The Project Gutenberg eBook, Aus dem Durchschnitt, by Gustav Falke


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Title: Aus dem Durchschnitt

Author: Gustav Falke

Release Date: February 16, 2004  [eBook #11108]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DEM DURCHSCHNITT***


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Aus dem Durchschnitt

Roman

von

Gustav Falke

Hamburg

1900




Meinem Bruder Albert gewidmet.




I.


Dem undurchdringlichen Nebel des Mrzabends war eine Frostnacht gefolgt.
An der Ecke der Grtnerstrae und des Durchschnitts, in einem stlichen
Vororte Hamburgs, hatte am Morgen darauf die Gltte des bereisten,
abgenutzten Straendammes ein Opfer gefordert. Ein Droschkenpferd war so
unglcklich gestrzt, da an eine Rettung des gutgepflegten, wertvollen
Tieres nicht zu denken war. Beide Vorderbeine waren dem Dunkelbraunen
gebrochen. Schweibedeckt, mit heftig arbeitenden Lungen, lag er in dem
Kreis der schnell zusammengelaufenen Gaffer.

Der Kutscher, ein lterer Mann, stand in dumpfer Resignation dabei.

"Dat verdammte Jis, dat verdammte Jis", wiederholte er nur immer. Ein
Schlachter drngte sich durch die Menge:

"Na, Beuthien, is he henn?"

"To'n Dbel is he", brach der verhaltene Grimm des Angeredeten los. Er
warf die Peitsche mit einem Fluch auf die Erde und machte sich daran,
den keuchenden Gaul von allem Geschirr zu befreien.

Der Frager und ein junger krftiger Mann, dessen frisches,
wettergebruntes Gesicht unverkennbare Aehnlichkeit mit dem Kutscher
aufwies, waren dem hart Betroffenen behilflich.

"Harst doch man Liesch nohmen, Vadder", meinte der junge Mann.

"Schnack morgen klok", war die verbissene Antwort.

In dem Knaul der sich noch immer vermehrenden Zuschauer hielten sich
Mitleid, Neugier und Lust am Unglck die Wage. Auch fehlte es nicht an
schlechten Witzen. Vergeblich bemhte sich ein Schutzmann, die Menge zu
zerstreuen. Er lie seinen Aerger dafr an den Kindern aus, aber die auf
der einen Seite mit barschem Wort verjagten, schlossen sich auf der
anderen beharrlich wieder an.

Hatte das Publikum nur spttische Mienen, halblaute Scherze fr die
heilige Hermandad, so war die Besitzerin des Eckladens, eines
Geschftskellers, in dem sich eine Wei- und hollndische Warenhandlung
befand, um so energischer bemht, den Mann der Ordnung wenigstens durch
ihren Beifall aufzumuntern. Sie war um ihre Spiegelscheiben besorgt.

Die kleine, rundliche Frau war in bestndiger Bewegung. Unter Mittelma,
kostete es ihr verzweifelte Anstrengungen, dann und wann einen Blick auf
den Gegenstand der allgemeinen Neugier zu ermglichen.

Einmal versuchte sie sogar, sich von ihrem niedrigen Standpunkt aus
dennoch einen Anteil an der Aktion zu sichern.

"Na, Herr Beuthien, is er tot?" fragte sie mit heller, durchdringender
Stimme in das Gewhl hinein.

"Ne, man so'n bischen", rief ein vorlauter Junge zurck, unter dem
Gelchter der Umstehenden.

Ein Dienstmdchen suchte, mit unwilligem Ellbogensto die Zrtlichkeit
eines Gesellen abwehrend, die Nhe der Gergerten zu gewinnen.

"Morgen, Frau Wittfoth! ich wollt' nur fr'n Groschen Haarnadeln haben,
von die langen, wissen Sie woll. Ich komm gleich retour, will man blo
mal eben Kartoffel holen."

"Recht, Frulein, holen Sie man blo mal eben Kartoffel", lachte die
Wittfoth.

Gewandt schlpfte das Mdchen durch das Gedrnge.

Allmhlich verlor sich die Menge. Das gestrzte Tier ward bis zur
Ankunft des Frohnes durch bergeworfene Decken dem Anblick der
Vorbergehenden entzogen. Vereinzelt sich anfindende Neugierige wies der
Schutzmann sogleich weiter. Eine halbe Stunde spter zeugte nichts mehr
von dem Vorfall.

Frau Caroline Wittfoth war noch beim Sortieren der Haarnadelpckchen
beschftigt, ihr nervser Ordnungssinn hatte immer irgend etwas zu
richten, zu verndern und zu verbessern, als auch schon jenes
Dienstmdchen, mit der gefllten Kartoffelkiepe am Arm, laut und fahrig
in den Laden trat.

"Nu?" fragte sie mit strahlendem Lachen. "Haben Sie mich die Nadeln
rausgesucht?"

"Sie feiern wohl Geburtstag heute?" meinte die Wittfoth, die verlangten
Haarnadeln einwickelnd.

"Ich? Ne, wie meinem Sie das?"

"Na, ich meine man, weil Sie so vergngt sind."

"Das sagen Sie man. Mal will unsereins auch lachen. Aergern thut man
sich so schon genug."

"Haben Sie wieder was mit ihr gehabt?"

"Mit ihr nich. Mit ihr werd ich schon fertig. Aber die andere, die meint
wunder, was sie ist, und mu sich doch auch man selbst kratzen, wenn ihr
was beit."

"Nu aber raus", rief Frau Caroline lachend, beleidigtes Feingefhl
erheuchelnd. Die andere lie sich jedoch gemtlich auf dem einzigen
Rohrstuhl an der Tonbank nieder.

"Die? das glauben Sie gar nich", fuhr sie fort auszukramen. "Nchstens
it sie auch nicht mehr vor Faulheit. Meinen Sie, sie stippt einen
Finger in Wasser? I bewahre, knnt ja na sein".

"Wie man nur so sein mag", ging Frau Caroline auf die Unterhaltung ein.
"Wenn ich die Mutter wre".

"Die? die stellt nichts nich mit ihr auf".

"Der Herr sollte sie man mal ordentlich vornehmen". Die Wittfoth machte
eine bezeichnende Handbewegung.

"Dreimal auf'n Tag und dchtig", eiferte das Mdchen. "Aber Herrjeses!
ich verge mir ja ganz. Na, das wird'n schnen Segen geben. Sie hat so
keinen Guten heute".

Sie ri ihre Kartoffelkiepe an sich und strzte mit einem vertraulichen
"Sch Frau Wittfoth" fort, mit klirrendem Schlag die Thr hinter sich
schlieend.

"Deernsvolk!" schalt die zusammenschreckende Frau hinterher.




II.


Frau Caroline Wittfoth war die Witwe eines kleinen Hafenbeamten, der ihr
auer einer geringfgigen Pension soviel hinterlassen hatte, da sie die
Wei- und hollndische Warenhandlung von der erkrankten Besitzerin
kaufen konnte. Vier Jahre hatte sie seitdem das gut eingefhrte Geschft
mit Glck fortgesetzt und erweitert. Klug und unternehmend, hatte sie
sich bald in die neuen Verhltnisse hineingearbeitet. Sie wute, was sie
wollte. Die Geschftsreisenden merkten, da sie der kleinen hellugigen
Frau nichts aufschwtzen konnten und respektierten ihre
Geschftstchtigkeit.

Mehr Mhe und Verdrielichkeiten hatten ihr im Anfang die jungen Mdchen
gemacht, deren sie zwei bentigte, eine Verkuferin und eine Schneiderin
fr die Anfertigung der Dienstmdchenkostme.

Sie hatte viel wechseln mssen. Die meistens ungebildeten,
anspruchsvollen Mdchen suchten der kleinen, in manchen Dingen selbst
noch unerfahrenen Frau durch freches Wesen zu imponieren. Aber Frau
Caroline Wittfoth lie sich nicht in ihrem eigenen Hause "kujonieren".
Sie hatte immer kurzen Proze gemacht und, wenn ntig, alle acht Tage
gewechselt, bis sie schlielich die brauchbaren Persnlichkeiten
gefunden und sich in diesem tglichen Kampfe gegen Widersetzlichkeit,
Unordnung und Trgheit soweit geschult und gesthlt hatte, da sie sich
fortan in Respekt zu setzen wute.

Seit einem halben Jahr hatte sie ihre Nichte Therese Sa, die Tochter
einer verarmt verstorbenen Schwester, zu sich genommen, ein
zweiundzwanzigjhriges, schwchliches, etwas verwachsenes Mdchen, das
erkenntlichen Charakters die Frsorge der Tante durch hingebende
Pflichttreue vergalt. Therese war sehr geschickt im Schneidern und
erlebte die Genugthuung, da neuerdings auch einzelne Damen der
Nachbarschaft ihre einfachere Garderobe, Haus- und Morgenrcke, von ihr
anfertigen lieen.

Die Wittfoth selbst verstand nichts von diesem Zweig ihres Geschftes,
und besorgte lediglich den Laden und die Wirtschaft, wobei sie von einem
zweiten jungen Mdchen untersttzt wurde.

Die achtzehnjhrige blhende Blondine mit den groen grauen, blitzenden
Augen wute ihre Prinzipalin gut zu nehmen. Anstellig und gewandt, war
sie mit Erfolg bestrebt, sich der Wittfoth unentbehrlich zu machen und
sie durch kluges, einschmeichelndes Eingehen auf ihre Schwchen und
Eigenheiten zu gewinnen. Auch die Kunden fesselte das hbsche Mdchen
durch sein geflliges, entgegenkommendes Wesen.

Mit der stillen, freundlichen Nichte ihrer Herrin hatte Mimi Kruse eine
wrmere Freundschaft geschlossen. Von Natur gutmtig, fhlte sie Mitleid
mit der krnklichen, in einer freudlosen Jugend Verkmmerten, und diese
empfand das frische, immer gleich heitere Wesen Mimis als belebenden
Sonnenstrahl in dem Einerlei ihres zum Verzicht auf jede lautere
Lebensfreude verurteilten Daseins.

So lebten die drei Frauenspersonen wie in Familienzusammengehrigkeit.
Oft kam ein Neffe der Witwe zum Besuch, Hermann Heinecke, ein
Volksschullehrer. Der junge Mann war der Sohn ihres Stiefbruders, der im
Mecklenburgischen eine kleine Landstelle besa.

Hermann verkehrte gerne bei der Tante, der jungen Mdchen wegen. Der
verwandtschaftlichen Freundschaft fr Therese gesellte sich eine
aufrichtige Wertschtzung ihres sanften, geduldigen Wesens und ihres
feineren, tieferen Seelenlebens. Doch die Ergebenheit, die er seiner
Cousine entgegenbrachte, hinderte ihn nicht, der hbschen Verkuferin
seiner Tante gleichzeitig ein warmes Interesse zu schenken.

Mimi hatte keinen glhenderen Verehrer, als Hermann Heinecke. Sie wute
das und verwandte alle kleinen Knste der Koketterie, um ihn an sich zu
fesseln.

Das gutmtige, etwas fade, von einem dnnen blonden Bart umrahmte
Gesicht des jungen Mannes war eigentlich nicht "ihre Nummer", wie sie zu
sagen pflegte. Ihre Schwrmerei waren die Schwarzen, Kraushaarigen.

Die goldene Brille, die Hermann trug, shnte sie jedoch wieder etwas mit
seinem Gesicht aus. Sie hatte, wie die meisten jungen Mdchen, eine
Vorliebe fr Augenglser, unter diesen wieder das Pincenez bevorzugend.
Die Brille verlieh dem ziemlich ausdruckslosen Gesicht des Lehrers ein
bedeutenderes Ansehen. Die freundlichen blauen Augen sahen ohne diesen
Schutz etwas blde in die Welt, gewannen dahinter versteckt jedoch an
Glanz und Leben.

Auch der Umstand, da die Einfassung der Brille von Gold war, fiel bei
Mimi Kruse durchaus ins Gewicht. Schenkte sie ihre Beachtung einmal
einem Herrn, der eigentlich gegen ihren Geschmack war, so mute sie
hierzu triftige Grnde haben, zum Beispiel die Aussicht auf nahe und
auskmmliche Versorgung. Und die bot ein junger Lehrer immerhin. Der
Neffe ihrer Prinzipalin war seit Michaelis fest angestellt, hatte ein
gesichertes Einkommen und war pensionsberechtigt. Dafr durfte er schon
blond sein und einen schlichten Scheitel tragen.

Hermann hatte den beiden Mdchen versprochen, sie am ersten Ostertage
spazieren zu fhren, und kam nun am Freitag vor dem Feste, noch abends
um 9 Uhr, um seine Einladung zu wiederholen und das Nhere zu bereden.
Man wollte bei gnstigem Wetter einen Nachmittagsspaziergang machen und
am Abend ein Theater oder Konzerthaus besuchen. Bei schlechter Witterung
sollte auf dem Dammthorbahnhof oder in der Alsterlust der Kaffee
getrunken werden.

Die Mdchen waren mit Freuden bereit. Namentlich Therese, der so selten
ein Vergngen wurde, freute sich wie ein Kind.

Mimi brachte sofort die Frage auf. Was ziehe ich an?

Hermann sah sie am liebsten in heller Kleidung, und sie ging sogleich
auf seinen Wunsch ein, ihr hellblaues Wollkleid anzulegen. Von Theresens
Anzug war nicht die Rede. Ihre Garderobe war nicht sehr reichhaltig.
Auch trug sie nur schwarz.

Anstandshalber hatte man auch die Tante eingeladen, in der
Voraussetzung, da sie ablehnen wrde. Man wute, da sie um keinen
Preis an irgend einem Tage ihr Geschft schlo und etwas darin suchte,
zu Hause zu bleiben, wenn andere ausgingen. Sie hatte berhaupt einen
Hang, die Mrtyrerin zu spielen, die von allen Kindern Gottes das
geplagteste war.

Trotzdem atmete Hermann auf, als sie ganz entrstet die Zumutung
zurckwies, am Nachmittag des ersten Ostertages ihren Laden zu
schlieen. Sie hatte tausend Grnde dagegen. Gerade an diesem Tage htte
sie noch in jedem Jahre die glnzendsten Geschfte gemacht. Fr sie gbe
es keine Feiertage. Wie das wohl werden sollte, wenn sie spazieren
laufen wollte. Und damit burrte sie zum Zimmer hinaus, da die
Ladenglocke schellte.

"Therese, komm mal nach hinten", rief sie gleich darauf wieder durch die
hastig aufgerissene Thr. "Frulein Behn will Ma genommen haben."

Mit Meterma und ihrem Notizbchlein folgte Therese.

Mimi sa am runden Sophatisch. Sie hatte die niedrige Lampe aus
blulichem Milchglas dicht vor sich gerckt und war beschftigt, die
dnnen, schmiegsamen Stahlstbchen in der Taille eines hellen
Mdchenkleides zu befestigen. Der Schein des Lichtes fiel voll auf ihre
etwas groen, aber weichen, schngeformten Hnde, die gut gepflegt
waren, wenn auch nicht jede Spur huslicher Thtigkeit sich hatte
entfernen lassen.

Mit etwas gezierter Haltung des kleinen Fingers fhrte sie die Nadel.
Die gleichmige Bewegung der vollen, rosigen Mdchenhand, an deren
Mittelfinger ein schmchtiger Ring mit einem falschen grnen Stein matt
glnzte, fesselte Hermanns Blick.

"Wie mgen Sie nur diesen falschen Stein tragen, Frulein Mimi", sagte
er.

"Schenken Sie mir einen echten, Herr Heinecke", entgegnete sie, ohne
aufzusehen.

"Wenn Sie ganz artig sind", scherzte er.

"Bin ich das nicht immer?"

Sie sah ihn jetzt an, mit einem versteckten Spott in den grauen Augen,
der ihm entging.

In der Vorfreude auf den lange ersehnten Ausgang mit ihr erschien sie
ihm heute doppelt verfhrerisch. Mit ihr allein jetzt, und so schnell in
diese verfngliche Unterhaltung geraten, fhlte er sich ganz in der
Gewalt ihrer Reize.

Ohne auf ihre Frage zu antworten, stand er auf und stellte sich
schweigend neben ihren Stuhl, der Weiterarbeitenden zusehend.

Ein schwacher Veilchenduft, ihr Lieblingsparfm, das sie jedoch diskret
gebrauchte, stieg zu ihm auf.

Er zog den Duft ein.

"Ah, Veilchen."

"Das letzte Trpfchen", lachte sie. "Wenn's verflogen ist, ist es aus
mit der Veilchenherrlichkeit."

"Dann bleiben die Rosen."

"Wie so?"

Er berhrte mit dem Rcken der rechten Hand sanft ihre linke Wange.

"Wie Feuer."

Sie schlug nach ihm.

Sie hatte ihn krftig getroffen. Der Fingerhut entflog ihr bei dem
Schlag und rollte durchs Zimmer unter den altmodischen Sekretr aus
Eichenholz, dessen Messingringe und Schlssellochumkleidungen der
Verdru der jungen Mdchen waren, denn nie konnte dieser Zierat der
Wittfoth glnzend genug leuchten.

Hermann, auf der Verfolgung des Ausreiers, lag buchlings auf dem
Fuboden und angelte und fegte pustend und chzend mit einem langen
hlzernen Stricksticken der Tante unter dem ziemlich tiefen Mbel umher,
als das Zimmer von auen geffnet und die helle Stimme der Tante laut
wurde:

"Unser Wohn- und Arbeitszimmer, Frulein."

Gleichzeitig erschien Frulein Behn in dem Rahmen der Thr, noch ehe die
Wittfoth die ungewhnliche Lage ihres Neffen recht gewahrte.

In grter Verwirrung schnellte Hermann empor, mit bestaubten Aermeln
und Rockschen, an welchen sich auch die unvermeidlichen Fden der
Nhstube festgesetzt hatten.

Schallendes Gelchter begrte ihn, in das er notgedrungen einstimmte.

"Frulein Behn, mein Neffe, Herr Heinicke", stellte seine Tante vor.

Die junge Dame ma den Neffen mit etwas spttischem Blick, der jenem
entging, da er bei seinem demtigen Ritterdienst die Brille vorsichtig
abgenommen hatte und noch immer zwischen Daumen und Zeigefinger der
linken Hand ngstlich von sich abhielt.

Therese beendete die komische Szene, indem sie sich mit der
Kleiderbrste an die Reinigung ihres Vetters machte.




III.


Der Ostermorgen versprach einen heiteren, wenn auch etwas khlen
Festtag. Voller Sonnenschein lag ber der herben Frhlandschaft, als die
Glocken von St. Gertrud die Glubigen und Erbauungsbedrftigen zum
Gottesdienst riefen.

Auch die Wittfoth, in Begleitung Theresens, befand sich unter den
Kirchgngern. Seit sie die Kirche so bequem zur Hand hatte, da sie sie
in zehn Minuten erreichen konnte, versumte die kleine, lebenslustige,
keineswegs fromme Frau nie, wenigstens an den hohen Feiertagen die
Predigt zu hren und sich an dem Gesang des Kirchenchors zu erbauen.

"Das ist man sich schuldig", sagte sie. "Ich gehre durchaus nicht zu
den Betschwestern, aber mal will der Mensch doch auch etwas Hheres
haben. Und fr mich hat es immer so etwas Feierliches, wenn die Knaben
singen und die Orgel dazu spielt."

Therese begleitete die Tante regelmig in die Kirche, besuchte auch
hufig allein den Gottesdienst. Ihr war die Erbauung aufrichtiges
Herzensbedrfnis. Sie hatte den Glauben der hier auf Erden zu kurz
Gekommenen an den Himmel und seine ausgleichenden Freuden. Wie alle
Angelegenheiten des Herzens, umfate sie auch diese Dinge mit groer
Innigkeit und fhlte sich dabei in schmerzlichem Gegensatz zur Tante,
die auch hier ihre Oberflchlichkeit nicht verleugnete.

"Ach, ich glaub an gar nichts", erklrte die Wittfoth einmal. "Mir
soll's auch einerlei sein. Sterben mssen wir alle, und von oben ist
noch keiner lebendig wieder runter gekommen".

Eine geheime Angst hatte die kleine Frau vor dem
Lebendig-begraben-werden. Wenn es irgend anginge, sollte man sie nach
ihrem Tode verbrennen, nur nicht "einpurren".

"Dann knnt Ihr meine Asche in alle Winde streuen. Dann seid Ihr mich
los", sagte sie. "An mein Grab kommt ja doch niemand, da ist es besser,
Ihr verbrennt mich gleich".

Vor der Kirchenthr trafen Therese und ihre Tante auf Frau Behn mit
ihren Tchtern.

"Na, Frau Behn, auch'n bischen hier?" fragte die Wittfoth.

"Dat is ja nu mal de Dag dorto", meinte die Angeredete, die zum Aerger
ihrer vornehmen Aeltesten gerne platt sprach.

Frulein Lulu musterte mit lssigem Gru die Toiletten der Tante und
Nichte.

"Dann beten Sie man recht", lachte die Wittfoth der Mutter zu, gltte
schnell die Falten ihres vergngten rundlichen Gesichts zu
andachtsvollem demtigem Ausdruck und drngte sich mit dem allgemeinen
Strom durch den etwas engen Eingang in die freundliche, erst neu erbaute
Kirche.

Mimi Kruse htete inzwischen den Laden. Ihr war die Kirche nichts als
ein Haus mit einem Turm. Seit ihrer Konfirmation hatte sie nur einmal
wieder eine Predigt gehrt, das heit, eine solche in den Kauf genommen
zu dem Gesang des Kirchenchors, um dessen willen eine Freundin sie mit
in die Kirche "geschleppt" hatte. Denn der Kirchenchor war gerade Mode
geworden.

"Wenn das Herz man gut ist, das Beten thut's nicht", behauptete sie, und
entschlug sich im Vertrauen auf ihr gutes Herz aller christlichen
Uebungen.

Auch jetzt hatte sie statt des Gesangbuches den Generalanzeiger neben
sich auf dem Fensterbrett liegen und berflog den Roman im Feuilleton.
Ihre Gedanken weilten jedoch nur zur Hlfte bei der schnde verlassenen
Grfin, die andere Hlfte gehrte dem blauen Kleid, das sie am
Nachmittag anziehen wollte, und an dem noch allerlei kleine
Ausbesserungen und Aenderungen vorzunehmen waren.

Mimi wollte hbsch sein an Hermanns Seite, der mit seinem sonntglichen,
dunkelblauen Ueberzieher, dem weichen hellgrauen Filzhut, den
"Bismarckfarbenen" und der goldnen Brille immer so nobel aussah.

Wenn er nur nicht so langweilig sein wollte, so lstig durch seine
unaufhrliche Kurmacherei. Am meisten zuwider war ihr sein bestndiges,
verliebtes Anlcheln. Ihr Schlag am Freitag Abend war ernst gemeint
gewesen. Sie hate diese "Antatzerei", wie sie es nannte. Als er dann
der Lnge nach auf dem Fuboden lag, war er ihr sehr lcherlich
erschienen.

Heute aber, zum Ausgehen, war er ihr gut genug. Er war nicht
"angewachsen", gab gerne und mit einer gewissen Prahlerei. Mimi dachte
schon an die Chokolade, Trtchen und Liqueure, die er ihr am Nachmittag
spendieren wrde.

Ein wenig Schatten in ihre Vorfreude warfen nur die Wolken, die in
krzeren oder lngeren Zwischenrumen die Sonne berzogen. Besorgt sah
sie auf. Es wre doch zu rgerlich, wenn sich das Wetter nicht halten
wrde. Wenn es regnete, was sollte sie dann anziehen?

Und wirklich fielen jetzt groe, schwere Tropfen, denen sich bald
weiche, zerflieende Schneeflocken beimischten, gegen die Scheiben.

Mimi nahm eine Rolle Zwirn und warf sie wtend durch das ganze Zimmer.
Ihre Stirn legte sich in bitterbse Falten, und dem unmutig verzogenen
Mund entfuhr ein derbes Wort.

Die Flocken verdichteten sich, die Sonne verschwand ganz. Wirbelnd fegte
der lose Schnee um die Straenecken, als wre es Weihnachtszeit und
nicht Ostern.

Trotzdem stellte sich Hermann am Nachmittag zur bestimmten Stunde ein,
in Gummischuhen und dickem Flausrock. Statt des hellen, weichen
Knstlerhutes schwenkte er eine steife, bienenkorbartige Kopfbedeckung
heftig in der Hand, um sie von den Schneeflocken zu befreien. Da die
bente, angelaufene Brille ihn am Sehen hinderte, blieb er unbeholfen
in der Thr stehen.

"Eine schne Bescherung, meine Damen, der reine Winter", nselte er
verschnupft.

"Wie schade", bedauerte Therese. "Aber vielleicht klrt sich's noch
auf."

"Klrt sich was", brummte Mimi. "Wird'n netter Matsch sein."

"O, ich stelle Ihnen meine Galoschen zur Verfgung, gndiges Frulein",
scherzte Hermann.

"Hchst ungndiges Frulein", verbesserte Therese. "Mimi trauert um ihr
helles Kleid."

"Fllt mir nicht ein", leugnete diese. In Wahrheit war sie sehr
migestimmt, sich nicht nach Vorhaben putzen zu knnen. Auch Hermann sah
nicht so aus da man viel Staat mit ihm machen konnte. Eine verfehlte
Partie, dachte sie.

"Meinetwegen lat uns zu Hause bleiben," meinte aufrichtig Therese.

"Mir ist's auch gleich", stimmte Mimi bei, und die Partie drohte
wirklich noch im letzten Augenblick zu Wasser zu werden, als die
Wittfoth den Ausschlag gab.

"Was?" schalt sie. "Das sind junge Leute, und frchten sich vor Schnee?
Marsch, fort mit Euch!"

"Man nich so eitel, Frulein", wandte sie sich direkt an Mimi. "Sie sind
noch lange hbsch genug. Wenn der Rechte kommt, sieht er nicht erst aufs
Kleid."

"Das mein ich auch", bekrftigte Hermann eifrig. "Wenn die Rose selbst
sich schmckt, schmckt sie auch den Garten."

"Nun wird's Zeit", rief die Wittfoth, "wenn Schiller erst redet."

"Rckert, liebe Tante", belehrte Hermann.

Die liebe Tante berhrte diese Belehrung und wandte sich an Therese:
"Da Du Dich mir warm anziehst, Kind. Du weit, Du bist gleich erkltet.
Und da Ihr mir fahrt heute Abend, hrst Du Hermann? Die Abendluft ist
so gefhrlich."

Mimi, die sich mrrisch zum Ankleiden entfernt hatte, kam wie verwandelt
wieder. Sie lachte ber das ganze Gesicht.

Sie trug ein schlichtes graues Kleid, eine knapp anschlieende schwarze
Plschjacke, ein schwarzes, langhaariges Mffchen und ein dunkelbraunes
kokettes Pelzbarett, das ihr allerliebst stand. Ein Blick in den Spiegel
hatte sie schnell ber das blaue Kleid getrstet, und hchst zufrieden
fand sie sich wieder bei den andern ein. Sie war der Wettermacher. Ihre
Stimmung war immer ausschlaggebend, sie hatte etwas mitreiendes,
dominierendes in ihrem Wesen.

Hermann war glcklich ber diesen schnellen Umschlag ihrer Laune und
bemerkte mit Wohlgefallen ihr vorteilhaftes Aussehen. Therese freute
sich, wenn andere sich freuten, und so nahm man gut gelaunt von der
Tante Abschied.




IV.


Die Wittfoth hatte sich eine Tasse starken Kaffee bereitet, ihr
Lieblingsgetrnk, der zwar fr die vollbltige, nervse Frau das reine
Gift war, dem sie jedoch mit wahrer Leidenschaft zusprach. Wenn Frau
Caroline von "einer Tasse Kaffee" sprach, so war das nur der einfachere
Ausdruck fr ein geflltes Kannenma. Heute, zur Feier des Festtages,
hatte sie sogar noch fr eine Tasse ber das gewhnliche Ma gesorgt,
sich guten Rahm statt der sonst bei ihr blichen Milch gegnnt und neben
der gefllten Zuckerschale einen selbstgebackenen Kuchen gestellt.

Seit Jahren kam zu allen Festlichkeiten ein solcher Kuchen, ein groer,
flacher Platenkuchen mit Zucker- und Mandelaufgu auf den Tisch. Wer
dieses Gebck nicht genug zu wrdigen wute, hatte es mit der kleinen
Frau verdorben. Ihr Platenkuchen war ihr Stolz.

Behaglich in den tiefen Lehnstuhl fast versinkend, lie sich die
Wittfoth ihren Festkaffee vortrefflich schmecken. Sie steckte ihre
Nharbeit in die Ecke des Sofas und nahm sich vor, den Rest des
Nachmittags mit gemtlichem Nichtsthun zu verbringen. Sie wollte auch
ihren Feiertag haben. Sie mute sich wahrlich genug plagen. "Ich wundere
mich nur, da mir der Kaffee noch so gut schmeckt", sagte sie oft.

Im Grunde hatte sie wenig Ursache zum Klagen. Die Mdchen nahmen ihr
alle Arbeit ab. Selbst die Kche brauchte sie nicht allein zu besorgen.
Dennoch war sie berzeugt, da niemand so mit Arbeit berbrdet sei wie
sie.

Sie war immer in Bewegung und meistens in unntiger. Sie war berall und
nirgends, bald in der Kche, bald im Laden oder im Arbeitszimmer, hier
einen Topf oder eine Pfanne, dort einen Flicken oder einen Bindfaden
aus dem Wege rumend, um ihn an anderer Stelle abzulagern, wo er oft
noch mehr im Wege war. Alle Augenblicke seufzte sie "meine Beine, meine
Beine" und brummkreiselte doch wieder ruhelos auf ihren kurzen Beinen
weiter. Kein Wunder, wenn sie am Abend "von all der Arbeit" mde war.

Auch jetzt hatte sie sich, trotzdem sie allein war, mit ihrem
Gewohnheitsseufzer "Meine Beine, meine Beine" niedergelassen. Der
duftige Trank regte ihre Lebensgeister an, der Kuchen war nach ihrem
Geschmack vortrefflich geraten, und ein seltsames Wohlgefhl berkam
sie.

Aus einer der ber ihrem Keller gelegenen Etagenwohnungen drang
gedmpftes Klavierspiel zu ihr: Zwei Teile des Donauwalzers von Strau
und dann Ketterers beliebtes Salonstck "Silberfischchen".

"Schnutentante klimpert wieder", sagte die Wittfoth im Selbstgesprch.
Schnutentante war eine vierzehnjhrige "hhere Tochter", der sie wegen
ihrer das Normalma berschreitenden Nase diesen Namen beigelegt hatte.

Aber das Klimpern war der einsamen Kaffeetrinkerin nicht unangenehm. Die
Musik stimmte sie sentimental. Das Gefhl des Alleinseins berkam sie,
die wohlthuende Empfindung des Mitleids mit sich selbst.

Das Wetter drauen war fortgesetzt unfreundlich. Der Wind warf einzelne
Regen- und Schneeschauer gegen die Fenster, die in gleicher Hhe mit dem
Trottoir lagen.

Frau Wittfoth freute sich doch, zu Hause geblieben zu sein. Der Ofen
strahlte so gemtliche Wrme aus. Gott sei Dank, da sie nicht drauen
"rumzupatschen" brauchte.

Aber die Musik von oben fhrte ihre Gedanken den jungen Leuten nach, ins
Konzerthaus. Sie hrte so gerne Musik. Als ihr Seliger noch lebte,
besuchten sie hufig die Gartenkonzerte bei Mutzenbecher, jetzt
Hornhardt, auf St. Pauli, oder im "Zoologischen".

Das war lange her.

Jetzt, mit den Jungen, machte es ihr nur halbes Vergngen. Sie fhlte
sich berflssig in deren Gesellschaft.

Aber war sie denn nicht auch noch jung? Waren denn fnfunddreiig Jahre
ein Alter?

Zu den achtzehnjhrigen Backfischen allerdings pate sie nicht mehr.
Aber um schon auf alle Lebensfreuden zu verzichten, sich zum alten Eisen
zu rechnen, war es doch noch zu frh.

Freilich, eine alleinstehende Witwe in ihren Jahren mu sich schon
zufrieden geben. Man mu froh sein, wenn man nur im Stillsitzen seinen
guten Ruf wahrt. Dem Klatsch entgeht man nimmer.

Was war das doch fr ein Gerede damals gewesen, mit dem hbschen
Reisenden von Rosinsky und Shne. Weil sie hflich gegen Herrn
Bellermann war, sollte sie natrlich Heiratsabsichten haben. Als ob es
nicht ihre Pflicht gewesen wre, im Beginn ihrer Geschftsthtigkeit
sich mit Kunden und Lieferanten auf mglichst guten Fu zu stellen.

Und wie viele Nachfolger hatte Herr Bellermann gehabt. Bald war es der,
bald jener, den sie kdern, oder der nach ihr seinen Haken auswerfen
sollte. Und immer waren die Leute boshaft genug, nicht von ihrer Person,
sondern von ihrem Geschft zu reden. Als ob sie nicht immer noch
ansehnlich genug sei.

Jetzt war es Herr Pohlenz, der Stadtreisende von Mller und Lenze, der
groen Knopffabrik, der Absichten auf sie haben sollte. Nun ja, diesmal
hatten die Leute ja recht. Ein Blinder mute sehen, da Herr Pohlenz auf
die Firma Caroline Wittfoth spekulierte. Aber lieber ginge sie in die
Alster, als da sie diesen Pohlenz heiratete. Schon vor seinen feuchten,
kalten Hnden schauderte ihr.

Dann lieber den alten Beuthien, der schon einmal Andeutungen gemacht
hatte. Zwar nahm sie es damals fr Scherz und nahm es auch noch dafr.
Aber gesetzt, er htte die Absicht, lieber den Droschkenkutscher als den
Pomadenhengst mit den Leichenhnden.

Aber was fiel ihr denn ein, wie kam sie doch nur jetzt auf diese
Heiratsgedanken? Sie mute ber sich selbst lachen.

Sie fllte zum dritten Mal ihre Tasse und schob ein lngliches Stck
Kuchen in den Mund, als die Ladenglocke ging.

Sie hrte am schweren Auftreten, da mnnliche Kundschaft sie beehrte.

Es war der junge Beuthien, der sonntglich gekleidet vor der Tonbank
stand.

Er bat um einen neuen Halskragen.

"Welche Nummer, Herr Beuthien?"

Ja, wenn er das wte, lachte er. Seine Kragen wren ihm zu eng
geworden. "Dat kniept all bannig".

Sie legte ihm verschiedene Weiten vor, und er pate sie unbeholfen an.
Da er sich nicht entschlieen konnte, half sie ihm und legte eigenhndig
einen Kragen um seinen Hals.

"De pat", empfahl sie.

Als er gewhlt hatte, mute sie ihm wieder behilflich sein, die kleinen
widerspenstigen Hornknpfe durch die neuen steifen Knopflcher zu
drcken. Seine groen plumpen Finger waren nicht geschickt dazu.

Sie hatte Mhe davon, und es dauerte lange. Sein rotblonder Bart
kitzelte sie auf der Hand. Er hob das Kinn hher, und sie bewunderte
seinen braunen krftigen Hals.

Beim Umlegen der Krawatte ging er etwas ungestm zu Werke, so da das
Halsband ri.

"Dunner", schalt er. "Dat Schiet is mr".

Verlegen besah er den Schaden. Aber es lie sich nichts daran ndern,
und er verstand sich dazu, einen neuen Slips zu fordern.

Sein verlegener Aerger rhrte sie. Und da seine Krawatte noch so gut wie
neu war, erbot sie sich, den Schaden mit einigen Nadelstichen zu
reparieren.

Sie ntigte ihn in die Stube. Zgernd folgte er und nahm mit etwas
umstndlichem Gebahren auf dem angebotenen Stuhl Platz, whrend sie ihr
Nhzeug aus dem auf der Fensterbank stehenden Korb zusammensuchte.

Ein Blick auf die Strae zeigte ihr, da im Parterre gegenber Lulu
Behn wieder ihrer Gewohnheit nach am Fenster rekelte.

"Immer as'n Blomenpott vor't Finster", sagte sie und lie die Rouleaux
herunter, um jener einen Einblick zu versperren.

Beuthien schien ihre Bemerkung berhrt zu haben.

Im Begriff, sich zu setzen, kam ihr der Einfall, ihm eine Tasse Kaffee
anzubieten.

"Warum nich", nahm er dankbar an. Sie schenkte ihm ein und schob ihm den
Kuchenteller zu.

Es schien ihm zu behagen, und sie war schneller mit ihrer Arbeit fertig,
als er mit seinem Kaffee.

Sie lud ihn ein sich Zeit zu lassen, fragte nach diesem und jenem und
stillte ihre Neugier.

Als er gesprchig Auskunft gab und auch auf die Absicht seines Vaters zu
sprechen kam, sich bald zur Ruhe zu setzen, meinte sie: "Dann heiraten
Se woll gliek?"

"Ja", antwortete er scherzend. "Wlln Se min Fru sin?"

"Da fhrt wi immer fein tosamen in de Kutsch", ging sie darauf ein.

"Un mit s", lachte er und schob die geleerte Tasse von sich.

Schwerfllig erhob er sich, und sie bemerkte erst jetzt, da er ein
wenig schwankte. Er wischte sich mit dem Rcken der linken Hand langsam
ber die etwas niedrige braune Stirn und reckte die breiten Schultern.

Als sie ihm die ausgebesserte Krawatte zurckgab griff er nach ihrer
Hand und legte den Arm um ihre Taille.

"Dat laten S' unnerwegs", rief sie, sich losreiend. "So wiet snd wi ja
woll noch nich".

Er versuchte noch einmal die hinter den hohen Lehnstuhl sich flchtende
zu erhaschen.

"Nichts fr ungut, Madammchen", lachte er dann, ablassend. "Spa mu
sind, sagt der Berliner".

"All wo's hin gehrt", sagte sie pikiert.

"Na, denn nich", brummte er gekrnkt und fragte, was er schuldig sei.
Aber sie wollte fr die kleine Mhe nichts haben.

"Se fhrt mi mal ut", scherzte sie, wieder vershnlich gestimmt.

"Na, dann besten Dank und frhlich Fest".

Er gab ihr die Hand, und sein krftiger Druck zwang ihr ein leises Au
ab.

Als er fort war, stand sie wie selbstvergessen mitten im Laden und rieb
noch immer mechanisch die Stelle, wo sich die roten Spuren seiner
krftigen Finger lngst verzogen hatten.




V.


Therese und Mimi waren spt nach Hause gekommen, hatten die Vorwrfe der
Tante unter Lachen und Schmeicheleien durch ein mitgebrachtes
Veilchenstruchen und eine Tafel Chocolade erstickt, beides von Hermann
gespendet, und waren schnell ins Bett gehuscht.

Beim Frhkaffee des zweiten Festtages nun kramten sie ihre Geschichten
aus. Sie hatten sich "himmlisch" amsiert, wie Mimi versicherte. Hermann
sei "zu nett" gewesen. Sie wute, wie gerne die Wittfoth ihren Neffen
loben hrte.

Nach einer Tasse Kaffee und einem Stck Torte bei Homann, hatte man zu
Fu den Weg nach Ludwigs Konzerthaus zurcklegen mssen, da alle
Pferdebahnen infolge des schlechten Wetters berfllt waren. Auch dort
hatte man nur mit Mhe Platz an einem Tisch in der Mitte des Saales
erwischen knnen. Die unfreundliche Witterung trieb die Vergngler
schnell von der Strae in die Lokale, und auch der groe Saal des
Ludwigschen Etablissements war bald berfllt.

Froh des erlangten Sitzes, gab man sich um so empfnglicher der Musik
des vortrefflichen Orchesters hin. Das Programm bot mit Rcksicht auf
das Sonntagspublikum meist heitere Weisen, worunter natrlich ein
Strauischer Walzer nicht fehlte, Mimis Universalmittel gegen jegliche
Art von Trbsinn und Verstimmung.

Wie immer zog das hbsche Mdchen die Blicke der nher sitzenden Herren
auf sich. Auch Herrn Pohlenz begrte man von weitem. Hermann, um nicht
aus dem Felde geschlagen zu werden, hatte seine Liebenswrdigkeit
verdoppelt und zuletzt, noch vor dem Schlu des Konzertes, die Mdchen
zu einem kleinen Souper in einem benachbarten Restaurant eingeladen, wo
man vorzglich a und vor allen Dingen ungestrt genieen konnte.
Vielleicht bestimmte dieser letzte Umstand ihn besonders. Es war
jedenfalls die einfachste und nobelste Art, sich seiner Konkurrenten zu
entledigen.

Die Wittfoth hatte den frhlichen Berichten der Mdchen nichts
entgegenzusetzen. Ihr Erlebnis mit dem jungen Beuthien brannte ihr auf
der Zunge. Es prickelte sie, aber sie wute nicht den rechten Ton zu
finden und begngte sich, eine groe Zufriedenheit zu erheucheln, da
sie doch einmal einen ruhigen, ungestrten Nachmittag ganz fr sich
allein gehabt htte. Zuletzt aber mute sie doch wenigstens so viel
verraten, da der junge Beuthien sich einen neuen Kragen gekauft hatte.

"Der schne Wilhelm?" fragte Mimi mit lachendem Spott.

"Ist er eigentlich so schn?" meinte Therese, whrend die Tante, ohne
auf dies Thema einzugehen, eifrig die Tassen abrumte, mit mehr
Geklapper, als sonst ihre Art war.

Mimi erklrte Beuthien fr einen ganz ansehnlichen Mann. Fr Kchinnen,
setzte sie hinzu, und lie durchblicken, da ihre Ansprche hher
gingen. Therese fand etwas Rohes in seinen Zgen und lobte dagegen das
ehrliche, gutmtige Gesicht seines Vaters.

Mimi war der zweite Festtag frei gegeben worden, ihre Verwandten in
Bergedorf zu besuchen. Sie machte sich frh auf den Weg, und Nichte und
Tante blieben allein.

Hermann kam am Nachmittag auf eine Viertelstunde, um zu fragen, wie den
Damen der gestrige Abend bekommen sei. Er war heute, da das Wetter
freundlich geworden war, so nobel gekleidet, wie Mimi sich ihn gestern
gewnscht hatte. Man sah und hrte ihm an, wie glcklich ihn die
Erinnerung an den vergangenen Tag machte. Er brachte drei kleine
Bouquets, je eine Rose von Veilchen umgeben, berreichte, anscheinend
wahllos, der Tante die Theerose, Therese eine weie und bestimmte die
brig bleibende tiefrote fr "Frulein Kruse".

Auch ein Buch, von dem er dem Mdchen gesprochen hatte, lieferte er ab:
Rckerts Liebesfrhling.

"Liebesfrhling und Veilchenbouquets. Da kann man sich ja ordentlich was
auf einbilden", meinte die Wittfoth.

Sie stand dem Verhltnis zwischen ihrem Neffen und ihrem Ladenmdchen
nicht blind gegenber. Es amsierte sie. Eine unschuldige Kurmacherei,
die zu nichts Ernstlichem fhren wrde. Keinem wrde das Herz dabei
brechen, am allerwenigsten dem Mdchen. Uebrigens wollte sie
gelegentlich mit Hermann darber reden.

Therese hatte das Buch in Empfang genommen und bltterte mechanisch
darin.

"Mimi wird sich freuen", sagte sie und legte es vor sich auf die
Nhmaschine.

"Und Du?" fragte Hermann.

"Du weit, ich schwrme fr Gedichte".

"Und nun gar Liebesgedichte", scherzte er. "Einen ganzen Band voll
Liebe."

Sie wurde auf einmal sehr rot und machte sich an den paar kmmerlichen
Geranienpflanzen zu thun, die in irdenen Tpfen auf dem Fensterbrett
standen.

"Werft doch die elenden Stcke fort", schalt er. "Es kommt doch nichts
darnach."

"Sie wollen nicht gedeihen, zu wenig Sonne", antwortete sie.

Sie hatte wieder ihre gewhnliche, gelbblasse, krnkliche Farbe.

Zu wenig Sonne. Er fing dies Wort auf. Sie war ihm nie so schwchlich
vorgekommen, wie in diesem Augenblick.

"Ihr geht doch spazieren nachher?" fragte er. "Das Wetter ist so milde.
Sitzt nur nicht wieder den ganzen Tag hier im Keller."

"Du kennst ja die Tante", entschuldigte sie.

"Luft und Licht sind Euch beiden ntig ", eiferte er. "Also steckt die
Nase man mal hinaus."

Er reichte ihr die Hand zum Abschied.

"Willst Du schon gehen?" fragte sie bedauernd, mit aufrichtiger
Betrbnis.

"Meine Freunde warten", erklrte er.

"Kommst Du bald wieder?" bat sie.

Er versprach es.

"Adieu, liebe Tante", rief er ber den Korridor in die Kche hinein, wo
die Wittfoth mit Messern und Gabeln klapperte.

Therese gab ihm das Geleit bis an die Thr. Lange sah sie ihm nach.

Auf ihren Platz am Fenster zurckgekehrt, las sie im Liebesfrhling,
brockenweise, hier ein Gedicht, dort eine Strophe, ohne ganz bei der
Sache zu sein.

Sie wute ja, das Buch war eigentlich fr Mimi bestimmt.

Mimi und Gedichte!

Was waren der alle schnen Gefhle und erhabenen Gedanken. Was war ihr
berhaupt Hermann. Nichts mehr, als jeder andere heiratsfhige
Kurmacher.

Mimi war ein gutes Mdchen, aber leicht und oberflchlich. Und
anspruchsvoll war sie.

Wie hatte sie sich gestern alle Aufmerksamkeiten als selbstverstndlich
gefallen lassen. Und Hermann war doch kein Krsus.

Therese hatte tausend Grnde gegen eine Verbindung zwischen ihrem Vetter
und Mimi, denn sie liebte ihn selbst.

Sein gutes, freundliches, sich immer gleich bleibendes Wesen sprach sie
an. Er galt ihr fr gescheut. Sein bischen Lehrerweisheit imponierte dem
unwissenden, frh der Schule entrissenen, aber lerneifrigen Mdchen.

"Weinst Du?" fragte die Tante, in ihrer fahrigen, kreiselnden Weise ins
Zimmer tretend.

"Ich? Nein. Wie so?" stotterte Therese und versuchte zu lachen.

Bei Behns drben fuhr in diesem Augenblick eine Droschke vor. Die
Familie kehrte von einer Ausfahrt zurck.

Die Wittfoth strzte ans Fenster.

"Die knnen's. Immer nobel."

Frulein Lulu verlie als letzte etwas langsam den Wagen.

"Greif Dich man nich an," spottete die Wittfoth. "Wie sie schlappt."

Therese, solche Bemerkungen der Tante gewohnt und wenig erbaut davon,
schwieg.

"Hast Du gesehn?" fuhr diese fort. "Beim Aussteigen? Die hat ja wohl
seit acht Tagen keine frischen Strmpfe angezogen."

"So?" zweifelte Therese.

"Pechschwarz, und 'n Loch war auch drin," eiferte die Tante.

"Das kannst Du von hier sehen?" wunderte sich das Mdchen.

"Na, jedenfalls wrd' ich mich schmen, mit solchen Strmpfen
auszufahren," lenkte die Wittfoth ein. "Und noch dazu auf'n Ostern."




VI.


Lulu Behn entsprach so ziemlich ihrem Ruf. Vom Vater verzogen, dessen
Liebling die ihm hnliche Erstgeborene geblieben war, der schwachen,
etwas beschrnkten Mutter an Verstand weit berlegen, geno sie nach
Krften die bequemen Tage, die die gute Lebensstellung der Eltern ihr
ermglichte. Ihr Hang zur Bequemlichkeit artete in Trgheit aus, je
weniger die unter harter Arbeit gro gewordene Mutter vom
Selbstwirtschaften ablassen wollte, trotzdem der in den letzten Jahren
oft krnkelnden Frau von dem gutmtigen Mann in jeder Weise
Erleichterung zu Gebote gestellt wurde.

Mit Hilfe eines Dienstmdchens und der zweiten, vierzehnjhrigen Tochter
Paula, die in allem der Mutter hnelte, konnte sie recht gut den
Pflichten des schlicht brgerlichen Hauswesens nachkommen, ohne auf die
Untersttzung der lteren Tochter angewiesen zu sein.

Lulu, die frh gute Anlagen zum Lernen zeigte, hatte eine fr ihre
Verhltnisse sorgsame Ausbildung genossen. Sie war zwei Jahre in einer
auswrtigen Pension gewesen, wohin sie der Vater des Hausfriedens wegen
schickte, da Mutter und Tochter sich schlecht vertrugen.

Auch Musikunterricht hatte Lulu gehabt. Als Dame war sie ins Elternhaus
zurckgekehrt.

Die Schwester war in allem das Gegenteil. Sie zeigte unberwindliche
Abneigung gegen jedes Lernen, aber alle Talente der Mutter zum
Hauswesen. Hoch aufgeschossen, krftig, kerniger als die Mutter,
arbeitete sie, wenn es galt, mit dem Dienstmdchen um die Wette. Gab es
nichts zu scheuern, putzen, splen oder schrapen in der Kche, so
spielte sie lieber auf der Strae mit ihren Altersgenossen, am liebsten
mit den Knaben, als hinter den Schulbchern zu sitzen.

Der Vater, der sich vom einfachen Maurergesellen zum Hausbesitzer
hinaufgearbeitet hatte, war vernnftig genug, die Kleine, ihren
Neigungen und Fhigkeiten entsprechend in die Volksschule zu schicken.

"Die wird noch mal 'ne fixe Kksch," pflegte er zu sagen. "Jeder nach
seiner Art."

Trotzdem blickte er mit Stolz auf seine gebildete Tochter. Mit der
wollte er hher hinaus.

Schon zweimal htte Lulu eine anstndige Partie machen knnen, aber
beide Freier waren kleine Handwerker, Anfnger, und der alte Behn wollte
fr seine Lulu einen "Herrn".

Glcklich war er, wenn ihm das Mdchen vorspielte. Das Blumenlied von
Gustav Lange, der Kuwalzer von Strau und die Ouverture zum "Kalifen
von Bagdad" waren seine Lieblinge und Lulus Parforcestcke. Diese und
zwei oder drei andere hatte sie aus der Pension mit nach Hause gebracht
und seitdem nur noch Ludolf Waldmanns gerade populr gewordenes Lied
"Fischerin, Du kleine" hinzugelernt, Paulas Leiblied, zu dem sie
jedesmal zu Lulus Aerger den Text mit ihrer hellen, blechernen
Kinderstimme heruntersang, eine Liebhaberei, die sie mit Anna, dem
Dienstmdchen, teilte.

Lulu war trotz der Pensionserziehung im Grunde ordinr geblieben. Auf
dem Niveau ihres musikalischen Geschmacks stand ihr ganzes Seelenleben.

Sie kleidete sich mit einem Hang zum Aufflligen und sah infolge ihrer
Trgheit und Unordnung in jedem neuen Kostm bald schlampig und
gewhnlich aus. Gefallschtig, trug sie doch eine gewisse Nonchalance in
Betreff ihrer uern Erscheinung zur Schau. Sie wute, da sie hbsch
war und auch ohne tadellose Toilette die Augen der Mnner auf sich zog.

Ihre mittelgroe, wohlproportionierte Figur mit den schwellenden, etwas
zur Ueppigkeit neigenden Formen, der zarte, rosige Teint mit dem feinen
Sommersprossengesprenkel, die zierliche, gerade Nase, die blauen,
eigenartig verschleiert glnzenden Augen, das satte Blond ihrer Haare
und vor allem der sinnlich mde, lsterne Ausdruck ihres Gesichtes
machten sie jedem Manne interessant.

Das in der Pension verwhnte Mdchen hatte nach der Rckkehr ins
Elternhaus dem Herrenkreis, mit dem sie durch ihre Familie in Berhrung
kam, wenig Beachtung geschenkt. Lulu lie deutlich durchblicken, da sie
hhere Ansprche machte, und schreckte manchen ehrlichen Bewerber ab.

Als aber auch bei ihr dann das Liebesbedrfnis sich einstellte und sie,
der vornehmen Maske mde, Annherung suchte, war man in ihren Kreisen
ihrer berdrssig geworden.

Die Mutter war besorgt, die Tochter knnte auf diese Weise ganz leer
ausgehen. Ihr Mann aber meinte, mit neunzehn Jahren htte Lulu noch
keine so groe Eile.

"Tid htt se, Vadder, aber'n Baron krigt se doch nich", gab die Frau zu.

"Du mit Din Baron", schalt er, "fr'n Discher is se mi to god".

"De Hugelmann wr'n flietigen Minschen", verteidigte sie sich. "De Deern
is man krtsch".

"Kann se ok", behauptete er. "Fr'n Discher is se nich in de Pangschohn
wesen."

"Du mit Din Discher", brummte Mutter Behn.

Whrend die Eltern ber die Frage, ob "Discher" oder "Baron" noch
manchmal viel berflssige Worte verloren, segelte Lulu bereits mit
vollen Segeln in dem Fahrwasser einer Leidenschaft, dessen Quelle weit
zurck lag, in ihren Kindertagen entsprungen war.

Der alte Behn hatte als Polier geheiratet und damals ein bescheidenes
Huschen in Barmbeck bewohnt, in unmittelbarer Nachbarschaft des um zwei
Jahre frher verheirateten, lteren Schulfreundes Heinrich Beuthien, der
mit einer Droschke und zwei Pferden sein bescheidenes Fuhrgeschft
erffnet hatte.

Hier hatten die Kinder, der zehnjhrige Wilhelm und die neunjhrige Lulu
im tglichen Verkehr Freundschaft geschlossen, die die ersten
Trennungen, durch Wohnungsvernderungen bedingt, berstand, bis
allmhlich der intelligentere, vom Glck begnstigte Behn einen zu
weiten Vorsprung vor seinem frheren Schulkameraden gewann und "das
Pensionsfrulein" dem "Droschkenkutscher" entfremdet wurde.

Als nun der Zufall beide Familien wieder in einer Strae vereinigte, war
die einstige Vertraulichkeit zwischen den Eltern lngst erkaltet. Die
Vter begrten sich noch gewohnheitsmig mit Du, nannten sich aber
nicht mehr beim Vornamen, wie sonst.

Lulu war natrlich fr den Spielkameraden aus der Barmbecker Zeit jetzt
das Frulein Behn, wie er fr sie Herr Beuthien.

So peinlich ihr diese Nachbarschaft war, die auch der alte Behn nur aus
zwingenden Geschftsrcksichten auf sich genommen hatte, und so sehr sie
durch vornehme Zurckhaltung das frhere Verhltnis in Vergessenheit zu
bringen bemht war, so wenig schien er von der Nhe der Jugendfreundin
und deren jetzigen Vornehmheit geniert. Ja, er that, als htte er sie
garnicht mit auf der Rechnung. Der hbsche, von allen Weibern beachtete
junge Mann schien durchaus keinen groen Abstand zu empfinden zwischen
einem Droschkenkutscher und der in einer Pension erzogenen Tochter
eines fnffachen Hausbesitzers. Er grte sie, wie er ihre Anna,
das Dienstmdchen, grte und die Krmersfrau oder die Wittfoth und
andere Frauen und Mdchen aus den Geschfts- und Wohnkellern der
Nachbarschaft, mit der gleichgiltigen berlegenen Herablassung eines
siegesberdrssigen Don Juans.

Er war ihr gegenber entschieden im Vorteil. Das rgerte sie.

Als es mit der Vornehmheit nicht glcken wollte, suchte sie den
Unterschied ihrer Stellungen durch ein Herabsteigen aus ihrer Hhe
auszugleichen.

Als auch hier der Erfolg ihren Erwartungen nicht entsprach, und ihm
Frulein Lulu Behn noch immer mit Stiene und Mine rangierte, erwachte
die gekrnkte Eitelkeit.

Aus diesem Kampf um seine Anerkennung erwuchs ihr Interesse fr ihn zu
einer fast krankhaften Leidenschaft.

Fuhr er aus, er mute immer an ihrem Hause vorbei, war sie gewi am
Fenster. Sie lauerte ihm frmlich auf.

Der junge Beuthien war begehrliche Blicke gewohnt. Er wute bald, wie
er mit Frulein Lulu Behn daran war. Aber er hatte auch seinen Stolz.

Sie gefiehl ihm wohl. Er verstand sich auf Weiber. Aber sie war ihm
nicht mehr als hundert andere hbsche Mdchen auch.

Freilich, wenn er einmal mit ihr zu Tanz gehen knnte, wie mit der Anna,
er wrde etwas darum geben. Es wre ihm ein Gaudium. Und dann sie stehen
lassen, wie jede andere Lise.




VII.


Frher als sonst stellte sich der Frhling ein. Dem spten, aber immer
noch winterlichen Ostern folgten warme Tage. Was an Struchern im Mrz
schon seine ersten vorsichtigen Taster ausgestreckt hatte, wagte sich im
April zuversichtlich heraus.

Ueberall ein Schwellen und Knospen. Grner Hauch ber Busch und Baum. Es
gab schon einzelne heie Tage, an denen der Ueberzieher lstig wurde,
und man an die Sommergarderobe dachte.

Eine weiche, milde Luft wehte, und die Wittfoth ffnete ihr die Thr
ihres Kellergewlbes. Mit der zunehmenden Wrme stand diese den ganzen
Tag auf. Frulein Mimi hatte dann ihren bestndigen Sitz hinter der
Tonbank, weil die Glocke nicht mehr die eintretenden Kunden melden
konnte.

Die Dienstmdchen, die jetzt durch die immer geffnete Thr bequem "mal
vorspringen" konnten, hatten ihre sommerlichen, kurzrmeligen
Kattunkleider angelegt, die ihnen so gut stehen. Die frischen, vollen
Arme waren nicht mehr blau und rot gefroren.

An der Ecke gegenber, beim Gastwirt Tetje Jrgens, der unter dem
Parterre des Behnschen Hauses einen "Bier- und Frhstckskeller" seit
Jahren hatte, hielt schon die erste offene Break mit Ausflglern.
Singend waren sie angekommen, singend fuhren sie nach einem hastigen
"Stehseidel" weiter.

Es war Frhling, sonnenwarmer Frhling.

Schon in den ersten Tagen des Mai konnte der alte Behn auf dem
Holsteinischen Baum, einem Bier- und Tanzetablissement in der
Nachbarschaft, sein Glas Grogk im Freien, unter der breiten,
glasbedachten Veranda, trinken und den Uebergang von diesem
Wintergetrnk zum sommerlichen Trunk khlen Augustinerbrus
bewerkstelligen.

Im Winter pflegte er allabendlich in dem gerumigen, gemtlichen
Gastzimmer zwischen neun und zehn Uhr, nach dem Abendessen, seinen
Steifen zu trinken.

Einmal in der Woche hielt er eine lngere Skatsitzung ab.

Den Karten wurde auch im Sommer geopfert. Oft saen die Frauen und
Kinder in der Veranda bei einem Glas Bier oder einer Flasche
Brauselimonade, whrend sich die Mnner und Vter im Gastzimmer beim
Spiel erhitzten.

Es war an einem solchen Skatabend, einem Mittwoch, als Lulu Behn mit der
Mutter und Schwester in der Veranda des Holsteinischen Baums die milde
Abendluft genossen. Es herrschte ein reges Leben um sie. An jedem
Mittwoch war in den hintern Slen groes Tanzvergngen. Da sprachen die
Kchinnen und Dienstmdchen, oft nur auf ein paar Minuten, vor, "nur
einmal rum". Zu Hause wartete indessen die Herrschaft auf den Belag zum
Abendbrot.

Wer Ausgehtag hatte, kam auch wohl in Balltoilette, mit Blumen im Haar,
gefhrt von sonntglich geputzten jungen Burschen.

Schlachtergesellen in ihren gestreiften Leinenblousen, die Fleischmulde
an der Thr absetzend, drngten sich zu einem kurzen Rundtanz in den
Saal. Hausknechte traten im Vorbergehen ein, Kutscher lieen ihre
Droschke halten, sprangen vom Bock und huldigten einen Augenblick den
Freuden des Tanzes. "Damen" fanden sie immer im Ueberflu im Saal vor,
oder sie nahmen von den drauen stehenden die erste beste mit hinein. Es
gab immer neugierige oder schchterne am Eingang, denen es an Mut, Zeit
oder Geld gebrach, sich in den erleuchteten Saal zu wagen. Es war wie
vor einem Bienenkorb. Ein bestndiges Kommen und Gehen.

Lulu, die leidenschaftlich gerne tanzte, beneidete im Stillen jedes
Mdchen, das am Arm seines Liebhabers lachend und ungeduldig dem ber
alles geliebten Walzer entgegeneilte.

Nun fuhr auch noch der junge Beuthien mit seiner Droschke vor, der vier
etwas angeheiterte junge Burschen entstiegen. Jeder von ihnen trug eine
rote Nelke im Knopfloch, und auch Wilhelm war auf diese Weise
geschmckt.

"Kumm mit, min Jung", rief ihn einer seiner Fahrgste an.

"Ne, ne, lat man", strubte er sich, sah aber den Hineinschwankenden
unschlssig nach.

Ein hbsches Dienstmdchen in hellrotem Kattunkleid und sauberer weier
Schrze mit Spitzenltzchen, nickte ihm im Vorbergehen wie einem alten
Bekannten zu. Die Kleine schien seinen Entschlu zu bestimmen, und er
folgte ihr schnell.

Ob er Lulu bemerkt hatte? Es schien nicht so. Diese verging fast vor
Tanzlust, Neid und Eifersucht.

Paula hatte sich neugierig bis an die Saalthr gedrngt und kam nun mit
glhenden Wangen und leuchtenden Augen zurck.

"Du, ich hab auch getanzt", rief sie freudestrahlend und stolz.

"Du? Dummes Gr! Tf, dat vertell ik Vadder", schalt die Mutter.

Die Kleine wurde etwas bestrzt.

"Es war man blo Beuthien", suchte sie sich zu entschuldigen. "Ich
wollte erst gar nich, aber er zog mich hinein".

Lulu wurde blutrot. Diese Krabbe hatte mit ihm getanzt.

"Wie gemein", sagte sie nasermpfend.

"Ach Du", warf ihr die Kleine verchtlich ber die Schulter zu.

"Da Du mich nu hier bleibst", ermahnte die Mutter, der Nachbarn wegen,
die am nchsten Tische aufmerksam geworden waren, hochdeutsch sprechend.

"Geh mich nich wieder weg, das sag ich Dich", verspottete halblaut ein
geschniegelter Kaufmannslehrling mit hellblauer Krawatte die scheltende
Frau.

Lulu, die es hrte, errtete.

"Papa wird hoffentlich bald kommen, ich finde es unertrglich hier",
sagte sie laut und etwas affektiert, in dem Bestreben zu zeigen, da man
an ihrem Tisch auch ein reines Deutsch sprechen konnte.

Aber auch ihre gezierte Sprache fand ein spttisches Echo an jenem Tisch
ungezogener Grnschnbel.

"Ich gehe nach Hause, ich bekomme Kopfweh hier", klagte Lulu und stand
auf.

Die Mutter, gewohnt, gegen den Willen der Tochter nichts auszurichten,
lie sie gewhren.

Am Ausgang wurde Lulu unsanft bei Seite gedrngt. Jenes hbsche
Dienstmdchen, dem Beuthien in den Saal gefolgt war, hastete an ihr
vorber.

"Marie Marie!" rief der Eiligen ein amtsfreier Brieftrger nach. Aber
Marie hrte nicht.

Lulu, entrstet ber den Sto, gewahrte, sich umsehend, auch Beuthien,
eine Cigarre im Mund, langsam und wie gelangweilt aus dem Saal
zurckkommen. Von neuen Ankmmlingen am Weiterschreiten gehindert, mute
sie ihn herankommen lassen. Sie berhrten sich im Vorbergehen, aber er
sah sie nicht, oder wollte sie nicht sehen.

Verstimmt zog sie sich zu Hause auf ihr Zimmer zurck.

Ihre Lampe war nicht gefllt, und sie lie ihren Aerger an Anna aus.

"Dat is Madamm ehr Sak, Se hebben mi nix to seggen," widersprach das
Mdchen.

"Dummes Ding," fuhr Lulu auf, und eine Ohrfeige brannte auf der Wange
der verdutzten Ungehorsamen.

Ohne ein Wort zu wagen, erfllte die Gemaregelte Lulus Befehle.

Diese pltzliche Energie des sonst so gleichmtigen, phlegmatischen
Fruleins imponierte ihr so, da sie verstummte. Nur in der Kche ballte
sie heimlich eine Faust und brach eine ganze Viertelstunde spter vor
Wut in Thrnen aus.

Lulu hatte durch diese gewaltsame Entladung ihres aufgespeicherten
Unmutes ihre Gemtsruhe wieder gewonnen. Sie stand schon lange auf
keinen guten Fu mit der Anna und freute sich, sie einmal "Mores"
gelehrt zu haben.

Da die Geschlagene die Zchtigung so ruhig einsteckte, hatte sie kaum
erwartet. Das gab ihr Mut. Von jetzt an wollte sie anders auftreten.

Es war ihr, als htte sie sich mit dieser Ohrfeige zugleich an allen
anderen Mdchen gercht, auf die sie erbost war, weil sie Beuthiens
Umgang und Freundschaft genossen.

Sie lachte einmal im Genu dieser eingebildeten Rachebefriedigung auf.
Am liebsten htte sie der Roten, mit der Beuthien vorhin getanzt, die
Ohrfeige versetzt, und der Paula gleichfalls, dem dummen Gr. Sie htte
sie knuffen mgen, als sie so wichtig mit ihrem Erlebnis herausplatzte.

Anna hatte eigentlich die ihr zugefgte Schmach mit einer Kndigung
beantworten wollen, besann sich aber mit Rcksicht auf die gute
Stellung, die sie im Behnschen Hause hatte, eines andern.

Im Stillen nhrte sie von jetzt an einen glhenden Ha auf Lulu, der sie
so viel als mglich aus dem Wege ging.

Zwei Tage spter war Lulu im Laden der Wittfoth zufllig Zeuge, wie
jenes Mdchen, Beuthiens Tnzerin, erzhlte, da sie am Mittwoch mit dem
jungen Fuhrmannssohn getanzt htte.

"Das is aber'n Flotten", schwrmte sie. "De danzt', dat's 'n Staat is".

Am Sonntag wolle er wieder tanzen, erzhlte sie weiter, im Ottensener
Park. Leider aber htte ihre Madam groen Kaffee, und so knne sie nicht
fort.

"Und er bat mir doch so herzlich", schlo sie bedauernd.

Wie der Blitz kam Lulu der Gedanke: Da ist Gelegenheit. Dort kennt dich
niemand. Am Sonntag besuchst Du den Ottensener Park.

Sie dachte nach, wie sie diesen abenteuerlichen Plan am leichtesten
verwirklichen knnte. Sie war wie besessen von der Idee.

Eine in Altona wohnende Freundin fiel ihr ein, die derartigen
leichtsinnigen Unternehmungen nicht abhold sein wrde. Allein getraute
sie sich nicht zu gehen. Vielleicht hatte jenes Mdchen, eine
Mntelnherin in einem groen Altonaer Konfektionsgeschft, irgend
einen bekannten jungen Mann, der sie begleitete. Schlimmsten Falles
konnte man jenes Lokal auch ohne Herrenbegleitung besuchen.

Die Freundin ging sofort auf ihren Vorschlag ein, Feuer und Flamme fr
ein Unternehmen, das pikanteste Unterhaltung versprach.

Man verabredete alles schriftlich, und Lulu sah in fieberhafter
Aufregung dem Sonntag entgegen.




VIII.


Paula, die noch immer von der Erinnerung an jenen einen Tanz mit
Beuthien zehrte, hatte auf ihrem Schulweg ihren Tnzer getroffen. Er
hatte ihr von seinem Bock herab freundlich zugenickt, und sie hatte
seinen Gru kokett erwidert.

"Kennst Du den?" fragten drei, vier Stimmen zugleich, und ihre
Freundinnen drngten sich neugierig an sie.

"Was sollt ich den nich kennen. Ich bin sogar mit ihm zu Tanz gewesen,"
erzhlte sie.

"Das lgst Du," riefen die andern wie aus einem Munde.

"Das ist doch wahr," behauptete Paula. "Fragt ihn doch."

Unglubig trennte man sich.

Paula lechzte seitdem nach einer Wiederholung des wunderschnen
Walzers. Aber wie sollte sie es anstellen? Zum Ausreien hatte sie schon
Mut, aber wenn man sie dort she, es ihrem Vater hinterbrchte?

Sie suchte mit Beuthien nher bekannt zu werden. Sie nickte ihm zuerst
zu, wo sie ihn sah. Traf sie ihn vor seinem Stall beim Splen der
Droschken oder bei sonstiger Beschftigung, so blieb sie keck stehen und
redete ihn an.

Das erste Mal hatte er im Scherz mit der tropfenden Brste nach ihr
gespritzt. "Nu haben Sie mir meine reine Schrze na gemacht," schalt
sie ihn und zog schmollend ab. Aber schon am nchsten Tag dachte sie, ob
er mich wohl wieder spritzt, und gesellte sich vorsichtig zu ihm.

Eigentlich hatte sie schon jemand, mit dem sie "ging", einen
dreizehnjhrigen Lmmel von Jungen, einen Schler der Mittelschule. Aber
Bernhard Prnitz konnte nicht mit ihr zu Tanz gehen. So machte sie sich
keine Gewissensbisse daraus, sich neben dem, mit dem sie "ging," noch
eines andern zu versichern, mit dem sie "tanzte."

Beuthien amsierte sich ber das Kind. Heimlich that es ihm auch wohl,
da jemand aus dem Behnschen Hause seine Freundschaft suchte. Er fragte
Paula aus und freute sich, wenn die Kleine auf Lulu schalt.

"Tanzt Deine Schwester auch," fragte er sie, als sie wieder seinem
Reinigungswerk auf der Strae zusah.

"Und ob," war die Antwort. "Sie thut man immer so etepetete, aber die
hat's faustdick hinter den Ohren."

Er lachte.

"Tanzen Sie Mittwoch wieder, Herr Beuthien?" fragte sie nach einer
Pause, in der sie mit anscheinend groem Interesse beobachtete, wie er
das linke Hinterrad der Droschke um seine Axe kreisen lie, es waschend
und schmierend.

"Gewi, komm man hin, Deern," lachte er, ohne aufzusehen.

"Vor Mutter bin ich nich bange," meinte sie, "aber Lulu, das Uetz, pat
mir immer auf."

"Dann bring sie mit," scherzte er.

Lulu war entrstet, als Paula ihr diese Einladung in aller Unschuld
berbrachte.

"Das sag' ich Papa," schalt sie. "Du hast solche Dinge im Kopf?"

"Das kannst Du thun," antwortete Paula mglichst gleichgiltig. "Dann
sag' ich Papa, da Du Anna geschlagen hast."

Lulu lachte laut auf. "Zu kindlich."

Am Abend fragte sie die Schwester leise, im Vorbergehen: "Paula, ist es
wirklich wahr, mit Beuthien?"

"Was denn?"

"Ach Du weit ja, was ich meine."

"Ich lg nicht so wie Du."

Zu jeder andern Zeit wre Paulas Frechheit nicht ohne Erwiderung
geblieben. Diesmal hrte Lulu sie kaum.

Eine halbe Stunde spter war es Paula, die im Wohnzimmer leise hinter
dem Rcken der Schwester auf die Sache zurckkam. "Wenn Du's Vater
sagst, hau ich Dich," flsterte sie.

Jetzt htte Lulu gar zu gerne die gehrige Antwort gegeben, aber um die
Mutter nicht aufmerksam zu machen, mute sie auch diese angenehme
Erffnung stillschweigend entgegennehmen.

Im Grunde war Lulu das Treiben der Schwester hchst gleichgiltig. Ihr
jetzt etwas in den Weg zu legen, sie sich zu verfeinden, wre obendrein
unklug gewesen. Stand Paula mit Beuthien auf vertrautem Fu, konnte sie
ihr vielleicht noch gute Dienste leisten.

Am Sonnabend kam ein Brief der Altonaer Freundin, der Lulu zum
Geburtstag einlud und besonders betonte, den Hausschlssel nicht zu
vergessen. Man wolle recht vergngt sein, und es wrde voraussichtlich
spt werden.

"Dat is doch nett von Lene Krger, dat se noch an Di denkt," meinte
Mutter Behn. "Se war immer so'n ltt anghnglich Deern. Wat schenkst Du
ehr denn?"

Lulu entschlo sich zu einem Bouquet und einer Tafel Vanillechocolade,
die Lene so sehr liebte, wie sie sagte.




IX.


Hermann Heineckes Liebe zu Mimi Kruse war erfinderisch in allerlei
kleinen Aufmerksamkeiten gegen das hbsche Mdchen, obgleich er sich mit
Rcksicht auf Therese immer noch Zurckhaltung auferlegte. Sein gutes
Herz erlaubte ihm nicht, Mimi mit einem Geschenk, einem Bouquet, einer
Rose, oder was der Tag und der Zufall brachte, zu erfreuen und die
Cousine leer ausgehen zu lassen. Und selten hatte er ja Gelegenheit, die
Geliebte lnger als fnf Minuten alleine zu sprechen.

Nebenbei widerstrebte es seinem Stolz, Heimlichkeiten mit ihr zu haben,
sie zu bitten, der Tante und Cousine nichts zu erzhlen, wenn er ihr
eine Blume oder ein Flschchen Odeur mitgebracht hatte. So sah er sich
gentigt, alles zweifach und manchmal, um die Tante nicht
zurckzusetzen, dreifach zu spenden, und mit der Erfindungsgabe des
Verliebten den fr Mimi bestimmten Gegenstnden noch irgend einen
kleinen Ueberwert zu verleihen, aus dem sie entnehmen konnte, da er sie
auszeichnen wollte.

Nur den Ring, den er ihr gekauft hatte, damit sie den hlichen grnen
Stein ablegte, hatte er ihr doch heimlich zusenden mssen. Ein solches
Wertstck konnte er ihr unmglich ffentlich berreichen, ohne die
Kritik der Tante herauszufordern. Diese Heimlichkeit war in seinen Augen
entschuldigt.

Mimi hatte den Ring mit unverhohlener Ueberraschung und lebhafter Freude
entgegen genommen. Er ward zu einem gewichtigen Verbndeten der goldenen
Brille Hermanns. Herr Heinecke war entschieden eine hchst annehmbare
Partie, ein Verehrer, den man warm halten mute. Sie fand ihn schon
ansehnlicher, als vor acht Wochen, eigentlich doch gar nicht so bel.

Hermann freute sich der Wirkung des Ringes. Als er damals mit den
beiden Mdchen nach dem Konzert soupiert hatte und er in seiner
gehobenen Stimmung Theresens Anwesenheit strend empfand, war ihm der
lebhafte Wunsch gekommen, einmal einen Tag mit Mimi allein zu
verbringen. Aber wie sollte er das anfangen. Er durfte sie doch nicht
gradezu einladen, sie war doch immer das Ladenmdchen seiner Tante.

Und heimlich? Freilich, das Versteckspielen hat seine Reize.

Da kam ihm der Zufall zu Hilfe. Ein verabredeter
Sonntagnachmittagsspaziergang nach der Elbschlucht, einem an der
Flottbecker Chaussee gelegenen Restaurant mit wundervoller Aussicht auf
den Elbstrom, drohte durch Theresens Kopfschmerzen in Frage gestellt zu
werden, als die Tante, durch Mimis kindlich zur Schau getragene Trauer
gerhrt, antrieb, den Spaziergang doch ohne Therese zu machen.

Es war ein herrlicher Maisonntag, als die beiden jungen Leute auf dem
Rathausmarkt die Pferdebahn verlieen, um eine Droschke erster Klasse
anzurufen. Mimi, entzckt ber Hermanns Gentilitt, strahlte vor
Vergngen, als sie, bequem in den weichen Fond des sauberen Gefhrts
zurckgelehnt, wie eine Dame durch die Straen rollte.

Sie sah allerliebst aus. Ihre volle, jugendfrische Bste kam in dem
straff anliegenden schwarzen Jckchen, das sich wirkungsvoll von dem
schlichten, perlgrauen Kleid abhob, zur schnsten Geltung. Eigenhndig
hatte ihr Hermann eine dunkelrote, halberschlossene Rose ins Knopfloch
gesteckt. Ein leichtes Strohhtchen, nur mit weien, duftigen Spitzen
garniert, stand ihrem frischen lachenden Gesicht vortrefflich.

Hermann, der auch seine kleinen Schwchen besa, hatte Mimis Vorliebe
fr das Pincenez das Opfer gebracht, sich ein solches zuzulegen, und war
nun alle paar Minuten beschftigt, den ungewohnten Nasenreiter mit
seinen bismarckfarbenen Hnden--er trug mit Vorliebe diese
Modehandschuhe--wieder in den Sattel zu setzen. Uebrigens verlieh diese
Gesichtszierde ihm ein vornehmeres Aussehen, und die Wenigsten suchten
gewi in diesem distinguierten Paar einen Volksschullehrer und eine
Ladenmamsell.

Unterwegs entschlo man sich, die Fahrt, die beiden viel Vergngen
bereitete, etwas weiter auszudehnen, und befahl dem Kutscher, nach dem
eine halbe Stunde weiter elbabwrts gelegenen Parkhotel zu fahren. Von
da wollte man mit einem der kleinen Elbdampfer nach Hamburg zurckkehren
und den Tag in irgend einem Konzertgarten beschlieen.

Aber ein Blick in den Vergngungsanzeiger, der im Hotel auslag, hatte
Mimis Tanzleidenschaft angeregt, und in guter Laune beschlossen sie, auf
Hermanns Vorschlag, dem nchstgelegenen Tanzlokal, dem Ottensener Park,
einen Besuch abzustatten, wo man sich so gut wie fremd fhlen und ohne
Furcht gesehen zu werden, der hchste Vorteil einer groen Stadt, unter
die Tnzer mischen durfte.

Arm in Arm gingen sie einen einsamen Seitenweg durch die Felder; der
Umweg war ihnen willkommen.

Es war schon dmmerig. Lange Strecken gingen sie zwischen Hecken und
Knicks, oder auf schmalen Fusteigen an Wiesenrndern, ohne einen
Menschen zu treffen.

Mimi war sehr aufgerumt. Die genossene Chartreuse that ihre Wirkung.
Man alberte mit einander, suchte sich in die kleinen wasserlosen Grben
zu drngen, kitzelte sich mit langhalmigen Grsern unter die Nase und
trieb allerlei Kindereien.

Mimi war selten so animiert gewesen. Alles erschien ihr in rosigem Licht
heute, auch Hermann. Er kam ihr fast hbsch vor.

Ihre Gedanken nahmen in der Einsamkeit der Felder mit einem Mal eine
eigentmliche Richtung an, und sie erschrak mitten unter ihren
Narrheiten.

Gab es eine passendere Gelegenheit fr ihn, sich auszusprechen? Forderte
ihn nicht alles dazu auf? Ob ihm gar keine derartigen Gedanken kommen
wrden?

Sie ward stiller und ging nicht mehr auf seine Neckereien ein. Einige
Minuten gingen sie schweigend weiter, sie vorauvorausdurch die Enge des
Weges gentigt, hinter ihr.

"Sehen Sie, die blhen schon," rief sie pltzlich, stehen bleibend, und
zeigte auf einen schwankenden, berhngenden Weidornzweig, an dem die
ersten Knospen sich erschlossen hatten.

Er wollte ihr den Zweig brechen, aber sie erhob sich auf den Zehen und
streckte, den Sonnenschirm fallen lassend, beide Arme danach aus.

Da sie vor ihm stand, mute er sie gewhren lassen. Aber sie mhte sich
vergeblich, und er griff ber ihre Schulter weg gleichfalls nach dem
Zweig.

Wie sie so aneinandergedrngt standen, alles an ihrem schlanken,
jugendkrftigen Krper straff gespannt, fate es ihn mit Gewalt. Er
umfing sie und drckte der erschrocken Aufkreischenden einen heftigen
Ku auf den Mund.

Hatte sie auch an etwas derartiges vorhin mit halbem Wunsche gedacht,
und in ihrer Chartreusestimmung eine romanhafte Entwicklung dieses
Spazierganges nicht ungern gesehen, so fhlte sie sich doch bei dieser
unerwarteten Berhrung pltzlich ernchtert. Sein heier Atem, die
feuchte Wrme seiner breiten, schwlen Lippen flten ihr Widerwillen
ein. Der Bier- und Cigarrendunst aus seinem Munde erregte ihr Ekel.

Scham, Zorn und Bestrzung lieen sie anfangs auf Sekunden verstummen.
Wortlos ordnete sie ihre verschobenen Kleider. Aber der Unmut auf ihrem
Gesicht, das sich in jhem Wechsel zwischen rot und wei verfrbte,
zeigte ihm deutlich, da er zu khn gewesen war.

Betreten suchte er durch einen flauen Scherz ber die Verlegenheit
hinweg zu kommen.

"Das lassen Sie aber bitte nach," sagte sie nach einer kurzen,
peinlichen Pause. "Dann kehre ich sofort um".

"Aber Frulein, Sie werden doch nicht", zweifelte er.

"Ganz gewi", beteuerte sie.

Sie empfand schon Mitleid mit ihm. Er sah gar zu bestrzt aus.

"Wenn Leute kommen. Hier auf offenem Felde", lenkte sie ein.

"O, das hat niemand gesehen", meinte er, glcklich, sie ihre gute Laune
wieder gewinnen zu sehen.

"Sind Sie mir bse"? fragte er, sich ihr nhernd.

"Ja". Trotzig trat sie einen Schritt hinter ihn, als frchte sie eine
neue Umarmung. Der Bierdunst seines Atems hatte sie wieder gestreift.

Nun wurde auch Hermann rgerlich. Hatte sie sich nicht frei und
ausgelassen genug benommen, da er auch seinerseits sich wohl vergessen
konnte?

"Wenn es Ihnen lieber ist, Frulein Kruse", sagte er verletzt, "so
bringe ich Sie bis zur nchsten Pferdebahn. Es thut mir leid, wir waren
so vergngt, und ich bitte Sie um Verzeihung".

Sie wurde ganz rot. Was fiel ihm denn ein? Das hatte sie nicht erwartet.
Er htte freilich den Ku unterwegs lassen knnen, aber so tragisch war
doch die Geschichte nicht. Oder sollte er selbst vielleicht genug von
der Partie haben und die Gelegenheit benutzen wollen, sich ihrer fr den
Rest des Abends zu entledigen?

"O, ich finde die Pferdebahn auch alleine", gab sie ihm schnippisch zur
Antwort.

"Wenn Sie es vorziehen, bitte". Er gab ihr den Weg frei und lftete den
Hut.

Sie zgerte und bohrte die Spitze ihres weien Spitzenschirmes in den
tiefen weichen Sand.

"Sie sind abscheulich!" stie sie pltzlich hervor. Sie zog die
Unterlippe unter die Oberlippe, und Thrnen standen ihr in den Augen.

Sofort war er gerhrt.

"Aber liebes Frulein, machen Sie doch keinen Unsinn. Kommen Sie." Er
legte ihren Arm mit sanftem Zwang in den seinen und zog sie mit sich.

Zum Schein sich strubend, mit der behandschuhten Rechten eine groe
Thrne von der linken Backe wischend, folgte sie ihm. Sie schmte sich,
und ein noch halb mit dem Weinen kmpfendes Lachen frderte einen
drolligen, hellen, glucksenden Ton zum Vorschein.

Dieser komische Laut gab Anla zu erneutem Lachen, und der Friede war
geschlossen.

Sie htte sich jetzt noch einmal von ihm kssen lassen, aber er ging
sittsam neben ihr her.

Der Umweg erwies sich grer, als Hermann ihn geschtzt hatte, und es
herrschte vlliges Dunkel, als man aus den Feldern heraus in den
bebauten Weg einbog, der nach dem erwhnten Tanzlokal fhrte. Die
Straenlaternen brannten schon, und auch der nun sichtbar werdende
Garten, das Ziel der Wanderung, erstrahlte im Licht seiner vielen
Lampen.




X.


Der Ottensener Park war ein altes Etablissement. Frher bei den kleinen
Brgersleuten, namentlich der Nachbarstadt Altona, als Konzertgarten
sehr beliebt, hatte er in den letzten Jahren eine kleine Wandlung
durchgemacht und erfreute sich jetzt vornehmlich des Zuspruchs der
jungen tanzlustigen Welt.

Selbst aus Hamburg kamen die jungen "Herren", Kommis, Hausknechte und
Gesellen hierher. Das "Damenpublikum" bestand zum grten Teil aus
Nherinnen, Schneiderinnen, Dienstmdchen und Fabrikarbeiterinnen. Hin
und wieder mochten auch unlautere Elemente sich hierher verirren, die
sonst in St. Pauli, der frhlichen Vorstadt Hamburgs, ein ergiebigeres
Feld fr ihre Thtigkeit fanden.

Hermann und Mimi eilten durch den kiesbestreuten Garten. Zahlreiche
unter lichtdmpfenden Milchglaskuppeln brennende Flammen erleuchteten
ihn, gereichten ihm aber, teils kandelaberartig von grn angestrichenen
Pfhlen getragen, teils wie Lampions auf von Pfahl zu Pfahl laufenden
Drahtbgen aneinandergereiht, keineswegs zur Zierde.

In dem kleinen gleichfalls mit dem geschmacklosen grnen Anstrich
versehenen Orchesterpavillon trug eine Kapelle populre Musikstcke vor.

Die scharfen Rhythmen des Wiener Gigerlmarsches und der Glanz der
vielen, von dem dunklen Hintergrund des Busch- und Laubwerks sich
abhebenden Lampen versetzten die beiden vom Wege etwas ermdeten
Ankmmlinge sofort in einen eigenartigen, nervenprickelnden Rausch. Die
gedmpften Klnge eines zweiten Orchesters lockten sie in den Saal. Es
war voll drin, und sie muten eine Weile stehen, bis sie an einem
Seitentisch Platz fanden.

Die Hitze zwang auch sie, Hut und Ueberkleider in der Garderobe
abzugeben. Hermann und Mimi waren beide keine Neulinge mehr auf einem
solchen Tanzboden. So bewegten sie sich denn ungeniert zwischen den
tanzlustigen Paaren.

Als sie nach dem ersten Walzer sich dem Rundgang durch den Saal
anschlossen, gewahrte Hermann Lulu Behn an dem Arm eines kleinen
schmchtigen Tnzers mit sehr pomadesatter, glattgescheitelter Frisur.

Er war erstaunt.

"Ist das nicht die von drben?" fragte er Mimi.

Sie folgte seinem Blick.

"Wirklich, Lulu Behn! Nein, sag einer, wie kommt die hierher?"

"Ja, wie kommen wir hierher?" lachte Hermann.

"Aber die"?, meinte Mimi.

Sie sah Lulu in diesem Augenblick einer langen, hageren Brnette, die
unter den Zuschauern stand, einen resignierten Blick zuwerfen und leicht
die Achseln zucken, worauf ein breites, spttisches Grinsen das
sinnliche gutmtige Gesicht der anderen keineswegs verschnte.

"Das wird interessant", meinte Hermann. Bald hatte auch Lulu Mimi
entdeckt und ihr mit erstaunt in die Hhe gezogenen Brauen einen
verwunderten Blick zugeworfen, dem sie sofort ein verstndnisvolles
Lcheln folgen lie. Dann machte sie sich aus dem Arm ihrer Freundin
los, mit der sie die letzte Polka getanzt hatte, und eilte auf Mimi zu.

"Um Gotteswillen, Frulein, erzhlen Sie nichts," bat sie ngstlich.
"Mein Vater schlgt mich tot."

"Sein Sie ohne Sorge", trstete Mimi. "Eine Krhe hackt der anderen die
Augen nicht aus".

Dumme Person, dachte Lulu, sagte aber aufatmend: "Das meine ich auch.
Schne Seelen finden sich".

"Die Hitze aber, was"? setzte sie, sich Khlung fchelnd, hinzu und
entfernte sich mit einem leichten, vertraulichen Nicken.

Ein semmelblonder, berhflicher Kommis oder Barbiergehilfe bat in
singendem, schselndem Dialekt Mimi um die Ehre eines Tanzes, und
Hermann mute wohl oder bel ebenso hflich gewhren.

Da Lulu ohne Tnzer geblieben war, engagierte er sie zu diesem Walzer.
Sie war hchst erfreut. Hatten sie erst mit einander getanzt, brauchte
sie keinen Verrat mehr zu befrchten.

Hermann, selbst ein guter Tnzer, hatte selten eine so gute Tnzerin
gefunden. Er hatte ihr diese Leichtigkeit nicht zugetraut.

Mimi tanzte auch vortrefflich, aber etwas lebhaft, ungeduldig. Dieses
sanfte, anstrengungslose Wiegen und Drehen mit Lulu gefiel ihm, wie sie
selbst auch.

Sie sah vorteilhaft aus und wute sich lebhaft und zwanglos zu
unterhalten.

Nur ihr hastiges, unstetes Umhersuchen mit den Augen fiel ihm sonderbar
auf.

"Suchen Sie jemand, Frulein", fragte er.

"Nein. Ich? Warum? Meine Freundin", stotterte sie.

Einen Augenblick verga Hermann ber Lulu Mimi und den Semmelblonden,
bis sie beim Anschlieen vor ihm zu stehen kamen und er sich ber die
singenden Komplimente des Sachsen rgerte, um so mehr, als Mimi in
heiterster Laune auf das fade Geschwtz einging.

Seine Eifersucht erwachte, und er verstummte Lulu gegenber, die
befremdet diese Vernderung bemerkte.

Auf einmal ging ein Flstern durch die Reihen, und neugierig wandte sich
hier und da ein Mdchenkopf nach dem Eingang des Saales.

"Der schne Wilhelm", ging es halblaut von Mund zu Mund.

"Wer?" wandte sich Hermann an seine Tnzerin.

Lulu war ganz bla geworden und schien seine Frage berhrt zu haben.

Mimi aber wandte sich lchelnd um.

"Kennen Sie den nicht?" fragte sie das Paar.

"Nein, wer ist das?" fragte Hermann zurck.

"Der schne Wilhelm, Wilhelm Beuthien, unser Beuthien, den kennen Sie
doch. Sehen Sie, da steht er ja", gab Mimi Auskunft. Sie zeigte
ungeniert mit der Hand nach dem Pfeiler in der Nhe des Saaleingangs.

"Ach", rief Hermann. "Gewi, das ist also der schne Wilhelm? Na, jeder
nach seinem Gusto. Die Damen mssen's wissen."

"Aber sind Sie nicht wohl, Frulein?" wandte er sich erschrocken an
Lulu.

"Bitte, nein, es ist nichts. Die Hitze", stammelte sie, ihr Taschentuch
wie zur Khlung vor das Gesicht haltend. "Wollen Sie mich entschuldigen,
Herr Heinecke?"

Sie hatte seinen Arm fahren lassen.

"Da steht meine Freundin schon", rief sie, und ehe Hermann etwas
erwidern konnte, hatte sie sich einen Weg zu jener gebahnt.

"La man, Csar, das giebt sich", witzelte der Semmelblonde. "Wird wohl
wieder werden."

Wilhelm Beuthien hatte von seinem etwas erhhten Standpunkt aus sofort
Lulu Behn bemerkt und auch ihr Erblassen, als ihre Blicke sich trafen.
Das grenzenlose Erstaunen, sie hier zu treffen, wich bald der geheimen
Freude, der Erfllung seines lange gehegten Wunsches so unerwartet nahe
zu sein.

Ob sie mit der Ladenmamsell von der Ecke gekommen war?

Sonderbar. Oder----

Ein berlegenes Lcheln flog ber sein hbsches Gesicht. Die vielen
begehrlichen Mdchenblicke unbeachtet lassend, suchte er, ohne seinen
Platz zu verndern, Lulu mit den Augen. Er hatte sie bald
wiedergefunden. In einer Ecke des Saales stand sie in eifrigem Gesprch
mit der Freundin.

Kurz entschlossen ging er auf die beiden Mdchen zu, lie Lulu fast
unbeachtet und forderte Lene Krger zum Walzer auf.

Lulu bi sich auf die Lippe und trat einen Schritt zurck. Sie war
kreidewei geworden und zitterte. Es war ein Stuhl in der Nhe, und sie
war froh, sich setzen zu knnen.

Lene Krger hatte mit einem jungfrulichen Errten Beuthiens Arm
genommen, vergebens bemht, zu verbergen, wie sehr sie sich durch diese
unerwartete Aufforderung geschmeichelt fhlte. Mit zusammengekniffenen
Lippen und wutfunkelnden Augen verfolgte Lulu die beiden.

Lene Krger galt frher fr die beste Tnzerin in diesen Kreisen, eine
Schwester von ihr war sogar Solotnzerin beim Ballett der Zentralhalle.

Lene tanzte auch jetzt noch gut. Wie grazis die hagere, eckige Person
sich zu wiegen verstand.

Lulu kochte vor Eifersucht und Zorn. Die Schmach!

Beuthien schien kein Ende finden zu knnen. Und wie die Lene lachte. Er
sprach in einem fort mit ihr.

Endlich verstummte die Musik, und die beiden kamen zurck. Mit einer
kurzen, nachlssigen Verbeugung und einer schlenkernden Armbewegung
schleuderte Beuthien das lange Mdchen frmlich auf seinen Sitz zurck.

"Der tanzt aber", stie Lene hochatmend hervor und fchelte sich mit dem
Taschentuch Khlung zu.

Lulu war dem Weinen nahe. Mhsam bezwang sie sich.

"Das find ich gemein von Dir", zischte sie.

"Na nu, was kann ich denn dafr?" fragte Lene unschuldig.

Lulu schwieg.

"Kind, sei doch nicht ptscherig", lachte die gutmtige Brnette. "Er
wagte sich nur nich ran."

Das log sie allerdings, und Lulu brummte:

"Unsinn."

"Er kommt noch, pa auf", behauptete Lene. "Er fragte mich, ob Du gut
tanztest."

"Und was sagtest Du?" fiel ihr die Gekrnkte hastig ins Wort.

"Wie Etelka vom Ballett", scherzte die andere. "Aber siehst Du? Er sucht
Dich schon".

Die Musik setzte wieder ein und spielte einen Rheinlnder.

"Mein Gott, was ist das? Rheinlnder?" fragte Lulu bestrzt. "Den kann
ich nicht."

"Ach was, wag's nur. Wenn er ihn nur kann", meinte Lene.

Und da war er auch schon.

"Mein Frulein."

Mit einem leisen Anflug von Spott und einem zweifelnd fragenden Blick
pflanzte sich Beuthien mit lautem Hackenschlag fast militrisch vor Lulu
auf.

Einen Augenblick kam ihr der Gedanke, ihm einen Korb zu geben.

Was fiel ihr ein?

Mit einer stummen Verbeugung nahm sie seinen Arm. Ihr schwindelte. Das
Blut strmte ihr gewaltsam durch den Kopf. Sie hrte kaum die Musik.

Zum Glck trat er nicht gleich mit ihr zum Tanz an, sondern schlo sich
den promenierenden Paaren an.

"Auch'n bischen hier, Frulein", begann er die Unterhaltung. "Wie kommt
denn das?"

"Ja, es machte sich so. Meine Freundin", sagte sie stockend.

"Nettes Mdchen", lobte er. "Rank und schlank. Schrder heit sie?"

"Krger", berichtigte sie.

Die Reihe war an ihnen, und sie tanzten. Beuthien tanzte Walzer nach dem
Rhythmus des Rheinlnders, und sie berlie sich aufatmend seiner
Fhrung.

"Wie 'ne Feder", schmeichelte er ihr whrend des Tanzes.

"Meinen Sie?"

Er hob sie statt einer Antwort mit krftigen Schwunge vom Boden, so da
sie einige Sekunden frei in seinen Armen schwebte. Beim zweiten Mal, es
schien ihm Vergngen zu machen, schrie sie leise auf. "Nicht, nicht",
keuchte sie.

Er schwenkte sie jedoch ein drittes Mal, so da sie die Zhne
zusammenbi.

"Hoch geht's hier her, Frulein. Das ist mal nicht anders."

Sie lachte. Ein nie gekanntes Wohlgefhl kmpfte ihre Scham nieder.

"Wenn der Alte das wte", ngstigte er sie.

"Um Gottes Willen", flsterte sie, als stnden Aufpasser hinter ihnen.

"Der Segen", meinte er bezeichnend.

So kamen sie auf ihre Familie zu sprechen. Er lie Lulu nicht von sich
und tanzte auch den folgenden Tanz mit ihr.

Sie, berglcklich, doch ihren Zweck erreicht zu haben, ward immer
gesprchiger und munterer. Sie lie sich von ihm mit Bier traktieren, er
lud auch ihre Freundin ein, Jugenderinnerungen kamen zur Sprache, und
eine gemtliche Vertraulichkeit stellte sich ein.

"Da liegt der Hund begraben", meinte Mimi, als sie mit Hermann an dem
Tisch vorber ging, wo die Drei sich gtlich thaten.

"Sollte sie wirklich?" fragte Hermann. "Eine Verabredung?"

"Gewi", versicherte Mimi. "Die ist nicht so fromm, als sie aussieht.
Ich kenne meine Pappenheimer."

Im Grunde kannte sie ihre Pappenheimer nur sehr oberflchlich und war
nicht weniger als Hermann erstaunt, Lulu Behn mit dem jungen
Droschkenkutscher in solcher Intimitt auf dem Tanzboden zu treffen,
denn die Jugendbekanntschaft der beiden war ihr fremd. Mimi, neben Lulu
die "vornehmste" Erscheinung unter allen "Damen", war viel begehrt und
konnte nicht genug vom Tanzen bekommen. Immer bat sie, nur einen Walzer
noch, und Hermann mute nachgeben.

Er selbst fand nicht ganz seine Rechnung bei diesem Vergngen. Es wollte
ihm nicht recht wohl werden unter den "Hausknechten" und
"Hringsbndigern". Und dann plagte ihn die Eifersucht, und er war
chokiert, da Mimi an solchen "Herren" berhaupt Gefallen fand und sie
auf gleiche Stufe mit ihm stellte.

Je ausgelassener Mimi wurde, je reizender sah sie aus. Es war ein Feuer
in dem Mdchen, das ihn berraschte. Seine Leidenschaft htte Ku auf
Ku gewagt, wenn er in diesem Augenblick mit ihr jenen einsamen Feldweg
gegangen wre.

Einen Handku hatte er whrend eines Walzers sich erlaubt, und er war
ihm ungestraft durchgelassen worden. Wenn er doch nur eine Stunde mit
ihr allein sein konnte. Aber sie war ja nicht aus dem Saal fort zu
bringen. Welche Tanzwut!

Endlich hatte er sie zum Gehen berredet. Als er ihr in der Garderobe
behilflich war, kostete es ihm Mhe, sich in Gegenwart der
Garderobenfrau zu beherrschen, so berauschte ihn ihre Nhe und das
Veilchenparfm, das ihrem schwarzen Jckchen entstrmte.

"Wir nehmen eine Droschke", entschied er.

"Unsinn", protestierte sie. "Die haben Sie nicht unter zehn Mark."

"Einerlei," beharrte er. Sollte er jetzt steif neben ihr in der
Pferdebahn sitzen, wo jede Fiber in ihm nach einer Wiederholung der
Heldenthat vom Feldweg drngte? Er wollte sich aussprechen, noch heute.

Er griff in die Tasche, um das Garderobegeld zu entrichten.

Was war das? Er suchte in allen Taschen, sein Portemonnaie war fort.

Mimi sah ihm erschrocken zu.

Er strzte in den Saal zurck und kam bla und verstrt wieder. Das
Portemonnaie war verschwunden. Es enthielt ein Zwanzigmarkstck und
einiges Silbergeld, fnf bis sechs Mark, wie er schtzte.

Die Kellner liefen zusammen, der Wirt kam. Man zuckte mit den Achseln,
bedauerte, aber was sollte man dabei machen? Es blieb nichts brig, als
sich vorlufig in den Verlust zu fgen.

Nun musste man schon mit der Pferdebahn vorlieb nehmen. Aber, es fiel
Hermann jetzt erst ein, er hatte ja auch dafr keinem Pfennig.

"Haben Sie Geld bei sich, Frulein?" fragte er zgernd.

Sie errtete heftig.

"Zwanzig Pfennige", lachte sie verlegen.

Einen Augenblick war man ratlos, bis Mimi zaudernd Lulus Namen nannte.
Was half es, man mute es versuchen. Unmglich konnte man den weiten Weg
von Ottensen nach Hause in der Nacht zu Fu gehen.

Lulu war erfreut ber diese neue Gelegenheit, sich die beiden zu
verpflichten.

Sie begann den Fahrpreis in Zehnpfennigstcken abzuzhlen.

"Lassen Sie doch den Pfennigkram", schalt Beuthien, zog sein
Portemonnaie und wog es protzig in der Linken.

"Bitte nehmen Sie", drngte er Hermann ein Zehnmarkstck auf. "Wir sehen
uns ja wieder."

Ungern nahm Hermann gerade von Beuthien diese Geflligkeit an, aber um
nicht unartig zu sein, weigerte er sich nicht lange.

Das war ein unerfreulicher Schlu des Tages. Es war keine Aussicht
vorhanden, das Verlorene oder Gestohlene wieder zu erlangen. Das
Vergngen war ihm teuer geworden. Der Ring, den er Mimi geschenkt hatte,
stand auch schon auf dem Conto dieses Monats, nun noch dieser Verlust,
da hie es, bis zum nchsten Ersten sich sehr einschrnken. Es ging so
schon bis hart an die Grenze seiner pekuniren Krfte, seine Liebe
kostete ihm viel.

Mimi wurde in der Pferdebahn mde und ghnte ein paar mal herzhaft.
Hermann konnte nicht ber seinen Verlust hinweg kommen. Beinahe bereute
er diese Extravaganz, wie er jetzt gesonnen war, seinen Ausflug mit Mimi
zu nennen. Er war mit einmal sehr ernchtert, und Mimi kam ihm, wie sie
sich schlfrig in die Ecke des Wagens drckte, sehr unvorteilhaft vor.

Doch als sie sich trennten, und sie mit aufrichtigem Herzenston ihren
Dank fr den "wunderschnen" Tag sagte, schlugen die alten Flammen
wieder auf.

Ach was, dachte er. Es war doch schn. Der Ku zwischen den Hecken fiel
ihm ein.

"Zum Lohn," bat er und legte seine Hand auf die ihre, die bereits den
Griff der Ladenthr berhrte, die er ihr dienstwillig aufgeschlossen
hatte.

Eine Sekunde sah sie ihn verstndnislos an. Er umfate sie, und halb
mde, halb in gutherziger Aufwallung, lie sie es geschehen, da er sie
kte.




XI.


Einige Tage nach diesem "himmlischen" Ausgehsonntag Mimis war Herr Emil
Pohlenz, von der Firma Mller und Lenze, ohne Probenkoffer, im
Gesellschaftsanzug, mit hellen Glacs und modernstem Cylinder in einer
Droschke vorgefahren und hatte um die Hand der Frau Caroline Wittfoth
angehalten.

Unter gegenseitiger Verlegenheit, die hinter Ruspern und Fuscharren
einen Versteck suchte, hatte man sich den schmalen Korridor entlang bis
ins gute Hinterzimmer komplimentiert. Der groe, altvterische
Kleiderschrank, der diesen Gang noch beengte, hatte es auf dem Gewissen,
da der etwas kurzsichtige Herr Pohlenz im Eifer der Hflichkeit die
Wand streifte und mit einem weien Aermel die "gute" Stube erreichte.

Das hatte willkommenen Anla gegeben, im Verlauf der
Reinigungsbemhungen die beiderseitige Verlegenheit zu berwinden.

Auf der Kante des verblichenen gelbbraunen Rips-Sessels balancierend,
mit schmachtendem Blick ber das goldene Pincenez hinweg, hatte dann
Herr Pohlenz der Witwe sein Herz zu Fen gelegt, "nach reiflicher
Ueberlegung und mit der festen Ueberzeugung, da sie zusammen glcklich
werden wrden".

Frau Caroline hatte ihrerseits kein Hehl daraus gemacht, da sie in
ihrem fnfjhrigen Witwenstand noch keineswegs die Vorzge der Ehe zu
schtzen verlernt hatte, und lie durchblicken, da die gebotene
Gelegenheit zur Rckkehr in den verlassenen Hafen ihr einer Beachtung
nicht unwert erschien.

Herrn Pohlenzens kaufmnnische Tchtigkeit wrde unbedingt das Geschft
ungeahntem Glanz entgegenfhren, das Kapital von sechstausend Mark, das
er mitbrchte, wre nicht zu verachten, und was "das Uebrige"
anbelangte, so fhle sie sich ungemein geschmeichelt und wre berzeugt,
da gegenseitige Achtung und Rcksichtnahme das erhoffte Glck verbrgen
wrden.

Herr Pohlenz stellte seine Achtung, seine ganz besondere Hochachtung
ber allen Zweifel, und "Rcksichtnahme, mein Gott, Rcksichten mten
wir ja alle nehmen. Wie sollte sonst die Welt bestehen".

Nachdem man noch eine Viertelstunde ber das Glck der Ehe im
allgemeinen und die Vorteile einer Verbindung Wittfoth und Pohlenz im
besondern mehr oder weniger sentimentale Betrachtungen angestellt hatte,
mute Frau Caroline doch bitten, sie nicht schon heute zu diesem
inhaltsschweren Schritt zu drngen. Acht Wochen Bedenkzeit mge er ihr
gestatten, dann wolle sie sich endgiltig entscheiden, und, wie gesagt,
sie wisse die Ehre zu schtzen.

Herr Pohlenz wollte durchaus nicht drngen. Acht Wochen wre zwar eine
lange Zeit, "wenn es sich um das Glck eines Lebens handelt". Hierbei
unterzog er seinen Cylinder von allen Seiten einer so genauen
Besichtigung, als berlegte er, ob derselbe auch diese Prfungszeit
berstehen wrde.

Aber es sei auch sein Grundsatz, betonte er, nichts ohne reifliche
Ueberlegung zu thun. Kopf und Herz seien ihm immer, so zu sagen, wie
Mann und Frau vorgekommen, und der Mann wre denn doch immer "derjenige,
welcher".

Diese Bemerkung, so geistreich sie in seinen Augen auch war, war doch
immerhin fr einen Freier etwas ungeschickt, und er suchte den Eindruck
durch einen kurzen Verlegenheitshusten zu verwischen.

Frau Caroline bestellte noch, es fiel ihr gerade ein, "an alles mu man
selbst denken", ein Gros Perlmutterknpfe, kleinste Nummer. Dann trennte
man sich, nachdem Herr Pohlenz noch einige andere Muster ohne Erfolg
angestellt hatte, mit verbindlichem Hndedruck.

Der vertrstete Freier hatte noch nicht den Schlag seiner Droschke
geffnet, als auch schon Frau Caroline hinter seinem Rcken ihre Rechte
heftig an den Falten ihres Wollkleides scheuerte.

In diese kalte, feuchte Hand sollte sie die ihre legen, fr immer?

Jedenfalls wrde sie sich das in den acht Wochen noch grndlich
berlegen.

Die beiden Mdchen, die schon lange ber Herrn Pohlenzens spekulatives
Herz so gut im Klaren waren wie die teilnahmsvolle Nachbarschaft, hatten
keinen Augenblick Zweifel darber gehegt, welche geschftlichen
Angelegenheiten die Tante und Prinzipalin mit dem Stadtreisenden von
Mller und Lenze in der Staatsstube zu verhandeln hatte.

Mimi wollte sich "tot" lachen, als die Wittfoth auf die fragenden Blicke
der Mdchen mit einem nicht mizuverstehenden Lcheln deren Vermutungen
bettigte.

"Frau Pohlenz, gratuliere", rief sie, sich schttelnd vor Heiterkeit.
Sie durfte sich diese Keckheit schon herausnehmen, da sie wute, wie die
Wittfoth ber ihren Verehrer dachte. Sie fand es zu "gediegen": Dieser
Knirps, dieser Pomadenhengst.

"Wenn ich ihn nur nicht haben sollte", meinte sie.

"Na, na!" neckte Therese.

"Den? nicht vergoldet", beteuerte Mimi.

Therese zweifelte im Ernst nicht an Mimis Abneigung gegen Pohlenz, wute
sie nun doch zur Genge, da zwischen Hermann und Mimi ein ernsteres
Verhltnis bestand, als sie sich bisher eingestehen wollte. Der Verkehr
der beiden hatte nach jenem, fr Hermann so "teueren" Sonntag die
bisherige Unbefangenheit verloren. Es bedurfte nicht der Augen einer
Eiferschtigen, um das zu bemerken. Auch die Tante war hellsichtig genug
und hatte nicht nur Therese gegenber Andeutungen gemacht, sondern auch
ihren Neffen einmal selbst vorgenommen.

Hermann, der in der Seligkeit, in die ihn der freiwillig gewhrte
Gutenachtku versetzte, seinen Geldverlust schnell verschmerzt hatte,
war mit sich und seiner Liebe im Klaren. Mimi oder keine.

So hielt er denn auch der Tante gegenber nicht hinter dem Berg. Es sei
seine feste Absicht, sich mit Mimi zu verloben. Ihres Jawortes glaubte
er sicher zu sein. Von Michaelis an erfhre sein Gehalt die planmige
Aufbesserung um dreihundert Mark. Dann wolle er bei den Eltern des
Mdchens werben, bis dahin aber auch Mimi noch nicht vor die
Entscheidung stellen.

Frau Caroline hatte keine Grnde dagegen, hielt es aber doch fr ihre
Tantenpflicht, vor Uebereilung zu warnen.

Eigentlich berhrte diese Frage sie nicht tiefer, als irgend eine
andere. Ihr kam sogar der Gedanke an das Aufsehen, das eine
Doppelverlobung verursachen wrde. Tante und Neffe, Prinzipalin und
Gehilfin, vielleicht an einem Tage. Das wrde etwas fr die Nachbarn
sein.

Ja, seit Hermann die feste Absicht ausgesprochen, zu heiraten, hing auch
sie ihren Heiratsgedanken noch eifriger nach.

Mimi hatte sich nach jenem Tag in Ottensen ber die Ksserei gergert.
Sie war hchst unzufrieden mit sich. Wie sollte sie sich nun Hermann
gegenber benehmen?

An und fr sich war ihr die "dumme Geschichte" sonst nicht so
unangenehm. Sie dachte nicht ohne Genugthuung an den Eindruck, den sie
auf Hermann gemacht.

War Hermann jetzt im Zimmer, in ihrer Nhe, war es ihr immer, als mte
er sie jeden Augenblick umfassen und kssen. Gewhnlich suchte sie sich
den Rcken zu decken. Manchmal aber stand sie zitternd, wie unter einem
Bann, wenn sie ihn hinter sich wute, allein mit ihm, und wie ein Wunsch
nach verbotenen Frchten stieg es hei in ihr auf.

Das war nicht ohne Reiz. Aber es war doch auch sehr "genant", Therese
und der Prinzipalin gegenber. Sie wre auch noch eher darber weg
gekommen, wenn er nur die Unbefangenheit besser zu bewahren verstanden
htte. Aber das war jetzt alles so peinlich.

Oft war er befangen, wie ein Schuljunge, und dann wieder von einer
Liebenswrdigkeit, die sie den andern gegenber in Verlegenheit setzen
mute.

Da er jetzt ihr gehrte, ganz, da sie nur die Hand nach ihm
auszustrecken brauchte, war ihr ber jedem Zweifel. Ueber kurz oder lang
mute er sich erklren. Was dann?

Sie war wirklich in einer schwierigen Lage. Das Gefhl, das sie fr ihn
empfand, unterschied sich in nichts von dem Interesse, das ihr jeder
gesunde Mann einflte, der heiratsfhig und im Besitz seiner graden
Glieder war. Liebe war das nicht.

Ueber die Liebe hatte sie berhaupt ihre eigenen Gedanken.

Wie hatte sie im vorigen Jahr fr den braunen, schwarzbrtigen
Postsekretr in der Neustrae geschwrmt. Und jetzt? Neulich sah sie ihn
noch am Arm einer andern, seiner Braut vermutlich. Das Herz war ihr
nicht gebrochen.

Und der hbsche Oberkellner im "Hirsch" in ihrer Vaterstadt Bergedorf,
und der dunkelugige, finsterblickende Bahnhofsinspektor, der ihr immer
so interessant erschienen war, und zwei oder drei andere. Fr jeden
hatte ihr Herz schneller geschlagen, als fr Hermann.

Ob das Liebe war?

Dann war es nichts Bestndiges, die Liebe, und jedenfalls nichts
Unentbehrliches zum Heiraten.

Freilich, sie mchte mal so recht verliebt sein, so ordentlich verliebt,
wie es in den Bchern steht, und wie es sich Therese immer ausmalt.

"Du meine Wonne, Du mein Schmerz."

Therese hatte es ihr vorgelesen. Therese las sehr schn vor, so wie sie
auf dem Theater sprechen, mit "schtehn" und "schpielen," und so mit
Gefhl, da man manchmal wirklich glaubte, sie meinte das alles so, und
lese es nicht nur.

Aber die Dichter und Romanschreiber bertreiben immer.

Nein, Mimi hielt nicht viel von diesen hohen Gefhlen.

Und das mochte sie auch an Hermann nicht, da er manchmal so sentimental
sprechen konnte, so salbungsvoll, wie ein Pastor auf der Kanzel, was
Therese gerade so "reizend" an ihm fand.

Aber er war ja Lehrer, und die haben immer so etwas Apartes. Gewohnheit
thte ja viel. Wenn sie erst immer zusammen wren, fiele ihr das
vielleicht nicht mehr so auf.

Frau Hauptlehrer Heinecke. Mimi prfte oft in Gedanken, wie sich das
ausnhme; es schien ihr nicht bel zu klingen.




XII.


Inzwischen hatten Lulu Behn und Beuthien aus der Annherung auf dem
Ottensener Tanzboden Veranlassung zu wachsender Vertraulichkeit
genommen.

Lulus Angst, ihr Abenteuer mchte durch irgend einen Zufall ihrer
Familie verraten werden, wurde bald eingeschlfert. Lange Nachgedanken
und ngstliche Sorgen lagen berhaupt nicht in ihrer Natur.

Und wie viel grere Heimlichkeiten hatte sie jetzt zu bewahren.

Beuthien bereitete es eine prickelnde Genugtuung, die Jugendfreundin,
das Pensionsfrulein, die vornehme Hausbesitzerstochter, zu sich herab
zu ziehen. Aber auch ihre Person lie ihn nicht kalt. War er auch nicht
verliebt, so war sie ihm doch eine willkommene Abwechselung, einmal
etwas anderes und besseres als Stine und Mine.

Und im Hintergrund stand bei ihm auch die berlegung; wer wei, wie es
kommt. Zuletzt war sie doch immer keine schlechte Partie.

Freilich, es war hchst unwahrscheinlich, da der alte Behn sie ihm
jemals geben wrde.

Doch er dachte ja auch nicht eigentlich ans Heiraten, ging nicht darauf
aus.

Lulu aber war ganz Leidenschaft. Mit geschlossenen Augen folgte sie
ihrer Neigung fr den ehemaligen Spielkameraden. Es war, als ob ihre
gewhnliche Natur sich fr die Verbildung, fr die aufgedrungene
berfeinerung rchen wollte.

Leichter, als die erste Wiederannherung, war die Fortsetzung des
Verkehrs zwischen den beiden. Lulu, unbeschrnkt in ihrem Thun und
Lassen, Herrin ihrer Zeit, konnte den Geliebten treffen, wann und wo er
bestimmte.

Traf sie ihn unterwegs, und seine Droschke war unbesetzt, so stieg sie
ein, und er fuhr sie auf Umwegen spazieren. Dehnte sich die Fahrt zu
lange aus, so da er ber die Zeit seinem Vater Rechenschaft ablegen und
den Fuhrlohn abliefern mute, so konnte sie unbedenklich von ihrem nicht
krglich bemessenen Taschengelde opfern. So ermglichten sie, da auch er
in ntigen Fllen nicht mit dem Gelde zurckhielt, gelegentlich weitere
Ausfahrten, wo sie zwischen der aristokratischen Abgeschiedenheit
parkumgebener Villen, oder auf einsamen Landstraen in schon lndlicher
Gegend sich sicher fhlten.

Lulus ruhige, trge Natur kam ihr zu Hilfe bei der Aufgabe, zu Hause
jeden Verdacht nieder zu halten.

Sie war nicht leicht aus ihrer tglichen Art und Weise zu bringen. Zu
statten kam ihr das Gebot des Arztes, der dem hufig an Kopfschmerzen
leidenden, verwhnten Mdchen, das sich in den Jahren seiner grten
Entwickelung viel zu wenig Krperbewegung machte, tgliches, womglich
mehrstndiges Spazierengehen empfohlen hatte.

So setzten denn die Eltern den lebhafteren Glanz der Augen, die
schnellere Beweglichkeit der immer von einer inneren Unruhe geplagten
Tochter als wohlthtige Wirkung auf Rechnung dieser Spaziergnge, ohne
zu ahnen, wie sehr sie, wenn auch im andern Sinne, recht hatten.

Schuldbewut, jeden Anla zur Entzweiung vermeidend, ward Lulu auch in
ihrem Benehmen gegen die Mutter und Paula freundlicher, zuvorkommender,
nachgiebiger.

Anna, die seit jener thtlichen Zurechtweisung einen versteckten Krieg
gegen Lulu gefhrt hatte, war pltzlich entlassen worden.

"Wegen unmoralischen Lebenswandels," sagten die Damen der Nachbarschaft.

"Se is rinfull'n," hie es bei den Kolleginnen der Gekndigten.

Die offizielle Behnsche Erklrung aber lautete. "Sie hat sich mit meiner
Tochter nicht vertragen knnen."

Minna, die Nachfolgerin, ein kleines unbedeutendes Mdchen vom Lande,
kam fr Lulu nicht in Frage. Ihrer Autoritt konnte von der Seite kein
Angriff drohen.

Die Hauptsache fr sie war, sich die Schwester gut gesinnt zu erhalten.

Paulas Vertraulichkeit mit ihrem alten Tnzer hatte keine Abnahme
erfahren, zur Belustigung Beuthiens, der an dem Mdchen eine willkommene
Handhabe hatte, sich Lulu in allem gefgiger zu machen.

"Ich sag's Paula," drohte er, und ngstlich gab sie nach.

Paula, deren ganzes Trachten es war, nur ein einziges Mal wieder tanzen
zu knnen, hatte schlielich Mut gefat und sich an einem unbewachten
Sonntagabend davon gestohlen, ohne Hut und Jacke, um sich auf dem
Holsteinischen Baum unter die Zuschauer im Tanzsaal zu mischen, in der
Hoffnung, Beuthien dort zu treffen.

Diesen hatte sie nun nicht dort gefunden, wohl aber Bernhard Prnitz,
der mit einem lteren Bruder, einem Sattlerlehrling, anwesend war.

Der Erkennung war eine hastige Begrung gefolgt.

"Ach, tanz mal mit mir," bat Paula.

"Kostet das was?"

"Ich habe zwanzig Pfennige, hier."

Sie steckte ihm das Geld zu, und dann strzten sie sich unter die
Tanzenden, mit klopfenden Herzen und heien Wangen.

"Du kannst ja nicht," wollte sie ihn anfahren, denn er hpfte wie ein
junger Hahn und stie sie gegen die Knie. Aber sie besann sich. Wenn er
sie stehen lie, wer tanzte dann mit ihr? Besser hopsen, als gar nicht
tanzen.

Gerade wollte sie zum zweiten Mal mit ihm antreten, als sie jemand
heftig am Ellbogen zerrte.

"Paula, Deern, dat segg ich Din Vadder."

Es war Minna, die auf der Suche nach der Vermiten von dem untrglichen
Instinkt einer gleichgestimmten Seele den Flchtling sofort hier
vermutet hatte.

Durch Minna, die auf Paulas Bitten und Drohen furchtsam log, was das
grere, ihr berlegene Mdchen ihr einschrfte, kam es nun zwar nicht
an den Tag, aber auf irgend eine fr Paula unbegreifliche und nie
aufgeklrte Weise erfuhr Vater Behn von der heimlichen Belustigung
seiner Jngsten, und zwei gewaltige Maulschellen waren die Anerkennung
ihres frhzeitigen Unternehmungsgeistes.

Paula, wtend auf den unbekannten Verrter, bezichtigte unter zwanzig
anderen auch Lulu der Schndlichkeit, sie "verklatscht" zu haben. Diese,
der Paulas Maulschellen einen Vorgeschmack gaben von dem, was ihrer im
Entdeckungsfalle warten wrde, schwur Stein und Bein, unschuldig zu
sein, bemitleidete die Schwester und fand die ganze Geschichte berhaupt
nur halb so schlimm, "aber Papa is ja nu mal so heftig."

Mutter Behn wunderte sich, wie gut sich die Kinder jetzt vertrugen. "Se
ward ja ok mmer ller und verstnniger", meinte sie.




XIII.


Beuthien hatte Lulu eines Nachmittags in einer neuangelegten, noch
huserlosen Strae in seine Droschke aufgenommen. Es war ein
verabredetes Rendezvous, und da Lulus Brse gerade gut gefllt war,
wollte man lngere Zeit zusammen bleiben.

Wie immer, so lange sie durch lebhaftere Straen fuhren, wo eine
unliebsame Begegnung zu befrchten war, sa Lulu tief zurckgelehnt in
dem Fond der verschlossenen Droschke, verschleiert, und jeden Blick auf
die Strae vermeidend. Erst weiter drauen wagte sie, das Verdeck des
Coupees zurckschlagen zu lassen.

Beuthien hatte die Richtung nach Horn genommen. Drber hinaus, auf einer
menschenleeren Feldstrae stieg Lulu aus und ging, wie sie zu thun
pflegte, mit ihm, an seinem Arm hngend, neben dem gemchlich bummelnden
Braunen her.

Der Weg erlaubte eine freie Uebersicht. Nahte jemand, war noch immer
Zeit genug, sich zu trennen und unbefangen nebeneinander herzugehen,
oder in die Droschke zurckzuschlpfen.

Beuthien wute in der Gegend ein abgelegenes Wirtshaus, wo man wagen
durfte, einzukehren.

Lulu war zu allem bereit.

Es war ein wunderschner Sommertag. Eine warme, sonnige Luft lag, ohne
lstig zu sein, ber den grnen, vielversprechenden Saaten.

Lulu war sehr heiter.

Die stille, wohlthuende Ruhe hier drauen wiegte alle ihre Bedenken ein.

Auch Beuthien war aufgerumt. Er lie bald ihren Arm fahren und legte
vertraulich den seinen um ihre Hfte. Und sie lie sich seine derben
Scherze und zeitweiligen Zrtlichkeiten gefallen.

Ein kleiner Garten neben jenem Wirtshaus, das den poetischen Namen "Zum
einsamen Winkel" trug, enthielt zwei nicht sehr schattige Lauben, die
jedoch mit ihren grnen Holzstben und grngestrichenen Tischen und
Bnken etwas Trauliches, Einladendes hatten.

Der Wirt, ein ordinr aussehender, verschmitzt schmunzelnder Patron,
brachte zwei Glser Bier dorthin, fuhr einmal trge mit seiner
unsauberen blauen Schrze ber den bestaubten Tisch und suchte eine
Unterhaltung anzuknpfen, auf die man jedoch so einsilbig einging, da
er bald davon abstand.

Auf dem verwilderten runden Grasplatz vor ihrem Sitz schnatterte und
schnabbelte eine einsame Ente. Ein magerer, wei und braun gefleckter
Hhnerhund blinzelte mit mden Blicken aus den triefenden, von Fliegen
gequlten Augen aus seiner Htte zu ihnen herber.

Das Bier war warm und abgestanden, und mundete ihnen nicht. Der Geruch
des nahen Hhnerstalles wurde ihnen lstig.

Lulu sah sich nach einem andern Platz um.

Hinter dem Garten zog sich ein sprliches Wldchen an dem Rand einer
Wiese hin, grtenteils dichtes, mannshohes Unterholz, aus dem sich nur
einige zerstreut stehende junge Birken mit ihren glnzenden weien
Stmmen hervorhoben.

Ein halbvermorschtes Brett fhrte ber einen ausgetrockneten Graben in
das Holz hinein.

Nach einigem Zaudern, aus Rcksicht auf ihr Kleid, folgte Lulu mit
aufgeschrztem Saum Beuthien in die kleine Wildnis.

Wie oft waren sie als Kinder in dieser Weise im Freien umhergestreift,
hatten Beeren gesucht, Krnze aus Laub, Ketten aus den hohlen Stengeln
der Kuhblume gewunden, oder waren mit bloen Fen in dem khlen,
schlammigen Wasser der Grben und Pftzen gewatet.

Beiden kam die Erinnerung zugleich, und beide sprachen sie aus.

Er rauchte seine kurze Meerschaumpfeife mit dem Kaiser-Friedrich-Kopf,
und der beizende Qualm zog ihr in die Nase und ward ihr unbehaglich.

Sie drngte sich vor ihn.

Uebermtig fate er sie bei den Schultern und schob sie vor sich hin, so
schnell, da sie auf dem unebenen Boden ins Stolpern kam.

Sie schrie auf und ri sich los. Er suchte sie zu haschen. So sprangen
sie einen Augenblick unter Gelchter und Gekreisch um einander herum.

"Wull Du mal her", rief er und packte weit auslangend ihren Arm. Sie
rangen mit einander. Seine Krfte, mit denen er bisher nur gespielt
hatte, gebrauchend, hob er sie pltzlich hoch vom Boden und nahm sie wie
ein Kind auf den Arm.

Zappelnd bemhte sie sich, wieder festen Fu zu fassen. Aber er zwang
sie.

"Wull Du ruhig sin? Wull Du ruhig sin!" wiederholte er ein paar mal. Er
sprach berhaupt whrend dieser ganzen Balgerei nur platt.

"La mich", keuchte sie.

Sie hatte die Arme gegen seine Brust gestemmt. Aber vor seinen heien,
verzehrenden Blicken verstummte sie. Ihre Kraft erlahmte, und willig,
schwer atmend, lie sie sich von ihm zu einer nahen Moosbank tragen.




XIV.


Der alte Beuthien ging schon lange mit dem Gedanken um, sich vom
Geschft zurckzuziehen, es seinem Sohn zu berlassen. Er hatte keine
rechte Lust mehr daran. Die Jahre machten ihn bequem.

Aber an Bequemlichkeit hatte es ihm immer gefehlt, seit seine Frau tot
war, also seit ungefhr zehn Jahren, in welcher Zeit eine alte Tante
der Verstorbenen ihm die Wirtschaft fhrte.

Wilhelm war nun auch in dem Alter, wo er ans Heiraten dachte. Dann wrde
er, der Vater, zwischen der alten Negendank, die immer stumpfer wurde,
und der jungen Schwiegertochter, die natrlich das Regiment beanspruchen
wrde, rgerliche Tage haben.

Nach zehn Jahren fing er von neuem an, seine Frau zu vermissen. Wenn man
lter wird, ist das Verheiratetsein doch nicht zu schelten. Und da
Freunde dem noch immer rstigen Mann oft, teils im Scherz, teils im
Ernst, rieten, sich doch wieder zu beweiben, hatte er sich mit dem
Gedanken vertraut gemacht.

Eilig war es ihm nicht damit. Er erwog diese und jene Partie, die ihm
vorgeschlagen wurde, aber immer nur obenhin, und selbst nicht recht
daran glaubend, da noch einmal etwas daraus werden knnte.

Als er nun aber nach dem Verlust seines besten Pferdes, des auf dem
Glatteis gestrzten Braunen, gnzlich die Lust am Geschft verlor, hing
er doch ernstlicher solchen Zukunftstrumen nach.

Von allen Frauen, die in Betracht kamen, gefiel ihm keine so gut wie
Frau Caroline Wittfoth. Das wre noch eine Partie.

Die kleine lebhafte, noch recht ansehnliche Witwe sagte ihm sehr zu.
Seine Selige war gerade so quecksilbern gewesen.

Das gute Geschft der Wittfoth war auch ein Magnet. Er machte kein Hehl
daraus. Wenn er die zehntausend Mark, ber die er nach Wilhelms
Abfindung noch verfgen konnte, in dies Geschft steckte, wre das Geld
gut angelegt. Und es wrde ihm ein guter Frsprecher bei seiner Werbung
sein.

Als er nach langem Sinnen zu dem Entschlu gekommen war, es mit Frau
Caroline zu versuchen, war die zweite Frage an ihn herangetreten. Wie
fngst du das an?

Es fehlte ihm wirklich an Mut, obgleich er jeden ausgelacht htte, der
das zu behaupten wagte.

Aber dennoch war es so.

Einmal versuchte er, an "Ihre Wohlgeboren" zu schreiben. Er kam ber die
Anrede "Sehr geehrte Frau" und den Anfang "Da ich mir nunmehr in der
Lage befinde," nicht hinaus.

Die Negendank strte ihn, trotzdem er sich aus Furcht vor ihr in der
Futterkammer eingeschlossen hatte. Tante Tille hatte trotz ihrer
Taubheit schon von seinen Heiratsplnen munkeln hren und war der
entschiedenste Gegner solcher "Verrcktheit".

So warf er eilig den angefangenen Brief in die Futterkiste, die er als
Schreibpult benutzt hatte, und ffnete der Klopfenden. "Dat togt so
bannig," schrie er ihr ins Ohr, als sie sich wunderte, da er sich
einschlo.

Da machte ein Zufall allen Schwierigkeiten ein Ende. Tetje Jrgens, sein
guter Freund, hatte einen klugen Einfall.

In Tetjes Wirtschaftskeller hatte der Zitherverein "Alpenveilchen" sein
Klubzimmer. Das Stiftungsfest dieses Vereins stand bevor, und nichts war
leichter, als durch Tetje Einladungskarten fr Beuthien und die
Wittfoth zu erlangen.

Wie alljhrlich, sollte eine gemeinsame Ausfahrt in offenen Breaks die
Gesellschaft ins Grne fhren, und da mte es doch eigen zugehen, wenn
sich an einem solchen Tage keine Gelegenheit zu einer Annherung finden
wrde.

Wirklich erwies sich Tetjes Idee als vortrefflich. Frau Caroline nahm
freudig die Einladung an, die ihr in unaufflliger Weise von Tetjes Frau
berbracht wurde, als diese ein Paar Kindersckchen fr ihr Jngstes
kaufte.

So was wre ihr lange nicht geboten, wann kme sie mal ins Grne, meinte
die Geschmeichelte.

Nebenbei war sie glcklich, nun mit gutem Grund von einer Wasserpartie
nach Buxtehude, zu der Hermann sie und die Mdchen eingeladen hatte,
zurcktreten zu knnen. Sie hatte eine unberwindliche Furcht vor dem
Wasser.

In vier offenen, mit Guirlanden und bunten Fhnchen geschmckten Breaks
fuhr die vergngte Gesellschaft am Stiftungssonntag schon frh morgens
um sechs Uhr von Tetjes Lokal ab, Herren und Damen, grtenteils junge
Leute. Die "aktiven" Mitglieder hatten die Ksten mit ihren Instrumenten
vor sich auf den Knieen oder hatten sie unter die Sitze geschoben. Das
Festprogramm schlo auch einige Konzertvortrge ein.

Es machte sich von selbst, da die paar lteren Leute in der
Gesellschaft in einem Wagen zusammenfuhren, und unter ihnen wieder
Beuthien, als einziger Witwer, und die Dame seiner Neigung, als einzige
Witwe, zusammengefhrt wurden.

Frau Caroline hatte ihre beste Garderobe angelegt, ein leichtes
schwarzes Spitzenkleid mit glitzerndem Perlenfichu. Ihr besonderer Stolz
war ihr neuer Sommerhut, aus dessen Garnitur zarter schwarzer Spitzen
sich ein Struchen lila Phantasieblumen wirkungsvoll abhob.

"Kieck, wo stuhr se sik hllt, as'n Hahn", hatte Tetje Jrgens sie beim
Einsteigen gehnselt.

Auch Beuthien hatte sich mit besonderer Sorgfalt gekleidet. Sein grauer,
etwas borstiger Kinnbart war sauber gestutzt, und auf der weien
Piquweste prunkte die schwere goldene Uhrkette, auf deren Besitz er
sich etwas einbildete.

Die Frhlichkeit war schon vor der Abfahrt eine allgemeine gewesen, und
sie steigerte sich whrend der Fahrt unter dem Einflu des heiteren,
sonnigen Wetters, das einen schnen Festtag versprach. Gesang und
allerlei Neckereien wrzten die Unterhaltung, und schon unterwegs wurden
Beuthien und Frau Caroline im Scherz als das behandelt, was als ernstes
Ziel ihm wenigstens dann und wann mit bengstigender Deutlichkeit vor
Augen schwebte.

Der Endpunkt der Fahrt war eine hinter Wandsbek gelegene Waldwirtschaft.

Eine festlich geschmckte Tafel unter hohen Bumen, mit freiem Blick auf
eine buschumsumte Wiese, empfing die Gesellschaft.

Herr Bierwasser, als Prses, begrte die Festgenossen mit einer
wohlgesetzten Rede. Er sprach von den erhebenden Gefhlen, die die
Brust eines jeden beseelen mten, wenn er der Bedeutung dieses Tages
gedchte.

"Vor fnf Jahren, meine Damen und Herren, meine Freunde und
Festgenossen, vor fnf Jahren erblickte unser bescheidenes Alpenveilchen
zum ersten Mal das Licht der Welt."

Bravo! Sehr gut. Donnernder Beifall.

"Bleiben wir den hohen Zielen treu, die wir uns gesteckt haben. Ich
meine die edle Musika, die unsere Herzen erhebt und erfrischt nach des
Tages Last und Mhe."

Bravo! Bravo!

"Darum, meine lieben Freunde und Festgenossen, und auch sie, meine
verehrtesten Gste, erlauben Sie mir und fordere ich sie auf, mit mir in
den Ruf einzustimmen: Der Zitherklub Alpenveilchen von 1876, er lebe
hoch!"

"Hoch soll er leben, hoch soll er leben, dreimal hoch!" sang die ganze
Gesellschaft, stehend, die Glser in der begeistert erhobenen Rechten.

Es war zu schn.

Frau Caroline, die auch als Tischherrn den alten Beuthien hatte, war
ganz "in ihrem Fett", wie sie sagte. So was mchte sie fr ihr Leben
gern.

Unter den Bumen waren verschiedene automatische Apparate aufgestellt.
Ein Chocoladenautomat und einer fr Cigarren, ein Elektrisierapparat und
einer, an dem man seine Kraft erproben konnte, whrend ein benachbarter
Gelegenheit gab, das Krpergewicht vor und nach dem Festmahl zu
bestimmen, "wonach der Wirt das Couvert berechnet," wie ein schelmischer
Jngling witzelte.

Die Wittfoth stellte fest, da sie in einem halben Jahr fnf Pfund
zugenommen htte. Wovon, wte sie nicht. Appetit htte sie gar nicht,
und dann die Arbeit von morgens bis abends, und selbst in der Nacht
fnde sie nicht einmal ihre Ruhe. Dann gebe es erst recht tausenderlei
zu bedenken, wozu der Tag keine Zeit gelassen.

"Na, freuen Sie sich", meinte Tetje Jrgens, "wenn Sie von's Rumarbeiten
all fett werden, wrden Sie von's Nichtsthun ja woll der leibhafte
Globus werden, und dann is es aus mit die Lebensfreuden".

Alles lachte, und Frau Caroline gab ihm kokett einen Klaps mit dem
Sonnenschirm.

Beuthien erprobte seine Kraft an dem automatischen Kraftmesser und
stellte noch manchen jngeren in den Schatten, nur Tetje mit seinen
groen Hnden war ihnen allen berlegen.

Die Frauenzimmer drngten sich um den Elektrisierapparat. Das Kribbeln
in allen Nerven schien ihnen Vergngen zu bereiten. Das war ein
Schnattern und Kreischen. Nur die Wittfoth getraute sich nicht heran.

Winchen Studt, eine achtzehnjhrige blasse Schnheit mit Stumpfnase,
lie sich von ihrem Verlobten, einem Zeichner am Stadtbureau, mit
Chocolade fttern. Sie war eine wichtige Persnlichkeit heute, denn sie
sollte noch etwas vortragen.

Auf der Wiese lockten Schaukel, Turngerte und eine Bergbahn.

Namentlich die letztere bte eine groe Anziehungskraft auf die Damen
aus. Selbst die Wittfoth konnte nicht widerstehen und rutschte in
Gesellschaft Beuthiens, ohne den sie sich es nicht getraute, einige male
unter Gekreisch hin und her.

Es war zu schn, wirklich zu schn, wie sie alle Augenblicke
versicherte.

Und dann spter das Konzert im Saal. "Des Schweizers Heimweh", von acht
Zithern vorgetragen, erntete den grten Beifall. "Entzckend" spielte
Herr Csar Puhvogel "des Aelplers Liebesklage" auf der Elegiezither.

Die grte Bewunderung aber fand Herr S fr den Vortrag des beliebten
Liedes "Im tiefen Keller sitz ich hier".

In allen Gesangvereinen sprach man von dem phnomenalen Ba des Herrn
S.

  Wie Orgelton und Glockenklang
  Ertnet unseres S' Gesang

hatte einmal ein Lobredner auf ihn getoastet.

Auch Winchen Studt, im weien Kleid mit Rosaschrpe, deklamierte "Des
Sngers Fluch" von Uhland sehr brav mit Verstndnis und Gefhl.
Besonders der Schlu verursachte den Empfindsameren unter den Hrern
eine leise Gnsehaut. Wie mit Grabesstimme recitierte Winchen:
"Versunken und vergessen, das ist des Sngers Fluch," mit
bedeutungsvollem, fast schmerzlichem Verweilen auf der ersten Silbe des
"Sngers."

Einen solchen Genu hatte Frau Caroline lange nicht gehabt.

"Wer htte das dem Mdchen angesehen", meinte sie, "und dann das Ganze,
die vielen Zithern. Und was'n Stimme, Herrn S seine, die war ja woll
was fr Pollini."

Als man den Saal verlie, wartete drauen eine neue Ueberraschung der
Gesellschaft. Buntfarbige Lampions waren unter den hohen Bumen
angebracht und gewhrten einen reizenden Anblick. Auf der Wiese aber
hatte sich das als "Ehrengast" anwesende Soloquartett des Gesangvereins
"Unentwegt" aufgestellt, und feierlich klang es von dort herber: "Das
ist der Tag des Herrn."

Den Schlu des Festes machte ein Tnzchen, das jedoch mit einer
Polonaise im Freien, durch das "stickendstere" Gehlz erffnet wurde.
Jeder bekam eine Stocklaterne, die Herren aus rotem, die Damen aus
weiem Papier.

"Wi snd Hanseaten," erklrte Tetje.

Wie schn war das alles, wie wunderschn.

  Sonne, Mond und Sterne,
  Ich geh mit meiner Laterne.
  Aber so ein kleines Licht
  Leuchtet in die Ferne nicht.

Herr Mehlberg, Winchen Studts Verlobter, hatte seine Braut bei einer
Biegung, wo er sich ungesehen glaubte, gekt. Aber es war bemerkt
worden, und ein Kichern und Witzeln lief durch die ganze Kette der
Promenierenden.

Das fhrende Paar nahm im bermut den Weg durch einen trockenen Graben.
Das war ein Gespringe und Gehpfe, ein Gekreisch und ein Gelchter.

Frau Caroline getraute sich nicht die ziemlich steile Bschung hinunter.
Aengstlich trippelte sie und hob ihr Kleid.

Im Graben aber stand Beuthien mit seiner Laterne und sang: "Komm herab,
o Madonna Therese", zum Gaudium der nachdrngenden. Endlich ntigte er
mit einem festen Griff die Aengstliche zu einem ungewollten Hopsen, und
weiter ging's unter Lachen und Scherzen.

Nein, so was Schnes war noch nie dagewesen. Frau Caroline stand nicht
allein mit diesem Urteil.

Und dabei war es so "gruselig" in dem dunklen Wald.

"Hier sind doch keine Schlangen?" fragte die kleine Frau einmal
furchtsam.

"Ne, aber Katteker," versetzte der unverbesserliche Tetje.

Lngst lag Frau Caroline schon in den Federn, als durch ihre Trume noch
immer die Lampions wie groe Leuchtkfer huschten.

"Nein, was ich mich gestern amsiert habe, sagen kann ich es nicht,"
sagte sie am folgenden Morgen zu Therese und Mimi. Acht Tage, acht
Wochen spter, sprach sie noch mit derselben Wrme von diesem
wundervollen Tag, und je weiter er zurcklag, desto geneigter war sie,
ihn als einen der schnsten ihres Lebens zu preisen.




XV.


Auch fr Therese und Mimi war dieser Sonntag ein amsanter gewesen.

Hermann hatte sich frhzeitig genug eingestellt, um noch der Tante einen
Gru mit dem Taschentuch nachwinken zu knnen.

Das Dampfboot nach Buxtehude fuhr erst um halb neun Uhr von der
Landungsbrcke in St. Pauli ab. Ohne zu eilen, konnte man sich mit der
Pferdebahn dorthin begeben.

Schon beim Betreten des Schiffes geriet man in eine muntere
Gesellschaft. Ein mittelgroer Herr mit breitrandigem Panamahut, weiem
Leinenrock, grauem Beinkleid und leichten gelben Lederschuhen bildete
den Mittelpunkt einer Gruppe rauchender, schwatzender und sehr
aufgerumter junger Herren. Die Ankunft Hermanns und der Damen
unterbrach die Unterhaltung. Mimi zog sofort alle Blicke auf sich. Die
Herren lfteten die Hte und gaben mit bertriebener, geckenhafter
Hflichkeit den Weg frei.

"Ah, Frulein Kruse," rief pltzlich der Herr in Wei berrascht und mit
schlecht verhehlter Verlegenheit.

"Frulein Sa, Sie auch?" wandte er sich an Therese.

"Herr Pohlenz! Gott, nein, wie komisch," lachte Mimi.

Hermann erkannte unter den andern jungen Leuten einen Bierfreund. Die
Begrung wurde intimer, man schlo sich aneinander an und wurde nicht
mde, ber diese zufllige Begegnung geistvolle Betrachtungen
anzustellen.

Hermann wre lieber mit den Mdchen allein geblieben. Er sah voraus, da
Mimi ihm auf Stunden durch die Aufmerksamkeit der anderen entzogen sein
wrde. Keinenfalls wollte er sich in Buxtehude jener Gesellschaft
anschlieen. Am Bord war man ja nun einmal auf einander angewiesen.

Auch Therese war anfnglich etwas peinlich von Mimis Triumphen berhrt.
Sie gnnte sie ihr ohne Neid und htte nicht ungern gesehen, sie wrde
so sehr von den Fremden in Anspruch genommen, da Hermann mehr auf ihre,
Theresens, Gesellschaft angewiesen wre. Sie sah dem Eiferschtigen
schon den Mimut an.

Seit Hermanns offenem Gestndnis der Tante gegenber, hatte Therese sich
an den Gedanken gewhnt, Mimi bereits als seine heimliche Braut zu
betrachten. Es war ihr gelungen, Schmerz und Eifersucht niederzukmpfen,
ein leises feindliches Gefhl gegen Mimi zu besiegen.

So lie auch dieser Erfolg der hbschen Freundin bei der mnnlichen
Fahrgesellschaft keine unedlen Regungen bei ihr aufkommen, obwohl sie es
schmerzlich empfand, auch hier wieder zurckstehen zu mssen. Erst als
sie, um nicht ganz bersehen zu werden, ihre Stimmung meisterte, und
sich unbefangen an der Unterhaltung beteiligte, als man auf ihre oft
treffenden Bemerkungen und witzigen Einflle aufmerksam wurde, fand auch
sie ihre Rechnung bei dieser Umgestaltung des Programms, die an Stelle
eines Trios eine so vielstimmige Symphonie setzte.

Die ausgeladene Hflichkeit der kleinen Herrengesellschaft war bald
erklrt und begrndet. Herr Pohlenz hatte in der Stadtlotterie einen
namhaften Treffer gemacht, vierzigtausend Mark waren ihm zugefallen. Nun
spielte der glckliche Gewinner den freigiebigen Freund und begann schon
im Anfang der Fahrt alle am Bord Befindlichen, Kapitn und Schiffsvolk
eingeschlossen, zu traktieren.

Hinter der Gloriole des liebenswrdigen Schwerenters verschwand selbst
in Theresens Augen die komische Figur des vertrsteten Freiers. Selbst
sie fand Herrn Emil Pohlenz doch eigentlich ganz nett, und Mimi
erklrte, man knne sich doch oft sehr in einem Menschen tuschen.

Das herrliche Wetter that das seine, die Fahrt durch die schmale,
vielgewundene Este zu einer genureichen zu machen. Die fetten, im
schnsten Sommerschmuck prangenden Marschufer boten mannigfache,
wechselnde Reize: Breite Deiche, mit ppigem Pflanzenteppich behangen:
groblttriger Huflattich in wuchernder Ausbreitung, hochstielige
Schafsgarbe mit ihren weien Bltenkronen, dazwischen gestreut, wie eine
Hand voll Gold, die fettigen, gelben Blten der Butterblume. Auf
grasreichen Wiesen weidende Khe. Auf den Stegen, hinter den Hecken der
freundlichen obstreichen Grten, kichernde rotwangige Landmdchen, die
Kuhnde und losen Scherzworte, die ihnen die Herren vom Schiff aus
zuwarfen, dreist erwidernd oder verlegen empfangend.

Ein jdischer Handelsmann, der sich am Bord befand, machte den
ortskundigen Cicerone und lobte die reiche Gegend, in der er lohnende
Geschfte zu machen pflege.

Und in der That verriet das saubere behbige Aussehen der einzelnen Hfe
sowohl, als der ganzen Drfer, deren Rckseite sich oft bis hart an das
schilfumrauschte Ufer des Flchens erstreckte, gediegenen Wohlstand.

Selbst Hermann verlor whrend der Fahrt seine Mistimmung. Hoffte er
doch auch, sich in Buxtehude mit den Mdchen verabschieden zu knnen.

Doch er sah sich getuscht. Die Herren wollten die Gesellschaft der
Damen nicht wieder missen, diesen selbst gefiel es nur zu gut im Kreise
so vieler galanter Ritter, und da man sich durch Annahme vieler
Geflligkeiten und Liebenswrdigkeiten verpflichtet hatte, konnte auch
Hermann schlielich, wenn er nicht unartig erscheinen wollte, nur gute
Miene zum bsen Spiel machen.

Schwer genug ward es ihm. Eiferschtig sah er, wie Herr Pohlenz seine
ganze Aufmerksamkeit Frulein Kruse zuwandte, und wie Mimi sich
geschmeichelt fhlte.

Allerdings war sie dann spter zartfhlend genug, Herrn Pohlenzens
taktlose Aufforderung zur Mittagstafel mit einem Hinweis auf Hermanns
ltere Rechte abzulehnen. Aber jener wandte sich an Therese und whlte
seinen Platz so, da er Mimi zur Linken hatte. Zwischen beiden Damen
sitzend, zeigte er sich als interessanter Gesellschafter, so da Hermann
auch jetzt noch nicht zur ungeschmlerten Freude an Mimis Gesellschaft
kam.

Und so blieb es. Auch fr den Rest des Tages war Mimi die Knigin, der
alles huldigte, und das hbsche Mdchen spielte die ihr zugewiesene
Rolle mit Geschick und Liebe zur Sache.

Auf der Rckkehr nach Hamburg nderte sich das Wetter. Ein leichter
Regen fiel, ohne jedoch die frhliche Gesellschaft vom Deck zu
vertreiben. Man scheute die Stickluft der engen Kajte. Die meisten,
erhitzt von Wein und Frohsinn, empfanden die kleine Douche als
Erfrischung. Auch Therese und Mimi blieben oben, um nicht die allgemeine
Gemtlichkeit zu stren. Sie fanden gengenden Schutz hinter der
Kajtenwand, und auch eine warme Decke trieb man auf, in die sich die
empfindlichere Therese einhllen konnte.

Hatte man einmal A gesagt, sollte man nun auch B sagen. Herr Pohlenz
wehrte sich auch nach der Ankunft in Hamburg noch lebhaft gegen eine
Trennung.

"Sie sind meine Gste, Sie mssen bleiben," rief er. "Jetzt wird's erst
fidel."

Und man blieb zusammen, hrte einige Musikstcke in Hornhardts
Konzertgarten an, ging, den Widerspruch einzelner besiegend, noch auf
ein Glas Bier zu Mittelstra, einem beliebten Restaurant, und schlo
endlich zu spter Stunde mit einer Tasse Melange in Grbers Caf.




XVI.


Einige Tage spter sprach man in der Nachbarschaft des Durchschnitts von
nichts anderem, als von der Verlobung des alten Beuthien mit der Witwe
Wittfoth, hier mit neidischer Geringschtzung, dort mit selbstbewutem
Indiebrustwerfen: haben wir es nicht gleich gesagt. Etliche
gleichgiltig, als handle es sich um das Wetter, andere mit einer
Vertiefung in den Gegenstand, als wre nun die natrliche Ordnung der
Dinge durchbrochen und die Erde liefe von jetzt ab anders herum.

Und man sprach nicht mehr von einem Gercht. Es war eine Thatsache. Der
alte Beuthien hatte wirklich von dem Stiftungsfest des "Alpenveilchens"
den ntigen Mut mit nach Hause gebracht, und Frau Caroline hatte nach
kurzem schamhaftem Struben, unter Hinweis auf ihr vorgercktes Alter,
ja gesagt.

"Wenn Sie es durchaus wollen, so will ich Ihrem Glck nicht im Wege
sein."

So ungefhr lauteten die Schluworte der kleinen Frau.

Hiermit war denn auch ber den Antrag des Herrn Pohlenz entschieden. Die
Kunde von seinem Lotteriegewinn hatte Frau Caroline allerdings wieder
unschlssig gemacht, nachdem sie sich in ihrem Hinundherwenden der Sache
schon mehr fr die Ablehnung entschieden hatte.

Fr vierzigtausend Mark jedoch konnte man ber Kleinigkeiten schon
hinweg sehen.

Aber ob man mit vierzigtausend Mark nicht auch ber allerlei hinweg
she? Ueber die Witwe Wittfoth zum Beispiel? Das war eine andere Frage.

Frau Caroline war bei aller Selbstachtung doch nicht eitel genug, um das
Bestechliche, was fr Herrn Pohlenz in einer Verbindung mit ihr lag, in
ihrer Person gesucht zu haben. Sie hatte sich keiner Tuschung
hingegeben. Bei Beuthien aber war sie sicher, da auch persnliche
Neigung zu Grunde lag.

Als Herr Emil Pohlenz von der Verlobung der Witwe Wittfoth hrte, fiel
ihm ein Stein vom Herzen. Jetzt war er der Freigegebene, der
Verschmhte.

Als er beim Lotteriecollecteur das gewonnene Geld eingestrichen hatte,
wute er, was er wollte.

"Nach reiflicher Ueberlegung und mit Bewahrung meiner vollsten
Hochachtung und Wertschtzung kann ich mich der Einsicht nicht
verschlieen." So oder hnlich dachte er sich den Anfang seines Briefes
an die Wittfoth.

Natrlich wollte er jetzt nicht lnger Stadtreisender bei Mller und
Lenze bleiben. Aber bis zur Lsung seines Kontraktes mute er noch seine
Geschftsbesuche bei der Witwe fortsetzen. Das war auch jetzt noch sehr
peinlich, aber er konnte ihr doch mit dem Stolz des Gekrnkten,
Verschmhten gegenber treten, eine Rolle, in welche er sich mit
vierzigtausend Mark in der Tasche leicht hinein finden wrde.

Ein anderes kam hinzu, das ihm den Gang nach dem Eckkeller der Wittfoth
bedeutend erleichterte.

Auf der Fahrt nach Buxtehude war eine schlummernde Neigung in ihm wach
geworden. Schon immer hatte er sich bemht, dem hbschen Ladenmdchen
der Witwe nher zu kommen. Aber Mimi Kruse war ihm gegenber stets khl
bis ans Herz gewesen, ja abweisend. Ihr liebenswrdiges Entgegenkommen
in Buxtehude aber hatte Hoffnungen in ihm geweckt.

Er gab sich keinen Illusionen hin. Er taxierte sie richtig. Er wute,
welcher Wind dieses Wetterfhnchen gedreht hatte. Aber er betrachtete ja
selbst das Leben nur vom kaufmnnischen Standpunkt. Was kostet das?

Was Mimi Kruse anbelangte, so wute er jetzt, da er sie sich "leisten"
konnte, da seine "Mittel" sie ihm "erlaubten". Warum sollte er sie
nicht "kaufen?"

Als er die Verlobungsanzeige der Wittfoth erhalten hatte, verband er mit
einem Geschftsbesuch die Gratulationsvisite und die Erkundigung bei
Mimi, wie ihr die Ausfahrt bekommen sei. Er bat um die Erlaubnis, sie
einmal ausfhren zu drfen, erzhlte von seinen Zukunftsplnen, lie
durchblicken, da er mglicherweise noch eine kleine Erbschaft von einer
Tante erwarten knnte, und machte einen solchen Eindruck auf Mimi, da
sie "mit Vergngen" seine Einladung annahm.

Von jetzt ab kam Herr Pohlenz hufiger, zur Verwunderung Frau
Carolinens, die jedoch nicht lange im Unklaren ber die Veranlagung zu
diesem Geschftseifer des Stadtreisenden blieb.

Sie war beleidigt von dem Gleichmut, mit dem Herr Pohlenz ihren Verlust,
den Verlust seines "ganzen Lebensglckes," wie er es damals nannte,
ertrug, und war entrstet ber Mimi.

Hatte diese nicht Hermann "Avancen" gemacht? Und nun band sie mit
diesem Gecken an, weil er Geld hatte.

Was wrde Hermann sagen, der arme Junge. Sie mochte gar nicht daran
denken. Wenn nicht in diesen Tagen ihre Verlobungsfeier stattfinden
sollte, an der sie nur vergngte Gesichter um sich sehen wollte, so
wrde sie Hermann schon jetzt die Augen ffnen. Aber nachher sollte er
auch keinen Augenblick lnger ber Mimis Doppelspiel im Dunkeln bleiben.

Dem Mdchen selbst wagte sie keine Vorwrfe zu machen. Es war ihr
peinlich, sich darein zu mischen. Wenn sie nun die Entrstete spielen
wollte, she es nicht aus, als ob sie sich ber den Entgang der
vierzigtausend Mark rgerte? Wie Neid, Migunst?

Nein, sie lie der Sache ihren Lauf. Mochte Hermann sehen, wie er mit
Mimi fertig wrde. Im Grunde wre es ja nur ein Glck, wenn er diese
Person nicht bekme.

"Stich hlt sie doch nicht," schalt sie bei sich.

Hermann hatte nach der Buxtehuder Tour einige mivergngte Tage. Mimis
freies Benehmen, ihre Liebenswrdigkeit gegen Pohlenz, ber den sie doch
sonst bei jeder Gelegenheit die Schale ihres Spottes ausgo, hatten ihn
tief verstimmt. Immer mehr kam er zur Erkenntnis ihres oberflchlichen
Charakters. Aber ihrem sinnlichen Reiz konnte er sich nicht entziehen.
Seine Eifersucht blendete seinen klaren Blick und verwirrte seine
Entschlsse.

Dieser faden, beschrnkten Krmerseele sollte er weichen?

Statt den Kampf mit dem Verachteten aufzunehmen, zog er sich erbittert
zurck, und glaubte, Mimi durch Vernachlssigung strafen zu knnen. Aber
diese Strafe traf nur ihn selbst. Er litt sehr. Er sehnte sich, sie zu
sehen, sich auszusprechen. Doch wann wrde er sie bei der Tante einmal
sprechen knnen, ohne Strung?

So wollte er sie denn um eine Zusammenkunft bitten.

Aber wenn sie merkte, was er wollte, und nicht kme?

Das beste wre, er sprche sich gleich brieflich mit ihr aus.

Und so schrieb er denn:

  Liebes Frulein!

  Die Gefhle, die mich beseelen und die ich nicht lnger zum Schweigen
  verurteilen kann, drcken mir die Feder in die Hand. Habe ich ntig,
  das noch auszusprechen, was Ihnen, ich wei es, schon lange kein
  Geheimnis mehr sein kann?

  Mein ganzes Benehmen gegen Sie mu Ihnen lngst bewiesen haben, wie
  unaussprechlich ich Sie liebe, und da es das hchste Ziel meines
  Strebens, das Glck meines Lebens ist, Sie, teuerste Mimi, mein eigen
  nennen zu drfen.

  Ich wollte noch bis Michaelis warten, bis zur Aufbesserung meines
  Gehaltes, ehe ich Sie vor die Entscheidung stellte. Aber der Kopf
  denkt, und das Herz lenkt. Und mein Herz gehrt Ihnen, hochverehrtes,
  inniggeliebtes Mdchen, wie auch immer Ihre Antwort ausfllt.

  Verschmhen Sie meine Liebe nicht, werden Sie mein, und machen Sie
  namenlos glcklich

  Ihren hoffenden

  Hermann Heinecke.

Als Mimi den Brief las, berkam sie zuerst das Gefhl einer groen
Bestrzung. Nun ward es ernst.

Dann aber kam die Eitelkeit zum Wort.

Sie las zum zweiten Mal und ward nun gerhrt. Er war doch ein guter
Mensch. Namenlos glcklich sollte sie ihn machen.

Mein Gott, es ist doch etwas Schnes um die Liebe. Sie barg den Brief in
ihrer Tasche und brach in ein unterdrcktes Schluchzen aus.

"Nun, was ist Ihnen denn passirt?" fragte die Wittfoth, die sie bei
diesem Ausbruch ihres im Grunde weichen Gemtes berraschte.

"Meine Freundin ist so krank", stotterte Mimi.

"Ist es denn zum Sterben?" erkundigte sich Frau Caroline.

"Das nicht," war die Antwort.

"Na, denn ist es ja noch immer Zeit zum Weinen," trstete die Wittfoth.

"Ich sag ja", dachte sie, als Mimi bald nachher ihre Thrnen getrocknet
hatte. "Tief geht nichts bei der. Lachen und Weinen in einem Atem."

"Na, Frulein," fragte sie mit leisem Spott, "es ist wohl man halb so
schlimm?"

"Ach ja, ich erschrak mich nur so furchtbar", gab Mimi zu.

"Dann schreiben Sie nu auch man gleich", mahnte die Wittfoth gutmtig.
"Ja, das wollte ich auch, heute Abend noch", erklrte Mimi.

Und am selben Abend schrieb sie an Hermann:

  Geehrter Herr Heinecke!

  Wie schmeichelhaft mich Ihr wertes Schreiben berhrt hat, brauche ich
  wohl nicht erst zu sagen. Ich achte Sie hoch und glaube gewi, da Sie
  eine Frau so glcklich machen werden, wie sie es verdient, aber nehmen
  Sie es mir bitte nicht bel, wenn ich nach reiflicher Erwgung zu dem
  Entschlu gekommen bin, Ihren werten Antrag nicht annehmen zu knnen,
  so gerne ich dieses auch mchte.

  Ich meine ohne rechte Liebe ist es eine Snde, wenn ich ja sagen
  wollte und im Herzen denke ich ganz anders. Nicht wahr, Sie verzeihen
  mir meine Ehrlichkeit? Es ist ein gar zu schwerer Schritt, den Sie von
  mir verlangen, und das Leben ist doch so furchtbar ernst. Es thut mich
  leid, Ihnen weh thun zu mssen, aber es giebt ja noch ganz andere
  Mdchen, als ich eine bin, und Sie werden gewi noch einmal so
  glcklich, wie Sie es verdienen. Selbiges wnscht Ihnen von Herzen

  Ihre Mimi Kruse.

Sie hatte diesen Brief zweimal geschrieben, da die erste Niederschrift
ein Petroleumfleck verunzierte. Sie hatte sich beim Hherschrauben der
Lampe die Finger beschmutzt und beim Umwenden des Briefbogens diesen
befleckt.

Mit brennenden Wangen und fliegendem Atem las sie wiederholt ihr
Schreiben und malte vorsichtig mit zitternder Hand noch einige
vergessene U-striche hinein. Dann schlo sie den Brief in ein Couvert.
Aber ihr fiel eine Nachschrift ein, und sie ffnete es wieder.

"Was die Geschenke anbelangt, die Sie so gtig waren mir zu schenken",
fgte sie hinzu, "so erlauben Sie mir wohl, dieselbigen als Andenken zu
behalten. Nochmals meinen besten Dank fr alles Gute."

Sie nahm ein neues Couvert und versah es mit der Aufschrift.

    Herrn Volksschullehrer
          Hermann Heinecke
  p. Adr.: Frau Ww. Thielemann
                   Hierselbst.
               Raboisen 27, III.




XVII.


Das groe Sommerrennen in Horn hielt die ganze sportfreundliche Welt
Hamburgs in Aufregung. Es waren besondere Festtage auch fr alle die
Straen, durch welche die teilweise glnzende Korsofahrt nach und von
dem Rennplatz ihren Weg nahm.

Auch in der Grtnerstrae waren alle Fenster, Balkons und Verandas mit
Schaulustigen besetzt. Auch die Wittfoth hatte Sthle und Schemel vor
ihre Ladenthr auf das Trottoir gestellt, fr sich und die beiden
Mdchen.

Hermann, der sonst an einem dieser Tage zu kommen pflegte, war
ausgeblieben. Er hatte sich berhaupt lange nicht bei der Tante sehen
lassen, zu deren und Theresens groer Verwunderung. Nur Mimi wute,
warum er nicht kam.

Sie fhlte keine Reue ber ihre Ablehnung seiner Werbung. Sie hatte sich
nach Fertigstellung ihres Briefes, dessen nach ihrer Meinung elegante
Redewendungen ihr nicht leicht geworden waren, mit dem Gefhl zur Ruhe
gelegt, als htte sie etwas Rechtes, etwas Groes gethan.

Am nchsten Morgen hatte sie nur noch das eine Gefhl der Neugier: Was
wird er wohl sagen? Was wird er nun thun?

Pohlenzens Bemhungen um sie fanden einen fruchtbaren Boden. Schnell
scho das neue Verhltnis unter dem befruchtenden Segen der
vierzigtausend Mark in die Halme, das bescheidene Grn der alten
Beziehungen zu Hermann berwuchernd und erstickend.

Mimi hatte zum zweiten Renntag, dem Sonntag, eine Einladung von Pohlenz
angenommen. Sie hatte am ersten Tag Hermann in Begleitung einiger
Freunde vorbeifahren sehen, hatte jedoch Therese und deren Tante nicht
auf ihn, der sich wie absichtlich abwandte, aufmerksam gemacht.

Ob sie ihn wohl auch am Sonntag auf dem Rennplatz treffen wrde? Sie
wnschte es beinah. Es wre pikant. Auf jeden Fall wrde sie an der
Seite ihres neuen Verehrers dem Abgedankten imponieren.

Pohlenz wollte ein Cabriolet nehmen und selbst fahren. Hermann htte
sich das nicht leisten knnen, htte auch wohl kaum zu fahren
verstanden.

Den ganzen Tag lag ihr nichts mehr im Kopf, als diese mgliche Begegnung
zwischen ihr und Hermann. Wie eine Theaterszene malte sie es sich aus.

Sie war nie beim Rennen gewesen und brannte vor Ungeduld. Sorgfltig
beobachtete sie die Insassinnen der vorberrollenden Equipagen und
Mietsfuhrwerke und dachte sich an deren Stelle, vornehm nachlssig
zurckgelehnt, chic gekleidet, alle Blicke auf sich ziehend.

Pohlenz hatte ihr ein neues Kostm geschenkt, in dem sie ohne Frage
gefallen wrde. Sie hatte nach kurzem Bedenken diese "kleine
Aufmerksamkeit" von ihm angenommen.

Ihn hatte sie gebeten, sich zu kleiden, wie damals in Buxtehude, und
geschmeichelt hatte der beraus Eitle es versprochen. Er hatte ihr zu
sehr in diesem Anzug gefallen. Er hatte so etwas exotisches darin.
Reiche Brasilianer und indische Nabobs, Helden frher von ihr gelesener
Romane, lebten in ihrer Erinnerung auf. Der tief brnette Pohlenz mit
dem groen Panamahut, dem weien Rckchen, eine seiner feinen Cigaretten
rauchend, eigenhndig den schlanken Traber lenkend, sie neben ihm im
neuen Kostm, immer wieder kehrten ihre Gedanken zu diesem Bilde zurck.

Da fuhr Hermann vorber in einer gewhnlichen Droschke, etwas krumm,
vornbergeneigt, wie immer, wenn er es sich bequem machte Er sah sehr
bla aus, wie bernchtig. Auch die drei Herren neben ihm waren
keineswegs elegante Erscheinungen. Der eine erregte sogar ihre
Heiterkeit durch eine geschmacklose kirschrote Krawatte.

Wie gewhnlich das ganze Fuhrwerk aussah. Sie mchte sich nicht darin
unter diese eleganten Equipagen mischen.

Hermann hatte Mimi schon von weitem auf ihrem Schemel stehen sehen,
neben seiner kleinen Tante, die einen Stuhl erklettert hatte, um besser
sehen zu knnen. Rechtzeitig wandte er sich ab, um nicht ihrem Blick zu
begegnen.

Ihre Absage hatte ihm sehr weh gethan. Er liebte sie wirklich und konnte
sie nicht vergessen. Selbst der ungebildete Stil ihres Schreibens, der
kleine grammatikalische Schnitzer, beleidigten ihn nicht. Es war ihm ja
nicht unbekannt, da ihre Bildung keine lckenlose war, ihr Charakter
nicht ohne Schwchen. Aber welches Weib hat nicht seine Schwchen. Vom
Weibe verlangt man etwas anderes, als Charakter und Grammatik. Eine
vollkommene Frau htte ihn gar nicht gereizt. Er hatte es sich so schn
getrumt, Mimi allmhlich zu erziehen, zu veredeln, die schlummernden
guten Anlagen zu wecken.

Der Traum war aus.

Hermann mied das Haus der Tante seit Mimis Brief. Er suchte Zerstreuung
und berredete auch seine Freunde, gemeinschaftlich das Rennen zu
besuchen. Er hoffte die Geliebte dort oder beim Vorberfahren zu sehen.
Er malte sich eine Begegnung aus: Khler, hflicher Gru von seiner
Seite, mit einem leisen Anflug von Schmerz. Farbe der Resignation.
Mnnliche Gefatheit. Sie errtend, dann erblassend, mit dem bekannten
schnippischen Wurf ihres hbschen Kpfchens die Sache schnell und
geringschtzig abthuend.

Einen Augenblick hatte er geglaubt, das Spiel noch nicht verloren geben
zu sollen. Mimi wrde sich wohl noch besinnen, er msse ihr Zeit lassen.
Sie wre auch gar zu wenig vorbereitet gewesen.

Vielleicht bedauerte sie schon ihre Abweisung seines Antrags, der nur
edle selbstlose Motive zu Grunde lagen. Das Leben ist so furchtbar
ernst, hatte sie geschrieben. Sie war nicht schlecht, sie hatte ein
gutes Herz. Vielleicht empfand sie auch selbst ihre Unbildung und
glaubte, nicht fr ihn zu passen. Und er sah sie in Gedanken bla,
traurig, weinend in ihrem engen Stbchen sitzen, das ihm immer ihrer so
wenig wrdig vorgekommen war.

Aber solchen Illusionen konnte er sich nicht lnger hingeben, seitdem
ihm einer seiner Freunde auf Ehre versicherte, Mimi mit Herrn Pohlenz
Arm in Arm, im Zoologischen Garten getroffen zu haben.

Also doch! Im Grunde glaubte er ja auch selbst nicht an seine
Beschnigungen. Warum sich belgen? Sie war eine Kokette, seiner nicht
wert. Er mute sie vergessen.

Als er sie jedoch am zweiten Renntage auf dem Rennplatz wieder traf, an
der Seite des verachteten Nebenbuhlers, entflammte aufs neue der
heftigste Schmerz in ihm.

Mimi sah auch entzckend aus. Er hatte sie nie in diesem Kostm gesehen.
Es musste ganz neu sein und schien ihm ber ihre Verhltnisse zu gehen.
Sollte sie sich bereits von dem Probenreiter kleiden lassen?

Mimi trug ein enganschlieendes, taubengraues Kleid von vornehmer
Einfachheit. Eine leuchtende rote Rose schmckte die anmutig volle
Bste. Ein kleiner runder, grauer Herrenfilz mit weiem Taubenflgel sa
kokett auf dem hbschen Blondkopf.

Und nichts von Trauer, Gedrcktheit oder Nachdenklichkeit lag auf diesem
frischen, lebhaften Mdchengesicht. Das war ganz die muntere, sorglose,
genufreudige Mimi, die ihn immer so bezaubert hatte mit ihrer
Lebenslust.

Er mute sich zusammennehmen, damit der aufwhlende Schmerz ihm keine
Thrnen entlockte, der Schmerz und die Wut auf den verhaten Sieger. Er
trennte sich von den Freunden, um aus Mimis Nhe zu kommen.

Die Tribne verlassend, traf er auch die Behnsche Familie, die vom Wagen
aus dem Derby zusah. Er grte hinauf, ohne von den ganz von der
Sportlust in Anspruch Genommenen einen Gegengru zu erhalten. Nur von
Lulu erhaschte er einen matten, ausdruckslosen Blick.

Es fiel ihm auf, wie bla das Mdchen aussah, fast leidend.

Seit ihrer Tanzbodenbegegnung hatte er Lulu nur dann und wann flchtig
am Fenster gesehen, von der Wohnung der Tante aus. Er hatte sich damals
seine eigenen Gedanken ber sie gemacht, nicht zu ihrem Vorteil. Er
hatte keine hohe Meinung von ihr. Ein leichtsinniges Mdchen, das sicher
auch andere Vergngungen nicht verschmhen wrde, wenn es sich nicht fr
zu gut hielt, mit diesem Droschkenkutscher die Tanzbden zu besuchen.

Auch in dem kleinen Kreis der Tante Wittfoth herrschte keine andere
Ansicht ber Lulu. Er hatte immer nur geringschtzig ber sie sprechen
hren.

Was stimmte ihn nun auf einmal so gnstig fr das Mdchen? Wie Mitleid
berkam es ihn. Sie hatte so bedrckt, so unglcklich ausgesehen.

Seine Einbildungskraft suchte nach Ursachen, anknpfend an jenes
Ottensener Abenteuer und auf dem Faden ihres Verhltnisses zu Beuthien
allerlei romantische Vermutungen aufreihend.

Er wird sie betrogen haben, dachte er, und lachte bitter auf: Tout comme
chez nous, mit vertauschten Rollen.

Es that ihm wohl, eine Leidensgefhrtin in Lulu zu haben, wenn auch nur
in seiner Einbildung. Er wog Lulu gegen Mimi und gab ihr den Preis vor
dieser, mit einer Art schmerzlichen Wollustgefhls befriedigter Rache.

Lulu war ihm das Opfer ihrer Liebe, ihrer Leidenschaft, Mimi eine
herzlose, oberflchliche Kokette, eine kufliche Dirne.

Ja, eine Dirne war sie, verkauft hatte sie sich diesem Affen, diesem
Knopfkrmer.

Wie ekel war ihm das Leben, wie schal, wie kindisch erschien ihm das
ganze Treiben hier, diese Hetzjagd um den Preis, dieses Wetten und
Spielen.

Er kam sich einsam unter der Menge vor. Er strebte dem Ausgang zu.

Da ward ihm ein Gru.

Es war Beuthien, der mit anderen Rosselenkern zusammenstand, jeder ein
halbgeleertes Bierseidel in der Hand, fachmnnische Gesprche mit derben
Witzen wrzend.

Wie roh sahen die Leute aus. Selbst Beuthien, der alle um Haupteslnge
berragte, von Hitze und Biergenu gertet, stie ihn ab. Lulus
Geschmack war ihm unverstndlich.

Und doch, was wollte er denn?

Kaufkraft und Muskelkraft, das sind ja die Krfte, vor denen die Weiber
Respekt haben.




XVIII.


Lulu Behn hatte sich vergeblich gestrubt, mit zum Rennen zu fahren. Sie
hatte Kopfschmerz vorgeschtzt, ihr hufiges Uebel, aber der Vater hatte
es nicht gelten lassen wollen und gemeint, das gbe sich unterwegs, in
frischer Luft, am besten.

So gutmtig er war, so verlangte er doch von anderen dieselbe Hrte
gegen kleine krperliche Unbequemlichkeiten, die er gegen sich selbst
bte.

Lulu, um nicht unntige Besorgnis zu erregen, die ihr aus guten Grnden
gefhrlich schien, gehorchte und nahm ihren Sitz in der offenen Droschke
neben der Mutter ein, whrend Paula mit dem Vater auf dem Rcksitz Platz
nahm.

Es war dieselbe Droschke, in der sie mit Beuthien ihre hufigen
heimlichen Fahrten gemacht hatte, der alte wohlbekannte Braune, und, was
ihr das Schrecklichste, war, Wilhelm fuhr selbst.

Nach jenem Besuch des Horner Wldchens hatten sie sich erst einmal
wieder gesehen. Beuthien wich ihr aus, und sie schmte sich vor ihm.
Dieses eine Mal aber mute sie ihn sprechen, um ihm zu sagen, was sie
befrchtete.

Er hatte sie ausgelacht und ihr allerlei Ratschlge gegeben und die
Gengstigte beruhigt.

Wie er es so leicht nahm und so zuversichtlich sprach, ward auch sie
gefater. Beuthien wrde sie nicht sitzen lassen, er wrde sie heiraten.

Heute aber fuhr sie mit der Gewiheit des ihr Bevorstehenden durch die
bunte Menge nach Horn hinaus, in der Stimmung eines Verbrechers, der
nach dem Schauplatz seiner That gefhrt wird.

Wie meisterlich sich Beuthien beherrschte. Nicht einmal errtet war er,
als Lulu mit leichtem Neigen des Kopfes an ihm vorbei in den Wagen
stieg. Und wie gleichmtig er dort oben auf dem Bock sa, und wie
sicher er seinen Gaul durch das Gewirr der Fuhrwerke lenkte.

Der alte Behn wurde unterwegs doch besorgt, als Lulu mehrmals die Augen
schlo und sich erblassend zurcklehnte.

"Willst Du doch aussteigen?" fragte er. "Du kannst noch bequem mit der
Pferdebahn zurckfahren."

Sie wehrte ab. Sie wollte es jetzt durchsetzen. Beuthiens stoische Ruhe
hatte sie gergert, und sie wollte es ihm nachthun.

Bevor der Weg nach dem Rennplatz abbog, sah sie in der Ferne jenes
Wldchen liegen, wie ein niedriges, schwarzes Buschwerk ragte es ber
die welligen Felder hinweg.

Ob er hinber sah?

Sie beobachtete ihn, aber er hatte keinen Blick fr die Umgebung. Er
mute seine ganze Aufmerksamkeit auf das Fahren richten.

Sie aber mute immer wieder hinber sehen nach dem schwarzen Fleck
dahinten, ber dem jetzt eine einzelne weie Wolke, wie ein fabelhaftes
Ungetm, schwebte.

Wie unheimlich diese einsame Wolke aussah. Wie verloren schwebte sie im
blauen Luftmeer, wie ein verschlagenes Segel im grenzenlosen Ocean.

Ein wunderliches, nie gekanntes Gefhl der Vereinsamung berkam Lulu.
Mhsam beherrschte sie sich.

"Was guckst Du immer nach der Wolke?" fragte Paula.

Lulu schrak zusammen.

"Ich?" fragte sie. "Das ist doch man so."

Sie wute es kaum, da sie bestndig dort hinber starrte.

"Lulu trinkt nachher etwas Selterwasser", meinte die Mutter. "Das
frischt ihr auf."

Der Vater wollte sie jetzt mit der Droschke zurckschicken, Beuthien
sollte dann zum Schlu des Rennens zurckkommen.

Fast heftig lehnte Lulu ab. Um keinen Preis wre sie jetzt mit ihm
allein gefahren.

Ein dumpfer Widerstand gegen seine Macht ber sie begann sich seit ihrer
letzten Unterhaltung zu regen.

Er kam ihr so anders vor, als sonst. Es war ihr, als she sie schrfer,
wie durch ein Vergrerungsglas.

Zuerst fielen ihr die vielen Fltchen unter den Augen auf, und das
hufige nervse Zucken der Lider. Eine kleine warzenartige Erhhung auf
dem Rand der linken Ohrmuschel, die sie nie gesehen zu haben meinte,
drngte sich ihren Augen frmlich auf. Die breite Hautfalte ber dem
krftigen gebrunten Nacken, dicht unter dem kurzgehaltenen schwarzen
Haar, gab seinem Kopf, von hinten gesehen, etwas brutales.

Sie hatte whrend der ganzen Fahrt fast immer diese wulstige Nackenfalte
ansehen mssen, und den etwas fettigen Kragen seines Rockes.

Wie garstig!

Als sie jedoch auf dem Rennplatz, mit einem flchtigen Blick vom Wagen
aus, ihn zwischen seinen Kollegen stehen sah, stattlich vor allen, und
sah, wie er in einer kurzen scherzhaften Balgerei seine berlegenen
Krfte anstrengungslos brauchte, fhlte sie sich wieder auf seinem Arm,
wehrlos seinem Willen unterworfen, und wie eine glhende Welle stieg das
alte Gefhl fr ihn wieder in ihr auf.

Teilnahmlos verfolgte sie das Rennen, nur mit sich beschftigt. Die
vorgeschtzten Kopfschmerzen hatten sich nun wirklich eingestellt,
infolge der Gemtsbewegung und der Hitze, die auf dem freien Felde
herrschte. So war sie froh, als man sich fr den Heimweg rstete.

Auf der Rckfahrt gab der Ausfall der verschiedenen Rennen Stoff zur
lebhaften Unterhaltung, in die auch Beuthien hineingezogen wurde. Man
hatte nicht trockenen Gaumens in der Sonne des Sommernachmittags
ausgehalten, und das genossene Getrnk hatte namentlich auf Paula seine
erregende Wirkung nicht verfehlt.

Sie hatte gebeten, bei Beuthien auf dem Bock sitzen zu drfen, und der
alte Behn war froh gewesen, erhitzt wie er war, die Breite des Sitzes
fr sich allein benutzen zu knnen.

Paula, schon von Natur nicht mundfaul, war infolge der genossenen
Anregungen bestndig im Schwtzen mit Beuthien, der sich an dem Mdchen
ergtzte, das ihn oft mit so eigentmlichen leuchtenden Blicken
anblitzte.

"Die wird noch mal", dachte er. "Zwei Jahre weiter spielen wir mit."

Der groe, derbknochige Backfisch mit den fliegenden blonden Haaren, dem
weien, sommersprossigen Teint, den breiten sinnlichen Lippen und dem
runden, festen Kinn, versprach, sich mehr nach seinem Geschmack zu
entwickeln, als Lulu es gethan, deren weiche, kraftlose Formen ihn
nicht auf die Dauer reizten.

Paula sah heute besonders vorteilhaft aus mit ihrer leuchtenden roten
Bluse und der gleichfarbigen Federgarnitur des weien Strohhutes.

"Brennende Liebe" taufte die Mode poetisch dieses flammende Rot.

Lulu sah das vertrauliche, lustige Plaudern der beiden und ward
pltzlich eiferschtig.

Es war nicht Paula, "das dumme Gr", die sie frchtete, aber in der
Schwester personifizierte sich ihr die Gefahr, die ihr mglicherweise
von anderer Seite drohen knnte.

Wenn Beuthien sie verliee?

Wieder kam einer jener Momente ber sie, wo sie mit grauenhafter
Deutlichkeit in die Zukunft sah. Entweder Schande, oder seine Frau,
Kutschersfrau.

Wenn er sie nun nicht heiraten wollte, wrde ihr Vater ihn zwingen?
Wrde er ihn als Schwiegersohn anerkennen?

Sie schlo die Augen, als knne sie sich dadurch gegen alles
Widerwrtige absperren.

Stumpfsinnig hatte sie in den letzten Tagen dahingelebt. Das wollte sie
weiter, die Sache an sich herankommen lassen. Es war ihrer Natur am
angemessensten, sich treiben und schieben zu lassen. Mochte es gehen,
wie es ging.

Aber dann strte wieder ein Blick auf Paula sie auf, die mit ihrer
"brennenden Liebe" so auffallend dort oben paradierte. Die meisten
Blicke aus dem Publikum galten dem "feurigen" Backfisch auf dem
Kutscherbock, nur einige Offiziere, die in einem leichten Jagdwagen ihre
Droschke berholten, musterten fast auffllig das blasse Mdchen in der
weien, grtelumschlossenen Bluse, das mit so mden Blicken vor sich
hinstarrte.

Lulu hatte kein Auge fr die Herren. Sie war ganz mit sich beschftigt.
Etwas wie Ha auf die Schwester regte sich, die noch immer Beuthien mit
ihrem naiven Geschwtz unterhielt, unschuldig, ein Kind noch, und doch
schon seit jenem Tanz mit ihm mit einem Fu in dem verbotenen Garten,
von dessen Frchten sie selbst bereits genascht hatte.

Ein hlicher Gedanke stieg in ihr auf und sprach sich in einem kurzen,
hhnischen Blick aus.

Lach nur, mein Kind, dachte sie. Auch deine Zeit kommt.




XIX.


Frulein Mimi Kruse machte nach den Renntagen ihre Verlobung mit Herrn
Emil Pohlenz bekannt und kndigte ihre Stellung bei der Wittfoth.

"Hab ich's nicht gleich gesagt?" meinte die Tante. "Mir such einer was
zu verheimlichen."

"Es war vorauszusehen", bettigte Therese. "Wenn sie sich leiden mgen,
kann man sich ja nur darber freuen."

"Meinen Segen haben sie", sagte die Wittfoth. "So eine, wie Mimi,
bekommen wir schon wieder."

"Na", zweifelte Therese. "Mimi war doch eigentlich im Geschft recht
tchtig."

"Alles was recht ist", gab die Tante zu. "Das heit, vergelich ist sie
doch man, und nachrumen mu man ihr alles."

"Ja, wo findest du eine ohne Fehler, liebe Tante." Ein hlicher Husten,
der sie seit der Buxtehuder Ausfahrt qulte, unterbrach stoweise
Theresens Worte.

"Das ist auch man ebenso viel, zu ersetzen ist jede", behauptete Frau
Caroline. "Mich rgert man blo, da das dumme Ding solch Glck hat.
Aber man ist ja wohl eigentlich schlecht, so was zu sagen. Ich meine
auch man blo. Ich will ihn ihr nicht nehmen, und wenn sie ihn auf'n
Teller bringt."

"Du hast ja schon Dein Teil", lachte Therese. "Am Ende htte ich noch
Onkel Pohlenz sagen mssen. Da ist mir doch Onkel Beuthien lieber."

"Mich amsiert man, da wir nun doch noch 'ne Doppelverlobung zu Stande
gekriegt haben. Nu mach auch man Anstalten", meinte die Wittfoth.

"Ich werde Wilhelm einen Antrag machen", scherzte Therese etwas
verlegen. Die unzarte Bemerkung der Tante that ihr weh, fr sie war ja
das Verloben und Heiraten "nicht erfunden", sie durfte zusehen.

Und doch war sie ebenso liebebedrftig, hatte ein ebenso empfngliches
Herz, wie Mimi und die so viel ltere Tante.

Ihre Neigung zu Hermann brannte wie eine Kerze, mit gleicher, ruhiger,
sanfter Flamme, sich selbst verzehrend.

Zu stolz und zu klug, sich Illusionen hinzugeben, hatte sie ein fr
allemal auf Liebesglck verzichtet, wenigstens sich mit dem begngt, das
auch unerwiderte Liebe zu bieten vermag.

Sie hatte, fast zu frhzeitig, doch ihre Stunden waren ja sehr in
Anspruch genommen, eine Handarbeit zu Hermanns nchstem Geburtstag
angefangen, sein Monogramm in Gold, umrahmt von einem Veilchenkranz in
blauer Seide. Auf schwarzem Atlas gestickt, sollte das Ganze einem
Taschenbuch zur Zierde gereichen.

Emsig arbeitete sie daran, und die Liebe machte ihre solcher feinen
Arbeiten ungewohnten Finger geschickt.

Wenn sie ihn doch fter erfreuen knnte, fr ihn arbeiten, sich ihm
ntzlich erweisen.

Als er neulich einmal, rgerlich ber seine saumselige Wirtin, der Tante
einige Strmpfe zum Stopfen brachte, war sie erfreut gewesen, dieser die
Arbeit abnehmen zu drfen, und hatte sich in dieser fraulichen
Thtigkeit fr den Geliebten glcklich gefhlt.

Konnte sie selbst Hermann nicht besitzen, so gnnte sie ihn doch nur
einer Wrdigen, und seine Neigung zu Mimi hatte nie recht ihren Beifall
gefunden.

Sie war Mimi herzlich gut, ihrer vielen liebenswrdigen Eigenschaften
wegen, zu welchen auch ein rcksichtsvolles, zartes Benehmen gegen die
krnkliche Freundin gehrte, aber fr Hermann schien sie ihr doch nicht
die rechte Frau zu sein. Schon der Unterschied der Bildung machte sie
bedenklich.

Freilich, sie selbst war auch kein Kirchenlicht, aber Mimi hatte ja
nicht mal frs Lesen Interesse, und die Bcher waren nun doch einmal
Hermanns Rst- und Handwerkszeug.

So war Therese denn im Grunde nur erfreut gewesen, da Mimi durch ihre
Verlobung mit Pohlenz das Verhltnis zu Hermann endgiltig abgeschlossen
hatte.

Hermann, dieser liebenswrdige, gescheute, feine Mensch, wrde gewi
bald ein anderes Mdchen finden, das ihn besser zu schtzen wte und
ihn Mimi vergessen machte.

Sie billigte es, da er nach Empfang des Korbes stolz vermied, mit
dieser zusammen zu treffen, so schmerzlich sie selbst ihn vermite. Wenn
Mimi erst aus dem Hause wre, wrde ja wieder alles anders werden. Er
wrde sich wieder, wie frher, ihr allein widmen, ihr vorlesen, sie
belehren und frdern. Wie freute sie sich darauf.

Die Tante hatte der Verlobten etwas spttisch gratuliert und allerlei
Bemerkungen von "stolz werden", "vornehme Dame" und "einfachen
Kellersleuten" fallen lassen, worauf Mimi ganz gekrnkt ausrief: "Aber
nein, Frau Wittfoth, wie reden Sie nur so", und in Thrnen ausbrach.

"Na, Herrjeses, was hab ich denn gesagt?" that die Wittfoth pikiert.

"Mimi vergit uns nicht", suchte Therese zu vermitteln. "Ohne uns htte
sie ihr Glck nie gemacht. Wenn ich Herrn Pohlenz nun gekapert htte,
oder Du, Tante httest ihn ihr weggeangelt, was denn? Mimi mu uns ewig
dankbar sein."

Diese lustigen Worte brachten wieder Sonnenschein, und Mimi beteuerte,
sie wrde Zeit ihres Lebens an die schnen Jahre zurckdenken, die sie
in diesen Rumen verlebt htte.

"Auch an einen?" drohte Therese mit dem Finger, da die Tante das Zimmer
verlassen hatte.

Mimi errtete. Dann aber legte sich eine feine Trotzfalte zwischen ihre
Brauen.

"Ich konnte Herrn Heinecke nicht heiraten."

"Das mu jeder selbst wissen, liebe Mimi. Das kann niemand von Ihnen
verlangen", versetzte Therese auf dies Gestndnis. "Eine Ehe ohne Liebe
denke ich mir entsetzlich."

"Nicht wahr?" stimmte Mimi bei. "Dazu ist das Leben doch auch zu
furchtbar ernst. Wenn ich Emil nicht liebte--"

"Dann werden Sie auch gewi glcklich mit ihm," unterbrach Therese sie
schnell. "Hermann ist auch noch viel zu jung zum Heiraten", fuhr sie
fort. "Ein Lehrer mit seinem kargen Anfangsgehalt sollte noch nicht
daran denken."

"Das sage ich auch", eiferte Mimi. "Was kostet das nicht alles! Pohlenz
sagt auch, mit dreitausend Mark mchte er nicht heiraten."

"Das kommt nun auf die Ansprche an", meinte Therese.

"Natrlich. Mit wie wenigem kann doch der Mensch eigentlich auskommen,
wenn er nur will."

"Sie werden nun Ihr gutes und reichliches Auskommen haben, liebe Mimi."

"Ja, das haben wir nachher. Emil kann es ja", sagte Mimi. "Ich hoffe,
Sie besuchen uns denn auch mal."




XX.


Frau Caroline hatte die Vorbereitungen zu ihrer Verlobungsfeier mit
erklrlichem Eifer getroffen. Auer dem unvermeidlichen Platenkuchen
hatte sie einen Puffer gebacken, gro genug, um die ganze Nachbarschaft
abfttern zu knnen. Trotzdem stand sie nicht davon ab, auch noch bei
ihrem Brottrger einen gefllten Kringel zu bestellen. "Der Mann soll
auch was davon haben", sagte sie.

"Aber wo sollen wir mit all dem Kuchen hin, liebe Tante", wandte Therese
ein.

"Man keine Angst, der wird schon alle werden. Kuchen mu sein", erklrte
die Wittfoth. "Wenn mal, denn mal. So'n powern Kram mag ich nicht."

Die Feier dieses wichtigen Ereignisses war bis nach Mimis Abgang
aufgeschoben worden, um Hermanns Teilnahme zu ermglichen. Auch einem
auswrtigen lteren Bruder des Brutigams, der nicht frher hatte
abkommen knnen, wurde auf diese Weise Gelegenheit gegeben, mitzufeiern.

Onkel Martin, ein kleiner Hufner in der Nhe von Oldesloe, kam denn auch
schon am Morgen des Familienfesttages mit dem Frhzug an, mit ihm ein
gerumiger Korb mit Eiern, Wrsten und Speck.

"Min Lowise wr gor to girn mit kamen", entschuldigte er seine Frau.
"Aber de Ltt is erst veer Wochen, nu Se weten wull."

"Na, gratuleer ok!" rief die Wittfoth. "In Se ehr Oeller."

"Jau, eenunsstig is 'n Oeller", meinte er bedenklich.

"Wo veel hebbt Se denn, Beuthien?" fragte Frau Caroline.

"Neegen Stck."

"Herr des Lebens! Therese", rief die Wittfoth in die Kche hinein. "Denk
Dir, Herr Beuthien hat neun Kinder."

"Neun?" lautete die verwunderte Rckfrage.

"Und all fix und gesund, min Dochter", sagte der Alte. Und als Therese
in ihren Husten ausbrach, der sie noch immer hartnckig belstigte,
meinte der gutmtige Mann, sie solle nur mal zu ihm aufs Land kommen, da
knnte sie sich mal ordentlich "rausessen".

"Satt kriegt sie hier auch", sagte Frau Caroline pikiert. Sie war in
dieser Hinsicht etwas empfindlich.

"Glw ick, glw ick", beruhigte Onkel Martin. "Aber de Hosten, de oll
Hosten, de gefllt mi nich."

"Ja, ich wei gar nicht, was das mit dem Husten ist", klagte die Tante.
"Das geht nun schon wochenlang so. Wir mssen wirklich mal nach'n Arzt
schicken."

"Arzt! Arzt!" rief der alte Mann. "Wat sall de Keerl? Luft, frische Luft
mt se hebben."

"Bei Ihnen is es auch viel zu stickig, nehmen Sie mir das nich bel",
setzte er hinzu.

"O, Tante sitzt am liebsten bei offenen Thren und Fenstern," erklrte
Therese, "aber meine Erkltung vertrgt den Zug nicht."

"Soll sie auch nicht", entschied Onkel Martin. "Zug is schdlich. Aber
frische Luft, de htt noch keenen Minschen umbrgt."

"Sag ich das nicht immer?" rief Frau Caroline. "Aber alles will immer
gleich sterben, wenn ich nur mal die Thr aufmach. Mir soll's gleich
sein. Ich sag nichts mehr."

Nachmittags um fnf Uhr wurde das Geschft geschlossen, das heit, die
Vorhnge vor den Schaufenstern wurden herabgelassen. Da der einzige
Zugang zur Wohnung durch den Laden fhrte, mute dieser geffnet
bleiben.

Um nun jede Strung durch Kufer fern zu halten, hatte Tetje Jrgens den
Vorschlag gemacht, ein Plakat drucken zu lassen, mit der Aufschrift:
Dieses Geschft ist heute von fnf Uhr Nachmittags an wegen Verlobung
der Inhaberin geschlossen.

Aber sein praktischer Vorschlag drang nicht durch.

Eine groe Freude war es der Wittfoth und namentlich auch Therese, da
Hermann zugesagt hatte, zu kommen.

Sonst waren nur noch Tetje Jrgens nebst Frau Gemahlin gebeten.

Tetje, wie er kurz bei seinen Freunden hie, versprach am Abend
nachzukommen, da er seine Wirtschaft nicht den ganzen Nachmittag dem
Mdchen und dem Kellner alleine berlassen mochte, fr den Abend aber
eine Schwester seiner Frau nach dem Rechten zu sehen versprochen hatte.
Frau Sophie aber wollte sich schon zum "Puffer" einstellen.

Auch Wilhelm Beuthien hatte sich frerst entschuldigen lassen mssen. Er
hatte eine Fahrt nach Blankenese nicht abweisen knnen, da es sich um
gute Kunden handelte, und war erst gegen acht Uhr zurckzuerwarten.

Frau Caroline hatte keine Mhe gescheut, es ihren Gsten gemtlich zu
machen. Im Wohnzimmer war jeder Flicken, jedes Fdchen, jede Erinnerung
an Geschft und Arbeit, sorgfltig entfernt worden. Ein Bouquet Rosen
und Reseda, mit dem Therese schon am frhen Morgen die Tante berrascht
hatte, prangte in einer weien Biskuitvase inmitten der in einem Kreis
arrangierten Kaffeetassen, zwischen den Kuchenbergen und der
Zuckerschale.

Reine Gardinen und sauberstes Tischzeug verstand sich bei der
Reinlichkeitsfanatikerin, als welche Frau Caroline sich gerne ausgab,
von selbst, ebenso die frisch gewaschenen, gehkelten Sofaschoner,
Hermanns grter Aerger. "Pfingstlappen" hatte er sie getauft, weil die
Tante einmal an diesem hohen Festtag smtliche Sitzmbel mit solchem
Zierat behangen hatte.

Im "besten" Zimmer war die Herrichtung fast blendend. Hier prangte
mitten auf dem runden Sofatisch in einer blauen Sevre-Vase ein
geschmackvoll gebundenes Bouquet aus roten und weien Rosen, das der
galante Brutigam geschickt hatte. In einer gleichen Vase auf dem
Spiegelschrank stand protzend ein mchtiger Strau buntfarbiger
Georginen, den Onkel Martin seinem lndlichen Garten entnommen hatte.
Auch auf dem Fensterbrett prunkten in Wasserglsern kleinere Bouquets
und ein vom Krmer gespendetes rosagarniertes Blumenkrbchen. Der
praktische Mann hatte geglaubt, der Kundschaft wegen doch auch etwas
thun zu mssen. Die angeheftete Visitenkarte trug unter seinem Namen
Gotthilf Ochs zwischen zwei Ausrufungszeichen ein flott geschriebenes
"!Viel Glck und Heil!"

Den zierlichen, geschnitzten Rauchschrank, eine Hinterlassenschaft ihres
Seligen, hatte Frau Caroline mit Cigarren gefllt, die Hermann hatte
besorgen mssen.

Als die kleine Gesellschaft, auer Tetje und Wilhelm, um den Kaffeetisch
versammelt war, traf noch ein Bouquet von auffallendem Umfang ein, mit
Spitzen und Schleifen garniert.

Ein allgemeines Ah des Entzckens empfing die wundervoll duftende Gabe.

Hermann, der sie dem Boten abgenommen hatte, ffnete das beigegebene
parfmierte Couvert.

"Mit herzlichem Glckwunsch von Emil Pohlenz nebst Braut", las er von
der kleinen Elfenbeinkarte ab.

"Liebe Tante." Mit einer komisch sein sollenden Verbeugung berreichte
er das Bouquet, dessen lautester und unermdlicher Bewunderer.

Therese beobachtete ihn still.

Nachdem die Angriffskrfte auf die Kuchenberge erschpft waren und auch
die Unterhaltung ber Wetter, Pferde, Kuchenbacken und den neuesten
Raubmord auf St. Pauli ins Stocken kam, schlug Hermann einen kleinen
Skat vor. Er sah wohl, da die lange Zeit bis zum Abendessen sonst
unerfllbare Anforderungen an die geselligen Talente eines jeden stellen
wrde.

Die drei Herren zogen sich zum Spiel ins Nebenzimmer zurck. Der
Cigarrenschrank wurde geffnet, und Therese stellte einige Flaschen
Lwenbier zur Hand.

Die Damen vertrieben sich die Zeit mit Hkeln, Albumbesehen und
Kchengesprchen. Versiegten diese Quellen, waren die Fehler und
Thorheiten der Nachbarinnen eine ergiebige Fundgrube interessantesten
Unterhaltungsstoffes.

Die Krmersfrau war nun schon dreimal in vierzehn Tagen ins Theater
gegangen. Eine Mutter von zwei kleinen Kindern htte doch wahrhaftig
andere Pflichten.

Die aus der zweiten Etage, die immer so vornehm that, kaufte neulich,
Tante Tille hatte es mit ihren eigenen tauben Ohren gehrt, fr einen
ganzen Pfennig Korinthen. Da die Person sich nicht schmte. "Und dabei
thut solch Volk, als stnden sie mit'n Brgermeister auf Du und Du."

Und als nun Frau Jrgens die "Behnsch" erwhnte, geriet Frau Caroline in
eine kreiselnde Beweglichkeit.

"Wissen Sie schon das?" "Haben Sie schon dies gehrt?" "Nu lassen Sie
sich aber mal erzhlen." So schwirrte es durcheinander.

Es war eine Freude, wie gut die Zeit mit solchen angenehmen Gesprchen
vertrieben wurde, und wie sehr die drei Damen in ihrer Lebensanschauung,
in ihrem Urteil ber Welt und Menschen bereinstimmten.

Nur Therese erlaubte sich dann und wann eine abweichende Meinung. Da sie
sich jedoch sehr abgespannt fhlte und ihres Hustens wegen nicht viel
sprechen wollte, lie sie hufig fnf gerade sein und schwieg.

Auch das berlaute Sprechen, durch Tante Tilles Schwerhrigkeit bedingt,
griff sie an. Sie ging ab und zu, machte sich mehr als ntig in der
Kche zu schaffen und beobachtete das Spiel im Nebenzimmer, wo Hermann
besonders vom Glck begnstigt wurde.

Auch einige Kufer, die sich von den herabgelassenen Vorhngen nicht
hatten abschrecken lassen, beschftigten sie zeitweilig.

Endlich kam auch Tetje Jrgens und gleich nach ihm Wilhelm. Die beiden
nahmen die Pltze der Brder am Spieltisch ein, und diese zogen sich zu
den Damen zurck.

Die Gesellschaft erhielt allmhlich einen immer nchterneren Anstrich,
hatte gar nichts Verlobungsfeierliches mehr. Es ward Zeit, da man zur
Hauptnummer des Festprogramms, den Tafelfreuden, berging.

Mit einigem Gerusch vollzog man den Umzug in das andere Zimmer.

Therese hatte die Tafel geschmackvoll arrangiert, die Bouquets zwischen
dem kalten Aufschnitt und der sen Speise geschickt aufgestellt und
jedem Teller ein Extrastruchen beigelegt.

Auf dem Sofa sa das Brautpaar, rechts von Frau Caroline Onkel Martin
mit Frau Jrgens, links von dem Brutigam Tante Tille und Tetje Jrgens,
neben diesem Therese, Wilhelm gegenber, dem sein Platz neben Frau
Jrgens angewiesen worden war. Hermann hatte seinen Sitz unten am Tisch,
zwischen Wilhelm und Therese, vor sich die Bowle, denn ihm war das Amt
des Mundschenken bertragen worden.

Frau Caroline hatte fr guten "Stoff" gesorgt, mit Hilfe Tetjes, der
sich als Fachmann darauf verstand. Der Punsch war in der That vorzglich
und weckte gar bald die eigentliche Feststimmung.

Hermann brachte den ersten Toast auf das Brautpaar aus, dann folgte Rede
auf Rede. Hermann sprach gern, etwas pathetisch und schulmeisterlich,
mit reichlichem Citatenaufwand. Auch diesmal hatte er begonnen "Ehret
die Frauen, sie flechten und weben".

Tetje toastete auf Tante Tille, die erst von Frau Caroline darauf
aufmerksam gemacht werden mute, da ihr das Hoch gelte. Wilhelm
Beuthien, der im brigen ziemlich wortkarg und zerstreut war, lie die
Damen leben, und selbst Onkel Martin schlug mit dem Messer an das Glas.

Er mchte doch auch ein paar Worte an die Brautleute richten und ihnen
wnschen, da es ihnen immer gut gehen mge, "in truge Frndschaft un
Leev, un mit Gottes Segen."

"Un upp de Nakommenschaft," setzte er hinzu, als die Glser aneinander
klangen.

Die Stimmung ward immer gemtlicher. Hermann, der dem Punsch reichlich
zusprach, hatte bereits mit Wilhelm Beuthien Duzbrderschaft getrunken.

Tetje Jrgens hatte die alte Negendank sogar einmal mit "min oll ste
Deern" angeredet, und Therese sich schon mehrmals die Stirn am Handstein
in der Kche gekhlt, da sich Kopfschmerzen bei ihr einstellten.

Wilhelm Beuthien, dem anfangs schweigsamen, lste sich allmhlich die
Zunge, da Hermann ihm fleiig einschenkte, und er rckte mit allerlei
gewagten Anekdoten und Rtseln heraus, die Tetje zu Theresens Aerger
noch berbieten zu mssen glaubte.

Hermann, der den "Stoff" auf die Neige gehen sah, raunte der Tante seine
Wahrnehmung zu.

Frau Caroline machte ein bedenkliches Gesicht und zuckte verlegen die
Achsel.

Hermann erbot sich "die Sache schon zu machen", und sie trug, gefolgt
von ihm, die Terrine hinaus.

"Halt, wohin damit", rief Tetje und folgte gleichfalls.

"In min Kk hebbt Se nix to sken", drngte die Wittfoth ihn zurck und
schlo die Thr.

Hier machte Hermann "die Sache" dann mit reichlicher Benutzung der
Wasserleitung, einer Citrone und des letzten Restes einer von der Tante
noch aufgefundenen Rumflasche.

Triumphierend trugen sie die neue Fllung auf den Tisch.

Vorsichtig probierte Tetje das erste Glas.

"Der schadt' nix, der is fromm", lobte er ironisch, "fr die Damens
vielleicht noch 'n bischen zu feurig."

Frau Caroline gab ihm einen leichten Klaps mit ihrer Serviette. Das
brutliche Glck und der genossene Punsch leuchteten ihr aus den kleinen
Augen.

"Nu Musik", meinte sie.

"Dat's 'n Wort", rief Tetje, "Musik mten wie hebben."

Man sprach schon seit geraumer Zeit meist platt.

"Wo hest Din Matrosenklaveer?" hie es, und Wilhelm mute seine
Handharmonika holen. Es sollte getanzt werden. Man rckte Tische und
Sthle zusammen und rollte den Teppich auf.

Wilhelm setzte sich hinter dem Tisch in die linke Sofaecke und begann
den Spreewalzer zu spielen.

Das Brautpaar erffnete den Familienball. Onkel Martin tanzte mit Frau
Jrgens, und Tetje zerrte die sich strubende Tante Tille einmal durchs
Zimmer. Hermann tanzte abwechselnd mit seiner Tante und Frau Jrgens.
Therese aber stand, an den Thrpfosten gelehnt, und sah, das
Taschentuch, des Staubes wegen, vor den Mund pressend, mit mde
flackernden Blicken und brennenden Backen zu. Sie fhlte sich sehr
elend, klagte aber nicht, um die Frhlichkeit nicht zu stren. Ihr Kopf
schmerzte heftig, ebenso die Brust, infolge des anhaltenden Hustens, zu
dem sie das viele Sprechen, der Staub und Tabaksqualm in den kleinen
Rumen reizten.

Sie sehnte das Ende der Festlichkeit herbei, mute sich aber noch
vorher, von Abspannung berwltigt, zurckziehen.

Es war schon zwei Uhr nachts, als sich endlich auch die Tante zur Ruhe
legte, beim Auskleiden die Leidende mit punschseliger Geschwtzigkeit
qulend.




XXI.


Der alte Behn war gleich nach dem Horner Rennen ins Bad gereist. Er
pflegte alle zwei Jahre nach Karlsbad zu gehen. Aber als starker Esser
stellte er den Erfolg seiner Kur gewhnlich schon in den ersten Wochen
nach seiner Rckkehr auf eine Probe, die dieser nie bestand.

Die ganze Familie hatte ihm, wie immer, das Geleit an den Bahnhof
gegeben.

Lulu, die in tausend Sorgen war, hatte das Gefhl, als wre ein
Aufpasser weniger im Hause. Sie atmete einen Tag lang auf. Schalt sich
aber schon am nchsten thricht. Wie lange konnte sie es denn noch
verbergen? Ueber kurz oder lang mute es zu Tage kommen, selbst wenn die
Mutter blind wre.

Wilhelm wich ihr gnzlich aus. Vergebens hatte sie eine Annherung
versucht, ihm auf der Strae aufgepat. Aber er hatte es ja so leicht,
sie von seinem Bock aus zu bersehen, sie, schneller fahrend, hinter
sich zu lassen.

Wollte er sich von ihr zurckziehen? Hatte er nur sein Spiel mit ihr
getrieben?

Ihr schwindelte bei dem Gedanken.

Aber er sollte nicht glauben, sie wie jede andere Lise behandeln zu
knnen.

Aber ihr Trotz, ihre Kampfstimmung hielt nicht lange vor. Sie war keine
Heldin. Sie war nur stark im passiven Widerstand, im stumpfen
Uebersichergehenlassen.

Nach den kurzen Augenblicken auflodernden Trotzes bemchtigte sich ihrer
eine um so tiefere Niedergeschlagenheit.

Auf die Dauer konnte der Mutter Lulus verndertes Wesen nicht entgehen,
die Ursache ihrer wechselnden Stimmung, ihres wechselnden Wohlbefindens
nicht verborgen bleiben.

Sie hatte schon Verdacht, als sie sich noch immer schweigend,
beobachtend verhielt.

Lulu, mit der Feinfhligkeit des schlechten Gewissens, merkte es der
Mutter wohl an, da diese sie erraten hatte.

Sollte sie ihr zuvorkommen, ihr alles gestehen?

Es drngte sie dazu. Aber der versteckte Trotz ihres Charakters erhob
immer wieder Einsprache, untersttzt durch die Feigheit.

Lulu hatte ja auch mit der Mutter nie auf solchem Fu gestanden, da sie
nun ein liebevolles Verzeihen, Mitfhlen, Verstndnis, erwarten und
beanspruchen durfte. Sie hatte der Mutter selten ein gutes Wort gegnnt,
und sollte sich nun so vor ihr demtigen.

Ihre Seelenqualen wurden noch durch Paula vermehrt, die sich arglos
beklagte, da Wilhelm Beuthien sie gar nicht mehr beachte.

"Er thut immer, als sieht er mir nicht. Aber was ich mir dafr kaufe."

Im Grunde aber rgerte sich die Kleine sehr ber Beuthien, dessen
Benehmen sie sich nicht zu deuten wute. Sie hatte sich etwas darauf
eingebildet, da er sie bisher berhaupt beachtet hatte. Es war ihr
heimlicher Stolz gewesen. Nun sah er ber sie hinweg, wie ber jedes
andere Schulmdchen. Ihre Eitelkeit war verletzt. Aber statt sich
verschchtert zurckzuziehen, setzte sie ihren Ehrgeiz darin, das
verlorene Terrain wieder zu gewinnen. Beuthien war ihre fixe Idee. Sie
verfolgte und beobachtete ihn und machte die Schwester, zu der sie in
dieser Sache Vertrauen gewonnen hatte, zur Mitwisserin ihrer
Entdeckungen.

"Du mit Deinem Beuthien", rief Lulu dann manchmal geqult. "Was geht
Dich Beuthien an."

Aber sie war dann wenigstens froh, aus Paulas Antworten entnehmen zu
knnen, da diese keine Ahnung von ihrem Verhltnis zu Beuthien hatte.

Um so grer war ihre Angst vor der Mutter. Immer drngte sich das
Gestndnis auf die Zunge, aber immer schreckte sie wieder zurck. Und
doch, irgend jemand mute sie sich anvertrauen. Allein konnte sie es
nicht mehr tragen.

Mehrmals schon war sie in ihrer Angst im Begriff gewesen, Minna, das
Mdchen, ins Vertrauen zu ziehen. Einmal hatte sie sogar schon leichthin
Andeutungen gemacht, aber Minna war zu dumm, zu "begriffssttzig."

Nachher hatte Lulu sich gescholten. Schmte sie sich denn nicht, sich
so gemein mit dem Dienstmdchen zu machen?

Dann aber kam der Tag, der allem ein Ende machte, ihr die Entscheidung
aus der Hand nahm.

Frau Behn war ihrer Sache gewi geworden und konnte nicht lnger
schweigen.

Im Comptoir des Vaters, unter vier Augen, sprachen sie sich aus.

Nur eine leise Andeutung der Mutter, ein fragender Blick, und Lulu brach
in Thrnen aus.

"Wo heet he?" fragte Frau Behn ruhig, aber energisch.

Lulu schwieg. Die Mutter schttelte sie heftig am Arm.

"Wull Du reden. Wo heet de Keerl?"

Wo war Lulus Trotz? Wie ein Kind mute sie sich schelten lassen?

Es war, als ob das Uebergewicht, das die sonst so schwache Frau
pltzlich ber die Tochter erlangt hatte, allem lange aufspeicherten
Groll der Mutter die Riegel ffnete. Sie bebte vor Zorn.

"Wo heet de Keerl?" rief sie immer heftiger. "Ik will dat weten."

Und als Lulu trotzte, "das sag ich nicht", ohrfeigte sie sie.

"Das ist gemein", fuhr Lulu auf.

"Was ist gemein?" Die Mutter rckte ihr fast auf den Leib. "Was ist
gemein? Du, Du!"

Ein tiefes Erblassen, ein rchelndes Nachatemringen, ein unsicheres
Umhertasten mit den Hnden, und schwer sank Lulu an dem neben ihr
stehenden Stuhl hin zu Boden.

Erschrocken sprang die Mutter zu. "Lulu! Kind!"

Sie ri die Thr auf und rief nach Minna und nach Wasser.

Das Mdchen brachte das Verlangte erstaunt.

"Is Frulein krank?" fragte sie und half der Mutter, die Ohnmchtige auf
den kleinen Lederdivan betten.

"Se is man beten flau", war die Antwort. "Lat man dat Fer nich utgahn,
hrst Du?"

Und Minna sah nach dem Herdfeuer, whrend Frau Behn der sich erholenden
Lulu sanft ber Stirn und Scheitel strich.

"Deern, Deern", sagte sie vorwurfsvoll, aber mit weichem, warmem
Herzenston. "Wat'n Sak, wat'n Sak."

Seit dieser Stunde waren Mutter und Tochter ausgeshnt, hatten sich
wieder gefunden.




XXII.


Die Verlobungsfeierlichkeit hatte Therese sehr angegriffen. Nach kurzem,
unruhigem Schlaf war sie mit heftigem Husten und leichtem Schttelfrost
erwacht.

Frau Caroline war sehr besorgt.

Therese wollte durchaus aufstehen, da die Tante sonst den Tag ber
allein im Geschft sein wrde, denn das neue Frulein sollte erst am
andern Tage zugehen. Aber die Tante litt nicht, da Therese das Bett
verlie. Wenigstens wollte sie vorher mit dem Arzt sprechen.

Ein Kind aus der Nachbarschaft bernahm gern, fr zwanzig Pfennig
Botenlohn, diesen zu holen. Er kam und konstatierte eine
Lungenentzndung. Therese msse unter allen Umstnden im Bett bleiben.
Warum man nicht schon frher geschickt htte. Auch drfe die Kranke auf
keinen Fall in dem dunklen feuchten Hinterzimmer bleiben. Er nahm die
brigen Rume in Augenschein und ordnete die Umbettung ins beste Zimmer
an.

Frau Caroline war untrstlich und qulte Therese mit lautem Lamentieren.

Die gutmtige Frau scheute kein Opfer, aber es war ihre Art, alle Dinge
zu vergrern und ber kleine Unbequemlichkeiten tagelang zu jammern.

"Was fang ich an. Wie sollen wir die Mbel umsetzen? Ich kann das nicht.
Ich kann den schweren Schrank nicht tragen."

Therese beruhigte sie, da man Hilfe finden wrde, niemand mute ihr zu,
den schweren Schrank eigenhndig ins andere Zimmer zu tragen.

"Und wenn die Frieda uns nun sitzen lt", jammerte die Tante weiter.
"Was soll ich anfangen. Alle Hnde voll zu thun, und keine Hilfe."

"Warum sollte Frulein Frieda nicht kommen, liebe Tante?" trstete die
Kranke. "Du machst Dir viel zu viel unntige Sorgen."

"Du hast gut sprechen", eiferte die Wittfoth. "Du liegst ruhig im Bett.
Aber ich soll man alles allein fertig bringen. Die Kche sieht schon
aus, da ich mir die Augen aus'n Kopf schme. Kein Stck ist rein."

Therese schwieg. Sie wute, da in solchen Stunden mit der umstndlichen
Frau nicht zu reden war.

Natrlich ging alles besser, als Frau Caroline gedacht hatte. Vater
Beuthien erwies sich beim Umsetzen der Mbel als treuer Brutigam und
Helfer in der Not, und auch Frulein Frieda traf rechtzeitig ein, eine
kleine schwarzugige, bleichschtige Brnette, mit Anlagen zur
Korpulenz.

Hermann, der sich zu erkundigen kam, wie das Familienfest den beiden
Damen bekommen sei, erschrak, Therese bettlgerig zu finden. Er kam in
der Folge fter, und sie lie es zuletzt zu, da er vor ihrem Bett sa.

Sie befand sich nie besser, war nie hoffnungsfreudiger, als wenn er bei
ihr war. Sie sprach mit Zuversicht von ihrer baldigen Genesung, und er
untersttzte sie in diesem Glauben, obgleich er sehr besorgt war. Er sah
sie abmagern, sah die kleinen roten Punkte auf den Wangen sich zu
Flecken vergrern.

Er hatte heimlich mit dem Arzt gesprochen, und der hatte ihm wenig
Hoffnung gemacht. Die Schwindsucht, die bisher im Verborgenen
geschlichen, wre heftig zum Ausbruch gekommen, und es wrde wohl
schnell zu Ende gehen.

Hermann hatte der Tante nichts von seiner Unterredung mit dem Arzt
gesagt, da er sie gengend kannte, um zu wissen, da sie sich
unverstndigen, die Kranke schdigenden Gefhlsausbrchen hingeben
wrde.

Frau Caroline erzhlte berhaupt gern Krankengeschichten. Hatte jemand
einen Schnupfen, so wute sie unbedingt Flle von ttlicher Ausartung
dieser an sich gefahrlosen Erkltung. Bei einem Sterbefall erinnerte
sie sich eines halben Dutzend anderer und wute Ursache, Verlauf und
Ende jeder Krankheit bis ins kleinste zu vermelden. Auch
Lungenentzndungsflle schwerer Art hatte sie gengend erlebt, um
Therese die angenehme Aussicht auf mglicherweise unglcklichen Ausgang
eines solchen Leidens naiv zu erffnen.

Natrlich nahm sie Theresens Fall nicht fr so ernst.

Durch ihr Geschft, durch die Einfhrung und Anleitung des neuen
Fruleins vollauf in Anspruch genommen, blieb sie in ihrer Tuschung.

"Der Husten mu austoben", sagte sie. "Wir wollen Dich schon wieder
rauskriegen. Sei man ruhig."

"Wenn ich nur vor dem Herbst wieder werde, damit ich das schne Wetter
noch genieen kann", meinte Therese, und die Tante versprach ihr noch
die schnsten Tage.

Vorlufig schienen diese sich auf die Wanderschaft begeben und diesen
Bezirk griesgrmlicheren Vettern berlassen zu haben. Statt der Hitze
der Hundstage war eine Regenperiode angebrochen, wie sie so oft den
Sommer in Hamburg schmlert. Bestndige Westwinde trieben immer neue
Regenmassen herbei. Kein Tag verging ohne Niederschlge. Es waren
unfreundliche, fast herbstliche Tage.

Traurig sah Therese von ihrem Lager aus den Regen herunterrauschen,
gegen die Fenster prasseln, von dem Trottoir aufspritzen in kleinen
glitzernden Bgen, Strahlen und Tropfen.

Wie freute sie sich, wenn ein Sonnenstrahl durch das trbselige Grau
drang, an der Wand des Behnschen Hauses herunterglitt, ber die Strae
hpfte, zu ihr ins Zimmer hinein.

Wie gern htte sie ein Stck Himmel gesehen, aber sie mute sich von
ihrem Bett aus mit der beschrnkten Aussicht auf das Straenpflaster und
das Parterre des Behnschen Hauses begngen.

So kam es, da sie sich hufiger mit dessen Bewohnern beschftigte,
namentlich mit Lulu.

Wie lange hatte sie Lulu nicht gesehen. Ob sie wohl noch mit Wilhelm
Beuthien ein Verhltnis hatte, wie Mimi einmal behauptete. Therese
konnte es nicht glauben. Mimi bertrieb immer, wenn sie erzhlte.

Warum denn Mimi sich wohl gar nicht wieder blicken lie. Es war doch
unrecht. Ob sie doch stolz geworden war? Wie gerne htte sie einmal
etwas von ihr gehrt.

Hermann schien doch besser ber den Schmerz, den Mimi ihm zugefgt,
hinweg zu kommen, als sie geglaubt hatte. Vielleicht war es auch keine
tiefe, echte Neigung von ihm gewesen.

Ob er einer solchen berhaupt fhig war? Keinen Augenblick zweifelte sie
daran.

Wie thricht war es von Mimi, Hermann nicht festzuhalten. Aber es war
doch gut so. Er wrde als Verlobter Mimis nicht so viel Zeit fr sie
jetzt brig gehabt haben.

Wie freute Therese sich auf sein nchstes Kommen, auf das sie sicher
rechnen durfte. Er verga sie nie, und sie fhlte wohl, es war echte
Teilnahme, was ihn zu ihr fhrte, nicht kaltes Pflichtgefhl. Das machte
sie glcklich. Sie hatte Teil an seinem Herzen.

Manchmal aber bangte ihr heimlich, wenn sie erst wieder gesundet sei,
seines Mitleids nicht mehr bedrfe, knnte das alles wieder anders
werden. Und manchmal auch, aber selten, sehr selten, kam ihr die Furcht:
wenn du nun stirbst?

Aber nur wie ein flchtiger Schatten huschte das Bild des Todes durch
ihre Gedanken. Ihre Hoffnungsfreudigkeit war nicht zu beeintrchtigen,
und es war ein Glck, da auch Frau Carolinens Sorglosigkeit keine trbe
Stimmung aufkommen lie.

Die Tante war auch viel zu viel mit sich selbst beschftigt.

Nie hatte sie so viel zu thun gehabt, als gerade jetzt, da Therese im
Bett liegen mute. "Die Hausthr klingelt nur einmal am Tag", sagte sie,
um anzudeuten, da die Ladenglocke berhaupt nicht zum Schweigen kme.

"Meine Beine, meine Beine! Noch einen Tag lnger, und ich bin fertig."

"Na, an mir ist ja auch nicht viel gelegen", setzte sie oftmals hinzu.

Frulein Frieda zeigte sich sehr unanstellig und unerfahren. Sie war
natrlich "die Schlechteste, die man htte kriegen knnen, zu nichts zu
gebrauchen, nicht mal zum Kartoffelschlen."

"Htten wir doch Mimi noch", klagte die Tante.

"Wrst Du nicht krank, sofort schickte ich die dumme Person weg. Jede
Minute mu man sich rgern. Aber wie kann ich jetzt wechseln. Dann ginge
ja wohl alles zu Grunde."

"Warte nur Tantchen, bis ich wieder besser bin, lange kann's ja nicht
mehr dauern", trstete Therese.

"Zeit wird's", seufzte Frau Caroline. "Alleine halte ich es nicht mehr
aus. Ich bin am ganzen Krper wie zerschlagen. Wenn es so weiter geht,
lege ich mich auch noch hin."

Das klang gerade nicht sehr aufheiternd fr Therese. Aber wenn diese die
Bedauernswerte kurz nach solchen Klageliedern im Laden laut lachen, oder
in der Kche mit Tellern unsanft umherstoen hrte, war sie ber Nerven
und Glieder der Tante beruhigt.




XXIII.


Auf den inhaltsschweren Brief seiner Frau unterbrach der alte Behn
sofort seine Kur und reiste zurck.

Lulu hielt sich in ihrem Zimmer auf, als der Vater eintraf. Die
Begrung war fast wortlos. Es war ja auch nicht viel zu erzhlen, die
Frau hatte in ihrem Brief mit gengender Ausfhrlichkeit berichtet.

Lange hatte der Alte am Fenster gestanden und schweigend auf die Strae
hinausgestarrt, das untrgliche Zeichen einer tiefen Erregung bei ihm,
als er, ohne sich umzuwenden, fragten "Wo ist de Deern?"

"In ehr Stuv, Johannes."

"Ik will se nich sehn", stie er hervor. "Nich vor Ogen."

Wie tief auch die Geschichte an ihm fra, so war es doch fast mehr noch
die soziale, als die moralische Seite, worber er nicht hinwegkommen
konnte.

Er hatte Beuthiens nie verachtet, aber es war immer sein Stolz gewesen,
den ehemaligen Schulkameraden berflgelt zu haben, er, der Umhertreiber
und Thunichtgut von damals, den fleiigen, ordentlichen Musterschler.

Wie oft war Heinrich Beuthien ihm von den Lehrern als Beispiel
aufgestellt worden, wie oft hatte es geheien. Das wird noch mal ein
tchtiger Mensch, aus Dir aber wird nie was Rechtes.

Nun war doch etwas Rechtes aus ihm geworden, durch Thatkraft und
Umsicht, whrend Beuthien, der gute, ordentliche Mensch, es nicht
weiter, als bis zum kleinen Droschkenkutscher gebracht hatte.

So waren sie allmhlich auseinander gekommen. Jeder mied den andern,
geniert durch das Miverhltnis der Lebensstellungen.

Nun mute so etwas zwischen ihren Familien vorfallen.

Wilhelm mute seine Pflicht gegen Lulu erfllen, da gab es keinen
Ausweg. Der Alte war sich sofort klar, was er zu thun hatte. Aber es
ward ihm schwer, furchtbar schwer.

Er hatte sich fr Lulu einen andern gewnscht, als diesen Kutscher,
diesen Liebling der Dienstmdchen.

Hatte er sie deshalb in die Pension geschickt?

Wenn der Bursche sich nun weigern wrde, sein Vergehen zu shnen, was
dann? Unmglich konnte er klagen, die Sache vors Gericht bringen. Aber
so weit wrde es ja nicht kommen, der alte Beuthien war ein Ehrenmann
und wrde seinem Sohn schon ins Gewissen reden.

Zweimal hatte Behn sich auf den Weg gemacht zu Beuthiens und war wieder
umgekehrt. Aber es musste sein, und er ging zum dritten Mal.

Die Kehle war ihm wie zugeschnrt, das Herz klopfte ihm auf diesem Gang,
wie einem furchtsamen Schuljungen.

Und er htte doch im Zorn die Strae hinunterstrmen und alles kurz und
klein schlagen sollen, wie er es sicher gethan htte, wenn er beim
Empfang der ersten Nachricht an Ort und Stelle gewesen wre.

Als er zu Beuthiens Wohnung hinaufstieg, die sich in dem einzigen
Stockwerk ber der Wagenremise befand, sah er, durch die halbgeffnete
Stallthr, Wilhelm beschftigt, das Pferdegeschirr zu putzen.

Der Anblick des Snders weckte seinen Grimm. Am liebsten htte er sich
gleich auf ihn gestrzt, aber er bezwang sich und stieg die schmalen,
ausgetretenen Stufen der engen steilen Treppe hinauf. Die schwarze
Katze, die sich unten gesonnt hatte, floh erschreckt vor ihm auf.

Heftig stie er oben die Thr auf, gegen die rasselnde Schutzkette.

Tante Tille, in altmodischer weier Haube, die sie nur des Nachts
ablegte, ein Butterbrot in der Hand, ffnete ihm.

"Meine Gte, Herr Behn!" rief sie erstaunt. "Ik meen, Se snd fort?"

Er fragte nach Beuthien.

"Kamen S' man rin, Heinrich vespert grad", lud sie ihn ein.

Der alte Beuthien sa auf dem kleinen, abgenutzten Rohaarsofa vor dem
mit dunklem Wachstuch bedeckten Tisch und lie sich es anscheinend gut
schmecken.

Es war ein kleines, niedriges Zimmer, einfach aber freundlich mbliert,
in das Behn eintrat. Alles war sauber. Die grogeblmten, mit
selbstgehkelten Spitzen eingefaten Kattungardinen und der niedrige,
braune Kachelofen gaben dem Raum etwas hchst gemtliches. Der frisch
gescheuerte Fuboden zeugte von grter Reinlichkeit. Auch die beiden
billigen Oeldruckbilder Kaiser Wilhelms II. und Kaiser Friedrichs, in
schwarzem Rahmen, zu jeder Seite des schmalen goldenen Sofaspiegels,
fgten sich ganz gut der Umgebung ein. Nur dieser Spiegel, mit der
abgebltterten Vergoldung und dem groen Spli in der untern linken Ecke
des Glases, strte etwas den wohlthuenden Eindruck des Ganzen.

Behn reckte und streckte sich beim Eintritt, als wollte er sich zu
einer imponierenden Erscheinung aufrichten.

Erstaunt empfing ihn Beuthien.

"Behn?" fragte er gedehnt, sich erhebend.

"Snd wi unner uns, Beuthien?" fragte dieser zurck.

"Ja, wat is?"

Er stand auf, horchte zum Korridor hinaus und schlo die Thr wieder.
"Wat is, Behn?"

Kurz, heftig, stie Behn seine Anklage heraus.

Beuthien war starr.

"Din Lulu?"

Einen Augenblick saen sich die beiden Mnner stumm gegenber.

Beuthien stand auf.

"He sall kamen, gliek."

Behn hielt ihn zurck.

"Wull Du noch wat?" fragte Beuthien.

"Ne, ne, he sall man kamen."

Als Wilhelm die beiden Alten zusammensah, wute er sofort, was seiner
wartete. Aber er war nicht feige.

Er grte unbefangen und sah bald den einen, bald den andern an.

"Segg em dat slfst", sagte sein Vater.

"He weett't woll all", bebte Behn, wtend ber Wilhelms Ruhe.

"Wat denn?" fragte dieser keck, trotzdem ihm schon anfing, ungemtlich
zu werden.

"Hund Du!" fuhr Behn auf, mit geballten Fusten.

Wilhelm wich nicht zurck.

"Ik lat mi nich schimpen", drohte er.

Der alte Beuthien legte seine Hand auf Behns Arm, wie beschwichtigend,
der aber schleuderte sie heftig zurck.

"Du bst ja 'n ganz gemeinen Lumpen", schrie er Wilhelm an, der
kreidewei wurde.

"Johannes, Johannes", warf sich der alte Beuthien zwischen die beiden.
"Woans hest Du Din Fru kregen?"

"Dat is wat anners", keuchte Behn.

"Ne, Johannes, dat is een Sak", sagte Beuthien ruhig. "Du hest se
heiratet, un Wilhelm ward se ok heiraten."

Wilhelm erklrte, er wte was recht wre, aber er knnte seine Pflicht
nicht thun.

"Wat?" rief Behn.

"Ik kann nich", wiederholte Wilhelm.

"Du kannst nich?"

"Ne, ik kann nich."

"Is se Di nich god nog mehr?" hhnte Behn bitter.

Wilhelm zgerte lange mit der Antwort.

"Ik hw all 'n Kind", stie er endlich hervor.




XXIV.


Wilhelm hatte gebeichtet. Anna, das frhere Behnsche Mdchen, war die
Mutter seines Kindes.

Behn hatte es bernommen, dieser ihre lteren Rechte auf Wilhelm
abzukaufen.

Er fand das Mdchen in einem Keller bei Hkersleuten einquartiert, in
einem engen, dumpfigen Raum. In einem groen Wschekorb lag das erst
vierzehn Tage alte Kind, hlich, klein, eine Frhgeburt.

Anna schmte sich vor ihrem ehemaligen Herrn, nahm aber, als sie hrte,
um was es sich handelte, eine keckere Haltung an.

Lulu, der hochmtigen, gnnte sie ihr Unglck. Sie trug ihr noch immer
die Mihandlung nach. Ihr sollte sie weichen, der ihre Rechte abtreten?
Nie!

Aber schlielich gelang es Behn doch, sie mit einer ansehnlichen Summe
zufrieden zu stellen.

Die Rcksicht auf das kranke Kind mochte sie mit bestimmt haben, das
ohne sorgfltigste Pflege nicht gedeihen konnte. Starb es aber, so waren
ihr die tausend Mark von Behn noch lieber, als selbst Beuthien.

Welch ein Vermgen, tausend Mark! Behn hatte sie ihr bar auf den Tisch
gezhlt, zehn Hundert Markscheine.

So ausgesteuert, konnte sie, ihrer Meinung nach, ganz andere Freier
bekommen, als Wilhelm war.

Dieser war froh, da alles sich so gut arrangierte. Sollte er denn
durchaus heiraten, so war ihm Lulu natrlich lieber, als Anna.

Lulu erfuhr durch ihre Mutter, da Beuthien sie heiraten werde.

"Vadder htt sik vel Mh geben", setzte die einfltige Frau hinzu.
"Dusend Mark htt em dat kost't. Du kannst em nich dankbar nog sin."

"Fr Geld?" rief Lulu.

"Ne, so nich. Du versteihst mi falsch, Kind", beruhigte die Mutter sie.
Und dann erzhlte sie, nach ihrer Meinung sehr schonend, die Geschichte
mit Anna.

Lulu hatte nichts darauf erwidert und war sehr nachdenklich geworden.

Also Anna htte sie es eigentlich zu verdanken, wenn sie vor Schande
bewahrt blieb. Und das Mdchen wute natrlich nun alles, empfand
Schadenfreude, sah sie als ihresgleichen an.

Aber alle diese Gedanken kamen ihr nur so nebenher. Alles erdrckte die
Gewiheit, da Beuthien sie hintergangen, es schon mit der andern
gehalten hatte, als er sie ins Unglck ri.

Wer sagte ihr, da Anna die einzige sei? Und mit diesem Menschen sollte
sie zeit ihres Lebens verbunden sein.

Ihr schauderte. Ihre Neigung zu Beuthien war in den Qualen der letzten
Tage untergegangen. Nun empfand sie Ekel vor ihm.

Alle seine Fehler, seine Roheiten drngten sich pltzlich in ihr
Bewutsein. An diesen ungebildeten, brutalen Menschen hatte sie sich
verloren.

Sie kam sich wie besudelt vor.

Sie konnte von ihrem Zimmer aus in die Kche der Nachbarhuser sehen.

Jene Kchin mit den dicken, roten Armen, die eben mit plumper
Geschftigkeit auf dem Fensterbrett den Mrser handhabte, wie oft mochte
sie in seinen Armen gelegen haben.

Und dort oben, in der dritten Etage, die kleine frech ausschauende
Person, und da unten in Parterre die lange rothaarige, hat er sie nicht
vielleicht alle schon mit seinen Zrtlichkeiten bedacht?

Es war ihr, als shen alle zu ihr herber, in ihr Fenster hinein,
hhnisch, vertraut: Wir gehren zusammen, Frulein.

Sicher sprach man jetzt berall von ihrer Schande. Wrde Anna schweigen,
Anna, die sicher noch ihren alten Ha hegte?

Welcher Einfall von dem Vater, sie von dieser Person frei zu kaufen.
Hie das nicht, die Sache erst recht unter die Leute bringen?

Mochte Beuthien doch das Mdchen heiraten. Sie, Lulu, wollte lieber aus
dem Hause gehen, weit fort, arbeiten, fr sich, fr das Kind, oder
sterben.

Es war das erste Mal, da der Gedanke an den Tod ihr kam.

Sie hing ihm nach, malte sich es aus, den Schrecken der Familie, die
Reue Beuthiens, das Mitleid der Nachbarn.

Natrlich, so lange wird man beklatscht, begeifert, gesteinigt, aber
nachher, hat man es nicht mehr ertragen knnen, dann weinen sie ihre
Heuchelthrnen.

Wie ekelhaft ihr die Menschen waren. Nein, nicht leben mehr. Ein Sprung
in die Alster, und alles ist gut.

Der Kopf war ihr so schwer, und die Augen schmerzten ihr vom Weinen.

Sie khlte sich am Waschtisch Augen und Stirn.

Bei dem Blinken des Wassers mute sie immer an die Alster denken.

Ein Sprung in die Alster.

Sie hatte einmal einen Ertrunkenen auffischen sehen. Das Bild trat ihr
vor Augen. Sie schttelte sich vor Grausen und atmete wie befreit auf.
Wer zwang sie denn? Sie war ja frei.

Als die Mutter sie so mde und elend fand, redete sie ihr zu, doch etwas
in die Luft zu gehen. Sie msse sich Bewegung machen, auch des Kindes
wegen.

Lulu wehrte ab.

Dann sollte sie wenigstens am Abend gehen, nach Dunkelwerden. Sie wollte
sie begleiten, meinte die Mutter.

Ja, am Abend, jetzt nicht. Aber allein, sie ginge am liebsten allein,
nickte Lulu.

"Is recht min Deern, dat deit di god", sagte die Mutter.




XXV.


Nirgends wurde die "nette Geschichte mit der Behn" eifriger besprochen,
als im Wittfothschen Keller. Man war ja hier "der Nchste dazu".

Frau Caroline stellte sich vllig auf den Standpunkt der Moral. Sie
verurteilte Lulu und tadelte Wilhelm, ganz wie es sich fr eine
anstndige Frau geziemte, und htte sicher an beiden kein gutes Haar
gelassen, wenn nicht die Aussicht, mit Behns verwandt zu werden, ihre
sittliche Entrstung etwas gemildert htte.

Sie hatte sich immer von der vornehmen Lulu ber die Achseln angesehn
gefhlt. Nun rckte sie jener gegenber gar in den Rang einer
Schwiegermutter auf.

Frau Beuthien senior und Frau Beuthien junior wrde es nun heien.

Meine Schwiegertochter Lulu.

Der Wittfoth "lachte das Herz im Leibe" bei diesem Gedanken. Vielleicht
nannte Lulu sie gar Mama.

"Es ist doch ein furchtbar leichtsinniges Ding, die Lulu", sagte sie zu
Therese. "Und Wilhelm ist ebenso. Aber es ist ja nun man 'n Glck, da
noch alles so gut abluft."

Therese nahm wenig Teil an dieser Affaire. Ihre immer mehr abnehmenden
Krfte bedurften der Schonung. Ihre Gedanken weilten ganz wo anders, als
bei diesen kleinen Erdendingen. Seit einigen Tagen wute sie, da sie
sterben wrde. Sie hatte sich im Traum im Sarg liegen sehen und sah
wiederholt an der Zimmerdecke Muse.

Das bedeutete den nahen Tod.

Therese wollte sonst nicht fr aberglubisch gelten. Kartenlegen,
Besprechen und anderen Altweiberunsinn belchelte und verspottete sie.
Aber alles, was mit dem Tode zusammenhing, hatte ihr von je her
ehrfurchtsvollen Schauder abgentigt. So weit erstreckte sich ihre
Aufklrung nicht. Da der Tod entfernter Personen sich oftmals
ankndigt, durch Herabfallen von Bildern, Stillstehen von Uhren,
geheimnisvolles Rufen, galt ihr durch mehr als ein Vorkommnis fr
erwiesen.

Die Tante, der sie ihren Traum erzhlte, hatte erst ein ganz bestrztes
Gesicht gemacht und dann laut gelacht und ihr eifrig den "Unsinn"
auszureden gesucht. Als ob Tante Caroline nicht ebenso steif und fest an
dergleichen Vorbedeutungen glaubte.

Hermann gegenber hatte Therese Scheu, davon zu reden. Aber einmal,
gesprchsweise machte sie doch Andeutungen.

"Unsinn", sagte er, ganz wie die Tante. Dann ergriff er ihre Hand,
streichelte sie sanft und sagte bestimmt: "Du wirst noch wieder fix und
gesund, Resi."

Als sie unglubig den Kopf schttelte, sagte er wiederholt "Unsinn,
Unsinn", stand auf und sah lange zum Fenster hinaus.

Das sagte ihr genug.

Aber sie blieb ruhig und heiter.

Sie htte vor einigen Wochen selbst nicht geglaubt, da sie den Tod so
ruhig erwarten knnte. Kein Zagen, kein Graun.

Nur am letzten Abend, als Hermann fortging und erst in zwei Tagen
wiederkommen zu knnen erklrte, war ihr auf einmal so bange geworden,
so zum Aufschrein angst. Es war ihr, als wrde sie ihn nie wiedersehen,
als mte sie ihn mit Gewalt zurckhalten.

Frau Caroline, der auch vom Arzt, auf Hermanns Wunsch, noch nicht alle
Hoffnung genommen worden war, glaubte, Therese wrde die "Krisis"
berstehen. Sie sprach viel von dieser Krisis, ohne sich eine klare
Vorstellung davon zu machen.

Vielleicht wrde ihr der Ernst der Krankheit mehr zum Bewutsein
gekommen sein, wenn nicht ihre persnlichen Angelegenheiten sie gar so
sehr in Anspruch genommen htten.

Die geschftlichen Obliegenheiten lagen thatschlich fast allein auf
ihren Schultern, da Frulein Frieda sich fortgesetzt unbrauchbar zeigte.

Dazu kamen die Heiratsgedanken.

Beuthien hatte auf baldige Heirat gedrungen, und man hatte schon
allerlei Vorbereitungen getroffen. Nun schob Theresens Krankheit und die
"leidige" Geschichte mit Wilhelm und Lulu alles wieder auf.

Die Behnsche Geschichte interessierte sie ungemein. Die Mdchen, die in
ihren Laden kamen, sprachen davon und suchten von ihr mehr zu erfahren.
Sie stand ja als so nahe Verwandte des Snders mitten in der Aktion, und
von je her war sie nie glcklicher gewesen, als wenn sie irgendwo "mit
dazu gehrte."

Als knftige Schwiegermutter der ins Unglck geratenen, bewahrte sie
natrlich allen Ausfragern gegenber die ntige Zurckhaltung, und half
durch ihr geheimnisvolles Wesen nur noch mehr, einen dichten Schleier
abenteuerlicher Gerchte um diesen pikanten Vorfall zu weben.

Wie erschrak sie, als Mutter Behn frh morgens, um sechs Uhr, mit der
ngstlichen Frage bei ihr vorsprach, ob sie Lulu nicht gesehen habe.

"Se is utgahn gistern Abend und is nich wedder an't Hus kamen."

"Meine Gte, Frau Behn", rief die Wittfoth "Ihr ist doch nichts
passiert?"

Die Gemsefrau von nebenan kam. "Hebben Se all hrt? Behns ehr Lulu is
furt."

Ein Dienstmdchen aus der Grtnerstrae wollte "man blo mal auf'n
Augenblick einsehen".

"Nu is se ja woll utrckt", meinte sie. "Wat'n Upstand."

Auch der alte Beuthien kam ganz verstrt.

"Line, Line, wat'n Stck--wat'n Stck."

Im Hinterzimmer schellte Therese, aber niemand hrte sie.

Frulein Frieda stand mit offenem Mund und vor Erregung glhenden Wangen
immer neben der Wittfoth.

"Wenn sie sich nur nichts angethan hat", sagte sie.

"Ach was soll sie wohl", fuhr Frau Caroline sie an. "Haben Sie schon die
Schrzen gesumt? Sie wissen ja, sie sollen doch bis ein Uhr fertig
sein."

Damit schttelte sie diese kleine Klette energisch von sich ab.

Mittags kam Beuthien wieder. "Se hebbt se". sagte er finster.

"Dod?" fragte die Wittfoth.

Beuthien gab mit dem Daumen ber die rechte Schulter hinweg die Richtung
an: "In'n Kanal."

"Herr meines Lebens!" rief die erschrockene Frau. "Da mu ich mich erst
mal setzen. Das ist mir ordentlich in die Beine gefahren."

Ein lautes durchdringendes Schellen klang von hinten her.

"Mein Gott, Therese. Das ewige Klingeln. Es ist aber auch gar zu doll.
Was sie nu wohl wieder hat."

Damit haftete sie ber den Korridor, steckte aber im Vorbereilen den
Kopf durch die Thr des Arbeitszimmers:

"Sind Sie fertig, Frieda? Nein? Na halten Sie sich man nicht auf, und
man ja nicht zu breit, hren Sie?"




XXVI.


Der alte Behn sa in seinem Comptoirzimmer vor dem Schreibtisch, die
Ellbogen aufgesttzt, das Gesicht mit den Hnden bedeckend.

Schon geraume Zeit sa er so da.

Es war eine schwle Luft in dem kleinen Raum.

Die Sonne schien voll ins Fenster, und die Strahlen brachen sich
vielfarbig in den Kristallflchen des Tintenfasses und des
Briefbeschwerers.

Das Gesumme einer Fliege, die wie in blinder Wut immer wieder gegen die
Fensterscheiben flog, war das einzige Gerusch in der drckenden Stille.

Drauen, auf dem Korridor, wurden Schritte laut, gedmpfte Stimmen, ein
Gerusch, als wrde ein schwerer Gegenstand transportiert.

Jetzt wurde etwas hart niedergesetzt.

Dann war es wie ein leises Schrammen und Schurren.

Nach kurzer Pause wieder die Schritte, das flsternde Sprechen, das
Klingen der Korridorthr, und wieder die dumpfe Stille.

Noch immer sa Behn in unvernderter Stellung, wie schlafend.

Da wurde leise die Thr geffnet, und die halblaute Stimme der Frau Behn
rief nach ihm.

Mit fast pfeifendem Laut rang sich ein tiefer Atemzug aus der Brust des
Mannes, aber er rhrte sich nicht.

Sie trat zu ihm und legte ihm leise den Arm auf die Schulter.

"Johannes!"

Da sanken ihm die Arme, schwer fiel die Stirne auf die gekreuzten
Fuste, und der groe starke Mann schluchzte wie ein Kind.

"Johannes, wat helpt dat?" sagte sie leise.

Er stand auf, ohne sie anzusehen, als schmte er sich seiner Thrnen.

Er griff nach dem breiten, tintenbefleckten Lineal und legte es auf
einen andern Platz, ordnete mechanisch allerlei auf dem Schreibtisch,
den Tintenwischer, die Sandbchse, tastete an sich herum, als suche er
etwas in seinen Brusttaschen und folgte endlich tief aufatmend der
geduldigen Frau.

"Ne, hier Johannes", dirigierte sie ihren Mann, der in das unrechte
Zimmer eintreten wollte.

Paula, die man aus der Schule zu Hause behalten hatte, erhaschte, wie
die Eltern die beste Stube betraten, mit flchtigem Blick einen Teil
des Sarges, in dem man Lulu soeben gebettet.

Sie beugte sich nachher zum Schlsselloch hinunter, sah aber nichts, als
den breiten Rcken des Vaters.

Ihre Gedanken waren in groer Erregung. Lulu tot. Unfabar schien es
ihr.

Es war das erste Mal, da der Tod Paula so nahe trat.

Der Schmerz der Eltern hatte auch dem Kinde vorhin Thrnen abgepret.
Seine Augen waren noch rot und hei vom Weinen, eine trockene, stechende
Hitze in den Lidern.

Jetzt, nach dem ersten Gefhlsausbruch, kam auch die Neugier zu ihrem
Recht.

Paula htte gar zu gerne die Schwester im Sarg gesehen, aber die Mutter
wollte es nicht leiden.

Wenn der Vater sich doch nur mal rhren wollte, dachte sie, am
Schlsselloch lauernd. Wie man nur so lange auf einem Fleck stehen
konnte.

Ob wohl viele Krnze kommen wrden? Sie sah immer in Gedanken den ganzen
Pomp eines Begrbnisses vor sich.

Dazwischen kam ihr der Gedanke an ihren Geburtstag, der am nchsten
Sonntag war.

Ob man ihn wohl feiern wrde?

Sie hatte schon in der vorigen Woche Clara Wiencke und Emmi Hopf
eingeladen. Clara wrde ihr eine Papeterie schenken, das wute sie
schon.

Wie hlich, wenn nun nichts aus dem Geburtstag wrde.

Pltzlich fuhr sie vom Schlsselloch zurck. Die Thr ward hastig
aufgestoen, und der Vater, bla, zitternd, trat schnell heraus.

"Water, flink, Water", chzte er.

Minna strzte aus der Kche und stie unsanft mit Paula zusammen.

Doch der alte Behn war schon in der Kche, ehe die Mdchen recht
begriffen, was er wollte.

Die Stirn gegen die Wand gesttzt, kmpfte er mit einem erstickenden
Wrgen, in den kurzen Pausen des Anfalls mit dem Handrcken den kalten
Schwei von Stirn und Backen wischend.

So traf ihn der Brieftrger, der in der allgemeinen Aufregung unbemerkt
durch die nachlssig geschlossene Thr in die Wohnung gelangt war.

Behn streckte, ohne aufzusehen, den linken Arm nach dem Brief aus.

"Mi is nich god", sagte er, wie entschuldigend.

"Macht woll die Luft, Herr Behn", meinte der Brieftrger. "So gewitterig
heute."

Frau Behn kam hinzu und nahm ihrem Mann den Brief ab.

"Is di beter, Johannes?"

Sie hielt das Couvert gegen den Tag, um dessen Inhalt zu erforschen.

"Von Schulze", sagte sie. "Is woll de Reknung fr dat Klaveerstimmen."

Der Brieftrger, noch ohne Ahnung von dem Unglck, das die Familie
betroffen hatte, erfuhr erst davon auf der Strae, durch ein Mdchen
des Nachbarhauses.

Er hatte auch fr Frau Caroline Wittfoth einen Brief.

Er betrat den offenen Laden, und da niemand anwesend war, rief er laut.
"Brieftrger!"

Er mute noch ein zweites Mal rufen, bevor Frulein Frieda erschrocken
erschien, mit langen, vorsichtigen Schritten, auf den Zehen
balancierend.

Beide ausgestreckten Hnde zur Hhe der Ohren erhebend, bedeutete sie
ihm mit beschwichtigender Geberde leise zu sein.

"Na, was ist denn hier los?" fragte er verwundert.

"Unser Frulein is tot."

"Frulein Therese? Was hat ihr denn gefehlt?"

"Schwindsucht", flsterte sie, als handle es sich um ein geheimnisvolles
Verbrechen.

Mit bedauerndem Kopfschtteln entfernte er sich.

Eine Arbeiterfrau kam und forderte einen wollenen Unterrock.

Frulein Frieda konnte sich nicht besinnen, in welchem Schubfach das
Gewnschte zu finden war, und holte die Wittfoth.

Frau Caroline erschien, verweint, mit gerteter Nase, das Taschentuch in
der Hand.

"Meine Nichte ist heute Morgen gestorben", erzhlte sie auf den
fragenden Blick der Kuferin. "Da hab ich ja gar keine Ahnung von
gehabt. Und wie hab ich sie gepflegt, als mein Kind. Aber gegen Gottes
Willen kann man ja woll nicht an. Und dabei alle Hnde voll zu thun.
Ich wei auch gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht."

"Ja," sagte die Frau, die geduldig alles angehrt hatte. "Mit so'n
Krankheit is dat ne egene Sak. Na, ik kam mal wedder lang."

"Dohn Se dat", bat Frau Caroline. "Ik sgg Se den Unnerrock rut."




XXVII.


Zwei Tage spter hielten zwei Leichenwagen an der Ecke des
Durchschnitts, einer erster Klasse, der andere dritter.

Auf dem letzteren stand bereits ein schlichter Sarg, auf dessen Deckel
vier Krnze nebeneinander befestigt waren. Die Morgensonne streute ihre
goldenen Lichter darauf. Eine sorgliche Hand hatte die Krnze frisch
besprengt, und die zitternden Tropfen lagen wie blitzende Diamanten auf
den Blttern der weisen Rosen, den kleinen kugeligen Immortellenblten
und dem dunklen Grn der Kranzgewinde.

Zwei Droschken bildeten das ganze Gefolge.

Die erste bestieg Frau Wittfoth in tiefer Trauer, mit verweinten Augen,
das Taschentuch aus feinstem Kammertuch, den Stolz ihres Wscheschatzes,
in der Hand.

Nachdem sie alles Nebenschliche, was bei ihr immer in erster Reihe zu
kommen pflegte, berwunden hatte, die Strung ihres Hauswesens, die
Beeintrchtigung des Geschftes, die Wahl eines Trauerkostmes, ob Crpe
oder Cachemir, und dergleichen Gedanken, war auch der wahre, aufrichtige
Schmerz bei ihr zum Durchbruch gekommen.

Sie sah sehr elend und abgespannt aus, als sie langsam, mit
niedergeschlagenen Augen die paar Schritte bis an den Wagenschlag
zurcklegte, den Frulein Frieda ffnete.

Diese, nicht im Besitz eines schwarzen Kleides, trug Halbtrauer, ihr
winterliches Sonntagskleid aus hellgrauer schwerer Wolle, und hatte nur
eine schwarze Moir-Schrze angelegt, die Frau Caroline fr diesen Zweck
noch in letzer Mintute dem Schrzenkasten entnahm.

"Der Leute wegen."

Der angeheftete Preiszettel war in der Eile vergessen worden, zu
entfernen.

"Achten Sie auch recht auf'n Laden, Frulein", flsterte sie aus der
Droschke heraus dem Mdchen zu. "Und wenn die Frau mit dem Unterrock
kommt, wissen Sie ja Bescheid."

Der Wittfoth zur Seite nahm der alte Beuthien Platz, in schwarzem
Gehrock und mit hohem, duffem, schon etwas ins rtliche schillerndem
Cylinder.

In der zweiten Droschke fuhr Hermann allein. Er hatte es so gewollt,
damit nicht nur ein einziger Wagen folgte.

Gleichzeitig nahm er auch damit der Tante einen Stein vom Herzen, die
ungern zu dritt in einer Droschke gefahren wre.

"Das soll man nie thun bei 'ner Beerdigung", sagte sie. "Das bringt
Unglck. Gewhnlich stirbt denn einer von den Dreien. Immer 'ne gerade
Zahl, das ist besser."

Hermann war in diesen traurigen Stunden noch mehr als sonst bereit, die
Schwchen seiner Tante zu schonen.

War ihm die Nachricht von Theresens Tod ja auch nicht unerwartet
gekommen, so hatte sie ihn doch tief erschttert. Er hatte alle seine
freie Zeit der Tante zur Verfgung gestellt und ihr alle Vorbereitungen
und Anordnungen zur Beerdigung abgenommen.

Tief ergriff ihn am Morgen des Trauertages die zufllige Entdeckung, da
er dem Herzen der Verstorbenen nher gestanden haben mochte, als sie ihn
hatte merken lassen.

Am Fenster sitzend, auf Theresens gewohntem Platz, sah er in ihrem
Nhkrbchen sein Bild liegen, eine Photographie in Visitenkartenformat,
ein Geschenk, das er ihr ungefhr vor einem Jahre gemacht hatte.

"Ich fand's unter ihrem Kopfkissen", erklrte die Tante. "Und noch etwas
fr Dich", fuhr sie fort in einem Auszug kramend. "Hier, Du solltest es
zum Geburtstag haben."

Es war jene angefangene Handarbeit, das veilchenumkrnzte Monogramm
Hermanns.

Gerhrt barg er beides, Bild und Handarbeit, sogleich in seiner
Brusttasche, da seine Zeit ihm nicht erlaubte, nach dem Begrbnis noch
in die Wohnung der Tante zurckzukehren.

Als sich der kleine Trauerzug in Bewegung setzte, trug man gerade aus
dem Behnschen Hause den reichgeschmckten Sarg hinaus.

Ein durchdringender Geruch von Tubarosen und Coniferen berstrmte die
Strae, deren Trottoire von einer dichten Menge Zuschauer besetzt waren.

In langer Reihe hielten die Folgewagen fast die halbe Strae hinauf.

Nur wenige, flchtige Blicke folgten dem einfachen Trauerzug Theresens.
Die Neugierde konzentrierte sich auf das vornehme Begrbnis.

Eine dumpfe Teilnahme machte sich unter den Zuschauern bemerkbar. Man
besprach halblaut den traurigen Fall. Unkundige wurden mit wichtiger
Miene belehrt und blieben gleichfalls stehen.

Ein geheimnisvoller Bann ging von Lulus hohem, blumenberhuftem Sarg
aus, der Zauber des Grlichen, der Reiz des Unglcks umstrickte die
Seelen.

Der Wind warf den Staub unter die Menge, ber den Sarg, ber die Krnze,
trieb mit dem schwarzen Bahrtuch sein Spiel und bauschte die tief
herabhngenden Trauermntel der Pferde wie Segel auf.

Die zwlf Trger, in ihren althergebrachten Pompgewndern, mit weier
Halskrause, Federbarett und Galanteriedegen, ordneten sich. Der
Kutscher, neben den Pferden gehend, ergriff die Zgel, und der
Trauermarschall, den lang herabwallenden Flor ber den linken Arm
tragend, trat an die Spitze des Zuges, der sich langsam in Bewegung
setzte.

Aber kaum hatte der Leichenwagen den Durchschnitt verlassen, als eine
pltzliche Verkehrsstrung wieder zum Halten zwang.

Zwischen dem ersten, kleineren Trauerzug und einem beladenen Bierwagen
hatte ein leichtes Cabriolet in schnellem Trab vorbeizukommen gesucht.

Das Ungeschick des fahrenden Herrn, oder ein unglcklicher Zufall, lie
das leichte Gefhrt mit dem schweren Lastwagen zusammenstoen. Das
zierlich gebaute Luxuspferd war von dem heftigen Anprall zu Boden
gerissen worden, der Wagen querte den Weg, und der verzweifelte Lenker
stand in grter Verlegenheit bei dem gestrzten Fuchs, der wild
ausschlagend, alle Bemhungen, ihn aufzurichten, vereitelte.

Daneben stand, bla, zitternd vor Schreck, eine junge Dame, die in der
Angst den khnen Sprung von ihrem gefhrlichen Wagensitz gewagt hatte.

Hermann hatte aus seinem Coup heraus einen Augenblick Mimi zu erkennen
vermeint.

Schnell zog er sich in den schtzenden Versteck des tiefen Fonds zurck.
Keine Erinnerung htte ihm heute peinlicher sein knnen als diese. Sie
brachte einen schmerzlichen Aufruhr in seine ernste, wehmtige Stimmung.
Die Augen schlieend, trumte er in der langsam ber das stoende
Pflaster holpernden Droschke von jenem Frhlingsabendgang zwischen den
Weidornhecken, von dem ersten Walzer und den ersten Kssen.

Mit schrillem Miklang intonierte in einer Nebenstrae eine Drehorgel
einen neuerdings beliebten Operettenwalzer.

Hermann schrak aus seinem Brten auf.

Wie gemein waren diese Klnge.

Ein Straenjunge sang im hchsten Diskant zu den Melodien des
Leierkastens die geschmacklosen Verse des unterlegten Couplets. Noch bis
zur nchsten Straenecke hrte Hermann den Gesang des Bengels.

Wo hatte er doch die Melodie, diese Worte schon einmal gehrt? War es
damals im Ottensener Park? Er konnte sich's nicht entsinnen.

Bis auf den Kirchhof, bis ans offene Grab verfolgte ihn die Melodie,
summten ihm die banalen Verse im Ohr, aufdringlich, marternd, im
Walzerrhythmus:

  "Meine Liebste ist in Bremen,
  Ist 'ne Selterwasserdirn."



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