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Title: Meer
Die weite See, das Ziel deutscher Sehnsucht, wie es lockt und schreckt
Editor: Ernst Weber
Illustrator: J. V. Cissarz
Release date: June 23, 2026 [eBook #78932]
Language: German
Original publication: München: Georg D. W. Callway - Verlag des deutschen Spielmanns, 1903
Credits: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MEER ***
Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von
1903 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche
Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
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Original-Einband
Der deutsche Spielmann
Eine Auswahl aus dem
Schatz deutscher Dichtung
* für Jugend und Volk *
Herausgegeben von Ernst Weber
Mit Bildern von deutschen Künstlern
Band V: Meer
München 1903 * * * Verlag des deutschen Spielmanns:
Georg D. W. Callwey und Carl Haushalter G. m. b. H.
Meer
Die weite See, das Ziel deutscher Sehnsucht,
* * * * wie es lockt und schreckt * * * *
Gesammelt von Ernst Weber
Bildschmuck von J. V. Cissarz
München 1903 * * * Verlag des deutschen Spielmanns:
Georg D. W. Callwey und Carl Haushalter G. m. b. H.
Es geht ein starker Nordwind, und die Hexen haben wieder viel Unheil
im Sinne. Man hegt hier nämlich wunderliche Sagen von Hexen, die den
Sturm zu beschwören wissen, wie es denn überhaupt auf allen nordischen
Meeren viel Aberglauben gibt. Die Seeleute behaupten, manche Insel
stehe unter der geheimen Herrschaft ganz besonderer Hexen, und dem
bösen Willen derselben sei es zuzuschreiben, wenn den vorbeifahrenden
Schiffen allerlei Widerwärtigkeiten begegnen. Als ich voriges Jahr
einige Zeit auf der See lag, erzählte mir der Steuermann unseres
Schiffes, die Hexen wären besonders mächtig auf der Insel Wight und
suchten jedes Schiff, das bei Tage dort vorbeifahren wolle, bis zur
Nachtzeit aufzuhalten, um es alsdann an Klippen oder an die Insel
selbst zu treiben. In solchen Fällen höre man diese Hexen so laut durch
die Luft sausen und um das Schiff herumheulen, daß der Klabotermann
ihnen nur mit vieler Mühe widerstehen könne. Als ich nun fragte, wer
der Klabotermann sei, antwortete der Erzähler sehr ernsthaft: „Das ist
der gute, unsichtbare Schutzpatron der Schiffe, der da verhütet, daß
den treuen und ordentlichen Schiffern Unglück begegne, der da überall
selbst nachsieht und sowohl für die Ordnung wie für die gute Fahrt
sorgt.“ Der [S.11]wackere Steuermann versicherte mit etwas heimlicherer
Stimme, ich könne ihn selber sehr gut im Schiffsraume hören, wo er die
Waren gern noch besser nachstaue, daher das Knarren der Fässer und
Kisten, wenn das Meer hoch gehe, daher bisweilen das Dröhnen unserer
Balken und Bretter; oft hämmere der Klabotermann auch außen am Schiffe,
und das gelte dann dem Zimmermann, der dadurch gemahnt werde, eine
schadhafte Stelle ungesäumt auszubessern; am liebsten aber setze er
sich auf das Bramsegel, zum Zeichen, daß guter Wind wehe oder sich
nahe. Auf meine Frage, ob man ihn nicht sehen könne, erhielt ich zur
Antwort, nein, man sehe ihn nicht, auch wünsche keiner ihn zu sehen, da
er sich nur dann zeige, wenn keine Rettung mehr vorhanden sei. Einen
solchen Fall hatte zwar der gute Steuermann noch nicht selbst erlebt,
aber von andern wollte er wissen, den Klabotermann höre man alsdann vom
Bramsegel herab mit den Geistern sprechen, die ihm untertan sind; doch
wenn der Sturm zu stark und das Scheitern unvermeidlich würde, setze
er sich auf das Steuer, zeige sich da zum ersten Male und verschwinde,
indem er das Steuer zerbräche. Diejenigen aber, die ihn in diesem
furchtbaren Augenblicke sähen, fänden unmittelbar darauf den Tod in den
Wellen.
Der Schiffskapitän, der dieser Erzählung mit zugehört hatte, lächelte
so fein, wie ich seinem rauhen, wind- und wetterdienenden Gesichte
nicht zugetraut hätte, und nachher versicherte er mir, vor fünfzig
oder gar vor hundert Jahren sei auf dem Meere der Glaube an den
Klabotermann so stark gewesen, daß man bei Tische immer auch ein Gedeck
für denselben aufgelegt und von jeder Speise etwa das Beste auf seinen
Teller gelegt habe, ja, auf einigen Schiffen geschehe das noch jetzt.
Ich gehe hier oft am Strande spazieren und gedenke solcher
seemännischen Wundersagen. Die anziehendste derselben ist wohl die
Geschichte vom fliegenden Holländer, den man im Sturm mit aufgespannten
Segeln vorbeifahren sieht, und der zuweilen ein Boot aussetzt, um den
begegnenden Schiffen allerlei Briefe mitzugeben, die man nachher nicht
zu besorgen weiß, da sie an längst verstorbene Personen adressiert
sind. Manchmal gedenke ich auch des alten, lieben Märchens von dem
Fischerknaben, der am Strande den nächtlichen Reigen der Meernixen
belauscht hatte und nachher mit seiner Geige die ganze Welt durchzog
und alle Menschen zauberhaft entzückte, wenn er ihnen die [S.12]Melodie
des Nixenwalzers vorspielte. Diese Sage erzählte mir einst ein lieber
Freund, als wir im Konzerte zu Berlin solch einen wundermächtigen
Knaben, den Felix Mendelssohn-Bartholdy, spielen hörten.
Einen eigentümlichen Reiz gewährt das Kreuzen um die Insel. Das Wetter
muß aber schön sein, die Wolken müssen sich ungewöhnlich gestalten,
und man muß rücklings auf dem Verdecke liegen und in den Himmel sehen
und allenfalls auch ein Stückchen Himmel im Herzen haben. Die Wellen
murmeln alsdann allerlei wunderliches Zeug, allerlei Worte, woran liebe
Erinnerungen flattern, allerlei Namen, die wie süße Ahnung in der Seele
wiederklingen. Dann kommen auch Schiffe vorbeigefahren, und man grüßt,
als ob man sich alle Tage wiedersehen könnte. Nur des Nachts hat das
Begegnen fremder Schiffe auf dem Meere etwas Unheimliches; man will
sich dann einbilden, die besten Freunde, die wir seit Jahren nicht
gesehen, führen schweigend vorbei, und man verlöre sie auf immer.
Ich liebe das Meer wie meine Seele.
Oft wird mir sogar zu Mute, als sei das Meer eigentlich meine Seele
selbst; und wie es im Meere verborgene Wasserpflanzen gibt, die nur im
Augenblick des Aufblühens an dessen Oberfläche heraufschwimmen und im
Augenblick des Verblühens wieder hinabtauchen, so kommen zuweilen auch
wunderbare Blumenbilder heraufgeschwommen aus der Tiefe meiner Seele
und duften und leuchten und verschwinden wieder.
Man sagt, unfern dieser Insel, wo jetzt nichts als Wasser ist, hätten
einst die schönsten Dörfer und Städte gestanden, das Meer habe sie
plötzlich alle überschwemmt, und bei klarem Wetter sähen die Schiffer
noch die leuchtenden Spitzen der versunkenen Kirchtürme, und mancher
habe dort in der Sonntagsfrühe sogar ein frommes Glockengeläute gehört.
Die Geschichte ist wahr; denn das Meer ist meine Seele —
„Eine schöne Welt ist da versunken,
Ihre Trümmer blieben unten stehn,
Lassen sich als goldne Himmelsfunken
Oft im Spiegel meiner Träume sehn.“
(Wilh. Müller.)
Geht man am Strande spazieren, so gewähren die vorbeifahrenden Schiffe
einen schönen Anblick. Haben sie die blendend weißen Segel aufgespannt,
so sehen sie aus wie vorbeiziehende [S.13]große Schwäne. Gar besonders schön
ist dieser Anblick, wenn die Sonne hinter dem vorbeisegelnden Schiffe
untergeht, und dieses wie von einer riesigen Glorie umstrahlt wird.
Die Jagd am Strande soll ebenfalls ein großes Vergnügen gewähren.
Was mich betrifft, so weiß ich es nicht sonderlich zu schätzen. Der
Sinn für das Edle, Schöne und Gute läßt sich oft durch Erziehung den
Menschen beibringen; aber der Sinn für die Jagd liegt im Blute. Wenn
die Ahnen schon seit undenklichen Zeiten Rehböcke geschossen haben, so
findet auch der Enkel ein Vergnügen an dieser legitimen Beschäftigung.
Meine Ahnen gehörten aber nicht zu den Jagenden, viel eher zu den
Gejagten, und soll ich auf die Nachkömmlinge ihrer ehemaligen Kollegen
losdrücken, so empört sich dawider mein Blut.
Des Versuchs halber, denn ich muß mein Blut besser gewöhnen, ging
ich gestern auf die Jagd. Ich schoß nach einigen Möwen, die gar zu
sicher umherflatterten und doch nicht bestimmt wissen konnten, daß ich
schlecht schieße. Ich wollte sie nicht treffen und sie nur warnen, sich
ein anderes Mal vor Leuten mit Flinten in acht zu nehmen; aber mein
Schuß ging fehl, und ich hatte das Unglück, eine junge Möwe tot zu
schießen. Es ist gut, daß es keine alte war; denn was wäre dann aus den
armen kleinen Möwchen geworden, die, noch unbefiedert, im Sandneste der
großen Düne liegen und ohne die Mutter verhungern müßten! Mir ahndete
schon vorher, daß mich auf der Jagd ein Mißgeschick treffen würde: ein
Hase war mir über den Weg gelaufen.
Gar besonders wunderbar wird mir zu Mute, wenn ich allein in der
Dämmerung am Strande wandle, — hinter mir flache Dünen, vor mir das
wogende, unermeßliche Meer, über mir der Himmel wie eine riesige
Krystallkuppel, — ich erscheine mir dann selbst sehr ameisenklein, und
dennoch dehnt sich meine Seele so meilenweit. Die hohe Einfachheit der
Natur, wie sie mich hier umgibt, zähmt und erhebt mich zu gleicher
Zeit, und zwar in stärkerem Grade als jemals eine andere erhabene
Umgebung. Nie war mir ein Dom groß genug; meine Seele mit ihrem alten
Titanengebet strebte immer höher, als die gotischen Pfeiler, und wollte
immer hinausbrechen durch das Dach. Auf der Spitze der Roßtrappe
haben mir beim ersten Anblick die kolossalen Felsen in ihren kühnen
Gruppierungen ziemlich imponiert; aber dieser Eindruck dauerte nicht
lange; meine Seele [S.14]war nur überrascht, nicht überwältigt, und jene
ungeheuren Steinmassen wurden in meinen Augen allmählich kleiner,
und am Ende erschienen sie wie geringe Trümmer eines zerschlagenen
Riesenpalastes, worin sich meine Seele vielleicht komfortabel befunden
hätte.
Heinr. Heine.
Am Strande.
Auf hochgestapelte Ballen blickt
Der Kaufherr mit Ergötzen;
Ein armer Fischer daneben flickt
Betrübt an zerrißnen Netzen.
Manch rüstig stolzbewimpelt Schiff,
Manch morsches Wrack im Sande!
Der Hafen hier und dort das Riff,
Jetzt Flut, jetzt Ebb’ am Strande.
Hier Sonnenblick, Sturmwolken dort;
Hier Schweigen, dorten Lieder,
Und Heimkehr hier, dort Abschiedswort;
Die Segel auf und nieder!
Zwei Jungfraun sitzen am Meeresstrand;
Die eine weint in die Fluten,
Die andre mit dem Kranz in der Hand
Wirft Rosen in die Fluten.
Die eine, trüber Wehmut Bild,
Stöhnt mit geheimem Beben:
„O Meer, o Meer, so trüb und wild,
Wie gleichst du so ganz dem Leben!“
Die andre, lichter Freude Bild,
Kost selig lächelnd daneben:
„O Meer, o Meer, so licht und mild,
Wie gleichst du so ganz dem Leben!“
Fortbraust das Meer und überklingt
Das Stöhnen wie das Kosen;
Fortwogt das Meer, und, ach, verschlingt
Die Tränen wie die Rosen.
Anast. Grün.
[S.15]
Der kleine Hydriot.
Ich war ein kleiner Knabe, stand fest kaum auf dem Bein,
Da nahm mich schon mein Vater mit in das Meer hinein,
Und lehrte leicht mich schwimmen an seiner sichern Hand,
Und in die Fluten tauchen bis nieder auf den Sand.
Ein Silberstückchen warf er dreimal ins Meer hinab,
Und dreimal mußt ich’s holen, eh’ er’s zum Lohn mir gab.
Dann reicht er mir ein Ruder, hieß in ein Boot mich gehn,
Er selber blieb zur Seite mir unverdrossen stehn,
Wies mir, wie man die Woge mit scharfem Schlage bricht,
Wie man die Wirbel meidet und mit der Brandung ficht.
Und von dem kleinen Kahne ging’s flugs ins große Schiff,
Es trieben uns die Stürme um manches Felsenriff.
Ich saß auf hohem Maste, sah über Meer und Land,
Es schwebten Berg’ und Türme vorüber mit dem Strand.
Der Vater hieß mich merken auf jedes Vogels Flug,
Auf aller Winde Wehen, auf aller Wolken Zug;
Und bogen dann die Stürme den Mast bis in die Flut,
Und spritzten dann die Wogen hoch über meinen Hut,
Da sah der Vater prüfend mir in das Angesicht —
Ich saß in meinem Korbe und rüttelte mich nicht. —
Da sprach er, und die Wange ward ihm wie Blut so rot:
„Glück zu, auf deinem Maste, du kleiner Hydriot!“ —
Und heute gab der Vater ein Schwert mir in die Hand,
Und weihte mich zum Kämpfer für Gott und Vaterland.
[S.16]
Er maß mich mit den Blicken vom Kopf bis zu den Zehn:
Mir war’s, als tät sein Auge hinab ins Herz mir sehn.
Ich hielt mein Schwert gen Himmel und schaut’ ihn sicher an
Und däuchte mich zur Stunde nicht schlechter als ein Mann.
Da sprach er, und die Wange ward ihm wie Blut so rot:
„Glück zu, mit deinem Schwerte, du kleiner Hydriot!“
Wilh. Müller.
Seefahrt.
Lange Tag’ und Nächte stand mein Schiff befrachtet;
Günst’ger Winde harrend saß mit treuen Freunden,
Mir Geduld und guten Mut erzechend,
Ich im Hafen.
Und sie waren doppelt ungeduldig:
Gerne gönnen wir die schnellste Reise,
Gern die hohe Fahrt dir; Güterfülle
Wartet drüben in den Welten deiner,
Wird Rückkehrendem in unsern Armen
Lieb’ und Preis dir.
Und am frühen Morgen ward’s Getümmel,
Und dem Schlaf entjauchzt uns der Matrose,
Alles wimmelt, alles lebet, webet,
Mit dem ersten Segenshauch zu schiffen.
Und die Segel blähen in dem Hauche,
Und die Sonne lockt mit Feuerliebe;
Ziehn die Segel, ziehn die hohen Wolken,
Jauchzen an dem Ufer alle Freunde
Hoffnungslieder nach, im Freudentaumel
Reisefreuden wähnend, wie des Einschiffmorgens,
Wie der ersten hohen Sternennächte.
Aber gottgesandte Wechselwinde treiben
Seitwärts ihn der vorgesteckten Fahrt ab,
Und er scheint sich ihnen hinzugeben,
Strebet leise, sie zu überlisten,
Treu dem Zweck auch auf dem schiefen Wege.
Aber aus der dumpfen grauen Ferne
Kündet leise wandelnd sich der Sturm an,
Drückt die Vögel nieder aufs Gewässer,
[S.17]
Drückt der Menschen schwellend Herz darnieder,
Und er kommt. Vor seinem starren Wüten
Streckt der Schiffer klug die Segel nieder;
Mit dem angsterfüllten Balle spielen
Wind und Wellen.
Und an jenem Ufer drüben stehen
Freund’ und Lieben, beben auf dem Festen:
Ach, warum ist er nicht hier geblieben!
Ach, der Sturm! Verschlagen weg vom Glücke!
Soll der Gute so zu Grunde gehen?
Ach, er sollte, ach, er könnte! Götter!
Doch er stehet männlich an dem Steuer;
Mit dem Schiffe spielen Wind und Wellen,
Wind und Wellen nicht mit seinem Herzen;
Herrschend blickt er auf die grimme Tiefe,
Und vertrauet, scheiternd oder landend.
Wolfg. v. Goethe.
Auf offener See.
Ade, du Küste mit den falschen Sorgen,
Furcht, Glück und Not, sinkt unter in das Meer!
Nun bin ich frei, jetzt bin ich erst geborgen,
Kein eitles Hoffen langet bis hierher.
Wie still, wohin ich auch die Blicke wende,
Wie weit und hoch und ringsum ohne Ende!
Gestirne, Wolken gehen auf und unter
Und spiegeln sich im stillen Ozean,
Hoch Himmel über mir und Himmel drunter,
Inmitten wie so klein mein schwacher Kahn!
Walt’ Gott, ihm hab’ ich alles übergeben,
Nun komm nur, Sturm, ich fürcht’ nicht Tod noch Leben.
Jos. v. Eichendorff.
Der Seemorgen.
Der Morgen frisch, die Winde gut,
Die Sonne glüht so helle,
Und brausend geht es durch die Flut,
Wie wandern wir so schnelle!
[S.18]
Die Wogen stürzen sich heran;
Doch wie sie auch sich bäumen,
Dem Schiff sich werfend in die Bahn,
In toller Mühe schäumen:
Das Schiff voll froher Wanderlust
Zieht fort unaufzuhalten,
Und mächtig wird von seiner Brust
Der Wogendrang gespalten;
Gewirkt von goldner Strahlenhand
Aus dem Gesprüh der Wogen,
Kommt ihm zur Seit’ ein Irisband
Hellflatternd nachgeflogen.
So weit nach Land mein Auge schweift,
Seh’ ich die Flut sich dehnen,
Die uferlose; mich ergreift
Ein ungeduldig Sehnen.
Daß ich so lang euch meiden muß
Berg, Wiese, Laub und Blüte! —
Da lächelt seinen Morgengruß
Ein Kind aus der Kajüte.
Wo fremd die Luft, das Himmelslicht,
Im kalten Wogenlärme,
Wie wohl tut Menschenangesicht
Mit seiner stillen Wärme!
Nik. Lenau.
Frieden.
Hoch am Himmel stand die Sonne,
Von weißen Wolken umringt;
Das Meer war still, —
Und sinnend lag ich am Steuer des Schiffes,
Träumerisch sinnend, — und halb im Wachen
Und halb im Schlummer, schaute ich Christus,
Den Heiland der Welt.
In wallend weißem Gewande
Wandelte riesengroß
Er über Land und Meer;
Es ragte sein Haupt in den Himmel,
[S.19]
Die Hände breitete segnend
Er über Land und Meer;
Und als ein Herz in der Brust
Trug er die Sonne,
Die rote, flammende Sonne;
Und das rote, flammende Sonnenherz
Goß seine Gnadenstrahlen
Und sein holdes, liebseliges Licht,
Erleuchtend und wärmend,
Weit über Land und Meer.
Glockenklänge zogen feierlich
Hin und her, zogen wie Schwäne
Am Rosenbande das gleitende Schiff,
Und zogen es spielend ans grüne Ufer,
Wo Menschen wohnen in hochgetürmter,
Ragender Stadt.
O Friedenswunder! Wie still die Stadt!
Es ruhte das dumpfe Geräusch
Der schwatzenden, schwülen Gewerbe;
Und durch die reinen, hallenden Straßen
Zogen Menschen, weißgekleidete,
Palmzweigtragende;
Und wo sich zwei begegneten,
Sahn sie sich an, verständnisinnig;
Und schauernd in Lieb’ und süßer Entsagung,
Küßten sie sich auf die Stirne
Und schauten hinauf
Nach des Heilands Sonnenherzen,
Das freudig versöhnend sein rotes Blut
Hinunterstrahlte;
Und dreimal selig sprachen sie:
Gelobt sei, Jesu Christ!
Heinr. Heine.
Meerfahrt.
Da schwimm ich allein auf dem stillen Meer;
Keine Welle rauscht, es ist eben und glatt.
Auf dem sandigen Grunde prächtig und hehr
Glänzt die alte, versunkene Stadt.
[S.20]
In alter verschollner Märchenzeit
Verstieß ein König sein Töchterlein;
Da lebt es über den Bergen weit
Im Walde bei sieben Zwergen klein.
Und als es starb durch des Giftes Kraft,
Ihm eingeflößt von der Mutter arg,
Da legt es die kleine Genossenschaft
In einen krystallenen Sarg.
Da lag es in seinem weißen Kleid,
Bekränzt mit Blumen, duftend und schön;
Da lag es in seiner Lieblichkeit,
Und sie konnten es immer sehn.
So liegst du in deinem Sarg von Krystall,
Du geschmückte Leiche, versunknes Julin!
Der spielenden Flut durchsichtiger Schwall
Zeigt deiner Paläste Glühn!
Die Türme ragen düster empor
Und geben schweigend ihr Trauern kund;
Die Mauer durchbricht das gewölbte Tor,
Es schimmern die Kirchenfenster bunt.
Doch in der schauerlich stillen Pracht
Keines Menschen Tritt, keine Lust, kein Spiel;
Auf Straßen und Märkten ungeschlacht
Treibt sich das frische Gewühl.
Sie glotzen mit glasigen Augen dumm
In die Fenster und in die Türen hinein;
Sie sehn die Bewohner schläfrig und stumm
In ihren Häusern von Stein.
Ich will hinunter, ich will erneun
Die versunkene Pracht, die ertrunkene Lust!
Die Zauber des Todes will ich zerstreun
Mit dem Odem meiner lebendigen Brust!
Hinab! — nicht rudert er fürder! Schlaff
Und reglos sinken ihm Arm und Fuß:
Über seinem Haupte schließt sich das Haff;
Er entbietet der Stadt seinen Gruß.
[S.21]
Er lebt in den Häusern der alten Zeit,
Wo die Muschel blitzt, wo der Bernstein glüht.
Unten die alte Herrlichkeit,
Oben ein Fischerlied.
Ferd. Freiligrath.
Meeres Stille.
Tiefe Stille herrscht im Wasser,
Ohne Regung ruht das Meer,
Und bekümmert sieht der Schiffer
Glatte Fläche rings umher.
Keine Luft von keiner Seite!
Todesstille fürchterlich!
In der ungeheuern Weite
Reget keine Welle sich.
Wolfg. v. Goethe.
Ich seh’ von des Schiffes Rande ...
Ich seh’ von des Schiffes Rande
Tief in die Flut hinein:
Gebirge und grüne Lande
Und Trümmer im falben Schein
Und zackige Türme im Grunde,
Wie ich’s oft im Traum mir gedacht,
Das dämmert alles da unten
Als wie eine prächtige Nacht.
[S.22]
Seekönig auf seiner Warte
Sitzt in der Dämmrung tief,
Als ob er mit langem Barte
Über seiner Harfe schlief’;
Da kommen und gehen die Schiffe
Darüber, er merkt es kaum,
Von seinem Korallenriffe
Grüßt er sie wie im Traum.
Jos. v. Eichendorff.
Sturm mit seinen Donnerschlägen ...
Sturm mit seinen Donnerschlägen
Kann mir nicht wie du
So das tiefste Herz bewegen,
Tiefe Meeresruh!
Du allein nur konntest lehren
Uns den schönen Wahn
Seliger Musik der Sphären,
Stiller Ozean!
Nächtlich Meer, nun ist dein Schweigen
So tief ungestört,
Daß die Seele wohl ihr eigen
Träumen klingen hört:
Daß im Schutz geschlossnen Mundes
Doch mein Herz erschrickt,
Das Geheimnis heil’gen Bundes
Fester an sich drückt.
Nik. Lenau.
Glückliche Fahrt.
Die Nebel zerreißen,
Der Himmel ist helle,
Und Äolus löset
Das ängstliche Band.
Es säuseln die Winde,
Es rührt sich der Schiffer.
Geschwinde! Geschwinde!
Es teilt sich die Welle,
Es naht sich die Ferne;
Schon seh’ ich das Land!
Wolfg. v. Goethe.
[S.23]
Der goldene Tod.
Kein Wind im Segel, die See liegt still —
Kein Fisch doch, der sich fangen will!
So ziehen die Netze sie wieder herein
Und murren, schelten und fluchen drein.
Da neben dem Kutter wird’s heller und licht
Wie weißliches Haar, wie ein Greisengesicht,
Und ein triefendes Haupt taucht auf aus der Flut:
„Ei, drollige Menschlein, ich mein’s mit euch gut —
Ich gönn’ euch von meiner Herde ja viel,
Doch heut ist mein Jüngster als Fisch beim Spiel,
Den mußt’ ich doch hüten, ich alter Neck,
Drum jagt ich sie all miteinander weg —
Doch schickt ihr den Jungen mir wieder nach Haus,
So werft nur noch einmal das Fangzeug aus:
Der schönste ist mein Söhnchen klein,
Das übrige mag euer eigen sein!“
Hei, flogen die Netze jetzt wieder in See!
Ho, kaum, daß ihr’ Lasten sie brachten zur Höh’!
Wie lebende Wellen, so fort und fort
Von köstlichen Fischen, so quoll’s über Bord.
Und patscht und schnappt und zappelt und springt —
Und bei den Fischern, da tollt’s und singt.
Nun plötzlich blitzt es — seht: es rollt
Ein Fisch über Bord von lauterem Gold!
Eine jede Schuppe ein Geldesstück!
Wie edelsteinen, so funkelt’s im Blick!
Die Kiemen sind aus rotem Rubin,
Perlen die Flossen überziehn,
Mit eitel Demanten besetzt, so ruht
Auf seinem Häuptlein ein Krönchen gut,
Und fürnehm wispert’s vom Schnäuzlein her:
„Ich bin Prinz Neck, laßt mich ins Meer!“
Den Fang ins Meer? Sie rühren ihn an,
Die Fischer, und tasten und stieren ihn an.
„Laßt mich ins Meer!“ Sie hören nicht drauf.
„Laßt mich ins Meer!“ Sie lachen nur auf.
Sie wägen das goldene Prinzlein ab,
[S.24]
Sie schätzen’s und klauben ihm Münzlein ab —
Wie wiegt das voll, wie gleißt das hold!
Sie denken nichts weiter, — sie denken nur Gold.
Und seht: ein Goldschein überfliegt
Jetzt alles, was von Fisch da liegt,
Und wandelt’s, daß es klirrt und rollt:
Seht: all die Fische werden Gold!
Sinkt das Schiff von blitzender Last?
„Schaufelt, was die Schaufel faßt!“ ...
Wie lustiges Feuerwerk sprüht das umher —
Dann rauscht über alles zusammen das Meer.
Ferd. Avenarius.
Teerpitterchens Tochter.
Fern im Norden, woher die häßlichen Winterstürme kommen, welche durch
die dicksten Fausthandschuhe wehen und alle Nasen und Ohren zwicken,
daß sie rot und blau werden, da liegt die Ostsee. Sie besteht aus
lauter Wasser, aber trinken kann man es nicht, denn es schmeckt salzig
wie Heringe. Wenn du so auf dem gelben Ufersande stehst, den die See
ausspült und der Wind zu Bergen aufweht, dann liegt es vor dir, weit,
weit, — alles Wasser, wie in den blauen Himmel hineingemalt; höchstens
daß du ein fernes Schiff darauf erblickst mit braunen, teergetränkten
Segeln. Von weitem her schießen die blitzenden Wogen auf dich los, aber
es vergeht viel Zeit, ehe sie herangerauscht sind und zu deinen Füßen
zischend auseinander stieben. Gar oft müssen sie Anlauf nehmen, und
jedesmal, wenn sie recht hoch gekommen sind, so schwitzen sie weißen
Gischt vor Anstrengung, und dann lassen sie sich wieder fallen und
ruhen einen Augenblick aus.
Es gibt auch kleine Jungen und Mädchen an der See, das sind meist
Fischerkinder; und wenn die an den Strand gehen, so können sie die
schönsten kleinen Höhlen in die Sandberge kratzen und Teppiche von
Seegras hineintragen, oder sie können Muscheln und Bernsteinstückchen
suchen, welche die See auswirft. In den Bernsteinstückchen sind
manchmal tote Mücken und Fliegen, und die sind dann steinalt, viel
tausend Jahre. Des Abends aber, wenn die Sterne sich im finstern Wasser
spiegeln und einander zunicken, dann sitzen die Fischer und erzählen
sich die [S.25]herrlichsten Märchen von der Welt: vom Heringskönig mit dem
silbernen Mantel und der roten Weste, der aus Versehen seine Krone
verschluckt hatte, von der Bernsteinhexe, die in jeder Neumondnacht
dicke gelbe Bernsteintränen weint und die Leute, welche sie trösten
wollen, bei den Beinen in das Wasser zieht, vom Klabautermann und
der versunkenen Stadt Julin. Manchmal erzählten sie auch vom kleinen
Teerpitterchen, welches die Wolken macht. Man wird gar nicht müde
zuzuhören.
Der kleine Wilm hat auch einen Vater, welcher Fischer war. Der stand
in der Nacht auf und ging in hohen Transtiefeln zum Strande hinunter,
wo sein Boot lag, und dann fuhr er damit in das Meer hinein und fing
Heringe, Flundern und Hornfische. Am Tage aber nahm die Mutter den
kleinen Wilm mit an den Strand; sie wusch die Netze und hing sie [S.26]zum
Trocknen auf, und der Junge spielte bis er müde war, dann legte sie
ihn in das Boot auf das Segeltuch, daß er schliefe. Da streichelte der
Sonnenschein sein rotes Gesichtchen, und der Wind blies in seine gelben
Haare.
Wie er einmal so lag, sah er im Schlaf etwas sonderbares, nämlich ein
kleines Männchen, das war das Teerpitterchen. Es hatte Kleider aus
dickgeteertem Segeltuch an, dazu ein Paar hohe Stiefel und auf dem
Kopfe eine Kappe. Das merkwürdigste aber waren seine Haare und sein
Bart, die waren grünes Seegras. Es saß auf einem Stück Segeltuch,
welches auf den Wellen schwamm; einen Zipfel hatte es an einem Faden
wie ein Segel vor sich und blies hinein, daß seine Backen so dick waren
wie zwei runde Apfelsinen.
„Guten Tag, kleiner Wilm,“ sagte das Teerpitterchen und hielt bei
dem Boote an, in welchem der kleine Wilm lag. „Du kannst ein bißchen
mitkommen zu meiner Anning; sie ist eine lustige kleine Dirne.“
„Ich kann ja nicht fort, weil ich schlafe,“ antwortete Wilm.
„Das schadet nichts, deine Seele kann immer fort; das geht ganz
leicht,“ sprach das Teerpitterchen.
„Aber wenn meine Mutter mich wecken will, dann kann ich nicht
aufwachen.“
„O wenn sie das will, trage ich dich so rasch wieder her, wie man Amen
sagt. Sie soll gar nichts merken.“
„Wenn sie nur nichts merkt,“ sprach der kleine Wilm nachdenklich, und
da sah er schon, daß er neben dem Teerpitterchen auf dem Segeltuch
stand.
„Grüß Klein-Anning von mir,“ sagte eine Stimme, und wie er sich
umwandte, war es die Segelstange auf seines Vaters Boot, die hatte das
Segel umgeschlagen wie ein Plaid und machte tiefe Verneigungen; und das
Boot hatte ein Gesicht bekommen und blinzelte ihm lustig zu und sagte
auch: „Grüß Klein-Anning von mir,“ und dabei wippte das Boot immer auf
und nieder. Im Boote sah er sich selber schlafen; das kam ihm spaßhaft
vor. Wie er sich aber nach seiner Mutter umschaute, dünkte es ihm, als
seien ihre Augen auf ihn gerichtet, und da wurde er ängstlich und rief:
„Sie sieht mich schon, sie sieht mich schon.“
„Träterätätä,“ sagte das Teerpitterchen, eine Seele kann man nicht
sehn, und jetzt geht die Fahrt ab.“ Darauf hob er [S.27]einen anderen Zipfel
aus dem Wasser heraus und blies, daß seine Backen so groß wurden wie
runde Turmknöpfe, und wenn er einmal vorbei blies in das Wasser, so
flog ein weißer Nebel auf und stieg in die Luft; das war dann eine
Wolke.
Wie sie ein Stück gefahren waren, hielt das Fahrzeug an, und das
Teerpitterchen pfiff auf zwei Fingern. Da kamen zwei Seehunde, die
waren gesattelt und gezäumt und wedelten mit den Hinterfüßen, denn
einen Schwanz hatten sie nicht. „Steig auf, kleiner Wilm,“ sprach das
Teerpitterchen, und schon saß er selber im Sattel und hing sich das
Segeltuch wie einen Reitermantel um. Rutsch! da fuhren sie durch das
grüne Wasser. Es glänzte wie Glas, und der kleine Wilm konnte sich
nicht genug verwundern, daß er gar nicht naß wurde. Er wußte nicht,
daß eine Seele niemals naß wird. Endlich ritten sie in einen hellen
Glanz hinein, der alles Wasser goldig färbte, und nun hielten sie vor
Teerpitterchens Hause, das so leuchtete, weil es aus lauter Bernstein
gebaut war; das Dach aber war obendrein mit Perlmutter belegt.
„Brrr!“ sagte das Teerpitterchen und da stand auch schon ein kleiner
Hummerkrebs, nahm in jede Schere einen Zügel und wartete bis die zwei
abgestiegen waren. Dann führte er die Seehunde fort in den Stall. Das
Männlein aber rief einen alten Kinderspruch:
„Anning, min Anning,
Wat heww ik’n Gör!
Kann tanzen un speelen
As Müs’ op de Deelen;
Anning, min Anning,
Wat heww ik’n Gör!“
„Da bin ich schon,“ sagte Klein-Anning und stand mit einem Male bei
ihnen. Sie war ein süßes kleines Ding und hatte keine garstigen
Seegrashaare wie ihr Vater, sondern gerade so einen Flachskopf wie
die Anna, das Nachbarskind, mit welcher der Wilm Sandhäuser baute und
Sandkuchen buk. Das Schönste aber war ihr Kleid, denn es war mit lauter
Fischschuppen benäht.
„Jetzt wird’s lustig,“ nickte sie und faßte Wilm bei den Händen; „ich
bin froh, daß du gekommen bist, denn du mußt wissen, daß ich heute
Geburtstag habe. Mit den dummen Fischen ist gar nichts anzufangen; sie
sprechen kein Wort und [S.28]lassen sich alles gefallen. Ich mag keinen
leiden, der sich alles gefallen läßt. Kannst du dich mit mir zanken?“
„Je, warum nicht?“ sagte Wilm.
„Aber nicht gleich. Das muß erst zuletzt kommen. Jetzt darfst du ein
Stück Geburtstagskuchen essen.“ Und sie zog ein Stück aus der Tasche,
das aß Wilm, und es schmeckte wie lauter Fruchtbonbon. „So, nun komm
mit.“ Damit zog sie ihn auf eine hübsche kleine Seegraswiese, um
welche lauter hohe Wasserpflanzen wuchsen, wie Bäume so hoch. Einige
davon waren fast durchsichtig, grün oder rot gefärbt, die sahen am
niedlichsten aus. Fische schossen hindurch, große und kleine, manche
rund wie Kugeln und rings mit Stacheln besetzt, andere ganz platt wie
Scheiben oder auch schlank und dünn wie ein Rohrstöckchen. Alle hatten
runde Glotzaugen, und bei einigen standen die Augen gar auf Hörnern,
welche sie überall hin drehen konnten.
„Wir wollen tanzen. Du kannst es doch ordentlich?“ fragte Klein-Anning.
„Ein bißchen,“ antwortete Wilm.
„Ich will dir zeigen, wie man es machen muß,“ sprach sie und schlang
ihre Ärmchen um Wilm. Und nun ging das in die Höhe, und immer auf
und nieder im Wasser, und es war Wilm, als wäre er eine Mücke und
tanzte auf und ab unter seines Vaters Apfelbaum. Die Fische schwammen
herzu und sahen sich die Sache von weitem an; sie hätten gewiß gern
mitgetanzt, aber sie wagten es nicht vor lauter Respekt, denn es
hatte sie niemand dazu aufgefordert. Klein-Anning aber jauchzte und
drehte Wilm so rasch im Kreise herum, daß ihm Hören und Sehen verging.
„Plumps,“ sagte sie dann und ließ ihn fallen. Da lag er im Grase und
zog ein verdrießliches Gesicht und sie lachte.
„Du bist dumm,“ sagte der kleine Wilm.
„Höre du!“ meinte sie warnend, „jetzt darfst du noch nicht zanken. Wir
haben ja erst angefangen zu spielen. Ich will dir einmal etwas ins Ohr
sagen.“ Und sie setzte sich zu ihm in das Gras und sprach in sein Ohr:
„Wir gehen jetzt spazieren und besuchen unser Schloß.“
„Das wird ein schönes Ding sein.“
„Jawohl ist es schön; aber du darfst dich nicht fürchten vor den Tieren
unterwegs.“
„Ich fürchte mich gar nicht.“
[S.29]
Da faßte sie seine Hand, und nun ging es durch die Wasserpflanzen hin
und dann auf dem Meeresboden weiter, und die Fische zogen in hellen
Haufen hinterher. Bei ihren Füßen kribbelten und krabbelten große
Würmer, Krebse und Seespinnen, daß der kleine Wilm immer glaubte, er
müsse eines tot treten; aber er fürchtete sich wirklich gar nicht.
Die Muscheln öffneten die Schalen und machten „klipp, klapp“ wie die
Dreschflegel auf der Tenne. Helle Bernsteinstücke lagen umher, manche
so groß wie die Backsteine. Alle Fische aber, welche herbeigeschwommen
kamen, schlossen sich hinten dem Zuge an; die meisten davon waren
Heringe.
Zuletzt kamen sie wieder in einen Wald von durchsichtigen Wasserbäumen;
alles um sie herum schimmerte im herrlichsten Grün und die Spitzen der
Bäume wedelten hin und her wie Fahnen. Mitten im Walde aber lag ein
schwarzer alter Holzbau, das war ein versunkenes Schiff. Es sah recht
trübselig aus. Stücke von den Masten waren umhergestreuet, und die
Bretter klafften überall, daran saßen Muscheln und Wassermoos. Zu den
Fenstern aber schlüpften die Fische aus und ein. Ein Brett war weiß,
daran standen Buchstaben, die niemand mehr lesen konnte, so verwischt
waren sie. Es war ein recht verwittertes altes Schiff.
„Hier ist unser Schloß,“ sagte Klein-Anning.
„Das ist zu schlecht,“ antwortete Wilm, „das ist gar kein Schloß; da
hinein gehe ich nicht.“
„Warte nur, ich will es neu anstreichen,“ meinte Klein-Anning. Sie
hob eine Muschel auf und strich über das Holz, und mit einem Male
glänzte das ganze Holz wie lauter Perlmutter. „So, nun wollen wir
hineinsteigen. Du bist der Prinz und ich die Prinzessin, und wir werden
Hochzeit halten.“
„Wenn du Hochzeit halten willst, mußt du einen Kranz haben; ohne Kranz
kann ich dich nicht heiraten,“ sagte Wilm.
„Das ist schade,“ meinte Klein-Anning und sah sich um; endlich bückte
sie sich und zog ein paar grüne Ranken herauf, welche unter dem Schiffe
vorwuchsen, die schlang sie sich durch das Haar um den Kopf. „Ist das
nun gut?“ fragte sie.
„Nein, es müssen Blumen darin sein.“
„Ich will aber keine Blumen!“ rief sie zornig und machte so böse große
Augen, daß dem Wilm ganz ängstlich wurde. Aber sie war gleich wieder
vergnügt und umfaßte ihn, und wie [S.30]der Blitz fuhren sie aufwärts
und standen schon auf dem Verdeck des Schiffes. Sie kletterten die
Schiffstreppe hinab und kamen in einen weiten Saal, in welchem sich
noch Tische und Stühle befanden. Der Saal war ganz mit Muscheln
tapeziert, und auf den Stühlen wuchsen kleine grüne Wasserpflänzchen,
daß sie wie mit grünem Plüsch überzogen aussahen.
„Komm,“ sagte Klein-Anning, „wir wollen erst den Musikanten holen.“
Sie zog Wilm in eine Tür hinein, in ein finsteres Kämmerchen. Da lag
ein Mann und rührte sich nicht; aber wie Klein-Anning ihn anfaßte,
machte er die Augen auf.
„Guten Tag, kleiner Wilm,“ sagte er.
„Wer bist du?“ fragte Wilm.
„Kennst du mich nicht? Ich bin ja dein Onkel, der immer mit dem Schiff
gefahren ist nach Amerika und noch weiter. Lebt denn der Kakadu noch,
den ich dir mitgebracht habe? Puh, es ist so naß hier unten. Ich weiß
nicht, wie viel Wasser ich schon geschluckt habe, seit ich hier auf dem
Schiff untergegangen bin, aber es muß sehr viel sein.“
„Du sollst uns geigen,“ sprach Klein-Anning ungeduldig; „du mußt
wissen, daß wir Brautleute sind.“
Wilm war nachdenklich geworden und sagte: „Ich möchte lieber nach
Hause. Meine Mutter wird kommen und mich wecken wollen. Kannst du meine
Mutter nicht sehen, Prinzessin?“
„O ja, Prinz,“ antwortete Klein-Anning und legte die Hand über die
Augen. „Sie sitzt an der See und spült das große Netz.“
Da gab sich Wilm zufrieden, und sie gingen beide in den Saal; der Mann
aber hatte eine Geige genommen und kam hinterher.
Die Fische guckten zu den Fenstern herein; denn sie sind immer sehr
neugierig.
„Ihr dürft nicht herein,“ rief Klein-Anning; „bloß zusehen dürft ihr.
Ihr seid nicht schlank genug zum Tanzen. Aber die Heringe können
kommen.“
Und die Heringe kamen denn auch, immer mehr und mehr, und stellten sich
auf die Schwänze und knixten, und dazu schnappten sie immer mit den
Mäulern, als ob sie etwas sagen wollten, aber es kam nichts heraus als
Luftblasen. Klein-Anning nickte dem Spielmann zu, und da fing der an zu
geigen, [S.31]und nun nickte auch Wilm, denn er kannte das Lied schon; der
Onkel hatte es immer gegeigt, wenn er heimgekommen war, und es war sehr
schön, bloß ein wenig traurig. Dann kam die Trauung.
Wilm faßte Klein-Anning bei der Hand, und der Onkel legte seine Hand
auch dazu und sagte: „Alama kalalama itzehuatiputzli; habt ihr’s
verstanden?“
„Ja,“ sprach Klein-Anning, und da sagte Wilm auch „ja“; und die Heringe
klappten die Mäuler auf und zu, als wollten sie ebenfalls „ja“ sagen.
Es war gewiß sehr feierlich anzusehen.
„Schön,“ meinte der Onkel; „jetzt gebt euch einen Kuß, dann ist alles
in Ordnung, und wir können tanzen.“
Sie gaben sich wirklich einen Kuß, und Klein-Anning biß Wilm dabei
in die Lippen und lachte ihn dann aus. Nun kamen alle Heringe und
gratulierten; man konnte es dabei sehen, daß sie die Augen verdrehten,
indem sie heranspazierten, und daß sie noch mehr schnappten als vorher.
Wilm aber wurde mit einem Male wieder unruhig. „Prinzessin,“ sprach er,
„du kannst mir noch einmal sagen, was meine Mutter macht.“
„Ja, mein Prinz,“ antwortete Klein-Anning und legte wieder die Hand
über die Augen. „Sie zieht eben das Netz auf den Strand hinauf.“
„Dann habe ich noch Zeit,“ sagte Wilm. Sie setzten sich auf die beiden
größten Stühle, und der Onkel mit der Geige stieg auf einen Tisch und
fing an so lustig zu geigen, daß jedem das Herz im Leibe lachen mußte.
Die Heringe faßten sich mit den Flossen an und tanzten, daß der ganze
Saal blitzte. Und am Ende fing der Onkel auch an auf seinem Tische
herumzuspringen, und Klein-Anning jauchzte dazwischen und zappelte
mit den Füßchen, und die Tische und Stühle hoben auch die Beine und
sprangen umher, sogar die beiden großen, auf denen die Neuvermählten
saßen.
Zuletzt hörte der Onkel auf, da war mit einem Male alles ruhig.
Der kleine Wilm aber machte zum dritten Male ein ängstliches Gesicht
und fragte zum dritten Male: „Prinzessin, was macht meine Mutter?“
„Ei, sie steht bei den Pfählen und hakt’s Netz ein.“
[S.32]
„Bring mich hin,“ rief Wilm und sprang vom Stuhle; „jetzt kommt sie
gleich an das Boot und will mich mitnehmen.“
„Du sollst hier bleiben,“ sagte Klein-Anning. „Ich lasse dich nicht
fort.“
„Ich will aber fort, du dumme Dirn.“ Sie wollte seine Hand fassen,
aber er riß sich los. Da stampfte sie mit den Füßen; alle Fische, die
draußen gewesen, kamen herein und schwammen mit offenen Mäulern auf ihn
los, und die grünen, durchsichtigen Wasserpflanzen wuchsen durch die
Fenster und wurden dichter und dichter, so viel auch der kleine Wilm
von ihnen zerriß. Er sah schon Klein-Anning nicht mehr, aber er hörte
sie neben sich kichern, und der Onkel mußte wieder seine Geige genommen
haben und lustig darauf herumkratzen — —
Mit einem Male gab es einen Knack, daß das ganze Schiff zitterte. Die
Decke spaltete sich, und der Wilm fuhr nach oben, hinaus in das klare
Wasser. Über dem Wasser aber schwebte eine weiße Möwe, die schrie:
„Krieh! Krieh!“ Und als der kleine Wilm auftauchte, faßte sie ihn mit
den Krallen und trug ihn in das Boot. Da war es nicht mehr der Vogel,
sondern das kleine Teerpitterchen, was bei ihm war.
„Adieu, kleiner Wilm,“ sagte es und nickte ihm freundlich zu; dann war
es verschwunden.
Da fühlte Wilm auch schon, daß ihn seine Mutter am Ärmel zupfte und
schlug die Augen auf. Die Sonne schien heiß in das Boot; am Himmel aber
standen ein paar finstere Regenwolken.
„Hast du was gemerkt, Mutting?“ fragte er und blinzelte schlau zu ihr
hinauf.
„Was soll ich denn gemerkt haben? Komm rasch mit nach Hause, sonst
werden wir tüchtig naß werden.“ —
Mehr noch als der Anblick des Meeres überrascht seine Stimme.
Sie wird überall vernommen auf hoher See und am Strande, und immer
wechselnd bewegt sie in immer neuer Weise das Gemüt. Bald erbraust sie
in erhaben-gleichförmigem Rhythmus; es ist die Sprache der Wasserwüste,
das Nachtönen des „Werde!“, welches die Schöpfung ins Dasein rief.
Bald glaubt man ein tiefes Atemholen der Flut zu hören oder ein
träumerisches Murmeln und dann wieder ein Klatschen und Schmettern
mit langgezogenem Widerhall, bis die Stunde des Sturmes kommt, da das
Element in entfesselter Größe überschwillt [S.56]und mit seinen rollenden
Donnern die Erde zittern macht. Aber die empörten Wogen kehren wieder
in ihre Bahn zurück, und nun scheint ihre Stimme nicht mehr zürnend,
sondern voll klagenden Gesanges. Das Ohr unterscheidet allmählich auch
die leiseren Töne in dem Riesenorchester, das Flüstern und Klingen der
einzelnen Wellen, und in das Spiel der Phantasie verloren, vermeinen
wir wohl die Bäche und Bächlein der Heimat wieder zu vernehmen, die
im Ozean nach langer Wanderung ein Ziel gefunden haben. Auch das sind
Meeresszenen voll tiefen, fast feierlich-sehnsüchtigen Reizes, der
freilich dann am ergreifendsten wirkt, wenn im Dufte des unendlichen
Horizontes die Gestirne der Nacht aufsteigen oder versinken vor dem
Auge des Schiffers.
Herm. Masius.
Der Gesang des Meeres.
Wolken, meine Kinder, wandern gehen
Wollt ihr? Fahret wohl! Auf Wiedersehen!
Eure wandellustigen Gestalten
Kann ich nicht in Mutterbanden halten.
Ihr langweilet euch auf meinen Wogen,
Dort die Erde hat euch angezogen:
Küsten, Klippen und des Leuchtturms Feuer!
Ziehet, Kinder! Geht auf Abenteuer.
Segelt, kühne Schiffer, in den Lüften!
Sucht die Gipfel! Ruhet über Klüften!
Brauet Stürme! Blitzet! Liefert Schlachten!
Traget glüh’nden Kampfes Purpurtrachten!
[S.57]
Rauscht im Regen! Murmelt in den Quellen!
Füllt die Brunnen! Rieselt in die Wellen!
Braust in Strömen durch die Lande nieder —
Kommet, meine Kinder, kommet wieder!
C. F. Meyer.
Ostern.
Es war daheim auf unsrem Meeresdeich;
Ich ließ den Blick am Horizonte gleiten,
Zu mir herüber schoß verheißungsreich
Mit vollem Klang das Osterglockenläuten.
Wie brennend Silber funkelte das Meer,
Die Inseln schwammen auf dem hohen Spiegel,
Die Möwen schossen blendend hin und her,
Eintauchend in die Flut die weißen Flügel.
Im tiefen Kooge bis zum Deichesrand
War sammetgrün die Wiese aufgegangen;
Der Frühling zog prophetisch über Land,
Die Lerchen jauchzten, und die Knospen sprangen. —
Entfesselt ist die urgewalt’ge Kraft,
Die Erde quillt, die jungen Säfte tropfen,
Und alles treibt, und alles webt und schafft,
Des Lebens vollste Pulse hör’ ich klopfen.
Der Flut entsteigt der frische Meeresduft;
Vom Himmel strömt die goldne Sonnenfülle;
Der Frühlingswind geht klingend durch die Luft
Und sprengt im Flug des Schlummers letzte Hülle.
O wehe fort, bis jede Knospe bricht,
Daß endlich uns ein ganzer Sommer werde;
Entfalte dich, du gottgebornes Licht,
Und wanke nicht, du feste Heimaterde! —
[S.58]
Hier stand ich oft, wenn in Novembernacht
Aufgor das Meer zu gischtbestäubten Hügeln,
Wenn in den Lüften war der Sturm erwacht,
Die Deiche peitschend mit den Geierflügeln.
Und jauchzend ließ ich an der festen Wehr
Den Wellenschlag die grimmen Zähne reiben;
Denn machtlos, zischend schoß zurück das Meer —
Das Land ist unser, unser soll es bleiben!
Theodor Storm.
Geistesgruß.
Hoch auf dem alten Turme steht
Des Helden edler Geist,
Der, wie das Schiff vorübergeht,
Es wohl zu fahren heißt.
„Sieh, diese Sehne war so stark,
„Dies Herz so fest und wild,
„Die Knochen voll von Rittermark,
„Der Becher angefüllt;
„Mein halbes Leben stürmt’ ich fort,
„Verdehnt’ die Hälft’ in Ruh,
„Und du, du Menschen-Schifflein dort,
„Fahr’ immer, immer zu!“
Wolfg. v. Goethe.
Turmwächterlied.
Am gewaltigen Meer,
In der Mitternacht,
Wo der Wogen Heer
An die Felsen kracht,
Da schau’ ich vom Turm hinaus.
Ich erheb’ einen Sang
Aus starker Brust
Und mische den Klang
In die wilde Luft,
In die Nacht, in den Sturm, in den Graus.
[S.59]
Dringe durch, dringe durch
Recht freudenvoll,
Mein Lied von der Burg
In das Sturmgeroll!
Verkünd’ es weit durch die Nacht,
Wo schwanket ein Schiff
Durch die Flut entlang,
Wo schwindelt am Riff
Des Wanderers Gang,
Daß oben ein Mensch hier wacht!
Ein kräftiger Mann,
Recht frisch bereit,
Wo er helfen kann,
Zu wenden das Leid,
Mit Ruf, mit Leuchte, mit Hand.
Ist zu schwarz die Nacht,
[S.60]
Ist zu fern der Ort,
Da schickt er mit Macht
Seine Stimme fort
Mit Trost über See und Land.
Wer auf Wogen schwebt —
Sehr leck sein Kahn —
Wer im Walde bebt,
Wo sich Räuber nahn,
Der denke: Gott hilft wohl gleich!
Wen das wilde Meer
Schon hinunterschlingt,
Wem des Räubers Speer
In die Hüfte dringt,
Der denk’ an das Himmelreich!
Friedr. de la Motte Fouqué.
Am Turme.
Ich steh auf hohem Balkone am Turm,
Umstrichen vom schreienden Stare,
Und lass’ gleich einer Mänade den Sturm
Mir wühlen im flatternden Haare;
O wilder Geselle, o toller Fant,
Ich möchte dich kräftig umschlingen
Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand,
Auf Tod und Leben dann ringen!
Und drunten seh ich am Strand, so frisch
Wie spielende Doggen, die Wellen
Sich tummeln rings mit Geklaff und Gezisch
Und glänzende Flocken schnellen.
O springen möcht’ ich hinein alsbald,
Recht in die tobende Meute,
Und jagen durch den korallenen Wald
Das Walroß, die lustige Beute!
Und drüben seh ich ein Wimpel wehn,
So keck wie eine Standarte,
Seh auf und nieder den Kiel sich drehn
Von meiner luftigen Warte;
[S.61]
O, sitzen möcht’ ich im kämpfenden Schiff,
Das Steuerruder ergreifen
Und zischend über das brandende Riff
Wie eine Seemöwe streifen.
Wär ich ein Jäger auf freier Flur,
Ein Stück nur von einem Soldaten,
Wär ich ein Mann doch mindestens nur,
So würde der Himmel mir raten;
Nun muß ich sitzen so fein und klar,
Gleich einem artigen Kinde,
Und darf nur heimlich lösen mein Haar
Und lassen es flattern im Winde!
Annette v. Droste-Hülshoff.
Old Mütterchen.
O schöner Wintersonnenschein,
Du lockst ins Freie groß und klein!
Old Mütterchen läßt man im Haus allein! —
Old Mütterchen zählt an hundert Jahr;
Doch war in die Ferne ihr Blick noch klar.
Ihr Ruhebett war so gestellt,
Daß schauen sie konnt’ in Gottes Welt:
Und — wie sie so durchs Fenster sah
In die Husumer Bucht, was sah sie da?
Die Ufer waren von Schnee so weiß,
Die See stand fest als blankes Eis,
Und über das weit gefrorene Meer
Jagt alles auf Schlittschuh’n hin und her;
Ein jeder schwingt sich auf seine Weise,
Die ganze Stadt schien auf dem Eise.
Es war ein Gewimmel und ein Gelauf,
Man stellte Zelt’ und Buden auf;
Auch fuhren auf Schlitten die Knaben die Frauen,
Die waren geputzt wie zum Feste zu schauen.
Das muntre Volk im jubelnden Reigen
Bedünkt Old Mütterchen gar eigen:
Wo neulich noch schlugen und tobten die Wogen,
Ward wie mit Flügeln auf Spiegeln geflogen;
Wo sonst nur schwammen Schiff und Fische,
[S.62]
Stellte man heute Bänke und Tische;
Man schmauste und trank und sang und sprang,
Es wurde keinem die Weile lang.
Da dacht’ in ihrer Einsamkeit
Old Mütterchen längst vergangner Zeit,
Wo sie die gleiche Lust erfahren,
Eh sie gelangt zu zitternden Jahren,
Wie mancher junge schmucke Gesell
Sie einst gefahren im Schlitten schnell.
Sie dacht’ auch des Gatten und ihrer Knaben,
Die ungestümes Meer begraben,
Wie heimgegangen all’ ihre Lieben
Und sie zuletzt so einsam blieben.
Da seufzte sie: Gott vergisset mein
Und läßt mich hier ganz seelenallein,
Ich muß hier als ganz unnütz sein,
Den Fremden schaff’ ich nur Beschwerden,
Was soll ich noch fürder auf dieser Erden?
Doch wie Old Mütterchen das spricht,
Der Ratschluß Gottes ist verborgen,
Straft sie ihr Herz: o sündige nicht:
Laß ihn allein bestimmen und sorgen.
In solchen und anderen Gedanken
Blickt weiter sie auf das Schwingen und Schwanken,
Und spricht zu sich selber: tun doch heute,
Als wär’ Meer Land, die tollen Leute;
Ist wohl so gesichert die weite Fläche,
Daß hie und da das Eis nicht breche?
Und wie sie dem nachsinnt, nicht lange,
Pocht ihr das Herz in der Brust so bange,
Als könne solch ein Unglück geschehn,
Als solle sie bald Entsetzliches sehn.
Da erblickt sie über dem bunten Gewimmel
In fernster Ferne ein Wölkchen am Himmel,
Ein weißes, und spricht: das deutet Sturm,
Und niemand läutet doch heut vom Turm.
Kommt Sturm mit der springenden Flut im Bunde,
Zerbricht er das ganze Eis in der Runde,
Und alle die fröhlichen seligen Leute
Versinken in Schollen und Schäumen heute.
[S.63]
Ich will doch rufen, daß einer warnet,
Eh alle des Todes Netz umgarnet.
Sie ruft: Ist keiner, der hören will?
Sie ruft; doch alles ist totenstill.
Es ist wohl niemand, niemand im Haus.
Da müht sie sich aus dem Bett heraus
Und kriecht zum Fenster auf Händen und Füßen;
Da muß der Frost es fest verschließen.
Das Volk darf auf dem Eise nicht bleiben!
Sie hat keine Rast, sie zerschlägt die Scheiben,
Sie ruft hinaus — sie winkt — sie schreit —
Zu schwach, zu matt! ach, alle sind weit!
Herr Gott, was fang vor Leid ich an,
Wenn ich das Volk nicht warnen kann;
Die Wolke wird größer, o bange Pein,
Sie werden alle verloren sein;
Ich kenne das Sturmgewölk genau
Als leiderfahrne Schiffersfrau.
Allmächtiger Gott! o Herre mein!
Laß hören doch mein schwaches Schrein.
Denn zögert das Warnen noch wenig Minuten,
Versenkt sie alle das Rollen der Fluten.
Da hört sie ein Knabe; doch der lacht und läuft,
Weil, was sie ruft, er nicht begreift.
„Ach, alle, alle eilen zur Freude
Und wissen nicht, wie bald zum Leide!
Wie rett’ ich, wie helf’ ich! Gott, gib Licht!
Ich bin zu schwach, ich treffe das nicht.“
Da zuckt ein Gedank’ ihr durch den Sinn,
Sie müht sich kriechend zum Herde hin
Und faßt einen Brand und entzündet das Stroh
Im Bett: das brennet lichterloh.
Sie rief: „So schaff’ ich ein Feuerzeichen,
Bald wird der Brand das Dach erreichen.“
Indem der Qualm das Zimmer füllt,
Ergreift sie den Mantel und flieht verhüllt;
Doch kann sie vor Alter nicht schnell von der Stelle,
herausgegeben von Ernst Weber, verlegt von Georg D. W.
Callwey-München, nennt sich ein dichterisches Sammelwerk für Jugend
und Volk. Das Beste der gesamten deutschen Literatur in Poesie
und Prosa, insoferne die Stücke kinder- und volkstümlich genannt werden
können, will er geben. Die Sammlung gliedert sich in Einzelbände, von
denen jeder ein in sich geschlossenes Ganzes bildet und von einem
Künstler illustriert erscheint, dessen Eigenart dem Charakter des
jeweiligen Stoffgebietes ungezwungenen Ausdruck verleiht. Obgleich
auch einzeln erhältlich, eignet sich doch die ganze Folge wie kaum
ein zweites Werk der Vergangenheit und der Gegenwart zur Anschaffung
für öffentliche Bibliotheken, als Mittel zur Belebung des Unterrichts
in den Schulen und für die Familienbücherei; sie hofft, auch zum
eisernen Bestand jeder Volks- und Jugendbücherei zu werden. Denn
der deutsche Spielmann huldigt ja nicht einer vorübergehenden Mode des
Tages. Er schöpft aus dem aufgespeicherten Schatz der Jahrhunderte und
wird darum auch seine Geltung für das Jahrhundert behalten. Es liegen
folgende Bände vor:
Band
1
Kindheit,
illustriert
von
Ernst Kreidolf
„
2
Wanderer,
„
„
J. V. Cissarz
„
3
Wald,
„
„
W. Weingärtner
„
4
Hochland,
„
„
Franz Hoch
„
5
Meer,
„
„
J. V. Cissarz
„
6
Helden,
„
„
W. Weingärtner
„
7
Schalk,
„
„
Julius Diez
„
8
Legenden,
„
„
G. Ad. Stroedel
„
9
Arbeiter,
„
„
Georg Osk. Erler
„
10
Soldaten,
„
„
Georg Osk. Erler
„
11
Sänger,
„
„
Hans Röhm
„
12
Frühling,
„
„
Hans v. Volkmann
„
13
Sommer,
„
„
Edm. Steppes
„
14
Herbst,
„
„
Karl Biese
„
15
Winter,
„
„
Karl Biese
„
16
Gute alte Zeit,
„
„
Rud. Schiestl
„
17
Himmel und Hölle,
„
„
Julius Diez
„
18
Stadt und Land,
„
„
J. V. Cissarz
„
19
Bach und Strom,
„
„
E. Liebermann
„
20
Heide,
„
„
Adalb. Holzer
„
21
Arme und Reiche,
„
„
J. Widnmann
„
22
Abenteurer,
„
„
Rud. Schiestl
„
23
Germanentum,
„
„
Hans Röhm
„
24
Mittelalter,
„
„
Hans Schroedter
„
25
Zeit der Wandlungen,
„
„
Carl Roesch
„
26
Neuzeit,
„
„
Angelo Jank
„
27
Gespenster,
„
„
Julius Diez
„
28
Tod,
„
„
Math. Schiestl
„
29
Blumen u. Bäume,
„
„
Rud. Sieck
„
30
Nordland,
„
„
Ludw. Koch-Hanau
„
31
Italien,
„
„
Hans Volkert
„
32
Hellas,
„
„
Karl Bauer
„
33
Fremde Zonen,
„
„
Hans Volkert
„
34
Vaterland,
„
„
Wilh. Roegge jun.
„
35
Tierwelt,
„
„
Ludwig Werner
„
36
Menschenherzen,
„
„
Rud. Schiestl
„
37
Glück und Trost,
„
„
Hans Schwegerle
„
38
Tag und Nacht
„
„
Otto Bauriedl
„
39
Riesen und Zwerge
„
„
Rud. Schiestl
„
40
Fabelreich
„
„
Ernst Weber
Jeder Band kostet kartoniert Mk. 1.—
Ausführlicher Prospekt ist durch jede Buchhandlung erhältlich oder
vom Verlage Georg D. W. Callwey in München.
Eine Anzahl von Bändchen, die sich inhaltlich gewissermaßen ergänzen,
wurden zu Sammelbänden vereinigt. So entstanden, zum Preise von je Mk.
4.50:
Das deutsche Jahr, umfassend die Bändchen: Frühling, Sommer,
Herbst, Winter.
Deutsches Volk, umfassend die Bändchen: Gute alte Zeit,
Schalk, Arbeiter, Soldaten.
Deutsches Land, umfassend die Bändchen: Bach und Strom, Wald,
Heide, Hochland.
Deutsche Gestalten, umfassend die Bändchen: Arme und Reiche,
Sänger, Helden, Abenteurer.
Deutsche Geschichte, umfassend die Bändchen: Germanentum,
Mittelalter, Zeit der Wandlungen, Neuzeit.
Deutscher Glaube, umfassend die Bändchen: Legenden,
Gespenster, Tod, Himmel und Hölle.
Fremde Welt, umfassend die Bändchen: Nordland, Italien,
Hellas, Fremde Zonen.
Deutsche Heimat, umfassend die Bändchen: Vaterland, Tag und
Nacht, Stadt und Land, Meer.
Deutsches Leben, umfassend die Bändchen: Kindheit, Wanderer,
Menschenherzen, Glück und Trost.
Deutsche Natur, umfassend die Bändchen: Blumen und Bäume,
Tierwelt, Riesen und Zwerge, Fabelreich.
Von der warmen, begeisterten Aufnahme, die dem deutschen Spielmann
seitens der gesamten deutschen Presse, der politischen wie der
literarischen und pädagogischen, zuteil wurde, mögen folgende Kritiken
Zeugnis geben.
Jugendschriften-Warte, Organ der vereinigten deutschen
Prüfungs-Ausschüsse für Jugendschriften:
— Die Auswahl macht dem Herausgeber alle Ehre, es ist ein fruchtbarer
Gedanke, nach Kategorien zusammenzustellen. Im deutschen Dichterwald
sind der Klänge zu viele, sodaß die Gefahr der Monotonie sehr ferne
liegt. Ich empfehle die Bücher für größere Kinder sehr. Herm. L.
Köster, Vorsitzender des Hamburger Prüfungsausschusses.
Die Bände 1–30 wurden bisher in das „Verzeichnis empfehlenswerter
Bücher für die Jugend“ aufgenommen, das die vereinigten
deutschen Prüfungsausschüsse für Jugendschriften herausgeben. Die
übrigen werden noch geprüft.
Augsburger Postzeitung:
„... Der deutsche Spielmann ist ein deutsches Hausbuch, an welchem
Alt und Jung sich warmlesen können, aus welchem deutsches Wesen
und deutsche Art hervorsprudelt und das einen Ehrenplatz in allen
Büchereien verdient.“
Leipziger illustrierte Zeitung:
„Für die neu erschienenen Bände des dichterischen Sammelwerkes „Der
deutsche Spielmann“ genügen wenige Worte ... Sie haben bisher bei
Presse und Publikum eine so begeisterte Aufnahme gefunden, daß eine
nähere Charakterisierung überflüssig ist.“
Bremer Nachrichten:
„... Eine eigentliche Jugendschrift ist der „Deutsche Spielmann“ nicht,
will er auch nicht sein, bezeichnet er sich doch selbst als „eine
Auswahl aus dem Schatze deutscher Dichtung für Jugend und Volk.“ Er ist
eben .. ein Familienschatz, in welchem die Jugend etwa vom 9. Jahre
an, wie auch der Erwachsene immer eine Fundgrube edelster Unterhaltung
finden wird. Ich kann auch allen Interessenten nur empfehlen, sich mit
der Zeit die ganze Sammlung zuzulegen ....“
St. Gallener Blätter:
„... Daß sie in Masse unter das Volk kämen, zu allen Empfänglichen,
diese Spielmannsbüchlein mit all ihrem Singen und Sagen von Freud’
und Weh’, mit all ihrer hellen und dunkeln Kunde von Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunftsträumen des Menschseins! ...“
Mecklenburger Schulzeitung:
„Das ist mal was Schönes! Die Sammlung gliedert sich in Einzelbände,
jeder Band bildet ein geschlossenes Ganze und bietet das Beste aus der
gesamten deutschen Literatur. Jede Bibliothek sollte diese, auf den
Massenabsatz berechneten Hefte anschaffen. Der Preis ist unglaublich
billig, die Ausstattung vorzüglich ....“
Xenien: „Nach den mir vorliegenden Bändchen des Spielmann darf
man das Unternehmen geradezu als vorbildlich bezeichnen! Weitesten
Kreisen von Jung und Alt die besten Schöpfungen der Vergangenheit
und Gegenwart, nach lebensbeherrschenden Gedankenzentren geordnet,
für Mk. 1.— den Band, zugänglich gemacht: welcher Bildungswert
fürs Volk! Dürfte man hoffen: auch welcher Abbruch für das
Hintertreppenschrifttum! ...“
Allgemeines Literaturblatt, Wien:
„Der unglaublich billige Preis bei vorzüglicher Ausstattung ermöglicht
es und läßt es wünschen, daß diese Bücher tief ins Volk dringen,
dem nach all der parfümierten Unkunst der Moderne ein Zurückgreifen
auf die, wenn auch manchmal derbe, doch ehrliche und stets gesunde
Volkskraft und auf die Natur nur frommen kann. Eine Anthologie
nach diesen Gesichtspunkten, mit dieser Bilderbeigabe, in dieser
Ausstattung, zu diesem Preise verdient die wärmste Empfehlung.“