The Project Gutenberg eBook of Fünfundzwanzig Jahre Ceylon This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook. Title: Fünfundzwanzig Jahre Ceylon Erlebnisse und Abenteuer im Tropenparadies Author: John Hagenbeck Editor: Victor Ottmann Release date: June 11, 2026 [eBook #78841] Language: German Original publication: Dresden: Verlag Deutsche Buchwerkstätten, 1923 Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/78841 Credits: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net *** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FÜNFUNDZWANZIG JAHRE CEYLON *** #################################################################### Anmerkungen zur Transkription Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1923 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert. Die beiden Fußnoten wurden an das Ende des jeweiligen Absatzes versetzt. Die beiden Fußnoten wurden an das Ende des jeweiligen Absatzes versetzt. Das in Fußnote [1] auf S. 133 erwähnte bunte Frontbild ist im vorliegenden Original nicht vorhanden. Möglicherweise stammt der Hinweis aus einer anderen Ausgabe. Die Überschriften des vierten und des neunten Kapitels fehlen im Originaltext; diese wurden der einheitlichen Darstellung halber anhand des Inhaltsverzeichnisses wiederhergestellt. Besondere Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Symbole gekennzeichnet: gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~ Dieses E-Book wurde anlässlich des 25. Jubiläums von ‚Distributed Proofreaders‘ erstellt. #################################################################### Unter der Sonne Indiens John Hagenbeck: Fünfundzwanzig Jahre Ceylon Erlebnisse und Abenteuer im Tropenparadies Bearbeitet und Herausgegeben von Victor Ottmann Mit 32 Bildtafeln Dritte Auflage [Illustration] +1923+ Verlag Deutsche Buchwerkstätten Dresden Alle Rechte vorbehalten ~Copyright 1923 by~ Verlag Deutsche Buchwerkstätten, Dresden. Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig Inhaltsverzeichnis Seite I. Kapitel. Von der Schulbank in die weite Welt 1 II. Kapitel. Meine ersten Unternehmungen in Ceylon 21 III. Kapitel. Kaufmann, Tierhändler und Pflanzer 51 IV. Kapitel. Land und Leute in Ceylon 72 V. Kapitel. Vom Elefanten und seinem Fang 103 VI. Kapitel. Von Schildkröten, Schlangen und Krokodilen 135 VII. Kapitel. Von Fakiren, Zauberkünstlern und Gauklern 156 VIII. Kapitel. Abenteuer im Lande der Weddas 190 IX. Kapitel. Meine Ausweisung aus Ceylon und abenteuerliche Flucht 206 [Illustration: Am Strande von Colombo] [Illustration: Aus der Eingeborenenstadt von Colombo] [Illustration] Vorwort Ein Mann des praktischen Lebens und ein Mann der Feder haben sich zusammengetan, um gemeinschaftlich in diesem Buche die Naturwunder und Merkwürdigkeiten der „Perle Indiens“, der Tropeninsel Ceylon, zu schildern. 25 Jahre lang hat +John Hagenbeck+ dort als Kaufmann, Pflanzer, Sportsmann und Tierexporteur eine umfassende Tätigkeit ausgeübt, ist er der populärste deutsche Kolonist im fernen Südosten gewesen, bis ihn der Ausbruch des Weltkrieges jäh seinem Wirken entriß, ihn aus seinem Paradiese vertrieb. Was John Hagenbeck in den langen Jahren eines reichbewegten, abenteuerlichen Überseelebens im Verkehr mit weißen und farbigen Menschen, auf der Jagd im Dschungel, in allen Teilen der Tropeninsel erlebt hat, das ist in diesem Werk nach seinen Aufzeichnungen und mündlichen Berichten von dem Schriftsteller und Weltreisenden +Victor Ottmann+, der die geschilderten Länder und Verhältnisse ebenfalls aus eigener Anschauung kennt und mit John Hagenbeck schon von Ceylon her durch freundschaftliche Bande verknüpft ist, in literarische Form gebracht worden. Wenn das Buch allen denen, die es aus unserer gegenwärtigen deutschen Beengtheit und Niedergeschlagenheit wenigstens im Geiste nach fernen Küsten, zu fremdartigen Menschen und seltsamen Dingen lockt, etwas bietet, etwas zu sagen hat, so ist sein schönster Zweck erfüllt! Diesem Bande schließt sich zwanglos ein zweiter von denselben Verfassern an, der unter dem Titel „+Kreuz und quer durch die indische Welt+“ Erlebnisse und Abenteuer auf dem indischen Festland, auf den Andamanen, in Hinterindien, Java und Sumatra behandelt. +Der Verlag+ [Illustration] [Illustration: John Hagenbeck (links) in einer Kokospflanzung] [Illustration: Abenteuer mit einer Kobra (Text Seite 193)] [Illustration] Erstes Kapitel Von der Schulbank in die weite Welt Jugend- und Lehrjahre in Hamburg — Mit 16 Jahren in die Welt hinaus — Tiereinkaufs- und Transportreisen in Europa — Als Impresario des schwarzen Prinzen Dido aus Didotown — Meine erste große Überseereise nach Ceylon — Sturm im Golf von Biscaya, der Suezkanal, das Rote Meer — Ankunft im Tropenparadies Der Mann, von dessen Tun und Treiben, Erfahrungen und Beobachtungen dies Buch erzählt, leidet nicht an Selbstüberschätzung und ist im Gegenteil fest davon überzeugt, daß weder Plutarch noch ein anderer der großen Biographen seinen Lebensweg für wichtig genug gehalten hätte, ihn schwarz auf weiß der Nachwelt zu überliefern. Wenn er sich dennoch dazu entschließt, von befreundeter Hand seine Erinnerungen niederschreiben zu lassen, so geschieht es einfach deswegen, weil es ihm Freude bereitet, die bunten Bilder seines nicht gerade alltäglichen Lebens noch einmal im Geiste an sich vorüberziehen zu sehen. Sollte er damit auch einigen anderen, die er auf diese Weise zu Miterlebern seiner Erlebnisse macht, ein wenig Freude bereiten, ihnen etwas vom Abglanz ferner, leuchtender Welten ins Haus bringen, dann desto besser. Und schließlich irrt er vielleicht auch nicht in dem Glauben, daß dieses Lebensbuch eines Überseedeutschen, der trotz dem Unglück, das ihn nach langer Tätigkeit in den Tropen jäh um die Früchte seines Strebens gebracht hat, nicht den Kopf hängen ließ, sondern voll Optimismus von neuem begann, — daß ein solches, vom Geiste unbedingter Lebensbejahung beseeltes Buch gerade in diesen Zeiten unserer nationalen Trauer und tiefen Niedergeschlagenheit sein bescheidenes Teil zur Verbreitung der Zuversicht beitragen kann: ein echter Deutscher ist gar nicht unterzukriegen, mag es auch knüppeldick kommen! Nach diesen kurzen Vorbemerkungen habe ich die Ehre, mich meinen Lesern vorzustellen: ich heiße John Hagenbeck, bin ein Sohn der nordwestdeutschen Waterkant, ein richtiger „Hamburger Jung“, und wurde in der Stadt der Dampferschlote, Masten und Fleete, der phänomenalen Beefsteaks und der deftigen Aalsuppe im Jahre 1866 geboren. Wie der Leser vielleicht schon zutreffend vermutet hat, entstamme ich der weitbekannten Tierhändlerfamilie Hagenbeck. Das zu größter Volkstümlichkeit gelangte Mitglied unserer Familie, der leider schon verstorbene +Carl Hagenbeck+, der „alte“ Hagenbeck, war mein um 22 Jahre älterer Stiefbruder. Was er als Importeur exotischer und seltener Tiere, als Schausteller fremdartiger Menschenrassen, als Unternehmer großen Stils, besonders aber als Begründer des einzigartigen Tiergartens von Stellingen bei Hamburg geleistet hat, das brauche ich nicht auseinanderzusetzen, das ist allgemein bekannt. Ich fühle mich diesem prächtigen Mann über das Grab hinaus zu tiefer Dankbarkeit verpflichtet, denn obwohl wir, wie gesagt, nur Stiefbrüder waren, hat er, der mir nicht nur an Jahren weit Überlegene, in meiner Jugend für mich, den früh Verwaisten, in geradezu väterlicher Weise gesorgt, und immer haben uns die Bande inniger Sympathie verknüpft. Aber ehe ich vom „alten“ Hagenbeck weiter erzähle, muß ich erst den „ganz alten“ Hagenbeck, den Vater von Carl und mir, den eigentlichen Begründer der „zoologischen Richtung“ unserer Familie, gebührend erwähnen. +Gottfried Claus Carl Hagenbeck+ war ein Niederdeutscher von echtem Schrot und Korn, der sein heimisches Platt nur ungern mit dem Hochdeutschen vertauschte, ein schlichter, biederer Mann, arbeitsam, sparsam und anspruchslos, dabei von sehr praktischer Denkungsart. Ursprünglich betrieb er in der Hamburger Vorstadt St. Pauli ein Fischgeschäft, und zwar war der Handel mit den jetzt so seltenen und teueren, damals aber noch massenhaft auf den Markt kommenden Stören seine Spezialität. Er kaufte hiervon jährlich mehrere tausend Stück, räucherte sie und machte aus dem Roggen den sogenannten Elbkaviar, der freilich nicht so köstlich und kostbar wie der echte russische Kaviar, aber doch keineswegs zu verachten ist. Außer den Stören waren die Aale ein großer Artikel. Schon längst aber, bevor ich das Licht der Welt erblickte, hatte sich mein Vater von dem Fischgeschäft ab- und dem Tierhandel und der Tierschaustellung zugewandt. Er war auf diesen Gedanken gekommen, als seine Fischer einmal sechs Seehunde fingen und er sie als immer praktischer Mann auf dem berühmten Spielbudenplatz in St. Pauli gegen Eintrittsgeld besichtigen ließ. Das Publikum war damals noch sehr wenig verwöhnt und eine derartige Seehundgruppe war zu jener Zeit, da es noch keine Zoologischen Gärten gab, immerhin eine Sehenswürdigkeit. Genug, die Sache ließ sich so gut an, daß mein Vater den Entschluß faßte, auch das „Ausland“, nämlich Preußisch-Berlin, mit der großen Attraktion zu beglücken. Er reiste also mit seinen Seehunden nach Berlin und führte sie dort zu allseitiger Zufriedenheit im Krollschen Etablissement vor. Aus diesem erfolgreichen Anfang, sowie aus einer kleinen häuslichen Menagerie, die sich mein Vater schon immer zum Vergnügen gehalten hatte, entwickelte sich allmählich ein Handel mit exotischen Tieren, die auf dem Spielbudenplatz wie auf dem Hamburger Dom, dem Jahrmarkt, nach guter alter Sitte zur Schau gestellt wurden, das heißt mit Hilfe von „Rekommandeuren“ oder Ausrufern und einer Reklame, deren urwüchsige Naivität uns heute sehr komisch vorkommen würde. Als ich zur Welt kam und meine ersten Kinderjahre verlebte, hatte sich mein Vater vom Tiergeschäft wieder zurückgezogen und abermals dem Fischhandel zugewandt. Das Tiergeschäft, das inzwischen einen großen Aufschwung genommen hatte, sodaß es — als etwas, das für Deutschland in jener Zeit etwas ganz Neues war — schon eine Art Monopolstellung behauptete, lag in den Händen meines Stiefbruders Carl, der es, obwohl er auch noch ein ziemlich junger Mann war, mit aller Umsicht und Sachkenntnis leitete. Das Geschäft befand sich damals auf dem Neuen Pferdemarkt. In diesem Milieu, umgeben von Tieren aller Art, umwittert von dem eigentümlichen animalischen Duft der Menagerie im innigsten Konnex mit dem bunten, lebhaften, an fortwährend neuen Sensationen reichen Treiben in Haus und Hof, habe ich nun meine Knabenjahre verlebt. Mein Vater hatte als einfacher Mann der Praxis vom Nutzen eines großen theoretischen Wissens keinen allzu hohen Begriff, wenigstens nicht, soweit es sich um junge Leute handelte, die gleich ihm ebenfalls für das Erwerbsleben bestimmt waren. Heute denkt man anders darüber, heute weiß man auch beim Kaufmann neben seinen Fachkenntnissen mit Recht eine gründliche allgemeine Bildung zu schätzen. So kam es, daß ich nur eine einfache Schulbildung auf einer Realschule erhielt, die ich bereits im 15. Lebensjahre verließ. Daß ich ein Musterschüler, überhaupt ein Musterknabe gewesen wäre, wage ich nicht zu behaupten. Mag es allen, denen es in dieser Hinsicht ähnlich erging wie mir, zum Troste gereichen, daß nach vielfach bestätigten Erfahrungen gerade die Musterknaben im späteren Leben so oft versagen. Die richtige Mitte, nicht zu schlimm und nicht zu brav, nicht zu dumm und nicht zu überklug, bewährt sich auch da immer noch als das beste. Daß ich kein Stubenhocker und Bücherwurm war, dafür sorgte schon meine Umgebung, deren eigentümlicher Geist mein ganzes Sinnen und Trachten durchdrang. Ich hatte es nicht nötig, mich wie meine Schulkameraden in den Lederstrumpf, den letzten Mohikaner, und wie die schönen alten Indianerschmöker sonst heißen mögen, zu vergraben, denn mir blühte die exotische Romantik in üppiger Fülle daheim, zwischen den Ställen und Käfigen des Hauses Hagenbeck. Solange ich zurückdenken kann, galt der Tierwelt und allem, was damit zusammenhängt, meine ganze Liebe, mein ganzes Interesse. Jeder neue Ankömmling aus weiter Ferne, den die Tiertransporteure ins Haus brachten, war mir ein Gegenstand der Bewunderung und der Sehnsucht, brachte er doch in seinem Fell den Hauch der großen, farbenglühenden Welt zu mir, der Steppen und Tropendschungeln, des Urwalddickichts oder der eisstarrenden Einsamkeit des hohen Nordens. Und wenn dann in meine Träumereien vom Hamburger Hafen her die Dampferpfiffe, die Rassellaute der Ketten an den Hebekranen, alle die hundertfachen Töne des Weltverkehrs drangen, dann stand es mit immer größerer Entschiedenheit bei mir fest, daß ich so bald wie möglich ins Weite hinaus und draußen im Getriebe der Welt der Schmied meines Glückes werden müßte. Schon mit knapp vierzehn Jahren hatte ich Gelegenheit, mir die Seeluft stärker um die Nase wehen zu lassen und ein Stück in die so heiß begehrte Ferne einzudringen. Mein Bruder nahm mich damals nicht nur zu den großen Tierauktionen in Antwerpen mit, sondern ich begleitete ihn auch wiederholt nach England, um beim Verladen der Tiere, die dort für unser Haus aus Indien eingetroffen waren, und bei ihrem Weitertransport nach Hamburg mitzuhelfen. Es läßt sich denken, wie ich um dieser Reisen willen von meinen Schulkameraden beneidet wurde. Mit Beendigung meines fünfzehnten Lebensjahres verließ ich die Schule, um jetzt sozusagen offiziell, als wohlbestallter Lehrling, in die Firma Carl Hagenbeck einzutreten, der ich eigentlich schon als kleiner Knirps angehört hatte. Und es schmeichelte meinem Selbstgefühl nicht schlecht, daß mein Bruder mich auch bald, obwohl ich noch ein halber Knabe war, ziemlich selbständig schalten und walten ließ und mich sogar auf große Einkaufs- und Transportreisen sandte. Der mir von klein auf in Fleisch und Blut übergegangene Erziehungsgrundsatz in unserer Familie: „Hilf dir selbst“, daneben auch eine gute Dosis Anpassungsgabe, das Talent, Menschen und Dinge zu nehmen, so wie sie sind, und nicht zuletzt die Fähigkeit, fremde Sprachen rasch zu erfassen, alles das half mir bald über die anfänglichen Schwierigkeiten hinweg, und ich empfand es mit stolzer Genugtuung, daß ich in einem Alter, in dem sich andere junge Leute noch mit unregelmäßigen Verben und Logarithmen herumschlagen müssen, schon selbständig reisen und handeln durfte. Meine Reisen standen hauptsächlich im Dienst der damals von Carl Hagenbeck begründeten Völkerschaustellungen und der damit verbundenen Vorführungen von wilden oder dressierten Tieren. Daß es bei Geschäften solcher Art nicht an mancherlei merkwürdigen Zwischenfällen fehlte, wird man mir glauben. Mein erstes, freilich sehr harmloses Abenteuer erlebte ich bei einem Transport, den ich nach dem Zoologischen Garten in Posen zu befördern hatte, es waren Kamele und braune Bären. Nach einer nicht gerade sehr angenehmen langsamen Reise im Viehwagen bei zehn Grad Kälte erreichten wir nach zweieinhalb Tagen nachts unser Ziel. Ich öffnete die Schiebetür des Transportwagens, um Ausschau zu halten, und beobachtete auf dem Gelände des Posener Bahnhofs verschiedene kleine, hin und her irrende Lichter. Da es noch zu früh war, um dem Zoologischen Garten die Ankunft der Tiere zu melden, machte ich meinen Wagen wieder zu, kuschelte mich ins Stroh und druselte ein. Plötzlich wurde die Tür von draußen aufgerissen, und zwei Männer leuchteten mit Laternen in den Wagen hinein, wobei sie wild durcheinander schrien und fluchten und in beunruhigender Weise mit Knüppeln herumfuchtelten. Es waren, wie ich nachher erfuhr, Bahnhofsnachtwächter, die hinter Schweinedieben her waren und sich im Glauben befanden, einen der Spitzbuben endlich erwischt zu haben. Unter einem Schwall von deutsch-polnischen Verwünschungen, die ich nur zum kleinsten Teile verstand, packten sie mich an den Beinen und suchten mich aus dem Wagen zu zerren; mir gefiel das jedoch durchaus nicht und ich setzte mich kräftig strampelnd zur Wehr, wobei die Nasen der edlen Polacken unangenehme Bekanntschaft mit meinen Stiefelabsätzen machen mußten. In diesem kritischen Augenblick kam mir auch noch einer der braunen Bären, sonst ein sehr friedliches Tier, zur Hilfe. Die Wächter hatten in ihrer Erregung und bei dem ungewissen Licht bisher nicht den Bärenkäfig bemerkt, und als plötzlich Meister Petz, unwillig über die Störung brummend, gegen das Gitter sprang, fuhren sie entsetzt zurück — sie waren auf diesen Anblick nicht vorbereitet. Schreiend rissen sie aus, um nach zehn Minuten in Begleitung mehrerer Bahnbeamten zurückzukehren, die sich, da Vorsicht bekanntlich der bessere Teil der Tapferkeit ist, mit allerlei Mordinstrumenten ausgerüstet hatten. Ich wurde nun zur Polizeiwachtstube gebracht, wo sich nach Vorlegung meiner Ausweispapiere das kleine Mißverständnis endlich zu allseitiger Zufriedenheit aufklärte, zumal da ich den edlen Polacken als Entschädigung für die Mißhandlung ihrer Geruchswerkzeuge ein paar Schnäpse spendierte. Ich war gerade sechzehn Jahre alt, als ich meine erste größere Reise nach Triest unternahm, um dort unseren Ceylon-Reisenden Engelke mit dem ersten großen Elefantentransport in Empfang zu nehmen und nach Hamburg zu begleiten. Außer zehn Elefanten handelte es sich um eine beträchtliche Anzahl Affen, Leoparden, Schlangen und kleinere Tiere. Der Leser macht sich wohl kaum eine hinlängliche Vorstellung davon, was es zu bedeuten hat und wieviel Umsicht, Geduld und unermüdliche Hingabe dazu gehört, eine große Anzahl ganz verschiedenartiger, wilder exotischer Tiere mit der Eisenbahn zu befördern, besonders wenn sie schon eine lange, ziemlich stürmische Seereise hinter sich haben. Denn auch die meisten Tiere werden seekrank und leiden beim Stampfen und Schlingern des Schiffes in ihren engen Behältern wahrscheinlich noch mehr als der Mensch. Kommen sie nun glücklich an Land und werden ausgeschifft, so sind sie verängstigt, scheu, mitunter auch schwer gereizt, und der ganze Lärm des Hafen- und Bahnbetriebes, das Ungewohnte der neuen Umgebung setzt sie noch mehr in Verwirrung. Unter diesen Umständen ist es alles andere, nur kein Vergnügen, den Transport vom Kai auf die Bahn zu bringen, und ist das endlich gelungen und schließen sich hinter den glücklich verstauten Vierfüßlern und sonstigen Lebewesen die Türen der Viehwagen, so atmen die Transporteure erleichtert auf. Aber Arbeit und Sorge beginnen gleich wieder aufs neue. Die Tiere wollen sorgfältig untergebracht werden, gepflegt sein, gefüttert und getränkt; man muß darauf achten, daß sie ihr richtiges Lager haben, genügend frische Luft, und daß sie sich nicht selber oder anderen Schaden zufügen können, und vor allen Dingen auch, daß keines Gelegenheit zum Entweichen findet. Trotz aller Aufmerksamkeit kommt das mitunter doch vor. So entschlüpfte uns einmal bei einem Transport, den wir schon glücklich in unserem Hamburger Raubtierhaus untergebracht hatten, zu guter oder vielmehr böser Letzt ein schwarzer Panther. Wir schlossen schleunigst alle Türen ab und machten uns auf die Jagd nach dem flinken Tier, wobei wir uns zum Schutz vor Verwundungen Käfige überstülpten. Nach langer Mühe gelang es uns auch, die immer wieder blitzschnell entschlüpfende, wütend fauchende große Katze einzufangen. Es ist eine schwere Last der Verantwortung, die bei einem so wertvollen und empfindlichen Material auf den Schultern der Begleiter lastet. Sieben Tage dauerte mein erster großer Tiertransport von Triest nach Hamburg, und ich war stolz, daß ich damit sozusagen meine Meisterprüfung gut bestanden und mich als tauglich für andere, größere Aufgaben erwiesen hatte. Es folgten nun weitere Einkaufs- und Transportreisen nach Italien, Rußland, den Donaustaaten, Spanien und anderen Ländern Europas. Ich bekam ein schönes Stück Welt zu sehen und hatte Gelegenheit, meine praktischen Kenntnisse zu bereichern. Bald darauf konnte ich mich auch im Dienste der Völkerschaustellungen als selbständig waltender Impresario betätigen. Es handelte sich dabei um eine Menschen- und Tierkarawane, die aus fünfzehn Somalinegern, einer großen Straußenherde und vielen anderen Tieren bestand. Wir traten damit in Wien und Budapest auf und hatten durchschlagenden Erfolg, denn eine exotische Schau dieser Art war damals für beide Städte noch etwas Neues. Die Sensationsnummer unseres Programms war ein Wettrennen zwischen Straußen und Pferden. Zu diesem Zweck hatten wir wohlweislich recht scheue Pferde ausgesucht, die in der Nähe der Strauße unruhig wurden und Kapriolen machten, so daß es den großen Vögeln nicht eben schwer fiel, den Sieg davonzutragen. Es war damals die Zeit der ersten kolonialen Erfolge Deutschlands im schwarzen Erdteil. 1884 hatten die Hamburger Firmen Woermann und Jantzen & Tormählen, die in Kamerun Faktoreien besaßen, durch ihre dortigen Vertreter Verträge mit den Dualakönigen Bell und Akwa abgeschlossen, wonach diese Oberhäuptlinge ihre Hoheitsrechte auf die beiden Firmen übertrugen, und von diesen wurden sie wiederum auf das Deutsche Reich übertragen. Im Juli 1884 hißte Gustav Nachtigal als kaiserlicher Kommissar an verschiedenen Punkten der Küste von Kamerun die deutsche Flagge, und obwohl es im Anschluß daran zu Unruhen und Kämpfen kam, in deren Verlauf auch Woermanns Vertreter sein Leben lassen mußte, fiel doch Kamerun ans Deutsche Reich. Die älteren unter meinen Lesern entsinnen sich wohl noch sehr gut der kolonialen Begeisterung, die damals in Deutschland herrschte. Das vorher noch so gut wie unbekannt gewesene +Kamerun+ wurde plötzlich ungemein populär, nicht bloß in den Zeitungsspalten war fortwährend davon die Rede, sondern auch auf der Bühne und in den Witzblättern. Unsere Spaßmacher hatten schnell herausgefunden, welch ein dankbarer, an unfreiwilliger Komik reicher Stoff in unseren schwarzen Landsleuten dort unten steckte, besonders auch in den sogenannten Königen Bell und Akwa samt den vielen dazu gehörigen Prinzen, und deshalb konnte man kaum eine Singspielhalle besuchen, ohne ein Kameruncouplet über sich ergehen lassen zu müssen, ja, es fanden sich sogar federfixe Librettisten und Komponisten, die den guten Stoff schleunigst zu Operetten verarbeiteten. Bei dem lebhaften Sinn für Aktualität, der die Unternehmungen des Hauses Hagenbeck beherrschte, ließen wir uns die Ausnutzung der guten Konjunktur natürlich nicht entgehen. Wir stellten eine Gruppe von Kamerunern zusammen, und ich wurde mit ihrer Vorführung in Deutschland beauftragt. Die Glanz- und Renommiernummer dieser Schau war „+Prinz Dido aus Didotown+“, ein Schwager des Königs Bell. Es war ein herkulisch gebauter Neger mit einnehmenden Zügen und von nicht alltäglicher Intelligenz, die sich mit einem ausgeprägten Gefühl für Repräsentation paarte. Ob es mit dem Prinzentum des schwarzen Herrn Dido sehr weit her war, will ich heute nicht mehr untersuchen. Immerhin hätte es keinem empfohlen werden können, in persönlicher Anwesenheit des Herrn Dido sein königliches Geblüt in Zweifel zu ziehen. In dieser Beziehung verstand mein sonst sehr gemütlicher Schützling keinen Spaß. Er beanspruchte (außer zehn Seidel Bier pro Tag) unbedingte Anerkennung seines hohen Ranges, und es kam einmal vor, daß er einige schwarze Landsleute, die ihm nicht sofort den geheischten Respekt entgegenbrachten, dermaßen eines Besseren „belehrte“, daß sie sich auf der nächsten Sanitätswache ihre Knochen einrenken lassen mußten. ... Übrigens assistierte mir in Berlin als zweiter Impresario noch eine lokalberühmte Persönlichkeit, die es verstand, die Öffentlichkeit mit immer neuen Sensationen in Atem zu halten. Ältere Berliner erinnern sich noch recht gut des +Fritz von Schirp+. Aus der Berichterstatterlaufbahn hervorgegangen, hatte Schirp in Amerika die dortige Reklame kennen gelernt, und er suchte sie nun nach der Reichshauptstadt zu verpflanzen, wo man bis dahin in dieser Beziehung sehr anspruchslos gewesen war. Unter dem Schlagwort „Fritz von Schirp macht alles“ brachte er die Geschäftspropaganda in Schwung und wurde zum Mittelpunkt von allem, wo etwas „los“ war. Er begründete auch die erste Bar nach englisch-amerikanischem Muster in Berlin und bereicherte dadurch das dortige Restaurationswesen um einen neuen Typ, das Nachtleben um einen neuen Anziehungspunkt. Feierlich mit Frack und Lack angetan, mit weißen Glacéhandschuhen und hohem Hut, waren also Schirp und ich den ganzen Tag auf den Beinen, um Prinz Dido den Berlinern zu zeigen. Unser Hauptquartier war die inzwischen längst vom Boden verschwundene Flora in Charlottenburg, ein großes Vergnügungsetablissement mit Palmengarten. Von dort ging es täglich in pompöser offener Equipage, umringt von der begeistert Hurra rufenden Jugend, auf den Renommierbummel durch die Hauptstraßen der Reichshauptstadt. Als Mann von Welt wußte auch Prinz Dido den Wert der Äußerlichkeiten zu schätzen, und da er keine Krone aufs Haupt zu setzen hatte, so entschied er sich für einen grauen Zylinderhut als das Kennzeichen seiner Würde. Dagegen wäre nichts einzuwenden gewesen, wofern sich als notwendige Ergänzung zum Zylinder ein moderner Salonrock mit Bügelhosen und tadellosen Lackschuhen gesellt hätten. Aber Seine Königliche Hoheit war vom Zweck und Nutzen einer derartigen Bekleidung seines gewaltigen Körpers schlechterdings nicht zu überzeugen. Er glaubte, indem er sein Haupt mit einem Zylinderhut schmückte, der europäischen Mode schon sehr weitgehende Zugeständnisse zu machen, und blieb im übrigen seiner kamerunischen Mode treu, die lediglich aus einem etwas veredelten Schurz aus rotem Samt und einem Jäckchen bestand. Dermaßen geziert, mit Zylinder, Jäckchen und Schurz, sonst aber „mit ohne alles“, und dennoch mit einem gewissen königlichen Anstand, bewegte sich Prinz Dido, immer leutselig und huldvoll, in der Öffentlichkeit und sogar in den hohen und höchsten Kreisen. Denn es ward mir die Ehre zuteil, ihn außer anderen hochgestellten Persönlichkeiten auch dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm, dem nachmaligen Kaiser Friedrich, im Muschelsaal des Potsdamer Schlosses vorstellen zu dürfen. Der Kronprinz, dessen schlagfertiger Witz ja bekannt war, unterhielt sich längere Zeit mit seinem schwarzen „Kollegen“ und mir und überreichte zum Schluß meinem Schützling eine goldene Kette nebst goldener Erinnerungsmedaille. Prinz Dido war von allem begeistert, erlebte er doch auf seiner Rundfahrt durch Deutschland Triumphe, die er sich früher im afrikanischen Busch nicht hätte träumen lassen. Außer zahlreichen anderen Geschenken wurden ihm in Berlin nicht weniger als zwölf Zylinderhüte dediziert, und wir vermochten uns vor Einladungen und Anträgen aller Art kaum zu retten. Auch ein Manöver durfte er als Gast mitmachen, das war bei seinem glühenden Interesse für alles Militärische der Höhepunkt seiner Erlebnisse. Nach Beendigung unserer erfolgreichen Tournee ist mir Prinz Dido bald aus den Augen entschwunden, ich habe nie wieder von ihm gehört. Was mag aus ihm geworden sein? Ob er wohl noch lebt und in seiner heißen Heimat wehmütig der schönen entschwundenen Zeiten gedenkt? So kam das Jahr 1885 heran, das mir, dem Neunzehnjährigen, ein für mein ganzes späteres Leben bestimmendes Ereignis bescheren sollte, nämlich +meine erste große Überseereise nach Ceylon+, mit der Aufgabe, dort Elefanten einzukaufen, sowie eine große Singhalesentruppe zusammenzustellen und nach Hamburg zu bringen. Ceylon! Die Musik des Wortes, die Fülle der damit verbundenen Vorstellungen hatte von jeher in meinen Träumen eine Rolle gespielt. Unser Hamburger Haus war ja durch vielerlei Fäden mit der fernen heißen Tropeninsel verknüpft. Die mächtigen Elefanten und andere interessante Tiere, die braunen Singhalesen und schwärzlichen Tamulen, die Bajaderen, Tempeltänzer und Schlangenzauberer, diese vielbewunderten Objekte unserer großen Völkerschaustellungen, sie alle stammten von dort, sie hatten Ceylon zur Heimat. Es ist sehr merkwürdig, mit welcher magischen Kraft wir uns häufig ganz triebmäßig zu Begriffen und Dingen hingezogen fühlen, ohne sie noch genauer zu kennen. Solch ein verlockender Begriff und von so geheimnisvoller Anziehungskraft war für mich Indien im allgemeinen, im besonderen aber Ceylon. Indien, das ja — ob mit Recht oder Unrecht, sei dahingestellt — für die Urheimat der arischen Rasse gilt, füllte mein ganzes Sinnen und Trachten aus. Die Ausreise trat ich mit einem kleinen Hamburger Dampfer bei stürmischem Wetter an, und schon in der Nordsee hatte dieser seine liebe Not, mit 3–4 Knoten Fahrt vorwärts zu kommen. Aber das war nur ein scherzhaftes Vorspiel zu dem Tanz, den der altersschwache Kasten im Golf von Biscaya aufführen sollte. Jeder Seefahrer weiß die Launen und Tücken dieses Gewässers gebührend zu schätzen. Es ist selbst an Bord der größten Schiffe nicht immer ein reines Vergnügen, bei schwerer See den Golf von Biscaya zu durchqueren, um wieviel weniger aber auf einem so kleinen Fahrzeug. Ein schauderhafter Sturm machte fünf Tage lang dem Kapitän und der Mannschaft, nicht zuletzt aber auch uns Passagieren die Hölle heiß. Er warf den Dampfer von einem Wogenkamm zum andern, so daß wir oft stundenlang überhaupt nicht Fahrt machen konnten, sondern uns vom Wind und Wasser treiben lassen mußten, so gut es eben ging. Die fortwährend das Schiff überschwemmende grobe See spülte nicht nur einen Teil der Boote, sondern auch den auf Oberdeck befindlichen lebenden Proviant, bestehend aus zwei Ochsen, einigen Schweinen und Geflügel, glatt über Bord. Wir selbst vermochten uns kaum in unseren Kojen zu halten, da die Kabinentüren von den Sturzseen eingeschlagen waren und das von draußen eindringende Wasser oft fußhoch in der Kabine stand. An ein ruhiges Schlafen war in dieser peinvollen Lage natürlich nicht zu denken; nur hin und wieder verfielen wir, aufs höchste ermattet, für kurze Zeit in eine Art dumpfer Betäubung. Auch die Maschinen und Heizräume füllten sich allmählich mit Wasser, und nur mit äußerster Kraftanstrengung konnte die Tag und Nacht nicht aus den Stiefeln kommende Mannschaft das Schiff auspumpen und vor dem Ärgsten bewahren. Eine genußreiche Reise war das also gerade nicht. Wir atmeten auf, als endlich doch die Straße von Gibraltar erreicht wurde und es nun bei leidlich gutem Wetter durchs Mittelmeer ging. Mit sechstägiger Verspätung langten wir dann in Port Said an. +Port Said+ liegt auf der Grenze zwischen zwei Welten. Hier scheiden sich auf der großen Wasserstraße vom Westen zum Osten Abendland und Morgenland. Sobald das Schiff zwischen den großen Molen der Suezkanalmündung, am Denkmal des glücklichen und unglücklichen Ferdinand von Lesseps vorbei, langsam in den Hafen einfährt und der Blick über die Dächer der weißen Stadt in die Sonnenglut und das Farbenspiel des ägyptischen Flachlandes dringt, überkommt uns das Gefühl: jetzt hat Europa nichts mehr zu sagen, +jetzt umfängt uns eine andere Welt+, die bunte fremdartige Welt des Südostens, die Welt unserer Träume. Jeder, der das einmal oder öfter durchgemacht hat, kennt die Verwandlung, die da im Europäer vor sich geht. Es ist nicht bloß die äußere Verwandlung, die Vertauschung der üblichen warmen Tracht mit dem hellen, luftigen Tropenanzug, der Mütze mit dem schützenden Sonnenhelm — nein, auch innerlich gibt es uns einen Ruck, wir werden anders, wir fühlen den verändernden Einfluß einer Umgebung, die uns als weißen Herrn viel mehr zur Geltung bringt, als es vorher auf europäischem Boden der Fall war. Es ist das Gefühl, dem Rudyard Kipling in einem seiner packenden englischen Soldatenlieder Ausdruck gibt mit den Worten: „Über Suez laßt mich fahren, wo der Mensch noch etwas gilt.“ Ja, man +gilt+ dort draußen noch etwas, während man hier in Europa, und ganz besonders in diesen Zeiten, niemals ganz das Gefühl los wird, eigentlich nichts weiter als eine +von der Bureaukratie registrierte Nummer, ein Gegenstand der Statistik und der Besteuerung+ zu sein. ... Die große Welt draußen in der südlichen Übersee hat ihre eigenen Gesetze, aber auch ihre eigene Freiheit, und die ist es eben, die die Seele packt und erfüllt wie schäumender Wein. Der rechte Gebrauch dieser Freiheit erfordert freilich auch Selbstzucht und Verantwortlichkeitsgefühl. Es wird davon später bei Besprechung des Tropenlebens noch einiges zu sagen sein. Ich war damals bei meiner ersten Fahrt nach dem Osten noch zu jung, als daß ich mich langen Reflexionen hingegeben hätte. Als unser Dampfer in Port Said Station machte, um Kohlen zu übernehmen und seine Sturmschäden auszubessern, stürzte ich mich mit Begierde in das bunte Treiben der Stadt. Sie macht mit ihren gradlinigen Straßen einen ganz modernen Eindruck und verdankt ihr Dasein lediglich dem Suezkanal, bei dessen Bau in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sie entstand. Port Said mit seinen 60000 Einwohnern wäre ohne den Suezkanal nicht denkbar und lebt direkt oder indirekt lediglich von der großen künstlichen Wasserstraße und ihrem Verkehr. Am Hafen befinden sich außer den großartigen Verwaltungsgebäuden der Suezgesellschaft und dem Zollamt die verschiedenen Konsulate, Schiffsagenturen, Hotels und Geschäftshäuser; in den angrenzenden Straßen findet man in großen und kleinen Läden eine Unmenge aller erdenklichen Dinge, die der Reisende braucht oder bei der Heimfahrt als Andenken und Mitbringsel gern kauft. Ein beträchtlicher Teil der Einwohnerschaft von Port Said lebt lediglich von der guten Laune und der Vergnügungssucht der durchreisenden Fremden. Man muß bedenken, daß die Schiffspassagiere, besonders die aus dem fernen Osten kommenden, oft eine Seereise von vielen Wochen hinter sich haben und nun die wenigen Stunden des Aufenthalts hier selbstverständlich gern dazu benutzen, sich wieder einmal gehörig „die Beine zu vertreten“. Dieses „Beinevertreten“ ist bei manchen ein sehr dehnbarer Begriff, der alles Mögliche und mitunter auch das kaum noch Mögliche umfaßt, angefangen vom lange entbehrten frischen Bier in den Hafenkeipen bis zu den wildesten Tanzvorführungen in dem arabischen Viertel, das an die Europäerstadt grenzt. Das Vergnügungsgeschäft liegt hauptsächlich in den Händen von Griechen und Levantinern, und aufs äußerste gerissen, wie diese Herrschaften nun einmal sind, nützen sie die Konjunktur auch weidlich aus. Manchmal treffen die großen Ozeandampfer des Nachts ein, um schon in den Morgenstunden weiterzufahren. Da heißt es, die Zeit nicht nutzlos verstreichen lassen. Wie mit einem Schlage wird es in den eben noch schlummernden Straßen plötzlich lebendig, die Kaffeehäuser und Bars tun sich auf, die Damenkapellen fideln und pauken darauf los, die Kaufleute öffnen ihre Läden und suchen den Fremden, denen das Geld hier meistens sehr locker sitzt, alles Erdenkbare aufzuschwatzen, und eine Unmenge verdächtiger Burschen in allen Hautschattierungen pirscht sich kauderwälschend an die Reisenden heran, um ihnen mit überschwenglichen Worten die berückendsten Paradiesesfreuden in Aussicht zu stellen, wofern man sich ihrer Führung anvertraut. Gewöhnlich läuft das, wie man sich denken kann, auf Prellereien und Reinfall heraus. Kurzum, es ist ein großer „Betrieb“, dieses internationale Tag- und Nachtleben von Port Said. Die Durchfahrt durch den 160 ~km~ langen Suezkanal dauert, da eine größere Geschwindigkeit nicht gestattet ist, mindestens 15 Stunden, Schiffe, die keine Scheinwerfer haben, dürfen den Kanal nur in den Tagesstunden passieren und brauchen deshalb erheblich mehr Zeit. Dazu gehörte natürlich auch unser kleiner, noch ganz unmoderner Dampfer. Es blieb mir daher Muße genug, das großartige Werk der Ingenieurkunst, sowie die trotz ihrer Eintönigkeit höchst anziehenden Landschaftsbilder zu beiden Seiten des Kanals gehörig in Augenschein zu nehmen. Das Land ist völlig flach, fast durchweg Wüste. Welch ein Gegensatz zwischen dem Leben auf dem Dampfer, der den Kanal durchfurcht, und der erhebenden, feierlichen Einsamkeit der zeitlosen Wüste mit ihrem wundervollen Farbenspiel; zwischen den Europäern an Deck und den altbiblischen Gestalten, die an den Kanalufern arbeiten und ihrer Beschäftigung nachgehen, heute wie vor zweitausend Jahren! Am meisten interessierten mich in meiner Eigenschaft als Tierspezialist die großen Binnenseen, die der Kanal durchschneidet, der Menzale-, der Timsah-, der Bittersee, denn auf den Sandbänken der flachen Gewässer sieht man riesige Scharen von Sumpf- und Wasservögeln, von Pelikanen, Flamingos usw. Am Ausgang des Suezkanals zum Roten Meer liegt die Stadt, die der großartigen Wasserstraße den Namen verlieh, +Suez+. Sie kann sich mit Port Said an Größe und Bedeutung nicht messen. Der Aufenthalt der Schiffe pflegt hier nur kurze Zeit zu dauern. Dann geht es ins Rote Meer hinein, zuerst in seinen schmalen Ausläufer, den Meerbusen von Suez, der das ägyptische Festland von der Halbinsel +Sinai+ trennt. Die Küsten an beiden Seiten des Meerbusens sind kahl und öde. Deutlich sieht man das mächtige Gebirgsmassiv des Sinai mit seinem fast 2300 ~m~ hohen Gipfel des Djebel Musa, des Mosesgebirges, von dem herab, wie uns die Bibel erzählt, der Prophet den Hebräern die heiligen Gebote verkündet hat. [Illustration: Photo O. Lübeck, Greifswald. Hafen von Colombo mit Kohlenlager] [Illustration: „Seine Hoheit Prinz Dido aus Didotown“ (Text Seite 10)] Sobald die Spitze der Sinaihalbinsel passiert ist, befinden wir uns im offenen +Roten Meer+, berüchtigt wegen der kaum erträglichen drückenden Hitze, die den größten Teil des Jahres hindurch über ihm lastet. Seinen Namen verdankt das Rote Meer dem stellenweise massenhaft auftretenden rötlichen Plankton, ungeheuren Kolonien unzähliger Urtierchen, die im einzelnen nur mit dem Mikroskop wahrgenommen werden können. Was nun die Hitze des Roten Meeres betrifft, die in den Erzählungen der Seefahrer eine so große Rolle spielt, so wird sie sehr verschieden empfunden, je nachdem, ob man mit dem Winde oder gegen ihn fährt. Ich habe das Rote Meer auf meinen Reisen zwischen Europa und Südasien oft genug durchfahren und manchmal, in der Jahreszeit der stärkeren Winde, zumal wenn sie von vorn kamen, die Temperatur geradezu angenehm frisch gefunden. Mitunter freilich, in den heißesten und windstillen Monaten, hörte selbst für einen, der an Ceylons Tropenglut gewöhnt ist, das Vergnügen auf. Wir hatten dann Tag und Nacht eine gleichmäßige Temperatur von fast 40° ~C.~ an Deck, und in den Innenräumen des Schiffes war es auch nicht viel kühler. Dazu kommt noch, daß die Luft im Roten Meer trotz der Regenlosigkeit der ganzen Gegend doch sehr feucht ist, und feuchte Hitze wird bekanntlich weit drückender empfunden als trockene. Sogar die an starke Hitze gewöhnten Heizer versagen dann und müssen durch Araber, Somali oder Südchinesen ersetzt werden. Bäder verschaffen nicht die geringste Erfrischung, da das Wasser genau so warm ist wie die Luft, überdies wirkt das stark salzhaltige warme Seewasser sehr irritierend auf die Haut und trägt zur Bildung des gefürchteten „Roten Hundes“ (~Lichen tropicus~) bei, eines höchst lästigen und häßlichen Hitzeekzems, das besonders die Neulinge in den heißen Ländern so oft befällt. Manchmal möchte man sich die Kleider vom Leibe reißen, so brennen sie, und gar nicht selten kommt es vor, daß Heizer und Maschinisten, in geistiger Verwirrung über Bord springend, den Tod in den Fluten suchen und finden. Sehr sonderbar sind im Roten Meer die Lichterscheinungen. Ein Horizont ist überhaupt nicht zu sehen, Meer und Himmel verschwimmen ohne Abgrenzung ineinander; ein weißer Dunst, an dessen blendendem Licht sich die Augen entzünden, liegt auf der bleiernen Flut und umhüllt das ganze Schiff. Man hat das Gefühl, als ob man sich nicht auf den Wassern und in der Luft, sondern schwebend in einem gespensterhaften Fluidum befinde, dem jede irdische Stofflichkeit fehlt. In dieser eigentümlichen Atmosphäre verfällt der Geist, überwältigt und erschlafft durch die Glut, allmählich in einen krankhaften Zustand halben Wachens und halben Schlafs. Kaum daß man sich zur geringfügigsten Tätigkeit, zum Wechseln der Kleider, zum Lesen eines Buches, aufzuraffen vermag. Nur in der Nacht atmet man ein wenig erleichtert auf, die tagsüber vom Übermaß des Lichtes gequälten Augen empfinden die Finsternis wie eine Erlösung, und vom Himmel herab strahlen durch die jetzt dunstfreie, klare Luft die funkelnden Sterne des Südens in unermeßlicher Zahl. Da unser kleiner Dampfer alle jene der Bequemlichkeit dienenden Einrichtungen der heutigen großen Ozeandampfer natürlich nicht kannte, atmete ich doch erleichtert auf, als nach acht Tagen endlich das kaffeeberühmte +Mokka+ mit seinen Minarets und Moscheen an der südwestarabischen Küste erschien und unser Schiff bald danach, an der englischen Felseninsel +Perim+ vorbei, die Straße +Bab-el-Mandeb+ („Tor der Tränen“) passierte, die zwischen der arabischen und der afrikanischen Küste den Abschluß des Roten Meeres und den Eingang in den Golf von Aden, also den Indischen Ozean, darstellt. Frische Winde kommen hier auf, höher gehen die Wogen, der Höllenofen des Roten Meeres bleibt hinter uns, erquickt und beseligt schlürft die Brust die reine, kühle Luft des offenen Ozeans ein. Wir liefen +Aden+ zu kurzem Aufenthalt an, und ich benutzte die Zeit, während der Dampfer Kohlen übernahm, mich an Land setzen zu lassen und einen raschen Blick auf die Stadt und ihre nächste Umgebung zu werfen. Aden ist bekanntlich ein stark befestigter Stützpunkt der britischen Seemacht und ein wichtiges Glied in der wunderbaren Kette ihrer Kontrollstationen an der europäisch-südasiatischen Etappenstraße: Gibraltar–Malta–Suezkanal–Perim–Aden–Colombo–Singapore. Aber es muß schon als ein höchst zweifelhaftes Vergnügen betrachtet werden, in dem sonneglühenden, wasserlosen, öden Felsennest als Europäer zu leben, und deshalb hat Tommy Atkins, der englische Soldat, vor dieser gottverlassenen Garnison den höchsten Respekt. Aden läßt sich nur mit doppelten und dreifachen Rationen Whisky vertragen, und auch dann nur für kurze Zeit. +Es gibt hier Jahre, in denen überhaupt kein einziger Regentropfen zur Erde fällt!+ Man hat deshalb in Nähe der Stadt großartige Zisternen gebaut, die alles von den hohen Bergen der Umgegend zusammenlaufende Wasser sammeln, damit kein einziger Tropfen des hier so seltenen, kostbaren Nasses verloren geht. Kräftig wehte der Passat, als die südarabische Küste langsam hinter uns versank und unser Schiff ostwärts dem Süden Indiens entgegenfuhr. Noch einmal bekommt man auf dieser Reise Land zu sehen: die immer in Dunst gehüllte, gebirgige Insel +Sokotra+, die dem afrikanischen Kap Guardafui vorgelagert ist und — selbstverständlich, möchte man sagen — England gehört. Der Seemann liebt die große Nähe von Sokotra nicht, es ist ein gefährliches, häufig von Wirbelstürmen heimgesuchtes Gewässer. Auch Sokotra verschwand, und nun umgab uns acht Tage lang die Einöde der unermeßlichen See. Einöde? Nein, das ist doch wohl nicht der richtige Ausdruck. Denn trotz des scheinbaren Einerleis gibt es auf der Oberfläche des Meeres sowohl wie am Himmel immer wieder etwas Neues zu sehen. Das Spiel der schäumenden, sich überstürzenden Wogenkämme, der Ansturm der Wellen gegen das Schiff, das lustige Treiben der Delphine, die förmliche Wettrennen mit dem Dampfer veranstalten und die tollsten Luftsprünge vollführen, die Scharen fliegender Fische, die mannigfachen Lichterscheinungen der Atmosphäre, und abends das wundervolle Meerleuchten, das phosphoreszierende Aufleuchten unzähliger Milliarden von winzigen Lebewesen — alles das gibt immer wieder Stoff zur Betrachtung. An den Tagen, wo der Passat besonders kräftig bläst, rollen die Wogen im Indischen Ozean außerordentlich lang und schwer, aber diese langen und sehr regelmäßigen Schwingungen werden an Bord nicht so unangenehm empfunden wie die kürzeren und ungleichmäßigen Wellen anderer Meere. Obwohl ich mich eines ziemlichen Grades von Seefestigkeit erfreue, hatte ich doch durchaus nichts dagegen, als es am Abend des sechsunddreißigsten Tages unserer Reise seit Hamburg hieß: „Morgen früh treffen wir in Colombo ein“. Das Dunkel der Nacht hing noch über den Wassern, als ich in der Frühe des nächsten Tages schon mit Sack und Pack und voller Erwartung dem Osten entgegensah. Rötliche Streifen erschienen am Horizont, die erste Ankündigung des nahenden Morgens. Das schwärzliche Himmelsblau der Nacht verwandelt sich bald in Violett, die rosigen Streifen werden breiter und leuchtender, und es dauert nicht lange, dann ist es Tag, denn die Tropen kennen das Zwischenspiel unserer nordischen Dämmerung kaum. Da ist in der Ferne auch schon die +Küste von Ceylon+ zu sehen, etwas von Nebel und Dunst verhüllt, aber doch deutlich genug, daß man bald einen Hain von Kokospalmen erkennt und nicht weit davon Schiffsmasten, Schornsteine, Häuser — den Hafen +Colombos+. Und während die Sonne emporsteigt, wird das Bild immer klarer, verlockender, und es taucht jetzt auch der schöngestaltete Gipfel des Adamspiks auf, des höchsten Berges der Insel .... Ceylon, herrliches Wunderland der Tropen, das du mir für lange Jahre, die besten meines Lebens, zur zweiten Heimat werden solltest, — dir entbiete ich meinen ersten Gruß! [Illustration] [Illustration] Zweites Kapitel Meine ersten Unternehmungen in Ceylon Erste Eindrücke in Colombo — Wie man dort wohnt und lebt — Die Galle Face Promenade — Verkehr mit den Eingeborenen — Indische Hotels — Meine ersten Unternehmungen — Erfahrungen beim Elefantenhandel — Weihnachten im Urwald — Zusammenstoß mit einer Giftschlange — Nächtliche Elefantenidylle im Dschungel — Von Bajaderen und Teufelstänzern Verwirrend in ihrer Buntheit und fast betäubend sind die Eindrücke, die auf den Ankömmling losstürmen, der sich zum ersten Mal in eine lebhafte Stadt des tiefen Südens versetzt sieht. Er hat alle Hände voll zu tun, alle Gedanken zu sammeln, um mit seinem Gepäck glücklich vom Schiff ans Land zu kommen, und während er noch mit dem Zollinspizienten verhandelt, muß er sich auch schon mit all den erwünschten oder unerwünschten, nötigen oder unnötigen Geistern befassen, die ihm seine Dienste anbieten: Gepäckträger, Wagenführer, Hotelbedienstete, Dolmetscher und so weiter, dazu Händler mit Gegenständen, die für den Ankömmling im Augenblick so überflüssig wie nur möglich sind und dennoch so eindringlich angepriesen werden, als ob von ihrem Kauf oder Nichtkauf sein Seelenheil abhinge. Sind alle Angriffe glücklich abgeschlagen, alle Förmlichkeiten erledigt, so hat der Ankömmling zunächst nur den Wunsch, seine Person und seine Habe unter ein gastliches Obdach zu bringen, sich einzuquartieren. Unter diesen Umständen, in der Aufregung, Hast und dem Lärm der Ankunft auf fremdem Boden, sind die ersten Eindrücke manchmal nicht gerade sehr angenehmer Art, und der Fremde atmet erst auf und kommt zur Ruhe, wenn er in seinem Hotel wie in einem schützenden Hafen landet und sich allmählich mit seiner ungewohnten Umgebung vertraut macht. Es läßt sich begreifen, daß auch ich bei meiner ersten Ankunft in Colombo kein Auge für die Schönheiten und den farbenfrohen, exotischen Reiz der Tropenstadt hatte, denn es galt sofort alle möglichen praktischen Fragen zu regeln, die mit meinem Aufenthalt und meinen besonderen Aufgaben in Ceylon zusammenhingen. Ich begab mich deshalb vor allem zum deutschen Konsulat, um mich dort vorzustellen und mir die nötigen Auskünfte zu verschaffen, und machte dann die Bekanntschaft einiger in Colombo ansässiger Landsleute, die gemeinschaftlich ein auf den Namen Rheinfels getauftes Bungalow bewohnten. Unter +Bungalow+ versteht man in Indien ein leichtgebautes, dem Klima und den Lebensgewohnheiten der heißen Zone angepaßtes Europäerhaus. Ein derartiges, zumeist nur aus einem Erdgeschoß bestehendes, höchstens einstöckiges Haus aus Holz- und Mauerwerk muß eine möglichst freie Lage haben, damit es von allen Seiten vom Wind bestrichen wird. Ein überhängendes Dach oder eine rings um das Haus laufende Veranda schützt die Außenwände vor der direkten Sonnenbestrahlung. Der Fußboden des Erdgeschosses darf nicht unmittelbar auf dem Erdboden liegen, da sonst das Ungeziefer und zur Regenzeit auch die Feuchtigkeit leicht Zutritt hätten; man setzt das Haus deshalb gern auf freistehende gemauerte Pfeiler, zwischen denen die Luft hindurch streicht. Die ganze Bauart des Tropenhauses zielt darauf hin, für Lüftung und möglichst kühle Räume zu sorgen. Paradoxer Weise holen sich die Neulinge in den tropischen Hotels trotz aller Hitze oft Erkältungen und rheumatische Beschwerden, weil sie die an windigen Tagen ziemlich heftige Zugluft in den Gesellschaftsräumen nicht vertragen. Es ist ja eine bekannte und von den Ausländern gern bespöttelte Tatsache, daß der Deutsche so empfindlich gegen Zugluft ist, während andere Völker die Zugluft in den Wohnräumen geradezu suchen und schätzen. Zu den Eigentümlichkeiten des Bungalows gehört es ferner, daß man die Küche und sonstigen Wirtschaftsräume, sowie die Klosett- und Badeanlagen gern in einem Nebenbau unterbringt, damit sowohl die störenden Geräusche der hantierenden Dienerschaft wie auch die gesundheitsschädlichen Ausdünstungen von den Wohnungen ferngehalten werden. Der Nebenbau wird dann meistens durch einen gedeckten Gang mit dem Hauptgebäude verbunden. Die Veranda, der Lieblingsaufenthalt der Bewohner während der kühleren Tagesstunden, ist möglichst breit und geräumig. Natürlich wird vor allen Dingen darauf geachtet, daß der Erdboden, auf den das Bungalow zu stehen kommt, trocken und fest ist, denn lockerer oder gar feuchter Boden beherbergt jene Malariakeime, die dem Europäer so gefährlich werden. Aus demselben Grunde, und um auch das Festsetzen von Schlangen, Ungeziefer und Ameisen zu verhindern oder wenigstens zu erschweren, sind im Mauer- und Holzwerk alle unnötigen Hohlräume zu vermeiden. Man ersieht aus diesen kurzen Angaben, wieviele Umstände selbst beim Bau eines ganz einfachen Tropenhauses berücksichtigt werden müssen. In dem Bungalow Rheinfels fand ich nun gastfreundliche Unterkunft. Die +Gastfreundschaft+ spielt in den heißen Überseeländern eine wichtige Rolle, ganz besonders aber in Indien. Eigentliche Hotels nach europäischer Art gibt es nur in den großen Städten, und auch in diesen sind sie häufig schon mehr als primitiv. In den kleineren Ortschaften sieht sich der Fremde entweder auf die von der englischen Regierung unterhaltenen Rasthäuser angewiesen, die aber gewöhnlich nur für vorübergehenden Aufenthalt Unterkunft gewähren, oder auf die gastfreundschaftliche Aufnahme bei ansässigen Personen, denen er schon bekannt ist oder an die man ihn empfohlen hat. Da die besonderen Landesverhältnisse es so erheischen, wird die Gastfreundschaft in Indien unter Landsleuten gern und ohne Kleinlichkeit ausgeübt, wie denn überhaupt eine gewisse großzügige, allem Pedantischen abholde Lebensauffassung zu den charakteristischen Eigentümlichkeiten des Überseeers gehört. Kaum hatte ich mich in unserem Bungalow einigermaßen heimisch gemacht, als ich auch schon die Vorbereitungen zu einer Expedition ins Innere der Insel traf, um dort Elefanten zu kaufen und meine übrigen Aufgaben zu erledigen. Aber bevor ich hierauf eingehe, gehört es sich wohl, den Leser mit Colombo näher bekannt zu machen und ihm das „Tropenparadies“, wie man die Hauptstadt Ceylons häufig genannt hat, vor das geistige Auge zu führen. Es ist das Seltsame an +Colombo+, daß man die Stadt, abgesehen von dem Geschäftsviertel am Hafen mit seinen großen Häuserblocks und amtlichen Gebäuden, eigentlich gar nicht sieht. Wenigstens nicht in der Gestalt sieht, in der uns eine europäische Stadt zu erscheinen pflegt: als eine geschlossene, massige Anhäufung von Straßen und hohen Häusern. Colombo ist eine +Gartenstadt+, sehr weitläufig in der Anlage, ganz locker über eine Fläche verteilt, auf der bei stärkerer Ausnützung des Geländes das Zehnfache der Einwohnerzahl — die sich heute auf 215000 beläuft — untergebracht werden könnte. Schier endlos ausgedehnte Alleen durchziehen diesen weiten Raum, der, vom Standpunkt eines Häuserspekulanten aus betrachtet, hauptsächlich aus „baureifen Grundstücken“ besteht; endlose Alleen, die sich allmählich ins Vegetationsdickicht der Peripherie verlieren. Der Fremde, der sich von seinem Rikschakuli aufs Geratewohl kreuz und quer durch die Gartenvorstädte Colombos kutschieren läßt, wird die Empfindung nicht los, daß diese Fahrt noch stunden- oder tagelang dauern könnte, ohne daß sich ein Ende der Straßen, Alleen oder Promenadenwege absehen ließe. Die Bungalows, Villen oder Eingeborenenhütten verschwinden unter dem Überschwang eines +Pflanzenwuchses+, der keine Hemmungen zu kennen scheint. Das vorherrschende Gewächs ist die so dekorative stolze +Palme+ in ihren mannigfachen Arten: die Kokospalme mit dem meistens gebogenen Stamm, die die salzhaltige Luft der Küste liebt; die kerzengerade schlanke Arekapalme, deren klein zerschnittene Nuß, mit etwas Kalk und Tabakblättern gemischt und in das Betelblatt gewickelt, von den Eingeborenen als Reiz- und Erfrischungsmittel gekaut wird; die prächtige Talipotpalme mit ihren riesigen Schirmblättern, die nur einmal in ihrem Leben, zwischen dem 60. und 70. Jahre, blüht, um bald darauf einzugehen; die Palmyrapalme mit Büschelblättern, die wie Straußfedern aussehen; die seltsam pfauenradartige Ravenala, der „Baum des Reisenden“, in dessen Blattscheiden sich das trinkbare Wasser ansammelt, nach dem der Wandernde sucht. Neben den Palmen welche Fülle von anderen Bäumen, Sträuchern und kleineren Gewächsen! Um nur ein paar der wichtigsten zu nennen: Bambus, Banane, Brotbaum, der Jackbaum mit den unmittelbar aus dem Stamm hervorwachsenden Früchten, der Mango und der Mangostin, die Spender der geschätztesten Tropenfrüchte, der Feigenbaum mit seinen phantastischen, oft zu förmlichen Hainen sich auswachsenden Luftwurzeln, und die üppige Rankenpflanze Bougainvillia, deren leuchtend violette Blüten durch blendende Schönheit berücken. Dann die stark riechenden Gewürzpflanzen, besonders der Zimmt, dessen feiner Duft streckenweise die ganze Luft erfüllt. Es gibt unter diesem Himmelsstrich zwischen Vergehen und Werden keine Pause, ununterbrochen das ganze Jahr hindurch grünt und blüht es in ewigem Sommer, in ewigem Licht, +es scheint keinen Anfang und erst recht kein Ende zu geben+ in dem beständig neues Leben gebärenden Chaos der dunkelgrünen Vegetation über der schweren rötlichen Erde. Colombo erstreckt sich etwa 11 ~km~ an der sanft nach außen gebogenen Küste entlang und ungefähr 4 ~km~ ins Land hinein. Einen eigentlichen Naturhafen besitzt Colombo nicht, aber die ursprünglich offene Reede ist allmählich durch riesige Wellenbrecherdämme so gesichert worden, daß sie den auf ihr ankernden Schiffen auch zur Zeit des schwersten Südwestmonsuns, der die Wellen an den Molen haushoch emporpeitscht, völligen Schutz gewährt. An den Hafen grenzt der älteste europäische Stadtteil, +Fort+ genannt, weil sich hier früher das Fort befand, das die Portugiesen zum Anfang des 16. Jahrhunderts errichtet und das die Niederländer später weiter ausgebaut hatten. Heute ist das Fort die Geschäftsstadt, die City Colombos, mit den Amtsgebäuden, den Konsulaten, Banken, Kontoren, dem Zollamt, der Hauptpost usw. Der Verkehr konzentriert sich in der Yorkstreet und der Queenstreet mit ihren Warenhäusern, Agenturen, Kuriositäten- und Juwelenläden und sonstigen Geschäften. An das Fort schließt sich nach Osten der Stadtteil +Pettah+ an, die Geschäftsstadt der Eingeborenen, tagsüber der Mittelpunkt eines ungemein bunten, interessanten Treibens. In den Straßen mit den niedrigen Häusern und den offenen Verkaufsläden drängt und schiebt sich die Menge: Singhalesen, Tamulen, Indo-Araber, Malaien, Mischlinge, und da die Eingeborenen im allgemeinen keinen rechten Begriff vom Wert der Zeit haben, wird jedes Geschäft unglaublich in die Länge gezogen. Sie bringen es fertig, als Kauflustige eine Stunde lang oder noch mehr um die geringste Kleinigkeit zu feilschen, ehe sie sich zum Kauf entschließen; oft genug kommt es selbst dann noch nicht zum Abschluß, sondern die Bemühungen, einen weiteren kleinen Vorteil herauszuschlagen, werden am nächsten Tage mit frischen Kräften fortgesetzt. Man darf nun nicht etwa denken, daß der Händler diese Widerhaarigkeit seiner Kunden als lästig und ungehörig empfindet. Ein europäischer Kaufmann hätte freilich nicht so viel Geduld, er würde sich für solche Kundschaft bedanken und sie bald energisch hinauskomplimentieren. Aber der orientalische Händler hat eine gänzlich anders geartete Auffassung vom Geschäft. Ohne tüchtiges Handeln und Feilschen würde ihm sein Metier gar keinen Spaß machen. Er liebt die Weitschweifigkeit, die Unterhaltung, und er hielte den Käufer, der ihm sofort den geforderten Preis bezahlt, sicherlich für einen bedauernswerten Narren. Denn die Preise sind allgemein hoch aufgeschlagen und dazu bestimmt, heruntergefeilscht zu werden. Ist das Geschäft endlich zustande gekommen, so freut sich jeder, Händler sowohl wie Käufer, in dem Bewußtsein, den anderen tüchtig übervorteilt zu haben. Welche Ausdauer und Zähigkeit der indische Händler entwickelt, wenn es gilt, eine Ware an den Mann zu bringen, davon lassen sich ergötzliche Stücke erzählen. Die Pettah geht in eine Reihe anderer Eingeborenen-Stadtteile über, die sich, je mehr sie sich von der Küste entfernen, allmählich ins Ländliche und ins Dickicht der Vegetation verlieren. Zwischen diesen Eingeborenenquartieren und der sehr weitläufig angelegten europäischen Gartenstadt liegt ein großes flaches Wasserbecken, der Frischwassersee, in welchem die Eingeborenen zu gewissen Tageszeiten ihre von der Religion vorgeschriebenen Waschungen vornehmen. Die bevorzugte Promenade der Europäer und des vornehmen Teiles der Einwohnerschaft ist die +Galle Face Road+, eine herrliche Straße, die sich vom Fort südwärts unmittelbar am Meer entlang, an den Rasenplätzen von Galle Face Esplanade vorbei, bis zu dem stattlichen Galle Face Hotel erstreckt, einem der wenigen wirklich erstklassigen Hotels Indiens, und noch weiter darüber hinaus bis zu den südlichen Vorstädten. In den heißen Tagesstunden liegt die Galle Face Road ziemlich verödet da, wie es denn überhaupt der Europäer aus guten Gründen vermeidet, sich der vollen Glut des Tagesgestirns mehr auszusetzen, als unbedingt nötig ist. Aber das Bild verändert sich am späten Nachmittag. Wenn sich die Sonne über dem Meere dem Horizont zu nähern beginnt, wenn die Schatten länger werden, die Hitze nachläßt und von den Wassern ein kühlerer Lufthauch durch die Palmenwipfel streicht, dann beginnt es auf der Galle Face Promenade lebendig zu werden. Das sind die Freiluftstunden des Europäers, die leider sehr karg bemessenen Stunden zwischen Tagesende und Nacht. Die Offiziere und ihre Damen, die Beamten, die aus den Kontoren kommenden Kaufleute, die Fremden in den Hotels, sie alle nehmen diese köstlichen frischen Stunden des zur Neige gehenden Tages wahr, und mit hunderten von Wagen, Automobilen, und den von Menschenkraft gezogenen Rikschas entwickelt sich auf dem wundervollen Strandweg ein +Korso+, der an exotischem Reiz auf Erden nicht seinesgleichen hat. Schon der landschaftliche Rahmen ist einzigartig. Gegen Westen das unermeßliche Meer, niemals eintönig in seiner Färbung, am wenigsten jetzt des Abends, wo der sinkende Sonnenball eine Flut spielender, schillernder Lichter über die Wellen jagt, rote, gelbe, bläuliche, grüne, in jedem Augenblick wechselnd und immer anders — ein Farbenzauber, der in den ebenso huschenden und sich haschenden Lichtern des Himmels sein Widerspiel findet. Auf der anderen Seite die weiten Rasenflächen der Galle Face Esplanade, belebt von schlanken jugendlichen Gestalten beiderlei Geschlechts, in Weiß gekleidet, die dort die Bälle werfen oder in anderem Freiluftsport die Glieder bewegen. Für gewöhnlich ist das Meer ruhig oder nur leise bewegt, der Himmel klar; in bestimmten Monaten aber jagt der +Monsun+ die Wogen gegen den Strand, daß sie hoch aufspritzen und ihr salziger Hauch die Kleider der Promenierenden netzt und durchdringt. Dann ist der Himmel oft düster von Wolken umhangen, und eine ergreifend schwermütige, trübe Stimmung lastet auf allem Lebenden, Mensch und Kreatur, ja auch auf den Pflanzen. Es überwiegen aber, wie gesagt, die klaren und heiteren Tage. Am Strande, zwischen Meer und Promenade, auf dem feinkörnigen Sand und zwischen den Steinen tummeln sich, von ihren indischen Ayah, den Kindermädchen, sorgfältig betreut, die Kleinen der Ansiedler. Sie lassen flache Steinchen auf der Oberfläche des Meeres hüpfen oder sie stören die am Strande hausenden Krabben auf, die handtellergroßen, kreisrunden Krabben, die sich auf der Flucht so komisch vorwärts bewegen, indem sie nämlich, infolge der eigentümlichen Anordnung ihrer Beine, seitwärts laufen. In den Korso der Europäer auf der Galle Face Road mischen sich auch die vornehmen Eingeborenen gern. Es gibt sehr wohlhabende Singhalesen und Indo-Araber in Colombo, die sich jeden Luxus gestatten dürfen. Sie fahren in stolzen Karossen mit beturbanten Dienern oder in den hübschen buntbemalten, von kleinen Zebuochsen gezogenen Karreten und sind nebst ihren Damen in feinste Seide und farbenfrohes Musselin gehüllt. Fußgänger sieht man nicht viel. Der Europäer sowohl wie der vornehme Eingeborene geht in den Tropen nicht gern zu Fuß. Man wird in dieser Hinsicht etwas bequem, muß sich auch aus Gründen der Repräsentation, weil man doch eben als europäischer „Master“ etwas besonderes ist oder es wenigstens darstellen soll, meistens im Wagen zeigen. Trotz der Konkurrenz des auch in Indien zu starker Verbreitung gelangten Automobils hat sich die +Rikscha+, das von einem Kuli gezogene zweirädrige Wägelchen, seine Beliebtheit bewahrt. Die Rikscha ist eine verhältnismäßig neue Einrichtung, denn sie kam erst 1870 in Japan auf und ist von dort auch nach Ceylon gelangt, während sie auf dem indischen Festlande nur stellenweise Eingang gefunden hat. Dem neu angekommenen Europäer mit seinem starken sozialen Empfinden kostet es anfangs eine kleine Überwindung, sich von einem Menschen wie von einem Zugtiere vorwärtsbewegen zu lassen; aber das liegt nun einmal in den Verhältnissen, und der Rikschakuli ist weit davon entfernt, seine Tätigkeit, der er sein Brot verdankt, als eine Herabwürdigung aufzufassen. Ich möchte hier einschalten, daß meine Schilderungen weniger auf das noch ziemlich bescheidene Colombo zutreffen, wie ich es bei meiner ersten Ankunft in Ceylon im Jahre 1885 vorfand, als vielmehr auf das inzwischen viel größer und stattlicher gewordene Colombo der letzten Jahre vor Kriegsausbruch nach einer Entwicklung, die ich in den langen Jahren meines dortigen Aufenthaltes mit durchgemacht habe, und an der ich selbst für mein Teil mitwirken durfte. Von den Eingeborenen, den verschiedenen Rassen, ihrer Religion, ihren Sitten und Lebensgewohnheiten spreche ich später in einem anderen Kapitel. An dieser Stelle möchte ich nur noch kurz darauf eingehen, wie +der Fremde+ bei vorübergehendem Aufenthalt in Colombo zu leben pflegt. Die bevorzugte Lage Colombos an einem der wichtigsten Punkte der maritimen Etappenstraße von Europa nach Ostasien hat es mit sich gebracht, daß die Hauptstadt Ceylons vom Fremdenstrome viel stärker berührt wurde, als die großen Hafenstädte des indischen Festlandes: Bombay, Calcutta, Madras. Denn alle Dampfer der großen Überseelinien nach Süd- und Ostasien und Australien, die deutschen Reichspostdampfer, die englischen, holländischen, französischen Postdampfer, liefen auf der Aus- und Heimreise Colombo an und machten hier zum Zweck der Kohlenübernahme Station. Die Passagiere fanden dabei Zeit genug, sich wenigstens einen kurzen Einblick in die Stadt zu verschaffen; viele aber, besonders die Fahrgäste unserer Reichspostdampfer, benutzten auch die Gelegenheit, um Ceylon gleich gründlicher kennen zu lernen, sie überschlugen deshalb hier einen Dampfer und setzten die Seereise erst in acht oder vierzehn Tagen fort. So kommt es, daß Colombo, wenigstens bei den Deutschen, die bekannteste und populärste indische Stadt ist, die jeder Ostasienfahrer oder Weltumsegler aus eigener Anschauung kennt. Die angenehmen Unterkunftsverhältnisse in Colombo sowohl wie auch an den beiden besuchtesten Plätzen des inneren Ceylon, in Kandy und Nuwara Eliya, taten das ihrige, um die Beliebtheit dieses Tropenparadieses zu steigern. Im allgemeinen ist ja das +Gasthaus- und Verpflegungswesen+ in Britisch-Indien nicht gerade ideal, es entspricht nicht den Anforderungen, die man in Europa zu stellen gewohnt ist, und bleibt hinter den anderen guten Einrichtungen des großen Landes, besonders dem trefflichen Eisenbahnwesen, weit zurück. Wirklich erstklassige Gasthöfe, in denen auch der verwöhnte Reisende nicht allzu viel vermißt, gibt es eigentlich nur in Bombay, Colombo, Kandy und einigen Höhenkurorten, wie Nuwara Eliya. Aber selbst in den besten indischen Gasthäusern darf der Fremde nicht erwarten, daß alles wie am Schnürchen geht, wie er es von den großen Hotels seiner Heimat her gewohnt ist. Man muß sich eben in die Landessitten fügen, und zwischen den Sitten Indiens und denen Europas liegt eine ganze Welt. Was dem Fremden in großen indischen Gasthäusern am meisten auffällt, ihn aber oft auch am meisten irritiert, ist der +Überfluß an dienstbaren Geistern+ und trotzdem der Mangel an einer sorgfältigen, auf die Wünsche des Gastes rasch und verständnisvoll eingehenden Bedienung. Obwohl es auch unter den indischen Dienern „Perlen“ gibt, läßt sich nicht bestreiten, daß die Bedienung in den Hotels im allgemeinen um so lässiger gehandhabt wird, je mehr Bediente vorhanden sind, und daß ein einziger gut geschulter, intelligenter europäischer Kellner oder ein tüchtiger deutscher Hausknecht der guten alten Art im Handumdrehen mehr leistet, als ein halbes Dutzend indischer Hotelbedienter in einer Stunde. Das liegt im System, in der komplizierten Standes- und Arbeitseinteilung, von der wir später noch sprechen werden, schließlich auch in der angeborenen Trägheit, der vom Klima und vom ganzen Milieu bedingten Gleichgültigkeit, mit der ein ungebildeter Inder dem Tun und Treiben des Europäers gegenübersteht. Man lernt die Seele der Eingeborenen erst nach langen Jahren des Aufenthalts unter ihnen einigermaßen — +nur einigermaßen, vollkommen niemals+ — kennen, und deshalb ist vom Fremden auch nicht zu verlangen, daß er sofort den richtigen Ton, die richtige Haltung im Verkehr mit seinem indischen Diener findet. Er macht begreiflicherweise Fehler, und der schlimmste Fehler ist der, in Übertragung europäischer Gewohnheiten auf indische Verhältnisse die saumselige Dienerschaft anzudonnern. Es läßt sich verstehen, daß der durch Hitze und andere Beschwerden oft höchst gereizte Ankömmling bei Gelegenheit die Nerven verliert und bei Nachlässigkeiten der Dienerschaft in Wut gerät. Aber das richtige Mittel ist es nicht, da man dem Inder nur mit +ruhiger Festigkeit+ beikommen kann; zornige Aufwallungen verfehlen gänzlich den Zweck. Abgesehen von gelegentlichem Dienstbotenärger fühlt sich der Reisende in einem großen Tropenhotel, wie etwa dem prächtig am Strande gelegenen Galle Face Hotel in Colombo, sehr wohl. Nach englischer Sitte sind die Fremdenzimmer, da nur für den Aufenthalt in der Nacht bestimmt, sehr einfach, aber zweckmäßig eingerichtet; das Bett wird ringsum von einem großen, bis auf den Boden wallenden Gazevorhang umhüllt, der den Moskitos, diesen gefährlichen Überträgern der Malariafieberkeime, den Zutritt zum Schläfer verwehrt. Gewöhnlich hat jedes Fremdenzimmer seinen eigenen Toilette- und Baderaum. Was diesen betrifft, so wird sich darin allerdings niemand von Faustens Wunsch: „Hier möcht’ ich volle Stunden säumen“ bewegt fühlen. Denn es ist kein hochelegantes „W. C.“, kein „~Bath-room~“ mit allen Schikanen, sondern nach Landessitte ein roh auszementiertes, dunkles Kabinett mit einem kleinen, offenen Tank, der abgestandenes Wasser enthält. Man badet stehend in der Weise, daß man mit einem Blechgefäß aus dem Tank Wasser schöpft und sich damit begießt. Die Benutzung von Badewannen sowie von heißem Badewasser ist in Indien wenig üblich. [Illustration: Aus einem ceylonischen Küstendorf mit Blick auf das Meer] [Illustration: John Hagenbecks erstes Bungalow in Colombo] [Illustration: Villenstraße in Colombo, rechts Eingang zu Hagenbecks Bungalow] Alle Bequemlichkeit und aller Glanz konzentrieren sich in den großen indischen Hotels auf die +Gesellschaftsräume+, die zum Aufenthalt der Gäste während des größten Teiles des Tages, sowie zum geselligen Beisammensein bestimmt und deshalb viel weitläufiger und luxuriöser angelegt sind, als es in deutschen Hotels der Fall zu sein pflegt. Da findet man einen großen Speisesaal, in welchem an kleinen Tischen gespeist wird, einen Lesesaal mit zahlreichen, allerdings fast ausschließlich englischen Zeitungen oder Zeitschriften, Rauchzimmer für die Herren, Salons für Damen, Billardraum, Musiksaal usw., nicht zu vergessen eine glänzend eingerichtete Bar, an der man vom Universalgetränk Whisky-Soda bis zum raffiniertesten Cocktail alle „alkoholischen Gifte“ erhält, die man begehrt. In allen Sälen surren elektrisch betriebene Ventilatoren und sorgen für Kühlung, überall laden verführerisch aussehende Liegestühle und Klubsessel zu schlemmerhaftem Faulenzen ein. Auch an Unterhaltung fehlt es nicht. In der „Hall“, auf der Veranda und im Garten stellen sich Händler ein, die unermüdlich mit einem schmeichlerisch leisen, betörenden Tonfall der Stimme ihre Schätze ausbreiten: Seidenstoffe, Stickereien, Teppiche, Edelsteine, Elfenbeinschnitzarbeiten und hundert andere „Curios“, wie sie der Fremde als Reiseandenken oder als Mitbringsel für die Lieben daheim gern zu kaufen pflegt. Daneben treten Gaukler auf und produzieren sich in ihren oft erstaunlichen Künsten, und beim nachmittäglichen Fünfuhrtee im Garten sorgt die Hausmusik oder die Militärkapelle für Ohrenschmaus. Kurz und gut, unter solchen Umständen, bei so vielen Bequemlichkeiten und Zerstreuungen ist es kein Wunder, wenn manche Hotelgäste aus dem Hotel überhaupt kaum herauskommen und sich die Tropenwelt eigentlich nur vom Klubsessel aus ansehen. Auch sonst ist für das leibliche Wohl gut gesorgt. Das erste einfache Vorfrühstück pflegt der Zimmerboy früh ans Bett zu bringen. Nach dem Aufstehen wird dann im Speisesaal ein kräftiges Frühstück, aus Eiern, Fleischspeisen und Obst bestehend, eingenommen. Zwischen 1 und 2 Uhr wird das Lunch oder Tiffin, wie man es in Süd- und Ostasien nennt, serviert und abends zwischen 7 und 8 Uhr beginnt die gemeinschaftliche Hauptmahlzeit, das Dinner, bei der nach englischer Sitte erwartet wird, daß der Gast im Gesellschaftsanzug erscheint. So reichhaltig die +Speisekarte+ auch ist, kann sie den deutschen Gaumen auf die Dauer kaum befriedigen. Er vermißt das Kräftige, Schmackhafte. Mit wenigen Ausnahmen ist die ganze englische Kolonialküche von abstoßender Fadheit, so daß man sich genötigt sieht, die verschiedensten Patentsoßen und scharfen Gewürze über die Speisen auszuschütten, damit sie nur überhaupt nach etwas schmecken. Schließlich hält man sich an solche Sachen, an denen nichts verdorben werden kann, wie zum Beispiel Reis mit Curry und das immer bekömmliche ~Ham and eggs~. So lebt der +Fremde+, der Hotelgast, in Colombo. Daß der ortsansässige Europäer, der +Kolonist+, ein bißchen anders lebt und sich dem süßen Nichtstun nicht in so ausgiebiger Weise hingeben darf, das ist selbstverständlich und davon wird später noch die Rede sein. * * * * * Nachdem ich so in großen Zügen, nur das Wesentliche herausgreifend, den Schauplatz meiner Tätigkeit und die ersten Eindrücke, die der Ankömmling in Ceylon empfängt, geschildert habe, kehre ich zu meinen ersten Unternehmungen auf der Insel zurück. Die +Verkehrsverhältnisse+ in Ceylon waren damals, in den achtziger Jahren, noch nicht so entwickelt wie heute. Von der Eisenbahn, die jetzt die ganze Insel durchzieht und sie seit 1914, über die Sandbänke der Adamsbrücke hinweg, auch mit dem indischen Festland verbindet, waren zu jener Zeit erst Teilstrecken in Betrieb. In den meistbevölkerten Provinzen gab es zwar schon gutgepflegte Landstraßen, auf denen auch Personenposten verkehrten, aber wer, wie ich, abseits von den allgemein betretenen Wegen zu tun hatte, mußte sich darauf einrichten, durch die pfadlose Wildnis zu wandern, in der es natürlich auch keine Unterkunftsstätten gab, und hatte seine ganze Ausrüstung dementsprechend zusammenzustellen. Während ich noch mit den Vorbereitungen zu der Einkaufsexpedition beschäftigt war, schickte ich meine Leute, die schon für unsere früher hier tätig gewesenen Reisenden gearbeitet hatten, nach dem 30 englische Meilen von Colombo entfernten +Elefantendistrikt von Labugama+ voraus und folgte ihnen nach einigen Tagen mit der Postkutsche nach. Die Leute hatten inzwischen unser kleines Zeltlager an günstiger Stelle, in Nähe einer Waldung, aufgeschlagen. Nun hieß es bei den verschiedenen Dorfvorstehern der Gegend Umschau halten und Erkundigungen einziehen, wo Elefanten verkäuflich wären. Wer in Ceylon auf dem Lande irgendetwas vorhat, irgendetwas durchsetzen will, kann nur mit Hilfe der +Ratamahatmas+, so heißen die Dorfvorsteher, zum Ziel gelangen. Der Ratamahatma, bisweilen ein Mann von vornehmer Herkunft und entsprechend hoher Kaste, verkörpert in seiner meistens sehr wohlgenährten Person die lokale Autorität, und von dem Grade seiner Dienstbereitschaft und seines Wohlwollens hängt es zum großen Teile ab, ob man die Geschäfte, bei denen er behilflich sein soll, rasch oder langsam oder überhaupt nicht vorwärts bringt. Man muß sich also mit dem Ratamahatma auf einen guten Fuß stellen, und das erfordert immerhin die Gabe der Einfühlung in die Gedankengänge des Singhalesen. Es gilt für den Verkehr mit ihm genau dasselbe wie für den Umgang mit indischer Dienerschaft und überhaupt mit allen Indern: durch schroffes Auftreten, durch geflissentliches Betonen der (oft sehr fragwürdigen) Überlegenheit des weißen Masters erreicht man gewöhnlich nur das Gegenteil des Gewollten. Der Singhalese hat ein feines Gefühl für Würde und Schicklichkeit, wünscht anständig und höflich behandelt zu werden, und das ist füglich auch sein gutes Recht. Wenn es mir in meiner Ceylon-Praxis, in der ich fortwährend mit Eingeborenen aller Klassen zu tun hatte und auf ihren Beistand und guten Willen angewiesen war, gelungen ist, ohne nennenswerte Reibungen stets ein gutes, oft freundschaftliches Verhältnis mit ihnen zu unterhalten, so lag es einfach daran, daß ich in ruhiger und höflicher Weise mit ihnen verkehrte, daß ich zwar energisch auf der Erfüllung übernommener Pflichten bestand, aber sonst niemals jenen dünkelhaften Herrenstandpunkt hervorkehrte, den manche übelberatene Europäer in völliger Verkennung der Sachlage gern betonen. Obwohl ich damals noch Neuling und ungewöhnlich jung war, gelang es mir doch schnell, das Vertrauen der Ratamahatmas zu erlangen. Wie ich von ihnen hörte, hatte in der Gegend vor kurzem ein +Elefantenkraal+ stattgefunden, wobei man über vierzig wilde Elefanten gefangen hatte. An Tiermaterial fehlte es also nicht. Das erste Angebot, das mir gemacht wurde, betraf zwei Babyelefanten von vier Fuß Höhe, die aus dem Kraal stammten und deshalb noch sehr scheu waren. Wir wurden handelseinig, und ich setzte mit meinen Leuten und den Babyelefanten die Reise mit Ochsenkarren fort. Es ist keine ganz einfache Sache, solche verängstigten, störrischen, immer aufs Ausreißen bedachten Tiere unter Schwierigkeiten aller Art auf schlechten Wegen zu transportieren. Auf der Station Awisawella konnte ich nach tagelangem Feilschen einen schon gezähmten, sieben Fuß hohen Arbeitselefanten erwerben. Ich habe schon früher darauf hingewiesen, mit welcher Leidenschaft und Zähigkeit die Eingeborenen bei jedem Geschäft zu handeln pflegen. Glatte Geschäfte wie im europäischen Kaufmannsleben, aus Angebot und Ja oder Nein bestehend, gibt es im Verkehr mit Indern nicht, am wenigsten im +Elefantenhandel+. Anfangs scheint es immer, als ob es niemals zum Abschluß kommen würde, weil zwischen Forderung und Gebot eine unüberbrückbare Kluft gähnt. Stunden und oft Tage vergehen, und zehnmal machen die Parteien Miene, die hoffnungslosen Verhandlungen abzubrechen. Inzwischen wird der Singhalese nicht müde, die Vorzüge des fraglichen Tieres immer aufs neue herauszustreichen und mit Emphase zu versichern, daß gerade dieser Elefant sein liebster sei, und daß er sich gar nicht an den Gedanken gewöhnen könne, das Tier künftig nicht mehr um sich zu haben. Wie man daraus ersieht, trifft alles, was beim europäischen Pferdehandel üblich ist, auch auf den indischen Elefantenhandel zu, allerdings in entsprechender elefantenhafter Vergrößerung. Aber im Gegensatz zu der meistens nur vorgetäuschten Sentimentalität des Pferdehändlers sind die Gefühle des Singhalesen für seine Elefanten durchaus echt. Der Elefant steht bei den Indern in höchstem Ansehen, und besonders der Singhalese bringt seinen Dickhäutern eine Liebe entgegen, die keineswegs nur durch den hohen Wert des Tieres bedingt ist. Ich habe es mehr als einmal erlebt, daß nach Abschluß eines Elefantengeschäfts der bisherige Besitzer des Tieres samt seiner ganzen Familie in Tränen ausbrach, wenn ich mich zum Abzuge mit dem Elefanten rüstete, und das war nicht etwa eine geschickt inszenierte Rührkomödie, sondern der ungekünstelte Ausdruck echter Gefühle. Der in Awisawella gekaufte Arbeitselefant kam uns sehr zustatten, weil wir mit seiner Hilfe die beiden zeitweilig wilden Babyelefanten im weiteren Verlauf unserer Reise besser befördern konnten. Wir verbanden sie mit dem großen Elefanten durch Stricke, und wenn sie nun bei Gelegenheit ihren Raptus bekamen und ausbrechen wollten, schleppte der Arbeitselefant die unartigen Kleinen mit größter Ruhe einfach mit. Bald erreichten wir +Ratnapura+, die Stadt der Edelsteine, inmitten von Tee- und Kautschukpflanzungen am Fluß Kalu Ganga gelegen. Im Reichtum an +Edel- und Halbedelsteinen+ kommt kaum ein anderes Land Ceylon gleich. Den höchsten Preis erzielen Rubine; auch die Saphire, besonders die farblosen weißen, sind sehr geschätzt. Unter den Halbedelsteinen steht der Mondstein, ein Orthoklas-Feldspat von silbrigem, bläulichem Schimmer, an Wertschätzung obenan, nächst ihm wetteifern Topas, Turmalin, Granat, Aquamarin, Zirkon und Spinell um die Gunst. In meiner ersten Ceylon-Zeit waren die schönen Steine noch recht billig zu haben, aber die steigende Nachfrage der Touristen hat nicht nur eine sehr namhafte Verteuerung bewirkt, sondern es auch dahin gebracht, daß massenhaft Fälschungen in Umlauf kommen, die das Auge des Nichtkenners von den echten Steinen kaum zu unterscheiden vermag. In Ratnapura also, dem Mittelpunkt des Edelsteinhandels, machte ich die Bekanntschaft des Ratamahatma Ellawella, eines der reichsten und angesehensten Fürsten, eines Nachkommens des früheren ceylonischen Königsgeschlechts. Ellawella bewohnte einen sehr schönen, palastähnlichen Bungalow inmitten einer Kokosnußpflanzung und besaß eine ansehnliche Anzahl Arbeitselefanten. Er bot mir vier größere Elefanten von 5–7 Fuß Höhe an, die sich bereits seit einigen Monaten in Gefangenschaft befanden und soweit gezähmt waren, daß man sie transportieren konnte. Nachdem ich die Elefanten in dem 15 Meilen entfernten Ort, wo sie untergebracht waren, übernommen hatte, ereignete sich auf dem Weitermarsch ein kleiner Zwischenfall, der mich zu einer zweitägigen Unterbrechung unserer Reise zwang. Wir hatten nämlich — es war am 20. Dezember — unser Zeltlager mitten im Urwald aufgeschlagen und die Elefanten in nächster Nähe angebunden, wobei ich den Wärtern einschärfte, daß sie sich unter keinen Umständen von den Tieren entfernen dürften. Wahrscheinlich war es aber den Leuten geglückt, sich beim Passieren des letzten Dorfes auf mehr oder minder lautere Weise eine Flasche Arrak zu verschaffen. Im allgemeinen sind die Singhalesen und Tamulen sehr nüchtern, teils aus religiösen Gründen, teils deshalb, weil sie keine große Neigung zu flüssigen Rauschmitteln haben und diese auch für die Mehrzahl zu teuer sind. Es gibt aber Ausnahmen, jedenfalls ist es eine Tatsache, daß Trunk- und Spielsucht jene Laster sind, die den Eingeborenen am meisten zu Verstößen gegen das Gesetz verführen. Genug, meine beiden Elefantenwärter hatten zweifellos, wie man zu sagen pflegt, gehörig einen „hinter die Binde“ gegossen, obwohl eine Halsbinde eigentlich nicht zu den Bestandteilen der Eingeborenenkleidung gehört. Am nächsten Morgen gegen Sechs erhob ich mich von meinem Lager, um nach den Tieren zu sehen. Wer beschreibt meinen Schreck, als ich zwar die größeren Elefanten noch im tiefsten Schlafe vorfand, aber die Entdeckung machen mußte, daß unsere „Nestkükchen“, die beiden Babyelefanten, verschwunden waren! Auch die Wärter waren nicht zu sehen, und erst nach einigem Suchen konnte ich sie hinter einem Gebüsch in todesähnlichem Schlummer aufstören. Ihren weit aufgerissenen Mündern entfuhren rasselnde Schnarchtöne, und die neben ihnen liegende leere Arrakflasche ließ keinen Zweifel darüber, was sich ereignet hatte. Das ging mir denn doch wider den Strich. Ich riß die Missetäter in etwas unsanfter Weise aus Morpheus’ Armen, und soweit das bei ihrem verwirrten und verkaterten Zustand möglich war, machte ich ihnen das Geschehene klar. Ich wusch ihnen nach allen Regeln der Kunst den Kopf und rief auf singhalesisch: „~Ko, dekai punchi alia?~“ (Wo sind die zwei kleinen Elefanten?), worauf ich die lakonische Antwort erhielt: „~Api dande nee~“ (wir wissen nicht). Die kleinen Elefanten, die jedenfalls in sehr nachlässiger Weise angebunden waren, hatten sich losgerissen und waren vielleicht schon seit vielen Stunden im Dickicht verschwunden. Es galt nun, die wertvollen Flüchtlinge zu verfolgen und alles daran zu setzen, ihrer wieder habhaft zu werden. Die Aussichten waren schwach genug, denn die Spuren der Tiere verloren sich bald, und wir setzten die Streife eigentlich nur aufs Geratewohl und in der Hoffnung auf einen ungewöhnlichen Glücksfall fort. So legten wir am ersten Tage vergeblich neun Meilen zurück, aber am Nachmittag des zweiten Tages, nachdem wir schon todmüde und in verzweifelter Stimmung waren, geschah das Unerwartete, daß wir die Ausreißer plötzlich in einem versteckt liegenden kleinen Wasserbecken entdeckten. Meine Leute umstellten leise das Becken, in dem die Babyelefanten, der wiedergewonnenen Freiheit froh, gemütlich plätscherten und sich gegenseitig wie mutwillige Kinder bespritzten. Mit Hilfe unserer Arbeitselefanten gelang es uns, die Ausreißer einzufangen und sie noch in der folgenden Nacht, bei Mondschein marschierend, zur Lagerstelle zurückzubringen. Dieser noch glücklich abgelaufene Zwischenfall diente mir zur guten Lehre, in Zukunft persönlich die schärfste Aufmerksamkeit auf die Tiere zu richten und mich nicht allzusehr auf die Wärter und ihre Nüchternheit zu verlassen. So kam der 24. Dezember heran, der erste Weihnachtsabend, den ich fern von der Heimat und dem Elternhaus in der Wildnis verbringen sollte. Wir waren seit dem Abenteuer mit den Babyelefanten ein Stück weiter gezogen und hatten noch ein paar Elefanten erstanden, so daß sich unsere Herde bereits auf sieben Dickhäuter belief. Auf halbem Weg nach Rakwana, südlich vom Adamspik, nicht weit von einem Dorfe entfernt, schlugen wir unser Lager an einer Stelle auf, wo sich den Elefanten reichlich Grünfutter bot; riesige Urwaldbäume umgaben das kleine Kamp. — Nachmittags ging ein schweres Gewitter nieder. Zwei Stunden lang dauerte der Aufruhr der entfesselten Elemente, fast unaufhörlich folgten sich Blitz und Donner, krachend zersplitterten in allernächster Nähe von uns ein paar Bäume, und wir hatten alle Hände voll zu tun, um die Tiere zu sichern, die in ihrer Angst wütend an den Stricken zerrten und mit Gewalt ausreißen wollten. Gegen Sonnenuntergang zog endlich das Unwetter ab, aber der regennasse Wald dunstete nun seine Feuchtigkeit aus, so daß wir wie in einem heißen Dampfbade saßen und vor Nebel kaum die Hand vor Augen sehen konnten. Selbst die ärgste Sonnenglut lastet bei trockener Luft nicht so drückend schwer, so unerträglich brennend auf der Haut, wie diese heiße Feuchtigkeit, bei der man das Gefühl hat, als ob alle Poren verstopft wären und eine unsichtbare Faust die Kehle umklammert, daß die Brust kaum zu atmen vermag. Ich hatte den ganzen Tag über gar nicht an Weihnachten gedacht, und erst jetzt, als ich mich, völlig durchnäßt von Dunst und Schweiß und furchtbar erschöpft, auf meinen Feldstuhl vor dem Zelt niederließ, kam es mir in den Sinn, daß ja Heiliger Abend wäre. Man muß die Feste feiern, wie sie fallen. Zum Glück befand sich unter meinem Proviant noch etwas Whisky und Sodawasser. Zum „Teetotaler“, wie die Engländer und die Amerikaner die völligen Abstinenzler nennen, habe ich, um es offen zu sagen, mein Lebtag kein Talent gehabt. Sicherlich ist in den heißen Ländern starke Neigung zu geistigen Getränken noch viel gefährlicher als in den gemäßigten Zonen, und ich habe es leider öfter erleben müssen, daß sonst ganz tüchtige Europäer dort unten allmählich, in manchen Fällen auch unheimlich rasch, nur deshalb zugrunde gingen, weil sie sich das Trinken angewöhnt hatten und sich von der geliebten „~bottle~“ und den scharfen Mixturen des Barkeepers nicht mehr trennen konnten. Die Versuchung dazu ist an solchen Plätzen, wo es an anregendem Umgang, besonders an Umgang mit gebildeten Damen, und an geistiger Zerstreuung fehlt, oft groß genug. Wie bitter sich also auch in den Tropen der allzu häufige „Flaschenzug“ rächt, so halte ich es doch für übertrieben, gleich ins andere Extrem zu verfallen und jeden alkoholischen Tropfen in Acht und Bann zu erklären. Das Bekömmliche liegt auch hier, wie meistens überall, auf der goldenen Mittelstraße. Wer von Hause aus gewöhnt ist, sein Gläschen zu trinken, und sich dabei wohl fühlt, soll getrost auch in heißen Ländern seiner Gewohnheit treu bleiben. Zu großen Zechereien wird er sich ohnehin kaum aufgelegt fühlen, weil das Bedürfnis nach alkoholischen Getränken bei Hitze ziemlich gering ist. Das ideale Anregungsgetränk in warmen Ländern ist Whisky von guter Qualität, mit Sodawasser gemischt. Da man es überall in den Kolonien in gleichmäßiger Güte erhält, hat es sich zum internationalen Universalgetränk entwickelt. Es wirkt angenehm erfrischend und anregend, hilft über Verstimmung und Anfälle von Melancholie (die beim Kolonisten häufiger sind, als man wohl annehmen mag) hinweg und hinterläßt bei mäßigem Genuß keine üblen Folgen. Damit soll nun durchaus nichts gegen die Enthaltsamkeit gesagt sein. Sicherlich mag für manchen aus mancherlei Gründen die Abstinenz das Gebotene sein. Die menschlichen Naturen reagieren eben auf Alkoholgaben in sehr verschiedener Weise, und es geht durchaus nicht an, alles über einen Leisten schlagen zu wollen. Nach dieser kleinen alkoholischen Abschweifung kehre ich zu meinem Heiligen Abend im Urwald zurück. Ich braute mir also aus Whisky und Sodawasser die übliche Mischung und während ich mein mehr als bescheidenes Abendmahl, das einzige, das mein Koch mit Geschmack zubereiten konnte, nämlich das unverwüstliche „Reis und Curry“, verzehrte und hin und wieder einen Schluck dazu trank, dachte ich an die Heimat und an die Lieben daheim und an den leuchtenden Christbaum. Wie ein Wunder mutete es mich an, als um die achte Abendstunde plötzlich der Nebel wich und der Himmel sein funkelndes Sternenzelt über den Urwald ausbreitete. Als hätten sie nur auf den Augenblick gewartet, um auch ihrerseits etwas zur Festbeleuchtung beizutragen, glimmten jetzt Tausende und Abertausende von Feuerfliegen im Walde auf. Die ceylonischen Feuerfliegen, richtiger Leuchtkäfer (~Luciola sinensis~ und ~humeralis~), verbreiten nicht wie unsere deutschen Glühwürmchen ein gleichmäßig strahlendes Licht, sondern blitzen in Zwischenräumen von etwa einer Sekunde auf, um nach kurzem Funkeln wieder zu erlöschen. Dieses fortgesetzte rhythmische Funkeln des grünlichen Lichtes ist bei der großen Anzahl der schwirrenden Tierchen von bezauberndem Reiz. Es gibt außerdem noch einen ganz großen, zwei Zentimeter langen Leuchtkäfer (~Lamprophorus tenebrosus~), der sich im Gebüsch aufhält und ein so starkes Licht wie eine kleine Laterne verbreitet. „Die Nacht ist keines Menschen Freund“, heißt es bei Gellert. Der Eingeborene hat davon natürlich noch nichts gehört, aber er schließt sich dennoch durchaus der Meinung des Dichters an. Die Nacht ist zum Schlafen da, am allerwenigsten aber dazu, in Naturgenuß zu schwelgen. Dafür haben die Singhalesen und die Tamulen überhaupt nicht das geringste übrig. Als gänzlich unsentimentale Menschen haben sie, wie alle sogenannten Naturkinder, ein rein sachliches Verhältnis zur Natur, genau wie das Tier. Ästhetische Naturbetrachtung ist dem gewöhnlichen Eingeborenen fremd, deshalb läßt ihn auch die Schönheit der Naturschauspiele, das Geräusch des Urwaldes, das Zirpen der tausend Grillen, das Gekreisch der fliegenden Hunde und anderer Tiere (von der ewigen Stille des Urwaldes kann keine Rede sein), im allgemeinen ganz kalt. Auf einen so verdrehten Gedanken, sich einsam am funkelnden Spiel der leuchtenden Insekten zu weiden, kann eben nur ein europäischer Master verfallen, der ja ohnehin einen höchst sonderbar konstruierten Schädel hat. So dachten auch meine Leute und hatten sich längst zum Schlafe ausgestreckt. Und als ich so bei meiner Weihnachtsfeier in der Wildnis unter dem Sternenhimmel saß und sann und mich der tausend Lichter erfreute, die mir das Christkind angesteckt hatte, trieb es mich plötzlich, ohne jede Überlegung eine Unvorsichtigkeit zu begehen, die einem erfahrenen alten Buschmann und Shikari (Jäger) nicht passiert. Ich wollte nämlich einmal einen der großen, schwerfälligen Leuchtkäfer, einen Lamprophorus, packen und mir bei meiner Laterne genau besehen. Zu diesem Zweck näherte ich mich einem Gebüsch, aus dem ein besonders kräftiges Licht erstrahlte, bückte mich und griff mit der rechten Hand ins Blättergewirr, um nach dem Käfer zu haschen, der ja, wie mir bekannt war, ein ganz harmloses engerlingähnliches Tier ist. Ich dachte im Augenblick leichtsinniger Weise nicht daran, daß im Buschwerk, zumal zur Nachtzeit, auch andere, minder harmlose Lebewesen nisten und lauern. Als meine tastende Hand so den Leuchtkäfer zu ergreifen suchte und ich ihn gerade zu packen glaubte, fühlte ich, wie etwas am Unterarm entlang strich, hörte ein Rascheln —, im jähen Schreck riß ich den Arm und zugleich den ganzen Körper zurück, so daß ich, bei meiner gebückten Stellung, auf den Rücken fiel. Unwillkürlich stieß ich dabei einen Schrei aus. Mein in der Nähe im Zelt liegender Boy, der den leisen hellhörigen Schlaf eines Hundes hatte, war sofort munter und lief herbei. Im selben Augenblick war ich auch wieder auf den Beinen, leuchtete mit der Laterne vorsichtig ins Gebüsch, und wir sahen nun den Verursacher meines Schrecks, eine ungewöhnlich große Tik Palonga, eine sehr große Viper mit dreieckigem Kopf, die gefürchtetste Giftschlange Ceylons, gefährlicher als die Kobra oder Brillenschlange, weil sie bei ihrer Reizbarkeit ohne Zaudern blitzschnell zubeißt, sobald sie sich angegriffen wähnt, während die schwerfällige Kobra zunächst immer eine abwartende Drohstellung einnimmt. Es war unvorsichtig von mir gewesen, im Dunkel aufs Geratewohl in ein Gebüsch hineinzugreifen, und ich habe mir das für die Folgezeit zur Lehre dienen lassen. Die Sache hätte sehr leicht ein übles Ende nehmen können. Die Schlange wird von den Singhalesen besonders gefürchtet, da durch den Biß sofort Starrkrampf eintritt und keine Hilfe möglich ist. Die Folge davon war, daß meine Leute sich ein Feuer anmachten, um die Schlange zu verscheuchen. Das war mein erstes Zusammentreffen mit einer Giftschlange. Von anderen Abenteuern ähnlicher, aber nicht ganz so harmloser Art wird später die Rede sein. Meine Weihnachtsfeier war damit beendigt; ich warf noch einen letzten Blick auf das unsagbar schöne Glitzern und Funkeln ringsum und zog mich dann mit meinem Boy ins Zelt zurück, um dort alsbald in traumlosen, tiefen Schlaf zu verfallen. Wir setzten am nächsten Tage die Reise fort und gelangten bald nach Rakwana. Um endlich wieder einmal etwas mehr Bequemlichkeit zu genießen, machte ich von dem in Rakwana befindlichen Rasthaus Gebrauch. Diese +Rasthäuser+ sind Unterkunftsstätten, die das Gouvernement in den bewohnten Gegenden in Zwischenräumen von 12–15 Meilen an den Hauptstraßen errichtet hat und für die Reisenden, in erster Linie für die Beamten auf Dienstreisen, zum vorübergehenden Gebrauch offen hält. Ein Rasthaus enthält gewöhnlich 4–6 Schlafräume, ein Speisezimmer und eine bequeme breite Veranda mit den üblichen Liegestühlen und Tischchen, außerdem die zur Bewirtschaftung nötigen Nebenräume. Der Reisende hat nur drei Tage Anrecht auf Unterkunft und muß nach Ablauf der Zeit sein Zimmer räumen, wenn andere kommen; ist das aber nicht der Fall, so darf er auch länger im Rasthaus weilen. Die Bewirtschaftung liegt in den Händen eines eingeborenen Pächters, der für Unterkunft, Kost und Bedienung einen von der Regierung festgesetzten, ziemlich mäßigen Preis zu berechnen hat. Ich habe auf meinen zahllosen Wanderungen in Ceylon immer sehr gern in den Rasthäusern gewohnt. Wer keine übertriebenen Ansprüche stellt und besonders nicht an den meistens höchst bescheidenen Darbietungen der Küche Anstoß nimmt, fühlt sich in dem gemütlichen, stillen Rasthause wohler, als in den geräuschvollen Großstadthotels, und findet dort auch Gelegenheit zu interessanten Bekanntschaften mit anderen Gästen, mit Ingenieuren, Beamten, Pflanzern, Forschern usw. Natürlich trifft man bisweilen auch sehr elende Rasthäuser, besonders ist das auf dem indischen Festland der Fall. Durch die Vermittlung des Ratamahatma von Rakwana, Elmalagoda, der sich meiner in freundlichster Weise annahm, wurde mir ein unvergeßliches Vergnügen zuteil. Ungefähr 16 Meilen von Rakwana entfernt befindet sich mitten im Urwald ein kleiner See, der des Nachts gern von +wilden Elefantenherden+ besucht wird. Der Elefant liebt das Wasser sehr, ihm ist das tägliche Bad ein Bedürfnis, und die wilden Elefanten pflegen besonders gern in mondhellen Nächten zu baden. Da ich bisher noch keine Gelegenheit gehabt hatte, eine ganze Herde wilder Elefanten beim Baden und Tränken zu beobachten, war ich sehr erfreut, als mich der Ratamahatma Madnanwella zu einem nächtlichen Ausflug nach diesem Waldsee einlud. Wir machten uns gegen Abend mit der nötigen Dienerschaft in Ochsenkarren nach dem Waldbezirk auf, und die erfahrenen Elefantentracker des Ratamahatma stationierten uns in Nähe des Sees auf einem kleinen Hügel, von dem wir den ganzen See überblicken konnten, ohne von dort aus selbst gesehen zu werden. Meine Geduld wurde anfangs auf eine harte Probe gestellt, denn mehrere Stunden vergingen, ohne daß ein Dickhäuter sich blicken ließ. Wir mußten uns mäuschenstill verhalten und lagen ausgestreckt auf einer Matte am Boden. Endlich, als mir von dem ungewohnten stillen Liegen schon die Glieder schmerzten, erscholl aus dem Dschungel ein Rascheln und ein Knacken, und aus dem Dickicht trat, im hellen Mondlicht deutlich zu sehen, ein großer weiblicher Elefant von etwa neun Fuß Höhe in die Lichtung am See. Mit hoch erhobenem Rüssel hielt er vorsichtig nach allen Seiten Umschau, um dann langsam und gravitätisch vorwärts zu schreiten, als er sich davon überzeugt hatte, daß die Luft rein und kein Feind in der Nähe war. Ihm folgte auf dem Fuß eine Herde von 35–40 Elefanten, darunter zum Schluß einige Mutterelefanten mit ihren Jungen. Es war ein höchst drolliger Anblick, wie sich die tolpatschigen „Elefantenküken“ mit ihren Rüsseln an den Schweif der Mutter klammerten und so langsam vorwärts ziehen ließen über den abschüssigen Boden, auf dem sie sich wahrscheinlich noch nicht sicher genug fühlten. Die ganze Herde begab sich nun ins Wasser. Auch die „Küken“ wollten gern ihr Bad nehmen, aber die Mütter schienen der Sache nicht recht zu trauen, vielleicht weil sie fürchteten, daß der See für die Kleinen doch zu tief wäre. Jedenfalls ward ihnen der Zutritt zum Wasser verwehrt, und sie mußten sich damit begnügen, daß ihnen die Mütter ein paar Rüssel voll von dem erfrischenden Naß über den Rücken spritzten. Es war beim magischen Licht der Mondnacht ein wundervolles, ganz märchenhaftes Schauspiel, wie sich die große Elefantenherde, die Nähe ihrer Beobachter nicht ahnend, in völliger Unbefangenheit im Wasser tummelte, sich gegenseitig fröhlich bespritzte und sich auch bei der Reinigung mit dem Rüssel einander Beistand leistete. In den Hautfalten der Dickhäuter nistet sich allerlei Ungeziefer ein, und die lästigen Gäste hinauszukomplimentieren, ist nächst der Erfrischung der Hauptzweck des Bades. Eine Stunde lang dauerte das muntere Treiben, dann verließen die Elefanten den See und traten wieder den Rückzug an in das Dschungel. Wir hörten noch eine Zeitlang das Rascheln und Knacken im Gehölz, bis es immer schwächer wurde und schließlich verscholl. Nun machten auch wir uns auf den Rückmarsch nach dem Rasthaus, das wir gegen Morgen erreichten. Ich hatte einen der schönsten Anblicke meines Lebens, ein ganz einzigartiges Naturschauspiel von unvergeßlichem Reiz genossen. Nachdem ich in Rakwana noch drei Elefanten erworben hatte, begab ich mich mit meiner Herde, die jetzt zehn Dickhäuter umfaßte, nach Kandy, brachte sie in Nähe der alten Königsstadt unter und reiste nach Colombo zurück. Als ich dort eintraf, erhielt ich aus Hambantota die Mitteilung, daß dortselbst meine Leute sechs Leoparden eingefangen hätten, außerdem eine Anzahl Pythonschlangen und Rieseneidechsen, sowie mehrere Axis- und Aristoelishirsche. Mein Shikari strahlte vor Vergnügen wie ich, und wir machten uns beide alsbald nach Hambantota auf, um dort die Tiere abzuholen und mit Ochsenkarren nach Colombo zu schaffen. Jetzt war es aber auch hohe Zeit, mit dem Engagement der Singhalesentruppe zu beginnen. Der geeignete Ort dafür war die kleine Stadt Wattagama in Nähe von Kandy, weil sich dort die meisten buddhistischen Tempeltänzer befinden. Unter +Tempeltänzer+ versteht man in Indien berufsmäßige Tänzer, die ursprünglich dem Tempelkultus geweiht sind und religiöse Reigen aufführen, dann aber nebenbei oder auch ausschließlich weltlichen Zwecken dienen und ihre Künste gegen Entgelt in der Öffentlichkeit bei Volksfesten und anderen Gelegenheiten zum besten geben. Das weibliche Gegenstück bildet die „+Bajadere+“, die Tänzerin. Die aus dem Portugiesischen stammende Bezeichnung Bajadere ist nur dem Europäer geläufig, der Inder nennt sie Dewedaschie, d. h. Dienerin der Götter, oder +Nautschmädchen+ (Nautsch heißt Tanz). So von Poesie umflossen, wie man es sich in Europa gern vorstellt — und wobei der Deutsche vielleicht an Goethes herrliches Gedicht „Der Gott und die Bajadere“ denkt — ist das Nautschmädchen vom allgemein üblichen Schlage nun freilich nicht. Die eigentlichen Dewedaschies nehmen allerdings einen hohen Rang ein, dienen dem religiösen Kultus und wohnen innerhalb der Ringmauern des Tempels unter Aufsicht des Oberpriesters. Der Europäer kommt mit dieser vornehmen Spezies Bajadere niemals in nähere Berührung. Die gewöhnlichen Nautschmädchen dagegen haben mit dem höheren Kultus nichts zu tun, genießen völlige Bewegungsfreiheit und ziehen mit ihren Musikern im Lande umher, um von der Tanzkunst zu leben. Und nicht bloß von der Tanzkunst, sondern auch von der Betätigung der freien Liebe. Man findet sehr hübsche, wohlgebaute Mädchen unter ihnen, sie bringen es häufig zu ansehnlichem Wohlstand. Eine besondere Abart der Tempeltänzer stellen die +Teufelstänzer+ dar, deren ekstatische Vorführungen an ähnliche Produktionen der heulenden und tanzenden Derwische erinnern. Sie sind in phantastische Kostüme gekleidet, und eine wilde Musik von rasselnden, trommelnden, pfeifenden Instrumenten, die den europäischen Zuschauer ziemlich rasch in die Flucht schlägt, begleitet den Tanz. Der Teufelstänzer verhält sich zunächst scheinbar gleichgültig und widerstrebend. Erst wenn die Musik schneller und lauter wird, kommt der Mann in immer heftigere Erregung. „Manchmal nimmt er“ — so heißt es in einer Schilderung des Tanzes von Bischof Caldwell — „um sich in Raserei zu versetzen, innere Mittel ein, oder er schneidet und zerreißt seine Haut, bis Blut fließt, er geißelt sich mit einer mächtigen Peitsche, er drückt einen Feuerbrand an seine Brust, trinkt das Blut, das seinen eigenen Wunden entströmt, oder das des Opfertieres, zumeist einer Ziege. Dann schwingt er, als ob ein neues Leben in ihn gefahren wäre, seinen schellenbesetzten Stab und beginnt mit wilden ungleichmäßigen Schritten zu tanzen. Plötzlich kommt die Eingebung, man sieht es an seinem starren Blick, seinen wahnsinnigen Sprüngen. Er faucht, stiert vor sich hin, wirbelt im Kreise herum. Er ist jetzt vom Teufel besessen, und obwohl er die Fähigkeit behält, sich zu äußern und zu bewegen, so steht doch beides unter der Kontrolle des Teufels, sein eigenes Bewußtsein ist abwesend. Die Umstehenden geben Kunde von dem Ereignis, indem sie einen eigentümlichen langen Schrei ausstoßen. Der Teufelstänzer wird jetzt wie eine Gottheit verehrt; die Anwesenden tragen ihm allerlei Fragen und Wünsche vor, über Krankheiten und dergleichen, und bitten um seinen Rat. Da der Teufelstänzer völlig einem Verrückten gleicht, hält es schwer, seine doppelsinnigen oder sinnlosen Antworten, sein Gemurmel und seine absonderlichen Gebärden richtig auszulegen; aber die Wünsche der um Rat Fragenden kommen der Deutung seiner Worte und Zeichen gut zu Hilfe.“ In dieser krassen Form, wie sie hier geschildert werden, bekommt der europäische Tourist die Vorführungen der Teufelstänzer nicht zu Gesicht. Was man ihn für sein gutes Geld sehen läßt, ist eine harmlos phantastische Komödie, die selbst der zimperlichsten alten Miß kein „Shocking“ zu entlocken vermag. Aber ich habe bei meinen guten Beziehungen mehr als einmal Gelegenheit gehabt, der diskret verborgene Beobachter echter Teufelstänze zu sein, und kann deshalb bestätigen, daß die Schilderung des Bischofs Caldwell keineswegs übertrieben ist. Im Gegenteil, die Vorführungen nehmen oft noch viel wildere, wahrhaft schauerliche Formen an, auf die ich jedoch mit Rücksicht auf die Nerven meiner Leser nicht näher eingehen möchte. Ekstatische Zustände und Darbietungen ähnlicher Art sind bei allen Naturvölkern der Erde zu finden, ja sogar bei manchen christlichen Sekten spielen sie bekanntlich noch heute, wenn auch in bedeutend abgeschwächter Form, eine Rolle. [Illustration: Indische Tänzerinnen und Musikantinnen (Text Seite 47)] [Illustration: Plauderstündchen bei John Hagenbeck in Colombo] [Illustration: Einfaches Pflanzerhaus in Ceylon] Außer den Tänzern engagierte ich für unsere europäische Tournee auch eine große Anzahl von Elefantenwärtern, Zauberern, Gauklern, Schlangenbeschwörern und anderen charakteristischen Gestalten des indischen Volkslebens, ferner Frauen mit ihren Kindern. Es erforderte natürlich viel Überredungskunst und diplomatische Geschicklichkeit, um mit den Leuten handelseinig zu werden. Sie hatten ja von dem fernen Europa nur ganz nebelhafte, absonderliche Vorstellungen, waren voller Mißtrauen und scheuten außer der langen Trennung von ihrer Heimat und ihrer Familie vor allem auch die weite, nach ihren Begriffen ungeheuer gefährliche Seefahrt. Aber „Bargeld lacht“, das gilt auch für Indien. Ein sofort in die Hand gezahlter größerer Vorschuß hat immer etwas Überzeugendes an sich, außerdem genoß auch der Name Hagenbeck einen so guten Ruf, daß er das Mißtrauen schließlich besiegte. Ich durfte mit dem Ergebnis meiner Bemühungen zufrieden sein, und als es endlich soweit war, daß ich mich in Colombo an Bord der „Lydia“ mit Heimatskurs einschiffen konnte, da sah ich eine überaus stattliche Truppe farbiger Menschen und wertvoller exotischer Tiere um mich geschart. Meine Expedition hatte vollen Erfolg gehabt und der Erfolg blieb uns auch auf unserer großen Tournee in Europa treu. Nachdem wir nach angenehmer Fahrt in Southampton angelangt waren, gaben wir unsere erste Vorstellung in London, bereisten ganz England und verbrachten zwei Monate in Paris. Ich ging dann bald darauf nochmals nach Ceylon, um für den Zirkus, den mein Bruder Carl Hagenbeck inzwischen gegründet hatte, wiederum eine größere Anzahl Elefanten zu kaufen. Nach Europa zurückgekehrt, bereiste ich mit einer Singhalesenkarawane Rußland, Finnland, die skandinavischen Staaten, Spanien, Österreich-Ungarn usw., kurz, so ziemlich die ganze alte Welt. Viel Interessantes und Kurioses wüßte ich von diesen Kreuz- und Querfahrten, in deren Verlauf ich auch selbst als Vortragender, sowie als Elefantendompteur öffentlich auftrat, zu erzählen. Aber da dieses Buch in erster Linie mein Leben in Indien zum Gegenstand hat, gehe ich über die europäischen Ereignisse meiner Laufbahn einstweilen hinweg und behalte mir vor, bei Gelegenheit, wenn sich gerade Anknüpfungspunkte bieten, auf den einen oder den anderen Vorfall zurückzugreifen. [Illustration] [Illustration] Drittes Kapitel Kaufmann, Tierhändler und Pflanzer Ich mache mich selbständig und gehe wieder nach Ceylon — Verflogene Perlenträume — Etablierung als Shipchandler und Stevedore — Vom Kaufmannsleben in der heißen Zone — Man intrigiert gegen mich — Ein sauberer Anschlag und sein Fiasko — Ich werde Tierexporteur und Pflanzer — Erholungsstunden — Wie Onkel Kravell in den Brunnen fiel — Hypnotiseur und Tiger Nach Abschluß der großen Tournee mit der Singhalesen- und Elefantenkarawane trat ich aus der Firma Carl Hagenbeck aus, um meinem Drange zu völliger Selbständigkeit Folge zu leisten. Mit großen Plänen trug sich mein jugendlich unternehmungslustiger Kopf, und sie drehten sich in der Hauptsache wieder um +Ceylon+. Denn ich war nun einmal, soviel stand fest, dem fernen Tropenparadies rettungslos verfallen; mit magnetischer Gewalt zog es mich zu dem palmenumrauschten Strand, zu den bräunlichen Menschen, zu den Dschungeln mit ihrer unbändigen Schöpfungskraft, ihrer exotischen Tierwelt, zu den einsamen, wilden Bergen rings um den Adamspik, zu der glühenden Sonne und dem ewigen Meer. Ein ganz bestimmtes Gefühl sagte mir, daß ich mein Lebensglück nur in Ceylon finden könnte. Und in der Tat, das Gefühl hat mich nicht getäuscht. Ich habe mein Glück auf der Tropeninsel gefunden — um es zuletzt wiederum zu verlieren. Aber gleichviel, es war doch einmal mein, dieses Glück! Was wollte ich also in Ceylon, was gedachte ich dort zu beginnen? Nun, so mancherlei. Ceylon ist ja nicht bloß die Insel der Elefanten und anderer Wundertiere, es gibt dort noch so viele andere Dinge, um die zu bemühen sich wohl lohnt. Zum Beispiel die +Perlen+. Die Perlen Ceylons waren schon im frühen Altertum, Jahrhunderte vor Christi Geburt, beliebt und geschätzt, die phönizischen und arabischen Seefahrer haben sie schon damals unter unendlichen Beschwerden für die Griechen und Römer geholt. Der Mittelpunkt der Perlenfischerei ist Marischchukkadi; hier treffen sich zu gewissen Zeiten Tausende von Eingeborenen der ceylonischen und der benachbarten Küsten mit ihren Booten, um dem Meere die Muscheln mit dem kostbaren Inhalt zu entreißen. Es war nun meine Absicht, erstens einmal eine größere Perlenfischertruppe zu engagieren und nach Europa zu bringen, wo sie in Schaustellungen ihre erstaunlichen Taucherkunststücke vorführen sollten, zugleich aber auch mich selbst in der Perlenverwertung zu betätigen. Aber ein bekanntes plattdeutsches Sprichwort lautet: „Nimm di nix vor, dann geiht di nix fehl.“ Ich kam zwar, jetzt zum drittenmal, in Ceylon an, aus allerlei Gründen jedoch wurde aus der Verwirklichung meiner Perlenträume nichts. Überdies war meine Finanzkraft auch zu gering. Ich hatte in den vorhergegangenen Jahren wohl ganz hübsch verdient, aber doch nur wenig zurücklegen können. So sah ich mich nun alsbald nach meiner Ankunft in Colombo in die Notwendigkeit versetzt, zunächst einmal, bis sich mir bessere Aussichten zur Selbständigkeit boten, irgend eine Stellung anzunehmen. Dank meinen praktischen Erfahrungen und Sprachkenntnissen fand ich rasch einen Posten in einer Shipchandlery. Das englische Wort +Shipchandler+ ist in die internationale Seemannssprache übergegangen; man versteht darunter einen Schiffslieferanten, der die Schiffe mit allen möglichen Bedarfsartikeln versorgt, vom Scheuerlappen an bis zum Kompaß und zum Proviant. In einem kleinen Betrieb dieser Art wurde ich also Clerk, d. h. Angestellter und Handlungsgehilfe. Es gab tüchtig zu tun. +Das Geschäftsleben in Übersee+, besonders an einem großen Hafenplatz, ist wahrlich keine träumerische Idylle. Man hat in Europa oft ganz merkwürdig falsche Vorstellungen von der Lebensführung des Kolonisten in exotischen Ländern. Junge Leute, die ihre Kenntnisse aus phantastischen Schmökern schöpfen, malen sich das Dasein des europäischen Kaufmanns oder Pflanzers in Übersee in den verlockendsten Farben als eine Art Schlaraffenleben aus, das einem nicht bloß die gebratenen Tauben direkt in den Mund spediert, sondern auch alles andere, was das Herz just begehrt, auf dem Präsentierteller vorlegt. Solch ein Kolonist und weißer Herr (so stellt sich das in der Einbildung des gutgläubigen jungen Träumers ungefähr dar) liegt den ganzen lieben langen Tag in der Hängematte und braucht nur mit den Händen zu klatschen, wenn er irgendeinen Wunsch erfüllt sehen will. Aber das ist kaum nötig, denn seine zahlreichen, treu ergebenen Diener sehen ihm ohnehin schon jeden Wunsch an den Augen ab. Er hat also weiter gar nichts zu tun, als feine Zigarren zu rauchen, erlesene Weine zu schlürfen und den Gaumen an den vollendeten Schöpfungen seines Leibkochs zu ergötzen. Vielleicht gelüstet es ihn zuweilen, auf die Jagd zu gehen und Elefanten, Tiger, Krokodile usw. serienweise zur Strecke zu bringen. Es ist alles da, er braucht nur die nötigen Befehle zu geben, er, der große weiße Meister und Herr .... In Wirklichkeit verhält sich die Sache ein bißchen anders. Es mag ja sein, daß es irgendwo in der Welt noch Gegenden gibt, in denen der Kolonist das sprichwörtliche „Leben wie im Sommer“ führen kann, streng nach der Weisheitsregel: „Wer die Arbeit kennt und sich nicht drückt, der ist verrückt.“ Aber in Süd- und Ostasien wird man solche Gegenden und solche Überseeer vergeblich suchen, besonders an den großen Handelsplätzen. Dort sorgt schon +der allgemeine Wettbewerb+ dafür, daß es ohne Umsicht, Rührigkeit und Ausdauer, von noch einigen anderen Eigenschaften ganz zu schweigen, keinen Erfolg gibt. Denn nicht nur die verschiedenen europäischen Nationalitäten sind an diesen Plätzen zahlreich vertreten, auch die Landeskinder selbst besitzen sehr namhafte kaufmännische Talente und sind durchaus nicht gewillt, sich von den Einwanderern einfach an die Wand drücken zu lassen. Es heißt sehr tüchtig sich regen, alle Möglichkeiten und alle Vorteile wahrnehmen, wenn der junge Kaufmann und Unternehmer es hier zu etwas bringen will. In den Handelskontoren von Colombo, Singapore, Batavia, Hongkong, Manila, Shanghai, Jokohama — um nur die wichtigsten süd- und ostasiatischen Handelsplätze zu nennen — wird mindestens ebenso fleißig gearbeitet, wie in den Kontoren von Hamburg, London, Amsterdam. Und das will etwas heißen in einem Klima, das die höchsten Anforderungen an die Widerstandskraft der Weißen stellt. Schon am frühen Morgen geht es zum Dienst, und mit geringen Unterbrechungen dauert die Arbeit bis zum späten Nachmittag. Sie verstärkt sich zu atembeklemmendem Tempo an den zahlreichen „~mail-days~“, den Posttagen, d. h. den Ankunftstagen der Dampfer mit Überseepost. Die eingegangenen Briefe müssen dann rasch beantwortet, die eiligen Bestellungen sofort erledigt werden. Wenn der Überseekaufmann nachmittags sein Kontor verläßt, dann weiß er, was er geleistet hat. Die Mußestunden, die ihm für Bewegung im Freien, für Sport und Unterhaltung übrig bleiben, sind kurz bemessen. Man geht in den heißen Ländern nach Anbruch der Nacht ziemlich frühzeitig zur Ruhe; ein sogenanntes „Nachtleben“, wie in den europäischen Großstädten, gibt es dort nicht, würde sich auch mit den Gesundheitsregeln nicht vertragen. Ich habe bei diesem Punkt ausführlicher verweilt, weil mein Buch wahrscheinlich auch von vielen jungen Leuten gelesen wird, die von einer wohlbegreiflichen Sehnsucht nach der Ferne erfüllt sind, und weil ich für mein Teil dazu beitragen möchte, irrige Vorstellungen zu beseitigen. Es wird ja, und hoffentlich recht bald, die Zeit wiederkehren, wo der deutsche Kaufmann und Unternehmer sich ungehindert, wie einst, im Ausland betätigen darf. Im allgemeinen haben sich die deutschen Überseeer draußen in ihren Stellungen glänzend bewährt, nicht bloß in den deutschen, sondern auch in den fremden Handelshäusern. Zahlreiche englische Kaufleute haben mit ihren deutschen Clerks die besten Erfahrungen gemacht und würden, wenn sie es dürften, sie gern wieder anstellen. Das beweist, mit welchem Ernst der junge deutsche Kaufmann draußen an seine Aufgabe herantritt. Natürlich kommen auch bisweilen, Gott sei Dank selten, Ausnahmen vor. Manche nicht hinlänglich gefestigte Natur erliegt den Versuchungen, die in den exotischen Ländern an den Kolonisten herantreten. Dann ist es das beste für ihn und auch für die ganze Kolonie (die, je kleiner sie ist, desto sorgfältiger auf tadellosen Lebenswandel ihrer Mitglieder achten muß), wenn er sich sobald wie möglich nach Europa zurückzieht. Es gibt keinen traurigeren Anblick als den eines heruntergekommenen und deklassierten Europäers in Ländern mit farbiger Bevölkerung. Schon nach kurzer Tätigkeit in meiner Stellung hatte ich mich in dem neuen Fach soweit eingearbeitet, daß ich es wagte, mich mit meinen geringen Mitteln selbst als Shipchandler zu etablieren, in Verbindung mit einem Stevedoregeschäft. Unter einem +Stevedore+ — das englische Wort ist dem Spanischen entnommen — versteht man eine Art Schiffsspediteur, der in den Häfen das Ein- und Ausladen von Waren besorgt. Dieser Geschäftszweig lag in Colombo damals ganz in den Händen von Eingeborenen. Ich sah die verheißungsvollen Entwickelungsmöglichkeiten eines derartigen Unternehmens voraus und dachte dabei hauptsächlich an deutsche Schiffe. Zwar liefen zu jener Zeit nicht mehr als 4–6 deutsche Dampfer im Monat in Colombo an, aber da wir uns gerade am Anfang der glänzenden Entwicklung des deutschen Weltverkehrs befanden, so vertraute ich auf ein sehr schnelles Anwachsen dieser Ziffer. Und wie sich bald herausstellen sollte, mit Recht. Meine Erwartungen wurden nicht nur erfüllt, sondern im Laufe der Zeit weit übertroffen; belief sich doch die Zahl der Colombo anlaufenden deutschen Dampfer in den letzten Jahren vor dem Kriege auf jährlich etwa sechshundert! Es fiel mir als Deutschem mit einem auch in der Schiffswelt bereits sehr bekannten Namen nicht schwer, die nötigen Verbindungen anzuknüpfen, und da ich keinerlei Mühe scheute, um mich durchzusetzen, wurde ich aus kleinsten Anfängen heraus allmählich Lieferant und Verfrachter bei den Schiffen des Norddeutschen Lloyd, der Hamburg-Amerika-Linie, der Deutsch-Australischen Dampfschiffahrts-Gesellschaft, der Bremer Hansa-Linie und anderer Reedereien. Das Shipchandler- und Stevedoregeschäft kann in einem exotischen Hafen wie Colombo nur dann erfolgreich gehandhabt werden, wenn man nicht nur die Europäer, die man bedienen will, sondern auch die Eingeborenen, die man dazu als Helfer braucht, richtig zu behandeln versteht. Wird unter den Eingeborenen, wie es so häufig geschieht, aus irgendwelchen Gründen die Parole ausgegeben, sich „bockbeinig“ zu verhalten, so nützt dem Geschäftsmann das beste Wollen, die rührigste Tätigkeit nichts — er bekommt weder Arbeiter noch Material oder Proviant, überall stößt er auf jenen passiven Widerstand, worin es der Orientale zur Meisterschaft bringt. Deshalb hatten auch meine englischen Vorgänger, die es mit diesem Fach versucht hatten, so wenig erreicht, daß sie bald wieder die Flinte ins Korn warfen. Bei mir lag die Sache anders. Ich war von meinem Tierhandel her auf Ceylon schon sehr bekannt, ja, ich darf wohl ohne Überhebung sagen: beliebt, und wußte die Eingeborenen von der rechten Seite zu nehmen. So kam es, daß es mir an der benötigten Hilfe nicht fehlte. Mein Geschäft ging vorwärts. Leicht ist es mir freilich nicht geworden. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend und oft noch tief in die Nacht hinein galt es die Hände zu rühren. Nicht etwa in einem hochkomfortabel ausgestatteten, angenehm kühlen Kontor. Nein, sondern bald hier bald dort, jetzt in den Baracken der eingeborenen Unterhändler, dann im Kohlenstaub der Lagerplätze am Hafen, dann wieder in den zum Umfallen heißen Laderäumen der Schiffe, und das immer bei einer ziemlich gleichmäßigen Temperatur von 40 Grad, manchmal auch mehr! So sah mein „idyllisches Tropenleben“ aus, von dem mancher gute deutsche Landsmann zu Hause träumt! Wenn ich vorhin den Ausdruck gebrauchte, daß es mir nicht schwer gefallen wäre, ins Shipchandlergeschäft hineinzukommen, so bedarf das einer Einschränkung. Denn ich hatte doch heftige Widerstände zu überwinden, und zwar gingen die von einer Seite aus, die sich durch mein Auftreten stark beeinträchtigt wähnte: nämlich von der farbigen Konkurrenz. Mein wütendster Gegner war ein intelligenter Singhalese, der sich, ganz zu Unrecht, einbildete, daß ihm der junge Europäer, wie man zu sagen pflegt, Knüppel vor die Beine werfen und ihm das Wasser abgraben wollte. Und wie das nun einmal Landessitte ist, wurde der Kampf gegen mich nicht offen und ehrlich, sondern mit allerlei versteckten Mitteln geführt. Zuerst suchte man mir meine Arbeiter und Lieferanten abspenstig zu machen, und als das nichts nützte, wollte man irgendeinen kleinen „Unfall“ inszenieren in der Hoffnung, meine Person vielleicht als das „bedauernswerte Opfer“ des Unfalls beklagen zu können. Vor dem offenen Angriff auf einen Europäer scheut der Singhalese und Tamule zurück. +In meiner ganzen indischen Zeit ist in Ceylon kein einziger Europäer von Eingeborenen ermordet worden.+ Die persönliche Sicherheit des Weißen ist auf der Insel, selbst in entlegenen Gegenden, so gut wie verbürgt. Diebereien ist er häufig ausgesetzt, Gewalttaten nie. Denn wenn der Eingeborene den „Mahatma“, den weißen Herrn, auch nicht sonderlich liebt, so hat er doch eine tief eingewurzelte Scheu vor ihm und überdies hat er allen Respekt vor der strengen Justiz. Aber es lassen sich ja, wie gesagt, mit einiger Erfindungsgabe sonderbare „Zufälle“ konstruieren, wenn man einem verhaßten Nebenbuhler etwas auswischen will, ohne sich selbst zu gefährden. Solch ein Zufall ereignete sich eines Abends, als ich in einem Boot durch den Hafen fuhr. Da tauchte im Dunkeln ein anderes Boot neben mir auf, und das meinige ward plötzlich zum Kentern gebracht. Zwar wurde ich tüchtig naß bei der Geschichte, aber den Gefallen, zu ertrinken, habe ich meinen Widersachern nicht getan. Scherze ähnlicher Art wiederholten sich, natürlich immer im Schutz der Dunkelheit. Auch eine Flintenkugel, die eines Abends in mein Kontor schlug und mir dicht an der Nase vorbeipfiff, hatte ihren Beruf verfehlt und vermochte mich nicht aus diesem irdischen Jammertal zu vertreiben. Da holten die dunklen Ehrenmänner zu einem letzten und, wie sie wähnten, vernichtenden Schlage aus. Ein heruntergekommener Portugiese von jener Sorte, die man im Englischen „Loafers“ (Herumtreiber) nennt, erschien in meinem Kontor und erzählte mit geheimnisvoller Wichtigtuerei eine lange Geschichte. Er hätte nämlich — und zwar, wie er durchblicken ließ, auf unlautere Weise — einen größeren Posten Opium in seinen Besitz gebracht und wollte diesen nach Holländisch-Indien durchschmuggeln, wo die Einfuhr streng verboten ist und das auf Schleichwegen ins Land gebrachte Opium deshalb von dem der Opiumleidenschaft Verfallenen hoch bezahlt wird. Da ich nun öfter Gelegenheit hätte, Schiffe, die nach Holländisch-Indien gingen, zu befrachten, würde es mir ein Leichtes sein, den Opiumballen mit anderer, harmloser Ware zusammenzupacken und durchzuschmuggeln, so daß er den Adressaten in Batavia unangefochten erreichte. Eine sehr anständige Provision sollte mein Lohn sein. Das Opium befände sich bei einem Geschäftsfreund, einem Moorman (Indo-Araber) in der entlegenen Vorstadt Mattakkuliya. Dort sollte ich mir den Ballen ansehen und mit den beiden, dem Portugiesen und dem Moorman, das noch Nötige besprechen. Ich hörte mir die Geschichte ruhig an und machte mir gleich im Stillen meine Gedanken darüber. Irgend etwas stimmte da nicht. Daß es dem Loafer geglückt war, einen Opiumballen zu „finden“, das mochte schon möglich sein. Und daß er das Opium auf gewinnbringende Weise nach Java zu „verschieben“ gedachte (wie der herrliche Ausdruck heute lautet), das war ja, von seinem Standpunkt aus betrachtet, ein ganz gesunder Gedanke. Aber dazu brauchte er keinen respektablen Stevedore, für solche dunklen Geschäfte gab es im Hafenviertel Biedermänner genug, die jederzeit gern bereit und in der Lage waren, die Sache prompt zu besorgen. Warum in aller Welt wandte er sich also gerade an mich? ... Mißtrauisch, wie ich infolge der letzten „Zufälle“ nun einmal war, stand ich der ganzen Geschichte sehr skeptisch gegenüber und zweifelte keinen Augenblick daran, daß der elende Portugiese nur ein Werkzeug meiner Widersacher war. Zwei Möglichkeiten schienen mir vorzuliegen: entweder wollte man mich auf raffinierte Weise in einen kompromittierenden Handel verwickeln, um im geeigneten Augenblick die Aufmerksamkeit der Behörde darauf zu lenken und meine Existenz in Colombo für immer zu vernichten — oder es war eine noch ärgere Falle aufgestellt und ich sollte zur Nachtzeit draußen in Mattakkuliya, wo kein Hahn nach mir gekräht hätte, geräuschlos verschwinden. Begreiflicherweise hatte ich weder zum einen noch zum anderen Lust. Aber allen Bedenken zum Trotz reizte es mich doch, auf das Abenteuer einzugehen und das damit verbundene Risiko auf mich zu nehmen. Ich wollte der dunklen Sache auf den Grund kommen und mit meinen Feinden, wenn irgend möglich, endlich einmal definitiv abrechnen. Also sagte ich dem Portugiesen, daß ich bereit wäre, abends zu seinem sogenannten „Geschäftsfreund“ zu kommen und mir die Schmuggelware anzusehen. Der Kerl grinste von einem Ohr zum anderen und verduftete in des Wortes wahrster Bedeutung, denn sein Körper war mit Arrak und Whisky förmlich durchtränkt. Ich überlegte nun, ob es nicht das beste wäre, mich gleich an die Polizei zu wenden. Der Vorsteher des Detektiv-Departements war ein guter Bekannter von mir und er hätte zweifellos mit Vergnügen sofort alle Maßregeln zu meiner persönlichen Sicherheit und zur Festnahme der am Komplott Beteiligten getroffen. Aber ich kam von diesem Gedanken wieder ab. Es widerstrebte mir doch, mich ohne die äußerste Notwendigkeit unter den Schutz der Behörden zu stellen. War etwas Böses gegen mich geplant, so wollte ich mit den Burschen schon allein fertig werden. Im Notfall genügten mir meine eigenen Leute als Beistand. Noch im Lauf des Nachmittags schickte ich also zwei intelligente und absolut verläßliche Diener nach Mattakkuliya voraus. Sie hatten den Auftrag, sich in unauffälliger Weise in nächster Nähe des mir bezeichneten Hauses aufzuhalten und in dem Fall, daß ich ihnen später mit meiner Torpedopfeife ein Signal geben sollte, sofort, nötigenfalls mit Gewalt, in das Haus einzudringen und zu mir zu eilen. Der Abend kam. Ich steckte meinen Sechsläufigen ein, fuhr mit einem Wagen bis in die Nähe des Hauses, in dem der Moorman wohnte, und legte die letzte Strecke zu Fuß zurück. Es war um die achte Stunde und in dem nur spärlich bewohnten, nicht mit Straßenlaternen beleuchteten Viertel war es so finster, daß ich Mühe hatte, mich zurechtzufinden. Endlich stand ich vor dem bezeichneten Hause, das eigentlich nur den Namen einer etwas größeren Bude verdiente, und ich bemerkte zu meiner Genugtuung unweit des Hauses die beiden Diener, die am Straßenrand lagen und so taten, als ob sie schliefen. Auf mein Klopfen öffnete sich die Tür. Der Moorman, ein spitzbübisch aussehender Alter, wollte sie nach meinem Eintritt wieder zumachen und verriegeln, aber mit den Worten, daß ich sehr erhitzt wäre und unbedingt frische Luft brauchte, bestand ich darauf, sie mit einem Spalt offen zu lassen — ersichtlich zum Mißvergnügen des Moorman sowohl wie des Portugiesen, der nun in dem wüsten Durcheinander des halbdunklen Zimmers auftauchte und mir entgegen trat. Es ist noch zu erwähnen, daß das Haus mit seiner Rückseite an einen Kanal grenzte und daß sich dort eine kleine hölzerne Altane befand, die über den Rand des Kanals hinausragte, unter welcher also das Wasser floß. Der Moorman und der Portugiese begannen geschwätzig auf mich einzureden, aber um die Sache kurz zu machen, schnitt ich den Wortschwall mit der Frage ab: „Wo ist das Opium? Ich habe nicht lange Zeit.“ In geheimnisvoll tuender Weise zogen mich die beiden zwischen dem im Zimmer verstreuten Plunder nach der Tür hin, die zu der Altane hinausging. Ich war auf meiner Hut. In der linken Hand hielt ich die Torpedopfeife verborgen, meine Rechte umklammerte den in der Rocktasche steckenden Revolver. „Die Kiste steht draußen auf der Altane,“ flüsterte der Portugiese. „Dort ist sie in größerer Sicherheit, hier ins Zimmer kommen zuviel Geschäftsfreunde hinein, die haben ihre neugierigen Augen überall.“ Er ging auf die Altane voran und deutete auf eine in der Ecke liegende Kiste. Als ich ihm zögernd nachfolgen wollte und die Schwelle zwischen Zimmer und Altane betrat, fühlte ich plötzlich den Boden unter mir weichen ... die Bretter gaben unter meinen Füßen nach ... ich stürzte in die Tiefe ... Aber da ich auf irgendeinen Anschlag gefaßt gewesen war und deshalb Körper und Geist in Spannung gehalten hatte, konnte mich dieser „Zwischenfall“ (in des Wortes wörtlichster Bedeutung) keinen Augenblick lang um meine Geistesgegenwart bringen. Schon rein instinktiv breitete ich beim Stürzen die Arme aus und hielt mich, als ich bis zu den Achseln zwischen den Planken steckte, daran fest — dann stemmte ich mich flugs wieder hoch, sprang auf die Füße, und in der nächsten Sekunde bekam der Portugiese, der vergeblich zu entweichen versuchte, einen Tritt in den Leib, daß er aufheulend zusammenbrach. Meine draußen wartenden Diener hatten den Lärm und den Schrei gehört und drangen zur Tür herein. Nun vollzog sich ein kleines Strafgericht. Der portugiesische Loafer und der Moorman, der sich hinter einen Ballen verkrochen hatte, erhielten von meinen handfesten Leuten eine tüchtige und wohlverdiente Tracht Prügel, obwohl sie beteuerten, an meinem Unfall schuldlos zu sein, die Bretter der Altane wären leider morsch gewesen, es handele sich um ein bedauerliches Mißgeschick usw. usw. Ich sagte den beiden auf den Kopf zu, daß es auf Anstiften der mir wohlbekannten Hintermänner ihre Absicht gewesen wäre, mich im Wasser des Kanals verschwinden zu lassen, und stellte ihnen Verhaftung und Kriminalverfahren in Aussicht. Aber in Wirklichkeit dachte ich nicht daran, die Sache an die große Glocke zu hängen, denn das Schlußresultat hätte für mich nur darin bestanden, daß ich die mir feindlich gesinnten Kreise und ihren weitverzweigten Anhang noch mehr gegen mich einnahm und meine Lage noch schwieriger machte. Als nun die Burschen, die doch eine höllische Angst vor der Justiz hatten, zu winseln begannen, erklärte ich mich bereit, sie unter gewissen Bedingungen laufen zu lassen. Der Portugiese sollte sofort Colombo verlassen; sobald er sich in der Stadt noch einmal blicken ließe, würde ich für seine endgültige Unschädlichmachung sorgen. Der Moorman aber sollte seinen Hintermännern ausrichten, daß alle ihre Manöver und Nachstellungen nicht den geringsten Eindruck auf mich machten und daß ich sie unfehlbar vor das Kriminal bringen würde, wenn sie nicht sofort mit ihren Umtrieben aufhörten. Ich habe mich in der bestimmten Erwartung, damit das Richtige getroffen zu haben, nicht getäuscht. Der portugiesische Loafer verschwand und ist mir nie wieder vor Augen gekommen. Vor meinen Nachstellern aber hatte ich in Zukunft Ruhe. Sie sahen wohl ein, daß sie mit mir doch nicht fertig werden könnten und daß es vernünftiger wäre, sich mit der Tatsache meiner Existenz endlich abzufinden und ins Einvernehmen mit mir zu kommen. Jedenfalls bin ich in der Folgezeit in meinem geschäftlichen Wirkungskreise niemals mehr auf Widerstand gestoßen, weder auf offenen noch auf versteckten. Ja, im Gegenteil — jener Singhalese, den ich wohl mit Recht im Verdacht hatte, daß er die Haupttriebkraft der gegen mich eingefädelten Intrigen war, suchte jetzt freundliche Annäherung an mich, und wir haben dann später manches Geschäft miteinander gemacht — ohne jemals über die vorgefallenen Dinge zu sprechen. Es zeigte sich da wieder, daß auf die Eingeborenen nichts so starken Eindruck macht, wie feste Haltung und Unerschrockenheit. * * * * * Neben dem Shipchandler- und Stevedoregeschäft wandte ich mich bald wieder meiner alten Liebhaberei, dem Tierhandel, zu. Die Arbeit im Kontor und im Hafen allein konnte mich auf die Dauer nicht befriedigen, denn es war mir geradezu ein Lebensbedürfnis, Tiere um mich zu haben, möglichst viel Tiere zu besitzen und im Interesse des Tierhandels Jagd- und Einkaufsreisen zu unternehmen. Deshalb dauerte es gar nicht lange, und ich hatte auf dem Grundstück hinter meinem Bungalow bald einen Tierpark eingerichtet, der anfangs nur klein war, aber schon nach kurzer Zeit immer größeren Umfang annahm. Neben den fortlaufenden alten Beziehungen zum Hause Carl Hagenbeck in Hamburg knüpfte ich neue Verbindungen an, u. a. mit dem durch seine originelle Riesenreklame berühmt gewordenen Menagerie- und Zirkusbesitzer Barnum in New York, dem „König des Humbugs“, wie ihn seine Beneider nannten, der aber in Wirklichkeit ein ebenso großzügiger wie zuverlässiger Geschäftsmann war, wenn seine amerikanischen Reklamemethoden auch etwas Verblüffendes hatten. Barnum beauftragte mich, nicht nur eine Reihe Elefanten und andere Tiere zu liefern, sondern auch eine große Singhalesentruppe zusammenzustellen. Ich war in der Zeit von drei Wochen damit fertig und sandte den ganzen Transport, der außer den Singhalesen auch sechs große Arbeitselefanten, eine Anzahl Zebuochsen, Zwergesel, Schlangen, Leoparden und andere Tiere umfaßte, unter Führung eines Angestellten nach New York, wo die Truppe fabelhaften Erfolg erzielte. Im darauffolgenden Jahre lieferte ich eine noch viel größere Karawane für Schaustellungszwecke nach Amerika, die auch aus Bajaderen, Zauberern, Teufelstänzern, Schlangenbeschwörern, Fakiren, Akrobaten usw. bestand und, da sie sich von der zuerst gesandten Truppe vollkommen unterschied, noch größeren Beifall fand und auf ihrer amerikanischen Tournee überall riesiges Aufsehen erregte. Unter den zahllosen exotischen Tieren, die ich in der Folgezeit nach allen Ländern der Erde exportierte, sind außer Elefanten, meiner Spezialität, und Leoparden und Schlangen auch die berühmten Nellore-Zebubullen aus Indien zu erwähnen, die ich in kolossal großen Exemplaren aufzufinden wußte. Die Regierung von Ceylon beauftragte mich, diese Zebuochsen zu Kreuzungszwecken auch in Ceylon einzuführen, und die damit angestellten Versuche hatten in der Tat den besten Erfolg. Sehr interessante Geschöpfe waren auch die seltenen +Schuppentiere+, die bis dahin fast niemals lebendig nach Europa gekommen waren. Das kurzschwänzige Schuppentier oder Pangolin, das auf Ceylon wie in ganz Ostindien heimisch ist, gehört zur Gattung der Zahnlücker, wird 65 ~cm~ lang, mit ebenso langem Schwanz, lebt paarweise und erzeugt jährlich zwei oder drei Junge. Bis auf die Kehle, die Unterseite und die Innenseite der Beine ist das Tier mit großen, harten, scharfrandigen Hornschuppen besetzt; diese Schuppen gewähren, wenn sich das Tier zusammenkugelt, wie ein Panzer Schutz gegen feindliche Angriffe. Die Schuppentiere halten sich hauptsächlich in Termitenhügeln auf und nähren sich von Termiten und Ameisen, die sie dadurch fangen, daß sie ihre weit vorsteckbare runde Zunge in den Haufen hineinstecken, so daß die Ameisen daran kleben bleiben. Es glückte mir, einige Schuppentiere lebend nach Europa zu schicken, ein sehr schwieriges Unternehmen, weil die höchst empfindlichen Tiere auf der langen Reise mit Milch, Eiern und rohem Fleisch ernährt werden mußten. In einem anderen meiner Tiertransporte befanden sich die beiden größten +Orang-Utan+ von Borneo, die mir jemals zu Gesicht gekommen waren. Sie entwickelten eine gewaltige Kraft und waren so ungebärdig, daß ich erleichtert aufatmete, als ich die Tiere endlich auf einem nach Marseille bestimmten Dampfer glücklich untergebracht hatte. Diese Orang-Utan gingen nach dem Pariser Zoologischen Garten und wurden mit 55000 Franken bezahlt — damals eine unerhört hohe Summe für ein paar Tiere. [Illustration: „Onkel Kravells lächelndes Gesicht tauchte über dem Brunnenrand auf ...“ (Text Seite 69)] [Illustration: Einschiffung der für China bestimmten indischen Ochsen im Hafen von Colombo (Text Seite 65)] In lebhafter Erinnerung sind mir auch sechs wilde +Sumatra-Tiger+ von ungewöhnlicher Größe geblieben, die sich durchaus nicht beruhigen wollten und in ihren Käfigen einen derartigen Spektakel verübten, daß es kaum auszuhalten war. Eines Nachts stürzte mein Tierwächter zu mir ins Schlafzimmer mit der Meldung, daß einer der Tiger, der größte und wildeste, nahe daran wäre, sich aus dem Käfig zu befreien. Man kann sich meinen Schreck vorstellen, denn wenn dem Tiere das Entweichen gelang, stand großes Unheil bevor. Ich war also mit einem Sprung aus dem Bett, und beim flackernden Licht einer Fackel vernagelten wir nun den Käfig, durch dessen Eisenstäbe sich der Tiger bereits bis zu den Schultern durchgezwängt hatte, auf allen Seiten mit Brettern, während sämtliche Tiger fauchten und brüllten und sich wie Verrückte gebärdeten. Auch in diesem Fall war ich heilfroh, als ich die Bestien endlich glücklich verfrachtet hatte. Meine Einkaufsreisen führten mich nicht nur kreuz und quer durch Ceylon, sondern auch wiederholt zum indischen Festland hinüber, bis zum Himalaja hinauf, ferner nach den Andamaninseln, nach Java und Sumatra. Aber hiervon wird erst im zweiten Teil dieses Werkes die Rede sein. So blühte mein junges Geschäft erfreulich auf, vergrößerte sich von Jahr zu Jahr und nahm einen Umfang an, den ich bei Begründung der Firma kaum zu erhoffen gewagt hatte. Das hing auch zum Teil mit der Zunahme des deutschen Schiffsverkehrs zusammen, der mir immer größere Lieferungen für die Colombo anlaufenden Dampfer verschaffte. Zur Zeit des Boxeraufstands in China hatte ich im Auftrag der deutschen Regierung tausend große indische Schlachtochsen und eine große Ladung Brennholz und Futter nach China zu schicken, zu welchem Zweck ich einen Hamburger Dampfer charterte. Es gelang mir, diesen umfangreichen Transport in der kurzen Zeit von einer Woche zu erledigen. Aber nicht nur für deutsche Schiffe und in deutschem Auftrag war ich tätig, sondern auch für die Schiffe und Regierungen anderer Nationen, besonders zur Zeit des Japanisch-Chinesischen Krieges und des Burenkrieges. Mit der Zeit erfuhren meine Unternehmungen eine Erweiterung noch dadurch, daß ich mich auch als +Pflanzer+ zu betätigen begann, zuerst als Kokosnußpflanzer auf einer der schönsten Plantagen im Regombodistrikt. Hier erhielt ich häufig Besuch von deutschen Pflanzern, die in unseren Südseekolonien Kokosplantagen anlegen und sich in Ceylon zunächst über die besten Methoden des Anbaus unterrichten wollten. Bald darauf kaufte ich eine zweite Plantage in Alava, die noch nicht so weit vorgeschritten war, sich aber später auch aufs beste entwickelte. In den folgenden Jahren ging ich dann zum Anbau von Tee, Kakao und Kautschuk über. Von den Kautschukplantagen befand sich die eine in der Nähe von Kandy, die andere bei Kurunegalla, auf beiden habe ich recht schöne Erfolge gehabt. * * * * * „Tages Arbeit, abends Gäste, saure Wochen, frohe Feste ...“ War das Leben in Colombo für mich, besonders in den ersten Jahren meiner Selbständigkeit, auch hart und sauer, so fehlten doch keineswegs jene Pausen der Erholung, des harmlosen Daseinsgenusses, die gerade der tätige Mensch zu seiner Entspannung absolut braucht. So lange ich als Junggeselle wirtschaftete, war das Bungalow, das ich anfangs mit ein paar Landsleuten teilte und in dem wir uns sehr gemütlich eingerichtet hatten, der Mittelpunkt so mancher heiteren geselligen Veranstaltung. Auch unser kleiner Deutscher Klub, in dem ich bald die Rolle eines „Haupthahns“ und „Obermimen“ zu spielen bestimmt war, hielt fest und treu zusammen und bereitete seinen Mitgliedern — auch einige wenige Damen gehörten dazu — schöne Stunden, von denen mir manche unvergeßlich bleiben. Neben sportlicher Betätigung, die auch in den Tropen zur Kräftigung und zur Erhöhung der Elastizität des leicht erschlaffenden Körpers unentbehrlich ist, wurden gemeinschaftliche Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung Colombos unternommen und natürlich wurden auch alle freudigen Ereignisse, vor allem die großen vaterländischen Fest- und Gedenktage, nach guter deutscher Sitte gebührend gefeiert. Es herrschte, wie gesagt, ein guter Geist in unserer kleinen deutschen Kolonie. Am gemütlichsten aber ging es gewöhnlich zu, wenn wir den Besuch eines deutschen Kapitäns oder anderer Schiffsoffiziere von den Colombo anlaufenden deutschen Dampfern bekamen, was bei dem regen Seeverkehr mit Deutschland recht häufig der Fall war. Dann gab es immer viel zu erzählen, man erfuhr viel neues von der Heimat, auch solche Dinge, die von den Zeitungen gar nicht oder nur oberflächlich behandelt wurden, und alles mögliche Interessante aus aller Welt, aus allen den vielen Hafenplätzen, die zwischen Hamburg und Yokohama oder Adelaide liegen. Und wenn die Herren Kapitäne und anderen Schiffsoffiziere auch sonst nicht viel mitzubringen pflegten, so ließen sie es doch niemals an einem fehlen: an ungeheuerem +Durst+. Unser gutes deutsches Exportbier erfreute sich in Seemannskreisen derselben Beliebtheit wie unser nicht minder berühmte Whisky und übte eine Anziehungskraft aus, der kein sturmerprobtes Seemannsherz zu widerstehen vermochte. Von den vielen drolligen Zwischenfällen, die sich bei solchen Besuchen in unserem Bungalow ereigneten, sind mir manche in heiterer Erinnerung geblieben, zum Beispiel der folgende. Wir hatten also wieder einmal einen Hamburger Kapitän zu Gast und saßen in unserem gemütlichen, nach dem Garten zu offenen Eßzimmer um einen runden Tisch, auf dem die große Petroleumlampe mit Windschutzvorrichtung stand (elektrische Lichtanlagen gab es damals bei uns noch nicht). Durch die geöffneten Fenster drang das Rauschen des Meeres hinein und eine angenehm frische Seebrise. Das auf Eis gekühlte bayrische Export-Flaschenbier hatte eine vergnügte Stimmung erzeugt und der lustigsten einer war das älteste Mitglied unserer Kolonie, der fidele Onkel Kravell, den wir deshalb Onkel nannten, weil er schon Ende der Vierziger war und wir anderen erst 25–30 Jahre, so daß er gut unser Onkel hätte sein können. Er erzählte seinen Tischnachbarn die unmöglichsten Jagdabenteuer und sagte: „Wissen Sie, Herr Kapitän, als ich neulich mit Karlchen auf der Krokodiljagd war, da schlängelt sich mir eine Riesenschlange um den Leib und will mich zu sich auf den Baum hinaufziehen. So in der Luft schwebend nehme ich mein Jagdmesser und schneide mich ab, so daß ich hinunterplumpse — beinahe in den Rachen eines großen Krokodils. Nicht wahr, Karlchen?“ — „Jawohl, Sie haben die Geschichte schon zum 999zigsten Male erzählt und da muß sie natürlich wahr sein!“ bestätigte Karlchen. Freund Adalbert aber, der gerade erst kürzlich von Europa zurückgekehrt war und wieder eine etwas stürmisch verlaufene „Entlobung“ glücklich hinter sich hatte, deklamierte: „Dahin sind Lerchen nun und Nachtigallen, Und durch den sangverlassenen Strauch Weht nur des Windes kalter Hauch — Mein Glück ist mit dem Laube abgefallen!“ — Auf meinen Vorschlag wurde nun das Lied „Deutschland, Deutschland über alles“ angestimmt und dermaßen mit Betonung, daß es weit in die stille Nacht hinaus erklang. Onkel Kravell hatte inzwischen einmal „das Lokal verlassen“, und sein längeres Verschwinden war keinem weiter aufgefallen. Da kommt plötzlich der alte singhalesische Koch ins Eßzimmer gelaufen und ruft etwas auf Singhalesisch, wovon ich nur die Worte verstehe: „Mr. Kraul — Brunnen.“ Er fügte dann in gebrochenem Englisch hinzu: „~Master Kraul has fall into the well.~“ Die Tischgesellschaft, gefolgt von der Dienerschaft, stürzte nun auf den mondbeschienenen Hof hinaus, in dessen Mitte sich eine Zisterne befand, ein Brunnen mit kreisrunder, niedriger, weißgetünchter Mauer als Rand. Wir riefen hinunter: „Onkel Kravell, haben Sie Grund?“ und es erschallte dumpf herauf: „Nein, ich trete hier Wasser.“ Wir ließen nun eine dicke Bambusstange, die im Hof lag, in den Brunnen hinab, um den Onkel herauszuziehen, aber der rief: „Nein, das geht nicht, der Bambus ist zu glatt.“ Ich rief den versammelten Eingeborenen auf Singhalesisch zu: „~Loku Lanoak genen, vigahata!~“ (bringt ein großes Seil, schnell!) dachte aber dabei: Wo sollen die Leute so schnell ein großes Seil hernehmen. Doch dauerte es nicht lange, bis sie einen schönen langen Strick brachten, den sie in der Nachbarschaft aufgetrieben hatten. Das Tau wurde hinabgelassen und Onkel Kravell band sich das Ende um die Hüfte. Wir Europäer faßten in der Mitte und die Eingeborenen am anderen Ende an und der Kapitän rief: „Zieht Leute, zieht! ~One, two, three!~“ Bei drei zogen wir jedesmal an, aber wir mußten tüchtig ziehen, denn Onkel Kravell wog die Kleinigkeit von mehr als zwei Zentner. Wir waren froh, als wir das lächelnde Gesicht und den schön gerundeten Bauch des Onkels über dem Brunnenrand auftauchen sahen. Auf unsere Frage, wie er das Kunststück angestellt hätte, berichtete er, er hätte sich in einer unwiderstehlichen Anwandlung von Weltschmerz auf die Brunnenmauer gesetzt und wäre dann hintenüber gepurzelt. Die Zisterne hatte einen Durchmesser von etwa drei Meter und bis zum Wasserspiegel war sie vier Meter tief. Das Wasser muß den Sturz gemildert haben, jedenfalls bewahrheitete sich hier wieder die landläufige Ansicht, daß „animierte“ Leute ihren eigenen Schutzgeist haben und sich nichts entzweifallen. Völlig nüchtern war der Onkel jetzt aber, und nachdem er sich seiner nassen Kleider entledigt hatte, packte er sich ins Bett. Wir gratulierten uns, daß er nicht das Genick gebrochen hatte — und pokulierten weiter. Böse Zungen behaupteten später, Onkel Kravell hätte am Brunnenrand ein Stelldichein mit einer eingeborenen Schönheit gehabt. Aber das war Verleumdung, denn dann hätte er doch unfehlbar das Mädchen mit sich in die Tiefe gerissen — und wir haben ganz bestimmt nur +eine+ Person herausgefischt. In diesem Zusammenhang möchte ich noch ein anderes Geschichtchen aus jener Zeit zum besten geben, nämlich: Wie ein Königstiger hypnotisiert werden sollte. Wir Insassen unseres Bungalows waren mit einigen anderen Mitgliedern der deutschen Kolonie von einer befreundeten italienischen Familie zum Dinner geladen. Noch ein fremder Gast nahm teil, der uns als ein italienischer Graf Vittorio vorgestellt wurde. Bei Tisch kam die Rede auf übersinnliche Kräfte, Hypnotismus usw. Ein Teil der Gesellschaft glaubte daran, andere wollten von deren Existenz nichts wissen — die letztere Partei nahm auch ich. Nun sagte der Graf, er wolle uns nach Tisch ein kleines Experiment zeigen, und als die Tafel aufgehoben war und wir bei Kaffee und Zigarren weiterplaudernd beisammen saßen, bat der Graf die Gesellschaft, einen Herrn zu bestimmen, der einen Augenblick hinausgehen sollte. Durch allgemeinen Zuruf wurde Freund Adalbert erwählt, hinauszugehen. Nun fragte der Graf, was dieser Herr beim Wiederhereinkommen tun sollte, und man einigte sich dahin, daß Adalbert vor der Hausfrau niederknien und sich einen „Whisky und Soda“ erbitten solle. Kaum war Freund Adalbert gerufen, als er ganz verstört hereinstürzte, mit langen Schritten auf die Dame des Hauses, die am anderen Ende des Zimmers saß, zuging, sich ihr zu Füßen warf und die Worte hervorsprudelte: „~Give me a Whisky and Soda~“ ohne erst „~Please~“ hinzuzufügen. Nachdem er den Whisky bekommen und getrunken hatte, beruhigte er sich wieder, aber wir waren durch das vollkommen gelungene Experiment höchst verblüfft, und es war so unheimlich gewesen, daß wir auf weitere Proben der Kunst des Grafen verzichteten. Nachher erzählte mir eine Dame, die mit zur Tischgesellschaft gehörte, welch unangenehmes Gefühl sie gehabt hätte, wenn sie nur einen zufälligen Blick des Grafen auffing. Am nächsten Tage besuchte mich Freund Adalbert, den ich mit den Worten begrüßte: „Schön, daß Sie kommen; ich habe von Kalkutta einen bengalischen Tiger bekommen, der in einen größeren Käfig umgesetzt werden soll.“ Wir gingen nun nach dem Hintergarten, wo unter den Kokospalmen eine große längliche Kiste stand, deren eine Schmalseite von einem starken Eisengitter gebildet wurde, hinter dem ein stattlicher Königstiger sichtbar war. An der entgegengesetzten schmalen Seite war eine Falltür, an diese lehnte sich eine andere ähnliche, aber etwas größere Kiste. Wir versuchten durch lautes Einreden auf den Tiger und durch Schreien, das Tier zu bewegen, rückwärts in den anderen Käfig hineinzugehen, denn umdrehen konnte er sich in dem schmalen Kasten nicht. Aber der Tiger blinzelte nur mit den Augen. Dann versuchten wir, das Tier mit einer Stange rückwärts zu treiben, aber es bog dieselbe nur wild fauchend mit den Tatzen zur Seite. Ich sagte nun zu Freund Adalbert, mehr im Scherz: „Was meinen Sie, könnten wir den Tiger nicht durch den Grafen Vittorio hypnotisieren lassen? Sein durchbohrender Blick treibt den Tiger vielleicht zurück.“ Da der Freund der Ansicht war, dies könnte versucht werden, sandten wir einen Boten an den Grafen ins Hotel, und bald kam er auch angefahren und erklärte sich in liebenswürdiger Weise bereit, sein Heil bei dem Tiger zu versuchen. Nun spielte sich eine eigentümliche Szene ab. Während mein Jäger Fernando oben auf der Kiste hockte und die beiden Falltüren hochhielt, stand der Graf vor den Eisenstäben und schoß durchbohrende Blicke auf den Tiger ab, der den Grafen nur verwundert ansah, sich mit der Zunge einmal rechts, einmal links das Maul leckte, sonst aber keine Miene machte, sich rückwärts zu konzentrieren. Das Talent des Grafen, das sich in der gestrigen Abendgesellschaft so wirksam gezeigt hatte, versagte dem Tiger gegenüber vollständig. Es blieb nun nichts anderes übrig, als zum Feuerbrand zu greifen, obwohl mir lieber gewesen wäre, den Schnurrbart des Tigers nicht zu gefährden. Man brachte eine lange Fackel herbei, aus getrockneten Palmenblättern, mit etwas Kolophonium untermischt, und dem Tiger wurde damit unter die Nase gefuchtelt, so daß er sich endlich langsam und fauchend rückwärts in Bewegung setzte. Freund Adalbert kommandierte „~Let go~“ und Fernando ließ die Falltür hinunterrasseln. Der Tiger war glücklich in dem größeren Käfig angelangt, wo er sich nach der bisherigen Enge ein paarmal vergnügt um sich selbst drehte und sich dann gemächlich niederlegte. [Illustration] Viertes Kapitel Land und Leute in Ceylon Aus Ceylons Geschichte — Die Bevölkerung: Singhalesen, Tamulen, Moormen, Burgher, Weddas, Rodiyas — Kandy — Wie der Singhalese lebt — Der Botanische Garten von Peradeniya — Nuwara Eliya — Anuradhapura und seine Altertümer — Trincomali — Haifischabenteuer — Eine Besteigung des Adamspiks — Aufstieg bei Nacht — Sonnenaufgang und Aussicht auf dem Adamspik — Der heilige Fußtapfen Buddhas — Die Graphitminen von Kurunegala Nach den ältesten indischen Überlieferungen, die sich mit dem Bericht der Bibel und anderen Flutsagen decken, scheint kein Zweifel darüber zu bestehen, daß in den grauesten Zeiten der Menschengeschichte wenigstens ein Teil Asiens von ungeheuren Überschwemmungen, der biblischen Sündflut, heimgesucht wurde, durch welche zahllose Bewohner großer Landgebiete zum Teil den Untergang fanden, zum Teil in andere, geschützte Gegenden fliehen mußten. +Wann+ diese Sündflut oder Sintflut (wie das Wort, das vom altdeutschen sinfluot, d. h. große Flut, abgeleitet ist, bekanntlich richtiger lautet) stattgefunden hat, das wird sich wohl niemals auch nur annähernd genau feststellen lassen, weil es längst vor unserer historischen Zeitrechnung geschah. Aber daß eine ungeheure, verheerende Überflutung eines großen Teils der Erdoberfläche in der Tat einmal erfolgt ist und sich durch die Schrecken der Katastrophe tief ins Gedächtnis des damaligen Menschengeschlechts und seiner Nachkommen eingegraben haben muß, daran ist, wie gesagt, wohl kaum zu zweifeln, da zu viele ganz gleich oder ähnlich lautende Berichte der verschiedensten Völker darüber vorliegen. Nach den indischen Überlieferungen führte nach dem mächtigen Naturereignis Jamak (das ist der Noah der biblischen Geschichte oder einer von Noahs Nachkommen) den im nordindischen Pandschab ansässigen indogermanischen Volksstamm nach dem Süden Vorderasiens, von wo aus dann auch die Besiedelung Ceylons erfolgte. Ceylon soll nach den ältesten indischen Berichten ursprünglich aus zwei getrennten Inseln, einer nördlichen und einer südlichen, bestanden haben, die sich dann später infolge vulkanischer Ausbrüche und Landhebungen zu einem Ganzen verbanden. Die nördliche Insel heißt in den singhalesischen Chroniken Oja Dio. Ihre Bewohner, die Nagan Ojah, verehrten den Gott der Ewigkeit, der, wie es in den Chroniken heißt, die Erde mit Regen befeuchtet und die Feuchtigkeit zum Himmel steigen läßt, um später wieder die Erde damit zu erquicken. Das Symbol dieses Regengottes war die Schlange. Die südliche Insel hieß Giri Dio (Felseninsel), ihre Bewohner brachten Menschenopfer und bauten Häuser auf Holz- oder Steinpfeilern. An der Westküste der nördlichen Insel setzten sich später die vom indischen Festland eindringenden Varastämme fest, die bereits eine höhere Kultur besaßen, feste Häuser bauten und Schriftzeichen hatten. Ihre Küste wurde den von Westen kommenden Handelsschiffern bekannt; die Phönizier nannten das Land, von dem sie Gewürze und edle Steine holten, Tapparavim, woraus die Griechen und Römer dann +Taprobane+ machten. Auf der Ostküste der nördlichen Insel aber wohnte eine ebenfalls vom indischen Festland eingewanderte Drawidische Rasse, die dort, wo sich jetzt die Küstenstadt Trincomali befindet, ihre Hauptstadt namens Lankapura besaß. Die Chroniken wissen des weiteren von verschiedenen Invasionen ganz ferner Völker zu melden; so soll, auf Schiffen kommend, ein hamitischer Stamm aus Ägypten, später ein chaldäischer Stamm auf den Inseln festen Fuß gefaßt haben. Unmöglich ist es nicht, aber wahrscheinlich hat es sich da, den Größenverhältnissen der damaligen Seefahrzeuge entsprechend, nur um kleine Gruppen von Einwanderern gehandelt. Einige Zeit vor dem epochemachenden Auftreten des Gautama Buddha wurden die beiden Inseln, wie es heißt, durch ein großes Erdbeben zu der jetzigen Form von Ceylon verbunden, die Westküste soll zu jener Zeit gänzlich überflutet gewesen sein. Ob +Gautama Buddha+, der Schöpfer des gewaltigen Religionssystems (geboren um 560 vor Christus in Vorderindien, gestorben um 480), auf den großen Wanderungen, die er als Verkünder seiner Heilslehre unternahm, auch nach Ceylon gekommen ist, läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen; jedoch sind seine Reden, die die wichtigste Grundlage des Buddhismus bilden, gerade auf Ceylon am treuesten bewahrt und durch dritthalb Jahrtausende unverändert erhalten geblieben. Die buddhistische Religion wurde im dritten Jahrhundert vor Christus in Ceylon eingeführt. Die Singhalesen bewohnten damals hauptsächlich das Flachland des Nordens und besaßen eine bedeutende Kultur, deren Mittelpunkt die alte Königstadt +Anuradhapura+ war. Vor den aus Südindien eindringenden Tamulen zogen sich die Singhalesen allmählich nach dem Süden der Insel und ins Hochland zurück, wo nun die Königstadt Kandy den Mittelpunkt bildete. Die auf ziemlich niedriger Kulturstufe stehenden Tamulen ließen die kunstvollen Bewässerungsanlagen der Singhalesen im Norden verfallen, das fleißig angebaute Land wurde allmählich wieder vom Dschungelwald überwachsen oder in fieberverpestete Einöden verwandelt. An der Westküste aber siedelten sich arabisch-indische Mischlinge an, deren Nachkommen heute als „Moormen“ bezeichnet werden, und bemächtigten sich, den Eingeborenen übervorteilend und bewuchernd, des Handels. Im Jahre 1506 erschienen, aus ihrer indischen Besitzung Goa kommend, die +Portugiesen+ vor Ceylon und begründeten 1517 in Colombo eine befestigte Niederlassung. Trotz langen, sehr grausam geführten Kämpfen ist es ihnen aber nicht gelungen, ihre Macht tiefer ins Innere vorzuschieben, sie blieb auf einige Küstenplätze beschränkt. Immerhin gelang es ihrem religiösen Fanatismus, große Mengen von Eingeborenen zum katholischen Glauben zu „bekehren“ — eine Konversion, die natürlich nur unter dem Druck der gemeinsten Zwangsmittel erfolgte. Später wurden die Portugiesen von +Niederländern+ vertrieben, die zu diesem Zweck mit den Königen von Kandy Hand in Hand arbeiteten und sich dann an Stelle der Portugiesen an den Küsten festsetzten. 1795 machte die Flotte der +englischen+ Ostindischen Handelskompagnie der niederländischen Herrschaft ein Ende, 1798 wurde Ceylon der britischen Krone unterstellt und 1815 das singhalesische Königtum durch die Einnahme von Kandy beseitigt. Seitdem ist Ceylon als Kronland vom Londoner Kolonialamt abhängig. Die Regierung besteht aus dem Gouverneur, der sehr weitgehende Befugnisse hat, und zwei beratenden Körperschaften aus fünf, beziehungsweise siebzehn vom Gouverneur berufenen Mitgliedern, darunter auch Vertreter der Eingeborenen. Ceylons +Bevölkerung+ belief sich nach der letzten Zählung von 1911 auf 3600000 Seelen, worunter sich nur 5300 Europäer befanden, also ein sehr geringer Bruchteil der ganzen Bevölkerung. Die Eingeborenen setzen sich in der Hauptsache aus sechs verschiedenen Rassen zusammen, unter denen die +Singhalesen+ mit nahezu zwei Drittel der Kopfzahl (2700000) den vornehmsten Rang einnehmen. Die in gehobener sozialer Stellung befindlichen Singhalesen betonen dem Europäer gegenüber gern ihren arischen Ursprung. Wie es sich damit in Wirklichkeit verhält, mag dahingestellt bleiben, denn die ganze indogermanische Rassentheorie mit allen ihren Hypothesen und Antithesen ist noch immer so ungeklärt, daß sie keine abschließenden Urteile zuläßt. Die Singhalesen sind von mittlerer Größe, bei den höheren Ständen ziemlich hellhäutig, in den unteren Klassen von bronzebrauner oder noch dunklerer Färbung, zart gebaut mit kräftig ausgebildeter Nase, sanften großen Augen und langem schwarzen Haar. Sie zeichnen sich in der Jugend, besonders beim weiblichen Geschlecht, oft durch auffallende Schönheit aus. Störend ist nach unseren Begriffen das meist etwas weibische Aussehen der Männer, das noch durch die merkwürdige Haartracht — das lange Haar wird aufgeknotet mit einem Einsteckkamm getragen — und das schüchterne Auftreten besonders betont wird. Die singhalesische Sprache, das Elu, leitet sich vom Sanskrit her. Im allgemeinen sind die Singhalesen in ihrer zurückhaltenden Art und bei ihrem ausgeprägten Gefühl für Schicklichkeit ein sympathisches Volk, mit dem sich gut auskommen läßt. Man darf nur nicht zuviel von ihnen erwarten und verlangen und muß auch immer mit jener +Schlaffheit und Willensschwäche+ rechnen, die sie nun einmal nicht verleugnen können. Aber sie deswegen als entartetes Volk zu bezeichnen, wie es von manchen Reisenden schon geschehen ist, das geht entschieden zu weit. Die Singhalesen bekennen sich in ihrer weit überwiegenden Mehrheit zum Buddhismus, aber es gibt auf der Insel schon rund 350000 Christen, zumeist Singhalesen, und zwar hauptsächlich katholische Christen. Nächst den Singhalesen sind die +Tamulen+ oder Tamilen Ceylons wichtigstes Volk. Sie sind viel dunkler als die Singhalesen, auch kräftiger, und stammen von den dravidischen Stämmen Südindiens ab. Als Anhänger des Hindutums, zumeist des finsteren Schivakultus, schmücken sie jeden Morgen nach der Waschung die Stirn mit dem Sektenzeichen, aus weißen Strichen bestehend, die bei den Schivaiten in wagerechter, bei den Wischnuiten in senkrechter Richtung laufen. Die Tamulen stehen in geistiger und kultureller Hinsicht unter dem Singhalesen, sind aber als Arbeiter wegen ihrer regeren Energie und größeren Körperkraft besser als diese zu brauchen. Die +Moormen+ (Mohren, Mauren), deren es 261000 in Ceylon gibt, sind Mohammedaner und stammen von den vorhin erwähnten arabisch-indischen Einwanderern ab, sie leben als Händler und Geldverleiher in den Städten, treiben viel Wucher und zeichnen sich überhaupt durch Gerissenheit aus, haben es infolgedessen oft zu erheblichem Wohlstand gebracht. Mit dem holländischen Namen +Burgher+ werden die Eurasier bezeichnet, d. h. die Mischlinge aus den Ehen indischer Frauen mit Europäern. Es gibt etwa 26000, durchweg Christen, und obwohl ihre gesellschaftliche Stellung sehr problematischer Art ist, bringen es viele von ihnen als Richter, Rechtsanwälte, Ärzte usw. doch zu einem gewissen Ansehen. Die +Malaien+ (12000) sind Nachkommen ehemaliger Soldaten aus Malakka und werden gern im Polizei- und Gefängnisdienst verwendet. Schließlich sind noch zwei interessante Naturvölker zu erwähnen, von denen es allerdings nur noch eine geringe Anzahl gibt. Das eine sind die +Weddas+, Ceylons Urbevölkerung, eine der ältesten Rassen der Erde von umstrittener Herkunft. Kleinen Wuchses, dunkelbraun, mit welligem Haupthaar, leben etwa 1000–2000 Weddas, der letzte Rest eines einst zahlreichen Volkes, teils als zivilisierte Dorfweddas, teils als wilde Felsenweddas in den schwach bewohnten Gegenden des Ostens. In einem späteren Kapitel dieses Buches wird von ihnen ausführlicher die Rede sein. Das andere sind die noch rätselhafteren +Rodiyas+, eine verachtete und verfemte Kaste, mit der kein anderer Eingeborener Ceylons auch nur das geringste zu tun haben will. Sie leben deshalb in einigen abgelegenen Dörfern für sich und heiraten auch nur untereinander. Dabei zeichnen sich gerade die Rodiyas, besonders die jungen Mädchen, oft durch edlen Wuchs und große Schönheit aus. Es war ihnen früher verboten, sich zu bekleiden, auch sonst wurden sie in jeder Weise mit der größten Verachtung behandelt, oft genug auch ohne jede Veranlassung von weitem +einfach abgeschossen+, und erst die englische Regierung hat den Verfolgungen und Schikanierungen der bedauernswerten Menschen, so gut es geht, Einhalt geboten. Die Herkunft der Rodiyas, die anscheinend ein Mischvolk sind, ist ebenso wenig aufgeklärt wie die Ursache der furchtbaren Verachtung, mit der sie, trotz ihrer Harmlosigkeit, von Singhalesen, Tamulen und Moormen behandelt werden. Der Sage nach hätten die Rodiyas vor langen, langen Zeiten das denkbar schwerste Verbrechen begangen, indem sie die königliche Tafel in Kandy, statt mit Wildbret, mit — Menschenfleisch belieferten, das der König und sein Hofstaat dann ahnungslos verzehrt hätten. Als der Frevel ruchbar wurde, ließ der König fast den gesamten Stamm ausrotten, der verbleibende Rest geriet in Acht und Bann. Die härteste Strafe, die einen Singhalesen treffen konnte, war seine Verbannung in ein Rodiyadorf. Namentlich Frauen, die sich schwer vergangen hatten, wurden dazu verurteilt und mit Gewalt in ein Rodiyadorf geschleppt — die schlimmste Form des bürgerlichen Todes, die sich denken ließ, denn das bedeutete ihr Versinken und Verschwinden in der Kaste der Namenlosen, im Abschaum, im Nichts ... * * * * * Nächst Colombo ist +Kandy+, die ziemlich genau im Mittelpunkt der Insel im Gebirge gelegene alte Hauptstadt des Singhalesenreiches, Ceylons bedeutendster Platz und zugleich eine seiner hauptsächlichsten Sehenswürdigkeiten. Die Eisenbahn, die Colombo mit Kandy verbindet, gehört zu den ältesten Eisenbahnlinien Asiens, denn sie wurde bereits in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gebaut. Übrigens bietet sie, wie alle Eisenbahnen Indiens, dem Reisenden jede Bequemlichkeit, das doppelte Dach der Wagen schützt vor der Sonne, und auch für Speise- und Schlafwagen ist gesorgt, sowie für Plattformen, von denen man die wundervollsten Landschaftsbilder zu beiden Seiten der Strecke in freiem Ausblick genießt. Die Fahrt geht anfangs durch das reich kultivierte Flachland. Ausgedehnte, mit seichtem Wasser bestandene Felder, auf denen Reis gebaut wird, wechseln mit Kokospalmenwäldern und den anderen Charakterpflanzen der tropischen Niederung ab, dazwischen liegen kleine Ortschaften und Einzelgehöfte. Von Tieren bemerkt man besonders die grauen, haarlosen, mit weit ausladenden Hörnern geschmückten Wasserbüffel, die in den Stunden der größten Tageshitze am liebsten bis zum Hals im Wasser stehen und auf deren breiten Rücken sich häufig zierliche weiße Reiher tummeln, ihre Freunde, die ihnen das Ungeziefer absuchen. Nach 40 ~km~ Fahrt werden die Vorberge des Zentralgebirges erreicht, es geht anfangs allmählich, dann in stärkerer Steigung bergan und zwar hinter Ambepussa in einem Tal, das im Singhalesischen den Namen „Tal des Todesschattens“ führt, weil die ganze Gegend bis zum Fuß des Hochgebirges vom Malariafieber verseucht ist. Von Rambukkana an nimmt die Strecke den Charakter einer Gebirgsbahn an, zur Überwindung der immer stärker werdenden Steigung wird eine zweite Maschine vor den Zug gespannt. So geht es in zahlreichen Kurven durch das schöne Dekandatal, während die Aussicht auf das Terrassengelände der Reisfelder und die darüber emporragenden Kuppen des Hochlandes immer fesselnder wird. Nach 4–5 Stunden Fahrt ist Kandy erreicht. +Kandy+, rings von bewaldeten Bergen eingeschlossen, liegt am Ufer eines kleinen Sees und macht, ganz ins Grüne gebettet, mit seinen sauber gehaltenen Straßen, den niedrigen Eingeborenenhäusern, den weitverzweigten, in Schlangenlinien angelegten Promenaden und den zahlreichen schönen, von üppigstem Blumenflor umgebenen Villen der Europäer den Eindruck einer idealen Sommerfrische. Das ist Kandy auch in der Tat, denn wegen seiner Höhenlage, 500 ~m~ über dem Meer, und der vielen Tage, durchschnittlich 192 im Jahr, an denen immer etwas Regen fällt, ist das Klima angenehm frisch und die Luft des Nachts nach tropischen Begriffen geradezu kühl. Es läßt sich deshalb begreifen, warum Kandy Jahrhunderte hindurch der Lieblingssitz der singhalesischen Könige war und heute ein bevorzugter Landaufenthalt der hohen englischen Beamten und vieler Mitglieder der Fremdenkolonie von Colombo ist. Die 35000 Einwohner der Stadt setzen sich zur Hälfte aus Singhalesen, zur Hälfte aus Tamulen zusammen. Wie in ganz Ceylon, so ist auch in Kandy infolge der verheerenden Kämpfe, die hier früher mit den Portugiesen, Holländern und Engländern ausgefochten wurden, von alten Bauwerken nur sehr wenig übrig geblieben. Das wichtigste, eine der heiligsten Wallfahrtsstätten des Buddhismus, ist der nahe am See gelegene berühmte +Zahntempel Dalada Maligawa+, ein äußerlich ziemlich ansehnlicher Bau, der früher einen Teil des Königspalastes gebildet hat. Innerhalb des Gebäudes befindet sich der eigentliche Zahntempel, deshalb so genannt, weil in ihm der heilige Zahn Buddhas aufbewahrt wird. Die Reliquie ist in einem kostbaren Gehäuse, der mit Edelsteinen bedeckten Karanduwa, unter vielfachen Hüllen eingeschachtelt und wird an hohen Festen dem Volke gezeigt. Der angebliche +Zahn Buddhas+ hat keinerlei Ähnlichkeit mit menschlichen Zähnen, sondern sieht bei 4 ~cm~ Länge und über 1 ~cm~ Dicke mehr wie der Zahn eines Ebers aus. Dieses zahnähnliche Gebilde, das so hohe Verehrung genießt, daß seinetwegen jährlich tausende von Pilgern, selbst aus dem fernen Osten, nach Kandy kommen, befindet sich nachweislich seit 1600 Jahren auf der Insel. Es soll aber gar nicht mehr die echte Reliquie von damals sein. Denn als die Drawiden vom indischen Festland in Ceylon einbrachen, entführten sie den heiligen Zahn. Zwar wurde er später zurückerobert und wieder nach Kandy gebracht. Aber der Besitz war nicht von langer Dauer, denn als die Portugiesen ins Land kamen, wurde der Zahn aus religiöser Unduldsamkeit von ihrem Erzbischof feierlich verbrannt. Was heute als Buddhas Zahn gezeigt wird, soll nur eine Nachahmung des vernichteten echten Zahnes sein. [Illustration: Elefantenbad im Mahaweli Ganga bei Kandy] [Illustration: Straße in Colombo] [Illustration: Der Zahntempel Dalada Maligawa in Kandy (Text Seite 80)] Der Tourist macht sich darüber weiter keine Sorgen und erfreut sich lieber an den interessanten Bildern, die ihm das Volksleben Kandys auf Schritt und Tritt beschert. Alles spielt sich in großer Unbefangenheit öffentlich ab, denn die „kleinen Leute“ Ceylons kennen nicht die Zugeknöpftheit, die der Singhalese in gehobener sozialer Stellung trotz äußerlicher Höflichkeit dem Europäer gegenüber bekundet und die so weit geht, daß er es vermeidet, mit ihm zusammen an einem Tische zu essen. Bei der Gelegenheit möchte ich einige Bemerkungen über die häuslichen +Sitten und Gewohnheiten der unteren singhalesischen Volksklassen+ einschalten. Im allgemeinen sind die Singhalesen sehr friedliebender Natur, Streitigkeiten und Schlägereien kommen nur selten vor. Die Frauen weichen allerdings öfter von dieser Regel ab, und ist erst einmal ein Zank unter ihnen ausgebrochen, so ist des Keifens kein Ende. Dabei wird dann getobt und gekreischt, daß es von einem Ende der Straße zum andern schallt und daß einem Hören und Sehen vergehen kann. Die Männer schauen solchen „Auseinandersetzungen“ mit philosophischem Gleichmut zu, solange sie nicht selber in Mitleidenschaft gezogen werden. Erst dann greifen sie ein, aber gründlich. Der erste beste Gegenstand, der sich zum Prügeln eignet, wird gepackt und mit seiner Hilfe wird der besseren Hälfte nachdrücklich klar gemacht, daß die Zeit besser zur Arbeit im Hausstand als zum Zanken zu verwenden ist. Vernachlässigt eine Frau ihre Pflichten als Hausmutter zu sehr oder wird sie dem Manne gar untreu, so jagt er sie einfach davon, denn ein verwickeltes Scheidungsverfahren, wie in Europa, kennt man in Indien nicht. Sind Kinder vorhanden, so übernimmt sie der Mann. Solche verstoßene Frauen geraten oft in die äußerste Not, da kein anderer Mann sie aufnimmt und ihnen auch meistens die Türen des Elternhauses verschlossen bleiben; sie müssen froh sein, wenn sie irgendwo als Dienstmagd Unterkunft finden. Das heiratsfähige Alter beginnt beim Mann mit dem neunzehnten, beim Mädchen mit dem dreizehnten Lebensjahre, zuweilen auch wohl früher, da die ungebildeten Eingeborenen ihr Alter selten genau angeben können. Fragt man bejahrte Leute, wie alt sie sind, so erhält man gewöhnlich die Antwort: „Mindestens hundert Jahre“, auch wenn es in Wirklichkeit vielleicht nur siebenzig sind. Hat der Sohn das heiratsfähige Alter erreicht, so geht der Vater für ihn auf die Brautschau und verständigt sich mit den Eltern des in Aussicht genommenen Mädchens. Nach einigen Tagen besucht dann der junge Mann die Eltern des Mädchens, und zwar in Begleitung eines Freundes. Gefällt ihm das Mädchen, so bleibt er gleich dort oder nimmt das Mädchen mit in sein Haus, je nachdem wie es zwischen den beiderseitigen Eltern abgemacht war. Sagt ihm das Mädchen aber nicht zu, so entfernt er sich stillschweigend und der Vater hat nach einer anderen Schwiegertochter Umschau zu halten. Auch das junge Mädchen hat das Recht, einen ihr unsympathischen Freier abzulehnen. Im allgemeinen sind für das Zustandekommen der Ehe rein praktische Erwägungen maßgebend. Für schwierige Liebesgeschichten, für Schmachten und „Hangen und Bangen in schwebender Pein“ nach europäischem Vorbild hat der Inder gar keinen Sinn. Ist die Mitgift angemessen und zeigt das in Aussicht genommene Mädchen keine auffälligen Fehler, verspricht sie eine ordentliche Hausfrau und gute Mutter der bestimmt erwarteten Kinder zu werden, so ist man sich schnell im Reinen und das Ehebündnis tritt dann, wie schon gesagt, ohne weitere Förmlichkeiten sofort in Kraft. Der Singhalese ist kinderlieb und behandelt seine Sprößlinge, so lange sie klein sind, meistens mit großer Zärtlichkeit. Die kleinen Kinder laufen, nur mit ein paar Schmucksachen behängt, nackt herum und sehen mit ihrer braunen Haut, ihren großen Augen sehr hübsch und drollig aus. Um ihre Erziehung macht sich der Eingeborene der unteren Klassen gar keine Sorge. Von den auf dem Lande wohnenden Singhalesenkindern besucht höchstens der zehnte Teil die Dorfschule, die es aber auch nur in größeren Orten gibt. In der Stadt ist es damit etwas besser bestellt, aber auch nicht viel. Die Knaben müssen frühzeitig den Vater bei der Arbeit unterstützen und die Mädchen desgleichen der Mutter im Haushalt zur Hand gehen. In ihren aus Holz gezimmerten kleinen Häuschen oder den aus Lehm gebauten, mit Palmenblättern bedeckten Hütten führen die Singhalesen ein sehr einfaches, einförmiges Leben, das nur gelegentlich durch die Teilnahme an den religiösen Festen oder den Besuch der Jahrmärkte mit ihren Belustigungen eine Unterbrechung erfährt. Der Hausrat ist ganz gering und besteht gewöhnlich nur aus ein paar alten Decken, einigen Töpfen und Schüsseln und anderen unentbehrlichen Geräten, wie Axt, Schlagmesser und dergleichen. Als Bett dient eine Bastmatte auf dem Fußboden, nebst einem Kopfkissen. Wenn sich der Mann bei Tagesanbruch erhebt, ist das erste, wonach er greift, die +Beteldose+. Der Betel besteht aus der geschabten Nuß der Betelpalme mit einem Blatt von einem pfefferartigen Rankengewächs, wozu etwas gebrannter Muschelkalk und, wenn er’s hat, etwas Tabak beigemischt wird. Das ist das liebste und meistens auch einzige Anregungsmittel des Eingeborenen. Auch die Frauen kauen gern Betel. Mund und Zähne werden dadurch braunrot gefärbt. Seine erste Mahlzeit nimmt der Singhalese morgens gegen acht Uhr in Gestalt eines Gebäcks aus Karakankorn ein, mittags und abends ißt er sein ewiges Reis mit Curry. Nach dieser Abschweifung komme ich auf Kandy zurück, das übrigens in dem am See gelegenen, damals von einem Deutschen geleiteten Queen’s Hotel eines der besten Gaststätten Asiens besitzt. Unter den vielen Ausflügen in die schöne, landschaftlich hervorragende Umgebung ist einer der beliebtesten an den Fluß Mahaweli Ganga, wo man Gelegenheit hat, zahme Elefanten beim Baden zu beobachten. Die größte Sehenswürdigkeit der weiteren Umgebung aber, zugleich eine Weltberühmtheit, ist der +Botanische Garten von Peradeniya+, die großartigste Anlage dieser Art in ganz Asien, die in wissenschaftlicher Hinsicht mit dem nicht minder berühmten Garten von Buitenzorg auf Java wetteifert. Der Garten von Peradeniya, 7 km von Kandy entfernt, wird in einem großen Bogen vom Mahaweli Ganga eingeschlossen und ist ganz als Park angelegt, ein ideales Lustrevier zum Umhergehen — aber nicht zum Sitzen oder auch nur längeren Stehenbleiben auf den bewachsenen Flächen, denn das bekommt bei den massenhaften Insekten, unter denen sich arge Blutsauger befinden, zu schlecht. Alle Gewächse der tropischen und subtropischen Flora sind hier mit charakteristischen Exemplaren vertreten, sämtliche Palmenarten, alle Nutz- und Zierpflanzen, alle Schlinggewächse, Orchideen, Farne, Moose und Schwämme. Den Laien fesseln in dieser erdrückenden, grünenden, blühenden, duftenden Fülle am meisten die botanischen Kuriositäten, wie die insektenfressenden Pflanzen und jene höchst empfindlichen Gewächse, wie die ~Mimosa pudica~, deren Blätter bei der geringsten Berührung sofort zusammenklappen. Die von Colombo kommende Eisenbahn führt von Peradeniya aus in sechsstündiger Fahrt weiter ins Hochgebirge hinauf nach +Nuwara Eliya+. Es ist eine hochinteressante Gebirgsbahnstrecke mit starken Steigungen, kühn angelegten Kurven, Tunnel- und Brückenbauten, reich an überraschend großartigen Ausblicken auf Schluchten, schäumende Bergströme und ragende Gipfel. Je höher es hinaufgeht, desto mehr bleibt die tropische Vegetation zurück und allmählich nimmt die Landschaft einen fast nordischen Charakter an. Verläßt der Reisende an seinem Ziel in Nuwara Eliya den Wagen und ist es gerade an einem der zahlreichen regenfeuchten Tage der kälteren Jahreszeit, so fühlt er sich förmlich unter einen ganz anderen Himmelsstrich versetzt. Es weht hier eine so kühle, an deutsche Herbsttage erinnernde Luft, daß der verwöhnte Tropenbewohner sich fröstelnd in den Mantel hüllt und dennoch wieder mit unendlichem Behagen das frische, fast rauhe Hochgebirgsklima, das die erschlafften Lebensgeister anregt, den Lungen reichlichen Stoff zuführt, auf den Körper einwirken läßt. +Nuwara Eliya+, von den Engländern abgekürzt meistens +Nurellia+ genannt, liegt 1900 ~m~ hoch über dem Meer am Gregorysee in einem wasserreichen, offenen Hochtal unweit der höchsten Erhebung Ceylons, des 2538 ~m~ hohen Pidurutalagalla. Die mittlere Jahrestemperatur beträgt 14 Grad Celsius und in den Wintermonaten nähert sich das Thermometer oft dem Gefrierpunkt. Nurellia hat sich infolgedessen zum beliebtesten klimatischen Erholungsort nicht nur Ceylons, sondern ganz Südasiens entwickelt. Wer von den Kolonisten sich die zeitraubende und kostspielige Reise nach Europa nicht leisten kann, der fährt wenigstens für ein paar Wochen nach Nurellia hinauf, um hier eine Art „Europa-Ersatz“ zu genießen. Für das fiebernde Blut, die stockenden Säfte, die mangelhaften Funktionen der inneren Organe, das schwer niedergedrückte Gemüt und alle anderen Gebrechen, mit denen die allerhöchste Obrigkeit das Wandeln unter Palmen bestraft, gibt es hier Linderung in der herben Luft. Es ist deshalb, außer Hotels und Pensionen, eine ganze Villenkolonie in Nurellia, einem sonst ziemlich unbedeutenden Ort, entstanden. An lockenden Ausflugszielen fehlt es nicht. Das schönste ist Worlds End (Weltende) im Urwald von Pattipola, so genannt deshalb, weil man hier plötzlich vor einem 1500 ~m~ tiefen Abgrund steht, der an Steilheit nicht seinesgleichen auf Erden hat. Vom Rande des furchtbaren Abgrundes eröffnet sich ein überwältigend großartiger Ausblick auf das tief zu Füßen liegende Flachland von Süd-Ceylon. Das im Zentrum des nördlichen Flachlandes gelegene +Anuradhapura+, mit etwa 5000 meist tamulischen Bewohnern, wäre ein ziemlich bedeutungsloser Ort, wenn es nicht durch seine buddhistischen Altertümer, die in ihrer Art und Ausdehnung überhaupt nicht ihresgleichen haben, nicht nur für Ceylon, sondern für die ganze indische und buddhistische Welt von größter Bedeutung wäre. Als ältester Königssitz der Singhalesen, als heilige Stadt des Buddhismus blickt Anuradhapura auf eine geschichtlich nachweisbare Vergangenheit von ungefähr 2500 Jahren zurück, aber wahrscheinlich hat es auch schon viel früher eine bedeutende Rolle gespielt. Soviel ist sicher, daß Anuradhapura bald nach Buddhas Auftreten, etwa 400 Jahre vor Christus, die Hauptstadt Ceylons wurde und es mehr als 1200 Jahre blieb, bis die vom indischen Festland kommende Invasion der Tamulen seiner Blütezeit ein Ende machte und die Bewohner vertrieb. Seitdem hat Anuradhapura bis in die neueste Zeit in völliger Verödung dagelegen. Allerdings blieb es die langen Jahrhunderte hindurch immer ein Wallfahrtsziel der Buddhisten, aber nach indischer Gewohnheit hat sich niemand auch nur im Geringsten um die Erhaltung und Pflege der Tempel und sonstigen Bauwerke gekümmert. Man ließ sie ruhig verfallen, ließ allmählich die üppige tropische Vegetation ihr grünes Leichentuch über die Trümmer der großen Stadt weben, bis endlich nur hier und dort noch einige Tempel von größerer Widerstandsfähigkeit, halb zerstört und vom Gras überwuchert, an die volkreiche, heilige Königsstadt von ehemals erinnerten. Erst vor etwa hundert Jahren wurden europäische Reisende auf die in der Erde verborgenen Altertümer aufmerksam und seitdem hat man nun durch planmäßige Ausgrabungen und wissenschaftliche Untersuchungen das, was vom uralten Anuradhapura noch übrig geblieben ist, aufgedeckt und gerettet, so gut es ging. Bisher ist nur ein Teil der Stadt freigelegt, große Gebiete sind noch unter dem Dschungel verborgen. Die Ruinen bedecken eine Fläche von vier Quadratkilometer. Hunderte von buddhistischen Bauten, Topes oder Stupas (Gedächtnismale), sowie Dagobas befinden sich hier. Die Dagobas bestehen aus einem quadratischen Steinsockel mit glockenförmigem, massivem Aufbau, der in eine Spitze ausläuft, sie dienten zur Aufbewahrung von Heiligenreliquien und nehmen hier die gewaltigsten Formen an, die die buddhistische Welt kennt. Dazu gesellen sich Überreste von Klöstern, Säulenhallen, kunstvoll gemeißelte Pfeiler, ausgemauerte Badeteiche, rings von Marmortreppen umgeben, und die in archäologischer Hinsicht besonders interessanten sogenannten Mondsteine, das sind halbkreisförmige, reich ornamentierte Steinplatten vor den Stufen der Toreingänge. In den Augen der buddhistischen Wallfahrer aber ist das größte Heiligtum ein ziemlich dürftig aussehender Bo-Baum (~Ficus religiosa~), der auf einer kunstvoll geschmückten Terrasse wächst. Nach der Überlieferung ist es ein Ableger jenes berühmten Bo-Baumes, unter welchem Buddha die göttliche Erleuchtung zu seinem Erlöserwerk empfing. In botanischer Hinsicht wäre das wohl möglich, da der Bo-Baum sich durch Luftwurzeln fortpflanzt und sich deshalb Jahrtausende lang immer wieder erneuern kann. Auf eine Beschreibung der zahlreichen Altertümer von Anuradhapura, unter denen es auch gewaltige Pyramidenbauten gibt, kann hier wohl verzichtet werden. Nur soviel sei gesagt, daß sie trotz ihrem Verfall doch deutlich erkennen lassen, auf welcher hohen Stufe der Kunstfertigkeit und des Geschmacks die damaligen Bewohner Ceylons standen. Nach den ausführlichen Berichten der uralten ceylonischen Chroniken waren die Paläste, Tempel und anderen Bauten Anuradhapuras unter Verwendung der kostbarsten Materialien aufs reichste ausgeschmückt, es schimmerte alles von Gold, Silber, Elfenbein, wertvollen Steinen, edlen Hölzern. Jetzt streichen durch diese versunkene Welt eines märchenhaften Glanzes tamulische Kinder und Bettler und bieten dem Fremden für eine kleine Münze Blätter des heiligen Bo-Baumes an .... Halbwegs zwischen Kandy und Anuradhapura liegt die Ortschaft +Dambulla+, berühmt durch die fünf Höhlentempel, die von dem Singhalesenkönig Valagam Bahu, der während der Tamulenherrschaft hier eine Zuflucht gefunden hatte, angelegt wurden und seit zwei Jahrtausenden dem Buddhadienst geweiht sind. Eine 18 Meter hohe Mauer bildet die Außenwand der hoch über dem Abgrund gelegenen Tempelhöhlen. In den Tempeln befinden sich zahlreiche von den Gläubigen hochverehrte Heiligenbildnisse, u. a. eine aus dem Fels gehauene liegende Buddhastatue von 14 Meter Länge. Von Dambulla führt in schnurgerader Richtung, fast immer durch prächtigen wildreichen Dschungelwald, eine 100 ~km~ lange Landstraße nach +Trincomali+ (die letzte Silbe wird betont), einer 12000 Einwohner zählenden Stadt an der Ostküste. Sie besitzt einen der besten natürlichen Häfen der Welt und war früher als Flottenstation stark befestigt, ist aber, wie alle Küstenplätze Ceylons, außer Colombo, für den See- und Handelsverkehr ohne Bedeutung. Von den schönen Uferpartien an der Bucht, wo die Kokospalmenwälder sich unmittelbar bis ans Ufer erstrecken und in dem ruhigen Wasser spiegeln, gibt unser Vollbild bei Seite 96 eine gute Vorstellung. Von den übrigen Ortschaften der Ostküste Ceylons sei noch +Batticoloa+, die Hauptstadt der Ostprovinz mit 10000 Einwohnern und einem alten Fort, erwähnt. Alle vierzehn Tage werden sämtliche größeren Küstenplätze der Insel von einem Küstendampfer von Colombo aus auf einer Rundfahrt berührt. Von Colombo fährt eine Küstenbahn in südlicher Richtung bis Matara, dem südlichsten Punkt der Insel. Auf dieser Strecke berührt man zunächst einen der beliebtesten Ausflugspunkte der Colombischen Fremdenkolonie, das auf einem Felsen über dem Meer malerisch gelegene +Mount Lavinia-Hotel+, ursprünglich das Landhaus eines früheren Gouverneurs von Ceylon, jetzt ein komfortables Hotel mit vielbesuchtem schönen Seebad an dem sandigen Strand, dessen Gewässer durch ein vorgelegtes Riff gegen Haifische geschützt ist. An einer Reihe unbedeutender Küstenorte vorbei geht dann die Fahrt nach +Galle+, mit 42000 Einwohnern Ceylons zweitgrößter Stadt. Galle war einst der Haupthafen der Insel und ist erst in neuerer Zeit von Colombo überholt worden. Die Eisenbahn endigt bei der an Ceylons Südspitze liegenden Stadt +Matara+. Die +Haifische+, von denen soeben die Rede war und die eine Länge von mehreren Metern erreichen, sind eine sehr unangenehme Beigabe des Indischen Ozeans, wie aller südlichen Meere, da sie sich hauptsächlich an den Küsten aufhalten und hier als kühne, gierige Räuber unter den Fischern und Schiffsleuten oft Unheil anrichten. Denn es scheint, als ob der Hai Menschenfleisch über alles schätzt und sich, im Gegensatz zu den meisten anderen Tieren, seiner Stärke dem Menschen gegenüber wohlbewußt ist. Seinetwegen ist das Baden an ungeschützten Stellen immer mit einem gewissen Risiko verknüpft, denn der Hai versteht es ausgezeichnet, sich schnell und unbemerkt an Unvorsichtige heranzumachen, und hat er jemanden erst einmal mit seinem furchtbaren Gebiß am Beine gepackt, so ist der Unglückliche in den meisten Fällen verloren, er wird unter Wasser gezogen und sozusagen im Handumdrehen zerfleischt, in Stücke gerissen, verschlungen. Glückt es vielleicht durch besonders günstige Umstände, daß man dem Überfallenen rasch zu Hilfe kommt und den gefräßigen Räuber, der eine unglaubliche Dreistigkeit zeigt, verjagt, so trägt das unvorsichtige Opfer des Angriffs doch meistens sehr schwere Wunden davon. Ich bin selbst einmal Augenzeuge eines derartigen traurigen Vorfalls gewesen, und zwar im Hafen von Colombo zur Zeit des Burenkrieges. Man hatte damals in Ceylon zwei Internierungslager für gefangen genommene Burenkämpfer angelegt und ich war von der Regierung mit der Verproviantierung dieser Lager sowie der Dampfer, welche die Burentransporte nach Colombo brachten, beauftragt worden. Als ich mich eines Nachmittags an Bord eines der im Hafen liegenden Dampfer befand und auf Deck mit dem Kapitän unterhielt, fiel es dem Ingenieur des Dampfers ein, ein Erfrischungsbad im Hafenwasser zu nehmen. Uns allen kamen deshalb keinerlei Bedenken, denn die Haie pflegen dem unruhigen Treiben im Hafenbecken fern zu bleiben und noch niemals hatte ich davon gehört, daß jemals einer der vielen Eingeborenen und Schiffsleute, die täglich im Hafen baden, attackiert worden wäre. Der Ingenieur, ein gewandter Schwimmer, sprang also hinab in die Flut und zerteilte sie, weiter ins Freie hinaus den Molenköpfen entgegenschwimmend, mit kraftvollen Stößen. Während der Kapitän und ich ihn plaudernd mit den Augen verfolgten, sahen wir plötzlich zu unserem großen Schreck in Nähe des Schwimmers das berüchtigte und gefürchtete Kennzeichen eines Haifisches, die dreieckig gestaltete Rückenflosse, die, wenn das Tier an der Oberfläche schwimmt, über den Wasserspiegel hervorragt. Wir schrieen aus vollem Halse, um den Mann auf die ihn bedrohende furchtbare Gefahr, die er anscheinend noch gar nicht bemerkt hatte, aufmerksam zu machen und ihn zum schleunigen Rückzug zu veranlassen, falls ein Entkommen überhaupt noch möglich war. In demselben Augenblick warf sich aber der Hai, ein Tier von ungewöhnlicher Größe, auch schon auf den Rücken, wie er es immer tut, wenn er zum Angriff übergeht, denn er kann wegen der eigentümlichen Stellung seines Maules nur in der Rückenlage von seinem Gebiß den richtigen Gebrauch machen. Jetzt nahm auch der Ingenieur das Untier wahr und warf sich, mit den Beinen strampelnd, zurück in Richtung zu uns. Aber ein paar Sekunden später packte ihn schon der Hai und durchbiß ihm den einen Fuß. Der Schwimmer verlor nicht die Geistesgegenwart und suchte sich mit der Kraft der Verzweiflung durch wildes Umsichschlagen von der Bestie zu befreien, denn wenn der Hai überhaupt vor etwas Scheu hat, so sind es heftige Bewegungen der von ihm angegriffenen Person. Aber dieser Haifisch ließ sich auch dadurch nicht beirren, sondern griff den Unglücklichen zum zweitenmal an und zerfleischte ihm diesmal mit seinen scharfen, spitzen Zähnen den Oberschenkel desselben Beines. Wir, der Kapitän und ich, waren inzwischen in das Boot gestürzt, das glücklicherweise an dem heruntergelassenen Fallreep gerade bereit lag, und ruderten mit aller uns zu Gebote stehenden Kraft auf den mit der Bestie ringenden Ingenieur los. Es gelang uns zwar, den Haifisch mit Ruderschlägen zu verjagen und den Mann, der schon halb ohnmächtig war, ins Boot hineinzuziehen, aber als wir ihn an Bord geschafft hatten, zeigte es sich, daß bei der Schwere der Wunden und dem enormen Blutverlust alle Hilfe zu spät kam. Ohne das Bewußtsein wiederzuerlangen, tat der Unglückliche nach wenigen Minuten in unseren Armen den letzten Atemzug. ... Noch am selben Abend wurde die Leiche zum Kirchhof der Europäer überführt, wo so mancher unter Palmen zum ewigen Schlaf gebettet ist. Es waren sehr traurige Stunden für uns. Der Vorfall erregte allgemeines Aufsehen, weil man das Hafenbecken bisher immer für haifischfrei gehalten hatte. Jedenfalls war das Tier durch die vielen verdorbenen Lebensmittel, die damals auf den Transportschiffen über Bord geworfen wurden, angelockt worden. Eine Besteigung des Adamspiks Der +Adamspik+ gilt in den Augen der größten Kulturvölker Asiens als heiliger Berg, seit mehr als 2000 Jahren verherrlicht ihn die fromme Sage als Schauplatz der wunderbarsten Ereignisse. Nicht nur, daß sein Name an den biblischen Stammvater des ganzen Menschengeschlechts, dessen Gestalt sich auch der Islam zu eigen gemacht hat, anknüpft, spielen auch Buddha, der Begründer der weitestverbreiteten Weltreligion, und sein brahmanischer Rivale Schiva auf dem Adamspik eine bedeutende Rolle. Wie es bei den von der Legende verherrlichten Bergen fast immer der Fall ist, fesselt auch Ceylons heiliger Berg schon von weitem die Aufmerksamkeit, entbietet er doch dem Ankömmling zur See schon auf viele Meilen Entfernung den ersten Willkommensgruß der Insel. Zylindrisch zugespitzt, von schöner Gestalt, erhebt sich der Felsenkegel des Adamspiks an der südwestlichen Ecke des zentralen Gebirgslandes. An Höhe wird er allerdings vom Pidurutalagalla im Zentrum des Hochlandes bei Nurellia übertroffen, der bis zu 2538 ~m~ aufsteigt, während der Adamspik es nur auf 2241 ~m~ bringt, dem Auge jedoch durch seine günstige Lage und auffallendere Form größer erscheint als der rundlich gewölbte, minder ansehnliche Pidurutalagalla. In den uralten Chronikbüchern der Singhalesen wird der Adamspik schon vor mehr als 2000 Jahren unter dem Namen Samanala, d. h. die Burg des Wächtergottes Saman, erwähnt, schon damals galt der Gipfel des Berges für ein berühmtes Heiligtum. „Das gestattet den Schluß auf ein noch viel höheres Alter des betreffenden Kultus,“ schreibt Ernst Haeckel, der den Adamspik bestiegen hat. „In der Tat spielt der Berg bereits in den ältesten Legenden des Buddhismus eine Rolle, wie die schöne Insel selbst in dieser mächtigsten Religion des Ostens. Als Buddha inmitten eines furchtbaren Gewittersturmes herniederfährt, betritt er die grüne Insel unter Donner und Blitz, er verjagt das wilde Heer der bösen Geister, die bis dahin Ceylon beherrscht hatten, und schlägt selbst inmitten dieses Paradieses seinen Sitz auf. Hier verkündigt er zuerst sein Evangelium vom Nirwana und lehrt die Menschen ihr Glück in der Entsagung suchen: ohne Wunsch zu leben, um ohne Furcht zu sterben. Hier ist es, wo der Pessimismus zuerst klaren Ausdruck fand. Andächtig lauscht das zusammengeströmte Singhalesenvolk der Heilsbotschaft des Mensch gewordenen Gottes. Die berauschende Pracht der umgebenden Tropennatur, die uns Nordländern als der verkörperte Paradiesgarten erscheint, hindert die Eingeborenen nicht, auf alles Glück derselben Verzicht zu leisten, und dem Beispiel seiner versammelten Fürsten und Adelsgeschlechter folgend, wird bald das Volk zur Buddhalehre bekehrt. Als bleibende Denkmäler seines Besuchs hinterläßt Buddha bei seiner Himmelfahrt nicht allein eine Handvoll seines Haupthaares, sondern auf besonderes Gebet des Königs auch den Eindruck seines Fußes. Dieser +heilige Fußtapfen+ blieb an dem Punkt zurück, auf welchem der Fuß des Buddha die Erde zum letztenmal berührte, auf der höchsten Felsenspitze des Samanala.“ Der „Sripada“, wie die Singhalesen Buddhas Fußtapfen auf dem Adamspik nennen, ist aber nicht bloß den Buddhisten heilig, zu denen fast zwei Drittel der Bevölkerung Ceylons gehören. Auch dem anderen Drittel, den brahmanischen Anhängern der Hindureligion, gilt die Fußspur als Gegenstand der Verehrung, nur mit dem Unterschied, daß sie nach ihrer Auffassung nicht von Buddha, sondern von ihrem Gott Schiva herrührt. Und die Mohammedaner wiederum bringen in Anknüpfung an die Legende der arabischen Seefahrer, die schon sehr frühzeitig auf ihren Handelsfahrten Ceylon kennen lernten, die seltsame Spur im Felsen mit Adam in Verbindung. Als Adam, so berichtet die Sage, nach dem Sündenfall aus dem Paradies vertrieben wurde, ergriff ihn ein Engel am Arm und setzte ihn auf dem Gipfel des fortan nach ihm benannten ceylonischen Berges nieder. Aber nicht nur Buddhisten, Brahmanen und Mohammedaner nehmen den berühmten Fußtapfen für ihren Kultus in Anspruch. Die Chinesen schreiben ihn teils Buddha, teils Twan-Koo, wie bei ihnen der erste Mensch heißt, zu. Die Portugiesen, die als erste christliche Eroberer auf der Insel einzogen, halten ihn für die Spur des heiligen Apostels Thomas, während die Perser ihn für ein Zeichen der Anwesenheit Alexanders des Großen auf Ceylon ausgeben. Man sieht also, daß der schöne Berg mit einem reichen Sagengewand bekleidet ist und schon deshalb alle Beachtung verdient. Trotzdem wird der Adamspik von Europäern verhältnismäßig nur selten besucht. Den nur vorübergehend auf der Insel weilenden Fremden fehlt es meistens an Zeit, und die hier ansässigen Kolonisten sind größtenteils zu sehr von der typischen Gleichgültigkeit beseelt, die das Leben in der heißen Zone mit sich bringt, als daß sie sich wegen des Adamspiks anstrengen wollten. Da müßte man sich ja persönlich mit Gehen und Steigen bemühen, und das liebt der Tropenkolonist im allgemeinen nicht, deshalb genügt ihm der Anblick des Berges von weitem. Kaum fünf von hundert in Colombo seit Jahren ansässigen Europäern haben es der Mühe wert erachtet, dem so nahen Berge, einem der allermerkwürdigsten der Erde, einen Besuch abzustatten. Dabei ist die Besteigung heutzutage nicht schwieriger, als eine größere Bergtour in den deutschen Alpen. In uralten Zeiten, so etwa vor 2000 Jahren, als der Adamspik ein Wallfahrtsort ersten Ranges für die Buddhistenwelt des ganzen Ostens war, verhielt es sich freilich anders damit. Damals war Ceylon noch von dichten Urwäldern bedeckt, reich an wilden und reißenden Tieren, damals gab es auf der Insel kaum die notdürftigsten Wege und jede Wanderung auf ihr war ein höchst anstrengendes, gefährliches Unternehmen. Noch im Jahre 1340, in welchem der auf einer Seereise nach Ceylon verschlagene gelehrte Araber +Ibn Batuta+ den heiligen Berg bestieg (sein ausführlicher Bericht darüber ist uns erhalten und ist höchst lesenswert), war das eine sehr schwierige Expedition. Ibn Batuta beschreibt genau die noch heute vorhandenen Felsstufen und Ketten, die zum höchsten Gipfel hinaufführen. Vor ihm hatte bereits der Venezianer +Marco Polo+, der große Forschungsreisende, 1293 Ceylon berührt, ohne jedoch den Adamspik zu ersteigen. Die Besteigung erfolgt heute zumeist von der Eisenbahnstation +Hatton+ aus, die an der Strecke Kandy-Nurellia liegt. Ich habe den Berg wiederholt erklommen, das letztemal in Gesellschaft einiger Freunde aus Deutschland, denen ich, wie das so häufig geschah, als „Bärenführer“ beim Besuch der Hauptsehenswürdigkeiten Ceylons diente. Wir waren nachmittags in Hatton angelangt und setzten alsbald mit einem Fuhrwerk die Reise nach +Laxapana+ fort. Es ist eine herrliche Fahrt auf vorzüglicher Straße, zuerst durch Teepflanzungen, dann in einer malerischen Talschlucht in vielen Windungen bergab bis zur Brücke über den Kelani Ganga, zuletzt wieder bergan und abermals durch üppige Teepflanzungen, mit immer großartigerem Blick auf den Pik, nach dem kleinen Ort Laxapana, von welchem aus die Besteigung zu Fuß beginnt. Da sich keine Möglichkeit bietet, auf der Bergtour irgendwo zu übernachten, wird die Besteigung immer schon bei Nacht angetreten, damit man am Abend des nächsten Tages wieder in Laxapana oder Ratnapura zurück ist. Auch kommt man nur auf diese Weise zum vollen Genuß der Aussicht, die in der ersten Morgenstunde am klarsten ist. Wir hielten uns also in Laxapana nicht lange auf, nahmen nur das Abendessen ein und traten um elf Uhr Nachts in Begleitung einiger Träger, die mit Laternen und Fackeln ausgerüstet waren, den Marsch an. Die ersten zwei Stunden geht es auf einem guten Reitweg flott bergan, dann aber beginnt ein schmaler, schlecht gehaltener Pilgerpfad, der, zumal im Dunkel der Nacht, zeitweilig so unkenntlich wird, daß ihn nur das geübte Auge des Führers wahrzunehmen vermag. Einige riesige Gneisblöcke, die dachförmig vorragen, dienen bei schlechtem Wetter ermatteten Pilgern als Unterschlupf. Nach Passieren der von Baumfarnen erfüllten Schlucht des Baches Sita Gangula geht es steil über Geröll und Baumwurzeln im Urdschungelwald bergauf. Die soeben erwähnten Baumfarne gehören zu den edelsten Vegetationsformen, von deren Schönheit die verkrüppelten Exemplare in den europäischen Treibhäusern keine annähernde Vorstellung geben können. Sie haben gleich den Palmen, denen sie sehr ähneln, einen schlanken, ungeteilten, hoch aufstrebenden Stamm mit einer einfachen Krone von riesengroßen Fiederblättern, diese Wedel sind aber bei den Farnbäumen viel zarter und feiner als bei den derberen Palmen. Neben den Farnbäumen bilden noch stammlose Farnkräuter mit kolossalen, bis 20 Fuß langen Wedeln an den Ufern der Bergbäche undurchdringbare Dickichte. In früheren Jahren habe ich übrigens an den Abhängen des Adamspiks bis zum Fuß des letzten steilen Gipfelkegels hinauf wiederholt die frischen Spuren wilder Elefanten gesehen, wie auch Ernst Haeckel das beschreibt. Ich kann also die von dem berühmten Naturforscher gemachte Beobachtung nur bestätigen. Es ist erstaunlich, bis zu welcher Höhe der Elefant auf der Suche nach gewissen, von ihm besonders geschätzten Futterpflanzen hinaufsteigt und mit welcher Sicherheit sich der scheinbar so schwerfällige Koloß im steil ansteigenden Urwaldgestrüpp und an Felsenhängen bewegt, die selbst einem geübten Kletterer zu schaffen machen. Überhaupt ist das Gelände hier ziemlich wildreich. Der Leopard und der von den Eingeborenen gefürchtete Lippenbär halten sich hier sehr gern auf, ihnen fällt der Elkhirsch, sowie der große graue Hochlandaffe, ~Presbytis ursinus~, häufig zur Beute. Wir waren seit Laxapana fünf Stunden unterwegs und langten um vier Uhr morgens am Fuß der steil aufragenden Gipfelpyramide an, dem letzten noch zu bewältigenden Abschnitt der Tour. Schon vor 2000 Jahren, vielleicht ist es sogar noch länger her, haben hier fromme Pilgerhände, von denen kein Atom mehr existiert, stellenweise unregelmäßige Stufen in den Fels gehauen, um den Aufstieg zu erleichtern, und an den steilen Stellen sind eiserne Geländer und jene Ketten angebracht, von denen der vorhin erwähnte Araber Ibn Batuta erzählt. Leider ging hier meinen Gefährten die „Puste“ aus. Sie konnten nicht mehr weiter und mußten sich längere Zeit ausruhen, um wieder zu Kräften zu kommen. Ich ging inzwischen voraus, denn das herrliche Schauspiel des Sonnenaufganges auf dem Adamspik wollte ich mir doch nicht entgehen lassen. Es war noch finster, als ich oben anlangte, aber bald tauchten im Osten über dem Meer die ersten zarten silberigvioletten Streifen auf, die das Nahen des Tageslichtes verkündigen. Der Gipfel nimmt ein kleines, unregelmäßiges Geviert von etwa 25 Schritt Umfang ein und ist von einem weißgetünchten Mauerchen umgeben. Ein paar buddhistische Priester, die in einer Hütte unterhalb des Gipfelfelsens wohnten, nahmen mich auf meine singhalesische Ansprache hin sehr freundlich auf und bewirteten mich mit heißem Tee, der mir wohltat, denn es blies hier oben eine empfindlich kalte, scharfe Luft. Die Temperatur sinkt nachts gewöhnlich auf wenige Grad über Null. Vergebens wartete ich auf das Nachkommen meiner Freunde. Sie mußten wohl sehr erschöpft sein, denn schon dämmerte der Morgen heran und sie erschienen noch immer nicht. Jetzt nahte der feierliche Augenblick des Sonnenaufganges und mit ihm zugleich die berühmte Erscheinung des +Gipfelschattens+. Sobald nämlich der Sonnenball aus dem Bengalischen Meer auftaucht, läßt sein rasch sehr intensiv leuchtendes Licht den Schatten des Bergkegels westlich von diesem in Gestalt eines gewaltigen dunklen Dreiecks auf dem weißen Nebelmeer erscheinen. Das dauert etwa zwanzig Minuten, und in dieser Zeit hat man das Gefühl, als ob man, der Erde entrückt, hoch über den Wolken in den Lüften schwebe. Es ist ein unsagbar herrliches Schauspiel, aber seine Schönheit steigert sich noch, wenn dann unter der Einwirkung der immer höher steigenden Sonne und der zunehmenden Kraft ihres Lichtes die wallenden Nebelschleier allmählich zerreißen und die Umgebung des Adamspiks auf weite Entfernung hin wie eine Landkarte zu unseren Füßen liegt. Die +Aussicht+, die sich dann erschließt, hat kaum ihresgleichen auf Erden. Es fällt zuerst nicht leicht, sich in dem phantastischen Durcheinander scharfgezackter Bergketten und üppiger Täler zurechtzufinden, aber an Hand der Karte orientiert man sich dann allmählich. In der näheren Umgebung tritt der Rivale des Adamspiks, der Pidurutalagalla, besonders auffällig hervor. Man überblickt den ganzen südlichen Teil der Insel, nach Westen hin bis zur Küste und bis Colombo, nach Süden bis zu den Küstenlagunen von Hambantota und noch weit über die Küsten hinaus auf den Indischen Ozean, der infolge einer optischen Täuschung wie eine Mauer steil emporzuragen scheint. [Illustration: Kokospalmenhain am Strande von Trincomali (Text Seite 88)] [Illustration: Tamule] [Illustration: Singhalesin] Es war schon strahlend heller Tag und bereits wieder ziemlich warm, als meine Freunde endlich auf dem Gipfel erschienen. Sie machten recht saure Gesichter, weil ihnen der Hauptgenuß der Tour, eben der Sonnenaufgang, entgangen war, aber daran ließ sich nichts ändern. Wir nahmen nun den berühmten Sripada, den +Fußtapfen Buddhas+, in Augenschein. Er befindet sich in der Mitte des kleinen Gipfelplateaus auf einer 4 ~m~ hohen Felsmasse, die von einem offenen Pavillon überdeckt ist. Es ist ein Eindruck im Felsen von etwa 1⅔ ~m~ Länge und ¾ ~m~ Breite, der einige Ähnlichkeit mit der Spur eines Riesenfußes hat und zwar eines linken Fußes. Hier und dort mag dem merkwürdigen Naturspiel von Menschenhand wohl ein klein wenig nachgeholfen sein. Es läßt sich denken, welchen starken Eindruck das uralte Heiligtum auf die Phantasie der Gläubigen machen muß, obwohl doch immerhin eine reichliche Gabe Einbildungskraft dazu gehört, um die Vertiefungen im Felsen für den Abdruck eines Riesenfußes zu halten. Rings um den Felsen lagen in Menge die verdorrten Überreste der Blumenopfer, die von den Pilgern gespendet werden. Bald hatten wir auch Gelegenheit, eine Pilgerschar bei Verrichtung ihrer Andacht zu sehen. Es waren etwa dreißig tiefdunkle Tamulen vom indischen Festland, darunter auch Frauen und Kinder, die die weite Reise hierher und die Beschwerden des Aufstiegs nicht gescheut hatten, um dem Urheber des heiligen Fußtapfens, also in ihrem Fall, da es Brahmanen waren, Schiva, an geweihter Stelle ihre Verehrung zu zollen. Die frommen Pilger glauben sich dadurch Gesundheit und langes Leben, Schutz vor bösen Geistern und die Vergebung der Sünden, sogar der in Zukunft noch zu begehenden, zu sichern. Als notdürftiges Obdach für die Pilger sind am Fuß des Gipfelkegels, wo auch die buddhistischen Mönche wohnen, eine Anzahl Bretterhütten errichtet. Übrigens wird der Adamspik nur im Winter bis Anfang April besucht, und nur in dieser Zeit halten sich die Mönche hier oben auf. Denn in den anderen Monaten, zur Regenzeit, ist der Gipfel zumeist so schweren Gewittern ausgesetzt, daß man ihn nicht besteigen kann. Unseren Abstieg vom Adamspik traten wir in südlicher Richtung nach +Ratnapura+ an, der Stadt der Edelsteine, von der ich schon früher (Seite 37) gesprochen habe. Die Graphitminen von Kurunegala Das weitaus wichtigste Mineral Ceylons ist der +Graphit+, im Welthandel auch Plumbago genannt. Er bildet einen der größten Exportartikel des Landes und findet auch in der deutschen Industrie, besonders bei unserer hochentwickelten Bleistiftfabrikation, neben dem sibirischen Graphit in umfangreichster Weise Verwendung. +Kurunegala+, die Hauptstadt der Nordwestprovinz, ist der Mittelpunkt des ceylonischen Graphitgrubenbezirks, und als ich wieder einmal in dieser Gegend zu tun hatte, beschloß ich, mir bei der Gelegenheit einen der Minenbetriebe anzusehen. Man konnte mit der Eisenbahn damals nur bis Polgahawela, der halbwegs zwischen Colombo und Kandy liegenden Station, fahren und mußte von dort den Postwagen mit der vielversprechenden Aufschrift „Royal Mail“ benutzen, doch war weder an dem alten klapperigen Omnibus noch an den nicht minder klapperigen Rössern etwas Königliches zu bemerken. Als dem einzigen Europäer unter den Passagieren überließ man mir den luftigen Sitz neben dem singhalesischen „Schwager“, während die inneren, höchstens für sechs Personen bestimmten Plätze mit zehn Eingeborenen bepackt wurden, darunter auch zwei Burgher-Damen (Mischlinge) mit Kind und Kegel, Schoßhündchen und Vogelbauer. Über dem herrlichen Gefährt und rund herum waren zahllose Koffer und Reiseeffekten angebunden. Im Zuckeltrab ging es auf der chaussierten Landstraße dahin, alle vier Meilen wurden die Pferde ausgewechselt und durch andere, womöglich noch steifbeinigere Klepper ersetzt. So erreichten wir langsam aber sicher spät abends +Kurunegala+, eine ganz ansehnliche Stadt mit einem Rasthaus, wo ich die Nacht verbrachte. Sie war für mich freilich kurz genug, denn schon um drei Uhr morgens, also in tiefster Dunkelheit, setzte ich meine Reise mit einem leichten zweiräderigen Ochsenkarren, einem sogenannten Hackery, gezogen von einem Zebuöchslein, fort. Ein Vergnügen ist das gerade nicht, denn diese nicht gefederten Karren stoßen ganz jämmerlich, so daß einem nach ein paar Stunden zumute ist, als ob man keinen heilen Fleck mehr am Leibe hätte. Der Zebuochse läßt sich, wie seine braunen Herren und Meister, unendlich viel Zeit, denn solche Einfälle, wie etwa der, einen neuen Geschwindigkeitsrekord aufzustellen, liegen seinem gesunden Rindviehverstande vollständig fern. Abgesehen von der Vibrationsmassage auf dem von Lastkarren ausgefahrenen, holperigen Kieswege war die Fahrt bei Mondschein und in der würzigen, frischen Nachtluft ganz angenehm. Es ging durch ausgedehnten dichten Dschungel, der den Weg rechts und links beinahe wie mit grüner Mauer umschloß, und der Karrenführer verkürzte mir die Zeit durch Erzählungen von früher, als es hier noch Leoparden und Elefanten in Fülle gab. Es tat mir sehr leid, daß ich statt der Schrotflinte keine Kugelbüchse mitgenommen hatte, denn zweimal hätte ich Gelegenheit gehabt, auf wilde Schweine zum Schuß zu kommen, und alle Augenblicke sah ich einen Schakal auf dem mondbeschienenen Pfade schleichen. Um sechs Uhr stieg die Sonne hinter den Bergen empor und wir begegneten einem mit zwei kräftigen Höckerochsen bespannten Lastkarren mit Graphit. Um acht Uhr erreichten wir das aus ein paar Hütten bestehende Dorf Gokarella. Hier nahm ich aus den mitgenommenen Vorräten ein kleines Frühstück ein, Brot gibt es in dieser Gegend nicht mehr und an die Reispfannkuchen der Singhalesen habe ich mich nie gewöhnen können. Dem braven Zugöchslein war die Rast ebenfalls zu gönnen, denn später hörte der Kiesweg auf und der Karren mahlte ächzend durch Sand, so daß ich es vorzog, etwas zu Fuß zu gehen. Bald gab der Wald einen entzückenden Ausblick auf die Berge frei, wo der Graphit abgebaut wird und ein paar Häuschen an den Felsen kleben. Als ich bei den Gruben angekommen war, arrangierte der Aufseher bereitwilligst eine Besichtigung für mich. Die Hauptmine liegt in einer mächtigen Felsspalte von 10 Meter Breite und 100 Meter Tiefe. Das ganze deutet darauf hin, daß ehemals ein bedeutender Gießbach hier seinen Ursprung gehabt haben muß, jetzt sind nur noch unbeträchtliche Quellen vorhanden, die mit ein paar Rohrleitungen abgeführt werden. Die ganze Art der +Graphitgewinnung+ ist höchst primitiv, moderne Maschinen findet man nur in wenigen Gruben. Große Leitern aus Bambusrohr führen fast völlig senkrecht in die Schlucht hinab und die Leitersprossen sind durch den daran haftenden nassen Graphitschmirgel so schlüpfrig, daß es geradezu halsbrecherisch ist, daran hinunterzuklettern. Hier und dort fehlen auch ein paar Sprossen, dann muß man an den Seitenstäben weiterrutschen. Alles, was man in der Grube anfaßt, ist naß und schmierig von dem ölig fettigen Schmirgel. Am Grunde der Felsschlucht führen schmale, etwa einen Meter hohe Stollengänge in das Gestein. Beim matten Schimmer von Kokosöllämpchen, bestehend aus einem Stück Kokosschale mit einem Zeugfetzen als Docht, krochen wir in einen der Gänge hinein, überall sieht man den Graphit in Adern schimmern, die den Granitfelsen durchziehen, dazwischen goldig glänzendes Erz, Kupferkies, von den Bergleuten Wassergold genannt. Von den Stollen gehen wieder senkrechte enge Schächte 100–200 Fuß in die Tiefe, je nachdem der Stand des Grundwassers es erlaubt. In den Stollen schlagen die Bergleute, durchweg Eingeborene, den Graphit in mehr oder minder großen Stücken ab, und Hunderte von beinahe völlig nackten Kulis befördern die Ausbeute in Holzeimern nach dem Hauptschacht, wo die Eimer von anderen Kulis, die auf der großen Bambusleiter übereinander stehend verteilt sind, von Hand zu Hand wandernd, nach oben befördert werden. Von irgendwelchen Maschinerien oder Dampfpumpen ist in dieser Grube, wie in den meisten, keine Spur vorhanden, alles wird mit der Hand betrieben. Die Arbeitskräfte sind ja so billig. Auch Ventilationseinrichtungen fehlen, deshalb herrscht hier unten eine Luft zum Ersticken und man begreift es nicht, wie es die Leute in den Stollen stundenlang aushalten können. Ich für meinen Teil hatte bald genug davon und trat wieder den Rückzug an, diesmal mit dem eleganten „Lift“, bestehend aus einer Regentonne, die mit einer Winde hinaufgezogen wurde. Makellos sauber war ich in die Grube gestiegen, pechschwarz glänzend, von Öligkeit triefend, langte ich wieder oben an, so daß ich zunächst einmal ein Reinigungsbad nehmen und die Kleider wechseln mußte, während mich der Aufseher mit Biskuits bewirtete, die auf ein Jubiläumsalter von mindestens drei Jahren zurückblicken konnten. Der Graphit wird gleich an Ort und Stelle von dem gröbsten anhaftenden Gestein befreit und in die Fässer gepackt, in welchen man ihn von Colombo nach Europa und Amerika verschifft. Auf der Rückfahrt nach Kurunegala zog mit großer Schnelligkeit ein Gewitter auf und bald goß es in Strömen, während der Donner in den Bergen wiederhallte. Wir waren schon völlig durchnäßt, als wir endlich auf eine Eingeborenenhütte stießen und Schutz darin fanden. Die Insassen, Mann, Frau, Großmutter und ein halbes Dutzend Gören, waren nicht wenig erstaunt über den hohen Besuch. Zur Verbesserung der Zimmerluft zündete ich mir ein Pfeifchen an und offerierte dem Singhalesen auch etwas Tabak, den er aber in den Mund steckte und zu kauen vorzog. Nachher machte sich die Familie über ihren Reis mit Curry her, während ich meinem Reisekoffer eine Wurst und eine Flasche Bier entnahm und mir ein grandioses Abendessen leistete. Als sich das Unwetter ausgetobt hatte, setzten wir zu später Nachtzeit unsere Fahrt fort und kamen nach ein paar Stunden in Gokarella an, wo ich den Rasthauswirt aus dem Schlafe klopfte, um bald darauf selbst in tiefem Schlummer zu liegen. Am folgenden Tage gönnte ich mir Ruhe und fuhr erst spät nachmittags nach Kurunegala. Dort bestieg ich am nächsten Tage den Ibakgalla (Schildkrötenberg), auf dem sich eine Vihara, ein Buddhistentempel, nebst einem kleinen Kloster befindet. Einen Brunnen gibt es hier nicht, die Priester sind deshalb auf das Regenwasser angewiesen, das sie in einem Sammelbecken auffangen. Von den frommen Brüdern war gerade keiner anwesend, mit Ausnahme eines ganz jungen kleinen Burschen, der aber ganz wie die Alten mit dem gelben Priestergewand bekleidet war und ebenso wie diese einen kahlgeschorenen Kopf hatte. Mein singhalesischer Begleiter behandelte den Knaben übrigens genau so ehrfurchtsvoll wie einen erwachsenen Priester. Als ich den Wunsch ausdrückte, den Tempel besichtigen zu dürfen, holte der Punchi Unanse (Kleiner Hochwürden, wie ihn mein Begleiter anredete) einen mächtigen Schlüssel und führte uns in den Tempel, in welchem es außer den üblichen Buddhastatuen allerdings nichts zu sehen gab. Die Statuen waren zumeist aus dem Felsen, an den sich der Tempel anlehnte, selbst ausgehauen und mit ockergelber Farbe poliert, der süßliche Duft der zum Opfer dargebrachten Tempelblume (~Michelia Champaca~) erfüllte betäubend das Heiligtum. [Illustration] Fünftes Kapitel Vom Elefanten und seinem Fang Ceylon, die klassische Elefanteninsel — Unterschiede zwischen dem indischen und dem afrikanischen Elefanten — Verschiedene Arten des ceylonischen Elefanten — Seine Lebensweise — Einzelgänger und Rogues — Intelligenz des Elefanten — Wie man die wilden Elefanten einfängt — Ein von mir selbst geleiteter Kraal — Arbeitselefanten — Ein widerspenstiger Dickhäuter — Jumbos Streiche — Die kitzelige Laura — Erlebnis mit einem Rogue-Elefanten Das stolzeste Hochwild Ceylons ist der +Elefant+. Ein wahrhaft königliches Tier von überragender Bedeutung, das zu den charakteristischsten Erscheinungen der Tropeninsel und ihrer Kultur, ihres geistigen und wirtschaftlichen Lebens gehört. Man kann sich das mächtige Rüsseltier aus der Geschichte Indiens gar nicht fortdenken, so sehr ist es mit dieser verwachsen, wie schon daraus erhellt, daß es im Sanskrit nicht weniger als etwa hundert verschiedene Bezeichnungen für den Elefanten gibt. Schon in den ältesten Zeiten haben die Inder den Elefanten gezähmt, ihn bei der friedlichen Arbeit und zum Kriegsdienst verwendet, ihn zum Hausgenossen und Freund gemacht. Er wurde zum Prunktier des indischen Fürsten; eine möglichst große Anzahl stattlicher Elefanten zu besitzen, sie als Reittiere zu benutzen und bei festlichen Anlässen pomphaft geschmückt vorzuführen, galt seit alters und gilt noch heute als eine der vornehmsten Standespflichten des Radschas. Aber die außerordentliche Wertschätzung des edlen Tieres ging noch viel weiter, bekundete sich in seiner Erhebung zum hehren Symbol. Nicht bloß, daß die indischen Dichter den Elefanten als Sinnbild der Weisheit und des Mitgefühls priesen, verlieh man dem Gott Ganesa, dem Schirmherrn der Künste und Wissenschaften, in den Tempeln das Haupt eines Elefanten; ein Elefant war das Reittier Indras, des gefeiertsten altindischen Gottes, acht Elefanten tragen das Weltall, und den Buddhisten gilt der weiße Elefant als eine anbetungswürdige Inkarnation der verschiedenen Buddhas. Zahllos sind die Elefantenskulpturen an den heiligen Stätten Indiens, überall sieht man den Kopf oder den ganzen Körper des Dickhäuters in Stein gemeißelt, bald in kolossalen Größenverhältnissen, bald in Miniaturdarstellungen. Ist dieser Kultus, der mit dem Elefanten getrieben wird, für ganz Indien im allgemeinen bezeichnend, so steht er in +Ceylon, der klassischen Elefanteninsel+, in ganz besonderer Blüte. Singhalese und Elefant gehören zusammen. Ja, man darf ohne Übertreibung behaupten, daß der Rüsselträger im kulturellen Leben der Singhalesen unverwischbare Spuren hinterlassen und die ganze Denkungsart des Volkes stark beeinflußt hat. Bevor wir uns mit den Elefanten von Ceylon näher befassen, seien ein paar kurze Bemerkungen darüber vorausgeschickt, wie sich die beiden Arten des großen Dickhäuters, der bekanntlich nur in Südasien und in den heißen Strichen Afrikas vorkommt, von einander unterscheiden. Man begegnet mitunter der Ansicht, daß der afrikanische Elefant dem indischen überlegen sei und daß letzterer schon gewisse Entartungsmerkmale aufweise, während sein afrikanischer Vetter sich die größere Ursprünglichkeit und Unverbrauchbarkeit bewahrt habe. Diese von ein paar Äußerlichkeiten bestimmte Ansicht muß als irrig bezeichnet werden. Der einzige Vorteil, den der afrikanische Elefant vor dem indischen voraushat, sind seine größeren Stoßzähne, die bei alten Tieren oft kolossale Länge und Stärke erreichen, während es unter den indischen Elefanten, besonders den ceylonischen, nur die Männchen zu größeren Hauern bringen. (Elefanten mit bedeutenden Stoßzähnen nennt der Engländer „Tusker“.) Man muß zugeben, daß der Afrikaner in diesem Punkt dem Inder überlegen ist und in den oft enormen Stoßzähnen, ganz abgesehen von ihrem wirtschaftlichen Wert als Lieferanten des kostbaren Elfenbeins, etwas höchst Eindrucksvolles besitzt. Er verdankt die großen Stoßzähne seinem Kampf ums Dasein. Im afrikanischen Urwald braucht er diese Waffen, um sich anderen starken Tieren gegenüber, die ihm sonst vielleicht gefährlich werden könnten, Respekt zu verschaffen. Der ceylonische Elefant kennt diesen harten Kampf ums Dasein nicht, keines der anderen Tiere der Insel ist ihm gefährlich, und aus diesem Grunde sind seine Stoßzähne, die im Altertum größer waren, allmählich verkümmert. Es wäre aber verfehlt, ein Kennzeichen der Entartung zu nennen, was in Wirklichkeit nur die Zurückbildung eines nicht mehr lebenswichtigen, also überflüssig gewordenen Organs zugunsten anderer Fähigkeiten ist. Immerhin mag zugegeben werden, daß der afrikanische Elefant in seinen großen Stoßzähnen auch in ästhetischer Hinsicht vor dem indischen etwas voraus hat. In jeder anderen Hinsicht bleibt er hinter dem indischen Vetter zurück. Die ganze Gestalt, vor allem aber der Kopf des Inders ist edler geformt. Während der Afrikaner einen kürzeren, höher gestellten Leib, einen niedrigen flachen Kopf mit außerordentlich großen Ohren, einen dünnen Rüssel, eine schmale Brust, häßliche Beine und in seinem ganzen Wesen etwas Gedrücktes hat, erfreut sich der indische Elefant eines sehr ausdrucksvollen Kopfes mit hoher Schädelwölbung und breiter Stirn, kleinerer Ohren, eines schön gezeichneten Rüssels von gedrungener Form und kraftvoller Beine. Unzweifelhaft schneidet der Inder seinem afrikanischen Vetter gegenüber in ästhetischer Hinsicht im allgemeinen besser ab, und auch in geistiger ist er ihm überlegen. Der indische Elefant braucht Wasser und Wald, oder anstelle des Waldes wenigstens grasreiche, mit Bäumen bestandene Steppen. Er bewohnt das vorderindische Festland und Ceylon, Assam, Burma, Siam, die Malaiische Halbinsel und Sumatra. Man kann den wilden Elefanten beinahe als Nachttier bezeichnen, jedenfalls ist er nachts, das heißt ungefähr von der achten Abendstunde an bis Mitternacht, lebhafter und unternehmungslustiger als am Tage. Tagüber hält er sich im Dickicht auf und erst nach Anbruch der Dunkelheit unternimmt er seine Ausflüge, bei denen er oft weite Wege zurücklegt und auch vor Schwierigkeiten des Geländes nicht zurückschreckt, denn er ist, trotz seiner plumpen Figur, ein guter Kletterer. Ebenso schwimmt er vortrefflich, wie er denn überhaupt das Wasser sehr liebt, täglich sein Bad nimmt und dabei tüchtig duscht, d. h. sich mit Hilfe seines Rüssels bespritzt. Seine Hauptnahrung sind Blätter und Zweige, daneben Gras. Bisweilen statten die Elefanten auch den Feldern Besuche ab, wenn diese nicht durch Hecken oder Umzäunungen abgesperrt sind. Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß der Herdenelefant auch die leichteste Umzäunung, welche niederzutreten ihm nicht die geringste Schwierigkeit verursachen würde, respektiert. Man hat deshalb schon scherzhaft behauptet, daß sogar eine Verbotstafel genügt, um ihn vom Betreten der Felder abzuhalten. Während der afrikanische Elefant seines Elfenbeins wegen stark verfolgt wird und nicht genügenden Schutz genießt, so daß er in manchen Gegenden, wo er früher sehr zahlreich auftrat, schon völlig ausgerottet ist, darf sich der indische, besonders der ceylonische Dickhäuter in ziemlich großer Sicherheit ruhig entwickeln, denn es wird immer nur eine gewisse Anzahl eingefangen oder abgeschossen. Immerhin sind auch für den indischen Elefanten die Tage der Rosen, um es poetisch auszudrücken, längst vorüber, denn die fortschreitende Kultur mit ihren Eisenbahnen und sonstigen technischen Hilfsmitteln rückt den scheuen Tieren des Dschungels immer bedrohlicher auf den Leib und schmälert ihre Daseinsbedingungen mehr und mehr. Noch vor hundert Jahren war der Elefant in Ceylon so häufig, daß man von Colombo nur ein paar englische Meilen weit auszurücken brauchte, um ihn zu treffen. Man mußte ihn damals in ziemlich umfassender Weise abschießen, weil er zu großen Schaden anrichtete. Im Jahre 1836 hat eine Jagdgesellschaft von vier Europäern in drei Tagen 106 Elefanten erlegt. Noch in den vierziger und fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden für die Vertilgung von rund 5500 Elefanten Belohnungen ausgezahlt — denn damals bekam man noch eine Prämie für die Erlegung eines Elefanten, während man heute Schußgeld zahlen muß! Wahrscheinlich wurde das edle Wild damals in übertriebener Weise verfolgt und die entgegengesetzten Bemühungen, es zu schonen und zu erhalten, haben zu spät eingesetzt. Wieviel wilde Elefanten gibt es nun heute noch in Ceylon? Die Meinungen der Sachverständigen lauten sehr verschieden, aber ich glaube, daß man so ziemlich das Richtige trifft, wenn man die Zahl auf etwa 2000 festsetzt. Das ist im Verhältnis zu der Größe der Insel wenig genug, und es wäre deshalb aufs innigste zu wünschen, daß jeder unnötigen Vertilgung der Dickhäuter durch eine noch strengere Handhabung der Jagdgesetze ein Riegel vorgeschoben wird. Zur unnötigen Vertilgung rechne ich das Abschießen durch sportmäßige Jäger lediglich zu dem Zweck, daß die Herrschaften sich eine Trophäe verschaffen und damit zugleich das Recht, zu Hause mit ihrer Heldentat fürchterlich renommieren zu können. Allerdings wird der Abschuß nur von Fall zu Fall und gegen ein Schußgeld gestattet, das vor dem Kriege 100 Rupien (gleich 136 Mark Friedenskurs) für einen Elefanten betrug. Aber die Erlaubnis wird noch immer viel zu häufig erteilt, denn natürlich möchte jeder vornehme Sportsmann, der Ceylon besucht, „seinen“ Elefanten zur Strecke bringen, Hauptsache ist dabei die niemals fehlende photographische Aufnahme. Es macht sich doch auch zu großartig, solch ein Bild: der unerschrockene Nimrod, der dem gefällten Großwild den schön bestiefelten Fuß auf den Nacken setzt oder auf seinem Leib Platz zu nehmen geruht. Bitte recht heroisch! — Im Ernst gesprochen: jeder wirkliche Tierfreund und wirkliche Jäger kann über diese +Amateur-Elefantennimrods+, die ein unter Beobachtung äußerster Vorsichtsmaßregeln ihnen zugetriebenes Tier wie auf dem Scheibenstand abschießen, nur die Achseln zucken. Diese Jäger befanden sich keine Sekunde lang in Gefahr, ihr photographiertes Heldentum ist eitle Pose. Ich werde später Gelegenheit haben zu erzählen, was es bedeutet, Elefanten unter wirklicher Lebensgefahr aufs Korn zu nehmen. Am häufigsten kommt der ceylonische Elefant in der waldreichen Gegend westlich der Landstraße Hambantotta-Badulla, sowie nördlich der Straße Badulla-Batticaloa vor. Der ganze etwa 25 deutsche Quadratmeilen umfassende Bezirk ist mit prachtvollem Hochwald bestanden, ohne viel Unterholz, wodurch das Aufspüren der Tiere erleichtert wird. Auch im Norden der Insel, bei Varuniavelankulam und Mannar, ist der Elefant noch häufig, hier aber etwas kleiner von Gestalt. Die stattlichsten Ceylon-Elefanten findet man in dem Seendistrikt von Tamankaduwa an der Straße von Mahaweliganga; hier gibt es einige Herden, deren Mitglieder die außerordentliche Schulterhöhe von mehr als drei Meter erreichen. Nach ihren Lebensgewohnheiten kann man die Elefanten in drei Arten einteilen. Die erste, weitaus in der Mehrzahl befindliche Art bildet der sogenannte +Herdenelefant+, der in größeren Herden lebt. Daß es Herden von 200 Tieren gibt, wie in manchen Büchern zu lesen ist, halte ich für ausgeschlossen, denn der Elefant fühlt sich nur im engeren Familienkreise wohl und hält sich alle anderen, die nicht dazugehören, energisch vom Leibe. Die Herden beziffern sich höchstens auf etwa 40 Stück, oft sind es aber auch nur 5–6. Merkwürdig ist, daß nicht, wie man wohl meinen sollte, ein Männchen, sondern +fast immer ein altes Weibchen die Herde anführt+. Bei Märschen und Wanderungen geht ein Weibchen voran, dann folgen im Gänsemarsch die anderen, und ein alter Bulle schließt gewöhnlich den Zug. Stößt eine größere Kolonne auf ein Hindernis, so teilt sie sich manchmal in Gruppen, die das Hindernis nach rechts und links umgehen, sich dann aber wieder zum Gänsemarsch zusammenschließen. Zuweilen unternehmen die Elefanten große Wanderungen, um bessere Futterplätze aufzusuchen, oder auch zu dem Zweck, um in gewissen Jahreszeiten den Insekten, von denen sie trotz ihres dicken Felles stark geplagt werden, zu entgehen. Der Herdenelefant ist im allgemeinen ein friedliches Tier und ziemlich schüchterner Natur; er geht dem Menschen jedenfalls gern aus dem Wege und zieht sich mißtrauisch zurück, sobald er ihn wittert. Gefährlich sind nur, wie bei so vielen Tieren, die Weibchen mit ihren Jungen, da sie mit größter Liebe an ihrem (einzigen) Jungen hängen und in der Sorge um dieses auf den sich nähernden Menschen häufig losgehen. Überhaupt ist die Sorgsamkeit und Zärtlichkeit der Elefantenmutter ihrem Sprößling gegenüber geradezu rührend. Auf der Wanderung ist die Mutter eifrig bestrebt, ihrem Kinde alle Hindernisse aus dem Wege zu räumen, damit es ohne Mühe folgen kann. In dieser liebevollen Fürsorge wird sie von den übrigen Genossen der Herde kräftig unterstützt. Die +Kinderzeit der Dickhäuter+ verläuft ziemlich ungetrübt, da die jungen Tiere sorgfältig gehütet werden und der soziale Verband der Herde so beschaffen ist, daß alle Mitglieder die Jugend respektieren. Sie nehmen bei der Wanderung die Jungen in die Mitte, und wenn die Kleinen in tändelndem Spiel das Weitergehen vergessen, werden sie behutsam vorwärts geschoben. Die neugeborenen Elefanten sind urkomische, drollige Tiere. Obwohl sie keineswegs plump sind, denn ihr Körper kann die unglaublichsten Stellungen einnehmen, lassen sie doch zuerst eine Ungelenkigkeit des verhältnismäßig noch kurzen Rüssels erkennen, der sich erst später mit zunehmender Länge und bei größerer Übung zu dem äußerst geschickten Greiforgan entwickelt, das die alten Tiere besitzen. So wächst der hoffnungsvolle Elefantensprößling unter der besorgten Mutter heran und verliert allmählich seine spiellustige Kindernatur, um sich langsam in die Elefantenflegeljahre hineinzuschlängeln. Nebenbei bemerkt, krankt die Elefantenzucht an dem Umstand, daß sich das Rüsseltier in der Gefangenschaft nur selten fortpflanzt. Deshalb gewinnt man den Nachwuchs von Arbeitselefanten meist durch das Einfangen ganzer Herden, weniger durch Aufzucht. Am wohlsten fühlt sich der Elefant, wie schon gesagt, in hügeligen, waldigen Gegenden, er weilt aber auch in Ebenen und Hügelgefilden gern, die mit hohem Gras bewachsen sind und in der Nähe von Wäldern liegen. Auf der Ebene findet er an Gräsern und Blättern seine Nahrung, in den Wäldern liebt er die Bambusschößlinge, die Blätter der Sträucher und Bäume, auch einzelne Rindenarten. Natürlich verschmäht er auch Früchte nicht, und wenn er Zuckerrohr haben kann, so ist das sein Leibgericht. Da der Elefant kolossale Mengen von Futter zu sich nimmt, bis zu 300 Kilogramm täglich und mehr, ist er genötigt, viele Stunden des Tages unterwegs zu sein, nur um Nahrung zu suchen. Während der heißesten Zeit schläft er im Dickicht, ebenso ruht er im zweiten Teil der Nacht, zwischen Mitternacht und Morgen. Sein Gehör läßt zu wünschen übrig, noch weit schwächer ist seine Sehkraft entwickelt, dagegen besitzt er eine sehr scharfe Witterung, und man darf sich deshalb im Walde, wenn man ihn überraschen will, nur in der Richtung gegen den Wind anschleichen. Als zweite Art sind die +Einzelgänger+ anzuführen, die einsam für sich allein lebenden Elefanten, meistens alte Männchen, die ihrer Absonderlichkeiten wegen von der Gemeinschaft der anderen ausgeschlossen wurden oder sich selbst zum Einsiedlerleben entschlossen haben. Sie halten sich meistens in einem bestimmten, nicht sehr umfangreichen Revier auf, das sie nur selten verlassen. In den Dörfern machen sie sich häufig durch ihre Streiche unangenehm bemerkbar, indem sie nachts die Grundstückumzäunungen niedertreten, junge Bäume, und was ihnen sonst genießbar erscheint, verzehren, die Strohdächer der Hütten abdecken, kurz, allen möglichen Unfug verüben, bis man sie durch Schüsse und Lärm vertreibt. Ein besonderes Vergnügen scheint es ihnen zu bereiten, über Nacht die Fahrstraßen zu versperren, indem sie die am Wege stehenden Bäume ausreißen und quer über den Straßendamm legen, so daß es dann längerer Arbeit mit Axt und Säge bedarf, um die Straße aufzuräumen und wieder fahrbar zu machen. Man geht wohl nicht fehl, wenn man die Verüber dieser sinnigen Streiche für nicht ganz zurechnungsfähig hält. Offenbar haben die Einzelgänger „einen Sparren zuviel“, und wahrscheinlich ist dieser geistige Defekt auch die Hauptursache ihres Ausschlusses von den Herden. Abgesehen von den Exzentrizitäten, sind es im allgemeinen immerhin friedliche Tiere, die nur dann für den Menschen gefährlich werden, wenn man sie verfolgt. Denn sie ziehen sich dann nicht, wie die Herdenelefanten, ohne weiteres zurück, sondern gehen zum Angriff über. Sehr bedenklich wird die Situation, wenn man den Einzelgänger auf der Jagd nicht gleich tödlich trifft, sondern nur verwundet. Die dritte Art ist der sogenannte +Rogue+, ebenfalls ein Einzelgänger, ein altes Männchen, das aber im Gegensatz zum vorhergenannten friedlichen Einzelgänger +unberechenbar und höchst bösartig und gefährlich+ ist. Zum Glück tritt der Rogue nur selten auf. Es ist ein zweifellos geisteskrankes, von einer Art Verfolgungswahn befallenes Tier. Der Rogue geht geradezu darauf aus, den Menschen zu überfallen, überhaupt alles zu zerstören, was von Menschenhand gemacht ist. In dieser Hinsicht steht er einzig da, denn kein anderes Tier zeigt solchen Hang, vermeiden doch selbst die großen Katzen und Bären gern jede unnötige Berührung mit Menschenwerk. In der Gegend, wo ein Rogue sein Unwesen treibt, ist vor ihm nichts sicher, was auf der Straße geht oder fährt, weder bei Tag noch bei Nacht. Er stürzt auf den ahnungslosen Wanderer, versetzt ihm einen gewaltigen Schlag mit dem Rüssel, er packt den dann meistens schon entseelten Körper, hebt ihn hoch, schleudert ihn auf den Boden und zerstampft ihn zum Überfluß zu einer unkenntlichen Masse. Eingeborenenhütten rennt er in seiner Zerstörungswut einfach über den Haufen, die stärksten Bretterzäune drückt er ein, und selbst kleinere Brücken fallen, wenn sie nicht von fester Eisenkonstruktion sind, oft seiner blinden Wut zum Opfer. Taucht irgendwo ein solcher Rogue auf, so gibt die Regierung die Jagd auf ihn frei und setzt eine Belohnung auf seine Erlegung aus. [Illustration: Photo Plâté & Co., Colombo. Von einer Elefantentreibjagd: Um Mitternacht in der Treiberkette (Blitzlichtaufnahme) (Text Seite 115)] [Illustration: Buddhistischer Priester mit Eleven] [Illustration: Kandy-Singhalese von fürstlicher Herkunft] Was die oft behandelte Frage der +Intelligenz des Elefanten+ betrifft, so scheint es mir notwendig zu sein, gewisse Unterscheidungen zu machen. Intelligenz ist ein relativer Begriff, beim Tier fast noch mehr als beim Menschen. Jedes Tier besitzt genau soviel Intelligenz, wie es für seinen Kampf ums Dasein braucht. Wir Menschen begehen so gern den Fehler, das Begriffsvermögen der Tiere mit dem Maßstab unserer eigenen Menschlichkeit zu messen, während das Tier, das unter ganz anderen Daseinsbedingungen lebt, auch eine ganz andere Art von Intelligenz nötig hat und bekundet. Wäre umgekehrt das Tier in der Lage, Urteile über den Menschen und den Grad seiner Gescheitheit abzugeben, so würden diese vielleicht mitunter wenig schmeichelhaft lauten. Denn zahlreiche Tiere sind dem Menschen hinsichtlich der Schärfe gewisser Sinne weit überlegen und können auch in bezug auf Anpassungsgabe, Zweckmäßigkeit des Handelns und Schlauheit so manchen minderbegabten Menschen beschämen. So ist auch der Elefant innerhalb der Grenzen, die ihm von der Natur zugewiesen sind, zweifellos ein geistig gut begabtes Geschöpf. Alle seine Handlungen zeichnen sich durch Überlegung und Zweckmäßigkeit aus. Schon mit der weisen Zurückhaltung (von den halb oder ganz verrückten Einzelgängern ist hierbei natürlich nicht die Rede), die er anderen Tieren, sowie den Menschen gegenüber an den Tag legt, bekundet er seine Vernunft. Er hat freilich auch große Schwächen, und dazu gehören, ähnlich wie beim Pferd, Ängstlichkeit und Nervosität, die Neigung, bei Überraschungen und allen ungewohnten Erscheinungen den Kopf zu verlieren, scheu zu werden und sich dann manchmal ganz sinnlos zu benehmen. Es ist deshalb im Verkehr mit Elefanten, auch mit zahmen, niemals eine gewisse Vorsicht außer acht zu lassen. Im ständigen Umgang mit dem Menschen entwickelt der gezähmte Elefant, genau wie der Hund, seine geistigen Fähigkeiten in oft überraschender Weise. Natürlich sind die Elefanten ebensowenig wie die Hunde (von den Menschen ganz zu schweigen!) gleichmäßig begabt. Es gibt klügere und dümmere Tiere, solche, die sehr rasch begreifen, was man von ihnen verlangt, und solche, bei denen die „Leitung“, wie man scherzhaft sagt, schlecht funktioniert. Der Elefant ist in ausgeprägter Weise ein +Charaktertier+. Er läßt sich nicht, wie ein schlecht erzogener Hund, mit jedem ein. An seinem Pfleger oft mit zärtlicher Liebe hängend, zeigt er sich Fremden gegenüber abweisend und trotzig. Seine Empfindlichkeit ist groß. Schlechte Witze liebt er nicht. Die ihm bekannten Personen dürfen sich wohl einen Spaß mit ihm erlauben, aber sonst reagiert er auf Neckereien mit deutlichen Zeichen des Mißfallens und ungnädiger Stimmung. Er ist nachtragend bis zur äußersten Rachsucht und hat für ein ihm angetanes Unrecht ein gutes Gedächtnis. * * * * * Ich möchte nun vom +Einfangen des wilden Elefanten+ in Ceylon sprechen. Da der Dickhäuter sich, wie schon erwähnt, in der Gefangenschaft nur selten fortpflanzt, muß der benötigte Nachwuchs durch das Einfangen und Zähmen wildlebender Tiere beschafft werden. Natürlich kommt dafür nur der gesellige und zähmbare Herdenelefant in Betracht, denn der störrische Einzelgänger, vom tollen Rogue gar nicht zu sprechen, wäre unbrauchbar. Die Sache fängt damit an, daß die Regierung im Einverständnis mit den betreffenden Kommunen von Fall zu Fall den Fang einer gewissen Anzahl von Elefanten in Gegenden, wo sie sich häufiger zeigen, gestattet. Wie sich die Dinge in Ceylon neuerdings entwickelt haben, ist der „+Kraal+“ zu einem Schauspiel geworden, zu einem gesellschaftlichen und sportlichen Ereignis, das eine Menge von Zuschauern von weit und breit herbeilockt und bei dem es mitunter, sehr zum Mißvergnügen der Elefanten- und Jagdfreunde alten Schlages, recht jahrmarktmäßig hergeht. Unter Kraal in engerem Sinne des Wortes versteht der Anglo-Inder jenes eingezäunte Gehege, in das die wilde Elefantenherde hineingetrieben wird, im weiteren Sinne bezeichnet man aber mit Kraal überhaupt den ganzen Elefantenfang mit allem Drum und Dran. Das erste beim Elefantenfang ist die Errichtung des Kraals, des Geheges. Es befindet sich ungefähr in der Mitte des Waldgebietes, in dem sich die einzutreibende Herde aufhält, und besteht aus einem etwa 4 Meter hohen, aus starken Stämmen errichteten Zaunwerk, das einen kreisförmigen Raum von ungefähr 150–200 Meter Durchmesser umschließt. Der Eingang zum Kraal ist etwa 4 Meter breit und durch ein schweres Fallgitter verschließbar, vom Eingang führen zwei auseinanderlaufende Pfahlzäune wie Flügel etwa 100 Meter weit nach außen fort. An einer Seite des Kraals wird neuerdings gewöhnlich eine Tribüne errichtet, die dazu dient, den eingeladenen oder zahlenden Gästen, d. h. den Spitzen der Behörden, den Herren und Damen der Gesellschaft, den hervorragenden Fremden usw. das Schauspiel des Kraals in aller Sicherheit und Bequemlichkeit zu verschaffen. Gleichzeitig mit der Anlage des Kraals wird damit begonnen, das Waldgebiet im weiten Umfang von zehn Kilometer und mehr durch +Treiber+ zu umstellen, um etwaige Ausbruchsversuche der einzutreibenden Elefantenherde zu verhindern. Zu einem kleineren Kraal sind ein paar hundert Treiber nötig, wenn aber ein ziemlich großes Gelände in Frage kommt, müssen bis zu 2000 Treiber aufgeboten werden. Die Treiber sind mit Fackeln und anderen Leuchtkörpern, mit Lärminstrumenten und zum Teil auch mit Gewehren ausgerüstet und stehen gruppenweise unter der Aufsicht berufsmäßiger Shikaris (Jäger), die auch zahme Elefanten mitführen. Die Treiberposten stehen anfangs in einer Entfernung von 60–80 Schritt voneinander. Ist erst die Einkreisung beendigt und der Ring um den Fangbezirk vollkommen geschlossen, so kann die Herde schwerlich mehr ihrem Schicksal entrinnen. Anfangs versuchen die Elefanten allerdings, wenn sie Unheil wittern, den Treiberring zu durchbrechen, aber da sie gewöhnlich nur in der Dunkelheit gegen die Peripherie vorrücken, hält es nicht schwer, die ängstlich gewordenen Tiere, die vor Knall und Lärm ebenso Furcht haben wie vor Feuer, durch Fackeln, Schüsse und Geschrei zurückzudrängen. Die Treiber rücken nun allmählich konzentrisch vor, so daß der Einkreisungsring immer enger und das Gebiet, auf dem sich die Elefantenherde noch in Freiheit bewegen kann, immer kleiner wird. Das dauert, je nach der Größe des zu umschließenden Geländes, sowie der Zeitdauer, die die Errichtung des Kraals in Anspruch nimmt, verschieden lange, manchmal nur 3–4 Tage, manchmal auch acht Tage und mehr. Wenn endlich der Ring um die Elefanten so eng geschlossen ist, daß die Herde nicht mehr viel Bewegungsfreiheit hat, rückt die Treiberkette zu den Enden der beiden Flügelzäune vor, erst langsam und vorsichtig, dann immer schneller, bis die Tiere sich zwischen den Pfahlreihen der Flügelzäune befinden und nun in den immer enger werdenden Schlauch dieser Eingangspforte zum Kraal hineingedrängt werden. Ein allgemeiner, durch Schüsse und Lärmen unterstützter Schlußansturm treibt die widerstrebenden Elefanten vollends in den Kraal hinein, und sobald sie den kreisförmigen Innenraum erreicht haben, senkt sich das Fallgitter hinter ihnen — sie sind gefangen. Nicht immer verläuft der Eintrieb glatt, manchmal raffen sich ein paar besonders kräftige und energische Rüsselträger doch zu entschlossenem Handeln auf, machen Front gegen ihre Bedränger, durchbrechen die Treiberkette und gewinnen die Freiheit oder müssen von neuem umstellt und eingekreist werden. In der Regel gelingt es dank der Energielosigkeit und Ängstlichkeit der Tiere, die einmal eingekreiste Herde in den Fangplatz zu treiben und trotz ihrer Unruhe und gelegentlichen Versuche, den Pfahlzaun einzudrücken, auch darin festzuhalten. Befinden sich die Elefanten im Kraal, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt, so rennen sie in ziemlich kopfloser Art bald hierhin, bald dorthin, um zu sehen, ob sie nicht irgendwo entschlüpfen können. Sie versuchen die Pfostenzäune zu demolieren, trompeten mit dem Rüssel und gebärden sich oft wie verzweifelt. Hat sich die erste Unruhe einigermaßen gelegt und werden die Tiere müde und matt, so geht man alsbald daran, sie zu +fesseln+. Zu diesem Zweck schickt man kräftige zahme Elefanten in den Kraal hinein, auf ihren Rücken die „Mahouts“, die Führer, die mit einem scharfen Hakenstab bewaffnet sind, um sich gegen die Rüssel der wilden Elefanten zu verteidigen. Hinter dem Rücken des Mahouts sitzt der „Nooser“, der Feßler, entweder ein eingeborener Shikari oder auch ein weißer Sportsmann, der das „Noose“, das Fesseln der Hinterfüße der wilden Elefanten, aus sportlicher Passion besorgt. Auch die Singhalesen der höheren Kasten betrachten das Noose als großen Sport. Es ist gefährlich und muß sehr energisch und schnell bewerkstelligt werden. Die zahmen Elefanten drängen sich an die Herde der wilden Elefanten heran und treiben diese zusammen. Nun gleiten die Nooser herab, schleichen sich zu den Hinterfüßen der wilden Elefanten und befestigen einen der Füße mit einer armdicken Lederschlinge. Das Lederseil ist an der Halskette eines zahmen Elefanten befestigt, und dieser spannt es auf einen Wink stramm, so daß sich die Schlinge fest zuzieht. Das Anlegen der ersten Schlinge macht gewöhnlich keine Schwierigkeiten, heikler wird die Sache beim zweiten Fuß, da der Gefesselte nun merkt, was man ihm antun will, und sich durch Treten und Schlagen mit dem noch freien Hinterfuß oft aufs heftigste sträubt. Es setzt deshalb beim „Noose“ des zweiten Fußes bisweilen kräftige Kopfnüsse, auch Rippenbrüche und böse Quetschungen ab. Die an den Hinterfüßen gefesselten Elefanten werden nun mit hinlänglich starken, ziemlich kurzen Stricken an Bäumen festgebunden, jeder einzeln an einem Baum. Man läßt die Tiere zunächst etwas darben, um sie gefügiger zu machen, dann läßt man ihnen durch zahme Elefanten Nahrung reichen, auch Wasser in Eimern zuführen. Ferner bindet man zahme Elefanten in nächster Nähe der wilden ebenfalls an Bäumen fest, füttert sie und erweist ihnen alle möglichen Freundlichkeiten, so daß die eingefangenen Dickhäuter sehen, wie gut es ihren Genossen geht. Da der Elefant ein scharfer Beobachter ist und aus dem, was vor seinen Augen geschieht, sehr wohl die richtigen Schlüsse zu ziehen vermag, beruhigt er sich allmählich, gewöhnt sich an den Anblick der in der Nähe befindlichen Menschen und verliert die Scheu vor ihnen so weit, daß die Mahouts sich nach und nach dichter an sie herantrauen dürfen, ohne einen Schlag mit dem Rüssel befürchten zu müssen. Dieser ganze Gewöhnungsprozeß dauert, je nach dem Alter und dem Temperament des Gefangenen, verschieden lange, im allgemeinen bleiben die Tiere 4–6 Tage gefesselt, bis man sie von den Bäumen losbinden kann. Die eingefangenen Elefanten werden gewöhnlich gleich an Ort und Stelle versteigert und an den Meistbietenden verkauft, bei dieser Gelegenheit erhalten sie auch einen Namen. Die Zuschlagspreise für wilde Elefanten beliefen sich vor dem Kriege auf etwa 400–1200 Rupien für das Tier, je nach Beschaffenheit und Brauchbarkeit, kleine Babyelefanten gingen schon für 20 Rupien ab. (Der Friedenskurs der Rupie betrug 1,36 Mark.) Sind die versteigerten Tiere schon mürbe genug, um mit Hilfe zahmer Elefanten und an diese gekettet abgeführt werden zu können, was besonders bei den ganz jungen Elefanten oft der Fall ist, so zieht ihr Käufer gleich mit ihnen davon. Andernfalls aber, wenn der Abtransport noch nicht ratsam erscheint, werden die Gefangenen erst noch in einem beim Kraal befindlichen eingezäunten Gehege untergebracht und von den Pflegern recht gut behandelt, bis sie allmählich ihre Wildheit und Widerspenstigkeit verlieren und fortgeführt werden können. Es kommt allerdings hin und wieder vor, daß manche alte Tiere durch keinerlei Mittel zahm zu machen sind, und dann bleibt nichts anderes übrig, als solche Elefanten abzuschießen. Aber das sind immerhin Ausnahmen, in der Regel erweisen sich die allermeisten Gefangenen als zähmbar. * * * * * Nicht immer nimmt der Kraal einen glatten Verlauf, mitunter kommen recht unliebsame, störende Zwischenfälle vor. Das habe ich bei einem +von mir selber geleiteten Elefantenkraal+ erleben müssen, der einmal bei Ratnapura zu Ehren des Gouverneurs veranstaltet wurde. Es handelte sich um ein umfangreiches Gelände, das eingekreist werden sollte, sowie um eine Herde von ungefähr 40 Tieren verschiedener Größe. Wie mir und meinen Shikaris bekannt war, wurde die Herde von einem ungewöhnlich großen Elefantenweibchen geführt, das schon Proben bemerkenswerter Umsicht und Intelligenz geliefert hatte und auch bereits bei einigen früheren Kraals eingekreist worden, aber immer wieder glücklich durchgeschlüpft und entkommen war. Ich war also schon im voraus darauf gefaßt, daß uns diese Herde ein schweres Stück Arbeit und vielleicht auch eine Enttäuschung bereiten würde, und um diese nach Möglichkeit zu vermeiden, traf ich die Vorbereitungen zum Kraal mit ganz besonderer Sorgfalt und Vorsicht. Mir standen ungefähr 1000 Treiber zur Verfügung. Trotz diesem bedeutenden Aufgebot brauchten wir aber acht Tage, um die Herde einzukreisen und im konzentrischen Vormarsch gegen den Kraal zu drängen. Leider kommt es auch in Ceylon manchmal ganz anders, als man denkt. Ich glaubte meiner Sache schon ziemlich sicher zu sein und mit dem abschließenden Sturm beginnen zu können, da machte die große Herde kehrt, durchbrach die Treiberkette und konnte nur mit unsäglicher Mühe und großem Zeitverlust wieder eingeholt und von neuem eingekreist werden. Und als wir die Elefanten abermals glücklich bis zum Kraal getrieben hatten, gab das Führerweibchen zum zweitenmal das Signal zum Durchbruch — und mit unwiderstehlicher Gewalt, ihrem wie toll vorstürmenden Führer blind gehorchend, wälzte sich die Masse von etwa 40 Elefanten über die Treiberkette hinweg, wobei mehrere der Leute schwere Verwundungen erlitten. Obwohl ich als Tierfreund stets ein Gegner jedes unnötigen Abschießens von Elefanten gewesen bin und es mir um das prächtige Exemplar von Führerweibchen ganz besonders leid tat, blieb in diesem Fall, wenn wir überhaupt zu einem Ziele kommen und nicht ein völliges Fiasko erleiden wollten, gar nichts anderes übrig, als den Leitelefanten durch Abschießen zu erledigen und so die Herde ihrer stärksten Intelligenz zu berauben. Denn sonst wäre immer wieder von neuem dasselbe passiert. Nach zwölf Stunden schwerer Arbeit im Dschungel glückte es uns, die Herde, die unzertrennlich zusammenhielt, von neuem einzukreisen. Das Abschießen des Elefantenweibchens überließ ich einem der Gäste, einem Regierungsbeamten und wohlbekannten Sportsmann. Es gelang ihm, nahe genug heranzukommen und den Elefanten mit einem guten Kopfschuß zur Strecke zu bringen. Als das Tier gefallen war, setzte sich sofort ein anderer Elefant an die Spitze der Herde, aber es zeigte sich bald, daß er die hohe Intelligenz und Sicherheit seines Vorgängers nicht besaß. Immerhin brach die Herde zum drittenmal durch, diesmal verlor sie aber den Zusammenhalt und wurde in zwei Teile zersprengt. Ich entschloß mich nun, mich mit der Hälfte zu begnügen und die andere fahren zu lassen. Wir kreisten 22 Elefanten ein und brachten sie jetzt glücklich in den Kraal. Damit waren aber die Schwierigkeiten noch keineswegs beendigt, denn die Fesselung der Gefangenen, die zumeist außerordentlich starke und temperamentvolle Tiere waren, nahm mehrere Tage in Anspruch, obwohl uns dabei 20 zahme Elefanten Beistand leisteten. Zu wiederholten Malen gelang es den Tieren, die starken Taue, mit denen sie an Bäume gefesselt waren, zu zerreißen, so daß sie von neuem eingefangen und gefesselt werden mußten, wobei ich selbst mit Hand anlegte. Hierbei ereignete sich ein komischer Zwischenfall. Ein Bekannter von mir, ein leidenschaftlicher Amateurphotograph, war mit Aufnahmen der gefangenen Tiere beschäftigt und wagte sich dabei trotz allen Warnungen vorwitzig in den Kraal hinein. Er postierte sich mit seinem Stativapparat auf einem niedrigen Felsblock, der sich in der Nähe der noch ungefesselten, eng zusammengescharten Elefanten befand, und versteckte den Kopf unter dem schwarzen Tuch, um das wirkungsvolle Bild sorgfältig einzustellen. Wahrscheinlich witterte nun einer der Elefanten, ein großer Bulle, hinter dem harmlosen Photographenkasten eine neue Gefahr — auf einmal stürmte er vor und direkt auf den nur etwa zehn Meter entfernten Felsblock zu. Mein Amateur verlor in jähem Schreck nicht nur alle Geistesgegenwart, sondern auch die Balance; das schwarze Einstelltuch auf dem Kopf und vor dem Gesicht, so daß er wie blind war, fiel er hinterrücks den Felsblock hinunter zu Boden, und seine Füße stießen dabei das Stativ um, so daß es samt dem Apparat ebenfalls vom Block herunterfiel. Die Sache sah sehr gefährlich aus und mein Bekannter gestand mir nachher, daß er sich in diesen Sekunden schon für verloren gehalten hätte und ganz darauf gefaßt war, sogleich von den Füßen des wütenden Tieres zermalmt zu werden. Aber zum Glück kam es anders. Da die Elefanten oft durch die geringste Kleinigkeit eingeschüchtert und scheu gemacht werden, wirkte auch dieses Schauspiel, das Herunterpurzeln von Photograph und Apparat, auf den Wildling so verblüffend, daß er Halt machte, umkehrte und sich zu den Genossen zurückbegab. Mein Bekannter kam mit dem Schreck und ein paar blauen Flecken glücklich davon. Das war wohl der schwierigste und aufregendste Elefantenkraal, der in Ceylon jemals stattgefunden hat. Aber das Resultat war in hohem Maße befriedigend und bot reichliche Entschädigung für den Aufwand an Kosten, Kraft und Zeit, denn wir hatten 22 schöne Tiere eingefangen, die auf der Auktion, die bald danach an Ort und Stelle veranstaltet wurde, einen namhaften Erlös erzielten. * * * * * Wie alle starken Tiere ist auch der Elefant sich seiner außerordentlichen Körperkraft im Vergleich zu der des Menschen nicht bewußt, er kommt zur Erkenntnis seiner Ohnmacht und ergibt sich willig in sein Schicksal. Behandelt ihn ein Pfleger gut, so gewinnt er diesen bald lieb, unterwirft sich ihm völlig und ist bald imstande, die verschiedenen, zunächst sehr einfachen Arbeitsleistungen, die man von ihm verlangt, zu begreifen und auszuführen. Selbstverständlich dauert es immer eine geraume Zeit, oft mehrere Jahre, bis ein gefangener Elefant für vollkommen sicher und zuverlässig gilt und als geschultes, gut gezogenes Arbeitstier einen namhaften Wert darstellt. Die Verwendung der Elefanten ist sehr mannigfaltiger Art. Sie eignen sich bei ihrer großen Körperkraft vorzüglich zum Tragen und Ziehen schwerer Lasten. Namentlich leisten sie in Sägemühlen zum Herbeischleppen und Aufstapeln großer Baumstämme gute Dienste, ferner beim Straßenbau zum Ziehen schwerer Eisenwalzen und dergleichen. Sie sind äußerst willig, lehnen aber übertriebene Zumutungen ab und treten dann in „passive Resistenz“, wie der schöne Ausdruck heute lautet. Das heißt, sie machen einfach nicht mehr mit. Überhaupt haben sie ein ausgeprägtes Pflicht- und Gerechtigkeitsgefühl, sie erledigen willig ihr Pensum, man soll aber auch nicht zuviel von ihnen verlangen. Von dieser Charaktereigenschaft lassen sich sehr drollige Beispiele berichten. So hatte ich Gelegenheit, einen alten Arbeitselefanten zu beobachten, der in einem benachbarten Sägewerk „angestellt“ war. Er hatte Balken zu tragen und zu Stapeln aufzuhäufen und richtete die Balken mit dem Rüssel so sorgfältig und akkurat, daß auch der geschickteste Arbeiter es nicht besser hätte tun können. So vollbrachte er, ohne sich zu überstürzen, sein Tagewerk mit bedächtigem Fleiß und sicherlich auch mit Interesse an dem, was er tat. Sobald aber die Uhr des Werkhauses, deren Stundenschläge der Elefant genau zu zählen verstand, die Feierstunde verkündigte, legte er, „ganz wie die Maurer“, auf der Stelle die Arbeit nieder, ließ, wo er auch gerade stand, den Balken fallen und wandte sich seinem Gehege zu, um dort mit jener Seelenruhe, die uns das Bewußtsein treuer Pflichterfüllung verleiht, zu futtern und seiner Erholung nachzugehen. In wirtschaftlicher Hinsicht macht sich die Beschäftigung von Arbeitselefanten nur dort bezahlt, wo das Futter billig beschafft werden kann. Sonst verschlingt das Tier mehr, als seine Arbeit einbringt. Gegen den Wettbewerb der billiger arbeitenden Maschinen, der Motore, Krane usw., kann der Elefant nicht aufkommen, und das ist der Grund, weshalb er heute in Indien als Arbeitstier immer mehr an Bedeutung verliert und hauptsächlich nur noch als Luxus- und Repräsentationstier wohlhabender Eingeborener eine Rolle spielt. Der schwierige Charakter so vieler Elefanten bringt es mit sich, daß selbst der Kenner beim Erwerb eines Tieres oft Täuschungen unterliegt und „die Katze im Sack“ kauft, um erst später zu merken, wie er sich geirrt hat. Ich könnte dafür aus meiner Praxis so manches Beispiel anführen, da ich im Verlauf meiner indischen Tätigkeit viele Hunderte von Elefanten gekauft habe und dabei trotz aller Sachkenntnis und Vorsicht doch hin und wieder auch eine minder erfreuliche Erfahrung machen mußte. Hier zur Illustration nur ein einziger Fall. In einem bei Kandy gelegenen Dorf bot sich mir einmal Gelegenheit, einen ungewöhnlich schönen und großen Elefanten von hohem Wert zu erwerben. Es war ein schwieriger Handel, der sich tagelang hinzog, ehe er zum Abschluß kam, denn der singhalesische Besitzer des Tieres war mit allen Wassern gewaschen und verstand sich aufs Preisemachen wie der geriebenste parsische Wucherer. Nach endlosem Feilschen war das Geschäft perfekt. Ich mußte den größten Kaufschilling erlegen, den ich jemals für einen Elefanten aufgewandt habe, aber ich hatte mich nun einmal auf das Tier versteift, weil es ein prächtiges Exemplar war und dann auch wegen der Exaktheit, mit der es allen Kommandos seines jugendlichen Pflegers Folge leistete. Also zückte ich mein Scheckbuch, füllte die Anweisung aus und zog mit Panakka, so hieß der Elefant, nach meiner ein paar Meilen entfernten Besitzung davon. Der jugendliche Pfleger begleitete mich bis dahin, war meinen Leuten noch behilflich, den Elefanten in einem Gehege unterzubringen, und kehrte dann in sein Dorf zurück. Als ich am nächsten Morgen noch beim Frühstück saß, kam mein Mahout ganz fassungslos herbeigestürzt und meldete, daß der neue Elefant sich wie ein Verrückter gebärde und bereits zwei von meinen Leuten böse Verwundungen beigebracht hätte. Ich begab mich mit ihm sofort zum Gehege. Und was mußte ich dort sehen! Panakka, der gestern noch lammfromme Panakka hatte in seiner Wut nicht bloß alle kleineren Bäume des Geheges umgeknickt oder ausgerissen, sondern auch ein großes Loch im Boden gewühlt, so daß es beinahe wie ein Minentrichter aussah. Außerdem leistete er sich den Spaß, mit dem Rüssel Steine zu sammeln und sie auf das Dach des Wirtschaftshauses zu schleudern, daß es nur so prasselte. Gegen jeden, der sich ihm nähern wollte, ging der Rasende in so drohender Weise vor, daß keiner mehr wagte, das Gehege zu betreten. Vergebens boten mein Mahout und die anderen Leute alle Geschicklichkeit, die sie sich im jahrelangen Umgang mit Elefanten angeeignet hatten, auf, um das wütende Tier gefügig zu machen, es reagierte weder auf Schmeichelworte noch auf dargereichte Leckerbissen. Da Elefanten in erregtem Gemütszustand sich meistens leicht durch die Gesellschaft von ihresgleichen besänftigen lassen, gab ich Befehl, zwei kleinere junge Elefanten, die sich in einem anderen Gehege befanden, dem ungebärdigen Panakka beizugesellen. Panakka ließ die Kollegen anfangs auch ganz ruhig herankommen, und es schien bereits, als ob das bewährte Mittel wiederum von Erfolg wäre. Aber plötzlich schwenkte der Wildling den mächtigen Rüssel und versetzte zuerst dem einen, dann dem anderen jungen Kollegen eine „Mordstrummwatsche“, wie der Bayer das nennt, von derartigem Kaliber, daß die armen Tiere buchstäblich auf die Seite fielen und dann entrüstet trompetend „das Lokal verließen“, d. h. aus dem Gehege flüchteten und noch den ganzen Tag ob der ihnen angetanen Realinjurie völlig verstört waren. Meine Hoffnung, daß der Elefant, der offenbar stark an Heimweh litt, sich allmählich beruhigen würde, erwies sich als trügerisch. Ein paar Tage vergingen, ohne daß er zur Vernunft kam. Das Futter mußte ihm über den Zaun ins Gehege geworfen werden, denn er ließ keinen Wärter heran. Kurz und gut, er benahm sich wie ein besserer Rogue und nicht wie ein gesitteter Arbeitselefant, als den ich ihn gekauft und ungewöhnlich hoch bezahlt hatte. Ich schickte nun einen Eilboten nach dem Dorfe des Vorbesitzers und ließ diesem sagen, daß er den Elefanten zurücknehmen möchte, da ich ein derartiges, geradezu gefährliches Tier nicht brauchen könnte und mich getäuscht fühlte. Der Singhalese sandte mir den Jungen, der das Tier bisher betraut hatte — und siehe da, kaum erblickt Panakka den Burschen, so ist er wie umgewandelt, äußert die größte Freude, streichelt ihn mit dem Rüssel, ist wieder sanft wie ein Lamm und tut ohne Murren alles, was ihm der Junge befiehlt! Es zeigte sich also, daß er vollständig an die Person seines Pflegers fixiert, aber ohne dessen Gegenwart völlig unbrauchbar war. Der nächstliegende Gedanke, den Jungen bei mir und Panakka zu behalten, ließ sich leider nicht realisieren, weil sich der Junge nicht von seinem Dorf und seinem Herrn trennen wollte. Andererseits verweigerte der Singhalese die Rücknahme des Elefanten. Genug, es kam zu einem Prozeß, bei dem ich, wie es bei Prozessen mit Eingeborenen in Indien sehr häufig der Fall ist, den Kürzeren zog. Es kam ein für mich sehr magerer Vergleich zustande, wonach der Singhalese Panakka zurücknahm und ich dafür zwei junge Elefanten erhielt, die den von mir gezahlten hohen Preis nicht wert waren. Immerhin mußte ich froh sein, noch so glimpflich wegzukommen. Später wurde Panakka von dem Singhalesen aufs neue verkauft und es erging dem Käufer genau so wie mir: sobald der Wärter den Elefanten verlassen hatte, war dieser nicht mehr zu bändigen. Er tötete mehrere Menschen und mußte schließlich auf Befehl der Regierung erschossen werden. Dieses Vorkommnis zeigt in drastischer Weise, wie stark die Elefanten oft an die Person ihres Wärters fixiert sind und wie unleidlich und völlig unbrauchbar sie werden, wenn man sie von dem gewohnten Pfleger trennt. Zum Schluß dieses Abschnittes möchte ich noch eine kleine Elefantenbaby-Idylle zum besten geben. Im Anschluß an den von mir geleiteten, vorher beschriebenen Kraal von Ratnapura erhielt ich die Nachricht, daß eines der gefangenen großen Elefantenweibchen ein Kleines zur Welt gebracht hätte, und man bot mir nun die beiden, Mutter und Kind, zum Kaufe an. Der Handel kam zustande und ich brachte die Alte nebst dem Baby, welch letzteres am zweiten Tage nach der Geburt 83 Kilogramm wog, in meinen Tierpark in Colombo. Das niedliche „Elefantenküken“ erregte in der Stadt allgemeines Aufsehen, so daß fortwährend Besucher, Kolonisten und Eingeborene, kamen, um sich das Baby anzusehen. Wie sich denken läßt, wurde es dadurch sehr verwöhnt, denn die Besucher brachten viele Leckerbissen mit, und die Verwöhnung hatte zur Folge, daß sich der Übermut in ihm regte und das kleine Tier trotz der mütterlichen Sorgfalt schon frühzeitig auf allerlei lockere Streiche verfiel. So hatte es die Gewohnheit angenommen, sich abends von der Mutter fortzuschleichen und zu meinem Koch zu begeben, bei dem es, wie ihm wohlbekannt war, immer etwas Gutes zu schnabulieren gab. Als ich eines Abends mit meinen Angehörigen beim Essen saß und die Punka (der Windfächer) über unseren Köpfen für Kühlung sorgte, hörten wir plötzlich ein Geräusch, und durch die offenstehende Tür des Speisezimmers spazierte vergnügt unser schon recht dick und rund gewordener Kleiner herein! Er machte uns sozusagen einen offiziellen Antrittsbesuch, wozu ihn hauptsächlich wohl die Witterung der auf unserer Tafel befindlichen Süßigkeiten veranlaßt hatte. Die Mutter war von den Extratouren ihres abenteuerlustigen Sprößlings durchaus nicht erbaut, sondern gab ihm ihr Mißfallen durch Kopfnüsse mit dem Rüssel und unwilliges Grunzen deutlich zu erkennen. Aber nach Art ungezogener Kinder schien sich Baby aus der Schelte und den Prügeln herzlich wenig zu machen und er setzte sein neckisches Treiben so lange fort, bis er — sozusagen — die Kinderschuhe ausgetreten hatte und als angehender Arbeitseleve den Ernst des Lebens kennen lernte. Dabei kommt mir noch ein anderer großer Arbeitselefant in den Sinn, der sich ebenfalls in meinem Park befand und sich immer mit großer Raffiniertheit seiner Fußketten zu entledigen wußte, sobald die Wärter nicht anwesend waren. Er ging dann gemütlich im Garten spazieren, und da Gartenpfade im allgemeinen nicht für Elefantenpedale berechnet sind, waren diese „Spaziergänge“ ziemlich verheerender Art. Bald genügten die kleinen Extratouren meinem biederen Jumbo nicht mehr, er steckte sich weitere Ziele. Eines Nachts durchbrach er das Tor, stattete unserem fünf Minuten entfernt wohnenden Nachbar einen Besuch ab und führte sich dort höchst vorteilhaft dadurch ein, daß er aus rätselhaften Gründen die im Garten stehende Rikscha kurz und klein schlug. Durch das Geräusch wurden die Nachbarn, eine englische Familie, wach, sie sahen zum Fenster hinaus und bemerkten zu ihrem nicht geringen Schreck im Mondschein einen großen Elefanten im Garten lustwandeln. Jumbo war aber mit der Demolierung der Rikscha und dem Zertrampeln der schön gepflegten Blumenbeete nicht zufrieden, er machte sich jetzt daran, den Bestand des Hauses zu gefährden, Holzwerk und Röhren abzureißen und ähnlichen Unfug zu verüben. Meine Nachbarn gerieten in große Angst und dachten nichts anderes, als daß sie es mit einem tollen Rogue zu tun hätten. Sie verbarrikadierten die Tür ihres Bungalows mit allerlei Möbeln. Trotzdem verschaffte sich Jumbo mit einem Druck gegen die Tür Eingang, machte dann aber kehrt, nachdem er sich davon überzeugt hatte, daß es hier nichts zu fressen gab. Auf die Straße zurückgekehrt, stieß er dort auf einen Depeschenboten, packte den armen Kerl mit dem Rüssel und schleuderte ihn ein gutes Stück weit fort. Zum Glück kam der Bote mit dem Schreck und ein paar Hautabschürfungen davon. Inzwischen waren meine Wärter heimgekehrt und hatten zu ihrer Bestürzung Jumbos Fehlen bemerkt. Nach vielem Suchen entdeckten sie den Ausreißer endlich in Nähe der Hauptpromenade, wo sie ihn dann einfingen und nach Hause führten. Das dicke Ende kam nach, nämlich für mich, und zwar in Gestalt einer Kostenrechnung von ein paar Hundert Rupien, die mir mein Nachbar für angerichteten Schaden präsentierte, sowie fünfzig Rupien Schmerzensgeld für den Depeschenboten. Der Vorfall zeigt, auf welche verrückten Einfälle manchmal auch solche Elefanten kommen, die sonst ganz vernünftig und ruhig sind. Übrigens hatte ich in meinem Park immer eine kleine Anzahl von Arbeitselefanten, die ich zum Teil für meine Plantagen gebrauchte, zum Teil auch zum Transport schwerer Maschinen in die Berge. Ich vermietete die Tiere auch zu diesem Zweck und machte damit ein ganz gutes Geschäft, da für jeden Elefant täglich 10–15 Rupien gezahlt werden. Schließlich möchte ich noch eine kleine ergötzliche Reiseerinnerung zum besten geben. Die Geschichte passierte, als ich mich einmal, wie es ja öfter geschah, vorübergehend in Deutschland aufhielt und einen Tiertransport nach Leipzig begleitete. Wir führten einen großen Elefanten mit, der für den dortigen Zoologischen Garten bestimmt war. Nun hatte sich leider kurz vorher die bekannte „+Münchener Elefantenpanik+“ ereignet. Damals waren in München acht Elefanten, die meinem Bruder Carl gehörten und die man bei Gelegenheit einer großen nationalen Feier im Festzuge mitmarschieren ließ, durch das Dampfgeben einer Straßenlokomotive und das törichte Benehmen großer Teile des Publikums scheu geworden und durchgegangen, und bei der dadurch hervorgerufenen Panik war eine Anzahl Menschen leider zu Schaden gekommen. Der höchst bedauerliche Vorfall hatte eine gewisse Nervosität in bezug auf alles, was Elefanten betraf, zur Folge, und deshalb hatte die Leipziger Polizei auf die Kunde hin, daß auf dem Bahnhof ein großer Dickhäuter ausgeladen werden sollte, geradezu erstaunliche Vorsichtsmaßregeln getroffen. Als ich das Aufgebot von Schutzmännern sah, die meine kreuzbrave +Laura+ — so hieß das Tier, es war eine Sie — in Empfang nehmen und ihr etwaige Ausschreitungsgelüste vertreiben sollten, ärgerte ich mich ein bißchen darüber und beschloß, mir einen Spaß zu erlauben. Laura hatte nämlich eine kleine Schwäche: sie war, wie viele Damen, sehr kitzelig, und wenn man sie an einer gewissen Stelle des Halses kratzte, fing sie immer schrecklich zu trompeten an, was in diesem Fall dem Kichern der Menschendamen entsprach. Als nun Laura „elastischen Schrittes“ dem Waggon entstieg und sich dem Aufgebot der uniformierten Ordnungshüter näherte, berührte ich die empfindliche Stelle — und prompt hob Laura den Rüssel und trompetete in einer Weise los, wie die berühmten Posaunen von Jericho es sicherlich auch nicht besser konnten. Die Wirkung war frappant. Die guten Schutzmänner, eines jähen Angriffs des Elefanten gewärtig, fielen vor Schreck fast auf den Rücken und nahmen fluchtartig eine „strategische Umgruppierung“ vor, die es mir gestattete, mein Ausladungsgeschäft ohne allzu lästige Überwachung zu Ende zu bringen. Und das hat mit ihrem Trompeten die kitzlige Laura getan! Erlebnis mit einem Rogue-Elefanten Es war schon kurz von den „+Rogues+“ die Rede, jenen einsam umherschweifenden Elefanten, die im Gegensatz zum friedlichen Herdenelefant höchst gefährliche Tiere sind, stets zu sinnlosen Zerstörungen aufgelegt und von boshafter Angriffslust. Man hat schon viel darüber gesprochen und geschrieben, wie der sonderbare Gemütszustand des Rogue eigentlich zu erklären sei und ob es sich vielleicht um Tollwut handle, die, ähnlich wie beim Hund und anderen Tieren, durch Infektion mit Wutgift erzeugt wird. Das scheint indessen nicht der Fall zu sein. Offenbar handelt es sich um eine eigentümliche Art geistiger Erkrankung, die den Anlaß dazu gibt, daß die von ihr befallenen Elefanten (meistens sind es alte Bullen) sich entweder selbst von der Herde absondern oder von dieser ausgestoßen werden und nun im Zustand höchster Reizbarkeit einsam durch das Dschungel ziehen. Während der normale Herdenelefant die Berührung mit Menschen und menschlichen Einrichtungen möglichst meidet, trachtet der Rogue geradezu danach, seine Wut an Personen und Dingen auszulassen. Der echte Rogue (er wird häufig mit dem verhältnismäßig harmlosen, nicht tollen Einzelgänger verwechselt) ist zum Glück eine seltene Erscheinung, aber wo er einmal auftritt, da versetzt er die ganze Gegend in Schrecken. Er lauert auf der Straße, in deren Nähe er sich mit Vorliebe aufhält, auf Menschen und Fuhrwerke, wirft Ochsenkarren um und zertrampelt sie, drückt Zäune ein, deckt Hütten ab, zerstört kleinere Brücken, kurz, treibt allen möglichen bösartigen Unfug und tötet auch Menschen, wenn es ihnen nicht glückt, vor dem wütenden Tier rechtzeitig die Flucht zu ergreifen. Jeder Rogue ist vogelfrei und die Regierung setzt auf seine Unschädlichmachung eine Prämie aus. [Illustration: Photo Plâté & Co. Colombo. Von einer Elefantentreibjagd: Gruppe eingefangener wilder Elefanten im Kraal (Text Seite 116)] [Illustration: Fächerpalmen aus einem Park in Colombo] [Illustration: Die pfauenradförmige Ravenalapalme, der „Baum der Reisenden“] Als ich mich im Jahre 1905 in Batticoloa, der Hauptstadt der Ostprovinz, befand, ereignete sich in der Umgebung ein Fall, der allgemeines Aufsehen erregte. Schon seit einiger Zeit hatte dort in der Nähe einer Landstraße ein Rogue sein Unwesen getrieben und die zu Markt ziehenden Bauern und Fuhrleute in Schrecken versetzt. Ein bestimmter Abschnitt der Landstraße wurde damals gerade durch Neubeschotterung ausgebessert, und aus diesem Anlaß saßen, wie es auch auf unseren deutschen Landstraßen üblich ist, in gewissen Zwischenräumen Arbeiter am Straßenrand und waren damit beschäftigt, Steine zu zerkleinern. Zum Schutz gegen Wind und Sonne hatte jeder Arbeiter im Halbkreis um sich herum ein Mattengeflecht wie eine Rollwand aufgestellt, und aus diesem Grunde konnte jeder von ihnen nur einen kleinen Abschnitt der Straße vor sich sehen, sonst aber nichts, was rechts und links geschah. Da kam, während die steineklopfenden Kulis nichts Böses ahnten, der Rogueelefant aus dem in der Nähe befindlichen Dschungel hervor, trabte auf die Straße zu und überfiel einen der Leute, der, hinter seiner Matte versteckt, das Herannahen des Tieres gar nicht bemerkt hatte. Der Elefant packte den Unglücklichen mit dem Rüssel, hob ihn in die Luft, schmetterte ihn zu Boden und gab ihm mit einem Tritt seines mächtigen Fußes den Rest. Dann ging er ruhig auf der Straße weiter, bis er nach etwa hundert Meter auf den zweiten Kuli stieß und ihn in derselben Weise zu Tode brachte, wie den ersten. Weiter verfolgte das mörderische Tier seinen Weg, und da wegen der Mattengeflechte kein Arbeiter den anderen sah, auch wegen des Geräusches des Steinklopfens nichts hörte, gelang es dem Rogue, nach und nach nicht weniger als sieben von den Unglücklichen zu packen und zu töten. Jetzt erst nahmen ein paar Bauern, die auf Ochsenkarren angefahren kamen, von weitem den entsetzlichen Vorfall wahr und machten durch ihr Geschrei die anderen, vom Rogue noch nicht erreichten Kulis auf die Gefahr aufmerksam. Die Leute, sowie die Bauern ergriffen darauf schleunigst die Flucht, während das Untier zum Überfluß noch die Karren samt den Ochsen umwarf und sich dann ins Dschungel zurückzog. Das Ereignis sprach sich schnell herum und erregte in der ländlichen Bevölkerung der ganzen Umgegend, wie sich denken läßt, die größte Bestürzung; glaubte sich doch niemand mehr aus dem Hause trauen zu können, ohne sich der Gefahr auszusetzen, plötzlich von dem Wüterich angefallen zu werden. Die Dorfgemeinden sandten ihre Ortsvorsteher nach Batticoloa zum Regierungsvertreter und bestürmten ihn, unverzüglich energische Maßregeln zur Ausrottung des Rogue zu treffen. Das war freilich leichter verlangt als getan. Denn nach den Erkundigungen durch eingeborene Shikaris hatte man es in diesem Fall mit einem ungewöhnlich schlau und vorsichtig zu Werke gehenden Tier zu tun. Der Elefant wechselte täglich seinen Standplatz, tauchte heute hier, morgen wieder eine Meile weit entfernt anderswo auf und immer dort, wo man ihn gerade am wenigsten vermutete. Und da nicht bloß die Nürnberger keinen hängen, den sie nicht haben, war es schwer, den Unhold zur Strecke zu bringen, wenn man seiner nicht habhaft werden konnte. Immerhin tat sich rasch eine Gesellschaft von Sportsmännern zusammen, um alles Menschenmögliche zur Beseitigung des Rogue zu unternehmen, und da ich mit einigen der Herren persönlich bekannt war, schloß ich mich ihnen an. Ich hatte damals meinen Diener Fernando bei mir, einen Eurasier (Halbblut) von ursprünglich portugiesischer Herkunft, einen tüchtigen Burschen und echten Shikari, für den es keinen größeren Genuß gab, als mit mir den Urwald zu durchstreifen. Er war natürlich gleich Feuer und Flamme, als er vernahm, daß unsere Jagdpartie noch an demselben Abend aufbrechen sollte. Es war nämlich am Spätnachmittag die Meldung eingegangen, daß man den Elefanten soeben am Rande eines Waldes, der ein paar Meilen von Batticoloa entfernt war, gesehen hätte. Dieser Wald hatte nur einen geringen Umfang und es kam nun darauf an, das Tier dort zu stellen, bevor es in der Nacht etwa wiederum weiterzog. Da sich in dem Walde ein kleiner See befand, der als Tränke und Badegelegenheit viel Verlockendes für einen Elefanten haben mußte, glaubten wir annehmen zu dürfen, daß der Rogue sich doch wenigstens eine Weile dort aufhalten würde. Kurze Zeit nach Empfang der Meldung, als die Sonne im Untergehen begriffen war, befand sich unsere Jagdexpedition bereits unterwegs. Wir waren ungefähr unser zehn und fuhren zunächst auf der Landstraße im Wagen bis in die Nähe jenes Waldes, dann teilten wir uns in vier kleinere Partien, um den Wald von vier Seiten aus in Angriff zu nehmen und ihn in konzentrischem Vormarsch zu durchsuchen. Der ziemlich genau in der Mitte des Waldes befindliche See sollte zum Schluß unser Treffpunkt sein. Es war schon völlig dunkel geworden, als wir, über das mit Gras bewachsene Gefilde schreitend, den Wald umkreisten. Meine Partie bestand aus mir und Fernando allein. Wir hatten gerade den Wald an der uns zugewiesenen Eingangsstelle erreicht, als Fernando, der vorausschritt, auch schon die frischen Spuren eines Elefanten in Gestalt von Exkrementen und Fußtapfen fand. Es schien demnach, als ob das Jagdglück auf Seite unserer Partie sein sollte, und die Aussicht, unseren anderen Jagdkollegen zuvorkommen zu können, stimmte uns froh, denn in dieser Hinsicht ist jeder Nimrod ein Egoist. Die fast vollkommene Rundung des Mondes, der sein starkes magisches Licht über die Landschaft ergoß, begünstigte unser Unternehmen sehr, sonst wären wir in dem dichten Dschungel schwer vorwärts gekommen. Auch die Windrichtung war uns hold, denn der leise Nachtwind strich uns entgegen, wir brauchten also nicht zu befürchten, von dem Rogue gewittert zu werden. Ob er sich bei seinem unerschrockenen und angriffslustigen Naturell aus der Witterung etwas gemacht hätte, das ist freilich eine andere Frage. Wir nahmen also die Spur des Elefanten, die in dem feuchten Boden im Mondlicht gut zu sehen war, auf und kamen trotz den vielen Hindernissen des Dschungels ziemlich rasch vorwärts, indem wir von Zeit zu Zeit Halt machten und lauschten, ob nicht ein Knacken im Gehölz die Nähe des Tieres verriet. Der Wald war sehr dicht und das war uns recht. Es ist immer riskant, einen Elefanten auf der Jagd in lichtem Walde oder im Gebüsch, wo er sich leicht und schnell bewegen kann, anzugreifen. Denn wenn der erste Schuß nicht sitzt, geht der Elefant häufig zum Angriff über, und bringt ihn dann auch der zweite Schuß nicht zur Strecke, so bleibt dem Jäger nichts anderes übrig, als schleunigst Deckung zu suchen. Das ist im lichten Walde sehr schwer, im Buschwerk fast unmöglich, und kommt dann dem Jäger nicht von anderer Seite Hilfe, so gerät er leicht in eine höchst bedenkliche Situation, denn der Elefant entfaltet in der Erregung eine Behendigkeit, die man dem anscheinend so schwerfälligen Tier gar nicht zutrauen möchte. Im dichten Walde dagegen ist die Gefahr bedeutend geringer, da man hinter den eng beieinander stehenden Bäumen meistens genügende Deckung findet und der Elefant hier in seiner Bewegungsfreiheit natürlich sehr beschränkt ist. Wir hatten gerade eine kleine Lichtung erreicht und machten einen Augenblick Halt, um Atem zu schöpfen, als Fernando plötzlich meinen Arm berührte und mit dem Finger wortlos nach der Richtung wies, aus der ich gleich darauf ein erst leises, dann immer lauteres Knacken trockener Zweige und Rascheln vernahm. +Der Elefant!+ Kein Zweifel, er kam geradewegs auf uns zu. Wir brachten die Gewehre in Anschlag und wollten aus der Lichtung zurück ins Buschwerk treten — aber es war dafür schon zu spät. Denn in demselben Augenblick brach auch schon der Rogue aus der vor uns liegenden Wand des Dickichts heraus, stutzte, als er uns sah, einen ganz kurzen Moment, kaum eine Sekunde, und stürzte dann, in dem gespenstigen Vollmondlicht einem Ungeheuer aus Vorweltstagen gleichend, mit aufgerichteten Ohren und emporgehobenem Rüssel auf uns zu.[1] [1] Siehe das bunte Frontbild vor dem Titelblatt. Darüber konnten wir beide nicht im Zweifel sein: +es ging jetzt um alles+. Langes Besinnen gab es da nicht. Der Elefant war keine zwölf Meter von uns entfernt. Wir zielten, so gut es bei dem unsicheren Licht und der Kürze der Zeit eben möglich war. Ich hatte mich auf ein Knie niedergelassen, Fernando stand drei Schritte weit neben mir. Unsere Büchsen entluden sich zu gleicher Zeit, so daß es wie ein einziger Schuß erklang — und dann ... Ja, und dann ... Ich weiß nur soviel, daß ich dann im Gras auf der Nase lag und daß eine schwere Masse mit Wucht meine Schulter streifte, eine andere schwere Masse mein Bein — und daß mich nur der eine Gedanke durchzuckte: jetzt ist es aus! Was war geschehen? Der anstürmende Rogue hatte mich einfach überrannt, aber dabei zum Glück nicht getreten, sondern nur mit den Füßen gestreift. Er war dann eine Strecke weit über mich hinaus gestürmt, bis an die andere Seite des Waldes, und als ich nun aufsprang und das wieder schußfertig gemachte Gewehr zum zweitenmal hob, machte der Elefant gerade kehrt, um uns abermals zu attackieren. Fernando hatte beim Ansturm des Rogue zur Seite springen können und war verschont geblieben. Diesmal näherte sich das Tier uns seltsamerweise ganz langsam, geradezu zögernd; es sah beinahe so aus, als ob es sich am liebsten im Dschungel verkrochen hätte. Uns blieb deshalb genügend Zeit, uns bis zu den nächsten Bäumen zurückzuziehen, wo wir einige Deckung hatten, um besser zu zielen. Jetzt ging der Elefant mit erhobenem Rüssel wieder schneller auf uns los — und als er in guter Schußweite war, drückten wir ab. Der Rogue tat noch ein paar Schritte, blieb stehen, machte dann eine halbe Wendung, geriet ins Wanken — ein paar Sekunden noch, und sein mächtiger Körper fiel auf die Seite. Als wir bald darauf das Verenden des Tieres feststellen konnten, fanden wir, daß es an der Schläfe und oberhalb des einen Ohres von drei Kugeln getroffen worden war. Also hatte auch schon einer unserer ersten beiden Schüsse sein Ziel erreicht. Es dauerte kaum eine halbe Stunde, da stellten sich auch meine Jagdfreunde mit ihren Begleitern ein, sie hatten unsere Schüsse gehört. Ihre Gesichter wurden ein wenig länglich, als sie sich vor der vollendeten Tatsache sahen, daß das so heiß begehrte Großwild bereits erlegt war, und ihre Glückwünsche wurden begreiflicherweise mit etwas sauersüßem Lächeln dargebracht ... Wegen der vorgerückten Nachtzeit ließen wir den Rogue einstweilen liegen und fuhren in unsere Quartiere zurück, um ihn am nächsten Morgen weidmännisch behandeln zu lassen. Aus den dann vorgenommenen Messungen ergab sich, daß es einer der größten jemals auf Ceylon erlegten Elefanten war. [Illustration] [Illustration] Sechstes Kapitel Von Schildkröten, Schlangen und Krokodilen Die großen Seeschildkröten — Eine lustige Tropennacht: Hamburger Schildkröteneierbier — Die riesige Tigerschlange — Die gefährliche Tik Palonga — Die Brillenschlange oder Kobra — Giftige Seeschlangen — Unerwünschter Logierbesuch — Eine Kobra im Klavier — Die Riesenschlange und ihre Eier — Rieseneidechsen und ihr Fang — Die Unbeliebtheit der Krokodile — Das Leistenkrokodil — Auf der Krokodiljagd — Was ein Krokodil alles verschluckt Die +Schildkröten+ sind in Ceylon sehr häufig. Überall in den vielen teils natürlichen, teils künstlich angestauten Süßwasserbecken und Seen der Insel, den „Wewa“, wie der Singhalese, oder „Tanks“, wie der Engländer sie nennt, kann man die zahlreichen schwarzen Körper der Schildkröten schwimmen, versinken und wieder auftauchen sehen. Oft strecken sie den Hals mit dem vogelähnlichen Kopf weit hervor und lassen die kleinen Augen neugierig in die Runde schweifen. Sie scheinen sich sehr sicher zu fühlen und kennen keine große Scheu vor den Menschen, denn diese kleinen Land- und Süßwasserschildkröten, besonders jene, die in den Tempelteichen von Kandy, Anuradhapura und anderen Kultusstätten leben, sind dem Inder heilig und werden nicht verfolgt, sondern im Gegenteil von den Wallfahrern gefüttert. Es gibt aber im Meere rings um Ceylon auch +große Seeschildkröten+, die des Nachts oft an Land gehen, um ihre Eier in den Sand zu scharren, und bei dieser Gelegenheit gern erbeutet werden. Unter den Seeschildkröten ragt besonders die kolossale +Lederschildkröte+ (~Dermochelys coriacea~) hervor, so genannt, weil sie keinen Panzer aus Horn, sondern aus sehr zäher, lederartiger Haut trägt. Infolgedessen sind Kopf und Füße bei ihr nicht so geschützt, wie bei den gepanzerten Schildkröten, die ihre Gliedmaßen im Augenblick der Gefahr unter den Panzer zurückziehen. Die Lederschildkröte wird zwei Meter lang und wiegt dann 500–600 Kilogramm. Das im Wasser sehr behende, am Lande plumpe und schwerfällige Tier entwickelt eine außerordentliche Kraft. Davon konnte sich einmal ein Freund von mir, ein Offizier der indischen Marine, bei einer Angelpartie überzeugen. Er war mit einem kleinen Boot zum Angeln auf Klippfische ein Stück in die See hinausgerudert und hatte seine Angel, ein derbes Boniteseil mit kräftigem Haken, auch schon ein paarmal mit gutem Erfolg ausgeworfen, als plötzlich ein ungewöhnlich starker Ruck an der Leine erkennen ließ, daß ein großer Fisch angebissen haben mußte. Aber wie sich bald zeigte, war es kein Fisch, sondern eine riesige Lederschildkröte. Der Angelhaken hatte sich, wie sich später herausstellte, unter der linken Vorderflosse des Tieres festgehakt und dieses vermochte sich nicht davon zu befreien. Nun begann eine tolle Jagd, wobei der Jäger jedoch, nämlich der Angler, eine höchst passive Rolle spielte. An ein Heraufholen des schweren Kolosses in das Boot war natürlich nicht zu denken, das wäre selbst einem Dutzend Männer nicht möglich gewesen. Die Schildkröte ergriff die Flucht und zog das Boot eine Viertelstunde lang hinter sich her, so daß es sich weit vom Land entfernte. Nun hätte der Offizier allerdings durch Kappen des Seils der Sache ein Ende machen können, aber er hoffte doch auf einen ruhmreicheren Ausgang des Abenteuers und darauf, daß er das Tier als seltene Angeltrophäe heimbringen könnte. Das ist ihm in der Tat auch geglückt. Denn die Schildkröte ermattete schließlich. Als der Offizier noch eine zweite Leine mit Schlinge ins Wasser warf, verwickelte sie sich bei ihren verzweifelten Anstrengungen, von der Angel loszukommen, in die Schlinge, so daß sie endlich den Kampf aufgab und der glückliche Angler sie, wenn auch mit größter Anstrengung, an der Schleppangel ans Land rudern konnte. In wirtschaftlicher Hinsicht am wichtigsten ist die gepanzerte eßbare +Suppenschildkröte+ (~Chelonia esculenta~), die ebenso lang und schwer wie die Lederschildkröte wird und in der Nähe der Küste, sowie in den Flußmündungen lebt. Ihr Fleisch ist von vorzüglicher Qualität, besonders das der Füße ein Leckerbissen. Man muß ein Schildkrötenfrikassee oder eine „~Real Turtle Soup~“ in Indien genossen haben, um zu wissen, was schmeckt! Eine andere große gepanzerte Seeschildkröte der indischen Gewässer ist die +Karettschildkröte+ (~Chelonia imbricata~), die allerdings nur eine Länge von einem Meter und etwas mehr erreicht. Ihr Rückenpanzer besteht aus dachziegelförmig sich deckenden Hornplatten, die nebst dem Brustschild ein geschätztes Schildpatt liefern. Auch sie geht, wie die Lederschildkröte, zur Ablegung der Eier und ihrem Verscharren im Sande an den Strand, und man sagt, daß die Tiere immer wieder zu der Stelle ihrer Geburt zurückkehren. Das Fleisch der Karettschildkröte ist nicht genießbar, aber die Eier werden von den Eingeborenen gern gegessen. Bekanntlich erreichen die Schildkröten ein ungewöhnlich hohes Alter, sie werden von allen Geschöpfen der Erde wohl am ältesten, angeblich bis zu 300 Jahren. Wenn ich von Schildkröten spreche, fällt mir ein drolliges Erlebnis ein. Ich hatte in meinem Bungalow in Colombo wieder einmal, wie so oft, Besuch von außerhalb und zwar von einem Kapitän B., dessen Schiff im Hafen lag. Wir hatten abends nicht gerade schlecht gegessen, vielleicht auch etwas mehr als gewöhnlich getrunken, und der gute Kapitän war ein bißchen, wie man zu sagen pflegt, „animiert“. Als wir nach Tisch in den Lungerstühlen auf der Veranda lagen und rauchten, veranlaßte eine jener plötzlichen Eingebungen, die den „Animierten“ eigentümlich zu sein pflegen, den Kapitän zu dem Vorschlag, bei dem schönen Mondschein doch noch ein bißchen spazieren zu gehen. Für das Gehen kann sich der Tropenkolonist nicht sonderlich begeistern, aber einer kleinen Spazierfahrt stand ja nichts im Wege, deshalb rief ich dem aufwartenden Boy zu: „Mach den Ponywagen fertig.“ Der Wagen war alsbald zur Stelle. Anscheinend gelüstete es den Pony nach einem Ausflug ebenso wie uns, denn er stürmte förmlich durch den Garten, so daß wir beiden nebst dem Muto (Kutscher) gerade noch aufspringen konnten und ich mich in acht nehmen mußte, das Gefährt sicher durch die enge Gartenpforte hindurch zu bugsieren, ohne die Pfeiler mitzunehmen. In scharfem Trab ging es die hell vom Vollmond bestrahlte Landstraße dahin, die sich unmittelbar am Strande erstreckt. Es war eine herrliche Fahrt. Mit gleichmäßigen Atemzügen rollte die Dünung des Meeres das flache Ufer hinauf, eine leichte Brise bewegte die Kronenwedel der Kokospalmen und wehte uns die milde Nachtluft erfrischend um die heiße Stirn. Auf einmal rief der Kapitän: „Sehen Sie, dort kriecht eine große Seeschildkröte ans Land, wahrscheinlich um Eier zu legen, die sollten wir mitnehmen!“ Ich wußte im Augenblick nicht, ob er bloß die Eier oder gar die ganze Schildkröte mitnehmen wollte, stoppte aber sofort, denn der Wunsch meines Gastfreundes war mir Befehl. Wir sprangen flugs vom Wagen hinab und eilten den Strand hinunter, um der Schildkröte den Rückweg zum Wasser abzuschneiden. Es war ein schönes Exemplar von Karettschildkröte, über einen Meter lang und etwa dreiviertel Meter breit. Der Kapitän konnte in seiner „vorgerückten Stimmung“ absolut nicht umhin, sich rittlings auf den Panzer der Schildkröte zu setzen, und das kräftige Tier trug ihn auch mit Leichtigkeit eine Strecke fort, bis er die Balance verlor und anmutig alle Viere von sich streckend in den Sand rollte. Wir machten uns nun daran, die Schildkröte auf den Rücken zu legen. Obwohl wir uns beide ziemlicher Körperkräfte erfreuten, war das ein schweres Stück Arbeit, zumal wir uns sehr in acht nehmen mußten, von dem wütend strampelnden Tier nicht verletzt zu werden. Endlich schafften wir es doch, und da die großen Schildkröten, wenn man sie auf den Rücken gelegt hat, nicht von selbst wieder auf die Füße kommen können, lag sie hilflos da. Jetzt wandten wir uns der Sandanhäufung zu, um die frischgelegten Eier auszunehmen. „Kapitän, da müssen Sie mal Ihren Tropenhut hinhalten,“ sagte ich und zählte die Eier hinein, hundert Stück. Mehr konnten wir in dem Hut nicht unterbringen, aber es lagen noch ungefähr ebensoviel im Sande verscharrt. Die Eier waren von Wallnußgröße und mit einer lederartigen weißen Haut überzogen. Inzwischen hatten sich, durch unser lebhaftes Treiben angelockt, ein paar Eingeborene um uns versammelt. Sie griffen nun mit vereinten Kräften zu und schleppten die Schildkröte im Triumph zur Straße hinauf. Da ich das schwere Tier auf meinem leichten Ponywagen nicht unterbringen konnte, wurde der Kutscher ausgeschickt, um den landesüblichen Lastwagen, eine Ochsenkarre, zu besorgen. Es war ihm jedoch nicht möglich, zu dieser nachtschlafenden Zeit ein solches Gefährt aufzutreiben, und um wenigstens nicht ganz mit leeren Händen wiederzukehren, brachte er einen Rikschakuli mit seiner Rikscha mit. „Anfangs wollt ich fast verzagen,“ aber ein tüchtiger Rikschakuli bringt für ein gutes Trinkgeld alles Mögliche, manchmal sogar das Unmögliche fertig, und wir verstauten die Schildkröte glücklich auf seinem Wägelchen, obwohl sich dieses unter der Last des Kolosses bog. Von dem „Hipphipp Hurra!“ der Eingeborenen begleitet, keuchte der Kuli mit seinem sonderbaren Fahrgast nach meinem Bungalow davon. Der Kapitän und ich wollten uns nach diesem improvisierten Jagdabenteuer noch etwas Bewegung machen. Wir gingen also ein Stück zu Fuß und bestiegen dann wieder den Ponywagen, um auf Umwegen langsam nach Hause zu fahren. Als wir an der Polizeiwache vorbei kamen, die sich in der Nähe meines Bungalows befand, sahen wir unseren Kuli händeringend am Wege stehen und hörten ihn jammern: „Master, Master!“ Auf unsere erstaunte Frage, wo seine Rikscha und die Schildkröte wären, zeigte er auf die Polizeiwache. „Dort drinnen.“ Ich ging hinein und hörte von dem wachhabenden Sergeanten, daß man Rikscha und Schildkröte festgehalten hätte. Denn erstens besäßen die Kulis nur eine Lizenz für zweibeinige Fahrgäste und zweitens hatte man ihn im Verdacht, die Schildkröte gestohlen zu haben. Es fiel mir nicht schwer, die arretierte Schildkröte samt Rikscha und Kuli wieder freizubekommen, und wir begaben uns nun alle nach Hause, wo die Ankunft des ungewöhnlichen späten Gastes auf die Dienerschaft alarmierend wirkte. Das Tier wurde einstweilen in das zementierte Bassin gesteckt, in dem sich am Tage die Enten zu belustigen pflegten. So steckte es doch wieder im Wasser, obwohl ihm, als an Salzwasser gewöhnt, das Süßwasser wenig zu munden schien, denn es legte den Kopf auf den Rand, wieder zum großen Gaudium der Hunde, die sich über das ihnen noch unbekannte Wundervieh gar nicht beruhigen konnten. Das alles hatte uns heiß und wieder durstig gemacht, so daß wir den heldenmütigen Entschluß faßten, vor dem Schlafengehen schnell noch einen zu trinken. „Whisky-Soda,“ sagte ich zu dem Boy. „Nein, um Gotteswillen keinen Whisky!“ rief der Kapitän. „Ich bin Antialkoholiker. Erstens trinke ich überhaupt keinen Whisky und zweitens habe ich heute schon zuviel von dem Zeug zu mir genommen. Wissen Sie, was wir uns brauen wollen? Hamburger Eierbier! Ein paar Flaschen Bier finden sich wohl noch im Keller und hier im Hut haben wir die schönsten Eier.“ Hamburger Eierbier aus Schildkröteneiern! Eine richtige Kateridee. Aber warum schließlich nicht? Wenn man die Augen zumacht und möglichst wenig daran denkt, schmecken Schildkröteneier beinahe wie das Gelbe von Hühnereiern. Jedenfalls konnte man ja einmal die Sache probieren. Ich ließ also ein paar Flaschen deutsches Exportbier nebst den nötigen Zutaten kommen und wir brauten nach den Regeln der Kunst ein Hamburger Schildkröteneierbier, das uns, um die Wahrheit zu sagen, gar nicht übel mundete und dem wir solange zusprachen, bis der nötige Grad von Bettschwere erreicht war. Dieses Schildkrötenabenteuer in der Tropennacht hatte noch ein kleines Nachspiel. Kapitän B. bat mich nämlich, ihm das Tier als Jagdtrophäe zu überlassen, und ich schickte es ihm deshalb an Bord. Ein paar Wochen später erhielt ich von B. aus Batavia, seinem nächsten Anlaufhafen, eine Postkarte des Inhalts: „Der Schlag soll alle Schildkröten treffen! Das Vieh war ja nicht zu genießen. Und wir hatten uns schon so sehr auf ~Real Turtle Soup~ gefreut!“ Allerdings! Das Fleisch der Karettschildkröte ist in der Tat ungenießbar. Aber wo steht es denn geschrieben, daß man alle Jagdtrophäen +aufessen+ muß? Überdies verblieb dem guten B. das wertvolle Schildpatt, aus dem er sich zahllose Kämme machen lassen konnte, gut zu brauchen in diesen lau...nigen Zeiten. * * * * * Auch an +Schlangen+ ist in Ceylon kein Mangel, weder an harmlosen noch an minder harmlosen. Ein ungefährlicher Hausgenosse ist die zwei Meter lange Rattenschlange (~Zamenis mucosa~), die nachts auf Höfen und Dächern fleißig die Ratten jagt und der man deshalb gern Gastfreundschaft gewährt. Ebenso harmlos ist die sehr hübsch gezeichnete, hellgrüne ~Dryophis mycterisans~, mit leuchtend goldenen Augen, die in Gebüschen lebt. Hier lauert sie, um einen Ast geschlungen, in unbeweglich starrer Ruhe auf kleine Lebewesen, besonders Eidechsen. Nähert sich auf dem Boden ahnungslos ein Beuteobjekt, so schiebt sich der in Spiralen gewundene Schlangenkörper unhörbar leise hinab, um plötzlich mit raschem Zuschnappen der weitgeöffneten Kiefern das Opfer zu packen und zu verschlingen. Auch die meisten Wasserschlangen, wie die im See von Kandy schwimmenden Flußschlangen (~Tropidonotus picator~), sind dem Menschen ungefährlich. Unter den Steinen findet man häufig eine braune, schwarzpunktierte Schlange, ~Aspidura Arachyprocta~. Den stärksten furchterregenden Eindruck aber machen auf den Neuling die +Riesenschlangen+, in Ceylon mit der Tigerschlange (~Python molurus~) vertreten, die eine Länge von mehreren Metern bei beträchtlicher Dicke erreichen. Und dennoch werden gerade die Riesenschlangen, die ebenso wie die vorher genannten Schlangen giftlos sind, dem Menschen kaum gefährlich, sie gehen ihm gern aus dem Wege. Mit trägen, langsam vorwärts gleitenden Bewegungen hält sich der Python im dichten Dschungel auf und ist, zufällig entdeckt, offenbar zufrieden, wenn man ihn ruhig weiter „dösen“ läßt. Nun zu den minder harmlosen Reptilien, den Giftschlangen. Das gefährlichste Kriechtier ist die +Tik Palonga+ (~Vipera russeli~), eine sehr große Viper mit dreieckigem Kopf, die mit Ausnahme der hochgelegenen Gebirgsgegenden überall häufig vorkommt und sich auch oft genug in den Häusern versteckt. Besonders gern sucht die Palonga, wie auch die anderen Giftschlangen, in Termitenhaufen Unterschlupf, weshalb beim Öffnen solcher Bauten immer Vorsicht am Platze ist. Im allgemeinen gehen ja die Giftschlangen dem Menschen gern aus dem Wege, aber bei einer unbeabsichtigten Berührung, hauptsächlich des Nachts im Dunkeln, auch schon beim plötzlichen Erschrecken werden sie doch sehr aggressiv, zumal die nervöse, blitzschnell zubeißende Tik Palonga. Der Europäer ist dabei dank seinem Schuhzeug weniger gefährdet als der häufig barfüßige Eingeborene, und deshalb hat dieser vor der Palonga, die alljährlich eine erhebliche Anzahl an Menschenopfern heischt, heillosen Respekt. Ihr Biß wirkt tödlich, wenn nicht sofort geeignete Gegenmittel in Anwendung kommen. Die gebissene Körperstelle schwillt unter starken Schmerzen rasch an, Schwindel, Atemnot und blutiger Auswurf treten auf, dann Lähmung und Krämpfe, bis schließlich in tiefer Bewußtlosigkeit der Tod erfolgt. Es kommt bei der Behandlung vor allem darauf an, durch rasch entschlossenes Zugreifen den Eintritt des Giftstoffes in den Blutstrom zu verhindern. Zu diesem Zweck wird das gebissene Glied oberhalb der Wunde fest umschnürt, man erweitert die Wunde, brennt sie auch mit glühendem Eisen aus oder ätzt sie mit Salpetersäure, Ammoniak oder übermangansaurem Kali. Von bester Wirkung sind ferner starke Gaben von Alkohol aller Art. Sehr häufig ist in Ceylon auch die +Brillenschlange+ oder Kobra (~Naja tripudians~). Sie wird bis zwei Meter lang und lebt in verlassenen Termitenbauten, im alten Gemäuer und in Abzugsgräben in der Nähe menschlicher Wohnungen, schwimmt und klettert gut und ist hauptsächlich in der Abenddämmerung tätig. Ihre Nahrung besteht aus Mäusen, Ratten, Kriechtieren, Eiern. Die Brillenschlange hat ihren Namen von der brillenähnlichen Zeichnung auf der Rückseite des Halses. Diesen vermag sie scheibenförmig so stark aufzublähen, daß er den Kopf bei weitem an Größe übertrifft. Im Oberkiefer hat sie zwei starke, gefurchte Giftzähne. Nicht so nervös und angriffslustig wie die Tik Palonga, nimmt die Brillenschlange im Zustand der Gereiztheit zunächst mit erhobenem Körper und aufgeblähtem Hals eine Abwehrstellung ein, ehe sie zubeißt. Trotz ihrer Gefährlichkeit wird die Kobra vom Inder nicht getötet, sie gilt ihm als ein heiliges Tier und er glaubt, daß eine erschlagene Brillenschlange als Gespenst den Täter verfolgt. Von den Schlangenbeschwörern wird die Kobra gezähmt und abgerichtet — aber hiervon soll später im Kapitel der Gaukler und sonderbaren Heiligen die Rede sein. Der Kuriosität halber sei noch erwähnt, daß es im Meer an der Küste Ceylons, wie überhaupt in allen Meeren zwischen Ceylon und Japan, zwei sehr giftige +Seeschlangen+ gibt, die über zwei Meter lang sind, oft in sehr großen Gesellschaften auftreten und pfeilschnell schwimmen. Sie sind von wütender Angriffslust und höchst gefährlich. Wenn jemand, wie der Erzähler, ein Menschenalter in den Tropen verbracht hat, so hat er natürlich manche nicht immer angenehme Begegnung mit Schlangen gehabt. Ich greife aus der Fülle meiner Erfahrungen ein paar Fälle heraus. Als ich eines Abends beim Essen saß, wurde ich durch das beständige Bellen meiner Hunde gestört. Ich schickte den Boy ins Schlafzimmer, um zu sehen, was es dort gäbe, aber er kam mit der Meldung zurück, daß sich die Hunde nicht aus dem Zimmer vertreiben ließen. Nun begab ich mich selber dorthin. Ich vermutete, daß sich, wie schon früher einmal, eine Wildkatze eingeschlichen hätte. Die Hunde umstanden mein mit einem Moskitonetz verhülltes Bett und waren nicht zu beruhigen. Sollten sie vielleicht Ratten wittern? Ich ließ das Moskitonetz von den Dienern hoch heben, und als ich das Kopfkissen wegnehmen wollte, prallten wir alle entsetzt zurück, denn unter dem Kissen schoß eine Brillenschlange von ansehnlicher Größe hervor und nahm mit aufgerichtetem Körper und aufgeblähtem Hals die übliche Angriffsstellung ein. Große Helden sind die Eingeborenen überhaupt nicht, am wenigsten aber einer Giftschlange gegenüber, vor der sie außer der sehr begreiflichen Angst, gebissen zu werden, auch eine tiefeingewurzelte abergläubische Scheu haben. Meine Diener kniffen also regelrecht aus und kehrten erst auf energischen Befehl wieder zurück, um die Hunde zu entfernen, die mit wütendem Gekläff wie toll herumsprangen und mich in meinen Bewegungen hinderten. Als es dann Ruhe gab, ergriff ich einen schweren Stock und tötete die Brillenschlange durch ein paar wohlgezielte Hiebe auf den Kopf. In demselben Schlafzimmer ereignete sich ein anderer Fall. Es befand sich dort ein großer geschnitzter Ankleidespiegel mit Schubladenfächern darunter. Als ich eines Tages nach der Rückkehr aus dem Kontor vor den Spiegel trat, um mich zu kämmen, sah ich am Spiegel eine Tik Palonga in die Höhe klettern. Es gelang mir, die bösartige Giftschlange rasch unschädlich zu machen; als ich nun aber eine Schublade unter dem Spiegel hervorzog, sprang mir daraus eine zweite Palonga entgegen, und es fehlte nicht viel, so hätte sie mich in die Hand gebissen. Auch diese Schlange entging ihrem Schicksal nicht und wurde getötet. [Illustration: Gruppe von Leistenkrokodilen in einem ceylonischen Gewässer (Text Seite 150)] [Illustration: 280 Jahre alte, von den Seychellen durch die Holländer nach Ceylon importierte Landschildkröte] [Illustration: Erlegte Riesenschlange, die ein Stück Kleinvieh verschlungen hatte] Es ist überhaupt ganz sonderbar, mit welcher Ungeniertheit sich manche Schlangen in den Wohnungen einquartieren, obwohl sie doch sonst den Menschen gern aus dem Wege gehen. Sie suchen sich dabei die merkwürdigsten Verstecke aus. Dafür ist die folgende kleine Geschichte bezeichnend. In unserem Hause fand einmal eine größere Abendgesellschaft statt, und nach dem Essen waren wir im Salon versammelt, um uns musikalischen Genüssen hinzugeben. Einer der besten Klavierspieler unserer Kolonie saß am Flügel, aber sein sonst so vollendet schöner Anschlag schien diesmal matt und farblos zu sein. Wir konnten uns das gar nicht recht erklären, denn das Klavier war erst vor ganz kurzem gestimmt worden und hatte noch vor ein paar Tagen den denkbar besten Ton gehabt. Einige Gäste äußerten die Vermutung, daß die feuchte Luft — es war gerade ein langer starker Regen niedergegangen — wohl ungünstig auf das Holz und die Saiten eingewirkt hätte. Mir ging etwas anderes durch den Sinn, denn unser Foxterrier, ein scharfes Tier, war auffallend unruhig. Sollte sich vielleicht eine Ratte ins Innere des Instruments verirrt haben? Wir schlugen den Deckel auf und beugten die Köpfe, um bis in die hintersten Winkel des Flügels zu blicken — da prallten wir entsetzt zurück, denn eine große Kobra, die dort ganz zusammengerollt gelegen hatte, reckte sich, unwillig über die Störung, mit aufgeblähtem Halse auf und schien nicht übel Lust zu haben, sich auf uns zu stürzen. In demselben Augenblick sprang aber auch schon der Foxterrier auf den Flügel, und ehe wir ihn daran hindern konnten, hatte er sich unter wütendem Gekläff in die Schlange verbissen. Es war ein ungemein kouragiertes Tier, das sich weder vor Tod noch Teufel fürchtete. Hund und Schlange waren in dem Flügel zu einem wüsten Knäuel verstrickt, aber schon nach wenigen Sekunden gelang es dem Foxterrier, die Kobra durch Genickbiß zu erledigen. Soweit war alles gut — leider folgte das böse Ende gleich nach. Denn es stellte sich bald heraus, daß auch unser braver Foxterrier Bißwunden abbekommen hatte, die absolut tödlich waren. Die Vergiftungserscheinungen zeigten sich rasch und 20–25 Minuten später tat der gute Hund zu unserem großen Schmerz in tiefster Bewußtlosigkeit den letzten Atemzug. Nervöse Kolonisten, die sich den Reptilien gegenüber noch nicht die nötige Ruhe angeeignet haben, denken oft: „Schlange ist Schlange“ und gehen deshalb im Übereifer auch den harmlosen und sogar nützlichen Schlangen zu Leibe. Ich hatte in meinem Haus eine Zeitlang eine große Pythonschlange von 16 Fuß Länge. Wie schon vorhin erwähnt, besitzen die Riesenschlangen keine Giftzähne und sind für den Menschen ungefährlich. Mein Python war ein braves Tier, wir hatten ihn ordentlich lieb. Er kroch auf dem Hofe frei umher, entfernte sich nie aus dem Besitztum und nährte sich redlich von Ratten und dem anderen unerwünschten Kleinviehzeug, das sich mit Vorliebe nachts auf dem Dache breit macht. Eines Tages lag die Pythonschlange auf dem Dach, um sich zu sonnen. Ein Nachbar, der unglücklicherweise nicht wußte, daß die Schlange ein zahmes Haustier war, bemerkte sie dort und glaubte eine große Heldentat damit zu begehen, daß er das arme Tier mit Schrotschüssen förmlich durchlöcherte und verenden ließ. Wir alle im Haus waren über den Verlust der Schlange aufrichtig betrübt, denn man kann sich auch an ein derartiges Tier gewöhnen. Durch einen meiner Reisenden erhielt ich einmal eine große Riesenschlange aus Sumatra, ein Tier von 30 Fuß Länge und kolossalem Körperumfang. Sie sah so üppig genährt aus, als ob sie sich, in Ahnung ihres Geschicks, kurz vor dem Fang durch überreiches Fressen für alle Reisestrapazen gehörig vorbereitet hätte. Die Schlangen können ja ungeheure Portionen auf einem Sitz vertilgen, sie können aber auch monatelang hungern, ohne einen Bissen Nahrung anzunehmen; sie verharren dann oft so eigensinnig in ihrem Hungerstreik, daß man sie mit Gewalt füttern muß, um sie am Leben zu erhalten. Was unsere frisch eingetroffene Riesenschlange betraf, so stellte sich bald heraus, daß sie ihre Korpulenz doch nicht der Gefräßigkeit allein zu verdanken hatte. Mein Shikari Fernando überraschte mich nämlich eines Tages mit der Meldung, daß die Schlange eine ungeheure Menge Eier gelegt hätte. Der ganze Behälter war mit Eiern gefüllt und das nun erheblich abgemagerte Reptil hatte sich, um die Eier nicht zu zerdrücken, behutsam im Kreise darumgelegt. Die Schlange verteidigte ihre Eier, wie eine Henne ihre Küken, und zischte uns wütend an, wenn wir eins nur berühren wollten. Wir ließen sie also in Ruhe. Und siehe da, nach Verlauf eines Monats machten wir die angenehme Entdeckung, daß wir nicht bloß eine Riesenschlange, sondern außerdem noch etwa hundert Schlangenbabys besaßen. Es war ein sehr drolliger Anblick, wie die jungen Schlangen aus den Eiern hervorlugten, um sich bei der Annäherung eines Menschen, den sie instinktiv fürchteten, sofort wieder ins Ei zurückzuziehen. Ein paar Tage später bot die Eihülle ihrem rasch wachsenden Körper nicht mehr Bewegungsfreiheit genug und sie verließen den zu eng gewordenen Wohnraum. Ich trennte dann mit meinem Shikari die junge Brut von der Mutter und brachte sie in einem großen Glaskäfig unter. Sie entwickelten sich überraschend schnell und waren schon nach zwölf Tagen imstande, die ihnen gereichten kleinen Reisvögel zu verschlingen. Ich sandte sie später nebst der Riesenmutter an meinen Bruder Carl Hagenbeck nach Hamburg, wo die umfangreiche Familie großes Aufsehen erregte. Bald darauf erhielt ich aus Sumatra wiederum einen neuen Riesenschlangentransport. Es waren vier Tiere und die kolossalsten Reptile, die ich jemals zu Gesicht bekommen habe, denn sie wogen zusammen 500 Kilogramm. Auch nach Aussage der Malaien, die die Tiere an der Ostküste Sumatras gefangen hatten, waren es die größten dort jemals erbeuteten Exemplare. Ich brachte das Rekord-Quartett für einige Wochen in meinem Garten in einem verschlossenen Schuppen unter, um die Tiere bei nächster Gelegenheit nach Amerika zu verfrachten. Ein Wärter hatte dafür zu sorgen, daß die Schlangen ihr Wasser und wöchentlich einmal Nahrung bekamen. Eines Morgens kam er voller Schreck zu mir gelaufen und erzählte mir ganz aufgeregt, daß die größte Schlange ihren Behälter gesprengt hätte und verschwunden wäre. Nach vielem Suchen stöberte ich den Flüchtling hinter einem hohen Stapel Kisten auf. Wir mußten nun die vollgepackten schweren Kisten mit vieler Mühe aus dem Schuppen entfernen, um des Tieres habhaft zu werden. Aber das war eine schwierige Sache. Denn die Schlange hatte sich um eine Säule gewunden, und als wir, unserer fünf, sie am Schwanzende packten, um sie abzuwickeln, schleifte sie uns mit ihren Riesenkräften wie ein leichtes Bündel am Boden hin. Als ich ihrem Kopfe zu nahe kam, schnappte sie zu und zerriß mir mit einem Ruck Jacke und Hemd von oben bis unten. Auf diese Weise ging es also nicht. Wir mußten es mit Geduld und List anfangen. Ich ließ daher eine große, schön mit Stroh ausgepolsterte Kiste neben die Säule rücken und allmählich entschloß sich das liebenswürdige Tier, sich von der umklammerten Säule loszuwickeln und in das so verlockend aussehende Kistenlager zurückzuziehen. Kaum hatte sie sich darin verkrochen, da schoben wir den Deckel vor die Kiste und nahmen den Ausreißer wieder gefangen. * * * * * Wenn von den +Eidechsen+ die Rede ist, denkt der Deutsche an das harmlose, zierliche kleine Geschöpf, das sich zur Sommerzeit raschelnd am Boden des Laubwaldes bewegt oder an sonnbeschienenen Mauern der wohlig empfundenen Wärme erfreut. Solche kleine und flinke Eidechsen, die den unserigen ähnlich sind, findet man auch in Ceylon, daneben gibt es dort aber andere Gattungen dieser Reptile, die alle Vorstellungen, die der Mitteleuropäer von Eidechsen zu haben pflegt, in den Schatten stellen. Außer verschiedenen prachtvoll gefärbten Schönechsen (~Calotes~), die ihre Hautfarbe plötzlich verändern können und deshalb oft mit Chamäleons verwechselt werden, gibt es Eidechsen von ganz sonderbarer Gestalt, mit seltsamen Hörnern und Wülsten auf der Nase. Auch der +Gecko+, die einzige stimmbegabte Echse, darf nicht unerwähnt bleiben, weil er in vielen Wohnungen zu den Hausgenossen gehört. Er nistet gern im Gebälk der Zimmerdecke, hält sich am Tage verborgen und macht sich des Nachts dadurch nützlich, daß er den Insekten nachstellt. Dabei läßt er hin und wieder seinen Ruf „Tschiktschik“ erschallen. Die auffälligsten Eidechsen aber sind die riesigen +Warane+, von denen es in Ceylon zwei Arten gibt. Der Laie ist geneigt, sie gar nicht für Eidechsen, sondern für eine Art Krokodile zu halten, denn sie werden mehr als zwei Meter lang. Trotz ihrer Größe, die für den Neuling etwas Furchterregendes hat, sind es harmlose Tiere, die sich von kleinen Wirbeltieren und Insekten nähren und als Eierdiebe unbeliebt machen. Ihr Fleisch wird von den Eingeborenen sehr geschätzt. Einmal erhielt ich von meinem Bruder Carl Hagenbeck den Auftrag, ihm hundert solche Rieseneidechsen zu besorgen. Das war nun durchaus nicht so einfach, denn erstens laufen schöne, voll ausgewachsene Warane auch nicht gerade herdenweise herum und zweitens lassen sie sich, scheu und flink, wie die Eidechsen eben sind, nicht so leicht fangen. Mein Shikari, den ich mit der Beschaffung betraute, machte sich die Sache sehr bequem und lieferte einen Haufen kleiner Exemplare von etwa fünf Fuß Länge ab. Aber damit war mir nicht gedient, denn mein Auftrag lautete ausdrücklich auf die allergrößten Warane, die sich nur auftreiben ließen. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als mit meinen Leuten selbst auf die Jagd zu gehen. Wir nahmen Netze von verschiedener Form und Größe, sowie aus gedrehten Palmblättern hergestellte Schlingen mit und begaben uns nach Allawa in der Nähe von Polgahawela in ein Revier, in dem sich die Rieseneidechsen mit Vorliebe aufhielten. Unsere Bemühungen im Dschungel und Sumpf hatten guten Erfolg, denn schon nach einigen Tagen waren etwa 50 Warane von 8–10 Fuß Länge, also sehr stattliche Burschen, mit Hilfe der Netze erbeutet worden. Es war eine mühsame Arbeit, denn die Tiere setzten sich recht kräftig zur Wehr und schlugen mit ihren Schweifen so temperamentvoll um sich, daß man sich in acht nehmen mußte. Einmal riefen mir meine Leute von weitem zu, daß sie ein besonders großes Exemplar mit einer Schlinge gefangen hätten, es aber nicht bändigen könnten. Ich eilte rasch an Ort und Stelle und legte mit Hand an, um das wütende Tier, einen wahren Riesen von mehr als 11 Fuß Länge, zu fesseln, dabei erhielt ich von dem Waran einen derartigen wuchtigen Hieb mit dem Schweif ins Gesicht, daß ich drei Tage lang mit den schönsten „blauen Augen“ und einer unförmlich angeschwollenen Nase herumlaufen mußte. Immerhin gelang es uns doch, die Rekordeidechse zu bändigen. Ich hatte die Genugtuung, den mir erteilten schwierigen Auftrag genau nach Wunsch erledigen zu können, und die Tiere haben dann später in Deutschland hohe Preise erzielt. * * * * * „+Krokodile+ sind abscheuliche Reptile und sollten bei jeder sich bietenden Gelegenheit geschossen werden,“ schreibt Harry Storey in seinem Buche „Hunting and Shooting in Ceylon“, dem ausführlichsten Werk über die Jagd in Ceylon. Woher kommt eigentlich dieser über die ganze Welt verbreitete Haß gegen die Krokodile und Alligatoren? Man hat sie zu allen Zeiten und in allen Ländern gefürchtet und gehaßt, selbst dort, wo man sie, wie im alten Ägypten, als heilig verehrte — diese Verehrung war ja auch nur ein Produkt der großen Angst, die man vor den Panzereidechsen hatte. Heute, im Zeitalter unwiderstehlich wirksamer Feuerwaffen, kommt uns die Furcht vor den Krokodilen etwas übertrieben vor, denn sie sind zweifellos viel weniger gefährlich als die Giftschlangen und die großen Raubtiere. Aber wir müssen bedenken, daß diese Scheu noch aus jenen Zeiten stammt, wo der Mensch, nur mit Spieß oder Pfeil und Bogen bewaffnet, wenn nicht gänzlich waffenlos, dem gepanzerten und schwer verwundbaren Krokodil gegenüber eine schwierige Stellung hatte. Auch die Heimtücke des Tieres, das, in Teichen und Flüssen lauernd, die Wasserholenden oder Badenden gern überfällt, hat ihm keineswegs zur Beliebtheit verholfen. Dazu kommt noch seine Häßlichkeit, sein Stumpfsinn. Es scheint zwischen Mensch und Krokodil nicht das geringste Bindeglied der Sympathie zu geben, obwohl die Panzerechse in der Gefangenschaft ihren Pfleger kennen lernt und bis zu einem gewissen Grade zähmbar ist. Auch alle anderen Tiere scheinen das Krokodil zu fürchten und zu hassen, mit der einzigen Ausnahme des „Krokodilwächters“, eines höchst merkwürdigen Vogels aus der Familie der Regenpfeifer, der gern auf dem Rücken der Nilkrokodile weilt, ihnen die Kerbtiere und Egel abliest und sogar die an den Zähnen des Sauriers haftenden und ihm lästigen Speiseüberreste herauspickt, zu welchem Zweck das Krokodil den Rachen weit aufsperrt. Ein Freundschaftsverhältnis, von welchem beide Teile profitieren. Wäre die Panzerechse zum Glück nicht so stumpfsinnig verschlafen und auf dem Lande schwerfällig — im Wasser ist sie freilich sehr behend — so würde sie zweifellos viel mehr Unheil anrichten, denn ihre Kraft ist ebenso groß wie ihre Raubgier und Hinterlist, und manche Arten sind auch ungemein angriffslustig. Es gibt in Ceylon zwei verschiedene Krokodile, von denen das Leistenkrokodil, der nächste Verwandte des Nilkrokodils, die stattliche Länge von mehr als acht Metern erreicht, während das kleinere Sumpfkrokodil nur 3–4 Meter lang wird. Der Süßwasserseendistrikt von Tissamaharama an der Südküste Ceylons ist besonders reich an Leistenkrokodilen. Sie liegen mit Vorliebe unweit des Seeufers im seichten Schlammwasser, so daß Nasenspitze und Augen gerade noch über dem Wasserspiegel hervorragen. Ihre Hauptnahrung sind Fische, die deshalb eine heillose Angst vor Krokodilen haben und sich dennoch immer wieder von dem förmlich erstarrten, wie leblos daliegenden, aber plötzlich zuschnappenden Ungetüm übertölpeln lassen. Es ist sogar eine bekannte Tatsache, daß das Krokodil im Wasser den Rachen häufig so lange wie eine Falle aufgesperrt hält, bis ein Fisch ahnungslos zwischen die Kiefern gerät, und diese dann jählings zuklappt, die Beute zermalmend. Sehr gern liegen die Krokodile auch auf Sand- und Schlammbänken oder auf dem Ufer, mit dem Vorderleib auf dem Trockenen, mit dem Schwanzende im Wasser. Aber da sie sich auf dem Lande niemals ganz sicher fühlen, ziehen sie sich bei Annäherung eines Menschen meistens sofort ganz ins Wasser zurück. Krokodiljagd gilt nicht als nobler Sport, dazu ist das Tier zu verachtet und unsympathisch. Der wahre Jäger schießt die Panzerechse nur bei Gelegenheit so nebenbei, oder wenn er besonders darum ersucht worden ist, einmal unter den großen Reptilen ein bißchen aufzuräumen. Mit derartigen Bitten treten die Eingeborenen an den in wasserreichen ländlichen Distrikten wohnenden Europäer immer dann heran, wenn es einem Krokodil wieder einmal gelungen war, ein am Ufer spielendes Kind oder eine unvorsichtige Frau beim Wasserschöpfen oder einen Fischer zu packen und schwer zu verwunden, wenn nicht gar aufzufressen. Solche Fälle kommen in Ceylon zwar nicht so häufig vor, wie auf dem indischen Festland, wo das Krokodil in manchen Gegenden eine wahre Plage ist, aber sie sind doch keineswegs selten, und schließlich gelangen auch nur die wenigsten Fälle zur allgemeinen Kenntnis. Von meinen verschiedenen Abenteuern mit Krokodilen greife ich hier als Beispiel nur eins heraus, das eine derartige tragische Veranlassung hatte. Ich befand mich damals mit meinem Shikari auf einer Jagdexpedition in dem vorhin erwähnten Seedistrikt von Tissamaharama, nordöstlich von der Küstenstadt Hambantota. Als wir in einem Dorfe kampierten, das nahe bei einem der dortigen besonders krokodilreichen Seen lag, erhob sich eines Morgens ein großes Lamento. Nachdem schon vor wenigen Wochen ein Kind beim Wasserholen spurlos verschwunden war, hatten sich jetzt die dreist auftretenden Ungeheuer, die in diesem See eine ungewöhnliche Größe erreichten, zwei badende Singhalesen „zu Gemüte geführt“ und die armen Leute, die wegen vorgerückten Alters schon etwas gebrechlich waren, unter das Wasser gezogen und aufgefressen. Die Trauerkunde versetzte das Dorf in größte Aufregung; wehklagend liefen die Angehörigen der Getöteten hin und her, die Bewohner des Dorfes standen in Gruppen herum und besprachen den Fall. Es dauerte nicht lange, da erschienen in dem von mir bewohnten Hause der Ortsvorsteher in Begleitung einiger Dorfältesten mit der Bitte, doch etwas gegen die frechen Räuber zu unternehmen. Da ich durch einen glücklichen Zufall gerade bei ihnen weilte, möchte ich doch ein gutes Werk tun, mit meinen Shikaris einmal Jagd auf die Krokodile machen und eine möglichst große Anzahl von ihnen töten, damit sie eine Weile Ruhe vor den Übergriffen des Raubgesindels hätten. Obwohl ich für Krokodiljagden nicht schwärme, glaubte ich den guten Leuten meinen Beistand nicht versagen zu dürfen, überdies gedachte ich bei der Gelegenheit auch ein paar besonders ansehnliche Exemplare lebend zu fangen, um sie nach Europa zu schicken. Zur Freude der Dorfbewohner sagte ich also zu. Ich überlegte nun, wie man den Tieren am besten beikommen könnte. Aus früheren Erfahrungen war mir bekannt, daß ein Angriff vom Ufer aus wenig Zweck hat, denn sobald die Tiere die Jäger herankommen sehen und Gefahr wittern, ziehen sie sich unter das Wasser zurück und sind dann schwer zu treffen. Man hat dann selten Gelegenheit, einen guten Schuß anzubringen, der am wirksamsten ist, wenn er zwischen den Vorderbeinen oder in die Augen oder dort, wo Nacken und Schulter zusammenstoßen, zu sitzen kommt. Wir mußten die Sache anders anfangen und die Bestien durch einen Angriff vom See aus überraschen, um sie auf Land zu treiben und ihnen dort den Rückzug zum Wasser zu verlegen. Das erforderte umständliche Vorbereitungen, denn zu diesem Zweck mußten wir uns zunächst auf den See hinaus begeben und uns von dort aus im Schutz der Dunkelheit in einem Boot an die Uferstelle heranpirschen, an der die Krokodile zu ruhen pflegten. Sie mußten, das war sehr wichtig, von dem See aus jählings überrumpelt werden, damit sie sich genötigt sahen, auf Land zu fliehen, wo sie dann ihr Schicksal erreichen sollte. Ich ließ zwei Boote samt Netzen und Tauen besorgen, und noch in der Nacht ruderten wir auf den See hinaus weitab vom Ufer. Als der Morgen zu dämmern begann, ruderten wir ganz still, jedes unnötige Geräusch vermeidend, zum Ufer zurück. Die Boote fuhren gleichmäßig nebeneinander, aber mit einem Zwischenraum von etwa 15 Metern, und zwischen den beiden Booten war ein Netz aufgespannt, welches das Durchschlüpfen und Entkommen der Krokodile verhindern sollte. Kurz vor dem Ufer beschleunigten wir unser Tempo, und als wir das Land erreicht hatten, liefen wir, beide Partien, das straff gespannte Netz zwischen uns haltend, so rasch wie möglich das Ufer hinauf. Unser Angriff hatte vollkommenen Erfolg. Wir überraschten zwölf große Krokodile von 12–14 Fuß Länge. Die überrumpelten und erschreckten Tiere, die am Ufer lagen, wollten schleunigst ins Wasser entfliehen, sahen hier aber den Weg durch das aufgespannte Netz versperrt. Da beim Anblick der wütend aufgesperrten Krokodilsrachen einigen meiner Singhalesen das Herz in die (allerdings nicht vorhandene) Hose fiel, so daß sie das Netz fahren ließen und sich „seitwärts in die Büsche“ schlugen, gelang es leider mehreren Bestien, doch in das Wasser zu entkommen. Vier andere fielen den Kugeln zum Opfer, die ich und meine Shikaris ihnen auf die Hornhaut pfefferten, und die letzten vier verwickelten sich in das Netz. Sie wurden nach heftigem Sträuben überwältigt und gefesselt, wobei natürlich vor allen Dingen die gefährliche Schnauze zugebunden werden mußte. Leider ging es dabei nicht ohne Unfall ab. Einer von den Leuten erhielt von dem hin und her schlagenden Schwanz eines Krokodils einen so wuchtigen Hieb auf den Unterarm, daß dieser brach. Die Kraft der Krokodile ist außerordentlich groß. Oft genug ist es vorgekommen, daß sie bemannte Boote mit einem Schwanzschlag zum Kentern brachten und sich dann eine der ins Wasser gefallenen Personen zur Beute erwählten. Man hat Zweikämpfe zwischen Krokodil und Büffel beobachtet, bei denen das Reptil Sieger blieb, und es klingt keineswegs unwahrscheinlich, daß sich das Krokodil bisweilen auch mit Erfolg an badende Elefanten heranmacht. Wirklich ein Glück, daß diese starken, gefährlichen Bestien im allgemeinen sehr temperamentlos sind und den größten Teil ihres Lebens in unbeweglichem Stumpfsinn, einer Art Starrkrampf, verbringen. Bekannt ist die erstaunliche Zählebigkeit der Krokodile. Ich habe es wiederholt erlebt, daß solche Riesenechsen auch dann noch, wenn man ihnen mit einem Dumdumgeschoß den halben Schädel gesprengt hatte, ruhig davonschwammen, als wäre gar nichts geschehen. Zum Schluß noch ein Beispiel dafür, was die Reptile in ihrer Gefräßigkeit alles verschlucken. In einem Gewässer bei Hambantota bemerkte ich einmal ein Krokodil von ganz ungewöhnlicher Größe und Dicke, das sich in auffälliger Weise an der Oberfläche des Wassers aufhielt. Mit Hilfe einiger Eingeborenen gelang es mir, das Tier mit einer Schlinge zu fangen und an Land zu ziehen, und da es sich hierbei fast gar nicht zur Wehr setzte, vermuteten wir, daß es krank sein müßte. In der Tat verendete auch das Krokodil nach sechs Tagen. Wir schnitten ihm den Bauch auf und fanden darin — einen eisernen Bootsanker! Diesen kräftigen Bissen hatte aber sogar ein Krokodilsmagen nicht zu bewältigen und zu verdauen vermocht. [Illustration] [Illustration] Siebentes Kapitel Von Fakiren, Zauberkünstlern und Gauklern Der Fakir in Legende und Wirklichkeit — Selbstquälereien der Fakire — Der dauernd emporgereckte Arm — Fanatiker, die sich unter die Räder werfen — Wie sich ein Jogin lebendig begraben läßt — Indische Gaukler — Der Korbtrick — Der Mangotrick — Selbsttäuschung der Zuschauer — Der angebliche Trick des Abhiradan — Schlangenbeschwörer und ihre Technik — Kampf zwischen Schlange und Mungo Das Wort +Fakir+ ist arabischer Herkunft und bedeutet „Armer“ im Sinne unseres Begriffes „Armer Sünder“, also einen Menschen, der die Barmherzigkeit Gottes benötigt. In Europa versteht man unter Fakiren hauptsächlich jene indischen Fanatiker, die bei Vernachlässigung ihres Körpers diesen, um Gott wohlgefällig zu sein, schmerzhaften Peinigungen unterziehen, daneben auch seltsame Wundertaten und Zauberkünste verrichten. Der Inder gebraucht das Wort Fakir nicht, er hat für die Büßer andere Namen, wie Jogin, Samnyasi, Gosain usw., aber da wir in Deutschland nun einmal gewöhnt sind, solche Leute Fakire zu nennen, so mag der Ausdruck auch in diesem Kapitel beibehalten werden. Das Fakirtum ist aus der uralten Joga-Lehre, einem Bestandteil der indischen Philosophie, hervorgegangen. Unter Joga versteht man das Bestreben, durch beschauliche Versenkung des Geistes Wunderkräfte aller Art und die Erlösung zu erringen. Acht übernatürliche Fähigkeiten sollten dem Jogin, dem Jünger der Joga-Lehre, zuteil werden: er sollte sich leicht oder schwer, klein oder groß machen können, alle Wünsche würden ihm in Erfüllung gehen, er sollte vollkommene Herrschaft über seinen Körper, sowie über den Naturlauf erreichen und schließlich die Gabe besitzen, überallhin zu gelangen. Es wurde den Jogin also, wie man sieht, nicht zu wenig verheißen. Um nun recht schnell in den Geruch der Heiligkeit zu kommen und der in Aussicht gestellten Gnaden teilhaftig zu werden, übertrieben die Jogin oder Fakire die vorgeschriebene Entsagung in maßloser Weise. Von einer wirklich +geistigen+ Vertiefung konnte bei vielen von ihnen bald gar keine Rede mehr sein, ihr Verhalten zielte nur auf krasse äußerliche Wirkungen hin, die uns wie Karikaturen der Frömmigkeit anmuten. Mit struppigem Haar, das oft in langen, verfilzten Strähnen bis zum Boden herabhängt, völlig verwahrlost und nackt, oder nur mit einer Andeutung von Schurz bekleidet, den Körper ganz mit Asche beschmiert, die tiefliegenden Augen funkelnd vor Fanatismus, so zogen und ziehen diese gewerbsmäßigen Büßer als wahre Landplage durch Indien und unterziehen sich widerwärtigen, absolut zwecklosen und stumpfsinnigen Selbstkasteiungen. Da setzen die einen sich unbedeckten Hauptes beständig dem glühenden Sonnenbrand aus, andere bereiten sich ein Lager aus Scherben oder spitzen Nägeln, andere wieder lassen sich überhaupt nicht nieder, sondern stehen Tag und Nacht wie unbewegliche Säulen. Dieser rauft sich zur höheren Ehre Gottes Kopf- und Barthaare aus, jener magert, indem er sich auf ein Minimum von Nahrung beschränkt, zum lebendigen Skelett herab, ein dritter läßt sich an Haken, die man ihm ins Fleisch bohrt, in die Luft emporziehen. So wird die Frömmigkeit zur Fratze, zur abscheulichsten Verirrung, so erniedrigt und entwürdigt sich die menschliche Natur in dieser Sorte Fakire aufs tiefste. In Wahrheit sind die sogenannten Fakire zum größten Teil unsagbar schmutziges, arbeitsscheues Gesindel, das sich unter der Maske der Heiligkeit von der abergläubischen, dumpfen Masse füttern und bewundern läßt. Neben diesen Bettelfakiren gibt es nun auch würdigere Vertreter der Lehre des Büßertums und der Entsagung. Viele haben eine höhere philosophische Schulung hinter sich und ziehen als religiöse Lehrer und Berater umher. Neben den berufsmäßigen, von klein auf dazu erzogenen Fakiren findet man auch zahlreiche, wenn man sie so nennen darf, Amateur-Fakire. Es kommt nämlich gar nicht selten vor, daß ein wohlhabender Inder in vorgerückten Jahren plötzlich seine Besitztümer verteilt und sich, von allem entblößt, als Büßer von der Welt zurückzieht, für den Rest des Lebens nur der Betrachtung seines Nabels gewidmet. Andere Fakire wiederum, die Aristokraten ihrer Zunft, verschmähen die niedrigen Gaukeleien der umherziehenden Kollegen und geben, natürlich nicht umsonst, nur Wunderkünste höheren Grades zum besten. Es ist wahrhaftig nicht leicht, ganz unbefangen und vorurteilsfrei an die Betrachtung des indischen Fakirtums heranzutreten. Was ist nicht schon alles darüber geschrieben und gefabelt worden! Hauptsächlich von Leuten, die Indien und die Fakire nicht aus eigener Anschauung kannten, sondern mehr oder minder gutgläubig alte Legenden übernahmen und immer von neuem längst widerlegte Märchen vorsetzten. Übertrieben diese nach der einen Seite, indem sie aus unzuverlässigen Quellen schöpften und dem Stoff nicht kritisch genug gegenüberstanden, so schossen andere wiederum ebenso fehl, indem sie mit allzu großer Skepsis alles Wunderbare und Unerklärliche der indischen Mystik einfach bestritten und die oft erstaunlichen Vorführungen der besseren Fakire durchweg als Humbug abtun wollten. Das eine ist so falsch, wie das andere. Wer lange in Indien gelebt hat, hat zuviel Seltsames erfahren, als daß er lediglich den platten Rationalismus gelten lassen kann, auch wenn er sonst wenig Neigung zum Wunderglauben hat. Man muß eben Unterscheidungen machen können. Es gibt Fakire, und das sind freilich die meisten, deren Vorführungen weiter nichts als mehr oder minder geschickte Gaukeleien sind, die jeder europäische Varieté-Zauberer ebenso gut oder besser produziert, und es gibt Fakire, für deren höchst überraschende Tricks man trotz allen Deutungsversuchen doch noch immer keine völlig befriedigende Erklärung hat. Ohne mich in den Streit der Meinungen mischen oder mir gar ein entscheidendes Urteil anmaßen zu wollen, möchte ich im Nachstehenden einige meiner persönlichen Beobachtungen und Erlebnisse mitteilen, wobei ich es selbstverständlich ganz dem Leser überlasse, sich seine Ansicht darüber zu bilden. Ich gehe dabei vielleicht ein bißchen systemlos zu Werke, indem ich die Fälle bunt durcheinander in der Reihenfolge wiedergebe, wie sie mir gerade ins Gedächtnis kommen, aber auf Pedanterie erhebt dieses Buch ja ohnehin keinen Anspruch. Zunächst ein paar Beispiele für die kaum glaublichen +Selbstquälereien der Fakire+, auf die ich vorhin schon angespielt habe. Sehr häufig habe ich Asketen auf Brettern sitzen sehen, die förmlich gespickt mit Nägeln waren, so daß sie wie Hecheln aussahen. Mit Gesäß und Fußsohlen, beides ungeschützt, auf den Nägeln hockend, verharren sie viele Stunden lang in dieser Stellung, manche erteilen dabei den Gläubigen auf Wunsch und gegen Bezahlung auch Ratschläge in schwierigen Angelegenheiten. Es läßt sich denken, von welcher Qualität die Ratschläge dieser unwissenden Bettelfakire sind, wahrscheinlich sind im Vergleich dazu die Prophezeiungen unserer Zigeunerweiber Worte tiefster Weisheit. Diese Leute richten viel Unheil an, indem sie dem betörten Volk häufig geradezu verbrecherische Winke geben, zum Beispiel bei Familienkonflikten die meuchlerische Beseitigung lästiger Verwandten nahelegen. Rätselhaft war mir immer, wie die Fakire auf den (allerdings abgestumpften) Nägeln sitzen können, ohne daß diese sich in die Haut einbohren. Ich kann es mir nur dadurch erklären, daß die Haut der betreffenden Körperstellen durch jahrelange Gewöhnung lederartig dick und gefühllos geworden ist. Es gibt aber auch Fakire, die sich auf einem mit Nägeln gespickten Brett buchstäblich +umherrollen+, so daß die Nagelspitzen überall in die Haut eindringen und heftige Blutungen hervorrufen. Ein scheußlicher Anblick! Doch das Geschäft scheint sich zu lohnen, denn je toller der Fakir es treibt und je stärker es blutet, desto reichlicher fließen die Spenden der ihn bewundernden Gläubigen in den Almosennapf, der zu den wichtigsten Requisiten des Büßers gehört. Noch verblüffender war der Anblick eines Asketen, der +seinen Kopf in die Erde eingegraben+ hatte. Der Fakir gräbt zu diesem Zweck zunächst ein hinlänglich tiefes Loch in den Erdboden, bedeckt den Kopf mit einem Tuch, steckt dann den Kopf in das Loch und streckt die mit einem Stab gestützten Beine in die Luft. Die Erde wird rings um das Loch aufgehäuft und fest angedrückt, so daß Kopf und Hals bis zu den Schultern vollkommen in der Erde stecken. In dieser verrückten Stellung können die Leute eine Stunde und länger verharren. Auf welche Weise sie dabei atmen, ist unbegreiflich. Der naheliegende Verdacht, daß sie ein Bambusröhrchen oder ein ähnliches Hilfsmittel in das Loch hineinschmuggeln und dem Munde Luft zuführen, findet bei näherer Untersuchung keine Bestätigung. Zahlreich sind die Fakire, die sich spitze Nadeln, Messer und dergleichen in die Wangen, die Hände, die Zunge stoßen, ohne daß Blut fließt und sie Zeichen des Schmerzes von sich geben. Solche Kunststücke sind ja auch schon auf unseren Varietébühnen gezeigt worden und können nur den Neuling verblüffen. Der Gaukler stößt sich nämlich das Messer immer wieder in dieselbe längst vernarbte, blutleer und empfindungslos gewordene Wundstelle, so daß die Sache weit gefährlicher aussieht, als sie in Wirklichkeit ist. [Illustration: Fakir mit eingegrabenem Kopf (Text Seite 160)] [Illustration: Indische Gaukler: Vorbereitungen zum Korbtrick (Text Seite 171)] [Illustration: Uralte Baudenkmäler in Anuradhapura (Text Seite 85)] Zu den abenteuerlichsten „Glanzleistungen“ der Büßer gehört +das ununterbrochene Emporrecken eines oder mehrerer Glieder+, hauptsächlich der Arme. Da kommt so ein Gosain des Weges daher, in üblicher Weise mit Asche beschmiert, Kopf und Barthaar hängt in zerzausten Strähnen herab, der Blick ist unheimlich starr ins Leere gerichtet. Aber was ist das? Wer es zum erstenmal sieht, glaubt seinen Augen nicht trauen zu dürfen. Ein Arm des Mannes ragt kerzengerade empor, als wäre er an einer unsichtbaren Schiene befestigt. Selbstverständlich wäre es nun auch bei größter Willensstärke unmöglich, einen lebendigen Arm ununterbrochen so in die Höhe zu recken. Wir treten näher, und in Erwartung einer besonders reichen Spende verwehrt uns der Fakir die Lösung des Rätsels nicht. Der emporgereckte Arm ist nämlich längst kein lebendiges, von Blut durchströmtes, warmes Körperglied mehr, sondern ein abgestorbenes, starres, völlig ausgetrocknetes, armseliges Anhängsel mit zusammengeschrumpfter Haut, wie ein Mumienarm. Und noch Scheußlicheres sehen wir jetzt. Die Fingernägel der zusammengekrallten Hand hatten sich, als sie noch aus lebendigem Gewebe bestanden, nicht bloß in die Handfläche hineingebohrt, sondern sind durch sie hindurch gewachsen, so daß die gekrümmten, schmutzigen Krallen auf der anderen Seite der Hand zum Vorschein kommen! Angewidert wenden wir uns von dem verunstalteten Gliede ab und werfen dem jämmerlichen „Heiligen“ ein paar Münzen in den Napf, die als selbstverständlicher Tribut ohne Dank eingesteckt werden. Wie hat er es nun eigentlich zustande gebracht, diese Mißbildung zu erzielen? Das war eine schwierige und schmerzhafte Prozedur. Sie begann vor langen Jahren damit, daß sich der Büßer an einem Stuhl anbinden ließ. Der Arm wurde dann in die Höhe gezogen, ganz straff gespannt und an einem Querbalken derartig befestigt, daß er sich nicht mehr bewegen konnte. Durch Unterbinden der Adern wurde dann der Blutumlauf allmählich gehemmt und schließlich ganz abgeschnürt. Monatelang verharrt der Narr, für dessen körperliche Bedürfnisse inzwischen sein Pfleger sorgt, in dieser qualvollen Stellung, denn das langsame Absterben des mißhandelten Gliedes hat Schmerzen zur Folge, die der „Heilige“ aber, den das Volk während der Prozedur zum Gegenstand höchster Verehrung macht, mit fanatischer Selbstbeherrschung lautlos erträgt. Endlich, nach vielen Monaten, ist alles Blut aus dem Arm gewichen, die Muskeln, die keine Arbeit mehr zu leisten haben, erschlaffen, die Sehnen der Gelenke versteifen sich — der Arm wird leblos und starr, so daß er schließlich, auch nach Loslösung von dem Querbalken, in der emporgereckten Stellung verharrt. Der Fakir ist glücklich, er hat, wie er wähnt, ein gottgefälliges Opfer gebracht. Es gibt aber auch Fanatiker, die sich nicht mit einem Arm begnügen, sondern alle beide absterben lassen. In ihrer Hilflosigkeit, mit zwei dauernd emporgereckten Mumienarmen, müssen sie dann für den Rest ihres Lebens gefüttert und gepflegt werden. Andere Fakire glauben auch solche Rekordleistungen noch übertreffen zu müssen. Sie sind ungemein erfinderisch im Austüfteln neuer sensationeller Selbstquälereien. Ich habe Büßer gesehen, die sich mit den Beinen an einer Schlinge an einem Baumast aufhingen und so wie ein abgestochenes Kalb, +den Kopf nach unten+, von früh bis abend den bewundernden Blicken der Gläubigen darboten. Unvergeßlich bleibt mir auch jener Asket, der das Gelübde getan hat, +sich niemals zu setzen+. Da nun aber selbst der willenskräftigste Mensch vor Müdigkeit schließlich umsinken würde, stützte er sich mit Armen und Oberkörper auf ein kleines, an einem Pfahl befestigtes Schwebebrett. Manchen Fakiren scheinen Kasteiungen dieser und ähnlicher Art noch lange nicht ein völlig genügender Beweis ihrer Bußfertigkeit zu sein. Sie wollen sich durchaus die Glieder zermalmen lassen, wollen zu Krüppeln werden oder, wenn es sein muß, verbluten. Ehe die englische Regierung dagegen eingeschritten ist, haben sich in Puri und Serampore, den indischen Hauptorten für die Anbetung des Gottes Dschagannath, bei den Tempelfesten jährlich Dutzende von Fanatikern unter die Räder der Festwagen geworfen und +von ihnen zermalmen lassen+. Es gibt anscheinend keine Tollheit, deren diese verworrenen Geister im Zustand ekstatischer Aufgeregtheit nicht fähig wären. Und da der Inder, sonst so fügsam und leicht zu lenken, in diesem Zustand unkontrollierbar wird und sich auch zu Ausschreitungen nationaler Art aufgelegt fühlt, hat die englische Regierung den krassesten Auswüchsen des religiösen Fanatismus ein Ende bereitet. In +Ceylon+ spielt das Fakirtum bei weitem nicht die große Rolle wie auf dem indischen Festland. Der Singhalese hat bei seinem höheren Grad von Gesittung und Bildung keinen Hang zum religiösen Fanatismus und auch der Tamule hält sich im allgemeinen davon fern. Die früher üblichen „+Schwingfeste+“ mit ihren bluttriefenden Vorführungen sind in Ceylon sehr selten geworden. Bei diesen ländlichen Festen ließen sich fanatische Verehrer der Dorfgottheiten eiserne Haken durch die Rückenhaut ziehen, und an den Haken in der Luft schwebend, wurden sie längere Zeit im Kreis herumgewirbelt. Heute bekommt man, wie gesagt, diese und ähnliche Schauspiele nur noch selten zu sehen. Alle im Vorstehenden geschilderten Produktionen haben, so ungeheuerlich sie auch bisweilen sind, selbstverständlich nichts mit Wundertaten gemein. Es geht dabei mit vollkommen natürlichen Dingen zu und nur die abergläubische Beschränktheit des Volkes erblickt in den stupiden Selbstschindereien der Büßer und ihren oft damit verbundenen Tricks Offenbarungen einer übersinnlichen Macht. Es gibt aber, wie schon vorhin bemerkt, neben dem Heer der Bettelfakire auch eine kleinere Anzahl von Büßern und Wunderheiligen, die ernster zu nehmen sind und deren Vorführungen größere Aufmerksamkeit beanspruchen dürfen. Die +echten Jogin+ haben von klein auf eine religiöse Erziehung genossen. Schon im Alter von 3–4 Jahren werden sie in den Tempel gebracht, um von den Priestern für ihren späteren Beruf ausgebildet zu werden. Das körperliche Training der angehenden Jogin zielt darauf hin, daß sie sich durch Selbsthypnose in einen starrkrampfartigen Zustand, eine Art Scheintod versetzen können. Es kommen dabei wahrscheinlich nur solche Personen in Frage, die schon von Hause aus eine natürliche Veranlagung dafür besitzen, das heißt sehr suggestibel sind. Als klassisches Vorbild dient den Schülern der berühmte Jogin +Haridas+, der vor hundert Jahren in Lahor erstaunliche Leistungen vollbrachte. Die Vorbereitungen dazu bestanden in einer allmählichen, durch Jahre fortgesetzten Lösung des Zungenbändchens und Verlängerung der Zunge durch Einschnitte und andere Kunstgriffe. Der Fakir muß die Zunge 10–15 Zentimeter lang aus dem Munde herausstrecken können, dann hat sie die nötige Länge, um in eingezogenem Zustand den Schlund zu verstopfen und das Atmen zu verhindern. Wenn Haridas sich in Scheintod versetzen wollte, reinigte er zunächst seine Eingeweide durch eine geheim gehaltene Methode von allen Verdauungsstoffen und trank darauf nur reines Wasser, nahm auch ein Hanfpräparat mit Bilsenkraut und Stechapfel ein, das wohl zur Betäubung diente. Nachdem alle Körperöffnungen mit Wachsstöpseln verschlossen waren, wurde der in Leinen gehüllte Körper, der jetzt einem Leichnam ähnlich sah, in einen Sarg gelegt und der Sarg wurde in einem unterirdischen Raume aufgestellt. Hier brachte Haridas mehrere Tage oder Wochen, in einem Fall 40 Tage, im Grabe zu. Man hat sogar einmal über der Grabkammer Weizen gesät, um den Beweis der Unberührtheit des Bodens und des Sarges zu führen. Wenn die im voraus bestimmte Zeit des Scheintodes abgelaufen war, öffneten die Jünger Grab und Sarg und brachten ihren Meister zum Leben zurück, indem sie ihn mit warmem Wasser begossen, ihm einen heißen Weizenmehlteig auf den Scheitel legten, den Mund gewaltsam öffneten, die zurückgeschlagene Zunge hervorzogen und Augenlider und Zunge mit zerlassener Butter bestrichen. Dann begann das Herz wieder zu klopfen, die Atmung stellte sich ein und der lebendige Leichnam wurde allmählich wieder zum Menschen. Jener Haridas also ist das erhabene Vorbild des angehenden Fakirs. Die Ausbildung beginnt, wie gesagt, sehr früh. Schon im zarten Alter von fünf Jahren muß der kleine Fakirlehrling eine halbe Stunde lang auf dem Boden sitzen können, ohne irgendeinen Muskel zu rühren. Die Frist wird nach und nach verlängert, so daß der Eleve nach einiger Zeit imstande ist, stundenlang regungslos zu sitzen, zu stehen und zu liegen. Mit zwölf Jahren hat der Knabe es soweit gebracht, daß er 24 Stunden lang liegen kann, ohne die geringste Bewegung merken zu lassen. Dann beginnt das Verlängern der Zunge in der vorhin geschilderten Art und zugleich das Üben der Gedankenkonzentration auf eine bestimmte Idee, sowie das Einschläfern der Glieder. Zu diesem Zweck, zum Einschläfern, wiederholt der auf Kissen liegende, von gewissen betäubend duftenden Kräutern umgebene Schüler mit leise singender Stimme fortwährend, oft eine Stunde oder länger, die sinnlosen sieben Worte, „hohm, lohm, dohm, kohm, ohm, wohm, sahlohm“ in und außer der Reihenfolge, bis er seinen physischen Körper in Schlaf versetzt hat, während sein Geist angeblich wach und klar bleibt. Hat er die Fähigkeit erreicht und kann er bereits zwei Tage regungslos liegen, sowie nach Belieben schlafen oder wachen, dann ist der Eleve für das Üben der eigentlichen Selbsthypnose reif. Er setzt sich mit untergeschlagenen Beinen, in der Art der Buddhastatuen, auf den Boden und starrt mit leicht gesenktem Haupt so lange unverwandt auf den Nabel, bis er in hypnotischen Zustand versinkt. Ich hatte einmal als Gast eines indischen Fürsten in Madipore Gelegenheit, das +Lebendig-Begraben+ eines echten Jogin zu sehen, der dieselben Fähigkeiten wie der berühmte Haridas besaß. Es war ein Mann von etwa 40 Jahren von starkknochiger Figur und harten Gesichtszügen, ganz und gar das Bild eines religiösen Fanatikers. Wir, das heißt die europäischen Gäste des Fürsten und einige prominente Inder aus der Stadt, begaben uns in den Park hinter dem Schloß, wo schon eine Grube ausgehoben war, die den Fakir aufnehmen sollte. Wir untersuchten das Grab in eingehendster Weise und überzeugten uns, daß alles seine Richtigkeit hatte und nicht die geringsten Vorrichtungen zur heimlichen Luftzufuhr und Ernährung ins Grab eingeschmuggelt waren. Nachdem wir diese Feststellungen gemacht hatten, setzte sich der Fakir in feierlich zeremoniöser Weise auf den Erdboden, formte aus rötlichem Wachs kleine Kügelchen, mit denen er die Ohren und Nasenlöcher verklebte, und zeigte seine enorm verlängerte Zunge, die er darauf so tief wie möglich in den Schlund gleiten ließ. Dann verbeugte er sich ehrfurchtsvoll vor dem Fürsten und seinen Gästen, setzte sich wiederum mit untergeschlagenen Beinen auf die Erde und starrte unverwandt so lange auf seinen Bauch, bis er ersichtlich in autohypnotischen Zustand verfiel. Einer der Gäste, ein englischer Arzt, untersuchte den Mann und stellte fest, daß er sich in einer Art Starrkrampf befand. Der Gehilfe des Fakirs bedeckte ihn jetzt mit einem weißleinenen Sack, der Arzt band den Sack zu und versiegelte die Schnur mit seinem Siegelring. Darauf legte man den Bewegungslosen in eine längliche flache Holzkiste, die gerade nur so groß war, daß sie den Körper aufnehmen konnte, und die Kiste wurde ins Grab versenkt. Die Dienerschaft schaufelte die Grube zu. Schließlich wurde ein Steinblock auf das Grab gewälzt und mit Mörtel derartig fest mit dem Boden der nächsten Umgebung verbunden, daß es unmöglich war, ihn ohne Anwendung äußerster Gewalt und ohne Hinterlassung von Spuren hochzuheben. Zum Überfluß drückten der Fürst und sämtliche Gäste auch noch ihre Siegelringe im Mörtel ab. Es wurde dann ausgemacht, daß wir nach vierzehn Tagen wiederum hier zusammentreffen wollten, um Zeugen der Auferstehung des Begrabenen zu sein. So war es denn auch der Fall. Als wir uns zwei Wochen später abermals im Garten des Fürsten versammelten, sahen wir in größter Spannung den kommenden Dingen entgegen. Die Meinungen waren geteilt, einige Herren glaubten fest an die Auferstehung des Fakirs, andere erwarteten ebenso bestimmt, eine ausgescharrte Leiche zu Gesicht zu bekommen. Ich muß gestehen, daß uns Europäern ein bißchen unheimlich zumute war. Wir prüften nun zunächst mit aller Sorgfalt die Grabstelle. Der große Stein lag unverändert da, in dem Mörtel am Fuße des Steins waren unsere Siegelabdrücke unverletzt und deutlich erkennbar vorhanden, und in der ganzen Umgebung deutete nicht das geringste auf irgendeinen gewaltsamen Eingriff, irgendeine Veränderung hin. Es befand sich alles in bester Ordnung. Nun brach die Dienerschaft den Grabstein aus seiner Mörtelfassung heraus, wälzte ihn fort und begann das Grab auszuschaufeln, während der Gehilfe des Fakirs auf einem kleinen Herde Reis kochte, um dem Auferstandenen sogleich Nahrung bieten zu können. Die freigelegte Kiste wurde von den Dienern, die dabei vor Erregung am ganzen Leibe zitterten, hochgehoben und auf den Boden gestellt. Unter fast atemlosem Schweigen öffneten wir in ungeheurer Spannung den Deckel. Wir hoben den bewegungslos ruhenden Körper heraus. Die Feuchtigkeit der Erde hatte das Holz der Kiste durchdrungen und den Sack so naß und mürbe gemacht, daß beim bloßen Zugreifen ganze Fetzen der Leinwand an den Händen hängen blieben. Der Gehilfe wickelte den Fakir, oder was von ihm noch übrig war, aus der Hülle heraus — und vor uns auf dem Boden lag ein anscheinend lebloser, von der Erdfeuchtigkeit benetzter Körper mit geschlossenen, tief eingesunkenen Augen und blutlosem fahlem Gesicht. Es schien beinahe, als ob die Skeptiker, die einen Leichnam zu finden erwartet hatten, Recht behalten sollten. Der Gehilfe begann jetzt die Wiederbelebungsversuche damit, daß er seinem Herrn eine Anzahl heißer Weizenpfannkuchen auf den Nacken legte und ihm die Wachsstöpsel aus Ohr und Nase entfernte. Dann machte er sich mit Hilfe anderer Diener daran, die knochigen, fast fleischlosen Glieder des Fakirs zu reiben und zu massieren. Er öffnete den Mund des noch immer anscheinend Leblosen, zog die Zunge aus dem Schlund hervor, goß etwas geschmolzenes Fett in den Mund und frottierte den Kopf mit gewärmten Tüchern. Und siehe da! Endlich, nach ungefähr einer halben Stunde, als wir die Hoffnung auf Wiederbelebung des Wundermannes schon glaubten aufgeben zu müssen, zeigten sich die ersten Regungen des zurückkehrenden Bewußtseins. Bald darauf schlug der Fakir die Augen auf und seine Lippen bewegten sich. Von diesem Moment an machte die Wiederbelebung überraschend schnelle Fortschritte, so daß er sich schon nach ein paar Minuten erheben konnte, um sich alsbald mit dem frisch bereiteten Reis und einem Krug Wasser zu stärken. Da hatte ich also einmal „Begräbnis und Auferstehung eines Lebendigen“ persönlich vor Augen gehabt. Nach meiner festen Überzeugung, die von allen anderen europäischen Beobachtern des verblüffenden Schauspiels geteilt wurde, konnte in diesem Fall von einer Irreführung, oder deutlicher gesagt, einem Betrug nicht die Rede sein. Der Fall bestätigt ja auch nur zahlreiche andere Erfahrungen derselben Art. Ich enthalte mich als Laie aller Deutungsversuche. Mögen die Männer vom Fach es erklären. Daß der Mensch sehr lange Zeit ohne Nahrung auskommen kann, das ist eine bekannte Tatsache und nicht das eigentliche Wunderbare daran. Aber wie ist es möglich, vierzehn Tage lang ohne Luftzufuhr, ohne Atmung am Leben zu bleiben? Man ist in Europa gegenüber diesen Vorführungen mit Recht etwas mißtrauisch geworden, weil man den sogenannten Fakiren (es waren niemals echte), die sich bei uns für Geld sehen ließen, allerlei Schwindeleien nachweisen konnte. Aber man muß schon einen Unterschied zwischen solchen Gauklern, die sich mitunter überraschender Tricks bedienen, und den echten Jogin machen, denen es auch niemals einfallen würde, sich auf einer europäischen Varietébühne zu produzieren. Wer sich zur Mystik und zum Okkultismus hingezogen fühlt, der wird, wie die Eingeborenen Indiens, leicht geneigt sein, den Fakiren übernatürliche Fähigkeiten zuzuschreiben. Im Grund hat aber gerade das „Lebendig-Begraben“ nichts mit Übersinnlichem zu tun, es läßt sich zwanglos durch körperliche Eigenschaften und ein mit zäher Energie durchgeführtes Training erklären. Übrigens steht der einigermaßen gebildete Hindu dieser Art von „gottgefälligem Werk“, das doch keinen anderen Zweck als den eines sensationellen Schauspiels hat, ablehnend gegenüber, ohne sich freilich zu einer entschiedenen Verurteilung des Treibens aufraffen zu können. Erstens fehlt es ihm an Mut, sozialen Unsitten öffentlich entgegenzutreten, dann aber sind auch die (verhältnismäßig) aufgeklärtesten Inder immer noch abergläubisch genug und fürchten den Fluch der Bettelfakire. Können sich doch selbst diese „Freidenker“ — wenn man sie so nennen darf — nicht von ihren Amuletten und sonstigen Zauberschutzmitteln trennen und sind sie doch vollgepfropft mit Vorurteilen seltsamster Art. Daß ein vernünftig denkender Europäer den ganzen komplizierten Hokuspokus sehr skeptisch beurteilt und besonders seinen religiösen Wert rundweg verneinen muß, ist selbstverständlich. Mit Recht sagt Graf Hermann Keyserling in seinem „Reisetagebuch eines Philosophen“: „Unter den Jogin trainiert sich ein allzu großer Teil nicht aufwärts zu Gott, sondern +abwärts zum Tier zurück+, denn wenn einer Macht über sonst dem Willen nicht unterworfene Muskeln gewinnt, z. B. den Herzschlag bewußt regulieren lernt, so bedeutet das, daß er in den Zustand des Wurmes zurückgerät, insgleichen, wenn einer sich auf Wochen, ohne Schaden zu nehmen, begraben lassen kann, daß er vermag, was des Winterschlafs fähige Tiere noch besser leisten. Diese Jogin sind sämtlich stupid und gelten auch dafür, die ganze Energie, über die ihr Intellekt allenfalls verfügen könnte, ist bei ihrem Körper gebannt.“ * * * * * Irrtümlicherweise werden auch jene indischen +Gaukler und Zauberkünstler+, die mit den vorhin behandelten religiösen Büßern und Asketen gar nichts gemein haben, vom Europäer meistens Fakire genannt. Wenn es im allgemeinen auch nur arme, herumziehende Gaukler sind, die mit möglichst geringfügigem Apparat arbeiten und sich ihr Publikum auf den Straßen und öffentlichen Plätzen heranbetteln, so lieben sie es doch und verstehen sich gut darauf, sich mit dem Schleier eines undurchdringlichen Geheimnisses zu umgeben. Ihre Kunststücke sind freilich oft verblüffender Art, aber auch bei ihnen bestätigt es sich, daß „Geschwindigkeit keine Hexerei“ ist. Gut entwickelte Beobachtungsgabe und die Kenntnis gewisser physikalischer Gesetze befähigen sie zu Tricks, die auf den ersten Blick unerklärlich und übernatürlich zu sein scheinen. Dazu kommt noch, daß manche von diesen Gauklern eine hypnotisierende Gewalt besitzen und es fertig bringen, ohne körperliche Berührung, nur durch die zwingende Überredungskraft ihrer Blicke und Worte selbst eine größere Zuschauermenge in den Glauben zu versetzen, daß sie Dinge sieht, die in Wirklichkeit gar nicht vorhanden sind. Gleich den Fakiren sind die indischen Gaukler meistens hagere, ausgehungerte Gestalten, die schon durch ihre äußere Erscheinung auf den Zuschauer zu wirken versuchen. Ihr ganzes Auftreten bekundet Weltverachtung. Finsteren Blickes mustern sie ihr Publikum, bei der abergläubischen Menge trachten sie den Eindruck hervorzurufen, daß sie mit dunklen Gewalten der unsichtbaren Welt in Verbindung stehen, daß sie mit übernatürlichen Gaben ausgestattet sind. Ihr Handwerkszeug ist sehr dürftiger Art und besteht zumeist nur aus einem Schnappsack oder einem runden Korb nebst ein paar Geräten. Mit diesen wenigen Dingen, die sie auf den mageren Schultern tragen, führen sie, von Ort zu Ort wandernd, ihre Kunststücke aus. Gewöhnlich sind sie von einem Kinde begleitet, einem Knaben oder einem Mädchen, das als Assistent und Versuchsobjekt dient; mitunter reist der Gaukler auch „~en famille~“, und während er seine Kunststücke zeigt, „arbeiten“ die anderen Familienmitglieder als Musiker, Akrobaten oder dergleichen, genau wie es bei unseren deutschen Jahrmarktsgauklerfamilien der Fall ist. Auf reichen irdischen Lohn hat selbst der geschickteste indische Gaukler nicht zu rechnen. Der dürftigste europäische Varietézauberer verdient an einem Abend mehr, als eine indische Gauklerfamilie in einem ganzen Jahr. Denn das ihn bewundernde Publikum hat die Schwäche, sich prompt zu „drücken“, wenn der Sammelteller herumgeht, und nur spärlich klappern die Kupfermünzen in den Napf des armen finsteren Mannes. Dafür ist der indische Zuschauer nicht sehr anspruchsvoll. Eine derartige Gier nach immer neuen, nervenaufpeitschenden Sensationen, wie sie für das durch Varieté und Kino verwöhnte europäische Publikum bezeichnend ist, kennt man in Indien nicht. Es sind im wesentlichen immer wieder dieselben, schon seit Jahrhunderten gezeigten Tricks, die hier der Gaukler zum besten gibt, und nur kleine Variationen, sowie der höhere oder geringere Grad von Geschicklichkeit unterscheiden sie voneinander. Ich übergehe hier die gewöhnlichen Vorführungen der Akrobaten und Gaukler, von denen übrigens auch Bären, Ziegen und Affen als vierfüßige Kollegen mit herangezogen werden, und behandle nur einige der seltsameren Zauberstückchen. Eines der hübschesten ist der +Korbtrick+. Dazu gehören der Gaukler, ein junges Mädchen, ein runder niedriger Deckelkorb, ein Fischnetz und ein paar Stricke. Der Gaukler zeigt zunächst den leeren Korb, das Netz und die Stricke und läßt das Publikum sich davon überzeugen, daß alles in Ordnung ist und keine versteckten Hilfsmittel angebracht sind. Er fesselt nun das Mädchen, das sich hinkauert und förmlich zu einer Kugel ballt, in einer Weise, daß es sich nicht mehr rühren kann, steckt das völlig hilflose Wesen in das Netz und bindet dieses über dem Kopf fest zusammen. Dann wird das Mädchen in den Korb gesteckt, der gerade so groß ist, daß der Körper mühsam hineingezwängt werden kann, und der Korb wird mit dem Deckel verschlossen. Jetzt nimmt der Gaukler einen spitzen Degen und stößt ihn, während er unaufhörlich spricht, hier und dort bis zum Griff in den Korb hinein. Das Publikum ist in höchster Spannung, glaubt es doch, jeden Augenblick müßte das Blut des armen Mädchens aus dem Korbe hervorströmen. Nun bedeckt der Mann den Korb mit einem Tuch, murmelt Beschwörungsformeln, klopft mit seinem Zauberstab an das Geflecht und klatscht zum Schluß in die Hände. Und siehe da, plötzlich zieht er das Tuch fort, der Deckel hebt sich und aus dem Korbe steigt, aller Fesseln ledig und völlig unversehrt, das junge Mädchen heraus! Ich habe den Trick öfter gesehen und muß sagen, daß er mich jedesmal aufs höchste ergötzt hat. Die Geschicklichkeit, mit der sich das Mädchen in dem engen Behälter ihrer Fesseln zu entledigen versteht, ist ebenso überraschend wie der Kniff des Gauklers, der das Durchbohren des Korbes tatsächlich ausführt, nur weiß das Mädchen im Korbe genau Bescheid, es packt die biegsame Klinge und führt sie über sich oder unter sich vorbei! Es gibt zwei indische Gauklerstücke, die es in der einschlägigen Literatur bereits zur Berühmtheit gebracht haben und die als klassische Beispiele „übersinnlicher“ Zauberphänomene von den Okkultisten aller Länder für ihre Zwecke weidlich ausgenutzt worden sind: nämlich der sogenannte Mangotrick und der Trick mit dem in die Luft geworfenen, starr in der Luft verharrenden Seil. Diese beiden Glanzkunststücke, zu deren Verherrlichung schon Ströme von Druckerschwärze fließen mußten und die auch in den vielen populären Indienbüchern eine gewichtige Rolle spielen, können in der Tat Anspruch auf Klassizität erheben. Nämlich insofern, als es geradezu Schulbeispiele für zwei interessante Erscheinungen sind: für die Suggestibilität oder sagen wir deutsch Beeinflußbarkeit einer größeren Zuschauermenge und für die daraus sich ergebende Fehlerhaftigkeit der Beobachtung. Betrachten wir einmal den +Mangotrick+. Der Mango ist einer der häufigsten und stattlichsten Bäume Indiens, der sehr wohlschmeckende, aprikosenähnliche Früchte trägt. Der Baum wächst ziemlich schnell, immerhin vergehen aber doch einige Jahre, bis das gepflanzte junge Reis sich bis zum Früchtespender entwickelt. Der Gaukler mit dem Mangotrick erkühnt sich nun, der Natur ein Schnippchen zu schlagen, das Tempo der Entwicklung in unerhörter Weise zu beschleunigen und „binnen fünf Bierminuten“, wie es in der deutschen Studentensprache heißt, aus einem frisch eingepflanzten Mangokern ein fröhlich grünendes Bäumchen mit saftigen Früchten zu machen. Das ist keine alltägliche Leistung und eigentlich lohnt es sich schon, nach Indien zu reisen, lediglich um sich mit eigenen Augen von einer so erstaunlichen Überlistung der Natur zu überzeugen. Aber sehen wir zu, wie der Gaukler es macht. Von dem üblichen Knaben oder Mädchen assistiert, vielleicht auch mit etwas Musikbegleitung tritt der Mann vor die erwartungsvoll harrende Zuschauermenge und breitet auf dem Boden sein Handwerkszeug aus. Dazu gehört vor allem der niemals fehlende Zaubersack, der die zu den Vorführungen benötigten wenigen Dinge birgt. Im Gegensatz zu den Schlangenbeschwörern und anderen Kollegen der Gauklerzunft ist der Mann mit dem Mangotrick nicht auf den Mund gefallen, sondern redet vom ersten bis zum letzten Augenblick in einer seltsam eindringlichen und zugleich einschläfernden Weise. Dieses unaufhörliche monotone Sprechen hat seine tiefe Bedeutung, denn in Verbindung mit den starr die Zuschauer fixierenden Augen und der ganzen sonderbaren Erscheinung des Gauklers übt es eine faszinierende oder besser gesagt hypnotisierende Wirkung aus, eine Wirkung, der sich selbst jene Europäer, die die Sprache des Mannes nicht verstehen und denen der Sinn seiner Worte verborgen bleibt, selten entziehen können. So sorgt er, noch mit den Vorbereitungen für seinen Trick beschäftigt, bei den Zuschauern für eine geeignete seelische Disposition. Er schlägt ein kleines von drei Stäben gestütztes Miniaturzelt auf, dessen hintere, ihm selbst zugewandte Seite offen bleibt. Neben das Zelt stellt er eine Schale mit frischer Erde. Er begießt die Erde sorgsam und pflanzt dann einen Mangokern hinein. Jetzt stellt er die Schale in das Zelt und entzieht sie so den Blicken. Einige Minuten lang wandert er nun mit beschwörenden Gesten und immerfort redend um das Zelt herum, endlich hebt er die Zeltdecke auf — und siehe da, man erblickt in der Schale ein etwa zehn Zentimeter hohes Mangopflänzchen, das mit seinen grünen Blättern eben hervorgesprossen zu sein scheint. Der Zauberer läßt die Schale wieder unter dem Zelt verschwinden, macht allerlei Hokuspokus, und wenn er dann nach ein paar Minuten die Schale von neuem hervorholt, ist die Mangopflanze bis zur Höhe von einem halben Meter gewachsen. Schließlich entsteht unter denselben geheimnisvollen Umständen im Verlauf von etwa einer Viertelstunde ein meterhohes Bäumchen mit frischen, saftigen Früchten! Eine wirklich zauberhafte, unerklärliche Leistung, nicht wahr? Etwas, das alle Gesetze der natürlichen Entwicklung über den Haufen wirft, indem sie diese, die für gewöhnlich auf ziemlich bedächtigem Etappenwege vor sich zu gehen pflegt, zum Blitztempo beschleunigt. Steht einem beim Anblick eines so verblüffenden Phänomens nicht einfach, wie man zu sagen pflegt, der Verstand still? ... Vielen Beobachtern scheint er in der Tat stillgestanden zu sein. Ich habe Europäer kennen gelernt, Männer und Frauen von guter Urteilskraft, die einen heiligen Eid auf die Verläßlichkeit der wunderbaren Erscheinungen beim Mangotrick abzulegen bereit waren. Manche behaupteten sogar steif und fest, daß der Zauberer die Schale mit der Pflanze nicht verhüllt hätte, sondern daß die Entwicklung des Mangokernes zum früchtespendenden Bäumchen in aller Öffentlichkeit und in jeder Phase deutlich sichtbar vor sich gegangen wäre, man hätte das Wachsen der Pflanze gewissermaßen von Zoll zu Zoll verfolgen können. ... Und wenn ich mir in solchen Fällen einige leise Zweifel, ein paar schüchterne Einwendungen erlaubte — na, dann konnte ich etwas Schönes zu hören bekommen. Die glimpflichsten Abfertigungen lauteten ungefähr: sie, die Beobachter, hätten doch auch Augen im Kopf und ließen sich nicht so leicht etwas vormachen; sie hätten eben das Wachsen des Mangobaumes gesehen, das wäre nun einmal Tatsache, an der sich nicht rütteln ließe. Und wenn man ein friedlicher Mensch ist, so zieht man es unter solchen Umständen vor, das Thema fallen zu lassen und dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. Über religiöse und politische Dinge soll man in Gesellschaft nicht sprechen, über okkultistische aber anscheinend auch nicht, es gibt sonst zu leicht Verstimmungen. Ich bin wahrhaftig der letzte, der die Existenz übernatürlicher, der menschlichen Erkenntnis verschlossener Mächte und Wirkungen leugnen wollte. Unser Wissen ist im Vergleich zu den im Weltall verborgenen, unermeßlichen Möglichkeiten so eng begrenzt, daß es geradezu lächerlich dünkelhaft wäre, wenn wir uns einbilden wollten, daß die Werkstatt der Natur keine Geheimnisse mehr für uns hätte. Aber wenn man von der Unzulänglichkeit unserer Sinne und unserer Erkenntnis auch noch so tief durchdrungen ist, so bedeutet das noch lange nicht, daß man jedes verblüffende Zauberkunststückchen kritiklos als übersinnliches Phänomen hinnehmen soll. Der Mangotrick ist, wenn er gut vorgeführt wird, wirklich nichts weiter als eine sehr hübsche unterhaltende Illusion. Denn vorläufig besitzt noch kein sterblicher Mensch die Macht und die Fähigkeiten, den natürlichen Gang der organischen Entwicklung durch geistige Konzentration in so stürmischer Weise zu beeinflussen. Das muß festgestellt werden, so leid es mir auch täte, wenn ich damit den unerschütterlichen Mangotrickenthusiasten eine Kränkung zufügen sollte. Wir hätten ja in der Photographie, besonders der kinematographischen Aufnahme sehr brauchbare Hilfsmittel zur Hand, um die Vorgänge beim Mangotrick und bei ähnlichen Zaubereien in exakt zuverlässiger Weise festzuhalten und zu kontrollieren. Aber es ist merkwürdig — und das sollte die Schwärmer stutzig machen — daß die indischen Zauberkünstler immer sehr ungehalten werden, wenn sie bei den Zuschauern eine Kamera sehen. Sie verschanzen sich dann gewöhnlich hinter ihre unüberwindliche Abneigung gegen Photographie, packen ihr Handwerkszeug zusammen und ziehen beleidigt ab. Sie haben in der Tat allen Grund, die Linse des photographischen Objektivs, die sich nicht beeinflussen läßt, zu scheuen. Wie verfährt nun der Gaukler bei der Vorführung seines Kunststücks? Ganz und gar nach dem alten bewährten Erfahrungssatz, daß Geschwindigkeit zwar keine Hexerei ist, aber doch beinahe so aussehen kann. Was er tut, ist im Grunde furchtbar simpel. In seinem Schnappsack hat er als Requisiten einen Mangokern, ein zartes, junges Reis, ein paar andere Mangopflanzen von verschiedener Größe und schließlich ein kleines Bäumchen mit Früchten. Seine Kunst besteht darin, diese Gewächse in der richtigen, dem anscheinenden Wachstum der Pflanze entsprechenden Reihenfolge so in die mit Erde gefüllte Schale hineinzupraktizieren, daß es der Zuschauer nicht merkt. Wenn er die Schale wieder in dem verhüllenden Zelt verbirgt, ersetzt seine Hand rasch die darin steckende Pflanze durch eine andere, größere, die er in sehr geschickter Weise, ohne daß man es sieht, aus dem neben dem Zelt liegenden Sack hervorzieht. Er versteht es ganz ausgezeichnet, die Aufmerksamkeit seiner Zuschauer durch fortwährendes Reden abzulenken und die Urteilskraft durch seine suggestiven Fähigkeiten einzuschläfern. So kommt es, daß die Zuschauer schließlich die Vorgänge gesehen zu haben glauben, die sich in Wirklichkeit gar nicht oder wesentlich anders abgespielt haben. Niemals wird der Zauberer eine genaue Untersuchung seines Gepäcks oder seiner Person gestatten, denn man würde dann die in Vorbereitung gehaltenen Mangopflanzen und Bäumchen finden. Der Mangotrick ist, wie gesagt, geradezu ein Schulbeispiel dafür, wie ein gewandter Gaukler die seelische Beeinflußbarkeit seiner Zuschauer auszunützen versteht. Aber wie überraschend der Mangotrick auch wirkt, ist er doch ein Kinderspiel gegen den noch berühmteren +Trick des Abhiradana+, des in der Luft frei schwebenden Seiles. Wirklich eine tolle Geschichte! In seinem Buche „Indien und ich“ beschreibt Hans Heinz Ewers diesen Trick folgendermaßen: „Der Zauberer wirft ein Seil in die Luft und läßt dann einen Knaben daran hinaufklettern: wo das scheinbar freihängende Tau oben aufhört, da verschwindet auch der Knabe. Dann steckt der Gaukler ein langes Messer quer in den Mund, macht ein furchtbar böses Gesicht, faßt das Seil und klettert auch hinauf. Er verschwindet oben, wo auch der Knabe verschwand; das Seil baumelt eine zeitlang allein frei in der Luft. Plötzlich hört man oben in der Luft jämmerliches Geschrei des Knaben und dazwischen das Wutgeschnaube des alten Gauklers — aber man sieht nichts. Dann fällt ein blutendes Bein herunter, ihm folgt ein Arm, darauf der verzerrte und verstümmelte Kopf des Knaben. Noch ein Bein fällt herunter und noch ein Arm; endlich plumpste der Leib herab. Schon zufrieden mit seiner Tat klettert dann der bärtige Zauberer am Seile zur Erde herab. Zuerst reinigt er sorgfältig das blutige Messer, dann sammelt er die verschiedenen Menschenteile zusammen und steckt alles durcheinander in einen großen Korb. Er nimmt nun einen mächtigen Steinmörser und zerstampft den Inhalt des Korbes zu einem dicken Brei. Endlich stülpt er den Deckel auf und präsentiert den Korb freudestrahlend dem Publikum. Einer öffnet — und vergnügt hüpft der Knabe heraus.“ [Illustration: Indische Bettelfakire] [Illustration: Indische Gauklertruppe] Ewers behauptet nicht etwa, dieses fabelhafte Schauerdrama selber gesehen zu haben. Es wäre ihm auch schwer gefallen, denn eine Vorführung dieser oder ähnlicher Art +gab und gibt es überhaupt nicht+! Der „berühmte“ Abhiradana-Trick spukt nur in jenen zahlreichen Büchern oder deutlicher gesagt Machwerken, die sich unter wichtigtuerischer Maske mit den „Geheimlehren Indiens“ befassen, außerdem in den amüsanten Aufschneidereien, mit denen man sich an Bord der Schiffe auf weiter Fahrt die Zeit vertreibt. Man kann unmöglich von Suez nach Singapore reisen, ohne sich einmal im Rauchsalon zwischen dem dritten und vierten Whisky die Sache mit dem Abhiradana-Trick und ähnliche Schauerchosen anhören zu müssen, und ich vermute, daß in diesem Milieu, unter der Einwirkung von Hitze und Stumpfsinn, überhaupt die meisten „garantiert echten“ indischen Fakirtricks ausgeheckt worden sind. ... Von welchem hohen Alter die Künste der Fakire sind und welches Interesse sie schon vor vielen Jahrhunderten erregt haben, geht daraus hervor, daß der bereits erwähnte Araber +Ibn Batuta+, der als einer der größten Reisenden seiner Zeit vor achthundert Jahren Indien und China besuchte, in seinem Reisewerk die Fakire erwähnt und von seinen Erlebnissen mit den heiligen Männern erzählt. Ibn Batuta, 1302 zu Tanger in Marokko geboren, hatte erst Rechtswissenschaft studiert und unternahm dann aus Wissensdrang und Abenteuerlust, die freilich auch mit Gewinnsucht gepaart war, ausgedehnte Reisen, die ihn zunächst nach Mekka, Syrien, Persien, Mesopotamien führten, dann aber während einer Zeit von fast 25 Jahren weiter nach Zentralasien, Vorderindien, China, Java, Sumatra, Ceylon, schließlich noch ins Innere Afrikas bis Timbuktu. Es sei hier auszugsweise wiedergegeben, was Ibn Batuta in seiner treuherzigen Weise von den Fakiren oder Jogin erzählt.[2] [2] Nach der deutschen Ausgabe von Ibn Batutas Reisewerk: „+Die Reise des Arabers Ibn Batuta durch Indien und China+“, bearbeitet von +~Dr.~ Hans v. Mžik+. Hamburg, Gutenberg-Verlag, 1911. „Es sind das Leute — so schreibt Ibn Batuta — von denen man wunderbare Dinge zu sehen bekommt, zum Beispiel: der eine von ihnen verweilt Monate, ohne zu essen oder zu trinken; für viele gräbt man Gruben unter der Erde. Man deckt die Grube über dem Jogi zu und läßt ihm nur eine Öffnung, durch die die Luft gelangen kann, darin bleibt er nun durch Monate. (Von einem völlig luftdichten Verschluß des lebendig begrabenen Jogi weiß Ibn Batuta also nichts). Ich habe sogar gehört, daß der eine oder der andere so ein Jahr ausgehalten habe. In der Stadt Manjarur (Mengalore an der Malabarküste) sah ich einen Muslim, der bei ihnen Unterricht genommen hatte. Man hatte für ihn eine trommelartige Säule errichtet, auf der er, ohne zu essen oder zu trinken, die Zeit von 25 Tagen stand. Ich verließ ihn in diesem Zustand und weiß nicht, wie lange er nach meiner Abreise noch so gestanden hat. Das Volk erzählt, daß die Jogin Pillen zusammensetzen, von denen sie eine auf eine bestimmte Anzahl von Tagen oder Monaten zu sich nehmen und nun während dieser Zeit weder Speise noch Trank benötigen. Sie geben Auskunft über verborgene Dinge. Der Sultan ehrt sie und nimmt sie in seine Gesellschaft auf. Manche von ihnen beschränken sich bei ihren Speisen auf das Gemüse allein. Soweit man in ihre Verhältnisse Einblick hat, üben sie sich in der Askese und bedürfen weder der Welt noch ihres Glanzes. Es gibt Jogin unter ihnen, die einen Menschen nur anzusehen brauchen — und dieser fällt vor dem Blicke tot zu Boden. Die Leute sagen, daß, wenn jemand durch einen Blick getötet worden ist und man dem Toten nun die Brust öffnet, man kein Herz darin vorfindet. Sie sagen: Sein Herz ist gefressen worden. Auch Weiber vermögen das. Die Frau, die das kann, wird Kaftar (Hyäne) genannt. Eines Tages, als ich noch bei dem Sultan von Delhi in der Residenz war, ließ dieser mich rufen. Ich begab mich zu ihm, er befand sich in einem Privatgemache und bei ihm befanden sich einige seiner Vertrauten und zwei dieser Jogin. Diese hüllen sich in Mäntel ein und bedecken auch den Kopf, da sie ihn mit Asche (?) enthaaren. Der Sultan hieß mich niedersetzen, was ich tat, und sprach zu den beiden Jogin: „Dieser Fremdling ist aus einem weit entfernten Lande; zeigt ihm also etwas, was er noch nicht gesehen hat.“ Einer von den Jogin ließ sich darauf mit gekreuzten Beinen nieder, dann erhob er sich von der Erde, bis er +in der Luft über uns+, immer mit gekreuzten Beinen, sitzen blieb. Ich verwunderte mich darüber, Schreck erfaßte mich, und ich fiel ohnmächtig zur Erde nieder. Der Sultan befahl, daß man mir eine Medizin zu trinken gebe, die bereit stand. Da kam ich wieder zu mir und setzte mich nieder, während jener immer noch in seiner schwebenden Stellung verharrte. Nun nahm sein Genosse einen Pantoffel aus einem Sack, den er bei sich trug, und schlug damit auf den Boden, als ob er erzürnt wäre. +Der Pantoffel stieg empor+, bis er über dem Nacken des in der Luft Kauernden schwebte, und begann auf dessen Hals loszuschlagen. Der Jogin kam nun nach und nach herunter, bis er schließlich wieder am Boden neben uns saß. Der Sultan sprach zu mir: „Der mit gekreuzten Beinen Sitzende ist ein Schüler dessen, dem der Pantoffel gehört“, und fügte dann hinzu: „Wenn ich nicht um deinen Verstand fürchtete, würde ich ihnen auftragen, noch Wunderbareres vorzubringen als das, was du gesehen hast.“ Ich verabschiedete mich von ihm, aber heftiges Herzklopfen befiel mich und mir wurde schlecht, so daß er mir einen Trank geben ließ, der das Unwohlsein vertrieb.“ Soweit der Bericht des Ibn Batuta. Er wurde, wie schon bemerkt, vor bald 600 Jahren niedergeschrieben und ist ein interessantes Zeugnis dafür, welche Wirkung die Fakire mit ihren wunderbaren Produktionen schon damals zu erzielen wußten. Der reisende Araber war ein hochgebildeter Mann und, wie seine Werke zeigen, ein scharfer Beobachter. Man darf aber nicht unbeachtet lassen, daß die damaligen Reiseschriftsteller, fast ausschließlich Orientalen, bei aller sonstigen Wahrheitsliebe gar kein Bedenken trugen, ihre Berichte mit dazwischengeschobenen Erzählungen auszuschmücken, die keinen anderen Zweck hatten als den, dem Unterhaltungsbedürfnis der Zuhörer und Leser entgegenzukommen und ihrem Wunderglauben Nahrung zu spenden. Alle Reiseberichte der damaligen Zeit wimmeln von derartigen, übrigens wirklich sehr unterhaltsamen Anekdoten. Das klassische Beispiel solchen Gemischs von Wahrheit und Dichtung sind die Erzählungen Sindbads des Seefahrers, die aus dem neunten Jahrhundert stammen und als ältestes literarisches Denkmal der Handelsreisen der Araber ebenso unvergänglichen Wert haben wie als köstliche, ewig junge Erzeugnisse der blühenden orientalischen Märchenkunst. Es mag nun dahingestellt bleiben, ob der würdige Herr Ibn Batuta das Erlebnis mit dem in der Luft sitzenden Fakir tatsächlich gehabt hat, oder ob es sich dabei um eine Erfindung seiner Phantasie handelt, lediglich zur Ausschmückung seines Reiseberichtes bestimmt. Es mag hier auch noch von jener „+geheimen Kraft+“ die Rede sein, die im indischen Mystizismus eine bedeutende Rolle spielt. Diese angeblich vorhandene geheime Kraft, ein besonderes Gnadengeschenk der Götter, befähigt den Fakir, der sie besitzt, zu übernatürlichen Leistungen, verhilft ihm zu Einfluß auf leblose Gegenstände so gut wie auf Menschen und Tiere. Ein Schauspiel, das immer viele Zuschauer anlockt und sie mit ehrfurchtvollem Staunen erfüllt, ist ein öffentlicher Wettstreit zwischen zwei „Heiligen“ von anerkannter geheimer Kraft. Es kommt dabei gewöhnlich darauf an, irgendeinen auf der Erde liegenden Gegenstand, zum Beispiel einen Strohhalm, der angeblich durch einen Zauber fest an den Boden gebunden ist und nicht aufgehoben werden kann, an sich zu nehmen. Ich hatte einmal Gelegenheit, ein derartiges absurdes Schauspiel mitanzusehen. Die Konkurrenten, zwei Gosain mit der sattsam bekannten Verwahrlosung ihres Körpers, starrend von Asche und Schmutz, mit wirr herabhängendem, verfilztem Haar und stieren Augen, stellten sich einander gegenüber auf, in gleicher Entfernung von einem am Boden liegenden Halm, und jeder behauptete die Macht zu haben, den andern von der Berührung des Halmes abzuhalten. Während nun einer den andern krampfhaft mit den Augen fixierte, murmelten ihre Lippen in endloser Litanei Gebete. Das ging so etwa zehn Minuten lang, schließlich begannen ihre Körper zu zucken, der Schweiß brach aus ihren Poren, Schaum trat ihnen vor den Mund — endlich fiel einer von ihnen bewußtlos zu Boden, und diesen Augenblick benutzte der Gegner, um den „verzauberten“ Halm aufzuheben und an sich zu nehmen. Wie mir einer der anwesenden Gläubigen sagte, wären die Gosain nach einem derartigen Wettkampf mehrere Tage krank vor Aufregung. Ich hatte dagegen den Eindruck, daß es sich nicht um einen Zustand echter Ekstase, sondern um eine abgekartete, abgeschmackte Komödie handelte und daß die üblen Burschen sich zu diesem Zweck zu einem Genossenschaftsverhältnis zusammengetan hatten. Eine sehr merkwürdige und für das religiöse Leben Indiens charakteristische Erscheinung sind auch jene +Amateur-Fakire+ oder Büßer, von denen bereits vorher kurz die Rede war, d. h. wohlhabende oder sogar sehr reiche Inder, die in ihrem Alter auf alle Besitztümer und alle Freuden der Welt Verzicht leisten, um sich für den Rest ihres Lebens in freiwilliger Armut lediglich der frommen Einkehr, der Entsagung und Andacht zu widmen. Weltflüchtige ähnlicher Art gibt es ja freilich auch im Christentum; auch bei uns kommt es nicht selten vor, daß Personen aus religiösen Erwägungen oder aus einem sie innerlich tief erschütternden Anlaß auf alles, was ihnen die Welt bisher zu bieten hatte, auf irdische Güter, soziale Stellung, Vergnügungen, auf Rang und Titel verzichten und sich bis zum Ablauf ihrer Tage in den stillen Frieden der Klosterzelle zurückziehen. Aber es ist doch ein Unterschied zwischen diesen christlichen Weltflüchtlingen und den buddhistischen. Denn während der erstere auch im Kloster im geistigen Zusammenhang mit der Kultur bleibt, ja gerade im Kloster oft genug eine hochentwickelte Kultur findet, stößt der buddhistische Büßer alles Geistige, soweit es jenseits der rein religiösen Dinge liegt, von sich, weil er es als unwesentlich betrachtet und verachtet, wie er desgleichen alles verschmäht, was dem Wohle des Körperlichen dient, und in Befolgung der strengsten Askese gerade nur soviel Speise und Trank zu sich nimmt, wie zur Aufrechterhaltung des animalischen Lebens durchaus notwendig ist. Sonderbare Schwärmer solcher Art gibt es, wie gesagt, viele, und einer der seltsamsten von ihnen war — ich weiß nicht, ob er heute noch lebt — der „Heiligste der Heiligen“, +der Büßer Swami Saraswati+ in Benares. Früher ein reich begüterter Mann, warf er in vorgerücktem Alter eines Tages alles von sich, was nach unserer Ansicht das Leben schön und lebenswert macht, verteilte sein Vermögen unter die Kinder und an fromme Stiftungen und zog sich ins Büßertum zurück. Ein Glaubensgenosse, der gleich ihm der religiösen Sekte der Jaina angehörte, ließ ihm auf seinem Grundstück einen eigenen kleinen Tempel erbauen, der zugleich als sein notdürftiges Obdach bei Nacht diente. In einer Nische der Außenwand des Tempels wurde ein in Stein gehauenes Bild des Gottes Jina, des Schutzpatrons der Sekte, angebracht, und unmittelbar unter diesem Steinbild ließ sich nun Swami Saraswati in genau derselben Stellung wie der Gott, mit gekreuzten Beinen und über den Beinen gekreuzten Händen, auf dem Sockel des Tempels nieder. So unbeweglich sitzend, mit kahlgeschorenem Haupt, die verglasten Augen geradeaus ins Unbestimmte gerichtet, den dürren braunen Körper unverhüllt der Sonnenglut preisgegeben, saß (und sitzt vielleicht noch) der arme reiche Mann tagaus tagein bis zu seinem letzten Stündlein auf dem Stein, innerlich sehr befriedigt darüber, daß er schon bei Lebzeiten dem Gott über ihm zum Verwechseln ähnlich sieht. Einige Bevorzugte unter seinen Verehrern dürfen ihm dabei von Zeit zu Zeit Gesellschaft leisten, mit ihnen führt er dann auch religiöse Gespräche und sie reichen ihm bisweilen einige Nahrungsmittel, auf die selbst ein Heiliger nicht völlig Verzicht leisten kann. Vor dem Sockel des Tempels aber drängen sich in hockender Stellung die Andächtigen, voll von Bewunderung eines derartigen Beweises tiefster Religiosität. ... Uns fehlt das Verständnis dafür und wir ersehen auch daraus wieder, wie aus zahllosen anderen Erscheinungen des religiösen und soziale Lebens in Indien, welche unüberbrückbare Kluft zwischen unseren Anschauungen und denen des indischen Geisteslebens gähnt. „Dieses Büßertum — so schreibt ein gelehrter deutscher Jesuit, Joseph Dahlmann, in seinem ausgezeichneten Werk „Indische Fahrten“ — ist ein Element, das man in dem strahlenden Reichtum eines tropischen Landes am wenigsten suchen möchte. Hier, wo die Natur auf der einen Seite die höchste Fülle und Fruchtbarkeit entfaltet, wo sich auf der andern Seite fürstlicher Glanz in einem Luxus darbietet, wie kaum an einem anderen Punkte der Welt, scheint kein Raum zu sein für ein Leben, das alles abwirft, was die Sinne anzieht, um desto grauenhafter im eigenen Fleisch zu wüten. Und doch tritt uns gerade hier ein Büßertum entgegen, das im Hange zur Selbstpeinigung das Unglaublichste leistet. Wir gewahren eine Gruppe von Menschen, die alles in den Staub tritt, was der Ehre wert ist, um dem höchsten Genuß die schärfste Selbstpeinigung entgegenzusetzen. Die Selbstpeinigung überschreitet so sehr jedes Maß, daß man nicht mit Unrecht von einer Wollust der Selbstpeinigung gesprochen hat. Der Gosain scheint sich tierisch wohl in der Selbsttortur zu fühlen ... die vollkommenste Gleichmütigkeit soll eintreten gegen Gutes und Böses, gegen Angenehmes und Unangenehmes, Hitze und Kälte, Gesundheit und Krankheit, Lob und Tadel, Besitz und Verlust, Freund und Feind, Leben und Sterben, überhaupt gegen alles, was des Menschen Begierde oder Abneigung wecken kann. Die Gegensätze von Laster und Tugend, von Unrecht und Recht müssen ebenso vollständig schwinden wie die Gegensätze von Haß und Liebe, von Trauer und Freude, von Bangen und Hoffen. Das Ideal des Büßers beruht auf einer Gesinnung, die Gold und Perlen und einen Klumpen gemeiner Erde mit gleichem Auge betrachtet. „Ein Edelstein, ein Klumpen Gold, ein Erdkloß sind ihm gleichwertig“, dieser Satz gehört zu den beliebtesten Ausdrucksweisen, um das brahmanische Ideal der Weltverachtung zu schildern. Nichts ist heiliger in den Augen des Inders als der Brahmane, nichts verabscheuungswürdiger als der Hund, und doch blickt der Büßer mit gleicher Wertschätzung auf beide herab. Auf eine +Vernichtung des Individuums+ ist die Buße hingerichtet. Die Regungslosigkeit des Steines und die Empfindungslosigkeit eines Holzklotzes wird das entscheidende Merkmal dieses Büßerideals.“ * * * * * Den breitesten Raum nehmen bei allen indischen Gaukeleien doch die Künste der +Schlangenbeschwörer+ ein. Überall, wo etwas „los“ ist, stößt man auf die Gaukler mit ihren Reptilen. Man muß sich immer von neuem darüber wundern, welches glühende Interesse das indische Volk diesen Vorführungen entgegenbringt, obwohl sie ihm doch nur Altbekanntes zu bieten haben. Uns Europäern ist die Schlange im allgemeinen ein so häßliches, unsympathisches Tier, daß wir dem Kultus, den viele Völker mit ihnen treiben, verständnislos gegenüberstehen. Dennoch ist der Schlangenkultus uralt und über die ganze Erde verbreitet. Den einen galt und gilt sie als der gefürchtete Dämon, den man nur aus Angst wie eine Gottheit verehrt; den anderen wiederum im Gegenteil als Symbol der Weisheit und der wohltätigen Kräfte — man denke nur an die Schlange des Äskulaps. Schon die Bibel berichtet von ägyptischen Schlangenbeschwörern. Nicht bloß in Indien, auch bei den afrikanischen Negern und den Indianern Amerikas finden wir einen eifrigen Schlangenkultus und die paradoxe Erscheinung, daß man Giftschlangen, anstatt sie nach Möglichkeit auszurotten, schont und pflegt, sie sogar häufig zum Gegenstand der Anbetung macht. In Indien gibt es eine bestimmte Kaste, die sich ausschließlich mit dem Fang giftiger Schlangen befaßt und nebenbei die Rolle des Giftdoktors bei der Behandlung gebissener Personen spielt. Ich habe auf meinen Reisen oft Gelegenheit gehabt, diese Leute zu beobachten, und die Erfahrung gemacht, daß sie stets mit Erfolg auf die Kobrajagd gehen. Selbst wenn sich die Brillenschlange in einem Ameisenbau oder einem anderen Versteck den Blicken entzieht, weiß der Schlangenjäger sie bald aufzuspüren, indem er sich flach auf den Boden legt und sich von seinem vorzüglich ausgebildeten Geruchssinn leiten läßt. Wie der Dachshund den Dachsbau zerwühlt und bloßlegt, so buddelt der Schlangenjäger schnell und sicher die Schlange aus, packt sie mit geübtem Griff hinten am Nacken und befördert sie trotz wütendem Sträuben in das mitgeführte Tongefäß. Einer der von mir beschäftigten Schlangenjäger konnte mir an einem einzigen Tage 20–30 schöne Exemplare der Kobra verschaffen. Über die Eigenschaft dieser Leute als Giftdoktoren denke ich aber ziemlich skeptisch. Nach meinen Erfahrungen ist es mit ihrer geheimgehaltenen Heilkunst nicht weit her. Manchmal, das heißt, wenn er sofort nach dem Unfall zur Hand ist, kann der Schlangendoktor die bösen Folgen des Bisses abwenden — aber das kann jeder einigermaßen erfahrene Laie auch, der sich auf das Abschnüren des gebissenen Gliedes und das Ausbrennen der Wunde versteht. Manchmal hilft sich auch die Natur von selbst und manchmal ist alle Kunst des Giftdoktors vergeblich, der Gebissene stirbt. Die Schlangenbeschwörer, die sich in Indien für eine kleine Spende produzieren, arbeiten hauptsächlich mit der Brillenschlange. Die ganze „Beschwörung“ liegt in der Musik, welche sie machen. Das Hauptinstrument ist eine in der Mitte weit ausgebuchtete Flöte, deren Töne denen eines schottischen Dudelsacks ähneln, dazu kommt noch eine ganz primitive Geige und eine Trommel. Jede Kobra des Schlangenbeschwörers befindet sich in einem kleinen runden Korb. Sobald die Musik beginnt, reckt sich die Kobra aus ihrem Korb empor, bläht den Halsschild mit der brillenähnlichen Zeichnung auf und wiegt den Körper tänzelnd hin und her. Scheinbar erfolgen die Bewegungen nach dem Takt der Musik. Ich möchte aber stark bezweifeln, daß die Schlangen musikalisch veranlagt sind und sich durch die Macht der Töne hinreißen lassen. In Wirklichkeit verhält sich die Sache so, daß die Schlange durch das Hin- und Herbewegen der Pfeife sowohl wie auch durch die eintönige Musik in eine Art Hypnose versetzt wird. Jedenfalls verfolgt sie mit ihren funkelnden Augen genau die Bewegungen des Instruments, und sowie der Beschwörer dieses absetzt und die Musik verstummt, scheint sie aus ihrem hypnotischen Zustand jäh zu erwachen, und es sieht dann so aus, als ob sie sich auf den Mann stürzen wollte. Manchmal sind die Schlangen durch Ausbrechen der Giftzähne unschädlich gemacht, meistens hat man sie aber gelassen, um die Anziehungskraft der Vorstellung zu erhöhen und bessere Einnahmen zu erzielen. Besondere Vorsicht erfordert am Schluß der Aufführung das Wiedereinfangen der Schlange. Gewöhnlich legt einer der Beschwörer sein Instrument fort und trifft die nötigen Vorbereitungen, während seine Kollegen noch weiterspielen. Er nimmt einen mit einem dicken Blatt überdeckten Teller in die linke Hand und setzt sich direkt vor die Kobra hin. Sobald die Musik aufhört, streckt er den Teller vor, in den die Schlange beißt, und packt sie mit der anderen Hand dicht hinter dem Kopf, so daß sie sich nicht mehr umdrehen kann, dann steckt er sie in den Korb. Meiner Ansicht nach ist das alles aber nur eine auf Effekt berechnete Komödie. Selbst das einfältigste oder wildeste Tier lernt seinen Pfleger und Fütterer kennen und tritt in ein gewisses Freundschaftsverhältnis zu ihm. Nun sind die Schlangen aber keineswegs dumm, wenn sie auch nicht gerade besonders klug sind. Es fällt ihnen gar nicht ein, ihren Herrn und Meister zu beißen, und dieser tut nur aus leicht erklärlichen Gründen so, als ob die Sache Gott weiß wie gefährlich wäre. Die Brillenschlange hat einen erbitterten Feind, das ist der +Mungo+, die ostindische Abart des Ichneumons, ein 50 cm langes Tier mit fast ebenso langem Schwanz. Da der Mungo scharf hinter Nagetieren, Reptilen und Ungeziefer her ist, wird er gern in den Häusern als Vertilger von Ratten, Mäusen, Schlangen, Skorpionen usw. gehalten. Eine wahre Wut aber hat das gefräßige Tier auf die Kobra; wo es nur eine zu sehen bekommt, greift es sie an. Es kann sich das übrigens ohne allzu großes Risiko erlauben, da der Mungo zu den wenigen Tieren gehört, denen das Schlangengift nichts anzuhaben vermag; er hat also nur die Bißwunde zu fürchten, aber nicht das Gift. Diese grimmige Feindschaft zwischen Kobra und Mungo wird von den Gauklern zur Veranstaltung von +Schlangenkämpfen+ ausgenützt. Der Gaukler führt in einem Korbe den Mungo mit sich und in anderen Körben verschiedene Giftschlangen. Sobald der aus seinem Behälter hervorgeholte Mungo eine Schlange erblickt, stürzt er mit großer Kourage auf sie los, selbst wenn sie mehrere Meter lang sein sollte, und verbeißt sich in sie. Der Kampf zwischen den beiden so ungleichartigen Geschöpfen ist ein zwar brutales, aber doch packendes Schauspiel. Mit kleinen Schlangen wird der Mungo in wenigen Minuten fertig, aber bei einer großen Brillenschlange geht er doch mit einer gewissen Behutsamkeit vor. Immerhin erledigt er auch die Kobra fast in jedem Fall. Obwohl die Kobra dem Inder heilig ist und er ihr nicht zu Leibe geht, hat er doch gegen den Kampf des Mungo mit der Schlange und ihre Tötung durch den Mungo nichts einzuwenden, sieht sich im Gegenteil das Schauspiel immer mit lebhaftem Interesse an. Übrigens kann eine Giftschlange weder sich selbst noch eine andere Schlange derselben Art durch ihr Gift töten, auch gegen andere Arten derselben Gattung ist das Gift meistens unwirksam, es tötet aber Giftschlangen anderer Gruppen sowie nichtgiftige Schlangen. Das Blut eines von einer Giftschlange gebissenen Tieres wirkt giftig bei Einspritzung in das Blut anderer Tiere. Durch fortgesetzten Genuß oder Impfung von Schlangengift kann Giftfestigkeit erworben werden. Für die abergläubische Scheu, die der Inder vor Schlangenbeschwörern und ähnlichen Hexenmeistern hat, ist es bezeichnend, daß er ihnen Talente zuschreibt, die über ihr eigentliches Produktionsfach weit hinausgehen. So zum Beispiel die Gabe, bewegliche Gegenstände, ohne sie zu berühren, durch bloße Willenskraft von der Stelle zu rücken. Also eine geheimnisvolle Fernwirkung, wie sie angeblich auch von manchem unserer spiritistischen Medien ausgeübt werden kann (wofür es aber meines Wissens noch immer an schlüssigen Beweisen fehlt). Noch seltsamer klingt es, daß diese Zauberer auch die Gabe besitzen sollen, in prophetischer Voraussicht kommenden Unheils davor zu +warnen+. Ich habe einmal in dieser Hinsicht in meinem eigenen Haushalt einen Vorfall erlebt, der einen meiner Diener betraf. Dieser hatte um Urlaub gebeten, um seine in einem entfernten Ort lebenden Verwandten zu besuchen. Am Tage der geplanten Abreise kam er nun morgens in großer Erregung zu mir und erzählte mit zitternder Stimme: ein ihm unbekannter Mann, seinem Aussehen nach ein „Heiliger“, hätte ihn soeben im Vorübergehen über den Gartenzaun hinweg mit sonderbaren Augen angeblickt, ihm warnend zugerufen: „+Reise heute nicht!+“ und wäre dann sofort verschwunden. Er war nun unschlüssig, was er tun sollte. Einerseits hätte er schon alle Vorbereitungen zur Reise getroffen, andererseits dürfte er die Warnung des Zauberers doch nicht in den Wind schlagen. Ich vermutete entweder eine Sinnestäuschung oder einen unter den Boys der Nachbarschaft ausgeheckten Schabernack, stimmte aber in Anbetracht der großen Unruhe des Burschen seinem Entschluß bei, die Reise um einen Tag zu verschieben. Nachmittags erfuhren wir, daß der Zug, mit dem mein Diener ursprünglich reisen wollte, entgleist war, und zahlreiche Passagiere schwere Verletzungen erlitten hatten ... Wie sollte man sich nun diese Geschichte mit der geheimnisvollen Warnung des Fremden erklären? War es eine Selbsttäuschung in Verbindung mit einem Zufall? Gibt es überhaupt „Zufälle“? Was war es sonst? ... Aber wenn wir schon anfangen, Fragezeichen zu machen, kommen wir damit nicht so bald zum Schluß! [Illustration] [Illustration] Achtes Kapitel Abenteuer im Lande der Weddas Das ceylonische Urvolk der Weddas — Dorfweddas und Felsenweddas — Im Boot von einer Kobra überrascht — Eine Büffeljagd und ihre Folgen — Auf der Flucht vor den wilden Büffeln — Nachts im Urwald verirrt — Zusammentreffen mit Weddas — Wie die wilden Weddas leben — Ihr seltsamer Tauschverkehr mit den Dorfbewohnern Auf meinen zahlreichen Reisen durch die weniger bekannten Teile Ceylons bin ich auch einige Male in Berührung mit dem merkwürdigen Völkchen der +Weddas+ gekommen, dessen spärliche Reste im Osten der Insel, hauptsächlich in der Provinz Uwa, leben und, da sie in rapidem Aussterben begriffen sind, sehr bald als dahingeschwundene Urrasse der Vergangenheit angehören werden. Es schwebt ein tragisches Verhängnis über den Urvölkern der Erde. Von der Natur nur mit jenen Eigenschaften ausgestattet, die einst, vor dem Siegeszug der modernen Zivilisation, vollständig ausreichend waren zum Kampf ums Dasein, können sie sich unter den gänzlich veränderten Verhältnissen nicht mehr behaupten, zeigen sie sich als zu schwach und zu untüchtig, um den Wettbewerb mit den weit überlegenen Rassen, die sich inzwischen zu ihren Herren emporgeschwungen haben, aufzunehmen, erliegen sie auch Krankheiten aller Art und gehen so, die einen schneller, die anderen langsamer, zugrunde. Einige vermischen sich mit kräftigeren Rassen, so daß wenigstens Spuren von ihrem Blut und ihrer Eigenart noch ein paar Geschlechter hindurch nachweisbar bleiben, andere aber pflanzen sich nicht mehr fort und sterben ganz aus. So sind, um nur einige Beispiele aus neuerer Zeit zu nennen, die Tasmanier völlig dahingegangen, die Australier werden ihnen bald folgen, die schönen Kanaken der Hawaii-Inseln gehen durch Vermischung oder Aussterben zugrunde, die Minkopies der Andamanen und alle anderen Zwergvölker sind dem raschen Untergange geweiht. Es ist jammerschade, daß die Welt immer ärmer an den Vertretern jener Rassen wird, deren Ursprung bis zu den grauesten Zeiten der Menschengeschichte, soweit sie sich historisch verfolgen läßt, zurückreicht. Auch die Weddas gehören zu den Urvölkern, denn sie sind die ältesten Bewohner Ceylons, sie waren schon auf der Insel, ehe das hellhäutige Volk der Singhalesen vom indischen Festland herüberkam, um sich alsbald zum Beherrscher Ceylons aufzuwerfen. Wann und wo die Weddas auf die Insel gekommen sind, wissen wir nicht, möglicherweise lebten sie schon hier, als Ceylon noch mit dem Festlande verbunden war. Auch ihre anthropologische Stellung ist umstritten, vermutlich sind sie als der älteste Stamm der drawidischen Rasse zu betrachten, die den Süden Indiens bewohnt und zu welcher als Hauptvolk die Tamulen gehören. Die Weddas sind klein von Wuchs, durchschnittlich nur 150 ~cm~ groß, mit welligem Haupthaar, beinahe bartlos und gehen dort, wo sie sich selbst überlassen sind, fast völlig nackt, nur mit einem ganz kleinen Hüftenschurz bekleidet. Man unterscheidet zwischen den „Dorfweddas“, das heißt den einigermaßen zivilisierten, seßhaft gewordenen Weddas, die sich auch mit Tamulen und Singhalesen vermischen, und den „Felsenweddas“, die als „Wilde“ im Urwald und in Höhlen hausen, sehr scheu sind und sich auf ziemlich tiefer Kulturstufe befinden. Während die Weddas noch vor 200 Jahren auf der ganzen Insel in großen Mengen anzutreffen waren, sind sie heute, wie schon gesagt, auf einen kleinen Teil des Ostens beschränkt. Die Volkszählung von 1881 ergab 2228, die von 1891 nur noch 1229 Weddas, wobei allerdings zu beachten ist, daß in diesen Zahlen nur die reinblütigen Weddas inbegriffen sind und daß die in den Wäldern lebenden Felsenweddas überhaupt nur annähernd richtig geschätzt werden können. Jedenfalls dürfte es heute an reinblütigen Weddas kaum noch tausend geben. Das Aussterben des Urvolkes ist unaufhaltsam, obwohl die Regierung sich in anerkennenswerter Weise bemüht, die wenigen noch vorhandenen Weddas als ethnographische Kuriosität und Kostbarkeit nach Kräften zu hegen und zu pflegen. Nur sehr wenige europäische Forscher sind mit den in tiefster Verborgenheit lebenden, ungemein scheuen Felsenweddas in Berührung gekommen und haben sie zum Gegenstand eingehender Untersuchungen machen können. Der gewöhnliche Tourist bekommt diese Urmenschen überhaupt nicht zu Gesicht, denn was man ihm an manchen Orten vielleicht als Weddas bezeichnet, sind im günstigsten Fall Mischlinge ohne ausgeprägte Eigenart. Ich habe meine erste Bekanntschaft mit echten Felsenweddas unter seltsamen Umständen gemacht, und zwar gelegentlich einer Jagdexpedition in ziemlich entlegenen Waldgebieten auf der Ostseite des Zentralgebirges. Ich befand mich damals in Begleitung zweier Freunde und meines Jägers, des bereits früher erwähnten Eurasiers Fernando, ferner hatten wir einige Eingeborene als Gepäckträger bei uns. Bei dieser Jagdpartie ereigneten sich allerlei abenteuerliche Zwischenfälle, von denen ich hier nur die wichtigsten mitteilen will. [Illustration: Flucht vor angreifenden Büffeln (Text Seite 199)] [Illustration: Ein singhalesischer Zwerg] Wir führten in unserem Gepäck auch ein transportables, zusammensetzbares Boot mit, um es zur Ausübung der Wasserjagd auf den Tanks (Teichen) und Flußläufen zu benutzen. Als wir nun einmal auf einem träge rinnenden kleinen Fluß langsam stromabwärts fuhren, tauchte plötzlich im Wasser unmittelbar neben dem Boot eine ungewöhnlich große +Kobraschlange+ auf und reckte den Oberteil ihres Leibes mit zornig aufgeblähtem Halsschilde weit ins Boot mitten zwischen die rudernden Eingeborenen hinein. Die Schlangen gehen ja häufig ins Wasser, wahrscheinlich hatte unser Boot sie gestreift und dadurch in Wut versetzt. Es sah beinahe so aus, als ob die Kobra im nächsten Augenblick im Boote sein würde. Die Leute ließen in jähem Schreck die Ruder fallen und sprangen laut schreiend auf, so daß unser leichtes Fahrzeug in heftiges Schlingern geriet und umschlug. Ehe wir noch recht zum Bewußtsein der Situation gekommen waren, lagen wir schon samt dem ganzen Gepäck im Wasser. Zum Glück war der Fluß nicht tief, so daß uns das Wasser, als wir wieder auf die Beine zu stehen gekommen waren, nur bis zur Hüfte reichte. Als wir uns nach dem unfreiwilligen Bade das Wasser aus den Augen wischten und das gekenterte Boot wieder aufrichten wollten, sahen wir zu unserer Überraschung, daß die Urheberin des Unfalles, die Brillenschlange, durch den Tumult keineswegs vertrieben worden war, sondern, an das kieloben treibende Boot gelehnt, mit dem hin und her wiegenden Kopf nach einem Opfer zu zielen schien. Ich packte rasch ein neben mir im Wasser liegendes Ruder, schwang es hoch in der Luft und ließ es mit Wucht auf die Schlange niedersausen. Der Hieb saß gut, denn er traf genau den Hals und schlug diesen auf das gekenterte Boot hinab, ein zweiter Schlag zerschmetterte dann der Kobra den Kopf. Als wir sie aus dem Wasser herauszogen, ergab es sich, daß sie die stattliche Länge von fast 2 Meter hatte, also ein sehr ansehnliches kräftiges Tier war. Wir waren bei dem unerwarteten Zwischenfall ja noch glimpflich weggekommen, aber ein reines Vergnügen bereitete es uns gerade nicht, daß wir das ganze Gepäck aus dem Wasser herausfischen und am Lande samt unseren Kleidern zum Trocknen ausbreiten mußten. Bald darauf schlugen wir unser Kamp inmitten einer wundervollen Landschaft am Ufer eines größeren Sees auf. Dort gab es wieder Enten und Dschungelhühner in Menge, und bei Anbruch der Dämmerung kamen auch +Krokodile+ hervor. Eines der Reptile hatte kürzlich einen tränkenden Büffel eines Eingeborenen bös am Maule zerfleischt, und der Eigentümer bat mich, dem dreisten Raubgesindel eins auf die Hornhaut zu brennen. Ich legte mich deshalb im Schutz der heranbrechenden Dunkelheit auf die Lauer, nahm eines der zum Ufer hinauftreibenden Krokodile aufs Korn und traf es in die Schulter. Es kehrte wieder ins Wasser zurück, aber die blutrote Spur, die an der Oberfläche des Tanks erschien, verriet, daß mein Schuß gesessen haben mußte. Bald darauf konnten die Leute auch das verendete Tier aus dem seichten Wasser ans Ufer ziehen. Die Eingeborenen halten an dem Aberglauben fest, daß man, um ein Krokodil zu töten, die Spitze der Kugel mit Kreide bestreichen müßte, deshalb wollten auch unsere Leute es sich nicht ausreden lassen, daß ich dieses „Zaubermittel“ angewandt hätte. Der nächste Tag bescherte uns eine +Büffeljagd+, die mit überraschenden Folgen verknüpft war. Wie wir von dem am See ansässigen Eingeborenen hörten, sollte es in der Umgegend, dem Gebirge zu, eine Herde von etwa dreißig wilden Büffeln geben. Die wilden ceylonischen Büffel sind größer und stärker als ihre zahmen Artgenossen und weit gefährlicher als wilde Elefanten. Schwerfälligen Körpers, mißtrauisch glotzend, dunkelgrau von Farbe, haben sie in der Jugend nur dünnen Haarwuchs, während im Alter ihre lederartige Haut ganz kahl ist. In ihrem mächtigen, schön gebogenen Gehörn, der massiven Stirn und dem muskulösen Nacken entwickeln sie eine enorme Kraft. Tagüber halten sie sich am liebsten auf sumpfigen Flächen in der Nähe von Wasserbecken auf, bei großer Hitze, und wenn die Fliegen sie zu arg plagen, gehen sie in die Teiche hinein und verharren dort stundenlang, bis zum Halse im Wasser stehend, in stumpfsinniger Beschaulichkeit, bis der Hunger sie abends wieder ans Land treibt und sie dann auf der Suche nach Futter ziemlich weite Strecken durchschweifen. Wie ich schon sagte, sind die Büffel gefährlicher als wilde Elefanten. Besonders ein verwundeter Büffel ist ein nicht zu unterschätzender Gegner, und ebenso bösartig sind oft die Büffelkühe, wenn sie Junge haben. Bei dem ungewohnten Anblick eines Europäers pflegen die Büffel, die sich, wie alle großen Tiere, ihrer Stärke dem Menschen gegenüber gar nicht bewußt sind, mißtrauisch ins Wasser oder ins Dschungel zu entweichen; werden sie aber angegriffen und haben sie keine Gelegenheit zur Flucht, so setzen sie sich mit zäher Tatkraft zur Wehr. Es dünkte uns sehr verlockend, nähere Bekanntschaft mit der Büffelherde zu machen, von der uns die Eingeborenen erzählten und in der sich ein paar ganz außerordentlich starke Bullen mit mächtigen Hörnern befinden sollten. Mein Jäger Fernando, ein vorzüglicher Späher, machte sich sogleich auf, um das Nötige auszukundschaften, und er konnte uns schon nachmittags den Aufenthaltsort der Herde und alles Nähere melden. Die Herde pflegte abends auf einer mit Bäumen und Sträuchern bestandenen Grasebene am Abhang des Gebirges in Nähe des Dschungels zu weiden. Wir mußten uns also in der Richtung gegen den Wind vorsichtig anschleichen, denn der Büffel hat eine sehr feine Witterung und ist sehr mißtrauisch. Überhaupt schätzt man ihn falsch ein, wenn man sein großes Phlegma für ein Zeichen von Dummheit hält. Alle erfahrenen Jäger stimmen darin überein, daß der Büffel außer Kraft, Wildheit und Zählebigkeit auch eine nicht unbeträchtliche Schlauheit besitzt. Nach einstündiger Wanderung durch die parkähnliche Landschaft, die sich unmittelbar am Abhang des Waldgebirges dahinzog, bekamen wir die friedlich äsende Herde von annähernd dreißig Stück durch unsere Ferngläser klar zu Gesicht. Da die Windrichtung uns günstig war, gelang es uns, in dem hohen Grase behutsam von Busch zu Busch und Baum zu Baum schleichend, unbemerkt auf Schußweite an die Herde heranzukommen. Wir nahmen ein paar der stärksten Bullen aufs Korn — aber da machte uns ein ärgerliches Mißgeschick einen dicken Strich durch die Rechnung. Durch einen unaufgeklärten Zufall entlud sich nämlich vorzeitig Fernandos Gewehr. Der ins Leere krachende Schuß war von alarmierender Wirkung. Ohne sich auch nur eine Sekunde lang zu besinnen, und ehe wir ordentlich zielen und abdrücken konnten, machte die Büffelherde kehrt und sprengte unter Leitung des Führerbullen in wildem Galopp auf das nur ein paar hundert Meter entfernte Dschungel los, um bald darauf in dem schützenden Dickicht zu verschwinden. Der Gesichtsausdruck, mit dem wir uns gegenseitig anstarrten, mag nicht besonders geistreich gewesen sein und die Schmeichelworte, mit denen ich meinen unglückseligen Fernando belegte, wird man vergebens in einem Komplimentierbuch suchen. Aber an dem Geschehenen ließ sich nichts ändern und es fragte sich jetzt nur, ob wir die Jagd abbrechen oder den Versuch machen sollten, die Büffel zu verfolgen und vielleicht im Dschungel zu stellen. Fernando, der seinen Lapsus durchaus wieder gutmachen wollte, riet zur Verfolgung, denn da die Büffel als Tiere der Ebene nur ungern in die Berge gehen, würden sie, so meinte er, nicht tief in den Wald eindringen, sondern sich nur am Rande des Dschungels verborgen halten. Trotz der schon sehr vorgerückten Zeit — die Sonne war nahe beim Untergehen — entschlossen wir uns also zur Verfolgung und pirschten uns, vom Buschwerk gedeckt, gegen das Dschungel an. Wir hatten den Wald noch nicht erreicht, als wir die Büffel in der Tat wieder zu Gesicht bekamen. Sie standen am Rand des Dickichts zwischen den Bäumen und witterten in die Ebene hinaus, in Erwartung des Augenblicks, wo die Luft wieder rein und die Gefahr beseitigt wäre. Wir lagen in guter Deckung und verhielten uns mäuschenstill, die Gewehre im Anschlag. Fünf bis zehn Minuten verstrichen so, dann löste sich der aschgraue kräftige Körper des Leitbullen von der Dämmerung des Dickichts und wandte sich, noch vorsichtig und zögernd, wieder der Ebene zu. Ziemlich dicht zusammengedrängt, folgten die anderen Tiere. Bald hatten wir die ganze Herde, nur etwa hundert Meter entfernt, wie eine Schützenscheibe vor uns. Auf ein gegebenes Zeichen drückten wir vier, meine beiden Jagdfreunde, ich und Fernando, gleichzeitig ab. Die Herde stob in wilder Panik davon, wieder dem Dschungel zu, unter Zurücklassung eines Tieres, das tot oder schwer verwundet am Boden liegen blieb. Wir verharrten noch eine Weile in unserer Stellung und gingen dann auf den zur Strecke gebrachten Büffel los. Er hatte zwei Kugeln im Kopf und war tot. Eine starke Schweißspur verriet uns, daß mindestens noch einer von den geflüchteten Büffeln schwer getroffen sein mußte. Fernando, der danach brannte, sein vorheriges Mißgeschick vergessen zu machen, wollte die Schweißspur durchaus verfolgen, denn seiner Meinung nach konnte sich ein so schwer verwundetes Tier nicht weit schleppen, wir würden es wohl im Dschungel verendet vorfinden. In Anbetracht des Umstandes, daß schon die Dämmerung ihre Schleier über das Land zu breiten begann, hatten meine Kameraden keine Lust, noch einmal vorzurücken. Ich entschloß mich deshalb, mit Fernando allein wenigstens bis zum Wald zu gehen, inzwischen wollten die anderen den Kopf des Büffels als Jagdtrophäe, sowie einige der besten Fleischstücke zu unserer Abendmahlzeit vom Körper ablösen. Den Spuren des Büffels folgend, wandte ich mich also mit Fernando dem nahen Walde zu. Wir bekamen jedoch die Büffel dort nicht mehr zu Gesicht, sie hatten sich diesmal anscheinend tiefer ins Innere des Dschungels zurückgezogen. Die Schweißspur führte uns in das mit Steingeröll bedeckte Bett eines ausgetrockneten kleinen Bergstromes und dann in dem Flußbett, das sich wie ein Hohlweg durch den Wald schlängelte, in mäßiger Steigung bergauf. Wir waren so, von Stein zu Stein springend, ein paar Minuten lang vorgedrungen, als wir bei einer neuen Biegung des Flußbettes unsere zweite Jagdbeute endlich vor uns hatten: dort lag auf den Steinen, alle Viere von sich streckend, der angeschossene, jetzt anscheinend verendete Büffel. Von den anderen Tieren der Herde war nichts zu sehen. Da wir nicht genau wußten, ob der Büffel wirklich schon tot war, und da solches zählebige Großwild, selbst wenn es in den letzten Zügen liegt, oft noch zu höchst energischer Betätigung der erlöschenden Lebenskraft befähigt ist, näherten wir uns dem Körper unter Beobachtung aller Vorsicht mit dem Gewehr im Anschlag. Aber der Büffel war wirklich tot, das Opfer eines Lungenschusses. Da es rasch finsterer wurde, beeilten wir uns, den Kopf mit dem Jagdmesser abzutrennen, denn wir wollten auf diese Trophäe doch nicht verzichten und am nächsten Tage wäre wahrscheinlich nicht mehr allzuviel von dem Kadaver übrig geblieben, da hätten sich inzwischen schon allerlei vierbeinige und gefiederte Aasgourmands gütlich daran getan. In die blutige Arbeit vertieft, wurden wir plötzlich durch ein Geräusch gestört, und emporspringend sahen wir zu unserem nicht geringen Schreck mehrere Büffel hinter der nächsten Biegung des Flußbettes hervorkommen und mit unheilverkündendem Schnauben auf uns losgehen. Wir griffen nach unseren Büchsen, rissen sie an die Wange und drückten blindlings ab. Aber diesmal ließen sich die Büffel durch den Knall der Schüsse nicht beirren, diesmal rissen sie nicht aus, stutzten nur einen Augenblick und stürmten von neuem auf uns los. Wir hatten keine Patrone mehr im Lauf, sie hätte uns auch nichts genützt. +Es gab für uns nur eine Möglichkeit der Rettung, die Flucht.+ Glückte sie nicht, so waren wir in den nächsten Sekunden von den spitzen Hörnern der Büffel durchbohrt, von ihren Hufen zertrampelt. ... Instinktiv, ohne die geringste Überlegung, sprangen wir beide zum Steilrand des Flußbettes hinüber. Es war eine fast senkrechte, etwa drei Meter hohe, mit Kies und Steinen durchsetzte Lehmwand. Gelang es uns, sie rasch zu erklimmen, so waren wir vorläufig in Sicherheit, denn die schwerfälligen Büffel vermochten uns da nicht zu folgen. Zum Glück ragten aus der Lehmwand gerade dort, wo wir uns befanden, ein paar Wurzeln der oben auf dem Rande stehenden Bäume hervor, die den kletternden Füßen als Stütze dienen konnten. Fernando war mit seiner katzenartigen Behendigkeit wie der Blitz schon in halber Höhe der Wand, klammerte sich mit einer Hand und den Füßen an die Wurzelenden fest und leistete mir, der ich zwar auch ein leidlich guter Turner, aber doch nicht so flink wie mein Jäger war, durch Ziehen mit der anderen Hand beim Klettern Hilfe. Noch ein paar Griffe, und wir befanden uns so hoch, daß wir das oben am Rande wachsende Buschwerk packen und uns vollends hinaufschwingen konnten. Es war keinen Bruchteil einer Sekunde zu früh, denn in demselben Augenblick, als unsere Beine noch an der Lehmwand herabhingen, sprangen die Büffel — es schienen drei oder vier zu sein — gegen die Wand. Wir hörten den wütenden Anprall der mächtigen Schädel, das Herabrieseln des Kieses, standen nun aber auch schon oben auf unseren Beinen und liefen auf gut Glück weiter in den schon nachtdunklen Wald hinein, ohne der Dornen zu achten, die uns die Kleider zerfetzten, und der Beulen und Schrammen, die wir uns bei der Karambolage mit den dicht beieinander stehenden Bäumen holten. Unsere Gewehre hatten wir bei Antritt der Flucht in Stich lassen müssen, die waren unten liegen geblieben. Nach ein paar Minuten machten wir keuchend Halt. Es war hier im Walde bereits stockfinstere Nacht. Daß uns die Büffel auf irgendeinem für sie gangbaren Wege verfolgen würden, war nicht mehr zu befürchten. Aber wie sollten wir zu meinen Kameraden und zum Kamp zurückfinden? Wir hatten durch das Rennen im Zickzack vollständig die Richtung verloren, führten keinen Kompaß bei uns und konnten uns auch nach keinem Sternbilde orientieren, da der Himmel bewölkt war. Anfangs glaubte ich, mich auf Fernandos fein entwickelten Spürsinn verlassen zu können, aber nachdem wir uns eine Viertelstunde auf gut Glück zwischen den Bäumen über Stock und Stein herumgetastet hatten, ward mir doch klar, daß wir auf diese Weise nicht zum Ziel gelangen würden. „Die Herren werden uns suchen gehen und Signalschüsse abgeben,“ sagte Fernando. „Warten wir also so lange.“ Schlimmsten Falls mußten wir eben bis Tagesanbruch warten; das war wohl „ein Unglück, aber kein Malheur“. Beim Schein meiner elektrischen Taschenlampe machten wir ein als Notquartier geeignetes Plätzchen ausfindig. Es war eine Felswand mit überhängendem Gestein, eine geräumige Nische, in der eine Art von Felsenbank, mit Moos bewachsen, eine einigermaßen komfortable Ruhegelegenheit bot. Ich leuchtete noch die ganze Umgebung nach Schlangen und anderen Störenfrieden ab, aber es schien nichts dergleichen vorhanden zu sein. Zum Glück hatten wir unsere noch gut gefüllten Feldflaschen mit kaltem Tee bei uns, so daß wir wenigstens den Durst löschen konnten. Da wir von den Aufregungen der Jagd und der Flucht sehr ermüdet waren, hielten wir uns nicht lange wach, sondern versanken, auf der Felsenbank halb sitzend, halb liegend, bald in festen Schlaf. Wir schliefen die ganze Nacht hindurch. Vielleicht hätten wir tief in den Morgen hinein geschlafen, wenn wir nicht beide zugleich durch ein Geräusch aufgeweckt worden wären. Wir fuhren empor, rieben uns die Augen und blickten umher. Durch die Baumkronen drang das fahle Dämmerlicht des erwachenden Tages. Schlaftrunken, wie ich war, wußte ich im ersten Augenblick nicht recht, wo ich mich befand und wie ich in diese fremdartige Umgebung gekommen war. Das dauerte aber nur ein paar Sekunden, dann standen die Ereignisse des vorherigen Abends in voller Klarheit vor meinen Augen. Jetzt wiederholte sich das Geräusch, das uns aus dem Schlaf gerissen hatte: ein Klopfen und Hämmern, wie wenn Steine bearbeitet werden. Es mußten also Menschen in unserer Nähe sein. Wir machten uns ohne Säumen auf und gingen durch den Wald über Stock und Stein den Tönen nach, die immer stärker erklangen. Schließlich wurden sie so laut, daß wir uns in nächster Nähe des Urhebers des Geräusches befinden mußten — aber wir bekamen noch immer niemand zu Gesicht. Erst als wir durch dichtes Gebüsch bis zu einer zerklüfteten Felswand vorgedrungen waren, sahen wir dort einen fast gänzlich nackten, dunkelbraunen jungen Mann von untersetzter Gestalt mit lang und wirr herabhängendem Haar damit beschäftigt, einen Stein mit dem Schlegel zu behauen. Im selben Augenblick bemerkte der Mann uns, und ganz verwirrt durch die unerwartete Erscheinung, starrte er uns mit seinen halb-tierischen Augen und weit aufgerissenem Mund wie ein paar vom Himmel gefallene Mondbewohner an. Ich hatte schon davon gehört, daß in dieser Gegend einige Felsenweddas hausten; zweifellos hatten wir es also hier mit einem Vertreter des seltenen Urvölkchens zu tun. Da Fernando schon früher einmal mit Weddas in Berührung gekommen war und ein paar Worte ihrer Sprache kannte, und da der vor uns stehende Wilde seinerseits wiederum, wie sich bald herausstellte, einige Brocken Singhalesisch verstand, so kam, nachdem er sich erst einigermaßen von seinem Schreck erholt hatte, mit Unterstützung durch die Gebärdensprache eine Unterhaltung zustande, allerdings von sehr einsilbiger Natur. Wir brachten aus dem Burschen soviel heraus, daß die anderen Mitglieder seiner Sippe sich in der Nähe befänden. Sein angestammtes Mißtrauen wurde durch etwas Pfeifentabak, den ich noch in der Tasche hatte und den er prompt — in den Mund schob und als Priem benutzte, so weit zurückgedrängt, daß er sich erbot, uns zu seinen Leuten zu führen. Es seien hier zunächst einige Bemerkungen allgemeiner Art über die ceylonischen Urmenschen eingeschaltet. Die Felsenweddas bilden keine größeren Gemeinden. Nur einzelne Familien, die den größten Teil des Jahres ganz isoliert bleiben, schließen sich zusammen. Jeder dieser Familien gehört ein besonderes Jagdgebiet und sie halten streng darauf, daß ihr traditionelles Vorrecht auf diesen Besitz von den anderen respektiert wird. Hier jagen und fischen sie, hier stellen sie den Vögeln nach, hier graben sie nach eßbaren Wurzeln, hier suchen sie Honig und Bienenwachs, kurzum, von der Ausnutzung dieses Gebietes hängt ihre ganze Existenz ab. Nur zur Regenzeit suchen die einzelnen, sonst isoliert lebenden Familien etwas engere Annäherung, und dann erledigen die Familienverbände oder Waruges auch ihre allerdings sehr geringen gemeinsamen Interessen, wie z. B. den Abschluß von Heiraten und dergleichen. Früher kannten die Felsenweddas keinerlei Kleidung, jetzt tragen sie um die Hüften ein Stück Tuch, das sie von den umwohnenden Tamulen oder Singhalesen im Wege des Tauschhandels erwerben. Auch in jeder anderen Hinsicht sind die Urbewohner Ceylons ungemein anspruchslos. Hausgerät fehlt so gut wie ganz, ebenso Koch- und Speisegeschirr. Von pflanzlichen Lebensmitteln nehmen sie nur verhältnismäßig wenig zu sich und zwar in ungekochtem Zustand. Ihre Hauptnahrung ist Fleisch, das sie meistens am Feuer rösten. Wie die Buddhisten genießen sie kein Fleisch vom Rind und ebensowenig Fleisch vom Elefanten, Bären und Huhn. Doch essen sie das Fleisch aller anderen Vögel, sowie vom Hirsch, vom Affen, vom Schwein und vom Leguan. Feuer erzeugen sie wie die meisten Naturvölker rasch und geschickt in der Weise, daß sie ein spitzes trockenes Hölzchen in die Aushöhlung eines anderen, mit den Füßen festgehaltenen Holzstückes setzen und mit größter Schnelligkeit darin wirbelnd umdrehen, bis das Holz heiß wird und ins Glimmen gerät. Mit den Zehen greifen sie fast ebenso gut wie mit den Fingern, und dieses affenartige Talent kommt ihnen beim Klettern und Bogenspannen sehr zugute. Alle von den Weddas angefertigten Werkzeuge und Jagdgeräte bestanden früher nur aus Holz, vor allem ihr unentbehrlicher Begleiter, der etwa zwei Meter lange Bogen samt den mit Vogelfedern besetzten Pfeilen. In neuerer Zeit haben sie sich von den umwohnenden Tamulen und Singhalesen auf dem Tauschwege auch eisernes Werkzeug verschafft. Die Art und Weise, wie sie den Austausch zu bewirken pflegten, ist sehr bezeichnend für ihr scheues Wesen und ihre Furcht vor persönlicher Berührung mit den zivilisierten Nachbarn. Sie schlichen sich nämlich nachts zum nächsten Dorf, legten dort Fleisch, Honig und was sie sonst Gutes zu liefern hatten, nieder und zugleich mit diesen Tauschartikeln ein aus Ton roh angefertigtes Modell des gewünschten Eisengeräts, also vielleicht einer Axt, eines Hammers oder dergleichen. Nach einigen Tagen kamen sie dann wieder heimlich angeschlichen und holten die von den Dorfbewohnern inzwischen an derselben Stelle niedergelegte Tauschware ab. Es soll bei diesem seltsamen Handelsverkehr durchaus ehrlich zugehen. Wenn man das doch von allen Handelsgeschäften der Kulturmenschheit behaupten könnte! Die geistigen Fähigkeiten dieser primitiven Urmenschen sind sehr gering. Sie kennen weder Eigennamen zur Benennung einzelner Personen noch irgendwelche Zahlwörter. Sie haben auch keine Zeiteinteilung und können nicht sagen, wie alt sie sind. Ihre religiösen Bedürfnisse beschränken sich auf einen dumpfen Dämonendienst und einen gewissen Ahnenkult. Die Toten wurden früher einfach ins Dickicht geworfen, oder man ließ den Körper liegen, wo er gestorben war, und beschwerte ihn nur mit einem Stein, dann aber mied man aus Angst vor dem Geist des Gestorbenen den Ort für längere Zeit. Es gibt aber auch gute Geister, die dem Wedda dazu verhelfen, daß er auf der Jagd viel Fleisch erbeutet, ihnen zu Ehren werden Tänze nach einem bestimmten Zeremoniell aufgeführt. Übrigens wurde den Weddas nachgesagt, daß sie nicht lachen könnten. Das ist ein Irrtum, dadurch entstanden, daß die Urmenschen in Gegenwart von Europäern aus Befangenheit in einem gewissermaßen versteinerten Zustand verharren. Sich selbst überlassen, sind sie ein ganz munteres, bei geeignetem Anlaß auch gern lachendes Völkchen. Meine wiederholten Bemühungen, eine Weddafamilie für eine europäische Rundreise zu gewinnen, waren vollkommen ergebnislos. Es ist gar nicht möglich, den Leuten überhaupt klar zu machen, was unter „Reise“ zu verstehen ist und daß es außerhalb ihres engen Heimatgebietes noch eine ziemlich große Welt gibt. Noch niemals hat man außerhalb Ceylons einen Felsenwedda zu sehen bekommen, und auch von den Bewohnern Ceylons können sich nur sehr wenige rühmen, einen dieser scheuen Wilden von Angesicht zu Angesicht gesehen zu haben. Die halbzivilisierten Dorf- und Küstenweddas haben sich schon zu sehr den Sitten und Gebräuchen ihrer tamulischen oder singhalesischen Nachbarn angepaßt, als daß man sie für ein ganz ursprüngliches Volk erklären könnte, viele von ihnen haben auch kein reines Weddablut mehr in den Adern, sondern sind Mischlinge. Nach dieser Abschweifung kehre ich zu meinem persönlichen Erlebnis zurück. Der Wedda setzte sich also in Marsch und führte uns beide, mich und Fernando, förmlich wie eine Katze schleichend, auf einem kaum erkennbaren Pfade durch dichtes Gebüsch, immer an dem Felsenhang entlang, bis wir nach etwa fünf Minuten Stimmen vernahmen und bald darauf vor einer geräumigen Grotte mit weit überhängendem Felsendach standen. In der Grotte hockten, mit allerlei Hantierungen beschäftigt, vier Männer verschiedenen Alters, zwei Weiber und ein paar kleinere Kinder. Als die Leute uns erblickten, fuhren sie jäh empor und starrten uns genau ebenso, wie vorhin unser Führer, mit weit aufgerissenen Augen und offenem Munde an, die kleinen Kinder aber verkrochen sich hinter Steinen. Wir gaben durch beruhigende Worte und Gebärden zu verstehen, daß wir in bester Absicht kämen, und der Rest meines Tabaks, den ich unter die Männer verteilte, trug dazu bei, daß die Wilden ihr Mißtrauen besiegten und allmählich ziemlich aufgeknöpft wurden. Wofern man den Ausdruck „aufgeknöpft“ auf Menschen anwenden darf, bei denen es in Wirklichkeit nichts aufzuknöpfen gab. Denn das Kostüm der Männer bestand aus einem eigentlich nur ganz leise angedeuteten Schurz, während die Weiber sich ein etwas größeres Stück Baumwollzeug, das in seinen besseren Tagen wohl einmal sauber gewesen war, um die Hüften geschlungen hatten. Auf Schönheit konnten sie keinen Anspruch erheben, auch die Männer waren ziemlich kümmerliche Erscheinungen, höchstens daß bei allen die melancholisch blickenden Augen etwas Reizvolles hatten. Der Hausrat der Grottenbewohner war mehr als dürftig, denn er bestand nur aus ein paar alten, zerschlissenen Schlafdecken und einigen tönernen Krügen und Schüsseln. Das war alles. Die Bedürfnislosigkeit dieser Wilden hat kaum bei einem anderen Naturvolk ihresgleichen. Obwohl mich das alles aufs höchste interessierte, war es begreiflicherweise doch mein lebhafter Wunsch, nach diesem abenteuerlichen Zwischenfall so schnell wie möglich aus dem Walde heraus- und zum Kamp und zu meinen Jagdgefährten zurückzukommen, die sicherlich in schwerster Besorgnis um uns waren. Mir und Fernando knurrte der Magen vor Hunger. Zwar konnten uns die Weddas mit frischem Trinkwasser versehen, aber Fleisch in Gestalt irgendeines Stückes Wildbret hatten sie gerade nicht „auf Lager“, und eine Art Gebäck, das sie uns allenfalls hätten geben können, sah derartig unappetitlich aus, daß wir es vorzogen, auf den Genuß zu verzichten und unseren Rückmarsch lieber nüchtern anzutreten. Einer der Leute, derselbe Bursche, den wir zuerst getroffen hatten, war bei Vorzeigung einiger Geldmünzen gern bereit, uns durch die Wildnis zur Ebene zurückzuführen. Wir hatten etwa den halben Weg zurückgelegt, als Schüsse ertönten. Es waren, wie sich bald herausstellte, Signalschüsse meiner Jagdfreunde und ihrer eingeborenen Begleiter, die auf der Suche nach uns den Wald durchstreiften. Nach längerem Hin- und Herirren fanden wir uns schließlich, und die Freude über das glückliche Wiedersehen war, wie sich denken läßt, auf beiden Seiten nicht gering. Man hatte bereits die schlimmsten Vermutungen über mein und meines Jägers Schicksal gehegt. Der Wedda empfing seinen wohlverdienten Lohn und zog sich schleunigst wieder ins Dschungel zurück. Im Lager, wo wir uns vor allen Dingen ordentlich stärkten, erfuhr ich dann, daß meine Gefährten uns noch am vorherigen Abend, als wir nicht zurückkehrten, gesucht hatten, wegen der rasch heranbrechenden Dunkelheit aber ihre Nachforschungen bald einstellen mußten. Wir begaben uns dann später alle zusammen nach dem Schauplatz des Angriffs der Büffel auf mich und Fernando und holten unsere dort liegengebliebenen Gewehre. Die Büffelherde, durch die Nachstellungen vergrämt, war eine Meile weiter nach Norden gezogen, wie wir mit unseren Ferngläsern feststellen konnten. Wir hatten aber keine Zeit und auch keine Neigung mehr, die Verfolgung fortzusetzen, und brachen deshalb nach kurzer Rast unser Lager ab, um uns anderen Jagdrevieren zuzuwenden. [Illustration] Neuntes Kapitel Meine Ausweisung aus Ceylon und abenteuerliche Flucht Der Weltkrieg bricht aus — Ich werde aus Ceylon ausgewiesen und reise nach Batavia — Mißlungener Fluchtversuch — In Sumatra — Der Tag der „Ayesha“ — Wie die Papua mich „gebraten und aufgefressen“ haben — Flucht in der Maske eines Kolonialsoldaten — Von Sabang nach Suez — Bange Stunden an Bord — Glückliche Heimkehr „Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe, die der Mensch, der vergängliche, baut? ...“ Gleich unzähligen anderen Schicksalsgenossen blieb es auch mir nicht erspart, die Wahrheit des Dichterwortes aus eigenster, bitterster Erfahrung bestätigt zu finden, damals, in jenen furchtbaren ersten Augusttagen des Jahres 1914, als der gewaltigste aller Kriege ausbrach und sofort oder bald darauf der Existenz der weitaus meisten Überseedeutschen ein Ende mit Schrecken bereitete. Ich habe die schwerste Zeit meines bis dahin so glücklichen und erfolgreichen Lebens in meinem früher erschienenen Büchlein „John Hagenbecks abenteuerliche Flucht aus Ceylon“ ausführlich geschildert, glaube aber, jene Ereignisse, die für mich von so einschneidender Bedeutung waren und den jähen, katastrophalen Abschluß meiner ceylonischen Laufbahn herbeiführten, auch den Lesern dieses Buches nicht vorenthalten zu dürfen, und möchte deshalb hiermit in aller Kürze das Wichtigste nochmals erzählen. Schmerzliche Empfindungen überkommen mich, wenn ich daran denke, welche Stellung ich damals in meinem Tropenparadiese Ceylon einnahm, zu welcher Höhe irdischen Glücks ich mich emporgeschwungen hatte — und wie über Nacht, buchstäblich über Nacht, das alles zusammenbrach, wie ich, durch einen Machtspruch des Feindes aus meiner zweiten Heimat vertrieben, die Meinigen samt Hab und Gut in Stich lassen und Hals über Kopf das Land meiner Lebensarbeit verlassen mußte! Aber ich will mit dem Anfang beginnen und den Hergang der Ereignisse in zeitlicher Reihenfolge schildern. In friedlicher Betätigung, ohne mich viel um Politik zu bekümmern, war ich nun mehr als 25 Jahre in Ceylon ansässig gewesen und hatte es in der langen Zeit zu einer, wie ich wohl ohne Unbescheidenheit sagen darf, sehr angesehenen Stellung in Colombo und auf der ganzen Insel gebracht. Ich nahm unter den deutschen Großkaufleuten Indiens einen der ersten Plätze ein, meine Firma war überall in der Welt bekannt, ich besaß ausgedehnte Pflanzungen, ein prächtiges Heim, ein beträchtliches Vermögen und erfreute mich nicht nur in den Kreisen meiner Landsleute, sondern auch bei den Engländern des besten Rufes und der angenehmsten Beziehungen. Wenn man fast ein Menschenalter lang an einem Platz in Übersee lebt, so ist man dort natürlich jedem bekannt. Nicht nur in Colombo, sondern auch in ganz Ceylon war mein Name geradezu populär geworden, hatte ich doch als Importeur und Exporteur, als Tierhändler und Pflanzer mit allen Bevölkerungsschichten zu tun und war ich doch auf meinen zahlreichen Reisen ins Innere der Insel überall in persönliche Berührung mit Kolonisten und Eingeborenen gekommen. Auch mit den Herren Indiens, den Engländern, stand ich mich, wie gesagt, sehr gut. Obwohl ich trotz dem langen Aufenthalt unter Fremden immer ein guter Deutscher geblieben war und nicht daran dachte, in diesem Punkt irgendwelche Zugeständnisse zu machen, verkehrte ich doch mit den Engländern aller Gesellschaftskreise in freundschaftlicher Art, und niemals hatte es das geringste Zerwürfnis zwischen uns gegeben. Kurz und gut, ich war mir nicht bewußt, irgendeinen Widersacher, einen ernsthaften Feind zu besitzen, und ich hätte damals jeden ausgelacht oder für einen Narren erklärt, dem es eingefallen wäre, mir mein Schicksal so vorherzusagen, wie es sich in den unheilvollen Augusttagen des Jahres 1914 gestalten sollte. Heute noch will mir das alles wie ein wirrer, böser Traum erscheinen, ein Alpdruck, der dem Schläfer den Atem benimmt ... Als damals, kurz vor Ausbruch der Katastrophe, die Kabel der Welt fieberhaft zu arbeiten hatten und die Meldungen von der Zuspitzung der politischen Situation in Europa immer ernster und bedrohlicher lauteten — selbst damals wollte man bei uns, sowohl in unserer kleinen deutschen Kolonie wie auch in der gesamten internationalen Geschäftswelt Colombos, nicht so recht an die Möglichkeit eines Weltkrieges glauben. Das ganze Empfinden sträubte sich dagegen, man war allgemein überzeugt davon, daß es doch noch gelingen würde, den Konflikt zu lokalisieren und schlimmsten Falls auf einen Waffengang zwischen Österreich und Serbien zu beschränken. Aber dann kam es Schlag auf Schlag: nicht bloß Österreich und Serbien, nein, auch Deutschland, Rußland, Frankreich — und nach einigen Tagen qualvoller Spannung am 5. August die nun schon als unvermeidlich betrachtete Meldung vom Ausbruch des Krieges auch zwischen England und Deutschland. [Illustration: Ein schönes ceylonisches Elefantenpaar, Männchen und Weibchen] [Illustration: Aus Hagenbecks Kokospflanzung mit noch jungen Bäumen] [Illustration: Elefantenidyll aus Hagenbecks Park in Colombo] „Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe? ...“ Ich hatte, auf dem Höhepunkt meiner Kraft befindlich, gehofft, noch so manches rüstige Jahr in der Kolonie zu arbeiten und zu schaffen und dann, in die Heimat zurückgekehrt, in Deutschland in beschaulicher Ruhe meinen Lebensabend verbringen zu dürfen. Das Schicksal hat es anders gewollt. Der Abbruch der Beziehungen zwischen England und Deutschland machte selbstverständlich mit einem Schlage auch in Colombo die Lage der Deutschen unhaltbar. Anfangs schien es noch, als ob es dabei einigermaßen glimpflich und human zugehen sollte. Man wollte, so hieß es, den in Ceylon befindlichen Deutschen, die den Behörden ja fast durchweg aufs beste bekannt waren, nur das Ehrenwort strenger Beobachtung der Neutralität abnehmen, und unter dieser Bedingung sollten sie sich nach wie vor in Freiheit bewegen dürfen. Aber es kam, in erster Linie was meine Person betraf, ganz anders. +Gerade ich, und nur ich allein, sollte von allen Vergünstigungen ausgeschlossen sein!+ Was die britische Behörde zu diesem überraschenden Schritt gegen mich veranlaßte, das war mir damals vollkommen unbegreiflich und das ist mir in seinen tieferen Ursachen auch heute noch rätselhaft. Zweifellos lagen persönliche Intrigen vor. Wenn ich, wie vorhin bemerkt, des Glaubens war, keinen ernsthaften Feind in Ceylon zu besitzen, so bestätigt das wiederum die Erfahrung, daß der Mensch seine Umwelt doch niemals ganz richtig durchschaut, selbst wenn er sich einbildet, ein guter Menschenkenner zu sein. Zweifellos hat irgendein „guter Freund“ die Gelegenheit benutzt und mich der Behörde verdächtigt, obgleich es mir in den fünfundzwanzig Jahren meines Aufenthaltes in Ceylon niemals in den Sinn gekommen ist, mich irgendwie politisch zu betätigen. Allerlei Räubergeschichten über mich, die bald mit den üblichen sensationellen Ausschmückungen durch die ganze englische Presse gingen und natürlich auch von vielen „neutralen“ Zeitungen in Übersee mit Behagen aufgetischt wurden, verbreiteten sich zu meinem Glück erst nach meiner Abreise von Ceylon. Andernfalls hätte ich das Schlimmste zu befürchten gehabt, denn die Äußerungen der Kriegspsychose waren damals unberechenbar. Ich kehre in meiner Erzählung zu jenem 5. August zurück. Nachdem man mir eröffnet hatte, daß ich von der Abgabe der Neutralitätserklärung ausgeschlossen sei, mußte ich die Wahrnehmung machen, daß ich in ziemlich auffälliger Weise von der Polizei auf Schritt und Tritt beobachtet wurde. Am 7. August nachmittags 3 Uhr erschien bei mir der Polizeihauptmann in Begleitung von zwei Offizieren und überbrachte mir den +Ausweisungsbefehl+ des Inhaltes, daß ich +noch am selben Tage+, nur wenige Stunden später, Colombo mit dem um 6½ Uhr nach Batavia abgehenden holländischen Dampfer „Insulinde“ zu verlassen hätte. Jeder Versuch eines Einspruchs wurde unterdrückt, man ließ mich gar nicht zu Worte kommen. Der Leser stelle sich vor, was der Befehl für einen Mann meiner Position zu bedeuten hatte! Ich war ein Kaufmann und Unternehmer mit großen Besitzungen, mein ganzes Vermögen war in Ceylon fundiert, ich hatte Familie und ein schönes, mit Kostbarkeiten und Sammlungen aller Art ausgestattetes Heim — und das alles, meine Angehörigen, mein Haus, mein Geschäft, mein bares und liegendes Vermögen, alles sollte ich binnen drei Stunden in Stich lassen, einer unsicheren Zukunft preisgeben, als Verfemter und Ausgestoßener in die Fremde ziehen! Selbstverständlich war es mir unmöglich, in dieser kurzen Zeitspanne, noch dazu beständig von Polizei und Militär bewacht, auch nur die allernotwendigsten Anordnungen zu treffen. Die Mitnahme größeren Reisegepäcks ward mir verweigert, nicht mehr als einen kleinen Handkoffer voll durfte ich packen. Auf Kosten meiner Firma wurde mir eine Fahrkarte zweiter Klasse nach Batavia gelöst. ... Es blieb mir also nur soviel Zeit, von meiner Frau und meiner alten treuen Dienerschaft Abschied zu nehmen, dann wurde ich an Bord der „Insulinde“ gebracht, wo vor der Abfahrt nochmals eine genaue Durchsuchung meiner Person und meines Köfferchens stattfand. Um 6½ Uhr ging der Dampfer in See, vom Hafen aus mit elektrischen Scheinwerfern scharf unter Kontrolle gehalten, bis er im Dunkel der Nacht verschwand ... +Das war mein Abschied von Ceylon+, von meinem Tropenparadiese, vom Lande meines Lebenswerkes! Fast ein Menschenalter hindurch hatte ich dort in Frieden und Freundschaft mit Weißen und Farbigen gearbeitet und geschafft, um dieses Land zum bitteren Ende unter solchen Umständen verlassen zu müssen ... * * * * * Damit wäre mein Ceylonbuch eigentlich zu Ende, denn ich habe die Insel bisher nicht wiedergesehen, und ob es unter den heutigen Weltverhältnissen überhaupt möglich sein wird, ihren Strand noch einmal zu betreten, das frägt sich doch sehr. Da meine Leser aber, die mir bis hierher freundlich gefolgt sind, vielleicht Interesse dafür haben, von meinem weiteren Schicksal seit dem Abschub von Ceylon zu hören, rekapituliere ich kurz die Einzelheiten der abenteuerlichen Flucht, die mich aus Indien endlich glücklich in die Heimat gelangen ließ. Da stand ich nun also mit meinen winzigen Habseligkeiten auf Deck der „Insulinde“ und starrte über das schäumende, von Millionen aufglühender Protozoen erleuchtete Kielwasser in die Nacht hinaus, dorthin, wo das Leuchtfeuer von Colombo und die allmählich verglimmenden Lichter am Strand mir den letzten Abschiedsgruß meiner geliebten Insel entboten. Und ich gedachte in bitterer Wehmut jenes so weit zurückliegenden Tages, als ich als junger Mann zum erstenmal die Küste Ceylons erblickte und, die Brust von Tatkraft und Unternehmungslust geschwellt, mit tausend weitfliegenden Plänen im Kopf, zum erstenmal den Boden der Insel betrat. Was lag nicht alles seit jenem Tag und dem heutigen! „Kein größerer Schmerz, als sich im Unglück vergangenen Glücks zu erinnern ...“ Aber ich bin niemals ein Kopfhänger gewesen. Der Pessimismus mag ja seine wohlbegründete philosophische Berechtigung haben — arbeiten und vorwärtskommen kann man damit nicht, und am allerwenigsten taugt er dazu, ein Unglück zu überwinden. Auch in dieser schrecklichen Lage gelang es mir Gott sei Dank sehr bald, mein seelisches Gleichgewicht wiederzugewinnen und jenen gesunden Optimismus, dem der Hamburger mit dem Wort „Es ist ja alles nur halb so schlimm“ Ausdruck zu verleihen liebt. Ich vertraute auf meinen Stern, der mir bisher das ganze Leben hindurch freundlich geleuchtet hatte und der mich, dessen war ich gewiß, auch aus den Tagen der Trübnis wieder hinausführen würde. Das Schiff kam von Rotterdam und sollte als nächste Station Padang auf Sumatra anlaufen, um dann nach kurzem Aufenthalt seinen Bestimmungshafen Batavia zu erreichen. Die Passagiere, meistens Holländer, hatten schon eine lange Reise hinter sich und befanden sich, da sie bisher nur dürftige Nachrichten erhalten hatten, über die weltbewegenden Ereignisse, den Ausbruch des großen europäischen Krieges und alles, was damit zusammenhing, ziemlich im Unklaren. Die Spannung war, wie sich denken läßt, ungeheuer groß, und ich wurde von allen Seiten mit Fragen bestürmt, ob und was ich Näheres über die Vorgänge in Europa wüßte. Übrigens war ich nicht als einziger Deutscher an Bord der „Insulinde“ gekommen. Mit mir zugleich waren acht Landsleute, die sich zufällig als Vergnügungsreisende in Colombo befanden, ausgewiesen worden, und ferner hatten vier Österreicher, Mitglieder der dortigen Kolonie, in Voraussicht der kommenden Dinge es für ratsam gehalten, das britische Gebiet zu verlassen. Wir waren also insgesamt dreizehn Deutsche und schlossen uns zwanglos rasch zu einer Art von Schutz- und Trutzbund zusammen. Zuversichtliche Stimmung beseelte uns, und diese äußerte sich bei unserem Galgenhumor alsbald auf eine so heitere Art, daß sich an Bord das Gerücht verbreitete, die Gesellschaft wäre eine Theatertruppe und ich, John Hagenbeck, ihr Impresario! Als wir nach einer schönen viertägigen Seefahrt in Padang und nach ein paar weiteren Tagen an unserem Ziel, in Batavia, anlangten, hatte ich schon eine ganze Reihe neuer Zukunftspläne fix und fertig im Kopf. Ich war ja durchaus darauf angewiesen, sofort Geld zu verdienen, denn das höchst geringe „Kapital“. das man mich in Colombo hatte mitnehmen lassen, war bei meiner Ankunft in Batavia schon so stark zerkrümelt, daß sein Rest nur noch für wenige Tage reichte, und an ein Nachkommenlassen von Geld aus Colombo war zunächst nicht zu denken. Da mir aber die Verhältnisse in Java schon von früheren Einkaufsreisen her bekannt waren und ich mancherlei Beziehungen zu den dort ansässigen Kolonisten hatte, zweifelte ich nicht daran, daß es mir rasch gelingen würde, auf einer Plantage oder bei irgendeinem anderen Unternehmen Anstellung zu finden. Übrigens befanden sich meine deutschen Reisegefährten in ganz ähnlicher Klemme wie ich, denn die Barmittel aller waren durchgängig sehr gering. Es blieb uns deshalb auch gar nichts anderes übrig, als „stramme Haltung zu markieren“ und uns in unseren Ausgaben aufs äußerste einzuschränken. Das fing damit an, daß wir dreizehn zusammen uns in drei Zimmern eines Hotels in Batavia einquartierten. Aber meine Genossen zerstreuten sich bald, um ihr weiteres Fortkommen zu suchen, und auch ich begab mich ohne langes Zögern landeinwärts auf die Tour, um hier und dort bei den mir geschäftlich bekannten Landsleuten anzuklopfen und zu hören, ob irgendwo ein Posten für mich frei wäre. Ich fand überall freundliche Aufnahme, man stand mir mit Rat und Tat bei und gewährte mir jede Hilfe, und ich hätte auch rasch geeignetes Unterkommen gefunden — wenn jetzt nicht eine +Spionagehetze gegen mich+ ausgebrochen wäre, die alle Pläne zunichte machte und mir einen dicken Strich durch die Rechnung zog! Durch die lächerlichsten Klatschgeschichten wurde dadurch im Handumdrehen erreicht, daß ich, den bis dahin niemand beachtet und behelligt hatte, zum Gegenstand einer sehr unerwünschten Aufmerksamkeit wurde. Wie die meisten Kolonien, ist auch Java trotz seiner Größe in gewisser Hinsicht sozusagen ein Dorf. Sobald hier mit einem Europäer irgendetwas „los“ ist, weiß es in wenigen Tagen zwischen Batavia und Soerabaya jeder Kolonist. Das bekam ich sogleich zu spüren. Wo ich nur auftauchte, steckte man die Köpfe zusammen und ging das Tuscheln los: „Aha, das ist er. Hagenbeck, der Spion.“ Angenehm war das nicht, ich fühlte mich als Verfemter. Noch unangenehmer war es, daß nun auch aus meinem Engagement nichts wurde, denn trotz allem Wohlwollen konnte sich keiner meiner Landsleute dazu entschließen, mir einen Posten anzuvertrauen; sie mußten Rücksicht auf die allgemeine Stimmung nehmen und hatten schon ohnehin einen schweren Stand in diesem Lande, das zwar neutral war, aber mit seiner Sympathie doch größtenteils auf Seiten unserer Feinde stand und mit dieser Gesinnung durchaus nicht hinter dem Berge hielt. Es kam bald viel schlimmer, denn es blieb mir nicht verborgen, daß ich auf Schritt und Tritt von geheimen Agenten verfolgt und belauert wurde, die zweifellos dem weitverbreiteten feindlichen Spionagesystem angehörten. Was ich vermutete, wurde mir dann auch von ansässigen Deutschen, die Einblick in die Verhältnisse hatten, bestätigt: daß man nämlich auf irgendeine Weise meiner habhaft werden wollte, um mich in feindliche Gewalt zu bringen. Auf Umwegen erreichte mich auch die bestimmte Kunde, daß man sich bei der holländischen Regierung sehr um meine Auslieferung bemühte. Ich befand mich in meinem „Asyl“ in höchster Gefahr. Zwar war meine Auslieferung wegen politischer Vergehen aus völkerrechtlichen Gründen nicht möglich — aber gab es nicht andere Mittel und Wege zur Erreichung des Ziels? Wäre es wirklich etwas so Ungewöhnliches gewesen, wenn man mich einfach eines gemeinen Verbrechens bezichtigt hätte, um die Auslieferung durchzusetzen? Die „beweisenden“ Unterlagen dafür herbeizuschaffen, war Kinderspiel. Auch mußte ich bei jeder noch so geringfügigen Entfernung von der javanischen Küste, etwa bei einer Überfahrt nach einer der Inseln, dessen gewärtig sein, daß man mich vom neutralen Schiff herunterholte. Und schließlich konnten mich die Späher und Spitzel auch unter irgendeinem Vorwand in einen Hinterhalt locken und mit Gewalt festnehmen und entführen — kein Hahn hätte nach mir gekräht. Alle diese Erwägungen brachten in mir den Entschluß zur Reife, Java zu verlassen und die Flucht in die ferne Heimat zu versuchen. Es war ein Entschluß der Verzweiflung, denn bei genauer Überlegung konnte ich mir doch nicht verhehlen, daß die Aussichten auf ein Gelingen der Flucht außerordentlich schwach waren. Die finanziellen Sorgen wären dabei noch das geringste gewesen, denn die zur Flucht benötigten Mittel konnte ich schon bei meinen in Java ansässigen Landsleuten aufbringen. Aber ich besaß keinerlei Papiere, denn die Behörden hatten mir bei meiner Ausweisung aus Colombo dort mit sämtlichen anderen Schriftstücken auch alle Personalausweise abgenommen, und ohne Papiere durfte ich Java auf offene, legale Weise überhaupt nicht verlassen, das ließen wieder die holländischen Behörden nicht zu. Aber was hätte es mir auch schließlich genützt, wenn ich im Besitz gültiger Papiere an Bord eines holländischen oder eines anderen neutralen Schiffes von Batavia heimwärts gefahren wäre! Man hätte mich draußen auf hoher See, oder spätestens im Suezkanal ja doch vom Dampfer heruntergeholt, denn die englischen Kriegsschiffe hielten damals bereits alle Meere und Wasserstraßen unter Kontrolle und untersuchten jedes Schiff ohne Rücksicht auf seine Neutralität. Was also tun? Nach vielem Hin- und Herüberlegen sagte ich mir, daß unter solchen ungewöhnlichen Umständen eben auf +illegale+ Weise durchzusetzen versucht werden mußte, was sich mit legalen Mitteln nicht machen ließ. Ich verschaffte mir also von einem holländischen Kolonialsoldaten für Geld und gute Worte — auf ersteres legte er mehr Gewicht als auf letzteres — seinen Paß und schiffte mich damit in Batavia als Zwischendeckspassagier auf einem nach Europa bestimmten Dampfer ein. Zunächst schien auch alles gut zu gehen, man hatte meinen Paß nur oberflächlich geprüft und niemand kümmerte sich weiter um mich, man hielt mich eben für einen abgelohnten alten Kolonialsoldaten, wie es derer ja so viele gibt. Ich machte es mir im Schiffsraum bequem, sprach so wenig wie möglich und wartete, innerlich fiebernd vor Ungeduld, auf die Abfahrt. Daß mir zu guter, oder vielmehr zu böser Letzt meine +Popularität+ einen Strich durch die Rechnung machen würde, daran hatte ich freilich nicht gedacht. Meine äußerliche Erscheinung mit ihren nicht gut zu übersehenden charakteristischen Eigentümlichkeiten war eben nicht bloß in Ceylon und überhaupt ganz Indien wohlbekannt, sondern auch in Batavia und Umgegend bereits so „populär“ geworden, daß mich hier viel mehr Leute kannten, als mir unter den obwaltenden Umständen lieb sein konnte. Als es Abend geworden war und das Schiff bald abfahren sollte, kam eine Polizeipatrouille an Bord und kontrollierte auch das Zwischendeck. Mir war nicht ganz wohl zumute und ich bemühte mich krampfhaft, so harmlos wie möglich dreinzuschauen. Kaum hatte mich aber einer der Polizeibeamten erblickt, als er mit einem Grinsen, das von einem Ohr zum anderen reichte, mir freundlich zunickte und rief: „+Ah, guten Abend, Herr Hagenbeck! Wie geht’s?+“ Damit war meine Rolle als „holländischer Kolonialsoldat“ ausgespielt. Man komplimentierte mich vom Schiff herunter und ins Gouvernement hinein, wo ich noch glimpflich mit einer strengen Verwarnung davonkam und den guten Rat erhielt, in Zukunft jeden Versuch einer ungesetzlichen Handlungsweise zu unterlassen, widrigenfalls ... Mein bisher aufrecht erhaltener Optimismus drohte ins Wanken zu kommen. Durch alle Widerwärtigkeiten aufs tiefste verstimmt, reiste ich nach dem im Hochland des Innern gelegenen Städtchen +Soekaboemi+, weil ich dort nicht so unerwünscht „populär“ wie in Batavia war. Soekaboemi (das holländische oe wird wie u gesprochen) bedeutet im Javanischen „Entzücken der Welt“ und verdient wegen seiner reizendschönen Lage und seines angenehmen frischen Hochlandklimas den Namen im vollen Maße. Leider war es mir nicht beschieden, mich dieser Idylle in Ruhe zu erfreuen. Zwar fand ich hier bei deutschen Landsleuten freundliche Aufnahme, aber schon nach kurzem Aufenthalt in dem Städtchen mußte ich die fatale Beobachtung machen, daß die Spitzel meine Spur aufgenommen hatten und mir hierher gefolgt waren. Sie blieben mir wie der Schatten meines Körpers treu, hefteten sich an meine Sohlen und überwachten in der Maske harmloser Privatleute mein Kommen und Gehen, mein Tun und Treiben. Davon hatte ich nun genug und übergenug. Meine Nerven waren überreizt und ich beschloß auf jeden Fall, mochte es ausgehen wie es wollte, nochmals den Versuch zu machen, von Java fortzukommen. Diesmal aber setzte ich mir ein näheres Ziel: das benachbarte Sumatra. Mit einem kleinen Küstenfahrer hoffte ich besser durchzuschlüpfen, als auf den großen Ozeandampfern, und wenn Sumatra zwar ebenfalls holländischer Kolonialboden war, so glaubte ich doch nach allem, was ich in Padang gehört und gesehen hatte, darauf rechnen zu dürfen, dort bessere Aufenthaltsbedingungen und schließlich auch bessere Gelegenheit zur Flucht nach Europa vorzufinden. Diesmal gelang mir die Sache so überraschend gut, daß ich beinahe übermütig wurde. In Begleitung eines Österreichers, der in Colombo italienischer Konsul gewesen war und dieselben Ausreißpläne hatte wie ich, fuhr ich unbemerkt nach Batavia zurück, schmuggelte mich an Bord eines Küstendampfers ein, der zum Glück nicht kontrolliert wurde, und landete zwei Tage darauf in dem am Fuße des Affenberges herrlich gelegenen kleinen Hafenplatz +Emmahaven+ in nächster Nähe von +Padang+ an der Südküste Sumatras. Eine ganz besondere Freude bereitete es mir, hier den Dampfer „Kleist“ vom Norddeutschen Lloyd begrüßen zu dürfen. „Kleist“ war bei Ausbruch des Krieges von Colombo nach Emmahaven geflüchtet und lag nun hier im neutralen Gebiet, um nicht dem Feind in die Hände zu fallen, in erzwungener Untätigkeit fest. Die Offiziere des „Kleist“ waren sowohl mir, wie auch meinem österreichischen Schicksalsgenossen von Colombo her aufs beste bekannt, und wir wurden deshalb an Bord des Dampfers für die ganze Zeit unseres Aufenthalts in gastfreundlichster Weise aufgenommen. Erquicklich war der Aufenthalt in Padang trotz der Gemütlichkeit an Bord nun gerade nicht. Ganz abgesehen von meinen privaten Schmerzen und Sorgen litt ich zu sehr unter dem nagenden Gefühl, so fern der Heimat zu sein, in Untätigkeit verharren zu müssen, wo Deutschland den furchtbarsten Existenzkampf zu führen hatte. Dazu kam noch als besondere seelische Folter, daß man sich gar kein klares Bild von den Vorgängen in Europa und von der Lage auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen machen konnte. Denn wir waren dort draußen in Sumatra fast ausschließlich auf die Mitteilungen der Feindespresse angewiesen, und zu dieser zählte ihrem ganzen Ton nach auch fast die ganze holländische Kolonialpresse. Immerhin konnten die großen Erfolge der deutschen Waffen doch nicht gänzlich unterdrückt und totgeschwiegen werden, und das waren dann immer Lichtblicke unseres Lebens im Exil, wenn die Kunde deutscher Heldentaten über Länder und Meere bis zu uns Versprengten unter dem Tropenhimmel drang. Dazu gehörten mit in erster Linie die kühnen Streiche der „Emden“, des „Gespensterschiffes“, dessen wackere kleine Besatzung damals den Indischen Ozean gründlich unsicher machte und durch ihre Verwegenheit, ihre fast humoristisch wirkende List auch den Engländern und Holländern Anerkennung abnötigte. Bei den Eingeborenen der dortigen Küsten aber, besonders beim mohammedanischen Teil der Bevölkerung, wurde die „Emden“ geradezu populär und jeder ihrer erfolgreichen Streiche wurde mit lebhaftem Beifall begrüßt. Wer, wie ich, an rastlose Tätigkeit gewöhnt war, den mußte diese zwecklose, erzwungene Muße mit tiefstem Unbehagen erfüllen; nicht nur geistig, auch körperlich litt ich darunter. Da es mir nicht gelang, in oder bei Padang eine Anstellung zu finden, unternahm ich zur Ablenkung eine größere Expedition ins Innere Sumatras, das mir zum Teil schon von früheren Einkaufsreisen her bekannt war. Ich komme auf diese Erlebnisse, wie auf Sumatra überhaupt, im zweiten Band dieses Werkes näher zurück. Als ich wieder nach Padang zurückgekehrt war, erreichte uns Deutsche an Bord des „Kleist“ die traurige Kunde, daß die „Emden“ nun doch von ihrem Schicksal erreicht worden wäre. Ein harter Schlag! Aber eines Tages, am 27. November 1914, hatten wir wieder zu jubeln, da gab es eine große und freudige Überraschung. Da kam, von zwei holländischen Torpedobooten begleitet, ein kleines, weißgestrichenes Segelschiff in Sicht, über dessen schwer mitgenommenen, geflickten Segeln die deutsche Kriegsflagge wehte. Es war die berühmte „+Ayesha+“ mit fünfzig Mann von der Besatzung der „Emden“ unter Kapitänleutnant Mücke. Sie fuhr langsam in den Hafen ein und machte dicht bei den deutschen Lloyddampfern „Kleist“, „Rheinland“ und „Choising“, sowie einem österreichischen Dampfer, fest. Es ist wohl noch in Erinnerung, welche Schwierigkeiten die holländischen Behörden in Padang unserem winzigen Kriegsschiff bereiteten und daß es aller Energie seines Kommandanten Mücke bedurfte, um seine Rechte durchzusetzen und sich mit Hilfe des deutschen Konsuls mit den für die Weiterfahrt notwendigsten Bedürfnisgegenständen zu versorgen. Man hätte den Engländern und Japanern zuliebe die „Ayesha“ gar zu gern festgehalten und ihre Besatzung interniert, aber der Kommandant des kleinsten aller Kriegsfahrzeuge setzte es, wie gesagt, doch durch, daß man seine Flagge respektierte; allerdings wurden ihm viele der gewünschten Gegenstände, wie z. B. Kleider, Seife und Zahnbürsten, verweigert, weil sie angeblich eine „Verstärkung der Wehrkraft“ bedeuteten. Auch stellte man dem Kommandanten als ganz sicher in Aussicht, daß ihn beim Weiterfahren nach dem Verlassen der neutralen Zone die draußen lauernden englischen und japanischen Kreuzer ja doch abfangen würden. Da nach den Neutralitätsbestimmungen die „Ayesha“ den Hafen binnen vierundzwanzig Stunden wieder verlassen mußte und ein Teil der kostbaren Zeit schon durch die langen Verhandlungen mit den Behörden unnütz verstrichen war, setzten wir Deutschen, die wir den Vorgängen mit atemloser Spannung folgten, natürlich alle Hebel in Bewegung, um zur Verproviantierung der unerschrockenen Seemänner beizutragen. Was wir nur irgendwie entbehren oder herbeischaffen konnten, schmuggelten wir „hintenherum“ zur „Ayesha“ hinüber: Kleidungsstücke, Proviant, Tabak usw., als besonders willkommene Gabe aber auch Zeitungen, denn unsere Landsleute hatten schon seit vielen Wochen keine Gelegenheit gehabt, sich über die Vorgänge in der Welt zu unterrichten. Als am nächsten Tag die vierundzwanzigstündige Frist verstrichen war und der Segler den Anker lichtete und aus dem Hafen heraus in die dunkle Nacht und einem ungewissen Schicksal entgegenfuhr, da gaben ihnen die Klänge des von uns angestimmten Deutschlandliedes und unsere heißen Segenswünsche das Geleit. Im unmittelbaren Anschluß an dieses Ereignis trat ich eine für mich sehr riskante Reise nach Batavia an, um von einer dort befindlichen Persönlichkeit Instruktionen für den Kapitän des Lloyddampfers „Choising“ einzuholen. Auf Grund der erhaltenen Weisungen folgte dann die „Choising“ der „Ayesha“ und traf sich mit ihr auf einem vorher vereinbarten Punkte des Indischen Ozeans, wo sie die Mannschaft des Segelschiffes übernahm und dieses versenkt wurde. Übrigens hatte ich das Glück, bei meiner Rückkehr nach Emmahaven dort unerwartet meine aus Colombo entlassene Frau anzutreffen. Sie brachte mir die Mitteilung, daß man dort inzwischen alle Ceylon-Deutschen interniert hatte. Am Neujahrstage 1915 übersiedelte ich mit meiner Frau vom Dampfer „Kleist“, der mir so freundlich lange Zeit Obdach gewährt hatte, nach Padang, wo ich bei einer befreundeten deutschen Familie herzliche Aufnahme fand. So von außen betrachtet hatte es ja den Anschein, als ob ich hier an der Sumatraküste ganz friedlich und unbehelligt meine Tage verbrachte. In Wirklichkeit aber blieb es mir nicht verborgen, daß die feindlichen Späher nach dem Ayesha-Zwischenfall wieder scharf hinter mir her waren und daß man eine ansehnliche Prämie auf meine Ergreifung ausgesetzt hatte. Geradezu komisch waren die immer verworrener werdenden Mitteilungen, die in der feindlichen Presse über meine Person und meine angebliche politische Rolle Verbreitung fanden, den Gipfel der Absurdität aber erreichte eine ungewöhnlich fette Ente, die ein phantasiebegabter französischer Reporter aus der Tiefe seines Gemüts hervorgezaubert hatte und in den Spalten französischer Sensationsblätter herumtummeln ließ. Da wurde nämlich mit einer Fülle malerischer Einzelheiten erzählt, daß der richtige, echte John Hagenbeck +überhaupt nicht mehr am Leben wäre+, weil ihn auf einer Expedition in Neuguinea wilde Papua überfallen, +gebraten und aufgefressen+ hätten. Dieses hochnotpeinliche Verfahren wurde „nach den Berichten eines überlebenden Augenzeugen“ so plastisch geschildert, daß einem kannibalisch veranlagten Leser förmlich das Wasser im Munde zusammenlaufen mußte ... Nun, mir konnte es ja eigentlich ganz recht sein, wenn man mich für verspeist und endgültig erledigt hielt, dann hatte ich endlich Ruhe. Leider konnte sich diese Legende aber nicht hinlänglich befestigen, und eine immer quälender werdende innere Unruhe, die durch gewisse Wahrnehmungen in meiner Umgebung veranlaßt wurde, trieb mich dazu, meine Fluchtpläne wieder mit größter Energie aufzunehmen. Zu diesem Zweck hatte ich schon vor einiger Zeit die Bekanntschaft eines Kolonialsoldaten gemacht, der als geborener Belgier (Vlame) ganz gut deutsch sprach und, wie ich im Verlauf unserer verschiedenen Gespräche bald zu merken bekam, nicht abgeneigt zu sein schien, mir mit Hilfe seiner Papiere die Flucht zu ermöglichen. Da er zufällig dieselbe Figur wie ich und überhaupt eine gewisse Ähnlichkeit mit mir hatte, also die Personalbeschreibung, wenn man es damit nicht so genau nahm, einigermaßen auch auf mich zutraf, war das ja meinem Unternehmen sehr günstig. Eines Abends fragte ich den Belgier unter vier Augen rund heraus, ob er mir gegen angemessene Entschädigung zur Flucht behilflich sein wollte, und da er nach meinen früheren Andeutungen diese Frage schon erwartet hatte, kamen wir rasch ins Reine. Er sollte mir nicht nur seinen Militärpaß, sondern auch andere wichtige Papiere, darunter die Pensionsurkunde, leihweise überlassen, nach geglückter Flucht würde ich sie ihm von Europa zurückschicken. Ich wollte also als abgedankter Kolonialsoldat unter seinem Namen reisen, unter dem Vorwand, daß mich die Sorge um meine in Belgien allen Kriegsschrecken preisgegebene Familie heimwärts trieb. Wir wurden handelseinig. Der Soldat, der also scheinbar abdankte, besorgte sich außer der Schiffsfahrkarte die nötigen Ausweise, die auch mit seiner amtlich abgestempelten Photographie versehen wurden. Ich erhielt nun die Papiere und das Billet und ersetzte die Photographie des Belgiers durch die meinige; zu diesem Zweck hatte ich mich zunächst in entsprechender „Maske“ photographieren lassen. Dem Verwandlungszauber waren nicht nur meine Schnurrbarthaare, sondern auch meine Augenbrauen zum Opfer gefallen, und diese Rasuren sowie die recht abgetragene, saloppe Uniform, die ich anzog, veränderten mein Aussehen derartig, daß ich mich bei der Betrachtung im Spiegel selber kaum erkannte. Nun mußte meine in den Paß hineingeschmuggelte Photographie aber ebenfalls amtlich abgestempelt werden, und auch das gelang mit Hilfe eines dem Mammon nicht unzugänglichen Eingeborenen, der bei der betreffenden Behörde als Schreiber angestellt war. Sehr sympathisch waren mir alle diese Schliche und Ränke wahrhaftig nicht, aber man mußte sie eben als erlaubte Kriegslist betrachten, und wenn ich mein Ziel erreichen wollte, so ging es gar nicht anders, als auf krummen Wegen. Der Abfahrtstermin des Dampfers kam heran. Wie ein Schauspieler übte ich zu Hause immer von neuem meine Rolle, aber je mehr ich mich dem kritischen Augenblick näherte, desto stärker äußerte sich, ich kann es nicht leugnen, mein Lampenfieber. Endlich schlug die Abschiedsstunde. Der Dampfer sollte um Mitternacht die Anker lichten. Als ich im Schutze der Dunkelheit das Haus verließ, sah ich in meiner abgetragenen Uniform, Sandalen an den Füßen, einen Öltuchsack mit den Habseligkeiten über den Schultern, vollkommen wie ein alter, vom Tropenklima zermürbter, stark reduzierter Kolonialsoldat aus. Und während mit Blitz und Donner ein schweres Gewitter niederging und es in Strömen regnete, fuhr ich nach Emmahaven und begab mich auf mein Schiff, um dort sogleich, völlig durchnäßt, in den unteren Räumen zu verschwinden, die nun, wenn alles glatt verlief, für viele Wochen meinen Aufenthaltsort bilden sollten. Welch ein Unterschied zwischen dieser Behausung und den bequemen Kabinen, in denen ich früher auf See zu reisen gewohnt war! Meine Koje war ein roh gezimmerter Verschlag, und ich hatte sie mit fünf englischen Kohlentrimmern zu teilen. Die Ausstattung bestand aus sechs Strohsäcken, unseren Lagern. Die Zwischendecker in den übrigen Kojen waren hauptsächlich Holländer und Engländer. Es herrschte hier unten eine fürchterliche Hitze, und der Duft, der diese dumpfen Räume und die Menschen mit ihren vom Regen durchnäßten Sachen umwitterte, war auch nicht gerade lieblich und angenehm. Aber wie gern wollte ich alles Ungemach ertragen, wurde ich bloß nicht entlarvt! Leicht zu spielen war meine Rolle wahrhaftig nicht, denn von meinen Kojengenossen konnte ich mich natürlich nicht separieren, ich mußte auf ihre Unterhaltung eingehen, mußte auf zahllose Fragen Antwort geben, und wie leicht konnte ich da einmal entgleisen, aus meiner Rolle fallen und den alten Kolonialsoldaten und Belgier nicht mehr überzeugend verkörpern! Anfangs schien alles zu klappen. Am nächsten Tage befanden wir uns bei schönem Wetter auf hoher See. Da kam der erste, freilich nicht unerwartete Schreck: die +Paßrevision+. Wir mußten mit unseren Papieren antreten. Mein Paß enthielt, da ich verschiedene Angaben hatte ändern müssen, ein paar Rasuren, die bei genauer Prüfung unmöglich verborgen bleiben konnten. Mir flog der Puls. Aber als ich nun, einer plötzlichen Eingebung folgend, den nervös Erregten und durch die Revision Beleidigten spielte und den Zahlmeister mit einer Sturzflut französischer Worte überschüttete, da geschah das Wunderbare, daß der gute Mann mein verschnürtes Papierbündel überhaupt nicht öffnete, sondern es freundlich lächelnd zurückgab und mich, den armen alten Kolonialsoldaten und Belgier, zu beruhigen suchte ... Ich durfte mit dem Erfolg meines ersten Auftretens wirklich zufrieden sein. Das gab mir mein altes Gleichgewicht wieder, sodaß ich mich nun mit überraschender Leichtigkeit in die Verhältnisse fand. Als Soldat, der nur einen sehr geringen Fahrpreis bezahlte, war ich verpflichtet, ein gewisses Quantum Arbeit an Deck und im Küchenbetriebe zu leisten, und das tat ich sogar mit Vergnügen, weil ich dann für ein paar Stunden von der Notwendigkeit befreit war, mit meinen Kojengenossen Konversation zu treiben. Die Unterhaltungen brachten mich immer in die peinlichste Lage, denn sie drehten sich natürlich fast ausschließlich um den Krieg, und da war es ebenso natürlich, daß die Engländer an den Deutschen auch kein einziges gutes Haar ließen. Und da ich nun doch „Belgier“ war, mußte ich, es ging gar nicht anders, ebenfalls auf mein Vaterland schimpfen, auf diese bösen Deutschen, die den „armen Belgiern“ und auch meiner Familie daheim so unerhört zugesetzt hatten ... Dieses Komödiespielen war mir im höchsten Grade zuwider, aber nachdem ich einmal A gesagt hatte, blieb nichts anderes übrig, als nun auch O zu sagen, und überdies war ja das alles nur äußerer Schein, eben nichts weiter als eine Komödie, die sich aus meiner ganzen Zwangslage mit Naturnotwendigkeit ergab. Übrigens muß ich die Wahrheit sagen, daß die englischen Kohlentrimmer, obwohl in ihren Manieren die richtigen „Rauhbeine“, sonst ganz kernige und gutmütige Menschen waren. Nach zweitägiger Reise liefen wir den Kohlenhafen +Sabang+ an der Nordspitze Sumatras an, von hier sollte es in direkter Fahrt nach Suez gehen. In Sabang lagen dreizehn Hamburger und Bremer Dampfer, die bei Kriegsausbruch hierher in den neutralen Hafen geflüchtet waren und deren Kapitäne und Mannschaften in erzwungener Untätigkeit der kommenden Dinge harrten. Mir waren die Kapitäne, die mit ihren Schiffen Jahre hindurch Colombo angelaufen hatten, alle wohlbekannt, mit einigen war ich sogar näher befreundet, und als ich nun, während unser Dampfer 14000 Rollen Tabak einnahm, mit meinen Zwischendeckkumpanen auf den Landbummel ging, war ich gespannt darauf, ob mich einer der Kapitäne bei einer Begegnung, auf die ich an dem kleinen Platz so gut wie sicher rechnen durfte, trotz der Verkleidung vielleicht erkennen würde. In einer Hafenschenke sah ich denn auch in der Tat sämtliche deutschen Kapitäne versammelt, aber obwohl ich sie — mich ritt förmlich der Teufel — unter einem Vorwand französisch ansprach, erkannten mich selbst meine guten Freunde nicht. Das bestärkte mich noch mehr in der Zuversicht, daß mein Inkognito doch nicht so leicht gelüftet werden konnte. [Illustration: Dorfszenerie in Ceylon] [Illustration: Stamm des heiligen Feigenbaumes, ~Ficus religiosa~] [Illustration: Ländliche Marktszene in Ceylon] Unser Dampfer sollte, wie gesagt, von Sabang ohne weitere Zwischenlandung direkt nach Suez fahren. Im allgemeinen laufen die Schiffe auf großer Südasienfahrt meistens Colombo an. Aber ich hatte mir mit Bedacht gerade diesen Dampfer ausgesucht, weil er Ceylon nicht berührte, denn unter keinen Umständen hätte ich das Anlaufen von Colombo riskieren dürfen. Ich war ja doch jedermann bekannt, und die an Bord kommende Polizei hätte doch schärfere Augen gehabt, als die deutschen Kapitäne, und auch trotz der Verkleidung meine Identität mit dem als Spion verfolgten John Hagenbeck festgestellt. Und was dann weiter mit mir geschah, das auszumalen, bedurfte es keiner großen Phantasie. So war ich denn frohen Herzens, als unser Dampfer in Sabang wieder in See ging. Ich ahnte ja nicht, welche ernste Gefahr mich bald bedrohen sollte. Wir waren vierundzwanzig Stunden unterwegs, als es sich herausstellte, daß das Schiff im Vorderraum an einer schon früher einmal reparierten Stelle wieder undicht geworden war und Wasser schöpfte. Ich war zufällig gerade dabei, als der Kapitän und der Obermaschinist den Schaden besichtigten, und fing die Äußerung des „Alten“ auf, daß man wohl gezwungen sein würde, +Colombo zwecks Reparatur als Nothafen anzulaufen+ ... Man stelle sich vor, welche Bestürzung mich bei diesen Worten befiel! Legten wir in Colombo an, so bedeutete das für mich, daran konnte ich keinen Zweifel hegen, geradezu das Todesurteil, denn befand ich mich erst einmal in den Händen der Verfolger, so mußte ich auch auf das Alleräußerste gefaßt sein. Und es stand bei mir sogleich fest, daß ich in diesem Fall selbst der Herr über mein Schicksal sein wollte; unter keinen Umständen wollte ich in die Gewalt meiner Feinde geraten. Während ich krampfhaft bemüht war, meinen furchtbaren seelischen Zustand vor den Zwischendecksgenossen zu verheimlichen, setzte das Schiff den Kurs auf Colombo. Zugleich wurde aber auch versucht, den Schaden mit eigenen Mitteln auszubessern, denn das Anlaufen von Colombo wäre natürlich sehr zeitraubend und kostspielig gewesen und nicht dazu angetan, dem Kapitän bei seiner Reederei Lorbeeren zu verschaffen. Man kann sich denken, mit welcher nur mühsam verhehlten Spannung ich die Fortschritte der Reparaturarbeiten verfolgte. Hing von ihrem Ausfall doch mein Leben ab. Schon tauchten die Berge Ceylons, ein mir so vertrauter und früher so lieber Anblick, am Horizont auf und schon machte ich mich auf mein letztes Stündlein bereit — da verbreitete sich die Kunde, daß es gelungen wäre, das Leck abzudichten und den Schaden zu beseitigen! Der Kurs des Dampfers wurde sofort geändert und die Reise direkt nach dem Roten Meere fortgesetzt. Ich atmete auf, ich war einstweilen wieder gerettet. Aber die starke innere Erregung hatte doch meinen durch die Vorfälle der letzten Zeit ohnehin sehr angegriffenen Nerven so zugesetzt, daß ich einen heftigen Rückfall des auf Sumatra mir zugezogenen Malariafiebers erlitt und ein paar Tage lang im Schiffslazarett das Bett hüten mußte. Im Indischen Ozean gab es dann nochmals einen kleinen Schreck. Wir wurden von einem englischen Kriegsschiff angehalten, und Offiziere kamen an Bord, um nach deutschen Flüchtlingen zu fahnden. Ich dachte wieder an meinen Paß, der mit seinen Rasuren vor einer gründlichen Kontrolle nicht bestehen konnte. Aber als ich an die Reihe kam, da sagte der Zahlmeister, auf mich zeigend, zu den Offizieren: „Ein armer Belgier“, und diese Vorstellung machte auf die guten Engländer solchen Eindruck, daß sie meine Papiere gar nicht zu sehen begehrten, sondern abwinkten. Im +Roten Meere+ wiederholte sich dieses Schauspiel, das Anhalten und Revidieren durch Engländer, noch dreimal, und jedesmal schlüpfte ich als bedauernswerter „armer Belgier“ ohne schärfere Kontrolle durch. Meine belgische Maske kam mir also außerordentlich gut zustatten, desgleichen aber auch der Umstand, daß ich mich nicht nur bei meinen Zwischendecksgenossen, sondern auch bei den Mannschaften und Offizieren des Dampfers mit bestem Erfolg „angebiedert“ hatte und mich bei allen des größten Wohlwollens erfreute. Ja, ich glaube beinahe, selbst im Fall meiner Entlarvung hätte man mich in Schutz genommen! Nun ging es durch den +Suezkanal+, der von Verteidigungsanlagen und Franzosen, Engländern und Indiern, besonders aber Indiern, förmlich starrte. Fortwährend mußte ich bei der Durchfahrt an jenen fernliegenden Tag denken, an dem ich als ganz junger Mann zum erstenmal gen Osten gezogen war, und an die vielen anderen Tage, an denen ich zwischen Europa und Indien hier durchgekommen war — aber damals immer erster Klasse und als Herr, nicht im Zwischendeck und zerlumpt, wie jetzt ... Auch +Port Said+ wurde glücklich passiert, ich durfte mir hier sogar an Land die Beine vertreten. Im Mittelmeer wurden wir noch einmal von einem französischen Kreuzer angehalten und revidiert, aber auch dieser Kelch ging an mir vorüber. Dann kamen wir in +Neapel+ an, und hier verließ ich unter dem Vorwand, daß ich noch einen Bruder in der französischen Schweiz hätte und ihn besuchen wollte, das Schiff. Wir befanden uns damals mit Italien noch nicht im Kriege. Vom deutschen Konsul, dem ich mich zu erkennen gab, erhielt ich ohne weiteres einen Paß für die Heimfahrt. Und so reiste ich denn mit der Eisenbahn ohne weitere Zwischenfälle nach Deutschland zurück, in mein Heimatland ... Ich war frei — und hinter mir in weiter Ferne lag mein zerbrochenes Glück, Ceylon, mein Tropenparadies! [Illustration] In unmittelbarem Anschluß an „John Hagenbeck. Fünfundzwanzig Jahre Ceylon“ ist als zweiter und abschließender Band des Werkes „Unter der Sonne Indiens“ im Verlag Deutsche Buchwerkstätten, Dresden, erschienen: John Hagenbeck: Kreuz und quer durch die indische Welt Erlebnisse und Abenteuer in Vorder- und Hinterindien, Sumatra, Java und auf den Andamanen Bearbeitet und herausgegeben von Victor Ottmann Mit farbiger Deckelzeichnung, 2 Landkarten, 32 Bildtafeln und reichem Buchschmuck Obwohl dieser zweite, +völlig selbständige Band+, wie der erste, ein +in sich abgeschlossenes Ganzes+ bildet, steht er mit dem ersten Bande des Werkes „Unter der Sonne Indiens“ doch insofern in enger Verbindung, als hier John Hagenbeck, bis zum Kriege der populärste deutsche Kolonist in Indien, wiederum in Zusammenarbeit mit Victor Ottmann, dem wohlbekannten Schriftsteller und Weltreisenden, die im ersten Bande, dem Ceylon-Buch, gesponnenen Fäden wieder aufnimmt und weiter fortführt. / Während der erste Band von „Unter der Sonne Indiens“ ausschließlich Ceylon zum Gegenstand hat, schöpft dieser zweite seine Stoffe aus der +ganzen übrigen indischen Welt+. Er behandelt zunächst die Erlebnisse und Abenteuer John Hagenbecks und seiner Freunde auf dem Festlande Vorderindiens, vom tiefen Süden bis hinauf zu den eisigen Bergregionen des Himalaja, an den Stätten der uralten indischen Kultur, unter Eingeborenen, an glänzenden Fürstenhöfen und auf der Großwildjagd in Dschungeln und Steppen. Er führt dann über +Hinterindien+ nach der fernen Wunderwelt von Holländisch-Indien hinüber, nach +Sumatra+ und +Java+, den tropisch üppigen großen Inseln mit ihren überwältigenden Naturszenerien und ihrem hochinteressanten Volksleben. Von einzigartigem, fesselnden Reiz ist ferner ein bedeutender Abschnitt des Buches, der die abenteuerlichen Erlebnisse John Hagenbecks auf den +Andaman-Inseln+ im Indischen Ozean behandelt, die bisher nur von einigen ganz wenigen Deutschen besucht worden sind, weil sie als Sitz der größten Strafkolonie von den Engländern in strengster Abgeschlossenheit gehalten werden. Auf den Andamanen hausen im Urwald die Reste +wilder Zwerg-Urvölker+, und was John Hagenbeck von diesen auf tiefster Stufe stehenden primitiven Menschen und seinem gefährlichen Zusammentreffen mit ihnen zu erzählen weiß, reiht sich dem Packendsten an, das auf dem Gebiet der Forschungs- und Reiseliteratur jemals veröffentlicht worden ist. / Wer „+Fünfundzwanzig Jahre Ceylon+“ gelesen hat, ist sicher von dem lebhaften Wunsche erfüllt, auch „+Kreuz und quer durch die indische Welt+“ kennen zu lernen, und wer den letzteren Band allein liest, ohne noch das Ceylon-Buch zu kennen, wird auch nach diesem verlangen. Es ist schwer zu sagen, welcher von beiden Bänden des großen Werkes „+Unter der Sonne Indiens+“ der reichhaltigere, interessantere ist. Man trifft wohl das Richtige, wenn man beide für ebenbürtig und in ihrer Gesamtheit, ihrer gegenseitigen Ergänzung für +das hervorragendste, fesselndste deutsche Übersee-Erlebnisbuch+ der neusten Zeit erklärt. Zu beziehen durch jede Buchhandlung Ferner ist im Verlag Deutsche Buchwerkstätten, Dresden, erschienen: Auf Großtierfang für Hagenbeck Selbsterlebtes aus afrikanischer Wildnis von Chr. Schulz Mit etwa 60 Illustrationen nach Originalaufnahmen Mit unübertrefflicher Sachkenntnis wird der Leser eingeführt in die großartige Wunderwelt der ostafrikanischen Steppe mit ihrer ungeheuren Lebenswelle an exotischen Tieren. Die in einfachem, natürlichem Plauderton geschilderten Szenen von Jagd- und Fangtagen auf Großwild setzen sich zu prächtigen, farbenfrohen Gemälden zusammen. Ein äußerst fesselndes Bild gibt Chr. Schulz über die beim Einfang wilder Tiere zur Anwendung gelangenden Methoden, die teils auf geschickte Überlistung des Opfers angelegt, teils auf der körperlichen Gewandtheit und Geistesgegenwart des Tierfängers begründet sind, an dessen Kühnheit und Todesverachtung dabei hohe Anforderungen gestellt werden. Tief ergreifend ist u. a. die anschauliche Schilderung von dem tragischen Tode eines Freundes im Kampfe mit einem angeschossenen Büffel, wobei auch der Verfasser fast das Leben eingebüßt hätte. Wir folgen dem Weidmann und Tierfänger in den dichtesten Urwald, wo nur Buschmesser und Axt den Weg zu bahnen vermag, und beobachten mit ihm bis ins kleinste hinein das rege Tierleben. Wir folgen ihm auf flüchtigem Roß in die weite Masai-Nyika, um an seinen Giraffen-, Zebra- und Antilopenfängen teilnehmen, und machen dabei Entdeckungen, die selbst alten Afrikanern bisher entgangen sind. Alle die Schilderungen über Fang, Aufzucht und Transport von Großwild bedeuten für den Leser eine völlig neue Welt, die ihm zum ersten Male in diesem Buche erschlossen wird. Äußerst anregend und belehrend verdienen die gründlichen, wissenschaftlichen, im Plauderton eingeflochtenen sehr interessanten Notizen über die Lebensweise der verschiedenen Tierarten genannt zu werden, die ebenfalls viel Neues enthalten. Der Verfasser ist aber auch ein ausgezeichneter Kenner von Land und Leuten. Unserer ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika, dem verlorenen Paradies, das ihn auf einem Teil seiner Expeditionen sah, widmet er seine liebevollste Aufmerksamkeit. Ebenso erweist er sich als scharfer Beobachter der verschiedenen Eingeborenen-Stämme und weiht den Leser in die Eigentümlichkeiten, Sitten und Gewohnheiten der einzelnen Völkerschaften ein. Der Ethnograph wie der Geograph und Naturforscher, der Kolonialfreund, der ehemalige Schutztruppenoffizier wie der Missionar wird begeistert zu dem Buche greifen. Leser sind aber nicht nur diese Kreise, sondern schlechtweg alle vaterländisch empfindenden Deutschen, und insbesondere auch die heranreifende Jugend, deren Sehnsucht nach fernen Ländern gerade in unseren Tagen keine Grenzen kennt, und deren Phantasie durch dieses Buch in natürliche gesunde Bahnen gelenkt wird. Zu beziehen durch jede Buchhandlung Ferner ist im Verlage Deutsche Buchwerkstätten, Dresden, neu erschienen: Unter den Kannibalen der Südsee Studienreise durch die Melanesische Inselwelt von ~Dr.~ Friedrich Burger Mit 31 Bildtafeln, zwei Landkarten, mehreren Kartenskizzen und reichem Buchschmuck Die australische Inselwelt gehört zu den am wenigsten erforschten Gegenden der Erde. Über die große Mehrzahl der unzähligen kleinen und kleinsten Inseln ist auch heute noch der Schleier des Unbekannten gebreitet. Gibt es doch viele unter ihnen, die kaum jemals von eines Weißen Fuß betreten wurden, und wenn auch von den wichtigeren Inseln die Küstenstriche besiedelt sind, so blieb das Hinterland größtenteils unerforscht. Besonders gilt dies auch von dem Urwald im Innern der großen Insel Neu-Guinea. ~Dr.~ Friedrich Burger, der Verfasser des vortrefflichen Buches, unternahm in den Jahren 1911 und 1912 im Auftrage des Linden-Museums in Stuttgart eine ethnologische Studienreise nach dem Melanesischen Archipel und den Salomo-Inseln, um mit den bis jetzt beinahe unbekannten Bergstämmen dieser Inseln in Verbindung zu treten. Auf dem Wege nach Neu-Britannien hielt er sich vier Monate auf den östlichen Molukken auf, wo er Gelegenheit hatte, die abgelegenen Kei-Inseln zu besuchen und ihre hochinteressanten Bewohner kennen zu lernen. Was der Forscher hierbei an Begebenheiten hochbedeutsamer Art erlebte, hat er in seinem neuen Buche niedergeschrieben. Neben einer lebendigen Schilderung der Abenteuer und Gefahren, die das Bereisen der Inseln und das Zusammentreffen mit den Eingeborenen mit sich brachte, enthält das Buch so viel Belehrendes über Sitten, Gebräuche, Aber-, Geisterglauben und Zauberei bei jenen größtenteils dem Kannibalismus frönenden, in unberührter Urkultur lebenden Volksstämmen, daß die bisherigen Forschungsergebnisse und die über jene Gegenden erschienene Literatur, insbesondere auch unsere Kenntnisse des einstigen deutschen Kolonialbesitzes in der Südsee, in bemerkenswerter Weise bereichert werden. Gründliche Beobachtungen aus der Tier- und Pflanzenwelt bilden den landschaftlichen Rahmen und geben dem Buch das Gepräge der Vielseitigkeit. Das Werk stellt sich infolge der vorzüglich gelungenen Bestrebungen des Verfassers, Erlebnisse abenteuerlicher Art mit einer Bereicherung des Wissens zu verknüpfen, auch als vorbildliches Volksbuch und Buch für die reife Jugend dar, das für Geschenkzwecke in hervorragendem Maße geeignet ist. Zu beziehen durch jede Buchhandlung Ferner ist in der Sammlung „Jäger und Forscher“ im Verlag Deutsche Buchwerkstätten, Dresden, erschienen: Unter dem Gluthimmel der Antillen Fahrten und Abenteuer von Victor Ottmann Reich illustriert Der bekannte Schriftsteller und Weltreisende bietet in diesem +ungemein lebhaft und packend geschriebenen+ Buch den literarischen Niederschlag von Erlebnissen und Beobachtungen auf einer kurz vor Ausbruch des Weltkrieges unterommenen +Westindienfahrt+. Das Werk wird um so höheres Interesse erregen, als es Länder behandelt, die +abseits der ausgetretenen+ Pfade liegen und von Deutschen nur selten besucht worden sind: die +Bahama-Inseln+, +Kuba+, +Jamaika+, +Portoriko+, +Martinique+, +Barbados+, +Trinidad+ usw., — diese farbige, heiße, abenteuerlich-romantische Inselwelt am Karibischen Meer mit ihren Negern, Kreolen und weißen Ansiedlern, ihren Tabak- und Zuckerrohrfeldern, ihren grünen Savannen, tropischen Urwäldern und meerumrauschten Korallenriffen. Bei einem Buch von Victor Ottmann ist es fast überflüssig zu sagen, daß es sich nicht um trockene Aufzeichnungen handelt. Indem der Verfasser eigene Erlebnisse mit fremden verflocht, hat er seinem Buche den Charakter einer +spannenden Reise- und Abenteuer-Erzählung+ verliehen, die den Leser von Anfang bis Ende fesselt und ihm die ferne Inselwelt mit ihren eigentümlichen Lebensverhältnissen greifbar plastisch vor Augen führt. Da infolge des Weltkrieges und unserer deutschen Abgeschlossenheit ein fühlbarer Mangel an guten neuen Reiseerlebnisbüchern herrscht, kommt Ottmanns Buch gerade zur rechten Zeit, um als +sicherlich gern gekauftes Geschenkbuch für jung und alt+ eine dominierende Rolle zu spielen. Zu beziehen durch jede Buchhandlung Ferner ist im Verlag Deutsche Buchwerkstätten, Dresden, erschienen: Jäger und Forscher Band 3 Jagd- und Film-Abenteuer in Afrika Streifzüge in das Innere des dunklen Erdteils von Chr. Schulz Der bekannte, beliebte Verfasser gibt in diesem Werk eindrucksvolle Schilderungen seiner abenteuerlichen Erlebnisse in entlegenen Gegenden unserer früheren Kolonie Deutsch-Ostafrika. In schlichter und anschaulicher Darstellungsweise macht er den Leser bekannt mit den Vorbereitungen und Einzelheiten seiner Forschungsreise in weglose Urwälder, zerklüftete Gebirge und wasserarme Steppen. Hundertfach lauernden Gefahren zum Trotz, wurden die Teilnehmer der Expedition Miterleber der seltsamsten, aufregendsten Schauspiele in Natur und Tierwelt, und häufig war es nur unter größter Lebensgefahr möglich, die interessantesten Szenen aus dem Tierleben Afrikas auf den Film zu bringen. Die fesselnden Schilderungen werden belebt durch Plaudereien über Art und Lebensgewohnheiten der beobachteten Tiere. Daneben vermitteln eine ganze Reihe charakteristischer und lustiger Anekdoten die Bekanntschaft mit den Eingeborenen. Prächtige landschaftliche Schilderungen geographischer Eindrücke neben wertvollen Bereicherungen der Kenntnisse über die Vegetation des Landes vervollständigen den Inhalt. Das Buch ist für unsere heranwachsende Jugend eine unerschöpfliche Quelle der Anregung, Unterhaltung und Belehrung und gleichzeitig jedem jungen Deutschen ein Mahner, +stets daran zu denken+, welchen wertvollen Besitz wir mit dem Verlust unserer Kolonie aufgeben mußten. Das Buch ist reich illustriert Zu beziehen durch jede Buchhandlung *** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FÜNFUNDZWANZIG JAHRE CEYLON *** Updated editions will replace the previous one—the old editions will be renamed. Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright law means that no one owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United States without permission and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to copying and distributing Project Gutenberg™ electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG™ concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you charge for an eBook, except by following the terms of the trademark license, including paying royalties for use of the Project Gutenberg trademark. 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