Adern des Glücks; in des Berges Eingeweide dringt der Mensch, zu erzwingen, was dessen Aussenseite versagt. Nur der träge Müssiggang harrt bei Noth auf bessere Zeit, bis sie ihn übereilend vergißt, und er ohnmächtig vergeht, oder ungewöhnt beim ersten raschen Schritte schon verunglückt.
Nun von den Fabelbildern zur Wirklichkeit. Hier, wo die Winde ungestört wehen, und die Luftgestalten wandeln, ist es vergönnt einen Blick in den Zauberkessel Innsbrucks hinabzuschwärzen. Alle Schönheiten der Natur liegen dort, als kleine Muster dem Fühlenden zur Schau. Pan, Pomona, Ceres, Najaden und die Fluren schmückende Flora verbinden sich auf ihren Gebiethen zum Ringeltanz. Das heitere Fest gilt der jugendlich frohen Stadt, welche, obgleich winzig, doch eine glückliche Welt in Miniatur scheint. Mit dem Fernrohr erkennt man die Gässen und Plätze belebt, um die Ständchen und Läden Käufer sich tumeln, Wägen bepacken und entlasten. Die rothen Ziegel- und schwarzen Schindeldächer der enggässigen Häuschen scheinen ein aufgeschlagenes 121Kartenspiel, in dem Burg und Kirchen die Hauptfiguren bilden. Zwei mächtige Strassen durchlaufen die Stadt; auf der zu Land, schwitzen die Pferde, welche der staubgewohnte Fuhrmann in verschiedener Richtung zur Eile zwingt. Oesterreich, Italien, Schweiz und Baiern, reichen sich handelnd die Hand, durch Innsbruck — dem stattlichen Zeugen. Die andere Strasse, das Meer verbindend mit den Glätschern der Heimath, schlängelt meandrisch wie ein munterer Knabe, welcher frühzeitig schon, zur Bürgschaft für grosse Entwicklung, das gewöhnliche Gleiche vermeidet, durchs väterlich sie ausstattende Thal. Fischer, Mühlen und Sägewerke ziehen vom Inn längst Gewinn, indeß er gewaltige Schiffe noch zur baldigen Mannbarkeit vertröstet; wohlgefällig spiegeln sich in seinen klaren Wellenkreisen die Wolken und Alpen, als Belege seiner Entstehung; er pocht auf dieses Herkommen, und trägt den Beweis fort durchs hohe Vaterland! An seine Ufer drängen sich Auen, Felder und Wiesen, gleich Verwandten, welche dem lieben Abreisenden das Geleit geben; kaum hinreichend für des Menschen Bedarf scheinen diese glatten Fleckchen; aber des Pfluges mächtiger Drang bekriegt sie; die schwarz Atlas-ähnlichen Streife, dem Grün entsponnen, sind die Adern des Lebens, Regen gibt ihnen Blut; die Saaten, welche Jene dort streuen, gleichen allen guten Handlungen — sie bringen reichliche Frucht! Ergibig deuten sichere Plätze, der Ceres goldenen Segen; nicht zu hoch wurde er geschichtet, für den längeren Winter, itzt schon schmälern zahlreiche Hände den unausgedroschenen Vorrath; wie 122Ameisen um den Maulwurfshügel verzwergt sie die entlegene Tiefe.
Um Innsbruck’s Ost, Süd und Westen stehen, wie in Quarree’n geordnet, in einem Meere von grünem Pflanzenwuchse: Weiler, Dörfer und Märkte mit dem Städtchen Hall, kommandirt von erhabenen Bergschlössern und einzelnen Kirchen, denen Vorgebirge mit hohen, dicht belaubten Hainen, als Adjutanten vorspringen, alle aber scheinen dem Oberbefehle der Frau Hütt zu gehorchen. Ausgezeichnet durch Grösse und Würde ruht das vielthürmige Innsbruck, mit seinem Wächter im Süden, dem Schloß Ambras; nördlich hält Schildwach das alte Weyerburg; der Wallfahrtsort Heiligenwasser spricht milde herüber von Südost; drohende Miene behauptet Friedberg in sicherer Felskluft. Des Innstroms herbstliche Dünste gleichen in der Ferne feindlichen Fronten im heftigsten Streite; man verfolgt sie aufwärts, wo höher und höher gegen Himmel ansteigende Gipfel das Auge beirren, ob es Wolken oder Glätscherspitzen seyen. Näher rücken dagegen bewaldete Gürtel der Alpen, leise vernimmt man, von sanften Lüften geschwungen, den Herde verrathenden Ton zahllos bewegter Glocken. Die Natur scheint sich hier übertroffen zu haben an bezaubernder Mannigfaltigkeit; selten ersieht man das Ungeheuere so verschmolzen mit dem Sanften, daß daraus der sonderbarste Eindruck kriegerischen Stolzes mit reiner Empfindung des Friedens sich paart.
Dort am Glamersgrub-Ferner starret das Leben, man wähnt sich niedergedrückt von der wilden 123Grösse, der Geist fliegt zur schwärmerischen Dichtung des Todes; hier taucht man ins Leben, und die hohen Bilder lehren, wie man es kräftig und groß vollführen soll. In solcher Stunde, wo diese schöne Idee die bleibendste wird, tanzen alle holden Momente des Lebens rosenfarbig herbei, man verjüngt in ihnen bis zum faßlichen Kinde, und fühlt sich reich überladen gegen so manchen angeketteten Dulder, der vergebens nach einem Blümchen der Freude die Arme streckt; unbetrübt kann man den Gedanken hegen:
Mög das Schicksal gleiten, wie es will,
Ich erfuhr der Seligkeiten Ziel;
Raubt mich auch der nächste Augenblick:
Diese Stunde schuf mein Lebensglück.
Eine Strecke unter der Spitze, konnte ich dieser Fülle meines Herzens einen Platz auf schneelosem Steine anweisen, sie mag sich in den Oehlbuchstaben erhalten, wie meine Erinnerung daran.
Wir verliessen diese 900 Klafter hohe Alpe, welche bei allen Vorzügen doch keines beständigen Baches Mutter ist, und kamen auf mässigem Umwege neben der ansehnlichen Zierleralpe (wo uns die schauerliche Klam tief unten links blieb), durch ihr scherzendes Thal an die desto ernstere Martinswand. Wir begnügten uns deren Bekanntschaft vorläufig gemacht zu haben, und folgten lieber dem Bache, der uns von ihr weglockte, damit wir im nahen Dorfe Zierl bei Imbiß und Wein, die Plagen der Füsse vergässen. Dieses Dorf wird der romantischen Schloßruine Fragenstein, hauptsächlich aber zur Fastenzeit seines Kalvarienberges wegen, von Innsbruckern besucht; auch 124durchpilgern es viele Andächtige, um auf den hohen, zwei Stunden entlegenen Wallfahrtsort Seefeld zu gelangen. Ueber Seefeld wölbt sich die Poststrasse zum Engpasse Scharnitz, nach Baiern.
Wir verlobten uns auf die
sie both ebenfalls, wie alle Wallfahrtsörter, mühvolles Klettern zur Busse. Eine halbe Stunde unter Zierl, und zwei ganze ober Innsbruck, erhebt sich (links wenn man zur Stadt wandert) nahe an der Strasse diese vielbekannte Felswand. Ein Wäldchen verbindet ihren Fuß mit der tieferen Strasse. Der kleine Martinsbühl, der Wand gegenüber, trägt auf seinem grünen Rücken das gleichnamige Kirchlein und Jagdschloß, welche Kaiser Max oft zu besuchen pflegte, weil er aus den Fenstern des letzteren die Gemsen von der Felswand herabschoß.
Staunen ergriff mich bei genauer Prüfung der Felswand; denn obgleich ich höhere wie diese (300 Klafter) oft bewunderte: so fehlte ihnen doch das Glatte, welches sich auf der Strasse wirklich wie abgesägt darstellt, und nach seiner Besteigung erst die Kanten und Zacken enthüllt. Fast in Mitte dieser Felswand, gähnt die bewußte Max-Höhle, nur als Wohnung für Gemsen; 80 Fuß hoch, scheint sie durch die Entfernung gleichwohl zum Pförtchen erniedrigt. Ein kollossales Kreuz, welches seit dem merkwürdigen Ereignisse Kaiser Maximilians des I. 1493 den Platz darin behauptet, blickt in Gesellschaft Mariens, und des heil. Johannes segnend herab. Ausgemeisselte 125Fugen und einige Geländer sichern den ungemein steilen Weg hinauf. In den Rissen wuchert hie und da Dorngebüsch, dieses war ehemals die einzige Anhalt für Gemsennachkletterer. Das Wild verblutete, der Jäger verwünscht den durch die Bahn nun entvölkerten Platz, und nur der Neugierige erklimmt noch zufrieden die Wand, um in Sicherheit die Vorwelt zu beglossen. Mich hielt sie umstrickt; ich stand am Vorgrund der Grotte, wo Max einst knieend gebethet; sah aufwärts über der perpendikulären Himmelswand zu den Wolken, welche von der Sollsteinspitze herabgaukelnd auf ihr zu rasten strebten, und dann fortgallopirten, wie ein lüftiger Strom zum Ungewitter; die Wand schien sich zu neigen, umzusinken, als ich plötzlich in die Tiefe blickte, wo die Bäume, kleinen Federbüschen ähnlich, an ihrem Fusse flaggerten; ich fühlte zum ersten Male Mahnung zum Schwindel. So möge Max, sonst der Höhen spottend, durch den Zufall in Angst gerathen seyn, daß ihm beim kühnen Sprung in Verfolgung der Gemse hieher, die Zacken des linken Fußeisens brachen. Ein neu ersetztes, ein aufmunternd Wort hätte genügt, ihn sicher zurücke zu führen. Wer weiß nicht, daß bei eigener Gefahr, Anderer Verzagtheit den Bedrohten hundertfach foltert? — Max flehte um Erlösung, schaudernd erkannte man ihn, Gefährten und Diener ritten und rannten unter einander, und brachten statt Hülfe — Trost zum Tode! Mit der Monstranze nahte aus Zierl der Geweihte, gab den Segen vom Thale aus dem Herrscher, und empfahl selben dem besseren Jenseits. Sein weinend Volk rang die Hände, die 126Anzahl wuchs, aber ihr thatloses Klagen machte nur das Echo empören. Max aber in frommer Demuth fiel in die Kniee, und das Bild des Gekreuzigten an dem Schwertgriff sich deutend, preßte er den stählenen Treuen an die beklommene Brust. Aufgestanden vom stärkenden Gebeth, dachte und grübelte er, über die Stunden zum schrecklichen Ende. Da leitet Hoffnung neuen Gewinnes, der oft schon hierorts beglückte, den kühneren Wildschützen Zips, auf dem Saume der zackigen Felsen zur düsteren Grotte. Staunend, einen Menschen zu sehn, wo sonst nur Gemsen sich sammeln, frägt er, den Fremden nicht kennend: Holla, was machst du?
Ich lauere, entgegnete Max, bis die kommende Nacht mein Leben begräbt; wunderbar! daß der Sensenmann zwei Menschen hieher beschieden!
Zips. Hoho! hat gute Zeit, Kamerad; bin aufwärts geklettert, muß also auch wieder hinab glitschen, ohne aufs Sterben zu denken, das weidlich spät kommen soll! — Hier! nimm das feste Fußeisen, knüpf es haltbar, und gib mir sorglos die Hand; vereint wandeln wir fester. Traue der Kraft! laß dich die Kluft nicht schrecken; muthig wage den Sprung! — So, nun preise gewonnen das Spiel! — Halt, dem Athem zoll den Tribut! — Fühlst du verjünget die Stärke? Schau in die Tiefe nicht, dem Himmel stehen wir nahe! — Laß rollen die Steine, wir stürzen doch nimmer mit ihnen! — Fasse den Strauch; er reißt! schnell zu dem andern! achte der Dornen nicht! — Recht so; nun strecke die Glieder, und sieh dich 127um, wir haben die Felswand überlistet! — Leb wohl! nach Hause findest du alleine.
Max. Halt! du Mann mit solchem Muthe und grösserem Herzen! Denkst du, unbelohnt läßt Max den Mann entweichen, der ihm sein zweites Leben gab? Nenn den Lohn! und wenns die Kron nicht ist, so bürg ich für die Zahlung!
Zips. Einen Menschen half ich retten, deß freu ich mich! Daß du der Kaiser seyest — wußt ich nicht, und hab darum nicht mehr gethan. Keines Lohns begierig, weis ich ihn zurück; doch glaubst du mir verbunden, so erfülle eine Bitt: Erhalt dich deinem lieben Volk, und jage meine Gemsen nicht.
Max aber nahm den Seltenen mit, und gab ihm Gut und Schwert und den ritterlichen Schlag; damit aber der Name die That enthalte, glänzte daraus die Familie der Hollauer (von Holla und lauere) von Hohenfelsen, als geachtet unter den Edlen, lange Jahr in Tirol.
Es wurde Abend, Hauer schien müde des Tagwerks; ich konnte es ihm nicht verargen, indem er seine Nähe nach Wunsche besichtigen konnte; mir war aber jede Minute Gewinn; ich entließ ihn; ach alle die herrlichen Umgebungen, welche ich den Frauhütt-Ansichten anreihen müßte, lagen mir ja näher am Herzen, als das frühere Abendmal; kein Weib, keine Kinder erwarteten mich sehnsuchtsvoll dabei, wie meinen vollauf gesegneten Führer.
Ich maß die Tiefe der Grotte; 25 Schritte durchreichen sie; beiderseits kleben an den Wänden hundert Namen jener Besucher, die daselbst Wonne genossen; 128Freunde aus meiner Vaterstadt darunter! Ich grüßte die Buchstaben herzlich, als ständen die Lieben vor mir! »Du Stammbuch der Natur, welchem dankbar Gefühl so gerne mehr spenden möchte, verwahre deine Schuldner! Keine erbetene Gefälligkeit oder Freundschafts-Häuchelei lieferte dir Namen mit dem Flitter gepinselter Symbole, bei denen oft der fremde Verfertiger nichts erwägt, als seine Bezahlung, und der Beschenkte, die nette Form und den Geschmack der ihm gleichgiltigen Kontribuenten. Bei deinem Besuche flossen die Herzen über! Jeder gab, so wie Natur und Geist ihn hiessen, seinen Tribut, ohne Prahllust gegen Nachkommende. — Die Wachtel und Lerche lieben die Tiefe, die flache Erde trägt ihr Nest; hoch wählt es der Geier! und der Aar auf Alpenspitzen erzeugt, lehret die Jungen sogleich, die Sonne näher zu schauen!« So stand auch der Schreiber eines Namens, welchen man mit bewaffnetem Auge im Thale, aber nur vorgestreckten Halses über dem Abgrunde rechts aus der Höhle lesen kann, auf dem achtzölligen Saum der Felswand gewiß mit solcher kaltblütigen Sicherheit, als Andere das Kreuz zum Schreiben wählten.
Schwer konnte ich mich trennen, längst färbte die untergehende Sonne das grüne Thal mit Abendpurpur; hinüber floß ein Dorf, eine Kirche um die andere ins nächtliche Grab; die Dohlen kehrten heim in die Ruinen des Schlosses Fragenstein, welches einzustürzen drohte, unter der Gäste Zahl; jetzt athmete der Inn freier, sein Plätschern verrieth’s; der Fleiß ruhte; kühler kräuselte die Luft ums Haupt; 129der Tag hatte ausgerungen! — Viel der Freuden both er, aber nur für Augenblicke! wie alles Ungewöhnliche, um sich als ausserordentlich zu behaupten.
Nach diesem Hauptgenuß mußten die folgenden Tage an werthvoller Ausbeute weichen. Das ungeheuere
(auch Amras), welches sich am rechten Inn-Ufer auf glattem Rasenhügel, eine halbe Stunde südöstlicher als Innsbruck erhebt, könnte in seinen Sälen und Gemächern die Schätze der halben Welt beherbergen. Allein, seit dem die werthvolleren von da nach Wien übersiedelten, und die Baiern 1809 zu Ambras ihr Spital aufschlugen, blieb ihm gegen vorher als Treuestes — die äussere Form. Sie zeigt die Abstufungen von Jahrhunderten und die Kapricen ihrer Bauführer. Der erste Begründer — ist unbekannt; aber im eilften Jahrhunderte nannten sich schon die Grafen von Andechs-Wolfertshausen — Herren von Ambras. Seitdem wurde es oftmals in Brand gelegt, umgebaut, angestückelt etc. Margarethe Maultasche bewohnte es abwechselnd von 1360 bis 1364. Die späteren Besitzer, Herzog Friedrich mit der leeren Tasche, Max der I. etc. verpfändeten es wegen Geldnoth an adelige Familien.
Die größten Verschönerungen und aufgehäuften Kleinodien erhielt das Schloß durch Ferdinand II. Erzherzog von Oesterreich, und zwar in den Jahren 1563 bis 1579. Ferdinand wollte nemlich Ambras — das Geschenk an seine herrliche Gattin Philippine 130Welser von Zinnenberg, so viel möglich werthvoll machen. Gelehrte und Künstler wetteiferten, um es mit edlem Reichthum zu steigern. Als die Heißgeliebte 1580 starb, erbten es ihre Söhne, Andreas Kardinal von Oesterreich, und Carl Markgraf von Burgau. Nach beider Tode blieb es für immer denen Landesfürsten.
Die bewunderungswürdige Bibliothek wurde der Innsbrucker Universität großmüthig überlassen. Mit Umsicht vom Direktor Anton von Steinbüchel geordnet, bezaubern die unermeßlichen Kleinodien (Ambrasser-Sammlung) den Besucher zu Wien im unteren Belvedere; und so erübrigen hier nur noch die Ueberbleibsel als ansehnlich für Jene, welche die beiden Ersteren nicht gesehen.
Ambras besteht aus dem älteren und neueren Schlosse. Wenn man durch das Thor des letzteren in den grossen Hofraum tritt, so zieht sich dieses im eckigen Halbrund um das alte oder eigentliche Schloß, welches sowohl im Bau als Standpunkt das neuere hoch überragt. Gegenwärtig hat Ambras nichts weniger als ein Ansehen von kriegerischer Festigkeit, und ich glaube, auch in den Zeiten des Faustrechts konnte es nur durch viele Besatzung haltbar werden. Der sanft ablaufende Erdhügel und die nicht zu hohen Ringmauern darauf, unterscheiden sich auffallend von den sonst niederdrohenden Vesten; daß aber dieser Platz zu thatvollen Kämpfen geeignet und erkohren sey, bestätigten die braven Tiroler dabei 1809. Rechts im neuen Trakte sind die Wohnungen einiger des Schlosses wegen aufgestellter Individuen, welche 131auch dem Fremden nach vorgezeigter Erlaubnißkarte des Verwalteramts (zu Innsbruck in der Hofburg), alles Vorhandene mit oberflächlicher Erklärung enthüllen.
Links, neben römischen Meilensteinen, welche einst in der Umgebung ausgegraben wurden, kommt man in einen grossen Saal, voll Rüstungen und Harnischen regierender Häupter und berühmter Feldherrn. Hüllen der Männer, welche einander im Leben so oft feindselig gegenüber standen, bilden versöhnt ein schönes Tableau zusammen, Andere, die in fernen Zonen gelebt, und von Ambras nie etwas wußten — prangen als Zierde darin. An jedem Fensterpfeiler steht ein hoher Kasten, mit Humpen, Tafelgeräthen, Porzellan-Aufsätzen, seltenen Schnitzwerken, Korallengegenständen etc. zwar reichlich versehen, aber jedes der werthvolleren Stücke hat einen Bruch oder sonstigen kleinen Fehler, der es hier verbleiben machte. Breite Stufen führen vom Hofe zum alten Schlosse hinan. Rasselnd knarrt das Thor, heiliger Schauer behaucht den Wanderer: hundert Thüren öffnen sich, ihm das Wirken und Wandeln der einstigen Bewohner zu deuten. Gras wächst in den Fugen des Hofpflasters, weil es kein Eisenfuß mehr abstreift. Gang auf, Gang ab, zwischen Tapeten-behangenen Gemächern und Bilder-verzierten Wänden wallet die Vorzeit; der Nachkömmling weilt und sinnt und ruft die Geschichte zurück, und erröthet mit verstohlenem Blick auf sich, weil er noch so wenig gethan! — Waffenstücke zu verschiedenen Kraftkämpfen dienlich: wie Kolben, Lanzen, Schilder, Schlachtschwerter, 132Streitäxte, Schleudern, Partisanen etc. in schönen Formen zusammengestellt, sind durch ihr gewaltig Gewicht für ewige Zeit des Gebrauchs der Nachwelt enthoben. Ritter, wie sie bei Feierlichkeiten und Bällen unbeharnischt im Prachtaufzuge erschienen, Fahnen, die so manchen Blutbach bezweckten, Helden auf ihren ausgeschoppten Gaulen, welche treu mit einander Sieg und Gefahren bestanden, reitzen hundertfach des Alterthümlers Gefühl. Der sogenannte spanische Saal, welcher nebst seiner Ausdehnung der schönste vor den beiden anderen seyn mußte, hat am meisten gelitten. Hundert Betten sollen darin 1809 gestanden haben; man secirte und amputirte hier die Blessirten; die herrlich bemalten Wände sehen sich nicht mehr gleich. Von allen den tirolischen Landesfürsten, welche trefflich entworfen, in Riesengrösse an den Wänden lebten, hat Keiner mehr die Füsse behalten, wenige nur die Schenkel. Es wäre zu wünschen, daß man diesen still duldenden Krüppeln die mögliche Hülfe leiste. Die kaiserliche Familie in dem Saale des obersten Stockwerks blieb mehr verschont. Von da genießt man auch eine herrliche Uebersicht der Umgebung, in den Lust- und Thiergarten des Schlosses, ingleichen auf einen von der südlichen Anhöhe herabgaukelnden anmuthigen Wasserfall. Zum Schluß wies man mir beim Rückweg, als besondere Merkwürdigkeit, die Badstube der schönen Philippine Welser; es ist ein kleines ausgetäfeltes Gemach, in das einige Stufen hinabführen, und dessen Boden und Seitenwände (bei vier Fuß hoch) mit Blech beschlagen sind. Nahe dabei befindet sich die Kapelle, 133welche in der That mit allem Anziehenden des geachteten Alterthums auf den Eintretenden wirkt; obgleich klein, soll sie doch ehemals die Pfarrkirche des Ambrasser-Distriktes gewesen seyn.
Noch ein Schloß, welches zur Besichtigung reitzt, ist das zu
Es liegt am linken Ufer des Inn, nahe bei Innsbruck, unter der Frauhütt-Alpe; doch wenn man diese und Ambras vorerst sah, so wird der mit Bäumen besetzte Hügel und des Schlosses Gemächer und Saal, der im Besitze stehenden Familie von Wörndle, auffallend verlieren.
Nun einige Blicke auf die Tiroler selbst. Um sich einen Begriff von Sitten, Charakter, Neigungen und Handlungsweise des Bergvölkchens zu machen, muß man die heimisch Angesiedelten ja nicht mit den alle Welt durchwandernden Dudlern, Hausirern, Lederwaren-Krämern u. d. gl. vermengen; denn diese, als die Schlechtesten, haben eben so wenig Vaterland als herkömmliche Gebräuche; wo sie ihren Gewinn ziehen, dort behagt es ihnen, und biethet ein anderer Platz nur etwas mehr Vortheil, so sind sie gleich dort wieder eingeboren.
Der brave Tiroler verläßt nicht sein Haus — Acker, seine Familie und Berge; daher auch der beharrliche Sinn, diese Heiligthümer zum letzten Blutstropfen zu vertheidigen.
134Bieder und worttreu, ist er eben so karg im Reden als Zutrauen; desto mehr öffnet sich sein Herz den Einwirkungen der Religion; die Muttergottes ist Schutzpatronin wider alles Mißgeschick. Aber deßhalb verlangt der Tiroler nicht, daß die Verehrte alles allein auf sich nehmen und ausführen soll. Er wünscht nur ihre Beihülfe, und ringt und strebt — selbst zu vollführen! Ziemlich geneigt wäre das Völkchen dem Trunke; allein seine Armuth, seine Häuslichkeit, erlauben kaum einmal des Jahres zur Kirchweihzeit diesen Lockungen zu fröhnen. An Fleiß mangelt es in Tirol wahrlich nicht, das zeigen seine Fleckchen Ackergrund, welche manchen Flachländer bannen würden.
Zu Innsbruck sieht man weniger den Mangel, denn wo Wohlhabende schmausen, erübrigen auch Brocken für Arme. Gastfreiheit, Geselligkeit und Zusammenkünfte, weichen einigermassen denen zu Grätz, doch gründet sich dieß weniger auf Kargheit und Fremdenscheue, als dem Wunsche, seiner Familie und Hauswesen ganz zu obliegen. Einem feinen Städter möge das am Lande durchaus gewöhnliche Du und der barsche Ton etwas roh oder grob drücken; allein bald gewöhnt man dieses herzliche Zutrauen.
Mit Kraft und Fülle und einer guten Portion Frohsinn ausgestattet, bleiben sich die Bewohner gesegneter und eisiger Thäler gleich. Den wesentlichsten Unterschied macht die Lieblingsfarbe und der Zuschnitt ihrer Kleidung, worin sich jeder Bezirk von dem nächsten merklich absondert; doch obgleich ich mehrere gesehen, und die männliche Tracht als zweckmässig 135mit ihrem Berglande anrühme, so mißfiel mir diese doch durchgehends an dem weiblichen Geschlechte. Ihr kraftvoller, für Frauenzimmer beinahe zu starker Wuchs, übergeht durch die mit Pelz und Tuch ausgenähten Korsetten, und hundert Falten ihrer Röcke, ins Plumpe, Unbehülfliche. Dafür ertheil ich auch unbezweifelt der männlichen Klasse den Vorrang an einnehmenden Aeusseren. Schlüßlich glaub ich noch bemerken zu müssen, daß in Tirol weit weniger die Kröpfe zur Mode geworden, als in Steiermark und Kärnthen.
Der Oktoberwind blies zum Abmarsch; rings sammelten sich auf sein Geheiß die Blätter der frühen Kastanien unter den Bäumen, zu ziehen, wohin es ihm beliebt; im Farbenwechsel kränkelte die Linde; Buche und Rusten zögerten beim Kleidertausch; nur die lombardische Pappel erhob sich über den Willen des Herbstes, und die männliche Eiche behielt noch wie vorher den Muth; stolzer erwartete, seiner Kraft bewußt, das immer gleich bleibende Nadelgrün bald auch über diese den Triumph.
Diesen Erdkampf hier nicht abzuwarten, ergriff ich meinen Wanderstock und schlenderte in zwei Stunden nach Hall. Ausser der schönen dahin führenden Kirschbaum-Allee, welche von einer Menge steinerner Heiligensäulen strotzt, biethet sich nichts Besonderes. Auffallender war mir die Equipage einer umsiedelnden armen Tiroler-Familie. In der Gabel des zweirädrigen Karrens, worauf mancherlei Pack und zwei 136kleine Kinder aufgeschichtet waren, ging der ziehende Vater, den vor ihm angespannten Steinesel immer antreibend, das Weib aber half im Antauchen bei den Leitersprossen, und zwei grössere Kinder machten die bittenden Vorläufer an Vorübergehende.
Hall, dieses komische Städtchen mit 4400 Einwohnern, sieht noch eben so aus, wie vor einigen hundert Jahren in den Zeiten des Faustrechts. Seine Ringmauern, finsteren Wachthürme, kleinen Einfahrtsthore, und selbst seine 380 Häuser liessen nicht von einander. Da die Stadt auf einer Anhöhe liegt, so ist es natürlich, daß die Gässen schief und holperig seyn müssen; desto weniger noch wird auf deren Erhaltung gesehen; pflasterlos sind nicht nur Lücken und Gräben, Nachts, wo keine Lampe glimmt, drohende Widersacher dem Fußgeher, sondern, was beinahe unglaublich scheint, das vom Salzberge neben der Sohlenleitung die Stadt (zur Reinigung? —) durchfliessende süsse Wasser, ist nicht einmal allenthalben mit Bretern gehörig verwahrt. Ich empfand diese Nachlässigkeit, als ich Abends vom Salzberge rückkehrend, dem Gasthause in einer andern Gasse zuschritt, und plötzlich in jenen Wasserkanal bis über die Knie hineinplumpte. Allein, diese Sorglosigkeit der Strassenkultur scheint das Gute bezwecken zu wollen, daß erstlich die Einwohner des Nachtschwärmens sich begeben, und da (einige Invaliden beim Spital ausgenommen), kein Mann vom Militär oder Polizei der Sicherheit wegen die Stadtbevölkerung vermehrt, auch Diebe und Spitzbuben verhindert werden, überall hinzudringen, und bei Verrath sich schnell aus 137dem Staube zu machen! — Sehenswerth sind die acht Pfannhäuser, deren sechs mit Steinkohlen geheitzt werden, dann die ergibige Salmiak-Fabrik. Da von Hall aus der Inn erst schiffbar wird, und nebst Steinkohlen-Transporten nach Kuffstein etc. auch (bei vorhandener Ladung) alle 14 Tage eine Wasserpost nach Wien abgeht, so sind am hierortigen Werftplatze immer einige Schiffe im Baue.
Um den Salzberg besehen zu dürfen, muß man vom Salinenamte eine Karte ansuchen. Durch die Herrngasse hinaus, wandert man auf der merklich zunehmenden Berghöhe Anfangs neben Feldern, welche aber etwas Lein ausgenommen, bereits ihrer Bürden enthoben lagen, auf guter Strasse dem Waldberge entgegen. Beiderseits erheben sich die Gebirge, grüner und färbiger wird ihr Rücken, der Bach ergetzt zur Rechten mit seinem verschiedenartigen Geschwätze, nun sammeln sich Bäume um den Pilger — man ist nach zwei Stunden bei der zierlichen Bergmeisterswohnung; ein Gasthaus für Knappen und Fremde biethet Erholung dabei; man benöthigt sie, um nun den steilen Pfad auf den dichtbewaldeten Salzberg hinan auszuführen. Für den Besucher haben wiederhohlte Aehnlichkeiten weit eher belehrenden Werth, als dem Leser. Hier, wie im Dürenberge, wird der Gast herumgefahren, die Wöhren werden beleuchtet, die Schachttritte gewiesen etc. etc.
Auf der Spitze des Salzberges, von vorbenannter Bergmeisterswohnung anderthalb Stunden entlegen, erhebt sich die Kaiserspyramide, von Holz, und weiß angestrichen. Seine Majestät, unser allergnädigster 138Kaiser, vom edlen Zwecke beseelt: jede Segensquelle Ihres Landes zu besichtigen, bereiseten den Salzberg 1815. Dieses Angedenken des höchsten Besuchs bleibend zu sichern, soll eine Säule von Stein die hölzerne, welche ohnedieß schon einmal abbrannte, bald ablösen. Die Aussicht ist allumfassend, und dürfte beinahe derer von der Frauhütt ähneln. Ueber dem von Mandel-Berg und Speckkohr zusammenlaufenden Dammrücken, führt ein Gangsteig zum Haller Anger hinab ins Isarthal. Ewige Waldungen schauen von dort herauf, als wären sie aus Amerika übersiedelt; von allen Höhenpunkten ist dieß der waldreichste in Tirol.
Den Rückweg wählte ich über die Thaurer-Alpe herab zur
Berg und Schloß gleich wüste, biethen nichts als mässige Uebersicht; die Ferne leiht ihnen zum Danke dafür ein wichtigeres Ansehen. Die Veste muß, nach ihrer Zerstörung zu schliessen, bei 200 Jahre in Ruinen liegen; von Gewölbern zeigt sich gar keine, von Zimmern und Thürmen nur wenige Spur. Die Ringmauern stehen begraset und beholzt wie ein Sterbender, dem der frische Jugendanzug die Furcht vor dem Tode hemmen soll; ein Bach eilt darneben von der Höhe zum gleichnamigen Dörfchen nieder, er sehnt sich aus der todten verlassenen Höhe nach Menschen. Wo sind die Lehensritter der mächtigen Grafen von Andechs, welche bei Jagd und Kampf die Kräfte massen? wo die Humpen, deren lärmender Klang zur Freude lockte? — Durch die nebelschwitzenden Thäler rief 139das Horn die Waffengefährten über Berg und Thal des thauigen Forstes; enger wurde das Panzerhemd über des feurigen Ritters sich wölbender Brust, wenn es Ernst oder Schimpf galt mit Lanz und Stahl; ihre Kämpfe blieben bei den Zeitgenossen, keine grosse That, kein ruhmwürdiger Name ist auf die Nachwelt von diesem 800jährigen Schlosse übergegangen; es gleicht nun manchem unwichtigen Greise, von dem man nach seinem Hinscheiden nichts weiß, als — daß er lange gelebt!
In einer Stunde darauf saß ich im Gasthause zu Hall. Zunehmender Lärm in der Schenkstube draussen, lockte mich aus meinem Zimmer dahin; Salzträger und Bäckergesellen, um einen Tisch gelagert, erschöpften sich daselbst in Behauptungen, mehrere Salzsäcke als der Nachbar zu tragen. Der Streit wurde heftiger, und die gewöhnliche Folge — Schlägerei. Augenblicklich machten die Anwesenden — nicht Mittel zum Frieden, sondern Platz, damit die Kämpfer sich nach Herzenslust herumprügeln könnten. Der einigemal schon zu Boden geworfene, und wieder mit neuer Wuth angreifende Schwächere, überfloß schon von Blut. Mir wurde bange um den Armen, ich suchte Einige zum Mitleiden und Schlichtung des Kampfes zu bereden, erhielt aber die lakonische Antwort: »Wenn des Besiegten Vater sich nicht darein mische, so ginge es mich doch gar nichts an!« Staunend wandte ich mich zu jenem Benannten, welcher auch noch ein kraftvoller Mann von 45 Jahren war, und fragte, ob er seinen Sohn wolle erschlagen lassen? Aufgebracht 140erwiderte dieser: er hätte keinen Sohn erzeugt, der mit Fausthieben könne umgebracht werden, daß dieser am Boden liege, wäre seine Unkenntniß im Anpacken Schuld; übrigens schadeten ihm die Schläge gar nichts, sondern würden ihn nur fest, und für die Zukunft geschickter machen! Ich sah, daß hier Halbmenschen beisammen wären, und verlangte vom Wirthe, er solle die Wache holen lassen. »Von Innsbruck vielleicht?« lachte er, »denn zu Hall haben und brauchen wir keine, es ist ja ein ruhiges Städtchen!« — Nun war der Streit beendigt, der faßbreit-schulterige Sieger wischte sich den Staub vom Büffelhaupte, und zeigte mit einer Art Stolz denen Anwesenden die fortglimmende Tabakspfeife, daß er sie beim Kampfe fortwährend benützt hätte. Alle lobten ehrfurchtsvoll seine Kraft und Geschicklichkeit, der Vater meinte, übers Jahr würde dennoch sein Bube siegen, und man zechte fort beim Tische, und ließ den später friedfertig zukommenden, vom Blute zwar gereinigten, aber mit verschwollenen Augen, und roth und schwarzen Beulen reichlich geschmückten Gegner, Theil am Gesellschaftstisch nehmen! Mag sich Jeder aus diesem wahren Ereignisse eine Schlußfolgerung ziehen.
Ueberaus wünschenswerth war mir die Wasserreise durchs Innthal; da aber zum Abgang der Ordinären, bei dem verringerten Kommerzwesen wenigstens 8 bis 12 Tage abgelaufen wären, und ich dann diese Reise durch das herrliche Thal, unaufhaltsam, einem Flüchtlinge ähnlich, hätte zurücklegen müssen: 141so beschloß ich, meinen früheren Entschluß auszuführen, einen Kahn sammt Nöthigen zu kaufen, und meine oft bewährte Donau-, Traun- und Enns-Alleinbefahrung auch auf dem Inn zu versuchen. Von Braunau war ich bereits zweimal hinabgerudert, ich erfuhr, daß auch diese Strecke von Hall bis dahin bei Fahrtkunde gefahrlos sey.
So abentheuerlich dieses Unternehmen vielleicht scheinen mag, so ist es demohngeachtet nichts weniger als ungewöhnlich, oder bei oftmaligen früheren Fahrten, gefährlich. Dem Kahne die gleiche[15] Richtung zu geben, den Hübeln (Haufen genannt,) worüber der Untiefe wegen keine Schiffe fahren können, klug ausweichen, nicht zu spät in die Nacht zu fahren, hauptsächlich aber beim Nebel und Wind zu rasten, sind nebst Nüchternheit die Haupterfordernisse. Dafür hat man bei solch separater Fahrt keine Grobians von Schiffern beständig im Sacke, kann landen wann und wo man will, und die ganze Reise kostet — ein Bagatell!
[15] Was beim einzelnen Fährmann durch eine, den Vordertheil des Nachens seinem Gewichte gleich kommende Beschwerung mittels Steinen, ungemein befördert wird.
Hat man Gelegenheit als Passagier auf ein grosses Fahrzeug zu gelangen, und ist man der Alleinreise überdrüssig, so bekommt man überdieß für sein Schiffchen die Hälfte des Preises zurück. Jedoch will ich deßhalb ja Niemanden dieses Unternehmen anempfehlen, der nicht schon oft und von Jugend an, auf Flüssen und Wellen gerungen; denn auf Teichen oder Seen zu fahren erfordert wohl mehr Anstrengung, 142als auf beflügelten Strömen, die selbst den Nachen fortreissen, aber desto mehr Umsicht und Genauigkeit des Leiters nothwendig machen. Ueberhaupt soll selbst der sachkundige Dilletant, wenigstens für kurze Zeit sich einen wohlerfahrnen Fährmann dingen, um den Wasserzug und (da jeder Fluß andere Handgriffe lehrt,) die Vortheile zu ersehen; freilich schwimmt ein Nachen sicherer als ein belastetes Schiff, aber deßhalb muß man gleichwohl sein Leben berücksichtigen!
Sieben Gulden R. W. verschafften mir einen neuen festen Kahn, zwei harte Ruder, und einen Ländhacken. Ich empfahl mich dem launigen Neptun, dem lieben Innsbruck und jener unvergeßlichen Alpe, und stach vereint mit dem gedungenen Schiffer in die Wellen. Pfeilschnell zog uns der Strom; 25 Minuten genügten dem stündigen Wege nach
Ich entließ meinen Lehrmeister, welcher sich im Dorfe für seine Lektion ein Frühstück möge geholt haben, während ich, den Duna beim angebundenen Kahne als Wächter befehligend, die herrliche Klosterkirche zu beschauen eilte. Mehr als der solide Bau der kleinen Kirche, welcher von Hypolith Guarinoni begründet, 34 Jahre gedauert, und 1654 beendiget wurde, verdient die vortreffliche Malerei des berühmten Knoller Erwähnung. Das grosse nun aufgehobene Kloster dabei ist nur mehr von zwei veralteten Serviten bewohnt, welche den Rest der zum Absterben hier belassenen Geistlichkeit ausmachen.
Den Stürmen der Zeit war dieses Kloster weniger 143als jenen der Menschen 1809 ausgesetzt. Einst sicherte sich dazumal eine Anzahl Feinde innerhalb seiner festen Mauern und Thore, Kugelpfiffe aus den Fenstern sollten die Tiroler verscheuchen. Allein der erfinderische Muth hieß schnell eine grosse Tanne fällen, und den gewaltigen Stamm, von 40 Männern geschwungen, als Mauerbrecher gegen das Thor gebrauchen; nach etwelchen Stössen sprang Riegel und Pforte, und die blauröckigen Vögelein bekamen nun plötzlich Sprache, um Gnade zu flehen; eine Tirolerdirne, welche ihren Landsleuten Wein in einem Fäßchen zutrug, bemerkte lakonisch, als eine feindliche Kugel das Fäßchen durchlöcherte, man möchte im Trinken sich beeilen, widrigenfalls bei mehreren Treffschüssen der Wein ausrinnen müßte, da sie nicht alle Löcher mit zwei Händen zustopfen könne. Eine Viertel-Stunde südlicher von Volders, steht in einer düsteren Thalschlucht auf felsiger Höhe das romantische
wie im Norden Aecker und Wiesen zu seinen Füssen spielen, so überragen es jenseits ernste Wälder, und der Voldersbach, der schneeigen Mahlgrubspitze entsprungen, ruft Krieg und Zerstörung im Thale.
Ich genoß die angenehmste Fahrt bei der Windstille des heiteren Tages. Dörfer, Weiler, Ruinen und Schlösser, worunter Thierburg links, und rechts Rottenburg, der einstige Aufenthalt der heil. Nothburga, bothen zwischen Waldbergen verengt, deren Felsenwände bisweilen aus dem schwarzgrünen Nadelholz vorsprangen, und mit den fahlen Kornfeldern 144zu ihren Füssen malerisch stritten, so viele und mancherlei Ansichten bis
Ich besah diesen einst wohlhabenden, nun unglücklichsten aller Märkte, der sich allein von dem Jahre 1809 noch gar nichts erholt hat, und für die Zukunft daran verzweifelt. Von den vielen Häusern haben wenige bereits ordentliche Dächer; wie alte Ritterburgen stehen die Mauerwände von Rauch und Brand geschwärzt, und hohläugig mit ihren ausgebrochenen Fenstern in den öden Gässen, Männer, Weiber und Kinder erbetteln knieend von Vorüberreisenden nicht Abhülfe — sondern Fristung des elenden Daseyns! Die schöne mit Kupfer bedeckte Pfarrkirche ist Zeuge von dem ehemaligen Wohlstande des bedeutenden Marktes, und der Gräuel- und Mordscenen, welche an ihren Thüren durch barbarische Menschenverstümmlung in dem Volkskriege wütheten. Noch muß ich bemerken, daß hier im April 1809 mehr Getreide verbrannte, als die heillosen Feuerwerker Zeitlebens zu verprassen im Stande gewesen wären. Nächst Schwaz, auf der Strasse nach St. Margareth, befindet sich das nun aufgelassene Silberbergwerk, welches nach seiner Entdeckung 1480 so reichhaltig war, daß Herzog Sigismund durch die Menge daraus geprägter Münzen den Beinamen des Silberreichen sich erwarb. Mehrere Jahrhunderte nagten davon Gewinn, nun liegt der Berg ausgetränkt und zerstört, wie ein ehemaliges Gallakleid, das durch späteste Abnützung unkenntlich und unbrauchbar 145im Winkel vermodert. Während dessen ich die schanzförmigen Hügel, Gruben und verfallenen Stollen besah, holperten einige Wägelchen mit Holz- und Obstladungen vorbei, die Bespannung machten durchgehends Kühe, welche überdieß noch sehr schwach und klein waren! —
Bei meiner Rückkehr fand ich Gesellschaft am Ufer; die Leute konnten nicht begreifen, wie und warum der vierfüssige Passagier im Nachen so groß thue? Andere meinten, der Hund müsse viele Künste wissen, weil ich — seinetwegen herumreise!
Von mehreren Handwerksburschen, die mich um Mitnahme bathen, willfahrte ich einem Färber und Müller. Letzterer war mir ein wackerer Rudergehülfe, aber sein schwäbischer Dialekt quälte eben so meine Ohren, als der Andere ein Franke, von den Gebräuchen der Rhein-, Rhone-, Saone- und Marnefahrt angenehm zu erzählen wußte. Der zusammengedrängte Inn hat nun bis Breitenbach gar keine Insel, zieht pfeilschnell, und erfordert wenig Mühe. Auf überhängender Felsenhöhe links, erkennt man bald die von den Rittern von Schlitters im eilften Jahrhunderte gestiftete Benediktiner Abtei Georgenberg; ein springender Waldbach ertönt zu seinen Füssen fortwährend von dessen Lobe, bis beim Dorfe Stans der Inn selben zum Schweigen bringt. Eine Stunde südlicher erhebt sich gleichfalls am linken Innufer das
merkwürdig weil es 52 Säle und Zimmer, und 365 Fenster haben soll. Im nahen Thiergarten erlegte (wie ich zu Jennbach erfuhr,) vor Monaten ein Raubschütze aus dem Dorfe Stum im Zillerthale, einen Hirsch; die ganze Nacht wanderte er mit der seinen Rücken nicht wenig drückenden Last zur sechs Stunden entlegenen Heimath; Nachmittags als er eben von seiner Anstrengung sich erholte, machten ihm Jäger nebst Begleitung einen Besuch, und brachten Hirsch und Wilddieb in Gewahrsam. Des Weidmanns dressirter Hund hatte nemlich die Fährte des Wildes entdeckt, und leitete seinen diensteifrigen Herrn über alle die Steigeln und Umwege, welche der arme Bauer geflissentlich wählte, um den Nachstellungen zu entgehen, und doch dabei die Fasch zu hemmen vergaß.
Am rechten Innufer, Trazberg gegenüber, steht isolirt vom Dörfchen auf einem Fels, die schöne Kirche St. Margareth wie eine Festung wider lästernde Angriffe. Rings herum und hinab gegen Straß strotzen die Gärtchen von Obstbäumen, noch glänzten die Spätäpfel an Zweigen; Weizen und Gerste gedeiht gleichfalls reichlich in dem fruchtbaren Boden.
Links dampft die Luft Gluth, der
satt des Kampfes mit dem Räderwerke vom gleichnamigen Dorfe, versteckt sich im Inn; wichtige Eisendrahtziehereien 147und viele Schmelzöfen machen diesen Ort erheblich. Der Jennbach, welcher vom Hahn-Kampel, Buchauer- und Romsen-Berge erzeugt wird, macht bis ins Dorf herab schöne Cascaden; ein romantischer zehnstündiger Weg führt von da neben Achensee durchs Achenthal in die beiden Thäler des Manguald- und Isar-Flusses nach Baiern. Unter der hölzernen Innbrücke beim Dorfe Rotholz, mag die erste gefährliche Wasserstelle seyn, sie hat einen solchen Zug auf das dritte linke Joch, daß man vollauf zu thun hat, mit dem kleinen Fahrzeuge auszubeugen. Bei
öffnet sich rechts hinein das malerische Zillerthal, ober diesem Dorfe, auf bewaldeter Felsenhöhe, harret das Wallfahrtskirchlein Brettfall auf Besuch; sein rothes Thürmchen streitet mit der Lieblingsfarbe der nachbarlichen Kirchthürme; ehemals war es eine Einsiedelei, worin schon im eilften Jahrhunderte die Ritter Dietrich und Gerwein von Schlitters wohnten. Die reissende Zill und der kleine, beim Landgerichte Fügen auf Waldbergen sich sammelnde Fügerbach, wandern darin wie Vater und Sohn eng an einander, bis der Inn ihre Zeremonien vernichtet. Vom Felsen der Schloßruine Kropfsberg sah ich weit ins Zillerthal gegen Kapfing hinauf; merkwürdig ist, eine Stunde von vorbenannter Veste, daselbst das Dorf Schlitters, wegen der Entstehung seiner beiden Kirchen, wovon nun die untere durch die Baiern 1809 abgebrannt liegt. Zwei Brüder, Ruprecht 148und Edmund von Schlitters, welche gemeinschaftlich dieses Gut nach ihrem Vater ererbt, sich aber so unversöhnlich haßten, daß sie einander nur zu sehen ergrimmten, bauten sich, weil beide sehr religiös waren! jeder eine besondere schöne Kirche.
Nun einen Blick auf meinen Standpunkt — die
welche im zwölften Jahrhunderte bereits Innfluthen und Kriegsknechte zu ihren Füssen stürmen sah, die Herzoge von Meran in ihren Mauern aufnahm, und die Vasallen des Gaues kräftigte. Ein Karren lös’te nun den andern ab, um Bausteine vom Denkmal klassischer Vorzeit, zu Roßschwemmen und Viehställen zu holen: Wären sie in den Strom gefahren! die armseligen Werkzeuge des charakterlosen Mäklers, der die Ruine um einige Gulden erhandelte, um vom schnöden Gewinne in einem neuen Sonntagsrocke zu glänzen! Es ist nicht möglich, daß dieser ein Tiroler sey! — Wahr! das Ländchen bedarf keiner Burgen, keiner Schanzen, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, Muth und Alpen ersetzen den Einwohnern jene; aber um ein Stück Eisen, um einige Steine, welche Tirol nicht mangeln, sich an heimischen Zeugen thatvoller Jahrhunderte zu vergreifen, ist ein Diebstahl, den man am geheiligten Besitze begeht. Wem die Flamme für seiner Vorfahren ruhmvoll Wirken erlosch, ist ein Bastard!
Die beiden Ruinen auf den angränzenden Hügeln, 149Thurneck und St. Gertrud, mögen wohl auch bald ähnliches Schicksal erfahren.
Von Kropfsberg nach
sind Münster links und Beixelegg rechts die wesentlichsten Dörfer; letzteres betreibt einigen Silberbergbau, der gleichnamige Bach flüstert ihm ewigen Beifall. Hier, und eine Viertel-Stunde tiefer, bei Rattenberg, führen zwei Brücken über den Inn. Rattenberg, das mit seinen 800 Einwohnern nun nichts weniger als ein stolzes Ansehen behauptet, war bis 1809 eine Festung; die Feinde wollten nach erster Besiegung des Volkes nichts festes im Ländchen mehr dulden, und zerstörten die Werke! Ob ihr Zweck dadurch gelang? — wie eine Schneespekulation!
Von Hall bis hierher braucht man zum Gehen neun, zu Wasser, wenn man nirgends landet, vier Stunden. Beweis genug von der ungemeinen Schnelle des Stromes.
Jenseits Rattenberg, am linken Ufer, neckt trotz der Friedensmiene der erhabenen Kirche von Mariathal, der aus 43 Bergquellen zusammengeraffte Brandenberger-Achenbach gewaltig den reitzbaren Inn. Die schöne Poststrasse läuft fortwährend von Volders bis Wärgel zur Rechten; jenseits ist zwar auch ein Fahrweg, aber unkultivirt und von Ort zu Ort ausbiegend.
Während ich zu Rattenberg etwas verweilte, meldete sich ganz sachte ein Herbstregen; zum Glück schwieg der Wind, sonst hätte sich die Fahrt schon 150beendigt. Die drei Seen links bei Moosen, verloren ihren Glanz, der Markt Breitenbach eine Stunde unterhalb davon, wurde allmählich ein general Name für die trüben Vermehrer des Inns; am rechten Ufer spielten die Dörfer Rathfeld und Kundel mit dem zwischen ihnen weilenden Schlößchen Nieder-Eich — blinde Kuh; nur der angeschwollene Kundelbach klagte über Beklemmung dabei. Die vier kleinen Bäche, welche von
zum Inn stossen, erzwecken durch Mühen nur Spott; desto mehr rächt seiner Gefährten Schwäche die ausgerüstete Wärgler- oder Winacher-Ache; doch der Inn, welcher allen gebiethet, weiß auch sie in Fesseln zu werfen. Der Ort Wärgel war ein wichtiger Kampfpunkt 1809; das hier breitere Innthal, und die davon wegleitende Bergstrasse durch den Achenengpaß über die Höhen der Dörfer Hof, Brixen und Feuering nach der Stadt Kizbühl, gaben wechselseitig Gelegenheit zu Treffen, Ueberfällen und Schlupfwinkeln. Unter dem hochprangenden Maria Stein, welche als Kirche und Veste zugleich im gothischen Style herabblickt, macht der Inn zwischen den Dörfern Angeb und Oberlangkampfen eine ungemeine Krümmung nach Norden, um das am rechten Ufer ausgebreitete Dorf Kirchbühel ellbogenförmig zu umfassen; bei schwer geladenen Schiffen mag hier die Wendung Anstrengung kosten. Nun sieht man schon
das Felsgethürmte, wie es die ernsten Blicke herumsendet im enger und engeren Thale. Die Dörfer Nieder-Breitenbach, Unterlangkampfen, Bleibach und das Schloß Zellerburg links, am rechten Ufer die Weiler, Pichlwang, Endach und Weisach, beide von Bächen besprudelt, verlieren auf der ständigen Fahrt bis dahin an Aufmerksamkeit, obgleich ihr natürlicher Schmuck nicht wenig dagegen streitet. Die tausendfältigen Berge und Hügel, welche hier unter einander geworfen, bald Wälder, bald Wiesen und Aecker tragen, scheinen mit ihren Häuschen wie im Wettkampf von den rückwärtigen Alpen herabzulaufen: die Uferhöhen und Gruppen von Bäumen dagegen, machen den Steinklumpen Kufstein bald vor bald zurücktreten; man verwünscht das unnütze Gauklerspiel, welches im Gußregen am unpassendsten langweilt. Endlich nach drei Stunden ist der siebenstündige Fußweg von Rattenberg zurückgelegt; man kann also, da vorbenanntes Städtchen die kleinere Hälfte von Hall nach Kufstein bildet, die ganze Reise unaufgehalten in sieben Stunden bequem vollbringen, indeß man zu Lande bei gutem Schritte 16 Stunden, die Raststationen ungerechnet, benöthigt.
Einige Klafter unter der schönen auf steinernen Pfeilern ruhenden Brücke, dem Dorf Zell gegenüber, ist der gewöhnliche Landungsplatz. Kufstein liegt eng am Strom, und ist mit hohen Ringmauern in Nord und Osten umgeben; gegen Südwest erhebt sich das Schloß oder die eigentliche Festung, auf einem steilen 152auch überhängenden Fels, der ihm an gewechselten Standpunkten von weiten die Form riesiger Salzkufe oder unermeßlichen Kopfes mit Nasen und Ohren leiht; daher auch die allgemeine Benennung — Kopfstein, bei den Landleuten. Die Stadt selbst ist so klein, daß man ungehindert vom oberen zum unteren Thor, oder umgekehrt, jedem Nieser — Wohlseyn zuwünschen kann; sie besteht eigentlich nur aus einer einzigen schiefen Gasse, worin 28, aber meistens drei Stockwerke messende Häuser aufgestellt sind. Oestlich an der Stadt machen einige Häuschen eine Art von Vorstadt; doch glaube ich, daß die Bevölkerung insgesammt nicht 500 Seelen übersteige.
In Kufstein sind zwar der Kommerzial-Strasse wegen, genug Wirthshäuser vorhanden, aber die Stille, das Eingeschlossene und Traurige im Städtchen, machen jeden Bissen zum Würgapfel; ich wundere mich, daß hier jemand Anderer, als ein Soldat zu hausen bereit ist.
Da der Regen gleich eigensinnig blieb, so verschob ich alle weiteren Untersuchungen auf morgen, ließ mir durch den Wirth die Vidimirung des Passes und einen Erlaubnißzettel, die Festung zu besichtigen, besorgen, und ging auf mein Zimmer. Des Färbers und Müllers Nachtmahl nahm ich ihres Geldmangels und höflichen Benehmens wegen zu meiner Zeche; die Folge wird lehren, wie sie es verdienten.
Das Wetter hatte über Nacht ausgetobt, frostelnde Kühle blieb zum Morgen übrig, wie die Schwäche dem Rekonvalescenten; ich beeilte mich zur Festungsbesichtigung. Am Fuß des Felsens, beim einzigen 153Aufgang zur Festung, befindet sich rechts eine Militär-Wachstube; jeder Ein- und Ausgehende wird von dem Posten genau besichtigt; man kommt durch das kleine eisenbeschlagene Thor zur Stiege, welche bis hinauf mit dicken, meistens eichenen Pfosten links und an der Decke umbaut ist; rechts ist die Felswand, in der schwere eiserne Ringe zur Ketten-Anlegung oder Geschütz-Hinaufziehung dienlich, eben so wenig von Eisensparung zeigen, als die grossen Klammern und Schrauben in vorbenannter Holzeinfassung; kleine Fensterchen darin biethen Licht, und Gelegenheit zur Vertheidigung bei Belagerung. Schon hört man Kettengerassel und Stimmen; dumpf bricht sich der Ton in der bedeckten Stiege, und der Wanderer zögert schauernd. Zwischen Batterien, Hornwerken und Bastionen von Felsen, erblickt man das kriegerische Freie; noch hat man keine Zeit die Wehrthürme und Ravelins alle zu besichtigen; denn einige Duzend bleiche aufgedunsene Arrestanten schleppen, je nachdem die Anzahl der Strafjahre ihnen leichtere oder schwere Eisen diktirte, ihre marternde Bürde dem Fremden entgegen, und flehen um Almosen, oder bringen aus gefärbten Roßhaar wirklich herrlich geflochtene Uhr- und Halsketten, nette Ringelchen mit den rein eingearbeiteten Innschriften: Zum Angedenken, Vergiß mein nicht. Glücklich der Freie u. d. g. um Spottpreise zum Kaufe. Ein Franzose, welcher im Jahre 1811 auf dieser Festung büßte, hat die Haarflechterei einigen Unglückskameraden mitgetheilt, und dadurch als bleibende Kenntniß allen Nachsträflingen vererbt. Von dem gelös’ten Gelde darf sich Jeder 154wochentlich ein Seitl Bier und ein Loth Rauchtabak (aber nur zum Kauen) anschaffen, die übrige Barschaft zu neuer Material-Anschaffung verwenden. Den gesunden Arrestanten werden täglich Arbeiten, hauptsächlich Reinigung der Wege, Ausbesserung der Festungswerke u. d. g. angewiesen, besondere Staatsverbrecher und ehemalige Offiziere ausgenommen, welche aber ebenfalls, wenn sie ihr Kämmerchen der frischen Luft wegen mit den Rambats der Festung auf Viertelstunden vertauschen, wie die gemeinen Verbrecher, Soldatenwache bei sich haben. Die Anzahl der Arrestanten, welche durchaus der Militärbranche zugehören, ist des Raumes wegen auf 45 Köpfe beschrenkt; sie haben leidliche Wohnungen, nach ihrem vorigen Stande entweder in den Erdgeschoßen oder in Stockwerken der Festungsgebäude und Thürme; die Kasematten sind alle leer.
Ein Feldwebel und ein Gemeiner begleiteten mich zu den verschiedenen Abtheilungen der Festung; zuerst besah ich die bedeckten Wege, Sternschanzen und oberen Terrains, welche bei den ungeheueren Thürmen, Minen, Hornwerken, Batterien etc. die Festung furchtbar und unbezwinglich kleiden, aber es ist nichts als Hülle, womit sie ihr schmeicheln; denn mit einem Blicke wird der Taktiker die Unhaltbarkeit der Festung für die Dauer erkennen. Kein Artillerist kann auf Sicherheit pochen beim Geschütze, da von höheren Bergen die Festung bequem aus Kanonen und Bomben bestrichen werden kann. Unter den kleinen Festungen ist sie aber demohngeachtet wider Ueberfälle und Belagerungen für kurze Zeit, eh noch die Feinde schweres 155Geschütz herbei zu bringen vermögen, am ersten zum haltbarsten Widerstande geeignet. Nur in den Zeiten des Faustrechts konnte man diese erhabene Felsenplatte, so lange noch ein Mann das Schwert oben schwang, oder ein Junge beim Steinkorbe stand, unüberwindlich preisen!
Nun mußten Lichter aushelfen, denn abwärts gings in die Kasematten, deren zwei und vielleicht mehrere untereinander theils durch Mauer, theils in Felsen angelegt sind; ich hatte an ersteren genug; denn nebst der Moderluft, welche mich darin quälte, brach unter mir ein morsches Bret, und ich sank in die unten befindliche Pulvermine, deren mehrere von den Baiern durchgeschlagen wurden, als sie 1809 die ganze Festung in die Luft zu sprengen gesonnen waren.
Bedauernd Jeden, den sein Unglücksstern hierher bleibend verdammt, verließ ich das unterirdische Angstreich. Nun stiegen wir den größten, mit besseren Arrestkammern versehenen Thurm hinan; der erste Verbrecher, dessen ich ansichtig wurde, war ein wohlgestalteter Mann von beiläufig 40 Jahren. »Kommen Sie mein Herr, um ihre Neugier auch an der Verzweiflung zu stillen?« fragte er mit beissender aber reiner Betonung. »Ich beklage das Unglück und will es nie kränken;« erwiederte ich, und eilte die Treppe hinab mit einer Engbrüstigkeit, als drücke Mord meine Seele. Keine Minute wär ich länger verweilt, der Felsgrund schien zu brennen unter meinen Füssen, bis ich in der Stadt wieder zu freien Athem gelangte.
Vom Wirthe ward mir reichliches Frühstück bereitet, ein noch grösseres hatten sich die zwei Burschen auf meine Rechnung geben lassen, und dazu eine Flasche Branntwein, Brot und Käse zum Mitnehmen auf die Wasserreise. Der Wirth willfahrte ihnen, weil ich unvorsichtiger Weise bei der gestrigen Zeche für sie, beide als gesittete Leute schilderte, denen ich bis Rosenheim mitzufahren erlaubt hätte, und überdieß für ihre Rudermithülfe das Bischen Nahrung schenken wolle. Der Färber trug die Viktualien zeitlich zum Schiffchen, um nach seiner Aeusserung dasselbe zu hüthen, bis ich vom Schlosse und Frühstück hinkommen würde; der Müller weilte noch geraume Zeit beim Imbiß, und nach befriedigter Frage: wann die heilige Messe in der Kirche Statt finde? bat er, ihn von dort zu holen, in so ferne ich vorher eintreffen sollte.
Der sorglose Wirth machte ein sonderbar langes Gesicht, da ich diese Angaben — Keckheiten nannte, und als verdächtig erklärte; zum Glücke hatte er Niemanden in mein Zimmer gelassen, und somit lief ich getrost, grösseren Nachtheils befreit zu seyn, zum Stromufer. Aber zwei grosse Steinkohlen-Schiffe ausgenommen, war, wie ich fürchtete, nichts von meinem Kahne zu sehen; die Erzgaudiebe entwichen bereits vor einer Stunde, und hatten dem mir nun erzählenden Schiffknecht, welcher mich gestern mitankommen sah, auf sein Befragen, wo der Dritte wäre? die gefaßte Lüge angehängt: ich bethe in der Kapelle zu Loretto, und sie würden unten (beim Kaiserbach) 157mich erwarten. Mehr als der Preis des Nachen und Frühstücks für die Schurken, verdroß mich nun bei windstillem Tage die bemüssigte Wanderung neben dem Inn, anstatt dass ich mit aller Bequemlichkeit hätte auf den Wellen hinabgleiten können; ich verwünschte die Unvorsichtigkeit, keine Kette und Schloß mitangeschafft zu haben; mehr aber, als Alles, empörte mich der äusserste Undank jener Schelmen, welche wegen ein Paar Gulden jedes bessere Menschengefühl herabsetzten, und mir ein Beispiel von Schlechtigkeit aufstellten, dessen ich noch nie erfahren. Solch ein Zug gäbe Hypochondristen Gelegenheit, für immer Menschenfeinde zu werden. Wahrlich! welche Mühe braucht es, Landsleute — oft Verwandte mit einander in Freundschaft zu verweben; wenn es aber darauf ankommt, einen Dritten zu bekriegen, da werden Asiaten und Europäer bald verbrüdert!
Der Wirth konnte sich aus Verwunderungen gar nicht heraushelfen; am Ende prophezeite er den Gaunern, früh oder spät, auf einer Festung sichere Plätze. Ich verließ Kufstein und betrachtete mißmuthig die auf schöner Wiesenfläche gepflogene Loretto-Kapelle und den sonach die Strasse unterdringenden Kaiserbach, denen ich schon längst anwesend gelogen wurde. Das Thal wird breiter, Aecker und Wiesen scheinen hier auf dem guten Boden trefflich bestellt. In einer halben Stunde erreicht man den Weiler Aichlwang, merkwürdig, weil jenseits von dem ins linke Inn-Ufer einbrechenden Windhagerbach das baierische 158Gebieth schon beginnt; das rechte trennt sich erst drei Stunden später bei Windhausen vom österreichischen Besitze. Ein Wäldchen von Tannen und Föhren, und rechts tirolische Felsenwände, machen den bedeutenden Landwechsel dem Wanderer noch eine Zeitlang vergessen.
Durch den Weiler Oberdorf kommt man in einer halben Stunde zu dem voll von Verwüstungsspuren des Aschauerbaches heimgesuchten Dorfe Ebs. Von hier reichen die Poststrassen über Marquartstein und Traunstein oder über Kizbühel ins Salzburgische. Allmählich verlor sich mehr und mehr der Rückblick nach Kufstein, bei Niederdorf ist er für immer entschwunden. Die südlichen Alpen, welche man noch vor einer Stunde lobte, sind geschmolzen im Aether oder Nebel; dagegen lächeln andere Gegenstände dem Wandler: Birnen, Aepfel und Zwetschken, im flachen Lande längst schon verzehrt, krümmen hier noch tief die Aeste der Bäume. Ich wollte mir im anmuthigen Weiler Mühlgraben das lang Entbehrte kaufen; nicht reich waren die Burschen und Dirnen, welche emsig an den Obstbäumen ihre Kraft im Rütteln versuchten, aber beleidigt schienen sie, als ich für ein Tuch voll Pflaumen und wohlriechender Aepfel, Bezahlung anboth. Ich werde bei der Ernte ihnen doch den Segen nicht wegkaufen wollen? zürnten sie, und liefen davon, als beruhte ihr Heil auf meiner unentgeltlichen Annahme des Obstes.
Rechts ruht auf sanftem Hügel der Weiler Hochau so zauberisch, als strebte er dem Waller die Trennung von diesem Ländchen so schwer als möglich zu 159machen; der schäumende Alpenbach neben ihm, eilt desto hitziger zur Reise, obgleich ihn ewiglich frostet. Ich überschritt denselben, und kam bald zum Dorfe Erl. Hier überraschte mich noch das seltene und letzte Fest des Alpenländchens; die ganze Dorfgemeinde schien in Reih und Glied aufgestellt, Glockengeläute und Jubelruf spielten ein freudig Duet — es war der feierliche Einzug der Herden von der schließlichen Alpenweide. Mit Seidenbändern und Blumenbüschen verschwenderisch ausgestattet, schritten die wohlgenährten Kühe, von den Sennerinnen bis zur glänzenden Politur gestrigelt, sich selbst den Takt läutend, gravitätisch durch die gaffenden Reihen; stolz auf ihre Zöglinge ging an der schönsten immer die Pflegerin, mit einer Miene, die Dido’s Reichthum und einer Bachantin Frohsinn ausdrückte. Ihr Bursche durfte neben ihr die Freude und das Lob der Herrnleute und Nachbarn theilen. Den Schluß machten Kälber und Schafe, welche mit einer Schar Kinder zugleich die Ställe füllten.
Für die Ausschmückung des Rindviehs, welche die Sennerin von den Paar Lohngulden bestreitet, macht der Beifall des Volkes ihren einzigen Gewinn; und doch ist er ein beinahe unentbehrliches Erforderniß beim Heimtriebe.
Nun senkt sich etwas der Weg; rechts auf der Anhöhe steht ein alter viereckiger Thurm voll Fenstern — es ist der
den vorher immer Militärbesatzung inne hatte, seit aber sein Holzwerk abbrannte, hat sich die Gränze zum Waffenstillstand entschlossen. Ich erklomm ihn, nicht um darin Merkwürdigkeiten zu entdecken, sondern etwas von dem liebgewonnenen Tirol mir noch einzuprägen.
»Leb wohl du Land, dem die Thäler — Wiegen, die Flüsse — Adern, die Berge — Waffen, die Felsen — Kinder sind! Die Seen machen deine Spiegel, die Wälder deine Gärten aus; und an der Alpen Brust feiern die Wolken — Opfer für des hohen Land’s Geburt. Von der Wasserfälle Brüllen, von der Lavinen polternd Sturz, braus’t dein Aether; deine Mauern aber stehen, trotzen wie die Ewigkeit! — Noch einmal, lebe wohl schöne Bergwelt! nichts verbindet ferner mich mit dir, als mein Dank und der Strom, der mir im guten Wien dein Befinden weisen soll!«
Im Fortwandern entkeimte der Wunsch meinem Herzen: Das Leben möge immer dieser Reise gleichen, mannigfaltig und flüchtig im Einzelnen, aber reich an herrlichen Minuten, und ewig langsam das Vergessen dieses Glücks!
Uebern Pachberger-Bächelchen, an dem eine Bretermühle besonders eingreifenden Vortrag behauptet, befindet sich bei mehreren Häuschen auch das königlich baierische Gränzzoll- und Aufsichtsamt. Wenn man 161nichts Mauthbares hat, so ist die Vidimirung des Passes bald abgethan. Von da kommt man in drei Viertel Stunden über den Weiler Hinterberg zu dem im schönen Obstwäldchen versteckten Nußdorf. Seitwärts des Dorfes ragt ein ungeheuerer alter Thurm; ich konnte von den deßhalb näheren Umständen nichts erfahren; »s’ wor holt a Haden-Schloß« lautete die allgemeine Antwort.
Der Zufall wollte, daß ich der Grummetsammlung wegen, welche auf den ergibigen aber Sumpfwiesen eben dreissig Hände beschäftigte, meinen Blick aufmerksamer von der Strasse nach dem Innufer heftete; einige Schiffshütten zwischen den Weiden und Erlengebüschen hervorblickend, lockten mich wegen allenfälliger Fahrtgelegenheit hinzu, darunter schaukelte mein Kahn! — Freude und Galle bestürmten mich, ich wollte schon die Schufte beim Kragen packen, aber nur ein Bauer stand am Ufer, ich fragte, wo die Kerlen wären, welche den Nachen gebracht? »Er wisse es nicht,« antwortete er, »und warte selbst auf sie; vor einigen Stunden hätten die Vorbenannten hier gelandet, und den Kahn um 3 Gulden R. W. seinem Herrn angebothen. Dieser willigte auch in den Kauf, jedoch da ihm die Burschen verdächtig aussahen, mit dem Beding: sie sollten sich über den rechtlichen Besitz ausweisen. Dem auszuweichen wollten sie wieder abfahren, aber der Handelskontrahent nahm Beschlag auf den Nachen, bis sie vor dem Dorfrichter ihr rechtliches Gewerbe, Paß und 162Wanderbuch probhältig erwiesen hätten. Dazu waren sie bereit; als aber geraume Zeit verfloß, wollte sein Herr selbst nachsehen, und ließ ihn (den Erzähler) als Wache zurück, alle drei sollten nun jeden Augenblick kommen.«
Die Schurken wurden also in ihrem Plane überlistet; aber wie mein Schiffchen wieder zu erlangen, da mir selbst die Beweise des Ankaufs fehlten? im äussersten Falle beschloß ich, den Nachen noch einmal zu bezahlen, um nicht die langweilige Fußreise an dem Stromufer fortzusetzen.
Für ein Trinkgeld gelobte mir der Mann, bis zu meiner Rückkehr nicht vom Schiffchen zu gehen; eben trat der kluge Phisiognomiker aus des Richters Hause, als ich dahin wollte. Meine Versicherung des Kahnes Entwendung, bezweifelte Niemand, auch glaubte man die Möglichkeit, daß ich denselben gekauft hätte; doch die Bekanntschaft mit diesen Schelmen, welche nichts weniger als beim Richter sich zeigten, stellten mich in ein nachtheiliges Licht. Es würde sich in einigen Tagen zeigen, meinten Beide, ob jede weitere Nachfrage um den Nachen aufhöre?
»Es wäre mir nicht um den Kahn, sondern ums Wasserfahren zu thun,« erbitterte ich, »und sie sollten mir einen andern für Geld und gute Worte verschaffen, hier sey mein Paß und sonstige Papiere, welche mich von jedem Verdachte und nutzlosem Menschen lossprächen.« Der Dorfrichter, welcher als Seltenheit über seinen Platz lobenswerth gestellt schien, notirte sich daraus meinen Namen und Charakter. »Ich weiß nun an wen zu schreiben sey, 163wenn die beiden Gauner, denen dieser Diebstahl vielleicht das Geringste war, in der Nachbarschaft sollten ergriffen werden,« sprach er, »reisen sie ungehindert glücklich, und glauben sie nicht, daß man in Baiern sein Eigenthum noch einmal kaufen müsse.«
Ich dankte, mehr für die Kürze seines Bescheides, als für das gesprochene Recht, welches allenthalben Schuldigkeit ist! und ging in Begleitung des Schiffseroberers den wachsamen Bauer abzulösen.
Mir wurde ganz wunderbar lustig zu Muthe, als ich schneller und schneller dem Hafen entfloh. Allein zu reisen wie zu Lande so zu Wasser, beschloß ich fest, weil man somit die wenigsten Fatalitäten hat. Unter Nußdorf besitzt der Inn die größte bisherige Breite und meisten Inseln; vom linksufrigen Schlosse Falkenstein aber, zieht der Strom beinahe ungetheilt bis Rosenheim. Diese ganze fünfstündige Strecke von Nußdorf angefangen, welche man zu Wasser in zwei Stunden zurücklegt, müßte einen Fußwanderer zehnmal mehr ermüden, da sie selbst den Nachenfährmann langweilt. Die Tiroler-Alpen und Felsen sind verschwunden, die Häuschen der Dörfer Kirnstein, Falkenstein, Berneburg, Degerdorf, Reischenharf, Raubling, Retenfeld, Pfraundorf und Heping nach einander am linken Ufer fortlaufend, verstecken sich größtentheils zwischen Gebüsch; am rechten Ufer kann sich nichts verbergen, weil nur der einzige Markt Neupeuern und Weiler Rordorf auf der langen Strecke sich niederliessen. Etwas Leben unterhalten einzig die beiderseits herzueilenden Bäche. Links wird die Gegend immer flächer, und bei Pfraundorf breiten sich 164auf mehrere Stunden im Umfange Sumpfwiesen und Moorgrund; rechts bleiben die mannigfaltig beholzten Waldberge fortwährend gleich. Bei dem kupferreichen
ergießt sich der bedeutende Manguald-Fluß in den Inn. Hier sah ich zuerst Hopfengärten nächst dem freundlichen und netten Markte; immer häufiger erscheinen sie späterhin angelegt an den Innufern; man bemerkt von Ferne an ihnen Weingärten, dann junge Nadelwälder, und erst schließlich Hopfenbau; er fordert guten Boden, und an dem leidet Baiern nicht Mangel. Gleichwohl reicht der innländische Hopfen nicht hin zu der sehr häufigen Biererzeugung, sondern muß größtentheils durch böhmischen vermehrt werden.
Den Strom überspannt hier eine schöne, aus drei hölzernen Bogen bestehende Brücke, worüber die Kommerzialstrasse von München nach Traunstein und Salzburg reicht; am rechten Ufer, zwischen der Brücke und dem beginnenden Hohlwege, steht ein artiges Wirthshaus, welches von den Rosenheimern als gewöhnlicher Vergnügungsort besucht wird. Bei dem vortrefflichen Biere, Fleisch und Brote, welches durch ganz Baiern einem — reisenden Magen! sich weit schmeichelhafter anempfiehlt, als das magere Tirol oder Kärnthen, würde noch die Uebersicht der lebendigen Strasse und des gesprächigen Inns zur Würze der Nahrung beitragen, wenn der Baier nicht ohnedieß Appetit genug hätte.
165Die dreistündige Fahrt von Rosenheim bis Wasserburg biethet noch weniger Reitz, als die vorige Strecke; das linke Ufer ist abermal im Vergleiche des rechten mehr bewohnt, aber beiderseitig gleich umwaldet und umbüschet. Nur hie und da sieht man ein Häuschen der Dörfer Westerndorf, Pfunzen und Pfaffenhofen, die hohe Kirche von Marienberg, und das kleine Aettl, am Einbruche des tobenden Aettlbaches in das linke Innufer; rechts schlummern im Grünen die Ortschaften Hechering, Zeisering, Voktaret, Wambach und Dirnstein. Wahrlich! wenig genug Ansiedlungen auf achtstündiger Gehlänge; desto häufiger hauset hier herum bis gegen Mühldorf hinab, Wildpret, vorzüglich Hirsche. Bei Tage sah ich sie mehrere den Inn durchschwimmen; die Erlen, Weiden, jungen Holzbirnen, Wasseralmen u. d. gl. mußten ihnen allenthalben ihre Rinden abgeben, und standen deßhalb verdorrt an den Ufern. Ich hörte von Bauern darüber, vorzüglich aber wegen Feldverwüstungen, Klage führen; es sey ihnen zwar erlaubt, sagten sie, so viel und so lange Jungstämme aus den ärarischen Wäldern zu holen, als sie nöthig hätten, ihre Gärten und Gründe vor dem Eindringen der Springinfelder zu wahren, aber man müßte nichts als ewig mit Umzäunungen sich befassen, da man heute eine Lücke zumache, und morgen zwei dafür erbrochen seyen; das Vernünftigste wäre, sie recht zu pelzen, wenn nur ein Schuß nicht so viel Lärmen und — Schläge brächte! — Herrliche Enthaltsamkeit! welche durch keine Schrift bleibender eingreift, als der Stock dem trägen Rücken!
166Ich war froh, noch vor gänzlichem Einbruch der Nacht
zu erreichen. Eine halbe Kompagnie Schiffe, aber alle unbefrachtet, zogen sich von der Brücke angefangen, in langer Reihe links hinab; dazu empfahl ich einem Wächter auch meinen Nachen, und suchte Restauration. Diese alte Stadt, welche von der eigensinnigen Krümmung des Inns, worin er nach Osten ausbiegend sie über die Hälfte umringt, den Namen erlangte, ist als kleine Provinzialstadt schön zu nennen. Obgleich das ringsum hohe Lehmufer ihr jede Aussicht ins Freie benimmt, und der Strom bisweilen nicht gar zu galant bei Ueberschwemmungen mit ihr verfahren möge, gefällt dieser Wohnort doch vielen reichen Bürgern, und lockt sogar Wohlleben hierher; Wasserburg führt seit Kufstein den ersten Wein, freilich hat es dazu einen abschreckenden Namen! aber was thut der Name zur Sache?
Die ganz aus Quadern bestehende Pfarrkirche ist schön, desto ärmlicher sieht aber das veraltete Rathhaus eher einer Scheune ähnlich; die Häuser, welche zwei geräumige Plätze umgeben, haben Lauben und älterlich festes Ansehen. Mit Brau- und Wirthshäusern ist Wasserburg überfüllt, aber auch ein Zucht- und Invalidenhaus wurde darin nicht vergessen. Wünschenswerth fand ich, daß dieses reinliche Städtchen ungepflastert wäre.
Andern Tages hatte der Nebel auf der Wasserfläche so viel Geschäfte, daß er damit gar nicht ins 167Reine kommen wollte. Dieser und der Wind, machen die angenehmst mögliche Reise — die Wasserfahrt, bisweilen wirklich lästig; doch jede Sache hat ja auch ihr Unangenehmes. Um 10 Uhr konnte ich erst mein Fahrzeug lüften, dann aber gings auch über Hals und Kopf auf dem nun hochufrigen Inn nach
Auf dieser Strecke glaubt man zehnmal der Gefoppte zu seyn; die beständig weit ausholenden Schlangenwindungen des Stroms machen nicht nur den Wasserzug bedeutend matter, sondern man sieht immer wieder den nemlichen Gegenstand über den Ufern bald rechts, bald links, vor und rückwärts verschoben. Die vierthalb Stunden, welche man zu Wasser nach Greiburg benöthiget, könnten einen rüstigen Fußgeher eben so schnell zu Lande dahin bringen, wenn anders die Strasse in gleicher Richtung fortliefe, was aber nicht der Fall ist. Rechts sind Penzing, Wang und Mittergans, und davon nur das letztere Dörfchen erheblich zu sehen; links fanden ebenfalls nur drei Ortschaften: Rieden, Garsch und Au Behagen am Flusse; die sechs beiderseits ankommenden Bäche sind noch ungetauft. Die ganze Ausdehnung zeiget ein Gemisch von Auen, Wäldern und Hopfengärten; die Berge senken sich zusehends mehr.
Greiburg, an dem gleichnamigen Bache, ist ein hübscher und wohlhabender Markt mit vielen Bräuhäusern; jener ernsthaften, aus Quadern errichteten Kirche, hat man ganz spassig einen grünen Thurm aufgesetzt. Merkwürdiger als diese Maskerade schien 168mir der kleinere Rathhausthurm wegen seiner schuhlangen Ueberbiegung nach Westen; ob diese krumme Haltung, von der man beim leisesten Windzug Niedersturz besorgt, durch Erdbeben oder Baukunstlaune entstanden, wußte mir Niemand zu sagen, indem der Thurm sehr alt sey, und seit Menschengedenken schon den Platz bekomplimentire.
Ich weilte bei dem späten Mittagmahle zu Greiburg nicht lange, wies jedoch eben so strenge einige abermal Mitnahme ansuchende Handwerksburschen ab.
Vielmehr, bis ins Lästige wachsen nun die Krümmungen des Flusses; die dreistündige Gehstrecke bis Mühldorf fährt man zwei eine halbe! Der Wasserbau ist hier durchgehends ganz vernachlässigt; der Inn hat Gewalt und Befugniß, sich Aecker, Auen, Wiesen abzugraben, und den Sand liegen zu lassen wo er will. Wenn es einmal so weit kommen wird, daß er nichts mehr wegzureissen findet, dann wird man vielleicht alle Vorsicht anwenden, ihn ferneren Schadens zu verhindern! Gutenburg rechts und Ebing links, wagten sich einzig an die Nähe des Stromes, auf dessen hohe Ufer pochend.
ist ein freundliches Städtchen; auf dem sehr langen und breiten Hauptplatze, welcher eigentlich eine lichte Gasse bildet, stehen zwei Reihen meistens drei Stockwerke messender Häuser, bemerkenswerth, weil sie alle in italienischer Manier gebaut, keine Dächer weisen. Das alte Kapuzinerkloster hat, wie der Kapuziner 169— eine traurige Gestalt. Nordwestlich befindet sich Alt Mühldorf, ein unbedeutendes Dörfchen, welches, obgleich die jüngere Stadt unter dessen Augen entwuchs und emporstieg, doch bei der liebgewohnten Kleinheit Jahrhunderte verblieb. Ich dachte dabei jener Menschen, welche unangeeifert von der regen Thätigkeit ihrer mit Zeitgeist und Bildung vorschreitenden jüngeren Gefährten, träge beim alten Schlendrian verharren, und die großväterlichen Maximen wiederkauen.
Mühldorfs Einwohner betreiben häufigen Hopfen- und Gemüsebau, welcher sich sowohl am dießseitigen linken Ufer, als jenseits über der schönen, auf zwei festen Quaderpfeilern in drei hölzernen Bogen hingespannten Brücke erklärt.
Bei der grossen Anzahl wohlbesuchter Wirthshäuser, deren jedes, als Lock und Dokument belobten Getränks, eine bunte Gesellschaft leerer Fässer im Bereiche des Burgfriedens herumstehen hatte, würde man ganz Mühldorf in diese Fässer einpacken können! Der grosse Vorrath jener Holzgeschirre ist in Baiern nicht Prahlerei, sondern Nothwendigkeit der Wirthe, welche zugleich Bräuer sind. Da das Bier durchaus nur im Winter bis Ende März fabrizirt, bei der grossen Consumtion aber viel Vorrath benöthigt wird, so versieht sich jeder Schenke so viel möglich mit Fässern, weil er des Absatzes gewiß, eine desto einträglichere Beschäftigung voraus sieht. Die Bräuknechte selbst sind immer zweifach bewanderte Professionisten; sie gehen im April als Maurer, Zimmerleute, Gärtner etc. in Arbeit, und dienen im Winter als Bräuer.
170Vom Biere würde ich gar nichts sagen, wenn jenes ins Ausland allenthalben verführte, und dort um theures Geld getrunkene, eine Aehnlichkeit hätte mit dem unverfälschten baierischen Gebräue. Anfänglich kann man wohl dessen Bitterkeit nicht loben, aber nach einigen Tagen lernt man die Nachsüsse des Hopfens unterscheiden, fühlt die dem Weine ähnliche Kraft daraus, und die zudringlichere Eßlust; somit mag sich die Ursache enträthseln, warum Brot und Würste in Baiern so groß gemodelt werden? und die Medizin dazu kostet 6 kr. R. W. pr. Maß!
Ich mußte mit der heutigen Reise mich begnügen, weil es schon beim Anlangen zu Mühldorf 6 Uhr war, und also auch ohne Einkehr daselbst, bei der späten Jahreszeit noch Neu-Oetting unter Tags zu erreichen, unmöglich gewesen wäre; überhaupt sind Wasserreisen im Frühjahre und Sommer dankbarer als zur Herbstzeit.
Andern Morgens spazierte ein lästiger Nordwest über die Stoppelfelder; er war zwar für kommende Strecke meiner Schifffahrt weniger schädlich, aber doch besorgte ich, weil mir bis Markl der Inn noch unbekannt, einige Anstände bei der Alleinreise. Um einen Gulden Conv. Münze nebst Frühstück, both sich mir jedoch ein tüchtiger Innmatrose zur Mitfahrt nach Neu-Oetting; ich war vollends damit zufrieden, und hoffte bis dahin den ruhigsten Tag.
Obgleich der Inn tief zwischen seinen Ufern vergraben, weniger den Windstössen ausgesetzt schien, so genoß ich später doch die volle Ueberzeugung, daß mir allein auf dieser anderthalbstündigen Strecke 171bange genug geworden wäre; wir hatten den vollen Wind zum Antaucher, der Nachen floh, von Rudern unterstützt, wie ich noch nie erfahren; aber das Plätschern und Schäumen der gekräuselten Wellen und das Schwingen des leichten Fahrzeuges konnte nur ein gewohnter Innfahrer unschädlich finden. Links sieht man gar kein Dörfchen, indem das einzige Degning zu versteckt auf seinen hohen Aeckern liegt; rechts gefallen sich Ering und Holzhausen an ihren gleichnamigen Bächen. Bei
beeilen sich der Puch- und Oettinger-Bach, den Inn beiderseitig zu respektiren. So wie zu Mühldorf, hafteten auch hier mehrere Schiffe ohne Ladung und Bestimmung; allgemein hörte ich, daß der Transport nach Linz und Wien ungemein abgenommen habe; ob der Handelszweig versiegte, oder andere Ursachen obwalten, mag ich nicht enträthseln. Die schöne Oettinger-Innbrücke ruht ebenfalls auf drei steinernen Pfeilern, welche ihrem Anleger Ehre machen.
Den Wind unterdessen austoben zu lassen, besuchte ich Neu-Oetting; dieses befestigte Städtchen erhebt sich eine Viertel-Stunde vom rechten Innufer. Die breite Hauptgasse mit Springbrunnen und artigen Häusern, verspricht angenehme Wohnstellen; die zahlreichen Bräuhäuser beeifern sich allenthalben um grösseres Lob. Da Neu-Oetting nicht, wie der eine Viertel-Stunde südlicher ausgedehnte Markt
an der Poststrasse liegt, so ist auch weniger Lebhaftigkeit daselbst anzutreffen; nächst des kurzweiligen Fußsteiges neben dem Oettinger-Bächelchen, besitzt die Bürgerschaft ihre Schießstellen, Schuß auf Schuß folgte mir bis zum Markte, welcher vielleicht der größte und ansehnlichste im ganzen Königreiche ist. Ausbreitung und Wohlhaben möge dessen berühmte Gnadenkirche durch alljährige Wallfahrtsprozessionen beursacht haben. Die Menge Krambuden, gutgebauten Häuser, geräumigen Plätze etc. würden jede Provinzialstadt erheblich machen. Stadt und Markt betreiben vortheilhaften Vieh- und Getreidehandel, auch die Brennholz-Spekulationen nach den untertheiligen Gegenden sind bemerkenswerth.
Die Gegend ringsherum, besonders südlich gegen Dittmanning, Chiemsee und Teisendorf, ist etwas mehr ins Flache herabgesunken, die Bergrücken und Seen scheinen als Restdokumente einer grossen Ueberschwemmung, welche Lacken und Sandhügel zurückläßt, zu erübrigen. Wirklich soll auch die Dammerde bisweilen nur schuhhoch über Sand und Lehmlagern aufsitzen; demohngeachtet ist sie sehr fruchtbar, aber auch fleissig bebaut; die Wälder, welche die höheren Stellen einnehmen, sind Schmuck und Reichthum des Ganzen.
»Mit Geduld läßt sich bisweilen doch nichts ausrichten« erfuhr ich, als nach drei Stunden der Wind wie vorher sein neckend Spiel trieb. Unter gleichen Bedingnissen wie zuvor, dung ich auf die ähnliche 173Strecke von Neu-Oetting bis Markl abermals einen Fährgehülfen. Dießmal ging es bedeutend schlechter; hätten die Dörfer Westerdorf links und Aching rechts, weniger finster aus den Augebüschen hervorgesehen, ich hätte gelandet und dort übernachtet. Beim Eindringen des Alz-Flusses, des ansehnlichsten auf der ganzen bisherigen Innreise, welcher aus dem Chiemsee kommend mit dem Traunflüßchen sich verstärkt, und sein blaugrünes Kristallwasser sammt dessen schmackhaften Bewohnern dem nahrungssüchtigen Strome liefert, konnten wir nicht vom Flecke kommen; die grosse mondförmige Krümmung nach Norden um das Dörfchen Aching setzte uns dem Windzuge entgegen, und nur mittels des Ländhackens unterhielten wir nahe am Ufer des Kahns langsamen Gang.
Solcher Wasserfahrt satt, empfahl ich für heute bei der hölzernen Innbrücke zu Markl, mein Fahrzeug der Obhuth eines Schiffers. Nebst einigen Pletten mit Kalk, harrten hier schon Holz befrachtete Schiffe auf Windstille; sie waren nach Linz bestimmt, und bothen mir also Gelegenheit, ohne eigene Bemühung die fernere Reise mit ihnen auszuführen. Die 48stündige Strecke von Hall hatte mir in den 21 Fahrstunden schon etwas Kommodität eingebunden, doch wollte ich das Resultat vorerst überdenken. Dem Markte läßt sich nicht viel anrühmen; ein Obstwäldchen umfängt ihn von der Brücke aus, er zieht sich in einer unsauberen, welche zugleich die Poststrasse ist, 174zur Höhe, theilt sich beim Posthause in die gegen Braunau und Mühldorf führenden Gässen, und ist also größtentheils nur als Einkehr den Fuhrleuten wichtig. Getreidebau, Holz und Vieh ernähren übrigens Markl’s Einwohner reichlich.
Ich tröstete mich in einem der Bräuhäuser hinsichtlich des an die Fenster klopfenden Regens, weil ich unter trockenem Dache, auch den Sturmwind mit dem Gusse sich auflösen zu sehen hoffte. Der andere Morgen und Mittag hielten mich in Ungeduld; endlich hatten sich die Wolken ausgeleert, aber der Wind als Südost, entwuchs zum ärgeren Feinde. Mein Langmuth schwand, ich überließ dem Wirthe das Schiffchen, und beschloß, statt 16 Stunden den schon bekannten Weg nach Passau zu wandern, in 14 Stunden zu erfahren, welche Aenderungen sich zu Salzburg seit zwei Jahren ereignet hätten? — Die Witterung konnte mittlerweile bestimmen, ob ich von Salzburg die abermalige Wasserreise, oder die angenehme Wanderung über St. Gilgen nach Ischl wählen sollte? —
Ich dankte der Schnelle meiner ausgerasteten Unterthanen, daß mich die zweistündige Strecke von Markl über die Anhöhe nach Burghausen weniger langweilte. Dörfer und Menschen flohen den Anblick der Strasse, als zöge auf ihr nur das Unglück; Wald und Felder ohne Leben geben kein reitzendes Bild.
das baierische Gränzstädtchen mit seinem festen Bergschlosse, brachte mir wieder den Anblick der Salza. Wochen waren verschwunden, seitdem ich sie als junge Nymphe ihrer Geburtsstätte entschlüpfen sah; sie wußte diese Zeit reichlich zu ihrer Ausbildung zu benützen. Als erwachsene Jungfrau regierte sie hier eine Reihe von Schiffen, die sich furchtsam schmiegten bei den Zornäusserungen der Gebietherin; es waren Fahrzeuge mit Salz, Gips, Holz, Marmor und Kalk-Ladungen, welche stündlich dem Abzuge entgegen sahen. Burghausen ist ein wohlgebautes Städtchen von 4000 Einwohnern, unter denen ich bei dem stündigen Aufenthalte eine tüchtige Portion Stolz verspürte.
Ich verließ über der Salzabrücke die Landstrasse, und verfolgte links den weniger kothigen Nebenweg; der Regen machte den kühlen Abend wohlriechend, Gebüsche und Wiesen schienen Apotheker-Magazine. Hie und da sammelten sich im Freien nach der Tagesstrapatze Herr und Dienstleute der Dörfchen Getzdorf, Linder, Mittendorf, Hoslau etc. zu Litaneien und Abendgebethen; schreiend, als sollte diese Andacht eine Lungenprobe gelten, verkündigten sie ihre Anwesenheit halbstundenweit in dem immer mehr und mehr sich zusammenziehenden Walde. Diese Gewohnheit, ständige Andachten zu pflegen, möge vom 176nahen Salzburg, wo in uralten Zeiten Bethen mehr als Arbeiten galt, abstammen.
Geraume Zeit wanderte ich bereits in dem Nadelholz-reichen Weilhardts-Forste, der in seinem sechsstündigen Umfange viel Wildpret aber desto weniger Menschen zu Bewohnern zählt, als ich zu einem mit rohen Ochsenhäuten voll geladenen Leiterwagen gelangte, der quer über der Strasse gestellt, ein Pferd vorgespannt hatte, während das sattlige und der Fuhrmann fehlten; Kotze, Hafersack, Kette und ein dicker Prügel lagen auf der Erde. Anfangs schien mir dieser Fund bei des stummen Haines nächtlichem Dunkel verdächtig; nach genauerer Prüfung sah ich aber, daß die vordere Axe mitten gebrochen, und der versuchende Knecht die Mühe aufgab, durch Baumast und Kette den Wagen gangbar zu machen; er mag in das nächste Dorf um Hülfe geritten seyn, während das ihm anvertraute Eigenthum allen Vorbeireisenden zur Versuchung ausgesetzt blieb. Lächelnd wünschte ich dem Manne Glück, daß der Weg als Fahrstrasse so über allen Ausdruck schlecht sey, daß ihm eher der zweite Wagen unter der Last hier brechen werde, als bis ein Fremder dieselbe Bahn fahre, und sich dessen Unglück zum diebischen Nutzen mache.
Zwei Stunden sind wahrhaftig genug hinreichend, Forst, Himmel, Weg und seine eigene Wenigkeit aus langer Weile in Reime oder Musik zu schmieden; denn obgleich in dem namhaften Walde seit Jahren die würgende Axt wüthet, so findet hier dennoch, besonders zu Nachts kein anderer Eindruck Statt. Das Finstere der Tannen und Fichten, vermehrt durch kleines 177Gebüsche, welches allenthalben den Durchgang verhindert, gewinnt endlich ein interessanteres Ansehen: als Hundegebell, dieser ausser dem Forste in Dörfern besorgten Wächter, welche jedes Geräusche nach Kräften vermehren, ohne daß man so nahe bereits zahlreiche Wohnstätten vermuthet, sich mit dem Rauschen der abseits murmelnden Seebäche herüberschwingt; der sanfte Luftzug spielt die Harmonika der Waldgötter dazu, man horcht ihrer, bis mit dem Gestrippe der Wald, und mit diesem der Zauber verschwindet. Schwüle und ungemein feuchte Luft ließ mich die Nähe von Sümpfen vermuthen, welche auch nächst Hackersdorf, Moosdorf, Weigersee und Elling von mir passirt wurden; heute konnte ich wegen Finsterniß bereits keine Ortschaftstafeln lesen, Anfrage und die Karte bestätigten aber folgenden Tags mein Vermuthen.
Nächst Hinterwirth gerieth ich in den
Ich verlor gar nichts durch die Nachtwanderung, konnte mir im Gegentheile Glück wünschen, bei Tage nicht die fade Strecke zu vollführen. Rechts und links von der Strasse, in den Ortschaften Bruck, Kind, St. Lambrechtshausen, Hausmening und Oberreit glimmte zwar noch mitunter ein spärliches Flämmchen, schien aber keinen Besuch, einer Nachtherberge wegen, zu verdienen.
endlich, welches mitten am Wege liegt, mahnte mich fühlbarer an die seit Nachmittag zurückgelegten neun 178Stunden; die verderbte Strasse hatte, gleich Alpenstegen, meine Glieder ermüdet, ich ruhte auf einigen Bretern, um Halstuch und Rock, deren ich mich des Schweisses wegen beim Marsche begab, wieder umzuthun. Es war 10 Uhr; »wirst schwerlich allzuviel Gäste im Wirthshause finden« dachte ich, und ging, dasselbe aufzusuchen, ins Dorf. Doch kein Licht, keine menschliche Seele war zu finden, todt ruhte die Gegend, als hätte die Pest sie verzehrt! dennoch hoffte ich den Trostplatz der Reisenden zu finden. Nur einige Pferd-Futtergrände, von denen ich nicht wußte, zu welchem Hause sie gehören, weil nirgends Wirthszeiger sichtlich waren, lagen auf der Strasse, und bewiesen, daß gleichwohl bisweilen Einkehr hier Statt fände. Nun riß meine Geduld; ich befahl meinem Duna zu bellen, um Jemanden vom bleiernen Schlafe zu wecken; die fernen Berge wiederhallten von dem mächtigen Aufruf und kündigten ihre Gegenwart; doch die Menschen waren entweder todt, oder tauber als Felsen. Ein einziges Hündchen meldete seine Wachsamkeit, welches vielleicht auch den Nachtwächter vorgestellt haben mag, und ich wählte diesen vierfüssigen Sprachmeister zu meinem Dollmetsch. An das Thor klopfend erbitterte ich den Zorn eines grösseren Haushüthers noch mehr, bis endlich der gesammte Lärm den schlaftrunkenen Besitzer zum Fenster lockte. Taumelnd fragte er, ob es vielleicht Feuer gebe? Feuer und Schlossen wollte ich euch über die Köpfe schütten, ihr verwünschten Schlafbolde! schrie ich erbittert, euer Nest das verdammte Wirthshaus will ich wissen! Geh der Herr zum Teufel! tröstete er, 179und schlug das Fenster zu. Ich aber mit dem Bescheide nicht zufrieden, wünschte lieber zum Richter zu kommen, als die ganze Nacht ohne Nahrung unter freiem Himmel zu frosteln, zumal mir nur noch eine Stunde zu wandern unmöglich schien; ich machte daher noch ärgeren Lärm, und befahl meinem Hunde ein Gleiches zu thun; das wirkte. »Sind denn Räuber hier?« krächzte eine heisere Weiberstimme aus dem wieder geöffneten Fenster, »ich werde um Hülfe schreien!« »Das wird vergebens seyn! liebes Mütterchen,« antwortete ich besänftigt, »oder ihr müßtet eine doppelt so starke Stimme haben, als ich und mein Gefährte zusammen besitzen; sagt mir lieber in Güte, wo ist das Wirthshaus? ich bin fremd, und will andere Wege unternehmen, als heute die ganze Nacht im Dorfe spazieren gehen!« — Es ist ausgemachte Sache, daß Weiber, wenn auch alt und aus dem Schlafe geweckt, immer etwas weichherziger gestimmt sind, als die öfter betrunkenen Männer; ich fand es hier vollkommen bestätigt. »I du mein Gott! also fremd? und kommts so spot in der Nocht?« und da ergoß sie sich in Verwunderung und Geblausche, als wäre es am hellen Tage, bis ich endlich erfuhr, daß ich ein Wirthshaus schon überschritten, das andere aber weiter oben rechts an einem Stockwerke und grossem Hofe zu erkennen sey. Ich wünschte ihr guten Schlaf, für dessen Mangel sie ohnedieß nicht medizinirte, und ging auf den mir bezeichneten Ort.
Aufs neue mußte ich meine früher erfolgreiche Lärmglocke ertönen lassen, die noch ein grosser Fleischerhund mit seinem Baß vermehrte; die Thüre wurde 180eröffnet, er stürzte heraus, und der erste Auftritt war — eine ziemlich lebhafte Hetze. »Wos daits denn d’ Hund hussen, und wos wöllts denn?« brummte abermal eine zwergförmige Matrone, streichelte ihr Thier und leuchtete mir mit dem brennenden Kienspahne unter die Nase. »Die Frau wird mich schwerlich erkennen! und wenn dieß möglich wäre, vielleicht erst bei einem guten Nachtessen« gab ich lakonisch zur Antwort, und drängte sie sammt ihrem rauflustigen Begleiter zur Thüre hinein. »Jo essen könnts heut nix mehr, s’ is holt schu z’spot, ober an Wein will i enk bringe.« Sie übergab mir ihr Flambeau, und ich trat in das ganz leere Zimmer; welches mit ihrer Versicherung getreulich harmonirte.
Das Limonade-ähnliche Getränk und ein Stück Brot wurden aufgetragen; nachdem ich beides mehr berochen als verzehrt hatte, schienen grosse Klumpen Gutherzigkeit in dem winzigen Körper sich entwickelt zu haben, denn die Wirthin sagte, ich würde auch etwas zu essen bekommen. Wirklich brachte die schmutzige Dienstmagd eine ungeheuere Schüssel voll Speisen; ich untersuchte und fand Schöpfen-Theilchen in saurer unschmackhafter Brühe. Da ich Fleisch, aber nicht Knochen und Knorpeln zu essen wünschte, gab ich das angepriesene Mahl, trotz dem Zorne der Wirthin — dem Duna. Meine Jagdtasche unter dem Haupte, verschlief ich die Nacht auf der Bank.
Die fünf Stunden nach
folgenden Tags, bothen gar nichts Merkwürdiges, als daß man nicht wieder eine ähnlich unwerthe Strecke seinen Füssen aufzubürden trachtet. Lauffen, die Salza und Fahrstrasse blieben in der Fläche rechts, links war der Haus- und Götzenberg ebenfalls ohne Ansehn. Ortschaften, wie Eching, Windpassing, Gemming, Aiching, Babing, Anthöring und Izling, welche an und neben dem Feldwege nacheinander fortlaufen, wird man selten anderswo in Endsilben so gereimt antreffen; wünschenswerth wäre, daß deren Einwohner ebenfalls in Herz und That harmonirten. Die Ackergründe zeigten hier meistens sandigen Boden, der aber durchgehends gut gepflegt schien.
Schon nahte ich dem herrlichen Mirabell, die kupferne Dachung glühte in Tageshitze; das hohe Neuhaus, der waldige Kapuziner- und botanische Mönchsberg spielten um Vorzug; die Veste Hohensalzburg rauchte wie nach einer Schlacht, und doch war es das Zeichen zum Einhauen des baldigen Mittagmahls für ihre Bewohner; der Geisberg — doch später von allen diesen Seltenheiten der Kunst und Natur! Zu groß wirkt der herrliche Prospekt des paradisischen Salzburgs mit seiner grotesken Umgebung, als daß man ihn gleich auffassen und schildern könnte. Wer schon gelungene Bilder dieser Landschaft sah, und hierher kommt, wird entzücket und doch mit Befremden fühlen, daß die einfache Natur unvermerkt über die sinnreiche Kunst zu siegen versteht. Doch alle 182Zauber vereinen sich, den staunenden Menschen hier froh zu beirren, ihn glauben zu machen, er trete in des Elisyums Gefilde: wenn er rastend auf der Brücke, über der wie ein glänzendes Seidenband sich hinschlängelnden Salza, plötzlich die sanfte Harmonie eines silbern tönenden Glockenspiels[16] vernimmt; man zürnt der Salza, die sich mit ihrem unnützen Geräusche so wichtig macht, und verläßt sie, um keinen jener schmelzenden Töne zu überhören. Ach wie so süß, so hinreissend für den Fremden, mag beim Eintritt diese zarte Bewillkommung einer ihm noch unbekannten Stadt wirken! Ich hatte sie bereits gesehen, gedachte aber ihres ersten Besuches, und floß in süsse Wehmuth über. Man sieht umher, in dem Antlitze der Menschen alles das Gute, Edle zu lesen, welches ihr Fleiß zur Wonne der Seelen so großmüthig bereitete? aber da war Niemand zu sehen! Kein Bürger ging fröhlich vorüber zum würzenden Mittagmahle, keine Mutter weidete sich an dem stummen Zuhorchen ihrer Kleinen, kein feuriger Jüngling eilte dem liebenden Mädchen den duftenden Feldstrauß ins Fenster zu zaubern, und dabei ihr die Wünsche seines Herzens zu vertrauen: nur ein ernster Soldat ging mit abgemessenem Schritte finster und fühllos, bewachend, was Niemand zu sehen trachtet, unter dem 183Rathhausthurme vorüber. Das Spiel war geendigt, itzt meint man wieder im Feenlande zu seyn, aber in einem — abgestorbener Menschen! Daß nicht die Mittagsstunde allein an dieser Lebensleere Schuld trage; bewiesen die folgenden Tage.
[16] Befindet sich auf dem Rathhausthurme, am Residenz-Platze, beginnt täglich um 7 und 11 Uhr Morgens und 7 Uhr Abends, und dauert nach stets dreimaliger Wiederholung, eine Viertelstunde, alle Monate aber spielt ein anderes Stück.
Gleich wie Mancher, überdrüssig seiner getäuschten Wünsche das Verdeck betritt, um über dem Meere zu finden, was ihm das Vaterland versagt: so eilte ich ins Schiff, welches wie die Hoffnung, freundlich mich anlockte. Es war nicht Syrenenwink, ich hatte volle Ursache mit der Wahl zufrieden zu seyn.
Der Nachmittag jagte mich über Salzburgs Strassen und Plätze. Leider drängt sich Jedem die Ueberzeugung auf, daß Salzburg mit seinen 26 Kirchen und acht Klöstern (welche jedoch größtentheils aufgehoben sind), und bei all ihrer reitzenden Lage trostbedürftig ist! Die im italienischen Style[17] durchaus schönen, drei bis vier Stockwerke hohen Häuser, die gepflasterten und doch häufig begrasten Strassen, die Menge der leeren, von Marmor und Gold strotzenden Kirchen, und endlich selbst die Gasthäuser sprechen allzu deutlich von zu geringer Bevölkerung. In den Vorstädten Mühlen, Nonnthal und Stein, sind die minder zierlichen Häuser mehr bewohnt.
[17] Bei den hiesigen Häusern geht ein Halbgeschoß der vorderen Mauer dem flachen Dache vor, welches sehr gut läßt.
Kaum daß der nächtliche Schatten dem Dome entflohen, weckte schon das sanfte Plätschern des neben ihm prangenden Springbrunnens, und hieß mich 184die Stunden benützen. Salzburg aber will nicht für Stunden sich verhandeln, Wochen, Monate können ihm nur etwas ablocken; dann wäre jedoch, seine Merkwürdigkeiten aufzufassen, ein Foliant kaum genügend, und in Ansehung seiner Genauigkeit gleichwohl mangelhaft, weil hierüber schon Meisterwerke existiren; jedoch erlaube man Einiges, was mir am schönsten geschienen, anzuführen.
Das im anmuthigen Parke versteckte
am rechten Ufer der Salza, welches ein fürchterlicher Brand 1818 zugleich mit dem Felsenschlosse Hohensalzburg und noch etlichen hundert Häusern zerstörte, ist, was die Aussenseite anbelangt, zu seiner vorigen Schönheit vollends wieder gelangt; nächstens soll der k. k. Schloßhauptmann Riedl aus Wien hier eintreffen, um die innere Einrichtung ebenfalls geschmackvollst zu bezwecken[18].
[18] Ist bereits durch grossen Kostenaufwand zu einem würdigen Aufenthaltsorte für den höchsten kaiserlichen Hof eingerichtet worden.
Begieriger wandert man von da über die hölzerne Brücke der Salza, um in der eigentlichen Residenz-Stadt die von Feuer und Stürmen gleich unzerstörbaren Tempel anzustaunen. Einer davon ist der durch den Mönchsberg in Felsen gehauene Durchbruch, 185welcher ein 160 Schritte langes, 7 Schritte breites und 6° hohes Thor bildet[19]; die Wägen rollen durch dieses kühlende Gewölbe mit dumpfen Geprassel. Ober der Einfahrt, welche zwei roh gehackte Felsenpyramiden begränzen, steht die 15′ hohe Bildsäule des heil. Sigismund, vom weissen Marmor, mit der Ueberschrift: Te saxa loquuntur!
[19] Dieses Riesenwerk wurde durch Erzbischof Sigismund vom Jahre 1769 bis 1774 ausgeführt.
Das Merkwürdigste schien mir die drei Stock hohe Gallerie der weiten
deren Bogen sammt den Säulen ganz aus rohem Felsen gemeisselt sind. Diese Arbeit möge der vorigen an Müh und Kunst noch vortreten.
Nunmehr zu den Werken der Baukunst. Das Vorzüglichste ist unwiderlegbar die grosse
auf dem weiten Residenzplatze. Von weiß und rothem Marmor durchaus aufgeführt, besitzt sie Meisterwerke der Bildhauerkunst, strotzt inwendig von Gold und herrlicher Steinpolitur, und könnte alle Bewohner der Stadt zugleich aufnehmen! Die prächtige Facade ist gegen Nordwest gekehrt und bildet die Breite des sogenannten Domplatz-Vierecks. Ihre beiden viereckig hohen Thürme, welche Jedem Ehrfurcht abnöthigen, begränzen eine breite Mittelwand, welche mit einem 186auf dem Hauptgesimse freistehenden Fronton geziert ist. Die Thürme bestehen aus drei hohen Absätzen, welche von gekuppelten Säulen in toskanischer und zu oberst in römischer Ordnung getragen werden; unter sich haben sie tief in der Erde ausgegrabene, und mit unterirdischen Kanälen verbundene Zisternen, worin sich Quellwasser sammelt. Dieß dient wider die Gefahr von Erdbeben; denn dadurch können sich die unterirdischen Winde und Wässer, welche verschlagen, gewöhnlich Erdstösse erzeugen, in diesen Zisternen ungehindert entladen, und somit beiseitigt sich jede Erderschütterung. Die Bedachung der Kirche macht durchaus Kupfer, und verewigt sich in der Dauer, so wie die ganze Kirche den Ruhm ihrer Stifter (von 1614 bis 1668), der Erzbischöfe Max Sittich, Paris Lodron und Guidobald Thun auf die Nachwelt bringt, und den Namen ihres Erbauers Solari bleibend adelt.
Der fünfzig Fuß hohe Brunnen dabei, welcher ganz aus weissem Marmor besteht, verdient gleichfalls Aufmerksamkeit. Vier Stufen führen zu dem untersten grossen Wasserbecken, in welchem sich ein künstlicher Fels befindet; auf diesem spritzen vier ungeheure Wasserrosse Fluthen aus Maul und Nase; Tritonen in Muscheln auf Delphinen ruhend, giessen die kleineren Quellen aus. Die
ehemals stolz im Gefühle ihres Werths — von keiner der Nebenbuhlerinnen übertroffen zu seyn! biethet nun, seine Aussicht auf die Stadt abgerechnet, nichts 187Interessantes. Zwar ist und bleibt ihre Geschichte zugleich die des Landes; doch diese hat sich im Papier besser erhalten, als die quadernen Mauern und kühn gespannten Bögen der Festung. Man kann sich einen Begriff von der ungeheuren Wuth und Wirkung vorbemeldeten Brandes machen, indem der Feuerzunder aus der tiefen Stadt zum entlegenen Ende des Schlosses Mirabell über der breit gedehnten Salza, und bis zur hochfelsigen Veste im unabwährenden Sturmmarsche in ein Gluthmeer zusammenfloss. Feuer und Wasser paarten ihre Fluthen im seltenen Kriege, hitzten und kühlten sich wechselseitig die entgegenwirkenden Wogen, welch erstere, zunehmend an Kraft und Gewalt, die jammernde Menschheit bannten aus den väterlichen Häusern, gewohnten Gässen, geweiheten Hallen des Trostes! Händeringend suchten und flehten sie um ihre Habe, trugen Reste davon auf den verbrannten Armen, und verloren das Wenige im Getümmel, weil Angst und Schreck ihnen Seh- und Denkkraft hemmte! Anderen gab die Noth Riesenkraft; was sonst drei Männer zu tragen bezweifelt hätten, lud der Einzelne bebend sich auf, er floh mit dem theuerst Gesicherten, und es war — das Geringste seiner Habe! An der Salza zitterten die Flüchtlinge, sie fanden die Brücke nicht, eine Flammenstrasse wölbte sich über dem gekochten Fluß, welcher dampfend seine Bewohner tödtete, als übe er mit den Flammen — Preismord! Hie und da brannten Schiffe wie griechisches Feuer im Strom; in Rauch und Gluth würgte die Axt des entschlossenen Mannes, sprangen die Balken, fielen die Dächer, flogen die Schindel als glühende Billete 188um Brand. Einen Augenblick weilte der Schmerz der Rettung suchenden Schar, man war ungewiß, ob die Elemente oder Menschen Hülfe schaffen könnten? und staunte über die Grösse des Verderbens!
Doch weg von jenen Saaten des Unglücks, welche Reiselustigen nie als Aufmunterer gelten! Man zeigte mir im Schlosse die alte Folterkammer, Nägelschrauben, Aufzug- und Hinrichtungsräder, mehrere in Felsen gehauene Kerker, das Angstloch etc.; doch bin ich überzeugt, daß Niemand durch den Anblick dargewiesener Martergegenstände für die unglückliche Menschheit, wenn sie auch nur zum Angedenken jener Schreckenszeit noch dienen, seine Bemühung der Schloßersteigung belohnt findet. Itzt werden die Militärverbrecher hier aufbewahrt, welche mit ein paar Kompagnieen Soldaten einige ausgebesserte Theile des Schlosses bewohnen.
Schöner lachte mir der eigensinnig liebliche
mit seinen duftenden Wiesen, arkadischen Häuschen, üppigsten Laub- und Buschwerken, gebieterischen Baumgruppen, ernsten Ruinen und Thürmen des Denkmahl-reichen Mittelalters. Alles erfinderische Natur, ohne neue sich aufdringende Kunst, und doch so unnachahmlich, so bezaubernd!
Der Abend sollte mir den Preis des himmlisch Schönen spenden; ach! noch itzt zittert mein Herz bei der süssen Erinnerung jener unvergeßlichen Stunden! Eine Mauer umschließt den
(die ehemalige Besitzung des Grafen Lodrone); ich trat nächst dem Kalvarienberge in die Pforte desselben, und schritt den steilen Pfad hinan; dichte Bäume und undurchdringliches Gebüsch schützen vor Sonnenhitze, und vereiteln jeden noch so sehr neugierigen Blick; Bänke und wohlangebrachte Schießstände verkürzen die halbstündige Wanderung, welche man fast im Dunkel zurücklegt. Auf einmal steht man vor dem veralteten, mit einem niederen Graben umfriedigten Schlößchen; ein marmorner Kapuziner knieet in der Mauer ober dem Eingange, doch das Himmlische ahndend, würdigt man diesen kaum des Blickes, und eilt zur Terasse; nun still gehalten — der Erde freundlichster Punkt ist erreicht! Hier, auf einem Berge von nicht 150° über Salzburg, könnte fünfmal höher der dann ermattete Fuß kein prächtigeres Ziel erreicht haben. Rings der ummauerten, mässigen Wiesenfläche vor dem Schlosse, wählt sich das lüsterne Auge die trefflichsten Prospekte: Rechts erkennt es an den Felsenwänden des botanischen Mönchsberges eine Reihe zutraulich sich anschmiegender Häuser von Salzburg; dann alle die Palläste, Klöster und Kirchen, welche das österreichische Rom erheben. Mitten durch die Stadt eilt die mit Schiffen belastete Salza, um nördlich ein Meer von Inseln mit ihren kristallenen Wellen zu befluthen; hinter ihren dunklen Auen blicket des gesegneten Baiern weiter Getreideboden zur Höhe; Städte, Dörfer und Schlösser freuen sich der glücklichen Ebene. Oestlich trotzen die Schlösser Plain 190und Neuhaus auf ihren duftenden Hügeln jedem sie treffenden Neide. Südlicher winket der Thurm vom Anmuth spendenden Aigen, ihm, der Salza gegenüber, lockt Hellbrunn’s künstliches Wasserwerk; Hallein’s finsteres Städtchen scheint sogar heute vergnügt! Und in der Runde umher seh ich die Alpen nun wieder, welche mich jüngst so erfreuten. Ruhig stehen sie da die Kolosse, das Auge in ihrem Ueberblicke ermüdend. Schön kleiden dich ernsten Gaisberg deine männlichen Wälder; nicht schreckt mich dein Haupt, o Tänengebirg! mit frostigem Eise und Schnee; Watzmann du prahlst dich zu kühn, als einer der höchsten des Landes!
Nun aber glüht die Abendsonne jenseits der Salza über den Gebirgen; die Felsen des Hohenstauffen, die Alpenhütten am Untersberg kleiden sich in Rubin. Goldstreife schweben über die diamantenen Eisglätscher des Teufelhorns; die weiteste Ferne malt die der Schluß-Scene veilchenblau; bald ändern aber bunt herumzitternde Wölkchen die farbige Kleidung nach Willkühr.
O lasse mich saugen, gütiger Schöpfer! die Wollust an der Mutterbrust reiner Natur! Erhalte mir das Gefühl des wunschlos-kindlichen Sinnes, von deiner Güte beglückt! und gönne diese Abendlandschaft mir als Sinnbild des einstigen Abends meines glücklichsten Lebens.
Hier, hier ist der Punkt, wo jedem Herzen sich der bewährte Ausspruch entpressen muß: es gibt nur ein Salzburg!
Der folgende — ein Sonntag gab mir Gelegenheit, 191itzt, da ich die Umgebungen Salzburgs so ziemlich durchsah, nun auch von den eilf Tausenden der Bewohner der Hauptstadt mehrere näher kennen zu lernen. Bald genoß ich die Ueberzeugung, daß selbe im Allgemeinen mit den Fluren nicht im Einklange ständen. Gewöhnliche, ausdruckslose Phisiognomien eilten, mehr oder weniger städtisch gekleidet, den Kirchen zu. Zwar würde manches hübsche Mädchen mit ihrem netten Anzuge und gut sie formender goldreicher Haube, einem glücklich sie kopierenden Miniaturmaler Ehre machen, doch wird durch einige gelungene Gestalten noch nicht ein ganzer Menschenschlag veredelt. Vom Parke
Schlosse Mirabell, hört Jeder zu Wien schon genug, und selbst in Salzburg werden sie schön gepriesen; kein Wunder, daß ich meine Füsse beflügelte, dieselben zu besehen. Doch gewöhnlich, wenn man sich etwas sonderlich Schönes verspricht, wird die Erwartung getäuscht. In Salzburg müßte Natur und Kunst sich übertreffen, um als Garten sein Lob zu verdienen! Ich will darum nicht sagen, daß der Park zu Aigen keine Schönheiten besitze, im Gegentheile dürfte er zu Wien um den ersten Rang streiten; doch hier, wo die Natur alles gethan, erschuf die Kunst desto weniger.
Eine kleine Stunde ausser Salzburg, am rechten Ufer der Salza, liegt in sanfter Erhöhung der Park zu Aigen; gekrümmte Wege, die theils über Wiesen, theils über Bäche-bedeckende Stege im natürlichen 192Wäldchen sich fortwinden, führen bald zu einsamen, mit Moos bekleideten Hüttchen, bald neben Felsenstücken zu einer Grotte und murmelndem Wasserfall; hin und wieder biethen sich von Terassen einzelne Prospekte auf die romantische Umgebung. Endlich kommt man durch eine steil bergan führende Kluft auf die ausgebreitete Fläche des Berges. Eine Einsiedelei schützt vor brennender Sonnenhitze oder Ungewitter, weiter davon erheben ungeheuere Buchen das noch kraftvolle Greisenhaupt; eine dieser Geschwister mußte dem Beile erliegen, um ihren breiten Rumpf als Tisch munteren Gesellschaften zu biethen. Treppelwege führen jenseits wieder zum Badhause und Schlößchen hinab, welches so wie die Kirche, in Eintracht von dem Parke umarmt wird.
Dieses ganze Wäldchen huldigt nur der Natur, ist aber zu klein, zu unvermögend, erhabene Eindrücke einzuflössen, besonders Einem, der wie ich erst kürzlich aus dem ungeheueren Labyrinthe des pittoreskesten Welttheaters geschritten. Da sinken nun freilich diese Bäche, Grotten, Wasserfälle und Felsenstückchen, im Vergleich mit jenen Riesenklippen, Urwäldern, donnernden Cascaden entfesselter Ströme etc. zum blossen Spielzeuge herab.
Dieser zweite Erlustigungsort, besuchter als der vorige, liegt am linken Ufer der Salza. Als fürstliches Lustschloß wäre er (die Wasserwerke jedoch ausgenommen,) selbst meine Wenigkeit zu ergetzen nicht im Stande. Wenn mich schon die natürliche Anmuth 193von Aigen zu besonderen Lobeserhebungen nicht hinriß, so fand ich dagegen die jämmerlich zugestutzten Alleen und verstümmelten Gebüsche, welche mit der üppigen Natur um Salzburg so auffallend disharmoniren, wirklich erbarmungswerth. Schade, daß man diese schöne Gegend nicht etwas mehr sich selbst überließ! Die kleinen Wohnstätten der Dienerschaft, das nette Schlößchen, würden zwischen den Teichen und Bächen besser gefallen!
Uebrigens sind die Wasserkünste (einmal gesehen) hinlänglich im Stande, die Schaulust der Neugierde zu befriedigen. In mehreren Gängen des Gartens lauern unvermerkt, unter den Füssen der Hinschreitenden, kleine verdeckte Röhrchen, um nach Wunsche des Direktors die Ueberraschten allenthalben anzuspritzen, sie mögen sich wohin immer wenden. In einer der schönen Grotten hört man unter bemoosten Steinen sehr getreulich Frösche quacken, bald zwitschern wieder Vögel auf dürren Reisern nächst einem Wasserfalle. Nun kommt man in ein Häuschen, welches auf Pfeilern neben einem Bache ruht. Orgelspiel verlautet darin seine harmonischen Töne, kleine niedliche Figürchen drehen sich im Takte munter herum; nebenan sieht man Weiber, wie sie spinnen, Schmiede die ihr Eisen hämmern, Schneider die emsig nähen u. d. gl. Am interessantesten schienen mir zwei sich gegenüber ruhende Schildkröten, deren eine den kristallenen Wasserfaden im halben Zirkel aus dem Munde goß, und die andere ihn wieder unvermindert empfing, und zwar so sicher und genau, daß man anfänglich 194gar nicht weiß, welche das Wasser auswirft und welche es empfängt.
Eine aus majestätischen Buchen und Linden bestehende Allee, welche mehr der Freiheit huldigt, als die gezwungenen Gartenbäume, führt in einer Stunde neben fetten Ackergründen wieder nach Salzburg zurück.
Ich folgte nicht diesem schattigen Wegweiser, sondern wanderte über bezaubernde Hügel-, Wiesen- und Ackerpfade dem Alben- oder Achenbache entgegen, welcher aus Berchtesgaden gutmüthig herbeieilt, um im Salzburgischen Mühlen und Maschinen in Bewegung zu setzen. Ueber der Brücke, beim Dorfe Gröding, kommt man in die Nähe des Untersberges. Mehrere Lastwägen mit rothen Marmorplatten holperten mir vorüber, und da, nach meiner Anfrage, nur zwei Stunden die Brüche zu besehen hinreichen, so unterlasse ich nicht, diese in ihrer Art wirklich interessanten Sprengwerke, woraus die Steine bis nach der Türkei verführt werden, in ihrem Geburtsorte zu betrachten. Einer dieser Marmorbrüche übertrifft an Höhe und Weite selbst den grossen Sandsteinbruch zu Höflein bei Wien[20]; die übrigen sind mehr oder weniger ergibig, doch sollen selten schwerere als zu 100 bis 200 Zentner in einem Stücke brechen[21].
[20] Woher auch die schönen Quadern zu den beiden neuen Brücken über den Donaukanal, in die Leopoldstadt führend, genommen wurden.
[21] Bei Höflein löste sich 1822 Nachts, während eines Regens, von selbst ein Stück pr. 8000 Zentner, ohne einiges Unglück, und wurde erst später durch Pulver gesprengt.
195Hier sah ich auch eine Mühle, worauf die kleinen, für die Kinder zum Spielen bestimmten Kügelchen, in mehreren Hunderten zugleich aus rohen Steinen verfertigt werden, daher der niedrige Preis derselben!
Noch dürfte Manchen die Bemerkung interessiren, daß der Marmor bei seinem Bruche ungemein weicher und deßhalb leichter zu bearbeiten sey, als nur nach kurzer Verwitterung. Leider vermeisselte man diesen schönen Stein zu Kanälrinnen, Thorbögen, Ecksteinen und sonstig gemeinen Sachen; die Käufer fragen aber weniger um die Gattung, als um den Preis des Steines, welcher hier mit dem gemeinsten in gleichem Range steht.
Das Theater am Hannibalplatze war geschlossen. Ich benützte daher die Abendstunde zur Besichtigung der am Kapuzinerberge ausgegrabenen und zu Rosenegg bei ihrem Besitzer aufbewahrten römischen Alterthümer und sonstiger Antiquen. Kunstverständigen dürften diese eine neue Ernte ihrer Wißbegierde anbiethen.
Ich hatte Salzburg nun wieder gesehen, fühlte den Eindruck erneuert des einstig ersten Besuches, und gleicher Dank schnürte meine Brust beim nunmehrigen — vielleicht bleibenden Abschiede in diesem Leben. Stunden und Jahreszeit drangen auf mich Zaudernden, Neptun und Aeolus schienen beifällig ihren Zorn vergessen zu haben, und schnellere Reise dem Wanderer anzurathen.
Salzschiffe laufen in später Jahreszeit von Hallein 196oder Salzburg nicht mehr ab, dagegen lag eine mit Marmorplatten und Kalk befrachtete Plette zur Abfahrt bereit. Fort flog auf den durch letzthinnigen Regen geschwängerten Wellen das gebrechliche Fahrzeug mit verdoppelter Eile, wenig nur wirkten die Ruder, desto behutsamer schienen ihre Lenker; man traute dem Wüthenden nicht, welcher so schnell seine Grösse vermehrte; wild rieb sich der Fluß an dem buntfärbigen Flurenteppich und zerriß zerstörungssüchtig die kürzlich gebauten Inseln. Ein Schiffmann im Kahne auf halbstündiger Strecke vorauseilend, deutete mit ausgestecktem Reisig die fahrbaren Wasserplätze.
Bald mußten wir links, bei Salzburghofen landen; die königl. baier. Gränzaufseher leisteten uns und der Schiffsladung Besuch. Flach und unerheblich breiten sich beiderseits die sandigen Ufer; man fühlt zunehmend deutlicher, was man an Salzburg verlor, welches, wie die frohe Jugend dem Greise, in Einzelnheiten erinnerlich bleibt; die Schloß- und Kirchthürme, der Mönchs- und Kapuzinerberg wollen sobald von dem Reisenden nicht scheiden, und erringen sich ein Plätzchen im Kopfe des Fremdlings, wenn Auen und Berge sie ihm endlich entziehen.
Schon schielte der Kirchthurm näher und näher von Lauffen’s Städtchen, die fünf Stunden Weges hätten daher kaum die Hälfte erfordert: da kracht und zittert der Schiffboden — dieß war mir nichts Ungewöhnliches; nun aber seh ich die Schiffleute ängstlich herumspringen, einander zurufen, die Ruder lüften, einen Hebbaum in das Wasser senken, vergebens! 197wir sitzen wie angenagelt. Ich ahndete keine Gefahr, bald aber mehret sich der Schreck; die angstvollen, vielleicht unwissenden Schiffleute, wollen dem Wasserzuge mehr Gewalt geben, und treiben das Schiff in die Quere. Unglücklicher Weise aber ist selbes zu tief getaucht, es drückt sich zusammen, ohne zu weichen. Der reissende Fluß drängt den lockeren Sand an die dämmende Schiffswand, und nun stürzen darüber die emporgetriebenen Wogen in die rauchende Plette. Fürchterliches Geschrei der Knechte fordert einige Landleute auf, um Hülfe zu eilen, die jede Minute dringender wird; denn obgleich wir insgesammt unsere Kräfte im Wasserausschöpfen überspannten, so drangen doch immer neue und neue Wellen durch Löcher und über die Wand in den schon entzündeten Kalk. Wir sind nahe daran, lebendig verbrannt zu werden, oder in den beiderseits tief reissenden kalten Wogen zu ersäufen. Zwei Knaben mit einer alten Aufseherin, welche zu Lauffen ihre Verwandte besuchen wollten, scheinen denselben nun ihr Begräbniß zu überlassen; in Todesangst auf dem Hüttendache winselnd, werden sie noch von den verzweifelnden Schiffleuten als Hinderniß herumgeschleudert. Meine letzte Hoffnung, der vorfahrende wasserprüfende Knecht, kann auch nicht zu Hülfe eilen, indem er ohne Seil den Kahn nicht so schnell am reissenden Fluß herauf zu bringen vermag. Da fällt mir bei, einige der rohen Marmorplatten, das Schiff zu erleichtern, hinauszuwerfen; mit Hohngelächter fragen mich aber die Kerlen, ob ich bereit wäre, alle zu bezahlen? Sie 198wollen also lieber zu Grunde gehen, als etwas aufopfern!
Itzt springt mein Wolfshund, die Hitze nicht mehr ertragend, aus dem Schiffe; pfeilschnell reissen die entfesselten Wogen diesen Geübten hinab, hohe Ufer bannen ihn, ich glaube das Thier verloren und wende den Blick. Freudiger Schreck überrascht mich, als ich nun am linken Ufer eine grosse Zille mit zwei rüstigen Pferden bespannt, im eilendsten Gallopp heraufstürmen seh, klafterhoch schäumen die gebrochenen Wellen an dieser vordringenden Gewalt; kein armer Sünder kann ängstlicher der möglichen Begnadigung entgegen harren, als wir vielleicht insgesammt die Sekunden der Näherung abwogen. Wir schwingen die Hüte, drücken einander die Hände, und sind nun wieder versöhnt. Auch ein zweites Schiffchen naht sich itzt am rechten Ufer, es ist der vorbemeldete Kahn; gutmüthige Menschen ziehen ihn an Stricken in möglichster Schnelle herbei.
Hier wünschte ich ein Nabob zu seyn, um diese edle Dienstfertigkeit nach Würde zu lohnen, ich half noch zuerst denen Armen, die Marmorplatten in das grössere Hülfsschiff hinüber fördern; ob und wie viel sie aber von dem Kalk retten konnten, war ich unvermögend abzuwarten, da Rauch und Hitze beinahe den Schiffboden angriff, und dieser Dunst mir unerträglich war. Ich fuhr im Kahne an das rechte Ufer hinaus, und reichte denen Wasserhelden herzlichst meinen Dank; hundertmal mehr hatte ihnen mein Herz gewünscht! Sie schienen dieses zu wissen, und waren wie gute Menschen, vergnügt.
199Noch einmal sandte ich Blicke auf den traurigen Qualm, auf die am Ufer weinenden, vom Schreck noch nicht erholten Kinder, welche mit zwei andern Passagiers früher ans Land befördert wurden, und dann auf den herbei eilenden Duna, der, mich wieder zu sehen, liebkosend seine ganze Nässe meiner Schulter und Brust aufdrückte; ich konnte diesem Treuen nichts übel nehmen, und streichelte ihn für seine Fröhlichkeit.
In Lauffen-Oberndorf, dem österr. Gränzorte (denn das eigentliche Städtchen Lauffen befindet sich jenseits der langen hölzernen Brücke, am linken Salzaufer, und ist baierisch), werden alljährig viele Pletten gezimmert und Kähne verfertigt, wie man sich auf dem bedeutenden Schiffswerftplatze baldigst überzeugt; überdieß wird hier starker Verkehr mit Salz und Holz getrieben. Einige Häuser des Städtchens reichen bis in den Fluß, die heimlichen Stellen, welche an ihnen sich herabziehen, geben vom jenseitigen Ufer ein widerliches Ansehen. Nach stündigem Verweilen bestieg ich abermal eine, der vorigen ähnliche, mit Kalk und Marmor beladene Plette. Dießmal ging die Fahrt glücklicher. Obgleich nach stündiger Strecke die Salza in einem wahren Inselmeere sich theilt, so wußten doch die klügeren Schiffleute oder der findige Fluß dazwischen eine Hauptpassage zu erhalten.
Wahrhaft langweilig bleibt unwiderruflich die zehnstündige Gehstrecke von Lauffen über Dittmaning und Burghausen bis zum Dorfe Winkelheim, wenn man sie auch zu Wasser in vier Stunden zurücklegt. Denn Auen und Felder, zwischen denen sich nur spärlich Häuschen hervorwagen, und die immer Gefahr 200drohenden Sandbänke des bisweilen viertelstundenweit sich ausbreitenden Flusses, ohne ein stattlich Schloß oder dessen erübrigte gedächtnißwerthe Ruine an seinen Ufern, ja selbst ohne denen, auf Wasserfahrten sich so herrlich darstellenden Felshöhen, machen den Wunsch rege, je eher je lieber das gewohnte Einerlei verändert zu sehen. Daß die beiderseitigen Feldungen von dem willkürlich sich überlassenen Fluß nicht wenig bekriegt werden, daß die Grundeigenthümer um einige hundert Joch Sandäcker mehr, nichts fragen, und daß, ob die Schifffahrt besser oder gefährlicher von Statten gehe, Niemanden zu kümmern scheinet, ist, was sich dem beobachtenden Reisenden hier allzu fühlbar aufdringt.
Unter dem Dorfe Haiming werden die Wellen der Salza unruhig, sie sprudeln, zaudern im Vordrange, blau und grüne Fluthen jagen sich um das ausgedehnte Inselreich bei Winkelheim — die Salza ist nicht mehr! Der gewaltige Inn raubte ihr Daseyn; feierlich und groß übergeht er den kleinlichen Kampf mit Stillschweigen, als würde die Erinnerung daran seinen Stolz herabsetzen. Tiefer umgräbt er Kanäle grösseren Inseln, während sein Gang die vorige Schnelle behält, und diesen Bau nur als Kurzweil zu betreiben scheint. Die Salza, welche ich von ihrer Geburt bis zu deren Untergange fortwährend begleitete, sank in ihrer Grösse plötzlich und unerwartet, gleich manchem durch innere Kraft und Talent empor 201gestiegenen Manne, welchen Neid von schöner Stelle in Abgrund hinabdrängt.
In einer Stunde darauf landeten wir nächst der hölzernen Braunauer-Innbrücke. Diese freundliche Gränzstadt, weniger seiner verfallenen Festungswerke wegen, als der Bierbrauereien und Tuchmanufakturen berühmt, gewährt einen herrlichen Erholungsplatz. Die ungemein breite, mit Springbrunnen versehene Hauptgasse, welche das Städtchen in gerader Linie von West nach Südost durchreicht, und mit hinlänglicher Quantität elender Kiessteine, den Wanderer zu quälen, ausgestattet ist, strotzet von guten Wirthshäusern. So oft ich noch Braunau besuchte, fand ich diese, dann die Gässen und Krambuden ziemlich belebt, was hinlängliche Nahrungsquellen und Betriebsamkeit der munteren Einwohner folgern läßt. Das Strenge, die Thore — besonders jenes am Inn zeitlich Abends zu sperren, legt den Bewohnern keinen Zwang in ihren Neigungen auf, da sie nach Verlangen geöffnet werden, und die militärische Untersuchung dabei nicht ins Lästige übergeht.
Eine Seltenheit, auf welche sich die Braunauer nicht wenig zu Gute rechnen, macht der Bart eines ihrer einstigen Magistratsräthe, des Hanns Steininger, welcher, wie die Abbildung und Jahreszahl am Salzburgerthor zu Braunau weiset, im Jahre 1567 der Stadt vielleicht weniger mit seiner Einsicht, wie mit dem bis an die Zehenspitzen dicht herabreichenden Barte zum Ruhme half. Schöner und bleibender erhält 202sich dieses Bartwunder an der Pfarrkirche, auf einer grossen Marmorplatte halb erhaben in Lebensgrösse ausgehauen.
Dieser Hanns Steininger mußte das Opfer seiner angestaunten Merkwürdigkeit werden; denn, als er einst einem durchreisenden Fürsten seine Ergebenheit zu bezeigen, den gewöhnlich abgemessenen Schritt übereilte, trat er sich selbst auf den Bart, und durch den Fall im Leibe etwas abschlagend, starb er baldigst an den Folgen der Verletzung — als Märterer seiner eingebildeten Schönheit!
Ich hatte folgenden Morgens die Freiheit, unter den vielen zum Ablaufe bestimmten Lastschiffen, das passendste zu meiner Reise zu wählen. Scheiterschiffe gehen am schnellsten, wenn sie tief getaucht sind, und man hat auf ihren hohen Ladungen die schönste Gelegenheit, von der Umgebung den besten Nutzen zu ziehen; jedoch haben wieder diese, mehr, wie andere flach belasteten Schiffe, vom leisesten Windzuge zu besorgen, und müssen schnell landen, wenn kleine Fahrzeuge noch lange dem Wasserfeinde Aeolus trotzen. Uebrigens, wenn ein hoch beladenes Schiff zuerst abläuft, kann man es immerhin unbesorgt besteigen, weil bei desselben allenfälliger Fahrt-Unterbrechung die nachfolgenden das Weiterreisen auf ihnen anbiethen.
Vierzehn Ruderer strengten ihre Kräfte an, um nur etwas dem Eigensinne des frostigen Stromes abzugewinnen; als aber das Schiff den gehörigen Zug 203hatte, war auch nimmer auf Zaudern und Tändeln zu denken.
Jeden, der schon viele Flüsse befahren, muß auf dieser Strecke die besondere Schnelligkeit entzücken. Die 6½ Meile von Braunau bis Passau, welche man gewöhnlich in 5 Stunden zu Wasser ausführt, biethen dabei alles Interessante und Schöne einer mondenlangen Wasserfahrt. Man hat Alles in Allem, und zürnt, daß man zu wenig gewinnt; denn allzuflüchtig scheiden die herrlichen Bilder. Man fühlt sich wie ein Durstiger, langt immer nach dem Glase, und wird nie ganz erquickt. Die Dörfchen, Märkte, Schlösser, Inseln, Auen, Berge und Flächen fliehen, als scheuten sie sich, erkannt zu werden, und doch liegen sie da, so festlich geschmückt, so bezaubernd!
Die erste Nymphe, welche gleich unter Braunau am rechten Ufer uns bewillkommte, war die kleine Mattich; sie glaubte mit ihrem Flüßchen unseren Lauf zu beflügeln. In einer Stunde darauf rauschte gleichfalls von Osten, aus Bewohner-reichen Thalgründen, das durch die Henhart- und Waldzellen-Bäche groß gezogene Altheimer Flüßchen zum Inn herbei. Ein Regiment von kleineren Bächen, die bis Schärding beiderseits zu ihrem Hauptquartiere — dem Inn stossen, zeichnen sich weder durch Namen noch Vorfälle aus, den als Unteroffizier zu betrachtenden Antesen-Bach ausgenommen, welcher bei Bodenhöfen, jenem reissenden Landesgebiether alle im ausgreifenden Bezirke entdeckten Vorfälle überbringt. Eben so unbedeutend schiene dem Wasserreisenden das Heer der bunten Ansiedelungen, welche das rechte Innufer sattsam bedecken, 204wenn nicht ihre Lage sie zu Ehren brächte, und dabei lauter Feenstätten wähnen liesse. Obernberg, ein ansehnlicher Markt, und etwas unterhalb Reigersberg, wo sich ein schön gebautes Augustinerkloster befindet, sind die auffallendsten und wichtigsten Figuren bis Schärding, da man von unbedeutenden, wenn auch zahlreichen Dörfern, gleich einer Heerde gewöhnlicher Schafe, nichts Wesentliches sagen kann. Das linke, baierische Ufer, trägt weit weniger Ortschaften, aber desto höhere und ausgedehntere Berge, die zum Theile im üppigsten Waldschmucke prangen.
gegenüber, zu dem man nach 4 Stunden von Braunau gelangt, ergießt sich am linken Ufer die kristallige Rot in den bisher Insel-durchstickten Inn; es ist der letzte ansehnliche Fluß, welchen dieser, bald selbst Namen und Unabhängigkeit verlierende Strom, unter die Zahl seiner reinen Alpenkinder, mit immer offenen Armen aufnimmt; zu mächtig würde der thatvolle Ober-Engardeiner-Schnelläufer allmählig entwachsen, deßhalb sorgt die diplomatische Politik, ihn — auf andere Weise unbesiegbar wissend, einer Dame (der Donau) in die Arme zu werfen, damit diese über ihn die Herrscherinn spiele. Schärdings 285 Häuser bilden ein niedliches, vor Zeiten festes Städtchen, knapp am rechten Innufer; seine Bierbrauereien und der Holzhandel sind allgemein bekannt, und haben ihm Wohlstand und Betriebsamkeit erhalten. Wenn auch das Thal von hier aus bis Passau enger, die Feldungen weniger werden, so ist doch Lage und Temperatur 205gleich angenehm und gesund. Die lange, auf 11 schönen Quader-Pfeilern ruhende Brücke, so streng und bewährt sie als Landstrasse entspricht, so Gefahr-bringend droht sie den Stromfuhrleuten; ein Christuskreuz auf derselben heißt von weiten schon die Innfahrer ihr zeitig und ewiges Heil wohl erwägen, und so behutsam als möglich zur Fristung des ersteren alle Mühe und Aufmerksamkeit anwenden. Die Schiffknechte entblößten alle ihr Haupt und feierten ein stilles Gebeth, ehe wir zur Brücke gelangten, nun aber bäumten die Wellen und bogen die Ruder sich von der Kräfte andringenden Gewalt aller Knechte und Passagiers. Auf das siebente Joch von der Rechten an gezählet, leitete man die Richtung des Schiffes. Der beflügelten Wogen donnerndes Brausen und Brechen an den breiten Pfeilern von Stein, der kleine Fall, der sich eben dadurch unter der Brücke ergibt, endlich die im Wirbel sich anmeldende Wassermasse der ausgibigen Rot, machen auf der ganzen Innfahrt einzig und allein nur diese Stelle gefährlich. Eine Viertelstunde unter Schärding, links beim aufgehobenen Kloster Fahrenbach, wird jedesmal wieder gebethet; dieß ist aber ein Dankopfer für die glückliche Bestehung der Gefahr.
Nur einen Gruß konnte ich dießmal jenem schön liegenden Städtchen, seiner Brücke und dem am linken Ufer malerisch sich biethenden Schlosse Neuhaus senden, ihr Umkreis war bereits verschwunden! Nun fluthet der Inn vielleicht in seinem herrlichsten Beet. Von beiderseits aufsteigenden Felsen bis auf eine Breite von 60 bis 100 Klafter zusammengedrängt, sucht 206der 12 Klafter tiefe Strom diesem Kerker durch doppelte Schnelle bald zu entkommen. Diese pittoresken Ufer krönen üppige Wälder, feste Burgen und prächtige Ruinen; in den Klüften bergen sich hin und wieder Fischerhütten oder die Wohnung eines Holzhackers. Nur ein Meisterpinsel wage sich über diese Gruppen, die schwache Feder würde sie nur entstellen. Brechend weichen die Wogen dem vordringenden Damme roher Felsenmassen bei Fahrnbach; festgestützt auf diese Säulen sieht das nette Kirchlein stolz herab in diesen ewigen Kampf, den einstigen Sieger erwartend. Gegenüber an der Felswand, am rechten Ufer, betrauert das alte
seine ehemalige Stärke, wodurch es einst Herzogen von Oesterreich und Baiern, und vielen Rittern des Gaues, gleich viele Ursache zu Zwist und Kampf-Unternehmungen gab; es sinkt, wie der Muth des erschöpften Greisen; doch trösten es die jenseits aufsteigenden Mauerkrüppeln der
welche gleich jenem in Kraft und Jugend einst blühten, und nun im Hinfallen einander Muth zusprechen; letztere, obgleich gegen Inn zu meistens Ruine, beherbergt noch in seiner westlichen Fronte einen thätigen Bräuer, dessen Daseyn der aufsteigende Dampf eben so einladend verräth: als zwei alte Thürme, der Vorzeit Streitlust, und die Kapelle den Ort zur Versöhnung andeuten. Gerne wäre ich hinauf geklettert zu 207dem hinfälligen Gemäuer, das von seinem ersten merkwürdigen Besitzer, Herzog Otto von Meran im Jahre 1232 angefangen, durch die Herzoge Albrecht von Oesterreich und Otto von Baiern, durch Ritter Ulrich von Wallsee, Graf Ortenburg etc. in 4 Säculen so viel erlebte, und so manchen Heldenzug ausführen half; die Kopie einiger Säulen oder nur Gemächer wären mir Kleinodien gewesen; aber die stumpfen Knechte wollten mich um keinen Preis ausschiffen, und konnten gar nicht begreifen, wie man eines so alten Zeugen wegen nur eine Viertelstunde aufopfern könne. Der Stadtleck- und Stockdobelwald schliessen sich an Neuburg abwärts an.
Von den Dörfern Harkang und Achleiten, am rechten Innufer, sieht man nur einige Häuschen; in deren Betrachtung vertieft, träumt man noch vom ländlichen Glücke: da wendet sich rechts nun der Strom, und Thürme und Häuser begrüssen von Passau.
Zu schnell verfloß diese fünfstündige Fahrt, wie das Leben des Glücklichen; ich stieg aus an der langen hölzernen Brücke, welche in die Innstadt hinaufführt, und suchte mir in Passau ein bequemes Logis. Die Wahl ist schwer zu treffen; denn jede dieser ungemein schiefen Gassen (in der ein leerer Wagen, um hinaufzufahren, beinahe Vorspann benöthigt,) besitzet acht bis zehn Wirthshäuser, die aber meistens reinlich aussehen.
Auf dem Polizei-Bureau (in der Schräggasse), wo ich meinen Paß mußte vidimiren lassen, waren eben 208die Passagiers von der Ulmer-Ordinäre anwesend. Es war ein buntes Gemenge von Handwerksburschen und Dienst suchenden Dirnen, nebst einigen Schneckenhändlern, Juden u. s. w. Das Ungemässigte und Rohe dieser Leute scheuchte mich zurück; ich bemitleidete das traurige Schicksal jener Beamten, welche die größte Zeit ihres mühevollen Lebens mit solchem Pöbel verlieren müssen.
Passau, die Halbinsel vom Inn und Donau gebildet und eigentliche Stadt, welche an hohen schönen Häusern keinen Mangel hat, und durch einige nicht unansehnliche Kirchen und Palläste: wie die grosse Domkirche, das einstige Jesuiten-Kloster, die weite Residenz, deren Fronte mit dem Ueberblick der Innstadt und des Flusses ganz artig sich ausnimmt, ist dennoch nicht vermögend, Bewunderung dem Fremden abzulocken, welche die Vorstadt ähnliche Inn- und Ilz-Stadt, so wie das Granitschloß Oberhaus eher zu erringen im Stande wäre. Erstlich ist Passau an und für sich schon langweilig, und zweitens stimmen die engen, schlecht gepflasterten, meistentheils krummen Gässen gar nicht zum Frohsinne. Dagegen erhebt die Lage der anderen früher genannten den minderen Häuserwerth, der dann mit jedem Schritte merklich zunimmt.
Der Nachmittag wurde zur Besichtigung des Mariahülferberges verwendet. Ich überschritt die auf 12 hölzernen Jochen ruhende, 292 Schritt lange Innbrücke, die ein Heer von Salzschiffen, Holzflössen und Pletten belagerte; mehr aber als diese bunten Fremdlinge, schienen mir drei heimische, an die Brücke 209befestigte Schiffmühlen derselben Gefahr drohend zu seyn, da sie mit dem reissenden Strome das Beben der hölzernen Pfeiler vermehren. Durch alte Ringmauern und eine Reihe fast gleich gebauter netter Häuser von Innstadt, steigt man dann eine steile Fahrstrasse hinan; endlich ist die wundervolle Kirche
mit dem schönen Brunnen, wo aus dem Busen der Mutter Gottes das Wasser quillt, erreicht. Man fühlt den lohnenden Zauber jeder Bemühung; denn nun sind alle die Dunkelheiten Passau’s[22] und ihrer Umgebung, um deren Besitz schon so viel Blut geflossen ist, enthüllt. Zwei fürstliche Ströme reichen sich verschwistert die Arme, um einander zu unterstützen, und die weite Reise zu verherrlichen; diese Grossen zu begleiten, beflügelt sich die düster vorblickende Ilz. Schiffe und Kähne eilen mit den Rastlosen, ihre Bestimmung zu erzielen, unbekümmert dieser sich Aufdringenden, gleiten die Wogen unaufhaltsam zum Meere.
[22] Passau mit Inbegriff der Inn- und Ilzstadt, soll bei 1200 Häuser und 10,000 Einwohner haben.
Kein Dach entgeht hier dem forschenden Blicke, man sucht die Häuschen mancher lieblichen Bewohnerin, und findet die Versteckten alle wieder heraus.
Jenseits droht furchtbar das Unglück weissagende Oberhaus; der menschliche Fleiß verzagt nicht, auf denen starrsinnigen Felsen noch Schrecken zu häufen. Seine Mauern und Schanzen werden noch immer verstärkt, 210nur für Verbrecher sind die Kasematten bereits undurchdringlich; wohl, wenn derer wenigstens zu viel gebaut wurden!
Ich verließ mit Dank diese Kirche, welche einst den frommen Wallfahrtern so wunderbringend, und mir nun so hochlohnend gewesen. Zwar ist jetzt die Anzahl der, des schönen Gnadenbildes wegen Zureisenden bei weiten geschmälert, doch bin ich gewiß, daß jene der Naturfreunde, sowohl hier, als an anderen malerischen Punkten jährlich sich gleich bleiben wird. Links hinab kam ich in das mir belobte Bräuhaus St. Nikola, einem aufgehobenen ehemaligen Augustinerkloster, saß dort im Schatten roth und braun gefärbter Linden- und Kastanienblätter des geschmackvollen Gartens, trank das köstlichste aller Biere, und vergaß bei guter Ansprache und gewohntem Frohsinne alle traurigen Vorfälle.
Mein guter Genius trieb mich zeitlich folgenden Morgens von Passau über die neue, auf sieben schönen ovalen Quaderpfeilern ruhende Donaubrücke, die nunmehr nach jener zu Regensburg die schönste über diesen Strom[23] ist, nach der Vorstadt Anger, deren Häuschen und Gärten (so zu sagen) an die Felsen nur angeklebt sind. Von hier aus wand ich mich durch 211ein enges Pförtchen, die ungemein steile Granithöhe empor. Bei jeder Stufe glaubt man diese 70 Klafter über der Donau erhobene Festung Oberhaus, unbezwinglicher; und doch, was der entschlossene Mensch zu denken wagt, wird vollbracht; auch sie mußte schon dem Heldenmuthe unterliegen!
[23] Der Bau dieser 260 Schritte langen, mit Ruhebänken und eisernem Geländer versehenen Brücke, dauerte 4 Jahre, und wurde zum Nachruhm des verewigten Regenten, Maximilian Joseph, 1825 ganz vollendet.
An der Festung zeigten dünne Stoppelfelder von der thätigen Bearbeitung dieser Höhen. Kein Winkel, möge er auch noch so verborgen seyn, bleibt unbenutzt, doch darum nicht immer besuchsfrei. Diese beiden Theorien sah ich hier nicht ganz zu meiner Zufriedenheit bewährt, da mir die innere Besichtigung der Werke nur nach Vorzeigung einer Erlaubnißkarte zu Gebothe stand, ich aber diese, weiß Gott wo, erst ansuchen sollte.
Zum Glücke bemüht sich darum Niemand vergeblich herauf; denn die Uebersicht übertrifft noch jene am Mariahülferberge. Weit hinauf im Felsenthale des kristallreinen Inn, und in der bewaldeten Bergschlucht der trüben Donau, so wie im vereinten Beete der gepaarten Ströme abwärts, erforschet das Auge den Zielraum seiner Schärfe; es verirrt sich in den Parthien reicher Meiereien und Mühlen und Dörfer. Kein Gedanke kann alle diese Bilder fassen, die sich in Einem zugleich aufdringen. Der Blick senkt sich rastend auf die Nähe; da fesselt ihn abermal überraschend, die dunkle pittoreske Kluft der schwarzen Ilz. Man söhnt sich aus auf dieser lüftigen Höhe, über den Verlust nicht gesehener dunstiger Gemächer unglücklicher Menschen, und weiht ein Stündchen gerne als Opfer. Ich ging durch Reihen gefesselter Militärarrestanten, 212welche mit Reinigung der Festung, Ausbesserung der Bastionen, und Erdäpfel-Ausgrabung auf den mässigen Erdflächen (die den oben kommandirten Unteroffiziers zur Benützung überlassen sind) wechselweise beschäftiget waren, und begab mich dann in das Unterhaus oder vielmehr Ilzstadt, am Fusse der Festung und Mündung der Ilz in die Donau, den eben betriebenen Bau zweier grossen Schiffe (Gamsel, jedes 100 Fuß lang) betrachtend. Weil der Tag ungemein schön war, und ich bei den zahlreichen Schiffen auch Morgen sichere Fuhren ahndete, so wanderte ich der eingezwängten finsteren Ilz[24] entgegen, durch das mit Bäumen und Gesträuchen geschmückte Felsenthal, um seine freundlichste Miene auszukundschaften. Nach einer halben Stunde erhoben sich über den ganz mit Ziegeldächern verzierten Markt, am rechten Ilzufer, die Reste der vorderen Burgfeste Hals. Ich kroch die steile Höhe hinan, dessen Weg selbst schon Ruinen geworden, und stolperte über die losen Trümmer geborstener Quadern. Gras, Holunder und Vogelbeere theilten unter sich die erdigen Fleckchen, und hohe Nesseln wucherten im Schutte.
[24] Der schwarze Sand gibt ihr die Farbe, denn das Wasser ist, in ein Glas gefüllt, rein wie Kristall. Vor hundert und mehr Jahren sollen in ihr Perlen gefischt worden seyn, deren einige den Werth amerikanischer übertrafen; nun bekümmert man sich aber wenig um die ungewisse Ausbeute, welche überdieß 1809 durch das muthwillige Benehmen der Franzosen, kommenden Generationen vereitelt wurde.
So ändern die Jahre doch alles! Hier, an dieser Stelle, möge einst dem feurigen Rittersmann das treue 213Herz seiner sich ängstigenden Schönen entgegengebrannt haben, wenn er heimkehrte von der Jagd oder vom muthigen Strausse; nun verbrennen dem nahenden Wanderer die lästigen Nesseln Gesicht und Hände. Dort in den hohen dachlosen Hallen ward der Bund der redlichen Ritter geschlossen, für ihren geliebten Heinrich den Löwen wider Heinrich Jasomirgott zu siegen oder zu sterben; fest bauend auf ihre Kraft, reichten sie sich die Eisenhände: nun kriechet unedles Holz aus dem gesprungenen Gemäuer, und saugt, sein unwerthes Leben zu erhalten, die kaum sich gesammelte Erde; die schwächere Pflanze erstickt, damit dann die grössere schwelge.
Die Ringmauer, welche so Vielen widerstanden, so manches Felsenherz besiegt, zeiget jetzt die ohnmächtige Gewalt; Dohlen werfen scherzend ein Steinchen um das andere von der Höhe, und die verachteten Mäuse erklettern die Trümmer mit Sturme.
Trauriges Bild der Vergangenheit! Kaum vermögen noch deine lockeren Massen das genügsame Portefeuille des Dilletanten zu bereichern, indeß die Hüttchen zu deinen Füssen, die du in einstiger Jugendkraft nur verächtlich übersahst, noch wohlerhalten zu deinem erhabenen Grabe heraufblicken; die Zeit und Menschen hielten sie nicht würdig, mit derer Vernichtung sich zu bemühen. — So wird der grosse Mann oft untergraben, bloß weil man ihn beneidet, sich mit ihm verglichen, zu nichtig fühlt, indeß der niedrige Mensch unangefochten seine Plane verfolgt!
Um den Fuß dieses Schloßberges wurde der Ilz zu mehrerer Befestigung der Burg, das Beet künstlich 214gegraben, auch konnte bei Gefahren das Thal mittelst Schleussen höher gewässert, und so die Feinde verdrängt werden; dabei aber blieb die Verbindung der Burgherrn, mit dem ihnen eigenthümlichen gegenüberstehenden Bergschlosse (Hinterhals, von dem jedoch nur noch der feste viereckige Thurm steht), durch einen unterirdischen unter dem Flußbeete wegführenden Gang. Nun aber möchte kaum ein Dachshund wagen, die verschüttete Höhlung zu verfolgen, und beim jenseitigen Schlosse ist davon gar keine Spur mehr zu entdecken.
Froh war ich, von diesen wenigen Gewölbern und Mauerwerken nur eine schwache Kopie zu besitzen, die mir um so werther schien, als die guten Bausteine und der Eigennutz der nahen Bewohner, bald deren gänzliches Ende herbei führen dürften. Ein äffender Weg führte mich von der jüngst genannten Ruine mit dem Thurme, in mannigfaltigen Krümmungen längst der Ilz (die ich nicht wieder zu durchwaten Willens war[25]), bald durch Buchenwäldchen, bald über fette Wiesen, nächst dem linken Ufer auf einem stündigen Umwege zurück; ich betrat die Strasse, auf der aus Böhmen, wie ich eben sah, ganze Karavanen von Hopfen herbeigeführt werden. Man passirt da, von Ilzstadt nach Anger, einen durch die Landspitze des Oberhauses gesprengten 15 Schritt langen Felsen-Thorweg, 215welchen die darauf lastenden Ringmauern und Kasematten einzudrücken drohen und das wild pittoreske der Umgebung merklich erhöhen. Ob dieser Felsendurchbruch schon früher, oder von dem Erbauer des Oberhauses, Bischof Ulrich 1220 herstamme, konnte ich nicht erfahren. Ueberhaupt aber scheint diese, zwei der stärksten Flüsse in Europa beherrschende Gegend, schon frühzeitig die Römer und ihre Ueberwinder aufmerksam gemacht zu haben; dieß beweisen einerseits die häufig zu Passau aufgefundenen Alterthümer, die beiden, im Inn und Donaustrome sich befindlichen Wartthürme, welche vorher als Pulver-Magazine gedient hatten, nun aber leer stehen, so wie einige, mit römischen Denksteinen versehene, sechs- und siebenhundertjährige Häuser!
[25] Will man von einem zum andern dieser beiden Schlösser gelangen, so muß man, einen fast stündigen Weg zu ersparen, den 60 Schritt breiten und 2 Fuß tiefen Fluß durchgehen; bisweilen sind aber auch Ueberfahrtszillen vorhanden.
Nachmittags schlenderte ich in Passau’s schlechten Strassen, neben der ungeheueren Menge Krambuden, die, wie zur Marktzeit oder einer Judenstadt ähnlich, dem Fremden überall aufstossen, und alle Arten Schwärzungen voraussetzen, nach der Promenade am linken Ufer des Inn. Vom Ufer zierlich aufgemauert, mit einer schönen Allee und noch schöneren Aussicht geschmückt, war sie doch unbesucht; und ich wollte eben, darüber mißmuthig, einen Abstecher nach der gestern gesehenen schönen Ruine Neuburg machen, da vernahm ich, daß die Regensburger-Ordinäre angekommen, und baldigst wieder ablaufen würde.
Obgleich nun mein Widerwille gegen alle Wasserposten, erst kurz wieder bei Beobachtung der Ulmer-Staffete 216vermehrt wurde, so beredete ich mich, um nur fortzukommen, gerne, daß die Regensburger dießmal eine Ausnahme mache, und bezahlte die bis Wien abgeforderten 2 fl. bair. Landmünz (4 fl. W. W.)
Zu meinem Schrecken versammelten sich aber bald die denen gestrigen ganz ähnlichen Individuen. Sechs und siebenzig rohe Seelen besetzten stürmend, theils die leeren Plätze der Hütte, theils die Verdecke des Kehlheimers, um zu rudern[26]. Lärmen und Toben zügelloser Burschen und frecher Dirnen nahm kein Ende, bis der brüllende Schiffmeister, den Stock schwingend, Einige herauszuwerfen drohte. Dieß bändigte die Halbmenschen, jedoch nur auf Augenblicke. Ich kroch, alle Gesellschaft zu vermeiden, über die mit verschiedenen Waaren gefüllten, eng an einander gedrängten Fässer und Kisten, in den vorderen Schiffsschnabel, lieber mich den öfteren Stössen der ober mir schwebenden Ruder preisgebend, als in Gemeinschaft meine Ohren und Nase martern zu lassen. Ich hatte jedoch in diesem Asyl leider das Unglück, nur die Gegenden vor mir, und nicht die verlassenen noch einmal betrachten zu können. Bald hatte sich das dreifarbige Band des klaren Inn, der gelblichen Donau und schwarzen Ilz vermischt; das Schiff glitt auf den neu kolorirten Wellen in das reitzende Waldthal hinab, die gestern verspürte Schnelle aber, die alles durchdringende, ist verschwunden. Der Inn scheint nun 217seiner neuen Braut wegen nachgibiger, gelassener zu werden, oder von seiner weiten Alpenreise ausruhend, etwas Kräfte zu sammeln, indeß die minder mächtige Donau[27], von diesem Stärkeren unterstützt, ihre vorige Eile vermehrt. — Seltenes Beispiel, daß selbst Elemente gegen einander galant sind!
[26] Handwerksbursche, welche zu rudern sich unterziehen, bezahlen das Drittel des gewöhnlichen Fahrpreises, bisweilen auch gar nichts.
[27] Nicht die Donau, der Inn sollte seinen Namen beibehalten, und zwar mit dem Rechte des Stärkeren, da er bei Passau um ein Viertel reicher als die Donau ist.
Gleich ausser Passau, bei Achleiten, wird das rechte Ufer schon österreichisch, das linke aber erst bei alt Ried, Engelhartszell gegenüber. Indessen häufen sich die anmuthigen Prospecte an beiden Ufern; die Feder würde ermüden, sie alle zu nennen, und der Leser desgleichen, selbe alle aufzufassen. Nur erlaube man mir den Blick zu werfen auf einzelne Dörfchen, die neugierig aus ihren bewaldeten Höhen auf die Vorbeireisenden herabblicken, lebhafte Meierhöfe, die sich ihrer fetten Wiesenstreife freuen, und ärmere Fischerhütten, die dennoch den Lohn der Bemühung nicht vermissen. Eitel brüsten sich einige Schlösser, oder flehen als zernagte Ruinen den gutmüthigen Wanderer um Mitleid.
Die Veste Krempenstein (Schneiderschlößl spottweise bei den Schiffleuten, indem einst sein Bewohner — ein armer Schneider — bei Wegschaffung der ihm daselbst umgestandenen Geisse, zufällig in Strom stürzend, verunglückte; wo diese Bestie sonach selbst im Tode dem Schneider schaden zu können, bewies), präsentirt zuerst, hoch auf mauerglattem 218Fels, seine bewohnten Trümmer, welche wie ein lockerer Hut auf dem Haupte schweben; man zittert, daß ein blosses Lüftchen den gefährlichen Thurm auf das Schiff hinabschleudern könne. Ein wahrhaft passender Punkt zur einst stattgehabten Beraubung der Schiffe.
Dem Dörfchen Pirwang gegenüber, macht die Donau eine mondförmige Krümmung, und man nahet am linken Ufer dem einzig seiner Art wichtigen
Wir landeten, und ich fürchtete, weil es etwas windig war, schon übernachten zu müssen; doch wurden nur einige Fässer und Körbe der sogenannten schwarzen Passauer-Schmelztiegel (zum Gold und Silberschmelzen unentbehrlich, und darum von hier aus durch die halbe Welt verführt,) aufgeladen. Diese Tiegel, wozu die Bauern die Masse auf ihren Aeckern selbst graben und dann verarbeiten, erwerben dem Markte bedeutendes Vermögen; auch Ziegel, grosse Platten u. dgl. zu mancherlei Feuerarbeit, werden gleichfalls da bestellt und verfertigt. Noch merkwürdig macht diesen Ort die hier heimische Porzellan-Erde, womit eben ein Schiff für die Wiener-Fabrik befrachtet wurde.
Karsten, einem Dörfchen am rechten Ufer, wo eben ein grosses Floß zusammengefügt, zwei andere aber mit Scheiterholz und Bretern beladen wurden, und von dem dasigen Holzüberflusse zeigen, fährt man eng vorbei, und gelangt bald darauf in die Nähe der beiden Schlösser
mit ihren drei grossen viereckigen Thürmen; die Ruinen des älteren scheinen ihren jüngeren Namensträger um Kraft und Zierde zu beneiden, der stolze Enkel aber will seinen verstümmelten Stammvater nicht erkennen, und beide verbergen sich in die Wälder.
Die Zwistigkeit dieser sonderbaren steinernen Familienglieder noch belächelnd, kommt man unvermuthet zu dem sich erhaben darstellenden Gegentheile. Ein pyramidenförmiges Felsstück ists, Jochstein genannt, mitten in der Donau, welcher in Wölbungen rechts das österreichische, und links das passauische, respective baierische Wappen eingemeisselt vorzeiget; er macht nicht, wie einige glauben, die Gränze, die ich oben schon benannte, kann aber als schönes Sinnbild der beiden nun verschwägerten Reiche dienen. Bald darauf landet man zu
Ich sprang freudig an das Ufer, mit dem festen Vorsatze, dieses Schiff nicht mehr zu betreten. Alles muß nun hier zuerst auf das Mauthzimmer, wo jedes Stückchen, jede Tasche genau untersucht wird, ob sich — nichts Ausländisches vorfände. Der ganze Troß wälzte sich nun dem Landwirthshause zu, und brüllte bei Branntwein, Bier und gemeiner Kost, daß die Strömung der Donau verstummte. Ich floh dieses Gasthaus, welches durch seine Aussicht über den Fluß so einladend wäre, und wohnte lieber, um Ruhe zu geniessen, in dem in enger Gasse sich befindlichen 220Fleischer-Hause. Wer kein Freund vom Herumklettern ist, und sich überdieß an die Ordinäre bindet, der dürfte in Engelhartszell während der Frachtuntersuchung des Schiffes tödtende Langeweile empfinden.
Ich besah am andern Morgen den langgedehnten krummgässigen Markt, und mich wenig um die Abfahrt der Wasserpost kümmernd (da ohnedieß eine grosse Anzahl abzulaufender Schiffe stets vorhanden ist,) fuhr ich, den von der Waldspitze hoch herabblickenden Thurm,
zu besehen, auf das linke Ufer. Ich kam auf österreichischen Boden, nun liegt aber der vorbenannte Thurm schon in Baiern, über dem Dähndelbache, der die Gränze bildet.
Das Gränzpersonale wollte mich anfänglich streng abweisen, gestattete dann aber dennoch diese Wanderung. Dreiviertel Stunden kletterte ich unaufhaltsam die bewaldete Berghöhe hinan. Es war der gewöhnliche Gangsteig, den die Bewohner des hoch liegenden Dörfchens Ried bei ihren Geschäften benützen, der aber wirklich über alle Vorstellung beschwerlich ist. Die steilen Pfad-Abstufungen, von chaostisch durch einander geworfenen Gneis- und Granitblöcken verwirrt, hat Holzüberfluß und Trägheit der Bauern hie und da vollends zu feindlichen Verhauen wider alles Vordringen verschlimmert. Aeste und Wurzelstöcke, der Verwesung überlassen, liegen ellenhoch als Reste gefällter Bäume, die nur der Stämme wegen 221für zwei, vom nebenan polternden Dächelbache getumelte Bretersägen, gefällt wurden. Zwar führt auch ein Fahrweg hinan, aber in werthloser, zu grosser Ausdehnung. Oben auf der Spitze des Berges überrascht die unerwartete Ansiedelung etlicher sechs Hüttler, welche diese Bergkolonie, Ried (oder auch Riedldörfchen) nennen. Etwas Viehzucht, Obstbäume, und Wiesen zu Leinwandbleichen benützt, mögen ihre Ernährer seyn. Vorwärts am Wiesenabhange, von Stachelgebüschen bedrängt, wankt das alte Ried. Wenig Schlösser wird man finden, die so hoch gebaut, noch wenigere aber, die mit so düsteren Ansichten begabt sind. Das Schloß selbst wird man vergeblich suchen, ein Paar Grundsteine zeigen kaum dessen ehemalige Existenz, und selbst der ausgebrochene Thurm scheint nur mehr von der Barmherzigkeit des Nordwindes abzuhängen; wenn man sich aber diesen als Stufen dienenden Trümmern vertraut, und ein Paar Klafter hinangestiegen ist, dann spottet man der rohen Begierde wüthender Menschen, die dieser Stelle Feind seyn konnten. Zwar gewährt dieser Platz keine weitumfassende Uebersicht, er ist, obgleich über der Donau 1200 Schuh hoch, doch von höheren Gränzpunkten beschrenkt, aber die Bilder, die sich hier darstellen, sind alle gleich groß und erhaben.
Ueber die Höhen der Tannengipfel hinaus bis Hafnerzell, und herab gegen Straß und Beyröd, überblickt man die Thürme der lauschend in Wäldern sich bergenden Dörfer, ausgerungener, drohend gewesener Burgen, und noch kühn trotzender Schlösser; in Vergessenheit alles zu begraben, durchwühlet der 222Strom dieses Thal. Noch muß ich bemerken, daß man auf dieser Höhe schwerlich einen schöneren Wasserfall vermuthen dürfte, den hier der nemliche Gränzbach, östlich vom Thurme, recht malerisch bildet.
Ich eilte wieder zurück, um mit dem nächsten Schiffe abzufahren; unglücklicher Weise hatte sie aber ein mässiger Südwind alle gefesselt. Der Nachmittag verfloß, wie ein schlechter Winter; aus Langweile nahm ich mein Fernrohr und besah damit den mir gewiesenen Losungsbaum[28]; doch seine Aeste bogen sich fortwährend bis zur Erde, und liessen keine baldige Luftänderung erwarten. Nachts weckte mich ein heftig an meine Fenster andringender Regen; ich meinte schon hier überwintern zu müssen!
[28] Ist eine Buche auf der Spitze des gegenüber liegenden Berges, und eh sie nicht ruhig steht, fahren nie hoch oder schwer belastete grosse Schiffe ab.
Morgens erschall Lärmen und Toben, natürlich, die Ordinäre lief ab! Ich wäre lieber zu Fusse gegangen, als itzt nothgedrungen in der Schiffshütte dort gesellschaftlich zu reisen. Wenn diese fahren, so werden andere auch ablaufen, dachte ich, und ging an das Ufer.
Drei Schiffe mit Scheiterholze geladen, bestätigten dieß eben, und ich bestieg das eine. Von hier aus bis Aschau fließt die Donau (zwei unbedeutende Inselchen ausgenommen,) immer zwischen hohen Bergen und Felsen eng zusammengepreßt, macht aber, besonders von Straß bis Hinteraigen die eigensinnigsten Krümmungen ihres Beetes. Bald (zu Wasser 223eine halbe Stunde) erhebt sich auf waldiger Höhe am linken Ufer das alte Schloß
mit seinen vier Thürmen, Bastionen und Zugbrücken. Der Rannabach, der im baierischen Bezirke Wildranna seinen Ursprung hat, stürzt zürnend wegen seiner kurzen Existenz, am Fusse des Schloßberges in die Donau; doch will sich der Eigenthümer des Schlosses, trotz der lauten Unzufriedenheit dieses Flüßchens, gar nicht verbannen lassen, dieß beweisen die gut erhaltenen Mauern und ganz neuen Ziegeldächer. Das nach halber Stunde gleichfalls am linken Ufer hoch prangende Schloß
mit seinem ungeheueren viereckigen Wartthurme und drei neuen Häusern, verkündigte schon von weiten seinen gegenwärtigen Beruf durch Rauch und Dampf. Der gegenwärtige Besitzer ist milder geworden, er braut ein herrliches Bier für Heimische und Fremde, indessen die ursprünglichen Vorfahrer den Reisenden zu Durst und Hunger verhalfen.
Dörfer und Weiler an beiden Ufern, die nie in der Geschichte geblüht, liessen auch heute nichts vom Glanze verspüren; Rauch überzog ihre Hütten, und paarte sich mit den neblichten Dünsten des Waldes. Nur einsame Fischer schienen sich hie und da des trüben Tages der besseren Ausbeute wegen zu freuen, und warfen die Netze, begierig, die sorglosen Fische zu überlisten.
224Bäche, die an den bemoosten Mühlen schäumend herabstürzten, bildeten mit wilden Regenfluthen sich vermählend, eben so viele schöne Cascaden. Diese waren mein einziger Gewinn für den empfindlichen Verlust eines heiteren Tages.
»Glück dem Pilger! welcher sich heute den Plagen des äusserst ermüdenden Gangpfades über Rohrbach nach Böhmen unterzieht,« dachte ich beim Anblick des links versteckten Dörfchens Obermühl, dessen Segensgeläute vom Kirchenglöcklein, nun die aufgeblähten Wellen der hier in die Donau dringenden kleinen Mühl überlärmten. Hundertmal verwünscht wohl der Wanderer den malerisch hinanstrebenden Weg, dem der abstürzende Bach fortwährend zur Seite, keine Milderung prophezeiht; desto sanfter möge sonach der erreichte Bestimmungsort lohnen!
Endlich, nach einer bedeutenden Krümmung der Donau, drängten sich links, von der höchsten Spitze eines bewaldeten Felsenberges, die drei Thürme, Ruinen und neueren Wohngebäude des in der vaterländischen Geschichte so merkwürdigen Schlosses
hervor; tief unten an den Felsen gelehnt, grinsen die Reste eines räuberischen Wartthurmes, woran die verhängnisvolle Eisenkette, die gewaltthätig in Stadt Steyer verfertigt werden mußte, und sich nunmehr im Wiener-Zeughause befindet, von den aufrührerischen Bauern 1626 befestiget, und über die Donau, jede Passage zu verhindern, gespannt wurde. Noch werden zwei ungeheuere Felsenblöcke gezeigt, welche 225diese Riesenkette losgerissen haben soll, als man sie an den Felsen heften wollte. Der Strom ist hier ungemein tief, aber ruhig, ohngeachtet der am Fusse des Schloßberges eindringenden grossen Mühl, deren gelbe Wasserwogen, wie gegenwärtig bei einem Regen, noch beträchtlicher sind. Der Holzrechen, an deren Mündung befindlich, bringt den Bewohnern des anstossenden Dörfchens Neuhaus, zeitweilig hinlängliche Beschäftigung und Gewinn; ist aber gleichwohl der geplünderten Wälder wegen, früheren Ausbeuten nicht zu vergleichen. Itzt nimmt die Donau, statt der bisher östlichen Richtung, bis nach Efferding einen südlichen Lauf. Ungeachtet Flüsse und Bäche, den Bienen gleich, ihren Besitz der gesammten Masse zuzuführen, herbeieilen, suchte ich doch lieber ein trockenes Plätzchen zwischen dem Scheiterholze im unteren Schiffsraume. Bei
am rechten Donauufer, wies man mir das erste Weingebirge; ich blickte wehmüthig auf diese jammervollen Rebenhügel, nachsinnend, ob der Genuß dieses Saftes hier mehr Kräfte erfordere oder verleihe? Ich kenne ja den Essigwein der wenigen, noch dazu weit höher geschätzten Grundstücke bei Linz!
Eigentlich nicht zur Donaureise gehörig, aber interessant für Diejenigen, welche widriger Winde oder sonstiger Hindernisse wegen, in Aschau verweilen müssen, biethet sich ein Besuch zu den stundenweit vom obigen Markte entlegenen Ruinen Schaumburg.
Kurzweilig leitet der Weg über wohlbeurbarte Hügel, 226zwischen denen im launigen Zikzak die Ascha herumschäumt wie ein schäckernder Poltron, dessen scherzend Spiel immer auch die boshaften Momente vorrückt, bis er sein Gutes und Böses bald in der Donau begräbt. Felsgethürmt, hoch auf finsterem Waldberge, dessen Nadelholz so passend mit den schwarzen Mauerresten harmonirt, breiten sich die Schloßruinen. Das Dorf aber, nie zum Stolze, nie zur Grösse erkohren, versteckt sich in der Tiefe, wie die Armuth, welche nur in ihrer Sphäre glücklich seyn will. Noch vor wenig Jahren waren in der Veste weitschichtigen Gemäuern, mehrere artig gemalte Zimmer und die Kapelle erhalten; auch der sehr belobte ungeheuer grosse Schloßkeller, die feuchten, Grauen-erregenden Felsenkerker, die kleineren runden und der grosse Wachthurm konnten besichtiget werden. Heuer aber (1825) spaltete ein fürchterlich Gewitter den größten der beiden Thürme; er fiel, wie der Grosse, welcher nie folgenlos stürzt, streute Vernichtung unter die noch wenigen Wohnüberbleibsel, und raubte nach Durchschlagung des fest geachteten Kellers, dem daselbst Bier verwahrenden Bräuer 2000 Eimer des herrlichsten Getränks! — Bei dieser Evolution zerfielen auch die zwei Brücken in Trümmer, welche zum Schlosse führten. Dadurch wurde der Veste pittoresker Werth ungemein geschmälert; gleichwohl niederblicken die hohen Felsenruinen ganz heroisch auf die Donau. Die zerbrochenen Thürme, ein fensterreiches weites Fronton, und etwas oberhalb wieder ein Vorwerk, kündigen sich mit der Vorzeit sprechendem Interesse, und scheinen den Alterthumsschätzer zurückzurufen von der 227wellenbeflügelten Reise. Gleich eingreifend erinnern da die geschichts- und thatreichen Gebiether — die Herrn v. Schaumburg, deren erster — Wilhelm im Jahre 1161, als Urquell dieser mächtigen Grafschaft, in seinen Nachfolgern hundertfältige Denkwürdigkeiten der Welt lieferte; der Letzte endlich — Graf Wolfgang v. Schaumburg, siegelte mit seinem Tode 1559, die ergrauten Begebenheiten und Kämpfe, welche oft Kaiser und Reich ins Mitwirken zogen, so wie alle anderen Vorfälle seiner nun ausgestorbenen Familie. Im Jahre 1626 hatten die aufrührerischen Bauern nach der ersten Schlacht bei Efferding, von hier aus ihre verbrecherischen Plane weiter zu begünstigen gesucht.
Gegenwärtig gehört diese Herrschaft dem Herrn Fürsten Ludwig von Starhemberg.
Die Gegend wird flächer; von hier bis nach Enns erstreckt sich das eigentliche Obstland; die Bäume scheinen (in etwas früherer Jahreszeit) unter der Last ihrer süssen Bürde zu erliegen. Dennoch bringen sie den Besitzern keinen allzugrossen Gewinn; denn die Mostbirnen, Süßäpfel u. d. gl. werden sowohl wegen ihrer geringeren Güte, als grossen Quantität nur zum Pressen verwendet. Nun geschieht es aber freilich, daß mancher Bauer (wie ich vor zwei Jahren gesehen) 1000 Eimer Most bekommt, allein der Eimer galt dazumal nur 20 kr. Konv. Münze, (dieses Jahr 30 kr.;) solch ein reicher Bauer aber besitzt eine grosse Anzahl Dienstleute, die ihm das Jahr hindurch von einem beträchtlichen Theile dieser Ausbeute helfen, und deren sonstige Kosten dazu, den 228Obstertrag aufzehren. Noch ist zu bemerken, daß aus den zu Ziegeln gepreßten Trebern, Essig bereitet wird, der wegen seiner Schärfe selbst den Weinessig zurückdrängt.
Unweit des Dorfes Wörth, bildet die Donau ein Inselmeer, das bis nach Ottensheim hinabreicht; der Hauptarm verändert hier oft seinen Lauf, und die Schifffahrt würde bei minderer Aufmerksamkeit des Nauführers (Schiffsdirektors) sehr gefährlich seyn.
ein beträchtlicher Markt, ist wie in einem Kessel von Hügeln eingeschlossen; das bewohnte Bergschloß, wenn gleich alt und gebrechlich, blicket noch stolz auf die Runde, dasselbe war während des Herrn von Lichtenstein’schen Besitzes selbst für die Stadt Linz 1476 ein furchtbarer Feind, und verbrannte und plünderte dessen Vorstädte. Ingleichen spielte es im Bauernkriege 1626 eine bedeutende Rolle. Der grosse Holzrechen, wo die auf der Rottel geschwemmten Scheiter aufgefangen, und von da weiter befördert werden, so wie der Schiffbau und eine bedeutende Obstbaumzucht machen die Einwohner wohlhabend.
Nun sieht man schon den Pöstlingberg, mit seiner schönen Kirche, Linz gegenüber. Alles gibt allmählig regeres Leben; Güterwägen und Karren passiren die rechts vorbeilaufende Landstrasse, der Mühlen beständiges Klappern verkündet die Zufriedenheit ihres Besitzers, und die dampfenden Schornsteine bringen das Sühnopfer des Dankes. Früher als man glaubt, ist
erreicht. Mag nun das üble Wetter, das jedesmal, so oft ich Linz zureisete, mich überfiel, oder die getäuschte Erwartung: daß statt einem, die Stadt beherrschenden ehemahligen herzoglichen Schlosse[29], nun ein Zuchthaus voll Sträflinge die gebietherische Stelle einnimmt, den Eindruck so sehr herabstimmen; kurz, ich finde Linz weder von der Land- noch Wasserseite einladend.
[29] Brannte ab im Jahre 1800, und wurde 1811 zu einem Zucht- und Arbeitshause eingerichtet. Eine herrliche Wasserleitung, die von der Höhe des Jägermayer in das Gebäude leitet, ist das merkwürdigste Denkmal einstiger Pracht.
Keineswegs gesonnen, von Linz oder dessen Umgebungen eine Skizze zu entwerfen, indem dieses schon von Heinse’s, Pillwein’s und anderer Topographen geübten Federn hinlänglich bezweckt wurde, will ich nur bemerken, daß zum Lobe des Magistrats und der Einwohner, sich die Reinlichkeit und Zierde in der Stadt immer mehr hebt. Keine Provinzialstadt hat wie Linz, so schönes, meistentheils Granit-Trottoir aufzuweisen. Am grossen, von drei Stock hohen Häusern umgebenen Hauptplatze, wie auch in einigen Nebengäßchen (Dombruckgasse etc.), kann der Neugierige auch bei schlechtem Wetter, ohne, wie anderswo, für den Bruch seiner Beine zu fürchten, rüstig herumgehen. Indessen paart sich so oft das Kleine mit dem Grossen. Auf dem ungeheueren Hauptplatze, der 230für Wien schön wäre, und mit reichen Kaufmannsläden und ansehnlichen Wirthshäusern sattsam versehen ist, sitzt, wie eine Fliege, nördlich in der Vertiefung, das zwei Fenster lange Militär-Hauptwachgebäude. An dessen Rücken versteckt sich ein schöner Springbrunnen, Jupitern mit dem Blitze vorstellend, den vier Tritonen in einer Muschel tragen, und Wasser aus den Nasen ausgiessen; in der Mitte des Platzes prangt noch ein zweiter, mit dem minder schön gearbeiteten Neptun geschmückt; nahe dabei erhebt sich eine 14 Klafter hohe Dreifaltigkeits-Säule, welche von 1717 bis 1723 aus Untersberger weissem Marmor erbaut wurde, und einige Kunst verräth.
Der Promenadeplatz, nächst dem grossen Rathhause, ist eine gute Anlage, und gewährt den Linzern, besonders wenn die, auf Befehl des galanten Kommandirenden, wohlbesetzte Musikbande ihre Harmonien produzirt, manche angenehme Abendstunde, die aber, weil sie nichts kostet, auch vom Pöbel häufig besucht wird, und dann wünschenswerth macht, daß die dichten Linden und Platanen-Alleen besser beleuchtet wären. Das Theater bleibt sich noch immer gleich, ein Wiener wird nicht viel Vergnügen darin schöpfen, obgleich öfters Gastrollen Statt finden.
Die Tracht der Honoratioren und Wohlhabenden gleicht ganz der wienerischen, die Lebensart desgleichen, nur scheinen die 22,000 Einwohner keine solchen Verehrer der Fuhrwerke zu seyn; denn die wenigen hier anwesenden Fiakres sind nicht zu sehen, und müssen aus ihren Wohnungen bestellt werden.
Einen Theil des Spazierganges bildet die auf 15 231hölzernen Jochen ruhende, 144 Klafter lange Brücke; man betrachtet da das beständige Zu- und Abfahren, Ein- und Auskramen der Schiffe, so wie zwei Schiffmühlen, welche die Brücke ziemlich erschüttern. Vom Kaffeehause zu Markt Urfahr, am linken Ufer, ist die Uebersicht wirklich angenehm. Ein Kehlheimer wurde entladen, achtzehn Pferde hatten darin 1600 Eimer Wein in zwei Monaten von Ofen heraufgeschleppt; der Transport allein soll, nach der Versicherung eines Sachkundigen, auf 4000 fl. W. W. zu stehen kommen, die Mauth und sonstigen Kosten mögen diese Summe weit übersteigen. Nun kann man sich leicht erklären, warum nach Baiern wenig Wein ausgeführt, und Bier lieber getrunken wird.
Einen schönen Spaziergang gewährt bei gutem Wetter die Ersteigung des Pöstlingberges, eine halbe Stunde vom Urfahr entfernt. Von der westlichen Seite empfängt ein junger Nadelwald den Wanderer; ohne besonders steil zu seyn, führt der Pfad zusehends zu weiteren und freieren Uebersichten, bis man an der Stufe der geräumigen Wallfahrtskirche, die Höhen im Oberlande alle wieder erkennt, die der geprüfte Fuß jüngstens berührte. Der Pfarrhof und ein Wirthshaus, nebst einigen Krambuden, sind die Begränzungen dieses Gnade bringenden Ortes. Die Bettelleute scheinen dieses sehr gut zu wissen, da sie in Linz nicht geduldet, hier ihre Schwadronen versammeln, und die vorüberziehenden Frommen und Neugierigen gleich zudringlich verfolgen. Für Naturfreunde, die sich länger als 3 oder 4 Tage in Linz aufzuhalten gedenken, wären die würdig gepriesenen Umgebungen von 232Grünberg, St. Magdalena, Dornach, St. Egidi, Kirchschlag etc. gewiß lohnbringend. Das Auge fühlt sich bestochen, diese reitzenden Fremdlinge näher kennen zu lernen, doch die strengere Zeit und der klügere Fuß trösten mit der Zukunft.
Auch wird öfters, besonders Nachmittags die ober dem Pulverthurme gelegene Anhöhe Holzham besucht. Die Aussicht gleicht keineswegs jener vom Pöstlingberge; doch fühlt man sich hier im Schatten kleiner Birken- und Tannenwäldchen, geschieden von dem Andrange lärmender Menschen, so still zufrieden gestärkt. Beim Rückwege passirt man noch eines der schönst gelegenen Wirthshäuser, den Jägermayer[30], ehe man durch die lange Mariahülferstrasse die Stadt wieder betritt.
[30] Nächst diesem — am Schullerberge — befindet sich der von Sr. königl. Hoheit, Erzherzog Maximilian von Este, neuest angegebene runde Wehrthurm, aus Stein und Ziegeln kollosal erbaut, zum Theile im Erdboden versenkt, und mit Minen reichlichst ausgestattet; aus den Schußscharten blicken ringsherum schweres Geschütze und Bomben. Der vollkommen entsprechende Versuch bei Beschiessung, im October 1828, soll nun die Vermehrung dieser Thürme auf verschiedenen Höhen um Linz begründen.
Mich erfreute besonders ein Spaziergang nach dem Oertchen Lustenau. Durch die Vorstadt, Harrach und Spitzfeldgasse hinaus, gelangt man über fette Kleefelder in einer halben Stunde zu diesen unter riesigen Birnbäumen versteckten Häuschen. Schon hatte der October die Früchte abgestreift, schon zeigten gelb und roth gefärbte Blätter die herannahende Schwäche, 233aber die Zeugen ihrer Kraft und Güte lagen in Scheunen und Bodungen unter ihnen ausgebreitet. Geschäftige Hände säumten nicht, die süsse Frucht in beliebten Most zu verwandeln, es krachten die Schrauben unter der Knechte Gewalt. Unterdessen trugen die Kinder, nach Möglichkeit die kleinen Körbe gefüllt, frisches Obst herbei, und warfen zur Stampf es in Bodungen; die Eltern lobten den Fleiß, und dankten aufblickend dem Schöpfer. Meine Neugierde, diese Verrichtungen zu sehen, forderte die munteren Biedermenschen auf, mich in ihre Scheune zu bitten, und bei Betrachtung dieser Vorkehrungen den Most nicht zu verschmähen.
Wenn schon eine so kleine Ernte ganze Familien hinreißt, ihre Freude und Gabe den Fremden mitzutheilen, was kann noch mehr deren Bescheidenheit und Genügsamkeit bewähren? Beneidenswerthe Menschen, die ihr keine grösseren Glücksgüter und Ehrenstellen benöthiget, um glücklich zu seyn! Vergnügt, selten so wie hier, verließ ich diese unverdorbenen Menschen, ihnen im Herzen alles das Glück wünschend, was nie Geitz und Wucher erlangen kann.
Somit das Merkwürdigste um Linz entdeckt, wollte ich diesen angenehmen Eindruck durch keinen niederen schwächen, und reiste folgenden Tags (als den dritten meiner Anwesenheit,) von der vorbenannten Stadt, die ausser ihren Wirthshäusern wenig Erholungsörter darbiethet.
Die Wasserfahrt von hier nach Wien, die ich schon oft zurückgelegt habe, schafft mir noch immer das Vergnügen, welches einem begünstigten Freier die Liebe seiner Schönen spendet. Man vertieft sich im Anschauen der schon gesehenen Pracht, und entdeckt noch immer neue, und doch nur dieselben Vollkommenheiten, aber im schöneren Lichte. Dießmal hatte ich aber nicht Ursache, mit der neuen Dekoration zufrieden zu seyn. Nebel und ein lästiger Ostwind rüsteten sich zum Streite, den Willen der ängstlichen Schiffer zu vereiteln. Das Floß konnte nur durch die gesammte Kraft zahlreicher Ruderer im Laufe erhalten werden. Schwerer geladene Schiffe sahen wir an den Ufern angelehnt, dem Willen der ungünstigen Elemente huldigen.
Bis nach Mauthausen hinab ist die Umgebung ziemlich flach und unbeträchtlich; die zahlreichen Inseln, welche die Donau durchirrt, geben ausser einem guten Aufenthaltsorte für Biber, kein schönes Bild. Oerter, die an beiden Seiten hervorblicken, verschwinden gleich unbedeutend, wie ihr Name. Steyereck, eine kleine mit einem renovirten Schlosse versehene Stadt, ist der erste auffallende Gegenstand, links an der Donau; diesem gegenüber, beim Dorfe Zizelau, fällt die gewaltige Traun, rein wie ihr Ursprung, in die gefärbte Donau. Sie, die in den lieben Gefilden zweimal geklärt[31] wurde, scheint sich zu schämen, von 235einer so unreinen Gegnerinn verschlungen zu werden, und dringt, der Vernichtung gewiß, desto schneller zur Tiefe.
[31] Die Traun, welche im Grundelsee bei Alt-Aussee in Steiermark entspringt, reinigt sich, selbst beim stärksten Regen, bei Durchfluß des tiefen Hallstädter und Gmundner-Sees im Salzkammergute, und ist von Hallstadt aus schiffbar.
Bald wird diese Heldinn durch eine zweite verdrängt. Die Enns, brausend wie die Traun, aber weiteren Ursprungs[32], will sich der Allbesiegerinn nicht ergeben. Felsenklippen und die Breite des Donau-Stromes sind ihr Anfangs günstig, sie behält einige Zeit ihren Lauf, bis der längere Zweikampf sie vertilgt.
[32] Die Enns entspringt beim Radstädter-Gebirge, im Salzburgischen, aus mehreren Quellen, durchfließt Steiermark, wird bei Altenmarkt schiffbar, und ist bis Stadt Steyer ungemein reissend; ihr Lauf durch Kalkgebirge erhält sie gleichfalls sehr rein.
Bei diesem Einbrechen des letzteren Flusses, darf ich zwei merkwürdige Oerter nicht umgehen, den Markt Mauthausen links, und die Ruine Spielberg rechts; ersterer bildet eine malerische Gruppe von niedlichen, zwischen Bäumen verschanzten Häusern, welche eine nette Kirche, als die ihr anvertrauten Schützlinge, von der Höhe übersieht; ein altes viereckiges Gebäude mit Fenstern und Schußscharten, das früher der Schiffsgebiether gewesen seyn mag, später zu einer Salzniederlage, und nun zur Wohnung benützt wird, steht in der Donau. Die Uebersicht aus der meistens in Wirthshäusern bestehenden ersten Häuserreihe an der Donau, ist herrlich. Dieser Markt litt beträchtlich 1626 im Bauernkriege, ist aber 236gegenwärtig durch Handel und Schifffahrt der Einwohner wohlhabend, auch ein Granitbruch, dessen Steine für Wien bestimmt sind, ist nicht unergibig; am meisten aber wird dieser Markt nach Vollendung der neuen, von Budweis hierher führenden Eisenbahnstrasse gewinnen.
Das jenseits sich befindliche Schloß
steht mitten in der Donau, wie ein Geist im fremden Elemente; auf Felsen gestützt, scheint es schon selbst nur Fels zu seyn. Mächtige Buchen und Vogelbeerbäume wachsen aus den Fenstern, wie die Wächter des Himmels. Der grosse viereckige Thurm, der allein noch ein Stück vom Ziegeldache besitzt, wird sich bald dieser Bürde entledigen. Alles zeigt hier Zerstörung, und alles wieder feste Beharrlichkeit. Die Wogen beflügeln sich, dem Zahne der Zeit zuvor zu kommen, doch die Voreiligen zerstäuben an den kräftigen Mauern und Felsen. Einige Obstbäume und Stücke roher Umzäunung, sind dabei die einzigen Spuren menschlichen Besuches; sicherer, als vielleicht bei seinem Glanze, gleitet das Schiff vorüber.
Noch sieht man in der Ferne die Thurmspitzen von Enns, man müht sich, diese länger zu betrachten, und will nicht sobald von Oberösterreich scheiden. Dieses beherzigend, war Aeolus galant genug, uns auf eine Sandbank zu werfen. Die Schiffleute fluchten und betheten nach Belieben, allein es wollte nichts fruchten; endlich gelang es der angestrengtesten Kraft, das ungeheure Floß (welches ohnedieß die langsamste 237und beschwerlichste Fahrt biethet,) flott zu machen, doch nur, wie die Schiffleute sagten, um eine bessere Länd (Anfahrplatz) zu gewinnen, weil der Wind das Weiterkommen nicht mehr gestatte. Dieses Glück wurde uns zu meiner Trauer auch bald bei Oberau, einem elenden Dorfe, zu Theil.
Den Schiffleuten gilt jeder Landungsplatz gleich viel, ihr selbst gekochtes Fleisch, Suppe und mitgeführtes Bier, schmeckt ihnen zu allen Zeiten, und dann ist’s immer eins, ob sie nahe bei einer schönen Stadt oder wilden Aue in ihrer Hütte auf dem Flosse übernachten. Anders aber denken Passagiers, die Nahrung und Lager wollen, und dieses nicht im Freien, oder in irgend einer elenden Kneipe (besonders bei später Jahreszeit), sondern in soliden Oertern erwarten.
Dieses beherzigend, ging ich, da es ohnedieß erst ein Uhr war, über schlechte Sumpfgründe durch Weiden- und Erlen-Gebüsche, über Achleiten (Dorf mit einem Schlößchen) nach
Dieser Markt verdient wirklich, daß man sich etwas bemüht, ihn zu besehen. An einer Krümmung der Donau, prangt er mit seinem zum Theile alten, und wieder modernen Felsenschlosse, in einer wahrhaft paradiesischen Lage. Die fettesten Aecker und Wiesengründe, Wildpret ernährende Auen, Obstbaumzucht, und ein Mühlsteinbruch, dessen Producte in die ganze Monarchie verführt werden, und bei 60 Menschen beschäftigen, bringen Leben und Wohlstand dem Markte. Weniger zeigen davon die veralteten grösseren Häuser, 238als vielmehr die Lebensart der Einwohner. Es war ein Wochentag, und doch sah ich viele Männer, bestens gekleidet, auf der im Steinbruche sich befindlichen Schießstätte, um keinen geringen Preis den Bestschuß erstreiten. Eben so spenden die Wirthshäuser die feinste Nahrung und Getränke.
Das Schloß, welches von seinen Erbauern, denen schwäbischen Herren von Wallsee, 1285 angefangen, bis zum Aussterben dieses Stammes 1483, Oesterreichs Regenten die treuesten Schwerter und talentvollsten Köpfe lieferte, hat sich im Namen verewigt. Gleich sorgsam sind auch von den nachfolgenden nicht unrühmlichen Besitzern, dessen Mauern erhalten worden. Diese sind ein Gemisch aus alter und neuerer Zeit. Durch eine Allee von schönen italienischen Pappelbäumen, neben einem Wirthschaftsgebäude, tritt man über den breiten, nun zum Garten verwendeten Schloßgraben, in den Schloßhof; die Aussicht macht den hiesigen Wohnort wünschenswerth, aber die Besteigung des mit einer bedeckten Gallerie umkränzten hohen Burgthurmes, bezaubert Augen und Fuß, und man muß sich höherer Uebersichten erinnern, um von dannen scheiden zu können. Die Aussicht vom Leopoldsberge dürfte ein Pendant zu dieser seyn, aber ersterer fehlt das Pittoreske, die Nähe von Felsenburgen, wie Klam, Kreuzen und die Klüfte von Grein. Der geräumige Schloßgarten, mit einem durch exotische Gewächse von Herrn Grafen von Wickenburg, Kreishauptmanne zu Krems, bereicherten Glashause, so wie die ganze Schloßverwaltung, zeigt von der genauesten Ordnungsliebe und Thätigkeit.
Mehrere Schiffe waren folgenden Morgens zur Abfahrt bereit, ich brauchte also das lästige Floß nicht zu erwarten; endlich hob sich der Nebel, und ich flog auf einem tiefgetauchten Eisenschiffe (dergleichen kommen von Stadt Steyer, und gehen am schnellsten,) der Krümmung vorüber.
Auf diesem Schiffe genoß ich wirklich die beste Unterhaltung auf meiner ganzen Wasserreise. Einige Mineralogen und Botaniker, welchen die Ferien gestatteten, auf Steiermarks lohnenden Gebirgen ihre Kenntnisse zu bereichern, Maler und Forstkundige waren im schönen Vereine versammelt, und ich hörte mit Entzücken, manche meiner unvergeßlichen Gefilde, aus fremden Munde preisen! Natürlich wurde ich bei diesen Gebirgsfreunden bald bekannt, und hatte das Vergnügen, über meine wenigen, auf dieser Excursion gesammelten Erfahrungen, befragt zu werden.
Die Gegend von Unterwallsee bis Grein, wird immer ernster; die zuvor weiten Berge drängen sich jetzt zusammen, ihr früher beholzter Rücken bildet bald steile Granitwände, an deren Fuß losgerissene Massen von einem fürchterlichen Elementenkampfe zeigen. Bäume, deren halbe Grundfesten bereits der Strom verschlang, drängen ihre Wurzeln desto fester in die Risse der beharrlicheren Wand. Alles droht Krieg und Zerstörung, wenn auch nicht neue Gefahr; oft stimmt es den Menschen hier zu Betrachtungen, die ihn selbst den Strudel und Wirbel vergessen machen, 240doch uns erheiterten für dießmal Scherz und muntere Gespräche.
Wir beschlossen, den Strudel und Wirbel recht militärisch zu begrüssen. Ein wiederholtes Salve aus 8 Feuerschlünden, hatte nicht nur die Strumfahrer[33], sondern ganz Grein in Allarm gesetzt; natürlich kamen erstere von allen Seiten in kleinen Zillen herbeigerudert, ihre Dienste anbiethend. Unser Schiffmeister behielt jedoch nur zwei, die übrigen mußten zurück.
[33] Strumfahrer sind geschickte, mit dem Strudel und Wirbel wohlbewanderte Schiffer und Einwohner vom Städtchen Grein oder Markt Strum. Fremde, so wie des Stromes nicht ganz kundige Schiffsleute, verlangen ober Grein solche erfahrne Hülfstruppen; dieses wird entweder durch Schreien: »Strumfahrer heraus«, oder wenn Jemand ein Gewehr hat, durch Schiessen angedeutet. Noch ist zu bemerken, daß unter der Leitung eines solch heimischen Wassermannes, auch bei kleinem und daher gefährlichstem Wasser von Verunglückung eines Fahrzeuges kein Beispiel ist, dennoch verschmähen die Nauführer nicht sowohl des zu bezahlenden Betrages (36 kr. C. M. pr. Mann), als ihrer eingebildeten Ehre wegen, meistentheils diese Hülfsmänner.
Nun wurden Hände und Augen aufgebothen, ihr Talent zu verdoppeln; die Hüte flogen in das Schiff hinab, man segnete sich, lüftete die Ruder, und Mann an Mann gedrängt, wies jeder Schlag zehnfache Kraft.
Jetzt flogen wir dem verhängnißvollen Städtchen Grein, am linken Ufer gelegen, vorbei, selbes kaum eines Blickes würdigend, noch sein schönes dem Prinzen von Coburg gehöriges Schloß; die alten Wartthürme, Ruinen von Raubschlössern, die einst die zitternde Menschheit hier noch mehr erschreckten, alles hielt jetzt gegen den Strom keinen Vergleich! Gerade 241auf die Felseninsel Wörth[34], dessen höchste, mit Burgtrümmern bedeckte Spitze, ein kollosales Kreuz schmücket, muß der Nauführer die Schiffsrichtung nehmen, damit es im tiefsten Hauptschwalle, die rings im Wasser befindlichen Klippen nicht berühre, und glücklich vorbei streiche; denn ein Ruck auf einen dieser spitzigen Felsen, und Schiff und Ladung sind für immer entschwunden! Man kann den Strudel auf dem, rechts die Insel Wörth umfliessenden Arme (Hößgang genannt,) umfahren, doch nur bei grossem Wasser, und dieß mit nicht geringerer Gefahr, wegen der unterhalb befindlichen Felsenbucht (Löchel), die das Schiff gerne zuzieht, aber über den obbenannten Strudel passirend, nicht zu fürchten hat.
[34] Ist 400 Klafter lang, 200 Klafter breit, und die größte Höhe über den gewöhnlichen Spiegel der Donau mag 15 Klafter betragen.
Den Markt Strum mit seiner verfallenen Felsenburg gleiches Namens zur Linken, die auf der Felseninsel eingewachsenen Ruinen von Werfenstein zur Rechten, von denen wechselweise hungrige Geier und Raben patroullirten, überfährt man zwischen einem Felsenbecken, mitten den gekrümmten Wirbel; mehrere Wellen schlagen in das getauchte Schiff, doch sind sie zu langsam, die beflügelte Schnelle desselben zu untergraben.
Itzt athmet jeder freier, die Ruderer drücken sich die Hände, die Hülfsmänner werden entlassen, und ein kurzes Gebeth macht den Beschluß.
Nun aber, nachdem diese Scylla und Charybdis 242in 10 Minuten beiseitigt ist, und St. Nikola mit seiner schönen Kirche bereits im Hintergrunde sich verbirgt, finden die Bemerkungen Statt. Jeder, der das erstemal diesen Bezirk passirt, glaubt sich getäuscht, in den ihm durch früheren Ruf vom Strudel und Wirbel geschilderten Gefahren, und fürwahr, wer die meisten fahrbaren Flüsse in der österreichischen Monarchie hinabgerudert, und deren gefährlichste Stellen empfunden hatte, wird mir gewiß beistimmen: daß auf der Drau, Mur, Traun und oberen Enns, solche, dem Strudel und Wirbel ähnliche Stellen, als ganz unerheblich erscheinen, und selbst von den weit gefährlicheren Puncten, kaum das öftere Verunglücken der Fahrzeuge bekannt ist. Dagegen wird der Donau, die (mit nüchternen Schiffleuten,) durchaus gefahrlos ist, auf dieser Stelle alle Bosheit und Tücke zugemuthet, und mehr Unglück ausgeschrieen, als selbst in früheren Zeiten sich ereignete, ehe noch durch die weisen Vorkehrungen edler Monarchen, diese Passage gelichtet wurde. Ein mächtiges Motiv zu diesen Behauptungen, möge der Wille zahlreich hier durchreisender Passagiers seyn, auf einer Wasserreise auch Gefahren überwunden zu haben, zu welchen die wahrhaft wilde Umgebung, mit den Resten des ehemals bestandenen Faustrechts, so einladend ist. Für Naturfreunde, welche einen halben Tag zu opfern vermögen, seyen bei den stets nachfolgenden, Platz biethenden Fahrzeugen, des Strudels und Wirbels Felseninseln empfohlen. Eine Menge Fischer sind bereit, den Neugierigen vom Schiffe zu holen, und hinzuführen, wohin es ihm beliebt.
243Wenn man auf die gebüschreiche Insel Wörth schifft, so wird das über den Trümmern des alten Mitterberg’s oder Painthurm’s errichtete steinerne Kreuz, zu dem man aber nur auf einem halsbrecherischen Nichtwege gelangt, einen trefflichen Uebersichtspunkt der pittoresken Felseninsel gewähren, so wie des Strudels im befahrten linken Donau-Arme, und des Hößganges oder kleineren rechten Armes, endlich nach Grein hinauf, und der alten Veste Struden hinüber, welche, aus bemoosten Ringmauern und viereckigem Thurme bestehend, auf lockeren Granitblöcken beinahe balanzirend, über dem Markte wankt. Auf dem Abhange des Kreuzfelsens befindet sich ein rundes, gemauertes, mit eiserner Thür verwahrtes Häuschen, welches den Eingang zu dem ehemalig hier bestandenen Pulverthurme verwahrt; das Behältniß ist nun leer, aber wegen der mühsamen Felsenausmeisselung besehenswerth. In grauer Vorzeit war darin die Marterwohnung unglücklicher Gefangener, welche ihre längere Existenz alle Minuten bedauern mußten. Die begrünte Felseninsel wird übrigens, so drohend sie den Wasserfuhrleuten grinset, von einer Bauern-Familie bewohnt; zwei Häuschen sichern ihr Unterkommen, und mehrere Kraut- und Kohlgärten, Erdäpfelstriche, und Kleefelder für einige Geissen, schaffen deren dürftigen Unterhalt. Hier, so wie weiter unten, wo durch Anprellung des Stromes an einer ebenfalls erhöhten Felseninsel (Hausstein), worauf sich die Ringmauern und ein Wartthurm der seit Jahrhunderten in Trümmern liegenden Veste Werfenstein befinden, der Wirbel entsteht, waren 244vor Zeiten Mauthabforderungen, und Ketten über die Donau gespannt. Wie die grösseren Lastschiffe an diesen Plätzen länden, und die erzwungenen Gebühren entrichten konnten, ist schwer zu ersehen; so viel ist aber gewiß, daß, wenn heut zu Tage ein beladenes Schiff zu unvorsichtig den Ufern naht, selbes entweder an der bereits vom Wasser ausgespühlten Felsenwand, oder in dem untiefen, rechts den Hausstein umfliessenden Lueger-Arme verunglückt.
Ungetheilt braust nun der Strom, durch ein enges Waldthal zusammen gepreßt, bis nach Pechlarn hinab. Einige Granitsteinbrüche, links der runde Wartthurm zu Sarblingsstein, und der Isper-Holzrechen sind bis Ybbs die vorzüglicheren Gegenstände. Die schöne Fronte dieser Stadt gegen die Donau, ist das Versorgungshaus, die übrigen Gebäude, sammt der Kirche, haben ein altes und trauriges Ansehen; mehr auffallend als erheblich, sucht der sechsarmige Ybbsfluß die Donau hier zu bereichern.
Ybbs gegenüber, auf dem linken Donau-Ufer, steht auf einem Felsen, im beständigen Kampfe mit den schäumenden Wogen, das kaiserliche Schloß Persenbeug. Seine jetzige Form, die kaum zweihundert Jahr verbürgt, bildet ein zwei Stock hohes, eckiges Gebäude, mit einem kirchähnlichen mässig hohen Thurme, alles zusammen mit Schindeln eingedeckt; doch ist sowohl das Innere als Aeussere durch Bequemlichkeit und Eleganz eng verbunden. Eine lange, auf hölzernen Bogen gestützte Brücke, leitet aus dem Schlosse über 245des Marktes tiefe Gasse, zu dem jenseits sich erhebenden schönen Garten. Die Umgebung, zum Erholungsplatze vom besten Monarchen gewählt, läßt nichts zu wünschen übrig; über dem Gebäude drängen sich die bewaldeten Berghöhen hervor. Der Fels, welcher über 800 Jahre auf seinem Scheitel ein Schloß getragen, wurde vor geraumer Zeit durch einen Quaderpfeiler in der Donau unterstützt! —
Im Markte Persenbeug werden viele Schiffe verfertigt, die mit Scheiterholze beladen, nach Wien gehen; die Einwohner ernähren sich reichlich, und fühlen die Güte ihrer Herrschaft.
Von Säusenstein, einem ehemaligen Cisterzienser-Stifte, rechts auf glattem Felsen, (wobei die Donau, wegen des raschen Andranges nie gefrieren soll,) gelangt man baldigst nach Marbach. Dieser, am linken Ufer gelegene Markt, wird wegen des auf der Berghöhe daselbst errichteten Gnadenortes Maria-Taferl, jährlich von vielen Tausend Wallfahrtern besucht. Wer Gelegenheit findet, diese allbekannte Höhe zu besehen, wird sich wirklich dieser kleinen Mühe erfreuen. Ich erstieg sie etliche Male, und konnte mich gewisser ernster Gefühle nie erwähren. Wenn der Tag[35] sich zum Schlummer neigt, wenn alles der baldigen Ruhe entgegen harrt; im Osten schon der Schleier gespannt wird über das mühsame Tagewerk, und der Wanderer noch einsam durch die steinige Kluft, im Dunkel grosser Stämme, wie zu einer 246ungewissen Bestimmung empor dringt; wenn er die Höhe erreicht, die er zu erringen gewünscht, dann um sich herabblickend nur ernste Gestalten des allmähligen Vergehens und Sterbens erkennt, und nebenan den Grabgesang frommer Kehlen in der Kirche verklingen hört; was gibt noch ein weissagenderes Bild des Todes? Doch der Muth gibt Kraft; in Westens höheren Regionen lächelt dem betrübten Auge ein milder Schimmer des gepriesenen Tages; auf den finsteren Blättern zittern noch hie und da Goldfleckchen der abziehenden Sonne, und zeigen eine schönere Bahn; gestärkte Menschen treten nun aus dem Gotteshause, freuen sich des vollbrachten Versprechens und empfindenden Trostes, und wandern vergnügt hinab. Solche Scenen bringen süsse Verwirrung dem sinnenden Menschen, und lassen noch alles Gute auf der Welt erwarten.
[35] Denn meistens bleiben die, im Herbste von Linz Morgens abfahrenden Schiffe, hier zu Nacht.
Die grosse Kirche mit einigen Nebengebäuden, wird durch alte Kastanienbäume umfangen, welche aber keineswegs die vielfache Aussicht auf herrliche Waldthäler und Gebirge entziehen; dankbar wird man dieser Höhe gewiß immer eingedenk bleiben!
Ein ungemeines Lärmen und Schnalzen störte mich aus meiner wohlthuenden Rückerinnerung. Ein Tabak-Transport von vielen Tausend Zentnern, wurde auf einem Hohenauer[36], Nebenbei, und einigen Gamseln, 247mit 38 Pferden nach Linz befördert. Der Strom war breit, der Grund tief, wir waren daher beim Vorbeifahren der Gefahr des Anstossens[37] oder Scheiterns enthoben. Schrecklicher, ja wirklich Tod bringend schien den Roßknechten (Jodeln) jeden Augenblick der Ritt zu werden. Sie mußten, um die Schiffskaravane im hohen Wasser zu erhalten, eine Untiefe durchreiten. Ein junger Bursche (Wagehals), mit seinem Gaule unangeheftet an das Schiffstau, drang mit einer langen Stange, das Wasser damit zu messen, ziemlich weit voraus. Oefter sah man nichts als seinen, und den Kopf des Pferdes aus dem Wasser hervorragen; demohngeachtet wurde fortgeritten; endlich hoben ihn die erzürnten Wellen und schleuderten ihn eine Strecke zurück; er rief, (noch mit den Wogen kämpfend,) und der ganze Zug stand, ohne sich um die Gefahr ihres Warners zu kümmern, dem unterdessen sein kräftig Roß eine seichtere Stelle errang; nun wurde wieder, eine andere Passage zu erspähen, vorgedrungen, und die bis an die Brust im kalten Strome reitenden Knechte folgten ihrem Wegweiser stürmisch, unermüdet die riesigen Hohenauer-Gaule mit Peitsche und Kehle gleich furchtbar anspornend. Man muß, wie ich (einst in der Gegend von Traismauer), drei Menschen und zwei Pferde mit einem 248Male vom Donaustrome verschlingen gesehen haben, um den wahren Begriff von den Gefahren dieser Schiffszüge zu schöpfen. Auch suchen sich die Schiffknechte wenig um Leben oder Tod ihres Nebenmannes zu kümmern; reißt einen oder mehrere der Strom hinab, oder schleudert das Seil (Faden) Pferd sammt Reiter über den Hufschlag hinaus, so ist man nur besorgt, den Strick, woran der Verunglückte hängt, schnell abzuhauen, und die übrigen Pferde, um das Schiff nicht in Gefahr zu bringen, desto hitziger anzueifern. Meistens gehen dann diese Unglücklichen, als Sühnopfer der Roh- oder Gewohnheit, von denen noch überdieß, was beinahe unglaublich ist, die wenigsten schwimmen können, zu Grunde.
[36] Die größte Gattung Donau-Schiffe, zu Hohenau in Baiern verfertigt, ist 150 Fuß lang, und trägt über 2000 Zentner, Nebenbei, ist kleiner und trägt 1500 Zentner u. s. w.
[37] Wenn grosse Salz- oder Tabak-Transporte eben in krittischen Stellen Strom aufwärts kommen sollen, so werden die von Linz etc. abfahrenden Schiffsbesitzer gewarnt, bei kleinerem Wasser oft gar die augenblickliche Abreise untersagt.
Unter Marbach passirt man Groß- und Klein-Pechlarn, an beiden Seiten der Donau. Stadt und Markt haben, den Erlaufer Holzrechen ausgenommen, nichts Besonderes aufzuweisen. Wichtiger schienen mir die Ruinen der links trauernden Veste Weideneck, auf einem von der Donauseite unersteiglichen Felsen, welcher der dabei ausstürzende Weidenbach den Namen gab.
Wenn schon die alten Schlösser, als Stammsitze ergrauter Vorfahren, als Kolonie des Adels und merkwürdiger Regenten, ganz unsere Aufmerksamkeit fesseln, und mehr werth sind, als daß man sie unbeachtet dem Zahne der Zeit, welcher mit ihnen durch Regen und Schnee sein Spielwerk treibt, gerne überläßt: so verdient doch manches, als Dokument historischer Begebenheiten 249und Quelle romantischer, nicht bloß poetischer Volkssagen, die mit den Trümmern gleichzeitig aus dem Leben treten, etwas mehr Achtung und historische Nachfrage. Nicht so lange, als bereits diese bemoosten Reste tapferer Geschlechter sich erhielten, werden sie noch trotzen; sie, die einst eine so merkwürdige Rolle in ihrer Jugend gespielt, fallen durch nicht unterstützte Schwäche. Keiner der Enkel wird mehr ihre Erhaltung besorgen, deren Urahnen sie Stärke und Sicherheit verschafften. Ausgestorben sind die Familien; die frühere, rohere Lebensart hat sich veredelt, man bedarf nicht mehr der Burgen, sein Leben und Eigenthum zu erhalten; aber man ersieht in den Trümmern die einstige Kultur und Handlungen der Vorfahren; sie waren von allem Zeugen, und eilen zum Grabe, ohne uns in ihre Geheimnisse einzuweihen! Viele dieser still Leidenden haben sich schon unter einem Walde verborgen; der gemeine Mensch, unwissend, welche Denkmähler unter seinen Füssen ruhen, ist froh, daß er auf den Hügeln reichliche Arbeit für seine Axt gefunden; nicht so unberühmt stirbt Weideneck! Ein Zeitraum von 900 Jahren, welcher es alle Schicksale der launigten Zeit erfahren ließ, zum Sitze von berühmten Rittern, Markgrafen von Oesterreich aus dem Hause Babenberg, Raubneste strafbarer Aufrührer, Witwensitze der ungarischen Königin Agnes, und einer Reihe adeliger Familien bestimmte, hat es jedem Geschichtskundigen höchst merkwürdig gemacht. An seinem Felsen scheiterte der Muth wilder eindringender Kohorten, und aus seinen Ringmauern wurde Ansehen und Ruhe verbreitet. Nun 250findet es der Wanderer kaum werth, seine, den Einsturz drohenden Hallen, mit Gefahr zu durchklettern, in deren unteren Geschossen oder einstigen Stallungen, zum Erstaunen, noch drei Familien ihr Unterkommen finden! denen die ewige Nässe, Rauchdünste und abstürzenden Gewölbsteine nicht genug drohen, für ihre Armuth anderswo zu sorgen. Keiner ihrer Vorfahren hatte einst hier geglänzt, keiner daselbst Ruhm erworben; es ist weder Anhänglichkeit noch Vorliebe, welche sie zwingt, zwischen dem Schutt und Gestein in den zwei Höfen Erdreich zu sammeln, darin Rüben und Bohnen zu pflanzen, und die kleine Ernte im Greisenschlosse sich hoch anzurechnen. Fleiß liegt unbezweifelt zum Grunde, und sollte der dem schadenfrohen Mißgeschicke nichts abzugewinnen vermögen? Ich kroch in einen Felsenkeller hinab, in dem statt Wein, Geismilch und Futterkräuter stolzierten — der einzige Leckerbissen für die hungernden Bewohner und ihre magere Wohlthäterin. Eulen, der Ruhe gewiß, bauen auf der ausgebrochenen Gallerie des viereckigen Thurmes rechter Hand, unbekümmert ihr Nest; während die Besteigung des Linken, nur noch als Wagestück mittels Leitern bezweckt werden kann, und bald auch dieser den Luftbewohnern freien Wirkungskreis einräumen wird.
Doch erweckt das Grosse, selbst im Tode noch immer Ehrfurcht! — Ein Blick aus seinen ausgebrochenen Fenstern, entschleiert die prächtige dreithürmige Abtei Mölk über der majestätisch durchwogenden Donau; östlich das kaiserliche Lustschloß Luberek, mit dem jugendlichen Thale Leiben im Norden, und alle die niedlichen Dörfchen und Meierhöfe, die im idyllischen 251Schmucke ausgebreitet liegen, von dem sonst Holz tragenden Weidenbache mit seinem steinernen Rechen durchflochten; dazu drängen sich noch Wälder, Wiesen, Obst- und Weingärten, und alle Herrlichkeiten, die im schönsten Naturkleide gerade auf diesen Zirkel hingezaubert sind: um Seiner Majestät, unserem allergnädigsten Monarchen, und seinem durchlauchtigsten Familienhause zum kurzen Erholungsorte nach angestrengtesten Vatersorgen zu dienen.
Hier oder zu Persenbeug, in ländlicher Zurückgezogenheit, lebt der grosse Monarch, dem schlichten Landmanne ähnlich, die Natur in ihren Geheimnissen erforschend, und findet Vergnügen daran, den Betrieb seiner Herrschaften selbst zu sehen, und die meisten seiner Unterthanen persönlich zu kennen. Das Schloß Leiben ist neu und im modernern Style erbaut, steht aber auf dem nemlichen Felsen, wo das uralte, wegen beständigen Unfuges 1403 durch Landmarschall Ulrich von Dachsberg zerstörte Raubschloß, die Umgebung bedrohte. Zum Markte Leiben gehört noch eine vortreffliche Papierfabrik, die aber gegenwärtig vom Aerario benützt wird.
Das auf einem isolirten Felsen prangende Benediktinerstift Mölk zu beschreiben, wäre bei den hinlänglich bekannten Merkwürdigkeiten desselben, nur eine vergebliche und voluminöse Arbeit, da hierüber bereits die besten Werke existiren. Uebrigens muß man das Stift selbst sehen, um ohne einer architektonischen Zeichnung, den gehörigen Begriff von diesem schönsten Kloster der österreichischen Monarchie zu schöpfen. Die Melk, und weiter unten die holztragende Bielach, bringen 252ihr Gewässer der Donau. Beide durchschneiden schlüßlich den fettesten Getreideboden; auch Saffran, besser als der ausländische, wird bei Mölk gebaut. Der Markt, welcher einst eine Stadt, aber ohne Zweifel sehr fest mußte gewesen seyn, widerstand im fünfzehnten Jahrhunderte tapfer den häufigen Anfällen der einbrechenden Ungarn, ingleichen den aufrührerischen Bauern 1619.
Mehrere Reisegefährten, die zu Mölk noch nie gewesen, liessen sich ausschiffen; aber auch meine Fahrt hatte für heute bald ein Ende. Die Schiffleute konnten wegen Kürze des Tages nicht mehr weit gelangen, sie benützten also den guten Landungsplatz, und blieben zu Schönbühl. Das früher flache Donauthal engt sich hier wieder, und zwar bis nach Stein hinab; den Getreidebau löset der des Weines ab, welcher am linken Ufer höchst bedeutend, am rechten aber unbeträchtlich ist; denn hier reichen die Wälder bis Mautern.
Auf dem Felsen, wo zu Schönbühl noch unlängst die Trümmer einer alten Veste gestanden, hat nun Graf von Beroldingen, der schönen Lage wegen, ein artiges Wohnschloß vollendet. In den beibehaltenen vorigen Grundmauern, sind die unterirdischen Gänge, Keller und Verliesse äusserst sehenswerth. Unten drängt sich der Markt an den Schloßberg, gerne seine alten Häuser unter die kraftvollen Obstbäume verbergend.
Eine Viertel-Stunde abwärts, ruhet auf ähnlicher 253Felsenwand das zum Schlosse gehörige Servitenkloster, mit seiner Kirche und genauen Nachbildung des Begräbnißortes Jesu Christi zu Jerusalem. Beide wurden 1666 durch Balthasar Grafen von Starhemberg im Baue angefangen, und im Jahre 1674 vollendet; wozu noch folgendes Jahr Eleonore, Kaiser Ferdinand des III. Witwe, eine genaue Kopie der Geburtsstätte unseres Erlösers zu Bethlehem hinzufügte, welche theils in Stein gehauen, theils ausgemauert wurde. Die Kirche ist klein, aber schön, das Kloster jedoch ziemlich beschädigt, und die frühere Zahl von zehn Priestern und einigen Laien, auf zwei alte Herrn beschrenkt, die hier zum Absterben belassen werden. Die Aussicht von einem kleinen Balkone auf dem Felsen, gegen die Donau und ihr herrliches Gestade, ist der erfreulichste Punkt.
Der folgende Morgen, einer jener Herbsttage, wo das fliehende Jahr noch einmal mild und heiter lächelt, und wie ein scheidender Freund den letzten Genuß spendet; trieb mich aus dem Schiffe, das Schloß Aggstein, das einzige welches mein Fuß auf früheren Donaureisen noch nicht betrat, genau zu besehen.
Ober dem Dörfchen Aggstein, hoch auf einem Waldberge, blickt es klein und unbedeutend herab. Ein braun-rother Fels, durch die Zeit hin und wieder schwarz und grün gefärbt, verspricht wenig Sonderliches.
Ich umging die Paar Häuschen, welche nichts weniger als Wohlstand verriethen, und gelangte über 254einen Wiesenstreif zur Waldgränze. Alles war so ausgestorben, so melancholisch stumm. Blasse Zeitlosen, die einzigen, welche der Spätherbst erzeugt, blickten so schüchtern hervor, als fürchteten sie für ihr kurzes Leben; die Blätter rieselten von den Bäumen, kaum vom Lüftchen beküßt: nur die muntere Meise und der melodische Hänfling schienen meine galanten Führer zu seyn; sie hüpften neugierig von einer Höhe zur andern mir vor, und zwitscherten sich ihre Bemerkungen zu. Ich freute mich dieser uneigennützigen Gefährten, die an mir so viel Behagen zeigten, und begleitete die schneller Reisenden bis zur schlüßlichen Höhe. Eine krumme Wiesenfläche, mit üppigen Stämmen begränzt, ist das Proscenium dieses wild pittoresken Theaters. Felsen, wie man sie nie hier erwartet, und Mauern, die noch diese Felsen verhöhnen, breiten sich aus im eckigen Zirkel auf dem weiten Berggipfel, einen Wald von Fichten, Birken und Föhren auf den Häuptern schwingend. Rings häufen sich Berge auf Berge, mit buntem Holze bewurzelt, dessen gigantische Stämme auf ihren knotigen Aesten jahrelang Moosfelder tragen. Abgerechnet die Mährchen von hier gehausten Riesen und Menschenmarterern, wird doch Jedem auffallen, wie ein Mann sich selbst Feind, solch eine schauerliche Gegend, die ihn nothwendig mehr verwildern mußte, zu seinem beständigen Wohnorte wählen konnte. Die Sorge für Sicherheit und Ruhe konnte ihn unmöglich, selbst in den Zeiten des Faustrechts, so weit bringen, Felsen zu höhlen, und sich in derer drohendsten Labyrinthen zu verbergen. Er mußte nothwendiger Weise den Menschen Trotz biethen, und 255ihrem sanfteren Wirken sich lossagen wollen. Diesen Charakter des Erbauers und Geist der folgenden Bewohner, spricht die Ruine nach 600 Jahren, wo doch alle Umgebungen schon vielfach gemildert sind, noch deutlich aus.
So schon für das Ungewöhnliche vorbereitet, muß man wider Willen einen gleichen Eintritt sich verschaffen. Das Schloß ist beim Eingange mit Bretern verschlagen, durch die ein kleines, aber (ich weiß nicht warum,) zugeschlossenes Pförtchen führt. Dieß ist jedoch Niemanden früher bekannt; nun muß man, um in die Veste zu gelangen, ohne erst 3 Stunden nach Schönbühl zurückzugehen, wo Schlüssel und Führer bereit seyn sollen, entweder über diese Breterwand klettern, oder links, durch die ausgebrochene Ringmauer des halb verschütteten Burggrabens sich durchzwängen, um nicht zwecklos wieder fortzureisen. Da in solchen Hindernissen leicht der Feind bezwungen wird, so betritt man, zwar nicht als Held, aber eben so wenig als Buschklepper, diese schönste aller Ruinen, auf einer Donaureise von Ulm bis Belgrad. Die Phantasie aber wird noch mehr erschüttert, durch das ungewöhnlich Grosse aus der unruhigen Periode entwichener Vorzeit. Im geräumigen Vorhofe, umgeben von einer Felsenwand links, und drei Schuh dicken Ringmauer rechts, erblickt man über dem aus Zentner schweren Granit-Quadern bestehenden Thorbogen, das marmorne Wappen des Jorig Scheckh von Wald vom Jahre 1228. Nun gähnet links im Schloßhofe eine Reihe von Gewölbern; auf ihnen ruhen die Reste der Gemächer und Säle; hinter denselben 256erhebt sich, wie eine Pyramide, ein thurmhoher glatter Fels, auf den man über hölzerne Stufen (welche der gegenwärtige Besitzer, Graf von Beroldingen, eben so zu den in Westen trotzenden Thurme, zimmern ließ,) empor klettert. Ein dem Schwindel Unterliegender dürfte hier schwerlich Vergnügen finden, auf engen Bretchen, die überhängende Felsenwölbung zu passiren. Doch kühnere Bewohner fand ich oben, Eichhörnchen, die von gesammelter Nahrung pfeilschnell über einiges Felsengesträuch hinabsetzten, mir ihr Mittagsmal überlassend. Aber ich rächte mich nicht, wegen des Mißtrauens, und ließ Eicheln und Waldnüsse unberührt. Eine Bank, in Gesellschaft dürrer Föhrenbäumchen, die ihr mühsames Leben aus dem verwitterten Mauerwerk und kahleren Felsen schöpfen, gewähren hier einen tragischen Ruhepunct. Die Gegend ist enthüllt, weiter strebt das Auge, aber keine lustige Flur lagert sich unter dem Horizont, kein Schnalzen der Hirten verscheuchet die Stille, weder rasseln die Wägen über bestaubte Hauptstrassen. Wälder, Wiesen und Aecker scheinen mit der Veste so harmonisch gealtert; selbst die Weingärten, die links an der Donau um Schwallenbach gelagert, sonst so kräftig aufblicken, ruhen ihrer Früchte beraubt, entstellt im dürftigen Kleide, neues Leben erwartend. Nur die Donau, immer fortwandernd, wenn auch Perioden sie erhöhen oder verkleinern, ergießt sich im geengten Thale mächtigen Laufes, drohend, eher die Berge zu zerreissen, als den gewohnten Gang in Schlummer zu wiegen.
Ich verließ diese Stelle, welche früher noch mit einem Wartthurme möge besetzt gewesen seyn, welches 257aus den grossen, noch aufgemauerten Quadern, zu schliessen ist. In der Runde durchdrang ich nun sämmtliche zahlreiche Gemächer, wovon keines mehr ein Dach, nur wenige aber Wölbungen besitzen, die bald der darauf prangende Wald einzudrücken droht. Dem Schutte mich endlich entwunden, erstieg ich die höchste Fronte des Schlosses, wozu nordwestlich auch zwei Leitern führen. Ganz aus Granit ist die Scheidewand, und der einigermassen abgeworfene Thurm. Im Hinabblick erkennt man deutlich die Kapelle, in der sich nun zwei grosse Fledermäuse tumelten, so wie die Küche, deren Schwärze der Mauern sich ausnimmt. Ich kletterte noch höher, und zwar über die Ringmauer des Hauptgebäudes, und kam über Schutt, in den nördlich auf dem Felsen befindlich gewesenen Garten. Hier ist der höchste, aber auch schaudervollste Punkt des Ganzen. Grauen fühlt die kühnste Seele bei dem Gedanken, daß auf dieser ungeheuren Felsenwand, an die selbst die schlankesten Tannen nur zur Hälfte herauf reichen, denen Rittern der Erholungsort, und zugleich Hinrichtungsplatz ihrer armen Gefangenen[38] gewesen sey. Wie konnte ein Mensch, selbst der wildeste (wenn ja die allgemeinen Nachrichten sich bewähren,) noch an der Stelle Vergnügen finden, wo ein armes Schlachtopfer seiner Habsucht oder Rache unschuldig verblutete? Ich legte mich nieder, 258und sah hinab in diese perpendikuläre Tiefe, von der hinabgestürzt, kein lebendes Wesen je wieder aufathmen würde.
[38] Sie wurden (nach der Tradition) früher mit grossem Lösegeld belegt, und wenn dieses entweder zu kärglich oder spät eintraf, vom Fels in den Abgrund gestürzt. Diese Barbarei galt hier vorzüglich im 13. und 15. Jahrhunderte.
Erfreut, daß hier Niemand mehr (wenigstens nicht gezwungen,) hinabspringen müsse, durchkroch ich die rückseitige Fronte, wo einige Gemächer in Felsen gehauen, für ewige Zeiten trotzen; eben so dauerhaft schien mir der breite Thurm, besonders wenn er, was von dem hochherzigen Besitzer nicht zu befürchten ist, eben so wenig von späteren, vielleicht eigennützig denkenden Eigenthümern, der schönen Granitsteine wegen, abgerissen wird.
Ein Loch mitten im Schlosse hatte noch meine ganze Aufmerksamkeit gefesselt. Unwissend, ob es zu tieferen Kerkern oder Brunnen führe, ließ ich, um den Grund zu erforschen, eine brennende Kerze an der bei mir führenden Schnur hinab. Doch kaum, daß ich gebückt ihr nachsehen wollte, als mir eine Schwadron zischender Fledermäuse unter die Arme und übers Haupt wegflogen, und den ganzen Burghof mit ihren eckelhaften Gestalten besetzten; sie waren aus dem Winterschlummer geweckt worden, und trieben desto ärger ihre Zischerei; ich wollte diese Unholde daher zur Ruhe bringen, und schoß ihrer zwei herab; doch nun wurden erst alle die anderen unvermutheten Schloßbewohner belebt. Mehrere Wildtauben, Wasservögel und etliche Duzend Dohlen umwirbelten die Ruinen, von denen letztere durchaus nicht verscheucht seyn wollten. Ich erwählte daher eine zur bleibenden Pförtnerinn, und wohl getroffen schenkte ich ihr dann ein Plätzchen an der Wölbung des äusseren Thores. Nun setzte ich 259meine vorige Untersuchung fort, und fand ein 3 Klafter tiefes, und eben so viel unten erweitertes, aus Felsen gehauenes Gewölbe; es mag wahrscheinlich eine Zisterne gewesen seyn, die nun theils durch Schutt, theils durch Unpflege ausgetrocknet ist. Am Boden bemerkte ich ein Skelet eines vierfüssigen Thieres, wahrscheinlich von einem Hunde oder Fuchse, der wie immer hier möge hinabgestürzt seyn; ein einzelner Mensch, der unbedachtsam diese Oeffnung übersehend hineinfiele, wäre nicht minder dem schmerzvollsten Tode Preis gegeben. Uebrigens war keines der anderen unterirdischen Gewölber weit zu verfolgen, Schutt, die letzte Gewalt der Ohnmacht, verboth es geradezu.
Nun meinen Abschied, ihr düsteren Reste rauher Befehlshaber! Emsig schuf euch der sinnreiche Geist erfindender Menschen, ohne daß ihr zu deren Gutem gewirket! Die Zeit, gleich streng wie der Richter, hat euch sein Todesurtheil gesprochen. Sie überwand in Jahrhunderten manche Riesenwerke, sie überwindet die Menschen, und deren kühnste Entschlüsse!
Keine scharfen Hufe breit bebrusteter Schlachtgaule entschlagen noch Funken dem Felsgrund, keine erprobten Schwerter beschimmern mehr die Reihen hellgepanzerter Streiter, weder beflügelt der Ruf des furchtbar donnernden Ritters die willigen Knechte zum Ausfall. Aber auch keine Klagen, keine Thränen mißhandelter Brüder flehen um Barmherzigkeit, keine verzweifelnden Menschen verbluten durch Meuchelmord. Ruhig ziehen nun belastete Schiffe, vom Burgwärters Horne nicht erschreckt, und des abgezwungenen Tributes gewärtig, die Wasserstrasse hinab. Die 260Männer sind verwesen, die das Leben eingesetzt, um die Ruhe des Bürgers, die Sicherheit des Wanderers zu gefährden; aber ihr Daseyn lebt, lebt in der Geschichte, und in den Mauern der Veste!
Ich verließ, ohne durch grosses Lösegeld oder vollbrachte Schandthat mir den Ausgang zu verschaffen, das Schloß, ganz überzeugt, daß ich auf dieser Höhe die schönste und dauerhafteste Ruine kennen lernte.
Zu meinem Verdrusse mußte ich nun, wegen Mangel eines Schiffes, die Reise zu Fusse fortsetzen. Der Hufschlag[39] am rechten Ufer, der zugleich eine Fahrstrasse bildet, ist sehr schön, wurde aber auch mit grossen Kosten durch Wegnahme von Felsen und Erdhügeln, vor zwei Jahren durch Seiner Majestät Gnade angelegt. Gegenüber dem unbedeutenden Oertchen St. Johann und Oberarnsdorf, wo aber einst das alte Cetium der Römer soll gestanden haben, erblickte ich am linken Ufer die bekannte Teufelsmauer, eine zwischen 3 bis 5 Klafter breite, zur Bergspitze fortlaufende Felsenwand, die mit einer von Giganten erbauten Mauer die größte Aehnlichkeit hat. Unten tiefer erscheint der weinreiche Markt Spitz, um einen Hügel gebaut, dessen Trauben allein jährlich bei mittelmässiger 261Ausbeute 1000 Eimer Most bringen[40]. Der Wein wird übrigens hier, zu Krems und überhaupt im Obermannhartsberger-Bezirke weit mühsamer, als im Unter-Wiener-Walde gebaut. Die Stückchen Erdreich müssen öfters mit Gewalt von den Felsen gewonnen werden; um aber selbes beim nächsten Platzregen nicht wieder zu verlieren, so macht man lauter kleine, mit zusammengelegten Steinen begränzte Flächen, wodurch nun die Weingärten wie Bastionen aussehend, meistens klafterhoch über einander sich erheben, dabei aber im Sommer ein schönes Ansehen gewinnen. Diese Mühe wird dagegen mit einer grösseren Ausbeute gesegnet, die zwar in der Qualität jener des Unter-Wiener-Waldes stets nachsteht, aber zur langen Aufbewahrung sehr geeignet ist. Ich überfuhr von Arnsdorf die Donau, um in Spitz mich zu restrauriren. Die alte Veste Untermhaus, welche nordwestlich von Spitz auf einem bewinzerten Felsenberge ruht, dürfte Jedem, der hier zureiset, nicht unbetrachtet bleiben. Die mässige Höhe biethet, nebst einer schönen Uebersicht der Weingebirge, Donau und reinlichen Häuser, die in angenehmer Reihe nächst dem Spitzbache fortlaufen, einen pittoresken Anblick der grauen Ruine. Die Ringmauer ist noch erhalten, deßgleichen 262ein ungeheuerer viereckiger Thurm, dessen Eingang nur mit einer Leiter oder durch Stricke bezweckt werden kann, und in dem sich tief unten noch ein Burgverließ befindet; aber von den übrigen Gemächern, Stallungen etc. sind nur noch die Hauptmauern übrig. Dieses Schloß, dessen Entstehen sich in die graueste Vorzeit verbirgt, soll durch Hanns Stickelberger 1409 eingenommen und zerstört worden seyn; doch ist es wahrscheinlich, daß es später wieder erbaut wurde, und erst von den Schweden 1645, die fast alle Schlösser in der Umgebung vertilgten, seine gegenwärtige Gestalt erhielt.
[39] Wird der, neben Strom hinlaufende, gewöhnlich ganz unkultivirte Pfad genannt, worauf nur die eingeübten Schiffzugsrosse ihre gewaltige Last fortzuschleppen vermögen, und auch ebendaselbst ihr tägliches Nachtlager, vom zeitlichsten Frühjahre bis zum spätesten Herbst, streulos finden!
[40] Daher das gemeine Sprichwort:
Da mitten im Spitz wächst immer mehr Wein,
Als d’Reben den fett’sten Gemeinden verleih’n.
Dieses stolze Bekenntniß soll fortwährend auf dem Hause des reichsten Weinbauers aufgeschrieben gewesen seyn, bis 1805 die eingerückten Franzosen diese Prahlerei gehörig beherzigten, und jetzt Niemand mehr wagt, mit seinen Vorräthen bei Fremden oder Einheimischen sich zu brüsten.
Herrlich hat jedoch hier die Hand des Fleisses jene der Zerstörung überwältigt. Zwischen dem Schutte und auf den Abstufungen des Schloßfelsens hat des Winzers rastloser Fleiß der zarten Rebe das Leben angewiesen, sie wuchert, von ihm gepflegt, mit jugendlicher Kraft, und schwingt sich als Bewohnerinn der Höhe, durch Güte zur Beherrscherinn der Umgebung, wie kaum deren einstig stolze Gebiether es durch Blut und Schwerter vermochten. Wie schön würde die liebe Welt seyn, wenn die neuerungssüchtigen Menschen lieber zu pflanzen als zu zerstören sich beeifern möchten! Die Erde wäre ein Paradies, mit Ruhepuncten der Seligkeit!
In Spitz miethete ich einen Kahn, und fuhr die drei Meilen Weges bis Stein in 2 Stunden. Ich und mein kräftiger Schiffer wollten einander die Stärke des Ruders beweisen, ohne daß es einen Wettkampf, sondern nur gleiche Meinungen gab. Die passirten Märkte Wesendorf und Weissenkirchen, am linken Ufer, sind der gothischen Kirchen wegen merkwürdig, so wie ihres Weinbaues bekannt.
Berüchtigter sind die Ruinen der alten Veste Dürrenstein, deren kleinem, aber von der Donauseite recht artigem Städtchen, man allmählig naht; wer aber die in krummen und schmutzigen Gässen gereihten 66 Häuser, von der Landstrasse ansieht, würde hier kaum einen Markt vermuthen; denn die drei schönsten Gebäude, die Kirche, das aufgehobene Augustinerkloster und Schloß des Herrschaftsbesitzers, Herrn Fürsten v. Starhemberg, bilden die Fronte am Strome.
Die Reste der auf zackigen Felsen traurenden Veste Dürrnstein sind zu bekannt, als daß man hier noch neue Notizen anführen könnte; aber auch das Bekannte erregt immer wieder Bewunderung, wenn es etwas Ausserordentliches ist. Leider aber neigen sich diese Ruinen allmählich schneller zum Grabe; nur weniges Gemäuer, ohne Thurm, ohne Gewölber, ist noch übrig, und dieses Wenige werden in einigen Jahren die Verwitterung und häufigen Besuche der Fremden, von denen Jeder wenigstens einen Stein über die schroffe Felsenwand hinabrollen läßt, gänzlich aufzehren. So viel ist gewiß, daß diese, wie Obelisken aufsteigenden Felsenblöcke, selbst dann noch die Aufmerksamkeit Vorbeireisender fesseln werden, wenn auch gar nichts mehr von dem Gemäuer übrig ist, welches den unvergeßlichen Löwen der Regenten Englands, König Richard, in der Kraft seines Lebens im Jahre 1193 eisern umschloß. Denn nimmer werde ich glauben, daß Ritter Hadamar Chunring den ihm vom Herzog Leopold VI. übergebenen hohen Gefangenen so wenig 264geachtet habe, daß er demselben zum Wohnorte (wie allgemein die Sage herrscht) den im Granitfelsen gehauenen, ein kleines Viereck bildenden Kerker ohne Fenster, anwies; welcher wahrscheinlich nur für die ärgsten Verbrecher bestimmt war, und für alle Zeiten unzerstörbar, noch jetzt Grauen bei dessen Besichtigung erregt.
Die Veste Dürenstein wurde im März 1645 von den Schweden 13 Tage belagert, endlich im Sturme eingenommen und verbrannt. Auch in neuerer Zeit ist diese Gegend wichtig geworden.
Am 13. November 1805, als die Franzosen unter Marschall Mortier in ihrer bestens vermutheten Sicherheit rings in den Ortschaften einquartirt waren, führte ein Bauer, der Gebirgswege wohl kundig, durch beständige Wälder und Gestrippe eine Abtheilung von Russen und Oesterreichern über Els und Lobendorf durch das Thal bei Dürnstein gegen die Feinde, indeß eine zweite Kohorte über Loiwein und Sänftenberg, längs des Kremsflusses, auf letztere vorrückte. Dieser doppelte unerwartete Angriff schaffte der minderen Anzahl der Kaiserlichen, den vollkommensten Sieg, wurde aber mit dem theueren Leben des die Oesterreicher befehligenden Generals Schmidt und vieler seiner Getreuen besiegelt. Von den Franzosen, die sich größtentheils über die Donau retten wollten, ertranken die meisten.
Dankbarkeit hat dann dem gefallenen Helden ein marmornes Denkmal zwischen Stein und Krems errichtet, und zwar auf dem Promenadeplatz; weil der Oesterreicher sich überall lieber frühzeitigen Ehrentod 265wünscht, als unberühmt später zu verhauchen, und Beispiele davon auch auf Erlustigungsörtern die herrschenden Gesinnungen adeln.
Ich stieg aus unter der Brücke zu Stein, meinem wackeren Fuhrmanne einen gleichen Imbiß vergönnend für seine Bemühung. Eine ganze Flotte von verschiedenen Formen und Ladungen lag zur morgigen Abfahrt bereit; das Feuer auf den Kehlheimern, der dampfende Rauch aus den Oefen der Schiffshütten, gewährte im Abenddunkel den Anblick eines schwimmenden Dorfes, Schiffleute balanzirten, manches Nöthige herbeiholend, auf Rudern und Stangen über die Fluthen zum Schiffe. Hohenauer Schiffsrosse, stark wie Elephanten, wiherten und stampften mit gleicher Gewalt am Hufschlag. Wenn man so siebenzig oder mehrere Meilen auf Hauptströmen einer Residenzstadt zureiset, und mehr und mehr die Karavanen mit Waaren und Lebensmitteln aus sämmtlichen Bezirken zusammenfliessen sieht, die nur bestimmt sind, vom grossen Magen der Hauptstadt verbraucht zu werden, so scheint es unglaublich, daß alle diese grossen Bedürfnisse für immer herbeigeschafft werden können, ohne die Provinzen zu plündern, oder sie Mangel leiden zu lassen; ein vorschneller Beobachter wird dann gehäufte Menschenmassen entkräftend für die Monarchie nennen. Aber gerade darin zeigt sich das Leben und ein wahrer Reichthum der Unterthanen, wenn sie Gelegenheit haben, ihre Erzeugnisse in Geld umzukehren, Wälder und Gründe geltend zu machen, und mehr zu verdienen, 266als sie selbst zur kümmerlichen Daseynsfristung bedürfen. Sie werden in den Stand gesetzt, auf Kultur und Bildung etwas zu verwenden; und wo diese Wurzel faßt, ist der Wohlstand des Staates und die Vaterlandsliebe der Unterthanen gesichert.
Das finstere Stein, das mir mit seinem elenden Kiespflaster, aufgehobenen, zu Salz-Niederlagen verwendeten schwarzen Klöstern, und krummen Gässen bei Tage nie einladend schien, konnte mich auch Abends nicht fesseln. Ich ging, ein besseres Gasthaus zu wählen, nach Krems, welches zwar ebenfalls nicht allzu belebt ist, aber breiterer Gässen und reiner, zum Theil schön gebauter Häuser sich erfreut. Die Pfarrkirche, wegen ihrer künstlichen Wölbung ein Meisterstück, so wie das Piaristen Kloster etc. geben anziehende Prospekte; doch von den Ruinen des ehemaligen Schlosses ist kaum noch etwas zu erkennen; Nußbäume bringen darauf herrliche Frucht. Beide Städtchen sind übrigens wegen Bereitung des Senfes (nicht Anbauung, weil das Mehl eingeführt wird) berühmt.
Am andern Morgen war jede Wasserfahrt vereitelt; ein Sturm, als hätten sich Schlünde geöffnet, jagte die Wogen wie auf Leitern empor. Die Schiffknechte hatten vollauf zu thun, ihre getauchten Fahrzeuge nur vom einströmenden Wasser zu entledigen. Dem langsamen Fuhrwerke der Landkutscher nicht fröhnend, beschloß ich lieber den angenehmen Umgebungen einen Tag zu widmen.
267Das parthienreiche Kremsthal wird nie vergessen werden, wenn man einst im Lenze oder Sommer alle seine Herrlichkeiten durchwanderte; der traurige Spätherbst hingegen ist desto weniger geeignet, einen solchen, in früheren Jahren dargebothenen Genuß, noch zu überwiegen; demohngeachtet glaube Niemand, eine Scene gehörig aufgefaßt zu haben, wenn er sie nicht in gewechselter Jahreszeit gesehen hat. Man sucht dann forschend alle die theueren Stellen wieder, die einst so hold zugelächelt, so wohlthuend gewesen! Viele derselben haben bereits eine ernsthaftere Form angenommen; viele sind gar nicht mehr! Eines dieser letzteren war das felsgebietherische Schloß Rechberg, welches seit dem zwölften Jahrhunderte als sorgsamer Wächter das ihm huldigende Thal überschaute. Die Ritter von Rechberg, Otto, Domvogt von Regensburg, Herzog Leopold der VI. und die Freiherrn von Hoheneck hielten es werth, dieses ihr Eigenthum vor der zernagenden Gewalt feindseliger Gewitter und gleichgesinnter Männer zu schützen. Noch vor sechs Jahren hatte mir dieser ehrwürdige Alte, bei einem plötzlichen Unwetter, Schutz und Lager in seinen standhaften Mauern gespendet; sein Dach trieb die Ströme ab, die nach dem Inneren zielten. Die reinen Gemächer, gleich angenehm zur Uebersicht und Benützung, sind nun entschwunden. Graf Falkenheim, der vielleicht dieses Schloß nie sonderlich geachtet, verkaufte es um einige hundert Gulden an die dasigen Unterthanen, die, als gemeine Menschen hocherfreut einen Gewinnst zu ziehen, ihren ehemaligen Beherrscher zu Boden warfen, in seinen Körper 268sich theilend. Noch war man mit Wegnahme der letzten Steine, Ziegel und Eisenstangen beschäftigt, als ich mit Befremden diese Veste suchte. Das Malerische des Thales verliert dadurch ungemein.
Das Dörfchen Imbach mit seinen Weingärten, und der den Hintergrund schliessenden Ruine Sänftenberg, könnte als Muster zu jeder schönen Landschaft dienen; denn indeß Oekonom, Botaniker und Mineraloge reichliche Nahrung für thätigen Geist fühlen, vertieft sich der Freund des verlassenen Alterthums in ernsthafte Betrachtungen.
Nicht so sanft als sein Name, führt der, zum Theile mit Reben bepflanzte Felsenberg hinan. Das Mauerwerk ist ganz Granit; in dem Schloßgraben, der mehrere Klafter tief und breit in Felsen gehauen, mit ungeheuerer Mühe und nur in den barbarischen Zeiten, wo Leibeigene umsonst die härtesten Arbeiten verrichten mußten, bezweckt werden konnte, stehen noch die zwei Pfeiler von der ehemaligen Zugbrücke. Einen grossen viereckigen Quaderthurm hat die Zeit gespaltet, ein Theil liegt in Trümmern, indeß die andere Hälfte noch den Endkampf erwartet. Ein runder, die Zugbrücke vormals beherrschender Thurm, hat noch einige Stufen, und nützte unlängst zur Landesvermessung; fest stehet am Gipfel das Zeichen davon. Die Ringmauern nördlich sind noch erhalten, ganz zerstört aber im Süden. Es muß ein schönes und festes Schloß gewesen seyn, das zeigen dessen grosse Fenster, weiter Burghof und vielen Scheidewände, endlich die Anzahl unterirdischer Gewölbe und Gänge, deren einen ich 22 Schritte verfolgte, bis er immer 269niedriger geworden, die weitere Promenade unmöglich machte. Die Aussicht ist genügend, wenn auch nicht allzuweit reichend, der Hinabblick aber auf den von Mühlen durchwirbelten Markt Sänftenberg, stolz gebietherisch. Eine schroffe Felsenwand nach Nordwesten, macht es möglich, jedes einzelne sich unten demüthig andrängende Hüttendach und jeden Vorübergehenden, mit einem Steine zu zerschmettern. Diese, dem mächtigen Ritter Reinprecht von Wallsee gehörige Veste, wurde durch Herzog Leopold des IV. Partheigänger, Hanns von Stückelberger, im Jahre 1409 eingenommen.
Ein Hirte trieb itzt emsig seine Schafe und Ziegen auf die bessere Trifte hinab, weil, sagte er, auf diesem Neste doch gar nichts Gutes mehr zu finden wäre. — Ihr Geister der abgestorbenen Eisenmänner! belebt euere schlummernden Hüllen! Verstümmelt, zernagt, hält man euren Ursitz, um den so viel Blut geflossen, nun länger nicht werth, daß Thiere denselben durchstreifen! — Man sehnet sich gerne ins Freie aus diesen mit Schwermuth belasteten Wänden, damit lustige Gedanken die trüben Ideen verwehen.
Wer die rings gelagerten Berg- und Waldgipfel ganz seiner Aufmerksamkeit würdigt, geräth in Versuchung, zu glauben, sie wären ein englischer Garten, der, um weniger Besucher zuzulocken, von dem Eigenthümer so geheim gehalten werde. Waldparthien aus dem buntesten Holzgemische; Wiesen, die noch im Spätherbste ungemäht scheinen; und Kristallbäche, in deren kunstlosem Felsenbassin sich Heere gold-getupfter Fischchen tumeln; endlich Dörfer (wie Egelsee), 270die in arkadischer Zurückgezogenheit mit wollüstiger Aussicht jubeln; oder (wie Wachau) in gewürzter Luft auf duftenden Kräutern schwelgen. Freilich muß man dazu Tage verwenden und wohl zu Fusse seyn, da diese Genüsse nur durch eigene Kraft, die sich aber eben dadurch vielfach vermehrt, errungen werden können.
Noch ist im Kremsthale eine Papierfabrik, und weiter unten, nächst den Alaungruben, die Verfertigung des Kremserweisses besehenswerth.
Nachmittags ging ich über die hölzerne lange Brücke, von der alljährig wenigstens einige Joche als Tribut des Eisganges abgerissen werden, durch das Städtchen Mautern, welches von seiner einstigen Schönheit nichts mehr besitzt, in einer Stunde nach dem Kloster Göttweih. Der Berg ist zwar steil, aber selbst in der Sonnenhitze durch angebrachte Bänke und einen jungen Eichenwald, auch vom schwächsten Fußgeher leicht zu besteigen. Das Kloster, welches zwar unausgebaut, aber dennoch mit der Kirche und allen Nebengebäuden die ganze weite Bergfläche einnimmt, bildet eine Art eigener Gemeinde; Fleischer, Bäcker, Maurer, Schuhmacher, ja fast alle Professionisten und Handwerker sind oben zu dessen Dienste bestimmt, wohnhaft anzutreffen. Der Zehentwein wird in herrlichen Kellern verwahrt, das Gemüse im geräumigen Garten gebaut, nur das Holz wird durch künstlichen Aufzug in zwei Wägen aus dem Thale auf den Berg getrieben.
271Göttweih mit seiner unschätzbaren Bibliothek, Mineralien und Conchylien-Sammlung etc. hatte ich schon öfter gesehen; ohne daher die Bereitwilligkeit der Religiösen wieder in Anspruch zu nehmen, benützte ich die Erlaubniß, von einem der zwei grossen Kirchthürme die Blicke nach meiner Heimath zu senden. Das Herz hatte ihr schon einige Tage zugeschlagen, nun sollte sie das Auge erkennen. Wer schon ein Freund schöner Uebersichten ist, findet sie doch niemals dankbarer, als wo uns die heimischen Plätzchen und deren Umgebung so nach und nach enthüllt werden. Göttweih, das allen Zureisenden von jedem Orte auffällt, und lange Zeit ihnen nachblickt, verdient, daß man noch 120 Stufen daran wende, die alt gewordene Erde unter dem gewölbten reinen Himmelsbogen zu durchforschen. Hier ist das Haupt, um das sich ein Diadem reich geschmückter Landschaften windet. Dörfer und Städte, Märkte und Schlösser biethen einander die Hand, um sich im Wohlstande zu heben. Der üppige Boden vermag mit vielfältigem Fruchtsegen den grossen Erwartungen patriotischer Herzen zu entsprechen. Fort eilt dann der Ueberfluß nach dem Wohnort der Güte, den bald die Donau zeigt. Kein Arm ruht, kein Spate rostet, die Kräfte übet das Kind und der Greis; die Arbeit würzet das Leben, laut verkünden dieß trillernde Lieder! Muthig wiehert der Hengst, obgleich jüngst der Pflug ihn ermattet — er unterlag nicht! Ohne Zwang eilen die Kühe zum Stalle, den erworbenen Besitz abzugeben — sie sind nur zum Nutzen geschaffen! Schwere Wägen mit Fässern harren am Berge der Landstrasse, 272Vorspann erwartend; denn die Traube erfordert noch viel Mühe, bis als geistreicher Wein sie ferne Genuß spendet!
Itzt läutet die Glocke zur Ruhe; rings sammeln sich in Häusern die gewohnten Gäste, das Lobgebeth anzustimmen vor dem Mahle für Gott und Regenten! Doch jener einzelne Pilger dort am staubigen Pfade, scheint vom erquickenden Imbiß ausgeschlossen, ärmlich ist sein Aeusseres, weit kein Ruheplatz, dennoch muthig seine Schritte? Ihn stärket die Hoffnung! — Mit Wohlgefallen taucht sich die Seele in süsse Ahnungen; die hingezauberten Bilder zeigen dem geschmeichelten Geiste in schönster Wirklichkeit und glücklichster Phantasie, das gleich erhabendste Ideal!
Röthlicher färbt sich die Himmelsdecke, kühler ziehen die Lüfte, der Tag kämpft, Laub und Gras verbirgt seine Bewohner; itzt umschwimmen leichte Dünste die Donau; schon behauchen sie die finsteren Auen bis Stokerau im Osten; die Dörfchen darin, bei Tage nicht wagend hervorzublicken, ergeben sich ihrem Schicksale, das früher der Nacht sie unterzieht.
Allmählig mindert sich der Gesichtskreis, aber das Wenige wird desto sorgsamer bewacht, man fürchtet, bald alles zu verlieren! Nun gatten sich Wolken, gekettet wird die Finsterniß, und unversäumt folget die Nacht.
Lichter schimmern aus Fenstern itzt allenthalben, wie Trost im Tode, der doch nicht das verlorene Gut zurückbringen kann, aber wenigstens sich mit etwas begnügt!
Ich eilte vom bewaldeten Berge, die Durchsichten 273wohl beachtend, in welche sich das Auge sonst gerne zu verlieren liebt, und die nunmehr zur Beirrung des Wanderers ausgehauen schienen.
Die Schiffleute betrübten mich mit der Versicherung, daß morgen schwerlich Windstille eintrete, und auf keine Fahrt zu denken sei. Gleichwohl glaubten andere, daß bei mässigem Winde die Fleischer, welche nothwendig Mittags am Markte zu Wien seyn müßten, ablaufen würden.
Froh, schnell fortzukommen, sprach ich mit einigen jener letzteren, und ließ mich geduldig um 4 Uhr Morgens zu dieser Expedition abrufen.
Der Mond wies sein silbernes Horn, beissende Kälte rüttelte die Glieder, alles genoß noch Ruhe, wir aber erweckten gegen Tausend, das heißt Kälber, Schafe und Kühe. Ich erschrack über diese, meine Erwartung übersteigende Gesellschaft, sechs Ruderer aber liessen mich nicht lange überlegen, die Plette[41] jagte von dannen. Anfänglich suchte ich mir Wärme beim Ruder zu verschaffen; bald aber war dieß nicht möglich, die Ausdünstung und das Geplär der Thiere war unerträglich! Solches Fuhrwerk möge Jedem eine hinreichende Warnung seyn: indem selbst ich, sonst gerne zu Wasser fahrend, nach einer Stunde lieber zu Fusse, oder mit dem elendesten Landfuhrwerke nach Wien zu gelangen wünschte. Vergebens! es war zu früh, als daß ich hätte 274die Hoffnung nähren können, durch die des Almosen-Sammelns wegen zufahrenden Kähne, an das Land zu kommen. Holenburg mit seinem alten Ritterthurme und dem schönen, vom Besitzer Freiherrn von Geymüller erbauten Lustschlosse, lag in der Dämmerung bereits hinter uns. Doch bald brachte die silberschäumige Traisen[42] von Zells bekanntem Josephsberge den Morgengruß. Traismauer und das vom gelben Kamp-Flusse bespühlte Grafenwerth, zeigten über die Auen die spitzigen Kirchthürme. Nun erhob sich die Sonne höher und höher, den geschaffenen Tag betrachtend; ihr folgte der Wind, zügellos, mit wildem Ungestüm alles übern Haufen werfend. Wellen schlugen in die getauchte Plette; einige Kühe erschreckt, bäumten sich, und schaukelten das Schiff gewaltig. Die Metzger suchten sie zu beruhigen, indeß die ganze Mannschaft, selbst die Fremden, nothgedrungen zum Ruder greifen mußten; augenscheinlicher Gefahr vorzubeugen. Rechts und links war kein Landungsplatz, Wasser wurde immer häufiger ausgeschöpft; schon blickte Tulln uns an, schon tröstete Hadersfeld’s verschönerte Waldhöhe über Greifenstein’s Felsen sich erhebend, als wir mit wüthender Gewalt links in eine Bucht geschleudert, Halt machen mußten; ein Strom übergoß die armen gebundenen Schlachtopfer der Kälber und Schafe, und schnell mußte das Hornvieh aufs Land gesetzt werden, um den Untergang der schlecht verwahrten Plette zu hindern.
[41] Fahrzeug mit niederer Wand und sehr breitem Boden, wird auch gewöhnlich zu Getreide-Fuhren verwendet.
[42] Entspringt auf dem Traisenberge, nächst dem Anna- und Josephsberge, in Niederösterreich.
Nachdem ich mich von deren Rettung überzeugt, und den Weg gehörig erwogen hatte, ging ich mit drei Bürgern von Krems, die ebenfalls ihr Unstern auf das Schiff gebracht hatte, durch die Auen dem Fischer-Dörfchen Neuaigen zu. Die Metzger und Schiffleute hatten übrigens Muße genug, über die lästige Fügung und Aetzung ihrer gemarterten Vierfüßler auch noch den folgenden Tag nachzudenken, der, wenn möglich, noch stürmischer war. Nach zwei Stunden gelangten wir zur Tullner-Ueberfuhr. Glück für uns, daß dieses Jahr hier eine, der Preßburger ähnliche fliegende Brücke errichtet wurde, schwerlich hätte man uns sonst in einem Kahne ausgeholt.
Die alte Stadt Tulln, welche ausser einem mässigen Mittagsmal mir nichts Angenehmes darboth, wurde ungeachtet ihres Römerthurmes und sonstiger Antiquitäten doch bald verlassen. Ich durchwanderte das weite Tullnerfeld, dessen wohlthuender Fruchtboden, im Jahre 1813 zu hohen Schanzen gethürmt, so kriegerisch werden sollte. Links lächelte mir das warme Königsstätten[43], seines früh reifenden Obstes wegen bekannt; nun zwar gealtert, verrieth doch immer seine Gestalt die frühere Fülle.
[43] Dieser schöne Markt, gegenwärtig Sr. Exellenz, Herrn Grafen von Bellegarde gehörig, liegt auf einer Anhöhe gegen Osten, beglückt durch die reinste Luft Nieder-Oesterreichs.
Aeolus bestrich die dürren Stoppel der Felder, 276jagte die Wolken, und tumelte die Wetterfahnen auf den Thürmen; kalte Tropfen fielen hie und da, den Wanderer zu grösserer Eile anspornend; hinab sprudelte der Bach, und trug häufiger den verlornen Schmuck fester Buchen von dannen. Schneller durchschritt ich die welken Weingärten nächst den Dörfern Wilfersdorf und Ollern, welche nun vernachlässiget, unverhindert die näheren Fußsteige nach Sieghartskirchen bothen. Links nahte sich der kalte Riederberg mit seinen gelichteten Wäldern im vielfärbigen Kleide. Ernster als sonst schien er umher zu blicken, besorgt, bei baldigem Froste viele seiner Sprossen abgeben zu müssen. Schlanke Zöglinge, schwarzgrün gekleidet, und hie und da grössere Gruppen bildend, bald wieder vereinzelt, suchen ihre Vorzüge über andere Gefährten itzt besonders geltend zu machen. Stolz auf ihren Glanz drängen sie sich auffallend dem Wanderer vor die Augen, der klug prüfend, an diesen doch nur gehaltloseres Holz erkennt!
Schöner wäre der Weg über das Fürst Lichtenstein’sche Schloß Neulengbach, dann Rechenwinkel, Preßbaum etc. gewesen, wo die Natur noch einmal alle ihre Reitze aufbiethet, den Pilger zu fesseln; allein der unfreundliche Tag und die nassen Waldsteige verbothen diesen letzten Gewinn. Mit dem in ganzer Fülle Genossenen befriedigt, stieg ich, einen Gruß jenem lieblichen Süden hinsendend, getrost den steilen Riederberg hinan, öfter umblickend, ob mir noch kein boshafter Hügel die angenehme Dekoration verschob.
Itzt war sie erreicht die Spitze, mit ihr das Band 277zerrissen, welches mich so lange an der Natur reinen Busen kettete; der Traum eines beständigen Reitzes zum Genusse schwand bei der nun nähernden Fläche Wiens. Keine Uebersicht lohnt das bemüssigte Hinansteigen auf diesen Waldberg; noch waren die Thürme der Kaiserstadt nicht zu sehen, Hügel verbargen sie: aber die Berufsgeschäfte und Pflichten überstiegen die Höhe des berühmten Domthurmes, und winkten bedeutend! Zugleich mahnten freundlich die Wünsche theurer Eltern, lieber Freunde, in deren Arme ich gerne einen Theil des genossenen Glückes auszuschütten wünschte.
Sogar mein treues Thier, sonst immer still folgend, mußte die seltner besuchte Höhe erkennen, und seine Strapatzen vergessend, säumte er nicht, durch Sprünge und frohes Gebell seinen scharfen Instinkt zu verkünden.
Frohen Muthes stieg ich nach Purkersdorf hinab, die Reisenden nicht beneidend, die im brausenden Wagen mir vorbei rasselten; denn, wenn Geschäfte oder Vergnügen so beeilen, dann schläft die Freude, und es ist wohl die Ernte an Staub und Koth, doch nimmer an Blüthen ergibig!
Drei Stunden darnach, saß ich am heimischen Tische, im Zirkel redlicher Seelen, die mich mit Fragen bestürmten, und zum Beweis ihrer Güte, sogar nicht den Duna vergassen, welchen ein Plätzchen wie sonst, unterm Bette verbarg.
Nun hätte ich also eine Wanderung geschildert, zwar nur eine unbedeutende: aber ich wollte beweisen, wie oft Kleinigkeiten hinreichen, den Menschen zu fesseln, zu ergetzen.
Nicht so glücklich durch Bestimmung oder Vermögen, ferne Welttheile zu durchreisen, habe ich die Gelegenheit benützt, Oesterreichs schöneres Paradies in manchen Richtungen zu durchforschen. Einige Monate reichen hin, um einen Begriff von dessen zauberischer Pracht zu schöpfen. Aber auch nicht allzuweit braucht der Naturfreund zu wallfahrten, um den Tempel ihrer Schönheit zu schauen; nächst Wien, in der gesegneten Runde, gibt es der Zauberplätzchen so viele! — Nur wenn diese zu oft gesehen, oder Mißmuth die Seele rüttelt, Melancholie ihren Giftbecher reicht, ein bitterer Verlust oder Krankheit den gewohnten Ort zu wechseln räth: dann suche man entweder in Gesellschaft oder allein, die entfernteren Inselchen der Ruhe, wiege sich in Gedanken einer schöneren Welt, und lerne die stillen Freuden ärmerer Klassen und deren Entsagungen kennen! Gestärkt wird man sich fühlen beim Bewußtseyn glücklicherer Verhältnisse, schätzen den Menschen, wenn auch grobe Kleidung ihn bedeckt, gegen eigene Fehler strenger seyn, weil sie an Fremden so aufstossen; und endlich die Heimath, welche schon anfing zu langweilen, so wunderbar verschönert glauben! Rastlos sich dem Berufe unterziehend, wirkt dann sichtbar die jüngstens gesammelte Kraft.
279Ich berührte in diesen Skizzen hier mehrere Stellen, die vielleicht einigen der werthen Leser unangenehm, wenn nicht gar widerwärtig seyn dürften; ich habe Gegenden aufgesucht, die weniger einladend im Allgemeinen wären, und doch von mir so erhaben gefunden, so besuchenswerth dargestellt wurden. Dieß möge man mir verzeihen, da ich in meinem Prolog nicht Anspruch auf allgemeinen Beifall zu machen wagte; desto weniger aber gesonnen war, meine Neigungen zu verkleiden oder zu verläugnen; ein in pittoresker Hinsicht reich ausgeschmückter Gebirgstheil, war mir immer noch lieber, als ein wohlbesetzter Schwelgertisch. — Wer in mir dagegen den Wunsch erkennt, Jene, welche Gelegenheit besitzen, auf den Werth der Exkursionen aufmerksam, ja begierig zu machen, und mir diese Art einer vielleicht zu langweiligen Aufforderung nachsieht, empfange meinen Dank mit dem herzlichen Wunsche: daß er so viel Vergnügen bei jeder seiner Unternehmungen fühlen möge, als mich die Erinnerung bei Entwerfung dieser kürzlich realisirten Schilderungen, noch am Schreibtische ergetzte.
Werden diese Blätter, als erster Anflug meiner literarischen Lieferung, günstig aufgenommen, so will ich, da ich seitdem so glücklich war, Ungarn, Italien, die Schweiz, Würtenberg, Preussen, Sachsen, ganz Böhmen und Mähren, auf den nicht gewöhnlichen und bekanntesten Strassen überall zu Fusse zu bereisen, und mir diese herrlichst sich wechselnden Länder, die feurigsten Fundgruben zu Bemerkungen und Ansichten enthüllten, mit Beseitigung aller Gebrechen, noch einige Bändchen, und dazu meine Besteigung 280des Dachsteins, als ein in naturhistorischer Rücksicht gewiß bedeutendes Unternehmen, dem Drucke unterlegen. Nur vier Männern ist’s gelungen, seine Eisglätscher das erste Mal seit ihrer Geburt zu betreten. Die drei schlichten Gebirgsbewohner würden ihre Bemerkungen zu Grabe tragen, ich aber, mit einem von diesen das Wagestück versuchend, beschloß auch den beiden früheren das Denkmal zu setzen. Und so seyen ich und meine Zeilen, einer aufmunternden Huld empfohlen! —
Wien am 20. Mai 1829.
KYSELAK.
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... Riesengebirgen stufnete sich auf den Marmor ...
... Riesengebirgen stufte sich auf den Marmor ...