Title: Der Skorpion. Band 2
Author: Anna Elisabet Weirauch
Release date: March 22, 2025 [eBook #75685]
Language: German
Original publication: Berlin: Askanischer Verlag, 1921
Credits: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
Der Skorpion
II
Alle Rechte vorbehalten
Copyright by Askanischer Verlag
Berlin 1921
Druck von Herrosé & Ziemsen G. m. b. H., Wittenberg (Bez. Halle)
Einband von E. Albert Kindle, Berlin SW
Anna Elisabet Weirauch
Ein Roman
Qui vivens laedit
Morte medetur
Zweiter Band
Askanischer Verlag Berlin
1921
O sorte dura, che mi fa esser quale
Punta d’un Scorpio, et domandar riparo
Contr’el velen’ d’all ’istesso animale.
(Louïze Labé.)
Mette Rudloff verschloß und verriegelte die Tür. Sie hörte die Schritte des Mädchens sich entfernen, hörte das An- und Abknipsen der elektrischen Schalter, irgendwo in ziemlicher Entfernung eine Klinke gehen, eine Angel kreischen – wieder Schritte ... das war wohl in einem andern Stockwerk – ein leises, immer wiederkehrendes ungleichmäßiges Geräusch, als ob ein offenstehendes Fenster im Winde klappte. Und Stille. Eine weit sich wölbende, leere, kühle, dunkle, reglos harrende Stille.
Mette mußte sich entschließen, endlich die Hand vom Riegel zu nehmen und nach dem Lichtschalter zu gehen, obgleich sie sich ein wenig fürchtete vor dem Schall ihrer Tritte und dem Rauschen ihrer Röcke. Sie drehte alle Flammen an, auch die kleinen Lampen neben dem Bett und auf dem Schreibtisch. Die blendende Lichtfülle tat ihr wohl. In dem überhellen Raum ging sie an den Wänden entlang, schloß die leeren Schränke auf und wieder zu, hob die Gardinen und ließ sie wieder fallen. Sie hatte nicht den Gedanken, daß sich irgendwo ein Mensch, ein Verbrecher verborgen haben könnte, aber sie versuchte, sich auf jede Weise mit der fremden Umgebung vertraut zu machen. Sie hatte Angst davor, daß irgend etwas sie überraschen und dadurch erschrecken könnte. Die nie gesehenen Möbel konnten im dunklen Zimmer so leicht eine spukhafte Gestalt annehmen, ein Luftzug konnte der Gardine die Form eines Menschen geben. Sie betrachtete auch die Bilder mit Aufmerksamkeit. Sie erinnerte sich aus fiebrigen Abenden der Kinderzeit, daß selbst wohlbekannte Bilder, wenn man sie in der Dämmerung oder beim Schein des Nachtlichts vom Bett aus sah, sich zu grauenvollen Fratzen verwandeln konnten.
Sie versuchte, sich die Linien der blühenden Landschaften, der friedlichen Bauernhäuschen, der drolligen Kinderköpfchen einzuprägen, um sie nachher wiederzufinden in den verschwommenen Flecken, die sich so gern zu hohngrinsenden Ungeheuern, zu ekelerregenden oder furchteinflößenden Fabelwesen ballten und zerrten.
Als sie das Zimmer auf diese Art untersucht hatte, drehte sie das Licht wieder aus, bis auf eine Birne, die den übermäßig großen Raum nur dämmrig erhellte. Aber nun war in dieser Dämmerung nichts Erschreckendes mehr – Mette wußte ja: dieser vorspringende Schatten war die geschweifte Kommode, und der befremdende Lichtschein kam von der Kante des Waschtischspiegels, die ihn von dem Bild der Lampe im Schrankspiegel auffing.
Sie schloß den Handkoffer auf und nahm das Notwendigste heraus: das Nachthemd, das sie übers Bett warf, ein paar Flaschen und Bürsten, die sie nach dem Waschtisch trug. Dann zog sie den Nachttischkasten auf und legte ihn mit einem weichen seidenen Tuch aus, – so sorgfältig, als glätte sie einem Geliebten das Lager oder bereite eine priesterliche Handlung vor. Mit behutsamen Bewegungen, als trüge sie etwas Lebendiges, bettete sie den Revolver und das Zigarettenetui mit dem Skorpion hinein. Sie schob den Kasten zu, mit einer angestrengten Entschlußkraft, denn wie immer, weckte der Anblick des Revolvers den fast leidenschaftlichen Wunsch in ihr, den kühlen glatten metallenen Mund an die Schläfe zu setzen. Sie fürchtete sich davor, diesem Wunsch nachzugeben, denn sie wußte nicht, ob nicht eine plötzliche Regung sie verleiten würde, die Sicherung zu lösen, den Hahn zu berühren und also mehr durch einen Zufall als aus Notwendigkeit sich selbst zu zerstören, und damit Denken, Fühlen, Erinnerung und Erwartung auszulöschen.
Sie wollte nicht sterben. Oder vielmehr, sie wäre gern gestorben, wenn sie nicht dann hätte tot sein müssen. Sie wäre gern desselben Todes gestorben, den Olga Radó starb, nur um sich mit dem letzten Gedanken sagen zu können, daß sie nun ertrug, was Olga ertragen hatte, und daß es also nicht so unerträglich sein konnte, nicht so entsetzlich, wie die unerfahrene Phantasie es sich ausmalte.
Aber andererseits hatte sie eine brennende Begier nach dem Leben, von dem sie so wenig wußte. Nicht, daß sie sich große Freuden, hohe Entzückungen davon versprochen hätte. Aber sie fühlte sich dem schönen und grauenvollen Untier gegenüber so gut gewappnet, daß es schade gewesen wäre, den Kampf aufzugeben. Ihr war, als hätte Olgas Blut ihrer Seele das unverletzliche Kleid gegeben, das der hörnerne Siegfried im Blute des Drachen gewann. Sie war überzeugt, das Schönste, das Schwerste, das Wichtigste ihres Lebens überstanden zu haben. In der Tragödie oder Komödie, in der mitzuwirken sie durch ihre Geburt gezwungen war, hatte sie nur im ersten Akt eine Rolle zu spielen gehabt. Alle Kräfte und Gefühle hatte sie verausgabt – nun mischte sie sich unter die Statisten, noch glühend, aber doch schon ermüdet von den Erschütterungen, die sie durchtobt hatten, und sah halb neugierig und halb gelangweilt dem Spiel der andern zu.
Aber im Grunde überwog die Neugier, und obgleich sie wußte, oder zu wissen glaubte, daß sie niemals mehr einer starken Empfindung – sei es Glück oder Schmerz – fähig sein würde, obgleich sie ihr Gemüt gegen Eindrücke jeder Art gepanzert fühlte, drängte es sie, gleichsam um die Unversehrbarkeit dieses Panzers zu erproben, Eindrücke aufzusuchen, sich ihnen darzubieten – sich in das Gewühl des Kampfes zu stürzen, die starrenden Speerspitzen gegen die Brust zu drücken.
Das erste, dem sie sich willig hingab, und dessen Verwundungen sie früher sicher nicht standgehalten hätte, war dies: Fremde und Einsamkeit.
Aus dem Gefühl heraus, daß sie selber in ihrer jungen Freiheit sich dies erwählt hatte: Fremde und Einsamkeit, und bei dem Gedanken daran, daß nichts ihr mehr wehtun könne und wehtun dürfe seit der Trennung von Olga, seit Olgas Tod, empfand sie die kühle und fast feindliche Stille als wohltuend und erlösend.
Sie wußte es: die Einsamkeit würde sie ertragen können. Aber morgen würde sie gezwungen sein, mit zehn oder fünfzig fremden Menschen in einem Raum ihre Mahlzeiten einzunehmen. Diese Vorstellung hatte etwas atemraubendes. Neugierige Augen prickelten auf ihrer Haut wie Nadelspitzen. Aber auch das würde sich ertragen lassen.
Unten im Haus schlug eine Tür, dumpf und schwer, daß ein Zittern durch alle Wände lief. Der Fahrstuhl hob sich mit einem summenden Geräusch – es war, als ob in dem Riesenleib des Hauses ein mühsamer Atemzug aufröchelte. In der Stille der Nacht vernahm man ganz deutlich das Knacken, wenn er am ersten, am zweiten Stockwerk vorüberglitt.
Man hörte das Aufschnappen der Tür, das Ins-Schloß-Fallen, Schlüssel-Klappern, Schließen, das Drehen der Lichtschalter, Schritte, die behutsam über den dämpfenden Teppich gingen, aber doch die Dielen zum Knarren brachten, ein unterdrücktes Lachen, ein geflüstertes Gute-Nacht-Rufen.
Mette versuchte nachzuprüfen, ob die Stimmen, die sie kaum vernommen, angenehm oder unangenehm gewesen seien – sie kam zu keinem abschließenden Urteil.
Die Tür zum Nebenzimmer ging. Man hörte das leiseste Geräusch, das Anknipsen des Lichtes, das Zuziehen der Fenstervorhänge.
Nichts wußte Mette von diesem Menschen da nebenan, nichts. Nicht einmal den Namen, nicht das Alter, nicht einmal so viel, wie jedes Gesicht verrät, das auf einer dunklen Straße an einem nachlässigen Blick vorübergleitet – und doch wußte sie, daß dieses nachbarliche Wesen nicht gern früh geweckt wurde – denn es verschloß die Fenster mit ungewöhnlicher Sorgfalt. Es mußte ein rücksichtsvoller Mensch sein, denn er bemühte sich, leise zu sein, zog gleich die Stiefel aus und schlüpfte in weiche Schuhe, so daß man den Schritt nicht mehr hörte, ihn nur noch durch eine leichte Erschütterung spürte. Es war auch ein reinlicher Mensch, der sich trotz der späten Stunde mit viel Ausdauer die Zähne putzte.
Mette mußte lächeln. Vielleicht wäre es das Sicherste, die Bekanntschaft aller Menschen auf diese Weise zu machen. Was half es einem, den Namen eines Fremden zu erfahren, oder seinen Beruf, oder den Stand seines Vaters! Was half es einem, mit einem Menschen zu plaudern, Stunden und Stunden, um schließlich nichts von ihm zu wissen, als wo er den letzten Sommer verbracht hatte, oder wie er die Besetzung der neuesten Operette fand! Und was half es einem, wenn man Wand an Wand mit einem Menschen wohnte und jeden Atemzug hörte ... und doch nichts von ihm wußte?
Ach, was half es selbst, mit einem Menschen eines Blutes zu sein, und alle Tage des Lebens, vom ersten an, mit ihm zu verbringen. Oder was half es, einen Menschen zu lieben, ihn zu lieben mit jeder Faser des Leibes und der Seele – wenn im letzten Grunde doch einer nichts vom andern wußte!
Es war so unendlich schwer, sich zurechtzufinden in diesem Wirrwarr von Charakteren, Gefühlen, Schicksalen und Lügen, die so millionenfach verschlungen, einen selbst mit umschlangen – ach, so schwer, daß man hätte weinen können, wenn man daran dachte, wie hilflos man war!
Mette trat ans Fenster und lehnte sich hinaus. Sie suchte am Himmel den Antares, ihren Stern. Aber die Brandmauern der Häuser verdeckten ihn. Sie beugte sich ein wenig weiter und sah in den Schacht des Hofes hinunter. Ein seltsamer Schwindel faßte sie an. Wenn sie in die Tiefe da hinunterglitte, würde es kein Mensch bemerken. Und wenn man morgen früh ihre Leiche dort unten fände, würde man nicht wissen, was man anfangen, wen man rufen, wen man benachrichtigen sollte.
Mette Rudloff war ja jetzt frei. So frei, daß ihr ein leiser Schauer über den Rücken rieselte. Nirgends der Druck einer Kette, aber auch nirgends ein haltendes Band, nirgends eine engende Mauer, aber auch nirgends ein schützendes Dach.
Die Menschen, denen Liebe oder Pflicht sie verbunden hatte, waren tot. Vater war tot, Olga war tot. Von den andern hatte sie selbst sich mit scharfem Schnitt gelöst.
Und nun glitt sie frei durch den unendlichen Raum, wie ein losgetrenntes Blatt, wie eine schwebende Schneeflocke. Ihre Hände klammerten sich um das Fensterbord, als fürchtete sie, ein Lufthauch könne sie losreißen, forttreiben, zerschellen.
Eine Furcht überkam sie, als wäre sie ein verirrtes Kind, dem im Dunkel alle Wege gleich fremd und bedrohlich erscheinen.
Ihre verzweifelten Blicke suchten nach einem Halt und fanden ihn in dem steten milden und geheimnisvollen Glanz der Sterne über ihr.
‚Liebe Sterne,‘ dachte Mette, ‚wie gut, daß ihr da seid! Immer noch dieselben, wie vor Zehntausenden von Jahren, und sogar noch dieselben von den Abenden, als ich mit Olga am Wannsee lag. Es gibt keinen Zufall, es kann keinen Zufall geben. Warum prallen die Sterne da oben nicht aneinander und stieben wie ein Funkenmeer durch die Nacht? Ewige, unzerstörbare Gesetze halten ihr Milliardengewicht schwebend im Raum und führen sie mit so überlegener Ruhe ihre Bahn, als sei es das leichteste von der Welt, Sterne zu regieren. Und irgendwo stehe ich auch unter diesen Gesetzen und kann mich nicht dagegen wehren – und will es ja auch gar nicht. Ich bange mich vor der Entscheidung, ob ich rechts oder links gehen soll, und dabei sind ja doch alle Wege versperrt bis auf den einzigen, den ich gehen soll und muß, weil er der meine ist, der unabänderlich vorgeschriebene, der ans Ziel führt. An welches Ziel? Ich weiß es nicht. Aber da ich lebe, so wird man ja wohl noch irgend etwas mit mir vorhaben, und das beste ist, in Geduld zu warten.‘
Ein Gesangbuchvers aus ihrer Kinderzeit drängte sich ihr in die Gedanken – aber sie konnte ihn nicht mehr richtig zusammenbringen:
... der Sonne, Mond und Winden
Gibt Wege, Lauf und Bahn.
Der wird auch Wege finden,
Da dein Herz gehen kann.
Die Worte summten ihr immerzu im Kopf herum, während sie sich auskleidete. Aber erst als sie im Bett lag, fiel es ihr plötzlich ein:
„die dein Fuß gehen kann“
hieß es wohl. Wie war sie nur auf „Herz“ gekommen? Ach, vielleicht, weil es ihr wichtiger erschien – so unendlich viel wichtiger ...
Mette durchwanderte Museen und Galerien mit angespannter Aufmerksamkeit, gleichsam mit zusammengebissenen Zähnen. Sie erlaubte es sich nicht mehr, wie früher durch die Säle zu schlendern, zu betrachten, was ihr gefiel, wie ein Kind in einem Bilderbuch blättert, ohne etwa nach dem Namen der Maler zu fragen, nach der Zeit, in der sie gelebt, oder gar nach der Schule, der sie angehört hatten.
Sie arbeitete sich systematisch durch das überreiche Material hindurch. Sie kaufte sich einen ganzen Stapel von Kunstgeschichten, Monographien, Führern durch die Museen und studierte sie so gewissenhaft wie Schulaufgaben. Manchmal übte ein Bild eine starke Anziehungskraft auf sie aus, das sie nirgends als besonders wertvoll verzeichnet fand. Aber noch gestattete sie sich keinen eigenen Geschmack. Sie schalt sich selber mit unnachsichtiger Strenge jung, dumm, unreif, ungebildet. Es konnte vorkommen, daß sie einem heimlich geliebten Bilde, das von andern verächtlich behandelt wurde, im Vorübergehen einen zärtlichen Blick zuwarf, der sagen sollte: ‚Noch kann ich mich nicht mit dir beschäftigen, noch kann dir mein Wohlwollen auch gar nichts nützen, weil ich viel zu unwissend bin – erst muß ich lernen, muß so klug werden, wie die Klügsten der andern, dann will ich dich entdecken und will dein Lob singen.‘
Zuerst mußte man die ganz unanfechtbaren Größen aufsuchen, sich mit ihnen vertraut machen, sie in sich aufnehmen. Manchmal empörte sich Mettes Gefühl gegen irgend etwas, was sie schön und großartig finden sollte. Das konnte sie in eine tiefe Mutlosigkeit stürzen. Sie überlegte umsonst, ob sie nicht irgend jemand um Rat bitten könnte – um Beistand gegen die Autorität, die für bezaubernd und reizvoll erklärte, was ihr mißfiel. Dann versuchte sie, sich vorzustellen, was Olga Radó wohl gesagt hätte – Olga, die durch keine Autorität einzuschüchtern war, die ihren eignen Geschmack und ihre eigne Meinung hatte, bei der sie unerschütterlich und manchmal sogar eigensinnig beharrte.
Mitunter fand Mette ein spöttisches Scherzwort, das Olga hätte gebrauchen können, um sich gegen eine Bevormundung aufzulehnen. Wenn sie Worte dachte, die so Olgas Prägung trugen, dann war ihr, als hörte sie auch Olgas leises Lachen neben sich und ihre tiefe, klingende Stimme. Aber öfter noch geschah es, daß sie sich vergebens fragte: würde dies oder jenes Olga gefallen haben? Was würde Olga über dies oder jenes gesagt haben? Und es konnte sie zur Verzweiflung bringen, daß sie sich keine Antwort zu geben wußte. Daß Olga tot war, war schlimm. Aber fast noch schlimmer war es, daß Mette die Zeit, da Olga lebte, nicht genügend ausgenutzt hatte. Jetzt fielen ihr auf Schritt und Tritt Dinge ein, die sie hätte erfragen müssen und nach denen sie nie gefragt hatte. Dann war ihr, als müsse es irgendeine Kraft geben, das Geschehene ungeschehen zu machen, die Gewalt des Todes zu zerbrechen, und ihre Gedanken schlugen sich wund an dem ehernen Schweigen, das unerschütterlich all ihren Fragen entgegenstarrte.
Sie fühlte sich manchmal so klein, wie ein Kind, das nicht über die gepolsterten Wände seines Laufstalls hinwegsehen kann. Der Wind hatte ihr mancherlei ins Gesicht getrieben – Blüten und Staub. Es mußte wohl außerhalb des Mäuerchens blühende Gärten geben und staubige Straßen – aber Mette wußte nicht, woher der Wind blies. Sie versuchte, sich über sich selbst hinaus zu dehnen – es half nichts. Aber sie wußte, was einzig helfen konnte: und wie mit Ungeduld verschlang sie alles, was sich ihren Sinnen und ihrer Seele darbot: Bücher, Bilder, Gespräche, Gesichter: sie wollte wachsen, wachsen, um über die Mauer zu sehen, um alles zu übersehen, was außerhalb lag, Welt und Leben, die Welt und das Leben, wo Olga Radó hergekommen war, und die man verstehen mußte, um sie zu verstehen. – – –
In dem großen Eßzimmer der Pension hatte Mette ihren Tisch in der dunkelsten Ecke. Die freundliche Wirtin hatte geglaubt, sich entschuldigen zu müssen, daß die Plätze in der Nähe der Fenster alle schon von älteren Gästen besetzt wären. Metten war es gerade recht so. Sie saß mit dem Rücken gegen die Wand und hatte den kleinen Tisch wie einen Schutzwall vor sich. Sie war meistens beim ersten Gongruf schon fertig und setzte sich auf ihren Platz, um die andern an sich vorüber zu lassen und sich nicht zwischen den vollbesetzten Tischen hindurchwinden zu müssen. Wenn sie sich einmal verspätete, war ihr der kurze Gang durch das Zimmer ein nicht endenwollender Marterpfad. Sie fühlte sich von all den unverhohlen neugierigen und selbst von den gleichgültigen Blicken gepeinigt und gehemmt. Obgleich sie sich jedesmal vor dem Spiegel prüfte, ehe sie ihr Zimmer verließ, hatte sie doch immer das Gefühl, daß ihr Haar sich löste, wenn ein Blick an ihrem Kopf haften blieb, oder daß sie ein Loch im Strumpf hatte, wenn jemand auf ihre Füße sah. Sie mußte dann immer gegen den Wunsch ankämpfen, ängstlich nach ihrem Haarknoten zu greifen, oder auch ihrerseits ihre Füße zu betrachten. Sie preßte die Ellbogen an den Körper, bemühte sich, ein undurchdringliches und ausdrucksloses Gesicht zu machen und vorsichtig zu gehen – weil die Vorstellung sie plagte, sie würde einen Stuhl umreißen oder an einem Tisch anstoßen – aber dabei doch so rasch, daß man ihr diese Vorsicht nicht anmerkte. Wenn sie dann glücklich in ihrer Ecke saß, fühlte sie sich wie im Hafen.
Meistens nahm sie sich eine Zeitung mit, um sich während der Wartezeit dahinter zu verschanzen. Sie hatte nicht Angst davor, daß jemand sie anreden könnte – das Sprechen fiel ihr weniger schwer, als das Gehen – aber Angst, daß sie so aussehen könnte, als wartete sie auf eine Anrede – so beschäftigungslos, so einsam, so hungrig nach einem zugeworfenen Wort.
Dabei war sie es in Wahrheit gar nicht. Je weniger sie sprach, desto weniger vermißte sie das Gespräch. Wenn es auch keine Qual verursachte, so brauchte es doch immer eine gewisse Entschlußkraft, eh sie den Mund aufbekam, um dem Mädchen irgend etwas zu sagen. Und wenn sie abends auf ihr Zimmer ging und nach dem letzten „danke, Berta, ich brauche nichts mehr“, die Tür verriegelte, dann kam das Gefühl des Schweigenkönnens, des Schweigendürfens wie eine Erlösung über sie. Ihr war manchmal, als ob ihre Zunge schon lahm geworden sei, wie irgendein anderer Muskel, der nie bewegt wird. Und sie hatte kein Bedauern mehr für die Trappisten, weil sie deutlich empfand, daß es nur weniger Wochen bedurfte, um sich so an das Schweigen zu gewöhnen, daß sich vor jedes Wort unüberwindliche Hemmungen stellten.
Aber sie wußte, daß keine schützenden Klostermauern sie umgaben, und daß sie es sich nicht gestatten durfte, ein Trappistenleben zu führen. Sie wollte sich in den Strom aller Menschlichkeiten hineinstürzen, um Schwimmen zu lernen. Dabei klopfte ihr das Herz, wenn sie nur erst die Zehenspitzen benetzte.
Trotzdem stand sie den Menschen nicht verächtlich, nicht einmal gleichgültig gegenüber. Sie hatte für all und jeden eine wache Aufmerksamkeit und war rasch bereit zu Sympathie und Antipathie.
Es waren besonders zwei Gruppen in der Pension, die ihre Beobachtung auf sich zogen und ihre Teilnahme erregten. Die eine scharte sich um Luise Peters – „Lawising“, wie sie von allen Seiten gerufen wurde – eine norddeutsche Malerin, eine große, breite, derbknochige Person, deren frisches, rotbackiges Gesicht mit blanken Augen und weißen Zähnen, deren glattsträhniges und ungleichmäßig blondes Haar immer so aussah, als ob sie eben einem eiskalten Bade entstiegen sei. Lawising hatte eine tiefe und etwas rauhe Stimme, ein lautes und ins Auge fallendes Gebaren – aber man spürte, daß ihr nichts ferner lag, als ein eitles Aufsehen-erregen-wollen. Ihre große und kräftige Persönlichkeit konnte sich nur mit unsäglicher Mühe auf zarte und vorsichtige Bewegungen oder einen leisen und gedämpften Ton beschränken. Trotz ihres etwas lärmenden Wesens hatte sie nichts Unfeines, sie blinkte von innerer und äußerer Sauberkeit – ja, sie roch förmlich nach guter Familie.
Der Mittelpunkt des andern Kreises duftete eher nach französischer Parfümerie. Daß das schmale, feingliedrige Wesen künstlich gebleichtes Haar und künstlich getuschte Wimpern hatte, das entging auch Mettes ungeübten Augen nicht. Aber sie stellte doch fest – so vorurteilslos, als ob sie vor einem Bilde stände – daß die schwarz umränderten Augen zu den kupferglänzenden Locken einen sehr reizvollen Gegensatz bildeten, daß das Lachen, das die Kleine gefallsüchtig durch den Saal schwirren ließ, wirklich einen süßen und silbrigen Ton hatte, und daß die reichlich kurzen Röckchen allerliebst geformte schlanke Beine sehen ließen.
Bis auf zwei gutmütige alte Damen, die allen ein mütterliches Wohlwollen zuteil werden ließen, und zwei bösartige, die für alles, was Jugend hieß, nur ein giftiges Hohnlächeln übrig hatten, gehörten die Gäste der Pension einer der beiden Cliquen an, die sich nicht gerade befehdeten, aber sich doch gern mehr oder weniger offensichtlich übereinander lustig machten. Und auch – zur Freude der Wirtin – einen gewissen harmlosen Wettbewerb trieben: wenn die eine Partei bis Mitternacht zusammensaß und eine Flasche Wein nach der andern trank, so braute sicher am übernächsten Tag die andere Partei eine Bowle und zechte bis zum Morgengrauen.
Mette fühlte sich manchmal an ihre Schulzeit erinnert. Da waren erwachsene Menschen, die ganz wie die kleinen Mädchen in der Klasse, wenn sie sich von einem Tisch an den andern etwas sagen wollten, sich einer Art Zeichensprache bedienten. Oder ein paar Worte auf den Rand einer Zeitung schrieben und sie dem bedienenden Mädchen mitgaben – ganz wie man in der Schule Zettelchen auf die Wanderschaft geschickt hatte. Da waren Vertraute, die immer miteinander zu tuscheln hatten, ehe sie sich an ihre Plätze begaben, und die, wenn das Mädchen mit der Suppe kam, sich mit einem vielverheißenden „nachher“ trennten. Oder andere, die sich nur einen Blick zuzuwerfen brauchten, um einen Lachanfall zu bekommen, den sie mühsam zu unterdrücken oder wenigstens zu verbergen suchten.
Manchmal spürte Mette auch dasselbe Neidgefühl wie damals, als sie fremd und vereinsamt der Lustigkeit der Klasse gegenüberstand. Und dann dachte sie mit einem leisen inneren Lächeln, daß sie seit jener Zeit doch schon um vieles älter geworden war – nicht nur um das eine Jahrzehnt, das dazwischen lag. Sie war schon so alt und klug geworden, sich zu sagen, daß all diese Heiterkeit und Wichtigtuerei und Geheimniskrämerei nur so verlockend erschien für den, der unbeteiligt draußen stand – und daß sie überhaupt jeden Reiz verlor, wenn nicht jemand da war, der das Spiel als Zuschauer mit ansah und in dessen Gemüt man ein wenig Neugier und Neid und Sehnsucht erwecken wollte.
Mette merkte wohl, daß – von beiden Parteien – manches in halb unbewußter Berechnung geschah, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Aber sie war nicht genug von ihrem Wert überzeugt, um sich dadurch geschmeichelt zu fühlen.
‚Die spielenden Kinder brauchen einen Zuschauer,‘ dachte sie mit nachsichtigem Lächeln.
Sie fühlte auch mitunter, daß es nicht schwer sein würde, an einen der Kreise Anschluß zu finden. Sie hätte nur einmal in eines der allgemeinen Gespräche, an denen auch die liebenswürdige Wirtin sich beteiligte, ein paar Worte hineinwerfen müssen, sie hätte nur einmal einen Gruß weniger zurückhaltend zu erwidern brauchen, und in kürzester Zeit hätte sie nicht mehr abseits gestanden, hätte sie mitgeplätschert in dem muntern Bächlein dieser mehr oder weniger seichten Beziehungen. Manchmal nahm sie einen innerlichen Anlauf zu dem Sprung, weil sie dem, was sie „das Leben“ nannte, näher kommen wollte und mit leiser Angst verspürte, wie sie ihm immer fremder wurde. Sie nahm sich vor, bei der nächsten Gelegenheit an einem Gespräch teilzunehmen, und das Herz schlug ihr, wenn die Gelegenheit da war – aber sie ließ sie ungenützt vorübergehen. Wenn sie den fertig gebildeten Satz schon auf der Zunge hatte, faßte sie die Angst, – nicht die Angst, den Satz nicht herauszubringen, oder für aufdringlich zu gelten – sondern die Angst, durch ein Wort Beziehungen anzuknüpfen, die nachher zu lösen schwer – ja fast unmöglich war.
Mette dachte oft über sich selbst nach. Sie las und lernte abends im Bett so lange, bis ihre Gedanken sich verwirrten, und sie, schon halb im Schlaf, nach der Lampe griff, um das Licht auszudrehen. Aber manchmal wurde sie nach kurzer Zeit durch irgendein Geräusch geweckt, daß sie mit hämmerndem Herzen auffuhr. Und dann konnte sie oft stunden- und stundenlang den Schlaf nicht zwingen – dann nützte weder Zählen noch Vokabelaufsagen, noch die Vorstellung des wogenden Kornfeldes – ein Zehntel der Gedankenkraft blieb mechanisch bei den Zahlen, und neun Zehntel jagten kreuz und quer und schleppten und zerrten alles herbei, was peinvoll und quälend und beunruhigend war. In solchen schlaflosen Nächten, wenn alle Dinge ihr so bedrohlich und feindselig naherückten und sie immer mehr bedrängten, bis sie schließlich fiebernd und glühend die Decken zurückwarf und sich aufrichtete, um Atem holen zu können, oder um die gekrampften Fäuste gegen ihre Angreifer zu schütteln, oder um die Finger in ihr Haar zu krallen und die gesenkte Stirn schwer, schwer in die Hände zu stützen – in solchen schlaflosen Nächten dachte Mette auch über sich selbst nach.
Sie wäre sich gern darüber klar geworden, ob sie ein guter oder ein schlechter Mensch war. Es war sehr schwer, das festzustellen, und manchmal spielte sie mit dem Gedanken, einen unbefangenen Menschen zum Richter aufzurufen, ihm alle „Für“ und „Wider“ vorzutragen und sich einem Urteil zu unterwerfen, sich freisprechen zu lassen oder eine Buße auf sich zu nehmen. Sie suchte unter den Leuten auf der Straße, in den Bahnen, in den Konzerten nach einem Gesicht, das von der Fähigkeit zu solchem Richteramt zeugte. Aber sie fand keines.
Sie suchte auch unter den gemalten Gesichtern in den Galerien. Und da war schon eher ein oder das andere, vor dem sie hätte stehenbleiben mögen, um mit gefalteten Händen zu bitten: Hilf du mir doch – das hab’ ich getan – und das hab’ ich verabsäumt – und dessen hat man mich ungerecht beschuldigt. Wie steht es nun um mich – sind andere Menschen besser oder schlimmer? Haben viele ein Recht, mich zu verachten? Habe ich das Recht verwirkt, andere zu verachten? Gibt es nicht ehrbare und tugendhafte Menschen, die niedriger stehen als ich? Und darf ich nicht zu manchen aufsehen, die noch mehr gesündigt haben, als ich?
Manchmal prüfte sich Mette, ob sie irgend etwas anders tun würde, wenn es ihr noch einmal zu tun gegeben würde. Sie meinte dann wohl, daß sie ihrem Kinderfräulein nicht mehr mit so blinder Schwärmerei anhängen würde. Und daß sie versuchen würde, ihrem Vater näher zu kommen, mehr Verständnis für ihn zu gewinnen, und ihm mehr Verständnis beizubringen. Und dann würde sie die Schuljahre besser ausnutzen, um das wenige, was sich auf der Schule lernen ließ, wenigstens gründlich zu erfassen.
Aber all dies war es ja nicht, was man ihr als Schuld angerechnet hatte. Ihre Schuld, ihr Verbrechen war gewesen, daß sie Olga Radó zu sehr geliebt hatte.
Und wenn Mette an diesen Punkt kam, dann bäumte sich der Widerspruch in ihr auf wie ein gepeitschtes wildes Pferd. Wenn Olga noch einmal in ihr Leben träte, dann würde sie jedes Verbrechen begehen, um zu ihr zu gelangen, ihre Stimme zu hören, ihre Hände zu fühlen.
Sie hatte einen Wachtraum, der mit der Hartnäckigkeit eines Fieberwahns immer wiederkehrte. Sie sah Olga in weiter Entfernung, manchmal wie vor ihr fliehend, aber meist ihr zugewandt, mit sehnsüchtig ausgestreckten Händen. Sie wollte zu ihr. Sie mußte zu ihr. Aber immer drängte sich jemand dazwischen. Ihr Vater, Tante Emilie, Onkel Jürgen, Frau Flesch, der Detektiv, die Möbius-Mädels. Und Mette hielt den Revolver umklammert – Olgas Revolver – und schoß. Und traf. Und die Getroffenen stürzten zusammen und ließen den Nächsten auftauchen. Aber wenn die Reihe zu Ende war, fing sie wieder von vorn an. Wie Puppen in einer Schießbude standen sie wieder auf und versperrten ihr den Weg. Und Mette schoß sie nieder, unzähligemal. Aber Olga entfernte sich, ihre Erscheinung wurde immer undeutlicher, verblaßte, verdämmerte, bis sie verschwand.
Die Sehnsucht nach Olga konnte Mette fast bis zum Wahnsinn peinigen – und doch war sie nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war die Sehnsucht, die ins Ungewisse ging, die nach einem Menschen schrie, nicht nach Liebe oder Kameradschaft oder Verständnis, nur nach der Wärme eines Körpers, nach umschlingenden Armen, nach zärtlichen Lippen.
Dann konnte es vorkommen, daß Mette sich mit Nägeln und Zähnen in die Kissen einkrallte und sich schüttelte wie im Fieber. In solchen Augenblicken wurde es ihr auch klar, daß sie doch wohl ein schlechter Mensch wäre. Und das Belastendste war, daß sie keine Reue kannte und nicht einmal gute Vorsätze. Im Gegenteil. Wenn sie sehr unglücklich war, dann faßte sie geradezu den Vorsatz, schlecht zu werden. Sie wollte nur lernen und an sich arbeiten, um Macht über die Menschen zu gewinnen, um zu berücken, zu verführen. Und dann wollte sie nach allem greifen, was ihre Lust oder ihre Neugier auch nur für eine Stunde reizte, wollte nur den Schaum von den Kelchen schlürfen, den Saft aus den Früchten pressen und weiterjagen, von einem zum andern, nirgends verweilend, nirgends sich anheftend, nirgends aus den Tiefen schöpfend.
Ein solcher Entschluß trieb sie den Menschen näher. Sie wollte kopfüber den Sprung in den Strom wagen, weil sie die Kraft in sich fühlte, die Flut zu meistern. Sie nahm sich vor, am andern Tag eine Bekanntschaft anzufangen, mit irgend jemand auf Redefuß zu kommen – ein Wort konnte wie ein ins Wasser geworfener Stein immer weitere Ringe ziehen, und in wenigen Wochen konnte sie der Mittelpunkt eines Kreises sein.
Wenn sie am andern Tag unter den Gesichtern Umschau hielt, erschienen sie ihr plötzlich alle leer und langweilig oder verlogen und unheimlich, und ihr Inneres zog sich zusammen wie ein erschreckter Igel, ängstlich und feindselig. Und sie faßte einen neuen Entschluß: zu schweigen, immer zu schweigen, niemals mehr als das unumgänglich Notwendige zu reden, niemals mehr einem Menschen das Du zu gönnen, Barrikaden und Mauern des Schweigens zu errichten zwischen sich und der Welt. – – –
Es wäre vielleicht noch wochen- und monatelang so weiter gegangen, wenn nicht eines Tages Gisela Werkenthin in die Pension gekommen wäre, um die kleine Geschminkte zu besuchen. Sie fiel Mette sofort auf, als sie das Eßzimmer betrat. Nicht, daß sie besonders schön gewesen wäre. Sie war schlank, schmächtig, knabenhaft gebaut. Ihr schmales Gesicht wurde noch schmäler durch das auf Pagenart geschnittene dunkle Haar, das die Hälfte der Wangen verdeckte. Ihr Mund war fast lippenlos, nur eine feine blaßrote stolz und schmerzlich gebogene Linie. Ihre dunklen Augen mit auffallend breiten Lidern lagen in großen, tiefen, aschgrauen Höhlen.
Mette stand an diesem Abend nicht gleich nach dem Essen auf, wie gewöhnlich. Sie ließ sich noch einen Tee bringen, um einen Vorwand zu haben, tat, als ob sie ungeduldig in dem Tee rührte, um ihn abzukühlen, und beobachtete dabei den Tisch, an dem die blasse Frau mit den abgeschnittenen Haaren saß.
Sie lachte mit den andern, trank, und rauchte unzählige Zigaretten.
Aber plötzlich konnte sie während des lärmenden Gesprächs in sich zusammensinken, wie eine Schlafende, die schmale Hand mit der brennenden Zigarette stand wie erstarrt in der Luft, und ihre Augen bohrten sich durch den Nebel von Rauch und Dunst, als sähen sie in der Ferne ein furchtbares lähmendes Geschehen.
Am nächsten Tage suchte Mette Frau Meidinger, die Wirtin, auf. Sie hatte eine unwichtige Kleinigkeit mit ihr zu besprechen, die sie sicher ein anderes Mal durch die Vermittlung des Mädchens erledigt hätte. Aber in der Nacht hatte sie den unerschütterlichen Entschluß gefaßt, den Sprung in das „Leben“ zu tun, und aus diesem Grunde zwang sie sich erst einmal dazu, Frau Meidinger persönlich aufzusuchen, die blond und rundlich, wohlfrisiert und liebenswürdig wie immer, in ihrem sehr behaglichen Wohnzimmer hinter einem gedeckten Teetisch thronte.
Sie schien sehr entzückt, Mette zu sehen. Sie quälte so lange, bis Mette eine Tasse Tee genommen hatte, und dann fing sie an, in ebenso neugieriger wie herzlicher Art, Fragen zu stellen, die Mette beantwortete, weil sie keinen Grund hatte, sie nicht zu beantworten. Aber sie lächelte ein wenig dabei und dachte: ‚Wenn ich etwas vor dir verbergen wollte, meine Liebe – auf diese Weise würdest du es nicht aus mir herausfragen.‘
Sie gab gern zu, daß sie Waise wäre. Ja, es war ihr sogar ganz recht, daß die Trauer, die sie noch um ihren Vater trug, eine genügende Erklärung für ihr blasses und verhärmtes Aussehen gab. So kam die gutmütige und aufdringliche Frau wenigstens nicht auf den Gedanken, nach einem heimlichen Kummer und seiner Ursache zu forschen.
Mettes Schicksal war in wenigen Sätzen klargestellt: sie war Waise, hatte weder Geschwister noch Großeltern am Leben und hatte mit Absicht eine fremde Stadt aufgesucht, um in ganz veränderter Umgebung die traurigen Eindrücke der letzten Zeit loszuwerden. Frau Meidinger gab sich damit zufrieden, oder sie tat wenigstens so. Sie gestand Mette ein, daß – was diese sehr verwunderte – schon alle Gäste nach ihr gefragt hätten, und daß jeder hinter der jungen schweigsamen Dame in Trauer eine romantische Geschichte vermutete. Fräulein Luigi – Mette würde doch zweifellos Fräulein Luigi kennen? – sie wäre ja beim Kabarett und hätte viel Erfolg jetzt, außergewöhnlich viel Erfolg – ja, die Kleine mit dem schönen roten Haar – mit dem rotgefärbten Haar, versteht sich, das hätte Mette doch wohl auch schon bemerkt? – Also Fräulein Luigi hätte sogar Frau Meidinger schon immer gequält, daß sie eine Bekanntschaft vermitteln solle; aber wie Frau Meidinger das Fräulein Peters erzählt habe, hätte die gesagt, sie wäre immer sehr geradezu, Fräulein Peters, und manchmal auch ein bißchen derb: „Unterstehen Sie sich und machen Sie dies feine, zarte, vornehme junge Menschenkind bekannt mit dieser ...“, na, sie wollte lieber nicht wiederholen, was Fräulein Peters gesagt hätte, denn, wie gesagt, Fräulein Peters sei manchmal ein bißchen derb. Aber so schlimm würde es wohl gar nicht sein mit der kleinen Luigi. Sie wär’ natürlich keine Heilige vom Himmel – aber wen ginge das was an? Sie, Frau Meidinger, wäre ihr nicht zum Vormund gesetzt ... und die Hauptsache wäre, daß ihr Haus rein bliebe, darauf achtete sie, und da könnte ihr keiner etwas nachsagen. Und wenn ein junges Mädel heut ihr Brot verdienen müsse wie ein Mann, dann wolle sie auch ihr Vergnügen haben wie ein Mann. Die Soliden wären ihr lieber, freilich, selbstredend. Aber heutzutage, ach, wer wäre denn heutzutage noch solid? Und wer es nicht so triebe, der triebe es eben anders. Ob Mette nicht gestern die Gisela gesehen hätte?
Mette machte ein zweifelndes Gesicht und hatte das Gefühl, rot zu werden.
„... eine von den Damen, die gestern zu Besuch bei Fräulein Luigi waren?“
„Ja, die Dunkle – ach, Sie haben sie sicher gesehen, Fräulein Rudloff! Sie sieht ja so elend aus, so namenlos elend! Ist Ihnen das nicht aufgefallen? Sie haben wohl nicht so den Blick dafür – aber wer Bescheid weiß, der sieht es ihr ja auf hundert Schritt an, daß sie Morphinistin ist. Es ist schließlich keine Indiskretion von mir, wenn ich Ihnen etwas erzähle, was die ganze Stadt weiß. Diese begabte Person! Es ist ein Jammer um sie, denn sie geht zugrunde, sage ich Ihnen, sie geht zugrunde an einer Frau!“
Frau Meidinger machte eine Kunstpause und sah Mette erwartungsvoll an.
Mette fühlte, daß dieser Blick sie aufforderte, irgend etwas zu sagen.
„Wie fürchterlich,“ sagte sie in dem Ton eines Kindes, dem man unglaubbare Schauergeschichten erzählt.
„Ja, mein liebes Kind,“ sagte Frau Meidinger mit beinah mitleidiger Überlegenheit, „in Ihren großen unschuldigen Augen, da steht so deutlich die Frage: Gibt es denn so etwas überhaupt? Ach, mein Kind, haben Sie eine Ahnung, was es alles gibt! Wir leben in einer schrecklichen Zeit, wirklich! Aber was soll man machen? Man kann aus der Zeit ebensowenig heraus wie aus seiner eigenen Haut. Wenn ich es mir hätte aussuchen können, ich hätte auch lieber im Biedermeier gelebt, wo alles recht gemütlich herging. Oder zu Goethes Füßen gesessen – wo finden wir heute einen Goethe?“
Mette bedauerte aufrichtig, Frau Meidinger nicht zu dem ersehnten Platz verhelfen zu können. Sie stellte sich das Bild recht erheiternd vor und benutzte die nächste Gelegenheit, um sich zu verabschieden.
Schon während sie über den langen, schlecht erleuchteten Flur nach ihrem Zimmer ging, kehrten ihre Gedanken zu der armen Gisela zurück und hörten nicht auf, sie zu umkreisen.
Arme Gisela, die an einer Frau zugrunde ging! Oh, wie Mette sie verstehen konnte. Und sie würde Mette verstehen. Alles würde sie verstehen, was Mette durchgemacht, Kampf und Liebe und Leid.
Mette war zumut, als müsse sie diese fremde Frau mit den qualbrennenden Augen suchen, ihr nachgehen, sie bei der Hand fassen, um ihr zu sagen: „Wir verstehen uns, wir gehören zusammen, weil wir die Unglücklichsten der Welt sind. Wir müssen Freunde werden, weil niemand außer uns begreifen kann, was wir gelitten haben.“ – – –
Am andern Abend ging das Gespräch zwischen den Tischen hin und her über irgendeine Meldung des Abendblattes. Einige hatten die Zeitung schon gelesen, andere nicht, und da Mette sie in der Hand hielt, bot sie sie ihrem Nachbarn an. Die kleine Luigi bat, auch einen Blick hineinwerfen zu dürfen, was Mette mit großer Liebenswürdigkeit gestattete, und nach fünf Minuten war ein allgemeines Gespräch im Gange.
Am nächsten Tag schien es für Fräulein Luigi selbstverständlich, daß sie Mette mit ein paar freundlichen Worten anredete. Und am Abend, als sie die, welche sich gewöhnlich um sie scharten, aufforderte, auf ihrer Bude noch einen Schnaps zu „genehmigen“, trat sie auch an Mettes Tisch heran und bat sie, noch eine Viertelstunde mitzukommen – nicht „feierlich“, aber „gemütlich“.
Mette gab sich innerlich einen Ruck und stand auf, um mitzugehen. Sie mußte an dem Tisch vorüber, an dem Luise Peters mit ihren Genossen saß. Mette ging mit sehr hochgerecktem Kopf vorbei, aber sie glaubte die erstaunten und spöttischen Blicke auf ihrem Rücken prickeln zu fühlen. In einem aufwallenden Trotzgefühl schob sie ihre Hand in den Arm der kleinen Luigi: ‚Ich gehöre zu diesen hier,‘ sollte das den andern sagen, ‚zu diesen, die ihr verachtet, und die ein Herz für mich haben – und nicht zu euch, ihr hochmütigen Tugendbolde – ihr hättet euch ja eher um mich kümmern können – jetzt geschieht es euch recht, wenn ich zugrunde gehe!‘
Als dies Gefühl ihr klar wurde, kam sie sich selbst sehr lächerlich vor. Was hatten diese wildfremden Menschen mit ihr zu tun, wieso hatten sie eine Verantwortung für sie! Und doch empfand sie dunkel: Die da sitzen und mir höhnisch und bedauernd nachsehen – die sind meine Klasse, sind mir verwandt, zu ihnen gehöre ich – aber ich löse mich von ihnen und gehe mit den andern, mit den fremden – mit denen, die mir verwandt sind, weil sie mein Schicksal haben, weil sie überhaupt ein Schicksal haben und nicht bloß ein Dasein, weil sie Leid kennen und Leidenschaft – und nicht bloß Leiden, weil sie eifersüchtig sind und nicht bloß eifrig, weil sie triebhaft sind und nicht bloß betriebsam ... nein, ich gehöre nicht zu euch, ich hasse euch, ich verachte euch! Ihr und euresgleichen, ihr habt Olga Radó gemordet – ich gehöre nicht mehr zu euch, und da ich doch irgendwohin gehören muß, will ich versuchen, zu diesen zu gehören.
Sie überschritt die Schwelle zu Mara Luigis Zimmer mit so angespannter Entschlußkraft, als schritte sie in ein neues Leben. – – –
Die kleine Luigi mußte von den meisten Stühlen erst eilig irgend etwas wegraffen, um ihren Gästen Platz anbieten zu können. Als sie einen Arm voll aller möglichen Gegenstände zusammen hatte, warf sie ihn aufs Bett: „So, Kinder, setzt euch!“
Fräulein Lorenz, eine schlanke, gutgekleidete Blondine mit einem hübschen und ausdruckslosen Puppengesicht, warf sich auf den kissenbedeckten Diwan und nahm einen großen Teddybären zärtlich in den Arm. Der kleine Kramer, ein blonder, schmächtiger Junge mit dem Gesicht eines frühverdorbenen Kindes, bemühte sich, einen Platz auf dem Diwan zu erkämpfen. Aber die hübsche Lorenz trat so heftig nach ihm, daß ihre schlanken zappelnden Beine in dünnen Seidenstrümpfen bis über die Knie sichtbar wurden.
Ein ernst und kränklich aussehender Mann, der nicht unbedingt zu diesem Kreis gehören mußte, da Mette ihn auch schon mit der andern Partei in freundschaftlichem Gespräch getroffen hatte, schob Mette, die noch immer wie unschlüssig in der Mitte des Zimmers stand, wortlos einen Sessel hin.
Mette lächelte ihm dankbar und etwas verwirrt zu und setzte sich.
Unterdessen hatte der kleine Kramer einen so kräftigen Tritt erhalten, daß er mit einem lauten Jammergeschrei von der Diwanecke herunterrutschte und auf den Teppich glitt, wo er sitzen blieb und sich weder mit Gewalt noch mit Zureden wieder in die Höhe bringen ließ.
Frau Breslauer, eine üppige Dame mit gemalten Augenbrauen, hatte auf dem Bett ein Korsett aus weißem Seidentrikot entdeckt, das sie unter den zahlreichen anderen Sachen hervorzog. Sie wollte absolut wissen, ob es Maßarbeit sei, ob die berühmte Fischer es angefertigt hätte und wie teuer es gewesen wäre.
Giesbert, ein junger Maler, ein schlanker, gut aussehender Mensch, riß das Korsett aus den Händen der Frauen und tanzte damit durch die Stube. Mara Luigi jagte hinter ihm her, sie hatte die ohnehin schon kurzen Röckchen mit der linken Hand zusammengerafft, die rechte streckte sie zappelnd in die Luft – wenn Giesbert sich aufreckte, kletterte sie auf einen Stuhl, wenn er auf einer Seite des Tisches hin und her sprang, in Bereitschaft, jeden Augenblick die Laufrichtung zu verändern, machte sie es auf der anderen Seite ebenso. Ihre Haarnadeln fielen klirrend zu Boden, Strähnen und Locken tanzten um ihr Gesicht.
Mette legte die Hände sehr fest um die Sessellehnen und schloß eine Sekunde die Augen, weil sie fühlte, daß sie schwindlig wurde.
‚Das ist das Leben,‘ dachte sie, ‚ich muß mich daran gewöhnen.‘
Der häßlich und kränklich aussehende Mann, der immer noch hinter ihrem Stuhl stand, beugte sich ein wenig vor und sagte mit einer ungemein sanften und angenehmen Stimme:
„Gnädiges Fräulein sind fremd hier?“
„Ja,“ sagte Mette mit einem hilflosen Lächeln, „ziemlich!“
Sie schalt sich selbst sehr kleinlich und spießbürgerlich, aber sie hatte doch das Gefühl, daß es immer noch leichter in einer der steifen und herkömmlichen Gesellschaften sei, wo die Wirtin die Verpflichtung fühlte, sich um einen fremden Gast zu kümmern. Sie wollte nicht beachtet werden, nicht eine Rolle spielen, sie hätte diesem Durcheinander gern als unbeteiligter Zuschauer beigewohnt – aber als unsichtbarer – weil sie – ganz zu Unrecht – das Gefühl hatte, daß jeder sie ansah und mit leisem Unbehagen feststellte, daß dieses ernste, unbeholfene und schweigsame Wesen gar nicht in den Kreis paßte. Sie war sehr dankbar, daß dieser fremde, nicht sehr sympathisch aussehende Mann sie ansprach, und daß sie sich ihm zuwenden konnte – schon, damit die andern nicht dachten, sie warte hochmütig darauf, daß sich irgend jemand ihrer annähme.
Der häßliche Mann neigte sich ein wenig:
„Eccarius. Man hat uns zwar sehr liebenswürdigerweise zusammen eingeladen, aber man hat leider bis jetzt versäumt, uns miteinander bekannt zu machen.“
Er lächelte. Und dies Lächeln war bei aller Überlegenheit so gütig und nachsichtig, daß es Mette sofort für ihn einnahm.
„Man darf es so genau nicht nehmen,“ sagte sie, auch ihrerseits sofort zur Nachsicht bereit. „Es geht auch so!“
Sie gab sich einen kleinen Stoß und nannte ihren Namen, was Eccarius jedoch nicht veranlaßte, die Anrede „gnädiges Fräulein“ aufzugeben.
„Darf ich?“ Er zog sich einen Stuhl in ihre Nähe. „Natürlich, mein gnädiges Fräulein, es geht auch so! Wir stecken immer noch viel zu sehr im überlieferten Formelkram. Ich beneide diese Menschenkinder um ihre schöne Leichtigkeit! Das hüpft und springt und duzt sich und teilt alle Geheimnisse und weiß gar nicht, wie schwer es für unsereinen ist, eine Brücke von Mensch zu Mensch zu schlagen.“
Durch das Wort „unsereinen“ fühlte Mette sich erkannt. Trotz aller Mühe, die sie sich gab, merkte man ihr also an, wie fremd sie in diesem Kreise war. Sie war sich nicht ganz klar, ob sie das als wohltuend oder schmerzlich empfinden sollte.
Der hübsche Giesbert tanzte vor dem großen Schrankspiegel herum, hatte das Korsett über seinen grauen Jackenanzug umgelegt und versuchte, es zuzuzerren.
„Mein bestes Korsett,“ schrie die kleine Luigi aufgeregt, „du wirst es mir kaputt machen! Du bist ein Viech, leg’ es hin, aber sofort!“
„Du brauchst es ja doch nicht,“ lachte Giesbert, „tu doch nicht so, als ob du je eins anhättest!“
Er kniff sie in die Seiten, was sie zu einem lauten Quietschen veranlaßte.
Mette hätte es sich selbst nicht zugegeben, daß sie sich durch diesen Ton verletzt fühlen könnte.
„Wie herrlich jung diese Menschen sind,“ sagte sie lächelnd zu Eccarius, „ich komme mir ganz alt und grämlich vor neben diesen Kindern.“
„Kindern ...“ wiederholte Eccarius mit einem seltsam verschlossenen Gesichtsausdruck und nach innen schauenden Augen, „ja, vielleicht ... Kindern ...“ Dann sah er Mette an, mit einem vollen Blick und seinem guten Lächeln:
„Sie haben sicher eine sehr glückliche Kindheit gehabt.“
„Ja,“ sagte Mette mit tiefster Überzeugung.
Sie dachte dabei nur an ihre ersten Lebensjahre. Sie sah sich im Park bei den Großeltern, in weißen gestickten Kleidchen, die die welken, gütigen Hände der Großmutter unermüdlich für sie arbeiteten. Sie sah das Gartenhäuschen mit den bunten Gläsern in den Fensterscheiben und den Bach mit der Brücke und die leuchtenden Blumenrondells vor der Terrasse. Sie spürte den Heuduft, der von den Wiesen herüberkam, sie hörte das Summen der Insekten, das die ganze Luft wie mit fernem Glockenton erfüllte, sie sah die riesengroßen weißen und gelben Schmetterlinge, die fast so groß waren wie die Kinderhändchen, die sich zärtlich nach ihnen streckten.
Wie kam es nur, daß sie an diese Zeit dachte, als sei jeder Tag, jede Stunde voll und übervoll einer unnennbaren Seligkeit gewesen, einer Seligkeit, die jetzt noch, wenn nur das Wort „Kindheit“ gesprochen wurde, das Herz mit einer sanften, lichten Wärme streichelte!
Wenn Mette daran dachte, daß sie sehr früh schon Kampf und Qual und Leid kennengelernt hatte, daß sie gegen Tante Emilie, die mit viel Rechtlichkeit und wenig Verständnis ihre Erziehung leitete, einen peinigenden Haß empfunden hatte, daß ihr früh schon bewußt war, was es hieß, Eifersucht zu fühlen, dann war ihr, als gehörte diese Zeit – eine Zeit, wo sie noch nicht zehn Jahre alt war – schon nicht mehr ihrer Kindheit an. Kindheit, das waren die wenigen Jahre, in denen ein Quell von beglückender Liebe aus dem eigenen Herzen sprudelte und sich unterschiedslos über Bäume, Tiere, Menschen und Puppen ergoß, die nur irgend in den Bereich der Sinne kamen.
In dem Augenblick, wo dieser Liebesstrom in eine Richtung geleitet wurde, wo er Hindernisse durchbrechen sollte, die sich ihm in den Weg stellten, wo er austrocknete auf einer Stelle, die er vorher befruchtet hatte und dürre Gleichgültigkeit oder sumpfigen Haß zurückließ – in diesem Augenblick schien für Mette der Begriff „Kindheit“ schon vorüber.
„Ja,“ sagte sie und richtete die Augen wieder auf Eccarius, „eine sehr glückliche Kindheit, aber keine sehr lange. Ich habe das Gefühl, daß ich früher erwachsen war als andere Kinder – nicht reif, um Gottes willen, daß Sie mich nicht mißverstehen – reif bin ich heute noch nicht ...“
„Wer ist reif?!“ warf Eccarius mit seinem sanften Lächeln ein.
„Aber ich glaube, daß ich früher als andere Kinder aus diesem Zustand seliger Unbewußtheit erwacht bin.“
„Das ist schade.“ Über seine ernsten, hellgrauen Augen zog ein Schleier, wie von tiefer Bekümmernis. „Das ist sehr, sehr schade.“
Mette hatte wohl unwillkürlich ein etwas erstauntes Gesicht gemacht, denn er bemühte sich, seine Anteilnahme zu erklären:
„Sehen Sie, wenn ich glückliche Kinder sehe, dann möchte ich immer Wälle und Mauern um sie errichten, damit sie so bleiben, wie sie sind, recht, recht lange so bleiben. Der Gedanke ist so furchtbar, daß nur ein giftiger Hauch diese zarten kleinen Geschöpfe zu treffen braucht, um all ihre Glückseligkeit in höllische Qual zu verwandeln.“
„Schenk es ihm doch!“ schrie der kleine Kramer von seinem Platz auf dem Fußboden aus, „wenn er sich doch von dem Korsett nicht trennen kann! Es hat eben jeder seine Passion, und es soll Leute geben, die das sehr amüsant finden!“
„Du Schwein!“ sagte Fräulein Lorenz und trat mit dem Fuß nach seiner Schulter.
Giesbert hatte irgendwoher einen reihergeschmückten Tüllhut genommen und ihn auf den Kopf gestülpt. Mit einer Hand hielt er das Korsett auf seinem Magen zusammen, mit der anderen griff er bei jedem Schritt ängstlich nach dem schwebenden Hut, um ihn im Gleichgewicht zu halten.
„So geh ich morgen aufs Atelierfest,“ verkündete er im Triumphton, „ich werde Furore machen!“ Und plötzlich, mit einer Stimme, die ins Falsett umschlug: „Huch nein! Ich bin die Schönste von allen! Die Tante wird mich ausbilden lassen! Wenn ich nur wüßte, wozu? Ich habe so entsetzlich viele Talente!“
„Richtig,“ schrie die kleine Luigi dazwischen und machte einen Luftsprung, „das Atelierfest bei Sophus! Sei doch eine Minute still, ekelhafter Bengel! Sagt mir lieber im Ernst, was zieht ihr an? Kostüm oder so? Leg’ jetzt die Sachen hin, Giesbert, sonst bekommst du so gewiß und wahrhaftig keinen Schnaps!“ Sie stampfte zur Bekräftigung mit dem Fuß auf.
Giesbert markierte ein angstvolles Zittern und Schlottern und stürzte mit knickenden Knien ans Bett, um die Sachen niederzulegen.
Die Kleine lachte und holte aus dem Schrank eine Schnapsflasche.
„Ich habe nur zwei Gläser! Erich, klingle mal!“ befahl sie.
„Ach, laß doch,“ meinte Fräulein Lorenz gleichmütig, ohne sich aufzurichten, „wir trinken nacheinander! Wenn Emma jetzt hier Schnapsgläser herbringen soll, erzählt sie wieder, wir feiern Orgien.“
„Also schön!“ Mara Luigi spülte die Gläser in der Waschschale aus. Sie griff nach einem Handtuch, und Mette erschrak ein wenig, weil sie dachte, sie würde es zum Abtrocknen der Gläser benutzen; aber sie wischte sich nur die Fingerspitzen daran ab. Sie goß die Gläser voll und bot Mette zuerst an.
„Wissen Sie was, Fräulein Rudloff?“ sagte sie, als sie vor ihr stand, „Sie müssen morgen da mit hin, ganz gewiß, das müssen Sie!“
„Ich?“ fragte Mette fast erschrocken, „wohin denn?“
„Auf das Atelierfest natürlich! Sie haben wahrscheinlich in Ihrem Leben noch kein richtiggehendes Atelierfest mitgemacht. Das müssen Sie sich doch mal ansehen.“
Mette verspürte gar keine Lust; sie verwünschte es, daß sie überhaupt dieser Aufforderung gefolgt war, anstatt in ihrem Zimmer zu bleiben, wo sie sich vor jedem störenden Geräusch verschließen konnte und sich vor den eigenen Gedanken in ihre stillen, klugen Bücher flüchten.
„Aber ich kenne diese Herrschaften doch gar nicht,“ sagte sie hilflos.
‚Doch seltsam,‘ dachte sie, ‚zu Hause hätte ich sicher „diese Leute“ gesagt und hätte mir von Tante Emilie einen Rüffel geholt. Hier, wo es sicher allgemein als affektiert auffällt, wenn ich „Herrschaften“ sage, kommen Tante Emiliens gute Lehren zum erstenmal zum Durchbruch.‘
„Wen? Sophus und Nora?“ fragte Giesbert, einen Augenblick von seinem tollen Gehabe ablassend und – noch außer Atem – sich das Haar streichend und wie ein vernünftiger Mensch redend:
„Die kennen Sie nicht? Dann müssen Sie morgen erst recht mit, denn dann ist es höchste Zeit, daß Sie sie kennenlernen. Ein paar Prachtweiber, ein paar ganz hervorragende Menschen! Will vielleicht jemand etwas anderes behaupten? Den fordere ich sofort zu einem Boxmatch!“
Er krempelte die Ärmel auf, duckte den Nacken und fletschte die Zähne.
„Sie können ruhig mitgehen,“ sagte die üppige Frau Breslauer mit ihrer etwas öligen Stimme, „ich bin das erstemal auch so sans façon mitgeschleppt worden und wurde gleich so reizend aufgenommen, nicht wahr, Maralein? wirklich ganz reizend!“
„Ja,“ lachte der kleine Kramer, „die haben, glaub’ ich, noch nie einen Menschen auf eine andere Weise kennengelernt, als daß er ihr Gast war!“
„Holt Gisela uns ab, oder treffen wir uns da?“ fragte die Lorenz.
‚Gisela,‘ dachte Mette, ‚die wird also auch dabei sein. Ich müßte es ja tun. Ich habe eigentlich nur die Wahl, mich entweder zu vergraben und ein Einsiedlerleben zu führen, oder aber jede Gelegenheit zu benutzen, um unter Leute zu kommen und Welt und Menschen kennenzulernen. Gisela! Ich sitze doch nur hier, um mir irgendwie einen Weg zu ihr zu bahnen, und wenn es mir so bequem wie nur möglich geboten wird, ihre Bekanntschaft zu machen, dann hab’ ich eigentlich nicht die geringste Lust, sondern nur Angst und Scheu und Widerwillen und das Bedürfnis, mich irgendwohin zu verkriechen, wo ich meine Ruhe hab’.‘
Eccarius mußte wohl den inneren Widerstreit auf ihrem Gesicht gelesen haben. Er beugte sich ein wenig vor und sagte in einer sehr beruhigenden Art:
„Sie können es wagen, denke ich. Sie werden eine bunte Auslese Menschen versammelt finden. Es wird Sie sicher zerstreuen und auch interessieren – es sind wirklich wertvolle darunter. Und wenn es Ihnen zu lebhaft wird, dann verpflichte ich mich, Sie zu jeder Zeit sicher nach Hause zu bringen.“
„Sie sind auch da?“ fragte Mette erleichtert.
Er nickte.
„Ja, dann glaub’ ich wirklich, ich kann es wagen!“ – – –
Während Mette sich ankleidete, um auf das Atelierfest zu gehen, hatte sie durchaus nicht das Bestreben, sich möglichst hübsch herzurichten, um beachtet zu werden, zu gefallen, zu wirken. Sie hatte nur den einen Wunsch, möglichst wenig aufzufallen und hätte viel darum gegeben, unsichtbar sein zu dürfen, oder sich den Trubel von einer Galerie herab, aus einem dunklen Nebenzimmer, anzusehen.
Sie wählte ein sehr schlichtes schwarzes Taftkleid, das durch keinen Farbenfleck, durch keine kühne Linie den Blick auf sich zog – aber sie konnte nicht hindern, daß ihre Erscheinung trotzdem etwas Auffallendes hatte – vielleicht machte das die Erwartung, die auf dem Grund ihrer leeren Augen loderte, und diese Augen in so scharfen Gegensatz brachte zu der sanften und fast abgeklärten Ruhe ihres blassen Gesichts. – – –
Als Mette in dem Vorraum der kleinen Villa draußen ihren Mantel ablegte und eine Fülle von Menschen, zum Teil in phantastischen Verkleidungen, sie umdrängte, eine Fülle von Geräuschen sie umbrauste, hatte sie schon Fluchtgedanken. Sie sah sich nach der kleinen Luigi um, die eine Welle von Menschen aus ihrer Nähe gerissen hatte. Vielleicht würde es niemand bemerken, wenn sie sich ihren Mantel wiedergeben ließ und leise wieder aus der Tür schlüpfte. Sie sah sich um, die Möglichkeiten eines Entkommens erwägend, und traf mit dem Blick in Eccarius’ Augen, der dicht hinter ihr stand.
„Nun sehen Sie sich einmal um,“ sagte er begütigend, als hätte er ihre Gedanken erfühlt, „und wenn es Ihnen zuviel wird, geben Sie mir einen Wink, und ich bringe Sie nach Hause. Ich habe gar nicht die Absicht, bis zum grauenden Morgen hier zu bleiben.“
Die Räume waren groß und hell, aber so voll lärmender Menschen, daß Mette schwindlig wurde. Ein dünner blauer Rauchschleier lag schon jetzt über den Gruppen und zog in Kreisen um die Lampen. Gesichter tauchten auf, prägten sich Mettes Sinnen ein, scharf und doch unwirklich, wie Fiebererscheinungen, und verschwanden wieder.
Eccarius blieb an ihrer Seite und deutete manchmal auf irgend jemand, den sie aus dem Gewühl nicht herausfinden konnte, und nannte ihr dazu einen Namen, den sie nicht verstand oder nicht behielt, weil er keine Bedeutung für sie hatte.
Eine schöne, große und schlanke Frau in einer Art Pagentracht eilte an ihnen vorüber. Eccarius rief sie an, und sie blieb stehen, um ihn zu begrüßen. Dadurch gewann Mette Zeit, sie zu betrachten. Sie trug schwarzseidene Kniehosen, weiße Strümpfe, einen Frack mit Spitzenmanschetten und hatte das dunkellockige Haar, das offen bis auf den halben Rücken fiel, im Nacken mit einer großen schwarzen Schleife zusammengebunden. Ihr Gesicht hatte klare und regelmäßige Züge, eine hohe und schön gemodelte Stirn und einen fast herausfordernd freien und kühnen Ausdruck, der Mette auf den ersten Blick gefangen nahm. Sie schien es Mette anzusehen, daß sie sich in dem Trubel nicht ganz zu Hause fühlte. Sie faßte sie bei der Hand wie ein Kind:
„Kommen Sie nur!“ sagte sie, halb zu ihr, halb zu Eccarius gewandt, „ich bringe die Kleine zu Nora – das ist doch immer ‚der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht‘ – da werden Sie sich wohler fühlen. Ach Gott!“ sie legte Mette die Hand unters Kinn und drehte so ihr Gesicht ein wenig zu Eccarius, „sieht sie nicht aus wie ein Kleines am ersten Schultag? Kommen Sie, Kindchen, Sie sollen einen Ehrenplatz haben!“
Sie bahnten sich einen Weg durch schwatzende und lärmende Gruppen. Die schöne Frau wurde von allen Seiten angerufen, festgehalten, umarmt, begrüßt, gefragt. Mit immer gleichbleibender Geduld und Liebenswürdigkeit machte sie sich überall wieder los, aber es dauerte eine Viertelstunde, bis sie mit Mette zwei Zimmer durchquert hatte.
Am Ende des zweiten Zimmers war ein etwas erhöhter Erker, auf dem, andere Stühle und einen hübsch gedeckten Teetisch überragend, ein hochlehniger, schön geschnitzter Renaissancesessel stand. In diesem Sessel, von dem erdbeerroten Brokat abgehoben wie von einem gemalten Hintergrund, saß eine hochblonde Frau, in Weiß gekleidet, weiße, weichfließende Schleiertücher über den Schultern, eine leichte weiße Decke über den Knien.
Beim ersten Anblick war Mette überrascht von der Schönheit des Bildes. Bei näherer Betrachtung merkte sie, daß die thronende Frau die Vierzig überschritten haben mochte, daß sie zu üppig war, um schön zu sein, daß Alter und Krankheit die früheren reinen Linien des Gesichts angegriffen und verwischt hatten, aber im nächsten Augenblick, als Mette ihre warme, frauliche Hand hielt, als ein Lächeln von unbeschreiblich wärmender Herzlichkeit und Güte sie anstrahlte, vergaß sie, nach Schönheit und Häßlichkeit zu fragen und gab sich bedingungslos dem milden Zauber dieser Persönlichkeit.
„Hier, Norina,“ der schlanke Page hatte den Arm leicht um Mettes Schulter gelegt, „hier, nimm die Kleine unter deine schützenden Fittiche. Sie geht uns sonst verloren in dem Wirrwarr.“
Irgend etwas in diesen Worten, die Fürsorge, die sich unter leichtem Spott verbarg, erinnerte Mette so an Olga, daß sie hätte aufheulen mögen wie ein getretener Hund.
Die hellen, menschenerfüllten Räume, die fremden Gesichter, die nicht nur wie sonst gleichsam hinter Schranken an ihr vorüberzogen, sondern auf sie eindrangen, irgendwie die Schranken durchbrachen, die sie um ihr Leben gezogen hatte, das war nach der Stille und Einsamkeit der letzten Wochen zuviel. Ein Zustand kam über sie, der einem heftig einsetzenden Fieber nicht unähnlich war.
Sie mußte lächeln, als sie sah, daß im selben Augenblick, wo der Raum um sie zu flackern schien, ein Schatten von Sorge über das Gesicht der blonden Frau lief. Zugleich fühlte sie, wie ihr ein Stuhl in die Kniekehlen geschoben und sie von sanften, aber kraftvollen Händen auf den Sitz gedrückt wurde.
Sie saß nun auf einem niedrigen Stuhl dicht neben dem hohen Sessel.
„So,“ sagte die dunkeltönige Stimme hinter ihr, „und wenn es Ihnen nun zu hell oder zu laut oder zu bunt wird, dann legen Sie ihr Köpferl auf die Lehne und kriechen ein bissel unter den Schleier, das mach’ ich auch immer so.“
Mette schmiegte gehorsam die Wange gegen die Seitenlehne des hohen Stuhls und fühlte, wie der Schleier ihr leicht über den Kopf gezogen wurde. Der hauchdünnen weichen Seide entströmte ein leiser Resedaduft.
„Ach, Reseda,“ Mette war ganz glücklich, „das erinnert mich so an den Garten meiner Großmutter. Alle Beete waren eingefaßt mit einem Kranz von Reseden.“
„Ja,“ sagte Nora mit einer Stimme, die so sanft war wie der seidene Schleier, „Reseda und Levkoien, das wächst immer in Großmutters Garten. Darum hab’ ich auch den Duft gern.“
„Wohl dem, der wenigstens eine Großmutter gehabt hat,“ sagte ein ernst aussehender Mensch an Noras anderer Seite. „Nein, lachen Sie nicht, Willi, das sollte gar kein Witz sein. Eine Mutter, was man wirklich so nennt, haben wir doch wohl alle nicht gehabt. Meine Mutter ist eine famose Frau, Sie kennen sie ja, Nora ... aber als ich vierzehn war und in den entsetzlichsten Kämpfen und Krisen, da machte sie eine große Tournee durch Amerika und heimste Gold und Lorbeeren ein – ich war furchtbar stolz auf sie, aber ich kann Ihnen sagen, ich wollte, ich hätte damals eine Großmutter gehabt!“
„Und besonders eine mit einem Garten,“ lachte der „Willi“ Genannte und streckte die Beine weiter in das Zimmer – er saß auf der Stufe, die zum Erker hinaufführte.
„Auch das,“ erwiderte der Ernste, „wer hat heutzutage noch einen Garten! Wohl dem, der wenigstens die Erinnerung daran hat! Ich kenne Menschen, die ihre ganze Lebenskraft aus ihren Kindheitserinnerungen saugen. Ein großmütterlicher Garten, das ist wie eine Insel im Meer der Geschehnisse, und ich kann nur sagen: Wohl dem, der von einer Insel abgesegelt ist und nicht auf einem schaukelnden Schiff geboren. Wenigstens weiß er doch, daß es irgendwo das friedliche Eiland gibt, und ein günstiger Wind kann ihm einen Resedaduft zuwehen – aber für unsereinen weht der Resedaduft immer aus dem Lande Nirgendwo ... oder vielmehr: Es weht ein Duft an uns vorüber, und wir wissen nicht einmal, daß es Reseda ist!“
„Warten Sie noch acht Tage, Ulrich,“ begütigte Nora, „wenn die Reseda bei uns im Gärtchen blüht, setz’ ich Sie tagelang daneben in die Sonne – dann werden Sie später, wenn Sie dem Duft irgendwo begegnen, immer die Vorstellung von unserm Gärtchen haben ... und mich können Sie getrost als Großmutterersatz betrachten.“
Er griff nach ihrer Hand, um sie zu küssen:
„Ja, bei Ihnen ist wirklich noch das Eiland des Friedens, und Sie sind ein guter Engel, daß Sie jedem Müden hier Rast gönnen.“
Nora wandte sich an Mette.
„Sie dürfen nicht denken, daß es immer so bunt hier zugeht! Sie müssen einmal kommen, wenn wir mehr unter uns sind – wir haben so ein nettes Gärtchen, das ist unsre ganze Freude ... solange es irgend möglich ist, trinken wir draußen unsern Tee und freuen uns, wenn uns dabei jemand Gesellschaft leistet.“
„Ja, wenn die Fahne weht!“ lachte der junge Mensch auf der Stufe und drehte sich mit einem Ruck herum, „Sie müssen wissen, gnädiges Fräulein, hier geht es zu wie bei Majestätens. Wenn die Herrschaften anwesend sind, dann wird die Flagge gehißt!“
„Du mußt ordentlich erklären, Willi,“ verbesserte Nora, „es ist nämlich so: auf dem Laubendach ist so etwas wie eine Fahnenstange en miniature und daran weht ein buntes Wimpelchen. Man sieht es von allen Seiten, auch vorn, wenn man auf der Straße am Haus vorbeigeht.
Wenn nun Sophie übermäßig zu tun hat, oder es mir gesundheitlich nicht hervorragend geht, dann wird das Fähnlein eingezogen, dann braucht keiner – wenigstens kein Eingeweihter – sich erst bis zur Tür zu bemühen, um sich abweisen zu lassen. Schließlich ist das doch für beide Teile immer peinlich. Für den einen, der seine Arbeit unterbricht, oder seine Schmerzen bezwingt, und dann doch ein unliebenswürdiger Wirt ist, für den andern, der sich als Störenfried vorkommt, oder im andern Falle, wenn er wirklich abgewiesen wird, doch meistens das Gefühl hat: mit mir hätte man eine Ausnahme machen können, oder: mir hätte man es nicht durchs Mädchen sagen zu lassen brauchen. Es ist auch den Mädchen gegenüber peinlich: Sie sind meist so an das Lügen gewöhnt, daß sie von selber sagen: es ist niemand zu Hause. Daß ein Mensch arbeitet, scheint ihnen immer keine genügende Entschuldigung.
Nun wissen aber doch unsre Freunde, daß ich niemals das Haus verlasse ... und Sophie sehr selten. Sie kommen sich dann so angelogen vor. Um all diese Peinlichkeiten zu vermeiden, ist also das Fähnlein da. Wenn es weht, so heißt das: bitte, nur herein, wir erwarten euch. Da braucht es gar nicht erst den Umweg durch das Haus, da kann jeder, der Lust hat, uns zu sehen, gleich durch das Gartentürchen – und wenn es verschlossen ist, auch über die Hecke, nicht wahr, Willi?“
Willi war aufgesprungen und winkte mit der Hand zurück, ohne sich umzusehen, weil er mit gespannter Aufmerksamkeit in den Raum starrte, wo sich ein Kreis um ein tanzendes Paar bildete.
„Fiametta tanzt!“ rief er nach rückwärts, mit einer flüchtigen Wendung des Kopfes, „nein, dies Weib ist doch fabelhaft! Sie müssen sich das ansehen!“
Er ergriff Mette am Ellbogen, ganz jungenhaft in seiner Ungeduld, und zog sie vom Stuhl auf und an die Stufe des Erkers.
„Ich bitte Sie, haben Sie so etwas schon in Ihrem Leben gesehen? Ist sie nicht blendend? Ist sie nicht vollendet?“
In dem ziemlich kleinen Kreis, den die drängenden Zuschauer freigelassen hatten, tanzte ein schlanker, gutgewachsener junger Mensch mit einer Frau von rassiger Schönheit und großer Anmut. Sie war so eins mit der Musik, daß es schien, als entströmten die Töne ihren geschmeidigen Gliedern.
Sie hatte eine Art, zu tanzen, wie Mette sie noch nie gesehen hatte. Ihre Bewegungen waren sanft, kühl, gebändigt, edel und fast feierlich, und dabei sah es aus, als verbrauche die schöne Person einen großen Kraftaufwand, um ihren ebenmäßigen Körper in so würdevoller Ruhe zu bewahren, als bedürfe es nur eines Momentes Selbstvergessenheit, um das gezügelte Temperament wie eine Flamme auflohen zu lassen, um die lässige Weichheit der Muskeln in Stahl zu wandeln, und den sehnigen Leib in Raubtiersprüngen durch die Luft zu jagen.
Mette empfand bei ihrem Anblick ein schmerzlich-brennendes Gefühl, und als sie versuchte, in ihrer gewohnten Ehrlichkeit, sich darüber Rechenschaft zu geben, deutete sie es als Neid. Diese Frau konnten sicher tausend beobachtende Blicke nicht in Verlegenheit bringen – ihr würde es wohl keine Aufgabe bedeuten, durch einen menschenvollen Raum hindurch auf einen Tisch loszusteuern.
„Ist sie nicht fabelhaft,“ sagte der junge Mensch neben ihr, glühend vor Begeisterung, „ist sie nicht bezaubernd? Ist sie nicht wirklich wie aus einem andern Jahrhundert? Aus einem Jahrhundert, wo es noch schöne Frauen gab – schöne Frauen, die Persönlichkeit hatten und ihrer Umgebung – dem Hof, der Stadt, den Künsten! – ihren Stempel aufdrückten?“
Mette nickte nur stumm. Sie hätte ihn gern zum Schweigen gebracht, um zu verstehen, was hinter ihr gesprochen wurde. Sie hörte Noras sanfte, ruhige Stimme:
„Gewiß, Ulrich, sie ist sehr schön – sie hat Rasse und Temperament und Kultur, alles, was Sie wollen. Aber sie ist mir fremd und wird mir ewig fremd bleiben. Es klingt Ihnen vielleicht sehr töricht und sentimental, wenn ich sage: sie hat kein Herz. Aber ich glaube sogar, sie hat nicht einmal die primitivste Art von Gutmütigkeit ...“
Was Ulrich dagegen einwendete, konnte Mette nicht verstehen. Sie hörte erst wieder Noras Antwort:
„Nein, Ulrich, ich kann Ihnen nicht recht geben. Eine Frau ohne Güte ist für mich etwas so Reizloses, so Duftloses – und wenn sie noch so schön ist – so schön wie Ihre Fiametta – jawohl, Sie haben ein Faible für sie, und Sie verzeihen ihr alles, was Sie andern nicht verzeihen würden.“
„... nein, natürlich hat kein Mensch die Verpflichtung zu lieben, nur weil er geliebt wird. Aber man braucht ja nicht Gefühle in andern zu hegen und zu pflegen, wenn man keine Verwendung dafür hat ...“
„... o doch! Sie tut es! Und nicht in einem Fall – in hundert Fällen, und immer wieder! Sie hat die kleine Frau Bernhardt zugrunde gerichtet, sie hat Erwin halb verrückt gemacht, und sie richtet die Gisela zugrunde – alles aus Spielerei!“
Bei dem Namen Gisela zuckte Mette auf. Dies also war die Frau, an der Gisela zugrunde ging ... arme Gisela! Oh, Mette wußte wohl, daß man an einer Frau zugrunde gehen konnte! Das Herz brannte ihr in Zorn und Mitleid, in schmerzlicher Erinnerung und in Sehnsucht, zu helfen, zu lindern, zu retten.
Sie hatte keinen Blick mehr für die schöne Frau – ihre Augen suchten Gisela und fanden sie auf der andern Seite des Raumes, zusammengekauert, die unvermeidliche Zigarette zwischen den Fingern, mit dem Ausdruck gänzlicher Abwesenheit ins Leere starrend. Mette nahm einen Moment wahr, in dem Mara Luigi sich Gisela Werkenthin näherte, um sich mit einer Entschuldigung an Nora zu wenden:
„Sie gestatten, gnädige Frau, ich möchte ein Wort mit Fräulein Luigi sprechen.“
In Noras Ton schien ein leises Erstaunen zu liegen:
„Ah? Sie kennen sich? Sind Sie befreundet?“
Mette fühlte ein flüchtiges Rot über Stirn und Wangen gleiten:
„Ja ... nein ... das heißt ... wir wohnen in derselben Pension,“ sagte sie etwas verlegen.
Sie bahnte sich einen Weg an den Wänden entlang, immer in der Angst, daß sie die kleine Luigi nicht mehr im Gespräch mit Gisela erreichen würde und hatte dabei das Gefühl, eine Tat von großem Wagemut zu begehen. Sie hatte fast ein Gefühl von Heimweh nach dem niedrigen Sitz unter dem weichen, hüllenden Schleier – sie kam sich selbst vor wie ein halbflügger Vogel, der das Nest verlassen hat, um einen Flug in die Welt zu tun.
Aber ein zwingendes Gefühl trieb sie vorwärts.
‚Ich darf nicht feige sein,‘ dachte sie, ‚ich will ein Schicksal haben, und ich will ihm entgegengehen. Ich will die Arme breiten und alles mit Freuden tragen, was mir beschieden ist. Ich will das Leben lieben, was es auch bringt.‘
Die süßen und heißen Tanzmelodien zitterten durch die Luft. Es war, als ob sie Mettes Schritte in ihren leichten und feurigen Rhythmus zwängen und die Gedanken in ihr wie den Kehrreim eines Liedes klingen ließen:
‚Ich will das Leben lieben, ich will das Leben lieben.‘
Als Mette vor Gisela Werkenthin stand und Mara Luigi Namen nannte und eine vorstellende Geste machte, war wieder dies seltsame Gefühl da: ‚Wozu das alles – was soll nun werden? Wir sind miteinander bekannt gemacht, das heißt, wir wissen unsre Namen – die Buchstabenreihe, unter der wir in staatlichen Registern geführt werden – und das gibt uns das Recht, miteinander zu reden. Aber nichts gibt mir das Recht, auszusprechen, was ich denke. Wenn ich sage: ich möchte Sie kennenlernen, weil Sie mir so entsetzlich leid tun; weil Frau Meidinger mir gesagt hat, daß Sie Morphium nehmen, um Ihr Leid zu betäuben – Ihr Leid an einer Frau, und weil ich Sie so ganz verstehe und versuchen möchte, Ihnen zu helfen, oder wenigstens mit Ihnen unglücklich sein will – wenn ich das sagte, würde man mich in ein Irrenhaus sperren und ganz mit Recht, denn in einem normalen Zustand brächt’ ich das auch gar nicht über die Lippen.‘
„Ich kenne gnädiges Fräulein schon vom Sehen, glaub’ ich,“ sagte Mette mit einem kühlen Lächeln halb zu Gisela, halb zur Luigi gewendet, „waren Sie nicht neulich einen Abend in der Pension Meidinger?“
„Ja freilich!“ Gisela hob die dunklen Augen zu ihr auf, „da hab ich Sie auch g’sehn. Darum kam mir Ihr G’sichterl gleich so bekannt vor. Gehn’s, setzen’s sich her zu mir, hier is noch a Platzl.“
Sie rückte ein wenig auf dem breiten Diwan.
„Vielen Dank,“ sagte Mette und strich den Taftrock glatt, um sich zu setzen.
Sie war schon wieder in einer leisen Angst, weil sie meinte, nun wäre es an ihr, irgend etwas zu sagen, und zwar etwas, was sie ein bißchen über das Maß des Alltäglichen hinaushob – aber ihr fiel nichts ein.
Gisela Werkenthin war nicht so leicht in Verlegenheit um den Anfang eines Gesprächs:
„Sie kennen die kleine Luigi aus der Pension, gell?“
Mette nickte.
„Und sie hat Sie hergebracht, gell? Sie haben im Grunde nichts mit Kunst und ähnlichen Scheußlichkeiten zu tun?“
„Leider nicht,“ lachte Mette.
„Leider? Danken Sie Gott und Ihren höchstehrenwerten Eltern, daß Sie einen anständigen Beruf haben.“
„Ich habe gar keinen.“
„Gar keinen? Das ist der anständigste.“
„Ist das Ihr Ernst? Ich finde es so entsetzlich, keinen Beruf zu haben.“
„Warum entsetzlich? Einen Beruf haben, das heißt: bezahlte Arbeit tun. Von irgend jemand Geld zu nehmen, das heißt irgend jemandem dienstbar zu sein ... ganz gleich, ob das ein Einzelwesen ist oder eine Gesellschaft oder das Publikum. Dem Publikum dienstbar zu sein, das ist schon das Schlimmste! Wenn man keinen Beruf hat und keinen zu haben braucht, dann ist man sein eigener Herr! In diesen Worten liegt doch schon alles: Daß man keines andern Knecht ist. Warum soll das entsetzlich sein?“
„Ich weiß nicht,“ Mette drehte die Hände mit einer Geste der Hilflosigkeit, „vielleicht, weil man dann gar nicht weiß, wo man hingehört. Heimat haben wir doch kaum mehr.
Ich bin in Berlin geboren und groß geworden. Gibt mir das ein Heimatsgefühl? Ja, vielleicht wenn ich in Tokio bin, und ich höre einen Berliner reden, werde ich irgendwie verwandtschaftliche Gefühle in mir entdecken und werde vielleicht mit ihm zusammen sentimental werden, wenn wir an die Linden oder an Potsdam denken.
Aber stellen Sie sich vor, wie lächerlich man sich machen würde, wenn man in Luzern oder Baden-Baden oder sonstwo einen Berliner ansprechen würde: ich glaube, Sie sind aus meiner Heimatstadt! Wenn man in Ritzebüttel geboren ist, geht das schon eher! Familie hat man auch nicht, oder man macht keinen Gebrauch davon. Manchmal beneide ich die alten Adelsgeschlechter, die so in hundert Zweigen ausgebreitet sind, und doch mit allem verwachsen, was ihren Namen trägt. Und endlich beneid’ ich die Leute, die einen Beruf haben ... schließlich hat doch jeder Schuster Anknüpfungspunkte zu jedem Schuster der Welt, die Droschkenkutscher duzen sich untereinander, die Ärzte haben einen Kollegen, an den sie sich wenden könnten, fast in jedem Dorf der Erde – die Künstler sind wie eine große Familie, namentlich die Leute vom Theater – Kollegenschaft ist doch schon eine große Sache ... es ist ja möglich, daß Beruf eine Kette ist ... aber ... ich weiß nicht, ob Sie das Gefühl verstehen ... ich denke manchmal, es müßte gut sein, irgendwo recht fest angekettet zu sein, damit man nicht in einen Abgrund stürzt.“
„Oh! Ich versteh schon ... wollen Sie eine Zigarette?“ sie bot ihr das schmale Birkenholzetui, „nur ... ich glaub’ nicht recht an eine Zusammengehörigkeit zwischen Berufskollegen. Ebensowenig, wie an eine Verwandtschaft des Blutes ... mir ist auf der ganzen Welt kein Mensch so fremd, wie meine Schwestern. Nein, nein, derselbe Bildungsgrad, dieselben Interessen, – das einigt die Menschen ebensowenig, wie dieselbe Höhe des Einkommens.“
„Aber man muß sich doch irgendwo zugehörig fühlen ...,“ meinte Mette ratlos.
Gisela hob müde die Achseln:
„Um sich glücklich zu fühlen, sicher. Das Beste ist vielleicht noch die Zusammengehörigkeit mit einem Menschen. Aber das ist ein so seltner Fall, daß man den Menschen findet. Und sonst? Ich denke manchmal, Leute, die dasselbe Unglück haben, oder dieselbe Krankheit, sollten sich zusammenschließen. Die Blinden, die Lahmen, die Buckligen.“
So ungefähr hatte Mette vorhin noch gedacht. Aber da ihre eignen Gedanken, von einem andern in Worte gebracht, vor ihr standen, regte sich in ihr der Widerspruch.
„Ich glaube nicht,“ sagte sie nachdenklich, „daß ich meine eignen Gebrechen so rings um mich sehen möchte, vielleicht auch noch in Verzerrungen und Vergröberungen, ebensowenig, wie ich mich in einem Spiegelsaal aufhalten möchte, wenn ich aussätzig wär’. Im Grunde wird es jeden mehr reizen, seine Gebrechen zu verbergen und möglichst unerkannt unter Gesunden zu leben. Ach – und ich glaube nicht einmal, daß die Kranken besonders mitleidig miteinander sind. Jeder sagt sich: bei dem ist es noch weit schlimmer, als bei mir!“
Ein junger Mann trat neben Gisela und umschlang sie mit einer mädchenhaft weichen, schmeichlerischen Bewegung.
„Du sollst uns etwas singen, Gisel,“ bat er, „bitte, bitte, sei lieb!“
Sie schüttelte schweigend den Kopf und zog ein wenig die Brauen zusammen.
Er ließ sie nicht los und bettelte wie ein Kind:
„Ach, geh! Sei doch lieb ... nur für uns nebenan, nur für ein paar Menschen, ein einziges, kleines Liedchen.“
„Meine Laute ist nicht da, Johannes!“
„Ach, du nimmst die vom Sophus, komm nur!“
Johannes zerrte sie mit sanfter Gewalt von ihrem Sitz auf. Sein schmales Gesicht mit feinen Zügen und zarten, blühenden Farben war von fast engelhafter Schönheit. Das blonde, weiche wellige Haar war ein wenig zu lang, die großen dunkelblauen Augen zu sanft, fast schwärmerisch im Blick.
Mette fand sein Äußeres trotz seiner überraschenden Schönheit fast unangenehm. Aber nach wenigen Sekunden kam sie zu der Einsicht, daß es eigentlich nur der Anzug war, der sie störte, weil er so gar nicht zu ihm paßte. In einer weißen Tunika, in einem seidenen Puffenwams, auch vielleicht in einem goldgestickten Rokokorock wäre er ein vollendetes Bild gewesen.
Gisela, immer noch von seinem Arm festgehalten, streckte die Hand nach Metten aus.
„Kommen Sie mit, kleines Mädchen,“ sagte sie, „ich kann Ihnen zwar keinen Genuß versprechen, aber Sie tun mir einen Gefallen, wenn Sie sich mein Gekrächz mit anhören.“
Mette ergriff die dargebotene Hand und ließ sich mit fortziehen. Es war eine schmale, fieberheiße, zerbrechlich dünne Hand, die sich mit einem lockeren und doch sehnigen Griff um ihre Finger klammerte.
Irgendwo in der Ferne sah sie Eccarius’ Gesicht auftauchen.
Er sah sie gar nicht an, und trotzdem schien ihr sein ernstes und bekümmertes Gesicht einen Vorwurf gegen sie zu bedeuten.
‚Ich hätte mich um ihn kümmern müssen,‘ dachte sie mit leichtem Erschrecken und dann, wie in aufflackerndem Trotz: ‚Warum eigentlich? Wozu red’ ich mir Verpflichtungen ein, die ich nicht habe? Ich will keine Rücksicht mehr nehmen, ich will dahin gehen, wohin es mich lockt – immer nur dahin, wohin es mich lockt!‘
In dem kleinen Nebenzimmer saß, lag und hockte ein Dutzend Menschen in den verschiedensten Stellungen.
Sophie war darunter in ihrer kleidsamen Pagentracht, neben ihr der junge Mensch, der Willi hieß und vorhin auf der Erkerstufe gesessen hatte, die kleine Luigi und der Maler Giesbert, der eine Art Cowboyanzug trug, und Ulrich, der Mann mit dem hageren ernsten Gesicht und der tiefen, mollklingenden Stimme.
Man hob Giselas schmale und leichte Gestalt auf einen Tisch, Johannes nahm Sophien, die noch an den Wirbeln drehte, die Laute aus den Händen und legte sie Gisela in den Arm.
Ein junger Mensch in einem seidenen Pierrot-Kostüm lief mit einem Tablett voll Gläsern herum und bot auch Metten an. Mette trank den süßen und feurigen Wein rasch aus, um das Glas wieder los zu werden, und sah sich dann suchend nach einem Platz um.
Sophie streckte ihr die Hand hin.
„Kommen Sie her zu mir, kleiner verflogener Vogel,“ sagte sie, „hier tut Ihnen keiner was.“
„Ich habe keine Angst,“ sagte Mette lächelnd.
Sie hatte wirklich keine Angst. Sie fühlte sich sehr wohl und geborgen in den tiefen weichen seidenen Kissen, zwischen zwei Menschengesichtern, die ihr nicht fremd und nicht unangenehm waren.
Der kleine Johannes setzte sich mit seiner pagenhaften Grazie zu ihren Füßen nieder. Und obgleich sie keinerlei Zärtlichkeit für ihn empfand, tat ihr seine leichte anschmiegende Berührung wohl.
Gisela probierte mit tiefgeneigtem Gesicht die Saiten. Das lose, schwarze Haar fiel ihr über die Wangen. Mit einer plötzlichen Bewegung hob sie den Kopf, schüttelte das Haar zurück, und nach ein paar einleitenden Akkorden begann sie zu singen:
Irgendwo
ruft die Stimme durch die tiefe Nacht,
diese Stimme, die mich beben macht.
Irgendwo
irgendwo auf heißem Lager dehnt
sich die Hand, nach der sich meine sehnt.
Irgendwo
weint ein Herz im Dunkel heiß und still
das an meinem Herzen schlagen will.
Ihre Stimme war klein, wie durch einen Schleier gedämpft, aber namentlich in der Tiefe von einem leidenschaftlichen, bestrickenden Klang.
Mette war wie eingesponnen in ein traumhaftes, süßes und doch schmerzlich-sehnsüchtiges Glücksgefühl.
Sophie hatte den Arm um sie gelegt, und ihre Hand glitt manchmal im Takte der Musik in einem sanften und wärmegebenden Streicheln über Mettes Schulter.
Giselas Augen suchten Mette manchmal, wenn sie sang. Ihre Blicke trafen ineinander, hingen ineinander, und Mette war, als sänge sie all diese Worte ihr zu.
‚Süßes Leben,‘ dachte sie, ‚schönes geliebtes Leben.‘
Eine fiebernde Sehnsucht war in ihr, die ihr das Herz groß und übervoll machte. Diese Sehnsucht hatte keinen Namen und kein Ziel. Es war Sehnsucht nach fernen Ländern, und Sehnsucht nach Zärtlichkeit. Es war Sehnsucht nach brausendem Ruhm, nach Heldentaten, und Sehnsucht nach Großmutters stillem Garten, nach der Wiese, über der die Bienen stimmten.
Sophiens schönes heiteres Gesicht überschattete sich mit einem fast schmerzlichen Ernst. Sie lächelte, aber dies Lächeln war wie getränkt mit Schwermut.
„Wart’ einen Augenblick,“ sie hob Gisela die Hand entgegen, „ich möchte Nora holen, du weißt ja, wie gern sie dich hört.“
Sie stand rasch auf. Johannes sprang im selben Augenblick in die Höhe.
„Darf ich dir helfen?“ fragte er bittend.
Metten erschienen diese Worte rätselhaft, ohne daß sie indes lange darüber nachdachte.
Sophie und Johannes gingen nicht in den großen, saalartigen Raum, aus dem sie gekommen waren. Sophie öffnete eine Glastür hinter Vorhängen, die in den nachtdunklen Garten hinausführte.
„Laßt einen Augenblick offen,“ bat sie, „es ist ja so warm draußen – wir kommen so herum zurück.“
Gisela zögerte einen Augenblick. Ihr leicht bewegliches Gesicht spiegelte einen inneren Kampf.
„Sophie,“ rief sie ihr nach, von dem hohen Tisch heruntergleitend, „ist es dir lieber, wenn ich mitgehe? Ich kann schließlich auch drin singen.“
„Nein, nein,“ gab Sophie zurück. Sie stand schon auf den Stufen und hob die Falten des Vorhangs auf, daß sie einen Augenblick wie eine kunstvolle Umrahmung der schlanken Gestalt wirkten. „Es ist so voll und rauchig drin und staubig vom Tanzen, und man kriegt die ganze Bande doch nicht zu einem ruhigen Zuhören. Ich bin auch ganz froh, wenn ich einen guten Grund habe, um Nora ein bißchen da herauszulocken – von selbst entschließt sie sich doch nicht, und sonst wird es ihr wieder zu viel.“
Sie nickte Gisela noch einmal zu, herzlich, dankend, und tauchte im Dunkel unter. Durch die halb offene Tür drang der vielfältige Duft der warmen durchblühten Nacht.
In dem kleinen Kreis war eine wartende Stille. Die Leute, die nebeneinander standen, tauschten mit gedämpfter Stimme Bemerkungen aus. Gisela klimperte mit den Saiten, ohne die Augen aufzuheben.
Das gemurmelte Gespräch wurde nach einigen Minuten ein wenig lauter und lebhafter, um ganz zu stocken, als Schritte auf dem Gartenkies knirschten, schwere Schritte, und um dann – angeregt von den intimsten Freunden des Hauses – wieder aufzuflackern in einer Art, die zu bedeuten schien: Wir haben nicht auf euch gewartet, wir achten nicht auf euch, wenn ihr kommt.
Mette sah unwillkürlich nach der Gartentür, den Eintretenden entgegen, und, obgleich sie im selben Augenblick sich zusammenriß, Beherrschung von sich verlangte und ein Lächeln erzwang, erschrak sie so, daß sie fühlte, wie sie blaß wurde.
Sie führten, sie schleppten Nora herein.
Sophie stützte sie auf der einen Seite, Johannes auf der andern. Aber sie konnten ihren schweren Oberkörper nicht aufrichten; er neigte sich nach vorn, als sei er verbogen, zerbrochen, und mühsam hatte sie den Kopf wieder gehoben, und ihre sanften, braunen Augen, voll stummer Qual, wie die eines gepeinigten Tieres, trafen von unten herauf einen Herzschlag lang in Mettes Blicke.
Ulrich schob einen Stuhl zurecht, Willi schleppte Fußkissen herbei, ein paar Sekunden später saß sie in dem Sessel, die Hände auf die Seitenlehnen gestützt, die Knie, die ein wenig höher gezogen waren als bei andern, von den leichten fließenden Falten der seidenen Decke überbreitet, den blonden Kopf von einem veilchenfarbenen Kissen gestützt, wieder ein Bild von fast königlicher Schönheit.
Nur wenn man sehr genau hinsah, entdeckte man um Mund und Wangen ein leises Zittern, wie von Schmerzen oder von überstandener schwerer Anstrengung.
Mettes Herz war ganz erfüllt von widerstreitenden Gefühlen: Ein Entsetzen war in ihr, das an Grauen und fast an Ekel grenzte, ein quälendes Mitleid und zugleich eine Angst wie vor niedersinkenden dunklen Schleiern, vor einer langsam sich senkenden, unerträglichen Last.
War das Leben nicht eben noch hell und bunt und lockend gewesen? Hatte sie es nicht geliebt mit einer heißen, sehnsüchtigen, inbrünstigen und opferbereiten Liebe? Und war es nicht jetzt, als ob ein feuriger, geschmeidiger Tänzer im Seidenwams, in dessen Armen sie sich noch eben trunken gewiegt hatte, die Larve vom Gesicht hob und höhnisch grinsend ein zerfallendes Totenangesicht zeigte?
Was gab es denn auf der Welt? Was erwartete einen denn im Leben? Elend und Kummer, Siechtum und Tod und bittere, eiskalte Einsamkeit ...
Gisela griff ein paar Akkorde und sang:
Irgendwo
mahnt eine Turmuhr dumpf und schwer
Irgendwen,
daß es nun Zeit zum Heimgehn wär’.
Irgendwohin
führen die weißen Wege hinaus,
Irgendwo bin
ich auf der Erde doch auch zu Haus ...
Sie neigte den Kopf tiefer über das Instrument. Es war seltsam, daß aus der zusammengepreßten Brust die Töne ihren Weg fanden.
Sie waren alle still, als sie geendet hatte.
Willi war der erste, der rief:
„Weiter, weiter ... noch eins, noch eins.“
Andere riefen es ihm nach. Gisela glitt von dem Tisch herunter und legte die Laute in eine Ecke. Ihre müden Bewegungen waren die eines Kindes, aber ihr immer schmales Gesicht war ganz klein und alt geworden.
„Ich glaube, ich kann nicht mehr,“ sagte sie, wie um Verzeihung bittend. Ihre Stimme war nur wie ein heiseres Flüstern.
Durch die Tür des Nebenzimmers kam ein älterer dicker Mann mit einem aufgeschwemmten häßlichen Gesicht.
Drinnen paukte jemand aufs Klavier, aber es wurde kaum vernehmbar vor Lärmen und Lachen und dem Geräusch der schleifenden Füße.
Der dicke Mann griff den kleinen Johannes mit einem festen Griff um den Leib.
„Komm, mein Hannchen, wir wollen tanzen,“ rief er und zerrte ihn im Kreis herum.
Johannes wiegte sich in den Hüften wie ein kokettes Mädchen.
Mette sah jetzt erst, daß er an den auffallend schmalen und kleinen Füßen zu den tief ausgeschnittenen Lackschuhen durchbrochene seidene Strümpfe trug.
Er war ihr plötzlich widerlich. Der dicke Mann war ihr widerlich. Gisela war ihr widerlich, weil ihr Gesicht alt und krank und verlebt aussah. Willi war ihr widerlich, weil er der Luigi Wein in den Ausschnitt schüttete und ihr die Hand den Rücken hinuntergleiten ließ unter dem Vorwand, sie abzutrocknen. Mara Luigi war ihr widerlich, weil sie es sich gefallen ließ und es sich gern gefallen ließ, trotzdem sie schrie und zappelte und mit den Beinen strampelte.
Mette hatte brennendes Verlangen nach der Ruhe ihres einsamen Zimmers.
Giesbert stand vor ihr und wollte mit ihr tanzen. Sie stemmte beide Hände gegen seinen Arm, der sie umklammern wollte und mit fortreißen.
„Bitte nicht,“ sagte sie flehentlich und ungeduldig, „nein, bitte, nein, ich möchte nicht!“
Plötzlich, da sie sich losgemacht hatte und ein wenig taumelig auf den Füßen stand, traf ihr Blick in Eccarius’ Gesicht.
Er trat mit einem leisen Lächeln auf sie zu, und sie streckte mit einer unwillkürlichen Bewegung die Hand nach ihm aus.
„Gut, daß Sie da sind,“ wollte sie sagen, „ich möchte nach Haus!“
Dann fiel es ihr ein, daß sie kein Recht hätte, über ihn zu bestimmen wie über einen Bedienten, nachdem sie sich den ganzen Abend nicht um ihn gekümmert hatte.
Aber eh’ sie noch die Worte gefunden hatte, um ihn anzureden, sagte er:
„Sie sehen müde aus, gnädiges Fräulein. Ich will Sie nicht hetzen, wenn Sie noch Lust haben, hierzubleiben. Aber wenn Sie gehen wollen, verfügen Sie nur ganz über mich.“
Mette war ihm herzlich dankbar, obgleich sie wieder fast erschrocken war über seine Häßlichkeit, als er so plötzlich vor ihr auftauchte.
Sie war mit sich selbst nicht zufrieden. Es mußte doch an ihr liegen, daß sie überall Häßliches sah, Trauriges zu spüren glaubte. Sie war wohl nicht stark genug für das Leben, nicht gesund genug, nicht dumm genug oder nicht weise genug.
Das Leben hatte überall Schroffen und Kanten, Spitzen und Ecken. Wo man nur hineingriff in die rosigen, schimmernden Wolken, die es schmückend umzogen, wurde man gestoßen und geschunden. Man mußte ein Pflasterstein sein oder ein Diamant, um nicht zu zersplittern an diesen Härten.
Sie schritt in einem fast verstockten Schweigen neben Eccarius her. Mochte er von ihr denken, was er wollte! Sie war müde und aufgewühlt, zornig und mutlos – sie hatte keine Lust, sich mühsam durch eine gleichgültige Unterhaltung hinzuquälen.
Eccarius ließ ihr Zeit, ihre fieberbrennende Stirn in der Nachtluft abzukühlen. Sie sah nach den hellflammenden Sternen hinauf und spürte, wie immer, die fast schmerzliche Bedrängnis, als ob etwas in ihr sich mühte, die zusammengefalteten Flügel auszubreiten, um sich endlich, endlich ins Grenzenlose aufzuschwingen und sich dabei so ungeduldig gebärdete, daß es ihr das Herz bedrückte, den Atem beklemmte, die Rippen preßte.
Nach einer ganzen Weile hörte sie eine ruhige Stimme neben sich, wie aus einer langen Kette von Gedanken heraus:
„... Sie müssen mir einen Gefallen tun, gnädiges Fräulein! Sie dürfen dies Haus und unsere Wirte nicht nach dem heutigen etwas“ – er zögerte – „turbulenten Fest beurteilen. Sie müssen einmal einen ruhigen Nachmittag da draußen im Gartenhäuschen sitzen und mit den beiden Frauen reden. Ich glaube sicher, daß Sie viel davon haben könnten, und es wäre schade, wenn Ihnen der heutige Tag die Lust dazu verdorben hätte.“
Mette fühlte sich durchschaut und ein wenig beschämt.
„Oh, durchaus nicht,“ sagte sie etwas verlegen, „ich war wirklich sehr entzückt von den beiden Damen. Ich bin nur so etwas lärmende Gesellschaft nicht gewöhnt, ach, ich bin überhaupt keine Geselligkeit gewöhnt, und es waren einfach zu viel und zu vielerlei Eindrücke für mich – ich habe ein bißchen Karussellgefühle, wenn Sie sich darunter etwas vorstellen können.“
„O ja,“ Eccarius lachte leise, „darunter stell’ ich mir in der Hauptsache vor: Schwindel und Übelkeit.“
„Nicht nur,“ widersprach Mette, „auch Musik, die immerfort in einem weiterdröhnt, und sehr viel Buntes und sehr viel Licht, mysteriöse und aufreizende Buntheit – perlgestickte flimmernde Bilder, hinter denen sich das Geheimnisvolle, Verlockende und Unheimliche verbirgt – der Antrieb, das Werk, die Maschine. Und im Dunkel einzelne grell beleuchtete Gesichter, die immer wieder auftauchen und vorübergleiten – und vor allen Dingen – ja natürlich vor allen Dingen der Eindruck eines ersehnten, erwünschten und bis zur Ermüdung ausgekosteten Vergnügens.“
„Dann ist es ja gut.“ Eccarius lächelte, als wären seine Gedanken schon wieder anderswo.
„Sie wußten gar nicht, daß Frau von Hersfeld krank ist?“ fragte er nach einer Weile.
„Nein,“ sagte Mette. Und dann stieß sie hervor, halb unwillkürlich, aber wie getrieben von dem Gefühl einer Schuld, die sie wieder gutzumachen hatte.
„Oh, sie tut mir ja so entsetzlich leid!“
„Sie hat ein sehr trauriges Geschick gehabt,“ sagte Eccarius etwas zögernd, „aber trotzdem würde ich nicht sagen, daß sie mir leid tut – denken Sie nur, ich würde nicht wagen, es zu sagen – es käme mir beinah vermessen vor. Die Frau hat so unendlich viel, was zur Bewunderung zwingt, so unendlich viel, durch das sie unsereinem überlegen ist und um das man sie beinah beneiden könnte, daß Mitleid eigentlich – meinem Gefühl nach – gar nicht angebracht wäre.“
Mette spürte, daß er die Worte so behutsam setzte, um ihr nicht grob und deutlich zu verstehen zu geben, daß sie eine Dummheit gesagt hatte. Sie war ihm dankbar für diese vorsichtige Art, denn es kränkte sie empfindlich, wenn sie sich irgendwie zurechtgewiesen fühlte.
„Ich will jedenfalls alles versuchen, um sie näher kennenzulernen,“ sagte sie herzhaft entschlossen. „Ich glaube, daß man viel von ihr lernen kann, und nichts auf der Welt tut mir so not als zu lernen.“
„Es ist schon viel wert, wenn Sie das wissen,“ lächelte Eccarius, „die meisten Zwanzigjährigen glauben, genug zu wissen. Wenn Sie sich noch außerdem mit so sicherem Instinkt Ihre Lehrmeister suchen, dann können Sie gar nicht fehlgehen.“
„Ich hoffe.“
Mette zog die Brauen zusammen. Die Angst glitt wieder wie eine schattende Wolke über sie hin, die Angst, fehlzugehen, sich zu verirren, auf schwankenden Sumpfboden zu geraten, einem Abgrund entgegenzugleiten, irgendwie dem Untergang entgegenzutreiben.
‚Ich werde jedenfalls niemals nötig haben, einem zaudernden Tode entgegenzuschmachten,‘ dachte sie, ‚wenn ich mit zerschmetterten Gliedern in irgendeinem Abgrund liege, dann bleibt mir immer noch Olgas Vermächtnis – mein Freund, der Revolver!‘
‚Nora von Hersfeld,‘ dachte sie, ‚vielleicht kann sie einem Halt geben, vielleicht kann sie einem den Weg weisen ... vielleicht! Wer weiß es? Eccarius ist dieser Meinung. Aber was weiß denn ich von Eccarius? Nichts. Er kann ein Verbrecher sein, ein Bankdefraudant, ein Lustmörder, ein Mädchenhändler. Er kann alles dies nicht sein, vielleicht aus Zufall nicht sein, und kann doch die Neigung zum Schlechten, den Willen zum Bösen haben, schlimmer vielleicht als ein alter Zuchthäusler, neben dem ich jetzt nur gezwungen und in tödlicher Angst gehen würde. Aber Eccarius scheint mir ein Schutz ... warum? Ich weiß nichts von ihm. Es ist schwer, sich zurechtzufinden, wenn man den Instinkt schon verloren hat und ein Erfahrungswissen noch nicht erworben.‘
„... Irgendwohin führen die weißen Wege hinaus ...“ summte sie.
„Mögen Sie die Lieder?“ fragte Eccarius rasch.
„Ich weiß nicht,“ antwortete Mette zögernd, „sie verlassen mich nicht. Spricht das nun für oder gegen sie?“
„Sie haben sie heut’ zum erstenmal gehört?“ Er berichtigte sich gleich selbst. „Ja, natürlich, Sie waren ja heut’ das erste Mal in diesem Kreise.“
Mette lächelte: „Kann man sie nur in diesem Kreise hören?“
„Ja, sie sind nicht veröffentlicht.“
„Hat Fräulein Werkenthin sie selbst verfaßt?“ Ihr Herz ging ein wenig rascher bei dieser Frage.
„Ach nein.“ Mette schien es, als ob ein ganz leiser Hauch von Geringschätzung in diesem „ach nein“ läge. „Sie stammen von Fräulein von Gjellerström.“
„Die kenne ich nicht,“ sagte Mette gleichgültig, „sie war wohl heute nicht da – oder ich habe sie nicht gesehen.“
„Sie haben sie sicher gesehen,“ sagte Eccarius mit einem Lächeln, von dem Mette in dem Halbdunkel der nächtlichen Straße nicht feststellen konnte, ob es spöttisch oder schmerzlich war. „Sie ist weder laut noch bunt angezogen, aber man kann sie merkwürdigerweise nicht übersehen. Vielleicht wissen Sie auch nur nicht, wie sie heißt. Ihre Freunde haben ihr den Namen Fiametta gegeben.“
Mette saß in ihrem stillen Zimmer und lernte Vokabeln.
la sopera – die Suppenschüssel.
el relojero – der Uhrmacher.
Es lernte sich leicht, und es machte ihr Spaß.
Un sombrero es un hombre que hace sombreros.
Das Italienische war ihr viel schwerer geworden, ach, aber mit welchem Feuereifer hatte sie damals gelernt. Sie hatte so viele Gründe, die sie zum Lernen trieben. Sie durfte doch nicht sagen, daß sie die Stunden bei Olga nahm, statt bei dem italienischen Professor, den Vater ihr ausgesucht hatte. Und darum mußte sie sich möglichst rasch gründliche Kenntnisse aneignen, damit Vater nicht auf den Gedanken kam, den Unterricht zu kontrollieren oder dem Herrn Professor einen zur Strenge mahnenden Brief zu schreiben. Und dann galt es auch, vor Olga zu bestehen. Sie wurde nicht ungeduldig, aber sie war so fassungslos erstaunt, wenn man etwas nicht begriff oder nicht behalten konnte.
Und dann war der heißeste Ansporn: Die Reise nach Italien, die gemeinsame, die sie einstweilen nur auf der Landkarte oder im Baedeker machten, und die einmal Wirklichkeit werden sollte, greifbare, herrliche, unnennbar selige Wirklichkeit.
Und nun war alles vorbei und alle Hoffnungen vernichtet, gestorben, begraben.
Mette würde niemals nach Italien fahren und niemals nach Spanien, niemals, denn sie war allein und würde immer allein sein, und sie würde sich in fremden Ländern noch viel einsamer, verlassener, unglücklicher fühlen als in fremden deutschen Städten.
Es hatte wohl auch eigentlich keinen Zweck, Spanisch zu lernen ... wozu die Mühe, sich etwas anzueignen, wofür man niemals Verwendung hatte!
Sie ließ das Heft sinken und starrte vor sich hin. Die Tränen, die ihr schon in die Augen gestiegen waren, als sie an die italienischen Stunden bei Olga dachte, lösten sich und rollten über ihr unbewegtes Gesicht – eine nach der andern, ohne daß sie sich die Mühe gegeben hätte, sie aufzuhalten oder auch nur abzutrocknen.
Olga! – Aber Olga lernte nie eine Sprache, wie sie hochmütig sagte, „um sich mit Hotelportiers und Ladenmädchen verständigen zu können“. Olga studierte Sprachen, um sich in Geist und Wesenheit der Völker einzufühlen, um ihre Verschiedenheiten oder Ähnlichkeiten zu erfassen. Sie lernte Sprachen, weil sie sich an den Schönheiten eines Satzgefüges erfreuen konnte wie an einem Bildwerk oder an einer Melodie. Und sie lernte sie vor allen Dingen, wie sie alles tat, um sich zu bereichern, zu weiten, um mit dem Lernen ihr Gehirn in ständiger, immer wachsender Anspannung zu halten und um mit dem Gelernten ihr „inneres Haus auszubauen“, wie sie manchmal scherzend sagte.
Mette nahm das Heft wieder vor. Sie wollte auch ihr Haus in sich aufbauen. Sie wußte nicht recht, wie. Noch standen nicht die Grundmauern, noch war nicht einmal ein Plan vorhanden. Aber sie trug Bausteine zusammen, sie lernte, sie las, sie sah mit wachen Augen um sich, und sie dachte nach über alles, was sie gelernt hatte. Vielleicht würde einmal ein Tag kommen, da sie wußte, wie das alles zu ordnen und zu richten, da sie wußte, wo sie hinaus wollte, wozu sie strebte und lernte und wofür – ach, manchmal kam auch der ganz vermessene Gedanke: Da sie wußte, für wen sie strebte und lernte.
El que nos trae las cartas es el cartero.
Es klopfte an die Tür, und Mara Luigi steckte den rötlichen Wuschelkopf durch die Spalte. Sie hatte es sich angewöhnt, jeden Tag ein halb dutzendmal bei Mette anzuklopfen, um eine belanglose Frage zu stellen, oder eine noch belanglosere Mitteilung zu machen. Mette hatte einzig aus diesem Grunde schon manchmal die Möglichkeit eines Umzugs erwogen.
„Störe ich?“ fragte sie, indem sie durch die Tür schlüpfte. Sie schlüpfte wirklich, denn sie hatte die Gewohnheit, wenn sie so kam, die Tür nur zu einem spitzen Winkel zu öffnen, ihren schmalen Körper noch schmäler zu machen und mit hochgezogenen Schultern und katzenhaft geschmeidigen Bewegungen durch den Spalt zu gleiten.
„Absolut nicht,“ sagte Mette geduldig. Im Grunde störte sie ja auch nicht. Niemand fragte danach, wann Mette Rudloff die Lektion zu Ende bringen würde ... leider!
„Kommen Sie ein bissel mit hinüber auf meine Bude, ja? Die Werkenthin ist da, Giesbert, Kramer, die Breslauer. Wir trinken Tee und rauchen – ich soll Sie schön bitten, auch im Namen der andern.“
Mette stand auf und legte Hefte und Bücher gerade. Sie fuhr noch ein wenig unschlüssig mit den Fingern an dem Bleistift hin und her:
„Soll ich wirklich ...“
„Ja natürlich sollen Sie! Sie werden noch ganz dumm von dem vielen Studieren, glauben Sie mir! Früher war ich auch so – Bücher, das war mein Schönstes ... ich hab’ mir immer die Bücher im Bett versteckt, weil meine Mutter nicht wollte, daß ich so viel lesen sollte ...“
‚Schöne Bücher mögen das gewesen sein,‘ dachte Mette.
„Und jetzt? Du lieber Gott! Jetzt bin ich froh, daß ich die ganze Bücherweisheit vergessen habe! Das Leben sieht anders aus, als es in Büchern beschrieben steht ...“
„Wissen Sie, wie es aussieht?“ fragte Mette ernsthaft, „darum könnt’ ich Sie beinah beneiden. Mir erscheint es an einem Tag so und am andern Tag so. Nicht nur mein Leben, sondern ‚das Leben‘ überhaupt.“
Sie hatten unterdessen den Türgang gequert, und die Luigi öffnete ihr Zimmer und rief hinein:
„Kinder, wißt ihr, wie das Leben aussieht? Oder vielmehr, könnt ihr es erklären und beschreiben?“
Mette hatte die Fenster weit offen gehabt, und die Strahlen der tiefstehenden Sonne hatten das ganze Zimmer mit mildem, flirrenden Goldglanz erfüllt. Hier waren alle Vorhänge sorgfältig zugezogen, und das Licht der japanischen Korblampe, das durch den gebatikten Seidenschirm verschleiert wurde, warf in ein tiefes Dämmern vereinzelte violette, grüne und purpurne Reflexe.
„Wie das Leben aussieht?“ rief eine Männerstimme aus dem Dunkel. Es war Giesbert, wie Mette gleich darauf erkannte, als ihre Augen sich in der ungewohnten Beleuchtung zurechtgefunden hatten.
„Ist das eine Preisfrage für eine Malerakademie? Soll jeder ein Bild malen, wie er sich das Leben vorstellt? Dann malen neunundneunzig Prozent ein nacktes Weib! Nur die Attribute sind verschieden – dem einen ‚beut‘ es eine Schale mit goldenen Früchten, und für den andern schwingt es hohnlachend eine Geißel.“
„Kann denn keiner von euch erklären, wie er findet, daß für ihn das Leben aussieht?“
„Sphynx,“ sagte Kramer phlegmatisch, „fabelhafter Busen, weich, verlockend und Raubtierkrallen. Und dazu das obligate Rätsel natürlich. Und der Abgrund daneben!“
„Grüß Sie Gott, Fräulein Rudloff,“ sagte Gisela Werkenthins dünne zerbrochene Kinderstimme, „sind Sie auf die verrückte Idee gekommen, daß Sie wissen wollen, wie das Leben ausschaut? Gell ja? Wenn ich ein Maler wär’ und sollt’ ein Bild malen ‚das Leben‘, ja, Giesbert, du hast ganz recht, ein nacktes Weib tät’s natürlich werden, bei mir auch. Und zwar eine mit der Leyer im Arm, die in Entzückung dahin tanzt, den Blick nach oben. Aber worauf sie tanzt, was im ersten Augenblick aussieht wie ein blumiger Teppich, das sind verschlungene, verkrampfte Menschenleiber, blutiggeschundene, röchelnde, ringende, alle, die das lachende Leben zu Boden getreten hat, und die es verfluchen, aber sich doch noch ausrenken und andere niederwürgen, um noch einen Zipfel seines Gewandes zu erfassen ...“
„Einen Zipfel vom Gewand des nackten Weibes,“ spottete Giesbert, „o heilige Logik! Sie spricht so schöne Sätze, die Kleine, ganz wie ihre Freundin, die moderne Sappho, aber sie weiß am Schluß schon nicht mehr, was sie am Anfang gesagt hat.“
„Du bist ein Viech!“ sagte Gisela und nahm irgendeinen Gegenstand auf, um nach seinem Kopf zu zielen.
Frau Breslauer griff mit einem ängstlichen Aufschrei nach ihren Händen:
„Um Gottes willen, den guten Aschbecher! An dem seinem Schädel zersplittert doch ein Stein!“
„Also nehmt euch in acht!“ rief Giesbert mit vorgestreckter Stirn, „ihr demoliert das ganze Mobiliar, wenn ihr mir’s an den Kopf schmeißt! Ich stehe wie ein Fels im Meer, und um mich liegen die Scherben der Meidingerschen Wirtschaft!“
„Also Fräulein Rudloff,“ sagte der kleine Kramer, „Sie haben diesen edlen Wettbewerb der Phantasien entzüngelt ... kann man das sagen? Ich glaube, es ist ganz neu, und es ist jedenfalls ein sehr schönes Wort ... entzüngelt! Aber ich bitte mir aus, daß ich es nicht nächstens in irgendwelchen lyrischen Schöpfungen des verehrten Kreises wiederfinde ...“
„Ja, in meinen zum Beispiel,“ warf Frau Breslauer ein.
„Oder in meinen,“ lachte Mara Luigi.
„... kurz und gut, es ist mein Wort, und ich lege Beschlag darauf. Also Sie haben die Phantasien entzüngelt, nun müssen Sie aber auch mittun in diesem Wettbewerb ... wie würden Sie denn das Leben darstellen?“
„Ach Gott,“ sagte Mette und hob ratlos die Achseln, „als eine Zwiebel vielleicht. Eine Haut nach der andern zieht man herunter, aber man kommt nicht an einen Kern!“
„Aber man vergießt Tränen bei dieser Beschäftigung!“ sagte Gisela fast bitter.
„Ja, und wer sich zu intensiv damit befaßt, dem Leben auf den Grund zu gehen,“ lachte Giesbert, „der kann leicht in schlechten Geruch kommen!“
„Ach, das Leben kann ganz nett sein,“ sagte Frau Breslauer behaglich.
„Ja,“ sagte Kramer und seine Augen wurden plötzlich ganz ernst und weiteren sich, „am Meer! Am Meer, da kann das Leben schön sein. Da gehört gar nichts dazu. Kein schönes Mädchen, und kein Alkohol, und kein Geld, und keine Opiumzigarette, und kein Erfolg, und kein garnischt. Da ist es einfach schön, zu atmen.
Es ist schön, die Sonne zu fühlen, und den Wind und den weichen, weichen Sand, und die ewige Bewegung des Wassers. Wenn man nur das Salz auf den Lippen schmeckt, und den Seegeruch atmet, diesen Duft, den man nirgends findet, und der einem sofort das Atmen Lust sein läßt, ein bißchen nach nassem Holz, und ein bißchen nach Teer, und ein bißchen nach Fischen und Algen – aber vor allen Dingen nach Salzluft und Salzwasser und Sonne, nach Reinheit und Weite, nach Frische und Gesundheit und Kraft!“
Er blähte die Nüstern, als wolle er den Meerwind einsaugen, sein unbedeutendes Knabengesicht war seltsam gespannt, ganz erfüllt und durchdrungen von dem verschönenden Ausdruck einer tiefen verzehrenden Sehnsucht.
Mette fühlte etwas wie Neid. Wie gut mußte es sein, Sehnsucht zu haben nach etwas Unveränderlichem, ewig Lebendigen, nach etwas, das immer an der gleichen Stelle war und einen immer mit der gleichen Liebe empfing.
„Überhaupt die Natur,“ sagte Frau Breslauer mit einem verzückten Augenaufschlag, „Sie glauben gar nicht, wie ich für Natur schwärme. Sie ist und bleibt doch immer unsre treueste Freundin. Ich habe immer gesagt: der Wald ist mein Dom!“
„Ach, Natur ist meistens so kalt,“ sagte die kleine Luigi kläglich und zog fröstelnd die Schultern hoch.
„... und im Sommer ist sie zu heiß,“ neckte Giesbert, „und wenn’s trocken ist, dann staubt’s, und wenn’s regnet, ist es naß. Du bist mir schon eine Heldin!“
„Natur,“ sagte Gisela nachdenklich, „Natur ist wieder so ein Begriffswort, worunter sich jeder etwas anderes denkt. Der eine nennt grüne Bäume Natur, der andere die weisen Einrichtungen, daß sich alles Lebende untereinander auffrißt, einer versteht unter einem natürlichen Leben barfuß gehen und Gras fressen, und der andere heiraten und Kinder kriegen.
Und wenn Hannchen Bodenstedt sich in seidene Kimonos hüllt und sich die Lippen rotschminkt, so sagen die einen, es ist seine Natur, und die andern sagen, es ist unnatürlich. Ich weiß überhaupt nicht, was Natur ist!“
Mit diesem achselzuckend herausgestoßenen Endurteil wandte sie sich wieder mit voller Aufmerksamkeit ihrem Zigarettenetui und einem schlecht funktionierenden Feuerzeug zu.
„Ich will euch mal was sagen, Kinder,“ sagte Giesbert entschieden, „natürlich oder nicht. Nackte Waldschnecken, die überall Schleimspuren hinterlassen, sind auch ‚natürlich‘, und sie sind mir darum doch widerlich. Und dieser kleine heilige Johannes ist für meinen Geschmack ein ganz übler Bursche.“
„Wie du redest,“ ereiferte sich die Luigi, „du kennst ihn gar nicht ... er ist im Grunde ein so hochanständiger Kerl ...“
„Weil er keine Chantage betreibt? Das fehlte auch noch! Ich will ihn ja auch gar nicht mit irgendwelchen erpresserischen Friseurgehilfen auf eine Stufe stellen ...“
„... wenn du aber sagst, ‚übler Bursche,‘ klingt das so!“
„Also gut, ich nehme es zurück. Er ist nicht so übel, wie mir bei seinem Anblick wird. Aber er ist entschieden etwas waldschneckenmäßig. Und diese alte Tante, dieses Miststück von einem Kerl, dieser päpstliche Sänger, dieses widerwärtige Subjekt ... entschuldigt, Kinder, aber ich kriege Magen- und Gallenzustände, wenn ich an ihn denke.
Wie man sich an dieses dicke Schwein verkaufen kann, ist mir ewig unfaßbar. Ich bin, weiß Gott, nicht intolerant und habe gar nichts gegen den Gedanken, daß zwei schöne Frauen mal miteinander, na ja ... Obgleich mir die Weiber mit Kragen und Schlips und abgeschnittenen Haaren auch zum Kotzen sind ... Anwesende sind natürlich immer ausgeschlossen.“
Gisela verbeugte sich mit spöttischem Lächeln.
„Aber Giselchen, du bist doch kein Mannweib, so mit Baß und Schnurrbart und dicken Zigarren. Du bist im Grunde doch ein süßes kleines Weibchen.“ Er ließ sich vor ihr auf ein Knie nieder und umschlang sie mit beiden Armen: „Du bist nur durch einen Zufall auf die falsche Bahn gelenkt, glaube mir, mein Herzblatt. Versuch, es nur einmal mit einem reellen Mann, und du bist für immer geheilt und gerettet. Ich stelle mich dir gern zur Verfügung, gratis und franko. Du ahnst gar nicht, was du für Spaß haben wirst – frag’ nur Frau Breslauer ...“
Frau Breslauer kreischte laut auf:
„Uch nein, Giesbert, was soll denn Fräulein Luigi denken.“
„Aber Sie waren doch verheiratet, Frau Breslauer!“ sagte Giesbert ernst und vorwurfsvoll. „Wollen Sie leugnen, daß es Ihnen Spaß gemacht hat? Ich meine doch nicht mit mir! Mara weiß, daß ich die uneheliche Treue nie verletze!“
„Na,“ sagte Kramer, scheinbar sehr befriedigt, „deutlicher man kann nicht gut!“
Mette bemühte sich, zu all diesen Unterhaltungen ein lächelndes Gesicht zu machen. Ihr war ein wenig fiebrig zumute, und die Stube mit den lauten, lachenden, kreischenden, schwatzenden Menschen schien sich wie ein atmender Brustkasten auszudehnen und wieder zusammenzuziehen, die Wände glitten von ihr fort und rückten fast bedrohlich näher.
‚Dies alles geht mich gar nichts an,‘ dachte sie. ‚Ich will doch tapfer sein und will das Leben kennenlernen, und dabei – wenn ich nur reden höre von irgendwelchen Dingen, von denen ich doch weiß, daß sie existieren – verwirrt es mich und macht mich schwindlig, nur weil ich in einem Kreis aufgewachsen bin, in dem es nicht üblich war, erotische Beziehungen als Salon-Unterhaltungen zu behandeln. Ich bin dumm und feige und eine prüde Gans.‘
Gisela stand von ihrem Stuhl auf:
„Du hast ganz recht, Kramerle, das ist kein Ton für uns!“
Sie setzte sich auf Mettes Sessellehne und strich ihr mit einer behutsam, kaum fühlbaren Bewegung das Haar aus der Stirn.
„Armes Hascherl,“ sagte sie bedauernd, „was müssen Sie sich alles mit anhören! Sie müssen auch rein denken, Sie sind in ein Tollhaus geraten! Achten Sie gar nicht auf das, was der Lackl daherredet! Es ist alles nur halb so schlimm, wie es klingt!“
Mette lächelte zu ihr auf:
„Ach, wenn es nur nicht schlimmer ist, dann geht’s ja noch! Dinge, die verheimlicht werden, sind meist viel schlimmer, als solche, über die öffentlich gescherzt wird.“
„Sie haben recht,“ sagte Gisela mit dunkelbrennenden Augen, „das schlimmste weiß niemand, und es wird niemals ausgesprochen.“
Sie versuchte ein Lächeln, das Metten fast rührend erschien, und strich ihr wieder mit weichen Fingern über das Haar. „Aber Sie sollten von allem Schlimmen verschont bleiben, von allem Schlimmen und allem Schmutzigen. Sie passen in ein Schloß. Oder noch besser in einen Schloßpark. Wissen Sie, als ich Sie das erstemal sah, da wußt’ ich gleich den passenden Rahmen für Sie. Ich kenne einen Schloßgarten, in dem Sie sich ausnehmend gut machen würden. Da sind Terrassenstufen, die zu einem kleinen See hinunterführen, direkt ins Wasser hinein. Und auf diesem Teich sind sehr viele Schwäne, schwarze und weiße. Und ich sehe Sie immer auf diesen Stufen stehen, in einem weißen Gewand, mit einem Körbchen in der Hand und die Schwäne füttern, die sich an die Stufen drängen.“
„Ein schönes Bild,“ sagte Mette lächelnd, „aber es hat eigentlich ein bißchen etwas Melancholisches und Verlassenes. Wenn es im Kino wäre, zum Beispiel, dann würde die Frau in dem weißen Gewand sicher im letzten Akt die Stufen hinuntersteigen, in einer Mondscheinnacht, einen Arm voll Blütenzweigen an die Brust gedrückt, und in dem stillen Schloßteich verschwinden.“
„Das werden Sie nie tun,“ sagte Gisela ernst.
„Warum nicht,“ fragte Mette überrascht und fast ein wenig beleidigt, als spüre sie eine leise Nichtachtung in diesem Zweifel. Sie war versucht, zu erzählen, daß ein geladener Revolver in ihrem Nachttischkasten lag, und daß sie hundertmal schon gegen die Versuchung angekämpft hatte, ihn an die Schläfe zu drücken.
„Nicht weil Sie feige sind,“ sagte Gisela rasch, als ob sie ihre Gedanken ahnte. „Vielleicht eher im Gegenteil, weil Sie viel Mut haben. Sie haben so feste Hände und machen manchmal so eine merkwürdige Geste, so ...“ sie machte die Bewegung, „Sie krallen so langsam die Finger zusammen, daß man alle Sehnen sieht – es sieht aus, als freuten Sie sich direkt darauf, das Leben bei den Hörnern zu packen, wenn es auf Sie loskommt.“
„Ich weiß das gar nicht,“ sagte Mette, „wie Sie beobachten?!“
Sie sagte mit Absicht nicht „mich beobachten“, wie es sich ihr erst auf die Lippen drängen wollte.
Aber Gisela sprach es deutlicher aus:
„Manchmal – wenn mich etwas interessiert. Manchmal seh’ und hör’ ich auch vom hellen Tage nix. Aber Sie hab’ ich beobachtet. Ich weiß auch, daß Sie keine zusammengewachsenen Augenbrauen haben, und das ist schon ein Zeichen, daß Sie eines natürlichen Todes sterben.“
Sie nahm Mettens Gesicht in beide Hände und drehte es ein wenig dem Licht zu:
„Nein, sehen Sie, es ist gut ein Fingerbreit frei über der Nasenwurzel,“ sie legte die Spitzen ihrer schmalen Finger zwischen Mettes Brauen und strich dann behutsam die Bogen entlang.
Mette schloß die Augen und lächelte. Die weichen Hände glitten wie Vogelfittiche über ihre Schläfe, ihre Wangen.
Wie lange war es her, daß eine Hand sie gestreichelt hatte? Monate und Monate ... endlose kalte, einsame, verzweifelte Monate.
Etwas wie ein Schluchzen quoll in ihrer Kehle auf: das heiße Mitleid mit sich selbst.
‚Streichle mich,‘ dachte sie, ‚du weißt ja nicht, wie arm ich bin. Wie grenzenlos arm und erfroren, daß es mich erwärmt, wenn du aus Spielerei deine Hände über mein Haar gleiten läßt.‘
Mette schlug einen Moment die Augen auf. Niemand beobachtete sie. Ein lautes und lebhaftes Gespräch war im Gange. Ach, diese glücklichen Menschen litten nicht so unter Langerweile, daß sie immer auf der Lauer liegen mußten, um irgendwo etwas Interessantes zu erspähen. Sie erlebten ihre Romane selbst und brauchten sie nicht bei andern zu wittern – sie waren so voll von ihren mannigfaltigen Schicksalen und Leidenschaften, daß sie kaum noch Raum in sich fanden, um die fremden zu erwägen.
Giesbert hatte die kleine Luigi auf seine Knie gezogen, und sie wühlte mit der Hand in seinen Haaren, während er sich mit Kramer über den Plan zu einem Kolossalgemälde unterhielt, und sie mit Frau Breslauer über seine Schulter hinweg ein neues Tanzkleid besprach.
Über Mettes Stirn glitten die weichen leichten Hände.
„Sie haben ein seltsames Gesicht,“ sagte die gedämpfte Stimme neben ihr, „es ist so offen und klar und dabei ganz undurchsichtig. Es ist fast unveränderlich und doch ausdrucksvoll. Merkwürdig.“
„Ich finde, mein Gesicht hat nur eine hervorstehende Eigenschaft,“ sagte Mette halblachend, „es ist langweilig.“
„Vielleicht ist jedem Menschen, der sich sehr gut kennt, das eigene Gesicht langweilig,“ sagte Gisela Werkenthin nach einer kleinen, nachdenklichen Pause.
‚Gott sei Dank, daß sie es mir erspart, mich gegen irgendeine Phrase wie ‚oh, durchaus nicht‘ zu wehren,‘ dachte Mette.
„Aber das ist sicher sehr unrecht,“ fuhr Gisela fort, „warum sieht die kleine Mara so reizend aus? Weil sie wirkliches Interesse für sich hat und sich tagelang im Spiegel anschaut und an sich herumputzt und schminkt und frisiert, als wenn’s eine verhätschelte Lieblingspuppe wär’. Aber da nützt kein ‚Vornehmen‘, das steckt im Blut, und wir beide werden’s wohl nie erlernen. Schad’t auch nix. Mit mir wär’ eh nix anzufangen, auch mit der größten Müh’ nicht, und Sie sind ohnedem schön genug!“
Es klopfte an die Tür, und auf ein fast allgemeines „Herein“-Rufen trat Eccarius ein.
Sein ernstes, blasses häßliches Gesicht war Metten in diesem Augenblick unangenehm. Sie wußte nicht, warum.
Erst einige Sekunden später kam es ihr zum Bewußtsein. Sie spürte die weichen Hände nicht mehr auf ihrem Haar – Gisela war von der Sessellehne heruntergeglitten und stand jetzt neben Frau Breslauer.
Mette wünschte Eccarius zu allen Teufeln, sie war einsilbig und fast unliebenswürdig, weil sie erwartete, daß er dann bald wieder gehen würde. Aber er wich den ganzen Abend nicht mehr von ihrer Seite.
Es geschah nun schon zum drittenmal, daß Mette sich auf ihren Spaziergängen plötzlich an einer Ecke der stillen Vorstadtstraße fand, in der das Häuschen der Sophie Degebrodt gelegen war.
Dieses drittemal aber bog sie nicht rasch nach der entgegengesetzten Seite um, sondern sie ging entschlossen die gerade Straße hinunter, die in der vollen Herbstsonne lag, ganz weißgebadet bis auf die dünnen flirrenden Schatten, die das zarte Gefieder der jungen Ebereschen warf, die, schwer mit Beerendolden von leuchtendem Ockergelb bis zu glühendem Scharlach beladen, in zwei schnurgeraden Reihen den Fahrdamm säumten.
Mette wußte zwar die Nummer nicht mehr, aber es würde nicht schwer sein, das Haus wiederzufinden. Das dritte rechts mußte es sein – richtig, das Gartengitter trug ein ziemlich auffallendes Namenschild, und über dem Laubendach hing die kleine Fahne reglos in der stillen Luft.
Mette hatte ein wenig Herzklopfen, als sie das eingeklinkte Gittertürchen öffnete. Sie war so befangen, wie als Kind, wenn sie zu fremden Leuten gehen, an fremden Türen klingeln sollte. Wenn sie jetzt in die Laube käme, würde man ihr vielleicht sehr erstaunt entgegenstarren. Niemand würde ihren Namen wissen, niemand sich ihres Gesichtes erinnern, man würde sie fragen, mit welchem Recht sie sich erlaubte, einzudringen – oh, sie würde sich und andere in eine sehr peinliche Lage bringen!
Es wäre sicher besser, die paar Stufen zu dem Vordereingang hinaufzugehen und dem öffnenden Mädchen die Karte zu geben. Dann konnte man sie mit einer höflichen Phrase abweisen lassen, wenn man sich ihres Namens nicht mehr entsann. Sie ging zögernd ein paar Schritte wieder zurück.
Aber man hatte sie wohl gesehen, oder das Knirschen im Kies gehört – hinter dem Haus reckte sich ein blonder Kopf hervor.
„Ah! Fräulein Rudloff!“ der kleine Johannes sprang ihr förmlich entgegen. Und im ersten Augenblick hatte sie vergessen, was sie von ihm gehört, was sie über ihn gedacht hatte, und war entzückt von seiner knabenhaften Anmut, von der tänzerischen Leichtigkeit seiner Bewegungen.
„Wie nett, daß Sie kommen! Nein, bitte gleich hier herum, wir brauchen ja nicht durch’s Haus. Wir haben schon öfters von Ihnen gesprochen, und wo Sie wohl stecken möchten. Nora wird sich schrecklich freuen – Sophus hat noch zu tun, kommt aber auch gleich.“
Er führte sie an einer grünen Wand vorbei, an der schon die ersten prallen Bohnen zwischen unzähligen roten und weißen Blüten hingen.
Auf den schmalen Beeten wucherten Phlox und Astern in leuchtenden Farben. Eingefaßt waren sie mit dem goldgrünen Saum blühender, duftender Reseda.
In der großen, sechseckigen Laube war ein behaglicher Teetisch gedeckt.
Mette hatte auch ein wenig uneingestandene Angst davor gehabt, Nora wiederzusehen. Nun war sie fast dankbar überrascht durch ihre Schönheit, und durch den beherrschten Adel ihrer Bewegungen. Nora war schon so an ihr Leiden gewöhnt, daß es ihr gar nicht einfiel, etwa den Versuch zu machen, aufzustehen, um dann hilflos und kläglich zurückzusinken. Sie saß ein wenig steif und sehr königlich und streckte Mette mit einem gewinnenden Lächeln die Hand entgegen.
Neben ihr saß Ulrich Zeeden, der sich beeilte, aufzuspringen und hinter dem Tisch hervorzukommen, wobei er das Teegeschirr in Gefahr brachte, was sowohl Mette als Johannes zu einem eiligen Zugreifen veranlaßte. Dadurch entstand eine heitere Verwirrung, die über die ersten Sekunden, die von peinlicher Förmlichkeit hätten sein können, hinwegleitete und sofort ein allgemeines, lebhaftes Gespräch in Gang brachte.
Nach einigen Minuten kam auch Sophie mit großen eiligen Schritten aus dem Haus. Sie begrüßte Mette sehr herzlich, verlangte dazwischen „recht rasch“ eine Tasse Tee, wollte sie im Stehen trinken, ließ sich dann doch auf einen Stuhl nötigen und schwatzte sich für eine Viertelstunde fest, wobei sie jede zweite Minute ängstlich sagte: „Oh, Kinder, das Licht geht mir weg, ich muß ja hinein an die Arbeit!“
Als sie dann schließlich davonlief, kehrte sie am Haus noch einmal um und rief zurück:
„Aber daß ihr mir alle dableibt, bis ich wiederkomme, ich will heut’ Abend noch eine Stunde Gemütlichkeit haben, ich hab’ so viel gearbeitet heute.“
„In deinem traurigen Beruf, hast du vergessen zu sagen!“ lachte Johannes hinter ihr her.
„Ja, in meinem traurigen Beruf!“ rief sie schon von der Tür her zurück.
„Warum traurigen Beruf?“ fragte Mette verwundert.
„Sie sagt doch immer, sie käme gleich nach Leichenfrau und Sargmagazin,“ erklärte Johannes, „sie macht doch Grabdenkmäler.“
„Das ist wirklich traurig,“ sagte Mette und bemühte sich, ein leises Lächeln festzuhalten, um nicht für übertrieben sentimental zu gelten. Die Worte „Grab“ und „Tod“ trafen sie immer noch wie ein schmerzlicher Stich.
„Man gewöhnt sich daran,“ sagte Nora ernsthaft, „wie man sich an alles gewöhnt. Und das ist gut. Man verroht ein bissel – für uns Überempfindliche ist das ganz gut. Wir fühlen uns sehr wohl zwischen Urnen und trauernden Genien, genau so wie ein Sargfabrikant nicht beim Anblick eines Sarges erschrickt, oder ein Arzt beim Anblick einer Wunde. Und wenn man so viel mit dem Tode zu tun hat, wie Sophie, und durch sie auch ich, dann verliert der Tod alles Grausige, und man sieht schließlich den Humor in tragischen Situationen – fragen Sie nur Sophie, die kann Ihnen Geschichten aus ihrer ‚Praxis‘ erzählen.“ – – –
Nora nahm eine Handarbeit aus einem neben ihr stehenden Körbchen und bat Johannes, das Mädchen zu rufen, damit der Tisch abgeräumt würde.
Johannes bettelte wie ein Kind, es selbst tun zu dürfen, und stellte gewandt und behutsam das Porzellan auf dem Teebrett zusammen. Als er wiederkam, saß er eine ganze Weile schweigend und sah mit verlangenden Augen Noras fleißigen Händen zu.
Schließlich, als könnte er kindische Begierde nicht länger zügeln, streckte er die Hände aus:
„Oh, bitte, bitte, laß mich auch ein paar Stiche machen!“
Nora überließ ihm lächelnd die Arbeit und suchte geduldig aus ihrem Körbchen eine begonnene Häkelei für ihre eigne Beschäftigung.
„Oh, gnädige Frau,“ rief Mette erschrocken, „die wundervolle Stickerei! Haben Sie denn gar keine Angst?“
„Ach nein,“ beruhigte Nora, „Johannes macht ebensogut Handarbeiten, wie ich.“
„Ja, nicht wahr, Nora?“ fragte Johannes mit einem errötenden Stolz. „Ich hätte Kunststicker werden müssen, oder Miniaturmaler. Ich habe für solche Dinge auch eine unerschöpfliche Geduld. Sonst habe ich gar keine Ausdauer.“
Er neigte den Kopf über die Arbeit, daß ihm die weichen blonden Haarwellen ins Gesicht fielen. Die schlanken, fast zu wohlgepflegten Hände bewegten sich mit Anmut und Geschick und setzten sicher Stich neben Stich.
Es war ein verwunderliches Bild. In Mette regte sich unwillkürlich der Gedanke: ‚Gut, daß es nicht mein Sohn ist – ich glaube, dann würd’ ich ihm die Stickerei aus den Händen reißen und um die Ohren schlagen. Aber so – er sieht ja doch immer aus wie ein gemalter Engel oder Heiliger.‘ – – –
Johannes mußte gehen, ehe Sophie zurückkam. Er wartete auf sie, bis es zu spät für ihn wurde, dann nahm er hastig, aber herzlich Abschied, trug den andern viele Grüße für Sophie auf und lief davon.
Ulrich Zeeden sah ihm kopfschüttelnd nach.
„Ein seltsamer kleiner Bursche,“ sagte er.
„Ein seelensgutes Kerlchen,“ fügte Nora mit leisem Widerspruch im Ton hinzu, „wir haben uns hier so an ihn gewöhnt, daß wir ihn kaum entbehren könnten. Er ist wirklich wie ein treuer kleiner Page, immer bereit und gefällig und liebenswürdig – ach, und mehr als das: herzensgut und aufopfernd.“
„Es gehen ja sagenhafte Gerüchte über seine Güte,“ Ulrich Zeeden verzog ein wenig spöttisch die Mundwinkel.
„Es gehen überhaupt viele Gerüchte über ihn um, leider!“ entfuhr es Mette. Sie fühlte, wie ihr die Verlegenheit das Blut brennend in die Wangen trieb, aber sie entschloß sich, das einmal Gesagte nun tapfer zu vertreten. „Es sieht so häßlich aus, so klatschsüchtig, hinter einem Menschen herzureden, der eben gegangen ist ... aber gerade weil er Ihr Freund ist, und weil ich ihn sehr nett finde, wirklich sehr nett, darum ärgere ich mich, wenn die Leute Scheußlichkeiten von ihm erzählen, und ich absolut kein Recht habe, ihnen den Mund zu verbieten, oder sie Lügen zu strafen.“
„Würden Sie das sonst tun?“ fragte Ulrich Zeeden, „das wäre sehr tapfer und anerkennenswert freundschaftlich von Ihnen, aber in den weitaus meisten Fällen verfehlt. Denn was man auch an Scheußlichkeiten erzählt, wird immer noch bei weitem durch die Scheußlichkeiten überboten, die ganz im Geheimen begangen werden, und von denen niemand was ahnt.“
„Ist das wahr?“ wandte sich Mette wie hilfesuchend an Nora.
Nora legte ihr die weiche Hand aufs Haar.
„Ach, Kind,“ tröstete sie, „es ist alles viel zu verwickelt und verworren, als daß man so einfach ja oder nein sagen könnte. Sie brauchen darum nicht so verzweifelte Augen zu machen. Alles gut und böse ist so ineinander verquickt, daß wir es gar nicht auseinander lösen können, um eins gegen das andere abzuwägen.
Ich will Ihnen etwas erzählen – denn ich weiß ganz genau, was Sie mit den ‚Scheußlichkeiten‘ meinen, und Sie auch, Ulrich. Sie meinen die Sache mit Drencker. Man erzählt sich – und Sie wissen, daß es wahr ist, Ulrich, und wenn ich ehrlich sein soll – ich weiß es auch, daß Drencker den Kleinen sozusagen mit Haut und Haaren gekauft hat, daß er ihm eine bezaubernde Wohnung eingerichtet hat, daß er für seinen Unterhalt sorgt – daß er ihn ‚aushält‘, wie man das ja nennt. Und daß Drencker das leider nicht nur tut, um seine Millionen auf gute Art loszuwerden, das wissen wir auch alle. Na, und daß unser gutes Hannchen diesem – milde gesagt, reichlich unangenehmen Herrn nicht anhängt, wie Alkibiades dem Sokrates, um Weisheit von seinen Lippen zu schlürfen, sondern daß er einfach den pekuniären Vorteil wahrnimmt, ist auch klar.
Und trotzdem – wenn man ein bißchen tiefer sieht, dann entdeckt man hinter all diesen Scheußlichkeiten auch etwas Versöhnendes ... der kleine Johannes hat von Kindheit an eine große und unveränderliche Liebe gehabt, eine Schwärmerei mehr, zu einem Schulkameraden, der alles das hatte, was ihm selbst fehlte: das Männliche, Selbstbewußte, etwas Brutale – diese Kinderschwärmerei ist zu einer ganz selbstlosen, ganz anbetenden Freundschaft geworden. Nun kommt hinzu, daß der andere eine starke Begabung besaß, die den Kleinen noch mehr zur Bewunderung zwang. Geld hatten sie beide nicht. Johannes hat sich selbst wohl nie für besonders wertvoll gehalten ... er hat sich verkauft – und mit voller Absicht teuer verkauft – um dem Freund das Studium zu ermöglichen, um ihn in jeder Weise zu unterstützen.“
„Und das hat Willi Krafft zugegeben? Das hat er angenommen?“ sagte Ulrich Zeeden scharf, die Worte dehnend.
Nora hob etwas die Achseln: „Ich habe den Namen nicht genannt.“ Es war eine kaum hörbare Schwingung von Bitterkeit in ihrer sanften Stimme.
„Was hat Willi Krafft zugegeben? Was hat er angenommen?“ tönte plötzlich Sophiens tiefe, klingende Stimme dicht neben ihnen.
„Wir verleumden deinen Freund, Sophus,“ lächelte Nora ihr entgegen, „du kommst im richtigen Augenblick, um ihn zu verteidigen.“
„Verteidigen Sie ihn, wenn Sie können,“ sagte Zeeden in einem strengen, richterlichen Ton, „Willi Krafft hat zugegeben, daß ein junger, unreifer, etwas haltloser Mensch, mit dem er vorgeblich befreundet war, sich den unnatürlichen Lüsten dieses Scheusals in Menschengestalt verkauft hat, und hat sich von dieser Kaufsumme auch bezahlen lassen. Das ist für mich das niedrigste, was ein Mensch überhaupt begehen kann – genau so, wie für mich der Zuhälter noch viel verächtlicher ist, als die Dirne.“
„So!“ Sophie zog sich einen Stuhl zurecht und setzte sich. „Nun hab’ ich Sie ausreden lassen, nun lassen Sie mich ausreden. Erstens können Sie statt ‚Scheusal in Menschengestalt‘ geradeso gut oder besser ‚Mensch in Scheusalsgestalt‘ sagen – das nur en passant – das hat schließlich mit ‚meinem Freunde‘ Willi Krafft nichts zu tun. Aber ich kann auch einiges zu seiner Verteidigung beibringen. Nämlich daß er Talent hat, um nicht zu sagen Genie – und daß das Talent immer und unter allen Umständen das Recht hat, sich durchzusetzen. Weil nur das Werk Wert hat, und nicht das Leben, und am allerwenigsten das moralische Leben des Einzelnen.“
„Das ist Ansichtssache,“ unterbrach Zeeden, „trotzdem – weiter!“
„Vor allen Dingen aber – selbst wenn er talentlos wäre, wenn er keine unsterblichen Werke schaffen könnte – wen schädigt er? Er ist in den Stand gesetzt, zu arbeiten, und zwar, wie ich mir einbilde, und wie er sich einbildet, für die Menschheit zu arbeiten. Er ist glücklich.
Noch glücklicher ist der alte Drencker, der sich am Ziel aller Wünsche sieht, der endlich der Gefahr entronnen ist, Betrügern, Erpressern, ja schließlich Räubern und Mördern in die Arme zu laufen, dem nicht mehr die Angst vor dem Gefängnis das Leben verbittert, der zum erstenmal den Segen seiner Millionen spürt, die ihm ein Leben lang nur Unsegen gebracht haben.
Am glücklichsten aber ist entschieden der kleine Johannes. Er führt das Leben, wozu seine eigentliche Natur ihn treibt. Er ist doch die geborene kleine Kokotte! Wenn Ihr den Jungen in irgendeinen Beruf steckt, wird er totunglücklich! Er hat keine besondere Begabung, keine übermäßige Intelligenz, noch weniger körperliche Kraft und Leistungsfähigkeit. Er kann seine Tage in irgendeinem Bureaudienst hinschleppen und wird durch seinen Hang zum Luxus dahin kommen, daß er womöglich Unterschlagungen begeht.
Jetzt hat er alles, was er sich im Grunde immer ersehnt hat. Er ist begehrt, verwöhnt, angebetet. Er sieht seine Schönheit, die er nebenbei sehr zu schätzen weiß, im richtigen Rahmen. Er bringt halbe Tage damit zu, vor seinem dreiteiligen Toilettespiegel zu sitzen, sich zu bewundern, sich mit Salben und Pudern und Haarwassern zu pflegen.
Das tut er alles Willi Krafft zuliebe? Redet Euch doch so etwas nicht ein. Er täte es ohne Willi Krafft genau so! Nein, nicht genau so! – Denn da entschieden ein besserer Kern in ihm ist, ein Hang zum Idealistischen, so täte er es mit Reue und würde sich selbst zum Ekel. Dadurch aber, daß er einen Teil seiner – für ihn, für seine Natur ziemlich mühelos – gewonnenen Einnahmen für diesen Menschen verwenden darf, den er anbetet, rückt er sich selbst in ein verklärendes Licht. Er tut, was ihm bequem ist, und ist noch obendrein Märtyrer und Heiliger!“
Zeeden bewegte die Hände, als klatsche er unhörbar Beifall.
„Eine schöne Rede, lieber Sophus! ‚Wenn man’s so hört, möcht’s leidlich scheinen.‘ Irgendwo steckt ein Haken, ich weiß noch nicht recht, wo. Vielleicht auch hier wieder in dem mangelnden ‚Christentum‘! Aber ich glaube, Frau Nora fröstelt, es wird Zeit, daß wir ins Haus gehen. Die Abende werden schon recht früh kühl.“
Mette war aufgestanden:
„Ja, es wird wohl auch Zeit, daß ich nach Hause gehe. Ich wollte auf einen Sprung kommen und sitze schon Stunden und Stunden.“
„Ach, Unsinn,“ sagte Sophie, ruhig sitzenbleibend, und sah fast erstaunt zu ihr auf, „das klingt ganz nach einer façon de parler. Warum wollen Sie gehen? Haben Sie etwas Besseres vor? Oder hat man Ihnen einmal beigebracht, daß man eine erste Visite nicht über zwanzig Minuten ausdehnen darf?“
„Ja, das hat man mir beigebracht!“ lachte Mette, „das hat mir Tante Emilie, glaub’ ich, wörtlich so gesagt.“
„Und haben Sie die unselige Absicht, sich in allem nach den Vorschriften dieser Tante Emilie zu richten? Na also, dann fangen Sie auch gefälligst nicht gerade bei uns damit an! Was die Tanten sagen, ist eo ipso verkehrt! Sie bleiben jetzt hier und essen mit uns – die einzige Entschuldigung ist das bekannte ‚Bessere‘.“
„Ich wüßte tatsächlich auf der Welt nichts Besseres.“
„Armes Kleines – na, es kommt noch!“
Sophie stand auf und reckte sich kräftig:
„Ich spüre meine Knochen heute! Komm, Norina, wir machen es uns drinnen hell und gemütlich. Daß Sie dableiben, Uli, ist doch abgemacht.“
Zeeden verbeugte sich schweigend.
Sophie rückte mit einem energischen Griff den Tisch beiseite, um den Weg für Nora frei zu machen.
Mette, mit einer plötzlichen Entschlußkraft, die sie sich selbst nicht erklären konnte, drängte sich neben Nora.
„Darf ich Sie stützen, gnädige Frau?“ Sie meinte, daß man das Schlagen ihres Herzens in ihrer Stimme hören müßte.
„Oh, danke vielmals – es wird Ihnen zu schwer werden,“ sagte Nora mit einer liebenswürdigen Befangenheit.
„Sicher nicht,“ beteuerte Mette, „ich bin sehr kräftig. Und wenn nicht eine ganz besondere Übung dazu gehört ... glauben Sie mir, es würde meinen Ehrgeiz befriedigen, wenn ich es dürfte. Ich würde mir einbilden, daß ich zu irgend etwas auf der Welt nütze wäre.“
„Das ist ein unwiderstehliches Argument,“ sagte Sophie, „Ulrich, wollen Sie dann, bitte, Martha rufen? Oder wollen Sie selbst so gut sein und sich mit dem Stuhl beladen?“
Zeeden hatte den Stuhl schon ergriffen.
„Warum haben Sie eigentlich keinen Rollstuhl?“ fragte er.
„Kommen Sie mir auch noch damit!“ rief Sophie ärgerlich über die Schulter zurück, „weil die Dame gehen soll! Sie kann es ja auch sehr gut – sie hat die gesündesten Beine von der Welt! Sie ist nur zu eitel – sonst könnte sie meilenweite Spaziergänge unternehmen.“
Mette empfand den Druck des Armes auf ihren stützenden Händen nicht als übermäßig schwer. Und das Gefühl, helfen zu können, überwog das Grauen so sehr, daß fast auch das schmerzliche Mitleid erlosch.
In dieser sanften Frau war die Verzweiflung über ihren zerstörten, gehemmten Körper sicher längst gebrochen, und ihr Leben hatte gute und schlimme Stunden, wie jedes andere auch. Vielleicht sogar einige gute mehr und einige schlimme weniger, denn ihre Krankheit hielt sie vor dem stärksten Anprall niedriger Kräfte geschützt; sie verließ kaum je das Haus, in dem sie wie eine Königin behandelt wurde, niemand drängte sich zu ihr, der nicht von freundschaftlichster Gesinnung für sie erfüllt war. – – –
Während sie heiter und behaglich beim Essen um den hellen, hübsch gedeckten Tisch saßen, erinnerte Nora daran, daß Sophie ihr einige Geschichten aus der „Praxis“ zu erzählen schuldig geblieben sei, und bat sie, wenn es angängig wäre, jetzt die kleine Gesellschaft damit zu unterhalten.
„Ach ja, mein Freund, der trauernde Witwer!“ lachte Sophie. „Das ist wirklich eine hübsche und erfreuliche Geschichte! Wissen Sie,“ sie wandte sich direkt an Mette, „ich kann es mir nämlich leider immer noch nicht abgewöhnen – mit ‚meinen Patienten‘ hätt’ ich fast gesagt – mit meinen Kunden mitzufühlen. Ich kann auch nicht arbeiten, wenn ich nicht ein bißchen persönlich daran beteiligt bin, ich rede gern mit den Leuten, und sie reden gern mit mir, manchen ist die Beschäftigung mit diesen letzten Dingen, dem Letzten, was man einem Geliebten schenken kann, wirklich eine Erleichterung in ihrem Schmerz ... ja, also, und was ich nun eigentlich erzählen wollte ... mein Freund, der Witwer!
Vor ... ich weiß nicht mehr genau, wie lange es her ist, kam ein noch junger Mann zu mir, dem die Frau gestorben war. Der Mann tat mir so leid, weil ich fühlte, wie er direkt vor Schmerz zerbrochen war. Wirklich, ich dachte so viel an ihn – wenn ich mich zu Tisch setzte, fiel er mir ein, und mir quoll direkt der Bissen im Halse, daß ich nicht schlucken konnte. Gelt, poverina, du hast was auszustehen gehabt mit mir! Er kam sehr oft, ich legte ihm Zeichnungen vor, wir saßen stundenlang zusammen und entwarfen und änderten, er zeichnete selbst so ein bißchen, ich glaube, er hätte am liebsten eine Zelle um das Grabmal gebaut, wo er hätte hausen können, Tag und Nacht die Aschenurne im Arm.
Na, das dauerte natürlich eine Weile, erst mußte der Stein besorgt werden, das Modell fertig gemacht und so weiter. Jedesmal, wenn er kam, war er ein bißchen flüchtiger und uninteressierter und war so halb und halb geneigt, hier und da eine Verbilligung zu beantragen ... heut’ war er wieder da, sehr eilig: ‚Sie werden das schon machen, nur daß es nicht zu teuer kommt!‘ Ich sah ihm nach heut’, zufällig, auf der andern Seite wartete eine junge Dame auf ihn. Er ging so forsch und aufrecht – als er das erstemal bei mir war, ging er wie ein Schwerkranker.“
„Erzähl’ auch einmal von deiner Witwe,“ sagte Nora, während sie das Mundtuch zusammenfaltete und in den Ring schob.
„Ach ja, das war auch sehr nett. Eine Witwe bestellte bei mir ein sehr schönes Grabmonument, in einem Stein zwei Urnen, die mit Ketten zusammengehalten werden sollten. Aber eh’ das Ding noch fertig war, kam sie ganz verzweifelt zu mir, ob ich es nicht noch ändern könnte: sie hatte sich wieder verlobt, und wo sollte der arme dritte nun hin, wenn sie mit Ketten an den ersten geschmiedet wäre? Ich wollte ihr vorschlagen, sie sollte die beiden Männer in den zusammengeschmiedeten Urnen ruhen lassen, und ich wollte ihr eine dritte für sie selbst krönend obenauf setzen.“
„Das ist doch aber furchtbar,“ sagte Mette zwischen Lachen und Verzweiflung.
„Was ist furchtbar?“ fragte Sophie mit etwas spöttischer Ruhe, „daß der Schmerz nicht ewig dauert? Das alte: tout passe, tout casse, tout lasse? Es wäre viel furchtbarer, wenn es nicht so wäre! Als Kind habe ich jedesmal geweint, wenn ich einen Leichenwagen gesehen habe – und zwar nicht aus Angst, daß ich auch mal sterben würde, sondern aus Mitleid mit den Leuten, die ihre Angehörigen begraben mußten. Jetzt sehe ich mir das schon mit bedeutend mehr Ruhe an. Ich habe zu viel Verzweiflung gesehen, die in ein paar Monaten ausgebrannt war! Man muß sich nur intensiv beschäftigen mit Dingen, vor denen man ein Grauen hat – schließlich wird einem der Tod vertraut wie einem Lokomotivführer seine Maschine, vor der sich ein Fremder auch fürchten kann.“
„Ja,“ sagte Mette eifrig und wurde rot, weil sie daran dachte, wie rasch sie das Grauen vor Noras Hilflosigkeit überwunden hatte, „das meiste sieht sich aus der Ferne viel schlimmer an als aus der Nähe.“
„Die meisten schlimmen Dinge im Leben sind wie Nachtgespenster,“ lächelte Sophie mit ernsten, klaren Augen, „es ist etwas unfaßbar Grauenvolles, und wenn wir darauf losgehen und es packen, ist es ein Handtuch im Winde.“
„Nicht nur das,“ meinte Zeeden nachdenklich, „es gibt auch Dinge, die nicht Spuk und Einbildung sind und sich doch von weitem schlimmer ansehen als aus nächster Nähe. Einfach weil der, der mitten darinsteckt, sie gar nicht in ihren ganzen Dimensionen überblicken kann. Wer in der Ferne steht, sieht nur einen Berg des Elends. Wer diesen Berg zu erklimmen hat, sieht weder die Höhe über sich, noch die Tiefe unter sich: er beobachtet vielmehr das, was der andere nicht bemerken kann: die kleinen Steine, die ihn verwunden, und die kleinen Blumen, die am Wegrand blühen.“
„Ja,“ lachte Sophie, „und nun paßt wieder unser beliebtes Wort hierher: tale è vita. Im Ernst, man denkt viel zu wenig daran, daß das Leben aus Minuten besteht und nicht aus Jahren. Wenn wir zurücksehen, gleitet es immer mehr ineinander, wie helle und dunkle Streifen aus der Ferne zu einer Farbe verschmelzen. Es gibt keine ganz glücklichen Jahre, wie es keine ganz unglücklichen gibt.“
„Es gibt Jahre,“ sagte Nora leise und stockend, wie gegen ihren eigenen Willen, „die so voller Verzweiflung sind, daß sie kaum durch eine lichte Minute aufgehellt werden.“
„In der Erinnerung,“ sagte Sophie mit einer eigenen, sehr festen Güte, und dann, wie um schnell auf ein anderes Thema zu kommen: „Wissen Sie, daß ich auch für meine eigne Urne schon Entwürfe gemacht habe? So wie ich Zeit habe, will ich sie einmal ausführen!“
Mette schien darin eine leichte Grausamkeit gegen Noras Hilflosigkeit zu liegen.
„Und was sagt Ihre Freundin, wenn Sie sich mit solchen Gedanken beschäftigen?“ sagte sie, wie um Nora zu schützen.
„Oh, wir machen das zusammen,“ lachte Sophie, „Norina hat sich ihre Urne auch schon bei mir bestellt!“
„Finden Sie das so schlimm?“ lächelte Nora, „warum soll man nicht sich selbst sein Bett machen, eh’ man sich schlafen legt? Sie müssen einmal die Zeichnungen durchsehen, die Sophie schon für uns gemacht hat!“
„Ja, nun haben wir uns fürs erste entschieden!“ sagte Sophie. „Zwei ganz gleiche Urnen in schönen und glatten Formen, und neben Noras zwei Putten, die die Urne mit dicken Rosengirlanden bekränzen. Aber keine geflügelte Genien, sondern richtige, feststehende Kinderkörperchen. Und aus der andern Urne quillt eine Fülle von Rosen, ein kleiner Putto steht daneben, fängt sie mit den Armen auf und drückt sie an sich. Sie sehen sehr lustig aus, wie hübsche heitere Schmuckvasen in einem stillen Garten.“
„Es liegt eine sehr schöne Idee darin,“ sagte Mette nachdenklich.
„Die Idee stammt von Nora,“ wehrte Sophie ab. „Ich möchte mir in keiner Richtung etwas anmaßen.“ – – –
Als sie nach dem Essen bei einer Tasse Tee und einer Zigarette beisammensaßen, erschien plötzlich Gisela. Mette konnte sich nicht ganz klar darüber werden, was sie bei ihrem Anblick empfand. Sie freute sich, daß sie kam, und zugleich war es ihr störend, durch irgend etwas, selbst durch eine Freude, aus der behaglichen Ruhe gerissen zu werden. Und Gisela riß unweigerlich jeden Menschen aus seiner behaglichen Ruhe.
Mette versuchte an diesem Abend zum erstenmal, sich Rechenschaft darüber zu geben, woher die Unruhe stammte, die Gisela Werkenthin, allen fühlbar, um sich verbreitete. Sie war nicht laut, nicht einmal sonderlich gesprächig, sie konnte reglos auf einem Fleck sitzen und vor sich hinstarren, und trotzdem schien es, als ob die Luft um sie zittere.
Mette fühlte dies Vibrieren in allen Nerven und fühlte das friedevolle Gefühl immer mehr aufgesogen werden von einer brennenden, prickelnden Unrast.
Es kam ihr vor, als ob Noras Gesicht die sanfte lächelnde Ergebung nur wie eine Maske trüge, hinter der grauenvollste Verzweiflung gärte.
Es kam ihr vor, als ob Sophie vergebens mit der Kraft und Ruhe der Karyatiden sich gegen eine untragbare Last stemmte.
Es kam ihr vor, als ob Ulrich Zeeden hinter seinem gemessenen Wesen unaufhörlichen, qualvollen Kampf verbarg.
Es schien ihr, als ob Gisela so zerfressen von Schmerz und Leid sei wie ein Haus, in dem die Flammen wüten, und von dem nur noch die geschwärzten Mauern stehen, um jeden Augenblick zu völliger Vernichtung zusammenzustürzen.
Und es war ihr, als ob sie, Mette, von all diesen Unglücklichen die Unglücklichste sei, da Olga tot war und sie allein gelassen hatte in der Welt, in einer Welt, die erfüllt war von fremden, bedrohlichen, schmerzbringenden und angsterregenden Dingen.
Sie hatte es plötzlich eilig, nach Hause zu kommen, schon weil sie zu bemerken glaubte, daß ihre Wirte nur aus Liebenswürdigkeit und mit Anstrengung gegen Müdigkeit ankämpften.
Zeeden und Gisela gingen mit, und sie wanderten eine Zeitlang schweigend durch die stillen Straßen.
Zeeden unterbrach eine lange Stille, indem er sich an Metten, und nur an Metten mit der Frage wandte:
„Ich darf Sie nach Haus bringen, gnädiges Fräulein?“
„Danke vielmals,“ sagte Mette, „nur, wenn es Ihre Gegend ist – ich fürchte mich nicht vorm Alleingehen.“
Gisela beugte sich ein wenig vor, um an Mette vorüber zu sprechen.
„Machen Sie sich keine Unbequemlichkeiten, Herr Zeeden. Und es wäre doch sehr unbequem für Sie, wenn Sie jetzt in die Stadt hinein müßten und nachher wieder nach Ihrer Wohnung zurück. Ich bringe Fräulein Rudloff nach Hause – wir haben ohnehin denselben Weg.“
Mette schwankte einen Moment, ob sie nicht irgendwie gegen die Verfügung protestieren sollte. Es war ihr unangenehm, daß Zeeden nun vielleicht annehmen konnte, sie hätte seine Begleitung abgelehnt, um mit Gisela allein zu sein. Aber ihn jetzt zum Mitgehen aufzufordern, war wieder für Gisela eine Beleidigung. Sie schwieg und berief sich mit einem stillen Trotz darauf, daß ihr ja die Meinung der Leute gleichgültig sein könnte und sollte.
Zeeden verabschiedete sich an der nächsten Ecke, noch ein wenig steifer und förmlicher als sonst.
„Mögen Sie ihn?“ fragte Gisela Metten, als er kaum außer Hörweite war.
„Ich kenne ihn ja kaum.“ Mette hob zögernd die Achseln.
„Er mag Sie sicher.“
„Warum denn?“ Mette lachte ein wenig durch die Zähne.
„Warum? Er mag alle Frauen, die ich mag. Darum kann er mich auch nicht leiden,“ fuhr sie rasch, fast hastig fort, „das heißt, er liebt alle die Frauen unglücklich ... und kommt niemals los von einer furchtbaren Geliebten.“
„Wie kann man von einem furchtbaren Menschen nicht loskommen,“ sagte Mette grübelnd, „wenn man überhaupt die Möglichkeit in sich spürt, andere zu lieben?!“
„Weiß ich?“ Gisela hob gleichmütig die eine Schulter, „man erzählt ja, daß sie ihn jeden Abend blutig peitscht und daß er ohne das nicht leben kann! Aber vielleicht hat er auch irgendeine andere Verrücktheit, in der nur sie ihn versteht. Was bindet denn Menschen überhaupt aneinander? Daß der eine den versteckten Wahnsinn des andern erkannt hat und ihn füttert und hervorlockt und ihn liebkost und ihn großzieht – bis er sich gegen seinen früheren Herrn hetzen läßt wie ein tückischer Hund.“
„Und das ist der Kernpunkt aller menschlichen Beziehungen?“ sagte Mette traurig und empört. „Mit was für Augen sehen Sie nur die Welt an?“
„Mit ungetrübten!“ lachte Gisela bitter.
„Und Sophie Degebrodt?“ wandte Mette ein, „und Frau von Hersfeld?“
„Sophies Wahnsinn heißt Nora. Und sie ist der glücklichste Mensch, den ich kenne, weil sie sich ganz auf diesen Wahnsinn konzentrieren kann. Und Nora? Was in der vorgeht, weiß kein Mensch. Ich weiß auch nicht, ob sie glücklich ist.“
„Ich weiß nicht, ob sie glücklich sein kann,“ sagte Mette bedrückt, „es muß furchtbar sein, wenn man gezwungen ist, immer zu nehmen, ohne zu geben.“
„Sie weiß, daß sie viel gibt,“ widersprach Gisela, „Sophien alles! Sophie ist doch erst ein Mensch geworden, an dem Tag, an dem Nora zu ihr kam. Sie war faul und verbummelt und verschlampt und lebte von Zigaretten und Alkohol und Kokain. Wir haben uns alle um sie bemüht, wir haben versucht, sie aufzurütteln – es hat alles nichts genützt.“
„Und Nora,“ fragte Mette, mit stockendem Atem, „war sie damals schon krank?“
„Als sie kam? Ja, natürlich – sie hatte, glaub’ ich, einen Selbstmordversuch gemacht. Sie war mit einem Syphilitiker verheiratet und hatte ein blödsinniges Kind, oder so ähnlich.“
‚Welt,‘ dachte Mette, ‚wo soll ich mich hinflüchten vor dir! Ich möchte tot sein – ich möchte in einer von Sophiens schönen, steinernen, rosenbekränzten Urnen schlafen! Wie soll ich fertig werden, ganz allein fertig werden, mit all dem Furchtbaren, was menschliches Schicksal heißt!‘
Sie gingen eine ganze Weile schweigend, jeder versponnen in seine eigenen Gedanken.
„Wissen Sie, Mette Rudloff, daß ich auch einen Wahnsinn habe?“ fragte Giselas Stimme plötzlich, und sie war weicher und klingender als sonst.
Mette erschrak. Sie fürchtete sich davor, Beichten entgegenzunehmen. Sie dachte: ‚O Gott, jetzt kommt das mit dem Morphium. Was soll ich nur darauf sagen? Ich kann ihr doch auch nicht helfen!‘
Gisela erwartete keine Antwort. „Ich habe den Wahnsinn,“ fuhr sie fort, in einem leisen, schwebenden Ton, ohne Mette anzusehen, ohne auch nur den Kopf nach ihr zu wenden, „ich habe den Wahnsinn, schöne, reine königliche Frauen zu lieben – immer nur solche, die weit über mir stehen, immer nur solche, die zu schade für mich sind ... nach meinem eigenen Urteil zu schade für mich ... Frauen wie Sie, Mette Rudloff!“
Sie waren vor dem Haus angelangt und blieben stehen. Mette zerquälte sich immer noch um eine Antwort. Sie fand keine. Sie streckte Gisela die Hand hin, ein wenig scheu, und sagte herzlich:
„Ich danke Ihnen.“
Gisela hob mit einem schmerzlich-spöttischen Lächeln den einen Mundwinkel:
„Wofür?“
„Daß Sie mich nach Haus gebracht haben ... und für alles ... auch für das, was Sie eben gesagt haben.“
Mettes Herz schlug zum Zerspringen, aber eigentlich nur in einer Art von Verlegenheit. Sie hätte die Worte gern zurückgenommen. Es wäre vielleicht taktvoller gewesen, wenn sie so getan hätte, als hätte sie nichts gehört oder nichts verstanden.
Gisela wandte den Kopf ein wenig nach der Seite, mit einer unbeherrschten und fast ungeduldigen Bewegung. Der Schein einer Straßenlaterne fiel auf ihr Gesicht, das elend und traurig und fast verfallen aussah.
‚Vielleicht würde es ihr Freude machen, wenn ich sie küßte,‘ dachte Mette, ‚es ist traurig genug, aber ich tue niemandem weh damit.‘
Sie beugte sich ein wenig, mit einem kleinen, verlegenen Lächeln, und legte ihren Mund auf Giselas Lippen.
Sie fühlte diese Lippen unter ihrem Mund aufzucken und aufblühen, scharfe Zähne drängten sich knirschend gegen die ihren, preßten sich in ihre Lippen.
Eine schmale Hand klammerte sich um ihr Genick, wühlte sich in ihr Haar, gab sie nicht wieder frei.
Als Mette sich aufrichtete, war ihr ein wenig taumelig.
‚Ich liebe sie nicht,‘ dachte sie traurig, ‚vielleicht liebt sie mich, und ich liebe sie nicht.‘
„Gute Nacht,“ sagte sie und legte einen Augenblick die Hand zärtlich und behutsam gegen Giselas Wange. Ihr war, als spräche sie zu einem Kinde:
„Schlafen Sie recht, recht wohl!“
Mette wollte sich auf ihren Diwan legen.
Sie hatte trotz der frühen Nachmittagsstunde die Lampe angedreht und die Vorhänge fest zugezogen, um nicht zu sehen, wie der unermüdliche Herbstregen an den grauen Hofwänden entlang troff und rieselte.
Sie hatte Kissen und Decken auf den Diwan gehäuft, einen Stuhl in erreichbare Nähe gerückt, auf dem sie einen ganzen Stoß Bücher aufschichtete – der Nachmittag war lang, und sie würde keine Lust haben, aufzustehen ... sie würde auch keine Lust haben, stunden- und stundenlang sich in ein Buch zu vertiefen. Sie trug ein halb Dutzend Bücher zusammen, mit dem genießenden Vorgeschmack, mit dem ein Feinschmecker sich ein erlesenes Mahl zusammenstellt:
Novellen von Herman Bang, Gedichte von Rainer Maria Rilke, einen Band Dickens – ja, nach Dickens war ihr ganz besonders zumute – dann wollte sie ein klein wenig Spanisch treiben, in dem bilderreichen Werk über das Rokoko blättern, ein paar Briefe des Clemens Brentano an Sophie Mereau lesen. Nein, nicht den Dostojewski, der einen so ganz gefangen nahm, daß man tage- und wochenlang nicht von ihm loskam – und auch nicht die „Antikrists mirakler“ – da mußte sie zu oft nach dem Wörterbuch greifen, um einen Genuß zu haben.
Auf den kleinen, glasbedeckten Tisch am Kopfende stellte sie Zigaretten, Schokolade und eine Vase mit ein paar blaßrosa, süßduftenden Nelken, die sie sich heute in der Stadt gekauft hatte.
Als sie sich eben hingelegt hatte, eine leichte Decke über die Füße gezogen und nach dem obersten Buch griff, klopfte es an die Tür.
Einen Augenblick dachte sie ärgerlich: ‚Warum habe ich nicht abgeschlossen, dann würd’ ich mich jetzt nicht rühren – da könnte, wer wollte, an der Tür rütteln.‘
Aber als auf ihr „Herein“ Gisela die Tür öffnete, freute sie sich doch.
„Oh, wie hübsch haben Sie es hier!“ rief Gisela, ehe sie noch guten Tag sagte. „Nein, ich bitte Sie um Gottes willen, springen Sie nicht auf, sonst lauf ich gleich wieder hinaus. Sie haben sich’s da so nett bequem gemacht, nun dürfen Sie sich bitte nicht von mir aus Ihrer Ruhe aufjagen lassen. Ich wollte zu der kleinen Luigi, aber sie ist nicht da, und da wollt’ ich mir eigentlich nur mal Ihr Zimmer anschauen. Jessas, ist das aufg’räumt bei Ihnen – so sieht meine Bude nicht an hohen Feiertagen aus!“
„Wenn Sie wollen, daß ich nicht aufstehe,“ sagte Mette lächelnd – sie saß auf einen Ellbogen gestützt, einen Fuß angezogen, die zurückgeschlagene Decke in der Hand, immer noch im Begriff aufzuspringen – „dann müssen Sie schon hierher kommen – sonst muß ich Licht anmachen und Sie feierlich in einen Sessel nötigen.“
„Nein, nein, ich komm’ schon,“ Gisela lief nach dem Diwan, drückte Mette auf das Kissen zurück und zog ihr die Decke bis unters Kinn.
„So, meine Schöne, wollten Sie schlafen? Soll ich Sie in den Schlaf singen und mich dann auf den Zehenspitzen hinausschleichen? Schlaf, Kindchen, schlaf!“ Sie stützte sich mit einem Knie auf den Diwan, faßte Mette an beiden Schultern und wiegte sie leise hin und her.
Mette empfand ein leises und nicht unangenehmes Schwindelgefühl. Sie griff nach den beiden Händen, die auf ihren Schultern lagen, und hielt sie fest.
„Lassen Sie das,“ sagte sie mit geschlossenen Augen, „mir wird schwindlig.“
Sie fühlte, daß die schaukelnde Bewegung aufhörte, aber zugleich fühlte sie einen leichten Atem über ihre Stirn streifen und einen weichen Mund sehr leise, sehr zärtlich über ihre Schläfen, ihre Wangen, ihre Augenlider gleiten.
Es war wohltuend, aber sie wehrte sich gegen das Angenehme dieser Empfindung.
‚Ich liebe sie nicht,‘ dachte sie trotzig, ‚ich habe mich nie nach ihrem Mund gesehnt – so kann einem Tier zumute sein, wenn es gestreichelt wird.‘
Der weiche Mund ließ ab von ihrem Gesicht, und Gisela kauerte sich auf dem Diwan nieder.
Ohne jeden Übergang deutete sie auf die Blumen und fragte:
„Von wem haben Sie die schönen Nelken?“
Mette drehte ein wenig den Kopf, um der Bewegung mit den Augen zu folgen.
„Von mir,“ lächelte sie.
„Was heißt das?“
„Was das heißt? Ich habe sie mir heute morgen selbst gekauft!“
„Seltsam!“ Gisela schüttelte den Kopf. „Erwarten Sie Besuch?“
„Nein, warum denn?“
„Weil das für mich der einzig mögliche Grund wäre, um mir Blumen zu kaufen und aufs Zimmer zu stellen!“
„Ich habe sie mir gerade gekauft, weil ich dachte, allein zu sein.“
„Es ist sehr lieb von Ihnen, daß Sie nicht sagen: weil ich hoffte ...“
Mette lächelte: „Also, weil ich fürchtete, allein zu sein!“
„Das ist eine höfliche Lüge,“ sagte Gisela, „aber trotzdem – ich bin schon dankbar, daß ich Ihnen eine Lüge wert bin. Denn ich glaube, Sie lügen selten.“
„Ich weiß nicht.“ Mette dachte ernstlich darüber nach. „Ich glaube, ich habe als Kind ziemlich viel gelogen. Überhaupt, solange ich noch in ‚erzieherischen Händen‘ war. Aber es war ein unfrohes und phantasieloses Lügen – ich habe mir niemals mit Begabung interessante Geschichten ausgedacht –, es war wohl mehr ein Leugnen, ein sehr standhaftes und hartnäckiges.“
„Lügen und leugnen – das ist ein himmelweiter Unterschied. Da haben Sie ganz recht. Aber wenn ein Kind leugnet, heißt es immer ‚es lügt‘ und ‚es ist verlogen‘. Und dabei ist es vielleicht nur schamvoll und hartschädelig und verbohrt. Ich bin so entsetzlich falsch behandelt worden als Kind – warum haben Sie keine Kinder? – Sie wären sicher eine gute, verständnisvolle Mutter.“
„Ich habe noch nicht darüber nachgedacht.“ Mette hob die Achseln. „Ich habe mir immer eingebildet, jede Mutter wäre gut und verständnisvoll – aber das mag wohl daran liegen, weil ich meine nie gekannt habe.“
Gisela lachte bitter auf: „Ich wollte, ich hätte meine auch nie gekannt!“
Mette griff fast erschrocken nach Giselas Hand:
„Das klingt furchtbar, wenn Sie so etwas sagen! War sie so schlimm?“
„Schlimm? Oh, gar nicht schlimm!“ In ihrer Stimme tanzte eine erzwungene Leichtigkeit, „sie war eine brave, tüchtige, vortreffliche Frau. Aber meinem Vater war sie auch zu brav und vortrefflich. Er hat sie verlassen und hat sich zwei Jahre später aufgehängt. Und da ich ihm ähnlich war – schließlich konnte ich nichts dafür, meine Mutter hatte ihn sich ja zum Gatten ausgesucht und nicht ich ihn mir zum Vater –, aber weil ich so ganz in die väterliche Familie hineingeschlagen bin, sah mich meine Mutter schon von vornherein als erblich belastet an. Wissen Sie, es gibt Menschen – und zu denen gehörte meine Mutter – die sind so sittlich, daß sie überall Unsittlichkeiten wittern. Wir mußten mit den Händen auf der Bettdecke schlafen, und wenn wir es einmal im Schlaf vergaßen, und meine Mutter kam, um zu kontrollieren, dann riß sie uns die Decken weg. Ich schwöre Ihnen, ich wußte nicht einmal, warum sie das tat.“
Mette wußte es auch nicht, aber sie fragte auch nicht, weil sie sich schämte, ihre Unwissenheit einzugestehen und mehr noch, weil sie ahnte, daß eine Erklärung ihr peinlich sein würde.
„Das war der Anfang.“ Gisela sprang auf und begann, ruhelos mit unhörbaren Schritten auf dem dicken Teppich hin und her zu gehen. „Und dann ging es weiter. Mit vierzehn hatt’ ich meine ersten heimlichen Rendezvous. Mit einem Tanzstundenjüngling, einem kleinen Gymnasiasten, der womöglich noch harmloser und idealer war als ich. Wie diese Untat ans Licht kam, wurde ich einem furchtbaren Verhör unterworfen: Ob wir uns geküßt hätten, ob wir uns umarmt hätten, und wann und wo und wie ... ich bin dadurch erst auf den Gedanken dieser Möglichkeiten gekommen ...
Genau so wie in der Schule: dicht neben der Schule war ein Papierladen, wo wir immer unsere Hefte kauften. Der Mann hatte Ansichtskarten im Schaufenster, und dabei ein nacktes Frauenbild – die Reproduktion irgendeines Kunstwerkes. Aus dieser Postkarte wurde ein fürchterlicher cas gemacht. Es wurde herausgepreßt, wer von den Mädels vor diesem Schaufenster stehengeblieben war; Eltern und Lehrer gingen gemeinsam vor und zwangen den Mann, alle anstößigen Bilder aus seinem Laden zu entfernen. Widrigenfalls uns anbefohlen wurde, ihn zu boykottieren. Was war die Folge? Es wurde geradezu Sport bei uns, uns irgendwelche Aktbilder zu verschaffen – in der Religionsstunde zirkulierten sie dann unter den Tischen, mit Unterschriften und Bemerkungen versehen – es war wie ein ansteckendes Fieber in der ganzen Klasse, aber den Bazillus hatte man mühsam hineingetragen.
Vielleicht war in einigen unter uns, vielleicht in vielen, eine mühsam zurückgedämmte, unreife Sinnlichkeit – aber Kinder sind lange nicht so schamlos wie Erwachsene und fürchten sich viel mehr, zurückgewiesen zu werden – durch das allgemeine Gespräch über das ‚unsittliche‘ Bild wurden alle Hemmungen übersprungen ... es sprach natürlich jetzt jeder mit jedem von ‚so etwas‘.
Ich habe mich gewehrt, kann ich Ihnen sagen, ich wollte nichts damit zu tun haben – vielleicht hab’ ich mich aus Angst gewehrt, weil ich fühlte, daß mir Schicksal werden könnte, was den andern nur Spielerei war ... wissen Sie, wie Kinder in solchen Fällen sind? Oh, so grausam, so wollüstig, so sadistisch ... weil ich mich wehrte, wurde ich verfolgt ... die ganze Klasse war gegen mich verschworen; ich mußte sehen, was ich nicht sehen wollte, ich mußte hören, was ich nicht hören wollte, ich mußte tun, was ich nicht tun wollte – ich wurde in einen Kessel hineingetrieben, aus dem ich nicht wieder herausfand.“
Sie faltete die Hände und riß die Finger wieder auseinander, daß die dünnen Gelenke knackten, als wollten sie zerbrechen.
„Nein, wie kann man sich nur selber Blumen kaufen,“ sagte sie plötzlich, vor den Nelken stehenbleibend, „warum tun Sie das? Haben Sie an irgendeinen Menschen gedacht, dem Sie sie bringen wollten? Und haben es dann vielleicht nur nicht getan, weil – ja, vielleicht, weil Sie gerade verstimmt miteinander sind.“
„Ich habe keinen Menschen auf der Welt, dem ich Blumen bringen könnte,“ sagte Mette bitter, „höchstens ein Grab, und das kann ich nicht erreichen.“
Sie wußte selbst nicht, wie sie dazu kam, das auszusprechen. Sie wurde glühend rot bei dem Gedanken, daß sie in den Fehler der Vertraulichkeit verfallen könnte – einen Fehler, den sie andern mit einer gewissen überlegenen Nachsicht verzieh, den sie an sich selbst so haßte, daß sie wochenlang keine Ruhe fand, wenn sie sich einmal darauf ertappte.
Vielleicht aber war es nicht einmal das Bedürfnis, sich anzuvertrauen. Vielleicht war es schlimmeres als das. Vielleicht war es irgendwo – noch ganz im Unbewußten – der Wunsch, sich mit diesem heiligen, vernichtenden Schmerz zu drapieren, sich einen neuen, mystischen Reiz zu geben in den Augen dieser ... dieser ...
In diesem Augenblick haßte Mette Gisela Werkenthin.
Es war, als ob Gisela diese Regung fühlte. Sie hatte eine Bewegung begonnen, als wolle sie auf Mette losstürzen, sie mit tröstender, mitleidiger Zärtlichkeit überschütten – und unterbrach sich, um mit gesenktem Kopf und ineinandergeschlungenen Händen sich auf das Fußende des Diwans zu kauern.
„Versprechen Sie mir eines,“ sagte sie leise und wie mit einer niemals aufzuhellenden Freudlosigkeit in der Stimme, „wenn ich einmal tot bin, legen Sie mir Blumen aufs Grab. Nicht zum Begräbnis und nicht einen großen bestellten Kranz.
Ich denke es mir so schön, wenn ich Besuch bekomme, wenn ich schon lange da liege und schlafe – ich liebe Friedhöfe so ... am meisten, wenn sie ein bißchen verwildert sind, ich möchte kein wohlgepflegtes Prunkgrab – einen grauen Stein, schon halb eingesunken und halb mit Efeu überwuchert ... und dann eine schöne Frau im weißen Kleid, die davor steht – nur eine Minute an mich denkt – nicht mit Schmerz, nur mit einer milden Wehmut, und eine Handvoll Blumen über mich streut – ich werde es fühlen, oh, ganz gewiß, ich werde es fühlen.“
Mette richtete sich auf und faßte sie rüttelnd an beiden Schultern.
„Kind!“ sagte sie, „und darum ersuchen Sie mich? Ich werde meine Enkelin beauftragen! Wenn der Stein auf Ihrem Grabe eingesunken ist, flattert meine Asche längst im Winde.“
„Wie lange dauert es, bis ein Stein einsinkt?“ fragte Gisela in einem so komisch-ungeduldigen Klageton, daß Mette auflachte.
„Noch sind Sie ja nicht tot und begraben,“ sagte sie tröstend.
Da sprühten ihr die dunklen Augen wie mit einem plötzlichen Aufflackern entgegen:
„Leider!“ sagte die tonlose Stimme, fast zischend vor Bitterkeit.
Wieder war in Mette eine leise Abwehr.
‚Sie hat sicher kein Recht, so zu sprechen,‘ dachte sie, ‚sie hat sicher nicht so Schweres erlitten ... aber schließlich, wer will abmessen, was einem das Recht auf Verzweiflung gibt, und vielleicht macht es noch viel, viel müder, gegen sich selbst zu kämpfen, als gegen das Schicksal.‘
Da wich die Abwehr, und es war nur ein heißes, hilfloses Mitleid in ihr.
Sie fing an, mit zaghaften Händen das weiche, wirre, dunkle Haar aus der weißen Stirn vor ihr zu streichen. Die brennenden Augen schlossen sich, und auf das schmale Gesicht trat der Ausdruck einer stillen, sehnsüchtigen Seligkeit.
Da Gisela reglos stillhielt und kein Atemzug, kein Pulsen der Adern zu spüren war, überkam Metten ein unheimliches Gefühl.
„Machen Sie die Augen auf,“ bat sie ängstlich, „es macht, glaub’ ich, dies verwünschte violette Licht – Sie sehen aus wie eine marmorne Totenmaske.“
Die breiten Lider hoben sich schwerfällig. In den weit offenen Augen war eine schachttiefe, lichtlose Leere, in die erst allmählich Blick und Leben wiederkehrte.
„Glauben Sie mir, kleine Mette,“ sagte sie mit ihrer leisen, kranken Kinderstimme, „ich werde sehr bald tot sein.“
„Was denken Sie sich unter ‚tot sein‘,“ fragte Mette zaghaft.
„Eine tiefe, kühle, unzerstörbare Ruhe.“ Sie schloß die Augen, und sofort glich ihr Gesicht wieder einer marmornen Maske.
„Ewige Ruhe – das war schon in meiner Kindheit wie eine Melodie, wie ein süßes, geheimnisvolles, verlockendes Lied – als ich ganz klein war und mir gar nichts dabei denken konnte, hab’ ich es gehört – es war ein typischer Ausdruck meiner Mutter: der oder der ist zur ewigen Ruhe eingegangen. Und es hat mich nicht mehr verlassen, ich hab’ es mir immer gewünscht: zur ewigen Ruhe einzugehen.“
Ihre hohe Stimme hatte einen verschwebenden körperlosen Ton.
Unter den langen dunklen Wimpern, die wie Schatten auf den schmalen Wangen lagen, begann es zu blinken, zu glitzern, ein paar Tropfen lösten sich und perlten herunter.
Mette hatte immer noch die beiden Hände um die blaugeäderten Schläfen geschlossen.
„Nein,“ sagte sie, und ohne selbst zu wissen, was sie mit diesem ‚nein‘ meinte, „nein, nein, nein!“
Die Lider hoben sich wie ein Vorhang, und die Augen, ganz erfüllt mit Tränen, in denen das Licht sich brach, schienen noch größer, noch brennender als sonst.
„Nein,“ sagte Gisela, „nein, nein, nein! Noch keine ewige Ruhe, kleine Mette, kleine süße schöne Mette! Aus deinen Fingerspitzen strömt Leben, auf deinen Lippen blüht Leben, aus deinen Augen strahlt Leben. Mir ist, als ob ich schon tot wäre, und du rührtest mich an und sagtest: steh auf und wandle! Oh, wie schwer muß es sein, aus einem schmalen, kühlen Sarge wieder aufzustehen, weil es einem Wundertäter so gefällt!
Ich bin gestorben, kleine Mette, an einer tödlichen Krankheit gestorben, die Fiametta heißt. Wenn du Tote beschwören willst, kleine Zauberin, dann mußt du sie mit deinem Blute nähren, das weißt du doch. Wenn ich leben soll, dann muß ich von deinem Leben trinken.“
Die schmalen Hände krallten sich wie Raubtierpranken in Mettes Schultern und preßten sie zurück auf die Kissen – auf dem ihren ausgestreckt lag der leichte sehnige Körper, dicht über dem ihren schwebte das weiße Gesicht mit den brennenden Augen.
Angst, Grauen, Widerwillen, Mitleid, Zärtlichkeit und das betörende Brausen des eignen und des fremden Blutes stürzten zusammen zu einem tosenden Wirbel, der jeden Gedanken in einem buntschäumenden Abgrund verschlang.
Deine arme silberne Seele
atmet so schwer in Blut ...
Mette saß in Sophiens Werkstatt auf einem Marmorblock und spielte mit kleinen Klumpen feuchten Tons, die sie zu allerhand wunderlichen Gebilden formte.
Sophie sah manchmal mit einem raschen Blick von der Arbeit auf und auf Mettes spielende Finger.
„Du hast Talent,“ sagte sie mit gutmütigem Spott, „was machst du da eigentlich? Es sieht aus wie Wasserspeier von einem gotischen Dom! Oder sind es Seepferdchen?“
„Ich weiß nicht,“ sagte Mette, ohne aufzusehen, „vielleicht ein Symbol meines Lebens. Mir schwebt irgend etwas vor, aber ich sehe es nicht klar. Ich knete und knete daran herum und denke, ihm eine Form zu geben ... und wenn man es bei Licht besieht ... sind es Fratzen.“
Sie ballte die Klümpchen in der Hand zusammen und schleuderte sie in eine Ecke.
Sophie legte ihr Arbeitszeug aus der Hand und kam ein paar Schritte näher.
„Willst du dein Leben auch so beiseite werfen, wenn es dir nicht gleich gelingt?“ fragte sie mit lächelndem Ernst.
„Warum nicht?“ erwiderte Mette, „glaubst du, daß ein Menschenleben mehr wert ist, als ein Klümpchen Ton? Es kann das Höchste daraus werden, wenn ein formender Wille es in die Hand nimmt – aber wenn ungeschickte Finger daran herumstümpern und doch nichts zu Wege bringen – dann in die Ecke damit.“
„Ja, da hast du recht – das Material ist wertlos – erst die Idee gibt ihm den Stempel.“
Sophie ging an den Waschtisch und ließ das Wasser über die Finger rieseln, trocknete die Hände und zog den Leinenkittel aus.
„Willst du schon aufhören?“ fragte Mette erstaunt.
„Ja, dein Gesicht gefällt mir heut nicht,“ gab Sophie zurück, während sie die feuchten Tücher um das Tonmodell wickelte. „Ich will dich nicht so der Nachwelt überliefern!“
Sie ging auf Mette zu und faßte sie fest an beiden Schultern, um sie ein bißchen zu rütteln.
„Was hast du nur, Mädel,“ fragte sie eindringlich, „kannst du den Kopf nicht mehr gerade auf den Schultern halten? Kannst du nicht mehr geradeaus in die Welt sehen mit deinen schönen klaren Augen?“
Mette legte beide Hände auf Sophiens haltende Arme und versuchte, zu lächeln.
„Erzähl’ mir etwas, Sophus,“ bat sie.
„Nein, du sollst mir ja erzählen“ – bestand Sophie, „was hast du? Was fehlt dir?“
„Ich habe nichts – und mir fehlt nichts.“
„Du wirst mir doch nicht vorreden wollen, daß du wunschlos glücklich bist?!“
„Glücklich – nein! Aber wunschlos.“
„Das ist schlimm,“ sagte Sophie ernsthaft, „das ist der schlimmste Zustand, den ich kenne: nicht glücklich sein und doch wunschlos. Das hab’ ich auch einmal durchgemacht – monatelang, jahrelang – dabei wär’ ich auch beinah zugrunde gegangen ...“
Mette dachte an das, was sie von Gisela gehört hatte.
„Aber dann?“ fragte sie voll Spannung.
„Dann,“ lächelte Sophie, „ja, dann kam es wieder anders!“
„Du magst wohl nicht mit mir darüber sprechen?“
„Aber Kind,“ Sophie faßte herzlich ihre beiden Hände, „mit dir lieber, als mit irgendeinem Menschen auf der Welt! Ich hab’ gar kein Talent und gar keine Lust, mich auf Geheimnisse zu frisieren! Ich finde nur die Leute so gräßlich uninteressant, die immer von ihrem lieben kleinen Ich erzählen.“
„Sieh mal,“ sagte Mette zaghaft, „ich mag wirklich nicht gern um Vertrauen betteln, oder neugierige Fragen stellen. Aber ich habe manchmal das Gefühl, ich möchte dich rütteln und dich anschreien: gib dein Geheimnis heraus! Wie hast du es angestellt, so zu werden, wie du bist? Kann man so werden, wie du? So ruhegebend, so Harmonie ausstrahlend, so in sich gerundet und vollendet? Liegt es daran, daß du so glücklich bist? Und bist du überhaupt so glücklich?“
„Ich habe, was ich wollte!“ Sophiens Augen sahen groß und mit fanatischem Ausdruck ins Leere. „Oh, und ich habe so gewollt – was wißt ihr alle davon – ihr könnt ja gar nicht wollen. Ich habe Nora gewollt, immer und immer. Ich habe keine Kindheitserinnerung, die vor dieser Zeit war.
Nora ist zehn Jahre älter als ich. Und ich weiß noch, als sie zuerst zu uns herüber kam, um mit meinen Brüdern auf unserm Tennisplatz zu spielen, da trug sie einen Mozartzopf und machte einen Knix vor meiner Mutter. Und ich jagte herum und suchte die Bälle auf – aber wenn meine Brüder das von mir verlangten, wenn Nora nicht da war, dann spuckte ich und kratzte vor Wut. Sie hatten keine Ahnung von meiner Kinderseele. Sie dachten, ich wollte vor fremden Leuten eine Komödie spielen, um in den Ruf zu kommen, ein artiges und gefälliges Kind zu sein – ach, und das lag mir so fern – so weit konnte mein kindlicher Verstand noch gar nicht rechnen. Ich wollte einfach in Noras Nähe sein, ich wollte die Bälle aufheben, die sie in der Hand gehalten hatte. Sie lobte mich einmal, weil ich so unermüdlich wie ein kleiner Jagdhund in der heißen Sonnenglut hin- und herchassierte, sie lobte mich und streichelte mich.
Mein Bruder Konrad war damals vielleicht sechzehn, und er hatte, glaub’ ich, wirklich viel mit mir auszustehen, weil ich ein sehr unnützes und widerborstiges kleines Ding war. Er verklagte mich also, das heißt, er äußerte sich sehr wegwerfend über mich – so ungefähr, daß ich die Liebenswürdige spielte, wenn Gäste kämen, aber für den Hausgebrauch unausstehlich wäre. Ich wollte ihn zum Schweigen bringen und wählte das denkbar ungeeignetste Mittel: ich biß ihn nämlich in die Hand, daß sie blutete.
Natürlich gab es eine große Szene, Nora war empört über mich, und ich schämte mich so wahnsinnig, daß ich davonlief und mich versteckte. Das tat ich dann wochenlang, jedesmal, wenn sie kam. Es war eine furchtbare Zeit für mich, diese selbstauferlegte Qual ... ich hörte sie kommen, ich hörte ihre Stimme, manchmal wurde ich gerufen und gesucht, Nora rief mich – aber ich schämte mich zu sehr, um zum Vorschein zu kommen, ich verkroch mich nur noch tiefer, dabei hoffte ich doch im innersten Herzen, Nora würde mich finden, sie würde so unermüdlich suchen, bis sie mich gefunden hätte – aber meistens wurde es ihr sehr schnell langweilig, und sie gab es auf.
In der Zwischenzeit war ich natürlich extra ungezogen und ärgerte meinen armen Bruder, wo ich nur konnte, ich hatte nämlich den Verdacht, daß er ein kleines faible für Nora hatte, und was noch schlimmer war, daß sie eins für ihn hatte. Sie streitet es zwar heute noch ab – alle Vierteljahr einmal pfleg’ ich sie im Vertrauen danach zu fragen – aber sie streitet mir manches ab, was sie zu jener Zeit gesagt und getan hat – ich hab’ das besser im Gedächtnis bewahrt.“
Sophie schwieg. Ihre schönen, kräftigen Hände hingen wie müde von der Arbeit zwischen den Knien.
„Und dann?“ fragte Mette nach einer Pause.
„Und dann?“ Sophie hob den Kopf mit einem leisen spitzbübischen Lächeln. „Dann ging es immer so weiter – zwanzig Jahre lang. Manchmal so und manchmal so.
Aber das eine blieb, und das war: Nora. Man kann sagen, daß es eine fixe Idee von mir war. Weißt du, ich glaube manchmal, niemand weiß, wie tief und echt und ganz verwurzelt solche fixen Ideen in Kinderseelen sein können. Und um sie auszuroden, gibt es nur zweierlei: räumliche Trennung – dann hält die kindliche Treue noch eine ganze Weile an dem geliebten Bild fest – länger, als die mancher Frau und jeden Mannes – oder aber, das viel häufigere: die Urteilskraft wächst, und was ein zwölfjähriges Herz angebetet hat, dessen schämt sich ein vierzehnjähriges bereits – aber wenn durch einen Zufall oder einen Schicksalswillen so eine kindliche Schwärmerei sich an einen Gegenstand klammert, der auch dem reifsten Urteil würdig erscheinen muß, wenn dieser Schwärmerei durch immer neues Zusammensein immer neue Nahrung zugeführt wird, so liegt gar kein Grund vor, daß sie erlischt oder sich abwendet – das ist die vernunftgemäße Erklärung. Die gefühlsmäßige ist, daß dieser Mensch mir bestimmt war, seit Jahrtausenden oder Jahrmillionen, und daß ich ihn erkannt habe, in dem Augenblick, als er mir zuerst gegenübertrat.“
„Und Nora,“ fragte Mette mit zögerndem Zweifel, „hätte sie das dann nicht auch spüren und erkennen müssen?“
Sophie hob die Achseln: „Ich war ein Kind. Vielleicht waren meine Instinkte dadurch noch reiner und kräftiger. Was ist denn überhaupt Instinkt. Die Erinnerung an die Erfahrungen eines vorigen Lebens, die noch nicht überwuchert sind von neuen Eindrücken, noch nicht unterdrückt von der Gegenarbeit des zweifelnden Bewußtseins. – Andererseits aber – wer kann sich zu einem Kinde so hingezogen fühlen, daß er in ihm sein Schicksal zu erkennen glaubt?“
„Und wann hat sie es eingesehen?“ fragte Mette, „ich bin wohl schrecklich lästig, nicht wahr?“
„Nein, du bist sehr lieb. Aber danach mußt du besser sie selbst fragen. Jedenfalls hat sie erst einmal einen sehr schönen Mann geheiratet, den ich mit meinem glühendsten Haß beehrte. Na, er hat ihn ja auch redlich verdient. Aber wir wollen jetzt zu ihr hinaufgehen. Wir haben gar keine Entschuldigung dafür, sie so lange allein zu lassen, wenn wir doch nichts tun. Komm, willst du dich noch einmal kritisch betrachten?“
Sie nahm die Tücher von der Tonbüste.
„Bitte, schau dich an – hast du eine andre Vorstellung von dir gehabt?“
Mette legte den Kopf schräg.
„Eigentlich ja. Es ist seltsam, daß alle Werke immer ihrem Schöpfer gleichen. Es ist so viel von dir darin, daß es direkt ein bißchen äußerliche Ähnlichkeit mit dir hat!“
„Also bist du nicht zufrieden?“
„Ich bin mit mir nicht zufrieden, weil ich nicht so ausseh’. Aber ich will mir Mühe geben, daß ich dem Bild ähnlich werde, das du dir von mir machst. – Nur bei der Nase wird es mir nicht gelingen!“ setzte sie dann lachend hinzu, „die hast du nämlich auch verschönt!“
„Ja? – ach, ich finde nicht! Heut’ abend kommt die Gjellerström – da wirst du einer strengen Kritik unterworfen. Wenn sie dies Ding gut findet, will sie mir auch ein paar Stunden sitzen – und da sie bekanntlich nie eine Minute Zeit hat, muß ich das schon als große Vergünstigung ansehen.“ Sophie warf einen plötzlichen scharfen Seitenblick auf Mette und griff nach dem Modellierholz. „Halt mal still einen Augenblick – du hast nämlich recht mit der Nase – da stimmt etwas nicht!“
Mette hielt ihr die Hand fest:
„Ach nein, laß nur! Laß mich nur noch so schön, bis die strenge Kritik vorüber ist! Vielleicht mach’ ich auf diese Weise Eindruck!“
„Du auch, mein Sohn Brutus?“ lachte Sophie, „armes Kind! Mein herzlichstes Beileid!“
„Ja, nicht wahr?“ Mette lachte auch. „Ich würde mir selber leid tun – darum tanz ich lieber nicht mit in dem Reigen um die göttliche Fiametta!“
„Ich auch nicht!“ Sophie legte die Tücher wieder um die Büste. „Weißt du,“ sagte sie nach einem sinnenden Schweigen, „manchmal hab’ ich das Gefühl, als hätte ich Noras Unglück verschuldet mit meinen wahnsinnigen Wünschen. Es war doch mein einziges Gebet, daß ihr etwas Furchtbares passieren sollte, damit ich sie retten könnte. Ich hab’ mir immer solche Sachen ausgemalt, jeden Abend, wenn ich im Bett lag.
Zum Beispiel, daß sie bei uns auf der Treppe ein Bein brechen möchte, und dann sechs Wochen bei uns liegen müßte, und ich hätte sie dann ganz für mich und dürfte sie pflegen und immer um sie sein. Und später noch, wenn ich hinter der Gardine am Fenster stand, um sie mit ihrem Mann vorbeireiten zu sehen, dann wollt’ ich mit meinen Gedanken das Pferd zum Durchgehen zwingen – ich spähte schon immer, ob ich es nicht heranjagen sah – dann wollt’ ich mich ihm entgegenstürzen und ihm in die Zügel fallen und sie vom Tode erretten. Oder ich malte mir aus, sie würde stürzen, oder verbrennen, oder die Blattern bekommen, und ihre Schönheit verlieren. Dann würde Herr von Hersfeld sie verstoßen, und kein Mensch würde sie mehr ansehen mögen – und dann wäre ich da – nur noch ich!
Wenn ich jetzt einmal nach Hause komm’ und die alten Wege gehe – namentlich hinüber nach Hersfelde zu, dann hab’ ich so deutlich das Gefühl, mit dem ich damals da ging: jetzt bei der nächsten Biegung müßte ich Nora finden, irgendwo am Wegrand sitzend, weinend, verlassen, verzweifelt. Und dann würde ich sie trösten und mit mir nehmen und immer bei mir behalten. Vielleicht kam es auch daher, weil man in der Gegend schon damals munkelte, wie unglücklich sie sei. – Meistens machten mir die Äußerlichkeiten gar keine Schwierigkeiten – wenn ich an den Punkt kam: wo gehe ich nun aber mit Nora hin, wenn ich sie finde, und sie will bei mir bleiben? Dann dachte ich mir eben: ich habe ein Häuschen im Wald, oder die und die hübsche Villa am See gehört mir, oder mein Auto steht bereit, und wir fahren in die Stadt, wo ich mein Atelier habe – denn ein Atelier hatte ich damals schon in meinen Träumen. Und eine sehr große und berühmte Künstlerin war ich immer nebenbei. Komm, wir gehen hinauf.“
Sie hatte unterdessen ein wenig Ordnung gemacht – ‚für Fiametta‘, wie Mette bei sich dachte – und schob ihren Arm in Mettes.
„Manchmal hatte ich auch realere Pläne – Gott sei Dank, daß daraus nichts wurde!“
Sie schritten schon die Treppe hinauf: „Weißt du, was ich wollte?“ Sophie stieß ein leises spöttisches Lachen durch die Nase. „Ich wollte Hersfeld verführen! Damals war ich aber schon, was man so erwachsen nennt. Ich ging auf Tanzgesellschaften und saß stundenlang vorm Spiegel, um mich schön zu machen. Weil ich Hersfeld verführen wollte!“ Sie schüttelte den Kopf. „Verrückte Idee! Ich wollte dann vor Nora hintreten und ihr die Beweise bringen: siehst du, so ein Schurke ist der Mann, den du liebst! Verlaß ihn und komm mit mir! Aber als ich ihn dann soweit gebracht hatte, daß er mich einmal in einem halbdunklen Wintergarten küssen wollte – nebenbei war es nicht schwer, ihn soweit zu bringen – da packte mich das Entsetzen so, daß ich ihn wegstieß.“
„Hast du das Nora auch gebeichtet?“ fragte Mette lächelnd.
Auch Sophie lächelte, ein trübes Lächeln: „Ach Gott, da hatte Nora mich schon nicht mehr nötig, um zu erfahren, was er für ein Schuft war. Da wußte sie’s längst ... Jetzt trinken wir Tee – aber ausgiebig, ich hab’ einen Mordshunger.“
So hübsch lag das helle warme Zimmer da, mit dem einladend gedeckten Tisch. So schön sah Nora aus mit dem königlich getragenen, im Lampenschein goldschimmernden Haupt über den weißen Gewändern. Und es war wohltuend, zu sehen, wie ihre Augen Sophien erwarteten und ihr entgegenleuchteten. Wohltuend zu sehen, wie Sophie diesen erwartenden Augen entgegeneilte, wie sie sich beugte, um die Kissen bequemer zu rücken, die Decke zurecht zu ziehen.
Aber es tat auch ein bißchen weh, diese beiden Menschen zu beobachten, die mit so viel Liebe und Fürsorge aneinander hingen, und die sich so genug waren, daß jeder Dritte sich überflüssig vorkam, so herzlich er auch aufgenommen wurde.
Man kam sich jedesmal so grenzenlos allein vor ...
„Mettelchen!“ sagte Nora, als ob sie ein Kind bedauerte, „du ißt mich nich, du trinkst mich nich, du bist mich doch nich krank?! Ich habe dir schon dreimal Indianerkrapfen angeboten, und du reagierst nicht?! Du bist doch sonst nicht so?!“
„Sie hat heut’ ihren melancholischen,“ neckte Sophie, „ich hab’ ihr zum Trost schon meine ganze Lebensgeschichte erzählt, aber es hat nicht verfangen.“
„Nein,“ sagte Mette eigensinnig, „es war mir auch gar kein Trost. Denn das Traurige ist, daß ich nicht einmal weiß, was ich will. Du hast gewollt und hast schließlich erreicht, was du gewollt hast ...“
„Ja, mit ein paar unbedeutenden Modifikationen,“ meinte Sophie, ohne jede Bitterkeit, „denn eigentlich wollte ich eine berühmte Bildhauerin werden und kein besserer Steinmetz. Aber das macht wirklich nicht viel aus.“ Während sie sprach, horchte sie nach den Geräuschen – Klingeln, Stimmen, Schritte – an der Außentür.
„Da kommt die Gisel, vielleicht ist dir das ein Trost. Vielleicht richtest du dein Wollen auf die, ich glaube, sie hat ein großes faible für dich – es wäre deinerseits keine starke Anstrengung vonnöten!“
„O Sophie,“ sagte Nora, halb erzürnt und halb erschrocken, „wie kannst du nur so etwas daherreden! Du bist wirklich ganz frivol! Red’ dem Kind so etwas ein – sie kommt noch auf dumme Gedanken – ich will gar nichts gegen die Gisel sagen – aber das ist doch kein Mensch, der zu unserer kleinen Mette paßt!“
‚Das weiß ich selber am besten,‘ dachte Mette trotzig und trübselig.
Das Mädchen ließ Gisela eintreten, die alle drei in einer flüchtigen Art und ohne zu lächeln begrüßte.
Sie setzte sich neben Mette, aber ein Stück entfernt vom Tisch, als wollte sie damit zeigen, daß sie nicht die Absicht hatte, die ihr hingesetzte Tasse Tee zu berühren und hielt beide Hände in ihrem großen Pelzmuff vergraben.
Nach einigen Minuten allgemeiner Redensarten wandte sie sich halblaut an Mette:
„Ich komme aus deiner Pension – ich wollte zu dir, aber du warst nicht da – auch kein Zettel, keine Nachricht, wo du wärest.“
„Ich wußte ja gar nicht, daß du kommen wolltest!“ sagte Mette erstaunt.
„Wenn mir nicht zufällig Herr Giesbert auf dem Korridor begegnet wäre,“ fuhr Gisela fort, „dann könnte ich die Stadt durchirren, um dich zu suchen.“
„Merkwürdig,“ sagte Mette laut und mit einem erzwungenen Lachen, „woher wußte denn Giesbert, wo ich bin?“
„Doch wahrscheinlich von dir,“ Gisela zog die feingezeichneten Brauen sehr hoch, „von mir jedenfalls nicht! Ich hab’ mich ja auch darüber gewundert.“
„Na, jedenfalls hast du mich ja jetzt gefunden.“ Mette nickte ihr zu mit einem herzlichen, aber etwas angestrengten Lächeln. „Das ist ja die Hauptsache. Lag irgend etwas Besonderes vor, daß du mich sprechen wolltest?“
„Etwas Besonderes – nein, denn daß ich mich vor dem Alleinsein fürchte, weil ich denke, ich werde verrückt, das ist ja das alltägliche.“ – – –
Die Unterhaltung schleppte sich gezwungen fort.
Bei der nächsten Gelegenheit rief Sophie Mette ins Nebenzimmer:
„Was soll ich nur tun!“ klagte sie halblaut, „ich bin ganz verzweifelt. Du mußt mir helfen, Mettekind! Du mußt mir irgendwie mit List oder Gewalt die Gisel wegbringen! Es ist zu blöd – ich kann mich so maßlos ärgern. Ich hatte mich so gefreut, dich heut’ Abend hier zu behalten – aber die Gjellerström kehrt mir ja in der Türe um, wenn sie die Gisel sieht! Ach, schrecklich, daß die Menschen sich und andern das Leben immer noch unnütz komplizieren müssen! Es ist gerade kompliziert genug, wenn man weiter nichts tun will, als es erhalten.“
Mette versprach mit freundlichster Bereitwilligkeit, zu gehen und Gisela zum Mitkommen aufzufordern.
„Ach, sie geht schon von selbst,“ meinte Sophie leichthin, „sie ist ja nur deinetwegen gekommen – uns beehrt sie schon lange nicht mehr!“ – – –
Mette war froh, als sie auf der Straße stand. Der scharfe Ostwind, der ihr einen nadelscharfen, mit Eiskörnern gemischten Regen ins Gesicht trieb, war ihr gerade recht. Sie ging so schnell vorwärts, daß Gisela kaum an ihrer Seite bleiben konnte.
Ihr war, als ob ihr von allen Seiten brennende Schmach angetan worden wäre, und als ob sie sich rächen könnte, indem sie sich selbst peinigte und durch den dunklen, kalten Abend lief.
‚Ich bin fremd und ruhelos überall,‘ dachte sie mit selbstquälerischer Bitterkeit, ‚ich habe keine Heimat, kein Haus und keine Freunde. Wohin gehöre ich? Zu Gisela Werkenthin vielleicht? Ich weiß nichts von Zusammengehörigkeit. Aber die anderen wissen davon. Und sie setzen mich deswegen auf die Straße. Wohin gehöre ich? Zu Olga. Also ins Grab. Wenn ich wenigstens in ihrer Nähe liegen könnte. Aber ich habe das Gefühl, wenn ich mir jetzt die Kugel durch die Schläfe jage, verliere ich mich im grenzenlosen Raum. Oh, meine arme kleine einsame Seele wird so frieren und zittern in der unendlichen Unendlichkeit.‘
„Woran denkst du,“ fragte Gisela in einem fast neiderfüllten Ton.
„Ich weiß nicht.“ Mette hob die Achseln. „Vielleicht an das, woran Hamlet im dritten Akt denkt: to be or not to be ...“
„Das ist keine question mehr für mich!“ sagte Gisela mit höhnischer Bitterkeit, „not to be ist zehntausendmal besser! Wenn ich nur wüßte, wie man es am besten bewerkstelligt. Morphium bin ich schon so gewöhnt – es gibt gar kein Quantum mehr, das ich nicht vertrüge! Ins Wasser mag ich nicht gehen, weil es dann doch einen Kampf gibt, weil sich der tierische Lebenswille gegen den Intellekt aufbäumt – ich will keine Zeit mehr zu Kampf und Reue haben, und ich will vor allen Dingen nicht noch einmal mein ganzes Leben vorüberziehen sehen, wie einem das ja in den letzten Augenblicken passieren soll. Ich danke dafür. Eine Revolverkugel wär’ schon das beste.“
„Ja,“ sagte Mette trocken, „soweit war ich auch gerade! Oder vielmehr, ich war schon weiter. Ich sah meine arme Seele schon irgendwo im Weltenraum zwischen den kalten Sternen umherirren und sich eine Heimat suchen.“
„Glaubst du wirklich an so etwas wie eine Seele?“ Gisela lachte spöttisch. „Vielleicht auch an den lieben Gott und Hölle und Himmelreich? Schlaf, lieber Hamlet, Schlaf, und ohne Träume, garantiert!“
„Und dann?“ fragte Mette trostlos, „dann ist alles umsonst gewesen? Alle Qual und alles Wissen und alle Erfahrung und alles Streben – alles umsonst? Dir ist noch kein Mensch gestorben, sonst könntest du nicht so reden.“
„Laß mir den Trost,“ bat Gisela, „laß mir wenigstens den einen Trost, daß ich jeden Moment Ruhe haben kann, wenn ich will – ewige Ruhe.“
Sie gingen wieder eine ganze Weile in einem schweren und etwas verdrossenen Schweigen.
„Willst du mit hinaufkommen?“ fragte Mette, als sie vor der Haustür standen.
„Du fragst aus Höflichkeit, aber im Grunde paßt es dir nicht.“
Das wollte Mette sich selbst nicht eingestehen. Sie griff nach Giselas Hand.
„Komm doch,“ sagte sie herzlich, „du wolltest doch sowieso zu mir – jetzt bin ich doch zu Hause. Und laß den Unsinn – ich bin schon nicht höflich! Davor brauchst du keine Angst zu haben!“
Die Wärme des Zimmers empfing sie wie mit ausgebreiteten Armen.
Gisela setzte sich, ohne den Mantel auszuziehen. Als Mette nach der Klingel gehen wollte, sagte sie hastig:
„Ach, laß doch! Was willst du denn?“
Mette stand unschlüssig: „Dem Mädchen klingeln, um Tee für uns zu bestellen. Man ist doch so durchgefroren. Magst du nicht?“
„Nein, bitte nicht! Dann kommt sie jetzt und fragt, dann sitzt man zehn Minuten in der Erwartung, daß sie den Tee bringt, dann kommt sie nach zehn Minuten wieder, um das Geschirr zu holen – ich kenn’ das; es ist eine ewige Unruhe.“
„Schön, wie du willst.“ Mette warf Hut und Mantel auf einen Stuhl und setzte sich. Die lichte Wärme des vertrauten Zimmers hatte sofort ein heimeliges Behagen in ihr wachgerufen. Sie hätte nun gern die schweren, nassen Stiefel von den Füßen gezogen und es sich bei einer Tasse Tee recht bequem gemacht. Aber auch das Stiefelausziehen würde wohl zuviel Unruhe machen. Sie unterdrückte einen Seufzer und schickte sich.
„Ich glaube, ich habe schon einmal die dumme Frage gestellt,“ fing sie nach einer Weile vorsichtig an, „hattest du mir irgend etwas besonderes zu sagen, daß du mich so gesucht hast?“
„Besonderes? – nein!“ klang die gedehnte Antwort. „Ich hatte nur Angst, allein zu sein – ich fürchte mich nicht vorm Tode – aber vor einem Selbstmordversuch mit untauglichen Mitteln. Ich möchte mich nicht in einem plötzlichen Lebensüberdruß aus dem ersten Stockwerk stürzen oder mich unter einen lahmen Omnibus werfen, bloß um mir vielleicht die Beine zu zerschmettern und als Krüppel durch die Welt zu kriechen. Nein, sich möchte mein Leben erhalten, bis ich genügend Vorbereitungen getroffen habe, um es anständig, rasch und gründlich zu erledigen. Und darum habe ich nach irgendeinem Menschen gesucht, an den ich mich solange hätte klammern können – aber du warst ja nicht da!“
‚Trotzdem ist dir ja nichts passiert,‘ lag es Mette auf der Zunge. Sie unterdrückte es und schalt sich selbst unglaublich roh und herzlos.
Gisela hockte auf dem Stuhl in der Haltung eines kranken Äffchens. Ihr kleines Gesicht mit den übergroßen Augen sah welk und fahl und wie zerknittert aus.
„Ich weiß nicht, warum du sterben willst,“ sagte Mette mit einem Versuch zu trösten, der keine Kraft hatte, weil sie sich seiner Nutzlosigkeit schon von Anfang an bewußt war. „Es geht dir nicht schlechter als tausend anderen Leuten, und es geht dir besser, als es dir schon ergangen ist. Es geht dir gesundheitlich besser ...“
„Sag’ nur noch wie Frau Breslauer: Sie haben doch jetzt ein gutes Auskommen,“ unterbrach Gisela scharf. „Weil ich mich sattessen kann und mir außerdem noch seidene Strümpfe kaufen, habe ich die Verpflichtung, glücklich zu sein und dem lieben Gott zu danken!“
„Vielleicht hätte man die Verpflichtung,“ sagte Mette, zum Widerspruch gereizt, „vielleicht ist es das schwerste, zu hungern und zu frieren – vielleicht schwerer als alles Liebesleid und alle Sehnsuchtsqual – was wissen wir denn davon?“
„Wenn du das sagen kannst,“ Gisela verzerrte höhnisch den Mund, „dann hast du noch nie eine seelische Qual empfunden. Jede körperliche Krankheit ist doch geradezu eine Erlösung, weil sie einen ein bißchen ablenkt von dieser Verzweiflung, die einen wie mit stumpfen Zähnen zernagt oder wie mit einem stumpfen Messer zersägt. Man sehnt sich direkt nach einem scharfen, schneidenden Schmerz.“
„Ich kann dir ja auch nicht helfen,“ sagte Mette bedrückt.
„Nein, du kannst mir auch nicht helfen. Erstens liebst du mich nicht ...“
Mette nahm einen kraftlosen Anlauf, um zu widersprechen. Aber Gisela schnitt ihr mit einer Bewegung das Wort ab:
„Sag’ nicht das Gegenteil – bemüh’ dich nicht. Ich liebe dich ja im Grunde auch nicht – ich liebe überhaupt nicht mehr, glaube ich.“
„Dann weiß ich erst recht nicht, was du für Ursache hast, verzweifelt zu sein,“ sagte Mette ratlos und ein wenig ungeduldig.
„Ich weiß es auch nicht. Vielleicht die, daß ich so unlöslich an mich gekettet bin. Daß ich aus meiner eigenen Haut nicht heraus kann. Daß ich sogar noch in ihr begraben werden muß. Aber es ist natürlich unverantwortlich, daß ich auch noch andern Menschen zur Last falle. Ich sollte mich irgendwo in einen Winkel verkriechen und sehen, wie ich mit mir allein fertig werde, und krepieren, wenn ich nicht fertig werde. Schade wär’s weiter nicht um mich.“
Aus den weit offenen Augen rannen langsam Tropfen über das weiße abgezehrte Gesicht. Aber sie nahm die Hände nicht aus dem Muff, um die Tränen abzutrocknen. Sie ließ sie rinnen, als fühlte sie sie nicht.
Mette ging das Mitleid wie ein heißer Strom übers Herz. Im nächsten Augenblick kniete sie vor dem Stuhl und umschlang mit beiden Armen die kinderschmale Gestalt.
„Wein’ nicht,“ bat sie, „wein’ doch nicht, Kleines, Geliebtes! Du hast mich doch, und wir sind doch zusammen, du bist doch nicht allein auf der Welt – wenn du mich auch nicht liebst, ich bin doch da für dich, und ich bleibe bei dir, und ich tue für dich, was ich tun kann. Sei doch ruhig, mein Herzblatt, mein Armes!“
Das lautlose Weinen ging in verzweifeltes Schluchzen über. Der ganze zarte Körper bäumte sich und zuckte wie in Krämpfen. Mette nahm ihr behutsam den Muff aus den Händen, den Hut vom Kopf, hob sie auf beide Arme und trug sie nach dem Diwan. Sie bettete sie, deckte sie zu und legte sich neben sie, um dem unruhigen Körper Ruhe und Wärme zu geben.
Das Weinen wurde leiser, müder, es kam nur noch von Zeit zu Zeit ein stoßweises Aufschluchzen, wie bei einem erschöpften Kinde. Unter Mettes streichelnden Händen und geflüsterten Trostworten schlief Gisela ein. Sie hatte sich an Mettes Schulter festgenestelt und atmete tief und ruhig.
Mette lag regungslos, um sie nicht zu wecken. Aber sie starrte mit wachen, brennenden Augen in das Helldunkel des Zimmers, und das Herz flatterte in ihrer Brust wie ein angeschossener Vogel.
„Rudlöffchen,“ rief Giesbert am andern Mittag von seinem Tisch aus zu Mette hinüber, „was hatte denn Ihre Freundin gestern? Sie hat Sie gesucht wie – wie – eine Stecknadel ist kein passender Vergleich für Sie – also wie das verlorene Paradies!“
„Ich weiß nicht,“ sagte Mette gleichgültig – sie mußte sich zu einem ruhig-freundlichen Ton zwingen, weil schon dieses Angerufenwerden ihr entsetzlich war – „meinen Sie Fräulein Werkenthin? Sie wollte mich wohl besuchen. Sie haben sie getroffen, nicht wahr?“
„Ja, ich dachte wunder was los wär’. Sie war so schrecklich aufgeregt.“
„Ach Gott,“ meinte die kleine Luigi spöttisch, „die gute Gisela ist immer aufgeregt. Da braucht doch weiter gar nichts los zu sein!“
In Mette kämpften Scham und Empörung. Sie hätte nun wohl die Frau, die man ihre Freundin nannte, gegen eine abfällige Bemerkung verteidigen müssen. Aber es war gerade schlimm genug, daß man Gisela Werkenthin so allgemein als ihre Freundin bezeichnete. Sie – Mette – hatte niemals durch ihr Benehmen irgend jemand das Recht dazu gegeben.
Außerdem hatte Mara Luigi recht. Und einen Menschen, über den diese kleine freche Person so zu urteilen sich erlaubte, einen solchen Menschen mußte Mette „Ihre Freundin“ nennen lassen.
Sie schwieg. Aber sie war unzufrieden mit sich selbst.
„Sie saßen bei Sophus?“ fragte Giesbert weiter, „eine wundervolle Alliteration! Sie saßen bei Sophus zur Sitzung – sie haute, den Hammer in Händen, Ihr Haupt – Kramer, ich schenke Ihnen diesen Anfang für ein Epos!“
Eccarius, der Mette zunächst saß, fragte jetzt – da das Gespräch nach der andern Seite weitergeführt wurde:
„Gehen Sie heute wieder hin?“
„Ja, diese Woche alle Tage – weil Sophie jetzt gerade Zeit hat – oder wenigstens nicht viel dringende Arbeiten.“
„Sie gehen gleich nach dem Essen?“
„Ja, weil Nora dann schläft – sonst läßt Sophie sie nicht gern allein, um ‚zu ihrem Vergnügen‘ zu arbeiten.“
„Sie müssen verzeihen, wenn es so klingt, als ob ich Sie ausfrage! Aber es geschieht nicht aus müßiger Neugier ... ich wollte fragen, ob es Ihnen recht wäre, wenn ich Sie heute hinausbegleite – ich hatte schon längst die Absicht, meine Freundinnen einmal wieder aufzusuchen.“ – – –
Mette und Eccarius schritten durch die vor Kälte hallenden Straßen, die mit einem dünnen Reif überflogen waren.
„Haben Sie sich gewundert,“ sagte Eccarius, „daß ich bei Tisch so ostentativ von meinen Freundinnen sprach? Ich hatte nämlich einen kleinen Disput mit Fräulein Peters. Fräulein Peters ist eine ganz prachtvolle Person, aber ein bißchen streng in ihrem Urteil. Oder vielleicht noch besser gesagt: ein bißchen beschränkt in ihrer Auffassung. Was sie nicht versteht, das wirft sie alles zusammen in einen Topf und verdammt es. Und zu dem, was ihr unverständlich ist, gehört natürlich auch eine Freundschaft wie die zwischen Fräulein Degebrodt und Frau von Hersfeld. Sie warf da gleich mit Worten wie ‚anormal‘ und ‚pervers‘ und ‚widernatürlich‘ um sich und meinte, es wäre kein Verkehr für Sie!“
„Für mich?“ fragte Mette sehr erstaunt, „wie sind Sie denn auf mich gekommen?“
„Offen gestanden – von Ihnen sind wir ausgegangen,“ erklärte Eccarius mit einem um Verzeihung bittenden Lächeln. „Ja, ja, man weiß selber nie, wie wichtig man andern ist, und was man für ‚interessanten Gesprächsstoff‘ liefert. Ernstlich – man kennt seine Feinde nicht und weiß nicht, wer einem was am Zeuge zu flicken trachtet – aber man kennt auch seine Freunde nicht und weiß nicht, wer um sein Wohl und Wehe besorgt ist.
Fräulein Peters ist eine Seele von einem Menschen, und sie macht sich Gedanken um Sie – sie hat mir heute auseinandergesetzt, daß es meine Pflicht wäre, Ihnen die Augen zu öffnen. Aber wenn ich Ihnen über Sophie und Nora die Augen öffnen soll, kann ich nach bestem Wissen und Gewissen nur sagen, daß es prachtvolle Menschen sind.“
„Frau von Hersfeld sagte mir neulich, daß Sie sich schon sehr lange kennen,“ sagte Mette in einem leise drängenden Bestreben, das Gespräch von sich selbst abzuwenden.
„Schon sehr lange“ – sie atmete erleichtert auf, als Eccarius das Thema annahm – „ich kannte sie schon, als sie noch die schöne Nora von Zeyern war, die gefeiertste Tänzerin, die kühnste Reiterin. Sie hatte hundert Bewerber, und unter den hundert mußte sie gerade Herrn von Hersfeld aussuchen!“
Er schwieg einen Augenblick mit bitterem Lächeln.
„Er war krank, nicht wahr?“ fragte Mette zaghaft.
„Oh, wenn Sie das wissen, dann ist es auch keine Indiskretion, wenn ich Ihnen mehr erzähle. Er war sogenannt ausgeheilt, wie er selbst voll Stolz jedem erzählte, der es hören wollte und nicht hören wollte. Nur seiner Frau und seinen Schwiegereltern nicht.
Hersfelde war Majorat, und er wollte einen Sohn haben. Es kam auch ein Junge zur Welt – er war schon ganz mit Ausschlag bedeckt, als er geboren wurde. Was diese mütterlichste aller Frauen an diesem Kinde gelitten hat, das ist unbeschreiblich! Und wir alle – seine sogenannten Freunde – wir sahen das Kind an und sahen uns an und wußten: das wird nichts mehr. Aber keiner traute sich, der jungen Mutter ein Wort zu sagen. Und sie hoffte und hoffte und pflegte an diesem unseligen Würmchen herum und freute sich über den kleinsten Fortschritt. Viel Fortschritte waren allerdings nicht zu verzeichnen.
In einem Alter, wo andere Kinder herumlaufen und den ganzen Tag plappern und krähen, lag er in seinen Kissen und drehte kaum den Kopf, wenn man ihm etwas Blankes vortanzen ließ. ‚Er wird ein Denker,‘ sagte Frau Nora dann und lächelte ein herzzerreißendes Lächeln. Aber als er mit vier Jahren noch immer kein Wort sprach, sondern nur ein blödes Gelalle von sich gab, da versteckte sie sich und ihn vor aller Welt. Sie ging nicht mehr von ihrem Grund und Boden fort, sie empfing keinen Menschen. Sie verschloß sich mit ihrem kranken Kinde in undurchdringlichste Einsamkeit, sie pflegte es, sie spielte mit ihm, sie versuchte unermüdlich und vergebens, ihm etwas beizubringen. Mit ungefähr fünf Jahren starb das arme Kind. Aber Herr von Hersfeld brauchte einen Erben. Nach einem halben Jahr war die unglückliche Frau wieder in der Hoffnung – ach Gott, sie war wirklich in der Hoffnung.
Da nahm ein befreundeter Mediziner die Sache in die Hand – das heißt, er sprach wohl nur ein leichtsinniges, aber ehrlich entrüstetes Wort von der Unverantwortlichkeit, Kinder in die Welt zu setzen. Und als sie ihn zur Rede stellte und nicht locker ließ, fragte er sehr erstaunt, ob sie nicht wisse, was ihrem Kinde gefehlt hätte. Und da sie keine Ahnung hatte, sagte er ihr’s. Das war ja schließlich auch sein gutes Recht. Aber er hat sich doch sehr schwere Vorwürfe gemacht. Denn am selben Tage verunglückte Frau Nora durch einen Sturz vom Heuboden und holte sich so schwere innere Verletzungen, daß sie nie wieder gesund wurde. Daraufhin ließ dann Herr von Hersfeld sich von ihr scheiden!“
„Lebt er noch?“ fragte Mette.
„Warum? Sie machen ein Gesicht zu der Frage, als ob Sie ihn sonst umbringen möchten. Aber Sie können ganz ruhig sein; er ist tot – er hat sogar ein recht dramatisches Ende gefunden, oder vielmehr sein Ende hatte einen dramatischen Anfang. Denken Sie, dieser Mensch hatte die Absicht, ein zweitesmal zu heiraten, nachdem er von Nora geschieden war. Ein schönes, unschuldiges junges Mädchen aus bester Familie. Sie machen sich keinen Begriff, was die arme Frau Nora da an Gewissensqualen gelitten hat – sie kannte die Braut – sie kannte die Eltern – und sie kannte da auch endlich Herrn von Hersfeld, ihren geschiedenen Gatten. Aber trotzdem sie ihn so gut kannte, liebte sie ihn wohl immer noch – irgendwo in einem letzten Seelenwinkel waren noch die Trümmer des starken Gefühls. Und es erschien ihr als ein Verbrechen, den Mann anzuklagen. Man hätte es ihr ja auch so leicht als kleinlichen Racheakt auslegen können. Und andererseits war es ein viel größeres Verbrechen, das arme Mädchen unwissend in eine solche Ehe gehen zu lassen.“
„Um Gottes willen,“ sagte Mette mit angstvollen Augen, „hat sie das getan?“
„Sie war so hilflos – sie konnte sich kaum rühren – die Lage wurde erschwert dadurch, daß das Mädchen schon zu Zeiten seiner Ehe in Hersfeld verliebt war und der Frau, wenn nicht feindlich, doch mißtrauisch gegenüberstand. Sie hat mir oft gesagt, daß sie in ihrer verzweifelten Lage um ein Wunder gebetet hat.
Und das Wunder geschah. Die Trauung war anberaumt, der Bräutigam erschien nicht. Als er geholt werden sollte, versteckte er sich im Stall und schoß mit dem Revolver um sich. Schließlich wurde er überwältigt und nach einer Anstalt gebracht. Ein paar Monate lebte er noch unter Anfällen von Verfolgungswahn und Tobsucht. Dann ging er ein. Gehirnerweichung. Einer von seinen früheren Kameraden machte die treffende Bemerkung, als die Todesursache bekannt wurde: „Das erstemal, daß man erfährt, daß Hersfeld Gehirn gehabt hat!“
Sie gingen wieder eine Weile schweigend, jeder in seine Gedanken versponnen.
Eccarius hob den Kopf mit einem plötzlichen Entschluß. Sein Gesicht war wieder wie aufgehellt von dem flüchtig darübergleitenden liebenswürdigen Lächeln.
„Nun haben Sie mich mit ganz heimtückischer Eleganz von meinem Thema weggelockt. Ich habe Ihnen lange Geschichten erzählt und nichts von dem gesagt, was ich beauftragt war, Ihnen zu sagen – und nicht nur beauftragt – was ich auch aus eigenem Antrieb sagen wollte ...“
„Muß es denn sein?“ fragte Mette mit flehenden Augen, „glauben Sie im Ernst, daß ich nicht alles weiß, was Sie mir sagen können? Ich weiß, daß Sie es gut mit mir meinen, und ich bin Ihnen auch so dankbar dafür. Aber ich habe – vielleicht gerade weil ich so jung und eben erst mündig geworden bin – so sehr das Gefühl, daß nur ich selber mir helfen kann und daß ich mir selber helfen muß. Ich weiß, daß ich nicht immer den kürzesten und den geradesten Weg finden werde – aber ich habe ja auch kein Ziel – nur das eine Ziel, das Leben kennenzulernen, ganz, soweit das einer Frau möglich ist, mit Licht- und Schattenseiten, mit Fehlern und Vorzügen – wie man einen Menschen kennenlernen will – den man liebt!“
„Wenn Sie das Leben so lieben,“ sagte Eccarius mit einer nachgiebigen Beharrlichkeit, „so müssen Sie sehr behutsam damit umgehen. Und wenn Sie auf Ihrer Wanderung kein Ziel haben, oder nur das Ziel, möglichst viel zu sehen auf Ihren selbstgesuchten Wegen, so dürfen Sie sich nicht in eine Sackgasse verrennen, aus der Sie nicht wieder herausfinden. Seien Sie mir nicht böse – aber ich habe die Frechheit gehabt, Sie im stillen zu beobachten – ich sehe Sie doch seit Monaten zweimal täglich mindestens – und ich habe mir im Laufe der Jahre ein wenig Menschenkenntnis erworben – Sie machen, wenn man es so in zwei Sätzen bezeichnen darf, nicht den Eindruck eines Menschen, der das Leben liebt, sondern eher eines Menschen, der – den Tod nicht fürchtet.“
Mette hatte schon auf die Klingel an der Haustür gedrückt und wandte sich um:
„Ist das ein Widerspruch? Kann man nicht beides – das Lebens lieben und den Tod nicht fürchten?! Vielleicht gehört es zusammen. Ich will es zu meinem Wahlspruch machen und groß über alle meine Tage schreiben: Das Leben lieben und den Tod nicht fürchten!“
„Ich weiß kein noch besseres Wort,“ sagte Eccarius mit nach innen gekehrten Blicken, „man kann diesen Satz auch anders stellen – dann will ich ihn zu meinem Wahlspruch machen.“
Das Mädchen öffnete die Tür. Auf Mettes fragenden Blick schüttelte Eccarius leicht den Kopf:
„Ein andermal ...“ – – –
Sie saßen in der frühen Dämmerung des Wintertages zusammen, Nora, Sophie, Eccarius und Mette. Es war schon so dunkel im Zimmer, daß man kaum mehr deutlich die Gesichtszüge der Zunächstsitzenden unterscheiden konnte. Aber keiner hatte das Verlangen nach Helligkeit.
Mette hatte nach Johannes gefragt – und Sophie hatte ihr in Aufregung und Empörung mitgeteilt, daß er sehr unter häßlichen Klatschgeschichten zu leiden habe. Man hatte seinem alten Freund, dem dicken Drencker, in gehässiger Weise hinterbracht, daß sein Geld dem jungen Krafft das Studium ermögliche – oder vielmehr, daß Willi Krafft sein – Drenckers Geld – im Bac verspiele und mit Frauenzimmern verprasse.
Nora hatte Johannes verteidigt. Wenn sie ihn auch nicht in verklärendem Licht sah, und sein Verhältnis zu Drencker ihr unbegreiflich und peinlich war – sie hatte immer geglaubt, daß seine Freundschaft für Willi Krafft von einer ganz idealen schwärmerischen Art wäre.
„Und wenn nicht!“ sagte Sophie eigensinnig. „Wo immer ein Menschenhandel abgeschlossen wird, liegt die Schuld auf seiten des Käufers. Der Gekaufte ist immer in Notlage. Und es ist gerade schlimm genug, wenn so ein reiches Schwein einen Anteil an einem Menschen kaufen kann. Daß er ihn dann noch ganz und restlos haben will, ist eine Frechheit.“
„Jeder Handel sollte ehrlich sein!“ warf Eccarius in seiner leisen, nachdenklichen Art ein.
„Nein,“ ereiferte sich Sophie, „wer sich für sein schmieriges Geld einen Menschen kaufen will zur Befriedigung seiner kleinen niedrigen Lüstlein, der soll betrogen werden. Es soll Dinge geben, die nicht zu kaufen sind, für kein Geld der Welt. Und glauben Sie mir, Eccarius – in all diesen schmutzigen Handeln, wo es sich um eigentlich Unverkäufliches dreht – ob es nun Liebe ist oder Ehre oder Ruhm oder Begabung oder Adel – immer war zuerst der Käufer da, immer zuerst der, der auf seinen Geldsack schlug und sagte: das will ich haben, schafft es mir, ich kann es zahlen. Und dann wurde erst die Ware gesucht. Glauben Sie, daß ein armer Musiker auf den Gedanken kommt, seine Gedanken, seine Melodien, das liebste, was er hat, einem reichen Krämer anzubieten, damit der sie unter seinem Namen erscheinen läßt? Nein, so ein Gedanke kann nur in einem Krämergehirn aufkeimen!
Ich kenne solche Fälle – sehr genau! Von den harmlosesten Anfängen, wo ein wohlgenährter Bürgerssohn von einem armen begabten Mitschüler sich die ersten Liebesbriefe schreiben läßt – für eine Handvoll Zigaretten – bis zu Opernpremieren, wo sich als Komponist ein Herr verbeugt, der nie einen Ton von der aufgeführten Musik geschrieben hat – hätte schreiben können. Ach, die Welt ist schon ziemlich ekelhaft. Man kann nur froh sein, wenn man möglichst wenig mit ihr zu tun hat. Wir sitzen hier auf unserer Insel – gelt Norina? Und soviel Schiffe auch anlegen – sie fahren alle wieder weiter – ansiedeln darf sich keiner in unserm Bereich. Im übrigen kann ich nur sagen: Drencker soll froh sein, daß es ihm nicht ergangen ist wie dem armen Keller, der sich vor acht Tagen erschossen hat, weil ihn eine Erpresserbande langsam erdrosselt hat und weil der unglückliche Mensch lieber tot sein wollte, als immer vor dem Gefängnis zittern.“
Eccarius schüttelte den Kopf:
„Daß die mittelalterliche Institution dieser Strafen immer noch besteht!“
Nora legte sich dafür ein: „Es muß doch einen Schutz für Kinder und Unmündige geben – auch wenn die Unmündigen zufällig über einundzwanzig Jahre sind. Es gibt ein sehr wahres Wort: wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter. Wie zwei reife Menschen miteinander leben, geht keinen Staatsanwalt etwas an. Genau so, wie kein Staatsanwalt sich in das hineinmischt, was in einer Ehe vorgeht. Ich muß sagen, in manchen Fällen: leider! Wenn gestraft wird, so wird geklagt, und wenn jemand klagt, so fühlt er, daß ihm Unrecht geschehen ist.“
„Der Paragraph hundertfünfundsiebzig ist eine Einnahmequelle für Gauner und Erpresser,“ widersprach Eccarius heftiger, als es seine Art war – „aber kein Schutz für Kinder irgendwelchen Alters. Kinder dulden stumm und klagen nicht. Wenn einmal ein Fall ans Licht kommt, dann schreit die Welt vor Empörung – aber in tausend Fällen kommt von solchen an Kindern begangenen Verbrechen nicht ein Schimmer zutage.“
„Das ist nicht möglich,“ sagte Sophie mit vor Erregung bebender Stimme, „es kann auf der ganzen Welt nicht tausend Unmenschen geben, denen ein Kind nicht heilig wäre.“
Eccarius lachte, ein heiseres, tonloses Lachen:
„Ich will Ihnen einen Fall erzählen – einen Fall von tausend. Ein Verbrechen von tausend, bei welchem der Verbrecher straflos ausging ... ich kannte eine Familie – eine wohlhabende, angesehene Familie, kluge gütige Eltern, die vier gesunde, begabte, gut veranlagte Kinder hatten ... vier Knaben. Die Mutter konnte nicht ganz allein die Sorge für vier heranwachsende Jungen haben – es wäre auch gegen das Herkommen gewesen – man nahm ein Kinderfräulein ins Haus – eine halbgebildete Person, wie es üblich war, eine von sympathischem Äußern mit guten Zeugnissen und allen möglichen Empfehlungen. Dies Kinderfräulein hatte nichts besseres zu tun, als den Knaben beizubringen ... wovor man sie sonst sorglich behütet. Die unglücklichen Kinder gerieten dadurch ganz in den Bann dieser Person. Sie wußten, daß sie etwas Verbotenes taten. Sie schlugen sich mit dem schweren Begriff ‚Sünde‘ herum, und baten Gott um Beistand. Das infame Weib erfand mit unerschöpflicher Phantasie immer neue Listen, um die widerstrebenden und ermüdeten Kinder aufzustacheln. Sie wurden immer elender – sie wurden auf alles mögliche behandelt, in teure Bäder geschickt – natürlich in Begleitung des Fräuleins. Manchmal faßte eines der Kinder den Entschluß, der Mutter alles zu beichten – aber es blieb bei dem Entschluß. Diese Dinge waren zu furchtbar, als daß man sie der gütigsten Mutter hätte anvertrauen können. Vielleicht können Sie sich eine Vorstellung davon machen, was solche Kinder für eine ‚Kindheit‘ gehabt haben. An Leib und Seele erschöpft, unlustig zu Spiel und Arbeit, bei aller Begabung kaum fähig, in der Schule mitzukommen, in ewiger Angst vor Entdeckung, vor Strafe, vor Krankheit, vor der Hölle – und immer widerstandsloser dem Laster hingegeben, immer mehr wie Schatten durch die Tage schleichend, und lebend nur in dem gefährlichen Spiel der Nächte.
Als das Kinderfräulein ging, um in einer andern Familie ihr Werk fortzusetzen – da war es zu spät. Von den vieren hat sich keiner mehr erholen können. Der eine erschoß sich in der Nacht nach seiner Verlobung. Der zweite blieb ein unseliger Monomane und mußte schließlich mit völliger Nervenzerrüttung in eine Heilanstalt gebracht werden. Die beiden jüngsten haben allem, was Eros heißt, im tiefsten angewidert, den Rücken gekehrt. Der eine, schwärmerischen Geistes, hat sich in ein Kloster geflüchtet – der andere schlägt sich durch eine graue und freudlose Welt und schaudert zurück vor jeder Gemeinschaft mit Menschen. Das Weib ist wahrscheinlich heute noch eine würdige Kinderfrau, und die ihr anvertrauten Kinder werden elend unter ihrer umsichtigen Pflege.“
Niemand sprach. Die Dunkelheit war über das ganze Zimmer gekrochen und ließ kaum mehr von den Fenstern einen blassen grauen Fleck sehen.
„Oh!“ sagte Sophie – Mette glaubte zu hören, daß ihre Stimme von zornigen Tränen bebte und glaubte zu fühlen, wie sie die Fäuste ballte: „Man sollte sie hinrichten.“
„Dann müßte man viele hinrichten,“ sagte Eccarius ruhig.
Wieder lastete das Schweigen.
Es klopfte, jemand öffnete die Tür, heller Lichtschein stach in die Dunkelheit, Lärm zerriß die Stille.
„Ich bringe die Zeitung,“ sagte das Mädchen und blieb verwundert in der Tür stehen. „Soll ich Licht machen, gnädige Frau?“
„Ja, machen Sie Licht, Martha.“
Das Licht gellte auf wie ein Trompetenstoß. Sie neigten alle die Stirnen, um ihm zu entgehen und zogen die Brauen zusammen und blinzelten mit den Augen.
Keiner fand den Mut, den andern anzusehen. Sophie nahm dem Mädchen die Zeitung ab und fing an, daraus vorzulesen, die gleichgültigsten Dinge der Welt, die niemanden interessieren konnten. Aber alle heuchelten Anteilnahme und wußten irgend etwas dazu zu sagen, so daß ein lebhaftes Gespräch aus lauter belanglosen Phrasen zustande kam.
Eccarius ging, ehe die Unterhaltung wieder versickerte.
Sie sprachen noch über ein Dutzend anderer Dinge, als er fort war. Aber es war, als ob sie weder ein ernstes, noch ein erzwungen leichtes Gespräch mehr ertragen konnten. Sophie fand den erlösenden Gedanken. Sie machte den Vorschlag einer Skatpartie, um noch ein Weilchen gemütlich beieinander zu sitzen und Ablenkung für die Gedanken zu haben.
Aber plötzlich, mitten im Spiel, ließ sie die Hand mit den Karten auf den Tisch sinken:
„Er hat einen Bruder in der Irrenanstalt,“ sagte sie, als hätte sie die ganze Zeit nichts anderes gedacht.
„Ich weiß,“ sagte Nora ebenso ernsthaft. „Und einen im Kloster.“
Als Mette nach Hause kam, begegnete ihr auf der Diele eines der Mädchen und sagte – wie es ihr schien, mit einem vieldeutigen und unverschämten Lächeln:
„Fräulein Werkenthin ist da und wartet auf Fräulein Rudloff.“
Mette fühlte ihr Herz zittern, wie in letzter Zeit so oft. Sie ging langsamer, weil sie nicht so schnell nach ihrer Zimmertür kommen wollte. Ihr war, als ob sie dringend noch einiger Sekunden Aufschub bedürfte – dann schien es wieder, als wäre das Mädchen stehengeblieben, sie glaubte den spöttischen, beobachtenden Blick wie einen Stich zwischen den Schulterblättern zu fühlen und ging wieder rascher.
Es war kalt draußen, kalt auf der Treppe, kalt auf dem Türgang.
Sie hatte sich so auf ihr warmes stilles Zimmer gefreut, auf den milden Schein der Lampe, auf eine Stunde im Sessel, ein gutes Buch in der Hand. Nun war ihr liebes Zimmer ganz erfüllt von fremdem Wesen, eine Wolke von Opium und betäubendem Parfüm würde ihr entgegenschlagen, und sie würde heute Abend keine ruhige Viertelstunde mehr haben.
Sie würde wieder die halbe Nacht in allen Nerven zitternd im Bett liegen und ein Adalin nach dem andern schlucken müssen, um ein paar Stunden steinschweren, unerquicklichen Schlafes zu haben.
Eine jähe Wut packte sie an und schüttelte sie.
‚Ich will, daß mein Zimmer leer ist,‘ dachte sie wie ein trotziges Kind mit zusammengebissenen Zähnen und geballten Fäusten, ‚jedes Tier hat seine Höhle, in die es sich verkriechen kann! Ich will jetzt einen Raum haben, wo ich allein bin. Ich muß allein sein, ich muß Ruhe haben, ich will keine fremden Menschen in meinem Zimmer!‘
Sie lehnte sich einen Augenblick erschöpft und dem Weinen nah gegen die Wand. Sie überlegte, ob es nicht das beste wäre, wieder fortzugehen, sich in ein Kaffeehaus zu setzen und Zeitungen zu lesen – aber sie war müde und fürchtete sich vor den kalten, dunklen Straßen. Außerdem mußte sie ja schließlich doch einmal nach Hause, und sie würde um Mitternacht immer noch jemand wartend in ihrem Zimmer vorfinden.
Sie ging also rasch entschlossen auf ihre Tür los. Sie nahm sich vor, Kopfschmerzen zu heucheln – ach, sie hatte wahrhaftig schon welche vor Angst und lauter Ärger – sie würde sich einfach ins Bett legen, Kompressen machen, Pulver schlucken und auf alle Fragen und Erzählungen nur ein ja oder nein stöhnen. Vielleicht bliebe sie dann bald allein.
Als sie die Tür öffnete, hatte sie einen Augenblick das Gefühl, zu träumen oder wahnsinnig zu sein.
Alle Türen und Fächer ihres Schreibtisches waren offen. Weiße Berge häuften sich davor. Sie erkannte mit einem flüchtigen Blick Briefe, Bilder, Studienhefte – alles in einem wüsten Durcheinander.
Vor den offenen Schüben der Kommode kniete Gisela in Hemd und schwarzseidnen Trikothöschen und zerrte und wühlte in Mettes Wäsche.
Es war das Schlimmste, was man Mette antun konnte, wenn man sich an ihren wehrlosen Sachen vergriff.
Sie stürzte auf Gisela zu und packte zornig ihren nackten Arm.
„Was machst du denn da? Was fällt dir denn ein?“ herrschte sie sie an.
Gisela war nicht im mindesten erschrocken. „Du kommst zu früh,“ sagte sie kalt und entblößte mit einem höhnischen Mundziehen die Zähne, „jawohl, zu früh, ich weiß ganz gut, was ich sage, ich meine nicht zu spät, sondern zu früh. Wenn du fünf Minuten später gekommen wärst, wäre alles schon erledigt gewesen.“
„Was heißt das?“ fragte Mette, immer noch mehr in Wut, als in Angst, obgleich das Gesicht, das sie hundert Sekunden lang dicht vor dem ihrigen gesehen hatte, ihr fremd und unheimlich erschien, „was tust du hier? Was kramst du in meinen Sachen?“
„Ich suche etwas,“ sagte Gisela scharf und höhnisch, „das siehst du wohl, daß ich etwas suche. Geht es dich etwas an? Ich glaube im Grunde nicht, daß es dich etwas angeht. Ich glaube nicht, daß es dich,“ sie zeigte ein paarmal mit ausgestrecktem Finger auf Mettes Brust, „dich im Grunde etwas angeht – in deinem Grunde. Ich in meinem Grunde gehe dich nichts an. Ich bin am Grunde – ganz tief am Grunde.“ Sie sang mit leiser gebrochener Stimme und schmerzlich verzogenem Gesicht „In einem kühlen Grunde“, um plötzlich mit ganz verändertem klaren und fast geschäftsmäßigen Ton zu sagen: „Ich suche deinen Revolver.“
Mette wollte einen Blick nach dem Nachttisch werfen, aber mit fast übermenschlicher Energie bezwang sie die schon begonnene Bewegung, als sie sah, daß Giselas Augen an ihrem Gesicht hingen und jeder leisen Regung folgten.
„Was willst du mit dem Revolver?“ fragte sie ganz ruhig, „das ist kein Spielzeug für dich.“
„Was ich mit dem Revolver will?“ sagte Gisela mit einem klagenden, singenden Kinderton. „Ihn abdrücken, gegen meine Schläfe halten, losdrücken, sterben, schlafen. Wie du fragst! Was ich mit dem Revolver will? Ei nun – was man mit einem Revolver zu tun pflegt. Ei nun ...“ Sie fing plötzlich an zu lachen. „Hast du schon einmal in deinem Leben gehört, daß ein Mensch ‚Ei nun‘ sagt. Zu blöd’!! Wer wohl diesen Satz erfunden hat! Ei nun ... ei nun ...“ Sie kam immer mehr ins Lachen, lachte so, daß ihr die Tränen über’s Gesicht liefen, schüttelte den Kopf, daß ihr die Strähnen um die Stirn flogen und wiederholte immer „ei nun – ei nun.“
Plötzlich stand sie auf und stieß mit den schmalen zierlich beschuhten Füßen gegen die Kleider, die auf dem Boden lagen.
„Du mußt dich nicht wundern, daß ich mich ausgezogen habe. Ich habe es ganz mit Absicht getan, weil mir zu warm war. Vielleicht findest du es ungehörig, daß ich mich in deinem Zimmer ausgezogen habe. Dann bitte ich dich hiermit um Verzeihung,“ sagte sie sehr förmlich, „du findest ja manches ungehörig, weil du aus einer höheren Gesellschaftssphäre stammst. Du bist eben ein Sphäroid,“ sie fing wieder an, unbändig zu lachen, „ich habe nie eine Ahnung gehabt, was das ist, aber genau so habe ich mir ein Sphäroid immer vorgestellt.“ Sie schwankte und stützte sich mit beiden Händen auf die Kommode, ihre Augen schlossen sich halb, ihr Mund verzog sich schmerzlich. „Wenn mich jetzt ein Mensch auf der Welt lieb hätte, würde er mich zu Bett bringen. Oh, nur liegen, daß mein Gehirn endlich in die richtige Lage kommt. Es hat sich umgedreht und stößt sich fortwährend an der Hirnschale.“ Sie lächelte, wie um Verzeihung bittend: „Ich weiß natürlich, daß es sich nicht umgedreht hat, aber es fühlt sich so an, glaub’ mir, genau so.“
Mette griff stützend an ihren Ellbogen:
„Komm, ich will dich hinlegen,“ sie bemühte sich, sehr sanft zu sprechen, „komm, sei mein gutes Kind. Du legst dich schön auf den Diwan – dann kommt dein armes Gehirn wieder in die richtige Lage – du bist müde, glaub’ mir, du mußt schlafen, dann bist du in ein paar Stunden wieder ganz frisch und munter.“
Sie faßte den schmalen, willenlosen Körper um die Schultern, führte ihn nach dem Diwan, bettete ihn auf die Kissen und bedeckte ihn noch mit den Decken aus dem Bett.
Sie setzte sich daneben und streichelte mechanisch die kalten und wie leblosen Hände, bis die zitternden Atemzüge ruhiger wurden, die Glieder sich streckten, und der Kopf sich tiefer in die Kissen grub.
Eine Weile saß Mette ohne sich zu rühren, weil sie Angst hatte, die Schlafende zu wecken. Jetzt war es doch wenigstens still im Zimmer.
Sie sah nach der Uhr. In einer halben Stunde hätte Gisela auf dem Podium stehen sollen, um zu singen. Sie warf einen Blick auf das erschöpfte Gesicht mit den erschlafften Zügen und dem geöffneten Mund. Es würde kaum möglich sein, die Schlafende jetzt zu erwecken, und sie an ihre Berufspflichten zu erinnern. Mette verspürte auch nicht die geringste Lust dazu.
Sie stand leise auf, um an das Telephon zu gehen. Sie wollte wenigstens bei dem Kabarett anklingeln und Gisela krank melden. Vielleicht konnte sie ihr dadurch eine Strafe ersparen. Außerdem war ihrem bürgerlichen Empfinden der Gedanke unerträglich, daß die Leute dort in fieberhafter Aufregung von Minute zu Minute warten sollten und keine Nachricht bekämen.
Sie schlich erst auf Zehenspitzen, sich vorsichtig umschauend wie ein Verbrecher, nach dem Nachttisch, um den Revolver herauszunehmen. Sie überlegte, wohin sie ihn tun könnte – kein Platz erschien ihr sicher genug. Sie beschloß, ihn mitzunehmen, und da sie nicht mit ihm gesehen werden wollte, schob sie ihn vorn in die Bluse. Sie fühlte ihn kalt und schwer und unheimlich in dem leichten Stoff hängen, und obgleich sie die Sicherung noch einmal geprüft hatte, hatte sie bei jedem Schritt das Gefühl, beim leisesten Anstoß würde Sicherung und Hahn sich lösen, und die Kugel ihr in die Brust dringen. Sie sagte sich trotzig, daß es das Beste wäre, was ihr geschehen könnte, und bezwang damit ihre Angst.
In der Telephonzelle wartete sie lange, ehe sie die Nummer nannte, weil sie auf dem Gang Schritte zu hören glaubte, oder Türen, die sich öffneten – sie wollte nicht, daß irgend jemand das Gespräch mit anhörte.
Als sie die Verbindung endlich bekommen hatte, mußte sie die Litanei, daß Fräulein Werkenthin krank sei und nicht kommen könne, dreimal herunterbeten.
„Einen Augenblick bitte, ich verbinde mit dem Bureau,“ sagte das erstemal eine höfliche Stimme.
„Moment, ich verbinde mit der Direktion,“ das klang schon weniger liebenswürdig.
„So,“ sagte eine scharfe Stimme nach dem drittenmal, „Fräulein Werkenthin ist krank. Das wird der Arzt entscheiden! Er wird in einer Viertelstunde in ihrer Wohnung sein.“
„Fräulein Werkenthin ist nicht in ihrer Wohnung,“ sagte Mette mit klopfendem Herzen, „sie ist bei mir.“
„Wer ist denn überhaupt da am Telephon?“
„Eine Freundin von Fräulein Werkenthin.“ Nicht, wenn man sie gefoltert hätte, würde Mette jetzt ihren Namen genannt haben. „Fräulein Werkenthin war bei mir zu Besuch und ist ohnmächtig geworden.“
Sie hörte, daß die Stimme mit höhnischer Betonung nach rückwärts sagte: „Sie war bei ihrer Freundin und ist ohnmächtig geworden!“
Eine Stimme schrie, heiser vor Wut, dicht am Apparat: „Sie ist wohl besoffen, wie?“
Mette hörte, daß jemand weggedrängt und zur Ruhe verwiesen wurde, und hörte noch ein unwirsches Gemurmel – „Morphium oder Koks oder Alkohol – immer abwechselnd“.
„Sagen Sie Ihrer Freundin,“ das war wieder die scharfe Stimme von zuerst, und wie sie höhnisch hervorhob „Ihrer Freundin“ traf es Mette wie eine Ohrfeige, „ich könnte sehr gut verstehen, daß sie das Vergnügen Ihrer Gesellschaft dem Auftreten an meinem Institut vorzieht. Aber ich kann ihr auch versichern, daß es mir durchaus kein Vergnügen macht, ihr für nichts und wieder nichts eine hohe Gage zu zahlen. Fräulein Werkenthin wird morgen ein Attest des Theaterarztes einreichen, oder sie ist entlassen.“
Der Hörer wurde mit einem Ruck aufgelegt.
Mette überlegte eine qualvolle Minute lang, ob sie an den Theaterarzt telephonieren sollte. Vielleicht ließ er sich bewegen, ein Attest zu schreiben.
Aber sie hätte ihren Namen angeben müssen, ihre Wohnung. Sie hätte diesem fremden Mann gegenübertreten müssen, ihn in ihr Zimmer führen. Alles in ihr kochte auf vor Empörung. Wie kam sie dazu?
Sie ging geräuschlos in ihr Zimmer zurück. Als sie ihre Sachen auf dem Boden verstreut sah, schüttelte sie wieder eine Welle Zorn.
Sie hatte jetzt keine Lust, aufzuräumen. Sie wollte auch gar nicht sehen, was da alles lag, so roh herumgezerrt und herumgeworfen.
Sie drehte einen Sessel so, daß er der Verwüstung und dem Diwan den Rücken drehte. Sie nahm ein wissenschaftliches Buch vor und versuchte, zu lesen. Vom Diwan klang der regelmäßige Atem so rauh und schwer, daß er gar nicht aus dem zarten Körper zu kommen schien. Und die Unordnung hinter ihr bedeutete zugleich auch Unruhe. Es war, als ob die offenen Schübe und Türen ein hilfesuchendes Klagen ausstießen. Und als ob sie Augen auf dem Rücken hätte, die durch die Sessellehne hindurch immerzu die weißen Flecke von Papier und Batist auf dem dunklen Teppich sahen.
Das Gehen und Reden draußen hörte auf. Es wurde still in der Wohnung, still im Haus.
Die Heizung ließ nach, das Zimmer wurde immer kälter.
Die Kälte kroch vom Fußboden herauf in Mettes Glieder. Sie zog die Füße auf den Sitz, aber auch das half nicht für lange.
Dicht neben ihr auf der Erde lag Giselas Mantel. Sie hob ihn auf und legte ihn sich über die Knie. Eine Duftwelle stieg von ihm auf. Sie schleuderte ihn angeekelt wieder auf den Teppich zurück.
Sie zittert vor Kälte, Aufregung und Müdigkeit. – – –
Lange nach Mitternacht stand sie leise auf, um sich vom nächsten Stuhl ihren eigenen Mantel zu holen. Die erstarrten Glieder schmerzten bei jeder Bewegung. So vorsichtig sie ging, die Dielen krachten unter ihrem Schritt, und Gisela fuhr mit einem Aufschrei in die Höh’.
Ihre Augenlider waren dick geschwollen, das Haar hing in wirren Strähnen um das blasse, verwüstete Gesicht.
„Wer geht da?“ rief sie, „oh, du bist es, Mette!“ sie lachte halb verlegen, „ich dachte, es wären Einbrecher.“
„Ich habe ans Trocadero telephoniert,“ sagte Mette müde und ruhig. „Ich glaube, Kayser war selbst am Telephon – du hast die Vorstellung versäumt. Er war sehr wütend – du sollst morgen ein Attest beibringen, oder du bist entlassen.“
„Wenn schon,“ sagte Gisela wegwerfend, „er soll sich nicht lächerlich machen mit seinen Drohungen.“
Mette hob die Achseln: „Das kannst du ihm vielleicht selber sagen! Mir war es unangenehm genug, mich von den Herren behandeln zu lassen, als wäre ich daran schuld.“
„Arme Mette“ – das klang ehrlich bedauernd und ohne jeden Spott – „du weißt gar nicht, wie leid du mir tust. Mußtest du armes kleines Bürgerseelchen mit deinen tausend Ängsten an mich geraten!“ Sie arbeitete sich aus den Decken heraus: „Ich war schon ziemlich bei mir, vorhin, als ich den Revolver suchte, glaub’ mir! Ich weiß ganz genau, was ich wert bin, und was für mich und alle das beste wäre.“
Sie saß auf dem Diwan und sah betrübt auf ihre schlanken Beine in schwarzseidnen Strümpfen hinab.
„Meine Mutter hat mir immer prophezeit, daß ich in der Gosse ende. Schon als ich ganz klein war. Ich muß bald enden, wenn es nicht doch noch dahin kommen soll. Krank bin ich – vielleicht bin ich morgen brotlos – meine Stimme ist hin, verbraucht, kaputt. Morgen such’ ich mir einen Liebhaber im Klub, übermorgen im Kaffee, nächste Woche auf der Straße.“
Sie hob das Gesicht, das von Tränen überströmt war.
„Gib mir deinen Revolver, Mette, ich bitte dich, du tust ein gutes Werk. Ich schreibe noch einen Abschiedsbrief, damit dich kein Verdacht trifft. Ich bitte dich, sei barmherzig!“
„Ich habe ihn gar nicht mehr,“ log Mette, „ich habe ihn verborgt.“
Dabei fühlte sie sein Gewicht. Er hing vorn in ihrer Bluse, daß der Kragen wie eine feine drückende Schnur auf ihrem Nacken lag.
‚Was soll nun werden?‘ dachte sie, ‚niemals werde ich von ihr frei kommen. Es wird immer so weiter gehen, ich werde sie in meinem Zimmer finden, jedesmal, wenn ich heimkomme, sie wird keinen Beruf mehr haben, kein Geld, sie wird wie eine Klette an mir hängen – und das soll mein Leben sein. Warum nur das alles? Wodurch habe ich das verdient? Nur weil ich mir ihre Zärtlichkeiten habe gefallen lassen? Hat sie dadurch ein Anrecht auf mich, habe ich mich in ihre Hände gegeben, mit Leib und Seele?‘
Gisela kreuzte fröstelnd die nackten Arme über der Brust.
„Es ist kalt hier,“ sagte sie, „warum bist du nicht ins Bett gegangen, armes Tierchen? Es ist doch sicher schon sehr spät – viel zu spät, als daß ich noch eine Bahn nach Hause bekäme. Ach, ich bin wie gerädert. Komm, Mettelchen, wir legen uns beide in dein Bett, damit wir warm werden. Frierst du auch so mordsmäßig?“
„Nein,“ sagte Mette kurz. „Leg du dich nur ins Bett. Ich will noch ein bißchen lesen – ich bin noch zu wach.“
Gisela schlüpfte aus den Schuhen und kroch ins Bett.
„Ich lege mich ganz an die Wand,“ sagte sie, „du hast noch Platz.“
„Ja, ja, danke schön.“
Mette saß wieder ganz still in dem tiefen Sessel ...
Das Gewicht des Revolvers ließ sie wieder eine feine drückende Schnur im Nacken spüren ...
Sie dachte über sich selbst nach und ihr war schwindelig, als sähe sie einen Abgrund, den sie überquert hatte, ohne seine entsetzliche Tiefe gewahr zu werden.
Hatte nicht vor einigen Minuten eine Stimme in ihr geschrien: Tu es doch, gib ihr den Revolver, laß sie ein Ende machen, dann hast du Ruh’!
Wenn sie es getan hätte, dann hätte ein Schuß gekracht, Blut und Hirn hätte sie bespritzt, im Zimmer läge jetzt eine Tote – oder eine Sterbende.
Und sie, Mette Rudloff, hätte einen Mord begangen!
Aus Feigheit, aus Bequemlichkeit, aus kleiner, erbärmlicher Selbstsucht.
Sie hatte diesen Mord in Gedanken begangen. Es hätte nur einer harmlosen Bewegung bedurft ...
Sie schauderte zusammen.
Vom Bett her klang ein tiefes, ruhiges Atmen.
Mettes Mund verzog sich zu einem höhnischen Lächeln.
‚Sie hätte es nicht getan,‘ dachte sie, ‚die hätte es nicht getan.‘
Eine Landstraße dehnte sich weiß im Licht. In schattendunklen Ecken, wo die Sonne niemals hinkam, lagen noch kleine bräunlich-zermürbte Fleckchen Schnee. Die Obstbäume an beiden Seiten der Straße hatten kugeldicke Knospen, an denen die dunkle Hülle schon weißschimmernde Streifchen sehen ließ. Der Wald in der Ferne war überflogen mit einem rötlichen lebenverkündenden Schleier.
Mette und Sophie wanderten die Straße entlang.
„Gott, ist das schön,“ sagte Mette und zog mit offenem Mund die reine starke Luft in die Lungen, „es war ein wundervoller Gedanke von Nora, uns einmal hinauszujagen!“
„Nora hat immer wundervolle Ideen,“ meinte Sophie mit einem heitern und zärtlichen Stolz. „Sie weiß immer, was ich brauche und was mir gut tut, viel besser, als ich selbst. Ich weiß nun allerdings meistens nicht, was mir fehlt. Tatsächlich – ich fühle mich unbehaglich und weiß nicht, ob ich schlafen möchte, oder essen, oder spazierengehen. Aber Nora sagt mir dann: du mußt dich hinlegen, oder: du mußt an die Luft – und es ist immer das Richtige.“
„Du hast es gut,“ sagte Mette mit einem kleinen nachdenklichen Seufzer, „aber du weißt es wenigstens – darum gönne ich es dir auch.“
„Ja, ich weiß es,“ das klang fast andächtig. „Ich hab’ es so unmenschlich gut! Ich weiß es – und du weißt es. Aber die wenigsten Leute sonst machen sich einen rechten Begriff davon. Ich glaube, sie überschätzen mich vielfach. Man hält mich im allgemeinen für viel stärker und selbständiger, als ich in Wirklichkeit bin – für viel männlicher, können wir ja auch sagen. Und dabei bin ich im Grunde so entsetzlich hilflos! Ich kann arbeiten – aber doch nur, weil ich weiß, für wen ich arbeite. Ich glaube, wenn ich nach der Arbeit in eine leere Wohnung hinaufsteigen müßte, ich würde wahnsinnig vor Einsamkeitsangst, oder ich würde Abend für Abend im Kaffee sitzen und trinken und rauchen, bis mir das Leben erträglich erscheint. Ich weiß, daß manche Leute mich bedauern, weil Nora krank ist. Denke dir, vielleicht klingt es brutal und herzlos – aber manchmal empfinde ich es direkt als ein Glück, daß sie sozusagen mit dem Haus verwachsen ist. Das Haus und sie – es bleibt immer auf demselben Fleck und ist immer da für mich.“
„Es erwartet dich,“ sagte Mette mit trübem Lächeln, „und im Grunde freust du dich jetzt schon auf den Abend, wenn du wieder heimkommst. Das ist für dich das Schönste an dem ganzen Ausflug.“ – – –
Sie schritten bergan. Die Sonne brannte so, daß sie die Jacken öffnen mußten.
„Was macht Gisela eigentlich?“ fragte Sophie. Man merkte es dem Ton an, daß die Frage beiläufig und harmlos klingen sollte, und vielleicht darum schon dreißigmal im letzten Moment zurückgehalten worden war.
„Es geht ihr schlecht,“ sagte Mette trotzig, „hast du schon einmal erlebt, daß es ihr nicht schlecht ging?“
Sophie schüttelte den Kopf:
„Daß du nicht mehr Einfluß auf sie hast! Du bist doch im Grunde so eine gesunde und kraftvolle Natur. Aber sie zieht dich hinunter, anstatt daß du sie heraufreißt. Woran liegt es, daß du gar keinen Einfluß auf sie hast?“
„Das liegt daran, daß ich sie nicht liebe,“ sagte Mette in einer verärgerten Stimmung, die ihr lange schweigend getragene Gedanken über die Lippen drängte, „und daran, daß sie mich nicht liebt. Glaub’ mir, in jedem großen Einfluß, den ein Mensch auf einen andern ausübt, steckt – ganz unbewußt vielleicht und ganz verborgen – ein Stück Liebe. Ich wenigstens bin sicher nur zu beeinflussen, wenn ich liebe.“
„Du wirst aber beeinflußt,“ Sophie wurde plötzlich sehr ernst, „obgleich du ja nicht liebst, wie du sagst. Du glaubst nicht, wie du dich für einen unbefangenen Beobachter verändert hast! Als wir dich kennenlernten, warst du so kinderjung – selbst wenn du ernst warst oder melancholisch, es war eine so ungebrochene Lebenskraft in dir. Du warst – wie soll ich es nur sagen? – wie eine Flamme, die noch fast bedeckt ist, aber man spürt, daß sie sich durchfressen wird und plötzlich hell und sieghaft auflohen.“
„Und jetzt?“ sagte Mette trübe. „Jetzt glimmt es und schwelt, und die Glut läuft an den Kanten entlang, und manchmal züngelt noch irgendwo ein ganz schwächliches blaues Flämmchen auf, aber man sieht, daß es keinen Atem hat, es wird erlöschen, die Glut wird erlöschen, und es bleibt ein dunkler, kalter, halbverkohlter rauchender Haufen – kein Aschenhaufen, denn der hat ja seinen Zweck erfüllt, der hat sich in Flammen verzehrt und hat Wärme gegeben – oder sonst seinen Zweck erfüllt. Glaub’ mir, ich könnte auch meinen Zweck in der Welt erfüllen, wenn er auch noch so gering ist – es müßte nur einer Feuer in mich hineinwerfen, mich in Flammen setzen – das Material ist ganz gut.“
„Vielleicht,“ lächelte Sophie, „ist jeder Mensch so ein Haufen Brennmaterial – mehr oder weniger gutes. Manche haben die Flamme direkt von Gott – manche haben sie von brennenden Menschen. Aber es kommt auch dann immer noch darauf an, ob das Häuflein am richtigen Platz verbrennt. Es kann einem einzigen Wärme spenden, es kann, in einem Maschinenkessel eingesperrt, Wunder vollbringen und Tausende übers Meer führen – es kann auch wild um sich brennen und Städte und Wälder in Asche legen. Aber, schön ist es immer, wenn’s brennt, und wenn es Pech und Werg und Moorerde ist.“
Mette hob die Achseln – ihr war, als höbe sie eine Last hoch: „Ich bin am Verlöschen, glaub’ mir – und habe mit meiner Kraft keinen erwärmt und kein Rädchen in Bewegung gesetzt – und bin noch nicht einmal ausgebrannt – das ist das schlimmste!“
Sie gingen ein paar Minuten schweigend. Sophie stieß mit der Stockspitze nach Kieseln, die im Wege lagen, als wollte sie sie zersplittern.
Plötzlich warf sie den Kopf hoch.
„Geh’ weg von hier!“ sagte sie zwingend, „pack’ deine Koffer und fahr’ morgen nach Hause!“
„Ich hab’ kein ‚Zuhause‘,“ sagte Mette bitter.
„Dann fahr’ irgendwohin – in eine fremde Stadt, oder in die Berge, oder in ein Bad. Irgendwohin, wo du fremd bist. Such’ dir einen Kreis intelligenter, anregender, aber vor allen Dingen reinlicher Menschen. Ich würde sagen: such’ dir einen Menschen – aber da ist mit Suchen so wenig getan. Es ist ja auch vorgekommen, daß einer auf der Straße eine goldene Uhr oder eine gefüllte Brieftasche gefunden hat – darum wäre es doch recht töricht, auszugehen, um goldene Uhren oder Brieftaschen zu finden. Aber was du hier um dich hast – das sind ja keine Menschen für dich.“
„Und du?“ fragte Mette, „du und Nora, und Eccarius, und Zeeden und Johannes? – Ich hab’ hier ein Dutzend Menschen, die mir wohlwollen, die freundschaftlich für mich empfinden, deren Gesichter mir vertraut sind – ach, du ahnst ja nicht, wie unendlich viel das schon wert ist!“
„Ach, weißt du,“ Sophie lächelte nachdenklich, „man hat überall Freunde, auch wenn man sie nicht kennt. Man kann ihnen ja entgegenfahren, um sie kennenzulernen! Ich mußte einmal nach Marburg an der Lahn – ich kannte keine Seele da und fürchtete mich ein bißchen, wie ich so durch die Nacht fuhr, einer unbekannten Stadt entgegen. Da fiel mir meine Namensschwester ein, Sophie Mereau, nach der sie mich auch immer Sophus nennen – ich hab’ dir ja ihren Briefwechsel mit ihrem verrückten Mann zu lesen gegeben – ich dachte daran, wie sie nach Marburg fuhr, auf der Landstraße im Postwagen noch dazu, und was für Mut dazu gehört haben mag, sich von allen Freunden loszumachen und in ein ungewisses Leben hineinzufahren – in ein Leben mit diesem tollköpfigen, heißblütigen, grüblerischen Seelensadisten, diesem Clemens. Und ich freute mich auf die Stadt – ich wollte die Gassen aufsuchen, durch die sie ihre täglichen Gänge machen mußte, und wollte suchen, was vielleicht damals schon so war und was sich verändert hatte. Du glaubst nicht, wie mich das beruhigte.
Denke dir, du kämest in eine Stadt, in der deine besten Freunde gewohnt haben, von der sie dir immer erzählt haben, vielleicht fändest du sogar ihr Haus, ihre Wohnung noch unverändert – würde es dir fremd vorkommen, auch wenn sie lange gestorben sind? Und eigentlich haben wir doch in jeder deutschen Stadt gute Freunde gehabt. Geh’ nach Weimar – es hört sich sehr lächerlich an, wenn man sagt: ‚um auf Goethes Spuren zu wandeln.‘ Aber da ist kein Weg und kein Platz und kein Park und kein Dorf in der Umgegend, das dir nicht vertraut vorkommt und wo du nicht sagst: aha, das war da! und hier geschah das! Und wenn du durch die Straßen gehst und die Gedächtnistafeln an jedem dritten Haus siehst, dann kommt es dir vor, als wären es Türschilder von guten Bekannten, und wenn du Lust hast, kannst du auch hinaufspringen und durch ihre Wohnräume gehen – du bist bei Goethe ein ebenso gern gesehener Gast wie bei Liszt – nur schade, sie sind gerade nicht zu Hause – es wäre schön, ihnen einmal die Hand zu drücken – aber das ist ja nicht das wesentliche. Wir wissen ja, was sie uns zu sagen haben. Wir nehmen irgendwelche alte Briefe vor, zum Beispiel – ganz gewiß, wenn Goethe noch lebte, würde er uns niemals lesen lassen, was er Lida schrieb – und so kennen wir ihn ja eigentlich viel besser, als wenn wir ihn wirklich gekannt hätten!“
„Wie du mich manchmal an Olga erinnerst,“ sagte Mette kopfschüttelnd.
„Das ist deine Freundin, die gestorben ist?“ fragte Sophie sehr zart, mit Augen, in denen Angst und Trauer stand.
„Ja!“ Mette konnte lächeln. „Sie konnte auch Leute lieben, die hundert Jahre tot sind. Nur daß bei ihr Leidenschaft werden konnte, was bei dir doch immerhin mehr Freundschaft und Verehrung ist. Ich komme mir manchmal sehr klein und sehr tierisch vor – aber mir gibt immer noch eine warme Hand oder ein schlagendes Herz oder ein lebendiger Atem tausendmal mehr das Gefühl menschlicher Nähe, als ein Bild oder ein Buch, aus dem eine ganze Seele mich unverhüllt ansieht. Aber ich gebe zu, daß das ein Manko ist.“ – – –
Die Wege im Wald waren mit Tannennadeln bedeckt. Kleine Quellen, vom schmelzenden Schnee gespeist, suchten sich hastig und rücksichtslos ihre Straße meerwärts und überrieselten in vielfach geteilten, schmalen und breiten Rinnsalen die Fußsteige, um sich in das Bachbett zu stürzen. Gefällte Baumstämme lagen quer über den Weg und wollten umgangen oder überklettert sein.
Nach jedem dritten oder vierten Baum schien ein ebener, weithin sichtbarer, gebahnter Pfad zwischen den geraden Reihen der hohen Fichtenstämme zu laufen. Der Boden war rings umher mit einer ganz gleichmäßigen dicken Schicht abgefallener Nadeln überzogen, die unter jedem Tritt leise knackten und knirschten.
Sophie und Mette schlugen irgendeinen dieser Wege ein, im Gespräch vertieft. Aber sie merkten nach einer Weile, wie unter dem Nadelteppich Moospolster sich hoben, Wurzeln sich streckten. Der Boden wurde unebener, Löcher wechselten mit kleinen Hügelchen.
„Ich finde diesen Weg nicht sehr gepflegt,“ erklärte Sophie lachend, „wollen wir umkehren oder sehen, daß wir hier irgendwo weiter und wieder hinaus kommen?“
„Weiter,“ entschied Mette, „umkehren ist mir gräßlich! Dann hat man alle Unannehmlichkeiten, die man noch in ganz frischer Erinnerung hat, noch einmal zu bestehen und ist schließlich wieder am Ausgangspunkt. Lieber will ich dreimal solange und über dreifach schwierigeres Gelände gehen, aber geradeaus und auf unbekannten Wegen.“
„Das versteh’ ich,“ lachte Sophie, „ich hab’ immer gesagt, das muß das schlimmste am Kinderkriegen sein, daß man es dreiviertel Jahr lang vorher weiß. Nur nicht wissen, was einem bevorsteht. Also – dann: durch!“
Jede Andeutung eines Pfades hatte längst aufgehört. Das Gestrüpp des Heidelbeerkrautes schlug ihnen bis fast an die Knie und ließ kein Plätzchen frei, wohin sie nur den Fuß hätten setzen können, ohne die zähen, holzigen Stiele unter der Sohle zu biegen. Abgebrochene Äste von der Größe junger Bäume, manche noch mit grünen Nadeln bedeckt, die meisten nackte, schwarze, traurige Gerippe, mit grauer Flechte überzogen, reckten sich ihnen entgegen, griffen mit Hakenarmen nach ihren Füßen, ihren Kleidern, als böten sie allen Willen eines lebenden Wesens auf, um sie nicht durchzulassen oder mitgenommen zu werden.
Die Stämme wurden schlanker, traten dichter zusammen. Ihre unteren Äste, zu denen die Sonne niemals durchdringen konnte, waren abgestorben, schwarz und dürr, grau übersponnen, und sie griffen nacheinander, schienen miteinander verwachsen, daß die beiden sich nur mit Mühe durch sie hindurchdrängen konnten oder sich bücken mußten, um unter ihnen wegzukriechen, wobei sie dann doch mit den Köpfen anstießen und im windzerwehten Haar allerlei abgesplitterte Zweigendchen oder trockene Flechte mitrissen.
„Wir sind im Zauberwald,“ flüsterte Mette, „gleich kommt der Herr des Berges, was meinst du – soll es ein Zwerg oder ein Riese sein?“
„Dort liegt das Feenschloß.“ Sophie deutete auf eine Stelle, wo es wie eine goldene Wand durch die Äste schimmerte. „Wenn wir dort sind, sind wir geborgen! Komm, Schwesterchen, gib mir die Hand, wir laufen, was wir können!“
Sie strebten vorwärts, so rasch es ging. Dort hinter den Bäumen stand lichter Himmel, sonnige Weite. Schon traten die Stämme mehr auseinander, an den glatten Rinden spielten Sonnenflecke.
Sie traten wie aus einem Tor ins Freie. Ein Abhang lag zu ihren Füßen, nach Süden gewandt, ganz getränkt und geblendet von Sonnenlicht. Laubbäume standen hier, Buchen und Eichen, und streckten die ganze Pracht ihrer kahlen Kronen wie starkes und zierliches Schmiedewerk gegen den blauen Glanz des Himmels. Im Unterholz aber waren schon ungeduldige Knospen gesprungen und falteten die fein gekrausten, von Frische glänzenden Blättchen auseinander.
Zwischen dem grauen, verwitterten Laub am Boden drängten sich grüne Spitzchen hervor, blaue Leberblümchen und weiße Windröschen hatten die Kelche weit, weit aufgetan, um die kosenden Strahlen einzusaugen.
Ein breiter weißer Weg führte unten vorbei, von jungen Birken gesäumt, deren schleierzartes, hängendes Astwerk besät war mit gelben Blütenbüscheln. Er machte unter dem Abhang eine Biegung und lief ein Stück sanft, fast eben, weiter talwärts. Da, wo man ihn aus den Augen verlor, lag überraschend wie ein köstliches Wunder der glatte Spiegel eines Sees so gleißend im Sonnenlicht, daß er die Augen blendete. Daneben ragten rote Dächer, weißes Mauerwerk – das Ziel.
„Herrgott, ist die Welt schön!“ jauchzte Mette, „oh, Sophus, ich bin dir ja so wahnsinnig dankbar, daß du mir das mal wieder zum Bewußtsein gebracht hast!“
„Wir wollen oft zusammen ins Freie,“ sagte Sophie, „ich will dir alles zeigen, was ich früher – ganz früher – so hundertmal gesehen habe, immer in so verzweifelter Einsamkeit und immer in so zerfressender Sehnsucht nach einem Menschen, dem ich das alles zeigen könnte. Wir müssen gehen, wenn die Obstbäume blühen, und nachher, wenn der ganze Wald voll Heckenrosen und Gaisblatt steht, oh, und im September, wenn das Laub bunt wird.“ Sie faßte nach Mettes Hand und preßte mit einem fast schmerzend festen Druck die Finger um das Gelenk. „Du sollst auch nicht fortgehen – das war ja alles Unsinn, was ich dir vorhin gepredigt habe. Wir werden schon sehen, dein Leben hier zurechtzukriegen – wir müssen dir nur eine Arbeit suchen – und du mußt dir ein nettes, kleines Heim einrichten, daß du nicht mehr in der scheußlichen Pension zu wohnen brauchst – und dann mußt du feierabends kommen und gemütlich bei uns sitzen, und einmal in der Woche müssen wir uns freimachen von aller Arbeit und von morgens bis abends in den Bergen herumlaufen.“ Sie wechselte plötzlich den Ton und sagte komisch trocken: „Und dann müssen wir uns verlaufen und müssen die Dächer, aus denen das von Gott uns bestimmte Mittagessen raucht, vor der Nase haben und an einem Abhang stehen, den wir nicht hinunterkommen – oder?“
„Wir kommen!“ sagte Mette zuversichtlich. „Schon weil uns nichts anderes übrigbleibt. Oder wollen wir uns vielleicht vom Ziel entfernen, um einen bequemeren Weg zu suchen? Ausgeschlossen!“
Im Anfang, als die Füße in dem raschelnden Laub versanken, ging es ganz gut. Aber auf dem letzten Streifen, kaum haushoch über der Chaussee, standen wieder Fichten und Kiefern, und der nadelbedeckte Boden war in der Sonne glatter als gebohntes Parkett.
Sophie, die das Bergauf-bergab von Kindheit an gewohnt war, stand – wenn auch in letzter Zeit aus der Übung gekommen – doch auf festeren Füßen als Mette, die von Schritt zu Schritt nach einem Ast suchte, an dem sie sich halten konnte. Sophie streckte ihr die Hand hin, aber Mette schlug ehrgeizig jede Hilfe aus; dabei fingen sie beide an zu lachen, über sich selbst, über den andern, über das kleine Abenteuer, über Scherzworte, die sie sich zuriefen, es brauchte nur der Warnung des andern, daß man fallen würde, der Ahnung einer wirklichen leichten Gefahr, um das Gelächter, das man unterdrücken wollte, in tolle, kindische Lustigkeit ausarten zu lassen. Mette lachte, daß ihr die Tränen aus den Augen stürzten, sie sah nicht mehr, wohin sie trat, die Füße glitten unter ihr weg, ein Zweig, an dem sie sich hielt, knickte ab und blieb ihr in den Händen; sie wäre unfehlbar gestürzt, wenn nicht Sophie, einen Fuß gegen eine Wurzel gestemmt, sich ihr entgegengebeugt, sie aufgefangen und gehalten hätte. Einen Augenblick lagen sie so Brust an Brust, heiß, lachend, mit hastigem Atem und schlagenden Herzen. Im selben Augenblick wurden beide ernst, neigten die Gesichter zueinander und legten willenlos und demütig Mund auf Mund.
Mette schloß die Augen. Sie fühlte Sophies fiebernde Lippen auf ihren Lidern, ihren Schläfen, ihren Wangen. Sie hörte ihre heiße Stimme flüstern:
„Rühr’ dich nicht, wehr’ dich nicht, sonst stürzen wir beide hinunter!“
Sie dachte nicht daran, sich zu wehren. Sie dachte nicht daran, sich zu rühren. Sie hielt reglos still, das Herz wurde ihr groß und warm, und ihr war, als müsse es unter Liebkosungen aufblühen wie ein junger Baum im Maienregen. – – –
Sie aßen Mittag unter dem freundlich winkenden roten Dach und fuhren über den silbernen See und wanderten nach der Bahnstation, und waren bald ausgelassen, bald sentimental, aber immer zuvorkommend und ritterlich gegeneinander – und sie sprachen von tausend Dingen, nur nicht von sich selbst und nicht von dem, was sie dachten und empfanden.
Auf dem kleinen Bahnhof saßen sie zwischen andern Leuten, schweigsam und müde, und warteten auf den Zug. Die frühe Dunkelheit brach an, die wenigen Laternen warfen trübes Licht in das blaue Dämmer. Mette fing an zu frieren und drückte das Gesicht in den hochgeschlagenen Kragen.
Endlich kam der Zug. Sie suchten beide nach einem leeren Abteil, ohne diese Absicht auszusprechen. Sie fanden eines und stiegen ein.
‚Nun wird alles gut,‘ dachte Mette, ‚ich will meinen Kopf an ihre Schulter legen und mir leise gute Worte sagen lassen. Dann wird das Frösteln aufhören.‘
Sophie saß neben ihr, ein wenig vorgebeugt, und sah aus dem Fenster, ohne ein Wort zu sprechen – lange, lange. Draußen glitten Felder und Wälder vorbei, immer dichter in Dunkelheit gehüllt, selten durch ein helles Fenster, eine einsame Laterne unterbrochen. Endlich wandte Sophie Metten das Gesicht zu – ein Gesicht, das im schwachen Schein des flackernden Gaslämpchens gespannt in allen Zügen, ernst und totenblaß aussah.
„Ich habe dir heut’ morgen etwas gesagt, Metti,“ fing sie an – schwerfällig, stockend, und doch so, als hätte sie die letzte schweigsame Stunde dazu verwandt, es auswendig zu lernen, „denk’, es wäre das einzige gewesen, und vergiß alles, was ich sonst gesagt oder getan habe. Ich hab’ dir gesagt: geh’ weg von hier! Und ich bitte dich jetzt, wenn du das geringste – Wohlwollen für mich hast: geh’ weg von hier! Ich weiß seit beinah’ dreißig Jahren, daß ich ohne Nora nicht leben kann. Ich habe es mir selbst bewiesen – ich bin in jeder Hinsicht verkommen, als ich den Zusammenhang mit ihr ganz verloren hatte, und ich bin ein Mensch und ein Arbeiter geworden, von dem Moment an, wo sie bei mir war. Ich lebe seit fünf Jahren in der Überzeugung, daß ich restlos glücklich bin. Ich darf mir diese Überzeugung durch nichts erschüttern lassen. Ich darf niemals auf den Gedanken kommen, daß es eine Lebensmöglichkeit für mich gibt außer Nora. Sie würde es fühlen, und sie würde gehen. Sie erträgt ihre Leiden nur, weil sie mir bedingungslose Notwendigkeit ist. Sie würde ein Ende machen, wenn sie wüßte, daß ich mich eine Stunde lang wohlfühle ohne sie. Vielleicht hast du uns so gern, daß es dir ein Opfer ist, den freundschaftlichen Verkehr mit uns aufzugeben. Ich möchte beinah sagen: ich hoffe es.“ Sie senkte den Kopf sehr tief, damit man das Zucken ihrer Lippen nicht sah. „Aber ich weiß, daß du dieses Opfer bringen wirst, weil du eine Ahnung hast, um was es geht. Ich habe mich überschätzt. Es ist sehr schlimm, sich das eingestehen zu müssen. Wenn du fort bist, werd’ ich es Nora beichten – aber nicht jetzt, solange es ihr nur eine Minute die Ruhe nehmen könnte. Ich würde auch jetzt nicht den richtigen Ton dafür finden!“ Sie sah wieder aus dem Fenster.
Mette war die Kehle trocken.
„Natürlich,“ sagte sie gedankenlos, „selbstverständlich.“ Und immer wieder: „Ja – selbstverständlich – natürlich,“ ohne zu wissen, was sie damit meinte.
Als der Zug hielt, sprang Sophie heraus und faßte Mettes Ellbogen, um ihr beim Aussteigen zu helfen. Aber sie ließ sie gleich wieder los, und beide lächelten verlegen und schmerzlich.
Auf dem Bahnsteig gaben sie sich mit festem Druck die Hand.
„Komm gut nach Hause, Kind,“ sagte Sophie. „Und gut durchs Leben. Und ich danke dir – für alles.“
„Ich dir auch,“ antwortete Mette tonlos.
Dann ließ die gute feste Hand sie los.
Einen Augenblick trafen sich ihre Augen, glitten ineinander, dann irrten sie wie aufgescheucht nach irgendeinem hellen Fleck in der Ferne.
Sophie wandte sich. Sie vergrub beide Hände in den Taschen, drückte den Kopf in den Nacken und schritt weit aus.
Eine Weile überragte sie noch das Gewühl der strömenden Menge, dann tauchte die hohe Gestalt unter und verschwand.
Langsam, mit schweren Füßen, wandte sich Mette nach der andern Treppe.
Mette hatte das Fenster weit aufgemacht, einen Stuhl dicht daran gestellt und saß nun, beide Arme auf die Brüstung gestützt, das Gesicht in die Hände gelegt und starrte zu dem Stückchen Nachthimmel auf, das die Häuser freigaben. Sie suchte den Antares – „ihren Stern“. Aber die Mauern verbargen ihn.
Die Luft war weich und warm, fast schwül. Manchmal wehte von irgendwoher ein Duft wie von Akazien oder Tuberosen. Irgendwo war Musik. Man hörte mancherlei Geräusch aus dem Schacht des Hofes heraufdringen. Geschirrklappern, Lachen, Sprechen, Singen – das kam, weil alle Fenster offen standen.
Mette fühlte sich an irgend etwas erinnert, an eine sehr glückliche Zeit, die begleitet war von diesen noch ungewohnten Geräuschen des jungen Sommers. Aber sie konnte sich nicht besinnen, wann und wo das gewesen war. Vielleicht in ihrer Kindheit, wenn sie abends am Fenster ihres weißen Mädchenstübchens saß, zu den Sternen hinaufstarrte und in den Garten hinunter und ganz erfüllt war von der ahnenden Erwartung des Lebens, das kommen sollte – des großen, starken, brausenden Lebens, dessen Widerhall an Sommerabenden das von Häusern umschlossene Viereck zu durchzittern schien – so wie das Brausen des Meeres sich in einer Muschel fängt und weitersummt.
Oh – wie schön müßte es sein, auf irgend etwas zu warten. Auf das Namenlose, das Unbegreifliche ... vielleicht kam es doch noch! Was wußte menschlicher Verstand! Vielleicht waren da oben keine Welten, wo unselige Lebewesen von Qual zerfressen wurden und sich gegenseitig zerfleischten. Vielleicht waren es Löcher im dunklen Vorhang, der den goldenen Thronsaal verhüllt, oder Blumen auf dem Wiesenteppich, über den die Seligen wandeln ...
Vielleicht war Sterben schön ...
Vielleicht war es ein Moment unbeschreiblichen Jubels, mit dem die Seele sich aus dem zerfallenden Kadaver aufschwang ... vielleicht, sie schloß die Augen – eine Welle der Erregung überflutete sie, daß ihr schwindlig wurde – vielleicht würde sie im Augenblick des Sterbens Olga sehen ... sehen? wenn der Mechanismus von Linsen und Sehpurpur und Nerven zerstört war? ... aber fühlen ... ahnen.
Es gab nur zwei Möglichkeiten – entweder das Bewußtsein blieb erhalten, oder es verflüchtigte sich. Im ersteren Fall war es kein größeres Risiko, eine andere Daseinsform anzunehmen, als etwa die Wohnung zu wechseln – im letzteren gab es keinen Schmerz, keine Reue, keine Trauer über das vertane Leben ...
Mette starrte nach den Sternen. Sie dachte daran, daß Olga ihr einmal erzählt hatte, wie sie durch die Kraft ihrer sehnsüchtigen Wünsche fast die Seele vom Körper gelöst hätte und auf die Wanderschaft geschickt. Mette fühlte, daß sie diese suggestive Macht über sich selbst nicht hatte. Aber vielleicht konnte sie nachhelfen, der gefangenen Seele ein kleines Tor aufsprengen – in der Brust oder in der Schläfe.
Ob sie wohl abdrücken würde, wenn sie jetzt den Revolver in Händen hielte? – – –
Aber der Weg durch das Zimmer war weit. Eh’ sie den dritten Schritt getan hätte, würde die feige Angst wieder da sein, und der brennende Wunsch nach den ganz kleinen, dummen, niedrigen Freuden des Lebens ... es müßte so nett sein, jetzt auf einer der Terrassen der hellerleuchteten Kaffeehäuser zu sitzen, Eis zu essen und Musik zu hören – nicht allein natürlich – in einem Kreis ruhiger, harmloser, bürgerlicher Menschen.
Es müßte sehr nett sein ...
... schöne und elegante Frauen an sich vorübergehen zu lassen – die auf- und abwogenden Leute zu bewundern oder zu bespötteln – sich von süßen und sentimentalen Geigenmelodien streicheln zu lassen ...
Und Eis mit Früchten! ...
Freilich, Sterben war vielleicht schöner ...
Und es war eigentlich leichter –
Der Revolver lag so nah!
Sie wandte den Kopf nach ihm. Es war fast, als riefe er nach ihr. Aber ihr Körper war schwer und wie festgekettet an dem Stuhl. Sie wußte: ‚Wenn ich jetzt aufsteh’, dann tu ich’s!‘
Aber sie stand nicht auf.
Draußen wurden lachende Stimmen hörbar, wurden lauter, kamen näher.
Man rief ihren Namen, klopfte an ihre Tür.
Sie brachen wie eine Horde in das stille Zimmer ein: Gisela, Kramer, Giesbert, die Luigi, Willi Krafft und Johannes.
„Weiß Gott, sie sitzt im Dunkeln!“ „Hast du gemunkelt?“ „Machst du astronomische Studien, oder willst du dich aus dem Fenster stürzen?“ „Mach hopp, dalli, komm mit, wir wollen noch ein bißchen bummeln! Es ist eine herrliche Frühlingsluft draußen!“ „Atmest du nicht mit mir ...?“
Sie hatte sich nicht nach diesen Menschen gesehnt – nach keinem von ihnen. Aber sie war fast gerührt, daß man sie nicht vergessen hatte. Sie dachten doch an sie – sie wollten sie mithaben – sie hatten sie vermißt – es war doch gut, nicht ganz allein zu sein auf der Welt.
„Gut,“ sagte sie heiter, „ich dachte gerade an Eis mit Früchten, als ihr kamt! Es ist nett, daß ihr mich holt – aber ihr müßt mir fünf Minuten Zeit lassen, daß ich mich anziehen kann – um eurer illustren Gesellschaft würdig zu erscheinen.“
Mette holte ihr hübschestes Sommerkleid aus dem Schrank, den kleidsamsten Hut – sie wußte selbst nicht warum. Aber sie hatte das unklare Gefühl, als liefen heute alle Bewohner der Stadt auf der Straße herum, um mit sehnsüchtigen Augen nach einem Menschen zu suchen. Vielleicht traf sie für eine Sekunde ein Blick, der an ihr Gefallen fand, aus irgendeinem Augenpaar, das ihr gefiel.
Es flog ihr durch den Kopf, während sie vorm Spiegel den Hut aufsetzte: Vielleicht ist es das, was die Menschen so ruhelos umhertreibt, immer von einer dieser sogenannten Vergnügungsstätten nach der andern – dies, daß sie hoffen, irgendwo für einen flüchtigen Augenblick dem Menschen zu begegnen, den sie suchen – den sie alle suchen, ihr Leben lang, weil sie alle allein sind. – – –
Sie saßen erst in den Korbsesseln einer Kaffeeterrasse, bei kleinen Lampen mit rosenbedruckten Seidenschirmen und Perlfransen, und aßen Eisfrüchte und Waffeln und tranken einen süßen Likör, um einer „Vergletscherung der Magenwände“ vorzubeugen, wie Giesbert sagte.
Aber die Luigi, die getanzt hatte, und Krafft und Johannes, die im Konzert gewesen waren, hatten noch nicht zu Abend gegessen und äußerten Sehnsucht nach einem reellen Beefsteak oder Schnitzel.
Man ging also zwei Häuser weiter in ein Weinrestaurant, wo die Musik dieselben Stücke in etwas veränderter Reihenfolge spielte.
Nach dem Essen ging man in die nächste Bar, trank ein Glas Schwedenpunsch und eine Flasche Sekt, und die Luigi tanzte mit Giesbert und mit Krafft, was alle andern Tanzenden zum Aufhören und interessierten Zuschauen veranlaßte. Mette fühlte sich ein wenig in ihrer Eitelkeit geschmeichelt, weil sie zu diesen gut tanzenden Leuten gehörte.
Als die Polizeistunde kam, machten die Kellner Rechnung, stellten eine gedämpftere Beleuchtung her und zogen die schweren violetten Vorhänge vor die Fenster. Niemand dachte daran, aufzustehen und zu gehen.
An einem Nebentisch saß eine schöne blonde Frau mit zwei Herren. Mette sah die ganze Zeit zu ihnen hinüber. Die blonde Frau beobachtete alles mit einer lachenden staunenden Neugier, als hätte man sie in einen zoologischen Garten geführt, und die beiden hochgewachsenen Männer saßen neben ihr, als hätten sie die Aufgabe, sie vor jedem frechen Blick und jedem giftigen Hauch zu schützen.
‚Vielleicht ist das eine ihr Mann und das andere ihr Bruder,‘ dachte Mette, ‚es ist ein Platz am Tisch frei – warum sitz’ ich nicht da? Gehör’ ich nicht zu diesen Leuten? Meiner Familie nach, meiner Erziehung, meiner Bildung, meinen Manieren? Der Glattrasierte ist sicher ihr Bruder – er hat eigentlich ganz ihr Gesicht. Würde es nicht viel besser zu mir passen, wenn ich mit ihm verlobt wäre und mit ihm und meiner Schwägerin und meinem Schwager einen kleinen Bummel machte – sehr hübsch wäre das. Warum wünsch’ ich mir das eigentlich? Wirklich nur, weil ich Sehnsucht nach ganz klaren, bürgerlichen, reinlichen Verhältnissen habe? ... oder weil die schöne Frau mir gefällt?‘
Als die drei Leute vom Nebentisch aufgebrochen waren, fing Mette an, es langweilig und öde zu finden. Sie war müde und hatte reichlich genug, aber ihr war doch, als müßte sie noch weiter, um irgend etwas zu erleben, als müsse sich noch irgend etwas ereignen, was dieser sinnlosen Vergeudung von Zeit und Geld einen Schein von Berechtigung gäbe. Sie hatte Angst, daß es wieder so würde wie immer, wenn sie sich zeitiger von der Gesellschaft trennte, weil sie die Langeweile nicht mehr ertragen konnte und es dann am anderen Tage hieß: „Schade, daß du so früh gegangen bist – es war noch so besonders nett nachher, wir haben den und den getroffen, und wir waren so ausgelassen!“
Gisela bestand darauf, in den Klub zu gehen. Die andern, bis auf Krafft, der keine Karte anrührte, nicht aus moralischen Bedenken, aber weil es ihn tödlich langweilte, stimmten ihr zu.
Mette erschrak ein wenig. Sie wußte, daß es kommen würde, wie immer. Gisela würde spielen und verlieren. Dann würde sie für Mette weitersetzen und wieder verlieren. Dann würde Mette versuchen, etwas zu retten und selbst setzen – mit ein wenig Vorsicht und Zurückhaltung. Und sie würde zweimal gewinnen und dreimal verlieren. Oder auch umgekehrt.
Jedenfalls hatte die Stunde im Klub nachher immer ein paar hundert oder ein paar tausend Mark gekostet, und Mette pflegte dann wochenlang die verlorene Summe in Bücher umzurechnen, die sie in den Schaufenstern sah, oder in schöne Holz- und Ledersachen. Oder sie betrachtete die Bettler auf der Straße, die sie damit hätte glücklich machen können, und die blassen Kinder, die mit wunschbrennenden Augen vor Spielzeug- oder Süßigkeitenläden standen.
Gewiß – sie kam nicht in Verlegenheit. Sie konnte an die Bank telegraphieren und hatte in wenigen Stunden Geld, soviel sie wollte. Sie wurde nicht ganz klug aus den Bankabrechnungen – aber soviel wußte sie doch, daß sie mehr als ihre Zinsen verbrauchte. Es gab ihr manchmal ein unbehagliches Gefühl, fast wie einen leichten Schwindel. Aber dann schalt sie sich philisterhaft und enggeistig. Sie würde ja nie Kinder haben – und sie würde nicht lange leben. Vielleicht wäre es ganz gut, einmal keinen Pfennig mehr zu besitzen, und so gleichsam auf des Messers Schneide zu balanzieren. In solchem Augenblick würde sich erweisen, ob die Kräfte des Lebens stark genug in ihr wären – vielleicht würde sie in einem ganz bescheidenen, arbeitsamen Dasein – als Kellnerin, als Verkäuferin – glücklicher werden. Vielleicht wäre äußere Not Anstoß zugleich und Entschuldigung, den geliebten Revolver an der Schläfe abzudrücken.
Es war nicht nur Gleichgültigkeit gegen Leben und Tod, die Mette veranlaßte, mit den andern in den Klub zu gehen. Gisela spielte mit mehr Unglück als Leidenschaft, und wenn sie so dringend darauf bestand, den Klub, irgendeine Bar oder eine Diele aufzusuchen, so tat sie es, weil sie vermutete, Fiametta dort zu treffen. Mette wußte das. Sie waren einander im Winter oft begegnet, und Mette freute sich jedesmal an ihrer ausdrucksvollen und hochmütigen Schönheit und ärgerte sich jedesmal, weil die andere immer gewählter angezogen, sicherer im Auftreten und vor allen Dingen in besserer Gesellschaft war als sie selbst.
Da nichts und niemand in der Nähe war, um Mettes Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, hatte sie Zeit gehabt, in einem Pfeilerspiegel sich selbst zu beobachten. Sie erschien sich sehr fremd, aber eben darum ganz annehmbar – sie nickte ihrem Bild mit den Augen zu, als wollte sie sagen: Sei nur ruhig, heut’ wird es uns gelingen, ein ebenso hochmütiges Gesicht zu machen wie diese selbstbewußte Person! – – –
Als sie den Klub verließen, waren sie alle mehr oder weniger schlechter Laune. Sie hatten alle verloren bis auf Johannes, der, die Hände voller Scheine, mit Tränen in den Augen und flehenden Worten hinter Krafft herlief, um ihm das Geld aufzudrängen.
„... das ist doch meins, Willi,“ hörte Mette, „das hab’ ich doch so gut wie verdient! Davon weiß doch kein Mensch etwas!“
Willi Krafft wies ihn ab, mit kaum beherrschter Ungeduld, beide Hände in den Jackentaschen vergraben.
Sie taten alle beide Mette leid. Und Kramer tat ihr leid, der unheimlich viel verloren hatte und ganz blaß und einsilbig war.
Und Giesbert und die Luigi taten ihr leid, die sich gegenseitig Vorwürfe machten, nicht wenigstens auf verschiedenen Seiten des Tisches gesetzt zu haben. Und aus deren halblauten heftigen Worten etwas flackerte wie jahrelang schwelender Haß.
Und Gisela tat ihr leid, weil sie elend und verfallen aussah wie eine Schwerkranke – und weil sie die Fiametta nicht getroffen hatte.
Und sie selbst tat sich leid – oh, sie tat sich selbst so leid!
Sie waren alle schlechter Laune, aber niemand wollte nach Hause gehen, um allein damit fertig zu werden.
Sie erwarteten alle noch eine Entschädigung für diese vergeudete Nacht, einen tollen Rausch, eine große Lustigkeit – eine Sensation, ein Erlebnis, eine Freude, oder eine Stunde Vergessen aller Widerwärtigkeiten.
„Wo jetzt hin?“ fragte Giesbert und ließ mit etwas erzwungenem Übermut den Stock tanzen, „Stimmung, Herrschaften, Stimmung. Der Kater hat bekanntlich erst morgen in Aktion zu treten! Auf zum süßen Emil. Ich taxiere, die überwiegende Mehrzahl unserer erlauchten kleinen Gesellschaft wird sich da wie zu Hause fühlen.“
Sie bogen in eine stille, dunkle Seitenstraße. Still und dunkel lag da ein kleines bürgerliches Bierlokal dritten Ranges. Eine ältere Frau mit bloßem Kopf und Umschlagetuch schien auf einen herumschnüffelnden kleinen Hund zu warten, den sie von Zeit zu Zeit lockte und rief.
Giesbert schien sie zu kennen. Er begrüßte sie durch einen freundschaftlichen Schlag auf die Schulter und forderte sie auf, die Haustür zu öffnen.
Die Alte übernahm die Führung, unter ständigen geflüsterten „Obacht“-Rufen ging es Stufen hinauf und hinab, über einen unbeleuchteten Hof, durch schmale Türen, enge, stockdunkle Gänge zwischen dicken Friesvorhängen hindurch, bis Licht, Geräusch, Farben und Stimmen einem plötzlich wirr und überraschend entgegenschlugen.
Der große langgezogene Raum, in einem fliederfarbenen Licht gebadet, war mit raffiniertem Geschmack ausgestattet, schwarz und lila waren die vorherrschenden Farben, schwarz war der dicke Teppich mit verstreuten lila Blüten, schwarz die polierte Holztäfelung, schwarz der Marmorkamin, die schweren Samtvorhänge, mit rasend verzerrten lila Ornamenten bedeckt, schwarz Bronzen und Holzschnitzereien, die auf dem Sims der Täfelung standen und sich von der fliederfarbenen Wandbespannung abhoben.
„Hübsch,“ sagte Mette mit erstaunten Augen, „wie kommt das hierher?“
„Das haben ihm seine Freunde so eingerichtet,“ sagte Giesbert mit etwas spöttischem Lächeln. „So als eine Art kleines Privatetablissement! Warum soll es nicht hübsch sein? Es sind sehr reiche Leute darunter – und sehr bekannte Künstler – Maler, Bildhauer, Innenarchitekten – was Sie wollen! Der süße Emil liefert ihnen als Revanche den Sekt und die Gesellschaft!“
„Emil!“ rief Johannes einen schlanken, geschmeidigen, dunkellockigen Mann an, „zeig’ doch unsern Damen einmal dein Lokal!“
Der Gerufene war mit viel Liebenswürdigkeit bereit. Er öffnete eine schmale Tür, und man kam in einen trübe erleuchteten, nüchternen Raum, in dem ein Dutzend braune Tische standen, auf denen jetzt schon die leichten Rohrstühle aufgestapelt waren, und wo bunte Plakate von Bier- und Tabakfirmen an den Wänden prangten.
An einem Tisch in der Ecke, der noch gedeckt war, lümmelten sich ein paar junge Burschen mit Karten in der Hand.
Anstoßend war der eigentliche Schankraum, dessen Fenster auf die Straße gingen. Wieder ein paar Tische und Stühle, die Theke mit den blankgeputzten Bierhähnen, ein Orchestrion an einer Wand. Hier war es fast ganz dunkel, nur eine kleine Notlampe über dem Büffet warf blitzende Lichter auf das Metall. In einer Ecke sah man schattenhaft zwei Gestalten, die miteinander zu ringen schienen, und hörte unterdrücktes Gekicher.
Sie gingen in den ersten Raum zurück, und „Emil“, wie er von allen Seiten gerufen wurde, war ihnen behilflich, einen bequemen Tisch und die nötige Anzahl Stühle zu finden.
Mette betrachtete die Leute um sich mit einem Gemisch von Neugierde, Teilnahme und Widerwillen.
Nicht weit von ihr saß ein fetter, schwarzbärtiger Mann, an seiner breiten, behaarten Hand blitzte und funkelte ein rosiger Solitär. Mit dieser dickfingrigen, ringgeschmückten Hand tätschelte er Kopf und Schulter eines jungen, blassen Burschen, der offenbar einen ausgewachsenen Sonntagsanzug anhatte und halb frech und halb verlegen aussah.
An einem anderen Tisch saß ein vornehm aussehender alter Herr, dessen feingezeichnetes Gesicht mit dem ergrauenden Spitzbart den Denker verriet. Die eine der schmalen weißen Hände lag um den Fuß des Sektkelches, die andere begleitete seine langen Reden mit einer Geste, als stünde er auf der Tribüne oder auf der Kanzel. Seine schönen blauen Augen glühten wie in einem Feuer jugendlicher Begeisterung. Ihm gegenüber saß ein breitschultriger, stiernackiger Soldat mit einem hübschen ehrlichen Bauerngesicht und grinste geschmeichelt und verständnislos.
Mehr noch als die Männer zogen die Frauen Mettes Blicke an. Es war eine ganze Stufenleiter von Erscheinungen da. Solche, die zum dunklen Jackenkleid mit Aufschlag und Brusttasche den steifen Kragen, zum kurzgeschnittenen Haar den kleinen Herrenhut trugen – andere, die sich nur durch eine leise Schattierung verrieten – einige, aus deren scharfen Zügen Geist und Charakter sprachen, andere, die ganz den Typ der Kokotte vertraten.
Eine von allen fand Mette sehr schön. Sie war groß und schlank, hatte kurze goldbraune Locken und Bau und Profil eines Griechenknaben. Sie war in einer großen, ausgelassenen Gesellschaft, lachte viel und schien schon leicht betrunken.
Eine süße, aufreizende und gedämpfte Musik ertönte hinter einem Vorhang. Zwei junge Soldaten in Uniform hielten sich an den Hüften gefaßt und wiegten den geschmeidigen Körper im Walzertakt. Sie setzten die Füße in den schweren Stiefeln zierlich und behutsam wie Tänzerinnen – kein Schritt wurde hörbar.
„Jetzt ist der Moment gekommen,“ entschied Giesbert, „wo wir uns einen andudeln müssen. Ach Emil, wie ist doch das Leben bei dir reell! Wenn ich denke, ich kriege eine Flasche Sekt, dann krieg’ ich sie auch, aber wenn ich denke, ich kriege neune, dann kriegt sie die Bank.“
„Aber nein, Herr Giesbert,“ sagte Emil lächelnd, „Sie kriegen auch neun Flaschen Sekt!“
Sie tranken Sekt, und Sekt mit Rotwein, und Sekt mit Porter, und Benediktiner, und Schwedenpunsch, und Flips und wieder Sekt.
Mette trank ein wenig vorsichtig, und es machte ihr Spaß, zu beobachten, wie sie alle, einer nach dem andern, anfingen, Unsinn zu schwatzen.
Aber obgleich sie noch ihrer Zunge und ihrer Gedanken Herr war, fühlte sie doch das Blut etwas rascher kreisen und die Musik wie einen warmen Strom durch ihre Nerven rinnen. Einen Augenblick, als sie die Augen schloß, hatte sie den Wunsch und fast visionär auch die Vorstellung, am Rhein zu sitzen, auf einer Terrasse oder in einem blühenden Garten, vom Wasser her alte sentimentale Volkslieder zu hören und in einem vertrauten Kreise eine duftende Maibowle zu trinken.
Als sie die Augen aufschlug und den rauch- und dunsterfüllten Raum in den krankhaften Farben sah, faßte sie Grauen und Elend.
Sie waren so lustig geworden am Tisch, alle hatten sie weiche, offene, brennende Lippen und glühende Augen, alle lachten und schmiegten sich wie liebkosend in die Stühle oder tasteten mit den Händen nach einander.
‚Rausch, Rausch,‘ dachte Mette, ‚ich muß es doch erzwingen können, ich muß doch empfinden können, was sie alle empfinden! Es war doch vorhin schon so ein warmes Wohlgefühl in mir, ein leichter, gleitender Schwindel – warum ist es nur schon wieder verraucht und alles so schal und ekelhaft?‘
Sie stürzte rasch ein paar Gläser Sekt herunter. Aber sie spürte danach nur einen dumpfen, lastenden Druck über den Augen.
Sie hielt die Hand über das Glas, als Krafft ihr einschenken wollte, um sie ‚lustig zu machen‘:
„Bitte, nicht, ich habe schon Kopfweh, und lustig werde ich doch nicht.“
„Nimm doch ein bissel Koks, damit du den Kopf freikriegst,“ riet Gisela.
„Vielleicht.“ Mette war alles recht.
Von allen Seiten wurden ihr goldene und silberne Döschen gereicht.
Sie nahm ein wenig von dem weißen Pulver auf den Handrücken und sog es in die Nase. Sie hatte die Vorstellung von stäubendem Schnee, als sie die weißen Kristalle sah. Der Raum war schwül und dunstig, und die Vorstellung tat wohl. Es war, als ob sie reine, klare Winterluft atmete. Ihre Schädeldecke tat sich auf, und der drückende Nebel, der sich um ihr Gehirn gelagert hatte, entwich. Schleier schienen vor ihren müden Augen zu zerreißen, alles rückte näher, wurde fester in den Umrissen, klarer in den Farben.
„Gott sei Dank,“ sagte sie erleichtert, „ich fange an, euch zu begreifen – es ist wirklich ein herrliches Gefühl.“
Nur ließ die Wirkung bald nach. Sie versuchte es noch einmal.
Ihr Kopf war frei, ihre Gedanken fest. Sie fühlte sich wohl und sicher.
Giesbert machte ihr Komplimente, mit ein wenig schwerer Zunge:
„Fabelhaft, kleine Rudloff, fabelhaft! Das kleine Mädchen kann was vertragen, allerhand Hochachtung! Die trinkt uns unter’n Tisch, Willi, und schnupft uns unter den Fußboden, in den Keller, noch unter den Keller – wir sind überhaupt gar nicht mehr da, so klein sind wir vor ihr – sooo klein.“
Die kleine Luigi hatte mit Kramer den Platz gewechselt, um neben Mette zu sitzen. Sie legte beide Arme auf ihre Stuhllehne und redete halblaut auf sie ein:
„Sagen Sie mir ehrlich – warum können Sie mich eigentlich nicht leiden? Ich habe Sie immer so furchtbar gern gehabt, vom ersten Augenblick an – ich darf das doch sagen, nicht, Giselchen? Aber ich hatte immer das Gefühl, daß Sie mich nicht leiden mochten! Ich bin Ihnen wohl zu weiblich, nicht wahr? Aber – glauben Sie mir, das hat mit dem Äußeren gar nichts zu tun! Oder mögen Sie gern kurzes Haar? Soll ich mir die Haare abschneiden lassen?“
„Mette ist die einzige Frau der Welt, die ich heiraten würde,“ erklärte der kleine Johannes wie ein schlaftrunkenes Kind, „Mette würde ich glatt heiraten, wenn ich ein Mann wäre!“
„Gott, was hat die Frau für Fesseln!“ Krafft umspannte bewundernd Mettes Handgelenke. „Zeigen Sie her! An den Füßen auch?“
Mette stemmte lachend die gekreuzten Füße gegen den Rand seines Stuhls. Er streichelte ihre Knöchel in den dünnen seidenen Strümpfen.
„Du darfst sie streicheln,“ erlaubte Johannes großmütig, „weil es Mette ist, darfst du!“
In Metten schwoll eine große und fast gerührte Freude. Sie fühlte sich schön, begehrenswert und begehrt.
„Sie hat die schönsten Beine der Welt,“ sagte Gisela und schob Mette lachend die Röcke bis an die Knie zurück. Mette ließ es ruhig geschehen. Zum erstenmal sah sie selbst in einem Rausch von Stolz das vollendete Ebenmaß ihrer schlanken Beine.
Das Mädchen am andern Tisch, das aussah wie ein Griechenknabe, versuchte immer Mettes Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Jedesmal, wenn Mettes Blick hinübertraf, führte die andere das Glas zum Munde. Erst hatte sie es wie zufällig getan, jetzt lächelte sie und hob es ihr entgegen. Mette lächelte wieder und trank ihr zu.
Jetzt wollte das Mädchen aufstehen; die Leute am Tisch suchten sie mit Gelächter zurückzuhalten. Aber sie ließ sich nicht beirren.
Sie kam mit dem Glas in der Hand auf Mette zu. Die Bemühung, recht gerade und sicher zu gehen, gab ihren Bewegungen eine besondere Anmut.
„Ich möchte mit Ihnen anstoßen,“ sagte sie mit einem trotzigen kleinen Lachen.
Mette hob ihr Glas. Sie stießen an und tranken.
Die Fremde blieb stehen: „Und – ich möchte Ihnen auch einen Kuß geben – das heißt, wenn Fräulein Werkenthin es erlaubt.“
Alle am Tisch lachten schallend auf und riefen alles Mögliche durcheinander.
„Ich erlaube,“ sagte Gisela spöttisch.
„Sie hat gar nichts zu erlauben,“ widersprach Mette trotzig.
Die Fremde beugte sich schnell über sie, und Mette fühlte auf ihren Lippen den offenen, heißen, weinfeuchten Mund – sekundenlang. Sie schloß die Augen, und dadurch, daß ihr der Kopf in den Nacken gepreßt wurde, dadurch, daß Krafft ihre Füße immer noch auf seinem Stuhl festhielt, wurde ihr so schwindlig, daß sie sich mit beiden Händen an ihrem Sitz festklammerte. Sie hatte das Gefühl, daß der Stuhl sich neigte, daß der Raum schwankte, daß sie auf einer Schaukel wäre, die losgerissen durch die Luft flöge, oder auf einem Schiff, dessen auseinandergeborstene Planken von einem strudelnden Abgrund verschlungen würden.
Sie richtete sich auf und stieß die Fremde fast heftig vor die Brust, um Luft zu bekommen.
In demselben Augenblick sah sie, daß Gisela aufsprang, totenblaß, mit verzerrtem Mund und den Kopf vorgestreckt, wie ein sprungbereiter Panther, mit brennenden Augen nach dem Eingang starrte.
Mette folgte unwillkürlich dem Blick, und sie sah noch den dunklen Vorhang hinter den eben Eingetretenen zusammenfallen.
Neben der etwas gebeugten Gestalt Ulrich Zeedens stand Corona von Gjellerström, am Arm eines großen, schlanken, eleganten Mannes.
Ihre Augen waren so groß und klar, ohne Erstaunen, voll prüfender Neugier und von einem warmen, samtenen Glanz. Metten schien es, als wären diese Augen nicht eines Armes Länge von ihr entfernt, so deutlich sah sie das Spiel der Lider, die Lichtflecke in der braunen Iris, den Schatten der Wimpern.
Diese Augen hoben sich mit sanftem Aufstrahlen dem Mann an ihrer Seite zu, als hätten sie übergenug von dem Bilde, das sie eben aufgefangen, ihre Lippen bewegten sich, der Mann nickte zustimmend, sie wandten sich alle drei, und der Vorhang fiel wieder hinter ihnen zusammen.
Gisela riß ihr Glas vom Tisch und schleuderte es mit einem harten Auflachen nach der Tür. Giesbert und Krafft packten sie sofort an den Handgelenken. Sie wehrte sich, wollte sich freimachen, ließ schließlich den Kopf auf die Brust hängen und brach in ein lautes haltloses, hysterisches Weinen aus.
Die andern Leute, so sehr sie auch mit sich beschäftigt waren, wurden aufmerksam.
Mette fing an, am ganzen Körper zu zittern.
„Fort,“ sagte sie halblaut, „nur fort, nur fort, nur fort.“
Sie hatte das Gefühl, als ob sie im nächsten Augenblick in das schreiende Weinen einstimmen müßte, oder sich auf den Boden werfen, oder den Tisch umstoßen und mit den Füßen in die Gläser und Flaschen treten.
Sie war froh, als sie endlich auf der Straße standen, in einer kühlen, blauen Morgendämmerung, noch froher, als sie ein Auto fanden, das sie alle aufnahm.
Die Luft gab ihr die Besinnung wieder. Ihr war übel und sterbenselend.
Sie beschwor die anderen auf den Treppen, auf den Gängen, keinen unnötigen Lärm zu machen. Je mehr sie bat, desto übermütiger wurden sie. Kramer hatte jeden Halt verloren; er wollte durchaus bei Frau Meidinger anklopfen und sie ersuchen, ihm ein schönes Mädchen zur Verfügung zu stellen.
„Es ist ihre Pflicht,“ lallte er, „sie ist die Mutter von diesem sogenannten Etablissement hier. Sie kann es mir ruhig auf die Rechnung setzen, sie setzt einem ja so alles auf die Rechnung.“
Als Mette ihre Tür aufschloß, wollte Giesbert sich mit hineindrängen. Sie stieß ihn zurück, aber er packte sie, und in der offenen Tür entspann sich ein Ringen, bei dem Giesbert Mette an sich riß und ihr Gesicht und Hals mit wütenden Küssen bedeckte.
Plötzlich tat sich die Nebentür geräuschvoll auf, und Luise Peters stand auf dem Gang, in einem seltsamen großkarrierten Morgenrock und einer Nachtfrisur, zwei langen, glattgeflochtenen Zöpfen, und verlangte energisch Ruhe.
Die kleine Luigi fand ihren unerwarteten Anblick so komisch, daß sie sich bog und schüttelte und mit ausgestrecktem Finger auf sie zeigte.
Mette benutzte Giesberts überraschtes Herumfahren, um in ihr Zimmer zu schlüpfen, die Tür zuzuschlagen und abzuriegeln.
Sie taumelte gegen den Schrank, an dem sie sich festhielt, an allen Gliedern zitternd. Eine brennende Scham fraß an ihr, zernagte sie innerlich, höhlte sie aus.
Sie krümmte sich und konnte doch den unablässigen, bohrenden Schmerzen nicht entgehen. Sie wünschte sich fort und wußte doch, daß sie nicht den Mut und die Kraft hatte, einen Handkoffer zu packen. Sie mußte fort sein, wenigstens aus dem Haus, eh’ der Morgen kam. Es war undenkbar, daß sie je wieder das gemeinsame Speisezimmer betrat. Undenkbar, daß sie abwartete, bis Frau Meidinger ihr kündigte, weil sie solche Elemente nicht in ihrem Haus dulden wollte.
Sie verspürte Grauen und Ekel vor sich selber. Dazu kam das körperliche Übelbefinden, Schwindel, Müdigkeit, Herzschlagen, die gallige Bitterkeit, mit der das Kokain ihr im Rachen brannte ...
Sie fühlte, daß ein Entschluß gefaßt werden mußte, und sie wußte nicht, welcher.
Ihre Gedanken suchten in fiebernder Angst nach einem Halt, an den sie sich klammern konnten. Sie suchten nach einem Menschen, dem sie beichten konnte, und der die Macht hatte, loszusprechen. Sie suchten nach einem Menschen, der sie vor sich selbst in Schutz nahm, vor dem sie knien könnte, in dessen Schoß sie das Gesicht verbergen könnte, und der gütige, starke Hände auf ihren Kopf legte.
‚Mutter,‘ schrie es in ihr, ‚Mutter!‘
Ihre Gedanken drängten zu Sophie – sie wehrte ihnen. In dem friedevollen kleinen Haus, das ihr immer so tröstlich Zuflucht geboten hatte, war sie zum Störenfried geworden. Nicht durch eigene Schuld, dachte sie bitter.
Olga – nur bei Olga war Rettung. Sie wollte den Revolver an die Stirn drücken und wollte denken, es wären Olgas kühle feste Hände.
Und Olgas Hände würden alles Peinigende auswischen – auslöschen – Scham und Reue und Ekel und Gram und hoffnungslose Verzweiflung. In der nächsten Sekunde schon konnte das alles ausgelöscht sein.
Und wenn sie morgen tot war, war alles erklärt. Die kleine Luigi würde es nicht verstehen. Sie würde immer dabei bleiben: sie war doch so lustig gestern.
Aber Cora von Gjellerström würde es erfahren. Und sie würde sich der heutigen Nacht erinnern – sie hatte Mette wohl gesehen, oh, Mette fühlte noch ihren Blick – und sie würde ein wenig fröstelnd die Schultern zusammenziehen bei dem Gedanken, daß sie eine Sterbende gesehen hatte.
Und Luise Peters würde sagen: das arme Kind, sie hat sich Mut angetrunken.
Sophie würde sehr erschrecken – vielleicht auch sich grämen. Aber was ging das Metten an! Sophie hatte sich ja auch nicht darum gekümmert, was aus Mette wurde. Und sie hatte ja Nora ...
Es mußte schnell geschehen, eh’ jemand im Haus wach wurde. In zwanzig Sekunden konnte es vorüber sein – alles vorüber ...
In dem Augenblick, als sie den Revolver aus dem Kasten hob, klopfte es an die Tür.
Mette stand reglos und hielt den Atem an. Vielleicht sollte sie es jetzt tun, gerade, schnell, gehetzt von dem ungeduldigen Klopfen.
Dann war es vorbei – dann sollte der, der da klopfte, ihretwegen die Tür eintreten.
Ob es einen lauten Knall gab? Sie selber würde wohl nichts mehr davon hören ... hoffentlich nicht – obgleich das Ohr von allen Sinnen am längsten in Funktion bleiben sollte ... ach, vielleicht ging es gar nicht so schnell – vielleicht hörte sie noch das Tür-Aufbrechen und Gekreisch und Gejammer.
„Bitte, machen Sie auf!“ rief draußen eine ebenso flehende als fordernde Stimme, „bitte, Fräulein Rudloff, machen Sie einen Augenblick auf.“
Das war nicht Giesbert, oder Mara Luigi, oder eins von den Mädchen. Das war Luise Peters.
Vielleicht war sie krank und brauchte einen Menschen. Sie würde wohl schwerlich in der Nacht an der Tür rütteln, um Mette eine Moralpredigt zu halten.
Mette warf den Revolver achtlos in den offenen Kasten zurück und öffnete die Tür.
Luise Peters drängte sich ins Zimmer. Breit und robust stand sie da, ein wenig lächerlich in ihrem großkarrierten Morgenrock, trotz ihrem angstblassen Gesicht.
Ihr rascher, wacher Blick traf den offenen Nachttischkasten und den Kolben des Revolvers, der kaum sichtbar daraus hervorragte.
Aber sie verriet sich mit keiner Miene.
„Ich wollte Sie um Entschuldigung bitten, mein kleines Fräulein,“ sagte sie mit gutmütigem Lächeln, „ich habe mich vorhin beschwert, weil ich dachte, Sie kämen sehr lustig nach Hause. Aber ich merkte dann gleich, daß Ihnen nicht gut war. Sie müssen sich gleich hinlegen – aber Sie können ja kaum auf den Füßen stehen – darf ich Ihnen nicht behilflich sein? Sie können es mir gern erlauben, ich versteh’ etwas von Krankenpflege ...“
Während sie sprach, nahm sie Mette den Hut von dem wirren Haar. Sie knöpfte ihr das Kleid auf. Sie hielt sie dabei wie eine Puppe immer in einem ihrer starken Arme und drehte sie hin und her. Sie zog ihr die drückenden Haarnadeln aus dem gelockerten Knoten.
Mette spürte plötzlich die warme Nähe eines Menschen, sie spürte die guten, starken, sorgenden Hände – es war, als ob eiternde Wunden in ihr aufbrächen und warmes Blut alle Schmerzen wegschwemmte – sie fing an zu weinen, ein unstillbares, sanftes, erlösendes, qual-fortspülendes Weinen.
„Ich bin noch zu klein,“ sagte sie unter strömenden Tränen, „Sie werden denken, ich bin betrunken – aber es ist mein voller Ernst: um so entsetzlich allein durch die Welt zu laufen, bin ich noch viel zu klein!“ – – –
Drei Tage lang hielt Luise Peters Metten in einer sanften Gefangenschaft. Sie ließ sie keine Minute allein, bestellte ihr das Essen aufs Zimmer und wies jeden Besucher mit der Begründung ab, daß Mette krank sei.
Metten war es ganz recht so. Sie selbst hätte die Kraft zu dieser Lüge nicht gefunden, und doch fühlte sie die Notwendigkeit, sich von all den Menschen, mit denen sie das letzte Jahr gelebt hatte, auf Nimmerwiedersehen zu lösen.
Am ersten Tag versuchte Luise Peters Metten zu überzeugen – was nicht schwer war – daß sie einen ganz unpassenden Verkehr unterhielte und am besten täte, der Stadt und all ihren sogenannten Freunden den Rücken zu kehren.
Am dritten – vormittags – erzählte sie Mette viel von ihrer Heimatstadt – von der weitberühmten Sauberkeit, nach der sie sich immer zurücksehne, von den Menschen, die für steif und förmlich galten, weil sie das Herz nicht auf der Zunge trügen – die aber ehrlich wären und trotzig und treu – und von ihrer kleinen schönen Stiefschwester Gwendolen, die in Mettes Alter wäre, aber noch ein Kind – das vom ganzen Hause sorglich behütete Nestküken. Das wäre eher ein passender Umgang für die arme kleine feine Mette, als diese greulichen Weiber hier ...
Am Nachmittag half sie Mette die Koffer packen. Mette wollte fort – nach der reinlichen Stadt, wo die flinken weißen Schiffchen das blaue Wasser kreuzten.
Mette war sehr gerührt von all der Güte, und fast noch mehr von dem Vertrauen.
Sie lächelte – ein schweres und wissendes Lächeln – als Luise Peters sie zum Abschied in die Arme nahm und mit tränennassen Augen auf beide Wangen küßte.
‚Im Grunde bin ich doch zehn Jahre älter als sie,‘ dachte sie traurig, ‚denn ich weiß, wovon sie Gott sei Dank keine Ahnung hat: daß sie verliebt in mich ist! Weil sie ein wenig von der Veranlagung der greulichen Weiber hat – sie würde es sich selbst nie eingestehen. Vielleicht würde sie sich erschießen, wenn sie es sich zugeben müßte. Gott gebe, daß es ihr niemals zum Bewußtsein kommt.‘
Der einzige, dem Mette noch einmal die Hand geben wollte, war Eccarius. In seinem Gesicht stand viel Anteilnahme. Vielleicht hatte Luise Peters ihm mehr erzählt, als sie sich Metten gegenüber den Anschein gab, zu wissen.
„Sie sind mir noch ein Wort schuldig,“ sagte Mette mit einem mühsamen Lächeln, „ich habe öfter in schlaflosen Nächten darüber gegrübelt und wollte Sie fragen – dann hab’ ich’s immer wieder vergessen. Wissen Sie noch – als wir einmal zu Frau von Hersfeld hinaus pilgerten ...“ eine plötzliche Scheu hielt sie ab, Sophiens Namen auszusprechen, „da sagte ich, es soll mein Wahlspruch sein: das Leben lieben und den Tod nicht fürchten. Sie wollten aber den Satz nur umgekehrt gelten lassen ...“
„Ja,“ Eccarius nickte ernsthaft. „Den Tod lieben und das Leben nicht fürchten! Oder in andern Worten – und das ist der Spruch, der über meinem Leben steht – ein guter Spruch, um ihn auf eine weite Reise mitzugeben: Niemand darf sterben, ehe er den Tod nicht lieb gewann!“
Irgendwohin
führen die weißen Wege hinaus.
Irgendwo bin
ich auf der Erde doch auch zu Haus.
Mette saß auf der Terrasse mit den älteren Damen, mit Frau Konsul Peters, mit Frau Senator Börgessen, mit Frau Generaldirektor Wietinghoff und mit der jungen Frau Vandahl, die ihres Zustandes wegen ein wenig schwerfällig war und lieber still im Korbsessel saß, als sich mit der „Jugend“ im Garten zu vergnügen.
Die Damen hatten fast alle eine Handarbeit zwischen den Fingern und arbeiteten mit mehr oder weniger Aufmerksamkeit. Das Gespräch floß dabei sanft und ruhig fort, ohne Hast, aber auch ohne Stockung.
Mette sah auf den weißen Netzgrund, durch den sie unermüdlich, aber ohne Eile, die Nadel hin- und herführte und freute sich im Stillen, daß sie die Unterhaltung nicht in Gang zu halten brauchte. Sie durfte die Augen auf ihre Arbeit gesenkt halten und brauchte nur aufzusehen und zu reden, wenn sie gefragt wurde. Sie wirkte dadurch bescheiden und jungmädchenhaft, und niemand ahnte, wie herrlich bequem sie das fand.
Sie hatte in den letzten Monaten mehr als ein dutzendmal auf dieser Terrasse gesessen, aber an diesem Tage empfand sie zum erstenmal die Schönheit des Gartens, die ruhigen Stimmen neben ihr, die hellen Rufe vom Tennisplatz, alles, Farben, Düfte, Klänge mit einem unendlichen Wohlbehagen, mit einer dankbar genießenden Freude.
Wochen und Wochen hatte sie in einem heimlichen Zittern gelebt, wie ein Verbrecher auf der Flucht. Hundertmal hatte sie geglaubt, Gisela vor sich zu sehen oder ihre Stimme zu hören, hundertmal, wenn sie einen Brief von Luise Peters aufriß, erwartete sie die Nachricht, daß Gisela Werkenthin ein entsetzliches Ende gefunden, hundertmal hatte ihr das Herz schon so gewaltsam geschlagen, daß sie mühsam nach Atem ringen mußte – hundertmal war Angst und Erschrecken umsonst gewesen.
Sie hatte sich oft vorgebetet, daß sie einen Skandal nicht zu fürchten brauche, weil ihr an der Meinung und Gunst der Leute nichts gelegen sei. Und doch hatte sie Momente, in denen sie sich eingestehen mußte, daß es weniger gräßlich wäre, die Nachricht von Giselas Tode zu empfangen, als sie plötzlich auftauchen zu sehen – hier zum Beispiel, auf der Terrasse des Peters’schen Hauses – und irgendeiner aufregenden Szene beizuwohnen – einer geschmacklosen Szene, zu deren Mittelpunkt sie wider ihren Willen selbst gemacht wurde. Sie konnte sich eine solche Szene mit Rede und Gegenrede bis ins kleinste ausmalen, so daß sie blaß und rot wurde, und das Blut ihr in allen Pulsen hämmerte.
Und mehr als einmal faßte sie den Vorsatz, eine erstaunt-beleidigte Haltung nicht zu verlieren, ein verständnisloses Lächeln festzuhalten – wenn sie die Sicherheit fand, jede Bekanntschaft zu leugnen, dann konnte, dann mußte man Gisela Werkenthin für eine Wahnsinnige halten und sie durch die Diener hinausschaffen lassen.
In schlaflosen Nächten lebte Mette das wieder und wieder durch.
Sie sah Giselas Gesicht, so unbeherrscht, so verzerrt von Haß und Schmerz und Rachsucht, wie in dem Augenblick, da sie Cora von Gjellerström ihr Glas nachschleuderte.
Und sie hörte sich selbst mit sehr klarer und ruhiger Stimme sagen: ‚Es tut mir so entsetzlich leid, gnädige Frau, daß ich die unschuldige Veranlassung zu einem solchen Auftritt in Ihrem Hause bin. Aber ich kann Ihnen nur versichern, daß ich diese ... Dame nie in meinem Leben gesehen habe.‘
Es würde sich ganz gut machen, vor dem Wort „Dame“ eine kleine Pause zu machen, viel besser, als etwa „Person“ zu sagen.
Vielleicht wäre es noch klüger, ganz sanft auf Gisela zuzugehen und in einem Krankenschwesternton zu fragen: „Wollen Sie mir nicht sagen, woher Sie mich kennen? Woher wissen Sie meinen Namen? Ich kenne Sie, natürlich, aber ich kann mich im Augenblick nicht besinnen – wollen Sie mir nicht helfen? Sind wir vielleicht zusammen in die Schule gegangen?“
Oder würde es nicht am Ende den günstigsten Eindruck hervorrufen, wenn sie die Erschrockene spielte, wenn sie zitternd hinter einen Stuhl flüchtete, oder sich schutzsuchend an eine der Damen klammerte: „Helfen Sie mir nur! Was will sie denn von mir? Verstehen Sie, was sie von mir will? Kennen Sie sie denn? Wissen Sie, wer das ist?“
Ja, vielleicht wäre das das natürlichste für ein wohlerzogenes und etwas schüchternes junges Mädchen, wenn es von einer Geisteskranken angefallen oder belästigt würde ...
Sie würde lügen, lügen bis aufs äußerste – obgleich ihr weder an der Meinung von Frau Konsul Peters, noch an der Meinung von Frau Senator Börgessen so sehr viel gelegen war. Aber sie wollte Ruhe haben, sie wollte ganz eingehüllt sein in einen undurchdringlichen Mantel von Wohlanständigkeit und hergebrachter Sitte, sie wollte nicht wieder am Pranger stehen und sich das Hemd von den Schultern reißen lassen, kein verächtlicher Blick sollte sie mehr treffen dürfen – ihre Haut war empfindlich geworden, so übermäßig empfindlich – und ein Blick, in dem nicht Wohlwollen und Freundlichkeit lag, tat ihr schon weh.
Oh, wie gut sie Olga Radó jetzt begriff, die sie verleugnet hatte, so erbarmungslos verleugnet und preisgegeben. Die war schon müde gehetzt gewesen, und ihre Haut war verbrannt gewesen von den vielen verächtlichen Blicken – sie konnte keinen Blick mehr ertragen und wollte es nicht. Sie fürchtete sich vor Blicken – fürchtete sich bis zur kleinlichen Feigheit.
Aber vor dem geladenen Revolver fürchtete sie sich nicht ...
Jetzt war Mette ebenso weit.
Bereit, lieber zu sterben, als Verachtung zu erdulden.
Und bereit, zu lügen, mit ruhiger Stirn, mit klarer Stimme, mit kaltem Blut zu lügen, nicht um Vorteil, nicht einmal um Achtung – nur aus Scham, aus tiefster, abgründigster Scham – nur um sich den deckenden Mantel nicht von der nackten Seele zerren zu lassen.
Nur daß Mette Rudloff Gisela Werkenthin nie geliebt hatte ...
Aber manchmal war ihr, als wäre sie jetzt fähig, auch ihre größte und heiligste Liebe zu verleugnen.
Das war, wenn sie vor den Möbius-Mädeln zitterte.
Konnte es nicht sein, daß sie plötzlich Fannis und Emmis rotblonde Köpfe hier irgendwo auftauchen sah? Konnte sie nicht ganz unvorbereitet einer von den beiden gegenüberstehen?
Ja, dann konnte sie sich nicht damit helfen, daß sie sie für wahnsinnig erklärte. An dem gesunden Menschenverstand der Möbius-Mädel würde niemand zweifeln. Und hier schon ganz gewiß niemand ...
Aber was konnten die ihr schon nachweisen! Und immer konnte Mette jedem Angriff durch einen Gegenangriff begegnen. Im Hause Möbius hatte Mette Olga Radó kennen gelernt – ihre „Cousine“ hatten die Mädel sie mit Stolz genannt. Sie brauchte ja nur bei ihnen sich nach ihrer „Verwandten“ zu erkundigen und erstaunt zu fragen, ob es denn wahr wäre, daß Olga Radó tot wäre? Ob sie wirklich sich erschossen hätte?
Nur weinen dürfte sie dabei nicht ...
Und wenn Mette nur daran dachte, daß sie nicht weinen dürfte, dann stürzten ihr die Tränen stromweis über’s Gesicht.
Aber jetzt fing sie allmählich an, ruhiger zu werden. Sie dachte nicht mehr oft an die Möglichkeit irgendwelcher Begegnungen. Mitunter erschienen ihr auch die letzten Jahre ein wenig unwirklich, verschwommen und fast bedeutungslos.
Die Erinnerung an Olga blieb. Aber am stärksten war jetzt die Erinnerung an die erste Zeit ihrer Freundschaft, an die reine Anbetung, die Mette da empfunden hatte, an Olgas geistige Überlegenheit, ihre vollendeten Manieren, die bestrickende Vornehmheit ihrer Erscheinung und ihres Auftretens. Mette dachte seltener an ihre herzverbrennenden Zärtlichkeiten, seltener an die Qual des Abschieds, der nicht einmal ein Abschied zu nennen war – seltener an ihren Tod.
Es war ihr manchmal ein schmerzliches und rührendes Vergnügen, sich auszumalen, daß Olga noch lebte und plötzlich in diesen Kreis einträte. Sie würde unter diesen eleganten, sicheren, gewandten Frauen die eleganteste, sicherste, gewandteste sein – und wenn sie wollte, würde sie es fertig bringen, in einer halben Stunde diese ganze kühle, zurückhaltende und selbstbewußte Gesellschaft zu heller Begeisterung hinzureißen.
Aber je klarer das Bild der lebenden Olga vor ihr aufstand, um so mehr verblaßte die Erinnerung an die letzten Monate. Mitunter schien ihr das ganze wie der Wirbel einer Karnevalsnacht, und sie war der Überzeugung, daß niemand ein Recht hatte, aus dieser Zeit eine Vertraulichkeit herzuleiten – ebensowenig etwa, wie man eine Dame bei nüchternem Tageslicht daran erinnern darf, daß man sie auf dem Faschingsball unter der Larve küßte.
Mette hatte die Larve und den Maskenflitter abgelegt, sie war wieder Melitta Rudloff, und es wäre taktlos gewesen, auf irgendwelche flüchtigen, halbvergessenen Beziehungen anzuspielen.
So sehr war sie Melitta Rudloff, daß sie manchmal Umschau hielt, ob sie nicht jemand ihres Namens wüßte, dem sie sich anschließen, oder den sie zu sich rufen könnte.
So müde war sie der jungen Freiheit.
Oder vielleicht der Gebundenheit.
Denn wenn sie irgendeine ältere Verwandte bei sich gehabt hätte, so hätte sie sich eine Wohnung nehmen und viel mehr nach ihrem Geschmack leben können.
Aber so war es ihr natürlich verboten, allein zu wohnen, ebenso wie sie nicht in einem Hotel absteigen durfte, und ihr von Pensionen, Kaffeehäusern, Restaurants und Theatern, ja selbst Straßen nur eine ganz beschränkte Auswahl erlaubt war.
Manchmal war es ihr lächerlich vorgekommen, wenn man ihr ganz erschrocken sagte: „O Gott nein, da dürfen Sie nicht hin – man sieht, daß Sie hier fremd sind!“
Aber sie hatte sich immer gefügt.
Sie wußte zu gut, daß sie selber Maß und Urteil verloren hatte. Sie hatte eine Zeitlang in trotzigem Selbstgefühl gedacht, daß sie alt und gefestigt genug sei, um sich ohne Schaden jeden Umgang, jedes Buch, jede Art des Lebens erlauben zu können. Sie hatte dann erfahren, daß sie nicht schwimmen konnte in dem trüben strudelnden Wasser, in das sie kopfüber hineingesprungen. Dicht am Ertrinken hatte ihr Stolz sie verlassen, und sie hatte sich willenlos und dankbar von einer festen Hand herausziehen lassen.
Nun hatte sie keine Sicherheit mehr. Sie hatte geglaubt, sich ohne Gefahr ins Meer stürzen zu können – und war jetzt froh, wenn eine kundige Hand ihr das Badewasser bereitete.
Sie geriet manchmal in eine leise Verlegenheit, wenn ein erstaunter Blick sie traf, weil es sich herausstellte, daß sie ein Buch gelesen, ein Theaterstück gesehen hatte, was sonst jungen Mädchen „ihrer Kreise“ streng verboten war.
Sie mußte manchmal einen burschikosen Ausdruck hinunterschlucken, der ihr in den letzten Monaten so geläufig geworden war, daß sie nichts Unpassendes mehr dabei finden konnte.
Manchmal dachte sie fast mit Dankbarkeit an Tante Emilie. Wenigstens hatte sie gelernt, wie man Messer und Gabel zu halten hatte – es wäre schlimm gewesen, wenn sie auch auf solche Dinge noch hätte achten, auch da noch irgendeinen Verstoß hätte fürchten müssen. Aber was die äußere Form betraf, war die „gute Erziehung“ ihr in Fleisch und Blut übergegangen.
Es konnte vorkommen – wenn es ihr zweifelhaft war, ob ein Mädchen aus guter Familie allein in die Oper gehen, oder sich von einem Bekannten, den sie am Vormittag in der Stadt traf, in eine Konditorei zu einem Stück Torte einladen lassen durfte – es konnte vorkommen, daß sie sich in solchen schwierigen Fällen blitzschnell überlegte: was würde Tante Emilie dazu sagen? Und da Tante Emilie so ziemlich alles für unschicklich, verwerflich und sittenlos erklärte, so konnte Mette sicher sein, auch in den Augen der strengsten Richterin einen wohlgefälligen Wandel zu führen.
Sie hatte wahrhaftig schon erwogen, ob es nicht das vernünftigste wäre, Tante Emilie kommen zu lassen. Dann hätte sie das unfehlbare Orakel in Schicklichkeitsfragen gleich zur Hand – sie könnte eine Wohnung mieten, die Möbel kommen lassen, ein Heim haben, Besuch empfangen, kleine Gesellschaften geben – ach, und zu Streitigkeiten irgendwelcher Art lag ja kein Anlaß vor.
Selbst Tante Emilie konnte gegen diesen Verkehr nichts einzuwenden haben.
Mette war zahm geworden – es war etwas anderes, ob man die Welt, die blühende, lachende Welt, immer nur durch das Gitter des Käfigs sah und sich Kopf und Flügel an den Stäben zerstieß, um nur einmal aufzufliegen ... oder ob man abends müde geflogen, ein bißchen zerkratzt und zerrupft, freiwillig in das behagliche Bauer zurückschlüpfte, um geborgen zu sein.
Schließlich, die Tür blieb ja immer offen. Mette war mündig.
Und plötzlich fiel ihr dann wieder ein, daß sie es um kurze Monate zu spät geworden war. Daß Olga Radó noch leben könnte, mit ihr leben, frei von allen Sorgen und Schulden und Ängsten, in einem schönen behaglichen Heim, wie sie es sich gewünscht hatte, daß sie leben könnte und glücklich sein, daß ihr Lachen noch auf der Welt wäre, und ihre glockentönige Stimme, und ihr schönes, stolzes Gesicht und ihre zärtlichen kraftvollen Hände – daß das alles nicht vernichtet zu sein brauchte, zerstört, weggeweht, ausgelöscht – wenn Tante Emilie nicht gewesen wäre.
Und dann schlug der Haß wieder wie rote Flammen in ihr hoch ...
Die Stimmen vom Tennisplatz kamen näher. Die weißen Kleider schimmerten durch das schwarzrote Laub der Blutbuchen und das goldfarbene des Ahorns. Jetzt bogen die ersten um die Ecke und schritten um das Rosenrondell herum auf die Terrasse zu: Gwendolen und Fred Wietinghoff.
Frau Konsul Peters lächelte ihrer schönen Tochter entgegen. Dies Lächeln zeigt noch mehr von den langen vorstehenden, etwas auseinandergerückten Zähnen, die, mit Plomben aller Art versehen, mit weißen Porzellanflecken geziert, mit haarfeinen Goldleisten umgeben, dieselbe Farbe hatten, wie die großen mattgrauschimmernden Perlen in den schöngeformten Ohren, und den Eindruck von unendlich zerbrechlichen und kostbaren Wesen machten, die um jeden Preis und mit zartester Sorgfalt erhalten werden mußten. Mit andern Zähnen wäre das regelmäßige, etwas welke und hochmütige Gesicht – das unverändert, der wechselnden Mode zum Trotz, von hochstehendem, sorgsam gewellten und sorgsam unter ein Netz gebrachtem dunkelblonden Haar umgeben war, – fast schön zu nennen gewesen.
Sie lächelte stolz und wohlgefällig. Und sie war dazu berechtigt.
Mette war von neuem entzückt, wie Gwendolen die schmalen Füße mit den federnden Gelenken schön und sicher setzte, wie die schlanken, festen Formen sich unter dem weißen Kleid zeichneten, wie das lockige Haar in der Sonne gleißte und flirrte.
Mettes Herz war voll lichter Freude bei diesem Anblick – aber es schlug nicht um einen Schlag schneller.
Ihr Herz war ebenso froh, wenn sie Fred Wietinghoff sah, der neben Gwendolen ging, viel größer als sie, breit in den Schultern, schmal in den Hüften, alle Konturen der Muskeln zeigend unter dem seidenen Hemd. Wenn er so kam, sah er aus wie ein Zwanzigjähriger. Aber wenn das Licht ihm ins Gesicht fiel, sah man auf der klaren, goldbraunen Haut scharf eingeritzte Fältchen um Mund und Augen, und in dem glatten metallblonden Haar ein paar weiße Fäden an den Schläfen.
Aber sie freute sich auch, wenn sie Vandahl sah, der schon von weitem die aufleuchtenden Augen seiner jungen Frau suchte und ihr grüßend zuwinkte.
Und sie freute sich, wenn sie dann hinter den andern Heinrich von Rantzau und den jungen Lucius auftauchen sah, so eifrig in ein Gespräch vertieft, das der Jüngere mit weitausholenden Gesten begleitete, als gingen sie irgendwo über einsames Feld, und nicht auf eine Gesellschaft von Leuten zu, die sie erwartete und beobachtete.
„Kinder, ich verdurste!“ Das war Gwendolens erstes Wort, während sie die letzten Stufen der Terrasse im Sprung nahm.
Sie lief auf den Teewagen zu, der hinter Mette stand, und goß Himbeersaft und eisgekühltes Wasser in ein geschliffenes Glas.
Fred Wietinghoff nahm ihr mit großer Ruhe das Glas aus der Hand, als sie es zum Munde führen wollte und trank es aus.
„Was heißt das?“ fragte sie verdutzt und empört.
„Ich opfere mich mal wieder für Sie,“ sagte er mit unerschütterlichem Gleichmut, „ich habe Sie eben vor einer Lungenentzündung bewahrt. Bitte, wenn Sie Durst haben, trinken Sie Tee. Darf ich Ihnen eine Tasse zurechtmachen?“
„Ich will Wasser trinken!“ Gwendolen stampfte ungeduldig mit dem Fuß, „geben Sie mir die Karaffe, ich verdurste!“
„Sie verdursten noch lange nicht,“ gab Wietinghoff zurück, „Sie haben ein ganz – klein – wenig Durst. Da Sie aber noch nie in Ihrem Leben Durst gelitten haben, so haben Sie gar keine Vergleichsmöglichkeiten. Trinken Sie eine Tasse lauwarmen Tee, das wird Ihnen sehr gut tun.“
„Ich mag aber keinen lauwarmen Tee,“ sagte Gwendolen zwischen Lachen und Ärger. „Ich trinke im Winter heißen Tee und im Sommer kaltes Wasser. Ich will Wasser trinken, und wenn ich eine Lungenentzündung kriege, geht es Sie auch nichts an.“
„Ach Gott,“ machte Wietinghoff bedauernd, „die kleine Siebzehnjährige! So jung sind Sie gar nicht mehr, daß Sie sich damit ‚nüdlich‘ machen könnten. Sie denken sich das wohl sehr romantisch, wenn Sie, erhitzt vom Spiel, in jugendlicher Unbesonnenheit ein Glas eiskaltes Wasser herunterstürzen und dann in der Blüte Ihrer Jahre durch eine Lungenentzündung dahingerafft werden.“ Er saß auf der Lehne eines Korbsessels und schaukelte den einen Fuß im absatzlosen weißen Schuh in der Luft: „Lungenentzündung ist eine gräßliche Schleim- und Spuckangelegenheit – nicht ein bißchen poetisch. Es gibt überhaupt keine poetische Krankheit,“ er reckte sich ein wenig in den Schultern, „nur Gesundheit ist poetisch – aber von einem Säbelhieb bis zum Nervenfieber ist alles prosaisch und ekelhaft und meist mit schlechten Gerüchen verbunden.“
„Oh, Fred, Sie sind widerlich,“ sie drehte ihm den Rücken, „Sie sind absolut nicht salonfähig – ich werde es Ihrer Mutter erzählen.“
„Och, die denkt, Sie verleumden mich!“ er lächelte behaglich und etwas boshaft, „die weiß auch, daß Sie mich nicht leiden können.“ – – –
Vandahl hatte sich einen Hocker dicht neben den Stuhl seiner jungen Frau gerückt. Mette sah, wie seine großen, gutgeformten Hände verstohlen die Falten ihres Kleides streichelten.
Aus ihren sanften braunen Augen floß fortwährend ein leuchtender Strom von Zärtlichkeit über ihn hin.
Mette hatte ein wenig Angst um sie. Sie sah so glücklich aus, und sie liebte ihren Mann anscheinend so abgöttisch und wurde ebenso abgöttisch wieder geliebt. Wenn sie nur ihre schwere Stunde erst gut überstanden hätte! Der Wunsch brannte in Mettes Herzen wie ein stilles Gebet.
Rantzau und Lucius standen gegen die steinerne Brüstung gelehnt. Mette hörte nur abgerissene Bruchstücke ihres Gesprächs, wenn die andern schwiegen:
„Warum nicht? Die Elektronen, die als sogenannte Kathodenstrahlen abgeschleudert werden, haben eine Geschwindigkeit von zirka einer Viertel Million Kilometersekunden.“
Das war Rantzaus tiefe, ruhige, klangvolle Stimme.
Gwendolen setzte sich auf Mettes Stuhllehne und legte den Arm um ihre Schulter.
„Schützen Sie mich, Mette,“ sagte sie, „alle Menschen ärgern mich und sind scheußlich zu mir. Sie sind der einzige Mensch hier, den ich wirklich lieb habe!“
„Oh, Gwen,“ Mette sah lächelnd zu ihr auf. „Es ist gut, daß Sie heute Abend über keine Brücke mehr gehen.“
Gwendolen machte ein ernstes Gesicht:
„Ich werde einmal jemand umbringen,“ sagte sie, als erzähle sie Märchen, „und werde die Leiche im Keller verscharren und alles wertvolle stehlen und im Wald vergraben. Dann werde ich irgendwohin gehen – aufs Gericht, oder auf die Polizei oder zum Senat und werde alles erzählen. Und dann werden die Leute lachen, oder sie werden mich bedauern und werden sagen: ‚Das arme Kind! Sie hat Fieber, sie phantasiert – das ist Konsul Peters seine Kleine. Krischan, nehmen Sie ein Auto, bringen Sie die lütt’ Deern tu Hus, die Mudder schall se in’t Bett packen, se kriegt die Masern.‘ Und dann bringt mich der Gerichtsdiener oder der Wachtmeister nach Hause, damit mir ja unterwegs kein Malheur passiert ... oh, Mette, haben Sie von den Mürbekuchen gegessen? Die macht Deuli immer so großartig! Dafür lohnt es sich direkt, zu leben. Aber ich habe noch nie genug davon gekriegt. Ich hab’ mir ausbedungen: wenn ich einmal heirate, will ich als Hochzeitsgeschenk von ihr eine Badewanne voll Mürbekuchen haben. Und an meinem Hochzeitstag esse ich von morgens bis abends Mürbekuchen. Essen Sie doch, Mette – ich glaube wirklich, Sie leben von Luft und Liebe.“
„Von Luft vielleicht,“ sagte Wietinghoff sachlich, „soweit ich Ihren Konsum an dem andern eben genannten Volksnahrungsmittel beurteilen kann, würde ich bei Ihrem Jahresquantum nicht eine Woche bestehen.“
Mette gab sich Mühe, seine Worte nicht zu verstehen.
„Ich möchte von Luft leben,“ sie sog die Luft ein, die über den Garten herüberwehte. Trotz des Rosenduftes war sie stark und herbe, und schmeckte ein wenig nach Meer. „Von viel frischer, reiner Luft!“
Mette wartete – schon im Abendkleid – in Gwendolens weißem Zimmer. Sie waren zu einer Tanzgesellschaft geladen, die ziemlich früh ihren Anfang nahm, und Mette sollte im Petersschen Wagen mitfahren – aber Gwendolen hätte um nichts in der Welt ein Rennen versäumt und war noch nicht zurück.
Mette wartete. Es war warm und still und fing an zu dämmern. Das Zimmer war geheizt, aber das Fenster stand offen. Das gab zusammen den Eindruck eines Sommerabends, mehr als den eines Herbstnachmittags.
Mette dachte an den Abend mit einer Freude, die ihr selbst als kindlich erschien. Es war so nett, sich hübsch angezogen in hübschen Räumen zu bewegen, viele Bekannte zu treffen, zu plaudern, zu tanzen und sich ein klein wenig den Hof machen zu lassen. Manchmal dachte sie wie mit einem plötzlichen Aufdämmern des Bewußtseins: ‚Wie lange kann das dauern? Dies plätschernde Treiben kann doch nicht ein Leben ausfüllen? Wann wird der Tag kommen, da mir all dies schal und widerwärtig ist?‘
Aber sie verscheuchte diese Gedanken, wie man halb im Schlaf versucht, das Erwachen zu verscheuchen und einen sanften Traum festzuhalten.
Endlich rollten draußen Räder, und eine Minute später war das ganze Haus voll Leben und Bewegung: Klingeln riefen, das Haustelephon schnarrte, Türen gingen, Schritte wurden laut, unten, oben, auf der Treppe.
Gwendolen riß die Tür auf und stürmte ins Zimmer. Sie hatte für gewöhnlich sehr lebhafte Bewegungen und pflegte öfter zu laufen, zu hüpfen, zu springen, als zu gehen. Das alte Kinderfräulein mit ergrauten Scheiteln folgte ihr mit ausgestreckten Händen, um den weißen Mantel in Empfang zu nehmen, den Gwen von den Schultern zerrte.
„Rasch, rasch, Deuli, umziehen – das hellblaue, nicht das Taft, das Georgette, das mit der Rose – oh, Metti-Betti, mein Armes, sitzen Sie schon lange hier? Aber Sie sind nicht ungeduldig geworden, nein? Ach, Sie werden ja überhaupt niemals ungeduldig! Warum sind Sie nicht mitgekommen! Es war fabelbar, einfach fabelbar! Ich verstehe Sie nicht! Wie kann man sich nichts aus Pferderennen machen?!“
„Vielleicht liegt es daran, weil ich niemals ungeduldig werde! Man darf das eben nicht in aller Geduld abwarten, welcher Gaul nun zuerst am Ziel ankommt! Die Ungeduld ist doch die einzige Würze dieses Vergnügens!“
„Ach, es ist zu herrlich.“ Gwendolen ließ Kleid und Unterrock auf den Boden gleiten und trat mit einem großen Schritt aus den Sachen, die sich hemmend um ihre Füße bauschten. „Wissen Sie, daß ich immer am ganzen Körper vibriere? Die Wettlust – das hat mit dem Geldgewinn gar nichts zu tun. Ich habe auch schon gesetzt,“ sie kauerte sich auf eine Stuhlkante und zog die grauen Halbschuhe von den Füßen, ohne die Bänder zu lösen. „Heimlich natürlich, denn ich darf ja nicht – Mama würde mich – aber dann kann es mir passieren, daß ich mich während des Rennens gar nicht mehr um den Gaul kümmere, den ich gewettet habe, weil mir ein anderes Vieh sympathischer ist.“ Sie schleuderte das batistene Unterleibchen auf einen Stuhl und löste die Schnüre des dünnen weichen Korsetts. „Deuli! Du mußt mir den Tub bringen! Es war so heiß und staubig, ich kann nicht ungewaschen tanzen gehen – sind Sie böse, Metting? Ach, wir kriegen von dem Zimt immer noch genug, auch wenn wir eine Viertelstunde später hinkommen!“ Sie zog die Strümpfe aus, während die Alte die Gummiwanne hinstellte und den Hahn über dem Waschbecken aufdrehte.
„Soll ich solange nach nebenan gehen?“ fragte Mette.
„Ach wo,“ machte Gwendolen leichthin, „finden Sie etwas dabei, wenn ich mich vor Ihnen wasche? Nur kaltes, Deuli, und einen Schuß Lubin hinein! Ja, also, wenn mir ein anderes Pferd sympathischer ist, kümmer’ ich mich den Deubel um das gewettete. Meistens wette ich ja auch nicht – ich such’ mir einfach ein Pferd aus, was mir gefällt.“ Sie löste das Hemd auf den Schultern, ließ es zu Boden fallen, trat in ihrer zierlichen, schimmernden Nacktheit in das große Gummibecken und ließ den rieselnden Schwamm über Gesicht und Nacken, Brust und Arme gleiten. „Huh, kalt, aber schön! Das Wetten ist eigentlich nur Einbildung – weil die meisten Menschen ihr Interesse nur auf etwas konzentrieren können, wenn sie zwanzig Mark dran gewinnen oder verlieren können. Das Tuch, Deuli! Auf das Konzentrieren kommt es nämlich an: Man sitzt auf diesem Pferd, nein, man sitzt in ihm, man peitscht es an, mit jedem Atemzug, mit jedem Gedanken, mit jedem Nerv, vorwärts, vorwärts, vorwärts, man sieht, wie es zittert und schnaubt und schäumt und keucht und nicht nachläßt, immer toller, je näher dem Ende, desto toller – weiter, weiter – oh, man fiebert – und tausend Menschen fiebern mit einem, sie rasen, sie schreien, sie peitschen alle mit ihrem brennenden Blut dieses eine fliegende Etwas vorwärts – vorwärts, bis es durchs Ziel schießt. Ah! Das ist die Erlösung! Die große Entspannung! Man ist ganz erschlagen, ganz müde und ganz selig. Die Knie zittern einem so angenehm – wahrhaftig, nach jedem Rennen zittern mir die Knie. Man hat gerade Zeit, sich zu erholen, dann fängt die nächste Spannung an – ganz sanft, vorbereitend – sich steigernd – bis zur Ekstase. Es läßt sich überhaupt nur mit etwas vergleichen ... wissen Sie nicht, was ich meine?“
Mette schüttelte den Kopf.
„Ach Gott, wie soll ich es dann erklären! Deuli, hör mal weg!“ Die Alte kniete auf dem Boden und zog mit behutsamen Händen die seidenen Strümpfe über die schlanken, festen, weißen Beine. „Wissen Sie nicht, womit man es vergleichen kann? Mit der Liebe natürlich!“
„Mit der Liebe?“ Mette machte ein verständnisloses Gesicht.
Gwendolen stand auf, um die zierlichen ausgeschnittenen Schuhe an den Füßen festzutreten.
„O Gott, Mette, reizen Sie mich nicht! Ich kriege es fertig und spreche es glatt aus – alles! Fragen Sie Deuli – es gibt nichts, was ich nicht über die Lippen bringe! Mädchen, machen Sie doch nicht ein Gesicht, als ob Sie noch an den Osterhasen glaubten! Wollen Sie mir erzählen, Sie hätten noch nie geliebt?“
Mette schlug tapfer die Augen auf.
„Ich will Ihnen gar nichts erzählen!“ sagte sie ruhig.
„Oh, das war eine schlagfertige Antwort!“ Gwendolen verbeugte sich tief und beschrieb mit der rechten Hand einen großen Bogen vom Herzen durch die Luft, während sie mit der linken an den Korsettschnüren zog. „Mein Kompliment, schöne Dame! Es war eine so nette Abfuhr, daß ich sie mir gern gefallen lasse. Und trotzdem,“ sie trat einen Schritt näher und sah Mette mit einem seltsamen Blick an, „trotzdem,“ sagte sie halblaut, „werden Sie mir noch sehr viel erzählen. Nicht jetzt und nicht hier – später – wenn ich Sie einmal darum bitten werde.“
Mette geriet in eine leichte Verlegenheit:
„Ach Gott, ich habe das überhaupt nur so hingesagt ... warum heißen Sie eigentlich ‚Deuli‘, Fräulein Hellmann?“
Die Alte strahlte auf: „Das hat Fräulein Gwen immer gesagt, wie sie ganz klein war. Sie konnte noch kaum sprechen, da rief sie immerzu ‚Deuli, Deuli‘. Das sollte Fräulein heißen!“
„Das behauptet ihr!“ lachte Gwendolen und schlüpfte in die bereitgehaltene, blaßblaue Seidenwolke, „ich hab’ immerzu ‚greulich, greulich‘ geschrien, wenn ich dich gesehen habe!“ – – –
Mette tanzte. Die sanfte Bewegung, in welcher die Musik die gelösten Glieder führte, tat körperlich wohl. Es tat gut, müde zu werden. Nur wäre es fast besser gewesen, schweigend zu tanzen. Es war ein wenig langweilig, immer auf dieselben Fragen antworten zu müssen – „Gnädiges Fräulein sind wohl noch nicht lange hier?“ „Wie gefällt Ihnen unser Städtchen?“ „Sind gnädiges Fräulein verwandt mit Konsul Peters?“
Dann kam Vandahl und holte sie zum Tanz.
„Gott sei Dank, daß Sie über mich orientiert sind,“ lachte sie.
„Leider bin ich das durchaus nicht,“ entgegnete er ernsthaft.
„Ich brauche aber wenigstens nicht zu informieren, wie lange ich hier bin, und ob ich hier zu bleiben gedenke, und wo ich vorher war!“
„Nein, das ist allerdings das, was mich am wenigsten interessiert – und das, was mich interessiert, beantworten Sie mir ja doch nicht!“
„Oh, bitte,“ sagte Mette höflich verwundert. „Ich glaube nicht, daß ich Ihnen irgendeine Frage unbeantwortet ließe!“
Dabei ging ihr Herz schneller. Was vermutete dieser Mann hinter ihr, daß er neugierige Fragen stellen wollte? Sie hatte heute noch lange, lange ihr Gesicht vorm Spiegel geprüft. Es war glatt und faltenlos, ihr Mund war kühl und etwas herb verschlossen, ihre Augen klar und ruhig. Ihr Kleid war vom ersten Schneider der Stadt und ganz dem soliden Geschmack der besseren Bürger angepaßt. Der beliebteste Friseur hatte ihr Haar so geordnet, wie es in diesem Jahr „die Damen der Gesellschaft“ trugen. Nein, es war nichts, aber auch nichts Auffälliges an ihr.
„Bitte, fragen Sie!“ sagte sie – vielleicht etwas zu liebenswürdig im Ton, weil sie es weder zu herausfordernd, noch zu ängstlich sagen wollte.
„Ich möchte wissen,“ begann er zögernd und tauchte dabei den lächelnden Blick sehr tief in ihre Augen, „was eigentlich der Inhalt dieses schönen Gefäßes ist, das ich hier im Arm halte. Ist es Milch oder Eiswasser oder Sekt, was in Ihren Adern fließt?“
„Sekt doch wohl kaum.“ Mette versuchte, seinen Blick mit sehr gleichgültiger Miene auszuhalten und verzog nur ein wenig spöttisch die Lippen. „Oder finden Sie, daß in meinem Wesen so etwas Überschäumendes ist?“
Er zog sie einen Augenblick so fest an sich, daß ihre Brust die seine berührte.
„Es ist doch Sekt,“ sagte er leise mit zusammengebissenen Zähnen, „er ist nur sehr gut frappiert. Aber wenn er warm wird, sprengt er die Flasche – den Augenblick möcht’ ich einmal erleben!“
„Er wird nicht warm,“ sagte Mette und zog den Mund noch ein wenig mehr, „es wird schon genügend für kalte Duschen gesorgt.“
Als Mette auf ihren Platz zurückkehrte, traf ihr Blick auf Heinrich Rantzau, der, schwarz und schlank, an einem weißen Türpfosten lehnte. Ihr Blick glitt weiter und über das heiße, strahlende Gesicht des jungen Lucius. Ein paar Worte fielen in ihr Ohr:
„Hab’ ich zuviel getanzt?“
„Aber nein, mein Junge – amüsier’ dich nur.“
„Ich hatte Angst, du wärest böse ...“
Die abgerissenen Sätze verließen Mette nicht mehr. Sie summten ihr durch den Kopf wie eine Melodie, die man nicht loswerden kann.
Fred Wietinghoff verbeugte sich vor ihr:
„Darf ich Sie zum Zweck eines Bostons aus Ihren sanften Träumen reißen?“ fragte er lachend. „Gestehen Sie mir – woran haben Sie eben gedacht?“
„Daran, daß ich heute keinen guten Tag habe,“ sagte Mette nachdenklich.
„Was heißt ‚guten Tag‘? Wenn Sie damit auf deutsch beau jour sagen wollen, so wäre das ein ganz unverschämtes fishing!“
„Ach, das meint’ ich wahrhaftig nicht,“ sagte Mette wegwerfend, „nein, so einen Tag, wissen Sie, wo man Bühnenzauber im Vormittagslicht sieht und überall die Maschinerie hervorguckt. Wo man die Drähte sieht, an denen die Engel fliegen, und die Versenkung, aus der der Teufel aufsteigt.“
Fred Wietinghoff lächelte, während er sie sehr sicher durch das Gewühl der Tanzenden hindurchsteuerte. Es war ein gutes, schönes, weiches, etwas mitleidiges und ein klein wenig triumphierendes Lächeln.
„Sie sind ja doch ein richtiges Mädelchen,“ sagte er.
„Wieso doch?“ fragte Mette mit etwas erzwungenem Lachen. „Natürlich bin ich es, leider. Aber warum konstatieren Sie das gerade jetzt?“
„Weil das, was Sie eben sagen, so typisch dafür ist. Denken Sie sich zwei Kinder: einen Jungen und ein Mädel im Theater. Und dann denken Sie sich die beiden hinter den Kulissen. Das Mädel ist enttäuscht, weil die Rosengärten aus Papier sind und die Goldkronen aus Blech und die Wolken auf Gaze gemalt – und weil eben überall die Maschinerie herausguckt. In dem Augenblick fängt der Junge erst an, sich für den ganzen Kram zu interessieren: Wie kommt es? Wie entsteht es? Wie wird es gemacht? Die Drahtvorrichtung, an der die Engel fliegen, oder die Versenkung, aus der der Teufel herausgeschraubt wird – das ist ja millionenmal interessanter als der ganze faule Zauber in bengalischer Beleuchtung! Haben Sie nur den Mut zur Gründlichkeit – steigen Sie in die Versenkung und auf den Schnürboden, in alle Tiefen und Höhen, und lassen Sie sich alles zeigen und erklären, und prüfen Sie und untersuchen Sie – folgern Sie und experimentieren Sie. Dann sitzen Sie mit dem Lächeln der Wissenden im Theater und hören um sich die Ahs und Ohs der naiven Gemüter – und wissen ganz genau, wie alles kommt. Und wenn Sie weit genug eingedrungen sind, dann lassen Sie selber die Engel fliegen und den Teufel aufsteigen – ganz wie es Ihnen beliebt!“
„Ich will aber gar nicht,“ klagte Mette eigensinnig, „ich will es von weitem sehen und in feenhafter Beleuchtung, und wenn ich zehnmal weiß, daß es gemacht ist, um mich zu betrügen, so will ich doch daran glauben können!“
„Oh, Sie Frau!“ Er tanzte mit ihr aus dem Saal in ein kleineres Zimmer und führte sie zu einem Sessel, „wenn es nicht so komisch wäre, müßte man euch bedauern.“ Er zog sich einen Stuhl neben sie: „Die Frauen leben doch von Illusionen!“ Er stützte die Ellbogen auf die Knie und die Stirn auf die Handballen. Da der kleine Stuhl viel zu niedrig für ihn war, hatte er es nicht schwer, die langen Arme und die langen Beine zusammen zu bringen. Ohne aufzusehen, schüttelte er den Kopf in den Händen: „Was macht denn eine Frau in der Ehe glücklich? Die Vereinigung? Fragen Sie einmal nach! Für fünfzig Prozent der Frauen bedeutet sie ein Martyrium. Nein, der phantastische Gedanke einer ewigen, unveränderlichen – einer beschworenen und unterschriebenen Treue – das ist das eheliche Glück der Frau!“
„Dann gibt es also eigentlich keine Frau, die in der Ehe glücklich ist?“ Mette lächelte traurig. „Höchstens solche, die sich einbilden, es zu sein?“
„Das ist doch in der Praxis genau dasselbe.“ Wietinghoff zuckte leicht die Achseln. „Ich möchte lieber krank sein und mir einbilden, ganz gesund zu sein – wohlverstanden, solange ich mir das noch einbilden kann – als gesund sein und mir irgendeine schwere Krankheit einreden. Die sogenannten Tatsachen sind doch im Leben das allerbelangloseste!“
„Ich möchte doch nicht in einem Wahn befangen glücklich sein,“ Mette schüttelte wie abwehrend den Kopf, „lieber eine leidbringende Gewißheit, als ein geträumtes Glück!“
„Dann sind Sie doch kein richtiges Mädchen,“ neckte Wietinghoff, „eben wollten Sie doch noch Ihre Illusionen behalten – um jeden Preis. Aber was ist überhaupt ‚gewiß‘, und was ist unsere Vorstellung? Damit verlieren wir uns in die tiefsten Abgründe der Philosophie!“
„Also das, was man ganz landläufig unter ‚Gewißheit‘ versteht, meine ich. Ich kann das Wort nicht leiden: ‚Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.‘ Es ist kein wahres Wort.“
„Es ist sehr wahr. Was Sie absolut nicht wissen und nie wissen werden – das macht Sie auch nicht heiß. Nur was Sie zu spät wissen, kann Sie heiß machen. Was Sie ahnen, fürchten, halb wissen.“
„Wenn Sie in einem glücklichen Rausch leben wollen,“ sagte Mette trotzig, „dann können Sie sich betrinken oder Morphium nehmen ...“
„Das Zeug hält nur alles nicht vor,“ meinte Wietinghoff verächtlich, „ich schwöre Ihnen, wenn es ein Gift gäbe, das einen fortwährenden und ununterbrochenen, dreißig Jahre langen, heiteren Rausch verschafft, dann wär ich der erste, es zu nehmen – und wenn die ganze Welt gegen das ‚Laster‘ anheulte. Merken Sie, wie wir langsam gewechselt haben?“ Er lachte auf. „Jetzt sind Sie für Ergründung und ich für Rausch. Das heißt, ich wäre dafür,“ setzte er ernsthaft hinzu, „wenn ich ein schlechterer Rechner wäre! Alkoholiker, Morphinisten, Kokainisten und wie sie alle heißen, sind keine guten Rechner. Sonst wüßten sie, daß Rausch und Elend sich kompensiert. Und um dem Elend auch ja das Übergewicht zu geben, werfen sie noch Kampf und Reue in die Wagschale.“ Er stand auf und reckte sich etwas. „Nein – der beste von allen Räuschen bleibt noch die Liebe. Es ist nicht der stärkste Rausch – aber es ist der erträglichste Jammer.“
Der Raum war jetzt ganz leer. Wietinghoff ging ein paar Schritte auf und ab.
Mette saß in sich zusammengesunken.
„Und weiter gibt es nichts?“ fragte sie mit einer hilflosen Handbewegung.
Er drehte sich rasch um und sah voll ins Licht. Seine großen dunklen Pupillen zogen sich wie durch eine bewußte Muskelanstrengung zu schwarzen Pünktchen zusammen, daß die tiefblau gerandete Iris eisgrau wurde.
„Doch,“ sagte er aus der Tiefe der Brust, „Kraftrausch! Arbeitsrausch! Denkrausch!“ Ein flüchtiger Schmerz glitt über sein Gesicht. „Schaffensrausch – das ist der höchste und vielleicht auch der stärkste – aber das ist der Kelch für den Priester und nicht für die Gemeinde. Im übrigen ...“ er setzte sich mit einem Ruck wieder neben sie, „wozu red’ ich eigentlich auf Sie ein, wenn Sie gar nicht zuhören, sondern meinem Freund Vandahl nachschauen, wie gebannt.“
„Er tanzt eigentlich sehr gut,“ sagte Mette gedankenlos – ihre Blicke hatten wirklich Vandahl verfolgt.
„Sie müssen es wissen,“ meinte Wietinghoff spöttisch, „Sie haben ja intensiv genug mit ihm getanzt!“
„Seltsam,“ sagte Mette, „daß Sie bei allem In-Anspruch-genommen-sein noch Zeit und Sinn dafür haben, andere Leute zu beobachten.“
„Sie müssen nicht denken, daß ich den Eifersüchtigen spielen will,“ er preßte einen Augenblick die Lippen zusammen, was ihm ein ganz knabenhaftes Aussehen gab, „mit so verbrauchten Tricks arbeite ich nicht.“
„Ich denke gar nichts dergleichen.“ Mette sah ihn mit ruhiger Freundlichkeit an. „Aber ich kann Ihnen sagen, daß es mich freuen würde, wenn Ihr Freund Vandahl etwas weniger – intensiv tanzte. Seine – Intensität hat mir heute schon einmal die Laune verdorben. Er sollte überhaupt nicht tanzen, wenn seine Frau nicht tanzen kann.“
„Er verlernt es,“ lächelte Wietinghoff. „Und vielleicht würde ihn seine Frau gar nicht mögen, wenn er nicht so ein guter Tänzer wäre. Im übrigen ist Vandahl wirklich der beste Ehemann der Welt ...“
„Wenn das der beste ist!“ seufzte Mette leicht.
„Ernstlich. Nur ein Mann, der die Frauen braucht, liebt und vergöttert, kann ein guter Ehemann sein. Kann er in dem Moment, wo er eine von ihnen heiratet, seine besten Eigenschaften ablegen? Wenn sie ihn glücklich macht, ganz sicher nicht. Höchstens, wenn er einen Drachen erwischt hat, wird ihm das ganze Geschlecht verleidet, und er zieht sich grollend an den Stammtisch zurück.“
„Also eigentlich,“ lachte Mette, „ist es das Zeichen einer glücklichen Ehe, wenn der Ehemann allen andern Frauen den Hof macht.“
„Natürlich,“ stimmte Wietinghoff vergnügt bei. „Wenigstens ein Zeichen, daß die Frau dem Mann noch nicht alle Sympathie für ihr Geschlecht ausgetrieben hat. Wenn ein Freund der Frauen nach der Verheiratung kein Weib mehr ansieht, so hat er wahrscheinlich den Geschmack daran verloren, weil er zum erstenmal eine gründlich durchschaut hat.“ – – –
An Heinrich von Rantzaus Arm ging Mette zu einem der kleinen weißschimmernden, blumengeschmückten Tische. Sie hatte eine leise Sympathie für Rantzaus stille und zurückhaltende Art und freute sich, von ihm bevorzugt zu werden. Heut zum erstenmal wurde ihr die Ursache dieser Bevorzugung klar. Er fühlte, daß sie keinerlei Ansprüche an ihn stellte – sie verlangte keine Schmeicheleien von ihm, sie versuchte nicht, ihn durch Blicke, Worte oder unabsichtlich scheinende Berührung in Verlegenheit zu bringen – jedes Gespräch war ihr recht und ein langes Schweigen fast noch lieber; er fühlte sich bei ihr nicht böswillig beobachtet und konnte ohne Zwang, ganz kameradschaftlich mit ihr verkehren. An all das dachte Mette nun zum erstenmal – aber es stieß sie nicht ab. In seinem scharfgeschnittenen und energischen Gesicht lag ein leidvoller Zug um den Mund, eine Last auf den breiten dünnen Augenlidern.
‚Armer Hund,‘ dachte Mette, ‚ich will gut mit ihm sein. Wenn er auch zehnmal sagt: amüsier’ dich, mein Junge – es tut ihm ja doch innen alles weh.‘
Schräg gegenüber an einem anderen Tisch saß Gwendolen neben dem jungen Lucius. Unter den vielen hübschen und frischen Erscheinungen war Gwen unstreitig die schönste. Sie lachte und lockte und prangte wie ein junger Baum in der Blüte. Ihre meerfarbenen Augen unter den gebogenen Wimpern wechselten in fortwährendem Spiel von Hell und Dunkel. Ihr zartes, weißes Gesicht strahlte in einem kühlen Rosenschein, wie durchleuchteter Marmor. Bei jeder Bewegung tanzten die goldflirrenden Löckchen ihr um Stirn und Nacken.
Rantzau folgte Mettes Blick, oder vielleicht suchten seine Augen auch Lucius. Ohne jeden Zusammenhang mit früher Gesagtem fragte er plötzlich:
„Wie kommen Sie eigentlich zu der Freundschaft mit Fräulein Peters?“
Mette sah ihn etwas verwundert an:
„Sie fragen so, als ob irgend etwas Erstaunliches dabei wäre? Wir sind doch ziemlich in einem Alter – ziemlich gleich erzogen ...“
„Merkwürdig!“ Ein leiser Spott zuckte um seinen Mund. „Sind das die Gesichtspunkte, nach denen Sie Ihre Freunde wählen? Ich hatte Sie etwas anders eingeschätzt!“
„Freunde!“ sagte Mette und zog die Brauen hoch. „Zu Freundinnen haben andere Leute uns gemacht. Sie haben mich sicher noch nie sagen hören: meine Freundin Gwendolen Peters. Ich habe in meinem ganzen Leben erst von einem Menschen gesagt: meine Freundin ...“
Rantzau fiel ihr ins Wort, leise, flüchtig, und doch war eine verhaltene Dringlichkeit in seiner Stimme:
„Sie sagen es nicht mehr?“
„Meine Freundin ist tot.“
Er schwieg. Er sagte kein bedauerndes „ah“ oder „oh“, und Mette war ihm dankbar dafür.
Ihr war seltsam zumute. Sie saß in diesem fremden Raum, sah viele fremde Gesichter um sich und erzählte einem fremden Mann von Olga Radós Tod. Sie trug ein helles, festliches Kleid und hatte getanzt und gelacht und geplaudert. Wein schimmerte vor ihr im geschliffenen Kelch, Blumen leuchteten in kristallenen Vasen vom weißglänzenden Damast, und ihr Duft mischte sich mit mannigfachem Wohlgeruch, der von nackten, gepuderten Frauenschultern aufstieg. Stimmen schwirrten fröhlich durcheinander und übertäubten doch nicht das leise Klirren von Glas und Silber und den süßen Gesang der Geigen.
Und hier saß Mette Rudloff und zerschnitt auf dem Teller eine Scheibe saftigen Rehbratens und sagte dabei:
„Meine Freundin ist tot.“
Die Tage und Wochen der Qual und Verzweiflung wollten wieder aufsteigen. Mette hatte sie nicht vergessen: die Stunde, da sie es erfahren hatte, den Augenblick, da sie den Revolver berührte, den Weg über die Straße, als sie von Peterchen nach Hause ging und so gern ihr Gesicht vor den Leuten versteckt hätte, weil sie das Gefühl hatte, als sei ihr ganzes Gesicht eine offene blutende Wunde, in die jeder neugierige Blick Schmutz und Steine werfe. Sie wußte das alles. Aber sie konnte nicht mehr unterscheiden, was Traum und was Wirklichkeit war. Vielleicht war dies Traum: der helle Saal, und die Musik, und diese festfrohen Menschen, von denen sie keinen länger als ein paar Monate kannte. Vielleicht war alles andere Traum gewesen, alles Große, Hinreißende, Quälende, Schmerzende, und all das Trübe und Wirre der letzten Zeit. Vielleicht war dies ihr Leben – das Leben, zu dem sie geboren war – das zu den weißen gestickten Kleidchen paßte und zu dem großelterlichen Garten.
Und einen flüchtigen Augenblick war ihr, als hätte sie gar kein Recht zu sagen: meine Freundin ist tot. Als wäre sie noch zu jung, um irgendein Leid erfahren zu haben, als schmücke sie sich mit einem erdichteten Schmerz, um sich dem ernsten und abgesonderten Mann gegenüber einen Schein von Gleichberechtigung zu geben.
Die schlimmen Tage stiegen wieder auf – aber sie stiegen auf wie schattenhafte Gespenster, durch deren durchsichtige Leiber der lichterstrahlende Saal schimmerte. Sie waren ohne Farbe und Leben, weil sie nicht mehr das Blut aus Mettes tiefen Wunden tranken. – – –
Mette saß neben Gwendolen im Wagen.
„Ich seh’ wohl furchtbar um den Kopf aus?“ sagte Gwen, „wenn Mama mich so sieht, dann fängt sie ihre alte Predigt wieder an, ich müßte ein Netz tragen. Hassen Sie Haarnetze auch so wie ich, Mette? Wie kommt es, daß Ihr Haar so gut hält? Sie haben doch auch getanzt! Mama würde ihre Freude an Ihnen haben! Mama hat Sie überhaupt schrecklich gern – Sie werden mir immer als Muster vorgehalten. Aber selbst das kann Sie mir nicht verekeln. Ich bin schon sehr angetan von Ihnen, wirklich – aber ich glaube, Sie können mich nicht leiden.“
Mette legte leicht den Arm um ihre Schultern.
„Kleine, törichte Gwen,“ sagte sie lächelnd, „Sie glauben ja selber nicht, was Sie da schwatzen.“
„Ach ja,“ sagte Gwen und schmiegte sich wie ein Kätzchen an sie, „lassen Sie den Arm so liegen, das tut gut. Ich weiß ganz genau, was ich rede, Mama sagt zwar immer: schweig, du bist betanzt, weil sie behauptet, ich rede nach dem Tanzen so viel Unsinn – noch mehr als sonst. Aber ich bin wirklich nicht betanzt, und ich weiß sehr genau, daß ich Sie gern habe – und ich weiß auch, daß Sie mich nicht leiden können – Sie widersprechen ja auch gar nicht – dazu sind Sie viel zu ehrlich. Sie sagen: schwatz keinen Unsinn, kleine Gwen – das sagt man zu kleinen Kindern auch immer, wenn sie zufällig die Wahrheit treffen. Aber ich will Sie nicht in Verlegenheit bringen – Sie machen schon ganz traurige Augen, weil Sie nicht wissen, wie Sie sich aus der Affäre ziehen sollen.“
„Ich dachte daran,“ sagte Mette aufrichtig, „daß Sie ein so entzückendes kleines Menschenwesen sind – und daß ich Sie herzlich gern habe – und daß ich Sie trotzdem heut verleugnet habe und gesagt, Sie wären nicht meine Freundin.“
„Bei Tisch,“ Gwendolen nickte ernsthaft, „ich hab’ es gefühlt. Aber das nehm’ ich Ihnen nicht übel,“ sie lächelte, „Sie durften das auch nicht zugeben, wenn Sie bei meinem lieben Heinrich nicht in Ungnade fallen wollten. Hat er nicht gesagt, ich wäre eine Kanaille?“
„Er hat gar nichts gesagt,“ widersprach Mette erschrocken, „wie kommen Sie überhaupt darauf, daß es Rantzau gegenüber war?“
„Weil ich ihn kenne!“ triumphierte Gwen. „Er haßt mich doch wie – wie die Sünde ist entschieden nicht das richtige Wort. Ich weiß es aber, und ich weiß auch warum.“
Mette fühlte sich durch diese Worte und noch mehr durch den Ausdruck ihres Gesichts etwas abgestoßen.
‚Sie ist doch wie alle Frauen,‘ dachte sie verächtlich. ‚Sie bildet sich jetzt ein, daß Heinrich von Rantzau sie haßt, weil er eine unerwiderte Liebe zu ihr hat! Sie wird mir jetzt erzählen, daß sie ihn bei irgendeiner Gelegenheit hat abfallen lassen. Eine andere Möglichkeit findet gar keinen Platz in dem Gehirn dieser Weibchen.‘
„Soll ich Ihnen erzählen, warum Ihr Freund mich nicht ausstehen kann?“ Tausend Kobolde tanzten auf Gwens Gesicht.
„Bitte!“ sagte Mette ziemlich kühl.
„Ich habe ihm einen Freund abspenstig gemacht!“
„Was heißt das: einen Freund abspenstig gemacht?“ Mette horchte auf, „kann eine Frau einem Mann den Freund abspenstig machen?“
„Herrn von Rantzau? – o ja! Denn er begehrt seine Freunde ganz und gar für sich – mit Haut und Haar – mit Leib und Seele. – Tun Sie doch nicht so, Sie Unschuldsengel, als wenn Sie nicht gemerkt hätten, was die ganze Stadt weiß!“
„Seltsam,“ Mette schüttelte den Kopf, „was eine Stadt alles weiß!“
„Viel seltsamer, was sie nicht weiß!“ lachte Gwen, „was alles in ihrem Innern vorgeht, ohne daß sie eine Ahnung davon hat! – Aber Rantzau ist bekannt, weil er gemeingefährlich ist. Er hat einen Einfluß auf die jungen Leute, der geradezu unheimlich ist. Er hat doch immer einen ganzen Kreis um sich, der ihn direkt vergöttert. Aber ich mag das gar nicht ...“
„Wenn ein anderer vergöttert wird?“ neckte Mette.
„Ja, sehr richtig,“ bestätigte Gwen trotzig, „aber vor allen Dingen kann ich es nicht vertragen, wenn ein Mann von Männern vergöttert wird. Ich weiß nicht, ob ich es erklären kann: sehen Sie, das Ursprünglichste im Menschen ist doch das Geschlecht. Die große Zweiteilung alles Lebenden – das stammt nicht von mir, natürlich. Viel später kommt dann die Einteilung in Rassen, die Rassen scheiden sich in Nationen, die Nationen in Klassen und in Familien – alles befehdet sich untereinander. Ich bin Bürger gegenüber dem Adel, und Aristokrat gegenüber der Plebs. Ich bin Germane dem Romanen gegenüber, und Arier gegenüber dem Semiten. Aber das alles kann ich vergessen, weil es mir erst beigebracht worden ist. Aber zu allererst bin ich Weib gegenüber dem Mann, und die unverzeihlichste Beleidigung ist die, die man meinem Geschlecht zufügt. Verstehen Sie das nicht? Wenn ein Mann mich nicht ansieht, weil er eine andere Frau anbetet, so kränkt das meine Eitelkeit gar nicht – aber ein Mann, dem keine Frau gut genug ist, der einem Mann anhängt, der mein ganzes Geschlecht verachtet – o, das kann mich zur Raserei stacheln. Rantzau ist unerschütterlich – das weiß ich – aber seine Favoriten lock ich ihm weg, einen nach dem andern. Solange ich denken kann – nein, solange ich fühlen kann, führen wir einen erbitterten Kampf. Wissen Sie, Mette, daß es mir manchmal ist wie eine heilige Aufgabe und gar nicht wie ein amüsantes Spiel?“ Ihre Augen brannten in einem seltsamen Licht wie blaue Edelsteine. „Der, von dem ich zuerst sprach, Friedel Reimer – den hat er wahnsinnig geliebt – und der ist jetzt sehr glücklich verheiratet. Was hab’ ich davon? Aber manchmal, wenn ich die Frau sehe, denk’ ich: das dankst du mir und ahnst nichts davon.“
„Was sind Sie für ein wunderliches Gemisch,“ Mette betrachtete sie mit nachdenklichem Kopfschütteln, „so ein wohlerzogenes behütetes Kind und ...“
„Und dabei? ... sprechen Sie’s ruhig aus!“
„Ach, nichts ... sagen Sie mir nur – wie kommt es, daß Ihre Eltern von alledem nichts merken ... zum Beispiel von Heinrich Rantzau, von dessen Ruf doch die ganze Stadt weiß?“
„Eltern,“ sagte Gwen mit überlegenem Lächeln, „wissen Sie nicht, Mette, daß Eltern mit tödlicher Sicherheit immer nur das bemerken, was nicht vorhanden ist?“
„Ich komme gleich,“ rief Gwendolen hinter der Tür des Badezimmers, wo man das Plätschern des Wassers, das Rieseln der Brause hörte, „setz’ dich Metting-Betting und sieh dir ein Buch an! In fünf Minuten bin ich fertig.“
„Ich habe Zeit,“ gab Mette ruhig zurück.
Gwen bemühte sich trotzdem, ihr das Warten zu verkürzen:
„Du kannst dir immer etwas ansehen – auf dem Tisch liegt ein Paket, ein dickes, weiches, das pack mal aus. Ich hab’ mir heut Strümpfe gekauft – wie findest du sie? Sind sie nicht blendend? Aber was darunter liegt, darfst du nicht aufmachen – so etwas flaches, in Seidenpapier ... ach, ich zeig’ es dir ja doch! Mach es ruhig auf ...“
„Ich bin nicht neugierig.“
„Doch, doch, du sollst es sogar aufmachen. Es ist besser, du siehst es, wenn ich nicht dabei bin – dann kann ich wenigstens nicht rot werden. Mach schnell – in zwei Minuten komm ich! Hörst du? Ich entsteige schon plätschernd den kristallenen Fluten! Sowie ich halbwegs trocken bin, erscheine ich!“
Mette schlug die Seidenpapierhülle auseinander. Fred Wietinghoffs Gesicht sah sie an, lebendig und ausdrucksvoll. Eine helle Freude durchzuckte sie, als sie die schönen Züge sah, und fast zugleich der kindische Wunsch, das Bild zu entwenden, um es immer vor sich sehen zu können und sich daran zu erfreuen, wenn sie sehr weit von hier sein würde.
Denn in diesem Augenblick war es ihr ohne jede Überlegung ganz bewußt, daß sie in kurzer Zeit die Stadt verlassen würde. Sie hatte noch nie mit einem Gedanken die Möglichkeit gestreift, den Aufenthalt zu wechseln und sah sich jetzt mit visionärer Deutlichkeit – die so selbstverständlich war, daß sie nichts Erschreckendes hatte – in einer tiefen Einsamkeit, in der dies Bild ihr eine freundliche Gesellschaft sein könnte.
Sie erschrak, als sich Gwen über ihre Schulter neigte.
„Schönes Bild, nicht?“ lachte sie, „du bist jetzt so zusammengezuckt, daß ich mir einbilden könnte, du hättest ein kleines Faible für ihn. Gestehe, Mettiling, wie ist es? Na, heraus mit der Wahrheit – du warst sehr vertieft in den Anblick – so vertieft, daß du mich gar nicht hast kommen hören.“
Mette legte das Bild aus der Hand, ohne es noch einmal mit einem Blick zu streifen.
„Weil ich mit meinen Gedanken ganz wo anders war,“ sagte sie, immer noch abwesend.
„Schade,“ neckte Gwen, „wo anders als bei Fred Wietinghoff? Aber bei mir auch nicht, fürchte ich. Sehr weit weg? Willst du mir nicht sagen, wo?“
Sie legte die weichen, nackten Arme schmeichelnd um Mettes Hals und preßte sie gegen ihre Wangen.
„Ich weiß selbst nicht, wo,“ sagte Mette nachsinnend. „In keiner Vergangenheit und keiner Gegenwart. Irgendwo, wo ich noch niemals war. Vielleicht in der Zukunft. Ich habe das Gefühl – ganz unklar und verschwommen – von einem verschneiten einsamen Haus.“
Gwen faßte sie rüttelnd an den Schultern:
„Komm wieder,“ rief sie, „du sollst jetzt hier sein und nicht in verschneiten Einsamkeiten. Wie findest du unsern Freund Freddy?“
„Unsern Freund,“ wiederholte Mette lächelnd.
„Natürlich ‚unsern‘. Er ist dein Freund so gut wie meiner. Er schätzt dich sehr – oh, sehr!“
„Das sagt er nur, um dich eifersüchtig zu machen,“ sagte Mette tröstend.
„Mich eifersüchtig!“ Gwen lachte hell auf, „nein, so kleinlich bin ich nicht. Und außerdem stehst du mir viel zu nah – ich werde immer ganz stolz – wirklich, mein Herz wird ordentlich heiß und groß, wenn ich höre, wie andere Leute von dir schwärmen. Und Fred Wietinghoff schwärmt sehr oft von dir ...“
‚Er sollte mir das Bild schenken,‘ dachte Mette, ‚wenn er mich wirklich schätzt, oder von mir schwärmt – wenn nicht alles bloß unsinniges Gerede ist – dann sollte er mir dies Bild schenken. Weiter will ich nichts von ihm ...‘
„Magst du ihn eigentlich?“ Gwen fragte es leichthin. Aber Metten schien es, als würde sie von einem Blick gestreift, der etwas Beobachtendes – ja fast Lauerndes hatte.
Sie zuckte die Achseln.
„Er sieht gut aus und hat ein sehr angenehmes Wesen,“ sagte sie gleichmütig.
„Mehr nicht?“
Mette hatte keine Lust, zu antworten.
„Noch mehr? Ich weiß ja nicht viel mehr von ihm.“
„Er ist diskret und verläßlich,“ sagte Gwen nach kurzem Zögern. Dann stieß sie ein leises Lachen durch die Zähne: „Und er hat einen sehr guten Geschmack!“
„Vielleicht,“ sagte Mette etwas abwehrend.
Es lag ihr nicht daran, irgendwelche Vertraulichkeiten zu erfahren. Sie hatte manchmal ein Gefühl von Angst gegenüber diesem blondlockigen Kind – sie scheute sich oft, eine Frage zu stellen, weil sie die Antwort nicht hören wollte – eine Antwort, die eine dünne Decke von Abgründen riß.
Gwen strich ihr plötzlich mir einer kindlichen Bewegung über die Wangen.
„Sei nicht böse,“ bat sie leise.
Mette legte die Lippen leicht gegen die kleine weiche duftende Hand.
„Warum sollte ich dir denn böse sein, du Kindskopf?“ fragte sie lächelnd.
Aber sie wußte ganz genau, daß sie böse gewesen war.
„Erzähl mir was!“ bettelte Gwen. „Ja, setz’ dich ’n büschen zu mir und erzähl mir was. Ich leg mich hin – ich bin etwas müde vom Baden, und du setzt dich neben mich und wir klöhnen ein bißchen.“
Mit der einen Hand zog sie Metten schmeichelnd nach dem Diwan, mit der andern hielt sie den Kimono aus schwerem pfirsichblütfarbenen Chinakrepp zusammen, unter dem sich alle Linien des schlanken weichen Körpers zeichneten.
Sie schob sich die Kissenberge zurecht und kauerte sich voll Wohlbehagen hinein.
Mette saß still und aufrecht neben ihr auf einem Stuhl. Sie kam sich selbst immer ein wenig steif vor neben dieser schmiegsamen Anmut, und ein wenig frostig neben dem warmen Hauch dieses sonnigen Wesens.
„Weißt du, Mette,“ sagte Gwen nach einer Weile fast traurig, „daß ich dir eigentlich nicht um einen Schritt näher gekommen bin seit dem ersten Tage, den du hier bist? Du erlaubst mir, dich zu duzen. Du duzt mich auch manchmal – meistens vergißt du es, wahrscheinlich, weil es dir so gegen die Natur geht. Nein, nein, du brauchst gar nicht erst einen höflichen Versuch zum Widerspruch zu machen! Du bist mir sehr fremd – nie, nie, nie erzählst du irgend etwas von dir aus eigenem Antrieb. Manchmal beantwortest du mir eine von zehn Fragen. Ach, ich trau’ mich schon gar nicht mehr, irgend etwas zu fragen, weil ich denke, ich verscheuche dich dadurch, daß du überhaupt nicht wiederkommst.“
„Was weiß ich denn von dir?“ fragte Mette, ohne sie anzusehen, „du bist mir genau so fremd. Du hast ein sehr kindliches und offenes Wesen – ich hab’ vielleicht ein verschlosseneres und kälteres – aber im Grunde stecken vielleicht hinter deiner harmlosen kleinen Larve hundertmal größere und schwerere Geheimnisse, als hinter meiner Schweigsamkeit.“
„Das ist etwas anderes,“ unterbrach Gwendolen lebhaft. „Ich kann dir ja gar nichts erzählen, weil du dich dagegen wehrst! Ich habe manchmal das Bedürfnis, dir irgend etwas anzuvertrauen, was mich bedrückt, oder auch nur sehr beschäftigt. Aber dann lenkst du ab – oder du machst ein Gesicht, daß einem das Wort in der Kehle einfriert. So, als wolltest du um Gotteswillen nichts von mir wissen, um mich nicht verachten zu müssen. Oder als wüßtest du schon zu viel und hättest Angst, irgendwelche Herzlichkeit aufkommen zu lassen. Und dann fühl’ ich doch wieder ganz genau, du bist nicht kalt und verständnislos – du bist nicht prüde – und du hast auch kein Recht, es zu sein ... oh Mette, sei nicht böse, daß ich das gesagt habe! Aber du kannst mir nicht vorreden, daß du dein Leben damit verbracht hast, still und freundlich zwischen alten Damen zu sitzen und Filet zu sticken.“
Mette lachte auf: „Das hab’ ich dir ja auch noch nie vorreden wollen.“
„Aber du tust doch so,“ sagte Gwen verzweifelt, „du bist wie ein Stein, der keine Funken gibt, wenn man noch so auf ihn losschlägt. Oh, Mette, und ich werde doch das Gefühl nicht los, als könnte ich ein ganzes Feuerwerk aus dir herausschlagen – ein so herrliches Feuerwerk! Bin ich nicht stählern genug, oder woran liegt es nur? Es peinigt mich so wahnsinnig ...“
Eine Erregung schüttelte sie, die ihr die Tränen in die Augen trieb. Sie streckte sich wie in einem Krampf und zerrte mit den Zähnen an den seidenen Kissen.
Plötzlich richtete sie sich auf, schlang die Arme um Mettes Hals und wühlte das Gesicht zwischen Lachen und Weinen an ihre Schulter.
„Sag’ mir’s doch, Metting,“ schmeichelte sie. „Sag’ mir’s doch einmal, was ich schon längst weiß! Du hast schon einmal in deinem Leben eine Frau geliebt. Du weißt, wie es sein kann – wie himmlisch es sein kann! Warum magst du mich nicht, Mette? Bin ich dir nicht gut genug? Nicht schön genug? Oder glaubst du, ich hätte keine Erfahrung? Oder denkst du, ich würde dich verraten? Warum sagst du nicht ein Wort? Verachtest du mich so, daß du mich nicht mehr einer Antwort würdigst?“
Mette biß die Zähne zusammen und richtete sich ein wenig straffer auf.
„Ich weiß nicht, Kind,“ sagte sie mit einem mühsamen Lächeln und blicklosen Augen, „ich weiß gar nicht, was du zusammenredest. Wie kommst du nur darauf, in mir irgend etwas zu vermuten ...“
„Stopp!“ sagte Gwendolen fast böse und legte ihr die Hand auf den Mund, „ich vermute gar nichts – ich weiß. Du kannst schweigen, solange du willst. Ich werde dir die Worte nicht von der Zunge reißen – aber belügen laß ich mich nicht. Und laß mich auch nicht als Irrsinnige hinstellen. Ich weiß doch, daß ich Recht habe. Nicht etwa, daß du jetzt denkst, ich hätte irgendwelche Klatschgeschichten gehört. Ich hab’ ein Gefühl dafür, und darauf kann ich mich verlassen. Liebe kleine Mette, und wenn du wochenlang vorm Spiegel säßest und dir ein Gesicht einübtest, wie eine steinerne Maske – du trägst doch den Stempel ... deine Hände tragen ihn, und deine Augenlider und deine Mundwinkel – hier – die Winkel deines lieben, stolzen, sehnsüchtigen Mundes – versprich mir, Mette, versprich mir eines: ich glaub’ dir, daß du wie eine Heilige lebst und leben möchtest – aber ich weiß ja doch, daß du’s nicht kannst – nicht lange mehr kannst – wenn es einmal stärker ist als du, dann ruf’ mich. Ich möchte dich küssen, bis dein sehnsüchtiger Mund ganz satt ist, ich möchte dich aufblühen sehen in Zärtlichkeit, du Rose von Jericho. Und wenn ich’s nicht zuwege bringe, dann möcht’ ich wenigstens dabei sein. Oh, Mette, du machst ein Gesicht, als wenn ich häßliche Dinge sagte. Die Ekstase eines schönen Menschenkörpers ist schön, das rauschende Blut und der jagende Atem eines geliebten Wesens ist die schönste Musik der Welt. Und alles andere, Kunst und Sport, und mehr noch Alkohol und Morphium – das sind alles elende Ersatzversuche für das einzige, eigentliche – für die Liebe.“
„Was man alles ‚Liebe‘ nennt,“ sagte Mette und spürte einen bittern Geschmack im Mund.
„Den Rausch des Blutes nenne ich Liebe und die Entzückungen der Sinne. Und das ist etwas, was ich allen Menschen geben möchte,“ Gwen richtete sich auf, die weiche Seide glitt von der wunderschön gemodelten Schulter, ihre Augen flammten in einem blauen Feuer, „nicht allen – aber den schönen, tiefen, heißen, empfindenden – den durstenden und hungernden – und ich möchte es geben, weil ich es geben kann, weil ich reich bin, weil es mir von Gott gegeben ist – und Gott gibt keinem Menschen etwas, damit er es behalten soll – so verschwenderisch darf er nicht sein, weil er zu viele zu beschenken hat. Wir sind nur als seine Verwaltungsbeamten eingesetzt – wir sollen ihm eine Mühe ersparen, darum gibt er uns viel, damit wir den Würdigsten abgeben.“
Mette schüttelte den Kopf:
„Du siehst aus, wie der Engel im Weihnachtsmärchen und trägst diese schönen Theorien auch ganz im Weihnachtsmärchenton vor. Manchmal hab’ ich das Gefühl, du weißt gar nicht, was du sprichst. Du bist wie ein Stück Gartenland, in das eine fremde Hand allen möglichen Samen gestreut hat, und das sich selbst wundert über all das bunte Zeug, was es ans Licht bringt. Und ich fürchte, ich kenne auch den Gärtner, der so ein krauses Blumenbeet aus dir macht!“
„Mette,“ schmeichelte Gwen, „sag’ mir das eine, bitte, bitte, sag’ es mir: Liebst du Fred Wietinghoff?“
„Unsinn,“ sagte Mette hart, „wie kommst du darauf?“
„Lieben vielleicht nicht,“ gab Gwen zögernd zu, „vielleicht nennst du ‚lieben‘ noch etwas anderes ... aber findest du nicht auch, daß er fabelhaft aufregend ist?“
Mette verzog das Gesicht, ohne zu antworten, stand auf und trat an das Fenster.
Sie hörte die weiche Seide hinter sich rauschen und knistern.
Gwen schob ihren geschmeidigen Körper zwischen Mette und die Glasscheibe, hinter der der winterliche Garten lag.
Ihr engelhaftes Gesicht war rot überhaucht, ihre großen Augen unter den langen Wimpern glänzten von Tränen. Das blonde Haar, flüchtig aufgesteckt, kraus und feucht vom Bade, zitterte in Ringeln und Löckchen um das Kindergesicht.
Sie schob die Lippen vor, als kämpfe sie gegen ein heftiges Weinen, und klammerte sich mit den kleinen weichen Händen an Mettes Blusenfalten fest.
„Ich bin dir wohl sehr widerlich?“ fragte sie schüchtern. „Ja? Bin ich sehr widerlich?“
Mette küßte lachend die runde feste pfirsichflaumige Wange:
„Du bist sehr süß!“ sagte sie herzlich. – – –
„Ich möchte lieber nicht,“ sagte Mette und zog die Brauen leicht zusammen.
„Mette!“ Gwen stampfte zornig mit dem Fuß, „ich verstehe dich nicht! Was kann es dir schaden, wenn du mitgehst? Und mir tätest du einen solchen Gefallen! Wir hatten es uns so nett gedacht ... es kann doch eigentlich kein vernünftiger Mensch etwas dabei finden – wenn wir zu zweit sind ...“
„Aber deinen Eltern gegenüber ...“ wandte Mette ein.
„Denen tust du doch nur etwas Gutes an, wenn du mich nicht allein zu einem Junggesellen in die Wohnung gehen läßt! Ich gehe ja doch! Aber es wäre viel netter, wenn du mitkämest – und Fred wollte dir doch seine Bibliothek zeigen!“
Das war das einzige, was Metten locken konnte – Gwen wußte das ganz genau.
Mette hätte gern die Wohnung und die Bücher gesehen. Etwas wie Neid erfaßte sie, wenn sie daran dachte, daß Gwendolen und Fred Wietinghoff in einem sicher sehr schönen und geschmackvollen Raum eine behagliche Tee- und Plauderstunde verleben würden und daß sie nicht dabei sein sollte – aus Trotz, aus Eigensinn, aus einer albernen Scheu.
Sie hatte vieles getan, was noch weit weniger vereinbar mit Herkommen und guter Sitte war. Sie hatte es getan aus Leidenschaft, aus Laune, aus Mitleid – aus Dummheit. Zum erstenmal in ihrem Leben wehrte sie sich ängstlich gegen eine so harmlose Abweichung vom Hergebrachten, wie es dieser Teebesuch bei einem Junggesellen war.
Mit einem Schlage flammte der Trotz in ihr auf. Warum sollte sie sich ein Vergnügen versagen, weil die wohlgeborenen und hochgesitteten Familien ihr darauf die Gnade verweigern konnten, sie ferner in ihren teuern und gediegen ausgestatteten und sorgfältig reingemachten Häusern zu empfangen? Dann sollten diese Familien erst einmal ihre Söhne und Töchter so erziehen, daß sie ihr, der armen schutzlosen Mette Rudloff, nicht mutwillig die schwer erkämpfte Ruhe zu zerstören suchten.
„Ich gehe mit,“ sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen.
Gwen schloß sie aufjubelnd in die Arme. – – –
Sanftes und doch klares Licht floß über schimmerndes edles Holz, aufglänzende Bronze, tief und sattleuchtende Teppiche.
„Ist es nicht schön hier?“ fragte Gwen und stolzierte umher, dies zeigend und jenes anpreisend, als sei alles ihr Eigentum oder noch mehr – ihr Werk.
Sie bewegte sich mit einer Sicherheit durch die Räume, die durchaus nicht darauf schließen ließ, daß sie sie eben zum erstenmal betreten hatte.
„Und den Corot mußt du dir noch ansehen,“ sagte sie, wobei sie ins Nebenzimmer lief und eine verborgen angebrachte Beleuchtung einschaltete, die das Bild aufstrahlen ließ.
Mette ging ihr nach, ein spöttisches Lächeln auf den Lippen.
„Wenn ich nur wüßte, wieso ich durchaus mitkommen mußte, damit du endlich diese Wohnung kennen lernst,“ sagte sie halblaut, „du scheinst doch eigentlich ganz gut Bescheid zu wissen!“
Gwen lachte, nicht im mindesten beleidigt, oder in Verlegenheit gebracht.
„Hab’ ich dir denn nicht erzählt, daß ich schon einmal hier war? Nicht allein natürlich. Auch zum Tee. Die alte Frau Wietinghoff war hier und meine Mutter – oder nicht meine Mutter. Warte mal, irgend jemand von meiner Familie war mit. Fred, mit wem war ich damals hier zum Tee?“
Im Nebenzimmer knisterte eine Zeitung.
„Was sagst du, Kind?“ rief Wietinghoffs Stimme.
Gwen bog sich in unterdrücktem Lachen.
„Trottel!“ sagte sie halblaut.
Mette lachte mit. Es war doch recht gut, klar zu sehen, Zusammenhänge zu durchschauen, Verwirrendes, durch ein Wort aufgedeckt, zu überblicken. Sie sagte es sich vor, daß es gut sei. Ein innerliches Wohlbehagen empfand sie nicht dabei. Ihr Gefühl sagte ihr: ‚Geh, du bist hier überflüssig, vielleicht sogar lästig, du spielst eine Rolle, die dir aufgedrängt ist, und die dir nicht liegt.‘ Aber sie hätte sich selbst prüde und albern gescholten, wenn sie, von diesem Gefühl getrieben, gegangen wäre.
Gwen legte ihren Arm um Mette und zog sie nach der Tür.
„Wie meinten Herr Wietinghoff?“ fragte sie spöttisch, als sie auf der Schwelle stand, „ich weiß gar nicht, wo wir miteinander Schweine gehütet hätten?!“
Fred Wietinghoff legte etwas verlegen die Zeitung rasch aus der Hand.
„Wieso, gnädiges Fräulein? Ich bitte um Verzeihung, daß ich in Abwesenheit der Damen einen Blick in die Zeitung geworfen habe. Habe ich in der Zerstreutheit irgend etwas unpassendes gesagt?“
Gwen setzte sich auf die Lehne eines Ledersessels und baumelte mit den Beinen.
„Unpassend? Ach nein, es ging,“ sagte sie übermütig. „Sie haben mich nur geduzt, aus Versehen, Herr Wietinghoff. Sie sind so gewohnt, hier Besuche zu haben, die Sie duzen, daß es Ihnen gar nicht in den Sinn kommt, daß es auch anders sein könnte. Ich habe übrigens schon eben im Nebenzimmer konstatiert, Sie wären ein Trottel!“
„Damit war ja die Sache allerdings hinreichend geklärt,“ Wietinghoff verneigte sich leicht. „Aber sagen Sie selbst, mein gnädiges Fräulein,“ er wandte sich an Mette, „setzen wir einmal den ungewöhnlichen und ganz unwahrscheinlichen Fall, daß ich mich nicht in der Person geirrt hätte, sondern daß ich tatsächlich – wie man sagt – mich ‚verschnappt‘ hätte: Es wäre wieder ein Beweis, wieweit die Männer den Frauen in allen Künsten der Lüge und Verstellung unterlegen sind.
Einer Frau kann es nicht passieren, daß sie sich ‚verschnappt‘ und plötzlich ‚du‘ sagt – es kann ihr nicht passieren, daß sie belastende Briefe acht Tage in der Rocktasche mit herumschleppt, einfach, weil sie vergißt, sie herauszunehmen und zu vernichten, es kann ihr nicht passieren, daß sie sich einfach immer und überall und bei jeder Gelegenheit ertappen läßt.
Der Mann ist ja so einfach, so durchsichtig, so vertrauend, so harmlos ...“ Er sagte es mit gewollt scheinheiliger Miene.
„Hoh! Hoh! Hoh! Hoh!“ unterbrach Gwen, „halt, mein Lieber! Vielleicht ist die Frau vorsichtiger, mißtrauischer, ängstlicher – schon weil sie mehr zu fürchten hat. Aber laßt einmal einen Mann ertappt sein, laßt ihn gesehen werden, oder laßt ihn sich ‚verschnappen‘, oder laßt seine Korrespondenz gefunden werden – was dann? Dann leugnet er! Mit einer Ruhe, mit einer Stirne – mit einer Frechheit auf deutsch. Ich kenne hundert Fälle ...“
„Aus Erfahrung?“
„Gott sei Dank nicht – es könnte mir wohl kaum in einem Fall passieren. Aber lassen Sie mich ausreden, Sie haben bloß Angst, ich könnte etwas Treffendes sagen, und darum wollen Sie mich aus dem Konzept bringen –“
„Warum soll ich Angst davor haben ...?“
„Weil Sie eitel sind, wie alle Männer. Erstens mögen Sie nicht, daß jemand anders als Sie etwas Gutes sagt – und zweitens mögen Sie nicht, wenn Sie sich durchschaut und getroffen fühlen.“
„Jetzt haben Sie mich nicht ausreden lassen. Ich wollte sagen: warum soll ich Angst davor haben, daß Sie etwas ‚Treffendes‘, etwas ‚Gutes‘ sagen? Diese Angst wäre durch nichts begründet.“
„Oh, Mette, er ist gemein! Findest du ihn nicht furchtbar gemein gegen mich? Aber darum sage ich doch, was ich sagen wollte, nun gerade! Also ich kenne hundert Fälle, in denen Männer ihre Frauen betrügen. Und wenn die Frauen glauben, irgendeinen unumstößlichen Beweis in Händen zu haben, wenn sie dem Mann in monatelanger Eifersucht nachgespürt haben, und sie haben ihn endlich einmal gesehen, oder sie haben einen Brief gefunden – was ist dann? Dann erklärt der Herr der Schöpfung die Frau für blind, oder für blödsinnig, sie hat sich geirrt, oder es war Frau Meyer, mit der sie ihn gesehen hat, oder der Brief ist ganz harmlos, oder es ist ein schlechter Witz von einem Stammtischbruder – er tobt, oder er lacht – auf alle Fälle bleibt er im Recht ...“
„Ich staune,“ sagte Fred Wietinghoff, lehnte sich weit in den Sessel zurück, kreuzte die Beine, legte die Fingerspitzen der seitlich aufgestützten Arme aufeinander und sah kopfschüttelnd zu ihr auf: „Ich staune! Diese Fülle von Kenntnis in diesem lockigen Köpfchen! Sie müssen sich von sämtlichen in Ihrer Bekanntschaft vorkommenden Wasch-, Koch- und Kinderfrauen die Eheerlebnisse haben erzählen lassen.“
„Ach Gott!“ Gwen blähte verächtlich die feinen Nüstern, „als wenn die upper ten irgendwie anders wären! Höchstens, daß sie den Stammtisch Klub nennen. Aber betrügen tun sie ihre Frauen gerade so!“
„Bis auf die wenigen Anständigen,“ sagte Wietinghoff in seiner gemessenen Art, „die nicht heiraten, um nicht in diese Verlegenheit zu kommen. – Aber darf ich noch eine Bemerkung zu Ihren Ausführungen hinzufügen, mein gnädiges Fräulein? Warum wird dem Mann denn geglaubt, wenn er leugnet, wenn er für alles fadenscheinige Erklärungen hat, wenn er den eklatantesten Beweis seiner Untreue als harmlos hinstellt? Weil die Frauen ja so gerne glauben wollen! Warum fahnden die Frauen denn nach Beweisen? Weil sie sich scheiden lassen wollen? O nein! Weil sie sich beruhigen lassen wollen! Folglich geschieht ihnen eben, was sie wünschen, und sie werden beruhigt. Mit welchen Phrasen, ist ja ganz nebensächlich! Es gäbe ja nichts von einer ähnlich häßlichen nackten Brutalität, als einer eifersüchtigen Frau ins Gesicht zu sagen: Du hast ganz recht, ich liebe eine andere! Pfui, wer das fertig brächte!“
„Warum sind aber Frauen so?“ fragte Gwen mit glühendem Gesicht, „so klein und so – so entsetzlich töricht? Warum lassen sie sich betrügen und freuen sich, wenn sie überdies auch noch belogen werden?“
Wietinghoff legte die Fingerspitzen der etwas erhobenen Hände gegeneinander und überlegte einen Augenblick.
„Vielleicht kann man es mit einem Satz so ausdrücken,“ sagte er mit einem etwas malitiösen Lächeln: „Die Frau liebt immer das am meisten, was ihr am nächsten liegt – und der Mann liebt das am meisten, was ihm am fernsten steht. Oder, wenn man es deutlicher sagen soll: Die Frau liebt den Mann am meisten, der sie am öftesten besessen hat – und der Mann liebt die Frau am meisten, die er nie besitzen wird.“
Ein flüchtiger Schatten von Schwermut glitt über sein Gesicht.
„Wollen wir Bilderbücher besehen?“ fragte er aufspringend. „Haben Sie besondere Lieblinge? Doré oder Rackham? Cornelius oder Bayros? Es ist alles vorhanden.
Sehen Sie, das ist schön. Haben Sie auch so eine Freude daran, Wildleder anzufassen? Oder verstehen Sie wenigstens, daß man eine ganz irrsinnige Freude daran haben kann? Fühlen Sie nur,“ er reichte Mette einen schmiegsamen Band in rotem Leder, „ist das nicht herrlich?“
„Ja, wie Samt!“ sagte Gwendolen boshaft und schaukelte stärker mit den hängenden Beinen.
„Oh, Samt!“ er zuckte unwillig die Achseln. „Diese niederträchtige kleine Person will mich damit ärgern! Es gibt nämlich törichte Leute, die einem solchen Leder schmeicheln wollen und sagen, es ist wie Samt. Dabei hab’ ich direkt etwas gegen Samt. Es gibt mir immer so ein scheußliches staubiges Gefühl an den Fingerspitzen.“
Mette schlug das Buch auf. Ihr Blick fiel auf die grazilen, faltenumbauschten Gestalten eines Zeichners, der in seiner Eigenart auch ihr unverkennbar war.
„Um Gottes willen,“ Wietinghoff legte die beiden Hände mit gespreizten Fingern auf die Seiten des Buches, „Sie sollten den Einband fühlen, aber nicht die Bilder ansehen. Das ist nichts für junge Mädchen. Nachher erzählen Sie der Tante Konsul, ich hätte Ihnen unsittliche Bücher gezeigt. Und dabei hab’ ich lauter Jung-Mädchen-Bücher in meiner Bibliothek und nur dies eine einzige weniger passende – des schönen Einbandes wegen.“
„Sind es Bilder, die man nicht sehen darf?“ fragte Mette ruhig. „Ich kenne eine ganze Menge von ihm und bin immer sehr entzückt davon gewesen.“
„Natürlich darf man sie sehen,“ Wietinghoff zog die Hände fort und richtete sich auf, „es war nur Scherz von mir. Jeder vernünftige Mensch darf sie sehen und wird seine Freude daran haben. Sehen Sie es sich ruhig an. Außerdem ist das Buch eine bibliophile Rarität. Es ist konfisziert – daß man den Zeichner ausgewiesen hat, wissen Sie doch?“
„Nein,“ sagte Mette erstaunt, „ich wußte es nicht. Warum nur?“
Sie ergriff mit Eifer jedes Gesprächsthema, um die Augen von dem Buch aufheben zu können. Sie hatte ein wenig Angst davor, weiter zu blättern, und sie hatte fast noch mehr Angst, prüde und feige zu erscheinen, und es ungesehen wegzulegen.
So lag es also aufgeschlagen auf ihren Knien, und sie sah ein wenig geflissentlich irgendwo anders hin – zum Beispiel in Fred Wietinghoffs ruhiges und beruhigendes Gesicht.
„Warum!“ Wietinghoff zuckte die Achseln. „Vielleicht würde man aus einem Temperenzlerverein auch Kotanyi Janos ausstoßen. Nicht weil er trinkt, aber weil er Paprika fabriziert, und weil Paprika Durst gibt.
Die Menschheit teilt sich in vier Klassen – je zwei dieser Klassen – die extremen – gehören wieder zusammen. Erste Klasse: (Reihenfolge bedeutet keinen Rang, sonst würde ich anders herum anfangen.) Die, die keinen Durst haben und nichts trinken. Die sind glücklich. Zweite Klasse: Die, die Durst haben und nichts zu trinken. Die Revolutionäre. Dritte Klasse: Die, die zu trinken haben, aber keinen Durst. Die Mucker und Bourgeois. Vierte Klasse: Die, die zu trinken haben und Durst haben. Das sind die allerglücklichsten.
Nun gibt es noch zahlreiche kleine Unterabteilungen. Die zum Beispiel, die Durst haben und vor einer Quelle stehen und nicht trinken können, weil sie kein Glas haben. Oder die, die trinken, und nachher Magenschmerzen bekommen. Oder die, die einen ganz gesegneten Durst haben, und doch einmal etwas gepfeffertes essen, damit ihnen der kühle Rheinwein nachher noch besser schmeckt. Oder die, die in einem Weinkeller sitzen und verdursten, weil kein weißer Burgunder da ist. Und dann gibt es Leute, denen der Sekt nur mit Porter schmeckt, oder sogar mit Angostura – die das Süße nur mögen, wenn ein wenig Bitterkeit dabei ist – oder Leute, die den dunklen und den blonden Wein zusammengießen, die dem schweren warmen Bordeaux den dünnblütigen prickelnden Sekt beimengen, um ihn aufschäumen zu lassen ... ach ja, es gibt Trinker auf mancherlei Art, und jeder hält seinen Geschmack für den besten ... hier haben Sie Friedrich den Großen mit Menzel-Zeichnungen, das nimmt sich besser aus in Ihren gedankenvollen Händen. Aber vor allen Dingen steht jetzt da drin unser Tee, sanfter, milder, freundlicher, geistanregender Tee – er wird uns zu ersprießlicheren Gesprächen bringen. Kommen Sie, meine Damen!“ – – –
Ein, zwei Stunden waren vergangen. Gwen war es, und nicht Mette, die zuerst nach der Uhr sah und zum Aufbruch drängte.
Wietinghoff half ihnen in die Mäntel und küßte ihnen dankend die Hände. Sie mußten versprechen, bald wiederzukommen. Mette versprach es gern. Die vornehme Schönheit der Räume hatte es ihr angetan. Und Fred Wietinghoff wirkte gut – wie die meisten Menschen – wenn er sich zwischen seinen eigenen Sachen bewegte. Sie freute sich auf die nächste Plauderstunde. Alle Angst, die sie ursprünglich gehemmt hatte, war verschwunden.
Aber als sie unten die schwere Haustür öffnete, zuckte sie zusammen und wurde blaß vor Schreck.
„Um Gottes willen, Gwen, bleib im Haus! Eben geht dein Onkel vorbei, Senator Börgessen. Wenn er uns sieht! Was sollen wir sagen, wo wir herkommen?“
„Vom Zahnarzt!“ lachte Gwen und schob Mette auf die Straße, „Leute wie Fred Wietinghoff wohnen immer in einem Hause, wo ein Zahnarzt ist. Aber im übrigen – Börgessen! – ausgerechnet Börgessen! Der kann mindestens solche Angst vor mir haben, wie ich vor ihm! Die ganze Stadt weiß, daß er ein Verhältnis mit seiner Köchin hat. Außerdem fährt er alle drei Wochen nach Berlin und verspielt sein Geld – hier kann er das nicht so gut. Sein Geld und Tantes Geld. Arme Tante Fanchette! Aber sie riecht nach Achselschweiß ... prrr! Hast du das noch nicht bemerkt? Und solche Frauen verdienen jedes Schicksal!“
Vorfrühling lag in der Luft.
Stürme hatten gewütet, daß man des nachts nicht schlafen konnte, daß man mit klopfendem Herzen im Bett saß und auf das Klappern der Dachziegel lauschte, auf das Zittern der Fenster, auf das Schlagen der Türen, und mit Bangen an die Schiffe draußen auf See dachte.
Plötzlich hielten die Stürme den Atem an.
So jäh, so ohne Vorbereitung, daß die Stille fast noch unheimlicher war als der Lärm. Die Luft war schwer, voll Sonnenglanz und Süße, und so erfüllt mit einem fremden Duft, als käme sie von Hyazinthenfeldern und hätte nie nach Teer und Fisch und Salzwasser geschmeckt.
Die Leute auf der Straße sahen sich an, als wollten sie sagen: Also bitte, was sagt ihr zu dem Wetter? Und wo zwei Bekannte sich trafen, auf der Straße, in der Bahn, in einem Laden, sprachen sie es aus: Also nein, was sagen Sie zu dem Wetter? Und alle, die es hörten, verbargen mühsam ein Lächeln in ihren hölzernen Gesichtern, weil sie ihre innersten Gedanken ausgesprochen hörten.
Mette konnte das Lächeln nicht verbergen. Diese stille, weiche Luft, die liebkosende Sonne, dieser ganze unwahrscheinliche und unangebrachte Frühling hatte etwas so einschmeichelndes, so betörendes, daß sie ganz erfüllt war von einer warmen Glückseligkeit, die sich einen Ausweg suchte – da sie nicht singen konnte, mußte sie wenigstens lächeln.
Das machte nicht der Frühling allein. Es war auch, daß sie den Frühling ertragen konnte, ohne zu leiden. Ihr war zumut wie einem, der nach langer Krankheit zum erstenmal ohne Schmerzen die Glieder regt und jeden Atemzug als himmlische Gnade empfindet.
„Ich bin gesund,“ sie sagte es sich selbst immer wieder vor wie den Kehrreim eines Liedes: „Ich bin gesund! Ich bin gesund!“ – – –
Gwen und Mette saßen in einem Abteil des rollenden Zuges. Zwei ältere Damen, schwarz, steif und aufrecht, saßen ihnen gegenüber und beobachteten sie scharf.
Von Zeit zu Zeit ging Fred Wietinghoff auf dem Gang vorüber und schnitt Grimassen, mit dem erwünschten Erfolg, daß Gwen fast erstickte vor Lachen.
Wenn sie sich aber notdürftig erholt hatte, bot sie ihrerseits alles auf, um Mette zum Lachen zu reizen.
„Unverschämtheit,“ sagte sie mit gespielter Entrüstung, „sieh nur, wie dieser Mensch jedesmal hereinstarrt, wenn er vorbeigeht. Ich werde mich nächstens beim Schaffner beschweren.“
Mit beleidigter Miene rückte sie das Reisemützchen fester, um sich anzulehnen, und schlug die Beine übereinander.
Aber Mette ließ sich durch nichts aus der Fassung bringen.
„Ach, denk’ nur nicht, er starrt herein, weil du ihm so gefällst!“ sagte sie ruhig, „daß ist entweder ein Verbrecher oder ein Detektiv, der einen Verbrecher sucht. Das sieht man doch sofort.“
„Ach Gott, nein!“ Gwen trieb das Spiel voller Übermut weiter, „mach’ mich nur nicht gruselig! Ich hab’ neulich eine schreckliche Geschichte gelesen – von einem gesuchten Schwerverbrecher, der in Frauenkleidern reiste. Natürlich war er glattrasiert. Aber er hatte einen so starken Bartwuchs, daß er sich zweimal am Tage rasieren mußte.“ Sie sprach leise, aber gerade laut genug, um von scharf gespitzten Ohren verstanden zu werden – dabei streifte ihr Blick mit gewollter Unauffälligkeit das stark beflaumte Gesicht ihres Gegenübers. „Und denke dir, er war allein im Abteil mit einer jungen Frau, auf einer sehr langen Fahrt, und sie sieht – erst denkt sie natürlich, sie täuscht sich – aber sie sieht immer deutlicher, wie bei der Dame, die ihr gegenübersitzt, sich allmählich das ganze Gesicht mit hervorkeimenden Bartstoppeln bedeckt! Das muß doch furchtbar sein – ich glaube, ich wäre vor Entsetzen gestorben, ich habe mir auch fest vorgenommen, nie wieder allein zu reisen. Darum hab’ ich dich auch so gebeten, heute mitzukommen.“
„Ich hab’s ja auch gern getan,“ Mette machte ein sorgenvolles Gesicht, „wenn Emma nur gut auf die Kleinen aufpaßt ... Bubi hat heute morgen wieder so gehustet.“
Das war selbst Gwen zuviel. Einen Augenblick starrte sie in Mettes unverändert ernstes Gesicht, dann prustete sie los, fuhr aber sofort mit dem Taschentuch an den Mund und hustete krampfhaft.
Mette klopfte ihr besorgt den Rücken:
„Wenn du dich nur nicht von meinem Bubi angesteckt hast. Du hast ihn gestern immerzu geküßt.“
Gwen drohte zu ersticken.
„Ich hab’ dir gleich gesagt, Keuchhusten ist so ansteckend – und so gefährlich für Erwachsene!“
Gwen richtete sich auf, erschöpft und tränenüberströmt.
„Meistens tödlich!“ stöhnte sie, „Professor Rabe hat mir auch gesagt: der Keuchhusten, der jetzt grassiert, würde die ganze Stadt entvölkern.“
„Gwen,“ mahnte Mette noch leiser, mit zuckenden Mundwinkeln.
Gwen schob mit der flachen Hand jeden Widerspruch beiseite.
„Alles tödlich,“ sagte sie grabesernst, „alles tödlich!“
Als sie endlich den Zug verließen, blieben sie auf dem Bahnsteig stehen und bogen sich vor Lachen.
Mette sah sich nach dem eben verlassenen Wagen um. Sie hatte sich nicht getäuscht: eine schwarzbeschuhte Hand wischte die Fensterscheibe blank, und eine spitze Nase reckte sich vor. Ein aufmerksamer Blick verfolgte sie.
Gwen hob die Hand, um einen Abschiedsgruß zurückzuwinken. Mette hielt ihr den Arm fest.
„Laß doch,“ Gwen wollte sich losreißen, „ich kann doch Bekannte in dem Zug haben! Was geht das die alten Hexen an? Winke – Winke! Adieu, lieber Zug, fahr’ wohl oder entgleise! Ach nein, lieber nicht, es könnten ja vielleicht auch noch nette Menschen drin sein.“
„Komm jetzt,“ sagte Mette, „Wietinghoff steht da und schließt und schnallt an seiner Reisetasche herum, nur um nicht aufzufallen – ganz wie ein richtiger Detektiv. Wir hatten doch verabredet, daß wir zuerst den Bahnhof verlassen. Komm! Er wirft schon ganz verzweifelte Blicke!“
Sie gingen durch die Sperre und durch den Schalterraum hindurch auf die Straße, die flirrend im Sonnenglanz vor ihnen lag.
Fünf Minuten später trat Fred Wietinghoff, den Hut ziehend, an sie heran.
„Nein, meine Damen, welche Überraschung, daß ich Sie hier treffe!“
„Herr Wietinghoff!“ auch Gwen war sehr überrascht, „was tun Sie denn hier? Darf ich bekannt machen? Herr Wietinghoff – Fräulein Rudloff ... ach nein, kennen tut ihr euch doch wohl schon? Also, meine Freundin besucht nämlich hier eine erkrankte Großtante, und Mama hat mir die Erlaubnis gegeben, sie zu begleiten.“
„Ich denke, du mußtest reisen, und ich habe darum Bubi mit dem Keuchhusten zu Hause gelassen?!“ neckte Mette.
Wietinghoff griff sich an den Kopf:
„Himmel, die Familienverhältnisse scheinen aber ziemlich ungeklärt! Ich mache den Vorschlag, daß wir uns bemühen, alles, was wir von Familie haben, möglichst zu vergessen und zu diesem Zweck erst mal ausgiebig frühstücken!“ – – –
Als sie aus dem Ratskeller wieder ans Tageslicht stiegen, stand auf dem sonnigen Platz eine alte Frau mit einem großen, vollen Veilchenkorb. Fred kaufte zwei Sträußchen und brachte sie den beiden Mädchen.
„Ach, Kinder,“ sagte er dabei und strahlte sie an, „ich möchte euch ja Blumen geben, daß ihr sie nicht mehr tragen könntet – aber es geht nicht – es sieht zu hochzeitsreisemäßig aus!“
Sie wanderten durch die alten Straßen, durch die winkligen Gassen mit vorhängenden Giebelhäusern, über weite hallende Plätze mit schön geformten Brunnen.
Fred Wietinghoff war ein guter Führer. Er wußte Bescheid, und was er nicht kannte, entdeckte er im Augenblick. Seinem scharfen und geübten Auge entging kein geschnitzter Balkon, kein Spruch über den Fenstern, kein altertümlicher Türklopfer.
Die Schatten wurden lang, und der Westhimmel stand schon in roter Glut, da fiel es ihm mit plötzlichem Erschrecken ein:
„Herrgott, daß ich daran nicht gedacht habe! Wir hätten ans Meer fahren müssen, um die Sonne untergehen zu sehen.“
„Ach, ans Meer!“ In Mette kämpften Sehnsucht und Enttäuschung.
„Morgen!“ jauchzte Gwen, „oh, bitte, bitte, laßt uns morgen ans Meer fahren! Wir versäumen den letzten Zug – ich telephoniere nach Hause, oh, Metting, mach’ kein Gouvernantengesicht – dich erwartet ja sowieso niemand. Wir machen heut’ Abend einen gemütlichen kleinen Bummel und fahren morgen ans Meer!“
Fred Wietinghoff hielt sie am Ellbogen fest:
„Erst mal werden hier keine Indianertänze aufgeführt. Im übrigen ist die Idee durchaus akzeptabel. Das heißt, wenn Fräulein Rudloff mittut. Denn ich allein kann weder die Verantwortung für Ihr Betragen, noch für Ihren Ruf übernehmen.“
„Oh, Mette!“ Gwen verdrehte vor Empörung die Augen, „er kann die Verantwortung für mein Betragen nicht übernehmen! Mir geht die Luft weg! Mette, liebe, liebste Mette, fahren wir morgen ans Meer?“
„Mir ist alles recht,“ sagte Mette mit frohmütiger Überzeugung.
Ihr war alles recht. Sie war in einem so traumhaften Glücksgefühl befangen, wie man es nur an fremden Orten haben kann, auf Reisen, wenn der Alltag wie etwas Unwahrscheinliches, Halbvergessenes hinter einem liegt, und fremde Häuser, fremde Mauern, fremde Berge, fremde Seen bunt und eindringlich vor einem aufsteigen, an einem vorüberziehen.
Sie war froh, daß dieser Zustand noch nicht zu Ende sein sollte. Daß sie morgen erwachen durfte, einen Fenstervorhang beiseite schieben und auf eine Straße heruntersehen, die ihr im Morgenlicht ein nie erblicktes Bild bot. Daß sie dann ans Meer fahren wollten ...
Und dann ...?
In eine andere Stadt –
an einen rauschenden Strom –
oder an einen stillen See –
oder in die Berge –
in den keimenden, knospenden Wald –
nur immer weiter. Und nie zurück. Immer dies Gefühl des Losgelöstseins in sich, des Schwebens, der großen Freude, der stillen, genießenden Seligkeit. – – –
„Wenn ich den Damen einen Vorschlag machen dürfte,“ sagte Wietinghoff, „so holen wir jetzt meine Reisetasche vom Bahnhof ab, und Sie bewaffnen sich damit, eh Sie in einem Hotel Unterkommen suchen. Damen ohne Gepäck – das macht sich nicht gut, und Sie können schließlich nicht jedem Kellner und Zimmermädchen die Geschichte von dem versäumten letzten Zug erzählen.“
„Und Sie,“ fragte Gwen.
„Ich borge mir bei einem Bekannten ein Gepäckstück. Wir können jetzt auf dem Wege zum Bahnhof die notwendigsten Übernachtungsrequisiten besorgen – das packen Sie in meine Tasche und begeben sich nach dem Deutschen Kaiser. Ich suche unterdessen meinen Freund Schmidtke auf und borge mir einen vertraueneinflößenden Handkoffer. Nach einer halben Stunde komm’ ich ins Hotel, gehe in den Speisesaal und bin wahnsinnig überrascht, Sie da zu finden. Abgemacht?“
„Herrlich!“ Gwen zappelte schon wieder mit den Füßen vor Vergnügen.
„Stopp, stopp, stopp! Keine Pirouetten und Spitzentänze, wenn ich bitten darf! Ich flehe Sie an, Fräulein Mette, passen Sie auf das Kind auf, die Kleine macht uns im Hotel und in der ganzen Stadt unmöglich – ich weiß gar nicht, ob ich Sie eine halbe Stunde mit ihr allein lassen darf?“
„Das ist nur Ihre Gegenwart, die sie so übermütig macht,“ beruhigte Mette, „wenn sie mit mir allein ist, ist sie ganz vernünftig.“
„So?“ Ein seltsames Zucken glitt um Fred Wietinghoffs Mundwinkel, ein kurzer scharfer Blick flog von Mettes Gesicht zu Gwens. – – –
Die frühe Dämmerung war schon hereingebrochen. Gwen zog die gelben Vorhänge vor die Fenster und drehte alle elektrischen Flammen an – die Krone, die Nachttischlampen, die Birnen über dem Waschtisch und dem Spiegelschrank – daß das große Hotelzimmer ganz in Licht gebadet war.
„So hab’ ich’s gern.“ Sie zog die Schultern hoch wie ein schnurrendes Kätzchen. „Licht und Wärme muß ich haben.“ Sie prüfte die Zentralheizung unter den Fenstern, der sengende Glut entstieg. „So ist es schön! Nur kein kaltes Schlafzimmer! Zu Haus wird mir sowieso die Heizung abgedreht, weil Mama es für ungesund hält, warm zu schlafen. Wenn ich verheiratet bin, muß mein Schlafzimmer warm sein wie ein Treibhaus, damit ich ohne Hemd und ohne Decke schlafen kann!“
Sie öffnete Wietinghoffs Reisetasche und nahm die kleinen Einkäufe heraus. Als das geschehen war, stöberte sie ganz selbstverständlich weiter.
„Was er da alles drin hat! Herrliche Seife, riech mal, Mette! Die könnten wir eigentlich hierbehalten. Und Mundwasser auch. Rasiercreme – brauchen wir nicht. Herrgott, wieviel Bürsten denn noch! Schön, die Wildlederslippers – daß ich keine Pantoffeln da habe, ist mir eigentlich am unangenehmsten; ich hasse es, mit bloßen Füßen auf Hotelteppichen herum zu laufen. Ich muß doch sehen, was er für Pyjamas mit hat. Violett mit weiß. Ganz hübsch. Möchtest du Pyjamas tragen? Ich denk’ sie mir ziemlich unbequem. Aber morgens zum Frühstücken find’ ich sie sehr nett. Weißt du, ich glaube, sie sind für häßliche Leute kleidsamer als für hübsche. Schon weil man Hals und Arme nicht sieht. Ich möcht’ doch einmal einen anziehen, um zu sehen, ob er mir steht, bleu électrique vielleicht. Und du müßtest einen erdbeerroten haben, aber nicht ‚fraise‘, sondern erdbeerrot – nach den deutsch-französischen Farbenbezeichnungen müßte man eigentlich die Franzosen für farbenblind halten – aus fraise écrasée machen wir fraise und wundern uns, daß wir noch nie im Leben fraisefarbene Erdbeeren gesehen haben. Ist es dir noch nie passiert, daß dir ein Ladenfräulein gesagt hat: ‚In blau haben wir das nicht, höchstens in bleu.‘? Ach, die Welt ist zu idiotisch. Ich habe so Lust auf guten Alkohol. Was trinkst du eigentlich am liebsten? Willst du das rechte Bett oder das linke? Ich glaube, ich muß mir die Haare noch mal machen. Soll ich das Mützchen aufbehalten? Es sieht vielleicht am ladylikesten aus. Findest du eigentlich, daß ich ladylike aussehe? Ach doch, nicht? Bist du fertig? Wollen wir hinunter? Woher kommt es, daß deine Haare immer tadellos sitzen? Du hast auch nicht soviel kurzes wie ich. Seh’ ich anständig aus? Von hinten, von vorn, von allen Seiten? So, dann gib’ mir noch einen Kuß und komm!“
Auf der Treppe kehrte Gwen noch einmal um.
Sie schwenkte Mette den Zimmerschlüssel entgegen, ehe sie ihn in ihr Handtäschchen gleiten ließ.
„Den Schlüssel! Ich hab’ ihn abgezogen – schließlich braucht nicht jeder eine Herrentasche mit Rasierzeug und Pyjamas bei uns zu finden. Fred soll sie rausholen, sobald er kommt.“
Mette fürchtete sich ein wenig vor dem großen, hellen Speisesaal. Sie hatte es völlig verlernt, sich einen Tisch auszusuchen, mit Kellnern zu verhandeln, eine Weinkarte zu prüfen. Es stand ihr wie ein Examen bevor. Und das schlimmste war, daß sie sich nicht verraten durfte und die Beantwortung dieser Fragen mit einem ‚wir erwarten noch jemand‘ hinausschieben.
Als sie eintraten, fiel ihr erster Blick in einen Spiegel, und in diesem Spiegel sah sie Fred Wietinghoffs Gesicht. Er sah über eine Zeitung hinweg, die er in beiden Händen hielt, seine Augen, groß und offen und von tiefem leuchtenden Blau, sahen ihr entgegen und grüßten sie. Und von seinem Blick, von seinem festen hellen Gesicht ging ein Strom von Ruhe und Sicherheit aus.
Wie gut, daß er da war! Wie gut, daß er da war!
Jetzt sah sie auch vor dem Spiegel seine breiten Schultern, seinen blonden Kopf.
Gwen fing an zu kichern und stieß Metten an. Sie machte eine Bewegung, als wollte sie auf ihn zueilen und ihn durch einen Schlag auf die Schulter aufschrecken.
„Er hat uns gesehen,“ sagte sie leise, „komm ruhig an ihm vorbei.“
Mette hörte das Stuhlrücken hinter sich und seine raschen großen Schritte.
Sie begrüßten sich wieder voller Verwunderung. Wietinghoff suchte einen größeren Tisch – er hatte sich absichtlich an einen ganz kleinen gesetzt – und beauftragte den Kellner, seine Sachen herüberzubringen.
Er wählte mit Bedacht ein kleines Abendessen, einen edlen Wein.
„Nachher trinken wir Sekt,“ sagte er, als der Kellner außer Hörweite war, „ich werde natürlich in seiner,“ mit einer Schulterbewegung, „Gegenwart auf diese Idee kommen: ‚Aber ich bitte Sie, meine Damen, diese Begegnung müssen wir doch mit einer Schampus feiern!‘ Klingt es nicht ganz glaubwürdig?“
„Sehr,“ bestätigte Mette lachend.
„Herrgott, die Tasche.“ Gwen hob erschrocken die Hand vor den offenen Mund und sah mit runden entsetzten Kinderaugen von einem zum andern. „Fred, Sie müssen Ihre Tasche aus unserm Zimmer holen! Was soll denn das Zimmermädchen von uns denken? Aber lassen Sie sich nicht erwischen, sonst werden Sie noch als Einbrecher verhaftet! Das wär’ eigentlich ein herrlicher Witz! Passen Sie auf, ich will Ihnen unauffällig den Schlüssel zustecken!“
Sie kramte in ihrer Tasche, die sie unter dem Tisch auf ihrem Schoß hielt, zog den Schlüssel heraus, krampfhaft bemüht, ihn in ihrer kleinen Faust verschwinden zu lassen, und schob die geschlossene Hand über den Tisch.
Wietinghoff nahm ihr den Schlüssel ab, ließ ihn in die Hosentasche gleiten und bog sich vor Lachen mit dem Stuhl zurück.
„Wundervoll,“ sagte er und zeigte sehr vergnügt seine festen weißen Zähne, „jetzt hat das ganze Lokal gesehen, wie Sie mir unauffällig den Zimmerschlüssel zugesteckt haben! Na, mir soll’s recht sein! Ich fühle mich nicht weiter kompromittiert. Niedlich genug sehen Sie aus!“
Er sagte es etwas geringschätzig, mit einem spöttischen Zucken um den Mund. Aber unter gesenkten Augenlidern hervor lief ein Blick über Gwen hin, der etwas Vertrauliches, Taxierendes und zugleich Brennendes und Einsaugendes hatte.
‚Was soll ich hier?‘ dachte Mette in plötzlicher Qual, ‚warum muß ich Zeuge ihrer Verliebtheit sein? Bloß, weil sie ihren Ruf wahren wollen? Lächerlich. Sie sind sicher schon hundertmal allein zusammen gewesen. Sie können nicht Angst haben, daß etwas geschehen könnte, was noch nicht geschehen wäre. Diese beiden Menschen kennen einer den andern ganz und ohne Rückhalt. Ich hab’ es vor Monaten schon gewußt. Wie konnte ich es wieder vergessen? Was soll ich hier?‘
Fred Wietinghoff goß die Gläser voll.
„Auf gute und ehrliche Kameradschaft!“ sagte er.
„Darauf trink ich mit!“ Mette hob ihr Glas.
Wietinghoff suchte ihren Blick mit ernsten und offenen Augen.
„Sie sind der geborene Kamerad,“ sagte er herzlich. „Treu, klug, verschwiegen und kühn. Wissen Sie – man sieht oft Menschen in einer anderen Zeit, unter anderen Schicksalen – sozusagen in einer anderen Rolle. Wenn ich Sie sehe, denke ich immer tausend Jahre zurück, Minnesänger- und Ritterzeit, und dann seh’ ich Sie in Knappentracht Ihrem auserwählten Liebsten folgen – es gibt solche Gestalten in den alten Liedern und Sagen, und sie haben mich schon in meiner Knabenzeit immer mit Rührung und Bewunderung erfüllt. So ein Heldenmädchen, das ganz ohne Ehrgeiz, nur aus Liebe, alle Strapazen erträgt, an allen Ruhmestaten seinen Anteil hat, geneckt und gelobt wird, aber niemals den Lohn der Leidenschaft empfängt – bis es einmal im Gewühl des Kampfes Hieb oder Stich empfängt und der Ritter selber auf beiden Armen seinen treuen Knappen ins Zelt trägt und aus dem Knabenwams einen weißleuchtenden Frauenleib ans Licht schält.“
„Findest du nicht, daß er Talent hat?“ neckte Gwen. „Er sollte doch unter die Dichter gehen. Und was bin ich? Äußern Sie sich, Herr Wietinghoff, in welcher Rolle belieben Sie mich zu sehen?“
„Sie sind absolut eine Ausgeburt des zwanzigsten Jahrhunderts,“ gab Wietinghoff fast verächtlich zurück, „albern und frühreif, verderbt und kindlich, putzsüchtig, anspruchsvoll ...“
Gwen zappelte mit den Füßen und öffnete den Mund zu einem ungezogenen Schreien.
Wietinghoff beeilte sich, sie zu beschwichtigen.
„Aber süß,“ sagte er hastig, ängstlich, „ganz entzückend dabei, unwiderstehlich, bezaubernd, berückend, betörend.“
„Scheint so,“ lachte Gwen, „Sie hab’ ich jedenfalls betört, denn Sie sind furchtbar töricht. Prost, Kinder – ich finde den Wein herrlich und das Leben wunderschön.“
Mette trank ihr zu. Der Wein goß warme Ströme durch ihre Nerven.
‚Kamerad,‘ dachte sie, ‚schönes, liebes Wort. Kamerad! Das möcht’ ich sein, und das kann ich sein. Kameradschaft. Das ist mein Reichtum und meine Stärke. Aber noch nie hat sie jemand von mir verlangt. Ich kann diesem kleinen Mädchen Kamerad sein und kann’s diesem Mann sein – ob die beiden nun andere Beziehungen miteinander haben, geht mich gar nichts an – es berührt mich gar nicht. Seltsam – noch nie hat mich jemand zum Kameraden haben wollen – nicht einmal Olga. Und dabei ist mir, als wäre mir durch dies Wort ein Schlüssel zu meinem Innern gegeben, daß ich in mich selbst hineinsehen kann und erkenne, was in mir ist. Ich will Fred Wietinghoff immer dankbar sein, daß er mir dieses gute Wort gesagt hat.‘
Die frohe Stimmung hielt bei allen an. Manchmal lachte Gwen so ausgelassen, daß Wietinghoff oder Mette sie zur Ruhe verweisen mußten. Manchmal flog ein Scherzwort hin und her, das Mette nicht verstand. Aber es quälte sie nicht mehr. Ein guter Kamerad mußte sich vertrauensvoll und geduldig in alles schicken. Mußte überhören können, was er nicht zu wissen brauchte. Und mußte mit immer wachen, hundertfach geschärften Ohren hören, wenn ein Notruf an ihn erging. – – –
Auf dem Türgang sagte Fred Wietinghoff ihnen gute Nacht. Er küßte beiden lange die Hand, und keiner um einen Herzschlag länger als der andern. Aber Gwens Finger hob er an die Lippen und sah ihr dabei in die Augen, eindringlich und wie beschwörend. Über Mettes Hand beugte er tief den Kopf. – – –
„Morgen fahren wir ans Meer!“ Gwen tanzte übermütig durchs Zimmer. „Mette, süße Mette, ist das Leben nicht schön? Und ist es nicht entzückend, mit Fred zu bummeln und zu reisen? Bist du nicht entzückt von ihm? Ach, etwas doch, mir kannst du es ruhig zugeben, ich bin nicht eifersüchtig! Nur ausschalten laß ich mich nicht – aber sonst ... Du bist ja doch ein bißchen in ihn verliebt, sag’ es nur ruhig.“
„Ich glaube, du bist ein bißchen beschwipst, kleine Maus,“ sagte Mette lächelnd, „es ist höchste Zeit, daß du in dein Bettchen kommst.“
„Ja, höchste Zeit – höchste Zeit,“ trällerte Gwen leise. Sie zog sich aus, während sie in der Stube herumtanzte, und streute ihre Sachen auf alle vorhandenen Stühle und Tische. „Müde bin ich zwar gar nicht ... bist du müde, Metting? Hoffentlich nicht.“
„Warum nicht? Was hast du denn noch vor?“
„Ach, ich geh’ heut Abend noch auf den Ball mit dir ... auf den Federball ... habt ihr das als Kinder auch immer gesagt? Blöd, nicht? Alle Kinder haben dieselben dummen Redensarten und finden sie tausendmal hintereinander immer wieder witzig. Und wenn man älter wird, mag man die besten Witze nicht zweimal hören und die schönsten Gerichte nicht zweimal essen. Eigentlich traurig, nicht? Oder? Fred Wietinghoff würde sagen: der ewige Hunger nach neuem peitscht uns vorwärts. Sonst würden wir uns wie Karusselpferde im Kreis herumdrehen. Also, gepriesen sei der Drang nach Abwechslung! Was machst du nur so ewig, Mettika? Ich steige gleich ins Bett.“
Sie stieg aber trotzdem nicht gleich ins Bett, sondern lief im Hemd im Zimmer hin und her, hatte dort etwas zu ordnen und hier etwas zu suchen und verbrachte die Zeit mit Geschwätz und Getändel.
Mette lag schon im Bett: „Du wirst dich erkälten,“ sagte sie kopfschüttelnd, „wie kann man so herumtrödeln? Du warst doch schon vor einer halben Stunde fertig. Dreh’ die überflüssige Beleuchtung aus und kriech’ ins Bett.“
Gwen reckte die nackten Arme über den Kopf.
„Ich hab’ eine solche Unruhe in mir,“ klagte sie. „Begreifst du denn das nicht? Ach Mette, du tust ja nur so, als ob du von Eis und Schnee wärst. Fühlst du denn nicht, wie der Wein durch deine Adern geht und dir immer von unten gegen das Herz stößt, immer so.“ Sie schlug ruckweise mit der geballten Faust gegen die Brust. „Und fühlst du nicht, daß es da draußen Frühling wird? Hast du keine Wurzeln mehr in der Erde, daß du nicht fühlst, wie der Saft in dir gärt ... in dir, wie in jedem Baum und Strauch ...“
Sie blieb neben dem Schrank stehen und legte die Arme, die Schläfe an das glatte Holz:
„Manchmal glaub’ ich, diese armen mißhandelten, zersägten, behobelten Bäume haben noch einen Rest Leben in sich – und im Frühling, wenn die große Orgie sich vorbereitet ... dann fängt es an, noch in dem armen polierten Holz zu pulsen und zu zucken – fühl’ nur, es ist wie ein leiser Herzschlag drin, und dann denk’ ich, die Möbel freuen sich an mir – sie fühlen mein Leben aufschäumen, und das gibt ihnen Lust und Ruhe – Mette!“ – Sie war mit ein paar Sprüngen auf dem Bettrand und faßte Mette rüttelnd an den Schultern. „Bist du lebloser als das tote Holz? Das ist nicht wahr und das glaub’ ich dir nicht!“
Sie schlang die Arme um Mette und wühlte den Kopf neben ihr in die Kissen.
„Warum magst du mich nicht, Metting?“ flüsterte sie ihr ins Ohr. „Sag’ mir, ist es, weil du Fred liebst? Es ist nicht wahr, daß du nie eine Frau geliebt hast. Es ist auch nicht wahr, daß du mich nicht lieben könntest ...“
„Lieben,“ sagte Mette tonlos, „was nennst du lieben.“
„Lieben nenne ich selig machen ... und selbst dabei selig sein ... alles andere nenn’ ich Freundschaft oder Anbetung oder Schwärmerei, ja, am besten Schwärmerei. Ich will wissen, was du gegen mich hast!“
Sie kniete auf dem Bettrand und riß sich wie eine Rasende das Hemd von den Schultern.
„Du sollst mich jetzt ansehen! Du mußt mich jetzt ansehen! Wo hab’ ich irgendeinen Fehler, der dich abstößt?“
„Du bist sehr schön,“ sagte Mette mit gequältem Lächeln.
„Ach, und du erst,“ Gwen warf sich über sie und küßte ihr Mund und Augenlider, Hals und Wangen.
‚Ich will nicht,‘ dachte Mette, ‚sie ist mir anvertraut, und ich rühre sie nicht an. Ich bin sein Kamerad ... ich bin sein Kamerad ...‘
Rosenrote Wellen hoben sich. Sie stiegen ihr bis zum Herzen, bis zum Hals, bis über die Augen. Das Zimmer schien zu schwanken, wie in zitternden Atemzügen, wie in ruckweisen Herzstößen.
Plötzlich war alles still, hell, es war wie blendendes Licht, und wie ein schmetternder Hornstoß.
Vielleicht hatte ganz leise eine Diele geknarrt.
Mette fuhr auf, wach, nüchtern.
Irgend etwas war im Zimmer, was vorher nicht da gewesen war.
Ein violetter Fleck. Und darüber Fred Wietinghoffs Gesicht.
Fred Wietinghoffs Augen. Brennend. Gierig. Ganz unverhüllt, wie die Augen brünstiger Tiere – ganz nackte Augen.
Mette schrie nicht auf.
Sie schleuderte den weichen Körper von sich, der würgend auf ihr lag.
Ein Wort stieg in ihr auf und verließ sie nicht mehr. Es war das einzige Wort, das sie denken konnte, und das ihre Gedanken unablässig wiederholten:
‚Abgekartet. Alles abgekartet.‘
Sie richtete sich auf und griff nach ihren Kleidern.
In diesem Augenblick stürzte Wietinghoff auf sie zu.
„Mette,“ stammelte er, „Süßeste.“
Da schlug sie ihm mit der flachen Hand ins Gesicht.
Er war auf Widerstand gefaßt gewesen, auf Stoßen, Kratzen, Beißen – er hätte sie lachend bezwungen.
Der Schlag ließ ihn zurücktaumeln.
Mette schlüpfte in ihre Bluse.
‚Abgekartet,‘ dachte sie, ‚abgekartet.‘
Sie knüpfte die Bänder des Unterrocks. Ihre Hände zitterten nicht, trotz der wahnsinnigen Hast. Erst als sie angezogen war, warf sie einen flüchtigen Blick auf Wietinghoff.
Auf seinem blassen Gesicht brannte die Spur ihrer Hand wie ein feuriges Mal. Über seinen Augen lagen die breiten zitternden Lider.
Ein seltsames Gefühl stieg in Mette auf. Eine rasende Freude: ‚ich habe ihn gut getroffen.‘ Und dann eine dämmernde Erkenntnis: ‚es ist das erstemal, daß ich dies schöne Gesicht berührt habe – dies schöne Gesicht.‘
Nie hatte sie mit einem Gedanken daran gedacht – aber ihr war, als hätten ihre Hände sich immer danach gesehnt, dies Gesicht zu streicheln.
Ein namenloses Weh quoll in ihrem Herzen. So, als hätte sie etwas Schönes und Kostbares besessen, und sähe es zum erstenmal, da es ruchlos zerstört und zerbrochen vor ihr lag.
Sie ging ruhig im Zimmer hin und her und holte ihre Sachen zusammen. Wenn sie an Fred Wietinghoff vorüber mußte, machte sie einen Bogen. Er sah sie nicht an, aber er fühlte es und zuckte zusammen.
Gwen war auf ihr Bett gekrochen. Sie saß nackt und rosig auf dem großen Federbett, hatte die Schultern hochgezogen und spielte verlegen mit ihren Zehen.
Die Tür nach dem Nebenzimmer stand offen. Es war die Tür, durch die Fred Wietinghoff gekommen war.
‚Abgekartet,‘ dachte Mette, ‚abgekartet.‘
Sie ging in Hut und Mantel auf die Tür zu. Als sie die Klinke in der Hand hielt, blieb sie stehen.
„Ich werde in das Zimmer nebenan gehen,“ sagte sie ruhig, „ich habe keine Lust, jetzt in der Nacht das Hotel zu verlassen. Um sieben Uhr werde ich gehen und die Tür vom Korridor offen lassen.“
„Gnädiges Fräulein,“ sagte er heiser.
In seinem blassen Gesicht standen seine dunklen Augen wie zwei offene Wunden.
Mette zog die Tür hinter sich zu und riegelte hart ab.
Sie drehte das Licht nicht an.
Sie wußte und fühlte es: überall lagen Sachen – fremde Sachen – seine Sachen.
Nach einer ganzen Weile hörte sie Stimmen von nebenan, hin und her, gedämpft und unterdrückt, aber doch vernehmlich.
‚Lieber Gott, was werd ich noch alles hören,‘ dachte sie, ‚lieber Gott, gib mir Kraft, gib mir Kraft. Laß mich sterben, wenn du kannst, aber laß mich nicht wahnsinnig werden, daß ich nicht irgend etwas tue – irgend etwas ganz Furchtbares ...‘
Aber das Schlimmste war der Duft, der über dem Zimmer lag. Der Hauch der Zigarette, der feine Geruch des Juchtenleders, der Duft der Seife, des Essigs.
Mette machte das Fenster weit auf und schob sich einen Stuhl zwischen die Flügel. Die Nacht war kalt, Mette zitterte, so fest sie sich auch in ihren Mantel wickelte.
Sie dachte an die Stadt, die sie verlassen würde. Wo nun hin – wohin?
Sich weiter hetzen lassen, heimatlos, ruhelos, jeder Begierde ein Freiwild?
Oder sterben?
Ja, wenn sie an den Schlaf hätte glauben können.
Aber sie fühlte in dieser Stunde stärker als je, unleugbar, unantastbar das Unzerstörbare in sich.
Sie wurde demütig vor dem, was sie in sich trug, wie eine Mutter in Demut ein fremdes Leben in sich fühlt.
‚Meine arme Seele,‘ sagte sie leise, ‚was hab’ ich dir getan? Warum hab’ ich nie daran gedacht, dich zu pflegen und dir zu helfen? Warum wollt’ ich dich immer nur auf die Wanderschaft schicken, immer in den kalten Sternenraum hinein? Arme Seele – wozu hab’ ich dich denn, wenn du nur leidest an mir, und ich an dir! Einmal werd’ ich es wissen – einmal werd’ ich alles erfahren. Ich möchte nicht sterben, nein, ich möchte nicht sterben, eh ich nicht weiß, warum ich gelebt habe.‘
Eccarius fiel ihr ein: Niemand darf sterben, ehe er den Tod nicht lieb gewann.
‚Nein, ich liebe den Tod nicht. Ich fürchte ihn nicht, aber ich liebe ihn nicht. Ich will ihn lieb gewinnen. Ich will leben, um den Tod lieb zu gewinnen. Vielleicht ist es das, warum wir leben müssen. Und vielleicht ist es das, warum wir leiden müssen.‘
Die Stimmen nebenan waren zur Ruhe gegangen. Der fremd-vertraute Duft war aus dem Zimmer entwichen.
Am Himmel erblaßten die Sterne vor dem ersten fahlen Dämmerlicht des aufsteigenden Märzmorgens.
Ende des zweiten Buches
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„Der Tag der Artemis“ – das ist der Tag, der Knaben zu Männern macht, der Tag, an dem im jungen Menschenkinde unerkannt, gebieterisch, erschreckend oder beglückend zum erstenmal das Geschlecht sich regt.
Die erste der Novellen ist eine Institutsgeschichte. Schwärmerische Neigung, ehrliche Kameradschaft, Eifersucht, Haß, gekränkter Ehrgeiz – alle Leidenschaften toben und gären in diesen unreifen Knabenseelen, bis sie in einer Katastrophe explodieren.
„Gere“ ist die Geschichte eines Schülerselbstmordes. Der Gequälte, der in dem unverstandenen natürlichen Trieb nur Schmutz und Laster sieht, verliert seinen letzten Halt, den Glauben an die Heiligkeit der Mutter, und greift zum Revolver.
„Der Statist“ variiert das Thema des erwachenden Liebesgefühls in heiterer Form. Einen armseligen Drogistenlehrling bringt ein Zufall als Statisten ans Theater. Die schwärmerische Leidenschaft für die Heldin des Hoftheaterchens macht einen Menschen aus ihm und führt ihn auf einen Weg, den er weitergehen wird, auch wenn die Leidenschaft längst verlodert ist.
Erzählungen aus jenen Lebensjahren, wo die Erotik noch schlummert, wo sie aber im geheimen heftiger wühlt, als wir ahnen und ahnen wollen.
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