The Project Gutenberg EBook of Hermann Lauscher, by Hermann Hesse

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Title: Hermann Lauscher

Author: Hermann Hesse

Release Date: January 11, 2013 [EBook #41818]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HERMANN LAUSCHER ***




Produced by Jens Sadowski








Hermann Lauscher
von
Hermann Hesse


Zweites Tausend.

Verlag der Rheinlande
Dsseldorf
1908.


Druck von August Bagel, Dsseldorf.




Inhalt:


   Vorrede zu dieser Ausgabe         1
   Vorwort der ersten Ausgabe        7
   Meine Kindheit                   11
   Die Novembernacht                43
   Lulu                             61
   Schlaflose Nchte               115
   Tagebuch 1900                   145
   Letzte Gedichte                 179




Vorrede zu dieser Ausgabe.


Auf den Wunsch einiger Freunde, namentlich aber auf die Aufforderung
Wilhelm Schfers hin, soll der verstorbene Hermann Lauscher wieder
ausgegraben und noch einmal unter die Leute geschickt werden. Da bin ich
denn eine Erklrung und Rechenschaft schuldig, zumindest eine
bibliographische.

Hinterlassene Schriften und Gedichte von Hermann Lauscher war der Titel
einer kleinen Schrift, die ich Ende 1900 in Basel erscheinen lie und in
der ich pseudonym ber meine damals zu einer Krise gediehenen
Jnglingstrume abrechnete. Ich dachte damals, mit dem von mir erfundenen
und totgesagten Lauscher meine eigenen Trume, soweit sie mir abgetan
schienen, einzusargen und zu begraben. Das Bchlein erschien, in kleinster
Auflage, beinahe mit Ausschlu der ffentlichkeit, und ist kaum ber meinen
Freundeskreis hinaus bekannt geworden. Wenige andere griffen, da sie meine
spteren Bcher kannten, nachtrglich zu dem Schriftchen und sahen darin
eine Art von literarischem Kuriosum.

Der Gedanke eines Neudrucks ist mir nie gekommen, bis in der letzten Zeit
Freunde ihn lebhaft aussprachen und schlielich Wilhelm Schfers Vorschlag
kam. Da ich keinen Grund sehe, ein Stck meines Jugendlebens wegzuleugnen,
und da ich stilistisch den Lauscher noch heute zu verantworten bereit bin,
gab ich nach.

Nun war die Frage, in welcher Form die Jugendsnde wieder aufleben sollte.
Ich dachte an eine berarbeitung, sah aber sofort, da die Gedanken und
Stimmungen eines Zwanzigjhrigen nicht nach zehn Jahren von ihm selber neu
redigiert werden knnen, da ihr einziger, relativer Wert im Ausdruck, im
Rhythmus, in der Geberde liegt. Und Einzelnes zu streichen oder zu
beschnigen, schien mir wieder unerlaubt.

Der Text blieb also, auch wo er mir heute fremd, ja zuwider ist, wrtlich
derselbe. Dagegen schien mir eine Rundung des fragmentarischen und allzu
umfanglosen Bchleins wnschenswert. Etwas Neues hinzuzufgen htte keinen
Sinn gehabt und dem Ganzen geschadet. Doch besa ich noch zwei kleine
Dichtungen (Lulu und Schlaflose Nchte) aus jener Zeit. Die erste ist
bisher nur in einer schweizerischen Zeitschrift, die zweite berhaupt nicht
verffentlicht worden. Beide stehen zum Lauscher in engster Beziehung und
sind in der selben Zeit wie er entstanden. Diese beiden Stcke fgte ich
ein.

Und nun liegt das Ganze da und schaut mich nicht eben glcklich an:
Dokumente einer schnen und innigen, doch nicht leichten Jugendzeit. Was
ich damals wollte, habe ich nicht erreicht; was ich seither erreichte, kam
beinahe ungewollt und wiegt mir nicht schwer. Dagegen finde ich jetzt
betroffen und erstaunt in diesen frhen Dichterversuchen Tne klingen und
Wege angedeutet, die mich heute wieder frisch und ernsthaft anmuten und von
denen ich nicht wei, wie sie mir jahrelang fremd werden und beinahe
verloren gehen konnten. Da ist Vieles, was meine seitherigen Wege mir
selbst zweifelhaft macht und mich zu bitteren Erkenntnissen ntigt.

Aber bittere Erkenntnisse sind besser als keine, und wer einmal den
gefhrlichen Pfad der Selbstbeobachtung und der Bekenntnisse betreten hat,
der mu billig die Folgen tragen, auch wenn es unerwartete und peinliche
sind.

Da nun Manche kommen werden, die mir Snden von damals vorhalten, als
wren es heutige, und da Andere finden werden, ich htte besser getan,
Neues zu arbeiten statt Jugendversuche wieder auszugraben, das ficht mich
nicht an. Diese wissen und fhlen nicht, wie peinlich mir diese
Neuherausgabe wurde, und begreifen auch nicht, da ich sie eben darum doch
ausfhrte und damit mein Gewissen erleichtert habe. Im brigen soll der
Lauscher, der jetzige wie der alte, eben nichts als ein Bekenntnisbuch fr
mich und meine Freunde sein.

_Hermann Hesse._

Dezember 1907.




Vorwort der ersten Ausgabe.
(Ende 1900).


Der Name Hermann Lauscher tritt mit der vorliegenden Publikation zum ersten
Mal in die ffentlichkeit. Lauschers Dichtungen, unter fremdem Namen im
Druck erschienen, sind einem bestimmten engeren Leserkreise wohlbekannt.

Leider hat der verstorbene Dichter mir verboten, sein Geheimnis
preiszugeben und seine frher gedruckten Schriften ihm zu vindizieren. Es
war ein Abend in der Weinstube des Storchen; Lauscher war von seiner
gewhnlichen traurig bitteren Stimmung befallen, vielleicht warf auch sein
bald darauf erfolgter Tod den Schatten einer ngstigenden Ahnung voraus. Er
bat mich frmlich zu schwren, seine Anonymitt aufs treueste wahren zu
helfen. Vor mir, als dem einzigen Literaten seiner Freundschaft, schien er
in diesem Punkte besonders ngstlich zu sein. Ich schwor lachend ewiges
Stillschweigen, das Gesprch wendete sich zu literarischen Fragen, wobei
Lauscher alle Quellen seiner fast feindseligen Ironie springen lie. Dann
versank er in Schweigen, trank hastig mehrere Becher Wein und nahm
pltzlich kurzen Abschied. Ich sah ihn seither nicht wieder -- zehn Tage
darauf starb er pltzlich auf einer Reise.

Lauschers literarischer Nachla enthielt fast nichts als die hier
mitgeteilten Stcke. Nchst dem rein persnlichen Wert, den diese fr seine
Freunde haben, drften sie als Dokumente der eigentmlichen Seele eines
modernen stheten und Sonderlings das Interesse aufmerksamer Leser
verdienen, namentlich durch die herbe, selbstqulerische Wahrheitsliebe des
Tagebuchs. Sie entbehren fast ganz die fleiig geschliffene, prezise
Form, welche Lauschers Dichtungen eigen ist, und drften so, ganz im Sinn
ihres Verfassers, auch gewandten literarischen Sprern keinerlei Schlsse
auf dessen anderwrts existierende Autorschaft zulassen.

Durch weitere Notizen ber den Dahingegangenen oder durch eine vielleicht
zuweilen erwnscht scheinende abrundende Redaktion den persnlich
lebendigen Duft der nachstehenden Bltter zu beeintrchtigen, schien mir
unerlaubt.

Mgest du mir verzeihen, mein armer, toter Freund, wenn diese
Verffentlichung deiner letzten, einsamen Gedanken und Leiden nicht deinem
stumm gebliebenen, letzten Wunsche entspricht!




Meine Kindheit.
(Geschrieben 1896.)


Zu allen Zeiten meines spteren Lebens ist meine Kindheit oft in vielfachen
Bildern zu mir getreten, lockig, fremd und unerlst wie ein blasses
Mrchenkind. Am meisten suchte mich diese Erinnerung in schlaflosen Nchten
heim, mit einem Blumenduft oder einer Liedweise beginnend, bis zu Trauer,
Ungemach und Todesbitterkeit, oder zu einer zrtlichen Sehnsucht nach
Streichelhnden und einer milden Neigung zu Gebet und Trnen.

Wenn jetzt noch die Kindheit zuweilen an mein Herz rhrt, so ist es als ein
goldgerahmtes, tieftniges Bild, an welchem vornehmlich eine Flle laubiger
Kastanien und Erlen, ein unbeschreiblich kstliches Vormittagssonnenlicht
und ein Hintergrund herrlicher Berge mir deutlich wird. Alle Stunden meines
Lebens, in welchen ein kurzes, weltvergessenes Ruhen mir vergnnt war, alle
einsamen Wanderungen, die ich ber schne Gebirge gemacht habe, alle
Augenblicke, in welchen ein unvermutetes kleines Glck oder eine
begierdelose Liebe mir das Gestern und Morgen entrckte, wei ich nicht
kstlicher zu benennen, als wenn ich sie mit diesem grnen Bilde meines
frhesten Lebens vergleiche. So ist es mir auch mit allem, was ich als
Erholung und hchsten Genu mein Leben lang liebte und wnschte, alles
Schreiten durch fremde Drfer, alles Sternezhlen, alles Liegen im grnen
Schatten, alles Reden mit Bumen, Wolken und Kindern.

                   *       *       *       *       *

Der frheste Tag meines Lebens, an den ich mich mit einiger Deutlichkeit
erinnern kann, mag etwa in den letzten Teil meines dritten Jahres fallen.
Meine Eltern hatten mich auf einen Berg mitgenommen, der durch eine
weitlufige Ruine von betrchtlicher Hhe tglich viele Stdter anlockte.
Ein junger Onkel hob mich ber die Brstung einer hohen Mauer und lie mich
in die ansehnliche Tiefe hinuntersehen. Davon ergriff mich die Angst des
Schwindels, ich war aufgeregt und zitterte am ganzen Leibe, bis ich zu
Hause wieder in meinem Bette lag. Von da an trat in schweren Angsttrumen,
denen ich damals oft zur Beute fiel, hufig diese Tiefe herzbeklemmend vor
meine Seele, da ich im Traum sthnte und weinend erwachte. Was fr ein
reiches und geheimnisvolles Leben mu vor jenem Tage liegen, von dem mir
keine einzige Stunde bewut ist! So sehr ich mich plagte, vermochte mein
Gedchtnis niemals weiter als bis zu jenem Tage vorzudringen. Wenn ich mich
aber streng auf meine frheste Zeit und ihre Stimmungen besinne, habe ich
den Eindruck, es msse nchst dem Sinn fr Wohlwollen kein Gefhl so frh
und stark in mir wach gewesen sein, wie das der Schamhaftigkeit. Ich fand
bei Kindern von fnf und mehr Jahren manchmal uerungen der Schamfreiheit,
von denen ich wei, da ich ihrer in meinem dritten oder vierten Jahre
unfhig gewesen wre.

Eine genauere Erinnerung an Erlebnisse und an fortdauernde Zustnde kann
ich nicht weiter als bis in mein fnftes Jahr zurck verfolgen. Hier finde
ich zuerst ein Bild meiner Umgebung, meiner Eltern und unseres Hauses,
sowie der Stadt und der Landschaft, in welcher ich aufwuchs. In dieser Zeit
hat sich die freie, sonnige Strae mit nur einer Huserreihe vor der Stadt
mir eingeprgt, in der wir wohnten, ferner die auffallenderen Gebude der
Stadt, das Rathaus, das Mnster und die Rheinbrcken, und am meisten ein
weites Wiesenland, hinter unserem Hause beginnend und fr meine
Kinderschritte ohne Grenzen. Alle tiefen Gemtserlebnisse, alle Menschen,
selbst die Portrts meiner Eltern, scheinen mir nicht so frh deutlich
geworden, wie diese Wiese mit unzhligen Einzelheiten. Meine Erinnerung an
sie scheint mir lter zu sein als diejenige an Menschengesichter und
erlittene eigene Schicksale. Mit meiner Schamhaftigkeit, welche schon frh
von einem Widerwillen gegen eigenmchtige Berhrung meines Leibes durch
fremde Hnde des Arztes oder der Dienstboten begleitet war, hngt
vielleicht meine frhzeitige Lust am Alleinsein im Freien zusammen. Die
vielen stundenlangen Spaziergnge jener Zeit hatten immer die
unbetretensten grnen Wildnisse jener groen Wiese zum Ziel. Diese Zeiten
der Einsamkeit im Grase sind es auch, die beim Erinnern mich besonders
stark mit dem wehen Glcksgefhl erfllen, das unsere Gnge auf
Kindheitswegen meist begleitet. Auch jetzt steigt mir der Grasduft jener
Ebene in feinen Wolken zu Haupt, mit der sonderbaren berzeugung, da keine
andere Zeit und keine andere Wiese solche wunderbaren Zittergrser und
Schmetterlinge hervorbringen kann, so satte Wasserpflanzen, so goldene
Butterblumen und so reichfarbene kstliche Lichtnelken, Schlsselblumen,
Glockenblumen und Skabiosen. Ich fand nie wieder so herrlich schlanken
Wegerich, so gelbbrennenden Mauerpfeffer, so verlockend schillernde
Eidechsen und Schmetterlinge, und mein Verstand beharrt nur mde und mit
geringem Eifer auf der Erkenntnis, da nicht die Blumen und Eidechsen sich
seither so zum blen verwandelt haben, sondern nur mein Gemt und mein
Auge.

Beim Darandenken ist mir zu Mut, als wre alles Kostbare, was ich spter
mit Augen sah und mit Hnden besa, und selber meine Kunst, gering gegen
die Herrlichkeiten jener Wiese. Da waren helle Morgen, an denen ich ins
Gras gestreckt, den Kopf auf den Hnden, ber das von Sonne flimmernde,
gekruselte Meer der Grser hinwegschaute, in welchem rote Inseln von Mohn,
blaue von Glockenblumen und lilafarbene von Schaumkraut lagen. Darber
flatterten und reizten mich die blitzgelben Zitronenfalter, die zarten
Blulinge, die in einem kostbaren, gleichsam antiquarisch seltenen Schimmer
aufleuchtenden Schiller- und Distelfalter, die schweren Flgel der
Trauermntel, das Edelwild der Segler und Schwalbenschwnze, der
schwarzrote Admiral, der seltene, mit Ehrfurcht genannte Apollo. Dieser,
den ich aus Beschreibungen meiner Kameraden schon kannte, flog mich eines
Tages an, setzte sich in meiner Nhe an die Erde und regte langsam die
wunderbaren, alabasternen Flgel, da ich ihre feine Zeichnung und Rundung
sehen konnte, und die blanken Diamantlinien, und auf den Flgelpaaren beide
hellblutrote Augen. Weniges aus dieser fernen Zeit hat sich so stark und
frisch in meinem Gedchtnis erhalten, wie die atemlose, herzklopfende
Wonne, welche mich bei diesem Anblick durchdrang. Aber nach der
unberechenbaren und grausamen Art der Kinder beschlich ich bald das edle
Tier und warf meinen Hut nach ihm. Er schaute um sich, stieg mit elegantem
Schwunge auf und war allsogleich in der flirrend goldigen Sonnenluft
verschwunden. Irgend eine Art von wissenschaftlichem Interesse war in
meinen Jagden und Sammlungen niemals. Die Raupen und die Namen der
Schmetterlinge, dortlands Sommervglein, Summervgli genannt, waren mir
nicht wichtig, und fr viele erfand ich eigene Namen. Eine Art von
rtlichen Fliegen nannte ich Zitterlinge, eine Gattung brauner
Schnabler, und fr den gesamten Pbel der Weilinge, Waldteufel und
anderer wenig schner und rarer Schmetterlinge hatte ich den verchtlichen
Sammelnamen Tolpatsch. Fr die gesammelte tote Beute hatte ich wenig
Sorgfalt und habe es nie zu einer sauberen Sammlung gebracht.

Von musikalischen Eindrcken vermag ich in diesen Wiesensommern nichts zu
finden, es sei denn meine auerordentliche Empfindlichkeit und Furcht vor
den Pfiffen der fern vorberfahrenden Eisenbahn.

Dennoch mu schon damals die Musik mir nahe getreten sein, denn auch die
frhesten, undeutlichsten Dmmerbilder des Mnsters, welche in mir sich
unscharf spiegelten, scheinen mir unzertrennlich vom Schall der Orgel.

Dieses Mnster und die Stadt berhaupt lernte ich spter und langsamer
kennen als die grne Natur. Denn whrend ich mich in dieser halbe Tage lang
nach Lust allein umtreiben konnte, war mir von den Eltern nicht erlaubt,
allein in die Stadt zu gehen, wovon mich auch die Furcht vor dem
ungewohnten Gedrng der Menschen und Wagen abschreckte.

Obwohl die grnen Monate meiner Wiesenzeit mir wie ein schner, gleichmig
heller, ununterbrochener Traum im Bewutsein liegen, steigen doch einzelne
Tage von besonderem Glanz mit weichen Umrissen daraus auf. Ich gbe Schtze
dafr, von solchen Tagen mich mehrerer erinnern zu knnen. So oft ich in
Gedanken den Weg meines Lebens zurckgehe, so oft berfllt mich eine milde
Trauer um die tausend vergessenen Tage. Es lebt niemand mehr, mir von mir
selber zu erzhlen, und der grere Teil meiner Kinderjahre liegt
unerschlossen in unbegreiflicher, goldener Glckseligkeit wie ein Wunder
vor meiner Sehnsucht. Es gehrt zu den Unvollkommenheiten und Entbehrungen
des menschlichen Lebens, da unsere Kindheit uns fremd werden mu und in
Vergessenheit fllt wie ein Schatz, der spielenden Hnden entgleitet und
ber den Rand eines tiefen Brunnens fllt. Bis in die Knabenzeit kann ich
den Faden meines Lebens zurckfinden, weiter zurck aber ragen zerstreut in
Duft und Dmmerung nur wenige klare Tage, ihn daran zu knpfen. Von dem
Gedchtnis dieser Tage aus blicke ich oft wie von einem Turm rckwrts in
meine ersten Jahre und kann nichts als ein bewegtes Meer von Rtseln und
Anfngen sehen, ohne Formen, aber mit einem heiligen Ferneduft, einem
Schleier, der ber Wunder und Kostbarkeiten gelegt ist.

Unter jenen vereinzelten Silberblicken ist mir ein Spaziergang besonders
teuer, da er das frheste Bild meines Vaters enthlt. Der sa mit mir auf
der von der Sonne durchwrmten Mauerbrstung des Bergkirchleins Sankt
Margarethen, zum erstenmal mir von der Hhe aus die dortige Rheinebene
zeigend. Der erste Eindruck dieser anmutig hellgrnen Landschaft vermischt
sich in meiner Erinnerung mit dem klaren Bilde, das ich spter durch den
hufig wiederholten Anblick gewann. Aber dies lteste Bild von meinem Vater
unterscheidet sich von allen spteren. Sein schwarzer Bart berhrte meine
blonde Stirn und sein groes, helles Auge ruhte freundlich auf mir. Ich
glaube wieder sein Gesicht so von der Seite her zu sehen, wenn ich an jene
Rast auf der Mauer denke, mit dem schwarzen Bart und Haar, mit der starken,
edlen Nase und dem festen, roten Mund, mit den dunklen Locken im Nacken,
dabei das groe Auge nach mir gesenkt, der ganze Kopf fest und wrdig auf
dem blauen Hintergrunde des Sommerhimmels ruhend.

Demselben Sommer mag ein anderes Bild angehren, das ohne Zusammenhang,
aber erstaunlich klar und treu mir eingeprgt ist. Ich sehe die ganze hohe,
magere Gestalt meines Vaters aufrecht mit zurckgelegtem Haupt einer
untergehenden Sonne entgegengehen, den Filzhut in der Linken tragend. An
ihn ist meine Mutter sanft im langsamen Gehen gelehnt, kleiner und
krftiger, mit einem weien Tuch auf den Schultern. Zwischen den kaum noch
getrennten, dunklen Huptern glht die blutrote Sonne. Die Umrisse der
Gestalten sind fest und goldleuchtend gezogen; zu beiden Seiten steht ein
reiches, reifes Kornfeld. An welchem Tag ich so hinter meinen Eltern
herwandelte, wei ich nicht, der Anblick aber ist mir frisch und
unverlschlich geblieben. Ich wei kein lebendiges oder gemaltes Bild, das
mir in Linien und Farben prchtiger erscheint und das mir teurer ist, als
diese edlen Gestalten auf dem Fupfad zwischen den hren, der roten Glut
entgegen wandelnd, schweigsam, vom jenseitigen Glanz bergossen. In
ungezhlten Trumen und wachen Nchten hing mein Auge an diesem liebsten
Kleinod meiner Erinnerung, dem Vermchtnis einer meiner goldensten Stunden.
So ist mir nie wieder eine Sonne untergegangen hinter hrenmeeren, so rot,
prchtig, friedsam, so voll Glut und Genge. Und kme sie mir wieder, es
wre doch nur ein Abend wie viele sind, und ich wrde die vermissen, in
deren Schatten ich damals ging, mte mich abwenden und trauern.

Die Erinnerung an Vater und Mutter beginnt von hier an klar zu werden.
Neben meiner Wieseneinsamkeit ging unabhngig ein freundliches, husliches
Leben her. Von diesem ist mein Bewutsein, der vielerlei Menschen und
Anregungen wegen, nicht so einheitlich und deutlich, wie von dem Leben im
Grase. Wie frh die Neigung meines Vaters zum Genu der bildenden und der
Dichtkunst, und die meiner Mutter zur Musik auf mich einwirkten, ist mir
unmglich zu erkennen, denn einzelne Eindrcke dieser Art sind mir erst aus
etwas spterer Zeit erinnerlich und mssen notwendig schon viel frher
dagewesen sein.

Ich wage nicht, von meinen Kinderspielen viel zu reden. Es gibt nichts
Wunderbareres und Unbegreiflicheres und nichts, was uns fremder wird und
grndlicher verloren geht, als die Seele des spielenden Kindes. Bei dem
leidlichen Wohlstand und der beraus freigebigen Gte meiner Eltern fehlte
es mir an reichlichem Spielzeuge nicht. Ich besa Soldaten, Bilderbcher,
Legsteine, Schaukelpferd, Pfeife, Peitsche und Wagen, spter auch
Kaufladen, Wage, Spielgeld und Vorrte, und zum Theaterspielen standen die
Kasten der Mutter zur Verfgung. Dennoch hngte sich meine Phantasie gerne
an weniger kommode Gegenstnde und schuf Pferde aus Schemeln, Huser aus
Tischen, Vgel aus Tuchlappen und ungeheuerliche Hhlen aus Wand,
Ofenschirm und Bettdecke.

Daneben war in den Erzhlungen meiner Mutter ein berflu von Welten und
Brcken fr meine Trumerei. Ich habe Leser und Erzhler und Plauderer von
Weltruhm gehrt und fand sie steif und geschmacklos, sobald ich sie mit den
Erzhlungen meiner Mutter verglich. O ihr wunderbar lichten, goldgrndigen
Jesusgeschichten, du Betlehem, du Knabe im Tempel, du Gang nach Emmaus! Die
ganze berschwnglich reiche Welt des Kindeslebens hat kein seres und
heiligeres Bild als das der erzhlenden Mutter, an deren Knie sich ein
Blondkopf mit tiefen Staunaugen schmiegt. Woher haben die Mtter diese
gewaltige und heitere Kunst, diese Bildnerseele, diesen unermdlichen
Zauberborn der Lippen? Ich sehe dich noch, meine Mutter, mit dem schnen
Haupt zu mir geneigt, schlank, schmiegsam und geduldig, mit den
unvergleichlichen Braunaugen!

Nchst dem unerreichbaren Klang und Sinn der Bibelgeschichten sog ich tief
aus dem Quell der Mrchen. Rotkppchen, der treue Johannes und
Schneewittchen bei den sieben Zwergen ber den sieben Bergen nahmen mich in
ihren geschwtzigen Kreis. Mein begieriger Sinn erschuf bald aus freier
Kraft Gebirge mit mondglnzenden Elfentanzwiesen, Palste mit seidenen
Kniginnen, fabelhaft tiefe und greuliche Berghhlen, von Geistern,
Eremiten, Khlern und Rubern abwechselnd unheimlich bevlkert. Ein
schmaler Raum im Schlafzimmer, zwischen zwei Bettstellen, war vorzglich
der stndige Wohnort schlitzugiger Kobolde, ruiger Bergmnner, gekpfter
Umgnger, traumwandelnder Totschlger und grnschielender Raubtiere, so da
ich eine Zeitlang nur in Begleitung Erwachsener und noch lange spter nur
mit uerster Aufbietung alles Knabenstolzes daran vorbergehen konnte.
Einmal befahl mir mein Vater, von dort seine Pantoffeln zu holen. Ich ging
in das Schlafzimmer, wagte mich aber nicht an den Ort des Entsetzens und
kehrte kleinlaut zurck, vorgebend, ich htte die Schuhe nicht gefunden.
Mein Vater, der etwas Phantastisches ahnte und ein strenger Feind auch der
Notlge war, schickte mich nochmals hin. Ich betrat wieder das
Schlafzimmer, aber meine Angst war nur grer geworden, so da ich
unverrichteter Dinge wiederkehrte, mit derselben Entschuldigung. Der Vater,
der mich durch den Trspalt beobachtet hatte, sagte sehr ernst: Du lgst.
Sie mssen dort stehen. Gleichzeitig ging er selber sie zu holen. Meine
Beklemmung aber war so gesteigert, da ich selbst den allmchtigen Vater
vor meinen Unholden nicht sicher glaubte und mich heulend an ihn hngte,
wobei ich ihn unter heien Trnen beschwor, sich dem Winkel nicht zu
nhern. Er ging aber doch, zwang mich mit, bckte sich und kehrte
wohlbehalten aus der greulichen Hhle zurck, was ich lange Zeit, unter
Dankgebeten, allein seinem unerhrten Mut und einem ganz besonderen Schutz
des lieben Gottes zuschrieb.

Ein anderes Mal wuchs mein Angstgefhl vollends ins Krankhafte. Die
Begebenheit hat sich mir scharf und genau mit allen peinlichen Zgen
eingegraben und hngt wie ein Medusenhaupt schauerlich schn, aber
vorwiegend schauerlich, ber jener ganzen Zeit der Kinderromantik.

Bei Dunkelwerden kehrten wir, schon ein wenig gruselig gestimmt, einst aus
der Stadt zurck, zwei etwa vierzehnjhrige Tchter eines Nachbars, ihr
Brderlein und ich. Die hohen Huser und Trme legten zackige Schatten auf
die Strae, Laternen wurden schon angezndet. Dazu kam im Vorbergehen ein
Blick in eine Schmiede, wo ruige, halbnackte Mnner an der aus dem Dunkeln
aufsprhenden Esse mit groen Zangen wie Folterknechte standen, und das mir
vorher unbekannte trunkene Gejohle einiger Wirtshausbrder, das mir
raubtierartig und verbrecherisch vorkam. Nun, schon fast im Finstern,
erzhlte eines der Mdchen, selber gruselnd, mir die Geschichte von der
Glocke Barbara. Diese hing in der Kirche Barbara und war aus Zauberei und
Verbrechen hervorgegangen. Sie rief immerfort den Namen einer ruchlos
erschlagenen Barbara mit blutiger Stimme aus und wurde deshalb von den
Mrdern gestohlen und vergraben. Da, als es Zeit zum Nachtluten wird,
beginnt die Glocke aus der Erde laut und jmmerlich zu tnen:

   Barbara bin ich genannt,
   In der Barbara bin ich gehangt,
   Barbara ist mein Vaterland.

Diese halbgeflsterte Geschichte regte mich schrecklich auf. Mein Grausen
wurde dadurch gesteigert, da ich es in mir zu verbergen bemht war, denn
der kleine Mitgnger hatte nichts verstanden und steuerte sorglos in den
Abend hinein, und vor den ltern Begleiterinnen, obwohl sie selber Angst
hatten und nur flsternd noch redeten, schmte ich mich. So stieg mein
Schaudergefhl mit jedem Wort der Erzhlung, bis mir die Zhne klapperten.
Als aber nach eben beendeter Geschichte auf Sankt Peter die Abendglocke
zitternd anschlug, lie ich in rasender Angst die Hand des kleinen Jungen
fahren und rannte, von der ganzen Hlle gehetzt, in die Nacht hinein,
stolperte, strzte, und wurde keuchend und zitternd heimgebracht. Die ganze
Nacht zitterte ich in schmerzhaften Angstschauern und eine Zeitlang ging
mir, so oft ich das Wort Barbara hrte, etwas Eiskaltes durch das innerste
Mark. Von da an glaubte ich noch lebhafter an Kobolde, Vampyre und bse
Geister, denn sie waren mir mit allen unerhrten Schrecken selber im Nacken
gesessen.

Etwa um diese Zeit machte mein eben erwachender Verstand seine ersten
Ansprche und qulte mich so sehr, da ich hufig tobende Anflle von
machtloser Wut und Ungeduld gezeigt habe. Hier ist auch ein Stck Kindheit,
das, wie mir scheint, den meisten Menschen allzu grndlich verloren geht,
der Drang nach Wahrheit, das Verlangen nach bersicht der Dinge und ihrer
Ursachen, die Sehnsucht nach Harmonie und sicherem geistigem Besitz. Ich
litt unter zahllosen Fragen ohne Antwort, und fand allmhlich heraus, da
den befragten Erwachsenen meine Fragen oft unwichtig und meine Nte
unverstndlich waren. Eine Antwort, die ich als Ausflucht oder gar als
Spott erkannte, schchterte gar oft meine Seele wieder in ihr allmhlich
wankendes Gebu von Mythen zurck.

Wie viel ernster, reiner und ehrfrchtiger wrde das Leben vieler Menschen
werden, wenn sie etwas von diesem Suchen und Nach-Namen-Fragen auch ber
die Jugend hinaus in sich bewahrten! Was ist der Regenbogen? Warum winselt
der Wind? Woher kommt das Verwelken der Wiesen, woher das Wiederblhen,
woher Regen und Schnee? Warum sind wir reich und der Nachbar Spengler arm?
Wohin geht am Abend die Sonne?

Auf diese Fragen ging mein Vater, wenn die Weisheit oder Geduld der Mutter
zu Ende war, oft mit unvergleichlicher Liebe und Feinheit ein. Als die
stndige Begrndung das hat der liebe Gott eben so gemacht nicht mehr
zureichte, erklrte er mir in groen Knstlerzgen die sichtbare Welt, die
Oberflche der Erde mit Kraut und Getier, die Wiederkehr der Gestirne.
Zugleich lie er neben meinem Mrchenwald die Edelgestalten der alten
Geschichte aufsteigen, und griechische Stdte, und das alte Rom. Kinder
sind weitherzig und vermgen durch den Zauber der Phantasie Dinge in ihrer
Seele nebeneinander zu beherbergen, deren Widerstreit in lteren Kpfen zum
heftigsten Krieg und Entweder-Oder wird. Dennoch, da ich selber gerne
erfand, und mit der kindlichen Schpferkraft spielte, entstanden vielerlei
Zweifel. Davon war der lebhafteste gegen die Wahrhaftigkeit eines orbis
pictus gerichtet, eines Lieblingsbilderbuches, das mich von der ersten
Schaulust bis weit in das reifende Knabenalter begleitete und so in meiner
Geschichte die umgekehrte Rolle des Robinson und Gulliver in der wirklichen
spielte. Ich zweifelte eine Zeitlang sehr stark daran, da diese Bilder
Originale in der wirklichen Welt besen und nicht lediglich ergtzliche
Phantasien eines Malers seien. Beim Betrachten der Abbildungen von Rittern
oder Bauten oder andern historischen Gegenstnden erinnerte ich mich mit
behaglicher Schlauheit, da ich auch Achillesse und groe Kirchen und
hnliches gezeichnet oder gebaut und meinen Kameraden als die wahren Dinge
oder als treue Abbilder ausgegeben hatte. Als mein Vater dahinterkam,
schlug er auf einer der letzten Seiten des Buches das mir bisher entgangene
Bild einer Kirche unsrer Stadt auf, welche ich sofort mit groer
Betroffenheit wiedererkannte. Von da an waren mir auf eine gute Weile
wenigstens alle Worte meines Vaters wieder unzweifelhaft und beweiskrftig.
Ein Nachbarsjunge teilte mir eines Tages geheimnisvoll und wichtig mit, der
wilde Mann, eine Hauptfigur in unsern Geschichten und ausgetauschten
Phantasieerlebnissen, wohne nicht weit vom Tor am Petersgraben in einem
Kornspeicher, sein Vater htte es ihm gesagt. Der Trumpf war vergebens
ausgespielt, denn mein Vater hatte mir bereits eine bessere, wenn schon
nicht so deutliche Erklrung gegeben. Ich blieb daher nicht nur skeptisch
und ungerhrt, sondern antwortete dem Freunde hohnlchelnd und mit groer
Genugtuung, er mge nur wieder zu seinem Vater gehen und ihm sagen, er wre
ein Kamel. Diese Antwort trug mir erst von dem Beleidigten und dann von
meinem Vater Prgel ein.

Solchen Zchtigungen von der Hand des geliebten Vaters pflegte ich zwar
meistens Trotz und Schweigen entgegenzusetzen, aber mein kleines Herz
empfand sie unsglich bitter, weh und beugend. Sie sind die frhesten
Leiden, auf die ich mich besinnen kann und in der Vorstellung, die ich von
meinen Kinderjahren habe, die einzigen Trbungen, die noch vor der
Schulzeit eintraten. Auch war es mit dem Schlagen und Trotzbieten
keineswegs getan, sondern der bittere Kern der Strafe war die Ntigung,
mich zu demtigen und um Verzeihung zu bitten, ehe ich das Auge der Eltern
wieder freundlich und ihr Ohr mir offen fand. Freilich wurde dadurch und
durch die jedesmalige freundlich ernste Vershnung der Zchtigung der
Stachel abgebrochen, aber bis ich md und verstndig genug zum Verzeih
sagen war, kostete es immer wieder einen bitteren, trnenreichen Kampf. Der
erste Abend, an dem ich ohne Ku und ohne Begleitung der Mutter stumm und
scheu zu Bette ging, ist mir noch wohl erinnerlich. Vielleicht hat, so oft
auch spter mir das Wasser an die Kehle ging, doch das Gefhl namenlosen
Schmerzes und Zwiespaltes niemals mehr so unsglich auf mir gelastet, wie
an jenem traurigen Abend. Es war auch der erste Abend, an welchem ich nicht
zu beten vermochte. Der Wortlaut meines Betverses stockte mir auf der
Zunge, zeigte mir zum erstenmal seinen schweren Ernst und wrgte mich wie
einen Erstickenden. So diente diese dunkelste Stunde dazu, mir auf einmal
das Beten ohne Gedanken unmglich zu machen.

Indessen wuchs mein Verstand und begann, auf die ersten Belehrungen und
Erfahrungen bauend, sich allmhlich einer stiller werdenden eigenen
Ttigkeit zu erfreuen. Meine Spiele nahmen, ohne Vorbilder zu haben, die
verwickelteren, intelligenteren Formen der eigentlichen Knabenspiele an.
Das A-B-C gab mir einen angenehm herben Vorschmack der Schule. Ich besa
schon Erinnerungen und gewhnte mich, nachdem ein bestimmter Tag fr meinen
Schulbeginn mir angesagt war, an morgen und bermorgen zu denken.

                   *       *       *       *       *

Dieses wenige ist der ganze Schatz von Erinnerungen an die ersten Jahre,
den ich noch besitze. Oder nicht der ganze, denn ich vermochte das Beste
nicht auszusprechen, die Empfindungen durchtrumter Frhlinge und
beglckender Liebhabereien, das milde Nachgefhl kindlicher Freuden und
Wehen, herzlicher genossen und tiefer erlitten als viele grere Freuden
und Wehen der spteren Zeiten. Ich vermochte nicht die feinen Erinnerungen
niederzuschreiben, deren ich einen holden Strau besitze, an Waldbesuche,
an Nachbarfreundschaften, an belauschte Katzenjunge und gestreichelte
Lmmer.

Komisch wehmtig berhrt mich die letzte Zeit vor dem Besuch der Schule,
das Erwachen des Knabenstolzes, das Unsichere des bergangs vom Trumen zum
Denken, und das langsame Verblassen der farbigen Phantasie und des ganzen
unbeschreiblichen Goldgrundes, auf welchen alle diese frhesten Bilder
gemalt sind. Mein Gedchtnis schliet mein letztes freies Kinderjahr mit
einem merkwrdigen Abend ab. Es war kurz vor meinem Eintritt in die Schule,
und der Geburtstag einer kleinen Schwester, der 27. November. Dieser
Schwester war fr den Augenblick alle Sorgfalt und Liebe des Hauses
zugewendet, und ich sa beklommen und allein an einem dunkelnden Fenster.
Drauen war Sptherbst und eine frhe, sternhelle Nacht. Neben dem Gedanken
an den erwarteten ersten Eintritt ins wirkliche Leben war eine
Abschiedsstimmung in mir lebendig, und ein halbbewutes Rckverlangen nach
der Ungebundenheit und Traumtiefe der bisherigen Tage. Da wars, da ich
eine Bewegung unter den Sternen zu sehen glaubte. Ich blickte nun starr und
unverwandt an den Himmel, und siehe, ein Stern begann seltsam zu flirren
und scho pltzlich in die Finsternis, ohne Spur verglimmend. Und da wieder
einer, und dort zwei zugleich, und am Ende eine ganze bewegte Menge. Der
Vater kam herein, und die Dienstboten, und so standen wir eine gute Weile
still im Dunkeln, das seltene Schauspiel unzhliger Sternschnuppen
betrachtend und von der merkwrdigen Stunde berhrt, jeder, wie ich glaube,
mit dem Gedanken, da dieser Blick aus dem dunklen Zimmer auf die
gleitenden Sterne ihm unvergelich bleiben wrde.

                   *       *       *       *       *

Mit dem Besuch der Schule begann nun mein menschlich gesellschaftliches
Leben. Hier wird das Dasein zuerst zum Bild der Welt im kleinen, hier
treten die Gesetze und Mastbe des wirklichen Lebens in Kraft, hier
beginnt Streben und Verzweifeln, Konflikt und Bewutsein der Person,
Ungengen und Zwiespalt, Kampf und Rcksichtnahme, und der ganze endlose
Kreislauf der Tage. Zuerst die Teilung der Zeit in Alltag und Feiertag! Man
mu nach Stunden leben und arbeiten, jeder Tag erhlt sein Gewicht und
seine feste Geltung und lst sich aus der Zeit als ein besonderes Stck
heraus. Die Unergrndlichkeit der Monate und Jahreszeiten, das Leben aus
dem Vollen hat ein Ende; Feste, Sonntage, Geburtstage treten nicht mehr als
berraschungen vor uns hin, sondern ihre Zeit und Wiederkehr ist gleich den
Stundenzahlen auf der Uhr fest angeschrieben und wir wissen, wie lange der
Zeiger braucht, bis er sie erreicht.

Der Wunsch meines Vaters, mich selber zu unterrichten, hielt dem
allgemeinen Brauch und dem Rat aller Freunde und Verwandten nicht stand.
Ich wurde einer ffentlichen Schule bergeben, hatte mehrere Lehrer, die
jhrlich wechselten, und litt unter allen belstnden dieser Anstalten.
Schule und Haus waren zwei streng getrennte Dinge, mein Gehorsam hatte zwei
Oberhupter, von denen das eine mit meiner Liebe, das andere mit meiner
Furcht rechnen mute. Das erste bel lag darin, da ich, von einem strengen
Lehrer an hufige Schlge und Arrest gewhnt, die vterlichen Strafen bald
nicht mehr in der frheren Weise achtete, so da husliche Zchtigungen
ihren Wert verloren und meinem Vater dieser einfachste Austrag moralischer
Unebenheiten allmhlich unmglich gemacht wurde. Daraus folgte fr ihn
unendlich viel Sorge und Mhe und fr mich viel Elend, da nun alle
Besserungen und Verzeihungen erschwert waren und lange Zeit erforderten. In
solchen kritischen Zeiten war ich manchesmal verzweifelt, krank vor Sorge
und Wut, und plagte mich mit Elend, Scham, rger und Stolz. In der Schule
bel behandelt, zu Hause von irgend einer begangenen beltat schweigend
bedrckt, warf ich mich oft in der groen Wiese zu Boden und rang
schluchzend gegen eine unbekannte, grausame bermacht. Diese Stunden am
Mittagstisch, wenn kein Gesprch mglich war, wenn ich mit Angst an die
nchste bse Schulstunde dachte, whrend eine zurckgedrngte vterliche
Strafrede den Eltern, den jngeren Geschwistern und sogar den Dienstboten
in allen Mienen zu lesen war, diese schweigsamen, trotzigen Spaziergnge
mit meinem Vater, auf denen ich die Bitte um Verzeihung oder sonst eine
Aussprache, welche er erwartete, aus Trotz und Scham in mir niederhielt,
liegen mir noch mit aller Schwere hart und widerlich im Gedchtnis.

Da meine Unruhe und eingedmmte Leidenschaftlichkeit und Lebensflle Raum
forderte, warf ich mich auf die mir bisher fremden Knabenspiele mit aller
Wildheit meiner jungen Sinne. Ich sprang bald allen Kameraden voran, als
Turner, als Feldherr, als Ruberhauptmann oder Indianerhuptling, am
hitzigsten, wenn zu Hause schlechtes Wetter war. Meine Eltern und am
meisten die bekmmerte Mutter sahen mich mit Trauer in den Ruf eines
Wildfangs und Anstifters geraten, whrend ich unter ihren Augen meistens
stumm und bedrckt umherschlich.

In meinem dritten Schuljahre hatte ich eines Tages einem armen Handwerker
in unserer Strae mit meiner Schleuder ein Fenster eingeworfen. Der Mann
lief zu meinem Vater, erzhlte ihm meine, wie er glaubte, absichtlich
begangene Tat und fgte noch hinzu, da ich auch auerdem ein Tunichtgut
und Straentyrann wre. Als am Abend mein Vater mir dies alles wieder
berichtete und auf ein Gestndnis drang, war ich ber den Anklger so
emprt, da ich auch den unbestreitbar geschehenen Fensterschu hartnckig
leugnete. Ich wurde ungewhnlich hart gezchtigt und glaubte nun vollends
meinen Trotz nicht brechen lassen zu drfen. So verhielt ich mich einige
Tage scheu und feindselig, whrend mein Vater schwieg und ein Schatten auf
dem ganzen Hause lag. In diesen Tagen war ich unglcklicher als jemals
vorher. Nun mute mein Vater fr eine Woche verreisen. Als ich an jenem Tag
aus der Schule kam, war er schon abgereist und hatte ein Brieflein fr mich
dagelassen. Nach Tisch begab ich mich in die oberste Bodenkammer und
ffnete den Brief. Ein schnes Bild fiel heraus, und ein Zettel von der
Hand des Vaters:

Ich habe dich fr ein Vergehen gestraft, das du nicht gestanden hast. Hast
du die Sache dennoch begangen und mich also angelogen, wie soll ich dann
noch mit dir reden? Ists anders, dann habe ich dich mit Unrecht geschlagen.
In einer Woche, wenn ich wiederkomme, sollte doch einer von uns dem andern
verzeihen knnen.

Dein Vater.

Den ganzen Tag lief ich beklommen und erregt mit dem Zettel in Haus und
Garten herum. Dieses Wort von Mann zu Mann erfllte mich mit Stolz und Reue
und traf mich im Herzen, wie kein anderes Wort es htte knnen. Am nchsten
Morgen kam ich mit dem Blatt ans Bett meiner Mutter, weinte und fand keine
Worte. Darauf ging ich im Hause umher wie nach einer langen Abwesenheit,
alles war so alt und neu, war mir wiedergeschenkt und von einem Bann
erlst. Abends sa ich seit langer Zeit zum erstenmal meiner Mutter zu
Fen und hrte sie erzhlen wie in den Kleinkinderjahren. Es kam so s
und mtterlich von ihrem Munde, aber was sie erzhlte, war kein Mrchen.
Sie sagte mir von Zeiten, da ich ihr fremd geworden sei, und wie da ihre
Angst und Liebe mich begleitete; sie beschmte und beglckte mich mit jedem
Wort, und dann redeten wir beide mit Namen der Liebe und Ehrfurcht von
meinem Vater und freuten uns mit Sehnsucht auf seine Heimkehr.

Der Tag seiner Zurckkunft war zugleich der letzte Tag vor meinen
Sommerferien und vollendete so mein Glck. Nach einer kurzen Unterredung
kam der Vater mit mir aus seinem Studierzimmer hervor und fhrte mich der
Mutter zu, indem er sagte:

Hier hast du unseren Buben wieder, Mama. Er gehrt seit heute wieder mir.

Mir schon seit einer Woche! rief sie lchelnd dagegen, und wir saen
frhlich zu Tische.

Die mit diesem Tag beginnende Ferienzeit liegt in meinen Schuljahren wie
ein umzunter, grner Garten. Tage voll Sonne, Abende mit Spiel und
Geplauder, Nchte festen Schlafs mit gutem Gewissen! Jeden Abend wanderte
mein Vater Hand in Hand mit mir in einen Steinbruch, der eine halbe Stunde
weit vor der Stadt lag. Dort bauten wir Huser und Hhlen, schleuderten
Steine nach dem Ziel und hmmerten nach Versteinerungen. Auf dem Rckweg
tranken wir Milch und aen Brot in einem Meierhof und verzichteten darauf
stolz auf das mtterliche Abendessen, die Mutter mit allerlei Geheimnissen
neckend und uns jedes Meisterwurfes und jedes gefundenen Rtels oder
Glitzersteines rhmend. Mein Vater erwies sich als Pfadfinder, Jger,
Scheibenschtz und Erfinder. Halbe Tage wanderten und ruhten wir in Wiesen
und an Waldabhngen, ganz mit uns allein, einen Brotlaib in der Tasche,
Wege entdeckend und Pflanzen sammelnd, und ich sprte etwas davon, da mein
Vater seine eigene Jugend wieder aufsuchte und sich seiner erfrischten
Brust und seiner gerteten Wangen erfreute, denn er war von zarter
Gesundheit und wurde viel von Kopfschmerzen und anderen Leiden heimgesucht.
Nun wanderten wir wie zwei Knaben miteinander, schnitten Lanzen, lieen
Drachen steigen, gruben im Garten und zimmerten im Hofraum allerlei Gert
und Kasten zusammen.

In dieser Zeit etwa begann mein Ohr zu erwachen und meine Phantasie sich
mit Melodien zu beschftigen. Ich liebte es, in Freistunden zum Mnster zu
gehen und mich durch das Tor zu schleichen, um das Spiel des Organisten zu
hren, der stundenlang dort sich seiner Kunst erfreute. Ich summte und sang
auf dem Schulweg, im Garten, sogar im Bette, und prgte mir viele Chorle
und Liedermelodien frhe ein.

Und mit neun Jahren, an meinem Geburtstage, schenkten mir die Eltern eine
Geige. Von diesem Tage an ist das hellbraune Geiglein auf allen Fahrten mit
mir gegangen, viele Jahre lang, und von diesem Tage an hatte ich ein
Abseits, eine innere Heimat, eine Zuflucht, wo seither unzhlige
Erregungen, Freuden und Kmmernisse sich versammelten.

Der Lehrer war mit mir zufrieden. Mein Gehr und Gedchtnis war scharf und
peinlich treu, und allmhlich zeigte sich im Lauf der Lehrjahre das, was
den Geiger macht, der feste, fhige Arm, das freie Gelenk, die
ausdauernden, krftigen Finger.

Frs erste erwies sich leider die Musik als ein unerwartetes bel, denn sie
nahm mich fast vllig gefangen und verleidete mir den Schlerflei. Dagegen
lenkte sie meinen Ehrgeiz und meine Knabenwildheit von den grberen Spielen
und Freveln ab, sie milderte meine Hitze und Leidenschaft, sie machte mich
schweigsam und vertrglich. Ich wurde keineswegs zum Geiger erzogen, mein
Lehrer war sogar ein Dilettant, daher war der Unterricht mir ein Vergngen
und zielte weniger auf strenge bung und Przision, als auf ein baldiges
Etwasknnen. Der erste Choral, zum Geburtstag der Mutter gespielt, war ein
festliches Ereignis. Und alsdann die erste Gavotte, die erste Haydnsonate!
Ich war selber voll Freude und Eitelkeit, aber allmhlich sprte meine
Natur doch einen Mangel, so da ich vor einem gewissen flotten Strich,
einer Dilettantenverve gefhrlicher Art, bewahrt blieb. Die Schule ging
neben dem her und behielt fr mich alle die Jahre bis zum vierzehnten
hindurch die Schwle einer Zwangsanstalt. Wie viel von meinen Leiden und
meiner Verbitterung, neben meinen eigenen Fehlern, der ganzen Erziehungsart
zur Last fllt, kann ich nicht urteilen; aber in den acht Jahren, welche
ich in den niederen Schulen zubrachte, fand ich nur einen einzigen Lehrer,
den ich liebte und dem ich dankbar sein kann. Wer die Kindesseele ein wenig
kennt und selber einen Rest ihrer Zartheit sich bewahrt hat, der kennt das
Leiden, dessen ein Schulknabe fhig ist, und zittert noch in Scham und
Zorn, wenn er sich der Rohheiten mancher Schulmeister erinnert, der
Qulereien, der berhrten Wunden, der grausamen Strafen, der unzhligen
Schamlosigkeiten. Wahrlich, ich meine nicht die fleiige Rute, deren jeder
Knabe bedarf; ich meine aber die Frevel, die an dem Glauben und dem
Rechtssinn des Kindes geschehen, die rohen Antworten auf schchterne
Kinderfragen, die Gleichgltigkeit gegen den Trieb der Kindheit nach einer
Einigung ihrer stckweise erworbenen Kenntnis der Dinge, den Spott als
Antwort auf kinderglubige Naivetten. Ich wei, da ich nicht allein in
solcher Weise gelitten habe, und da mein Unwille darber und meine Trauer
um zerstrte und verkmmerte Teile meiner jungen Seele nicht die
Verbitterung eines nervsen Einzelnen ist; denn ich habe von vielen diese
Klagen gehrt. Ich wei wohl mit der eigentmlichen Art des Knabenalters zu
rechnen, als einer heiklen, problematischen Zeit der Scheidungen,
Beschneidungen und Hutungen, voll von schwer verstndlichen Erregungen und
Exzessen; aber ich kann mich der Trauer und der Anklage nicht enthalten.
Die ganze Zeit meines spteren Lebens bin ich mit einer besonderen Vorliebe
den kleinen Knaben zugetan gewesen und fand gar oft meine ehemaligen ngste
in errtenden Knabengesichtern wieder.

Es widerstrebt mir, einige dieser Bitternisse aufzuzeichnen, meine
Erinnerung irrt in dieser Zeit der verwelkenden Kindheit und erwachsenden
Jnglingszeit befangen und bedrckt umher.

Hell und verklrt von Verehrung und Liebe zeigen sich mir die
Unterweisungen, die ich in Garten, Feld und Studierzimmer von meinem Vater
geno. Diese schlossen mir die verschwisterten Reiche der Geschichte und
der Dichtung auf. Mit gekrnten Knigen und geschlagenen Duldern, mit
Heerzgen und prachtvollen Stdten breitete sich die Geschichte der
Griechen aus, und die der Rmer mit ruhmbekrnzten Siegern, unterjochten
Erdteilen und fabelhaften Triumphzgen, neben welcher Pracht und Hhe lange
Zeit die Jagden und blutigen Wanderungen der ltesten deutschen Zeit mir
wenig Freude machten.

Der freundschaftlich in Frage, Antwort und Erzhlung erteilte vterliche
Unterricht legte einen guten Grund in mir. Was in der Schulstube und im
Mund der Lehrer mir langweilig und peinlich erschien, gewann hier
anziehende Formen und schien mir alles ernstlichen Fleies wrdig.

In meiner Klasse pflegte ich, obwohl ich nie ein Lehrerliebling war, meist
mich auf den oberen Pltzen zu halten und besonders im lateinischen
Unterricht mir gute Zeugnisse zu erwerben. Die lateinische Sprache lernte
ich leicht und mit Eifer, sie blieb durch meine Schlerzeit und durch mein
Leben mir befreundet und gelufig.

So fand man mich zur Vorbereitung auf den Eintritt in eine schwbische
gelehrte Schule wrdig. Das Examen wurde leidlich bestanden. Meine erste
Schulzeit war zu Ende und ein sommerlicher Ferienmonat lag vor dem
ehrgeizig erstrebten Eingang der gelehrten Klosterpforte.

In diesen Ferien las mir mein Vater zum erstenmal Lieder Goethes vor. ber
allen Wipfeln war sein Liebling.

An einem silbernen Abend, im frhen Monde, stand er mit mir auf einem
bewaldeten Berge. Wir atmeten vom Steigen aus und schwiegen nach einem
ernsten, herzlichen Gesprch vor der Schnheit der mondhellen, stillen
Landschaft.

Mein Vater setzte sich auf einen Stein, blickte rundum, zog mich zu sich
nieder, schlang den Arm um mich und sprach leise und feierlich jenes
unergrndliche, wunderbare Lied:

   ber allen Gipfeln
   Ist Ruh.
   In allen Wipfeln
   Sprest du
   Kaum einen Hauch,
   Die Vglein schweigen im Walde,
   Warte nur, balde
   Ruhest du auch.

Hundertmal habe ich seitdem diese Worte gehrt und gelesen und gesprochen,
in hundert Lagen und Stimmungen -- die Vglein schweigen im Walde -- und
jedesmal befiel mich eine milde, herzlsende Schwermut, und jedesmal senkte
ich dabei das Haupt und hatte ein seltsam wehes Glcksgefhl, als kmen die
Worte aus dem Munde meines an mich gelehnten Vaters, als fhlte ich seinen
Arm um mich gelegt, und she seine groe, klare Stirn, und hrte seine
leise Stimme.




Die Novembernacht.
Eine Tbinger Erinnerung.
(Geschrieben 1899.)


ber Tbingen hing eine schwarze, verwlkte Novembernacht. Sturm und
Sprhregen klirrte und zitterte durch die engen Gassen, aufflackernde rote
Laternenlichter glnzten trb auf dem nassen Pflaster wider. Trb und
schwarz mit zwei, drei kleinen roten Fensteraugen lag das alte Schlo wie
ein halbschlafendes trges Untier auf seinem langen Hgel, Fetzen von
Wolkenschleiern um die spitzen Dcher. In den groen, ernsten Alleen
standen die alten Kastanien, Linden und Platanen kahl und hager im Sturm
wie eine trbselig standhafte Armee von Greisen. Bltterwirbel trieben ber
die feuchten Wege, faul und grau lagen die groen Herbstwiesen, an den
Rndern da und dort von einer windscheuen Laterne zackig und roh
beleuchtet. Der langgezogene, mde Pfiff des letzten Reutlinger Zuges drang
vom nahen Bahnhof durch die schwere Luft und pate mit seinem heiseren,
hinsterbenden Gerusch vortrefflich in die Tonart des ganzen Abends.

In den Pausen des Sturmes ward das khle Rauschen des Neckars laut. Die
Ufer lagen tief in graue, traurige Ruhe gehllt und von den vielen hellen
liederlauten Sommerabendfesten war keine leise Spur mehr geblieben, so
wenig dem breiten, traurigen Stiftsgebude noch eine Spur von den
zahlreichen, glnzenden Geistern anhing, die darin vor Zeiten
schwrmerische, dmmernde Jugendsemester verlebten. Es seien denn einzelne
nachklingende, elegische Laute aus der umflorten Harfe des armen Hlderlin.
Statt dessen brannte dort die strenge, fleiige Gegenwart in zahlreichen
Studierampeln ber die ganze Breitseite des Stifts verteilt und glnzte
mattrot durch die breiten, niederen Fenster. Dort lagen jetzt Kompendien,
Wrterbcher und Texte ohne Zahl vor ernsthaften, jungen Augen
aufgeschlagen, Ausgaben des Platon, Aristoteles, Kants, Fichtes, vielleicht
auch Schopenhauers, Bibeln in hebrischer, griechischer, lateinischer und
deutscher Sprache; vielleicht brtete hinter diesen Fenstern zur Stunde ein
junges, philosophisches Genie ber seinen ersten Spekulationen, whrend
zugleich ein zuknftiger schwergeharnischter Apologet die ersten Steine
seines Trutzgebudes legte.

Zwei junge Mnner, die jetzt von der unteren Neckarbrcke her durch die
Platanenallee gegangen kamen, blickten lachend hinber und zeigten wenig
Respekt vor der ernsten zukunftschwangeren Geistesburg. Sie wandelten, in
grauen Lodenmnteln, des Regens ungeachtet, langsam durch die strmende
Herbstnacht. Hast du noch was drin? fragte der Kandidat Otto Aber seinen
Begleiter, worauf dieser, der Dichter Hermann Lauscher, eine bauchige
Benediktinerflasche aus der Manteltasche zwngte und dem Kandidaten
reichte.

Der letzte Schluck! rief dieser und schwenkte die Flasche gegen das
jenseits des Flusses ragende Stift. Prosit Stift!

Er leerte die Bouteille mit einem kurzen Schluck.

Was machen wir mit dem Scherben? fragte Lauscher. Wir knnten auf die
Wache gehen und ihn der lieben Tbinger Stadtpolizei verehren.

Was Stadtpolizei! lachte Aber. Da! und er schleuderte die Flasche ber
den Neckar, da sie an einem Pfeiler des Stiftsbaues zersplitterte. Jetzt
wohin?

Ja wohin? sagte Lauscher nachdenklich. In der Steinlach krepiert man am
Wein, in der Silberburg ist die Schorschel nimmer da, im Kaiser suft der
Roigel, in der Sonne ists zu voll, im Lwen --

Halloh, in den Lwen! rief Aber. Mir fllt ein, da der Sbelwetzer und
der Elenderle heut abend dort sind und die Mensur vom Donnerstag
verschwellen. Komm! brigens ists ein Sauwetter.

Der Kandidat zog seinen langen Mantel enger an sich und schlug ein
rascheres Tempo an.

Was rennst du! rief Lauscher. Fr uns ist das Wetter lang gut genug. Mir
pat's so besser, als Lump im Sonnenschein zu spielen. Wenn der
Benediktiner nicht ausgepfiffen htte, wr ich fr eine Naturkneipe.
Auerdem ist der Sbelwetzer langweilig und der Elenderle wird schon bald
wieder am Heulen sein. -- Trinken sie Uhlbacher? Dann geh ich nicht mit,
der Uhlbacher vom Lwen hat mich. Aber was versteht ihr von Wein!

Weinprotz! lachte Aber. Nein, sie haben eine uralte Moselwette dort
stehen, oder Winkler oder was hnliches. Jedenfalls was besseres. -- Dabei
fllt mir ein: warum grnden wir eigentlich nichts? Wir vier oder fnf
hocken doch ewig zusammen, man knnte den Appenzeller und so ein paar
Bierhhner mitlotsen, es gbe so was wie eine Ausstellung der
Zurckgewiesenen.

Grnden? brauste Lauscher auf, der damals das sptere cnacle noch nicht
ahnte. Lieber werd ich Eremit.

Warum nicht gar! Es gbe ein Kollegium von Ausgetretenen aus allen
fashionablen Verbindungen, oder von Rettungslosen aus allen Fakultten. Der
Elenderle wrde die Sndenlast der Gesellschaft in Trnen umsetzen, der
Sbelwetzer bekme ein Dauerpaukwams und wrde auf alle Waffen fr uns
losgehen, ich wre die Bierkommission, du Schrift- und Weinwrtel . . .

Und so weiter. Schon gut.

Der Appenzeller wrde sich unbertrefflich dazu qualifizieren,
Mitteilungen und Forderungen der Gesellschaft den Chargierten der
Verbindungen zu berbringen. Der Nebukadnezar wre ein censor morum
ohnegleichen. Der Kaier hat einen Onkel, der Weinberge besitzen soll; der
Schnauzer ist reich und dumm --

Und dann wrden wir eine Kneipe mieten und zweimal in der Woche
>Altheidelberg< und >es geht ein Lumpidus< miteinander singen. Und Fchse
keilen. Und Prsidepauken schwingen. Ich danke.

Warum? Wir knnten im Schwarzwlder kneipen und im Komment alle
anstndigen Lokler verbieten. Z. B.: Wer im Ochsen oder im Innern der Aula
betroffen wird, zahlt eine Mark Bue. Wer fachsimpelt, zahlt zwei Ma
. . .

Nein, bitte, du fngst wieder an nach Komment zu riechen.

Die Freunde waren auf der alten Brcke angelangt. Aus der Kneipe der
Burschenschaft klang lauter Chorgesang. Der Neckar strmte wild um den
breiten Brckenpfeiler, auf dem raschen Wasser glnzten unruhig die
Laternenlichter, schwarz und groartig streckte sich die Platanenallee in
die Nacht. Vom Turm der Stiftskirche tnte das Stundenhorn, zackig und
wechselvoll beleuchtet, stand die malerische Huserreihe des hohen
Neckarufers bis zum alten Stift hinab. Beide Freunde schwiegen, so lange
sie ber die Brcke gingen. Vielleicht stieg beim Anblick der schnen,
nchtlichen Stadt, beim Rauschen des Neckars und Singen der Studenten in
beiden das Erinnern an die kaum vergangenen Tage auf, da ihnen noch die
eigentmliche, romantische Schnheit und Stimmung dieser Stelle ahnungsvoll
und freudig ans Herz gerhrt hatte, da sie noch mit der Hoffnung und dem
ganzen sen, krausen Stimmungsduft der ersten Semester hier gegangen
waren.

Sie bogen um die Brckenmhle, stiegen die steile Gasse zum Holzmarkt
hinauf, gingen an der Stiftskirche vorber, ber die schmale Kirchgasse und
den den Markt an der Sonne vorbei und gelangten durch Nsse und Schmutz an
die Hintertr des Lwen, durch welche man ber drei steile Stufen hinab
direkt in das Nebenzimmer tritt. Ehe sie eintraten, blickten sie durch
eins der niederen Fenster in die schmale Stube hinab und sahen Elenderle
und Sbelwetzer am letzten Tisch beim Wein sitzen.

Sie trinken Winkler! frohlockte Aber. Hab ich's nicht gesagt? Du meldest
dich mit deiner Blume, wegen ungebhrender Respektlosigkeit.

Prolet! Meinetwegen, murrte Lauscher, und trat zuerst in die schmale Tr.
Aber folgte nach, drehte unwillig ein an der Wand hngendes Gerolsteiner
Mineralwasserplakat um und lie sich von der herzueilenden Wirtstochter
Mathilde den Mantel abnehmen.

Jetzt bemerkten die Weintrinker die Ankommenden.

Hchste Zeit, rief der Sbelwetzer. Wollet ihr trinken? Wollet ihr ein
Bad nehmen? Wollet ihr euch ersufen? An Winkler fehlt es nicht. Mein Leben
mach ich keine solche Wette mehr. Fnfzehn Flaschen, ists nicht zum
Langweiligwerden?

Keine Angst! rief Lauscher. Mathilde, zwei Glser! Er prfte eine der
im Kbel stehenden Flaschen und schenkte ein. Meine Blume, Aber!

Saufs!

Na? fragte der Sbelwetzer.

Er ist gut, gab Lauscher kurz zur Antwort, lie den linken Arm ber die
Stuhllehne hngen, fllte seinen Rmer nach und trank ihn mit einem langen
sicheren Schluck hinunter.

Wo spuckts wieder? fragte der Sbelwetzer. Du hast deinen
allerbeinernsten Schdel aufgesetzt.

Du weit, fiel Aber ein, Schnaps vertrgt er nicht. Der Benediktiner --
Lauscher stie durch die Zhne einen langen Pfiff.

Halts Maul, Aberchen! berhaupt fragt man nicht so dumm, Sbelwetzer. Er
trank ein neues Glas an. Ihr seid eigentlich doch eine Schweinebande,
liebe Freunde, fuhr er dann langsam und ernsthaft fort, und mich wunderts
selber, da ich allemal wieder bei euch bin.

Elenderle lachte und trank dem Dichter zu.

Aber was tun? Ihr seid wenigstens blo langweilig und im brigen gute
Brder.

Hm -- hm --

Ja, brummt nur! Oder hat vielleicht einer von euch etwas anderes an Geist
zu verbrauchen, als die brigen Brocken aus seiner Fuchsenzeit? Oder hat
einer von euch eine Ahnung von Humor, von Philosophie, von Kunst? Oder --

Na hr mal, lachte der Kandidat Aber, eh du so proletest, sei doch so
gut und serviere uns einmal deine Kunst, deine Philosophie, deinen Humor!
Er mu anderswo als in deinen sentimentalen Versen stecken --

Das tut er auch. Was Verse! Da ich hier sitze und euren Wein mit euch
trinke und eure desperaten Schdel betrachte, whrend ich Gold, Silber,
Palste, Mrchen und Kleinode in mir liegen habe, das ist der Humor. Was
verbummelt ihr? Was ersuft ihr? Ein Examen, ein bichen Vermgen, ein
mtchen, in dem ihr euch geschunden und gelangweilt httet. Warum? Weil es
euch dmmert, da es sich um solches Zeug nicht zu leben lohnt. Und ich?
Schluck um Schluck ersufe ich ein Stck blauen Poetenhimmel, eine Provinz
meiner Phantasie, eine Farbe von meiner Palette, eine Saite von meiner
Harfe, ein Stck Kunst, ein Stck Ruhm, ein Stck Ewigkeit. Warum? Weil es
sich auch um alles das nicht zu leben lohnt. Weil es sich berhaupt nicht
lohnt zu leben; denn Leben ohne Zweck ist d und leben mit Zweck ist eine
Plage.

Elenderle lachte fortwhrend. Aber nahm einen langen Schluck und sagte
gutmtig: Trink, Lauscher, und mach uns nix Blaues vor!

Aber sag, redete er darauf Elenderle an, was machst du denn jetzt
eigentlich? Wei dein Alter schon?

Was denn? fragte Lauscher.

Weit du nicht? Er ist zum drittenmal nicht ins Examen gestiegen und
auerdem relegiert. Na, Elenderle, was denkst du?

Denken? Ich hab mich anwerben lassen.

Sakerlot! Anwerben?

Ja ja ja ja!

Zu was denn? Ist eine Deliriantenarmee gegrndet worden?

Ganz so was! Ich meinte, ich htte in meinen vielen Semestern genug
Jammertrnen vergossen, um mir dafr ein Freibillet in die Gefilde der
Seligen zu kaufen.

Auch gut, lachte der Sbelwetzer. Das ist nicht mehr als billig. In die
Hlle wrst du so wie so nicht gekommen, das wei ich, denn ich habe einmal
drei Semester wrttembergische evangelische Theologie studiert.

Aber wer hat dich denn angeworben? fragte Lauscher.

Ei wer? Ja, den mchtest du kennen! Ein Herr, sag ich dir, ein feiner Herr
--

Rindvieh! rief Lauscher. Was du einen feinen Herrn nennst! War er feiner
als ich?

Viel, viel feiner! Ein Gentleman, sag ich euch. brigens dummes Geschwtz!
-- er kommt heut abend her, er hats versprochen.

Wa--as? Kein Schwindel? Auf dein Wort?

Natrlich, auf alle meine Wrter. Prost, Lauscher!

Prost, Elenderle!

Lauscher zog ein Paket seiner Giftschlangen hervor, schwarze, lange, dnne
Zigarren, und bot den andern an. Er zndete sich eine an, blies Wolken,
streifte die Asche ab, nahm hin und wieder einen schnellen Schluck und
verfiel in eine trumerisch schwere Trgheit. Auch die andern widmeten sich
nun still dem Wein und der Zigarre. Eine bluliche Wolke hing ber dem
Tische, man hrte die wenigen brigen Gste reden und lachen. Die Freunde
tranken Glas um Glas und saen einander versonnen und fast vllig stumm
gegenber, wie sie schon viele Stunden und viele ganze Abende und Nchte
versonnen und stumm beisammen um irgend einen Trinktisch gesessen waren.

Ich bin doch neugierig auf deinen Werber, sagte Aber nach einer langen,
langen Pause.

Keine Antwort. Mathilde ffnete zwei neue Flaschen. Der Sbelwetzer
schenkte ein.

brigens, begann Aber wieder, brigens, meine Lieben, was knnte
eigentlich aus uns noch werden? Wer wird uns anwerben? Sei's noch um zwei
Semester, so ist bei mir die Gnadenfrist vorbei.

Und bei mir der Mammon, sagte der Sbelwetzer. Umsatteln kann ich
nimmer.

Ich auch nicht, ghnte Aber. Mein Alter ist jetzt schon scheu --
Amerika?

Lauscher lachte.

Afrika, Asien, Australien? ffte er nach. Das nenne ich Sorgen! Weit du
denn, ob du in zwei Semestern noch lebst? Zwei Semester! Bedenke, was in
zwei Semestern alles anders werden kann!

Zum Beispiel?

Zum Beispiel knntest du gerade jetzt, wo du so unvorsichtig deine Zigarre
anzndest, dem Mund zu nahe kommen und in Spiritusflammen aufgehen. Ein
schner Tod! Oder du grndest, was ich kommen sehe, deinen Klub, ihr baut
ein Klubhaus und du wirst Kellermeister --

Dunder! rief Aber erregt. Dunder noch mal! Das ist eine feine Idee!

Oder du gehst, fuhr Lauscher fort, du gehst --

Er brach mitten im Satze ab und stierte bla auf das gegenber
offenstehende Fenster.

Na? Was ist los? rief der Sbelwetzer.

Lauscher deutete mit dem Finger auf das Fenster.

Da! rief er stotternd. Wir spielen doch nicht Freischtz.

Alle wendeten die Blicke dem ausgestreckten Finger nach. Im Fenster stand
ein Mensch von schmaler, hoher Figur, regungslos, hager, frech, bla, mit
Spitzbrtchen am langen Kinn, hoher Stirn, stand und blickte aus hellen,
stechenden, stahlgrauen Augen in die Stube.

Der Sbelwetzer war der einzige, der nicht erschrack.

Sieht aus, als wt er nicht, ob er Kasper oder Samiel mimen soll, lachte
er. Soll ich den frechen Bruder anrempeln?

Der Fremde verschwand vom Fenster. Einen Augenblick spter ging die Tr und
er trat ein, schritt durch die Stube und nahm am Tisch der Kameraden Platz.

Der Sbelwetzer wollte aufstehen und den Eindringling mit einer Grobheit
fortweisen, da streckte ber den Tisch herber Elenderle dem Gaste die Hand
entgegen und lachte.

Entschuldigen Sie, Herr, ich erkenne Sie eben erst. Darf ich Ihnen meine
Freunde vorstellen?

Mit schon etwas betrunkenen Gesten fhrte er die Vorstellung aus. Den Namen
des Fremden verga er zu nennen.

Man sa wieder lange trinkend, stumm und trg am Tische, bis Lauscher sich
erhob.

Ich gehe. Macht einer noch ein Billard mit?

Die Freunde schwiegen.

Ich, wenn Sie wollen, sagte aufstehend der Unbekannte. Wir knnten ja
alle zusammen in den Walfisch gehen. Ich kam eben dort vorbei, das Billard
ist frei.

Alle tranken nun aus und folgten dem Vorschlag. Drauen rann Regen, es war
frostig na und die Kornhausgasse ein Meer von Schmutz. Der Walfisch war
bald erreicht. Elenderle ging voran die Treppe hinauf. Bei der Gasflamme im
Gang hielt Aber den Fremden an.

Einen Augenblick, wenn Sie erlauben!

Er blickte nach der Treppe. Die andern waren schon oben.

Nun? fragte der Lange.

Elenderle hat von Ihnen gesprochen, sagte Aber verlegen. Sie werben fr
eine Gesellschaft?

Allerdings.

Ich knnte -- es wre mglich, da -- kurz, ich mchte Sie kennen lernen.

Freut mich. Ich bin nur heute hier, aber Ihr Freund kann Ihnen ja morgen
Auskunft geben. Ich komme ziemlich jedes Semester einmal nach Tbingen.

Sie stiegen den andern nach in das rucherige, verrufene Caf hinauf.
Elenderle hatte oben schon Sekt bestellt und sich faul in ein Sofa
geworfen. Lauscher kreidete schon seinen Billardstock. Der Fremde ergriff
einen andern. Er spielte brillant.

Die Partie war schnell zu Ende.

Sie spielen hbsch, sagte der Lange zum Dichter. Wenn Sie sich Ihre
Scheu vor dem Fiedelsto abgewhnen, werden Sie vielleicht bald genial
spielen. Hier fngt das Billardspiel erst an. Sehen Sie --

Er ergriff noch einmal das Queue und tat einen seiner glnzenden,
fabelhaften Ste. Der Ball rollte, nachdem er den weien Ball berhrt, in
einem eigentmlichen, unglaublichen Bogen zum roten.

Lauscher staunte. Dann setzten sie sich zu den andern. Aber und Lauscher
tranken Kaffee, die andern Sekt und Sherry. Die kleine, unbndige Molly
trank mit und freundete sich mit Elenderle auf dem Sofa an.

Was halten Sie von ihm? fragte der Fremde Lauschern, indem er leise nach
jenem hindeutete. Ein Schwein, flsterte Lauscher, ein komplettes
Schwein. Aber seelengutmtig.

Und der? Der Lange bewegte das Kinn gegen den Sbelwetzer.

Nicht ganz so dumm, urteilte Lauscher, und auch nicht so geschmacklos.
Aber ein Sbelheld. Er verschmerzt es nie, da ihn die Burschenschaft an
die Luft gesetzt hat.

Hm. Und der dritte?

Aber? Der beste von den dreien, nur ohne Rckgrat. Er hat im stillen
heillos vor seiner Krisis Angst.

Sie sprechen nett von Ihren Freunden.

Warum nicht? Verschiedene Grade von Fulnis, die verschieden
phosphoreszieren.

Sie gefallen mir.

So?

Lauscher erhob sich. Komm! rief er Abern zu, wir gehen.

Der Fremde grte die Abgehenden mit einem blanken, hlichen Lcheln. Der
Sbelwetzer war eingeschlafen. Elenderle und Molly schienen die Anwesenheit
anderer zu vergessen.

Aber und Lauscher irrten eine halbe Stunde lang im Regen durch die
finsteren leeren Gassen. Der Lwen war geschlossen, in den Schwarzwlder
mochten sie nicht gehen, es schlug drei Uhr.

Komm, ich geh nach Haus! rief Aber endlich ungeduldig aus.

Ich nicht. Lauscher blieb stehen und blickte um sich. Alles tot! Was
diese Leute schlafen!

Komm, wir tun's auch.

Nein. Schlafen! Der Dichter wendete sich um und blickte Abern in das
breite, etwas angetrunkene Gesicht. Du, Aber! Mchtest du jetzt nicht auch
>Pfui Teufel< zu allem sagen?

Hilft nichts. Lieber gehen wir in den Schwarzwlder.

Was dasselbe ist. Meinetwegen.

Sie betraten das Lokal und lieen sich Gilka geben. Aber wurde allmhlich
von der traurigen Laune seines Begleiters angesteckt. Trb und unzufrieden
blickten sie mit toten Augen ber die Zigarren weg in den Raum. Drei spte
Bummler wrfelten an einem Kaffeetischchen, am Bffet schlief die
Kellnerin, eine einsame Winterfliege kroch am Gasrohr und schien jeden
Augenblick in die Flamme fallen zu mssen, an den Fensterladen hrte man
den Regen tropfen.

Nicht sentimental werden! sagte Aber nach einer Stunde. Er strzte sein
Glschen Gilka hinunter; beide verlieen den den Saal und stiegen die
steile Judengasse hinab. Im Vorbeigehen hrten sie den Knecht im Walfisch
die Tren schlieen. Am Ende der Schmiedthorgasse, bei der alten
Ammerbrcke, hielten sie einen Augenblick an.

Gehen wir links! ghnte Aber.

Es ist nher ber die Brcke, meinte Lauscher heiser; sie gingen hinber.

Jenseits der Brcke lag auf den Stufen zur Ammer kpflings gestrzt ein
Mensch.

Holla, rief Aber lachend, der hat einen guten Schlaf.

Jedenfalls einer vom heiligen Verein, sagte Lauscher und trat nher. Er
wird sich morgen ber seinen Heiligenschein wundern.

Herrgott, unterbrach ihn Aber pltzlich, das ist ja der Elenderle. Kein
Mensch in Europa besitzt einen hnlichen Bratenrock.

Sie stiegen einige Stufen hinab, Elenderle lag mit dem Gesicht auf den
Stufen. Sie hoben ihn auf, geronnenes Blut war auf seinem ganzen Gesicht
verschmiert.

Der ist bs gefallen! seufzte Aber. Da klirrte etwas am Boden. Aus der
starren Hand Elenderles war ein Revolver gefallen, und nun sahen die
Freunde auch an der rechten Schlfe eine kleine, schwarze Wunde. Lauscher
steckte ein Streichholz an.

Bleib du hier, sagte Aber mit verwandelter Stimme, ich gehe zur
Polizei.

Lassen Sie mich das besorgen, rief da eine scharfe Stimme. Der Fremde kam
vom Ammerweg her die Treppe herauf. Er rckte giftig lchelnd am Hut und
blitzte die Freunde grinsend aus den frechen Augen eiskalt und hhnisch an.
Beide erschraken bis ans Herz und rannten durch die Nacht davon.

Als sie am andern Tag erwachten, glaubten beide den ganzen Spuk getrumt zu
haben. Die Hauswirtin pochte an Lauschers Tr und kam mit dem Kaffee
herein.

Denken Sie, Herr Lauscher, der Jammer! Heute Nacht hat sich ein Student
das Leben genommen.




Lulu.
Ein Jugenderlebnis, dem Gedchtnis
E. T. A. Hoffmanns gewidmet.
(Geschrieben 1900.)


I.

Die schne alte Stadt Kirchheim war soeben von einem kurzen sommerlichen
Regen abgewaschen worden. Die roten Dcher, die Wetterfahnen und
Gartenzune, die Gebsche und die Kastanienbume auf den Wllen glnzten
freudig neu und stattlich, und der steinerne Konrad Widerhold mit seiner
steinernen Ehehlfte freute sich still beglnzt seines noch rstigen
Alters. Durch die gereinigten Lfte schien die Sonne schon wieder mit
krftiger Wrme herab, in den letzten hangenden Regentropfen des Gezweiges
blitzende Funkenspiele entzndend, und die freundliche breite Wallstrae
flo vom Glanze ber. Kinder sprangen einen frhlichen Reihen, ein Hndlein
klffte jauchzend ihnen nach, die Huserzeile entlang flatterte in
unruhigen Bgen ein gelber Schmetterling.

Unter den Kastanien des Walls, auf der dritten Ruhebank rechts von der
Post, sa neben seinem Freunde Ludwig Ugel der durchreisende Schngeist
Hermann Lauscher und erging sich in heitern und anmutigen Gesprchen ber
die Wohltat des niedergefallenen Regens und die wieder hervortretende Blue
des Himmels. Er knpfte daran phantasierende Betrachtungen ber Dinge, die
ihm am Herzen lagen, und lustwandelte nach seiner Gewohnheit unermdet auf
dem Anger seiner Redekunst. Whrend der langen schnen Reden des Dichters
lugte der stille und vergngte Herr Ludwig Ugel ftere Male scharf ber die
Boihinger Landstrae hinaus, in Erwartung eines Freundes, der von dorther
eintreffen sollte.

Ists nicht, wie ich sage? rief der Dichter lebhaft aus und erhob sich ein
wenig von der Sitzbank; denn die schlechte Lehne war ihm unbequem, auch war
er auf einem Stcklein drren Zweiges gesessen. Ists nicht so? rief er
aus und entfernte mit der Linken das Holzstck und dessen Eindruck auf
seiner Hose. Das Wesen der Schnheit mu im Lichte liegen! Glaubst du
nicht auch, da es da liegt?

Ludwig Ugel rieb sich die Augen; er hatte nicht gehrt, wovon die Rede war,
und nur die letzte Frage Lauschers verstanden.

Freilich, freilich, entgegnete er hastig. Nur kann man es von hier aus
nicht sehen. Es liegt genau dort, hinter der Schlotterbeckschen Scheuer.

Wie? Was? rief Hermann heftig. Was, sagst du, liege hinter der Scheuer?

Nun, Oetlingen! Karl hat keinen andern Weg, er mu notwendig von dorther
kommen.

Verdrielich schweigend starrte nun auch der durchreisende Dichter auf die
helle weite Landstrae hinber, und wir knnen beide Jnglinge auf ihrer
Bank sitzen und warten lassen; denn der Schatten mu dort noch bei einer
Stunde anhalten. Wir wenden uns indessen hinter die Schlotterbecksche
Scheuer, finden dort aber weder das Dorf Oetlingen noch das Wesen der
Schnheit liegen, sondern eben den erwarteten dritten Freund, den
Kandidaten der Jurisprudenz Karl Hamelt. Dieser kam von Wendlingen her, wo
er die Ferien zubrachte. Seine nicht bel gewachsene Figur gewann durch ein
verfrhtes Fettwerden einen komisch behbigen Anflug, und in seinem
gescheiten, eigensinnigen Gesicht lag die krftige Nase mit den wunderlich
feisten Lippen und den bervollen Wangen im Streit. Das breite Kinn warf
ber dem engen Stehkragen reichliche Falten, und zwischen Stirn und Hut
ragte verschwitzt und ungescheitelt das kurze freche Haupthaar hervor. Er
lag rcklings hingestreckt im kurzen Grase und schien ruhig zu schlafen.

Er schlief wirklich, vom heien mittglichen Weg ermdet; ruhig aber war
sein Schlummer nicht. Ein seltsam phantastischer Traum hatte ihn
heimgesucht. Ihm schien nmlich, er liege in einem unbekannten Gartenlande
unter sonderbaren Bumen und Gewchsen und lese in einem alten Buche mit
Pergamentblttern. Das Buch war in wunderlich khnen, wirr ineinander
geschlungenen Lettern einer vllig fremden Sprache geschrieben, die Hamelt
nicht kannte noch verstand. Dennoch aber las er und verstand er den Inhalt
der Bltter, indem immer wieder, so oft er ermden wollte, auf zauberische
Weise aus dem krausen Durcheinander der Schnrkel und Schriftzeichen sich
Bilder hervorlsten, farbig aufglnzten und wieder versanken. Diese Bilder,
einander folgend wie in einer magischen Laterne, schilderten die
nachfolgende, sehr alte, wahre Geschichte.

                   *       *       *       *       *

Mit demselben Tage, an welchem der Talisman des ehernen Ringes durch
betrgerische Magie der Quelle Lask entrissen und in die Hnde des
Zwergfrsten gefallen war, begann der helle Stern des Hauses Ask sich zu
trben. Die Quelle Lask versiegte bis auf einen schier unsichtbaren
Silberfaden, unter dem Opalschlosse senkte sich die Erde, die
unterirdischen Gewlbe wankten und brachen teilweise zusammen, im
Liliengarten begann ein verheerendes Sterben und nur die doppelkrnige
Knigslilie hielt sich noch eine Zeitlang stolz und aufrecht; denn um sie
hatte die Schlange Edelzung ihren engsten Reif geschlungen. In der
verdeten Askenstadt verstummte Frhlichkeit und Musik, im Opalschlosse
selbst klang und sang kein Ton mehr, seit die letzte Saite der Harfe
Silberlied gebrochen war. Der Knig sa Tag und Nacht wie eine Bildsule
allein im groen Festsaal und konnte nicht aufhren, sich ber den
Untergang seines Glckes zu verwundern; denn er war der glcklichste aller
Knige seit Frohmund dem Groen gewesen. Er war traurig anzusehen, der
Knig Ohneleid, wie er im roten Mantel in seinem groen Saale sa und sich
wunderte und wunderte; denn weinen konnte er nicht, da er ohne die Gabe des
Schmerzes geboren war. Er wunderte sich auch, wenn er am Morgen und am
Abend statt der tglichen Frh- und Sptmusik nur die groe Stille und von
der Tr her das leise Weinen der Prinzessin Lilia vernahm. Nur selten noch
erschtterte ein kurzes, karges Gelchter seine breite Brust, aus
Gewohnheit; denn sonst hatte er an jedem lieben Tage zweimal
vierundzwanzigmal gelacht.

Hofstaat und Dienerschaft war in alle Winde zerstoben; auer dem Knig im
Saale und der trauernden Prinzessin war einzig der getreue Geist Haderbart
noch da, der sonst das Amt des Dichters, Philosophen und Hofnarren versehen
hatte.

In die Macht des ehernen Talismans aber teilte sich der feige Zwergfrst
mit der Hexe Zischelgift, und man kann sich vorstellen, wie es unter ihrem
Regimente zuging.

Das Ende der Askenherrlichkeit brach herein. Eines Tages, an dem der Knig
kein einziges Mal gelacht hatte, rief er abends die Prinzessin Lilia und
den Geist Haderbart zu sich in den leeren Festsaal. Ein Wetter stand am
Himmel und leuchtete durch die schwarzen groen Fensterbogen mit jachem
Blitzen fahl herein.

Ich habe heute kein einziges Mal gelacht, sagte der Knig Ohneleid.

Der Hofnarr trat vor ihn hin und schnitt einige sehr khne Grimassen, die
jedoch in dem alten bekmmerten Gesichte so verzerrt und verzweifelt
aussahen, da die Prinzessin die Augen wegwenden mute und der Knig das
schwere Haupt schttelte, ohne zu lachen.

Man soll auf der Harfe Silberlied spielen, rief Knig Ohneleid. Man
soll! sagte er, und es klang den beiden traurig durchs Herz; denn der
Knig wute nicht, da Harfner und Spielleute ihn verlassen hatten und da
die zwei Getreuen seine letzten Hausgenossen waren.

Die Harfe Silberlied hat keine Saiten mehr, sagte der Geist Haderbart.

Man soll aber dennoch spielen, sagte der Knig.

Da nahm Haderbart die Prinzessin Lilia bei der Hand und ging mit ihr aus
dem Saale. Er fhrte sie aber in den verwelkten Liliengarten zur
versiegenden Quelle Lask und schpfte die allerletzte Handvoll Wasser aus
dem Marmorbecken in ihre Rechte, und sie kamen damit zum Knige zurck. Nun
zog die Prinzessin Lilia aus diesem Wasser Lask sieben blanke Saiten ber
die Harfe Silberlied, und fr die achte reichte das Wasser nicht mehr hin,
so da sie von ihren Trnen zu Hilfe nehmen mute. Und nun strich sie mit
der leeren Hand zitternd ber die Saiten, da der alte se Freudenton noch
einmal selig schwoll; aber jede Saite brach, nachdem sie angeklungen, und
als die letzte klang und brach, da klang ein schwerer Donnerschlag und
brach die ganze Wlbung des Opalschlosses strzend und krachend zusammen.
Dieses letzte Harfenlied aber hatte gelautet:

   Silberlied mu schweigen;
   Aber einst mu steigen
   Aus der Harfe Silberlied
   Dieser selbe Reigen.

(Ende der wahren Geschichte vom Wasser Lask).

                   *       *       *       *       *

Der Kandidat Karl Hamelt erwachte von seinem Traume nicht eher, als bis die
beiden Freunde, die ungeduldig ein Stck weit die Landstrae
entgegengegangen waren, ihn im Grase liegen fanden. Diese fuhren ihn ber
seine Saumseligkeit mit unsanften Worten an, auf die jedoch Hamelt mit
Schweigen antwortete und sich nur zu einem flchtig genickten Guten
Morgen! verstand.

Ugel war besonders ungehalten. Ja, Guten Morgen! zrnte er. Es ist lang
nimmer Morgen! Antezipiert hast du wieder, in der Oetlinger Kneipe bist du
gewesen, der Wein glnzt dir noch aus den Augen!

Karl grinste und rckte den braunen Filz weiter in die Stirne. Nun, la
gut sein! sagte Lauscher. Die drei Freunde wandten sich gegen die Stadt,
am Bahnhof vorber und ber die Bachbrcke, und wandelten langsam auf dem
Wall dem Gasthaus zur Knigskrone entgegen. Dieses war nmlich nicht nur
der bevorzugte Bierwinkel der Kirchheimer Freunde, sondern auch die
derzeitige Herberge des durchreisenden Dichters.

Als die Ankommenden sich schon der Kronentreppe nherten, ffnete sich die
schwere Haustre pltzlich weit, und ihnen entgegen strzte mit
Blitzesschnelle ein weihaariger, graubrtiger Mann, mit zornrotem Gesicht
in heftigster Erregung aus dem Hause. Die Freunde erkannten befremdet den
alten Sonderling und Philosophen Drehdichum und vertraten ihm am Fu der
Treppe den Weg.

Halt, werter Herr Drehdichum! rief ihm der Dichter Lauscher entgegen.
Wie kann ein Philosoph so das Gleichgewicht verlieren? Kehren Sie um,
Verehrter, und klagen Sie uns Ihren Schmerz im Khlen drinnen!

Mit einem schiefen, spitzen Lauerblick des Mitrauens hob der Philosoph
seinen struppigen Kopf und erkannte die drei jungen Mnner.

Ah, da seid ihr, rief er, das ganze petit cnacle! Eilet ins Innere,
Freunde, trinket Bier und erlebet Wunder daselbst; aber verlanget nicht die
Teilnahme des gebrochenen Greises, in dessen Herz und Gehirn die Dmonen
whlen!

Aber, teurer Herr Drehdichum, was fehlt Ihnen denn heute schon wieder?
fragte teilnehmend Ludwig Ugel, taumelte aber sogleich entsetzt wider die
Treppenbrstung; denn der Philosoph hatte ihm einen Fauststo in die Seite
versetzt und rannte schumend und fluchend in die Strae.

Infame Zischelgift, brllte er im Wegeilen, unglckseliger Talisman, in
rotblauer Blume verzaubert! Mihandelt die Einzige, in Staub getreten
. . . Opfer satanischer Bosheit . . . Erneute qualvolle Erinnerung . . .

Verwundert schttelten die drei ihre Kpfe, lieen jedoch den Wtenden
laufen und schickten sich endlich an, die Vortreppe zu ersteigen, als die
Tre sich von neuem ffnete und mit einem ins Haus zurckgewinkten
freundlichen Abschiedsgru der Pfarrvikar Wilhelm Wingolf hervortrat. Er
wurde von den Untenstehenden mit Heiterkeit begrt und sogleich von allen
um die Ursache des seligen Glanzes befragt, der sein breites Wrdehaupt
vergoldete. Geheimnisvoll streckte er den fetten Zeigefinger auf, nahm den
Dichter vertraulich beiseite und sagte ihm schalkisch lchelnd ins Ohr:
Denk' dir, heute habe ich den ersten Vers in meinem Leben gemacht! Und
zwar soeben!

Der Dichter ri die Augen soweit auf, da sie oben und unten ber die
schmalen Rnder seiner goldenen Brille ragten. Sag ihn! rief er laut. Der
Pfarrvikar wendete sich gegen die drei Freunde, hob wieder den Zeigefinger
und sagte mit selig verkniffenen Augen seinen Vers auf:

   Vollkommenheit,
   Man sieht dich selten, aber heut!

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verlie er hutschwenkend die
Kameraden.

Donnerwetter! sagte Ludwig Ugel. Der Dichter schwieg nachdenklich. Karl
Hamelt aber, der seit seinem Erwachen im Grase noch kein Wort von sich
gelassen hatte, sagte mit Nachdruck: Der Vers ist gut!

Auf irgend etwas Ungewhnliches gefat, betraten nun endlich ohne weitere
Hindernisse die durstig gewordenen Freunde den khlen Wirtsraum der Krone,
und zwar die bessere Stube, wo die junge Wirtin selber zu bedienen pflegte
und wo sie um diese Tageszeit stets die einzigen Gste waren und mit der
Frau ihre scherzhaften Hflichkeiten trieben.

Das erste Merkwrdige nun, was alle drei bald nach dem Eintreten und
Niedersitzen bemerkten, war dieses: da ihnen die kleine runde Wirtin heute
zum ersten Mal gar nicht mehr hbsch erschien. Das rhrte aber, wie jeder
im stillen bald wahrnahm, davon her, da im Halbdunkel ber die blanke
Galerie der gerumigen Kredenz ein fremder schner Mdchenkopf hervorragte.


II.

Das zweite nicht minder Merkwrdige war aber, da am nchsten kleinen
Trinktische, ohne die Ankommenden irgend zu bemerken oder zu gren, der
elegante Herr Erich Tnzer sa, ein intimes Mitglied der Brderschaft des
Cnacle und Karl Hamelts besonderer Herzensfreund. Er hatte einen Becher
helles Bier halb ausgetrunken vor sich stehen und in das Bierglas eine
gelbe Rose gestellt; dazu rollte er langsam seine groen, ein wenig
hervorstehenden Augen und sah zum ersten Mal in seinem Leben albern aus.
Zuweilen bog er seine stattliche Nase gegen die Rose hin und roch an ihr,
wobei er einen nahezu unmglichen Schielblick nach dem fremden Mdchenkopf
hinberlenkte, ohne da hierdurch der Ausdruck seines Gesichtes wesentlich
gewonnen htte.

Und als dritte Absonderlichkeit sa neben Erich mit groer Ruhe der alte
Drehdichum, hatte einen Pfiff Kulmbacher vor sich stehen und eine von des
Kronenwirts Kubazigarren im Munde.

Zum Teufel, Herr Drehdichum, rief aufspringend Hermann Lauscher, wie
kommen Sie hieher? Sah ich Sie doch soeben um den obern Wall davonlaufen
. . .

Und haben Sie mir doch eben noch in der grten zitternden Wut Ihre Faust
in den Magen gebohrt! rief Ludwig Ugel.

Nichts fr ungut, rief der Philosoph mit dem gewinnendsten Lcheln
zurck, nichts fr ungut, lieber Herr Ugel! Ich empfehle Ihnen das
Kulmbacher, meine Herren! Damit leerte er ruhig sein Glas.

Indessen rief Karl Hamelt seinen Freund Erich an, der gegenber noch immer
entrckt und schlaff vor seiner ins Bierglas gesteckten gelben Rose sa.

Erich, schlfst du?

Erich antwortete ohne aufzusehen: Ich schlfe nicht.

Man sagt nicht, ich schlfe, man sagt, ich schlafe, rief Ugel.

Da aber bewegte sich der Mdchenkopf hinter der Schenkgalerie, und die
ganze fremde schne Person trat hervor und an den Tisch der Freunde.

Was wnschen die Herren?

Wem nicht schon, da er vor dem schnen Gemlde einer Frau in seliger
Begeisterung stand, pltzlich aus der Landschaft des Bildes heraus die
Schne lebendig entgegentrat, der wei nicht, wie den Brdern des Cnacle
in diesem Augenblick zumute war. Alle drei erhoben sich von ihren Sthlen
und machten drei Verbeugungen, jeder eine. Schne, teure Dame! sagte der
Dichter. Gndiges Frulein! sagte Ludwig Ugel, und Karl Hamelt sagte gar
nichts.

Nun, trinken Sie Kulmbacher? fragte die Schne.

Ja bitte, sagte Ludwig, und Karl nickte, Lauscher aber bat um einen
Becher Rotwein.

Als die Getrnke nun von der leisen, schlanken Mdchenhand elegant serviert
wurden, wiederholten sich die verlegenen und ehrerbietigen Komplimente. Da
kam aus ihrer Ecke die kleine Frau Mller gelaufen.

Machen Sie doch nicht solche Umstnde, meine Herren, sagte sie, mit dem
dummen Ding; sie ist meine Stiefschwester und zum Bedienen hergekommen,
weil wir eine Hilfe ntig hatten . . . Geh' ins Bffet, Lulu; es schickt
sich nicht, so bei den Herren stehen zu bleiben.

Lulu ging langsam weg. Der Philosoph kaute wtend an seiner Kuba, Erich
Tnzer wlzte einen fabelhaften Jongleurblick nach der Richtung, in der das
Mdchen verschwunden war. Die drei Freunde schwiegen rgerlich und
verlegen. Die Wirtin trug, um sich gefllig zu zeigen und Unterhaltung zu
machen, vom Fensterbrett einen Blumentopf herbei und zeigte ihn prahlend am
Tische vor.

Sehen Sie, was fr ein Staat! Diese Blume ist vielleicht die
allerseltenste, die man nur kennt, und man sagt, sie blhe blo alle fnf
oder zehn Jahre.

Alle betrachteten aufmerksam die Blume, die zart rotblau auf einem kahlen
langen Stengel schwankte und einen seltsam trben, warmen Duft ausstrmte.
Der Philosoph Drehdichum geriet in eine groe Erregung und warf einen
schneidend grimmigen Blick auf die Wirtin und ihre Blume, was aber niemand
beachtete.

Da pltzlich sprang Erich am andern Tische auf, kam herber, ri die Blume
mit einem gewaltsamen Ruck mitten ab und war mit ihr in zwei Stzen ins
Bffet verschwunden. Drehdichum brach in ein leises Hohngelchter aus. Die
Wirtin kreischte entsetzlich auf, rannte Tnzern nach, blieb mit dem Rock
am Stuhle hngen, fiel zu Boden, der nacheilende Ugel ber sie weg und ber
ihn der Dichter, der im Aufspringen Weinkelch und Blumentopf mit sich ri.
Der Philosoph strzte sich auf die hilflos liegende Wirtin, hielt ihr die
Fuste vors Gesicht, fletschte die Zhne und achtete es nicht, da Ugel und
Lauscher ihn wie toll an den reienden Rockschen zurckzuzerren strebten.
In diesem Augenblick eilte der Wirt herein; der Philosoph, wie verwandelt,
half der Frau auf die Beine, aus der Tr der angrenzenden Stube glotzten
Bauern und Fuhrmnner in den Skandal. Im Bffet hrte man die schne Lulu
weinen, und Erich trat mit der ganz zerknitterten Blume in der Hand heraus.
Alles strzte sich scheltend, fragend, drohend, lachend auf ihn los; er
aber hieb mit der zerbrochenen Blume wie ein Verzweifelter um sich und
gewann ohne Hut das Freie.


III.

Am nchsten Morgen hatten sich die Freunde Karl Hamelt, Erich Tnzer und
Ludwig Ugel im Herbergzimmer Hermann Lauschers versammelt, um seine
neuesten Gedichte anzuhren. Eine groe Flasche Wein stand auf dem Tisch,
aus der sich jeder bediente. Der Dichter hatte mehrere anmutige Lieder
vorgetragen und zog nun das letzte kleine Blttlein aus der Brusttasche. Er
las: An die Prinzessin Lilia . . .

Wie? rief Karl Hamelt und fuhr vom Kanapee empor. Etwas indigniert
wiederholte Lauscher den obigen Titel. Karl aber legte sich in tiefem
Nachdenken in die geblmten Polster zurck. Der Dichter las:

   Ich wei einen alten Reigen,
   Ein helles Silberlied,
   Das lautet fremd und eigen,
   Wie wenn aus leisen Geigen
   Ein Heimwehzauber lockend zieht . . .

Hamelt lenkte die Aufmerksamkeit der beiden andern ganz von der Fortsetzung
des Liedes ab. Prinzessin Lilia . . . Silberlied . . . Der alte Reigen
. . . wiederholte er immer wieder, schttelte den Kopf, rieb sich die
Stirn, stierte leer in die Luft und heftete sodann den Blick glhend und
heftig auf den Dichter. Lauscher war mit dem Lesen zu Ende und begegnete
aufschauend diesem Blicke.

Was ist? rief er verwundert. Willst du den Blick der Klapperschlange an
mir armem Vogel versuchen?

Hamelt erwachte wie aus einem tiefen Traum. Woher hast du dieses Lied?
fragte er tonlos den Dichter. Lauscher zuckte die Achseln. Woher ich alle
habe, sagte er.

Und die Prinzessin Lilia? fragte Hamelt wieder. Und der alte Reigen?
Siehst du denn nicht, da dieses Lied das einzige echte ist, das du
gedichtet hast? Alle deine andern Gedichte . . . Lauscher unterbrach ihn
schnell.

Schon gut; aber in der Tat, fuhr er fort, in der Tat, liebe Freunde, ist
dieses Lied mir selber ein Rtsel. Ich sa und dachte nichts und glaubte
nur, nach meiner Gewohnheit, aus Langeweile Figuren und Zierbuchstaben auf
das Blatt zu kritzeln, und als ich aufhrte, stand das Lied auf dem Papier.
Es ist eine ganz andere Hand, als ich sonst schreibe, sehet nur!

Damit gab er das Blatt dem zunchst sitzenden Erich in die Hnde. Der hielt
es vors Auge, erstaunte hchlich, sah noch einmal schrfer hin und sank
alsdann mit dem lauten Ausruf: Lulu! in den Stuhl zurck. Ugel und Hamelt
strzten hinzu und schauten auf das Papier. Alle Wetter! rief Ugel aus;
Hamelt aber hatte sich ins Kanapee zurckgelehnt und betrachtete das
merkwrdige Blatt mit allen Zeichen des malosesten Erstaunens. Hchste
Freude und unheimliche Befremdung wechselten auf seinem Gesicht.

Nun sag mir, Lauscher, rief er endlich aus, ist dies unsere Lulu oder
ist es die Prinzessin Lilia?

Unsinn! rief rgerlich der Dichter. Gib mir's her!

Aber whrend er das Papier an sich nahm und noch einmal berblickte, machte
pltzlich ein fremdes, khles Schaudern seinen Herzschlag stocken. Die
unregelmigen flchtigen Schriftzeichen flossen in unbeschreiblicher Weise
zu dem Umri eines Kopfes zusammen, und beim lngern Betrachten
entwickelten sich aus dem Umrisse feine Zge eines Mdchenangesichts, die
niemand anders als die schne fremde Lulu darstellten.

Erich sa wie versteinert im Sessel, Karl lag murmelnd auf dem Kanapee
neben dem kopfschttelnden Ludwig Ugel. Der Dichter stand bleich und
verloren mitten im Zimmer. Da klopfte ihm eine Hand auf die Schulter, und
als er aufschreckend sich umwendete, stand der Philosoph Drehdichum da und
grte mit dem schbigen steifen Hute.

Drehdichum! rief der Dichter erstaunt. Zum Hagel, sind Sie durch den
Plafond herabgefallen?

Wieso? entgegnete lchelnd der Alte.

Wieso, lieber Herr Lauscher? Ich hatte zweimal angeklopft. Aber lassen Sie
sehen, Sie haben ja hier ein prachtvolles Manuskript! Er nahm das Lied
oder vielmehr das Bild sorgfltig aus Lauschers Hnden. Sie erlauben doch,
da ich das Blatt betrachte? Seit wann sammeln Sie solche Raritten?

Raritten? Sammeln? Werden Sie denn aus dem Wische klug, Herr Drehdichum?
Der Alte betrachtete und betastete das Papier mit groem Behagen.

Ei freilich, erwiderte er schmunzelnd, ein schnes Stck eines wenn
schon verdorbenen und spten Textes! Es ist askisch.

Askisch? rief Karl Hamelt.

Nun ja, Herr Kandidat, sagte freundlich der Philosoph. Aber gestehen Sie
doch, bester Herr Lauscher, wo Sie den seltenen Fund gemacht haben! Es
mchte weitere Nachforschungen lohnen.

Sie fabeln, Herr Drehdichum, lachte beklommen der Dichter. Dieses Blatt
ist nagelneu, ich selbst habe es gestern nacht geschrieben.

Der Philosoph ma Lauschern mit einem argwhnischen Blick.

Ich mu gestehen, antwortete er, ich mu wirklich gestehen, mein lieber
junger Herr, da diese Spe mich einigermaen befremden.

Lauscher wurde nun aber ernstlich ungehalten.

Herr Drehdichum, rief er heftig, ich mu Sie bitten, mich nicht mit
einem Hanswurste zu verwechseln und sich, falls Sie selbst, wie es scheint,
diese heitere Rolle agieren wollen, geflligst einen andern Schauplatz als
meine Wohnung zu suchen.

Nun, nun, lchelte gutmtig Drehdichum, vielleicht denken Sie der Sache
noch einmal nach! Indessen leben Sie allerseits wohl, meine Herren! Damit
rckte er den grnlich schillernden Hut auf dem weien Kopfe zurecht und
verlie lautlos das Zimmer.

Unten fand Drehdichum die schne Lulu allein im leeren Wirtszimmer stehen
und Weinglser mit einem Tuch ausreiben. Er schenkte sich seinen Becher
selber am Fasse voll und setzte sich dem Mdchen gegenber an den Tisch.
Ohne etwas zu reden, blickte er zuweilen freundlich aus seinen alten hellen
Augen der Schnen ins Gesicht, und sie, da sie sein Wohlwollen sprte, fuhr
unbefangen in ihrer Arbeit fort. Der Philosoph ergriff ein leeres
geschliffenes Glas, fllte ein wenig Wasser hinein und begann den Rand, den
er befeuchtet hatte, mit der Spitze des Zeigefingers zu reiben. Bald kam
ein Summen hervor, und dann ein klarer Ton, der ohne Unterbruch bald
schwellend, bald schwindend die Stube erfllte. Die schne Lulu hrte das
feine Singen gern, sie lie die Hnde ruhen und lauschte und ward von dem
ewigen sen Kristalltone ganz bezaubert, indes der Alte manchmal vom Glase
weg ihr freundschaftlich und eindringend in die Augen blickte. Das ganze
Zimmer klang von dem Singen des Glases. Lulu stand ruhig damitten und
dachte nichts und hatte die Augen gro wie ein horchendes Kind.

Lebt noch der alte Knig Ohneleid? vernahm sie eine Stimme fragen und
wute nicht, war es der Alte, der fragte, oder kam die Stimme aus dem Ton
des Glases. Auf die Frage aber mute sie durch ein Nicken antworten, sie
wute nicht warum.

Und weit du noch das Lied der Harfe Silberlied?

Sie mute nicken und wute nicht warum. Leiser tnte der Kristallklang. Die
Stimme fragte:

Wo sind die Saiten der Harfe Silberlied?

Der Ton klang immer leiser und schwang in kleinen zarten Wellen aus. Da
mute die schne Lulu weinen, sie wute nicht warum.

Es war ganz still im Zimmer geworden, und so blieb es eine gute Weile.

Warum weinen Sie, Lulu? fragte Drehdichum.

Ach, hab ich geweint? antwortete sie schchtern. Mir wollte ein Lied aus
meiner Kinderzeit einfallen; aber ich kann mich nur halb darauf besinnen.

Hastig ward die Tr aufgerissen, und die Frau Mller kam hereingerannt.
Was, noch immer an den paar Glsern? rief sie keifend. Lulu weinte
wieder, die Wirtin rumorte und schimpfte; beide bemerkten es nicht, wie der
Philosoph aus seiner kurzen Pfeife einen groen Rauchringel blies, sich
darein setzte und leise auf einem sanften Zugwind durch das offene Fenster
fuhr.


IV.

Die Mitglieder des petit cnacle waren im nahen Walde versammelt. Auch der
Regierungsreferendar Oskar Ripplein war mitgekommen. Die schwrmerischen
Gesprche der Jugend und Freundschaft entspannen sich zwischen den im Grase
liegenden Kameraden, durch Gelchter ebenso oft wie durch Pausen des
Nachdenkens unterbrochen. Besonders war von des Dichters Meinungen und
Absichten die Rede, denn dieser wollte nchster Tage eine weite Reise
antreten, und man wute nicht, wann und wie man sich wiedersehen wrde.

Ich will ins Ausland, sagte Hermann Lauscher, ich mu mich absondern und
wieder frische Luft um mich her bekommen. Vielleicht werde ich gerne einmal
zurckkehren; fr jetzt aber bin ich dieses engen, burschenhaften Lebens
und der ganzen leidigen Studenterei von Herzen satt. Mir ist, als rche mir
alles nach Tabak und Bier; auerdem hab ich in diesen letzten Jahren schon
fast mehr Wissenschaft aufgesogen als fr einen Knstler gut ist.

Wie meinst du das? fiel Oskar ein. Ich denke, bildungslose Knstler,
speziell Dichter, htten wir genug.

Vielleicht! antwortete Lauscher. Aber Bildung und Wissenschaft ist
zweierlei. Das Gefhrliche, was ich im Sinne hatte, ist die verdammte
Bewutheit, in die man sich allmhlich hineinstudiert. Alles mu durch den
Kopf gehen, alles will man begreifen und messen knnen. Man probiert, man
mit sich selber, sucht nach den Grenzen seiner Begabung, experimentiert
mit sich, und schlielich sieht man zu spt, da man den bessern Teil
seiner selbst und seiner Kunst in den verspotteten unbewuten Regungen der
frheren Jugend zurckgelassen hat. Nun streckt man die Arme nach den
versunkenen Inseln der Unschuld aus; aber man tut auch das nicht mehr mit
der ganzen unberlegten Bewegung eines starken Schmerzes, sondern es ist
schon wieder ein Stck Bewutheit, Pose, Absichtlichkeit darin.

An was denkst du dabei? fragte hier lchelnd Karl Hamelt.

Du weit es schon! rief Hermann. Ja, ich gestehe, mein krzlich
gedrucktes Buch bengstigt mich. Ich mu wieder aus dem Vollen schpfen
lernen, an die Quellen zurckgehen. Mich verlangt nicht so sehr etwas Neues
zu dichten, als ein tchtiges Stck frisch und ungebrochen zu leben. Ich
mchte wieder wie in meiner Knabenzeit an Bchen liegen, ber Berge steigen
oder wie sonst die Geige spielen, den Mdchen nachlaufen, ins Blaue
hineinleben und warten, bis die Verse zu mir kommen, statt ihnen atemlos
und ngstlich nachjagen.

Sie haben recht, klang pltzlich die Stimme Drehdichums, der aus dem
Walde hervortrat und mitten zwischen den ins Gras gelagerten Jnglingen
stehen blieb.

Drehdichum! riefen alle frhlich aus. Guten Tag, Herr Philosoph! Guten
Morgen, Herr berall!

Der Alte setzte sich nieder, sog seine Zigarre krftig an und wendete sein
wohlmeinendes, freundliches Gesicht dem Dichter Lauscher zu.

Es ist, begann er lchelnd, noch ein Stck Jugend in mir, das sich gerne
wieder einmal unter seinesgleichen ausplaudert. Wenn Sie erlauben, nehme
ich an Ihrer Unterhaltung teil.

Gerne, sagte Karl Hamelt. Unser Freund Lauscher sprach eben davon, wie
ein Dichter aus dem Unbewuten schpfen msse und wie wenig ihm mit aller
Wissenschaft gedient sei.

Nicht bel! entgegnete langsam der Alte. Ich habe immer zu den Dichtern
eine besondere Neigung gehabt und manchen gekannt, dem meine Freundschaft
nicht ohne Nutzen blieb. Die Dichter neigen auch heute noch mehr als andere
Menschen zu dem Glauben, da im Scho des Lebens gewisse ewige Mchte und
Schnheiten halbschlummernd liegen, deren Ahnung durch die rtselhafte
Gegenwart zuweilen hindurchschimmert wie ein Wetterleuchten durch die
Nacht. Dann ist ihnen, als seien das ganze gewhnliche Leben und sie selber
nur Bilder auf einem gemalten hbschen Vorhang und erst hinter diesem
Vorhang spiele das eigentliche, das wahre Leben sich ab. Auch scheinen mir
die hchsten, ewigsten Worte der groen Dichter wie das Lallen eines
Trumenden zu sein, der, ohne es zu wissen, von den flchtig erblickten
Hhen einer jenseitigen Welt mit schweren Lippen murmelt.

Sehr schn, rief hier Oskar Ripplein, sehr hbsch gesagt, Herr
Drehdichum, aber weder alt noch neu genug. Diese schwrmerische Lehre ist
vor hundert Jahren von den sogenannten Romantikern gepredigt worden: man
trumte damals auch solche Vorgnge und solches Wetterleuchten. Man hrt in
den Schulen noch davon reden als von einer glcklich berwundenen
Dichterkrankheit, und heute trumt lngst kein Mensch mehr so, oder wenn er
trumt, so wei er doch, da das Gehirn . . .

Satis! rief da der Kandidat Hamelt. Vor hundert und mehr Jahren sind
auch schon solche . . . solche Gehirnmenschen dagewesen und haben
langweilige Reden gehalten. Und heute nehmen sich jene Trumer und
Phantasten immer noch stattlicher und liebenswrdiger aus als diese
allzuverstndigen Schlaumeier. brigens was das Trumen betrifft, auch mir
hat es dieser Tage merkwrdig getrumt.

Erzhlen Sie doch! bat der Alte.

Ein ander Mal!

Sie wollen nicht? Aber vielleicht knnen wirs erraten, meinte Drehdichum.
Karl Hamelt lachte laut auf.

Nun, wir versuchens! beharrte Drehdichum. Jeder stellt eine Frage, auf
welche Sie ehrlich mit Ja oder Nein antworten. Erraten wirs nicht, so wars
doch ein lustiger Zeitvertreib!

Alle erklrten sich einverstanden und begannen nun kreuz und quer zu
fragen. Die besten Fragen stellte aber immer der Philosoph. Als wieder die
Reihe an ihn kam, fragte er nach einigem Besinnen: Kam in dem Traume
Wasser vor?

Ja.

Nun durfte, weil die Frage bejaht war, der Alte noch eine stellen.

Quellwasser?

Ja.

Wasser aus einer Wunderquelle?

Ja.

Wurde das Wasser ausgeschpft?

Ja.

Von einem Mdchen?

Ja.

Nein! rief Drehdichum. Besinnen Sie sich!

Ja doch!

Also von einem Mdchen wurde das Wasser geschpft?

Ja.

Drehdichum schttelte heftig den Kopf. Unmglich! sagte er wieder. Hat
wirklich das Mdchen selber aus der Quelle geschpft?

Ach nein! rief Karl verwirrt. Es war der Geist Haderbart, der zuerst
schpfte.

Ah, nun haben wirs! frohlockten die andern. Und nun mute Karl die ganze
Geschichte seines Traumes von der Quelle Lask erzhlen.

Alle hrten verwundert und seltsam ergriffen zu.

Prinzessin Lilia! rief Lauscher aus. Und Silberlied? Woher sind mir doch
die Namen so bekannt?

Ei, sagte der Alte, die Namen stehen beide in der askischen Handschrift,
die Sie mir gestern zeigten.

In meinem Liede! seufzte der Dichter.

In dem Bilde der schnen Lulu, flsterten Karl und Erich.

Der Philosoph hatte inzwischen eine neue Zigarre angesteckt und qualmte
mchtig ins Grne hinein, bis er ganz in eine blaue Wolke von Tabaksrauch
eingehllt war.

Sie rauchen ja wie ein Schornstein, sagte Oskar Ripplein und wich der
Wolke aus. Und was fr ein Kraut!

Echte Mexikaner! rief aus seiner Wolke heraus der Alte. Dann hrte er auf
zu qualmen, und als nun ein Windzug die ganze stark riechende Wolke von
hinnen fhrte, war er mit ihr verschwunden.

Karl und Hermann rannten hinter der zerstiebenden Rauchwolke her in den
Wald hinein. Dummes Zeug! brummte der Referendar Oskar und hatte das
unangenehme Gefhl, in zweideutiger Gesellschaft gewesen zu sein. Erich und
Ludwig hatten sich schon fortgemacht und wandelten im Golde des klaren
Sptnachmittags der Stadt und dem Gasthaus zur Krone entgegen.

Karl und Hermann ereilten die letzten zerflatternden Schleier der
Tabakswolke im tiefen Walde und standen ratlos vor einer dicken Buche
still. Sie wollten sich eben ins Moos niedersetzen, um wieder zu Atem zu
kommen, als hinter dem Baume die Stimme Drehdichums laut wurde.

Nicht dort, ihr Herren, dort ist es ja feucht! Kommen Sie doch auf diese
Seite!

Sie kamen und fanden den Alten auf einem groen verdorrten Aste sitzen, der
wie ein unfrmlicher Drache am Boden lag.

Gut, da Sie kommen! sagte er. Nehmen Sie doch bitte hier neben mir
Platz! Ihr Traum, Herr Hamelt, und Ihr Manuskript, Herr Lauscher,
interessieren mich.

Zuerst, fiel ihm Hamelt ungestm ins Wort, zuerst sagen Sie mir doch um
des Himmels willen, wie Sie meinen Traum erraten konnten.

Und mein Papier lesen! fgte Lauscher hinzu.

Ei nun, sagte der Alte, was ist da zu wundern? Man kann alles erraten,
wenn man vorsichtig fragt. Zudem liegt mir die Geschichte der Prinzessin
Lilia so nahe, da ich leicht darauf fallen mute.

Eben das ist es ja! rief wieder der Kandidat. Woher wissen Sie denn
diese Geschichte und wie erklren Sie es, da mein Traum, von dem ich doch
niemandem ein Wort gesagt hatte, pltzlich in dem rtselhaften Liede
unseres Lauscher so auffallend anklingt?

Der Philosoph lchelte und sagte mit seiner milden Stimme: Wenn man sich
mit der Geschichte der Seele und ihrer Erlsung viel beschftigt hat, kennt
man hnliche Flle ohne Zahl. Es gibt von der Geschichte der Prinzessin
Lilia mehrere, stark variierende Fassungen; sie spukt vielfach entstellt
und verndert durch alle Zeiten und liebt namentlich die bequeme
Erscheinungsform der Vision. Nur selten zeigt sich die Prinzessin selbst,
deren Vollendungsproze brigens in den letzten Stadien der Luterung
stehen mu --, nur selten, sage ich, erscheint sie sichtbar in menschlicher
Gestalt und wartet unbewut auf den Augenblick ihrer Erlsung. Ich selbst
sah sie krzlich und versuchte mit ihr zu reden. Sie war aber wie im Traum,
und als ich es wagte, sie nach den Saiten der Harfe Silberlied zu fragen,
brach sie in Trnen aus.

Die jungen Leute hrten dem Philosophen mit aufgerissenen Augen zu.
Ahnungen und Anklnge stiegen in ihnen auf; aber die wunderlich krausen
Redensarten und halb ironischen Grimassen Drehdichums verwirrten ihnen die
Fden unlslich zu peinlichen Knueln.

Sie, Herr Lauscher, fuhr jener fort, sind sthetiker und mssen wissen,
wie lockend und gefhrlich es ist, die schmale, aber tiefe Kluft zwischen
Gte und Schnheit zu berbrcken. Wir zweifeln ja nicht, da diese Kluft
keine absolute Trennung, sondern nur die Spaltung eines einheitlichen
Wesens bedeutet und da beide, Gte sowie Schnheit, nicht Prinzipien,
sondern Tchter des Prinzips Wahrheit sind. Da die beiden scheinbar
einander fremden, ja feindseligen Gipfel tief im Scho der Erde eins und
gemeinsam sind. Aber was hilft uns die Erkenntnis, wenn wir auf einem der
Gipfel stehen und den klaffenden Spalt stndlich vor Augen haben? Das
berbrcken dieses Abgrundes aber und die Erlsung der Prinzessin Lilia
bedeutet ein und dasselbe. Sie ist die blaue Blume, deren Anblick der Seele
die Schwere und deren Duft dem Geist die sprde Hrte nimmt; sie ist das
Kind, das Knigreiche verteilt, die Blte der vereinten Sehnsucht aller
groen Seelen. Am Tag ihrer Reife und Erlsung wird die Harfe Silberlied
erklingen und die Quelle Lask durch den neuerblhten Liliengarten rauschen,
und wer es sieht und vernimmt, dem wird sein, als wre er sein Leben lang
im Alpdruck gelegen und hrte nun zum ersten Male das frische Brausen des
hellen Morgens . . . Aber noch schmachtet die Prinzessin im Bann der Hexe
Zischelgift, noch hallt der Donner jener unheilvollen Stunde im
verschtteten Opalschlosse wider, noch liegt dort in bleiernen Traumfesseln
mein Knig im zertrmmerten Saal!


V.

Als die beiden Freunde eine Stunde spter aus dem Walde hervorkamen, sahen
sie Ludwig Ugel, Erich Tnzer und den Regierungsreferendar mit einer
hellgekleideten Dame vom Dreiknigskeller her den Berg hinaufspazieren.
Bald erkannten sie mit Freuden die schlanke Lulu und eilten den Ankommenden
aufs schnellste entgegen. Sie war heiter und plauderte mit ihrer weichen
Liebesstimme harmlos in das Gesprch hinein. Alle setzten sich in halber
Hhe des Berges auf eine gerumige Ruhebank. Die helle Stadt lag blank und
frhlich im Tale, und ringsum glnzte der goldene Duft des Abends auf den
hohen Wiesen. Die trumerische Flle des August war herrlich ausgebreitet,
aus dem Laub der Bume quoll schon das grne Obst, Erntewagen fuhren auf
der Talstrae bekrnzt und leuchtend gegen die Drfer und Gehfte.

Ich wei nicht, sagte Ludwig Ugel, was diese Abende im August so schn
macht. Man wird nicht frhlich davon, man legt sich ins hohe Gras und nimmt
teil an der Milde und Zrtlichkeit der goldenen Stunde.

Ja, sagte der Dichter und blickte der schnen Lulu in die dunkeln reinen
Augen. Es ist die Neige der Jahreszeit, die so mild und traurig macht. Die
ganze reife Sigkeit des Sommers quillt in diesen Tagen weich und mde
ber, und man wei, da morgen oder bermorgen irgendwo schon rote Bltter
auf den Wegen liegen werden. Es sind die Stunden, da man schweigend das Rad
der Zeit sich langsam drehen sieht, und man fhlt sich selber langsam und
traurig mitgetrieben, irgendwohin, wo schon die roten Bltter auf dem Wege
liegen.

Alle schwiegen und lauschten in den goldenen Spthimmel und in die farbige
Landschaft hinein. Leise begann die schne Lulu eine Melodie zu summen, und
allmhlich ging das halbe Flstern in ein zartes Singen ber. Die Jnglinge
lauschten und schwiegen wie berauscht; die weichen sen Tne der edeln
Stimme schienen aus der Tiefe des seligen Abends heraufzukommen wie Trume
aus der Brust der einschlummernden Erde.

   Aller Friede senkt sich nieder
   Aus des Himmels klaren Weiten,
   Alles Freuen, alles Leiden
   Stirbt den sen Tod der Lieder.

Mit diesem Verse war ihr Abendlied zu Ende. Sogleich begann Ludwig Ugel,
der sich zu Fen der andern ins Gras gelegt hatte, zu singen:

   O Brnnlein unterm Laube, du feiner Silberquell,
   Fliee verstohlen hinunter zur weien Waldkapell!
   Dort liegt auf harten Stufen im Moos Marienfrau,
   Du sollst sie stille rufen, mit Murmeln und nicht rauh.
   Und sollst ihr leise knden von meiner tiefen Not:
   Mein Mund sei, ach, von Snden und lauter Liedern rot.
   Und sollst ihr von mir geben eine Lilie, wei und rein:
   Sie mge mein rotes Leben und meine Snden verzeihn!
   Vielleicht, da ihre Gte sich lchelnd zu dir neigt,
   Der holden weien Blte ein ser Duft entsteigt:
   Weil Lieb- und Sonnetrinken des Sngers Snde ist,
   So sei der rote Liedermund in Hulden rein gekt!

                   *       *       *       *       *

Darauf sang auch Hermann Lauscher eines von seinen Liedern:

   Der mde Sommer senkt das Haupt
   Und schaut sein falbes Bild im See;
   Ich wandle mde und bestaubt
   Im Schatten der Allee.

   Ich wandle mde und bestaubt,
   Und hinter mir bleibt zgernd stehn
   Die Jugend, neigt das schne Haupt
   Und will nicht frder mit mir gehn.

                   *       *       *       *       *

Mittlerweile war die Sonne untergegangen, der Himmel flo in rotem Lichte.
Der vorsichtige Referendar Ripplein wollte eben schon zur Heimkehr mahnen,
da begann die schne Lulu noch einmal zu singen:

   Mein Vater hat viel Schlsser
   Und Stdte weit und breit,
   Mein Vater ist der Knig,
   Der Knig Ohneleid.

   Und km ein schner Ritter
   Und wollte mich befrein,
   Dem wrde wohl mein Vater
   Sein halbes Reich verleihn.

Man erhob sich nun und stieg langsam den verglhenden Berg hinab. Jenseits
auf dem Gipfel der hohen Teck prangte verloren noch ein spter Streifen
Sonne.

Woher haben Sie dieses Lied? fragte Karl Hamelt die schne Lulu.

Ich wei nicht mehr, sagte sie, ich glaube, es ist ein Volkslied. Sie
ging jetzt schneller und wurde pltzlich von Angst ergriffen, sie mchte zu
spt heimkommen und von der Wirtin gescholten werden.

Das leiden wir nicht, rief Erich Tnzer heftig aus. berhaupt habe ich
im Sinn, der Frau Mller einmal meine Meinung deutlich zu sagen. Ich werde
sie schon . . .

Nein, nein! unterbrach ihn die schne Lulu. Es wrde dann fr mich nur
schlimmer werden! Ich bin eine arme Waise und mu tragen, was mir auferlegt
wird.

Ach Frulein Lulu, sagte der Referendar, ich wollte, Sie wren eine
Prinzessin und ich knnte Sie befreien.

Nein, rief der Schngeist Lauscher, Sie sind wirklich eine Prinzessin,
und nur wir sind nicht Ritter genug, Sie zu erlsen. Aber was hindert mich?
Ich tue es heute noch. Ich nehme die verdammte Mllerin beim Kragen . . .

Still, still! rief Lulu flehentlich. Lassen Sie mich doch mein Schicksal
allein ertragen! Nur heute tut mirs um den schnen Abend leid.

Man sprach nun wenig mehr und nherte sich rasch der Stadt, wo sich Lulu
von den anderen trennte, um allein in die Krone zurckzukehren. Die Fnfe
sahen ihr nach, bis sie in die erste dunkle Strae hinein verschwand.

   Mein Vater ist der Knig,
   Der Knig Ohneleid . . .

summte Karl Hamelt vor sich hin und machte sich auf den Heimweg nach dem
Dorfe Wendlingen.


VI.

Spt am Abend desselben Tages dauerte Erich Tnzer noch in der Krone aus,
bis auch Lauscher mit der Nachtkerze in sein Gastzimmer abging und er
allein in der stillen Schenkstube war. Lulu sa noch mit am Tische; da
stie Erich pltzlich sein Bierglas heftig zur Seite, ergriff die Hand des
schnen Mdchens, sah sie an, rusperte sich und tat folgende Rede:
Frulein Lulu, ich mu Ihnen eine Rede halten. Ich mu Sie anklagen. Der
knftige Staatsanwalt regt sich in mir. Sie sind unerlaubt schn, Sie sind
schner als man sein darf und machen damit sich und andere unglcklich.
Versuchen Sie nicht sich zu verteidigen! Wo ist mein schner Appetit? Und
mein herrlicher Durst? Wo ist der Vorrat smtlicher Paragraphen des
brgerlichen Gesetzbuches, den ich mir mit Hilfe von Meisels Repertorium so
mhselig in den Kopf getrichtert hatte? Und die Pandekten? Und das
Strafrecht und der Zivilproze? Ja wo sind sie? In meinem Kopf steht nur
noch ein einziger Paragraph, der heit Lulu! Und die Funote heit: O du
Schnste, o du Allerschnste!

Erichs Augen standen weit hervor, ingrimmig knetete seine Linke den neuen
modischen Seidenhut zu schanden, seine Rechte umklammerte Lulus khle Hand.
Diese sphte ngstlich nach einer Gelegenheit zu entrinnen. Im Bffet
schnarchte Herr Mller, sie mochte nicht rufen.

Da ward unversehens die Tre ein wenig geffnet, eine Hand und ein Stck
Flanellhemdrmels drang durch den Spalt, etwas Weies entglitt der Hand und
flatterte zu Boden; dahinter schlo sich eilends wieder die Tre. Lulu
hatte sich losgemacht, sie sprang hinzu und hob ein beschriebenes Blatt
Briefpapier vom Boden auf. Erich schwieg verdrossen. Sie aber lachte
pltzlich und las ihm das Blatt vor. Darauf stand:

   Herrin, wirst du lachen mssen?
   Sieh, ein heies Dichterhaupt,
   Das du stolz und khl geglaubt,
   Liegt beschmt nun dir zu Fen,
   Und ein Herz, dem alle hchste Lust
   Wie das tiefste Leiden ward bewut,
   Zittert scheu in deiner kleinen Hand!
   Rote Rosen, die ich Wandrer fand,
   Rote Lieder, die ich Snger sang,
   Sehnen sich und welken bang,
   Liegen arm zu deinen Fen -- -- --
   Wirst du lachen mssen?

Lauscher, rief Erich entrstet, das Aas! Sie werden doch nicht glauben,
es sei dem Luftibus Ernst mit seinen verdammten Versen? Verse! So was
schreibt er alle drei Wochen einer andren! Lulu gab dem Erregten keine
Antwort, sondern lauschte nach dem offenstehenden Fenster hinber. Von
dorther kamen wirre Guitarrengriffe geklungen, und eine Bastimme sang
dazu:

   Ich stehe hier und harre
   Und spiele die Guitarre . . .
   O zgere nicht lnger
   Und liebe deinen Snger!

Ein Windsto warf das Fenster klirrend zu. In diesem Augenblick erwachte
der Wirt im Bffet und kam verdrielich aus der Schanktre hervor. Erich
warf Geld auf den Tisch, lie sein Bier stehen, verlie ohne Gru die Stube
und rannte mit einem Satze die Vortreppe hinunter dem Guitarrespieler in
den Rcken, der niemand anders als der Referendar Ripplein war, welcher nun
mit Erich zankend und grimmig auf dem Wall unter den Kastanien davonging.

Die schne Lulu lschte die Gasflammen in Wirtsstube und Flur aus und stieg
in ihre Kammer hinauf. Sie hrte beim Vorbeigehen in Hermann Lauschers
Zimmer aufgeregte Schritte und ftere lange Seufzer tnen. Kopfschttelnd
erreichte sie ihr Schlafgemach und legte sich zur Ruhe. Da sie nicht
sogleich einschlafen konnte, berdachte sie noch einmal den Abend; aber sie
lachte jetzt nicht mehr, vielmehr war sie traurig, und alles kam ihr wie
ein miratenes Possenspiel vor. Sie wunderte sich in ihrem reinen Herzen
darber, wie alle diese Menschen so tricht und enge blo an sich selber
dachten und auch an ihr im Grunde doch nur das hbsche Gesicht ehrten und
liebten. Diese jungen Mnner schienen ihr wie irregeleitete arme
Nachtflgler um kleine Lichtlein zu taumeln, whrend sie groe Reden im
Munde fhrten. Es erschien ihr traurig und lcherlich, wie sie immerfort
von Schnheit, Jugend und Rosen redeten, farbige Theaterwnde von Worten um
sich her aufbauten, indes die ganze herbe Wahrheit des Lebens fremd an
ihnen vorberlief. In ihrer kleinen einfachen Mdchenseele stand diese
Wahrheit schlicht und tief geschrieben, und da die Kunst des Lebens im
Leidenlernen und Lchelnlernen bestehe.

Der Dichter Lauscher lag in seinem Bette im Halbschlummer. Die Nacht war
schwl. Rasche, unvollendete, fiebernde Gedanken stiegen in seiner heien
Stirn empor und verloren sich in flchtig verblassenden Trumen, ohne da
darber die schwere Schwle der Augustnacht und das zhe, peinigende Singen
einiger Schnaken seinem Bewutsein entschwunden wre. Die Schnaken
folterten ihn am meisten; bald schienen sie zu singen:

      Vollkommenheit,
   Man sieht dich selten, aber heut . . .

bald war es das Lied der Traumharfe. Dann kam ihm pltzlich wieder in den
Sinn, da nun die schne Lulu seine Verse in Hnden habe und von seiner
Liebe wisse. Da Oskar Ripplein das Guitarrestndchen gebracht, und da
wahrscheinlich auch Erich heute Abend dem schnen Mdchen Gestndnisse
gemacht habe, war ihm nicht verborgen geblieben. Das Rtselhafte im Wesen
der Geliebten, ihre ahnungsvoll unbewute Verknpfung mit dem Philosophen
Drehdichum, mit der askischen Sage und Hamelts Traum, ihre fremdartig
seelenvolle Schnheit und ihr alltglich-graues Schicksal beschftigten des
Dichters Gedanken. Da die ganze eng befreundete Runde des Cnacle
pltzlich wie um den Magnetberg um das fremde Mdchen kreiste und da er
selbst, statt Abschied zu nehmen und zu reisen, sich mit jeder Stunde enger
vom Netz dieses Liebesmrchens umstricken lie, das alles kam ihm nun vor,
als wre er und wren die andern lauter Traumgestalten eines
phantasierenden Humoristen oder Figuren einer grotesken Sage. In seinem
schmerzenden Haupte stieg die Vorstellung auf, dieses ganze Durcheinander
und er selbst und Lulu wren ohnmchtige, willenlose Fragmente aus einem
Manuskripte des alten Philosophen, hypothetische, versuchsweise kombinierte
Teile einer unvollendeten sthetischen Spekulation. Dennoch strubte sich
alles in ihm gegen ein solches unglckliches cogito ergo sum, er raffte
sich zusammen, stand auf und trat ans offene Fenster. Nun bei klarerem
Nachdenken erkannte er bald die hoffnungslose Albernheit seiner lyrischen
Liebeserklrung; er fhlte wohl, da die schne Lulu ihn nicht liebe und im
Grunde lcherlich fnde. Traurig legte er sich ins Fenster, Sterne traten
zwischen den leichten Wolken hervor, ein Wind lief ber die dunkeln Kronen
der Kastanien. Der Dichter beschlo, da morgen sein letzter Tag in
Kirchheim sein sollte. Zugleich traurig und erlsend drang das Gefhl der
Entsagung durch seinen mden, vom Traum der letzten Tage schwl umfangenen
Sinn.


VII.

Als Lauscher andern Tages frh in die Wirtsstube hinabkam, war Lulu schon
mit den Tassen beschftigt. Beide setzten sich zum dampfenden Kaffee. Lulu
erschien dem Gaste merkwrdig verndert. Eine fast knigliche Klarheit
leuchtete auf ihrem reinen, sen Gesicht, und eine besondere Gte und
Klugheit blickte aus ihren schnen, vertieften Augen.

Lulu, Sie sind ber Nacht schner geworden, sagte Lauscher bewundernd.
Ich wute nicht, da dies mglich wre.

Sie lchelte nickend: Ja, ich habe einen Traum gehabt, einen Traum . . .

Der Dichter fragte mit einem erstaunten Blick ber den Tisch hinber.

Nein, sagte sie. Ich darf ihn nicht erzhlen.

In diesem Augenblick trat die Morgensonne ins Fenster und glnzte durch die
dunkeln Haare der schnen Lulu stolz und golden wie eine Glorie. Andchtig
mit trauriger Freude hing des Dichters Blick an dem kstlichen Bilde. Lulu
nickte ihm zu, lchelte wieder und sagte: Ich mu Ihnen noch danken,
lieber Herr Lauscher. Sie haben mir gestern Verse geschenkt, die mir hbsch
erscheinen, obwohl ich sie nicht ganz verstehen kann.

Es war ein schwler Abend gestern, sagte Lauscher und blickte der Schnen
in die Augen. Darf ich das Blatt noch einmal sehen?

Sie gab es ihm hin. Er berlas es leise noch einmal, faltete es zusammen
und verbarg es in seiner Tasche. Die schne Lulu sah schweigend zu und
nickte nachdenklich. Nun wurde der Wirt auf der Treppe hrbar, Lulu sprang
auf und begann ihre Morgenarbeit. Grend trat der kleine, feiste Wirt
herein.

Guten Morgen, Herr Mller! antwortete Hermann Lauscher. Ich bin heute
zum letzten Mal Ihr Gast. Morgen frh reise ich.

Aber ich hatte doch gedacht, Herr Lauscher . . .

Schon gut. Auf heute abend stellen Sie ein paar Flaschen Champagner kalt
und rumen uns das hintere Zimmer ein, zum Abschiedfeiern!

Wie Herr Lauscher befehlen!

Lauscher verlie Stube und Gasthaus und begab sich auf den Weg zu Ludwig
Ugel, seinem Liebling, um diesen letzten Tag mit ihm zusammen zu sein.

Aus Ugels kleiner Bude in der Steingaustrae klang schon Morgenmusik. Ugel
stand in Hemdrmeln noch ungekmmt am Kaffeetisch und spielte seine brave
Violine, da es eine Lust war. Das ganze Stblein war voll Sonne.

Ist's wahr, du willst morgen reisen? rief Ugel dem Dichter entgegen. Der
war nicht wenig verwundert.

Woher weit du's denn schon?

Von Drehdichum.

Drehdichum? Der Teufel werde klug daraus!

Ja, der Alte war die halbe Nacht bei mir. Ein toller Bruder! Er faselte
wieder was Langes, Farbiges von seinen Prinzessingeschichten, Liliengrten
und dergleichen. Meinte, ich msse die Prinzessin erlsen; er htte sich in
dir getuscht, du seiest nicht die wahre Harfe Silberlied. Verrckt, nicht?
Ich verstand kein Wort.

Ich verstehe es, sagte Lauscher leise. Der Alte hat recht.

Noch eine Weile hrte er Ugeln zu, der nun die begonnene Sonate zu Ende
spielte. Bald darauf verlieen beide Freunde Arm in Arm die Stadt und
wandten sich gegen die Plochinger Steige in den Wald. Sie redeten wenig;
der Abschied machte beide stumm. Der Morgen lag warm und glnzend ber den
schnen Bergen der Alb. Bald bog die Strae in den tiefen Wald, und die
Spaziergnger legten sich abseits vom Wege in das khle Moos.

Wir wollen einen Strau fr die schne Lulu machen, sagte Ugel und begann
im Liegen groe Farnkruter zu brechen.

Ja, sagte der andere leise, einen Strau fr die schne Lulu! Er ri
eine ganze hohe rotblhende Staude aus der Erde. Nimm das dazu! Roter
Fingerhut. Ich habe ihr sonst nichts zu geben. Wild, fieberrot und giftig
. . .

Er redete nicht weiter; s und bitter stieg es in seiner Kehle auf, wie
Schluchzen. Dster wendete er sich ab; Ugel aber bog den Arm um seine
Schulter, legte sich an seine Seite und wies mit ablenkender Geberde empor
in das wunderbare Spiel des Lichtes im hellgrnen Laub. Jeder von den
beiden dachte an seine Liebe, und schweigend ruhten sie lange Zeit,
Waldkronen und Himmel ber sich. ber ihre Stirnen lief der krftige, khle
Wind, ber ihre Seelen spannte, vielleicht zum letzten Mal, die selige
Jugend ihre blauen, ahnungsvollen Himmel aus. Leise begann Ugel ein Lied zu
singen:

      Die Frstin heit Elisabeth --
   Ein Hauch von Sonne, die vergeht.
   Ich wollt, ich htte einen Namen,
   Der sich verneigt vor lieben Damen,
   Vor Schnheit, vor Elisabeth,
   Der s von zarten Rosen weht,
   Von Blttern lind, so leicht, so la,
   Von Rosen wei, von Rosen bla,
   Ein Schimmer spten Abendgolds
   Und wie der Frstin Mund so stolz
   Und wie der Frstin Stirn so rein,
   Und mte singen von Glck und Pein --
   So froh und traurig mt er sein!

Dem Freunde weitete die stille Traurigkeit der schnen Stunde die Brust in
Schmerz und Lust. Er schlo die Augen; aus seiner Seele stieg das Bild der
schnen Lulu auf, wie er sie am heutigen Morgen gesehen hatte, so
sonneverklrt, so milde, so leuchtend, klug und unnahbar, da sein Herz in
erregten schmerzlichen Schlgen pochte. Seufzend fuhr er mit der Hand ber
die Stirn, fcherte sich mit dem roten Fingerhut und sang:

   Ich will mich tief verneigen
   Vor dir und ziehen den Hut,
   Ich will dir Lieder geigen
   Rot wie Rosen und rot wie Blut.

   Ich will mich vor dir bcken,
   Wie man vor Frstinnen tut,
   Und will dich mit Rosen schmcken,
   Mit Rosen rot wie Blut.

   Ich will auch zu dir beten,
   Wie man vor Heiligen kniet,
   Mit meiner wilden, verschmhten
   Liebe und meinem Lied.

                   *       *       *       *       *

Er hatte kaum geendigt, als aus dem innersten Walde hervor der Philosoph
Drehdichum die Liegenden anrief. Aufschauend sahen sie ihn aus den
Gebschen treten.

Guten Tag, rief er nherkommend, guten Tag, meine Freunde! Nehmet dies
zu euerm Strau fr die schne Lulu! Damit gab er Lauschern eine groe
weie Lilie in die Hand. Behaglich lie er sich sodann den Freunden
gegenber auf einem moosigen Felsen nieder.

Sagen Sie, Zauberer, redete Lauscher ihn an, da Sie doch berall sind
und alles wissen: wer ist eigentlich die schne Lulu?

Viel gefragt! schmunzelte der Graubart. Sie wei es selber nicht. Da
sie die Stiefschwester der verdammten Mllerin sei, glauben Sie wohl nicht,
und ich auch nicht. Sie selber hat nicht Vater, nicht Mutter gekannt, und
ihr einziger Heimatbrief ist die Strophe eines merkwrdigen Liedes, das sie
zuweilen singt und worin sie einen gewissen Knig Ohneleid ihren Vater
nennt.

Dummes Zeug! fluchte Ugel rgerlich.

Weshalb, lieber Herr? entgegnete sanftmtig der Alte. Aber dem sei wie
ihm wolle, man darf an solchen Geheimnissen nicht allzuviel tasten . . .
Ich hre, Herr Lauscher, Sie wollen schon morgen uns und dieses Land
verlassen? Wie man sich tuschen kann! Ich htte gewettet, Sie blieben noch
lnger hier, da Sie, wie mir schien, eben durch die Lulu . . .

Genug, genug, Herr! fiel ihm Lauscher wild aufbrausend in die Rede. Was
zum Teufel gehen Sie anderer Leute Liebesaffren an!

Nicht so heftig! beruhigte lchelnd der Philosoph. Davon,
Wertgeschtzter, war ja gar nicht die Rede. Da ich mich mit den
Verwicklungen fremder Schicksale, besonders Dichterschicksale,
beschftigte, gehrt zu meiner Wissenschaft. Fr mich besteht kein Zweifel
darber, da zwischen Ihnen und unserer Lulu gewisse subtile magische
Beziehungen statthaben, wenn schon, wie ich ahne, ihrer ersprielichen
Wirkung zurzeit noch unberwindliche Hemmnisse im Wege liegen.

Erklren Sie mir das doch, bitte, etwas nher! sagte der Dichter khl,
aber doch neugierig.

Der Alte zuckte die Achseln. Ei nun, sagte er, jedes irgend hher
stehende Menschenwesen strebt instinktmig nach jener Harmonie, die im
glcklichen Gleichgewicht des Bewuten und des Unbewuten bestnde. Solange
aber der zerstrende Dualismus das Lebensprinzip des denkenden Ich zu sein
scheint, neigen strebende Naturen gerne in halbverstandenem Instinkt zu
Bndnissen mit entgegengesetzt Strebenden. Sie verstehen mich. Solche
Bndnisse knnen ohne Worte, sogar ohne Wissen geschlossen werden, knnen
wie Verwandtschaften unerkannt, rein gefhlsmig leben und wirken.
Jedenfalls sind sie vorbestimmt und stehen auerhalb der Sphre des
persnlichen Willens. Sie sind ein unermelich wichtiges Element dessen,
was man Schicksal nennt. Es ist vorgekommen, da das eigentliche,
wohlttige Leben eines solchen Bndnisses erst im Augenblicke der Trennung
und Entsagung begann; denn diese unterliegen unserm Wollen, dem die Macht
jener Sympathie sich entzieht.

Ich verstehe Sie, sagte Lauscher mit verndertem Ton. Sie scheinen mein
Freund zu sein, Herr Drehdichum!

Zweifelten Sie daran? lchelte dieser frhlich.

Sie kommen heute Abend zu meiner Abschiedsfeier in der Krone!

Will sehen, Herr Lauscher. Nach gewissen Berechnungen wird mir diesen
Abend eine wichtige Aufgabe zuteil werden, ein alter Traum sich erfllen
. . . Aber vielleicht lt es sich vereinigen. Auf Wiedersehen! Er sprang
auf, grte mit winkender Hand und verlor sich rasch auf der talwrts
fhrenden Strae.

Die Freunde blieben bis zum Mittag im Walde, beide von Abschiedsgedanken
und jeder von seiner Liebe erfllt und mit widerstreitenden Empfindungen
gesttigt. Versptet suchten sie den Mittagstisch der Krone auf. Sie fanden
Lulu daselbst in frhlicher Stimmung und mit einem neuen, hellen Kleide
geschmckt. Freundlich nahm sie die mitgebrachten Blumen an und stellte den
Strau in eine Vase auf den Ecktisch, an dem die beiden zu speisen
pflegten. Heiter und geschftig bewegte sich die schne Gestalt bedienend
mit den Tellern, Schsseln und Flaschen hin und wider. Nach Tisch, beim
Weine setzte sie sich zu den Freunden. Man sprach von Lauschers geplanter
Abschiedsfeier.

Wir mssen das Zimmer und alles recht festlich zubereiten, sagte Lulu;
wie Sie sehen, habe ich an mir selber den Anfang gemacht und ein
nagelneues Kleid angezogen. Es fehlt noch an Blumen . . .

Besorgen wir schon, fiel ihr Ugel in die Rede.

Gut, lchelte sie. Dann wre es hbsch, ein paar Lampions und farbige
Bnder zu haben.

Soviel Sie wollen! rief wieder Ugel. Lauscher nickte stumm.

Sie sprechen ja kein Wort, Herr Lauscher! zrnte nun Lulu. Sind Sie
nicht einverstanden? Lauscher gab keine Antwort. Er sagte nur, whrend
sein Auge an ihrer schlanken Gestalt und dem feinen Antlitz hing: Wie
schn Sie heute sind, Lulu! Und noch einmal: Wie schn Sie sind!

Er war unersttlich, die ganze ziere Gestalt immer wieder zu betrachten. Zu
sehen, wie sie mit dem Freunde die Anstalten zu seinem Abschied betrieb,
verursachte ihm eine eigentmliche Qual und machte ihn stumm und
verdstert. Jeden Augenblick kam ihm wieder der Gedanke, peinigend und
bitter stachelnd, da seine Entsagung und sein Fortgehen unwahr sei, da er
ihr zu Fen strzen und sie mit allen lodernden Flammen seiner
Leidenschaft umgeben msse, um sie werben, sie anflehen, sie zwingen und
rauben -- irgend etwas, nur nicht so tatlos vor ihr sitzen und fhlen, wie
von den letzten Stunden ihrer Gegenwart ein seliger Augenblick um den
andern eilig und unwiederbringlich zerrann. Dennoch bezwang er sich in
hartem Kampf und begehrte nur noch in diesen letzten Stunden ihr herrliches
Bild sich glhend und schmerzlich in die Seele zu senken zu unvergelichem
Heimweh.

Schlielich, da die drei noch allein im Zimmer saen und Ugel zum Aufbruch
drngte, erhob sich Lauscher, trat vor Lulu hin und fate ihre Hand mit
seiner heien, zitternden Rechten und sagte leise in einem gezwungenen,
feierlich komischen Ton: Meine schne Prinzessin, wollet geruhen die
Darbietung meiner Dienste in Hulden anzunehmen! Betrachtet mich, ich bitte
Euch, als Euern Ritter oder als Euern Sklaven, Euern Hund oder Narren,
befehlet mir . . .

Gut, mein Ritter, unterbrach Lulu ihn lchelnd. Ich fordere einen Dienst
von Euch. Es fehlt mir auf den Abend ein recht herzensfroher Gesellschafter
und Spamacher, der mir ein gewisses Fest unterhaltsam und lustig machen
helfe. Wollet Ihr das?

Lauscher wurde sehr bleich. Dann lachte er heftig auf, lie sich mit
komischer Verrenkung ins Knie nieder und sprach mit theatralischer
Feierlichkeit: Ich gelobe es, edle Dame!

Nun eilte er mit Ludwig Ugel hinweg. Sie suchten vor allem die schne
Kunst- und Handelsgrtnerei beim Friedhofe auf und wteten mit der Schere
ohne Schonung in des Grtners Rosenzucht. Besonders Lauscher war nicht zu
halten. Ich mu einen groen Korb voll Weie haben, rief er wiederholt,
wandte alle Zweige um und hieb die Lieblingsrosen der schnen Lulu zu
Dutzenden ab. Dann bezahlte er den Grtner, hie ihn die Rosen auf den
Abend in die Krone bringen und bummelte mit Ugel weiter durch die Stadt. Wo
etwas Buntes in den Schaufenstern hing, da brachen sie ein; Fcher, Tcher,
Seidenbnder, Papierlaternen wurden zusammengekauft, am Ende auch noch ein
starker Posten Kleinfeuerwerk, so da in der Krone die schne Lulu mit
Inempfangnehmen und Unterbringen alle Hnde voll zu tun hatte. Dabei half
ihr, ohne da jemand darum wute, der gute Drehdichum bis zum Abend.


VIII.

Lulu war schn und frhlich wie noch nie. Lauscher und Ugel hatten ihr
Abendessen beendet; die Freunde kamen nacheinander im Gasthause an. Als
alle beisammen waren, begab man sich unter dem Vortritt Lauschers, der die
schne Lulu zierlich am Arme fhrte, in die groe Hinterstube. Hier waren
alle Wnde mit Tchern, Bndern und Girlanden behngt, eine Menge farbiger
Laternen war an der Decke in Figuren gereiht und angezndet, der groe
Tisch wei gedeckt, mit Champagnerkelchen besetzt und mit frischen Rosen
berstreut. Der Dichter berreichte seiner Dame die Lilie des Philosophen,
steckte ihr eine halbgeffnete Teerose ins Haar und fhrte sie an den
Ehrenplatz. Alle setzten sich froh und lrmend; ein im Chor gesungenes Lied
erffnete den Abend. Nun sprangen die Stpsel von den Flaschen,
berschumend flo der helle, edle Wein in die zarten Glser, wozu Erich
Tnzer die Champagnerrede hielt. Witz und Gelchter lste sich ab, mit
Tosen wurde der nachtrglich angekommene Drehdichum empfangen, Ugel und
Lauscher trugen jeder ein paar lachende Verse vor. Dann sang die schne
Lulu ein Lied, das hie:

   Ein Knig lag in Banden
   Und tief in Dunkelheit --
   Nun ist er auferstanden
   Und heiet Ohneleid.

   Nun glnzen bunte Lichter
   Und Lieder blank ins Land,
   Nun tragen alle Dichter
   Ihr farbigstes Festgewand.

   Nun blhen Lilien und Rosen
   So wei und rot wie nie,
   Nun singt die Harfe Silberlied
   Ihre seligste Melodie.

Als das Lied zu Ende war, griff Lauscher tief in den vor ihm stehenden
Rosenkorb und warf applaudierend der Sngerin ganze Hnde voll weier Rosen
zu. Der frhliche Krieg wurde allgemein, Rosen flogen von Sitz zu Sitz,
Dutzende, hundert, weie, rote; dem alten Drehdichum hing das Haar und der
graue Bart ganz voll davon. Dieser erhob sich nun, es war schon nahe an
Mitternacht, und begann zu reden:

Liebe Freunde und schne Lulu! Wir sehen alle, da das Reich des Knigs
Ohneleid von neuem beginnt. Auch ich mu heute von euch Abschied nehmen,
doch nicht ohne Hoffnung auf Wiedersehen; denn mein Knig, zu dem ich
zurckkehre, ist ein Freund der Jugend und der Dichter. Wret ihr
Philosophen, so wrde ich euch eine schne allegorisch-mystische Geschichte
von der Wiedergeburt des Schnen und speziell von der Erlsung des
poetischen Prinzips durch die ironische Metamorphose des Mythus erzhlen,
welche Geschichte heute ihr seliges Ende erfhrt. So aber tue ich besser,
euch den zu lsenden Rest dieser Geschichte in angenehmen Bildern vor Augen
zu fhren. Schauet her, ein askisches Stck!

Alle blickten seinem ausgestreckten Zeigefinger nach auf einen groen
gestickten Vorhang, mit dem eine Ecke des Zimmers verhangen war. Dieser
Vorhang wurde pltzlich sanft von innen erleuchtet und zeigte ein Gewebe
von zahllosen silbernen Lilien, die eine schn in Marmor gefate starke
Quelle umrahmten. Die Kunst des Gewebes und der Beleuchtung war so
wunderbar, da man die Lilien wachsen, sich neigen und verschlingen, da
man die Quelle sprudeln und sich ergieen sah, ja, da man ihr edles khles
Rauschen stark vernahm.

Aller Augen hingen an dem prachtvollen Vorhang, und keiner bemerkte, da
schnell nacheinander im Zimmer alle Laternen erloschen. Sie folgten
entzckt und erregt dem Zauberspiel der knstlichen Lilien; nur der Dichter
achtete es nicht, sondern heftete durch das Dunkel den Blick glhend und
anbetend auf die schne Lulu. Ein heilig schnes, zartes Leuchten lag auf
ihrem feinen Gesicht, matthell und gleichsam vergeistigt schimmerte in
ihrem prachtvollen dunkeln Haar die weie Rose.

Die Lilien bewegten sich unbeschreiblich schlank und harmonisch in einem
seltsamen Blumenreigen um die Quelle. Ihre Bewegung und feine Verschlingung
hllte den Sinn der atemlos Zuschauenden in ein ses, trumendes Netz von
Wunder und Wohlgefallen. Da schlug eine Uhr Mitternacht. Blitzschnell
rollte der glnzende Vorhang in die Hhe: eine weite Bhne tat sich in
tiefer Dmmerung auf. Der Philosoph erhob sich; man hrte im Dunkeln, wie
er den Sessel rckte. Er verschwand und erschien allsogleich auf der Bhne,
Haar und Bart noch voll von Rosen. Allmhlich war der Raum der Bhne von
einem immer mehr zunehmenden Licht erfllt, bis klar und glnzend Quelle
und Liliengarten des Vorhangs nun in edler Wirklichkeit blhend und
rauschend zu erblicken waren.

Damitten stand der Geist Haderbart, als Drehdichum trotz der erhhten
Gestalt erkennbar. Im Hintergrunde stieg berckend in perlblauer Schnheit
das Opalschlo empor, in dessen Saale durch die weiten Fensterbgen der
Knig Ohneleid in mchtiger Ruhe thronend zu sehen war. Whrend das Licht
immer mehr zu strahlendem Glanze wuchs, trug Haderbart durch die sich
bckenden Lilien eine riesige, fabelhafte Harfe aus Silber in die Mitte der
Schaubhne. Der Glanz des Lichtes war nun blendend herrlich geworden und
schauerte in fiebernden Wellen silbern und irisfarbig ber die Opalmauern
hin.

Lauschend schlug der Geist eine einzelne tiefe Saite der Harfe an. Ein
groer, kniglicher Ton erquoll. Langsam traten die Lilien des
Vordergrundes zur Seite, eine festliche Treppe senkte sich von der Bhne
herab. Im dunkeln Zimmer erhob sich hoch und schlank die schne Lulu,
schritt ber die hinter ihr wieder zurckweichende Treppe hinan und stellte
sich in unsglicher Schnheit als Prinzessin dar. Mit tiefer Verbeugung
berlie ihr der Geist Haderbart die Harfe; Trnen flossen aus seinen
klaren alten Augen und fielen zusammen mit einer gelsten Rose aus seinem
Bart zur Erde.

Die Prinzessin stand hoch und glnzend vor der Harfe Silberlied. Sie
streckte die Rechte in hchster Bewegung nach dem Schlosse aus, zog die
Harfe an ihre Schulter her und lief mit schlanken Fingern ber alle Saiten.
Ein Lied von unerhrter Seligkeit und Harmonie hob an, huldigend scharten
sich alle hohen Lilien um ihre Herrin. Noch ein voller, reiner Griff in die
tnenden Zaubersaiten -- da rauschte mit kurzem Aufschlag der Vorhang
nieder. Einen Augenblick war er noch ganz von inwendigem Glanze
durchleuchtet, in heftiger Bewegung tanzten die gestickten Lilien
durcheinander, immer schneller und rasender, bis nur noch ein einziger
silberner Wirbel zu sehen war, der pltzlich lautlos in vllige Finsternis
versank.

Betubt und sprachlos standen und saen die Freunde im finstern Zimmer.
Bald sodann fingen sie an sich zu besinnen. Licht wurde gemacht. Durch
Unvorsichtigkeit kam das ganz vergessene Feuerwerk in Brand und knallte mit
abscheulichem Lrmen durcheinander. Wirt und Wirtin liefen herzu, klagten
und schalten. Ein Nachtwchter pochte von der Strae aus mit dem Spie an
die verschlossenen Fensterlden. Man schrie und fragte, jeder an den andern
hin.

Aber niemand fand mehr eine Spur von Lulu und dem Philosophen. Der
Referendar Ripplein begann rgerlich zu werden und von Gaunerei zu reden;
doch hrte niemand auf ihn. Hermann Lauscher war in sein Zimmer entwichen
und hatte von innen geriegelt.

Als er andern Tages in aller Frhe verreiste, war von der schnen Lulu noch
keine Spur gefunden. Da Lauscher sich sogleich ins Ausland begab, kann er
ber den ferneren Verlauf der Dinge in Kirchheim keinerlei Mitteilung
machen. Denn er selber hat die vorstehende Geschichte der Wahrheit gem
aufgeschrieben.




Schlaflose Nchte.
(Geschrieben 1901.)


Widmung.

Kennt ihr die Muse der Schlaflosigkeit? Die bleiche, wachsame, die an
einsamen Betten sitzt?

An meinem einsamen Bette sa sie viele lange Nchte lang, sie legte mir die
geschmeidige, kranke Hand auf die Stirn, sie sang mir Lieder mit ihrer
mden Stimme, Lieder ohne Zahl, Heimatlieder, Kinderlieder, Lieder der
Liebe, des Heimwehs und der Melancholie. Und statt des entflohenen
Schlummers breitete sie ber meine ermdeten Augen den dnnen, farbigen
Schleier der Erinnerung und der Phantasie.

O diese langen, schleichenden Nchte, in denen unser wahrstes Wesen alle
tagber gewobenen schmucken Gewnder von sich streift und uns mit Fragen,
Bitten und Vorwrfen bestrmt wie ein krankes Kind! O diese schmerzhaft
klaren Erinnerungen an alle Augenblicke unseres Lebens, in denen wir wider
uns selbst und wider die geheimen Gesetze des Lebens gesndigt haben! Diese
Kette von Blindheit, Grausamkeit und Miverstndnis, mit der wir uns selbst
zu unentrinnbarer Qual an diese angstvollen Stunden geschmiedet haben. Gibt
es einen Menschen von solcher Reinheit, da er nur eine einzige solche
Nacht seiner Seele in die wahrhaftigen Kinderaugen blicken knnte, ohne
unzhligen Vorwrfen und Selbstpeinigungen zur Beute zu fallen?

Ich wei es nicht und glaube es nicht. Und dennoch entrann ich diesen
Stunden und lernte sie segnen und sah die Verzweiflung nur auf dunkler
Lauer verborgen liegen, unberhrt von ihrem giftigen Atem.

Das war jene Muse, jene bleiche, wachsame, die mit den geschmeidigen Hnden
mich vom Abgrund zurckhielt. Ich danke dir, du Fremde, Phantastische, und
widme dir diese Erinnerungen unsrer gemeinsam vertrumten, wachen Nchte.
Wie schn du warst, wenn du dein feines, trstendes Frauengesicht ber
meine fiebernden Augen beugtest! Wie schn du warst, wenn du mit mir der
Erinnerung eines alten Liedes lauschtest, still, vorgebeugt, das tiefe Auge
in die Nacht gewendet, die helle vergeistigte Stirn von einer losen Locke
mrchenblonden Haares berhangen! Wie schn du warst, wenn du weintest,
wenn du das Auge senktest und schweigend auf dem weien Bette meine Hand
mit deiner schmalen Linken suchtest, wenn der Traum einer verlorenen Liebe
ber dein ernstes Gesicht wie ein leiser schmerzlicher Schatten lief!

Wie schn du warst!

                   *       *       *       *       *


Die erste Nacht.

Regen, Stille, Mitternacht. Wie heiest du, schne Blasse? Du lchelst, du
legst deine Hand neben meine auf den Rand des Bettes, da sie wie
Geschwister aussehen. Ich will dich Maria nennen.

Wie hast du mich wiedergefunden, wunderliche Schwester, die ich so langeher
nicht mehr gesehen? Das war vor manchem schnen Jahr, da ich dir jene
Dichtung vorlas, mit der ich deine Gunst verscherzte. Du bist seither
schner geworden -- ach httest du damals den Schlu meiner Novelle
abgewartet, so wren wir zusammen jung geblieben und du sest nicht an
meinem Bette, um mir die vielen Stunden von Mitternacht bis Morgen ertragen
zu helfen. Aber du nahmst meine Geschichte fr Ernst und hast sie damit uns
selber zum Ernst gemacht. Jener ungelesene Schlu ist in den Mrchenbrunnen
zurckgefallen und unsre guten Feen weinten, und weinen noch heute darber.

Erinnerst du dich jenes letzten Abends? Im Veilchengarten, alle Amseln
schlugen. Wir saen auf der grnen Grovaterbank und hatten unsere Zukunft
wie ein groes Fabelbuch vor uns aufgeschlagen. Ich las dir vor, der groe
Ahorn rauschte darein, die Luft und die Geschichte waren voll Veilchenduft.
Ich las dir vor bis zu jener traurigen Stelle -- weit du noch? Es war
beinahe dunkel geworden und im Goldregenbusch begann die Nachtigall. Ach
htten wir doch zu Ende gelesen! Aber du weintest und stieest das Buch von
deinem Scho und liefest fort. Jenen ganzen Abend und die halbe Nacht sang
unsre Nachtigall.

Ich wei jetzt das Geheimnis der Nachtigall und singe schon lang nach
derselben Weise. Man hrt diese Lieder gern, sie gleiten weich und sind
voll Wohllaut, aber der Text ist traurig, er ist sogar zuweilen bitter,
sogar gemein. Ach, die besten Lieder standen im Buch meiner Jugend auf
jenen Seiten, die du so unmutig berschlugst. Sie qulen mich seither, und
sthnen, und wollen gesungen sein, aber ihre Zeit ist vorber, sie ist gar
nie gewesen, denn die schnsten Seiten im Buch meiner Jugend berschlugst
du an jenem Abend im Veilchengarten. Die Kapitel waren dir gewidmet --
warum wolltest du sie nicht lesen? Sie fehlen jetzt mir und dir wie
gesprungene Saiten auf einer Harfe. Die Harfe klingt wie sonst, nur wenn
die Melodie auf die gebrochenen Saiten springt, entsteht ein herzbeklemmend
leeres Schweigen und reit mitten durch das ganze Lied. Hast du nie auf
einer Harfe spielen hren, an welcher eine Saite fehlte? War es dir nicht
jedesmal, wenn jene bange leere Pause kam, als sei es gerade der seste,
erlsende Ton, der nun dem Liede fehlt? Und ist nicht immer das Seste,
Erlsende, brennend Erdrstete gerade das, was mir und dir in jedem
Augenblicke fehlt?

Hab ich dich traurig gemacht? Verzeih' mir, Maria! Ich wollte es nicht tun,
ich wollte dir keinen Vorwurf machen. Ich wollte dich nur fragen, ob du
noch an jenen fernen warmen Frhlingsabend denkst. Ich wollte nur dich
erinnern, dich fragen und dein Kopfnicken wiedersehen, die trumerisch
grazise Bewegung, die schon damals mein knabenhaftes Herz entzckte. Denk'
dir, der Abend wre heute wieder! Du brauchst nur die Augen zu schlieen,
zu lcheln und deine Hand auf meine Hand zu legen. Hrst du nicht den
groen Ahorn rauschen? Siehst du nicht das Veilchenbeet und die
Taxushecken? Hrst du nicht ein feines knisterndes Wiegen? Ein groes
helles Ahornblatt wankt hoch oben vom Zweig und dreht sich leise durch die
warme Luft herab, ganz wie damals, ganz wie damals. --

                   *       *       *       *       *

O Maria! Warum hast du die Augen aufgemacht? Und siehst mich so traurig,
bitter und erschrocken an! Der Traum ist hin.

Und das groe Ahornblatt dreht sich in der Luft und sinkt und fllt, und
liegt auf dem Sims meines Fensters. Es ist welk, ich hr's am Fallen, und
wende das Gesicht zur Seite. Drauen ist Regen, Stille und Mitternacht.

                   *       *       *       *       *


Die zweite Nacht.

Du bist heute schweigsam, meine schne Muse! Komm, spiel mit mir, die Nacht
ist so lang! Was spielen wir?

Meine Muse schweigt, nimmt meinen Arm und steigt mit mir in unser
schneeweies Nachtschlo, die breite frstliche Treppe empor, an den
geduldigen steinernen Lwen vorbei, durch die offenen halbbgigen
Torflgel, ber die schwarzweien Samtfelder der Flurteppiche und die
geschwungene massive Treppe hinan. Sie fhrt mich an den Drachenleuchtern
vorbei in den groen Flgelsaal, wo unser Brunnen zwischen den glnzenden
Porphyrsulen so khl und weltverloren in seine tiefe Bronzemuschel
rauscht. Wir sitzen vor der dunklen tnenden Schale nieder, durch die
offenen Fensterbogen blendet das weie Mondlicht herein und verzittert auf
dem sich kruselnden Wasser in bleichen, zerrinnenden Silberlinien.
Gegenber, jenseits des Brunnens, glnzt auf der gerumigen Dreieckflche
einer schwarzen Pyramide die smaragdene Tafel des Hermes Trismegistus.

Wir htten sie weglassen sollen, sagt meine Muse.

Du hast recht. Sie ngstigt nur.

Und doch haben wir sie in so vielen unvergelichen Mondnchten zusammen
gelesen.

Freilich -- damals.

Damals! Du mut das nicht so tragisch sagen.

Aber doch, -- damals.

Nein! Das macht traurig.

Mchtest du lustig sein?

Man kann es nicht in diesem Saal.

Nicht? Wir waren's doch, es ist nicht lange her.

Er wird mir langweilig. Diese Sulen sind so plump, und immer dieses
Brunnengerusch, und dieser ewige Delphin.

Wir mssen einen andern Saal bauen. Beim Schilfsee, oder ber dem
Platanenwald. Einen roten Saal. --

Rot?

Meinst du nicht?

Nun, also rot. Und dann lassen wir die Wnde mit goldenen Palmenreliefs
schmcken, und dann tanzen wir dort nach einer Mozartmusik Gavotte und
sehen von den hohen Fenstern auf den schwarzen Wald. Und dann werden wir
traurig, kehren in den alten Porphyrsaal zurck und hren dem Brunnen zu.
Eigentlich haben wir das schon jetzt. Wir htten dann zwei Sle, in denen
wir traurig sein knnen.

Dann ist es besser, hier zu bleiben.

Und traurig zu sein.

Was fehlt dir nur?

Ich wei nicht. -- Schenk mir was!

Was du haben willst. Soll ich dir das Salzfa des Cellini schenken?

Das mit dem Neptun? Nein, nein.

Oder einen Garten? Ich wei einen, auf den borromischen Inseln --

Ich wei schon. Was soll er mir?

Oder ich knnte dich malen lassen. Nicht in der Weise, wie dich Rossetti
gemalt hat. In deinem Narzissenkleid, als Flora -- ich wei einen Maler,
einen Franzosen --

Oder Spanier, oder Russen. Nein, nein.

Dann schenk ich dir eine Harfe. Es gibt eine zedernholzene, dreifige, aus
den Schatzkammern des --

Ich will keine Harfe.

Dann -- ja was willst du dann haben? Soll ich dir ein Lied singen?

Ja, wenn du kannst. Ich warte.

Aber ich kann doch nicht ohne dich --

Also, was willst du?

Du bist unersttlich. Was hab ich dir getan?

Frag nicht! Frag nicht!

So will ich dir erzhlen. Willst du?

Von den sieben Prinzessinnen?

Nein. Von einem Garten im Schwarzwald, wo ein kleiner Knabe mit einem
kleinen Mdchen unter den blauen Fliedern sa. Der Knabe hatte das Mdchen
lieb, und als sie beide grer geworden waren, an einem Abend im warmen
Juni, hingen sie mit roten heien Lippen aneinander. --

Weiter! Und dann --?

Dann kam eine fremde schlanke Frau mit dunkelgroen Augen, ganz wie du sie
hast. Die sang so schn und war so fremd und lockend, da der Knabe sein
liebes Nachbarkind verga. Er ging mit der fremden Frau in ein anderes
Land, wo die Sterne grer und die Nchte blauer sind. Sie bauten sich ein
helles Schlo und darin einen Saal mit Porphyrsulen, darin ein ewiger
Brunnen in eine bronzene Muschelschale klang. Dort sitzen sie nun bei dem
Brunnen und sehen den Mond im Wasser verleuchten. Sie haben khle Hnde
ineinander gelegt und reden khle Worte zu einander, und ich glaube, da
jedes von den beiden Heimweh hat. Wenigstens der Knabe, der inzwischen alt
und anders geworden ist. Ich wei, da er an seine Heimat denkt und da
eine verjhrte, knabenhafte Untreue durch sein Leben geht wie ein feiner
Sprung durch klares Glas.

Das ist eine traurige Geschichte. Ist sie zu Ende?

Noch nicht. Und ich glaube, der Schlu wird das traurigste sein. Glaubst du
nicht auch?

Ich wei nicht. Ich wei auch nicht, ob der Knabe die fremde Frau noch
immer liebt.

Man hat keine Nachricht darber. Oder soll ich Ja sagen?

                   *       *       *       *       *


Die dritte Nacht.

Lege deinen blonden Kopf an meine Schulter, meine arme Muse! Ich sehe wohl
auf deiner schnen Stirne diese leisen, schwermtigen Linien, ich sehe wohl
beim Beugen deines Halses diese mde, kranke Bewegung, und ich vermag auch
wohl in dem feinen, feinen Aderspiel deiner klaren, weien Schlfe zu
lesen.

Komm, weine nur! Das ist Herbst, das ist die letzte zitternde Mahnung der
unaufhaltsamen Jugendflucht. Du kannst sie auch in meinen Augen lesen, auch
auf meiner Stirn und auf meinen Hnden steht sie geschrieben, tiefer als
auf deinen, und auch in mir ruft dieses peinigende, schluchzende Wehgefhl:
es ist zu frh, es ist zu frh!

Komm, weine nur! Wir sind noch nicht am Ende, wenn wir noch weinen knnen.
Wir wollen diese Trnen und diese Trauer mit aller eiferschtigen Sorge
unserer Liebe bewachen. Vielleicht steht hinter diesen Trnen unser
Kleinod, unsere Poesie, unser groes Lied, auf das wir warten.

Unsere rosenroten Liebeszeiten sind vorber, aber sie rhren noch mit so
viel zarten Fden an uns -- la ihnen ihr schmerzlich schnes
Vergangensein! Wir wollen ihnen mit Kosenamen und mit Liedern rufen, wir
wollen ihre hellen Erinnerungen wie scheue, geliebte Gste durch Zartheit
und schonende Pflege festhalten. Auch wollen wir nicht mehr davon reden,
wie viele Frhlinge wir uns selber entblttert haben, ich und du; wir
wollen denken: Es hat so kommen mssen, und wir wollen nicht aufhren uns
zu schmcken und zu warten -- auf unser Lied.

Unser Lied! Weit du noch, wie wir von ihm trumten, in jener ersten Zeit
unserer Liebe? Das war im Kloster, in jener prachtvollen Brunnenkapelle, wo
sich der Laut des fallenden Wassers so zart mit der klsterlichen
Schweigsamkeit der gotischen Kreuzgnge verflocht. Weit du noch? Und jene
Abende! Die khlen, mondhellen Abende jenes Sptherbstes, die so weich und
traumverzaubert auf den Dchern des Klosters lagen, und auf dem kahlen
Garten und ber den duftigen, khlen Bergen! Der Wind lief durch die
steinernen Fensterblumen und gewann Klang in den schwarzen Kreuzgewlben,
der Mondschein lief ber die breiten Simse und ber die weien Dielen des
Oratoriums. Und ich erzhlte meinem Freund Wilhelm in der verborgenen
Fensternische von der fernen dunklen Zeit, in welcher die Klster und die
groen Dome aus der Erde wuchsen, und von den Stiftern, Rittern, Bauherren
und bten, deren bildnisgeschmckte Grabsteine drunten im Kreuzgang fremd
und gespenstisch im weien Mondschein lagen. Ich hatte damals mehrere
Freunde, von denen Wilhelm mein Liebling war. Du sahest ihn oft mit mir,
zumal in solchen Mondnchten, und auch die andern: schlanke, begeisterte
Knaben wie ich selbst. Frag nicht, wo sie sind und was aus unserer
Freundschaft geworden ist! Auch jetzt hab ich Freunde, zwei, drei -- von
den damaligen ist keiner mehr darunter. Aber du bist noch da und liebst
mich noch, und bald oder spt, wenn auch die Freunde von heute tot oder
fremd sein werden und kein Mensch mehr von meiner Jugend mit mir plaudern
wird, wirst du noch immer bei mir sein, und mich zuweilen bitten, von den
vergangenen schneren Zeiten zu reden. Dann werden wir auch an heute denken
und dieses traurige Heute wird uns wunderbar fern und lieb erscheinen wie
eine ferne kleine Jugend. Und vielleicht wird dann aus diesem
ferngewordenen, von Erinnerung verklrten Heute unser Lied aufsteigen.
Unser Lied!

Das Lied wre dann ein weiches, duftiges Bild voll Zauber und Seele, aus
dessen dunkeltnigem Grund unsere Gestalten weich wie ein Traum mit
schwebenden Konturen hervortauchten, der schlaflose Dichter mit der in die
heie Hand gesttzten regen Stirn und an seine Schulter gelehnt der schne,
mde Blondkopf seiner knieenden Muse. Und dieses eine, zarte Bild wrde
allein brig bleiben von meinem rastlosen Leben; lang nach meinem Tode noch
wrden sptgeborene Freunde es betrachten und lieben. Der arme Dichter!
wrden sie sagen und doch den armen Dichter um sein einziges unsterbliches
Bild und um seine blonde, unbeschreibliche, knieende Muse beneiden.

Du lchelst wieder? Ksse mich, meine blonde Muse! Ksse mich und verzeih
mir und dir um unseres Liedes willen alle Qual und allen Jugendraub, den
wir aneinander begangen haben!

                   *       *       *       *       *


Die vierte Nacht.

Warum willst du die alte Geschichte wieder hren? Ich hatte sie selbst fast
vergessen und das wre fr mich und fr die Geschichte das beste gewesen.

-- Der verstorbene Dichter Hermann Lauscher lebte noch und wanderte in den
alten Straen der Stadt Bern umher. Es war ein Tag im November, windig und
regendrohend. Der vereinsamte Dichter geno in vollen Zgen die ihm
liebgewordene Stimmung, sich heimatlos am fremden Orte umzutreiben. Die
alten dunkeln Straen mit den festen, burgartigen Husern, vorspringenden
Kellerhlsen und finster traulichen Arkaden reizten in dem kranken
Dichtergemt jene bittere Stimmung aufs hchste, dazu kam die unwirtliche
Rauheit des Tages, so da der arme Heimatlose hrter als je den Zwiespalt
seiner krankhaft reizbaren Seele und an den Erinnerungen seines unsteten,
zerrissenen und fruchtlosen Lebens litt. Wie er mir nachher erzhlte,
spielte seine Phantasie beim Anblick dieser dunkeln, engen Arkaden in
melancholischer Laune mit hundert eingebildeten Mglichkeiten. Er dachte
sich einen lang entbehrten Freund, eine verlorene Geliebte, an deren
Begegnung die wichtigste und seligste Entscheidung seines Glckes hinge, in
derselben Strae wandeln, zehn Schritte von ihm, von den Schatten der
nchsten Arkade verborgen. Ein Augenblick vielleicht, in welchem die nahe
Gestalt sichtbar ward, ja vielleicht herberblickte -- aber eben in diesem
einen Augenblick hat er sich abgewendet und hat mit dieser kleinen,
zuflligen Bewegung Augenblick und Zukunft verscherzt.

Er erschrak, als ich ihn pltzlich auf die Schulter klopfte, und in dieser
Sekunde sah ich in seinen Augen zum erstenmal den flackernden, traurigen
Glanz des Irrsinns zucken. Wir gingen nun zusammen durch die Straen,
erstiegen den Mnsterturm, weideten uns am Anblick der prachtvollen
Gobelins im historischen Museum, aen in einem Wirtshause tief unter der
groen Aarebrcke gebackene Forellen und strandeten nach einer zweiten
Wanderung im Keller des Kornhauses.

Du weit, der arme Lauscher war in jener letzten Zeit seines unglcklichen
Lebens ein starker Weinzecher, und so saen wir bald bei der zweiten und
dritten Flasche. Es war der schumige Neuenburger, den ich schlecht
ertrage, so da ich bald mit schwerem Kopf ihn ganz in seinen launisch
wirren Reden gewhren lie. Er kam auf jene Arkadenphantasie zu sprechen.
Ich lachte ihn aus und rhmte mich, jenen wichtigen Augenblick erfat und
ihn, den ich in Bern gewi nicht zu treffen hoffte, gefunden zu haben. Er
lchelte rauh und sagte: Kein Beweis, mein Guter! Das Unglck trifft man
berall. Aber weit du denn, ob nicht eben in dem Moment, wo du mich so
derb aus meinen Gedanken rissest, ob nicht eben in diesem Moment jemand
hinter uns vorberging, den du seit Jahren suchst und den du in Jahren
nicht wieder treffen wirst? Mir wurde sonderbar zu Mut. An wen denkst du
denn dabei? fragte ich fast schchtern. Er lachte. Ei, sagte er dann,
ich denke an niemand besonders. Es ist ja nur eine Hypothese. Aber es
htte ja zum Beispiel eine gewisse blonde Maria sein knnen.

Ich kann dir nicht sagen, wie bei diesem Namen mein Herz in Grauen und
Liebe den Takt verlor. Woher weit du? fragte ich Lauschern heftig, ich
habe nie einem Menschen von Maria erzhlt und glaubte, ich selbst htte sie
und ihren Namen vergessen. Kennst du sie? Lebt sie noch? Ist sie hier in
Bern?

Lauscher lachte wieder und steckte sich eine neue Zigarre an. Ob sie noch
lebt, sagte er, wei ich nicht. Ich habe sie seit vielen Jahren nicht
wiedergesehen.

Wann war das? fragte ich atemlos.

Hab ich dirs nie erzhlt? sagte er und nahm einen starken Schluck. Sie
war so schn! Sie sa mit mir auf einer grnen Bank im Veilchengarten, die
Nachtigall sang zum erstenmal im Jahr. Wir lasen zusammen in einem groen
Buch --

Halt ein, rief ich totbla, halt ein oder ich bringe dich um! Das war ja
ich, das war ich, der mit Maria auf der grnen Bank sa, und das Buch --

Schrei doch nicht so, sagte Lauscher und schenkte mein Glas voll.

Aber Lauscher, sag mir um Gotteswillen -- flehte ich.

Bibamus! Dein Wohl! lchelte er und stie an. Soll ich weiter erzhlen?
Das Buch enthielt eine schne Jugendgeschichte und war hchst angenehm zu
lesen. Zwischen den Lettern stiegen Maria und ich als kleine arabeskenhafte
Figuren durch allerlei Blumenranken auf und ab.

Maria und ich! rief ich aus.

Nun ja, wie ich sage, fuhr Lauscher fort. Maria aber las unruhig und
zerstreut. Und als die Geschichte anfing traurig zu werden, da schlug sie
eine ganze Handvoll Bltter um und --

Und lief in den Wald, und die Nachtigall sang wieder -- o Lauscher!

Bibamus, sagte Lauscher.

Ich legte den schweren Kopf in beide Hnde und htte am liebsten laut
geschluchzt. Als ich nach einer Weile mich erhob, war Lauscher fort. Mit
schmerzender Stirne und halb berauscht verlie ich den Keller. Es war kurz
vor Lauschers Tod.

                   *       *       *       *       *


Die fnfte Nacht.

Eigentlich waren die Veilchen an allem schuld, die Veilchen und der
Frhling, und ohne sie wre die ganze se Pein mir fremd geblieben, an der
seither mein Leben verblutet.

Jene Veilchen im Garten waren schuld, da in meiner frhlichen Knabenseele
die duftend dunklen Schatten emporstiegen. Ihr Duft war daran schuld, da
die Frhlingsgeschichte in unserm Buche pltzlich so beklommen, traurig und
sehnschtig wurde, da die schne Maria davonlief und da die Nachtigall im
dunkeln Abendlaub so angstvoll s und herzbeklemmend zu singen begann.

O wenn ich diese Nachtigall nie gehrt htte! Dann htten nicht die
liebsten Lieder aufgehrt mich zu erfreuen, dann wre nicht die dunkle
Sehnsucht in mir erwacht. Dann htte ich nicht begonnen, von jenem Glck zu
trumen, das irgendwo hinter dem Leben wie hinter einer verwunschenen Hecke
schlft. Dann wre auch der unselige Traum noch ungetrumt, da das beste,
seligste Stck meines Lebens in jenem Buche ungelesen und unerlebt
geblieben sei. Dann wre ich kein Dichter geworden und die traurig beredte,
zweifelschtige Sprache des Leidens wre mir unbekannt geblieben.

Aber Trume sind keine Schume. Und das Lied unserer Nachtigall mit seiner
letzten, grausam schnen Dissonanz klingt in mir weiter und sehnt sich nach
seiner Lsung. Und es verwandelte sich in meinen Lieblingstraum von jenem
Lied der Lieder, dessen ungesungene, vereinzelt aufdmmernde Takte mir in
Blut und Leben bergegangen sind und mich stndlich mit ihren feinen, noch
ungelsten Dissonanzen peinigen. Ich glaube nicht an jene Dichter, aus
deren Haupte, wie man sagt, die fertigen klingenden Verse wie gepanzerte
Gttinnen hervorspringen. Ich wei, wieviel innerstes Leben und wieviel
rotes Herzblut jeder einzige echte Vers getrunken haben mu, ehe er auf
seinen Fen stehen und wandeln kann. Und das wre noch leicht zu ertragen.
Aber dann jedesmal das spottend grausame Gefhl, da der Vers, so hbsch er
sei, doch wieder nicht die Tiefe erschpft, doch wieder den Keim der alten
Dissonanz in sich trgt und doch wieder nur ein Spiegel des Dichters und
nicht der Spiegel seines glhend schnen, sehnschtigen Traumes ist! Und
doch hat er so tief an unserm Leben sich genhrt und so viel Herzblut
mitgenommen! Ach und dann, wenn man lter wird und seine Grenzen ahnt --
diese Hast, dieses Wechseln von Schonung und Verschwendung, diese immer
enger drckende, furchtbare Angst zu sterben, ehe der getrumte Ton
erklang, zu sterben ohne Erfllung nach einem lebenlangen Warten und
Vorbereiten! Und dazu bei jedem neuen Unterliegen und Zweifeln diese
vorwurfsvolle Stimme der dem Unbewuten entrissenen, gemarterten eigenen
Seele, deren Entblung nur durch das unberechenbare Glcken des groen,
unsterblichen Wortes vershnt und geheiligt wird! Ach, man hat so viel
Schimpfliches von den Dichtern gesagt, aber das Schimpflichste wuten und
wissen sie selber und halten es ngstlich geheim -- sogar vor den eigenen
Augen!

                   *       *       *       *       *


Die sechste Nacht.

Finsternis, Stille, Einsamkeit. Diese furchtbaren Nchte sind endlos fr
das winzige Taktma meiner tickenden Uhr und meines in den heien Schlfen
fiebernden Blutes. An alles Sanfte und Trstende versuche ich zu denken,
ich beschwre alle milden Erinnerungen, alle freundlichen Sterne des
Gedankens und der Poesie, alle besnftigenden Gleichnisse. Es ist umsonst,
und kein Gedanke hlt vor der bedrckenden Gegenwart dieser Stunde stand.
Wenn jetzt selbst meine Mutter sich zu mir setzte und mir alle
Zrtlichkeiten der Liebe und Erinnerung gewhrte -- ich wrde lcheln und
nicht weniger leiden.

O schlaflose Nacht! Alle Krfte und Beziehungen meines Wesens und meines
Lebens an die trbe Oberflche dieser einen Nacht gedrngt zu machtlos
mder Selbstbetrachtung! Hat kein von mir verehrter Gott so viel Mitleid,
hat kein Andenken oder Gebet eines fernen Freundes so viel Leben und keine
meiner liebsten Erinnerungen so viel Wahrheit, den Bann dieses unsglichen
Leidens zu brechen? Alles, was mich jemals freute und ber die Stunde
erhob, hat Blick und Wrme verloren. Meine Gtter sind steinern, und mein
Leben war ein blasser Traum, dessen Bildungen mein inneres Auge nur wie
fremde Schattenbilder berhren.

Liegt jetzt vielleicht einer meiner Freunde in einer fernen Stadt auf
seinem Bette wach und denkt an mich? Ach, er schlft! Und wohin ich meinen
trostbedrftigen Gedanken wende, finde ich nichts. Oder finde doch nur
Mitleidende, andere Dulder, eine blasse mde Gemeinde von Schlaflosen,
deren jeder so wie ich gepeinigt ohne Ruhe liegt, bleich, grougig und
leidend. Ich gre euch, traurige Brder, die ihr fern von mir und fern
voneinander in vielen einsamen und dunkeln Schlafgemchern lieget. Ihr
leidet wie ich, ihr suchet mit groen Augen die unsichtbaren Gestalten der
Finsternis und habt Schmerzen, sobald ihr die starren Lider schlieet.
Denkt ihr an Eure Brder? Denkt ihr an mich? Ach wenn wir alle aneinander
dchten und alle das Gefhl dieser unsichtbaren schweigenden Gemeinde
htten! Ich glaube, wir verstnden uns, unsre feinen, rastlosen Nerven
wren der Mitteilung und Erwiderung fhig. Wir knnten uns ohne Worte ber
viele stille nchtliche Meilen hinweg unser Leben, unsre Leiden und
Hoffnungen erzhlen. Wir knnten vielleicht ber fremde Schicksale weinen
und die eigenen wrden uns im Mitteilen wieder neu und lieb. Wir wrden
Zusammenhnge und Ahnungen, die uns im eigenen Leben emporstiegen, bei
Fremden wiederfinden, der Kreis erweiterte sich und wir shen die Fden,
deren Anfang und Ende wir in Hnden zu halten glaubten, ber Erdteile und
Geschlechter gemeinsam gezogen. An diesen Fden rhrend wie an einzelnen
Saiten einer Riesenharfe wrden wir uns ein gemeinsames klareres Leben
weiterdichten und Schritte in der Erkenntnis des Ewigen tun, die wir allein
nicht tun knnen.

Ich kann euch nicht zurufen, meine Brder. Aber ich will in jeder Nacht
mich euer erinnern und euch mit dem Gru des Mitleidenden gren.

Indes ich dieses denke, berhrt mich eine sanfte Hand. Meine Muse! O wie
ich Heimweh nach ihr hatte! Und sie wartete nur, bis in meiner
alleingelassenen Seele ein Gedanke der Gte aufstiege!

Die Nacht wird weicher, linder und freundlicher, die Sterne glnzen zarter,
und vor meiner Seele beginnt ein bekanntes Bild sich aus der Dunkelheit zu
lsen. Ich kenne dich! Das ist der Park, das ist die halbrunde Trumerbank,
das ist der Morgenduft jener Stunde, in der ich mein erstes Lied gedichtet
habe! Mein erstes Lied! Eine junge frhlinghafte Blutbuche stand darber
und hllte mich in ihre goldig roten Schatten. O jene se, von Dichtung
und Liebe schchtern berhrte Stunde! Ich danke dir, meine Muse!

                   *       *       *       *       *


Die siebente Nacht.

Frag nicht so viel! Von der Blutbuchenbank im Park von B . . . soll ich dir
erzhlen? Und von der toten Elise? Und wieder von Maria, und von den andern
-- lauter Liebesgeschichten?

Es sind so viele! Frauen, die mich liebten, und andere Frauen, schnere,
wunderbarere, geliebtere, die mich nicht liebten. Ich wei nicht, welche
mich mehr geqult haben. Jene drei Sterne erster Gre, die so hell und
schwrmerisch am Himmel meiner Jugend und meiner Dichtung stehen: Maria,
Elise, Lilia -- die haben mich nicht geliebt. Von allen dreien aber litt
ich nicht solche Qual wie von der Einen, wilden Eleonor, und diese liebte
mich. Eleonor! Schon der Name! Frstlich, schn, khl, bermtig, s und
feindselig zugleich. Ach, ich werde einmal von ihr singen --: Abend,
Sptsommer, tiefsammetblau, Sterne fallen aus der warmen Hhe. Wir beide in
der Sptrosenlaube, ich und Eleonor, selig elend, eins des andern innersten
Mangel kennend. Eleonor! Vorwissend spielten wir unsre Liebe zu Ende,
tragisch hohen Stils, mit groen Gebrden und in jedem Blick schon
unverhllt der Anfang vom Ende! Und nahmen Abschied in einer
wetterleuchtenden Sptsommernacht zwischen letzten falben Rosen und rotem
Weinlaub, lachend-leidend, und gossen die herbe Hefe der Leidenschaft aus
zerspringenden Glsern in die Nacht.

Ich will nicht mehr davon erzhlen. Es ist seit jener Nacht, da ich vom
Leben wei, da es ist wie die Bewegung eines Schlfers, wie das Aufstehen
einer kleinen Woge, wie das Lallen eines Halbwachen, und da es kaum wert
ist, gelebt zu werden. -- La mich lieber von jenen andern Frauen reden!
Sie liebten mich nicht, sie hatten fr mich nur jenes Mitleid, das in
groen gtigen Frauenaugen so unertrglich schn und grausam aussieht. Und
Eine davon verstand auch die Schnheit meiner Liebe und begriff, da sie
nicht mit Umarmungen zu stillen wre.

Dichterliebe! Du weit, die Menschen achten sie nicht hoch, so wenig als
den Schmerz oder die Schnheit eines Liedes -- es ist ja nur ein Lied! Da
einer liebt und vom ersten Tag seiner Liebe an auf den Genu dieser Liebe
verzichtet und sie, ihm selbst unerreichbar, bekrnzt zu Sehnsucht und
Traum in den Kreis der Sterne erhebt -- wie sollten sie es auch verstehen?
Sie wissen ja nicht, was Leben ist. Sie steigen wie kleine Wellen aus dem
Flu der Zeit, und fallen zurck, und haben nie gewnscht, ihr Dasein mit
irgend einem Faden an die Ewigkeit zu knpfen. Sie wissen nicht, da jeder
Dichter sein Leben lang, oft halbbewut, an den unsinnlich schnen Zgen
einer Beatrice dichtet. Heraufgesplt und rasch stromab getrieben vom
trben Flu der Tage, schiffbrchig schwimmend zwischen Geburt und Tod --
wo sollten wir mit unsern sehnschtigen Blicken das in uns gespiegelte Bild
des Ewigen suchen, wenn nicht in den Sternen? Von ihnen wissen wir, da es
dieselben sind, an denen schon in heimatlos durchirrten Nchten das kluge,
traurige Auge des Dulders Odysseus hing.

O meine Muse, la nicht die schnen Augen so mitleidig auf mir ruhen!
Siehst du, wie hinter dieser wachen, blassen Stirn ein unbegriffenes
krperloses Leben in fruchtlos aufzuckenden Flammen verlodert? Siehst du
schon die Nacht, in der ich so wie jetzt vor dir liegen werde, nur blasser,
ruhiger; die Nacht, in der die letzten verzweifelten Flammen hinter dieser
Stirn verglht sein werden?

Doch nein! Daran denkst du nicht. Ich verstehe dich nun. Dein Blick verrt
mir: du weit, da du meine letzte Liebe bist. Da du Maria, Elise, Lilia
und Eleonor hieest. Da du Beatrice bist! Ich wute es lngst und brauchte
es nicht aus der florentinischen Schlankheit deiner Glieder, aus deinen
dantesken Zgen zu lesen. Vor deiner sen Nhe zitterte mein Knabenherz
unter der Blutbuche, und es waren deine Augen, aus denen ich in jener
schwlen Sptsommernacht so viel Liebe und Elend las.

Und dein Blick verrt mir: du weit, da ich dein eigen bin und da du mir
den Fu auf den Nacken setzen darfst. Das ist der Mitleidblick im Auge
jener Frauen, vor denen eine edelgeborene Mannheit auf Knien liegt, jenes
halbe Herneigen, jene Lust einen Sklaven zu haben -- und dahinter die
spttisch traurige Frage: Ist das Alles? Ist das die Liebe?

Wende diesen Blick von mir! Ich ertrage ihn nicht, mit seiner verborgenen
Frage, mit seiner traurigen Grausamkeit. O wie knnte ich dir mit Vorwrfen
antworten! Aber ich kenne dich. Du hrst mich an, du lchelst, nickst
sogar, wenn ich dich der Bitterkeit und des Bruches erinnere, die durch
dich in mein Leben gekommen sind. Du hrst mich an, du lchelst, du nickst
sogar und fragst zuletzt: Soll ich fortgehen?

Du weit: Er sagt nicht Ja.

                   *       *       *       *       *


Die achte Nacht.

Auch heute wieder! Dieses leise Sieden des Blutes, dieses Knistern hinter
den Tapeten, diese langen Atemzge des Windes! Eine Sekunde, eine Minute,
noch eine, wieder eine, und so rinnt ein Tropfen des kurzen, kurzen Lebens
um den andern fremd und unaufhaltsam an mir vorbei. Wieviele Stunden sind
mir so unter den fiebernden Hnden zerronnen? Vielleicht tausend,
vielleicht zehntausend! Sie sind hin, sie haben kein Leid noch Glck mehr
zu verschenken, sie sind ungelebt und doch abgezogen von dem mir
Bestimmten.

Und dann werde ich wei und schweigend liegen! Und unter geschmacklosen
Frmlichkeiten in einem Holzkasten in die schmale feuchte Grube gelegt
werden! Bekannte werden hinterher gehen, von Tagesgeschichten plaudernd.
Ein Prediger wird vielleicht am Grabe in der entsetzlichen Sprache Jehovas
die Lehre von Zeit und Ewigkeit verkndigen. Am Grabe eines Dichters!

Ja, lache nur, schne Muse! Ich wei, du wirst hinter dem Prediger stehen
und deine sen ironischen Staunaugen machen. Du bist ja schon an so vielen
Grbern gestanden. Und wie du aufhorchen wirst, wenn er von meiner
unsterblichen Seele redet! Diese Seele ist ja du, oder ist doch ein Teil,
ein Zug von dir. Sie lebt und ist ewig in einer deiner Geberden, in einer
Art zu lcheln, in einer besonderen Biegung deiner Stimme, in einer Nuance
deines Lockenfalls. Wieviele tote und vergessene Dichter haben an dir
gedichtet, bis du zu mir kamst, bis du so gliederschn, schlank und biegsam
wurdest! Und nun bist du mein! Wenn auch kein Wort noch Reim von mir mich
berdauert, einen Zug von mir wirst du Unsterbliche doch weitertragen. Und
den werden meine Nachfolger, die meinen Namen nicht kennen, ehren und
verstehen. In dem unsterblichen Werke, das einer von ihnen vollenden wird,
wird irgendwo, sei's nur in einem Wort, einem Ton, einem kleinen zarten
Zug, mein Leben verewigt sein. Eine kleine Stelle doch wird dich in den
besonderen Zgen malen, die du mir verdankst. Eine kleine Schnheit doch
wird in dem unsterblichen Werke sein, die ohne mich nicht wre mglich
gewesen, und der unerlste Nachklang meines Lebens wird als willkommener
Ton in eine Harmonie der Ewigkeit sich fgen. Ewigkeit! Was ist dann noch
Tod, Grab und Prediger? Unbequeme Zuflle, wie tausend im Leben sind.

Und so arbeite ich bewut an meinem Werk, an dem Vlker, Erde und Gestirne
unbewut mitschaffen. Was sind Jahrtausende? Eine Spanne Zeit, Staub im
Vergleich mit einem einzigen Blick des Ewigen. Jene schne junge Nausikaa,
die vor unendlichen Zeiten am Meere wandelte, ward von einem solchen Blick
getroffen und ist heute so schn, jung und lebendig wie an jenem seit
Jahrtausenden vergangenen Tage.

Du lchelst wieder? Meine schne Muse, du bist ein Weib. Ihr Frauen stehet
dem Ewigen so nah, da ihr unser Hndeausstrecken und Hinbersehnen nicht
verstehet. Und was ihr nicht verstehet, darber lachet ihr. Wie komisch!
-- so knnt ihr ausrufen, wenn eines Andern Zge von Leiden entstellt sind,
die ihr nicht kennt. Dir zuliebe werde ich einmal versuchen mssen elegant
zu sterben!

Ich beneide dich, meine Muse! Ach, fr dich ist mein ganzes Leben eine
Episode, eine Herbstgeschichte, eine unruhige, kranke Nacht! Nachher wirst
du wieder lachen und blhen, als wre nichts gewesen, nichts als ein
nervser, unangenehmer Augenblick. Nachher -- das heit: wenn ich tot
sein werde. Ein unangenehmer Augenblick -- das heit: mein Leben vom
ersten bis zum letzten Lallen, mit der ganzen Welt von Jauchzen und
Verzweifeln. Es wird ja nicht ins Leere fallen, aber was ist dieser
Schimmer von Ewigkeit? Was sind selbst die grten Toten: der groe
Alexander, der groe Tizian, der groe Napoleon? Einem Hungernden ist ein
Bissen Brot wichtiger als der groe Alexander. Und wer hungert nicht? Wer
ist nicht von tausend elenden Bedrfnischen umgeben, deren jedes ihm
wichtiger ist als der groe Alexander? Wieviel von meiner Unsterblichkeit
wrde ich geben, wenn ich jetzt schlafen knnte, wenn ich das leise, infame
Fiebern der unflggen Gedanken hinter meiner Stirn und den schmerzenden
Augen zur Ruhe bringen knnte? Ein Viertel, die halbe, die ganze!

O wie du mich ansiehst! Wie du mich leiden siehst! Und alles um ein Weib,
und alles um dich! Und jeder schwere Herzschlag in meiner Brust, und jedes
schmerzliche Zittern meiner Lider, und jedes bedrckte heisere Atemholen
meines Mundes ist ein Tropfen Leben fr dich, ein Meielfhren, ein
Pinselzug an deinem Bilde.

Ermahne mich nicht! La mich nicht denken, wie es wre, das alles zu leiden
nicht fr dich, ohne dich, fr Nichts! Lies mir ein Mrchen vor! Sag mir,
da du mich liebst, da die Ewigkeit an meinem Lager sitzt und mit mir
leidet.

Wie deine Hand zu streicheln versteht! Ich fhle dabei die ganze Geschichte
dieser Hand, die ganze adlige Kultur ihrer Form und Geste, an der schon die
Maler des frhen Florenz gearbeitet haben, die auf so viel
lorbeerbekrnzten, ungengsamen, scharfgefalteten Knstlerstirnen ruhte. Wo
ist ein Frst, dessen uradlig geborene Geliebte solche Hnde hat? Und auch
in meiner Hand und auf meiner Stirn ruht deine Rechte nicht vergebens, auch
von mir geht der leise Strom eines eigenartigen und feinen Lebens in sie
ber. Sie wird, wenn niemand mehr von mir wei, auf andern Stirnen liegen,
andere Schultern berhren, und in ihrer Berhrung wird mit allen tausend
andern auch meine Schnheit, Krankheit und Kunst verewigt und ttig sein.

Und diese Kultur, dieser unsichtbare, leise, ununterbrochene Strom bewuten
Lebens, in welchem Dante und Donatello nur schne Windungen sind -- das ist
die Ewigkeit. Das ist die Ewigkeit! Das bist du, meine schne Muse!




Tagebuch 1900.


Basel, 7. April 1900.

Abends. Ein dunkler, khler Tag. Ich lege Tolstois Auferstehung aus der
Hand. Ich hatte geschworen, sie nicht zu lesen, aber alle Welt war voll
davon, ich mute darein beien, und nun ist es hinter mir. Zwar etwas von
der trostlos traurigen, rohen, schrecklichen Luft dieses Russen drckt mich
noch -- es ist krperlich ungesund, solche Sachen zu lesen. Mit Tolstoi
geht es mir genau wie mit Zola, mit Ibsen, mit Robert, mit Uhde, mit Hebbel
und zwanzig andern Gren -- sehe ich sie, so mu ich den Hut abnehmen,
wohler aber ist mir, wenn ich sie nicht sehe. Tolstoi ist von einer
imponierenden seelischen Gre, er hat einmal die Stimme der Wahrheit
gehrt und folgt ihr nun wie ein Hund und wie ein Mrtyrer, durch dick und
dnn, durch Schmutz und Blut. Was ihn so hlich macht, ist eben das
Russische an ihm, dessen Schwere, Dsterkeit, Mangel an Kultur, Mangel an
Freude sogar den zarten Turgenjew ungeniebar macht. Die Heiligen Martin
und Franziskus haben dieselbe Lehre wie Tolstoi gepredigt, aber bei ihnen
ist Person und Lehre ebenso hell, elastisch und erfreuend wie bei Tolstoi
dunkel, sprde und niederdrckend. Vielleicht, ich will nicht leugnen,
kommt von dorther die Erneuerung der Welt; aber ehe aus diesen herben,
frischen, rohen Keimen Kunst werden kann, mssen sie noch hundert Jahre und
lnger reifen.

Mir trumte einmal, ich wre mitten in einer groen, sonderbar schweigsamen
Gesellschaft. Ein starker Mann in einem zu weiten Frack trat mich pltzlich
ernst, streng und herrisch an und fragte mit rauher Stimme: Glaubst du an
Christus? Whrend ich mich besann, was ich antworten sollte, sah ich sein
glhendes Auge und seine groben, herausfordernden Zge so unangenehm nahe,
da das Gefhl der Beleidigung sich mir aufdrngte; ich mute ein eisiges,
verchtliches Nein sagen, lediglich um diesen aufdringlichen Blick und die
ganze unerwnschte Gegenwart des groben Fragers abzuweisen.

In dieser Weise fragt Tolstoi. Seine Stimme hat nicht nur die zitternde
Glut des Fanatikers, sondern auch den peinlich rohen Gurgelton des
stlichen Barbaren.

Ich habe Sehnsucht danach, mich am nchsten warmen Tage in den hellen
Frhlingswald zu legen und dort ein paar Seiten Goethe zu lesen.

Basel, 11. April 1900.

Glaubst du an Christus?

Es war gestern, auf Riehenhof, in der kleinen Halle gegen Abend; ich war
zwei Tage bei Doktor Nagels zu Gast. Die freundliche Wirtin sa mit mir in
herzlichem Gesprch in der zarten Abendglut, es war eine ungerufene
glckliche Stunde; unsre Fragen rhrten an alles Wichtige, Ernste,
Beglckende, an den Tod, an die Sterne, an das Wunder. Auf die letzten
Fragen gab kein Wort mehr Antwort, ein freundschaftlich vertrauendes
Schweigen, ein Kopfnicken, ein Blick in die Rte des Himmels, ein stummes
Deuten auf die sammetblauen Vogesen und den klaren, dunkelgrnen
Schwarzwald --, und vor dem Schlafengehen lasen wir den dritten der Hymnen
des Novalis.

Auf dem Kanapee im groen Gesellschaftszimmer auf Riehenhof stand ein fast
vollendetes Bild von Fritz Burger: die Bachwiese mit reichem Obstblust. Bei
solchen entstehenden oder eben entstandenen Kunstwerken empfinde ich immer
Schmerz, Erhebung und Neid zugleich, denn ich stehe ja, mitten in Tag und
Kram, ferner als je von meinem Werk, nach dem ich doch tglich lsterner
und sehnschtiger werde.

Basel, 15. April 1900.

Diese warmen, grnen Abende auf Riehenhof! Seit Monaten hatte sich mir
keine Zeile gereimt, und jetzt -- es quillt so weich und ohne Ende, Verse,
Verse! Es ist ganz wie es in schnen Anthologien steht: Frhling, junges
Grn und Amselgesang, und dem Dichter verhngt ein selig goldener Nebel die
Welt. Ich liege im Rasen, ich wandere durch die Wiesen, ich lehne im
Halbdunkel abends im Zimmer, ich gehe zum Wein, und meine Lippen sind hei
und rot von lauter Reimen. Kein Inhalt, kein Gedanke, nur Musik von
schlanken, lachenden Worten, nur Takt, nur Reim. Ich wei dabei wohl, da
diese Verse, wenn noch so gut, noch nicht einmal Lyrik sind, und wei, da
ich schon bald an heute und gestern als an etwas Unbegreifliches, Schnes,
Vergangenes denken werde, mit Schmerz und Ironie. Auch ist mir, ein Dichter
htte das, was ich eben denke, schon mit sehr schnen Versen zu Tode
gesungen, und wenn ich mich besinne, so ist es der unangenehme Freund Heine
und sind es die Zeilen:

   Sag nicht, da du mich liebst,
   Ich wei, das Schnste auf Erden,
   Der Frhling und die Liebe,
   Es mu zu schanden werden.

Der Frhling und die Liebe. Liebe? Ich wei nicht. Es ist nur ein Name, und
bei mir ist die Liebe eben dieser weich zerflieende Lyrismus, der mich als
besondere Form des Sentimentalen jeweils befllt und eben so s als
schwchend ist. Oder soll ich dabei an Elisabeth denken? Ist das denn
Liebe, da ich manchmal Lust habe ihr mehr zu sagen, als man sonst Mdchen
sagt? Da es mich zuweilen traurig macht, wenn ich mir vorstelle, ich mache
ihr Gestndnisse und fhre mit Schande von dannen? Mte ich nicht den
unsichern Grund meines ganzen jetzigen Lebens antasten, einen steinernen
Grund legen und von da aus mit der roten Fahne der Leidenschaft, mit
Strmen und Opfern nach ihr jagen? Wenn ich mich jener ernstlichen,
brennenden Leidenschaft erinnere, mit der ich noch als halber Knabe der
ersten Frauenliebe verfiel, an jene Entzckungen, an jene durchweinten
Nchte, an jene im Fieber entworfenen, von pltzlichen Selbstmordgedanken
gekreuzten, dennoch selig frechen Lebensplne, an jene Wut, den Namen Elise
viele hundert Mal im Bette zu flstern, im Garten zu singen, im Walde laut
zu schreien -- wenn ich an das alles denke, so mu ich traurig lachen und
kann dieses zarte Hinberneigen nicht Liebe nennen. Eine Stimmung, ein in
Dmmerung angeschlagener Moll-Akkord, ein scheuer Anfang eines unsicher
elegischen Gedichtes -- und schlielich eben dennoch seit Jahren die
einzige, wenn noch so leise Erregung, bei der mir der Name Liebe einfiel.
Der lodernde Rausch von damals, durch viel Philosophie, viel sthetik, viel
Kunst und viel Ironie jahrelang ins Blassere, Flchtigere nuanciert, ists
doch vielleicht. Aber ich trume doch zuweilen von jener alten Liebe so rot
und feuerfarben, habe Sehnsucht nach einer Leidenschaft, die gellend und
bacchantisch sich aus bermut und Ungengen zum Verhngnis wbe. Ist dieser
Traum und diese Sehnsucht alles, was ich vermag, ist es der Nachklang der
alten Liebe oder Ahnung einer kommenden, noch mglichen? Und steigt dieser
Traum rein aus dem unbewuten Leben, aus Instinkt und verlorener
Erinnerung, oder hat er seine Farben von Bcklin und seinen groen,
dmonischen Takt von Chopin und Wagner?

Ich glaube, da kein anderer Mensch ber die Grnde seines inneren Lebens
und ber die wahren Ursachen seines Begehrens und Ungengens so durchaus im
Dunkeln ist und immer tiefere Finsternis findet, wie eben der, der seine
flchtigsten Regungen beobachtet und dem Entstehen jeder Reizung nachsprt.
Als ob dadurch sich das verscheuchte Unbewute nur enger konzentrierte und
sich, ngstlich geworden, vollends jedem vorsichtigsten Blick entzge.

Axenstein, 3. Mai 1900.

Hier darf man nicht schreiben. Mir ists wie eine Ahnung von Gesundwerden.

Basel, 13. Mai 1900.

Der See wirkt noch leise nach. Seine Schnheit ist unerschpflich und ist
jetzt, da alle Berge noch tiefen Schnee haben, noch frischer und reiner. So
oft ich ihn schon besuchte, er ist immer wieder neu, voll Trost und
Reichtum. Jedesmal, wenn ich in Luzern an den Quai trete, beginnt seine
Wirkung und ist jedesmal verstrkt oder verndert. Ich meine nicht die
schnen Matten, nicht den Pilatus, die Wlder oder den Rigi, den
langweiligsten aller Berge, -- was mein Auge so begeistert, ist einzig die
Schnheit dieses klaren Wassers, das vom Blauschwarz bers Grn und Grau
bis zum silbernsten Silber jeder Farbe und Nuance fhig ist. Bald hat das
Wasser ein metallen schweres Grau, bald bei schwachem Wellenschlag ein
khles Hellgrn, bald ist l auf dem See, wie die Maler verzweifelnd
sagen. Dies ist das Schnste, diese Flecken von verschiedenster Farbe, oft
mit scharfem Kontur begrenzt, oft in den verfeinertsten bergngen
aufgelst, darauf tiefblau die Wolkenschatten und silbern oder bleiern, je
nach der Sonne, die Schneespiegel. Aus groer Hhe verliert der See fast
allen Reiz, am schnsten ist er vom Boot aus oder, wenn viel Sonne ist, von
Morschach oder Seelisberg.

Ich sah neulich dort ein khles, helles Blaugrn, ganz wie am Himmel das
Sptblau nach dem Abendrot, aber nicht goldig, sondern silbern getnt, --
diese unbeschreibliche Farbe und ihr bergang zum vlligen Mattsilber
gewhrte mir eine ganz berschwngliche Lust, ein Gefhl der Befreiung vom
Gesetz der Schwere, ein Gefhl der Auflsung, als lge meine Seele khl und
ohne von mir zu wissen auf dem schweigenden Seebusen ausgebreitet, ganz
ther, ganz Farbe, ganz Schnheit. Nur uerst selten hat mich ein Eindruck
knstlerischer, poetischer oder philosophischer Art in diese Hhe und Ruhe
versetzt. Das war nicht mehr die Freude am schnen Bild, die freundliche
Selbsttuschung, welche man sich vor guten Kunstwerken gestattet -- im
Anblick dieser Farbe geno ich fr Augenblicke den Triumph der reinen
Schnheit ber alle Regungen des bewuten und unbewuten Lebens. Hatte ich
nicht doch zuweilen an meinem Stern gezweifelt und war geneigt, einigen
landlufigen Angriffen gegen die sthetische Weltanschauung Recht zu
geben? Ich wei nun, da meine Religion kein Aberglaube ist, da es sich
lohnt, alle krperlichen und geistigen Dinge nur in ihren Beziehungen zur
Schnheit zu betrachten und da diese Religion Erhebungen schenken kann,
die an Reinheit und Seligkeit denen der Mrtyrer und Heiligen nicht
nachstehen. Da sie zugleich nicht mindere Opfer verlangt und nicht
geringere Qualen und Zweifel und Kmpfe bringt, wute ich lngst. Der
Schnheit gegenber ist in uns dieselbe Erbsnde, dasselbe Fallen und
Wiederaufstehen, dasselbe mit Beseligungen abwechselnde Elendgefhl, wie im
Leben des Christen. berhaupt sind diese wahrhaftig Frommen fr uns
stheten die einzigen wrdigen Feinde, denn sie allein kennen ebenso tief
wie wir die Abgrnde des tglichen Lebens, das Leiden unter der Gemeinheit,
das auf Knien Liegen vor dem Ideal, die Ehrfurcht vor der Wahrheit und die
schonungslose Konsequenz des Glaubens. Seit dem Untergang der von uns immer
nur hchstens annhernd verstandenen Antike sind immer nur diese beiden
Wege ber das Gemeine hinausgegangen, denn nach meinem Gefhl lieen sich
die Wege der stheten und der Christen durchaus auch in der Geschichte der
Philosophie verfolgen. Jedenfalls fhrt auch der Weg des Denkers, sobald er
irgend eine Stellung zum Ewigen bewahrt, durch dieselben Opfer und Leiden,
durch schmerzhaftes Berhren einer immer offenen Wunde, durch Weltentsagung
in irgend einem Sinn, durch niedergezwungenen Ekel und durch die
Finsternisse des Zweifels am Ideal. Ist es der Philosoph, der
Schnheitsucher oder der Christ, zu dessen Ideal die immer gleiche Welt
im peinlicheren Kontraste steht? Alle drei jedenfalls leiden und alle drei
verschmhen die Kompromisse, also das von Fall zu Fall, und den Humor.
Oder gibt es wirklich einen Humor, vom gemeinen Witz abgesehen, dessen
letzter Grund nicht eine Schwachheit, ein Schwindeln und Zurcktreten vor
der schmerzlichen Konsequenz des Idealisten ist? Sprt man die Grenze nicht
in jedem witzigen Gesprch, wenn ein Mitredender noch so geistreich beginnt
an Dinge zu rhren, deren Wesen Wrde ist und deren Mithereinziehen in den
Kreis des Witzes auch dem Grbsten zuweilen ans Gewissen greift? Wie kann
man Mitspieler in einem Lustspiel sein wollen, da man doch wei, da der
Witz der Komdie auf der Erbrmlichkeit der Personen beruht? Jedoch liegt
fr den toleranten Idealisten ein hchster komischer Reiz eben im
Untersinken eines Helden zum Gemeinen. Es gehrt zu den Opfern, die wir dem
Ideal schuldig sind, auch diesen beraus verfhrerischen Reiz zu tten. Die
schwrmerischen Verliebten, die nach erfolgter Aufklrung ber die geringe
Mitgift so komisch Halt machen, die Helden, die auf dem Weg zu etwas Edlem
im Augenblick des krperlichen Ermattens ihr Ideal fr eine Mahlzeit
verkaufen, diese und alle hnlichen Lustspielfiguren haben unter ihren
applaudierenden Zuschauern immer eine Menge von Brdern, fr welche der
heftigste Reiz des Spiels im halberwachenden Gewissen liegt. Manche von
diesen htten vielleicht fr Augenblicke Lust zur Entrstung, da aber der
Mut fehlt und da sie schon hundertmal an derselben Klippe gestrandet sind,
applaudieren sie dem Helden und ahmen ihn nach, indem sie ihr Ideal fr das
Vergngen zu lachen verkaufen. Ich kenne wenige, denen es gelingt, und mir
selbst gelingt es selten, auch ein solches Spiel, falls dieses es verdient,
rein als Kunstuerung und ohne Bezug zur stofflichen Komik zu genieen.
Die wenigen Lustspiele solcher Art, welche ich besuche, machen mich
meistens nur rgerlich oder traurig, je nach der knstlerischen Qualitt.

Basel, 19. Mai 1900.

Elisabeth. Ich traf sie im Garten. Sie trug eine neue Sommertoilette, sehr
einfach, matt hellblau. Sie sa auf der Schaukel und wiegte sich wie ein
schner Vogel, der wei, wie schn er ist. Und dann kam Frau Doktor, und es
wurde dunkel, man trank Tee und Eiswasser, Sterne kamen herauf. Ich
begleitete sie nach Hause und fhlte, da ich heute abend langweilig war.
Ich erzhlte sogar von einem Roman, den ich schreiben wolle und den ich ihr
zu dedizieren versprach.

Jetzt scheinen mir die Sterne ins Zimmer. Etwas von der ehemaligen sen
Trauer klingt in mir an, eine Melodie von Chopin, aus der G-Moll-Ballade,
fllt mir ein.

Basel, 23. Mai 1900.

Ironie! Wir sprachen den ganzen Abend davon. Natrlich schreib ich wieder
nachts, ein Uhr. Ironie? Wir haben wenig davon. Und doch, sonderbar, lstet
mich oft nach ihr. Meine ganze schwerbltige Art aufzulsen und als
schmucke Seifenblase ins Blaue zu blasen. Alles zur Oberflche machen,
alles Ungesagte mit raffinierter Bewutheit sich selber als entdecktes
Mysterium servieren! Ich wei wohl, das ist Romantik. Das ist Fichte in
Schlegel, Schlegel in Tieck und Tieck ins Moderne bersetzt. Warum nicht?
Tieck ist unerreicht, auch von Heine unerreicht, und mte eigentlich mit
seiner unplastischen, musikalischen Grazie mein Liebling sein.

Basel, 30. Mai 1900.

Schopenhauer. Ich habe oft das Gefhl, er mime und habe nicht recht, ohne
da ich doch etwas besseres wte. Oder doch, ich wei etwas besseres, aber
es ist zu schwer und unversucht zum Sagen.

Basel, 6. Juni 1900.

Meine Mrchennovelle ist fertig. Man lobt sie, zuweilen mit Verstndnis.
Mir gengt sie wieder nicht, so sehr die Lust beim Schreiben wuchs. Den
Csarius hab ich zu Ende. In den Kapiteln de tentationibus (?) speziell de
tentatione dormiendi (?) einige kleine reizende Stoffe. Meine Sammlung
Romantica um zwei gute Stcke vermehrt, die Minnelieder von 1803 und der
erste Sternbald, erstere beraus kstlich. Hoffmann tritt mir als
romantischer Erzhler immer mehr an die erste Stelle, Tieck versagt doch
fters, auch in den Mrchen, Novalis ist nicht fertig geworden und Brentano
ist doch zu bewut formlos. brigens ist der Godwi ein geniales Buch,
oberflchlicher, aber unendlich reizender als der Lovell. Den Ofterdingen
abgerechnet, der nicht mehr Literatur ist, schtze ich doch eigentlich die
Brambilla am hchsten. Technisch betrachtet ist das meiste Seitherige
minderwertig, auch Keller hat nur wenige Mal einen Stoff so von innen
erleuchtet und so ganz zu Kunst gemacht. Wieviel Romantik brigens in
Kellers Technik noch steckt, ist auffallend.

Vitznau, 4. September 1900.

In den Uffizien von Florenz knnte ich nicht so fleiig, selig und
eiferschtig der Schnheit nachgehen wie auf diesem herrlichen Stck
Wasser.

September. Vormittagsnebel; selten ein Regentag. Heie Mittagsstunden,
khle Nchte bei zunehmendem Mond. Noch nirgends sieht man ein welkes
Blatt, das Laub ist sptsommergrn und bekommt schon berall den
Metallglanz des Septembers; pfel, Pfirsiche und Feigen fallen von den
berladenen Bumen. Die Abende sind ohne Ausnahme hell, farbig und
leuchtend.

Vitznau, 5. September 1900.

O wenn ich jetzt die naive Genusucht meiner frheren Jahre wieder htte,
wenn noch mein Herz wie frher des berauschten schwelgerischen Schlagens
fhig wre!

Aber trotzdem -- ich feiere tglich einen Kranz von Festen. Der See
entschleiert sich allmhlich meinem fleiigen Auge und hlt mich nun
fortwhrend in einem Kreis von Lockungen, Reizen und berraschungen
gefangen. Zuweilen hlt er an sich, lt mich warten und wirft mich dann
unversehens hndevoll mit Kostbarkeiten, da mir die Augen flimmern. Die
wesentlichen Farbenwechsel der einzelnen Buchten, Himmelsrichtungen und
Tageszeiten habe ich wohl erfat, aber was ist dieses Gerippe gegen das
berstrmend freudige Leben, das sich ohne Ziel und Norm von Augenblick zu
Augenblick in unglaublicher ppigkeit verblutet und erneuert!

Ich verbringe alle Stunden des Tages damit, dem See seine Farbenspiele und
Geheimnisse abzusphen. Nachdem ich in den ersten Tagen die Uferwege
unzhligemal hin und her gestrichen, bringe ich nun ziemlich meine ganze
Zeit auf dem Wasser selbst zu. Zuweilen versuche ich es noch mit dem Blick
von oben her, ohne groe Entdeckungen. Von der Hhe der Hammetschwand ist
das Wasser fr mein Auge eben noch zu genieen, darber hinaus schwindet
Glanz und Farbe von Meter zu Meter, und von Rigikulm aus ist der See stumpf
und beinahe grau anzusehen. In geringerer Hhe gewhrt er noch einige feine
Reize, namentlich durch Wald hindurch betrachtet, wobei Buchen-, Kastanien-
und Eichenlaub zuweilen kstliche Nuancen gewhren.

Doch wozu diese rmeren und entlegeneren Blicke suchen und Zeit und Sonne
daran vergeuden? Statt dessen kreuze ich den ganzen Tag im Boot auf der
Flche und in den Buchten umher. Ein leichtes Kielboot, fr die Ruhepausen
eine Zigarre und ein Band Plato, sowie Rute und Angelzeug, das ist meine
Ausrstung.

Ob der Tag noch kommen wird, an dem ich in Worten diese Flut von bunten
Seligkeiten und farbig erregten Momenten werde zu Ende dichten knnen?
Diese Lockungen, Lsternheiten, Begierden, diese pltzlichen
Befriedigungen, Ekstasen und Blendungen? Heute kann ich nur stammeln und
prosaisch notieren. Vielleicht wird es dabei bleiben, vielleicht ist es
berhaupt der Sprache nicht mglich, dem individuell forschenden und
genieenden Auge auch nur bis ber die ersten grberen Nuancen weg zu
folgen. Auch die Maler mssen ja schon bei den scheinbar simpelsten
Mischungen sich dem Instinkt berlassen und problematische eigene Wege
gehen. -- Kann man sich einen sprachlichen Pointillisten denken? Und doch
-- was ist Blaugrn? Was ist Perlblau? Wie lt sich das leise berwiegen
etwa des Gelb, des Kobaltblau, des Violett aussprechen? -- und doch liegt
in diesem leisen berwiegen das ganze se Geheimnis einer Stimmung, einer
beglckenden Kombination beschlossen.

Vitznau, 6. September 1900.

Das ist mein Fluch und Glck, da ich keine Schnheit grob und froh
genieen kann, da ich sie auflsen, durchdringen, in Einheiten zerlegen
und ber die Mglichkeit ihres Wiederaufbauens auf knstlerischem Wege
nachdenken mu. Nur zuweilen kommt das alte schwere Wesen, das ich so
konsequent von mir abstreifte, fr Augenblicke anklingend wieder ber mich
-- die alte unschuldig stumpfe Hingebung und rechenschaftslose Schwelgerei.
Diese Augenblicke mssen immer seltener werden, ich darf um ihre kurze
trbe Lust nicht mein Ideal verkaufen, denn ein vlliges Zurckkehren in
die harmlose Dmmerung ist mir doch nie mehr erlaubt. Wenn irgendwo, so
liegt fr mich Lust und Sinn des Lebens im Fortschreiten, im immer
bewuteren Klarlegen und Durchdringen der Wesenheit und Gesetze des
Schnen.

Eine Stunde jenes Zurckdmmerns hatte ich heute. Nach Mittag, in der
herrlichen Sonnenglut, mitten auf dem breiten See, Weggis gegenber. Ich
lag ber die Rudersitze hingestreckt und blickte ber die Seeflche. Eine
Flut von Rotblau und Gold schwoll vor meinem Blick breit und rastlos hin.
Alle meine Sinne schliefen und trumten; ein warmes schwrmerisches
Wohlsein hielt mich gebannt. Mein Auge vermochte keinen Kontur, keinen
Strahl, keine Lichtgrenze zu unterscheiden, mein Blick verlor allen Willen
und taumelte wie ein Freigelassener durch ein Meer von unverstandener
Schnheit, von Rot, Blau und Gold, ungleich und ziellos wie der Flatterflug
eines Falters.

Vitznau, 7. September 1900.

Der uerste Vorsprung der oberen Nase, vom Lande unzugnglich, ist mit
einer kleinen Pflanzung junger, ich schtze etwa fnfzehnjhriger Eichen
bestanden. Das helle, in der Farbe herbe Laub gibt im Wasser einen
wunderbaren Effekt. Der ganze Wasserfleck erscheint schon von ferne
ausgezeichnet durch eine aparte, gelbliche Helligkeit, und berraschend
kstlich ist es, aus dem tiefgrnen, vormittglichen See in diese
scharfbegrenzte, hellere Flche zu fahren. Ich sah heute dort, leider ohne
Sonne, den Spiegelkontur einer weien Wolke diese eichengrne Grenze
zweimal schneiden. Das Wei blieb unverndert und zeigte nur an der
Seeseite schrfere Konturen. Whrend ich die schnen Linien verfolgte, ging
ein Dampfer vorber, in dessen Kielwasser pltzlich das Silber eines
flchtigen Sonnenblickes aufblitzte. Einige Sekunden lang blieb der ebene
Wasserstreif im Silber, die jenseitigen Schiffswellen glnzten matt
goldbraun, die diesseitigen blieben hellgrn mit weien Lichtern. Einige
Sekunden -- und in diesen Sekunden verstand und geno ich mit freiem Auge
diese pltzliche, raffinierte Kombination wie das Lcheln einer Gttin, wie
den aufleuchtenden, reimgeschmckten, prgnanten Vers eines Gedichtes.

Vitznau, 8. September 1900.

Ein unsicherer, windiger Tag, mit flchtigen Sonnenblitzen. Ich fuhr Buochs
gegenber am Brgenstock hin. Jenseits glomm der See gegen das Ufer hin
unzhligemal in einer seltsamen, feinen, khlen Farbenflucht auf, ganz wie
blanker Stahl im Verkhlen: rotblau, rotbraun, gelb, wei. Von halber Hhe
des Brgenstocks drang Gelute von Kuhglocken herab. Die schnen, welligen
Matten standen lichtgrn in den blassen Himmel und zeigten jenen
unsglichen, traurig-khlen herbstlichen Ton, den man nie entstehen sieht
und der jedes Jahr wieder in irgend einer Stunde pltzlich da ist und uns
erinnert, wie uns der Name eines lieben Toten erinnert -- an den groen
Wechsel, an die Unsicherheit des Grundes, auf dem wir bauen, an den Tod, an
die unzhligen mhsamen Wege, die wir unntzerweise gegangen sind.

Ich ruderte aus, um die Tnungen der Wellen im Buochser See zu betrachten,
um mein Gedchtnis mit dem Bild einiger Farbenvermischungen, einiger
Lichtbrechungen, einiger Silbertne zu bereichern. Ich ruderte aus, khl,
frhlich und elastisch, einen Reim im Ohr, einen Vers auf den Lippen, um
die Schnheit auf einigen mir noch fremden Wegen, in einigen neuen Spielen
zu belauschen -- und endete damit, diese Herbstmatten zu finden, die ersten
dieses Jahrs, diese unabweislichen, zarten, traurigen Boten.

Ich wendete mich um und lie das Auge lang auf dem bewegten, frischen
Wasser ruhen, ich beobachtete in der Luft gegen Brunnen und an der Wand des
Oberbauen einen einzelnen Sonnenstrahl; aber mein Gedanke verfolgte ihn
nicht mit seinem rastlosen, elastischen Eindringen. Nur mein Auge sah die
blagoldenen Reflexe zittern und verleuchten, mein Gedanke nahm nicht teil,
er verweilte hinter mir, ber dem steilen Walde, auf jenen bleichgrnen
Matten. -- Herbst!

Und ich besann mich, ob ich auf dem rechten Wege sei, ob mein rastloser
Lauf mich meinem Sterne nhere oder entfhre, ob er mich jemals in geistige
Hhen fhren knne, in welchen dieser Herbst und diese Traurigkeit mich
nicht mehr wrden berhren knnen.

Hier gab es in meinem Nachsinnen einen Moment, in welchem ich, htte ich es
in meiner Macht gehabt, den ganzen Schleier des ueren Lebens von mir
gelegt und alle Fden der Lust, der Liebe, der Trauer, des Heimwehs und der
Erinnerung abgeschnitten htte. Ein Hhepunkt, ein kurzes, ruhiges
Atemholen auf hohen Gipfeln: hinter mir alle Beziehungen des Menschlichen,
vor mir die leichte, khle Weite der Schnheit des Absoluten, des
Unpersnlichen. Ein Augenblick -- ein Atemzug!

Die Glockenlaute schwankten herab, ich schlo die Augen und sank und sank
von der Hhe. Eine schwere, krperhafte Trauer bekam Gewalt ber mich. Ich
wollte entrinnen, mein Gedanke bumte sich noch einmal wie ein mihandeltes
Ro, aber ich unterlag. Und jene schwere, mde Traurigkeit berwltigte
mich, beugte mich tiefer und tiefer, lschte alle Sterne aus, qulte mich
und feierte alle schmachvollen Triumphe eines grausamen Siegers.

Klar und nahe, wie durch eine pltzlich zerrissene Hlle, lag der helle
Garten meiner frhesten Erinnerungen vor meinem Auge. Und meine Eltern. Und
meine Knabenzeit, meine ersten Liebeszeiten, meine Jugendfreundschaften. In
dieser bedrckten Stunde redeten sie alle eine so traurig-fremde, schne
Sprache, so heimwehmachend und so ernsthaft fragend wie die Zge von Toten,
denen wir Trnen nicht getrocknet und Wohltaten nicht erwidert haben. Ich
wies sie von mir, und sie gingen, eine tote Gegenwart hinterlassend.

Zugleich mit dem lastenden, schwchenden Herbstgefhl stieg eine peinigende
Abschiedsstimmung in mir auf. Ich sah hinter den wenigen noch freien,
einsamen Ruhetagen die Stadt und das wiederbeginnende aufreibende Leben auf
mich warten, die vielen Menschen, die vielen Bcher, die unzhligen
Ntigungen zu Lge, Selbstbetrug und Zeitverderb. Und pltzlich brannte
meine ganze Jugend in schmerzlicher Lebenslust in mir auf, ich warf mich in
die Ruder, kreuzte auf der groen Bucht umher, kehrte um den Vorsprung des
Brgenstocks zurck, bis an die Matt, bis nach Weggis. Die notwendige
Ermdung sttigte mich nicht, gierig und verzweifelnd erfllte mich ein
klaffendes Ungengen, eine Lust, alle Freiheit und Kraft meines Lebens in
eine einzige Stunde gedrngt jh und lachend zu vergeuden. Der See war mir
zu schaal, die Berge zu grau, der Himmel zu niedrig. In Weggis nahm ich ein
Bad und schwamm in den See hinein, drngte mich mit beiden Armen in das
Wasser, tief atmend. Mde geworden legte ich mich auf den Rcken, ganz
langsam schwimmend, und hing mit wartenden Augen am Himmel, unbefriedigt,
berdrssig. Ich htte mein Leben fr das Gefhl der Flle und des Genusses
gegeben, nach dem ich drstete.

Und dann schwamm ich zurck und bestieg das Boot wieder mit der ganzen
dumpfen Trauer des Herbstes, des Abschieds und der inneren Ungewiheit.

Seither bin ich ruhiger geworden. Mein Prinzip hat gesiegt, ich geniee nun
diese Trauer und Hoffnungslosigkeit, wie ich mich gewhnt habe, auch
schlechtes Wetter zu genieen. Sie hat ihre eigene Sigkeit. Ich unterrede
mich mit ihr und spiele auf ihr, wie ein Snger auf einer schwarzen in Moll
gestimmten Harfe spielt. Was will ich im Grunde anders von jedem Tag als
eine Stimmung, eine ihm eigentmliche Farbe, und, wenn es glckt, ein Lied?

Vitznau, 9. September 1900.

Als ich heute mit der Angelrute am Ufer sa, der nachklingenden gestrigen
Traurigkeit ergeben, trat mir pltzlich der Name Elisabeth auf die Lippen.
Es gelang mir, ihre Gestalt scharf und rein in mir heraufzubeschwren, so
da sie mich aus meinem Traum wie aus einem tiefen Spiegel anblickte.
Zugleich empfand ich eine mchtige Sehnsucht nach der Lektre der vita
nuova, so da ich beinahe diesem herrischen Gelste zulieb schon heute nach
Basel zurckgekehrt wre.

Blsche knnte an mir einen eklatanten Fall von Distanzliebe konstatieren.
Prfe ich mich genau, so mu ich sagen, da die Anziehungskraft, die
Elisabeth auf mich bt, vom ersten Augenblicke an auf einer einzigen
frappanten Profillinie beruhte, namentlich auf dem raffiniert eleganten
Kontur des Halses und des Kinns im Profil. Aber -- was ist an meinem Fall
am Ende besonderes, da erwiesenermaen schon eine Frisur, ja schon ein
Kleid, ein Grtel, ein Band diese Wirkung ben kann.

Ich besitze die Schnheit meiner Liebe in dieser Linie, wie man ein
Meisterbild nach reichlicher Anschauung besitzt, so da es nur an dem
jeweiligen Versagen der Vorstellungskraft liegt, wenn ich noch nach ihrer
krperlichen Gegenwart verlange. Und doch -- ich tue Unrecht, meine Liebe,
das arme Schokind, so formal zu deuten. Wie oft habe ich doch gewnscht,
ihre feine Hand zrtlich zu berhren, sie zum Plaudern zu bringen, lang in
ihre Augen zu sehen! In diese Gedanken und Begierden spielen schon alle
unfabaren Reflexe der jenseitigen Schnheit herein. Sobald meine Skepsis
einen Augenblick schlft, hre ich doch in meiner Liebe die Engel singen
und Paradieserinnerungen an die Pforte meiner Seele pochen. Und sie selbst,
meine Seele, leidet lchelnd unter allen Rohheiten und Vergewaltigungen des
herrschschtigen Gedankens. Sie schlft unter dunklen Schleiern, schlft
und trumt vielleicht von den innersten Geheimnissen jener Welt, an deren
Toren mein bewutes Leben in seinen hchsten Momenten noch beklommen stehen
bleibt.

Und diese meine Seele erzhlt mir in wohllaut-fremder Sprache von einer
seligen Heimat, deren wir beide, Elisabeth und ich, verlaufene Kinder und
verirrte Brger sind. Wie ein fremdartig ser Duft, wie Takte einer
niegehrten, dennoch traumbekannten Melodie -- wie Antwort auf nie
gefragte, dennoch wohlgefhlte Fragen.

O diese Seele, dieses schne, dunkle, heimatliche, gefhrliche Meer!
Whrend ich ihre schillernde Oberflche unermdlich prfe, liebkose,
befrage und bestrme, splt sie zuweilen immer wieder wie zum Hohn ein
fremdfarbiges Rtsel aus bodenloser Tiefe vor mir aus, Muscheln, die von
unermelichen, fremden Rumen reden, wie ein Stck uralten Schmuckes
vereinzelte, unsichere Ahnungen einer versunkenen Vorzeit beschwrt.

Dort liegt vielleicht auch meine Kunst, dort schlft vielleicht mein Lied,
das heie, stolze Lied mit den strmenden, bacchischen Takten, whrend ich
auf unfruchtbaren Feldern Kraft und Jugend vergeude. O, fnde ich jene
Stimmungen wieder, die in vergangenen Jahren mir jede Frhlingsnacht so
reich und ppig gab, jenen schwrmerisch malosen Herzschlag, jenes satte
Verlorensein an die Phantasie und an das erregte Klingen des eigenen
Blutes!

Vitznau, 10. September 1900.

Ich kannte heute kaum die Menschen mehr, die seit acht Tagen neben mir zu
Tische sitzen. Als wren seit gestern zehn Jahre vergangen. Meine Bcher,
mein Zimmer, mein Angelzeug, meine Kleider, meine eigene Hand -- alles
fremd, alles mir nicht zugehrig, alles mich mit seiner unerwarteten
Gegenwart bedrckend.

O diese Nacht! Zehn Stunden ohne Schlaf, jede Minute ein Kampf meiner
unterdrckten Seele mit dem grausamen, gewaltherrischen Gedanken, ein Kampf
mit Zhneknirschen und Schluchzen, ein Ringen ohne Waffen, Brust an Brust,
mit allen Listen und Grausamkeiten der Verzweiflung. Alle Dmme und
Grenzen, die ich meinem inneren Leben gezogen hatte, alle mhsam
vorbereiteten Saaten, alle gelegten Grundsteine sind in diesen Stunden
zertreten und vernichtet worden. Mir ist es noch wie ein Traum.

Nach einem schweren, traurigmden Abend -- es war ein Sonnenuntergang, wie
ich nie einen gesehen -- legte ich mich frh zu Bette. Vor meinem Fenster
dampfte der See und schlug mit feinen, regelmigen Wellen an die Mauern.
Ich sah vom Bett aus die Hammetschwand in den bleichen Himmel stechen. Da
begann ich zu fhlen, da die Stunde eines lang verschobenen Kampfes
unerbittlich gekommen war, da alles Unterdrckte, an Ketten Gelegte,
Halbgebndigte in mir erbittert und drohend an den Fesseln zerrte. Alle
wichtigen Augenblicke meines Lebens, in denen ich meiner Bestimmung einen
neuen, engeren Kreis gezogen, in denen ich dem Gefhl des Ewigen, dem
naiven Instinkt, dem eingeborenen, unbewuten Leben ein Feld entzogen
hatte, traten in voller, feindseliger Schar vor mein Gedchtnis. Vor ihrem
Andrngen begannen alle Throne und Sulen zu zittern. Und nun wute ich
pltzlich, da nichts mehr zu retten wre; freigelassen taumelte die ganze
untere Welt in mir hervor, zerbrach und verhhnte die weien Tempel und
khlen Lieblingsbilder. Und dennoch fhlte ich diese verzweifelten Emprer
und Bilderstrmer mir verwandt, sie trugen Zge meiner liebsten
Erinnerungen und Kindertage.

Zugleich mit diesem Wiedererkennen drang ein scharfer Schmerz todesbitter
durch mein innerstes Wesen, der mich in verzerrten, zwiespltigen Gefhlen
marterte und aufrieb, lang, stundenlang, bis ich wurde wie ein gequltes,
ratloses, verngstetes Kind. Ein Schluchzen berfiel mich, ein Schluchzen
ohne Trnen, unsglich bitter, zuckend und verzweifelnd.

Genug, genug! Die Nacht ist um; ich wei, da eine so entsetzliche nicht
wiederkommen kann. Ich spre keinen Schmerz mehr, nur eine trge
Erschlaffung und ein Gefhl, ein mdes, rtselhaftes, unsicher
schmerzendes, als wre mir im Innern etwas gesprungen, ein Nerv zerrissen,
ein Keim geknickt. Und ich glaube -- . . . . Nein, nein!

Und dennoch: ich glaube nicht, ich fhle, ich wei mit unabnderlicher
Gewiheit -- das ist meine Jugend, das ist meine Hoffnung, das ist mein
Bestes und Heiligstes, dessen abgeknickte Ranke ich wie etwas Fremdes,
Strendes in mir spre. Herbst.

Es leidet mich nicht lnger hier. Morgen will ich in die Stadt zurck.
Dieser melancholisch stille See mit den bleichen Herbstmatten, diese khlen
Berge und dieser khle Himmel ngstigen mich. Der mitgebrachte Plato liegt
auf dem Tisch. Elende Scharteke! Was ist mir Plato? Ich mu Menschen sehen,
Wagen fahren hren, neue Bcher und Zeitungen aufschneiden und den
frischen, unreifen Duft des schnellen Lebens atmen, auch sehne ich mich
danach, Nchte in kleinen Weinschenken zu verbringen, mit gemeinen Mdchen
gemeine Gesprche zu fhren, Billard zu spielen und tausend Nichtigkeiten
zu treiben, die ich mir selber als tausend Grnde dieses Jammergefhls
aufzhlen kann, das ich ohne Grnde und ohne Betubung nicht lnger
ertrage. Es mu noch Gensse geben, die mir unbekannt geblieben sind, es
mu noch Reize geben, auf die meine Nerven heftig reagieren, noch rare
Bcher, die mir Freude machen knnen, noch irgend eine neue, raffinierte
Musik.

Ich werde es nicht vergessen, mein Leben lang nicht. O diese Nacht! Ich
werde in jeder schlaflosen Nacht an der Erinnerung dieser Qualen leiden,
sie werden aus jedem Genu, aus jeder Reizung wie verborgene bse Geister
hervorblicken, alle Grenzen von Wohl und Weh verwischend und alle
Empfindungen auflsend in jenes stachelnde, giftig se, schmerzlich
ermdende Gefhl, das mich nie so wie in dieser Nacht gepeinigt hat. Das
Presto jener unheimlichen B-Moll-Sonate von Chopin hat etwas davon -- es
ist einem dabei, als wrden feine, feine bloliegende Nerven streichelnd
berhrt. Prickelndes Wehgefhl, leiser ser Schmerz -- aber ein Takt zu
viel und man fllt in alle Foltern einer verzweifelten, raffinierten
Traurigkeit, die bis zum heftigen krperlichen Schmerz zu steigen vermag.

Elisabeth -- . . . . .

Ziehen wir das Fazit! Mir bleibt bei leidlich jungen Jahren der noch
respektabel konservierte Rest einer ehemals recht ansehnlichen Phantasie,
eine gewisse, wenn schon etwas abgentzte Fhigkeit zum Genieen und
Arrangieren schillernder Stimmungen, sowie ein kleiner Fonds von Seele,
der bei vorsichtigem Gebrauch eventuell noch eine und die andere Liebe
leichteren Genres zu inszenieren und zu berdauern vermag. Rechnen wir dazu
eine durch lange Gewohnheit erworbene Fertigkeit im Tragisch-Idealischen
und in der souvern duldenden Pose, so mu ich mir selbst zu so schnen
dichterischen Fhigkeiten gratulieren und habe keinen Grund, um meine
Zukunft als Autor besorgt zu sein. Ich werde Niels Lyhne nicht ohne
persnliche Note imitieren und die sublimsten Wiener in Ekstasen
bertreffen. Das heit auf deutsch: Pfui Teufel! Aber wozu habe ich
Neudeutsch und Wienerisch gelernt?

Basel, 16. September 1900.

Schon wieder genug und bersatt! Ich hatte mich auf meine Bcher gestrzt,
die Pausen der vita nuova-Lektre mit E. T. A. Hoffmann und Heine gefllt,
in mden Stunden zwischen den prezisen George und den lyrischen
Hofmannsthal ein Kapitel Jakob Bhme eingeflochten. brigens Respekt vor
meinem Antiquar! Er hat mir den unvergleichlichen 1730er Bhme verschafft,
ed. Ueberfeld, mit angefgten Kupfern. Wenn nur der Gottselige
Hocherleuchtete Teutonicus Philosophus mit seiner ganzen Theosophia
revelata etwas amsanter wre! Es sind Kapitel von besonderem Reiz
vorhanden, aber man mu sparsam lesen, um der Sprache die fremde Tonart zu
lassen. Den Spruch von der Galle, den ich heute bei ihm gelesen, will ich
mir doch notieren: Siehe, ein Mensch hat in sich eine Galle, das ist Gift,
und kann ohne die Galle nicht leben, denn die Galle macht die siderischen
Geister beweglich, freudenreich, triumphierend oder lachend, denn sie ist
ein Quell der Freuden. So sie sich aber in einem Element entzndet, so
verderbt sie den ganzen Menschen, denn der Zorn in den siderischen Geistern
kommt von der Galle. Und dann: Eben einen solchen Quell hat auch die
Freude, und auch aus derselben Substanz wie der Zorn. Das ist, wenn sich
die Galle in der liebhabenden oder sen Qualitt entzndet, in dem, was
dem Menschen lieb ist, so zittert der ganze Leib vor Freuden, in welchem
manchmal die siderischen Geister auch angesteckt werden, wenn sich die
Galle zu sehr erhebt und in der sen Qualitt entzndet.

Vor wenig mehr als zwanzig Jahren machte ich als kleiner, blonder Knabe den
ersten Leseversuch. Mein Vater fand mich ber ein Buch gebckt und nannte
mir einige Lettern. Dann aber schlo er das Buch und erzhlte mir nach
seiner klugen, liebreichen Art von der groen Welt der Buchstaben und
Bcher, die sich mir mit dem A-B-C erschlieen wrde und zu deren Kenntnis
das lngste Leben des fleiigsten Lesers nicht zum tausendsten Teil genge.
Er selber war damals schon ber Bchern fast grau geworden und trug die
Werte unzhliger Bnde hinter seiner hohen, scharfen, allzu oft
schmerzenden Stirn gespeichert. Zwanzig Jahre! Ich habe seither ein
tchtiges Stck dieser Buchstabenwelt umgeackert und manchen fast
verschollenen Schmker hervorgekramt und umgeblttert. Und jetzt -- die
wenigen berragenden Worte, die noch Gewalt ber mich haben, wrden keine
zehn Bnde fllen. Es gibt noch eine Zahl von seltenen alten Schriften,
nach denen ich Verlangen habe und deren jede mich, wenn sie in meine Hnde
fllt, neugierig zu machen und zu erregen vermag -- und dann ist es wie mit
dem gefangenen Schmetterling: die Lust ist gebt, das seltene Exemplar hat
einen Augenblick den erfreuenden Glanz gehabt, und brig bleibt -- ein
Bchertitel und eine Lcke im Register der noch zu erhoffenden
Befriedigungen.

Basel, ohne Datum.

Ich wartete gestern abends am Kasino, um das Publikum aus dem Konzertsaal
kommen zu sehen. Es war kalt und regnete. Dann quoll die Menschenmasse
heraus. Und auf der Treppe von den Balkonsitzen tauchte pltzlich zwischen
bekannten Gesichtern das Gesicht Elisabeths hervor. Sie stieg langsam herab
und verschwand mit ihren Begleitern in der Menge. Diese Minute, in welcher
die ganze schne Gestalt auf der beleuchteten Treppe warm und frhlich
heraustrat, gab mir eine eigentmliche Stimmung. Ganz wie in schnen
antiquierten Romanen war ich der traurige Liebhaber, der vor erleuchtetem
Festsaal in der Regennacht steht und seine Dame geschmckt und scherzend
mit begnstigten Begleitern vorberschreiten sieht. Sein Hut ist tief in
die schmerzende Stirn gedrckt, sein grauer Mantel flattert im Wind. Sein
Auge blickt Verachtung, aber auf den schmerzlich verzogenen Lippen liegt
Liebesweh und zehrende Trauer. Er wendet sich ab, lftet den Hut, streicht
mit der heien Hand ber die heie Stirn und das regennasse Haar und
verschwindet in den Nebeln der unwirtlichen Regennacht.

Und zwar zu Frau Buser in die Fischerstube. Diese brachte mir in
zahlreichen Bechern die se Qualitt herbei, nachdem die Reaktion der
Galle auf die liebhabende Qualitt den guten Bhme Lgen gestraft hatte.
Ich hatte dort ein langes Gesprch mit Hesse, der mich natrlich wieder
nrgelte und zwickte, bis ich grob wurde. Dann war er zufrieden, ich auch,
und am Ende fhrte mich der Gute durch alle Fhrlichkeiten wankender
Huserreihen und walzertanzender Gaslaternen meinen Penaten zu.

Basel, ohne Datum.

Wenn sich mein Jugendfreund Elenderle nicht in jener rgerlichen Nacht im
Tbinger Walfisch erschossen htte, wrde ich ihn zur Aufnahme in unsern
famosen Klub vorschlagen. Wir haben nmlich zu dreien einen Klub der
Entgleisten gegrndet. Drei Mitglieder ist wenig, aber die Stadt Basel
vermag in dieser Branche nicht mehr.

Basel, ohne Datum.

Hesse will mir einen Artikel ber Tieck abjagen, den er doch besser kennen
mte als ich. Dabei fiel mir pltzlich die fabelhafte hnlichkeit auf, die
zwischen jenem Mrchendichter und mir besteht. Bei uns beiden dieselben
sensibeln Nerven, derselbe Mangel an Plastik, derselbe Zug zum
Flchtigsten, Oberflchlichsten, zum Schillernden, Flackernden und
Unfesten, dieselbe launenhaft bewegte Phantasie, dieselbe Verwandtschaft
mit der Musik, dieselbe Tendenz zur Auflsung der Prinzipien, zur
knstlerischen Ironie.

Basel, ohne Datum.

Ah! ce n'est point gai tous les jours, la bohme!

Basel, ohne Datum.

Das Weintrinken wird auch nicht lange vorhalten. Ich sitze zuweilen in der
Wolfsschlucht, trinke Hallauer und blttere in Bhmes Weg zu Christo,
wobei mir zuweilen die eigentliche Ruchlosigkeit dieser Lektre fr
Augenblicke einen leisen Reiz gewhrt. Ich will dich aber gewarnet haben,
sagt der Theosophus, ist dirs nicht ein Ernst, so la die teuern Namen
Gottes, da sie dir nicht den Zorn Gottes in deiner Seele entznden. Und
spter: Bist du nicht in ernstem Vorsatze, auf dem Wege zur neuen
Wiedergeburt, so la die obgeschriebenen Worte im Gebete ungenannt, oder
sie werden dir in dir zum Gerichte Gottes werden.

Der fromme Weise hat recht. Seine Worte machen mich unheiligen Leser
traurig und wirken Verzweiflung, denn jedes von ihnen besitzt jene Kraft
und ewige Jugend der Begeisterung und des Glaubens, deren Anblick mich mit
Neid und Heimweh erfllt.

Basel, ohne Datum.

Ich will verreisen. Mir trumte diese Nacht von meiner Jugend, als wohne
sie irgendwo verzaubert in einem fernen Lande zwischen grnen Bergen. Auch
war mir, als spielte eine schne, wohlbekannte Frau auf dem
Veilchenstrauflgel die Nocturne in Es-Dur von Chopin, jenes Lied, das nur
Heimweh- und Flgelkranke ganz verstehen, mit seinen zarten, durch ein
geheimes Leiden vergeistigten Takten. Ich holte meine vergessene und
verstaubte Geige hervor und rief die zrtlich scheue Melodie mit leisem
Striche wach, und aus dem alten, braunen Instrument sang meine verlorene
Jugend in heimlichen Untertnen mit.




Letzte Gedichte.
(Sommer und Herbst 1900.)


Meiner Liebe.

I.

   An meine Schulter lehne
   Dein schweres Haupt und schweige
   Und koste jeder Trne
   Wehse, lasse Neige.

   Es werden Tage kommen,
   Da du nach diesen Trnen
   Verdrstend und beklommen
   Dich wirst vergebens sehnen.

II.

   Leg mir aufs Haar
   Die Hand; schwer ist mein Haupt.
   Was meine Jugend war,
   Hast du geraubt.

   Unwiederbringlich ist dahin
   Der Jugend Glanz, der Freude Born,
   Der mir so unerschpflich golden schien,
   Und berblieben Weh und Zorn
   Und Nchte, Nchte ohne End,
   In denen wild und fieberhei
   Der alten Liebeslste Kreis
   Mein waches Trumen wund durchrennt.

   Nur noch in Stunden seltner Rast
   Tritt manchmal meine Jugend her
   Zu mir, ein scheuer blasser Gast,
   Und sthnt, und macht das Herz mir schwer . . .

   Leg mir aufs Haar
   Die Hand. Schwer ist mein Haupt.
   Was meine Jugend war,
   Hast du geraubt.


Dennoch.

   Dennoch von meiner Jugend Stunden
   Geno ich jede. Soll ich klagen,
   Da die gehegte Blust nur Wunden
   Und Bitternis und Weh getragen?

   Wenn sie noch einmal wiederkme
   Und trge alle holden Zge
   Von ehmals -- fnd ich mein Genge,
   Wenn sie ein andres Ende nhme.


Philosophie.

   Vom Unbewuten zum Bewuten,
   Von da zurck durch viele Pfade
   Zu dem, was unbewut wir wuten,
   Von dort verstoen ohne Gnade
   Zum Zweifel, zur Philosophie,
   Erreichen wir die ersten Grade
   Der Ironie.

   Sodann durch emsige Betrachtung,
   Durch scharfe Spiegel mannigfalt
   Nimmt uns zu frierender Umnachtung
   In grausam eiserne Gewalt
   Die khle Kluft der Weltverachtung.
   Die aber lenkt uns klug zurck
   Durch der Erkenntnis schmalen Spalt
   Zum bittersen Greisenglck
   Der Selbstverachtung.


Marienlied.

   Ohne Schmuck und Perlenglanz
   La mich auf die Stufen legen,
   Stumm erflehend deinen Segen,
   Meiner Jugend welken Kranz.

   Kmpfe, Fahrten, Wunden viel,
   Ungenossene herbe Siege
   Ruhmlos durchgekmpfter Kriege
   Finden mde nun ihr Ziel.

   Lste bunt und freudefarb
   Senken mdgewordene Hnde,
   Ihr Gelchter ist zu Ende,
   Ihre rote Flamme starb.

   Sterbend, bla und fieberwund
   Wollen sie, der Welt vergessen,
   Md auf harte Stufen pressen
   Den verblhten Liebesmund.


Das ist mein Leid.

   Das ist mein Leid, da ich in allzuvielen
   Bemalten Masken allzu gut zu spielen
   Und mich und andre allzu gut
   Zu tuschen lernte. Keine leise Regung
   Zuckt in mir auf und keines Lieds Bewegung,
   In der nicht Spiel und Absicht ruht.

   Das mu ich meinen Jammer nennen:
   Mich selber so ins Innerste zu kennen,
   Vorwissend jedes Pulses Schlag,
   Da keines Traumes unbewute Mahnung
   Und keiner Lust und keines Leides Ahnung
   Mir mehr die Seele rhren mag.


Spielmann.

   Frhlinge und Sommer steigen
   Grn herauf und singen Lieder,
   Schmcken bunt die Welt, und neigen
   Mde sich zur Erde wieder.

   Trumend aus dem Kranz der Tage
   Gren flchtig helle Stunden
   Mir herauf wie schne Sage,
   Lcheln, leuchten, sind verschwunden.

   Schauernd in der Tage Wende,
   Mag auch Gold und Liebe winken,
   Lassen traurig meine Hnde
   Die geschmckte Leier sinken.


Italienische Nacht.

   Ich liebe solche bunt beglnzte Nchte
   Im Flackerlicht der Lampen, und ich flechte
   Gern meiner Lieder fiebernd Rot darein.
   Sieh, Liebste, wie sich dort die Jugend drngt
   Im spten Tanz, und wie fr uns allein
   Der Sichelmond im Rauch der Fackeln hngt.

   In solchen Nchten lauscht mein zitternd Herz
   Mit Qual und Lust heimat- und jugendwrts,
   Und schlgt im Takt verliebter Melodien.
   Mein Auge aber schaut den fremden Mond
   Im Silberkahn auf sichern Wegen ziehen
   Und ist wie er der Einsamkeit gewohnt.

   Sieh, meine Jugend war ein farbig Spiel,
   Ein Tanz im Fieber, wild und ohne Ziel
   Und schwand verknisternd wie ein Meteor.
   Dann kreuzt' ich unstt durch die Welt und fand
   Dem Haupt kein Lager, meinem Lied kein Ohr,
   Und nur im Traum ein blasses Heimwehland.

   Schau dort! Die heie Menge wogt im Tanz
   Und glht vor Lust und wirft den Loderkranz
   Der kurzen Freude jauchzend in die Lfte.
   Ists doch, als spielte meine Jugend dort
   Im sen Rausch fremdlndisch heier Dfte
   Das alte Spiel in neuen Tnzen fort.

   Das alte Spiel! Nur da ich jetzt abseits
   Zuschauend lehne und den sen Reiz
   Des Taumeltranks auf khler Lippe wge,
   Und da mein Geist gleichgltig Umschau hlt
   Und meines Herzens heimwehrasche Schlge
   Lchelnd wie Takte eines Liedes zhlt.


Der schwarze Ritter.

   Ich reite stumm aus dem Turnier,
   Ich trage aller Siege Namen,
   Ich neige mich vor dem Balkon der Damen
   Tief. Aber keine winkt nach mir.

   Ich singe zu der Harfe Ton,
   Aus der die tiefen Laute steigen.
   Alle Harfner lauschen und schweigen,
   Aber die holden Frauen sind entflohn.

   In meines Wappens schwarzem Feld
   Sind hundert Krnze aufgehangen,
   Die gold von hundert Siegen prangen.
   Aber der Kranz der Liebe fehlt.

   An meinem Sarge werden sich bcken
   Ritter und Snger und werden ihn
   Mit Lorbeer bedecken und bleichem Jasmin.
   Aber keine Rose wird ihn schmcken.


Marienlied.

   Deinem Blick darf meiner nicht begegnen,
   Meine Seele, die so viel gelitten,
   Darf gebeugt nicht mehr die deine bitten:
   Wolle die verlorene Schwester segnen!

   Leise nur im allertiefsten Innern
   Will sie der gewesenen Schwesterzeiten,
   Der in Schmach verspielten Seligkeiten
   Schweigend und mit Schmerzen sich erinnern.




Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.






End of the Project Gutenberg EBook of Hermann Lauscher, by Hermann Hesse

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501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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