Title: Abenteurer
Ausgewählte erzählungen
Author: Knut Hamsun
Release date: April 3, 2026 [eBook #78349]
Language: German
Original publication: München: Albert Langen, 1914
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/78349
Credits: Peter Becker, Matthias Grammel and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was produced from images generously made available by The Internet Archive)
Langens Mark-Bücher
Band 3
Langens Mark-Bücher
Eine Sammlung moderner
Literatur
Dritter Band:
Knut Hamsun
Abenteurer
Albert Langen, München
Ausgewählte Erzählungen
Albert Langen, München
Ein Verzeichnis von
Knut Hamsums Schriften
findet man am Schluß
dieses Buches.
Copyright 1914 by Albert Langen
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung,
vorbehalten
Albert Langen Knut Hamsun
| Seite | |
| Vagabondage | 7 |
| I | 7 |
| II | 11 |
| III | 16 |
| IV | 22 |
| V | 30 |
| VI | 37 |
| VII | 48 |
| VIII | 54 |
| IX | 63 |
| Zachäus | 71 |
| I | 71 |
| II | 75 |
| III | 79 |
| IV | 84 |
| V | 91 |
| Auf den Bänken von New-Foundland | 94 |
»Auf, Leute!« ruft der Aufseher der Sektion Orange Flat. Wir können ihn nicht sehen, es ist noch pechschwarze Nacht, drei Uhr morgens, aber wir springen auf der Stelle aus den Betten und ziehen Hose und Bluse an.
Es ist Erntezeit, wir rackern uns ab wie die Hunde, finden zu wenig Schlaf, und alle Mann gehen in unnatürlich erhitztem Zustand umher. Wir zanken miteinander wegen Kleinigkeiten; bei der geringsten Schwierigkeit, die sich während der Arbeit im Laufe des Tages ergibt, wenden wir Gewalt an und brechen die Gerätschaften entzwei.
Der Aufseher ist selbst mager und hart geworden wie eine Stange. Er erzählt uns, daß die Nachbarsektion einen bedeutenden Vorsprung hat und ein paar Tage vor uns mit der Ernte fertig sein wird. »Das wird nie geschehen!« antworten wir mit zusammengebissenen Zähnen. Wir habens uns in den Kopf gesetzt, die Nachbarsektion einzuholen, ja sie mit Glanz zu übertrumpfen; niemand soll uns davon abhalten können. Darum hat uns der Aufseher in den letzten zwei Wochen schon um drei Uhr aus den Betten gerufen, und sein »Auf, Leute!« [8] würden wir morgen wieder und übermorgen wieder hören um drei Uhr in der Nacht. Wir sahen kein Ende ab in diesem Gejage.
Wir stürzen an den Eßtisch und zwingen uns, das allernotwendigste an Brot und Butter, Fleisch und Kaffee zu verschlingen. Das Essen ist gut, aber Appetit kennen wir nicht mehr. Nach zehn Minuten sitzen wir bereits auf unsern Wagen und fahren zur Arbeitsstätte hinaus.
Und wir arbeiten wie von Gott verlassene tolle Geschöpfe. Wir wissen sehr wohl, daß viel Lob und Anerkennung unser harrt, wenn wir nur einen Tag vor der Nachbarsektion zum Ziele gelangen, und die Nachbarsektion macht gleichfalls die alleräußersten Anstrengungen. Ein jeder hat seinen Ehrgeiz in dieser Welt, und wir haben den unsern.
Es hellt sich auf, die Sonne kommt hervor und fängt zu glühen an; wir werfen unsre Blusen ab. Hunderte von Männern sind über die endlose Weizenprärie verstreut; da werden wir herumhantieren, bis heute abend die Dunkelheit da ist.
»Ich weiß nicht, ob ichs noch länger aushalten kann, Nut,« sagte Huntley, der Irländer.
Und Nut, das war ich.
Im Laufe des Tages hör ich, daß Huntley [9] das gleiche zu dem Landstreicher Jeß gesagt hat: daß ers nicht länger aushalte.
Ich rüffelte ihn seines allzu offnen Mundwerkes wegen und machte ihm Vorwürfe, weil er das zu einem Landstreicher gesagt hatte.
Huntley begreift wohl, daß er dadurch eine gewisse Macht über mich bekommen und meine Eifersucht geweckt hat. Er läßt sich noch weiter aus, er erklärt sich ganz offen:
»Ich kann nicht länger, heute nacht gehe ich meiner Wege. Willst du mitkommen, so bin ich um zwölf Uhr an der nördlichen Stallecke.«
»Ich will nicht mitkommen,« sagte ich.
Ich arbeitete den ganzen Tag und dachte über die Sache nach; und als der Abend kam, da war ich entschlossen, Huntley nicht zu begleiten. Ich sah wohl, daß er mit mir reden wollte, sowohl beim Abendessen als auch nachher, wie wir zu Bett gingen, doch ich ging ihm aus dem Wege und war zufrieden mit mir, daß ich ihm Widerstand leisten konnte.
Am Abend kleideten wir uns aus und fanden unsre Betten. Alles lag in Finsternis. Nach ein paar Minuten schnarchte die ganze Stube.
Ich saß angekleidet auf meinem Bett und dachte nach. In ein paar Stunden würde der Aufseher wieder rufen: »Auf, Leute!«, und der Tag würde verlaufen wie der gestrige und der [10] vorgestrige. Dagegen lag wohl ein paar Tageswanderungen von hier eine Farm oder eine Stadt, wo ich andre Arbeit finden und Geld verdienen könnte. Und da würde ich vielleicht ein bißchen mehr Schlaf finden.
Ich schlich mich aus der Stube und ging an die nördliche Stallecke hinüber.
Huntley war schon da; zusammengekauert stand er, mit dem Rücken nach der Wand zu und die Hände in der Tasche. Ihn fror. Ein Weilchen darauf kam auch der Landstreicher Jeß.
Ich fragte:
»Soll auch Jeß dabei sein?«
»Natürlich,« erwiderte Huntley. »Gerade er soll dabei sein. Du wolltest ja nicht.«
»Gewiß, ich will,« sagte ich und wollte auf einmal.
»Ja, nun ists zu spät,« erklärte Huntley. »Ich hab nur Proviant für uns zwei.«
Wütend sagte ich:
»Dann meld ichs dem Aufseher.«
»Tust du das?« fragte Huntley sanft, durchaus sanft. »Bestimmt tust du das nicht,« sagte er, »auf keinen Fall tust du es.«
Er kam mir so nahe, daß ich seinen Atem spürte.
»Halt!« flüsterte der Landstreicher. »Will Nut mitkommen, so werde ich mehr Essen [11] schaffen. Ich weiß, wo der Koch das Fleisch stehen hat.«
Während der Landstreicher Jeß weg war, standen Huntley und ich bei den Ställen und zankten uns darum, daß ich ihn hatte angeben wollen, und als Jeß mit dem Fleisch zurückkam, war Huntley noch so erregt, daß er sagte:
»Konntest du nicht mehr Fleisch finden, du Lump? Was ist das für einen erwachsenen Mann! Gut, da hast du dein Fleisch, Nut,« sagte er und warf mir das Fleisch zu.
Dann schlichen wir uns von Orange Flat fort.
Wir gingen in nördlicher Richtung, um auf das Eisenbahngleis zu stoßen, und wir gingen ein paar Stunden. Da erklärte der Jeß, er müsse ein wenig schlafen. Wir beiden andern hätten noch weiter gehen können.
Wir waren mitten auf der Prärie, und noch sahen wir kein Anzeichen, daß der Morgen herankäme. Da wir ziemlichen Nachtfrost hatten, kamen wir durch die Weizenfelder und die ungeheuren Prärien, ohne naß zu werden. Wir gingen nun rings im Kreise und fühlten mit den Füßen vor uns her, um eine gute Stelle [12] zum Liegen ausfindig zu machen; ich legte mich hintüber auf den Ellenbogen und schlummerte, den Kopf in die Hand gestützt, ein.
Plötzlich weckt uns Jeß. Er hat die letzten Wochen hindurch wohl zu wenig Schlaf gehabt und kann jetzt nicht einschlafen.
»Auf, Leute!« rief er.
Schlaftrunken und verjagt springen wir auf; es ist keine Gefahr im Verzuge, nur finsterer Friede dehnt sich um uns her. Huntley flucht und behauptet, uns jetzt schon wach zu machen, sei nicht nötig gewesen.
Jeß erwiderte:
»Wir wollen sehen, daß wir von der Stelle kommen. Hier liegt überall soviel weißer Reif. Der Aufseher kann unsre Spuren von den Ställen aus verfolgen, und da er einen Pony reitet, kann er uns gut einholen.«
»Ja, was weiter?« fragte Huntley. »Wir werden ihn kalt machen.«
»Und er kann uns vorher erschießen,« erwiderte Jeß.
Da machten wir uns wieder auf den Weg nach Norden. Zu unsrer Rechten wars, als ob der Himmel sich zu erhellen begänne, das bißchen Schlaf hatte uns auch gut getan, so daß unser Mut etwas stieg; selbst Jeß, der nicht geschlafen hatte, schien mehr Kräfte zu haben, er [13] ging strammer daher und stolperte seltener auf der unebenen Grasprärie.
»Jetzt werden sie wach auf der Sektion,« sagte Jeß. Er erkannte es am Himmel. Ein Weilchen darauf sagte er: »Jetzt frühstücken sie. Jetzt fragt er nach uns.«
Wir gingen unwillkürlich alle drei geschwinder.
»Jetzt ist er draußen und sieht nach uns,« sagte dann Jeß wieder.
Ich hörte mein Herz schlagen.
»Halt den Mund!« rief Huntley. »Kannst du denn nicht sparsamer schwatzen und am liebsten ganz stillschweigen?«
»Er wird gut zureiten müssen, wenn er uns jetzt erreichen will,« sagte ich, um Mut zu markieren.
»Ja, du hast recht,« sagte auch Huntley. »Er wird uns niemals erreichen.«
Huntleys Sicherheit wurde recht groß, wir hörten binnen kurzem, daß er verstohlen von dem Proviant, den er trug, zu essen begann.
Es wurde heller und heller, und die Sonne ging auf. Jeß blieb stehen und sah sich um: nichts war zu sehen, kein Reiter, kein lebendes Wesen. Und auch kein Haus und kein Baum stand in diesem endlosen Präriemeer.
Jeß sagte:
»Jetzt nehmen wir den Kurs ein paar Striche [14] nach Osten. Die Sonne wird bald genug unsre Spuren ausschmelzen; aber wenn wir dieselbe Richtung wie jetzt behalten, kann der Aufseher uns noch immer einholen.«
»Du hast recht,« sagte Huntley wiederum. »Mag er dann nur weiter nach Norden reiten, — er wird uns nicht finden.«
Wir wanderten noch eine gute Stunde, und wir waren alle dem Umsinken nahe. Im Steigen wurde die Sonne wärmer und wärmer und hatte schließlich allen Reif aus dem Grase weggetrocknet. Es mochte sieben oder acht Uhr morgens sein, und wir legten uns alle zur Ruhe.
Ich war übermüdet und konnte nicht schlafen, aufrecht saß ich und besah mir meine beiden Kameraden. Der Landstreicher Jeß war von dunkler Gesichtsfarbe und mager, er hatte schmale, geschmeidige Hände und Schultern. Gott weiß, er hatte vielleicht schon alle möglichen Stellungen gehabt und sie aufgegeben, um umherzuschweifen, unablässig umherzuschweifen und das Zufallsleben eines Landstreichers zu führen. Von seiner Matrosenzeit auf den Flüssen her hatte er Kenntnis von den Strichen des Kompasses, er verstand sich auf Waren und hatte vielleicht in einem städtischen Laden gearbeitet. Er war ein hilfsbereiter Kamerad: als er in der Nacht Müdigkeit vorschützte, geschah es, um uns ein kleines [15] Weilchen Schlummer zu schaffen. Er selbst, er wachte.
Huntley war ein viel größerer und beleibterer Mann; das Schicksal schien ihm ziemlich mitgespielt zu haben. Bei einem Wortwechsel auf der Farm an einem regnerischen Tage, als wir alle müßig waren, hatte er lebhaft den Mann beklagt, der eine untreue Ehefrau habe. »Wenn du sie nicht liebst, so erschieß sie!« sagte er, »aber wenn du sie liebst, so traure um sie dein ganzes Leben und werd ein Wrack und ein Auswurf!« Huntley schien bessere Tage gesehen zu haben, aber er war unzweifelhaft ein Trunkenbold und hatte sich in seinem Denken zum kriechenden Fuchs entwickelt. Er hatte sanfte, gräßliche Augen, die ekelhaft anzuschauen waren. Unter seinem Wams trug er stets ein altes Seidenhemd, das braun wie seine Haut und eins mit ihr geworden war. Im ersten Augenblick sah es aus, als wäre er nackt bis zum Gürtel. Da er uns allen an Kraft überlegen war, genoß er großes Ansehen unter uns.
Die Sonne tut schließlich ihr Werk an mir und macht mich schläfrig. Und im hohen Grase rauscht die Brise.
Das war ein sehr unruhiger Schlaf, ein paarmal sprang ich auf und schrie, legte mich aber wieder ruhiger hin, als ich sah, wo ich war. Jeß sagte jedesmal: »Schlaf weiter, Nut.«
Als ich später am Tage erwachte, saßen meine beiden Kameraden da und aßen. Sie sprachen darüber, daß wir unsre Löhnung im Stich gelassen hatten, daß wir vier Wochen auf der Farm geschuftet hatten, ohne unsre Bezahlung zu bekommen.
»Wenn ich dran denke, könnt ich zurückgehen und die Farm niederbrennen,« sagte Huntley.
Er verschlang unmäßige Portionen von seinem Proviant und ging nicht sparsam damit um für später. Da ich mein Fleisch für mich hatte, brauchte ich bloß etwas Brot, das ich auch von Jeß bekam. Von nun ab hatte ein jeder seinen Vorrat.
Als wir gegessen hatten, begaben wir uns wieder auf die Wanderschaft. Die Sonne war stark im Sinken begriffen, wir schätzten die Zeit auf vier, halb fünf Uhr, als wir aufbrachen. Und wieder steuerten wir nach Norden zu, um auf die Bahnlinie zu stoßen.
Wir wanderten bis in die dunkle Nacht und gingen abermals auf der Prärie zu Bett; vorher aß Huntley seinen ganzen Vorrat und war [17] gehörig satt, als er einschlief. Während der Nacht erwachten wir in Zwischenräumen alle drei von der eisigen Kälte, dann machten wir im Dunkeln ein paar Sprünge vor und zurück, bis wir fielen und das bereifte Gras im Gesichte fühlten. Dann krochen wir wieder aneinander heran, fielen in Halbschlaf und klapperten mit den Zähnen. Huntley fror etwas weniger als wir, weil er sehr satt war.
Schließlich sagte Jeß und erhob sich dabei:
»Wir könnten ebensogut weiterwandern, bis die Sonne aufgeht, und uns dann hinlegen.«
Als wir uns aber dann auf den Weg machten, da wollte Huntley den einen Weg und Jeß einen andern. Es war kein Licht vorhanden, und kein Stern stand am Himmel, daß wir uns darnach hätten richten können.
»Ich gehe mit Jeß,« sagte ich und fing zu gehen an.
Und Huntley kam nun hinter uns her und fluchte und schimpfte besonders mich einen elenden Burschen und einen Kerl ohne Sinn und Verstand.
Als es heller wurde, fingen wir im Gehen zu frühstücken an. Huntley, der nichts mehr zu essen hatte, folgte uns schweigend. Im Laufe des Tages begannen wir Durst zu verspüren, und Jeß sagte: »Wir werden vielleicht den ganzen Tag über kein Wasser finden, seid mit dem Tabak [18] sparsam, Kinder, und nehmt nur ein bißchen auf einmal.«
Aber Huntley hatte auch seinen Tabak verbraucht, so daß wir mit ihm teilen mußten.
Am Abend in der Dämmerung, als wir nichts mehr sehen konnten, hörten wir weit vor uns einen Eisenbahnzug dahinbrausen. Das klang in unsre Ohren wie zärtliche Musik, und wir gingen mit frischen Kräften drauf los. Endlich stießen unsre Füße gegen die Schienen. Aber weder im Osten noch im Westen war etwas andres als Schienen zu sehen, und wir mußten uns niederlegen, wo wir standen, und den Morgen erwarten. Meine Kameraden legten sich auf das Geleise selbst, den Kopf auf der Schiene, aber ich wagte es nicht, meine Courage war dahin, ich legte mich drum wieder ins Gras. Und auch diese Nacht ging zu Ende, obwohl ich für mein Teil fast ständig an der Bahn entlang sprang, um mich warm zu halten.
Als der Morgen dämmerte, erhob Jeß sich plötzlich und sagte:
»Paßt auf, Jungen, es kommt ein Zug.«
Mit dem Kopfe auf der Schiene liegend, hatte er das schwache Zittern in der Ferne gefühlt. Alle drei standen wir parat und gaben dem Lokomotivführer Zeichen, trotzdem wir kein Geld hatten; Huntley, der Fuchs, legte sich auf die Kniee und streckte die gefalteten Hände [19] aus. Aber der Zug brauste vorüber. Es war ein Weizenzug; er hätte uns wohl aufnehmen können. Zwei rußige Männer standen auf der Maschine und lachten uns aus.
Huntley erhob sich und war wütend. Er sagte:
»Ich hatte mal einen Revolver, es ist eine Schande, daß ich den nicht hier habe.«
Wir begannen längs der Eisenbahn nach Westen zu gehen; das war ein anstrengendes Wandern über Tausende von Schwellen, ein Gehen wie über eine liegende Leiter. Jeß und ich verzehrten einige Mundvoll Essen; Huntley schämte sich nicht, er bat uns um einen Happen, wir gaben ihm aber nichts. Und damit nicht der Rest meines Essens in die Hände Huntleys fiele, während ich schliefe, verzehrte ich das ganze vor seinen Augen.
»War das etwa schön gehandelt nach deiner Meinung?« sagte Huntley haßerfüllt.
Während des Tages hörten wir einen neuen Weizenzug kommen. Jeß entschied, daß wir uns in Zwischenräumen von ein paar hundert Metern längs der Bahn aufstellen und einer nach dem andern versuchen sollten, den Zug zu besteigen. Weit drüben steht eine Rauchlinie in der Luft, der ganze Zug erscheint so klein, er sieht aus wie ein einziger kleiner Kasten. Wir sind in der höchsten Spannung.
Huntley sollte als erster den Versuch machen. Er bekam auch den einen Wagen zu fassen, war aber zu schwer, um mit den Beinen folgen zu können; am Arme hängend, verdrehte er seinen Körper und mußte loslassen, er wurde weithin ins Gras geschleudert. Ich selbst versuchte gar nicht mitzukommen, es war mir nicht mehr soviel Verwegenheit geblieben. Jeß jedoch hatte gewiß schon früher einen fahrenden Zug erklettert, er lief in ein paar hastigen Sätzen neben dem Zuge her, schlug die Hand um den Griff und stand in demselben Augenblick auf dem Trittbrett.
»Der Hund, er reist uns vor der Nase fort,« sagte Huntley und spie Gras aus dem Munde.
Plötzlich steht der Zug ein Stückchen weiter still, wir sehen zwei Eisenbahnleute Jeß übermannen und absetzen. Als Huntley und ich hinzuliefen, um ihm behilflich zu sein, wars zu spät, der Zug fuhr bereits, und wir drei Vagabunden standen wieder auf der Prärie.
Der Durst quälte uns stärker und stärker. Huntley hat zum zweitenmal seinen Tabak verbraucht und hat nichts, um sich seines Durstes zu erwehren, er spuckt ein wenig weißen Speichel in seine Hand und zeigt uns, daß ihn mehr dürstet als irgendeinen. Da teilen Jeß und ich den Tabak zum letztenmal mit ihm.
Und wieder gehen und gehen wir nach Westen zu. Der Tag neigt sich.
Ein Mann kommt uns auf dem Geleise entgegen, er geht in östlicher Richtung. Ein Vagabund ist es wie wir, um den Hals trägt er ein kleines seidnes Tuch und ist wärmer gekleidet als wir, aber sein Schuhwerk taugt nichts.
»Hast du zu essen oder Tabak?« fragte Huntley.
»Nein, mein Herr,« erwiderte der Landstreicher in ruhigem Ton.
Da untersuchten wir ihn und sahen in seinen Taschen und auf seiner Brust nach, aber er hatte nichts.
Alle vier setzten wir uns ein wenig nieder und sprachen miteinander.
»Nach Westen zu habt ihr nichts zu suchen,« sagte der neue Landstreicher. »Ich gehe jetzt zwei Tage und Nächte lang und habe keine Menschenseele getroffen.«
»Und was sollen wir nach Osten zu anfangen?« fragte Huntley. »Wir kommen von da, wir sind seit heut morgen unterwegs.«
Aber der neue Landstreicher beredete uns, mit ihm umzukehren und nach Osten zu wandern. Unsre ganze mühselige Wanderung seit heute morgen war vergeudet; jetzt mehr noch als vorher hofften wir, daß ein Kondukteur kommen möchte, der uns auf einen Weizenzug steigen ließe.
Unser neuer Kamerad ging im Anfang rüstiger als wir, weil sein Körper leicht war und er noch viel Kräfte hatte; gegen Abend aber, als wir an die Stelle gekommen waren, wo wir in der letzten Nacht gelegen hatten, begann er langsamer zu gehen und sich hinter uns zu halten.
Jeß fragte ihn, wie lange es her sei, seit er nichts gegessen habe, und er gab zur Antwort, es sei zweimal vierundzwanzig Stunden her.
Wir gingen noch eine Stunde lang mit dem müden Gefährten. Als es pechschwarz um uns geworden war, mußten wir die Beine hochheben und wie die Hähne gehen, um mit den Beinen nicht an die Schwellen zu stoßen. Wir versuchten es, Hand in Hand zu wandern, aber es stellte sich dabei heraus, daß Huntley lässig wurde und sich zu sehr von uns andern schleppen ließ, darum gaben wir das wieder auf. Schließlich legten wir uns zur Ruhe.
Als der Morgen graute, waren wir wieder auf den Beinen. Heute ging es wie gestern, ein nach Osten fahrender Weizenzug kam vorüber, kümmerte sich aber nicht um unsre Signale. Zähneknirschend ballte Huntley die Faust hinter ihm her. Zu dem neuen Landstreicher sagte er:
»Hättest du wenigstens etwas Tabak bei dir gehabt, so würde uns der [23] Durst nicht so plagen. Wie heißt du?«
»Fred,« entgegnete der Mann.
»Dann bist du wohl so ein verdammter Deutscher?«
»Von Geburt, ja.«
»Ich dacht es mir. Ich habs dir angesehen,« sagte Huntley feindselig.
Fred war jetzt muntrer geworden und ging einher wie ein Held. Er schien seiner Sache gewiß zu sein, daß im Osten eine Farm oder eine kleine Stadt liege; im übrigen sprach er nur hie und da und mischte sich nicht in das, was wir andern vorbrachten. Nach ein paar Stunden wurde er müde und hielt sich wieder hinter uns. Als wir uns schließlich umsahen, hatte er sich niedergesetzt.
Der Landstreicher Jeß sagte:
»Wir müssen ihm unser Essen geben, Nut.«
Es war die pure Großtuerei von Jeß, denn er wußte, daß ich kein Essen mehr hatte; aber er sagte es, damit wir nun deutlich sehen sollten, was er selbst tun würde. Er ging zu Fred zurück und gab ihm sein Essen.
»Das tust du nur, damit die Menschen dich anstaunen,« schrie ich ihm erregt zu, da ich ihn wohl durchschaute.
Da zuckte Jeß zusammen.
»Und alles tust du bloß, um dich in Ansehen bei uns zu setzen. Als du wachtest in der ersten Nacht, während wir schliefen, da sorgtest du auch dafür, daß wir die Sache verständen. Ein Schwindler bist du. Ich habe Huntley, der ein schlechter Kerl ist, hundertmal lieber als dich.«
»Halt dein dreckiges Maul!« sagte Huntley und verstand kein Wort von dem, was ich sagte. »Du bist neidisch auf Jeß, weil er ein besserer Mensch ist als du?«
Für Fred wars schlecht und recht eine halbe Mahlzeit, die ihm große Dienste tat. Und wir machten uns wieder auf die Beine.
Das Essen hatte jedoch für Fred sowohl böse wie gute Folgen, er geriet nach und nach in eine Art Geisteszerrüttung und verlor die Herrschaft über sich. Er verlegte sich aufs Schwatzen, ja, er wurde anmaßend und hatte große Pläne mit einer kleinen Station auf der Prärie. Da stände ein Weizenzug auf den Schienen, sagte er, und da stände auch ein geladener Motor, den wir anzünden könnten.
»Warum sollten wir den anzünden?« fragte Huntley ärgerlich. Es entspann sich eine lächerliche Unterredung über diesen Motor. »Wenn wir ihn anzünden, so wird eine Explosion kommen,« sagte Fred, »viele Leute werden herbeilaufen, die wir erschlagen können.«
»Dabei fällt viel Essen für uns ab,« erwiderte Huntley höhnend. Und zu mir sagte er: »Dieser Verrückte müßte auf der Stelle von uns fort. Er stört unsern Kreis. Bevor er kam, war alles in Ordnung.«
Als Fred eine Weile Unsinn geredet hatte, sank er in seine frühere Wortkargheit zurück. Wir alle schwiegen und schritten emsig aus, nur Huntley hielt sein Mundwerk im Gang.
»Was soll draus werden?« sagte er gegen Mittag zu uns.
»Weiß ichs?« war meine Antwort.
»Nein, nein, du weißt es nicht. Aber sehnst du dich denn zurück nach Orange Flat? Und was solltest du da?«
»Wir müssen nur geradeaus gehen,« sagte Jeß.
Später am Nachmittage setzten wir uns und ruhten eine Stunde.
Huntley bemerkte:
»Du sagst ja nichts, Fred.«
»Du bist ein Affe,« erwiderte Fred mit wütenden Augen.
Das reizte Huntley.
»Du bist wohl so vornehm und brauchst ein Schuhhorn für die Fahrzeuge da?« sagte er und zeigte auf Freds Schuhe.
Fred schwieg und seufzte. Er begriff wohl, daß er keinen von uns auf seiner Seite hatte. Als wir dann weitergingen, versuchte Fred, sich in [26] unsern Augen dadurch interessant zu machen, daß er sich plötzlich auf der Bahn niederbeugte und einen Stein oder einen rostigen Kloben fand, den er sehr genau untersuchte. Wir andern liefen dann hinzu und waren enttäuscht, wenn wir sahen, was es war. Aber Fred tat es wohl nur, um unsre Aufmerksamkeit für eine Weile zu erregen.
Wir kamen auch an einen verfallenen Schuppen mitten auf der Prärie. Der stand sicher seit der Zeit hier, wo die Bahn gebaut wurde. Wir gingen hinein und sahen uns darin um, aber der Landstreicher Fred kam nicht mit.
Jeß und Huntley fingen nun nach Herumstreicherart an, ihre Anfangsbuchstaben in die Wände einzuschneiden; währenddessen stand Fred draußen, und Huntley ging hie und da ans Türloch heran, um nach ihm zu sehen. Als er seine Buchstaben fertig hatte, ging er wieder hin und sah hinaus.
»Da läuft er!« schrie er heftig. »Der Hund, er stiehlt sich von uns fort. Er wird wohl von einem Orte wissen, wo es gut sein ist.«
Und alle drei sprangen wir hinter dem flüchtigen Fred her und gröhlten ihm nach, als wollten wir ihm das Leben nehmen. Als er sich verfolgt sah, wendete er sich in großem Bogen nach der Prärie hin; da wir aber [27] zu dreien waren, konnte er nirgendhin entkommen. Huntley schüttelte ihn wie ein Kind, als er ihn zu packen bekam, und verlangte zu erfahren, ob er um einen guten Ort wüßte.
»Ich weiß von keinem guten Ort,« erwiderte Fred, »aber ich kann nicht bestehen unter euch. Ihr seid ein paar boshafte Narren. Bitte, nimm mir mein Leben. Es liegt mir nichts dran.«
Wir verständigten uns wieder und gingen zusammen weiter, bis die Dunkelheit anbrach; wir waren erschöpft und legten uns deshalb zeitig zur Ruhe. Bevor es geschah, hatte ich einen Wortwechsel mit dem Landstreicher Jeß, der damit endete, daß er mir ein paar Schläge ins Gesicht gab, weil ich ihn einen Schwindler genannt hatte.
»Das ist recht, er verdient Prügel,« sagte Huntley gleichfalls und sah neugierig zu. Schließlich traf ich Jeß mit einem Schlage unters Kinn, daß er hinfiel und genug hatte.
In der Nacht hörte ich, wie der Jeß sich erhob und auf die Prärie hinausging. Seine Hosen streiften die mit Reif bedeckten Gräser. Er führt etwas im Schilde! dachte ich und ging still im Dunkeln hinter ihm her. Ich war an die zehn Schritte vorwärts gelangt, als ich bemerkte, daß Jeß im Grase lag und etwas verzehrte, ich glaubte auch Fleisch in [28] seiner Nähe zu riechen. Er hat also noch Eßwaren! dachte ich. Still kehrte ich auf meinen Platz zurück und tat, als ob ich schliefe. Eine halbe Stunde darauf kam auch Jeß zurück und legte sich nieder.
Am Morgen erzählte ich Huntley, was ich wußte, und verlangte, er solle mir dabei helfen, den Jeß zu untersuchen. Huntley war gleich bereit dazu und kriegte Jeß zu packen. Es stellte sich heraus, daß Jeß an drei Stellen im Innern seiner Bluse Brot hatte, und daß das Brot ausgehöhlt war, und in den Löchern lag Fleisch. Das rettete uns, wir teilten das Ganze unter uns viere und bekamen jeder eine kleine Mahlzeit. Als wir gegessen hatten, dankten wir Jeß und segneten ihn, obwohl er uns hatte betrügen wollen. Da fing Jeß in seiner Beschämtheit zu pfeifen an und wollte uns damit unterhalten. Und er pfiff wie ein Künstler.
Dann gingen wir weiter.
Schon nach Verlauf einer Stunde sahen wir ein paar kleine weiße Vierecke vor uns auftauchen.
Es dauerte noch eine gute Weile, bis wir hinkamen: es war eine Farm mit Weizenfeldern und künstlicher Brunnenanlage und allem. Ehe wir bis an die Gebäude gelangten, stießen wir auf ein Weib, ein junges Mädchen, das auf ihrer Schneidemaschine saß und mähte. Das war ein prächtiger [29] Anblick für uns, die wir von der Prärie kamen und seit Jahr und Tag kein Weib gesehen hatten. Sie war jung und hatte einen großen Strohhut auf dem Kopfe, und sie nickte, als wir grüßten. Huntley war es, der zuerst mit ihr sprach und sie um ein wenig zu essen und zu trinken bat.
Das Mädchen antwortete, daß wir alles bekommen sollten, was wir begehrten.
»Wir sind auf Orange Flat verabschiedet, weil das Einfahren nun vorüber ist,« sagte Huntley.
Da wollte sich Jeß bemerkbar machen und ehrlich sein, und er sagte:
»Nein, wir sind von Orange Flat durchgebrannt, weil wir nicht genug Schlaf hatten. Das ist die Wahrheit.«
»Gut!« sagte das Mädchen.
Und wir machten uns alle an sie heran, und ich stand mit dem Hute in der Hand vor ihr und sprach zu ihr. Aber den Preis trug doch unser neuer Kamerad Fred davon, weil er ein blonder Deutscher war und am besten aussah. Sie bat ihn, sie nach Hause zur Farm zu begleiten, um von da Eßwaren zu holen; während der Zeit sollten wir andern ihre Pferde besorgen. Es wäre kein einziger Mann daheim auf der Farm, sagte [30] sie, und sie wagte es nicht, uns alle mitzunehmen, um ihre Mutter nicht zu erschrecken.
Während das Mädchen und Fred fort waren, setzten wir drei uns der Reihe nach auf die Schneidemaschine und ließen die Pferde gehen.
Nach einem Weilchen kam der Besitzer der Farm dazu. Er sah, was wir konnten; und noch bevor das junge Mädchen mit dem Essen zurückkam, hatte ihr Vater uns vier Vagabunden in seinen Dienst genommen bis zur Beendigung der Ernte.
Die Erntearbeit erledigten wir in fünf und das Dreschen danach in zwei Tagen; wir erhielten also Lohn für sieben Tage und waren wieder vogelfrei. Der Landstreicher Jeß hielt sich gleich bereit, den Ort zu verlassen — wie er schon hundert Orte vorher verlassen hatte; sieben Tage lang hatte er nun die Landstreicherei an den Nagel gehängt gehabt. Ich machte mich fertig, ihn zu begleiten; Huntley aber und Fred, den Deutschen, wollten wir nicht mitnehmen.
Als wir draußen auf dem Hofe standen und Huntley schon ein Stück entfernt war, da sagte der Farmer, daß er wohl zwei von uns noch einen Monat lang würde brauchen können beim Herbstpflügen. Jeß weigerte [31] sich, dazubleiben, und gab vor, er müsse ohne Zögern notwendig nach Osten, so wurden dann der deutsche Fred und ich dazu erkoren, auf der Farm zu bleiben. Und Fred wollte nichts lieber als das, er zog gleich die Jacke aus und ging an die Arbeit.
Jeß sagte zu mir:
»Die Verabredung war, daß wir zwei miteinander wandern wollten. Begleite mich wenigstens bis zur Stadt. Wir haben nun beide wieder Geld und können uns nach einer bessern Stelle umsehen, als die hier ist.«
Ich sagte deshalb dem Farmer, ich würde morgen zurückkommen, und zog mit Jeß von dannen.
Nachdem wir ein paar Stunden dem Eisenbahngeleise nachgegangen waren, kamen wir an eine Farm, nach vier Stunden wieder an eine. Dann gelangten wir in die Stadt Eliot. Unterwegs hatte Jeß mir auseinandergesetzt, daß mancher kleine Verdienst winken könne, wenn man sich nur nicht eine Ewigkeit lang auf einer entlegnen Farm festsetze. Hier liege nun ein Städtchen vor uns; vielleicht könnten wir an der Bahn entlang hineinkommen.
»Ich will morgen zurück zur Farm,« sagte ich.
»Ich weiß wohl, was du dir in den Kopf gesetzt hast,« sagte Jeß. »Das Mädchen hat [32] es dir angetan. Laß du ruhig das Mädchen fahren, Fred ist ihr lieber als du, und er hat bessere Aussichten, weil er so gut aussieht.«
»Ich finde, Fred ist wahrhaftig keine Schönheit,« bemerkte ich.
Dazu schwieg Jeß. Aber nach einer Weile sagte er:
»Nicht deswegen; Fred bekommt das Mädchen auch nicht.«
»Nein, nicht wahr?« sagte ich und wurde vergnügt. »Der reine Satan bist du in der Beziehung, du verstehst dich auf so was, Jeß; und du glaubst also nicht, daß Fred sie bekommt?«
»Der Alte würde es nicht zulassen ... Was du zu tun hast, wenn du dir Aussichten schaffen willst, will ich dir sagen. Eine Zeitlang fortbleiben mußt du und mit viel Geld in der Tasche wiederkommen. Das ist der Weg.«
Von jetzt ab brannte ich darauf, viel Geld zu erwischen.
Wir gingen in eine Schenke in der Stadt und ließen uns zu trinken geben. Ich war an alle starken Getränke so wenig gewöhnt, daß ich im Nu voller Frohsinn und Possen steckte. Aber lange dauerte es nicht: als eine herumstreifende Musikbande eintrat und Harfe und Violine zu spielen begann, wurde ich gleich wieder demütig und geriet in ein innerliches [33] Schluchzen. Der Frau mit der Harfe gab ich ein paar Pfennige. Jeß sah mich verwundert an.
»Du bist verliebt, das ist die Sache,« sagte er.
Wir streiften umher, von der einen Schenke zur andern, weil wir keinen andern Aufenthaltsort hatten. Und überall waren wir willkommen, da wir aus dem Westen kamen und unser Benehmen darauf schließen ließ, daß wir viel Geld mit uns führten. In einer der Wirtschaften trafen wir auch Huntley, der bereits stark berauscht war und uns mit seinem Taschenmesser entgegenkam, um uns zu erstechen. Wir wollten denn auch nicht mit ihm zusammen sein. Am Abend landeten wir wieder in der ersten Schenke. Während wir da am Schenktisch standen, wurde ein kleines Gespräch zwischen dem Wirt und einem der Leute aus der Stadt geführt, einem Eisenbahnmanne, der eingetreten war, um einen Whisky zu trinken.
Der Wirt fragte:
»Ich sah Mr. Hart und seine Frau heut zum Zuge gehn; wohin wollten Sie?«
»Nach Chicago,« antwortete der Mann. »Er hat Geschäfte da, wie ich höre. Die Frau ist zum Vergnügen mitgefahren.«
»Dann leitet wohl George inzwischen die Bank?«
»Das nehme ich an; George ist der Schlechteste nicht, wenn er sich nur nüchtern hält.«
Diese Unterhaltung bot kein Interesse für mich, aber mein Kamerad hörte scharf zu und forderte mich auf der Stelle auf, mit ihm hinauszugehen: er habe mit mir zu reden.
Langsam gingen wir stadteinwärts, und Jeß grübelte den ganzen Weg entlang. Wir kamen an ein Gebäude, woran auf einem Schild geschrieben stand: Hart & Co. Farmers Bank; hier bat Jeß mich, einen Augenblick zu warten, und ging selber hinein. Als er zurückkam, fragte ich:
»Was hast du da drinnen gemacht?«
»Ich habe meine letzte kleine Banknote gewechselt,« antwortete Jeß.
Wir gingen weiter und gelangten ans Ende der Stadt; da setzten wir uns bei der Bahnweiche hin, wo zugeschnittenes Bauholz in Stapeln den Schienen entlang lag.
Zunächst ging Jeß rund um diese Stapel herum und vergewisserte sich, daß wir allein waren, dann kam er zurück und sagte:
»Keiner von uns hat noch soviel Geld übrig, daß es der Rede wert wäre, nicht wahr?«
»Ich habe noch ein paar Dollars,« erwiderte ich und sah nach.
»Dann wirst du einen Dollar weniger haben [35] als ich. Den hast du der Frau mit der Harfe gegeben. Das war übrigens das Dümmste, was du tun konntest.«
»Na, soviel klüger ist's wohl nicht, in den Schenken herumzuziehen und das Geld zu versaufen.«
»Hast du bemerkt, wie ich saufe?« fragte Jeß. »Ich trink einen Schnitt, wenn du ein Seidel trinkst. Allemal.«
»Worüber wolltest du eigentlich mit mir reden?« fragte ich.
»Und außerdem hätte ich den Plan, den ich jetzt im Kopf habe, nicht gefaßt, wenn wir nicht in die Schenken gegangen wären,« fuhr Jeß fort.
»Was ist das für ein Plan?«
»Mr. Hart und Mrs. Hart sind heute nach Chicago gereist,« sagte Jeß.
»Ja —?«
»Und George wird inzwischen die Bank verwalten.«
»Ja, ich habe das gehört —?«
»George, das ist der Bruder der Mrs. Hart, nach dem, was ich erfahre.«
»So, so.«
»Aber George ist ein berüchtigter Trinker.«
»Das alles weiß ich bereits, Jeß. Was du bloß faselst!«
Jeß erklärte sich nun ein wenig deutlicher, und ich begriff, daß er — kurz und gut — in dieser oder in der nächsten Nacht der Bank einen Besuch abstatten wollte. Ich sollte ihm behilflich sein.
»Ich getrau mich nicht, es zu tun,« war meine Antwort.
»Dann nehm ich Huntley mit.«
Das wollte ich auch nicht haben, und ich sagte:
»Ich habe es noch nie getan. Es hört sich sehr gefährlich an. Aber wenn du michs lehren willst ...«
»Gefahr ist nicht vorhanden,« sagte Jeß. »Wenn George zu trinken anfängt, so ist alles andre eine Kleinigkeit, ich habe das Haus studiert.«
Und Jeß zeigte mir erstens eine Säge, um Metall zu durchsägen, und zweitens eine herrliche Zange mit Auswechslung, um Schrauben abzuknipsen. Die Schneiden waren scharf wie zwei Messer.
»Aber später?« fragte ich, »hinterher?«
»Hinterher sind wir weit von hier,« entgegnete Jeß. »Mr. Hart braucht drei Tage zur Hin- und drei Tage zur Rückreise, das macht sechs; er wird sich in Chicago vier Tage lang aufhalten, das macht zusammen zehn«. Und Jeß setzte hinzu: »Übrigens denke ich nicht daran, die [37] Bank leerstehlen zu wollen. Was du dem Mädchen gegenüber brauchst, dafür ists ein gutes Fundament an Geld; du kannst dir dann ja noch mehr hinzusparen.«
Wir schlenderten ein paar Stunden umher, die Läden wurden geschlossen, und die Straße belebte sich für eine Weile mit Leuten, die ihr Tagewerk getan hatten. Nur die Schenken waren noch offen, und sie waren offen, solange Gäste da waren.
»Nun kommt es darauf an, George zu finden und zu sehen, was er unternimmt,« sagte Jeß.
Und wir zogen von Kneipe zu Kneipe und tranken Whisky und Bier, fanden aber niemand unter den Gästen, der George hätte sein können. Und wir landeten wiederum in der ersten Kneipe. Hier trafen wir George.
George war mehrere Stunden lang standhaft geblieben und hatte nicht auf den Jux hinaus wollen; er sagte es selbst, als er kam. Doch es sei ja ein so schöner Herbsttag, fügte er dann hinzu, und es sei einerlei, wo er sich für ein Stündchen aufhalte.
Er war ein kleiner, beleibter Mann im Alter von mindestens vierzig Jahren, mit auffallend sinnlichem Blick. Er trug vornehme Kleidung [38] und hatte sehr weiße Hände, weil er immer bloß saß und schrieb. Uns beachtete er gar nicht.
Er begann sofort stark zu trinken; es kamen Leute von der Straße herein, die mit ihm bekannt waren, und zusammen mit ihnen machte er den Abend zum fröhlichen Fest. Er wurde von allen mit großer Höflichkeit behandelt.
Als Jeß an den Tisch herantrat und ihn einlud, mit ihm zu trinken, antwortete George abweisend, weil er eben ein großer Mann in der Stadt war und Jeß nichts als ein Landstreicher.
»Doch, trinken Sie mit ihm,« sagte der Wirt. »Die beiden Herren haben die Tasche voll Geld,« fügte er hinzu und deutete auf Jeß und mich.
»Sie werden mehr haben als ich,« erwiderte George und wies sein Taschenbuch vor.
Er hatte ein paar Banknoten darin. Von nun an übernahm er alle Ausgaben und traktierte jeden, der zu trinken wünschte. Der Wirt tat alles, um ihn zufriedenzustellen.
»Ich muß mir mehr Geld holen,« sagte George. »Erwartet mich hier, Burschen.«
Er ging hinaus. Er war sehr aufgeräumt und sang.
»Ein Prachtkerl!« sagten die Burschen zueinander.
»Er wird so weitermachen die ganze Nacht.«
Jeß ließ sich kein Wörtchen entgehen.
Als George zurückkam, gab er sich zunächst den Anschein, als habe er nicht mehr Geld finden können; aber er bestellte sorglos eine Runde Getränke nach der andern und zahlte aufs reichlichste mit Banknoten aus dem Taschenbuch.
Darüber verstrichen einige Stunden.
»Nun gehen wir zu Conway,« erklärte George.
Conway war der Inhaber einer andern Kneipe.
»Er hat geschlossen,« sagte der Wirt.
»Dann brechen wir ein,« sagte George. »Kommt, Kinder.« Jeß und ich, wir hielten uns zurück, als seien wir zu stolz, mitzugehen.
»Wollt ihr zwei nicht mitgehen?« fragte George. »Ich lade euch ein.«
Und wir ließen uns überreden.
Conway hatte noch nicht geschlossen; auch da war eine fidele Gesellschaft beisammen, und George und seine Leute wurden willkommen geheißen. Jeß wollte für sich und mich nicht ganz zurückstehen, er begann vielmehr wie ein Künstler zu pfeifen und weckte großen Beifall.
»Er pfeift verteufelt gut!« sagten sie alle.
Wir blieben zwei Stunden da und tranken starkes Zeug in ungeheuern Mengen. Ich trank die ganze Zeit Schnitte, wie Jeß es mich gelehrt hatte, und es hatte keine Wirkung mehr auf mich, da ich in großer Spannung war, — wegen der Dinge, die bevorstanden.
George zählte sein Geld und sagte:
»Nun geh ich zu den Mädels. Gutnacht, Kinder. Ich muß mir noch Geld holen.«
»Du hast doch eine Masse Geld bei dir,« wurde eingewendet.
»Es reicht nicht,« erwiderte George.
Er taumelte zur Tür hinaus.
»Heute nacht wird die Bank um ein paar hundert Taler ärmer,« sagten die Burschen.
»Es hat den Anschein,« erwiderte Jeß augenblicklich und ging darauf ein. »Er versteht das Geldausgeben meisterlich.«
Doch da keiner ein Gespräch mit Jeß führen mochte, der ein Landstreicher war und blieb, so zogen sich alle von uns zurück.
Jeß ging an ihren Tisch hinüber und fragte jeden einzeln, was er zu trinken wünsche, aber sie alle sagten: nein, danke, sie wollten nichts mehr trinken.
»Komm und gönn dir einen Whisky,« wendete er sich an mich.
Ich sah ihn erstaunt an.
»Du wirst das brauchen können,« sagte Jeß.
Ich trank zwei große Gläser Whisky, wurde firm und unüberwindlich und hätte mich daran machen können, die Menschen aus Conways Kneipe, einen nach dem andern, hinauszuwerfen.
Jeß und ich sagten Gutnacht und gingen auf die Straße.
Finster und öde lag die Stadt da. Jeß führte, und wir bewegten uns in der Richtung auf die Bank zu. In den Fenstern war Licht, und daraus schlossen wir, daß George sich im Hause befinde.
»Warte hier auf mich!« sagte Jeß und tat fünf lautlose Sprünge auf das Haus zu. Er verschwand durch die Gartentür.
»Wohin mag er gegangen sein?« dachte ich.
Ich wartete zwei Minuten, und Jeß kehrte zurück.
Er machte dieselben Sprünge.
»Wo bist du gewesen?« sagte ich.
»Ich war drüben und hab ein bißchen an seinem Türschloß gefingert,« entgegnete Jeß. »Laß uns ruhig hier warten.«
Plötzlich ergriff Jeß mich am Arme und flüsterte:
»Hörst du?«
Wir hörten einen Mann mit dem Schlüssel an einem Schloß arbeiten und arbeiten und immer maßlosere Flüche ausstoßen.
»George ist es,« sagte Jeß.
Wir versteckten uns hinter einer Hausecke und warteten.
»Ich kann die verdammte Tür nicht zukriegen!« sagte George und kam auf die Straße heraus. »Na, der Schrank hat seine zwei Schlösser!«
George ging zu den Mädchen und taumelte stark.
»Nun machen wir noch einen kleinen Abstecher, bis alles ruhig ist,« sagte Jeß.
Im Gehen bemerkte ich:
»Ich glaube doch nicht, daß du es wagst, Jeß.«
»So?« sagte Jeß.
Er musterte die Häuser, so gut es sich im Finstern tun ließ, wählte sich einen Laden mit einer Doppeltür aus und sagte, er wolle mir etwas zeigen. Er gab sich das Ansehn eines total Besoffnen und schwankte wie aus Unbehilflichkeit gegen die Tür. Das bewirkte eine starke Erschütterung im ganzen Hause, und die Türen sprangen beide auf.
Ein Mann, der Wache hält, ruft drinnen aus dem Laden heraus:
»Was zum Teufel ist das?«
Jeß verharrt schwankend in der Tür, als begreife er selbst nicht, wie er hierhergekommen sei.
»Wer ist da?« fragt der Mann im Laden. »Ich schieße, Hundsfott, wenn du nicht Antwort gibst.«
»Ich bin es,« sagt Jeß ganz hilflos vor Trunkenheit und läßt sich zu Boden fallen.
Der Mann im Laden mußte ihn nun obendrein aufs Trottoir schleppen. Und so gut verstand Jeß es, nach betrunkner Leute Art zu faseln, daß der Wächter durchaus einsah, daß es sich [43] hier um einen unfreiwilligen Einbruch handle. Er schloß die Türe wieder und war wütend.
»Wie ärgerlich, daß ein Mann im Laden sein mußte,« sagte Jeß, als er wieder auf der Straße zu mir stieß. »Sonst wäre es vielleicht ein kleiner Fang geworden.«
»Nun sehe ich, daß du Mut hast zu allem, was es auch sein mag,« sagte ich.
Und wieder standen wir vor der Bank. Jeß sagte:
»Du mußt dir eine Handvoll Sand hier auf der Straße zusammensuchen und gegen die Fenster schleudern, wenn jemand kommt.«
»Ja,« sagte ich und hörte mein Herz hämmern.
»Nun gehe ich,« sagte Jeß.
Ich stand eine Weile da und sah ihm nach, wie er durch die Gartenpforte verschwand. Wenn jetzt jemand käme und mich fragte, warum ich hier stünde: was sollte ich dann antworten? Ich suchte eine Handvoll Sand zusammen und reinigte sie von den kleinen Steinen; die Straße war ungepflastert, und auf dem Fahrwege lag trockner Sand in Massen. Nichts war zu sehen, die Stadt war still, hie und da erscholl unten bei der Station das Pfeifen der Lokomotiven, die mit den Weizenzügen rangierten. Plötzlich höre ich Schritte auf dem Fußgängersteig. Schon will ich den Sand gegen die Scheiben der Bank [44] werfen, aber statt dessen gehe ich dem Kommenden entgegen, sage Gutenabend und erhalte Antwort. Und der Mann geht seiner Wege. Jeß mochte jetzt fünf Minuten lang fort sein.
Da höre ich deutlich mehrmals hintereinander ein leises Knipsen in der Bank. Nun schneidet Jeß Schrauben durch, denke ich und bin verwundert über seine Kaltblütigkeit. Ich wußte, wohin ich flüchten wollte, wenn es notwendig würde: zur Eisenbahn hinunter, wo sich die vielen Schuppen längs dem Geleise befanden.
Es dauerte lange, eine Ewigkeit. Jeß beginnt drinnen Metall zu durchsägen, ich höre bis hierher diesen oder jenen Ruck, und ich stehe wie auf Nadeln ob seiner beispiellosen Frechheit. Wenn es ihm jetzt nur wirklich gelänge, etwas Ordentliches zu stehlen! denke ich und bekomme Gier auf meinen Anteil. Je später es wurde, desto ruhiger wurde ich auch, und ich ging auf dem Bürgersteig hin und her und grübelte. Auch an das Mädchen auf der Farm mußte ich denken, Alice Rodgers hieß sie.
Nun ist Jeß ganz gewiß seit einer Stunde fort und noch immer nicht zurückgekehrt. Als ich mich eben soweit ermannen will, den Garten zu betreten und nachzuschauen, da kommt Jeß heraus. Er eilt mir voran, hinunter zu den Bretterstapeln längs den Geleisen.
»Verfluchtes Pech das!« pustete er los nach seiner fleißigen Arbeit.
»Was ist geschehen?« fragte ich.
»Dieser verflixte George muß die ganze Bank mit zu den Mädchen genommen haben,« sagte Jeß. »Der Schrank war leer. Bloß Protokolle waren noch da.«
Eine heimliche Zufriedenheit durchfuhr mich bei dieser Mitteilung, und ich verriet mich, indem ich ihm ausgelassen auf die Schulter klopfte und ihn fragte:
»Du hast also nichts an dich gebracht?«
»Was sollte ich an mich bringen, dummes Biest?« sagte Jeß erbost. »Ich will nicht länger hier sitzen,« fuhr er erregt fort, »wir müssen etwas andres versuchen.«
Damit ging Jeß, er folgte den Schienen bis zur Station, und ich ging mit. Ich war matt geworden durch meinen langen Wachtdienst und sagte:
»Offen gestanden, ich glaube nicht, daß das einen Zweck hat. Wir wollens aufgeben!«
»Noch eins wollen wir versuchen,« sagte Jeß.
Er ging ins Stationsgebäude und fragte den Telegraphisten, wann ein Zug nach Osten vorbeikomme. »In einer halben Stunde,« erwiderte der Telegraphenbeamte und sah nach der Uhr.
»So ist nichts zu machen, bis der Zug vorüber ist,« sagte Jeß zu mir.
Wir setzten uns in die Nähe der Station und warteten die halbe Stunde ab, trotzdem wir tüchtig froren. Der Morgen begann zu nahen.
Sobald das Kommen des Zuges hörbar wurde, stand Jeß auf und hieß mich auf ihn warten. Er ging wieder in das Stationsgebäude hinein und blieb fort. Ich wartete. Der Zug kam, hatte seinen Aufenthalt und fuhr wieder ab. Eine Stunde lang wartete ich vergebens, und im Osten dämmerte der Morgen herauf. »Er wird die Gelegenheit ausspähen,« dachte ich mir. Ich ging ihm nach, betrat die Station und fragte, ob man meinen Kameraden gesehen hätte.
»Er ist mit dem Zuge gereist,« war die Antwort des Telegraphisten.
»So, er ist mit dem Zuge gereist,« sagte ich und wagte nicht, ein größeres Staunen an den Tag zu legen. Ein Verdacht gegen Jeß hatte sich in mir festzusetzen begonnen, daß er vielleicht doch etwas andres in der Bank gefunden hätte als Protokolle. Er war wie im Fieber gewesen und hatte sich so seltsam gegen mich benommen.
Der Telegraphenbeamte fragte lächelnd:
»Ist er dir durchgebrannt?«
Überlegen gab ich ihm das Lächeln zurück und sagte:
»Nein, ich habe gewußt, daß er reisen wollte. Ich kannte ihn gar nicht, und ich hatte ihm gerade mitgeteilt, daß ich auch nichts mit ihm zu tun haben will.«
Von tausend Gedanken erfüllt, verließ ich die Station. Ich war wie aus den Wolken gefallen über diese Frechheit meines Kameraden. Natürlich hatte er Glück gehabt, der Schurke, und erkleckliche Gelder in der Bank gefunden. Und mich hatte er auch nicht mit dem kleinsten Anteil bedacht. Der Teufel sollte ihn holen!
Ich schlug den Weg zu einem Logierhause ein, dessen Schild ich heute gesehen hatte, und wollte mir ein Lager suchen. Unterwegs fühlte ich mich mehr und mehr befriedigt davon, daß ich meine Hände nicht mit dem geraubten Gelde beschmutzt hatte. Welcher Genuß ist es doch, wunderbar rein und unbefleckt hier in der Welt zu leben! dachte ich und wieherte vor Vergnügen. Da will ich doch lieber arm sein und schuften für andre, bis zum letzten Blutstropfen!
Als ich das Logierhaus erreicht hatte, beschloß ich, lieber zu den Bretterstapeln hinunterzugehen und ein wenig gratis zu schlafen. Ich besaß nur noch die zwei Dollars, und ich wollte Alice Rodgers gern einen goldnen Federhalter mit heimbringen, den ich bei einem Goldschmied am Fenster gesehen hatte.
»Ich glaubte, du wärest mit deinem Kameraden im Osten geblieben,« sagte Farmer Rodgers, als ich zurückkam. »Das gefällt mir, daß du Wort gehalten hast.«
»Ich sagte doch, ich würde heute wiederkommen,« entgegnete ich. »Was meinen Kameraden betrifft, so bin ich in Unfrieden mit ihm auseinandergegangen, ich wollte nicht mit ihm zusammen sein.«
»Es wird dir kalt in den Schuhen werden, wenn du auf dem Pflug sitzest. Du hättest dir ein Paar neue Schuhe kaufen sollen, wo du jetzt in der Stadt warst und Geld hattest,« sagte Mr. Rodgers.
Ich wurde auf die Prärie hinausgeschickt, um mir selber das Gespann Maultiere auszuwählen, das ich haben wollte. Ich schirrte die ganze Herde ein und sah darauf, welche Tiere unwillkürlich zueinander hinneigten, als Paartiere, und wählte mir danach ein Gespann.
»Das ist mein Gespann,« sagte Alice, als ich vom Anschirren zurückkam. »Brauch es gut!«
»Das werd ich, Miß,« erwiderte ich.
Ich fügte Miß hinzu, als sei sie eine Dame; wir sagten sonst nicht so auf der Farm.
Nicht lange sollte ich Alicens Gespann behalten. Eines Tages stürzte das eine Tier des [49] Deutschen und starb an Darmverschlingung, und Fred schlug vor, er wolle mein Gespann übernehmen. Dem widersetzte ich mich, und selbst der alte Rodgers war auf meiner Seite; aber Alice und Fred blieben Sieger über uns. Am Morgen stand Fred früher als gewöhnlich auf, und als ich zum Stall kam, war mein Gespann fort. Das hätte für mich hingereicht, die Farm zu verlassen, aber Mr. Rodgers sagte, ich solle mir nichts daraus machen, sondern mir ein andres Gespann wählen. Und ich suchte mir ein neues Gespann, das mindestens so gut war wie das erste und von größerer Ausdauer. Da ich meine Tiere gut fütterte und ihren Kopf wusch und sie spät und früh striegelte, gelang es mir bald, Fred ein gutes Stück im Pflügen zuvorzukommen.
Die erste Woche verbrachte ich auf der Farm in ewiger Angst, der Einbruch des Schurken Jeß könnte entdeckt, und ich könnte in sein Verbrechen hineingezogen werden; als aber beide Zeitungsblättchen der Stadt Eliot auf die Farm kamen und nichts über den Einbruch darin stand, da bekam ich wieder Mut und hatte keinen Kummer mehr. Entweder hatte Jeß gar keinen Einbruch in den Geldschrank verübt, sondern sich nur vor mir aufgeblasen, um seine Courage zu zeigen, oder die Bank war beraubt, aber George hatte um seiner selbst willen nicht gewagt, es anzuzeigen. [50] Ich hörte später, daß George ein Sohn des reichen Stadtmüllers war, so daß sein Vater wohl eventuell das Defizit gedeckt haben mochte.
Fred stach mich täglich aus bei Alice. Ich mochte tun, was ich wollte, immer stand er mir im Wege und siegte. Schon während der Ernte hatte er sich wohl gepflegt und sich mehr geputzt als wir andern, und wenn er zu den Mahlzeiten herein sollte, stand er lange da und scheitelte sein helles Haar. Es bekümmerte ihn, daß er den einen Augenzahn eingebüßt hatte, und daß das Loch sichtbar wurde, wenn er lachte. Was sollte denn ich sagen, der fast alle seine Haare auf der Prärie eingebüßt hatte und beinahe kahl geworden war im Laufe eines Jahres! Ich hatte außerdem aufgehört, mich zu rasieren, ich ließ meinen steifen Bart wachsen, und dazu kam, daß Sonne und Wetter meine Augenbrauen verwischt hatten. Ich konnte mich mit Fred nicht messen.
Dagegen waren der alte Rodgers und seine Frau freundlich gegen mich und behandelten mich gut. Oft kam es vor, daß Mrs. Rodgers bei Tisch zu mir sagte, ich müsse mehr Pudding oder Kuchen essen. Hie und da fragte sie mich interessiert, wie bei dem und jenem in meiner Heimat der Brauch wäre, aber Fred fragte sie nicht, da er in Amerika, sogar in Fargon, geboren und folglich Städter war.
Eines Morgens war Alice geputzt. Ich glaubte, sie wolle zur Stadt, und bemühte mich nach Noten darum, sie hinfahren zu dürfen; es stellte sich aber heraus, daß es bloß Sonntag war, und daß sie sich aus dem Grunde geschmückt hatte. Ich ging an meine Arbeit, heute wie gestern, und dachte nicht mehr daran; aber nach einem Weilchen sehe ich Alice in ihrem ganzen Staat zu Fred hinübergehen und ihm einen Besuch abstatten, weit draußen in der Prärie. Und zu mir kam sie nicht.
So ging es Tag für Tag. Ich machte keinen Schritt vorwärts bei Alice, obwohl ich sie nicht nur Miß nannte, sondern auch sonst sehr aufmerksam gegen sie war. Fred war viel natürlicher als ich und spielte sich nicht im mindesten auf. Du sollst sehen, du machst zu viel Wesens von der Sache! dachte ich bei mir selbst. Aber jetzt hatte ich Alice schon verwöhnt, und als ich aufhörte, Miß zu sagen, und sie einfach Alice nannte, faßte sie das als Zudringlichkeit von meiner Seite auf und antwortete mir nicht.
Eines Tages brachte ich einen Kniff zur Ausführung, den ich mir ausgedacht hatte. Ein mehrstündiger Gewitterregen hatte es unmöglich gemacht, zu pflügen, wir spannten deshalb die Tiere aus und gingen heim. Ich besaß keine zweite Jacke zum Wechseln, aber ich zog ein [52] trocknes Hemd an und setzte mich in Hemdärmeln in die Stube zur Familie, wo es warm war. Hier begann ich ein paar Briefe zu schreiben, ich wollte meine große Federgewandtheit zeigen, und ich benutzte den goldnen Federhalter, als sei ich gewohnt, ihn zu benutzen.
»Noch nie habe ich einen Menschen gesehen, der so zu schreiben versteht!« sagte Mrs. Rodgers erstaunt.
Alice warf unwillkürlich einen Blick auf mich; auch Fred saß dabei, und mit ihm redete sie.
»Du schreibst mit einem goldnen Federhalter?« sagte sie.
»Finden Sie ihn hübsch?« fragte ich.
»Gewiß.«
»Sie können ihn gern bekommen, Miß,« sagte ich und reichte ihn ihr.
»Ich? Ich will ihn nicht haben,« erwiderte sie kurz und gut. »Aber es wundert mich, daß du mit einem so teuern Federhalter schreibst.«
»Man schreibt mit dem, was man hat.« Ich bemerkte ferner, daß ich diesen Federhalter von jemand bekommen hätte, und ich richtete es so ein, daß sie glauben mußte, ein Mädchen hätte ihn mir geschenkt. Aber auch das machte keinen Eindruck auf sie. Und es gelang mir nicht, ihr den Federhalter zu überreichen, trotzdem ich einen Kniff gebraucht hatte.
Ich schlug mich durch, so gut ich konnte, und entwarf einen Plan nach dem andern. Eine Woche lang versuchte ich es, den Schweigsamen und Zurückhaltenden zu spielen, damit sie weibliches Mitgefühl mit mir hätte, eine andre Woche hindurch war ich lustig und versuchte es, mit schnellen und treffenden Antworten zu glänzen. Alice sagte nur:
»Wie lange bist du jetzt in Amerika?«
»Mehr als sechs Jahre alles in allem,« erwiderte ich. »Ich bin jetzt zum zweitenmal hier.«
»Und du, Freddie?«
»Ich bin hier geboren,« war Freds Antwort.
»Da siehst du den Unterschied,« sagte Alice zu mir.
Denn das war das Vornehmste, geborner Amerikaner zu sein. Sie nannte auch Fred nur deshalb Freddie, damit es amerikanisch klinge und nicht deutsch.
»Sieh sein Haar an!« sagte Alice von Freds Haar. »Es ist wie Gold. Was hast du mit deinem angefangen, Nut?«
»Ich habs auf der Prärie verloren,« sagte ich. »Aber jetzt scheint es mir so, als ob es anfinge, fester zu werden, und als ob es wiederkäme.«
»So, so,« sagte Alice.
Aber es sollte ein Tag anbrechen, wo mein Stern wirklich hoch stieg und ich für eine kurze Weile der Sieger auf der Farm war. Das waren stolze Stunden.
Es war ein kleiner Enkel von Rodgers zu Besuch gekommen, der hieß Edwin. Das Kerlchen war viel mit mir zusammen und folgte mir auf die Prärie hinaus, wo ich ihn auf den Pflug hinaufnahm und ihn das Gespann führen ließ. Eines Tages, als er daheim auf der Farm mit dem Großvater zusammen war, geschah ihm ein Unglück. Der Alte hantierte mit ein paar Brettern, die er die Treppen vom Wirtschaftsspeicher hinunterbeförderte; eines von diesen Brettern geriet in eine schiefe Lage und traf das Kind mit der einen Ecke oberhalb des Auges. Edwin fiel um und lag wie tot da.
Es entstand ein großes Jammern auf dem Gute. Alice rief mich, da ich am nächsten war, ich solle augenblicklich heimkommen. Ich riß die Maultiere vom Pfluge weg, ließ sie gehen, wohin es ihnen beliebte, und lief nach Hause. Aber Alice hatte sich wohl aus Unachtsamkeit an mich gewendet, sie besann sich dann und rief auch Fred herbei, weil sie mehr Zutrauen zu ihm hatte. Sie veranlaßte ihn, in aller Hast die Pferde vor den Wagen zu spannen und zur Stadt nach einem Arzt zu eilen.
Als ich auf das Gut kam, waren die beiden Großeltern in voller Verzweiflung, und ihres Jammerns war kein Ende. Mrs. Rodgers rollte das Kind hin und her auf dem Fußboden, ohne es wieder ins Leben zurückrufen zu können. Eine alte Erinnerung aus der Jugend kam mir zu Hilfe, und es stand mit einem Male in mir fest, was jetzt zu tun war. »Zieht ihm die Jacke aus,« sagte ich. Ich hatte mein Rasiermesser in meinem Bett unter dem Kopfkissen liegen, und das holte ich nun schleunigst; als ich zurückkam, riß ich Edwins Hemdärmel auf und begann, in eine Ader an seinem Arm zu schneiden.
Die Frauen gaben einen Schrei von sich und warfen sich wie besessen auf mich, besonders Alice war nicht zu halten und sagte, ich wolle das Kind ermorden. Ich stampfte mit dem Fuße und befahl ihr, zur Seite zu gehen; hier gelte es Leben oder Tod, und ich wolle das Kind retten. Der alte Rodgers fügte sich diesen starken Worten gegenüber und half den Arm halten. »Kann es gut sein, ihn zur Ader zu lassen?« fragte er nur.
Als ich ein wenig tiefer hineinschnitt, kam das Blut, anfangs nur als kleine Blutung, später als feiner Strahl. Ich öffnete das Hemd und horchte an Edwins Brust; das Herz schwieg. [56] Da ergriff ich ihn bei den Beinen und schlenkerte ihn, seinen Kopf nach unten haltend, hin und her. Das geschah, damit das Blut ins Strömen käme. Dann legte ich das Kind wieder ein wenig nieder und horchte, — das Herz schlug ein wenig. Das war die entzückendste Operation, die ich mir wünschen konnte. Wir alle standen da und betrachteten das Kind. Die kleinen Finger an der einen Hand bewegten sich etwas. »Jetzt hat er die Finger bewegt,« sagte Mr. Rodgers halberstickt vor Freude. »Er hat die Finger bewegt,« sagte auch die alte Großmutter und ging schluchzend aus dem Zimmer. Kurz darauf schlug das Kind ein Paar irre Augen auf und schloß sie wieder. »Er hat aufgeschaut!« sagte Mr. Rodgers, »er lebt.« Und er rief seine Frau wieder herein und sagte dasselbe zu ihr.
»Hol mir etwas Leinewand,« sagte ich zu Alice.
Alice blieb lange fort, und ich wurde innerlich immer entschlossener; ich ergriff das, worauf mein Auge gerade fiel, das war ein weißes Stück Leinenzeug, das soeben für eine Arbeit zurechtgemacht war. Ich riß mir ein Viereck zu Charpie heraus, und dann riß ich mir noch einen langen Streifen ab als Binde.
Alice kam wieder herein und sagte:
»Hast du meine gute Leinewand zerrissen?«
»Ich werde sie Ihnen bezahlen,« erwiderte ich und zupfte weiter Charpie.
Mrs. Rodgers war ganz und gar vernichtet von meiner Macht und sagte zu ihrer Tochter:
»Schweig still, Alice.«
Edwin sah häufiger und häufiger auf und wimmerte dabei, zuletzt wollte er nach der Wunde am Kopfe greifen, woran ich ihn hinderte. Da schaute er mit vollem Blick auf, und ich sah, daß er mich erkannte.
Ich legte nun die Charpie auf die geöffnete Ader und band die Binde darum, was ich vielleicht früher hätte tun können. Dann trugen wir ihn in sein Bett und kleideten ihn aus. Er fiel in Betäubung; inzwischen wusch ich die Kopfwunde aus und legte auch um sie einen Verband.
»Nun kann der Doktor kommen!« sagte ich.
Und da war mir wie einem Gotte zumut.
Aber als sich die Spannung bei mir gelegt hatte, wurde ich schlapp und begann zusammenzufallen. Ich sank auf einen Stuhl nieder. Kurz darauf erhob ich mich, ging mit zitternden Knieen aus dem Hause und setzte mich hinter den Stall; nun war ich gar nichts mehr wert. Ich blieb wohl zehn Minuten sitzen, dann wurde ich wieder etwas muntrer und ging zu meinem Gespann hinüber, schirrte die Tiere [58] ein und begann wieder zu pflügen. Ich hätte einschlafen können auf meinem Sitz.
Zwei oder drei Stunden lang fuhr ich mit dem Pfluge. Dann kam der alte Mr. Rodgers zu mir und sagte, der Doktor sei dagewesen, habe Edwins Wunde wieder aufgebunden und ihm Tropfen gegeben. Mr. Rodgers bat mich, die Tiere für heute auszuspannen.
Ich tat das und ging mit ihm aufs Gut zurück. Es wurde fast nichts gesprochen zwischen uns beiden, aber ich sah, wie dankbar der alte Mann war.
Mrs. Rodgers kam uns entgegen und sagte zu mir:
»Der Doktor ist hier gewesen, er glaubt, daß Edwin es überstehen wird.«
»Er sagte, du hättest recht daran getan, ihn zur Ader zu lassen,« fügte Rodgers hinzu.
»Er sagte, du hättest ihm das Leben gerettet,« fiel die Frau ein.
Und wieder wurde ich zum stolzen Gott und Herrn.
Ich trieb mich den Rest des Tages herum und arbeitete nicht. Aber es machte mir kein Vergnügen, dieses Nichtstun, und ich ging unstet auf der Farm umher und langweilte mich; hätte ich mich nicht geschämt, es zu tun, ich hätte mich gerne wieder auf den Pflug gesetzt. Für Alice hätte es sich geziemt, mir allerhöchst [59] ein paar herzliche Worte zu sagen, anstatt dessen kam sie und sagte erbost:
»Du hast mir gegenüber mit dem Fuß aufgestampft, Nut. Tu das nicht noch einmal!«
Ich kam nicht dazu, darauf ein Wort zu erwidern, so unmöglich erschien sie mir in dem Augenblick. Die Alten für ihr Teil setzten sich aber in den Kopf, ich sei gewiß ein merkwürdiger Mann und vieler Dinge kundig; sie horchten aufmerksam auf, wenn ich etwas sagte, und es war mir so, als ob sie begännen, einen kleinen Unterschied zwischen Fred und mir zu machen, und zwar zu meinem Vorteil. Eines Tages wurde ich zum Beispiel zur Stadt geschickt mit Weizen und zur Besorgung von Einkäufen, und Fred war nicht dabei.
Wär ich aber auch ein Zauberer gewesen, mit nur einer Wundertat hätte ich mich doch nicht bis in alle Ewigkeit behaupten können. Indes die Tage verstrichen und der kleine Edwin sich erholte und alles wie früher wurde, fiel meine Großtat der Vergessenheit anheim, und ich ging wieder arm und als Besiegter auf der Farm herum. Darin fand keine Änderung statt.
Fred kam zu mir und sagte:
»Bald wird der Frost kommen, und mit dem Pflügen ist es zu Ende. Was wirst du dann anfangen?«
»Ich weiß wahrhaftig nicht,« erwiderte ich. »Aber es wird sich schon Rat finden.«
Fred und ich kamen gut miteinander aus, es bestand keine Gegnerschaft zwischen uns, und ich grollte ihm nicht, weil er sich mein Gespann angeeignet hatte. Alice war schuld daran. Fred war sicher kein Landstreicher von der schlimmen Sorte, und erst in diesem Jahre, als er arbeitslos wurde, hatte er sich aufs Herumstreichen verlegt. Dagegen war er eitel auf sein hübsches Gesicht, und wenn er lachte, öffnete er den Mund nur ein ganz klein wenig, weil er die Zahnlücke verbergen wollte. Dadurch bekam er ein Aussehen, als wenn er durch einen Spalt in der Lippe lache. Aber es kleidete ihn, wenn er den Mund so sparsam öffnete, da er von Natur etwas dicke Lippen hatte. »Lach noch ein bißchen!« konnte Alice zu ihm sagen. Sie war bis über die Ohren verliebt.
Trotzdem ich viel schlimmer daran war und meine Liebe nicht erwidert wurde, war auch Fred nicht auf Rosen gebettet. Er erzählte mir, daß Alice sich seinetwegen an ihre Eltern gewendet und ihnen gestanden hätte, daß sie ihn liebe; aber die Eltern hätten verlangt, daß sie von ihm lassen solle.
Fred sagte zu mir:
»Du mußt uns helfen, Nut.«
Ich fühle mich ein wenig gehoben durch dies Verlangen, und ich fragte:
»Bittest du mich mit Alicens Willen?«
»Ja,« sagte Fred, »sie hat es gewünscht.«
Ich sagte:
»Dann werde ich es tun!«
Es schwebte mir so etwas vor, daß es mir vielleicht gelingen werde, Fred durch meinen unglaublichen Edelmut auszustechen.
Ich besaß der beiden Alten Ohr, und ich fragte Mrs. Rodgers eines Tages, ob sie von einer Farm oder aus einer Stadt stamme.
»Von einer Farm,« war die Antwort.
Das müsse ein seltsames Leben für ein junges Mädchen sein, auf einer einsamen Farm, sagte ich weiter. Wie man denn da die Menschen kennen lerne?
Mrs. Rodgers erwiderte, es seien doch die umliegenden Farmen da. Und dann komme man wöchentlich in die Stadt. Aber natürlich, viele Menschen treffe man nicht.
Und wie es mit der Heirat werde? fragte ich. Ob man einfach einen Vorbeiziehenden nehme?
Da sahen die zwei Alten sich an. Sie hatten eine ältere Tochter, die mit einem durchgebrannt war, der vorbeigezogen gekommen war. Aber dem Paar war es gut gegangen, die jungen [62] Leute hatten sich Land genommen und waren Farmer geworden, der kleine Edwin war ihr Sohn.
Ein Risiko bleibe immer, argumentierte ich weiter. Wie leicht könne ein junges Mädchen sich in einen Unwürdigen verlieben, bloß weil sie keinen andern kenne und nicht die Wahl habe.
Ja, darin hätte ich ganz sicherlich recht. So wäre es.
Unzweifelhaft müßte man vorsichtig sein, gegenüber Landstreichern, wie wir es wären, sagte ich zum Schlusse.
Wieder sahen die beiden Alten sich an und verstanden mich sehr genau.
Das wird die Mutter ihrer Tochter nicht vorenthalten! dachte ich. Alice wird zwar Fred nicht aufgeben, aber sie wird eine Vorstellung von meiner unheimlichen Einsicht bekommen!
Aber es dauerte nicht lange, bis ich selbst ängstlich wurde wegen des Gesagten; ich war zu weit gegangen, Alice würde erkennen, daß ich Fred entgegenarbeite. Ich benutzte also die nächste Gelegenheit und sagte zu Mrs. Rodgers, mit Fred sei das etwas ganz andres, er sei ganz sicher ein kerniger Bursch und eine Perle von einem Mann, den ich sicher wählen würde, wenn ich ein Mädchen wäre. Auch diesmal fand ich Gehör bei den Alten, und ich merkte, daß es ihnen einleuchtete, eine wie uneigennützige Seele ich sei.
Ich paßte dem Mädchen eines Abends im Finstern auf und wollte sie zuerst zum Reden veranlassen.
»Freddies Freund bist du nicht,« sagte sie.
»Was habe ich getan?«
»Du hast ihm Schlechtes nachgesagt.«
Da nahm ich Alice mit zu ihrer Mutter hinein und fragte, was ich Schlechtes über Fred gesagt hätte.
»Du sagtest, man müsse sich hüten vor den Herumstreichern, aber Fred sei eine Ausnahme und eine Perle,« erwiderte die Mutter.
»Aber Mutter, das hast du mir nicht erzählt!« rief Alice. »Gott segne dich, Nut!«
Stolz und aufgebracht ging ich weg und nutzte meine günstige Position gut aus. Als Fred mich das nächste Mal bat, ihm weiter zu helfen, da entgegnete ich, ich wolle nichts mit seiner Sache zu tun haben, und Alicens Benehmen sei der Grund dafür.
Weinend kam Alice zu mir und bat mich, den Eltern noch mehr Gutes über Fred zu sagen. Das geschah am Abend, als alle Arbeit getan war. Alice kam dicht an mich heran und fingerte hie und da an meinem Blusenknopf herum, so daß ich näher bei ihr stand als je zuvor und [64] ihren Atem etwas spürte. Dies Glück machte mich benommen, und ich antwortete ohne Zusammenhang.
»Über Fred? Also gut, was soll ich sagen? Ja, ich werde alles tun, was Sie verlangen.«
Und ich wußte nicht, daß Fred den Lauscher machte; aber er stand im Stall und hörte uns zu.
»Was soll ich übrigens tun?« fragte ich. »Wissen Sie, worum Sie mich bitten? Sie haben doch wohl gemerkt, daß ich selber Sie lieb habe.«
»Nein, ich habe das nicht gemerkt,« antwortete sie. »Du hast es niemals gesagt.«
»Gesagt habe ich es nicht, nein. Ich halte mich an die Erde. Ich weiß, daß ich ein Vagabund und Ihrer unwürdig bin.«
»Übrigens macht das weder so noch so etwas aus,« sagte Alice, »denn Freddie ist der, den ich liebe.«
»Und dann bitten Sie mich um Hilfe?«
»Nein, nein,« sagte sie, »reden wir nicht mehr davon.«
»Ist Ihnen nie der Gedanke gekommen, daß ich schon uneigennützig genug gewesen bin?« sagte ich. »Ich habe nicht ein Wort des Dankes von Ihnen vernommen. Aber sollte ich jetzt noch weiter gehen, würde es die Kräfte eines Menschen übersteigen.«
»Ich weiß, daß du ein guter Mensch bist,« sagte Alice.
»Mehr aber nicht?«
»Doch, auch ein gelehrter Mann bist du mit tiefer Einsicht in alles. Du schreibst wie der Blitz.«
Aber das, was ich hören wollte, daß ich beinahe so gut aussehe wie Fred und ebenso betörend sei, das sagte Alice nicht.
»Könnten Sie mich niemals gern haben?« fragte ich.
»Gewiß,« sagte Alice, »ein wenig, das heißt ...«
Ich schmeichelte mich weiter ein und fragte:
»Glauben Sie nicht, daß ich unsre Farm hochbringen und ordentlich Geld verdienen und Sie auf den Händen tragen würde? Was aber wird Fred machen?«
Alice schwieg.
»Sie wissen nicht, was für ein Mann ich bin,« sagte ich mystisch und gab ihr zu verstehen, daß sie keine Ahnung von mir hätte.
»Aber ich, aber ich!« rief Fred und kam plötzlich aus dem Stall hervor. Er hatte eine Heugabel in den Händen. »Die Ahnung hab ich von dir, daß du ein schlechter Kerl und ein Schuft bist,« sagte Fred in Wut, »ich schlag dich tot wie nen Hund.«
Da bekam ich Furcht und hielt den Arm zur [66] Abwehr hoch. »Beruhige dich, Fred, und laß mich gehen,« sagte ich.
»Gehen! Ich bringe dich um, noch in dieser Sekunde!« schrie Fred und stach mit der Heugabel nach mir.
Alice schickte sich nicht an, dazwischen zu treten. »Töte ihn nicht,« war alles, was sie sagte.
»Du bist ein Mörder,« sagte ich zu Fred. »Und ich bitte dich, leg die Heugabel beiseite, Mörder du.«
Aber Fred wollte mich nicht schonen.
»Gehst du auch nur einen Zoll von der Stelle, so stech ich dich nieder,« sagte er.
Ich setzte mich auf die Erde. Ich sah, daß Fred vollkommen verrückt war, und ich konnte nichts bei ihm ausrichten. So ein Stich mit der Heugabel ist dafür bekannt, daß er sehr langsam und vielleicht niemals vernarbt, und ich fürchtete für mein Leben.
»Was hast du den Alten über mich gesagt?« schrie Fred.
»Du bist ein dummes Tier,« sagte ich. »Ich habe nichts gesagt, und ich will dir keinen Gefallen tun.«
Fred drehte die Heugabel um und versetzte mir mit dem Schaft einen Schlag auf den Kopf. Es tat nicht sonderlich weh. Ich erhob mich [67] wieder. Als die Heugabel abermals in meine Nähe kam, griff ich mit der Hand aus und bekam sie zu fassen. In demselben Augenblick verstand Alice, daß nun Gefahr für Fred im Verzug war, und sie lief ins Haus und holte ihren Vater heraus.
»Ruhig, Burschen!« sagte Mr. Rodgers. »Was geht hier vor?«
»Fragen Sie Fred,« erwiderte ich. »Er kam mit der Heugabel gelaufen.«
»Sie haben beide nacheinander die Heugabel gehabt,« sagte Alice.
Jetzt verstand ich, daß Alice ein schlechter Mensch war, und obwohl auch ich schlecht war, so war sie doch noch ärger. Im Zorn ging ich meiner Wege und überließ es den zwei Liebesleutchen, sich zu verständigen und zu entschuldigen und auf meinen Rücken abzuladen, was sie wollten. Aber am nächsten Tage ging ich zu Fred hinüber, als er pflügte, und befahl ihm, vom Pfluge herunterzusteigen. Das wollte er nicht, da gab ich ihm einen Schlag unter die Kinnlade, daß er schwankte und vom Sitze fiel. Und zur Rache dafür verfiel Fred auf nichts andres, als den Rücken meiner Jacke total zu zerschneiden, in einer Nacht, als ich lag und schlief.
Wir pflügten, bis eine Eisdecke die Felder überzog, ja bis zu der Zeit, wo der Frost begann, [68] in die Erde hinabzusteigen. Und eines Tages sagte Mr. Rodgers:
»Nun, Burschen, hört auf mit dem Pflügen!«
Wir spannten sofort die Maultiere aus und begaben uns nach Hause. Und zum letzten Male striegelte ich die Tiere und wusch ihren Kopf und gab ihnen zu fressen.
»Es wird dunkel, bald ist es Nacht; ihr könnt bis morgen bleiben,« sagte Mr. Rodgers.
Er rechnete aus, wie hoch unser Guthaben war, und zahlte uns das Geld aus. Ich hatte keinen Vorschuß erhoben, so daß ich mehr als Fred bekam, der sich hatte Vorschuß geben lassen: zu neuen Kleidern und zu einem neuen Hut aus der Stadt.
Mr. Rodgers erbot sich, mir für die Reise eine etwas bessere Jacke zu borgen als meine eigne; ich könne sie ja bei seinem Kaufmann hinterlegen, sagte er. Ich drehte nun die Taschen in seiner Jacke um, damit er sähe, daß nichts darin vergessen war. Das war ein etwas unnötiger Pfiff von mir und sollte meine Ehrlichkeit beweisen.
In der Nacht wurde ich wach davon, daß Fred von seiner Pritsche aufstand und die Jacke anzog.
»Wo willst du hin?« fragte ich.
Er gab mir keine Antwort.
Fred ging fort und blieb fort. »Er hat etwas im Sinn!« dachte ich und schlich mich hinter ihm her an die Tür und öffnete sie; draußen war es finster und kalt, und ein paar Sterne standen am Himmel. Weiter zu spionieren wagte ich nicht, sondern ging wieder hinein; was auch geschehen mochte, das Beste war, sich davon fern zu halten. Ich war durchfroren vom Stehen in der Tür und schlief jetzt recht tief; erst am Morgen erwachte ich wieder.
Als ich aufstand und zu den Alten hineinging, war Fred noch nicht zurückgekommen.
»Wo ist Fred?« fragte Mrs. Rodgers; sie hatte das Essen parat.
»Das weiß ich nicht,« erwiderte ich.
Sie ging nun hinaus und rief, aber kein Fred gab ihr Antwort. Da regte sich in der alten Frau eine Ahnung, sie schlug die Tür zu Alicens Kammer auf und sah hinein. Die war leer. Und sie schloß die Türe wieder und sagte:
»Wo mag nur Alice sein?«
Ihr Gesicht war aschgrau.
Wir suchten dann nach den beiden, suchten die kreuz und quer, fanden sie jedoch nicht. Aber im Stall fehlte Alicens Gespann, so daß uns klar wurde, daß das Paar das Weite gesucht hatte.
»Genau so wie unsre älteste Tochter,« sagte Mr. Rodgers verblüfft.
Der alte Rodgers grämte sich und war stumm, er ging herum und tat dies und jenes, hatte aber nirgends Ruhe. Seine Frau war es, die zuerst ihre Fassung wiederfand und sagte, es sei ihrer zweiten Tochter gut gegangen, also würde es vielleicht auch dieser glücken. Und nach Großelternart sahen sie auch nicht länger ihre erwachsenen Kinder als die an, die ihnen am meisten am Herzen lagen, sondern die kleinen Enkelkinder.
Klein-Edwin war die höchste Freude des Hauses.
»Wenn du wieder einmal hier vorbeikommst will ich dir gern Arbeit geben,« sagte Mr. Rodgers zu mir. »Wohin reisest du?«
»Weiter in den Westen,« erwiderte ich.
»Das solltest du nicht tun,« sagte Rodgers. »Du solltest dir hier in der Stadt eine Stellung verschaffen und in unsrer Gegend bleiben.«
Aber ich bin dann in die Weinfelder von Kalifornien gereist.
Tiefster Friede ruht über der Prärie.
In meilenweitem Umkreis sind keine Bäume und Häuser zu sehen, nur Weizen und grünes Gras, soweit das Auge reicht. In weiter, weiter Ferne, daß sie so klein erscheinen wie Fliegen, sieht man Pferde und Leute bei der Arbeit, das sind die Mäher, die auf ihren Maschinen sitzen und das Gras schwadenweise abmähen. Der einzige Laut, den man hört, ist das Zirpen der Heuschrecken, und wenn der Wind herübersteht, schlägt ausnahmsweise auch wohl einmal ein anderer Laut ans Ohr, — das klappernde Geräusch der Mähmaschinen unten am Horizont. Zuweilen hört man diesen Laut ganz merkwürdig nahe.
Es ist die Billybory-Farm. Sie liegt ganz allein im weiten Westen, ohne Nachbarn, ohne irgend eine Verbindung mit der Welt, und es sind mehrere Tagemärsche bis zum nächsten Präriestädtchen. Die Häuser der Farm sehen in der Entfernung aus wie winzig kleine Klippen, die aus dem unübersehbaren Weizenmeer aufragen.
Im Winter ist die Farm nicht bewohnt, aber vom Frühling bis zum späten Oktober sind dort einige siebzig Mann mit dem Weizen beschäftigt.
Drei Männer arbeiten in der Küche, der Koch und seine beiden Gehilfen, und im Stall stehen zwanzig Esel außer den vielen Pferden; aber es befindet sich keine Frau, nicht eine einzige Frau auf der Billybory-Farm.
Die Sonne glüht mit 102 Grad Fahrenheit. Himmel und Erde zittern in dieser großen Hitze, und nicht der geringste Windhauch kühlt die Luft ab. Die Sonne sieht aus wie ein Morast aus Feuer.
Auch bei den Häusern ist alles still, nur von dem großen, spangedeckten Schuppen her, der als Küche und Speisesaal benutzt wird, hört man die Stimmen und Schritte des Kochs und seiner beiden Gesellen, die sich in größter Geschäftigkeit regen. Sie feuern die großen Herde mit Gras, und der Rauch, der aus dem Schornstein aufwirbelt, ist mit Funken und Flammen vermischt. Wenn das Essen fertig ist, wird es in Zinkbaljen hinausgetragen und auf Wagen gehoben. Dann werden die Esel vorgespannt, und die drei Männer fahren mit dem Essen auf die Prärie hinaus.
Der Koch ist ein dicker Irländer, vierzig Jahre alt, grauhaarig, von militärischem Aussehen. Er ist halbnackt, sein Hemd steht offen, und sein Brustkasten gleicht einem Mühlstein. Er wird von aller Welt Polly genannt, weil er im Gesicht Ähnlichkeit mit einem Papagei hat.
Der Koch ist unten in einem der Forts im Süden Soldat gewesen, er ist literarisch veranlagt und kann lesen. Deswegen hat er auch ein Liederbuch mit auf die Farm genommen und außerdem eine alte Nummer von einer Zeitung. Diese Kleinodien zu berühren, erlaubt er keinem der Leute; er hat sie auf einem Bord in der Küche liegen, um sie in seinen freien Augenblicken zur Hand zu haben. Und er benutzt sie mit großem Fleiß.
Aber Zachäus, sein elender Landsmann, der beinahe blind ist und eine Brille trägt, hatte sich einmal der Zeitung bemächtigt, um darin zu lesen. Es nützte nichts, Zachäus ein gewöhnliches Buch anzubieten, die kleinen Buchstaben verschwammen wie im Nebel vor seinen Augen; dahingegen war es ihm ein großer Genuß, die Zeitung des Kochs in der Hand zu halten und bei der großen Schrift der Anzeigen zu verweilen. Aber der Koch vermißte augenblicklich seinen Schatz, suchte Zachäus in seinem Bett auf und riß die Zeitung an sich. Und nun entspann sich ein heftiger und lächerlicher Wortstreit zwischen diesen beiden Männern.
Der Koch nannte Zachäus einen schwarzhaarigen Räuber und Hund. Er schnalzte dicht vor seiner Nase mit den Fingern und fragte, ob er jemals einen Soldaten gesehen habe und [74] ob er die Einrichtung eines Forts kenne. Nein, die kenne er nicht! Aber dann solle er sich nur lieber in acht nehmen, weiß Gott, er solle sich in acht nehmen! Und das Maul solle er halten! Was er im Monat verdiene? Ob er etwa Häuser in Washington habe, ob seine Kuh gestern gekalbt habe?
Zachäus antwortete nichts auf das alles; aber er beschuldigte den Koch, daß er rohes Essen koche und Brotpudding mit Fliegen darin anrichte. »Scher dich zum Teufel und nimm deine Zeitung mit!« Er, Zachäus, sei ein rechtschaffener Mann, er würde die Zeitung wieder hingelegt haben, nachdem er sie studiert hätte. »Steh' nicht da und spuck' auf den Fußboden, du schmieriger Hund!«
Und Zachäus' blinde Augen standen wie zwei harte Stahlkugeln in dem wütenden Gesicht.
Aber seit jenem Tag herrscht eine ewige Feindschaft zwischen den beiden Landsleuten. —
Die Wagen mit dem Essen verteilen sich über die Prärie und speisen jeder seine fünfundzwanzig Mann. Die Leute kommen von allen Ecken herbeigelaufen, reißen etwas Essen an sich und werfen sich unter die Wagen und unter die Esel, um etwas Schatten während der Mahlzeit zu ergattern. Nach zehn Minuten ist das Essen verzehrt. Der Aufseher sitzt wieder im Sattel [75] und kommandiert die Leute wieder an die Arbeit, und die Proviantwagen fahren wieder nach der Farm zurück.
Aber während die Gehilfen des Kochs jetzt die Schüsseln und Kummen nach der Mahlzeit abwaschen und reinigen, sitzt Polly selber draußen im Schatten hinter dem Hause und liest zum tausendsten Male seine Gesänge und Soldatenlieder aus dem teuren Buch, das er aus dem Fort im Süden mitgebracht hat. Und da ist Polly wieder Soldat.
Am Abend, als es schon zu dämmern beginnt, rollen sieben Heuwagen mit der Arbeiterschar langsam aus der Prärie heim. Die meisten waschen ihre Hände draußen auf dem Hofe, ehe sie zum Abendbrot gehen, einige kämmen sich auch die Haare. Da sind alle Nationen und mehrere Rassen vertreten, da sind jüngere und ältere Personen, Einwanderer aus Europa und eingeborene amerikanische Landstreicher, alles mehr oder weniger Vagabunden und verunglückte Existenzen. Die wohlhabenderen der Bande tragen einen Revolver in der hinteren Rocktasche. Das Essen wird gewöhnlich in großer Hast eingenommen, ohne daß irgend jemand was sagt. Die vielen Menschen haben Respekt vor dem Aufseher, [76] der selber an der Mahlzeit teilnimmt und über die Ordnung wacht. Und wenn die Mahlzeit beendet ist, begeben sich die Leute sofort zur Ruhe. — — —
Heute aber wollte Zachäus sein Hemd waschen. Es war so hart von Schweiß geworden, es schauerte ihn am Tage, wenn die Sonne auf seinen Rücken brannte.
Der Abend war dunkel, alle waren zur Ruhe gegangen, von dem großen Schlafschuppen her ertönte nur noch ein gedämpftes Murmeln in die Nacht hinaus.
Zachäus ging nach der Küchenwand hin, wo mehrere Behälter mit Wasser standen. Es war das Wasser des Kochs, das dieser sorgfältig während der Regentage sammelte, denn das Wasser von Billybory war zu hart und zu kalkhaltig, um darin zu waschen.
Zachäus bemächtigte sich eines der Wasserbehälter, zog sein Hemd ab und fing an, es darin zu reiben. Der Abend war still und kalt, es fror ihn gehörig, aber das Hemd mußte gereinigt werden, und er pfiff sogar leise vor sich hin, um sich ein wenig zu ermuntern.
Da öffnete plötzlich der Koch die Küchentür. Er hielt eine Lampe in der Hand, und ein breiter Lichtstrahl fiel auf Zachäus.
»Aha!« sagte der Koch und kam heraus.
Er setzte die Lampe auf die Treppe, ging geradeswegs auf Zachäus zu und fragte: »Wer hat dir das Wasser gegeben?«
»Ich nahm es,« antwortete Zachäus.
»Es ist mein Wasser!« schrie Polly. »Du, schmutziger Sklave, hast es genommen, du Lügner, du Dieb, du Hund!«
Zachäus erwiderte nichts auf dieses alles, er fing nur von neuem an, seine Beschuldigung mit den Fliegen im Pudding zu wiederholen.
Der Lärm, den die beiden verursachten, lockte die Leute aus dem Schlafschuppen herbei, sie standen gruppenweise da und froren und lauschten mit größtem Interesse dem Wortwechsel.
Polly schrie ihnen entgegen: »Ist es nicht großartig von dem kleinen Ferkel? Mein eigenes Wasser!«
»Nimm du dein Wasser,« sagte Zachäus und stürzte den Behälter um. »Ich habe es benutzt!«
Der Koch hielt ihm die Faust unter das Auge und fragte: »Siehst du die?«
»Ja,« antwortete Zachäus.
»Ich will sie dich kosten lassen!«
»Wenn du es wagst!«
Da ertönten plötzlich ein paar schnelle Schläge, die erteilt und im selben Augenblick zurückbezahlt wurden. Die Zuschauer stießen ein Geheul über [78] das andere aus; das war der Ausdruck ihres Beifalls und Wohlbehagens.
Zachäus aber hielt nicht lange stand.
Der blinde, untersetzte Irländer war wütend wie eine Tigerkatze, seine Arme waren aber zu kurz, um etwas gegen den Koch ausrichten zu können. Schließlich taumelte er zur Seite, drei, vier Schritt über den Platz und fiel dann um.
Der Koch wandte sich an die Menge:
»Ja, da liegt er nun! Laßt ihn liegen! Ein Soldat hat ihn gefällt!«
»Ich glaube, er ist tot!« sagte eine Stimme.
Der Koch zuckte die Achseln.
»Meinetwegen!« erwiderte er übermütig. Und er fühlt sich wie ein großer, unüberwindlicher Sieger vor seinem Auditorium, er wirft den Kopf in den Nacken und will seinem Ansehen noch Nachdruck verleihen, er wird literarisch: »Ich überlasse ihn dem Teufel,« sagt er. »Laßt ihn liegen! Ist er etwa der Amerikaner Daniel Webster? Kommt her und will mich lehren, Pudding zu kochen, mich, der ich für Generale gekocht habe! Ist er Oberst der Prärie, frage ich?«
Und alle bewunderten Pollys Rede.
Da erhob sich Zachäus wieder vom Boden und sagte genau so verbissen, genau so trotzig wie vorhin: »Komm heran, du Hasenfuß!«
Die Leute brüllten vor Entzücken, der Koch aber lächelte nur mitleidsvoll und sagte: »Unsinn! Ich kann mich ja ebensogut mit dieser Lampe prügeln!«
Damit nahm er die Lampe und ging langsam und würdevoll hinein.
Es ward dunkel auf dem Platz, und die Leute begaben sich wieder in ihren Schlafschuppen zurück. Zachäus nahm sein Hemd auf, rang es sorgfältig aus und zog es an. Dann schlenderte auch er hinter den andern drein, um seine Pritsche aufzusuchen und zur Ruhe zu kommen.
Am folgenden Tage liegt Zachäus draußen auf der Prärie im Gras auf den Knieen und schmiert seine Maschine mit Öl. Die Sonne ist heute ebenso scharf, und seine Augen laufen ihm hinter den Brillengläsern voll Schweiß. Plötzlich rückt das Pferd ein paar Schritte vor, mag es vor irgend etwas gescheut haben oder ist es von einem Insekt gestochen. Zachäus stößt einen Schrei aus und springt vom Boden auf. Eine Minute später fängt er an, die linke Hand in der Luft hin und her zu schwingen und mit hastigen Schritten auf und nieder zu gehen.
Ein Mann, der in einiger Entfernung die [80] Heuharke fährt, hält sein Pferd an und fragt: »Was gibt's denn?«
Zachäus antwortet: »Komm einen Augenblick hierher und hilf mir.«
Als der Mann kommt, zeigt ihm Zachäus eine blutige Hand und sagt: »Mir ist ein Finger abgeschnitten, es geschah in diesem Augenblick. Suche mir den Finger, ich sehe so schlecht!«
Der Mann sucht nach dem Finger und findet ihn im Grase. Es waren zwei Glieder desselben. Er fing schon an abzusterben und sah aus wie eine kleine Leiche.
Zachäus nimmt den Finger in die Hand, sieht ihn wiedererkennend an und bemerkt: »Ja, das ist er. Warte einen Augenblick, halt ihn einmal!« Zachäus zieht sein Hemd heraus und reißt zwei Streifen davon ab; mit dem einen verbindet er seine Hand, in den andern wickelt er den abgeschnittenen Finger und steckt ihn in die Tasche. Dann dankt er dem Kameraden für die Hilfe und setzt sich wieder auf die Maschine. — Er hielt fast bis zum Abend stand. Als der Aufseher von seinem Unfall hörte, schalt er ihn aus und sandte ihn nach der Farm zurück.
Das erste, was Zachäus tat, war, den abgeschnittenen Finger aufzubewahren. Spiritus hatte er nicht, deswegen goß er Maschinenöl in eine Flasche, steckte den Finger hinein und [81] verkorkte den Hals fest. Die Flasche legte er unter den Strohsack in seiner Pritsche.
Eine ganze Woche blieb er zu Hause; er bekam heftige Schmerzen in der Hand und mußte sie Tag und Nacht ganz still halten; er schlug sich auf den Kopf, er bekam auch Fieber im ganzen Körper und lag da und litt und grämte sich über alle Maßen. Eine Untätigkeit wie diese hatte er noch nie durchzumachen gehabt, nicht einmal vor einigen Jahren, als die Mine explodierte und seine Augen beschädigte.
Um seine elende Lage noch unerträglicher zu machen, kam der Koch Polly selber mit dem Essen vor sein Bett und benutzte die Gelegenheit, den Verwundeten zu necken. Die beiden Feinde lieferten manches Wortgefecht in dieser Zeit, und es geschah mehr als einmal, daß Zachäus sich nach der Wand umdrehen und die Zähne schweigend zusammenbeißen mußte, weil er dem Riesen gegenüber so ohnmächtig war.
Endlos kamen und gingen die schmerzvollen Tage und Nächte, kamen und gingen mit unerträglicher Langsamkeit. Sobald es ihm möglich war, fing Zachäus an, ein wenig aufrecht auf seiner Pritsche zu sitzen, und des Tags, während der Hitze hielt er die Tür nach der Prärie und nach dem Himmel offen. Oft saß er mit offenem Munde da und lauschte dem [82] Ton der Mähmaschinen in weiter, weiter Ferne, und dann sprach er laut mit seinen Pferden, als wenn er sie vor sich habe.
Aber der boshafte Polly, der schlaue Polly konnte ihn auch jetzt nicht in Ruhe lassen. Er kam und warf ihm die Tür vor der Nase zu, unter dem Vorwand, daß es ziehe; es ziehe ganz entsetzlich, und dem Zug dürfe er sich nicht aussetzen. Dann taumelte Zachäus außer sich vor Wut aus der Pritsche heraus und sandte ihm einen Stiefel oder einen Holzschemel nach, und es war allemal sein brennender Wunsch, ihn auf Lebenszeit zum Krüppel zu machen. Aber Zachäus hatte kein Glück, er sah zu schlecht, um zu zielen und er traf niemals.
Am siebenten Tage hatte er erklärt, daß er in der Küche zu Mittag essen wolle. Der Koch antwortete, er verbitte sich seinen Besuch ganz und gar. Dabei blieb es, Zachäus mußte auch heute sein Essen auf der Pritsche in Empfang nehmen. Er saß ganz verlassen da und krümmte sich vor Langweile. Jetzt wußte er, daß die Küche leer war, der Koch und seine Gehilfen waren mit dem Mittagessen draußen in der Prärie, er hörte sie mit Gesang und Lärmen ausziehen, um sich über den Eingesperrten lustig zu machen.
Zachäus steigt von seiner Pritsche herab und [83] schwankt hinüber nach der Küche. Er sieht sich um, das Buch und die Zeitung liegen an ihrem Platz, er ergreift die letztere und schwankt wieder zurück in den Schlafschuppen. Dann wischt er die Brille ab und fängt an, die amüsanten, großen Buchstaben in den Anzeigen zu lesen.
Es vergeht eine Stunde, es vergehen zweie, — die Stunden vergingen jetzt so schnell! Endlich hörte Zachäus, daß der Proviantwagen zurückkehrte, und er vernahm die Stimme des Kochs, der den Gehilfen wie gewöhnlich befahl, die Schüsseln und Kummen zu waschen.
Jetzt wußte Zachäus, daß die Zeitung vermißt werden würde, dies war gerade der Augenblick, wo sich der Koch nach seiner Bibliothek begab. Er besann sich eine Sekunde und steckte dann die Zeitung unter den Strohsack seiner Pritsche. Nach einer Weile holt er schnell die Zeitung wieder heraus und bringt sie auf seinem bloßen Leibe unter. Nie im Leben wollte er die Zeitung wieder ausliefern!
Es vergeht eine Minute.
Da nahen sich schwere Schritte dem Schlafschuppen, und Zachäus liegt da und starrt zum Dach empor.
Polly tritt ein.
»Wie geht es zu, hast du meine Zeitung?« fragt er und bleibt mitten in dem Raum stehen.
»Nein!« antwortet Zachäus.
»Ja, du hast sie!« zischt der Koch und tritt näher an ihn heran.
Zachäus richtet sich auf.
»Ich habe deine Zeitung nicht! Scher dich zum Teufel!« sagt er und wird ganz wütend.
Da aber wirft der Koch den kranken Mann an die Erde und fängt an, die Pritsche zu durchsuchen. Er drehte den Strohsack um, ebenso die armselige Decke, ohne zu finden, was er suchte.
»Du mußt sie haben!« Dabei blieb er. Und noch, als er gehen mußte und schon ganz auf den Hof hinausgekommen war, wandte er sich von neuem um und wiederholte: »Du hast sie genommen! Aber warte nur, mein Freund!«
Da lachte Zachäus herzlich und boshaft über den andern und sagte: »Freilich habe ich sie genommen. Ich hatte Verwendung dafür, du schmutziges Ferkel!«
Da aber wurde das Papageiengesicht des Kochs ganz dunkelrot, und ein unheilverkündender Ausdruck kam in seinen Canaillenblick. Er sah sich nach Zachäus um und murmelte: »Ja, warte du nur!«
Am nächsten Tag war ein Gewitter, in gewaltsamen Strömen floß der Regen vom Himmel [85] hernieder, peitschte wie Hagelschauer gegen die Häuser und füllte die Wasserbehälter des Kochs schon zu früher Morgenstunde. Die ganze Arbeitsmannschaft war zu Hause; einige flickten Kornsäcke für die Ernte, andere besserten zerbrochenes Werkzeug oder Arbeitergerätschaften aus und schliffen Messer und Mähmaschinen.
Als der Mittagsruf ertönte, erhob sich Zachäus von der Pritsche, wo er saß und wollte den anderen in den Speiseraum folgen. Er ward indes draußen von Polly in Empfang genommen, der ihm sein Essen brachte. Zachäus wandte ein, er habe beschlossen, von nun an mit den anderen zu essen, seine Hand sei besser, er habe kein Fieber mehr. Der Koch antwortete, wenn er das Essen nicht haben wolle, das er ihm bringe, so bekäme er gar nichts. Er warf die blecherne Schale auf Zachäus' Pritsche und fragte: »Ist dir das vielleicht nicht gut genug?«
Zachäus kehrte zu der Pritsche zurück und ergab sich in sein Schicksal. Es war das richtigste, daß er das Essen nahm, das man ihm gab.
»Was für einen Schweinkram hast du denn heute wieder gekocht?« knurrte er nur und machte sich über die Schüssel her.
»Küken!« antwortete der Koch. Und ein eigentümlicher Blitz schoß aus seinen Augen, als er sich umwandte und ging.
»Küken?« murmelte Zachäus vor sich hin und durchsuchte das Essen mit seinen blinden Augen. »Den Teufel auch ist das Küken, du Lügner.« Aber es war Fleisch und Sauce.
Und er aß von dem Fleisch.
Plötzlich bekam er ein Stück in den Mund, woraus er nicht klug werden konnte. Es läßt sich nicht schneiden, es ist ein Knochen mit zähem Fleisch daran, und als er die eine Seite abgenagt hat, nimmt er das Stück aus dem Munde und betrachtet es. »Der Hund kann seinen Knochen selber behalten!« murmelte er und geht an die Türöffnung, um es genauer zu untersuchen. Er wendet und dreht es mehrere Male. Plötzlich eilt er nach der Pritsche zurück und sieht nach der Flasche mit dem abgeschnittenen Finger, — die Flasche war verschwunden.
Zachäus schreitet hinüber nach dem Speiseraum. Leichenblaß mit verzerrtem Gesicht bleibt er in der Tür stehen und sagt, so daß alle es hören, zu dem Koch: »Sag mal, Polly, ist dies nicht mein Finger?«
Damit hält er einen Gegenstand in die Höhe.
Der Koch antwortet nicht, fängt aber an seinem Tische zu kichern an.
Zachäus hält einen anderen Gegenstand in die Höhe und sagt: »Und, Polly, ist dies nicht mein [87] Nagel, der an dem Finger saß? Sollt' ich den nicht wiedererkennen?«
Jetzt wurden alle Männer an den Tischen aufmerksam auf die wunderlichen Fragen des Zachäus und sahen ihn staunend an.
»Was hast du eigentlich?« fragte einer.
»Ich fand meinen Finger, meinen abgeschnittenen Finger im Essen,« erklärt Zachäus. »Er hat ihn gekocht, er hat ihn mir mit meinem Essen gebracht. Hier ist auch der Nagel.«
Da brach plötzlich an allen Tischen ein brüllendes Gelächter los, und die Leute schrieen durcheinander:
»Er hat deinen eigenen Finger gekocht und ihn dir zu essen gegeben? Du hast ein wenig davon abgebissen, wie ich sehe, du hast die eine Seite abgenagt!«
»Ich sehe nicht gut,« erwiderte Zachäus, »ich wußte nicht, — — ich dachte nicht — —«
Dann aber plötzlich wendet er sich um und geht zur Tür hinaus.
Der Aufseher mußte Ruhe im Speiseraum schaffen. Er erhob sich, wandte sich an den Koch und sagte: »Hast du den Finger mit dem anderen Fleisch zusammen gekocht, Polly?«
»Nein,« erwiderte Polly?. »Großer Gott, wie könnte ich wohl! Wofür haltet Ihr mich denn? Ich kochte ihn für sich, in einem ganz anderen Kessel.«
Aber die Geschichte mit dem gekochten Finger lieferte den ganzen Nachmittag Stoff zu unerschöpflicher Heiterkeit für die Bande, sie stritten und lachten darüber wie die Verrückten, und der Koch feierte einen Triumph, wie nie zuvor im Leben.
Zachäus aber war verschwunden.
Zachäus war in die Prärie hinausgegangen. Das Unwetter hatte noch immer nicht nachgelassen, und es gab nirgends Schutz. Zachäus aber wanderte weiter und weiter über die Prärie hinaus. Er trug seine kranke Hand in der Binde und schützte sie, so gut er konnte, gegen den Regen; im übrigen war er von oben bis unten durchnäßt.
Er setzte seine Wanderung fort.
Als die Dämmerung hereinbricht, bleibt er stehen, sieht beim Schein eines Blitzes nach der Uhr und kehrt dann denselben Weg wieder zurück, den er gekommen ist. Mit schwerfälligen, bedächtigen Schritten geht er durch den Weizen, als habe er die Zeit und den Weg genau berechnet. Gegen acht Uhr langt er wieder bei der Farm an.
Es ist jetzt völlig dunkel. Er hört, daß die Leute im Speiseraum beim Abendbrot versammelt sind, und als er durch das Fenster guckt, meint er den Koch dort zu sehen, und glaubt zu erkennen, daß er sehr guter Laune ist.
Er geht von dem Hause weg nach den Stallungen, wo er sich in den Schutz stellt und in die Finsternis hineinstarrt. Die Heuschrecken schweigen, alles ist still, nur der Regen fällt noch immer, und von Zeit zu Zeit schneidet ein schwefelfarbener Blitz den Himmel mitten durch und schlägt weit hinten in der Prärie nieder.
Endlich hört er, daß die Leute vom Abendessen kommen und in den Schlafschuppen hinübereilen, fluchend und im Sturmeslauf, um nicht naß zu werden. Zachäus wartet noch eine Stunde, geduldig und eigensinnig, dann begibt er sich nach der Küche.
Es ist noch Licht da drinnen, er sieht einen Mann am Herd, und er tritt ruhig ein.
»Guten Abend!« sagt er.
Der Koch sieht ihn erstaunt an und sagt schließlich:
»Heute abend kannst du kein Essen mehr bekommen.«
Zachäus entgegnet:
»Gut! Aber dann gib mir ein wenig Seife, Polly. Mein Hemd ist gestern abend nicht rein geworden, ich muß es noch einmal wieder waschen.«
»Nicht in meinem Wasser!« sagte der Koch.
»Ja, gerade. Ich habe es hier an der Ecke!«
»Ich rate dir davon ab.«
»Bekomme ich Seife?« fragt Zachäus.
»Ich will dir Seife geben!« schreit der Koch. »Hinaus mit dir!«
Und Zachäus geht hinaus.
Er nimmt den einen der Wasserbehälter, trägt ihn an die Ecke, so recht mitten unter das Küchenfenster, und fängt an, laut in dem Wasser herumzuplätschern. Der Koch hört es und kommt heraus.
Er ist heute groß und überlegen wie nie zuvor, und er geht geradeswegs mit ausgespreizten Armen entschlossen und zornig auf Zachäus zu.
»Was machst du hier?« fragt er.
Zachäus antwortet: »Nichts. Ich wasche mein Hemd.«
»In meinem Wasser?«
»Natürlich!«
Der Koch kommt näher, beugt sich über den Wasserbehälter, um sich davon zu überzeugen, ob es der seine ist, und sucht in dem Wasser nach dem Hemd.
Da zieht Zachäus seinen Revolver aus der Binde der verwundeten Hand heraus, hält ihn dem Koch gerade vors Ohr und drückt ab.
Ein schwacher Knall hallte in die nasse Nacht hinaus.
Als Zachäus zu später nächtlicher Stunde in den Schlafschuppen kam, um zur Ruhe zu gehen, erwachten ein paar von seinen Kameraden und fragten, was er so lange draußen gemacht habe.
Zachäus antwortete: »Nichts. Ich habe Polly erschossen.«
Die Kameraden richteten sich auf den Ellenbogen auf, um besser zu hören.
»Du hast ihn erschossen?«
»Ja!«
»Das wäre doch des Satans! Wo trafst du ihn?«
»In den Kopf. Ich schoß ihn durchs Ohr, die Kugel ging nach oben.«
»Den Teufel auch! Wo hast du ihn begraben?«
»Westlich in der Prärie. Ich gab ihm die Zeitung in die Hände.«
»Das hast du getan?«
Damit legten sich die Kameraden wieder hin, um weiter zu schlafen.
Nach einer Weile fragt noch einer von ihnen: »War er gleich tot?«
»Ja,« antwortete Zachäus, »beinahe sofort. Die Kugel ging durch das Gehirn.«
»Ja, das ist der beste Schuß,« sagt der [92] Kamerad. »Geht sie durch das Gehirn, so ist das der Tod.«
Und dann wird es ruhig in dem Schuppen, und alle schlafen — — —.
Der Aufseher ernannte einen neuen Koch, einen der Gehilfen, die seit dem Frühling in Übung waren; dieser ward jetzt zum Chef erhöht und war herzlich glücklich über den Mord.
Und alles ging seinen rührigen Gang bis zur Ernte. Es wurde nicht weiter über Pollys Heimgang geredet; der arme Teufel war tot, er lag irgendwo im Weizenfelde begraben, wo die Ähren ausgerissen waren. Dabei war nichts mehr zu machen.
Als der Oktober kam, zogen die Arbeiter aus Billybory nach der nächsten Stadt, um einen gemeinsamen Abschiedstrunk zu trinken und sich dann zu trennen. Alle waren in diesem Augenblick bessere Freunde denn je zuvor, und sie umarmten und dankten einander und meinten es ehrlich damit.
»Wohin gehst du, Zachäus?«
»Ich gehe etwas weiter westlich,« antwortet Zachäus. »Vielleicht nach Wyoming. Aber zum Winter gehe ich wieder in den Wald zum Holzschlagen.«
»Dann treffen wir uns dort. Auf Wiedersehen, Zachäus! Glückliche Reise!«
Die Kameraden ziehen nach allen Richtungen hinaus in das große Yankeeland. Zachäus reist nach Wyoming.
Und die Prärie liegt da gleich einem endlosen Meer, über das die Oktobersonne ihre langen Strahlen wirft, die blitzenden Pfriemen gleichen.
Monat für Monat lagen wir auf den Bänken und fischten Kabeljau. Der Sommer und der Winter kam und ging, und wir lagen immer noch an derselben Stelle, mitten im Meer, an der Grenze zweier Erdteile, Europa und Amerika. Vier- bis fünfmal im Jahre gingen wir nach Miquelon hinauf, um unsern Fang zu verkaufen und uns zu verproviantieren. Dann segelten wir wieder auf das Meer hinaus, verankerten uns auf demselben Grunde und fischten Kabeljau — und steuerten wieder nach Miquelon hinauf, um abermals zu löschen. Ich war in der Stadt niemals am Land. Warum sollte ich auch an Land gehen? Man sah dort sehr wenig Menschen an dem Platze, diesem kleinen Weltende, das nur einige Fischer und Schiffshändler bewohnten.
Unser Schiff war ein Russe und führte den Namen »Kongo«, ein wirklicher Russe, eine alte Bark, die noch auf den Seiten halbverdeckte Stückpforten hatte von ihren jüngeren Tagen her. Wir waren acht Mann an Bord: zwei Holländer und ein Franzose, zwei Russen und ich; der Rest waren Neger.
Der »Kongo« hatte vier Boote. Auf ihnen fuhren wir am Morgen hinaus und zogen unsere Schnüre ein, im Sommer um drei Uhr, im [95] Winter beim Morgengrauen, und am Abend legten wir sie wieder aus, immer auf derselben Stelle, sieben- bis achthundert Faden W. S. W. vor dem »Kongo«.
Ein Tag verging wie der andere, immer lagen wir da. Unser Dasein bot keine Abwechselung; wir wußten nicht einmal immer, ob es Sonntag oder Montag wäre. Das einzige, was unsere Verhältnisse von denen der andern New-Foundlandfischer unterschied, war das Ungewöhnliche, daß unser Schiffer seine Frau mit an Bord hatte. Diese Frau war ein junges, aber sehr widerliches Geschöpf mit ganzen Trauben von Warzen an den Händen und entsetzlich mager und sehr klein.
Wir sahen sie fast jeden Morgen, wenn wir von Bord abstießen; sie war dann gerade aufgestanden, war schläfrig und sehr unordentlich angezogen. Sie konnte sich gerade vor unsern Augen hinsetzen und — nein, es läßt sich wirklich nicht erzählen. Aber obwohl sie so unsauber war und fast niemals ein Wort mit uns sprach, hatten wir sie doch gern, wir alle hatten sie gern, jeder in seiner Weise, und keiner von uns hätte sie entbehren mögen. So genügsam waren wir geworden.
Wir waren keine Seeleute, sondern nur Fischer. Ein Seemann segelt immer weiter, gelangt irgendwohin [96] und beendet schließlich seine Fahrt, wie lange sie auch währt; aber wir, wir lagen still, ewig und immer still, mit allen unsern Ankern in der Bank. Es war nun so lange in dieser Weise gegangen, daß wir schließlich uns fast nicht mehr entsinnen konnten, wie das Festland eigentlich aussieht. Wir hatten uns sehr verändert. Das ewige Stilliegen hatte uns seltsam stumpf, wirklich ganz stumpf gemacht. Wir sahen nichts weiter als Nebel und Meer, und hörten nichts anderes als Wind und Wetter, von oben und unten; wir interessierten uns für nichts und dachten keine längeren Gedanken mehr. Warum sollten wir auch denken? Unsere ständige Beschäftigung mit Fischen hatte uns selbst zu Fischen gemacht, zu seltsamen, fleischartigen Seetieren, die auf einem Schiff herumkrochen und eine eigene, nur uns gegenseitig verständliche Sprache redeten.
Wir lasen auch nicht, nichts lasen wir. Briefe konnten zu uns hier draußen im Meer nicht hinausgelangen, und außerdem hatte der scharfe Nebel, den wir einsogen, unsere tägliche Beschäftigung mit rohen Fischen, unser ununterbrochener Aufenthalt auf den Bänken unsere ganze Lebensfreude ertötet.
Wir aßen, arbeiteten und schliefen. Der einzige von uns, der nicht ganz den Kopf verloren hatte und noch einigermaßen am Leben teilnahm, [97] war der Franzose. Er zog mich einmal auf Deck beiseite und fragte im ernstesten Tone:
»Meinst du, daß man jetzt daheim Krieg führt?«
So gleichgültig waren wir für alles geworden, daß wir fast nicht mehr miteinander sprachen. Wir wußten allzu gut, wie die Antwort auf jede Frage lauten würde, und dazu kam noch, daß wir oft die größte Mühe hatten, gegenseitig unsere Sprache zu verstehen. Was half es nämlich, daß die offizielle Sprache des Schiffes englisch war! Sowohl die Holländer, als der Franzose waren zu ungelehrig und zu trotzig, um sie zu lernen, und selbst wenn die Russen etwas Längeres sagen wollten, gingen sie ärgerlich in ihre eigene Sprache über. Kurz, wir waren in jeder Beziehung hilflos und verlassen.
Aber bisweilen, wenn wir so saßen und die Schnüre einholten, zog draußen ein Auswandererschiff vorbei, ein mächtiger, schattenhafter Koloß, der seine Pfeife einmal ertönen ließ und in demselben Augenblick im Nebel verschwand. Diese gewaltigen Ungeheuer, die für einen Augenblick auftauchten und dann wieder verschwunden waren, gewährten einen fast unheimlichen Anblick. Wenn es im Dunkeln geschah und die Lichter vom Schiff uns mit runden, glühenden Ochsenaugen längs des ganzen Rumpfes anstarrten, stießen wir oft [98] einen plötzlichen Schrei der Angst und Verwunderung aus. Bei stillem Wetter reichte der Luftdruck von dem gigantischen Gespenst bis zu uns hin, und unsere Boote wiegten sich lange hernach in den schweren Wellen, die das Meer in Bewegung versetzten, wenn der Dampfer vorbeizog.
Es konnte auch vorkommen, wenn das Wetter ein wenig klar war, daß van Tatzel, mein Bootskamerad, der gute Augen hatte, weit draußen ein Segelschiff zu entdecken vermochte; aber sie kamen uns niemals so nah, daß wir einen Menschen an Bord zu unterscheiden vermochten. Wir sahen eben niemals andere Leute als unsere eigenen: einen Koch, acht Fischer und den gichtbrüchigen Schiffer mit seiner Frau.
Merkwürdige Gemütsbewegungen konnten bisweilen in uns entstehen, wenn wir saßen und mühsam an den Schnüren zogen und sie fast nicht heraufbekommen konnten: es war uns dann, als würden unsere Angeln von verborgenen Händen tief unten festgehalten, die unser Boot auf die Seite kippten. Wir riefen einander zu mit klappernden Zähnen und ganz toll vor Angst. Wir vergaßen, wo wir waren und was wir taten, wir wurden ungeheuer erregt durch diesen Kampf mit den unsichtbaren Mächten der Meerestiefe, die nicht loslassen wollten, was sie einmal gefaßt.
Wenn einer der Fischer einen Anfall dieser Gemütsstimmung bekam, sagte man auf den Bänken, er sänge »um klares Wetter«, weil wir meinten, der Nebel wäre daran schuld. Bisweilen kam es uns auch vor, wenn wir saßen und tranken, als wenn wunderliche, phantastische Wesen uns aus dem Nebel auf dem Meere zunickten, recht schlotterig nickten, mit großen, zottigen Köpfen, und wieder verschwanden. Und zerfließende, koboldhafte Gestalten schwebten in dem weißen Dunst umher, groß wie Berge, sie flossen hierhin und dorthin, je nachdem, woher der Wind blies, schwebend in schweren Schritten von West nach Ost, sie rollten sich durch die Luft mit ihren nebelhaften Gliedern und in gewaltigen Mänteln, die ihnen nachflatterten.
Van Tatzel und ich sahen einmal gleichzeitig eine Erscheinung, über die wir fast erstarrten: es war an einem dunklen Abend, als wir unsere Schnüre auslegten; wir sahen einen Mann, der in der Luft auf und ab schaukelte, sein ganzer Kopf stand in Flammen, er blies wie ein Sturmwind, wir hörten es alle beide. Kurz darauf strich ein Dampfer an uns vorbei; wir stießen einen Schrei aus, als die Pfeife losschrie; dann verschwand er ...
Aber wenn wir am Vormittag unsere Schnüre eingezogen hatten und mit unsern vollbeladenen [100] Booten am »Kongo« anlegten, machten unser guter Fang und die Zufriedenheit, die schlimmste Arbeit für diesen Tag getan zu haben, uns oft in einer andern Weise töricht und erregt. So geschah es manchmal, daß wir eine ganz unnatürliche Freude daran fanden, die Fische zu mißhandeln, unsere eigenen Fische ganz einfach zu mißhandeln. Die beiden Russen waren namentlich ganz versessen darauf. Sie packten die großen Fische beim Kopf, drückten die Finger in ihre weichen Augen hinein und hielten sie so in die Höhe, indem sie ganz eigenartig lachten und sie ansahen.
Eines Tages bemerkte ich, daß der eine von den Russen in einen rohen Fisch hineinbiß, die Zähne tief in ihn hineinsetzte und ihn etwa zwei Minuten so festhielt, indem er die Augen dabei schloß.
Diese fetten Fischleichen wirkten überhaupt sehr auf uns alle; wir konnten ganz erregt werden, wenn wir ihre glatten Leiber öffneten; wir schnitten ihnen lebend den ganzen Bauch auf, wühlten unnötig viel mit den Händen in ihren Eingeweiden herum und besudelten uns mehr mit ihrem Blut, als nötig war.
Der Franzose bewahrte sich immer vor diesen tierischen Gelüsten; aber dafür war er von einer ganz verrückten Neigung zu der Schifferfrau [101] entflammt und vermochte es nicht einmal zu verbergen. Er sagte es uns allen ganz offen. »Ich liebe sie, ja, Gott helfe mir, wie ich sie liebe!« sagte er mehrmals am Tage.
Einer von den Negern, den wir den »Doktor« nannten, weil er in seiner ersten Jugend ein wenig Medizin studiert hatte, war auch sehr verliebt in sie; ich hätte ihn damals, als er es mir erzählte, auf der Stelle, nur aus Eifersucht, totschlagen können. Denn auch mir erging es nicht besser.
Aber sie selbst ging mager und stumpfsinnig und schrecklich schmutzig umher und merkte nichts von dem allen. Uns würdigte sie keines Blickes. Einmal, als ich etwas auf Achterdeck zu tun hatte, wo sie auf ihrem Feldstuhl saß und gerade vor sich hinstarrte, stolperte ich über eine Tauhaspel und wäre beinahe gefallen. Das ärgerte mich so, daß ich mich umdrehte und diese Tauhaspel ganz dumm und geistesabwesend anstarrte, statt weiterzugehen, — ich muß entschieden sehr lächerlich ausgesehen haben. Warum lachte sie denn nicht? Und warum sah sie mich die ganze Zeit an, wenn es nicht geschah, um zu lachen? Sie hatte nach nichts Verlangen; es verzog sich keine Miene in ihrem Gesicht.
»Sie verfault lebendigen Leibes!« sagte van Tatzel in seiner verrückten Sprache; »weiß Gott, sie verfault!«
Und doch hätte keiner von uns um alles in der Welt sie los sein mögen ...
Wenn die Fische »hergerichtet« und die Schnüre wieder ausgelegt waren, war unsere Tagesarbeit getan, und wir verbrachten ein oder zwei Stunden mit Essen und Tabakrauchen. Und dann gingen wir in die Kojen.
Nun konnten wir, wenn wir nicht allzu müde waren, ein bißchen miteinander plaudern und sogar allerlei Geschichten erzählen, alles in einer derben und unvollkommenen Sprache, voller Flüche und häßlicher Worte ... Der Franzose wußte ein Stück von einem Mann zu erzählen, der »kein Weib ansehen konnte, ohne ihrer zu begehren,« und dieses Stück hatte er mehrmals erzählt, immer mit demselben großen Erfolg. Die Russen waren ganz entzückt davon und lachten unaufhörlich, wenn es erzählt wurde. Ihre Freude über die derbe Erzählung war so aufrichtig wie bei Kindern, sie verzerrten ihren Mund und warfen sich aufgeregt in ihrer Koje hin und her. »Na, und dann?« fragten sie die ganze Zeit. »Wie ging es dann weiter?« Und doch wußten sie ebensogut wie wir andern, wie das Ganze zugegangen war.
Van Tatzel dagegen war fast niemals so glücklich, wenn er seine Geschichte erzählte; wir mochten sie selten anhören. Wir verstanden ihn [103] so schlecht, er konnte so wenig Englisch, und außerdem verdrehte er noch das Wenige, was er wußte. Wenn er im Begriff war, etwas zu sagen, und plötzlich fest saß, sah er sich nach uns allen mit seinem verzweifelten Gesicht um und wußte nicht, wie er sich helfen sollte. Er war wirklich sehr zu bedauern.
Van Tatzel war der älteste von den Holländern, ein altes Schwein; ziemlich taub, aber sonst gutmütig und gefällig. Er hatte immer Wattebüschel in den Ohren, Sommer und Winter, große Wattebüschel, die von Alter und Unsauberkeit schon ganz gelb waren. Er hatte eine ungewöhnlich schwerfällige Gestalt. Das Meer hatte ihn zu einem reinen Kinde gemacht, und er vermochte nicht über seine Nasenspitze hinaus zu denken. Wenn er in der Koje lag, rauchte er seinen starken Tabak, spuckte rücksichtslos in die Kajüte hinab und begann seine Erzählung immer folgendermaßen:
»Es war einmal eines Abends in Amsterdam,« sagte er, »es war eines Abends in Amsterdam. Ich hatte gerade Heuer genommen, und es war mein letzter Abend an Land. Ich entsinne mich nicht, wieviel Uhr es war, aber es war schon sehr spät,« sagte van Tatzel. »Als ich aus einer Bierhalle herauskomme und mich an Bord begeben will, kremple ich erst meine Hosen auf; [104] ich entsinne mich, daß ich an jedem Hosenbein zwei Krempel machte. Aber übrigens war ich mehr als betrunken und fiel bei dem Aufkrempeln auf die Kniee. Dann kreuzte ich davon und war gerade bis zur Leopoldsgasse gekommen, da trat etwas ein, — etwas, was mich betraf. Denn ich war nicht mehr betrunken, als ich sie sah; sie war dicht hinter mir, mitten in der Straße — ihr mögt es mir glauben oder nicht, aber es war eine Dame.«
Der alte Narr richtet sich in seiner Koje auf und sieht uns an. »Eine feine Dame!« sagt er. Und weiter kommt er nicht. Sein Englisch reicht nicht weiter, er kommt nicht mehr von der Stelle.
»Eine wirkliche Dame war hinter dir her auf den Straßen von Amsterdam?« fragt der »Doktor« neckend von seiner Koje her.
»Ja, eine Dame!« sagt er entzückt und lacht übers ganze Gesicht. Das erregt ihn so, daß er es zweimal beschwört, und wir lachen über ihn alle zusammen. Er versucht, weiter zu erzählen, sitzt aber wieder fest; es ist ihm nicht möglich, weiter zu kommen. Er arbeitet sein altes Hirn ab, strengt sich aufs furchtbarste an, um ein Wort zu finden, das uns die Sache klar machen könnte; aber er schweigt mäuschenstill. Ihm liegt soviel daran, sich gerade über diesen [105] Punkt auszusprechen; und plötzlich, als er völlig überwältigt ist von der Erinnerung an diese Dame und ganz voll Verzweiflung, weil er sich nicht auszudrücken vermag, erfolgt ein Ausbruch in seiner eigenen Sprache, poltert ein großer Schwall wunderlicher Worte hervor, die nicht ein einziger von uns verstehen kann, ausgenommen sein Landsmann, der in einer andern Koje liegt und schnarcht.
Das war van Tatzels Geschichte, die einzige, die er konnte, und die immer hier endigte. Wir hatten sie so viele Male gehört; sie begann stets in derselben Weise mit dem Abend in Amsterdam. Es war eine glaubwürdige Geschichte, und keiner von uns zweifelte daran.
Dann lagen wir eine Weile und dachten an diese Erzählungen, während das Meer draußen lärmte, die Lampe in ihrem Messingringe schwankte und die Wache mit ihren Holzschuhen auf Deck über uns trampelte. Dann kam die Nacht ...
Aber bisweilen wachte ich um Mitternacht wieder auf, halb erstickt von dem Geruch von all diesem ausdünstenden Menschenfleisch, das sich in wilden Träumen wälzte und die Decken abstrampelte. Die Lampe leuchtete auf die plumpen Körper in grauen Wollhemden herab. Die Russen mit ihren paar langen Barthaaren sahen wie schlafende Seehunde aus, und ihre dicken, nackten Füße glichen Fausthandschuhen.
Aus jeder Koje vernahm man Stöhnen und halbe Worte; die Neger lagen und fletschten ihre weißen Zähne und sprachen laut, nannten einen Namen und bliesen ihre schwarzen Wangen auf.
Aus der Koje des jüngsten Holländers vernahm man unter glucksendem Lachen denselben Namen, und dazwischen Schnarchen und kurzes, lautes Wimmern, — den Namen der Schifferfrau. Alle beschäftigten sich mit ihr, diese lüderlichen Tiere sprachen sogar von ihr, wenn sie im Schlaf lagen, jeder in seiner Sprache. Sie lagen da in schnarchendem Schlaf mit geschlossenen Augen und murmelten die schamlosesten Worte und lächelten und streckten die Zunge aus. Nur van Tatzel schlief ruhig, gesund und friedlich, wie ein sprachloses Tier.
Der scharfe Kajütenduft, der Tabakrauch, der Geruch nach schwitzenden Menschen und der Fischladung vermengte sich zu einem schweren, drückenden Dunst, der sich auf meine Augen legte, sobald ich sie öffnete. Und ich schlief wieder ein, und eine ungeheuer große Blume saß auf mir wie ein Alb und legte sich auf mich und saugte mich in ihre nassen Blätter hinein, erstickte mich, ruhig und sicher, leise und still. Und ich wußte nichts mehr von der Welt ...
Dann kam die Wache und weckte mich auf.
Die in diesem Auswahlbande enthaltenen
Novellen stammen aus folgenden
Büchern von Knut Hamsun:
Sklaven der Liebe
und andere Novellen
Die Königin von Saba
und andere Novellen
Kämpfende Kräfte
Novellen
Erzählende
Schriften
Im Mai wird erscheinen:
Die letzte Freude.
Roman
Geh. ca. Mk. 4.—, geb. ca. Mk. 5.—
Früher sind erschienen:
Hunger.
Roman.
7. Tausend.
Geh. Mk. 3.50, geb. Mk. 4.50
Mysterien.
Roman.
4. Tausend.
Geh. Mk. 4.—, geb. Mk. 5.—
Neue Erde. Roman. 4.
Roman.
4. Tausend.
Geh. Mk. 4.—, geb. Mk. 5.—
Pan.
(Aus Leutnant Thomas Glahns Papieren.)
9. Tausend.
Geh. Mk. 2.50, geb. Mk. 3.50
Redakteur Lynge.
Roman.
2. Tausend.
Geh. Mk. 3.50, geb. Mk. 4.50
Victoria.
Die Geschichte einer Liebe.
7. Tausend.
Geh. Mk. 3.—, geb. Mk. 4.—
Die Königin von Saba.
Novellen.
3. Tausend.
Geh. Mk. 3.—, geb. Mk. 4.—
Sklaven der Liebe.
Novellen.
3. Tausend.
Geh. Mk. 3.—, geb. Mk. 4.—
Im Märchenland.
Erlebtes und Geträumtes
aus Kaukasien.
2. Tausend.
Geh. Mk. 3.—, geb. Mk. 4.—
Kämpfende Kräfte.
Novellen.
3. Tausend.
Geh. Mk. 3.—, geb. Mk. 4.—
Schwärmer.
Roman.
3. Tausend.
Geh. Mk. 3.—, geb. Mk. 4.—
Unter dem Halbmond.
Reisebilder.
3. Tausend.
Geh. Mk. 3.—, geb. Mk. 4.—
Benoni.
Roman.
3. Tausend.
Geh. Mk. 4.—, geb. Mk. 5.—,
in Halbfr. Mk. 7.—
Rosa.
Roman.
3. Tausend.
Geh. Mk. 4.—,
geb. Mk. 5.50, in Halbfr.
Mk. 7.—
Albert Langen, Verlag, München
Werke von Knut Hamsun
Unter Herbststernen.
Erzählung eines Wanderers.
3. Tausend.
Geh. Mk. 3.—, geb. Mk.
4.50, in Halbfr. Mk. 6.—
Gedämpftes Saitenspiel.
Erzählung eines Wanderers.
3. Tausend.
Geh. Mk. 3.50, geb.
Mk. 5.—, in Halbfr.
Mk. 6.50
Die Stimme des Lebens
Novellen.
5. Tausend.
Tausend. Geh. M. 1.—,
geb. Mk. 1.50
Dramen
An des Reiches Pforten.
Schauspiel.
Geh. M. 3.—, geb. M. 4.—
Abendröte.
Schauspiel.
Geh. M. 2.—, geb. Mk. 3.—
Munken Vendt.
Dramatisches
Gedicht.
Geh. Mk. 3.—, geb. Mk. 4.—
Königin Tamara.
Schauspiel.
Geh. Mk. 2.—, geb. Mk. 3.—
Spiel des Lebens.
Schauspiel.
Geh. Mk. 2.—, geb. Mk. 3.50
Vom Teufel geholt.
Schauspiel.
Geh. Mk. 3.50, geb. Mk. 5.—
Hamburgischer Korrespondent: Knut Hamsun ist, seit Ibsen tot ist, der seelisch differenzierteste Dichter unter den Norwegern. Er ist der Sänger einer großen melancholischen Melodie. Er ist ein Meister schwermütiger Visionen, ein Offenbarer alles Menschlichen, ein Verkünder der Geheimnisse, die in uns wohnen. So tief in das seltsam pochende Herzblut der Menschheit hineingehorcht wie er haben nicht viele der heutigen Dichter. Und wer verfügte über eine so beredte Sprache, das Erlauschte zu verkünden, wie er?
Albert Langen, Verlag, München
Druck von Hesse & Becker in Leipzig
Papier von Bohnenberger & Cie., Papierfabrik,
Niefern bei Pforzheim.
Einbände von E. A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig
Notizen des Bearbeiters:
— Inhaltsverzeichnis ergänzt.
— Altertümliche Schreibweisen wurden beibehalten.