The Project Gutenberg eBook of Der Dechant von Gottesbüren

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Title: Der Dechant von Gottesbüren

Author: Jakob Schaffner

Release date: February 21, 2026 [eBook #78001]

Language: German

Original publication: Berlin: Deutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H, 1917

Credits: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DECHANT VON GOTTESBÜREN ***

Anmerkungen zur Transkription.

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.

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Die Dekoration am Anfang des Dritten Teil fehlt im Original; sie wurde zur Vervollständigkeit eingefügt.

Worte in Antiquaschrift sind "kursiv" dargestellt.

titel

Der Dechant von Gottesbüren

JAKOB SCHAFFNER


Der
Dechant
von
Gottesbüren

Roman

signet

Deutsche Buch-Gemeinschaft
G. m. b. H.
BERLIN

Copyright 1917 by Grethlein & Co. G. m. b. H. in Leipzig
Alle Rechte, im besonderen das der Übersetzung, vorbehalten


[S. 7]

Erster Teil / Liebe

deko

Erstes Kapitel
Ein halbfrommer Mann singt den Gregorianischen Lobgesang. Es wird Besuch empfangen und
noch eine Einladung erwogen

I

In einer schönen alten hessischen Kleinstadt steht ein ebensolcher Dom, an dem ein Mann von bedeutenden Qualitäten als Dechant wirkt. Das heißt, die Qualitäten fangen eben erst recht an, wie ein Sternnebel zu atmen und zu leuchten; eine Zeitlang schien es, als sollten sie sich in Liebhabereien so aufbrauchen und der Rest in die allgemeine Luft verpuffen, und als sollte ein süddeutscher Christ und Katholik nach nicht unernsten Jugendwegen sich so sachte ins weltbürgerliche Wohlgefallen verlieren. Die Welt sah diesem Spiel mit Ruhe zu, aber der Erzbischof hatte seine eigene Meinung darüber, und Gott hatte noch eine eigenere. Aus der Entwicklung dieser und anderer Verhältnisse, von denen sofort die Rede sein soll, entstand dann durch Herbst und Winter ein Schicksal, das sich mit Nutzen erzählen lassen wird.

Als der Erzbischof den damaligen frommen, hoch- und tiefsinnigen Pfarrer Klemenz Ekkard auf das Dechanat gestellt hatte, war es in der Meinung geschehen, einen etwas ausgesetzten Posten mit einem lebendigen und treuen Mann zu versehen, denn ringsum standen und drehten sich auf den Türmen im Wind der Zeit die Hähne des Protestantismus um die steilen, hohen Kreuze des Domes. Als dann der Dechant im zweiten oder dritten Jahr als erste[S. 8] öffentlich sichtbare Amtshandlung die Renovierung des Domes beim Erzbischof anregte und nach dessen Zustimmung bei der Regierung forderte, lag die Notwendigkeit dazu mit vielen Zerfallsmerkmalen deutlich vor, und widersprach die Unternehmung in keiner Weise den Erwartungen, die sein hoher Vorgesetzter sich von ihm machte, obwohl sie auch nichts Unmittelbares mit dem christlichen Kernpunkt zu tun hatte, denn das Licht der Welt ist in einem Stall aufgegangen, und in großen, herrlichen Gotteshäusern hat man schon viel Verderbnis und Todesstarre gesehen. Inzwischen stellte es sich aber heraus, daß die endlich nach jahrelangen Verhandlungen eingeleitete Arbeit dem Dechanten mehr Stoff gab zu schönwissenschaftlichen, als zu geistlich frommen Anregungen. Aus der männlich gottseligen Entschiedenheit leiteten sich sachte gewisse Kunsttrödeleien ab. Der hellsinnige Freund Gottes entwickelte sich zu einem Freund von hübschen Altertümern; er wurde ein Truhen- und Bücherwurm, ein Schürzenjäger nach alten Meßgewändern, ein blonder Maulwurf der zünftigen Kunstgeschichte, der seinen gelehrten Rüssel bald überall ansetzte. Wo die Hacke der Arbeiter aufschlug, da war er sofort mit seinen Fingern dazwischen, um ein zugetünchtes oder vergrabenes Altertum herauszuklauben, und bald ging überhaupt das ganze Baugeschäft mit der begeisterten Mithilfe des Architekten nach seinem kunstgeschichtlichen Interesse. Jeden Morgen sah man den ziemlich großen, ernsten Mann mit sauberer Soutane in das Trümmerfeld kriechen, in das er die Stätte der Andacht nach und nach verwandelt hatte, und mittags kroch er mit schmutziger und mit den Lungen voll Mauerstaub wieder heraus, um sich zuerst einigermaßen wieder zurechtzuschütteln und zu husten und dann wie ein Maurergeselle zum Mittagessen zu gehen.

Die erste Person, mit der ihn dies neue Leben in Widerspruch brachte, war weder Gott, der viel Zeit, noch der Erzbischof, der etwas weniger hatte, sondern seine alte,[S. 9] treue Haushälterin. Das war ein gottesfürchtiges und redliches Weib von einigen fünfzig Jahren, das noch einen Zahn besaß, damit aber tüchtig zubiß, und ein braves, unerschrockenes Herz, dem man zu Unrecht Härtigkeit nachredete, sondern was so aussah, das war Notwehr. Im Haus eines Dechanten am Dom einer nicht eben reichen Kleinstadt laufen die Möglichkeiten, Geld auszugeben, wie Hühnerscharen die Treppen auf und ab, und wenn nicht ein guter Haushund zum Rechten sieht, so kann der Dechant gegen das Ende des Vierteljahres selber auf den Bettel gehen, wenn er nicht seine Opferstöcke angreifen will. Eine gewisse geistliche Verwegenheit im Ausgeben von Geld war aber außerdem ein Zug an ihrem Herrn, den sie verehrte, und um dessentwillen sie ihn mit liebte — er hatte für sie noch andere, mit denen sie weniger zankte —; die liebende Verehrung hörte bei ihr höchstens einmal auf, wo die großmütige Neigung den Gang des Hauswesens in Gefahr brachte und zur vollkommenen Kassenöde führte, was leider immer wieder vorkam. Obwohl er nun schweres Geld in seine Privatliebhaberei steckte und sogar sein Kapital dafür angriff, und obwohl er ihr beschmutzte Schuhe und zerrissene Soutanen genug ins Haus brachte, setzte ihr Widerstand doch nicht auf der irdischen Linie ein, sowenig ihr auch diese Dinge gefielen, sondern in ihren Augen hing sich ihm, seitdem er den heiligen Ort zur Rumpelkammer gemacht hatte, je länger, je sichtbarer ein Gespinst von Gotteslästerlichkeit an. Wenn er gegen ihr Gemurre mehr oder weniger geduldig die Notwendigkeit und den Zusammenhang der Maurerarbeiten ins Treffen zu führen suchte, so hatte er den Schein der Wahrheit für sich, aber auch nur den Schein, und die alte Person hieb keineswegs ins Blaue, wenn sie meinte, daß er darum doch nicht das ganze Münster einzureißen brauche, außer wenn er ein völlig neues bauen wolle, aber soviel sie wisse, sei eine Ausbesserung im Werk, kein Neubau. Wenn er also die Gemeinde einen Sonntag wie den andern im[S. 10] nachgelassenen Maurerstaub zwischen groben Gerüsten und umgestürzten Altären auf dem bloßen Erdboden knien lasse — denn auch die Platten waren allenthalben aufgebrochen —, so müsse man doch sagen, daß eine Kirche für den Gottesdienst da sei, und sie ihrerseits pfeife ihm auf seinen gebildeten Architekten, der ihn nur noch mehr verführe, und auch auf die alten Meßgewänder, die man unter den Platten gefunden habe, Gott möge ihr die Sünde verzeihen. Ihr sei die Andacht verdorben, und wenn sie während des Hochamts weltliche und zanksüchtige Gedanken beschlichen, so trage er daran die Schuld.

Nun war er nicht der Mann, dergleichen Einsprüche auf die leichte Achsel zu nehmen, und die Zweifel einer gläubigen Seele hatten ihm je und je starken Eindruck gemacht. Aber hier handelte es sich nachgerade um eine Leidenschaft. Wo er hinguckte, da sah er geschichtliche Niederschläge und Kunst oder Unkunst, aber keine göttlichen Beziehungen mehr, und kaum noch menschliche, wie dem Pilzsucher mit der Zeit überall Pilze aufstoßen, schließlich kann er kein Stückchen Wald oder magern Rasen sehen, ohne ihn auf Pfifferlinge und Champignons einzuschätzen. Er hätte am liebsten auch den unendlichen Himmel abgekratzt, um zu sehen, ob nicht Fresken darunter zum Vorschein kamen. Sogar die Orgel hatte er abbrechen lassen, weil nach alten Chroniken früher dort die Empore der Landgrafen oder Kurfürsten gewesen sein sollte; wirklich fand er an den Wänden ein paar Malereien und hinter dem Orgelkasten einen vergessenen oder verlorenen Hut aus dem siebzehnten Jahrhundert, den die Motten schon halb aufgefressen hatten. Indessen sang die Gemeinde zu einem kleinen, eingestaubten Harmonium auch noch nicht übermäßig schön, und dazu blickte sie zu unbemalten Nachbildungen aus Pappe auf, die an Stelle der entfernten Heiligen überall aufgestellt und -gehängt waren.

In diesem stillen Haus lebte noch eine dritte Person, ein junges Mädchen namens Linde, das seine Nichte war[S. 11] und der alten Brigitt, lieber noch ihm selber zur Hand ging, aber nicht in seinem antiquarischen Maulwurfstreiben, sondern in seinen mehr menschlichen und seelsorgerlichen Angelegenheiten. Linde empfing seine Besuche, besorgte ihm den laufenden Briefwechsel, soweit er nicht zu vertrauliche Dinge betraf, und die Armen- und Krankenpflege stand beinahe ganz auf ihren zwei schmalen Schultern. Sie trug die Last mit vielem Ernst, mit natürlicher Liebe und einigen übernatürlichen Kräften, da sie mit gleicher frommer Innigkeit zwischen den Geheimnissen der Finsternis und den Holdseligkeiten des Lichtes stand. Die Menschen fürchtete sie nicht, und vor ihrem Schmutz schreckte sie nicht zurück, so rein sie in ihrem Teil lebte. Es gab also viele Leute, die sie suchten, um sie auszunutzen, und wenige, die ihr außer ihrem Elend etwas dafür zurückgaben, und dieses erwiderte sie sofort durch Mitleid. Sie war hübsch, mittelgroß, sehr ziervoll, blauäugig, braunhaarig und zart von Gesundheit. Auch sie fand in ihrem gottesfürchtigen Herzen, daß es der Dechant mit seiner Kunstgräberei etwas zu wild betreibe, aber gegen eine kirchliche Respektsperson, die er ihr war, hätte sie nie gewagt, mit einem Wort oder einem Seufzer zu verraten, wie sie an der zerstörten Kirche litt, und nach ihrem Gefühl versündigte sich die alte Person mit ihren aufsässigen Reden. Sie glaubte nicht, daß ein erwählter Diener Gottes auf die Dauer etwas ganz Verkehrtes tun könne, und sah Gottes Ratschluß darin, daß nach so langer Verborgenheit die schönen alten Meßgewänder, Bilder, Kreuze, Bücher, Pokale und Monstranzen aus ihrem Schutt wieder auferstanden, um vielleicht an dem frommen Werken der Längstvergangenen die Gegenwärtigen zu ebensolchen zu entzünden. Mit solchen Gedanken aber auch mit keinen andern, suchte sie den Oheim zu beruhigen, wenn er sich einmal klagend über den Unverstand und die Bockbeinigkeit der Gemeinde und Behörden gegen sie ausließ, und das war für ihn außer dem verwandtschaftlichen, um nicht[S. 12] zu sagen väterlichen, noch ein weiteres Verständnis, das ihn mit dem stillen, tiefgründigen Mädchen und dessen fruchtbarem Wandel verband. Obwohl er im Lauf der stets breiter ausgreifenden Arbeiten im Dom gelernt hatte, mit den Füchsen zu bellen oder auch einmal allein kräftig anzuschlagen, um seinen Willen durchzusetzen, so lag dies Treiben doch sehr wenig seiner geistigen und im Grund freien Natur, und das Mädchen schätzte er vielleicht am höchsten deshalb, weil es ihm jene Natur rein und ungekränkt zu enthalten schien, sei es als Beruhigung, sei es als Versprechen auf eine spätere Zeit, in welcher auch er dazu zurückkehren würde, und was ihm immer wieder neben aller kindlichen Unfertigkeit an ihr Achtung abgewann, das war, wenn nicht die Größe ihrer seelischen Richtung, so doch die Möglichkeit zur Größe.

Ein großer Charakter ohne Wenn und Aber war jedoch der Hund, der noch zum Haus gehörte, ein dunkelgrauer, lebhafter Boxer von ausgesucht rassigen Körperformen und mit einer Vergangenheit, die allein so viele Kapitel umfaßte wie die aller andern Hunde des Städtchens zusammengenommen, weil die Unternehmung das Element seines Lebens war. Jedoch das Fundament dazu gab eine unbestechliche Treue gegen seine Herrschaft, ein angeborener Hochsinn, der sich durch seine Stellung als Hund einer geistlichen Respektsperson und durch den nahen Umgang mit dieser und der auch nicht sehr ungeistlichen der jungen Nichte noch gesteigert hatte. Eine gewisse innere Erwecktheit war die Furcht seiner besondern Anhänglichkeit an Linde. Als weitere Eigenschaften zeigte er Stolz, Phantasie, Verstand, unermüdliche Aufmerksamkeit, aber nicht die knechtische des Hofhundes, sondern sozusagen eine vergeistigte, die auch auf andere Dinge achtete, als die mit dem Futter- und Besitzneid des Hundes zu schaffen haben, und eine vollkommene Furchtlosigkeit. Dazu kam noch eine immer frohgestimmte Angriffslust, die ihn zum unabhängigen Beherrscher seines Reviers machte;[S. 13] sie hätte ihm viele materielle Vorteile einbringen können, aber er bezweckte nichts mit ihr, als immer wieder seine Überlegenheit festzustellen, und es war noch nie vorgekommen, daß er einen Knochen von der Straße aufgenommen hätte. Seinen ausdrucksvollen, ernsten Kopf zierten unzählige große und kleine Narben und Bißwunden, und infolge eines Feldkampfes mit einem Fuchs hatte er die Sehkraft des linken Auges verloren, das grau und den Leuten etwas unheimlich in seiner Höhle stand, aber dafür blickte das andere um so launiger und unternehmender in die Welt.

In diese Hausgemeinde fuhr eines Nachmittags unvermutet noch ein fremder Geist herein, und zwar trug sich der Einzug folgendermaßen zu. Es war im Herbst. Der Dechant saß zur Abwechslung einmal nicht auf einem Schutthaufen und weissagte mit dem Architekten über alte Pläne des Domes, sondern er stand im Geäst eines Birnbaums in seinem Garten und pflückte Bergamotten. Er hatte einen Sack um die Schultern gebunden, in den er immer mit der gefüllten Hand hinein- und mit der leeren verlangend wieder herausfuhr. Dazu summte er leise und versponnen die Melodie des alten Gregorianischen Lobgesangs vor sich hin, wie es sich für einen frommen deutschen Menschen schickt, wenn er in diesem strengen Kriegslauf einen gesegneten Obstbaum ansieht, der mit seinen Früchten fürstlich am Licht steht. Der gegenwärtige sah nun nicht bloß, sondern er hing als eine andere Frucht Gottes, aber eine unreife, lose schwankend zwischen dem reifen Jahressegen und machte unter allem stillen Einheimsen im Kopf den Überschlag, wieviel davon nach der Stadt zu kriegsbedürftigen Verwandten und Freunden auf den Weg gebracht werden müsse; es kam nicht wenig dabei heraus. Aber wenn er von seinem Ast einen Umblick tat, so sah er in lauter fruchtschwere Apfel- und Birnbäume hinein, die alle in seinem Garten standen, und über hundert und tausend andere, die drunten in den Bürgergärten und im Tal dem Flüßchen nach und[S. 14] gegen den Wald hinauf ihre Habe an der Sonne gar kochten. Ab und zu schoß ihm ein Vogel wie ein Schatten an der Nase vorbei oder sank ihm ein Räupchen an langem Faden sachte auf den Ärmel, und wenn ihm eine Birne zu Boden fiel, so sagte er: »Dummes Tier, was hast du nun davon? Eine Beule, und daß du zuerst gegessen wirst; das ist nur weniger vornehm.« Wenn ein Korb voll war, so blies er in eine Holzpfeife, und dann kamen seine Frauen und holten ihn. Die Viertelstunden schwebten ihm verträumt wie Goldgespinst von den nahen Türmen des Domes herab und woben ihn so ins Nachmittagslicht ein, als sollte er nun ewig Birnen pflücken und den Gregorianischen Lobgesang summen; nachher begann er ihn auch leise zu singen.

Plötzlich fuhr aber Bob den Gartenweg herab, sauste zweimal um den Baum, ohne den Dechanten zu finden, begann suchend am Boden zu schnüffeln, entdeckte plötzlich seinen Herrn im Gezweig, wo er sonst nur Vögel sah, und fing, darüber aufgeregt, aus vollem Hals zu jaulen an. Er machte sogar Versuche, die Leiter hinaufzuspringen, weil er sich nichts anderes denken konnte, als daß der Dechant durch einen Unglücksfall dort hinaufgekommen sei und sich entsprechend übel befinde. Als er Linde denselben Gartenweg herkommen hörte, rannte er ihr entgegen, um sie von dem außerordentlichen Mißstand zu unterrichten. Sie schien auch wirklich selber erregt zu sein, wenigstens lief sie schnurstracks zum Baum, um über und über rot hinauf zu melden, daß ein Leutnant da sei, packte dann den halbvollen Korb bei den Ohren und fuhr wie der Wind damit ab, ohne links und rechts zu sehen. Ihr dunkelblonder Scheitel leuchtete golden und klug den Gartenweg hinauf. Über ihre weiße Bluse spielten die freundlichen Sonnenlichter des Herbstes. Indem ihre schlanke Figur um eine Himbeerhecke verschwand, ging dem Dechanten ein Gedanke durch den Kopf, den er schon oft gedacht hatte, wenn er sie irgendwo unvermutet erblickte:[S. 15] »Nein, sie ist gar nicht mehr klein«, murmelte er. »Manchmal möchte man sogar glauben, daß sie ordentlich unters Maß gewachsen sei. Man muß sie einmal an den Türpfosten stellen.« Etwas betrübt wegen der Störung kletterte er mit dem Sack über der Schulter Tritt für Tritt die Leiter hinab, erinnerte sich drunten, daß Linde den Korb weggeschleppt hatte, ohne einen andern dafür herzusetzen, und verfolgte kopfschüttelnd ihren Weg dem Haus zu. Bob gab durch einige ungestüme Bewegungen schnell zu verstehen, wie er sich freue, seinen Herrn wieder in normalen Umständen zu sehen, und flog davon, Linde nach; er machte einen Buckel vor Eifer und feuerte mit den Hinterbeinen breit rückwärts heraus, daß der Kies flog. Aber schon kam er in langgestrecktem Galopp zurück und hinter ihm her Linde mit dem leeren Korb. »Gib nur her«, sagte sie betriebsam. »Daß der Leutnant nicht warten muß. Und bürste dich vorher ein bißchen ab. Vergiß das nicht.« Der Dechant wollte noch etwas über den Krieger fragen, aber Linde schob ihn mit den Worten: »Er ist naseweis und hat ein kurzes Gedächtnis!« beinahe zornig den Gartenweg hinauf, und der Dechant ging leise schmunzelnd vollends dem Haus zu. »Sie ist auch nicht anders als die übrigen Evastöchter, gottlob!« dachte er vergnügt. Aber bevor er den Leutnant näher ansah, trat er in sein Schlafkabinett, um gehorsam einiges Spinngeweb von seiner Soutane zu bürsten.

Als er dann dem fremden Militär gegenüberstand, fand er gar keine besondere Erscheinung in ihm, sondern nur seinen von früher her wohlbekannten Neffen Heinz, den er freilich viele Jahre nicht mehr gesehen hatte; seit seinem letzten Bubenbesuch war das Flüßchen etwa achtmal zugefroren, ungerechnet die beiden warmen Winter, in denen es zu keinem Eis gelangt hatte. Inzwischen war der junge Mann durch verschiedene Lehren gelaufen, auch in Amerika gewesen, hatte schon einen ordentlichen Vertrauensposten versehen und war nach dem Ausbruch des[S. 16] Krieges als Heizer im Kohlenraum eines holländischen Schiffes nach Deutschland zurückgekehrt, um als Reserveoffizier seinen Mann zu stellen. Diese Absicht hatte er bereits so weit verwirklicht, daß seine Brust beide Eiserne Kreuze und noch dazu zwei landesfürstliche Auszeichnungen schmückten, und daß er in seinem Regiment als eine »große Kanone« galt.

»Nun sieh mal an«, rief der Dechant dem gesunden und frischen Offizier erfreut entgegen. »An dich habe ich gerade heute gedacht. Grüß Gott, Heinz. Haben dich denn die Engländer wirklich am Leben gelassen? Daran taten sie unklug, was ihr Interesse angeht, obwohl ich's sehr zu loben weiß. Es scheint auch auf die Linde einen gewissen Eindruck zu machen. Du kannst dir etwas darauf zugute tun, daß das Mädel ohne Kopf im Garten herumschießt; es ist sonst das kapitalfesteste und kaltblütigste Frauenzimmer, was das Mannsvolk angeht. Setz' dich, lieber Junge. Wirst du ein paar Tage bei uns wohnen? Hoffentlich recht viele!«

»Na, wollen mal sehen, wie mir das Klima bekommt«, lachte der Krieger. »Aber wer ist denn die Linde, wenn man in einem so frommen Haus nach dergleichen fragen darf?«

»Nun, eins von euch scheint sich sehr verändert zu haben«, wunderte sich der Dechant. »Aber sie sagte schon, du habest ein kurzes Gedächtnis. Kennst du wirklich das kleine Mädchen nicht wieder, mit dem du vor zehn Jahren hier in den Himbeerbüschen gehaust hast? Gott erbarme sich, wie hat sich die Brigitt über euch erbost! Und wie kam ihr nachher das Haus leer vor!«

»Wahrhaftig, sie erinnerte mich doch an sie«, wunderte sich nun auch der Soldat. »Aber damals war sie strohblond und pumpelrund und hieß Marie.«

»Ja, diese Veränderung ihres äußern Menschen ist auch eins von ihren Geheimnissen«, nickte der Dechant ernsthaft bestätigend. »Was den Namen angeht, so schrieb mir kurz[S. 17] nach eurem Besuch ihre Mutter, daß sie ihn aus eigener Machtvollkommenheit geändert habe. Eines Tages sei sie mit dunklen Augen aus dem Garten gekommen und habe erklärt, die Linde sei ein sehr schöner und heiliger Baum, und sie wolle Linde heißen. Nun sagte man ihr, die Mutter Gottes sei eine noch viel schönere und heiligere Frau; warum sie denn nicht mehr Marie heißen wolle? Worauf die merkwürdige Antwort kommt, Tante Klinger, ihre Patin, sei keine schöne und keine heilige Frau und heiße auch Marie. Und dabei bleibt sie. Auf den Vorhalt, Tante Marie werde sich beleidigt fühlen, schweigt sie hinterhältig. Wirklich waren die beiden auch keine besonderen Freunde; nun, das weißt du wohl selber, du hast der Linde bei manchem Indianerstück gegen sie geholfen, als ihr alle gleichzeitig hier das Haus unsicher machtet. Eine Zeitlang nannte man sie scherzhaft Linde, um sie zu necken, wie das so geht in einer Familie, und dann blieb der Name an ihr hängen. Er ist ein bißchen heidnisch, aber gar nicht roh, da hat sie schon recht, und die Linde war von früh auf der Schirmbaum der Mutter Gottes. Nun, du wirst noch mehr Wunderlichkeiten bei ihr finden, wenn du dir die Zeit dazu nimmst.«

»Besondere Geschäfte hat sie seither körperlich nicht gemacht«, meinte Heinz zweifelnd. »Damals war sie handfester. Nicht, daß sie eben elend aussähe, aber ein bißchen unsolid für irdische junge Männer. Hat sie's denn an der Lunge?«

»Muß es ein Mensch gleich irgendwo haben, wenn er zarter registriert ist?« spottete der Dechant. »Sie hat einen empfindlichen Magen wie alle Ekkarde; das ist alles. Dem einen fehlt's mehr an körperlichen Organen, dem andern an geistigen. Es kommt alles auf die geheimen Reserven an. Ihr seid ja eine ziegenfräßige Gesellschaft, muß ich sagen. Ich dachte, ihr würdet etwas bescheidener aus dem Krieg heimkommen, aber hochfahrender seid ihr geworden. Nun, Gott mit euch, ihr Galgenvögel!«

[S. 18]

»Aber ich habe ja nichts gegen das Mädchen einzuwenden!« lachte der junge Mann. »Gut, ich sage nicht unsolid, sondern zierlich. Für uns läuft's auf dasselbe hinaus. Woran sollen wir uns halten? Vielleicht hat uns der Krieg verdorben. In Frankreich gibt's wirklich hübsche Weiber. Die unsern wollen mehr von innen genommen sein; das ist zeitraubend. Ich glaube ja nicht besonders an diese Innerlichkeit; das soll ein Ersatz sein für das mangelnde Temperament. Nun, wenigstens hat sie Grazie; das ist schon etwas. Ist sie denn noch frei?«

»Jedenfalls bist du's«, sagte der Dechant doppelsinnig. »Wenigstens gibst du dich so.« Doch war zu hören, daß er ihm wohlwollte, und der Ermahnte hörte es.

»Ich bin jetzt eigentlich gar nicht zu Frechheiten aufgelegt«, bemerkte er beinahe nachdenklich. »Mir ist eher sentimental zumut, elegisch wegen dem Wiedersehen mit der Heimat und so weiter. Denn von der Heimat hab' ich noch wenig gesichtet seit Amerika; ich kam doch gleich aus dem Schiffsbauch in den Schützengraben. Aber was die Linde angeht, so ist es mir nicht sicher, daß du wirklich weißt, was hinter ihr steckt. — Ach, die Väteruhr. Sie hat immer noch ihr Ewigkeitspendel. Dann die braven deutschen Birkenmöbel. Die blauen Sessel. Mehr Blumen sind da als früher; das ist wohl die Hand des Mädchens? Die dicken Mottenvorhänge hat gewiß auch sie abgeschafft und Mullgardinen dafür aufgehängt. Eine Art von Übertragung des Ewigweiblichen nach außen. Zudem stehen sie besser zu den Birkenmöbeln und sind sogar stilreiner. — Tja, ihr habt eure Atmosphäre. Bei uns stinkt's nach Pulver und Gas; aber einen gewissen Stil kann man auch uns nicht abstreiten. — Hm, also das Mädchen. Wie sie da hereinkommt und mich zuerst sieht, macht sie doch eine Bewegung, als ob sie mir geradeswegs in die Arme laufen will. Die Heimat, denke ich, denn mir ist doch alles Heimat hier, was mir in die Arme läuft, oder wem ich in die Arme laufen kann. Im übrigen bin ich ein heimatloser[S. 19] Gesell, an dem schon die ganze Nation Vaterstelle vertreten muß. Sohn des Volkes. Auch gut. Also sie erkennt mich sofort, ich sie nicht. Das merkt sie denn und bekommt auf den Schlag ein anderes Gesicht, ganz junge Dame und ungeheuer reserviert. Was der Herr Leutnant wünsche. Und dann läßt sie mich mit aller Dummheit stehen, und mir ist doch so hinter ihr her, als hätt' ich etwas Rechts verpaßt. Derweil ist's nur eben grade meine gewesene Spielschwester. Zu komisch, was so aus den Leuten wird, wenn sie auseinander wachsen. — Sag' mal, hat sich jener alte Druck wiedergefunden, das Hohelied Salomonis, das Büchelchen mit den kurzweiligen Bildern, das auf einmal verschwand? Es gehörte ja auch nicht gerade in ein so gottseliges Milieu. Hast du wieder etwas davon gehört oder gesehen?«

»Nein, das hat sich nicht wiedergefunden.«

»Glaubst du noch, daß die Klingse es geklaut hat?«

»Du meinst die Tante Marie. Das ist eine dunkle Sache. — Wir sprechen eben von eurer Klingse«, wandte er sich ernsthaft gegen die wieder eintretende Jungfrau, die mit dem Geschirr für den Nachmittagstee kam. »Der Name enthält beinahe ein Programm, nämlich eins des Unbehagens. Es ist eine bittere Frau; Gott mache sie süßer. Heinz bringt mich darauf, daß ihr damals vielleicht Unrecht geschehen ist.«

Sie streifte die Gegend des Offiziers mit einem halben Blick, um dann das Teegeschirr abzustellen.

»Vielleicht«, sagte sie leicht errötend. »Hat dir der Herr Leutnant Anhaltspunkte gegeben?«

»Anhaltspunkte? Nein, eigentlich nicht. Es ist mehr eine Gefühlssache.«

»Dann mußt du deinem Gefühl nachgehen.«

»Nun, der Handel hat doch seine Tragweite«, meinte er bedenklich. »Habe ich ohne klare Beweise ihr unrecht gegeben und soll nun wieder ohne klare Beweise mir unrecht geben? Solche Dinge werden mit den Jahren schwerer[S. 20] beweglich; vollends Gefühlen nachzugehen, wird man fortgesetzt mißtrauischer.«

»Na, diese liebe Verwandte ist auch wirklich kein besonders begeisternder Mensch«, warf Heinz lachend ein. »Seid froh, daß ihr sie los seid. Ihr tut ja so, als ob ihr euch nach der Möglichkeit sehntet, euch wieder einmal recht ausbündig zu ärgern und euch am Leben stören zu lassen.«

Wenn Heinz mit der Bemerkung bezweckt hatte, Lindes Augen auf sich zu ziehen, so erlebte er jetzt allerdings einen Erfolg, aber nicht in der gewünschten Richtung. Sie wandte sich einigermaßen fragend nach ihm um und dann mit bemerklicher Würde ihrem Oheim zu.

»Kannst du den Herrn nicht veranlassen, wenn er mit dir so gut bekannt ist, sich auch mir vorzustellen?« erkundigte sie sich, vom Kopf bis zu den Füßen eine einzige Verwunderung. »Vorher möchte ich mich nicht auf ein so ernstes Thema mit ihm einlassen.«

»Donnerwetter!« sagte der Soldat verblüfft und erhob sich, um ihr eine halb scherzhafte, halb verlegene Verbeugung zu machen. »Verzeihung, Heinz Ekkart. Die junge Dame hat sich etwas unerwartet entwickelt, darum erkannte ich sie nicht gleich wieder — wenigstens nicht mit den Augen, wenn auch das Gefühl sprach.«

»Dann mag's weitersprechen«, erwiderte sie, noch wenig besänftigt. »Aber was die Tante Marie angeht, so weiß man entweder nichts Besonderes und läßt die peinliche Sache auf sich beruhen, oder man weiß und findet dann für seinen Anteil etwas warmherzigere Ausdrücke. Vor dem Unfrieden der Tante Marie habe ich keine Angst, aber schwerer weiß ich mich mit wirklichem Unrecht abzufinden. Lieber Onkel, ich glaube, wir sind uns allen nun etwas Großmut schuldig und müssen Tante Marie bitten, uns auf ein paar Wochen zu besuchen.«

Dabei blieb sie, und keine Einrede, auch nicht des nun völlig verdutzten Leutnants, brachte sie davon ab. Der[S. 21] Dechant suchte sich noch eine Weile zu entziehen, denn wenn Linde behauptete, keine Angst zu haben vor dem Unfrieden der Tante Marie, so hatte er um so mehr; die zehn Jahre, in denen er seine Schwägerin nicht mehr gesehen hatte, dünkten ihn besonders friedlich und ungestört. Aber über diese Sache gab Linde noch eine besondere Ansicht ab.

»Wenn ich einen wirklich schlimmen Verwandten hätte, einen Verbrecher zum Beispiel, so müßte ich auch meinen Verwandtenanteil an seinem Verbrechen tragen. Hier handelt es sich, wie du selber sagst, um eine Unglückliche; darf man sich von einem Unglück ausschließen?«

»Das Unglück ist nicht direkt mit uns verwandt«, wendete der Dechant ein. »Es ist angeheiratet.«

»Da muß es doch irgendwie verwandt sein, wenn es ein Verwandter von uns geheiratet hat, sonst hätte er es eben nicht geheiratet.«

»Es ist ja gar nicht gesagt«, versuchte sich der Leutnant wieder, »daß ihr etwas daran liegt, euch wiederzusehen. Diese Dummheit hat sie sicher längst vergessen. Vielleicht ist es ihr gerade so wohl bei der Trennung wie euch.«

»Mir ist nicht wohl dabei«, sagte Linde streng und sichtlich verstimmt. »Ich kann mich auch nicht erinnern, daß es damals auf Dummheiten abgesehen gewesen wäre, wenigstens konnte ich es die ganze Zeit nicht so auffassen. — Will sie aber nicht kommen, so haben wir wenigstens das unsrige getan.«

»Verzeihung, aber das sieht doch verflucht nach Selbstkasteiung aus«, platzte der Soldat nun heraus. »Das läßt sich ja alles brieflich erledigen. ›Liebe Tante, Dir ist Unrecht geschehen. Wir haben's heute miteinander ausgeknobelt. Willst Du's in der Zeitung lesen, so setzen wir's hinein. Wie immer Deine und so weiter.‹ Aber im übrigen kann ich euch vor dieser Frau nur warnen; das ist keine Gesellschaft für euch.«

»Aber du bist eine Gesellschaft für uns?« fragte Linde mit aufblitzenden Augen und nun ein wenig lachend. »Du[S. 22] kannst nur einen guten Einfluß ausüben, keinen beunruhigenden und aufstörenden. Nun, auch das muß sich weisen.«

»Wieviel Zeit willst du mir dazu bewilligen?«

»Keinen Tag länger, als bis wir darüber ins klare gekommen sind.«

»Dann will ich mich nur mit meinen Erklärungen vorsehen«, meinte er doppelsinnig. »Angenehme Bekanntschaften, besonders weibliche, soll man nicht durch solche Demonstrationen abkürzen.«

»Ich glaube kaum, daß du dir das Leben durch sie schon sehr verbittert hast; wenigstens siehst du nicht so aus.«

»Nun, du siehst auch nicht aus, als ob du deine Rechnung sehr darauf gesetzt hättest«, wandte er den Spott in einen Lobspruch. »Wenigstens ist mir noch kein Mädchen vorgekommen, das es so gut ohne den Mann zu machen weiß.«

»Du weißt viel«, spottete sie errötend. »Ist erst fünf Minuten im Haus und hat schon alles weg.«

»Nun also, da habt ihr ja wieder Bekanntschaft gemacht«, schloß der Dechant diese Auseinandersetzung. »Was dann die Tante Marie angebt, so will ich dir die Angelegenheit in die Hände legen. Ladest du sie ein, so will ich mich darein schicken. Wenn nicht, dann ist's nicht nötig, und ich kann beruhigt sein. Und jetzt will ich eine ordentliche Begrüßung unter dem jungen Volk sehen. Der Mann kommt aus dem Feld und hat Ansprüche zu machen.«

Das war nicht ganz gegen Lindes Meinung gesprochen. »Wir werden ihm nichts schuldig bleiben, was ihm zusteht«, sagte sie nun freundlich lächelnd und ging ihm mit dargebotener Hand entgegen. »Ich hatte mich viel um dich geängstigt und bin froh, daß du heil dastehst. Du selber, nicht?« fügte sie scherzhaft hinzu, um eine Verlegenheit zu verbergen. »Ich kann mir's vorstellen. Was werdet ihr so über uns Schwätzer und ofenwarmes Stubenvolk denken? Man sollte uns wirklich so lange den Mund zubinden, denn[S. 23] was Gescheites kommt doch nicht heraus. Wie ist's dir jetzt, da du das Ganze so weit hinter dir hast?«

»Gar nicht besonders«, kopfschüttelte er. »Wie soll mir sein? Ich bin doch im Schützengraben jetzt heimischer als in der Heimat. Hier kenne ich mich schwer aus. Wenn ich so sehe, wie hier eine friedliche Menschheit sich weiter dem kleinen Handel und Wandel nachtreibt, so ist's mir direkt, als ob ich in den Traum eines andern Menschen hineinguckte. Ich will ja nichts gegen den Frieden sagen, aber ich verstehe nicht mehr, wie ich früher gelebt habe, ohne vor Langeweile einfach einzugehen. Seht doch unsre Kerls an, was die für Farbe und Wucht bekommen haben. Weltgeschichtliche Haltung haben sie. Das gibt's im Frieden nicht. Jetzt bin ich schon vier Tage schlafen gegangen, ohne wenigstens einen Engländer hinter der Schießscharte weggeblasen zu haben. Das kann man nämlich genau kontrollieren. Wenn man abdrückt, und es fliegen gleich darauf zwei Hände in die Höhe, so weiß man Bescheid. Geradezu komisch ist das manchmal. Wie in der Schießbude. Ich hab' ja sonst mit dem Gewehr nichts zu tun, aber man will doch eine Unterhaltung haben, wenn nicht was Besonderes los ist. Diese Englishmen liebe ich geradezu; sie sind so kolossal zuverlässig. Sich nun vorzustellen, daß eines Tages der Friede ausbricht und die ganzen interessanten Beziehungen plötzlich aufhören sollen — lächerlich. Wirklich lächerlich. Manchmal ist's geradezu eine Panik. Na, vorläufig sind wir ja noch für 'ne Weile sicher. Tja, Mariechen, so ist das Leben. Auf welcher Seite der Hund in den Dreck fliegt, auf der wird er schmutzig. Zu schnurrige Leutchen seid ihr da in eurem Biedermeierzimmer aus Birke und mit den alten Großmuttertassen und -kännchen, dem ernsthaften Familiensofa und den Bildern von längst verstorbenen Verwandten an den Wänden. Na, immerhin will ich dafür sorgen, daß ihr beizeiten auch eins von mir bekommt; es muß sich da nicht übel hängen. Und so rahmt uns, wenn wir tot sind, und verwöhnt uns, derweil wir[S. 24] leben. Seid recht nett zu uns, besonders ihr Mädchen, so nett ihr könnt sogar, nämlich solang ihr uns habt. Wollen sehen, Kusinchen, was du in dieser Richtung leisten kannst.«

Linde hatte diesen kriegerischen Ausführungen mit erst vergrößerten und dann vertieften Augen zugehört, und nach und nach war ihr eine Röte der Anteilnahme oder der Erregung in die Wangen gestiegen. Denn indem sie diesen hübschen jungen Menschen mit den roten Lippen und den blauen, kühnen Westfalenaugen betrachtete, wußte sie nicht, was bei ihm größer war, seine Grausamkeit oder seine Unschuld, sein Selbstbewußtsein oder die einfache Bescheidenheit, mit der er in einer einmal gestellten Aufgabe aufging, und wenn sie noch so dumpf oder fürchterlich war. Indem sie ihn dann inmitten einer Welt von Leid und Jammer interessiert und munter tätig an seinem Schießstand erblickte, seiner Mutter, seiner Kindheit und seiner eigenen Sterblichkeit vergessend, so überkam sie ein so heißes Mitleid mit seiner lebendigen Seele, daß sie ihm nicht anders antworten konnte, als mit ergriffenem Gefühl:

»Du armer, armer Mensch!«

Seine Verblüffung über diesen Eindruck war ziemlich groß. Sonst war er gewöhnt, daß ihn die Mädchen bei solchen Reden bewundernd und in allem Grausen vor seiner hartherzigen Kriegerbrust gerade nach dieser als nach einem verläßlichen Fels verlangend ansahen, und daß er dann nur seine Wahl zu treffen und keine andere Sorge zu haben brauchte, als daß er nicht neben die Rechte griff. Er hätte es auch noch verstanden, wenn Linde eine Lebensbetrachtung wie die geäußerte schroff abgewiesen oder verspottet hätte, ohne darum von seiner Selbstbewunderung etwas aufgeben zu müssen. Aber daß etwas Bedauernswertes an ihm sei, das war ihm bisher weder von jemand gesagt worden, noch vollends von selber eingefallen. Ganz verdutzt von dem Wort machte er: »Nanu? Wieso denn?« und schlug eine verlegene Lache auf, da aber niemand mitlachte, Linde auch[S. 25] offenbar zu weitern Auskünften nicht bereit war, so gab er's achselzuckend auf.

»Ihr seid wohl immer noch die alte seltsame Gesellschaft!« meinte er gutgelaunt. »Also gut, bedaure mich; es soll mir auch recht sein. Warum hast du mich eigentlich noch nicht gefragt, weshalb ich keinen Degen trage, sondern ein gewöhnliches Seitengewehr? Das wollen sonst alle Mädchen wissen. Den Degen braucht man nämlich im Schützengrabenkrieg nicht. Er kommt einem höchstens zwischen die Beine und macht einen stürzen, oder er verrät einen bei den gegnerischen Schützen, die auf Offiziere besonders erpicht sind. Und dann ist das Seitengewehr eine ganz gute Handwaffe, nicht zu verachten. Hat mir schon einigemal gute Dienste geleistet. Sonst« — er sagte es mit einem einfachen und liebenswürdigen Lächeln — »sonst säßen wir hier nicht so hübsch beisammen.«

Dem Dechanten wurden die Augen trübe. »Du stehst etwas tief im Blut, mein Junge!« sagte er ernst. »Ich weiß nicht, ob die Heimat so viel von dir verlangt.«

»Was denn? Krieg ist Krieg. Was soll die Heimat verlangen? Ich vergesse meinen Ersten meiner Lebtage nicht. Es war ein netter junger Englishman. Höchstens neunzehn Jahre. Er sah mich mit ganz großen, erstaunten Augen an, ein bißchen vorwurfsvoll und traurig. Ein paar Tage lief's mir doch nach. Das zweitemal sah ich nicht lange hin; das ist viel besser. Und dann — heute dir, morgen mir. Da hilft schon nichts.«

»Die Liebe würde helfen. Aber wer hört heute darauf? Obwohl keiner im Grund seines Herzens nach etwas anderem verlangt. Kannst du während solcher — Vorgänge oder gleich nachher an Jesus Christus denken?«

»Na, dazu ist er wohl auch nicht da!« meinte der Soldat verdutzt. »Daran denkt wahrscheinlich immer nur der, den's trifft. Und da es nacheinander alle trifft, wenn's nur lang genug dauert, so — tja, das ist noch eine Vorstellung. Thema für eine Predigt, lieber Onkel. Aha, da kommt[S. 26] die Brigitt mit dem Kaffee. Grüß Gott, alte Dame. Obwohl sie kein bißchen älter geworden ist die Jahre durch, das muß wahr sein. Nicht einmal den Rücken beugt sie tiefer. Schade, daß nun so was keinen Jungen dastehen hat. Das kommt von der übergroßen Keuschheit. Man sollte alles mit Maß treiben, meinst du nicht auch, Brigitt?«

»Du übertreibst die Keuschheit jedenfalls nicht«, erwiderte die alte Person halb erbost, halb lachend. »Die Mäuler, die die jungen Herren aus dem Krieg heimbringen, sind schlimm genug, aber sie sind immer noch nicht das Schlimmste an ihnen. Gott bessere sie zeitig, sonst wird's bald zu spät sein.«

»Amen!« sagte Heinz. »Aber du mußt zugeben, daß manchmal auch ganz brave Dinge von uns verrichtet werden. Nicht?«

»Wenn ihr nachher im Frieden halb so große Kerle seid, so will ich euch loben«, meinte sie vorsichtig. »Ich habe gefunden, daß manchmal mehr Mut dazu gehört, seinen Gott zu bekennen, als einen auf Kommando totzuschlagen. Warst du verwundet? Nein? So wird's Zeit dazu, daß du endlich wieder zum Denken kommst. Siehst gut aus. Na, Gott mit dir.«

Mit diesen Worten ließ sie ihn und ging aus der Tür, geradeso gemessen, aufrecht und gesammelt, wie es einer alten Frau in ihrer Stellung und mit ihren Lebensgewohnheiten zukam. Übrigens trug sie ein blaues Waschkleid von hessischem Leinen, das ihren tüchtigen Rücken fest umspannte, aber weit um die Hüften und Beine fiel, und starke schwarze Lederpantoffeln, mit denen sie bei jedem Schritt den Rocksaum hinten etwas in die Höhe stieß. Diese erlaubte sie sich seit etwa zwei Jahren, weil ihre alten Füße hohe Schuhe nicht mehr gut vertrugen; in der Kirche mußten sie's freilich dennoch.

Übrigens war Bob mit dem jungen Mädchen ins Zimmer gekommen, hatte den Soldaten berochen und mit einem Blick auf Linde mitgeteilt, daß man ihn anerkennen könne,[S. 27] und darauf seinen Platz auf dem Fensterbrett aufgesucht, um von dort aus den Zuzug oder Durchgang fremder Hunde auf dem Domplatz zu bewachen. Jetzt rief ihn Brigitt, um mit ihm auszugehen. Er wedelte einen kurzen Abschied und fuhr aus der Tür.

Zweites Kapitel
Linde entwickelt sich. Ein Soldat bekommt Zweifel und löst sie praktisch. Die Tante tritt an

I

In der Folge sah niemand einen Grund, verhindern zu sollen, daß die beiden jungen Leute wieder so gute Freunde wurden, wie sie vorher gewesen waren, auch nicht die alte Brigitt, obwohl nach ihrer Meinung der junge Soldat es mit der Keuschheit nicht genau nahm, aber Linde wußte sie in guter Hut, denn sie ging mit den Engeln schwesterlich um. So wandelte diese denn mit ihrem frühen Jugendgespielen und ihren spätern Schutzgeistern die Gartenwege des Dechanten auf und ab und nachher, als sie etwas kühnlicher wurde, auch die Gassen und Stiege der alten kleinen Heiligenstadt, vergaß bald ihre Engel über dem Soldaten und bald den Soldaten über den seligen Geistern, die ihr zuflüsterten, aber doch immer etwas häufiger und länger die Engel. Die Engel konnte sie auch wirklich nachher, wenn der Soldat weg war, wieder genug haben, aber den Jugendgespielen hatte sie bloß vier oder sechs Tage, je nachdem es ihm bei ihr gefiel. Sie legte es nicht geradeheraus, doch still besorgt und mit gütigem Herzen darauf an, daß es ihm jedenfalls nicht mißzufallen brauchte, zündete jeden Morgen in ihren ernsten Augen ein neues Lichtchen an und manchmal auch schon abends, wenn sie mit der Überzeugung ins Bett stieg, daß er in gar keinem Fall ein schlechter Mensch sei und in diesem und jenem ihr sogar den Eindruck eines lieben und von Gemüt wahrhaft freundlichen Knaben gemacht habe, gottlob, denn[S. 28] das Gegenteil hätte ihr leid getan. Sie trug sogar nach und nach ein wenig frische Farbe auf ihren Wangen und Lippen auf, nicht mit dem Pinsel, sondern mit dem holden Engelsfinger der erlaubten Lebensfreude und auch nicht zu hastig, aber immerhin so beseelt aus ihrem dankbaren Sinn heraus, daß er es merkte und sie den Tag über manchmal daraufhin ansah.

Es ging von ihrer tiefen Gehaltenheit etwas auf den irdischen jungen Mann über, das ihn ergriff und rührte. Manchmal meinte er, es sei ihre zarte Gesundheit, dann glaubte er, es komme von dem musikalischen Seraphim, der in ihrer Stimme wohnte, dann von dem besondern aus sich seligen Strahl, der oft aus ihren blauen Augen brach, und wiederum schien es ihm, die Wirkung rühre her von Qualitäten und innerlichen Kräften, die ihm zur Zeit und vielleicht für immer verborgen bleiben müßten, denn er war ein Weltkind, aber sie ein Kind Gottes und nicht nur dem Geist nach. Wenn er ihre reinen, langen Hände betrachtete mit den leichten und vornehmen Fingern, die sowenig von sich selber wußten, ihre fromme Stirn, hinter der neben aller Erdenklugheit so unirdische Gedanken wuchsen, und die ganze freundliche Gestalt auf dem feinen Knochengerüst, die ihm, dem gesunden Soldaten, doch eher hinfällig als stark erschien, soviel Federkraft und Leistungsfähigkeit sie auch sonst entwickelte, so überkam ihn ebensooft etwas wie Sorge, daß sie am nächsten Morgen etwa plötzlich nicht mehr da sein könnte, wie Verwunderung darüber, daß sie's dann doch immer wieder war, sich nie auf müden Stimmungen oder Abwesenheiten ertappen ließ und neben allen gemeinsamen Jugenderinnerungen, die er vergessen hatte, noch so mancherlei Einfälle und Reize aufbrachte, die zu seiner Sinnlichkeit sprachen und offenkundig aus Sinnlichkeit kamen, so daß ihm schließlich nichts anderes übrigblieb, als sie auf eine wachsame und etwas verlegene Art zu verehren und ohne vieles Gefrage zu nehmen, was sie ihm bot, und wie sie's bot.

[S. 29]

Darüber hinaus mußte er zugeben, daß aus dem Mädel von einst in der Tat ein vollgültiges Fräulein geworden war, mit dem man sich sehen lassen konnte, und das jeden zur Aufmerksamkeit reizte, sobald sie den Mund auftat, manchmal sogar schon vorher, wenn sie lächelte oder nachdenklich den Kopf neigte. Immer sah sie aus wie jemand, der sich etwas denkt oder dies und das schon selber erfahren hat, und wo sie hinkam, da verbreitete sie Vertrauen um sich. Immer häufiger wurden auch die Momente, in denen er sie geradezu reizend fand. Sie, Weib genug, um das zu merken und zwar sofort, freute sich darüber, gab errötend ein weiteres Stück ihres scheuen Jungfernwesens heraus, das er dann sofort ebenfalls bewunderte, und so kam es, daß sie in Wahrheit in kurzer Zeit derart an Lieblichkeit und Weibergut von Gottes Gnaden zunahm, daß es auch die andern Leute merkten und man sie sogar damit necken konnte. Das besorgte der Dechant, der als ein erfahrener Freund aller Schönheit das Auge dafür hatte. Ihm schien sie ein Stück wiedererstandene leibhafte Gotik, und manchmal war es ihm, als müsse er in seinem Münster oder im Schuppen, wohin er seine Figuren und Bilder während der Renovation untergebracht hatte, nachsehen, ob ihm nicht eine aus einem Rahmen oder von einem Sockel verschwunden sei. Denn um falschen Vorstellungen zu begegnen, so fehlte ihr keine von allen Leibesliebenswürdigkeiten, die auch die wundersamsten Gestalten der Gotik an sich hervorbringen, und die das Auge des liebefähigen Mannes je nachdem mit melodiöser Sehnsucht oder mit Formen- und Linienglück erfüllen. Die der beredeten Männer füllte sie nun mit Glück, zumal sie einiges von ihrer gottseligen Strenge aufgab und jetzt mehr geneigt war, die Natur reden zu lassen, als den Geist der reinen Lehre. Die alte Brigitt sah vieles und dachte sich, was zu denken war, aber sie sagte nichts, dagegen lebte sie manches in ihrer alten Seele mit, wie Mütter bei ihren Töchtern zu tun pflegen. War sie nicht Lindes Mutter, so[S. 30] fühlte sie sich doch so, da sie's aber trotzdem nicht war, so ergab sich als Effekt der mütterlichen Veranstaltung bei ihr eine gewisse altmädchenhafte Verweltlichung auf eigene Rechnung. Es war ihr wichtig, daß die schöne und stille Zeit nicht durch »Unflätigkeiten« von ihrer Seite, durch »Schmutzereien« und »Liederlichkeiten« gestört und der Jüngling vielleicht durch sie verstimmt oder gar vertrieben würde. Nicht daß sie ihm um den Bart ging, dazu besaß sie schon nicht das Temperament, sondern wenn sich die Gelegenheit bot, sein Großmannstum ein wenig zu ducken und ihm seine sittliche Minderwertigkeit zu Gemüt zu bringen, da versäumte sie nichts, dagegen setzte sie zeitweise allerlei alte Garderobe außer Gebrauch und erschien in neueren, hübscheren Sachen, und schließlich dachte sie auch, daß man sich an ihren Pantoffeln stoßen müsse, und zog wieder Schnürstiefel an. Da sie aber um den Abend gar zu mühselig daherhumpelte, wurde Linde darauf aufmerksam und verbot ihr die Hoffart. Brigitt gehorchte dankbar, und die Stiefel wurden wieder nur dem lieben Gott geweiht.

Der Garten fiel mit seinen Büschen und Bäumen steil zwischen alten Mauern zum Bach hinab; man beging ihn meistens auf Treppen außer den Querwegen, auf die die hängenden Beete stießen, und den Rasenplätzen, auf die man sich setzen konnte, um zu träumen oder nach Gefallen zu wachen. Die jungen Menschen taten immer beides durcheinander. Die Zwetschen waren reif und sahen amethystblau aus dem grünen Laub hervor. Heinz half Linde schütteln und auflesen. Dann half sie ihm Gravensteineräpfel pflücken und einbringen. Einmal wollten sie auch der alten Brigitt bei ihrer Gemüseernte zur Hand gehen, aber sie war sehr kurz und hieß sie ihre eigenen Wege suchen. Das taten sie denn auch, etwas verlegen über die behördliche Erlaubnis und zufrieden über die Möglichkeiten, die sie ihnen eröffnete. Es stellte sich heraus, daß Heinz in der Fremde manches von dem alten Städtchen[S. 31] vergessen hatte. Was er sich am wenigsten verzeihen konnte, war, daß er das Stück Stadtmauer und den runden Turm nicht mehr gewußt hatte, woran der Garten Anstößer war. Dort standen große, ehrbare Holunderbüsche. Auch den reifen Holunder pflückten sie miteinander; Brigitt kochte Suppe davon, und den Rest machte sie ein. Heinz holte eine Leiter herbei, und sie stiegen nacheinander zum Turmloch hinauf, um zu sehen, ob Eulen drin säßen. Sie fanden ihrer vier, aber Linde erlaubte nicht, daß Heinz sie ängstigte. Inzwischen litten sie ohne das schon genug Angst.

Mit dem Dechanten gingen sie manchmal den Fortgang der Kirchenarbeit besehen. Das hübsche gotische Sakramentshäuschen war eben wieder von den Gerüsten frei geworden und stieg nun mit seinen Säulchen und Blumen so rein und leicht wie der Liebesseufzer einer frommen Jungfrau zur Wölbung des Mittelschiffes hinan. Die Ehrfurcht und das religiöse Grundgefühl, aus denen der ganze ernste Bau gewachsen war, vermochten freilich auch die Steinhobel und Hebeisen der Maurer nicht aus den sonst entkleideten Bogengängen zu vertreiben; sie wallten mit dem Staub und den Sonnenstrahlen feierlich in alter Weise vor den farbigen hohen Fenstern auf und ab und umdämmerten unerfaßlich und mit dem Charakter der Ewigkeit das ewige Licht, das uns die Wiederkehr des göttlichen Menschen und des menschlichen Gottes verspricht. Der Dechant beklagte sich bei Heinz darüber, daß auch Linde im geheimen an seiner Frömmigkeit zweifle, weil er den notwendigen Mut gefunden habe, mit Schaufel und Karre in das geweihte Lokal einzuziehen, aber Linde hatte heute nicht genug strenge Heiligkeit im Leib, um dies Thema zu spinnen, und wich ihm aus. Heinz sprach ganz weltlich von dem Bedürfnis eines alten Gebäudes nach Pflege und immerwährender Fürsorge keinem ganz zur Zufriedenheit und keinem geradehin zum Unbehagen; sie spürten beide, daß er ihnen zu Gefallen auf fremde und ihm gleichgültige Dinge einging, und so ließ auch der Dechant[S. 32] den Gegenstand fallen. Als er aber seinen Neffen in sein kleines Museum führte, wo die aufgefundenen heiligen Geräte und Gegenstände sich wieder ans Tageslicht gewöhnten, hatte der moderne Soldat ganz ordentlich mit der seltsamen Empfindung zu schaffen, die uns immer überkommt, wo wir einen leibhaften Zeugen von mehr theoretisch bekannten alten Historien vor die Augen bekommen.

Eine persönliche Verwirrung hatte Linde mit sich selber abzumachen. Am zweiten oder dritten Tag, als Heinz noch nicht wieder ganz vertraut mit ihr war und auch schon nicht mehr ganz unvertraut, hatte er in der Nähe des Mauerzahns ein kurzes Gespräch mit ihr. Was diese Ruine angeht, so kann man sagen, daß Heinz sich von ihr allgemein und besonders angezogen zu fühlen schien, während Linde sie lieber umging und, in ihrer Nähe angekommen, stets Zeichen von Unruhe und Befangenheit gab, die Heinz eher zu vermehren Lust hatte als zu vermindern. Als sie sogar einmal errötete, sprach er sie mit etwas spöttisch verzogenen Lippen darüber an.

»Wie ist das nun eigentlich?« sagte er andeutend mit einer Kopfbewegung nach der Mauer. »Alles beim alten? Konservativ wie immer? Oder in aller Stille in Ordnung gebracht? Zwar dann hätte ich etwas davon gehört. Wie steht's?«

»Wie soll's stehen?« erwiderte sie mit weggewandtem Blick. »Frage dich selber.«

»Also noch beim alten. Bewahrte Erinnerung. Sag mal, warum weiß er nichts davon? Das ist doch unter Umständen inzwischen eine Gewissensfrage geworden, wenn man bedenkt, wie er daran hing. Hast du's wenigstens gebeichtet?«

»Nein.«

»Nun seht einmal dies verstockte Herzchen an. Nicht einmal gebeichtet hat sie's. Und hast immer nett und gut die Kommunion mitgemacht mit der ungebeichteten Sünde[S. 33] im Gewissen? Du, wie machst du das dem lieben Gott plausibel?«

»Wieso ist das jetzt eine Sünde?« fragte sie unzufrieden. »Als du kamst, war's noch eine Dummheit.«

»Nun, was denn ist's? Also ein gutes Werk! Na, die Bilderchen waren ja wirklich etwas drastisch. Wenn du's ehrlich und fest dafür ansiehst, so mag's angehen, obwohl du neulich nicht danach gesprochen hast und augenblicklich auch nicht danach dreinsiehst. Es ist dir ins Gewissen gewachsen, und du hast dich schon ordentlich tief darein verstrickt.«

»Ich konnte nichts tun, solange ich mich nicht mit dir verständigt hatte. Wir haben doch gemeinsam daran teil.« Diese Worte sagte sie beinahe heftig, aus einer Erregung heraus, aus der Heinz die jahrelange Spannung zu vernehmen glaubte.

»Haben wir?« fragte er aufmerksam. »Überlege dir das noch einmal, Mariechen. Haben wir nicht, so fällst du zwar dem Gericht deines Gewissens und so weiter unters Urteil, aber du hast's doch nur mit der höhern Macht zu tun. Haben wir aber, so bist du in der Hand eines Menschen gegeben, und ich bin nicht immer sauber. Siehst du nun, wohin solche Kinderstreiche führen, wenn man sie konserviert? Ach, ihr Leutchen da in der Heimat, wie seid ihr so deutsch und so tiefsinnig und so gewissenhaft. Und so gar nicht amerikanisch! Warum hast du nicht einen guten Sport draus gemacht und ›es‹ ihm ganz einfach eines Tages gesagt, ihm zum Geburtstag die Schwarte stillvergnügt auf den Tisch gelegt? Du konntest ja die Schuld auf mich schieben.«

»Ich sagte dir schon, daß wir das zusammen besitzen.«

»Ach, besitzen. Ich besitze gar nichts, Mariechen, außer wenn ich damit etwas anfangen kann zu meinem Vorteil oder zu meinem Vergnügen. Werde ich also eine Erinnerung besitzen? Rechne einmal. Aber wenn ich heute oder morgen mit diesem Handel Ernst mache, so werde ich dich[S. 34] besitzen, das ist das Lange und Breite. Wie willst du mir nun eine Sünde verreden, wenn ich Lust dazu bekomme, nachdem ich dich selber in einer bis an die kleinen hübschen Ohren sitzen gefunden habe? Ich will mich noch besinnen, ob ich dich herausziehen werde. Es kommt alles darauf an, ob ich dich reizend finden werde oder nicht. Sei also Weib oder Betschwester, was dir besser vorkommt. Danach wird sich alles richten.«

Sie sagte nichts mehr dazu, da sie außerdem einsah, daß mit Worten hier wenig zu richten war. Dagegen schien es dem weltlichen Vetter bald, daß Linde sich dafür entschieden habe, Weib zu sein, und das bereitete ihm unter allen andern die größte Überraschung, ja beinahe eine Art von Bestürzung, denn was sollte er mit einer solchen Beute machen, wenn sie ihm in die Hand fiel? Das war doch kein landläufiges Liebchen, sondern eine Jungfer mit Beziehungen und Qualitäten, und zur Hälfte gehörte sie sogar schon dem Himmel; mit dem trat er aber am allerwenigsten gern in Konkurrenz. Es wurde ihm immer gewisser, daß sie ziemlich genau wußte, was sie tat, und welchen Weg es mit ihr nahm, ebenso, daß sie anderseits der Entwicklung selber rat- und hilflos gegenüberstand, ohne die Möglichkeiten, sich dagegen zu wehren, weil im Grund alles seltsame, gefährliche und liebliche Wesen aus ihrem heimlichsten Blut erblühte. Bedachte er dann diese ihre Zwangsläufigkeit, so fühlte er beinahe Mitleid mit ihr. Etwas Gefährlicheres konnte er gar nicht fühlen, denn es weckte zu gleicher Zeit seine Begehrlichkeit und Abenteuerlust, und sein Blut trieb sich bunt schäumend und voller Mannesträume durch seine Adern, aber es machte ihm auch schwermütige Stunden und einsame Nächte voll Furcht und Grillen, für einen jungen Mann mit einer so handlichen Philosophie recht seltsame Stimmungen und Gemütszustände. Bei jeder andern hätte er sich auf den Kopf zugesagt, daß er verliebt sei, und keine andern Folgerungen daraus gezogen, als daß man nun eben suchen müsse, ihrer[S. 35] habhaft zu werden. Und dann hätte er sie erwischt, oder sie wäre ihm entwischt, und er hätte sich in jedem Fall mit verschärftem Appetit nach der nächsten umgesehen. Daß hier sein lohnender Turnus so peinlich gestört war, wollte ihm am allerwenigsten gefallen, und manchmal dachte er verärgert: Laß doch das ganze preziöse Persönchen zum Teufel gehen oder in den Himmel fahren, und sieh, daß du noch ungeschoren davonkommst, ein honetter junger Mann, der du bist. Aber dann mußte ihm nur einfallen, wie sie sich drehte, oder wie ihre Stimme klang, so war es um den ganzen honetten jungen Mann wieder geschehen und war er entschlossen, sich weiter scheren zu lassen. Was in dieser Schur fiel, das waren seine sündigen blonden Locken, und es wäre eine unnötige Gewalttätigkeit, behaupten zu wollen, daß er diesem leisen Schneefall der Eitelkeit nicht mit der allertiefsten Wehmut beigewohnt habe.

Indessen hatte diese Art von Leben für ihn auch angenehme, ja schöne Stunden. Wenn er mit dem zutraulichen Kind, zu dem sie aus einer wachsamen Jüngerin der Gottseligkeit geworden war, die steilen Gassen und Treppen der alten Stadt auf und ab stieg und in seinem Gemüt wie in einem Brennglas der Hoffart alle Ehrungen einfing, die ihm zuflogen, teils als Begleiter einer so geehrten und frommen Jungfer und andernteils doch auch aus eigenen Verdiensten, nämlich als Besitzer und Träger beider Eiserner Kreuze und von zwei kleinen Fürstenorden dazu, so fand er die hessischen Giebelhäuser, die bunt und quer auf seine moderne Existenz herabsahen, genau so originell und hübsch, wie Linde es wünschte, und er sprach nicht einmal davon, daß es drinnen doch recht niedrige und enge Buden habe. Und tatsächlich schwebte auch soviel silbernes Gespinst nicht nur des Herbstes, sondern auch der Geschichte in der Luft, hing an Giebeln und Türmchen, machte die Brunnen heimlich und die Plätze weise wie alte Bücher, daß es ihm oft war, als habe er sich aus seinem fortgeschrittenen Jahrhundert in irgendeine mittelalterliche[S. 36] Epoche verirrt, und dann war er seiner unentwegten Begleiterin dankbar, daß sie mit ihrer zeitgenössischen Figur ihn wieder mit der berühmten Gegenwart verband, in der er zu Hause war, und die er kannte wie seine Hosentasche, wenigstens glaubte er's. So erlebte er sie jedesmal in einer neuen Beziehung, und die Hauptsache: er erlebte und fühlte sie unausgesetzt, ob er wollte oder nicht. Sie beschäftigte seine Gedanken und Sinne und war auf lange Striche der einzige Mensch, der ihn nicht bloß mit dem Augenblick, sondern mit der ganzen weiten Welt und selbst mit dem hohen geneigten Schöpfer verband. Hatte er seine altkluge Nase nicht oben zwischen den Fenstern und Erkern der engen Bürgerhäuser, so waren sie sicher bei ihren kleinen Mädchenfüßen, die sie immer so flink und wohlgemut unter ihren Rocksäumen hervorbrachte und so eigensinnig fest aufs Pflaster setzte. Redete sie einmal ein Kind an, um es nach Geschwistern oder der Mutter zu fragen, so blieb er wohlgesinnt stehen, bis die heilige Unterhaltung zu Ende war. Und als ihn einmal ein naseweiser Junge am Rock zupfte und ihn andächtig fragte: »Sie, haben Sie denn immerzu gesiegt?«, freute er sich, als ob er beschenkt worden wäre, und er wurde es auch aus heiterm Himmel, denn so losgebunden hatte Linde die ganze Zeit noch nicht gelacht und gescherzt wie diesen Nachmittag. Das Geschenk bestand darin, daß sie zum erstenmal über seinen kriegerischen Charakter sprach, heiter und in verzwickten Neckereien, für die er in der Eile gar nicht genug flüchtigen Geist aufzubringen vermochte, aber die Scheu davor schien doch gebrochen, und jenes schmerzliche Mitleid hatte sich zu einem launigen Bedauern für allen Schmutz, Hunger und sonstigen soldatischen Notstand gemildert, den er im Feld erleiden mußte. Wenn sie ihm auch seine wahre Größe nicht richtig einzuschätzen schien, denn sie ging ihm gar zu selbstherrlich damit um, so war er's doch zufrieden, daß sie nicht mehr als Befremdung zwischen dem Mädchen und ihm stand, sondern ihm nun in ein allgemeines Weiberwohlgefallen[S. 37] aufgelöst als Liebeslaune von ihr zurückstrahlte, wenigstens legte er sich die Sache so aus. Den ernsten, wachsamen Hintergrund, auf dem ihre Laune leuchtete, merkte er nicht; dafür waren seine Augen zu roh, sein Blick zu oberflächlich und sein seelischer Tastsinn noch zu unentwickelt. Etwas Niggerhaftigkeit hängt jedem Amerikaner an, auch dem nachgemachten deutschen.

Der besagte Nachmittag führte aber das Paar an sehr gütigen Fäden aus der Stadt hinaus über die Felder, die schon frisch bestellt wurden, an herbstlichen Wiesen vorbei, auf denen Vieh läutete, zwischen Büschen mit Schlehen und Hagebutten hin, in denen Kinder hingen. Da und dort wurden Kartoffeln ausgemacht. Feldfeuer brannten. Allenthalben sah man gefangene Franzosen und Belgier zwischen dem eingesessenen Bauernvolk arbeiten, und manche radebrechten ein wenig miteinander. Rings auf den Hügeln standen neben den Wäldern die grauen Wachttürme und sahen wie vor alters in die Täler hinab. Aber sie hatten nichts mehr zu bewachen; das Wächteramt war an andere Gewalten übergegangen, und auch die Kriege nahmen heute andre Wege. Aber die Wolken flogen noch ihre alten heiligen Straßen. Auch die Wetter zogen noch aus den gleichen Himmelsgegenden her. Und die Gestirne durchwandelten an ihrem Ort ihre Ewigkeiten wie von Anbeginn. Wälder wuchsen, wurden geschlagen und wuchsen neu. Die Täler waren im Wechsel grün und weiß. Ab und zu brach irgendwo ein Feuer aus, brannte seine Zeit und erlosch wieder. Das war's, was die Türme noch vom Zeitlauf zu sehen bekamen. Vom gegenwärtigen ungeheuren Krieg war ihnen nichts bewußt, und das erschien als das Ergreifende an ihnen, obwohl niemand zu sagen vermochte, warum.

Zu einem von diesen uralten Türmen wanderten die beiden jungen Menschen hinaus. Linde sang leise vor sich hin und dachte, sie wußte nicht, woran. Sie fühlte sich jung und kräftig wie noch nie und bereit, das Leben der[S. 38] Liebe in sich aufzunehmen, und diesem rätselhaften Leben blickte sie mit vertrauenden, beinahe klaren Augen entgegen, doch mehr dem künftigen als dem gegenwärtigen, von dem sie doch noch ein leichter Schleier von Scheu und Ängstlichkeit schied. Im künftigen war alles schon geschehen und erfüllt, was sie am gegenwärtigen noch schreckte und erregte; das Heute war in aller Süßigkeit voll Unruhe und widersprechender Empfindungen, die sie manchmal einschüchtern wollten. Sie trieb im Ungewissen und konnte sich nicht aufhalten, und wenn ihr Tod darauf stand, so war es ihr unmöglich, von den beiden Wegen, die ihr Heinz eröffnet hatte, einen andern zu gehen als den hellen, auf dem er sie sehen und lieben konnte. Daneben hörte sie nicht auf, Mitleid zu empfinden für seine Lebensgier und für seine ganze innere Armut, die er mit so grober Kost und alltäglichem Kram in Bedeutung und Besitz zu verwandeln hoffte, und manchmal schwebte sie eine Geisterluft an, daß sie vielleicht dazu berufen sei, durch irgendein frommes Opfer ihn, wenn es sein mußte gegen seinen Willen, zum wirklich reichen Mann zu machen und ihm eine Bewegung zu verursachen oder vorzubereiten, aus der dann seine wahre beseelte Persönlichkeit hervorbrechen konnte. Inzwischen sie aber so fleißig und mit aller Treue an sein Inneres dachte, versäumte sie nicht, sein mannhaftes Äußere weiterhin anzusehen, das, wie sie deutlich erkennen konnte, nicht nur ihr gefiel. So wurde aus liebendem Mitleid, freundlicher Eifersucht, Wohlgefallen und Furcht vor dem eigenen Blut wie aus vier Morgenröten, wovon eine immer die andre überschäumte oder durchleuchtete, in ihrer Mädchenwelt der erste tiefe und wildkeusche Morgen der Liebe, dem es sowenig an gottesfürchtigen Lerchen wie an naturfrommen Rehen und Hasen fehlte, und in dem sie den endlichen Regen jetzt schon deutlich voraussah, denn der Geliebte war bestimmt, nach dieser Zeit von ihr weg in den Krieg zurückzukehren, und sie wußte, ohne fragen zu müssen, daß er sich auf das Wiedersehen[S. 39] mit seinem guten Gewehr freute und auf den Tag, an dem er durch das Zielfernrohr wieder den ersten Engländer visierte.

Beim Turm angekommen, setzte sich das Paar auf die verfallene Ringmauer und ließ die Blicke zunächst ziemlich still durch die Landschaft gehen. Hin und wieder wies eins das andre wie auf ein Geschenk auf irgendeine besondere Erscheinung, wie sie das Licht gerade hervorhob. Drunten wand sich der Fluß durchs Tal; seine Windungen erinnerten beide an die Inschriftenbänder, die man oft auf alten Bildern flattern sieht, und Linde meinte, hier würde irgendein schöner Spruch vom Frieden darauf stehen. Das Städtchen stand mit seinen Türmen und Dächern und dem hohen Dom gegen den hellen Abendhimmel wie eine Burg Gottes, in der es nur Freunde Christi und stille Priester gibt und gastliche Herbergen für Pilger. Der Dom teilte der ganzen Landschaft eine ernste, milde Stimmung von Ehrfurcht vor dem Unsagbaren mit, das hier als Geschichte und Legende lebendiger als sonstwo und zugleich so einfach wie nirgends zur Seele sprach. Hier hatte der große Heilige der Vorzeit furchtlos das Unternehmen gewagt, das Kreuz seines Herrn aufzupflanzen und den verehrten Baum mit der Axt zu fällen.

»Du, mir ist etwas eingefallen«, sagte Linde, die wie ein geistiger Spiegel immer alle Lagen und Zeiten ihrer Umwelt nachdenklich bewegte. »Eine alte Eiche zu schlagen, das muß doch damals mit den schwachen Werkzeugen eine sehr schwere Arbeit gewesen sein. Man lernt das so leichthin: ›Und dann schlug er die Eiche!‹ Ich meine, weil es äußerlich so schwierig war, so erhöhten sich doch auch die geistigen Schwierigkeiten; die frommen Männer werden nur unterschätzt, wenn man davon aus falscher Scham oder aus Gedankenlosigkeit nicht spricht. Es hat mir den Heiligen noch viel lieber gemacht, seitdem ich mir denken kann, wie mühselig und mit wie unvollkommenen Mitteln er sich für seine große Idee plagen mußte.«

[S. 40]

»Tja«, erwiderte Heinz, »sobald man das Dings an der Quelle studiert, so schrumpfen die berühmtesten historischen Ereignisse zu Kindereien zusammen im Vergleich mit den modernen Errungenschaften und Vorgängen. So ein Weltkrieg zum Beispiel! Da stehen einander vielleicht vierzig Millionen Soldaten gegenüber. Wieviel werden's in den griechischen Feldzügen gewesen sein? Fünfzigtausend Männchen etwa. Und was für Lärm haben sie davon gemacht! Und dann unsre heutigen Kriegsmaschinen. Ein Römer, wenn man ihn in eine moderne Schlacht brächte — glatt blödsinnig würde er. Selbst der berühmte Julius Cäsar. Nero würde sich vielleicht halten aus perversem Wohlgefallen, aber außer Schußweite. Bonifazius? Er tat, was er konnte; du mußt nicht zu scharf ins Gericht gehen mit ihm. Man soll überhaupt die mythischen Tatsachen möglichst unbesehen hinnehmen, sonst verlieren sie an Bedeutung, und den Schaden haben wir davon. Etwas Poesie muß man sich zu erhalten suchen; sie verschönt das Leben. Sonst wird der moderne Zeitlauf gar zu kahl und das Volk zu materialistisch.«

Auf diesen unerwarteten Sermon hatte Linde nichts zu sagen, und sie schwieg beinahe erschreckt unter einer erneuerten heftigen Aufwallung ihres Mitleids. Er seinerseits horchte etwas ernüchtert seinen klugen Ausführungen nach, und noch bevor ihm ihr Schweigen auffiel, kamen sie ihm schon irgendwie dutzendmäßig und bubenhaft vor. Doch war er gescheit genug, die Sache nicht durch erweiterte Erklärungen noch schlimmer zu machen, und als er nachher sagte, daß ihm der Begriff der lärmvollen großen Welt noch nie so aufgegangen sei wie hier an diesem stillen Erdenfleck, während er an das Draußen denke, so hatte er sogar eine gefühlte und gute Bemerkung gemacht, die ihr außerdem zeigte, daß er durchaus nicht der stupide Esel war, als der er manchmal zu erscheinen für nötig hielt. Als eine Art von Dank machte sie ihn dann — zum erstenmal und nicht ohne Scheu — von seinen Kameraden im[S. 41] Schützengraben reden und von seinen Obliegenheiten, vom Hergang eines Sturmangriffs und manchen andern Dingen, von denen sie wirklich nur ihm zuliebe Augenzeugenbericht empfing. Sie fürchtete sich von Herzen dabei, obwohl er sehr zurückhielt und bestrebt war, sie zu schonen, und zwar aus einem ritterlichen Verständnis für die natürliche Sorge der liebenden Frau, den geliebten Mann in so traurigen und gefährlichen Lebenslagen zu sehen. Was sie sonst noch sah, das war die liebende Schnelligkeit, mit der sich ein Erdenkörper, in wenig Tagen ihren frommen Mond ganz verfinsternd, zwischen sie und ihren Sternenhimmel schob und Gewalt über sie bekam; während sie unruhvoll der Entfernung von ihrem Heil beiwohnte, tröstete sie sich bald schwach und bald stark an der schweren Süßigkeit, die in allem Schmerz der seelischen Übermannung enthalten war, und die sie nachgerade doch beinahe mehr förderte als leidend ertrug. Heinz konnte nun schon sein Verhalten einrichten, wie er wollte, so diente es immer zur Schürung ihrer ganz sterblichen Leidenschaft. Seine Schönheit entzückte und seine Häßlichkeit verwundete sie, aber sie gehörte zu den seltsamen Menschen, die an ihren Wunden stärker werden. Er, der weit weniger von seiner Seele wußte, ahnte dies und jenes von der ihren, und während er sich zu Zartheit und zu ungewohnten Rücksichten zwang, verstrickte er sich tiefer in ihre verletzbaren Bedürfnisse, ließ sich halb willig und halb widerstrebend von ihrem hohen Feinsinn reizen und verlor auf seiner Seite immer mehr Position, während er auf der ihren alle gewann; er bemerkte mit wahrer Zaghaftigkeit und einer ihm ganz neuen Furcht, wie sie zusehends reif wurde.

Als bereits der Abendrauch aus den Kaminen der Stadt aufzusteigen begann und die Glocken in den Dörfern den Feierabend einläuteten, der mit erfülltem Frieden hinter den Wäldern dämmerte, sagte Linde ein Wort, das Heinz sofort naheging und ihn beinahe bestürzte. »Morgen kommt Besuch. Tante Klinger wird ein paar Wochen bei[S. 42] uns sein.« Sonst nichts, aber die halbe Stimme und der sorgenvoll ins scheidende Licht verlorene Blick sagten ihm alles, was er wissen mußte, und viel mehr, als dem Rest seiner Ruhe dienlich war. Der Name Klinger bedeutete Friedensstörung, Übellaune und Verdruß, das wußte er noch sehr gut, nicht zu reden von dem kahlen Bildungs- und Literaturwesen, dem das unglückliche Weib so sehr ergeben war, daß es auch seine Umgebung unerbittlich in die ausgelaugte Stimmung wie in eine Krankheit tauchte. Im ersten Gefühl nahm er Lindes Hand.

»Das ist ja jetzt nicht mehr zurückzutun«, sagte er dann tröstend. »Man muß es hinnehmen wie ein Regenwetter. Viel Freude wird für uns nicht dabei herausspringen. Sag mal, Linde, würdest du sie noch einmal einladen, wenn du's heute zu tun hättest?«

Sie schüttelte stumm den Kopf, während ihr das stille einsame Herz zu zittern begann und sie mit ihrer Sehnsucht plötzlich riesengroß aus allen bisher gewohnten und erlaubten Maßen herauswuchs. Aber bevor sie sich allein in eine Einsamkeit verlor, um auf einer höheren Ebene vielleicht doch wieder ihrem strengen Gott zu begegnen, fühlte sie sich menschlich von Armen ergriffen und an eine sterbliche Brust heimgenommen, und empfand sie die dunkel bedrängte Wonne des ersten Liebeskusses.

Wie sie dann doch nach Hause gekommen waren, das wußten sie nachher jedenfalls in der Eile nicht zu sagen, und Bob konnte darüber auch weiter nichts mitteilen. Bei Tisch glaubte man, sie hätten sich gezankt, so scheu gingen sie im Licht und in der Gesellschaft andrer Menschen aneinander vorbei, nicht aus Kälte, sondern aus schwer verhaltenem Feuer der Zärtlichkeit zueinander. Einmal hatte sie auf dem Heimweg eine Schafherde umwimmelt, und weil Bob begriff, daß ihn jetzt niemand beachtete oder auf seine Wachsamkeit Anspruch machte, kam er zur Abwechslung an den Schäferhunden vorüber, ohne eine Rauferei anzufangen, wenn auch mit steifen Beinen und gesträubter[S. 43] Bürste. Dann sprach ein Kind Linde an, weil seine Mutter es wieder so schlimm in der Brust habe; sie streichelte ihm liebreich den Kopf, und die Frau mußte sich heute sonstwie behelfen. Linde wußte nachher nicht einmal, welches Kind es gewesen war, obwohl sie jeden Flachskopf in der Stadt kannte und die dunklen auch. Sowenig sie sich auf dem Heimweg um Bob gekümmert hatte, soviel machte sie sich bei Tisch mit ihm zu schaffen, und er nahm alles in charaktervoller Munterkeit hin, was geboten wurde, als Hund mit Familienanschluß längst an die Wandelbarkeit der Gestirne gewöhnt. Indessen ließ sich Heinz willig, doch ohne Aufmerksamkeit, obwohl er welche heuchelte, über die besonderen Reize der frühgotischen Webereien unterrichten, die in der Tat auch nicht klein waren, aber er wußte sich noch stärkere und zeitlich näherliegende.

Als man beinahe mit Essen fertig war, läutete es draußen. Nach einer Weile erschien Brigitt und meldete wie einen Geldverlust die Frau Professor Klinger, durch welche Anzeige sie einiges Aufsehen erregte. Die Angemeldete folgte der Magd auf dem Fuß, schlank, vierzigjährig, in einem eleganten Reisekostüm, über mittelgroß, ordentlich hübsch, doch sehr kühl und gerade, obwohl wieder beinahe etwas Rührendes, Mädchenhaftes an ihr war, und mit einem interessanten aber spähenden und unverbindlichen Gesichtsausdruck, der es bewirkte, daß einfache oder nicht verbildete Naturen unwillkürlich Stellung gegen sie bezogen. Bob fuhr ihr sofort knurrend entgegen, und das galt sonst als schlechtes Zeichen. So bemächtigte sich auch der engeren Familie bei ihrem Anblick eine gewisse Betretenheit, weil man sie nicht von der Bahn abgeholt hatte, und die Worte und das Lächeln, womit sie die entsprechenden Entschuldigungen abwehrte, fuhren den Fehlbaren wie ein Schnupfenfrost in die Glieder.

Die Sache stellte sich so heraus, daß Linde sie auf morgen erwartet und der Dechant in derselben Meinung heute noch einen guten Tag genossen hatte. Nun, der Genuß[S. 44] war kein Wahn gewesen, aber die Voraussetzung; denn als Linde nachher den Brief der Tante herbeiholte, fand es sich, daß sie richtig auf dies Datum und diesen Abend angesagt hatte, und die Tante war nicht ganz im Unrecht, wenn sie leichthin meinte, der Dechant hätte den Brief selber lesen können, zumal er sonst gegen mündliche Überlieferungen so vorsichtig sei. Linde bat verwirrt und mit wenig Hoffnung um Entschuldigung. Die Tante sagte ungerührt und mit einer überlegen lächelnden Miene, als die Dame von Welt, die sie war, man solle nun ein Verhältnis nicht gleich mit Entschuldigungen und Verzeihungen beginnen; ein Fehler sei ein Fehler, man müsse sich eben bemühen, wenn möglich, keinen mehr zu machen. So schob sie mit wenig Worten, ohne sie zu berühren, die Schuldhaftigkeit und die Verantwortung für die etwa kommenden Folgen den andern zurück, und anstatt, daß ein früherer schlechter Eindruck durch einen neuen angenehmen gutgemacht wurde, schien zur Betretenheit der Hausgemeinde jener frisch bestätigt, ja Linde war auf einen Moment geradezu erschüttert von der totenhaften Kälte, die aus dem Wesen dieser Frau wehte, und von dem Egoismus und der Menschenverachtung, die neben aller geistigen Bildung und Geschmacksverfeinerung ihre wenigen guten Züge so mit abstoßenden und schreckenden vermischten, daß sie sie beinahe zerstörten. Heinz freilich fühlte sich angenehm enttäuscht und fand die Frau in Wirklichkeit nicht so unhold, wie sie ihm in Erinnerung stand, aber er behielt diese Beobachtung für sich.

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Drittes Kapitel
Die Tante beweist ihre Bildung und führt eine neue Hausordnung ein, die nicht allen Leuten bekommt

V

Von der besagten geistigen Bildung und Geschmacksverfeinerung gab die Tante gleich nach dem Nachtessen eine Probe, als sie mit vorgestrecktem Kinn und schmalen Lippen durchs Haus ging, um sich wieder darin umzusehen, von Bob, der ihr nicht von den Füßen wich, unausgesetzt berochen und beknurrt. Das Haus des Dechanten stand voll hübscher alter Möbel, die er durch viele Jahre mit Liebe und Zähigkeit zusammengebracht hatte, Schränke, Tische, Kommoden und Stühle aus jenen goldenen Zeiten, in denen die Tischlerei noch eine persönliche Kunst gewesen war, und in denen es weder Fabrikanten gegeben hatte, die diese zerstörten, noch Professoren, die mit großem Aufwand von Gelehrsamkeit und Prinzipien für vermögliche Leute auch noch nichts Glückhaftes an ihre Stelle setzten.

»Da hobeln sie jetzt mit tiefsinnigen Theorien ein Kunstgewerbe zurecht, das von sämtlichen nachgerühmten Eigenschaften nur eben die eine hat, daß es modern ist«, führte der Dechant aus, um, von einem Gegenstand angeregt, endlich ein wirkliches Gespräch und womöglich ein Einvernehmen in Gang zu bringen. »Sieh nur diese Sachen, das sind Phantasien, Erfindungen, Träume, Wunscherfüllungen. Etwas Schöneres läßt sich übrigens auch von der sogenannten hohen Kunst nicht sagen, wo sie's wirklich hochgebracht hat. Es hängt alles davon ab, daß den Leuten etwas einfällt, daß sie zu erzählen, zu musizieren, zu malen haben, nicht aus Büchern, und was weiß ich, woher lernen, abstrahieren, und dann etwas aus dem Verstand daherrechnen, das keines Menschen Wünsche erfüllt und weder von Träumen noch von Einfällen weiß. Heut sind sie stolz darauf, daß sie endlich wieder das ›Material‹ entdeckt haben und kein Holz mehr als Metall oder Gips[S. 46] als Holz auffrisieren. Lieber Gott, das sind doch ziemlich alte Fortschritte. Betrachte das, wie diese Schreiner mit einem Birkenholz umzugehen wußten; da zeigt sich ein Material immer von seiner besten Seite. Jetzt brauchen sie hohe Schulen, um wieder so klug zu werden, wie ihre Urgroßväter schon in der Lehre waren.«

»Nimm mir's nicht übel«, sagte die Tante mit ihrem etwas singenden norddeutschen Tonfall und aufrichtiger, als für heute nötig war: »Ich kann mir aus diesen Antiquitäten nun gar nichts machen. Das ist für mich nur ein künstliches und leeres Spiel mit Formen. Ich kann begreifen, daß man dergleichen in Museen stellt, oder daß Leute in der Provinz noch dazwischen wohnen mögen, aber ein moderner Mensch geht mit seiner Zeit. Dieser Schrank zum Beispiel ist ja ganz falsch gebaut. Da ist zuerst ein hoher Kasten mit griechischem Giebelabschluß. Ein Abschluß ist ein Abschluß, und der Schrank wäre also fertig. Aber nun kommt über dem Giebel noch einmal ein Kasten, und zwar mit Säulchen, die einen zweiten, kleineren Giebel tragen. Du rühmst die alten Tischlermeister. Nun, ich muß sagen, man kann sehen, daß diesen Schrank nur ein Tischler gemacht hat. So kindisch kann bloß ein Handwerker mit klassischen Formen der Architektur umspringen. Das ist so willkürlich und irrationell, daß einen modernen, vernünftigen Menschen ein Schwindel darüber erfaßt. Und dann, du sprichst von Echtheit. Der untere Schrank ist ja als Sekretär maskiert, obwohl er ein Kleiderschrank ist; ist das Echtheit? Ich muß gestehen, du argumentierst etwas wunderlich, beinahe wie der Tischler, der diesen komischen Schrank machte. Er wußte das Holz zu behandeln, das ist aber auch alles«.

Der Dechant lächelte. »Wie ist das mit dem Wort vom Fühlen und Begreifen und dem andern von der Schulweisheit?« fragte er spottend. »Sieh mal an, irrationell sind diese Möbel ja wirklich. Dieser Giebel und diese etwas gebauchten Säulchen kommen an keinem einzigen griechischen[S. 47] Tempel zusammen; dafür will ich selber einstehen. Aber der Schreiner wollte ja auch keinen Tempel bauen, sondern einen schönen, fröhlichen und recht praktischen Schrank. Und ich kann dir sagen, in meinen Augen ist ihm alles ausgezeichnet gelungen. Der Schrank stimmt mich zu Fröhlichkeit, wenn ich ihn ansehe, und von Schönheit gibt er mir auch jedesmal einen verständlichen und anschaulichen Begriff. Was aber meine Kleider angeht, die hängen drin wie in einem Paradies. Liebe Marie, laß mich nur ungeschoren mit eurem Rationalismus, mit eurer steifen, unfruchtbaren, selbstgerechten Lebens- und Weltweisheit. Wo bisher Künstler und Dichter aus ›rationellen‹ Epochen glücklich waren, da waren sie's durch ihre irrationellen, nicht verstandesmäßigen, nicht meß- und nachweisbaren Einfälle. Ich habe zufällig kurz vor dem Krieg in einer illustrierten Kunstzeitschrift Abbildungen von eurem neuen Landhaus und seiner Einrichtung gesehen, entworfen von Herrn Professor Soundso. Ich weiß also Bescheid. Es ist alles sehr schön und richtig, es stimmt alles aufs Haar, und es ist nirgends ein Fehler. Die Flächen sind Flächen und hören nimmer auf wie die Liebe. Die Kästen sind wirkliche Kästen und die Leisten richtige Leisten. Sie haben das Prinzip des Rechtecks und das Prinzip des Quadrats auch. Die Prinzipe heiraten sich und scheiden sich, und die Linien laufen ewig und kommen nie an, oder sie werden notgedrungen abgebrochen, weil auch das Landhaus des seligen Professors Klinger nicht der unendliche Himmelsraum ist, obwohl sie gut und gern weitergehen könnten, denn eine geometrische Figur kann man sich bekanntlich in jeder Ausdehnung vorstellen. Dieser Schrank dagegen, ins Unendliche erweitert, ergäbe eine ausgemachte Absurdität, denn er ist auf endliche Verhältnisse für endliche Menschen gedacht. Das ist auch das Geheimnis seiner Vollkommenheit und sein Reiz. Alle Reize sind nämlich sterblich, geliebte Schwägerin, auch die deinen.«

»Nun«, meinte sie und streckte das Kinn vor, »meine[S. 48] Reize sollen eigentlich nicht das Thema eines katholischen Geistlichen sein. Ich begreife aber, daß gerade ein katholischer Geistlicher sich mit solchen Möbeln umgeben muß. Sie müßten für euch vorgeschrieben sein wie die Soutane. Es sind in wesentlichen Zügen katholische Möbel.«

Der Dechant neigte halb zustimmend den Kopf. »Dein Gesichtspunkt wird manchem etwas streng vorkommen, wenigstens was die deutsche Birkenmode angeht. Dies sogenannte Biedermeier war doch auch der Stil des protestantischen, ›aufgeklärten‹ Berlin, dem es für eine Generation die Physiognomie gab. Aber es war zugleich das Berlin des E. Th. A. Hoffmann und das Deutschland der katholisierenden Romantik, also immerhin eine sehr fruchtbare und, wie ich gern zugebe, eine ziemlich dunkelleuchtende Ausgabe von Aufklärung. Vor allen Dingen: eben eine katholisierende, was nicht nur meine Möbel trifft, sondern auch deinen Rationalismus. Folgt daraus: wir sind immer katholisch, aber ihr seid nicht immer rationalistisch.«

»Wenn wir nur immer protestantisch sind, Klemenz, dann ist mir für den Fortschritt der Welt nicht bange, trotz Rom.«

»Nun, mir wäre bange«, lächelte der Dechant. »Vom protestantischen Fortschritt hat man mich noch nicht vollkommen überzeugt. Denk an Goethe. Seinen katholischen Weg zum zweiten Teil des Faust macht doch jeder tiefer denkende protestantische Deutsche einmal im Leben durch.«

»Ich werde ihn jedenfalls nicht durchmachen, mein Lieber.«

»Habe ich denn gesagt, daß ich dich für einen tiefer denkenden protestantischen Deutschen halte?« lachte der Dechant.

Sie hob die Nase in die Luft. »Es ist jetzt auch nicht die Rede, wofür du mich hältst«, erwiderte sie kühl. »Jedenfalls bewahren wir die Welt vor dem Versinken in den leeren Formalismus von der Art, wie du ihn da in deinem Haus herumstehen hast, und wie ihn eure Kirchen zeigen.«

[S. 49]

»Ich will dir etwas sagen, Marie: es gibt einen sinnlichen und einen unsinnlichen Formalismus. Den sinnlichen Formalismus seid ihr freilich los samt der sinnlichen Form. Eure Architektur beweist es und nicht nur die. Dafür habt ihr die deutsche Nation in den unsinnlichen Formalismus der Ziffer gestürzt. Da liegt sie nun drin und erlebt wie in einem wüsten Traum, wie alles Leben zum Einmaleins wird. Die Alten da trieben ein Spiel mit Formen, aber ein hoffnungsvolles und freudiges; ihr treibt ein hoffnungsloses mit Zahlen, und eure Freude ist dann auch zum Amüsement geworden. So verhält es sich mit dem Rationalismus von heute. Katholisierend ist er nicht; wäre er wenigstens protestantisierend! Wißt ihr noch etwas von der alten gottheiligen Kreisberechnung der Seelenkraft? Radius mal Radius mal Pi, das ist verdeutscht: das Ich mal das Ich mal Gottvertrauen gleich dem Kreis der unendlichen Wirkung. Nun, der fromme Mensch Hindenburg hat uns diese Rechnung ja wieder vorgemacht; ein Rationalist ist er aber nicht.«

»Wir haben ja jetzt das Biedermeier wieder«, meinte die Klingse. »Sieh nur mich an. Wenn ich meinen Koffer auspacke, so werde ich dir noch ganz anders kommen.«

»Ja, ihr habt's, aber nicht selber gemacht. Importiert aus dem neunzehnten Jahrhundert. Was importiert ihr nicht alles! Es ist gut, daß es mit der Importiererei zunächst ein Ende hat, so besinnt ihr euch wieder auf eure deutsche Fruchtbarkeit und Schöpferkraft. — Was ist übrigens aus dem Landhaus geworden?«

»Was wird geworden sein? Sollte ich allein das große Haus bewohnen? Sobald ich einen guten Käufer fand, schlug ich's natürlich los. Ich bin wieder in die alte kleine Villa gezogen. Eben wird sie frisch hergerichtet; so bin ich sozusagen heimatlos.«

»Und die modernen Unendlichkeitsmöbel?«

»Die Möbel sind selbstverständlich ins Haus komponiert und im Haus geblieben. Was willst du dich über Möbel[S. 50] lustig machen, die du bloß in der Zeitschrift gesehen hast! Was aber das Importieren angeht, so finde ich dich hier doch auch ziemlich fleißig dabei, sogar aus allen Jahrhunderten, wenn ich mich nicht irre. Hast du etwa diese Mahagonisachen selber geschaffen? Und warum läßt du die alten Fetzen und Geräte nicht im Schutt liegen, sondern hebst sie auf und richtest sie wieder her? Import, mein Lieber! Wir sind ein Volk von Kaufleuten. Das ist's.«

»Ja, das Wort geht jetzt durch die Zeitungen«, bemerkte der Geistliche, der seine Verwandte kannte, etwas trocken. »Es ist bequem zu handhaben und nach allen Richtungen zu konjugieren.«

»Was du sagst, steht allerdings nicht in den Zeitungen«, erwiderte die Tante ein wenig spitz und tat dann vor Bob einen nervösen Seitenschritt. »Willst du nicht den häßlichen Hund an dich nehmen; es ist nicht erfreulich, ständig berochen und beknurrt zu werden.«

Der Dechant rief das Tier zu sich. »Er wittert nur nach Wohlwollen«, sagte er. »Wenn er keins findet, so knurrt er.«

»Das heißt, du sprichst dem Tier Seele zu?«

»Nein, ich denke nicht daran«, erwiderte er verwundert. »Kann ich dir Augen zusprechen? Du hast sie, ob ich sie bestätige oder nicht. So verhält es sich mit der Seele eines Tieres. Du bildest dir vielleicht ein, bloß ihr, du und die andern sechs Neunmalklugen in Berlin, hättet Seele. Seid froh, daß man euch nicht daraufhin untersuchen kann.«

»Das sind Fragen des geistigen Hochstandes!« sagte sie und hob die feine Nase. »Gegenüber einem Tier habe ich Herrengefühle. Es erfüllt seinen Zweck, und ich lasse es abschlachten oder verkaufe es. Was darüber hinausgeht, sind Sentimentalitäten.«

»Hoffentlich hast du noch andere Unterlagen für dein Herrengefühl«, bemerkte der Dechant. »Aber nun bewundere[S. 51] ein immerhin seelenloses Tier, das dir diesen geistigen Hochstand abgerochen und beknurrt hat.«

»Da würdest du wohl auch keine Nachtruhe für ein Tier drangeben?« fragte Linde, die bisher schweigend zugehört hatte, mit etwas feindlichen Augen. »Voriges Jahr ist er nämlich überfahren worden. Brigitt brachte ihn in einem Korb blutend und halbtot nach Hause. Er hatte Lungenverletzungen und konnte kaum mehr atmen. Der Tierarzt wollte ihm Gift geben, aber ich ließ es nicht zu. Wir trugen ihn auf mein Zimmer hinauf. Damit er sich nicht verkroch mit seinen Schmerzen, verstellten wir ihm alle Möbel. Nun saß er da traurig Stunden und Stunden und kämpfte um Luft. Seine Lunge ging wie eine Rassel. Liegen konnte er nicht, weil er sofort Erstickungsanfälle bekam. Schließlich begann er vor Schwäche umzufallen. Da baute ich ihn ganz mit Kissen ein und unterstützte ihm auch die Brust. Ab und zu hielt ich ihm ein Tellerchen mit Milch vor, weil er durch den Blutverlust durstig wurde; davon nahm er immer ein bißchen. Wenn ich mich bewegte, so blickte er sofort mit seinen großen, dunklen Augen nach mir hin, weil er fürchtete, daß ich ihn verlassen wolle. So verbrachten wir die erste Nacht. Als der Tierarzt am andern Morgen kam, wunderte er sich, daß der Hund noch lebte, aber er glaubte immer noch nicht, daß er durchkommen werde. Nun, er ist durchgekommen. Seither ist das Tier von mir unzertrennlich, und von dem Unglück an hat es ein ganz anderes Verhalten zu mir.«

Die Tante verzog den Mund etwas. »Das ist mir in der Tat zu hoch«, achselzuckte sie. »Du hättest dem beast eine qualvolle Zeit ersparst, wenn du es sofort hättest töten lassen. Mehr kann ich dabei nicht sehen. Eine inferiore Kreatur dürfte mir keine Unbequemlichkeiten verursachen.«

»Du sagtest, der Hund sei häßlich«, erwiderte Linde mit roten Wangen. »Vielleicht erscheinst auch du ihm — abstoßend. Wenigstens hat er sich noch nie gegenüber einem Gast so verhalten.«

[S. 52]

In der Tat saß Bob neben seinem Herrn, das eine Auge unausgesetzt auf die fremde Frau gerichtet, und knurrend, sobald sie sich regte oder zu sprechen begann; ab und zu ging ein erregtes Zittern über seinen Leib, weil er seinen Platz nicht verlassen durfte, und in seinen treuen, mutigen Zügen drückte sich ein unverkennbares Leiden aus, das ihm das Mißtrauen gegen diese parfümierte Person erregte. Die Klingse zuckte wieder die Achseln.

»Jetzt fehlt nur noch, daß ihr den Hund zum Richter über euren menschlichen Wert macht«, sagte sie hochmütig und selber ein bißchen erregt, weil ihr die so rückhaltlos geäußerte Abneigung des Tieres immerhin peinlich war.

»Auch das wäre zu denken, daß wir unter Umständen durch ein Tier gerichtet werden«, versetzte der Dechant ernsthaft. »Wir werden ja auch durch Tiere gerettet. Sicher gibt es viele Beziehungen zwischen dem Tierreich und uns, von denen wir nicht einmal etwas wissen. Alles Unrecht und alle Grausamkeit, die an Tieren verübt worden sind, leben als Handlungen und als Wirklichkeit ebenso weiter wie die Guttaten und die erwiesenen Barmherzigkeiten sowie jene Beweise der Großherzigkeit und des Edelmutes, den andrerseits wieder unsre Freunde aus dem Tierreich uns geliefert haben. Vor Gottes Auge ergibt das eine Summe, die nicht wenig gelten kann. Vielleicht gibt es sogar Gerechte, die die Prüfung durch die Armen und selbst durch die Kinder bestehen, und die am Tier scheitern. Aber wollen wir nicht noch ein wenig in mein Zimmer treten? Bob wird sich solange auf sein Bett im Korridor legen. Hast du gehört, Bob?«

Bob hatte gehört. Durch einen ernsten, kummervollen Blick auf seinen Herrn und dann auf das junge Mädchen teilte er noch mit, wie schwer ihm in diesem Fall das Gehorchen werde, und wie wenig er den Befehl verstehe; darauf begab er sich widerstrebend mit gesträubter Rückenbürste und steifbeinig wie vor einer Rauferei auf den kommandierten[S. 53] Platz, nicht ohne unterwegs noch einmal zu knurren, als die Klingse mit ihrem seidenen Unterrock rauschte.

Der Soldat hatte von der ganzen gebildeten Unterhaltung wenig begriffen. Er hörte, daß es sich um modern oder altväterisch handelte, und da er als junger Mann, der in Amerika gewesen war, zu einer weltmännischen Gesinnung verpflichtet hielt, so leuchtete ihm eigentlich das, was die Tante sagte, besser ein. Als moderne Frau nahm er aber noch einen besondern Augenschein von ihr, der wiederum nicht ungünstig ausfiel, und im großen ganzen fand er, daß der Dechant sie wohl gelten lassen könnte, und daß Linde einen Fehler begehe, sich so feindlich zu ihr zu stellen, nachdem sie sie doch einmal eingeladen hatte, abgesehen von dem Beispiel, das sie sich in vielem an ihr nehmen konnte. Aber auch von diesen Erkenntnissen verlautete er nichts.

Das waren die Begleiterscheinungen, unter denen sich der Einstand der Tante vollzog. Für den Rest des Abends sprach man nur noch von unverfänglichen Dingen, so daß die Klingse nicht mehr nötig hatte, auf Zeitungsartikel und gehörte Kunstvorträge zurückzugreifen. Aber am nächsten Morgen trat sie mit vorgeschobenem Kinn und schmalen Lippen das Hausregiment an. Zuerst, noch droben im Hausgang, ordnete sie an, daß die Möbel in ihrem Zimmer umgestellt würden, weil sie nicht genug zum Frisieren sehe und nachts durch das Rauschen der Bäume gestört werde. Als sie etwas später zum appetitlich hergerichteten und nicht eben ängstlich besetzten Frühstückstisch kam, überblickte sie ihn im Niedersitzen mit unbestechlichen Augen; darauf, während sie die Serviette nahm, sagte sie etwas singend, doch immerhin Ärgernis nehmend:

»Ihr habt ja Eier und Butter. So üppig sind wir's lange nicht mehr gewöhnt. Ich finde, ihr könntet euch bedürfnisloser einrichten; es gibt jetzt soviel Elend. Ihr wißt so schöne Dinge über die Hunde zu sagen; denkt auch ein wenig an das deutsche Volk.«

Die Hausgemeinde fühlte sich von diesen Worten so auf[S. 54] ihrer Unanständigkeit betroffen und bloßgestellt, daß niemand wagte, mit einer klugen oder festen Entgegnung das Hausrecht zu behaupten. Man erkundigte sich bestürzt nach der Not in der Hauptstadt, bemerkte kleinlaut dies und jenes Allgemeine über den Gegenstand und fragte die Tante schüchtern, ob denn sie nicht auch ein wenig gehamstert habe, worauf sie einigermaßen verwundert antwortete: »Aber warum denn? Man kann sich ja für Geld noch genug kaufen!« Vom nächsten Tag an kam nur noch Marmelade auf den Tisch, zwar auch keine schlechte, und die Tante fand sie viel zu süß, aber das war nun nicht mehr zu ändern. Zum ersten Mittagessen sagte sie noch nichts, aber beim Tee nahm sie an den schneeweißen Brötchen Anstoß und erklärte es als ein Vergehen an der Allgemeinheit, jetzt so weiße Brötchen zu essen. Nun war es wirklich unmöglich, dunkleres Kleingebäck zu bekommen, aber um die Stimme des Gewissens zu beschwichtigen, aß man künftig grobes Schwarzbrot zum Tee, obwohl dem Dechanten und besonders Linde so schwere Kost übel bekam; schon der Abgang der Butter und des frischen Eies am Morgen bedeutete für Linde eine rechte Lebensverschlechterung, und die Folgen stellten sich bald als Magenschmerzen ein, aber sie ertrug sie still.

Am zweiten Tag ließ sich die Tante über das Abendessen aus, am dritten über den Mittagstisch. Es sah niemand ein, welches Interesse das verwünschte Weib daran hatte, sich selber die Kost zu verschlechtern. Das Nachtessen war die Hausgemeinde warm gewöhnt; man genoß einige leichte, angenehme Dinge, die den Schlaf nicht erschwerten und am andern Morgen ein erquicktes Erwachen versprachen. Damit räumte die Klingse auf. Man aß jetzt Brot mit Schmierkäse zu Nachgewärmtem oder zum Tee, auch etwas Aufschnitt und hinterher einen Apfel; auch liebte die Klingse Weintrauben und Nüsse. Dem Hund wurde der Speisezettel ebenfalls nachgeprüft und nach Menge und Gehalt streng beschnitten. Man briet nicht mehr mit Butter, obwohl[S. 55] die Bauern sie willig und reichlich ins Haus brachten und die alte Brigitt lästerlich schimpfte, sondern mit Schmalz, und im weiteren zeigte sich, daß die Tante überhaupt gegen die Braterei war; man solle mehr kochen und sieden, um das Fett für das deutsche Volk zu erhalten.

Allmählich führte sie der Reihe nach die verschiedenen Ersatzstoffe ein, die von der Chemie oder auch nicht von der Chemie hergestellt wurden. Sie bestand darauf, daß man das Milchpräparat Milfix oder die Kuh in der Tüte kostete, um einen Begriff davon zu bekommen, wie das Großstadtvolk lebte. Man fand es zur allgemeinen Beschämung nicht eben wohlschmeckend. Sie ordnete an, daß ein Kuchen damit gebacken würde, in dem anstatt Ei Eifix kam, ein Präparat aus Gott wußte was, das sträflich gelb machte und nicht die Spur nach irgend etwas auf der Welt schmeckte. Anstatt Weizenmehl verordnete sie solches von Kartoffeln, anstatt Zucker Sacharin, und von Butter war überhaupt keine Rede, nur daß eben der Backnapf etwas mit Butteröl bestrichen wurde, damit der Kuchen nicht ansetzte; aber er setzte unerbittlich an, wie sich nachher zeigte. Brigitt schmiß das Zeug mit Tränen in den Augen in den Backofen, und wenn die Klingse nicht vorausahnend danach gesehen hätte, so wäre es zu Staub verkohlt, denn die alte Person hatte ein Höllenfeuer daruntergesetzt. Das nächste Mal war der Ofen kalt, und die Klingse mußte selber nachheizen, wenn sie ihren Kuchen bekommen wollte.

Heinz fraß alles ziemlich gehorsam und etwas bewundernd. »Wie gut muß dein Kuchen erst schmecken, wenn es ein wirklicher Kuchen ist!« sagte er gläubig und steckte sich ein neues Stück in den Mund.

»Greif nur zu, Heinz«, nickte sie wohlwollend. »Du mußt nachher wieder dein Leben für uns einsetzen. Man könnte noch viel mehr für die Armee tun.«

Anstatt Öl kam eine Art von dicker, gelber, säuerlicher Brühe ins Haus, die nicht ein Tröpfchen Fettgehalt besaß und jeden Salat verdarb. Puddings wurden aus Ißnur[S. 56] hergestellt und schmeckten nach Tinte. Es gab bald keinen natürlichen Stoff, den sie nicht verwässerte oder mit Zusatzmitteln streckte. Was man früher in guter Qualität kaufte, erstand man jetzt in geringerer. Kurz, das Essen hörte im Haus des Dechanten auf, ein Vergnügen zu sein. Aber zum Vergnügen esse man jetzt auch nicht, sagte die Klingse, sondern nur um sich zu erhalten. Da sie einen ledernen Magen hatte, erhielt sie sich ganz ordentlich, aber der Dechant mußte viel Kräuterschnäpse zu sich nehmen und wurde ein kleiner Trinker über der Askese; doch sah er ein, daß die Nation vorging und der Einzelne zurückstehen mußte, zumal an einem so sichtbaren Platz. Auch Linde begriff, aber da sie sich nicht durch Kräuterschnäpse weiterhelfen konnte, so sah sie bedenklichen Zeiten entgegen. Die brave Brigitt überfiel in ihrer Küche täglich das heulende Elend, und sie schwur jeden Abend, davonzulaufen, um jeden Morgen in tiefer Ergebenheit gegen Linde einen schlechten Ersatzkaffee zu brauen, nach dem das ganze Haus stank, denn Bohnenkaffee war auch nicht mehr gestattet. Sie beschwor das Mädchen, nur zum Schein zu essen und sich von ihr etwas Besonderes machen zu lassen, das sie besser vertragen konnte, aber Linde sagte, im Feld hätten sie auch nichts Besonderes, und lehnte jede Heimlichkeit ab. Sie nahm dieses Übelwetter als gerechte Strafe für das Unrecht, das sie an der Frau begangen hatte, und ihr eigentlicher Kummer war dabei, daß Unschuldige mit ihr getroffen wurden.

[S. 57]

Viertes Kapitel
Linde tritt mit gutem Erfolg öffentlich auf, aber mit immer geringerem innerlich.
Die Tante gewinnt Spielraum mit einem geschenkten Ring

E

Eins wurde bald klar: die einzige Person, für die die schlanke Weltdame im Haus sich erwärmte, und die sie anerkannte, war der Leutnant. Erstens stachen ihr seine Dekorationen in die Augen; an Kreuze und Orden läßt sich immer befriedigend glauben. Dann fand sie in dem jungen Mann mit scharfem Blick den Angelpunkt, auf dem sie sich bewegen und von dem aus sie die andern beherrschen konnte. Er war einfach organisiert, eitel, oberflächlich und uniform und darum ein gefundenes Fressen für jedes ehrgeizige Weibsbild, das sich seiner bemächtigen wollte. Von ihren Beweggründen ahnte er zwar den einen oder andern, nicht zu seinem Stolz, und wenn Linde ihn mit der neuen Verehrerin neckte, so wurde er verlegen und suchte die Ehre abzulehnen, aber sobald er in den Bannkreis ihrer selbstsichern, gebildeten Unterhaltung oder nur unter ihren egoistischen, schwermütigen Blick geriet, so schlich sich, ob er wollte oder nicht, ein geschmeicheltes Gefühl unter seinem Magen hin über den Vorzug, den sie ihm vor den andern Hausgenossen gab, sie, eine weltbefahrene Frau, die doch etwas gewöhnt war, und Linde erschien ihm neben ihr dann immer etwas hausbacken oder kleinstädtisch, jedenfalls nicht als das glänzende und reich ausgestattete weibliche Wesen, das er gern an seine Seite träumte, seitdem er sich solchen Spekulationen hingab. Die Klingse bemerkte und bestätigte alles, was er sagte, während Linde dazu still war oder mit wenig Worten schwierig widersprach und der Dechant väterlich spöttische Bemerkungen daranhing, die ihn in seiner Würde kränkten, denn er war kein Junge mehr, sondern hatte zwei Jahre Krieg hinter sich, von Amerika nicht zu reden. Dieser Erwägung gab er auch neuerlich Ausdruck, indem er Rechtfertigungen mit den Worten einleitete:[S. 58] »Wenn man zwei Jahre im Feld gestanden hat, so weiß man, was los ist!« Die Klingse übernahm die Redensart von ihm, wenn es darum ging, ihm zu helfen.

Übrigens war sie mit ihren dünnen Lippen und ihrem kalten Blick noch eine sehr gangbare Frau, der Heinz unter andern Umständen nicht durchaus abgeneigt gewesen wäre, zumal sie sich mit großer Sorgfalt modern kleidete und mancherlei hübsche Spitzen und Schmuckstücke an sich sehen ließ, wovon man an Linde wenig bemerkte. Gezeugt war sie in England von einem deutschen Vater, aber geboren dortselbst von einer englischen Mutter, und bis zum Krieg hatte sie sich Mary nennen lassen, was von den Lippen ihrer Verwandten durchweg als Mehrie klang. Jetzt hieß sie Malva. Unterweilen war sie längst nach Deutschland zurückgekommen und die Taufpatin Lindes geworden, ohne daß diese das Verhältnis nachträglich von sich aus bestätigte, vielmehr begann das merkwürdige Kind eine gewisse Reihe von moralischen Unternehmungen damit, daß es jenes, das nie innerlich bestand, auch äußerlich durch die bekannte Namensänderung löste, eine Feindseligkeit, die die Frau einigermaßen erleichtert quittiert hatte, freilich ohne etwas zu verzeihen oder zu vergessen. Noch weit vom Matronenalter entfernt, fand sie sich neuerlich dem Mädchen gegenüber außerdem im Zustand einer gewissen Rivalität, mit der aber Linde wahrscheinlich schon damals begonnen hatte. Die Erkenntnis gereichte der reifen Frau zunächst nicht zur Steigerung ihres Selbstgefühls, und sie hielt es bereits für einen Fehler, der Einladung gefolgt zu sein. Dazu kam, daß die Klingse benannte Frau Professor und Witwe eines berühmten Augenarztes einen außerordentlich mißtrauischen und einsamen Charakter besaß und in dem richtigen Gefühl, sich bei ihrem unglücklichen Temperament auf niemandes Liebe verlassen zu können, höchstens auf die Untertänigkeit der Kreaturen, die sie wohltuenderweise um sich versammelte, wenig Zufriedenheit im Leben genoß. Sie war eine wahrhaft tragisch veranlagte Natur, vor der Linde[S. 59] aus guten Gründen Angst empfand, so große Angst, daß es ihr sogar unmöglich war, das Gefühl von Mitleid, das sie während der Entfernung für jene erfüllt hatte, in ihrer Gegenwart zu erhalten und sinnenmäßig zu betätigen, sosehr sie auch immer wieder von ihrem Gewissen getrieben darum rang. Solange die Klingse da war, empfand Linde nur Panik, Kummer und bodenloses, ganz ursprüngliches Lebensweh. In der Anteilnahme am Leben ihres erwachsenen Jugendgespielen, die jetzt noch außerdem zwischen den beiden Frauen stand, steigerte sich ihr alles wie in einem Vergrößerungsglas oder einem Schallbecher zu verwirrendem Tumult und zu Feststellungen von peinigender Bedeutung, denn die Frau hatte tausend Möglichkeiten, Menschen zu tyrannisieren und zu verderben, aber Linde hatte nur einen einzigen Geliebten auf der weiten Welt, besaß ihn erst seit wenig Tagen und mußte ihn nach einer bereits festgesetzten kurzen Reihe von Stunden wieder lassen, ohne seinen Lieblichkeiten und guten Tiefen ganz auf den Grund gekommen zu sein.

Um von Brigitt zu reden, so verfolgte sie das fremde Frauenwesen mit einem sichern, ingrimmigen Haß. Daran hinderte sie auch ihr sonstiges warmes Christentum nicht, denn erstens störte die Klingse den Frieden der Menschen, die ihr auf der Welt die liebsten waren, und zweitens war sie protestantisch und stammte aus England, und die Sprache, die sie redete, war norddeutsch. Was sie in der Stille tun konnte, um die Frau zu ärgern, das versäumte sie nicht, was sie aber von Dingen unterlassen konnte, die jener Befriedigungen verschafft hätten, darum machte sie einen weisen und erfahrenen Bogen. Sie genoß dafür auch die Ehre, einer der ganz wenigen Menschen zu sein, die das verwöhnte Weib wirklich fürchtete, und die es leiden machten, während die Klingse sonst in der Übung hatte, die Menschen leiden zu machen. Das widerfuhr ihr, weil der Haß dieser meist aus Trieb und Natur handelnden Leute sie in einem tiefen Grund verurteilte, wohin keine verstandesmäßigen[S. 60] Selbstrechtfertigungen drangen, und weil sie gegen deren ganz unmittelbare und natürliche Äußerungen als konventioneller und literarischer Mensch, der sie von ihrem Ehrgeiz verführt im Lauf ihrer gesellschaftlichen Bildung geworden war, gar keine Hilfsmittel besaß. Der Haushälterin gegenüber half sie sich von einem Tag in den andern mit einer kühlen Verachtung; sie schien sie nicht zu sehen, und wo sie sie als Dienstboten packen konnte, da tat sie es. Einer solchen feinen Niedertracht gegenüber war dann wieder Brigitt hilflos, weil sie an die Verachtung wie das Nichtsehen glaubte. Da sie aber doch nicht ihre Pflichten als Hausmagd gröblich verletzten konnte, so sammelte sie still ihre Wut zu einer Art von stehendem Gewitter auf, mit dem sie stumm oder gelegentlich in der Tiefe grollend am Horizont lauerte und auf ihren Tag wartete. Um den betete sie vorläufig aus ganzem Herzen, denn sie hielt das calvinistische Weib ehrlich und aufrichtig im allgemeinen für eine Verbrecherin und im besondern für eine Spionin, mit welchem populären Verdacht sie sich denn auf einem schiffbaren Fahrwasser und in großer Gesellschaft befand.

Dem Dechanten erging es noch verhältnismäßig am besten; entweder er trieb sich i mherum, oder er stand in seinem Museum vor den gefundenen Altertümern, um die Geschichte des Domes, die er im Kopf zu Faden schlug, wieder in einigen innern Beziehungen zu fördern, und die übrige Zeit des Tages verbrachte er auf seinem Arbeitszimmer, wo er unangreifbar war. Den Garten mied er, so lieb er ihn hatte; nur wenn er seinen Besuch sicher in der Stadt wußte, lief er geschwind hinunter und erging sich auf ein Stündchen zwischen seinen Bäumen und Büschen und unter dem offenen Licht eines Gottes, in dessen Geheimnissen er zur Zeit doch bei weitem nicht so tief steckte, wie in denen der Bischöfe und Künstler, die den hiesigen Platz durch die Jahrhunderte herauf- und heruntergebracht hatten, um alles dann ihm als dem wahren[S. 61] Kundigen und Genießer zur endgültigen Reinigung und Zusammenfassung zu hinterlassen. Indessen wurde der Gott freilich unbehaglicher und bitterer.

Die Klingse zwar fand den Dechanten zu katholisch und zu fanatisch, und das war die größte Verblüffung, die er seit langer Zeit erlebt hatte. In der sichern Erwartung, ihn an einem schwachen Zipfel packen zu können, besuchte sie schon am ersten Sonntag das Hochamt mit der anschließenden Predigt. Da gerade auf den Tag das Thema vom Pharisäer und Zöllner fiel, so sagte er vieles über den falschen Ehrgeiz, die Nichtigkeit von Bildung und gesellschaftlichem Stand, die Wertlosigkeit des übereingekommenen Mitleids und des öffentlichen Wohltuns, und was sich sonst so über die verschiedenen Kategorien von Heuchelei sagen läßt; dagegen hörte man allerlei Gutes über die Armut, die Niedrigkeit, das stille Werk im Namen Gottes, die bescheidene Liebe von Mensch zu Mensch, das meiste nicht besonders ergreifend und erweckt, aber doch weit ursprünglicher und anschaulicher, als man dergleichen sonst kirchenmäßig betreibt. Es war ihm, während seine Blicke immer wieder prüfend nach möglichsten Verstecken neuer Altertümer ausflogen, nicht weiter bewußt, auf einige Gedankengänge unmittelbar durch die Klingse verfallen zu sein, und vollends merkte er nicht, daß er im Grund gegen sie predigte, daß die gesellschaftliche Eitelkeit und das leere Getue mit Wohltäterei, worüber er sich pflichtgemäß zum hundertstenmal verbreitete, diesmal ihre Gestalt und Züge wies, und daß seiner Predigt soviel Gegenständlichkeit und Beweiskraft innewohnte wie seit Monaten nicht. Er hatte nachher nur das Gefühl, daß sie ihm gut geraten sei, und war befriedigt darüber, daß sich auf lange Strecken in der Kirche keine Maus gerührt hatte.

Der Anstoß zu dieser Regung bestand aber in einer Vorstandssitzung des Roten Kreuzes, die einige Abende zuvor beim Dechanten stattgefunden und an der die Klingse als bedeutende Rote-Kreuz-Dame, wenn auch einer[S. 62] andern Provinz, handelnd teilgenommen hatte, denn immerhin war sie eine erfahrene Wohltäterin und hatte schon viel in »Organisation« gemacht. Zur Verhandlung standen diesmal die untröstliche und andauernde Kassenleere des hiesigen Vereins und das Angebot eines amerikanischen Komitees, das Lazarett aus amerikanischen Mitteln zu übernehmen und mit amerikanischen Ärzten, Instrumenten, Geldern und so fort unter der fortdauernden Oberhoheit des Roten Kreuzes unendlich glanzvoller weiterzubetreiben. Es schien ein sehr glückhaftes Angebot und beinahe eine Rettung in der höchsten Not. Man hätte zwar die Übernahme des Lazaretts durch den Fiskus oder wenigstens eine staatliche Beihilfe beantragen können, aber beide Auswege wären nach der einstimmigen Auffassung einem moralischen Bankrott des hiesigen Roten Kreuzes gleichgekommen, während die überseeische Lösung den Bankrott unerwartet in Ruhm und Reichtum verwandelte, denn nun konnte man sich auf eine mustergültige Einrichtung, ein herrliches Instrumentarium und beinahe unermeßliche Mittel und sozusagen geradezu auf Luxus einrichten.

Auch der Dechant sah in dem Angebot eine gute Wendung und war nicht unzufrieden, eine Beunruhigung auf vorteilhafte Weise loszuwerden, um sich desto ungestörter seiner Kunstgräberei hingeben zu können. Die Vorsteherin des Vereins, ein redliches, aber ein wenig törichtes altes adliges Fräulein, weinte himmelblaue Freudetränen. Ihr bedeuteten ihre Verwundeten ihren ganzen Lebensinhalt, und sie konnte sich nicht vorstellen, was sie nach Beendigung des Krieges mit sich selber anfangen sollte. Sie fand den Krieg ja schrecklich, aber sie genoß doch in aller echten Menschenliebe die große Zunahme an Bedeutung, die er ihr plötzlich eingebracht hatte, und auf der Fürsorge für ihre Verwundeten schwamm sie mit verschämt geblähten Segeln daher als eine freudig bewegte Fregatte des Mitleids. Wie sie nun mädchenfromm und überlang in ihrem[S. 63] altmodischen Kleidchen dasaß und im Reden und Rühmen den schwarzen Rembrandthut mit der schönen Straußenfeder, der ihr so unwahrscheinlich hoch über dem Haarbau schwebte, hin und her schwang, die blaugrauen kleinen Augen beseligt und feucht von einem zum andern richtete und es jedermann ans Herz zu legen strebte, wie sehr man diesem edlen Volk, den Amerikanern, unrecht getan habe, und wieviel Ursache man besitze, ihre Freundschaft zu erwerben, war da außer Linde, die als jüngstes Mitglied des Vorstandes auch im Kränzchen saß, nicht einer, der ihr nicht beschämt recht gegeben und bereits für die endgültige Abstimmung das Jawort gezückt hätte. Auch die Klingse fand kühl, daß man alle Ursache habe, sich zu gratulieren, besonders nach der etwas reichlichen und unbefangenen Wirtschaft, die hier geführt worden sei. Da sollte man einmal sehen, wie es an andern Plätzen zugehe, und wie da gerechnet werde. Natürlich, man wolle es ja überall den Verwundeten so angenehm machen als möglich, aber deshalb dürfe man doch nicht das Ganze aus den Augen verlieren und vor lauter Mitleid die »Organisation« vergessen. Nun, man sei jetzt gerettet, und daß der kommende Überfluß einer innern Neigung entspreche, werde man wahrscheinlich mit besonderer Befriedigung feststellen. Die gnädige Bemerkung wurde mit einem etwas verschämten Gelächter quittiert, und auch die Klingse lächelte nachsichtig, und so war das ganze Geschäft zur Abstimmung reif, als Linde ums Wort bat.

Die Klingse, die alles sah, hatte längst bemerkt, daß Linde ihre besondern Empfindungen über den Fall hütete, aber im Traum nicht erwartet, daß sie versuchen würde, sie zur Geltung zu bringen. Auch dem Dechanten war ein beunruhigter und beinahe trauriger Ausdruck ihres Gesichts aufgefallen, während alle andern wie die Erlösten strahlten und vor lauter Aussicht auf Ruhm und Luxus schon fast immerzu schlucken mußten, und er hatte sich einige Male gefragt, was ihr wohl fehlen könne, aber nicht zu[S. 64] ernsthaft, obwohl sie sein Gewissen war, oder vielmehr eben deshalb. Linde in der Zeit saß da in einer wachsenden Angst und in einem zunehmenden Zorn, Angst um die kranken und wunden Soldaten, um die Reinheit eines Werks — auch sie dachte ans Ganze —, und Zorn über die billigen und käuflichen Seelen, die sie hier umringten, und über die schlaffen Gewissen, die in einem bedrohten Land das Werk der Daheimgebliebenen so lau und kleinmütig betrieben. Dem adligen Fräulein, das zeit seines Lebens noch niemals einem Menschen etwas Übles getan hatte, sonst hätte es längst einen Mann ergattert, war sie geradezu gram, und daher wandte sich ihre Rede auch ganz ausschließlich an dieses, und zwar mit einem solchen düstern Gesichtsausdruck und einer so schmerzlich bebenden Stimme, daß das gute Wesen bis auf die Knochen davor erschrak.

Sie könne die Anschauung des Vorstandes nicht teilen, redete Linde das Fräulein an, zunächst unter großen Anstrengungen, ihre Scham zu überwinden. Es scheine ihr nicht, daß man keinen andern Ausweg hätte, als das Werk abzutreten. Gewiß, man habe vielleicht etwas aus dem vollen gewirtschaftet und immer zuerst an die Soldaten gedacht. Aber sie seien auch die Hauptsache. Sie kämen hilflos und traurig an und dächten nicht, daß hier das oberste Interesse die »Organisation« sei. Man sei schon solange bankrott gewesen, und es sei weitergegangen; es werde auch weitergehen, wenn man nur nicht den Glauben verliere. Man dürfe nicht die Soldaten, die sich auf ihre Brüder und Schwestern im Land verließen, den Messern amerikanischer Ärzte ausliefern. »Was sind unsre armen, frommen Soldaten den Amerikanern? Sie lernen und probieren an ihnen und gehen dann nach Amerika zurück mit der Reklame, daß sie ein Jahr lang in einem deutschen Lazarett gearbeitet haben. Sie sind dann gewiegte Chirurgen, und die Patienten kommen gelaufen. Was geht uns das an? Jetzt ist jeder verwundete deutsche Soldat unser[S. 65] Bruder oder Sohn, und unsre Söhne und Brüder müssen wir selber pflegen. Wir werden die Mittel dazu bekommen wie bisher, auch wenn wir schlecht wirtschaften und zu freigebig sind.«

Das war die kurze Rede, die ein so großes Aufsehen machte und eine ganze kluge Bereitschaft über den Haufen warf. Luxus und Ruhm, ein prachtvolles chirurgisches Instrumentarium, Geld und Hilfsmittel, alles zerstob vor ein paar herzlichen und zornigen Mädchenworten zu nichts, und wie vorhin alle Damen gerührt und begeistert gewesen waren, so waren sie jetzt von ihrem eigenen einfachen und menschlichen Wesen ergriffen, das ihnen aus Lindes Darstellung entgegensah. Jawohl, das war ja ihre wirkliche Art: wohlwollend, gütig, verschwenderisch, ein bißchen fahrlässig, voll Liebe und Mitleid und lebendiger mütterlicher Beziehungen zu den lebendigen verwundeten Soldaten, immer bankrott, immer hoffnungsvoll, viel beredet und viel geliebt, ein herzlicher, treuer, gottgefälliger Klüngel, der sich den Teufel um Prinzessinnen und Fürsten scherte und sich bisher glücklich alle Protektoren vom Hals gehalten hatte, nach dem weisen Rat und unter der diplomatisch geschickten Leitung desselben Dechanten, den heute ein plumpes materielles Angebot mit dem ganzen Kränzchen beinahe über den Haufen geworfen hätte. Er schämte sich bereits, und alle Damen schämten sich, so glücklich sie sonst auch waren, ihrem bisherigen lieben, warmen Werk zurückgeschenkt zu sein. Nur fand in der Geschwindigkeit keine den Bogen, das alles in Worten auszudrücken. Aber es brauchte auch weiter keiner Worte; einig war man immer gewesen. Die Klingse allein war nicht zufrieden.

»Ich kann den Damen nur noch einmal raten, das amerikanische Angebot anzunehmen«, sagte sie wie jemand, der mehr weiß, als er für jetzt verlauten will, und geflissentlich über Linde hinweg. »So üppig ist es Ihnen ja hier doch nicht ergangen, daß Sie mit Vorteil für sich und die armen Verwundeten sogenannten hohen Idealen[S. 66] nachjagen dürften. Mein Gott, wie arbeiten Sie denn! Sie entlasten die Schwestern vom Putzen und Scheuern und stellen dafür bezahlte Frauen an. Wo finden Sie das noch? Nicht einmal im reichen Frankfurt. Sie schicken nach Marburg geschlossene Fäßchen mit Hahnen für den Kaffee an die Militärzüge, weil Ihnen die offenen Eimer unästhetisch sind. Gewiß, es wird einmal ein Stäubchen Ruß hineinfallen; im Feld fällt noch mehr hinein, und man trinkt es auch. Aber die Hahnen sind zu eng, und das Auf- und Zudrehen nimmt Zeit weg; es geht ja faktisch viel langsamer als aus den offenen Eimern. Und was tun Sie, meine Damen? Sie kaufen ganz große teure Messinghahnen und lassen die an die Fäßchen anbringen. Nun ja, jetzt funktioniert die Sache. Es fällt kein Ruß in den Kaffee. Es sieht auch appetitlicher aus. Aber was hat das nun gekostet! Und gerade Sie, meine Damen, mit Ihren Mitteln! Darum sage ich Ihnen noch einmal, nicht immer können die Soldaten die Hauptsache sein. Das Rote Kreuz muß auch leben. Es ist nicht jedermanns Geschmack, ewig bankrott zu sein. Der Geschmack unsrer Oberleitung ist es jedenfalls nicht, das muß ich Ihnen schon bemerken. Ihr Kultus, den Sie mit den Verwundeten treiben, ist ja auch höhern Orts bekannt und gibt viel zu reden. Da ist keine Wäsche weich genug und keine Decke genügend warm. Und die Soldaten müssen dies essen und jenes haben. Meine Damen, im Feld haben sie das alles auch nicht, und sie siegen dennoch. Es besteht höhern Orts die Meinung, daß man auf diese Weise das Material nur verwöhnt. Mütterlichkeit ist schön in der Familie, aber dies hier ist eine Sache der Organisation. Durch Organisation wird Deutschland diesen Krieg gewinnen, wenn man das denn immer wieder sagen muß. Tun Sie, was Sie wollen, aber sagen Sie nachher nicht, daß Sie nicht gewarnt seien. Fragen Sie sich auch, ob es politisch ratsam ist, die amerikanische Öffentlichkeit durch eine Absage zu brüskieren. Das wäre vielleicht warmherzig, aber wenig staatsklug.[S. 67] Aber natürlich ganz wie Sie wollen; ich bin hier nur Gast.«

»Liebe Tante«, erwiderte Linde sofort und tief erregt, »wenn dich ein Verwundeter hören könnte, so würde ihm ein furchtbarer Schreck oder eine Traurigkeit in die Glieder fahren, die er nie mehr verlöre. Ich möchte dir beinahe wünschen, daß du einmal mit einer Wunde zu Bett lägest, um dich zu fragen, ob dir nun etwas Verwöhnung lieb sei oder nicht; und dann würden wir dich nicht mit der Bemerkung abfinden, daß du im Feld auch nicht verwöhnt würdest. So ist das. Ich finde, daß du sehr zu bemitleiden bist. Ihr alle seid zu bemitleiden samt euren Auszeichnungen und Titeln.«

Da sich Linde völlig selbstvergessen einem fremden Bedürfnis hingab, gelang ihr ebenso selbstvergessen ein Sieg über die kaltherzige Frau gerade durch jenes tiefe, geheimnisvolle Mitgefühl, zu dem sie sonst im persönlichen Umgang ihrer Patin gegenüber nicht mehr frei zu werden vermochte. Diese in den Augen der Klingse ganz verrückte und dilettantische Vorstandssitzung entwickelte sich denn auch ganz in der Richtung, die ihr Linde gewünscht hatte, und die in der Tat die natürliche für alle Teile war. Die Amerikaner wurden samt ihrem wundervollen Instrumentarium höflich bedankt und wandten sich an eine andere Stadt, und da nicht überall so helle und kühne Wächterinnen der nationalen Würde und der wahren Nächstenpflicht saßen, so fanden sie auch eine. Das ganze Ereignis gab aber eben die unbewußte Unterlage und den Anstoß zu der Sonntagspredigt her, die wieder der Klingse die Unterlage für einen Vorstoß gegen den Dechanten verschaffte. Und zwar war es gleich beim Mittagessen, daß sie das Gespräch auf das Predigtthema lenkte.

»Ich kann ja solche Seligpreisungen der Dummheit und Inferiorität nur vom politischen Standpunkt aus verstehen«, erklärte sie mit kühlem Lächeln. »Wahrscheinlich willst du auch so aufgefaßt sein. Es wäre ja auch zu altfränkisch,[S. 68] im Ernst die hohe Bedeutung und die Verdienste der Gesellschaft leugnen zu wollen. Obwohl mir auch für politische Zwecke die Predigt immer noch fanatisch genug war. Ein enger Kopf bleibt ein enger Kopf, wenn er noch so gläubig ist, und ein Zöllner behält der Gesellschaft den Wert eines Zöllners, selbst wenn Christus mit ihm verkehrt hat. Wohin kämen wir, wenn auf einmal der Unsinn und die Beschränktheit den Ton angeben wollten! Zum Beispiel im Feld, Heinz, was macht einen Sieg dort aus, die sogenannten Gemütskräfte, Glaube und Liebe, oder die technisch vollkommene Kriegsmaschine, die Fähigkeit der Teilnehmer, a good sport zu sein?«

»Natürlich der gute Sport«, sagte Heinz sofort. »Die größere Schlauheit und Fixigkeit. Das neuste Gas. Das schwerste Kaliber Feldgeschütz. Die Mechanik mit einem Wort. Der Mensch ist nichts. Wolle, was du willst, das ist soviel, wie wenn eine Feder fliegt.«

»Also die Organisation der Materie«, übersetzte die Klingse. »Wir hier im Land wissen gar nichts. Wir müssen diese da reden lassen. Das sind jetzt die wahren Herren unseres Schicksals. Wenn einer schon im Heizraum eines Schiffes sich nach Europa durchschlägt, um seinem Vaterland zu dienen, der hat Anspruch auf Beachtung. Auch wenn er über Dinge des Friedens redet, denn der Krieg ist der Vater aller Dinge. Ein Volk wird niemals groß durch gläubige Zöllner und bekehrte Sünder, sondern durch Leute, die in die Welt passen, wie die jetzige Generation, Techniker, Industrielle, Kaufleute, Amerikaner und Juden. Jawohl, Juden. Das sind sogar die Leute, die am wenigsten Vorurteile haben. Es ist sonderbar, daß man euch das noch klarmachen muß, nachdem unsere herrlichen Unterseeboote und Luftschiffe schon so lange an der Arbeit sind. Von Seele habe ich in diesem Krieg noch nichts gemerkt; du vielleicht, Heinz?«

»Nein, ich auch nicht«, lachte Heinz verlegen; es war ihm schon nicht mehr ganz wohl bei dem Spiel. »Aber[S. 69] vom Leib, und das tüchtig«, fuhr er mit knabenhaftem Eifer fort. »Kinder, wie haben wir schon gehungert und gefroren, und wie waren wir schon müde, verlaust und dreckig! Essen und schlafen und mal wieder ein Bad, und die ganze menschliche Herrlichkeit ist repariert. Das schönste ist aber die Entlausung, das kann ich euch schon sagen. Wenn einen das Läusevieh so ein paar Wochen recht vorgehabt hat, und dann alles auf einen Tag loszuwerden: das ist Wiedergeburt.«

»Seht ihr, so tönt das bei den modernen jungen Leuten«, triumphierte die Klingse kühl und verzog ihre Lippen. »Wir sind auch nicht anders als die andern, die Franzosen und Engländer, und könnten sogar vieles von ihnen lernen. Wenigstens haben die begriffen, daß der Egoismus die Quelle alles Lebens und das Geschäft das Ziel aller geistigen Spekulationen ist. Es wäre besser, wir hätten ein Bündnis mit den Engländern als mit den Bulgaren und Türken; dort blüht bloß die Roheit und der Aberglaube. Schön, ihr habt nationale Eigenart, und die andern besitzen die Welt.«

Dem Soldaten war schließlich wie vor den Kopf geschlagen; denn so laut und feierlich seine schadhafte Wäsche als Mannskraft ausrufen zu hören, ist nicht jedermanns Sache, und keinesfalls hatte er ein Interesse daran, Linde in dem Licht zu erscheinen, in das ihn die weltliche Frau mit Kunst und Weiberlist hineinpraktizierte. Seine Genugtuung über die gehörten Lobsprüche war daher nur klein, und das wenige, das sich seine Eitelkeit davon aneignete, wurde ernstlich von seinem schlechten Gewissen angegriffen. Nach so langer Zeit fühlte er überhaupt zum erstenmal wieder Gewissensregungen, und zwar durch den Besitz eines deutschen Mädchens von Wert und Kühnheit, eines Mädchens, dem nun einmal die Gabe verliehen war, jedem, der sich damit einließ, als eine Art von kühler Morgenluft in die Seele zu ziehen und dort Erwachen und Aufstand zu verursachen. Heinz war freilich vorläufig[S. 70] erst beim Frösteln angekommen, und seine Gemütsstimmung zeigte daher einen etwas weinerlichen und katzenjämmerlichen Anstrich, während er sehr unbehaglich vor sich auf seinen Teller blickte und auf die Entgegnungen wartete, die ihm in den Unterstand fahren mußten.

Der Dechant war weiter nicht erschüttert von den Offenbarungen seiner Schwägerin; er kannte noch größere, wenn er zur Zeit auch keinen zu heftigen Gebrauch von ihnen machte. Sehr gelassen sagte er:

»Wenn's dann nur jedem bei seinem Besitz wohl ist; denn immerhin hat Hinz wie Kunz etwas, worauf er sich wenigstens eine Weile verlassen kann. Leid tun mir aber die Leute, die bei uns gezwungen sind, mit leeren Händen auszugehen, weil sie weder unsre Eigenart noch jene Welt besitzen, die ja die andern haben und ausbeuten. Ich habe deshalb immer darauf gedrungen, daß wir in Gegenwart dieser wirklich Armen und Leeren jedes Auftrumpfen mit unserm Besitz vermeiden müßten einerseits aus Feingefühl, andrerseits aus Gewissenhaftigkeit; denn ein Besitz wie Eigenart ist ein ernstes und unerbittliches Geschenk. Ihr, die ihr nicht damit belastet seid, tut unrecht, uns darüber zu beschreien, und seid zu tadeln; denn ihr solltet ja dank eurer Modernität den größern Überblick haben. Nun, dergleichen Talente liegen nicht in den Zeiten, sondern in den Personen. Ich lege dir aber ans Herz, künftig nicht mehr die Unmündigen zu mißbrauchen, wenn du gern einen persönlichen Beweis führen möchtest, auch wenn sie alle Eiserne Kreuze und Orden tragen, die ihrer Jugend zugänglich sind. Was dann das eigentliche Thema angeht, die Seligpreisung der Armen, so wundere ich mich etwas, daß du im Haus eines katholischen Geistlichen daran Anstoß zu nehmen erklärst. Ich dachte, du wüßtest, zu wem du auf Besuch kamst. Nun, in der Großstadt vergißt sich wohl dies und das, und es ist gut, daß ihr von Zeit zu Zeit darauf kommt, daß wir auch noch da sind.«

Mit diesen lächelnd gesprochenen Worten hob er die[S. 71] Tafel auf. Indem er im Vorbeigehen dem Soldaten leicht und väterlich die Hand auf die Schulter legte, sagte er zum Mädchen: »Daß du dich jetzt auf eine Stunde legst, Linde, und wenn zehn Leutnants gute Unterhaltung in Aussicht stellten. So ein Luftibus darf doch nicht gleich alle Hausregeln über den Haufen werfen.« Ihr freundlich zunickend, ging er scheinbar ganz unangefochten hinaus. Innerlich war er's weniger, denn mit allen weltmännischen Lästerungen hatte ihm die Schwägerin doch einige Bedenken aufgeregt. Daß sie in seiner Predigt Fanatismus fand, beunruhigte ihn noch am meisten, nicht weil er darin einen liberalen Vorwurf erblickte, den er sehr ruhig ertragen hätte, sondern weil es beim genauern Zusehen als ein unverdientes Lob herauskam; denn er wußte doch am besten, auf welchem Weg seine Predigten neuerlich entstanden, und wo seine Gedanken in der Zeit, während er sie hielt, sich manchmal herumtrieben. Er hatte in seinem Gott immer einen klugen Pädagogen gefunden; nun war es diesem sogar gelungen, ihn durch das ungewollte Lob eines ungläubigen Weibes ernstlich zu tadeln und zu mahnen. Mit einem Anflug von echter Besorgnis bemerkte er wieder die zuwartende Langmut Gottes, und für diesen Nachmittag jedenfalls dachte er weniger an die Geschichte des Domes als an die seiner Seele und der mystischen Bindungen, die er andern Seelen und jener höchsten, an die keiner ohne Erschütterung denkt, schuldig war und zum großen Teil schuldig blieb. Nebenher rückte er doch auch seine Domgeschäfte und die Geschichte des frommen Platzes wieder um einen Schritt näher unter den göttlichen Gesichtspunkt, ein zäher Ringer, der er war, und ging so nicht ganz ohne Vorteil für seine Lieblingstätigkeit aus der Affäre hervor. Den verdienten Mittagsschlaf verpaßte er freilich über aller Spekulation, so daß er später beim Tee etwas müde aussah.

Heinz und Linde waren beide dem Vorgang des Dechanten gerne gefolgt, um diesen Tisch, an dem es ihnen[S. 72] so wenig wohl war, zu verlassen. Mit einem überlegenen Lächeln blieb die Frau allein noch eine Weile sitzen, horchte prüfend ihren Worten nach, suchte ohne Wohlwollen und darum umsonst, sich ein wahres Bild von diesen Menschen zu machen, verlor darüber ihr Lächeln, ärgerte sich über die empfangene Abfertigung, dachte mit einer etwas bittern Regung von Eifersucht an den jungen, blühenden Leutnant und mit Abneigung an das Mädchen und fühlte sich alles in allem ziemlich einsam mit der Tragik ihres Lebens und ihrer kalten, unfruchtbaren Natur. Unterweilen kam Brigitt herein, um abzuräumen, hochbefriedigt darüber, den ungeliebten Gast rechtmäßig mit einer häuslichen Pflichterfüllung aus einer Behaglichkeit auftreiben zu können. Sie erhob sofort ein überaus kriegerisches Geklapper mit Tellern und Gabeln, bewegte sich breitspurig ordentlich unter der feinen Nase der Frau hierin und dorthin und nahm ihr, ohne viel zu fragen, die Kaffeetasse weg, obwohl sie noch Kaffee darin und die Hand am Löffelchen hatte. Wirklich erstaunt über soviel völkische Niedertracht, blickte die Klingse auf und sah zur Abwechslung das rabiate Frauenzimmer wirklich einmal näher an.

»Warum nehmen Sie mir das fort?« fragte sie mit hochgezogenen Augenbraunen. »Sie sehen doch, daß ich noch nicht fertig bin. Warten Sie mit dem Abräumen, bis alle Herrschaften den Tisch verlassen haben.«

»Die Herrschaften, was Herrschaften sind, haben ihn verlassen«, erwiderte die Haushälterin patzig und räumte weiter.

»Sie werden ja anmaßend«, wunderte sich die Geärgerte. »Was soll denn das alles heißen?«

Brigitt zog ihr auch das Tischtuch unter den Händen fort, so daß sie jetzt am nackten Tisch saß. »Was es eben heißen soll.«

»So werde ich mir meine Frage selber beantworten«, erklärte die Klingse errötend und erhob sich. »Es heißt,[S. 73] daß Sie der unverschämteste Dienstbolzen sind, der mir zeit meines Lebens vorgekommen ist. Man nennt Ihresgleichen bei uns Pfarrerskathel, und man weiß, daß solche Rechte, wie Sie sich anmaßen, allgemein nicht nur durch häusliche Dienstleistungen erworben werden. Aber es wäre besser für Sie, wenn Sie die guten Beziehungen zu Ihrem Herrn nicht in dieser öffentlichen Weise ausnützten.«

Damit ging auch sie und ließ den alten redlichen Menschen in einer maßlosen Betroffenheit zurück, in einer Verblüffung, die sich dann langsam zu ungefaßtem Ärger und Wut steigerte in dem Tempo, in dem die Magd die Infamie begriff, die ihr gesagt worden war. Daß Brigitt aber zum Begreifen soviel Zeit brauchte, war für diesmal das ganze Glück der Klingse, denn in diesem Fall hatte sie ihre Gegnerin unterschätzt; als aufgeklärte Persönlichkeit besaß sie weder Verständnis für menschliche Ideale noch Respekt vor persönlichem Anstand.

Um noch einmal vom Nachmittagstee zu sprechen, so servierte ihn Brigitt in kochendem Haß und in vollem Bewußtsein der erfahrenen Niedertracht, mit einer tiefen Falte über der redlichen gebogenen Nase und fest geschlossenen Lippen. Dieser Handel war nun ganz ausschließlich ihre Sache wie auch die Abrechnung im Namen der Hausehre und der beschimpften geistlichen Person, der sie diente. Von der landläufigen Verunehrung ihres Standes sowie von den summarischen Verleumdungen des einsamen, vor Gott gestellten Mannes hatte sie ja schon zu ihrem Verdruß gehört, und sie wußte auch, welche Schicht der Gesellschaft und welche politischen Parteien sich in solchen weltläufigen Allgemeinheiten gefallen; aber den Feind im eigenen Haus zu haben, war ihr ein ungeheures Erlebnis, mit dem sie nicht so in der Schnelligkeit fertig zu werden und dessen Tragweite sie auch noch nicht von fern zu überblicken vermochte.

Linde verbrachte diesen Nachmittag traurig und bedrückt,[S. 74] obwohl in Gesellschaft ihres Geliebten, und das war der einzige Trost, wenn auch ein kummervoller, denn dieser Geliebte war zu gewissen Zeiten und Teilen auch der Mann ihrer Feindin. Nicht nur, daß sich das unselige Weib seiner minderwertigen Qualitäten und seiner Torheiten bemächtigt hatte, um ihn von dem gottesfürchtigen Umgang zu sich, der Weltdame, zu ziehen, und noch abgesehen davon, daß sie ihm durch ihren Verstand und ihre gesellschaftliche Überlegenheit imponierte und geistig die geringe Einheit störte, die sich zwischen den jungen Leuten bisher gebildet hatte, machte sie auch, noch weniger sichtbar als fühlbar, ganz äußerlich als Weib einen gewissen Eindruck auf ihn, dem er sich nicht zu entziehen vermochte. Sie betraf ihn stets mit größerer Scham über Blicken nach gewissen Geheimnissen der Tante, die bei dem Schnitt ihrer Kleider und Blusen nicht allzu streng verborgen waren, und als er eines Tages sich über seine Vorliebe für Parfüm erklärte, wußte sie auch, was das zu bedeuten hatte; denn von der Tante ging fortwährend ein feiner, geheim erregender Duft aus. Alles in allem glaubte sie nicht, daß Heinz ihr an die Gegnerin untreu werden könnte; eine solche Niedrigkeit traute sie ihm mit keinem Gedanken zu. Allein der ganze Einfluß, der von der städtischen und äußerlichen Frau auf ihn überging, veränderte ihn wenigstens zeitweise in einer ungünstigen und für Linde schmerzlichen Richtung. Sie sah deutlich, wie er jedesmal nach einem Zusammensein mit der andern auf einer neuen Seite sozusagen anverdorben zu ihr zurückkam wie ein gefallener oder gedrückter Apfel. Er wurde eitler und gefallsüchtiger, kaufte sich Manschetten und weiße gestärkte Halsringe, die dann sehr kavaliermäßig unter seinem ernsten Ärmel- und Kragenaufschlag hervorblinkten, dazu feine Handschuhe und Lackstiefel, und die kriegerisch verbeulte Feldmütze vertauschte er mit einer neuen, ganz korrekten und steif stehenden. Daß ihm die vorige kriegerische Abgeschlissenheit viel besser und männlicher gestanden[S. 75] hatte, wußte er nicht, und er glaubte es auch nicht, als es ihm Linde sagte.

Das schlimmste Leiden floß ihr aus dem Gewissen. Es war nicht mehr allein das jener Frau zugefügte und noch nicht wieder gutgemachte Unrecht um das entwendete Buch, das ihr auf der Seele lag, sondern das Schuldgebiet war weit über die von Heinz gezogene Grenze hinausgewachsen, und zwar schon an dem Abend, an dem die bittere Frau auf Lindes bußfertige Einladung leiblich erschienen und von dem bestürzten Mädchen so niederschmetternd abstoßend und auf den ersten Blick unversöhnlich feindlich empfunden worden war. Linde erlebte diesen Mißerfolg wie eine Katastrophe. Es war ihr jetzt klar, daß sie sich im Grund schon damals gegen die Frau um Heinz gewehrt hatte, wenn auch mit törichten und verwerflichen Mitteln; denn anstatt alle frei zu erhalten, hatte sie alle in eine geheimnisvoll drohende Verwicklung gebracht, den Dechanten, die Frau, den Geliebten und am tiefsten sich selbst. Sie meinte daher nicht mit Unrecht, daß es nötig sei, Schritte zu unternehmen, um ihre sittliche Freiheit zurückzugewinnen und zugleich der Leugnerin aller seelischen und moralischen Impulse die Hoheit des Gewissens und das Wirken der lebendigen Seelenkräfte zu beweisen. Aber dies Mittel erforderte eine so übermenschliche Selbstüberwindung, daß sie sich nicht fähig fühlte, es aus freier Hand anzuwenden, jedenfalls nicht ohne die Hilfe und den innern Beistand eines Freundes. Beides suchte sie im Lauf des Nachmittags, müde von allem Denken und von der Bemühung, ihrem Geliebten nicht durch Traurigkeit schwerzufallen, bei ihm selber ohne besonderen Mut, nur um einen Versuch nicht ungewagt zu lassen.

»Hast du auch schon bemerkt, daß die alte Geschichte mit dem Buch wieder lebendig geworden ist und als Gespenst umgeht?« fragte sie aus einem Schweigen heraus schüchtern ihren Freund. »Ich meine nicht die Entwendung[S. 76] an sich«, fuhr sie hastig fort, als sie mit einem Streifblick sein verständnisloses Gesicht bemerkte. »Gewiß, die Tante ist furchtbar verletzt und will sich rächen. Und es scheint, daß sie sehr an ihrem Ehrgeiz leidet. Aber es ist da noch anderes; ich kann es nicht so sagen. Ich meine, sollten wir nicht einen — ehrlichen Entschluß fassen?«

Heinz sah immer noch gleich verständnislos aus. »Einen Entschluß fassen?« wiederholte er verwundert. »Wir haben über die Sache doch schon gesprochen. Ach, du meinst wohl unseren Vertrag? Aber liebes Kind, das war doch eine Neckerei. Wer wird doch gleich alles so tiefgründig nehmen. Du bist vollkommen freiwillig meine Freundin geworden; das hat mit der dummen Büchergeschichte doch nichts zu tun. Fühle dich nur ja in keiner Weise gebunden, ich bitte dich. Wir sind doch erwachsene Leute.«

»Ich fühle mich dir gegenüber auch frei«, sagte Linde. »Aber du mußt verstehen, daß ich dieser Frau ein Unrecht angetan habe.«

»Lieber Gott, doch nicht wissend!« ermahnte Heinz wohlmeinend. »Damals warst du noch ein Kind! Da könnte ich mir ja auch Gedanken machen!«

»Ich wußte ganz genau«, kopfschüttelte Linde. »Ich hatte ein Gewissen, und wenn ich dort die Wahrheit gesagt hätte, so brauchte ich mich jetzt nicht vor Gespenstern zu fürchten.«

»Nun, bei der großen Beliebtheit, die sie sich damals bei uns erwarb!« erinnerte Heinz mit einem Versuch, sie zu erheitern. »Aber was ist denn so Schlimmes geschehen? Sie hat doch die Sache längst vergessen, sonst wäre sie nicht hier. Na also. Obwohl ihr sie sicher alle falsch beurteilt«, platzte er dann plötzlich heraus. »Sie ist eine sehr gebildete und feinsinnige Frau, nur etwas verbittert. Sie wird zuwenig geliebt, wie es scheint.«

»Gewiß«, stimmte Linde mit ernsten Augen, doch erleichtert[S. 77] zu. »Wir wollen eine offene Aussprache herbeiführen; vielleicht lernen wir uns dabei verstehen, und jedenfalls machen wir allen das Herz frei.«

»Aber gern, natürlich«, sagte Heinz lachend. »Es wird einen rechten Spaß geben. Verfluchte Blase, die wir auch waren! Laß mich nur machen, ich werde diese Sache schon einfädeln.«

»Vielleicht besser nicht«, bat Linde, erschreckt von seiner absoluten Verständnislosigkeit. »Es wird doch nicht gehen. Wir wollen es lieber lassen. Ich bitte dich. Vielleicht später. Jedenfalls nicht, bevor wir wieder darüber geredet haben.«

»Na — was also? In den Kartoffelacker 'rin oder aus dem Kartoffelacker 'raus? Schön. Wenn du nicht willst, so wird eben nicht darüber gesprochen. Ich meine nur —«

»Ich — kann ihren Blick nicht ertragen, nicht einmal in der Vorstellung«, suchte sie zu erklären, verstummte aber bedrückt und machte auch keinen Versuch mehr, ihm ihre Empfindung näherzubringen.

»Tja, da muß ich wiederholen, daß du ihr unrecht tust«, meinte er, selber verschüchtert. »Sie mag ihre Härten haben, aber ein übler Mensch ist sie nicht. Wenn man zwei Jahre so draußen gewesen ist und dann mal wieder ins Land schneit, so hat man für alles Weibliche einen ganz andern Nerv, auch für das Männliche, versteht sich. Und da kann ich nur sagen —«

Er sprach nicht aus, was er nur sagen konnte, und auch Linde ließ ein Gespräch fallen, bei dem sie bloß Verluste und Enttäuschungen erlebte. Gleich darauf klingelte Brigitt zum mehrfach berufenen Nachmittagstee, der ziemlich still und gemessen verlief. Nachher belegte die Tante den Soldaten mit Beschlag, um mit ihm zu musizieren. Er spielte ganz hübsch Klavier, und sie brauchte ihre dünne Stimme mit Geschmack; darauf spielten sie vierhändig, womit schon manche schwere Not begonnen[S. 78] hat. Später ging sie mit ihm spazieren, und er zeigte ihr die schöne Gegend. Zum Nachtessen erschien er mit einem Ring ihres verstorbenen Mannes, den sie ihm geschenkt hatte. Als später unter vier Augen Linde eine Bemerkung darüber machte, meinte er, er wisse nicht, was sie gegen die Frau habe; er könne sich doch von einer reichen Verwandten, die dazu ihre Patin sei, etwas schenken lassen. Ob sie denn an Eifersucht leide? Sie sagte, sie leide nicht, und mußte dafür auch ihre Empfindlichkeit unterdrücken und ihre Trauer verbergen, und er war zufrieden, daß sie es wieder schien.

Fünftes Kapitel
Der Abschied des Soldaten und der Kampf um seine letzten Stunden führt zu überraschenden Ergebnissen;
fast alle Leute stehen nachher auf einem andern Fleck.

M

Mit solchen und anderen Geschehnissen ging der Urlaub des Soldaten zu Ende; indem er am Mittwoch zum Kaffeetisch herunterkam, hatte er bereits seinen letzten Tag angebrochen. Linde erwartete ihn mit einem heiteren Gesicht und trüben Augen; sie hatte die Nacht geweint. Heinz schnupperte in die Luft, und sie lächelte.

»Heute gibt's echten Kaffee«, sagte sie. »Ich verantworte ihn. Und überhaupt einen Tag, wie wir ihn früher gewöhnt waren. Willst du hören?«

Er wollte, und sie zählte ihm auf, was sie für das Abschiedsfest vorbereitet hatte. Er war gerührt und schien nachdenklich, hatte eine dumpf beunruhigte Nacht hinter sich und war mit dem Tagesgrauen wach geworden wie im Schützengraben; aber geweckt hatte ihn nicht ein Kanonenschuß, sondern der Gedanke an Linde und den Abschied. Er konnte noch zu ihr sagen: »Wir gehen nachher zum letztenmal zur Warte hinaus!«, da trat die Tante ein,[S. 79] und gleich erschien auch der Dechant. Die Klingse hatte ebenfalls schlecht geschlafen; sie zeigte dunkle Ränder unter den Augen und schien so mit sich und ihren Gedanken beschäftigt, daß sie nicht einmal einen Laut über den echten Kaffee verlor und über die Butter, die heute auf dem Tisch stand. Sie zeigte sich jedem guten Wort zugänglich, gab freundliche Antworten, stellte unverfängliche, teilnehmende Fragen und schien alles in allem so weich, wie sie hier noch niemand gesehen hatte. Dazu trug sie einen blauseidenen, silbergestickten Kimono, den sie noch nie angehabt hatte, und der ihr sehr gut stand. Sogar der Dechant mußte innerlich zugeben, daß sie immer noch ihre Stärken hatte mit dem weißen schlanken Hals, dem säuberlich modellierten Ansatz in den zarten Brüsseler Spitzen, den feinen Armen und dem delikaten rötlichen Haar. Freilich gab er nicht eine Strähne von Lindes blonden Zöpfen dafür her, und dieser Meinung war schließlich Heinz auch, wenn denn schon unterschieden sein mußte; sonst war er mehr dafür, jede in ihrer Art zu nehmen. Obgleich er eben mit seiner jungen Freundin ein zärtliches Rendezvous ausgemacht hatte, verlor er doch immer wieder die Augen an die weltbedeutende Dame im Morgenkleid, und außerordentlich beschäftigte ihn ihr goldenes Armband am Handgelenk, das sie auch noch nicht getragen, sowie das lange grüne Ohrgehänge, das sie zur Feier des Tages vorgenommen hatte. Mit einem Wort, Heinz konnte nun sehen, was es mit einer ausgewachsenen Frau auf sich hatte, und er sah alles, was es zu sehen gab; übermäßige Zurückhaltung war seine Sache ohnehin nicht.

Darüber hinaus lagen ihm noch die Träume dieser Nacht in den Knochen. Er hatte sich selber sterbend »auf blutiger Wahlstatt« — diese Worte tönten ihm unausgesetzt in den Ohren — liegen gesehen und war darum traurig und etwas tiefsinnig. Für eine solche Gemütsverfassung schien ihm Linde eher der geeignete Umgang zu sein als die überlegene und ungläubige Frau, und darum[S. 80] kehrte er von seinen Augenausflügen immer reuig zu seiner stillen Freundin zurück. So ging er auch nach dem Frühstück verabredetermaßen redlich mit ihr spazieren, und Bob durfte mit. Der Dechant hatte noch angezeigt, daß heute nachmittag um fünf die neuaufgestellte Orgel probiert werde, und zwar durch einen bekannten Organisten aus Köln; wer sich dafür interessiere, möge sich einfinden. Es interessierten sich alle, sogar Bob wedelte erfreut mit seinem kurzen Schwanz, und das Ereignis wurde zu einem Programmpunkt des Tages gemacht.

Diesen etwas bedeckten aber gnädigen Vormittag benützten die Liebenden dazu, noch einmal alle Dinge zu nennen und redend lebendig zu machen, die ihnen wert und lieb waren. Jedes sprach gütig und rein die innern Vorzüge des andern an und auch das, was ihm an seinem Äußern die Sinne bewegte und die Gedanken mit Freude erfüllte. Was sie verschweigen mußten, das zitterte desto kühner als Sehnsucht in ihnen. Sie wandelten dahin, glaubend und hoffend als zwei edle Kinder der Erde, an denen keine Falschheit war, und die sich so treu und in der Hand des natürlichen Gottes geborgen fühlten, daß sie nichts sahen, was ihnen nicht erlaubt gewesen wäre, nicht weil sie nun als kleine Frevler mit schlauer Logik die Hände nach verbotenem Gut ausgestreckt hätten, sondern weil sie annoch wirklich nur nach Erlaubtem begierig ausblickten und darin sich vor dem anrückenden Abschiedsweh bargen. Sie machten sich die Erde zum Bild, in dem sie sicher von ihrer Treue umrahmt nebeneinanderstehen, und den Himmel zur Melodie, die sie einander aus jeder Ferne zusingen wollten. Heinz war ganz offen, ganz kinderreich und hörte und sprach mit festlich erregten Organen. Er verstand das meiste und glaubte alles, was sie sprach, und was er sagte, das hatte Hand und Fuß und konnte sich in ziemlich guter Gesellschaft bewegen. Er vergaß, was ihn sonst dumm und ledern machte, die Klingse, die moderne Zeit, sogar den Schützengrabenjargon,[S. 81] und war diesen Morgen wirklich nur Lindes frommer und sanfter Geliebter, ein innerlich wohlgewachsener junger Mann ohne jede Eitelkeit, dem die nahende Trennung von seiner Geliebten schwer zu schaffen gab, und der mit Sorge bemerkte, wie die silbernen und goldenen Fäden schon sich zum Zerreißen anstrafften. Die still gewordene, kühle Flur sagte ihm Lebewohl. Die Türme sagten ihm Lebewohl. Das Tal, die Wälder, der Fluß, der Kalvarienberg drüben mit seinen Leidensstationen, das Geläute des weidenden Viehs, alles sagte ihm gläubig und heimatlich Lebewohl. Nur einmal hörte er die Klingse sagen: »Du mußt wieder dein Leben für uns einsetzen«, und das Wort klang ihm schlecht, er wußte nicht warum. Dann wandelte es sich ihm zur Unruhe, weil er den Tod darin ahnte, und mit dem ganzen Gefühl drängte er sich noch näher an den Menschen, der ihm und dem er in diesen Stunden alles war, Besitz und Zuflucht, Verheißung und Erfüllung. Von soviel Wärme und kindlich-männlicher ernster Hingabe überwältigt, verlor Linde auf eine kurze Zeit die mühsam beherrschte Fassung und lag ihm wortlos weinend an der Brust, aber als sie sich wieder aufrichtete, lächelte sie ihm erneut zu, und das war der Höhepunkt ihres Jungfrauenlebens, auf dem sie das Frauenleben begriff und es auf eine keusche, zagende Weise, aber unwiderstehlich begann. Die höchste gesellige Leistung des liebenden Weibes für den Mann und zugleich seine Bestätigung durch sie ist die Kameradschaft, und vom Kameraden fühlte Linde von diesem Augenblick an viel in sich. Auch Heinz fühlte es, und es steigerte seine Achtung für sie und sein Gefühl von ihren Werten, die sich immer noch aus sich selber summierten. Er merkte wieder einmal, daß sie mit der Ausstrahlung und Befreiung ihrer Kräfte noch lange nicht zu Ende war, und das erfüllte ihn ebenso mit Bewunderung als mit Erstaunen, denn bisher hatte er von deren Vorhandensein im Weib noch nichts bemerkt, auch nicht durch seine Kameraden[S. 82] im Schützengraben gehört. Darunter hin schämte er sich ein wenig, aber es tat ihm wohl, weil ihn das Gefühl letzten Endes reicher machte, und weil er davon gleich wieder in der Form von neuen Liebesbeweisen mitteilen durfte, ohne über deren Herkunft Rechenschaft geben zu müssen. Mit der Seele zweier Liebenden verhält es sich ohnehin wie mit den beiden klingenden Personen der Terz, die singend und anschauend und immer neue Melodien bildend durch das weite schöne Tonreich wandeln und zu keinem Ende kommen.

Bob suchte in der Zeit Mäuse, kam ab und zu fragen, ob es nicht bald wieder weitergehe, und als Linde weinte, stand er plötzlich dicht vor Heinz und sah ihn mit dem einen Auge sehr aufmerksam und prüfend an.

Indessen kam doch dieser gütige Vormittag mit allem Frieden zum Ende, als die Mittagsglocken in der Stadt und in den Dörfern zu läuten anhoben. Noch einmal umarmten sie einander herzlich und voll von jenen bräutlichen Gefühlen, die mit den Begriffen Unendlichkeit und Ewigkeit und mit allen göttlichen Geheimnissen unzertrennlich sind, in der Meinung, für sie beide nun ein unzerstörbares Abschiedsmal aufgerichtet zu haben, an dessen großherziger Endgültigkeit bis zum Wiedersehen niemand etwas verändern konnte, kein Mensch und kein Geist, wenn er mit noch so großen Gewalten ausgestattet war, denn das fromme Herz ist unbesieglich, solang es unbesiegt bleiben will. Unterwegs schenkte ein Bauer Linde einen wunderschönen Apfel von einem ganz seltenen Baum, und als er hörte, daß Heinz wieder ins Feld mußte, schenkte er auch ihm einen, obwohl der ganze Baum bloß drei getragen hatte. Beide dachten ganz unwillkürlich: »Der dritte gehört dem Tod!« Aber keins sprach den Gedanken aus.

Der Dechant, der heute einmal nicht in seinem Getrümmer steckte, sondern sich mit ein paar aufgefundenen alten Kirchenschmökern hinter seinen Schreibtisch verschanzt[S. 83] hatte, konnte sich den ganzen Morgen nicht helfen: er mußte sich immer auf das Mittagessen freuen, wenn ihm ein Windchen den guten Duft aus der Küche in die Nase trug, dergleichen er seit zwei Wochen nicht mehr gerochen hatte, nämlich seitdem die Klingse im Haus den Ton angab. Von Heinz war zu den ursprünglichen acht Tagen immer noch einer zugesetzt worden, so daß er schließlich gegen die erste Absicht seinen ganzen Urlaub im Pfarrhaus verbracht hatte. Immerhin war auch dem Dechanten der Grund dazu nicht verborgen geblieben und hatte ihm gelegentlich zu denken gegeben. Auch heute, wenn ihm nicht gerade der Mund wässerte, gingen seine Gedanken hinter den jungen Leuten her, und er erkannte von ungefähr die Notwendigkeit, mit Heinz noch ein allgemeines ernsteres Wort zu reden, ehe er wieder in seinen Schützengraben zurückkehrte, damit er nicht ganz ohne ein geistliches Gastgeschenk schied. Indessen kamen die beiden eilfertig an, als bereits aufgetragen wurde, und das Gespräch mußte mindestens bis nach dem Braten und Wein verschoben werden.

Brigitt strahlte sozusagen auf eine grimmige Art, denn da sie wieder einmal anständig kochen durfte, so zeigte sie nun auch, was es mit einer christlichen hessischen Pfarrküche auf sich hat, im Gegensatz zu einem mageren norddeutschen Hungertisch. Es troff alles von Butter und gewürzigen Wohlgerüchen, und außerdem hatte sie gleich für acht Tage im Vorrat gekocht und gebraten, denn um ihre heutige Bescherung aufzuessen, war mindestens eine Schulklasse oder ein gefüllter Schützengraben nötig. Es gab erstlich Äschen, einen charaktervollen, schneefrischen Flußfisch, dann Reh, wovon Brigitt zwei Schlegel und einen Rücken, also beinahe das ganze Tier, angeschafft hatte, weil es für Linde zum bekömmlichsten Fleisch gehörte, und in Gottes Namen noch gebratene Gans, obwohl es dafür ein bißchen zu früh war, aber was man hatte, das hatte man, und man hatte zweie. In die Küche[S. 84] war heute außer ihr den ganzen Vormittag keine Menschenseele gekommen; so wußte auch niemand, wie sie es fertiggebracht hatte, auf einem Herd und mit nur zwei Händen Äschen zu kochen, Rehschlegel zu schmoren und Gänse zu braten, der Suppe nicht zu vergessen, des Sauerkrauts und der Kartoffeln sowie der Maronen und der Äpfel, mit denen die eine Gans gefüllt war, und der Sauce, die auch gemacht sein wollte. Und daneben hatte das gute begeisterte Tier noch zwei Dauerkuchen gebacken aus wirklichem Weizenmehl, wirklichen Eiern und der besten Butter, die zu haben war, alles echte Ware und alles auf Wochen haltbar. Nun mochte jeder essen, was er konnte, den Rest wollte sie nach dem Ratschluß ihrer Liebe verwalten. Und da doch heute der Tag der Erlaubnis war, hatte sie weiße Semmeln zum Nachmittag bestellt in der Erwartung, daß sie ihren Leuten auch morgen früh bekommen würden; Semmeln frisch zu halten verstand sie aber wie keine. Zum Nachtessen hatte sie noch einmal eine besondere Mine gegraben und sie reichlich mit Schinken und Würsten geladen; ein paar Hühner lagen auch drin. Eigentlich hätte sie einen Anbau an das Pfarrhaus benötigt, aber sie wußte im Keller und auf dem Boden noch viel gewissere Unterkünfte. Und über dem ganzen Krieg kam sie so in Schwung und Begeisterung, daß sie schwor, von heute ab überhaupt wieder ihren Stil zu kochen, und wenn Linde sie auf den Knien bat, der Klingse zu gehorchen. Es sollte nichts mehr gehorcht, sondern gebraten und geschmort werden, wie es die zarten herrschaftlichen Mägen verlangten, und wie es die Pflichten geboten, die sie von Gott gegen diese übernommen hatte.

Die weiche Stimmung der Klingse hielt an und steigerte sich beinahe bis zur Träumerei. Sie begann sogar aus ihrem Leben zu erzählen, von ihrem verstorbenen Mann, wie berühmt er gewesen sei, und was für Honorare er genommen habe. Einmal war die Rede davon, daß vor[S. 85] ihrem Landhaus eigentlich die Bäume etwas die Aussicht hinderten, besonders eine schöne hohe alte Tanne, die vor den Fenstern des Wohnzimmers stand. Oh, die stehe längst nicht mehr da, erzählte sie mit einem leichten Lächeln ihrer dünnen Lippen. Nachdem sie lang genug mit ihrem Mann darum gezankt habe, daß der Gärtner sie schlagen solle, habe sie sie heimlich vergiften lassen, immer eine Wurzel nach der andern, bis dann der Baum scheinbar von selber eingegangen sei. Später war die Rede von einem Nachbarhund, der nächtens manchmal etwas Lärm gemacht hatte, aber sonst ein sehr hübsches, kluges Tier gewesen war. »Ach, ihr meint den Neger?« erinnerte sie sich angeregt. »Der lebt nicht mehr. Erst war er zu meiner großen Freude blind und taub geworden, und dann mußte man ihn natürlich abtun.« Man sagte nicht viel zu diesen Nachrichten, aber Linde ging jedes Wort davon wie ein Messer durch's Herz, so daß sie eine ganze Zeitlang die Freude am schönen Essen und dem guten Wein verlor und nur an ihrer Angst vor diesem Weib würgte. Heinz lachte ein bißchen über die in einem trockenen, humoristischen Ton vorgetragenen Berichte, wurde aber gleich darauf verlegen und sah schuldbewußt und abbittend nach Linde. Der Dechant sagte nur: »Schade um den schönen Baum!« und: »Der arme Kerl! Hoffentlich ist ihm der Tod nicht zu schwer geworden!« »Was weiß ich davon!« achselzuckte sie gutgelaunt. »Ich denke, man hat ihn erschossen. Mir hat er sechs Jahre lang das Leben schwer gemacht.«

Darauf wandte sie sich wieder dem Thema des Tages zu und fing aus dem Gefühl des Abschiedes an, Geschichten zu erzählen, die sich in ihrer Gesellschaft zugetragen hatten; die meisten handelten von Soldaten, die aus dem Urlaub wieder in den Schützengraben zurückgekehrt und gleich am ersten Tag von der tödlichen Kugel ereilt oder von einem Granatsplitter erfaßt worden waren, so daß man beinahe von einem Gesetz reden könne. Einer stehe zwei Jahre im Feld, und es passiere ihm nichts; dann bekomme er einen[S. 86] kurzen Urlaub, und es sei um ihn geschehen. Überhaupt, um aus einem guten Soldaten einen schlechten zu machen, sei ein Urlaub das beste Mittel; nachher könne man mit Menschen auf lange Zeit hinaus nichts mehr anfangen, die früher ganz sichere Leute gewesen seien, besonders wenn sie etwa eine Liebe zurückgelassen hätten. Heinz werde das bestätigen können. Indem sie dabei an ihre Einsamkeit dachte, richtete sie auf Heinz einen schweren, dunkeln, begehrlichen Blick, unter dem er errötete, und der mit seiner ehrgeizigen Selbstheit Linde beinahe aufschreien machte. Heinz bestätigte alles, auch jenes unheimliche Gesetz, obgleich ihm sehr wenig wohl dabei war. In dieser Weise fuhr sie wohlunterhalten und befriedigt fort, das Opfer zu bekränzen, und je mehr es zum Opfer wurde, um so gegenwärtiger entfachte sich in ihr jene eiskalte Leidenschaftlichkeit, vor der Linde zitterte, und von welcher sich der Soldat unwiderstehlich angezogen fühlte wie nach der Sage der kleine Vogel, der in den Blick der Schlange gerät. Und da waren auch alle Mittel des Dechanten, das Gespräch und die Aufmerksamkeit auf andre Dinge zu lenken, umsonst, zumal es ihr immer wieder gelang, in Heinz die Lust am Prahlen zu wecken, wodurch sie ihn zu ihrem Helfershelfer machte. Als der Dechant endlich im Anblick der Leiden, denen Linde beinahe erlag, geradezu eingriff und sagte, man wolle doch von andern Dingen sprechen, es sei noch früh genug, daran zu denken, wenn Heinz wieder draußen im Feuer stehe, antwortete sie mit gerechter Verwunderung:

»Aber warum? Ihr hört doch, daß Heinz selber sehr gern davon spricht. Er ist Soldat mit Leib und Seele, und wenn ihm das Thema gefällt, so werden wir's wohl auch ertragen können, die wir nicht hinaus müssen, um unser Leben für die Daheimgebliebenen einzusetzen. Ist's nicht so, Heinz?«

Der Heroismus verlangte es, daß Heinz zustimmte, aber von dem schönen Mahl hatte niemand den erhofften[S. 87] Genuß. Die Männer tranken in ihrer innerlichen Erregung um so mehr, und sogar Linde, als sie das Mittel der Zuflucht erkannte, das jene anwandten, gab ihr Glas immer öfter und williger zu einem gütig gemeinten stillen Anstoßen nach rechts und nach links her, so daß bei aufgehobener Tafel außer der Klingse alle etwas von Wein und Traurigkeit angetrunken waren und keinen Gegenstand mehr sicher vor den Augen hatten.

Der Dechant und Linde mußten notwendig schlafen gehen, besonders diese, die sonst kraftlos hingesunken wäre, aber den Soldaten nahm die Klingse an sich; sie hatte nicht mehr so viel Zeit, daß sie welche davon verschlafen oder ihn verschlafen lassen wollte, so herzlich gern er's getan hätte, denn er war vom Abschied ganz unterhöhlt und schwer von Müdigkeit und Alkohol, so daß er jeden Moment einzubrechen fürchtete. Aber Mitleid gehörte nicht zu ihren Trieben, und so mußte er im Salon, wohin sie ihn mitnahm, zuerst von seinem Leben und seinen Liebschaften erzählen, ob er wollte oder nicht, besonders von den letzteren, und für eine Zeitlang kam er richtig wieder ins Schleudern und Prahlen. Sie legte ihm nahe, was für ein liebreizender Kerl er und was für eine ganz selbstverständliche Sache es sei, daß einsame Frauen nach hübschen jungen Männern von seinem Schlag aussähen. Ob er schon reifere Frauen geliebt habe? Nein, die kannte er noch nicht. Nun, dann sei es Zeit dazu, daß er sie kennenlerne; die besäßen besondere Mittel, aus einem Jüngling einen Mann zu machen, und wendeten sie nirgends lieber an als bei so idealistisch angelegten Naturen.

Die idealistische Natur war ihr stockernst, und er hielt sich aufrichtig selber für eine; aber für diesmal hing sie ihm eng mit Linde zusammen, und an diese hielt er sich auch getreu und noch fast ganz so warm, wie er von ihr kam. Inzwischen glitt ihm auch von seiner Prahlerei ein öder Geschmack auf die Zunge; sie wurde ihm mit dem ganzen dargestellten Treiben schal, und schließlich schlief[S. 88] er beinahe ein. Da wünschte sich die Klingse von ihm, daß er ihr Soldatenlieder singe; er solle sich dazu auf dem Klavier begleiten. Er wandte ein, daß man die Leute im Mittagsschlaf stören werde. »Wenn du meinst«, sagte sie und streckte das spitze Kinn vor. Da setzte er sich hin und fing an zu singen von den Vöglein im Walde und der Heimat, in der es ein Wiedersehen gibt, von dem Mädchen, das seine Tränen trocknen soll, weil ja nicht jede Kugel trifft, von den deutschen Soldaten, die alle gut schießen, und vor denen sich das Franzosenblut hüten soll, und was sonst so gegenwärtig auf Märschen und in den Quartieren sang und klang. In der Ecke gegenüber, ihm gut im Gesichtsfeld, saß die Klingse mit übergeschlagenen Beinen und in dünnen grauseidenen Strümpfen. Ihm war, er wußte nicht wie. Die Lieder regten ihn auf, wie sie es noch nie getan hatten. Gefahr und Liebe, Unschuld und Blutvergießen, Verlockung und Tod, alles floß ihm zusammen zu einem rot blühenden Rausch des jungen Blutes, auf dessen Grund sich in großer Bestimmtheit eine lastende, dunkle Traurigkeit ausbreitete, welche die Berufung zu haben schien, sein Heiligstes vor Besudelung zu bewahren. Die Einsicht davon erschreckte ihn ebensoviel, als sie ihn beruhigte. Manchmal war es ihm, als ob er um sein Leben und dann wieder, als ob er bloß für Linde sänge, die jetzt vielleicht droben in ihrem Zimmer weinend auf ihrem Bettchen lag und alles auf sich bezog, wenn sie sich auch wunderte, daß er ihr damit den Schlaf raubte, aber wahrscheinlich dachte sie, daß er es vor Traurigkeit nicht aushalte.

Nach einiger Zeit merkte zwar die Klingse, daß er aus dem aufgeforderten Singen ins Leidenschaftliche gekommen war, aber sie ließ ihn dabei, weil sie wohl fühlte, wie mit jedem neuen Lied auch seine innerliche Ratlosigkeit zunahm. Er sang und spielte sich ihr selber in die Hände; je weniger er die Empfindung hatte, von ihr ergriffen zu sein, desto freier bewegte er sich dahin, wohin sie ihn haben[S. 89] wollte, in ihre dünnen Arme und an ihr bitteres heißes Herz. Vorläufig erfüllte er sich in seinem offenen, vom Abschied erregten Zustand immer höher mit ihrem gepflegten Frauenwesen, ihrem Parfüm, ihrem Seidenglanz, dem Schimmern ihrer Spitzen und dem Blitzen ihrer sündigen Steine. Sie selber saß mitten darin wie eine Spinne in ihrem Netz, ruhig und kühl lächelnd, und wartete auf ihre Stunde, die jetzt noch nicht schlug. Sie brachte es sogar fertig, ihn, als er endlich schwieg, ohne vom Klavier aufzustehen, auf sein Zimmer zu schicken, um noch etwas zu schlafen. »Riegle dich ein, daß dich niemand stiehlt«, sagte sie lächelnd.

»Mich stiehlt niemand«, erwiderte er erhitzt und etwas wirr. »Und einriegeln, das ist nicht für einen Soldaten«, setzte er mit einem Versuch, zu scherzen, noch hinzu.

»Ja, es ist auch nicht«, stimmte sie bei, indem sie ihn mit einem prüfenden Blick betrachtete. »Aber sieh zu, daß du nicht einmal unerwarteten Besuch bekommst!« Ein zweifelhaftes und etwas verlassenes Lächeln begleitete diese Worte, und das war der Eindruck, mit dem Heinz sie für diesmal verließ. Zum Schlafen ließ ihn sein inneres Feuer freilich nicht kommen.

Linde lag genau so, wie Heinz sich dichterisch vorgestellt hatte, nämlich weinend, auf ihrem Bett, bloß daß sie die Lieder nicht als eine Huldigung an sich betrachtete. Sobald er begann, wußte sie, daß er für die Feindin sang, und sie hörte auch im fernern die Wärme, in die er sich hineinmusizierte und vielleicht nicht nur musizierte. Dann griff ihr auch der Inhalt der Lieder, unter solchen Umständen gesungen, doppelt ans Herz, denn jedes sprach von Gefahren und hatte den Tod vor Augen, und alle miteinander waren geradeso tiefsinnig und voll naiven Selbstgefallens wie die erschütternden Menschen, die sie sangen. Sie sah wieder alle Sicherheit wanken, die sie heute aufgerichtet zu haben glaubte, und ahnte zum erstenmal, daß[S. 90] sie, um den Geliebten endgültig dem schlimmen und verderblichen Einfluß zu entreißen, vielleicht ein viel verwegeneres und entscheidenderes Mittel gebrauchen müsse, als es Küsse und Liebesworte waren; wenn sie nicht seine Natur besaß, so besaß sie wenig von ihm. Ein Mädchen ihres Schlages, dem dergleichen klar wird, ist vielleicht nicht so entsetzt, wie manche denken, weil es entschlossener ist, als es wohl den Anschein erweckt, aber auch schwermütiger, als sich irgendein Mensch vorstellen kann, nicht wegen seiner, sondern wegen des andern, den es ständig mit Liebe und Mitleid umgibt, und dessen menschlich-göttliche Gesamtheit es keinen Augenblick aus den Augen verliert. Will es für den Geliebten um seines irdischen Glückes willen gern Seele sein, so wird es auch nicht auf die Dauer zaudern, für ihn Leib zu werden, wenn es hoffen kann, damit sein Unsterbliches zu erobern. Daß diesem kühnen Gedanken seine gesunde sinnliche Ausstrahlung, ihr eigenes passioniertes Wohlgefallen an dem Mann und das Abschiedsleid auf weite Strecken vorgearbeitet hatten, wurde ihr dann wieder nicht klar, und das war der holde Sophismus daran, den ihr Gott wohl in dem Augenblick verzieh, in dem sie ihn beging.

Zum Tee erschienen alle ein bißchen verkatert und mit trockenem, sehr dürstendem Gaumen und die jungen Leute mit trüben Augen, die einander schüchtern und mit tiefer drängendem Blick als sonst, beinahe ein wenig wühlend, suchten, weil beide in der Notwendigkeit waren, um ihre Liebe nun schon aufs äußerste zu kämpfen. Der Organist, der inzwischen angekommen war, saß mit zu Tisch und war nebenbei ein guter, kindlicher Mensch, der allen wohltat. Weil die Klingse ihn als eine Autorität kannte, stellte sie sich mit ihm auf gleich und gleich und suchte es so einzurichten, daß die andern daneben als Leutchen zweiter Wichtigkeit erschienen. Da es dem Organisten an jeder gesellschaftlichen Übung fehlte, war er dagegen machtlos; je mehr wohlgemeinte aber ungeschickte Versuche er unternahm,[S. 91] den Ring von Autorität zu durchbrechen, in den sie ihn schmiedete, desto schlimmer machte er nur die Sache, und desto mehr glänzte sie neben ihm mit ihren musikalischen Kenntnissen. Sie gehörte zu jener Sorte von Gesellschaftsweibern, die sich mit Zielbewußtsein und Beharrlichkeit auf irgendein Bildungsgebiet oder auf zweie werfen, um dort zu lernen, was zu lernen ist, und mit ihren Wissenschaften nachher über die Laien zu herrschen und bei den Wissenden zu thronen. So hatte sich die Klingse in die Musiktheorie gründlich eingearbeitet, und ihr zweites Gebiet war die Literaturgeschichte. Da sie den nötigen Ehrgeiz besaß und nicht dumm war, gelang es ihr immer, den Eindruck einer musikalisch und literarisch tiefgebildeten Frau zu machen, obwohl sie im Grund ganz unmusikalisch war und dem Leben der andern viel zu teilnahmslos gegenüberstand, um Sinn und Herz für Dichtung zu haben. Aber sie besaß für alles die Theorie und war daher sattelfest.

Dem Leutnant imponierte sie sehr, und er wurde von ihr als ebenfalls musikalischer Mensch mehrmals ausgezeichnet, so daß er sich schließlich auch selber ein bißchen wichtig vorkam; denn sie drehte es mit großem Geschick so, daß er bedeutende Dinge gesagt hatte, die ihm nie in den Sinn gekommen waren. So gesellig belebt, und die es nicht waren, wenigstens durch den Tee etwas aufgefrischt, begab man sich zur Orgelprobe ins Münster hinüber. Der Organist ließ es durch alle Register laufen, brausen, säuseln, weinen, erhaben schreiten und liebreich aufschweben, und wenn man meinte, die Erscheinungen hätten sich im Blau verloren, so sanken sie auf sichern Engelsflügeln wieder herab. Nun merkte Heinz wohl, daß das eine andere Art von Musik war, als die er wohlgeartet so vortrug, um Damen zu bestricken; das waren Töne und Klänge, denen Gott zuhörte, und er fühlte sich ziemlich unbedeutend und alltäglich. Mit diesem bescheidenen Gefühl hätte er gern Zuflucht bei Linde gesucht, aber die Klingse[S. 92] ließ ihn nicht aus der Kur, sondern nahm ihn mit auf die Orgelempore, um ihm auch dort mit Bedeutung angetan zu erscheinen. Als der kindliche Meister sich fürs erste ausgetobt und ausgespielt hatte, bat sie sich für ein Weilchen seinen Platz aus, den er ihr etwas verblüfft überließ. Da zeigte es sich, daß sie auch über die Orgel Bescheid wußte. Sie hatte nicht umsonst in jeder Sommerfrische die Dorforgeln geschunden und den Einwohnern Konzerte gegeben. Heinz sperrte nun wirklich Mund und Augen auf, und der Organist brummelte einmal verwundert: »Schau mal an, so ein Besen!« Da sie ein eisernes Gedächtnis besaß, brachte sie auch etwas Richtiges vor sich, wenigstens hörte es sich danach an, aber der kleine Herr aus Köln hatte bald heraus, wo es bei ihr haperte. Sie spielte wie eine wohlunterrichtete, feinsinnige Schreibmaschinendame, saß aber darüber mit einer Gebärde, wie man sie auf gewissen Bildern der heiligen Cäcilia sieht, und daraus war sie auch bewußt übernommen. Dem Leutnant, der von allem natürlich nichts merkte und wußte, ging sie doch wieder sehr auf die Phantasie, und er dachte, daß ein Mann mit einem solchen glänzenden, kühnen und überall zuständigen Stück von Weib gut bedient sein müsse; nur jünger und etwas milder wünschte er sich die seine, aber die Richtung leuchtete ihm höllisch ein.

»Nun, Meisterchen, was sagen Sie mir zu meinem Orgelspiel?« fragte sie den kleinen Herrn, als sie das letzte Stück ordentlich hatte ausbrausen lassen. Heinz lief es noch kalt den Rücken hinunter wegen ihrer Größe. Sie hatte sich auf dem Orgelbock nach dem Organisten herumgedreht und sah, die Hände gemächlich zwischen den Knien, jovial zu ihm hinunter.

»Ganz ordentlich! Ganz brav!« kicherte der berühmte Mann, indem er seine Brillengläser putzte. »Sie haben Gedächtnis, da hilft nun nichts. Und die Register — na ja, sie lassen sich ja gern ziehen. Dafür sind sie auch da, die Register, nicht wahr. Tja. Aber meine Gnädige, das[S. 93] Orgelspiel, das fängt mit dem Pedal an. Sonst ist's eben Harmonium.«

Die Klingse nahm die Hände zwischen den Knien heraus und legte sie neben sich auf den Bock. »Das können Sie von einer Dame nicht verlangen!« sagte sie etwas spitz und schob das Kinn vor. Dann glitt sie vom Bock herab und ließ den kichernden Herrn mit seiner Brille stehen. Der lachte über diese Antwort noch etwas lauter, putzte die Brille zu Ende, setzte sie auf die starke, gebogene Nase, schwang sich wieder auf den Bock und ließ nun zunächst einmal eine ganze Weile die Pedale brummen, daß die Kirchenmauern zitterten. Dann stellte er obendrauf eine Manualstimme, nach einiger Zeit wieder eine, und schließlich eine dritte, fing an zu weben und zu schweben, immer über dem unabänderlichen Pedalgang, und als alles fertig war, so war's ein Orgelsatz, wie ihn Bach nie besser geschrieben hatte, aber er hatte ihn immerhin geschrieben, und er klang auch in einem katholischen Münster von einer katholischen Orgel so herzbewegend, daß Linde beinahe den Atem darüber verlor; aber sie hatte heute überhaupt nicht viel. Es gibt religiöse Erscheinungen unter der Sonne, die weder protestantisch noch katholisch sind, sondern der weiten tiefen Menschheit entspringen, wie ein Strom der lebendig wirkenden Erde, die ihn vom Himmel hat, und dann gibt es noch einige, die als Erzengel Tag und Nacht dienend vor dem alleinigen Gott stehen. Wer will dort kommen und sagen: »Ich bin nämlich protestantisch«? oder: »Ich möchte nur daran erinnern, daß ich gut katholisch — ich meine —«. »Da kannst nun nix machen, Bach bleibt Bach!« murmelte der kleine Herr zwischen den Zähnen und lächelte beglückt. Und der Dechant saß in einer Bank und machte sich Gedanken über eine einige, starke, fromme deutsche Nationalkirche. Aber er kam nicht zu Schlag damit; beizeiten erhob sich vor seinen Augen der warnende Finger Roms. Linde blickte aus großen, ganz trockenen Augen ins Weite und sah merkwürdig reif aus. Die[S. 94] Klingse ging, musikalisch völlig uninteressiert, die Glasmalereien betrachtend von einem Fenster zum andern. Und Heinz stand vorn in der Kirche, wo ihn die Klingse hatte stehenlassen, und wußte auf einmal nicht mehr, wo er hingehörte. Es war ihm nicht entgangen, daß der kleine Herr ihr moralisch ein wenig auf die Achseln geklopft hatte, aber andrerseits mußte er ihr darin recht geben, daß man das von einer Dame auch nicht verlangen konnte. Darüber hinaus ergriff ihn die Einsamkeit, die sich mit ihrer unzufriedenen Gestalt überall hinbewegte, und fand er in ihrer Absonderung etwas so Drohendes, daß er nicht wagte, zu Linde zu gehen, obwohl er sehr deutlich fühlte, wie einsam auch sie war, und wie sie jede Minute und jeden Atemzug nach seiner Nähe verlangte. Vor Ratlosigkeit begann er schließlich ebenfalls, Fenster zu betrachten.

Der Organist aß abends noch mit, und er wäre gern vergnügt gewesen, denn die Orgelprobe hatte ihm Freude gemacht, aber die Klingse erlaubte es nicht. Es schien, als ob sie sich nun eine Übung daraus machte, ihn nirgends hochkommen zu lassen und ihm überall zu widersprechen. Er konnte sagen, was er wollte, so wußte sie es besser, oder sie hatte davon noch nie etwas gehört, was für ihn ebenso schlimm war. Wenn er einen Witz machte, so streckte sie das Kinn vor und ließ ihn abfahren, wurde er aber gefühlvoll, so verzog sie ein wenig die dünnen blassen Lippen, und für einen kalten Guß brauchte er dann nicht extra zu sorgen. Mit seiner guten warmen Menschlichkeit zappelte er an der Angel ihres kalten konventionellen Verstandes erbärmlich, und einmal machte er auch den Versuch, auszuschlagen, bekam es aber sofort zu bereuen, denn auf solche Fälle hatte sie ein vernichtendes Mittel immer in der rechten Zusammensetzung auf Lager. Sie hob die scharfe Nase in die Luft und sagte kühl: »Über den Geschmack läßt sich nicht streiten.« Der kleine Herr war alles in allem froh, als es Zeit für seinen Zug wurde, von diesem verfluchten Nachtessen aufstehen zu können,[S. 95] so schöne und für ihn ungewohnte Dinge auch auf dem Tisch standen. Von den jungen Leuten verabschiedete er sich väterlich, von der Klingse mit einem Kopfnicken, das sie kaum erwiderte. Der Dechant begleitete ihn hinaus. »Apropos«, sagte er unter der Tür, »es wäre schon besser, wenn sie die Orgeln in Zukunft in Ruhe ließe; da haben Dilettanten nichts zu suchen.« Mit diesem Trumpf hob er sich davon. Dem Soldaten, der nun einen großen Ausbruch voraussah, blieb beinahe das Herz stehen. Zu seinem Erstaunen und zu Lindes Unbehagen ging aber nur ein spöttisch erheitertes Lächeln über ihr Gesicht.

»So sind diese Künstler nun«, bemerkte sie weise. »Wenn sie guter Laune sein sollen, so muß man sie bewundern. Hat man aber einmal Lust, sich selber zu behaupten, so werden sie weinerlich oder ausfällig. Sie wollen nur immer sich selber erleben. Gib mir noch eine Zigarette, Heinz.«

Heinz beeilte sich, ihr zu dienen. Sie nahm sich eine kleine Damenzigarette und sah um Feuer auf. Heinz wollte ihr ein Streichholz anreiben, aber sie meinte, das könne man sparen, er solle ihr Feuer von seiner Zigarre geben. Er reichte sie ihr bereitwillig; sie fand, daß sie nicht genug Glut habe, und veranlaßte ihn, sie durch ein paar Züge erst klarzurauchen. Endlich wickelte sich das bekannte Liebesspiel ab; Linde wunderte sich in allem Leiden, daß sie zu so gewöhnlichen Mitteln griff, und verachtete sie dafür. Aber Heinz wußte nicht: befand er sich im Vorhof zum Himmel oder in der ersten Klasse des Fegefeuers, während sie Auge in Auge mit ihm, ihre Hand auf seinem Arm, langsam und in aller Umständlichkeit ihre Zigarette an seiner Zigarre in Brand setzte, und in dieser herbeigeführten Annäherung der Gesichter lag so viel Schamlosigkeit und unausgesprochenes Laster, daß er nachgerade dem Zorn ebenso nahe war als einem Ausbruch seiner Begehrlichkeit.

Brigitt kam über der Übung herein und machte ziemlich[S. 96] große Augen dazu; ihr zweiter Blick ging zu Linde, und da sie durch die scharfe Brille der Liebe guckte, so sah sie, ohne Erklärungen zu brauchen, was da im Gange war. Ihre Triumphstimmung erlitt einen schweren Stoß. Da sie nicht immer langsam dachte, so erinnerte sie sich in ihrem alten Hirn blitzschnell an zehn, zwanzig ganz kleine, unbedeutende Vorgänge, die sie nicht weiter beachtet hatte, die jetzt aber plötzlich zusammen ein Bild machten. Das andere dachte sie sich. Lange saß sie nachher brütend auf ihrem Küchenstuhl, mit ihrem Haß und ihrer Eifersucht geplagt und unausgesetzt das vergrämte Gesicht ihres Schützlings vor den Augen. Einmal sagte sie laut vor sich hin: »Ihm ist ja auch nicht zu trauen!« und stand auf, als ob sie nun sofort einschreiten sollte; enttäuscht und ernüchtert machte sie sich zunächst wieder über ihre Küchengeschäfte her, um das Gedankenspiel von vorn zu beginnen.

Nach dem Nachtessen waren die Zustände schon so verworren und innerlich erregt — nur der Dechant gewahrte nichts davon, weil er alles auf Rechnung des Abschieds setzte —, daß die Klingse selber Gesellschaftsspiele aufbrachte, um glimpflich über die nächste Stunde in die Nacht hineinzukommen. Man gab Rätsel auf, verbot bestimmte Worte, konstruierte mit andern und kam dazwischen auf rednerische Lächerlichkeiten und auf Ungeheuerlichkeiten des Zeitungsstils. Die Klingse berichtete von den sprachlichen Fatzkereien gewisser Literaten, von denen man hier weniger wußte, aber es wurde klar, daß sie sie im Grund bewunderte, und dann wandte sich der gesellige Geist auf das Gebiet des Kalauers und des Stegreifrätsels, auf dem sie mit ihrem unerbittlichen Gedächtnis vor den ernsthaften Leuten sehr glänzen konnte, obwohl nicht ein halber eigener Einfall darunter war, sondern der schöpferische Kopf war hier der Soldat, nur daß er leider damit nicht seine stille Geliebte bekränzte, sondern das unheimliche Weib. Zum Beispiel brachte er folgende Drolligkeit zum Vorschein: »Das erste ist eine Stadt in Österreich,[S. 97] das zweite eine englische Bejahung, von einem Tiroler ausgesprochen, das ganze die Tante Malva.« Linde erriet vor dem Dechanten, aber sie sprach nicht aus; der Dechant dachte länger und sagte dann lachend: »Graziös!« Spät war die Rede davon, daß Linde so still sei. »Unsre Linde«, meinte die Klingse mit einem leisen Lächeln, indem sie sich erhob und dem Mädchen die Hand auf die Schulter legte — Linde zuckte sichtlich zusammen —: »Unsre Linde ist ein bißchen spießig. Nun, wir wollen schlafen gehen; Heinz muß morgen früh aus den Federn.«

Damit war auch diese Not zu ihrem Ende gekommen, und man trennte sich mit allseitigen guten Wünschen für die Nacht; die meisten bekam Heinz, weil es seine letzte im Vaterland war. Der Dechant fuhr ihm väterlich mit der Hand über den Scheitel. »Ich will hoffen, daß du nicht mit leerem Kopf und Herzen aus der Heimat in den Schützengraben zurückkehrst«, sagte er ernst und bedeutsam. Linde sagte und tat am wenigsten von allen. Aber die Klingse hielt die Zeit für einen Kuß gekommen, wozu sie ihr Verwandtschaftsverhältnis vollkommen berechtigte. Es war ein sündhaftes Feuer, in rechtmäßiger Fassung dargeboten, und im letzten Moment bog Heinz erschreckt den Kopf beiseite, so daß der Kuß statt auf den Mund auf die Wange traf. Lindes Herz tat einen Kniefall des Dankes vor Gott, seins einen der Schwäche, aber es raffte sich wieder auf, als er in der Verwirrung Lindes Augen suchte und fand. Es war ein Hilferuf; er sah, daß er verstanden wurde, und daß seine Geliebte sehr fest und stolz war und alles hoffte. Da hoffte auch er, aber er fürchtete fast ebensoviel, denn er sah sich noch bei weitem nicht der Gefahr enthoben, wagte auch nicht zu denken, daß er am frommen Ort Zuflucht vor dem Laster haben könnte.

Das Geräusch des Aufbruchs hatte die wachende Brigitt aus ihrer Höhle gezogen; die Augen wären ihr aus dem Kopf gesprungen, wenn es ihr verwehrt worden[S. 98] wäre, noch einmal zu sehen und vor dem Schlafengehen ein Blickmaß zu nehmen. Sie sah den Kuß und den siegesgewissen Gesichtsausdruck der Feindin, und sie konnte sich nicht helfen, aber in den Haaren hatte sie ein Gefühl, als ob ihr der ganze Schopf zu Berg stände, während ihr vor Mitleid mit Linde jeder Knochen im Leib weh tat. Ohne den Haß hätte der alte keusche Mensch freilich niemals diese Witterung für das Laster gehabt. Es war für sie dann beinahe überflüssig, daß die Klingse beim Hinaufsteigen nach den Schlafräumen noch mit ihrem magern Humor sagte: »Ich weiß nicht, bei mir muß das Schloß kaputt sein, ich kann gar nicht die Tür riegeln. Da könnte doch jeder hereinkommen.« Worauf der Dechant gutmütig spottend erwiderte: »Beruhige dich nur, es wird dich niemand in Gefahr bringen, als höchstens morgen der Schlosser; aber er hat auch schon seine sechzig Jahre auf dem Rücken.« Darauf die Klingse etwas zynisch: »Nun, wenn er sie bloß auf dem Rücken hat!« Weiter hörte Brigitt nicht, und eigentlich hatte sie auch nichts Neues gehört, sondern nur Bestätigungen für innere Gewißheiten; ihr war, als hätte sie diese Gespräche schon vor Jahrtausenden belauscht; trotzdem erregten sie sie ungeheuer oder vielleicht eben deshalb, denn beinahe so groß wie ihr Abscheu war die Befriedigung, die sie über dem pünktlichen Eintreffen ihrer schlimmsten Erwartungen genoß. Der Mensch ist ein altes verängstigtes Tier; er glaubt gern und leidenschaftlich an das unbedingt Böse und ist überall schwer vom bedingten Guten zu überzeugen; manchmal macht er wirklich den Eindruck, als ob er am Bösen auch mehr interessiert sei.

Nun begann aber für Brigitt eine Nacht, wie sie noch keine erlebt hatte, und wie sie sie auch nie für möglich gehalten hätte. Es gibt ja keine »bestimmte Erwartung«, die nicht im Hirn des aufgeschreckten Menschen neue Möglichkeiten und noch bestimmtere Erwartungen zeugte. Dazu kam, daß Brigitt bei aller Witterung nicht die geringste[S. 99] Erfahrung besaß, um sich die richtige und endgültig zutreffende bestimmte Erwartung bilden zu können. Sie vermochte sich nicht im entferntesten vorzustellen, wie »so etwas« vor sich ging, und weil sie nichts sah, nahm ihre Vorstellung bald die abenteuerlichsten Wege und brachte sie in eine solche Geistesverfassung, daß sie anfing, gemeingefährlich zu werden. Solange droben die Geräusche der zu Bett Gehenden andauerten, war ihr Zustand immer noch erträglich; sie zitterte vor Haß, sobald sie etwas von der Klingse vernahm, aber sie konnte sich doch sagen, daß »noch nichts passiert« sei. Jedoch als es still zu werden begann, wurde ihr ihre Einsamkeit zur unerträglichen Qual. Obwohl sie aus Liebe zu Linde wie den Tod fürchten mußte, etwas zu hören, schärfte sie doch zehnfach alle Sinne darauf, um die Feindin auf frischer Untat zu überführen, und so rachsüchtig und zum voraus schadenfroh war sie, daß sie in der Viertelstunde wohl zehnmal unten an die Treppe lief, weil im Haus etwas geknackt hatte, eine Uhr sich räusperte oder auch nichts geschehen war. Nachdem sie dann lange genug gelauert hatte, schlich sie mit hämmerndem Herzen und zitternden Knien in die Küche zurück, um sich vor allen Dingen auf dem Küchenstuhl wieder etwas zu fassen und ein bißchen neue Kraft zu sammeln. Viel war's nie, und die Sammlung reichte auch nur gerade dazu hin, um sich wieder eine aufregende Einbildung zu machen. Darüber ging die Mitternacht vorbei, wurde aber ihre viele Arbeit, die sie sich den Tag so fröhlich vorgelegt hatte, nicht weniger, denn sie wagte sich kaum zu regen aus Sorge, irgendeinen »entscheidenden Moment« zu verpassen und so vielleicht am Unglück Lindes mitschuldig zu werden. Daß es dann schon besser war, der ungetreue Stiel fuhr in Gottes Namen in den norddeutschen Besen, als daß sich Linde mit Kummer und Not an ihm herumzerrte, um am Ende doch nichts zu haben, diesen Gedanken faßte sie nicht, sonst hätte sie auf ihrem aufreibenden Posten doch etwas mehr grimmiges Vergnügen[S. 100] genossen in der Erwartung, die beiden saubern Herrschaften miteinander zu erwischen.

Schließlich gegen eins — die Uhr im Eßzimmer, die falsch ging, schlug langsam und dröhnend zwölf, worüber Brigitt schier verrückt wurde — hörte sie, bereits zum zwanzigsten- oder dreißigstenmal, »endlich doch etwas«, und mit der Geflügelschere, die sie gerade in der Hand hielt, lief sie wieder zur Treppe vor. Die Dielen droben hatten geknarrt, wie wenn jemand langsam, doch ohne zu große Vorsicht, in bloßen Füßen oder in Strümpfen über den Korridor gegangen wäre, eine Tür geöffnet hätte, um dort einzutreten und hinter sich, auch nicht besonders leise, zu schließen und sich alsdann vollkommen still zu verhalten, was natürlich an dem ganzen Vorgang das verdächtigste war. Brigitt zog rasch die Pantoffeln aus und schlich atemlos die Treppe hinauf, geduckt und mit ihrer Geflügelschere und den hängenden Haarsträhnen mehr einer Raubmörderin gleichend als einer so braven Person, die sie sonst war. Unter den obersten Stufen kauerte sie sich hin, um zunächst wieder zu horchen. Richtig dauerte es nicht lange, so ging wieder ein Schloß, und als sie den Kopf vorsichtig über die oberste Treppenstufe hinaufschob, sah sie den Dechanten in der Unterhose und in Pantoffeln und mit dem Licht in der Hand ernsthaft und mit dem gewohnten gesammelten Ausdruck seinem Schlafzimmer zuwandeln, und der kleine Raum, von welchem er kam, war ihr auch genau bekannt. Indessen hielt er seitlich aufblickend an, besann sich einen Moment und ging dann auf die etwas offen stehende Tür des Soldaten zu, die er behutsam ins Schloß zog, worauf er durch seine eigene verschwand. Bestürzt und reuevoll fuhr es Brigitt durch den Kopf: »Die Zwetschen!« und sie schämte sich heftig, ihren Herrn in diesem Aufzug belauscht zu haben. Immerhin war sie diesmal keinem Trugbild nachgelaufen, und da nun wirklich auch niemand wissen konnte, ob nicht doch noch sonst etwas geschehen war, was sie mit ihren alten, schlechten[S. 101] Ohren nur überhört hatte — denn auch diesen Vorgang hatte sie doch »beinahe nicht gehört« —, so blieb sie auf ihrem neuen Posten sitzen, mit der Geflügelschere und den grauen Haarsträhnen, dem Herzklopfen und dem Haß samt der großen unvernünftigen Liebe.

Diese Ausdauer wurde schließlich belohnt, wenigstens faßte es Brigitt nachher so auf. Denn indem sie so lag und vor Frost mit allen alten Knochen zitterte, auch vor Erregung und Müdigkeit, knickte ganz fein, wie von leichter Hand herabgedrückt, ein Schloß. Brigitt schob den zottigen Kopf vor und sah tatsächlich die Klingse ganz traumhaft, blauseiden und silbern wie ein Mondstrahl, ihr Zimmer verlassen, ohne Licht, aber das aus unsichtbarer Leuchtquelle beglänzte schwebende Nachtgewölk verbreitete einigen zarten Schein durch den Raum, genug für Brigitt, um jeden Zug des verhaßten, hochmütigen kalten Gesichtes unterscheiden zu können. Zuerst fürchtete sie noch, sie möchte vielleicht auch nur den Weg des Dechanten wandeln, aber sie bog, als ob sie Brigitt zu Gefallen leben wollte, nach rechts ab und ging ganz geradeaus auf das Zimmer des Soldaten zu. Brigitt mußte sich im letzten Moment noch abfassen, daß sie nicht laut: »Aha!« rief. Auch dort knickte die Falle ein bißchen. Die Tür ging auf, und die nachtwandelnde Frau trat etwas vorgebeugt und nun mit einem rascheren Schritt ein, ganz in der Haltung eines Menschen, der sich in einer unerträglichen Spannung Gewißheit verschaffen will; die Tür ließ sie hinter sich offen.

Brigitt freilich dachte, daß »es« jetzt vor sich gehen solle. Soweit hatte sie regungslos zugesehen, nur Auge und Ohr. Nun richtete sie sich empor, etwas mühselig, denn vom langen Kauern war sie steif geworden, stieg unsicher die paar Stufen noch vollends hinauf und schwankte mehr, als sie schlich, den Korridor vor, auf die Tür des Soldaten zu. Von dem, was nun folgen mußte, hatte sie weiter keine klare Vorstellung, nur daß sie eben entlarven und[S. 102] retten wollte. Vermutlich wäre sie mit der offenen Tür ins Zimmer gefallen und hätte schrecklich Lärm geschlagen, und das übrige wäre in eine Rauferei oder dergleichen ausgeartet. Aber es kam ganz anders, denn eben, als Brigitt die Nase im Türspalt hatte, bewegte sich etwas darin, und dann prallte die Klingse, vollkommen unvorbereitet, mit ihrer Feindin zusammen.

Auf einen Augenblick standen beide Frauen einander ganz starr vor Verwunderung gegenüber. Der Gesichtsausdruck der Klingse, die eben noch gespannt und sorgenvoll dreingesehen hatte, wandelte sich rasch wieder in Hochmut und jene kühle Verachtung, die das alte Wesen wie nichts auf der Welt zur Wut brachte. Sie räusperte sich beherrscht, aber sie sagte nichts, sondern wartete stumm mit einem deutlichen Zug des Ekels, daß die untergeordnete Kreatur ihr den Weg frei gebe. Brigitt ihrerseits, in ihren schönsten Hoffnungen so furchtbar enttäuscht, denn in der kurzen Zeit konnte unmöglich etwas geschehen sein, schwindelte vor Haß und Leid; beinahe weinte sie, so erbarmungswürdig sah sie sich selber mit ihrer Ratlosigkeit vor der gefährlichen und gewandten Person stehen. Aber indem sie sich dennoch nur mit heißeren Augen in die eisige Physiognomie festsah, warf ihre aufgerührte Seele, nach irgendeinem Donnerkeil Gottes für dies Lästergesicht schreiend und greifend, die Hände um sich. Gleichzeitig schoß ihr ein Gedanke durch den Kopf: »Sie hat dich gehört, darum ist sie wieder herausgekommen!«, und so war denn auch wieder der Auftrag der Moral auf ihrer Seite.

»Hab' ich dich ertappt!« flüsterte sie beinahe bewußtlos vor Erregung. »Wolltest spionieren, Spionin? Wolltest einen hübschen jungen Mann verführen, du niederträchtiges, gottloses Weibsstück? Warte nur, jetzt soll dich der Dechant kennenlernen!«

Schon fühlte sich die Klingse im Haar gepackt und vorwärts gezogen, aber auch jetzt nicht die Frau, mit sich spielen zu lassen, warf sie sich herum, ergriff schnell Brigittens[S. 103] Arm und schlug trotz ihres Ekels ihre schmalen, immer noch sehr scharfen Zähne in ihr Fleisch, daß die alte Person vor Schmerz leise aufschrie. Dadurch halb von ihrer Besessenheit abgebracht, aber andrerseits zur körperlichen Raserei aufgereizt, faßte Brigitt noch um einen Griff schärfer zu, riß die Feindin an ihrem roten Schopf seitwärts gegen die Wand, und ganz besinnungslos vor Schmerz, ohne zu wissen, was sie tat, mehr, um sie von ihrem Arm abzuschrecken, stieß sie mit der Geflügelschere nach ihr und traf sie in die Schulter. Da ließ die Klingse den Arm los, und Brigitt ließ den Schopf los, und dann standen die Feindinnen noch eine Weile um Atem und Haltung ringend voreinander, bis die Frau von Blut überlaufen und schweigend schnell nach ihrem Zimmer ging und Brigitt als Siegerin auf dem Platz ließ. Brigitt sah den alsbald erscheinenden dunklen Fleck auf der blauen Seide nicht ohne Schreck, aber dann erinnerte sie sich an Linde und den unsichern Geliebten, und noch mehr, um durch ihn wieder Anschluß an ihr Leben und ihre Wirklichkeit zu gewinnen, als um ihn zur Rede zu stellen, trat sie durch die noch nicht wieder geschlossene Tür, griff um den Pfosten herum nach dem elektrischen Knopf und schwankte dann, mit Mühe auf den Füßen bleibend, ins erleuchtete Zimmer.

Dort erlebte sie von allen Erschütterungen des Tages die größte. Das Bett des Soldaten stand vollkommen unberührt, und wenn Heinz nun nicht in der Stadt auf Abenteuern war, so war er bei Linde. Es dauerte eine Weile, bis sie diesen Gedanken in seiner vollen Bedeutung begriff. Als sie so weit war, wandte sie sich um und stieg vor Rührung und Glück leise schluchzend noch eine Treppe höher nach ihrer Kammer hinauf. Das Licht im Zimmer des Soldaten vergaß sie auszudrehen; es brannte einsam in den Morgen hinein. In ihrer Kammer droben sandte sie mit weinenden Augen und lachendem Herzen ein Dankgebet zum Himmel hinauf, dessen Lästerlichkeit sie mit ihrer Kirche ausmachen mußte.

[S. 104]

Sechstes Kapitel
Heinz erlebt eine bittere Nacht und will kein Held mehr sein

A

Als Heinz wieder in seinen Schützengraben eintraf, war er bestürzt, gerührt, beglückt, von frommen Schauern durchdrungen, und die Kameraden fanden ihn verändert. Bestürzt war er über dem Erlebnis von soviel Schönheit, Leidenschaft und Liebe, gerührt von der Reinheit und Güte eines hingebenden Menschen, beglückt von der Helligkeit seiner Sinne. Die ersten Tage ging er still und in sich gekehrt seinen Pflichten nach, ließ die Kameraden spotten und dachte nur an den Schatz, den er in der Heimat gefunden hatte. Sein Blut war noch voll von ihrem Feuer. In seinem Ohr wohnte ihre Stimme und flüsterte unbeschreiblich köstlich, wie sie's eine Nacht lang getan hatte; sie verstummte auch im schwersten Geschützlärm nicht. Jeden Augenblick fühlte und roch er sie, und den Geschmack ihrer Küsse trug er ständig auf den Lippen. Man sah ihn oft abwesend lächeln und sich an irgendeinem zufälligen Gegenstand festgucken. Er vertrug weniger gleichmütig den Anblick von Gefallenen und Verstümmelten. Sein Gewehr mit dem Zielfernrohr rührte er nicht an. Seine Untergebenen behandelte er freundlich, und wenn sie älter waren, achtungsvoll; früher war er für einen etwas groben Ton bekannt gewesen, und die Mannschaft hatte über unnötige »Stripsereien« geklagt. Gefährliche Patrouillen führte er gewissenhaft und zweckmäßig aus, aber mit möglichster Schonung seiner Leute und sogar des feindlichen Lebens; eine gute Gelegenheit, mehreren Engländern das Licht auszublasen, wies er ab mit der Bemerkung, daß es genug an den Menschen sei, die man im Gefecht blindlings töten müsse; der Krieg sei kein Sport. Bald war es ausgemacht, daß er verliebt sei, und zwar gründlich. Er sollte erzählen, aber wer noch träumt, der erzählt nicht.

[S. 105]

Als er dann doch endlich zu berichten anfing, träumte er nicht mehr. Das war in der zweiten Woche nach einem abgeschlagenen und glücklich überstandenen englischen Sturmangriff, der ihm etwas ins Gemüt gegangen war. In den halbzerschossenen Drahtverhauen hingen noch die frischen Leichen. Verwundete suchten sich umsonst aus dem Stacheldraht herauszuwinden; jammernd sahen sie um Hilfe her, aber niemand sprang ihnen bei; man erwartete einen neuen Angriff. Eben begannen die Geschosse ihrer eigenen Landsleute wieder neben, hinter und vor ihnen einzuschlagen. In den Schützengräben wurden neue Handgranaten ausgeteilt, und man brachte frische Munition für die eingebauten Maschinengewehre. Ab und zu, in unregelmäßigen Abständen, schrie hier einer getroffen auf, oder trug man einen Verwundeten durch den Verbindungsgraben nach dem Verbandsplatz ab. Heinz war weich und nahe am Weinen. Die Sehnsucht machte ihn gefühlvoll, und er fühlte sich von Todesahnungen beunruhigt. Damit aber Linde nicht ohne Nachricht bliebe, wenn ihm etwas widerführe, zog er einen Freund ins Vertrauen; in Wirklichkeit war eben sein Geheimnis mitteilungsreif und sehnte sich seine gesunde, unternehmende Natur danach, sich zu erleichtern, um weiterleben zu können.

Zuerst erklärte er nur in knappen, ernsten Worten, daß er ein edles Mädchen liebe, und gab dem Offizier ihren Namen und ihre Adresse. Später, als auch der folgende Sturmangriff gut überstanden und ihm schon etwas leichter war, ihn auch die Toten in den Drähten nicht mehr so dauerten, erzählte er ein bißchen mehr. Mittlerweile gewöhnte er sich wieder an Schußverletzungen und Verstümmelungen, und in dem Maß, wie er die Achtung vor seinen ältern Untergebenen verlor und die Freundlichkeit gegen die jüngern, verfiel er wieder in seinen groben Ton. Beim erstenmal schämte er sich, beim zweitenmal zuckte er die Achseln, und bald war wieder alles wie früher, auch die Stripserei fing wieder an. Bei der nächsten Patrouille[S. 106] verlor er zwei Mann, obwohl er sie hätte erhalten können; dafür »versaute« er auch vier oder fünf Engländern das Leben, wie er sich auszudrücken pflegte. Es ist nötig, hier zu bemerken, daß er ganz und gar kein schlechter Mensch war; er war nur etwas gedankenlos und besaß die Fähigkeit, sich zu rasch an Mißstände zu gewöhnen, weil ihm noch der Lebensstolz fehlte, der sich erst nach einer Reihe von schwereren Erfahrungen einstellt. Darum war er auch in seiner Eitelkeit noch ganz unangefochten, und sie verleitete ihn zu den meisten Roheiten, die er beging, weil er gern für einen Teufelskerl galt. Nach Ablauf der dritten Woche griff er eines Tages wie in Gedanken nach seinem Gewehr, ließ es von seinem Burschen putzen und noch einmal wegstellen; aber am andern Morgen stand er wieder wie früher auf der Lauer hinter seinem Zielfernrohr, und diesen Tag trug er zwei Kopfschüsse in sein Notizbuch ein.

Allmählich begann er mit der eleganten Großstädterin zu prahlen, die ihm nachgestellt hatte, und bald gab es nicht mehr viel Geheimnisse, die seine Freunde nicht auch wußten. In der Folge machte es ihm zu schaffen, daß sich die meisten mehr für die ausgewachsene Frau interessierten als für das scheue Mädchen, und daß sich alle etwas an ihren seidenen Strümpfen und Spitzen entzündeten. Ein junger Oberleutnant sagte ihm gerade heraus, daß er ein Schöps sei, und diese Meinung blieb unwidersprochen, wenn man sie auch nicht als eine besondere Lebensweisheit betrachtete; schließlich legten sie alle der Sache viel weniger Wichtigkeit bei als Heinz selber, und hätten die meisten in seinem Fall auch selbstverständlich seine Wahl getroffen, aber er argwöhnte anders. Die ersten vierzehn Tage schrieb er an Linde täglich; reichte die Zeit nicht zu einem Brief, so schickte er ihr doch eine Karte: »Bin wohl und denke an Dich!« Dann fanden sich Tage, an denen er zwar auch wohl, aber sich nicht gedrungen fühlte, es ihr mitzuteilen, obwohl er immer noch an sie dachte. Eine[S. 107] Zeitlang hielt er den zweitägigen Verkehr aufrecht, darauf schrieb er zweimal in der Woche, schließlich wöchentlich einmal, was mit den Tag und Nacht anhaltenden Stürmen der Engländer glaubhaft zu erklären war. Im weiteren kamen Tage des Wegs, an denen er sich weniger wohl fühlte und immer noch an Linde dachte, aber nicht mehr an sie allein, endlich solche, an denen ihn nichts mehr an Linde erinnerte, dagegen manches an die schlanke, elegante norddeutsche Frau Malva Klinger mit den Spitzen und seidenen Strümpfen und den Errungenschaften der großen Welt, von denen er für diesmal sowenig profitiert hatte.

Die ersten Wochen hindurch beunruhigte er sich darüber, daß bei seiner Rückkehr um vier Uhr morgens in seinem Schlafzimmer das Licht gebrannt hatte, und über die andern seltsamen Umstände, die sich am Morgen seiner Abreise nacheinander zutrugen. Man fand nicht nur die Tante in ihrem Zimmer bewußtlos vor, sondern auch Brigitt wurde beinahe stehenden Fußes von einer Krankheit überfallen; sie machte in der Folge einen ziemlich schweren Anfall von Gelenkrheumatismus durch. Über die Krankheit der Tante erfuhr man lange nichts Näheres. Lindes Mitteilungen darüber lauteten etwas dunkel, besonders über den großen Verbrauch von Verbandstoffen, die fremde Pflegerin und die strenge Verschwiegenheit der Patientin. War ihm damals die Enthebung von der Abschiedszeremonie eine Erleichterung gewesen, so fing ihn später die ganze Sache an zu beunruhigen, weil er sie mit dem brennenden Licht in Zusammenhang brachte. Dann mischte sich etwas unaufrichtiges Mitleid zwischen seine Betrachtungen über die bittere Enttäuschung, die eine »immerhin liebende Frau« durch ihn erlebt hatte, und dem Mitleid folgte eine ziehende oder leise nagende Art von Reue, die ihn in sehr gegensätzliche Unternehmungen hineinbegleitete, zum Beispiel in die Abfassung seiner Feldberichte an Linde. Sie führte dazu, daß er in Briefwechsel mit der Kranken trat und nachher mit der Gesunden darin[S. 108] blieb; den Anstoß dazu gab freilich Linde, die in ihrem echten, heiligen Mitgefühl wünschte, daß Heinz ihr ein paar gute Worte schreibe. Sie war es auch, die zuerst den Gedanken andeutete, daß bei der Tante vielleicht ein Selbstmordversuch vorliege, aus Gründen, die sie ihm nicht weitläufiger auszuführen brauchte, und sie selber machte so bei ihm die Bahn wieder frei in ein Gehege, dem sie ihn für immer hatte entreißen wollen, in ihrer Großmut auch entrissen glaubte, in das zurückzukehren ihm aber nicht so schwer fiel, wie sie voraussetzte; eine weniger herzliche Zurede hätte dafür auch genügt. Die Klingse antwortete sofort auf seinen ersten Brief, und so entwickelte sich schließlich ein Nebenverkehr, der Linde auf die Dauer nicht ganz gleichgültig bleiben konnte, wie Heinz in gewissen klareren Augenblicken sich richtig sagte, aber nun waren die Dinge einmal wieder ins Treiben gekommen, so mochten sie treiben. Schließlich, solange er im Feld blieb, konnte ja nichts passieren, und nachher, redete er sich vor, würde es sich hier wie überall finden, daß eben die stärkere Macht siegte; mit dieser würde er dann marschieren. Eine solche Abfindung mit den Dingen nannte er »moralische Notwendigkeit«, und er fühlte sich ganz ordentlich darin geborgen. Inzwischen verlangte es der männliche Anstand, daß er einer Frau, die für ihn einen Selbstmordversuch begangen hatte, nicht anders als ehrerbietig und zartfühlend gegenübertrat. Das tat er denn in einem Briefwechsel, der seinen Nachrichtenaustausch mit Linde nicht an Häufigkeit, aber doch nach und nach an Gehalt übertraf, und zwar nach Umfang wie nach Gefühlsart.

Schwere und herzliche Sorgen hatte ihm von Anfang die Betrachtung gemacht, seine Geliebte mit der Feindin im gleichen Haus zu wissen, ohne durch seine persönliche Gegenwart sie vor vergifteten oder verletzenden Bemerkungen und vor schlechter Behandlung schützen zu können. Diese Wirkung hätte zwar selbst seine leidenschaftlichste Anwesenheit[S. 109] nie gehabt, aber die Selbstüberschätzung entsprach zunächst noch seinem innigen und ergriffenen Gefühl für die Geliebte. Vorerst äußerte sich dieses in Ratschlägen über das rechte, stolze und unnahbare Betragen gegen die Klingse, indessen lag diese krank und gab dazu keinen Anlaß. Außerdem erwartete Heinz wie jedermann, daß sie bald nach ihrer Wiederherstellung die Koffer packen und ein Haus räumen würde, worin sie soviel peinliche Erfahrungen gemacht hatte. Als jedoch ihre Entschlossenheit sichtbar wurde, den Platz noch länger zu behaupten, besaß Heinz bereits nicht mehr die ursprünglichen Gründe, das Verhältnis seiner Geliebten zu der enttäuschten und beleidigten Frau zu bedenken, sondern andere; jenes schmerzliche Zusammenleben machte ihn nun weniger traurig und besorgt, als verlegen, und es wurde ihm um so peinlicher, je weniger er sich auf sein gutes Gewissen verlassen und die ganze Sache der Gerechtigkeit Gottes anheimstellen konnte. Schließlich, als die daraus fließenden Erwägungen die rechte Temperatur hatten, bekam Linde in einer Woche zwei Briefe; im zweiten machte ihr Heinz den Vorschlag, doch zeitenweise eine Gesellschaft zu verlassen, von der ihr sowenig Freude werde, und die weder ihrer noch seiner Selbstachtung dienlich sei. Sehe es immer noch nicht aus, als ob »Tante Malva« — er nannte sie bereits nicht mehr die Klingse — bald reisen werde, so müsse man eben seinerseits sehen, dem Verhältnis eine Wendung zu geben. Er sei sehr besorgt um ihre, Lindes, Gesundheit und Lebenslust und könne das als ihr bester Freund nicht mehr länger mit ansehen. Es gebe genug Verwandte, die sie mit Freuden aufnehmen würden. Vielleicht würde es überhaupt nichts schaden, wenn sie eine Strecke, etwa ein halbes Jahr, in einer großen Stadt lebe; man müsse heute alles kennen. Über die Gründe der Tante zu ihrem hartnäckigen Verhalten wisse er nichts, aber vielleicht verlören sie sich, wenn ihr die »Reibungsfläche« entzogen werde, und im Frühjahr sei dann das Haus wieder für Linde frei.

[S. 110]

In dem letzten Satz verbarg sich eine bescheidene Lüge wie der Hase im Kohlfeld, denn schon durch die naive Schlußerwartung bewies Heinz, daß er über die Gründe zum »hartnäckigen Verhalten« der Klingse eine ganz deutliche Ahnung besaß; sie wollte, so überlegte er, Linde körperlich von dem Kampfplatz vertreiben, auf dem sie menschlich so schmerzhaft unterlegen war, um wenigstens eine »taktische Genugtuung« zu genießen. Dann, meinte er freilich weiter, werde ihr auch am längern Beharren in dem kleinen Städtchen, das sie ja verachtete, nichts mehr liegen, zumal sie die wieder angeknüpften Fäden mit ihm von einem andern Platz aus ebenso bequem oder bequemer weiterspinnen könne. Aber just aus ähnlichen Betrachtungen zog das Mädchen die Gründe, seine Vorschläge abzulehnen, deren Fadenscheinigkeit Linde in ihrem geradsinnigen Vertrauen nicht bemerkte oder nicht bemerken wollte, wie denn auch von der Möglichkeit, daß Heinz die Beziehungen zu dieser Frau in irgendeinem doppelsinnigen oder gar verräterischen Licht erwägen könnte, nichts in ihrem frommen Mädchenkopf war. Ihre Antwort hatte folgenden Wortlaut:

»Liebster Mann, habe Dank für alle Nachrichten über Dich und Deine Welt. Ihr steht vieles aus, und wir leiden sehr tief mit. Du sagst, daß Ihr für uns sterbt, so bleibt uns nichts übrig, als für Euch zu leben. Indem wir's tun, ist es unser Gebet, daß Ihr einen Trost und eine Zuversicht darin findet. Ach, was sind wir ohne Euch, aber Ihr seht die Heimat in uns, und so sind wir alles durch Euch. Vor allen Dingen sollt Ihr uns nicht jammern hören. Wir lachen nicht viel, aber wir weinen auch nicht viel. Wir kommen Tag und Nacht nicht von einem gewissen Stolz weg, der uns, ich möchte sagen, kühn und traurig macht. Doch gibt es auch Stunden, die uns fröhlich finden; ich weiß nicht, ob wir Euch dann besonders lieben, aber jedenfalls sind wir dann in einer ganz besonderen Weise für Euch da. Verstehst Du das?

[S. 111]

Leider seid Ihr fern, aber wenn Ihr da wäret, so wäre auch dies alles anders.

Dein Vorschlag ist lieb, und ich danke Dir für Deine Fürsorge, aber ich kann in diesem Fall nichts damit machen. Ich müßte nur sagen, der Onkel braucht mich, so wäre alles übrige schon abgeschnitten. Oder ich könnte noch einen Schritt weitergehen und sagen, daß ich nicht aus einer Schule laufen will, auch wenn sie mir nicht gefällt; ich weiß ja nicht, ob ich dem Lehrer besonders gefalle. Aber ich will ganz ehrlich sein und Dir den wahren Grund schreiben. Siehst Du, hier hängt alles mit Dir und unserm Glück zusammen. Die Bäume und Büsche erzählen: Als er da war, trugen wir noch Laub. Das ist schon etwas. Die Vögel rufen manchmal ganz plötzlich: Wir haben ihn auch gesehen. Oder Bob kommt, stößt die schwarze Nase an mein Knie und sieht mich ernsthaft an, bis ich ihm einen Blick zuwende; dann bewegt er schnell den kurzen Schwanz, und das heißt: ›Wann kommt der Offizier wieder?‹ Ich habe mir im Pflaster ganz bestimmte Steine gemerkt, über die Du gegangen bist. Die Türme haben wir miteinander betrachtet und untersucht; das eine Eulennest ist noch da, und die Eule sitzt auch noch drin. Nun sage, ob ich von hier weg soll. Eine Wirklichkeit ist immer eine Wirklichkeit. Nachher würde es nicht halb wirklich, sondern ganz unwirklich sein. Also rede mir nicht mehr davon, wenn Du mich liebhast.«

Von der Klingse stand kein Wort im Brief; seitdem sie wiederhergestellt war, erwähnte Linde sie nicht mehr. Darum war sie über den ganz unvermittelten Vorschlag ihres Geliebten eigentlich ein bißchen betroffen gewesen, denn woher sollte er außer durch sie von der stillen Feindschaft wissen? Inzwischen schrieb sie es ihm als Feingefühl zugut.

Der Stern oder Geist seines Schicksals dachte: »Vielleicht fehlt ihm nur ein ganz schweres Geschehnis, so klingt sein etwas ausgeklungenes Herz wieder mit den[S. 112] Sphären! Man müßte es erzittern machen!« Nun fehlte es ihm ja nicht an schweren Erfahrungen; jeder neue Sturmangriff der Engländer war eine, und wenn ihm ein Geschoß einen Kameraden wegriß, so war es auch eine. Aber einem gewöhnlichen Menschen wird alles rasch gewöhnlich; es braucht ein ungewöhnliches Herz, um auch im Gewohntesten immer das Ungewöhnliche zu fühlen. Ein Ungewöhnliches im äußern Geschehen betraf ihn in einer Nacht.

Die Engländer legten in der letzten Zeit ihre Sturmläufe auf die späten Abend- und Mitternachtstunden, nachdem sie bis zur Dämmerung furchtbar mit schweren Geschossen gearbeitet hatten in der Erwartung, die Erde und die armen Seelen bis auf den Grund aufzuwühlen. Das geschah auch, jedoch aus den armen Seelen wühlten sie immer neuen Heldenmut heraus. Wie nun aber auch die deutschen Gewehre stürmten und die Spechte des Todes, die Maschinengewehre, hämmerten, so drangen doch immer eine Anzahl überlebende Feinde durch die zerfetzten Drahtverhaue, wenn auch selber zerfetzt, kampfwütend vor und erschienen im Nachtlicht riesengroß über den Rändern der Schützengräben. Diejenigen Verteidiger, die nicht schon vorwärts herausgesprungen waren, um sich ihnen auf dem freien Feld entgegenzuwerfen, empfingen sie drunten, und nach dem wild lärmenden Vorspiel hob dann stets eine stumme, grausame Todesarbeit von Mann zu Mann an, wobei ab und zu ein zwischen den Zähnen geknirschter Fluch und selten ein Revolverschuß erklang. Gerade dieser Abschnitt der langen Grabenreihe war durch seine ungewöhnlich wilde Verteidigung bekannt. Die Engländer schickten immer neue und immer ausgewähltere Truppen dagegen vor, aber immer seltener sah man etwas davon wieder, und auch wenige Angekommenen überlebten einen solchen Gang außer mit entsetzlichen Wunden in deutschen Lazaretten.

Es war schon tief im Winter, daß man nach einem[S. 113] vulkanischen Tagesbombardement stumm und verbissen den gewohnten geisterhaften Dämmersturmlauf der englischen Infanterie erwartete. In Eile hatte man sich aus den Verwüstungen ausgegraben, einigen Schutt zur Verteidigung vor sich aufgeworfen, sich mit Handgranaten versehen und die blanken Messer griffbereit in die Stiefelschäfte oder unter den Gürtel gesteckt. Gesprochen wurde nicht viel. Im Laufschritt kamen aus der Reservestellung noch Mannschaften mit frischen Maschinengewehren für die zerschossenen oder ganz verschütteten an, die sie hastig aufstellten und einrichteten. Das war schon ein vollkommen gespenstischer Vorgang. Wer an seinem Platz nicht mehr genug Tiefe zum Stehen hatte, der kniete oder lag auf der frisch aufgeworfenen Erde. Heinz stand mit einem Infanteriegewehr neben dem Grabengeschütz seiner Abteilung, das halb umgestürzt zwischen den Trümmern seines Aufbaues lag. Wie jeder Mann hatte auch er sich eine Anzahl Handgranaten bereitgelegt. Wer ihm im jetzigen Zustand unvermutet begegnet wäre, der hätte ihn nicht wiedererkannt. Da er im Lauf des Tages zweimal aus Verschüttungen hatte ausgegraben werden müssen, war er über und über mit Lehm bedeckt. Aus dieser elementaren Farbe blickte sein junges Gesicht bleich und etwas hohl in das letzte fahle Verglimmen des Tages hinter den englischen Grabenlinien, und da er fest die Lippen aufeinanderpreßte, so gewannen seine Züge einen bittern und leidenden Ausdruck, der ihn um Jahre älter und reifer erscheinen ließ, als er wirklich war. In seinem Geist lebte nicht die geringste Bewegung; er wartete schweigend und entschlossen auf die Engländer, und wenn er etwas dachte, so war es nichts als die Beobachtung: »Sie brauchen heute länger als sonst.« Dieselbe Beobachtung machte jeder im Graben, aber keiner sprach sie aus; es herrschte ein vollkommenes Schweigen. Hinter den englischen Schützengräben zog wie den ganzen Tag das feuchte, graue Gewölk herauf, doch ohne zu regnen; jetzt schien es sich zu beschweren und wurde dunkler,[S. 114] weil sich die Dämmerung auch dort an die Körper hing. Plötzlich wie aus dem Boden gewachsen oder aus dem Gewölk vorgetreten waren sie wieder da. Sie schrien nicht Hurra und hielten sich mit keinen Heldenhaftigkeiten auf, sondern liefen um ihr Leben, um möglichst schnell durch die Schieß- und Wurfzone hindurch dem Feind an den Leib zu kommen. Es war ein leiser, gehetzter Vorgang voll Schaurigkeit und Todesahnung. Aber auch das war nur ein Augenblick, denn schon schrien die Gewehre auf, rasselte das Maschinenfeuer aus hundert Läufen ihnen entgegen und krachten die wenigen übriggebliebenen Grabengeschütze. Bereits sah man Feinde wie unselige Schatten vor dem fahlen Himmel zu Dutzenden hinsinken, andere schwankend noch einige Schritte vorstürzen und ebenfalls im Dunkel verschwinden, das auf der Erde lag. Doch unaufhaltsam hastete die schwer gelichtete Linie vorwärts und betrat im nächsten Moment die doppelt mit Sterblichkeit geladene Region der Drahtverhaue und der Handgranaten. War vorhin der Tod unsichtbar in der Luft gewesen, so sprang er jetzt körperlicher von der Erde auf.

Heinz warf wie eine Maschine, ganz ohne Erregung, beinahe bewußtlos. Leiber brachen zerfetzt mit nun sichtbarer Schwere frisch blutend hin zu andern, die längst ausgeblutet hatten und vergeblich von immer neuen Eisenwirbeln erfaßt, immer neu zerrissen auf die endliche Ruhe warteten. Aber auch durch den vorgeschleuderten Riegel von Rauch und Feuer brachen noch kampffähige Körper vor, nicht mehr viele und auf dem Grabenrand hundertfach von Revolverkugeln und Bajonettstichen empfangen, jedoch einige Dutzend kamen dennoch ihrerseits zum Wurf und dann auch an ihren Mann; damit fuhren überall die Messer heraus. Indessen folgte der ersten Sturmlinie beinahe auf dem Fuß eine zweite. Wer mit seinem Mann zusammenhing, sah, wie er mit ihm fertig wurde; kaum fand man Zeit, den einen oder andern durch einen gut geführten Stich von seinem Feind zu befreien, als man wieder ans Gewehr[S. 115] mußte. Inzwischen waren es soundso viel Schützen weniger, und der zweite Sturm brachte ebensoviel Feinde mehr zum Nahkampf. Da ihm der dritte und diesem dichtauf der vierte folgte, so füllte sich der Graben allmählich mit Engländern, toten und lebendigen, aber die lebendigen nahmen immer mehr zu als die toten, während sich bei den Verteidigern das Verhältnis umkehrte. Übrigens kamen die Engländer in Gasmasken und glichen mehr traumhaften und bösartigen Teufeln als Menschen.

Heinz hatte seinen Posten mit Bedacht gewählt, weil vor ihm der Drahtverhau beinahe vollständig weggeräumt war und ein ganz freies Einbruchstor offen ließ. Es wurde auch von den suchend und eilig hin und her huschenden Gestalten gefunden und mit Leidenschaft benutzt, daher stand er bald erwarteterweise im Mittelpunkt der Nahkämpfe. Die ersten Eindringenden erledigte er durch gezielte Revolverschüsse; was übrigblieb, das stachen Infanteristen mit den Bajonetten nieder. Indessen taten die englischen Handgranaten ihre Wirkung, und allmählich vereinsamte Heinz auf seinem Posten. Als er den Revolver leer geschossen und keine Zeit hatte, ihn frisch zu füllen, warf er ihn weg und griff zu seinem Seitengewehr. Den ersten Engländer, einen jungen Offizier, der zu ihm in den Graben sprang, bekam er mit einem raschen Griff an der Brust zu fassen; ehe es ihm noch gelang, Stand zu nehmen, brach ihn Heinz schon rückwärts über das Grabengeschütz, wo er seinen letzten Seufzer tat. Dem nächsten, der sich wie ein Tiger auf ihn stürzte, wich er aus, so daß er zunächst in die Knie brach; bevor er sich wieder erheben konnte, empfing er seinen Todesstoß, der ihn vollends hinstreckte. Obwohl nun die Handgranaten schon rings um ihn krepierten, blieb er doch wunderbarerweise heil. Zwischen zwei Angriffen fand er noch rasch Zeit, auch seinerseits die Gasmaske vorzubinden, denn die englischen Handgranaten erfüllten den Graben nach und nach mit einem schweren, beizenden Qualm. Er wußte nicht mehr, was[S. 116] die andern taten, blickte sich auch nicht nach ihnen um. Einmal kam irgendein Infanterist hergelaufen, um ihm zu helfen; eine Handgranate krachte, und er sank weg, als ob er nie dagewesen wäre. Einen Stürmer erledigte Heinz, als er seine Handgranaten aufgebraucht hatte, durch einen Steinwurf vor die Brust, bevor er an den Rand des Grabens kam. Den Dienst des fehlenden Drahtverhaus begannen nun die gefallenen Körper der Engländer zu leisten, die sich dunkel gegen den Horizont häuften.

Aber es schien, daß die englische Heeresleitung die vielverwünschte deutsche Bastion heute nacht um jeden Preis endlich in ihre Hand bekommen wollte. Den Londonern folgten Schotten, diesen Kanadier, ihnen Inder; darauf kamen Australier und wieder Inder, von den grausamen, viehischen Bergstämmen, deren Ausdünstung schon so widerlich ist. Heinz tat, was er konnte, schlug und stach an seinem Ort noch ein Erkleckliches um sich, alles in voller Zweckmäßigkeit, aber schon ganz mechanisch, stieß einem Inder das Seitengewehr durch den aufgerissenen, schreienden Mund in den Hals, schlug einen andern mit dem Schädel auf das Geschützrohr, bis ihn die Kräfte verließen; inzwischen fühlte er freilich ebenso die seinen abnehmen, und sah er mit fatalistischer Gelassenheit den Moment voraus, der auch für ihn der letzte sein würde. Doch fand ihn der übernächste Brust an Brust mit einem kanadischen Unteroffizier am Boden liegen und um sein Leben ringen, während der fortgesetzte Sturm der englischen Massen nun schon ganz ungehemmt über ihn weg und tiefer in die deutschen Stellungen hineinfuhr. Weil droben nur jeder vorwärts wollte, blieb Heinz im Graben mit dem Unteroffizier und dieser mit ihm allein. Er lag, wie ihn der Anprall des großen Menschen hingeworfen hatte, auf dem Rücken im Grabenschlamm, mit der linken Hand den Messerstoß des Kanadiers aufhaltend, und von diesem gleicherweise selber am Zustoßen gehindert. Mit einer gefährlichen Aufmerksamkeit, jeder des andern Blick[S. 117] bewachend, strebte zunächst jeder angestrengt nach der ersten freien Bewegung, die dem andern das Leben kosten mußte. Ein nur halb parierter Stoß des Kanadiers hatte Heinz die Gasmaske weggerissen, zu seiner Befriedigung, da er ihm Blick und Atem befreite. Bald wußte jeder, daß er es mit einem vollgültigen Gegner zu tun habe, und dachte jeder auf eine überraschende Wendung, um den andern zu verwirren und in der nämlichen Sekunde abzutun, zugleich aber seinerseits mit größter Anspannung der Geistesgegenwart auf ähnliche Unternehmungen des andern gefaßt.

Das stumme Todesspiel dauerte bereits nach Minuten, und eben überlegte Heinz, daß, wenn er plötzlich die Stoßhand des andern fahren ließe und blitzschnell dessen Kopf an sich risse, er vielleicht durch die Überraschung seine eigene Hand befreien könnte, um jenem im gleichen Moment die Schlußrechnung zu machen — als ihm ein unbewachtes leichtes seitliches Abirren im Blick des Kanadiers auffiel, dem er ebenso unwillkürlich folgte, ohne freilich etwas anderes zu bemerken als die Toten und Sterbenden, die um ihn herumlagen; in demselben Bruchteil einer Zehntelsekunde war er schon wieder mit ganzer Spannung über seiner Todesrechnung für den Feind. Nebenher fiel ihm ein gewisses Nachlassen der körperlichen Anstrengung beim Gegner auf, das er sogleich unbedenklich in die Kalkulation mit einsetzte. Wenn er, so dachte er, nun den Kopf des Kanadiers rasch niederriß, während dessen rechte Hand in der Luft frei wurde und die linke zunächst fortfuhr, Heinzens Stoßhand an der Erde festzuhalten, so mußte er notwendig im ersten Augenblick nach seiner rechten und also Heinzens linker Seite fallen; raffte nun Heinz alle Kräfte in einen Moment zusammen, so konnte es ihm gelingen, sich mit dem Kanadier schnell nach links hinüberzuwerfen, und als beinahe sicher durfte er erwarten, daß der Unteroffizier über der doppelten Überraschung weder sofort daran dachte, mit dem nun freien Messer zuzustoßen, noch sich augenblicklich an das drohende Seitengewehr des Deutschen erinnerte,[S. 118] sondern nach aller Wahrscheinlichkeit würde er ganz instinktiv der Umwälzung begegnen wollen. In der Zeit würde aber Heinz schon zustoßen.

Nun war er seiner Sache so gewiß, daß er einem neuerlichen Abirren im Blick des andern nach derselben Seite überhaupt nicht folgte, sondern sich in aller Tiefe auf den Augenblick zu sammeln begann, in dem er seinen Plan ausführen wollte. Dunkel ging es ihm noch durch den Kopf, daß er in seiner nächsten Nähe einen scheinbar schwerverwundeten Inder bemerkt hatte, der sich, immer noch den Dolch in der ausgestreckten Hand, wohl sterbend noch einmal regte; gleich erinnerte er sich auch, daß es der Mensch war, dem er das Seitengewehr in den Schlund gestoßen hatte. Er wollte eigentlich noch einmal hinsehen, aber eine wiederholte, sehr merkliche Schwächeäußerung des Kanadiers, oder was Heinz dafür hielt, bestimmte ihn, sofort die Tat auszuführen. Eben spannte er seine Nerven und Sehnen zur höchsten Leistung, als plötzlich neben ihm eine dunkle Hand mit einem indischen Messer in die Höhe flog, um niederfahrend mit einem fühlbar harten Stoß seine Brust zu treffen. Der halb aufgerichtete indische Soldat hatte freilich mit dieser Unternehmung alles gegeben, was er vermochte; er brach neben Heinz röchelnd zusammen, indem er aus seinen weit geöffneten Augen, die vieles Weiß zeigten, voll befriedigten Hasses ihn aus nächster Nähe anstarrte. Zugleich spürte Heinz, wie eine freudige Bewegung durch die Glieder des Unteroffiziers ging; ebenso rasch wurde er sich klar, daß der Stoß an seiner gefüllten Brieftasche sich gebrochen hatte, und bevor der völlig überrumpelte Kanadier irgendeinen Vorteil ausnützen konnte, fühlte er durch den Deutschen mit einem harten Ruck seinen Kopf herabgerissen, seinen ganzen Körper gewaltig herumgeworfen, und seufzend empfing er das deutsche Eisen seitlich in die Lunge.

Ohne ihm noch einen Blick zuzuwenden, erhob sich Heinz. Aber er merkte sofort, daß er für die nächsten Stunden[S. 119] nicht zu brauchen war. Vor seinen Augen hing es wie Trauerflor. Seine Knie wankten unter ihm, und von seinem Herzen ging ein Zittern aus, das sich dem ganzen Körper mitteilte. Nachdem er sich einige Schritte hingeschleppt hatte, ohne zu wissen, wohin, setzte er sich auf die umgestürzte Schützengrabenkanone, und dort fanden ihn die zurückkehrenden Deutschen, als sie die Engländer vor sich hintreibend die Bastion wiedernahmen. Zwei Tage sprach er nicht. Am dritten begann er wieder, aber mit einem tief veränderten Ton. Unterdessen kam sein Regiment in die Reservestellung, um wieder aufgefüllt zu werden. Das indische Messer hatte etwa acht Briefe durchstoßen, sechs von der Klingse und nur zwei von Linde, und noch in seine Brust eine etwa zolltiefe Wunde geschlagen. Dazu kam, daß die Briefe der Klingse schöngeistig und wenigstens achtseitig waren, die Lindes einfach liebend und nur vierseitig, machte im ganzen dreißig Blätter von der Tante und nur vier von der Geliebten. Es war also nicht schwer zu sagen, wer ihm das Leben gerettet habe. Am Abend des vierten Tages schrieb er zwei Briefe, einen an Linde und einen an die Klingse. Der an Linde lautete:

»Liebes Mariechen, wir sind abgelöst nach einer verdammt dreckigen Nacht, in der nicht viele von uns übrigblieben. Aber was hilft das üble Leben? Jetzt liegen wir in Reserve und sollen erst wieder aufgepumpt werden. Bis dahin fahre ich jeden Tag nach Lille hinein und genieße meine Jugend. Das Messer eines Shiks fing meine Brieftasche auf; zwei Bogen von Dir sind auch daran beteiligt. Daß Ihr überhaupt noch von Seele, Nation und dergleichen zu reden wagt. Wartet, bis wir wiederkommen. Sonst habt Ihr nichts zu tun. Und dann seht, was wir mit Euch machen. So steht das. Mein Zielfernrohr ist in Scherben geschossen. Mag's der Teufel haben. Ein neues wird nicht angeschafft. Für mich ist die Heldenlaufbahn vorbei. Von jetzt an wird die Pflicht getan. Fasse das aber nicht in Deinem übersittlichen Sinn auf; das wäre ein Irrtum.[S. 120] Ich habe es einfach satt, mit dem Tod zu spielen. Das Leben hat dafür zuviel Reize. Laß Dir's gut gehen. Herzlich Dein Heinz.«

Linde schrieb ihm zurück:

»Liebster Heinz! Ich habe eine Kerze gestiftet zum Dank dafür, daß Du heil aus der Gefahr gekommen bist. Oder vielleicht nicht einmal so rein aus Dank als aus Freude darüber, und in der Freude tut man gern etwas, das hübsch ist und wohl lautet. Wenn mir jemand sagte, ich wäre unfromm, so würde es mich sehr treffen, aber ich fürchte, daß sich jemand finden wird, und daß ich ihm nichts werde erwidern können. Der Onkel sieht mich manchmal verwundert an, und auch der Brigitt gebe ich zu denken; ich sehe es wohl. Aber ich kann's nicht ändern. Und, lieber Heinz, ich bitte Dich herzlich, werde wieder ein Held, auch wenn ich je länger, je weniger eine Heldin bin. Es steht Dir so wohl, daß wir alle um Dich Angst haben; Gott verzeihe mir die Lästerung. Wie soll ich mich erklären? Das Herz läßt sich nicht gern etwas nehmen. Du denkst daran, daß ich damals sauer dazu sah. Heut seh' ich süß. Liebster Schatz, ändere nichts; Gott wird Dich bewahren! Mehr kann ich heute nicht schreiben; in mir braust's wie ein Bienenvolk, und jeder Flügel will zu Dir. Man hätte viel Honig. Wenn Du aber auf Urlaub denkst, so folge dem Gedanken nicht. Schicke mir die vier Blätter oder eins davon; ich will sie sehen, dann bekommst Du sie wieder. Deine Marie Linde.«

Sie bekam sie nie, aber der Klingse hatte er von sich aus eins von ihren geschickt. Dazu schrieb er folgendes:

»Liebe Tante Malva! Ich habe vor einigen Tagen mit den Engländern eine ekelhafte Nacht erlebt und darüber allerlei Scheu verloren. Sieh Dir das beiliegende Blatt an. So sehen sechs Briefe von Dir aus, etwa dreißig Blätter, die ich in der Brieftasche trug. Ohne sie wäre ich wohl nicht mehr in der angenehmen Lage, an Dich[S. 121] zu schreiben, denn der betreffende Shik hat, obwohl sterbend, doch noch ganz anständig zugestoßen. Ich kann es also betrachten, wie ich will, so hast Du mir das Leben gerettet. Und ich kann auch das betrachten, wie ich will, so habe ich Dich nicht in gleicher Weise vor dem Stoß bewahrt. Das ist der Sinn von dem, was ich von der verlorenen Scheu sage. Du bist eine große Frau, und ich bin ein deutscher Offizier, und wir werden einander nichts mehr vormachen. Sieh mal, in mir war bis neulich die Lust, ein übriges über meine Pflicht zu tun, mit dem Schicksal anzubinden, denn da war etwas, was verausgabt sein wollte, die Lust am Besonderen, die ihre Abenteuer forderte. Damit bin ich jetzt fertig. Ich habe meine Orden und meine beiden Eisernen Kreuze. Weiter komme ich ohnehin nicht mehr. Und das Eiserne erster wird mir später im Frieden schon die Türen auftun, die ich offen haben will. Meinen Anteil am Krieg habe ich geleistet, das übrige ist Pflicht, nicht mehr, nicht weniger. Es war ein Moment, da gehörte ich schon mehr dem Tod als dem Leben; von einem solchen Standpunkt aus bekommt manche Sache ein anderes Gesicht. Jetzt habe ich den Wunsch durchzukommen, weil ich nachher mit meiner Jugend und Kraft etwas anzufangen weiß. Es soll mir keiner mehr mit dem Kaisertum der deutschen Seele und der deutschen Weltanschauung die Ohren vollreden. Was ist das, die deutsche Weltanschauung? Du mußt hören, was sie gerade vor meinen Fenstern singen. ›Denn dieser Feldzug geht auch vorüber, und diese Schweinerei ist bald vorbei.‹ Wir haben alle die Nase voll vom Heldentum. Nehmt Euch in acht, wenn wir zurückkommen. Manchmal leben wir in einer ganz gefährlichen Wut, aber meistens denken wir nicht weiter als in unsre Patronentaschen und Brotbeutel. Jetzt hat man uns in Reserve gestellt, um das Bataillon wieder aufzufüllen. Vorläufig bin ich jeden Nachmittag in Lille. Etwas elegantes Leben zu sehen tut wohl nach der Dreckhamsterei.[S. 122] Alles was wahr ist, für solche Frauen kann sich der Franzose schon schlagen. Wofür schlagen wir uns eigentlich? Ich frage für die andern; für mich bin ich nicht im Zweifel. Aber um ehrlich zu sein: noch lieber hörte ich jetzt mit der Schlägerei auf, und zwar aus der gleichen Betrachtung. Leb wohl und vergiß mich nicht. Dein Heinz.«

Die Antwort der Klingse lautete folgendermaßen:

»Mein lieber Junge! Wenn ich's genau überlege, so muß dieser furchtbare Stoß Dich noch getroffen haben. Warum verschweigst Du mir das? Hast Du Dich unnötigerweise in diese Gefahr begeben, so muß ich Dich heftig tadeln. Und hat die Nacht, von der Du sprichst, Dich von einer Jünglingsschwärmerei geheilt, so sei sie immerhin gesegnet. Deinen Entschluß kann ich nur billigen. Nach dem Krieg kommt wieder ein Frieden; was hilft er dem, der ihn nicht erlebt? Wohl Dir, daß Du weißt, wofür Du kämpfst, und noch besser, wofür Du leben bleiben willst. Was dann Eure Wut angeht, so werden wir uns schwerlich sehr in acht nehmen, wenn Ihr zurückkommt. Dazu sind wir schließlich wohl auch nicht da. Nun, was Du noch nicht weißt, das wirst Du ja erfahren. Kannst Du nicht einen Urlaub bekommen? Es ist ja nicht gesagt, daß Du ihn wieder in einer Kleinstadt bei Kleinstädtern verbringen wirst. Sei ein Mann, mein Junge, und rechne mit Deinen Kräften, damit ich auf Dich stolz sein kann. Deine Malva.«

Nach diesem Brief beantragte er sofort Heimaturlaub, aber er wurde ihm abgeschlagen, weil die Wiedereinrichtung des Bataillons bereits in vollem Gang war. Da faßte er sich ziemlich kalt und begann seine neue Soldatenlaufbahn.

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Zweiter Teil / Ehrgeiz

[S. 125]

deko

Erstes Kapitel
Der Gregorianische Lobgesang wird noch einmal angestimmt. Linde fällt in Verdacht, Geheimnisse zu haben.
Eine Prozession führt zu keinen andern Einsichten als in das Wesen der Unwissenheit

I

Inzwischen fand unter der Anführung des Dechanten die alljährliche Herbstprozession auf den Kalvarienberg statt. Man betrachtete sie als einen Erntedankgang, aber sie stammte unter allerlei Umbildungen aus einem früheren Jahrtausend, und gelehrte Leute, zu denen auch der Dechant gehörte, wußten, daß sie ursprünglich im Land der Wotanseiche mit dem herbstlichen Lichtwechsel zu tun gehabt hatte. Früher war der Festtag im Monat festgelegen, aber in Anbetracht des unsicheren Wetters hatte der Dechant den Gang unter der Billigung seiner Behörden auf den Sonntag vor dem Vollmond gelegt, da dort nach der Erfahrung von alters her noch am sichersten gutes Wetter angetroffen werden konnte. Bisher war ihm auch noch keine Prozession verregnet.

Aber mit dieser hatte es seine besondre Bewandtnis. Nicht als ob einer sternenhellen Nacht niederträchtig ein trüber Morgen gefolgt wäre. Die Frühstunden brachen vielmehr in tiefer und reiner Bläue aus der Himmelshöhe herein, nachdem nur einmal der Morgennebel gehörig in der Tiefe verarbeitet war. Auch an den Hausgenossen ereignete sich, nach den Seltsamkeiten jenes Abschiedsmorgens, keine neue Überraschung. Zwar hüteten noch die beiden Frauen das Bett, jede das ihre, aber[S. 126] Brigitt ging es weiter nicht bedenklich, obwohl schmerzhaft genug, und die Tante hatte sogar angezeigt, daß sie heute zum Mittagessen zum erstenmal wieder aufstehen werde. Der Dechant betrachtete diese Meldung sogar mit besonders zufriedenen Blicken, nicht weil sie ihm wieder die anregende Tischgesellschaft der großstädtischen Verwandten versprach, sondern weil er sie für eine Voranzeige ihrer endlich in nähere Sicht gerückten Abreise hielt. Obwohl sie bei seinen Krankenbesuchen religiöse, sogar katholische, Lektüre in ihren Händen sehen lassen und mit ihm ebensolche Gespräche geführt hatte, für eine protestantische Rationalistin sogar ordentlich einsichtige, und obwohl sie von ihm verschiedentlich auf weichen und zugänglichen Stimmungen betroffen worden war, so hatte es ihm doch nicht gelingen wollen, Vertrauen zu ihr zu fassen. Auch nahm er ihr ernstlich übel, daß sie das Liebesglück der jungen Leute zu stören versucht hatte, und wenn er auch lange nicht alles wußte, so war schon dies genug, um ihm mit einiger Deutlichkeit zu zeigen, daß ihre Wirkung auf die Geselligkeit der Menschen, jedenfalls seines Hauses, sich seit zehn Jahren nicht verändert hatte.

Von Seite der Tante erwartete er also in nächster Zeit nur Erfreuliches. Was Linde anging, so war sie neuerlich etwas blaß und sah mitgenommen aus; er setzte den Zustand auf Rechnung der Sorge um ihren entfernten Geliebten, und außerdem hatten ihr die letzten Wochen bei ihrem Eigensinn, keine Hilfskraft zu nehmen, Tag für Tag ein sicheres Übermaß von Geschäften im Haus und um die beiden Kranken gebracht, von dem es ein Wunder schien, daß sie es bei ihrer zarten Konstitution noch so lange zu treiben wußte. Der Dechant selber war dabei mit ihr längst nicht mehr auf seine Rechnung gekommen, da sie für ihn wenig oder keine Zeit hatte, und so versprach er sich von der bevorstehenden Abreise der Tante auch für das Mädchen etwas. Er stand so lebhaft[S. 127] unter dem Gefühl dieser angenehmen Aussicht, daß sie ihn noch viel sonntäglicher stimmte, als er's ohnehin schon war, und während er sich in seinem schönen alten Mahagonischlafzimmer rasierte und ankleidete, summte er nach so langer Zeit zum erstenmal wieder den Gregorianischen Lobgesang. Darauf zog er ein Paar festere Schuhe an, da er doch einen Gang über Land vorhatte, tat einen letzten Blick in den Spiegel, setzte das schwarze Pfaffenmützchen auf, freute sich noch einmal, wie still und gediegen das Morgenlicht auf den Formen des polierten Mahagoniholzes spielte, und stieg dann mit dankbaren Gefühlen nicht nur für die Jahresernte, sondern auch für die seines bisherigen Lebens die Treppe hinunter, um sich zum Frühstückstisch zu begeben, von Bob, der schon eine Weile eifrig an der Tür gekratzt hatte, freudig begleitet.

Dort hatte Linde schon alles hergerichtet. Auf der goldenen Maserung der Birkenmöbel lachte die offene Sonne. Die blauen Sessel mit den weißen Nägeln leuchteten erfreut auf, als ihr Herr eintrat. Die edlen Formen des Gläserschranks belebten sich unter seinen Blicken. Violette und blaue Astern standen in Vasen oder als lebende Pflanzen in Töpfen auf guten Plätzen. Bemerkte er noch die weißen angenehmen Mullgardinen, so fand er, daß nachgerade in dem Zimmer ebensoviel von Lindes Wesen sich aussprach als von seinem. Just trat sie auch wie eine kleine Siederei mit dampfenden Kesseln und Kannen durch die Tür, klar und entschieden in aller Arbeit und Plackerei, der sie sich eigenwillig unterzog, und mit hellem Morgengruß auf Stirn und Lippen.

»Nun, da bist du ja, du unverbesserliche Unruhe«, begrüßte er sie nicht durchaus mißfällig. »Was hast du denn schon wieder um halb sieben heute früh im Haus herumzuwirtschaften gehabt?«

Linde lachte eine Spur. »Warum schläfst du nicht, anstatt mir aufzupassen?« sagte sie freundlich aber ein wenig[S. 128] betreten. »Ich bin doch so leise bei dir vorbeigegangen. Daß die Dielen knarren, dafür kann ich freilich nichts, soviel ich mich darüber ärgere.«

»Sieh nur zu, daß du bei diesem Betrieb übrigbleibst!« versetzte der Dechant ernster. »Hast du dafür gestern in alle Nacht hineingearbeitet, daß du nicht einmal den Sonntag mit einer christenmäßigen Beschaulichkeit beginnen kannst?«

»Wenn du soviel redest, Onkel, so wirst du zu spät zum Hochamt kommen«, erwiderte sie bescheidentlich ablenkend. »Vergiß auch nicht, daß du vorher ordentlich essen mußt. Willst du zuerst Brot mit Käse und dann mit Wurst oder umgekehrt?«

Er wollte es umgekehrt, und sie richtete ihm alles geschickt und sorglich her, goß ihm Kaffee ein und begann derweilen von ihrer Patientin zu berichten, nämlich von Brigitt, der es heute erträglich ging, da sie fieberfrei war. Die Tante hatte sich ihrerseits eine berufsmäßige Pflegerin kommen lassen, ein Weib zwischen dreißig und vierzig, nicht vom allerbesten Ruf und mit einem ziemlich üblen Mann behaftet, aber die einzige in ihrem Fach und besonders von den protestantischen Familien, die sich nicht gern der Nonnen aus dem Kloster bedienen mochten, in den vorkommenden Notfällen zugezogen. Nun hatte man sie schon um die drei Wochen schmutzig, unverschämt und ewig spionierend ungern ertragen, ohne gegen ihre Tyrannei etwas Wirksames unternehmen zu können, da sie an der Tante einen Rückhalt zu haben schien. Das bequeme Leben, das ihr diese im Haus machte, war auffällig. Daß sie als einzige Person Butter und belegte Brote zu jeder Tageszeit haben mußte, mochte noch hingehen, aber sie hielt ihr auch jede gröbere Arbeit fern, die ausnahmslos Linde zufiel. Da sie außerdem noch Anspruch auf Lindes Sekretärdienste machte — sie diktierte ihr eine Reihe literarischer und gedankenreicher Briefe an großstädtische Freunde —, so wußte der Dechant wohl,[S. 129] warum er nichts mehr von dieser hatte, und warum sie mit Nachtstunden verlorene Tagesstunden ersetzen mußte, aber er wußte nicht, welchen Narren die Tante an dem unerquicklichen Weibsstück gefressen hatte, daß sie es so verwöhnte.

Übrigens trat gleich darauf dieses selber im Eßzimmer auf, um die gute Morgenstimmung doch in etwas zu stören, und zwar durch ein Ei vom Frühstück der Tante, das schlecht sein sollte. Linde roch und konnte nichts daran finden, sagte übrigens gehalten, daß sie für heute kein anderes im Haus habe, da Eier jetzt schwer zu bekommen seien, und die Pflegerin ging ab mit dem Ei, das sie nachher mit Genuß selber aß, und mit einer unverschämten Glosse über die Hausordnung, gegen die nichts zu sagen war, wenn man sich nicht in einen endlosen Zank verwickeln wollte. Beim Hinausgehen klemmte sie noch den nicht ganz saubern blauen Rock zwischen die Tür, die sie noch einmal aufstieß und dann offen hinter sich stehen ließ, während sie schimpfend die Treppe hinaufstieg.

Mit diesem rostigen Nadelöhr und dem zugehörigen schlechten Faden schlug sie dann die besondere Bewandtnis zur Naht, von der schon die Rede war. Eben bemerkte der Dechant halb verdrossen und halb verwundert, daß die Person ein ganz hübsches Weib sein könnte, wenn sie nur etwas ordentlicher leben wollte, als die Hausglocke schrill anklang, Bob wuffend vom Fensterbrett herunterfuhr und Linde, die sich gerade vom Schließen der Tür wieder gesetzt hatte, von neuem aufstehen mußte. Gleich darauf ertönte draußen die krähende Stimme eines betrunkenen Menschen und die abwehrende Lindes, von der andern eifrig überschrien, die nun schon im Haus zu sein schien, und über allem der zornige Alarm des Hundes, mit dem sich der Besucher ebenfalls auseinandersetzte. Der Dechant erhob sich, um selber zum Rechten zu sehen. Im Hausgang stieß er mit einem Menschen zusammen, der durch seinen Atem wie durch unmißverständliche Worte und Gebärden[S. 130] das erschreckte Mädchen vor sich her trieb und überaus unternehmungslustig nach dem Pfaffen verlangte. Beim Licht der offenen Küchentür war es der stadtbekannte liederliche Ehemann der Pflegerin. Streng nach seinem Begehr gefragt, blieb er dabei, daß er den Pfaffen sprechen wolle, und erst, als ihm bedeutet wurde, daß hier kein Pfaffe sei, aber draußen viel frische Luft, begann er sich den Mann im dunklen Hausflur näher anzusehen und fand, daß es der Pfaffe selber sei, obwohl er eigentlich von vornherein nichts anderes erwarten konnte. Da begann er gewaltig herauszurücken. Er war gar kein so übler Schlag Mensch, ordentlich gewachsen und nicht eben dumm aussehend, aber unsäglich verkommen und verhetzt.

»Sehen Sie mal an, Sie sind ja — ja der Pfaffe selber!« rief er, ganz überrascht von dem Glückszufall und immer in der Tiefe gegen Bob kämpfend, vor dem er sich zu besorgen schien. »Hören Sie mal, Sie Herr Pfaffe, ich — ich glaube nicht an Sie. Es gibt keine Pfaffen. Tja. Nicht die kleinsten Pfaffen gibt es für einen gebildeten Weltbürger. Denn wenn es den kleinsten Pfaffen gäbe, so stände ich doch nicht hier und sagte: ›Es gibt keinen Pfaffen, nicht einmal den allerwinzigsten!‹ An Ihren Hund glaube ich, der hat mich ins Bein gebissen. Das ist eine Belialswirtschaft hier! Weg! Aber wenn Sie ein Pfaffe sein wollen und erlauben in Ihrem ei—eigenen Haus so — so unsaubere — so anstößige Dinge — so — solche Unzucht, was? Und Mord und Totschlag und Blutvergießen! — Befehlen Sie mal Ihrem Hündchen, sonst muß ich ihm zu meinem Bedauern die Schnauze zertreten. — Tja, was glauben Sie denn? Wenn ich nicht ein Lu—Lungenleiden hätte, so wäre ich doch auch ein He—Held draußen im Schützengraben. Aber wir haben den na—nationalen Auftrag, im Land die Sittlichkeit aufrechtzuerhalten. Mittels moralischer Kontributionen an der fehlbaren Bourgeoisie. Sobald wieder Frieden ist, sollen Sie einmal sehen, wie da aufgeräumt wird mit der[S. 131] Bourgeoisie. Bringen Sie gefälligst in Anschlag, daß ich ein gebildeter Ma—Mann bin, der bessere Tage gesehen hat. Und daß ich nicht umsonst hier vor Ihnen stehe. Und dann sagen Sie mir, Sie Herr römischer Pfaffe, warum liegt denn die feine Dame droben im Be—Bett? Ihre — geehrte Frau Verwandte? Haben Sie sich nie gesagt, daß das meinem Geist zu denken geben muß? Was?«

Der Dechant hatte ihm bisher mit groß aufsehenden Blick zugehört, während seine Miene zugleich einen stark nach innen gekehrten Zug annahm und die Zornader an seiner Stirn schwoll.

»Es ist gut, daß jedenfalls Ihre Bildung festgestellt ist«, sagte er ruhig, wenn auch mit drohendem Unterton. »Mehr ist für den Augenblick wohl nicht nötig. Wenn Sie morgen noch den Schwung in sich verspüren sollten, dies Gespräch fortzusetzen, so kommen Sie wieder, aber in nüchternem Zustand; es soll Ihnen dann nicht an Auskunft fehlen!«

»In — in nüchternem Zustand?« stotterte der Mensch verblüfft: »Ich bin in nü—nüchternem Zustand, sogar in einem sehr gebildeten nü—nüchternen Zustand, wenn Sie gestatten. Wenn Sie ihn aber noch nüchterner wollten, so müßte ich sagen: ›Wie — wie soll ich dann das Geschäft der moralischen Kontribution an der hiesigen Bourgeoisie ausüben?‹ Dazu muß ein gebildeter Mann schon etwas angetrunken sein, wie Sie leicht begreifen werden. Aber es ist gut; Sie wollen Zeit, um sich zu bedenken. Ich werde morgen wiederkommen. Aber in nü—nüchternem Zustand, Sie römisch-katholischer Spaßmacher? Wissen Sie die Geschichte von der Thronbest—besteigung des Kaisers, als der Kaiser gesagt hatte: ›Und daß ich das halten werde, glaube ich, schwöre ich!‹ Und als er das gesagt hatte also, und der Wilhelm Lehmann hatte nicht verstanden, denn er war taub auf dem linken Ellbogen, Sie Spaßmacher, Sie! Ich könnte mich schief lachen über Sie! Nüchtern soll ich Ihnen kommen? Psch — hihi![S. 132] Aber wissen Sie, was der Fritz Schulze dann sagte, als der Wilhelm Lehmann mit seinem tauben linken Ellbogen nicht verstanden hatte? ›Dann zieh dir det nächste Mal den Rock aus, du Affe, damit du besser hören kannst. Er hat jesacht: Und daß ich det halten werde, det jloobe ich schwerlich!‹ Wie haben Sie gesagt? Nüchtern soll ich Ihnen kommen? Sie, ich will Ihnen was sagen: Das glaube ich schwerlich! Jawohl, ich gehorche Ihrem sanften Druck nach der Türe. Ich warne Sie freundschaftlich davor, mich als einen gemeinen Verbrecher zu betrachten! Aber wenn Sie skandalöse Dinge im Haus geschehen lassen, Hochzeitsnächte ohne den Segen Gottes und Blutbäder, und wer weiß was sonst noch: ach Sie Spaßmacher, und da soll ich Ihnen nüchtern kommen? Daß Ihnen der Nabel abdorre! Morgen um zehn Uhr vormittags bin ich wieder hier.«

Weiter mit sich selber redend und mit den Händen fechtend, stolperte er über die Schwelle und aus dem Haus. Als er sich umdrehte, um noch einmal auf die Nüchternheit zurückzukommen, schlug schon die Tür ins Schloß. Er machte eine tief grüßende Bewegung gegen sie und torkelte plaudernd davon, und alles in allem erweckte er den Eindruck eines ausnehmend glücklichen und harmlosen Menschen.

Der Dechant fühlte von dieser Stimmung nichts an sich. Als er mit schwer denkender Stirn ins Eßzimmer trat und sein Blick Linde suchte, fand er sie blaß mit aufgestütztem Kopf am Tisch sitzen. Seinen Augen zu begegnen vermied sie. Sie starrte mit einem verständnislosen Gesichtsausdruck vor sich hin, und in ihrer Haltung war etwas, was ihn für sie leiden und auf eine gewisse männliche Art betreten machte. Unwillkürlich fiel ihm ein, daß sie seit Heinzens Abreise nicht mehr zur Beichte gewesen war. Schließlich wurde ihm ihr Anblick beschwerlich, und er trat ans Fenster, um einige Augenblicke auf den Platz hinauszusehen. Dann erinnerte er sich an die Pflegerin,[S. 133] wandte sich ins Zimmer zurück und ging nach dem Hausflur, wo er ihren Namen rief. Als sie nicht antwortete, stieg er die Treppe hinauf, um sie zu suchen. Er fand sie in ihrem Zimmer, wo sie sich stellte, als ob sie mit Ordnen beschäftigt sei. Sie blickte ihm scheinbar verwundert und unwirsch entgegen, und er sah ihr an, daß sie um alles wußte.

»Ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen, warum ich Sie suche«, bemerkte er, nachdem sie den Blick unsicher von ihm abgezogen hatte. »Sie standen ja wohl über der Treppe und machten Ihrem Mann Zeichen. Sehen Sie zu, daß ich Sie bei meiner Rückkehr von der Prozession nicht mehr hier vorfinde.«

Sie antwortete nur mit einem Achselzucken, indem sie ihm den Rücken drehte. Er zog die Tür zu und stieg langsam die Treppe wieder hinunter. Drunten fand er Linde in der gleichen Haltung wie vorher. Er konnte es nicht verhindern, daß ihm ein fremdes, leise erkältendes Gefühl von Mißtrauen durch die Seele ging.

»Hat dich denn der Betrunkene so sehr erschreckt?« fragte er endlich immer noch nicht ohne Güte, aber mit beschatteter; er legte ihr die Hand auf den Scheitel und bog ihr den Kopf leicht zurück, eine Liebkosung, die er gern brauchte, weil es ihn immer freute, ihr reines und offenes Gesicht mit den stillen Augen und dem feinen Mund unter seinem Blick aufgeschlagen wie ein schön gedrucktes Brevier beschaulich zu lesen. Jetzt war es nicht offen, oder es hatte sich verblättert. Die Augen sahen ihn zwar an, aber ohne Ausdruck und Mut. Und der Mund blieb geschlossen; sie hatte ihm auf seine Frage nichts zu antworten, nichts Wichtiges und nichts Unwichtiges. »Kind, hast du mir etwas — anzuvertrauen?« fragte er noch. Sie ließ den Blick nicht sinken; es fehlte ihr ebenso an Freiheit, ihn wegzunehmen, wie an Mut, seinem von innen heraus mit Festigkeit zu begegnen. Schließlich ließ er sie. Indem er sich zu seinem erkalteten Kaffee setzte, geschah es mit einem[S. 134] Gefühl väterlicher Betroffenheit; beinahe war er ratlos. Sie schenkte ihm eine frische Tasse voll, legte ihm auch noch vor, alles mit sozusagen verlorenen, hilflosen Bewegungen und mit gewohnheitsmäßig offener aber leerer Gebärde. Er genoß nicht mehr viel, schob schließlich das Ganze von sich und stand auf; es wurde auch Zeit, daß er in die Kirche kam. Gern hätte er ihr, von der ihn ja noch nichts Handgreifliches trennte, ein gutes und entlastendes Wort zurückgelassen, aber er vermochte keins zu finden, das ihm zugleich entgegenkommend und würdig schien. »Sie sieht doch aus wie eine Schuldige!« fuhr es ihm wieder ganz unwillkürlich durch den Kopf. Darüber erschreckt und besorgt zwang er sich doch noch zu einigen gleichgültigen Worten.

»Frau Kienold« — das war die Pflegerin — »wird im Laufe des Vormittags das Haus verlassen. Nun, darüber reden wir noch. — Ich denke um ein Uhr zurück zu sein.« Sie nickte stumm. »Auf Wiedersehen.«

»Auf Wiedersehen.«

Während der Dechant zur Sakristei ging, begann seine Erinnerung lebendig zu werden. Es begegneten ihm festlich gekleidete Kirchgänger, die ihn ehrfürchtig grüßten; er antwortete gedankenabwesend. Verfolgte er die Zeit von der Abreise seines Neffen zurück bis zu dessen Ankunft, so fand er alles einfach, klar und verständlich. Der Morgen der Abreise hatte ihm schon damals zu denken gegeben; heute gewannen ihm noch einige Wahrnehmungen während der vorvergangenen Nacht an Bedeutung. Zuerst etwa eine Viertelstunde nach Mitternacht glaubte er etwas schwere, ungleiche Schritte den Korridor hinuntergehen zu hören, die nach seiner Meinung von der Magd herrührten. Etwas später war es ihm, als vernehme er das heftige Geflüster oder Geraune einer erregten Person, und zwar wiederum Brigitts, worauf nacheinander aus der Gegend von Heinzens Zimmer zwei Personen weggingen,[S. 135] die eine nach dem Zimmer der Tante, wo die Tür hörbar ins Schloß fiel, die andere etwas später und viel langsamer nach der Treppe zur Mansarde, deren Stufen dann unter ihr deutlich knarrten. Nachher spielten sich in Brigitts Zimmer, das über seinem lag, die bekannten Nachtgeräusche ab.

Darauf morgens um vier Uhr weckte ihn aus einem seltsam unruhigen Schlaf eine männliche Stimme, die ihm mit halb unterdrücktem Klang zu sagen schien: »Gute Nacht, mein Liebling!« Aber die Worte waren noch in seinen Schlaf gefallen, so daß er nicht sicher wußte, ob er sie nicht bloß geträumt habe. Das Geräusch einer Tür dagegen, und zwar deutlich derjenigen des Soldaten, vernahm er dann in vollkommen wachem Zustand. Nun hatte er sich vor dem Einschlafen, unwillkürlich beunruhigt von den vernommenen Geräuschen, noch Gedanken gemacht über das Liebesverhältnis der jungen Leute zueinander, und den gehörten Ausruf konnte er sich als Traumvorgang sehr leicht erklären. Wie ein körperlicher Schlag hatte es ihn jedoch am andern Morgen getroffen, als er von Heinzens Tür schräg über den Korridor und den Teppich eine Blutspur zur Tür der Tante gehen sah, nicht sofort in der dunklen Frühe, sondern nachdem Heinz schon fort und es Tag geworden war. Später fand er Linde darüber, diesen blutigen Pfad mit Wasser und Bürste auszutilgen; obwohl er nicht mit ihr darüber sprach, merkte er doch, daß auch sie davon betroffen war, und wenn während der nächsten Tage die Rede auf die Tante kam, so zeigten ihre Züge immer eine gewisse Verwirrung und innere Not, die erst nach dem Eintreffen der ersten Feldpostbriefe sich langsam zu lösen schienen.

Bei diesen Ereignissen und Resultaten war zwar nun genug Geheimnis und Unruhe, aber das Mädchen hatte er bisher im Licht herwärts derselben unbeteiligt auf seiner Seite stehen sehen, die Beteiligten im Dunkel drüben und die Magd ungewiß dazwischen hin und her fackelnd. Heute[S. 136] zum erstenmal erfuhr vor seinen Augen dies Verhältnis eine grundsätzliche Veränderung. Linde rückte plötzlich zu den andern in die Dunkelheit, und hatte er bisher geglaubt, mit der Entfernung der störenden einen Person die ganze äußerlich haftende Hausfrage loszuwerden, so bemerkte er heute zu seinem erkältenden Unbehagen, daß die Frage ihm ziemlich tief im eigenen Fleisch saß.

Unterdessen war er aber in der Sakristei mit den Meßgewändern bekleidet, und da ihn darauf fürs erste die Vorgänge des Gottesdienstes in Anspruch nahmen, kam er mit seinen Erwägungen nicht weiter. Indem er das heilige Gerät ergriff und den Opfergang zum Hochaltar antrat, fühlte er sich im höchsten Symbol ebenso erfaßt und ergriffen wie die ganze auf die Knie niederfallende Gemeinde, deren Mittler mit Gott er in dieser Stunde war. Die wiedererstandene Orgel brauste ihn begrüßend auf und dämpfte ihren Ton, das heilige Gleichnis bedenkend, scheu zum ehrfürchtigen Gesang. Der Weihrauch strömte in dichten Wolken aus den geschwungenen und leise klirrenden Gefäßen der Meßknaben. Das Glöckchen ertönte gebieterisch durch den hohen Raum, und die Hände der Gemeinde regten sich fromm zum Zeichen des Kreuzes. Jetzt sah er keine Gerüste und keine Baugeschäfte mehr; in seiner priesterlich erregten Phantasie spürte er nur noch hinter sich seine trübe Gemeinde und ahnte er vor sich die klare Gottheit, und jetzt wie immer überfiel ihn angesichts der hohen dunkelleuchtenden Fenster des Chors die Anschauung, daß wie durch diese das Tageslicht in den Dom durch seine dunkelleuchtende Seele das Licht der Ewigkeit gedämpft in das versammelte Dasein der Gemeinde falle. Er erfüllte durchaus jeden Satz seiner lateinischen liturgischen Feier mit Leben und priesterlicher Leidenschaft zur stets neuen verwunderten Ergriffenheit seiner Vikare, die ihm still dienten.

Heute ragte zum erstenmal wieder über dem Hochaltar das gewaltige, kühne Kruzifix aus dem Mittelalter, das[S. 137] der Dechant gegen die Begehrlichkeit der Museumsleitungen und den mittelbaren Druck der Regierungsorgane so zäh als erfolgreich verteidigt hatte, und blickte aus seiner furchtbaren Stimmung von Leiden erschüttert und durch Leiden erschütternd auf die Gemeinde und den Priester herab, und das Kyrie des Dechanten hatte lange nicht mehr soviel gegenständliche Wucht der Wirklichkeit entfesselt wie heute unter dieser alten wild-großen Darstellung des dämonischsten und zugleich heiligsten Menschen. Zum Gott in diesem brauste dann wieder desto schimmernder das Gloria der Orgel auf, immer von der tiefen, betrachtenden Stimme des Dechanten unterbrochen und neu erregt. Sein Credo aber erdröhnte von den unwandelbaren Fundamenten seiner christlichen Sicherheit mit männlich reifer Kraft voll und unwidersprechlich, so daß seine gläubige Stimme den ganzen tiefen Raum organisch füllte und jeden, auch den unbelebten Gegenstand darin im Gedanken an seinen Schöpfer auf einen Augenblick lebendig bewegte. Lebendiger bewegte und tiefer füllte er noch die bereiten Seelen mit dem Gedanken an den Erlöser, der für sie geboren, gemartert, getötet und wieder erweckt wurde. Im Wort von der heiligen, allgemeinen und apostolischen Kirche baute sich dann menschlich erkennbar die gotische Architektur des christlichen Bewußtseins über jedem Herzen als Gewißheit des Lebens und des Sterbens irdisch-himmlisch auf, und jedes Herz war solchermaßen gefaßt und stark gemacht zum strengen Erlebnis des Opfers, der durch die Gnade Gottes und den Glauben des katholischen Menschen ewig wiederholten Inkarnation jenes höchsten Wunders am Kreuz. In der bang ergriffenen Stille der knienden Gemeinde und dem unerbittlichen Laut der dreimal schrillenden Glocken starb jedes fromme Herz den Tod des Erlösers nach, während jede Hand, ihre Menschlichkeit bekennend, an Brust und Busen schlug. Erlöst und erneuert atmeten sodann Seelen und Lichter auf, während die Glöckchen das Zeichen der Wiedererhebung der Leiber gaben, der Priester[S. 138] vor dem Altar das Dankgebet anstimmte und die Orgel mit leisem Singen einfiel.

Bald darauf begannen die Glocken zu läuten, womit Stadt und Land der Auszug der Prozession aus dem Dom verkündet wurde. Nach vollbrachtem Dank erfaßte der Dechant das Allerheiligste und wandte sich damit erneut der Gemeinde zu, um nun über die Stufen des Altars hinabsteigend durch den Mittelgang den Dom der Länge nach zu durchschreiten, gefolgt von seinen beiden Gehilfen und von den Ministranten. Vor dem Portal stand ihm der Traghimmel bereit, unter den er feierlich trat, indessen die Orgel mit vollem Ton ins Geläute fiel, die Flügel des Portals sich weit auftaten und das freie Tageslicht breit in den von Weihrauchgewölk und Kerzenschein erfüllten Raum hereinflutete. Hinter den Ministranten setzten sich die Kinder an, die Mädchen in weißen Kleidern, aber darunter mit warmen Unterröcken und Tüchern so wohlversehen, daß sie sich mit einiger Mühe darin regten, dann die Blechmusik, darauf die Männer und endlich die Frauen, zuletzt die alten, auch diese vorsorglich eingepackt. Das Fest war dieses Jahr spät in den Monat gefallen; die Sonne schien zwar ungehindert, aber dazwischen regte sich ein frischer Wind von den Bergen. Aus andern Gegenden Deutschlands waren bereits Nachtfröste gemeldet.

Nun bewegte sich der Zug unter dem vollen Glockengeläut und dem ersten Choral der Blechmusik vom Dom über den Platz, dann durch eine alte Bürgergasse nach der Hauptstraße, diese hinunter über den Markt mit dem bunten Brunnen und den schönen, phantasiereichen Fachwerkbauten, etwas steiler abwärts zum Fluß und dort über die ehrwürdige, steinerne Brücke dem jenseitigen Uferweg nach dem Kalvarienberg zu. Von Zeit zu Zeit dröhnte ein Böllerschuß aus einem der schwebenden Stadtgärten, die farbig herüberleuchteten. Die Glocken läuteten volltönig weiter. In gleichmäßigen Zeitabständen klang von der Blechmusik eine Strophe des Chorals dazwischen, der auf einer eigenartigen[S. 139] altkirchlichen Melodie ging. Schon bauten sich drüben die Gassenzüge der Stadt mit allen Mauern und Wachttürmen, Treppen, Toren, Birken und Obstgärten frei zum klingenden Dom auf, über sich den blauen Himmel, zu Füßen den geruhigen Fluß, und das Ganze heimatlich eingesäumt von einem Kranz herbstlicher Berge und Wälder. Die nächste Erhebung jenseits des Tales war der Kalvarienberg, und er trug auch von allen den buntesten und schwermütigsten Wald. Eine Viertelstunde führte der Weg dem Fluß nach; beim breiten Wehr bog er nach links ab. Die Kirchenfahnen wehten rein und fromm im Wind. Die Kreuze schimmerten sehr hell in der gütigen Herbstsonne, und ihr Silber oder Gold stand nicht vertraulich, doch freundlich zu allen Gegenständen der offenen Welt Gottes und geheim lebendig zu ihren Farben und ihrem Licht.

Dem Dechanten, der, einmal die Augen hebend, des Domes und daneben seines Hauses ansichtig wurde, fiel wieder das Geheimnis auf die Seele, das sich darin drohend eingenistet hatte. Während hinter ihm das ziehende Volk abwechselnd eine Strophe des Chorals sang oder die hochsinnigen Stationen des Rosenkranzes betete, bald sich seinem himmlischen Vater im Paternoster zuwendend, bald der Heiligsten Mutter in der engelmündigen Begrüßung, begannen seine Gedanken von neuem jene Ereignisse zu umschweben. Er fand seit dem letzten Hinsehen ihre Gebärde noch befremdender geworden; besonders mit Sorge erfüllte ihn das Verhalten der beiden Liebenden am andern Morgen. Sie hatten einander mit Blicken betrachtet nicht anders als Jungverheiratete. Sie lächelten und schwiegen, standen eins im andern versunken herum, und anstatt des Trennungswehs, das er von ihnen erwartet hatte, zeigten sie seit dem letzten Abend einen Stimmungsumschwung, dem notwendig ein in ihren Augen grundsätzliches Ereignis vorausgegangen sein mußte.

Dann begannen die großen Überraschungen des Morgens zunächst mit dem Umstand, daß die Tante nicht zum Frühstück erschien und Linde, die sie holen wollte, mit einer Art[S. 140] von wissender Miene den Bescheid brachte, sie habe sich eingeriegelt und gebe keine Antwort. Der Dechant fragte, ob sie gesagt habe, daß Heinz fort müsse; sie meinte, das wisse jene doch. Als er sie noch einmal hinaufschicken wollte, um zu erfahren, ob die Tante etwa krank sei, machte sie Umstände. Mehr als klopfen und rufen könne sie doch nicht; wenn eins nicht antworten wolle, so sei ihm nicht weiter zu helfen. Der Dechant horchte verwundert auf. Warum denn in Gottes Namen solle sie nicht antworten wollen? Darauf gab Linde keine Auskunft. Schließlich stieg er selber hinauf, um mit dem gleichen Ergebnis herunterzukommen. Nach einer ganz seinerseitigen Besprechung mit den jungen Leuten wurde er unruhig, und als sie auch nach dem Frühstück nicht antwortete, befahl er Brigitt zum Schlosser. Sie murrte, sie habe keine Zeit; wer denn dem Soldaten den Reiseproviant rüsten solle. Die Frau Professor schlucke ja schachtelweise Schlafmittel; vielleicht wirkten die noch. Es brauchte am Ende ein ernstliches Machtwort, damit die alte Person aus dem Haus kam; als er ihr nachblickte, bemerkte er dann freilich, daß sie sehr übel ging, und er dachte, daß sie vielleicht deshalb so wenig Lust bezeigt habe. Zu alldem blickten die Kinder überraschend selbstverständlich und einmütig drein, und so, daß ihnen jedermann ansehen konnte, wie gut sie ohne den Abschiedsgruß der Tante weiterzuleben hofften. Nun, dann kam der Schlosser und brach die Tür auf mit dem Erfolg, daß man die Tante bewußtlos in ihrem Blut liegend fand. Das war kein kleiner Schreck, wenigstens für den Hausherrn. Die jungen Leute erschraken zwar auch etwas mit, aber mehr sozusagen aus allgemeinen Gründen, und die Magd, wie es schien, gar nicht, sie sah sogar aus, als ob sie alles schon gewußt hätte. Da er aber die Magd im allgemeinen und ihre Gefühle für die fremde Frau im besonderen hinlänglich kannte, so brachte er sich wohl darüber auf, daß sie nicht einmal ordentlich mit anfassen zu wollen schien, als es darum ging, die Bewußtlose zu Bett zu bringen — sie war auf dem Teppich zusammengebrochen[S. 141] — aber sonst fiel ihm zu jener Stunde noch nichts weiter ein.

Inzwischen lief der Schlosser zum Arzt, unter dessen Händen endlich die Kranke erwachte. Ihre erste Handlung war, daß sie außer diesem alle Personen hinausschickte; was sie dann mit dem Arzt allein sprach, erfuhr niemand. Inzwischen wurde sie verbunden, und nach einer Stunde kam die fremde Pflegerin ins Haus. Der Arzt war noch nicht mit der Tante fertig, so begann Brigitt zu schlottern und mit wachen Augen zu phantasieren; als sie sich zu Bett zu schleppen versuchte, blieb sie unterwegs auf der Treppe liegen, und dort fand sie Linde laut predigend und von einem mageren Fasan erzählend, dem sie mit der Geflügelschere beigekommen sei. Darüber erschreckte sie sich nun viel heftiger. Sie rief in der ersten Aufwallung nicht etwa den Dechanten, sondern Heinz, und mit dessen Hilfe brachte sie den alten Menschen unter Dach und unter die Bettdecke. Der Arzt fragte nachher lachend, ob das nun so weitergehen solle. Was Brigitt anging, so sah es ihm nach Nervenfieber aus, und er verordnete Eis. Es war alles in allem ein verhetzter, regenkalter, unwirtlicher Morgen gewesen, nur nicht für den Liebesverein. Die jungen Leute machten den Eindruck, als hätten sie die Sonne für sich gepachtet; wenigstens schien sie ihnen wie den transparenten Kürbisköpfen aus Augen, Mund und Nase, und alle Erregung störte ihnen nicht eine innerliche Heimlichkeit und Gewißheit, die sie sich überall neu bestätigten, wo sie einander vor die Augen kamen. Schließlich war der Dechant nur froh, als es für den Soldaten endlich Zeit war, zur Bahn zu gehen. Begleiten konnte ihn niemand. Der Dechant hieß ihn mit Gott gehen. Wie aber in der letzten Sekunde die Liebenden dann noch einmal aneinanderhingen und sich küßten, das ging ziemlich weit über Freundschaftsbezeigungen und sogar über bräutliche Liebesweise hinaus. Er erklärte sich diese Leidenschaftlichkeit lange mit den Schrecken des Krieges, in die das Mädchen den Soldaten[S. 142] wieder hineingehen sah, aber er stand noch heute unter dem beinahe körperlichen Eindruck, den ihm der Anblick gemacht hatte, und er konnte das Mädchen die nächsten Tage nicht ohne eine gewisse Scheu ansehen.

Die Voraussage des Arztes bestätigte sich; Brigitt hatte ein tüchtiges Nervenfieber durchzumachen, währenddessen sie sich auffallend mit der Klingse herumschlug und ewig nicht von einer gewissen Geflügelschere loskam. Fragte man sie aber danach, so wurde sie geheimnisvoll und fing an, Kochrezepte auszukramen, die meisten über Fasanen. Im Verlauf der Krankheit stellte sich auch noch ein Gelenkrheumatismus ein, so daß der alte Mensch genug zu schaffen hatte und der junge, der ihn pflegte, auch, nämlich Linde. Von der Tante erfuhr man weniger und nur, was sie wollte. Sie erklärte nach einigen Tagen vollständiger Abschließung von der Hausgemeinde, daß sie gestrauchelt und in eine Scherbe von der Glocke der Nachttischlampe, die mitgestürzt sei, gefallen sein müsse. Wirklich hatte man solche Scherben an jenem Morgen vom Boden aufgelesen, und alles schien eigentlich hinlänglich erklärt. Trotzdem spürte er, daß ihn aus den Vorgängen Geheimnisse anstarrten und ihm drohten. »Unwissenheit ist stets ein würdeloser Zustand!« dachte er unbehaglich. »Sie steht gleich neben der Unreinlichkeit.« Währenddessen sang unter dem Vorantritt der Musik die Gemeinde die Strophe: »In deiner heiligen Huld ertrinkt nun unsre Schuld. Es enden alle Pfade im Abendrot der Gnade! So steigt der Mensch in dir! So sinkst du, Gott, in mir!« Berührt hörte er auf diesen Text, der ihm in seiner mystischen Selbstherrlichkeit immer zu denken gegeben hatte, und auf die nächsten fünf Minuten vergaß er seine Fragen über die des tiefsinnigen alten Liedes.

Darauf näherte man sich dem bunten Waldrand und der ersten Passionsstation. Unter einer uralten Buche stand ein steinernes Kreuz und eine kleine Kapelle mit der Darstellung des betenden und kämpfenden Erlösers im Garten[S. 143] Gethsemane. Dort hielt er eine kurze Andacht, worauf der Zug wieder weiterging, zuerst auf einem etwas ausgefahrenen Waldweg an der Flanke des Hügels aufwärts und dann mit einer scharfen Kehre nach der waldfreien Kuppe, wo nun einem Feldweg nach von hundert zu hundert Metern die anderen Kapellen standen, fast alle unter wilden Apfelbäumen; jede enthielt ein Bild vom Leidensweg des Herrn, und vor jeder machte der Dechant einen kurzen, ehrfürchtigen Aufenthalt. Zuletzt auf der Höhe der Kuppe kam man zu einem alten Friedhof mit einer kleinen, ebenfalls alten und schon etwas verwitterten Kirche, das Ganze umstanden von einem Kranz gewaltiger hundertjähriger Buchen, die hier an Stelle einer Orgel aus sehr vollen Registern im Wind rauschten. Darunter lagen in Reihen die alten und die neuen Toten und warteten auf die Auferstehung des Fleisches. In die Kirche zog der Dechant mit seinem heiligen Gerät ein, das er dort auf den Altar stellte, unter den Klängen der Musik, die in der morschen Totenkirche wunderlich von den Wänden und der hölzernen Decke hallte. Währenddessen hatte sich die Mehrzahl der Gemeinde draußen um die aufgeschlagene Freikanzel aufgestellt, die der Dechant kurz darauf betrat, um den Leuten eine gedrängte und seltene Erntepredigt zu halten.

Zuerst verwies er auf die abgeernteten Felder hier oben auf dem Hügel und drunten im Tal — man sah sie zu beiden Seiten des Flusses erdbraun und frisch bestellt in der Sonne ruhend liegen und darüber auf ihrem Berg die alte Hessenstadt mit dem ehrwürdigen Dom — darauf auf die kleineren Felder des Kirchhofs, auf denen noch die letzten Blumen der Liebe blühten, und endlich auf die großen draußen in Frankreich und Rußland, wo der Tod die Ernte hielt, aber nicht behielt, denn er mußte alles bis zum letzten Hälmchen dem Schöpfer in die Scheunen der Ewigkeit einliefern; dort wurde der Segen nach seinem Willen von der Spreu befreit und in die Äcker der Unendlichkeit noch einmal ausgesät, um nun zu weisen, was darin steckte. »Und[S. 144] ihr könnt mir glauben, daß Gott eine schlechte Ernte nicht weniger fürchtet als wir«, sagte er. »Denn wie unser Glück und unsre Kraft ist sein Glück und seine Kraft von einer Jahresernte abhängig. Eine gute Ernte macht ihn froh und reich, eine schlechte schwach und arm. Wie habt ihr vorhin gesungen? ›So steigt der Mensch in dir! So sinkst du, Gott, in mir!‹ Wer das bedenkt und begreift, dem wird Gott unentbehrlich, und der wird Gott unentbehrlich. Habt ihr schon darüber nachgedacht, wer Gott ist? Vielleicht. Aber ihr wißt es nicht. Ich weiß es auch nicht. Seit tausend Jahren predigen und singen wir von Gott und kennen ihn nicht. Wir wissen nur, daß er unser Gericht sein wird. Und sicher werden wir seine Ernte sein. Aber wer er ist, dies schreckliche Geheimnis, meine Freunde, wird sich erst dort klären. Und erst dort wird sich auch in vollem Umfang das schreckliche Geheimnis klären, wer wir sind. Es kann sein, daß wir uns voreinander entsetzen und unsern Anblick nicht ertragen! Es kann auch sein, daß wir einander liebend in die Arme stürzen, durch Ewigkeiten und Unendlichkeiten unaussprechlich beglückt stürzen, weil wir grenzenlos sein und nach dem letzten Ende keins mehr finden werden. So steigt der Mensch in dir! So sinkst du, Gott, in mir! Singt diesen Vers zu Hause euch noch oft vor und bedenkt ihn noch öfter. Er kann euch sehr frei und übermütig machen, nämlich in Gott.

Aber wir wollen zu den großen Erntefeldern in Frankreich und Rußland zurückkehren. Es ist die Frage aufgeworfen: Hat Gott diesen Krieg gewollt, oder hat er ihn zugelassen? Meine Freunde, wer von euch in seiner Ernte einen Apfel fände, wie das eine Frage ist, der würde wenig Freude daran haben. Wollen wir ein Gewitter? Manchmal wünschen wir eins, und dann kommt's, oder es kommt nicht. Lassen wir's zu, wenn es kommt? Wir könnten's nicht abhalten, wenn wir schon wollten. Glaubt ihr denn, Gott sei allmächtiger als wir? Wenn ihr's glaubt, warum sündigt ihr dann noch? Wenn ihr's aber nicht glaubt, warum[S. 145] seid ihr nicht stolzer? Wenn der Frühling mit Stürmen und Gewitterregen kommt, was tut ihr? Ihr bestellt euren Boden. Das Wetter ist da, und ihr seht, daß eine Ernte daraus wird. Denkt nicht, daß Gott ein schlechterer Landwirt sei als ihr! Glaubt nicht, daß es für ihn nicht auch gutes Wetter und schlechtes Wetter gebe! Vielleicht ist ein großer Krieg für ihn ein fruchtbarer Sommer. Ist er für uns nicht auch einer? Wofür führen wir eigentlich diesen Krieg? Was wollen wir kriegen? Meine Freunde, wenn wir nicht in diesem Krieg Gott und unsre Seele kriegen, so verlieren wir den Krieg! Was glaubt ihr aber, wofür Gott in den Krieg ging? Um uns zu strafen? Kann ich mit einem Hagelschlag, in den ich gehe, meine Kinder strafen? Ich könnte mir's einbilden, aber es wäre keine sehr großartige Einbildung. Er ging in den Krieg um seine Ernte. Er sucht uns auf jede Weise und in jedem Wetter zu kriegen, weil er's ohne uns nicht machen kann, kein Jahr, keinen Monat, keinen Tag. Er hat mehr Leidenschaft als wir; das unterscheidet ihn von uns. Er ist immer, was wir sind, wenn wir in einer heftigen Liebe liegen. Darum, wenn nun einer von euch kommt und fragt: ›Was soll ich mit diesem Krieg?‹, dem bin ich um keine Antwort verlegen. Ich sage ihm, verhalte dich dazu wie Gott, nur von der andern Seite. Hänge dein ganzes Herz daran mit aller Leidenschaft, als ob er deine Liebste wäre. Versteh mich recht, du sollst nicht dein Herz an die Zöpfe und Zähne deiner Liebsten hängen, das wäre eine Erbärmlichkeit gegen dich, denn du bist unsterblich, und ein Unrecht gegen sie, denn sie ist sterblich.

Was aber Gottes nächste Ernte angeht, um die kümmern wir uns nicht! Grundsätzlich nicht. Das ist seine Sache. Wir kümmern uns nur um unsre demütige Leidenschaft, daß sie die rechte Farbe hat, um unsern heiligen Zorn, daß er immer heiß und gerecht brennt, und um unsere Frömmigkeit, daß wir weiterhin die Herzen damit bewegen. Ich sage euch, Gott wird sich ebenso in Leidenschaft,[S. 146] Frömmigkeit und Zorn um uns bekümmern, denn wir sind seine Ernte. So steigt der Mensch in dir! So sinkst du, Gott, in mir! Wir singen jetzt diese Strophe noch einmal miteinander.«

Das war die Bergpredigt, die nachher soviel von sich reden machte, und die ihn angesichts der schweigenden Gräber, der brausenden Bäume und des weiten, hellen deutschen Landes geradeso überfallen hatte, wie er die Gemeinde damit überfiel. Seine Hilfspfarrer, die ihn bei allen Aussetzungen, die sie an ihm machen mußten, aufrichtig liebten, taten in der Folge, was sie konnten mit Auslegen und Deuten, bis er wenig oder nichts anderes gesagt hatte, als was die Kirche schon seit tausend Jahren sagte, und was alle andern auch sagten. Aber jedenfalls hatte er sich seine innere Spannung und seine Erregung vom Herzen gesprochen, wenigstens für jetzt und hier.

An die Predigt schloß sich eine kleine Frühstückspause an, in welcher jeder seinen mitgebrachten bescheidenen Mundvorrat verzehrte. Der Dechant legte es der Gemeinde ans Herz, ihre Papiere wieder einzustecken, als ob sie Banknoten wären, um nicht den geweihten Platz durch ihr Nachgelassenes zu verunzieren. Er trat fragend und hörend zu dieser und jener Gruppe, eine Unternehmung, über die sich jedermann baß verwunderte, denn er war in den letzten Zeitläuften nicht mehr oft unter den Leuten zu sehen. Wenn er nicht zwischen dem Mauerschutt steckte, so saß er in seinem Arbeitszimmer, und die Seelsorge hatte er beinahe ganz auf seine Gehilfen abgeschoben. Wer etwas von ihm wollte, mußte ihn ausdrücklich erst auftreiben und hatte dann noch leicht an seiner Ungeduld zu leiden oder an seiner menschlichen Teilnahmlosigkeit. So war er nach und nach aus einem Bruder oder Vater zu einem großen Tier geworden. Wo er hinkam, da hörten denn auch die Leute auf zu essen, machten Reverenzen, wenn sie standen, und erhoben sich eilfertig, wenn sie saßen, und andere als ehrfürchtige oder scheue Antworten bekam er nirgends zu hören.

[S. 147]

Zweites Kapitel
Die Tante wird geschröpft. Die Herzenskälte bereitet Unheil vor.
Die Unwissenheit fährt fort, im Haus eine Rolle zu spielen

I

Inzwischen machte die Tante ihre Ankündigung wahr und stand zum erstenmal wieder auf; die Prozession hatte sie bereits bei fortgeschrittener Toilette betroffen. Sie war etwas blaß und litt noch an ihren Nerven, so machte der fromme Aufzug eine gewisse Wirkung auf sie, wie ja Genesende für rührende oder feierliche Eindrücke überhaupt empfänglich sind. Sie hielt sich freilich für »religiös beeindruckt« und machte sich über ihre »Ergriffenheit« allerlei schöne und literarische Gedanken, worin das liebe Volk und die deutsche Seele hauptsächlich auftraten, aber Gott und die kühnen Wahrheiten der christlichen Lehre nur nebensächlich. Eben hatte sie festgestellt, daß religiöse Stimmung und »rationalistische« Lebensauffassung sich gar nicht widersprächen, weil sich diese ja auch zum Beispiel mit Lyrik und Musik und mit dem Traumtanz vertrügen, also ebenfalls mystischen Stimmungen, und sie war im besten Zug, noch eine ganze Reihe wohlunterrichteter Feststellungen zu machen und sich noch an viele andere, die sie gelesen hatte, zu erinnern, als die Pflegerin hereintrat und die Neuigkeiten des Morgens brachte, und zwar so mürrisch, wie sie sie noch nicht gesehen hatte.

»Hier sind die Briefe und Zeitungen«, warf sie hin, ihr die Post reichend. »Und dann wollte ich sagen, daß ich jetzt gehe. Ich habe von diesem Haus genug.«

»Wieso?« fragte die Klingse verwundert. »Ich habe Ihnen ja noch nicht gesagt, daß ich Sie entbehren kann. Warten Sie doch, bis ich Sie entlasse.«

»Was ist da viel zu warten? Bin ich nicht mein freier Herr? Sehen Sie, daß ich meinen Lohn kriege. In einer halben Stunde will ich heraus sein.«

Über diese patzige Antwort mit Recht etwas geärgert, meinte die Klingse: »Nun, das ist vielleicht süddeutsch.«[S. 148] Daneben bemerkte sie mit Mißfallen, wie rasch ihre Nerven in Schwingung gerieten. »Hier hat man ja über viele Dinge andere Begriffe. Wir sind nicht gewöhnt, daß eine Krankenwärterin mitten aus der Pflege davonläuft.«

Natürlich begann sich die Pflegerin nun auch zu ärgern. »Die Pflege, was die Pflege ist, die ist fertig«, sagte sie, indem sie zum erstenmal nun auch gegen ihre Patientin unverschämt wurde. »Wenn Sie mehr wollen, so müssen Sie sich eine Maniküre bestellen. Sonst gehen Sie vielleicht in ein Sanatorium; dort ist alles los.«

»Sie überlassen das wohl mir!« bat sich die Klingse aus. »Was ist das für ein Ton? Sagen Sie, was ich Ihnen schuldig bin, und dann wird es mir auch lieb sein, wenn ich Sie nicht länger sehen muß!«

»Mir kann man hier nicht großartig kommen«, erwiderte die Person mit einer vielsagenden Kopfbewegung. »Unsereins sieht doch, was in einem Haus los ist. Ich kann die Leute hier nicht besonders leiden; der Pfaffe hat mir sogar heute früh die Tür gewiesen, weil mein Alter besoffen hereinstolperte und Krawall machte. Aber bessere Säfte haben Sie schon. Soviel war in den drei Wochen zu riechen, besonders als Ihre Wunde noch offen war. Was für eine Wunde war denn das, wenn man fragen darf? Das mit dem Scherben von der Lampenglocke machen Sie ja mir nicht weis. Wissen Sie was? Ich glaube an die Geflügelschere der verrückten alten Magd, mit der sie das Haus vollschreit; ich hab' mir sie daraufhin angesehen. Dann hab' ich mir doch auch die Blutspur im Gang angesehen; sie kam von dem Zimmer, in dem der Leutnant die letzte Nacht geschlafen hat — oder auch nicht geschlafen, was geht's mich an. Man soll also keine großen Worte an mich hinreden. Oder meinen Sie, ich sehe nicht, was Sie dem Mädchen zu schaffen machen? Es wird die Magd aufgestiftet haben. Schön, ich hätte sie auch aufgestiftet. Mir haben Sie gute Tage gemacht. Warum? Sie dachten, ich werde Ihre Partei nehmen. So geschwind nimmt unsereins[S. 149] nicht Partei. Meine Taxe ist fünf Mark den Tag. Vier ganze Nachtwachen zu zwanzig und sechs zu zehn. Macht zusammen zweihundertundfünfzig Mark. Die Taxe nämlich.«

Die Klingse spannte ihre Augenbrauen sehr hoch. »Soll das ein Erpressungsversuch sein?« fragte sie etwas schrill. »Dann hätten Sie sich in mir verrechnet.«

»Ich habe Ihnen die Taxe gesagt. Über Versuche unterhalten wir uns nicht.«

Noch einen Moment behielt die Genesende den erhabenen Schein bei, dann fühlte sie sich unter dem kalten und teilnahmlosen Blick des Weibes von einer menschlichen Schwäche angewandelt, in deren Verlauf sich alles zur Zufriedenheit der Pflegerin abwickelte, und zwar unter vollkommenem Schweigen. Der Klingse freilich zitterten die Hände vor Erregung und Ärger, und zum Schluß konnte sie sich doch nicht enthalten, noch einen großen Abschluß zu versuchen.

»Ich hätte Sie gegen den Herrn Dechanten im andern Fall verteidigt, daß Sie noch länger bleiben konnten, denn eine so gute Stelle werden Sie nicht jeden Monat bekommen. Aber bei dieser Aufführung ist mir die Lust dazu natürlich vergangen.«

»Schon gut«, meinte die Person kurz und strich ihr Geld ein. »Wenn Sie wieder Bedarf bekommen. Wünsche bald vollständige Wiederherstellung.« Damit ging sie. Ihr Handkoffer stand schon gepackt vor der Tür. Unten an der Treppe begegnete ihr Linde.

»Gehen Sie denn schon, Frau Kienold?« fragte sie bedrückt. »Wollen Sie nicht vorher etwas essen?«

»Kann mir selber Essen kochen«, erwiderte die Gefragte übellaunig. »Sie bilden sich wohl ein, daß man nichts zu tun hat, als auf Ihren Fraß zu warten. So schlecht wie bei Ihnen habe ich lange nicht mehr gegessen, das muß ich schon sagen, und so elenden Kaffee habe ich überhaupt noch nie getrunken. Es ist eine Schande, daß man so was einer[S. 150] Krankenpflegerin zu bieten wagt. Aber das ist wohl katholisch.« Sie überflog sie mit einem mißfälligen Blick. »Es hat's nicht jede so bequem, eine Wache vor die Tür zu stellen, wenn sie mit einem Offizier Abschied feiert«, sagte sie dann anzüglich. »Aber eine Person, die Augen und Ohren hat wie ich, hätte ich etwas mehr traktiert an Ihrer Stelle. Nun, das wird sich alles noch lernen; ich habe auch gelernt. Mahlzeit.«

Es wäre ihr sehr schwer geworden, bei ihrem Abzug ihrem Ruf etwas nachzugeben, und sie tat sich darum diesen Zwang auch nicht an. Linde dagegen, die von den Menschen immer mehr Gutes als Übles erwartete, sah sie mit Bestürzung ziehen. Sie machte zum erstenmal in ihrem Leben die traurige Erfahrung, daß es kein unbedingtes Geheimnis gibt, denn es finden sich immer Leute, die es wittern oder es aus gewissen Naturschlüssen voraussetzen, weil es wenigstens als Möglichkeit in der Luft liegt. Doppelt schwer zu ertragen schien es ihr, ihrem reinen Besitz so entstellt und durch die Gemeinheit verzerrt zu begegnen, und über allem stand sie unerwartet vor der Frage, wie sie sowohl der Entwertung als der Entdeckung überhaupt entgegentreten wolle, denn sie begriff wohl, daß ihre ganze Würde und der sittliche Wert des Erlebnisses davon abhingen, ob sie Herrin und Verwalterin des Geheimnisses blieb, oder ob es zum kurzweiligen Histörchen geworden in der Leute Mäuler und als Vergehen zur Aburteilung kam.

Sie war noch auf keinen Entschluß gestoßen, als die Tante in einem weißen Kimono langsam und blaß die Treppe herabstieg. Sie sah sich mit den Blicken einer Genesenden großäugig nach allen Seiten um, aber zu gespannt, um beschaulich zu sein. Lindes teilnehmend gütige Frage nach ihrem Ergehen wies sie ab und fand dafür, daß im Haus keine gute Luft herrsche, und daß allgemeiner Durchzug gemacht werden müsse. Mit der Gelegenheit könne Linde ihr Zimmer einmal gründlich vornehmen, das es schon lange nötig habe; mit Reinlichkeit und Akkuratesse[S. 151] sei sie nicht gerade inkommodiert worden, obwohl diese heute zum ersten Erfordernis der Krankenpflege gehörten, aber hier gehe nun einmal alles mehr provinzmäßig zu. Auch Eier gehörten zur Krankenpflege; ob sich Linde inzwischen welche verschafft habe, damit sie wenigstens zum zweiten Frühstück eines bekommen könne? Linde bot etwas Schinken an, aber die Tante dankte; wenn sie Eier wünsche, so wünsche sie nicht Schinken. Ob im Salon geheizt sei? Linde verneinte; sie habe das Eßzimmer geheizt, das gegen Süden liege. Die Tante lachte geärgert. Sie wolle aber nicht im Eßzimmer sitzen, sondern im Salon; wozu sei ein Salon denn da? Bürgerliche Hausordnungen seien die irrationellste Sache von der Welt; sie werde nie dahinterkommen, warum zum Beispiel hier immer zuerst das Speisezimmer aufgeräumt werden müsse, sogar dann, wenn eine Kranke zum erstenmal wieder aufstehe und Bequemlichkeit verlange. Mit leicht geröteten Wangen entgegnete Linde, daß sonst die Wohnstube zuerst aufgeräumt werde und sie gerade heute die Ausnahme gemacht habe, weil sie gedacht habe, daß ein Genesender die Sonne suche; an Bequemlichkeit werde es ihr nicht im Eßzimmer fehlen, da sie den alten Lehnstuhl zum Fenster gerückt habe.

»Es ist schon gut«, machte die Tante abwinkend. »Du brauchst dich nicht zu erklären; du hast ja immer die besten Intentionen gehabt, wenn es etwas zu monieren gibt. Das ist man gewöhnt. Mache jetzt nur Durchzug im Haus, damit die stickige Luft hinauskommt; es ist ja hier nicht zu atmen. Mein Zimmer laß ordentlich durchlüften. Hole mir vorher von oben das Buch, das auf meinem Nachttisch liegt, und bringe mir's in Gottes Namen ins Eßzimmer. Daß ihr auf dem Land diese Angst vor frischer Luft habt. Aber bei dem versteckten Leben, das ihr führt, ist das ja schließlich kein Wunder.«

Linde ging das Buch holen und brachte es mit verschlossenem Gesicht; wer sie kannte, der wußte, daß sie zürnte.

»Hast du auch die Brille? Du weißt, daß ich ohne Brille[S. 152] nicht lesen kann. Ich finde dich nicht übertrieben aufmerksam. Du sprachst damals im Roten Kreuz so vieles von den herzlichen Beziehungen zu den Kranken und Verwundeten. Vielleicht erstrecken sich die mehr auf das männliche Geschlecht. Mir in meinem Teil ist Exaktheit lieber. Bringe mir auch mein Plaid mit.«

Linde holte schweigend auch die Brille und das Plaid.

»Es wäre nötig, daß der ganze Boden in meiner Stube endlich einmal aufgewaschen würde«, bemerkte die Tante noch mit zuckenden Nerven und in einem solchen Zustand von Erregtheit, daß Linde sich innerlich über sie entsetzte. »Ich wollte die Pflegerin heute ausnahmsweise damit beauftragen, weil ich aufstand und ich sie solange nicht brauchte, aber da man in diesem Haus über mich weggreift, so kann ich dir nicht helfen. Diese Tannenböden und Fugen entwickeln bei der mangelhaften Sorgfalt nämlich einen Staub, daß bei jedem Tritt eine Wolke aufsteigt und sich dann natürlich auf den Kranken legt. Ich habe ständig Schmerzen in den Bronchien und Hustenreiz. Besonders unter den Möbeln muß naß aufgenommen werden. Du hast ja wohl noch soviel Zeit; die Prozession soll nicht vor zwei zurück sein.«

Anstatt zu lesen, saß sie jedoch leise fröstelnd in der Sonne und begann zu überlegen. An eine Abreise konnte sie zunächst wegen ihres Zustandes noch nicht denken, und außerdem war es ihrem Ehrgeiz unmöglich, sich vorzustellen, daß sie den Platz verlassen würde, ohne eine Genugtuung von den hiesigen Menschen und Verhältnissen genommen zu haben. Sie war beleidigt, erbittert, verletzt, nicht nur körperlich, geschwächt und aufgebracht, und ihre Fassung war die Frucht von Anstrengungen, die mehr Kraft auffraßen, als ihr blutarmer Körper vorläufig von Tag zu Tag herstellte. Bisher hatte sie nur gelegen, gewartet, gehorcht, gespäht, wenn ihr jemand von den Hausleuten vor die Augen kam, ihre Schmerzen ertragen und in schlaflosen Stundenreihen sich fruchtlos und aufreibend mit den Vorgängen[S. 153] jener Nacht und allen Möglichkeiten, die sich daraus ableiten konnten, herumgeschlagen. Nach ihren ersten Auskünften über die Ursachen des Unglücks war zwar keine Frage mehr an sie gekommen, auch nicht die, vor welcher sie besonders auf der Lauer lag: die Frage nach der Blutspur. Inzwischen wurde es nicht nur peinlicher, sie noch zu stellen, sondern hatten sich auch Antworten für sie gefunden; es war wohl nichts natürlicher, als daß sie in ihrem Zustand Hilfe holen wollte. Auf einen offenen Skandal, dachte sie, werde es ohnehin niemand ankommen lassen wollen. Fortdauernde Sorge bereitete ihr die Magd, die nach ihrer Wiedererkräftigung aus religiösem Bedürfnis ihre ganze feine Rechnung über den Haufen rennen konnte, und zwar trotz ihrer rheumatischen Knochen. Sicher schien es der Klingse freilich nicht, denn wenn nicht alles täuschte, so sollte der Kranken eigentlich nach dem Attentat eine gewisse Scheu zurückgeblieben sein, die sie der ersten Wiederbegegnung mit der Feindin ebenso beklommen und ängstlich entgegensehen lassen mußte, wie die Klingse erregt und unfrei sich selber auf dies Ereignis gefaßt machte. Indessen versuchte sie sich damit zu beruhigen, daß es bis dahin noch Weile habe. Sollte die Magd plappern, so konnte sie sagen: allerdings, sie habe nach gewissen Geräuschen draußen sehen wollen und sei ganz plötzlich von dem alten Menschen, wohl im ersten Stadium der Krankheit, überfallen worden. Damit war das meiste abgeschnitten, und das andere blieb als Drohung für das Mädchen unausgesprochen in der Luft hängen. Und übrigens, so dachte sie, kam alles darauf an, zu sorgen, daß ihre wahren Pläne undurchsichtig blieben.

Diese Pläne hingen eng zusammen mit dem seltsamen Gedankenaustausch, der eben zwischen ihr und Heinz angehoben hatte. Sein erster Brief war von ihr mit tiefer und hilfloser Erregung entgegengenommen und wider den eigenen Wunsch, eigentlich nur aus Schwäche und Haltlosigkeit, gelesen worden. Die Kenntnisnahme hatte sie dann auf bittere Weise erheitert, weil Heinz sich auf Linde[S. 154] als Anregerin des »Schrittes«, wie er seinen Brief bezeichnenderweise nannte, ausdrücklich berief. Aber der ganze Vorfall war ihr doch zugekommen wie das Brettchen dem Schiffbrüchigen, und sie war nicht die Frau, die sich an dergleichen nicht eifrig und geschickt anklammerte. Das Anklammern war so recht ihre Kunst; sie glich darin jenen Brackwassertierchen, die man auf ganze Bündel von Hälmchen und Zweigen verankert findet, in ihrem Fall anerkannte Einrichtungen und persönliche Handlungen, Künste, Wissenschaften, Bäder und Bücher, und ihr Brackwasser war die gebildete Gesellschaft. Seit jenem Brief, den sie mit großer Mühe selber beantwortet hatte, fühlte sie in sich eine stille, lauernde Aufmerksamkeit, eine Behutsamkeit des geistigen Schrittes, die nun für die nächste Zeit keine, auch nicht die kleinste Veränderung ihrer äußeren Lage erlaubte, und das war ihr andrer Grund, warum sie an die Abreise zunächst nicht denken konnte. Bevor sie wußte, was aus der neuen Möglichkeit ungefähr werden wollte, schien es ihr nötig, auch äußerlich in den Umständen zu bleiben, in denen er sie kennengelernt hatte und ihr — das war der richtige Ausdruck — verschuldet worden war. Denn das hatte sie sofort herausgemerkt: seine Briefe diktierte das schlechte Gewissen, die Unsicherheit über seine moralische Lage, die unbefriedigte sinnliche Begehrlichkeit seiner Jungemannsnatur. Da war ein Erlebnis ungenossen geblieben, sogar ein außerordentliches; wie konnte er dabei beruhigt sein! Wie man weiß, hatte sie mit diesen Berechnungen leider recht. So verzweifelt ihr vorher ihre Umstände geschienen hatten, so interessant kamen sie ihr jetzt vor, und manchmal spiegelten ihr ihr Ehrgeiz und die blassen, dünnen Träume ihres Blutes für alle ausgestandene Schmach ein reiches Maß von Genugtuung und sogar eine Art von fraulichem Spätglück vor; aber in diese Träume sah sie noch sehr zweifelnd und dürr hinein, und sie war noch nicht so weit, daß ein längeres Verweilen dabei ihr ungestörtes Vergnügen bereitet hätte.

[S. 155]

Über dem Denken und Erwägen sprang einmal unerwartet die Tür vom Wohnzimmer auf und kam Bob, der seinen Lieblingsplatz am Fenster aufsuchen wollte, hinter seiner schwarzen Nase her ins Eßzimmer. Sie erschrak zuerst heftig über die unerwartete Erscheinung, dann ärgerte sie sich über den kalten Luftzug, der aus dem ungeheizten Nebenzimmer durch die offen stehende Tür hereinströmte.

»Mußt du stupide Kreatur denn eine Tür immer wagenbreit aufstoßen, wenn du irgendwo hereinkommst?« schalt sie aufgebracht. »Nun soll ich wahrhaftig deinetwegen aufstehen und schließen. Aber ich werde dir deine wahre Stellung gegenüber den Menschen noch anweisen.« Bob hatte, als er ihrer ansichtig wurde, sofort die Ohren zurückgelegt und war unschlüssig stehengeblieben. Als sie sich nun erhob, duckte er sich etwas und stieß ein leises, unbehagliches Knurren aus. Darüber noch mehr erschreckt als empört, blieb auch sie stehen und fixierte ihn unruhig, während sie es durchaus für möglich hielt, daß er auf sie loszugehen beabsichtige. Aber seine brave Seele dachte nicht daran, sondern nachdem er sich den Achtungsabstand erknurrt hatte, drehte er sich langsam um und ging hinaus, froh, diese unerwünschte Gesellschaft verlassen zu können. Die Klingse jedoch, der die Knie vor Erregung wieder zitterten, setzte sich in ihren Stuhl zurück und verließ ihn zunächst auch nicht mehr, obwohl sie sich über den kalten Luftzug erbitterte. Nachdem sie dann doch wieder soviel Kraft gesammelt hatte, bekümmerte sie sich nicht so sehr um die Schließung dieser Tür als um die Öffnung der anderen im Haus. Wie sie richtig vermutete, war der befohlene Durchzug nicht gemacht worden, und um ihren Willen zu bekommen, machte sie ihn selber. Sie öffnete alle Türen samt der Haustür, dazu die Fenster, wo sie sie erreichen konnte, und dann stieg sie die Treppe hinauf, um auch dort für Lüftung zu sorgen. Zuletzt tat sie die Tür zu ihrem Zimmer auf, wo sie Linde immerhin dabei fand, mit dem Lumpen um den langen Schrupper den Boden unter dem Bett aufzuwaschen. Als[S. 156] sie eintrat, flogen vom Durchzug die Vorhänge weit ins Zimmer herein, denn es wehte, wie schon gesagt, eine frische Brise von den Bergen, aber das war es gerade, was sie wünschte. Daß Linde von Arbeit und Eile — sie hatte sonst noch genug Geschäfte an den Fingern hängen, und das Essen wartete — erhitzt war, regte sie weiter nicht zum Nachdenken an. Linde durchschauerte es auf dem Fleck von dem kalten Zug, aber auch sie achtete nicht darauf, sondern machte nur, daß sie fertig wurde.

»Die Fenster könnten ebenfalls gewaschen werden«, sagte die Tante noch, indem sie sich mit einem befriedigten Blick zurückzog. »Sie sind wirklich nicht mehr zu rein. Und oben über den Vorhängen fliegt Spinnweb.«

Linde besorgte das Zimmer fertig und machte nachher gefaßt die Fenster und Türen wieder zu, wie die Tante sie ungehalten aufgerissen hatte. Zu einer grundsätzlichen Erkältung hatte sie aber inzwischen genug Gelegenheit gehabt und sie, wie sich später herausstellte, nicht versäumt. Die offene Haustür war unterdessen von Bob benutzt worden, der sich draußen einen Platz in der Sonne suchte. Dort lag er verdrießlich und etwas erregt mit dem Kopf zwischen den Vorderpfoten und lauerte mit dem einen Auge auf fremde Hunde, aber es kamen keine.

Was Linde anging, so befand sie sich längst nicht mehr in guten Gesundheitsumständen. Sie litt viel an Magenbeschwerden, und eine genauere Untersuchung würde ergeben haben, daß sie unterernährt war, noch ganz abgesehen von der Überanstrengung ihrer feingliedrigen Konstitution durch übermäßige Arbeit und ihres Nervensystems durch Nachtwachen bei der kranken Magd oder über ihrem Liebesgeheimnis und ihrer Sorge um den fernen Freund. Die letzten Wochen waren ihr vergangen mit Fegen und Scheuern, Zimmeraufräumen, Kochen, Wassertragen, Waschen, Bügeln, und Gott wußte, was sonst noch alles. Den ganzen Tag hatte sie die Hände voll, wurde sie verlangt bald in den Krankenzimmern, bald vom Dechanten,[S. 157] bald von Leuten, die mit ihr zu unterhandeln hatten, plagte sie sich mit einem unbeweglichen, schweren Menschen, abgesehen von der Herbstarbeit in Garten und Keller und der Einmacherei, die auch getan sein wollte. Die Tante hatte ihr beizeiten vor Augen gehalten, wie unrecht und beschämend es wäre, dem Dechanten noch ein Weib ins Haus zu ziehen, nachdem schon viere darin lägen oder herumliefen. Wenn sie wieder auf sein würde, wollte sie selber mit angreifen, solange müsse Linde allein zustande kommen, zumal sie ein junger Mensch sei, der sich auch einmal etwas zumuten könne.

So mutete sie sich denn zu und war weder kleinlich noch ängstlich; sie hätte nur gern etwas frohere Beweggründe gehabt, der Tante zu Willen zu sein. Hatte diese früher gestört, so herrschte sie jetzt, mehr, als sie zunächst selber wußte, alles kraft des unausgesprochenen, drohend schwebenden Geheimnisses, von dem zwar das Mädchen die tatsächliche Seite besaß, das aber die Tante rücksichtsloser handhabte, so daß sie die Wirkung davon ausübte. Manche Leute haben ein besondres Geschick darin, einen andern »etwas spüren zu lassen« und ihn aus der Sicherheit des Herzens zu schrecken, ohne ihrerseits aus dem Hinterhalt zu treten, aber die rechten Künstler sind die, die auch noch faßbare Ergebnisse herauszuziehen wissen, während sie still und tückisch fortfahren, hinter dem Busch zu halten. Ein solcher verängstigter, unerfahrener Mensch gibt dann willig alles dran, nur um sein bestes Gut vor Entweihung und seinen Talisman vor Entkräftung zu bewahren. Dazu kam noch als weiterer moralischer Druck, daß Linde, wie gesagt, an einen Selbstmordversuch der Tante glaubte, wodurch eine Strenge und eine Verantwortung mehr auf ihre Liebe gelegt waren.

Nun hatte sie kaum die Kocherei weiter in Gang gebracht, so stieg sie heute schon zum zehntenmal nach oben unters Dach, um nach der kranken Magd zu sehen. Brigitt war jetzt fieberfrei und sah aus müden und alten Augen sehr schweigsam in den neugeschenkten Tag, dem sie offenbar[S. 158] noch nicht viel Freudigkeit entgegenbrachte, denn zunächst machte ihr der Anfall von Gelenkrheumatismus zu schaffen, und anstatt sich dem so nötigen Genesungsschlummer hingeben zu dürfen, litt sie an Schlaflosigkeit. Das bedeutete für Linde wieder Nachtwachen, besonders wegen der Herznot, die den geschwächten alten Menschen sehr ängstigte und mitnahm und ihn zunächst noch auf absehbare Zeit nicht vom Boden aufkommen ließ. Linde konnte sich eigentlich nie länger als auf eine Viertelstunde von der Kranken entfernen, und auch dies tat sie noch unter ständiger Unruhe. Ihre letzte Nacht war mittelmäßig gewesen, doch brachte dann der Morgen zwei Stunden leichten Schlaf, aus dem sie eben vorhin das Getöse eines im Durchzug zugeschmetterten Fensters aufgeschreckt hatte, dem noch drunten im Haus eine Tür gefolgt war.

»Ist's heut so windig?« fragte sie mit müder Stimme das eintretende Mädchen. »Es sieht draußen so warm aus.«

»Hat dich das Fenster geweckt?« fragte Linde mit geheimen Unmut zurück. »Ich hab's nicht aufgemacht, Brigitt.«

»Wer denn?« wunderte sich die Haushälterin. »Hast du jemand zur Hilfe eingestellt? Das wäre gut, Linde.«

»Nein, ich habe niemand eingestellt. Aber die Tante ist heute zum erstenmal aufgestanden und hat gefunden, daß im Haus schlechte Luft herrsche.«

»So, ist sie wieder auf?« Und nach einem kleinen bitteren Schweigen sagte sie noch: »Ich liege nun so weiter. Ich dachte immer: ›Welche wird die Geschwindere sein?‹ Sie war die Geschwindere. — Aber es ist gut, so wird sie bald abziehen.«

Linde hatte sich für ein paar Minuten auf den Stuhl beim Fenster gesetzt.

»Die Pflegerin ist nun auch aus dem Haus«, berichtete sie, nur um etwas zu sagen.

»Siehst du?« griff Brigitt eifrig auf. »Dann geht sie auch bald, sonst hätte sie die Kienold nicht entlassen.«

[S. 159]

Linde erwiderte nichts darauf, und eine Weile war es still in dem kleinen, sonnigen Zimmer. Auch hier hatte Linde für weiße Vorhänge gesorgt, und auf dem Tisch stand ebenfalls in einer Vase ein Strauß Astern. Vor dem Fenster hatte Brigitt dann noch einen ganzen kleinen Garten hängen, von dem aber nun das meiste verblüht war. Ein »fleißiges Lieschen« wimmelte mit seinen kleinen roten Blümchen zwar noch ganz uneingeschüchtert im Wind; aber die Geranie wehrte sich bereits in ernsterer Stimmung gegen den kränkenden Einfluß des Spätherbstes, und ein Nelkenstock verrichtete seine letzten Taten. An den Scheiben wumste eine dicke, pelzige Winterfliege herum. Draußen riefen ein paar Meisen. Endlich nahm Brigitt aus ihren trüben Gedanken wieder das Wort.

»Sag mal, Linde — mir ist doch so im Kopf, als hätt' ich recht phantasiert«, hob sie behutsam an. »Was hab' ich denn so geschwatzt, hm? Ober hab' ich nichts geschwatzt?«

»Und ob du geschwatzt hast«, versetzte Linde. »Sogar gepredigt hast du wie ein Kapuziner. Man konnte es manchmal im ganzen Haus hören. Aber es kam nicht viel dabei heraus. Immer hattest du es mit einer Geflügelschere zu schaffen und mit einem mageren Fasan. Wenn man aber auf dich einging und etwas fragte — der Onkel versuchte es ein paarmal —, so wurdest du ganz geheimnisvoll und fingst an, Kochrezepte auszukramen. So gut du sonst kochst, so möchte ich doch niemand raten, sich danach zu richten. Ich glaube, nicht einmal Bob würde es nehmen.«

»So, so, von einer Geflügelschere — sag mal, wo ist sie eigentlich hingekommen, die Geflügelschere«, platzte sie plötzlich heraus. »Ich meine, wie — wie ich darauf gekommen sein mag«, suchte sie erschreckt zu verbessern. »Etwas muß doch damit sein.«

»Ach, das weißt du noch?« wunderte sich Linde. »Du hast sie auf dein Zimmer geschleppt. Man fand sie auf dem Tisch. Ich habe sie dann heruntergenommen und versorgt.[S. 160] Der Kreisphysikus sagt, das kommt oft vor, daß sich eins so an Nebendinge hängt mit seinen Phantasien.«

»Sie haben darüber gesprochen miteinander, die Männer?«

»Nun ja, warum sollten sie nicht. Sie haben sogar viel darüber gelacht, das heißt der Kreisphysikus. Der Onkel hat nicht gelacht, der sah immer sehr ernst drein; ich glaube, er hatte große Sorge um dich. — Ist dir etwas, Brigitt?«

»Nein, gar nicht. Nur die — Geflügelschere. Weißt du, solche Phantasien — sie laufen einem noch eine Zeitlang nach. — Wie sieht sie denn aus — die Klingse mein' ich. Und was war denn überhaupt los mit ihr?«

Linde zögerte einen Augenblick. »Sie sagt, daß sie beim Straucheln, während sie zu Bett wollte, die Nachtlampe vom Tisch gerissen habe und dann in eine Scherbe gefallen sei. Es scheint, daß sie viel Blut verloren hat. Man fand sie am andern Morgen ohnmächtig auf ihrem Teppich. Jetzt ist sie noch sehr nervös und bleichsüchtig.«

»In — in ihrem Zimmer drin ist das passiert?« fragte Brigitt unter schwer niedergehaltener Erregung. »Und beim Ausziehen? Hm! Mir war doch, ich hätte sie so um ein Uhr herum droben gehört und — sogar gesehen.«

»Du hast sie gesehen?« horchte Linde auf. »Das muß ich dem Onkel berichten. Es scheint, daß sie draußen Hilfe holen wollte. Wir haben nämlich eine Blutspur nachher gefunden, die fast bis an Heinzens Tür lief.«

»So, so, hat man die gefunden? Ich wollte sagen, ist das so zugegangen? Dann hat Heinz sie wohl nicht klopfen gehört, und sie ist umgekehrt. Wenn sie jetzt nur nicht sagt, daß er gar nicht im Zimmer — du, wird dir nicht was überlaufen oder anbrennen in der Küche?«

»Ich werde sehen gehen«, sagte Linde, tief mit Rot übergossen, und erhob sich. »Kann ich dir irgend etwas tun?«

»Nein, mir ist ganz gut. Die — Prozessionsmusik heut früh hat mir wohlgetan. Wie spät ist's? Ich denke, sie werden bald zurückkommen.«

[S. 161]

Linde gab die Zeit an und ging, und Brigitt blieb erregt und mit sich unzufrieden allein zurück. »Ich bin noch ganz blödsinnig«, brummte sie verdrießlich. »Ich hab' mich fast immerzu verraten und zum Schluß das Mädchen erröten gemacht. Wer seine fünf Sinne nicht beisammen hat, muß das Maul halten und mit dem Ausfragen warten, bis er wieder klar denken kann.« Inzwischen verhehlte sie sich nicht ein deutliches Gefühl der Erleichterung über die immerhin eingebrachten Auskünfte, und nachdem sie so lange in einem übel schaukelnden kleinen Schiffchen zwischen Wind und Wellen der Ungewißheit getrieben hatte, war sie endlich in ihr richtiges und wirkliches Bett zu liegen gekommen, das auf seinem gehörigen Platz stand, und von dem aus man die Dinge wieder mehr verwalten und bearbeiten konnte. Sie sah, daß die Klingse bisher geschwiegen hatte, und schloß daraus, daß sie den Vorfall weder für sich als siegreich abgelaufen betrachtete noch von einer polizeilichen oder auch häuslichen Anzeige sich etwas versprach. Linde wußte überhaupt nichts, und der Dechant, der, wie es schien, immerhin um die Sache herumgetastet hatte, mußte notwendig um Lindes willen weiter in seiner Unwissenheit erhalten bleiben. Soviel schien für jetzt klar, und mehr brauchte es nicht. Wenn dann einmal die Feindin aus dem Haus und die Kriegstrauung — hoffentlich! — vorüber war, konnte man ja mit den wirklichen Tatsachen herausrücken. Etwas zu schaffen gab ihr die Frage nach der Beichte, aber bis dahin hatte es noch Zeit; bevor sie wieder kirchfähig war, erwartete niemand eine von ihr. Das noch bleibende leise Gefühl der Beunruhigung legte sie zu den anderen Ungewißheiten, die auch nach der heutigen Vergewisserung noch übriggeblieben waren.

Sie hatte sich schon vorher von Linde einen Fensterflügel öffnen lassen, um die Prozession von möglichst weither zu hören, wenn sie dem Fluß nach zurückkam. Eben trug ihr der Wind wieder die ersten fliegenden Klänge der Musik zu, und sie faltete fromm die verkrümmten Hände, um in Gedanken[S. 162] mitzusingen. Nachher holte sie sich unter Mühe und Schmerzen den Rosenkranz herbei und begann demütig zu beten aus einem leise tragenden Dankgefühl heraus, weil nun alles sich so zum Guten wendete, die Feindin bald abreiste und für die restierenden Umstände eine freundliche und treue Entwicklung bevorstand. Darüber schlief sie sogar ein, überhörte auch das neuerliche Kommen ihrer Pflegerin und erwachte erst wieder, als die Prozession das Städtchen heraufzog und die Musik dröhnend allenthalben aus den engen Gassen hervorbrach. Da ging es schon gegen ein Uhr und kam Linde mit dem Krankensüppchen.

Drittes Kapitel
Das Unheil spinnt sich an. Man wehrt sich gegen Übergriffe, wobei die Tante gegen den Dechanten und Linde über die Magd siegt. Dann siegt Linde auch noch über ihre Körperschwäche

E

Es geschah an jenem Sonntag noch mancherlei im Haus des Dechanten, was des Erzählens wert wäre, wie denn in Gottes Augen, durch die die erweckten Priester und Dichter ein wenig mit sehen, nichts von allem ohne Bedeutung und ewigen Schein ist, was von Menschen getan, gesprochen und gedacht wird bei Tag und bei Nacht. Das hauptsächlichste von allem war ein Blick, den der Dechant von der Prozession mitbrachte, mit dem er seine Nichte beim ersten Wiedersehen noch einmal voll und tief erfaßte, unter dem sie von neuem die Augen niederschlug und sozusagen ihr Visier schloß, und den er schweigend durch viele Tage hindurch, denn er war ein guter Schmoller, in gleicher Erwägung und gleicher ernsten Drohung mit sich herumführte, wenigstens begegnete sie ihm überall, wo sie dem Dechanten begegnete. Die Tante war, als sie die Prozession die Stadt herauf spielen und singen hörte, aufgestanden und nach ihrem Zimmer gegangen, um sich vollends anzuziehen. Als der Dechant eintrat, fand er sie bereits in ganzer Toilette lächelnd seiner[S. 163] warten. Er begrüßte sie in aller Luftfrische, die er mitbrachte, und beglückwünschte sie zu ihrer Wiederherstellung, was sie dankend entgegennahm.

»Und du, mein Freund?« fragte sie anteilnehmend. »Hast du einen schönen Morgen gehabt? Ich habe euch beinahe ein bißchen beneidet. Wenn man von solchen Empfindungen als ›beinahe‹ spricht, so heißt das bekanntlich immer ›ganz‹. Du kannst dir etwas darauf zugute tun, daß du einer ausgemachten Rationalistin und Protestantin solche Geständnisse abnötigst. Die Magd ist noch immer krank, höre ich. Das tut mir leid für Linde! Nun, dafür fange ich nun langsam an, im Haus bemerkbar zu werden. Ich denke, wir werden ganz ordentlich miteinander das Pensum deiner unersetzlichen Kraft aufarbeiten. Linde ist ein bißchen blaß geworden die Zeit, findest du nicht auch? Das wird sich jetzt bald geben. Ich bin ordentlich gerührt, daß ich wieder in diesem altmodischen Speisezimmer sitzen kann. Wie ich die Sachen so gewissermaßen neu vor die Augen bekomme, geht mir doch allerlei Schönheit an ihnen auf, sogar das Irrationelle daran kann ich schon — fast mit deinen Augen sehen. Nun, da kommt die Suppe. Essen wir also.«

Sie ließ sich nicht weiter davon anfechten, daß der Dechant auf zwanzig von ihren Worten kaum eines erwiderte. Dagegen betrat sie unauffällig und gewandt jeden Strich Boden, den Linde beim Dechanten verlor. Je weniger er mit dem Mädchen sprach, desto mehr unterhielt er sich notwendig mit der Schwägerin, und seine natürliche Offenheit, die er dem Mädchen entzog, kam, wenn auch sehr abgekühlt, unwillkürlich jener zu. Sie war weder die Frau, noch befand sie sich in der Lage, gefundenes Gut von diesem Wert nicht aufzunehmen und sorgfältig zu pflegen. Der Dechant freilich blieb unter ihren behutsamen Griffen ein ziemlich sprödes Material, das leicht splitterte. Das erfuhr sie am gleichen Mittag. Er klagte beiläufig darüber, daß sich bei ihm die Schreiberei so hoch aufgehäuft habe, und gab zu erkennen, daß sie ihm lästig war, weil sie ihn von seiner gegenwärtigen[S. 164] Haupt- und Lieblingsarbeit, der Geschichte des Domes, abzog.

»Nun, was das angeht«, meinte die Klingse, »das soll dir keine übermäßigen Sorgen machen. Ich bin ja jetzt wieder disponibel und will dir gern als Sekretärin dienen, da doch Linde keine Zeit für dich hat. Sage mir, wann ich morgen antreten soll.«

»Ich denke«, erwiderte der Dechant ablehnend, »daß du morgen zunächst noch fortfahren willst, deine dünne Krankenhaut wieder in ein richtiges Alltagsfell zurückzuverwandeln, das einen Landregen und auch — einen Eisenbahnstoß verträgt. Ansprüche wollen wir hier auf dich weiter nicht machen, sondern« — er neigte sich ihr höflich zu — »lieber Ansprüchen von deiner Seite zur Verfügung stehen.«

Linde, die auf seine Antwort mit einiger Spannung gewartet hatte, atmete heimlich auf, und die Tante fand es für besser, auf dem Thema nicht zu bestehen, sondern brachte ruhig über den Korb hinwegsteigend ein anderes vor. Später bemerkte Linde nebenbei, wenn jetzt die Tante ihre Post wieder selber erledigen könne, so werde sie schon Zeit finden, dem Onkel bei der seinen zu helfen, aber darauf sagte er überhaupt nichts. Aus allem ging hervor, daß er sich zwischen den beiden Frauen einen ziemlich genauen Standpunkt gewählt hatte, den er aber auf die Dauer kaum halten konnte. Die Klingse ihrerseits bemerkte, daß es besser sein werde, diesem Mann nicht durch Verkündigungen Anlässe zu Regierungshandlungen zu verschaffen, sondern mehr in der Stille wirkend aufzutreten und sich ganz unauffällig da und dort auf seinem Weg finden zu lassen.

Vor allem verwendete sie viel Aufmerksamkeit darauf, daß Linde immer fern vom Dechanten vollauf beschäftigt war, da ihr an einem verständnisvollen Beisammensein der beiden wenig liegen konnte; von der bereits bestehenden Verstimmung zwischen ihnen hatte sie zunächst noch keinen Wind. Es fiel ihr nicht eben schwer, denn mit dem Wetterumschlag[S. 165] verschlimmerte sich der Zustand der Magd wieder und machte vermehrte Pflege nötig. Nebenher schickte sie sich an, versprochenermaßen in der Wirtschaft mit einzugreifen, das heißt, sie übernahm die Obliegenheiten der Dame des Hauses vornehmlich in der Verwaltung des Dechanten und überließ alle wirkliche Arbeit der Nichte, die sie leise aber unerbittlich kommandierte. Sie kümmerte sich persönlich um die Versorgung des Hausherrn und um seine Socken und Hemden und ließ sich sogar dazu herbei, in den ersteren die Löcher zu stopfen. Und während er ihre Fleischbrühe trank, fing er in einiger Einsamkeit an, sich darüber zu beunruhigen, daß noch immer nichts von ihrer Abreise verlautete. Da er jetzt niemand mehr hatte, mit dem er ohne Umstände darüber reden konnte, so stellte sich als nächste und sehr männliche Folge davon schlechte Laune bei ihm ein. So schmollte er sozusagen auf beiden Mundwinkeln, und jedenfalls fand man ihn diese Zeit nicht sehr gesprächig. Daß sich die Tante immer zu feineren Teilen wie Gold in den Danziger Schnaps ins Hauswesen mischte, konnte er nicht verhindern. Wenn ihm auch nicht schien, als ob es dadurch an Wert und Reiz gewänne, so mußte er doch ihre Sachlichkeit und Unaufdringlichkeit anerkennen, aber gerade mit diesen Vorzügen machte sie ihn immer öfter stutzen.

In jener Zeit schlug sich Linde bereits mit einer beginnenden Krankheit herum, die sie sich im Durchzug der Tante zugezogen hatte, hustete, fröstelte, ertrug tagelang, ohne etwas davon zu sagen, ihre Kopfschmerzen und eine bleierne Gliederschwere, Müdigkeit, Erbrechen und auch gelegentliche Magenkrämpfe. Leider steckte sie die Magd mit ihrem Schnupfen an, die ihn am wenigsten brauchen konnte, aber dafür wachte sie auch nächtelang bei ihr und plackte sich mit ihrem unbehilflichen Körper wie ein ganz Gesundes, und darüber hinaus fehlte es ihr nie an einem freundlichen Wort, an einem Trost oder an der rechten gemütsfesten Heimweisung einer Klage Brigitts über die viele Mühe und Arbeit, die sie mit ihrer unnützen alten Person verursachte. Es[S. 166] war nicht immer leicht, mit dem verdrießlichen und mißtrauisch gewordenen Menschen fertig zu werden. Ihren Schnupfen ertrug sie christlich, aber den des Mädchens beschrie sie laut. Darüber hinaus brachte sie sich über die Leute auf, die Linde in diesem Zustand herumlaufen und arbeiten ließen. Sie wollte den Dechanten darüber zur Rede stellen, aber der Dechant ließ sich selten mehr bei ihr sehen. »Warum kommt der Dechant nicht mehr? Warum zieht man keine Hilfe ins Haus? Und warum reist die Klingse immer noch nicht ab?« Diese Fragen stellte sie nachgerade täglich mindestens sechsmal, ohne von Linde eine andere Antwort darauf zu bekommen als ein Achselzucken oder eine Vertröstung. Dann schien es ihr, daß auch Linde anfange, ihrer überdrüssig zu werden, daß ihre Liebe nachlasse, und daß sie sie mit vorwurfsvollen Blicken betrachte.

Neuerlich begann sie wieder mit geschärften Ohren und Augen aus ihrem Bett nach Zeichen auszuspähen, die ihr verrieten, daß sich die Hausgenossen, wenigstens der Dechant und die Klingse, über ihre Untat ausgesprochen und geeinigt hätten, und daß sie bereits in ihren Augen als Verurteilte, in denen Lindes mindestens als Unglückliche gelte. Diese Annahme war ihr dann entsetzlich bitter, da sie für ihre Tat, mochte sie nun christlich sein oder nicht, wenigstens Verständnis und Gegenliebe verdient haben wollte, wenn sie nicht zu bescheiden gewesen wäre, auch nur in Gedanken einen Lohn zu beanspruchen. Dann warf sie wieder auflodernd wie ein brennender Wald ihre ganze Liebe auf das junge Mädchen, setzte es testamentarisch zu ihrer Erbin ein, trieb eine geradezu unchristliche Abgötterei mit ihm unter strengem Ausschluß aller andern Sterblichen und beobachtete mit hilfloser Angst, wie Lindes Wangen blasser und ihre Augen trüber wurden, und wie sich in ihrem Lächeln eine sichere Trauer einnistete, womit sie aller Welt etwas Gutes und Schönes zu versprechen schien, nur sich selber nicht. Ihre zarten, feinen Hände waren rot und verarbeitet. Brigitt küßte erbarmungsvoll jeden neuen Schnitt und jede Brandblase.[S. 167] Wenn Linde, wie es gerade in der letzten Zeit häufiger vorkam, still und müde vor sich hinblickte, so kochte der alte Mensch gallig auf; verfiel sie aber einmal in ihre frühere Art, zu scherzen und zu plaudern, so hörte Brigitt gerührt und ungläubig zu, fest davon überzeugt, daß das Mädchen trotzdem schwerkrank sei und ins Bett gehöre. Zu sehr Partei, um eine gute Partie zu sein, gab sie nicht gerade die geeignete Kammerfrau ab für ihre verlassene und verstörte Prinzessin, denn inzwischen begann der briefliche Verkehr zwischen Heinz und der Tante jene überraschende Wendung zu nehmen und kam für Linde die Zeit heran, in der sie eigentlich der Weisheit einer Mutter bedurft hätte.

Auch von diesen Entwicklungen fühlte ihr der treue Mensch das Hauptsächliche ab. Wenn dort alles gut gestanden hätte, so wäre an Linde über aller Müdigkeit ein anderes Licht zu sehen gewesen; darüber kannte sie sich nun schon aus. Als sie endlich den Geduldsfaden verlor, begann sie zuerst allgemeine Bemerkungen in die Unterhaltung zu streuen von den Offiziers im besonderen und den heutigen jungen Männern im allgemeinen, nur um zu hören, wie das aus ihrem Wald zurückhallte. Aber es hallte gar nicht, weder lang noch kurz, auch nicht, wenn eben ein Brief von Heinz gekommen war. Brigitt wußte, daß er mit der Klingse ebenfalls in Verbindung stand, und das übrige dachte sie sich, da sie im Verlauf ihres Dienstlebens bei einem vielgesuchten und vielverlassenen Geistlichen zur Pessimistin geworden war. So schien es nun, als ob alles umsonst gewesen sei, daß sie sich um einen undankbaren Burschen und luftigen Wicht zur Attentäterin gemacht und ihr Gewissen mit Protestantenblut besudelt habe, und am Ende war ihr Mitleid mit sich selber beinahe ebenso groß wie das mit Linde, größer als beides der Zorn auf die menschliche Natur, am größten die brennende und nagende Ungeduld, Klarheit zu bekommen, damit man unter Umständen wieder etwas unternehmen konnte. Denn an allem gab sie unerbittlich der Klingse die Schuld, und wenn es im mindesten gefährlich[S. 168] stand, so sollte sie das Ganze bezahlen, indem sie mit Schande aus dem Haus fuhr und Heinz von ihr, Brigitt, alles schwarz auf weiß zu lesen bekam. Blieb bloß noch die Frage übrig, ob sie alter Topf mit dieser Einsicht über dem Feuer ihres Verdrusses anbrennen oder überlaufen wollte; da sie nie zu den kargen Köchinnen gehört hatte, lief sie über.

Es war nach einer Nacht voll ärgerlicher und aufreibender Schmerzen — sie hatte auch einige Herzanfälle gebracht — und ebensolcher Betrachtungen. Die Magd atmete noch rasch und erzürnt, während Linde übermüdet im alten Lehnstuhl saß und in einem trüben Halbschlaf vor sich hindämmerte. Die Zeit ging gegen vier Uhr; um diese Stunde trat gewöhnlich die Erleichterung ein. Auf dem Nachttisch brannte mit kleiner Flamme unter dem Schirm das Lämpchen. Eine Motte umschwirrte es, von zwei sonst sehr eifrigen Mottenjägerinnen nicht beachtet. Linde sah eben ihren Geliebten, der auf einen Engländer zielte, abdrückte und sich lachend umdrehte mit der Bemerkung: »So, den hat's!« Drüben flogen zwei arme Hände auf, genau so, wie er's damals beschrieben hatte, und ihr war furchtbar weh ums Herz für den Engländer und für Heinz. Da wurde plötzlich Brigitts erboste Stimme neben ihr laut.

»Wie ist denn das jetzt mit ihm? Mit dem Soldaten? Dem Offizierchen? Warum kriegt man davon gar nichts zu hören? Ich bin überzeugt, dem Bob erzählst du; mich schweigst du an, daß mir alle Glieder knacken. Sonst hieß es, man vertritt Mutterstelle an dir. Jetzt liegt die Brigitt im Bett, gleich ist's aus mit der Mutterstelle, und man ist ein alter Besen, um den sich keiner mehr kümmert. Denn was weiß die Brigitt, nicht? Sie kann noch einigermaßen Knödel kochen, aber sie ins Vertrauen ziehen — da sei Gott vor. Als ob die Brigitt lange wartete, bis man sie erst ins Vertrauen zieht. Du, ich hab' auch meine Geheimnisse, und könnt' ich noch gehen, so hätt' ich viel mehr. Was meinst du denn, warum ich im Bett liege? Hab Nervenfieber bekommen. Schön, Nervenfieber bekommt man vom Kuchenbacken.[S. 169] Verachtet nur die alte Brigitt. Daß ihr mich überhaupt hier behaltet. Im Krankenhaus wäre ich doch noch viel weiter vom Geschütz. Bringt mich doch fort, damit es hier vollends drunter und drüber gehen kann! Und damit ich vor Denken und Grübeln noch ganz verrückt werde. Du, wie steht das mit dem Soldaten? Sei gut zu einem alten kranken Menschen, der dir redlich gedient hat. Gott wird dir's vergelten. Schreibt er dir fleißig? Und schreibt er nett? — Hm! Ich dachte, du seist gut aufgehoben. Du seist an den Mann gekommen! Ich bin ein altes Mensch und hab' geheult vor Freude. War meine letzte Freude für lange Zeit. Ich sage dir, Mädchen, laß mich nicht so daliegen und betteln. Ich bring's fertig und krieche aus dem Bett und fall' dir zu Füßen. Wie steht's mit dem Soldaten, du? Wann ist Kriegstrauung?«

Sie machte Miene, sich zu erheben, und Linde fuhr aus ihrer Verwirrung auf. »Brigitt, wirst du liegenbleiben!« schrie sie die Kranke erschreckt an. Die Magd, die ihren in Scham brennenden Blick bemerkte, ließ sich einigermaßen eingeschüchtert ins Kissen zurückfallen, aber aus ihren bleichen, unzufriedenen Zügen flackerte gereizt die aufsässige Forderung weiter.

Auch Linde war eine gute Schmollerin und durch den frühen Tod ihrer Eltern, besonders ihrer Mutter, an Einsamkeit und Selbstverantwortung gewöhnt. Es fiel ihr schon schwer, Erfahrungen, die in Familien aufgewachsene Menschen ganz leichthin mit andern bereden, preiszugeben, geschweige persönliche Angelegenheiten von dieser Tragweite, und so hatte sie immer einen schwierigen Stand zwischen ihrer Selbstherrlichkeit und ihrer überstrengen Keuschheit. Indessen kratzte Bob an der Tür, weil er reden gehört hatte und notwendig überall dabeisein mußte, wenn etwas Grundsätzliches verhandelt wurde, und Linde stand auf, um ihm zu öffnen. Er dankte ihr durch ein kurzes heftiges Wimmeln seines Schwanzstummels und ging dann schnaubend zu Brigitts Bett, an dem er sich einmal hin und einmal her rieb,[S. 170] um sich endlich mit einem Seufzer auf die Vorlage niederzulassen.

»Was soll denn stehen, Brigitt?« antwortete das Mädchen endlich, seine Aufwallung niederkämpfend. »Und wer wird jetzt an Kriegstrauung denken? Du weißt, daß er regelmäßig schreibt; es wird ihm oft schwer genug fallen bei dem Leben, das er führen muß. Plage doch nicht dich und andere mit Grillen.«

»Es ist schon gut«, nickte die Magd, die mit ihren tiefliegenden dunklen Augen jede Regung in ihrem Gesicht verfolgte. »Aber er schreibt auch der andern. Wenn er das ließe, so würde es ihm gleich viel weniger schwerfallen, dir auch einmal einen Brief extra zu schreiben. — Viel Lustiges scheint nicht eben in seinen Briefen zu stehen. Ich wette, daß die Klingse an ihren mehr Spaß hat.«

»Wir wollen dies Gespräch lassen«, sagte Linde beklommen. Und dann scheinbar heiterer: »Du hast's nun einmal gegen die Tante; da wird man dir ohnehin keine andere Ansicht beibringen.«

»Nein, das wird man auch nicht«, fuhr die Magd, wieder hitzig werdend, von neuem auf. »Sie ist ein Laster und bleibt eins, höre auf mich. Hat sie etwa besonders viel Glück in dies Haus gebracht? Was aber deinen Offizier angeht, so kann sich der einmal vor den Schädel schlagen; ich weiß, warum ich das sage. Ist das Dankbarkeit und Charaktergröße?«

»Brigitt, willst du mich mit Gewalt böse machen?« warnte Linde und war es schon halb, ganz in Glut getaucht. »Es gibt dir niemand das Recht, so zu sprechen.«

»Das Recht? Es gibt mir niemand das Recht? Mein Kindchen, das Recht habe ich mir längst selber gegeben. Laß dir das gesagt sein. Und das Gespräch wollen wir gar nicht lassen. Im Gegenteil. Du willst mich aufs trockene setzen; also steht es liederlich. Das ist doch einfach; man muß dich nur ansehen. Aber das soll sie mir büßen. Alles Übel kommt von ihr. Warum geht sie immer noch nicht? Weil sie hier[S. 171] ihre Absichten verfolgt, weiß Gott, welche. Sie schleicht und schweigt und spinnt derweil des Teufels Garn. Oh, nur einen einzigen Tag möchte ich wieder einmal unten im Haus sein, um zu sehen, was da geht.«

Für eine Weile verstummte sie wühlend, und Linde hatte keinen Grund, sie zu stören. Bob legte den Kopf zwischen die Pfoten, weil er glaubte, das Gespräch sei jetzt zu Ende. Auch Linde war bereits dieser Meinung, als die Magd plötzlich wieder anfing.

»Wenn man so viel Dreck am Stecken hat!« rief sie verwundert und erbost aus. »Es kostet mich doch ein Wort, und es ist aus mit ihr! Aber sie hält mich wohl auch schon für tot oder blödsinnig geworden. Über diese Sache laß du dir nur keine grauen Haare wachsen, Kindchen; darüber hat die Brigitt zufällig etwas zu sagen. Ich garantiere dir dafür, daß sie in zweimal vierundzwanzig Stunden aus dem Haus ist.«

»Ich weiß«, versetzte Linde bedrückt, »daß du Geheimnisse hast. Aber ich will sie nicht kennenlernen. Laß du jetzt die Hand aus den Dingen. Ein Übel erzeugt nur immer ein anderes.«

»Du weißt?« zweifelte Brigitt sehr. »Woher weißt denn du? Und was weißt du?«

»Ich weiß seit dem Prozessionssonntag.«

»Seit meinem Geschwätz von der Geflügelschere und so weiter«, nickte die Magd. »Nun, ich hab' mir das auch gleich selber gesagt, aber ich hielt die Unsicherheit nicht mehr aus. Wie jetzt auch wieder.« Sie sah das Mädchen mit einem spähenden Blick an. »Schließlich, was nützt das alles«, fuhr sie unaufhaltsam getrieben fort. »Kindchen — sie war selbe Nacht im Zimmer des Leutnants. An der Tür attrappierte ich sie. Wenn das der Dechant erfährt, so fliegt sie. Augenblicklich. Und wenn Heinz erfährt, wie eine Magd seine feine Dame ausgezahlt hat, so wird ihn das nicht sehr hochmütig auf sie machen.«

Linde erbleichte auf eine erschreckende Weise; aber anstatt ohnmächtig vom Stuhl zu sinken, richtete sie sich stolz und erzürnt[S. 172] auf, und ihre Augen funkelten vor verhaltener Entrüstung. »Brigitt«, rief sie mit bebender Stimme: »Wenn du willst, daß ich dir in meinem Leben noch ein gutes Wort gebe, so hüte dich, an diese Dinge künftig auch nur mit einem Blick zu rühren. Du bist hier die Haushälterin und sonst nur, was man aus dir freiwillig macht. Ich verbiete dir, dich noch in irgend etwas zu mengen, was hier vorgeht oder damit zusammenhängt. Die Tante ist unsre Verwandte und unser Gast, solang es ihr gefällt. Und ich bin alt genug, mein Leben selber zu betreiben. Du hast dich hier in deinem Bett in Hirngespinste verwickelt und meinst, das, was du weißt, sei alles, was man wissen könne, willst klüger sein als Gott und behender als das Schicksal. Ich weiß, daß du alles von Herzen gut meinst, und das ist das einzige Versöhnliche und Schöne daran. Aber man darf auch aus Gutmeinen nicht in anderer Menschen Dinge hineingreifen und sie mit ihren Geheimnissen beschämen.«

Brigitt traute unter dieser Standrede ihren Ohren und nachher noch lange ihren Augen nicht, bis sie sich allmählich mit Wasser füllten; als sie dann endlich die Zunge wieder zum Reden fand, wurde ein ungeschlachtes und herzbrechendes Weinen daraus, das Linde mächtig ans Herz griff, leider auch der Magd selber, so daß der Anlaß völlig in Vergessenheit geriet und alle Aufmerksamkeit der Folge zugewendet werden mußte. Nun, sie überstand auch den zweiten Schreck, kam nachher noch einmal ins Weinen, dann ins Klagen und Beteuern, obwohl ihr Linde schon alles zum voraus zugegeben hatte, hörte diese mit redlicher Inbrunst trösten und gut zureden, und wenn sie am Ende nicht vom Fleck weg beruhigt einschlief, so lag sie jedenfalls tränenmüde und ihrer schmerzhaften Überspanntheit ledig still mit geschlossenen Augen da, bereits in Lindes Ratschluß ergeben, obgleich noch nicht ohne wahres Vertrauen und innerlich über die herrische Zurechtweisung noch ein wenig nachschluchzend.

Hatte Linde noch auf ein Stündchen Morgenschlummer gehofft, so sah sie sich durch eine nervöse Erregung, die sich[S. 173] nachher in äußerlichen Frost umsetzte, darum gebracht. Immer stand ihr die schweigend drohende Verwandte vor Augen. Wenn sich die Tante aussprach und ihre Gesinnung äußerte, so konnte sie wenigstens ertragen werden, aber gegen ihr Schweigen gab es keine Mittel, weder tätige noch leidende. Die Zeit war längst vorbei, in welcher Linde mit ihrem Mitleid für sie gekämpft hatte, und auch die folgende, in der sie es bereute, ihm so weitherzig nachgegeben zu haben. Sie hätte sich vielleicht zugestehen können, daß ihre Sache verloren sei, aber es gab zwei bewußte Empfindungen, die es nicht litten: ihr Stolz und ihre Einsamkeit in der Welt. Darüber hinaus waren freilich noch einige weniger bewußte aber ursprünglichere wirksam, die Sehnsucht nach dem eigenen Frauentum, die Hoffnung auf das Wunder »Dennoch« und nicht zuletzt der Glaube an das geistige Teil in Heinz, von dem sie nie Verrat erleben würde, was auch sonst geschehen mochte. Mit diesen fünf Engeln durfte sie gegen zwei Dämonen — das Weib und den Dämon in ihm selber — noch für eine Zeit durchzukommen hoffen, und inzwischen stießen ihr wohl Hilfsvölker zu, von denen heute noch nichts zu sehen war, die sie aber bereits glaubte marschieren zu hören.

Nachdem sie sich so bis gegen Morgen mit ihrem innern und äußern Zustand leidlich obsiegend beholfen hatte, die letzte Stunde noch auf ihrem Bett, und eben aufstehen wollte, um ihren überfrühen Tag zu beginnen, ereilte sie ganz unversehens ein Blutsturz, kein sehr schwerer, doch da sie ohnehin nicht mehr viel Kräfte zuzusetzen hatte, so sank sie zitternd ins Bett zurück, wo sie dann wie ein Stein in Schlaf oder in Bewußtlosigkeit fiel. Etwas später als sonst war sie aber noch vor dem Hellwerden wieder bei der Hand. Von dem Vorfall erfuhr niemand etwas, und von der Versäumnis hatte sie durch erhöhte Ansprüche an ihre Leistungsfähigkeit bis zum Frühstück bereits wieder einiges eingebracht. Wenn sie Ansprüche an sich selber stellte, so blieben sie selten unerfüllt.

[S. 174]

Viertes Kapitel
Es kommen erregende Briefe, und alles geht an Linde hinaus; sie wird von der Tante angefochten und vom Dechanten
zur Beichte vorgeladen, nachdem der Dechant vom Erzbischof zur Verantwortung vorgeladen wurde

E

Es gibt Tage, die besonders mit Ereignissen geladen scheinen, von denen wie die Kirschen des Pagen Seydlitz immer eins das andere nach sich zieht. Zum Frühstück, das man elektrisch beleuchten mußte, weil draußen nun aus einem schweren, tiefen Spätnovemberhimmel der Regen troff, brachte der Postbote drei Briefe, die alle naß geworden waren, erstlich den bekannten des Leutnants an Linde, worin er ihr vorschlug, auf eine Zeit das Haus zu verlassen, zweitens einen ebenfalls vom Leutnant an die Tante und dann noch einen an den Dechanten, von dem nachher die Rede sein wird.

In dem Brief an die Tante gab sich Heinz zum erstenmal in gewissen verschleierten Wendungen, die sonst nicht seine Art waren, Rechenschaft über schwebende Fragen oder solche, die ihm mit der Zeit diesen herausfordernden Charakter angenommen hatten, ungewissen Aussichten, die noch keins von beiden bisher berufen mochte, obwohl sie schon seit geraumer Zeit zwischen ihnen standen. Nachdem er dann noch dies und das von der Sehnsucht und Unersättlichkeit des Mannes, in welche Regung er nachgerade viel Einblick zu haben glaubte, so scheinbar »objektiv« als heimlich erregt und erregend geschrieben hatte, teilte er ihr den Vorschlag an Linde mit und bat sie, ihm darin zu helfen.

»Ich kann verstehen«, hieß es da wörtlich, »daß Du bei den letzten schweren, wie Du schreibst, beinahe vernichtenden Erfahrungen in der Großstadt die Ruhe und Geborgenheit des Pfarrhauses und der kleinen Verhältnisse noch brauchst, und wenn ich zurückdenke, so machtest Du auch mir einen etwas aufgelösten und ziellosen Eindruck, an dem heutigen gemessen. Daß Du bei Lindes Überbürdung mit dem häuslichen[S. 175] Kleinkram, wozu sie immer sehr geneigt hat, dem Dechanten viel sein kannst, sehe ich auch ein. Er wird mit der Zeit deinen weltmännischen und großzügigen Einfluß sehr schätzen lernen; vielleicht wirst du unermüdliche Schrittmacherin der männlichen Talente sogar anfeuernd und fördernd auf ihn wirken und ihn aus seiner Theologie herauslocken. Das wäre freilich ein großer Triumph deines Rationalismus. Bei alledem stört mich nur die Vorstellung, das Mädchen neben dir im Haus zu wissen. Es ist wie ein Stilfehler, der mich innerlich unfrei macht und mir, wie du vielleicht begreifst, nicht sehr erwünscht sein kann. Also hilf mir bitte in dieser — ich möchte sagen: Korrektur des dortigen Bildes.« Und so weiter.

Nun wußte sie sofort, warum die Vorstellung ihn unfrei machte, und was für eine Vorstellung das überhaupt war. Der letzte Grund seiner Unlustgefühle bestand in der Achtung, die er nach wie vor auch bei scheinbar schwindender Liebe der jungen Respektsperson und seinem Verhältnis zu ihr darbrachte. So glaubte sie zwar, daß in der Entfernung sein Liebesgefühl abgenommen habe, zumal es durch sie bestritten wurde, aber sie glaubte nicht an eine Erschütterung der Liebesgrundlage, vielmehr war sie vorläufig davon überzeugt, daß alles neu da sein werde, sobald die jungen Menschen einander wieder zu sehen bekämen, und dies, obwohl der heutige Brief des Leutnants ohne jede Gewaltsamkeit und Selbsttäuschung, denn sie hatte ihn nicht erwartet, als Heiratsbetrachtung ausgelegt werden konnte, und zwar mit ihr, Malva Klinger. Sie lächelte viel mehr erwägend als spöttisch, während sie ihre Rivalin mit einem Blick streifte. Ihr war zuviel bekannt von den unfruchtbaren Qualen der Sehnsucht, den ziehenden Leeren der Einsamkeit und den kalten Schrecken des unerbittlich anrückenden Alters, als daß sie ein solches Angebot nicht sehr sorgfältig bedacht hätte, zumal in einem Fall wie dem vorliegenden, wo sie längst liebte und für ihr Gefühl nicht wenig gelitten und geduldet hatte. Ein Entschluß jedenfalls stand ihr sofort fest, noch[S. 176] während sie den Brief zusammenfaltete und wieder in den Umschlag steckte: sie würde Heinz nicht bei der Entfernung des Mädchens helfen, da sie alles Interesse daran hatte, Linde in dem »störenden Verhältnis« zu erhalten und ihn in seiner »unerwünschten Unfreiheit«. Wenn sie Aussicht besaß, die Liebesgrundlage zu erschüttern, so war es durch die Pflege dieses wertkränkenden Umstandes, und obendrein gewann sie darin — durch sein Leiden an den Dingen — in Tiefen Gewalt über ihn, die ihr sonst nicht zugänglich geworden wären.

Die Stimmung, die sie aus diesem ganzen Tatbestand zog, empfand sie sofort als vermehrte Lebenssicherheit und als Geneigtheit zu vorsichtiger Unternehmung. Vorläufig wußte sie noch nicht, was in ihr größer war, die Liebesbeziehung zu Heinz oder die Haßbeziehung zum Mädchen. Zwischen ihr und Linde, so kam es ihr manchmal zu ihrer peinlichen Verwunderung vor, schwebte vielleicht mehr als nur eine Reihe von Zufällen und Anlässen, bei denen sie einander hassen und fürchten gelernt hatten, sie verband unter Umständen eine Feindschaft von Anbeginn, die ihren Austrag verlangte und ihr Opfer wollte. Möglicherweise bedeutete die Liebe zu demselben Mann nur ein Symbol, dann freilich ein sehr bedeutsames und unausweichliches. Inzwischen beschloß sie, gleich nachher mit der Feindin in dieser Richtung ein Vorpostengefecht herbeizuführen.

Unterdessen hatte auch der Dechant seine Morgenlektüre beendigt, und sie war von einer Qualität, daß sie ihm die aufmerksam auf die heutige Leistung gesammelte Stimmung, mit der er zum Frühstück erschienen war, von Grund auf störte, ja in der Folge davon verspürte er sogar Lust, den andern ihre friedliche zu verderben. Indem er sie aber der Reihe nach betrachtete, fand er nur sehr schwache Spuren davon an ihnen, und bemerkte er weiterdenkend, daß der Friede in seinem Haus überhaupt eine fragliche Ware geworden sei. Die Tante lebte zwar mit ihren Büchern und ihrer ausgebreiteten Korrespondenz ihren gewohnten weltläufigen[S. 177] Stil weiter und hatte sich nachgerade so geschickt ins gestörte Hauswesen eingefügt, daß sie manchmal geradezu unentbehrlich schien. Andererseits hatte sie ihn bis auf diesen Tag schon zu allerlei widerstrebenden Freundlichkeiten halb verführt und halb gezwungen, und während er sich daran erinnerte, wandte er den Blick unbehaglich zu Linde. Die hatte schmale Wangen und dunkel unterstrichene Augen, und es fehlte ihr weder an Güte noch an strengen Lieblichkeiten, aber am rechten glücklichen Jugendlicht, obwohl sie eben einen Liebesbrief aus der Hand gelegt hatte. Es brauchte manchmal nicht viel, daß er sie freundlich zwang, eine Hilfskraft ins Haus zu nehmen, aber es brauchte doch noch etwas, nämlich daß von den beiden zähen Schmollern einer dem andern einen Vorsprung ließ. In der Zeit beruhigte er sich damit, daß ihr ja die Tante einen großen Teil der Arbeit abnehme. Jetzt saß sie freilich da und rührte traurig sinnend in ihrem Kaffee, ohne etwas zu genießen, und mit einem verdrossenen und heimlich aufgebrachten Blick erhob er sich so plötzlich und ungeduldig, daß beide Frauen fragend die Augen nach ihm wandten. Aber er hielt sich nicht mit Erklärungen auf; bloß an der Tür drehte er sich noch halb um und sagte: »Komm dann nachher einmal zu mir herauf, Linde; ich habe mit dir zu sprechen.« Bald darauf hörten sie ihn mit unruhigen Schritten in seinem Zimmer auf und ab gehen.

Eine Weile horchten die Frauen stumm auf das einsame Geräusch, Linde mit den Gedanken bei dem entfernten Freund, die Tante sich zum beabsichtigten Gefecht rüstend. Schließlich räusperte sie sich.

»Warum ißt du nicht?«

»Mir ist heute nicht ganz gut«, erwiderte Linde einfach. »Ich will ein wenig fasten.«

»Heinz schreibt, er hätte dir geraten, den Ort zu wechseln, und ich solle ihm dabei helfen. Ich werde ihm natürlich nicht helfen, sondern denke, daß du hierbleiben wirst.«

[S. 178]

»Warum denkst du das?« fragte Linde, auf eine Feindseligkeit gefaßt.

»Ich könnte sagen, weil der Dechant dich braucht, und hätte sonst gar nichts nötig«, erwiderte sie singend und etwas von oben herab. »Aber es wäre nur halbe Wahrheit. Die ganze Wahrheit ist, daß du die Nachsicht deines Onkels nötiger brauchst als er deine Dienste. Es haben jetzt nicht alle Leute soviel Gutmütigkeit, ein kränkliches und nicht übermäßig tüchtiges junges Mädchen um einiger Nettigkeiten willen zu unterhalten. Du hast immer noch nicht begriffen, daß wir Krieg führen, und was das in seinem ganzen Umfang bedeutet: Krieg! Nun, manchen hat Gott ihren sanften Egoismus gegeben, daß sie sich leichter haben, aber sie sollten wenigstens begreifen, daß andere das Leben nicht so leicht finden, und ihre Haltung danach einrichten. Mir scheint deine christliche Selbstgenügsamkeit etwas billig, und es wäre gut, wenn du dich bemühtest, wieder etwas mehr zum allgemeinen Leben beizutragen.«

»Insofern wäre es vielleicht doch besser, auf eine Zeitlang den Ort zu wechseln, da ich dir hier soviel Anstoß gebe«, meinte Linde.

»Insofern wäre es besser, deine Tonart zu wechseln«, versetzte die Tante schärfer. »Ich bewundere nichts an dir als die Stirn, die du nach allen Vorgängen noch hast.«

»Von was für Vorgängen sprichst du?« begehrte Linde aufhorchend zu wissen, während auf ihren Wangen eine leise Röte erschien. Die Tante lächelte.

»Viel Sicherheit tönt nicht aus deiner Frage«, spottete sie. »Obwohl ich immer fand, daß Personen deines Schlages überraschend dickfellig sind. Ich besitze ja wirklich kein Bedürfnis, von dir um Verzeihung gebeten zu werden; solche frommen Scherze liegen mir gar nicht. Aber es hätte für dich gesprochen, wenn du während der langen Zeit meines Hierseins einmal Gelegenheit genommen hättest, eine begangene kindliche Niedertracht ins gleiche zu bringen. Auf deinen Charakter hab' ich mich nie verstanden.«

[S. 179]

»Wenn du keine Bitte um Verzeihung erwartest, was verstehst du dann darunter, etwas ins gleiche zu bringen?«

Die Tante bemerkte mit Ärger die Herausforderung in dieser Frage. Einen Moment stutzte sie sogar darüber. »Oh, ganz einfach und von Mensch zu Mensch«, brach sie dann mit einem etwas unangenehmen Lachen los. »Ganz natürlich! Es ist nicht die mindeste Übernatürlichkeit dabei. Wir sind nur gewöhnliche Weltmenschen, aber wir halten auf gute Sitten, obwohl wir manchmal auch höhere Ideen hätten. Man kann ja Kindereien begehen aus Dummheit, aus Bosheit, ja aus Bequemlichkeit; du siehst, es fehlt mir nicht an Toleranz. Aber wenn man ältere Personen in Mitleidenschaft gezogen und sogar menschliche Verhältnisse auf lange hinaus verdorben hat, und man fängt dann einen frommen Wandel an, so glaubte ich bisher, dergleichen beginne damit, daß man zuerst seine persönlichen Verhältnisse ordnet auch mit solchen Personen, die man nicht besonders gut leiden kann, trotz aller Heiligkeit. Abneigungsmotive sollen ja sonst bei wirklich frommen Menschen nicht mehr wirksam sein. Aber vielleicht bist du noch eine sehr grüne Heilige, und dann muß man dir manches nachsehen. Nun, ich in meinem Teil stehe auf dem Standpunkt, daß ich mein Verhalten zu dir ganz von deinem Verhalten zu mir abhängig mache. Du kannst mich so erleben und kannst mich anders erleben. Das wollte ich dir schon lange einmal sagen. Richte dich also danach. Auf schöne Worte gebe ich aber nichts; damit bin ich schon lange nicht mehr zu fangen.«

Linde saß nun wieder mitten im gerechten Zorn. »Hattest du etwa das Gefühl, daß es mir darauf ankomme, dich mit irgend etwas zu fangen?«

»Ich brauche dir über meine Gefühle ja wohl nicht Rechenschaft zu geben«, achselzuckte die Tante etwas dürr und erhob sich. »Wenn dir daran liegt, sie kennenzulernen, so mußt du dir, wie schon gesagt, einen andern Umgangston dafür aussuchen.«

[S. 180]

»Den Ton in diesem Haus gibst ja gegenwärtig du an«, bemerkte Linde.

Die Frau zog die Augenbrauen in die Höhe. »Sehr nett«, anerkannte sie hochmütig. »Aber ich werde nicht mit dir zanken, meine Liebe. In einem so vertraulichen Verhältnis stehen wir ja nicht zueinander.«

»Das war auch immer meine Auffassung!« bestätigte das Mädchen ernst. Der Tante fiel der schwermütige Gesichtsausdruck auf, mit dem sie diese Worte sprach, und er gab ihr nachher noch zu denken. Für jetzt erwiderte sie lächelnd und mit vorgeschobenem Kinn:

»Wie du meinst, mein Kind. Dann gehst du aber etwas unbequemen Zeiten entgegen.«

»Ich bin davon noch nicht ganz überzeugt«, sagte Linde um einen Schein blasser und bitterlich ihren Blick festhaltend. »Ich denke, wenn du dagegen bist, daß ich den Platz hier verlasse, so will das heißen, daß du ihn bald räumen willst.«

Der Hieb saß. Die Frau, die sich schon zum Gehen gewandt hatte, fuhr getroffen herum und tat beinahe unbewußt einige Schritte zum Mädchen zurück, das noch auf seinem Stuhl saß. »Ich bin dir immerhin verbunden, daß du endlich dein wahres Gesicht zeigst«, erklärte sie, nun ebenfalls mit zitternder Stimme, aber vor Wut und ein wenig zischend, sosehr sie sich auch Gewalt antat. »Mein Kindchen, um eine solche Haltung mit Erfolg durchführen zu können, bist du ein bißchen zu provinzlerisch, und dazu hast du schließlich auch nicht den sittlichen Standpunkt. Zum Glück stehen noch Mächte und Personen hinter uns, die dir Autoritäten bedeuten, und bei denen dir an deinem guten Ruf etwas gelegen ist. Nein, meine Liebe, ich werde den Platz zunächst noch nicht räumen; darüber beruhige dich nur. Es liegt mir im Gegenteil daran, ihn noch länger mit dir zu teilen. Hast du mir sonst noch einen zartfühlenden Vorschlag zu machen? Es scheint nicht. Nun, ich stehe dir ja jederzeit zur Verfügung.«

[S. 181]

Nach diesen Worten ging sie ziemlich rasch ab, solchermaßen das letzte behaltend. Linde erhob sich wenig später müde und unter einem großen innern Schweigen, um ihre Tagesgeschäfte fortzusetzen. Nachdem sie in den untern Räumen fertig war, stieg sie zum Dechanten hinauf, um zu hören, was er ihr zu sagen hatte.

Über den Dechanten hatte in jener Zeit die Kunstleidenschaft vollständig die Herrschaft gewonnen. Die Stunden, die er nicht auf dem Bauplatz verbrachte, wozu ihm die Kirche jetzt ganz geworden war, steckte er in seinem Museum oder im Arbeitszimmer über alten Chroniken und über seiner neuen, zusammenfassenden, von der gegenwärtig eben die ersten Kapitel wurden. Anders als kunsthistorisch beschäftigt sah man ihn überhaupt nicht mehr im Dom. Die gottesdienstlichen Handlungen samt der Beichte und der Predigt überließ er unbeschränkt seinen Hilfsgeistlichen, die erstere, weil ihm die Stimmung dazu fehlte, die letztere, weil ihm die Vorbereitung zuviel Zeit weggenommen hätte, denn er besaß bereits einen auf den Termin festgelegten Vertrag mit einem Verleger. Gegenwärtig wurden die photographischen Aufnahmen gemacht, mit denen nachher das gelehrte Werk ebenso anschaulich unter- und überbaut als kurzweilig geschmückt werden sollte. Der Dechant lebte ständig in einer gewissen geistigen, aber nicht geistlichen Erregung, und für alle nicht kunstgeschichtlichen Verhältnisse und Beziehungen seines Lebens verlor er in zunehmendem Maß die Aufmerksamkeit und den Sinn. Außerdem spannte ihn ein Ereignis, von dem noch die Rede sein wird. Er lebte abwesend, wühlend und in einem ständig seine Glut steigernden Vorfeuer des weltlich-wissenschaftlichen Ehrgeizes nach Erfolg und Ruhm. Das war auch mit ein Grund, warum die Tante in ihrer Hauspolitik schließlich von ihm unbehelligt blieb; jetzt schob er alles auf und hinter sich, was an ihn sonst noch Ansprüche stellte, und zwar nicht lässig und lahm, sondern mit heftig entschiedenen Bewegungen und stets reizbarer, leidenschaftlicher Abwehrgebärde.

[S. 182]

In diese Stimmung hinein hatte ihn diesen Morgen ein Schreiben des Erzbischofs getroffen. Es beschäftigte sich mit seiner Kirchenrenovation, über die er einige grundsätzliche Bedenken äußerte. »Wir haben es gutgeheißen«, stand darin, »daß Du nebenbei einige Gelegenheit benutztest, um das eine oder andere alte Gerät wieder ans Licht zu bringen, was Dir denn auch vielfach gelungen ist. Du weißt, daß Wir von vornherein keinen sehr großen Nachdruck auf diese Möglichkeit legten, von der Wir nur als Gelegenheit sprachen. Wir meinten daher auch keineswegs, daß, wie es seither immer mehr den Anschein gewonnen hat, Du das ganze Werk auf eine Liebhaberei und auf eine Leidenschaft einstellen würdest, die weniger Gott und der Gemeinde dienen als der weltlichen Wissenschaft. Laß Du die Kunstgeschichte denen, die diesen Zweig von vornherein für sich gewählt haben. Du hast, soviel Wir wissen, den Dienst Gottes an der Seele der Menschen für Dich gewählt. Die Klagen über Deine so ungebührlich in die Länge gezogene Kirchenrenovation mehren sich. Ich weiß, daß Du in einseitigem Eifer mit der weltlichen Behörde Abmachungen trafst, die den Termin der Wiedereinweihung Deines Domes um Monate hinausgeschoben haben. Darüber wirst Du Dich noch besonders vor Uns zu verantworten haben. Die Gemeinde kniet im Maurerstaub. Die heiligen Geräte und Symbole der Jetztzeit liegen im Schuppen, während Du alte ausgräbst, und die Gläubigen sehen auf eine zerstörte Stätte, auf Attrappen aus unbemaltem Karton und auf rohe Gerüste, die längst wieder aus der Kirche sein sollten. Wir wollen daher, daß Du am nächsten Montag Dich bei Uns einfindest, um Uns Rechenschaft über den Stand der Dinge zu geben und Unsern endgültigen und unwidersprechlichen Entschluß über die weitere Führung jener Geschäfte zu erfahren. Wir werden dann auch noch andere Fragen zu besprechen haben, die Dein persönliches Leben und Deine Hausordnung angehen, und die ebenfalls Unser lebhaftes Bedenken erregen. Sieh zu, daß Du über alles befriedigende[S. 183] Auskünfte geben kannst, die Wir Uns gerade von Dir herzlich wünschen. Inzwischen empfange Unsern Segen.«

Vom Segen spürte er diesmal nicht viel, sosehr er den alten Herrn bisher verehrt hatte; er steckte jetzt voll weltlich erregter Ströme, die einem solchen frommen Einfluß widerstrebten. Heftiger brandeten sie freilich an dem unerwartet entgegengestellten Hindernis auf, und der Unmut dieses Sohnes der Kirche über die vorgesetzte väterliche Gewalt war nicht klein, aber sofort stark von schlechtem Gewissen bestritten. Nun wäre die Erregung in solchem Umfang trotzdem nicht ganz zu verstehen und würfe ein schlechtes Licht auf den Charakter des Dechanten, wenn man nicht erführe, daß er gerade diese Tage über eine alte Handschrift geraten war, die alle seine Leidenschaften aus dem Grund neu aufregte. Denn in dieser Handschrift stand klipp und klar, daß unter dem Boden des Chores, da, wo in der darunterliegenden Krypta alle Traggewölbe nach dem Mittelpfeiler zusammenlaufen, in diese Vereinigung zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges ein Kasten mit goldenen Geräten, die schon in der Handschrift als alt bezeichnet wurden, versenkt worden sei. Mit dieser Nachricht erklärte sich dem Dechanten erstens auf einen Schlag die auffällige Armut des alten, vielverehrten Gotteshauses an goldenen Geräten und an Edelsteinen, an denen viel jüngere und weniger berühmte Dome unverhältnismäßig reicher waren, zweitens der Umstand, daß er nirgends auf einen Hinweis über den Verbleib der unzweifelhaft vorhanden gewesenen Votivgaben gestoßen war, und drittens weckten sie in dem einfach lebenden und persönlich so anspruchslosen Mann urplötzlich einen rechten Heißhunger, eine geistige Wolfsgier nach kirchlichem Besitz, Gold und Edelgestein, Reichtum und schwerer Pracht, daß er seit den Tagen, die er mit diesen schwülen Vorstellungen im Kopf herumlief, sich selber nicht mehr kannte. So gut ihm die Armut und Einfachheit seines Domes bisher gefallen hatten, so ehrgeizig wild, um nicht[S. 184] zu sagen: verwildert, umflogen nun seine Gedanken die Stelle im Chor, in welcher ein solcher Glanz verborgen war. Durch die Hebung des Schatzes konnte womöglich sein Dom von einem Tag auf den andern alle übrigen an Besitz und geschichtlicher Bedeutung überstrahlen, abgesehen von dem Ruhm, den ihm die Tat persönlich einbringen mußte.

Die Schwierigkeit dabei war aber die, daß der Architekt ein bedenkliches Gesicht machte, nicht über die Urkunde, an die glaubte er ebenso wie der Dechant, aber über die technische Ausführung der Hebung. Er wollte sie nicht wagen ohne eine ausgiebige Stützung des Gewölbes, und zwar des ganzen, da man nie wissen konnte, welche Überraschungen man mit einer alten Krypta erlebte, wenn man sich mit ihrer Struktur einließ. Der Bau war im ganzen nicht mehr sehr kernig und hing hauptsächlich durch sich selber zusammen; ein Turm war schon vor dreißig Jahren eingestürzt, und ein Eingriff wie der beabsichtigte war ein Unternehmen von ernstlicher Tragweite an Mitteln, Zeit und Geld. Anstatt eines günstigen Zufalls nun, der dem Dechanten weitergeholfen hätte, kam dieser Brief des Erzbischofs seiner Leidenschaft außerordentlich unerwünscht in die Quere, und wenn es ihm nicht gelang, den hohen Herrn am Montag für die Ausgrabung zu gewinnen, so wußte er nicht, was weiter werden sollte. Indessen glaubte er im letzten Grund nicht, daß der Erzbischof auch unter diesen Umständen an seinem Einspruch festhalten würde, und nötigenfalls ließ sich vielleicht zwischen ihm und der weltlichen Behörde ein Abkommen zustande bringen, nachdem er sich noch ein bißchen länger geduldete und die weltliche Behörde einige Arbeiter mehr stellte.

Für diese Angelegenheit rüstete er sich also mit einigem Mut, für die auferlegte Rechtfertigung mit Ergebenheit, zum voraus wissend, daß er sie nicht zum besten bestehen werde, und was den letzten Satz des Hirtenbriefes nicht an die Herde, sondern an den zweifelhaften Unterhirten anging,[S. 185] der sich mit dessen privaten und häuslichen Angelegenheiten befaßte, so sah er sich zu seinem tief betroffenen Verdruß nun doch genötigt, zwischen allen Geheimnissen einen Austrag zu suchen, denn das Geraune oder Geschwätz, wenn es kein Geschrei war — er wußte ja nicht mehr, was in der Gemeinde vorging —, hatte offenbar bereits den Weg ins erzbischöfliche Palais gefunden und kam ihm von dort in der Form einer sehr ernsten Drohung und einer Vorladung zurück. Er mußte also über diese Dinge zumindest Bescheid wissen, und das war der äußere Grund, warum er Linde zu sich befohlen hatte. Die innere Veranlassung besaß er schon lange.

»Setze dich, Linde«, sagte er nicht ungütig zum Mädchen, als es eingetreten war, und wies ihm einen Stuhl an. »Du kommst nicht zu oft dazu. Warum nimmst du nicht wieder einmal dein Mittel ein? Mir scheint, daß du's brauchen könntest. Am besten wäre gewesen, du hättest damals eine Aushilfsköchin angestellt, als ich's dich hieß. Nun, wie du willst. Hoffentlich geht's mit der Brigitt bald wieder aufwärts. Wie war die Nacht?«

Linde gab Auskunft und wartete wieder. »Hm!« machte der Dechant und ging nachdenkend und mit seiner Verstimmung kämpfend einige Male auf dem Teppich vor dem Bücherregal auf und ab. »Deshalb habe ich dich übrigens nicht herbestellt. Du hast mir vor einiger Zeit eine Auskunft verweigert, du weißt welche, du hast sie sowenig vergessen wie ich. Es brauchte weiter nichts dahinter zu stehen; eine Störung in den innerlichen Beziehungen, sonst nichts. Vom übrigen, dachte ich, werde das Haus von selber rein werden. Nun, derlei Angelegenheiten haben die Eigenschaft, daß sie um sich greifen wie Petroleumflecken. Wo sie hindringen, verbreiten sie üble Gerüche und verraten, daß etwas nicht in Ordnung ist. Heute stellt der Erzbischof dieselben Fragen an mich, die ich damals an dich stellte. So weit haben wir das gebracht, daß man uns von außen ins Haus greifen kann. Du bist mir immer noch die nächste, mit der ich über[S. 186] diese Dinge reden mag. Ich gebe dir jetzt Gelegenheit, unser Vertrauensverhältnis wiederherzustellen. Benütze sie, Kind. Was ist jene Nacht um die Tante vorgegangen?«

Nun war für Linde der Augenblick der Rache da, ganz ungesucht zu benützen und mit dem besten Gewissen zur allgemeinen Befreiung zu wenden. Sie mußte freilich bedenken, ob es möglich sein werde, das Geheimnis der Frau preiszugeben, ohne das eigene zu gefährden, aber sie bedachte es nicht, sondern sagte nach kurzem Zögern: »Ich weiß es nicht!«, ohne eine einzige egoistische Nutzanwendung angestellt zu haben. Aber weil ihr einmal die Triebkraft ihrer Handlungen aus zwei Quellen flossen, der Liebe und der Feindschaft, so erkannte sie neben ihren innersten Gründen der Vornehmheit gleichzeitig einen äußern, der ebenfalls zu einem innern wurde: sie durfte nicht dazu beitragen, die Tante von hier zu vertreiben, denn aus der fortdauernden körperlichen Gegenwart der bittern Frau gewann Linde etwas wie ein Sicherheitsgefühl dafür, daß mit ihrer schwebenden Liebesmöglichkeit — die Liebe selber hing für diesen Frühling erfroren am Baum — keine eingreifende Veränderung geschah. Solange sie um Heinzens Geschick sozusagen unter seinen Augen mit der Feindin kämpfen durfte, solange konnte er weder ihr noch sich selber ganz verlorengehen. Nebenher fand sie freilich ihre Gewissenslage gegenüber dem wohlmeinenden Mann und der geistlichen Person fortgesetzt ungünstig.

»Hm!« machte der Dechant, wieder enttäuscht. »Ich hoffe, daß dich kein unangebrachtes Feingefühl hemmt.«

»Mich — hemmt kein Feingefühl«, sagte sie und glaubte es selber.

»So weißt du auch nicht, was es mit der Geflügelschere der Magd auf sich hat und mit ihrem Nervenfieber? Dergleichen kommt nicht vom Kuchenbacken an eine sonst so robuste Person. Sicher hat sie dir Mitteilungen gemacht! Ihr seid ja wie Mutter und Tochter.«

»Ich weiß — nichts«, erwiderte Linde mit Anstrengung.[S. 187] »Die Geflügelschere hat sie wohl zuletzt in der Hand gehabt.« Und auf die vorige Frage zurückkommend, sagte sie noch: »Die Tante spricht ja selber von der Lampenglocke.«

Von ihren etwas eintönigen Ableuchtungen gereizt, trat der Dechant ihr ungeduldig näher. »Das ist nicht die Miene, mit der man Wahrheit spricht«, bemerkte er bewegt. »Es fällt mir schwer, dir geradezu ins Gesicht zu sagen, daß du lügst, aber du solltest bedenken, daß ich dich von Kind auf kenne. Nach der Blutspur werde ich dich nun gar nicht fragen; du wirst mir antworten, daß die Tante Hilfe haben wollte. Aber warum fand ich dich am Prozessionsmorgen, als der Betrunkene dagewesen war, so vollständig erschüttert und niedergebrochen? Das sage mir. Darüber mußt du Bescheid wissen.«

Gequält ließ sie ihn wieder einen Augenblick auf Antwort warten. »Ich — erschreckte mich über den Menschen«, sagte sie dann tonlos und wartete weiter, sie wußte nicht worauf.

Ihm schlug das Herz vor Unmut, und der Blick trübte sich ihm, was bei ihm stets mit großen Gemütserregungen verbunden war. Rasch trat er vollends auf sie zu, legte ihr die Hand auf den Scheitel und bog ihr mit einer innerlich heftigen, doch nicht unzarten Bewegung den Kopf zurück. »Linde«, sagte er leise, beinahe knurrend: »Linde, du weißt, daß ich dich in der Beichte fragen kann! Willst du's darauf ankommen lassen?« Aber als sie ihm nur mit abgewandtem Blick das blasse Gesicht wies und mit festgeschlossenen Lippen schwieg, ließ er ihren Kopf schwer verdrossen fahren und wandte sich, um seine ruhelose Wanderung wieder aufzunehmen. »Es ist gut, du kannst gehen«, sagte er endlich, nachdem er sich wieder gefaßt hatte, mit einer Stimme, die sie noch nicht aufgab, aber die ihr tief erzürnt drohte. »Ich werde die Wahrheit ja von andern Personen im Haus erfahren, aber es wird dir nicht zugut kommen, daß ich zu ihnen gehen muß.«

Linde erhob sich mit einem Seufzer, stand noch einen[S. 188] Augenblick schweigend mit düsterm Blick und verließ dann langsam und unter einem Frostschauer das Zimmer. Draußen fiel sie nach der schlaflosen Nacht und den Erregungen des Morgens eine solche Schwäche an, daß sie zuerst ihr Zimmer aufsuchte, um sich ein wenig auf dem Bett auszuruhen. Sie sank sofort in eine fieberige Bewußtlosigkeit, aber nicht ganz, sondern ein wenig wache Qual blieb immer noch vorhanden. Aus der gewollten Viertelstunde wurden zwei und mehr, so mühselig sie auch um die Herrschaft über ihre Glieder kämpfte. Endlich, als die Tante sie lange nirgends mehr gesehen hatte und auch nicht in der Küche fand, obwohl es ihr längst Zeit zum Kochen schien, ging sie sie suchen und fand sie, wo und wie sie zu finden war. Da sie auch auf kalte und spöttische Worte sich diesmal nicht aufraffte, hieß sie sie mehr, als daß sie ihr erbarmend half, sich vollends zu Bett zu legen. Sie war heute zum erstenmal in diesem Zimmer, das mit einigen Abwandlungen aussah wie überall die Kammer eines gedankenreichen, warmherzigen und reinlichen Mädchens. Alles blickte ihr von Wänden, Tisch und Kommode freundlich und geordnet entgegen. Vor dem kleinen Altärchen der Mutter Gottes standen farbige Strohblumen still und liebreich, und ebenso standen sie vor einem Bild des Leutnants auf der Kommode nicht zum Vergnügen der Tante, und indem sie sich daran erinnerte, was in diesem Zimmer sich gegen ihre Wünsche zugetragen hatte, überfiel sie ein ärgerlicher Verdruß, den sie schwer verbarg. Unterdessen sagte sie singend und unteilnehmend: »Dann sieh nur, daß du morgen wieder zu brauchen bist!« und verließ sie, ohne nach einem Wunsch gefragt zu haben.

Von Lindes Zimmer weg stieg sie in die Küche hinunter, um zu sehen, was zu tun sei. Kochen war nun gerade die Angelegenheit, von der sie am wenigsten verstand. Außerdem wäre es zu einem richtigen Mittagessen zu spät gewesen. So fand sie zu ihrem und zum Glück des Dechanten einen Teller kalte Kartoffeln, die sie briet, und ein Töpfchen mit ebensolchem Kohl von gestern, den sie aufwärmte. Der Dechant[S. 189] fand das Glück jedoch nicht übermäßig, und er aß mit geringer Begeisterung. Da er nun außerdem dem Weib, um das sich soviel Dunkelheit und gefährlicher Schein zusammenzog, am Tisch allein gegenübersaß, war ihm auch innerlich nicht wohl, und flogen seine Gedanken wie Schwalben, denen man das Haus zerstört hat, irrend und unermüdlich um sein zerstörtes. Sie beobachtete ihn eine geraume Weile; schließlich fand sie es für gut, das Wort an ihn zu richten.

»Du bist heute schlechter Laune, mein Freund«, redete sie ihn leicht lächelnd an. »Ich glaube, daß du diesen Morgen üble Post bekommen hast. Darf man nichts davon hören? Es wird ja doch mit dem Kirchenbau zusammenhängen, mit dem dein ganzes Wohl und Weh verknüpft ist. Ist dir wieder ein Vorgesetzter in den Weg gefahren?«

Der Dechant zuckte die Schultern. »Es ist die alte Leier«, sagte er unlustig. »Den Leuten dauert alles zu lang; sie glauben, ein Münster bessert sich in einem Tag aus wie ein Ziegenstall.«

»Mit dem Unterschied, daß unter einem Ziegenstall keine besonders wertvollen Geräte gefunden werden«, meinte sie mit leichter Laune. »Mein Freund, man muß nicht mit Leuten über Dinge disputieren, die sie nicht verstehen. Wer etwas durchführen wollte, hat es noch allemal allein schaffen müssen.«

»Ja, wenn die verschiedenen Instanzen nicht wären«, brach er los; ihre Anteilnahme löste ihm die Sprache wie Malzzucker den Husten, und so kam er, ob er wollte oder nicht, auf seine alte Chronik und den Schatz im Chor zu sprechen. »Gut, wenn ich davon nichts wüßte, so möchte doch jeder zu seinem Recht kommen. Aber zu denken, daß wir das Chor schon vorgehabt haben und vielleicht nur zehn Zentimeter mit der Spitzhacke von dem Gewölbe entfernt waren —!« Er schlug sich leidenschaftlich mit der flachen Hand vor den Kopf, ohne zu vollenden.

»Nun, und wer steht dir im Weg zu diesem Schatz?« fragte sie.

[S. 190]

»Der Erzbischof!« achselzuckte er lakonisch; sie hörte, daß hier vor seinem Zorn eine Barre über dem Weg lag, und hielt es für gut, sie zu achten.

»Er wird dir schon nicht die Handschrift in Luft auflösen«, sagte sie tröstend.

»Das ist's ja«, zweifelte er trübe. »Wird er was darauf geben? Um einer alten Handschrift willen, die nicht einmal beglaubigt ist, darf er nicht einen solchen Aufwand an Zeit und Mitteln neuerlich zulassen.«

»Wird das einen so großen Aufwand geben?« erkundigte sie sich. Er erklärte es ihr.

»Mit den nötigen Leuten wäre alles zu leisten, aber die kosten auch wieder Geld, und ich bin zu Ende. Ob wenigstens die Regierung auf die Handschrift sich bewegt, ist mehr als fraglich, ohne Beziehungen, wie ich dastehe. Wäre sie mir doch ein Vierteljahr früher in die Hände gekommen. Ist aber das Haus einmal geweiht, so kann ich überhaupt an nichts mehr denken.«

»Das heißt«, warf sie lächelnd ein: »Du wirst an gar nichts anderes mehr denken als an den vergrabenen Schatz. Aber wie wäre es, wenn wir die Sache in der Stille miteinander machten? Wieviel brauchst du denn? Fünftausend? Zehntausend? Ich stehe dir vollständig zur Verfügung. Du wirst doch keine unüberwindliche Abneigung gegen protestantisches Geld haben?«

Aber der Dechant schien eine zu haben. »Liebe Malva«, sagte er erkältet und spröde abspringend: »Das ist gutgemeint, und ich danke dir, aber darüber können wir nicht reden. Ich habe ohnehin schon genug Geschrei um mich.«

Sie merkte, daß sie sich wieder zu weit vorgewagt hatte, und schwieg ein Weilchen. Dann versuchte sie, der Sache von einer andern Seite beizukommen. »Sieh mal«, sagte sie endlich, »du solltest mir nicht die einzige Gelegenheit verwehren, die lange Gastfreundschaft, die ich hier genieße, durch einen kleinen Dienst ein bißchen auszugleichen. Du wirst mich nämlich noch nicht ganz bald wieder loswerden,[S. 191] außer wenn du aggressiv gegen mich vorgehst. Die kleine Stadt und das stille Haus mit seiner saubern und einfachen Atmosphäre tun mir wohl. Ich habe nicht die beste Zeit hinter mir. Davon sprachen wir noch nicht. Du weißt vielleicht noch, wie äußerlich und verhastet du mich von Anfang fandest. Es war etwas Aufgelöstes und Zielloses in mir. Gott, dieser Krieg mit seinen Aufregungen! Dann die Prozesse um den wissenschaftlichen Nachlaß meines Mannes, bei denen beinahe jede menschliche Gemeinheit wenigstens einmal irgendwo durchschlug. Degoutant ist die Eitelkeit und Perfidie in dieser wissenschaftlichen Republik. Nachher das ungeregelte Leben mit Schauspielern und Literaten, durchdisputierte und -gerauchte Nächte auf Diwans oder auf Teppichen am Boden — wild, selbstbetäubend — alles um die Öde des Lebens zu füllen, während da draußen das Große vor sich ging. Nun, ich will dich nicht mit Einzelheiten beschweren. Genug, von dieser Unruhe — vielleicht war's auch eine Hysterie, die in der Zeit lag — davon habe ich hier schon vieles verloren. Inzwischen wird meine kleine Villa fertig werden; in die Großstadt zurückzugehen hätte ich jetzt einen Schauder. Bist du also nicht durchaus gegen mich eingenommen — ich bin ja nicht immer ein bequemer und vergnügter Mensch —, so möchte ich bei dir erst ganz zum innern Gleichmut kommen, bevor ich mich wieder weiter hinaus wage. Ich bin immer noch nicht gewisse quälende und verfolgende Traumgesichte los. Manchmal ist's mir, als ob ich über Kellern mit Leichen lebte. Aber reden wir nicht weiter davon. Du hast also gewissermaßen eine Mission an mir. Und nun also, wie gesagt, wäre ich dir geradezu dankbar, wenn du mir Gelegenheit gäbest, auch dir in einem dir wichtigen und wertvollen Handel zu helfen. Ich müßte sogar sagen, daß es mir nicht möglich wäre, länger hier zu sein, wenn du mich daran verhindertest. Das Leben ist doch ein Geschäft auf Gegenseitigkeit.«

Der Dechant war mit einiger Verwunderung in den Augen diesen Ausführungen gefolgt, und die vertraulichen[S. 192] Eröffnungen machten immerhin einen gewissen Eindruck auf ihn, wenn auch keinen durchaus angenehmen. »Du kannst natürlich bei uns bleiben, solange du dir einen inneren Vorteil davon versprichst«, sagte er, über Widerstände zustimmend. »Ich wußte nicht, daß dein Besuch bei uns etwas wie eine Flucht vor der Welt darstellt. Und da auch Linde gegenwärtig nicht zum besten im Stand ist, so kann es nichts schaden, wenn sonst noch jemand sich um das Haus kümmert. Darin würde ich schon Vergeltung genug sehen. — Was dann das andere angeht, darüber können wir ja noch reden«, schloß er, froh, mit einem guten Abgang den Tisch aufheben zu können.

Im Lauf des Nachmittags zeigte er ihr aber immerhin die alte Chronik, da sie darum bat, und die Pläne des Münsters und ging sogar mit ihr in die Kirche hinüber, um die Anstalt am Platz zu betrachten. Er konnte gar nicht recht hinsehen vor Herzweh und Leidenschaft, indessen die Klingse allerlei Interessiertes und sogar Gescheites über die Sache vorbrachte und jedenfalls in aller Zurückhaltung ganz seine Partei war. Das tat ihm dann doch wieder wohl, und er begann heimlich mit schwach gelichtetem Mißtrauen nach den fünf- oder zehntausend Mark zu schielen, aber doch immer noch mit Mißtrauen.

In der Zeit — es ging wohl an die zwei Stunden — lagen die beiden Patienten mutterseelallein im Haus und konnte mit ihnen passieren, was wollte. Brigitt hatte richtig nichts zu essen bekommen, und der Dechant dachte vor lauter ungehobenen Schätzen auch nicht an sie. Über Lindes Zustand besaß sie Nachricht. Das Mädchen hatte sich trotz aller Schwäche einmal hergeschleppt, um zu sehen, ob sie auch zum Ihren gekommen sei. Brigitt log: ja, und trieb nur erschreckt, daß Linde wieder ins Bett kam. Unterdessen litt sie erheblichen Hunger.

Als man ins Haus zurückkehrte, erinnerte er sich ihrer, aber nicht wegen ihres leiblichen Wohls, sondern wegen des bischöflichen Sendschreibens. Bald darauf trat er durch[S. 193] ihre Tür. Sie dachte, er wolle sie nur so wieder einmal besuchen, und war sehr erfreut.

Die Eingangsfragen des Dechanten nach ihrem Befinden beantwortete sie mit einer dankbarlich stolzen Miene, denn wenn ihr Herr sie mit einem Besuch bedachte, so befand sie sich wohl. Darauf kam sie mit einer ernstlich besorgten auf das Mädchen zu sprechen, und er wurde schweigsam. Als er darauf seinem Ziel näherrückte, wurde sie schweigsam. Schließlich schwiegen sie beide, sie mit peinlich verschlossenen Zügen, denn sie dachte an Lindes Verbot, wenn sie auch in Angst gehorchte, er mit ratlosen und erbitterten, denn jetzt blieb ihm nur noch die Tante übrig oder vor dem Erzbischof das Bekenntnis, daß er nicht wisse, was in seinem Haus vor sich gehe, abgesehen von einer Verschwörung gegen seine Person, deren Grund oder Absicht er aber ebenfalls nicht kannte. Still, doch unbehaglich grollend verließ er endlich die Magd, die in Kummer über die notgedrungene Verschweigung zurückblieb, außerdem selber ein bißchen grollend über seine ablehnende Haltung, als sie ihm von Lindes Zustand gesprochen hatte. Fehlte es ihrem Leib daher noch bis abends, wo ihr die Tante durch ein fremdes Kind ein bißchen Essen hinaufschickte, durchaus an Nahrung, so hatte ihr Geist dafür mehr als genug, wenn sie an die drei Hausgenossen dachte, an jeden mit den zugehörigen Gefühlen. Zum Glück hatte ihr Linde heute früh das ungebärdige Wesen gebrochen, so daß ihr Herz einen geduldigen und ziemlich treuen Takt schlug. Früh nach dem Nachtessen, von dem sie wenig aus der Hand der Feindin genoß, schlief sie ein; als sie nachts doch einmal von ihrem Herzen erwachte, fand sie Linde neben sich.

Der Dechant beschloß, die Tante aus diesem Spiel zu lassen. Er sah Linde, die am nächsten Tag ihren gewohnten Wandel fortsetzte, wenn auch trotz ihres Ruhetages unerquickt, durch den Schluß der Woche stets ergrimmter zu. Am Sonnabendvormittag stellte er sie im Hausgang oben. »Ich erwarte dich morgen zur Beichte«, sagte er fremd und[S. 194] leidend, blickte ihr noch einmal beunruhigt ins blasse Gesicht und ging dann mit raschen Schritten nach seinem Arbeitszimmer. Er hatte vor, die Predigt zu machen, die er morgen zur Abwechslung wieder halten wollte, weil er sich dazu aufgeregt fühlte. Aber es wollte ihm heute kein Satz gelingen, so nahe ihm das Material dafür — er dachte über die Krankheit der falschen Leidenschaft zu reden — zur Hand lag, nicht nur in der Person seiner Nichte, sondern viel näher in der eigenen, aber davon war ihm zur Zeit nichts bewußt. Fünf Blätter ballte er ärgerlich zusammen und warf sie in den Papierkorb, bis eines auch noch vielgeflickt und verschmiert zu den andern kam. Als er fertig war, wußte er durchaus nicht mehr, wie der Eingang lautete, und beim Nachlesen bemerkte er, daß dieser nicht im geringsten zum Schluß stimmte. Gereizt und in ziemlich unfrommer Stimmung erschien er zum Mittagessen, das ihm denn auch nicht bekam. Es befielen ihn bald nachher Magenschmerzen, und er mußte Pfefferminztee bekommen; als der nicht half, rüstete ihm Linde eine heiße Leibflasche, die etwas Linderung brachte. Insofern hatte Linde ihre eigene Magenschwäche nicht gestohlen; sie lag in der ganzen Familie. Auf den Nachmittagstee verzichtete er, und zum Abend genoß er nur zwei Stückchen Zwieback, obwohl es Heringe mit Kartoffeln gab, die er sonst zärtlich liebte. Auch dies schrieb er dem Mädchen auf die Rechnung. Er konnte es vor Groll fast nicht ansehen, obwohl es immer noch viel lieblicher dasaß als die Tante, mit der er im wohlgebildeten Hin und Her der Unterhaltung in aller Verstimmung höflich die Blicke kreuzte. Zeitig nach einem verpfuschten Tag zog er sich zurück und konnte beinahe nicht schlafen vor Erregung und vor Herzspannen auf den Morgen.

[S. 195]

Fünftes Kapitel
Der Beichtgang. Ein alter Prozeß wird wieder betrachtet. Der Gerichtstag

A

Als Linde am Sonntagmorgen zur Beichte ging, stand Bob umsonst erwartend und mit kurzen, anfragenden Bewegungen seines Schwanzes da, ob er mit dürfe. »Aber mein armes Kind, du bist doch ein Heidenseelchen«, sagte sie und streichelte ihm den dunklen, ausdrucksvollen Kopf. »Wie willst du denn mit Frauchen beten gehen? — Das Auge ist heute wieder schlimm; wir müssen's nachher ein wenig waschen. — Und dann riecht sein Fell wieder nach Mäusen, und das ist immer das schönste an ihm!« schloß sie plötzlich leidenschaftlich, drückte ihn rasch an sich und ging aus dem Vorgarten, während er ihr mit seinem gesunden Auge ernst und denkend nachblickte. Darauf führte er, irgendwie heimlich von ihr erregt, plötzlich die vordere Streckung aus, nachher die hintere, um noch eine ganze Weile unmutig herumzustreichen.

Linde war die Nacht wieder spät zu Bett gekommen. Über dem Schreiben an Heinz und dem Denken an ihn war ihr die Zeit nicht eben glücklich aber schnell vergangen, und schließlich hatte sie ihr doch etwas wie eine Befriedigung zurückgelassen, denn es war ihr gelungen, ihm in freien und lebendigen Worten zu sagen, warum sie dableiben müsse, wo sie war, aber das Beste von allem hatte sie unter die Zeilen versteckt wie die Mutter die Ostereier unter die Buchsbaumhecken im Garten; dort konnte er suchen, wenn seine Sehnsucht am grünen ordentlichen Buchs noch nicht satt wurde. Indessen hatte er der Klingse erst neulich angedeutet, welche Art es mit seiner Unersättlichkeit auf sich habe, und zwischen den Zeilen las er jetzt mehr bei ihr als bei seiner wahren Geliebten. Daß er dabei immer tiefer ins Hungern geriet, bemerkte er halb und halb, und er gab ganz dem Mädchen die Schuld daran, weil es ihn am richtigen Zugreifen hindert.

[S. 196]

Nachdem Linde den Brief in den Kasten geworfen hatte, trat sie in den Dom. Der Beichtstuhl des Dechanten stand vorn im Schiff, linker Hand vom Hochaltar. Sie kniete lange auf der andern Seite vor dem einzigen Nebenaltar, den seine Altertumswut der Gemeinde gelassen hatte. Sie betete nicht und dachte auch nicht an weltliche Angelegenheiten, nicht einmal mehr an ihren Geliebten; sie war nur allein mit ihrer unbeschrienen Stunde, ihrem Gefühl von sich und mit der Heiligkeit des Ortes. Über diesem Ausruhen in Gott und im Anschauen der warmen, fromm belebten Kerzenflammen, der Blumen und der heiligen Figuren auf dem Altarbild versäumte sie beinahe die Zeit.

Der Dechant erwartete sie mit ebensoviel Ungeduld als Furcht, seitdem er sie hatte durch die Kirche gehen sehen. Es würde ihn schwer betroffen haben, wenn sie nicht gekommen wäre. Nun sie gesammelt geradeaus zu ihm kam, wünschte er beinahe, sie wäre weggeblieben, und nur die Hoffnung, daß sie wirklich zum Beichten bereit sei, verhinderte ihn daran, ihr zu sagen, daß sie in Gottes heiligem Namen wieder gehen solle, ehe sie diesen gelästert habe. Die formalen Eingangsfragen stellte er mit Mühe und die nach ihrer Mitwisserschaft an fremden Vergehungen beklommen und ohne Hoffnung; sie beantwortete sie ruhig und still vertieft mit bescheidener Stimme und mit hingegebener Gebärde, die ihn doch wieder etwas an sie glauben machen wollte. Als er aber zur Hauptsache kam und sie ernst, doch nicht unväterlich auf eine eigene Verfehlung zum erstenmal geradeheraus ansprach, zögerte sie wieder einen Moment, während ihm das große Herz vor Angst klopfte; dann erklärte sie fest, wenn auch mit derselben milden Stimme und der gleichen ehrfürchtigen Haltung, daß sie sich keiner Verfehlung bewußt sei. Sie war einmal unweigerlich entschlossen, das Geschick ihres Liebsten, das sie in bekannter großherziger Weise auf sich genommen hatte, als eine nicht durch menschliche Gespräche zu verwirrende Angelegenheit zwischen ihm, ihr und Gott zu betrachten und zu erhalten. An diesem[S. 197] Priester hinderte sie, daß er zugleich ein Mensch war; sie hätte einen Erzengel gebraucht, und es war noch sehr die Frage, ob sie diesem gebeichtet hätte. Darum lehnte sie auch des Dechanten dringende Aufforderung, ihr Geheimnis der unpersönlichen Kirche Gottes zur Beurteilung und Absolution zu übergeben, still und streng ab, denn die Kirche, was sie davon begriff, stand auf persönlichen Menschen. Sie kniete da mit blassen, ernsten Zügen, die neuerlich viel bisher verborgen gewesene Lieblichkeiten ergreifend zeigten, und verweigerte in völliger Gefaßtheit, so daß er die seine darüber verlor. Einige Augenblicke schwieg und überlegte er, einen geistlichen Zornanfall schwer niederkämpfend. Endlich sagte er noch ganz darin lodernd und rauchend wie in einem feurigen Busch: »Die Kirche hat Macht, zu lösen und zu binden. Sie löst und bindet dich zugleich. Sie stellt dich auf dein Gewissen, wohin du dich selber gestellt hast. Der Weg zur heiligen Kommunion steht dir frei, aber auf deine Verantwortung. Geh in Gott, wenn du's vermagst.«

Was ihn am heftigsten erschütterte, war die Erfahrung, daß ein Sakrament, das er bisher für eine unbedingte Macht gehalten hatte, die er nur im vollen Ernst zu handhaben brauchte, um ihrer sozusagen automatischen Wirkung gewiß zu sein, ihm in einem ernsthaften Fall wie eine schlechte menschliche Waffe in der Hand splitterte und wirkungslos am seelischen Gegner zerbrach. Das bestürzte ihn geradezu und griff ihm als Schreck an seine apostolische Grundlage, wo wie der Staub beim Erdbeben sich in geheimer Regung der Zweifel vom Boden löste und in Schleiern aufzuwallen begann. Inzwischen kniete Linde noch ein Weilchen betend und in sich gekehrt, wie ihm, der sie mit brennenden Blicken beobachtete, schien. Dann erhob sie sich, um langsam, aber mit gewissen, sicheren Schritten die Kirche zu verlassen. Zur Kommunion trat sie nicht an, und sie hatte auch nicht die Absicht dazu gehabt. Sie wollte ihm nur zu Willen sein, soweit sie das vermochte; darüber hinaus ging sie den selbstherrlich betretenen eigenen Heilsweg weiter, in ihrem[S. 198] Herzen nicht weniger katholisch als zuvor und jedem freien, heiligen Symbol leidenschaftlich zugetan. Er seinerseits, als er die ganze Reihe der Kommunikanten versehen und sie nicht darunter erblickt hatte, atmete auf wie nach einer glücklich überstandenen großen Gefahr, aber nicht im Gefühl, daß damit etwas gewonnen sei. Der Abgrund, der einige Augenblicke sie und ihn hinabzureißen gedroht hatte, drohte weiter, nämlich die finstere Erscheinung ihrer Schuld, von der er jetzt fest überzeugt war. Als er das Mädchen beim Mittagessen nach vollbrachter Predigt wiedersah, schien es ihm fremd und unheimlich wie eine Kranke, die eine Gehirnentzündung zwar mit dem Leben überstanden, aber darüber die Gnade der Vernunft verloren hat.

Im Verlauf dieses Essens brachte die Tante, die jetzt allerlei neue Regsamkeit entfaltete, die Unterhaltung auf Familienzerwürfnisse und was damit zusammenhängt oder dabei in die Brüche geht und kam auf diesem Weg, worauf die ganze Anstalt angelegt war, auf ihr eigenes mit diesem Haus zu sprechen, leicht und lächelnd, wie man lange verwundene und beinahe ganze vergessene Vorkommnisse behandelt, die inzwischen Gesprächsstoffe geworden sind.

»Ja, was ist eigentlich seither aus dem mysteriösen Buch geworden?« fragte sie wie aus einem frischen Einfall heraus. »Hat es sich inzwischen irgendwo gefunden?«

Der Dechant verneinte, und sie fuhr im gleichen angeregten Ton weiter.

»Tolle und eigenwillige Tage waren das eigentlich. Wir waren alle jung und rigoros. Mit der Zeit geht man mit seinen Freundschaften sparsamer um, und daß Menschen einander im wahren Wert entdecken, dazu gehören auch Gelegenheiten. Ich bin ja überzeugt, daß die Kinder mit dem Buch zu tun hatten. Sie waren in jedem Fall Racker, wie übrigens alle echten Kinder. Man muß Kinder nie mit den gewöhnlichen moralischen Maßstäben messen. Daß sie nicht von besonderer Liebe zu mir besessen waren, das haben sie ja reichlich und stets unmißverständlich manifestiert; Linde[S. 199] legte sogar meinen Namen ab. Es ist nichts so amüsant als ein großer Zank, wenn er vorbei ist. Sieht man zurück, so haben sich fast immer alle blamiert und ihre übelsten Seiten aufgedeckt, die sie sonst sehr sorgfältig verbergen. Aber ich meine, Linde könnte uns jetzt schon verraten, wo sie mit dem Buch geblieben ist. Die Verheerungen, die sie angerichtet hat, sind ja inzwischen repariert, und die Heimlichkeit hat keinen Sinn mehr. Wo ist das Buch, mein Kind?«

Der Dechant horchte einigermaßen überrascht von den neuen Ausblicken auf einen alten Prozeß auf und war sofort davon überzeugt, daß seine Schwägerin ihre Gründe habe, sich in dieser Weise hören zu lassen. Schon ordnete er das Vernommene in das neue Charakterbild seiner Nichte ein und fand, daß alles genau zu den übrigen Tatsachen paßte. Daß Linde dann unbewegt mit feindlicher Miene sagte, sie habe das Buch nicht, schien ihm nur programmatische Bedeutung zu haben, indem sie damit ihr System der Heimlichkeiten und Ableugnungen fortsetzte. Die Tante lachte.

»Das will ich schon glauben, daß du es nicht in der Tasche mit dir herumführst. Aber wo ist's hingekommen? Sicher habt ihr's verkauft, um Konfekt und Feuerwerk dafür zu erstehen. Man wird euch heute doch nichts mehr nachtragen; das wäre geradezu töricht, ebenso wie die fortgesetzte Geheimniskrämerei eurerseits. Daß du aber mit dem Buch nichts zu tun gehabt habest, das wirst du jetzt ja wohl selber nicht mehr behaupten wollen.«

Nun lag Linde nichts mehr an diesem alten kindlichen Symbol, das durch ein neues, reifes längs ersetzt war, und wenn der Teufel in eigener Person gekommen wäre, um sie danach zu fragen, so hätte sie's einfach zugestanden, selbst auf die Gefahr hin, dafür geradeswegs in die Hölle fahren zu müssen. Auch dem Dechanten hätte sie auf eine gute, unherrische Frage bescheiden und offen Auskunft gegeben, aber in diese hochmütig falsche Physiognomie war es ihr schlechterdings unmöglich. »Ich kann dir den Gefallen tun oder[S. 200] nicht tun«, sagte sie, ihren geheim drohenden Blick feindlich aushaltend. »Du scheinst dir etwas davon zu versprechen. Gut, wir haben das Buch weggeschafft. Inwiefern bist du jetzt besser daran?«

»Du willst also noch heute den Anschein erwecken, daß ich damals die Schuldige war?« entgegnete die Tante etwas schrill. »Solch ein Widersinn! Wenn sich hier jemand etwas verspricht, so scheinst doch du es zu sein, meine Liebe. Aber ich fürchte, du wirst dich am Ende verrechnet haben. Das Leben geht weiter, gutes Kind.«

»Dann weiß ich nicht, was du willst«, versetzte Linde unbewegt. »Ohnehin vermengst du die Dinge. Ich habe nicht gesagt, daß ich in dem Menschen, der das Buch genommen hat, auch den wirklich Schuldigen erblicke. Das kann doch gut wieder eine Sache für sich sein. Warum läßt dich die Geschichte nicht ruhen? Wenn ich jemand nach dem Ganzen stehe, so kann ich doch meinetwegen auch noch ein Buch entwendet haben. Was liegt also daran!«

Beinahe verlor die Klingse ihre vielberühmte gute Haltung in allen Lebenslagen.

»Das Mädchen ist doch wirklich sonderbar!« sagte sie zum Dechanten gewendet mit einem etwas dünnen Lächeln, das er nicht erwiderte. »Wem willst du denn nach dem Ganzen stehen, du Kücken?« wandte sie sich mißtönig auflachend wieder an Linde. »Ich glaube, du solltest etwas niederschlagende Mittel einnehmen. Ich habe dich nachgerade im Verdacht, daß du in deiner ständigen Erkältung immer mit einem leisen Fieber herumläufst. Willst du dich nicht in ärztliche Behandlung geben?«

»Vielleicht«, sagte Linde, ihren falschen Ton kurz abweisend, und erhob sich, um das Geschirr abzuräumen und den Nachtisch aufzutragen. Die Tante sah ein, daß sie es nachgerade mit einer nicht ungefährlichen Gegnerin zu tun hatte, und über ihre herausfordernde Haltung machte sie sich ernsthaft Gedanken, weil sie nicht wußte, wozu sie dadurch unter[S. 201] Umständen verlockt werden konnte. Sie beschloß, solche Angriffe in Gegenwart des Dechanten künftig lieber zu unterlassen und sich auf scheinbar harmlosere Anlässe zu verlegen, bei denen sie zustechen konnte, ohne dem Mädchen Gelegenheit zu größeren Gegenschlägen zu geben.

Nach dem Essen wurden der Dechant und die Klingse in seinem Zimmer, wo sie ihn jetzt manchmal ein bißchen besuchte, bei einer Tasse Kaffee über Lindes Fall noch vollständig einig. Linde zog es vor, gleich ihr Geschirr zu waschen, um nachher eine erlaubte Sonntagsruhestunde zu haben, die sie wohl brauchen konnte. Der Dechant war der Meinung der Tante, daß die Kinder mit dem Buch zu schaffen gehabt hätten, und daß das herausfordernde Scheinbekenntnis auf Wahrheit beruhe. Unterdessen wurde ihm das Verlangen nach dem seltenen und kostbaren Stück wieder rege, und als am Ende die Klingse eine Haussuchung bei dem Mädchen vorschlug, fiel die Anregung nicht ganz auf unfruchtbaren Boden. Seine Bedenken widerlegte sie leichthin. Manchmal müsse im Interesse des Ganzen die höhere Autorität durchgreifen, zumal das Mädchen ein unberechenbarer Kopf sei und von selber aus der Affäre niemals herausfinden werde. Außerdem wisse man doch auch nicht, welche Motive es über dem Buch so festhielten. Soviel sie wisse, enthalte es etwas drastische Illustrationen zu den angeblichen Schönheiten der christlichen Kirche, in Wahrheit der berühmten Sulamith, und zu dem Liebesverkehr zwischen ihr und Salomo. Der Dechant sei überhaupt zu tadeln, daß er solche Spezialitäten nicht sorgfältiger unterbringe; man könne nun nicht wissen, was das Buch sonst noch alles verschuldet habe. Der Dechant suchte sich ihrer etwas kahlen Bewertung des sanktionierten Buches zu erwehren, aber in der Anwendung auf das Mädchen schlug sie durch, und die Haussuchung wurde beschlossen; der Dechant erteilte der Tante den formellen Auftrag dazu.

Mit diesem Beschluß besserte er freilich nichts an der Beklommenheit, mit welcher er der morgigen Audienz beim[S. 202] Erzbischof entgegensah. Die Tante versuchte noch einmal vorsichtig, ihren lackledernen Schuh auch auf diesen Weg nach Canossa zu setzen, aber sie merkte, daß der Boden für sie Glatteis war, und zog den Fuß unauffällig zurück. Für den Rest des Abends wünschte er dann allein zu sein und brachte es auch zustande, ohne viel Vergnügen davon zu haben. Die Nacht schlief er nicht, und am andern Morgen saß er schweigend wie ein Grab im Abteil zweiter Klasse und fuhr zum Gerichtstag.

Der Anfang der geistlichen Unterhaltung wickelte sich genau so ab, wie er erwartete, der Fortgang nicht nach Wunsch, und der Schluß nahm eine strenge, überraschende Wendung. Ihn empfing ein hoher Greis in der schwarzen Soutane, mit wenig äußeren Abzeichen der Würde, dagegen, wie ihm schien, seit dem letzten Sehen noch vermehrten innern. Er wurde sitzen geheißen, und so begann das Verhör. Gegen die vernachlässigte Gemeindepflege und die vielen ausgefallenen Predigt- und Beichthandlungen konnte er sich nicht verteidigen; dafür nahm er gefaßt und düster einen wohlverdienten ernstlichen Verweis hin. Über die Ursache und Quelle aller dieser geistlichen Verdrießlichkeiten, die Kirchenrenovation, wurden dann die sehr ernsthaften Männer miteinander einig, das heißt, der Dechant wurde mit dem Erzbischof im Prinzip einig, daß diese ärgerliche Kirchenstörung jetzt ein Ende haben müsse. Der Erzbischof, eine freie, männliche Gestalt von bedeutender Eindrucksfähigkeit, erklärte sich noch des näheren dazu.

»Habe ich dich zum Kunst- und Totengräber der Gemeinde bestellt oder zum obersten Seelsorger? Hast du eine unüberwindliche Leidenschaft, zu graben, so grabe in deiner Gemeinde, aber nicht nach Kunst, sondern nach der göttlichen Natur, und nicht nach toten Dingen, sondern nach lebendigen Seelen. Dagegen wirst du genug Kunst und noch viel mehr herzliche Natur und Frömmigkeit brauchen, um die frühere Willigkeit und den verlorenen Kirchensinn deiner verwilderten Gemeinde wiederherzustellen. Du hast eine[S. 203] murrende und aufsässige Parochie, die dich denunziert, und eine solche Verfassung ist der rechte Boden für sittliche Verwahrlosung und für jede unbotmäßige und auflösende Anregung von außen. Die Altertumskunde steht auf keinem ausgesetzten Posten, aber deine Gemeinde. Als ich dich darauf setzte, versprach ich mir von deinen mystischen Kräften eine Erweckung der Seelen zu Gott und eine Erregung Gottes für deine Seelen, aber ich bemerke, daß du die Seelen, anstatt sie zu erwecken, verdrießest, und Gott ist nicht durch deinen großen Glauben erregt, sondern durch dein eigenwilliges und ungefaßtes Treiben gestört. Von der Fürstlichkeit deiner Mission zwischen Gott und deiner Gemeinde gibst du der Welt wenig Begriff. Wie soll die Welt glauben, wenn du ihr nicht Gott erscheinen läßt? Und wie soll Gott erscheinen, wenn du nicht täglich neu sein Schöpfer bist? Willst du aber Kunstgeschichte erscheinen lassen, so bewirb dich um einen Lehrstuhl. Du bewarbst dich um einen Auftrag der Ewigkeit, als du die Weihen nahmst, und hast bisher noch keine gegenteilige Erklärung getan. Das unendliche Wesen, das die Welt erfüllt, hat kein Interesse an alten oder neuen Kreuzen, Monstranzen und Meßgewändern, sondern an frommen und ergriffenen Seelen und am Glück seiner Erscheinung in der Zeitlichkeit. Wenn es nicht durch unsre erleuchtete Zeugungs- und Zeugenkraft in der Gemeinde erscheinen kann, durch welches Medium soll es dann erscheinen? Die Welt ist roh und zynisch, und das menschliche Hirn ist dumpf und eng. Mit diesen verhindernden und gottfeindlichen Eigenschaften hängst du durch deine Eitelkeit zusammen. Du bist der Ewigkeit zugewandt, oder du bist der Welt zugewandt. Steckte in dir nichts als ein beschlagener Pfaffe, von denen alle Wege wimmeln, so möchtest du auch noch laufen. Aber von dir will ich mystische Entfaltung sehen, und darum befehle ich dir durchaus: Laß diese Liebhaberei, die dich zur Liebe unfruchtbar macht! Sieh zu, daß du mir nicht länger deine Gemeinde im Glauben störst und Gott in der Erscheinung verhinderst. Du läufst[S. 204] Gefahr, zwischen diesen beiden Mächten vernichtet oder versteinert zu werden, aber ich würde nicht so lange zusehen.«

Nach dieser ernsten Zusprache wäre dem Dechanten eigentlich nichts anderes übriggeblieben, als sein Herz vollkommen zu geben oder vollkommen zurückzunehmen. Er tat immer noch keines von beiden, sondern war zwar zum ersteren grundsätzlich bereit, suchte sich aber vorher den Gewölbeschatz aus dem Dreißigjährigen Krieg zu retten, was jeder vernünftige Mensch an seiner Stelle getan haben würde. Und zwar versuchte er in aller Bescheidenheit den Gegenbeweis gegen die Behauptung zu erbringen, daß das höchste Wesen kein Interesse an Kreuzen und Geräten habe, besonders an solchen, die durch Alter und Geschichte geheiligt seien. Sobald es feststehe, daß die Kirche Gottes Offenbarung in der Endlichkeit sei, stehe es auch fest, daß diese Kirche Symbole und Mittel der Veranschaulichung brauche, und daß darunter jene die zweckmäßigsten seien, die den frommen Grundgedanken am frömmsten und am nächsten beim Grund erfaßten und ausdrückten. Diese Nähe könne sich dokumentieren sittlich und zeitlich, sittlich durch das augenblickliche starke Erleben, das aber jetzt ganz fehle, zeitlich durch das Herkommen aus stark erlebenden Epochen, wie die frühen Zeiten des Christentums und das Mittelalter welche gewesen seien. Solche Symbole könnten darum niemals tote Geräte sein, weil sie ihr Leben in sich trügen, das sie offenbarten ebenso durch die Erscheinung in der Wahrnehmbarkeit wie jedes Sein. Darum stehe er auf dem Standpunkt, die Aufdeckung solcher alten Formen der Frömmigkeit für ein verdienstliches Werk zu halten, weil eine Ergriffenheit immer die andere wecke, und zwar eben durch das sinnenfällige Erlebnis, welches sich dann in der Seele zum übersinnlichen umsetze. Den deutschen Katholizismus zum Beispiel aus der formalen Verflachung und Vergröberung aufzuschrecken oder herauszulocken, in die ihn der im Grund ganz weltliche und phantasielose jesuitische Barock gebracht habe, der jetzt überall herrsche, bedeute ihm[S. 205] eine Tat und eine Erweckung. Die großen Epochen der deutschen Kirche seien unter den Zeichen der Gotik gegangen, und eben diese innigen und ergreifenden Gestaltungen einer verlorengegangenen deutschen Gefühlsweise seien es, die er als Anschauungsmittel nicht nur der gedankenlosen modernen Kirchenindustrie entgegenhalten wolle, sondern auch dem romanisierten und ausländischen, undeutschen Kirchenstil im katholischen Deutschland. Was der Mensch sehe, das erlebe er. Erblicke er überall banale, leere, barocke Formen, pathetische, inhaltlose Heiligenbilder, Industriekreuze und Industriemonstranzen, -Leuchter, -Fahnen, -Weihrauchfässer und -Meßgewänder, so müsse auch das Erleben danach sein, das davon durch die Sinne in die Seelen eingehe, denn in der Kirche erblickten die Leute mit Recht das Vorbild und die große Erzieherin. Mit einem Wort, er sprach sich zu guten Quellen durch und wurde so geistig frei und eifrig, wie er nicht gedacht hatte, daß es ihm heute gelingen würde. Er machte sogar dem hohen Herrn nun einen gewissen Eindruck, so daß er anfing, aufmerksamer hinzuhören. Der Erzbischof war zwar zu alt geworden, um noch auf Worte viel zu geben, aber auch erfahren genug, um zu spüren, wo hinter ihnen ein Leben stand, und auf nichts so erpicht wie auf dieses. Der erweckte nationale Ton, der aus den Darlegungen des Dechanten klang, die Anrufung der gotisch-deutschen Kindlichkeit gegenüber der jesuitischen-barocken Altklugheit berührten ihn in einer Tiefe, wo während des langen schweren Krieges viele deutsche Menschen leidend und wach geworden waren. Als sich dann aber die Beweisführung wieder dem Kunsttrödel und im weiteren der alten Handschrift und dem Gewölbeschatz zuwandte, kehrte sich der Greis mit einer enttäuschten und etwas müden Bewegung von ihm ab.

»Woher nimmst du nur das viele Geld, das du in diese Liebhaberei steckst?« fragte er, um zunächst nur seinen Verdruß zu überwinden, aber mit einem immerhin so hörbaren unmutigen Ton, daß der Dechant, der nicht den Dom, aber[S. 206] das ganze darin errichtete Tabernakel seiner Ruhmsucht schon wanken sah, eilig mit Stützen herzusprang, nämlich mit dem Interesse, das seine Bemühungen schon in weiten Kreisen gezogen hätten, mit der indirekten geistlichen Wirkung auf Gesellschaftsschichten, die sonst der Kirche, besonders der katholischen, fernständen — er dachte an die Klingse —, und mit dem dorther rührenden neuerlichen Hilfeangebot, alles in allem diplomatisch ganz brauchbare Argumente, nur daß sie auf den Erzbischof nicht wirkten oder dann höchstens verdrießlich.

»Sprichst du von der Verjesuitung der Kirche und bist selber ein Jesuit?« fuhr er ihn an, während seine deutschen blauen Augen ihn unter den weißen Brauen hervor erzürnt anloderten. »Und willst du es unternehmen, die Kirche mit einem so unsauberen und eitlen Besen zu kehren? Mein Sohn, deine Reden von der Kindlichkeit der deutschen Gotik und der innigen deutschen Seele scheinen mir zur Zeit noch blauer Dunst, den du Gott, uns und deiner Seele vorzumachen strebst, um deiner weltlichen Leidenschaft zu frönen. Deine ›interessierten Kreise‹ lassen mich ganz gleichgültig, und was deine Bemühungen angeht, so untersage ich dir, im Chor oder sonstwo in der Kirche auch nur einen Stein umzuwenden. Die Renovation ist das Werk der weltlichen Behörde; ich will nicht, daß du dich im mindesten weiterhin dareinmengst. Um noch auf deine vorigen klugen Beweisführungen zurückzukommen: was war zuerst da, ein erstes Äußeres oder ein erstes Inneres?«

»Unzweifelhaft ein erstes Inneres«, antwortete der Dechant ungern und verstimmt.

»Es ist gut. Vergiß das nicht wieder, dann wird es dir nicht zu schwer fallen, den vergrabenen Kirchenschatz zu vergessen. — Ich erhalte Mitteilungen über dein häusliches Leben oder das Leben der andern in deinem Haus, die mir zweifelhaft erscheinen lassen, ob du deine Angelegenheit noch so in der Hand hast, wie ich es bei einem katholischen[S. 207] Geistlichen voraussetzen muß. Was ist das für eine Frau, die unter deinem Dach wohnt?«

Der Dechant sagte, daß sie die Witwe seines Stiefbruders, des Professors Klinger, sei, die in seinem Haus Heilung von einem Gemütsleiden suche. Wenigstens äußere sie sich in diesem Sinn.

»Hm. Was hat das mit den Geschichten auf sich, die um diese Frau gehen? Man erzählt sich von blutigen Ereignissen, an denen nach allem, was man hört, etwas sein muß. Das übrige ist zu abenteuerlich, als daß ich es anführen will. Was ist in Wirklichkeit vorgefallen?«

»Eminenz«, sagte der Dechant, während ihn sein ganzer menschlich-geistlicher Bankrott wieder anrannte: »Eminenz — ich weiß es nicht.«

Der Erzbischof zog betroffen die Brauen hoch. »Du weißt es nicht?« sagte er verwundert. »Du weißt nicht, was in deinem Haus geschehen ist? — Nun, dann bist du ein ebenso schlechter und blinder Hausvater, wie du ein Seelensorger scheinst. Ich glaube, daß deine ganze Aufmerksamkeit um den Gegenstand deiner Leidenschaft versammelt ist, und so bietest du das für einen höheren katholischen Geistlichen nicht eben würdige Bild eines balzenden Auerhahns.« Er betrachtete ihn einige Sekunden mit sichtbarem Zorn. »Hattest du denn keine Mittel, diese Geheimnisse in Erfahrung zu bringen? Oder hast du dich überhaupt nicht um sie gekümmert vor lauter Antiquitäten?«

Der Dechant berichtete in großen Zügen den Hergang seiner vergeblichen Bemühungen, hinter das Geheimnis zu kommen.

»Und die Beichte hat auch versagt?« fragte der Erzbischof.

Der Dechant bejahte, und der alte Mann schien einen Moment zu stutzen.

[S. 208]

»Nun, ein Sakrament ist in der Hand eines Priesters, wozu es der Priester macht«, sagte er dann ernst. »Sei heilig, und deine Sakramente werden's auch sein. Sei eitel, und deine Sakramente sind's mit dir. Sieh zu, daß diese Frau bald wieder aus deinem Haus kommt. Und laß mich in einem Monat hören, wie es bei dir aussieht.«

Damit war der Dechant entlassen.

Sechstes Kapitel
Die weltliche Versuchung tritt an den Dechanten heran. Linde muß sich ein peinliches Verfahren gefallen lassen. Eine Geburtstagsüberraschung. Die Weihnachtsfeier

W

War der Dechant mit dem Schweigen eines Grabes hinausgegangen, so kam er vollkommen abgründig zurück. Der Tante meldete er ziemlich lakonisch den Erfolg der Audienz, und die Klingse sah ein, daß ihr ungefähr soviel mehr erlaubt war zu sagen, als er mit seinen Äußerungen hinter dem Erlaubten zurückblieb. So sagte sie denn, und es war allerlei Kahles und Abschätziges über die Weltfremdheit eines Kirchenfürsten dabei, und was sich sonst so mit guten Gründen unverfänglich noch zwischen die beiden Männer werfen ließ. Es tönte ihm lange nicht alles gut, dafür hatte er zuviel Ehrfurcht vor wirklicher Größe im Leib, aber es fiel ihm doch auch schwer, ihr geradehin unrecht zu geben. Einem gewissen Gedankengang, den sie heute zum erstenmal offener vor ihm ausbreitete, hörte er zwar schweigend, aber nicht unaufmerksam zu. Sie riet ihm, der Kirche sein Amt zur Verfügung zu stellen und sich ganz der wissenschaftlichen Karriere zuzuwenden, wenn er denn doch einmal seine Hauptbefriedigung auf diesem Gebiet finde. Sie könne ihm sagen, daß es ihm gar nicht so sehr an Konnexionen fehle, wenn er nur seinen Hang zur Selbstherrlichkeit aufgeben wolle. Zum genannten Ziel[S. 209] ständen ihm bei den einschlägigen Leuten viele, wenn nicht alle Wege offen. Längst sei man auf seine Tätigkeit aufmerksam geworden, und seine Publikationen hätten Eindruck gemacht. Dazu komme, daß er nicht als Fanatiker bekannt sei und man immer gern die Gelegenheit wahrnehme, der katholischen Kirche oder dem Ultramontanismus ohne Beschwerden eine Reverenz zu erweisen. Er solle sich darüber einmal klarwerden; was sie könne, das wolle sie ihm sehr gern vorarbeiten, und sie glaube, daß es nicht ganz unwesentlich sein werde.

Zu diesen Ausführungen sagte er also nicht viel, aber sie merkte wohl, daß sie ihm zu denken gaben, und war dann klug genug, ihm das übrige allein zur Weiterentwicklung zu überlassen. Dagegen nahm sie sich vor, gleich einmal einen ersten Fühler nach jenen Regionen auszustrecken. Ihren zweiten Vorschlag jedoch, sich ganz einfach über den Kopf des Erzbischofs hinweg mit der weltlichen Behörde ins Einvernehmen zu setzen oder noch besser die Nachgrabung mannhaft auf die eigene Kappe zu nehmen, indem er die Sorge um Gewinn oder Verlust ihr überlasse, das heißt, ihr den Verlust, während ihm in jedem Fall der Gewinn zufalle: diese Versuchung wies er kurz und bündig ab. Inzwischen erwürgte er beinahe an dem Verbot, und überfiel ihn jedesmal eine innere Tobsucht, wenn er durch die Kirche ging und sein Blick ins Chor fiel, dessen frisch gelegte, glatte, saubere Steinplatten solche Schätze bedeckten.

Übrigens kamen in dem Brief, den die Klingse nachher an einen großstädtischen Freund schrieb, folgende Sätze vor:

»Sie werden sich wundern, daß ich mir so lange in einem hessischen Kleinstädtchen gefalle. Aber erstens ist mein Schwager eine sehr bedeutende katholische Persönlichkeit, und die Gelegenheit, in das großartige Räderwerk der katholischen Kirche hineinzusehen, soll sich unsereins nicht entgehen lassen, denn was wissen wir lutherisches Volk von Rom. Es laufen hier schon allerlei Fäden zusammen, wie Sie sich denken können. Es ist die bekannte historische[S. 210] Stelle, wo jene germanische Eiche geschlagen wurde. Dann, wie Sie mich kennen, werden Sie auch begreifen, wenn ich unermüdliche Schrittmacherin des männlichen Talentes eine Gelegenheit nicht umgehen kann, meinem Schwager in einer schwierigen Zeit etwas beizustehen. So ganz kann ja auch ein katholischer Geistlicher nicht auf die spezifischen Fähigkeiten der Frau verzichten, wenn er vorwärtskommen will, und zu leicht verfallen diese Herren in den kleinen Verhältnissen, bevor sie auf große Plätze kommen, der Liebhaberei, den Gefahren des bekannten deutschen Gemütes. Er ist etwas metaphysisch versponnen, was der Sage nach nicht einmal einem kirchlichen Karrierejäger zuträglich sein soll, obwohl, ebenfalls der Sage nach, in der Kirche das Übersinnliche, die Kraft des Gemüts das A und O aller Spekulation bildet. (Sie schrieb diese Buchstaben griechisch, ohne Griechisch zu können.) Nun vollends bei einem Menschen, dem möglicherweise ein großer Weg in der Gelehrtenrepublik beschieden ist. Sie wissen ja genügend von den kunsthistorischen Studien des seltsamen Mannes und haben mir selber zu mehreren Malen etwas sehr Gutes darüber gesagt. Nun scheint es, daß er sich mit dem Gedanken trägt, die geistliche Laufbahn mit der weltlichen zu vertauschen. In Frage käme wohl ein kunsthistorischer Lehrstuhl, zu dem nach meiner Meinung die Qualifikation wohl erbracht wäre. Ich möchte, daß ihm in dieser Krise Förderung von außen entgegenkäme, und Sie habe ich dazu besonders designiert. Recherchieren Sie einmal beim Ministerium; Sie haben ja die offenen Wege dazu. Wenn Sie ernsthaft rekommandieren, so wird man sich dort nicht verschließen. Und dann wäre es sehr nett von Ihnen, wenn Sie einmal herüberführen, um sich die geleistete Arbeit an Ort und Stelle anzusehen. Ich befehle es Ihnen nicht geradezu, aber Gehorsam würde sehr guten Eindruck machen.

Sie sehen nun also, was für Interessen das sind, die mich über die Entbehrungen trösten, die einer verwöhnten[S. 211] Großstädterin immerhin bemerkbar werden. Aber nebenbei ist das ein so entzückendes, originelles Städtchen, ein so bezauberndes historisches Denkmal der alten, gemütvollen deutschen Seele, die, ach, so irrationell ist, daß man sich daran nicht leicht satt sehen kann. Jeden Tag ist es wieder neu. Außerdem ist es einfach eine Fundgrube für historische Studien, denen ich mich ergeben habe, eine ganz glänzende, einzigartige Gelegenheit, den charaktervollen Baustil einer vergangenen Zeit und eines rein erhaltenen erdenstarken, ursprünglichen Volkes zu studieren. Sie werden wieder sagen, daß die Kunstbegeisterung mit mir durchgehe, und daß ich die Menschen als Volk überschätze. Aber was wollen Sie? So ist man einmal geartet. Armseliger Volksfreund, den ein paar Fehler abschrecken! Und das Volk ist doch der Nährboden! Es enttäuscht nie! Das merken Sie sich nur, Sie kleiner Zyniker. Hier ist Gefühl, Kraft, Übersinnlichkeit und sind innere Mächte fortwährend an der Arbeit. Was wissen wir vom Volk!«

Was sodann das erzbischöfliche Gebot der Hausreinigung anging, so verharrte der Dechant ihm gegenüber vorläufig in einer verstockten und leidenden Regungslosigkeit. Abgesehen davon, daß die Tante jetzt in manchen ihm wichtigen Angelegenheiten seine einzige Mitwisserin geworden war, so hatte er sich auch sonst vielfach an sie gewöhnt, und war sie ihm in einer Reihe von Dienstleistungen, in denen sie nun doch Lindes Stelle vertrat, scheinbar unentbehrlich geworden. Freilich störte ihn in dem neuen Vertrauensverhältnis eine innere Unbehaglichkeit, die mit der Ermahnung des Kirchenfürsten wie mit einem Sonnenspiegel in der Hand vor ihm stand und ihn jedesmal in die Augen traf, wenn er sie eben mit einem offeneren Blick auf die neue Hausfreundin richten wollte, so daß er auch auf dieser Seite zu keiner Ruhe kam. Wie das Essen, so hörte allmählich das Leben auf, ein Genuß für ihn zu sein. Die Geschichte des Domes starrte ihn neuerlich an wie ein Klavier ohne Seiten und Tasten, und er brachte durch Wochen keine[S. 212] Zeile mehr zustande. Sogar das Museum verlor seinen heimlichen Glanz vor dem unheimlichen, den der Phantasieschatz in seinem Hirn ausstrahlte; die schönen alten gotischen Sachen rückten ihm fern wie auf höheren Befehl und sahen ihn von weitem fragend und ein bißchen befremdet an. Den anbefohlenen Bericht nach einem Monat blieb er weniger aus Trotz als aus Ratlosigkeit schuldig, unbeweglich den Maßnahmen entgegensehend, die der Erzbischof weiter gegen ihn verfügen werde. Aber er verfügte nichts, vor allem, weil er wußte, daß solche Entwicklungen nicht auf Befehl marschieren; es hätte ihn vielmehr befremdet, vom Dechanten per Ultimo pünktlich die erste Rate seiner Bekehrung zu empfangen. Der Dechant seinerseits bemerkte mit einer trüben Verwunderung, daß er vorläufig in Ruhe gelassen wurde.

In der Zeit ging die Haussuchung bei Linde vor sich. Die Klingse übereilte sich nicht damit, sondern nahm sich eine Woche Zeit, bis der Dechant selber danach fragte. Dann ging sie mit seinem vollen zeitlichen Wissen daran. Das Hohelied fand sie nicht, dagegen hübsche und ordentlich zusammengelegte Mädchenwäsche, einige stille Bücher, darunter Calderons »Ein Leben, ein Traum«, eine kleine Ausgabe von Schillers Werken und ein schönes Legendenbuch der hauptsächlichsten Heiligen. Ferner fand sie, was sie ungern entdeckte: die Liebesschriftstellerei des Soldaten an Linde. Sie warf diese Literatur eines Gestorbenen innerlich erregt aus ihrem pietätvollen Begräbnis, einem Ebenholzkästchen mit Silberbeschlägen, konnte aber dann doch nicht dem schmerzenden Drang widerstehen, einen Blick hineinzutun. So las sie mit geröteten Wangen und raschem Puls und Atem einige Seiten aus seinen ersten Feldbriefen, die noch seine kindliche Seele und sein reines sinnliches Feuer enthielten. »Geliebtes einziges Mädchen!« stand auf der einen. »Das vergess' ich Dir meiner Lebtage nicht! Du weißt, daß mir die Frau nicht fremd war, aber das, Du wahrhaftige Schönheit und Güte, das gibt es auf der Erde[S. 213] einmal in Dir und nicht wieder. Ich weiß nicht, ich muß ganz verwandelt sein. Manchmal meine ich, ich müsse Dir gleichen. In meinen Händen habe ich ein Gefühl, als seien es die Deinen, und als würde ich nie wieder eine Niedrigkeit damit begehen, nicht einmal eine Gewöhnlichkeit. An Dir ist ja alles so ungewöhnlich und unsagbar vornehm in aller Leidenschaft der Liebe. Ich hätte niemals erwartet, daß soviel Weibs in Dir steckt. Glaube nicht, daß ich der Narr bin, der so was jemals vergißt und aus den Händen läßt. Dafür ist schon meine Habsucht zu groß, meine männliche Gier nach Erlebnis und dem Außerordentlichen. In Dir sind ja Welten von Überraschungen, Wohlgerüche, die in Wolken aus Dir aufsteigen. Ich rieche noch völlig nach Dir. Nein, nein, Du Weib aller Weiber, wo ein Mann einmal in einen solchen heißen Strudel des Frauenlebens hineingeraten ist, der doch so kristallen und rosenrein und blumenbunt — Was sind Worte! Hätt' ich Dich wieder in den Armen! Ach du mein Gott, was sind alle Gewitter der Schlacht und des Todes gegen diesen Lebensorkan!« Soweit las sie, um dann mit einer erbitterten Aufwallung plötzlich die »ganze idiotische Schreiberei« wegzupacken, das meiste in die Schachtel zurück und den ärgerlichen Rest, den sie nachher noch bemerkte, in irgendeine Schublade. So verschaffte ihr das Unternehmen doch nur einen gewissen Triumph, nämlich einen gallenbittern und ganz in Haß bebenden. Sie gab sich keine Mühe, Spuren verwischen zu wollen, sondern hinterließ das Zimmer in dem Zustand, in den sie es gebracht hatte, die Wäsche verwühlt und zerknittert, das Bett aufgerissen und durcheinandergeworfen, Schranktüren und Schubladen offen, Bilder umgestürzt und Bücher heruntergeworfen, das alles aber nicht aus bewußter verletzender Absicht und vorgefaßter Berechnung, sondern aus einer nervösen Hast, die einem hysterischen Anfall glich, im Bestreben, möglichst bald wieder aus einer Atmosphäre herauszukommen, in der sie wieder alles mögliche erlebt hatte, nur keinen moralischen Sieg. Um sich von ihrem Anfall[S. 214] zu sammeln, brauchte sie außerdem nachher auf ihrem Zimmer eine ganze Reihe von vernunftmäßigen Erwägungen und sogar einige Mixturen, Kölnisches Wasser und eine Stunde unbewegliches Liegen auf ihrem Langstuhl, und zum Essen erschien sie immer noch unruhig und reizbar genug.

Linde erschien bleich und mit dunklen, stillen Augen, ohne sich eine Mädchenblöße zu geben, denn im Leid besaß sie nun schon Erfahrung.

»Man ist heute in meinem Zimmer gewesen«, sagte sie, als auch der Dechant da war, mit beherrschter Stimme. »Meine Sachen sind alle untereinander gebracht. Kann mir jemand sagen, was das zu bedeuten hat?«

Die Tante wechselte einen Blick mit dem Dechanten. »Du nimmst also ohne weiteres an, daß jemand von uns daran beteiligt war?« fragte sie mit einiger Spitze zurück. »Sieh mal an, was für ein feinfühliger Mensch du bist, und was für ein reines Gewissen du hast!«

»Ein Verbrecher hätte sich anders bewegt«, entgegnete sie kurz und angewidert von ihrer Verstellung; auch dem Dechanten war sie unangenehm. »Er hätte meine Uhr und meine Ringe mitgenommen.« Sie schien das Thema fallen lassen zu wollen, aber die Haltung des Mädchens reizte die Tante so auf, daß sie gegen ihre Absicht schneidend versetzte:

»Und was hat man dir so mitgenommen?«

»Mir fehlen Briefe im Kasten«, antwortete Linde, indem sie ihrer Gegnerin in die Augen sah.

Einen Moment betrachtete die Frau das Mädchen, verblüfft von dieser Tollkühnheit, dann lachte sie amüsiert und ohne jeden Mißklang auf, so daß der Dechant, der selber einen Moment gestutzt hatte, ihr glaubte und sich gegen Linde wandte.

»Wenn du schon solche Maßnahmen gegen dich nötig machst«, sagte er unwillig, »so solltest du mit deinen Äußerungen in diesem Haus doppelt vorsichtig sein, denn wegen besonderer Wahrheitsliebe stehst du gegenwärtig nicht im Vordergrund der Aufmerksamkeit. Die Briefe, wenn sie dir[S. 215] wirklich an einem Ort fehlen, werden an einem andern zum Vorschein kommen, wenn du suchst. Dagegen wirst du die Tante wegen dieser Geschmacklosigkeit um Verzeihung bitten, und zwar sofort.«

Die Angelegenheit hatte dieser aber nicht erst jetzt eine unerwünschte Wendung genommen, und sie legte sich abwehrend ins Mittel.

»Laß nur, Klemens«, sagte sie weise und welterfahren. »Bei solchen erzwungenen Versöhnungsszenen kommt nie etwas heraus; keinesfalls sind sie nach meinem Geschmack. Die Briefe werden in eine Schublade geraten sein, und die ganze Bagatelle lohnt nicht die Worte. Inzwischen muß sie erfahren, worum es sich überhaupt handelt. Meine Liebe« — wandte sie sich, jetzt wieder erhaben singend, an Linde —, »der Onkel hat mich beauftragt, wegen des Buches in deinem Zimmer Haussuchung zu halten. Hast du noch weitere Beschwerden, so wende dich bitte an ihn. Ich darf mich wohl nach erfülltem Auftrag aus der Angelegenheit zurückziehen.«

So hatte sie sich nicht nur wiederhergestellt, sondern noch auf ein vornehmes Piedestal gebracht, und dem Dechanten erschien es zum erstenmal, daß dies Weib wirklich weltmännische Lebensart besitze. Er richtete unwillkürlich sein weiteres Verhalten danach ein, und sie bemerkte, daß sie Eindruck gemacht hatte. Da er ja ohnehin immer öfter in sehr verschwiegener Erwägung nach der großen Welt ausblickte, wo nach vielen glaubwürdigen Autoren Freiheit und Glück herrschen, so gewann sie ihm als deren Vertreterin eine ganz besondere Bedeutung, die jetzt immer mehr in den Vordergrund seiner Betrachtung trat; er ließ sie in der letzten Zeit freier und breiter zum Sprechen kommen, froh, daß er in der Hauptsache schweigen durfte, und sie war beflissen, vor seinem schwermütig wühlenden Blick das Gespinst des geselligen Lebens und der ungehemmten Personalmöglichkeiten auszubreiten, von denen ihm, wie er selber dachte, zur Zeit das strengste Gegenteil zugemessen schien. Doch gelang es ihr nicht, die steckengebliebene Geschichte des[S. 216] Domes durch ihren Einfluß wieder in Gang zu bringen, sowenig wie sein ganzes steckengebliebenes Leben, das unruhig vor dem Hindernis stand und dunkel strudelnd und seine Überschwemmungstrümmer im Kreis treibend seine Wassermarke höher schob.

Im Dezember näher bei Sankt Niklaus als bei Weihnachten hatte Linde ihren Geburtstag. Sie bekam vom Dechanten ein paar neue Schuhe und Briefpapier. Sein Glückwunsch lautete nur ihre Gesundheit betreffend klar, sonst hielt er sich in mehr ausweichenden Wendungen und deutete höchstens an, daß man sich von ihr etwas mehr Glück wünschen möchte, aber die Aussichten dazu Gott anheimstellen müsse. Die Tante schenkte ihr eine zu elegante, verschließbare und »diebessichere« Kassette mit Geheimschloß und Metallbändern, das Ganze mit einem etwas maliziösen Lächeln und mit dem Wunsch, daß sie im neuen Jahr viele recht angenehme Briefe darin unterzubringen haben werde. Von Heinz war pünktlich einer eingetroffen, doch ohne besonders angenehm zu sein. Er wünschte in freundlicher und teilnehmender Weise für das neue Jahr eine bessere Gesundheit und berichtete übrigens wieder von harten Kämpfen, alles ein wenig enttäuschend und geschäftsmäßig. Die große freudige Geburtstagsüberraschung wurde nicht von diesen Hauptpersonen, sondern von der Magd ins Werk gesetzt und zu einer Tageszeit, als Linde schon keine mehr erwartete.

Sie bestand darin, daß Brigitt am Nachmittag, als das Haus still war, zum erstenmal sich wieder aus dem Bett herauswand, sich warm anzog und hinunterkroch, um zu sehen, ob es auch einigermaßen geburtstagsmäßig im Haus zugehe; für ihre Person hatte sie nichts davon bemerkt, und die Unruhe ließ sie nicht länger im Bett. Sie fand eine sauber aufgeräumte aber ganz gleichgültige und kalte Küche, eine leere Speisekammer und so werktägliche, unfestliche Verhältnisse, daß ihr vor Zorn das Salzwasser in die Augen sprang. Dabei blieb sie freilich nicht stehen, sondern sie gab nicht eher nach, als bis sie durch anhaltendes Fechten und[S. 217] Winken ein Kind ins Haus zog, das sie dann auf Einkäufe schickte zum Bäcker nach Semmeln und Kuchen und zum Gärtner nach einer blühenden Pflanze und mit dem Auftrag, noch ein zweites Kind unverweilt zu ihr zu beordern. Das schickte sie um Butter und Eier, Schinken, einem Hühnchen oder zwei und was ihr sonst einfiel und nötig schien, mit einem ganzen langen Zettel zu ihrem besonderen Freund Felge, und zwar zu Arnold Felge in der Oberstadt, denn es gab im ganzen Ort wenigstens zwanzig dieses Namens, allein vier Metzger. Dieser Arnold Franz besaß besondere Verbindungen und Vorratskammern, auf die er für seine bessern Kunden zurückgriff, und es gab beinahe nichts, was er nicht herbeizuschaffen vermochte in kürzester oder etwas längerer Frist, nie in langer. Da Brigitts Zettel mit den Worten schloß: »Oder was Sie sonst haben, denn es ist der Geburtstag des Fräuleins Linde!«, so erschien in kurzer Zeit nicht nur das Kind, sondern in seiner Begleitung der sichere Bote des Herrn Arnold Franz Felge, von der Magd schon an der Tür abgefangen, weil sie keinen Glockenlärm wollte, und samt Bob, der keine Boten und Briefträger leiden konnte, zur größten Lautlosigkeit beschworen. Er brachte kein Hühnchen, aber eine schöne Ente, ließ übrigens die Wahl zwischen diesem oder einem Hasen, der auch im Korb lag — Brigitt nahm beide —, und alles übrige war in wünschenswerter Menge und Qualität vorhanden. Die Rechnung blieb sie vorläufig schuldig, aber nicht das Trinkgeld, und da das andere Kind schon früher zurückgekommen war, so konnte sie in vollkommener Ungestörtheit ihre geheimen Geschäfte betreiben.

So kam es, daß Linde, als sie wieder im Haus unten erschien, um den Nachmittagskaffee zu rüsten, den Tisch festlich hergerichtet fand, ihren Platz mit Efeu aus dem Garten phantasievoll und reichlich bekränzt und durch zwei dunkelblühende Alpenveilchen ausgezeichnet, außerdem durch einen schönen, braunen Napfkuchen von nicht geringem Umfang, den das Kind beim dritten Bäcker, bei dem es anfragte,[S. 218] glücklich aufgetrieben hatte, auch den bekränzt, und zwar mit Immergrün aus Brigitts eigenem Stubengewächs, das ihr Linde solange treulich gepflegt hatte. In der Küche stand die Magd selber in der wohlbekannten blauen Schürze vor dem Herd, in dem ein wildes Feuer brannte, auf dem Milch und Kaffee und für Linde Schokolade kochte, und wo Brigitt außerdem gerade beschäftigt war, eines jener Hausgebäcke aus Weißmehl, Butter, Eiern und Zucker herzurichten, die in jeder Landschaft einen andern knusprigen Namen tragen und überall von Geburtstagen und Liebesbeweisen unzertrennlich sind. Brigitt hatte im Sinn gehabt, Linde gehörig wegen der puritanischen Geburtstagsküche abzukanzeln, und Linde wollte dasselbe der leichtsinnigen und tollköpfigen Magd gegenüber, aber beiden kam das Weinen eher, zuerst dem alten Mädchen und dann dem jungen mit zwei sehr nassen Augen vor Rührung. Aber mitten aus dem Gefühlserguß fuhr Brigitt furios auf, weil ihr das Backwerk wieder einfiel, das die Aufsicht noch weniger entbehren konnte als eine Kinderschule oder ein hessisches Pfarrhaus. Sie setzte also das Fräulein rücksichtslos ab und begann wieder mehr Rührung in der Pfanne zu bewirken. In das werdende Backwerk fielen immer dick und emsig ihre Tränen, und durch die des zusehenden Mädchens brach ein beglücktes Lachen, weil ihm die Komik aller Umstände aufging. Nach einem unwirschen Aufblick lachte auch die Magd mit, und im weitern schwang sie die Pfanne mit einer Verwegenheit herum, als ob sie nicht gegen das sechzigste Jahr liefe, sondern im zwanzigsten einem Feuerwehrball zu. Nebenher fing freilich dennoch die liebevolle Abkanzlung an, und da keins dem andern etwas schuldig zu bleiben brauchte, die Magd aber mit ihrem Durchgriff wesentlich und überzeugend im Vorteil war, so kam man zu keinem unliebenswürdigen Verständnis.

Vom Lärm angelockt und auch vom Duft, der sich nun schon festlich im Haus verbreitete, erschienen nacheinander vorzeitig die Klingse und der Dechant. Die erstere nahm[S. 219] schweigend mit zusammengepreßten Lippen Kenntnis davon, daß die Feindin wieder auf dem Plan sei, und schob sich etwas blaß und mit vorgestrecktem Kinn langsamer aus der Küche, als sie hereingetreten war. Bob verharrte in der Zeit knurrend vor dem Herd, den er gegen jede Anfechtung durch unbeliebte Personen zu verteidigen entschlossen schien. Wer ihn näher kannte als die Klingse, wußte außerdem, daß ihn die lang entbehrte Anwesenheit der Magd in der Küche leidenschaftlich erregte, nicht als Freßmöglichkeit, sondern als seelisches Erlebnis. Die Magd ihrerseits machte den Eindruck, als ob sie den kurzen Besuch nicht bemerkt hätte, aber Linde sah wohl die Röte, die ihr in die Augen stieg, und für die nächste Zeit war sie schweigsam, während ihre Bewegungen einen ingrimmigen, heftigen Charakter annahmen. Nachher trat weniger unliebsam und respektvoll begrüßt der Dechant auf, bekam aber immerhin das Ergebnis der Wallung in einer gedrängten, trotz des Gemurres wohlverständlichen Ansprache entgegenzunehmen, die den unfestlichen Feiertag zum Thema hatte. Er verteidigte sich damit, daß Linde ja selber das Küchenregiment führe, und sie schwieg, weil sie wußte, daß es die Klingse führte wie jedes andere, und weil sie für heute keinen Verdruß wollte. Nachher gab sie besser aufgeräumt Auskunft über ihr Befinden. Sie wolle jetzt wieder langsam ins Geschirr fahren, möge der Arzt nun reden oder singen. Wenn man auf so einen Kreispfiffikus hören wolle, so könne man im Bett liegen, bis man von selber verfaule und nicht einmal mehr das Sterben nötig habe. Aber das heiße um die Auferstehung kommen, die man nur durch das rechte christliche Verscheiden erwerbe, und so ziehe sie es vor, christlich zu leben und christlich mit Tod abzugehen.

Der Dechant setzte sich nach langer Zeit zum erstenmal wieder mit etwas erheiterter Stirn zu Tisch, und da die Magd diesmal nicht nur den Eß-, sondern auch den Gesprächsstoff lieferte, zumal der Dechant aus ihrer langen Geschichte in seinem Dienst hundert eigenartige Episoden[S. 220] und charakterfeste Züge wußte, so verging eine Teestunde einmal heiterer, als man's sonst gewohnt war, wenigstens zwischen dem Dechanten und Linde, die für diesen Gesprächsstoff seine eigentliche Zuhörerin war, während die Tante eher im Dunkel saß und wenig unterhaltend aussah. Davon merkte er aber nicht viel, weil der Mitteilende gern wie Mörikes Schönheit »in ihm selber selig« ist; war er nicht selig, so war er doch erleichtert, und das kann für einen Hochbeschwerten unter Umständen dasselbe bedeuten. Die gute Stimmung dauerte auch noch über das Abendessen, zu welchem die Ente in ihrem letzten Kleid auftrat, goldgelb und mit Äpfeln gefüllt, ein rechter Vogel, um vergnügliche Laune zu machen, und zwar ganz ohne jede ergreifende Singstimme. Linde verwaltete und verteilte ihren vergänglichen Leib, gab den andern viel und behielt für sich wenig, und der Dechant, der nun doch noch eine Flasche Wein aus dem Keller geholt hatte, fand heute abend das Gemüt zu einem zweiten, etwas herzlicheren Geburtstagsspruch. Auch Brigitt mußte hereinkommen und mit anstoßen; sie tat es nur mit Linde und dem Dechanten, mit diesem ehrerbietig, mit jener zärtlich und mit nassen Augen wegen Lindes leidwissenden. Etwas später stieg sie unter Lindes Hilfe müde und voll süßen Weins, sie hatte den ihren gegen die Säure gezuckert, auf ihre Kammer und schlief wie ein heimgekehrter Wallfahrer befriedigt und siegreich ein.

Für diese Woche hielt sie es noch mit dem Nachmittagsturnus, und der Arzt wollte weiter nicht mehr dagegen sein, als er sah, wie es mit dem eigenwilligen Patienten wirklich einen guten Weg nahm. Aber er war dafür bekannt, daß er keinen Kranken unter zwei Monaten aus dem Bett ließ; hatten es die Nieren nicht mehr nötig, so konnte es doch den Nerven nicht schaden, und es schadete ihnen meistens auch nicht. Die nächste Woche stand sie zum Kochen auf. Die folgende war Weihnachten, und da trieb es Brigitt wie immer. Zu den Bäckereien ging ihr Linde zwar noch zur Hand, aber nur geduldet; dafür nutzte Brigitt die Gelegenheit[S. 221] wieder gewaltig aus, weil sie heimlich hoffte, daß der Soldat auf Urlaub kommen könnte. Allein er kam nicht.

Nebenher hatte Linde zur richtigen Zeit die Hände frei bekommen für die kleine Weihnachtsfeier, die sie jährlich mit einem gewissen Kreis von bedürftigen Kindern im Pfarrhaus zum Heiligen Abend abhielt. Es pflegte dabei viel weniger hoch als freundlich herzugehen, entsprechend dem freundlichen und trostvollen Ergebnis, das an diesem Tag die ganze Christenheit feiert. Die Kinder sangen etwa ein paar Lieder. Linde las ihnen die Weihnachtsgeschichte vor. Das übrige tat der Baum mit seinen Lichtern und seiner ganzen freudenreichen Erscheinung. Zum Schluß bekam jedes ein kleines Geschenk, ein Paar Strümpfe, wollene Handschuhe, ein Mützchen oder eine hübsche Schürze, wie es sich traf, oder wovon Linde gerade wußte, daß es not tat. Zum Zweck steckte der Dechant sonst zu Sankt Niklaus ein Goldstück in Lindes Schuh vor der Tür, immer in den rechten; dies Jahr war er leer geblieben. Nun, es war auch ohnehin allerlei von ihrem Eigenen dazugeflossen, so mochte heuer noch ein bißchen mehr fließen. Brigitt buk auf den Tag, was sie konnte, knetete Teig, walzte ihn aus, stach wie im Turnier Sterne und Kreuze, Herzen und Halbmonde, damit nach alter Übung bei dem Notwendigen sich auch etwas Angenehmes finde.

Als die Tante von den Zurüstungen und ihrem Zweck Wind bekam, setzte sie sich hin und schrieb ein paar Bestellzettel an ihre großstädtischen Lieferanten. Nach einigen Tagen kamen Pakete und Kisten für sie an, für die sie ganz sehenswerte Schecks ausfüllte. Brigitt mußte ihr die Kisten öffnen und die Pakete aufschnüren, und am Heiligen Abend, als Linde beinahe mit allem fertig und in der Vorerwartung warm und beglückt war, erschien sie mit Armen voll Kleidungsstücken, Wollsachen, Spielzeug, Büchern und Eßwaren. »Du gestattest wohl, daß ich auch etwas beisteuere«, sagte sie norddeutsch singend und steckte das Kinn vor. »Wo kann ich ablegen? Vielleicht bist du so liebenswürdig und[S. 222] nimmst mir ab?« Linde war wie vom Schlag gerührt, denn an eine Friedensstörung hatte sie heute am allerwenigsten gedacht. Es war ihr klar, daß es das Weib darauf abgestellt hatte, sie mit seinen großstädtischen Geschenken an die Wand zu drücken und dem bescheidenen Fest den rechten modernen Schwung zu geben.

»Der Stuhl dort ist noch frei«, entgegnete sie kurz, indem sie mit ein paar Blicken den ganzen pompösen Bettel überflog, den die Klingse daherschleppte, alles ohne eine Hand für oder gegen sie zu regen. Die Klingse legte auf dem Stuhl ab und wandte sich zunächst dem Baum zu, den sie ganz hübsch und kleinbürgerlich fand, und dem Geschenktisch, den sie lächelnd musterte. »Du mußt mir dann sagen, wie ich in jedem Fall zweckmäßig ergänzen kann«, meinte sie. »Du hast ja doch wohl deine Geschenke individuell angepaßt.« Linde antwortete nicht, und die Tante verschwand zunächst noch einmal, um ebenso hoch beladen wie vorhin wieder unter der Tür zu erscheinen. Sie hatte sich selber einen weitern Platz zum Ablegen frei gemacht; indessen hatte sie auch aufgehört zu lächeln. »So, und nun wollen wir sehen«, sagte sie darauf. »Wo hast du die Plätze für Mädchen und die für Jungens?«

»Das ist wohl nicht so schwer herauszufinden«, erwiderte Linde, die jetzt finster und feindlich an der Wand neben dem hohen Spiegel stand. »Die Mädchenschürzen sind nicht für Buben und die Bubenmützen nicht für Mädchen.«

Etwas gereizt fuhr die Tante nach ihr herum, dann schien sie sich aber zu fassen. Und nachdem sie das Mädchen einen Moment schweigend fixiert hatte, sagte sie hochmütig: »Ich werde mich von deinem Prinzessinnentum nicht beirren lassen. Dafür müßte mehr hinter dir stecken als etwas wurmige Tugend und Tücke. Ich finde, daß du die Dünkelhaftigkeit zu weit treibst. In diesem Fall hast du froh zu sein, daß dein Bettelvölkchen zu ein paar anständigen Kleidungsstücken kommt; mit deinen selbstgerechten Lümpchen wird's nicht weit laufen.«

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»Lumpen«, erwiderte Linde leise, um ihren Abscheu zu verbergen, aber die Tante merkte ihn dennoch: »Lumpen sind Dinge, die sich jeder nach Belieben kommen lassen und kaufen kann, wenn er das Geld dazu hat.«

»Wenn du nur endlich deinen hungerleiderischen Provinzhochmut aufgeben wolltest!« zischte die erboste Frau. »Was willst du denn machen, wenn dein Liebster dir vor der Nase weg eine andere heiratet?«

Linde zuckte leicht zusammen. »Heinz bedauern!« erwiderte sie langsam und mit einem Unterton, der die Tante lange nicht so befriedigte, wie sie sich's von diesem Augenblick versprochen hatte. Etwas ernüchtert wandte sie sich zu ihrem Geschäft zurück.

»Wie alt ist dieser Junge?« fragte sie. Und Linde gab Auskunft: »Acht Jahre.« Die Klingse legte einen norwegischen weißen Sweater zum baumwollenen grauen Mützchen. Das folgende Mädchen war zwölf Jahre alt und bekam drei Hemden mit Achselschluß und gesticktem Einsatz, seine vierzehnjährige Schwester eine zurückgesetzte englische Bluse. Linde sah voraus, daß man morgen im Städtchen mit Fingern auf die Kinder zeigen würde, die von ihr beschenkt herumliefen und nicht wußten, wie ihnen geschah, und sie taten ihr zum voraus leid, weil sie sie liebhatte. Zum Schluß verfeuerte die Klingse auch noch ihre Kuchenpakete und Spielzeuge, und sah der Weihnachtstisch aus wie eine Jahrmarktbude; Linde war jetzt neugierig, wie die alten, einfachen Weihnachtslieder und die stille, reine Evangeliengeschichte dazu klingen würden.

Darauf war es wie jedes Jahr. Die Kinder schoben sich unten durch die Haustür herein mit saubern Schuhen und geputzten Nasen und vor lauter Vornehmheit über ihre eigenen Füße stolpernd, aber noch mehr aus Angst vor der Magd, die ihnen gewaltig aufpaßte, so herzlich sie sich für sie geplagt hatte, und dem Hund, der jeden Ankömmling einzeln und eingehend beroch. Die letzten, die hereintröpfelten, sahen schon von unten die ersten Lichter am Baum[S. 224] brennen, sogar durch die zugezogenen Vorhänge; die ersten bemerkten dasselbe durch das unverstopfte Schlüsselloch. Darauf läutete das Glöckchen, ging die Tür zum Bescherungszimmer auf und begann sich die Kinderrotte über die Schwelle zu schieben. Mit den Mädchen ging es noch; die waren neugierig und zutraulich. Aber was ein rechter Junge ist, der hat schon nicht mehr das reine Gewissen wie im Mutterleib und ist vorerst von einer würdevollen Mischung aus Welterfahrung, Mißtrauen und Tölpelhaftigkeit sehr erfüllt; jedenfalls im Beginn einer zivilisierten und gesellschaftlich mehr gemischten Angelegenheit beherrscht diese verzwickte Stimmung sein Benehmen durchaus. So drückten sich die Herren Buben zunächst eher verdrießlich scheinend an der Tür herum und blinzelten erwägend in die Lichter des Christbaums, und je älter einer war, desto tiefer versenkte er die Hände in den Hosensäcken und duckte er den Kopf zwischen die Schultern.

Aber die frommen Geister, die mit gütigen Herzen im Baum schwebten und ihnen die schon prosaischen Augen und die abwartenden Mienen beglänzten, weckten und lockten auch rasch das Träumerische in ihren Seelen, die darum, weil sie's enthielten, nicht weniger männlich waren, sondern mehr, obwohl sie's anders glaubten. Eine Zeitlang verscheuchte sie noch die fremde Dame, die vornehm in einem Lehnstuhl saß und sie mit falscher Teilnahme, wie sie sofort witterten, und herrischen Augen musterte; aber dann begann ihnen der Duft von Lebkuchen und Hausgebäck in die Nasen zu steigen, und darüber vergaßen sie auch die Großstädterin. Den Mädchen machte diese weniger zu schaffen, obwohl auch sie sie als störend empfanden. Indessen klang das alte, selige Weihnachtslied unter Lindes Händen vom Klavier auf, und unter dem Vortritt der Mädchen ließen auch die Buben sich zu einigem Gesang herbei, der sich bis zum Schluß der letzten Strophe ganz ordentlich steigerte, einesteils aus Wirkung von innen heraus, anderseits von außen herein, denn auf der langen Tafel lag diesmal nicht wenig. Vorher[S. 225] hatten sie noch die schöne Evangeliengeschichte mit anzuhören, die sie zwar schon kannten, von denen ihnen aber doch manches heute wieder plausibel und vielversprechend vorkam, besonders ihre drei Glanzpunkte, nämlich daß jedermann in seine Stadt ging, um sich vom Kaiser Augustus schätzen zu lassen, dann daß das Kindchen in eine Windel gewickelt und in eine Krippe gelegt wurde, und endlich daß die Engel nach dem Gesang wieder gen Himmel fuhren; dies sahen sie sogar am deutlichsten und leuchtete ihnen am meisten ein, weil sie gewöhnt waren, nach dem Singen auch immer abzufahren.

Nach dem zweiten Lied durften sie dem Geschenktisch näher treten und hörten sie von Linde, daß die schönsten Sachen von der Frau Professor Klinger kämen, die da säße, und der sie nachher dafür danken müßten. Linde war jetzt wieder ganz frei und in ihrem Element sicher, und es gewährte ihr eine besondere Genugtuung, daß sie der Feindin nicht das mindeste schuldig zu bleiben brauchte. Die Mädchen ergriffen von ihren teuren Geschenken sofort und ohne Hemmungen Besitz, aber die Buben, die von übler Nachrede und von der Unrätlichkeit, durch irgend etwas Besonderes in der Welt aufzufallen, bereits genügend Bescheid wußten, hielten sich mehr an die gewohnten Gaben, die auch besser in ihre etwas nüchterne Stimmung paßten. Das meiste Mißtrauen erregte das elegante und »fortgeschrittene« moderne Spielzeug, Gedächtnis- und Geduldsübungen, Lehrspiele, Erziehungsspiele, Diabolo, das in den Großstädten längst aus der Mode war, Rollschuhe veralteter Konstruktion, die sie auch mit der neuesten auf ihrem Wackensteinpflaster nicht brauchen konnten, gesittete Kartenspiele, Kinderkrockets aus zurückgesetzten Beständen und was sonst so die großstädtische Unternehmung gern aufs Land abschiebt, um es noch an den Mann zu bringen, wobei zu bemerken ist, daß die Klingse sehr wohl wußte, was vollgültige Marken waren und was nicht; sie war nicht etwa übertölpelt worden.

[S. 226]

Zur Geschenkbesichtigung hatte sie sich erhoben, um von Gruppe zu Gruppe gehend einige Anweisungen über den Gebrauch der Dinge zu erteilen, die mit Befremdung über den norddeutschen Dialekt und mit Unglauben über den Inhalt entgegengenommen wurden, denn sie sah den Kindern nicht aus, als ob sie in ihrem Leben jemals gespielt hätte. Linde allerdings wußte weiter auch nicht Bescheid darüber, doch fühlten ihr die Kinder ab, daß sie wenig begeistert war, und aus ihren innerlich vornehmen Bemühungen, ihnen die Ware mund- und handgerecht zu machen, witterten sie nur die Verdächtigkeit des Umstands, daß sie das überhaupt für nötig hielt. Nebenbei sah sie, daß die prachtvollen wollenen Stücke auch nicht wenig Baumwollenes an sich hatten und übrigens durch teilweise schon deutliche Vergilbungen ihren Charakter als Ladenhüter ohne übertriebene Scheu anzeigten. Die Klingse gehörte zu jenen Wohltäterinnen, die für ihre Betriebsamkeit sehr sorgfältige Verbindungen mit allerlei Ramschgeschäften und Saisonausverkäufen unterhalten, und denen für sich nicht bald etwas gediegen und frisch genug scheint, aber für andere immer rasch.

Indessen kam auch diese Feier zu ihrem Ende. Die Kinder sangen noch ein Schlußlied und konnten abziehen. Eins nach dem andern bedankte sich gebräuchlicherweise mit dem Respekt oder der Verehrung, die man vor ihr hatte, bei Linde und mit angemessen erzeigtem Vergnügen. Um die Dame aus Norddeutschland bemühte sich weiter niemand. Nur zwei oder drei magere, bleiche Dinger, die durch eine besondere Bettelhaftigkeit bekannt waren, näherten sich ihr untertänig und mit dem früh entblößten Blick der jugendlichen Verdorbenheit; die Klingse konnte sicher sein, nächstens von deren Eltern einen ausführlichen Bericht über das herrschende Elend zu bekommen und, wenn der nicht half, auf der Straße angesprochen zu werden. Sie sah von ihrem Erfolg wenig entzückt aus und mit kalten Augen zu, wie sich alle Köpfe blond und dunkel um Linde wie um einen leibhaftig herabgestiegenen Engel drängten, dem sie in ihrem[S. 227] weißen Kleid den Abend auch mehr glich als der irdischen Rivalin einer so vielvermögenden Weltdame.

»Es hätte dir angestanden, die Kinder auch zu mir zu schicken«, sagte sie nachher mit mißfälliger Schärfe aus ihrem Lehnstuhl heraus, wohinein sie sich vor Verdruß wieder geworfen hatte. »Sie können nichts für ihre plebejischen Gewohnheiten, aber für dich als Erzieherin ist es kennzeichnend, daß du sie benutzt, um einen billigen Triumph zu feiern!«

»Was willst du? Du hörtest selber, daß ich sie angewiesen habe!« entgegnete Linde versöhnlich, vor allem bestrebt, sich ihre gute Stimmung nicht verderben zu lassen. »Übrigens bin ich nicht die Erzieherin der Kinder, sondern die Freundin.«

Mit diesen Worten ließ sie sie sitzen, zumal auch der Baum gelöscht war, und ging zu Brigitt in die Küche hinunter, die sie wegen ihres weißen Kleides mit Gebrumm, aber wegen der heitern Augen erfreut empfing, denn diese zeigte sie in der letzten Zeit nicht mehr oft. »Die Rangen haben mir doch wieder die Treppe versaut«, sagte sie kopfschüttelnd. »Aber der Karpfen ist schön heuer.« Das war ebenfalls keine übelklingende Weihnachtsbotschaft, wenn auch nicht gerade ein Engel sie sang, aber der fromme Fisch wurde auch keineswegs von lauter Engeln verspeist, sondern es half daran alles in allem ein halber oder sterblicher wenig, eine Art vom Gegenteil mehr und ein dunkel belebter geistlicher Adam mit Hingabe und heute zum Frieden gestimmt. Leider kam er nicht dazu, obwohl ihn die Engel gerade wieder vernehmlich aus der Höhe riefen; es fehlte zur Zeit Gott noch zu merklich an Ehre und daher dem Adam an Wohlgefallen. Die Tante gab die Vorgänge der Kinderfeier, nun bereits ins Anekdotische verkleidet, mit Laune zum besten, aber mit säuerlicher, und der Dechant fand auch, daß Linde die Jugend besser zum Danken hätte anhalten müssen. Linde schwieg, wieder um einen Breitegrad vereinsamt,[S. 228] doch fortgesetzt darauf gesammelt, ihr eigenes Christgeschenk in der Seele unzerstört über den Abend zu retten. Sie rettete damit den Abend, weil sie heute mit der Gutmütigkeit des Dechanten rechnen durfte.

Siebentes Kapitel
Linde erkrankt infolge eines üblen Briefwechsels ernstlich

N

Noch am selben Abend schrieb die Tante an Heinz einen Brief, der ihn vor eine vorläufige Entscheidung stellte, nur der Form nach unvermittelt, denn der Sache nach hatte er ihr ja schon längst vorgebaut.

»Mein lieber Junge«, so lautete dies Schreiben, »es scheint mir nun Zeit, daß wir uns endlich über gewisse Dinge klarwerden. Du schriebst einmal, Du seist ein deutscher Offizier, und mir gabst du das Epitheton einer großen Frau. Well. Aber diese Charaktere haben ihre Tragweite. Ich werde als große Frau kaum weibchenhaft Bewegungen inszenieren, die einmal der Mann auslösen muß. Du als Mann, der zu leben weiß, wirst anderseits nicht schriftliche und prinzipielle Erklärungen loslassen wollen, denen keine Wirklichkeit auf dem Fuß folgen kann. Das sehe ich ein. Warten wir also ab, bis Du wieder Urlaub bekommst. Inzwischen würde ich Dich freilich gern in einiger männlichen Freiheit sehen, unbehängt mit heimatlichen Sentimentalitäten und verblichenen Kinderspielen, die Dich als deutschen Offizier nicht absolut gut kleiden. Ich denke, daß Du mich verstehst, da Du weder dumm noch in hypertrophem Maß idealistisch veranlagt bist. Wir sind Realisten des Lebens, mein Freund. Hast Du ein Interesse daran, mir in der Gestalt und dem moralischen Milieu zu erscheinen, worin ich Dich zu sehen wünsche, so ziehe die Konsequenzen daraus. Und bedenke das eine: Poesie ist immer für money zu haben. Da ich nicht liebe, Geschäftliches und Gefühlvolles zu vermengen, so halte ich mit andern Elogen zurück, die mir[S. 229] immer naheliegen, wenn ich an Dich denke. Mit den herzlichsten Wünschen für Dein weiteres Wohlergehen Malva.«

Drei Tage nach Weihnachten traf schon die Antwort des Soldaten ein. Sie hatte folgenden Wortlaut:

»Liebe Malva, ich weiß Deine Trennung von Geschäftlichem und Gefühlvollem zu schätzen und folge Dir auf diesem Weg, zumal uns hier draußen überhaupt nicht mehr besonders gefühlvoll zumut ist, jedenfalls nicht mir. Um die andern kümmere ich mich eigentlich zuwenig, um genau für ihre Stimmung einstehen zu können. Es ist auch ganz meine Meinung, daß wir uns nicht mit theoretischen Erklärungen unterhalten; wir sind Menschen der harten Wirklichkeit. Was die anhängenden heimatlichen Sentimentalitäten angeht, so trifft auf sie der Ausdruck verblichen wohl richtig zu. Indessen solltest Du mir's nicht übel anschreiben, daß mich etwas wie Achtung vor Deinem ganzen Geschlecht hindert, wenigstens sehr bald mit rauher Hand durchzugreifen. Etwas anderes ist es aber nicht als Achtung vor Deinem Geschlecht. Wenn Du Mittel und Wege finden kannst, so prüfe mich darauf. Ich stelle Dir alles frei. Hier draußen fehlt uns auch die schonende Form für dergleichen Notwendigkeiten. Die Faust ist kriegsgewohnt, und in der ewigen Schießerei geht einem schließlich die geistige Beweglichkeit verloren. Ich bitte Dich nur, was Du tust, so tue es schonend, was ich aber bei Deinem vornehmen Sinn, den Du überall bekundest, gar nicht besonders zu bemerken brauchte. Das ist's ja eben, was mich so mit Dir verbindet, nicht nur Deine äußere Eleganz, sondern auch Deine innere, Deine absolute seelische Sauberkeit und der große Zug Deines Wesens bei aller weiblichen Feingliedrigkeit. Nun bin ich doch in Elogen verfallen. Hier geht's wie immer, nämlich dreckig, aber ich bin noch gesund, und die feindliche Erde sah bis jetzt kein Blut von mir. Leb wohl, Du hohe Frau, ich muß noch sehr wachsen, um an Dich heranzureichen. Herzlich Dein Heinz.«

Als die Klingse diesen Brief gelesen hatte — es war[S. 230] beim Nachmittagstee —, war sie nicht lange im Zweifel darüber, was nun zu geschehen habe. Wie sie ihn von den Augen sinken ließ, noch in den letzten Erwägungen darüber, reichte sie ihn Linde über den runden Tisch.

»Der Brief geht diesmal dich mit an«, sagte sie kühl und ein bißchen singend. »Es ist besser, du liest ihn selber, als daß ich dir ein Exzerpt daraus gebe.« Darauf wandte sie sich leicht angeregt an den Dechanten. »Ich finde, daß Heinz so außerordentlich viel reifer geworden ist, seitdem er hier war, sozusagen moderner. Es ist ein männlicher, berechnender Zug in seinem Wesen erschienen, während er früher etwas knabenhaft für sein Alter in den Tag hineinlebte. Ich liebe es nicht, wenn ein Mann seine Fähigkeiten herumliegen läßt und metaphysischen Vorstellungen nachhängt, anstatt seine Erfolge zu betreiben.«

»Nun, ich kann nicht eben sagen, daß ich an Heinz viel Metaphysik bemerkt hätte«, erwiderte er etwas trocken. »Er scheint mir im Gegenteil ein junger Mann, der sich mit auffallend wenig Übersinnlichkeit herumzuschlagen hat, und der ausgezeichnet in euren modernen Tag paßt oder in das, was ihr so nennt. Mir ist immer noch nicht ganz klar, daß die rechte Modernität vornehmlich im Seelenschwund zu bestehen habe.«

Sie zog die Brauen ein wenig hoch. »Ich dachte doch, wir beide seien über diese Frage im Prinzip einig«, sagte sie lächelnd und bedeutsam. »Sie ist ja auch aus der Geschichte leicht zu beantworten. Als die Deutschen metaphysisch und romantisch lebten, waren sie arme Teufel und wurden unterdrückt. Als sie mit der Metaphysik und der Romantik aufräumten und reale Erfolge anzustreben begannen, kamen sie zu Ruhm und Reichtum. Ohne die französische Aufklärung und die geschäftliche Lebensauffassung der Engländer gäbe es aber keine Industrie und keine wirtschaftliche Expansion. Was Wunder, daß die jungen Leute von den irrationalen Kräften nichts wissen wollen und den persönlichen Erfolgen nachgehen. Sagt,[S. 231] was ihr wollt, das Geld herrscht heute beinahe unbeschränkt und wird morgen absolut herrschen. Was ist das für ein Unsinn, daß ihr gegen England Krieg führt; England ist unbesieglich und könnte euch zu noch ganz anderen Erfolgen helfen. Was könnte Rußland werden, wenn es den westeuropäischen Händlerlehren Eingang verschaffte und sie zur Herrschaft brächte. Aber gerade dort gehört der Mystizismus zum guten Ton. Es ist daher begreiflich, daß unsere Jugend ihre Vorbilder nicht dort sucht, sondern allen asiatischen angeblich gesteigerten Vorstellungen den Rücken wendet. Das kann ich jedem Mann raten, der etwas aus sich machen will.«

»Ja, das rate ich auch jedem«, sagte der Dechant kurz und unangenehm berührt. Und etwas sarkastisch setzte er noch hinzu: »Mit den Asiaten war ja auch noch nie viel los.«

Sie blickte ungewiß auf, um zu sehen, wie er das meinte, aber inzwischen hatte Linde den Brief gelesen, widerstrebend und ohne eigenen Willen und von vornherein auf nichts Kleineres gefaßt als auf das, was er enthielt, zu edel, um mit falscher Großartigkeit eine Demütigung abzuweisen, und zu kühn, um sich vor dem Schmerz zu hüten, der auf sie wartete. Nun gab sie das beschriebene Blatt zurück, langsam, doch innerlich mit derselben Schnelligkeit denkend und Entschlüsse fassend wie die Feindin. »Ich danke dir«, sagte sie, mehr von Vorstellungen erfüllt als erschüttert. »Du hattest recht, keinen Auszug zu geben. Dergleichen muß im großen genommen werden.« Im Grund hatte sie ja auch nichts so auffällig Neues gelesen. Die Tante hob den Blick vom Dechanten weg und richtete ihn mit demselben mißtrauischen Ausdruck auf das Mädchen; sie brauchte ihn nur noch ein bißchen höher zu spannen, sonst paßte er beim einen Ekkart wie beim andern; beide waren sie in dieser Zeit lakonisch und erschienen ihr gewissermaßen orakelhaft. Auch der Dechant sah einen Augenblick fragend her, weil Lindes Ton ihm auffiel; aber daran gewöhnt, nun ohne sie zu leben, wandte er sich in Gedanken wieder seinen[S. 232] eigenen Angelegenheiten zu. Der Tante blieb sodann nichts übrig, als vorerst die beiden Abfertigungen einzustecken und sich darüber zu ärgern, über die kleinere wenig und über die größere mehr, und das alles, obwohl sie sich vorgenommen hatte, Linde in des Dechanten Gegenwart keine Gelegenheit zu Ausfällen mehr zu geben.

Im Laufe desselben Vormittags traf Linde auf den gelesenen Brief ihre Gegenmaßregeln, indem sie ihrerseits einen an Heinz schrieb. Er war kurz und bestand aus folgenden Sätzen.

»Liebster Heinz! Ich bin zur Überzeugung gekommen, daß es besser ist, wenn ich Dir Deine Freiheit zurückgebe. Nicht weil ich mir davon eine Verbesserung für mich verspräche, obwohl ich Anlaß haben könnte, mir eine zu wünschen, aber ich kann nicht sehen, woher sie bei der Unfreiheit kommen soll, die uns alle befallen hat. Verzeih, daß ich Dich zunächst ein wenig beunruhigen muß, aber ich habe lange genug über Dich nachgedacht, um zu wissen, was auch Du nötig hast, nämlich eben Freiheit. Schreibe mir bitte nicht mehr, es würde mir schmerzlich sein. Wir werden einander nicht vergessen, aber wir werden uns auch nicht auf falsche Wege drängen durch eine falsche Treue, die bloß Eitelkeit und Ehrsucht wäre. Liebster Mann, ich werde für Dich beten. Leb wohl. Bitte, gehorche mir, und verursache uns nicht unnötige Schmerzen. Herzlich Marie Linde.«

Sie besorgte mit Bob ihre Einkäufe, warf den Brief im Vorbeigehen bei der Hauptpost ein und kam von diesem Gang fiebernd nach Hause. Den Tag über wehrte sie sich noch; gegen Abend jedoch wurde ihr Zustand stärker als sie, und sie mußte sich vorzeitig zu Bett legen. Im Verlauf der weiteren Entwicklung fehlte es dann Brigitt nicht an Gelegenheit, empfangene Pflege und Wohltat zu erwidern.

Für die erste Nacht zwar wollte Linde keine annehmen und blieb mit großem Ernst dabei. Aber am andern Morgen, als das Thermometer achtunddreißig Grad zeigte, bekam Brigitt Oberwasser und wurde der Arzt gerufen. Die[S. 233] Magd glaubte ihrerseits an eine geheime Vergiftung durch die Tante, und man hätte ihr leichter ein Bein ausgedreht als diesen Aberglauben verredet. Da sie ihn aber zu niemand äußerte, so konnte ihn ihr auch niemand verreden, und sie blieb seine ungestörte Besitzerin, leider nicht auch die der Patientin, denn es stellte sich sofort heraus, daß die Tante ganz selbstverständlich im Verkehr mit dem Arzt die Rolle der Hausfrau übernahm, und für die Magd fielen nur die Neuigkeiten ab, die sie nebenher erhorchte, oder die sie dem Arzt selber abfragte.

Der Arzt war ein semmelblonder, großer, wohlgenährter Mann mit etwas eingedrückter Nase und wasserblauen Augen, mehr geschäftseifrig als medizinisch hochbegabt, obwohl er mit dem Titel eines Kreisphysikus herumging, aber jemand mußte ihn doch tragen. Dieser vielgegrüßte Mann also nahm die zuständige Untersuchung vor und hielt dann der Tante einen Vortrag über den Befund, da sie ihm besonders imponierte. Im ganzen großen wollte er nicht viel Neues entdeckt haben, und das konnte man ihm aufs Wort glauben, denn er sah danach aus. Nach seiner Meinung handelte es sich um die alte gastrische Schwäche, durch zuviel Arbeit und die Kriegsernährung etwas gesteigert, wie ihm denn die Patientin einen heruntergewirtschafteten, vernachlässigten Eindruck machte. Alles in allem: Ruhe, Diät, Wärme, etwas Medizin und Nährpräparate. »Aber das Fieber?« zweifelte die Klingse besserwissend. »Fieber sei doch immer ein schlechtes Zeichen.« — »Ja, das Fieber«, spottete er. »Schön, die Patientin habe eben Fieber, und er und die Frau Professor hätten kein Fieber. Eines Tages könne es umgekehrt sein, und es gehe auch noch nicht gleich zum Tod.« Die Klingse, die an seinem Umgangston wenig Geschmack fand, ließ mit gerunzelter Stirn etwas von Tuberkulose hören, aber er lachte sie aus. Von einer örtlichen Ursache sei gar keine Rede; das sei ein so elastisches und seidenweiches Mägelchen bei aller geheimen Festigkeit, daß ihm die gnädige Frau schon glauben müsse, wenn er ihr[S. 234] und sich nie einen schlechteren estomac zu haben wünsche. Mit diesem Scherz machte er ihr eine Verbeugung und hob sich davon. Er trug einen schönen warmen Pelzmantel. Vor dem Haus stand sein Wägelchen und wartete auf ihn. Es ging ihm nichts ab, und er hatte immer recht, ob die Patienten starben oder leben blieben.

Er behielt auch in Lindes Fall recht, obwohl er bei weitem nicht ahnte, daß man es hier mit einer viel mehr geistigen als körperlichen Erscheinung zu tun hatte. Der Mensch, wie er geboren wird, antwortet auf feindselige Anfechtung mit Trauer, wird er kräftig, mit Gegenfeindschaft, wird er stark, mit Verachtung oder mit Taten, ist er zart, mit Kummer, und dann gibt es noch Menschen, deren Leibliches so vergeistigt ist, daß ihre Trauer und ihr Kummer wie ihr Schreck und ihre Gegenfeindschaft kränkend auf den ganzen durchseelten Organismus wirken, der sich dann genau wie gegen eine stoffliche Infektion ritterlich mit Fieber zur Wehr setzt. Bei ihr war nun noch außerdem das große Geheimnis, daß sie sich mit diesem Fieber nicht nur für sich wehrte, sondern auch für den an der gleichen Krankheit miterkrankten Geliebten, um mit beiden zu einer neuen Gesundheit durchzubrechen. Der Kreisphysikus hätte wirklich das sein müssen, was ihn das Volk nannte: ein Kreispfiffikus, wenn er von dergleichen vornehmen Krankheiten einen Begriff hätte haben sollen.

Achtes Kapitel
Brigitt zaubert und wahrsagt, wird aufsässig, erfährt eine Zurechtweisung und unterwirft sich.
Linde steht unerwartet wieder auf

D

Der neue Zustand brachte für Linde insofern einen Vorzug, als sie sich in ihrem Fieber wie in einer Zauberburg vor dem persönlichen Verkehr mit der Feindin zunächst geschützt fand. Sie spann still versunken ihre leise quälenden Phantasien, tauchte freundlich und müde daraus[S. 235] in ihre klaren Stunden auf, sah die alte Magd kommen und gehen, wirken und weissagen und schätzte am höchsten die Teile des Tages, in denen sie ganz allein war. Dann führte sie einen großmütigen Kampf mit ihrem Weh und ertrug kampflos die Anstürme ihrer ungebrochenen Liebe, weil sie genau wußte, was sie wollte, und in aller Jugend schon so stark und kühn war, zwischen dem Wanken und Brechen ihres irdischen Glückes den Sieg ihres überirdischen Liebeswillens vorauszusehen. Sie sah auch den Preis voraus, um den er aller Wahrscheinlichkeit nach zu haben war, aber wenn sie wirklich aus Kleinmut hätte markten wollen, so hätte es ihre Hingenommenheit vom hohen Wert des Gegenstandes nicht zugelassen. Nicht als ob sie ihre Jugend und ihre Lebenshoffnung weniger geliebt hätte als jene persönlich sittliche Vorstellung, die sie sich vom höchsten Sinn ihrer Liebe machte: der Befreiung ihres Geliebten aus der Gewalt der Feindin; sie liebte sie sogar viel heftiger und zärtlicher, und es war ja eben die Voraussetzung ihrer verwegenen Rechnung, sich noch das Ganze zu retten, indem sie das Angefochtene freigab. Sie wäre auch kein Mensch gewesen und vor allem kein Mädchen, wenn sie nicht die unermüdliche und zähe Hoffnung besessen hätte, am Ende und schließlich auch irdisch zu triumphieren. Was die Klingse vom Kreisphysikus so ungläubig vernahm, nämlich daß ihr Fieber sozusagen in der Luft schwebe und mithin gar keine richtig begründete Sache sei, das klang ihr wie ein Evangelium, und außer dem jüngst gelesenen bei der Kinderfeier wußte sie sich kein süßeres.

So war sie denn getrost und fest und fuhr innerlich freudig fort, auf dem Fundament ihrer irdischen Zuversicht das fromme Sakramentshäuschen ihrer überirdischen mit immer schwebenderen Blumengittern zur Höhe zu führen. Aber in Stunden der einsamen Zaghaftigkeit, als das Fieber immer eher zum Steigen Neigung zeigte als zum Sinken und die krampfartigen Schmerzen, so hartnäckig sie sie dem Arzt verschwieg, nicht nachlassen wollten, schüttelten[S. 236] ihren zarten Körper harte Weinanfälle und plagte sie unsäglich die Versuchung, ihr wertvolles Heiligtum stehenzulassen und zu ihrem Liebsten zu laufen mit dem natürlichen Schrei: »Nimm mich wieder!« Und dann brauchte sie auch nicht weniger als die volle Einsicht in die Schädlichkeit einer solchen Wendung, in die Einbuße an innerm Wert, die sie sich selber zufügen und den bequemen, spöttischen Vorsprung, den sie der Feindin dadurch verschaffen würde, um sich von einer so bedenklichen Anwandlung zurückzuhalten. Indem sie endlich still wieder den Standpunkt betrat, den ihre Selbstachtung und die Notwendigkeit gleichermaßen von ihr forderten, tat sie's doch unter Vorbehalt aller persönlichen und diesseitigen Hoffnungen, so bereit sie war, für ihren höchsten Liebesgedanken weiterhin zu leiden und nach dem Leibe weniger zu werden.

Es war um die Zeit der weissagungsvollen Zwölf Nächte. Als Brigitt das Mädchen so rasch von der Kraft kommen sah, fuhr ihr ein heilloser Schreck in die Glieder, der sie auf Wege trieb, die einer frommen Katholikin eigentlich nicht erlaubt sind: sie ging unter die Zeichendeuter und Zauberer, um mit der Hilfe der Zwölfnächtegeister ein bißchen hinter die Geheimnisse zu sehen und von den zu jener Zeit waltenden besondern Kräften welche einflußreich und heilend auf die Patientin zu ziehen. Sie legte Karten unter die Sterne aus, versuchte wie Gideon Gott durch Zeichen, aber nicht mit einem Schaffell, sondern mit Kaffeesatz, und zündete Rauchwerk an in der Vorgabe, bessere Luft zu machen, in Wahrheit, um die bösen Geister zu vertreiben und die gütigen anzuziehen.

Die Sterne steigen in jenen Nächten mit einem besondern Glanz schon aus der Abendröte herauf, die sich aus dem Gehalt ereignisvoller Tage als das Gold der Erfüllung beglückt und früh niederschlägt. Daran prophetisch entzündet, leuchten alle himmlischen Lichter in beseelterem Feuer auf. Sie sind umdrängt von Gestalten und Geistern, die, blasse Zeugen der Geburt des Herrn, auf ihre Erlösung[S. 237] warten, und durch die dynamischen der Sterne treten die Systeme des Schicksals drängend hervor und werden in vielen gläubigen und frommen Blicken zur Erscheinung. Brigitt war nun freilich mehr in Liebe eifernd als fromm, und andererseits glich ihr Glaube sehr dem schicksalbewegten Sternenhimmel: er war voller Ahnungen und Wünsche. Mithin arbeitete ihre Weissagung unter optischen Trübungen, und die wenigen Klarheiten, die sie gewann, waren Stichlichter von schmerzender Überschärfe. Die Seele zieht wie die vom Licht getroffene, aber noch nicht entwickelte photographische Platte die chemischen Stoffe der Erkenntnis, auch der übersinnlichen, nur nach der geheimnisvollen Leitung des noch unsichtbaren Bildes an oder stößt sie ab, und nach seinen Gesetzen deckt sie sich mit Schwärzen oder bringt Helligkeiten hervor, alles im Entwicklungsbad der Empfindung, um dann im Fixierbad der Erfahrung bestätigt und haltbar zu werden.

Nun fand sich in Brigitts Karten, so sehnsüchtig und zornig sie sie für Linde auf Liebe und Glück mit der Seele anschrie, stets ein störender Einfluß, und alles lief auf Tränen und auf einen dunklen, traurig bewegten Abgang hinaus. Es war dabei ganz gleich, ob sie auf die Herzdame oder auf den Herzbuben legte; der Herzbube war immer so übel daran wie die Dame, und zwischen sie schob sich stets alles Unglücksgesindel von schwarzen Karten ein, das es überhaupt gab, aber vor allem das Kreuzweib, das der Herzdame mit großer Beharrlichkeit nach dem Leben stand, während es dem Herzbuben auf den Fersen nachzog als ein gefährliches und unheildrohendes dunkles Gestirn. Das war ihr zwar alles nichts Neues; es bestürzte sie nur mit jedem Mal heftiger, daß die Karte mit solcher Hartnäckigkeit, sie konnte mischen und abheben, wie sie wollte, bei ihrer Aussage blieb und sich durch kein Zureden etwas abhandeln ließ.

Lange hatte sie gebraucht — nicht einen Tag, wie sie sich damals auf dem Krankenbett wünschte, sondern Tage und Wochen —, bis sie dahinterkam, auf welche Weise sich jetzt,[S. 238] da der Soldat nicht mehr da war, die Feindschaft des Weibes gegen Linde zur Wirkung brachte, und was für Methoden es dazu anwandte, denn von den geheimen Vorgängen blieben ihr die meisten verborgen, zumal Linde nicht einmal durch einen Blick, geschweige durch ein Wort oder sonst einen Fingerzeig, ihr darin zu Hilfe kam. So blieb sie auf ihre eigene Wachsamkeit angewiesen, doch mußte sie viel Zufallsworte, Mienen, Blicke und abgerissene Gespräche auffangen und wie im Zusammensetzspiel gegeneinanderhalten, bis sie ein ungefähres Bild von den jetzigen Verhältnissen auch nur ahnungsweise und unvollkommen erhielt.

Am wenigsten von allen nahm sich noch der Dechant in acht; der redete und blickte, wie es ihm zumut war, und da es ihm je länger, je schwerer zumut war, so gab er mancherlei harte und unwirsche Worte und düstere Blicke. Sie merkte bald, daß Linde in Ungnade stand, und ingrimmig, daß sich die Klingse in einer ganzen Reihe von Gelegenheiten bei ihm an ihren Platz gebracht hatte. Er diktierte ihr seine Predigten und ließ sie Auszüge machen. Die Korrespondenz besorgte er zwar selber, so nahe sie es ihm wiederholt legte, sie ihr zu übertragen; aber auch Linde entzog er sein Vertrauen: sie hatte dies Amt nach Brigitts Genesung nicht wieder angetreten. Wenn er etwas aus dem Hauswesen wissen oder haben wollte, so wandte er sich an die Tante, und nur sofern er bemängeln oder schelten wollte, rief er, wenn es gesund war, das Mädchen.

Die Haushaltung ging, wie die Tante wollte; Zuwiderhandlungen und Aufsässigkeiten der Magd wurden vom Dechanten, durch den die Klingse nun mit ihr abrechnete, unwidersprechlich kaltgestellt. Tägliche Anweisungen gab die Dame des Hauses über ihre Schultern oder über die Magd weg in die Luft, ohne sie anzusehen, mit gleichgültiger Stimme und hochmütigem Gesichtsausdruck, hinter dem sie ihr Leiden an diesem »kommunen Menschen« verbarg. Brigitt ihrerseits gab sich je länger, je weniger Mühe, ihr dies[S. 239] Leiden durch Zurückhaltung zu erleichtern; immer rücksichtsloser kehrte sie ihren völkischen Triumph gegenüber der gedemütigten vornehmen Feindin hervor, und je weniger sie nachgerade dazu Ursache hatte, denn die Feindin herrschte nun durchaus, desto eifriger wandte sie sich wieder ihrem groben Verfahren zu, die Frau durch persönliche Verdrießlichkeiten, Störungen und Verachtungsbeweise zu kränken. Wenn diese auf eine nachträgliche Denunziation nun vollkommen gerüstet war, so ging ihr das etwas breite Gehaben doch sehr auf die Nerven, und die Magd brachte sie mehr als einmal zum Zittern vor Wut. Aber zu einem Ausfall ließ sie sich nicht hinreißen, erstens weil sie sich den Methoden der Magd nicht gewachsen fühlte, zweitens weil zu solchen Herausforderungen bloß noch Linde die moralische Fähigkeit besaß, und drittens weil sie gegen den Dienstboten mit ihren Mitteln auf eine andere Auszahlung hinarbeitete; sie ging darauf aus, den verdienten alten Menschen vom Dechanten zu trennen, indem sie diesem ganz unauffällig das Gefühl beizubringen suchte, daß eine Magd von solchen Lebensgewohnheiten für eine Übersiedlung in die Welt ungeeignet sei. Die Klagen über ihre gelegentlichen Verfehlungen führte sie maßvoll, und die nicht zu umgehenden Bemerkungen über ihre zunehmenden Alterserscheinungen begleitete sie mit einem bedauernden Achselzucken, aber sie umging sie jedenfalls nicht, und jeder neue Einwand wirkte verdrießlicher auf den Dechanten.

Dieser hatte noch einen besondern Grund, der Magd gram zu sein. Nachdem sie angefangen hatte, wieder ihr Leben zwischen den Gesunden aufzunehmen, bewegte er immer öfter die geheime Hoffnung in seinem Herzen, bei ihrem ersten Kirch- und Beichtgang über jene Geheimnisse, die ihm das Leben verdüsterten, endlich das so zornig ersehnte Licht zu gewinnen. Nun führte sie ihr erster Ausflug auch wirklich in den Dom, aber nicht in den Beichtstuhl, den sie mied wie das offene Feuer, im Gegenteil, sie hielt sich mit großer Vorsicht in jenen Bezirken des weiten Raumes auf, die[S. 240] dem Beichtstuhl möglichst entlegen waren. Wenn sie von diesem Kirchgang auch etwas still und angegriffen zurückkam, so bedeutete er für den Dechanten nichtsdestoweniger eine Enttäuschung. Dabei blieb es. Brigitt fehlte an keinem Sonntag im Frühamt, aber obwohl dort die Beichtmöglichkeit so nahelag wie der Juni dem Sommer, kehrte sie doch stets in ungebeichtetem, völlig winterlichem Zustand ins Haus zurück. Endlich sah er ein, daß diesen Wandel nicht der Zufall lenkte und auch nicht die Vergeßlichkeit, sondern daß ein Bewußtsein dahinterstand. Wo sie dem Dechanten begegnete, da blickte es aus ihren Augen und hing zugleich als Schleier der Behutsamkeit vor ihrer Miene, schien als Wortzähler in ihrem Mund zu stecken und als Watte in ihren Ohren, denn sie hörte auf seine Freundschaft lange nicht mehr so fein wie früher — freilich drückte er sie auch nicht mehr so leicht und glaubhaft aus, aber das setzte er nicht in Rechnung —, und ihre ganze neue Aufführung seit ihrer Krankheit faßte er in einen grollenden Begriff zusammen: Widerspenstigkeit! Die Verschwörung dauerte fort, und wirklich hatte er auch keine Ursache, einen Hausgenossen, der auf diese Weise hartnäckig die Hausgemeinschaft verschmähte, auf die Dauer zu ertragen.

Den schwelenden Zustand brachte Lindes Erkrankung zum Ausbruch, und zugleich gab sie der Magd zum erstenmal wieder einen festen Anhalt vom wahren Stand der Dinge, gewissermaßen einen Zipfel vom Gewebe der Feindin, in die Hand. Eines Tages gegen Abend begegnete ihr die Tante im Hausgang drunten und meldete im Vorbeigehen über die Schulter: »Sie möchten einmal zum Herrn Dechanten hinaufkommen.« Da sie gerade Zeit hatte, ging sie gleich, obwohl solche Zitationen neuerlich nicht mehr zu ihren Vergnügungen gehörten. Wirklich hatte ihr die Feindin wieder eine Suppe eingebrockt.

»Brigitt, ich habe nun schon viel Klage über deine neuerliche Ungebärdigkeit hören müssen, und ich habe dir gegenüber keinen Zweifel daran gelassen, daß Frau Professor[S. 241] Klinger jedenfalls jetzt in diesem Haus die Befehlende ist, während du die Gehorchende zu sein hast«, begann er ärgerlich, um sofort von ihr unterbrochen zu werden.

»Es ging früher ohne die Frau Professor. So krank ist Fräulein Linde nicht, daß sie nicht angeben könnte, was geschehen soll, und dann bin ich alt genug, um das selber zu wissen.«

»Es ist auch eine deiner unleidlichen neuen Gewohnheiten, mir ins Wort zu fallen, wenn ich dir etwas zu sagen habe«, tadelte er. »Laß das in Zukunft. Über die Einrichtung der Hausordnung werde ich mit dir nicht streiten —«

»Die Hausordnung war lange eingerichtet«, bemerkte sie.

»Du warst krank«, suchte der Dechant zu erklären »Und da Linde nicht nachkam, wurde es nötig, daß jemand das Ganze in die Hand nahm. Jetzt ist Linde krank —«

»Aber ich bin gesund. Früher war auch Fräulein Linde manchmal krank, und es ging mit mir allein.«

»Das tut es eben nicht mehr«, betonte er, zufrieden, gegen sie frisch ansetzen zu können. »Du wirst älter, und die Verhältnisse haben sich durch den Krieg geändert —«

»Sie haben sich nicht durch den Krieg geändert.«

Diesen Einwurf überhörte er, um schärfer fortzufahren. »Und bei deiner unverständigen Renitenz muß ich noch froh sein, wenn sich sonst jemand um eine vernünftige Ordnung kümmert. Was soll das heißen, wenn du der Frau Professor den Kaffee über das Kleid schüttest und dich nicht einmal entschuldigst? Wenn du morgens den Besen gegen ihre Tür wirfst, damit sie nicht mehr schlafen kann? Wenn sie dir aufträgt, ihr Bänder aus der Stadt zu bringen, und du sie absichtlich nicht bringst? Ihre Briefe liegenläßt, die du mitnehmen sollst, und sie zwingst, sie selber zur Post zu tragen? Entweder sind das Aufsässigkeiten, oder es sind Dummheiten eines alterskindischen Menschen. In beiden Fällen sind es Erscheinungen, die ich nicht an einem Dienstboten zu bemerken wünsche. Das sollst du künftig bedenken.«

[S. 242]

»Ich dachte, die Frau Professor sei hier nur auf Besuch!« entgegnete die Magd gereizt.

Der Hieb saß, aber er kam ihr nicht zugut. »Ich habe dir gesagt, daß ich deine Unverschämtheiten nicht länger dulden will«, bemerkte der Dechant mit kalter Miene. »Du bist hier eine Dienstmagd mit kündbarem Verhältnis. Entweder die Umstände behagen dir, und du fügst dich ihnen, oder sie behagen dir nicht, und du verläßt sie. Sonst gibt es darüber zwischen uns beiden nichts zu reden. Dabei fällt es noch ganz dir zur Verantwortung, daß du es soweit kommen ließest. — Für heute wollte ich dir mitteilen, daß Frau Professor Klinger bereit ist, trotz deiner Widerspenstigkeiten deine Tagesarbeit zu erleichtern, indem sie dir die Pflege des Mädchens abnimmt —«

»Die Pflege gebe ich nicht ab«, versetzte Brigitt erregt und schnell. »Ich will nichts von der Frau Professor abgenommen haben. Hat mich Fräulein Linde gepflegt, so werde ich sie wieder pflegen. Das ist alles. Mit meinem Tagewerk werde ich schon allein fertig werden.«

»Aber Brigitt«, versuchte der Dechant erneut zu mahnen, »du vergißt schon wieder, daß über diese Angelegenheiten ich zu entscheiden habe —«

»Verzeihung, Hochwürden, darüber muß ich entscheiden. Wie Fräulein Linde gepflegt werden muß, und was ihr bekommt und was nicht, das weiß ich von lange her, und wenn ich's besorge, so weiß ich, daß es recht besorgt ist.«

»Du wirst nicht so kindisch sein, zu glauben, daß Frau Professor Klinger das nicht auch recht besorgen wird«, wunderte er sich.

»Davon bin ich nicht so überzeugt«, erklärte sie düster.

Er lachte geärgert. »Linde ist in ärztlicher Behandlung. Was hast du da noch zu zweifeln?«

»Weiß der Herr Kreisphysikus, woher diese Krankheit kommt? Nun also. Bis er's weiß, behalte ich meine Meinung. Linde pflege ich selber.«

[S. 243]

»Du bist ganz und gar närrisch«, sagte der Dechant sehr verdrießlich. »Du verläßt dich darauf, daß ich dir nicht auf gewöhnlichem Weg kündigen und dich auf die Straße setzen werde. Und das werde ich auch nicht, aber ich werde dich ins Altersasyl einkaufen oder dir eine Rente aussetzen, aber in meinem Haus wirst du unter diesen Umständen nicht mehr sehr lange sein. — Ich habe dir mitgeteilt, daß Frau Professor Klinger die Pflege bei Linde übernehmen wird. Finde dich damit ab, wie du willst. — Du hast nicht den besten Geist, Brigitt. Ich fand dich früher gottesfürchtiger. Sieh zu, daß du mit dir selber wieder ins reine kommst.«

Mit diesen Worten war sie entlassen, und sie wußte von jedem genau, was es zu bedeuten hatte. Die letzten spielten auf die hinausgeschobene Beichte an, die sie Gott nach der schweren Krankheit und der endlichen Genesung schuldig war, und die andern stellten sie vor die Wahl, entweder das Haus zu räumen, den Dechanten einem gleichgültigen neuen Dienstmädchen und Linde der Feindin auszuliefern, oder zu gehorchen, um wenigstens bei den Vorgängen zu sein, wachen und beten und vielleicht in irgendeinem Moment als Retterin oder Rächerin einspringen zu können. Was sie wagen durfte, um beim geistlichen Herrn ihre Rechte durchzusetzen, das hatte sie heute gewagt und mehr als das. Er forderte von ihr Verzicht auf alle Hoffart, und sie verzichtete erschüttert um Lindes willen. Im Lauf der Nacht faßte sie den schweren Entschluß, den Krieg gegen die Feindin aufzustecken, alles zu tun, was sie ihr hieß, zu lassen, was sie ihr verbot, und vorläufig in diesem Haus keine andere Rolle mehr zu spielen als eine stumm gehorchende, auch wenn sie mit offenen Augen sah, wohin der Kurs steuerte. Besondere Freudigkeit konnte sie dabei nicht versprechen, und für den Mund, der ihr fortan verboten war, wollte sie die Ohren desto mehr brauchen, unvergessen die Zunge — nicht zum Lästern, sondern zum Schmecken! — und die Nase zum Riechen, denn an ihrem Verdacht, so kindisch er in der Tat war, hielt sie fest.

[S. 244]

So zeitigte denn diese Unterredung das wunderbare Ergebnis, daß beinahe eine ganze Woche lang nichts über Brigitt zu klagen war. Sie tat ihre Pflicht, schwieg, gehorchte, gab zu, ließ sich gefallen, war korrekt wie ein Reserveoffizier und zurückhaltend wie ein Hauslehrer, und nur mit der Abtretung der Krankenpflege harzte es noch etwas; aber die Klingse war damit nicht barsch, und wenn sie ihr wieder eine Verrichtung aus der Hand nahm, so geschah es leichthin und ohne grundsätzliche Verdrießlichkeiten. Bald war sie in aller Stille und Noblesse beinahe ganz aus dem Krankenzimmer gedrängt. Auf die stumm drohende Gebärde ihres Zurückweichens und den tief knurrenden Unterton in ihrem: »Jawohl, gnädige Frau!« achtete diese nicht weiter; wenn nur das Tier gehorchte und sie mit ihrem Herrentum durchdrang. Sie genoß ihren Sieg, ohne ihn zu mißbrauchen; doch war sie streng darauf bedacht, ihn nach allen Seiten unmißverständlich auszubauen und keine Gelegenheit übrigzulassen, bei welcher Brigitt nicht gedemütigt und mit großer Selbstverständlichkeit als Dienstmagd behandelt war.

Nach einer solchen Woche voll büßender Selbstüberwindung war dann Brigitt am kommenden Sonntag in der richtigen Verfassung, um die schuldige Beichte abzulegen. Sie nahte sich in demütiger und sorgenvoller Stimmung dem Beichtstuhl, aber nicht dem des Dechanten, sondern dem seines ersten Gehilfen, der auf der andern Seite der Kirche stand. Dort legte sie eine große und schwere Last ab, ein gewichtiges Bündel von Eitelkeit, Hoffart, Haß, Gewalttat, bösen Gedanken und widerspenstigem Wesen gegen ihren Herrn, blieb nichts schuldig, verbarg keine Regung, die ihr bewußt war, verschwieg auch nicht ihre Gründe, warum sie das alles anstatt ihrem Dienstherrn, der doch der nächste dazu war, dem Hilfsgeistlichen bekannte: aber von Linde war kein Hauch dabei, und der junge Priester konnte ihr Bekenntnis drehen und wenden, wie er wollte, so fiel davon nicht der leiseste Schatten auf die rechtmäßigen Bewohner des Pfarrhauses. Das Verlangen der büßenden[S. 245] Botmäßigkeit und Demut, das der Geistliche darauf an sie stellte, war schon zum voraus erfüllt, und schließlich nahm sie ihre Absolution mit innerlich schweigendem Dank ohne Hosianna entgegen, denn vorläufig war ihr Gram noch nicht kleiner als ihre Schuld, und nachdem sie diese Last los war, fand sie, daß das Gewicht ihrer mütterlichen Sorge um Linde und der andern um den Dechanten wenig an Druck verloren habe. Sie kommunizierte unter sehr ernsten Gedanken, und dann ging sie doch etwas getröstet nach Hause, weil sie wieder an der Hand Gottes war. Mit solcher Bedeutung angetan und mit dieser heiligen und gerechten Macht im Einverständnis sah sie auch dem nächsten Zeitlauf gefestigter entgegen, und konnte sie eher hoffen, aus der harten Demütigung ihre menschliche und katholische Würde zu retten.

Der Dechant genoß nun von Brigitts Unterordnung doch nicht die Genugtuung, die er sich davon versprochen hatte. Es blieb ihm natürlich nicht verborgen, daß sie zu seinem Untergebenen beichten ging, und das gab ihm schließlich mehr zu schaffen als alle andern Verdrießlichkeiten zusammengenommen; das war kein neues Ärgernis, sondern ein stiller, demütiger Bruch mit seiner Vergangenheit, die auch die ihre war. Sie hatte alle Hauptstationen seines Priesterlebens getreulich mit ihm durchgemacht, von der ersten kleinen Hinterwaldpfarre an bis ins Dechanat, immer ihm blind ergeben, auf seinen Ruhm und seinen Vorteil bedacht, in seiner Zufriedenheit und seiner Anerkennung ihren höchsten Lohn erblickend — um sich nun in seiner schwersten Zeit von ihm zu scheiden und ihm ihre geistliche Kundschaft zu entziehen samt ihrem Vertrauen und ihrem Glauben an seine priesterliche Person. So war ihm zumut, als ob ihm seine besten Jahre und seine Jugend den Rücken gewandt hätten, und da ihm seine Mutter diese Magd aus ihrem Besitz ausdrücklich abgetreten hatte, so schien auch sie fragend und zur Anklage bereit auf ihn herzublicken. Zu diesem innern Unbehagen kam noch ein äußeres. Es erbitterte ihn noch einmal ganz besonders auf die alte Person, weil er sich[S. 246] sagte, daß man draußen über ihre Abwendung von ihm reden und Schlüsse ziehen und daß das ganze vermaledeite Geschwätz nun frisch aufleben würde. Da sie aber ihren neuen Wandel mit großem Ernst betrieb, so fehlte es ihm an Anlässen, seine Gereiztheit gegen sie zum Ausdruck zu bringen.

Andrerseits war sie nicht zwanzig Jahre lang seine Magd und Verehrerin gewesen, um am Ende nichts von ihm zu verstehen. Sie sah mit mehr als nur zwei Augen, wie er entartete und verwilderte und auf großen Strecken die Ähnlichkeit mit sich selber verlor. Es fehlte ihm nachgerade überall am richtigen innern Halt und an der Festigkeit des reinen Gewissens. Seine Seele war voll von fressenden Zweifeln. Es gab Zeiten, in denen er sich uralt und erzverloren vorkam; dann hielt er zerrissene und leidende Predigten, über die sich mancher wunderte, und die die Gemeinde in Unruhe erhielten, solange er sprach und noch darüber hinaus. Man fand ihn bitter, scharf und schwer verständlich. Im Beichtstuhl war er von dumpfer Gleichgültigkeit oder von ergreifender Eindringlichkeit; manche verließ ihn weinend, und an solchen Tagen machte er auch den Männern zu schaffen.

Als aber die Klingse sich anschickte, mit einem Buch in der Hand sich für längere Zeiten im Zimmer der Kranken einzurichten, stand diese ganz unerwartet auf und setzte ihren früheren Lebenslauf wieder fort.

Neuntes Kapitel
Heinz wird ganz unbegreiflich. Die Herzenskälte richtet neues Unheil an, und Bob findet einen tragischen Untergang

E

Eigentlich hätte die Klingse schon vor vierzehn Tagen ihre Koffer packen und mit dem letzten Brief des Soldaten in der Tasche heimfahren können, um von dort aus das Verhältnis in einer angenehmeren Umgebung weiterzupflegen. Aber erstens spannte sie der innere Prozeß des Dechanten, den sie den Ehrgeiz hatte, aus einem »nicht ungefährlichen[S. 247] katholischen Geistlichen« zu einem weltlichen Gelehrten zu »rationalisieren«. Dann war auch ihre Villa eigentlich noch nicht fertig. Aber vor allen Dingen: sie schwebte noch in Ungewißheit über Lindes Verhalten auf jenen Brief des Soldaten. Nicht darauf gefaßt, daß das Mädchen so kühn und schnell das Richtige getan haben werde, fing sie nach acht Tagen bittrer Genugtuung wieder zu gären an. Als sie ihre Einsamkeit nicht länger ertrug, denn auch die Bewachung einer Feindin wird schließlich zum Bedürfnis, focht sie mit dem bekannten Erfolg die Magd in ihren Pflegevorrechten an. Wie aber Linde durch ihre Wiederherstellung ihre Einrichtungen über den Haufen warf, mit sichtbarer Kraft weiterlebte und bei allem eine Entschiedenheit und Elastizität an sich bemerken ließ, die man vorher lange an ihr vermißt hatte, so diagnostizierte der Kreisphysikus nachträglich eine Influenza, aber die Klingse diagnostizierte eine befreiende Handlung oder eine, die Linde dafür ansah, und erwartete mit Spannung und von vornherein mit Mißtrauen den Bericht des Soldaten darüber. Spannung und Mißtrauen schienen ihr gegenüber einer Gegnerin, die ständig auf unkontrollierbare Weise neue Kräfte zog und Größe gewann, wohl angebracht, doch inzwischen erlebte sie wirklich üble Zeiten, weil der Bericht länger ausblieb, als sie gern ertrug.

Die ersten vierzehn Tage faßte sie sich leidlich, weil die Post von der westlichen Front in der letzten Zeit überhaupt unregelmäßig kam. Die dritte Woche verbrachte sie in widerstrebender und äußerst aufreibender Stimmung, zwischen Furcht und Selbstgefühl peinlich eingespannt, mit innerlich gehetzten Tagen und auch äußerlich ruhelosen Nächten, in denen sie kaum das Bett aufsuchte. Brigitt mußte ihr am Abend den Ofen frisch einheizen, was gewöhnlich bis gegen zwei Uhr vorhielt. Solange saß sie brütend und mit unbekannten Faktoren rechnend in ihrem Lehnstuhl, nervös und schreckhaft und manchmal mit einem Modebuch, um sich an seiner oberflächlichen und billigen Sensation etwas abzulenken.[S. 248] Aber von ihrem tiefsten und tragischsten Leiden lenkte sie sich niemals und durch kein Mittel ab; ihre kalte und hochmütige Einsamkeit begleitete sie in jedes Verhältnis und ließ sie aus jedem kalt und einsam herausfallen. Sie saß wirklich, wie sie dem Dechanten erzählt hatte, über Kellern voller Leichen, aber nicht solchen, die sie mit Wissen und Willen dazu gemacht hätte, dazu fehlte es ihr vor allem an Natur, sondern sie hatte das peinliche Geschick, daß in ihren gespenstischen Händen jedes Leben bald erkältet den Geist aufgab. Dann barg sie das Tote in den besagten Kellern, aber wiederum nicht aus mütterlich untröstlicher Trauer, sondern aus literarischem Interesse, um das »furchtbare Bewußtsein« zu haben, nach dem sie dann ihre gesellschaftliche Haltung einrichtete. Inzwischen litt sie nichtsdestoweniger an ihrer lemurischen Unfruchtbarkeit und sehnte sich nach Wärme und Jugend, wie sich nur ein Gespenst sehnen kann.

Linde in ihrem Teil war ihrem fernen Freund in zunehmendem Maß dankbar, daß er ihre Bitte erfüllte und sie nicht durch Erklärungen beunruhigte, die bloß neue Unklarheiten bringen konnten, oder sie mit Abrechnungen peinigte, die auf moralische Pfennigspaltereien hinauslaufen mußten. Irgendwo in ihrer Seelentiefe schwebte ja ein armes Fünkchen von Hoffnung auf und ab und bat, er möchte dennoch schreiben, um ihr rettungslos mitzuteilen, daß sie von ihm mit ihrem Trennungsvorschlag das Unmögliche verlange, das er durchaus nicht zu leisten gesonnen sei, sondern was er wirklich leisten könne, sei höchstens das Gegenteil, wenn es nicht eben in seinem Herzen längst geleistet wäre. Immer wieder in ihren Träumen sah sie ihn auf seinen hoch aufgelaufenen Reichtum zurückgreifen, um sie zu bitten: »Laß mich nicht damit einsam verderben!« In dieser Weise schwebte sie auf sehr hohen und dünnen Sommerfäden der Hoffnung schon etwas erdenfern und doch zugleich mit der kühnen Seele äußerst erdennah über ihr wartendes Land, lebte von Vorstellungen und ein bißchen Essen, und niemand[S. 249] wußte, woher sie nach einer Krankheit, ohne den bekannten unternehmenden Rekonvaleszentenhunger zu entwickeln, die Kräfte nahm, über die man sie freimütig verfügen sah.

Sie besuchte wieder wie ehedem alte Weiblein und kranke Kinder, focht mit jenen geistlich und tröstete diese irdisch, und Bob machte das meiste ernsthaft mit. Was früher etwa von Altklugheit an ihr gewesen war, das schien nun ganz in Erfahrung und warmherzige Seelenklugheit aufgelöst. Einige besonders heilige Weiblein fanden sie freilich weltlich angehaucht und brummelten künftig unzufrieden hinter ihr herum, jedoch alle andern Freunde fielen ihr noch herzlicher bei, und zu den alten gewann sie neue. Auch Bob gewann einige neue Gönner, verständigte sich aber jedesmal durch einen Blick mit Linde, daß er nichts Besonderes davon halte. Linde schenkte viel und bekam geschenkt. Manchmal war es beinahe ein Verhältnis wie zwischen einem zur Abfahrt gerüsteten Auswanderer und seinen Verwandten und lieben Freunden, und später fanden sich auch Leute, die diese Stimmung aussprachen, wenn von Lindes letzten Zeiten die Rede war. Sogar an Bob war eine besondere zärtliche Erregtheit, so daß er ihr nicht von den Fersen wich und ihretwegen mit Hunden Händel anfing, mit denen er bisher ganz gut gestanden hatte. Dies war übrigens auch die einzige Zeit, in der die Tante sich ihr gegenüber ohne wirksame Macht befand. Es fehlte ihr durchaus nicht am Willen, aber einmal schien Linde geradezu entrückt, und dann wußte sie nicht, auf was für einer Grundlage sie fußte, solange Heinz nicht schrieb oder seine Briefe ausblieben.

Als dann aber gänzlich unerwartet von Heinz ein Brief an Linde eintraf und nur an Linde, erregte das Ereignis gleichermaßen bei beiden Frauen Bestürzung, und erbleichten beide vor Schreck, während sie, jede an ihrem Ort, Brigitt durchs Haus schreien hörten: »Lindchen, ein Brief vom Herrn Heinz!« Linde nahm ihn mit leise zitternder Hand entgegen und beinahe geistesabwesend, so daß ihr der alte Mensch mitleidig übers Haar strich. »Ach Gottchen! Ach[S. 250] Gottchen! Nun, siehst du wohl! Da ist er ja wieder! Was hab' ich immer gesagt?« Mit einer Freudenträne im linken und einer Kummerträne im rechten Auge hob sie sich wieder davon, denn die letzten Ereignisse hatte sie doch, was den Herrn Heinz anging, zur Skeptikerin gemacht. Indessen ließ sie beide hängen und paßte nur auf, welche zuerst herunterfiel; die linke sollte Glück bringen. Aber obwohl sie sogar ein bißchen mit Zwinkern nachhalf, fiel die rechte. Da brummte sie erbost: »Aberglauben und Zauberwesen! Wer sich damit einlassen wollte!« Gleich darauf zerbrach sie einen Topf, und nun hatte sie auch ein gutes Zeichen, und zwar ein altangesehenes.

Indessen las die Linde ihren Unglücksbrief. Er war kurz und drangvoll. »Liebes Mädchen, was soll ich sagen! Du willst, daß ich Dich nicht mit einer Antwort quäle, aber hast Du auch an mich gedacht? Ich bin Offizier. Auch ein Mann läuft nicht aus der Schule. Verlange nicht von mir, daß ich jetzt mehr aus mir herauspresse. Um mich kracht und donnert es. Eben muß ich das Blatt abschütteln, weil Erde von einer Granatfontäne draufgefallen ist. So sieht es hier aus. Hab' Geduld mit mir; woher sollen wir Augenmaß nehmen? Hoffentlich hat die Morderei bald ein Ende. Herzlich Heinz.«

Die Antwort war also so schlimm ausgefallen, als Linde irgend fürchten konnte; selbst ewiges Schweigen wäre besser gewesen. Außerdem, daß sein Ton verletzend klang, bemerkte sie mit leise erregendem Schmerz das Fehlen des zueignenden Fürworts am Schluß vor seinem Namen, und da es für die Liebe keinen Zufall gibt, so durfte sie nichts anders, als einen trauervollen Schluß daraus ziehen. Sie tat es in sehr anständiger Haltung. An ihrem Glauben änderte sie nichts. Ihren Liebeswillen hielt sie aufrecht. Den Brief des Freundes ließ sie unbeantwortet. Aus Morgen und Abend begann jedoch eine neue Leidenszeit für sie auch körperlich. Das Fieber fand sich wieder ein, wie es schien geradezu zur Befriedigung des Kreisphysikus, welcher erklärte,[S. 251] daß es sich um einen Influenzarückfall handle, der ihm wie gerufen komme; das kleine wichtige Fräulein müsse ja in dieser Zeit ganz voll Bakterien aus Armeleuts- und Krankenstuben hängen, und es sei ein Wunder, daß sie überhaupt nicht viel öfter krank werde. »Zu früh aufgestanden, mein Kindchen. Da haben wir's wieder! Quarantäne! Vor vier Wochen lass' ich dich nicht wieder 'raus.«

Die Klingse hatte abermals ihre besondern Gedanken über den Fall. Wenn sie erwog, daß Linde gestern einen Brief von Heinz bekommen hatte, der diesen Erfolg bewirkte, so fühlte sie etwas unter ihren Füßen wie Festigung des Bodens. Weiter brachte sie ihr Literatursinn auf die Vermutung, daß Heinz bei seinem weichen Gemüt natürlicherweise mit den Dingen nicht so überlegen fertig zu werden verstehe wie ein älterer und härterer Mensch, und daß es an ihr liege, ihre Zurückhaltung nun aufzugeben und ihm weiterzuhelfen, nachdem er offenkundig den großen Schritt ihr entgegen getan hatte. Sie hielt ihn noch für zu wund und zu erregt, um nun auch gleich die Folgerungen ihr gegenüber zu ziehen, und vielleicht war er auch zu geschmackvoll. In allen diesen vorausgesetzten Regungen sah sie achtenswerte »ideale Momente«; mindestens wollte sie sie jetzt achten, weil sie ihr den Weg zu ihm, den sie schon verschüttet gesehen hatte, wieder frei machten und es ihr ermöglichten, aus ihrer nachgerade unerträglichen Vereinsamung herauszutreten. So setzte sie sich denn noch am ersten Tag von Lindes Neuerkrankung hin und schrieb an Heinz, ohne länger seinen berichtenden Brief zu erwarten.

»Mein lieber Freund! Es drängt mich, Dir mit einem Wort zu schreiben, daß ich manches sehe und vieles empfinde; das übrige vermag ich zu konstruieren. Ich verstehe das, was Dir schwer ist, wenn dergleichen mir auch längst nicht mehr schwer scheint. Mein Freund, wir tun gut daran, die Dinge vom Standpunkt des Mondes aus zu betrachten; ich für mein Teil bin bereits auf dem Sirius angekommen. Wie klein ist diese Welt, und wie bedeutungslos ist das, was[S. 252] man so gemeinhin Schicksal nennt! Du kannst mir glauben, daß sich noch jeder und jede getröstet hat, und der Prozeß geht immer viel schneller, als wir denken. Tragödien ereignen sich nur auf dem Theater, und der Realismus hat auch mit den Theatertragödien schon aufgeräumt. Am schwersten hat es immer der, den das Beharrungsvermögen der Menschen zwingt zu handeln. Mein lieber Junge, was sich in der Welt so ›gut‹ nennt, und wen man ›schuldig‹ spricht, darüber reden wir einmal mündlich. Hoffentlich nun bald! Mir ist beinahe religiös zumut. Wir werden unser Leben künftig nicht mehr durch Gefühle aufhalten, sondern wie es uns ziemt, gut englisch auf business einstellen. Die Karriere, mein Freund, die Befriedigung des Ehrgeizes, das sind die wahren Genugtuungen. Die Wege dazu sind mir bekannt; ich werde dich führen. Das Geheimnis besteht in der Verachtung der Menschen, während man den Anschein erweckt, sie zu schätzen. Wohl Dir, daß es Dir so früh kund wird. Nun sorge Dich um nichts und genieße Deine Jugend. Lebe Dich frei und versäume keine Gelegenheit. Das ist die ganze Weisheit des Glückes. Ich bin wie immer herzlich Deine Malva.«

Nach weitern zehn Tagen Wartens traf endlich seine Antwort ein.

»Liebe Malva! Ich danke Dir für Deinen Brief und die guten Ratschläge. Ich werde sehen, was sich davon in die Wirklichkeit umsetzen läßt. Bei uns hier draußen hat eben manches ein anderes Gesicht, und wenn man so einen Monat wie den andern im Dreck herumbuddelt, so ist es nicht leicht, den Standpunkt des Mondes einzunehmen oder gar die Welt vom Sirius aus zu betrachten. Jeder Tag bringt seine Granaten; das ist unsre Weisheit, und eine andere brauchen wir vorläufig nicht. Gestern hatte ich wieder einmal den Rachen voll Erde. Ums Haar hätte ich mich daran verschluckt. Ich war so verdast von dem Schlag, daß ich nicht einmal darauf verfiel, mir mit dem Finger Luft zu schaffen. Ein Musketier erwies mir noch schnell den[S. 253] Dienst, ehe ich erstickte; ich hatte keine Zeit, mir seine Kralle näher anzusehen. So geht es aber, wenn man den Mund zu weit aufreißt. Daran zu denken, daß ihr euch in der Heimat in der Zeit um uns balgt, das gibt manchmal ein putziges Gefühl. Versteh mich nicht falsch, aber unser höchster Wunsch ist jetzt, daß das alles zuerst einmal vorbei wäre; dann wollen wir weitersehen, soviel von uns übrigbleiben. Wenn ich aber die Menschen verachtete, so wollte ich's ihnen auch zeigen; darin stimme ich mit Dir nicht überein. Nun, was wissen wir noch voneinander! Habt ihr Überblick, so kann's uns nur lieb sein; wir haben längst keinen mehr. Du hast recht, man müßte wieder einmal miteinander reden. Also hoffen wir. Eben kommt mein Bursche und meldet, daß sie unsern Unterstand eingeschossen haben. Zum Glück war niemand drin. Ich muß sehen gehen. Herzliche Grüße. Heinz.«

Dieser Brief war nun dazu angetan, auch der Klingse Fieber zu verursachen, und die Stelle: »— daß ihr euch in der Zeit um uns balgt —« verletzte und verdroß sie unsäglich. Aber kühl erwägend sagte sich ihr Verstand, daß, wenn Linde Ursache für einen neuen Fieberanfall gefunden habe, für sie vernünftigerweise keine bestehen könne. Was sie erlitt, das erschien ihr, überlegen betrachtet, ein ungezogener Vorstoß von übler Laune und Nervosität gegen eine eingebildete Bedrängung, die Schlechtberatenheit eines jungen Menschen, der sein augenblickliches kriegerisches Übergewicht gegen seine moralische Hilflosigkeit geltend zu machen suchte, »irrationell«, wie er von seinen Lehrern kam, und sachlich noch gar nicht eingeschult. Da sie ihn aber auf ihre Art wirklich liebte, so sah sie's ihm nach in der Erwartung, noch Zeit genug zu seiner Erziehung zu bekommen, wenigstens bildete sie sich ein, die Frau dazu zu sein, während niemand weniger für eine solche Aufgabe geeignet war als sie mit ihrem gespenstischen Fatalismus, ihrer Verständnislosigkeit für Leidenschaftsausbrüche und ihrem Mangel an Würde und Wehrhaftigkeit gegenüber wirklichen Ungezogenheiten.[S. 254] Und während sie sich nach den Mitteln und Wegen umzusehen begann, wie seine Karriere in der Welt vorzubereiten und im größeren Stil durchzuführen sei, schrieb sie bereits die ersten Briefe, die nötig waren, um nach jenen Richtungen die wünschenswerten Beziehungen bereitzustellen.

In dieser Zeit wurde sie für Bob die Beziehung zum Untergang, und zwar hatte das erbarmungslose Ereignis folgenden Verlauf. Bob kam, seitdem seine Freundin wieder zu Bett lag und die Klingse von neuem die Vermittlung zwischen dem Hauswesen und der Geschäftswelt führte, selten mehr zum Ausgang; wenn er Anregung haben und in der Stadt auf dem laufenden bleiben wollte, so mußte er sich schon an die unbeliebte Person halten. Nun hatte die Klingse wenig Lust, sich mit dem lebhaften und sehr unternehmenden Tier zu befassen, aber da der Dechant wünschte, daß Bob seine tägliche Bewegung bekomme, so nahm sie ihn mit. Trotz seiner gelegentlichen Wildheit war er hochsinnig und zartfühlend, und wo er ein wenig Interesse für seine Art und seine Bedürfnisse bemerkte, da zeigte er sehr genauen Appell. Eine Rauferei zum Beispiel zu verhüten, war nicht immer möglich, aber wenn man rasch weiterging und ihn abrief, so schloß er ganz richtig, daß man sich mit dem gegebenen Beweis seines Eifers begnüge, und kam nach, ohne auf der Austragung des Falles zu bestehen, obwohl es sonst nicht seine Art war, einen Streit halbgenäht hängen zu lassen; daß er vorzeitig davon abließ, tat er wirklich nur seinem Herrn oder seiner Herrin zu Gefallen. Mit kleineren Hunden, als er war, ließ er sich nicht ein; seine Feinde begannen erst in den Reihen der größeren Terrier, und dort machte er noch zur Bedingung, daß er oder sein Begleiter zuerst in unflätiger Weise beschrien werden mußte. Bei Wölfen, Dobermännern, Neufundländern und Bernhardinern dagegen ging er selbständig an und desto sicherer, je größer die Feinde waren. Darum war es nötig, daß man etwas die Augen für ihn brauchte, um ihn beizeiten[S. 255] ablenken zu können, denn schließlich war er nicht mehr jung, und durch den Verlust des einen Auges entstand ihm mancher Nachteil, zumal in letzter Zeit auch das andere angegriffen schien. Er suchte immer auffälliger dämmerige Plätze zum Liegen, und manchmal bemerkte man, daß er an Gegenstände anstieß, die eigentlich mit normalem Gesicht nicht wohl zu übersehen waren. Nun schien ihn auch der Schmerz in dem verletzten Auge und das scharfe Tageslicht zuzeiten zu reizen und ihn etwas rauher und weniger ritterlich zu machen, als er sonst war. Alles in allem verlangte er also ungefähr die Aufmerksamkeit und Vorsorge, die man einem lebhaften und phantasiereichen Knaben auf der Straße zuwendet, und bei seinem bedeutenden Reichtum an sonstigen wertvollen Eigenschaften, Treue, Wachsamkeit, Selbstgefühl, Unbestechlichkeit, Dankbarkeit, und der ganzen Entschiedenheit seines Wesens war es keine Frage, ob er jene verdiente oder nicht.

»Nun, so komm also!« sagte die Tante kaltsinnig und etwas verdrießlich zu ihm, der schon nach ihr sehend vor der Tür wartete und hoffend den kurzen Schwanz bewegte. »Ich bitte mir eine anständige Aufführung aus. Nicht aus dem Haus schießen!«

Aber er schoß bereits, und für den fremden Hund, der jetzt gerade nicht dastand, war es ein wahres Glück, denn Bob fühlte sich diesen Morgen besonders begierig und gereizt, weil ihn Brigitt nach dem Willen der Klingse neuerlich wiederholt im Futter zurückgesetzt hatte. Er suchte noch schnell die bekannteren Plätze ab, dann setzte er sich gesammelter und leise gespannt auf die vorkommenden Abenteuer am Dom vorbei nach der Sattlergasse zu in Bewegung. Zuerst begegnete ihm ein kleiner Wachtelhund, der ihm respektvoll aus dem Weg ging. Nachher kam ein großes, graues Windspiel des Weges, das zur Präsidentin des Roten Kreuzes, dem Fräulein von Epstein, gehörte. Aber Windspiele hielt er nicht für Hunde; er hatte schon von Kind auf eine Verachtung für sie gehabt. Auf den Anruf des Fräuleins[S. 256] von Epstein kam er zwar her und ließ sich gnädig den Kopf streicheln, doch an ihrem Gespräch mit der unbeliebten Person nahm er keinen Anteil, und sobald es der Anstand erlaubte, machte er sich davon.

In der Hauptstraße begegnete er dem braunen Jagdhund des Kaufmanns Felge, der dessen Boten auf einem Gang begleiten durfte. Mit diesem setzte es eine kurze grundsätzliche Anremplung um der Ordnung willen; im übrigen waren sie alte Bekannte, die an diesem Platz schon viel Wechsel gesehen hatten. Der Jagdhund war als Eingeborener freilich schon dagewesen, als man Bob mit der Eisenbahn brachte, wenn auch erst die zehn Wochen, die er alles in allem damals zählte, aber da gehörte Bob bereits unter die Erwachsenen, und diesen Vorsprung an Geltung hatte der Jagdhund nie ganz einholen können, zumal Bob überhaupt als Ausnahme betrachtet wurde und darum allen Respekt und alles Übelwollen genoß, das die Mittelmäßigkeit für solche Erscheinungen immer bereit hat. Zu Ehren des Jagdhundes muß gesagt werden, daß er von Übelwollen nur so lange besessen war, als er sich mit Bob zu raufen hatte; sonst war er ein Ehrenmann, der fremde Verdienste zu schätzen wußte.

Nach dem braunen Jagdhund des Herrn Felge kamen die beiden weißen Pudel der Frau Oberförster, einer anspruchsvollen, reichen Frau, in Begleitung des Dienstmädchens. Das Mädchen bemerkte den Boxer schon von weitem und nahm die Pudel vorsichtig an die Leine, da sie zu seinen besten Feinden zählten; er konnte die zierigen, eingebildeten und hochtrabenden Tiere, die immer farbige Bänder am Halsband und Decken mit Monogrammen und weißen Taschentüchern trugen, in den Tod nicht ausstehen, und wo er eines von ihnen erreichbar fand, ging er es sicher nicht vorbei. Nachher hatte er das Maul voll weißer Pudelwolle und etwa einen neuen Biß am Kopf oder an der Brust, denn die Pudel waren trotz ihrer Zierigkeit nicht von schlechter Rasse und schlugen wütend zu. Wenn sie aber an der Leine gingen, fing er nichts mit ihnen an. Zur Durchführung[S. 257] dieses großmütigen Grundsatzes war es dann freilich nötig, daß er weder von den Pudeln beschrien — Knurren vertrug er in solchen Fällen auch nicht — noch von seiner Begleiterin verwarnt wurde, sonst vergaß er auch die Leine und fuhr unhaltbar drein.

Nun beging die Klingse, die sich noch nie die Mühe genommen hatte, ein Tier zu verstehen, die große Torheit, beim Nahen der Pudel Bob ausdrücklich und von vornherein über den möglichen Ungehorsam indigniert zu vermahnen. Bob dachte also, daß sie von den Pudeln eine Gefahr besorge; er leckte sich die Zähne, und seine Miene nahm bereits einen drohenden Ausdruck an. Die Pudel ihrerseits fühlten sich von der scharfen und nervösen Stimme der Klingse erregt und glaubten, daß dort ein Angriff befohlen werde. Bob ging den Pudeln mit langsamen, steifen Schritten und gespanntem Rücken entgegen. Die Pudel schlugen Lärm und rissen unruhig an der Leine. Die Klingse verwarnte und rief aufgebracht Bob beim Namen. Das Dienstmädchen begann zu schreien und suchte, mit den Pudeln wegzukommen. Aber schon fuhr der sehnige, dunkle Körper des Boxers in die weiße Pudelherrlichkeit hinein und diese flockig und leidenschaftlich über ihn her. Was dann geschah, war nicht mehr im einzelnen zu erkennen. Einmal schien sich Bob in einem Pudelohr festgebissen zu haben. Einmal hing ein Pudel an Bobs rechtem Vorderlauf, dicht unterhalb der Brust. Das Dienstmädchen schlug mit der Peitsche dazwischen und konnte nichts Dümmeres tun, denn jede Partei setzte die empfangenen Hiebe der andern aufs Konto und steigerte ihre Angriffswut. Die Klingse versuchte sich mit ein paar Fußtritten, ließ dann aber, jetzt mit Grund indigniert, jede weitere Bemühung, um nach Männern auszusehen, die helfen konnten.

Die erschienen in Gestalt von zwei Arbeitern, die Eisenstangen und Werkzeuge trugen. Sie ließen sich lachend bereit finden, den Krieg auseinander zu bringen. Zuerst probierten auch sie es mit Fußtritten, und da das Dienstmädchen wie[S. 258] auch die Klingse einstimmig angaben, daß Bob den Streit angefangen habe und er außerdem als Raufer bekannt war, machten sie es sich zum besondern Vergnügen, einmal dem Hund eines katholischen Pfarrers zu zeigen, was rechte genagelte Arbeiterschuhe sind. Er bekam also alle Fußtritte allein. Als die Schuhspitzen nicht auszureichen schienen, versuchten sie sich mit den Absätzen. Schließlich war es natürlich, daß Bob, den die Fußtritte und die allgemeine Parteinahme gegen ihn verwirrten, blindhin nach den Feinden biß; dabei erhaschte er einen der Männer flüchtig am Schuh. Der Zahn hatte, wie sich nachher zeigte, nicht einmal das Leder durchschlagen, aber nach der Art aller rohen und stupiden Menschen, die auf eine Niedertracht eine Abfertigung erhalten, schlug seine vergnügte Stimmung schnell in Wut um. Er ergriff eine der Eisenstangen, die er bei sich trug, und begann damit auf Bob loszuschlagen. Der erste Hieb traf ihn auf die Schulter, so daß er erschreckt herumfuhr und sich bei seiner Führerin in Sicherheit zu bringen suchte. Die Absicht war auch ganz deutlich, aber der Arbeiter schrie: »Was, du elendes Vieh, du willst noch mehr beißen? Da hast du fürs Beißen!« und führte einen zweiten Schlag, der ihn auf den Kopf traf; das Blut floß sofort nach. Und weil er doch einmal am Schlagen war, versetzte er dem hilflos taumelnden Tier, das vor Blut nichts mehr zu sehen vermochte und vom Schlag halb betäubt war, einen dritten Hieb ins Kreuz, unter dem es leise stöhnend zusammensank.

Das Mädchen hatte unterdessen längst seine weißen Pudel aus dem Streit zurückgezogen, etwas gezaust und schmutzig, aber übrigens heil, und sich mit ihnen davongemacht; man konnte es eben noch die Nebengasse hinauflaufen sehen, in der Herr Felge wohnte, und die Pudel sprangen munter mit. Auch die Klingse, als sie sah, daß der Krieg beendigt war und Bob »seinen Denkzettel erhalten« hatte, wandte der Szene den Rücken. »Das hat dir schon lange gefehlt«, bemerkte sie noch belehrend zu ihm, der sie mit blutüberströmten Augen blind suchte. »Das nächste[S. 259] Mal wirst du besser gehorchen.« Mit dieser angenehmen Aussicht wandte sie sich wieder auf ihren Weg, im ganzen befriedigt, nur daß ihre schwachen Nerven noch etwas von der gehabten Aufregung zitterten. Den Hund hatte sie so wenig aufmerksam angesehen, daß sie nicht einmal bemerkte, wie er die Hinterbeine kraftlos am Boden schleppte. »Der hat genug!« lachte der zweite Arbeiter, der nicht geschlagen hatte, halb verlegen. »Komm.« Auch darauf achtete sie nicht. Sie ging die Stadt hinunter, die Arbeiter machten sich nach der andern Richtung davon, und nur einige Kinder standen halb neugierig, halb erbarmungsvoll um das verlassene Tier.

Als Bob erkannte, daß man ihn allein gelassen hatte, war er zuerst bestrebt, seinen Blick wieder zu befreien. Er fuhr sich einige Male hastig und ungeduldig, weil er nicht mehr Herr aller Glieder war, mit einer Vorderpfote über das heile Auge. Endlich gelang es ihm, es klar zu bekommen, so daß er wenigstens die Richtung erkennen konnte, die er heimwärts nehmen mußte. Mühselig mit seinem schleppenden Hinterkörper setzte er sich die Stadt hinauf in Bewegung. Da das Blut weiterfloß, wurde er bald wieder blind, aber nun halfen ihm die Kinder; sie riefen: »Komm, Bob!« und wiesen ihm so die Richtung weiter. Aus der barmherzigen Erfindung wurde dann ein Sport, und dermaßen kam das stumme, traurige Tier mit großem Geleite und einigem Hallo langsam durch die Stadt vorwärts; aber die ganze Reise dauerte eine halbe Stunde und mehr, während sie sonst in fünf Minuten leicht zurückzulegen war. Auf dem ganzen Weg fand Bob keinen Freund, der sich über ihn erbarmt, und auch kein menschliches Herz, das sich aus Naturfrömmigkeit seiner angenommen hätte. Die Erwachsenen, die ihn blutend seines Weges kriechen sahen, eskortiert von der Kinderrotte, hatten für ihn wenig andere Regung als die einer befriedigten Neuigkeitssucht, und das Wort des Arbeiters: »Der hat genug!« wurde noch einigemal hinter ihm laut, begleitet von keineswegs immer freundlichen[S. 260] Kennzeichnungen seines Wesens und Treibens. Die etwas gespannte oder aber gleichgültige Stimmung der Leute für seinen Herrn schlug sich auch auf ihn nieder, und wenn er einmal für ein paar Minuten erschöpft liegenblieb, war er inmitten aller Leute, die er wie in seiner Todesstunde kommen und gehen hörte, in einer für ihn mehr ehrenden als nützlichen Weise einsam. Es fand sich nicht einmal jemand, der ihm einen Schluck Wasser gebracht hätte, obwohl er an mancher Haustür vorbeikam, durch die er dem Dechanten oder Linde auf einem Hilfsgang gefolgt war, und nicht nur einmal. Man hatte ihn stets mit ausgesprochenen Freundschafts- und sogar Achtungsbeweisen empfangen, aber nie dazu gebracht, einen Bissen Brot oder einen Knochen von jemand anzunehmen, und es war bei solchen Ehrungen immer eine gewisse Verlegenheit an dem feinnervigen Tier zu bemerken gewesen, die es durch angelegte Ohren, leises Knurren und durch mitteilende Blicke auf seinen Herrn oder die Herrin äußerte. Bob war auch immer sehr erleichtert, wenn es wieder hinausging, so gern er stets mit hereinkam, denn die Aufsuchung von fremden Verhältnissen schätzte er über alles, dagegen weniger deren Insassen; dafür hatte er von jeher den richtigen Instinkt besessen.

Die Tante war inzwischen zur Post gegangen und dann zu Herrn Felge, ohne den Hund besonders zu vermissen; sie sah, daß er nicht bei ihr war, und sonst dachte sie sich nichts. Nach vollbrachter Verrichtung kehrte sie auf einem andern Weg nach Hause zurück und war noch vor Bob da. Sie fragte nicht nach ihm, sondern gab Brigitt eine Küchenanweisung und stieg dann zu Linde hinauf, um mit dem Hinweis auf das schöne Wetter — es war gar nicht übermäßig schön — ihr Fenster zu öffnen, das sie von unten geschlossen gesehen hatte. Auch sie zog bloß Schlüsse von sich auf andere Leute, um ihnen damit unbequem zu werden, denn während sie in gesundem Zustand sehr auf Wärme hielt — sie war fortdauernd blutarm —, konnte man ihr, wenn sie unpäßlich war und zu Bett liegen mußte, nicht bald genug frische[S. 261] Luft machen, weil sie es dann bei ihrem leicht hysterischen Zustand immer etwas mit Hitzen zu tun bekam. Unterdessen hatte Brigitt dem Hund seine Schüssel zurechtgemacht und ging, ihn rufend, durch die Zimmer, darauf vors Haus, und dort sah sie den betrüblichen Zug herankommen, voraus das Tier, das mit den letzten Kräften seinen gelähmten Leib nach Hause schleppte, und dann die Kinderrotte, die sich jetzt mehr im Hintergrund verhielt und nur noch sehen wollte, wie Bob empfangen wurde.

Als Brigitt nach dem ersten Schreck erkannte, worum es sich handelte, lief sie eilig herzu, das Tier, viel tiefer erschreckt, als sie selber wußte, beim Namen rufend. Bob hob aufhorchend den blinden Kopf. Über seinen zerstörten Körper lief ein Zittern, und vor Erregung und Schwäche brach er wieder zusammen. Die Magd ließ sich erschüttert bei ihm nieder, um ihm vor allem mit der Schürze das schon eingedickte Blut vom Auge zu wischen. Er blickte sie, als er wieder sehen konnte, hilfesuchend und mit einem so kummervollen Ernst an, daß ihr das Weinen in die Kehle drang. Es war nun durchaus nichts Hündisches mehr an ihm, sondern nur noch die schweigende Bereitschaft der Kreatur, die den Tod wittert. Sie streichelte ihm ergriffen und unfähig, zu sprechen, den schönen, ausdrucksvollen Kopf, und er lag leise klagend, doch nicht winselnd, auf dem Pflaster, ab und zu um Luft kämpfend und keinen Blick von ihrem Gesicht wendend.

Inzwischen besann sich Brigitt, daß etwas mit dem Tier geschehen müsse; da sie sich aber nicht getraute, es anzufassen, schickte sie ein Kind nach dem Dechanten. Das traf ihn bereits auf der Treppe; er hatte den Aufzug ebenfalls bemerkt und sich eilig auf den Weg begeben. Als Bob ihn kommen sah, machte er eine Anstrengung, ihm entgegenzukriechen, blieb aber halb aus Schwäche und halb unter Brigitts mitleidsvollem Widerstand liegen; nur das Spiel seiner Ohren und die Spannung seiner Miene verriet die Bewegung, in die ihn das Wiedersehen mit seinem Herrn versetzte. »Um[S. 262] Gottes willen, was ist hier geschehen?« rief dieser bestürzt, bei der Gruppe ankommend. »Brigitt, so rede doch!« Diese hatte unterdessen von den Kindern so viel erfahren, um über die Hauptsachen Bescheid zu wissen. Sie kämpfte um Worte. Sie wisse es nicht, würgte sie endlich hervor, ohne ihn anzusehen. Die Frau Professor sei mit ihm ausgewesen. Da sie seinen Blick vermied, so sah sie auch nicht den Schatten, der bei ihren Worten über sein Gesicht ging, und wenn sie ihn bemerkt hätte, so hätte sie den schlechten Eindruck in ihrer neuen Demut sich zugeschrieben, nicht der Feindin. Er bezog sich aber auf die Verwandte.

Da man das Tier nicht auf dem offenen Platz liegenlassen konnte, trug es der Dechant mit Brigitt in ihrer Schürze ins Haus. Bob knurrte zuerst, ließ sich dann aber von seinem Herrn zureden. Sie brachten ihn in die Küche; Brigitt holte sein Lederkissen herunter, und darauf betteten sie ihn. Nachher lief sie zum Tierarzt; der Dechant blieb solange beim Hund. Der Arzt war über Land gefahren und nicht vor Mittag zurückzuerwarten. So war vorläufig nichts weiter zu tun, und der Dechant suchte seine Schwägerin auf, um von ihr Näheres über die Vorgänge zu hören.

Es war ihr neu, daß das Tier erst jetzt nach Hause gefunden habe; von seinem Zustand wußte sie überhaupt nichts, und was sie sonst erzählte, verwischte keineswegs die peinliche Empfindung, die dem Dechanten Brigitts Worte bereits gemacht hatten, im Gegenteil, es verstärkte sie noch wesentlich. »Du hättest dich besser um das arme Tier kümmern sollen, anstatt es von fremden Leuten zuschanden schlagen zu lassen«, sagte er, unfähig, seine Erregung ganz zu verbergen.

»Was willst du?« wunderte sie sich. »Du wirst doch nicht von mir verlangen, daß ich mich in die Raufereien deines Hundes mische!«

»Du hast recht; irgendwo hat jedes menschliche Verhältnis seine Grenzen«, bestätigte er erkältet und verließ sie, um auf sein Zimmer zu gehen.

[S. 263]

Bob lag in der Küche auf seinem Kissen, den Kopf zwischen den Vorderpfoten und mit unruhig belebten Sinnen allen Vorgängen um ihn aufmerksam folgend, während sein Hinterkörper ohne Bewegung und leblos an ihm hing, auch schon ganz gefühllos, denn seine Exkremente gingen ohne sein Bewußtsein von ihm, bei einem so peinlich hausreinen Tier ein bekümmernder Anblick. Brigitt hatte ihm seine Wunden ausgewaschen und ihn vom Straßenschmutz gereinigt. Ab und zu stieß er einen tiefen Seufzer aus; sonst lag er still und auf irgend etwas wartend da. Nahrung nahm er nicht mehr zu sich; Wasser trank er immer wieder mit Begier. Brigitt kochte weinend das Mittagessen. Linde wagte niemand etwas zu sagen, weder der Dechant noch Brigitt, und die Tante hielt den Vorfall für keine mitteilungswürdige Tatsache, zumal sie der Dechant über deren wahre Tragweite im ungewissen gelassen hatte. Schließlich merkte Linde an gewissen Anzeichen, für die der Kranke eine feine Empfindung hat, daß im Haus etwas nicht in Ordnung sei, und auf ihre Frage bekam sie von der Tante die trockene Nachricht, daß der Hund wieder eine Rauferei gehabt und dabei wohl eine etwas derbe Lektion erhalten habe.

»Wieso?« fragte Linde aufhorchend. »Weißt du das denn nicht sicher? Wer war denn aus mit ihm?«

»Ich war aus mit ihm, meine Liebe«, erklärte sie sehr kühl und kampfbereit. »Was willst du damit sagen?«

»Daß er dann mit dir wenig Glück gehabt hat«, versetzte Linde erregt. »Was ist mit dem Tier?«

»Ich bewunderte immer eure Auffassung, daß sich die ganze Stadt nach eurem Köter richten solle«, sagte sie mißmutig. »Aus diesem Kult wünsche ich herauszubleiben. Ich werde dir die Magd herschicken, damit du die Dinge in der gewünschten Aufmachung erfährst.«

Brigitt kam ungern und wollte dann nicht mit der Sprache heraus, so daß endlich Linde in Ungeduld und wahrer Angst aus dem Bett sprang, ohne auf etwas weiteres zu hören einige Kleider anzog und in aller Leibesschwäche sich[S. 264] an den Wänden und dem Treppengeländer hintastend nach der Küche hinunterstieg, gefolgt von der händeringenden und still vor sich hinweinenden Magd. Als Bob seine liebste Freundin bemerkte, raffte er sich eilig auf und kroch, bevor ihn jemand halten konnte, seinen Hinterleib nach sich schleppend, auf sie zu, und als sie mit den zitternd hervorgebrachten Worten: »Mein armes Tier, was haben sie mit dir gemacht?« bei ihm niedersank, stieß er einen so klagenden und zugleich von ihrer Nähe erschütterten Laut aus, daß Brigitt haltlos aufschluchzend sich gegen die Wand warf und Linde sich bis ins Mark erbleichen fühlte. »Willst du dich — nicht wieder auf dein Bett legen?« bat sie ihn mit wankender Stimme, umsonst bestrebt, ihr Entsetzen über seinen Zustand zu verbergen, und mit ihrer blassen, kranken Hand leise seine Wunden abtastend. Er kroch noch näher zu ihr hin, um seinen Kopf eng an ihren Fuß zu schmiegen, und sie hatte nicht die Kraft, gegen diese Gebärde der Liebe noch etwas zu unternehmen. Dieser Augenblick war es aber, auf den er die ganze Zeit gewartet hatte.

Schließlich besaß aber Linde nicht mehr so viel Kräfte, um einen derartigen Ansturm von Empfindungen und dazu noch den Anblick und die Nähe der dem Tod verfallenen Kreatur lange zu ertragen. Als sie den Zustand seines vorigen Platzes bemerkte und sah, daß der Weg von dort bis hierher über den Zementboden mit den Spuren seiner Schwäche gekennzeichnet war, überfiel sie ein furchtbares Mitleid, dem sie mit einem hilfesuchenden Blick nach Brigitt stumm erlag. Sie sank ohnmächtig neben dem Tier nieder, und Brigitt konnte mit knapper Not verhindern, daß sie den Kopf auf dem harten Boden aufschlug. Dann rief sie laut durchs Haus nach dem Dechanten, der neu erschreckt herbeikam, sich, wie vorhin Linde über den Hund, jetzt über ihre Anwesenheit in der Küche entsetzte und dann das bewußtlose Mädchen beinahe ganz allein, Brigitt hielt sich mehr daran, als daß sie heben half, über die Treppe hinauf in sein Bett zurückbrachte.

[S. 265]

Bob blieb solange allein in der Küche. Das Wegsinken der Freundin neben ihm und dann die folgenden Vorgänge, die mit der Entfernung aller Personen endeten, hatte er mit ernster und trauriger Miene beobachtet und auch noch aufmerksam die folgenden Geräusche im Haus droben verfolgt, darunter unsäglich erregt die haltlos und beinahe wild aufweinende Stimme des wieder erwachten Mädchens. Als es dann endlich still wurde und Brigitt allein und seufzend zu ihm zurückkehrte, ließ er sich in sein Schicksal ergeben wieder auf sein Kissen betten, und die nächste Stunde lag er regungslos wie vorher, den Kopf beobachtend und ständig Schlüsse ziehend zwischen den Vorderpfoten, auf seinem Lager, nun auf nichts wartend als auf seinen Tod.

Den brachte ihm endlich, noch bevor das Mittagessen ganz fertig war, der Tierarzt. Er hatte sich gleich mit allen Instrumenten versehen und für den äußersten Fall auch mit Blausäure. Nun, diesen äußersten Fall fand er gegeben, und er betrieb die Zurüstungen still und schonend. Er konnte weder dem Tier noch den Hausgenossen die Pein ersparen, jenem die Kiefer mit einer handfesten Schnur zuzubinden, und da er wußte, mit was für einem Hund er's zu tun hatte, betrieb er diese Vorbereitung sogar besonders umsichtig und gewissenhaft. Bob hatte sich von selber auf die Vorderbeine aufgerichtet. Er schnaufte etwas erregt und sah fragend nach seinem Herrn, ob das in der Ordnung sei. Der Dechant redete ihm wieder zu und strich ihm beruhigend mit der Hand über die phantasievolle, hochgewölbte Stirn. Der Tierarzt, ein schmächtiger, blasser Jude mit blondem Schnurrbart und dünnem Haar, suchte dem Dechanten und der Magd die Furcht vor dem Kommenden zu nehmen. Sie sollten ganz ruhig sein; er werde jetzt nur die Spritze rasch ins Herz einführen; mit dem nächsten Pulsschlag trete die Blausäure ins Gehirn und werde sofort Bewußtlosigkeit bewirken. Was dann noch folge, das vollziehe sich nur mechanisch und ohne daß das Tier etwas davon wisse.

Bob wurde schonend gelegt und dann auf den Rücken gedreht.[S. 266] Der Arzt füllte die Spritze mit Blausäure, suchte die Stelle zwischen den Rippen und stieß dann schnell zu. Das Tier ließ einen mehr verwunderten als schmerzhaften kurzen Laut vernehmen, während der Arzt die Spritze in seinen Körper entleerte. Darauf warteten alle, auch das Tier. Es verging eine halbe Minute, eine Minute, und dann noch eine zweite und dritte, ohne daß die angesagte Bewußtlosigkeit eintrat. Bob blickte aus seinem gesunden Auge unruhig und seinem Schicksal, aber durchaus nicht dem Gift erlegen um sich. Ab und zu machte er eine nervöse Bewegung, um sich den Händen zu entwinden, die ihn niederhielten; nach der dritten Minute wurden diese Anstrengungen heftig und nachhaltig, so daß der Arzt nicht länger mit seinem Erstaunen zurückhielt. Ein derartiger Fall sei ihm im ganzen Verlauf seiner Praxis noch nicht vorgekommen, erklärte er befremdet. Er habe bisher noch nie etwas anderes erlebt, als daß ein Hund nach der ersten Injektion bewußtlos hinzucke und nach einer halben Minute spätestens tot sei. Um den Prozeß zu beschleunigen, gab er eine zweite Spritze. Bob hielt wieder betroffen inne, wartete ein Weilchen und erneuerte seine Anstrengungen, sich zu befreien. Der Verlauf fuhr nun dem Arzt schon sichtbar in die Nerven. Der Dechant litt schweigend mit dem Tier, und Brigitt biß sich wild auf die Lippen, um ihre Fassung zu behalten.

Schließlich gab Bob ermüdet und schwerer schnaufend nach, aber er schien noch bei Bewußtsein. Kopfschüttelnd und verständnislos wiederholte der Arzt zum fünften- oder sechstenmal: »Eine fabelhafte Vitalität! Eine ganz unheimliche Natur!« ohne daß er wagte, den Blick von dem Hund auf die Anwesenden zu richten.

Darüber waren nun bereits zehn Minuten vergangen, und von jeder neuen hofften die Anwesenden, daß es die letzte sei. Aber es wurde noch eine dritte, besonders große Dosis Blausäure nötig, bevor die vorausgesagten Wirkungen nacheinander endlich eintraten, die Bewußtlosigkeit rasch, das ringende Atem der Lungen langsam, um dann einen[S. 267] desto zäheren und heftigeren Verlauf zu nehmen. Dieser hoffnungslose und hastige Kampf um Luft war vielleicht von allen Erscheinungen die, die seinen Freunden am bittersten zu Herzen ging, zumal er dabei noch einmal den ganzen rassigen Bau seines Körpers zur Anschauung brachte. Darauf stieß er schnell hintereinander zwei, drei Schreie aus, begann zu zittern und zu zucken, und endlich fühlten der Dechant und Brigitt mit wahrem Dank gegen Gott seinen Widerstand unter ihren Händen nachlassen, und zwar ganz plötzlich. »Geben Sie ihn jetzt nur frei«, sagte der Arzt leise. »Es ist vorüber.« Er sah noch eine Weile zu, wie das geheimnisvolle letzte Beben durch seine bereits erschlaffenden Glieder ging. Dann löste er ihm die Verschnürung von den Kiefern. Sein Kopf sank schlaff über die erbarmungsvoll stützende Hand Brigitts zu Boden nieder, und die Zunge hing ihm aus dem Maul. In diesem Moment hatten alle einen kalten und scheuen Begriff vom Wesen des Todes, und eine Weile betrachteten sie den schönen leblosen Körper, ohne doch verstehen zu können, was im Grunde damit vorgegangen war.

Durch die Stille drang von droben schneidend der neu aufweinende Ton von Lindes Stimme. Sie hatte läuten gehört und aus allen Geräuschen im Haus drunten den richtigen Schluß gezogen. Bis zu Bobs letzten Schreien hatte sie sich noch gefaßt, weil sich die Tante wieder bei ihr im Zimmer aufhielt. Jetzt brauste der Jammer um das liebenswürdige und edle Tier widerstandslos in ihr auf, aber nicht nur der Jammer, sondern auch das Grauen vor der Person, die ihn mit ihrer Gefühlskälte verschuldet hatte, und die leidenschaftliche Abneigung gegen sie. Als sie ihr mit überlegenen Belehrungen den wilden und schädlichen Ausbruch verweisen wollte, schrie sie gepeinigt und außer sich: »Laß mich allein! Geh! Ich will nichts hören! O Gott! Mußte denn das sein?« Da erhob sich die Tante, den bittern Ernst mit Verdrießlichkeit erkennend, und verließ das Zimmer. Nachher kam Brigitt, um durch die letzten Mitteilungen[S. 268] Linde wenigstens wieder in den Kreis der Geschehnisse zu ziehen und ihr die Ruhe zu bringen, die stets aus vollendeten Tatsachen, besonders solchen, fließt. Diese Ruhe verbreitete sich in ihr mit jener geheimnisvollen, schauernden Bewegung des Nebels im Herbst nach einer vollbrachten Jahreszeit; sie war bang und ahnungsvoll und, wie die Folge zeigte, von recht bedenklichen Einwirkungen auf ihren Zustand begleitet.

[S. 269]

Dritter Teil / Die letzten Dinge

[S. 271]

deko

Erstes Kapitel
Das überirdische Wintergewitter. Die Herzenskälte fährt fort, Unheil anzurichten.
Linde stürzt in die letzten Dinge. Die letzte Ölung

D

Die Tante, die in der letzten Endes doch ziemlich geheimnisvollen Krankheit des jungen Mädchens ein neues Hindernis für ihre Abreise fand, übernahm nach solchen Vorspielen vollständig die Pflege, ohne von jemand einen Widerspruch zu erfahren, wenn auch der Dechant jetzt nicht mehr so überzeugend dafür sprach. Bevor sie wußte, welche Wendung es mit den vorliegenden Dingen und jenen andern, die dahinter lauerten, schließlich nahm, war es ihr unmöglich, den Platz zu räumen. Ihre Zentralweisheit, von der sie alle andern Erkenntnisse und Schlüsse ableitete, bestand in dem Grundsatz, daß sie, ohne dieses Mädchens sozusagen körperlich versichert zu sein, sich auf nichts verlassen konnte, nicht einmal auf seine Krankheit, die sie für gar keine rechte Krankheit hielt, sondern mehr für einen Eigensinn oder eine Finte, zumal auch der Kreisphysikus noch gar nichts von einem wirklichen Ernst wissen wollte, jedenfalls solange das Fieberthermometer keine höheren Temperaturen zeigte. Daß achtunddreißig Grad für einen Organismus unter Umständen soviel bedeuten konnten wie neununddreißig oder vierzig für einen andern, das war diesem selbstvergnügten Bauerndoktor noch nicht aufgegangen, und wenn die Tante auch sonst mancherlei an ihm auszusetzen hatte, so war sie jedenfalls im Glauben an die Zahl und das Meßgerät jeder Art — ausgenommen das kirchliche — mit ihm durchaus einig.

Das Pflegeamt verwaltete sie unerbittlich nach allen ihr bekannten Grundsätzen der modernen Krankenpflege. Die Fenster wurden bei jedem Wetter weit und lange geöffnet, weil das fortgeschrittene Heilverfahren Licht und Luft verlange. Es wurde viel Durchzug erregt, weil er die Atmosphäre reinige und die Bakterien hinausfege, und was[S. 272] die paar Unbequemlichkeiten anging, die die Patientin zu ertragen hatte, so wünschte ihr die Tante, einmal in die ganz modernen Kliniken und Spitäler hineinzusehen, um zu erfahren, wie man heutzutage mit Kranken und Frischoperierten umgehe. Früher beim tiefen Stand der Medizin seien Krankheiten mit einigem Recht als Unglücksfälle betrachtet worden, denen sich die allgemeine Teilnahme zugewendet hätte, freilich auch ohne etwas zu helfen. Heutzutage bedeute eine Krankheit nichts als einen Fall, den die Medizin geschäftsmäßig in die Hand nehme, um ihn zu erledigen, so wie es der Fall und die Medizin verlange, nicht wie es der wehleidige Patient und der noch wehleidigere Angehörige etwa wünsche. Zu bemitleiden gebe es dabei nichts, weil jeder Patient bei der glänzend entwickelten Wissenschaft sofort in die ideale Lage versetzt werde, und das ganz automatisch, ohne wie früher von den religiös fanatisierten Heilzauberern erst nach seiner Schuld gefragt zu werden und dann nach seinem Glauben. Daß man heute auch ohne den mindesten Glauben des Patienten heilen könne, ja gegen seinen Willen, zum Beispiel bei todesschuldigen Verbrechern, das bedeute den wahren Triumph der modernen Wissenschaft.

Alle diese Ausführungen machte sie in einem leicht überlegenen weltmännischen Ton, ohne sich auf eine Miene oder auf Worte weiter einzulassen. Wenn es in Lindes Zimmer wieder warm war, so setzte sie sich hinein und schrieb Briefe oder las moderne Literatur. In der Folge geriet sie auf die Idee, dem Mädchen vorzulesen, damit es auch erfahre, was draußen gedacht und geschrieben werde, zumal der Mensch nie empfänglicher sei für neue und tiefe Eindrücke als in Krankheitsperioden. So hörte Linde von ihrer dünnen, singenden Stimme und ihrem unteilnehmenden Tonfall vorgetragen allerlei Novitäten oder auch Ausgrabungen, weltläufige Romankapitel, kultivierte Novellen, witzige Enthüllungen über den Wert von Moral und Religion, kaltherzige, ausgerechnete Sketches allerneuster Prägung, mit einem Wort alle jene wichtigen Nichtigkeiten und »gerade[S. 273] jetzt fortgeschrittensten« Wahrheits- und Kunstleistungen, mit denen Weiber wie sie und Männer, die ihnen glichen, die eigene Phantasielosigkeit unterhielten und den stets leeren Kropf füllten, um in der Gesellschaft eines Winters den Inhalt als Bildung mit Ansehen zu leeren, indes die verworrene kleine Welt für noch fortgeschrittenere Sketches und noch mutigere Enthüllungen unermüdlich tätig blieb.

Die Sachen waren dem einfachen Gefühl und dem geraden Sinn des Mädchens unendlich verwirrend und quälend, und schließlich taten diese Lesestunden ebensoviel zu Lindes fortdauernder Ermüdung und Entkräftung wie das Fieber, indem sie ihr neben dem körperlichen noch ein geistiges erzeugten. Diese künstlerisch und wissenschaftlich maskierten Frivolitäten, Lügenhaftigkeiten und Verstandslaster wirkten so ernüchternd und niederschmetternd auf ihren Glauben an die Güte und den Edelmut aller Menschen und auf ihre kindliche Vorstellung von der Steigerung der Tugend mit dem Bildungsgrad, daß sie sich vor Ratlosigkeit nicht zu helfen wußte und sich zum Sterben verödet und verwüstet der Gegend zuwarf, in der sie sonst ihren Gott fand, um dort dieselbe Öde und Wüste zu finden. Liebe, Freundschaft, Vertrauen, Frömmigkeit, Glauben, Achtung vor dem Menschen, Hingebung ans Vaterland, Ehrfurcht vor dem Unaussprechlichen: das waren ihr alles Sicherheiten des Lebens, von Gott aus seinem unendlichen Sein den Menschen für ihr zeitliches verliehen als wirksames Abbild seiner höchsten Wesenhaftigkeit und seiner höchsten Weisheit, Sinn von seinem Sinn, Tatsache von seinen Tatsachen, Wahrheit von seiner Wahrheit. So lebte in ihr dieselbe einfache und gläubige Weltstimmung, die sie in der Art deutscher Männer mit Andacht verehrte, und die ihr auch überall als die Art des Volkes entgegentrat, wo das Volk sich selbst darstellte. Dagegen die schadenfrohe Unterstreichung der menschlichen Not und Armut, die spitzfindig-schlaue Auslegung der göttlichen Gebote anstatt der würdigen Unterordnung unter sie, alle überklugen Wenn[S. 274] und kränklich unreifen Aber und die eitle Hervorkehrung der eigenen Entartung und Häßlichkeit waren Züge am Menschen, die sie nicht einmal begriff; sie erfüllten sie nur mit einem leidenden Grauen vor der gespenstischen Unwesentlichkeit eines solchen Treibens und mit einem Mitleid, das stark mit Abwehr versetzt war.

Aber mehr noch als die vorgetragenen Sachen selber fürchtete Linde bald den selbstgerechten, wohlbelehrten Tonfall der Vorlesenden und die banalen und dürren Nutzanwendungen, die sie nachher aus dem Gelesenen zog. Die bizarren oder leeren Figuren der literarischen Phantasie gingen in ihre Fieberträume ein und trieben dort ihren peinigenden Spuk selbständig handelnd fort, aber die traurigen Behauptungen der Tante über Gott und Welt verdichteten sich ebendort zu einer grauenhaften Gestalt der Verwandten, die sie nun auch in deren Abwesenheit als ihre Stellvertreterin weiter verfolgte. Durch viele Stunden der Nacht und des Tages vermochte sie sich aus dem niederziehenden Gestrüpp des Fiebers nicht loszuwinden, eilig und angstvoll immer bestrebt, der unvermeidlichen Gestalt zu entfliehen, und stets von neuen Phrasen oder Romanfiguren aufgehalten und von schamlosen Handlungen in eine andere Richtung geschreckt, wo sie die gleichen Hindernisse und nur durch andere Laster einen Ausweg vorgespiegelt fand, stets unentrinnbar die Stimme oder Erscheinung hinter sich. Die fieberfreien Zeiten lag sie dann müde und abgehetzt und sehr blaß zwischen ihren Kissen mit der flehenden Bitte in den Augen, sie allein zu lassen und ihr Ruhe und Erholung zu gönnen. Aber wenn eben ihre Gedanken sich leise auf die eigenen Wege davonheben wollten, wo auf den Wiesen links und rechts ihr Glaube herzlich blühte und sie hoffen konnte, dem Sinn ihres Lebens zu begegnen, erklang wieder der Unsinn und begann der aufgeklärte Aberglaube seinen Tanz um sie. Manchmal traf alles im gleichen Augenblick und an demselben Ort zusammen, der Widersinn der gehörten und der gehäufte Unsinn[S. 275] der gleichzeitig geträumten Phrasen, die Ereignisse der Lektüre und die fiebrige Übersetzung in die Wahnvorstellung, die unerbittliche Stimme der Vorleserin und die eintönigen Androhungen der Verfolgerin, und über allem marterte sie gesteigert die hoffnungslose Hast, sich aus dem Fieber und dem vernichtenden Doppelzustand zu befreien.

Eine solche auf Bildung zielende Unternehmung der Tante fiel auf einen der späteren Februarnachmittage. Die Tante hatte sich bereits Licht angesteckt. Sie saß in einiger Helligkeit beim Fenster am Tisch, während Linde mehr im Hintergrund im Halbdunkel lag. Nach einer kurzen Winterzeit herrschte wieder der Föhn in der Luft. Es regnete in den frischen Schnee hinein, und laue und kalte Windströmungen erregten eine solche atmosphärische Spannung, daß auch die Gesunden eine schwer erträgliche Unruhe befiel, geschweige die Kranken. Obwohl Linde von der grauschwarzen Wand aus Dunst und Strichregen, die im Süden und Westen beinahe unverrückbar stand, nichts sah, fühlte sie sie doch, und unter der erregenden Einwirkung des Föhns sah sie in ihrem schwachen Zwielicht außerordentlich leidend aus. Ihre Augen glänzten fieberig und sozusagen transparent. Ihre Haut schien durchsichtig, und in den von Natur freundlichen Ausdruck ihrer stillen Züge hatte sich längst eine tiefe Melancholie eingenistet. Ihre Hände tasteten unruhig auf der Bettdecke hin und her. Ihr Mund stand wie nach Kühlung verlangend offen, und sie litt an Durst. Doch hatte sie es immer noch nicht dazu gebracht, daß ihre Krankheit außer Brigitt von jemand im Haus ernst genommen wurde.

Die Tante las aus einem ganz auf verstandesmäßiger Nervenspannung aufgebauten allerneuesten Roman, dessen Figuren schon an sich wie Ausbrütungen eines fiebernden Hirnes wirkten, und dessen Vorgänge unheimlich und wühlend aus kranken Gründen aufbrachen, um ebensolchen zuzutaumeln, während ein schmerzlich überwacher Geist glossierend über dem Ganzen schwebte wie eine unfaßliche[S. 276] Lästerung des Lebens und Gottes. Ab und zu prellte ein Regenschauer an die Fenster. Der Föhn heulte und wimmerte um alle feststehenden Körper und rüttelte an den beweglichen.

»Bist du nun dem Gedanken des Autors gefolgt?« fragte die Tante, als sie endlich das Buch sinken ließ. »Hast du begriffen, was er will?«

»Ja, ja!« sagte Linde hastig, während sie in der Phantasie über treibende Eisschollen sprang, hinter sich die furchtbare Gestalt, vor sich in Kähnen maskierte Figuren von übler Bedeutung, die nach ihr griffen, und jeden Augenblick von einer Eisscholle ins Wasser abgleitend, stürzend, sich wieder aufraffend und von neuem stürzend. »Ich weiß! Man soll nicht mehr so alles glauben, weil — weil ja doch alles anders ist —«

»Auch das«, gab nachsichtig lächelnd die Sprecherin am Fenster zu; die geäußerte Erkenntnis hatte den Inhalt ihrer gestrigen Belehrung gebildet. »Obwohl diesmal von etwas anderem die Rede war. Du hast wieder nicht aufgepaßt. Wenn man so viel Mühe an deine Bildung wendet, so solltest du dich ein bißchen anstrengen. Du kannst nicht wissen, ob das bequeme Leben hier immer dauern wird, und mancher hat einen Halt verloren, auf den er sich bereits verlassen zu können glaubte. Freundschaft geht nach der Nützlichkeit, und die hat ihre Phasen wie alles. Und die Liebe ist nichts als ein sinnlicher Reiz aus körperlichem Wohlgefallen. Entferne den Liebenden, und er hört nach einiger Zeit auf zu lieben, weil ihm andere mehr einleuchten, die jetzt um ihn sind. Oder es kann auch sein, daß ein glänzenderer Gegenstand in der Ferne seine Augen auf sich zieht. Wovon willst du leben, wenn der Dechant aus der katholischen Kirche austritt und nur seiner Kunstliebhaberei nachgeht? Auf deine Frömmigkeit werden dir die Leute nichts halten, wenn du mit leeren Händen zu ihnen kommst. Jeder will nehmen, keiner geben. Für dich wär's am besten, du gingst in ein Kloster. Auch das ist ja ein Schwindel,[S. 277] wie das ganze römische Räderwerk. Eine verkriecht sich mit ihren unreinen Gedanken, ihrer Faulheit oder Schlechtigkeit und ist nun eine Braut Christi. Aber wenigstens hat sie zu essen und ein Dach überm Kopf. Du glaubst, Gott herrscht in der Welt, aber die Gemeinheit herrscht; die Natur verlangt ihre Rechte. Das ist der Grund, warum die Dichter Poesie machen. Zum Beispiel dieser da verdient ein Vermögen mit seinem Buch, weil es über der Wirklichkeit schwebt und die Gemeinheit in poetisches Grauen auflöst. Dichter haben die Wollust des Schmerzes. Jeder hat seine Wollust. Junge Mädchen haben die Wollust der Heuchelei, solange sie keine andere haben können. Es wird immer gut sein, den Dingen ins Gesicht zu sehen. Ich hoffe, daß du jetzt begriffen hast?«

Linde warf sich erregt herum, weil eine Hand aus dem Kahn nach ihr griff und eine viehische Stimme schrie: »Wir wollen das Nönnchen hereinholen, damit man ihm einmal ins Gesicht sehen kann. Höchstens gibt es eine Wollust des Schmerzes, oder auch eine andere.« Dann hörte sie die Tante fragen: »Ich hoffe, daß du jetzt begriffen hast?« und sie strengte ihren schmerzenden Kopf furchtbar an, um sich zu erinnern, während die Fiebergestalt hinter ihr drohte: »Die Natur verlangt ihre Rechte. Die Linke verlangt sie auch.« Gerade daß sie die Linke auch verlangte, war die entsetzlichste Drohung, sie begriff sehr wohl, daß sie dann vollkommen verloren war, und lief, was sie konnte, um zwischen der Gestalt und den Kähnen durchzukommen. Darauf erinnerte sie sich, daß sie etwas antworten sollte, und nahm sich wieder zusammen, obwohl sie an allen Gliedern zitterte. »Damit die Poesie nicht in der Welt ausstirbt!« sagte sie endlich gehetzt. »Und damit die Gemeinheit sich in poetisches Grauen auflöst.« Aber eben brach sie wieder zwischen die Schollen ein, und wenn nicht ein Mensch mit einem Bocksgesicht sie festgehalten hätte, so wäre sie unter den Kahn geraten. Sie lächelte ihm dankbar zu, erschüttert vor der natürlichen, wenn auch rohen Güte, die sich in[S. 278] seinen Zügen ausdrückte, aber zugleich entsetzt von seiner tierischen Begehrlichkeit. Wimmernd riß sie sich aufs neue los, um die Jagd fortzusetzen. Jemand legte ihr die Hand auf den Mund und zog sie rückwärts. Die Stimme hinter ihr sagte mit schauerlicher Bedeutung: »Die Dirnen sind gegenwärtig sehr rar; sie haben die Schamlosigkeit, sich zu verbergen.« Der Ausspruch stand in Zusammenhang mit irgendeiner schlimmen Schuld, die auf Lindes Gewissen lastete, und von der die Verfolgerin wußte. »Ja, ja, es wird noch eine Revolution geben!« rief Linde aus, indem sie sich die Hand entwand und sich nach Atem ringend im Bett aufrichtete. Noch im Verhallen hörte sie, was in Wirklichkeit gesprochen worden war.

»Nur die Dirnen sind wahr. Die Schamlosigkeit hat nichts zu verbergen. — Revolution wird es schon nicht geben, mein Kind«, fuhr dann die lehrhafte Stimme fort. »Dafür sind die Menschen bereits zu sehr ans Wohlleben gewöhnt. An die Wahrheit sind sie weniger gewöhnt. Die Wahrheit ist ja immer mehr für die andern. Du machst auch keinen übertriebenen Gebrauch von ihr. Ich glaube zum Beispiel nicht, daß du dein Geheimnis gebeichtet hast, obwohl es nach eurer Auffassung eine Sünde darstellt. Nicht, als ob der Onkel mir etwas davon gesagt hätte, aber man hört doch so, was er von dir weiß, und was er nicht weiß. Schließlich zeigst du uns einen Zustand, in dem man sich sonst Rechenschaft über gewisse sogenannte letzte Dinge gibt. Obwohl ich glaube, daß du reichlich spielst.«

Linde hatte sich ermüdet in ihre Kissen fallen lassen, um sofort wieder in ihren marternden Doppelzustand zu versinken. Sie hörte, wie die Stimme der Tante von ihren Geheimnissen und von der Beichte sprach, und obwohl sie lange nicht alles begriff, quälte es sie doch unendlich. Gleichzeitig rief die Verfolgerin hinter ihr: »Mit dir ist's Matthäi am letzten. Mache deine Rechnung. Übermäßig schlau bist du ja nicht, so wirst du wohl draufgehen in deinen jungen Jahren.« Nach Erbarmen suchend, sah sie sich zwischen den[S. 279] Kähnen um, ob sie nicht unter den fratzenhaften Insassen ein menschliches Gesicht erblickte. Plötzlich bemerkte sie ihren Liebsten, der mit einer Katze auf dem Schoß lächelnd dasaß und sich eine Zigarette anzündete. Als er sah, daß sie nach ihm blickte, bog er sich zur Seite und versteckte sich hinter einem Menschen, der aussah wie ein Leichenbegleiter. Zwar ging der auf ihre Bitte weg, aber nun verkroch er sich hinter den Mann, der ihnen damals die Äpfel geschenkt hatte. Wie auch der zur Seite trat, war Heinz überhaupt verschwunden. »Suche ihn nur«, lachte die Gestalt hinter ihr. »Der sitzt bei mir zu Hause am Tisch und sortiert goldne Ringe!« Indem kam sie wieder zu sich und hörte eben noch die letzten Worte mit einem dumpf dröhnenden Geräusch gegen die Wände ihres Zimmers schlagen. »Es donnert ja!« rief sie halb erstickt und warf sich mit erschreckten Augen nach der Tante herum, wie um ihre Meinung darüber zu hören. Wirklich zog ein Gewitter über die verschneite Landschaft herauf; der ferne Donner war die erste Ankündigung gewesen. Die Klingse lächelte wieder.

»Ich habe keine Ursache, mich davor zu fürchten«, sagte sie gleichgültig. »Da ich mit Gott weiter nicht stehe, so ist es mir ganz uninteressant, ob es donnert oder nicht. Du solltest versuchen, dich auch zu dieser Unabhängigkeit durchzuarbeiten. Wir würden uns viel besser verständigen können, wenn du etwas von deinem Aberglauben abgäbest. Was hast du nun von allen übersinnlichen Vorstellungen? So, wie du's jetzt treibst, richtest du dich zugrund und bringst dich obendrein immer mehr in ein falsches Licht. Sieh mal, früher als Kind, da warst du mir nur manchmal unangenehm. Inzwischen hast du's verstanden, mir beschwerlich zu werden. Ich muß mich oft dagegen wehren, in dir das lästigste und widerstrebendste Geschöpf zu erblicken, das ich mir denken kann, und eine solche Beobachtung an sich selber macht kein reifer Mensch zu seinem Vergnügen. Du kannst dir denken, daß niemand einen Geschmack daran findet, dich zu bekämpfen, aber man wird sich ebenso ungern von einem[S. 280] subalternen jungen Wesen ins Unrecht setzen lassen. Auch das öffentliche Leben wird sich nicht von dir ins Unrecht setzen lassen; es wird aber in seinen Antworten bedeutend grausamer sein als wir. Nun, du wirst nach dieser Krankheit in keinem Fall auf den alten Punkt zurückkehren. Ich möchte dir nur noch sagen, daß ich dir ebenso gern zu deinem Fortkommen in der Welt behilflich sein werde, wenn du etwa Wert darauf legst. — Es gibt ein richtiges Gewitter. Wie verrückt! In dieser Jahreszeit! Das Donnern ist nicht nach meinem Geschmack; ich pflege dabei stets Musik zu machen. Brauchst du noch etwas? Du kannst ja klingeln. Ich gehe jetzt nach unten.«

Unter den letzten Worten hatte sie sich bereits erhoben. Nun verließ sie das Zimmer, indem sie die Tischlampe löschte, etwas atmosphärisch beunruhigt, aber sonst in ihrem gewohnten kühlen und unverbindlichen Aussehen. Linde hörte unter aller Fiebernot aus dem Nachhall des Donners eine Stimme, merkwürdigerweise die des Dechanten, die sagte: »Sie redet doch wie gedruckt!« Das Wort stammte aus einer Zeit, in der er sich noch zu seiner Nichte über die großstädtische Verwandte ausgelassen hatte, und es traf den Nagel auf den Kopf, denn unter allen geäußerten Weisheiten war kaum eine laut geworden, die nicht aus einem Buch oder einer Zeitschrift gezogen war. Ihre ganze Bildung und ihr Bewußtsein als modern fortgeschrittener Mensch war Niederschlag aus Büchern und Zeitschriften. Sogar die Meinung, daß Linde ihren Lebenskonflikt durch die Entscheidung Welt oder Kloster lösen müsse, hatte sie aus einer neuerlichen Lektüre. Sie trieb damit das bekannte Spiel der Kinder, die die gummierte Bildchen in ihre Hefte abziehen und sich einbilden, daß sie große Künstler seien. Ihrerseits hielt sie sich für eine große Lebenskünstlerin.

Nun lag da Linde unter dem leisen Schüttern des Donners und dem Schein der Blitze, der vom Schnee bleich zurückgeworfen wurde, und wunderte sich über den menschlichen Zuspruch ihrer Feindin und darüber, daß sie auf einmal ins[S. 281] Kloster sollte. Sie setzte sich wieder im Bett aufrecht, um sich leichter den Delirien des Fiebers zu entwinden. Die Donnerschläge hatten einen dumpfen, erstickten Klang, und bald nahmen auch die Blitze ein solches Licht an, weil es während des Gewitters zu schneien begann. Gleichzeitig drang die Dunkelheit der Dämmerung zu, und alles in allem erlebten die Menschen eine so seltsame und erregende Abendstunde, daß sie an tausend Dinge und Nichtdinge dachten, die ihnen sonst selten einfielen, und wenn es einem Mann, etwa dem Dechanten, möglich gewesen wäre, das Unfaßbare in der Atmosphäre und in den Seelen zu fassen, so hätte er eine heilig betroffene Frömmigkeit gestaltet, wie sie seit den ersten Tagen des Christentums alle hundert Jahre einmal eine Gemeinde ergriff. Aber er war jetzt nicht der erweckte Mann, der dazu eine Berufung in sich finden konnte, und die heilsame Stunde fand nur Verwunderung und etwas abergläubische Furcht.

Linde saß und horchte lange auf den überirdischen Gang dieses Gewitters, und erblühte in jedem Blitz als eine Lilie der scheuesten Andacht. Ihr Kopf freilich war ihr so schwer, daß sie ihn mit Mühe aufrecht hielt, und er ihr doch immer wieder vor die Brust oder auf die Schulter sank. Aber diese frühe Jahrespredigt Gottes erschreckte sie nicht etwa. Abgesehen davon, daß Linde nach wenig in dieser Zeit so lechzte wie nach Einsamkeit, um ihre innere Verstörtheit wieder zu sammeln und ihre bestürzte Welt in der Stille neu zu schaffen, so war sie nichts oder beinahe nichts mehr von der kleinen spinösen Heiligen, als die ihre Tante sie immer noch betrachtete. Die Stimme Gottes war ihr willkommen in ihrem reinen und großartigen Naturlaut, der die Brust erschütterte und die innere Anschauung von der Bedrücktheit befreite. Dazwischen überfiel sie zwar immer wieder eine Fieberphantasie, der ein Schwindel folgte oder eine halbe Bewußtlosigkeit; dann fand sie sich erwachend auf dem Kissen liegen, aber zu ihrer Befriedigung hielt das Gewitter an, und die Zustände konnten also nicht lange gedauert[S. 282] haben. Im nächsten Augenblick raffte sie sich wieder auf, und für eine Minute oder zwei sank das dumpfe und quälende Fiebergrauen unter sie und stieg ihr Geist blaß und müde, aber mit liebender Reinheit einsam aus dem Abgrund auf, um die Quelle aller Not ihres Leibes und der Seele zu suchen und das Gestirn, aus dem ihr solche bittere Traurigkeit aufs Herz tropfte. Sie fand den Quell in dem untröstlichen Brief ihres einstigen Geliebten, den sie schon mit so vielen heimlichen Tränen beweint hatte, und das Gestirn erschien ihr nun zum erstenmal ganz klar aus dem Nebel ihrer Verwirrung heraustretend als der Gedanke an den Tod, geweckt von den Worten der Tante und in enger Verbindung mit allem, was auf der Erde süß ist und zum Bleiben lockt, was sie, kaum besessen, schon verloren hatte und doch mit allen Kräften ihres sehnsüchtigen Herzen zurückwünschte.

Weit davon entfernt, sterben zu wollen, weil der Geliebte sich von ihr entfernt hatte, wußte sie von keinem andern Trieb, als ein neues Leben, das sie durch ihn entdeckt hatte, fortzusetzen, schon deshalb, weil nur der Lebende von Hoffnung weiß. Das Fieber war ihre ganze Not, und ohne diese neue Krankheit, so dachte sie, stände sie auf einem ganz andern Fleck und wäre der vorübergehenden Bestürzung viel rascher Herr geworden. Sie mußte siegreich hindurch und wieder gesund werden, und zwar bald, um die zerrissenen Fäden frisch aufzunehmen, um den Raum zwischen ihm und ihr nicht zerfallen zu lassen und die Zeit, die stehenbleibend verdorren wollte, durch die selbstlose Entfaltung ihrer Seele zum Weiterblühen zu zwingen. Darin lag der Sinn ihrer heldenhaften Gegenwehr, wie jetzt der Panik, die mit jeder Minute oder halben Minute mehr Gewalt über ihr junges Herz bekam. Denn nun vielleicht sterben zu müssen, den Atem auszuhauchen, tot zu sein und im Grab fern von allem Leben zu zerfallen: diese Vorstellung traf sie so furchtbar, daß sie im ersten jähen Schreck bis in die Herzkammer erkaltete und ihr auf einen Moment der ganze weite Weltlauf stehenblieb. Im nächsten schrie ihr Herz leidenschaftlich[S. 283] auf, und warf sich ihre verängstigte Seele ungestüm Freiheit fordernd gegen ihr Gefängnis, den armen Leib, ohne zu bedenken, daß diese Freiheit ja eben ihre Auflösung bedeutete. Als sie's bei einem Blitzstrahl einsah, erkannte sie auch die furchtbare Verlassenheit alles Fleisches unterm Schweigen Gottes, und jetzt war es das tief verletzte Leibesgefühl, das aufbrandend vom erschütterten Geist Zusicherungen verlangte, die er nicht zu geben hatte. Und plötzlich wurde ihr klar, daß sie in jedem Fall verloren war, eben weil sie lebte, durch die Tatsache ihrer Geburt unweigerlich eingestellt in den Kreislauf der Vergänglichkeit und der Verwesung.

Nun fiel doch unter dem bleich zuckenden Gewitterschein und dem Rollen des Donners die Einsamkeit in das Leben der Kranken ein. Das vom Schneefall wie von unhörbarem Schluchzen erfüllte Gefangenenlicht der Dämmerung löste ihren ganzen sittlichen Besitz auf und vernichtete die plötzlich gegenstandlos gewordene Selbstachtung, womit sie jedem Grauen und jedem wilden Urgefühl ausgeliefert war. Ächzend und mit einem vergeblichen Versuch, um Hilfe zu klingeln, weil ein Rest von Scham sie daran verhinderte, die Tante zu dieser Niederlage herbeizurufen, warf sie sich wieder hin, und mit verhülltem Gesicht und Gehör, am ganzen Leib zitternd, erlitt sie das Weh dieser Stunde zu Ende, indessen die Figuren des Fiebers sich wieder fratzenhaft über sie machten und die Gestalt hinter ihr, mit einem goldenen Armband wie mit höchster Gewalt angetan, die Hand hob und laut durch den Raum rief: »Da ist sie jetzt! Sie hat Gott verlassen, darum verließ sie der Soldat.« Zu gleicher Zeit ging fern am Horizont Christus vorbei mit dem heiligen Kreuz auf der Schulter, das er nun nach einer andern Weltgegend trug, ohne einen Blick auf ihre Not zu wenden. Mit vielfach erhöhter Angst nahm sie ihre ziellose Flucht über die treibenden Schollen von neuem auf, bis endlich ein erlösender Blutsturz der ganzen Grausamkeit ein Ende machte und sie bewußtlos unter den letzten zuckenden Scheinen des abziehenden Gewitters liegenließ.

[S. 284]

Inzwischen kam die Magd von einem Ausgang nach Hause, völlig verschneit und von dem Naturereignis wie alle Welt erregt, und sah von der Straße aus Lindes Fenster dunkel. »Als ob ein Totes dahinter läge!« dachte sie erschreckt, und dann zornig: »Bei einem solchen Wetter lassen sie sie allein liegen!« Hastig trat sie ins Haus, stellte schnell ihren Korb weg — den Schnee hatte sie schon draußen abgeschüttelt — und stieg rasch die Treppe nach Lindes Kammer hinauf. Nachdem sie an der Tür einen Augenblick gehorcht hatte, drückte sie sachte die Klinke herab, öffnete etwas und fragte dann mit ganz zarter Stimme: »Kindchen, schläfst du?« Da sie keine Antwort hörte und auch keine Atemzüge vernahm, trat sie auf den Zehenspitzen ein und schlich zum Bett vor. Gleichzeitig fuhr ziemlich in der Nähe wie ein Nachzügler ein letzter Blitzstrahl herab und übergoß den blutigen Schauplatz und die bleiche Kranke, die in einem Versuch, sich aufzurichten, nach vorn seitlich auf den Bettrand gesunken war, mit beinahe taghellem Licht. Mit einem Blick übersah Brigitt alles, die leblos überhängende Hand, die bläulichen Blässen des Gesichts, den herabgesunkenen Unterkiefer, die tief eingefallenen geschlossenen Augen. Ohne Zeit mit Wehklagen zu verlieren, lief sie eilig, noch unterm Nachrollen des Donners, um zunächst den Dechanten aufzujagen, denn nach ihrer Meinung lag Linde im Sterben. Er folgte ihr betroffen und konnte am Ort nach seiner Erfahrung mit Sterbenden auch nichts anderes sagen. Brigitt hatte das elektrische Licht angedreht, das den ganzen untröstlichen Zustand mit übermäßiger Deutlichkeit zeigte. Noch war Atem in dem Körper, doch wollte sich das Bewußtsein trotz einiger rasch versuchten Mittel ungern wieder einstellen; als es endlich doch zurückkehrte, schien es nur noch ein sehr dürftiges Flämmchen. Da entschloß sich der Dechant zur letzten Ölung, und indem er die Kranke der Magd überließ, entfernte er sich schnell und bestürzt, um alles Nötige zu veranlassen.

Unter dem hohen Ernst des Augenblicks eilig dahinschreitend,[S. 285] suchte sich der Dechant nach so langer Zeit zum erstenmal wieder die Lage des jungen Mädchens zu vergegenwärtigen, dem er durch vielleicht sehr schwere Wochen seine Großmut und die Kräfte seiner väterlichen Liebe entzogen hatte. Mit der Klarheit des Blitzes und der Eindrucksfähigkeit des Donners erkannte er urplötzlich in anklagender Deutlichkeit, was er bisher immer als dumpf beunruhigendes Gefühl verdrossen beiseitegeschoben hatte: die weite, trostlose Einsamkeit, die Linde in diesem Haus und in dieser Gesellschaft erduldet haben mußte, und vielleicht ein nie wieder gutzumachendes Unrecht, das sie still und bescheiden bis in diese Minute ertrug. Zwar im nächsten Moment wurde das natürliche Empfinden schon wieder heftig bestritten von seiner verletzten männlichen und priesterlichen Eitelkeit und von den Schuldbeweisen, die sich in seiner Vorstellung gegen Linde nachgerade zu einem festen System von Tatsachen aufgebaut hatten, aber nun forderte ihn die Pflicht, und schon trat er bei dem Küster ein, um Geläut und Geleit zu befehlen. Indem er darauf die widerspruchsvolle und gar nicht göttlich gefaßte Brust mit den symbolischen Gewändern bedeckte, wandelte ihn wieder als ein tiefer Verdruß die Unentschiedenheit seines geistlichen Zustandes an, und ganz seltsam überkam ihn eine Sehnsucht nach Lindes einfacher Gottes- und Lebensfrömmigkeit. Indessen sah er, daß auch dies nur ein Symbol sei, daß die Wahrheit viel tiefer und schwieriger liege, und rüstete er sich ebenso ratlos als eigensinnig, mit der Sterbenden die letzte Unterhaltung zu führen, denn angesichts des Todes und der letzten Dinge mußten sich nach seiner Meinung die geheimsten Türen auftun.

Der Küster schwatzte vieles über das Gewitter und wo es eingeschlagen habe, welche alten Leute sich an ähnliche Anormalitäten erinnerten, und daß es einen Nachwinter bedeute; er hörte nur mit halbem Ohr. Als dann die Glocke vom Turm erklang und er mit dem Allerheiligsten den Gang antrat, war er immer noch nicht im höchsten Wesen gefaßt, aber doch in den Gewalten und Bedeutungen, mit denen ihn[S. 286] die Kirche versehen hatte, und die von seiner persönlichen Würdigkeit oder Unwürdigkeit nicht beeinflußt werden konnten. Sie waren mehr als das Menschliche, das ihnen als Träger diente; aber sie waren niemals mehr als die lebendige Seele des Priesters, wenn sie ihnen in Gott geweckt ein persönliches und geheimnisvolles Leben verlieh. Inzwischen kämpfte sein eigenes abseits, und so näherte sich durch den leise nachhaltenden Schneefall einem einsamen kranken Mädchen ein einsames Allerheiligstes. Auch das Glöckchen in der Hand des Begleiters tönte mit einem verirrten und verlassenen Klang über den Domplatz, auf den mit wenigen erleuchteten Fenstern die Bürgerhäuser und hoch im Schneetreiben dunkelnd die alten, strengen Türme herabsahen. Doch indem er dann in sein Haus trat und die Treppe hinanstieg, versank ihm auch die letzte Selbstheit, denn bereits kam ihm mit schwereren Drohungen aus Lindes Zimmer die fremde Atmosphäre des Todes entgegen, jenes besondere weite Schweigen, das jeden Zweifel eisig durchdringt und Kaiser ist, wo es auftritt.

Er kannte diese Atmosphäre von vielen hundert Sterbegängen, doch war es das erstemal, daß er einem so nahen Anverwandten beim Austritt aus der Welt helfen sollte — sein Vater war sehr früh und seine Mutter überraschend in der Ferne ohne ihn gestorben —, und um sein Herz schwoll eine Bangigkeit auf, wie er sie bisher noch nie empfunden hatte. Der Klang seiner Schritte droben auf der Diele und der Ton des Glöckchens erschienen ihm wie Todesurteile für die Kranke, und der Duft des Weihrauchs, den die Zugluft in blassen Streifen durch den Korridor wehte, legte sich ihm schwer und ahnungsvoll auf die Seele. Als er die stille, dunkle Tür erblickte, hinter der er das junge Leben mit dem Tod ringen wußte, schien es ihm auf einen Moment ganz unmöglich, in dieser Bedeutung und mit diesem Auftrag durch sie einzutreten. Indessen erklang das Glöckchen des Begleiters wieder, und sie öffnete sich so bereitwillig und demütig vor ihm, daß er abermals erschrak und er die alte[S. 287] Person, die ehrfürchtig daneben in die Knie sank, sekundenlang bestürzt ansah.

Mit dem nächsten Blick fiel ihm das traurige Bild der jungen Kranken in die Augen, die im blütenweiß bezogenen Bett sehr blaß dalag und eben mit einer überraschten Bewegung das Gesicht nach ihm wandte. Sie schien voll bei Bewußtsein und sogar wieder Herrin ihrer Glieder, denn beinahe zugleich richtete sie sich hastig in die Höhe, um mit einer aufgestützten Hand sitzend ihm entgegenzusehen; die andere tastete blind und unbewußt und mit unruhigen Bewegungen an dem gekräuselten Besatz ihres Nachthemdes auf und ab, und in ihren Augen malte sich das ganze furchtbare Grauen, das ihre Jugend vor dem nahenden Aufzug empfinden mußte. So erwartete sie bis auf die irrende Hand vollkommen bewegungslos das Zeichen, dessen Begleiterscheinungen durch ihr Gehör, ihr Gesicht und bereits auch durch ihren Geruch erschütternd auf ihre Seele einstürmten, dieselbe Seele, die sich eben still und dankbar zum Weiterleben aufgerafft hatte. Sie vergaß, sich zu bekreuzigen, und alles erschien ihr wie ein grandioser, heiliger, aber vernichtender Traum, der sie mit überlegener Schnelligkeit gefangennahm und sie ganz in seine überirdische Stimmung schlug, indem er ihre weltliche zerstörte. Von einem Lichtreiz getroffen, wandte sie flüchtig die Augen zur Seite und bemerkte in dem Weihrauchnebel, der bereits das Zimmer zu erfüllen begann, brennende Kerzen. Noch einmal schimmerte ihr Stübchen mit allen vertrauten Gegenständen irdisch auf; dann verblaßte es und versank. Die kniende Gestalt an der Tür erhob sich schattenhaft und schwankte still schluchzend hinaus, die Tür hinter sich zuziehend, und während sich Linde zitternd in ihr Kissen zurücklegte, verlor sie auch sich selber aus dem Gefühl, wuchs der fromm-schauerliche Auftritt des Todes von allen Seiten riesengroß neben ihr auf, mit den endgültigen Gebärden eines Domgewölbes über ihrem versunkenen Leben zusammenschlagend.

Die Anschauung eines hochgewölbten Domraumes hielt[S. 288] ihr Geist als einzig faßbaren Begriff lange fest und suchte ihn zu betrachten und mit sich selber in Beziehung zu bringen. Bekannt und zugleich beklemmend fremd schimmerten die Lichter, wallte und duftete der Weihrauch und schwebte die sprechende Stimme des Dechanten in dem weiten Raum. Sie sprach Worte und Rhythmen, die ihre Ohren noch nie vernommen hatten, in einem Klang, der ihren ertrinkenden Lebensfunken immer wieder kämpfend aufzucken machte. Ihr Kopf war ganz klar und fieberfrei, nur befangen und voll ungewohnter Erscheinungen. Einmal hörte sie das Sterbeglöckchen vom Turm klingen. Dann bellte irgendwo ein Hund, und sie dachte flüchtig an Bob. Darauf herrschte wieder nur die einsame, tiefe Stimme des Dechanten in dem umgebenden hohen Schweigen und der ergriffene Tonfall seiner Sterbebegrüßung. Linde hörte ihm zu wie durch Ewigkeiten, obwohl es bloß nach Minuten dauerte, treu und still und in seiner neuerwachten väterlichen Innerlichkeit sich heimlich von ihrer Panik sammelnd. Die Stimme war voll Sorge, Liebe und Schmerz, und was Linde davon nicht sofort klar zum Erlebnis zu bringen vermochte, das zog ihr doch hoffend in die verstörten Herzkammern, wohin sich ihr armes Erdengefühl erkaltet geflüchtet hatte, und bewirkte dort wieder einige geheime Regung. Indem begann auch ihr Blick schüchtern aus seinem Grab nach seinem Blick aufzusteigen, glühte aber an dem allerheiligsten Zeichen geängstigt auf und flüchtete sich zu den frommen Lichtern, um auch von dort neuerschreckt abzuirren und wieder in Grauen zu versinken und im weiteren in eine Betäubung, die nahe an Bewußtlosigkeit grenzte, so voll dunkel drängender Vorstellungen und dumpf dahintreibender Empfindungen sie auch war.

Aber auch in diesem Zustand verharrte sie nicht lange. Sie erwachte wieder an der Stimme des Dechanten, die jetzt aus großer menschlicher Nähe dringend ihr Gehör suchte, während sie seine Hand auf ihrer fühlte und aufblickend sich dicht unter seinen ernst bewegten Augen fand. Eine Zeitlang sah und hörte sie nur, ohne zu verstehen. Endlich[S. 289] begriff sie, daß er von ihrem Leben und Tod und von ihrer unsterblichen Seele sprach. Er gebrauchte zarte und doch zugleich mächtige Ausdrücke für das, was er fühlte und wollte, Ausdrücke, wie sie sie von ihm lange nicht mehr vernommen hatte, und aus denen eine Anteilnahme an ihrem Dasein leuchtete, die sie vollständig erloschen glaubte. Dann schien er an Geschehnisse und Vorgänge zu erinnern, von denen sie zuerst das Gefühl hatte, daß sie ein ganzes Leben zurücklägen, und daß sie ihr nie wieder ganz lebendig werden würden. Aber unversehens wurden sie's dennoch, und je näher er nun nach ihrem Geheimnis vorstieß, desto lebhafter kam ihr wieder in aller Schwäche zum Bewußtsein, daß es eins war. Und dann begann ihr zum erstenmal seit der Erkenntnis vom Untergang ihres irdischen Seins die sichere Überlegenheit ihres geistigen Besitzes aufzugehen und des kühnen, unabhängigen Sinnes, in welchem sie es unter allen Rückschlägen weiter verwaltete. Daraus trat deutlich wie ein Erzengel eine gewisse scheue, heilige Feindschaft gegen die rohe Unruhe der Welt hervor. Eine fromme Abneigung gegen die grobe Wirkung ihrer Organe warf sie vollends in sich selber zurück und gab ihr in großer Bescheidenheit doch eine Stellung jener äußerlichen Welt gegenüber, die sie für alle Vorstöße, auch die des Dechanten, beinahe unerreichbar machten.

»Mein Kind! Mein Kind!« schloß der Dechant ergriffen: »Der davonzieht, der leistet nicht das schwerste Stück, sondern das leichteste, wenn er mit offenen Händen zieht. Bekenne und heilige deine Sünden; sie sind die Stufen, auf denen wir zur Unseligkeit oder zur ewigen Seligkeit steigen. Laß keine Bettler und Gläubiger unbefriedigt hinter dir. Mache deinen Frieden mit Gott und uns, und dann fahre in des ganzen Himmels Wohlgefallen! Unsre Sehnsucht nach deiner Erleuchtung wird dich begleiten!«

Er schwieg, beinahe erschöpft von der Kraftanstrengung, die ihn in diesem Fall die Ausübung seines Amtes kostete und das stumme Ringen seiner fordernden Seele mit ihrer[S. 290] abwehrenden. Er sah alt und eingefallen aus, und um seinen Mund prägten sich sehr tiefe Züge des Mannesleids aus. Seine Hand auf der ihren lag heiß und zitterte leise. Sein ganzes Leben stand in seinen Augen, aber da es von dem ihren abhängig war, so fand Linde es nicht königlich, wie es seiner Sendung entsprochen hätte, sondern in große kämpfende Teile zerrissen. Was sie für ihn empfand, das war vor allem Mitleid, aber während sie für ihn litt, stieg ihr auch alles Leiden auf, das er ihr geschaffen hatte, und erschüttert, wenn auch mit schwacher Stimme und zitterndem Herzen, brach sie aus:

»Ich gehe mit ganz leeren Händen von euch. Ich habe euch nichts genommen. So laßt mich in Frieden gehen. Ich liebe euch. Ich segne euch. Ich werde vor Gottes Thron für euch beten! Habe ich denn nicht alles weggeschenkt? Ich dachte es wiederzugewinnen, das ist wahr. Ich werde es vielleicht im Himmel zurückbekommen. Gott muß zwischen uns allen richten.«

Mit einem Schluchzen der Schwäche brach sie ab, und auch der Dechant vermochte nicht gleich wieder zu sprechen. Endlich sagte er erschüttert:

»Gott wird uns nicht allein richten, sondern er wird jedes durch das andere richten. Mich durch dich und sich selber durch uns. Seine Seligkeit wird mit der unsern steigen und fallen. Hast du alles weggegeben, so wirst du alles wieder empfangen. Ich glaube dir, wenn auch dieser Glaube mich zu deinem Schuldner macht. Gott helfe mir abzahlen; es ist eine hohe Summe, wie ich fürchte. Aber warum hast du nicht deine redliche Beichte durch die Kommunion bestätigt? Heiliger Himmel, vor welchem Unrecht hättest du mich bewahren können!«

Über ihr blasses Gesicht ging ein zartes und himmlisch freundliches Lächeln. Sie wollte sagen: »Kein Unrecht!« aber eine Herzschwäche befiel sie, und statt dessen sagte sie mit wegsinkendem Blick und dem vorletzten Funken der verlöschenden Kraft:

[S. 291]

»Ich — will kommunizieren!«

Er empfing die Willenserklärung wie ein Urteil, während die kühle Klarheit dieser wenigen Worte sich ihm augenblicklich mitteilte, und zwar als eine Aufwallung des Schrecks, nicht als ein Gefühl der Befreiung. Seiner nicht wieder gutzumachenden Schuld tief und schmerzvoll bewußt, faßte er erneut nach ihrer erkaltenden Hand, und während er sich in der weiten Welt hoffnungslos vereinsamen sah, bat er mit rauher Stimme vor Leid und Reue:

»Wir sind sterbliche Menschen und wissen nichts trotz aller Eitelkeit. Du bist jetzt mehr als wir alle. Verzeih uns, was wir dir angetan haben! Wir haben die christliche Demut und die Liebe ganz vergessen, und so hat uns der Friede Gottes vergessen!«

Das vorige Lächeln kehrte noch einmal in ihr Gesicht zurück, aber blasser und müder, um nach den ersten Worten gleich zu verlöschen.

»Ich habe — nichts zu verzeihen!« sagte sie kaum hörbar. »Verzeiht mir. Ich muß — sterben. Gott sei uns allen gnädig!«

Mit einem erstickenden Laut der Klage verstummte sie. Darauf begann sie zu beten, um nicht in seiner Kümmernis unterzugehen, und er eilte, ihr die letzte Wegzehrung zu reichen. Sie empfing seine Worte und Handlungen in hoher Schwäche, aber in voller Gegenwart des reisefertigen Geistes, und während er aus der Finsternis ihrer Todesversunkenheit den ersten Stern ihrer Ewigkeit schon aufglänzen sah, gab er ihr den Leib des Herrn auf den Weg zur Herrlichkeit des Herrn mit. Heftig, ja herrisch gegen sein Weinen ankämpfend schritt er zur letzten Ölung. Er bekreuzigte sich und salbte ihr mit dem heiligen Chrisma Augen, Ohren, Nase, Mund und Hände, jene Augen, die eine Zeitlang an der Wohlgestalt des Soldaten so freundliches Gefallen fanden, die Ohren, die einst so innig beglückt seinen Liebesreden lauschten, den Mund, der unter seinen Küssen seine fromme Kühle in ebenso frommes irdisches Feuer wandelte, die[S. 292] Hände, die eine Nacht lang gläubig seine beseligende Gegenwart hielten, und die Nase, mit der sie seine sinnlichen Düfte und erschauernd ihre eigenen atmete. So an Haupt und Händen entsündigt hieß er sie ergriffen ziehen. Voller Liebe betete er, daß sie mit ebenso geheiligtem und reinem Herzen sich von der trüben Anziehungskraft der Erde zu lösen vermöge, denn über ihr Herz, das fühlte er nach wie vor betroffen, besaß er keine Macht mehr.

So hatte er alles in allem wohl einen Blick in den dunklen Spiegel getan, aber seine Seele blieb unerleuchtet. So heimatlos wie zuvor, nur mit schwererer Schuld beladen, verließ er die Kranke. Die Kerzen brannten unruhig und trübe. Draußen kniete schluchzend die Magd. Das Glöckchen des Begleiters läutete ihm suchend voraus. Und noch lange lag auf seinem Weg hinter ihm der leere und erkaltete Duft des Weihrauchs.

Zweites Kapitel
Der Prediger Salomo. Der Versucher tritt in neuer Gestalt auf. Die Austreibung

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Noch während der Dechant das Haus verließ, trat die Tante aus der Tür des Salons und sah den letzten Schein des Auftritts. Sie hatte das Glöckchen des Küsters für die Hausglocke gehalten und war aufgestanden, um nachzusehen, warum die Magd nicht öffne. Zuerst machte sie eine Bewegung, als ob sie dem Dechanten nachgehen wolle, dann ließ sie es und wandte sich mit leicht verzogenen Lippen dem Treppenhaus zu. Etwas rascher als sonst stieg sie die Stufen nach dem oberen Stockwerk hinauf, befremdet und widerwillig den Weihrauch atmend, der nun alle Räume des Hauses erfüllte. Als sie die Tür zu Lindes Zimmer öffnete, fand sie die Magd darin. Brigitt wandte sich ihr entgegen mit einer Miene und einem Blick, die sie jetzt nicht zu mißachten wagte. In diesem Moment war nichts mehr vom[S. 293] Dienstboten an ihr, sondern ihre Haltung zeigte die natürliche Größe und Unerbittlichkeit des Menschen, der gerade ein ungeheures Leid in der tiefsten Erschütterung der Ehrfurcht erlebt. Die Klingse stand eine Weile prüfend und erwägend nur in der Tür, kaum daß sie einen Blick nach dem Bett zu tun vermochte, das von Weihrauchwolken wie von Engelscharen umwallt war, und zog sich dann zurück, mit vorgeschobenem Kinn und bereits lebhaft denkend, und der erhobenen Nase widersprach durchaus der beunruhigte Blick und die scharfe Falte zwischen den dichten Augenbrauen.

Der Tante fehlte beinahe jede ursprüngliche Seelenwitterung, und auf diesem Gebiet war sie ganz hilflos. Aber es fehlte ihr nicht an einem gewissen Polizeischarfsinn, und was sie nicht selber errechnete, das wandte sie aus ihren literarischen Gleichungen und aus ihrer wissenschaftlichen Lektüre an. Die Liebe gehörte ihr im Grund zur Gattung der Gemütskrankheiten, wie auch Aufwallungen der Vaterlandsliebe und der Religiosität. Diese Liebespsychose der jungen Leute beurteilte sie nun so, daß es für sie, die Gesunde und Kühle, in den Augen des Liebenden nicht günstig wirken konnte, wenn das Mädchen gerade jetzt in dieser kritischen Wendung das Zeitliche segnete und in der Verklärung nicht des Himmels, aber in die des schmerzlich ergriffenen und aufgewühlten Liebenden einging. Von den »noch nicht durch Verstand vernichteten unreifen Gefühlsabhängigkeiten« des »trotz allem poetisch veranlagten« jungen Menschen konnte sie nur eine sehnsuchtsvolle und leidenschaftliche Schwenkung von ihr, der überlegenen Frau, weg dem entschwindenden Schatten nach erwarten. Sie durfte nicht hoffen, daß sie noch die sinnliche Überzeugungskraft und den Trostreiz ausstrahlen werde, um die moralische Verwicklung rasch in ihm zu besiegen, so rasch, daß der Sieg ohne Übersetzung geradehin ihr zugut kam. Es lag nach keiner Richtung in ihrem Interesse und hatte nie darin gelegen, daß die Rivalin von der Erde verschwand. In ihrem Interesse lag bloß die Erniedrigung und Entwertung des[S. 294] verehrten Bildes in der Betrachtung des Leutnants; während sie aber ihr Verfahren der letzten Zeit überprüfte, fand sie, daß sie dieser Erkenntnis lange nicht so aufmerksam nach gehandelt habe, als sie jetzt wünschte, daß es geschehen sei. Sie bemerkte mit Unbehagen, daß sie sich bei aller Kälte von ihrem Haß doch auf ganze Strecken beinahe aufsichtslos hatte führen lassen. So hätte sie als überlegene Person, als die sie sich selber gern betrachtete, in keinem Fall das ebenso hinfällige wie hinterhältige Persönchen im Gewitter allein lassen dürfen, sondern hätte alles daransetzen müssen, die unzuverlässige Gegnerin über den Naturschrecken hinwegzulügen und sie so gleichzeitig in der Hand zu behalten. Statt dessen hatte diese die Gelegenheit benützt, ihrer Wächterin zu entwischen, und jetzt konnte niemand wissen, was weiter kommen würde.

So war sie aus schwerwiegenden Ursachen außerordentlich unzufrieden mit sich selber. Heimlich erregt und bereits auf der ersten Stufe einer trüben Lebensverdrossenheit ging sie auf ihr Zimmer. Pessimistisch grübelnd saß sie lange am Ofen in ihrem Lehnstuhl und sah dem enttäuschenden Vorbeimarsch der Ereignisse und Gestalten der letzten Zeit zu, die ihr die Fehler in ihrer Rechnung aufdeckten und sie sogar bereits ahnen ließen, daß die ganze Rechnung als solche falsch angelegt war und auf ganz irrigen Voraussetzungen beruhte. Indessen faßte sie sich achselzuckend und wurde mit sich selber insoweit einig, daß man jetzt eben abwarten müsse. Es war nicht gesagt, daß das Mädchen wirklich sterben und dann auch gleich der Soldat dazukommen würde, und sollte ihn ein Zufall oder bei der Verzögerung des Hinscheids ein Telegramm des Dechanten herführen, so stand es auch nirgends geschrieben, daß die ganze »rührende Chose« andere Empfindungen in ihm anregen werde als Bedauern und etwas reputierliches Mitleid. Seine letzten Briefe hatten nicht eben sentimental geklungen, und eine Karriere blieb auf alle Fälle eine Karriere. Trotz allem fühlte sie sich bei der Aussicht eines Wiedersehens zwischen den beiden Jugendfreunden[S. 295] keineswegs sicher, da sie auch nicht wissen konnte, was ihm das Mädchen über sie, die Rivalin, für Eröffnungen machen würde, und für das beste hielt sie es, ein Wiedersehen auf alle Fälle zu verhindern. Das geeignetste Mittel dazu schien ihr, jetzt stracks auf ihr Ziel loszugehen und die Kriegstrauung zu veranlassen. So setzte sie sich an ihren Tisch, um Heinz zu schreiben, daß er unbedingt suchen müsse, sofort Urlaub zu bekommen, da sie sich mit ihm in Köln zu treffen wünschte. Sie nahm sich vor, ihm dasselbe noch zu telegraphieren. Außerdem wollte sie sich jetzt endlich aus diesem Kampf mit den »übersinnlichen Kräften«, der nachgerade zur »Manie«, zu einer Art von fixer Idee ausgeartet war, losreißen, ihre Koffer packen und von morgen an wieder die freie Frau sein, die sie vordem gewesen war. Mochte der Dechant römischer Pfaffe bleiben oder Kunstpfaffe werden — das konnte ihr wirklich gleichgültig sein. Die Hauptsache war, daß sie sich nun von allen kränklichen Einflüssen befreite und wieder zu handeln begann.

Gedankenvoll, zu Taten entschlossen und mit Nerven, die beinahe zum Zerreißen gespannt waren, erschien sie endlich zum Nachtessen. Dort empfing sie, noch bevor sie ihrerseits irgendeine Absicht anzuzeigen vermochte, zwei Nachrichten, von denen die eine sie vor eine ganz neue Lage stellte. Die erste unterrichtete sie auf ihre Frage, daß jedenfalls bis jetzt das Mädchen noch lebte, und die zweite teilte ihr mit, daß der Dechant von Heinz einen Brief bekommen hatte, worin er schrieb, daß er verwundet sei und, sobald der Arzt ihm die Reise freigebe, auf Urlaub kommen werde. Was für eine Verwundung es war, schien nicht gesagt zu sein, und was darüber hinaus wirklich noch gesagt war, das verschwieg der Dechant, so aufmerksam und prüfend er sie übrigens daraufhin ansah. Heinz hatte noch geschrieben, daß er beabsichtige, sich mit Frau Malva Klinger zu verloben und auch gleich kriegstrauen zu lassen, wenn er alles so finde, wie es den Anschein habe. Er für seinen Teil glaube nicht mehr an Ideale, und man werde ihn auch nicht so rasch wieder[S. 296] glauben machen. Die schönsten Worte trögen am meisten, und es sei nirgends eine größere Leere als hinter hingebenden Blicken. Man werde ihn in Zukunft sich an das Reale halten sehen. »Als ob er sich bisher an viel anderes gehalten hätte!« dachte der Dechant unwillig verwundert, während er sich an jene unglückliche Reihe von lauten und schiefen Ankündigungen erinnerte. Aber im übrigen glaubte er jetzt, durch den Brief im Übermaß belehrt, mit sich im reinen zu sein über die Verteilung von Schuld und Unschuld an diesem Platz, und was seine Schwägerin anging, so erwog er den Gedanken, ob es nicht richtig wäre, wenn er sie jetzt ersuchte, ein Haus zu verlassen, worin sie sich so vielfach zur Geltung gebracht hatte. Doch war ihm aus ihrem Verhalten noch nicht das sichere Gefühl geworden, daß sie von diesen neuesten Dingen grundsätzlich wußte; die Verwundung jedenfalls war ihr neu, und ihre hastige Frage nach dem Lazarett des Soldaten ließ ihm einige Hoffnung, abgesehen von dem Umstand, daß er ihm, dem Oheim, den ersten Brief nach der tödlichen Erfahrung geschrieben hatte, und nicht der Tante, freilich auch nicht Linde. So gestand er sich, daß er im ganzen großen wenig von den Dingen wußte. Unterdessen überhörte er auch ihre zweite Frage nach dem Lazarett, in welchem Heinz liege, und nachdem er noch eine Weile in zunehmender Scham mit seinem neuen Widerwillen gegen diese Frau gekämpft hatte, erhob er sich und überließ ihr den Tisch.

Auf sie selber wirkte die Nachricht von der Verwundung und dem in Aussicht stehenden Urlaub, wie immer ein Blitz wirkt, ob erwartet oder unerwartet. »Er hat dem Dechanten geschrieben und nicht mir?« fuhr es ihr kalt befremdend durch den Kopf. Dann mit einer spähenden Hoffnung: »Aber vielleicht ist sein Brief an mich hängengeblieben und kommt nach!« Daß sie auf ihre Frage nach Heinzens Lazarett ohne Antwort blieb, zeigte ihr ihre ganze neuerliche Hilflosigkeit in diesem Haus. Ihr kühn gefaßter Plan, die Sterbenden hier sich selber zu überlassen, war schon gegenstandslos geworden,[S. 297] denn wo sollte sie jetzt den Soldaten finden? Nun hieß es von neuem: warten und sich gedulden. »Bereit sein ist alles!« dachte sie literarisch. Aber die Blicke, mit denen sie dem schweigsamen Dechanten folgte, waren bitter und feindselig, und ihre Miene war aufgebracht. So hatte auch sie aus dem Gewitter noch ihren Nachzügler erhalten.

Der Kranken selber fiel gegen alles Erwarten nach den Schrecken der heutigen Schneedämmerung und nach dieser leise bewegten Nacht, die sie doch ohne besondere Ereignisse verbrachte, ein stiller, milder Frühlingstag zu, in dem sogar die ersten Amselrufe erklangen trotz der Prophetie des Küsters von einem Nachwinter. Sie genoß ihn und noch einen folgenden und einen dritten blaß und schon sehr fern. Die Nachricht von Heinz erfuhr sie durch Brigitt; sie gab keine Zeichen von Erregung, höchstens daß sie ihr eine leise Steigerung des Fiebers verursachte, aber es war nicht mehr quälend, sondern gestaltenlos und reiner Zustand. Ob sie Heinz erwartete oder nur noch ihren baldigen Hingang, konnte niemand mit Sicherheit von ihr sagen.

Die große Änderung im Verhältnis des Dechanten zu ihr zeigte sich zunächst in dem Zustand, daß er sich mit Brigitt in die Wachen bei ihr teilte. Er übernahm außer den Stunden des Vormittags die erste Nachthälfte bis um ein oder zwei Uhr, Brigitt versah sie die übrige Zeit. Die Tante hatten sie ohne viel Worte ausgeschaltet, und die wenigen, die der Dechant aus dem Anlaß zu ihr zu reden hatte, waren kühl und merklich fremd. Zwischen ihm und Brigitt war die Anordnung weiter kein Gesprächsthema gewesen, aber sie bildete unausgesprochen eine erste Wiederverständigung zwischen der alten treuen Seele und ihrem Herrn, wenn auch der neue Verkehr auf dieser schwebenden Brücke zunächst noch recht sparsam und vorsichtig hinüber- und herüberging. Die Verwandte betreffend barg sich der Dechant vor einer unliebsamen Notwendigkeit noch einmal in der Erwartung, daß sie doch wohl jetzt die Folgerungen ziehen und gehen werde, wo sie so deutlich sah, wie überflüssig und entsetzlich[S. 298] fremd in dem ganzen strengen Vorgang sie war. Die Menschen machen immer die gleichen Rechenfehler, und zwar die ihnen eigentümlichen.

So stand das Leben in dem nun sehr stillen Pfarrhaus völlig unter dem Zeichen der Sammlung und Erwartung. Brigitt benutzte die erste Schwächung in dem Einfluß, den die Tante auf das Hauswesen ausübte, um zur früheren, ihrer Pflicht und der Gesundheit des Herrn angemessenern Lebensweise zurückzukehren; außer ihrem eigenen Tod hätte sie an diesem Handstreich unter den herrschenden Umständen keine Gewalt der Welt verhindern können. Sie richtete mit den verschiedenen Lieferanten die alten Gewohnheiten wieder ein und genoß so unter allem Kummer um das Kind doch eine oder zwei Stunden der Befriedigung. Als das aber getan war, wandte sie sich wieder mit allen Gedanken und Empfindungen der Kranken zu, für die sie noch einen Vormittagsgang in den Dom machte, wo sie an demselben Fleck, auf dem Linde damals vor der Beichte gekniet hatte, lange um deren Genesung oder seligen Hingang betete. Auf dem Heimweg stieß sie mit dem Kreisphysikus zusammen, der auch zum Pfarrhaus wollte. Er fragte nach den Ereignissen der Nacht und der Temperatur und fand alles ausgezeichnet. Am Krankenbett verstärkte sich ihm dieser vorteilhafte Eindruck noch. Obendrein bekam er endlich einmal den Dechanten selber zu fassen, von dem es ihn schon lange verdroß, daß er seiner medizinischen Person so wenig Ehre antat. Also benützte er die Gelegenheit, seinen geistlichen Hochmut mit einem scharfsinnig und launig zusammengefaßten Vortrag über die ganze Krankheitsgeschichte zu bekämpfen, zumal diese Krankheitsgeschichte jetzt »lächerlich deutlich wie ein aufgeschlagenes Kinderbilderbuch« vor seinen Augen dalag. Diesem Natürchen habe er nämlich wirklich mit List und Geduld seine letzten Geheimnisse abgeluchst, richtig abgeluchst. Ach du lieber Gott, der Arzt, der sich nicht mit der Geschicklichkeit eines Marders zwischen dem Tod und dem Patienten hinzuschleichen wisse, der solle sich nur lieber gleich[S. 299] um einen Lehrstuhl an der Universität bewerben. Er gehöre ja gar nicht zu jenen Angstdoktoren, die sich von jedem Schwindsüchtchen oder Karzinömchen ins Bockshorn jagen ließen. Was sei denn dabei, wenn jemand nun wirklich einen kleinen Magenkrebs habe? Es gebe wirklich schlimmere Dinge. Neulich sei doch ein Junge zu ihm gekommen, der sei in eine Sense gefallen und habe sein Gedärmchen in der Hand vor sich her getragen. Eine außerordentlich einfache Sache. Er habe ihn auf einen Stuhl sitzen und warten heißen, bis er mit seinem Kaffee zustande gekommen sei, denn an der Tatsache habe er ja auch nichts mehr ändern können. Das sei die Natur. Er wünsche sich nur einmal den Dechanten unter die Finger zu bekommen mit einer ordentlichen Pneumonie oder dergleichen, da sollte er einmal den wahren Arzt kennenlernen. Dies Natürchen da, das sei ja zum Lachen. Gucke so vergnügt und schlau aus seinen Kissen heraus und besinne sich gerade auf neue Finten und Hasensprünge. Nur nicht verblüffen lassen. Oberster Grundsatz: Glaube nichts, bevor du's siehst. Die Theologie lehre das Gegenteil, dafür sei sie auch die Theologie. »Nur so weiter, du kleines heiliges Satänchen. Liegst jetzt ordentlich fest auf dem Rücken. Hat dir schon lange einmal gefehlt, damit du deine Wirtschaft wieder sanierst. Hast verteufelt schlecht Haus gehalten. Hut ab vor der Natur. Vor einem Vierteljahr kommst du mir nicht aus dem Bett heraus. Sie kann jetzt ein bißchen gehacktes rohes Fleisch kriegen. Auch Zwieback, damit sie die Zähnchen nicht verliert. Hab' lange nicht einen solchen witzigen Fall gehabt. Der reine Humor. Na, Gott befohlen. Morgen wieder. Habe die Ehre.«

Mit diesen Worten hob er sich auf, griff zu Stock und Hut, die er auf Lindes Bettdecke gelegt hatte, und verabschiedete sich vom Dechanten. Der hatte zu dem ganzen vergnügten Vortrag sehr wenig gesagt und endlich überhaupt nicht mehr hingehört, und der Kreisphysikus verließ das Haus im ganzen großen doch etwas unbefriedigt von dem Eindruck, den er auf den Geistlichen gemacht hatte.

[S. 300]

Während der Kreisphysikus sich höchstens auf die hippokratischen Züge des leiblichen Patienten und da nicht immer verstand, besaß der Dechant eine große Erfahrung in der Todesmiene der Seele, weil er nicht nur mit den Augen sah, sondern mit dem Geist. Es wäre ihm nie möglich gewesen, an einem Sterbebett anders als mit allen priesterlich geweihten Kräften seines naturstarken Herzens anwesend zu sein, und so lange war er immer ganz ohne Eitelkeiten. Darum besaß er soviel undilettantischen, tiefernsten Scharfblick, um im Gegensatz zum Arzt sich keinen spielerischen Hoffnungen hinzugeben, sondern wohnte bereits mit voller Einsicht Lindes Auflösung bei. Was sich nebenher oder unmittelbar damit für ihn selber auflöste, das ahnte er zur Zeit mehr, als daß er es mit irgendwelchen Worten auszudrücken vermocht hätte; es wäre ihm nicht einmal gegeben gewesen, es anzudeuten, so aufrührerisch wurde mit seinen bisherigen Anschauungen vom Leben verfahren, und so anarchistisch waren die Witterungen, die ihn unter dem Schatten dieses selbstherrlichen und schweigsamen Sterbens überkamen. Von der Lüge des Lebens erhielt er gerade aus den Finsternissen des Todesgeheimnisses die blendendsten Erkenntnisse. Manchmal sah er sich an der Grenze des immer tendenziösen Seins angelangt und wollte schon mit dem ersten Schritt in die ungeheure, grenzen- und tendenzlose Wahrheit des Nichtseins stürzen, da trat sein tastender, unsichtbarer geführter Fuß wieder auf ein klug gepflastertes und organisiertes gesellschaftliches Übereinkommen, und die Wanderung ins Unbestimmte ging weiter mit ihm. Dabei war in seiner Seele ein geheimes Kommen und Gehen von Erscheinungen, ein Wirken und Weben von Empfindungen aus längst vergangenen Lebensepochen, die nicht seine schlechtesten gewesen waren, ein Aufblühen und Verblassen einstiger Stimmungen und einstiger Träume, und allem Knüpfen und Lösen hielt er stand, ohne etwas vorenthalten oder beiseitebringen zu wollen. Soviel Ehrlichkeit und Würde war lange nicht mehr in ihm enthalten gewesen, aber wenn[S. 301] er glaubte, nun bald den Gipfel zu erreichen oder — der Tod verändert ja alle Richtungen — im Abgrund zu versinken, weil er sich schon soviel einsichtiger und weiser vorkam, als er vorher gewesen war, so befand er sich immer noch in keiner andern Gegend des Weltplanes als in seiner alten wohleingerichteten Lehre, in der er groß und schon ein bißchen grau geworden war. Auch wenn er in seiner versunkenen Stimmung den Prediger Salomo vornahm und den Text zu der Vergänglichkeitsmusik, die in ihm klang, aufschlug, so brachte ihn auch diese Lektüre nicht weiter, als morgenländische Gehirne Tausende von Jahren vor ihm gewesen waren.

Er las beim Schein der Krankenlampe: »Was hat der Mensch mehr von aller Mühe, die er sich macht unter der Sonne? Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt; die Erde bleibet ewiglich.« Erstens, dachte er, irrt sich der Prediger in der Voraussetzung, da die Erde eben nicht ewiglich bleiben wird, und mit diesem wirksamen Kontrast fällt seine ganze Erkenntnis in sich zusammen, zumal der Mensch von seiner Mühe wirklich etwas zu haben scheint, nämlich seine Sicherheit, sein zeitliches Wohlergehen, sein Haus, seine Kinder, seine Freuden und die materiellen und geistigen Erfolge seiner Persönlichkeit. Es war ihm nicht möglich, dem morgenländischen Prediger bis zum nihilistischen Ziel seiner Philosophie zu folgen, weil er das durch das Gewissen gesteigerte Tun des christlichen Menschen höher einschätzen mußte, trotz seiner Endlichkeit und deutlichen Beschränktheit, die er mit jenem Orientalen teilte. Dennoch fühlte er mit beunruhigender Bestimmtheit, daß ihn das große »Eitel« an seiner Stelle traf, wo auch er ihm nicht zu entrinnen vermochte, wo er standhalten und zusehen mußte, daß ganze gepflegte Hühnerhöfe seiner sittlichen Begriffe vom Marder der Vergänglichkeit abgewürgt wurden, und es waren sehr wertgehaltene Exemplare darunter.

Aber das war noch nicht alles. Denn indem er weiterlas, ging ihm das unheimliche Licht auf, daß auch das große[S. 302] Eitel des Predigers und aller Menschen, die sich persönlich denkend mit dem Leben befaßten, unheilig und ungeordnet, wie es war, selber zu den Eitelkeiten gehörte. Denn was geschah nun mit der weiteren Erkenntnis? »Die Sonne geht auf und geht unter und läuft an ihren Ort, daß sie daselbst wieder aufgehe. Der Wind geht gegen Mittag und kommt herum zur Mitternacht und wieder herum an den Ort, da er anfing. Was ist es, das man getan hat? Eben das man hernach wieder tun wird, und geschieht nichts Neues unter der Sonne.« Das war schließlich auch nichts anderes als der Versuch eines alterseitlen Mannes, das Leben der andern jugendstarken zu verneinen und recht zu behalten. Nein, dachte er, auch die Weisheit des Alters ist eine Eitelkeit. Die Begründung, daß alles schon dagewesen ist, reicht nicht aus, das Leben zu verneinen. Freilich gibt es ein grandioses, heiliges Aber, das sich gegen das Leben richtet. Wo finde ich es? Vielleicht, grübelte er weiter, war es in den nachfolgenden Wegleitungen zur rechten, aus Weisheit stammenden Glückseligkeit enthalten. Aber wohin er blickte, fand er nichts als zerbrechliche Denkform, Filigranwerk der menschlichen Erfahrung, erlernbare Anweisungen, die der Selbstsüchtige und der Erkaltete ebenso befolgen konnte wie der Erweckte und Ergriffene, um genau zu demselben Ziel zu kommen, von dem der Prediger als letztem Schluß der Weisheit sprach: zur Herstellung der irdischen Glückseligkeit und zur Bewahrung vor Fallen und Schädigungen. Auch diese letzte »Weisheit« erschien ihm eitel, denn sie war ebenso vergänglich und nur um vieles weniger geheimnisvoll als die Mühe des Menschen, die er hat unter der Sonne, das Wehen des Windes und das Ereignen der Zeit.

Bedrückt und verwirrt schloß er endlich das berühmte Buch, um dann bloß wieder dem so kühnen als stillen Weben der Auflösung in der bekannten Gestalt zuzusehen, auf das überirdische Sausen der Stille zu hören, die ihn umgab, und der unermeßlichen Einsamkeit, in welcher er sein und das Leben aller Menschen nun irren und suchen sah.[S. 303] Nachdem er so begriffen hatte, was das hieß, allein sein und auch die letzte Eitelkeit des Gedankens vernichtet wissen, gab es nichts mehr, was er nicht willens war, mit zu opfern und dem allgemeinen Untergang des Irdischen, der sich in ihm ereignete, nachzustoßen, unbekümmert darum, was weiter aus ihm wurde, und mit der großartigen Gebärde des in Bescheidung still Verzweifelnden. Er verzichtete auch auf die Hoffnung, daß ihm seine Bescheidenheit schließlich doch noch einen schlechten Freiplatz im Theater der Allmacht einbringen werde, von dem aus er auf den Zehen stehend der Weltkatastrophe oder der Katastrophe der fünf Sinne als kleiner Zuschauer beiwohnen könne, in seinem Teil immerhin das Ganze mit dem Leben überstehend.

In diesen Tagen des innerlichen Wandels bekam der Dechant einen Besuch, der ihm sonst nicht wenig geschmeichelt und ihn in seiner letzten Absicht vielleicht sehr erregt hätte. Ein Beamter der Berliner Museumsverwaltung sprach ganz unangemeldet bei ihm vor, um mit ihm über die Dinge zu reden, die seinen Kirchenbau betrafen, und sich seine kleine Sammlung zeigen zu lassen. Es war ein mittelgroßer, magerer Herr in den vierziger Jahren, mit einer Physiognomie, der etwas Spitzmäusiges anhaftete, mit einer großen Brille aus dunklem Glas auf der Nase, mit englisch geschnittenem Schnurrbärtchen und schneiderhaft mit Bändern eingefaßtem, dunklem englischen Jackett. Er begann sofort zunftgerechte und zweckmäßige Fragen zu stellen, die der Dechant etwas verwundert beantwortete, und forschte sich in kurzer Zeit durch die ganze Geschichte der Renovation und der Ausgrabungen durch. Worum der Dechant lange ahnend und in gewissenhafter Sorge gestrichen war wie der Jüngling um den Gegenstand seiner Wünsche, ehe er den betreffenden Zugriff tat, da packte der Herr ohne falsche Scheu zu, und es fiel weder eine Verneigung vor dem Allerheiligsten noch ein Achtungsbeweis für die geistliche Behörde ab, beides Dinge, die auch wirklich[S. 304] nicht in sein Fach schlugen. Wenn es nun dem Dechanten darauf angekommen wäre, gegen den Erzbischof einen Wunsch oder ein Interesse auf Umwegen über die weltliche Macht durchzudrücken, so hätte er die beste Gelegenheit dazu besessen, aber zunächst dachte er gar nicht daran.

Inzwischen führte er den kunstbewanderten Herrn in seinem kleinen Museum herum, und es zeigte sich, daß der Besucher alles mit treffenden und manchmal entzückten Ausdrücken an den richtigen Ort heimzuweisen wußte. Dies Kreuz gehörte jener Werkstatt, und jener Pokal wies die und die orientalischen oder maurisch-spanischen Einflüsse auf, Beziehungen, die dem Dechanten natürlich genau bekannt waren, und die er längst für seine Person festgestellt hatte — er widersprach dem findigen Mann sogar in einer Sache und behielt recht —, die ihm aber lange nicht so wichtig waren, und bei denen ihm höchstens vor der weltfertigen Gelehrsamkeit des andern wind und weh wurde. Denn darin hatte er vor dem Erzbischof keineswegs geflunkert, daß ihm jedes Kreuz ein Erleben des christlichen Gedankens bedeutete und er in einer alten gotischen Monstranz zuerst und zuletzt das Gottesgefühl erkannte und nachspürte, das sich darin zum Ausdruck gebracht hatte. Ob nun die oder jene Werkstatt, der östliche oder südwestliche Geschmack hier den Griffel geführt und dort das Modellierholz beeinflußt hatte, galt ihm erst in zweiter Linie, und auch da zuvörderst durch die Erkenntnis, daß auch diese anregenden Führerformen religiösen Vorstellungen entsprungen waren. Das war der Zug, den der feine Herr aus Berlin sehr rasch als das dilettantische Leitgefühl seiner kunstgeschichtlichen Tätigkeit erkannt haben würde, wenn nicht der Dechant verdrossen von dem gelehrten Gallimathias, den der Besucher von sich gab, meistens den Mund gehalten hätte, und über die Wurzeln seiner Leidenschaft am meisten. Da tönte es von Linienführung, Stilprinzipien, technischer Überlegenheit oder primitiver Kindlichkeit, und was solcher Zensuren mehr waren, so daß er vor Unmut über das gespreizte[S. 305] moderne Kerlchen, das mehr einem altklugen Jungen glich als einem Mann, der so leichthin über diese durch Alter, Geschichte und Gebrauch geheiligten Gegenstände urteilen durfte, bald nicht mehr wußte, wie gleichgültig und kühl er reden sollte, nur um sich vor peinlichen Empfindungen zu bewahren, die mit der Preisgabe selbst des kleinsten Gefühlsanteils unweigerlich verbunden waren.

»Es zeigt sich doch immer wieder«, sagte der Herr mit der dunklen Brille, indem er sich eifrig schnaubte: »Alles ist Auge. Die Leute hatten damals mehr Auge als wir.«

»Goethe meinte: Alles ist Gefühl!« erwiderte der Dechant beinahe unwirsch. »Man könnte ebensogut sagen, daß die Leute von damals mehr Gefühl hatten.«

»Ganz richtig«, stimmte der Herr zu. »Gefühl des Auges. Augengefühl. Augenkultur. Daß dann mit solchen Kultgeräten der Gottesdienst ebenfalls Intensität und Schwung bekam, ist nur natürlich. Eine Kunst weckt die andere. Die Anschauung einer edlen Monstranz erregt im Musiker die melodiöse Linie; die neue Messe ist da. Der Maler wird zu neuen Bildern und Glasfenstern angeregt, der plastisch begabte Mensch zu Skulpturen. Und alles zusammen erregt dann jenes unbestimmt gehobene Lebensgefühl, das man früher Religion nannte. Heute heißt es Kultur. Bei unsern Nachbarn nennt man's Zivilisation. Aber am Anfang steht das Gerät.«

Der Dechant stand halb ungeduldig, halb schwermütig da, weil er an seine Sterbende dachte. »Im Anfang war das Wort«, sagte er, für den andern unnötig gewichtig, so daß der ihn überrascht anblickte. »Sie können nicht glauben, daß am Anfang der Religion das Gerät stand, wenn Sie dann noch einen einzigen vernünftigen Gedanken in Ihrer Kunstgelehrsamkeit weiterdenken wollen. Das ist derselbe Widersinn, den uns die Naturwissenschaft auftischt, wenn sie sagt: Am Anfang des Lebens ist die Urzelle, der Urkeim. Was wissen wir nun? Andere erklären uns, das Leben sei als Keim von einem andern Stern auf die Erde[S. 306] gekommen. Das nennen sie exakte Forschung, und solche Knabenhaftigkeiten hoffen sie dann an Stelle der alten religiösen Mythen und der christlichen Grundwahrheiten zu setzen. Herr, am Anfang der Kunst und auch des Geräts war das Gottgefühl. Es war am Anfang alles menschlichen Tuns, der Kultur, der Zivilisation, und wessen Sie sonst wollen. Ich wollte Ihnen das nicht sagen, weil Sie's vielleicht doch nicht begreifen. Wenn Sie nun den Dom sehen wollen —«

»Aber natürlich!« erklärte der Kunstbeamte mit gewinnender Miene und ganz ungetrübt, indem er den großen Mann — der Dechant überragte ihn um mehr als den Kopf — interessiert betrachtete. »Sie geben da sehr bedenkenswerte Erklärungen und Zusammenhänge. Sie haben einen Standpunkt. Sehen Sie, auch daran fehlt es dem modernen Kunstbetrieb, am Standpunkt. Auch der Architektur. Sie verstehen sich auszudrücken und Ihre Vorstellung an den Mann zu bringen. Leute wie Sie braucht man heutzutage, weil sie als Anreger und frische Impulsgeber in unsrer schon etwas ausgeleierten Zeit unerläßlich sind. Sie besitzen Urkraft; das ist heute ein rarer Stoff. Sie bemerken, daß wir ganz unvoreingenommen sind. Übrigens sind wir auch selber nicht so absolut von dem Linien- und Nurfarbenwahn besessen. Eine Ahnung davon, daß es noch andre Gesichtspunkte gibt, haben wir immerhin auch noch. Uns fehlt nur die Kraft, wie gesagt. Kommen Sie zu uns. Es dürfte nicht schwer halten, Ihnen einen Lehrstuhl, zum Beispiel an einer katholischen Universität, zu verschaffen. Was Sie dann obendrein mit Ihrer Wissenschaft wirkten, und wie weit Sie damit kämen, wäre Ihre Sache. Allein schon Ihr Einfluß auf die katholische Kirchenkunst müßte sehr beträchtlich sein, denn Sie sind nicht bloß Kraft, sondern auch Intelligenz. Ich kann Ihnen ja nun sagen, daß ich — ganz unverbindlich — sondieren darf, was Sie zu einem derartigen Vorschlag zu sagen hätten. Ich für meinen Teil, der ich nun die Ehre habe, Sie persönlich zu[S. 307] kennen, kann Ihnen dazu nur aufrichtig raten. Überlegen Sie sich die Sache; Sie brauchen nicht sofort zu antworten. Inzwischen gehn wir zum Dom. Wohnt nicht gegenwärtig Ihre Verwandte, Frau Professor Klinger, bei Ihnen? Eine talentvolle und hochgebildete Dame. Sie ist an dem Antrag nicht ganz unbeteiligt, obwohl natürlich die Möglichkeit dazu Ihr Verdienst gegeben hat, ohne das auch in Preußen nichts ist. Aber ein Anstoß muß überall sein. Hoffentlich darf ich nachher die Dame sehen?«

Indem der Dechant den Kunsthistoriker zum Dom begleitete, ging es ihm seltsam. Immerzu sah er einen Menschen in seinem Alter und von seinem Aussehen auf dem Katheder stehen und bedeutende, anfeuernde Vorlesungen halten, während eine große und stets wachsende Zahl von jungen Männern zu ihm aufsah, die Augen voll frommer Erregung und die Mienen gespannt in der Aufmerksamkeit auf ein göttliches, in der Zeitlichkeit sichtbares Thema, das er allgemeinverständlich entwickelte mit klaren und wissenschaftlichen Worten. Oder er sah den Menschen Bücher schreiben, die von Hand zu Hand gingen, deren Geist sich betrachtend und hinweisend am Rand des göttlichen Erscheinungsfeldes bewegte, und deren Materie, von der Geschichte herausgereicht, anzeigte, daß dort drin der Sternnebel der Ewigkeit gestaltenzeugend die unendliche Hochzeit seines seienden Werdens feiere, geformte Meteore der Kunst wunderbar ins gemeine Leben hinausschleudernd, die in der Reibung der sündigen Atmosphäre noch einmal aufglühten und dann in der Geschichte erstarrten. Vor allem aber, er stand draußen und zeugte draußen weltlich, während ungeheuer brausend der Orkan des lebendigen Gottes, in sich selber drinnen heilig erschaffen, lebte und heilig erschaffend mitriß, was sich den Wirbeln seiner Unendlichkeit gläubig und reinen Herzens überließ. Darauf warf er wie eine Weiche die Anschauung um und sich selber hinein, um Gottes teilhaftig, Verfüger über Seine Allmacht und Weisheit, vor dem Abgrund Seiner Liebe für das Draußen[S. 308] zu zeugen, ohne das es Sein Drinnen nicht gab, für das Tiefe, ohne das Er nie hoch war, und das Unwissende, in dessen Nacht allein Sein Sternnebel so unbegreiflich wild und schön aufbrannte. Und nach dem Draußen hin zeugte er nun anstatt mit dem erstorbenen Meteor mit der schleudernden Kraft selber, für die es kein Oben und Unten gab. Das Tiefe machte er durch seinen Glauben zur Höhe, wie vom Firmament aus betrachtet das irdische Meer ein kristallenes Gebirge von tief hingetürmtem Wasser ist; aber das Unwissende erhob er durch die Wucht seiner Liebe zur wahren göttlichen Wissenschaft. Er sah sich stehen mit einem großen Herzen voll gewaltiger Hinneigung und einer Seele voll unbesieglicher Aufstrebung, angetan mit dem Gewand eines Kirchenfürsten und mit dem schwersten Ernst des Lebens.

Dieser Traum hielt auch noch stand, während er mit seinem Begleiter den Dom betrat. Als er vor dem Allerheiligsten vorbeigehend mit dem Zeichen des Kreuzes sich tief verneigte, fühlte er eine bedeutsame Überlegenheit gegenüber dem verständigen klugen Mann, der nichts sah und nichts fühlte und darum auch nichts zu verehren hatte. Noch einen Moment gehörte ihm der ganze heilige Dom mit seiner Geschichte und Tradition, aber während sein Blick die strengen Formen und die ernsten Räume durchflog, erinnerte er sich an das sterbende junge Leben, und wurden seine Augen wieder trüb. Eine Stimme raunte ihm zu: »Es ist alles eitel!« und so schien's ihm auch schon der Gedanke an seine große Steigerung in Gott und seine Zukunft als geheiligte und unantastbare geistliche Großmacht, zumal der Kunsthistoriker wieder mit seinem bewanderten Geschwätz zu plätschern begann und in kurzer Zeit außerordentlich viel Nüchternheit um sich verbreitete, so daß ihm der Dom zu einem aufgetürmten Steinhaufen wurde und das ganze geweihte Wesen zu einer Rumpelkammer. Damit schien ihm freilich nichts anderes daraus geworden, als was die angebliche neugeschichtliche Aufklärung schon längst[S. 309] aus dem Leben und dem Weltplan gemacht hatte, und indem der Dechant diese Gleichung stellte, entsank ihm auch die letzte gesteigerte Vorstellung von sich selbst, und wandte er sich bitter seufzend von dem großstädtischen Klügling ab.

Doch ging ihm sehr anschaulich das Gebiet auf, wo er einer ganzen berühmten Klasse von Menschen überlegen war. Er konnte unter den Bettlern immer noch den König spielen, wenn er die Professur annahm, und war auch dies eine Eitelkeit, so war es doch eine bescheidene, auf wirklichen Verdiensten begründete. Nun hatte der feine Herr wieder viel Aussichten bei dem zweifelvollen Geistlichen, aber wieder fiel es diesem auf, diesmal beim Austritt aus dem Dom, welche Kraft und Bedeutung gegenüber dem andern ihm die Ehrfurchtbezeigung vor dem höchsten Zeichen in seinen eigenen Augen verlieh, ohne daß er sie gesucht hätte. Es überdrang ihn aus jener Gegend her und durchwehte ihn ein Strom göttlicher Wirkung, der ihn so lange durchaus verwandelte, als er ihn empfand, und es gereichte ihm zur ahnungsvollen Beunruhigung, zu fühlen, daß er selber einen Einfluß darauf hatte, wie lange diese Durchdringung und die Verwandlung dauern sollten. Draußen wurde noch der stille, kindlich fromme Vorbau besprochen und kunsthistorisch eingeschätzt. Darauf führte der Dechant seinen Gast ins Haus und ließ die Tante benachrichtigen, daß Besuch da sei.

Die Klingse erschien, und der Dechant wurde stumm und steif Zeuge einer weltläufig herzlichen und wortreichen Begrüßung, an der, wie er deutlich fühlte, kein Zug echt und kein Wort wirklich und alles genau so dreist und hohl war, als ob man sich auf einem großstädtischen Parkett befunden hätte. »Diese Leute«, dachte er erzürnt, »bringen ihre Atmosphäre überallhin mit wie das amerikanische Stinktier.« Der Museumsmensch erklärte den Grund seiner Anwesenheit, und die Klingse nahm ihn unter aller geheimen Bitterkeit mit laut geäußerter Genugtuung entgegen, zu der auch der Dechant seinen Anteil als Anerkennung ihrer[S. 310] Verdienste um ihn beitragen sollte. Aber er trug nicht bei. Inzwischen war sie geschickt genug, eine gute, vielleicht letzte Gelegenheit zu benutzen und die seinen des näheren herauszustreichen, und der Kunstwissende half ihr eifrig, weil er ihren Einfluß jedenfalls für die nächste absehbare Zeit noch keineswegs entbehren konnte, sowenig wie ihre Geldmittel für seine Spezialsammlungen, mit denen er einmal seinen Aufstieg zu den höchsten Staffeln zu unterlegen hoffte. Andrerseits hatte sie nach wie vor als leise alternde Frau ein Interesse daran, sich solche karrieremachende Männer zu verbinden, um im Kreis des Geschehens zu bleiben.

Während der Dechant nach Linde sehen ging, erzählte die Klingse dem großstädtischen Freund die Geschichte des unglücklichen jungen Mädchens, das sie so lange in dieser Stadt festhalte, und der Freund hörte sie gerührt an, obwohl sie ihm, das hätte er beschwören können, herzlich gleichgültig war. Gleich darauf machte er denn auch der Klingse Lobsprüche für ihr frisches und jugendliches Aussehen bei allen Nachtwachen und Gefühlserregungen, und verbreitete sich, als der Dechant ernst und innerlich erregt wieder eingetreten war, noch des näheren über ihre elastische Natur und ihre schöne Aufopferung. Er sollte sich auch dazu äußern, aber er schwieg hier wie dort, und sogar mit stichhaltigeren Gründen. Der Klingse war es bei diesem Gespräch auch nicht wohl, und sie brachte rasch die Kunst wieder aufs Tapet, womit ein entzücktes Geplauder anhob über dies Gemälde und jene »pikante« Kleinplastik, Rembrandt, französische moderne Impression, alte englische Frauenbildnisse, die auch »nicht ohne« seien, »schmalbrüstige, spitzgiebelige deutsche Gotik« und lebenslustiges Pariser Rokoko, die neuesten Museumsleistungen, Raumgestaltungen, Umgruppierungen, Wert und nähere Umstände von Neuerwerbungen, so daß dem Dechanten schließlich war, nicht als ob er nun in einem Museum, sondern als ob er in einem Irrenhaus wäre, zumal schließlich die Unterhaltung auf das ergiebige und vielbesuchte Gebiet der Personalchronik überging,[S. 311] nicht von einigen Künstlern und öffentlichen Charakteren, von deren Haltung etwas zu gewinnen gewesen wäre, sondern von den gesellschaftlichen Modesäuglingen des Tages, ihren interessanten Gehversuchen, ihrem okkulten Gestammel, ihren Ammen und Gespielinnen, ihren neuesten Verdauungsstörungen und nächsthin zu erwartenden Revolutionsversuchen.

Soviel oberflächliches Geschwätz und konventionellen Tratsch und Klatsch hatte er noch in seinem Leben nicht gehört, und er mußte an die Ankündigung denken: »Wahrlich, ihr sollt Rechenschaft ablegen von einem jeden Wort, das aus eurem Munde gehet!« Indem er aber alles summierte, dachte er, daß dann das Jüngste Gericht sehr lange dauern könne und die Seligen noch weithin auf ihre Seligkeit zu warten hätten, indes die Verdammten eine Galgenfrist gewännen, bevor sie endgültig hinunter müßten. An den Gesprächen beteiligte er sich wenig oder gar nicht, sondern saß meistens stumm und über sich wie ein Berg brütend da, mit allen Anzeichen, daß er auf die Entfernung des störenden Gastes wartete. Schließlich brachte er ihn mit einer Kriegslist auf eine Stunde noch vor dem Essen ins Freie. Er sagte ihm, daß ein Trödeljude einen sehr schönen alten Schrank, ein wahres Museumsstück, aufgetrieben und bei sich stehen habe; ob er's nicht ansehen wolle. Der Kunstmaulwurf wollte und fuhr sofort aus dem Haus, begleitet von seiner Freundin. Auf den Gassen hoben sie miteinander ein lautes und bedeutendes Auslegen der alten Motive und Ornamente an den Bürgerhäusern an, der Abwechslung von gotischen mit Ideen der Renaissance, dem echten hessischen Fachwerkbau, wie er war, und wie er sein müsse, und weissagten so gelehrt und gewaltig, daß es ihnen ob ihrer eigenen Schläue grauste und die guten Leute wunderliche Gesichter aus den Fenstern machten. Den Schrank fand man dann originell, aber nicht stilrein, da eine Zierleiste zuviel daran war und der Beschlag aus einer andern Epoche stammte. Mit aller Wichtigtuerei hatte man aber Zeit versäumt,[S. 312] und schließlich fand der behende Herr kaum noch so viel, geschwind im Pfarrhaus einen Bissen hinunterzuschlingen, sich daran den Hals zu verbrennen und dann zum Bahnhof zu laufen, um eben gleichzeitig mit dem Zug dort anzukommen. Über den Hauptantrag hatte man nicht mehr weitergesprochen; der Dechant wollte in einigen Tagen Bescheid schreiben.

Bald darauf trat dieser wieder seine Nachtwache an. Bei Linde hatte sich seit der großen lebensgefährlichen Veränderung nichts weiter gewandelt. Sie lag still, manchmal schlummernd, manchmal traumhaft denkend, nie lange mit offenen Augen, wie wartend da, auf ganze Strecken beinahe erfüllt, wenigstens schien es dem Dechanten so, ohne Worte und auch meist ohne Regung, und auf Fragen oder Mitteilungen gab sie selten ein Zeichen des Verständnisses. Aber in jener Nacht, nach ein Uhr — der Dechant saß eben mit seinem Leben tief versunken über dem Evangelium, das mit der großen Erkenntnis beginnt: »Im Anfang war das Wort!« — regte sich die Kranke, und als der Dechant aufsah, begegnete er ihrem dunklen Fieberblick, in dem doch soviel gesammelte Klarheit lag und neuerlich immer mehr Wissen um die fortgeschrittenen Dinge des Lebens und des Todes; jetzt wand sich darin eine irdische Frage aus den überirdischen Verstrickungen los, die ihm zu verraten schien, wohin immer noch ihre Gedanken sich wendeten, wenn das Bewußtsein auf fliehende Augenblicke nach der Erde zurück aufklärte. »Wann — will Heinz kommen?« begehrte sie zu wissen. »Hat er darüber — geschrieben?«

Der Dechant wußte es nicht. »Er wird gewiß kommen, sobald er kann, Kindchen«, versuchte er zu trösten, indem er ihre weiße Hand streichelte. Daß er ihm telegraphiert hatte, er solle seine Reise beschleunigen, wenn er Linde noch lebend treffen wolle, mußte er verschweigen, aber sie dachte es sich. »Er ist möglicherweise etwas schwieriger verwundet, als wir wissen, vielleicht an einem Fuß.«

Sie sagte nichts dazu und lag wieder eine längere Weile[S. 313] mit geschlossenen Augen, so daß er nicht wußte, ob sie schlief oder nur dachte. »Ist Tante Malva noch da?« fragte sie darauf, ohne den Kopf zu wenden oder die Augen zu öffnen.

Der Dechant bejahte. »Möchtest du sie gern sehen?« fragte er einigermaßen zweifelhaft. Er hätte gern noch etwas Vermittelndes, ihr Fernbleiben Erklärendes hinzugefügt, aber er vermochte es nicht.

Sie schien einen Augenblick darauf zu warten. Dann bewegte sie leise verneinend den Kopf. Und wieder nach einigen Momenten Zögerns tastete sie still nach seiner Hand. »Ich danke dir, daß du bei mir wachst. — Und Brigitt«, setzte sie noch hinzu.

Etwa zehn Minuten oder eine Viertelstunde verharrte sie so mit ihrer heißen hinfälligen Hand in seiner kühlen, erdensicheren, während seine Gedanken sich um Erinnerungen bewegten, die ihm aus dem sozusagen unterirdischen Verhältnis zwischen den beiden Frauen neuerlich immer deutlicher und schärfer bezeichnend entgegenkamen. Er begann sogar mit schwerem Herzen zu ahnen, daß dies Verhältnis ein Verhängnis gewesen sei nämlich für Linde, obwohl er von allen Schuldtatsachen noch keine einzige kannte und nicht von weitem den wahren Umfang und die wirkliche schicksalhafte Abgründigkeit dessen gewärtig war, was er jetzt schon Verhängnis nannte. Inzwischen überraschte sie ihn durch eine Mitteilung. Sie schlug die Augen wieder ganz auf und wandte ihm das schmale Krankengesicht zu.

»Wenn Heinz kommt, so frage ihn nach dem Hohenlied«, sagte sie plötzlich ganz klar. »Er weiß von allem. Wir haben es miteinander weggeschafft. — Und sage ihm, er soll — sie nicht heiraten. Er würde sehr unglücklich sein. Seine Jugendgespielin läßt ihm das sagen.«

Ermüdet von der Anstrengung des Sprechens legte sie sich in ihre Kissen zurück und regte sich diese Nacht nicht wieder. Als bald darauf Brigitt kam, um den Dechanten abzulösen — es ging gegen zwei Uhr —, nahm sie keine Notiz[S. 314] davon, und auf eine leise Frage, ob sie trinken wolle, gab sie keine Antwort. Der Dechant verließ sie wie vom Donner gerührt, obwohl ihre Stimme nicht viel stärker geklungen hatte als das entfernte Zirpen einer Grille, und nachdem er die erste Nachthälfte bei ihr verwacht hatte, verbrachte er auch die zweite schlaflos um sie und über den Geheimnissen, die sich nach wie vor um ihre stille Person bewegten. Warum, fragte er sich ebenso unruhig wie vergebens: warum hatte sie so lange und hartnäckig über das Buch geschwiegen, sie, die sonst so offene und klare Seele? Warum war damals, als es sich um die Einladung der Tante handelte, das Spiel mit verdeckten Karten gewesen? Nun befanden sie sich also doch alle im Unrecht gegenüber dieser bitteren Frau! Wer wußte jetzt, wie dies eine Unrecht weitergewirkt und Verhältnisse verdorben und verzerrt hatte? Ferner, was war dem Kind von den Absichten des Soldaten auf die Tante bekannt? Und woher wußte Linde davon, wenn nicht durch die Tante selber? Indessen, mochte diese Frau nun schuldig oder unschuldig sein, war sie selber ein Opfer ihres Verhängnisses, während sie andre ebenfalls dazu machte, so wollte er ihr jede Billigkeit zugestehen, aber sonst nichts mehr. Sie hatte wieder auf ihrem ganzen Weg Zwietracht und Verderben gesät; er sah es an der Saat, die jetzt überall aufging. Der Friede des Hauses und Lindes Leben waren zerstört, ein junger Mensch verführt und ein alter zerrüttet; was der nächste Zeitlauf noch alles ans Licht bringen würde, sollte er hilflos dagegen erwarten, und dem ganzen Ergebnis wohnte sie, täglich schwerer zu ertragen, als die Siegerin bei. Das war der Tatbestand, den er feststellte, und aus dem er im Verlauf der Nacht und der Morgendämmerung Schlüsse zog.

Es war noch nicht hell, als er, unfähig, länger liegenzubleiben, sich erhob. Der Südwind herrschte noch in der Luft. Die Sterne zitterten und schwankten; der Himmel schien ganz in warme Luftströme aufgelöst, und über den Türmen des Domes stand unsicher die dünne Sichel des angehenden Mondes. In der Luft rauschte es wie von großen feuchten[S. 315] Flügeln; die Vögel, zu denen sie gehörten, sangen wunderbar durch den enteisten Raum für Liebende und Sterbende und für Menschen mit frisch aufgestörten, unbewachten Herzen. Jetzt begann auch die Glocke zur Frühmesse zu läuten. Ihr folgte der Dechant, den es zu gesicherten Gegenständen des Lebens zog. Zur Verwunderung des Vikars erschien er aus dem Dunkel des weiten Raums ernst und suchend im schwachen Lichtschein der Morgenhandlung, und von allen seinen Gläubigen war er der hungrigste und letzte. Der Kruzifixus blickte gewaltig und auffordernd auf ihn herab. Die Kerzen flackerten belebt und erwartend. In den Fenstern webte der erste Tagesschein. Die Bilder darin standen noch schlafend, aber einige Farben träumten morgendlich. Nachdem der Dechant lange einsam in einer Bank gesessen hatte, verließ er tief gesammelt den hohen Bau, ohne ein einziges Mal an die Altertumsschätze zu denken, die unter dem Chor begraben lagen.

Den Kaffee trank er früh und allein auf seinem Zimmer. Der Magd gab er den Auftrag, die Frau Professor zu ihm zu bitten, wenn sie gefrühstückt habe. Inzwischen vertiefte er sich wieder in das abgründige Eingangswort des Evangeliums. Wie so viele vor ihm und wenige mit ihm fühlte er, daß sich in dem kleinen Satz der reifste Gedanke des gottwissenden Menschen darstellte, jener Gedanke, der aus dem Bewußtsein des diesseitigen Lebens zum jenseitigen einmal und nicht wieder ohne Verwandlung durchgebrochen und unvernichtet zurückgekehrt war, beladen mit der Erkenntnis des menschwissenden Gottes, die ihm dort als Gottes tiefste entgegengetreten war. Gleich neben diesem Wort steht für alle Zeiten der verständige Deutungsversuch des Dichters: »Im Anfang war die Tat!« und der Dechant bedachte auch diese eigenwillige Unternehmung. Aber er kam immer wieder auf denselben Schluß zurück, nämlich daß sie nichts erreichte und erreichen konnte als die ausgeleerte Form des kühnsten Gedankens, eine Handlichmachung des ungeheuren Ergebnisses, Fassung des Unfaßbaren und damit[S. 316] dessen Verkleinerung, um es der sinnenmäßigen Übersicht zur Nutzanwendung zu vermitteln. Je länger er die Umwertung betrachtete, und er betrachtete sie schon seit seiner Jugend, desto verdächtiger kam sie ihm vor, und desto deutlicher glaubte er sie zu erkennen als den genialen Versuch des Weltmenschen, den übersinnlichen Begriff in zwei Teile zu spalten, ihm den unendlichen Gott auszutreiben, um desto vernünftiger mit dem Rest auf Erden leben zu können, und, versteht sich, desto ansehnlicher. Denn, so dachte er weiter, es ist schon im Ursachenzusammenhang unmöglich, daß im Anfang die Tat war. Nie ist eine Tat der Anfang, und sie als erstes setzen, heißt den Gottessohn zum Funktionär der Handlung erniedrigen, wie es denn auch gekommen ist. Jetzt sehen sie nichts mehr als die Tat. Der Weg abwärts ist beschritten. Die ursprünglich hohe Tat wird zum Tun, das Tun zum Handeln und zum Handel, und schließlich besteht die Tat in der Tonnenzahl einer Ausfuhr. Sobald sich das weltliche Denken, auch das erleuchtetste, eines göttlichen Gedankens bemächtigt, geschieht es auf weltliche Art und führt es zur Verderbnis des Gedankeninhalts, der unbürgerlich und unfaßbar ist. Darum empfand der Dechant auch stets beim Lesen des Wortes: »Im Anfang war die Tat!« eine Ernüchterung, eine Entheiligung, wie er sie sonst nicht bei Goethe erlebte, der Gemeines zum Ungemeinen zu erheben wußte. Hier schien er ihm, trotz der bekannten Forderung der Ehrfurcht vor dem Unaussprechlichen, als Ausrufer der Tat lediglich am Beginn eines ernüchternden Zeitalters zu stehen.

»Nein«, sagte er laut, indem er feierlich die Hand auf den tiefen Text legte, »so ist es: Am Anfang war die Tat, aber im Anfang war das Wesen, durch das alle Dinge gemacht, also getan sind. Goethe verschiebt den Schauplatz aus dem Innern ins Äußere, um zu seinem Resultat zu kommen. Weltfrömmigkeit ist nicht Gottesfrömmigkeit, aber diese enthält jene in sich, wie das Wesen die Tat enthält. So war im Anfang das Wesen, und das Wesen war bei Gott, und[S. 317] Gott war das Wesen. Wie er's noch ist, denn indem ich ihn ausspreche, ist er, und das ist allerdings die Tat. Verschweige ich ihn, so ist er nicht, und das ist die wahre Untat. Da ich in ihm bin oder nicht bin, so werde ich mit ihm mein Leben aussprechen oder mit ihm tot sein. Indessen geht die Tat ihren Weg und kommt zu ihrem Ende. Aber Gott, der das Wesen ist, und das Wesen, das Gott ist, gehen keinen Weg und kommen auch zu keinem Ende, sondern sie sind in unvergänglicher Wesenhaftigkeit sie selber, stürzen aus sich selber wesenhaft in die Seele des ehrfürchtigen Menschen, der durch seinen Glauben im Wesen begriffen ist, und aus der Seele wesenhaft in Gott zurück, der der Anfang ist. Das ist der unfaßbare und unbeschreibliche Kreislauf des göttlichen Wesens durch die Wesenhaftigkeit der gläubigen Seele, welche hier als die Beschließerin des Wesens und Vollenderin Gottes, ihres Vollenders, auftritt. Die wahre Tat aber ist ihrer beider lebendige Zeugung.«

Es ging ihm übrigens seltsam. Während er diese Vorstellungen und Begriffe empfand und im erregten Geist hervorbrachte, stand in schweigender Bedeutung die hohe Gestalt des Erzbischofs über ihm und sah nicht ungnädig auf ihn her. Er selber war nicht groß und nicht klein, nur bereit und offen, und seine größte Größe bestand in seiner Möglichkeit, die er dunkel als grenzenlos empfand. Aber wieder erinnerte er sich des sterbenden Lebens in seinem Haus und seiner ungelösten Fragen, und der Bruch ging hart und unversöhnlich durch seine Schöpfung. Denn wenn das Leben im Wesen alles bedeutete, wie ging es dann zu, daß ein abgedorrter Buchstabe das Leben vernichtete? Oder hatte nicht eine Leiche aus der großen Welt ein gottseliges Kind mit aller Liebe und Frömmigkeit zur Strecke gebracht? Da stand er wieder an, genau so, als ob er die greisenhafte Weisheit von der Eitelkeit alles Tuns betrachtete (in die auch jene verständig-unmystische Auslegung des mystischen Gott-Wesens zurückführen mußte) und nicht den sprudelnden Quell des ewigen Wesens selber.

[S. 318]

Im rechten Augenblick trat daher das störende Gestirn seines Himmels bei ihm ein. Während sie die Tür auftat und er aus einer andern Welt gerissen nach ihr blickte, gab es eine Sekunde, in der er sich ungeheuer alt, verstaubt und reisemüde vorkam gegenüber dieser wohlgepflegten und aufs beste gekleideten Erscheinung, die immer nach einem frischen Parfüm duftete und sich niemals in einem Schmutz zu wälzen schien. »Nun«, meinte sie nach der Begrüßung, seine verwühlte und übernächtige Miene übersehend, denn ihr ging es selber nicht zum besten: »Du willst mir wohl mitteilen, daß du dich entschlossen hast, den Ruf an die Universität anzunehmen?« Dabei ließ sie sich uneingeladen in seinem Polsterstuhl nieder, zwar nicht ganz so geschmeidig wie sonst, doch mit der Selbstverständlichkeit, die sie sich als seine Hauskatze angewöhnt hatte. Er beobachtete diese Anstalt mit einer unruhigen Art von Zorn.

»Das hätte ich dir wohl auch im Vorbeigehen mitteilen können, ohne dich zu einer so ungewohnten Zeit in mein Zimmer zu bitten«, erwiderte er langsam, ihre Erscheinung mit einer neuen Art von Verständnis ins Auge fassend. »Heute haben wir ein Geschäft miteinander, das weiterführen wird. — Erinnere dich bitte an eine bestimmte Reihe von Vorgängen, die sich in meinem Haus ereignet haben. Es handelt sich um Dinge, die drohend und sündenbeladen mit deiner Person zusammenhängen. Du führtest damals aus, daß dir mein Haus etwas wie ein Zufluchtsort vor der Welt sei, in dem du eine neue Innerlichkeit schaffen oder erwerben wolltest. Nun, dein Wandel widerspricht einer solchen Auslegung in wesentlichen Stücken. Du hast wiederum Zerfall und Unheil um dich verbreitet. Tat man damals vielleicht ohne Willen dir unrecht, so hast du das Unrecht nicht zehnfach, sondern hundertfach bewußt vergolten mit Handlungen, die von einem Gast Vergehen darstellen, wenn sie« — seine Stimme wurde rauh und brüchig — »nichts Schlimmeres sind. Du weißt, was hier bei uns in diesen Tagen vor sich geht. Ich überlasse es Gott, zu urteilen, inwieweit[S. 319] die Tragödie mit dir als dunkler Heldin zu schaffen hat. Ich werde nicht richten, um so weniger, als ich mich durch Unwachsamkeit und Gehenlassen in die Schuld mit verwirrt fühle. Aber eines ist eine unerbittliche Notwendigkeit: unsre Wege müssen sich scheiden, und das bald. Packe deine Koffer und klage nicht über Bruch des Gastrechts; du hast's lange gebrochen. Was zerstört ist, ist zerstört; wir können's nicht wieder aufbauen. Aber die letzten Stunden und Handlungen wollen wir rein und unangefochten begehen. Du hast einen feindlichen Geist. Hüte dich künftig vor den Kindern Gottes. Es wird dir nicht leicht werden, Lindes Schicksal zu verantworten.«

Er wandte sich von ihr ab, weil er Mühe hatte, ihren Anblick zu ertragen, und wartete auf ihr Gehen. Aber sie dachte noch nicht daran. Zuerst war ihr ein eisiger Schreck in die Glieder gefahren, denn jetzt das Haus zu verlassen bedeutete für sie, die nicht einmal des Leutnants Adresse wußte, unweigerlich den Verlust der letzten Hoffnungen und den Beginn des Alters; während der Dechant den jungen Mann den Wirkungen aussetzte, die von der Sterbenden auf ihn übergingen, schloß sich dort der Kreis wieder und wurde sie einsamer, als sie je gewesen war. Aber auch in diesem gefährlichen Schreck wußte sie sich zu beherrschen, und nachdem der Dechant mit Anstrengung geendet hatte, zeigte sie nichts hiervon als einen leicht verzerrten Zug um die dünnen Lippen.

»Das — sind ja allerdings sehr interessante Eröffnungen«, sagte sie darauf. »Hoffentlich hast du die Übersicht insoweit behalten, daß du zu bemerken vermagst, wie du mit der Tür ins Haus fällst. Mit deinen Gemeindeangehörigen verfährst du juristischer; du gibst ihnen Gelegenheit, sich zu verantworten, und unternimmst nichts ohne Beweise. Dafür springst du bei mir mit einem herrischen Saltomortale zum Urteil über, und ich habe den Platz zu räumen. Ich werde dir in diesem Charakterfehler nicht zum zweitenmal helfen, sondern die Überlegenheit behaupten und hierbleiben.[S. 320] Ausgenommen den Fall, daß du Beweise gegen mich aufbringst. Nun, den kann ich abwarten. Nachher wirst du froh sein, daß ich dich vor der Wiederholung einer peinlichen — Unedelmütigkeit bewahrt habe.«

Der Dechant hatte sich mit einer Röte im Gesicht etwas hastig nach ihr umgedreht; doch faßte er sich, und ruhig erwiderte er: »Die Beweise sind mit Heinz auf dem Weg hierher. Ich werde sie dir nachschicken.«

Sie besann sich einen Augenblick, indem sie erwägend auf ihre nervös wippende Schuhspitze blickte. »Es ist doch seltsam«, sagte sie dann langsam, »daß du nicht wenigstens von einer Partei Nachrichten besitzest. Wozu habt ihr nun die Beichte? Oder beichtet Linde beim Vikar? Das wäre beinahe pikant. Und die Magd?« Und als er sie nur verständnislos ansah, fuhr sie noch ruhiger fort. »Sieh mal, irgendwo muß es jetzt doch bei dir hapern. Wenn du von der andern Seite nur halbwegs unterrichtet wärest, so würdest du außerordentlich billiger arbeiten. Du stürzest dich sehr hoch in moralische Unkosten, bemerkte ich. Ich habe mit Heinz, um die widerliche Sache offen auszusprechen, nichts zu tun gehabt, was man nicht wissen dürfte. Dagegen stelle ich mit Verwunderung fest, daß man den Leuten einen schönen Tod vorsterben und als halbe Heilige gelten kann, alles mit einer Beichtsünde, einer ganz derben Verschweigung im Gewissen. Da liegt sie nun weiß und fromm mit ihrem Mädchengeheimnis, ist absolviert und womöglich seliggesprochen, und du tappst über die gröbsten Vorgänge im Dunkeln. Nun, so höre. In jener Nacht — du weißt, welche — wollte ich mich in Heinzens Zimmer über gewisse Beobachtungen persönlich überzeugen. Es war ungefähr um ein Uhr. Als ich durch die Tür trat, fand ich das Zimmer leer und das Bett unberührt. Bei mir war er nicht, sonst hätte ich mir den Gang erspart. Wenn er nicht bei Linde war, so steckte er bei dir oder war auf Abenteuer aus. Du sagst, daß der Beweis auf dem Weg sei; ich sehe ihm mit Ruhe entgegen, sowenig angenehm es einem reifen Menschen sein[S. 321] kann, sich mit solchen Widerlichkeiten befassen zu müssen. Indessen, du willst es. Warten wir also ab.«

Sie erkannte beinahe augenblicklich, daß sie sich nicht im Mittel, denn sie besaß kein andres, aber in der Anwendung vergriffen hatte. Einem noch so schweren Anfall von Zorn oder Entrüstung hätte sie ruhig standgehalten, aber als er nun sein gutes, männliches Gesicht voll Widerwillen von ihr wandte und mit trüber Schwere unter dem menschlichen Schmerz, den er dadurch erlitt, stumm ans Fenster trat, zunächst offenkundig unfähig, sich zu einer weiteren Antwort zu bewegen, erbleichte sie. Wenn eine wirkliche Verleumdung nicht verfangen hätte, so wäre sie um neue Lügen vielleicht nicht verlegen gewesen; zu erleben, daß eine echte Wahrheit ihr in der Hand verfaulte — unter solchen Umständen — und zur gemeinen üblen Nachrede wurde, erschütterte sie. Der Vorgang fiel als Urteil ungesäumt in ihr Selbstbewußtsein zurück und ließ sie den Grad fühlen, bis zu dem ihre Leidenschaft ihre moralische Stellung und damit ihren menschlichen Kredit, der darauf beruhte, schon zerstört hatte. Eine bestürzende Empfindung durchfuhr sie auf einen Moment, die ungefähr besagte: »Es ist weit mit dir gekommen, Malva!« Ihr von Jugend auf unfrisches Herz tat einige rasche, nervöse Schläge, während ihr literarisch geladenes Hirn umsonst darüber war, neue Auskunftsmittel zu schaffen. Indessen tat der Dechant einen beschwerten Atemzug und begann wieder zu sprechen.

»Das ist ganz genau so, wie damals Linde sagte. Wer jemand nach dem Ganzen steht, der kann auch noch ein Buch gestohlen haben; es liegt nichts daran. Er kann das erlegte Wild auch noch verleumden; es wiegt kaum mehr. Malva, wir sind hier so von Kummer niedergedrückt und vom Schicksalsgefühl durchdrungen, daß einzelne Bösartigkeiten bei uns keinen Eindruck mehr machen. Ich wollte, daß du das begriffst, damit du dir besser dientest. Was uns angeht, so haben wir nicht nötig, Heinzens Zurückkunft abzuwarten. In dem Brief, worin er sie in Aussicht stellte, schrieb er von[S. 322] gewissen Verlobungs- und Heiratsplänen, an denen — nicht Linde beteiligt ist. Willst du mehr Beweise? Was damals vorgegangen ist, kann, wenn es irgendeinen menschlichen Sinn haben soll, doch nur dazu der Auftakt gewesen sein. Ich füge noch hinzu, daß die arme Kranke, ich weiß nicht auf welchem Weg, und will es nicht wissen, von diesen abgeschmackten Aussichten erfahren hat; es war nicht möglich, daß sie wenigstens in Frieden starb. Nun tun wir das Ganze mit einemmal ab. Und so geh mit Gott!«

Endlich erkannte sie, daß sie diesem Mann gegenüber, der nichts mehr verlangte, wozu sie ihm verhelfen konnte, den Einfluß verloren habe, und erhob sich mit leise zitternden Knien.

»Ich kann mir ja nicht denken, daß wir schon miteinander fertig wären«, sagte sie bitter blickend. »Vielleicht hast du dir in der Erregung noch nicht klargemacht, ob du auch die Mittel besitzest, deinen Willen gegen mich materiell durchzusetzen. Linde habe ich nicht die Nachricht hinterbracht, ich kannte sie bis auf diesen Moment selber nicht. Sie ist sehr interessant. Nun, wir werden sehen.« Mit einem verfallenen und vereinsamten Zug um den Mund schob sie sich hinaus. Es schien, als ob sie nicht mehr Herrin ihrer Gelenke sei. Die Mitteilung von Heinzens Absicht, die sie sonst als Sieg gefeiert hätte, brannte ihr nun wie Galle im Eingeweide, und mit letzter Kraftanstrengung erreichte sie ihr Zimmer.

Darauf übernahm der Dechant wieder die Wache bei der Sterbenden. Die Morgensonne lag gnadenreich und hoffnungsvoll in ihren Fenstern, indessen der Föhn von außen daran rüttelte und die Amsel im Garten kühnlicher zu singen anhob. Er trat ans Fenster und sah sie ganz oben auf dem Bergamottenbaum sitzen, in dem ihn Linde im Herbst mit der Nachricht von der Ankunft des Leutnants überrascht hatte. Er erinnerte sich Bobs, der eifrig vorausgelaufen war, und der ganzen hellen Stunde, seufzte tief auf und wandte sich ab, wieder der Kranken zu. Brigitt hatte gebeten,[S. 323] sie wegen des Frühstücks zu rufen, wenn Linde erwacht sei; bisher war es noch nicht geschehen. Vor Sorge kam sie selber wieder sehen und fand sie, wie sie während ihrer ganzen Wache gelegen hatte, mit geschlossenen Augen kaum atmend unbeweglich in ihrem Kissen; nur daß sie jetzt durch den geöffneten Mund atmete. Brigitts bange Frage, ob das nun wohl zum Guten oder zum Schlimmen sei, versuchte der Dechant zu beruhigen, aber er selber machte sich auf das Ende gefaßt, und sie sah ihm wohl an, was er dachte. Indessen hieß er sie sich erkundigen, ob sie der Frau Professor, die abreisen wolle, packen helfen könne, und wies sie an, lieber die Hausarbeit dafür liegenzulassen. Einem überraschten und forschenden Blick der alten Seele wich er aus, doch kannte sie seine Gesichter gut genug, um zu merken, was der Auftrag zu bedeuten habe, und ihr Herz schwoll ihr in allem Leid hoch auf vor Dankgefühl, unter dem einen bittern Verlust wenigstens ihren Herrn wieder zurückkehren zu sehen. Sie nickte zwei-, dreimal zustimmend, nahm ihm erregt und ehrfürchtig ein Stäubchen von der Soutane und lief dann plötzlich davon.

Gleich darauf kam der Arzt, um zu sehen und zu hören. Auf den neuesten Bericht machte er ein etwas dummes Gesicht, fand dann, daß man die Kranke wegen der Nahrungsaufnahme wecken müsse, da sie sonst zu schwach würde, und beendete den angestellten Versuch mit der Erkenntnis, daß sie bewußtlos sei. Er schüttelte den Kopf, murmelte etwas von geheimnisvollem Patienten und begann sich dann unvermittelt und beinahe bitter über Lindes Verstocktheit zu beklagen. Nach seiner Meinung müsse sie unbedingt Schmerzen und Krämpfe haben, der Henker möge wissen, warum sie sie verleugne. Als ob es sich um ein Liebesgeheimnis handle und nicht um eine Krankheit! Was man ihr nicht auf den Kopf beweisen könne, das sei nicht aus ihr herauszubringen, da müsse man schon ein Zauberer und Prophet sein, um ein richtiges Krankheitsbild zu bekommen. Wenn ihn einer frage, was mit dem Frauenzimmer los sei, so könne[S. 324] er nur sagen, daß er keine Ahnung habe. Na, man solle sich mal aufs Schlimmste gefaßt machen und das Beste tun, das rate er immer bei bedenklichen Krisen. Der Teufel möge es wissen, wiederholte er ärgerlich: gerade als ob die Krankheit eine Kapitalanlage wäre, aus der sie Zinsen zöge, oder ein gutes Geschäft, von dem sie die Konkurrenz fernhalten wolle. Dann verschrieb er im Zorn etwas, was kein Mensch lesen konnte, und fuhr ab. Draußen hörte ihn der Dechant noch zu Brigitt etwas von Nahrung einflößen sagen, aber vorsichtig, in ganz kleinen Quantitäten, damit nichts in die Luftröhre komme. Gleich darauf trat sie wieder ein und meldete, daß Frau Professor sich zu Bett gelegt habe, doch hoffe sie am Nachmittag wieder aufzustehen.

Dasselbe hofften der Dechant und Brigitt, die stillschweigend der Ansicht waren, daß ihr die heutige Aussprache auf die Nerven gefallen sei. Aber sie stand auch im Verlauf des Nachmittags nicht auf; am Abend meldete das Thermometer sogar Fieber, und in der Nacht überfiel sie ein so heftiges Erbrechen, daß sie etwas blutigen Schaum mit erbrach, nachher überhaupt nur noch Schleim und Blutschaum. Sie ächzte sehr, und die Glieder zitterten ihr, daß sie nichts anfassen konnte. Als der Kreisphysikus am andern Morgen kam, sprach er von möglicher Infektion im Verlauf der aufopfernden Pflege, Überanstrengung und einigen andern Dingen, glaubte aber übrigens doch nur an influenzöse Basis und verschrieb Diät und Ruhe.

Im Lauf des Vormittags traf dann ein Telegramm von Heinz und mit dem Abendzug er selber ein, etwas abgemagert und blaß und mit dem Arm in der Schlinge.

[S. 325]

Drittes Kapitel
Heinz muß mit seinem Blut besiegeln, daß er kein Held mehr sein will

D

Des Leutnants Schicksale, soweit sie nicht aus seinen Briefen schon sichtbar wurden, bestanden seit jener Engländernacht äußerlich in den nervenzerrüttenden oder abstumpfenden Vorgängen des Schützengrabenkrieges und in periodischen dumpfen oder ausschweifenden Abwechslungen während der Zeiten der Reservestellung in den Dörfern und Städten hinter der Front. Mit Engländern hatte er's nach jenem letzten, furchtbaren Kampf nicht mehr zu tun bekommen; beim nächsten Vormarsch war sein Truppenteil gegen Franzosen und dann der Reihe nach gegen Turkos, Zuaven, Senegalneger, Marokkaner und Südfranzosen eingesetzt worden. In der letzten Zeit lag er einem Pariser Regiment gegenüber, das nach allgemeiner Bestätigung sehr mutig arbeitete; es war ein gefährlicher Gegner, der die größte Wachsamkeit und Aufopferung nötig machte, Fähigkeiten, an denen es andrerseits wieder im deutschen Truppenteil nicht mangelte. Die frischen Mannschaften, mit denen die damals beinahe aufgeriebenen Kompagnien neu aufgefüllt wurden, brachten nicht nur die hohen kriegerischen Eigenschaften ihrer Stämme mit, sondern übernahmen auch besinnungslos den besonderen Geist des Regiments, und so fanden die Pariser viel saure Arbeit, aber wenig Feste. Es gab genug junge Kräfte, die tatenlustig Heinzens frühere kühne Regsamkeit aufgegriffen, wo er sie hatte liegenlassen, und die jetzt ebenso von sich reden machten, wie ehedem von ihm geredet worden war. Er seinerseits ließ es in dem selbstbestimmten Umfang seiner Tätigkeit an keiner Aufmerksamkeit und strengen Pflichterfüllung fehlen. Dazu fand man ihn als »alten Krieger« im Besitz beider Eiserner Kreuze und von Orden, die sich infolge jener Kämpfe noch um einen vermehrt hatten, und wußte obendrein, daß er aus den gleichen Ursachen sehr früh zum Oberleutnant aufgerückt war.[S. 326] So besaß er bei den Jungen durchaus das Ansehen einer Respektsperson, und da er einen ziemlichen Befehlsbereich — neuerlich, solange der Hauptmann beurlaubt war, einen Kompagnieabschnitt — unter sich hatte, so verlangte auch niemand heldenhafte Ausfahrten von ihm, sondern man war es zufrieden, daß er die Verteidigung umsichtig und furchtlos führte und die Heldengänge den Jungen überließ. Seine Kameraden kannten ihn als vorsichtig, immer etwas zurückhaltend und stets um eine Spur lieber zum Abwarten geneigt als zum Zugreifen, und bei den Vorgesetzten hatte er die Geltung eines etwas schwerblütigen und pessimistischen aber talentvollen und durchaus verläßlichen Offiziers, bei dem eine Truppe gut aufgehoben war, und um den man sich weiter keine Sorge zu machen brauchte.

Über die Dinge in der Heimat war er fortlaufend gut unterrichtet, aber je länger, je ausschließlicher durch die Tante anstatt durch seine wahre Freundin, die immer schweigsamer wurde. Sein Einfluß auf die Entwicklungen nahm im gleichen Maß ab; sie beeinflußten ihn. Er sah auch ziemlich deutlich ein, daß er sein Schicksal aus der Hand verloren habe und in einer manchmal beunruhigenden Weise geschoben und Zielen zugestoßen wurde, über die er sich in Arbeit und Inanspruchgenommenheit durch seinen neuen Dienst lange nicht genügend Rechenschaft geben konnte. Er vermochte naturgemäß nur noch zu sehen, was man ihm zeigte. Da die alte Freundin sich zurückzog und die neue sich immer mehr in den Vordergrund schob, so dachte er, sich langsam gegen jene verstimmend, mehr an die neue und an ihre Kapitalien und Beziehungen. Etwas mußte ja nach dem Krieg im Frieden mit ihm geschehen. Da ihm aber ganz die geistige Freiheit abging, darüber nachzudenken, so war er es auf lange Strecken zufrieden, daß jemand anderer für ihn dachte, während er kämpfte, beaufsichtigte, Meldungen gab und Befehle entgegennahm. Trieb ihn nicht schon in der Nacht ein Alarm aus seinem Unterstand, so erhob er sich morgens mit schweren Gliedern und dumpfem Kopf von[S. 327] seinem Lager, erinnerte sich an den herrschenden Zustand und seine Obliegenheiten, und dann begann wieder die krachende und feuerspeiende und so eintönige als gefahrvolle Mühle des Tages. Abends spät sank er müde und ohne jeden Gedanken hin und schlief sofort ein. Die wenigen Ruhepausen waren mit Essen oder mit denselben ewig gleichen Gesprächen und Witzen ausgefüllt, die ebenso ewig gleich von einer Meldung, einem Befehl, einem höheren Besuch zur Inspizierung oder einer feindlichen Unternehmung unterbrochen wurden. Das übrige war für ihn Rauchen, Warten, Handeln, in Untätigkeit zurücksinken, sich wieder aufraffen, um sich über dies oder jenes Ereignis Rechenschaft zu geben, einen zweckmäßigen Entschluß fassen, das Nötige anordnen und dann von neuem warten, brüten, gleichgültige Worte wechseln, Verwundete vorbeitragen sehen, Munition anfordern, die Abgänge melden, Diensttagebuch führen, das Wasser aus den Gräben schaffen lassen, den Schlamm durch die Einführung von Steinen und Brettern bekämpfen, in nassen Kleidern frieren, gelegentlich hungern und immer weiter warten, warten, warten! Zum Lesen hatte er weder Zeit noch, wenn sich wirklich eine Stunde dafür fand, Lust. Was in der Heimat gedacht und geschaffen wurde, erfuhr er nicht. Die kulturpolitischen Gespräche seiner jungen Offiziere oder gebildeten Mannschaften blieben ihm gleichgültig, und er nahm kaum Anteil daran. Er stand oft durch viele Tage unter einem gleichmäßigen seelischen Druck, unter einer geistigen Verödung, die ihn stumpf leiden machte, ohne daß er durch das Bewußtsein darüber Herr wurde. Der Zustand ließ nach, verstärkte sich, ging und kam wieder, und Heinz handelte dabei auf weite Strecken wie eine aufgezogene Mechanik. Er ging halb bewußtlos mit Denkformen um, wandte Erfahrungen andrer Leute an, und wenn er einmal ins Bewußtsein seiner Lage auftauchte, so geschah es mit einer Regung der Ungeduld über ihre Unübersichtlichkeit, und tat er irgend etwas, nur um[S. 328] damit für diesmal wieder fertig zu sein, und zwar immer das Nächstliegende. Auf diese Weise, und weil sich Linde stets weiter aus seinem Blickfeld zurückzog, kam seine Antwort auf das drängende Entweder-Oder der Tante zustande, die dann Linde zur Auflösung der Verlobung veranlaßte. Er nahm auch dies Ereignis dumpf und bedrückt wie ein Gefangener zur Kenntnis und antwortete automatisch. Der neue philosophisch tröstende Brief seiner künftigen Braut brachte ihn wieder halb zum Bewußtsein, und so antwortete er unwirsch und von der Verwirrtheit der Dinge tief verdrossen. Vielleicht hatte er wirklich nicht genug Zeit gehabt, sich von den Schrecken jenes Kampfes mit den Engländern zu erholen, und war in einem unwiederhergestellten körperlichen Zustand in neue Schrecken gegangen. Sein Vorsatz, künftig nur das Unerläßliche zu tun, deutet nach dieser Richtung; daß dabei immer noch soviel Tüchtiges und Ganzes herauskam, spricht nur für den Wert und die bedeutende Gesamtanlage seiner Natur.

Inzwischen kam seine Verwundung, und damit hatte es einen sehr organischen und einfachen Zusammenhang. Während er damals trotz, oder, wie die Verhältnisse lagen, wegen seines unbegrenzten Heldentums unverwundet geblieben war, ereilte ihn diesmal wegen seines begrenzten das französische Bajonett. Die gegenüberliegenden Franzosen, leidenschaftliche Sucher der großen und Genies der kleinen Vorteile, hatten neuerlich angefangen, sich mit vermehrtem Eifer auf diese zu werfen, um jenen schrittweise näher zu rücken. Tag und Nacht arbeiteten die Mineure, und das Gefühl der Unsicherheit nahm außerordentlich überhand. Kaum war hier ein Minengang abgefangen, so meldeten die Horchposten das verräterische scharrende Geräusch an einer andern Stelle. Heldenhafte und erbitterte Kämpfe spielten sich geheim ab, auf die keine Sonne und kein Stern blickte, und bei denen der Ringer auf Leben und Tod auch das Bewußtsein entbehren[S. 329] mußte, wenigstens in Gemeinschaft von Kameraden zu bluten; sein Minenstollen wurde zugleich sein Grab. In der Luft kreisten zu jeder Tageszeit die behenden Flugzeuge des genialsten Dämons, machten photographische Aufnahmen, warfen Bomben, verfolgten und wurden verfolgt. Und unaufhörlich sprangen von der Erde die schwarzen Fontänen der Granateinschläge auf. In diesen Einschlägen verwickelte sich Heinzens Schicksal.

Den Parisern kam es darauf an, sich näher an den deutschen Schützengraben heranzuarbeiten, um beim nächsten Sturm einen kürzeren Sprung zu haben. Ob der Schuß bei der schweren Artillerie bestellt war oder nicht, jedenfalls schlug eines Nachmittags eine großkalibrige Granate genau in der Mitte zwischen beiden Linien in den Boden und warf einen ungeheuren Trichter aus. Der Staub und Rauch der Explosion lag noch in der Luft, da sah man schon einen Trupp Franzosen in voller Schnelligkeit herzulaufen, um sich in den Trichter zu werfen und den herwärtigen Rand zu besetzen. Sie hatten auch gleich ein Maschinengewehr mit, das in unglaublicher Schnelligkeit aufgestellt und schußbereit gemacht wurde; schon drohte die Mündung gegen die deutsche Linie, bereit, augenblicklich Blei und Stahl zu speien, sobald sich aus dem diesseitigen Graben etwas regte. Die kurze kriegerische Entfaltung hatte im deutschen Schützengraben allgemein imponiert, aber es dachte niemand daran, daß die verwegenen Burschen längere Zeit in dem Loch würden bleiben können außer tot, und eine Empfindung wie Bedauern klang aus den wenigen wortkargen Bemerkungen, die dazu gemacht wurden. Wie man sie heraustreiben oder darin mit den Nägeln des Todes festnageln sollte, darüber machte man sich weiter keine Gedanken; das war die Sache der Gefechtsleitung.

Die Gefechtsleitung war in diesem Fall Heinz. Er beobachtete mit düsterm Blick und starkem Unlustgefühl den ganzen erfinderischen Vorgang und war sich auch nicht[S. 330] über seine Tragweite im unklaren. Sein Graben bildete den Flankenteil einer vorspringenden Feldbastion; was ihm geschah, das geschah der ganzen Stellung, und es war nicht gut, daß die Franzosen in dem Trichter saßen. Er ließ die kühnen Männer unter gesammeltes Feuer nehmen, richtete seine Maschinengewehre auf sie und verschoß ziemlich viel Munition, obwohl er sparen sollte, ohne etwas Sichtbares auszurichten. Das feindliche Maschinengewehr vollends schwieg sich tückisch aus; es wartete eine andre Gelegenheit ab, um seine kostbare und abgezählte Munition an den Mann oder die Männer zu bringen. Einige Soldaten und Unteroffiziere, die schon an andern Plätzen erfahren hatten, was Krieg ist, erwarteten nun einen Aufruf von Freiwilligen, um das Nest auszuheben und selber zu besetzen, aber es kam kein Aufruf.

Dieser Zustand blieb etwa eine halbe Stunde so im Unentschiedenen schweben, als in einiger Entfernung von der ersten eine zweite schwere Granate einschlug, und zwar vor dem linken Flügel der Kompagnie, wo die Stellung an einen Steinbruch stieß. Die Leute eröffneten ungeheißen ein eifriges Feuer in den Pulverrauch hinein, aber als der Erdregen sich niedergeschlagen hatte, saß ein Trupp Franzosen auch im neuen Trichter; diese hatten sogar zwei Maschinengewehre mit. Auf dem Weg dazu lagen einige Tote und Schwerverwundete, aber das Loch schien dennoch stark besetzt zu sein; sie hatten also mit Abgang von vornherein gerechnet. Es erhob sich für die nächste Zeit wieder eine wütende Schießerei, an der sich aber die Männer in den Erdlöchern nur mit wenigen günstigen Schüssen beteiligten. Auch diese Maschinengewehre schwiegen und warteten. Nach einiger Zeit sah man am Auffliegen von Erde, daß zuerst im einen, dann auch im andern Trichter geschaufelt wurde, und zwar in der Richtung gegeneinander.

Heinz beobachtete und wartete, er wußte nicht, worauf. Schließlich stellte er das Feuer ab, um für die größern Vorgänge, die sich aus diesen kleinen entwickeln mußten,[S. 331] die Munitionsbestände zu sparen, gerade wie die Männer in den Trichtern, obwohl er fühlte, daß ihm ein andres Verfahren zukam. Es ist nie ganz aufgeklärt worden, aus welchen Beweggründen an diesem unglücklichen Tag Heinz handelte oder nicht handelte; das meiste erklärten sich seine Vorgesetzten schließlich wohlwollend mit seiner zu großen Jugend für die Verantwortung, die auf ihm lag. Was er dumpf und von seiner Unbeweglichkeit gepeinigt erwartete, das geschah. Mit großer, beinahe tollkühner Genauigkeit placierte die französische schwere Artillerie einen dritten Treffer zwischen die ersten beiden, worauf sich alles programmgemäß wiederholte, nur daß diesmal bei den Deutschen kein Schuß losging, zur großen Verblüffung der Pariser. Auch hier bemerkte man nach der Klärung der Luft eine Gruppe Schützen und schon arbeitende Pioniere nebst zwei Maschinengewehren. Der Grund, warum diesmal niemand geschossen hatte, lag darin, daß nun die meisten vermuteten, Heinz habe es auf eine mehr summarische Aktion abgesehen und wolle dafür vielleicht die Nacht abwarten; möglicherweise hatte man für den Zweck Verstärkungen zu gewärtigen. So war man denn im deutschen Graben getrost und rüstete sich auf die Dunkelheit, und den kecken Parisern wollte niemand weiter gram sein, zumal man sie am andern Morgen gefangen wegzuführen gedachte, versteht sich, wer den Spaß mit dem Leben überdauerte.

Aber es gibt im Frieden wie im Feld eine Art von seelischer Wetterkunde, eine hellseherische Witterung von der Dichtigkeit oder Flauheit einer moralischen Luft. Die Kommandanten des Gegengrabens fühlten flaue Luft von den Deutschen herüberwehen. Aus den Mitteilungen der Gefangenen ergab sich nachher für die deutsche Oberleitung etwas folgendes Entwicklungsbild. Den Parisern hatte das ganz unerwartete Verhalten der Deutschen lebhaft zu reden gegeben. Entweder, sagte man, seien sie schlecht kommandiert, und dann mußte man rasch zugreifen, oder sie planten eine eigene Unternehmung, dann mußte man ihnen zuvorkommen.[S. 332] Schließlich wurden die Kommandanten einig, daß es an der Führung fehlen müsse; es sprachen für diese Auffassung eine gewisse Reihe kleiner, aber belegender Tatsachen. Man verständigte sich mit der Brigade, und diese benachrichtigte die Artillerie, die plötzlich den deutschen Graben unter Präzisionsfeuer und nachher noch eine halbe Stunde unter Trommelfeuer setzte. Neue Schwärme kamen hinter diesem eisernen und feurigen Vorhang aus dem französischen Graben heraus, warfen sich zwischen die Trichter hin und gruben sich eilig oberflächlich ein. Kaum war der letzte Schuß der Artillerie gefallen, so schnellten sie mit großer Behendigkeit vom Boden auf und stürmten auf den deutschen Graben los.

Heinz hatte auch diese Entwicklung vorausgesehen, aber jetzt war es schon zu spät für irgendwelche Gegenbewegungen; seine Leute wären unter dem Feuer der vorgebrachten Maschinengewehre nur dem offenen Tod ins Haus gelaufen, ohne das geringste auszurichten.

Den Parisern glückte es nun freilich nicht so schnell, wie sie gerechnet hatten. Die erste Sturmwelle, oder was davon nach vorne kam, mußte vor den Drahthindernissen liegenbleiben. Die Pariser taten es weiterfeuernd und mit erbitterter Zähigkeit in Erwartung der Unterstützung. Inzwischen hatten sich die Trichter und die Zwischenstellungen neu angefüllt und wieder geleert, aber auch die zweite und dritte Welle kam nicht zum Ziel, doch bildete sich aus allem Getröpfel etwas wie eine Rinne oder eine allervorderste Angriffslinie dicht vor den deutschen Gewehren, und jetzt begannen auch die fünf Maschinengewehre zu spielen, die von den tollkühnen Männern aus den Trichtern herausgeschafft und auf dem Feld frei aufgestellt worden waren.

Unter allem schweren Verdruß bemerkte Heinz den großen Unterschied zwischen dem damaligen englischen Angriff und dem heutigen französischen. Die Engländer führten ihren Krieg als sportliche und brutale Einzelleistung,[S. 333] während die Franzosen als ausgemachte Gesellschaftsmenschen geschickt und oft dämonisch fein einander in die Hände arbeiteten und in der Mechanik einer gemeinsamen Unternehmung von keinem Volk der Erde übertroffen wurden. Es war ihm später nicht einmal möglich, alle Einzelvorgänge sich zu vergegenwärtigen, durch die sie ihn überrascht, unterlaufen, festgenagelt und gelähmt hatten, um dann mit einem wütenden Gesamtschwung den entscheidenden Vorstoß anzusetzen. Den ließ er freilich nicht untätig über sich ergehen, aber auch nicht tätig genug. Er fragte zwar nicht danach, ob er sich aussetzte oder nicht, war da, war dort, schrie Anordnungen durch den höllischen Lärm der Handgranaten, schickte Leute auf entblößte Stellen, jagte Leichtverwundete auf ihre Posten zurück, schoß auch den einen oder andern eindringenden Franzosen mit seinem Revolver nieder und machte durchaus den Eindruck eines tätigen, umsichtigen und aufopfernden Truppenführers. Aber als sein vorderstes Maschinengewehr, um das sich der Kampf schließlich zuspitzte, den letzten Mann verlor und nur noch allein starr geradeaus feuerte, bis das Band abgelaufen war, um dann plötzlich zu verstummen, sprang er nicht helfend ein, obwohl er der Nächste dazu war und mit der Mechanik umzugehen wußte, sondern indem er den unheimlichen Vorgang irgendwie gespenstisch berührt beobachtete, sprach eine Stimme zu ihm: »Jetzt ist's um alle geschehen!« und kam eine solche unerträgliche Trübung über seinen Geist, daß er auf einen Moment daran dachte, sich das Leben zu nehmen. Er sah noch, wie ein junger Offizier im Stahlhelm elastisch neben dem Maschinengewehr in den Graben sprang, nach links und rechts je eine Handgranate schleuderte und dann mit schnell gezogenem Revolver auf ihn zulief. Aber gleichzeitig empfing Heinz einen Stoß von hinten in die Schulter, der ihn vornüber zu Boden warf und ihm sehr wahrscheinlich das Leben rettete. Wie sich nachher zeigte, stammte er von einem französischen Bajonett. Der Stich war ihm über dem Schulterblatt in den Rücken und unter dem[S. 334] Schlüsselbein aus der Brust gedrungen. Was weiter geschah, wußte er nicht, weil er ohnmächtig wurde.

Die Pariser wurden nun trotz dieses Erfolges nicht warm in dem deutschen Graben. Sie hatten kaum Zeit, die unverwundeten Gefangenen und die marschfähigen Verwundeten wegzuführen, so setzte schon die Gegenaktion aus den flankierenden deutschen Nachbargräben ein; das Vorgelände wurde für französische Unterstützungen durch Artilleriefeuer gesperrt und die fremde Besatzung von beiden Seiten Mann für Mann aufgerieben, bis sich die letzten sechs ergaben, auch schon reichlich blutend und mit leeren Gewehrläufen. Die aufgehenden Sterne fanden die Deutschen wieder im Besitz des Grabens und Heinz zur ersten Not verbunden auf dem Weg zum Etappenlazarett. Seine Lunge war nicht verletzt, dagegen hatte er während der Rückeroberung des Grabens noch ein deutsches Gewehrgeschoß in den Oberarm bekommen, mit dem zweiten glücklichen Umstand, daß der Knochen nicht getroffen war. Die Trübung seines Geistes hatte sich nicht gelichtet, sondern war noch schwerer und qualmiger geworden. Sie hielt auch die nächsten Tage noch an und machte ihn wortkarg und finster. Dazu erfüllte ihn eine unerklärliche Unruhe, die ihn im Schlaf schreien und aus wirren Träumen auffahren ließ und sich im Wachen als unaufhörlicher Drang äußerte, irgend etwas zu tun, anzuordnen, einzuschreiten, zur Ruhe zu bringen. Der Oberstabsarzt sagte lächelnd zu ihm, für ihn sei es auch Zeit gewesen, daß er einmal verwundet worden sei, aber etwas weniger hätte hingereicht. Heinz verstand ihn nicht und maß den lächelnden Mann mit einem feindlichen Blick. Aber indem ihm mit fortschreitender Ablösung von der kriegerischen Spannung seine bürgerlichen Verhältnisse wieder nähertraten, warf sich seine verdrossene Unruhe auf diese, und in der Meinung, sich Befreiung zu verschaffen, schrieb er jenen Brief an den Dechanten, worin er seine bevorstehende Ankunft und die beabsichtigte Verlobung mit der Tante anzeigte. Daß beides zusammen eine unbegreifliche[S. 335] Roheit ergeben mußte, fühlte er dunkel und geplagt, aber es war ihm unmöglich, sich der Zwangsvorstellung zu entziehen. Nur ahnungsweise war ihm bewußt, daß er mit der Roheit sich selber an den Leib wollte, und gar nicht, daß seine Seele an die Verlobung im letzten Grund nicht glaubte.

Nach zwei Tagen bekam er die Depesche des Dechanten: »Wenn du Linde am Leben treffen willst, komm baldmöglich.« Sie bestürzte ihn kaum und bestätigte ihn nur, er wußte nicht worin. Indessen machten sich die Ärzte ernsthaft Sorge um seinen Gemütszustand, und die Reiseerlaubnis zu einer Sterbenden bekam er daher nur mit Mühe und erst, als sie sahen, daß sie mit der Verweigerung die Sache noch schlimmer machten.

Viertes Kapitel
Die Heimkehr des verlorenen Sohnes. Ein Nachtgespräch. Linde mahnt ihre Hausgenossen zu ihrem Sterben.
Vor dem Dechanten reißt der letzte Vorhang

A

Als Brigitt auf das Läuten der Glocke die Haustür aufmachte und Lindes gewesenen Geliebten draußen erblickte, brach sie, keines Wortes mächtig, augenblicklich in Tränen aus. Die Frage, ob Linde noch lebe, beantwortete sie mit einem heiseren Krächzen und wiederholtem Kopfnicken. Darauf führte sie ihn blind und taub vor Leid zum Dechanten.

Auch dem Dechanten wurde das Sprechen zunächst sauer, als er so abgemagert und mit unreinem Blick den Freund seiner Linde vor sich stehen sah. »Grüß dich Gott, Heinz«. sagte er ernst. »Wie geht's dir? Bist du schwerverwundet? Setz dich; die Reise wird dich ermüdet haben. Kommst du in einem Zug aus dem Lazarett?«

Heinz gab mit kurzen Worten Auskunft und fragte dann nach Linde, während sein Herz, nach langer Zeit zum erstenmal[S. 336] wieder, bei diesem Namen sich dumpf regte und in seinem düster verhängten Blick auf Sekunden etwas aufschimmerte wie ein vorbeischwebender Engelsflügel, aber nur auf Sekunden. Die lebendige Regung des Herzens hielt jedoch an; es war eine erste Regung zur Auferstehung. Der Dechant allerdings wollte diesem heimgekehrten Sohn kein Kalb schlachten.

»Ich dachte, du würdest zuerst nach Tante Malva fragen«, erwiderte er nicht ohne Bitterkeit. »Sage mir doch, wie ist es möglich, daß eine Seele, die du geordnet und geheiligt hier forttrugst, in kurzer Zeit so unendlich verwildern und verrohen konnte? Oder warst du schon nicht mehr geheiligt, als du gingst? Was soll ich mit dieser Verlobungsvoranzeige? Ich habe deinen Brief nicht verstanden und werde ihn nie verstehen, und er hat mir schlaflose Nächte gemacht. Zuerst wollte ich dich dringend ersuchen, das Fest woanders zu feiern, und das tue ich auch jetzt. Aber darüber hinaus sagte ich mir, daß es nötig sei, dich reden zu hören. So rede, sieh deine ehemalige Geliebte, schlafe einmal unter meinem Dach, wenn du kannst, und geh morgen wieder. Aber zuerst rede. Hast du dich schon in jener Nacht mit Tante Malva, deiner jetzigen Verlobten, vergangen? Hat sie dich verführt, indem sie deine Sinnlichkeit ausnutzte? Und ist diese Verlobung eine physische Folge davon, wovor Gott sein möge? Ich bitte dich, sprich jetzt Wahrheit; unser ganzes Verhältnis hängt daran und vielleicht auch deine ganze Zukunft.«

Heinz hatte dem Dechanten eine Zeitlang mit einer halb geweckten Aufmerksamkeit ins Gesicht gesehen. Nun schaute er düster vor sich hin und beschäftigte sich unruhig mit dem Eindruck, den ihm der Geistliche machte, und mit der neuen sittlichen Entschiedenheit, um nicht zu sagen: Leidgröße, die von seinem Blick und von seinen Worten ausging. So hatte ihm sein Oheim vielleicht nur noch in seiner frühesten Jugend imponiert, und es gab ihm zu denken, daß nun zum erstenmal wieder sich dieser weite und bedeutungsvolle Abstand[S. 337] zwischen seiner eigenen sittlichen Alterslage und der des vorgerückten Mannes auftat. Indessen beantwortete er die gestellten Fragen beinahe mechanisch.

»Ich habe nichts mit Tante Malva zu tun gehabt«, sagte er. »Unsre Beziehungen haben sich erst seither angeknüpft. Ist in jener Nacht etwas geschehen, so war sie jedenfalls nicht daran beteiligt.«

»Es ist schon etwas, daß wenigstens deine Beteiligung feststeht«, bemerkte der Dechant mit großem Blick. »Wer kommt noch in Betracht?« Aber Heinz antwortete auf diese Frage nicht, und eine Zeitlang ging der Dechant denkend vor seinen Büchergestellen auf und ab. »Tante Malva machte mir einige Mitteilungen, die seltsam klingen«, hob er darauf widerstrebend von neuem an. »Sie erzählt, daß ihr gewisse Vorgänge aufgefallen seien und sie sich in der Folge davon nach deinem Zimmer begeben habe, um sich zu vergewissern. Sie habe dein Zimmer leer und dein Bett unberührt gefunden. Kann sie das nach der Wahrheit behauptet haben?«

Heinz hob etwas überrascht das Gesicht, doch nicht betroffen, dazu war er jetzt noch zu schwer zu bewegen. »Linde hat also nichts gebeichtet!« ging es ihm verwundert durch den Kopf; der Verwunderung folgte eine unbestimmte, hoch mit Trübsinn beschwerte vergrößerte Anschauung von ihrem Wesen. »Ich weiß nicht, was Tante Malva getan und gesehen hat«, sagte er dann, wieder mit einem Anflug von Unlust. »Darüber muß sie sich selber verantworten.« Er ließ den Kopf grübelnd wieder sinken.

»Du mißverstehst mich, Heinz!« mahnte der Dechant eindringlich. »Wer sich jetzt verantworten muß, das bist du, und es handelt sich hier nicht um die Tante Malva, sondern um deine Menschlichkeit, die bitterlich in Frage steht. Das ist für uns der einzige Sinn ihrer Mitteilung.« Er stieß auf einen neuen Gedanken und ging ihm zögernd nach. »Warst du — jene Nacht in der Stadt?«

Heinz bedachte sich einen Moment, dann sagte er mit dem[S. 338] Ausdruck von Geplagtheit: »Ja, ich war in der Stadt. Ich — hielt das alles nicht aus, ich mußte mich betrinken. Das möchte ich am liebsten auch jetzt. Ich habe mich seither oft betrunken. Aber lassen wir das; kann ich jetzt Linde sehen?«

»Tante Malva ist ebenfalls krank«, erwiderte der Dechant etwas erkältet. »Willst du nicht deine Verlobte zuerst sehen? Sie würde es vermerken, wenn du die andere vor ihr besuchtest.«

Heinz erhob sich langsam, mit einer müden Bewegung. »Ich bitte dich, Onkel, quäle mich jetzt nicht«, sagte er etwas kahl. »Halte dich an keine Worte und an keine vergangenen Dinge, sondern an das, was ich jetzt tue. Wenn du mich nicht hinführen willst, so gehe ich allein.« Indessen blieb er unschlüssig stehen, weil ihm an diesem Wort etwas nicht in Ordnung schien.

Der Dechant übereilte sich auch nicht. »Du siehst offenbar selber ein«, bemerkte er, nachdem er ihm Zeit gelassen hatte, »daß dies nicht die Tonart ist, in der du in diesem Haus und in dieser Stunde mit Erfolg auftreten kannst. Du wirst auch nicht mit Dingen, die du jetzt tust, andere so rasch wieder gutmachen können, die du früher getan hast. Wie es scheint, hast du im Feld draußen allmählich vergessen, daß du nicht beziehungslos in der sittlichen Welt stehst, und daß es noch Menschen gibt, die sich mit dir auseinanderzusetzen haben. Aber ich denke, daß dir vielleicht vor allem ein Augenmaß not tut. Es ist gut; komm denn sehen, was dir vom nächsten Anblick als Anteil zufällt.«

Mit diesen Worten ging er ihm an die Tür voraus, öffnete, ließ ihn an sich vorbei in den Korridor treten und führte ihn dann ins Sterbezimmer. Das erste, was Heinz in die Augen fiel, war die brennende Kerze vor dem Bild der Mutter Gottes, die Brigitt für die Kranke gestiftet hatte; eine Schwesterkerze brannte gleichfalls in der Kirche neben dem Altar, um Gott durch die fromme Flamme an die Fürbitte zu erinnern, die Brigitt Tag und Nacht für die abscheidende Seele tat. Das Licht machte ihn auf den Schlag[S. 339] einsam und klagte ihn an. Hier war alles Liebe und Sorge um ein gekränktes junges Leben, während er kam, um zu sehen, was er angerichtet hatte. Mit schauernder Kühle berührte ihn die tiefe Verwandlung dieses Zimmers, worin er eine Nacht lang Liebender und Beglückter gewesen war, und indem er endlich der Sterbenden näher trat, geschah es mit einer Beklommenheit, die er noch vor keiner Schlacht empfunden hatte, und mit einer geradezu bestürzenden Ahnung von den Gewalten, die nicht von dieser Welt waren, und die an Bedeutung und Machtmitteln jede sinnliche Erscheinung unendlich drohend übertrafen. Nicht als ob an dem sterbenden jungen Mädchen irgendwelche überirdischen Zeichen hervorgetreten wären, sondern es lag recht irdisch arm und abgezehrt auf seinem weißen Kissen, noch viel mehr bekümmernd als rührend in seiner Hinfälligkeit, die dunkelblonden Zöpfe verloren neben sich, die durchsichtigen Hände kalt und schon gestorben auf der Bettdecke, die Augen tief eingesunken und geschlossen und den Mund kaum atmend offen, mit gesprungenen Lippen und scharfen Linien auf den Wangen hinunter, die sie etwas alt machten. Nur auf der Stirn und dem Scheitel war eine Helligkeit beisammen, die auch den fremden Betrachter überrascht hätte, und die immer wieder wie lockend die Blicke des Soldaten auf sich zog, wenn ihm das Anschauen der andern Zeichen gar zu grausam die Kehle zusammenschnürte.

Als er sich bis unter die Haarwurzeln mit dieser jammervollen Wirklichkeit erfüllt hatte, ohne noch den Sinn für das Geheimnis darin finden zu können, wandte er sich seufzend ab und verließ, beinahe ohne es zu wissen, mit dem Dechanten den Raum; erst beim Gehen bemerkte er, daß Brigitt auch da war.

Den Rest des Abends verbrachten die Männer ziemlich schweigsam miteinander, zuerst bei Tisch und dann wieder an Lindes Bett. Zwei oder dreimal tat der Dechant eine Frage, nach seiner Verwundung, nach dem Stand der Dinge draußen im Feld, und ob er nicht müde sei und schlafen gehen[S. 340] wolle? Die ersten beiden beantwortete Heinz, die letzte nicht, und der Dechant wartete auch nicht darauf. Von den nächsten Angelegenheiten war nicht mehr die Rede; die gleiche Scheu hielt den Dechanten ab, davon zu sprechen, und den Soldaten, danach zu fragen. Nur einmal, nach einem langen Schweigen, brach Heinz die Stille, indem er sich mit einer Stimme, die ihm selber fern und fremd klang, erkundigte: »Hat — Linde nichts für mich — hinterlassen?« Den Oheim vermochte er dabei nicht anzusehen, sondern er blickte starr auf die Sterbende.

Er mußte sich etwas mit der Auskunft gedulden. »Da du dich danach erkundigst«, sagte der Dechant endlich, und Heinz hörte, wie widerwillig der gebeugte Mann antwortete: »Sie läßt dir sagen, du sollst — Tante Malva nicht heiraten. Es würde dein Unglück sein. — Aber vielleicht irrt sie sich darin«, setzte er zweifelnd hinzu. »Die Umstände sind verschieden, unter denen die Menschen ein Glück finden.« Nicht fähig, die Nähe dieses unglückseligen jungen Menschen länger auszuhalten, stand er auf und trat ans Fenster, wo er lange stand und in die Nacht hinaussah.

Auch diese Bewegung verstand Heinz. Nach einer weitern halben Stunde erhob auch er sich. »Ich will jetzt zu Bett gehen«, sagte er mit einem letzten Blick auf die ehemalige Geliebte. »Wenn — etwas Besonderes geschieht, so klopfe mir bitte. Gute Nacht.«

»Gute Nacht«, erwiderte, nicht nur körperlich abgewendet, der Dechant, und Heinz ging tiefer vereinsamt hinaus.

Er legte sich angekleidet aufs Bett, ohne zu schlafen, doch auch ohne viel zu denken; dafür war es bei ihm immer noch nicht Zeit. Seine wenigen Gedanken waren seltsamerweise bei seiner Mutter, an die ihn einige Züge in Lindes Gesicht erinnert hatten, seine Sinne bei dieser, seine Gefühle tief unter ihm in seinen Wurzeln, und sein Bewußtsein schwebte unbeheimatet und ohne Auftrag über seinem stillstehenden Leben im Leeren. Seine Wunden schmerzten, und eigentlich hätte er frisch verbunden werden müssen. Sein Herz klopfte[S. 341] schwer und wie unter einer Last von Steinen. Ab und zu suchte sich ein Gesicht aus seinem Dunkel zu lösen, aber es kam nicht aus einer gewissen schmerzlichen Gleichgültigkeit frei, die es festhielt, und sank trauernd zurück. So vergingen ihm die Viertelstunden; er hörte sie wehend im Föhn vom benachbarten Turm schlagen.

Aber aus dieser unnatürlichen Ruhe löste sich in der Tiefe eine zuckende Willensregung, ein dunkles scheues Wirkliches, das peinigte und sich aus der Unbewußtheit schmerzend ins Bewußtsein hindurchbohrte. Etwas stand ihm noch bevor! Ein Letztes mußte noch getan sein, wenn alles getan und gelitten, wenn alles erfüllt sein sollte. Er wußte gut, daß kein äußerer Zwang ihn veranlassen konnte, der Mahnung zu gehorchen, aber ebenso klar wurde ihm, daß er in jedem Fall gehorchen mußte, wenn er aus allem Tod sein junges Leben retten wollte, nicht sein äußeres, das war gesichert, aber sein inneres, das noch unter der ganzen Bedrohung des sittlichen Untergangs stand. Beschmutzt und erniedrigt, wie er sich fühlte, sah er sich vor der Notwendigkeit, noch einmal mit vollem Wissen in den Bannkreis jener unheimlichen Gewalt zu treten, die ihn verdorben und beinahe vernichtet hatte, indem sie seine niedern Instinkte entfesselte. Das alles wäre ihm aber nicht geschehen, wie er sich ganz ehrlich sagte, wenn er keine niedern Instinkte besessen hätte, und in dieser Erkenntnis lag unter aller Niederlage bereits ein Fortschritt, wenn er sie auch nicht als solchen empfand, sondern zunächst als Leiden und Urteil. Doch war es dieselbe männliche Ehrlichkeit, die ihm den Wahlspruch eingab: »Jetzt los davon oder ganz in den Schmutz!« An der Ausdeutung des Gefühls war freilich sein jüngster Fatalismus noch zu großen Teilen tätig, und sie bewies seine kindlich rohe Ungeübtheit im Umgang mit sittlichen Forderungen. Unruhig, voll düsterer Vorgefühle und freudlos kahler Erwartungen erhob er sich endlich, richtete den zerschossenen Arm in die Binde ein und verließ nach einem letzten grübelnden Aufenthalt am Fenster das Zimmer.

[S. 342]

Er war sicher, daß die schlaflose Frau ihn erwartete, fand auch die Tür offen und sie bei einem Nachtlicht wachend, und zwar im Lehnstuhl neben dem geheizten Ofen mit einem Buch in der Hand, doch nicht lesend, blaß, verfallen, alt, mit ungewöhnlich großen, vor Angst geweiteten Augen, deren Blick ihm verschärft und spähend entgegenflog, um auf einen Moment sich klammernd an ihn zu halten und dann enttäuscht und fremd erkältet von ihm abzugleiten. Heinz stand wortlos im Zimmer und sah sie an mit einem Ausdruck, als ob er daran zweifle, daß sie wirklich jene elegante und gefährliche Frau sei, die ihm aus der Ferne so zu schaffen gemacht hatte. Eine Zeitlang herrschte vollkommene Stille, bis ihr sein Blick peinlich wurde und sie den ihren, der ruhelos zwischen den Dingen in der Stube hin und her ging, nach einem Stuhl wandte, auf den sie zugleich mit der schmalen Hand deutete: »Setz dich, Heinz.« Er gehorchte, während sich in ihm eine unsägliche Befremdung über sich, sie, die Menschen und das ganze Leben ausbreitete. Lust, Gier, Besitz, Geltung, so dünkte ihn —, was war das alles gegen ein reines Bewußtsein von sich selber und das Gefühl der Einheit mit jenen treuen und redlichen Seelentrieben, aus denen die Menschheit ihre eigentliche Schönheit und ihren tiefsten Wert gewinnt. »Ich bin krank«, sagte die Frau wie erklärend. »Es wird aber vorübergehen.« Er nickte, unfähig, ein Wort zu sprechen. Was sich jetzt am Anblick ihres Elends in ihm erregte, das war die schwere Empfindung des Mitschuldigen, die ihn ergriff und erschütterte, ihn, den in aller Schuld beinahe Erfrorenen, und die unter der Erstarrung der Gegenwart den heißen Quell der Erkenntnis befreite, so daß sein winterliches Leben heimlich erregt wieder in Fluß kam, sich stoßend und brechend zwischen Eisschollen, Schmutz und entsetzlichen Versteinerungen, aber doch wieder bewegt, doch wieder einem irdischen Vorgang ähnlich.

»Ich — dachte nicht, daß wir uns — unter solchen Umständen — wiedersehen würden«, brachte er endlich stockend heraus, verstummte aber sofort, weil ihm wie eine Faust das[S. 343] Schluchzen nach der Kehle fuhr. Dazu quälten ihn seine Verletzungen, und er brauchte sein ganzes männliches Schamgefühl, um vor ihr seine äußere Fassung zu behaupten.

Sie hörte alles. Zuerst saß sie noch eine Zeitlang mit zusammengepreßten Lippen und unruhig denkend wieder den Blick zwischen den Gegenständen ihres Zimmers umherführend. Endlich begann sie zu reden.

»Nun, mein Freund, so weit hätten wir's also gebracht miteinander«, sagte sie, ihm das kranke Gesicht flüchtig zuwendend, um dann wieder unbehaglich dahin und dorthin zu blicken, als ob sie etwas suchte. »Du hättest früher kommen müssen, wenn dein Besuch für mich irgendeinen Wert haben sollte. Was willst du hier bei mir, nachdem du zuerst bei ihr warst? Und was hat es für einen Sinn, daß du dich wie einen Glückbringer ausführlich hier im Haus annonciertest, nachdem doch nun jeder, auch sie, seinen Fußtritt von dir besitzt? Daß du dem Dechanten deine bevorstehende Verlobung mit mir anzeigst, mich im dunkeln läßt und in einer Reise zu ihr gehst? Du bist ein seltsamer Mensch! Ein ganz seltsamer und unberechenbarer Mensch! — Nun, mache dir nur keine Gedanken darüber, und vor allem erspare dir alle Gewissensbisse meinetwegen. Ich habe keine Lust, auch noch an dir zugrunde zu gehen. Das Mädchen hast du aus dem Leben getrieben. Wozu? Müßt ihr jetzt um jeden Preis vernichten? — Morgen werde ich dies unheimliche Haus verlassen, halb Spital, halb Irrenanstalt, halb Leichenhalle. Lebt sie denn noch? Hm, einen Augenblick sah es aus, als ob sie mich infiziert hätte. Ich hatte einen ganz rätselhaften Magenanfall. Das Volk würde sagen, sie wollte mich nachholen. Man erliegt aber übersinnlichen Ansteckungen nicht so rasch.« — Sie verstummte unter einem Kälteschauer und schwieg eine Weile innerlich zitternd ohne ein Mittel, sich gegen ihr Leiden zu wehren, und hilflos Auge in Auge mit ihrer Altersangst. — »Was sonst?« fuhr sie dann dünn und skeptisch fort, wie bisher ruhelos das Zimmer absuchend. »Jetzt sitzt dir das Schluchzen in der[S. 344] Kehle und bist du ganz Reue und Todesgefühl. In vier Wochen könnte ich wieder auf dich zu rechnen anfangen, aber du bist mir zu kostspielig. Ich bin schließlich doch nicht mehr jung genug, um mir einen solchen Sport zu leisten. Das Seelenleben wirst du dir doch nie abgewöhnen, und daran wird deine Weltmannschaft immer wieder scheitern. — Weißt du eigentlich, warum ich überhaupt in dies Haus kam, nach allem, was geschehen war? Ich bin auf Jugend hungrig, und Linde schrieb mir in jenem Brief, daß du auch da seist. Von dir hatte ich aber schon eine ganz bestimmte Witterung; die Aussicht reizte mich. — Ich glaube, ich habe dich wirklich geliebt. Ich habe Hoffnungen und Träume auf dein Leben gebaut. Ich wollte dich kapitalisieren. Ich wollte dir das Außerordentliche sein, das dich zum freien Mann machte und dir eine große Karriere verschaffte. Ich verdanke dir eine der bittersten Erfahrungen meines Lebens; das ist auch etwas. Nun, es wird sich wieder ausheilen. — Man wird hier in den nächsten Tagen deinen Glauben wiederherstellen. Du wirst erschüttert und ›erweckt‹ ins neue Leben gehen. Ich werde in mein altes zurückkehren. Noch eines will ich dir sagen — aber hat es nicht geklopft? Es ist dir wohl unangenehm, wenn ich eintreten lasse? Obwohl wir ja nicht aussehen, als ob wir ungern gestört würden. Herein!«

Heinz hatte sich schon erhoben. »Linde wird sterben«, sagte er tonlos. »Ich hatte gebeten, mich zu rufen.« Doch zögerte er unter ihrem Blick, in welchem ein kaltes und zugleich unruhig fürchtendes Licht aufging. Dieser Blick widerlegte alle ihre vernünftig kühlen Ausführungen, und Heinz sah, daß auf seinem Grund die Angst vor dieser Sterbenacht lauerte. Er machte eine verlorene und halb unbewußte Bewegung nach der Tür. »Ich muß gehen!« erklärte er widerstandslos. »Ich — kann dir auch nichts sagen. Da muß sich nun jedes selber weiterhelfen.« Indem klopfte es zum zweitenmal dringlicher, und er öffnete, immer noch nicht fähig, den Blick von ihrem fahlen, zuckenden Gesicht zu lösen. Eine Weile wartete er, daß jemand eintrete oder spreche, um ihn aus[S. 345] diesem Bann zu befrein. Als sich nichts regte und ihn das erste Grauen von hinten beschlich, wandte er den Kopf herum und bemerkte, daß der Vorplatz leer war. »Es hat doch zum zweitenmal geklopft!« sagte er befremdet, während er einen bereits erregten Blick nach der Tante ins Zimmer zurückwarf, unter dem sie bis auf die Lippen hinein grau wurde. Unwillkürlich beugte sie sich vor, als ob sie einen Versuch machen wollte, ihn zurückzuhalten. Noch kämpfte er einen letzten Kampf zwischen ihrer verzweifelnden Angst und dem Trieb, der ihn zum Sterbezimmer fortdrängte. Sie verfolgte jede seiner kleinsten Regungen überwachsam mit den Blicken, aber nach einem allerletzten Zaudern angesichts ihrer Einsamkeit, die er überall im Dunkel lauern sah, bereit, sich wieder auf sie zu stürzen, ergab er sich aufatmend seinem Trieb und ging, während er schon die erbitterte Stille, die er hinter sich im Halbdunkel ließ, körperlich als Furchtempfindung im Rücken spürte.

Als er aber mit schnellerem Schritt in das Sterbezimmer trat, fand er den Oheim vor Müdigkeit schlummernd im Lehnstuhl sitzen; er hatte den Platz überhaupt nicht verlassen und Heinz also auch nicht gerufen. Jedoch gleich darauf trat Brigitt ein, ebenfalls von einem Klopfen gerufen, beinahe aufgelöst vor Schreck, weil auch sie niemand vor ihrer Tür gefunden hatte, und sichtlich beruhigt darüber, Heinz bei Linde zu finden.

Linde verharrte noch in ihrer vorigen Lage, aber es war eine geheime Unruhe in sie gekommen, Ihre Lider zitterten, und die Augäpfel bewegten sich darunter. Der Mund schloß sich und öffnete sich wieder; ihr Gesichtsausdruck war gequält, und die Leidenslinien neben der Nase herunter vertieften sich. Die Hände griffen auf der Bettdecke umher, und ihr Atem ging schneller. Niemand zweifelte daran, daß der Todeskampf eingesetzt habe. Der Puls, der manchmal kaum mehr zu merken gewesen war, regte sich. Sie wendete den Kopf nach der einen Seite und dann nach der andern, als ob sie einem Schmerz ausweichen wollte. Dazwischen stockte[S. 346] dann plötzlich der Atem wieder, während sie gleichzeitig die Brust aufbäumte, als ob sie schreien wollte. Gegen drei Uhr begann sie leise zu wimmern, und einige Male gab sie halb gesprochene Laute von sich, als ob sie jemand um Erbarmen flehte. Dann ertönte plötzlich jener langgezogene, jammervolle Schrei, der die Männer bis ins Blut erbleichen machte und die alte Magd fassungslos vor ihrem Bett niederwarf. Auch die einsame Frau vernahm ihn in ihrem Zimmer zu ihrem namenlosen Grauen. Aber darauf geschah das Unerwartete. Plötzlich öffnete die Sterbende die Augen mit einem ganz vollen, bewußten Blick, mit dem sie nacheinander die Anwesenden ansah und schließlich nachdenkend und wie fragend an der Gestalt des Soldaten haftenblieb. Ihn schüttelte das Elend bis ins Mark, aber er hielt ihr stand, um sie nicht zu verwirren, so gefährlich er selber verwirrt war. Es konnte niemand mit Bestimmtheit sagen, daß sie ihn erkannte, wenigstens gab sie's durch kein Zeichen kund, sondern mit diesem unverwandten, fragenden Blick sank sie nach einer Minute oder zweien in ihre Bewußtlosigkeit unter, ebenso unerwartet, wie sie daraus aufgetaucht war.

Bald setzte der Todeskampf frisch ein. Sie wimmerte noch viel, flehte um Gnade, schrie zu verschiedenen Malen, aber nicht mehr so laut und lange, wie das erstemal, bäumte sich und warf sich so heftig, daß sie gehalten werden mußte, aber gegen fünf Uhr ließ die Kraft und damit der Kampf nach, und um halb sechs stieß sie den letzten Schrei aus, kurz darauf auch den letzten Seufzer. Als die Frühglocke zu läuten begann, war alles geschehen.

Nachdem aber diese verklungen war und der Dechant dachte, man habe nun alles überstanden, warf Brigitt noch einmal einen Ast ins Feuer, daß es von neuem hoch aufflammte. Vom Schluchzen und Beten an Lindes Bett auftaumelnd, erblickte sie den bleichen Soldaten, den Mittelsmann des ganzen Unglücks, und ihr altes Herz stieg ihr mächtig an gegen ihn. »Und du?« schrie und weinte sie ihn an. »Wie ist dir jetzt mit deinem schwarzen Herzen? Hast[S. 347] jetzt die zweite Nacht in ihrem Zimmer verbracht! Die dritte wartet auf dich in der Ewigkeit!« Mit diesen Worten wankte sie hinaus, um ihr schweres heutiges Tagewerk zu beginnen.

Der Dechant, von dem Wort tief betroffen, wandte einen Blick auf den jungen Menschen, dessen Miene und Haltung es grenzenlos bestätigten. Sie drückten in aller männlichen Erschütterung noch viel mehr aus, Gefühle und Regungen, die ihm den Soldaten zum erstenmal wieder menschlich näherbrachten, aber inzwischen brach ihm vor dem Geheimnis dieser wunderbaren Verstorbenen auch die letzte Stützmauer seiner rechtgläubig-religiösen Welt ein. Denn indem er bedachte, wie selbstherrlich Linde durch die Sterbesakramente in den Tod gegangen war, mußte er entweder den Glauben an ihre göttlich geführte Menschlichkeit oder an sein so logisch aufgeführtes Gebäude der Gotteserkenntnis aufgeben. Augenblicklich stürzte und barst es in seiner Seele, ohne daß er in der Geschwindigkeit wußte, was da unterging. Noch eben hatte er mystisch gewaltige Spekulationen angestellt über das Wesen, das im Anfang war, und das bei Gott war, und über den Gott, der im Wesen, vom gläubigen Menschen gesprochen, ist oder nicht ist. Nun erkannte er, daß er in der Rechnung das Wesen des hoheitsvoll liebenden Menschen und seine Abgründe nicht eingestellt hatte, daß alles noch viel gewaltiger und mystischer und daß auch jene Erkenntnis weder das letzte Wort über Gottes Wesen ist noch genug Raum enthält, um die Wesenhaftigkeit der menschlichen Seele zu fassen.

Schluß

Heinz verbrachte seine Zeit im Pfarrhaus ernst und gesammelt bei ernsten und gesammelten Menschen, gepflegt von der alten Magd, die Wege außer dem Haus allein wandelnd, darunter mit Bitternis reich besetzt den zum Grab[S. 348] seiner ehemaligen Geliebten. Über allen männlich offenen und gefaßten Gesprächen mit dem Dechanten erschien das Hohelied Salomos wieder am Licht, heilten seine Verletzungen, reinigte sich seine Seele, und jetzt steht er aufs neue in Frankreich und ist ein Held wie vorher, wenn auch ohne Zielfernrohr.

Die Tante hat ihr weltläufiges Leben wieder aufgenommen, wenn auch zunächst in einem Sanatorium. Obwohl sie nach wie vor auf ihren Rationalismus stolz ist, so hat sie doch genug von andern Mächten erfahren, um ihre Wunden zeitlebens nicht zu vergessen; hier und da denkt sie auch an das, was dabei wohllautete und Lieblichkeiten zeigte, aber es sind nicht ihre besten Stunden.

Die Geschichte des Domes ist inzwischen doch geworden, und der Erzbischof hat nichts gegen sie einzuwenden. Wenn sie erscheinen wird, so wird sie kein kunsthistorisches Ereignis sein, sondern ein frommes, und ihren Verfasser hat sie nicht zum Mann einer Zunft gemacht, sondern zum Mann Gottes.


deko

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