The Project Gutenberg eBook of Im Dienste

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Title: Im Dienste

Erinnerungen aus verworrener Zeit

Author: Welter Nikolaus


Release date: July 22, 2026 [eBook #79155]

Language: German

Original publication: Luxemburg: St. Paulus Druckerei, 1925

Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/79155

Credits: Jeroen Hellingman and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK IM DIENSTE ***

Anmerkungen zur Transkription.

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Die Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.

Eine Liste der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.


Nikolaus Welter


Im Dienste

Erinnerungen
aus
verworrener Zeit


1925
Verlag der St. Paulus-Druckerei
Luxemburg

Alle Rechte, besonders
das der Übersetzung, vorbehalten.


Erstes Buch.

[S. 7]

I.

An den Sonntagen vom 28. Juli und vom 4. August 1918 fanden im Großherzogtum die Wahlen für die Verfassungskammer statt.

Verfassungs- und Lebensmittelfragen bildeten die Kernziele des Wahlkampfes.

Die Rechtspartei, als Anhänger der Verhältniswahl, empfahl ihren Freunden im Escher Kanton die Unterstützung der proporzfreundlichen Sozialisten und Freien Volkspartei gegen die dieser Forderung feindlichen Liberalen.

Die Losung wurde gehalten und die Liberalen unterlagen.

Gewählt wurden:

23 Rechtsparteiler: HH. Altwies, Bech, Charles Buffet, Duhr, Dr. Ecker, Eichhorn, Gerard, Ant. Hansen, Eugen Hoffmann, Huß, Jacoby, Jungers, Adolf Klein, Nikolaus Klein, Mackel, Meyers, Petges, Reuter (später ersetzt durch Hrn. Wolter), Schiltz, Thinnes, Aug. Thorn, de Villers, Wirtgen;

12 Sozialisten: HH. Blum, Housse, Kieffer, Krieps, Krier, Léon, Mark, Probst, Jak. Schaack, Joh. Schaack, Thilmany, Jos. Thorn;

10 Liberale, wovon 2 gemäßigte: HH. Brasseur, Diderich, Jak. Gallé, Koch, Lacroix, Laval, Palgen, Pescatore; Hemmer, Schmitz;

5 Freie Volksparteiler: HH. Glesener, Herschbach, Kappweiler, Steichen, Winandy;

2 Nationalparteiler: Böver, Prüm;

1 Unabhängiger: Kellen.

[S. 8]

Keine Fraktion verfügte über die Mehrheit. Auch ein Zusammenschluß hätte den Linksparteien im Verein mit der Volkspartei diese Mehrheit kaum dauernd verbürgt.

Die neue Kammer trat am 27. August zusammen. Am Ministertische saß die Regierung Kauffman, die bereits in ihren Grundzügen gelockert schien.

Eine am 4. September eingebrachte Anfrage über Luxemburgs Beziehungen zum deutschen Reich, dessen Truppen das Gebiet des Großherzogtums seit Kriegsbeginn widerrechtlich besetzt hielten, wurde von ihr als unangebracht abgelehnt und mündete in eine Mißtrauenskundgebung.

Die Regierung gab ihre Entlassung. Eine Lösung der Krisis war nicht leicht. Eine einheitliche Regierung war unmöglich, weil ja keine Partei die dazu erforderliche Mehrheit besaß. Man einigte sich auf die Bildung eines Geschäftsministeriums.

Hr. Mathias Mongenast, der langjährige Generaldirektor der Finanzen, war bereit, beim Zusammenschluß eines solchen mitzuhelfen. Die verschiedenen Parteien sollten ihm ihre Kandidaten vorschlagen; er selbst werde als Staatsminister gewissermaßen das neutrale Haupt bilden, das die einzelnen Glieder des Ministeriums zum einträchtig friedlichen Tun zusammenhalte.

In jenen Tagen kam ich auf einem Spaziergang mit meinem Freunde, dem Rechtsanwalt und sozialistischen Abgeordneten J. P. Probst, in ein Gespräch über die innerpolitische Lage und meinte im Verlauf der Unterredung, wenn es seiner Partei wirklich darum zu tun wäre bei der neuen Regierung mitzuhelfen, so könnte ich ihm einen tüchtigen Schulmann als Unterrichtsminister empfehlen. Ich nannte dessen Namen. Es war ein guter Freund von uns beiden, ein Mann von vornehmer Gesinnung und freisinniger Weltanschauung, aber doch so friedfertiger Natur, daß ich mich heute, nach all den persönlichen Erfahrungen in den Wirren der Zeit, verwundert frage, wie ich überhaupt nur hatte daran denken können, den zartnervigen Menschen auf diese Galeere zu bringen.

Hr. Probst sah mich erstaunt an und bemerkte, der Mann sei ja auch ihm ganz lieb; aber er seinerseits habe[S. 9] sich angesichts der so ganz verfahrenen innerpolitischen Verhältnisse seine eigenen Gedanken gebildet und seine Wahl getroffen. Er werde seiner Partei mich als Vertrauensmann empfehlen.

Von Kindheit auf befreundet, hatten Hr. Probst und ich in unserm Heimatdorfe Mersch und seiner romantischen Umgebung eine an sonnigen Erinnerungen reiche Jugend verlebt. Wir waren während der Studentenjahre noch inniger zusammengewachsen und uns seither sehr nahe geblieben, wenn auch die beiderseitige Entwicklung nicht immer gleich gelaufen war.

Hr. Probst kannte mich schon aus meinen Jugendversen als den Menschen von starkem Mitgefühl. Er hatte mir zur Zeit das Gedicht "Die Schmiede" abgelockt; er hatte das stürmische Lied im "Escher Journal" untergebracht und damit der Öffentlichkeit und dem Hader ausgeliefert.

Das tiefe Mitleid mit aller menschlichen und irdischen Not war mir bei allen Wandlungen geblieben; ich hatte es in zahlreichen Dichtungen gestaltet.

Am überzeugendsten war ich für den auch unbekannten Proletarier eingetreten grade in den kurz vor dem Krieg erschienenen Bekenntnissen des "Franz Bergg", einem Buche, das aus dem Erbarmen geboren wurde und mir von Seiten des preußischen Kriegsministeriums zwei Prozesse eingebracht hatte, die, in Frankfurt und Hamburg anhängig, durch den Kriegsausbruch niedergeschlagen oder vielmehr zurückgenommen wurden.

Meinen Lesern in Deutschland mußte ich auf Grund dieses Werkes als Sozialdemokrat gelten. Der inländischen Partei war ich niemals beigetreten. Ich fühlte in manchen wesentlichen Punkten mit ihr. In andern billigte ich ihre Bestrebungen nicht. Und im übrigen ist es mir im Leben stets unmöglich gewesen, mich einer Partei zu verschreiben.

Das war auch meinem Freunde bekannt. Aber es schreckte ihn nicht ab. Im Gegenteil.

Die Partei, so erklärte er mir, denke nicht daran, wieder einmal jemand aus ihrer Mitte in die Regierung zu schicken. Sie werde sich für einen Vertrauensmann entscheiden,[S. 10] der nicht auf das engere Parteiprogramm eingeschworen sei und dem damit auch eine größere Bewegungsfreiheit gestattet werde. Ich sei der richtige Mann. Ich besäße einen geachteten Namen, die Zuneigung der breitesten Kreise. Die Partei, so warb er weiter, werde Ehre mit mir einlegen; ich brauche mich nicht verpflichtet zu fühlen; sie müsse im Gegenteil mir dankbar sein dafür, daß ich ihr meinen Namen und meine Person zur Verfügung stelle.

Ich wandte u. a. ein, er kenne doch meine politischen Anschauungen. In einem Zwist zwischen Krone und Partei z. B. könne ich als Minister der Großherzogin unmöglich auf die Seite der Republikaner treten; das verbiete mir mein persönliches Ehrgefühl.

Hr. Probst suchte mir klar zu machen, daß es zu einem solchen Konflikt in dieser Zeit überhaupt nicht kommen werde. Die Partei denke nicht an politische Abenteuer. Auch die Sozialisten müßten sich hauptsächlich darum bemühen, aus den schwierigsten Volksernährungssorgen herauszukommen, die Verfassungsreform durchzuführen und damit zu klareren Verhältnissen hinzufinden. „Dieses Geschäftsministerium, so beteuerte er, soll eben die Brücke zu einer friedlicheren Zukunft schlagen helfen. Die verschiedenen Hauptparteien sind in der neuen Regierung vertreten. Sie bringen zum ersprießlichen Zusammenarbeiten, wenn auch keine Begeisterung, doch den aufrichtigen Willen mit. So scheint das Neue unter nicht grade ungünstigen Gestirnen geboren zu werden."

Den Ausschlag bei meiner Entscheidung brachte schließlich die Erwägung, wie ich durch eine solche Beförderung an eine höchste leitende Stelle in die Lage versetzt werde, das Leben und die Menschen unter Verhältnissen kennen zu lernen, die mir bis dahin ganz verschlossen waren. Mein innerer Mensch werde unter der bereicherten Erfahrung notwendigerweise wachsen, und zudem werde es mir so möglich gemacht, den einen und andern Lieblingsgedanken, der mir während meiner Lehrtätigkeit teuer geworden, zu verwirklichen.

[S. 11]

„Denn", so entschied ich schließlich, „selbstverständlich komme ich nur für den Posten des Unterrichtsministers in Betracht. Auf einen andern passe ich nicht."

Unter den Führern der sozialistischen Gruppe zählte ich neben Probst noch manchen andern guten Bekannten. Sie konnten mich, fast ohne Ausnahme, sämtlich gut leiden. Der Dichter der „Schmiede" und des „Franz Bergg" sagte ihnen zu.

Des Freundes Vorschlag fand willige Ohren.

Am 18. September 1918, nachmittags gegen 4 Uhr, traf ich mich mit den Vertretern der sozialistischen Kammergruppe in einem Caféhaus des Paradeplatzes zu einer Aussprache.

Herr Probst führte mich ein, setzte die Ziele der Partei für die nächste Zukunft auseinander, betonte den Wunsch auf ein friedliches Zusammenarbeiten mit den übrigen Parteien, um der wirtschaftlichen Sorgen und Hemmnisse Herr zu werden, und teilte mir schließlich mit, die sozialistische Kammerfraktion sei bereit, mich als ihren einzigen Vertrauensmann in Vorschlag zu bringen.

Die freundlichen Mienen der Anwesenden bewiesen, daß dieser Gedanke allgemeine Zustimmung fand.

Ich dankte für das Vertrauen, das mir zuteil ward, und sagte: „Dieses Vertrauen ehrt mich doppelt, denn ich bin, wie Sie wissen, nicht Mitglied der Sozialdemokratie. Aber ich fühle sozial und denke demokratisch von Jugend auf. Von dieser Gesinnung habe ich Proben gegeben, die Ihnen gewiß bekannt sind. Ich werde auch in Zukunft diesem Geiste treu bleiben. Wenn Ihnen diese Zusicherung genügt, können wir zusammenarbeiten."

Diese Worte weckten Zustimmung. Ein weiteres Glaubensbekenntnis, so hieß es, wolle man von mir nicht hören.

Ich warf ein: „Gewiß aber werden es die andern Parteien als sonderbar empfinden, daß Sie Sozialdemokraten mit Ihren besondern Plänen und Bestrebungen in der neuen Regierung für sich gerade den Posten des Unterrichtsministers fordern, denn für einen andern mag ich mich nicht melden."

„O", bemerkte Freund Probst, „dem öffentlichen Unterricht kommt doch auch eine höchst bedeutsame soziale[S. 12] Aufgabe zu. In nächster Zukunft muß z. B. der so wichtige Fortbildungsunterricht bei uns zweckmäßiger gestaltet werden. Dabei hättest du das entscheidende Wort zu sprechen. Dem Werke der Volkserziehung und der Jugendbildung bringt der Sozialismus bekanntlich eine besondere Liebe entgegen. Außerdem leben wir in der Zeit der Lebensmittelbeschlüsse mit ihren gerade für den armen Mann und den Arbeiter so drückenden Folgen. Diese Verordnungen werden im Ministerrat getroffen. Also hättest du auch dabei entscheidend mitzureden."

„Schön. Nur dürfen wir uns nicht falsch verstehen, meine Herren. Ich möchte als Ihr Vertrauensmann nicht von den Launen oder der Willkür eines Einzelnen Ihrer Abgeordneten abhängen, dem ich vielleicht mißliebig bin oder werden könnte. Um mich zu entfernen, brauchte dieser nur eine Prinzipienfrage vom Zaun zu brechen, mit der Regierung und Kammermehrheit nicht einverstanden sein könnten; dann aber wäre der Bruch zwischen uns da und ich müßte austreten. Ich will mit Ihnen aufrichtig arbeiten, aber ein Hampelmann mag ich nicht sein."

„Diese Gefahr besteht nicht. Ein einzelner Abgeordneter darf sich solche Seitensprünge nicht erlauben. Die Fraktion als solche allein entscheidet. Und die kennt ihre Verantwortung."

„Es bleibt also dabei: Alle brennenden Fragen werden zurückgestellt? Wir wollen fruchtbare Arbeit leisten? So ist es ja gemeint?"

Die Runde antwortete: „Ja! Ja!"

„Wir halten es mit einer Politik, die sich ohne weitere Nebenabsichten in die Tat umsetzen läßt?"

„Gewiß, gewiß! So meinen wir's auch."

„Es wäre aber zu wünschen", warf der Abgeordnete Josef Thorn ein, „daß der Vertrauensmann in beständiger Fühlung mit der Partei bleibe und seinen Leuten nicht so fern, ja so fremd gegenüberstehe, wie das im letzten Ministerium für die liberalen Vertreter der Fall gewesen zu sein scheint."

„Natürlich werde ich das. Und das um so lieber, als ich mich ja nicht als Strohmann behandelt wissen will. Ich werde darauf bedacht sein, Sie geziemend auf dem laufenden[S. 13] zu halten und Ihrer Meinung meine Ansicht gegenüberzustellen."

Damit war diese erste Besprechung zu Ende. Es wurde nichts weiter verhandelt und kein übriges vereinbart.

Soviel aber wußte ich von vornherein, daß ich, als Vertreter der Fraktion, bei deren Abhängigkeit von dem stets schwankenden Fühlen und Wollen der Masse immer mit der Ungewißheit und den Launen zu rechnen hätte. Ich war entschlossen, diese Gefahr auf mich zu nehmen und im entscheidenden Augenblick an meiner Aufrichtigkeit keinen Zweifel zu lassen.

Gleich nach dieser Sitzung begab sich Herr Probst zu Herrn Mongenast. Eben verließ der Führer der Rechtspartei dessen Haus. Er schien nervös und blickte unzufrieden drein.

Probst erklärte Herrn Mongenast, seine Partei sei bereit, ihn als künftigen Regierungspräsidenten anzuerkennen, und gab ihm den Namen des sozialistischen Vertrauensmannes.

Herr Mongenast war erstaunt und meinte nach einigem Bedenken: „Wissen Sie, Herr Probst, ich kann Herrn Welter ganz gut leiden."

„Aber das hoffe ich, Herr Mongenast."

„Herr Welter ist ein tüchtiger Professor. Das habe ich auch als Präsident des Kuratoriums feststellen können. Um seine Kandidatur aber ist es heikel bestellt, besonders wegen der Haltung, die die Klerikalen ihm gegenüber einnehmen werden."

Herr Probst lachte verständnisvoll und erinnerte an den Widerstand, den die Rechtspartei zur Zeit meiner Ernennung zum Gymnasialdirektor entgegengestellt hatte.

Das aber war so gekommen.

Herr G. Zahn hatte am 2. August 1917 seine Entlassung als Direktor des Athenäums erhalten. Ich wurde von den Linksparteien, die damals die Mehrheit in der Kammer besaßen, als sein Nachfolger empfohlen. Herr Probst, und besonders Herr Robert Brasseur, setzten sich mit allem Eifer zu meinen Gunsten ein. Mit Erfolg, wie wir zu hoffen wagten. Der damalige Generaldirektor[S. 14] des öffentlichen Unterrichtes, Herr Moutrier, ein guter Freund des Herrn Brasseur, gab ihnen und mir sein Wort.

Inzwischen hatte man sich auch im Rechtslager gerührt. Eine Abordnung wurde in der Regierung vorstellig und legte gegen meine Ernennung schärfsten Verwahr ein. Der Verfasser der „Lene Frank" und des „Abtrünnigen", so hieß es, dürfe unmöglich an die Spitze der vornehmsten Unterrichtsanstalt des Landes treten.

Herr Moutrier blieb fest und schlug mich der Großherzogin für den Direktorposten vor. Großherzogin Maria Adelheid, die mir vor nicht gar langer Zeit durch ihren Hofmarschall, Hrn. van Dyck, ihre Anerkennung hatte aussprechen lassen für die starke und erfreuliche Wirkung, die ich auf die studierende Jugend ausübe, nahm den Vorschlag ihres Ministers kühl entgegen und verlangte acht Tage Bedenkzeit.

Herr Moutrier faßte das als Absage auf und suchte sich einen anderen Kandidaten. Er fand deren zwei, denn es mußte nun auch der Direktorposten an der Gewerbe- und Handelsschule neubesetzt werden.

Die Entwicklung, die diese Ernennungsangelegenheit genommen hatte, war ziemlich allgemein bekannt. Auch Herr Mongenast wußte Bescheid. Er nickte also zustimmend zu der Bemerkung meines Freundes, lächelte fein, bewegte sich zu seiner Bibliothek und entnahm ihr ein Buch. „Das hier ist Schuld daran", sagte er. Es war „Der Abtrünnige".

„Soeben haben mir", fuhr er fort, „die Klerikalen durch Herrn Huß zwei Mann empfohlen. Ich kann sie unmöglich annehmen. Herr Huß wird morgen wiederkommen und mir die endgültigen Vorschläge seiner Partei unterbreiten. Mit dem Namen des Herrn Welter halten wir einstweilen zurück. Es ist besser so. Wir dürfen ihn nicht gleich in die Öffentlichkeit werfen."

Herr Probst erklärte sich mit dieser vorsichtigen Haltung einverstanden, fügte aber hinzu, seine Partei werde keinen andern Kandidaten in Vorschlag bringen.

Mir gestand er gleich nach dieser Unterredung, Herr Mongenast werde kaum etwas erreichen.

[S. 15]

Herr Mongenast verzichtete denn auch kurz nachher auf die Bildung des neuen Geschäftsministeriums.

Jetzt konnte nur noch, wollte man überhaupt aus dem Wirrwarr herauskommen, an eine richtige Koalitionsregierung gedacht werden. Der Rechten, als der bedeutend stärksten Partei, kam dabei die Führung zu. Sie sollten zwei Mann stellen.

Zwischen den Parteien wurde heftig und verworren hin und her verhandelt. Links und rechts wurde bald dieser, bald jener Mann vorgeschoben. Immer aber sollte Herr Emil Reuter, den die Rechtspartei als den würdigsten auserlesen hatte, das Haupt der neuen Regierung abgeben.

Schließlich kam es zwischen den Parteien zu einer Einigung und am 28. September 1918 trat das Koalitionsministerium Reuter—Neyens—Welter—Liesch—Collart ins Amt.

[S. 16]

II.

Die neue Regierung stellte sich am 3. Oktober der Kammer vor. Staatsminister Reuter entwickelte deren Programm. Zustande gekommen, so führte er aus, sei sie auf Grund einer Verständigung zwischen den Parteien; als Hauptaufgabe stelle sie sich folgende Ziele: Verfassungsrevision, Volksernährung, internationale Beziehungen.

Die Aufnahme war freundlich. Die einzelnen Parteien schienen wirklich beseelt von dem guten Willen, zu dem sie sich bekannt hatten.

Persönlich hätte ich mir in der Regierung keine bessern Verhältnisse wünschen können. Der Regierungspräsident, Hr. Emil Reuter, war mir vom Konvikt her sehr gut bekannt und hatte mir in späteren Jahren manchen Beweis freundschaftlicher Teilnahme gegeben. Die beiden Generaldirektoren Neyens und Collart waren mir beide als Schüler wert und vertraut geworden. Herrn Liesch hatte ich, da ich über dem „Franz Bergg" saß, als den früheren Verteidiger meines „Helden" schätzen lernen; seine offene, entschiedene Art forderte Achtung und weckte Vertrauen. Und so verband die fünf, unter so ganz verschiedenen Zeichen zusammengekommenen Männer in kürzester Frist wirkliche Freundschaft und Einmütigkeit.

Die ersten Wochen vergingen ohne besondere Zwischenfälle.

Ich lebte mich in die neue Arbeit ein. Ein rechter Stolz kam darüber nicht auf. Allzuoft fühlte ich mich als Unterfertigungsmaschine. Zum Eindringen in die fremden Gegenstände fehlten Zeit und Ruhe. Auch glaubte[S. 17] ich nicht, daß meines Bleibens lange im Schatten der Liebfrauenkirche sein könne, und so drängte es mich, wenigstens im Schulfach die eine und andere Besserung durchzuführen, wodurch dem Unterricht und den frühern Kollegen zugleich gedient werde.

An Lebenserfahrung allerdings nahm ich rasch zu. Dabei halfen Umgebung und Gesellschaft mit. Die Erfahrung war nicht immer erfreulicher Natur. Viele sind der Leute, die Ansprüche stellen und mit unerfüllbaren Forderungen kommen. Eine solche Belastungsprobe hält das, was im gewöhnlichen Freundschaft heißt, nicht immer aus. Und auf Klienten ist kein Verlaß.


Draußen gehen inzwischen die Kriegsereignisse ihren erschütternden Gang.

Die deutsche Westfront weicht dem französisch-englisch-amerikanischen Druck. Die Gefahr rückt stets näher an unsere Grenzen.

Bulgarien wird in die Kniee gezwungen und bittet um Waffenstillstand.

In Preußen äußern sich die demokratischen Forderungen mit drohendem Ungestüm.

Der neue Reichskanzler Prinz Max von Baden richtet ein Friedensangebot an den Präsidenten Wilson. Die von Deutschland und Österreich gemachten Zusagen genügen den Verbündeten nicht. Waffen und Mord wüten weiter.

Schon geht auch durch unser Volk eine gewisse Aufregung, die die Regierung zu einer ersten Kundgebung veranlaßt.

„Alle aufreizenden Handlungen und Kundgebungen", heißt es in dem Aufruf, „die den Beteiligten sowohl wie deren Mitbürgern zum Schaden gereichen könnten, sollen vermieden werden. Es bleibt Pflicht eines jeden Luxemburgers, in seinem Verhalten die Besonnenheit und Würde zu bewahren, die den Umständen angemessen sind. So wird dem Wohl des Vaterlandes und der Allgemeinheit am besten gedient."

[S. 18]

Unsere Hoffnungen richten sich ebenfalls auf den Präsidenten der Vereinigten Staaten, der in seiner Botschaft der Vierzehn Artikel den Sieg des Rechtes zwischen den Nationen zu verheißen schien.

Am 8. Januar 1918 hatte er diese Forderungen dem Kongreß in Washington übergeben. Die Botschaft vom 10. Februar brachte dazu eine glückliche Ergänzung. Und schon schwärmten Unzählige von Wilsons Verkündigung als der sichersten Grundlage für die künftigen Friedensverhandlungen und Völkerbeziehungen.

Vor allem die Rechte der kleinen Nationen wurden anerkannt und das Selbstbestimmungsrecht aller Völker gegen jede Gewaltpolitik kräftig behauptet.

„Die nationalen Wünsche", sagte Wilson, „müssen gewahrt werden. Die Völker dürfen nur ihren eigenen Wünschen entsprechend regiert werden. Selbstbestimmung ist kein eitles Wort, es drückt sich darin eine gebieterische Forderung aus, die kein Staatsmann künftighin ohne Gefahr übersehen darf.

„Dieser Krieg hat seinen Ursprung in der Verachtung des Rechts der kleinen Nationen und Nationalitäten, die der Einheit und der Macht entbehrten, um ihren Forderungen sowie einer eigenen selbstherrlichen Politik Nachdruck zu verleihen. Es müßten jetzt Vereinbarungen getroffen werden, die solche Vorfälle in Zukunft unmöglich machen. Diese Abmachungen müßten gestützt werden durch die vereinten Kräfte aller Nationen, die das Recht achten und bereit sind, ihm um jeden Preis Geltung zu verschaffen."

Diese goldenen Worte eines weisen politischen Toren enthielten den Freiheitsbrief der kleinen Völker und fanden auch bei uns den freudigsten Widerhall.

Am 8. Oktober 1918 wandte sich die Luxemburger Kammer in einer Tagesordnung an den Präsidenten der Vereinigten Staaten und bat um Schutz unserer Rechte, um Räumung des Großherzogtums durch die fremden Besatzungstruppen sowie um die Freilassung der in deutscher Militärhaft schmachtenden Luxemburger.

Großherzogin Maria Adelheid rief den Beistand des Papstes an und erflehte seine Vermittlung, damit das[S. 19] Land von den Deutschen frei gegeben und Luxemburgs Neutralität von den kriegführenden Mächten neuerdings anerkannt und geachtet werde.

Die Regierung ihrerseits übermittelte Wilson den einstimmigen Wunsch der Landesvertretung und der Regierung auf Fortbestand des unabhängigen Großherzogtums und rief seinen wohlwollenden Beistand an, damit die Zukunft des Landes bei den Friedensverhandlungen sichergestellt werde.

Am 17. Oktober verkündete die Kammer in einer Tagesordnung die demokratischen Gesinnungen des Luxemburger Landes und forderte die Regierung auf, „die Frage über den Eintritt des unabhängigen Luxemburgs in den Völkerbund zu studieren und den Anschluß an diesen Bund, der von der Demokratie der ganzen Welt gewünscht wird, so weit als möglich vorzubereiten".

Auch die belgische Regierung schien sich zu unsern Gunsten zu rühren und ersuchte, auf Anregung und Wunsch der im belgischen Heeresverband dienenden Luxemburger, den Präsidenten Wilson und die verbündeten Regierungen, bei dem Abschluß eines Waffenstillstandes, mit der Räumung Belgiens zugleich „die Räumung des mit Belgien eng verbundenen Großherzogtums Luxemburg von den Deutschen zu fordern".

Kurzum, Völker und Einzelne witterten einen neuen Morgen. Man fühlte sich an der Schwelle großer Ereignisse.

In einer Note vom 20. Oktober an den Präsidenten Wilson nimmt die deutsche Regierung die in den 14 Artikeln gestellten Bedingungen rückhaltlos an und ersucht um Waffenstillstand. Diesem Antrag kann, so antwortet Wilson am 23. Oktober, nur stattgegeben werden, wenn die bisherigen Machthaber Deutschlands, die den Krieg geführt haben, zurücktreten oder Deutschland sich bedingungslos ergibt.

Darob erwiderte die deutsche Regierung bereits am 28. Oktober, Deutschland habe jetzt eine Volksregierung, der auch die Militärmacht unterstellt sei; die verbündeten Mächte möchten daher die Bedingungen eines[S. 20] Waffenstillstandes, der einen Rechtsfrieden der Völker herbeiführen könne, bekannt geben.

Am folgenden Tage treten die Türkei und Österreich-Ungarn mit den Verbündeten in Sonderverhandlungen ein.

Die Türkei streckt am 31. Oktober die Waffen. Österreich-Ungarn geht aus den Fugen. In Prag und Budapest übernehmen Nationalräte die Regierung. Offiziere und Soldaten stellen sich ihnen zur Verfügung.

Der deutsche Rückzug bereitet sich vor. Zugleich wälzt sich die Kriegsgefahr stets drohender an unser Land heran. In der ausländischen Presse mehren sich die falschen Nachrichten und die Tatarenmeldungen über die Zustände in Luxemburg, über die Wünsche der Bevölkerung, über die Haltung des Landes und besonders seiner Herrscherin während des Krieges.

Dieser ganze Feldzug scheint einer einzigen dunklen Quelle zu entströmen und einem besondern Ziele zuzustreben.

Ich rate im Regierungskolleg dringend zur Einrichtung einer Pressestelle in Bern.

Sämtliche Länder, so betone ich meinen Kollegen gegenüber, verfügen über besondere Geldmittel zur Förderung oder zur Wahrung des nationalen Gedankens. Ein solches Amt hätte auch für Luxemburg gleich zu Kriegsbeginn im Ausland geschaffen werden müssen. Jetzt mag es in allerletzter Stunde vielleicht zu spät sein. Aber versucht werden muß es, und zwar ohne Aufschub.

Die geeignete Persönlichkeit bei uns ausfindig zu machen ist allerdings nicht leicht. Eine gewandte Feder und journalistisches Geschick wären für die ihr gestellte Aufgabe unerläßliche Vorbedingung. Der Vertrauensmann würde unserer Berner Geschäftsstelle zugeteilt. Er müßte Beziehungen zu den bedeutendsten politischen Blättern des verbündeten Auslandes suchen, jede falsche Nachricht aus oder über Luxemburg berichtigen: er müßte ausgiebig mit Mitteln versorgt werden, die es ihm ermöglichten, seine eigenen Zuschriften unterzubringen und eine wirksame Propaganda zu Gunsten des Landes[S. 21] einzuleiten. Für den patriotischen Zweck kann ja keine Ausgabe zu groß sein.

Der Gedanke gefiel. Aber der geeignete Mann war in der Eile nicht aufzutreiben. Schließlich einigten wir uns auf die Person eines jungen Richters, der in der Schweiz Erholung suchen mußte. Herr Adam, so bekräftigte man, sei zuverlässig, klug, fleißig, und schreibe einen klaren Stil.

Diese Wahl fand nur meine halbe Zustimmung. Die Lage erforderte einen ganz andern Mann. Wo den finden? Diesen und jenen hätte ich schon vorschlagen können. Aber auf keinen von ihnen, das spürte ich, war in nationaler Beziehung Verlaß. Grade bei ihnen mußten wir uns, unter den heutigen Umständen, doppelt vorsehen. Etwas aber mußte getan werden. So durfte es in keinem Falle weitergehen.

Herr Adam reiste alsbald nach Bern, um das luxemburgische Presseamt dort einzurichten und zu leiten.


Zwischen den Verbündeten und Österreich-Ungarn kam es am 4. November zum Waffenstillstand.

In stets stärkeren Massen wurden die deutschen Krieger durch Luxemburg zurückbefördert. Auffällig dabei war eine bisher unerhörte Lockerung der Zucht. Handlungen des Übermutes, ja des verbrecherischen Mutwillens mehrten sich.

Angesichts der stets engeren Bedrängung der deutschen Heere durch den Feind, mußte mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß schließlich auch Luxemburg in den Schlachtenfeuerbereich geraten werde. Die Regierung erließ dementsprechende Weisungen an die Gemeindeverwaltungen und gab Verhaltungsmaßregeln für den entsetzlichen Notfall.

Am 6. November kamen der deutsche Gesandte und der deutsche Befehlshaber in Luxemburg dem Staatsminister melden, das Land werde vielleicht schon in den ersten Tagen ganz oder teilweise ins Etappegebiet einbezogen werden.

Gegen diesen neuen Neutralitätsbruch legte die Regierung alsbald in Berlin und bei der Entente Verwahr ein. Kammer und Volk schlossen sich ihr entrüstet an.

[S. 22]

Endlich war die Friedensfrucht in Brand und Schrecken reif geworden. An demselben 6. November reiste die deutsche Abordnung zur Entgegennahme der Friedensbedingungen nach dem Westen.

Am 8. November überreicht ihr Feldmarschall Foch im Walde von Rhetondes bei Compiègne diese Waffenstillstandsbedingungen und fordert Antwort innerhalb 72 Stunden, spätestens also für den 11. November gegen 11 Uhr morgens. Ein Antrag auf einstweilige Waffenruhe wird abgelehnt.

In Deutschland kommt es zur Revolution. Schon am 7. November leiten die Kieler Matrosen den Umsturz ein. In allen Städten bilden sich Arbeiter-Soldaten-Bauernräte und reißen die Gewalt an sich. Münchens Bevölkerung beschließt die Absetzung der Dynastie Wittelsbach. Wilhelm II. dankt in unwürdiger Weise ab und flüchtet auf holländisches Gebiet. Der Kronprinz folgt in noch unrühmlicherer Art dem väterlichen Beispiel.

Luxemburg wird Durchmarschsgebiet. Deutsche und österreichische Truppen fluten stets stärker zurück.

Der Schlachtendonner rollt aus immer beängstigenderer Nähe herüber. Und auch die Fliegerangriffe halten immer noch die Menschen in beständiger Aufregung.

In Luxemburg rührte sich der Unfriede und hob schnuppernd die Schnauze. Die Feinde der Dynastie, die Feinde des unabhängigen kleinen Vaterlandes, die Freunde eines Regierungswechsels, Republikaner, Parteigänger Belgiens: alle halten sie ihre Stunde für gekommen. Die in ihrem Solde stehenden Zeitungen herrschen in stets stärkeren, rücksichtslosen Tönen. Katilinarische Gesellen lauern und rüsten sich zum Ansprung, zu Schlag und Raub.

Großherzogin Maria Adelheid vor allem stand im Kreuzfeuer der Verdächtigungen und der Anklagen.

Über ihre Haltung seit Kriegsbeginn und dem deutschen Einfall gingen die widersprechendsten Gerüchte. In ausländischen Zeitungen wurde sie schonungslos angegriffen. Ein Teil der in Paris ansässigen Luxemburger forderte ihre Absetzung und den Anschluß des Landes an Frankreich.

[S. 23]

Sie war, so wollten es ihre Ankläger, die Freundin Deutschlands. Sie hatte dem General, der als erster luxemburgisches Gebiet verletzt hatte, Audienz gewährt. Sie hatte den deutschen Kaiser empfangen und gastfreundlich zu Tisch geladen. Sie hatte für den Sieg der deutschen Waffen gebetet, auf den Erfolg der großen glorreichen deutschen Heere einen Trinkspruch getan. Sie hatte es zugelassen, daß unter ihren nächsten und höchsten Hofbeamten einzelne Kriegsdienste im deutschen Heere taten. Sie plante den Anschluß Luxemburgs an das deutsche Reich. Sie hatte, um das Maß voll zu machen, ihre Einwilligung gegeben zu der Verlobung ihrer Schwester Antonia mit dem bayrischen Kronprinzen Rupprecht, dem „Henker Flanderns"; sie hatte sogar die Stirn gehabt, diese Verlobung den Herrschern der Ententeländer zur Kenntnis zu bringen.

Diese und andere Anwürfe und Beschuldigungen wurden in steter Wiederholung der Öffentlichkeit ins Bewußtsein gehämmert. Sie machten Eindruck. Die Dreistigkeit, womit sie in den Tag geschleudert wurden, die planmäßige Folge, mit der sie seit Kriegsbeginn aneinandergereiht wurden, nahmen auch die Menge gefangen. Niemand erinnerte sich; niemand rief sich andere Worte und Geberden der jungen Fürstin ins Gedächtnis, die zu diesen Behauptungen und Gerüchten im schroffsten Gegensatz standen; niemand stieß sich an der Verblendung, die allein eine solche Haltung hätte eingeben oder gebieten können. Die öffentliche Meinung ward im starken Maße vergiftet.

Und doch versuchten die Freunde und Anhänger des Herrscherhauses das Mögliche, diese öffentliche Meinung zu bekehren. Sie erinnerten an die tapfere, gebieterische Haltung der jungen Großherzogin gleich nach dem Einbruch der fremden Heere. Sie wiesen hin auf die Verantwortung des damaligen Regierungspräsidenten, der ihr den einen oder andern Schritt als notwendig hingestellt hatte und dem sie sich nur unwillig fügte. Sie entlarvten so manchen Anwurf ihrer Widersacher als schnöde Erfindung und Verleumdung.

Für mich stand eines fest: Was auch Maria Adelheid im einzelnen, mit oder ohne Willen, an Unklugheiten oder[S. 24] Verdächtigem hatte geschehen lassen, Luxemburgerin war sie immer gewesen und geblieben. Mit ihrem freien, unabhängigen Vaterlande wollte sie stehen und fallen.

Sie hatte sich zu feierlich und zu entschieden dazu bekannt, um ihr fürstliches Wort so schnöde Lügen zu strafen.

Ich erinnere nicht einmal an ihre vaterländischen Worte in den Notsitzungen der Abgeordnetenkammer nach dem Einbruch der Deutschen.

Aber auch am 3. November 1915, kurz vor der Bildung des Ministeriums Loutsch, sprach sie das stolze Wort: „Ich trage die Krone eines freien unabhängigen Staates, dessen Verfassung ich beschworen habe. Ich will diese Freiheit und Unabhängigkeit aufrechthalten und schützen. Niemals gebe ich meine Zustimmung zu einem Anschluß Luxemburgs an Deutschland. Niemals reiche ich die Hand zu einer Umgestaltung des Großherzogtums in einen deutschen Bundesstaat."

Und als ihr die demokratischen Verbände des Landes, als Verwahr gegen die Auflösung der Kammer, nach einer gewaltigen Straßenkundgebung am 2. Januar 1916 eine Adresse überreichten, da hieß es in ihrer Antwort:

„Alle meine Anstrengungen verfolgen das eine Ziel: dem Vaterlande seine selbständige Fortdauer, seine Unabhängigkeit und seine Freiheit zu sichern.

„Ich bin Luxemburgerin, Luxemburgerin von Geburt aus, im Herzen und in der Seele.

Ich liebe mein Land und ich liebe mein Volk. Ich will mein Land frei und unabhängig, ich will mein Volk frei und glücklich wissen."

Solche Worte sprechen eine heilige Überzeugung aus. Maria Adelheid hat keine öffentliche Handlung gesetzt, die mit diesem feierlichen Gelöbnis nicht vereinbar gewesen wäre.

Aber in jenen Tagen kam es weniger darauf an festzustellen, wie sich im Ausland dieser und jener zu der Frage von Maria Adelheids Schuld oder Unschuld, ihrer Haltung gegen Deutschland, ihrer Gesinnung gegen die Ententemächte stelle; in jenen Tagen galt es vor allem[S. 25] zu erwägen, wie die Luxemburger in ihrem Herzen und in ihrem Glauben zu ihrer Landesfürstin standen.

Nun aber hatte Maria Adelheid innerhalb weniger Monate bei einem großen Teil ihres Volkes stark an Liebe eingebüßt. Die monarchisch fühlenden freisinnigen Kreise vor allem vergaßen nicht die unerfreulichen Überraschungen, die ihnen die junge Fürstin, die erste auf heimatlicher Erde geborene und erwachsene Großherzogin, schon bald nach ihrem mit unendlichen Hoffnungen begrüßten Regierungsantritt bereitet hatte.

Ihr Zögern und ihre Weigerung, Männer liberaler und radikaler Richtung an hohe Vertrauens- und Amtsposten zu ernennen, mochte es dabei zur Regierungsumbildung und zu Ministerkrisen kommen, die Entsendung des Ministeriums Loutsch vor eine starke feindliche Kammermehrheit, die Kammerauflösung von November 1915: diese und andere Handlungen wurden als Äußerungen eines Herrscherwillens empfunden, der bei den Voraussetzungen und vieljährigen Erfahrungen unserer demokratischen Vergangenheit befremden und Widerspruch hervorrufen mußten.

Ob und inwieweit die Verfassung der Landesherrin das Recht gab, ihrem Gewissen und nicht ihrem verantwortlichen Minister zu folgen, wurde nicht untersucht. Die Kammerauflösung, die beinahe zu einem Wahlsieg der Rechtspartei geführt hatte, wurde von dem Linksblock als rückständiger Staatsstreich verschrieen und Maria Adelheid war in ihrer inneren Regierung den freisinnigen Luxemburgern verdächtig geworden.

Dazu gesellten sich in jenen Tagen stets lauter, dreister, drohender die unfreundlichen Stimmen aus dem Ausland, die Anklagen auf Deutschfreundlichkeit, d. h. auf Landesverrat.

In den ersten Tagen, davon durfte man überzeugt sein, standen schwere Kämpfe bevor. Es handelte sich dabei um das Schicksal des Vaterlandes. Eine Rettung aus der bedenklichen Lage konnte, so fürchtete ich, im entscheidenden Augenblick nur mit Hilfe des einmütigen, auf das eine große Ziel gerichteten Volkswillens erreicht werden. Dabei blieben Dynastie und nationale Selbständigkeit[S. 26] unzertrennlich. An den Fortbestand des freien Großherzogtums ohne das durch internationale Verträge beglaubigte und angestammte Herrscherhaus war in jenen Zeiten nicht zu denken.

Die überwiegende Mehrheit unseres Volkes war zweifellos monarchisch und dynastiefreundlich. Ob sie aber in gegebener Stunde zu Maria Adelheid stehen würde, durfte bezweifelt werden. Ich persönlich konnte mich, angesichts der eben angedeuteten Verhältnisse, nicht zu der Hoffnung aufschwingen, daß es möglich wäre, sämtliche zur Rettung der Heimat erforderlichen Kräfte der Anhänglichkeit und der Opferfreude im Zeichen ihres Namens zu einem begeisterten Entschluß zusammenzubinden. Maria Adelheid war, weniger durch eigene Schuld als durch die Unbesonnenheit oder die Beschränktheit unverantwortlicher Höflinge und Ratgeber sogar für manche fürstentreue Katholiken zum Stein des Anstoßes geworden.

Nicht der Rumor im Ausland, die Stimmung im Lande machte mir Sorge. Aus der Tiefe des eigenen Volkes drohte in der Stunde der Schicksalswende der übel beratenen Herrscherin Gefahr.

Die Großherzogin selbst schien ein Vorgefühl zu haben von dem Verhängnis, das sich aus allen Winkeln des politischen Himmels gegen sie zusammenballte. Das beweist ein schon im Oktober 1918 aus persönlicher Eingebung an den Staatsminister gerichteter eigenhändiger Brief. In diesem Schreiben erklärt sie Hrn. Reuter, seine Regierung brauche bei einer etwaigen Neuregelung der staatlichen Verhältnisse Luxemburgs nach Kriegsschluß auf Ihre Person keine Rücksicht zu nehmen. Sie denke an freiwilligen Verzicht. Für die Zukunft des luxemburgischen Herrscherhauses sei die Sicherung der Nachfolge und der Nachkommenschaft unerläßliche Vorbedingung. Sie denke an keine Vermählung. Ihre Schwester Charlotte werde schon jetzt im Familienkreis als ihre Nachfolgerin angesehen. Die Prinzessin sei mit ihrem Vetter, Prinz Felix von Bourbon-Parma, verlobt und ein möglichst baldiger Abschluß der Verbindung sei wünschenswert.

Gewiß eine äußerst bezeichnende und hochwichtige Mitteilung!

[S. 27]

III.

Am 9. November im Nachmittag kam Generalmajor Teßmar in die Regierung und meldete, von Trier her seien deutsche Aufwiegler im Anzug auf Luxemburg; aus Differdingen werde ihnen Verstärkung durch luxemburgische Arbeiter kommen. Die Absicht der Empörer sei, auch in Luxemburg eine Sowjetherrschaft einzurichten. Mit den deutschen Rädelsführern gedenke er schon fertig zu werden. Schlimmer stehe es, wenn sich die Luxemburger zu den Deutschen gesellten. Er habe darauf gehalten, uns auf die Gefahr aufmerksam zu machen; wir möchten die Großherzogin benachrichtigen und nachtsüber am Fernsprecher bleiben. Er selbst werde sich nicht niederlegen und stets zu erreichen sein.

Von einer eigentlich revolutionären Bewegung im Differdinger Becken war uns nichts bekannt. Ich zog die Herren Probst und Housse ins Vertrauen. Auch sie waren ahnungslos. Ich hatte die Herren nach Schluß einer Stadtratssitzung getroffen. Auf einmal trat der zweite Stadtschöffe in den Saal; er trug ein großes Blatt und rief: „Hier ist ein Aufruf der Regierung!" und breitete das Papier auf den Tisch. Alles stand herum, las und lachte. Einer der Herren freute sich baß und laut, daß auch bei uns der Bolschewismus so rasch überhand nehme; zugleich beglückwünschte er, in meiner Anwesenheit, Herrn Probst, daß er in diesem Augenblick nicht Minister sei.

Wir beschlossen, den Abend und die Nacht im Regierungsgebäude zu verbringen. Staatsminister Reuter wollte noch an demselben Abend nach Berg, um die Großherzogin von dem Ernst der Lage zu unterrichten. Ich sollte ihn auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin begleiten.

Kurz nachher trägt uns der Wagen durch die Nacht. Die Baumgänge an der Straße vertiefen sich im Lichte[S. 28] der Scheinwerfer zu endlosen Hallen mit schlanken bleichen Säulen. Mir ist, als ob an jeder Straßenwendung das Schicksal auf seinem Einhorn hervorlenken könne.

Die Großherzogin wartet. Im fußfreien schwarzen Rock tritt sie uns mit freundlichem Lächeln entgegen. Auf dem Tisch stehen zwei Blumensträuße; der eine verbirgt ihr Herrn Reuters Gesicht; sie rückt die Vase still zur Seite.

Wir wiederholen die Warnung des Generalmajors und reden von der Unruhe, die sich stets stärker in den Reihen besonders der städtischen Bevölkerungen fühlbar mache; auch die Stimmen von jenseits der Grenzen seien äußerst sorglich; ja, es stehe zu befürchten, daß im gegebenen Augenblick Maria Adelheids Verbleib auf dem Throne dem Ausland als unerwünscht gelten könne.

Bei den letzten Worten lehnt sich die Fürstin tief in den Sessel zurück. Die rechte Hand liegt fest auf dem Tisch. Um den Mund zeigt sich ein Zug müden Schmerzes. Das edle Haupt auf dem schlanken Halse neigt sich etwas nach vorn. Doch schon hat sie sich gefaßt, das Antlitz hebt sich und die großen Augen blicken still und klar.

„Wenn Herr Teßmar wahr gesprochen hat", meint Herr Reuter, „und wenn die Bewegung um sich greift, dürfte es morgen in der Stadt gefährlich werden."

„Dann komme ich morgen nach Luxemburg gefahren", erwidert sie rasch.

Wir raten ab.

Ein Verzicht auf den Thron, so erklärte sie dann mit ruhiger Stimme, falle ihr an sich nicht schwer. Aber sie möchte es vorher doch auf den klar ausgesprochenen Willen des Volkes ankommen lassen; diesem Volkswillen werde sie sich fügen.

Teßmars Absicht, mit Gewalt Ordnung schaffen zu wollen, wird scharf von ihr mißbilligt und als Torheit zurückgewiesen.

Inzwischen hatten sich auch die Wangen wieder gerötet; die Augen lächelten. Die ganze Haltung bezeugte innere Festigkeit.

Nach einer Stunde schieden wir.

Im Vorzimmer des Regierungsgebäudes hatte sich unterdessen eine Gendarmeriewache eingerichtet.

[S. 29]

Nach 1 Uhr nachts gingen Herr Reuter und ich, um Herrn Teßmar zu sprechen. Er war nicht in seinem Amtsquartier zu finden. Wir klingelten ihn im Gasthof an. Der Herr lag zu Bett.

Wir sahen uns an, lachten und gingen nach Haus.

Am folgenden Morgen, kurz nach acht, stehen wir Herrn Teßmar wieder gegenüber. Wie sich der Mann in einer Nacht geändert hat! Nichts Herausforderndes mehr in seiner Haltung, nichts Herrisches und Barsches! Freundlich reicht er uns die Hand, ein abgespannter, sorgenvoller Greis; seine Stimme tönt müde, fast weich.

„Gute Nachrichten", so verkündet er, „sind eingelaufen. Die englischen Matrosen sind in den Generalstreik eingetreten. Hindenburg drängt auf schleunigen Abschluß des Waffenstillstandes. In Trier ist es ruhig. Die Zugverbindung mit Luxemburg ist abgebrochen; die Einfahrtssignale in den Bahnhöfen sind abgestellt. Und nun mögen die Rebellen kommen! Für den Nachmittag erwarte ich ein zuverlässiges Bataillon. Wir werden die Herren warm empfangen."

Während der törichte Polterer so sprach und flunkerte, hatte sich in Luxemburg bereits ein deutscher Soldatenrat gebildet. Die Offiziere wurden ihrer Abzeichen entkleidet und entwaffnet. Nachmittags schon schritt auch Herr Teßmar seinen Gang, ganz bescheiden, mit hängender Schulter und mit tiefem Haupt, ohne Säbel und ohne Achselklappe.

Seit dem Tage habe ich den gestürzten Machthaber nicht wiedergesehen. Die blutigsten Gerüchte folgten ihm nach Trier und über den Rhein hinüber, und ein Spruch des Kriegsgerichtes von Lüttich verurteilte ihn im Februar 1925 im Abwesenheitsverfahren zum Tode als den Henker der 123 Opfer von Rossignol.

Durch die Straßen der Stadt wälzte sich indessen der Rückzug in trüben, aufgeregten Wogen. Hoch durch die Luft aber strebten die Luftzeuggeschwader in langen Zügen moselzu und heimatwärts.

Die für die Annahme der Friedensbedingungen gestellte Frist lief am Montag vormittag ab. Die Annahme[S. 30] galt als sicher. Und schon richtete sich alles auf die neuen Verhältnisse ein.

Am Nachmittag des 10. November befand ich mich im Zimmer des Staatsministers. Da wurde Herr Obergerichtsrat F. X. gemeldet. Er trat vor Herrn Reuter und führte mit geläufiger Zunge in langer Rede folgendes aus: „Die Lage im Innern ist verzweifelt. Die Großherzogin muß fort. Die Regierung liegt am Boden. Der Aufruhr droht. Nur ein rasches Eintreffen der Ententetruppen kann retten. Schicken Sie einen Parlamentär im Schutz der luxemburgischen Flagge an die Front und ersuchen Sie die Franzosen um raschen Einmarsch. Falls Sie den richtigen Mann zu dem Zweck nicht haben, stelle ich mich Ihnen gerne zur Verfügung. Ich bin der Mann, den Sie brauchen und ich nehme auch eine Kugel mit in den Kauf."

Wir freuten uns dieser verdächtigen Beredsamkeit und der Staatsminister komplimentierte den todesmutigen Mitbürger hinaus.

Schon hatte sich auch unter der unmittelbaren Auswirkung des Waffenstillstandes die sog. „Ligue Française" gegründet. Ihre Ziele umschreibt sie in der folgenden Kundgebung:

„Die alte und die neue Welt haben das Selbstbestimmungsrecht der Völker feierlich verkündet.

Kraft dieses Rechtes richten wir an alle Bürger und Bürgerinnen, ohne Unterschied der Parteien, den dringenden Ruf, der eben gegründeten Französischen Liga beizutreten.

Die Liga fordert den Anschluß unseres Landes an Frankreich. Dieser Anschluß entspricht unsern kulturellen Bestrebungen sowie unsern moralischen und materiellen Interessen.

Wir bitten, unverzüglich die Beitrittserklärungen an die Adresse Georges Schommer, Paradeplatz 6, zu richten."

Der provisorische Exekutivausschuß i. A.:

gez.: Jean Angel, Emile Mark, Armand Michel, Paul Palgen, Paul Reisen, Georges Schommer, Henry Schreiber, Paul Stümper, Paul Sivering, Georges Traus."

[S. 31]

Das „Escher Tageblatt" machte es sich zur patriotischen Pflicht, den Bestrebungen der französischen Liga den Weg zu bereiten; allerdings entsprach der Erfolg nicht ganz der darauf verwandten Beredsamkeit.

Schon bald trat der Verband im jungen Werbeeifer an die Öffentlichkeit. Zum ersten Mal geschah das in der Volksversammlung, die am Nachmittag des 10. November im Saale Brosius abgehalten wurde.

Der Sprecher der Liga, der sich seinen Landsleuten auf französisch vorstellte, wurde von dem Unwillen der Anwesenden, die nur die Heimatsprache hören wollten, alsbald zum Schweigen gezwungen.

Während der Tagung traf, wie die „Luxemburger Zeitung" vom 11. November 1918 zu berichten weiß, Herr Josef Thorn aus einer Versammlung der sozialistischen Parteileitung ein und teilte mit, die Partei werde sofort an die Regierung die Frage stellen, wie sie sich zu folgenden Forderungen verhalte: Republik, Beschlagnahme der Großbetriebe durch den Staat, Achtstundentag usw. Lehne die Regierung ab, so werde der Vertrauensmann der Sozialisten (Hr. Nik. Welter) austreten und die Partei werde sehen, was weiter zu geschehen habe.

Nach längerem verworrenem und stürmischem Gerede wurde ein sogenannter Arbeiter- und Bauernrat zusammengesetzt und man beschloß als wesentlichste Neuerungen die Abdankung der Großherzogin, die Absetzung der Dynastie und die Ausrufung der Republik.

Auch in verschiedenen Gegenden des Erzbeckens bildeten sich nach deutschem und sowjetistischem Muster Arbeiter- und Bauernräte.

Für den folgenden Abend wird eine neue Volksversammlung auf dem Wilhelmsplatz einberufen.

Am Montag morgen kommt die Nachricht, der Waffenstillstand sei zur Tatsache geworden. Friede! Friede! Endlich erlöst! Die Freude ist groß. Im Nu wallen die Häuser im Fahnenschmuck!

Es war, wie sich später herausstellte, für uns eine Rettung in allerletzter Stunde.

Auf den 14. November hatte Marschall Foch den großen Lothringer Angriff festgesetzt. Zugleich sollte ein[S. 32] Vorstoß der Verbündeten in der Richtung Longwy-Luxemburg erfolgen. Noch einige Tage also des blutigen Treibens und die Kriegsgeschichte wüßte heute wahrscheinlich von der großen Schlacht an der Sauer oder Mosel zu berichten.

Vor diesem entsetzlichen Schicksal wurden wir am 11. November glücklich errettet.

Jetzt aber, wo das Land Luxemburg am Rande des Schicksals wie durch ein Wunder erhalten wurde, begann für uns im Innern erst recht der Kampf um die Heimat.

[S. 33]

IV.

Als ich in der Zeitung die von dem Abgeordneten Josef Thorn während der Volksversammlung vom 10. November gesprochenen Worte las, kamen mir besondere Gedanken. Diese Worte waren nach Inhalt und Ton für den Vertrauensmann schlechthin verletzend. Der Vertrauensmann der Sozialisten, so heißt es kurz, wird, wenn diese Bedingungen nicht erfüllt werden, austreten. Ich war aber mit keinem Wort auf diese Möglichkeit vorbereitet worden. Hinter meinem Rücken wurde über mich verfügt, wie über ein Werkzeug, das sich nach Belieben muß hantieren lassen. Eine heimliche Furcht wurde mir dadurch zur Tatsache. Ich wollte, wie ich gleich anfangs der Partei erklärte, kein bloßer Hampelmann zwischen den Fingern der politischen Laune und Berechnung sein. Man schien mich aber nur als solchen halten zu wollen.

Mit dieser bitteren Feststellung richtete sich schon am 11. November die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenstoßes mit der Fraktion drohend vor mir auf.

Im Herzen Europäer, also weltbürgerlich gesinnt, fühlte ich doch von Jugend auf als begeisterter Sohn der kleinen neutralen Heimat. Dem neutralen Luxemburg mit seiner menschlich vornehmen Gesinnung verdankte ich eine ganz persönliche Stellung gegenüber dem sog. Vaterlandsgedanken und seinen engen Forderungen.

Schon im „Franz Bergg" hatte ich den kleinen Staaten und ihrer kostbaren Bestimmung das Wort geredet, da ich schrieb:

„Dies eben ist der große Vorzug der kleinen neutralen Staaten. Sie denken friedlich und urteilen gerecht. Sie[S. 34] empfinden international, also menschlich im höchsten Sinne. Sie predigen nicht den Haß aus Vaterlandsliebe. Zwischen den eisenstarrenden Riesen liegen diese Kleinen eingeklemmt, hilflos wie Kinder, aber doch Lieblinge des guten Geistes, denn in ihrem Gefühl verdichtet sich das Gewissen der Menschheit. In ihren Ansichten über Geschichte und Entwicklung sind sie den sogenannten Großmächten um Jahrzehnte vorauf. An dem Tage, wo der letzte dieser Kleinen der Kriegslist und Eroberungsgier eines Großen zum Opfer fällt, traure die Menschheit, denn sie ist in ihrer Seele ärmer geworden."

Denselben Gefühlen hatte ich auch in „über den Kämpfen" Ausdruck verliehen, stellenweise sogar fast mit denselben Worten, in dem Gedicht:

An die Großmächte.

Spottet nicht der kleinen Staaten, die in eurem Schatten stehn,
die mit Bangen und Bewundrung auf zu eurer Größe sehn.
Laßt sie ungehindert wachsen wie die Lilien auf dem Feld,
sich zur Freude, euch zum Preise und zum Herzensschmuck der Welt.
Zwar sie können kaum sich decken hinter Schwert und Mörserschild,
sind in euren Panzerfäusten wie ein Alabasterbild;
Doch sie heben voll Vertrauen ihre Augen zu euch hin,
denn sie hoffen, daß sich Stolz und Stärke paart dem Edelsinn ..
Dieses aber bleibe unsres Daseins Vorrecht bis zuletzt,
daß es euch, den Himmelsstürmern, freigewollte Schranken setzt,
daß ihr auch im Eisenkleide Ehrfurcht tragt für euren Schwur,
unterm Zwang der Not nicht mordet eure bessere Natur.
Laßt daher die Kleinen wachsen wie die Lilien auf dem Feld,
sich zur Freude, euch zur Prüfung und zum Herzenstrost der Welt;
alle guten Engel Gottes schrecktet ihr schon längst hinaus,
bauten ihnen unsre Hände nicht ein stilles Tempelhaus.
Nähert ihr euch einem Nachbarn, lenkt euch nur der Eigennutz;
da im Nachbarn ihr den Feind seht, denkt ihr nur an Schutz und Trutz;
schon dem Kind fälscht ihr den Menschbegriff im Herzen und im Hirn
und entehrtet die Geschichte gern zu eurer Eigendirn.

[S. 35]

Wir empfinden viel gerechter, fühlen menschlicher als ihr:
wo ihr neidet, da bewundern, wo ihr haßt, da helfen wir,
und wenn ihr euch, wahnverblendet, herzlos bis zum Tod zerfleischt,
hebt sich betend unsre Stimme, die für euch Erbarmen heischt.
„Friede, Friede den Menschen auf Erden!" das ist unser Schlachtenruf;
unser Schwert der Stab des Moses, der aus Felsen Brunnen schuf;
unser Traum Triumph der Güte, Treu und Rechttun unser Ruhm,
unser Ziel das freiste Bürger- und das reinste Menschentum.
Weh dem armen Bruder, den sich eure Selbstsucht unterwarf,
weil er fürder nur auf eure Vorurteile schwören darf!
Ach, bei jedem Freien, den ihr hart in euer Prunkjoch schirrt,
fühlt die Menschheit fröstelnd, daß sie in der Seele ärmer wird.
Schont darum und schützt die Kleinen, die in eurem Schatten stehn,
laßt sie als Gewissenszeugen mahnend euch zur Seite gehn;
laßt sie blühend sich entfalten wie die Lilien auf dem Feld,
sich zur Freude, euch zum Heile und zum Herzensstolz der Welt.
Sinnt den Worten, die der Göttlichste der Erdgeborenen sprach,
sinnt den Worten Jesu aus dem kleinen Jordanlande nach:
„Wollt ihr Großen selig werden, werdet diesen Kindern gleich!
Laßt die Kleinen zu mir kommen, ihrer ist das Himmelreich."

Erst wenn der Tag des Heils gekommen ist, wo sich das zerrissene Europa zu den Vereinigten Staaten Europas zusammenschließt, durchdrungen von demselben Ideal des Rechtes und des Friedens, das sich bis heute nur in den kleinen neutralen Völkern verkörpern konnte, erst dann wird sich neben Dänemark, Holland, Belgien und der Schweiz auch Luxemburg seines eigenen Wesens erfreuen können. Von seinem besseren Selbst braucht es dann nichts aufzugeben und auch der angestammte Name bleibt ihm für immer erhalten.

Dieser lichte Zukunftstraum wird leider nur ein Traum bleiben. Recht lange noch werden vaterländische Grenzen und patriotische Vorurteile die Völker des sich selbst zerfleischenden Europas scheiden. Holland, die Schweiz, Belgien werden trotzdem für sich fortbestehen. Dann aber sehe ich nicht ein, warum auch Luxemburg nicht dauern dürfte und sollte. In dem Besten seines Geistes, das sich in jedem rechten Luxemburger ausspricht, darf[S. 36] es, selbstbewußt wie diese Größeren, sein Recht auf Dasein geltend machen.

Weiterleben aber kann es nur als Monarchie. Eine Republik Luxemburg, das war und das bleibt meine Überzeugung, wäre ein totgeborenes Kind. Diese Regierungsform führte bei uns im Innern bald zur schlimmsten Familien-, Kasten- oder Parteiwirtschaft und müßte nach außen rasch beim Aufgehen im größeren Frankreich enden.

Auch ein Dynastiewechsel wäre verhängnisvoll. Hut ab vor dem hochherzigen belgischen Königspaar! Aber die Personalunion mit Belgien käme, in diesem Augenblick, einem Anschluß an Belgien gleich. Nur im treuen Ausharren bei der heimischen Dynastie liegt die Bürgschaft der Zukunft. So allein bekundet das Land seinen Willen zum unabhängigen Fortbestand.

[S. 37]

V.

Am Vormittag des 11. November wurde die Regierung von Maria Adelheid in Audienz empfangen.

Das Gespräch bewegte sich anfangs um die Ereignisse des Sonntags. Die Gründung der Arbeiter- und Bauernräte, die revolutionären Forderungen wurden besprochen. Niemand von uns fand so recht das Herz, von dem Wesentlichen zu reden, das allein in dieser Stunde nottat und dessen Gebot auf allen Lippen zitterte.

Schließlich baten wir um eine längere Unterredung, bei der es jedem Regierungsmitglied möglich gemacht würde, seine Ansicht zur gegenwärtigen Lage eingehend zu entwickeln.

Die Großherzogin hörte aufmerksam und schweigend zu. Dann erklärte sie sich gerne zu dieser Aussprache bereit und fragte, ob wir vielleicht lieber einzeln zu ihr reden wollten. Zwei Mitglieder äußerten den Wunsch, die Fürstin möchte die Herren getrennt, und zwar nach Parteien anhören. Sie gestand das auf der Stelle zu und wir sollten am Nachmittag wieder vor sie treten.

Kurz nachher meldeten sich in der Regierung beim Staatsminister die Abgesandten des „Arbeiter- und Bauernrates". Ich war eben anwesend. Die Vertreter der neuen Gewalt erstatteten Bericht über den Verlauf der Sonntagsversammlung und überreichten die Forderungen des Luxemburger Volkes.

Diese sowjetistischen Forderungen lauteten wie folgt:

„In spontaner Bewegung hat sich gestern in Luxemburg-Stadt und Umgebung aus den versammelten Arbeitern, Bauern und Beamten, ein Luxemburger Arbeiter- und Bauernrat gebildet. Die Versammlung verlangt stürmisch die Einsetzung der Luxemburger Volksrepublik auf Grund nachstehender Forderungen:

[S. 38]

„Art. 1. — Luxemburg bildet einen Freistaat, der seine politischen, ökonomischen und sozialen Angelegenheiten frei und unabhängig ohne Rücksicht auf irgendwelche Verträge, die als nicht mehr bestehend angesehen werden, und ohne Rücksicht auf irgendwelche dynastischen Interessen, regelt.

„Art. 2. — Es wird eine Volksregierung gebildet, die aus einem Arbeiter- und Bauernrat besteht. Die Vollmachten dieser Regierung sind provisorisch und hören mit der Konstituierung einer definitiven Regierung durch die zu wählende Nationalversammlung auf.

„Art. 3. — Die Nationalversammlung setzt sich zusammen aus Abgeordneten, die von dem Luxemburger Volk gewählt werden.

„Art. 4. — Wähler und wählbar ist jeder Luxemburger (auch jeder Beamte), einerlei welchen Geschlechtes, der einundzwanzig Jahre alt ist und keine entehrende Strafe erlitten hat.

„Art. 5. — Außer der gesetzgebenden Gewalt hat die Nationalversammlung konstituierende Befugnisse zur Ausarbeitung einer neuen Verfassung.

„Art. 6. — Die Soldaten und Gendarmen des Freiwilligenkorps wählen ihre Chefs selbst und leisten den Eid auf die Verfassung.

„Art. 7. — Die Eisenbahnen gehen in den Besitz des Staates über, Hüttenwerke und Banken bis zum Betrage von 51 Prozent ihres Aktienkapitals. Durch Dekret des Arbeiter- und Bauernrates können auch noch andere Betriebe und Betriebsarten bis zum selben Betrage verstaatlicht werden. Der Achtstundentag und ein 36-stündiger wöchentlicher Ruhetag soll schleunigst eingeführt werden.

„Art. 8. — Alle Gerichtsurteile werden in Zukunft im Namen des Arbeiter- und Bauernrates gefällt."

Der Wortführer verhandelte mit Herrn Reuter in wässerigen, unklaren Phrasen. Schließlich verlangte er, wir Regierung sollten die Republik ausrufen, und zwar auf der Stelle.

Da konnte auch ich nicht länger zurückhalten und fragte, seit wann denn der Brauch bestehe, daß in einem monarchischen[S. 39] Lande die von einem konstitutionellen Fürsten ernannten Minister im Handumdrehen die Republik ausrufen müßten! Ob die Herren der Ansicht wären, wir „Fürstendiener" hätten nicht auch so etwas wie ein Gewissen!

Nun wurde dem Herrn Abgesandten der Bescheid, auch die Regierung werde sich, ihrem Beispiel folgend, an das Volk wenden und dessen Willen befragen. Sie tue das im Auftrag der Großherzogin selbst, die schon vor längerer Zeit den Wunsch geäußert habe, die zukünftige Staats- und Regierungsform Luxemburgs einem freien Volksreferendum zu unterstellen. Damit werde das Schicksal des Volkes in dessen eigene Hände gelegt. Zu diesem Standpunkt bekenne sich die Herrscherin in Übereinstimmung mit den allgemein anerkannten Grundsätzen über das freie Selbstbestimmungsrecht der Völker. Mehr könnten schließlich auch die Arbeiter- und Bauernräte nicht verlangen.

Zum Schluß entließen wir die etwas verdutzte Gesellschaft mit der Mahnung: „Sie, meine Herren, behaupten hier zu stehen als die Vertreter des Volkes. Nun gut, als solche müssen auch Sie sich Ihrer großen Verantwortung bewußt werden. Sie sind verantwortlich für die öffentliche Ordnung, für die Zucht in den Reihen Ihrer Anhänger. Zur Anarchie darf es nicht kommen."

Die Herren versprachen, dieser Pflicht nachzukommen, und gingen.

Der Entschluß der Großherzogin, die zukünftige Staats- und Regierungsform Luxemburgs einer regelrechten, auf breitester Grundlage vorgenommenen Volksabstimmung zu unterwerfen, wurde durch Maueranschlag zur öffentlichen Kenntnis gebracht. Das war der erste Schritt auf dem Wege der nationalen Verteidigung.

Kurz nach vier Uhr nachmittags wurde ich von der Großherzogin empfangen.

Ich legte ihr vorerst meine Stellung als Vertrauensmann der sozialistischen Kammerfraktion auseinander. Ohne der Partei anzugehören, ohne ihre jüngst lautgewordenen Wünsche und Pläne zu billigen, weil ich sie für die Zukunft des Landes verderblich, ja tödlich erachte, fühlte[S. 40] ich mich doch durch das mir erwiesene Vertrauen verpflichtet und sei fest entschlossen, auf eine erste bestimmte Aufforderung hin aus der Regierung zu scheiden; das gebiete mir die Aufrichtigkeit.

Die Großherzogin erwiderte, sie verstehe diese meine Auffassung und müsse mir Recht geben.

Die darauf folgende Unterredung berührte natürlich auch die bekannten Zwischenfälle sowie die umlaufenden Gerüchte, die leider von allzu vielen geglaubt wurden. Die Fürstin sprach schlicht, freimütig und bestimmt. Schmerzlich war es ihr, wieder einmal zu vernehmen, wie sehr ihre guten Absichten verkannt, und sogar ihre so häufig und nachdrücklichst betonte und beschworene gut luxemburgische Gesinnung bezweifelt oder geleugnet wurde.

Ein einziges Vorkommnis, warf ich ein, hätte ich von vornherein entschieden mißbilligt, denn es habe mein vaterländisches Gefühl zu schwer verletzt. „Der preußische General, der an erster Stelle Luxemburgs Neutralität und Gebiet vergewaltigte, hätte von Ihrer Königl. Hoheit unter keinen Umständen empfangen werden dürfen."

Maria Adelheid entgegnete mit scharfer Betonung: „Sie haben recht. Das war eine Dummheit. Aber man hat mir auch dazu geraten."

Bei einer Bemerkung, die ich zu der Erörterung eines innerpolitischen Ereignisses vorbrachte, richtete sich ihre schlanke Gestalt straffer auf: sie warf das edle Haupt hoch und meinte: „So müßte ich das unterzeichnen, was meine Minister mir unterbreiten?"

Ich erwiderte: „Königliche Hoheit, einem modernen Herrscher muß die beschworene Verfassung, vor der alle Bürger gleichberechtigt sind, wie eine Stimme des Gewissens sein. Diese Beschränkung mag nicht besonders rühmlich scheinen. Aber, Königliche Hoheit, das Volk in seiner Gesamtheit fährt bei solchen Regierungsgrundsätzen sicherer und steter, als wenn bei heikeln Personenfragen z. B. persönliche Gewissensskrupeln entscheidend in die Schale fallen. Der Minister ist sich, im Augenblick, da er eine Ernennung zur Bestätigung vorlegt, doch auch der Verantwortung bewußt, die er damit vor seinem Fürsten[S. 41] sowohl wie vor dem Volke übernimmt. Er steht mit seiner Person und mit seiner Stellung ein für den Entscheid, den er von dem Herrscher fordert. Eine Weigerung muß ihm als ein Ausdruck Allerhöchsten Mißtrauens gelten und er weiß, daß ihm angesichts dessen nur noch ein Weg offen bleibt."

Maria Adelheid sieht mich groß an und schweigt. Nach einer Pause holt sie tief Atem, nickt wie unter einem widerwilligen Zwang und sagt: „Ja!" Dann drückt sie den Kopf an die hohe Sessellehne zurück und flüstert mit einem Lächeln fast schmerzlicher Verlegenheit: „Aber es fällt schwer!"

Ich verneigte mich. „Dies Geständnis ehrt Königliche Hoheit. Ich aber danke für das mir bezeigte hohe Vertrauen."

[S. 42]

VI.

Am Abend des 11. November fand auf dem Wilhelmsplatz eine aufgeregte Versammlung statt. Die rote Fahne flatterte auf der Treppe des alten Rathauses. Abdankung der Dynastie! Ausrufung der Republik! war auch hier die Losung. Die französischen Annexionisten wurden wieder höhnisch überjohlt. Verworren und mit kindischem Ungestüm äußerten sich daneben die krassesten sozialen Forderungen. Die Abgeordneten Housse und Probst sprachen sich gegen jedes gewaltsame Vorgehen aus; eine Verwirklichung der neuen Gedanken werde sich, so hofften sie, in nächster Zukunft mit gesetzlichen Mitteln erreichen lassen.

Den Beschluß der Versammlung, worin die Abdankung des Hauses Nassau-Braganza verlangt wurde, brachten uns die Vorstände der „Bauern- und Arbeiterräte" am folgenden Nachmittag in die Regierung und ersuchten, ihn der Kammer zu übermitteln.

Einige Stunden später platzten in dieser Versammlung Liebe und Haß zum Herrscherhaus aufeinander. Wenn ich bis dahin immer versucht war, die lärmfrohen Kundgebungen einer unverantwortlichen Masse als groben Unfug anzusehen, in dieser Kammersitzung, angesichts der Volksvertreter, von denen jeder einzelne doch seine Verantwortung zu tragen hatte, trat mir der bittere Ernst der Stunde zum ersten Mal beunruhigend ins Bewußtsein.

Herr Staatsminister Reuter verständigte die Kammer von dem festen Willen der Großherzogin, die Frage über die zukünftige Regierungsform einem Volksreferendum, also dem freien Willen des Volkes selbst zu unterstellen.

Der Vorschlag fand keine Gnade. Liberale und Sozialisten brachten eine Tagesordnung ein, in der die Kammer[S. 43] den Wunsch ausdrückte, die Dynastie möge zum Wohl des Vaterlandes auf den Thron verzichten.

Diese Tagesordnung lautete in ihrer ersten verletzenden Fassung:

„Die Kammer,

in Anbetracht, daß die Herrscherin außerstande war, im Innern den verfassungsmäßigen Schranken gemäß zu regieren noch auch den Wünschen aller Kreise ihres Volkes Verständnis entgegenzubringen wußte;

in Anbetracht, daß die Landesfürstin und das Haus Nassau-Braganza die Interessen des Landes nach außen gefährdet haben:

drückt den Wunsch aus, daß die Dynastie auf den Thron des Großherzogtums verzichte, und beauftragt das Kammerbüro, diesen Beschluß der Herrscherin zur Kenntnis zu bringen.

gez. Brasseur, Pescatore, Lacroix, Probst, Thilmany."

Der Präsident weigerte sich, diesen Wortlaut zur Abstimmung zu stellen, denn die Person der Fürstin sei unverletzlich.

Darauf erklärten die Antragsteller, sie seien bereit, die vorausgeschickten Begründungen zu streichen und als Tagesordnung den einzigen Schlußabschnitt festzuhalten.

Die Rechtspartei ihrerseits beantragte folgende Tagesordnung:

„Die Kammer billigt die Erklärungen der Regierung und fordert sie auf, das Luxemburger Volk in seiner Gesamtheit auf dem Wege des Referendums über die zukünftige Staatsform zu befragen.

gez. Aug. Thorn, Prüm, Hansen, Huß, Bech."

Das Ganze stand also wirklich auf dem Spiel. Stets rücksichtsloser stürmte die politische Leidenschaft vor. Draußen die Straße warf die Klänge der Marseillaise in die parlamentarische Brandung herauf. Die Tribünen lärmten mit Äußerungen des Beifalls und des Unwillens herunter.

Herr Reuter sprach tapfer und klug und fand bei seinen Freunden wackere Unterstützung.

Die Versammlung ging in höchster Aufregung auseinander. Am andern Tag sollte die Entscheidung fallen.

[S. 44]

Die Aussichten waren trüb. Der Regierung fehlte der starke Rückhalt einer entschiedenen Mehrheit. Die beiden Vertrauensmänner der Linken wußten sich mit ihrer Überzeugung im schroffen Widerspruch zu ihren Parteien. Gesichert war der Rechten von vornherein nur die Unterstützung der beiden unabhängigen Nationalparteiler. Bei der Freien Volkspartei stand die Entscheidung. Diese fünf Männer sahen sich in einer äußerst verzwickten Lage. Sie durften, bei allem guten Willen ihrerseits, von dem Gefühl der Arbeitermassen, zu denen die große Mehrheit ihrer Wähler gehörte, nicht ohne weiteres absehen. Ihre Verlegenheit war groß. Ihre Stellungnahme war zweifelhaft. Ihr Führer aber hatte sich als Mitglied eines Arbeiterrates bereits für die Republik ausgesprochen und erklärte nach der Sitzung auch dem Staatsminister, er werde für die antidynastische Tagesordnung stimmen.

Ich sah an dem Abend die Zukunft des Landes jählings an den Abgrund gestellt. Viel Liebe für die Dynastie hatte ich bei der Kammer nicht in Rechnung gebracht; niemals aber erwartete ich beim Ansturm der Linken, vor solch einem Dammbruch der Abneigung und Feindseligkeit stehen zu müssen.

Kurz nach unserer Rückkehr in die Regierung überraschte uns, in Abwesenheit des Herrn Reuter, Herr Kammerpräsident Altwies mit der Mitteilung, es sei ihm der Einfall gekommen, mit den Führern der verschiedenen Fraktionen in eine Besprechung einzutreten, ob sich nicht doch vielleicht eine Einigung erzielen ließe mit der Aussicht auf Rettung der Dynastie.

Herr Reuter wurde telephonisch benachrichtigt und hergebeten. Herr Liesch und ich setzten uns mit unsern Parteien in Verbindung. Und so erschienen im Regierungsgebäude gegen 8 Uhr: von den Liberalen die Herren Pescatore, Brasseur und Lacroix; von den Sozialisten die Herren Probst und Housse; von der Rechtspartei die Herren Altwies und Schiltz.

Herr Altwies empfing die Geladenen mit den aufklärenden Worten: „Vielleicht habe ich Sie vergebens herbemüht, meine Herren. Mir ist nach der Kammersitzung der Gedanke einer Lösung gekommen, mit der sich die[S. 45] Kammermehrheit möglicherweise zufrieden geben dürfte. Die Großherzogin Maria Adelheid würde abdanken und eine ihrer Schwestern die Nachfolge antreten. Dann müßte allerdings aus der bewußten Tagesordnung der die ganze Dynastie einbegreifende Ausdruck verschwinden. Das war so mein Gedanke. Ich habe ihn auch einigen Mitgliedern meiner Partei unterbreitet. Die einen stimmten zu, die andern nicht. Ich hatte Herrn Aug. Thorn und auch Hrn. Prüm gebeten, hieherzukommen. Beide haben entschieden abgelehnt. Ich habe mithin keinen Auftrag, Sie im Namen meiner Partei mit diesem Vorschlag zu befassen. Ich tue es nur in meinem eigenen Namen."

Herr Schiltz bestätigte die letzten Aussagen des Kammerpräsidenten mit einer Entschiedenheit, die keinen Zweifel an seiner eigenen Mißbilligung ließ. Er war durch einen Freund zur Besprechung eingeladen worden, ohne recht zu ahnen, worum es sich handle. „Hätte ich Bescheid gewußt", so erklärte er bestimmt, „dann wäre auch ich fortgeblieben."

Nach dieser wenig verheißenden Einleitung begannen die Erörterungen.

Ein erster Vorschlag zielte auf die Beseitigung der dynastiefeindlichen Tagesordnung unter der Voraussetzung, daß Großherzogin Maria Adelheid abdanke und durch Prinzessin Charlotte ersetzt werde. Diese Lösung wurde von den Linksparteien als unzulänglich abgelehnt. Herr Brasseur vor allem erklärte, die Antragsteller der Linken hätten mit Absicht die ganze Dynastie in ihre Tagesordnung einbezogen; es müsse einmal, und zwar gründlich, Schluß gemacht werden.

Nach weiterem Hin und Her bedeuteten die Gegner, sie könnten nur dann von ihrer Tagesordnung absehen, wenn Großherzogin Maria Adelheid abdanke und ihre Nachfolgerin sich der Ausübung ihrer Herrschergewalt enthalte, bis das Volk in einer Gesamtabstimmung über die zukünftige Regierungsform verfügt habe.

Dieser Vorschlag wurde von der Regierung und ihren Freunden entschieden verworfen; zugleich wurde auf die verfassungsrechtlichen Schwierigkeiten hingewiesen, die einer solchen Lösung entgegenstünden.

[S. 46]

Herr Schiltz besonders war sprachlos. Er rief in seiner sanguinischen Lebhaftigkeit, mit dem ersten Antrag könnte er sich im Notfall schließlich noch abfinden, niemals aber mit dem zweiten; er begreife nicht, wie man auch der Nachfolgerin Maria Adelheids eine so unwürdige und durch gar nichts verschuldete Demütigung zumuten könne; er erkläre es von vornherein für unmöglich, daß sich auch nur ein Mitglied der Rechtspartei zur Billigung eines solchen Auswegs verstehen könne.

Da taucht aus dem Munde des Hrn. Housse ein dritter Vorschlag auf. Großherzogin Maria Adelheid, so führte Herr Housse aus, enthält sich auf Wunsch der Kammer jeder Ausübung ihrer Herrschergewalt, bis eine aus dem allgemeinen Stimmrecht hervorgegangene Volksvertretung über die zukünftige Regierungsform des Landes befunden hat. In der Zwischenzeit werden die Geschäfte von der heutigen Regierung weitergeführt. Einstweilen genügt zur Durchführung dieser Maßregel eine Änderung von Art. 32 der Verfassung.

Der Gedanke des sozialistischen Abgeordneten und Bürgermeisters ging seinen Freunden nicht weit genug. Sie beharrten bei ihrer viel radikaleren Lösung.

Herr Staatsminister Reuter erkannte in dem Antrag des Herrn Housse immerhin die Möglichkeit zu einer Verständigung; doch legte er sich in keiner Weise fest.

So kam es zu keiner Einigung. Schließlich wurde folgendes vereinbart: Eine Abordnung fährt noch an demselben Abend nach Schloß Berg, um die Großherzogin über die Lage und den Stand der Verhandlungen aufzuklären und ihre persönliche Ansicht einzuholen. Nach Mitternacht treffen sich die Anwesenden wieder in der Regierung.

Gegen 10 Uhr fuhren die Herren Altwies, Reuter und die übrigen Regierungsmitglieder hinaus.

Der Staatsminister erstattete Bericht. Wir legten darauf den Ernst der Lage dar und verständigten die Fürstin von der Tragweite der einzelnen Anträge.

Zu dem ersten Vorschlag erklärte Maria Adelheid ohne alles Zögern, sie sei bereit abzudanken, wenn damit die[S. 47] Dynastie gerettet werde. Doch könne niemand anders ihr Nachfolger sein als Prinzeß Charlotte; ihrer dritten Schwester, Prinzeß Hilda, sei jeder Gedanke an eine Thronbesteigung fremd.

Einer von uns wandte ein, gegen Prinzeß Charlotte als künftige Großherzogin würden in jedem Fall Bedenken erhoben, denn sie sei ja dem Prinzen Felix von Parma verlobt, und der Prinz habe im österreichischen Heere gedient.

Maria Adelheid blickte erstaunt und entgegnete: „Das schon! Aber die Bourbon-Parma sind doch Franzosen."

„Allerdings, Königliche Hoheit. Es wird aber auch ein großes Aufsehen gemacht mit einem Telegramm, gemäß dem Prinz Felix als Erster in Premysl eingerückt sei."

Trotz des ernsten Augenblicks konnten wir uns bei diesem Einwurf eines Lächelns nicht erwehren.

Die Großherzogin sah uns verwundert an. Dann lachte auch sie und sagte lebhaft: „Mein Gott, muß der gute Junge auch noch herhalten! Meine Herren, ich kann Ihnen nur die Versicherung geben, Prinz Felix ist so ein charmanter Mensch, er würde im Handumdrehen die Herzen aller Luxemburger gewinnen."

Diese Rede war mir nicht unlieb zu hören. Prinzeß Charlotte war mir von Persönlichkeiten, die viel in ihrer Nähe lebten, als zuverlässig, offen und weitherzig gerühmt worden. Die einigen Male, wo ich sie selbst gesehen hatte, so vor einigen Monaten noch im Stadttheater bei der Uraufführung der romantischen Oper: „Griselinde", hatte sich ihr Bild meiner Erinnerung aufs vorteilhafteste eingeprägt.

Auch in die zeitweilige Suspendierung ihrer Regierungsgewalt ist Maria Adelheid bereit einzuwilligen, falls eine solche Amtsenthebung verfassungsgemäß zulässig ist.

Darauf wendet sich die Rede dem Antrag der Linken zu, für den sich, angesichts der wahrscheinlichen Haltung der Volkspartei, die Mehrheit der Kammer vielleicht doch entscheiden könnte: Abdankung der Großherzogin und zeitweilige Amtsenthebung der Nachfolgerin.

[S. 48]

Auf diese Frage fällt der Fürstin die Antwort schwerer. Sie bedenkt sich, blickt uns zweifelnd an und meint, wie im Kampfe mit sich selbst, zögernd und gedämpften Tones, den Zweck und die Notwendigkeit dieses Antrages könne sie eigentlich nicht einsehen; wenn aber das Wohl des Landes es wirklich erfordere, so sei sie auch zu diesem Opfer bereit; sie stelle uns die Lösung anheim und lasse uns voll Vertrauen freie Hand für die eine oder die andere Entscheidung.

Viertel nach eins waren wir wieder im Regierungsgebäude, wo uns die übrigen Herren erwarteten.

Herr Altwies teilte das Wesentliche mit und die Verhandlungen setzten aufs neue ein.

Den Antrag Housse erklärten die Vertreter der Linksparteien endgültig für durchaus unannehmbar.

Über den Antrag Brasseur entspinnt sich ein aufregender Meinungsaustausch. Herr Reuter weist ihn entschieden ab; er verstoße zudem gegen den Vertrag von 1867.

Herr Schiltz wehrt sich dagegen mit verzweifelten Hand- und Armbewegungen: er begreift nicht, warum Maria Adelheid überhaupt zur Abdankung gezwungen werden müsse; seine Partei sei für solchen Gewaltschritt unter keiner Bedingung zu haben.

Da nimmt das Wort Herr Neyens und sagt mit ernster Stimme: „Doch, Herr Schiltz, diese Abdankung kann notwendig werden. So schwer es mir das Herz drückt, aber ich muß gestehen, daß sich Maria Adelheid auch meinem Gefühl nach kaum noch halten könnte, sobald zwei starke Parteien, wie die liberale und die sozialistische, solch schwere Anklagen gegen die Krone erheben und sie zum Abgang auffordern. Das würde dann eine recht ernste Sache, der die Krone unter Umständen Rechnung tragen müßte. Übrigens würde, wenn die Gegner draußen auch nur über eine starke Minderheit verfügen, die Krone, meiner Ansicht nach, unter bestimmten Verhältnissen von selbst aus dieser Lage die Folgen ziehen. Ich meinerseits werde mein Bestes tun, daß sich die Partei der Rechten mit der Zwischenlösung, wie sie durch die zweite Formel aufgestellt wird, abfinde, wenn sich wirklich keine andere Möglichkeit für die Rettung der Dynastie bietet."

[S. 49]

Herr Schiltz stutzte ob dieser so entschieden und ruhig vorgebrachten Rede. Er schüttelte das Haupt, brummte unwillig und schwieg. Nun erst merkte er, wie verzweifelt die Sache stand, und er schien nahe daran seinerseits zu schwanken.

Gegen 3 Uhr früh trennten wir uns, um am Vormittag 11 Uhr wieder einmal zusammenzukommen.

Beim Fortgang stellte ich Herrn Pescatore an der Türe des Vorzimmers und sagte: „Hören Sie mal: Genügt es denn wirklich nicht, daß Maria Adelheid abdankt? Für das Land wäre es das Beste, wenn Charlotte ihr einfach folgen könnte." „Nein, gab er schroff zurück, sie müssen alle fort."

Des andern Tages sprach ich am Fuße der Kammertreppe ähnlich zu Herrn Probst. Er hörte mich ungeduldig an und gab zurück: „Weißt du, Maria Adelheid hätte gleich gehen sollen, dann wäre die Sache schon in Ordnung." „Nun", meinte ich, „dazu ist ja immer noch Zeit. Und Charlotte kommt an ihre Stelle." Er aber, mit polterndem Unwillen: „Dazu ist es jetzt zu spät", und eilt die Treppe hinan.

Um 11 Uhr vormittags hatten wir uns inzwischen ein drittes Mal im Zimmer des Staatsministers zusammengefunden. Herr Altwies war nicht zugegen, wohl aber Herr Jos. Thorn.

Die verschiedenen Anträge wurden ein andermal erörtert. Zu einer Einigung kam es auch jetzt nicht. Für den Fall jedoch, wo der radikale Vorschlag der Linksparteien Annahme fände (auch die Volkspartei schien ja dafür gewonnen!) wurde vorgeschlagen, einen Regentschaftsrat einzusetzen mit den Herren Altwies, Pescatore und Probst als Mitgliedern und Hrn. Staatsrat Vannerus als Präsidenten; die Regierung könne im Amte bleiben.

Am Nachmittag sollte die verworrene Frage ein letztes Mal in den einzelnen Fraktionsversammlungen besprochen und nach allen Seiten erwogen werden. Hr. Neyens seinerseits erklärte wieder, er werde, wenn nötig, nach besten Kräften die Rechte zur Annahme sogar des schlimmsten[S. 50] Antrages zu bekehren suchen, um so wenigstens an dem Äußersten vorbeizukommen.

Die Nachmittagssitzung wurde gleich nach Eröffnung unterbrochen und die einzelnen Parteien traten zusammen.

Die Rechte weigerte sich lange entrüstet, den zweiten Antrag auch nur ernstlich in Erwägung zu ziehen. Manche ihrer Mitglieder wurden allerdings in ihrer Zuversicht erschüttert, denn mit dem Abfall der Volkspartei zu den Gegnern wurde das Los der Dynastie doch aufs äußerste gefährdet.

Die Volkspartei ihrerseits kam auch nicht leicht zum Entschluß. Sie bestand in ihrer Mehrheit aus gemäßigten Männern, die sich zu einer republikanischen Stellungnahme niemals verpflichtet hatten. Ihre Wähler hatten sie entsandt, nicht um bei einer Revolution mitzuhelfen, sondern um besonders für eine Aufbesserung des Arbeiterloses einzutreten. Herr Kappweiler, ihr Führer, allerdings hatte sich für den Antrag des Linksblocks ausgesprochen. Herr Generaldirektor Collart, der Vertrauensmann der Gruppe, sprach versöhnliche Worte und suchte zu beschwichtigen. Die Partei war ja auch nicht zu den nächtlichen Verhandlungen geladen worden, sie wußte nicht Bescheid und hatte sich keinem verpflichtet.

Herrn Collart kam zu Hilfe Herr Prüm. Auch er war nicht zu den Besprechungen im Regierungsgebäude erschienen. Da hörte er in den Wandelgängen der Kammer aus dem Munde eines sozialistischen Abgeordneten, seine Fraktion habe soeben den Antrag Housse, der die zeitweilige Amtsenthebung der alleinigen Großherzogin Maria Adelheid fordere, mit Stimmenmehrheit verworfen und sich für die schroffere Lösung ausgesprochen.

Herr Prüm ließ sich genauer unterrichten und begab sich zu der Volkspartei. Er verständigte diese von dem Gedanken des Herrn Housse und meinte, wenn sich in der republikanischen Sozialistengruppe wenigstens eine Minderheit mit der Suspendierung der einen Großherzogin hätte befreunden können, so dürfte die viel gemäßigtere Volkspartei ihrerseits denselben Antrag Housse aufgreifen und vor ihren Wählern vertreten. Auf[S. 51] das Drängen seiner Partei hin ließ sich schließlich auch Herr Kappweiler gewinnen. Er fand sich sogar bereit, seinen Namen unter eine Tagesordnung zu setzen, die dem Antrag der Rechten als Zusatz angefügt werden sollte.

Die Rechtspartei war inzwischen immer noch nicht schlüssig geworden. Da eröffnete der Antrag Prüm den Ausweg aus der Bedrängnis. Er wurde, neben Herrn Kappweiler, von drei Mitgliedern der Rechten, den HH. Meyers, Hansen und Bech gezeichnet.

Sozialisten und Liberale hatten sich indessen schon wieder in den Sitzungssaal begeben. Herr Liesch und ich waren all die Zeit über im Saal oder im Vorzimmer zurückgeblieben. Wir konnten mit unsern Parteien nicht einiggehen und hielten uns abseits.

Die Linke zweifelte nicht an dem Sieg. Von der Schwenkung der Volkspartei war ihr nichts bekannt. Sie ging also nach Wiederaufnahme der Sitzung der schmerzlichsten Enttäuschung entgegen.

Die Sprecher der Rechten wiesen den gegen die Dynastie gerichteten Antrag als beleidigende Zumutung zurück. Herr Prüm brachte seine Tagesordnung ein. Herr Kappweiler rechtfertigte seine Unterschrift: Die Konstituante, so erklärte er, habe ganz andere Aufgaben zu lösen als einen Dynastiesturz; zu einem solchen sei ihr vom Land überhaupt kein Auftrag geworden; die Arbeiterschaft im besondern fühle sich durch nichts veranlaßt, die bestehende Staatsform einzureißen, ohne vorher zu wissen, durch welches neue Gebilde sie ersetzt werde und was bei dem politischen Gehaben für das Volk eigentlich herauskomme.

Die Linke saß verblüfft. Die Stimmen der Volkspartei waren von ihr in sichere Anrechnung gebracht worden. Besonders der Umschwung in der Haltung des Herrn Kappweiler kam gar zu unerwartet.

Darob Ärger, Entrüstung, Vorwürfe, Schimpf, verdoppelter Grimm und entsprechende Abwehr.

In vorgerückter Stunde kam es zur Entscheidung.

Die von der Rechtspartei durch Herrn Aug. Thorn eingebrachte Tagesordnung lautete: „Die Kammer billigt[S. 52] die Erklärungen der Regierung und fordert sie auf, das Luxemburger Volk in seiner Gesamtheit auf dem Wege des Referendums über die zukünftige Staatsform zu befragen."

Sie wird mit 28 gegen 21 Stimmen angenommen.

Der zu dieser Tagesordnung angeschlossene Zusatzantrag Prüm: „Die Kammer äußert zur Beruhigung des Landes den Wunsch, daß sich die Großherzogin jeder Ausübung ihrer Herrschergewalt enthalte, bis das Volk in einem Referendum über die Staatsform befunden hat", wird gutgeheißen mit 36 Stimmen gegen 2 und 10 Enthaltungen.

Die von der Linken eingebrachte Tagesordnung endlich: „Die Kammer drückt den Wunsch aus, daß die Dynastie zum Wohle des Landes auf den Thron des Großherzogtums verzichte", wird zurückgewiesen mit 21 Stimmen gegen 19 und 3 Enthaltungen. Es stimmten dafür die HH.: Brasseur, Diderich, Housse, Kieffer, Koch, Krieps, Krier, Lacroix, Laval, Léon, Mark, Polgen, Pescatore, Probst, Jak. Schaack, Joh. Schaack, Thilmany, Jos. Thorn, Blum. Es stimmten dagegen die noch anwesenden Mitglieder der Rechten mit den HH. Glesener, Herschbach, Noesen, Böver und Prüm. Es enthielten sich die HH. Kappweiler, Kellen und Vinandy.

Die Abstimmung über diesen Antrag war angesichts der beiden vorhergegangenen nichts anders als eine Farce. Aber der törichte Spaß wäre fast ins Verhängnis umgeschlagen. Wenn sich dafür eine Mehrheit gefunden, hätte unmittelbar darauf die heilloseste Verwirrung entstehen können.

Die nächste Gefahr war damit abgewandt und wir fühlten uns von einer schweren patriotischen Sorge befreit.

Herr Staatsminister Reuter hatte während der Fraktionsverhandlungen die Großherzogin über den Gang der Verhandlungen auf dem laufenden gehalten. Die unerwartete Wendung der Dinge rief ihre Befriedigung hervor und sie beauftragte den Minister, auch im Namen der großherzoglichen Familie allen, die an dieser würdigsten[S. 53] Lösung mitgeholfen hatten, den Dank des Herrscherhauses und des Vaterlandes auszusprechen.

Die Linksparteien allerdings schimpften, der 12. und der 13. November sei für sie eine Nacht und ein Tag der Gefoppten geworden, wo sie von den Klerikalen und von den Volksparteilern richtig übers Ohr gehauen wurden. Am Abend des 12. habe der Führer der Volksparteiler den Liberalen versprochen, für ihre Tagesordnung zu stimmen. Das hätten auch die Klerikalen gewußt. Deshalb seien sie mürbe geworden und hätten sich anfangs, wie besonders auch das Geständnis des Herrn Neyens beweise, mit der Abdankung Maria Adelheids und der Amtsenthebung ihrer Schwester abgefunden. Herr Collart aber und Herr Prüm hätten die Volkspartei durch Versprechungen herübergelockt. Da habe es keines Zauderns mehr bedurft und nun seien die Klerikalen in der bekannten rabiaten Entschiedenheit zur Krone gestanden. Die Linksparteien hätten sich also in eine Falle locken lassen und sie wären nun für alle Zukunft gewarnt.

So blieb bei den Geschlagenen ein bitteres Gefühl der Niederlage zurück, das bald wieder sein Recht verlangte.

Der Beschluß des Abgeordnetenhauses wurde der Großherzogin zur Kenntnis gebracht. Sie war bereit, sich dem Spruche des Volkswillens zu fügen. Nur müßten Mittel und Wege gefunden werden, dem Wunsche der Volksvertretung in den gesetzlichen Grenzen nachzukommen.

„In der Erfüllung meiner Pflichten, so schloß die Fürstin ihre Erklärung, verfolgte ich als einziges Ziel immer nur das höhere Wohl unseres geliebten Heimatlandes. Was auch geschehen mag, weder die Rechte der Dynastie noch mein Wille werden jemals dem Luxemburger Volk ein Hindernis sein auf dem Wege zur Erreichung seines freigewählten Ideals von Wohlfahrt und Glück."

In Ausführung des Kammerbeschlusses vom 13. November wurde bereits am 19. November der Staatsrat mit der Vorlage befaßt, die ein nationales Referendum[S. 54] vorsah, in dem sich das Luxemburger Volk, Männer und Frauen, über die Beibehaltung der heutigen Großherzogin und des heutigen Herrscherhauses in geheimer Abstimmung äußern sollte.

Zugleich ließ der Staatsminister durch Vermittlung der Distriktskommissare an die Gemeinden ein Rundschreiben gelangen, in dem sie ersucht wurden, die in naher Zukunft abzuhaltende Volksabstimmung im einzelnen vorzubereiten.

[S. 55]

VII.

Die nächsten Tage brachten unserm Volke vorerst hohe Stunden patriotischer Begeisterung und nationalen Glückes.

Seit dem 11. November hatte sich der deutsche Rückzug machtvoll fortgesetzt. In den ersten Tagen vollzog er sich in etwas chaotischer Auflösung. Dann kam Ordnung hinein. Das militärische Gesetz regelte wieder die Beziehungen in den Soldatenreihen; also herrschte die Manneszucht. Die Mannschaften trugen die alten Abzeichen und erwiesen die gewohnten Ehrenbezeugungen. Nichts Bolschewistisches war in der Führung der ernst und gemessen Vorübermarschierenden wahrzunehmen. Den Blick geradeaus, eherne Starre in den gebräunten, etwas hagern Gesichtern zogen sie unter den ausgehängten Siegesfahnen hindurch.

Ein Oberst leistete sich sogar beim Einzug durch die Montereyavenue das Vergnügen einer Parade. Mit klingendem Spiel marschierte das Regiment in strammer Haltung an ihm vorbei und in die Straße hinein.

Tags darauf kamen die Befreier.

Vorerst die Amerikaner. Am 20. November meldete General Parker die baldige Ankunft des Obergenerals John J. Pershing.

Am 21. erschien dieser selbst. Mit ihm seine Truppen. Unbeschreiblicher Jubel empfing die heißersehnten Gäste.

General Pershing begab sich alsbald ins Schloß und begrüßte die Großherzogin. An ihrer Seite nahm er vom Schloßbalkon aus die Truppenschau ab.

Wie die ersten khakigrauen Reihen durch die Wilhelmstraße am Kammergebäude heruntermarschieren, schlägt mir das Herz. Im niedrigen Sturmhelm mit flachem Tellerrand, die länglichschmalen sackartigen Segeltuchtornister im Rücken kommen die herrlichen[S. 56] Jungens heran, leichten, federnden Schrittes. Prächtige Gestalten! Eine Lust für Auge und Gemüt.

Auf jedem Antlitz ruht die Weihe der Stunde. Alle Mannschaften tragen Blumen.

Als sie „Augen links!" vorüberwogten, quoll es mir weich und warm in den Blick. Ich sagte mir: Diese tapferen Burschen und braven Männer sind die Retter auch deiner Heimat! Und mein Dank jauchzte ihnen zu.

Des andern Tages kamen die Franzosen, das 109. Regiment, Oberstleutnant Randier an der Spitze. Die Begeisterung der Luxemburger überschlug sich. Jeder Helm war kranzgeschmückt. Ein jedes Gewehr schien ein blühender Friedensstab.

Oberst Randier und Kommandant de Beaucoudray saßen auf ihren Rossen wie Helden aus Bronze. In den Tiefen ihrer Augen fror noch die Erinnerung an die furchtbaren Blutstunden, die hinter ihnen lagen. Keine Muskel zuckte im Antlitz. Aus dem Grau der Zerstörung und des Todes zogen sie unter dem Freudensturm eines glücklich verschonten Volkes durch eine unversehrte festliche Stadt. Welch erschütternder Übergang! Ich grüßte sie wie Erscheinungen aus der antiken Vorzeit.

Auch Oberst Randier stattete der Großherzogin seinen Besuch ab.

Inzwischen war am Abend des 21. November Prinz Albert de Ligne, der neue Vertreter Belgiens, in Luxemburg eingetroffen. Doch sollte er als Geschäftsträger nur bei der Regierung beglaubigt werden.

Am 25. November kam dann unangemeldet Marschall Foch.

Im frühen Nachmittag sprach sein Ordonnanzoffizier im großherzoglichen Palast vor. Doch die Fürstin weilte auf Schloß Berg.

Auch keines der Regierungsmitglieder war anwesend. Gegen 5 Uhr ließ der Marschall ein andermal seine Karten beim Staatsminister abgeben, mit der Meldung, er müsse leider abreisen; doch werde er in den ersten Wochen wiederkehren und dann seinen Besuch bei der Großherzogin und der Regierung nachholen.

[S. 57]

Auf dem Bahnhof hatte ihn kurz nach seinem Eintreffen der belgische Generalleutnant Baltia begrüßt. General Baltia war luxemburgischer Abstammung. Er trug, wie er mir selbst erzählte, ein Schreiben des französischen Außenministers bei sich, das seine Ernennung zum Platzkommandanten von Luxemburg bestätigte. Das zur Besetzung des Landes und der Stadt bestimmte Regiment wartete marschbereit in der Nähe der Stadt Arlon. Es bestand zum größten Teil aus Mannschaften, die dem belgischen Luxemburg angehörten und denen die luxemburgische Sprache vertraut war. Unter den Offizieren zählte es einige geborene Luxemburger, die sich während des Krieges besonders hervorgetan hatten und mit Recht als Helden der belgischen Armee gefeiert wurden.

General Baltia überreichte dem Marschall seine Bestallung. Foch gab ihm kurz ablehnenden Bescheid. Er habe sein eigenes Leibbataillon mitgebracht, sagte er: dieses werde die Stadt besetzt halten, denn eine Besetzung Luxemburgs sei notwendig zur Sicherung des Vormarschs in die Rheinlande.

Die Absage des Feldherrn war für Belgien eine erste schwere Enttäuschung.

Am 2. September klagte u. a. der Brüsseler „Soir": „Wenn Marschall Foch, der glorreiche Sieger des Krieges, wüßte, wie sehr es den belgischen Soldaten am Herzen liegt, ihrerseits nach Luxemburg zu kommen, würde er sich gewiß gleich bereit finden, von unseren Kavalleriedivisionen die dorthin zu entsenden, die seit Tagen marschfertig steht, um das Luxemburger Land zu besetzen."

Die innere Lage gestaltete sich, trotz der erhebenden Jubeltage der Befreiung, wo sich Fest an Fest reihte, stets unerfreulicher.

Die Feinde der Dynastie hatten nach der Niederlage vom 13. November die Waffen noch nicht gestreckt.

„Fort mit den Braganza! Die Stunde der Braganza! Der Prozeß der Großherzogin! Die Jugend Luxemburgs wünscht die Republik;": Solche und ähnliche Schmähartikel in „Escher Tageblatt", „Volkstribüne" und andern[S. 58] Blättern der Linksparteien deuten zur Genüge den angeschlagenen Ton an.

Einen häßlichen Streich lieferten sich am 21. November die Leiter des zu Ehren der Amerikaner veranstalteten Festzuges. Um den General Pershing und seine Leute von der Unbeliebtheit der Landesfürstin zu überzeugen, hatten sie die 60 luxemburgischen Gesellschaften, die den siegreichen Truppen das Ehrengeleite gaben, verhindert an dem großherzoglichen Palaste vorbeizuziehen. Sie beschimpften damit nur das eigene Volk und ernteten einen regelrechten Hereinfall. Denn die ganze Kundgebung klang in einer Huldigung für die Herrscherin aus.

Beim Einmarsch der Franzosen unterblieb jeder Vorüberzug am Schloß. Weder dem Hofe noch der Regierung war von einem Festzug oder einer Festzugsordnung an dem Mittwoch, 22. November, irgendwelche Mitteilung zugekommen.

Auch die sog. Arbeiter- und Bauernräte wühlten weiter, hetzten, tobten und schrieen stets ungeberdiger nach Abdankung und Republik.

Immer ungeduldigere Stimmen verlangten das Aufgehen Luxemburgs in der Republik Frankreich.

Die junge „französische Liga" hatte diesen Untergang ja schon in ihrem Aufruf vom 15. November gefordert. Die meisten Linksblätter: „Escher Tageblatt", „Landwirt", „Volkstribüne" usw. zogen auch an diesem Strang.

„Wir können nicht unabhängig bleiben!" so orakelte es hier und dort. — „Die Zukunft unserer Kinder liegt bei einem großen Land — die einzige Rettung besteht für uns in der Eingliederung in ein großes Nachbarland. — Nun gibt es nur eine mögliche Umorientierung: Das ist ein Anschluß an Frankreich." — „Die einzige Rettung aus dem Sumpfe ist offenbar die Einordnung in ein großes Ganzes, in ein möglichst großes Ganzes, also der Anschluß an den Großstaat Frankreich. Der schauerliche Nonsens unserer internationalen Situation hat sich 1914 in seiner ganzen Geistlosigkeit offenbart. Benutzen wir um Gotteswillen die Gelegenheit endlich etwas zu werden." („Escher Tageblatt", 16. Nov. 1918.)

[S. 59]

Auch die Zeitschrift der freisinnigen Studentenschaft „La Voix des Jeunes" stieß bedauerlicherweise in dieselbe Posaune. Unter den sog. Akademikern leistete sich ein wortberauschter Heldentenor folgenden Tusch: „Luxemburg ist nicht unser Vaterland. Alle Merkmale, die das Vaterland ausmachen, sind uns noch immer abgegangen. Eine einzige Lösung drängt sich auf: Vereinigung unseres Landes mit unserem großen Mutterlande Frankreich!"

Die Röte steigt einem immer noch ins Gesicht beim Gedanken, daß sich solche Knechtesgesinnung gerade vor unserer studierenden Jugend äußern durfte, ohne daß ein Sturm der Entrüstung die Phrasendrescher von hinnen fegte und Verachtung ihnen den Mund schloß. Das berüchtigte Wort Treitschkes, das wir immer als blutigen Schimpf empfunden haben, das Wort von dem „vaterlandslosen Gesindel", „von dem Volk ohne Vaterland und daher ohne Ehre", auf diese Leute und ihresgleichen trifft es zu. Und es ist besonders merkwürdig, wie sich dem „Vaterland" des Luxemburgers gegenüber Treitschke, der Preuße, und der unentwegteste Herold Frankreichs halb und halb sogar im Ausdruck treffen. Die Scham hätte den Männern Schweigen gebieten müssen sowie das elementarste Dankesgefühl gegen das wehrlose Land, von dem sie seit ihren jungen Jahren nur Wohltaten und Förderung genossen hatten.

In andern Ländern wäre solchen Defaitisten und Verrätern mit Kerker und Kugel gedroht worden. Unsere Koalitionsregierung war ihnen gegenüber und auch den andern, die später dieselben Wege gingen, zur Ohnmacht verurteilt. Wir mußten eben auch hier auf den gesunden Sinn unseres Volkes bauen, das in seiner kühlen Ruhe die Windmacher nach ihrem Wert zu schätzen wußte und in den geheimsten Triebfedern ihres Handelns durchschaut hatte. Was aber, so sagte ich mir in jenen Tagen oft, kann von der vaterländischen Zukunft erwartet werden, wenn sie gerade in dem Gefühl derer, die einst zu Leitern und Lehrern des Volkes berufen sind, von solchen unverantwortlichen Amoralisten vergiftet wird!

[S. 60]

Diesem tollen Liebeswerben für Frankreich innerhalb des Großherzogtums antwortete bald von jenseits unserer Grenzen stets ungeberdiger der Ruf nach einer Rückkehr zu Belgien, als dem wirklichen Mutterlande Luxemburgs von alter Zeit her.

Die Lage unserer Regierung wurde damit nicht erfreulicher. Und zugleich hob um einzelne ihrer Mitglieder der schon längst erwartete Rumor an.

Die ritterliche Haltung der fremden Heer- und Truppenführer vor Maria Adelheid hatte den Groll ihrer Gegner noch stärker aufgebracht. Sie fahndeten schließlich nach einem Sündenbock.

Besonders in sozialistischen Kreisen bleibt die Empörung über den vereitelten Fürstensturz groß. Das klägliche Ergebnis lohnt schließlich nicht die Unterstützung einer Regierung, die wie ein Mann zum Thron steht und nur darauf bedacht ist, die gegen diesen entworfenen Pläne mit allen Mitteln zu hintertreiben! Was hat in dieser Regierung ein sozialistischer Vertrauensmann zu tun!

Herr Probst vor allem wurde mit Vorwürfen bedacht. Er hatte mich mit Einsetzung seiner Person ins Ministerium gebracht. Er war so zum Mitschuldigen an meinen Untaten geworden.

Ich, so hieß es um ihn her, ich hätte es fertig gebracht, daß die Großherzogin Maria Adelheid neben General Pershing auf dem Balkon habe erscheinen dürfen. Ich hätte diese Komödie in Szene gesetzt, um ihr mit diesem Trugspiel wieder zu einer „politischen Jungfrauschaft" zu verhelfen.

Über diesen Punkt erfolgte zwischen den beiden Freunden eine bittere Aussprache.

Als ich den Vorwurf, bei der „Balkonposse" gewissermaßen den Barnum gespielt zu haben, nur mit einem Lächeln und Achselzucken beantworten konnte, kam der Unwille zum Durchbruch: „Du hältst, so hieß es schließlich, mich und die Partei zum besten. Und für wen! Einem jungen Mädchen zulieb, das das Land an der Nase führt."

An dem Abend fühlte ich zum ersten Male so ganz das Zweideutige und Gebundene meiner Stellung.

[S. 61]

Den Freund selbst verstand ich. Sein Festhalten an mir brachte ihn bei den Parteigängern in arge Verlegenheit. Sein Ruf und seine Beliebtheit stand auf dem Spiel. So sehr er mir auch innerlich zugetan blieb, länger, so ahnte ichs, durfte mich Probst nicht in Schutz nehmen.

Von dem Tage an saß ich in der Regierung wie ein Vogel auf dem Reis, von meiner Amtstätigkeit nur halb befriedigt, durch meine Stellung im Ausdruck persönlichen Empfindens gehemmt.

Wegen der spanischen Grippe und der andauernden Truppendurchmärsche sind sämtliche Schulen monatelang geschlossen und so ist an eine regelrechte Einrichtung des Dienstes kaum zu denken.

Rundum tobt der Kampf um Luxemburgs Zukunft und Bestand. In unserm eigenen Lande trommeln die Franzosen und trompeten die Belgier. Grüne Jungen, kecke Schreier prahlen als Heilande ihres Volkes. Selbstsüchtige Männer hoffen, sich in die neuen Verhältnisse einrichten zu können als Schrittmacher und Handlanger der Fremden, auch auf Kosten des unabhängigen Vaterlandes, das diese Helden dem Luxemburger überhaupt absprechen möchten. Greise werden kindisch unter den Eingebungen eines befangenen, lange zurückgedämmten Grolles. Dazwischen geberden sich die Ultranationalisten wie tollpatschige Pudel.

Befreiende Lieder möchten sich der Seele entringen, um Zeugnis abzulegen für meinen Glauben und meine Liebe. Statt dessen muß ich als Mitglied einer von allen Seiten gehetzten Regierung meinen Schritt nehmen, vorsichtig, schweigsam und sacht.

Einige Tage später kündigte sich die Entscheidung an. Am 26. November beschied die sozialistische Kammerfraktion ihren Vertrauensmann zu einer Besprechung in die Vereinsschenke.

Ich traf die Versammlung in einem schmalen, dumpfen Zimmer: eine Dame und neun Herren. Herr Probst fehlte.

Wortführer war Herr Josef Thorn.

[S. 62]

„Die Partei", so begann er, „fährt schlecht mit einem Koalitionsministerium. Sie wird in der klerikalen Presse beschimpft und verdächtigt; sie wird in der Kammer übervorteilt, und das unter Beihilfe der Regierung. Auch Ihnen als unserm Vertrauensmann kann dieser Vorwurf nicht erspart bleiben."

Ich ersuche um größere Deutlichkeit. Die Sozialisten, so führt Herr Thorn nun aus, fühlten sich durch den Ausgang der Debatte über das Schicksal der Großherzogin betrogen; die Klerikalen hätten ihren guten Glauben mißbraucht; ein Minister, Herr Collart, habe seine Leute in der Freien Volkspartei durch Verheißung des Achtstundentages für die Klerikalen gekapert.

Seither hätte besonders ich dazu beigetragen, die Rettung der Großherzogin zu bewerkstelligen. Auf mein Betreiben sei die Anwesenheit des Generals Pershing und der Einzug der Amerikaner dazu verwandt worden, das arg ramponierte Ansehen Maria Adelheids neu aufzuputzen. Auch an den Umtrieben unsers Presseamtes in Bern trüge ich die Hauptschuld. Ich sei der Vater dieser Einrichtung; die Herren in Bern aber wären nur darum bemüht, dynastische Politik zu machen und über die Vorgänge in Land und Kammer in den Ländern der Entente falsche Nachrichten zu verbreiten.

Dann sprang die Anklage auf das soziale Gebiet über. Die Regierung müsse die Hand auf die Eisenbahnen legen; wir müßten endlich aus dem Finanzmarasmus heraus, und dergleichen mehr.

Jetzt griffen auch die dem Arbeiterstand angehörigen Abgeordneten ein und kamen ihrerseits mit Forderungen und Klagen; besonders die Genossin sprach schroff und scharf. Als ich einem ihrer Anwürfe begegnete, kam die bissige Erwiderung, sie begreife ganz gut, daß es mir schwer falle von einem fetten Posten zu scheiden.

Schließlich stellte Herr Jos. Thorn den Antrag auf Auflösung des Koalitionsministeriums. Manches Gesicht zeigte schwere Bedenken. Ich erlaubte mir auf die Folgen dieses Beschlusses aufmerksam zu machen, trotz der Gefahr, wieder in der eben angegebenen Art abgeblitzt zu werden.

[S. 63]

„Überlegen Sie, was Sie damit tun", sagte ich. „Geht dies Ministerium auseinander, so kommt kaum ein anderes zustande, das wissen Sie selbst. Und es folgt dann der allgemeine Wirrwarr."

In einigen Augen flackerte Zustimmung. Besonders Herr Krieps mahnte und warnte zur Vorsicht.

Auf einmal rief jemand, wenn die Koalitionsregierung bestehen bleibe, so solle doch allenfalls die Gelegenheit wahrgenommen werden, besondere wirtschaftliche Forderungen zu stellen wie z. B. auf Achtstundentag und Mindesttagelohn. Aber sogar Herr Thorn mußte alsbald bemerken, diese Wünsche ließen sich nicht so ohne weiteres erfüllen und vielleicht auch nicht unserseits allein durchführen.

Ich spürte bei dem vielen unklaren Hin- und Herreden, daß es den meisten Anwesenden selbst bei ihren Einfällen nicht ganz geheuer war. Auch Herr Jos. Thorn schien einen Rückzug ihrerseits zu befürchten, und als ich wieder einmal an die Verantwortung erinnerte, die sie auf sich laden wollten, rief er plötzlich, indem er jedes seiner Worte mit schweren Fausthieben durch die dumpfe Luft unterhämmerte: „Ach was, Verantwortung! Was liegt daran! Wir müssen vom Fleck kommen!" Und er stellte seinen Antrag zur Abstimmung.

Ich fragte, wie sich die Herren meinen Rücktritt eigentlich dächten.

„O, meinte Herr Thorn, das ist doch ganz einfach. Sie schreiben einen Brief an den Herrn Staatsminister und geben Ihre Entlassung."

„So!", entgegnete ich scharf. „Ich soll mich also drücken. Sie möchten mich so ganz im geheimen auf die Seite bringen. Nein, meine Herren! Wenn ich einmal gehen muß, so geschieht es frei und offen. Ich werde jedenfalls vor der Kammer eine diesbezügliche Erklärung abgeben."

„Da haben wir's!" hieß es nun von verschiedenen Seiten. „Wenn es dann zum „gâchis" kommt, so werden die Klerikalen schreien, wir Sozialisten seien schuld daran."

Ich bestand auf meinem Willen und die Genossen gaben schließlich selbst zu, ich könne nicht anders tun; das andere sei für mich doch ein zu kläglicher Rückzug.

[S. 64]

Darauf kam es zur Abstimmung. Der Antrag Thorn wurde mit 4 Stimmen gegen 5 und eine Enthaltung verworfen.

Die Dame stimmte dafür. Ihr Wort fiel scharf und hart wie ein Messerhieb.

Dem Koalitionsministerium wurde aber nur eine Galgenfrist eingeräumt, und das unter folgenden zwei Bedingungen: Der Achtstundentag, hieß es, müsse eingeführt und die Suspendierung der Großherzogin durchgeführt werden.

„Die Kammer", wandte ich ein, „hat die Amtsenthebung der Großherzogin gefordert; Maria Adelheid ist bereit, sich diesem Wunsche zu fügen. Vorerst müssen nun die gesetzlichen Wege ausfindig gemacht werden, die den Schritt ermöglichen sollen."

„Es geschieht aber nichts."

„Die Regierung tut, was sie kann. Sie hat dem Staatsrat die Frage unterbreitet. Die Ausführung des Referendums durch die Gemeinden ist auch so weit eingeleitet. Für wann wünschen Sie denn die Erfüllung dieser Forderung?"

Die Runde rief durcheinander: „Gleich! In drei Tagen! In acht Tagen! In vierzehn Tagen!"

„Wie wollen Sie aber in der kurzen Frist auch den Achtstundentag eingeführt sehen! Die Regierung ist mit dem Achtstundentag grundsätzlich einverstanden. Sie hat an eine wenigstens zeitweilige Einführung in unsern gewerblichen Betrieben bereits gedacht, und das kraft ihrer diktatorialen Gewalt. Die Reform läßt sich aber durch uns allein nicht verwirklichen. Herr Probst selbst hat in der Kammer darauf aufmerksam gemacht, wie die Einführung des Achtstundentages eine internationale Angelegenheit sei. Herr Generaldirektor Liesch bemerkte dazu mit Recht, die einseitige Durchführung dieser Neuerung im Inland würde den Ruin unserer Großindustrie nach sich ziehen. Wie wollen Sie da innerhalb einiger Tage den Achtstundentag verwirklicht sehen?"

Einzelne unter den Versammelten teilten diese Ansicht. Schließlich meinte der junge Arzt, Hr. Dr. Franz[S. 65] Knaff, die Partei könnte sich auch mit der Suspendierung der Großherzogin zufrieden geben.

„Diese Angelegenheit unterliegt, wie Sie selbst wissen, der Begutachtung des Staatsrates. Hoffen wir, daß seine Antwort in den ersten Tagen eintrifft."

Ob ich denn mit einer Frist von vierzehn Tagen einverstanden sei?

Jede andere Frist wäre mir gerade so recht gewesen. Ich antwortete: „Warum nicht? Sagen wir also: vierzehn Tage!"

„Schön!" hieß es zurück. „Bis zum 10. Dezember müssen also die zwei Forderungen erfüllt sein."

Ich ging zur Regierung und berichtete.

Herr Reuter rief unwillig: „Herr Josef Thorn als Jurist müßte doch wissen, daß einer Suspendierung der Großherzogin Verfassungsbedenken entgegenstehen! Diese Schwierigkeiten lassen sich nicht von heute auf morgen aus dem Wege räumen!"

„Laß ihnen den Willen", erwiderte ich. „Sie müssen ja einen Vorwand haben."

Gegen die zeitweilige Amtsenthebung der Großherzogin erhob der Staatsrat in seinem Gutachten vom 5. Dezember wirklich Einspruch und empfahl in seiner Mehrheit einen Aufschub des Referendums.

[S. 66]

VIII.

Auch die Liberalen hatten die parlamentarische Schlappe vom 13. November nicht vergessen noch verziehen.

Am 5. Dezember erhob sich in der Kammer ihr Wortführer zu einer Interpellation über die Mittel und Wege, wie die belgische Regierung, oder vielmehr das belgische Nationalkomitee mit Hilfe Amerikas, die Lebensmittelversorgung auch des Großherzogtums regeln und sichern wolle. Diese Darlegung gab ihm Veranlassung, auf das in Vorbereitung befindliche Referendum und auf die dynastische Frage selbst einzugehen. Bevor das Volk seinen Willen in voller Sachkenntnis äußern könne, sei es geboten, eine eingehende Untersuchung über die Haltung der Krone während des Krieges vorzunehmen; er bringe daher im Namen der Linksparteien folgende Tagesordnung ein:

„Die Kammer beschließt eine parlamentarische Untersuchung über die nachstehend erwähnten, sowie über alle übrigen Tatsachen, die sich während der Untersuchung ergeben könnten:

1) Beziehungen der Krone zu den Staatsoberhäuptern und den Angehörigen der Herrscherhäuser jener Staaten, die unsere Neutralität verletzt haben; als z. B. Empfang Kaiser Wilhelms und seiner Familie, seines Kanzlers und etwaige Kundgebungen zu ihren Gunsten;

2) Handlungen der Dynastie und ihrer Umgebung zum Schaden der Neutralität und der Würde unseres Landes.

Das Ergebnis der Untersuchung wird den Signatarmächten des Londoner Vertrages zur Kenntnis gebracht."

gez. Pescatore, Probst, Jos. Thorn, Léon, Brasseur.

[S. 67]

Diese durch nichts gebotene Tagesordnung erweckte Staunen und Unwillen. Schon aber gab die Rechte den Schlag zurück und die HH. August Thorn, Bech, Huß, Ecker und Schiltz stellten in ihrem Namen und als Ergänzung der liberal-sozialistischen Tagesordnung den Antrag, diese parlamentarische Untersuchung auszudehnen auf die Haltung der verschiedenen Regierungen seit 1914, sowie über die Tragweite aller von ihnen gesetzten Handlungen.

Am 10. Dezember trat die Kammer in die Besprechung der Tagesordnungen ein.

Der dynastiefeindliche Linksantrag machte, besonders in seiner fadenscheinigen Verquickung mit der Lebensmittelversorgungsangelegenheit, einen durchaus unangenehmen Eindruck. Damals bereits hetzte die belgische Presse in allen Tonarten gegen Großherzogin und Herrscherhaus. Damals schon wurde der Anschluß an Belgien oder zum mindesten die Personalunion mit Belgien als die beste Bürgschaft für Luxemburgs gedeihliche Zukunft angepriesen. Auch mir kam in jener Stunde das Gefühl, als wolle man durch die Verknüpfung zweier scheinbar so weit auseinanderliegenden Fragen die Bevölkerung hinweisen auf die Gefahren, die die Anwesenheit einer deutschfreundlichen Dynastie für Volk und Land heraufbeschwören könne; unter Umständen dürfe diese Anwesenheit sogar ein Hindernis zur Lebensmittelversorgung des Großherzogtums ergeben. Auch mir kam das alles vor wie ein richtiges Winken mit dem Zaunpfahl. „Achtung, ihr Luxemburger! so hieß es: Paßt auf, was ihr tut, oder der Brotkorb wird euch höher gehängt!"

Die Ausfälle gegen Maria Adelheid äußerten sich schonungsloser denn je. Aus den sozialistischen Reihen fielen besonders scharfe Zwischenrufe, die beweisen, daß man sich des Sieges gewiß wähnte. „Die Krone ist verurteilt!" so scholl es her. „Sie muß fort! Und sie geht fort!"

Nach der Sitzung traf ich mich mit meiner Fraktion in einem Sektionszimmer des Abgeordnetenhauses.

Von den am 26. November an mich gestellten Forderungen war die eine nur halb, die andere nicht erfüllt.

[S. 68]

Auch die übrigen damals vorgebrachten Anklagen und Vorwürfe gegen mich wurden aufgetischt. Die Partei, so hieß es, könne so nicht mehr mitgehen. Es müsse endlich Schluß gemacht werden.

Ich gab zu: „Allerdings kann die Partei als solche mit der Wendung der Dinge nicht zufrieden sein. Aber Sie müssen doch auch ans Ganze, Sie müssen auch an das Land und seine Zukunft denken. Wenn ich austrete, fällt das Ministerium. Dann aber bricht das Chaos herein, denn bei der heutigen Zusammensetzung der Kammer und unter den heutigen Verhältnissen bringen Sie keine Regierung mehr zusammen, das wissen Sie genau so gut wie ich."

Kein Einwand wurde beachtet.

Da wagte ich es mit einem letzten Gedanken, auf die Gefahr hin, mich damit wieder der Verdächtigung und dem Hohne auszuliefern.

„Ließe sich denn nicht dieses erreichen? Die Sozialisten wollen nichts mehr mit einem Koalitionsministerium zu tun haben. Gut, sie sagen sich also von der Koalition los, dulden es aber, daß die heutige Regierung als Geschäftsministerium im Amte bleibt. So wird ein Bruch vermieden. Die Kammer kann die Verfassungsreform zu Ende führen, die Wahlen finden statt und die heutige Regierung geht auseinander. So stirbt sie eines natürlichen Todes und es bleibt dem Lande jede verhängnisvolle Störung erspart."

„Nein, nein!" hieß es von verschiedenen Seiten, „davon wollen wir nichts wissen."

Und schon hörte ich auch wieder eine Stimme, die andeutete, man begreife, daß es mir schwer falle zu gehen.

Ich hob die Achsel und sagte: „Ich habe das Meine getan. Tun Sie jetzt, was Sie nicht lassen können."

Vor der Abstimmung verließ Herr Probst den Saal. Sämtliche Anwesenden forderten, bei einer Enthaltung, den sofortigen Austritt des Vertrauensmannes aus der Koalitionsregierung.

In der Mittwochssitzung (11. Dezember) wurde gegnerischerseits die ganze Reihe sämtlicher gegen Maria Adelheid in Umlauf gesetzten Gerüchte aufgerollt und[S. 69] grell beleuchtet. Dabei fiel sogar der ungeheuerliche Ausspruch, bei einem Referendum zu ihren Gunsten werde, wenn nicht durch eine vorherige Untersuchung volles Licht geschaffen worden sei, jeder der der Dynastie seine Stimme gebe, als deutschfreundlich gelten müssen.

Auch die bekannten Verhandlungen im Regierungsgebäude während der Nacht und am Vormittag des 13. November kamen wieder zur Sprache, denn die Linke konnte die im Nachmittag des 13. erlebte Enttäuschung immer noch nicht verschmerzen.

Kurz vor Sitzungsschluß meldete ich mich zu Wort und sprach: „Meine Herren, ich erachte es als meine Pflicht und empfinde es als ein Gebot persönlicher Würde, der Kammer folgende Erklärung abzugeben:

Am 25. November beschied mich die sozialistische Partei, die mich in die heutige Koalitionsregierung als ihren Vertrauensmann entsandt hat, zu einer Zusammenkunft, wobei einige Punkte der Regierungspolitik besprochen werden sollten.

Nach einem Gedankenaustausch beschloß die sozialistische Partei, der Regierung eine Frist von 14 Tagen einzuräumen, um die ordnungsgemäße Verzichtleistung der Krone auf ihre souveränen Rechte entsprechend den Wünschen der Kammermehrheit durchzusetzen und um den Achtstundentag in allen großindustriellen Betrieben und Transportunternehmen einzuführen. Sollte innerhalb der eingeräumten Frist diesem Beschluß nicht Rechnung getragen sein, so werde die sozialistische Partei ihren Vertrauensmann aus der Regierung zurückziehen.

Ich brachte dieses Ultimatum meinen Kollegen im Ministerium zur Kenntnis. Inzwischen ist der Achtstundentag in den Grenzen der Möglichkeit verwirklicht worden. Die zweite der Forderungen konnte die Regierung trotz allen besten Eifers nicht durchführen, und das aus den in der gestrigen Sitzung vom Herrn Staatsminister entwickelten Gründen, die ich zudem auch dem Führer der sozialistischen Fraktion brieflich zur Kenntnis gebracht hatte.

Nach Schluß der gestrigen Sitzung erklärte mir die sozialistische Fraktion, sie könne angesichts dieser Sachlage[S. 70] der Regierung ihr Vertrauen nicht länger gewähren, und forderte mich auf, meine Entlassung zu geben. Als sie diesen Beschluß faßte, machte die sozialistische Partei Gebrauch von einem unbestreitbaren Rechte. Mir bleibt nichts anders übrig, als mich ihrem Wunsche zu fügen.

Da ich vor einigen Monaten in die Regierung eintrat, brachte ich dazu mit den Reichtum meiner schönen Absichten, die ganze Kraft eines guten Willens. Ich hatte das Glück, daß mir ein Wirkungskreis zugewiesen wurde, der meiner Erfahrung und meinen Wünschen entsprach.

Ich verlasse diesen Posten, nicht weil mich der Wille der Kammer hinauswiese, nicht weil mich die Mißbilligung einer parlamentarischen Mehrheit von hinnen fegte. Einen solchen Ausgang könnte immerhin der tiefe Glanz umstrahlen, der den Fall auf dem Felde der Ehre verklärt.

Mein Abgang ist weniger ruhmvoll. Aber als ich zur Zeit dem Rufe der sozialistischen Fraktion Folge leistete, wußte ich recht wohl, daß meine Stellung immer ein wenig unsicher sein mußte, da sie den launenhaften Schwankungen der Politik ausgeliefert war. Ich mußte damit rechnen, daß eines guten Tages ein Wandel eintreten würde in der Stellung, die die Fraktion anfangs der Regierungspolitik gegenüber einzunehmen willens war.

Ich scheide von meinem Posten mit einem langen Rückblick auf eine reiche Ernte, die meine Kräfte und mein Herz zu rufen schien.

Es ist mir kaum gestattet worden, aus all der Fülle eine erste Garbe zu binden. Aber ich scheide hohen Hauptes und ohne Bitterkeit. Ich habe einige Wochen erlebt, Wochen von besonderem Gewicht in dem Schicksal unseres Volkes und in dem Dasein eines Mannes.

Ich bitte die Partei, die mir an einer kritischen Wendung unserer inneren Politik ihr Vertrauen schenkte, auf die Stimme der Stunde zu hören. Die Gegenwart ist, wie Sie sehr wohl wissen, dem Internationalismus nicht günstig. Heute mehr als jemals muß jedermann ein Vaterland haben. Während der so langwierigen und harten Prüfungen der letzten Jahre hat sich das kleine[S. 71] Luxemburg um seine Söhne wohl verdient gemacht. Wir schulden ihm dafür jede Huldigung. Wir müssen ihm auch das Opfer unserer gewagten, manchmal ganz unerfüllbaren Träume zu bringen wissen.

Ich meinerseits bin glücklich, daß ich einmal wenigstens von dieser Stelle aus Zeugnis ablegen kann für den Gedanken, in dessen Dienst ich das Beste meines Wesens gestellt habe. Ich grüße meinerseits heute die Seele unsers kleinen Vaterlandes, dem endlich die Stunde der Befreiung geschlagen hat.

Ich wünsche, daß es sich fröhlich entfalten kann in der Sonne der lateinischen Freundschaft und Hochherzigkeit, umhegt von der treuen Liebe all seiner Kinder. Den Untergang meiner stolzesten Hoffnungen aber müßte ich betrauern an dem Tage, wo ich mich gezwungen sähe, zu verzweifeln an der Zukunft eines freien, unabhängigen, vielhundertjährigen Luxemburgs."


Mein durch nichts angekündigter oder als notwendig empfundener Austritt löste bei den Vaterlandsfreunden Verblüffung und Entrüstung aus.

Auch die „Luxemburger Zeitung" schrieb unter einer ersten Regung des aufrichtigen Gefühls: „Herr Welter verläßt die Regierung nicht mit der Überzeugung der Notwendigkeit seines Ausscheidens.

„Dies ist eine Ministerkrisis ohne eine Spur von innerer Notwendigkeit. Man sieht nicht ab, wie sie zu lösen wäre. Statt die Krisis zu verschärfen, wäre vielleicht eine andere Lösung am Platze. Wenn die Sozialisten aus Prinzip und absolut draußen bleiben wollen, so hindert nichts, daß Herr Welter als Vertrauensmann der Liberalen, denen er politisch viel näher steht, wieder in die Regierung eintritt."

Des andern Tages allerdings führten die liberalen Führer in der Kammer eine ganz verschiedene Sprache.

Am Vormittag des 12. Dezembers kündigte ich, im Beisein des Herrn Reuter, der Großherzogin meinen Austritt an.

Am Nachmittag folgten in öffentlicher Kammersitzung die Herren Liesch und Collart meinem Beispiel.

[S. 72]

Damit war das Koalitionsministerium aus den Fugen.

Am 13. Dezember tagte die Kammer ohne Regierung. Es kam zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen den Parteien wegen der so überflüssigen und mutwillig heraufbeschworenen Krisis. Eine Tagesordnung sprach der abgehenden Regierung das Vertrauen der Kammer aus und forderte sie auf, um das Land in dieser schwierigen Zeit nicht durch eine Ministerkrisis aufzuregen, als Geschäftsministerium vor die Kammer zurückzukehren. Diese Tagesordnung wurde von den Herren Prüm und Böver eingebracht und auch von den Herren Hemmer, Herschbach und Huß gezeichnet.

Der Antrag wurde mit 32 gegen 7 Stimmen angenommen. Die Sozialisten hatten sich vor der Abstimmung entfernt.

Nach Erledigung dieser Angelegenheit erhob sich Herr Bech zu einer Rede, die dem jungen überzeugten Patrioten zur Ehre gereicht. Dabei gedachte er meiner mit besonders warmen Worten, die mir damals sehr zu Herzen gingen.

„Die schöne Rede", so sagte er, „die Herr Welter vor einigen Tagen in diesem Saale halten mußte, klang aus in einen bewegten Wunsch für die Freiheit und Unabhängigkeit unseres Landes. Ganze Geschlechter junger Luxemburger anerkennen ihn als einen der berufensten Wortführer der luxemburgischen Seele. Er gehört zu den seltenen Luxemburger Gebildeten, deren Werke im Ausland geschätzt sind. Das Glaubensbekenntnis, das er in jener Stunde hier ablegte, wird denn auch endgiltig mit dem Märchen aufräumen, das einige anonyme Zeitungsschreiber zu verbreiten suchen und gemäß dem die Luxemburger Gebildeten kein Vaterland hätten.

„Herr Welter konnte keinen andern als diesen vornehmen Abgang finden. Ich halte darauf, ihm meine öffentliche Anerkennung auszusprechen dafür, daß er die Sache des unabhängigen Vaterlandes mit dem Gewicht seines Ansehens gestützt hat.

„Das wenigstens ist ein Mann, den diese würdelose Politik nicht erniedrigt hat."

Für dieses edle Zeugnis bin ich immer dankbar.

[S. 73]

Der freundlichen und ehrenvollen Aufforderung der Kammer aber konnten wir nicht entsprechen.

Am 14. Dezember reichte die Gesamtregierung ihre Entlassung ein.

Dabei kam die Rede natürlich auf die Lage des Landes.

Auch nach außen gestalteten sich ja die Verhältnisse höchst beunruhigend.

Die fremden Gesandten fanden den Rückweg nach Luxemburg immer noch nicht.

Der Anstandsbesuch, den der belgische Geschäftsträger bei Hofe getan hatte, galt den Verwandten, nicht der Landesfürstin; er war also nur ein persönlicher Schritt.

Die Telegramme, die die Großherzogin zum Dank für die Befreiung des Landes an die Staatsoberhäupter der Entente gerichtet hatte, fanden eine gar kühle oder gemessene Antwort. Auffallend besonders war die wortkarge Zurückhaltung in den Antworten des Präsidenten Poincaré und König Alberts.

Um so wärmere Grüße und Versicherungen aber gingen der Kammer zu als der Vertretung des luxemburgischen Volkes.

Soviel schien festzustehen: Dem luxemburgischen Volke gehört das Wohlwollen der Entente. Ihre Gefühle zu der Großherzogin sind zum mindesten zweifelhaft, eher ablehnend.

In Belgien und in belgofreundlichen Zeitungen der Ententeländer mehren sich die Stimmen, die ein Aufgehen Luxemburgs in Belgien beantragen.

Der bekannte Sozialist und Politiker Destrée forderte kurzweg Luxemburgs Rückkehr zu Belgien, zu dem es gehöre wie Elsaß-Lothringen zu Frankreich.

Er begegnete sich in dieser irrigen Ansicht mit seinem französischen Parteigenossen Marcel Sembat, der als Mitglied des Ministeriums Briand schon im Oktober 1916 dem Gesandten Belgiens in Paris, Baron de Gaiffier d'Hestroy erklärt hatte, Luxemburg werde wahrscheinlich nicht selbständig bleiben, es müsse an Belgien zurückfallen, worauf der Gesandte angelegentlich beteuerte, diese Rückkehr zu Belgien entspreche den heißesten Wünschen und den berechtigten Ansprüchen seines Landes.

[S. 74]

Zahlreiche Zuschriften über die „Annexionsgelüste Belgiens" in deutschen Zeitungen bestätigten diese Hoffnungen und Absichten.

Luxemburg seinerseits aber, so wurde in jener Stunde erörtert, muß einen neuen wirtschaftlichen Anschluß suchen. An wen kann es sich dafür wenden? An Belgien, das sich ihm zu nähern sucht mit der Gesinnung des Wolfes in der Fabel? Welcher Aufnahme kann es gewärtig sein bei einem Frankreich, dessen öffentliche Meinung vergiftet wird durch die stets heftigern Anklagen auf Ententefeindlichkeit, die gegen die Großherzogin sogar im eigenen Lande mit Leidenschaft und mit Verschlagenheit wiederholt werden. Könnte so die Fürstin dem Wohle des Landes nicht, wenn auch ohne ihre Schuld, im Wege stehen? Könnte nicht durch ihre Anwesenheit sogar der Bestand des Großherzogtums bedroht sein?

Während dieser Reden gefiel sich Maria Adelheid in einer etwas befremdeten Zurückhaltung. Dann richtete sie sich auf und sprach mit etwas herber Betonung: „Auf Befehl des Auslandes, meine Herren, gehe ich nicht. Ich darf so nicht gehen. In dem Falle könnte mein Rücktritt auch den Verlust der Unabhängigkeit bedeuten, oder nach sich ziehen. Dem inneren Frieden des Landes zuliebe wäre ich schon eher zum Abgang bereit. Vorher will ich dann aber doch meine Meinung sagen, und das ganz und scharf."

Und sie preßte das zarte Fäustchen fest auf die Tischplatte.

Dabei blieb es an dem Morgen.

Vor der Kammer aber zogen sich in Abwesenheit einer Regierung die Verhandlungen über die antidynastische Tagesordnung hin bis zum 19. Dezember. Da kam es endlich zu einem vorläufigen Abschluß.

Ein Antrag des Herrn Böver verschmolz die von links und rechts aufgeworfenen Wünsche und ging in seinen äußersten Forderungen darüber hinaus. Er besagte:

„Die Kammer beschließt die Einsetzung einer parlamentarischen Kommission:

1) Zur Festsetzung der Haltung, die seit August 1914 die verschiedenen Staatsgewalten, insbesondere die Krone[S. 75] und die verschiedenen Regierungen der Neutralität des Landes gegenüber beobachtet haben;

2) zur Aufdeckung aller weiteren Tatsachen, die dazu angetan wären, das neutrale Großherzogtum bei den Garantiemächten bloßzustellen."

Der Antrag wurde mit 25 Stimmen gegen 12 bei 5 Enthaltungen angenommen.

Die liberal-sozialistische Tagesordnung Pescatore, die die Untersuchung auf die Dynastie und ihre Umgebung beschränkt wissen wollte, wurde verworfen mit 24 Stimmen gegen 22.

Abgewiesen wurde weiter eine sozialistische, von Herrn Jos. Thorn eingebrachte Aufforderung an die Kammer, sich für das republikanische Prinzip auszusprechen, und das mit 25 Stimmen gegen 16 bei 5 Enthaltungen. Dagegen stimmten die Rechtspartei und Herr Böver. Dafür die HH. Thilmany, Jos. Thorn, Vinandy, Blum, Diderich, Gallé, Housse, Koch, Krieps, Krier, Laval, Léon, Mark, Palgen, Jak. Schaack, Joh. Schaack. Es enthielten sich die HH. Brasseur, Kellen, Lacroix, Noesen, Pescatore.

Die beiden letzten Abstimmungen bewiesen wieder mit erschreckender Deutlichkeit, wie stark, trotz allem, die Gegner von Krone und Monarchie in der Kammer vertreten waren und wie das Geschick von Großherzogin und Herrscherhaus, in dieser Versammlung wenigstens, auf des Messers Schneide stand.

In der Sitzung vom 10. Dezember hatte Herr Bech zur Abwehr und in richtiger Erkenntnis dessen, was dem Ausland gegenüber besonders nottat, folgendes zur Abstimmung vorgeschlagen:

„Die Kammer, im Vertrauen auf die Staatsverträge und auf die hochherzigen, von unsern Befreiern verkündeten Grundsätze, die den Völkern das Recht auf freie Selbstbestimmung zusichern; bewogen durch den sorglichen Wunsch, nicht den geringsten Zweifel an den wirklichen Gefühlen der Luxemburger aufkommen zu lassen: erklärt neuerdings aufs feierlichste, und ohne damit einem wirtschaftlichen Bündnis mit den Ländern der Entente vorgreifen zu wollen, daß das Großherzogtum als selbständiger,[S. 76] freier und unabhängiger Staat weiterzubestehen wünscht."

Für diesen hochpatriotischen Antrag fanden sich im ganzen 29 Stimmen gegen 11 bei 6 Enthaltungen.

Es stimmten dafür die HH. Aug. Thorn, de Villers, Vinandy, Wirtgen, Wolter, Altwies, Bech, Boever, Buffet, Delaporte, Duhr, Ecker, Eichhorn, Gerard, Hansen, Hoffmann, Huß, Jacoby, Jungers, Kellen, Ad. Klein, Nik. Klein, Mackel, Meyers, Noesen, Petges, Jak. Schaack, Schiltz, Schmitz.

Es stimmten dagegen die HH. Thilmany, Jos. Thorn, Blum, Gallé, Housse, Koch, Laval, Léon, Mark, Palgen, Joh. Schaack.

Es enthielten sich die HH. Brasseur, Diderich, Krieps, Krier, Lacroix, Pescatore.

In die Entschlüsse der Regierung aber war seit dem 14. Dezember ein Neues getreten.

[S. 77]

IX.

Verschiedentlich schon war in Kammer und Öffentlichkeit darauf hingewiesen worden, wie dringlich es sei, mit den Ententeregierungen in Verbindung zu treten, um sie von den politischen und wirtschaftlichen Absichten des Luxemburger Volkes zu verständigen.

Dieser Erwartung und Forderung mußte entsprochen werden. Zugleich bestand so die Möglichkeit, uns auch über andere, für den Augenblick noch brennendere Fragen, die an die Wurzeln der Selbständigkeit rührten, Aufschluß zu holen.

Belgiens Haltung flößte wenig Vertrauen ein. In Paris war, so wähnten wir, mit größerer Aufrichtigkeit zu rechnen. Auch mußte hier so manches weiteren Rätsels Lösung liegen.

Ich bat Herrn Reuter ganz angelegentlich, im Hinweis auf den von der Kammer geäußerten Wunsch, nach Paris zu fahren, und sich, wenn möglich, von Herrn Geschäftsträger Vannerus begleiten zu lassen.

Herr Vannerus billigte den Plan, bedauerte aber, dem Staatsminister nicht folgen zu können, da ihm sein hohes Alter und sein in letzter Zeit ziemlich gebrechlicher Zustand die unter den damaligen Verhältnissen äußerst beschwerliche Reise verbiete.

Herr Reuter forderte nun mich zur Begleitung auf. Ich war gerne bereit, riet aber, auch Freund Liesch mitzunehmen, damit so die drei stärksten Parteien der Kammer an der Erkundigungsfahrt beteiligt wären, denn es werde wahrscheinlich zu bedeutsamen Feststellungen kommen.

Die beiden jüngeren Kollegen und Herr Vannerus waren einverstanden.

[S. 78]

Die Reise sollte möglichst unauffällig vorbereitet werden, aber tunlichst rasch, denn auch in Frankreich regte sich stets schroffer die rücksichtslose Scharfmacherei gegen Maria Adelheid und das Haus Braganza.

Wir besprachen uns im Vertrauen mit Oberst Randier und baten, uns mit Unterstützung des Marschalls die Fahrtmöglichkeit für die nächsten Tage zu erwirken. Herr Randier tat alsbald die erforderlichen Schritte. Schon hatte er uns die Pässe eingehändigt, da mußte er in letzter Minute, und das mit etwas befangener Miene, erklären, der Marschall lasse bitten, die Reise etwas hinauszuschieben; Außenminister Pichon sei nicht in Paris; Foch selbst werde demnächst nach Luxemburg kommen und hoffe, uns die Fahrt im einzelnen einzurichten.

Wir waren über den unerwarteten Aufschub, für den wir keine richtige Erklärung hatten, etwas betroffen und beunruhigt. Im Lande äußerte sich stets stürmerische Leidenschaft; die Haltung des Auslandes wurde immer bedrohlicher; von Seiten unserer eigenen Geschäftsträger draußen liefen nur belanglose Nachrichten ein. Wir mußten selbst zu irgend einer Gewißheit zu kommen suchen.

Inzwischen brach der 11. Dezember herein und es kam zur Auflösung des Ministeriums.

Was tun?

Die Stimme der Selbsterhaltung wies nach Paris. So wie die Dinge lagen, mußte mit der Wahrscheinlichkeit einer längeren Regierungskrisis gerechnet werden. Wir durften den Gedanken nicht fallen lassen. Trotz unserer eigentümlichen Stellung besaßen wir noch das Vertrauen einer starken Kammermehrheit, die unsere Rückkehr mit Ungeduld erwartete. Wir konnten es deshalb schon wagen, einen von dieser Mehrheit selbst mehrfach gewünschten Schritt zu unternehmen. Das war die Rechtfertigung nach außen. Mir persönlich war es bei der Reise um Wichtigeres zu tun.

Da kam am Sonntag, den 15. Dezember, Marschall Foch.

Im Laufe des Nachmittags fuhr er bei der Großherzogin vor.

[S. 79]

Am folgenden Morgen, gegen 10 Uhr, traten die Regierungsmitglieder zwischen den an der Eingangspforte aufgepflanzten Schilderhäuschen hindurch in das Konservatoriumsgebäude, wo der Feldherr sein Hauptquartier eingerichtet hatte.

Man weist uns zu ebener Erde in ein geräumiges, helles Zimmer. Foch erhebt sich hinter seinem mit Papieren bedeckten Tisch und kommt auf uns zu: ein untersetzter, kräftig gebauter Soldat, in schlichter Uniform, ohne Orden. Das Gesicht scheint bleich, die Züge tiefgegraben, etwas verzogen, wie unter einem geheimen körperlichen Leiden. Die starken, ergrauten Augenbrauen, der kräftige graue Schnurrbart, das massige Kinn werden in ihrem etwas strengen Ausdruck gemildert durch die Freundlichkeit des kleinen, scharfen Auges, aus dem die Herrschgewalt blitzt, sowie durch eine Gutmütigkeit, die die schmalen Lippen lächelnd umspielt.

Er drückte uns allen die Hand. Der Staatsminister sprach eine kurze Begrüßungsrede und dankte dem Sieger und Befreier. Foch erwiderte in einer Antwort, die, wohl überlegt, auf eine besondere Wirkung berechnet schien und deren mit Kraft, fast ruckweis hervorgestoßene Worte durch ein energisches Rudern des Armes und Aufundnieder der geballten Faust unterstrichen wurden.

„Ja, meine Herren, sprach er u. a., wir haben gesiegt. Wir haben gesiegt durch die Kraft. Wir sind in unserm Vormarsch stehen geblieben, weil wir stehen bleiben wollten. Sonst wären wir in einigen Wochen und Monaten an den Rhein, über den Rhein, nach Berlin, kurzum so weit vorgerückt, als es in unseren Wünschen gelegen hätte. Auf die Kraft kommt es an. Stark mußten wir sein, um in diesem Sturm zu bestehen. (Und die bezeichnenden Ruderbewegungen zogen sich immer wuchtiger her und hin.) Die Kraft aber liegt in der Einigkeit. Das ist denn auch der Rat, den ich Ihnen geben möchte. Sie müssen versuchen, stark zu werden. Dazu bedarf es des Anschlusses an einen Starken. Wie Sie das zu verwirklichen wünschen, das ist Sache der Regierenden. Bedenken Sie, daß wir unsere Rettung nur der Kraft verdanken. Und daß ein Deutschland mit 70 Millionen Einwohner[S. 80] immer ein gefährlicher Nachbar und Gegner bleibt. Daher, wie gesagt, sich anschließen an einen Starken und sich vorsehen für die Zukunft! Führen Sie die Wehrpflicht ein und suchen Sie sich gegen Deutschland durch Befestigungen zu sichern. Kurzum: Werden Sie stark und sehen Sie sich vor!"

Mir wurde bei diesen Worten heiß, fast wirblig. Ich verstand: Der Marschall predigt militärischen Anschluß an Frankreich! Und Aufgabe unserer Neutralität! Zugleich aber schwang es mir durch den Sinn: „Ho, Foch ist Soldat. Er redet als Soldat. Und er redet zugleich als Franzose."

Das Gespräch berührte sodann die Lebensmittelverhältnisse des Landes. Wir deuteten an, daß auch wir es in der Hinsicht nicht gerade leicht gehabt haben. „Klagen Sie nur nicht, unterbrach er eifrig. Sie hätten unrecht zu klagen. Da müßten Sie das Land an der Aisne, an der Somme, in den Argonnen sehen! In 100 bis 200 Kilometer Länge, in 30 bis 50 Kilometer Breite kein Haus, keine Mauer, kein Baum! Alles fortgefegt und rasiert! Von Ortschaften, wie Noyon, Roye, Bapaume, Fleury und vielen anderen bleiben höchstens Mauerstümpfe, so in der Höhe dieses Tisches." Und die Linke führt einen kräftigen Schlag auf die Tischkante.

„Übrigens, meine Herren", rief er dann in munterer Erregung, „habe ich für Sie noch eine Meldung aus Paris, eine gute Nachricht."

Er ging auf die Türe des Nebenzimmers zu, mit schwerem, breit ausladendem Schritt, wobei die markige Gestalt, die elementare, darin gebundene Kraft überzeugend zum Ausdruck kam, und öffnete.

Ein Mann in Mittelgröße trat herein, jünglinghaft schlank, noch schlichter als Foch.

Der Marschall stellte vor: „Herr Weygand, mein Mitarbeiter und mein Freund, vor dem ich keine Geheimnisse habe."

General Weygand, der Generalstabschef Fochs, seine rechte Hand, der Mitersinner seiner Siege! Der erste Blick nimmt für den Mann gefangen!

[S. 81]

Der General überreichte ein Telegramm. Foch nahm und sprach: „Hier ist, was Sie zu hören wünschen." Und er las: „Le ministre des Affaires étrangères ne voit aucun inconvénient à ce que M. le Président du Conseil avec les quelques hauts fonctionnaires dont question se rende à Paris pour y discuter avec le Ministre ou avec Monsieur Mollard des questions de ravitaillement et autres."

„Sie sehen also, meine Herren, man erwartet Sie." Damit faltete er das Blatt und legte es auf den Tisch. „Sie fahren natürlich nach Paris. Ich besorge Pässe und Fahrtgelegenheit. Ich wünsche Ihnen eine gute Reise. Und auf fröhliches Wiedersehen!"

Ein erneuter Händedruck, ein freundlicher Blick, ein ermunterndes Nicken und der mächtige Greis setzte sich wieder hinter seinen Tisch.

General Weygand geleitete uns hinaus.

Die Unterredung hinterließ eine starke Nachwirkung. Dieser Soldat ist eine Natur. Ob ein großer Geist? Jedenfalls ein Wille. Wer mit dem Mann zu tun hat, sehe sich vor. Er läßt nicht locker. Er geht auf sein Ziel los wie eine mit Volldampf geladene Maschine, die Stahlplatten eindrückt und Mauern umwirft. Die den Deutschen aufgelegten Waffenstillstandsbedingungen und deren eiserne Durchführung verbürgen dies Gefühl.

Im Nachmittag spricht in der Regierung vor General de la Tour, der von Foch bestellte Platzkommandant von Luxemburg. Ein freundlicher, grauer Herr, von zierlichem Wesen und geschmeidiger Beweglichkeit. Er trägt die französische Dienstmütze schräg auf dem von weißem Verband geschützten Kopf. Er wurde bei einem der letzten Sturmangriffe verwundet und ist noch nicht ganz heil. Der General spricht die Erwartung aus, daß die herzlichen Beziehungen, wie sie bisher zwischen der Regierung und Oberstleutnant Randier bestanden, auch mit seiner Person weiter unterhalten würden.

Diese Worte waren uns recht aus dem Herzen gesprochen.

Dann rüsteten wir zur Fahrt nach Paris.

[S. 82]

Vorher, am 18. Dezember, mußten wir noch nach Arlon.

König Albert besuchte seine treue, schwergeprüfte Stadt. Die Luxemburger Kammer entsandte eine Abordnung. Auch die Regierung ging hin. Und zwar vollzählig. Wir wollten den belgischen Nachbarn und Vettern unsern ganzen guten Willen zeigen.

Trotz des strömenden Regens wurde aus der Fahrt ein erhebender Tag. Ich erfuhr, vor allem in den Hallen des Arloner Doms, was es heißt, ein volkstümlicher Fürst sein, der Stolz, der Liebling, der Ruhm seines Volkes. Der schlichte, tapfere Mann in seinem etwas schwerfälligen, fast schüchternen Gehaben, dem ich aus der Ferne schon einmal im Liede gehuldigt hatte, ließ mein Inneres erzittern, als mich sein Vorübergang streifte.

Doch auch er war der Gefangene der Politik. Wie die Luxemburger Abordnungen vor ihn traten, fand er herzliche Worte des Dankes und der Freundschaft für die Mitglieder der Kammer als die Vertreter des Volkes.

Staatsminister Reuter hatte ihm in seiner Ansprache auch die Grüße der Großherzogin entboten. In seiner Antwort gedachte der König unserer Großherzogin, seiner nahen Verwandten, mit keinem Wort; statt dessen fiel ein Satz, der uns aufhorchen ließ.

„Bei der bevorzugten Stellung, so hieß es am Schlusse der königlichen Rede, deren sich Belgien heute durch den Sieg und das Vertrauen der Mächte erfreut, wird es dem Luxemburger Volke, sobald dies um seinen Schutz ersucht, nach Kräften zuhilfe kommen und dessen moralische und materielle Interessen, soweit es sie ihm anvertrauen will, verteidigen."

Das war klar und klug gesprochen. Leider zu vorsichtig, gar zu geschäftlich kühl. Maria Adelheid wurde auch von ihrem Vetter, dem ritterlichen König Albert, ignoriert.

Vertreten war die belgische Regierung in Arlon durch Hrn. Staatsminister Orts. Der bewegliche Herr umwarb Herrn Reuter mit einer unheimlichen Zutraulichkeit. Über Tisch hörte ich, wie ihm Herr Reuter von unserer morgigen Reise nach Paris erzählte. Ich erschrak und[S. 83] schaute scharf. In dem Gesichte des belgischen Diplomaten hatte die Aufmerksamkeit sämtliche Federn gespannt. Die Augen brannten. Er paßte auf wie ein Jagdhund.

An dem Tage kam mir die Überzeugung, daß unser Besuch in Paris zur ehernen Notwendigkeit geworden war. So oder so! Wir mußten Gewißheit haben.

[S. 84]

X.

Am 19. Dezember fuhren wir im Auto über Metz durch kriegverheertes Gelände nach Nanzig. Herr Foch hatte versprochen, den Reisemarschall zu spielen.

In Nanzig hieß es sich gedulden. Die Züge liefen mit starken Verspätungen. Um 11 Uhr nachts war von dem Pariser Zug noch keine Meldung eingelaufen. Wir durchwachten die Nacht im Wartesaal des unsäglich trostlosen Bahnhofes und rückten so nahe wie möglich an den mächtigen, kaum erwärmten Ofen. Um uns ein zigeunerhaftes Bild. Soldaten, Kinder, Frauen lagen, saßen, lehnten in allen Stellungen. Um warm zu werden, hockten wir schließlich auf der den Ofen umlaufenden Eisenstange wie kranke Hühner.

Gegen halb 6 Uhr morgens kam endlich der Zug. Er war natürlich voll besetzt. Ein unbeschreibliches Schieben und Drängen entstand. Eine Viertelstunde warteten wir im Schneegestöber, denn von den großen Hallendächern war kein Splitter mehr zu sehen. Wir kamen nicht vorwärts. „Drinnen," so schrieen unzufriedene Mäuler, „drinnen in den Abteilen liegen zwei, drei Offiziere und schnarchen. Die Soldaten in den Gängen haben nicht den Mut, sie zu stören. Und sowas muß sich das Volk gefallen lassen!"

Schon wurde zur Abfahrt gerufen. Wir standen in Verzweiflung. Endlich erinnerten wir uns, und Herr Liesch rief einem Bahnbeamten zu, ob Herr Marschall Foch keine Plätze habe belegen lassen. Der Name wirkte Wunder. „Marschall Foch? O ja, gewiß. Plätze für die Minister aus Luxemburg." „Nun, die sind wir." „Oh, alors, suivez-moi, messieurs!"

Er bahnte uns einen Weg durch den Wirrwarr. „Hier ist Ihr Wagen." Natürlich war kein Platz mehr frei.[S. 85] Die Insassen stellten sich taub, aber sie wurden im Namen des Marschalls aufgerüttelt und herausbefördert. Wir nahmen ihre Plätze ein. Es war ein Halbabteil und gerade groß genug. Wir ließen uns mit erlöstem Aufatmen nieder. Draußen im Gang aber ging das Schnattern und Fluchen los. „Unerhört!" schimpfte es im aufgeregten Durcheinander. „Sowas kann nur in Frankreich vorkommen. Gute Franzosen wirft man hinaus und bringt an ihrer Stelle drei ,Boches' unter."

Diese Fahrt nach Paris wird einem jeden von uns, auch wegen anderer komischen Zwischenfälle, unvergeßlich bleiben.

Kurz nach Mittag stiegen wir im Ostbahnhof aus. Unser Geschäftsträger empfing uns im Gasthof mit langem Gesicht. Wie wir nach Paris hätten kommen können! Er habe uns doch gedrahtet, zu Hause zu bleiben. Herr Pichon werde die luxemburgischen Minister nicht empfangen.

Wir bedauerten, eine solche Meldung sei uns nicht zugegangen. Wir seien schon seit gestern morgen von Luxemburg fort.

Dann allerdings! Er habe das Telegramm erst gestern abgeschickt. „Und es ist wirklich dumm," meint Herr Leclère mit bekümmerter Miene, „daß meine Meldung Sie nicht erreicht hat. Sie haben sich vergeblich hieher bemüht. Sie werden überhaupt von niemand empfangen. Sogar nicht von Herrn Mollard. Ich selbst wollte diesen Abend heimfahren. Lassen Sie sich raten und fahren Sie mit."

Wir blickten uns an und gaben kurzen Bescheid. „Wenn Sie glauben fahren zu müssen, Herr Leclère, bitte, lassen Sie sich nicht aufhalten. Wir sind hier und wir bleiben hier."

Herr Leclère reiste tatsächlich. Herrn Leclères Vertrauter in Paris war besonders der luxemburgische Generalkonsul, Herr Bastin. Aber Herr Bastin war zugleich belgischer Generalkonsul. Auch der bedauerte, uns versichern zu müssen, daß wir in keinem Ministerium Gehör finden würden.

[S. 86]

Eine Unterkunft in Paris ließ sich damals nur schwer ausfindig machen. Die Gasthöfe waren überfüllt. Herr Liesch suchte vergebens Quartier. Da überließ ich ihm mein Bett und verzog zu meiner Schwester.

Wir sprachen bei Herrn Mollard vor. Der Empfang war, trotz böser Verheißungen, recht herzlich.

Das Gespräch erging sich in der Hauptsache über die wirtschaftlichen Sorgen des Landes. Herr Mollard empfahl unserm Staatsminister, Herrn Außenminister Pichon brieflich um eine Unterredung zu ersuchen.

Am folgenden Tage besuchte ich den Grafen de Fels; ich lernte in dem Schwager Jacques Lebaudys, des einstigen Kaisers der Sahara, einen guten Freund Luxemburgs kennen. Er wußte recht wohl Bescheid in den Absichten der verschiedenen Verbände und Vereinigungen, die sich in Paris um den französisch-luxemburgischen Anschluß bemühten. Trotz allen gegen sie vorgebrachten Beschuldigungen glaubte er an Maria Adelheid und war der Überzeugung, daß sich Frankreich mit ihr abfinde. Luxemburg müsse, so führte er aus, ein selbständiges Land bleiben und sich wirtschaftlich an Frankreich anschließen. Vor Belgien gelte es, auf der Hut zu sein. Er stellte sich unserer Regierung mit seinem Einfluß zur Verfügung und wollte, wenn wir es wünschten, auch bei Herrn Pichon vermitteln.

Graf de Fels hätte in Paris zu gerne die Rolle des luxemburgischen Vertreters spielen wollen. Leider war er nicht Luxemburger. Wahrscheinlich hätten wir in ihm einen recht nützlichen Mann gefunden. Er schien aufrichtig und gewandt, hatte einflußreiche Verbindungen und führte ein großes Haus. Einen bessern Freund zählten wir damals in Paris kaum.

Im Nachmittag traf ich mich mit einem andern Freunde, einem Landsmann und Verwandten. Der horchte in manche einflußreiche Kreise hinein und zog als kluger Mann seine Schlüsse.

„Belgien", so bekräftigte auch er mir, „Belgien heißt die Gefahr für Luxemburg. Frankreich soll in schicksalsschwerer Stunde durch den Mund Ribots Luxemburg gewissermaßen an Belgien preisgegeben haben. Dies[S. 87] Versprechen drückt Frankreich heute schwer. Pichon und Clemenceau sind der Ansicht, das Wort Ribots müsse eingelöst werden. Unsere Lage ist äußerst bedroht, und der böse Ruf Großherzogin Maria Adelheids trägt nicht dazu bei, sie zu bessern. Ihre deutschfreundliche Politik, — du leugnest sie allerdings, aber die Fürstin hat sich nun einmal in den bösen Ruf gebracht — ihre Deutschfreundlichkeit ist Wind in die belgischen Segel. Ihr solltet euch doch an die Amerikaner wenden und deren besonderen Schutz anrufen. Jedenfalls wäre es angezeigt, den amerikanischen Gesandten in Paris oder den Obersten House, Wilsons Freund, von der Lage unseres kleinen Landes zu verständigen. Unterm Schutz des Sternenbanners säßen wir geborgen. Und wer weiß, Luxemburg dürfte nach dem Friedensschluß gewissermaßen ein Stapelplatz werden für den amerikanischen Absatz in Europa."

Er deutete mir zugleich einen Weg an, der mich an den Vertreter der Vereinigten Staaten herangeführt hätte. Aber die Sorgen der wenigen Tage, die uns zur Verfügung standen, erlaubten mir keine Ausnützung der Gelegenheit.

Immerhin, der Freund hatte damals klug gesehen und schlau geraten. Wir mußten die amerikanische Hilfe später doch anrufen, und zwar in allerletzter Stunde, da es eben zwölf schlagen sollte.

An dem Abend brachte uns Herr Konsul Mersch mit einigen französischen Abgeordneten zusammen. Sie konnten die ablehnende Haltung des Herrn Pichon nicht verstehen, versuchten ihn noch nach zehn Uhr nachts am Fernsprecher zu erreichen, und versprachen, sich anderntags tatkräftig zu unsern Gunsten zu verwenden. Weitere Schritte in der Kammer behielten sie sich vor.

Am Morgen des 23. Dezember begab ich mich mit meinem Bruder zu Herrn Minister Mollard, der mich persönlich zu sprechen gewünscht hatte. Die Rede kam auf die innere Politik des Großherzogtums.

„Die französische Regierung," so versicherte mir dieser gute Freund Luxemburgs, „bringt dem Großherzogtum die wärmsten Gefühle entgegen und denkt nicht daran, des Landes Selbständigkeit zu gefährden. Die Feinde des[S. 88] freien Großherzogtums sitzen anderswo. Wünschen Sie Beweise dafür?" Und er zog die Schublade seines Schreibtisches auf.

Ich winkte ab. „Wir glauben Ihnen aufs Wort, Herr Minister. Sie bestätigen uns die eigenen Vermutungen."

„Wie aber", fuhr ich fort, „stellt sich Frankreich zur Großherzogin Maria Adelheid?"

„O", entgegnete Herr Mollard lebhaft und schob die beiden Handflächen abwehrend gegen mich heran, „auf die Frage kann Ihnen der französische Minister keine Antwort geben."

„Ich verstehe", erwiderte ich. „Aber meine Frage wendet sich auch nicht an den Minister, sondern an Herrn Mollard. Warum, Herr Mollard, kehrt der französische Minister in Luxemburg, Herr Armand Mollard, nicht auf seinen Posten zurück?"

Er lachte, sah mich forschend an und sprach nach einer Pause: „Gut, so wird Ihnen Herr Mollard antworten. Aber unter Zusicherung der Verschwiegenheit."

„Ich verspreche das."

„Nun wohl, der Minister Frankreichs kommt nicht nach Luxemburg, weil die Regierung Frankreichs von Maria Adelheid nichts mehr wissen will. Sie hat sich zu großer — sagen wir — zu großer Unklugheiten schuldig gemacht. Sie muß fort."

„Ich verstehe Ihr Gefühl, Herr Minister. Aber es hält schwer, der Großherzogin ihre Abdankung als unabwendbare Notwendigkeit nahe zu bringen. Von dieser Notwendigkeit müßten Sie schon unsern Regierungspräsidenten, Herrn Reuter, der zugleich das Haupt der unserer Fürstin sehr ergebenen Rechtspartei ist, überzeugen. Versuchen Sie das doch, ich bitte. Aber in einer Weise, die ihm keinen Zweifel übrig läßt. Ich selbst bin ja durch mein Ihnen gegebenes Wort gebunden."

„Ich will mir die Sache überlegen."

„Nehmen wir also an, Maria Adelheid entsage dem Thron. Wie stellt sich dann Frankreich zur Dynastie? Denn eine Republik Luxemburg ist ein Ding der Unmöglichkeit."

[S. 89]

„O, da können Sie beruhigt sein. Frankreich wünscht nichts sehnlicher, als daß Luxemburg als selbständiges Land fortbestehe unter seinem eigenen Fürsten. Gegen die Dynastie hat die Republik nichts einzuwenden."

„Es dürfte also eine ihrer Schwestern Maria Adelheids Nachfolge antreten?"

„Selbstverständlich."

„Aber welche? Prinzeß Charlotte, die zweite, ist bekanntlich verlobt mit dem Prinzen Felix von Bourbon-Parma, der im österreichischen Heere gedient hat. Prinzessin Antonia ist die Braut des Kronprinzen Rupprecht von Bayern; die muß also von vornherein ausscheiden. Prinzeß Hilda, die dritte der Prinzessinnen, will überhaupt von einer Thronfolge nichts wissen. Die beiden jüngsten Schwestern sind noch minderjährig. Die Großherzogin Mutter Maria Anna müßte alsdann die Regentschaft führen. Und das sagt Frankreich doch auch nicht zu."

„Nein, das geht nicht."

„Es bleibt also nur Prinzessin Charlotte. Mit ihr müßte sich Frankreich abfinden. Trotz ihrer Verlobung. Sie wäre, meinem Gefühl nach, auch die bestgeeignete."

„Das ist wirklich Ihre Überzeugung?"

„Entschieden."

Er überlegte einen Augenblick und meinte dann mit einem leichten Schnippchen in die Luft: „He, warum auch nicht! Mag der Prinz auch in österreichischen Diensten gestanden sein ....."

„Gegen Frankreich hat er nie gekämpft, Herr Minister. Und seine beiden Brüder Sixtus und René, nun, Sie wissen ja ....."

„Gewiß, gewiß! Und schließlich: Er bleibt trotz allem ein Bourbon. Also ein Franzose. Geben Sie mir Bedenkzeit. Ich werde Erkundigungen einziehen. Und wir werden über den Punkt weiter reden."

Ich bat Herrn Mollard an der Türe ein zweites Mal, doch um jeden Preis Herrn Reuter über die Gefühle Frankreichs zur Großherzogin zu unterrichten, und zwar auf eine Art, die ihm jeden Zweifel nehme.

„Ich will daran denken."

Damit schieden wir.

[S. 90]

Meine Kollegen waren von diesem Schritt nicht unterrichtet.

Da ich bekanntlich auswärts wohnte, sah ich sie an dem Tage nicht mehr bis kurz vor dem Abendessen. Da aber sagte mir Herr Reuter mit seltsamer Befangenheit:

„Weißt du, wir sind gegen fünf Uhr bei Herrn Pichon gewesen."

Ich stand starr und machte große Augen.

„O!" fiel Herr Liesch gleich ein. „Sei froh, daß du nicht mit dabei warst. Du hast nichts verloren."

Sie erzählten, am Nachmittag sei vom Quai d'Orsay aus in den Gasthof gemeldet worden, Herr Minister Pichon erwarte die luxemburgischen Minister für 5 Uhr. Sie hätten mich auch telephonisch nicht erreichen können und seien allein hingegangen.

Herr Pichon habe sie freundlich empfangen und ihnen gleich folgende Rede gehalten:

„Meine Herren! Ich spreche zu Ihnen in aller Aufrichtigkeit. Die französische Regierung war nicht gesonnen, Sie zu empfangen. Die Drahtung, die Ihnen durch Marschall Foch übermittelt wurde, beruht bestimmt auf einem Irrtum. Unsere ganze Absicht war, der großherzoglichen Regierung gegebenenfalls zu erlauben, sich in Paris mit den zuständigen Stellen in Verbindung zu setzen, um mit ihnen wirtschaftliche und ähnliche Fragen zu erörtern. Die französische Regierung empfängt nicht die Minister der Großherzogin. Wenn ich Sie trotzdem sprechen wollte, so geschah es aus Höflichkeit und auf das dringende Ersuchen des Herrn Mollard. Es sind in den letzten Jahren Dinge geschehen, die in ihren Folgen gewissermaßen auf einen Abbruch der Beziehungen hinauslaufen. Das ist auch der Grund, weshalb Herr Mollard noch nicht auf seinen Posten zurückgekehrt ist."

Herr Pichon machte eine Pause und Herr Liesch warf ein: „Herr Minister, wir danken Ihnen für Ihre aufrichtigen Worte. So wird von vornherein eine klare Lage geschaffen. Sie deuten auf gewisse Tatsachen und Zwischenfälle hin, auf die einzugehen leider jetzt nicht der Augenblick ist. Soviel aber möchte ich bemerken, daß die heutige Regierung an diesen Geschehnissen unschuldig ist."

[S. 91]

„Mißverstehen Sie mich nicht, meine Herren. Die luxemburgischen Minister als solche sind uns sehr sympathisch. Wir sind über die Dinge in Luxemburg genau unterrichtet. Und wenn die französische Regierung Sie nicht empfangen will, so liegt der Grund dafür nur in dem Umstand, daß Sie die Vertreter der Großherzogin sind."

„Wenn die Sachen so liegen", fiel ihm Herr Reuter ins Wort, „so wollen wir nicht länger stören und empfehlen uns, Herr Minister."

Herr Pichon schien über den raschen Aufbruch etwas verblüfft und beeilte sich hinzuzufügen: „Meine Herren, ich halte darauf, Ihnen zu versichern, daß Land und Volk Luxemburgs Frankreichs ganze Sympathie besitzen."

„Luxemburg erwidert diese Gefühle, Herr Minister."

Die beiden Herren gingen.

Das waren allerdings schlimme Nachrichten. Und trübe Aussichten.

Soviel schien festzustehen: Maria Adelheid wird von der Regierung Clemenceaus nicht anerkannt. Aber was dann? Wie denkt sich Frankreich die Weiterfahrt? Wie stellt es sich zu einer künftigen Gestaltung Luxemburgs?

Nach einer schlaflosen Nacht gab ich meinem Bruder folgenden Auftrag: „Du gehst heute vormittag zu Herrn Mollard. Du erzählst ihm von dem Empfang bei Herrn Pichon, dessen Verlauf er allerdings schon kennen wird. Und du sagst ihm in meinem Namen folgendes: ‚Wenn wir mit nichts anderm als mit diesem Bescheid nach Hause kommen, ist es um Maria Adelheid, aber auch um die Dynastie geschehen. Stürzt die Dynastie, so wird Luxemburg Republik, wenigstens für den Augenblick. Eine Republik Luxemburg hat keinen Bestand. Und dann tritt todsicher dieses ein: Luxemburg fällt an Belgien. Das aber will Luxemburg nicht und auch Frankreich nicht. Deshalb ist mein letzter Rat: Prinzessin Charlotte muß anerkannt werden, oder alles ist verloren. Wir müssen diese Zusicherung nach Hause bringen.' Das sage ihm in meinem Namen. Inzwischen ist mir der Zweck des gestrigen Empfangs und die Art der Aufnahme durch[S. 92] Pichon klar geworden. Schade, daß ich nicht dabei sein konnte."

Mein Bruder ging, fand Herrn Mollard aber erst im frühen Nachmittag.

Herr Mollard hörte ihn mit gespannter Aufmerksamkeit an und sagte bedächtig: „Ich bedaure ebenfalls, daß Ihr Bruder gestern abend nicht bei Herrn Pichon zugegen war. Er hätte verstanden und die Herren wären nicht so fortgelaufen. Der Minister war selbst über den raschen Aufbruch verwundert. Im übrigen hat Ihr Bruder recht. Er spricht als weiser Mann. Kommen Sie in zwei Stunden mit ihm zu mir zurück. Dann hoffe ich, Ihnen Bescheid geben zu können."

Nach der Unterredung mit Pichon erschien ein längerer Aufenthalt in Paris ohne Zweck. Auch war aus Luxemburg die Meldung eingelaufen, die Kaserne meutere.

So wollten wir am 24. abends in jedem Fall die Heimfahrt antreten.

Gegen 6 Uhr abends fuhr ich mit meinem Bruder bei Herrn Mollard vor. Herrn Reuter hatte ich kurz vorher von den inzwischen angeknüpften Fäden verständigt. Er billigte den Schritt. Herr Mollard sprach mit Bedauern: „Es ist mir leider nicht möglich, Ihnen die in Aussicht gestellte Antwort jetzt schon zu geben. Sie müssen mir noch zwei Tage Frist gönnen. Ich lasse Ihnen durch Ihren Bruder Nachricht zukommen. Beunruhigen Sie sich nicht. Ich habe mich der Sache angenommen. Sie werden gewiß bald von mir hören. Und hoffentlich das Gute, das wir beide wünschen."

Mit dem schwachen Troste nahm ich Abschied.

Ich machte dann mit meinem Bruder rasch das Nötige ab. Daß ich Bescheid erhalten werde, stand für mich felsenfest. Ich kannte den Diplomaten Armand Mollard als Ehrenmann, dem es nur um einen wirtschaftlichen Anschluß des Großherzogtums an Frankreich zu tun war, wie ein solcher ja auch in den Wünschen des Landes zu liegen schien.

Mein Bruder weilte seit Kriegsschluß wieder in Paris. Er hat sich kurz nach Ausbruch des Krieges mit Billigung der Regierung ins Ausland zurückbegeben, um sich auf[S. 93] die ihm zugesagte Stellung des Badearztes und -direktors in Mondorf weiter vorzubereiten. In dieser Erwartung sah er sich beim Austritt Dr. Welters aus der Regierung rücksichtslos betrogen. Dr. Welter, der ihn bei einem Besuch in Paris als sein oberster Vorgesetzter in Bekanntenkreisen als den zukünftigen Leiter des luxemburgischen Staatsbades vorgestellt hatte, der ganz kurz vor seinem Rücktritt noch die Weisung gegeben hatte, dem Dr. Eloi Welter die Bedingungen des mit der Regierung abzuschließenden Vertrags bekannt zu geben, zog es vor, sich selbst als Badearzt nach Mondorf ernennen zu lassen.

Um meinen Bruder für die schmerzliche Überrumplung in etwa zu entschädigen, ließ ihm Herr Generaldirektor Lefort durch meine Vermittlung den Posten eines Hilfsarztes an der Heilanstalt in Ettelbrück anbieten, und zwar unter der ausdrücklichen und schriftlichen Zusicherung der Direktorstelle nach dem Amtsablauf des heutigen Anstaltsleiters, Hrn. Dr. L. Buffet. Mein Bruder nahm dieses neue Angebot an und suchte sich in dem altberühmten Irrenhaus Sainte-Anne in Paris mit seinem neuen Berufe vertraut zu machen. Einer Aufforderung der luxemburgischen Regierung, seine Stellung in Ettelbrück anzutreten, konnte er nicht Folge leisten, denn die deutschen Militärbehörden verweigerten ihm hartnäckig den Paß über die Schweizer Grenze. Da war er aus der Schweiz nach Paris zurückgekehrt, um von dort den Weg nach Haus zu finden, nachdem ihm jede Möglichkeit, sich in Frankreich ein neues Wirkungsfeld zu schaffen, verschlossen schien.

In Paris lebte auch unsere älteste Schwester. Wir machten uns diesen Umstand zunutze und vereinbarten eine Geheimsprache, die von vornherein nichts Auffälliges an sich hatte. Für die beiden einzigen Möglichkeiten wurde sogar der Wortlaut festgelegt.

Am Christabend fuhren die luxemburgischen Vertreter aus Paris fort. Ein Mißverständnis nötigte uns, in Nanzig einen freudlosen Weihnachtstag zu verbringen.

Den 26. Dezember, im Spätnachmittag, waren wir wieder daheim.

[S. 94]

XI.

Unsere beiden Kollegen, die HH. Neyens und Collart, warteten unser in Spannung und Ungeduld. Die Freiwilligenkompanie meuterte. Die Revolution stand vor der Türe. Wir aber brachten einen trostlosen Bescheid, der sogar in verletzender Form gegeben worden.

Des andern Tags erstatteten wir der Großherzogin Bericht. Nun erkannte Maria Adelheid, daß für sie keine Rettung mehr war, denn geheimhalten ließ sich die Geschichte ja nicht. Ich meinerseits verständigte sie von dem Schritte, den ich zugunsten von Prinzessin Charlotte unternommen hatte und über dessen Erfolg mir in den ersten Tagen Bescheid werde. Bis dahin glaubten wir einen Entschluß aufschieben zu dürfen.

Auch die sonstigen Verhältnisse gestalteten sich sorglich genug.

Unsere Fahrt nach Paris war den Feinden der Dynastie von der ersten Stunde an zuwider gewesen. Sie schrieen und zeterten, was sich ein abgegangenes Ministerium noch um auswärtige Politik zu kümmern habe. Vor allem waren sie neugierig zu erfahren, was bei einer solchen Reise ans Auswärtige Amt in Paris der Unterrichtsminister zu tun hatte.

Herr Liesch fühlte sich verpflichtet, den Liberalen ohne Verzug den Verlauf der Audienz am Quai d'Orsay darzulegen. Er tat es, meiner Auffassung nach, mit etwas übermäßigem Vertrauen, der überzeugendste Beleg für seine volle Aufrichtigkeit.

Ich wollte meinerseits den Sozialisten Bescheid geben. Ihre Zeitung „Die Schmiede" hatte allerdings schon am 21. Dezember einen ersten Schmähartikel gegen mich losgelassen, ein Beweis, wie für sie das frühere Verhältnis bereits gelöst war.

[S. 95]

Nichtsdestoweniger verständigte ich bei einer Begegnung Herrn Probst von meiner Absicht. Ich erfuhr eine heftige Abweisung.

An diesem Abend des 29. Dezember 1918 wurden für mich die Beziehungen zur Partei abgeschnitten.


In der Kaserne war es inzwischen zu den unerfreulichsten Zwischenfällen gekommen.

Vor unserer Abreise bereits hatten die Freiwilligen die Kammer mit einer Eingabe befaßt, in der sie Klage führten gegen das harte und willkürliche Vorgehen ihrer Offiziere. Zugleich forderten sie die Umgestaltung der Kaserne in eine Militärschule. Die Bittschrift fand in der Kammer heiße Befürworter und es wurde eine parlamentarische Untersuchungskommission ernannt.

Feldwebel Eiffes, der die Bewegung leitete, wurde von seinen Vorgesetzten in Schutzhaft gesetzt. Die Soldaten erbrachen die Türe des Arrestlokals, befreiten den Führer mit Gewalt und verjagten die Offiziere. So war der Aufruhr da.

Die von der Kammer bezeichnete Kommission hatte wenig Glück. Unsern Kriegern, vor allem ihrem selbstgegebenen Haupt, war es um eine rasche Erledigung sämtlicher Forderungen zu tun, nicht um eine besonnene, zweckentsprechende Untersuchung. Bald auch wird von ihren Anhängern der Argwohn verbreitet, als arbeiteten im Schoße der Kommission so manche gegen die Freiwilligen. Nun gab der Kommissionspräsident, Herr Lacroix, seine Entlassung. An die Soldaten aber erging die Aufforderung, vorerst in die Schranken der Ordnung zurückzukehren. Die wackeren Jungen wollten davon so wenig hören, daß aus dem Munde eines andern Kommissionsmitgliedes die Worte fielen, mit Rebellen könne man nicht verhandeln.

Während unserer Abwesenheit erschien eine Abordnung in der Regierung. Hier wurde ihnen der Bescheid, angesichts der durch die Kammer anberaumten Untersuchung sei ein Eingreifen von Verwaltungsseite recht erschwert worden, doch möchten die Mannschaften sich vorher wieder der Gesetzlichkeit und Ordnung unterstellen.

[S. 96]

Die Truppe weigerte sich weiter, ihre Offiziere wieder anzuerkennen, und richtete am 29. Dezember an die Untersuchungskommission eine Bittschrift von über sechzig Punkten mit den schwersten Anschuldigungen gegen die Offiziere.

In einer eigenen Flugschrift gaben sie sodann die hauptsächlichsten Anklagen der Öffentlichkeit preis und bewogen damit ihre Vorgesetzten, ihrerseits gegen die Schmähschrift bei der Staatsanwaltschaft Klage einzureichen.

Inzwischen hatte sich die Kaserne als Militärschule eingerichtet; doch die Mannschaften bezogen die Wache wie sonst.

Die Gendarmen hatten ebenfalls Klagen und Wünsche vorzubringen. Sie weigerten sich aber, mit den Meuterern gemeinsame Sache zu machen. Sie standen treu zur Obrigkeit und zur Ordnung.

Des Zündstoffes häufte sich tagtäglich mehr. Als die Einzelheiten des Empfangs bei Herrn Pichon bekannt wurden, erhob sich bei den Gegnern der Dynastie und des Referendums ein Gewieher der Befriedigung.

Der Prozeß der Nassau-Braganza, hieß es, ward in Paris entschieden, und zwar gegen sie. Das Volksreferendum ist überflüssig geworden.

Wir aber walteten nach Pflicht und bestem Vermögen. Am 30. Dezember versammelte sich um die Großherzogin ein Kronrat, dem auch die Präsidenten der Kammer und des Staatsrats beiwohnten. Man beschloß folgende Mitteilung an die Regierungen der Verbündeten und Nordamerikas: „Die großherzoglich-luxemburgische Regierung hat die Verträge mit Deutschland über die Zollgemeinschaft und die Eisenbahnen gekündigt. Die Regierung wünscht mit den Verbandsmächten Verhandlungen wegen einer neuen wirtschaftlichen Annäherung anzuknüpfen. Sie stellt die Unabhängigkeit des Großherzogtums unter den hohen Schutz der Mächte."

Damit wurde das langjährige Band mit Deutschland, das dieses selbst durch den rohen Einfall von 1914 einseitig zerrissen hatte, endgültig gelöst. Das Tor zu einer neuen Zukunft stand offen.

[S. 97]

Die Gegner stimmten ein Zetermordio an über die Dreistigkeit einer am Boden liegenden Regierung, die sich solche souveränen Schritte herausnähme.

Mit trübem Mute traten wir über die Schwelle des Jahres 1919.

Auch ließ die Antwort aus Paris noch immer auf sich warten.

Wenn sie sich noch einige Tage verzögerte, so dürften, das fürchtete ich, sogar die Kollegen meinen Worten und Versicherungen nicht mehr trauen. Umsomehr als von Privatseite die widersprechendsten Gerüchte aus Paris einliefen und uns in der Regierung heimsuchten.

Endlich, am 3. Januar nachmittags, kam der Bote. Ich riß das Blatt unter Herzklopfen auf und las: „Soeur va mieux, suit bien les conseils du médecin luxembourgeois."

Ich ging zum Staatsminister und deutete die Botschaft. „Großherzogin Charlotte wird anerkannt. Nur muß sie den Ratschlägen ihrer Regierung entsprechend handeln."

Welches Wort und welche Geberde an erster Stelle von ihr erwartet wurden, war uns bekannt.

Wir begaben uns zu Maria Adelheid. Ich unterbreitete das Telegramm und berichtete. Sie war bereit, der Schwester zu weichen.

Draußen ging die Hetze zielbewußt weiter. In Belgien brach der Annexionshunger in ein stets heisereres Gekläffe aus.

Aus Paris herüber kam Bote auf Bote und meldete, und immer aus erster, bestimmter Quelle, auch Charlotte werde nicht anerkannt werden; Herr Mollard habe das ausdrücklich erklärt.

Ich legte mich auf die eingelaufene Drahtung fest, stärkte die Hoffnung und belebte den Glauben.

Die Rechtspartei ließ Listen umgehen und forderte das Volk auf zu einer Massenkundgebung an die Kammer. Die Eingabe begehrte: 1. Politische Unabhängigkeit und wirtschaftlichen Anschluß an die Westmächte; 2. Das Referendum über Staatsform und Dynastie; 3. Unveräußerliches Selbstbestimmungsrecht des luxemburgischen Volkes.

[S. 98]

Die Listen füllten sich umgehend mit Zehntausenden von Unterschriften.

Die Action Républicaine ihrerseits schürte aus Leibeskräften unter dem fanatischen Eifer der gegnerischen Zeitungen. Die Pariser Reise wurde grimmig ausgebeutet. Man wähnte sich des Sieges gewiß.

Sämtliche Parteien rüsteten für die nächste Kammersitzung vom 9. Januar.

Auch wir mußten zu einem Entschluß gelangen und hielten Ministerrat.

Wir kamen vor lauter Bedenken nicht vom Fleck.

Herr Reuter hatte sich über die ausschließliche Tragweite des mir zugegangenen Telegramms in letzter Stunde volle Gewißheit holen wollen und zugleich einen äußersten Schritt zur Rettung der Fürstin versuchen lassen. Marschall Foch war bereit, bei der Regierung in Paris zu vermitteln, wenn die Großherzogin einen schriftlichen Wunsch äußern wolle. Maria Adelheid empfand unter der ersten Regung eine solche Handlung für unwürdig. Der Staatsminister gab zu erwägen, ob es doch vielleicht nicht ihre Pflicht sei, für sich selbst und für das Land dieses letzte Mittel zu ergreifen. Schließlich unterstützte ihn auch Großherzogin Maria Anna mit den Worten: „Ja, Kind, der Herr Staatsminister hat recht. Wir haben die Pflicht, auch dieses Opfer nicht zu scheuen." Nun schrieb Maria Adelheid, im alleinigen Verlangen, wie sie erklärte, dem Lande zu nützen.

Herr Reuter befördert den Brief in aller Eile nach Luxemburg. Der Zug des Marschalls wartet im Bahnhof; er ist glücklicherweise mit einigen Minuten Verspätung eingelaufen. Das Schreiben geht ab. Nach einigen Tagen kommt die Antwort. Dem Staatsminister wird darin aus sicherster Quelle die Versicherung, bei den Ententemächten sei die Stimmung ganz so, wie Herr Welter es dem Ministerrat auseinandergelegt habe; Maria Adelheid sei nicht zu halten.

Nun waren auch für Herrn Reuter die Würfel gefallen. Am 8. Januar kam es also im Regierungskonseil zur Abstimmung. Wir sprachen uns einmütig für die Abdankung[S. 99] der Großherzogin Maria Adelheid aus. Die Mehrheit forderte sofortige Entscheidung.

Regierungs- und Kammerpräsident sollten noch an demselben Mittwoch nach Berg fahren. Herr Collart bestand darauf, daß ich die beiden Herren begleite. Schließlich ging auch er mit.

Wir sprachen unterwegs bei einem Freund vor. Als dessen Gattin vernahm, worum es sich handle, geriet sie in unbeschreibliche Aufregung. Ihr Antlitz brannte. Sie sprang gegen uns mit dem zornigen Ruf: „Die Männer sind doch alle Feiglinge! Sie hätten das arme Kind bis aufs Blut verteidigen müssen!" Es wurde ihr die ruhige Antwort: „Glauben Sie uns, Madame, zu dem Schritt, den wir jetzt unternehmen, gehört des Mutes noch mehr."

Gegen 9 Uhr langten wir im Schlosse an.

Herr Reuter ging zuerst zur Großherzogin, dann empfing sie auch uns. Es war in dem anmutigen Rosazimmer. Wir führten alle dieselbe Sprache. Durch Frankreichs schroffe Ablehnung wird die wirtschaftliche Zukunft des Landes schwer geschädigt. Um die Dynastie zu retten, gibt es nur einen Weg. Maria Adelheid erklärt sich zum Rücktritt bereit. Neuerdings empfiehlt sie uns als Nachfolgerin aufs wärmste ihre Schwester Charlotte. Sie will alsbald mit ihr reden, um sie vorzubereiten. Morgen vormittag gegen halb elf wird sie selbst dem Herrn Staatsminister die Antwort bringen.


Am nächsten Morgen warten wir vergebens auf die in Aussicht gestellte Urkunde. Der Großherzogin sind über Nacht, unter eigener oder fremder Eingebung, Bedenken gekommen.

Sie läßt den Staatsminister wissen, sie sei bereit, gleich abzudanken, wenn die Rechtspartei ihren Abgang als für das Wohl des Landes notwendig erkläre.

Die Rechtspartei nimmt diesen Wunsch mit Verwunderung entgegen. Sie erwidert, sie weigere sich nachdrücklichst eine Erklärung abzugeben, die sie nicht geben könne. Maria Adelheids Verbleib, das sei die Überzeugung der Partei, würde an sich dem Lande nur zum Heil gereichen. Ob aber besondere Nebenumstände ihre Abdankung vielleicht[S. 100] nicht als ersprießlich erscheinen ließen, das zu beurteilen sei Sache der großherzoglichen Regierung.

Herr Reuter fuhr im Nachmittag des 9. Januar nach Berg und verständigte die Fürstin von dieser Auffassung der Rechtspartei. Sie verstand alsbald und sagte: „Die Partei hat recht. Mein Verbleib wäre, wenn nur möglich, eine Wohltat für das Land. Die Verhältnisse aber, die meine Entfernung vielleicht als geboten hinstellen, die zu beurteilen ist tatsächlich die ausschließliche Angelegenheit und Sorge von Großherzogin und Regierung."

Die Abdankungsurkunde wurde unter Zurateziehung eines ihrer entschlossensten Paladine in der Nacht vom 9. auf den 10. Januar aufgesetzt.

Die Ereignisse, die sich kurz vorher am Nachmittag und am Abend in Luxemburg abgespielt hatten, haben den letzten Entschluß Maria Adelheids nicht entscheidend beeinflußt.

Die junge Fürstin unterzeichnete in aller Seelenruhe und tröstete den Staatsminister, der in sichtbarer Erregung vor ihr saß, mit den Worten: „Man darf sich durch nichts aufregen lassen, Herr Reuter. Man muß die Dinge und Ereignisse sehen, wie sie sind, und sie auch so entgegennehmen."

[S. 101]

XII.

Vor Beginn der Kammersitzung des 9. Januar tagt und tobt auf dem Wilhelmsplatz eine republikanische Versammlung. Die Führer verlesen einen Aufruf an die Volksvertretung. Sie fordern die Absetzung der Dynastie und die Republik.

Die aufgeregte Menge zieht vor das Kammergebäude.

Im Sitzungssaal ist der Regierungstisch noch immer leer.

Der Tag setzt stürmisch ein. Eine Tagesordnung der Liberalen, gezeichnet von den Herren Brasseur, Pescatore, Palgen, Diderich, Gallé verlangt, aus Gründen der innern, und noch mehr der äußern Politik, wobei der Haltung des Herrn Pichon und dem Ausbleiben des Herrn Mollard ein besonderes Gewicht beigelegt werden, die Entfernung der Großherzogin und des Herrscherhauses.

Der Bürgermeister von Differdingen, dem die Erinnerungen an das Revolutionstribunal in Paris durch den Kopf spukten, schrie, eine auf dem Wilhelmsplatze tagende Volksversammlung habe soeben die Absetzung der Dynastie beschlossen. Man solle dem Volke den Zutritt in die Kammer gestatten, damit es durch eigene Wortführer seinen Willen verkünden könne.

Herr Schiltz mahnt, die Erörterungen über diese Angelegenheit etwas aufzuschieben; in vielleicht einer halben Stunde schon könne von Seiten der Regierung eine wichtige Meldung einlaufen, die jede Weiterdebatte überflüssig machen dürfte; er beantrage einstweilen, die zur Untersuchung der Militärverhältnisse eingesetzte parlamentarische Kommission aufzulösen und die Weiterführung dieser Untersuchung an die Regierung sowie an die Staatsanwaltschaft zu verweisen.

[S. 102]

Die Tribünen greifen fortwährend störend in die Verhandlungen ein. Nach vergeblicher Mahnung zur Ruhe unterbricht Herr Präsident Altwies die Sitzung unter dem verzweifelten Protest der Gegner. Die Sitzung wird an dem Tag nicht mehr aufgenommen.


Die Ereignisse jagen und überstürzen sich. Sie streifen dann und wann an die entscheidende Schicksalsstunde eines Volkes, überpurzeln sich ins Groteske und enden in der Lächerlichkeit.

Gleich nach Unterbrechung der Sitzung bemühten sich Radikale und Sozialisten, eine provisorische Regierung von fünf Mann auf die Beine zu bringen.

Im Kasernenhofe wartete inzwischen die Truppe ihrerseits auf die Ereignisse; doch waren nur die sog. Militärschüler anwesend. Einige Mitglieder der Action républicaine hatten den Leuten vorher verkündet, im Laufe der Nachmittagssitzung werde es in der Kammer, unter dem Druck des Volkes, zur Ausrufung der Republik kommen; eine neue Regierung werde eingesetzt; die Soldaten möchten sich bereit halten, um dieser republikanischen Regierung zur Verfügung zu stehen.

In der Kammer aber konnten sich die Linksparteien nicht so im Handumdrehen auf die neue Regierung einigen. Die Menge draußen schwoll stets stärker an und schrie immer ungeduldiger nach den Namen des republikanischen Ministeriums. General de la Tour trat in das Kammergebäude und erinnerte die Abgeordneten an seine Pflicht, für die öffentliche Ordnung zu sorgen und alle störenden Ansammlungen zu verhindern; wenn die Herren in einer Viertelstunde die Menge nicht beschwichtigt hätten, so müsse er eingreifen. Der Bürgermeister von Luxemburg wollte von der Kammertreppe herunterreden; er wurde ausgezischt. Feldwebel Eiffes rief dem Volke zu, er werde die Militärmusik kommen lassen und sie wollten dann einen Umzug durch die Stadt halten. Alles johlte und niemand wich.

Vor der Hand schrie ein Quidam von der Treppe des Kammergebäudes herunter die Republik aus. Allgemeines Hallo und Gebrüll!

[S. 103]

In die Kaserne wird sofort gemeldet, die Kammer habe den Beschluß der Volksversammlung gebilligt und die Republik eingesetzt; die Mannschaften möchten sich der neuen gesetzmäßigen Ordnung anschließen. Darauf entfernen die Militärschüler den Namenszug der Großherzogin von den Tschakos und erklären sich für die Republik.

Im hohen Haus aber stößt die Einrichtung des Wohlfahrtsausschusses auf mannigfache Schwierigkeiten. Frühere Politiker, die man für die neue Regierung gewinnen wollte, lehnen ab. Doch gelingt es schließlich, eine Anzahl Leute zusammenzubringen, die für den andern Tag die provisorische Regierung gebären sollen. Dieser öffentliche Wohlfahrtsausschuß besteht aus den Herren Emil Servais, Brasseur, Pescatore, Probst, Jos. Thorn, Mark, Kayser und Diderich.

Herr Eiffes bringt den neuen Männern kein rechtes Vertrauen entgegen und aus dem Volke schallt es ihnen zu, sie sollten sich nur nicht erlauben, Komödie zu spielen.

Jetzt kommt auch die Militärkapelle heranmarschiert und sucht, die Menge an ihren klingenden Zug zu fesseln. Der Pöbel steht wie eine Mauer. Da erscheinen französische Soldaten und schaffen Raum.

Inzwischen sitzt der Wohlfahrtsausschuß an seiner ersten Botschaft an das Volk. Die Sache fleckt nicht. Feldwebel Eiffes redet ein Herrenwort mit und macht dadurch die Sache nicht leichter. Er läßt den Herren endlich durch einen Soldaten melden, wenn der Aufruf nicht in fünf Minuten fertig sei, so werde er selbst die Sache in die Hand nehmen. Da läuft sogar dem Würdigsten der erlauchten Versammlung die Galle über und er schreit empört, eine Regierung könne man doch nicht aus dem Ärmel schütteln, und so ein Manifest auch nicht, und schließlich sei er nicht der Sklave des Herrn Feldwebels.

Unterdessen hatte die Musik ihre Straßenpromenade beendet und den Kiosk des Paradeplatzes umstellt. Die Menge lärmte vor Ungeduld über das Ausbleiben des Wohlfahrtsausschusses. Es sollten Leute bezeichnet werden, die im Namen des Volkes bei dem Ausschuß vorstellig würden.

[S. 104]

Endlich hatte der Ausschuß das neue Evangelium der Freiheit fertig. Die Väter des Vaterlandes stellten sich in Positur und marschierten unter dem Schutze des Herrn Eiffes zum Kiosk des Paradeplatzes, damit von diesem Kapitol der Stadt Luxemburg das Reich und das Heil verkündet werde.

Doch siehe, die Botschaft befriedigte nicht. Grundsätzlich zwar hatten sich die neuen Machthaber für die Republik ausgesprochen; sie erklärten aber, nur eine gesetzlich gewählte Nationalversammlung könne über die endgiltige Regierungsform befinden.

Der Pöbel pfiff und zischte; er wünschte unmittelbare Einrichtung der Republik. Dagegen sträubte sich das Gewissen der zum ersten Wohlfahrtsausschuß zählenden, vom Rechtsempfinden angekränkelten Advokaten, die den Weg der Gesetzlichkeit nicht verlassen wollten.

Herr Eiffes seinerseits trat vor und wollte erfahren, ob die Forderungen der Freiwilligen anerkannt würden. Ihm kam die Antwort, erst müsse das umfangreiche Dossier geprüft werden. Zu dieser Prüfung, so herrschte der Gewaltige zurück, habe man vierzehn Tage Zeit gehabt; seine Geduld sei zu Ende und er verlange sofortige Zustimmung.

Vergebens suchten die Redner die Masse zu beschwichtigen. Auch der verwöhnte „Sohn des Volkes" wurde niedergezischt. Da schämte sich der eine und andere der Vernünftigen vor sich selbst, trat von den Demagogen fort und ging nach Haus.

Der erste Wohlfahrtsausschuß hatte gelebt.

Während dieser den Platz überheulenden Groteske saßen in den Wirtshäusern um den Platz herum die echten Luxemburger Bürger, droschen ihren Skat, tranken ihren Humpen in aller Heiterkeit des Gemütes und ließen die Retter der Volksfreiheiten und die Heilande des Volkswohles schwitzen und schwatzen.

Kaum war der erste Wohlfahrtsausschuß gegangen, so beantragte Herr Eiffes die Ernennung eines zweiten: Dieser sollte sich zusammensetzen aus zehn Soldaten und zehn Bürgerlichen. Sofort und auf dem Platze selbst sollte der neue Soldaten- und Bürgerrat ausgewählt werden.[S. 105] Nach einer Pause gespannter Erwartung meldeten sich zu der Ehre vier Bürgerliche, jeder für sich eine wirklich außergewöhnliche Persönlichkeit. Sie begeben sich zur Kammer zurück. Die Menge wälzt ihnen nach. Von dem ersten Wohlfahrtsausschuß sind nur noch drei am Platz. Der zweite Wohlfahrtsausschuß setzt sich ans Werk und müht sich über Nacht.

In der Nacht kommt es zu bedauerlichen Ausschreitungen. Ein verzweifelter Bursche, früherer Telegraphenbeamte, bricht ins Postgebäude ein, um nach Telegrammen und Flugschriften Umschau zu halten.

Am Morgen des 10. Januar sind Regierung, Schloß, Post und Sparkasse von französischen Soldaten bewacht oder besetzt.

Im Kammergebäude bildet sich nach vielen Verhandlungen zwischen Sozialdemokraten, Republikanischem Ausschuß und Soldatenführern eine neue vorläufige Regierung. Es gehören dazu die HH.: René Blum, Gaston Diderich, Jacques Gallé, Aloys Kayser, Adolf Krieps, Eduard Léon, Emil Mark, Josef Palgen, Jakob Schaack, Emil Servais, Josef Thorn, Jules Ulveling, Dr. Michel Welter. Die Dreizehn Männer lassen gegen halb fünf Uhr nachmittags, wieder von der Kammertreppe herunter, aus Greisenmund die Abschaffung der Dynastie und die Republik verkünden.

Auch im Regierungsgebäude sprechen die neuen Männer vor, um sich beim Staatsminister als die Erwählten des Volkes zu melden und unsere Plätze einzunehmen. Sie wurden nicht vorgelassen und nahmen bald einen stillen Abgang, denn die wachehaltenden Poilus flößten ihnen kein rechtes Vertrauen ein.

Die Regierung ihrerseits blieb nicht untätig.

Freiwilligenkompanie und Musik wurden wegen umstürzlerischer Haltung aufgelöst; eine Neubildung des „Korps", so hieß es im Regierungsbeschluß, werde zur geeigneten Stunde erfolgen.

Die Gendarmen hatten sich hartnäckig geweigert, die Meuterei mitzumachen. Sie wollten ihre eigenen Forderungen auf dem friedlichen Verwaltungswege erreichen und erklärten, an der Bewegung in der Kaserne unbeteiligt[S. 106] zu sein. Wir waren leider nicht genügend über den guten Geist unterrichtet, der diese wackere Truppe beseelte.

Eine durch Feldwebel Eiffes im Kasernenhof einberufene Massenversammlung wurde von dem französischen Ordnungsdienst vereitelt.

Der neue Wohlfahrtsausschuß erschöpfte sich im Aufstöbern geeigneter Wege, um mit den ausländischen Gesinnungsgenossen in Verbindung zu treten, und besonders um die Ansicht Pichons und der französischen Regierung über ihre zukünftige Stellung zum Großherzogtum zu erfahren.

Alle für die Sicherheit des Staates gefährlichen Telegramme wurden zurückgehalten.

An die Bevölkerung erließ die Regierung folgenden Aufruf:

Mitbürger!

Eine revolutionäre Bewegung ist gestern in der Hauptstadt unseres Landes ausgebrochen. Sie bezweckt die Ausrufung der Republik und die Absetzung der Dynastie.

Durch die Unruhen, zu denen diese ungesunde Aufregung führen muß, wird die nationale Ehre und die Unabhängigkeit des Großherzogtums in der kritischsten Stunde seiner Geschichte schwer bedroht.

Die Regierung richtet an alle Bürger, denen die Wahrung dieser kostbarsten Güter am Herzen liegt, die dringende Bitte, mit Einsetzung aller Kraft für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und der Gesetzlichkeit einzutreten.

Dies ist umso notwendiger, als sich das Land vor die folgenschwersten Entscheidungen, von denen die Zukunft seines wirtschaftlichen Aufschwungs abhängt, gestellt sieht. Die Regierung ist willens, den wirtschaftlichen Anschluß an die Ententemächte, besonders an Frankreich und an Belgien, herbeizuführen. Die zu dieser Annäherung erforderlichen Verhandlungen müssen in naher Zukunft angeknüpft werden.

Tatsachen der letzten Wochen haben bewiesen, daß die Person unserer Landesherrin unter Umständen den Verlauf dieser Verhandlungen ungünstig beeinflussen könnte.

[S. 107]

Ihre Königliche Hoheit, der das Wohl des Landes warm am Herzen liegt, erklärte sich deshalb bereit, der Krone zu entsagen. Sie ersucht die Regierung, die zur Wahrung der nationalen Unabhängigkeit und der Beibehaltung der Dynastie gebotenen Maßregeln zu treffen.

Zur Erledigung dieser Pflicht wird die Regierung ohne Verzug mit der Kammer in Verbindung treten.

Die Regierung ist überzeugt, daß in diesem Augenblick die Erhaltung der Dynastie eine wesentliche Gewähr ist für den Bestand unserer nationalen Selbständigkeit, und daß auch die Verwirklichung des erwünschten wirtschaftlichen Anschlusses dadurch in keiner Weise beeinträchtigt wird.

Das höhere Wohl des Vaterlandes gebietet uns, das Volk nicht auf den verhängnisvollen Weg der Anarchie hinauszudrängen. Dieser Wunsch wird von der übergroßen Mehrzahl unserer Mitbürger geteilt.

Der endgiltige Entscheid über die dynastischen, sowie über alle übrigen, das Schicksal des Landes betreffenden Fragen bleibt der Willensäußerung des Luxemburger Volkes vorbehalten, das in aller Freiheit und auf gesetzliche Weise darüber befinden soll.

Wir bitten unsere Mitbürger inständigst, sich auf dem Boden der nationalen Verständigung einmütig zusammenzuschließen. So allein sichern wir unsere Würde angesichts der großen, uns befreundeten Nationen. So allein erhalten wir unserm Lande die Ruhe und den Frieden, deren es so dringend bedarf.

Luxemburg, den 10. Januar 1919.

Die Mitglieder der Regierung,

E. Reuter,
N. Welter,
A. Liesch,
A. Neyens,
A. Collart.


Das Regierungsgebäude selbst bietet ein abenteuerliches Bild. Gleich das Eingangstor steht unter dem Schutz eines französischen Jägers. Nur wer sich ausweisen kann, erhält Zutritt.

[S. 108]

In der Vorhalle starrt eine Gewehrpyramide. Im Vorzimmer, im Gang, lehnen und wandeln blaue Krieger im Stahlhelm. Am Abend, beim elektrischen Licht, wird der Eindruck geradezu phantastisch. Man wähnt sich in einer Wachstube aus spät mittelalterlicher Zeit, aus den Tagen der Reisläufer und Landsknechte.

Für unsere Sicherheit ist gut gesorgt. Aber man trägt in sich das beschämende Gefühl: „Fremde müssen die Ordnung und die Vertreter der öffentlichen Ordnung schützen, weil die Luxemburger Mannschaften, gleich das erste Mal, wo die Pflicht des Fahneneides an sie herantrat, schimpflich versagten."

Im Kammergebäude geht es inzwischen zu wie in einem Bienenhaus. Ein verworrenes Abundzu, Ausundein, ein Schwirren und Schwärmen, besonders von Leuten, die dort nichts zu suchen haben.

Schließlich fühlte sich der französische Offizier, dem die Aufrechterhaltung der Ordnung in den Straßen anvertraut war, durch die ewige Unruhe behindert, und meinte zu Herrn Altwies, seines Erachtens sei nun auch für den Herrn Kammerpräsidenten die Zeit gekommen, im Parlamente selbst Ordnung zu schaffen.

Wir ließen den Gendarmeriehauptmann rufen. Der war der Meinung, er könne zu der Säuberung des Gebäudes nur zwei zuverlässige Leute zur Verfügung stellen.

„Das wäre allerdings wenig, beschied ihm Herr Altwies; doch gehen Sie immerhin mit den beiden Leuten in die Kammer und fordern Sie die unbefugten Eindringlinge auf, sich zu entfernen. Ihre Haut brauchen Sie dabei nicht zu Markte zu tragen. Dann erstatten Sie mir schriftlich Bericht."

Herr Beck ging und meldete bald nachher, die zwei Brigadiers hätten, dem Befehl des Kammerpräsidenten entsprechend, die in der Kammer Anwesenden zum Fortgang ermahnt; ein Abgeordneter habe geantwortet, der Kammerpräsident habe nichts mehr in der Kammer zu suchen; die übrigen hätten auch keine weitern Anstalten zum Fortgehen getroffen; daraufhin hätten sich die beiden Gendarmen zurückgezogen.

[S. 109]

Der Wohlfahrtsausschuß stellte jetzt Nachweiskarten aus, deren Trägern allein das Betreten des Kammergebäudes gestattet wurde.

Die folgende Nacht gebar manch neuen Unfug. Der Regierungsaufruf wurde auf dem Wege von der Druckerei zur Post von Militärschülern entwendet und verschleppt. Ein Anschlag auf das Staatsauto wurde durch die Geistesgegenwart des treuen Gendarmen und Führers, Herrn van Dyck, vereitelt.

Im Vormittag des 11. Januar verhinderten eine Anzahl Militärschüler den Versand des „Luxemburger Wort". Ein Haufen Nummern wurde aus der Bahnhofsbibliothek geraubt und verbrannt. Der Redaktionshof mußte durch französische Mannschaften behütet werden.

Gegen Abend erschien ein neues Mal die revolutionäre Regierung in St. Maximin und verlangte, vom Staatsminister empfangen zu werden. Ihr wurde eine schriftliche Absage hinausgeschickt. Einige Mitglieder beriefen sich auf ihre Eigenschaft als Abgeordnete. Sie erhielten den Bescheid, sie hätten sich als Abgeordnete selbst außerhalb des Gesetzes gestellt. Da kam die Antwort: Schön, so würden sie warten. Das bleibe ihnen unverwehrt, scholl es zurück.

Kurz nachher verließen wir einzeln das Haus. Die Herren hockten im Vorzimmer und sahen uns gehen. Da kehrten sie still in die Kammer zurück. Hier wartete ihrer bald eine neue Überraschung.

Wir hatten inzwischen die Gendarmen, die sich erreichen ließen, in die Regierung beschieden. Herr Generaldirektor Liesch, als Chef der Justiz, prüfte sie auf ihre Gesinnung. Sie stellten sich sämtlich der Regierung in strammer Entschlossenheit zur Verfügung. Sie erhielten den Befehl, der Weisung des Kammerpräsidenten entsprechend zu handeln.

Nach wie vor hielten sich mit dem Wohlfahrtsausschuß auch eine Anzahl Freiwilliger im Kammergebäude auf. Die Ordnung im Hause wurde nicht gerade als erbaulich gemeldet. Herr Altwies beschloß, sein Haus endgiltig zu säubern.

[S. 110]

Im Hinweis auf den vom Gendarmeriehauptmann vergeblich unternommenen Versuch, forderte er den französischen Leutnant, der die Zugänge zur Kammer bewachte, auf, die Revoluzzer in Uniform aus dem Hause zu entfernen. Die trutzigen Militärschüler räumten das Feld.

Dann erhielten unsere Gendarmen den Befehl, alle übrigen im Kammergebäude anwesenden Personen, ob Abgeordnete oder nicht, an die Luft zu setzen. Die Leute traten an. Ehe sie noch die Treppe erstiegen hatten, war der letzte Wohlfahrtsausschüssler verduftet. Sie tagten in einem nahen Wirtshaus weiter.

Herr Altwies verfügte, daß die Kammer bis zur nächsten Sitzung geschlossen bleibe. Zutritt sollte nur erhalten, wer sich schriftlich vom Präsidenten oder der Regierung ausweisen könne.

Sonntag vormittag, den 12. Januar, sollten die Freiwilligen im Kasernenhofe auf die Republik vereidigt werden. Da lasen sie an der Mauer eine Regierungserklärung des Inhalts, sämtliche Leute, die an der Eidesleistung teilnähmen, könnten nicht wieder eingestellt werden; wer sich aber zu einer besseren Einsicht bekehre, der dürfe sich für die Neubildung der Kompanie in der Regierung wieder anmelden; die Gesuche würden einzeln geprüft und erledigt werden.

Die Eidesleistung fand nicht statt.

Gegen halb zwölf erschien in der Regierung eine Abordnung aus der Kaserne, bestehend aus zwei Feldwebeln, zwei Sergeanten, zwei Gemeinen. Sie seien gekommen, so erklärten die Leute, im Namen aller Soldaten, auch im Einverständnis mit Feldwebel Eiffes, um zu melden, daß ihr unüberlegter Schritt ihnen leid tue. „Gewisse Politiker", gestanden sie, „haben uns irre geführt. Wir sind bereit, in die Ordnung zurückzutreten."

„Gut!" lautete der Bescheid. „So beugen Sie sich vorher dem Befehl und lösen sich auf. Der Namenszug der Großherzogin muß sofort wieder auf den Tschakos erscheinen. Kleider und Waffen werden ordnungsgemäß abgeliefert. Dann gehen Sie nach Hause und warten das Weitere ab."

Am Nachmittag schon begann der Auszug aus der Kaserne. Jeder einzelne Soldat erhielt durch den Hauptmann[S. 111] die auf seinen Namen lautende Entlassung aus dem großherzoglich-luxemburgischen Militärdienst eingehändigt und es wurde ihm damit der Abschied erteilt.

Die Ausreise verlief nicht ohne Humor und unter muntern Zwischenfällen. Vor und hinter allerlei Fuhrwerken, die mit Körben und Kisten hochbepackt waren, zogen sie gruppenweise, in Uniform, in Zivil, zum Bahnhof. Den meisten der Jünglinge war bei dem Werke des Umsturzes überhaupt nicht ganz geheuer gewesen. Sie waren froh, so leichten Kaufes wieder zu Muttern zu kommen. Ihr Haupttrupp zog hüteschwenkend über den Viadukt und sang im Chor: „Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus."

Wäre es den Vertretern des Öslings, den Herren Böver und Prüm, nach Wunsch gegangen, den edlen Kämpen wäre von den Nachkommen der Klöppelmänner ein ganz anderer, gar übler Empfang bereitet worden. Das wenigstens war die erzieherische Absicht, die die beiden Abgeordneten bei ihrer forschen „Proklamation an die Öslinger" geleitet hatte.

Herr Feldwebel Eiffes fand den Weg über die Grenze. Die Mitglieder der Militärkapelle baten ebenfalls um Verzeihung und Vergessen.

Eine Anzahl Reuiger unter den Entlassenen wandte sich kurz nachher an den Staatsminister mit der Bitte um Wiedereinstellung; sie überreichten zugleich die folgende Erklärung, die den ganzen Putsch in die richtige Beleuchtung und Bedeutung rückt und beweist, wie eine innerverwaltliche Angelegenheit in zielbewußter Vorbereitung zu einer politischen umgewandelt wurde:

„Die Unterzeichneten beehren sich, Ew. Exzellenz folgende Erklärung abzugeben:

Wir bedauern an den politischen Ereignissen der letzten Tage Anteil genommen zu haben. Es ist dies nicht unsere Schuld. Wir waren stets bestrebt, aus unserer rein internen militärischen Angelegenheit jede Politik fernzuhalten. Lediglich falsche Vorspiegelungen und geheime Umtriebe haben uns zu diesem Schritt geführt.

Um unsere Haltung in dieser Hinsicht näher zu kennzeichnen, seien folgende Tatsachen angeführt:

[S. 112]

1. Zu jeder Zeit haben wir gegenüber dem Hauptbeteiligten offen unsere Meinung vertreten, daß wir eine eventuelle Einmischung in die Politik nicht billigen könnten. (Aus diesem Grunde erklärt es sich, warum dieser uns über seine Beziehungen zu Außenstehenden bis zur letzten Stunde keine Mitteilung machte.)

2. Um bei uns keinen Argwohn zu erregen, wurde uns versichert, unsere Angelegenheit bezwecke nichts Politisches.

3. Als für Donnerstag, den 9. Januar, eine Kundgebung auf dem Wilhelmsplatz angesagt war, verlangten die Unterzeichneten die Konsignierung der Truppe, weil dieselben in diesem Umstand die beste Garantie erblickten, die Freiwilligen von dieser Bewegung fernzuhalten. Dieses Zugeständnis wurde uns aber erst nach längerm Zögern gemacht.

4. Wir hatten keine Kenntnis davon, daß die Absetzung der Dynastie sowie die Proklamierung der Republik in der von uns einberufenen Versammlung in der Kaserne auf der Tagesordnung standen.

Dadurch, daß dies dennoch geschah, waren wir vor eine fertige Tatsache gestellt.

5. In derselben Versammlung wurden uns falsche Nachrichten über die Vorgänge in der Abgeordnetenkammer überbracht, welche dahin lauteten, Großherzogin und Regierung hätten abgedankt, die Kammer hätte die Republik erklärt, und eine neue Regierung sei gebildet. Diese Nachricht riß die ahnungslose Kompanie mit sich fort und verleitete dieselbe, sich den politischen Kundgebungen von draußen anzuschließen.

Aus vorstehenden Erörterungen mögen Ew. Exzellenz ersehen, auf welche hinterlistige und versteckte Weise wir irregeleitet und gegen unsere Absicht und unseren Willen zu dem verhängnisvollen Schritt geführt wurden, der uns unsers Ansehens beraubt hat und der unsere Existenz zu vernichten droht, für die wir während langen Jahren dem Staat unsere besten Kräfte und unsere Gesundheit geopfert haben.

Genehmigen Ew. Exzellenz den Ausdruck unserer größten Hochachtung."

[S. 113]

Am Sonntag abend den 12. Januar schon beschloß der Wohlfahrtsausschuß einstimmig nachstehende von den dreizehn Mitgliedern gezeichnete Mitteilung an die Blätter:

„Auf Grund der Erklärungen, die General de la Tour der Delegation des Wohlfahrtsausschusses unterm Datum des 11. Januar gegeben hat und denen zufolge er den Wohlfahrtsausschuß ermächtigt, der Bevölkerung mitzuteilen, unter welchen Umständen die republikanische Bewegung durch das Einschreiten der französischen Truppen gehemmt wurde, sieht sich der Wohlfahrtsausschuß gezwungen zu erklären, daß er die republikanische Bewegung keineswegs einstellen wird, daß aber angesichts der Maßnahmen, welche die fremden Truppen auf Ersuchen der Regierung und des Präsidenten der Abgeordnetenkammer ergriffen haben, der Wohlfahrtsausschuß nicht mehr in der Lage ist, alle Mittel zu gebrauchen, die die Luxemburger Verfassung und die Landesgesetze zu seiner Verfügung stellen.

Der Wohlfahrtsausschuß wird mit Hilfe der ihm übrig bleibenden Freiheit die Einführung der republikanischen Staatsform betreiben."

Ein vertrackter Satz, voll Verdrehungen, Verrenkungen und Verschlagenheit! Aber doch ganz klar in seiner Bedeutung: Die Revolution war gescheitert.

[S. 114]

XIII.

Für Dienstag, den 14. Januar 1919, war die Kammer einberufen. Am 11. Dezember 1918 hatte ich sie verlassen und seither das Gebäude nicht mehr betreten.

Dem Rufe der Mehrheit, als Geschäftsministerium weiterzuwirken, hatten wir keine Folge geleistet.

Noch am 9. Januar tagte die Kammer ohne Regierung. Der Revolutionssturm war inzwischen abgeschlagen worden und noch hatten Herr Liesch und ich uns zu keinem neuen Entschluß aufraffen können.

Am 13. Januar erschien die Regierung vor Großherzogin Maria Adelheid. Auch ihre Nachfolgerin war anwesend. Maria Adelheid bat uns, ihre Schwester in dieser schweren Stunde nicht zu verlassen. Großherzogin Charlotte wiederholte diese Bitte.

Wir sahen uns an und schwiegen. Wir fühlten uns müde und mutlos. Endlich sagte Herr Liesch: „Ja, Königliche Hoheit. Aber es wird einem nicht leicht." Ich fügte hinzu: „Es fällt allerdings schwer, aber es geht nicht anders, wir sehen es ein."

Damit war die neue Regierung gebildet.

Noch heute wird immer wieder gedruckt, die Regierung Reuter sei nach ihrem Abgang am 11. und 12. Dezember ruhig vor die Kammer zurückgekehrt; denn diese habe sie in ihrer großen Mehrheit schon am folgenden Tage aufgefordert, als Geschäftsministerium ihres Amtes weiterzuwalten. Dieser Aufforderung war jedoch von uns nicht entsprochen worden.

Niemand von uns hatte in den fünf Wochen jemals an diese Möglichkeit denken wollen, seitdem der von mir im letzten Augenblick gewagte Vorschlag von den Sozialisten höhnend abgewiesen worden war.

[S. 115]

Wir blieben inzwischen am Ruder, nicht weil uns die Kammer am 13. Dezember als Geschäftsministerium neu bestätigt hatte, sondern weil eben kein anderer für uns einspringen konnte noch wollte. Wir schafften im übrigen, was uns die Sorge um die Zukunft unseres Volkes als Pflicht auferlegte.

Die Ereignisse überfielen uns. Wir hielten stand. Aber Maria Adelheid hatte abgedankt. Prinzeß Charlotte sollte den Verfassungseid leisten.

Wer anders konnte diese bedeutsame Entscheidung vertreten, als die Männer, die sie herbeigeführt hatten! Wer anders durfte und mußte dafür die Verantwortung vor dem Volk und vor dem Ausland übernehmen? Wäre es nicht Feigheit gewesen, sich dieser Verantwortung zu entziehen?

Zudem war, trotz des einstweiligen Erfolges, die Gefahr noch nicht vorbei, weder für die Dynastie, noch für das Land. Die schwersten Kämpfe standen noch bevor. In der Kammer wird, das wußten wir, die entfesselte Bestie toben. Jenseits der Grenzen lauert der Feind und wartet auf den Fall der reifen Frucht.

Der Rettungsfaden, den wir in Paris angeknüpft haben, ist nur für den Eingeweihten vorhanden, und auch für diesen nur, soweit er gläubigen Herzens ist. Wir müssen uns alle einsetzen für das Gelingen dessen, was ein Einzelner von uns glaubte wagen zu müssen. Wie hätte da besonders ich mich drücken dürfen!

Als nun die beiden Fürstinnen ihre Stimme vereinen, da ist es entschieden: Wir werden vor die Kammer zurückkehren.

Das Koalitionsministerium aber hat damit keine Auferstehung erfahren.

Zwar sind es dieselben Männer, die sich zum neuen Gang vor die Volksvertretung entschlossen haben. Doch kommen sie in anderm Auftrag, beehrt und beschwert mit dem Vertrauen eines neuen Herrschers.

Sie kommen mit einer andern Aufgabe. Sie sollen nicht mehr als Koalitionsregierung zwischen den einzelnen Parteien vermitteln.

[S. 116]

Sie kommen als ein Ministerium der nationalen Verteidigung. Sie wenden sich an alle patriotischfühlenden Männer in der Kammer, welcher Richtung sie angehören. Ihr Ziel ist die Rettung der Freiheit und der Unabhängigkeit ihres Landes aus der vielleicht schwersten Bedrängnis seiner neueren Geschichte.

Sie holen sich für ihr Handeln das Gesetz allein bei der Notwendigkeit und bei ihrem Gewissen.

Sie kommen in geschlossener Einheit, mit dem Mute der Aufrichtigkeit; sie unterwerfen sich von vornherein dem Urteilsspruch der Nation.


[S. 119]

Zweites Buch.

XIV.

Wie sehr auch die Lage des Vaterlands drängt,
Bewahr deine Kunst dir als reine;
Wer sich in die patriotische Kleie mengt,
Den fressen die politischen Schweine.

An diesen grimmigen Spruch Grillparzers mußte ich in den folgenden Wochen häufig denken, wenn es in Kammer und Zeitungen gegen mich sprang und grunzte.

Meine Person und meinen Namen hatte ich dem politischen Zank und jeder Bosheit hingeworfen. Aber ich vertraute auf die im Laufe der Jahre gewonnene nachsichtige Skepsis, um mich gegen die Stänker zu behaupten. Ich kannte meine Pappenheimer, und besonders deren Flügelmänner. Auch unsere kleinstädtischen Pressetürken und die krittlenden Mamelucken unter ihrem knechtischen Troß.

Für den parlamentarischen Verkehr mit den früheren politischen Freunden steckte ich mir eine ganz persönliche Richtschnur fest.

Ich verstand ihren Groll und entschuldigte ihren Haß. Ich wollte bewußt kein Wort fallen lassen, das als Herausforderung verletzen könnte. Ich nahm mir vor, auf die unvermeidlichen Anwürfe und Verdächtigungen nur das Nötigste zu erwidern, mich auf eine verschwiegene Zurückhaltung zu beschränken, auf die Gefahr hin, als der Mann mit dem bösen Gewissen und als der Minister im Klebsessel zu gelten.

Wie sich der frühere Freund von ähnlichen Gefühlen leiten ließ, erkannte ich aus dem Umstand, daß er in all den Sitzungen, wo meine Person im Mittelpunkt der[S. 120] Aufmerksamkeit und im Vordergrund der Angriffe stehen mußte, abwesend war.

Ich stellte das jedesmal mit wehmütiger Genugtuung fest. Statt seiner besorgten andere das Werk der Abrechnung, und das mit Lust und mit Lärm.

Ich war natürlich der Abtrünnige, der Wortbrüchige, der Verräter, der Kleber und Streber, der für seine zwölftausend Franken Ministersold seine Überzeugung verkauft hatte. In die Hand hätte ich der Partei versprochen, auf den ersten Wink auszutreten! Ad nutum hätte ich mich ihr zur Verfügung gestellt! Geschworen hätte ich, auf den ersten Pfiff zurückzustehen! Ad nutum! Man kann sich denken, wie das geheimnisvolle Wort, in dem tragischen Tonfall, die lateinunkundigen Zuhörer mit einem fröstelnden Gruseln überrieselte beim Anblick des moralischen Halunken, der hinter dem Ministertische in seiner Schande saß und schwieg! Ad nutum! Und dabei sauste die Luft von den sie bearbeitenden Faustschlägen oder den wie tobsüchtig mähenden Armen; gesteifte und weiche, rote und blaue Männerbrüste knitterten und knackten, Verbissenheit schwitzte, Ingrimm dampfte, Bosheit krähte, Rächerzorn durchschütterte Pfeiler und Decke, die Augen der Reinen glänzten und die Herzen der Treuen bebten in der Runde.

Ich saß gewöhnlich kühl bis an den Hals und sagte mir zum Troste den Reim vor, der mir in einer dieser Zirkusstunden angeflogen war:

„Was soll das Gebelfer und das Geschrei,
Das grimme Gesichterschneiden:
Das Land steht über der Partei!
Auch ihr sollt's lernen und leiden!"

Im übrigen bliesen sie Wind und streuten Sand.

Aber die Schäker von damals sind sie geblieben.

Ich bin ihnen immer noch der bequemste Mann des Großherzogtums. Kommt ihnen das Bedürfnis nach sittlicher Entrüstung, so trommeln sie auf dem breiten Rücken des einstigen Vertrauensmannes einen Sturmmarsch der Verachtung. Kommt ihnen das Bedürfnis nach Versen für ihre Feiertage, sie suchen und finden sie regelmäßig und fast ausschließlich in den Gedichten desselben[S. 121] wortbrüchigen Verräters. Sie stehlen dann wie die Spatzen, ohne zu fragen, und sie lohnen mit Spatzen .... dank.

So hielten sie es in der „Schmiede". So halten sie es in der „Arbeiterzeitung". In der Festnummer zum 1. Mai 1825 prangt unter meinem vollen Namen mein bis dahin immer noch ohne Namen erschienenes Frühlingslied an die Schlehenblüte und den Weltfeiertag, ohne jede Druckermächtigung meinerseits. In der Kammersitzung vom 25. Mai aber verspürt ihr parlamentarischer Wortführer wieder den Reiz, sich in heiliger Empörung aufzuregen über „diesen Mann", denn, so tönt es, „dieser Mann hatte uns in einem gegebenen Augenblick sein Ehrenwort gegeben (sobald wir mit der Regierung nicht mehr einverstanden wären, würde er ohne weiteres zurücktreten ...), und in einer Besprechung mit uns erklärt, er gehe weiter als wir selbst, er sei Edelanarchist (!)."

So nützen sie mich moralisch, plündern mich literarisch und werden an mir zum Dichter. Wenn ich nicht da wäre, sie müßten mich erfinden.

Ihre Märchen aber zerfließen im hellen Tag. Als ich mich im September 1918 der Partei zur Verfügung stellte, wurde meinerseits kein Wort gegeben und ihrerseits kein Versprechen gefordert. Mir aber hatte ich gelobt zu gehen, sobald die Mehrheit der Fraktion es wünschte, ob mit oder wider Willen, ob mit oder ohne Billigung meinerseits.

Dieses mir gegebene Wort hatte ich gehalten. Ad nutum! Auf den ersten Fingerschnalz hin war ich zurückgetreten.

Wenn ich trotzdem an den Regierungstisch zurückkehrte, so geschah das unter eigenem Gesetz; ich war für diesen Schritt nur mir und dem Lande Rechenschaft schuldig.

Es kam auch nicht darauf an, daß ich viel redete und rechtete; wesentlich war, daß ich da war und durchhielt.

Wohl setzte mich meine Zurückhaltung der Mißdeutung aus; meine scheinbare Gleichgiltigkeit konnte und mußte als Verlegenheit ausgelegt werden; ich saß da als der[S. 122] falsche Bruder, dem das böse Gewissen den Mund schloß. Meinen Gegnern gab ich durch mein Schweigen Waffen in die Hand; sie machten ausgiebig davon Gebrauch und stolzierten in der Toga des Edelsinns, der für Großmut und Vertrauen nur Verrat und Undank eingeheimst hatte. Aber auch ich gefiel mir in meiner Rolle. Gerade die Tatsache, daß ich den Widersachern mit Wissen und Willen auf Augenblicke zu einer kleinen rhetorischen Entladung verhalf, bereitete mir eine eigentümliche Genugtuung. Dieser Genugtuung mischte sich das Gefühl einer behaglichen Verachtung. Ich empfand es als Genuß, daß ich mir den moralischen Luxus dieser lässigen Gleichgiltigkeit gestatten konnte, in der festen Hoffnung, endlich doch das letzte Wort zu haben.

Zudem war ich unserm Volke schon seit langen Jahren als überzeugtester Nationalist bekannt. Ich hatte in allen meinen Schriften, in Vers und in Prosa, als unentwegter Luxemburger geworben, gepredigt und geschwärmt. Die Sozialisten im besondern hätte ich schlagen können mit dem Bekenntnis, das grade der langjährige leidenschaftliche Führer der Partei, der lange Zeit vergötterte Liebling der Arbeitermassen, eines Tages im Wirbelsturm einer patriotischen Empörung aus der Kammer in das Land hinausgerufen hatte. Am 10. November 1915, in einer Stunde, wo das Schicksal des Großherzogtums doch nicht in dem Maße auf dem Spiele stand, angesichts der Regierung Loutsch brach Dr. Michel Welter in die Worte aus: „Ich spreche nur zum Wohle des Landes. Diesem Wohl opfere ich mein Ehrgefühl, die Ansichten und die Überzeugungen meiner Freunde, alle meine Grundsätze, denn das Wohl des Landes steht jedem andern voran!" Die ganze Kammer rief Bravo! Und auch die engeren Parteifreunde klatschten dem Begeisterten Beifall.

Diese hohen Töne und pathetischen Geberden widerstrebten mir. Ich brauchte nicht soweit zu gehen, meinem Ehrgefühl keine Zumutung zu stellen, von meinen Grundsätzen aber auch keinen aufzugeben.

Wie es mir in der nationalen Bedrängnis ums Herz war, hatte ich schon im ersten Kriegsjahr in den Versen eines Neutralen „Über den Kämpfen" ausgesprochen.[S. 123] Diese Dichtungen waren überall im Lande verbreitet und geliebt. Dort steht auch der schönste, der selbstbewußte Treuschwur an die Heimat, den ich hierhersetzen will:


An die Heimat.

Wenn ich in sichern Friedenstagen
dir, Vaterland, ergeben war,
wie sollt ich dir nicht Treue tragen
im bittern Ernste der Gefahr!
Dir schuld ich alles, was dem Leben
Bestand und Schwung und Würde leiht:
der Bildung Glück, das frohe Streben,
den Mut zur freien Tätigkeit.
Mag auch die Fremde draußen locken
mit buntrem Kranz und lautrem Lohn,
das Silberläuten deiner Glocken
bleibt meines Herzens Lieblingston.
Und fehlt uns gar in diesen Zeiten
ein Schwert, ich traure dem nicht nach;
von allen Erdenscheußlichkeiten
nenn ich den Krieg die ärgste Schmach.
In dem Gefühl werd ich nicht wanken,
von rechts nicht noch von links beirrt,
und wills der Heimat ewig danken,
daß man an ihr zum Menschen wird.
Und soll die arme Welt genesen
von Schlachtengier und Barbarei,
misch' einen Schuß aus unserm Wesen
der Völkerarzt dem Heiltrank bei.
In diesem Sturm von Blut und Eisen,
o Land, wie keines schwach und klein,
soll deiner Kinder Art beweisen,
daß du es wert bist, Du zu sein!

Ich fühlte Stolz, daß es mir gegönnt wurde, in jenen Tagen die Aufrichtigkeit dieses Gewissensschwures durch die Tat zu beweisen.

[S. 124]

XV.

Zu Beginn der Sitzung vom 14. Januar verlas Staatsminister Reuter im Namen der Großherzogin Maria Adelheid folgende Erklärung:

„Schloß Berg, den 9. Januar 1919.

Auf Grund des mir von der Regierung über die Unterredung, die sie kürzlich zu Paris mit dem Minister für Auswärtige Angelegenheiten hatte, erstatteten Berichtes, habe Ich beschlossen, der Krone des Großherzogtums zu entsagen.

Bei der Erfüllung meiner Aufgabe war Ich stets beseelt von der Liebe zu meinem Land und von dem Wunsch, zur Hebung seines moralischen und geistigen Wohles beizutragen.

Ich wünsche deshalb, dem Luxemburger Volke jede Schwierigkeit, die die von der Regierung zur Vorbereitung und Einrichtung der wirtschaftlichen Zukunft des Landes mit der einen oder andern Nachbarnation anzuknüpfenden Verhandlungen hemmen könnte, zu vermeiden.

Die Regierung wird Meinen Entschluß der Abgeordnetenkammer zur Kenntnis bringen und Meine Abdankung wird durch deren Mitteilung in der nächsten Sitzung des Parlamentes vollzogen sein.

In dem Bewußtsein der mit der Annahme der Krone des Großherzogtums und durch den auf die Verfassung geleisteten Eid übernommenen Pflichten beauftrage ich die Regierung, die zur Regelung der Thronfolge sowie zur Sicherstellung der nationalen Selbständigkeit erforderlichen Maßnahmen zu treffen.

In dem Augenblicke, wo das Ende des Weltkrieges das Großherzogtum Luxemburg vor einen neuen Abschnitt[S. 125] seiner Geschichte gestellt hat, habe ich meine Absicht bekundet, die Geschicke des Landes in die Hände des Luxemburger Volkes zu legen.

Die Ausübung dieses, den kleinsten Völkern durch die Grundsätze des neuen Völkerbundes gesicherten Rechtes wird es ihm ermöglichen, den von ihm frei gewählten Einrichtungen die dauerhafte Grundlage zu verleihen, die sich aus dem Gemeingefühl und der Verantwortlichkeit aller Bürger ergibt.

Möge das Luxemburger Volk mit Hilfe der göttlichen Vorsehung einer Zukunft des Friedens und Gedeihens entgegengehen! Möge es seine nationalen Überlieferungen und den unermeßlichen Schatz seiner Unabhängigkeit unversehrt erhalten!"

Großherzogin war nun Prinzeß Charlotte und die Kammer sollte die Abgeordneten bezeichnen, in deren Hände die neue Herrscherin den Verfassungseid ablegt.

Die Gegner der Dynastie beantragten, die Eidesleistung aufzuschieben, bis zu dem Augenblick, wo eine verantwortliche Regierung imstande sei, gestützt auf amtliche Belege, zu versichern, daß die Ententemächte bereit seien, die Minister der Großherzogin zu empfangen und mit der Großherzogin die diplomatischen Beziehungen in der Herzlichkeit wieder aufzunehmen, wie es vor dem Kriege der Fall war.

Dieser von Herrn Brasseur eingebrachte und von den HH. Probst, Pescatore, Mark, Koch unterstützte Antrag entfesselte wieder das große Toben. Herr Reuter stellte sich mit der ganzen Kraft seiner beredten Aufrichtigkeit hinter die ihm von meinem Bruder und mir verbürgte Gewißheit und sprach:

„Die Zusicherungen, die wir erhalten haben, brachten uns die Überzeugung, daß die französische Regierung keine Schwierigkeiten erhebt, nach der Thronbesteigung der Prinzessin Charlotte die diplomatischen Beziehungen wieder aufzunehmen."

Rufe links: „Legen Sie die Schriftstücke vor!"

Hr. Reuter: „Ich werde nichts vorlegen."

Rufe rechts: „Wir trauen den Aussagen der Regierung."

[S. 126]

Hr. Reuter: „Sämtliche Regierungsmitglieder teilen diese Überzeugung, und zwar ohne Vorbehalt."

Rufe rechts: „Das genügt uns!"

Hr. Reuter: „Wir legen keine Schriftstücke vor, wir dürfen keine Namen nennen. Wenn die Kammer uns nicht glauben will, so möge sie tun, was sie für nützlich findet!"

Von diesem Standpunkt wird der Staatsminister auch bei allen folgenden Auseinandersetzungen kein Haarbreit abweichen. Immer wieder beruft er sich auf die heilige Überzeugung sämtlicher Regierungsmitglieder und auf deren Vaterlandsliebe; beständig weigert er sich, Namen zu nennen und der Kammer die geforderten Belege zu unterbreiten.

Das Vertrauen hielt stand. Der Antrag wurde mit 30 gegen 19 Stimmen abgelehnt.

Dagegen stimmte die Rechte sowie die HH. Glesener, Herschbach, Laval, Noesen, Prüm, Schmitz, Vinandy und Böver;

dafür stimmten die HH. Diderich, Hemmer, Housse, Kellen, Kieffer, Koch, Krier, Lacroix, Léon, Mark, Palgen, Pescatore, Probst, Jak. Schaack, Joh. Schaack, Thilmany, Jos. Thorn, Blum und Brasseur;

es enthielten sich die HH. Kappweiler und Krieps.

Dasselbe Schicksal fand bei 31 Stimmen gegen 19 und 1 Enthaltung eine zweite von Herrn Jos. Thorn eingebrachte Tagesordnung des Inhalts:

„Da die französische Regierung sich weigerte, bei aller Sympathie für das luxemburgische Volk, die Minister der Großherzogin zu empfangen; da es aber notwendig ist, mit der französischen Republik wieder in enge Beziehungen zu treten, schiebt die Kammer die Ernennung der Kommission auf und bezeichnet aus ihrer Mitte eine Vertretung von drei Mitgliedern, die im Namen des Luxemburger Volkes alsbald mit der französischen Regierung sowie mit den übrigen Ententemächten Fühlung nehmen sollen."


Am 15. Januar, um 4 Uhr nachmittags, wurde Großherzogin Charlotte vereidigt. Sie schloß an die feierlichen Worte folgenden Ausspruch:

[S. 127]

„Ich bin stolz auf den Eid, den Ich soeben in die Hände der Vertretung der luxemburgischen Kammer abgelegt habe.

Ich fasse meinen Eid in dem Sinne auf, daß Ich die Interessen des Luxemburger Volkes über Alles stelle, daß ich sein Leben leben und an seinen Freuden und Leiden teilnehmen will.

Ich wünsche mit dem Luxemburger Volke zusammenzuarbeiten, um die freundschaftlichen Bande zu festigen, die es mit den Verbandsmächten, an deren wirtschaftlichem Leben es teilnehmen soll, verknüpfen sollen.

Ich wünsche, daß aus dieser Vereinigung sich dem Land eine Zeit des Wohlstandes, des inneren und äußeren Glückes eröffne."

Der Kammerpräsident dankte I. K. H. und verlieh der Hoffnung Ausdruck, unter dem gedeihlichen Zusammenwirken von Fürst und Volk werde das Großherzogtum einer glücklichen und unabhängigen Zukunft entgegengehen.


In der Sitzung vom 16. Januar stand auf der Tagesordnung das Vertrauensvotum für die neue Regierung.

Ich rechtfertigte meine Handlungsweise in einer längeren Erklärung, deren Ton und Ausführungen ausschließlich von den angedeuteten Gefühlen bestimmt wurden: nur der Heimat und dem Heimatgedanken sollten meine Worte gelten.

Herr Generaldirektor Welter: Ich verlange das Wort in einer persönlichen Angelegenheit. Während der Dienstagssitzung wurde ich mit gewissen Liebenswürdigkeiten bedacht, deren Sinn und genauen Wortlaut ich in dem allgemeinen Tumult nicht verstehen konnte. Erst als ich gestern morgen den analytischen Kammerbericht las, konnte ich mir von diesen Vorwürfen eine bestimmte Vorstellung bilden. Man gibt darin, unter anderm, meinen Namen der Verachtung aller ehrlichen Leute preis. Die Kammer wird mir gestatten, auf diesen kleinen Zwischenfall zurückzukommen. Nicht als ob diese Ausfälle mir besonders nahe gegangen wären, aber ich möchte auch nicht den Anschein haben, als wollte ich mich[S. 128] einer freiwillig und bewußt übernommenen Verantwortung entziehen. Auch möchte ich durch meine Erklärungen dem Lande begreiflich machen, daß man ein ehrlicher Mann bleiben kann, sogar wenn es einem unmöglich gewesen ist, bis zum äußersten der Politik einer Partei zu folgen, der man durch aufrichtige Sympathien und tiefe Freundschaft verbunden war.

Wenn ich verschiedene andere Unterbrechungen richtig verstanden habe, ruft man besonders nach dem Verrat des Dichters der „Schmiede" und des einstigen Vertrauensmanns. Aber weder in der einen noch in der andern Eigenschaft habe ich jemals verraten oder getäuscht.

Der Verfasser der „Schmiede" verleugnet noch heute keinen der in diesem Gedichte ausgesprochenen Gedanken. Im Gegenteil, ich denke immer mit Vergnügen daran und es macht mich diese Erinnerung um 20 Jahre jünger. Ich empfand denn auch eine aufrichtige Genugtuung an dem Tage, wo ich die Entdeckung machte, daß der Dichter der „Schmiede" sich gewissermaßen als Pate des sozialistischen Parteiblattes betrachten darf. Es war auch nur die lebhafte Sympathie für die sozialen Bestrebungen dieser Partei, die mich zur Annahme des Postens in dem Koalitionsministerium bewog, das glücklicherweise aufgelöst ist, leider aber nicht selig im Herrn entschlafen konnte. Den besten Beweis dafür, daß die „Schmiede" für mich keine Jugendsünde ist, für die ich heute büßen möchte, finden Sie unter anderem in dem Leben eines Proletariers, in dem Buche „Franz Bergg". „Franz Bergg" hat mir kurz vor Beginn des Krieges in Deutschland, auf Befehl der Militärbehörden, zwei Prozesse eingebracht. Sie werden mir also glauben, wenn ich Ihnen noch einmal versichere, daß ich der Einladung der sozialistischen Partei gefolgt bin, aus reiner Sympathie für die sozialen Ideen, die sie vertritt, einer Sympathie, der sich auch etwas menschliche, leicht begreifliche Neugier mischte. Aber an dem Tage, wo ich mich vor die Einladung der sozialistischen Partei gestellt sah, war ich darauf bedacht, meinen Vorbehalt zu machen. Und so gab ich denn einem Freunde zu verstehen, daß es mir in einem Konflikt zwischen Monarchie und republikanischem[S. 129] Prinzip vielleicht unmöglich gemacht würde, der Erwartung meiner Auftraggeber ganz zu entsprechen. Es wurde mir die Antwort, daß es zu einem solchen Konflikt kaum kommen dürfte; meine diesbezüglichen Bedenken seien also unbegründet.

Sie erkennen daran, daß ich von Anfang an darauf bedacht war, jedem Mißverständnis vorzubeugen und mir in der Hinsicht meine Freiheit vorzubehalten. Man hat demnach Unrecht, mir einen Vertrauensbruch an der Fraktion vorzuwerfen. Ich habe niemals die Abdankung meiner Persönlichkeit verpfändet.

Ich bin weit davon entfernt, ein eingefleischter Monarchist zu sein. Republikaner in Frankreich, in der Schweiz, in dem heutigen Deutschland, dürfte ich es, und besonders unter den heutigen Umständen, nicht in Luxemburg sein, und zwar so ziemlich aus denselben Gründen, die Herr Laval vorgestern mit der ganzen Kraft der Überzeugung auseinandergesetzt hat.

Ich kämpfe, wie ich es an dieser Stelle bereits ausgesprochen habe, für die Unabhängigkeit des Landes. Ich will, daß Luxemburg, trotz aller wirtschaftlichen und anderen Bande, in seiner innern Politik möglichst selbständig bleibe. Ich gehöre nicht zu den Landsleuten, die dem Auslande weismachen wollten, der Luxemburger habe wohl eine Heimat, aber kein Vaterland. Dieser lächerliche Sophismus wird sogar von großen ausländischen Schriftstellern wiederholt und verbreitet. Das Großherzogtum ist nun aber unser Vaterland. Dieses Vaterland ist allerdings klein. Sein Volk ist, und war es niemals mehr als heute, der Schwächste der Schwachen. Aber dieses Vaterland wird uns dadurch nur um so teurer, weil sich gerade den Kleinen und den Schwachen die Zärtlichkeit unserer ganzen schützenden Liebe zuwendet.

Wenn es Männer gibt, die sich ihres Vaterlandes schämen, die es dazu drängen möchten, im Abgrunde der Größe einer benachbarten Nation unterzugehen, so bin ich immer stolz darauf gewesen, Luxemburger zu sein, und ich hoffe immer Luxemburger bleiben zu können.

[S. 130]

Nun gestatten Sie mir, m. H., Ihnen zu erklären, weshalb wir bleiben möchten, was wir sind, weshalb wir freie Luxemburger bleiben möchten.

Seit meiner Kindheit lernte ich Luxemburg lieben als ein Land, wo das Leben trotz allem nicht zu schwer ist, obschon ich mich in meiner Jugend niemals an die Tafel des Überflusses setzen durfte. Ich konnte mich auch schon früh davon überzeugen, daß dem Talent bei uns seine Förderung wurde, daß der freie Gedanke und das freie Wort unter uns eine Stätte hatte, daß die Kraft und der Mut auf der heimatlichen Erde ein geeignetes Arbeitsfeld fanden oder wenigstens auf einen Weg gestellt wurden, der sie auf die großen Kreuzungspunkte und die weiten Kampfplätze menschlicher Tätigkeit führte.

In diesem kleinen neutralen Lande wurde uns aber auch schon früh ein Ideal in die Seele gepflanzt, das mir immer teuer blieb, ein friedliches, antimilitaristisches, rein menschliches Ideal, dessen Verwirklichung heute mehr als jemals zu den großen Sorgen der Völker und der Individuen gehört.

Es ist aber auch nur zu natürlich, daß die Gedanken von idealer Gerechtigkeit und von menschlichem Recht gerade uns tief ins Herz gesenkt wurden, denn dem Schwachen bleibt nur das Recht und die Gerechtigkeit, um sich ein menschenwürdiges Dasein zu sichern.

Und so lernte der Luxemburger, wie ich mir ihn denke, sein Ideal vom Menschen und von Menschlichkeit sehr hoch stellen. Bürger eines schwachen Staates, schritt er doch auf den Gipfeln, von denen aus sein Blick messen konnte, was unvergänglich und groß, aber auch was klein und vergänglich war an dem Tun der großen Reiche, deren nationale Vorurteile ihm den Scharfblick seines Urteils nicht trübten. Und deshalb behaupte ich wieder einmal, daß die kleinen neutralen Staaten ihren Platz in der politischen Staatengruppierung haben müssen. Zwischen den erzgepanzerten Riesen bergen sich diese Kleinen schwach und furchtsam, aber in ihnen, viel lebhafter und feiner als in den Großstaaten, verkörpert sich das Gewissen der Menschheit. An dem Tage, wo der letzte dieser kleinen Staaten der Begier des Imperialismus hingeopfert[S. 131] würde, müßte der gute Geist der Menschheit sich in Trauer hüllen, denn er würde sich bis in den Kern der Seele verarmt fühlen.

Das, meine Herren, ist meine Auffassung über die kleinen Staaten wie Luxemburg, das ist nach meinem Empfinden die moralische Daseinsberechtigung dieser Staaten, und das ist auch einer der wichtigsten, einer der hauptsächlichsten Gründe, weshalb ich fordere, daß ein freies und unabhängiges Luxemburg erhalten bleibt.

Wir neutralen Kleinstaater sind sogar in mehr als einer Hinsicht der Entwicklung voraufgegangen, die sich in der Welt vorzubereiten scheint. Wir waren immer die begeisterten Anhänger der Forderung, gemäß der jede Nation das Recht haben müßte, frei über ihr Schicksal zu verfügen. Dieses Ideal, das heute von der höchsten Völkerkanzel neu verkündigt wird, war immer das unsrige. Die schwache Flamme, die mit ihrem trauten Schein unsern schlichten Herd beleuchtete, brennt auch in der Fackel, mit der Präsident Wilson heute den großen Nationen die Wege der Zukunft erhellt.

Die beste Gewähr einer weiten und gesicherten Selbständigkeit aber sehe ich, wie Herr Laval, in einer einheimischen Dynastie. Ich verehre, wie Sie alle, das siegreiche und schutzbringende Frankreich, das geheiligte Vaterland der Gesetze, der Künste und der Armeen. Aber ich will nicht, daß das kleine Luxemburg im Reichtum und in den Tiefen Frankreichs untergehe. Eine luxemburgische Republik müßte, für den Fall, wo sie eingerichtet werden und bestehen könnte, notgedrungen bald von einer benachbarten starken Macht aufgesogen werden. In dieser Richtung übrigens bewegen sich die Hoffnungen vieler Mitglieder der „Action républicaine" und deshalb konnte ich ihre Bestrebungen niemals billigen. Die „Action républicaine" hat sich ja schließlich selbst für die Selbständigkeit des Landes ausgesprochen, aber ich erlaube mir, die Absichten vieler ihrer Mitglieder etwas anzuzweifeln. Ihr republikanischer Block bedeutet mir nichts Gutes. Unter den Führern der „Action républicaine" stehen die Namen von Politikern und andern Leuten, die von der ersten Stunde an sozusagen das Aufgehen des Landes in Frankreich[S. 132] herbeigewünscht haben. Ebenso sind unter ihren eifrigsten und feurigsten Anhängern viele, die für den Augenblick allerdings die annexionistischen Wünsche in den Hintergrund gestellt haben; sie werden diese heimlichen Absichten aber ganz gewiß wieder laut werden lassen, sobald sich ihnen bessere Aussichten auf Gelingen eröffnen. Ich habe daher gar kein Zutrauen in die Unschuld ihrer späteren Erklärungen, ich betrachte diese Erklärungen vielmehr als politische Camouflage.

Im Anschluß an diesen Gedankengang kann ich es mir nicht versagen, Ihnen eine recht bezeichnende kleine Begebenheit zu erzählen. Vor kurzem kam ein französischer Soldat unsere Freiheitsavenue herauf, während sich ein Deutscher in der Richtung des Bahnhofs ihm entgegen bewegte. Ein junger Luxemburger kam ebenfalls daher. Als er an dem Franzosen vorbeiging, rief er „Vive la France!" Dann wandte er sich gegen den andern und schleuderte ihm ein „M.... pour la Prusse" ins Gesicht. Da wandte sich der brave Poilu um und bemerkte dem luxemburgischen Gassenbuben im vorwurfsvollen Tone: „Oh, Monsieur, cela n'est pas beau."

Nun wohl, meine Herren, unsere Herren Annexionisten nehmen ungefähr dieselbe Haltung ein. Sie kehren sich nach Südwesten und jubeln mit schriller Stimme „Vive la France!" Dann wenden sie sich, aber diesmal nach dem eigenen Lande, und höhnen: „Flûte pour le Luxembourg!" Aber es kann ihnen leicht widerfahren, daß das edelmütige Frankreich auch ihnen die Antwort des braven Poilu gibt und ihnen ebenfalls bemerkt: „Oh, Messieurs, cela n'est pas beau."

Aus allen diesen Gründen bin ich also ein überzeugter Gegner der Annexion. Ich will, daß wir selbst in möglichst weitem Maße Herren bei uns bleiben. Deshalb habe ich mich von der ersten Stunde an, wie auch meine Kollegen sehr wohl wissen, für eine nationale Dynastie ausgesprochen, und ich bekannte mich auch immer zu der Lösung, die die Mehrheit der Kammer gebilligt hat. Diese Haltung gebot mir zudem schon das schlichte Gerechtigkeitsgefühl.

Ich möchte weiter den Thron möglichst fest und sicher zwischen das Großherzogtum und seine Nachbarn pflanzen[S. 133] als eine Art Schranke, die uns erlaubte, unser eigenes Leben zu leben, unsern eigenen Haushalt zu führen gemäß unserm Charakter, unsern Sitten und Gebräuchen.

Das, meine Herren, hat mich dazu geführt, mich für die Beibehaltung der Dynastie auszusprechen. Sie sehen, daß bei alledem kein Verrat und kein persönlicher Hintergedanke war. Ich bin dem nationalen Gedanken, zu dem ich mich mein Leben lang bekannt habe, treu geblieben, dem nationalen Gedanken, der sich neben den sozialen Ideen wie ein roter Faden durch alle meine Schriften zieht.

Ich weiß eigentlich nicht, worüber sich die Herren drüben beklagen. Ich wurde der Lehnsmann der sozialistischen Fraktion, wo ich mich doch bis dahin niemals einer politischen Partei hatte verschreiben wollen. Und ich habe mich als Vertrauensmann aufrichtig und gefügig benommen, das müssen die Herren selbst zugestehen. Ich habe die Ideen und Pläne der Fraktion nicht immer gebilligt, und ich habe mich doch unterworfen. In der entscheidenden Stunde hoben sie meinen Ratschlägen zuwider entschieden und ich bin zurückgetreten.

Aber am Tag, wo ich die Kammer verließ, ging ich mit leichteren Schritten heim, denn ich war wieder ein freier Mann geworden.

Seitdem habe ich die laufenden Geschäfte erledigt. Ich habe mich geweigert, in ein anderes Ministerium einzutreten und wartete darauf, dem Nachfolger meinen Sessel abzutreten. Die Ereignisse überrumpelten mich. Auch ich mußte mich der Einrichtung der revolutionären Republik widersetzen. Aber als der öffentliche Wohlfahrtsausschuß uns im Regierungsgebäude die Ehre seines Besuches schenken wollte, da hatte ich das Bewußtsein, daß wir fünf politischen Leichen, wie man uns so gerne schimpft, daß wir, die gegangenen Minister, in Wirklichkeit den engeren nationalen Wohlfahrtsausschuß bildeten, dem der Schutz der Gesetzlichkeit und der nationalen Würde anvertraut war.

Die Revolution, mit der man es versucht hatte, war zudem von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die große Mehrheit der Luxemburger ist nicht republikanisch[S. 134] gesinnt. Dafür haben wir noch nicht genug gelitten. Die Revolution, meine Herren, ist, wie Sie sehr gut wissen, das Kind des Elends. Die revolutionäre Republik ist die Tochter der Drangsal. Der Baum der revolutionären Freiheit wurzelt in den Tiefen der gequälten Herzen, der zerrissenen Eingeweide. Sein Stamm wird mit Blut getränkt, aus seiner Krone tropfen die Tränen der Mütter, der Witwen und der Waisen. Das Beispiel Rußlands und Deutschlands beweist leider wieder einmal diese trostlose Wahrheit.

Und diese leidvolle Entwicklung, diese soziale Revolution bildet auch den Grundgedanken meiner „Schmiede".

Sie, meine Herren, haben es nur mit einer politischen Revolution versucht. Aber wir hatten immer noch nicht genug gelitten, als daß auch dieser Versuch bei uns hätte gelingen können. Trotz aller Bedrängnis der letzten Jahre hat Luxemburg noch lange nicht dieselben Marter- und Todesängste durchgemacht, wie die benachbarten Nationen, die auf einem endlosen Leidensweg ihr Kreuz von Station zu Station schleppen mußten. Unser Land wurde gerettet, gerade in dem Augenblick, wo das Schicksal mit ehernem Hufe gegen unsere Schwelle stieß. Die benachbarten Länder mußten die Tiefe der Erde mit der sterblichen Hülle ihrer grausam hingemähten Söhne bevölkern. Die Blüte der Luxemburger Jugend aber ist unversehrt und lacht in die Sonne, bereit ihren Flug zu nehmen.

Und noch in manch andern Hinsichten blieb uns das Elend erspart, das in einer Revolution seine natürliche Sühne und Erlösung sucht und findet. Ich durfte also mit vollem Rechte schon einmal an dieser Stelle behaupten, daß sich das kleine Luxemburg um seine Kinder wohl verdient gemacht hat.

Haben wir daher, meine Herren, haben wir wenigstens den Mut zur Dankbarkeit, denn dem unabhängigen und neutralen Vaterlande schulden wir unsere unverhoffte Rettung. An uns ist es jetzt, zu beweisen, daß uns dieses unerhörte Glück nicht ganz unverdient geschenkt worden ist.

Das, meine Herren, sind die Gründe, die es mir als Pflicht auferlegten, die republikanische Bewegung zu bekämpfen. Ich mußte in dieser Bewegung eine Bedrohung[S. 135] der Zukunft unseres Landes sehen. Ich habe nach meinem Gewissen gehandelt und bin mir selbst treu geblieben als Mensch und als Dichter. Ich habe übrigens in der Zwischenzeit meine Erfahrungen gemacht. Ich bin keine politische Natur, das weiß ich jetzt. Ich habe wenig in mir vom Herdeninstinkt und nichts vom Demagogen. Ich werde mein Leben lang ein unverbesserlicher Individualist bleiben.

Seit der „Schmiede" bin ich nur etwas kritischer geworden. Ich bin vor allem zu dem Skeptiker geworden, der durch die Menschen und die Ereignisse des Tages mit dem Lächeln seiner schwermütigen Ironie seinen Weg geht. Aber ich habe mir doch den nationalen Glauben gewahrt. Und wenn ich an diesen Platz zurückgekehrt bin, so geschah es, weil ich als guter Luxemburger eine patriotische Pflicht zu erfüllen hatte. Im Augenblicke, wo ich mich dazu entschloß, wollte ich nicht den Stimmen lauschen, die mit verführerischer Gewalt aus den Tiefen meiner Vergangenheit heraufriefen. Ich verschloß mein Ohr dem Vorwurf des Freundes und der Schmähung des Gegners. Ich folgte der Eingebung meiner gereiften Überlegung. Ich gehorchte dem Drang meines luxemburgischen Blutes. Ich nahm meinen Schritt nach dem Pulsschlag meines luxemburgischen Herzens."


Den sich diesen Erklärungen anschließenden heftigen Vorwürfen, Anklagen und Übertreibungen des sozialistischen Parteiredners setzte ich, meinem bereits dargelegten Vorsatz gemäß, Stillschweigen entgegen.

Dann sprach Herr Liesch. Er tat es, seiner ganzen überlegenen Art entsprechend, scharf, schneidig und klug. Auch er erkannte einer Republik Luxemburg die Daseinsmöglichkeit ab, ging mit beißender Ironie ins Gericht mit den luxemburgischen Jünglingen, die in Paris ihre Annexionsgelüste austoben ließen zum Schaden des Landes, sprach von den Lehren der Vergangenheit und bekannte sich mit flammender Überzeugung zur neuen Herrscherin, zur Heimat und ihrer Zukunft.

Tagelang zog sich das Gehader hin. Der Revolutionsputsch wurde in seinem ganzen Verlaufe aufgerollt, von[S. 136] dem Radau in der Kaserne angefangen bis zur Lüftung des Kammergebäudes durch die luxemburgischen Gendarmen. Spätere Lustspieldichter könnten in den verschiedenen Abschnitten dieser von den Wohlfahrtsmenschen aufgeführten politischen Hanswurstiade sowie aus deren parlamentarischer Aufmachung noch für Jahrzehnte schöpfen. Manchmal allerdings duftete das Häßliche allzu widerlich durch und es dampfte die Schamlosigkeit.

Die Freunde der Dynastie, allen vorauf die Herren August Thorn, Schiltz und Prüm, ließen sich nicht verblüffen, erwiderten Hieb auf Hieb und zogen die Revolutionäre vor ein hochnotpeinliches Gericht.

Herr Staatsminister Reuter kämpfte mit dem starken Schwung seiner begeisterten Überzeugung und juristischen Schlagfertigkeit.

Die Regierung fand Glauben. Das Vertrauen sprach sich auch auf den Lippen des einen und andern Linksabgeordneten rührend aus.

Besonders ergreifend und wirkungsvoll tat das, unmittelbar nach seinem Freunde Hrn. J. Schmitz aus Garnich, der frühere Präsident und jetzige Alterspräsident Herr Notar Hemmer, da er als Vorsitzender am 24. Januar zur Begründung seines Votums diese Erklärung gab: „... Meine Herren, die gegenwärtige Regierung ist kein Koalitionsministerium mehr. Sie ist nur noch ein Geschäftsministerium, und dem ist auch besser so.... Ich persönlich vertraue den Männern, die der Regierung angehören. Mir ist von ihnen keine Handlung bekannt, die mich bestimmen könnte, ihnen mein Vertrauen zu entziehen.... Besonders aber, und ich halte darauf, das hervorzuheben, besitzen mein Vertrauen die beiden Generaldirektoren, die am schärfsten hier angegriffen werden.... Ich wage zu hoffen, daß die nunmehrige Geschäftsregierung in der Unterstützung der Kammermehrheit die Kraft finden wird, deren sie bedarf zur Erhaltung von unseres Landes Unabhängigkeit und Selbständigkeit, gemäß dem heiligsten Wunsch der ungeheuern Mehrheit unseres Volkes."

Kurz nachher sprach dann auch die Kammer der Regierung mit 30 gegen 17 Stimmen ihr Vertrauen aus. Gegen[S. 137] sie stimmten die HH. Kieffer, Koch, Krieps, Krier, Lacroix, Laval, Léon, Mark, Palgen, Pescatore, Jak. Schaack, Joh. Schaack, Thilmany, Jos. Thorn, Blum, Brasseur und Gallé.

Für die Regierung erklärten sich neben der Rechten die HH. Glesener, Hemmer, Herschbach, Kellen, Noesen, Prüm, Schmitz, Vinandy und Böver.


Inzwischen hatte Großherzogin Charlotte ein erstes Wort an ihr Volk gerichtet und die leitenden Grundsätze ihrer Regierung in den großen Linien dargelegt in folgender

Proklamation.

„Die Krone des Großherzogtums Luxemburg ist mir in einem der kritischsten Augenblicke unserer nationalen Geschichte zugefallen. Ich nehme sie an, weil Ich es als Meine Pflicht erachte, das Gut unserer öffentlichen Einrichtungen, die das Luxemburger Volk bislang als eine Gewähr seiner Unabhängigkeit und seiner Zukunft angesehen hat, unversehrt zu erhalten.

Das Großherzogtum schickt sich an, die Grundlagen seines wirtschaftlichen Lebens neu zu gestalten und Verbindungen einzugehen, die seine gedeihliche Entwicklung sicher stellen und für das Land eine neue Zeit des moralischen und materiellen Fortschrittes eröffnen werden.

Ich werde bemüht sein, die Bande, die zwischen dem Großherzogtum und den Ententestaaten geknüpft wurden, zu festigen und immer enger zu gestalten.

Unsere internationalen Beziehungen müssen aufgebaut werden auf der herzlichen, rückhaltlosen Freundschaft, die zwischen dem Luxemburger Volk und den verbündeten Mächten besteht, und auf dem gegenseitigen Vertrauen, das die Frucht dieser Freundschaft sein wird.

In dem Augenblick, wo das Großherzogtum diese Umstellung seiner Geschicke vornimmt, will ich es nicht unterlassen, im Namen des Luxemburger Volkes wie in Meinem eigenen Namen unserm innigsten Dank Ausdruck zu verleihen für die Befreiung, die uns die siegreichen Heere in der Stunde der höchsten Gefahr gebracht haben. Dank ihrem unwiderstehlichen Ansturm ist Luxemburg vom[S. 138] Joche befreit worden, das der fremde Eindringling, den feierlich beschworenen Verträgen zuwider, auf uns lasten ließ.

Unserer Dankbarkeit paart sich eine tiefe Ergriffenheit beim Gedanken an die Söhne der Luxemburger Erde, die unter den Fahnen der verbündeten Mächte gekämpft haben.

Ich bin glücklich, mich der Huldigung anzuschließen, die die Abgeordnetenkammer unsern Landsleuten dargebracht hat. Indem sie ihr Blut für die Ehre ihres selbstgewählten Vaterlandes vergossen, haben diese Tapfern mitgeholfen, die Unabhängigkeit ihres kleinen Heimatlandes wieder herzustellen und zu sichern.

Alle Meine Anstrengungen bleiben darauf gerichtet, Meine Pflichten als luxemburgischer Fürst gewissenhaft zu erfüllen.

Unser Volk hegte stets neben der Liebe zu seinen nationalen Überlieferungen den Kultus der Gerechtigkeit und der Freiheit. Ich werde Meine hohe Aufgabe in demselben Geiste durchführen.

In der Ausübung der höchsten Gewalt sollen die Verfassung und die Gesetze des Landes Meine Richtschnur sein. Eine auf das Vertrauen des Volkes gestützte Regierung soll Mich leiten und beraten.

Die demokratische Reform unsers Grundgesetzes, die von der verfassunggebenden Versammlung in Angriff genommen wurde, wird Meine volle Zustimmung finden.

Ich will das Leben Meines Volkes leben, von dem Mich keine Schranke trennen soll.

Ich will seine Freuden und seine Leiden teilen.

Wunderbarerweise von den Greueln des Krieges verschont, wünscht unser kleines Land unabhängig in der großen Völkerfamilie und im Lichte der neuen Freiheit weiterzubestehen.

Luxemburgerin von ganzer Seele, werde Ich es als Meinen schönsten Ruhmestitel ansehen, zur Verwirklichung dieses nationalen Wunsches beizutragen.

Schloß Berg, den 18. Januar 1919.

Charlotte."

[S. 139]

Der Hinweis auf die Luxemburger Legionäre in den Heeren der Entente und das am Schlusse gegebene Versprechen machten im Ausland, und besonders in Frankreich, den besten Eindruck.

Am 28. Januar 1919 feierte Großherzogin Charlotte ihren ersten Geburtstag als Landesfürstin.

Zum ersten Male war beim feierlichen Tedeum der großherzogliche Hof durch einen luxemburgischen Hofmarschall, Herrn Fr. de Colnet d'Huart, vertreten. General de la Tour, die französischen Offiziere, ein englischer Offizier hatten ihre Plätze im Chor eingenommen. Der belgische Geschäftsträger, Prince de Ligne, bedauerte, einer durch ein Regierungsmitglied überbrachten mündlichen Einladung des Staatsministers nicht entsprechen zu können; er hielt aber darauf, wie er erklärte, persönlich, unter dem andächtigen Volke der Feier beizuwohnen, um den Luxemburgern einen Beweis seiner Sympathie zu geben.

Am 31. Januar konnte die Regierung endlich auch die Vorlage über das politische Referendum einbringen.

[S. 140]

XVI.

Die Haltung, die der Prince de Ligne bei der Geburtstagsfeier vom 23. Januar eingenommen hatte, befremdete. Sie wurde als Unklugheit gebucht und als Fehlgriff empfunden. Wie wir überhaupt der belgischen Politik nur mit äußerstem Mißtrauen gegenüberstehen konnten.

In der vom Senatsausschuß in Brüssel entworfenen Antwortadresse auf die Thronrede König Alberts heißt es gegen den 14. Dezember 1918: „Der Krieg hat die Verträge erschüttert, die der Entwicklung Belgiens im Wege standen.... Mehr als jemals richten sich die Wünsche Belgiens auf das Großherzogtum Luxemburg, das von Belgien gegen den Willen des Volkes unter Verletzung tausendjähriger Rechte (!) abgetrennt wurde und das gleichzeitig mit Belgien überwältigt worden ist. Belgien wird imstande sein, Luxemburg brüderliche Hilfe zu leisten."

In Frankreich dagegen hatte Louis Barthou die Forderung gestellt: „Es muß Luxemburg anheimgestellt werden, seine Zukunft selbst zu bestimmen. Frankreich wird dafür sorgen, daß der Wille seiner Einwohner geachtet werde, so wie er sich aus einer mit aller Gewähr für ihre Aufrichtigkeit veranstalteten Volksbefragung ergeben wird."

Barthou sprach eben als Sohn eines Landes, wo schon zur Zeit der Revolution der große Carnot, der Organisator des Sieges der Konventsarmeen, die hochherzigen Europäergrundsätze aufgestellt hatte, die in Wilsons Botschaft aus Amerika machtvoll widerklingen sollten und sich in diesen lapidaren Sätzen aussprechen:

„Ein jedes Volk, wie klein auch sein Gebiet sei, ist unumschränkter Herr im eigenen Haus. Sein Recht wiegt[S. 141] gleich dem Rechte der Mächtigsten und kein anderes Volk darf seine Unabhängigkeit antasten. Die französische Revolution gründete das Völkerrecht auf die den Menschenrechten geschuldete Achtung."

Aus diesem Geiste heraus gab auch das Pariser Blatt „L'Oeuvre" in der Nummer des 5. Dezember 1918 folgende freimütige Erklärung:

„.... Wem Luxemburg gehören soll? Nun, wir antworten ohne Zögern: den Luxemburgern! Allerdings gibt es Franzosen, die anderer Ansicht sind, auch Belgier und Deutsche — ja, sogar Luxemburger. Die ungeheure Mehrzahl der Luxemburger aber fühlt, wie sie es seit langen Jahren schon singen: „Mir welle bleiwe, wat mir sinn!" Sie wollen frei bleiben, zum mindesten politisch frei!

Wem sie sich wirtschaftlich angliedern sollen? Das steht ganz in ihrem Belieben. Der von Präsident Wilson aufgestellte Grundsatz gesteht allen Völkern das Recht der freien Selbstbestimmung zu. Wir haben diesem Prinzip zugestimmt, wir hatten es sogar eine Zeit vor ihm verkündet.

Mag Luxemburg auch ein ganz kleines Land sein — 250000 Einwohner! — mag es auch einen bedeutenden wirtschaftlichen Wert darstellen — es soll unter den stahlerzeugenden Ländern an sechster Stelle stehen —, so erlaubt das alles uns nicht, ihm ein Recht vorzuenthalten, das allen Völkern zugestanden wird."

Aus Belgien scholl es dagegen seit vielen Wochen ganz anders zu uns herüber.

Ein bedauerliches Mißverständnis ließ die Belgier glauben, die Luxemburger wären ihrer Selbständigkeit müde und verzehrten sich in Sehnsucht nach dem größeren Vaterland, dem, wie ihre Politiker und Geschichtsschreiber mit Vorliebe lehren und predigen, das Großherzogtum 1839 wider seinen Willen und mit Willkür entrissen worden sei. Für viele Belgier war das unabhängige Luxemburg, wie Destrée sich ausdrückt, ein belgisches Elsaß-Lothringen! Nun aber weiß jeder Kundige, daß diese Auffassung den Tatsachen aber auch gar nicht entspricht. Sogar im Verband der spanischen und österreichischen Niederlande hatte das Herzogtum Luxemburg seine Selbständigkeit[S. 142] gewahrt. Es war weder völkisch noch politisch mit den übrigen Provinzen der Vereinigten Niederlande verschmolzen, und die von ihm bewilligten Geldmittel wurden ausschließlich zum Nutzen des Herzogtums verausgabt. Das Großherzogtum Luxemburg vollends ist nie belgisch gewesen. Im Gegenteil: als selbständiger Staat des neuen Europas ist es älter als Belgien und 1839 wurde ihm, Belgien zuliebe, die größere Hälfte seines unabhängigen Staatsbesitzes geraubt.

In den Dienst dieses politischen Größenwahns mischten sich in Brüssel besonders die Männer des sog. Comité de Politique Nationale, und das mit dreistester Voraussetzungslosigkeit. Am 31. Dezember 1918 leistete sich z. B. das halbamtliche Blatt „Le XXe Siècle" folgende Stilblüte: „Die heutige Lage ist derart, daß Luxemburg, wenn es genötigt ist, die Beziehungen zur Entente enger zu knüpfen, nichts anders werden kann als entweder ein kleines französisches Departement oder eine große belgische Provinz. Das Großherzogtum möge wählen!"

Zum mindesten aber wären, so glaubte in Belgien jedes Kind, die Luxemburger ihres Herrscherhauses überdrüssig und wünschten nichts ungeduldiger als die „verpreußten" Nassau-Braganza nach Deutschland zurückzuschicken, um sich im Heldenkönig Albert durch Personalunion einen Großherzog nach ihrem Herzen zu geben.

Schon am 17. November 1918 hatten eine Anzahl belgischer Luxemburger in einer Adresse an den König den heißen Wunsch geäußert, Luxemburg möchte Belgien zurückgegeben werden.

Eine Personalverbindung mit Belgien forderten dann die in Brüssel ansässigen Luxemburger in der Kundgebung vom 8. Dezember 1918 auf der Place des Martyrs, und es hatte ihrem ungestümen Übereifer der Beifall aus Regierungskreisen nicht gefehlt.

Diese irrige Beurteilung der luxemburgischen Gesinnungen und Verhältnisse darf aber nicht ganz wunder nehmen.

„Seit Jahren, so erklärte der Prince de Ligne selbst einer luxemburgischen Abordnung, wurde in Belgien durch Briefe, Zuschriften, Gespräche usw. von Luxemburgern[S. 143] selbst verbreitet, das Großherzogtum wolle sich durchaus mit Belgien verbinden; in Brüssel hatte man deshalb gehofft, durch Unterstützung der Annexionsbestrebungen dem innigsten Wunsch der Luxemburger entgegenzukommen."

Wie hätte das in eingeweihten Kreisen auch anders sein können, angesichts folgender ungemein bezeichnender Tatsache:

Im Frühjahr 1916 hatte sich Baron Orban de Xivry, Senator der Provinz Luxemburg, wie er mir am 28. Juli 1920 in Arlon bei der Überführung der armen Opfer von Rossignol persönlich gestand, auf dem Umweg über London nach La Panne begeben und hier seinem König Albert im Namen der luxemburgischen Kammermehrheit die Krone des Großherzogtums angeboten. Der König erschrak über eine solche Zumutung und wies sie zurück mit dem entrüsteten Ausruf: „Ça, jamais, jamais, jamais!"

Er fand in dieser ritterlichen Empörung eine Geberde, die auch seiner Base Maria Adelheid nicht fremd war und von dieser Belgien gegenüber wiederholt wurde.

Deutschland, so wurde ihr eines Tages beteuert, trage sich mit dem Gedanken, bei Friedensschluß die deutschen Bezirke von dem belgischen Luxemburg abzutrennen und mit dem Großherzogtum zu vereinigen. „Aber für wen hält man mich! rief die Fürstin in edelm Zorn. Das unglückliche Belgien! Man hat ihm das größte Unrecht angetan! Und man wagt es, uns eine solche Handlung zuzumuten! Nie! Niemals!"

Wenn aber ein belgischer Senator glaubte, im Namen einer Luxemburger Kammermehrheit, die als solche nur auf zwei Augen stand, den bekannten Antrag stellen zu dürfen, so begreift man schließlich die kühle Ignorierung der Großherzogin Maria Adelheid durch ihren königlichen Vetter beim feierlichen Empfang in Arlon.

Die Anwesenheit der Franzosen in Luxemburg durchkreuzte geheimgesponnene Pläne. Marschall Fochs Weigerung ließ keinen belgischen Soldaten dauernd über Luxemburgs Grenze, mochte er auch noch so geläufig luxemburgisch reden.

[S. 144]

Der Fehlschlag der Revolution und die in Aussicht stehende Abdankung der Großherzogin Maria Adelheid enttäuschte in Brüssel. „Frankreich, so hieß es im „Soir" vom 12. Januar, machte Belgien Hoffnungen auf Luxemburg. Aber die Militärpartei und die Ligue française wollen die Dynastie erhalten. Dann wird die Personalunion mit Belgien hinfällig, das Land entzieht sich Belgien und kann sich Frankreich später angliedern. Französische Interessenpolitik verlangt die Anerkennung Charlottens."

„Eine Republik Luxemburg hätte die spätere Personalunion mit Belgien, für die sogar die Sozialisten zu haben waren, nicht ausgeschlossen und die republikanische Bewegung hätte sehr leicht in Bolschewismus ausarten können."

Das war doch aufrichtig gesprochen und zugleich sehr naiv.

Auch die Auslandspresse wurde zugunsten wenigstens der Personalunion mit Belgien bearbeitet und bedient.

Schon gegen Mitte Dezember 1918 heißt es auf dem Umweg über Paris und Haag: „Nach Meldungen aus Luxemburg ist die Abdankung der Großherzogin in der ersten Hälfte des Januar zu erwarten." Die Mehrheit des luxemburgischen Volkes, so wird dann angedeutet, sei für die Personalunion mit Belgien.

Aus belgischen Quellen wird am 13. Januar 1919 über die Grenzen verkündet, 30 luxemburgische Abgeordnete hätten, nach dem Abgang der Rechten, die Abdankung der Großherzogin beschlossen. Von den 30 hätten 16 die Republik ausgerufen. Die 14 übrigen möchten von einer Republik nichts wissen, die von 52 nur 16 Stimmen auf sich vereinigt habe. Was dazu die Rechte denke, bleibe abzuwarten.

Auch bei dieser ironischen Glossierung einer durchaus falschen Tatsache redet eine heimliche Hoffnung mit.

Der revolutionäre Aufruhr schlug fehl. Die Belgier waren enttäuscht. Sie suchten einen Schuldigen und fanden den in General de la Tour. Ohne das Eingreifen des französischen Stadtkommandanten, so wurde geschimpft,[S. 145] hätte der Umsturz gesiegt. Dies Verbrechen heischte Sühne, d. h. die Maßregelung seines Urhebers. Clemenceau gab nach. Der französische General Roque kam zu einer Untersuchung herüber, und General de la Tour wurde abberufen.

Unserm Kollegen, Herrn Generaldirektor Collart gegenüber, ließ sich ein belgischer Diplomat zu dieser bezeichnenden Klage hinreißen: „Sie hätten Großherzogin Maria Adelheid nicht fortschicken sollen. Sie hatte sich beim Volk und bei der Entente unlieb gemacht. Man hätte sich ihrer sehr leicht entledigen können. Prinzeß Charlotte aber ist ein junges Mädchen, dem kein Vorwurf gemacht werden kann. Es wird recht schwer halten, sie zu verdrängen."

Dieses Geständnis redet Bände.

Wie man damals in Brüssel die Freundschaft und die Rücksicht verstand, beweist das Erscheinen des Blattes „Le Luxembourg", das in der zweiten Hälfte des Monats Januar 1919 in unserer Hauptstadt plötzlich auftauchte. Ein Blatt, mit belgischem Gelde gegründet und gedruckt, das den Wählern gratis ins Haus geschickt wurde und belgisch-nationalistische Politik trieb. Allein der Titel schon war eine Herausforderung. „Le Luxembourg!" Ich stellte mir mehr als einmal vor, was wohl in Brüssel geschehe, wenn holländische Annexionisten die Stirn hätten in Belgiens Hauptstadt ein in ihrem Solde stänkerndes Blatt herauszugeben und es dazu noch „La Belgique" zu taufen! Den Hallo hätte ich hören mögen!

Sogar vor der Friedenskonferenz in Paris äußerten sich die belgischen Wünsche. Zwar wurde die Rückkehr Luxemburgs an Belgien nicht ausdrücklich gefordert, aber da ja die ganze Bevölkerung des Großherzogtums ihre Heimkehr zum Mutterlande verlange, so hofften die belgischen Vertreter, die Friedenskonferenz werde den Luxemburgern den Anschluß an Belgien empfehlen. „Luxemburg, so verlangte Herr Hymans am 1. Februar, müsse Belgien in Personalunion angegliedert, Großherzogin Charlotte könne von der Entente nicht anerkannt werden." Am 12. Februar behauptete er, ein neutrales[S. 146] Luxemburg im neuen Europa sei ein Widersinn. Belgien wolle keine Gewalt gebrauchen, aber es wäre glücklich, wenn die Entente den Anstoß zu einer Annäherung der beiden Länder gebe.

Es blieb also Tatsache: Die belgischen Politiker waren auf dem Kriegspfade gegen das freie, zum mindesten das neutrale Luxemburg. Aber sie gingen einen Irrweg; sie schufen sich selbst Ärger und Niederlagen; sie brachten uns zeitweilig in unverdiente Bedrängnis; sie zwängten so zwischen die beiden einander recht nahestehenden Länder eine Spannung, durch die ein von vornherein herzliches und vertrauensvolles Verhältnis in überflüssiger und verhängnisvoller Weise getrübt wurde.

In der französischen Öffentlichkeit wurde die Nachricht von der Thronbesteigung Charlottens mit fast ermunternder Freundlichkeit aufgenommen. Sogar bei Blättern, die die Einrichtung einer luxemburgischen Republik eifrig begrüßt hatten, war keine Enttäuschung festzustellen.

Es lag also der Schluß nahe, solches geschehe nicht ohne Weisung von oben. Das geht zudem klar aus den Worten des Schriftstellers Maurice Barrès hervor, der am 24. Januar 1919 im „Echo de Paris" seine annexionistischen Freunde wissen ließ, er werde sich in Zukunft jeder Kritik zu den luxemburgischen Verhältnissen enthalten und sich damit den leitenden Gedanken der französischen Staatsmänner unterordnen.


Am 28. Januar 1919 verließ Großherzogin Maria Adelheid das Land. Ihre Mutter, Großherzogin Charlotte, die Prinzessinnen Hilda und Antonia begleiteten sie bis Diedenhofen. In einem letzten Aufruf an ihr Volk nahm die tapfere Fürstin von der Heimat und ihrem Volke den würdigsten Abschied.

Wie aufrecht und wahr auch die Seele ihrer Nachfolgerin von der ersten Stunde ab empfand, das beweist ein Vorfall, der in seinen genauen Einzelheiten der Öffentlichkeit entzogen bleiben muß.

Ein sehr einflußreicher Ausländer ließ im Februar 1919 Großherzogin Charlotte um eine persönliche Audienz[S. 147] bitten, zu der er inkognito als Journalist erscheinen wolle. Er sei bereit, und zugleich in der Lage, die Anerkennung der Großherzogin bei König Albert und in London zu erwirken, unter der Bedingung, daß I. K. H. mit Belgien in ein wirtschaftliches und militärisches Bündnis trete.

Kaum hört die Fürstin, worum es sich handelt, so ruft sie in ehrlicher Entrüstung: „Aber sowas ist doch unerhört! Ich empfange den Herrn nicht. Wenn das Wohl des Landes auf dem Spiele steht, will ich nichts hinter dem Rücken der Regierung tun. Unter keiner Bedingung gebe ich mich zu einer Abmachung her, bei der es sich um das Glück des Volkes handelt, auch nicht meinem Haus und meiner Krone zulieb."

Nur auf den dringlichen Zuspruch ihrer Umgebung ließ sie sich bewegen, ihre Absage zu begründen, und so wurde dem freundlichen Vermittler der Bescheid, die Großherzogin könne seinem Wunsche nicht nachkommen, aus konstitutionellen Rücksichten, denn eine so wichtige Frage müßte doch dem Außenminister unterbreitet werden.

Um 6 Uhr abends schon war die Großherzogin beim Staatsminister und erzählte den Vorfall.

Wir unserseits lernten aus diesem kleinen Ereignis, daß die Entschlossenheit, womit Fürst, Regierung und Volk einmütig hinter dem Willen zur Unabhängigkeit und freien Selbstbestimmung stand, auch im Ausland an entscheidender Stelle Eindruck gemacht hatte.

[S. 148]

XVII.

Während der letzten Wochen konnte die Regierung endlich auch die Frage über den wirtschaftlichen Anschluß Luxemburgs ernstlich in Angriff nehmen.

Am 30. Dezember hatten wir bekanntlich die Ententemächte von der Lösung des Zollverbandes mit Deutschland und dem Wunsche einer wirtschaftlichen Annäherung an die Westmächte verständigt.

Eine von der früheren Regierung zum Studium der wirtschaftlichen Umorientierung des Landes eingesetzte Kommission, die aus zwölf den verschiedensten Berufen entnommenen Mitgliedern bestand, sprach sich am 2. Januar einstimmig, bei einer Enthaltung, für den wirtschaftlichen Anschluß an Frankreich aus.

Ende Januar ging dem Staatsministerium von Herrn Pichon, als Antwort auf unsere Mitteilung vom 30. Dezember, folgende Note zu:

„Ich habe mit Befriedigung vernommen, daß die wirtschaftlichen Bande, die Ihr Land an Deutschland knüpften, nunmehr gelöst sind, und es war mir angenehm festzustellen, daß Luxemburg, nach wiedergewonnener Freiheit, eine wirtschaftliche Annäherung an die Verbandsmächte wünscht. Allem Anschein nach gestattet es die allgemeine Lage nicht, gleich jetzt schon in die erforderlichen Besprechungen einzutreten. Sobald der Augenblick dafür gekommen ist, wird die französische Regierung, dessen dürfen Sie gewiß sein, diese Angelegenheit in der günstigsten Gesinnung prüfen."

Der Ausdruck „die allgemeine Lage" wurde von unsern Gegnern in der Kammer im Sinne von „die dynastische Frage" gedeutet und die Krone dementsprechend immer und wieder als das alleinige und große Hindernis zu unserm wirtschaftlichen Glück hingestellt.

[S. 149]

Und doch bestand ja seit einer geraumen Zeit bereits — und unsere Liberalen besonders waren als Anhänger einer Personalunion mit Belgien besser unterrichtet als wir — eine luxemburgische Frage.

Außenminister Hymans selbst hatte sie bekanntlich auf der Friedenskonferenz aufgeworfen und, mit Hinweis auf die allgemeine Zustimmung seines Landes erklärt, Belgien verzichte auf jede gewaltsame Angliederungspolitik. Aber wenn das nationale und internationale Statut des Großherzogtums nicht fortbestehen könne, dann mache Belgien Rechte geltend, die in einer langen Vergangenheit wurzeln. Dabei rechne es, wie schon erwähnt, auf den Beistand der Mächte, um zwischen Belgien und dem Großherzogtum eine Annäherung zu fördern, die sich sowohl durch starke geschichtliche Erinnerungen als durch die Rücksichten auf seine Sicherheit rechtfertige.

Die belgischen Wünsche brachten Frankreich, bei allem Wohlwollen für Luxemburg, in Verlegenheit. Die luxemburgische Frage spitzte sich recht heikel zu. Bei voreiliger und oberflächlicher Behandlung wäre der Widerstreit zwischen dem belgischen und dem französischen Vorteil in fordernde Erscheinung getreten. Für Frankreich war also doppelte Vorsicht geboten und es verstand sich der Hinweis Pichons auf die allgemeine Lage als Erklärung seiner Zurückhaltung von selbst. Die allgemeine, d. h. die internationale Lage gestattete dem französischen Minister eben keinen andern Bescheid auf die Luxemburger Mitteilung.

Diese allgemeine Lage erlaubte es den Ententemächten ebenfalls nicht, die diplomatischen Beziehungen mit dem Großherzogtum ohne weiteres wieder aufzunehmen.

Herr Schiltz sprach in dem Punkt das Richtige, als er in der Sitzung vom 6. März u. a. die Worte fand:

„Ich behaupte, der Grund weshalb Frankreich, Italien usw. ihre Gesandten noch nicht nach Luxemburg geschickt haben, liegt darin, daß man Belgien eine privilegierte Stellung hier im Lande eingeräumt hatte und nicht den Anschein erwecken wollte, als wolle man Belgien in den Weg treten .....

[S. 150]

Zur Zeit wo dieser Plan (auf Vertreibung der Dynastie) möglicherweise bestehen konnte — ich glaube nicht, daß er jetzt noch besteht — damals hat hier in Luxemburg ein heftiger Feldzug gegen unsere Dynastie eingesetzt; damals schien es, als ob Luxemburg selbst diese schmutzige Arbeit tun wollte, die die fremden Staaten nicht besorgen wollten.

Da konnte es den Ententeländern bequem erscheinen, uns gewähren zu lassen. Wenn für die Pläne des Auslandes unser Thron ein Hindernis war und die Luxemburger selbst dies Hindernis beseitigen wollten, warum sollte man sie nicht gewähren lassen? Warum sollte man diese Bewegung nicht bis zu einem gewissen Grad unterstützen? Ist das vielleicht nicht auch ein Grund, weshalb die fremden Mächte fern bleiben, warum sich die Diplomatie einer gewissen Sprache bedient hat, welche die antidynastische Bewegung hier im Lande begünstigen konnte! Diese inländische Hetze war ja Wasser auf ihre Mühle. Warum sollte also die Diplomatie diese Bewegung nicht begünstigen!"

Diese Worte trafen den Nagel auf den Kopf.

Um so notwendiger erschien es, angesichts der hinterhältigen Stellung des Auslandes, das Luxemburger Volk doch einmal selbst auf den Plan zu rufen. Das politische Referendum drängte sich unumgänglich auf. Der 5. März brachte diese hochwichtige Frage endlich vor die Kammer.

Sie wurde mit einer unheimlichen Gründlichkeit erörtert. Die Gegner der Dynastie zogen wieder alle Schleusen weitschweifendster Redseligkeit, alle Register ihres vaterländischen Empfindens, alle Griffe der Verschlagenheit, um die ihnen so unbequeme Volksbefragung zu verhindern.

Die Freunde ihrerseits nahmen die Gelegenheit wahr, den unwürdigen Feldzug des Hasses und der Verleumdung im In- und Ausland wieder einmal grell zu beleuchten und zu verurteilen.

Der Regierung wurde von ihren Gegnern jedes Recht abgesprochen, mit den Ententeregierungen in Verbindung zu treten und im Namen des Luxemburger Volkes zu reden. Am bestimmtesten taten sie das in einer Tagesordnung[S. 151] vom 12. März, die einen schon am 14. Januar abgewiesenen Antrag in erweiterter Fassung wiederholt und folgendes bestimmt:

„Da es im Vorteil des Landes liegt, die freundschaftlichen Beziehungen zu der Entente ohne Verzug zu bekräftigen; da der französische Außenminister Pichon, bei aller Sympathie für das luxemburgische Volk, sich weigert die heutige Regierung zu empfangen und es somit Pflicht der Volksvertretung ist, die neuen Bande mit den befreundeten Ententeregierungen zu knüpfen; da es angesichts der so bedauerlichen Ausweisung der Vertreter Frankreichs, Belgiens und Italiens notwendig geworden ist, im Namen des luxemburgischen Volkes unmittelbar mit den Alliierten Mächten Fühlung zu nehmen: bezeichnet die Kammer aus ihrer Mitte drei Vertreter, die sich alsbald mit den Ententeregierungen, und besonders mit Frankreich, England und Belgien in Verbindung setzen sollen, und bringt den gegenwärtigen Beschluß den Ententestaaten zur Kenntnis.

gez. Probst, Jak. Schaack, Mark, Jos. Thorn, Léon."

Der Antrag wird am 18. März mit 29 Stimmen gegen 21 verworfen.

Mit 30 Stimmen gegen 20 beschließt sodann die Kammer die Veranstaltung einer allgemeinen Volksbefragung über die zukünftige Staats- und Regierungsform Luxemburgs. Sämtliche Luxemburger und Luxemburgerinnen sollten dabei das Wort haben.

Für diesen Antrag stimmten die Rechte sowie die HH. Noesen, Prüm, Schmitz, Vinandy, Böver, Glesener, Hemmer, Herschbach und Kellen.

Es stimmten dagegen die HH. Krieps, Krier, Lacroix, Laval, Léon, Mark, Palgen, Pescatore, Probst, Jak. Schaack, Joh. Schaack, Thilmany, Jos. Thorn, Blum, Brasseur, Diderich, Gallé, Housse, Kieffer und Koch.


Auch der Sonntag, 16. März, war schon ein Fest des nationalen Gedankens geworden.

An dem Tage sollten die luxemburgischen Legionäre in der französischen Armee von der Heimat begrüßt und gefeiert werden. Sie hatten auf Frankreichs Boden für[S. 152] das Recht und für die Freiheit, für Frankreich, aber zugleich, wie sie mit Stolz betonten, für den Bestand des unabhängigen Vaterlandes gekämpft und geblutet. Hunderte von ihnen waren gefallen. An den heißesten Sturmtagen an der Somme, an der Aisne, bei Verdun schrieb sich die Luxemburgische Legion mit Flammenzügen in die Listen der Verluste, in die Tafeln des Ruhms, in das Dankesbuch der Geschichte.

Französische Abgeordnete, Senatoren und andere Politiker begleiteten sie. Die Herren kamen auch, um zu beobachten und die luxemburgische Volksseele zu belauschen.

Die Vereine Luxemburgs zogen zum Empfange auf. In der Halle des alten Stadthauses wurde den Legionären im Beisein von Gemeinderat und Regierung die Ehrenfahne überreicht.

Von den übrigen Festveranstaltungen war die Regierung absichtlich ferngehalten worden. Die Einladungen dazu gingen aus von den erklärten Gegnern der Dynastie, zum Teil sogar des unabhängigen Großherzogtums.

Das war häßlich. Am Tage des Vaterlandes hätte das Haupt der Landesregierung nicht fehlen dürfen.

Wenig vornehm erschien auch die Kundgebung, zu der sich für den Tag der Vorstand der französischen Liga verpflichtet wähnte.

Eine zu Ehren der Legionäre veröffentlichte Festschrift enthält auf der letzten Seite das Programm der Liga in acht Forderungen, gezeichnet von sämtlichen zwanzig Vorstandsmitgliedern. Dort liest man Forderungen wie die folgenden: „.... Absetzung der Dynastie Nassau — das republikanische Luxemburg unter der Schutzhoheit Frankreichs usw."

Man merkt daraus: Auch die Luxemburger Vaterlandsfreunde im „französischen Bund" hatten nicht abgerüstet. Sie waren, durch üble Erfahrungen gewitzigt, für den Augenblick etwas politischer geworden. Früher wollten sie mit selbstmörderischem Opfermut aus dem freien Großherzogtum ein ganzes oder halbes französisches Departement machen. Heute gaben sie sich mit[S. 153] einer Republik als französischem Bundes- und Vasallenstaat zufrieden. In heißer Erwartung natürlich des Besseren und Stolzeren, das in ihren Träumen oder in ihren Berechnungen der Erfüllung harrte.

Bei solchen Gesinnungen auf Seiten der Festveranstalter durften unsere Legionäre auch nicht den Weg zur Landesherrin finden. Nicht einmal am großherzoglichen Palaste sollten sie vorbei. Es wiederholte sich dasselbe klägliche Spiel, das ein erstes Mal beim Einzug der Amerikaner in Anwesenheit des Generals Pershing abgekartet worden war.

Aber sie sind doch gekommen, aus freien Stücken; mit ihrem Oberstleutnant Rollet, dem Tapfersten der Tapfern von denen, die die Tapferkeitsschnur in der Blutfarbe der Ehrenlegion tragen durften.

„Wir müssen uns ja bei unserer Regierung melden, hieß es in schlichter Rede aus dem Munde der Wackern; wir alle sind einig in der Liebe zu unserm lieben Land und zu seiner freien Zukunft."

Auch zur Großherzogin ging wenigstens eine Abordnung hin, um der Landesfürstin zu huldigen.

Beim Festbankette stiegen hohe Reden von Einheimischen und Ausländern. Die Phrase schwebte und das Pathos schwang.

Für die von allen Seiten in der Hauptstadt zusammengeströmten Landeskinder aber wie für die Legionäre selbst, wurde der Sonntag zu einem Tag der Nation: „Mir welle bleiwe, wat mir sinn", so stand auf den Fähnchen zu lesen, die zum Besten der Hinterbliebenen gefallener Legionäre auf den Straßen verkauft wurden.

Den Feinden eines freien selbständigen Luxemburgs im Großherzogtum selbst brachte der 16. März also trotz aller Schläue, keine Freude.

Und doch, hätten sie alles erfahren, sie hätten wieder neue Hoffnungen geschöpft und verstärkten Radau geschlagen. Kurz nachher kam mir nämlich von dem vertrauten Freunde aus Paris folgende Meldung:

„Am 19. März traf ich einen hiesigen Deputierten, der mir mitteilte, er gehe in einer halben Stunde mit vier[S. 154] Kollegen zu Clemenceau, um ihm über ihren Besuch in Luxemburg zu berichten. Der Herr erzählte dann und schloß seine Schilderung des Legionärfestes mit dem lapidaren Spruch: „Pas de Princesse boche!" Ich erwiderte: „Hören Sie mal, wenn es so steht, wie konnte man dann das Großherzogtum dermaßen zum besten halten?" Er entgegnete scharf: „Reuter hat nicht die Wahrheit gesagt". Ich staunte, überlegte und fand mich bewogen, ihm folgende Rede zu halten: „Kurz vor Neujahr wurde mir ein wichtiger Zwischenfall erzählt, von dem ich noch zu niemand gesprochen habe und den ich Ihnen jetzt verraten will, da mir keine Verschwiegenheit auferlegt wurde. Ich gebe Ihnen die Sache aber als durchaus verbürgt. Als Ende 1918 Großherzogin Maria-Adelheids Stellung erschüttert schien, wandte sich die luxemburgische Regierung durch eines ihrer Mitglieder an den Diplomaten und Minister Mollard, mit der Frage, ob seines Erachtens die Prinzessin Charlotte nicht die Nachfolge ihrer Schwester antreten könne. Der Diplomat erbat sich einige Tage Bedenkzeit. Dann antwortete er, dieser Nachfolge stehe kein Hindernis im Wege. Ein verantwortlicher Minister spricht aber bekanntlich nicht in seinem eigenen Namen, sondern im Namen seiner Regierung! Nur aus dem Grunde gewiß hatte Herr Mollard auch Bedenkzeit gefordert." Der Abgeordnete schien durch diese Mitteilung lebhaft berührt. Und ganz unvermittelt fragte er auf einmal: „Sagen Sie mal, wer ist eigentlich dieser Herr Dr. Welter?"

„Des andern Tages begegnete ich dem Abgeordneten wieder und fragte, wie denn die Audienz bei Clemenceau verlaufen sei. „Das ist alles strenges Geheimnis", war die Antwort. Kurz nachher aber erfuhr ich doch, Clemenceau habe den Politikern, die einem Anschluß Luxemburgs an Frankreich das warme Wort redeten, entgegnet: „Was wollen Sie? Wenn die Belgier Luxemburg haben wollen, sollen sie es sich nehmen." Die Besucher erhoben erregten Einspruch. Clemenceau aber rief: „Jedenfalls dulden wir keine preußische Fürstin mehr. Fort auch mit den kleinen Staaten! Wenn Belgien Luxemburg nicht erhält, so stecken wir es ein. Aber, meine Herren, so[S. 155] schloß der Alte, gehen Sie doch zu Pichon. Der weiß in der Frage besser Bescheid."

Diese Mitteilung schuf mir keine besondere Unruhe. Die verblüffenden Sprünge der Launen auch noch des greisen „Tigers" waren ja allgemein bekannt. Es sollte uns später nach einem besonders entscheidenden Augenblick eine weitere Probe seines politischen Humors aufgetischt werden.

[S. 156]

XVIII.

Am 2. April 1919 befaßte Herr Reuter die Kammer mit der Vorlage auf Veranstaltung eines Referendums über den wirtschaftlichen Anschluß.

Wir kamen nämlich auch auf wirtschaftlichem Gebiete keinen Schritt vorwärts. Die allgemeine Lage bedrückte das Land bis zur Beklemmung. Die Stimme des Volkswillens schien auch hier allein noch retten zu können.

Da kam am 5. April aus Paris folgende halbamtlich vertrauliche Meldung:

„Über die im politischen Referendum gestellten Fragen spricht sich Frankreich nicht aus; die Republik denkt nicht daran, sich in die innere Politik des Großherzogtums einzumischen.

Frankreich war immer der Ansicht, daß sich das Luxemburger Volk in Freiheit über seine Wünsche und Bestrebungen äußern dürfe.

Im Irrtum befindet sich, wer Frankreich, und im besondern Herrn Pichon, feindselige Gesinnungen gegen Großherzogin Charlotte beilegt. Die Tatsache, daß sie den deutschen Hofmarschall entfernte und sich mit Luxemburgern umgab, wurde ihr besonders gut geschrieben.

Wenn die verschiedenen Mächte, und nicht nur Frankreich, die Mitteilung ihrer Thronbesteigung bis heute noch nicht beantwortet haben, so liegt der Grund dafür an den unsichern, verworrenen Verhältnissen in Ihrem eigenen Lande; zugleich an den von Seiten bestimmter Parteien fortdauernd erhobenen Beschuldigungen, als hätte sich die Dynastie während des Krieges am Nationalbewußtsein vergangen. Auch die revolutionäre Bewegung mit der unmittelbar darauf erfolgten Abdankung Maria Adelheids und noch weitere Gründe tragen zu dieser Unsicherheit bei.

[S. 157]

Bis heute ist es nicht möglich, sich von den Wünschen des Volkes bei Ihnen Rechenschaft zu geben. Ehe man zu einem Entschlusse kommen darf, will man vorher klar sehen."

Durch großherzoglichen Beschluß vom 10. April 1919 wurde endlich das luxemburgische Volk für Sonntag, den 4. Mai, an die Urne gerufen, um über die dynastische Frage und die zukünftige Staatsform zu entscheiden.

Der Stimmzettel sollte lauten:

„Ich wünsche:

die Beibehaltung der Großherzogin Charlotte;

die Beibehaltung der Dynastie unter einer andern Großherzogin;

die Einsetzung einer andern Dynastie;

die Einführung der Republik."

Am 11. April begannen zugleich in der Kammer die Besprechungen über das wirtschaftliche Referendum.

Der Staatsrat, dem am 22. Februar die Frage unterbreitet worden war, ob der wirtschaftliche Anschluß des Landes der Gegenstand eines Referendums bilden könne, war nicht ohne Bedenken. Er empfahl aber schließlich die Vorlage aus der Erwägung heraus, daß die Einzelinteressen in ihrer Mehrheit mit den Gesamtinteressen des Volkes möglichst genau zusammenfallen dürften.

Die Regierung (ich bekannte mich stets zu dieser Auffassung) wollte den Ausgang des Referendums eher als einen Wunsch und eine Richtlinie denn als wirklichen Auftrag entgegennehmen. Das Referendum sollte angeben, mit welchem Land das Luxemburger Volk an erster Stelle wirtschaftlich verhandeln möchte. Niemals aber dürften Kammer und Regierung dadurch genötigt werden, mit dem bezeichneten Land um jeden Preis und zu jeder Bedingung abzuschließen.

Den letzten unserer mit dieser öffentlichen Kundgebung verbundenen Gedanken umschrieb mit aller Deutlichkeit in der Sitzung vom 15. April der Abgeordnete Probst, als er sagte: „.... Die Regierung wünscht schließlich, Frankreich freie Hand zu geben für den Fall, wo sich das Referendum für den französischen Anschluß ausspräche, denn es ist heute ja ein offenes Geheimnis, daß Frankreich[S. 158] Belgien bestimmte Versicherungen und Versprechen wegen eines Wirtschaftsbundes mit Luxemburg gegeben hat; dafür will sich Frankreich aus Rücksicht auf Belgien in keinerlei Weise in diese Angelegenheit einmischen. Belgien aber beruft sich auf das ihm gegebene Versprechen oder die ihm gegenüber eingegangene Verpflichtung. In diesen Ansprüchen und Bestrebungen wird es von den Vereinigten Staaten, von England und von Italien unterstützt. Damit ist es dem französischen Außenminister auch unmöglich gemacht, irgendwelche Verpflichtung zu übernehmen noch in irgend eine Verhandlung einzutreten."

Diese Worte legten die internationale Lage in vortrefflicher Klarheit dar und sollten bald ihre Bestätigung finden.

Am 14. April benachrichtigte die belgische Regierung die luxemburgische amtlich von ihrem Wunsch, mit dem Großherzogtum wegen eines wirtschaftlichen Anschlusses zu verhandeln.

Im Vormittag des 16. April lief vom luxemburgischen Geschäftsträger eine Drahtung ein, mit der dringenden Bitte an den Staatsminister, das Gesetz über das Referendum aufzuschieben.

Gegen 1 Uhr erschien aus Trier der amerikanische General Smith mit der Meldung, der Viererrat wünsche den Aufschub des Referendums bis nach dem Abschluß des Vorfriedens. Die Friedenskonferenz wolle mit diesem Wunsch die Arbeiten des Kongresses vor jeder unliebsamen Störung sichern und zugleich die glückliche Lösung der luxemburgischen Frage fördern.

Staatsminister Reuter brachte noch an demselben Nachmittag den Wunsch des Viererrates der Kammer zur Kenntnis und beantragte dementsprechend den Aufschub der Debatten zur Referendumsvorlage.

In einer Geheimsitzung kam es deswegen zu erregten Erörterungen. Viele Abgeordnete empfanden, und dies Gefühl wurde von der Öffentlichkeit mit Entrüstung geteilt, diesen Wunsch als eine Zumutung, als eine Vergewaltigung des von Wilson so feierlich verkündeten Selbstbestimmungsrechts auch und besonders der kleinen Völker.

[S. 159]

Am folgenden Tage trat die Kammer mit leidenschaftlichem Ungestüm in die Besprechung der Lage ein. Die Anhänger des belgischen Anschlusses drängten auf Abbruch der Debatte. Die Liebhaber der französischen Lösung wollten sich das Recht wenigstens auf Fortsetzung der Besprechung nicht nehmen lassen; sie wollten das Gesetz zur Hand haben, für den Tag, wo das Referendum von den Großmächten zugestanden würde. Die Ruhigdenkenden predigten Vernunft und empfahlen Rücksicht auf die gewiß guten Absichten der Mächte, denen nur zeitweilig um die Vorbeugung bestimmter internationaler Schwierigkeiten zu tun sei.

Aus Brüssel kam, am Vormittag des 17. April, dem Staatsminister ein amtliches Schreiben des Inhalts:

„Die Regierungen Englands und der Vereinigten Staaten ersuchen die luxemburgische Regierung, das Referendumsgesetz hinauszuschieben.

Die französische Regierung ist auf dem laufenden und gibt alle Ansprüche auf Luxemburg auf, um den Wünschen seiner Verbündeten nicht entgegenzustehen. England und Nordamerika wollen um keinen Preis, daß Luxemburg, unter dem Anschein eines wirtschaftlichen Anschlusses mit Frankreich verbunden, von diesem später annektiert werde. Regierung und Kammer befänden sich in ganz heikler und falscher Stellung, wenn die Kammer ein Gesetz erledigte, das auf Befehl der Mächte müßte rückgängig gemacht werden."

Ein Anruf in Paris bestätigte noch an dem Abend, daß Frankreich tatsächlich auf dem laufenden sei.

Mit General Smith hatte die Regierung am 17. April eine neue Besprechung. Auf die Frage, ob auch ein Aufschub des politischen Referendums gewünscht werde, wußte er persönlich keine Antwort. Doch erklärte er sich bereit, auf dem Luftweg einen Brief an Präsident Wilson gelangen zu lassen, bei dem wir genaueren Aufschluß erfragen könnten.

Das tat Herr Reuter noch in derselben Stunde.

„... Luxemburgs Kammer und Regierung, so schreibt er u. a., haben beschlossen, dem Wunsche der Friedenskonferenz zu entsprechen.

[S. 160]

Nur gestatten wir uns, Ew. Exzellenz darauf aufmerksam zu machen, daß die Kammer bereits am 21. März ein Gesetz erlassen hat, das ein Referendum vorsieht über die Beibehaltung der regierenden Dynastie sowie über die Staatsform. Dieses Gesetz ist seit geraumer Zeit veröffentlicht und das Referendum auf den 4. Mai festgesetzt. Es bezieht sich ausschließlich auf die innere Landespolitik.....

Eine Mitteilung unseres Geschäftsträgers in Brüssel, in dem nur von einem Aufschub des wirtschaftlichen Referendums die Rede geht, bestärkt uns in der Auffassung, daß die Ausführung des politischen Referendums von Seiten der Großmächte nicht beanstandet werden dürfte.

Wir wären Ew. Exzellenz sehr verbunden, wenn Sie uns diese Auslegung dringlich bestätigen wollten.....

Zugleich wünschen wir angelegentlich, unser Volk wegen seines Rechtes auf freie Selbstbestimmung beruhigen und ihm zugleich jetzt schon die Versicherung geben zu können, daß es sich nur um einen Aufschub des wirtschaftlichen Referendums handelt und daß es ihm nach Friedensschluß freisteht, das Referendum, falls es immer noch als nützlich und notwendig erachtet wird, vorzunehmen."

Schon am 19. April vormittags überbrachte General Smith Wilsons Antwort.

„Der Präsident, hieß es darin, hat die Mitteilung der luxemburgischen Regierung dem Viererrat unterbreitet. Der Rat hält es für angezeigt, die beiden Volksbefragungen aufzuschieben. Der Präsident gibt dem Großherzogtum die Zusicherung, daß ihm sein Wohl am Herzen liegt; er wird sein Möglichstes tun, damit seine Bevölkerung ihre Zukunft wunschgemäß ausgestalten kann. Der Rat begrüßt den Aufschub der beiden Referenden als eine freundschaftliche Handlung von Seiten Luxemburgs."

Auf eine weitere Frage des Staatsministers antwortete der General, seiner Überzeugung gemäß dürfe die Luxemburger Kammer das wirtschaftliche Referendum durch Gesetz beschließen, nur sollten wir dessen Ausführung hinausschieben. Auf dem Friedenskongreß aber werde, der Zusicherung des Präsidenten gemäß, über[S. 161] unser Land gewiß nicht verfügt werden, ohne daß sein Volk vorher gehört worden sei.

Am 21. April wurde aus Brüssel gemeldet:

„Die Regierung des Königs hat sich bei der Friedenskonferenz die Unterstützung Englands und der Vereinigten Staaten sowie den Verzicht Frankreichs zu holen gewußt. Die Mächte haben beschlossen, daß der wirtschaftliche Anschluß zwischen Belgien und Luxemburg erfolgen müsse.

Die belgische Regierung ist gesonnen, mit dem Großherzogtum auf dem Fuße völliger Gleichheit zu verhandeln, beseelt von dem Wunsche, den Vertrag zur vollen Zufriedenheit der beiden Länder zu tätigen.

Belgien achtet Luxemburgs Selbständigkeit und schützt seine Dynastie. Diese bestimmte Zusage des Königs Albert ist mir noch diesen Morgen ausdrücklich vom Ersten Minister wiederholt worden.

Es ist höchst unwahrscheinlich, daß ein anderes Land gegen die Großherzogin Bedenken erhebe; in dem Fall wird ihr königlicher Vetter ihr zu Hilfe kommen.

Wenn sich die belgische Regierung bis jetzt in dieser Frage nicht amtlich erklärt hat, so geschah es, um nicht die Gunst der radikalen Parteien des Großherzogtums zu verscherzen, die der erlauchten Fürstin so feindselig gegenüberstanden, daß es sogar die Regierung für angezeigt und geboten hielt, durch ein Referendum die Beibehaltung der Dynastie beschließen zu lassen.

Heute ist, meiner Auffassung nach, ein dynastisches Referendum überflüssig geworden; ein wirtschaftliches aber könnte für uns gefährlich werden.

Belgien ist entschlossen, uns mit seinem ganzen Einfluß zu unterstützen. Es gedenkt, weder unserer Selbständigkeit noch unserer Dynastie zu nahe zu treten. Wir dürfen uns seiner Ehre und seiner Aufrichtigkeit ganz anvertrauen...."

Dieses Schreiben fand teilweise seine Bestätigung in der amtlichen Eröffnung, die am 22. April der belgische Geschäftsträger im Namen seiner Regierung Staatsminister Reuter überreichte.

[S. 162]

Auch in diesen Zusicherungen der Regierung verwahrt sich Belgien gegen jedes annexionistische Gelüst, das sich unter der Decke eines wirtschaftlichen Anschlusses verbergen könnte. Diese wirtschaftliche Annäherung werde, das hoffe die Regierung König Alberts, für den luxemburgischen Staat statt einer Gefahr, eine neue Gewähr seines Bestandes bilden.

Von der Dynastie geht, auffallenderweise, in dieser eingehenden Regierungserklärung keine Rede.

[S. 163]

XIX.

Am 24. April begannen in Brüssel die Verhandlungen über einen wirtschaftlichen Abschluß zwischen Belgien und Luxemburg. Die Herren Neyens und Collart vertraten die luxemburgische Regierung.

Am 25. folgte ich, in Vertretung des Staatsministers, der in Luxemburg zurückgehalten wurde.

Ich empfand die Stimmung in Brüssel gar nicht so freundlich, wie sie uns geschildert worden. Belgischerseits schienen sich die Herren Orts und de Bassompierre noch immer mit besonderen Hintergedanken zu tragen.

Um so herzlicher trat uns der Regierungschef, Herr Delacroix, entgegen.

Als wir uns am Vormittag des 26. April zur Abschiedssitzung zusammenfanden, fühlte sich Herr Orts veranlaßt, in etwas scharfem Ton, auf eine für den folgenden Sonntag in Luxemburg geplante Volkskundgebung zugunsten der luxemburgischen Selbständigkeit aufmerksam zu machen. Es sei dies eine antibelgische Kundgebung und die Brüsseler Regierung mache die luxemburgische verantwortlich für alle etwaigen Ausschreitungen gegen Belgien und die belgische Fahne.

Wir erwiderten kurz und kühl, Luxemburg habe das Recht, wie jeder andere selbständige Staat, seinen Willen zur Ausübung seines Selbstbestimmungsrechtes auf seine Weise zu betonen. Wir seien der Auffassung, die Kundgebung richte sich durchaus nicht gegen Belgien. Im übrigen hätten wir Vertrauen in die Besonnenheit unserer Mitbürger.

Nein, nein, von Herzlichkeit war dieser Ton noch weit entfernt. Und solche Reden führte ein belgischer Minister gerade in Brüssel, an dessen Ecken immer noch die[S. 164] Annexionskarten prangten mit der auffälligen, tiefroten Hervorstreichung der früher von Belgien „losgetrennten" Gebiete; die luxemburgische Wunde an der Ostflanke Belgiens blutete besonders breit und rot! Tatsächlich ein aufreizend häßlicher Fleck! Es hieß noch immer sich vorsehen.

Die zugunsten der luxemburgischen Selbständigkeit als feierlicher Verwahr gegen den Gewaltspruch des Viererrates und dessen Eingriff in die freie Betätigung des Luxemburger Volkswillens vorbereitete Massenkundgebung vom 27. April verlief eindrucksvoll und ohne Zwischenfall. Die meisten Gemeinden des Landes sind vertreten. Mitglieder feindlicher Parteien schreiten Arm in Arm. Unzählige Schilder künden dieselben Wünsche und die gleichen Forderungen. Aus den Falten der hundert Fahnen und Banner rauscht im Sturmhauch der die Straßen fegenden Windsbraut die alte Liebe und das neue Verlangen. Das Recht des Volkes auf Selbstbestimmung wird unter Anrufung Wilsons machtvoll betont. Der Wille zur Fortdauer in Freiheit und Unabhängigkeit kommt bezwingend zum Ausdruck. „Letzeburg de Letzeburger!" ist die Losung des Tages. „Mir welle bleiwe wat mir sinn" ist der Herzensschrei vieler Tausende, der auf den Schallwogen ununterbrochen sich ablösender Musikkapellen über die Firste und Türme der Hauptstadt ins Land hinausgetragen wird. Dieser Sonntag wurde wirklich zu einem Weihefest der Nation, zu einem fröhlichen Ostern für die unsterbliche Seele des Vaterlandes.

Am 6. Mai führte die Regierung einen Entschluß aus, mit dem sie sich lange getragen hatte. Er wurde, nach dem Eingreifen der Großmächte in des Landes Geschick, als Notwendigkeit empfunden.

An dem Tage wandte sich Staatsminister Reuter in einem bedeutungsvollen Schreiben an die Herren Clemenceau, Wilson, Lloyd George und Orlando, bei denen damals Europas Zukunft lag.

Er erinnerte vorerst an den auf Wunsch der Großmächte verfügten Aufschub des Referendums und schrieb im Vertrauen auf das feierlichst festgelegte Selbstbestimmungsrecht der kleinen Völker wie folgt:

[S. 165]

„Das luxemburgische Volk ist überzeugt, daß die Friedenskonferenz nicht daran denkt, die eine oder andere an die Regierungsform und die Lebensbedingungen des Großherzogtums rührende Frage zu regeln, ohne das Land vorher in seinen berufenen Vertretern anzuhören.

Dieses Vertrauen wird gekräftigt durch den Inhalt der Mitteilung, die uns im Namen der Friedenskonferenz zuging und aus deren Wortlaut erhellt, daß es unserm Volke anheimsteht, gleich nach Unterzeichnung des Vorfriedens in aller Freiheit das Referendum über die Lebensfragen, die sein politisches und wirtschaftliches Schicksal bestimmen, vorzunehmen.

Das luxemburgische Volk wäre dem Rat der Großmächte zu besonderm Dank verpflichtet, wenn es ihm in der kritischsten Stunde der folgenschwersten Entschlüsse gestattet würde, durch seine Vertreter die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes und die Wünsche seiner Bürger darzulegen.

Es äußert diesen Wunsch in Erinnerung an die zahlreichen luxemburgischen Freiwilligen, die unter den Fahnen der Entente gedient und ihr Blut für das Recht und die Freiheit vergossen haben."

Am 24. Mai gegen Abend überbrachte der luxemburgische Geschäftsträger in Paris folgenden Bescheid:

„Mein lieber Minister!

In Beantwortung Ihres Schreibens vom 6. Mai darf ich Ihnen im Auftrag des Rates der Großmächte mitteilen, daß der Rat gerne bereit ist, zu jeder Zeit eine luxemburgische Abordnung zu empfangen zur Darlegung der Luxemburgs unmittelbare Zukunft berührenden Fragen, die die verbündeten Mächte in aller Aufrichtigkeit einer für die Luxemburger günstigen Lösung entgegenführen möchten.

Haben Sie die Güte, mir auf jedem beliebigen Wege mitzuteilen, wann eine solche Abordnung nach Paris kommen könnte. Wir werden dann das zu einer Audienz Nötige veranlassen.

Ich verbleibe mit den besten Wünschen für Luxemburgs glückliche Zukunft

Ihr aufrichtigst ergebener

Woodrow Wilson."

[S. 166]

Herr Reuter antwortete umgehend, die luxemburgische Vertretung stehe zur Verfügung des Hohen Rates.

Am 27. Mai kam die Nachricht, der Viererrat werde die Vertreter des Großherzogtums am Mittwoch, 28. Mai, gegen 4 Uhr nachmittags empfangen.

In der Kammer ging es beim Bekanntwerden dieser Meldung wieder einmal nicht ohne Widerstand ab.

Vorerst gelte es, so führten die beiden Linken aus, zu untersuchen, wer das Recht habe, als Vertreter des Landes vor dem Hohen Rate zu reden. Die Regierung nicht, jedenfalls nicht allein; denn sie vertrete in der Kammer nur eine Partei und nur einen Teil des Landes. In der feierlichen Stunde aber müßten in Paris sämtliche Schichten der Bevölkerung vertreten sein.

Sie stellten also durch den Mund des Herrn Brasseur den Antrag, die nach Paris zu entsendende Vertretung solle zusammengesetzt werden aus Abgeordneten sämtlicher Parteien sowie aus mehreren Mitgliedern der Regierung.

Diese Tagesordnung wurde abgewiesen mit 31 Stimmen gegen 15.

Die Rechtspartei ihrerseits schlug folgendes zur Abstimmung vor: „Die Kammer billigt die Erklärungen der Regierung und hofft, daß es ihr gelinge, vor der Friedenskonferenz der Stimme des luxemburgischen Volkes Gehör zu verschaffen und die gerechten Wünsche des Landes zur Annahme zu bringen."

43 Stimmen bei 2 Enthaltungen billigten dieses Vertrauensvotum, sodaß die von der Regierung bezeichnete Abordnung tatsächlich doch im Namen des gesamten Volkes reden durfte.

Wir reisten noch denselben Abend ab, Herr Staatsminister Reuter, Geschäftsträger Staatsrat Leclère, Geschäftsträger Staatsrat Lefort und ich. Als Sekretär ging mit Herr Regierungsrat Funck.


Am 28. Mai fuhren wir um die angegebene Stunde an Wilsons Quartier, dem Haus de Croisset-Bischoffsheim an der Place des Etats-Unis, vor.

Bei unserm Eintritt trat die Wache, schlanke, stramme Sammies, ins Gewehr.

[S. 167]

Das Haus, das sich Wilson zur Residenz ausgewählt hatte, durfte sich sehen lassen.

Gleich auf der Treppe bleckt uns ein gefleckter Tiger aus buntem Marmor entgegen; dem andern Tiger sollten wir in einigen Minuten gegenüberstehen.

An der Mauer glüht in satter Farbenpracht eine mythologische Jagdszene. Der rotgestiefelte Jägerfuß auf dem schwarzen Vorderbein des gefällten Keilers sprüht.

Ein amerikanischer Diener leitet uns ins Vorzimmer und ersucht zum Sitzen. Der Mann hält unentwegt eine Zigarette zwischen den Zähnen und bläst den Rauch gottvergnügt vor sich hin. Wir sind doch in Amerika!

Unter der Zimmerdecke laufen pompejanische Friese in sanfter Abtönung. Über der Türe blinkt die Erdkugel in Gold, zwischen zwei kranztragenden Genien.

Drunten im Garten flutet Sonnenschein. Kastanien schatten, Goldregen glüht, Efeu umsäumt die Beete, aus denen weiße Blumen heraufschimmern.

Wir müssen längere Zeit warten. Die Türe zum Hauptsaal steht offen. Unser Zeremonienmeister rückt die Stühle und Sessel und dampft weiter. Der Saal liegt im Zwielicht; aber ein Frauenbildnis leuchtet her; es gemahnt an Velasquez. Landschaften und andere Bildnisse bekleiden die Wände. Über dem vornehmen Kamin prangt ein Wappen mit Lilien, von zwei Krokodilen gehalten, die birnendicke Tränen weinen.

Dieser Anblick verführt gar leicht zu einem bittern Schluß auf das Arge, was im Zeichen bösen Mitleids in diesen Räumen vielleicht schon an der Menschheit verbrochen wurde. Aber lassen wir die schneidende Ironie! Und bleiben wir getrost. Unsere Schwäche ist unsere Stärke. Heute ist es für einen Großen keine Ehre mehr, einem Kleinen weh und unrecht zu tun. Ein erwachsener Schlingel, ein Kraftboxer, der ein Kind quält, verfällt der Verachtung. Wilsons Botschaft hat die Menschheit aufgeregt und er zwingt auch einen Clemenceau zu Rücksichten. Unter seinen Augen dürfen wir uns sicher fühlen.

So harren wir der Viermänner, der Gebieter Europas, der Herren der Erde.

[S. 168]

Da tritt ins Zimmer ein kleiner, schlanker, weißer Herr. Erst trippelt er zierlich, unhörbar an uns vorbei. Dann hält er an, macht kehrt und stellt sich vor: „Hymans!" Herr Reuter seinerseits nennt die Namen der Anwesenden. Herr Hymans lächelt, lispelt einige Worte und verschwindet im Nebenzimmer.

Endlich erscheinen die Gewaltigen. Freundlicher Händedruck begrüßt uns allerseits; Dolmetsch und Stenographen nehmen Platz. Eine liebenswürdige Einladung von Seiten Clemenceaus: wir setzen uns. Er ruht in einem Lehnstuhl mit hohem Rücken, Wilson auf einem Diwan; wir andern sitzen auf niedrigen Polsterstühlen und Sesseln.

Clemenceau weist mit einem einleitenden Wort auf den Zweck der Zusammenkunft hin und erteilt Herrn Reuter, der zu seiner Rechten sitzt, das Wort.

Inzwischen habe ich Muße, die allmächtige Vierheit zu mustern.

Clemenceau macht trotz seiner 80 Jahre einen frischen Eindruck. Unter den grauen Brauenbüscheln dringt aus den schräggeschnittenen Augen ein fester Blick scharf hervor. Der hängende graue Schnurrbart unterstreicht den mongolischen Ausdruck des Gesichts. In der massig untersetzten Gestalt und bei der fast orientalischen Starre in Antlitz und Haltung erinnert der mächtige Greis an einen imposanten chinesischen Obermandarin mit der weltüberlegenen Seelenruhe eines Buddha.

Clemenceau trägt graue Handschuhe, die er nicht ablegt. Beim Sprechen beugt er das Haupt an die hohe Lehne zurück, legt die grauen Hände auf die Stuhlarme und spricht bald mit geschlossenen Augen, als gehe er innern Gefühlen nach, bald mit geradeaus gerichtetem Blick, als sehe er über die Häupter der Anwesenden hinweg in grenzenlose Weiten. Er spricht langsam, klar und gewählt. Die Rede ergießt sich anfangs etwas eintönig, schwillt an, fließt lebhaft, behauptet bestimmt, entscheidet stark, fordert mit metallischer Resonanz. Keine längere Pause unterbricht die Satzfolge. Jedes Wort ist überlegt und findet sich wie von selbst an seinen Platz. Die Aufmerksamkeit ist mit dem ersten Wort gefesselt und bleibt wach. Dabei ruhen die Hände fast beständig um die Stuhllehne;[S. 169] selten nur lösen sie sich zu einer kurzen, kraftvollen Geberde. Bei einer persönlichen Wendung kann das graue Auge ungemein freundlich aufleuchten und lächeln, und aus der Rede plaudert einschmeichelnde Vertraulichkeit. Der kühle Berechner, dessen Sarkasmus so rücksichtslos beißen kann, wird dann zum herzgewinnenden Zauberer.

Der viel jüngere Wilson sieht hinter seinem Tischchen auf dem breiten Sofa ungleich älter aus. Der schlanke Herr in Schwarz, mit dem hagern, glatten Gesicht scheint eitel Feierlichkeit, ein Professor, der stark an den Reverend mahnt. Müdigkeit friert über dem Antlitz und Starre fesselt seine Haltung. Das Auge ruht glanzlos hinter dem Glas. Von den schmalen bleichen Lippen graben sich tiefe Furchen hinunter. Die Wangen sind grau und schlaff. Dieser Mann scheint in den letzten Wochen Erschütterndes durchlebt zu haben. Geheime Leiden und schlaflose Nächte haben seinen Zügen ihren scharfen Stempel eingedrückt. Sein Antlitz trägt den fahlen Widerschein all der Enttäuschungen, die er innerhalb weniger Wochen auf europäischem Boden erleben mußte. In ihm wurde der Idealismus wieder einmal das Opfer der Politik. In der Weltentfremdung seiner Gedanken entwarf sich der Professor ein Programm, das seinen Inhalt und seine Zuversicht schöpfte aus den amerikanischen Vorstellungen von Demokratie und Freiheit, unter Mißachtung der Hemmnisse und Schwierigkeiten, denen seine Verwirklichung begegnen mußte. Wie er, so kannten auch seine nächsten Vertrauten sich nicht aus in den Mitteln und Winkelzügen der europäischen Staatskunst. Den Meistern im Ränkespiel am grünen Tisch war der „reine Tor" aus dem weißen Haus nicht gewachsen. Clemenceau und Lloyd George haben seine Unschuld verstrickt und seine auf den vierzehn Artikeln aufgebaute Welt des Völkerrechts und Völkerfriedens untergraben. Worin Wilson eine heilige Sendung erblickte, daraus machten diese beiden Realisten ein Geschäft im großen. Wo er allgemeine schöpferische Gedanken vertrat und Menschheitsprinzipien aufstellte, da verfolgten George und Clemenceau ihren nationalen Sondervorteil, holten sich Revanche für die Vergangenheit und sorgten rücksichtslos für die Zukunft.

[S. 170]

Wie es diesem Manne mit allem heiliger Ernst ist, verrät seine gegenwärtige Haltung zur Genüge. Regungslos sitzt er und horcht auf eine Rede, deren Französisch er nicht versteht. In bestimmten Pausen kommt der Dolmetsch zu Wort. Dann lauscht Wilson mit gespannter Aufmerksamkeit. Man merkt: dieser Mann fühlt sich verantwortlich; er sucht, wo das Recht ist.

Heute, wo nach einem vorzeitig tragischen Zusammenbruch seine Körperlichkeit dahin ist († 2. II. 1924), denke ich dieses Idealisten mit noch stärkerem Mitgefühl. In jenen Tagen richteten sich an seiner Anwesenheit Millionen auf; die Herzen und die Hoffnungen der Nationen hingen an seinem Mund und seinen Augen. Er ist auch schließlich meinem Land ein Retter geworden.

Unter all den Persönlichkeiten, die auf der politischen Weltbühne der Nachkriegszeit in Paris bei der größten Tragikomödie der neuen Geschichte fördernd und hemmend, drohend und schachernd, zersetzend und zerstörend mithalfen, steht er als ein leidender Held.

Wilson kam Ende 1918 übers Weltmeer als der erwartete Erlöser des alten in seinem Kern erschütterten Europas. Da er in Cherbourg ans Land stieg, jauchzten ihm die Völker zu als dem Moses, der sie unter Vorauftragen der Tafeln seiner Vierzehn Gebote in das gelobte Land der Völkerverbrüderung führen sollte. Aber die dunkeln Mächte gewannen Macht über ihn. Statt aus der Höhe Herrscherworte zu reden, wozu ihn seine Stellung als Oberhaupt des mächtigsten Volkes befähigt hätte, ließ er sich von dem schlauen Clemenceau hinter den Beratungstisch bannen, gab damit die Führerstellung an diesen selbst ab, geriet, bei seiner Unkenntnis der französischen Sprache, in manche Verlegenheiten, machte Zugeständnisse, wurde sich untreu, sank in Scham und Schwäche.

Er war gekommen, um unter den Streifen des Sternenbanners die hohe Botschaft der Völkerrechte und des Menschheitsfriedens zu verkünden und zu gründen. Er brachte übers Meer nach Haus den — Friedensvertrag von Versailles, für das 20. Jahrhundert vielleicht ein noch schlimmeres Geschenk als es der hundert Jahre früher geschlossene Wiener Vertrag für das 19. Jahrhundert[S. 171] gewesen ist. In Präsident Wilson wurde hinter dem grünen Tisch ein neues Mal die Menschheit betrogen.

Da ist Lloyd George ein ganz anderer Kerl, ein durchaus quecksilberner Geselle. Untersetzt wie Clemenceau, mit einem klaren Blick, in dem die Sicherheit glänzt, aber auch der Frohsinn, ja der Mutwille lacht, über dem spöttisch gerafften Mund den etwas schüttern grauen Schnurrbart, das lange, dünne Haar glatt zurückgestrichen, den Kneifer am breiten Band, so hält er sich schweigsam im Hintergrund, so belauscht er listig die Fremden, so schiebt er sich manchmal zu Wilson hin und wechselt mit ihm lächelnd ein leichtes Wort; beim Gehen schleift ein Fuß leicht nach. Von sämtlichen Anwesenden empfand ich in jener Stunde Lloyd George als den Schläuling, der sich mit den besondersten Gedanken trägt.

An ihm und den beiden Kollegen gemessen scheint Orlando das leichte liebe Weltkind, das es im Leben nie ganz schwer gehabt hat und dem nicht so rasch etwas durch die steife Hemdbrust an die Seele geht. Wohlgepflegt, selbstzufrieden, gesund, ein gutmütiger Onkel, so sitzt er da, tut als ob er besonnen zuhörte, läßt den goldenen Bleistift an der Uhrkette um den Zeigefinger wirbeln und lächelt angenehm in die Luft.

Herr Hymans darf wohl auf besondere Einladung hin als Fünfter im Bunde thronen. Er scheint sich nicht besonders wohl zu fühlen. Dem Gedankengang des Herrn Reuter folgt er mit spitzer Aufmerksamkeit. Nach den ersten Worten Clemenceaus spielt in seinen Mienen eine geheime Unruhe. Wenn des Alten Darlegung einen unvorhergesehenen Gedankensprung macht, wird sein Gesicht zusehends länger. Bei bestimmten Zusagen des Unberechenbaren schaut er verdrießlich, fast betrübt. Seine ganze Person umfröstelt Kälte.

Ich sehe Herrn Hymans, ich denke zugleich seines Freundes Orts und mir schießt durch den Sinn: „Trau ihnen nicht, sie meinen's falsch!"

Staatsminister Reuter findet mit den ersten Worten seiner längern Rede eine natürlich sichere Haltung. Seine Sätze fließen klar und bestimmt. Er macht sichtlich einen[S. 172] guten Eindruck. Clemenceau besonders folgt seinen Worten mit ermunternder Freundlichkeit.

Über die Verhandlungen wurde ein Protokoll aufgesetzt, das ich hier anfügen will. Dabei sind Herrn Reuters Ausführungen etwas gekürzt.

Clemenceau: Meine Herren, Sie haben den Wunsch ausgedrückt, von uns gehört zu werden. Wir sind bereit, Ihnen das Wort zu geben. Im Namen der Mächte und meiner Regierung danke ich Ihnen, daß Sie unserer Einladung nachgekommen sind.

Reden Sie, bitte, ohne Vorbehalt. Sie stehen vor Männern, die der Gerechtigkeit in einer friedlichen Ordnung nachstreben. Wir werden handeln gemäß dem durch den Präsidenten Wilson festgelegten Grundsatz: Der allgemeine Friede muß aufgebaut werden auf dem freien Selbstbestimmungsrecht der Völker.

Ohne jeden Hintergedanken, mit dem größten Freimut werden wir Sie fragen. Sie geben Ihre Antwort in voller Freiheit. Unsere Unterstützung ist Ihnen gewiß.

Reuter: Der Rat der Mächte begreift meine Bewegung in der Minute, da ich vor Ihnen das Wort ergreifen soll. Ich danke den hohen Herren vorerst für die freundliche Einladung an uns, die Wünsche des kleinen Luxemburger Volkes vor der Friedenskonferenz darzulegen.

Vor ihrer Abreise nach Paris hat die luxemburgische Regierung mit der Kammer Fühlung genommen. Sie hat in den großen Zügen das Programm entworfen, das sie hier zu entwickeln gedenkt und dafür bei der Kammer einstimmige Billigung gefunden. Unsere Abordnung spricht also im Namen unseres ganzen Volkes.

Das Luxemburger Volk wünscht vor allem sein eigenes, unabhängiges und selbständiges Dasein in möglichst enger Freundschaft mit den verbündeten Mächten fortsetzen zu können. In dieser Unabhängigkeit hat es von jeher seinen kostbarsten Schatz gesehen und es hat, seiner Ansicht nach, nichts getan, um dieses großen Gutes beraubt zu werden. Es hat den der Friedenskonferenz übermittelten Wunsch geäußert, in den Völkerbund aufgenommen zu werden. In seinem Namen ersuchen wir um Kenntnisgebung der[S. 173] besondern Bedingungen, die Luxemburg zu diesem Eintritt auferlegt werden können.

Die Gestaltung und die Einrichtung unserer innern Staatsform wollen wir in Freiheit regeln. Um unsere Staatsform auf der breitesten, festesten und demokratischsten Grundlage zu errichten, beschlossen wir, unsern Willen mit dem feierlichen Nachdruck des Referendums zu äußern. Die von unserer Kammer bereits genehmigte politische Volksbefragung wird zwischen Republik und Monarchie entscheiden und sich über die Beibehaltung der Dynastie aussprechen.

Das luxemburgische Volk wagt zu hoffen, daß die Großmächte der so getroffenen Lösung ihre Zustimmung nicht versagen. Diese Hoffnung stützt sich auf den Grundsatz, auf den der Präsident der Friedenskonferenz soeben hingewiesen hat.

Aus der kürzlich erfolgten Bekanntgabe der Friedensbedingungen erfuhren wir, daß die Konferenz an die Abschaffung unserer Neutralität denke, die 1914 allerdings durch eine der Garantiemächte verletzt wurde. Das luxemburgische Volk möchte erfahren, welche Folgen diese Aufhebung für unsere inländischen sowohl wie internationalen Verhältnisse haben dürfte.

Hinsichtlich unserer wirtschaftlichen Orientierung wurde der Friedenskonferenz bekannt gegeben, daß jede Beziehung zum deutschen Zollverband endgiltig von uns gelöst ist. Aus diesem Wechsel ergibt sich notwendigerweise eine Wendung nach den Ententemächten, wie sie seit den ersten Tagen des Waffenstillstands in den Wünschen unserer Regierung lag.

Die ideale Lösung dieser Frage bestände nach luxemburgischer Auffassung in einem wirtschaftlichen Zusammenschluß mit Frankreich und Belgien. Wir stehen zur Besprechung dieser Frage mit den beiden Regierungen bereit.

Unsere sämtlichen Bevölkerungsklassen, Erzeuger und Verbraucher, begrüßen in diesem Bündnis eine ideale Lösung. Eine von der Regierung ernannte Studienkommission aber kam zu dem Schluß, daß dem Vorteil der meisten Berufsgruppen in unserm Lande durch den wirtschaftlichen[S. 174] Anschluß an Frankreich besonders gedient werde.

Diese Schlußfolgerung wurde seitdem lebhaft in Presse und Parlament erörtert.

Wir haben die französische und die belgische Regierung von unsern Absichten verständigt.

Belgien ließ uns wissen, es wünsche wegen eines Wirtschaftsbündnisses mit uns zu verhandeln. Diese Besprechungen haben vor ein paar Wochen begonnen und dauern an.

Die französische Regierung hatte uns im Monat Januar erklärt, die allgemeine Lage scheine ihr nicht zu gestatten, schon jetzt solche Verhandlungen anzuknüpfen; im günstigen Augenblick aber sei sie bereit, den Antrag mit dem größten Wohlwollen zu prüfen.

Verschiedene wirtschaftliche Gruppen unseres Landes haben sich ebenfalls mit der Frage beschäftigt. Mit einer einzigen Ausnahme haben sich unsere Landwirtschaftsverbände für eine wirtschaftliche Gemeinschaft mit Frankreich erklärt.

Unsere Eisenindustrie wünscht den wirtschaftlichen Bund mit beiden Ländern; so sichert sie sich auch für die Zukunft die erforderlichen Erze und ein möglichst weites Absatzgebiet. Bei Frankreich besonders wird sie jedenfalls um den Vorzug nachsuchen, die Erze zu denselben Bedingungen wie die benachbarte lothringische Eisenindustrie beziehen zu dürfen.

Der Verband der landwirtschaftlichen Vereine erblickt in Frankreich unsere natürliche Bezugsquelle für Kali und Sämereien. Auch dürften die Erzeugungsverhältnisse in der luxemburgischen Landwirtschaft den lothringischen Verhältnissen entsprechen.

Die luxemburgische Regierung bittet die Friedenskonferenz, Deutschland zur zollfreien Einfuhr bestimmter landwirtschaftlicher Artikel zu verpflichten, denn eine gebührenfreie Einfuhr bleibt während der Übergangszeit für unsere Landwirtschaft eine Lebensfrage.

Wäre ein wirtschaftlicher Anschluß an die beiden Nachbarländer nicht zu erreichen, so wünscht die Regierung unumstößlich feststellen zu lassen, nach welcher Seite[S. 175] das wirtschaftliche Interesse des Landes überwiegend neigt. Sie hat deshalb, im Einverständnis mit dem Staatsrat, die Kammer mit einer Vorlage über die Abhaltung eines wirtschaftlichen Referendums befaßt. Auf diesem Wege soll eine seit Monaten im Lande erörterte Streitfrage endgiltig entschieden werden.

Unsere Bevölkerung hofft die beiden Länder, mit denen es verhandeln möchte, durch diesen Ausdruck seines nationalen Willens leichter zur Kundgebung ihrer Absichten zu bewegen.

Wir bitten die Konferenz, dem Großherzogtum den Weg zu Besprechungen und Verhandlungen mit den beiden Ländern möglichst frei zu machen, damit die Lösung dieser Frage in aller Sachkenntnis und Freiheit getroffen werden kann.

Wir ersuchen zugleich den hohen Rat um Unterstützung unserer Ansprüche auf Ersatz der dem Großherzogtum durch die deutsche Besetzung verursachten Schäden. Unsere zukünftigen wirtschaftlichen Verbündeten werden diese Ansprüche gewiß befürworten.

Ich hege die feste Zuversicht, daß die Wünsche meines kleinen Landes, das sich beständig der Freundschaft und des Schutzes der Ententemächte erfreuen durfte, bei den Vertretern der Großstaaten ein geneigtes Ohr finden. Ich schmeichle mich der Hoffnung, daß der Rat der Mächte, gemäß der so liebenswürdigen Zusicherung des Präsidenten Wilson, sein Möglichstes tun wird, um den Wünschen des luxemburgischen Volkes zu willfahren.

Clemenceau (nach einem kurzen Seitenblick auf Herrn Hymans): Wenn sich niemand zum Worte meldet, so will ich der luxemburgischen Abordnung einiges zur Erwiderung sagen.

Drei Fragen wurden von ihrem Vorsitzenden gestellt.

Herr Reuter scheint vorerst darüber erstaunt, daß wir die Frage der Neutralität aufgeworfen haben.

Die Erklärung ist einfach. Der Krieg hat bewiesen, daß die Neutralität einen ungenügenden Schutz ausmacht. Belgien und Luxemburg haben das erfahren. Es ist daher ganz natürlich, daß die Friedenskonferenz zu der Ansicht kam, diese Frage müsse vorher geregelt werden. Das ist[S. 176] alles, was ich über den Punkt sagen darf, und ich bin überzeugt, damit den Gedanken meiner Kollegen auszudrücken.

Inbezug auf den zweiten Punkt täte es mir unendlich leid, wenn die luxemburgische Regierung eine Art Mißachtung von seiten der französischen Regierung in der Tatsache erblickte, daß diese sich noch nicht zu wirtschaftlichen Verhandlungen bereit gefunden hat. Ich will mich in aller Aufrichtigkeit aussprechen und ich hoffe (mit einem flüchtigen Blick auf Hrn. Hymans), niemand der anwesenden Herren wird sich verletzt fühlen, daß ich so rede. Wir wünschen zum Volk und zur Regierung Luxemburgs die besten Beziehungen zu unterhalten. Sie sind uns wohl bekannt. Groß ist die Zahl der Luxemburger in Paris und in Frankreich; viele haben freiwillig ihr Blut auf Seiten der Verbündeten vergossen. Diese Tatsache können wir nicht vergessen; ich halte darauf, das zu betonen.

Das alles aber rührt an die allgemeine Politik. Wir wollen mit dem Volke Luxemburgs auf dem besten Fuße stehen, aber wir wünschen, es auch mit dem belgischen Volke ähnlich zu halten. Belgien ist in den Kampf eingesprungen mit einem opferfreudigen Eifer, dem immer neues Lob gebührt. Wir bewahren ihm eine große Dankbarkeit und wir sind darauf bedacht, daß der Friede die durch diese Waffenbrüderschaft geknüpften Bande noch enger und fester ziehe. Die Freundschaft Belgiens war uns während des Krieges von größtem Wert. Sie bleibt es während des Krieges. Wir wünschen besonders, daß bei allen unseren Besprechungen mit Luxemburg auch Belgien sein Wort mitreden darf.

Weil uns aber die politische Lage noch nicht genügend geklärt erschien, weil so manche Vorurteile noch nicht gehoben waren, hielten wir es für nützlich, die bewußten Verhandlungen aufzuschieben. Einen andern Grund für diesen Aufschub gibt es nicht.

Nun verstehen Sie auch das Gefühl, das uns bestimmte, Sie um die Vertagung des wirtschaftlichen Referendums zu ersuchen. Wir erachteten es als notwendig, den Geistern Zeit zur Beschwichtigung zu geben, sowie eine heikle Frage, an der Luxemburg, Belgien und Frankreich[S. 177] gleichermaßen beteiligt sind, nach ihren verschiedenen Seiten zu betrachten. Es hätte uns tief geschmerzt, wenn der Wille des luxemburgischen Volkes laut geworden wäre, bevor sich über das jüngste große Kriegsgeschehen die verschiedenen Meinungen in Ruhe und endgiltig hätten bilden können.

Deshalb, und wenn ich das in meinem persönlichen Namen ausspreche, so weiß ich mich nach der zwischen uns gepflogenen Aussprache in Übereinstimmung mit meinem Kollegen, deshalb bitte ich Sie, das wirtschaftliche Referendum aufzuschieben. (Wilson stimmt eifrig zu. Clemenceau wirft Herrn Reuter einen freundlichen Blick zu und legt ihm die Hand zutraulich auf den Arm.) Die wirtschaftlichen und politischen Fragen müssen als innerlich verwandt nach ihren verschiedenen Seiten untersucht werden; wir würden uns alle behindert fühlen, wenn diese Untersuchung nicht vollständig wäre. Mein Land wenigstens würde damit in Verlegenheit sein, seine Ansicht in Freiheit zu äußern. Schließlich läge es auch nicht im Vorteil des luxemburgischen Volkes selbst, wenn es darauf bestände sich auszusprechen, ehe sämtliche damit zusammenhängenden Fragen erledigt wurden.

Geben Sie sich doch, bitte, Rechenschaft von den Verhältnissen, unter denen diese Konferenz zusammentrat. Wir kommen eben aus dem furchtbarsten und blutigsten Krieg, den die Weltgeschichte kennt; wir kamen hieher mit einem Programm, wie es sich schwieriger noch für keine solcher Versammlungen gestellt hat. In Europa, in Asien, in Afrika standen alle Fragen offen. All die alten Verbrechen der Geschichte mußten mit ihren unseligen Auswirkungen vor unsern Schranken erscheinen. Aus dem heißen Wunsch heraus, einen Frieden der Gerechtigkeit zu schließen, damit es ein dauernder Friede werde, mußten wir, und damit sage ich nichts, was Sie verletzen könnte, vorerst an brennendere Grundfragen herantreten, bevor wir uns der luxemburgischen Frage zuwenden konnten.

Aus dieser Gesinnung heraus ersuchten wir Sie um den Aufschub. Ich bin glücklich darüber, denn gewisse[S. 178] Unstimmigkeiten, gewisse Meinungsverschiedenheiten wegen Luxemburgs, scheinen ihrer Beschwichtigung entgegenzugehen. Dieses glückliche Ergebnis wird der ganzen Welt und an erster Stelle Luxemburg selbst zugute kommen. (Lloyd George lehnt wie schlafend, mit geschlossenen Augen im Sessel. Wilson beschreibt einen schmalen Zettel und läßt ihn zu ihm hinüberbringen. Lloyd George wird munter, liest, lächelt, geht langsam und schleppenden Ganges zu Wilson hin; beide tuscheln miteinander und schmunzeln; dann kehrt der Premier unauffällig zu seinem Platz zurück.)

Es bleibt nun noch der wirtschaftliche Zusammenschluß. Ihr Volk, Ihre Eisenindustrie, Ihre Landwirtschaft besonders würden, wie Sie erklärt haben, aus einem Zollbündnis mit Frankreich Vorteil schöpfen. Zugleich möchten Sie, wie nicht minder auch wir, die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Belgien, Frankreich und Luxemburg zusammenschließen.

Über diesen Punkt fordere ich Sie nun zu einer Aussprache auf. Ich freue mich, daß Sie gekommen sind. Ich freue mich auch, daß Herr Hymans zugegen ist. Wenn Ihnen an einer Besprechung zu dreien wegen der wirtschaftlichen Ordnung gelegen ist, Frankreich ist bereit, dabei das erste Wort zu reden.

Hymans: Wir haben die luxemburgische Regierung wissen lassen, daß wir bereit sind, mit ihr zu verhandeln. Wir haben mit diesen Besprechungen begonnen; sie berühren ausschließlich wirtschaftliche Fragen.

Clemenceau: Ich wünsche nichts anders. Es würde mir sehr leid tun, wenn ich Ihnen bei Ihrer Aussprache zu zweien als Eindringling erschiene. Ich werde mich, wenn nötig, mit der geziemenden Rücksicht zurückzuziehen wissen. Da sich aber der Präsident der luxemburgischen Regierung mit einer Bitte an mich gewandt hat, und zugleich mit einem leichten Vorwurf darüber, daß ich nicht früher habe antworten wollen, so erkläre ich, daß wir glücklich wären, zu dem Anschluß zu dreien zu gelangen. Nichts kann zwischen der arbeitsamen Bevölkerung Nordfrankreichs, Luxemburgs und Belgiens einen dauernderen Frieden herbeiführen, als dieses wirtschaftliche[S. 179] Bündnis. (Zu Hrn. Hymans.) Ob Sie diese Auffassung teilen, weiß ich nicht; aber es ist die meine.

Um dem Vorwurf zu entgehen, als wollten wir das in Vorbereitung begriffene Einvernehmen zwischen Ihnen stören, haben wir eben nicht früher antworten wollen. Wollen Sie uns aber einen dritten Sitz im Bunde anbieten, so werden wir glücklich sein, unsere Freundschaft darauf niederzulassen. (Lächeln. Herr Hymans blickt verlegen.)

Ich habe diesen Worten nichts anzufügen. Sie, meine Herren, sind durchdrungen von dem Bewußtsein Ihrer Rechte, die Sie aufrechthalten wollen. Wie die Bevölkerung Nordfrankreichs und Belgiens sind auch Sie ein Volk des wohlgeregelten Fleißes. Das neue Europa kann sich nur durch die Disziplin der Arbeit erhalten. Könnten diese drei Völker dazu das Beispiel geben und mit Hintansetzung aller Eifersucht aus der Vergangenheit zusammen eine feste wirtschaftliche Ordnung schließen, so bedeutete das für den Frieden der Welt, bei dessen Herbeiführung die Konferenz stolz ist mitzuhelfen, einen großen Gewinn. (Beifall der HH. Wilson, Lloyd George und Orlando.)

Reuter: Die luxemburgischen Vertreter stimmen dem Vorschlag des Präsidenten der französischen Regierung mit Freuden zu. Der wirtschaftliche Anschluß zu dreien wäre in den Augen Luxemburgs eine ideale Lösung und entschieden zum Vorteil der drei Länder.

Die zwischen Belgien und Luxemburg bisher gepflogenen Besprechungen verfolgen den Zweck gegenseitiger Aufklärung. Es sollten die Grundbedingungen für einen etwaigen Vertrag gefunden werden. Nichts dürfte, unserer Auffassung nach, Frankreich hindern, sich an diesen Besprechungen zu beteiligen. Luxemburg würde, im Gegenteil, seine Anwesenheit als ein glückliches, sämtlichen Beteiligten dienliches Ereignis begrüßen.

Der Herr Präsident erklärte auch, seiner Ansicht nach hingen politisches und wirtschaftliches Referendum in gewisser Hinsicht zusammen und besondere Gründe ließen den Aufschub auch des letzteren als wünschenswert erscheinen. Da dieser innige Zusammenhang doch nicht so[S. 180] ganz gebeten erscheint, wünscht die luxemburgische Regierung aufs lebhafteste eine möglichst rasche Lösung der Frage, und es wäre diese Lösung der innerpolitischen Gesundung des Großherzogtums äußerst förderlich.

Clemenceau: Sind Sie bereit, das Referendum hinauszuschieben?

Reuter: Die Kammer hat uns ermächtigt, diesem Wunsch der Großstaaten zu willfahren.

Hymans (zögernd und leise): Ich habe der vornehmen Sprache des Herrn Clemenceau mit Aufmerksamkeit gelauscht. Er empfiehlt eine wirtschaftliche Einigung zwischen Frankreich, Luxemburg und Belgien. Es ist das ein neuer Gedanke, der plötzlich auftaucht. Politisch wie wirtschaftlich ist er von entscheidender Bedeutung. Ich kann mich in diesem Augenblick nicht dazu äußern und will den Vorschlag bedenken.

Clemenceau (im schlichten, klaren Tone der Entschuldigung): Ich habe nur auf die Fragen antworten wollen, die mir von der luxemburgischen Abordnung gestellt wurden.

Reuter: Die Mächte wünschen den Aufschub des wirtschaftlichen Referendums. Doch wird unsere Kammer höchstwahrscheinlich das Referendumsgesetz selbst verabschieden wollen.

Clemenceau (wirft einen fragenden Blick auf Wilson und Lloyd George. Nachdem Präsident Wilson verständigt worden, gibt er seine eifrige Zustimmung. Lloyd George nickt lächelnd.): Sie regieren bei sich, wie Sie es für gut finden. Niemand kann in Ihre Rechte eingreifen.

Reuter: Auch möchte ich ein Exemplar unseres Sitzungsprotokolls erhalten.

Clemenceau: Wir werden Ihnen ein Exemplar zuschicken.

Reuter: Wäre es mir nicht gestattet, den Bericht unserer Kammer in geheimer Sitzung zur Kenntnis zu bringen?

Clemenceau (blickt zu den Kollegen hinüber: Lloyd George zuckt die Achsel; Wilson nickt entschlossen; Orlando lächelt in die Luft): Aber nur unter der Bedingung,[S. 181] daß nichts ausgeplaudert wird. Wir haben in dem Punkt unsere Erfahrungen mit den Journalisten und den Parlamentariern gemacht.

Reuter: In öffentlicher Sitzung möchte ich aber der Kammer in gedrängter Kürze die hier ausgetauschten Gedanken und Ansichten andeuten, denn nur so können wir unserm Volke Rechenschaft über unsere Sendung geben. (Allgem. Zustimmung. Schluß der Sitzung.)


Es war halb sieben. Wir wurden in liebenswürdigster Weise entlassen. Wir waren, da wir hinausschritten, einer schweren Sorge ledig. Wir hatten eine bedeutsame Stunde erlebt. Luxemburg stand nicht schutzlos da. Und wir waren den richtigen Weg gegangen.

Heute, wo von dem Großen und Guten, was damals als möglich angekündigt wurde, noch so gar wenig zur Tatsache werden durfte, auch heute noch lebt trotz dieser Enttäuschung in mir das hohe Gefühl von damals nach.

Bei unserer Rückkehr in den Gasthof wurde Herrn Reuter ein Telegramm eingehändigt.

Die „Nationalunio'n" in Luxemburg bat die Abordnung, beim Viererrat die Rücküberlassung der abgetrennten altluxemburgischen Kantone Bitburg, Neuerburg, St. Vith usw. zu beantragen.

Ein böser Zufall (oder steckte vielleicht eine böse Absicht dahinter?) ließ die Aufforderung zu spät an uns gelangen.


Am folgenden Tage stattete ich mit Herrn Reuter Herrn Hymans einen Besuch ab. Ich hatte persönlich zu dem Schritt geraten, um unserseits den besten Willen zu bekunden. Besonders herzlich war der Empfang nicht. Das am Vorabend gemeinsam Erlebte lag uns auf den Lippen. Aber es ward uns nicht möglich gemacht, mit einem Wörtchen daran zu erinnern; Herr Hymans tat, als ob gar nichts geschehen wäre.

Wohl aber ging die Rede von den in Brüssel gepflogenen wirtschaftlichen Verhandlungen und deren Fortsetzung.

[S. 182]

Ich warf mit Absicht eine Frage über die Anerkennung der Großherzogin Charlotte ein. Der belgische Außenminister gab den ausweichenden Bescheid, diese Anerkennung sei eine internationale Angelegenheit, an der Belgien nicht allein beteiligt sei.

So mußten wir uns, trotz der tröstlichen Zusicherungen aus Brüssel, immer unsere besonderen Gedanken machen.

Ehe wir nach Hause kamen, sahen wir uns auch wieder vor das Problem Clemenceau gestellt. Nach der Ratssitzung vom 29. Mai, so wurde uns versichert, eilte Herr Hymans zu Herrn Pichon und führte scharfe Klage über die Herzlichkeit, mit der Clemenceau zu den Luxemburgern gesprochen, und besonders über die ihnen eröffneten Aussichten, die so ganz gegen die Abmachung verstießen.

Pichon seinerseits begab sich zu seinem Herrn und Meister und machte diesem Vorwürfe über seine impulsive unpolitische Art. Schließlich riß Clemenceau die Geduld und er sprudelte Pichon ins Gesicht: „Geben Sie endlich Ruhe, wie! Meinetwegen können Sie den Belgiern ganz Luxemburg überlassen, alles, Land und Leute. Es sind ja doch lauter Pfaffen und Boches."

Sogar wenn dieser Ausfall mehr wäre als eine der gewohnten Clemenceau-Anekdoten oder ein fauler Journalistenwitz, so büßte der 28. Mai 1919 nichts von seiner Bedeutung für Luxemburg ein. In der Stunde wenigstens hat Clemenceau es ganz ehrlich gemeint und hat gesprochen, wie er fühlte. Er hat überhaupt Belgien und Luxemburg gegenüber offen geredet und klug gehandelt. Die Belgier waren nicht immer mit ihm zufrieden. Aber wer hätte es gewagt, sogar in der Runde der großen Friedenskonferenz und des kleineren Zehnerrates, gegen die kalte Schroffheit des Alten aufzumucken!

An dem Tage empfanden wir für uns, was André Tardieu, Clemenceaus Mitarbeiter und Vertrauter, über Frankreichs Verhalten gegen Belgien und Luxemburg ein Jahr später der Welt verraten wollte. In seinem Buche „La Paix" schreibt er darüber folgendes (S. 252 ff.):

„Eine letzte und heiklere Frage war die Luxemburger Frage. Sie war heikler, denn sie konnte, wenn man nicht darauf achtgab, zu einem wenigstens scheinbaren Konflikt[S. 183] zwischen dem belgischen und dem französischen Vorteil führen. Schon am 11. Februar 1919 erklärte Hr. Hymans, gestützt auf die Einstimmigkeit der öffentlichen Meinung Belgiens, sein Land denke an keine Annexionspolitik, es hoffe aber auf den Beistand der Mächte zu einer Annäherung zwischen Belgien und dem Großherzogtum, wie sie durch die Macht der Erinnerung und die Sorge um die Sicherheit geboten werde. In Luxemburg andererseits näherten sich viele von denen, die eine Änderung der Vorkriegsverhältnisse wünschten, politisch wie wirtschaftlich Frankreich und nicht Belgien. Ihr Wunsch fand in Paris Gehör. Viele unserer Mitbürger, und besonders viele Abgeordnete, beriefen sich auf die zahlreichen Luxemburger, die in unseren Reihen geblutet hatten, und stellten angesichts der belgischen Forderungen die Vorfrage. Sie verlangten, Luxemburg müsse sich in Freiheit aussprechen dürfen und Frankreich müsse seinem Wunsch, dessen Sinn für sie nicht zweifelhaft war, Gehör schenken.

Schon vor dem Waffenstillstand hatte die französische Regierung den Streit dieser beiden entgegengesetzten Strömungen verspürt. Herr Aristide Briand hatte sich in seinem vertraulichen Rundschreiben vom Februar 1917 über die Kriegsziele ganz allgemein und unbestimmt ausgedrückt. Fünf Monate später aber (9. Juni 1917) erklärte der damalige Ministerpräsident Herr Ribot dem belgischen Gesandten Baron de Gaiffier, eine Annexion Luxemburgs liege nicht in den Kriegszielen Frankreichs, und ermächtigte den Vertreter König Alberts, von dieser Erklärung Gebrauch zu machen. Bei Beginn der Friedenskonferenz gab es für die französische Politik keine andere rechtliche Unterlage als diese verneinende Zusicherung. Trotz unserer lebhaftesten Sympathie für das Luxemburger Volk, das 1914 von seiner Dynastie an Deutschland ausgeliefert worden (!), seither aber den festen Willen zur Freiheit bekundete, mußten wir unserseits naturgemäß darauf bedacht bleiben, Belgien einen Beweis unserer Freundschaft zu geben. Während der Verhandlungen von 1919 wurde Herr Clemenceau in verschiedenartigem Sinn beeinflußt, aber er behandelte trotzdem diese schwierige Frage in der einzigrichtigen[S. 184] Weise, d. h. durchaus ehrlich und freimütig. Von dem ersten Tage ab sagte er den Belgiern, was er wolle und was er tun könne. Er deutete zugleich das Einzige an, das er nicht tun könne. Er bestätigte ohne Rückhalt das Versprechen des Herrn Ribot, indem er sagte: „Frankreich verfolgt in Luxemburg weder offene noch versteckte Annexionsabsichten" und fügte bei: „Frankreich wird zufrieden sein mit jeder Abmachung, die zwischen Belgien und Luxemburg zustande kommt. Es wird sich nicht bloß darüber freuen, sondern auch mit allen in seiner Macht stehenden Mitteln dabei behilflich sein." Er machte nur folgende, übrigens recht begreifliche Einschränkung: „Einigen Sie sich mit Luxemburg, aber verlangen Sie nicht, daß ich durch eine amtliche Handlung Sympathien abweise, die nach Frankreich neigen, und fordern Sie nicht, daß ich die belgische Lösung aufdränge, denn diese Lösung muß meines Erachtens aus einer freien Aussprache hervorgehen und ein weiteres Bindemittel zwischen den drei Ländern darstellen."

Bis zu seinem Rücktritt hat Herr Clemenceau durch seine Haltung den Belgiern die unwandelbare Aufrichtigkeit seiner Erklärungen bewiesen. In der Frage nach der Anerkennung der luxemburgischen Regierung weigerte er sich stets, selbst vorzugehen, weil er Belgien den Vortritt lassen wollte. Um dem Wunsche der Belgier zu entsprechen, ließ er am 5. März die Audienz der luxemburgischen Delegation vor dem Obersten Rate aufschieben.

Um diese Zeit hatten sich in Luxemburg Zwischenfälle ereignet, für welche Belgien einen französischen General verantwortlich machte: dieser General wurde seines Amtes enthoben.

Um Belgien die vollste Handlungs- und Verhandlungsfreiheit zu sichern, befürwortete Clemenceau zu zwei verschiedenen Malen die Aufschiebung des politischen und des wirtschaftlichen Referendums. Als endlich am 28. Mai der luxemburgische Staatsminister, Herr Reuter, von dem Viererrat angehört wurde, legte der französische Regierungschef die Sachlage folgendermaßen dar: „Wir sind Ihre Freunde und wollen es sein. Wir wollen auch mit dem belgischen Volke, das sich mit unvergeßlichem Heldenmut[S. 185] in den Kampf geworfen und sich uns dadurch stark verpflichtet hat, auf dem besten Fuße stehen. Da die politische Lage in Luxemburg uns nicht vollständig geklärt schien, hatten wir vorgezogen, Sie um Aufschiebung Ihres Plebiszits und Ihres Referendums zu ersuchen. Ich freue mich, daß wir gewartet haben. Die Schwierigkeiten, die möglichen Mißverständnisse sind im Begriff beigelegt zu werden. Sie wünschen eine Annäherung zwischen Frankreich, Belgien und Luxemburg. Die Besprechungen mit Belgien haben bereits begonnen. Wir sind bereit, daran teilzunehmen, wenn es beiderseits gewünscht wird. Ich will mich nicht aufdrängen, aber wenn Sie unsere Beteiligung an den Besprechungen wünschen, werden wir es mit Freuden und in Freundschaft tun."

Unter diesen Umständen und in dieser Stimmung bearbeitete eine Kommission, in der ich den Vorsitz führte und in der Baron de Gaiffier Belgien vertrat, die auf Luxemburg bezüglichen Artikel 40 und 41 (des Versailler Vertrags). Auf Grund dieser Artikel verzichtet Deutschland auf die Vorteile aller Verträge und Abmachungen, die von 1842 bis 1902 zwischen ihm und dem Großherzogtum zustande gekommen waren. Luxemburg trat aus dem deutschen Zollverein aus. Deutschland verzichtete auf alle seine Rechte im Eisenbahnbetrieb und stimmte im voraus allen Abmachungen zu, die bezüglich des Großherzogtums zwischen den Mächten getroffen würden. Außerdem wurde Deutschland in dem 5. Zusatz zum Art. 8 verpflichtet, jedes Jahr soviele Kohlen an Luxemburg zu liefern, wie dieses vor dem Kriege aus Deutschland bezogen hatte. Damit war die preußische Vormundschaft endgültig erledigt und die Bahn lag frei für den Abschluß weiterer Abmachungen .....

So wurde durch die unwandelbare Aufrichtigkeit des französischen Regierungschefs die ruhige Behandlung einer Frage gesichert, die weder durch Belgiens noch durch Frankreichs Schuld, aber unter dem Zwang der Umstände, zu gewissen Zeiten Reibungen hätte hervorrufen können. Der Weg war offen für eine endgültige und allgemeine Einigung mit unsern Nachbarn. Das wurde kurz nachher auch amtlich festgestellt."

[S. 186]

XXI.

Nach wieder recht bewegten Debatten beschloß unsere Kammer am 4. Juni 1919 mit 30 Stimmen gegen 16 Enthaltungen, daß das Luxemburger Volk zugleich mit dem politischen Referendum und unter denselben Bedingungen auch darüber zu befinden habe, ob es mit Frankreich oder mit Belgien einen wirtschaftlichen Anschluß tätigen wolle.

Die Weltereignisse gingen inzwischen einem einstweilig großen Abschluß entgegen.

Am 23. Juni erklärte sich Deutschland zur Annahme der ihm aufgezwungenen Friedensbedingungen bereit.

Am 28. Juni wurde im Spiegelsaale von Versailles, der am 18. Januar 1871 die Ausrufung des neuen deutschen Kaiserreiches schauen mußte, der Friede zwischen den Verbündeten und der Republik Deutschland unterzeichnet.

Unsere Volksvertreter förderten das Werk der Verfassungsrevision endlich mit einem wirklichen Eifer. Die Verhandlungen mit Belgien schritten ebenfalls fort, wenn auch nicht gerade in beschleunigtem Tempo. Im übrigen kam es zu mancher aufregenden Überraschung.

Am 13. August beriet die Kammer über die Verteilung einer Teuerungszulage von 15 Millionen an die Arbeiterschaft des Landes. Eine zugunsten der Industriearbeiter und Privatbeamten am 16. Januar eingebrachte Tagesordnung war am 14. März auf die gesamte Arbeiterschaft des Landes ausgedehnt worden. Die Industriearbeiter wollten für sich einen besondern Vorzug erzwingen, und so waren die Vertreter der Gewerkschaften entschlossen, es an dem Tage mit einem Druck von außen zu versuchen.

Am Vormittag schon strömte es in dichten Scharen aus dem Erzrevier nach der Hauptstadt. Der Nachmittag[S. 187] brachte stürmische Kundgebungen auf dem Wilhelmsplatz und vor dem Parlament. Die Hundstaghitze reizte die Köpfe noch mehr.

Die in Aussicht gestellten Zulagen mit den für deren Verteilung festgesetzten Regeln befriedigten die Masse nicht. Die Erregung steigerte sich zur Wut. Aufwiegler hetzten. Einige Rädelsführer drangen in die Kammer, brachten die Forderungen der Arbeiter mit verbissenem Trotze vor und drohten. Vergebens erprobten die parlamentarischen Parteiführer den Einfluß ihrer Beliebtheit. Sie wurden niedergebrüllt und unter Äpfelwürfen in die Kammer zurückgetrieben.

Szenen nie erlebter Wildheit spielten sich vor meinen Augen ab. Ein junges dralles Frauenzimmer geberdete sich wie die Mänaden der Revolution; jeder Nerv an ihr schlug; sie klatschte aus den Fenstern dem unten tobenden Haufen zu, schrillte, kreischte, schrie: „Sowjet! Sowjet!" und tobte wie berauscht.

Der Kammerplatz schien mit flammenden Gesichtern bepflastert. Dunkle Augen blitzten, klaffende Mäuler drohten herauf. Auf den Brüsten die roten Kravatten brannten wie blutige Flecken.

Die Gewerkschaftsgewaltigen in der Kammer verzweifelten an der Macht der Organisation. Mächtige Schreier wurden zu gar stillen Bürgern.

Auf einmal steigt aus der Masse draußen ein schriller Ruf und dann ein wildes Geheul: eine Schnellzuglokomotive unter Volldampf setzt sich so mit gellendem Pfiff und dröhnendem Schnauben in Gang; ein rasender Stier stürzt so mit blutigen Augen, aus denen der Tod glotzt, auf den Feind. Die Menschenwoge draußen brandet vor, die Treppe hinauf zur Türe, über das niedrige Eisengitter der Blumengärtchen zu den Fenstern empor. Steine fliegen durch die Scheiben, eiserne Gitterstäbe folgen.

Das Haus der Volksvertretung wird gestürmt. Im Erdgeschoß hinter der Treppe stehen vier Gendarmen mit gezogenem Revolver. Alle übrigen Gäste des Hauses suchen sich vor den Würfen zu bergen. Einige steigen zum Sitzungssaal; der aber wird von außen ebenfalls unter die Schleuderfaust genommen und es müssen die[S. 188] dort Geborgenen von Wand zu Wand kriechen, umhagelt von Steinen und Scheibensplittern.

Andere retten sich unters Dach und wagen durch das Mansardenfenster dann und wann einen zagen Blick in den johlenden Aufruhr.

Die meisten verziehen sich in das Kellergewölbe.

Ich verweile eine Zeitlang hinter der Treppe neben den Gendarmen. Das Kammergebäude ist, das tritt jetzt auffällig ins Gefühl, von drei Seiten leicht verwundbar und bietet seine zahlreichen ungeschützten Fenster jedem Angriff preis. Die Scheiben splittern und klirren zu Boden, die Türen dröhnen unter Hieb und Wurf. Auf einmal fliegt auch das Mittelfenster im Erdgeschoß in Scherben und ein junger Regierungschauffeur, der zurückgeblieben ist, stürzt zu Boden. „Nun schießen die Kerle auch noch!" ruft jemand den Gendarmen zu und ich tauche meinerseits in den Keller hinab.

Hier hält die gemeinsame Gefahr sämtliche Parteien in Eintracht und flüsternder Sorge. Durch die Decke nieder dröhnt es und kracht wie von Schüssen.

Auch vom Hofe aus wird der Sturm versucht. Das kleine Kammergebäude lehnt sich bekanntlich an das großherzogliche Schloß. Die Angreifer dringen in die Schloßküche, um von dort einen Weg ins Parlament zu suchen. Vergeblich. Da reißen sie die schweren Küchenherdringe an sich und schleudern sie durch die Hinterfenster ins Kammerhaus. Der eine und andere Eisentopf nimmt und findet denselben Weg.

Die Kellergewölbe geben das Tosen dröhnend zurück. Überhaupt dieser Keller als Zufluchtsort! Im blutigen Ernst wäre es die richtige Mausefalle gewesen. Mit ziemlich breiten Luken öffnet er sich auf die Straße; die Beine der draußen Hin- und Herlaufenden kreuzen die Öffnungen in stets flatternden Maschen. Eine einzige Stinkbombe zu einem der Löcher herein und aller Zank und Zwist hinter den Stirnen der hier unten sich Drängenden ist ausgelöscht.

Freilich, auch die Tapferkeit kommt zu ihrem Recht.

Ein Abgeordneter, der sich im Besitze eines kleinen Revolvers weiß, hält die Waffe beständig in der Tasche[S. 189] mit heißer Faust umkrampft, wandert tragischen Blickes aus einem Winkel in den andern und schwört, sein Leben möglichst teuer zu verkaufen.

Der entnervende Spaß hält schließlich zu lange an. Bald rufen auch die schärfsten Gegner der französischen Besatzung nach den Franzosen.

Endlich rücken die Befreier an. Es sind unsere eigenen neueingestellten Rekruten. Mit gefälltem Bajonett säubern sie den Platz. Französische Jäger stehen zur Unterstützung bereit.

Die Jungens scheinen energischen Willen bewiesen und arg gestichelt zu haben. Die städtischen Ärzte hatten an „Männern aus dem Volke" in der Nacht zahlreiche Wunden zu besorgen.

Wie der Lärm über uns verstummt, steigen wir wieder ans Licht. Inzwischen ist es Abend geworden. Kammer und Umgebung sind eine Trümmer- und Scherbenstätte. Ein richtiges Opfer hat der Sturm nicht gefordert. Unser Chauffeur war nur durch einen Stein an der Stirn verwundet worden. Die Gendarmen dagegen haben über die Köpfe hinweg geschossen. Türen und Wände trugen die Spuren der Kugeln. Eine Schußwaffe scheinen die Meuterer nicht gebraucht zu haben.

Gegen 10 Uhr nachts gehen wir nach Haus.

Wir haben den Dämon Masse einige Stunden am Werk gesehen. Der Geist aber erwägt die Möglichkeiten, die beim Hereinbruch der Volksherrschaft, der sowjetistischen Freiheit grauenvoll aufspringen müßten.

Die unter dem Druck der Verhältnisse, d. h. der Kammerzusammensetzung damals zugestandene Teuerungszulage an die Arbeiterschaft in der Höhe von 15 Millionen galt mir vom ersten Augenblick an als ein neues Opfergeld zugunsten der nationalen Freiheit und Selbständigkeit.


Am 10. September verkündete Herr Reuter der Kammer, es sei die Pflicht der Regierung, die beiden Referendumsgesetze endlich zur Ausführung zu bringen.

Die Friedenskonferenz war schon am 29. Juli von der Notwendigkeit dieses Schrittes verständigt worden.

[S. 190]

Am Sonntag, 28. September, schritten die großjährigen Luxemburger und Luxemburgerinnen zum ersten Male Seite an Seite zur Wahlurne und befanden über die zukünftige Gestaltung der Heimat.

Das Wahlergebnis stellte sich wie folgt:

Eingeschriebene Wähler:
125775
Wählende:
90984
Politische Befragung: Gültige Zettel: 85871
Für Großherzogin Charlotte:
66811
Für die Republik:
16885
Für eine andere Großherzogin:
1286
Für eine andere Dynastie:
889
Wirtschaftliche Befragung: Gültige Zettel: 82375
Für Frankreich:
60133
Für Belgien:
22242
Ungültige und weiße Zettel:
Beim politischen Referendum:
5113
Beim wirtschaftlichen Referendum:
8609

Luxemburgs Volk hatte endlich gesprochen, und das bestimmt und klar. Großherzogin Charlotte blieb Siegerin. Der republikanische Wahn war erledigt, der belgische Traum zerstört. Aber auch eine Partei Maria Adelheid — die Abstimmung bewies das in aller Deutlichkeit — besteht bei uns nicht.

Die belgische Regierung zeigte sich über den Ausgang des wirtschaftlichen Referendums äußerst unzufrieden.

Ihr Geschäftsträger Prince de Ligne wurde abberufen.

Am 3. Oktober kam dem Staatsminister folgende amtliche Mitteilung:

„Im Anschluß an das Referendum ist die Regierung des Königs der Ansicht, daß die mit dem Großherzogtum auf dessen Wunsch angeknüpften Besprechungen wegen eines wirtschaftlichen Anschlusses zwischen den beiden Ländern als geschlossen gelten dürfen.

Damit ist der Auftrag des Prince de Ligne beendet."

Der Prinz reiste ab. Und das Blatt „Le Luxembourg" stellte sein Erscheinen ein.


Am 17. Oktober war auch für unsere Konstituante die Stunde gekommen.

[S. 191]

Sie hatte die ihr gestellte Aufgabe endlich bewältigt. Die Staatsgewalt war auf durchaus demokratische Grundlage gestellt worden. Das Wahlgesetz wurde umgestaltet. Allgemeines Wahlrecht, Frauenstimmrecht, Verhältniswahl wurden eingeführt. Das Land umfaßte nur noch vier Wahlbezirke; die Zahl der Abgeordneten wurde leider nicht genügend herabgesetzt.

Mit der politischen Gleichberechtigung der Frau war ich seit langen Jahren einverstanden. Ich achtete die um mich wirkenden und emporwachsenden Luxemburgerinnen zu hoch, als daß ich ihnen ein Recht hätte vorenthalten wollen, das dem letzten der Mannskerle zugestanden wurde. Ein stärkerer politischer Einfluß der Frau kann zudem der Menschheit nur zum Vorteil sein. Ohne die Beihilfe der Frau kann die Herrschaft der Menschenwürde, kann der soziale Friede, kann auch der Friede der Welt nicht gegründet werden.

Allerdings hätte ich das wahlberechtigte Alter für alle nicht auf 21, sondern auf 25 Jahre hinausgerückt.

Mit der Verhältniswahl konnte ich mich schwerer befreunden. Im Leben wie in der Kammer entscheidet im kritischen Augenblick und als letzter Ausweg gewöhnlich die schlichte Mehrheit. Für bestimmte Parteien bedeutet die Neuerung allerdings einen Gewinn und eine gewisse Sicherheit. Als Unfug aber muß es bezeichnet werden, daß sich ein Gewählter ohne weiteres zugunsten eines Nichtgewählten, der, bei einem Kartell z. B. einer andern Partei angehören kann, zurückziehen darf. Damit wird es letzten Endes dem ersten besten möglich, gegen den ausgesprochenen Volkswillen den Zutritt zur Kammer zu erschleichen oder zu erzwingen. Wir haben nach der Richtung schon Erfahrungen gemacht. Der ganze um das Wahlgeschäft vertane Aufwand endet damit in der Posse.

Die Tagung der Konstituante reicht vom 17. August 1918 bis zum 17. Oktober 1919. Dieses Jahr besteht wahrscheinlich als das bewegteste und das inhaltreichste unserer neuern Geschichte. Wie in größern Nachbarstaaten, so entbrannte auch bei uns der Kampf zwischen dem überlieferten Recht und dem neuen Verlangen. Der[S. 192] Streit wurde scharf geführt und tobte sich in der Leidenschaft der Stunde mehr als einmal am Rand des Abgrundes aus. Aber Vaterlandsliebe und Überlegung behielten die Oberhand. Das bewährte Alte wurde in die Gegenwart herübergerettet und die neue Zukunft umsichtig vorbereitet.

Auch in ihrer gesetzgeberischen Tätigkeit darf die Konstituante mit Ehren bestehen.

Sie hat sich um das freie Vaterland verdient gemacht.


Sonntag, den 26. Oktober fanden die allgemeinen Neuwahlen statt. Gewählt wurden 27 Rechtsparteiler, 8 Radikale, 8 Sozialisten, 3 Nationalparteiler und 2 Volksparteiler.

Die Rechte wird in der neuen Kammer über die Mehrheit verfügen.

Das Land hat die Politik des Ministeriums Reuter—Welter—Liesch—Neyens—Collart entschieden gutgeheißen.

Damit war für mich die Frist gekommen, die ich für meinen Rücktritt gestellt hatte.

Die politische Lage war geklärt, die Hauptgefahr vorbei, die Rechtspartei durfte eine einheitliche Regierung bilden.

Am 1. November 1919 schrieb ich folgendes Gesuch:

„Königliche Hoheit!

Ich nehme mir die ehrerbietigste Freiheit, Ew. Königl. Hoheit zu bitten, mir meine Entlassung als Generaldirektor des öffentlichen Unterrichts zu gewähren.

Die Gründe, die mich zur Zeit der Thronbesteigung Ew. Königl. Hoheit zum Wiedereintritt in die Regierung bestimmten, sind hinfällig geworden.

Die Selbständigkeit des Großherzogtums ist gesichert. Seine Unabhängigkeit wird gewährleistet durch die Anwesenheit eines Herrscherhauses, das Wurzel faßt im heimatlichen Grund und in den luxemburgischen Herzen.

Die Wahlen haben in die Volksvertretung eine einheitlich geschlossene Mehrheit entsandt, die befähigt ist, die wirtschaftliche und politische Zukunft unseres Landes einzurichten.

[S. 193]

Ich glaube daher, von dem Posten scheiden zu dürfen, zu dem Ew. Königl. Hoheit mich zu berufen geruhten und den ich mit aufrichtiger und gefaßter Überzeugung innehielt. Ich trete zurück, um mich Beschäftigungen wieder zuzuwenden, die meinem Charakter besser entsprechen und wobei es mir gestattet sein wird, auch künftig dem Vaterland zu dienen, meine Pflicht zu tun als guter Bürger und als treuer Beamter."

Ich bat den Staatsminister, dieses Schreiben an die Großherzogin weiterzugeben.

Er wies es als unbestellbar an mich zurück und redete im Unmut auf mich ein. Wie ich überhaupt so was schreiben und behaupten könne! Die Lage sei doch gar nicht so geklärt, das Wichtigste sei kaum begonnen, geschweige zum guten Ende geführt.

Herr Reuter behielt mit seinem Bedenken gegen mich recht. Ich nahm den Brief zurück.

[S. 194]

XXII.

Das Großherzogliche Haus aber rüstete zur Vermählungsfeier der Großherzogin.

Am 4. November verlieh die Kammer Ihrem Verlobten, dem Prinzen Felix von Bourbon-Parma, das luxemburgische Bürgerrecht. Dabei kam es zu neuen widerlichen Ausfällen und Ungezogenheiten.

Am 6. November fand die Vermählung statt.

Der König von England hatte Glückwünsche entboten und die englische Regierung ließ wissen, sie werde die diplomatischen Beziehungen mit Luxemburg wieder aufnehmen.

Diese Mitteilung war ein fröhliches Hochzeitsgeschenk. Sie warf einen tröstlichen Zukunftsschimmer in den regnerischen Tag.

Die bürgerliche Trauung erfolgte im Schlosse, bei offenen Türen.

Die kirchliche Einsegnung vollzog Msgr. Nicotra, der auch in Luxemburg beglaubigte Internuntius aus Brüssel.

Nur die engern Familienmitglieder waren bei der Feier anwesend.

Trotz häßlicher Wühlereien und Anreizungen kam es zu keinem Mißton. Das Volk verhielt sich würdig. Die Bürgermeister der Landgemeinden hatten sich ebenfalls eingefunden. Die Straße huldigte dem hohen Paare durch freudigen Zuruf.

Während der Vermählungsfeierlichkeiten sang der Domchor u. a. das Lied: „Wie unsre Väter flehten."

Großherzogin Maria Anna erklärte mir nach dem Festmahl, das Lied sei auf einen besondern Wunsch Ihrerseits sowie der Großherzogin Charlotte eingesetzt worden; es sei auch das Lieblingslied der Großherzogin Maria Adelheid gewesen.

[S. 195]

Diese freundlichen Worte wurden mir einen Augenblick später von Großherzogin Charlotte in liebenswürdiger Weise bestätigt.

Die junge Fürstin bot in dem schwerseidenen weißen Brautkleide unter dem das Antlitz zart umrahmenden tief herabfallenden Schleier, im Glanze des reichen Diadems und der strahlenden Augen, ein fast hieratisches Bild.


Inzwischen hatte sich Herr Collart aus persönlichen Gründen entschlossen, die Regierung zu verlassen.

In der Audienz vom 13. Dezember überreichte er der Fürstin, mir etwas unerwartet, seine Entlassung. Ich bemerkte dazu: „Königl. Hoheit, wenn mich Herr Collart von dieser seiner Absicht rechtzeitig benachrichtigt hätte, würde ich mein Entlassungsgesuch angefügt haben."

Die Großherzogin blickte mich bei diesen Worten bestürzt an. Der Staatsminister und die Kollegen redeten scharf gegen meinen Wunsch.

Ich wiederholte, wie ich mir von Anfang an diesen Zeitpunkt als Grenze gesetzt hätte und wie ich niemals anders als freiwillig aus meiner Stelle scheiden dürfe noch wolle. „Den Generaldirektor", meinte ich schließlich, „kann unter den heutigen neuen Verhältnissen ein jeder spielen. Ich weiß mir außerhalb der Regierung Aufgaben, die vielleicht kein anderer vollführen könnte."

Am 16. Dezember erschienen in meinem Amtszimmer nach der Kammersitzung die Herren Schiltz, Huß, Düpong, Bech und mein Schulfreund Eduard Kirsch aus Sprinkingen. Sie kamen im Auftrag ihrer Partei und baten mich im Namen der Siebenundzwanzig zu bleiben.

Ich legte auch ihnen meine Gründe dar. Sie widersprachen, drängten und klagten. Herr Schiltz meinte schließlich in seiner schlichten Offenheit: „Aber was wollen Sie denn jetzt schon gehen! Warten Sie doch, bis sich eine Gelegenheit zu einem würdigeren Rücktritt bietet. In absehbarer Zeit muß ja der Posten des Oberschulinspektors frei werden. Warten Sie so lang und dann lassen Sie sich an die Stelle nennen. Dann haben Sie doch was davon."

[S. 196]

Ich erwiderte lachend, auf solche Weise wollte ich überhaupt nicht gehen, denn es dürften sich an meinen Austritt keine andern Erwägungen knüpfen.

Schließlich wurde unter dem lebhaftesten Einreden mein Widerstand ein andermal erschüttert. Die Herren wiesen auf die Ungelegenheiten hin, die ihnen in dem Augenblick aus meinem Rücktritt entstehen würden, umsomehr, als Herr Liesch dann doch auch austreten müsse.

Diese Gründe entschieden. Zu der Rechtspartei hatte ich zudem, auch bei der Erörterung von Grundfragen, immer die besten Beziehungen unterhalten; sie war mir nie mit einer Zumutung genaht und ich war überzeugt, daß wir auch in Zukunft sehr gut miteinander auskommen dürften.

Ich mußte später dieser Unterredung allerdings mit besonderen Gefühlen gedenken. Leider war da Herr Schiltz nicht mehr zugegen, um zu sehen, wie der eine oder andere seiner mit anwesenden Freunde beflissen war, meine Ernennung zu dem bescheiden besoldeten Amt, mit der er mich damals zu locken suchte, so merkwürdig zu fördern!!

An dem nämlichen Abend war Hofdiner.

Die Großherzogin erwies mir nach Tisch besondere Aufmerksamkeit. Ich redete ihr von dem Schritt der Rechtspartei und verständigte sie von meinem Entschluß zu bleiben. Sie freute sich aufrichtig. Sie gestand mir mit lebhafter Zustimmung, die von mir während unserer Audienz vorgebrachten persönlichen Gründe habe sie zu würdigen gewußt und sie verstehe meine Absicht. „Besonders als Sie sagten, wenn Sie einmal wieder draußen wären, könnten Sie vielleicht manches schaffen, was ohne Sie nicht getan würde, mußte ich Ihnen recht geben. So schwer es mir auch geworden wäre, Herr Welter, doch da Sie es selbst so wünschten, hätte ich Sie gehen lassen. Aber es hätte mir sehr leid getan."

Ich dankte und versprach ihr als dichterisches Hochzeitsgeschenk ein „Wilhelmuslied".

Am 5. Januar 1920 trat Herr Collart aus der Regierung.

[S. 197]

Damit war die Waffenbrüderschaft zu Ende, die das erste Ministerium der Großherzogin Charlotte in den schwersten Stunden so kampffreudig und so treu umschlossen hielt. Damit war das nationale Ministerium vom 13. Januar 1919 aufgelöst.

Während der ersten Tage nach Herrn Collarts Scheiden lauschte ich manchmal zum Nebenzimmer hin, wo er gesessen hatte. Die Wände gaben keinen Schall mehr. Die jugendliche Spannkraft und ein unverwüstlicher, manchmal landwirtschaftlich saftiger Humor waren aus Sankt Maximin geschwunden. Ich mißte den jungen Freund anfangs sehr.

Herr Collart wurde in der Regierung ersetzt durch die Herren Ant. Pescatore und Raymond de Waha.

Einige Tage später machte England sein Wort wahr. Sir Romuald Graham überreichte am 15. Januar der Großherzogin sein Beglaubigungsschreiben als englischer bevollmächtigter Minister.

Am 23. Januar wurde während der Tedeumsfeier zu „Großherzogins Geburtstag" mein Lied: „De Wilhelmus" zum ersten Mal vom Domchor gesungen.

Schon Großherzogin Maria Adelheid hatte mir den Wunsch äußern lassen, auf die alte Wilhelmusmelodie, die ihre Lieblingsweise sei, luxemburgische Worte zu suchen. Die richtige Stimmung kam mir erst nach dem Vermählungsfest vom 6. November 1918 im Hochgefühl dessen, was inzwischen für die Heimat erreicht worden war. Und so hielt ich das der Fürstin am 16. Dezember gegebene Wort.

Ich wollte zugleich meine politischen Freunde, die gespannt auf meinen Abgang lauerten, in ganz unparlamentarischer Weise ärgern.

Letzteres gelang. Das Lied und sein Verfasser wurden mit Lust verhöhnt und mit Wonne beschimpft. Die alleswissenden Schreiber und Vaterlandsfreunde fanden sogar, die berühmte Weise sei künstlerisch minderwertig und müsse zugleich als ganz unluxemburgisch abgewiesen werden.

Der Text lautete in erster Fassung:

[S. 198]

De Wilhelmus.

E neit Litt op eng al Weis.

I.

Nun ass verbei de Stûrm, d'No't ass aus,
d'Mënschhet trëtt erle'st un d'Lîcht eraus:
Nun ass verbei de Stûrm, d'No't ass aus:
Letzeburg bleift Här am êgnen Haus.
Den Himmel huet no lânger Nuecht
d'neit Fre'jor bruecht
a rëscht all Dîr mat gre'nger Friddensstrauss.
Lo stêt we' ni so' fro' Hand an Hand
Gro'ss a Kleng am Letzeburger Land.

II.

Zwê Kinnekskanner, de' trei sech le'f,
ko'men ausenaner weit an de'f;
Zwê Kinnekskanner, de' trei sech le'f,
hunn och stëll gebiet, dat Fridde ge'f:
Haut weisen si der ganzer Welt
an engem Feld
d'Goldlilje mat dem ro'de Kro'nele'w;
Haut dron s'a jongem Glëck Hand an Hand
d'Hoffnonk vun dem Letzeburger Land.

III.

D'Wilhelmusweis voll Mutt, Krâft a Schwonk
fle'sst durch d'Blutt ons we' e Feierdronk:
d'Wilhelmusweis voll Mutt, Krâft a Schwonk
mëcht al Hierzer an al Zeite jonk,
An op de Fielzen un der Our
de weissen Tur
hieft himmelhe'ch eng sche'n Erënneronk.
Haut dre't e stolzt Geschlecht Hand an Hand
Nuem a Le'ft vum Letzeburger Land.

IV.

Mir hunn a schwe'rer Zeit Trei bekannt,
't go'ng fir d'Freihet an et go'ng fir d'Land;
mir hunn a schwe'rer Zeit Trei bekannt,
d'E'er agesat zum Ennerpand.
A wann eng nei Gefor en drêt,
mir si berêt,
mir hale nês mat Hierz a Wëlle stand.
Da stêt rem fro' a stolz Hand an Hand
Gro'ss a Kleng am Letzeburger Land.

[S. 199]

V.

So' werden s'ëmmerzo' êneg gon,
Fürst a Vollek Fred we' Lêd mat dron;
So' werden s'ëmmerzo' êneg gon,
ganz hir Pflicht ge'nt sech an d'Hemecht don,
s starke Stam an aler Erd,
an duebel wert
mat freier Kro'n voll Saft a Sonn ze ston.
O Hergott, lêt du trei Hand an Hand
d'Kanner vun dem Letzeburger Land!
Aus all Gefore lêt glëcklech durch
Blutt a Gêscht vum freie Letzeburg!

Aus der Zeit geboren, spricht das Lied in der Anfangsstrophe eine Stimmung aus, die in den Tagen seines Entstehens viele luxemburgische Seelen erfüllte: das Gefühl, endlich wieder einmal ans sichere Land gerettet zu sein.

Später habe ich es von diesem zeitlich Bedingten zu entlasten gesucht und daraus eine Hymne des Hauses Luxemburg—Nassau—Bourbon schaffen wollen. Ich hatte nach Kräften und mit Liebe dazu beigetragen, dem Volke die angestammte Dynastie zu erhalten; ich sah in ihr eine Gewähr für Unabhängigkeit und innern Frieden. Da erachtete ich es auch als Schuldigkeit, den Herrschern den Weg in die Herzen ihrer Mitbürger bereiten zu helfen und das Volk im Gefühl für sie und ihre Nachkommen zu verpflichten.

In dieser jüngern Fassung ist das Lied ins „Soldatenliederbuch" und ins Lesebuch übergegangen und kann seine Werbekraft auf die jugendlichen Gemüter erproben.

De Wilhelmus.

E neit Litt op eng al Weis.

Zwe Kinnekskanner, de trei sech le'f,
Ko'men ausenaner weit an de'f;
zwe Kinnekskanner, de' trei sech le'f,
hu gebângt ob d'Gleck nach ble'e ge'f.
Haut weisen si der ganzer Welt
an engem Feld
d'Goldlilje mat dem ro'de Kro'nele'w.
Haut stêt em si voll Fred Hand an Hand
d'Vollek vun dem Letzeburger Land.

[S. 200]

Mir hunn a schwe'rer Zeit Trei bekannt,
t' gong fir d'Freihet an et gong fir d'Land:
mir hunn a schwe'rer Zeit Trei bekannt,
d'E'er agesat zum Ennerpand.
A wann eng nei Gefor en drêt,
mir si berêt,
mir hale nês mat Hierz a Welle stand.
Da stêt rem stark a stolz Hand an Hand
d'Vollek vun dem Letzeburger Land.
So' werd et emmerzo' êneg gon,
voll Vertraue Gleck an Ongleck dron;
So' werd et emmerzo' êneg gon,
fro' seng Flicht ge'nt Tro'n an Hemecht don,
e starke Stam an aler Erd,
an duebel wert
mat freier Kro'n voll Sâft a Sonn ze ston.
O Herrgott, schîrm a lêt Hand an Hand
d'Vollek vun dem Letzeburger Land!
Durch all Gefore lêt secher dûrch
Blutt a Gêscht vum freie Letzeburg!

[S. 201]

XXIII.

Am 9. Februar 1920 kommt endlich Herr Mollard, der so heiß Ersehnte, nach dem besonders unsere politischen Gegner so oft und mit eigenen Gedanken gerufen hatten.

Auch Belgien verspricht die Entsendung eines neuen bevollmächtigten Ministers.

Am 15. Februar begrüßt Großherzogin Charlotte den Präsidenten Poincaré in Diedenhofen. Die Zusammenkunft der beiden Staatsoberhäupter ist äußerst herzlich. Die Regierung ist durch Herrn Reuter vertreten. In seiner Begleitung befinden sich die beiden Generaldirektoren Liesch und Welter.

Damit geben sich endlich auch die zähesten Zweifler geschlagen. Das freie Großherzogtum, so merken sie, wird mit seinem Herrscherhaus in Unabhängigkeit weiter bestehen.

Trotz aller Liebesschwüre aber ließ Frankreich im Mai 1920 der luxemburgischen Regierung melden, für den Augenblick sei es nicht in der Lage, mit uns in einen wirtschaftlichen Anschluß zu treten und es rate, vorerst eine wirtschaftliche Einigung mit Belgien zu tätigen.

Das bedeutete für Belgien den Gewinn aus der am 8. April 1920 beschlossenen Frankfurter Waffengemeinschaft mit Frankreich.

Luxemburg dagegen wurde wieder einmal die beschämende Gewißheit, daß im Spiel der Politik der Kleine und Schwache besten Falles eine Ziffer ist. Wir wurden regelrecht über unsern Kopf hinweg vergeben.

Was war Luxemburg im entscheidenden Augenblicke für Frankreich? Ein Köder für die belgische Freundschaft, ein Tauschding für die belgische Hilfe.

[S. 202]

Was ist Luxemburg für Belgien? Eine Befriedigung der nationalen Eitelkeit, ein zukünftiges Ziel des uneingestandenen nationalen Ehrgeizes.

Wem verdankt Luxemburg letzten Grundes seinen heutigen Fortbestand? Der Eifersucht zwischen Belgien und Frankreich, die es keiner dem andern gönnen.

Daß wir es zur richtigen Stunde verstanden, diese Eifersucht zu nutzen, darin liegt unser bescheidenes Verdienst.

Unsere Stärke ruhte gerade in dem steten Bewußtsein unserer Schwäche und im zähen Willen zum Leben.

Wilsons Evangelium, dessen freudige Entgegennahme durch die Schwachen und die treue Unterstützung gleichgesinnter Neutralen, vor allem Hollands, brachte und verbürgte uns das Heil!


Am 23. Juli setzten die wirtschaftlichen Besprechungen mit Belgien wieder ein und wurden beiderseits rasch gefördert.

Als der Abschluß nach Jahresfrist zur Tatsache wurde, gehörte ich der Regierung nicht mehr an.

Ich mußte das mir gegebene Wort endlich einlösen. Ich fürchtete im stillen, meine Anwesenheit dürfte auf die Dauer für die Rechtspartei eine Verlegenheit werden. Immer wieder rechtfertigte die Kammerlinke ihren planmäßigen Widerstand gegen die parlamentarische Mehrheit mit dem Hinweis auf die „wortbrüchigen" Minister. Diese unversöhnliche und stets gleich begründete Gegnerschaft stellte mich vor eine neue Verantwortung: Es mußte etwas geschehen, das es ermöglichte, diese Herren auf die Aufrichtigkeit ihrer Behauptungen festzunageln.

Sogar die Bildung eines Koalitionsministeriums wurde von den Führern der Rechtspartei wieder in Betracht gezogen. Nach Neujahr 1921 kam es deswegen zu einer Fühlungnahme mit den Liberalen und der Nationalpartei.

Sämtliche Regierungsmitglieder ersuchten, zur Förderung der Besprechungen und Verhandlungen von ihren Personen ganz abzusehen.

[S. 203]

Ich machte mir zu diesem Zwischenspiel meine eigenen Gedanken. Die Rechtspartei, so sagte ich mir, muß sich doch in besonderer Verlegenheit spüren, sonst könnte sie mit den altbekannten Gegnern einen schon einmal schmählich mißlungenen Versuch nicht noch einmal wagen wollen. Kein Gewitzigter würde dem unter solchen Umständen neugezimmerten Burgfrieden Vertrauen entgegenbringen.

Die Verhandlungen scheiterten, denn es konnte wegen der einen und andern innerpolitischen Frage zu keiner Einigung zwischen rechts und links kommen.

In mir aber reifte der unabänderliche Entschluß. Herr Reuter und die übrigen Freunde erhoben wieder die alten Bedenken. Mich selbst bekümmerte eigentlich nur die durch meinen Rücktritt erschütterte Stellung von Hrn. Generaldirektor Liesch.

Die nächsten Wochen brachten den großen Streik der Industriearbeiter. Auch die Rücksicht auf den Verlauf der wirtschaftlichen Verhandlungen mit Belgien gebot, mit der Ausführung meines Entschlusses noch etwas zu warten.

Dann erkrankte Herr Reuter und es war eine weitere Verzögerung geboten.

Als ich aber am 23. März die Kammer verlassen hatte, stand bei mir sicher, daß es auf Nimmerwiederkehr war.

Während des letzten Jahres war es mir erfreulicherweise ermöglicht worden, den einen und andern Gedanken, der mir am Herzen lag, im Bereiche meiner Zuständigkeit zu verwirklichen.

Auf das Lehrergehältergesetz vom 6. Mai 1920, das unserer Lehrerschaft endlich eine anständige Besoldung sicherte und mir in der sparsamkeitswütigen Gegenwart noch immer in bestimmten Kreisen verargt wird, bin ich stolz. Ich hoffe, damit dem Werke der Volkserziehung gedient zu haben.

Die wichtigsten durch dieses Gesetz erzielten Fortschritte lassen sich andeuten wie folgt: 1) Einreihung der Lehrerschaft in die Staatsbeamtengehältergruppen; 2) Auszahlung der Lehrergehälter durch den Staat; 3) Würdigere Besoldung in den Grenzen eines für die verschiedenen Gruppen festen Mindest- und Höchstgehalts; 4) drei Gehaltsklassen statt vier.

[S. 204]

Durch diese Neuerungen wurden die meisten der seit länger als einem halben Jahrhundert stets lauter sich äußernden Lehrerwünsche im wesentlichen erfüllt.

„Mit der Annahme dieses Gesetzes, so erklärte ich am 10. Oktober 1919, geschieht es zum letzten Mal, daß ein Gesetz über die Aufbesserung der Staatsbeamtengehälter durch ein Sondergesetz zugunsten unserer Lehrerschaft ergänzt werden muß. In Zukunft werden die Lehrergehälter in den Rahmen der Beamtengehälterordnung eingefügt und sind demselben Rhythmus unterworfen ..."

„..... Die neuen Gehälter umfassen nur noch drei Gruppen. Die vierte Gehaltsgruppe fällt fort ....

„Die Lehrer der heutigen vierten Gehaltsklasse haben dieselbe Mühe und die nämliche Verantwortung wie ihre begünstigteren Amtsgenossen der größeren Ortschaften; sie wirken sogar unter viel ungünstigeren Verhältnissen. Nur aus der Ferne und von außen dürfen sie jene Schulpaläste bewundern, den Stolz und die Zier so mancher unserer Städte, die von der Schönheit durchsonnt sind und, allen Forderungen der neueren Gesundheitslehre entsprechend, zum heiteren Schulheim eingerichtet wurden. Sie hingegen bewohnen das bescheidene kleine Dorfschulhaus, das noch allzuhäufig nicht einmal sämtlichen Vorschriften der Dienstordnung entspricht. In dem kleinen Dorf, in dem verlorenen Weiler müssen sich Lehrer und Lehrerin ganz anders vertraut machen mit der den Dingen innewohnenden Schwermut, mit dem Jammer des Alltagsdaseins, mit der Kleinlichkeit und der Härte des Landlebens. Sie müssen sich bis zur Übersättigung nähren von dem wilden Honig der Einsamkeit, der auf die Dauer zu einer aufregenden, gefährlichen Giftspeise werden kann. Nur schwer erhalten sich diese Einsamen in beständiger Berührung mit den Stärkeströmen des Lebens. In der zersetzenden und beklemmenden Luft seiner Umgebung kann sich der Lehrer des kleinen Dorfes nur behaupten mit Einsetzung aller Kraft seines seelischen Stolzes und seiner geistigen Sehnsucht.

Auch seine Lehrertätigkeit drückt ihn schwerer als den begünstigteren Amtsgenossen. Diesem unterstehen häufig nur drei, zwei, ja nur eine Klasse. Seine Schule[S. 205] jedoch begreift gewöhnlich der Schulgänge sieben. Die seinem Eifer anvertrauten Kinder aber muß er an dieselben Quellen heran-, zu denselben Erfolgen emporleiten. Die Zahl der Kinder mag häufig nicht gar groß sein. Dafür ist diese Schülerschaft auch gewöhnlich undankbarer, weil unter ihr die Begabungen spärlicher vertreten sind als in den bevölkerteren Stadtschulen.

„Grade diesen bescheidenen Dienern einer erhabenen Sache gebührt daher eine besondere Entschädigung. Sie erhalten diese in der Abschaffung der 4. Gehaltsklasse ....

„Mit dem besseren Gehalt kommt ihnen zugleich das Gefühl einer stärkeren Unabhängigkeit, wie es ihrer Würde gebührt .....

„.... Wir geben ihnen viel, weil ihnen viel geschuldet wird. Reich aber werden sie damit noch nicht. Wo wäre überhaupt der Beamte, dem es möglich gewesen, sich im alleinigen Staatsdienst zu bereichern! Und sollte sogar der eine und andere unserer Lehrer zu einem gewissen Wohlstand gelangen, so ist das noch lange kein Unglück.

„Diese Aufbesserung der untersten Lehrergehälter ist zudem vielleicht das wirksamste Mittel zur Steuer der Lehrerlandflucht. Diese Landflucht ist nur zu begreiflich. Mit seinem Verzug in eine bedeutendere Ortschaft entflieht der Lehrer der Vereinsamung. Der neue Wirkungskreis sichert ihm, außer dem bessern Gehalt, kostbarere Nebenbezüge, nützliche Bekanntschaften und Verbindungen, günstigere Verhältnisse zum Unterricht oder zur Anstellung seiner Kinder. Infolge dieser Aufbesserung grade zu seinen Gunsten läßt sich der gute Landlehrer leichter ans Dorf fesseln. Weniger als sonst bestimmen ihn äußere, aber doppelt zwingende Gründe zum Verlassen der Ortschaft, wo er Wurzel gefaßt hatte, zum Verlassen der Kinder, die ihm liebgeworden sind. Ich kenne Lehrer, die sich ihrer durch äußere Notwendigkeit gebotenen Landflucht schämen, als hätten sie Fahnenflucht begangen.

„.... Tüchtige Lehrkräfte tun der Landschule vielleicht noch mehr not als den städtischen Schulen. In den stärkeren Stadtschulen wechselt das Kind verschiedentlich den Lehrer und wird so der Mittelmäßigkeit eines Einzelnen[S. 206] weniger entscheidend ausgeliefert als in der kleinen Dorfschule, wo der Schüler ganz in die Hände des einzigen Lehrers gegeben ist. Grade in den gemischten Schulen ist der Lehrer, ist die Lehrerin so recht die Vorsehung der Kinder.

„Die genügende Besoldung wird es dem Lehrer auch ermöglichen, seine ungeschmälerte Tätigkeit in den Dienst seines Amtes zu stellen. Er braucht sich nicht mehr wie bisher nach Nebenbeschäftigungen umzusehen, die, mehr oder minder ergiebig, mehr oder minder würdig, mit seinem Hauptberufe weniger zu tun haben. So kann er dem Werke des Unterrichts und der Erziehung seine Hauptkräfte widmen. Unsere Kinder und unser Volk werden daraus den größten Nutzen schöpfen....

„Die Lehrergehälter werden zukünftig vom Staate bezahlt, dem die Gemeinden ein Drittel der Ausgabe rückvergüten.

„Der Freund des Volksunterrichts und seiner Lehrerschaft wird auch diesen Wandel mit Freuden begrüßen....

„An dem Tage, wo der Staat den Volksunterricht als obligatorisch und unentgeltlich erklärte, setzte er sich an die Stelle der Familienväter und der Gemeinde; er übernahm damit Verpflichtungen, die er den Mut haben muß ganz zu erfüllen.... Diese Erfüllung sollte sogar die edelste seiner Sorgen bilden....

„.... Die neue Besoldungsweise macht den Lehrer nicht ohne weiteres zum Staatsbeamten. Nein, seine Stellung und deren Pflichten sind derart, daß er unter der Aufsicht und dem Einfluß der Gemeindebehörden verbleiben muß....

„.... Die neue Ordnung erlaubt aber dem Gemeinderat keinen Einfluß mehr auf die Feststellung der Lehrergehälter. Damit wird der Lehrer viel unabhängiger, von dem launischen Spiel der Lokalpolitik, und das wieder zum Heil seiner Erziehertätigkeit....

„..... Manche der wesentlichen Verfügungen unseres Gesetzes brechen mit der Überlieferung und leiten eine Entwicklung ein. Zu deren Verwirklichung bestimmte mich nicht der eitle Wunsch, um jeden Preis den Neuerer zu spielen, sondern die tiefe Liebe zu dem hohen Werke[S. 207] des öffentlichen Unterrichts und zu dessen treuen Dienern, die seine Wohltaten über das Land verbreiten.

Zugleich wollte ich damit Rechnung tragen den Bedürfnissen der Zeit und den Bestrebungen der Gegenwart.

„Auch in den Nachbarländern steht die Aufbesserung der Lehrergehälter auf der Tagesordnung. Ließen wir uns von diesen Staaten überholen, so wären wir übelberaten. Wohl sind diese Länder ungleich mächtiger als wir, aber ihr Nationalvermögen wurde auch in ganz anderm Maße vom Schicksal mitgenommen. Ein kleines Volk vor allem muß es sich als Pflicht auferlegen, an der Spitze des Fortschrittes zu schreiten, und das dank der hohen Gesinnung, mit der es an die Lösung einer im Kern so friedlichen Frage, wie es die Förderung des öffentlichen Unterrichts ist, herantritt. Auf diesem Wege besonders huldigt ein kleines Volk auf eigene Weise dem guten Geiste, der trotz allem die Geschicke der Menschheit leitet. Damit besonders bekundet es ein neues Mal sein Recht auf Dasein und kränzt seine Schwäche mit dem Schimmer der Schönheit....

„.... Mit der Empfehlung dieser Gesetzesvorlage wollen wir ausschließlich dem Wohl des Volkes dienen. Wir wollen den Erziehern unserer Kinder die Wohltaten einer festen und geziemenden Besoldung sichern. Das Gespensterbild vom „hungrigen Schulmeister" soll für immer im Nebel der Vergangenheit zerrinnen....

„.... Dem Manne, der Frau, die mit Wort und Beispiel die Geister befruchten, die Herzen bilden und so die Seele des Vaterlandes formen, diesem Mann und dieser Frau soll es ermöglicht werden, an ihr Tagewerk zu schreiten hohen Hauptes, ledig im Geiste der schweren Lebenssorgen, die den Blick trüben und die Stirn furchen, die der Stimmung wehren und jeden Schwung erdrosseln. Wir wollen ihnen Liebe einflößen zu ihrem Amte, das so häufig undankbar und also doppelter Ermutigung wert ist. Unsern Kindern erwachsen daraus die besten Früchte.

Ohne Liebe zum Werk kann auf keinem Felde menschlicher Betätigung das Große erstehen. Ohne diese Liebe gibt es vor allem keinen guten Lehrer. Nirgends[S. 208] schöner als in der Schule ist es die Liebe, die lebendig macht, denn sie läßt die Geister innig zusammenwachsen, denn sie bleibt die große Freudenspenderin. Die Freude aber trägt den hellen Tag auch in den ärmsten Schulsaal, die Freude ist die Sonne, die den Samen zum Keimen bringt.

„Erhalten wir also unsern Lehrern und Lehrerinnen die Freude am Amt und es ist damit die Sache des öffentlichen Unterrichts zum großen Teil gewonnen." — —


In der Stunde, wo ich diese Worte redete, dachte ich nicht im entferntesten daran, daß ich eines Tages an der Spitze unserer inländischen Lehrerschaft stehen könnte. Es gereicht mir heute zur doppelten Genugtuung, daß ich damals so handeln durfte, und ich habe aus meiner Rede vom 10. Oktober 1919 sowie aus meinen längeren Erklärungen vom 12. März 1920, wo es galt, das in erster Lesung von der Kammer genehmigte Gesetz, das in den Augen des Staatsrates keine Gnade gefunden hatte, ein neues Mal zu verteidigen, auch heute noch kein Wort fortzunehmen.

Eines allerdings bedauere ich immer: daß es mir bei der einzigen Gelegenheit nicht möglich war, das bedeutsame Werk so ganz nach persönlichem Wunsch zu gestalten. Meinem Gefühl nach müßten, genau so wie unsere Mittelschulprofessoren, sämtliche Volksschullehrer das nämliche staatliche Grundgehalt beziehen. Der letzte Öslingsschulmeister dient an seiner Stelle dem Ganzen grade so ganz wie der vornehmste Stadtlehrer und zwar, wie ich es verschiedentlich hervorgehoben habe, unter sogar schwierigeren und entmutigenderen Verhältnissen.

Gleicher Lohn daher für alle, soweit es dabei auf die Pflicht des Staates ankommt. Die Ortszulagen allein würden das Grundgehalt der in bedeutenderen Ortschaften wirkenden Kollegen verschieben.

Soweit durfte ich 1919 nicht gehen. Ich entschloß mich widerstrebend für die Beibehaltung der drei Lehrergruppen. Nach der Seite mußte also das wohlüberlegte Werk ein Torso bleiben. Der Zukunft bleibt es vorbehalten,[S. 209] auch hier dem gerechten Empfinden zum vollen Rechte zu verhelfen.

Im mittleren Unterricht konnte ich, bei der ungünstigen Zeitlage, nur die eine und andere Verwaltungsmaßregel treffen, die bezeugt, daß ich meinen als Professor aufrichtig vertretenen Grundsätzen treu blieb und das alte Standesgefühl hoch hielt.

Wie diese Treue der Erinnerung auch im Ausland nicht immer als selbstverständlich und alltäglich hingenommen wird, beweist der folgende kleine Vorfall:

Im Sommer 1920 besuchte ich zugunsten der an deutschen Hochschulen studierenden Luxemburger die Unterrichtsministerien in Berlin und München.

In München traf ich den bekannten Pädagogen, meinen lieben, am 29. Januar 1925 allzufrüh geschiedenen Freund Dr. Xaver Thalhofer. Wir tauschten unsere letztjährigen Erlebnisse und Erfahrungen aus und ich erzählte unter anderm, was ich vor einiger Zeit auch zugunsten unserer höheren Lehrerschaft verfügt hatte.

Eben ging an unserm Tisch ein Herr vorbei, der meinen Nachbarn freundlich grüßte. Dr. Thalhofer ruft ihn an, wendet sich mit einem raschen: „Sie gestatten doch!" mir zu, stellt mir seinen Freund, einen Schulmann, vor, und meint mit pathetischer Geberde: „Erlaube, daß ich dich mit einem Manne bekannt mache, der seinesgleichen nicht hat. Denk dir, Mensch! Dieser Luxemburger war Oberlehrer, er ist nun Unterrichtsminister und er hat als solcher wirklich etwas für seine früheren Kollegen getan. Das ist doch unerhört, wie!" Der Angeredete bestätigte lachend und verneigte sich tief.

Weitere Reformen oder Neuerungen, auch auf dem Gebiete der öffentlichen Gesundheitspflege, wurden in Angriff genommen und zum Teil bis an den Abschluß weitergeführt.

Ich spürte mich bei jedem dieser Werke auf eigene Verantwortung gestellt. Wenn auch von einer Partei in meiner Regierungsstellung abhängig, hielt ich mich immer über den Parteien und ich könnte mich auch nie in ein anderes Verhältnis finden.

[S. 210]

Der innere Friede der Heimat lag mir besonders am Herzen. Einem gewissermaßen einmütigen Willen unserer Bevölkerung durfte auf die Dauer niemand sein Recht versagen.

In diesem Sinne wurde die Gesetzesnovelle vom 2. August 1921, wodurch der so heiß umstrittene Artikel 22 des Schulgesetzes vom 10. August 1912 seine volle Ausführungsmöglichkeit erhalten sollte, von mir vorbereitet. Unser neuernannter Bischof, Msgr. Nommesch, hatte mir gegenüber den Wunsch geäußert, die Spannung zwischen Kirche und Staat gehoben zu sehen, und erklärte, uns in den Grenzen seiner Kräfte entgegenzukommen. Seinen aufrichtigen Worten edler Versöhnlichkeit gebührte Vertrauen. Ich erachtete es als meine Pflicht, staatlicherseits das Nötige zu veranlassen, um das durch den Gesetzgeber von 1912 gegebene Versprechen zu halten, und arbeitete die Novelle aus. Sie wurde einige Monate später von meinem Nachfolger zur Annahme gebracht.

Staat und Kirche haben sich bei dieser friedlichen Beilegung eines überflüssigen Zwistes nichts vergeben. Unsere Volksschule aber wurde damit dem innerpolitischen Parteihader, hoffen wir für immer, entzogen.


Endlich hatten sich die Führer in Rechtspartei und Regierung mit einem Umbau des Ministeriums vertraut gemacht und suchten neue Männer.

Da Herr Pescatore zugleich mit Hrn. Liesch und mir austreten wollte, stand der Weg zur Bildung einer einheitlichen Rechtsregierung offen. Damit wurden klare Verhältnisse geschaffen und die Steuerung ganz den Händen anvertraut, die imstande waren, das nach harten Stürmen wieder seetüchtig aufgetakelte Schifflein mit eigener Kraft und zielbewußt vollends in den Hafen zu lotsen.

Am 15. April 1921 bewilligte uns ein großherzoglicher Beschluß den erbetenen Abschied.

[S. 211]

XXIV.

Seither ging manches Jahr ins Land. Das blutige Kriegsspiel hat in seinen Nachwirkungen noch lange nicht ausgeschwungen. Verzweifelt mühen sich die Leiter der Großmächte um die Einrichtung des Friedens auf Grund der internationalen Sicherungen, die allein die Wiederkehr der ungeheuerlichen Verbrechen am Leibe der Völker, am Rechte der Bürger, an der Würde der Menschheit verhindern könnten.

Keines der Nachbarländer ist von seinen Wunden genesen. Die Zukunft und die Ausgestaltung der Republik Deutschland schwankt im Sturm des Parteihaders. Frankreich und Belgien kranken an der Entwertung des Frankens und an so manchem innern Zwist. Im Leben auch der meisten andern Staaten Europas sind für Frieden und Freude der Stätten nicht viele bereitet.

Ein Ausgleich der Kriegsschäden konnte auch für Luxemburg noch nicht erreicht werden. Zwar hat sich seit Kriegsschluß manches zum Bessern und zum Guten gewendet. Das Vaterland blieb in seinem unabhängigen Bestand erhalten. Unser Herrscherhaus hat sich in der Liebe des Volkes ein Heim gegründet; seine Zukunft blüht in frischen Kindern empor. Wir haben, nach außen wie nach innen, Gründe genug, mit der Entwicklung der Dinge zufrieden zu sein und des neugewonnenen Besitzes uns zu freuen, mit dem aufrichtigen Willen, seinen Segen durch Treue und Opferwillen tagtäglich zu verdienen.

Die letzten Mitglieder des nationalen Ministeriums vom 13. Januar 1919 sind am 19. März 1925 aus der Leitung unserer Staatsgeschäfte geschieden. Die Kammerverhandlungen zu dem Eisenbahnvertrag mit Belgien endigten bekanntlich im Januar dieses Jahres in einer Ministerkrisis und in der Kammerauflösung.

[S. 212]

Die Neuwahlen vom 1. März 1925 brachten Herrn Staatsminister Emil Reuter einen großen persönlichen Erfolg. Aber die richtige Mehrheit erhielt, wie es unter den besonders heikeln und trüben Verhältnissen, die diese Wahl bestimmten, kaum anders möglich war, die bisherige Regierungspartei nicht mehr. Nach längeren Versuchen, ein neues Koalitionsministerium auf die Füße zu bringen, kam es zu einer Regierung sämtlicher sieben Oppositionsparteien. Herr Reuter trat mit seinen Kollegen zurück.

Die Regierungszeit des Staatsministers Reuter gehört zu den bewegtesten und bedeutsamsten Abschnitten unserer Landesgeschichte. Luxemburg, das als freies Volk dem Untergang geweiht schien, hat sich unter seiner klugen, zielbewußten Führung behauptet. Im Rate der Völker stand es bei Emil Reuters Abgang geachteter und gesicherter als je. Seiner wirtschaftlichen Zukunft wurden die neuen Gleise durch wichtige Verträge bereitet oder vorgezeichnet.

Auch um den Frieden im Innern hat sich diese Regierung redlich bemüht und es ist nicht die Schuld ihrer Mitglieder, wenn der Aufrichtigkeit und Versöhnlichkeit nicht besser gelohnt wurde.

Zu den Mitarbeitern Herrn Reuters gehörte seit der ersten Stunde der Generaldirektor der Finanzen, Herr Alphons Neyens. Ihm war seit Anfang die undankbarste Aufgabe geworden. Aber die finanzielle Sanierung unsers Staatshaushalts ist ihm schließlich doch geglückt und die Zukunft wird dieses große Verdienst nicht vergessen.


Noch ein anderes, und zwar das ergreifendste Kapitel unserer neueren Geschichte hatte inzwischen einen unerwartet raschen Ausgang gefunden.

Am 24. Januar 1824 starb Großherzogin Maria Adelheid. Mit ihrem Tode geht ein irdisches Schicksal zu Ende, das an die Weihe der Tragödie heranreicht. Maria Adelheid ist der erste seit dem Ausgang des 13. Jahrhunderts auf freier Luxemburger Erde geborene und erzogene Fürst; sie geht, bei den besten Absichten und ohne eigentlich persönliches Verschulden, des Thrones und[S. 213] der Heimat verlustig und stirbt in der freiwilligen Verbannung.

Ich erachte es als den natürlichen Abschluß dieser Erinnerungen, meinen Lesern kurz anzudeuten, wie mir das Bild dieser vornehmen Frauenerscheinung aufgegangen ist. Zugleich ergibt sich ein umfassender Rückblick über das politische Geschehen, dessen Entwicklung die erste größere Hälfte meiner Darstellung füllt.

Maria Adelheid wurde geboren am 14. Juni 1894 auf Schloß Berg als das älteste Kind von Erbgroßherzog Wilhelm von Nassau und Erbgroßherzogin Maria Anna von Braganza. Da dem Herrscherpaar der Sohn versagt blieb, sicherte Großherzog Wilhelm durch eine Abänderung am Nassauer Familienstatut seiner ältesten Tochter die Nachfolge und ließ diese Verfügung am 4. Juli 1907 durch Beschluß des Abgeordnetenhauses bestätigen.

An Stelle des schwer erkrankten Gatten führte seit dem 13. November 1908 Großherzogin Maria Anna als Regentin die Regierung und bekleidete diese Würde nach dessen am 25. Februar 1912 erfolgten Ableben bis zur Großjährigkeit ihrer Tochter.

Am 14. Juni 1912 besteigt Maria Adelheid den Thron. Vier Tage später hält sie ihren Einzug in die Hauptstadt und leistet in feierlicher Sitzung vor Kammer und Regierung den Verfassungseid. Die Luxemburger Bürgerschaft bereitet der jungen anmutigen Fürstin einen Empfang, wie er begeisterter wohl noch keinem Herrscher bei uns zuteil geworden ist. Die neue Herrscherin ihrerseits findet in ihrer Thronrede Worte, die in alle Herzen widerklingen und die reinsten Hoffnungen erschließen.

Ich kann mir nicht versagen, diese herrliche Jungfernrede unverkürzt folgen zu lassen.

„Meine Herren!

„Tief bewegt weile ich heute inmitten der Vertreter des Landes.

Die Gefühle der Anhänglichkeit, die Sie stets dem ritterlichen Sinn meines Vaters und meines Großvaters entgegenbrachten, die tiefgefühlten Worte, die Sie dem edlen Opfersinn meiner innigst geliebten Mutter sowie meiner hochverehrten Großmutter zollten, geben mir die[S. 214] Versicherung, meine Herren, daß auch deren Kind auf Ihre ganze Treue zählen kann.

Doppelt schwer empfinde ich an diesem Tage den Schmerz, daß es mir nicht vergönnt war, an der Hand meines Vaters in die Staatsgeschäfte eingeweiht zu werden. Auf Ihre weisen Beratungen gestützt, hoffe ich jedoch mich der hohen Aufgabe, die meiner wartet, würdig zu zeigen.

Meine erste Pflicht besteht in der Erfüllung des in Art. 5 der Verfassung enthaltenen Wunsches:

„Ich schwöre, die Verfassung und die Gesetze des Großherzogtums Luxemburg zu beobachten, seine nationale Unabhängigkeit und die Integrität seines Gebietes, die öffentliche und individuelle Freiheit sowie die Rechte aller und eines jeden meiner Untertanen aufrechtzuhalten und, wie es einem guten Herrscher ziemt, alle Mir kraft der Gesetze zur Verfügung stehenden Mittel zur Erhaltung und Vermehrung der allgemeinen Wohlfahrt zu gebrauchen.

„Ich schwöre es, so wahr mir Gott helfe!"

Der Gedanke liegt mir fern, an dieser Stelle ein vollständiges Regierungsprogramm auch nur andeuten zu wollen. Meine innersten Gefühle, mein Streben und Hoffen möchte ich jedoch nicht vor Ihnen verbergen.

Mein sehnlichster Wunsch ist es, den Namen eines guten Herrschers im Sinne des eben geleisteten Eides zu verdienen, und so verspreche ich hiermit, an aller Wohl Anteil zu nehmen und Allen durch Güte und Wohlwollen hilfreich zu sein. Liegt nicht im Streben des Herrschers nach möglichster Verwirklichung des Schönen, Wahren und Guten der herrlichste Schmuck seiner Krone?

An der Außenseite des Großherzoglichen Palais in Luxemburg befindet sich das Reliefbild des blinden Königs Johann mit dessen Wahlspruch, den auch mein Hochverehrter Vater sich angeeignet: „Ich dien!" Und nicht weit davon sieht man das Bild seines großen Vaters, Kaiser Heinrichs VII. sowie dessen Lieblingsspruch: „Judicate juste! Richtet gerecht!"

Nach diesen leuchtenden Vorbildern werden meine Handlungen stets den Anforderungen der Billigkeit und[S. 215] Gerechtigkeit entsprechen. Meine einzige Richtschnur soll sein das Recht und das Wohl meines Landes.

Gerechtigkeit soll für Alle gleich sein, besonders aber den Kleinen und Schwachen zum Schutze gereichen. Unsere Zeit krankt an der stets wachsenden wirtschaftlichen Ungleichheit der Menschen, und der so sehnlichst erstrebte soziale Friede ist bis heute ein unerreichtes Ideal geblieben. Dürfen wir aber nicht hoffen, daß das so tief in der Menschheit wurzelnde Rechtsbewußtsein diese Gegensätze ausgleichen wird und daß die stetig wirkenden, ewigen Gesetze des Rechtes uns endlich Ruhe und Frieden bringen?

Mein in Gott ruhender Vater wollte für das Volk und mit dem Volke regieren. „Hand in Hand mit dem Volke", sagte er, „wollen wir an die Lösung der schwerwiegenden Aufgaben, welche die Zukunft uns vorbehält, herantreten." Es ist ein verantwortungsvolles Erbe, das ich von meinem erlauchten Vater übernehme. Doch Ihre von Weisheit und Erfahrung getragene Vaterlandsliebe, meine Herren, wird mir zur festen Stütze gereichen und der Allmächtige unsern gemeinsamen Bestrebungen seinen Segen verleihen.

Zugleich will ich den zahlreichen Staatsoberhäuptern und auswärtigen Regierungen gegenüber eine Pflicht der Dankbarkeit erfüllen für die gelegentlich unserer Trauer dem Lande und seiner Herrscherfamilie bekundete warme Teilnahme. Wir werden ihrer stets in dankbarer Erinnerung gedenken.

Das Großherzogtum verdankt sein Gedeihen hauptsächlich den internationalen Verträgen, die seine Unabhängigkeit und Neutralität verbürgen, ihm dafür aber auch, und das zum Wohle Europas, strenge Pflichten auferlegen. Im Rechte liegt unsere Kraft. Ein brüderliches Band umschlingt Recht und Pflicht. In rückhaltloser Erfüllung unserer Pflichten wollen wir stets so handeln, daß niemals der geringste Zweifel an der Geradheit und Aufrichtigkeit unserer Absichten obwalte.

Durchdrungen von Liebe zu meinem Lande, bin ich glücklich und stolz, seinen Namen und seine Krone zu tragen. Meine einzige Freude soll es sein, ganz in seinem[S. 216] Dienst zu stehen, und mit Ihrer Hilfe, meine Herren, stets für sein Wohl zu arbeiten.

Die schwachen Mädchenhände, denen heute das Luxemburger Banner anvertraut wird, werden dieses mit Gottes Hilfe stets hochhalten. Ich werde mutig für dessen Ehre kämpfen.

Kind des Hauses Nassau, werde ich gleich meinen Ahnen treu bleiben dem edlen Wahlspruch unsers alten adligen Hauses: „Je maintiendrai!""


Diese von reifster Staatskunst in weiser Erkenntnis der einheimischen Volksseele eingegebenen Worte aus holdem Mädchenmund bezauberten. In der wundersamen Stunde schwärmten die Luxemburger; das Land stand wie ein Mann um den Thron. Die reizende hochsinnige Herrscherin durfte bewundert und gepriesen werden als die reinste Blüte demokratischen Volkstums.

Der rührende Gleichklang wurde aber schon bald getrübt.

Seit den Tagen Wilhelms II. von Holland war es der Luxemburger gewohnt, seinen inneren Staatshaushalt nach eigenem Ermessen zu gestalten und zu führen. Unter der langjährigen Statthalterschaft des Prinzen Heinrich, der seinen Bruder König Wilhelm III. in der Regierung des Großherzogtums vertrat (1850-1879), erfreute sich das Land mehr und mehr der seltenen Vorzüge einer richtigen Selbstverwaltung. Der Wohlstand hob sich, die Liebe zum unabhängigen Vaterland erstarkte im Ansturm mannigfacher Gefahren. Es wuchs zugleich das Selbstgefühl seiner Bürger.

Nach dem Tode des letzten Oraniers (1890) kam die Krone des Großherzogtums an das Haus Nassau.

Großherzog Adolf betrachtete sich als den ersten Diener des Staates. Volksvertretung und Minister leiteten recht eigentlich die Geschäfte.

Großherzog Wilhelm trat in des Vaters Fußstapfen. Er ging, wie er es in seiner Thronrede gelobt hatte, Hand in Hand mit seinem Volke.

Auf das vornehme Beispiel des Vaters berief sich denn auch Maria Adelheid in ihrer Thronrede mit besonders[S. 217] verheißungsvollen Worten. Leider wich sie bald von dieser goldenen Richtschnur ab.

Prinzeß Maria Adelheid war ein lebhaft munteres Kind. Über ihr unschuldiges Glück warf aber der Jammer des Daseins schon frühe seine frostigen Schatten. Mit dem leiblichen Zusammenbruch des Vaters wurde das kleine Mädchen dem Leiden und dem Tod vertraut. Sie half ihrer erlauchten Mutter in der nie ermüdenden Pflege des Kranken und reifte rasch in der harten Schule des Schmerzes und des Opfers.

Wie der Tod des geliebten Vaters für die siebzehnjährige Jungfrau zum entscheidenden Ereignis wurde, das bezeugen die folgenden Worte ihrer Mutter:

„Maria Adelheid, so versicherte diese, war nicht immer so fromm wie jetzt. Manchmal kostete es Mühe, sie zur Erfüllung ihrer Christenpflichten zu bewegen. Aber an dem Tage, da ihr Vater, Großherzog Wilhelm, auf der Totenbahre lag, kniete sie lange neben der Leiche. Was mit ihr vorgegangen ist, weiß ich nicht, aber von der Stunde an war sie umgewandelt. Als sie sich erhob, mußte sie einen Entschluß gefaßt haben, den sie mit der ihr eigenen Energie durchführte."

Um jene Zeit scheint es auch zu Einflüssen gekommen zu sein, denen vor allem darum zu tun war, sie mit einem hohen Bewußtsein ihrer Bestimmung zu durchdringen, den Herrscherwillen in ihr zu nähren, sie mit den weitgehenden Vorrechten des Fürsten von Gottes Gnaden, wie sie in der damaligen Verfassung niedergelegt waren, vertraut zu machen und das Gefühl ihrer Verantwortung, besonders im Hinweis auf das Heil der Seelen und das Wohl der Kirche, aufs höchste zu steigern.

Das Land mußte es schon bald inne werden: die Tage Adolfs I. und Wilhelms IV. waren vorbei. Ein neuer Geist gebot auf dem Thron.

Innerhalb weniger Jahre sprach er sich mit auffälliger Folgerichtigkeit stets bestimmter aus.

Die Ernennung des früheren Abgeordneten Brincour zum Staatsrat stieß bei der jungen Fürstin auf Widerspruch. Herr Brincour hatte sich zwar in dem durch den Grafen Merenberg, Großherzog Adolfs Neffen aus morganatischer[S. 218] Ehe, aufgeworfenen Erbfolgestreit als ein Hauptretter der Dynastie hervorgetan, aber er war zugleich geständiger Freidenker.

Die Besetzung des Hollericher und des Differdinger Bürgermeisterpostens durch freidenkerische Radikale wurde, entgegen dem Willen der Wählerschaft, anfangs nicht vollzogen. Infolgedessen gab der zuständige Generaldirektor Hr. P. Braun, der Vater des Schulgesetzes von 1912, mit seinem Freunde, Generaldirektor Karl de Waha, seine Entlassung.

Für die erledigte Stelle des Normalschuldirektors war schon geraume Zeit Herr Professor Eduard Oster, der langjährige Hoflehrer der Großherzogin, in Aussicht genommen; Herr Oster sollte aber auch zu den Unkirchlichen gehören und seine Ernennung wurde verweigert.

Das Ministerium Eyschen sah sich damit ein neues Mal den Äußerungen eines Regierungsgrundsatzes gegenüber, der als unzeitgemäß und gefährlich erschien und dem die Regierung nicht länger folgen dürfe.

Der Gegensatz spitzte sich derart zu, daß Staatsminister Paul Eyschen, der langjährige Regierungspräsident, der erprobte Ratgeber der Krone, der Freund des Hauses Nassau, der Maria Adelheid den Weg zum Throne hatte bereiten helfen, die Vertrauensfrage stellte.

Am Vorabend des Tages, wo es zu der von ihm schmerzlich gefürchteten Entscheidung kommen sollte, wurde der kränkelnde Staatsmann durch einen Herzschlag (12. Oktober 1915) von hinnen gerafft. Man darf behaupten, daß der um Land und Herrscherhaus wohlverdiente Greis an dieser schwersten Enttäuschung seines Lebens gestorben ist.

Kurz nachher kamen die übrigen Regierungsmitglieder, da sie sich in einer wichtigen Prinzipienfrage mit der Herrscherin nicht mehr einig wußten, um ihre Entlassung ein.

Um jene Zeit starb auch Herr Kammerpräsident August Laval. Bei dem Zivilbegräbnis des hochgeachteten Mannes, des ersten Bürgers der Nation, ließ sich die Großherzogin nicht vertreten.

[S. 219]

Diese Vorgänge ergaben innerhalb weniger Jahre eine ununterbrochene Folge von Tatsachen, die alle aus demselben Geist hervorgehen und einem bestimmten leicht erkennbaren Ziele zustreben.

Das verfassungsmäßige Recht zu ihrer bei jedem Einzelfall beobachteten Haltung darf und soll der Fürstin nicht abgesprochen werden. Von einer Vergewaltigung der Volksrechte durch Laune oder Willkür kann nicht die Rede sein.

Und doch ist des Schlimmen genug daran.

Dem Wortlaut der Verfassung geschieht bei all dem Zögern, Verschieben, Verweigern keine Gewalt; wohl aber bedeutet das alles eine Abkehr von dem Geiste, in dem seit 1848 die in der Verfassung umschriebenen Rechte des Landesherrn bei uns aufgefaßt und durchgeführt wurden. An die siebzig Jahre hindurch war damit eine Überlieferung geschaffen worden, die bei dem Volke den Glauben erwecken durfte, als seien es seine Abgeordneten und die Minister, die regierten, während der Fürst sich damit begnüge, deren Beschlüssen durch seine Bestätigung Gesetzes- und Rechtskraft zu verleihen. Jetzt wurde plötzlich mit anderm Wind gefahren. Neben und über Kammer und Regierung wollte die junge Großherzogin beim Regierungsgeschäft, wie berichtet wurde, „auch etwas zu sagen haben".

Dieser Regierungswille war der Herrscherin unbestreitbares Recht. Leider hatte sie damit Unrecht vor der Vergangenheit und bekam Unrecht vor ihrem Volke.

Die Luxemburger sind, bei aller Aufrichtigkeit ihrer katholischen Überzeugung, politisch in der überwiegenden Mehrzahl ausgesprochen demokratisch, frondierend von der Wiege auf, auch auf dem Lande, und zum großen Teil liberal, besonders in der Hauptstadt.

Die letzten Erfahrungen beweisen das bei jeder Wiederholung. Luxemburg, die gläubige Stadt der Trösterin der Betrübten, stimmt, trotz allem Mahnen, Warnen und Drohen geistlicherseits, überwiegend links.

Heute strömen ja auch die Frauen und Mädchen auf dem Wege zu und aus der Sonntagsmesse an die Urne. Was aber ist das Ergebnis?

[S. 220]

Ein Nichtchrist hält unter den Gewählten die Spitze; die rücksichtslosesten Freidenker erfreuen sich, wie arg auch gegen sie geklagt und geworben wurde, einer überwiegenden Mehrheit.

Solche Wirklichkeit müßte doch zu denken geben und sollte zur Vorsicht raten. Jedem ausgesprochenen Herrenwillen von oben ballt sich unten der Trotz entgegen, antworten aus der Tiefe Mißtrauen und Groll.

Vor der Verfassung hatte Maria Adelheid auch recht, als sie am 3. November 1915 das Ministerium Loutsch vor eine zu zwei Drittel feindliche Kammermehrheit entsandte und nach dessen übelm Empfang die Volksvertretung heimschickte.

Wohl wurde dieser Gewaltschritt als Staatsstreich gebrandmarkt, aber die Landesherrin bewegte sich auch hier innerhalb der Verfassungsschranken.

Die einzige Gebärde, zu der sie sich vielleicht nicht hätte verstehen dürfen und die zum mindesten unklug war, ist die gegen Neujahr 1916 inmitten des Wahlkampfes verkündigte Armenspende von 100000 Fr. Diese großmütige Handlung mußte als eine Einmischung zugunsten ihres Ministeriums aufgefaßt werden. Damit trat die Krone in den Wahlkampf der Parteien.

Die Wahlen von 1916 ergaben eine Mehrheit von einer Stimme zugunsten des freisinnigen Blocks. Die Regierung wurde gestürzt. Das Wahlverhältnis zwischen den beiden großen Kammerfraktionen war aber derart verschoben worden, daß ein reines Parteiministerium kaum noch möglich war; in den Wirren und in den wirtschaftlichen Nöten der Zeit wäre eine solche Kampfregierung unerwünscht, ja verhängnisvoll gewesen. So suchte man wieder zu einer Art Burgfrieden zu gelangen. Seit 1916 löste dann eine Geschäftsregierung die andere ab. Zu einer Unstimmigkeit mit der Krone kam es nicht mehr. Man ging beiderseits einer Veranlassung dazu aus dem Wege.

In den gelichteten Reihen der Blockkämpen aber lebte die Erinnerung an die infolge der Kammerauflösung erlittene Schwächung weiter. Die Wunden verharschten nicht.

[S. 221]

Wie weit der Groll gegen Maria Adelheid sich grade nach den Neuwahlen von 1916 verstiegen hatte, beweist unheimlich scharf der von mir erwähnte Schritt des belgischen Senators Orban de Xivry. Im Namen der luxemburgischen Kammermehrheit (die Mehrheit stand auf zwei Augen!) durfte er König Albert die Krone des Großherzogtums anbieten. Schon damals hieß es also auf Seiten wenigstens der eingeweihten Blockführer: „Fort mit Maria Adelheid! Hoch König-Großherzog Albert!"

Seit dem verhängnisvollen Winter 1915-1916 war die junge Fürstin einem großen Teil der Luxemburger verdächtig und mißliebig geworden. Die freisinnigen Kreise schalten sie eine Feindin der Volksfreiheit im Dienste jesuitischer Herrschaftsgelüste.

Kein Wunder, daß in diesen Kreisen die manchmal so verblüffenden Anklagen auf Deutschfreundlichkeit und Vaterlandslosigkeit ein willkommenes Gehör fanden; daß im Lande wie außer dem Lande ihre politischen Gegner den wider sie in Umlauf gesetzten bösen Gerüchten Mund und Feder liehen, um sie auch bei den Ententemächten in Verruf zu bringen; daß hüben und drüben die unentwegten Republikaner, Französlinge, Belgomanen auf diese Unbeliebtheit der Landesfürstin ihre Hoffnung bauten, um zugleich mit ihr das ganze Herrscherhaus über die Mosel zurückzudrängen.

Der Unwille und die Abneigung, die sich so rundum im Lande gegen Maria Adelheid angesammelt hatten, kamen bei Kriegsschluß zum Ausbruch. Ohne die innerpolitischen Geschehnisse von 1914 und 1915 wäre es, meiner Ansicht nach, nicht zu den Kundgebungen und Umsturzversuchen im Herbst und Winter 1918-1919 gekommen.

Die Kammerstürme vom 12. und 13. November 1918, der Putsch vom 9. und 10. Januar 1919 reichen in ihren ersten Wurzeln auf die in jenen Jahren gesetzten Handlungen eines ausgesprochen einseitigen Herrscherwillens zurück. Auch die Hoffnungen Belgiens rechneten stark mit der Nachwirkung des damals Verschuldeten. Das Verkennen des Zeitgeistes, die stets wiederholten Zumutungen an das demokratisch-freisinnige Volksgefühl[S. 222] taten der Liebe zur Monarchie schmerzlichen Eintrag grade zu einer Zeit, wo für deren Heil und Zukunft das Volksgefühl und der Volkswille entscheidend in die Wagschale fiel.

Nach Maria Adelheids Tode hörte man aus dem Munde der überzeugtesten ihrer nicht zahlreichen Anhänger (der Ausgang des Volksreferendums vom 4. Juni 1915 hat letzteres bewiesen!) die Behauptung, die Fürstin hätte nicht abdanken müssen, die Regierungen der Entente hätten sich mit ihr abgefunden.

Ich leugne diese Möglichkeit.

Gewiß, auch gegen Belgien, Frankreich und das übrige Ausland hätte das kleine Luxemburg seine Fürstin halten können, wenn es solches in leidenschaftlicher Entschlossenheit gewollt, wenn es sich in seiner eindrucksvollen Mehrheit um ihren Thron geschart hätte, bereit für die liebe Großherzogin, als das kostbarste Sinnbild seiner Unabhängigkeit, Gut und Kraft einzusetzen und mit einem einmütigen Moriamur pro rege nostro! die Sache Maria Adelheids als die des Landes zu der seinigen zu machen.

Daß ihm solche Rettungstat möglich war, sobald es mit dem Herzen und mit dem Willen ans Werk ging, den Beweis hat es erbracht. Großherzogin Charlotte, getragen von der Liebe und dem Vertrauen unseres Volkes, siegte gegen belgischen oder französischen Annexionismus. Maria Adelheid aber hätte diese gläubige Stütze nicht gefunden. Sie hatte zu viele enttäuscht oder verletzt.

Sie mußte den Thron aufgeben, nicht weil das Ausland gegen sie verbündet schien, sondern weil ihr Name seinen Zauber bei ihrem Volke eingebüßt hatte. Mit der opferfreudigen Liebe der überwiegenden Mehrheit ihrer Mitbürger im Bunde hätten Regierung und Kammer Maria Adelheid auch gegen Minister Pichon verteidigt.

Das allzugroße Mißtrauen, das innerhalb unseres Landes um sie emporgewachsen war, hat sie letzten Endes vom Thron geschieden.

Nicht das Ausland, Luxemburg hat Maria Adelheid fallen lassen.

[S. 223]


Und doch war sie ein gutes Luxemburger Kind und ist es geblieben. Jedem ihrer Worte, jeder ihrer öffentlich und privat gegebenen Versicherungen gebührt Vertrauen. Dafür war sie doch allzusehr die Tochter ihres Vaters, die Enkelin ihres alten stolzen Geschlechtes. Der Sorge um die Heimat galt ihr Abschiedswort. Am Heimweh ist ihr in der Fremde das junge Herz geschmolzen.

„Ich habe Heimweh nach Luxemburg", so schreibt sie einige Monate vor ihrem Tode. „Jetzt bin ich schon vier Jahre von zu Hause fort."

Wie so viele andere Große und Kleine hat auch Maria Adelheid es erfahren müssen:

Viel Raum hat draußen die Erde.
Doch wer verbannt von Haus,
Der sucht mit Schmerzgeberde
Die Welt nach der Heimat aus;
Den friert im warmen Hauche,
Der wird in der Fülle matt —
Dann weht vom Maienstrauche
Ein krankes Rosenblatt.

Der Verzicht auf die Krone war an sich kein besonders schweres Opfer für ihren tapfern Sinn. In dem von mir erwähnten Oktoberbrief verständigte sie bekanntlich aus eigenem freiem Entschluß Staatsminister Reuter von ihrer Absicht, freiwillig und zugunsten ihrer ältesten Schwester zu entsagen. Aber sie wollte die Zeit ihres Scheidens selbst bestimmen. Der Abgang fiel ihr schließlich nicht leicht. Sie sträubte sich entschieden. Unter den Umständen, unter dem Befehl des Auslands wollte sie nicht weichen. Sie war sich keines Unrechts bewußt. Um sich selbst ein immerhin mögliches, wenn auch ungewolltes Verschulden vorzutäuschen, wünschte sie in letzter Stunde, die ihr ergebene Rechtspartei möchte ihren Weggang als für das Wohl des Landes notwendig erklären. Sie hätte es als Eingeständnis eines unbegangenen Fehlers empfinden müssen, wenn sie ohne weiteres zugegeben hätte, daß ihr freiwilliger Verzicht zu einem erzwungenen Opfer wurde. Endlich brachte sie dieses Opfer doch, ihrem Haus und ihrem Volk zuliebe. Sie vollzog diese Selbstentäußerung, ihrem ganzen Wesen gemäß, würdig und[S. 224] tapfer, schlicht und gottergeben. Ihr Scheidegruß an das geliebte Land ist eine Urkunde edelsten Menschentums.


Schloß Berg, den 28. Januar 1919.

„Aus allen Teilen des Luxemburger Landes sind mir in diesen Tagen unzählige Beweise treuen Gedenkens und rührender Anhänglichkeit zum Ausdruck gebracht worden, die mein Herz beglückt und mit Dankbarkeit erfüllt haben. Da es mir leider unmöglich ist, jedem einzeln zu sagen, welch tiefe Freude und Genugtuung mir dadurch bereitet wurde, so möchte ich auf diesem Wege meinem Herzensbedürfnis entsprechen und allen meinen wärmsten und innigsten Dank sagen. Ich danke allen denen von Herzen, die während meiner ganzen Regierung und besonders in diesen letzten Zeiten in Wort und Tat, in Gedanken und Gebeten mir so treu zur Seite gestanden, die mit mir gearbeitet und gekämpft haben für das Wohl unseres geliebten Vaterlandes. Gott und unsere Landespatronin, die Trösterin der Betrübten, mögen es ihnen lohnen; ich werde es ihnen nie vergessen. Die Liebe zu meinem Land und Volk, die mir von jeher Richtschnur gewesen und die mir auch das letzte schwere Opfer erleichtert hat, kann durch keine Ereignisse verringert werden. Meine Gedanken und innigsten Segenswünsche werden auch künftighin der geliebten Heimat gelten. Meinem Dank möchte ich auch noch eine Bitte hinzufügen, daß alle, die mir so gute Untertanen und Helfer waren, von jetzt an mit der gleichen Treue und Aufopferung zu ihrer neuen Fürstin stehen, in deren Hände ich voll Vertrauen die Geschicke unseres Landes gelegt habe; es wird dies meine größte Freude sein.

Mein herzlichster Wunsch an alle ist: Haltet hoch die guten Sitten der Väter; seid treue Kinder unserer hl. Kirche; bleibt echte, freie Luxemburger!

Maria Adelheid."

Deutsches und südliches Fürstenblut hatten in Maria Adelheids Persönlichkeit eine wertvolle und gefährliche Mischung erfahren. Anfangs schien sie den Stimmen zu[S. 225] lauschen, die aus der Tiefe des mannhaft besonnenen Nassauerstammes zu ihr emportönten; dann gelangte in ihr der unruhiger fordernde Braganzageist zur Herrschaft. Sie wollte kein konstitutioneller Scheinfürst sein. Sie fühlte sich an verantwortungsvollster Stelle Gott verpflichtet und dem Heil der christlichen Seelen. Die Welt aber dachte nüchtern und kalt. Sie konnte diesen seligen Eifer nicht verstehen, sie wollte ihn nicht entschuldigen. Und auf einmal fühlte sich Maria Adelheid nicht mehr heimisch in der zersetzenden Luft einer an jederlei Zugeständnissen siechenden Gegenwart. Ihr Wesen war aus einem kristallenen Guß. Ihrem Gottgefühl war jeder Ausgleich ein Greuel. Sie ging, scheinbar besiegt, aber im Gewissen sich treu und treu ihrem in Flammen der Prüfung gehärteten Ideal. Und so wirkt die zarte Mädchengestalt mit den großen ruhigen Augen und dem versonnenen Lächeln tragisch im hohen Sinn.

Aber sie bedeutet menschlich noch mehr.

Als Fürstin und als treue Tochter der Kirche einer Gräfin Mathilde nachstrebend, schien sie sich zum fraulichen Vorbild die hl. Elisabeth von Thüringen, die Mutter der Armen und Kranken, auserwählt zu haben. Durchdrungen vom Selbstgefühl ihres vielhundertjährigen Adels und fürstlichen Ursprungs, wurde ihr doch so recht wohl erst im Dienste der Schwachen und Hilfsbedürftigen, in der Schürze der Pflegerin, im Häubchen der Schwester.

Genügte es einer Fürstin als Verkörperung der reinsten weiblichen Tugend durch ihre Zeit zu schreiten, um damit für ihr persönliches Regierungsverlangen Verständnis und Billigung zu ernten, Maria Adelheid hätte sich der schwärmerischen Zuneigung und Verehrung ihrer Mitbürger zeitlebens erfreuen müssen.

Während des Krieges stellte sie es sich zum heiligen Ehrgeiz, ihren Landsleuten ein Hort und eine Zuflucht zu sein. In der Richtung allein nützte sie den Einfluß, den Kaiser Wilhelm II. der durch seinen taktlosen Besuch verletzten und bloßgestellten Großherzogin zugestehen mußte. Unser Volk weiß, wie in jener Zeit der eisernen Not niemand vergebens Maria Adelheids Vermittlung[S. 226] und Hilfe anrief. Sie kannte dabei keinen Unterschied des Standes und der Anschauung. Viele Luxemburger danken der mächtigen Fürsprache ihrer Fürstin Leben, Freiheit und Heimkehr. Maria Adelheid war in diesen Jahren der Bedrängnis, nach der ganzen Glut ihres Herzens und im Maße ihrer Kräfte, die Vorsehung der Gefangenen und die Trösterin der Betrübten.

Aber es war doch nicht Sankt Elisabeth, die Gattin und Mutter, der die Tochter Maria Annas von Braganza nacheiferte. Mystische Inbrunst drängte sie auf die weltabgewandten Bußpfade der wundersamen Spanierin Theresia von Avila.

Maria Adelheid dachte nicht an Vermählung. Sie wollte sich als Klosterbraut dem Herrn ganz zum Opfer bringen. Doch durfte sie diesen Schritt äußerster Weltentsagung nicht tun, ohne daß wenigstens einmal Jugend und Liebe in Demut und in Treue um ihr Herz geworben hätten. Grade um die letzten Stunden ihrer tragischen Bedrängnis webt die reinste Herzensromantik einen lieblich ergreifenden Zauber.

Ein naher Verwandter war der anmutigen Spielgenossin schon früh in herzlicher Zuneigung ergeben. Die beiderseitigen Familien hätten es mit Freuden begrüßt, wenn aus dem Vetter ein Bräutigam geworden wäre. Die Angebetete aber verhielt sich freundlich abweisend.

Am 9. Januar 1919, kurz vor der Schicksalsstunde, wo der große Verzicht unterzeichnet werden sollte, erschien der Prinz, inkognito, als Hauptmann in englischen Diensten. An maßgebender Stelle, so versicherte er, sei ihm bestätigt worden, durch eine Verbindung mit ihm, der in den Reihen der Entente ruhmvoll gekämpft hatte, dürfte sich Maria Adelheids Anerkennung doch noch erreichen lassen.

Die Großherzogin wird von diesem Antrag des Jugendfreundes verständigt. Ihre Mutter redet zu. Sie aber erklärt, es tue ihr recht leid, doch wisse man ja, daß sie nicht an Heirat denke.

In der Angst um ihr Schicksal bittet der Prinz, sie möchte dulden, daß das Gerücht einer Verlobung mit ihm[S. 227] in die Welt hinausgehe; nach beschworener Gefahr werde er bereitwilligst zurückstehen. Ihm wird zur Antwort, die Aufrichtigkeit verbiete, an ein solches Spiel auch nur zu denken.

Der Prinz reist noch in derselben Stunde von Schloß Berg ab. Bevor er den Zug besteigt, treibt ihn die innigste Sorge, am Fernsprecher es mit einem letzten Anruf zu versuchen. Es erfolgt der nämliche Bescheid und der hochherzige Mensch muß dem Schicksal und einem jungfräulichen Heldenwillen weichen.


Maria Adelheid ertrug den jähen Wechsel des Geschickes mit bewunderungswürdiger Fassung. Das Glück der Schwester war ihre erste Sorge. Ihr warmes Zureden vor allem bewog die am 12. Dezember 1918 abgetretene Regierung während der Audienz vom 12. Januar 1919, Großherzogin Charlotte zu Diensten vor die Abgeordnetenkammer zurückzukehren.

Sie sollte die am 28. Januar 1919 mit dem liebevollsten Heil- und Segenswunsch verlassene Heimat nicht wiederschauen. Sie hatte die Bitterkeit der Welt und die Nichtigkeit ihrer Güter erfahren. Losgetrennt von den Sorgen irdischen Glanzes wandte sie ihre Sehnsucht höheren Formen zu.

Am 14. September 1920 trat das älteste Kind des protestantischen Wilhelm von Nassau zu Modena in das Kloster der Karmeliterinnen und vergrub sich als eine geistliche Tochter der hl. Theresia in das Schweigen des Gebetes, in die Schauer der Abtötung.

Aber es stand geschrieben, daß diesem armen Fürstenkinde nichts nach Wunsch geraten dürfe.

Den Entbehrungen und der Buße hielt ihre Gesundheit nicht stand. Der Wille ihrer Obern wies sie schon bald in eine minder strenge Lebensführung zurück.

Sie ging nach Rom und vertauschte hier das Bußgewand der Karmeliterinnen mit dem Schleier der Kleinen Armenschwestern. Doch das römische Klima zeitigte ein tückisches Leiden. Maria Adelheid mußte auch das Kleid der schlichten Barmherzigkeit von sich tun und[S. 228] kehrte zu ihrer verehrten Mutter auf Schloß Hohenburg zurück. Dem klösterlichen Geist der Entsagung und Aufopferung blieb sie auch in den leichteren Verhältnissen treu. Der Krankenpflege gehörten ihre liebsten Stunden. Um die zur vollkommenen Ausübung des Pflegerdienstes nötige wissenschaftliche Vorbildung zu erwerben, setzte sie sich an das Studium der Medizin. Auch ihr reger Geist verlangte stets nach neuer Nahrung und Beschäftigung.

Dann wurde sie selbst durch ein langes Siechtum gefesselt. Ihre Samariterseele verleugnete sich auch nicht auf dem eigenen Schmerzenslager. Gegen ihre Wärterinnen war sie eitel Sanftmut und dankbare Rücksicht.

Seit ihrem Niederstieg vom Thron, auf dem sie ihr Herrschbewußtsein so nachdrücklich bekunden wollte, hatte sie sich — für ihre Natur ein Gipfel seelischer Selbstentäußerung! — des eigenen Willens freudig und schrankenlos begeben. In Hohenburg beugte sie sich, wie kurz vorher unter das Wort der Oberin, vor der Liebe der Mutter. Aus deren Mund erbat sie sich schließlich die Ermächtigung zum letzten Abschied.

Einige Tage vor ihrem Tode sprach sie zu Maria Anna mit weichem Flehen: „Mutter, ich habe dir stets gehorcht und deinen Willen erfüllt: Gib mir jetzt die Erlaubnis zu sterben!" Die leidgeprüfte Frau und fromme Christin erwiderte: „Wenn Gott es so haben will, Sein Wille soll geschehen." Die Sterbende, das Antlitz von einem Lächeln schmerzlicher Entsagung überzittert, flüsterte zurück: „Mir ist ja auf Erden nichts geglückt. Darum will ich sie verlassen. Ich sterbe gerne." Ihre letzten Worte an Mutter und Schwestern waren eine Tröstung todüberwindender Liebe. „Trauert nicht, hauchte sie; seid fröhlich und freut euch mit mir."

Am 24. Januar 1924, gegen halb zwei nachmittags, hatte Maria Adelheid, Großherzogin von Luxemburg, neunundzwanzigjährig, heimgefunden.

Drei Tage später wurde ihre leichte Hülle von Schwesterhänden in Blumen gebettet und unter dem Hochaltar der Schloßkapelle beigesetzt.

[S. 229]


Warum ich grade diese ergreifenden Äußerungen eines versöhnten Lebens- und verklärten Sterbewillens hervorhebe? Nun, erst bei der Betrachtung dieser letzten irdischen Wandlung ist mir Maria Adelheids Bild zur klareren Anschauung gekommen. Nach ihrem Verzicht auf die Kronen der Welt kommt die reine Hoheit ihres Wesens zur strahlenden Entfaltung.

Mir drängt sich die Ahnung auf, um aus der Fülle ihres eigenen Gottempfindens heraus zu reden, als seien ihr die Jahre des Herrschens nur geschenkt worden zur Prüfung ihres aufrichtigen Wollens und zur Läuterung ihres vom Atem irdischen Machtbewußtseins geschwellten Selbstgefühls. So wird sie der Gnade gewürdigt, durch die Dornen der freiwilligen Demütigung und Entsagung den Pfad zu finden, den die Auserwählten geführt werden, in denen die Menschennatur einem Gipfel entgegengetragen wird; die berufen sind, nach der Auflösung des irdischen Verlangens in den Gluten der Gottesliebe, als Leuchten und als Fürbitter zu bestehen in der Verehrung der kommenden Geschlechter.

Nicht die Großherzogin Maria Adelheid unter dem Himmel des Thronsaals, die sanfte, stille Soeur Marie des Pauvres unter dem Kelter der Heimsuchung zwingt zur Huldigung vor der erhabenen Größe einer durchgotteten Natur.

Ihr wechselvolles, blitzgezeichnetes Schicksal, ihr Leben in Schönheit, Güte, Wahrheit und Treue, ihr Sterben im Kranze der Jugend, in der Krone der Vollendung unter dem Weihekuß des Leids ruft den Dichter. Die Legende wird ihr Vorüberschweben durch die Welt des Scheins mit dem Goldstift in wunderbaren Bildern gestalten und verewigen. Unsere Landesgeschichte rechnet schon heute die erste luxemburgische Großherzogin zu den wenigen starken Persönlichkeiten, die auf unserm alten, etwas undankbaren Grund erwachsen durften. Der schwermutsdunkle Sterbeseufzer eines Joseph II. durchzittert ihre letzten Worte mit eindringlicher Wehmut, und Gregors VII. erschütternde Todesklage wurde der Scheidenden aus freisinnigem Mund als Rechtfertigung in die[S. 230] Fremde nachgerufen. Was aber die katholische Kirche in der späten Enkelin Philipps III., des nassauischen Reformators, schaut, Papst Benedikt XV. hat es ausgesprochen: „Die Großherzogin ist eine heiligmäßige Person. Sie war ganz gewiß durch ihr Gebet und ihre Opfer der Blitzableiter, der vom Luxemburger Lande die schrecklichen Gefahren ablenkte, die ihm gedroht haben."


Der kühlere Sohn eines politischen Zeitalters freilich fühlt sich bewogen, nach einer kurzen vorurteilslosen Erwägung dieses seltenen Fürstenlebens, seine Landsleute mit einem Rat und mit einer Bitte zu bedenken.

Der Gegenwart, das lehren die Ereignisse der letzten Jahre im großen wie im kleinen, ist jeder Überschwang zuwider. Scharfmacherei sät das Mißtrauen, nährt den Unwillen, erdrosselt die Liebe, reizt zur Abwehr, heischt die Abrechnung; sie stürzt in ihrer Blindheit über den eigenen Fuß.

Der edle Mensch ist anderseits zu gut, um von berechnenden Eiferern als Werkzeug gehalten und mißbraucht zu werden. Die Zeit mittelalterlicher Schwarmsucht ist auch für Luxemburg vorbei. Diebstahl am Ganzen begeht, wer sich diese Tatsache nicht beständig in das Verantwortungsbewußtsein stellt. In der entscheidenden Stunde, wir habens erfahren müssen, rettet, und vor allem das kleine Land, nur die Kraft der in einem Gefühl gläubig und gern verschlungenen Hände.

Und es dürfen auch die Schatten der verklärten Toten nicht heraufbeschworen werden, um den Frieden der Lebendigen zu stören, um Zweifel und Störung hineinzutragen in das Gefühl der Zukunft, für deren Sicherung und Gedeihen in entscheidender Stunde alle, die gutes Willens waren, mit Überzeugung gestritten und gelitten haben.

Maria Adelheids Bild steht an der Wegkreuzung unserer jüngsten Geschichte; für die einen Zeugen unter den Zeitgenossen bleibt es ein Zeichen, dem sie widersprechen[S. 231] wollen oder müssen; für die andern soll es am Wege ragen als eine Schranke zur Besinnung und zur Erkenntnis.

Maria Adelheid hat sich versöhnten Geistes bei lebendigem Leib in die Grundfesten einfügen lassen, auf denen die Zukunft des geretteten freien Vaterlandes auf- und ausgebaut werden kann. O, so möge der heilige Zauber dieses jungfräulichen Blutopfers nachwirken zum Glück ihrer Nachfolger und zum Segen ihres Volkes!

Nikolaus Welter

Gesammelte Werke

in fünf Bänden.


Inhalt.

1. Band: Gedichte
2. Band: Siegfried und Melusine.
Griselinde.
Die Söhne des Öslings.
Adlers Aufflug.
3. Band: Der Abtrünnige.
Lene Frank.
Professor Forster.
Das Vaterunser.
4. Band: Mansfeld.
Der Wurm.
Dantes Kaiser.
5. Band: Hohe Sonnentage.

Verlag
Georg Westermann in Braunschweig.


Anmerkungen zur Transkription.

Worte in Antiqua sind "kursiv" dargestellt.

Die erste Zeile entspricht dem Original, die zweite Zeile enthält die Korrektur.

S.29

S.127