The Project Gutenberg EBook of Der Tor, by Bernhard Kellermann

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Title: Der Tor

Author: Bernhard Kellermann

Release Date: January 20, 2013 [EBook #41882]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Produced by Jens Sadowski








Der Tor


Roman
von
Bernhard Kellermann

Achte Auflage


S. Fischer, Verlag, Berlin
1913


Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung, vorbehalten.
Copyright 1908 S. Fischer, Verlag, Berlin.




Erster Teil





Erstes Kapitel


Jener junge Mann, um den es sich hier handelt, ein schlichter junger Mann,
wie es deren Tausende gibt, traf gerade zu einer Zeit in der kleinen
frnkischen Stadt ein, als sich alle Welt in der grten Aufregung befand.

Ein Dienstmdchen nmlich, eine brave und beliebte Person, die jeder
hundertmal mit ihren roten Backen und dem Mund voll weier Zhne gesehen
hatte, nahm sich das Leben. Sie war nicht zur Stelle, als man sie rief; man
wartete, suchte und fand sie erhngt auf dem Speicher. Aber das war nicht
alles. Dieses Dienstmdchen mit den roten Backen und weien Zhnen, diese
ordentliche, unschuldig aussehende Person hatte zuvor ein Kind geboren und
es in ihrer Kammer versteckt. Sie hatte das Kind in ein Krbchen gebettet
und in die Ecke hinter einen Schrank gelegt. Ein Gesangbuch lag dabei, ein
goldenes Kreuzchen, ein silberner Ring mit einem winzigen blauen Stein. Das
Kind war in ein weies seidenes Tuch gehllt. In die Wand, oberhalb des
Krbchens, hatte sie eine Unmenge von Kreuzen geritzt, einen ganzen
Friedhof. Pltzlich nun schrie das Kind jmmerlich in der Kammer der Magd.
Ja, da schreit ja ein Kind, sagten die Leute, in ihrer Kammer! Und die Frau
des Hauses, Frau Hberlein, die Gattin des Bezirksamtmannes, fand das Kind
in der Ecke. Es war in ein seidenes Tuch eingehllt, das die Frau des
Hauses dem Dienstmdchen einige Wochen vorher zu Weihnachten geschenkt
hatte. Ein fast neues, feines Tuch.

Die Stadt geriet mehr und mehr in Aufregung. Man ri die Fenster auf und
rief: Was ist denn wieder? Ein Kind, sie haben ein Kind in ihrer Kammer
gefunden! Zwei barmherzige Schwestern schwebten ber den Marktplatz und
verschwanden im Hause des Bezirksamtmannes. Sie trugen das Kind in das
Waisenhaus.

Aber damit war es noch nicht zu Ende. Pltzlich hrte man ein Geschrei auf
der Strae, ein schreckliches Geschrei, und man sah eine verschrumpfte,
alte Frau, ein winziges Etwas von einer alten Frau, in groen Filzsocken
durch die Straen rennen. Sie lief in das Haus des Bezirksamtmannes,
erschien wieder schreiend, lief zum Westtor und zurck zum Osttor, hin und
her, und immer tauchte sie wieder auf und ihr Geschrei und entsetzliches
Weinen schien berall zu sein und pltzlich dicht unter den Fenstern aus
dem Erdboden zu dringen. Die Leute ffneten die Fenster: Beruhigen Sie sich
doch! sagten sie. Sie sagten es mit eindringlicher, tiefer Stimme; sie
sagten es weich und trstend. Aber die kleine alte Frau sah nichts, hrte
nichts. Sie schlug die Hnde ber dem Kopfe zusammen, rannte Strae auf,
Strae ab und schrie, schrie.

Vor dem Westtor gab es eine Szene. Hier kam ein Fleischergeselle auf einem
Karren angefahren, in dem ein Rudel kleiner Schweine sa. Arbeiter,
Handwerker stellten den Wagen und fielen mit den Fusten ber den Gesellen
her. Der Bursche wehrte sich so gut er konnte und brllte, da man es bis
in die Stadt hinein hrte. Die kleinen Schweine steckten die Schnauzen
durch das Gitter und quiekten. Zwei Stadtsoldaten nahmen den
Fleischergesellen in Schutz, man htte ihn sonst erschlagen. Ich bin nicht
schuld! schrie er. Sie fhrten ihn zur Sicherheit aufs Stadthaus. Auf dem
Wege dorthin begegneten sie der alten, kleinen Frau, die in ihren
Filzsocken hin und her rannte. Das ist er! riefen die Leute und deuteten
auf den Burschen. Aber die schreiende Frau sah und hrte nichts, sie schrie
und rannte weiter.

Man sprach den ganzen Abend und den folgenden Tag von nichts anderm als dem
Dienstmdchen und dem Kinde und der kleinen schreienden Frau. Es gab
frmliche Redeschlachten und erregte Szenen. Man verurteilte, verteidigte,
mutmate, und in dem Abendzug, der von der Nachbarstadt zurckkehrte, wre
es beinahe zu einer richtigen Schlgerei gekommen. Da war ein Lehrer, ein
entlassener Volksschullehrer, ein riesenhafter Mann mit einem schwarzen,
wilden Kopf, der den Zorn aller Reisenden herausforderte. Er sagte, es wre
nun genug, immer nur dieses Dienstmdchen und nichts als dieses
Dienstmdchen, eine solch alberne, beschrnkte Person --

Kurz und gut, damit begann es.

Genug nun von dieser albernen, beschrnkten Person, die sich wegen eines
Kindes und eines untreuen Geliebten aufhngt, schrie er. Genug und
abermals genug -- Aber da erhob sich ein solcher Tumult in dem berfllten
Coup, da man nicht verstand, was er sonst noch sagte, trotzdem er mit
einer ungeheueren tiefen Stimme wie eine Batrompete wetterte. Eine Buerin
in Trauerkleidern, die bis jetzt ruhig dagesessen war, stand pltzlich auf
und stie eine Menge Schimpfwrter heraus, einen ganzen Strahl von
Schimpfwrtern, allein ihre Stimme schnappte ber, man hrte nichts als
Gekreische. Sie schttelte einen dnnen raschelnden Blechkranz in der Hand
und machte Miene auf den Lehrer loszufahren; ein starker Geruch von Schmalz
und saurer Milch drang aus ihren Kleidern. In der Mitte des Abteils sa ein
jdischer Viehhndler, ein dicker, fetter Kerl mit Brillantringen an den
Hnden und Stallmist an den Stiefeln, der vor Vergngen auf- und abtanzte
und mit den Hnden seine kurzen, fetten Schenkel bearbeitete. Er lachte,
da ihm das Wasser aus den Augen sprang und stie einen hohen gurgelnden
Laut hervor, hnlich einer Turteltaube, whrend er hin- und herschaukelte
und die Leute zu beiden Seiten zusammendrngte. Im Nebenabteil hatte sich
eine Dame erhoben, sie blickte ber die Trennungswand, drehte den Kopf hin
und her in einer bauschigen Boa aus schillernden Hahnenfedern und lchelte
mit tief herabgezogenen Mundwinkeln. Pfui! rief sie, Pfui! Welch
entsetzliche Roheit. Pfui!

Der Lehrer stand ruhig im Lrm und lchelte. Sie vergeben, meine Dame!
wandte er sich mit einer Verbeugung zu dem Kopfe, der sich noch immer in
der bauschigen Federboa hin und her drehte. Aber ich denke, wenn dieses
Dienstmdchen, diese Margarete Sammet oder wie sie heien mag, mit Ruhe und
berlegung, mit Stolz --

Aber man unterbrach ihn. Ruhe! Ruhe!

Die Herrschaften mssen doch einrumen --

Man rume nichts ein, gar nichts rume man ein! Alle schrien und der Lehrer
lachte und zuckte die Achseln. Der jdische Viehhndler schaukelte auf und
ab, so sehr gurrte er, und schlielich bekam er einen brllenden
Hustenanfall, der jedes andere Gerusch verschlang.

In diesem Augenblick hielt der Zug und unwillkrlich wurden alle still.
Aber sobald sich die Laterne in der Nacht drauen schwang und die Maschine
heulte, begann der Lrm von neuem. Eine heisere Stimme arbeitete sich
mhsam durch das Getse.

Davon war ja gar nicht die Rede! sagte ein Mann mit aufgeblhtem Hals,
ein Schuhmachermeister, und ri die Augen so weit auf, da man frchtete,
sie fielen heraus. Wir sprechen vom Dekan, vom Pfarrer, von der
Beerdigung.

Ich wrde sie auch nicht beerdigen! sagte der Lehrer mit ruhigem Ba und
der Kopf der Dame mit der Boa schnellte augenblicklich wieder empor.

Schweigen! Schweigen!

Der Viehhndler ri den Mund auf, um laut zu schreien, wurde aber im
gleichen Moment vom Sitze geschleudert, die Buerin mit dem Blechkranz und
alle auf der einen Bank flogen in die Hhe. Ein runder schwarzer Korb
rollte aus dem Netz und fiel dem Hndler auf den Rcken. Die Bremsen waren
pltzlich angezogen worden, der Zug hatte sich kaum in Bewegung gesetzt
gehabt.

Es wurde still und eine Stimme in der Dunkelheit drauen rief: Ja, weshalb
schlafen Sie denn, wenn Sie mitfahren wollen, Sie! Ein solcher Tlpel --
marsch! Die Couptre sprang auf und ein junger Mann wurde
hereingeschoben. Hut und Mantel des jungen Mannes waren beschneit und mit
Eiskrnern bedeckt, wie sie entstehen, wenn man sich lange in der Klte
aufhlt. Er zog einen roten Reisesack nach sich, beugte sich zum Fenster
hinaus und rief: Vielen Dank, mein Herr! Der Zug fuhr wieder. Alle sahen
auf den jungen Mann, dessen Augen von Schlaf, Ermdung und Klte gertet
waren. Er kniff die Augen zusammen, blickte durch die Wimpern, die
auffallend lang und dicht waren, in den Tabaksqualm und schob sich behutsam
mit seiner Reisetasche zwischen den Stiefeln, Knien, Packen und Scken
hindurch.

Ich bitte um Entschuldigung, sagte er leise, ohne die Lippen zu ffnen,
vielleicht erlauben Sie mir --

Alle Augen folgten seinem Reisesack. Es war ein gestickter Reisesack. Auf
einem abgewetzten roten Grund war eine Henne gestickt, die auf farbigen
Eiern brtete. Sie hatte einen ziegelroten, flammenden Kamm und als Auge
eine groe schwarze Perle. Mit diesem roten Kamm und schwarzen Auge sah sie
herausfordernd und zornig aus. ber ihr stand in weien Perlen: Glckliche
Reise. Der Viehhndler deutete auf den Reisesack und gluckste, und alle
begannen pltzlich ber die herausfordernd und zornig dasitzende Henne zu
lachen. Nur der Lehrer blieb ernst, er sah sich aufmerksam den Reisenden
an.

Der junge Mann fand ein schmales Pltzchen in der Ecke, er machte sich so
dnn als mglich, nahm den Hut ab und legte ihn aufs Knie, knpfte den
Mantel eng zu und schlo sofort die Augen.

Der Schuhmachermeister mit dem aufgeblhten Hals betrachtete mit einem
raschen Blick die vom Schnee rotgebeizten Stiefel des jungen Mannes, dann
lie er wieder die aufgerissenen Augen von einem zum andern gleiten und
schrie:

Ist das nicht -- meine Herren -- hren Sie! Ist das nicht emprend! Der
Dekan will sie nicht beerdigen. Nein, er will sie nicht beerdigen!
wiederholte er und rollte die Augen.

Der Lehrer lachte belustigt.

Schweigen Sie! schrie der Schuhmachermeister emprt und deutete auf den
Lehrer. Ja, Sie, Sie sollen schweigen! Ich finde es unbegreiflich! Er
beerdigt sie nicht. Wie einen Hund wird man sie einscharren, kein
Glockengelute, kein Gesang, kein Segen. Trnen traten in seine groen
Augen. Er zog die Dose heraus und schnupfte. Keine geweihte Erde! fgte
er hinzu. Die Bauernfrau in Trauerkleidern jammerte. Oh du lieber guter
Himmelsvater --

Es wird sich nicht mit den Kirchengesetzen in Einklang bringen lassen,
sagte der jdische Hndler, so scheint es mir -- die Kirchengesetze --
eben --

Hier begann der Schuhmachermeister sich vollstndig zu verndern. Er
schwoll an, sein Hals, sein Gesicht, er wurde dunkelrot, und mit den
stierenden groen Augen hatte er hnlichkeit mit einem jener rotlackierten
chinesischen Gtzenbilder. Er sah aus, als wolle er den Hndler vernichten,
aber im letzten Momente schrumpfte er zusammen, er beugte sich zu dem
Hndler und reichte ihm mit bertriebener krampfhafter Freundlichkeit die
Dose. Mein Freund! zischelte er. Mein Freund, Kirchengesetze, ich bitte
Sie! Kirchengesetze hin, Kirchengesetze her. Gehen Sie zum Henker, mein
verehrter Herr, mit Ihren Kirchengesetzen. Kirchengesetze? Ich will Ihnen
--

Ich will Ihnen mal einen Fall erzhlen, unterbrach ihn der Hndler, die
Prise Tabak auf dem Daumen.

Lassen Sie mich mit Ihrem Fall in Teufelsnamen in Ruhe. Ich sage Ihnen,
die Mutter, hren Sie, eine alte, kleine, eine arme kranke Frau, rannte wie
verrckt herum und schrie, verrckt, ich wiederhole. Sie lief also ins
Pfarrhaus, obwohl sie doch wissen sollte, da unser Pfarrer gestorben ist.
Sie klopft also, trommelt an die Tr, schreit, jammert. Er ist ja
gestorben, der alte Hummel, sagten sie, ja, bei allen Heiligen, Sie wissen
doch, da er gestorben ist, vor einem Monat, Sie waren ja selbst bei der
Beerdigung. Aber die Frau, hren Sie, sie verstand kein Wort, sie klopfte,
pochte, hmmerte an die Tr. Sind Sie denn ganz verrckt, sagten sie, wie
kann er aufmachen, wenn er tot ist? Es ist niemand da, keine Seele, der
neue Pfarrer ist ernannt, aber er ist noch nicht da. Gehen Sie nach
Weinberg, zum Dekan, er hat die Verwesung, gehen Sie dahin. Sie lief also
nach Weinberg -- sie lief eine Stunde weit im Schnee, gengstigt, gehetzt,
verzweifelt -- sie lief und lief -- sie stellte sich vor das Haus des
Dekans und schrie. Meine liebe Frau, sagt der Dekan -- Gesundheit, Sie
beniesen es -- meine liebe, gute Frau, es tut mir leid. Hren Sie in
Teufelsnamen, ich brauche also gar nicht erst Ihren Fall zu erfahren --
lassen Sie mich in Ruhe mit Ihrem Fall, lassen Sie mich in Ruhe und Frieden
damit -- diese verzweifelte Frau wirft sich ihm zu Fen, jammert, schreit.
Aber alles ist umsonst, fr die Katze, alles. Meine liebe gute Frau, sagt
der Dekan, ich kann nicht. Es ist unmglich. Ja, wenn der Lebenswandel
Ihrer Tochter -- ich kann nicht -- ich sage, der Lebenswandel Ihrer Tochter
-- es tut mir leid. Die alte Frau, eine Greisin, grau, alt, ein
beklagenswertes Mutterherz, wirft sich ihm zu Fen, beschwrt ihn in des
Heilands Namen, aber er sagt, liebe, gute Frau, trsten Sie sich -- des
Allmchtigen Wege sind unerforschlich --

Da sehen Sie eben die Vorschriften! sagte der Hndler und nieste
drhnend, indem er Mund und Nasenlcher und Augen lppisch aufsperrte und
das Coup mit sprhendem Dunst anfllte.

Die Frau Dekan hat der verzweifelten Mutter eine Tasse Kaffee angeboten,
es sind gute Menschen -- aber eine Tasse Kaffee macht ihr die Tochter nicht
lebendig, eine Tasse Kaffee ist kein Trost fr ein verzweifeltes
Mutterherz, keine Einsegnung.

Hier wurde der Schuhmachermeister von einem Herrn mit langem messinggelben
Schnurrbart und groer Glatze, Postadjunkt Kaiser, unterbrochen. Sie hat
ihn zurckgewiesen, den Kaffee, sagte er. Die Frau Dekan hat es mir
selbst erzhlt. Mein Mann kann nicht, es ist unmglich, sagte sie.

Der Hndler nieste zweimal, leckte sich den Bart und sagte:

Die Kirchenverordnung meine Herrn, es steht fest, die Kirche mu einen
Unterschied machen zwischen einem Selbstmrder und einem anstndigen
Menschen -- Der Lehrer lie ein lautes Lachen hren -- zwischen einem
Mdchen, das auerehelich entbindet und einer, sagen wir, einer
barmherzigen Schwester --

Aber der Schuhmachermeister mit dem Blhhals fiel ihm ins Wort. Hren Sie
auf! zischte er und sein Gesicht schwoll an, als werde es von einer
unsichtbaren Macht bis zum Zerplatzen aufgeblasen. Was verstehen Sie? Ich
sage, solch ein Jammer, eine alte arme Frau, die nahe daran ist, den
Verstand zu verlieren, ja, vielleicht hat sie ihn schon verloren? -- Sie
kniet vor dem Pfarrhaus und schreit wie besessen, sie rennt in alle Huser
und bittet die Leute zu bezahlen -- die Kosten zu bezahlen -- ein jeder ein
wenig, dann ginge es. Sie will ja alles zurckbezahlen --

Die Stimme eines kleinen graubrtigen und sauber gekleideten Mannes, der
sich bisher mit keinem Worte an dem Gesprche beteiligt hatte, sagte: Der
Herr Dekan wird recht wohl wissen, was zu tun ist! Die Stimme sprach so
bestimmt und die Kinnladen des alten Herrn bewegten sich mit solcher Wrde,
da alle auf ihn hren muten. Weshalb also ereifern Sie sich so, meine
Herren? Die Kirche kann ihre Segnungen nur Gliedern derselben angedeihen
lassen, die sich ihrer wrdig zeigen. Ein Mdchen jedoch, das einen solch
unzchtigen Lebenswandel fhrte und zuletzt zu all den Snden noch jene des
Selbstmordes fgte, ist meines Erachtens dieser Segnungen unwrdig --
unwrdig, voll und ganz --

Der Lehrer, der in der Mitte des Abteils stand, funkelte mit den
Brillenglsern und brach in ein lautes lustiges Lachen aus, der alte Herr
hielt inne und starrte ihn mit offenem Munde an. Diese Pause benutzte der
Schuhmachermeister. Er rollte die Augen und schrie zu allen gewendet:

Sodann also rannte die alte Frau, dieses gepeinigte Mutterherz, zu dem
katholischen Geistlichen. In des Heilands Namen, helfen Sie mir! Aber der
geistliche Rat sagt, es tut mir leid, liebe Frau, gehen Sie zum Herrn Dekan
nach Weinberg. Ich habe hier nichts zu tun! Er schlug die Hnde zusammen
und lie die Augen fragend von einem zum andern wandern.

Der graubrtige Herr hatte sich von seiner Verblffung erholt und nahm das
Wort wieder auf. Ich selbst habe Angehrige auf dem Friedhof liegen,
sagte er, ich glaube den Herrschaften bekannt zu sein -- Messerschmied
Ulrich, eingesessener Brger und Magistratsrat -- ich wnsche nicht, da
meine Angehrigen in der gleichen geweihten Erde ruhen mit einer Person --
nun, ich habe nicht zu richten -- aber es ist in Ordnung, was der Herr hier
sagt: Es mu ein Unterschied herrschen! Wer unwrdig ist, ist unwrdig.

O Gott, o Gott, jammerte die Buerin in Trauerkleidern.

Hier! schrie der Schuhmachermeister, hier sitzt sie! Hier sitzt eine
Tante von ihr! Sie mu so etwas mit anhren!

Der Hndler sagte: Ein Unterschied mu herrschen, das ist klar!

Da erhob sich der Schuhmachermeister und schrie zornig: Was verstehen denn
Sie, wie? Sie als Israelit, was verstehen Sie? Das rief ein lautes
Gelchter hervor. Nein! fuhr der Schuhmachermeister fort und dmpfte die
Stimme. Ich kann dem Herrn Dekan nicht recht geben und auch Ihnen, Herr
Rat Ulrich, auch Ihnen kann ich nicht recht geben, niemals, niemals! Er
flsterte.

Messerschmied Ulrich zuckte die Achseln. Ich uerte nur meine bescheidene
Meinung! sagte er und ein bser Glanz kam in seine Augen. Ich gebe dem
Herrn Dekan vollkommen recht und kann auf keinen Fall dulden, da man eine
Behrde ffentlich in dieser beleidigenden Weise kritisiert. Das ist meine
Meinung! Ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen!

Ja, Gott helfe ihm, Amen! sagte lachend der Lehrer. Gott helfe dem Herrn
Messerschmied Ulrich, eingesessenen Brger und Magistratsrat und mache ihn
selig, Amen! Er kann nicht anders! Er hat gestritten fr die gute Sache und
sein Leben dabei aufs Spiel gesetzt! Gott helfe ihm! Hahaha! Aber die
Wahrheit ist die, meine Herrschaften, da morgen Hochzeit auf Schlo Bruck
ist, der Dekan hlt die Trauung. Hohe Herrschaften kommen von allen
Himmelsgegenden, nach der Feier ist groes Diner, bei dem der Herr Dekan
beileibe nicht fehlen kann. Das ist -- hol' mich der Teufel! -- der Grund,
weshalb er so standhaft und mutig die in der Erde ruhenden Brger, Ulrich
und Konsorten verteidigt. Im brigen kann er nicht da und dort sein, das
versteht sich von selbst.

Der dicke Hndler lie wiederum den hohen gurrenden Laut hren, hnlich
einer Turteltaube, und sein Bauch begann zu zittern. Er zog ein gelbes
Taschentuch heraus, eine Art Fahne, die fr einige Zeit durchs ganze Coup
flatterte und einen Staubregen von Schnupftabak, Brotkrumen und andern
Dingen ausstreute; dahinter verbarg er sich.

Aber, was der Lehrer doch daher schwtze! Der neue Vikar sei ja angekommen
-- he! -- hier, Kaiser habe es erzhlt!

Ja, ich habe ihn gesehen! sagte der Adjunkt und wischte sich etwas
unsicher den langen messinggelben Schnurrbart. Auf Ehre! Er sieht wie ein
Offizier in Zivil aus, schwarzer Schnurrbart, Zylinder. Im brigen hat mir
die Frau Dekan erzhlt, da es der neue Vikar ist. Aber ich bitte Sie,
meine Herrn -- das ndert an der Sache ja nichts. Der Dekan ist sein
Vorgesetzter und er hat zu gehorchen, fertig!

Also, trotzdem ein Verweser da ist, trotz alledem, das ist ja -- das ist
ja -- sagte ratlos der Schuhmachermeister.

Der Lehrer lachte. Alterieren Sie sich nicht, mein Freund! sagte er. Ich
gebe Ihnen die Versicherung, da es dem Dienstmdchen ganz gleichgltig
ist, ob man sie einsegnet oder nicht, ob man sie beerdigen wird wie einen
eingesessenen, ehrenhaften Brger oder nicht.

Wie? Wie?

Sie hat, was sie will. Sie ist tot. Basta! Und gesetzt den Fall, da es
einen Himmel gibt -- was ich fr meine Person nicht glaube -- so ist es
einerlei, ob sie erster, zweiter oder dritter Klasse beerdigt wird. Sie
kommt hinein, ob ihr der Herr Dekan von Weinberg einen Empfehlungsbrief
mitgibt oder nicht. Oder? Deshalb sage ich, ich wrde sie auch nicht
kirchlich beerdigen -- ganz wie der Magistratsrat Herr Ulrich -- ebenfalls
nicht, nein!

Wie? Wie?

Nein, denn es ist ja absolut einerlei, absolut einerlei. Ich fr meine
Person verzichte freiwillig auf jede Einsegnung, ja, ich verbiete diesen
Pfarrern, Vikaren und geistlichen Rten, sich berhaupt einzumischen. Ich
will nicht einmal etwas zu tun haben mit dieser Gesellschaft!

Wie? Wie? Ja, da hrt sich denn doch --

Ein unbeschreibliches Getse entstand. Einige sprangen auf, und der Kopf
der Dame tauchte wieder hinter der Scheidewand empor und drehte sich emprt
hin und her. Der Hndler schaukelte vor Vergngen hin und her und der
Schuhmachermeister sa wie niedergeschmettert da und starrte mit groen,
leeren Augen auf den Lehrer.

Der Lehrer antwortete mit einem drhnenden Gelchter.

Aber hier nahm die Sache pltzlich eine Wendung.




Zweites Kapitel


Der Messerschmied Ulrich nmlich stand auf. Er stand auf und trat auf den
Lehrer zu. Sein Kinn und sein grauer Bart, der lang und schmal war und
hnlichkeit hatte mit einem Zopfe, fingen an zu zittern, noch ehe er zu
sprechen begann.

Herr! sagte er dann. Herr! sagte er dann. Herr! Ich sage, Sie haben --
Herr! -- Sie gehrten frher einem Stande an, einem gebildeten Stande --
ich htte so etwas nicht fr mglich gehalten! Nein! Sie haben sich --
erfrecht -- jawohl, erfrecht, die mir teuern Toten auf dem Gottesacker zu
bespei -- bespeien, jawohl! -- Aber nicht genug damit -- Sie haben sich
erfrecht, die Religion und ihre Priester zu verhhnen. Das ist mir zuviel!
Der Lehrer lchelte gutmtig, und der Messerschmied schpfte tief Atem,
wurde bla und wiederholte einigemal keuchend: Das ist mir zuviel! Und
sein Bart zitterte.

Der Lehrer winkte nachlssig mit der Hand und sagte mit ruhigem Lcheln und
gutmtigen Augen hinter den Brillenglsern: Beruhigen Sie sich doch,
Verehrtester! Sie knnen sich in Ihrer Gesundheit schdigen.

Jedoch der Messerschmied Ulrich gehrte dem Stadtrat an und war berhaupt
ein Mann, der keinen Spa verstand.

Wie? schrie er pfeifend. Wissen Sie auch, mit wem -- mit wem -- Sie
sprechen? Und erinnern Sie sich vielleicht, was Sie, wer Sie eigentlich
sind?

Der Lehrer lchelte und sein gleichsam von einem braunen Firnis berzogenes
Gesicht nahm einen gtigen, vterlichen Ausdruck an. Seine Augen waren von
verschiedener Gre, das grere betrachtete erstaunt den Messerschmied,
das kleinere lachte ihn lustig an.

Fragen Sie mich, junger Mann? sagte er endlich.

Junger --!

Ich sage vergleichsweise: junger Mann, fuhr der Lehrer fort, denn Sie
sind ja mir gegenber noch sehr jung, eine Art Sugling, mchte ich sagen,
ja, noch ungeboren -- in der Tat! Ich meine, ob Sie mich fragen?

Ob ich Sie frage? antwortete der Messerschmied und seine Stimme zitterte,
als ob ihn jemand unausgesetzt auf den Rcken klopfe. Ja, gewi, ich frage
Sie! Ich mchte das zu gerne wissen!

Der Lehrer kmmte mit der Hand den langen, knisternden, schwarzen Bart und
schttelte den Kopf. Wenn Sie mich nun fragen -- und Sie fragen mich doch,
nicht wahr? -- so kann ich Ihnen wohl antworten, aber es tut mir leid fr
Sie, denn ich sage keine Schmeichelei: Sie sind eine Art Scherenschleifer
und ich bin ein Edelmann!

Es wurde ganz still und man hrte die Rder auf den Schienen stampfen. Der
jdische Hndler gluckste leise.

Der Messerschmied tat zuerst gar nichts. Es schien, als ob er nichts gehrt
habe. Dann schttelte er die Schultern, als sei ihm der Rock unbequem, er
schnitt eine Grimasse, zischelte und pltzlich verbeugte er sich tief vor
dem Lehrer. Er lachte meckernd und sagte mit wtender, zitternder Stimme:

Gut! Sie mgen im Recht sein, Herr Edelmann -- mein Herr Edelmann. Sie
mgen zehnmal im Recht sein -- aber, wenn Sie ein Edelmann sind -- was hier
von all diesen Herren niemand bezweifelt -- ach, nein, nein, niemand
bezweifelt es -- ach, du gtiger Himmel, nein, nein! -- so werden Sie
geflligst, Herr Edelmann, zuvor Ihre Schulden bezahlen. Nicht wahr, Sie
werden zuvor Ihre Schulden bezahlen, mein Herr Edelmann. Sie erinnern sich
vielleicht, da Sie mir seit sechs Jahren -- seit sechs Jahren! -- neun
Mark und fnfzig Pfennig schuldig sind! Bitte! Ich wei nicht, wo Ihr
Schlo liegt oder Ihr Besitztum -- also, bitte sehr, bitte!

Gelchter. Er streckte die bebende Hand hin und musterte mit bertrieben
spttischer Miene den Lehrer vom Kopf bis zum Fue. Der Lehrer war ohne
Kragen, ein Tuch war um seinen braunen Hals geschlungen. Wie sein Gesicht,
so war seine ganze Kleidung verwettert und verwildert, seine Schuhe
klafften und man sah die nackten Fe, die rmel waren an vielen Stellen
zerrissen und mit unordentlichen Stichen zusammengenht.

Der Lehrer blickte mitleidig lchelnd auf die bebende Hand des
Messerschmieds und schttelte den haarigen Kopf. Ist das Ihr Ernst?
fragte er voller Bedauern, im tiefsten Ba.

Ja -- hh -- das ist mein Ernst!

Wie leid es mir tut, da Sie sich so in meine Hnde liefern, mein Herr!
sagte der Lehrer. Aufrichtig gestanden, ja! Wie niedrig Sie doch denken,
Geld, Schulden und dergleichen Geschichten mit dem Begriffe Edelmann in
Verbindung zu bringen? Edelmann, mein Herr, das ist Noblesse, Weltgefhl,
Kraft, Genialitt -- Dinge, von denen Sie noch gar nichts gehrt haben,
nicht mehr als ein Hering vom sen Wasser. Aber nun hren Sie: Ich bezahle
nie, nie mit Geld. Ich bezahle mit Liebenswrdigkeit, Geist, Humor.

Bitte, bitte! heulte der Messerschmied und schttelte die Hand.

-- eine Mnze, die fr Sie gar nicht existiert, leider. Ich habe die halbe
Welt durchwandert, ohne zu bezahlen, Tatsache! Ich habe tausend Freunde in
der Welt, Edelleute, Frsten -- ich bringe Glck und frohen Sinn in jedes
Haus -- man empfngt mich mit Freuden, man entlt mich mit Trnen in den
Augen -- ich kann den ganzen Heine, Schiller, Goethe und Shakespeare
auswendig, jede Szene, die die Herrschaften nur immer wnschen -- wollen
Sie eine Probe? -- Nun, wollen Sie eine Probe -- he! Und nun Sie, ein
geborener Scherenschleifer, der alle Schaltjahre einen Gedanken hat, eine
krankhaft zur Menschenhnlichkeit aufgeblhte Blase, ein alter Hanswurst,
der dreiigtausend Siriusfernen abseits aller Kultur geboren ist --

Bitte, bitte! heulte der Messerschmied unaufhrlich und schttelte die
ausgestreckte Hand, da seine Gummimanschetten rasselten. Alles lachte,
weniger oder mehr ungeniert, je nachdem man in freundschaftlicher Beziehung
zu dem Magistratsrat stand. Aus dem Lachen des Viehhndlers hrte man die
aufrichtige Freude eines fetten Menschen heraus.

Der Lehrer aber stand ruhig wie ein Turm inmitten des Gelchters, mit
seinem verwilderten schwarzen Kopf, seinem nubraunen Gesicht, seinen
kindlichen gtigen Augen, und deklamierte lchelnd und in aller Ruhe mit
einer solch tiefen Stimme, wie man sie noch nie gehrt hatte.

Aha, ich sehe schon, Sie bestehen auf Bezahlung! sagte er endlich. Ich
habe nun zwar keinen Pfennig in der Tasche, arm wie eine nackte, junge
Ratte bin ich -- ich werde Sie trotzdem bezahlen, hier im Augenblick werde
ich Sie bezahlen, in diese Hand, Sie sollen sehen, Sie kostbare
Versteinerung, teuerste Essenz der brgerlichen Gesellschaft,
Aushngeschild der Krmergilde, Sie werden es erleben, da ich Sie bezahle.
Ehe Sie sich auch nur den Geruch Ihrer Lieblingsspeise vorstellen knnen,
wird das Geld auf Ihrer Hand liegen. Es ist Ihnen doch einerlei, woher ich
es nehme?

Bezahlen, bezahlen, Herr Edelmann!

Gut! Wieviel, sagten Sie? Neun Mark und fnfzig Pfennig, wenn ich richtig
hrte, nicht wahr? Schn. Sofort. Ich habe zwar keinen Heller in der Tasche
-- aber sofort. Er wandte sich an die Anwesenden. Wer ist so freundlich,
mir sofort neun Mark fnfzig Pfennig zu schenken -- zu schenken? fragte er
und verneigte sich.

Gelchter. Bitte, bitte! wiederholte der Messerschmied, der sich dem
Siege nahe wute.

Seine Mnze ist auer Kurs! sagte der Viehhndler. Hat er nicht selbst
gesagt, da er niemals bezahlt?

Schenken, schenken -- meine Herrn?

Bitte, bitte! triumphierte der Messerschmied. Sie groes Maul von einem
Edelmann -- Sie Vagabond von einem Edelmann (er sagte Vagabond), bezahlen
Sie, haha -- so etwas von -- haha.

Geduld! sagte der Lehrer. Sofort werde ich Sie befriedigen, verehrter
Herr! Er musterte spttisch die Gesellschaft und zog mit der Hand den
schwarzen Bart herab, so da seine roten Lippen zum Vorschein kamen. Sie
sahen aus, als pfeife er. Er rief ber die Scheidewand ins Nebenabteil
hinber -- neun Mark und fnfzig -- schenken! Aber man lachte und sagte
ihm Schmeicheleien.

-- so etwas von einem groen Maul von einem Edelmann -- haha!

Der Lehrer lchelte, er verlor nicht die Fassung. Er zuckte bedauernd die
Schultern und sagte: Aus Kieselsteinen lt sich kein Likr abziehen, ich
htte das wissen sollen. -- Aber Geduld, Edler, wenn ich nicht sofort
bezahle, so sollen Sie sagen, ich sei eine Null, ein Loch, eine Einbildung,
ein eingesessener Brger. Damit wandte er sich an den jungen Mann, der in
der Ecke schlief.

Der junge Mann sa mit geschlossenen Augen. Die Lippen halb geffnet, den
Hut auf den Knien, genau so wie er sich nach seinem Eintritt gesetzt hatte.
Er hatte dunkelbraunes weiches Haar, eine hohe Stirne, die weit ber die
Augen vorsprang, sein Gesicht war fein, mager und lang, ohne Bart und von
jener weilichen Hautfarbe, wie man sie oft bei Rothaarigen findet. Sein
Mund war knabenhaft und rot.

Der Lehrer nherte sich ihm und berhrte seinen Arm mit der Fingerspitze.

Sofort schlug der Fremde die Augen auf, braune, sanfte Augen; nun sah sein
Gesicht auffallend schn und strahlend aus.

Der Lehrer verbeugte sich und wiederholte seine Bitte: neun Mark und
fnfzig Pfennig, sofort. Wenn es dem Herrn mglich sein sollte.

Gelchter.

Aber nun ereignete sich etwas, was alle verblffte, nur den Lehrer nicht.
Der Fremde lchelte, richtete sich ein wenig auf und griff in die Tasche
und klimperte mit Geld. Es reichte nicht. Er errtete leicht, griff nach
dem gestickten Reisesack und ffnete ihn, tauchte mit der langen Hand
hinein und zog ein Taschentuch mit einem Knoten heraus. Den Knoten ffnete
er und es fand sich ein zusammengefaltetes Stck Papier darin Diesem Papier
entnahm er ein kleines Goldstck und gab es dem Lehrer.

Danke! sagte der Lehrer und verbeugte sich. Er wandte sich an den
Messerschmied. Sie sehen, da es noch immer Edelleute auf der Welt gibt.
Bitte, Herr Messerschmied Ulrich!

Alle saen mit aufgerissenen Mulern und Augen und begannen erst zu lachen,
als der Messerschmied, der einen Augenblick nicht wute, was er tun sollte,
das Goldstck einsteckte und fnfzig Pfennig zurckgab. Diese fnfzig
Pfennig berreichte der Lehrer dem Fremden, der sofort wieder die Augen
schlo und sich in die Ecke zurcklegte.

In der letzten Station -- Stadt Weinberg -- stieg ein Herr mit glnzendem
Zylinder und schwarzem gewichsten Schnurrbart ein. Adjunkt Kaiser grte
und rckte hflich zur Seite. Das Gesprch stockte. Dann wandte sich der
Viehhndler an den Herrn mit dem glnzenden Seidenhut.

Verzeihen Sie mir die Khnheit; sagte er mit schmeichlerischer Stimme.
Knnen Sie mir vielleicht Auskunft geben, ob man dieses Dienstmdchen,
diese Selbstmrderin, kirchlich beerdigen wird oder nicht?

Der Herr mit dem Seidenhut legte die Stirne in Falten und sagte khl: Nein
-- soviel mir bekannt ist -- hat das Dekanat von einer Einsegnung Abstand
genommen.

Er zog ein Notizbuch heraus und bltterte darin, um weitere Fragen
abzuschneiden.

Der Hndler verneigte sich. Danke! Und er flsterte den andern zu: Nein,
nein.

Der Schuhmachermeister nickte resigniert mit dem Kopfe und bot allen eine
Prise an.

Der Zug verlangsamte die Fahrt und schlielich schlief er ein und regte
sich nicht mehr. Als man hinaus sah, fand es sich, da man weit drauen vor
der Station stehen geblieben war. Man war angekommen. Der erste, der
ausstieg, war der Herr im Zylinder, alle lieen ihm den Vortritt. Zuletzt
stieg der Fremde mit dem gestickten Reisesack aus.

Es war dster und kalt; nur wenige Laternen brannten in der kleinen
Station, die ganz im Schnee versank.




Drittes Kapitel


Der Fremde stieg aus und er wre beinahe in den groen Filzhut gestiegen,
den der Lehrer vor ihm bis zur Erde schwang. Er lachte laut und frhlich.

Sie konnten sich wohl vorstellen, da ich nicht verschwinden wrde, ohne
Ihnen zuvor unter vier Augen gedankt zu haben! sagte er und half dem
Fremden beim Aussteigen. Das heit, er griff nach dem rechten, dem linken
Arm, der Achselhhle des Fremden, ohne ihn jedoch zu berhren. Erlauben
Sie Ihre Tasche -- bitte -- nur bis Sie richtig auf den Beinen sind.

Der Fremde lchelte fein und gtig. Danke, ganz und gar unntig, sagte
er. Er hatte schne Augen, denn sie waren golden. Ihr klarer und
leuchtender Blick machte den Lehrer einen Moment lang betroffen. Der Fremde
sprach leise, als ob er sehr mde wre. Er lchelte und sah den Lehrer an,
wie wenn er ihn schon Jahr und Tag kennte. Der Lehrer betrachtete ihn eine
Weile, er bog sogar den Kopf zurck, um ihn genau ansehen zu knnen; dann
strzte er sich wieder auf die Reisetasche. Er strmte ber von
Freundlichkeit und Diensteifer.

Erlauben Sie, nur bis Sie ber die Geleise sind!

Bitte, oh, ich kann ja selbst -- sagte der junge Mann und zog mit einer
geradezu lcherlichen Besorgnis die Tasche an sich, und verbeugte sich
leicht gegen den Lehrer. Er blickte sich um. Er sah die Leute an, die ber
den beschneiten Bahnsteig eilten, er sah in die Hhe, nach rechts, nach
links, er sog die Luft ein. Jede Kleinigkeit schien ihn zu interessieren.

Aber der Lehrer verneigte sich abermals, zog den Hut und ergriff endlich
die Tasche. Ich betrachte es als eine Auszeichnung, mein Herr! sagte er.
Welche Klte, nicht wahr? Eine verfluchte, angenehme Klte, bei allen
Teufeln! -- Sie haben mir einen groen Dienst erwiesen, fuhr er fort,
indem er unvermittelt seinem beweglichen, von vielen Falten durchzogenen
Gesicht einen ernsten Ausdruck gab. Das war eine echte Edelmannstat!
Seine kindlichen Augen leuchteten.

Der Fremde sah umher. Aber die Sache ist ja nicht der Rede wert, sagte
er.

Der Lehrer lachte. Da haben Sie recht! Klar gesehen ist es etwas ganz
Selbstverstndliches, ein Edelmann springt dem andern bei, ja, er springt
jedem bei, der in der Klemme sitzt. Ganz einerlei wer es auch sei, und sei
es der Teufel selbst. Aber trotz alledem, ich freue mich und danke Ihnen!
Wenn Sie nun nicht dagewesen wren -- nehmen wir an -- oder keine zehn Mark
gehabt htten? -- Hol' mich der Teufel, wie wre ich vor diesen
Scherenschleifern und Schuhflickern dagestanden. Es juckt mich immer, sehen
Sie, dieses Gesindel mit Worten niederzuschmettern, aufzudonnern -- zum
Beispiel, einmal wollte ein Lump von einem Gastwirt mich hinauswerfen,
buchstblich hinauswerfen aus seiner Bude. Er hetzte den Hund auf mich!
Immer heran mit deinem gichtbrchigen Hund, schrie ich und breitete die
Arme aus -- heran mit diesem Floh von einem Hund! -- Was glauben Sie, was
passierte? Es war eine Ulmer Dogge --

Nun? fragte der junge Mann lchelnd.

Haha, er ri mich zu Boden, buchstblich, wie einen Pfahl rannte er mich
um -- aber, bin ich gegangen? -- Nein -- werde doch vor keinem Hunde
ausreien -- hahaha!

Auch der Fremde lachte.

Dann hren Sie, einmal, da donnere ich also, donnere vor Wichten und
Schneidern und sage, ich bin ein Mann, der ein Pferd an den Zhnen in die
Hhe hebt und einen Kilometer weit damit springt. Hebe den Tisch, sagen
sie, hebe diesen Tisch. Ich hob diesen Tisch, ein schwerer Tisch, mein
Herr, ich hob ihn und brach mir einen Zahn dabei aus -- sehen Sie hier --
sehen Sie in der Mitte, diesen schnen Zahn, auf den ich immer stolz war,
brach ich mir ab -- aber ich hob den Tisch! Entschuldigen Sie einen
Augenblick! Er wandte sich ab und zog den Hut vor einer jungen Dame mit
auffallend reichem schwarzen Haar und stolzem Profil, die, gefolgt von
einem Diener in ledergelber Livree, die Geleise berschritt. Der Diener war
mit Schachteln und Paketen beladen. Guten Abend, gndiges Frulein! sagte
der Lehrer und verbeugte sich mit groer Wrde.

Die Dame aber schenkte ihm nicht die geringste Beachtung.

Der Lehrer lachte gutmtig und wandte sich an den Fremden. Sie ist sehr
stolz? Haben Sie es bemerkt? sagte er mit gedmpftem Ba. Sie dankte mir
nicht, aber ich gre sie -- erstens ist sie sehr schn und zweitens ist
sie eine Freundin meiner Tochter Susanna! -- Deshalb gre ich sie und
deshalb werde ich sie immer gren, wenn sie mir auch hundertmal nicht
danken sollte. Denn, wer meiner Tochter Susanna nur zulchelt, den ksse
ich auch schon, sehen Sie, fgte er mit einem leisen zutraulichen Lcheln
hinzu. Geben Sie acht, eine Schiene. Welche Rattenfalle von einem
Bahnhofe, nicht wahr? Sie kommen in Geschften in die Stadt, mein Herr?

Der Fremde, der der Dame mit dem auffallend reichen schwarzen Haar
nachblickte, sagte: Ja, man knnte es so nennen. Und er nickte. Die Dame
verschwand.

Der Lehrer berhrte die Schulter des Fremden. Verzeihung! Er lachte und
sein lautes, gesundes Lachen hallte in dem schmalen nach Papier riechenden
Gange wieder, den sie durchschritten. Es war mehr eine Verlegenheitsfrage
als Neugierde. Ich hoffe aber, ja, ich wnsche Ihnen ganz speziell, da Sie
nicht lange hier zu tun haben werden. Eine recht elende Stadt, von
brgerlichem Volke bewohnt. Ohne Wrde, ohne schne Gebrde, ohne Ziel und
Wunsch, mit verchtlichen Mastben. Eine Grube voller Ausschu, Scherben
von Menschen, wie in den meisten kleinen Stdten, wo die geistige
Konkurrenz gleich Null ist und dickranzige Brger jeden Gedanken in Grund
und Boden hineinlcheln. Sind Sie Sammler von Abnormitten, so werden Sie
auf Ihre Kosten kommen. Gewissermaen ein Museum von Brgerlichkeit und
Dummheit. Aber was wollen Sie, verehrter Herr: Ein Kork kann sich so schwer
machen wie er will, er sinkt nicht unter! Dies ist wiederum eines meiner
dreitausend Sprichwrter ber den Brger. Der Lehrer lachte zufrieden;
dann fuhr er fort: Da haben Sie zum Beispiel den geistlichen Rat, fett wie
ein Schwein -- aber, ich bitte Sie, welch prchtiges kluges Geschpf ist
ein Schwein im Vergleich zu ihm! Er treibt Teufel aus, am lichten Tag und
verbrennt sie auf einem Spirituskocher. Da haben Sie wimmelnde Beispiele.
Der Brgermeister allein -- von einer Essenz aus ihm gewonnen, wrde ein
einziger Tropfen hinreichen, ein Genie augenblicklich zu verblden. Solch
eine Stadt ist das! Geist ist alles, sehen Sie, auf Moral pfeife ich!

Der Lehrer war wieder im Schwunge. Er zog den Hut in die Stirne, so da
sein halber Kopf darunter verschwand, sprach, gestikulierte, lachte, und je
lnger er sprach, desto glcklicher und zufriedener sah er aus. Er streckte
die Arme bald gerade aus, bald gegen den Himmel, er wiegte sich hin und her
und drehte sich auf dem Absatze.

Vor dem Bahnhofe wartete eine Art Wagen, einer groen Hutschachtel hnlich,
die ganz oben ein winziges Fensterchen hatte. Aus dem Fenster blickte das
fette, zufriedene Gesicht des Viehhndlers, der sich im Zuge so gut
amsiert hatte. Eine Zigarre glimmte in seinem Munde und sein Gesicht
fllte das ganze Fenster aus. Auf dem Bock des Wagens sa ein dunkles
Bndel und dieses Bndel rief: Weier Elefant?

Nein, danke! antwortete der Fremde, der in der eisigen Luft heftig zu
zittern begann. Ist es denn weit zur Stadt?

Hh! Eine halbe Stunde! Der Herr fahren also nicht mit? H!

Die Hutschachtel rollte davon und die glimmende Zigarre des Hndlers
erlosch in der Nacht wie ein kleines Fnkchen.

Der Lehrer lachte herzlich. Sie knnen sich doch denken, verehrter Herr,
rief er aus, da der Bahnhof weit auerhalb der Stadt liegt! Man
befrchtete, die Huser wrden einfallen. Ich werde mir erlauben, Ihnen in
aller Eile eine Skizze von dieser Stadt zu entwerfen und Sie werden mir in
einer Woche, nein, morgen schon sagen knnen, ob ich ein Talent zu
Schilderungen habe oder nicht. Diese Stadt also --

Verzeihung! unterbrach der Fremde den geschwtzigen Lehrer. Darf ich mir
eine Frage erlauben? Hier in der Stadt hat sich ein Unglck ereignet, nicht
wahr?

Ja.

So viel ich hren konnte, ein Mdchen hat sich das Leben genommen?

Ja -- ja -- richtig! Der Lehrer blickte den jungen Mann prfend von der
Seite her an. Haben Sie denn nicht geschlafen? fragte er, ohne seine
berraschung verbergen zu knnen.

Nein! Der Fremde lchelte fein. Ich habe nicht geschlafen, ich habe
jedes Wort gehrt.

Ah! Das grere Auge des Lehrers erweiterte sich vor Erstaunen, das
kleinere prfte den Fremden mit einem langen scharfen Blick.

Aber Sie haben sich schlafend gestellt? sagte der Lehrer langsam,
gleichsam fr sich; und er fgte rasch hinzu: Ja, ich habe dies und jenes
gehrt. Interessiert Sie der Fall?

Der junge Mann nickte. Ich habe das allergrte Interesse! sagte er.

Der Lehrer erzhlte. Was fr merkwrdige Dinge auf der Welt passieren!
schlo er. Nicht wahr? Er lachte leise. Wenn man des Lebens komischen
Spuk recht ins Auge fasse, murmelte er, indem er sich den schwarzen Bart
strich, man msse die Folgerung ziehen, da Gott wahnsinnig sei.

Der Fremde blickte den Lehrer mit klaren, ernsten Augen an. Sie kennen
vielleicht die unglckliche Mutter des Mdchens?

Der Lehrer erstaunte immer mehr. Er trat einen Schritt zurck und vermochte
nicht sofort zu antworten. Aber er fate sich und lchelte. Diese kleine,
alte Frau? sagte er und blickte den Fremden mit einer gewissen Scheu an,
die immer wieder in seinen Zgen auftauchte, so oft er sie auch zu
unterdrcken versuchte. Sie ist eine Eierhndlerin, wissen Sie, geht herum
in den Drfern und kauft Eier ein, um sie in der Stadt zu verhandeln. Ein
armes Dingchen, sie wohnt neben dem Armenhaus, dicht daneben, fast im
Armenhaus selbst, im Hexengchen wohnt sie, jedes Kind kennt sie.

Danke! sagte der Fremde und streckte dem Lehrer mit einer offenherzigen
Bewegung die Hand entgegen. Danke Ihnen aufrichtig! Die Herzlichkeit in
seiner Stimme besiegte die sonderbare Scheu des Lehrers vollstndig. Ein
Lcheln verklrte sein mnnliches, wildes Gesicht. Er streckte ihm beide
Hnde hin.

Verehrter! rief er aus. Verehrter! Es ist mir eine groe Freude, Ihnen
auf meiner Wanderschaft begegnet zu sein. Ich hoffe, das Glck wird nicht
ohne Nachwuchs bleiben, das heit, Sie verstehen mich wohl, ich hoffe, da
ich Sie wiedersehen werde. Vielleicht schenken Sie mir die Ehre Ihres
Besuches? Ich bin in Acht und Bann, ohne jeglichen brgerlichen Kredit, ein
entlassener Volksschullehrer -- sage es gleich, ohne zu befrchten, da Sie
das abhalten knnte mein Haus zu betreten. Und als der Fremde mit
herzlichen Worten fr die Einladung dankte und seinen Besuch zusagte, fgte
er mit strahlendem Gesichte und aufrichtiger Freude flsternd hinzu: Ah,
herrlich! Mein Heim ist bescheiden, aber die Flagge des Glckes flattert
darber. Sie werden Mtterchen kennen lernen, meine Frau! -- Mtterchen, so
heit sie in der ganzen Stadt -- haha -- Sie werden sie kennen lernen, so
klein wie sie ist! Ich bezahle Ihnen hundert Flaschen Wein, wenn Sie sich
vorstellen knnen, wie klein sie ist und wie leicht! Oft, wenn ich in den
Feldern herumliege, denke ich, wie klein ist sie doch -- wie klein und
leicht -- wie ein Kork. Und Susanna werden Sie kennen lernen -- meine
Tochter -- ein herrliches Geschpf, herrlich an Krper und Geist -- eine
Art Heldin -- nun, Sie werden sie ja sehen! Ich bin eben auf dem Wege zu
ihnen, zu Mtterchen und Susanna, seit einem Jahre bin ich nicht mehr da
gewesen -- aber pltzlich hat mich die Sehnsucht gepackt, so da ich sogar
den Zug nahm, was seit sechs Jahren nicht mehr passierte, ich mache alles
zu Fu --

Sie arbeiten also auswrts? fragte der Fremde.

Wie?

Sie arbeiten also auswrts, nicht hier am Platze?

Der Lehrer gab seinem Kopfe einen Ruck und beugte das Ohr lauschend herab.
Ah! rief er, arbeiten? Er schttelte langsam den haarigen Kopf und
seine Augen glhten. Ich hasse die Arbeit! Ich bin ein freier Mann, ein
Wanderer, wandere umher, jahraus -- jahrein -- in Sturm und Wetter, in
Sonne und Tau -- ein Bruder der Vgel, ein Freund der Bume, ein Sohn der
Sonne -- hier legte er die Hand aufs Herz und seine Augen glnzten
schwrmerisch -- ein Schrecken fr alle eingesessenen Brger! Ein Komet,
der unterwegs ist, wenn Sie wollen. Nein, ich arbeite nicht, junger Freund,
haha, was Ihnen doch einfllt! Er betrachtete den Fremden mit einem
gnnerhaften, vterlichen Blick. Meine Familie lebt in angenehmen
Verhltnissen -- sozusagen in sehr angenehmen Verhltnissen. Ich hoffe, Sie
werden den Besuch nicht vergessen, gleich hier beim Bahnhof!

Auf keinen Fall.

Der Lehrer sah den jungen Mann lange an, gleichsam, um sich sein Antlitz
fr alle Zeiten einzuprgen; er bewegte den Kopf in kleinen Rucken, um
genauer zu sehen und tiefer in die Zge eindringen zu knnen. Dann
schttelte er leicht den Kopf.

Sie sind ein eigentmlicher Mensch! sagte er leise. Ich habe auch Ihr
Gesicht noch nicht gesehen, alle anderen Gesichter habe ich ja tausendfach
gesehen. Ich schtze es mir zur Ehre, Ihnen begegnet zu sein. Allezeit Ihr
Diener! Darauf nahm er den Hut ab, drckte ihn gegen die Brust und
verbeugte sich. Erlauben Sie mir, da ich mich Ihnen zum Abschied
vorstelle! sagte er in tiefstem Ba. Heinrich Lwenherz, ein fahrender
Gesell!

Der Fremde nahm den Hut ab und verbeugte sich seinerseits.

Richard Grau, sagte er.

Der Lehrer verschwand wie ein Phantom irgendwohin und der Fremde sah ihm
mit einem nachdenklichen und erstaunten Blicke nach. Aber dieser Heinrich
Lwenherz hatte eine schne Empfindung in ihm zurckgelassen, und er nahm
sich vor, ihn sobald als mglich aufzusuchen.




Viertes Kapitel


Die kleine Stadt lag schon ganz ausgestorben. In den krummen Gassen
brannten einige Laternen, halb zugeschneit, mit kleinen verruten
Petroleumlmpchen. Die alten buckligen Huser standen stumm und vornber
gebeugt und erinnerten an im Stehen schlafende Pferde. Da und dort
schimmerte ein helles Fenster. Der Schuhmachermeister Mnnlein sa
friedlich ber die Arbeit gebeugt, der Fleischer Keim hackte etwas auf
einem Blocke und wischte sich den Schwei von der Stirn. Auch Frulein
Karola Sperling, Modes, hatte noch Licht. Denn sicherlich war sie es, die
da droben im Giebelzimmer wohnte.

ber den den Marktplatz fuhr der Wind und kmpfte mit einem Zeitungsblatt,
das offenbar die Absicht hatte, die Kirchgasse hinauf zu rollen. Aber der
Wind zwang es, umzukehren, zerrte es an den Husern entlang und lie es
endlich die Gasse, die zum Flusse fhrte und Fischergasse hie,
hinabflattern.

Sobald das Zeitungsblatt in der Fischergasse verschwunden war, tauchte der
Fremde, der sich Richard Grau genannt hatte, aus der langen Gasse auf, den
Reisesack in der Hand.

Er ging langsam auf das Hotel Zum weien Elefanten zu und sah sich das
Hotel von oben bis unten aufmerksam an. Es war ein alter gelber
Fachwerkbau, der die Fenster gerade da hatte, wo niemand sie suchte und
sich im Gegensatz zu all den andern Husern ringsum zurckbog. Rechts unten
hatte es einen kleinen Erker, der sich auf eine kurze, plumpe Sule
sttzte. Aus dem Erker schimmerte Licht. Vor dem breiten Tor stand der
Hotelwagen, der einer groen Hutschachtel hnlich sah.

Die Aufschrift Hotel zum weien Elefant zog sich ber die ganze Breite
des mchtigen Hauses hin und zum berflu hing noch ein Schild ber dem
breiten Tore, ein kleiner, drolliger Elefant mit kurzen Stozhnen und
geschwungenem Rssel und listigem Schmunzeln, hnlich jenen ausgestopften
Exemplaren, die die Kinder an einem Stricke hinter sich herschleifen.

Der kleine weie Elefant schwang sich im Winde und schmunzelte.

Grau stellte die Reisetasche ab und ordnete sein Halstuch. Es wird wohl
besser aussehen! dachte er und suchte in den Manteltaschen nach den
Handschuhen. Aber diese Handschuhe, dicke, warme Handschuhe, die er erst
gestern gekauft hatte, waren nicht zu finden. Pltzlich hrte Grau auf zu
suchen. Aber natrlich! rief er aus und lchelte und sein Antlitz nahm
einen glcklichen und trumerischen Ausdruck an.

Er rusperte sich und zog die Klingel. Ein kleines Fenster an der Wand fiel
herab und eine hastige, sich berstrzende, rgerliche Stimme fragte:
Wollen Sie Bier? Es hrte sich wie Gebell an.

Grau nahm den Hut ab. Nein, sagte er, ich will ein Zimmer -- ein
einfaches Zimmer, nicht zu teuer. Nur fr diese Nacht.

h! bellte die Stimme und ein rgerliches kleines Gesicht fuhr zum
Fenster heraus. Sie haben an der Gassenschenke gelutet, sehen Sie denn
nicht die Fremdenglocke? Knnen Sie denn nicht lesen?

Grau lchelte. Natrlich kann ich lesen, sagte er, entschuldigen Sie
nur, wenn ich an der Gassenschenke gelutet habe --

Jajajaja! Der Wirt, ein x-beiniger Mann mit winzigem Kopfe kam heraus und
musterte Grau. Er schlich im Halbkreis um ihn herum, wog den Reisesack mit
den Blicken, betrachtete Graus alten Hut, abgetragenen Mantel, seine
frostroten Hnde und endlich machte er die Augen scharf und musterte sein
Gesicht, das vor Erschpfung bleich und ausgehungert und vor Klte blau
gefroren aussah.

Treten Sie ein! Ins Gastzimmer!

Nach all der Dunkelheit erschien das Gastzimmer festlich beleuchtet,
obgleich nur eine einzige Hngelampe brannte. Alles erschien nahezu wei,
die Wnde, der lange, mit Vasen, Papierblumen und Gipsfiguren barbarisch
geschmckte Tisch, die Vorhnge, die Wnde und selbst der Fuboden. Die
Decke aber war braun. Es war wohltuend warm hier, und der Duft einer feinen
Zigarette vermischte sich mit dem abgestandenen Geruch von Speisen und
etwas Ranzigem. Aus dem Geruch schlo Grau, da hier die unverheirateten
Beamten der Stadt aen, etwa zehn an der Zahl, die alle gut zu speisen
liebten. Ihr durch die Tafel angeregtes Gesprch schien noch in der Luft zu
hngen und irgendwo zu stecken, gleich dem Rauche der schweren Zigarren,
die sie nach dem Essen pafften. Nun war das Zimmer de. Irgendwo zirpte
eine Spieldose eine Arie, und an einem Tischchen in einem Erker saen eine
Frau und ein junger Mann vor einer Batterie von Weinflaschen. Die Frau sa
sehr unschn da, den Stuhl weit zurckgeschoben, die Ellbogen auf den Tisch
gesttzt, das Gesicht in den Hnden. Der junge Mann sa in seinem Stuhle,
die Fe, an denen er abgeschabte Reitstiefel trug, weit von sich gestreckt
und rauchte. An seiner weien Hand blitzten Steine. Er kitzelte die Frau
mit einer Reitpeitsche am Halse. Beide wandten das Gesicht zur Tre, als
Grau eintrat und Guten Abend wnschte, die Frau tat es, ohne die Hnde vom
Gesicht zu nehmen. Sie war blond und schn wie eine Puppe. Sie hatte auch
das Puppenlcheln. Der junge Mann hatte ein fahles, langes Gesicht und
seine schwarzen gescheitelten Haare spannten sich wie glnzender Atlas ber
den Schdel.

H! schrie der junge Mann und sprang auf. Er eilte auf Grau zu, nahm die
Reitpeitsche unter die Achsel, verbeugte sich wie ein Kellner und rieb sich
die Hnde, als wasche er sie.

Was befehlen der Herr? fragte er mit einer fr seine zwanzig Jahre
auerordentlich tiefen und rauhen Stimme und lachte betrunken. In seiner
Rocktasche zirpte die Spieldose.

Grau sah ihn mit erstaunten Blicken an. Sind Sie der Kellner? fragte er,
indem er sich, unangenehm berhrt, abwandte und den Mantel auszog. Ein
alter, etwas knapper, dunkelfarbiger Gehrock kam zum Vorschein. Die rmel
waren mit schwarzen Borten eingesumt und die Brustaufschlge zeigten etwas
wie schwarze Seide. Da und dort schien der Stoff mit Tinte nachgefrbt zu
sein.

Die blonde Frau lachte kichernd. Aber, Herr Baron! rief sie mit einer
Mischung von Vorwurf und Koketterie in der inhaltslosen, hohen Stimme und
sah Grau mit ihren groen Augen neugierig an.

Ich fhle mich hier zu Hause, Tante! sagte der junge Mann, den die Frau
Baron nannte und lachte. Deshalb, mein Herr, deshalb. Auerdem, weil Sie
mir gefallen. Sagen Sie das eine, sind Sie kurzsichtig?

Ja, er sei ein wenig kurzsichtig, entgegnete Grau hflich.

Aha -- deshalb. Deshalb sehen Sie einen so eigentmlich an. Wenn Sie nun
nicht kurzsichtig wren, so wre -- aber Ihre Kurzsichtigkeit entschuldigt
Sie, natrlich, haha -- natrlich. Haben Sie schon den Trompeter von
Sckingen gehrt? Wie? Ja, wenn Sie ihn noch nicht gehrt haben, sofort
soll das Orchester antreten -- sofort --

Der Baron lachte und sprach auf Grau unausgesetzt ein. Er nahm die
Spieldose aus der Tasche und zog sie auf. Der Blick seiner dunkelgrauen
Augen war unsicher und flackernd, ruhelos und geqult. Grau erinnerte sich,
diesen Blick bei einem Manne gesehen zu haben, der mit nackten Fen auf
Glasscherben tanzte, um sich zu vergessen, um sich selbst zu foltern -- der
Mann hatte wohl seinen Grund gehabt. -- Auf der rechten Wange hatte der
junge Mann einen kleinen Schmutzflecken und gerade dieser Schmutzfleck
allein schien sein Gesicht brutal und betrunken zu machen, denn auerdem
war es fein und regelmig, ja sanft.

Hren Sie das Orchester? Beht' dich Gott -- Onkel! schrie er den Wirt
mit dem kleinen Kopf an. Bringe mir den schwersten Wein, den du hast im
Keller -- schwarz mu er sein -- sofort! Das heit, du brauchst dich nicht
zu beeilen. Du kannst wegbleiben, solange du willst, Onkel, wir brauchen
dich ja nicht hier -- keine Seele fragt nach dir! Herrgott im Himmel,
Onkel, wie ein Floh kommst du mir heute vor, genau wie ein im Dienst
ergrauter Floh --

Herr von Hennenbach, Herr Baron! rief die blonde Frau im Erker und
kicherte in die Hnde.

Der Wirt murmelte eine Verwnschung und nherte sich Grau. Was wnschen
der Herr? Abendbrot?

Ja, eine Kleinigkeit.

Schweinebraten, Schnitzel, Nieren --

Grau winkte ab und schttelte den Kopf. Der Wirt begann laut zu bellen.
Der Herr knnen auch Taube haben, Huhn --

Grau machte ein hilfloses Gesicht. Nein, danke, sagte er, ich bin
nmlich gar nicht hungrig, mssen Sie wissen. Vielleicht haben Sie etwas
Wurst und Bier?

Der Wirt entfernte sich mit einer rgerlichen Grimasse.

Die Frau im Erker begann zu kichern und zu keuchen und pltzlich stie sie
einen leisen Schrei aus. Dann hustete sie und rckte den Stuhl. Sie
sollten nicht mehr trinken, Herr Baron, Sie Wildfang! kicherte sie.

Ruhe, Tante, Ruhe! sagte der junge Mann rauh. Ich trinke die ganze
Nacht, morgen, bermorgen, die ganze Woche, ich habe meine Periode und mu
mich betuben --

Pltzlich stand er vor Grau und verbeugte sich. Darf ich den Herrn zu
einer Partie Billard einladen?

Danke.

Einsatz zwanzig Mark. Ich gebe dem Herrn fnfzig Blle auf hundert vor.

Ich bedaure, ich spiele nicht Billard. Grau sprach sanft und hflich.

Der Baron lachte. Also nicht einmal Billard spiele der Herr? Sie waren
wohl nie Student? Kann ich mir denken.

Doch, mein Herr!

Ja, du meine Gte, da haben Sie nicht Billard gelernt? Ich mchte schon
wissen, was Sie dann in Ihrer freien Zeit taten?

Ich habe Stunden gegeben.

Aha! Das ndert die Sache allerdings. Aber hren Sie, ob Sie Billard
spielen oder nicht, das ist ganz egal -- ganz egal -- Sie lernen es.
Trotzdem Sie sehr kurzsichtig zu sein scheinen -- trotzdem prophezeie ich
Ihnen, da Sie es in fnf Minuten knnen. Ich gebe Ihnen auf hundert Blle
neunzig vor -- Einsatz zwanzig Mark --

Grau lchelte. Entschuldigen Sie --

Ich gebe Ihnen fnfundneunzig vor -- neunundneunzig -- hren Sie -- und
wenn Sie blind sein sollten -- einen Ball werden Sie doch machen.

Nein, ich danke Ihnen vielmals. Ich bin zu mde.

Ah! Der junge Mann warf sich rittlings auf einen Stuhl am Tische. Dann
vielleicht -- Dame, Domino -- oder Schach oder Mhle, was Sie wollen -- Sie
knnen ja sitzen bleiben, wenn Sie mde sind -- ja, Sie brauchen nicht
einmal zu ziehen, ich ziehe fr Sie -- die Hlfte Steine gebe ich Ihnen --
ja, Donner und Doria! rief er pltzlich aus und lachte laut und roh. Er
hatte Graus Reisesack entdeckt. Er sprang auf und besah sich den Reisesack
in der Nhe. Er lachte und bewegte die Reitpeitsche, als ob er die Henne
kitzle. Was fr eine kostbare Sache! schrie er. Wohl ein altes Stck?

Es drfte ziemlich alt sein, ja. Grau lchelte, er nderte nicht den Ton
der Stimme.

Wohl ein -- ein Familienstck -- ein Erbstck?

Nein.

Nicht! Es sieht genau so aus. Was wrden Sie sagen, mein Freund, wenn
Ihnen jemand fr die Tasche zwanzig Mark gbe?

Ich verkaufe sie nicht, antwortete Grau geduldig.

Der Baron lachte laut heraus. Er lachte Grau ins Gesicht, dicht ins Gesicht
und sagte: Hundert Mark! In die Hand! Na?

Hier erhob sich Grau und verbeugte sich. Ich sehe, der Herr sind in guter
Laune, sagte er, ich verstehe das recht wohl, da der Herr scherzen
wollen, aber sollte es nicht jetzt genug sein? Er sah den Baron an und
pltzlich vernderten sich seine Augen. Eine leichte Glut begann in ihnen
aufzuleuchten und ihr Blick schien langsam in die flackernden Augen des
Barons einzudringen, bis hinab in die Tiefe.

Der Baron blinzelte, wie um sich von einer Macht zu befreien. Er kniff die
Lider zusammen und lachte.

Aber, Herr Baron! kicherte die blonde Frau im Erker.

Hundert Mark! Fr die Tasche hier! Barzahlung? Nicht? Aber Herr, Herr, was
ist mit Ihnen? Sie scheinen nicht allein kurzsichtig zu sein -- aber hole
mich der Teufel, ich darf Sie doch zu einer Flasche Wein einladen?

Ich danke Ihnen herzlich, sagte Grau und errtete, ich habe keine Lust.
Ich bin zu mde, danke!

Der Baron lachte und schrie: Dieser Herr errtet, Tante, wie ein junges
Mdchen, wie ein Jngferchen aus dem siebzehnten Jahrhundert. Also, Sie
schlagen die Einladung aus? wandte er sich wiederum an Grau. Er wartete
ein wenig und sah Grau in die Augen; er wollte wieder zu sprechen beginnen,
aber er zgerte und verlor von neuem unter dem Blicke Graus die Sicherheit.
Einen Augenblick lang sah er berrascht aus, dann lachte er heraus und
schrie: Gut! Und wenn Sie mich auch noch so kurzsichtig ansehen, wissen
Sie nun, was? -- Hole Sie der Teufel! Er klappte die Reitstiefel zusammen
und drehte sich um.

Grau zuckte die Achseln und winkte den Wirt heran. Wo ist das
Hexengchen, bitte? fragte er.

Hexengchen? Hexengchen? Ja, was wollen Sie denn im Hexengchen, im
Hexengchen?

Ich will jemand besuchen, der hier wohnt. Neben dem Armenhaus.

Armenhaus? Armenhaus?

Eine Frau Sammet mchte ich besuchen, eine Eierhndlerin. Sie wohnt doch
da, nicht wahr?

Nun verstand der x-beinige Wirt mit dem kleinen Kopf, der in Wirklichkeit
mit den groen Augen, der langen, flachen Nase, dem kleinen Mund und dem
verkmmerten Kinn dem Kopfe eines Flohs glich. Der Herr kommen zur
Beerdigung?

Ja, sagte Grau und schlpfte in den Mantel, whrend ihm der Wirt den Weg
beschrieb.

Wenn er doch zum Teufel ginge! schrie der Baron mit einer zu Graus
Verwunderung nahezu haerfllten Stimme.

Ah, wie traurig, dachte Grau, er ist unglcklich, und noch so jung!

Grau kehrte nach einer Viertelstunde unbefriedigt zurck und ging sogleich
auf sein Zimmer. Er hatte die Eierhndlerin nicht zu Hause angetroffen.




Fnftes Kapitel


Grau schlo die Tre seiner Kammer und begann augenblicklich erregt mit
sich selbst zu sprechen.

Man nimmt sich doch nicht so rasch das Leben! sagte er und gestikulierte
heftig. Das Mdchen war doch so jung und gesund! Aus Scham allein hat sie
es nicht getan, das glaube ich nicht. Nein, nie und nimmer! Es mute noch
etwas anderes mitspielen, eine Krnkung oder sonst etwas. Der
Fleischergeselle leugnet. Man kennt den Verfhrer nicht. Ich werde ihn
herausfinden, bei Gott, das werde ich!

Er war todmde und legte sich zu Bett. Er war einen vollen Tag unterwegs
gewesen und hatte, um Geld zu sparen, noch dazu eine Strecke von fnfzehn
Kilometern zu Fu zurckgelegt, um einen Umweg der Bahnlinie abzuschneiden.

Dieses arme Mdchen! dachte er. Entsetzlich! Mit einem Seufzer der Lust
empfangen, in Angst getragen, in Verzweiflung geboren und mit dem Leben
bezahlt. Genug, genug!

Er schlief ein, wurde aber gleich darauf durch das Bimmeln einer dnnen
Blechglocke geweckt.

Im Gastzimmer unter ihm rumorte die rauhe Stimme des jungen Barons. Hier
und da bellte rgerlich der kleine Wirt, und in nahezu gleichen
Zwischenrumen lie sich das leere Lachen der blonden Wirtin hren. Es
hrte sich an wie der Ton einer kleinen dnnen Blechglocke, an der der
Baron zog, wann es ihm gefiel. Einmal zog er zweimal nacheinander daran,
ein andermal tat er nur einen kurzen, schrillen Ruck. Die Personen da
drunten verkleideten sich, der Baron wurde zu einem Manne, der auf
Flaschenscherben tanzte und seine Augen glhten.

Grau richtete sich im Bette auf. Er konnte nicht schlafen.

Dieses arme Mdchen ist es ja nicht allein! rief er aus und schlug mit
der flachen Hand auf die Bettdecke. Da ist noch diese alte verzweifelte
Mutter, die ganz von Sinnen hin- und herrannte und schrie. Da ist noch das
arme verwaiste Kind! -- Aber auch das ist noch nicht alles! fuhr er fort,
wobei sich sein Herz zusammenkrampfte. Tausende solch unglcklicher
Mdchen gibt es, Tausende solch verzweifelter Mtterchen, Tausende solch
verwaister Kinder! Tausende! Tausende! Tausende!

Er befreite sich von diesem Gedanken.

Aber augenblicklich erschien an einer andern Stelle seines Kopfes ein
Gefangener, der an der Wand der Zelle lehnte; es war Nacht, aber er schlief
nicht, durch das kleine Gitter ber seinem Kopfe drang ein fahles Licht, da
stand er mit bleichem Gesichte, starrte vor sich hin und nagte an der
Lippe. Wieder, da sah er in eine Kammer: Auf dem Bett lag eine tote Frau,
eine Kerze brannte daneben, ein Kind sa auf dem Boden und lchelte ihm zu.
Auf dem fahlen Gesicht der Toten stand mit erschreckender Deutlichkeit
geschrieben: Ich wurde geboren und wei nicht weshalb, ich habe gelebt,
wei nicht warum und weshalb bin ich doch gestorben? Nun aber kann ich den
Weg zur Seligkeit nicht finden, ach! Dann sah er einen schlafenden Mann mit
kurzen aschgrauen Haaren vor sich und er sah einen Gedanken, der im Haupte
des Schlafenden wanderte. Der Gedanke wanderte hin und her, wie ein Licht,
das in der Nacht wandert und vor verschlossenen Tren stehen bleibt.
Pltzlich stand das Licht ruhig und loderte hell auf und der Schlafende
erwachte verstrt. Er schlpfte in die Kleider, hastig, schlich sich aus
dem Hause, verstohlen, und sein schneller Schritt verschwand in einer
dunkeln Gasse. Aus der Ferne drang ein entsetzlicher Schrei.

Grau schrak zusammen. Den Schrei hatte die blonde Wirtin ausgestoen. Aber
es war kein Schrei des Schreckens, es war ein schrilles, ersticktes Lachen.
Der junge Baron verabschiedete sich, das Tor fiel ins Schlo und durch das
ganze Haus lief ein dumpfes Zittern vom Keller bis zum Boden. Der Wirt
zankte, die Frau lachte gedmpft. Schritte schlichen hin und her auf
knarrenden Dielen, bald unten, bald oben, an seiner Tr vorbei. Es war der
kleine Wirt, der nachsah, ob alles in Ordnung war. Er flsterte, tuschelte,
zankte. Und wieder knarrte sein schleichender Schritt durch das ganze Haus.

Graus Zge fielen ein. All das Leid, das auf der Erde war! Er fhlte es, es
lag wie eine Last auf seiner Brust, er hrte es, ja, er roch es! Dunkler
und dunkler wurde es in seiner Brust und endlich erschauerte er von all der
Finsternis, die in seinem Innern war. Er prete die Hnde vors Gesicht und
zitterte und dieses Zittern kam nicht von der Klte allein. Die ganze Erde
schreit ja immerzu, dachte er, sie zittert und bebt ja unausgesetzt. Wenn
sich das Schluchzen einer einzigen Nacht vereinigt, so tobt es lauter als
das wilde Meer! Dieses leise Weinen in den Kissen, dieses Klopfen der
Herzen, das Keuchen der Sterbenden, die Schreie der Gebrenden --

Ob man auch das Auge schliet, was hilft es, das verqulte Antlitz des
Menschen ist berall, es dringt durch die Lider hindurch, ob man die Ohren
verschliet, was hilft es doch?

Scheint nicht manchmal ein entsetzlicher Schrei durch die Nacht zu hallen,
aller Menschen Stimmen, die sich zu einem einzigen Schrei der Anklage
vereinigen, zu einem Schrei nach Erlsung?

Ein Schweigen noch furchtbarer als dieser Schrei ist die Antwort.

Grau sa regungslos im Bette und starrte vor sich hin. Und er sah Tausende
von Menschen vor sich, die im Bette saen und starrten und nur den Wunsch
hatten, zu vergessen, zu schlafen, nicht mehr zu denken. Aber drauen in
der finstern Nacht murmelte und tobte es und wollte nicht ruhig werden.

Wenn man doch etwas tun knnte, sagte Grau und nickte und seine Augen
brannten. Nichts sollte mir zuviel sein, nichts! Aber man ist ja so arm --
viel zu arm!

Die Kerze erlosch, aber er regte sich nicht. Nun war es dunkel um ihn her
und er starrte in dieses Dunkel hinein, seine Zge fielen ein, sie
verzerrten sich. Er dachte, dachte, grub die Zhne in die Lippe --

Aber mit einem Male vernderte sich der Ausdruck seines Gesichtes und
seiner Augen. Er blickte auf das Fenster, und Neugierde, Erstaunen,
Verwunderung und Freude spiegelten sich in seinen Zgen.

Auf diesem Fenster jedoch war nichts Besonderes zu sehen. Es war eine
schwarze Scheibe und vom Marktplatze, von irgendwoher fiel der Schein einer
Laterne darauf, so da feine Lichtbogen entstanden, wie man sie um den Mond
sieht, wenn er einen Hof hat. Doch das war nicht alles. In diesem
Lichtbogen lebte es! Es regte sich, es flimmerte, es zuckte darin. Feine
Kristalle formten sich. Es war wie gesticktes Moos, wie feine zitternde
Grser, dann strebten schmale, wehende, glitzernde Pflanzen empor, dem Tang
hnlich, der auf dem Grunde des Meeres wchst. Weie Korallenzweige wuchsen
zwischen ihnen hindurch, verstelten sich feiner und feiner, etwas wie
spitze Flossen tauchte auf, Sterne, deren Enden zitterten -- und alles
glitzerte und flimmerte als sei es aus Splittern von Brillanten gebildet.

Es war ein betrend schnes Bild, ein Wunder an Reichtum, Glanz und Formen,
das eine unsichtbare Hand hier an das schwarze Fenster eines nichtigen
Wirtshauses zeichnete.

Grau sa und seine Augen waren wach und hell und sahen zu, wie es sich
formte, vernderte, wuchs. Auf seinen knabenhaften Lippen schwebte ein
seltsames Lcheln und in seinen Augen war ein fremder Glanz. Er atmete
wieder. Er atmete tief und befreit.

Er schreibt! Er schreibt! flsterte er leise und Freude erfllte ihn und
stummer Jubel. Gleichzeitig aber schmte er sich.

Ich bin mde gewesen, er mge mir verzeihen!

Grau schlief ein und er atmete tief und froh und lchelte im Schlafe. In
seinen Traum kam ein alter kranker Bauernknecht mit entzndeten Augen, der
eine zerrissene Jacke trug und dicke neue Handschuhe an den Hnden hatte;
er schwang die Hnde vor ihm und lachte. Deine Handschuhe sind warm,
vergelt's Gott! schrie er und nickte ihm zu.




Sechstes Kapitel


Es kamen viele Leute in Trauerkleidern und stiegen die beschneiten Stufen
zu der kleinen Kirche mit dem weien Turm empor. Es kamen Leute vom Land,
Bauern, die ernste Gesichter machten und langsam daherstampften, es kamen
immer mehr, auch die jungen Damen, die ein gutes Herz hatten, kamen; auch
der Schuhmachermeister mit dem aufgeblhten Hals kam, feierlich pustend, in
einem engen Gehrock, mit frostroten Handgelenken, ein kleines Bukett aus
Wachsblumen in der Hand. Es kamen immer mehr, in all den weien Gassen
wanderte es. Viele kamen aus Neugierde, natrlich. Der kleine Friedhof war
ganz schwarz und alle drngten der Ecke zu, die den Namen Selbstmrderecke
hatte. Es war sehr stille ber dem Stdtchen und die Sonne blendete.

Pltzlich hrte man ein Schluchzen, ein Schreien, und man sah, da ein Sarg
die Staffeln heraufgetragen wurde, ein roher Kasten. Man schaffte ihn aus
dem Spital herauf. Hinter dem Sarge kam eine Gruppe von Frauen, die in der
Mitte etwas Weihaariges fhrten, das sich schttelte und hin- und herwarf
und sich auf die Staffeln werfen wollte und schrie.

Der Sarg kam heran und alle nahmen den Hut ab. Man rusperte sich, man
hustete, man zog die Brauen zusammen und in den schwarzen Fusten der
jungen Damen erschienen blendendweie Taschentcher. Die kleine Frau schrie
ohne Aufhren, aber als sie an das Friedhoftor kam, schwieg sie pltzlich.
Das aber war noch viel schrecklicher als ihr Geschrei. Sie wankte zwischen
den Frauen einher, und alle wichen zurck, niemand wollte einem solch
schrecklichen Jammer nahe kommen. Eine breite Gasse entstand.

Gestern sind ihre Haare noch grau gewesen, aber heute sind sie wei. Aber
diese Haare waren nicht nur wei, das war es nicht allein, die Haare
flatterten. Sie waren dnn und kurz und befanden sich in ununterbrochener
Bewegung, immerzu stiegen einzelne Haare in die Hhe, kruselten sich,
sanken zurck, andere lsten sich und flatterten langsam in die Hhe.

Der gelbe Sarg wanderte durch die Menge, getragen von sechs Mnnern, es
schien als stelze er auf diesen vielen dunkeln Beinen durch den Schnee,
direkt auf das Grab zu, wie auf seine Hhle. Die weihaarige Frau sagte
etwas und machte mit beiden Hnden Zeichen, da man nichts zu befrchten
habe. Dann lie sie sich in die Knie nieder und kte das Ende des gelben
Sarges, kte es mit gespitzten runzeligen Lippen, wobei sie die beiden
Seitenwnde des Sarges mit den Hnden streichelte. Als die Trger sich
anschickten, den Sarg hinabzulassen, begann die alte Frau zu lachen und mit
den Fusten auf ihre Stirn zu schlagen. Alle Leute wichen zurck und
erblaten. Der Schuhmachermeister mit dem aufgeblhten Hals wurde blaurot
im Gesicht und ffnete weit den Mund, die jungen Damen wandten sich ab und
bissen in die Taschentcher.

Da begann es in der Luft zu schwirren, ein feines Sausen schwang sich in
der Stille und es klang als fiele ein klingendes Becken hoch aus der Luft
herab; die Glocken begannen zu luten. S und feierlich klangen sie und
alle Augen richteten sich auf den kleinen, weigetnchten Turm, wo sie sich
in den Luken schwangen. Es lutet! Ja, natrlich, es lutet, es lutet in
der Kirche. Und alle Glocken luteten, nicht nur die Beerdigungsglocke. Es
gab einige, die sofort in den Turm hineingingen, wo der Kirchner und sein
Gehilfe an den Stricken auf und abtanzten. Es lutet ja?

Er hat es befohlen, der Neue!

Die kleine verzweifelte Frau hrte auf zu lachen und lauschte, indem sie
den weien Kopf zur linken Schulter neigte und den Mund ffnete. Sie wandte
sich nicht um, sie lauschte nur. Es war das groe Gelute.

Die schmale Tre der Sakristei ffnete sich und der Vikar stieg die Stufen
herab. Er war im Talar und auf seinem Arme lag ein Buch. Alle sahen ihn
kommen und bildeten eine Gasse. Er schritt hindurch, den Blick auf den
Boden geheftet. Er trat ans Grab und nahm das Barett ab.

Seine Haare waren braun und weich, mit einem Schimmer ins Rote, und alle
konnten sehen, da sein Gesicht lang und mager war.

Er schlug die Augen auf und sah nun aus, als ob er noch nicht zwanzig Jahre
alt wre. Er lchelte unmerklich und richtete den sanften, schimmernden
Blick auf die weihaarige Frau. Dann begann er zu sprechen. Es war
totenstill und man hrte einen gedmpften Schritt im Schnee knarren. So
leise sprach der Vikar, da man ihn kaum verstand, seine Stimme zitterte
und pltzlich blieb er stecken. Er schwieg eine lange Weile, errtete, aber
er wandte den Blick nicht von der kleinen Frau ab. Dann fand er sich wieder
zurecht und nun sprach er rasch und sicher bis ans Ende. Seine Stimme wurde
nicht laut, aber sie schwebte doch klar und deutlich bis in jede Ecke des
Friedhofes und ein feines, feierliches Echo antwortete von der Kirchenwand
her.

Die Rede des Vikars war schlicht und nicht lang. Er sprach von den vielen
Krnzen, die man der Verblichenen gebracht habe, und da sie aus Nah und
Fern gekommen seien, die sie kannten, so viele, viele seien gekommen, alle
habe ihr Tod und ihr Schicksal erschttert und in der Stadt und auf dem
Lande trauere ein jeder um sie. Nun erst, da sie tot sei, wisse man, wie
sehr man sie geliebt habe.

Sie war jung und frisch und voll von Leben, sagte er, ihr habt sie
gekannt, ich habe nur von ihr gehrt. Sie wandte sich ab von der Erde und
starb den schwersten Tod, den es gibt.

Der Vikar sprach davon, wie fleiig und treu sie gewesen sei, wie
diensteifrig sie war und wie fein doch ihr Herz war.

Es war so fein, ihr Herz, sagte er und lchelte leise, sie starb an
ihrem feinen Herzen. Sie glaubte auch, da ihr alle sie miachten wrdet,
sie frchtete euren Blick, sie schmte sich vor euch. So fein war sie. Das
aber wollte sie nicht. Da warf sie denn alles hin, was sie hatte, ihre
Jugend, ihre Frische, ihre Erinnerungen, ihre Wnsche und alle Freuden, die
auf sie warteten. Das alles warf sie hin. Viel zu viel war es, viel zu
viel.

Viel zu viel war es, viel zu viel, wiederholte der Vikar, und das feine,
klingende Echo rief: Zu viel, zu viel.

Da begann die alte Frau zu weinen, ihr Gesicht zog sich zusammen, nichts
als braune Runzeln war ihr Gesicht, es sah wie eine Nu aus.

Der Vikar blickte auf sie und lchelte. Sie hat wohl Grund zu weinen,
sagte er, wer von uns allen wrde nicht weinen an ihrer Stelle. Wir wrden
klagen wie sie und Worte knnten uns nicht trsten. Aber in ihrem Schmerze
wird es wie eine feine Freude sein, da die, um die sie trauern mu, so
fein war und gut. Und sie wird ja ihr Kind haben! Es ist auch ein Mdchen,
es wird wachsen, spielen, lachen, es wird etwas sein, das sie trstet,
nicht alles, aber doch viel, nicht wahr, viel!

Nun sprach er ausschlielich zu der alten Frau und er sagte auch, da ihre
Tochter nun bei Gott sein werde, zu den feinsten Seelen werde sie gehren.

Denn Gott versteht sich wohl besser auf Menschenseelen als wir, sagte er.
Er wird sagen: Ich habe gesehen, wie du gekmpft hast, wie du gerungen
hast -- ich habe alles gesehen, es ging ber deine Kraft. Ich habe auch
gesehen, da du auf dem Wege zum Tode einem Kinde begegnetest und du hast
es gestreichelt. Auch das habe ich gesehen, auch das. Ein Hund hat vor
deinem Hause gebellt und du hast ihm Nahrung gegeben -- damals warst du
noch ein Kind -- auch das habe ich gesehen und nicht vergessen, denke
nicht, da mir etwas entgeht und da ich etwas vergesse -- zittere nicht
--

Die alte weihaarige Frau lauschte. Sie legte ein wenig den Kopf auf die
Seite, ganz wie ein Vogel, der lauscht, und heftete die trnenwunden Augen
auf die Lippen des Vikars; kein Wort sollte ihr entgehen, nichts, nicht das
kleinste Wort. Sie begann leise und schmerzlich mit dem Kopfe zu nicken und
die Trnen flossen langsam ber ihr welkes Gesicht und tropften in den
Schnee.

Der Vikar segnete die Tote ein und alle beugten die Kpfe, sein Blick ging
ber sie hin.

Unter all den Anwesenden befand sich ein Mann mit gelbem Gesicht und
kleinem Spitzbart und dieser Mann war der einzige, der den Kopf nicht
senkte. Er stand und lchelte und heftete die kleinen Mausaugen erstaunt
und spttisch auf den Vikar.

Der Vikar ging rasch durch die Menge hindurch und sein Talar verschwand in
der schmalen Tre der Sakristei.

Die alte Frau folgte ihm und ging die Stufen empor. Aber hier geschah etwas
Merkwrdiges. Auf jeder Stufe kniete sie nieder und kte sie. Dann machte
sie den Knchel des Fingers ganz spitz und pochte an die Tre.

Sie blieb ber eine Stunde in der Sakristei.




Siebentes Kapitel


Graus Hnde zitterten: Nein, nein, er hatte nicht die rechten Worte
gefunden, er hatte es nicht vermocht!

Er warf einen Blick in die kleine alte Kirche, wo er eine blitzblanke
kleine Orgel entdeckte und an einem Fenster die Reste einer ehemaligen
Bemalung. Ein herrliches Fleckchen Blau, ein Streifen von einem seltenen
Weinrot. Dann ging er durch den gedeckten Gang und hinber ins Pfarrhaus.
Whrend er sich umkleidete, sah er sich in der neuen Wohnung um. Das
Pfarrhaus war ebenfalls alt, klein, mit Winkeln und Erkern,
Holzvertfelungen und einer kleinen Wendeltreppe. Im Vorraum hing ein altes
pechschwarzes lgemlde. An der Tre war eine groe Glocke angebracht und
zwar war sie so aufgehngt, da sie gleichsam zu schwingen anfing, wenn man
sie nur ansah.

Vorlufig war es fr Grau noch ein Rtsel, was er mit all den Zimmern
anfangen sollte.

Er ffnete eines der kleinen Fenster. Sonne, Stille, Weite! Unter ihm lag
die Stadt und die weite Talebene. So unregelmig und klippig wie sich das
Treibeis staut, so unregelmig und klippig drngten sich all diese hundert
steilen Giebel und Dcher ineinander. Da und dort klafften Risse und
Spalten, das waren die Gassen und kleinen Pltze. ber diese beschneiten
Giebel war eine Unmasse von Trmchen und Dachreitern geschttet. Aus den
unzhligen Kaminen stiegen dnne opalisierende Rauchsulen in die klare
Winterluft. Hunderte von Fenstern und Scheiben blitzten und blendeten und
farbige Fnkchen tanzten auf den Schneedchern.

Rings um die weie Stadt war alles wei. Auch der Flu, der die Stadt die
Hhe hinaufdrngte, war wei, er war gefroren. Eine Menge von Khnen,
Barken, Fhren und Frachtschiffen mit Masten und Stangen lag fest im Eise
und auf den Schiffen kletterten kleine Pnktchen herum, Kinder, die
spielten.

Eine weie Brcke spannte sich ber den weien Flu. Dann begann die Ebene,
weit und wei dehnte sie sich, bis zu den Hhenzgen, ferne Wlder,
kriechendem Moose hnlich, waren ber sie ausgestreut.

Ein feines Klingen schwang in der winterlichen Stille, es klang aus einer
Schmiede. Die Pnktchen, die auf den Schiffen klettern, erwiderten es
schrill.

Zwei Fenster gingen auf den Garten hinaus. Der Garten war klein, nahezu
dreieckig und in zwei Terrassen angelegt. Er war angefllt mit unberhrtem,
wie Seide schimmerndem Schnee, und in den Ecken lagen Bsche, Gestrpp,
Stickereien aus Schneekristallen und mit Schichten von Schnee bedeckt, die
eigentmlichen Bltentellern hnlich sahen. Gegen die Strae zu, die Hhe,
war der Garten mit einem grnen Zaun abgegrenzt, auf den andern Seiten
stie er gegen Grten. Da war ein Park, ein wahrer Wald alter, hoher Bume,
die tief im Schnee wateten; er konnte weit in ihn hinein sehen, denn die
Mauer war niedrig. Zwischen den Stmmen der alten Bume schimmerte ein
langes weies Gebude, ein Herrschaftshaus. Die Mauer des andern
anstoenden Gartens war bermig hoch und sah dster aus wie eine
Gefngnismauer. ber sie hinweg blickten die zwei trben Fenster eines
grauen alten Hauses, wie zwei dstere traurige Augen unter einer niedern
vergrmten Stirn. Die bermig hohe Mauer aber bot einen ganz merkwrdigen
Anblick dar. Sie war mit Glassplittern und Eisenspitzen gespickt und trug
eine groe Tafel, die man leicht von der Strae aus lesen konnte, mit der
Aufschrift: Vor den Hunden wird gewarnt! Achtung, Selbstschsse! Vorsicht!
Fuangeln!

Grau lchelte. Eigentmlich! sagte er.

Dann nahm er rasch den Hut und verlie das Haus, immer noch zitterten leise
seine Hnde. Wie tricht!

Grau begab sich in den weien Elefanten und trug den roten Reisesack in
seine Wohnung hinauf. Auf dem Wege begegnete er jenem Mann mit dem gelben
Gesicht, der ihm im Friedhof aufgefallen war. Der Mann strich an den
Husern entlang, blieb stehen, als er Grau gewahrte und ging dann
geradeswegs auf ihn zu, als ob er ihn ansprechen wolle. Aber er tat es
nicht, er machte pltzlich einen Bogen, blinzelte und verzog die Lippen zu
einem saueren Lcheln. Er griff an den Hut und Grau grte hastig und
freundlich.

Ein schner Tag! sagte er lchelnd. Nicht wahr?

Der Mann aber machte nur ein verblfftes, ernstes Gesicht, zwinkerte und
strich sich die Haare aus der Stirn, er grte nicht. Wie sonderbar! dachte
Grau und verga die Begegnung nicht wieder.

Nach einer Weile sah man Grau wieder die Staffeln herabkommen, einen
lcherlichen kleinen Zylinder auf dem Kopfe, eine Liste in der Hand. Er
ging rasch und schwebend. Er schritt ber den Marktplatz und trat beim
Uhrenhndler Lux ein. Hier sprach er lange. Dann erschien der Uhrenhndler
Lux im Fenster, eine goldene Uhr in der Hand, er ritzte, prfte, zwngte
ein Glas ins Auge und drehte die Uhr hin und her. Darauf verlie Grau
heiter den Laden und der Uhrenhndler verbeugte sich hinter ihm.

Grau ging in den weien Elefanten und beglich seine Rechnung. Der
x-beinige mrrische Wirt bellte wie am Abend, aber er gab sich Mhe zu
lcheln. Htte er gewut, wer der Herr sei, so wrde er ihm ein besseres
Zimmer gegeben haben. Bitte, bitte, ich habe prchtig geschlafen! Der
Wirt verbeugte sich vor Grau und Grau verbeugte sich vor dem Wirt. Die
blonde Frau sah bernchtig aus. Grau betrachtete sie mit einem
eigentmlichen Ausdruck der Augen, und ein fades Lcheln kam auf ihr
Puppengesicht und in ihre wasserblauen Augen. Grau errtete und ging.

Nun konnte man Grau mit seinem kleinen Zylinder, die Liste in der Hand, die
Strae hinab gehen sehen. Er verschwand in den Husern, verhielt sich
einige Zeit darin und erschien wieder auf der Strae, um im nchsten Hause
zu verschwinden. Ganz wie ein Brieftrger.

Was Grau in den Husern tat, ist sehr einfach zu erklren. Er klopfte an
die Tre, zog den Zylinder, stellte sich vor und rckte mit der Liste
heraus.

Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, diese arme, alte Frau, sie ist im
hchsten Grade bedrftig, der Kummer macht sie auf einige Zeit
erwerbsunfhig -- dazu die Unkosten -- Grau, Vikar Grau -- dann ist ja auch
das Kind da, verzeihen Sie die Strung, ich bitte tausendmal um
Entschuldigung!

berall brachte er das gleiche vor. Die Leute rusperten sich, putzten sich
die Nasen, kamen in Verlegenheit -- denn Grau stand geduldig wartend da,
blickte sich lchelnd im Zimmer um und verbeugte sich ab und zu ein wenig
mit der Liste in der Hand -- sie fuhren hastig in die Taschen und
klapperten mit Schlsseln. Hier und da waren aber diese Schlssel absolut
nicht zu finden, und sie sprangen umher, rannten gegen Tren und Wnde,
aber die Schlssel waren ganz einfach fort. Man wird die Spende ins
Pfarrhaus senden.

Schn, schn! Ganz nach Belieben, gndige Frau. Darf ich Sie vielleicht
bitten, Namen und Betrag einzuzeichnen, hier in diese Liste, Bleifeder habe
ich, bitte hier. Es ist der Ordnung halber und dann ermutigt es die andern
Herrschaften -- denn wo ein Sperling ist, da sind auch schon zwei, wo zwei
sind, sind drei, wo drei sind, da sind auch gleich hundert, nicht wahr?
Hier, erlauben Sie gtigst, ein ungenannt sein wollender Wohltter hat auf
einen Schlag zwanzig Mark gezeichnet, Herr Brgermeister Strmer zehn Mark,
Frau Tierarzt Hammer fnf, Frau Rentamtmannswitwe Ulzhfer eine Mark --
wenn es auch nur eine Kleinigkeit ist -- mit einem Tropfen kann man den
Durst ja nicht lschen, aber in einer Ansammlung von Tropfen kann man recht
schn ertrinken -- danke, herzlichen Dank, gndige Frau.

Vergessen Sie nicht zum Steinbruchbesitzer Eisenhut zu gehen, Herr Vikar!

Danke, auf keinen Fall! Ich danke Ihnen aufs herzlichste!

Er kam in alle diese alten, krummen Huser, in alle mglichen Stuben, zu
allen mglichen Menschen. Jedes Haus roch anders, die Treppen knarrten
anders. Die einen waren steil und dunkel und kletterten in eine Art von
Turm hinauf, andere waren breit und licht, knarrten vornehm und fhrten auf
weite, helle Vorpltze. Zuweilen stand man unvermutet dicht vor den Tren,
es gab aber auch Treppen, auf denen man sich verirren konnte; sie liefen
kreuz und quer, endeten im Boden oder fhrten auf einen Hof hinaus. All die
Glocken, die Grau an diesem Tage lutete, htten zusammen ein Konzert
gegeben. Da waren schchterne und anmaende Glocken, gutgelaunte und
migestimmte, winselnde und lachende, solche die knarrten und fauchten,
bevor sie einen Ton herausstieen, andere, die bei der leisesten Berhrung
in ein bermiges Gebimmel ausbrachen, die einen beruhigten sich sofort
wieder, die andern luteten fleiig weiter; es gab freundliche Glocken, die
sofort hflich sagten: Herein, herein! es gab ungastliche, die brummten:
Geh weg, weg! Die Zimmer, in die Grau trat, waren weit und licht, oder
dster, oder schmal wie ein Omnibus. Es gab eine Menge von interessanten
Dingen zu sehen, eine Uhr aus Porzellan, einen Ofen, der merkwrdigerweise
an der ungeschicktesten Stelle im Zimmer stand, dafr aber die zwlf
Apostel auf den Kacheln zeigte, Schrnke von unglaublicher Gre, frmliche
Huser, alte Waffen, Truhen, Zinnkannen, in jedem Zimmer wenigstens etwas.

Grau sah sich alles aufmerksam an und nichts entging ihm. In einem Hause
rannten ihn zwei groe Jagdhunde beinahe um, Kinder prgelten sich in einem
andern und rollten ihm unter die Fe, das aber brachte ihn nicht aus der
Fassung. Bitte, bitte, ich bin ja der Eindringling, entschuldigen Sie --
Grau, Vikar Grau. Er lchelte, verbeugte sich vor den jungen Mdchen, die
steif wie Besen dastanden, vor den Mnnern und Frauen, den Dienstboten, ja
vor den Hunden. An die Hausfrauen hatte er nach dem ersten Anliegen noch
ein zweites. Nachdem er sie mit Worten, Entschuldigungsformeln, Redensarten
und Sprichwrtern, die er selbst erfand, allen erdenklichen
Liebenswrdigkeiten gengend bearbeitet hatte, um sie fr sein erstes
Anliegen gnstig zu stimmen, rckte er noch mit einem andern heraus. Ja,
nmlich, wo sie Eier, Butter und Schmalz bezgen? Es wre am Platze, diese
Eierhndlerin auch anderweitig zu untersttzen. -- Darf ich Ihre Adresse
in dieses Notizbuch schreiben, wie? Die Frau wird sich erlauben, zu Ihnen
zu kommen, ich habe alles mit ihr besprochen. Gut!

Er hatte berall Erfolg. Die Leute waren anfangs ein wenig erstaunt, aber
gegen so viel Freundlichkeit und Liebenswrdigkeit konnten sie nicht
aufkommen. Dann waren es auch Graus Augen, die sie alle ansehen muten. Wie
merkwrdig, dieser Mensch hatte goldene Augen. Auch seine Weise dazustehen,
zu plaudern, zu lcheln, so unerhrt herzlich, frei und fein -- sie
zeichneten!

Das Gercht ging vor ihm her und er fand sie alle vorbereitet; die Tren
waren entweder verschlossen oder sie ffneten sich sofort, als ob man
dahinter gewartet habe. Frulein Karola Sperling, die Modistin, die in der
Stadt die ewige Braut hie, lie ihn sogar durch ein Mdchen bitten, bei
ihr vorzusprechen. Sie sah aus wie ein junges Mdchen und hatte weiblondes
Haar, ihre Manieren waren verschmt und kokett und doch war sie ber
fnfzig Jahre alt. Ihr weiblondes Haar war an den Schlfen schneewei. Sie
hatte den Brutigam im Kriege verloren und trauerte seitdem um ihn. Sie
erzhlte Grau ihre ganze Lebensgeschichte, ein trauriges Idyll; sie zeigte
ihm auch das Bildnis des Brutigams, eines Offiziers, whrend sie lchelte
und eine Trne verbarg. Zuletzt zeichnete sie dreiig Pfennig, nicht ohne
zu errten. Grau dankte ihr aufs herzlichste und htte ihr am liebsten die
Hand gekt.

Ein feister, glnzender Herr mit einer groen Zigarre im Munde, die das
ganze Zimmer mit Rauch angefllt hatte, wies ihn dagegen kurz ab. Er gab
prinzipiell nichts.

Wieso?

Ja, zum Teufel -- Pardon! -- aber ich bin ein Feind von all diesen Dingen,
Almosengeben und Untersttzungen und so weiter, sagte er und paffte, so
da er nahezu in der Rauchwolke verschwand!

Ah! sagte Grau schchtern. Ich bitte um Entschuldigung, wenn es brennt,
so nimmt man Wasser und lscht und denkt nicht weiter. Man kann nicht
weniger geben als Geld, mein Herr, glauben Sie mir. Ich habe einen Mann
gekannt, der bei keinem Juden etwas kaufte, ja niemals mit einem Juden
sprach -- ebenfalls aus Prinzip! Was sagen Sie dazu? Hahaha! Aber knnten
Sie nicht eine Ausnahme machen -- diese unglckliche Eierhndlerin --

Ich habe weder mit Ihrem Manne noch mit der Eierhndlerin etwas zu tun!

Mehr als Sie glauben! Grau setzte sich auf einen Stuhl, obgleich ihn der
feiste, glnzende Herr nicht zum Setzen aufgefordert hatte. Weit mehr, als
Sie glauben. Ich habe beobachtet, da eine Schwalbe in einer Dachrinne
festgeklemmt wurde, nun kamen hunderte von Schwalben -- begann er
lchelnd.

Ich bin aber keine Schwalbe! unterbrach ihn der feiste Herr mit einer
verzweifelten Gebrde und verschwand in der Rauchwolke.

Mehr als Sie glauben, mein Herr! sagte Grau und stand auf. Entschuldigen
Sie, da ich Sie in Ihrer Arbeit gestrt habe. Vielleicht knnten Sie aber
Ihre Frau Gemahlin oder Ihre Haushlterin dazu bewegen, Eier und Schmalz
bei dieser armen Frau --

Der Herr brach in ein zorniges Lachen aus. Hier! sagte er. Hier nehmen
Sie drei Mark, basta. Aber meinen Namen lassen Sie hbsch aus dem Spiele!
Er warf rgerlich die Mnze auf den Tisch.

Grau verneigte sich. Also ungenannt sein wollender Wohltter -- gut,
danke! Sehen Sie, wie recht ich hatte, Sie sind doch eine Schwalbe,
trotzdem!

Ich gebe Ihnen diese Kleinigkeit da, sagte der Herr und stand auf,
ehrlich gesagt, um meine Ruhe zu bekommen. Das ist der wahre Grund, der
wahre!

Das glauben Sie nur! sagte Grau, merkwrdig lchelnd.

Der dicke Herr stutzte; er griff sich an den Kragen, dann lachte er, und
zwar ein komisches Gemisch von zornigem und vergngtem Lachen.

Ich war vielleicht etwas geradeaus! sagte er lachend und seine Mienen
hellten sich mehr und mehr auf. Aber es ist mein Prinzip, stets unverblmt
zu sagen, was ich denke! Ich bin ein Feind aller Verzrtelung und alles
Damenhaften! Hom, hom! Ich bin auch ein Feind der Damen, ehrlich gestanden,
hahaha! Ich bin auch ein Feind aller phrasenhaften Entschuldigungen,
verdamm' mich Gott! Aber ich bitte Sie, zum Zeichen Ihrer Nachsicht --
Ihrer -- ein paar meiner Zigarren zu rauchen. Bitte, bitte!

Grau wollte ablehnen, aber der feiste Herr schttelte erregt den Kopf und
fuhr so energisch in die Zigarrenkiste, da es aussah, als ob er Grau alle
Zigarren auf einmal geben wollte. Je tiefer seine Hand aber in der Kiste
whlte, desto mehr migte er seine Erregung und als er die Hand zurckzog,
befanden sich nur vier Zigarren darin; er legte sie vor Grau auf den Tisch,
merkwrdigerweise jedoch blieb eine Zigarre in seinen Fingern hngen und
wanderte wieder in die Kiste zurck.

Grau dankte, nahm zwei Zigarren und ging. Der Herr begleitete ihn hinaus,
bis ans Stiegenhaus, und verneigte sich laut lachend.

Also, ich bitte nochmals um Entschuldigung, ich bin zuweilen sehr reizbar
-- hahaha -- auf Wiedersehen, Herr Grau! Er lachte noch in das Stiegenhaus
hinein, als Grau schon das Haus verlassen hatte.

Grau kam auch zu dem Schuhmachermeister mit dem aufgeblhten Hals. Hier
mute er eine Tasse Kaffee annehmen. Der Schuhmachermeister versprach, die
Schuhe der alten Frau kostenfrei auszubessern, zu sohlen, zu flecken, auch
eine Filzsohle wollte er hineinlegen. brigens bezog er Eier und Schmalz
schon von ihr.

Vergessen Sie ja nicht, zum Steinbruchbesitzer Eisenhut zu gehen, neben
dem >Elefanten<, das alte Haus -- er ist der reichste Mann der Stadt!

Auf keinen Fall!

Graus Liste wuchs. Es ging die Straen links hinunter und rechts herauf. Er
verga kein Haus. Auf diese Weise lernte er die ganze Stadt kennen; er
machte die Bekanntschaft von vielen liebenswrdigen Menschen; viele Gte,
die sich in einem Lcheln verriet, viel Stolz und Feinfhligkeit, die sich
in einem Verstecken des Blickes offenbarte, ja, selbst Adel, den Grau in
einer kleinen Bewegung der Hand entdecken konnte. Versteckte Schnheiten
und viel Sehenswertes, so da er sich fr die geringe Mhe berreich
belohnt fhlte. Seine Laune wurde noch besser. Endlich kam er zum x-ten
Male auf den Marktplatz und ging auf Eisenhuts Haus zu.

Da lag dieses Haus, in dem der reichste Mann der Stadt wohnte, inmitten all
dieser gepflegten, gestrichenen und mit Schnitzwerk und Erkern gezierten
Huser, grau, elend und verwahrlost. Ein kalter Hauch ging von ihm aus. Der
Bewurf war an vielen Stellen herabgefallen und die nackte Mauer blickte
hervor, es war geschwrzt von Ru und lange, schmutzige Regenspuren liefen
vom Dache bis zum Erdgescho herab wie Trnenspuren ber ein altes,
schmutziges Gesicht. Kinder hatten Gesichter an die Wand gemalt und unter
einem riesigen Kopf mit spitziger Nase und zwei kleinen Augen auf der
gleichen Seite des Gesichtes stand geschrieben: Ich bin der Geizhals
Eisenhut, bembele bembum --. Von der Tre war die Farbe gesprungen und sie
sah fleckig aus wie ein Pilz und so staubig, als hinge der ganze Staub vom
letzten Sommer daran.

Grau zog an einem Glockenring und eine Glocke im Hause bellte wie ein
alter, heiserer Hund. Grau lutete drei-, viermal, die Glocke bellte und
klaffte, aber niemand ffnete.

Vor dem Nachbarhause stand der Schlchtermeister Keim unter der Tr des
Ladens, dick und wohlgenhrt, eine Kappe auf dem Ohr. Er stemmte die Fuste
in die Hften und seinen Bauch erschtterte ein verhaltenes Lachen.
Trotzdem es Winter war, glnzte er von all dem Fett, das er ausschwitzte,
seine Schrze flatterte leicht und er erweckte durchaus nicht den Eindruck
der Schwere trotz seiner Dicke. Er erinnerte an einen jener komischen
Papierballone, die man zur Volksbelustigung an Jahrmrkten steigen lt,
und das Zittern des Bauches drckte gleichsam die Ungeduld des Ballons aus,
in die Hhe zu segeln.

Er ist da, er ist zu Hause! sagte der Schlchtermeister Keim und schon
zitterte das Lachen in seinen dicken Backen. Er ging soeben hinein.

Grau lutete wieder.

Unterdessen, sagte er zu dem Schlchtermeister, ich komme in einer
Angelegenheit, die nicht nur Herrn Eisenhut betrifft -- Grau, Vikar Grau --
Sie kennen diese alte Frau Sammet, diese Eierhndlerin, Herr Keim, nicht
wahr, das ist Ihr Name -- auf dem Firmenschild da --

Jawohl, Keim, so heie ich.

Wer so prchtig aussieht wie Sie -- hier ist die Liste -- deswegen wird
kein Auge weniger auf der Suppe schwimmen --

In dem Gesichte des Schlchtermeisters, der vor Wohlgenhrtheit nahezu
platzte, verschwand augenblicklich jede Spur von Frhlichkeit, ja, er sah
pltzlich betrbt aus. Er hatte in letzter Zeit soviel gegeben, da er
wirklich nicht mehr konnte. Er rckte die Kappe vor, um sich hinterm Ohr
kratzen zu knnen. Jeden Tag kme etwas Neues.

Grau sah ihn an und lchelte. Aber wer so gtig aussieht wie Sie? sagte
er. Ich glaube ja gerne, da Sie in der letzten Zeit stark in Anspruch
genommen wurden, aber das ist doch ein besonderer Fall, nicht wahr?

Jeder Fall ist eben besonders. Der Schlchtermeister steckte die Hnde in
die Hosentaschen und schaukelte leise auf den kurzen schwammigen Beinen hin
und her.

Grau lchelte. Erlauben Sie, begann er von neuem, wrden Sie sich zu
einer kleinen Gabe entschlieen knnen, wenn ich Ihnen einen Scherz
erzhlte, ber den Sie herzlich lachen mssen und den Sie Ihr ganzes Leben
-- ich sage, Ihr ganzes Leben lang nicht mehr vergessen?

Herr Keim bemhte sich ein ernstes Gesicht zu machen.

Das kommt darauf an! sagte er und spuckte gleichgltig in den Schnee.

Grau sagte lchelnd: Hren Sie, Sie heien Keim, aber wenn Sie schon Keim
heien, so mu man zugeben, da der Keim hbsch aufzugehen verspricht!

Der dicke Fleischer brach augenblicklich in ein lautes Gelchter aus. Er
hielt den hpfenden, dicken Bauch mit den beiden Hnden und schttelte
sich.

Hahaha! lachte er und hustete, hahaha!

Grau wippte mit der Liste und Herr Keim gab zwei Mark.

Da rasselte etwas an der alten fleckigen Haustre und ein Guckfensterchen,
nicht grer als eine Streichholzschachtel, fiel herab.

Dieses Gerusch des herabfallenden Fensterchens kam Grau bekannt vor. Und
nun schien es ihm, als ob er dieses Guckfensterchen selbst schon vorher
gesehen htte.

Ein Auge funkelte in dem Guckloch und eine zaghafte, hohe Fistelstimme
fragte:

Wer ist da?

Ist Herr Eisenhut zu Hause?

Nein! antwortete die Fistelstimme und Grau glaubte ein feines Kichern zu
hren.

Wann kommt er denn zurck?

Er ist verreist! Das Guckfensterchen schlo sich wieder.

Grau verlie die Tre mit einer eigentmlichen Empfindung. Wie merkwrdig!
dachte er und die Fistelstimme klang ihm noch lange im Ohr, whrend er die
Jungferntreppe hinaufstieg, eine Art von schmalem Kamin, der zwischen
kahlen Hauswnden und Gartenmauern zur Hhe fhrte. Er wollte im Schlosse
vorsprechen, jenem weien Herrschaftshause, das er heute von seinem Fenster
aus gesehen hatte.

Er ging durch den weiten Park, dessen Bume so hoch waren, da er sich
winzig klein dagegen vorkam, und sann darber nach, wo er das kleine
Guckfensterchen schon gesehen habe. Jenes Gerusch, das es beim Herabfallen
verursacht hatte, verfolgte ihn hartnckig. Es ist doch hchst einerlei,
sagte er vor sich hin, wo ich solch ein Guckfenster schon gesehen habe,
was liegt viel daran? Aber trotzdem, trotzdem! Ich habe dieses Guckfenster
schon gesehen oder vielmehr gehrt, das ist es. Er schttelte den Kopf und
stand vor dem weien Hause. Nun erst sah er, da ein Flgel des
Herrschaftshauses eingeschert war bis auf den Grund. Die Brandsttte war
abgerumt, Gerststangen waren eingerammt, aber man sah keine
Handwerksleute.

Er stieg die Treppe hinauf, ffnete die schwere Tre und stand pltzlich
vor einem pechschwarzen Neger, der eine Laterne auf dem Kopfe trug.

Ach, ging es ihm durch den Kopf, jetzt erinnere ich mich! Ich habe
dieses Guckfensterchen schon gesehen in einem Hause, in dessen Flur eine
alte Holzfigur stand, ein Heiliger. Die Arme des Heiligen waren
abgeschlagen. Aber wo, wo denn?

Der pechschwarze Neger war aus Bronze und von der Laterne hingen schwere
Messingketten herab. Grau wollte eben an einer Tre pochen, als ein Diener
hinter ihm fragte, was der Herr wnsche. Die Jacke des Dieners war
gestreift und erinnerte an das Fell eines Zebras. Der Diener ffnete die
Tre eines kleinen Salons und bat Grau zu warten.

Der Salon wurde von einem Sonnenstrahl erhellt, der sich durch die Gardinen
zwngte. Die Mbel waren hell und niedrig und standen auf zierlichen weien
Beinen.

Grau wartete und wagte nicht zu atmen, so still war es hier und so vornehm.
Er htte sich gerne geruspert, aber das ging wohl nicht gut hier. Da hrte
er einen gedmpften Schritt und eine junge Dame erschien in der Tre.

Sie nickte und fragte: Womit kann ich Ihnen gefllig sein? Sie sprach
hflich aber khl.

Grau erwiderte nichts. Er sah die junge Dame an. Sie hatte auffallend
reiches Haar von tiefschwarzer Farbe und war von fremder, stolzer
Schnheit. Sie stand im Schatten und ihr Gesicht sah lang und bleich aus.
Ihre Augen waren klar und ernst. Aber das Merkwrdige daran war, da sie
heller aussahen als selbst die blassen, langen Wangen. Das kam von den
schwarzen wie Atlas glnzenden Haaren, die fast die ganze Stirn bedeckten
und von den langen glnzenden Wimpern, die die Augen einsumten. Etwas von
dem Glanze, der Kerzenlicht bei Tag eigen ist, war in diesen Augen.

Womit kann ich Ihnen gefllig sein, mein Herr? wiederholte das Mdchen.

Grau brachte hastig seine Bitte vor, und die junge Dame erwiderte, da sie
mit ihren Eltern sprechen werde und ihm Bescheid zugesandt werden wrde.

Grau verbeugte sich und sah noch einmal in dieses schne, regungslose
Gesicht und ging. Er verga ganz mit seiner Liste herauszurcken und zu
fragen, wo die Herrschaften Eier und Schmalz bezgen.

Er ging rasch durch den Park hindurch und war so erregt, da er nichts sah
und nichts hrte, bis er wieder auf dem Marktplatze stand.

In welche Stadt bin ich doch da geraten! flsterte er. Zuerst diese
Sache mit dem Guckfensterchen und nun dieses Mdchen. Ich habe ja dieses
Mdchen schon einmal gesehen, irgendwo und irgendwann, ich erinnere mich
deutlich an dieses Gesicht und diese sonderbaren Augen.

Er eilte weiter und erst nachdem er bis zum Flusse hinabgelaufen war, fiel
ihm ein, da er noch einen Besuch hatte machen wollen.




Achtes Kapitel


Grau sprach bei Frau Bezirksamtmann Hberlein vor, wo das Dienstmdchen
zuletzt gedient hatte. Hier hielt er sich lngere Zeit auf.

Die Frau des Hauses, eine Dame mit breiten Hften, schmaler, fast
zierlicher Bste, porzellanartigem Teint und viel uerlicher Vornehmheit,
empfing ihn mit bersprudelnder Herzlichkeit im Salon. Ihre Stimme bimmelte
immerfort wie ein kleines helles Glckchen, besonders hell, wenn sie
lachte; sie konnte aber auch und zwar ganz unvermittelt, Teilnahme,
Mitleid, Resignation, Ergebenheit, Schmerz, Trauer und sogar Verzweiflung
ausdrcken, um gleich darauf wieder in Heiterkeit zu erklingen.

Frau Hberlein verheimlichte nicht, da sie ein wenig verletzt sei, da Grau
so spt erst zu ihr komme. Als Frau des Bezirksamtmannes spielte sie die
Rolle einer Knigin in der Stadt und jeder ankommende Beamte beeilte sich
ihr augenblicklich unter tiefen Bcklingen seine Ergebenheit zu Fen zu
legen. Aber als Grau ihr mitteilte, da er absichtlich zuletzt zu ihr
gekommen wre, um sich ber das unglckliche Mdchen nher zu erkundigen,
erklang das kleine Glckchen ihrer Stimme um so lebhafter und heller. Mit
Vergngen!

Sie begann sofort eifrig zu sprechen, schien aber merkwrdigerweise Graus
Anliegen zu vergessen. Sie sprach von ihrem Gatten, ihrem Vater -- sie war
von adeliger Abkunft -- eine Menge Offiziere in bunten Uniformen und mit
ordengeschmckter Brust tauchten auf, besonders ein General, ein Onkel von
ihr, erfreute sich ihres Interesses, und schlielich wimmelte es in ihrem
Gesprche von Herren und Damen wie in einem Ballsaal. Sie plauderte ohne
Pause, mit vor Liebenswrdigkeit und Eifer glnzenden Augen, die sie nur
gelegentlich von Grau abwandte, um sie einem schrgen Wandspiegel
zuzuwenden, in dem sie sich selbst sprechen sehen konnte. Wie man einen
Hasen mit Speck verziert, so war ihr Gesprch mit Worten und Zitaten aus
allen lebenden und toten Sprachen gespickt.

Glcklicherweise mute sie niesen und es gelang Grau ihr ins Wort zu
fallen. Er erfuhr nun die nheren Umstnde der Katastrophe, Einzelheiten
aus dem Leben des Mdchens, nichts wesentlich Neues.

Ja, sie sei ein braves, ein sehr fleiiges Mdchen gewesen, ordentlich,
reinlich, sparsam, ehrlich, frohsinnig -- mit einem Wort -- es sei sehr,
sehr schade, da sie so traurig enden mute.

Man sagt, ein Fleischergeselle soll der Vater ihres Kindes sein?

Wie unangenehm ihr die ganze Angelegenheit sei -- wie peinlich -- bei all
dem Bedauern mit dem armen Mdchen, natrlich -- kein Mensch knne sich
vorstellen -- wie peinlich ihr die Angelegenheit sei. Ja, so sagen die
Leute, der Bursche aber leugnet es.

Er wollte wohl nichts mehr wissen von ihr?

Nicht eigentlich das. Er wartete oft stundenlang vor der Haustre --
Margarete klagte oft darber -- er belagerte das Haus, so da ich meinen
Gatten aufforderte es ihm zu untersagen.

In den letzten Monaten wartete er?

Ja, sogar in den letzten Wochen.

Grau versank in Nachdenken. Das ist sehr merkwrdig, sagte er. Er dachte
nach und erinnerte sich erst wieder, wo er war, als Frau Hberlein sich
leise rusperte.

Entschuldigen Sie, gndige Frau, sagte er, darf ich noch fragen, wie
lange das Mdchen in Ihrem Hause gedient hat?

Ein halbes Jahr. Genau ein halbes Jahr.

Und vorher?

Bei Herrn Eisenhut. Ach, solch eine heikle und penible Angelegenheit!

Grau erhob sich. Entschuldigen Sie die lange Strung, gndige Frau! Er
verbeugte sich. Ich bin Ihnen zu groem Dank verpflichtet fr Ihre gtige
Aufklrung. Er ging, aber unter der Tre wandte er sich zurck und sagte:
Noch eine Frage, verzeihen Sie gtigst. Von welcher Farbe waren die Augen
des Mdchens?

Frau Bezirksamtmann Hberlein lchelte und sagte mit feiner Stimme, sie
bedaure, so genau pflege sie ihre Dienstmdchen nicht zu betrachten.

Ja, entschuldigen Sie gtigst. Aber Sie muten es ja sehen, ohne zu
wollen. Waren die Augen braun oder grau oder blau, erinnern Sie sich
nicht?

Wenn ich mich recht erinnere, so hat sie braune Augen gehabt, dunkelbraune
Augen, die im Dunkeln schwarz und glnzend aussahen. Sicherlich waren sie
braun, ja, ich glaube ganz sicher zu sein.

Das stimmt mit der Aussage der Mutter des Mdchens berein, sagte Grau.
Danke.

Die Sammlung hatte eine hbsche Summe eingebracht, Grau war zufrieden und
lachte in sich hinein. Ordentlich habe ich abgegrast, dachte er. Er ging
geradeswegs ins Waisenhaus.

Die Schwestern empfingen ihn mit wenigen feierlichen und gtigen Worten in
den stillen Rumen, in denen sie sich ohne Laut bewegten. Er gab das
gesammelte Geld ab, die eine Hlfte bestimmte er fr die alte Frau, die
andere Hlfte bat er fr die Verpflegung des Kindes zu verwenden.

Kann ich das Kind sehen? fragte er.

Oh, recht gern knnen Sie das, lispelten die Schwestern und er sah das
Kind. Er betrachtete es lange und aufmerksam. Es kann ein schnes Kind
werden, sagte er, was fr kluge, hellgraue Augen es doch hat! Ist es
nicht auffallend zierlich gebaut? Aber es sieht krnklich aus, oder tusche
ich mich?

Ja, der Arzt sei ebenfalls nicht zufrieden, es liege an der Amme. Eine
Schlossersfrau habe sich erboten, das Kind zu nhren, aber sie sei
brustleidend.

Nein, das geht freilich nicht. Ich werde nachfragen. Sie haben niemand im
Hause, der das Kind stillen knnte? fragte Grau.

Die Schwestern lchelten und errteten unter der weien Haube. O nein,
flsterten sie.

Grau sah sie erstaunt an. Dann errtete auch er und machte sich eiligst
davon. Du bist doch der grte Dummkopf der ganzen Welt, sagte er zu sich
und lachte in sich hinein.

Am andern Morgen besuchte er zum Erstaunen der Leute alle drei Hebammen,
die es am Platze gab, um nach einer geeigneten Amme zu fragen. Er war den
halben Tag unterwegs, bis es ihm gelang, eine Magd dazu zu berreden, sich
des verwaisten Kindes anzunehmen. Die Magd war derb und stark, sicherlich
gesund und nach Graus Meinung imstande zwei, drei Kinder spielend zu
stillen. Die Magd erklrte sich nach langem Struben bereit, aber nun stie
er unerwartet auf Schwierigkeiten bei der Dienstherrschaft.

Das waren zwei alte Leutchen, ein alter Rentier und seine Gattin, und sie
wollten die Erlaubnis nicht hergeben. Sie waren ohnedies rgerlich, da das
Mdchen, eine Verwandte von ihnen, in ihrem Hause geboren hatte, und
wollten nicht, da es noch weiter bekannt wurde als es schon war. Sie
blickten einander an, der Alte, der eine Kappe mit einer Quaste auf dem
kahlen Schdel trug, und seine Frau, eine verschrumpfte Greisin mit
schneeweiem strrischen Haar und pfiffigem Lcheln, und sagten nein, ein
fr allemal nein. Da sa denn Grau zwei geschlagene Stunden auf einem
harten Sofa und fhrte die Unterhandlung mit den beiden Alten, die noch
dazu schwerhrig waren. Der Greis beschftigte sich damit, aus einem Topfe
Mehlwrmer hervor zu suchen fr ein Rotkehlchen, das lustig in seinem Bauer
trillerte. Dann zerdrckte er Hanfkrner mit einem Bgeleisen. Die Greisin
tat nichts, sie sa da und blickte pfiffig lchelnd auf Grau.

Grau gab sich alle erdenkliche Mhe, aber die Alten rhrten sich nicht.
Endlich sagte der Alte mit der Quaste: Wir sind ja katholisch, mein Herr,
das Dienstmdchen aber ist ja protestantisch gewesen.

Grau lachte. Aber, du gtiger Himmel.

Nun wollte der Greis den wahren Grund sagen. Er sagte: Das wre es ja
nicht, Herr, aber es wird so bekannt -- so bekannt berall -- und wir
wollten in aller Stille Gras ber das Kind unserer Verwandten wachsen
lassen.

Gut! Aber man mu sich doch des verlassenen Kindes annehmen, nicht wahr?

Oh, da gebe es ja die schwere Menge, sagte die Greisin und lchelte
pfiffig.

Ganz einerlei! Man mu sich jedes einzelnen Kindes annehmen. Da ist nun
der Herr beschftigt, Hanf zu knacken und er hat extra Mehlwrmer gezchtet
und richtet jeden einzelnen her fr sein Rotkehlchen wie einen Braten, man
kann recht gut beobachten, mit welcher Sorgfalt er es tut -- und nun ein
Kind! Ein Menschenkind! Vielleicht wird etwas Besonderes aus ihm -- das ist
wie eine Lotterie, vielleicht ist es ein Treffer.

Man gewinne nie etwas. Der Alte mit der Quaste gluckste. Er band sich eine
grne Schrze um und begann Schleien zu schnitzen.

Oh, erlauben Sie recht sehr, ich habe bei einem Tischler gewohnt, der
gewann das groe Los -- er hat jetzt ein Karussell und ein
Wachsfigurenkabinett, zieht umher und blst die C-Trompete -- nein,
vielleicht sei es nur ein kleiner Treffer, oder gar kein Treffer, man msse
sich des Kindes unbedingt annehmen.

Die Alten sahen einander an, lchelten, glucksten und sagten: Nein!

Grau wechselte das Thema. Er sprach ber alles mgliche, ber die Zucht von
Mehlwrmern und die Lebensweise der Rotkehlchen, ber die
Verkehrsverhltnisse in frherer Zeit und was fr eine Sache das doch
gewesen sei, mit Zunder und Stein Feuer zu machen. Die Alten lachten und
glucksten und machten es ihm vor. Sie konnten es, ja, das war eine Freude,
es zu sehen! In der ganzen Stadt gibt es vielleicht keinen mehr, der es
kann! Alterchen ging, um Kaffee aufzutischen, das andre Alterchen nahm die
grne Schrze wieder ab, nachdem es genug Schleien zum Anschren
geschnitten, und brachte aus einem Schranke ein Glschen mit l, ein paar
alte Schlssel und krumme Ngel und lte all das mit einer Taubenfeder
behutsam ein.

Grau erkundigte sich, ob sie Shne oder Tchter htten. Ja, das hatten sie,
einen Sohn, zwei Tchter. Nun wollte Grau gerne wissen, wo sie lebten, wie
sie lebten, ob sie gesund und glcklich seien, welchen Beruf der Sohn und
die Schwiegershne htten, jede Kleinigkeit. Aber ehe sich's die beiden
Alten versahen, sprang Grau auf die Enkel ber, ja, diese Enkelchen, nicht
wahr? Sechs, oh du meine Gte! Die Greisin ging und brachte Photographien
herbei und der Greis putzte sich die Hnde an einer Zeitung, einem Ballen
Putzwolle und einem wollenen Lappen und entnahm dem Schubfache ein
Vergrerungsglas, denn er mute nun die Enkel ebenfalls genau sehen.

Grau fragte, wie alt die Enkel seien, wann sie geboren seien, ob sie krank
waren, er mute alles genau wissen. Er sah die Bilder an, lobte den
trotzigen Zug eines Knaben, ber den kleinen Zopf der Enkelin Babettchen
wurde er ganz auer sich vor Freude. Er besang diese Enkel. Ja, so klug, so
gesund, so blhend --

Die beiden Alten kicherten und glucksten.

Pltzlich sagte Grau: Also, wie steht es jetzt mit der Amme? So ein armes,
verwaistes Kindchen, nicht wahr?

Die Alterchen erschraken -- denn jetzt konnten sie ja nicht mehr, sie
konnten nicht -- sie sagten: Ja.

Grau schttelte ihnen die Hnde. Der Alte nahm die Kappe mit der Quaste ab
und lie es sich nicht nehmen, Grau an die Tre zu begleiten; sein kahler
Schdel glnzte wie ein Feuerwehrhelm.

Da fllt mir noch etwas ein, sagte Grau, knnten Sie nicht im Frhling
Ihr Rotkehlchen fliegen lassen, zum Beispiel?

Wie?




Neuntes Kapitel


Als Grau nach Hause kam, warteten drei Leute auf ihn. Zwei Dienstmdchen,
die Geld brachten, das die Herrschaft gezeichnet hatte; dann stand noch
eine kleine, elend aussehende Frau da, die ihn zu sprechen wnschte.

Sie war die Frau eines Flickschneiders, ihr Mann war krank und dazu waren
noch fnf Kinder zu erhalten. Sie hatte nun gedacht, vielleicht knnte Herr
Grau ihr helfen.

Grau freute sich ber ihr Vertrauen. Ich danke Ihnen! sagte er und
drckte ihr die Hand und seine Augen leuchteten. Bitte, treten Sie ein!
Er plauderte mit der Frau, der es offenbar Erleichterung verschaffte, ihm
ihr Herz auszuschtten. Sie war sehr arm, der Kranke hatte nicht einmal ein
ordentliches Bett. Grau ermutigte sie und sprach mit ihr wie ein Freund.
Dann ging er in die Kche hinaus, wickelte etwas Geld in Papier und bergab
es der Frau. Ich werde morgen frh kommen, sagte er. Sagen Sie keinem
Menschen etwas davon, fgte er flsternd hinzu, und kommen Sie heute
abend mit einem Karren zu mir, ich habe den ganzen Keller mit Holz gefllt.
Auch ein Bettstck will ich Ihnen geben, es mu natrlich unter uns
bleiben, denn die Sachen gehren ja zum Hause und nicht mir, es mu ganz im
geheimen geschehen.

Grau machte Feuer und packte eine Bcherkiste, die eingetroffen war, und
den roten Reisesack aus. Das nahm nicht viel Zeit in Anspruch. Die Bcher
stellte er, ohne sie anzusehen oder zu ordnen in ein Gestell, der rote
Reisesack enthielt nur weniges. Ein alter Anzug, etwas Wsche, ein Pack
beschriebener Papiere, Hefte, zwei zusammengerollte Bilder, ein Glasprisma,
eine Tabakspfeife, eine verkorkte Flasche Rotwein und verschiedene
Kleinigkeiten. Die Flasche Rotwein, die ihm ein Freund, ein
Gefngnisdirektor, auf die Reise mitgegeben hatte, stellte er in die Ecke,
die Tabakspfeife stopfte er und setzte sie in Brand. Die Pfeife war von
jener Art, wie Jger und Bauern sie rauchen. Der Kopf einer Gemse war auf
den Porzellankopf gemalt.

Die Pfeife war kaum richtig im Gange, als es klopfte und der
Fleischergeselle Anton Hammerbacher eintrat. Er war ein dicker, kleiner
Mensch, trug eine Bluse, eine aufgerollte Schrze und gestickte Hausschuhe.
Sein Gesicht war rund und freundlich, seine Backen leuchteten wie rote
pfel, aber seine kleinen dunklen Augen waren scheu und verschlagen.
Auffallend an ihm war, da er immerfort den Mund zu einem breiten Lcheln
verzog und sich vergeblich abmhte, ein ernstes Gesicht zu machen. Seine
Hnde waren vor Klte aufgesprungen und das rote Fleisch sah hervor.

Er sagte, da er hierher kme, weil es nicht mehr auszuhalten sei. Sie
htten ihn fast totgeschlagen, niemand verkehre mehr mit ihm, aus dem
Kegelklub htten sie ihn gestrichen und der Metzgerverein habe ihn
ausgestoen.

Grau rauchte die Pfeife. Setzen Sie sich, bitte, nehmen Sie Platz, sagte
er, indem er den Burschen von oben bis unten musterte. Es ist mir sehr
angenehm, da Sie kommen, wenn ich offen sein will, ich habe Sie auch
erwartet. Wenn Sie nicht gekommen wren, so htte ich Sie aufgesucht. Sie
haben ein Verhltnis mit Frulein Margarete Sammet gehabt, nicht wahr?

Ja.

Wann hat es geendet?

Vorige Weihnachten.

Gut. Und warum? Haben Sie es abgebrochen oder das Mdchen? Erzhlen Sie
mir, wie es herging. Und erlauben Sie mir, da ich unterdessen diese Sachen
hier in Ordnung bringe. Sie knnen ganz frei reden, denn es wird alles
unter uns bleiben, ich gebe Ihnen mein Wort. Grau streckte ihm die Hand
hin.

Der Bursche mit den rotleuchtenden Backen begann zu erzhlen. Grau
unterbrach ihn.

Ein Wort noch, sagte er. Sie knnen mir alles sagen und Sie drfen
sicher sein, einen Freund und Ratgeber in mir zu finden. Lgen Sie nicht,
denn es ist so lcherlich zu lgen und auch ganz und gar unsinnig, denn ich
fhle es ja sofort, ich hre es am Ton Ihrer Stimme. Nun, bitte!

Grau nagelte die zwei Bilder, die sich im Reisesack gefunden hatten, an die
Wand, whrend der Bursche erzhlte. Das eine Bild war ein Farbdruck nach
einem wenig bekannten alten Niederlnder; es stellte einen Heiligen dar,
der in einer Landschaft sa und dachte. An seiner Seite sa ein kleines
weies Lamm. Der Heilige hatte den Kopf in die rechte Hand gesttzt und
sein Gesicht zeigte einen so tiefen Ausdruck des Nachdenkens, da es nahezu
idiotisch erschien. Aber gerade dieses nachdenkliche, nahezu idiotische
Gesicht liebte Grau an dem Bilde. Er liebte auch die nackten Fe des
Heiligen, sie waren unschn, eckig, die Zehen aufwrts gestellt; aber auch
diese Fe schienen nachzudenken. Nach Graus Meinung war dieses Bild eines
der grten Meisterwerke psychologischer Darstellung. Das andere Bild war
eine Radierung von Klinger, die Grau irgend einer Zeitschrift entnommen
hatte: Ein nackter Jngling, der mit verhlltem Gesicht vor dem offenen
Meere im Grase kniet. Es war betitelt: An die Schnheit.

Das heit, sie fing an das Feine zu lieben, ist es nicht so? wandte sich
Grau an den Burschen.

Ja, sagte der Bursche. Sie sagte, ich rieche wie das Schlachthaus. Sie
kaufte mir einen Hut, weil ihr meine Mtze nicht gut genug war, sie konnte
auch meine Bluse nicht mehr leiden. Ich habe mir dann alles neu gekauft,
aber sie wollte trotzdem nichts mehr wissen von mir.

Man hat Sie aber im Sommer noch und im Herbst mit dem Mdchen gehen sehen,
was sagen Sie dazu?

Das sei wahr. Sie habe ihm einmal zugerufen auf der Strae, wie es ihm
gehe. Darauf habe er sie gefragt, ob es nicht wieder wie frher zwischen
ihnen sein knne.

Was hat sie darauf geantwortet?

Sie hat gesagt, sie wolle es mir bald sagen.

Hat sie wirklich bald gesagt?

So hnlich. Sie kann auch bald gesagt haben.

Und das nchste Mal, sagte sie es da?

Der Bursche schttelte den Kopf. Nein, sagte er, aber sie war sehr gut
zu mir. Ich habe mit ihr unter der Tre gesprochen. Es war ein sehr schner
Abend und ich sagte, ob wir nicht ein wenig spazieren gehen knnten. Wir
gingen bis ans Tor aber da blieb sie stehen und sagte, sie msse heim. Ich
wute nicht, was sie hatte. Sie weinte auch ein wenig.

Sie verstanden sie nicht mehr?

Nein.

Damals war sie schon sehr unglcklich! sagte Grau und nickte.
Verzweifelt war sie damals schon. Sie dachte, vielleicht kann er mir
helfen, aber trotzdem sie schon ganz verzweifelt war, tat sie doch nichts
Unehrenhaftes. Sie haben keine Unwrdige geliebt, mein Freund. Aus all dem,
was mir die Leute erzhlt haben, konnte ich mir ein Bild von Frulein
Sammet machen. Sie htten wohl alles fr sie getan?

Ja!

Grau nickte. Das ist schn von Ihnen und macht Ihnen alle Ehre. Halten Sie
das Gedchtnis der Toten hoch!

Pltzlich nun zog Grau einen Ring mit einem winzigen blauen Stein aus der
Westentasche und hielt ihn Hammerbacher dicht unter die Augen. Er sah den
Burschen mit scharfen, eigentmlichen Blicken an. Der Bursche sa verblfft
und sah fast erstarrt zu Grau empor.

Grau lchelte unmerklich.

Ich habe schon mit ganz anderen Leuten gesprochen, sagte er leise und
lie den Burschen nicht aus den Augen, mit Verbrechern und Mrdern, aber
sie konnten mir nicht auskommen, sie muten die Wahrheit sagen. Und nun,
haben Sie den Ring dem Mdchen gegeben? Sie wissen ja von welcher Bedeutung
dieser Ring ist. Nun? Nein? Gut!

Grau steckte den Ring wieder in die Westentasche, er lchelte und klopfte
Hammerbacher auf die Schulter. Er fuhr in verndertem Tone fort: Ich will
Ihnen sagen, was ich denke, mein Freund. Wir brauchen kein Wort mehr ber
diese Angelegenheit zu sprechen. Ich habe das und jenes gesagt und gefragt
um Sie zu prfen, um ganz sicher zu gehen. Sie sind unschuldig, absolut
unschuldig. Frulein Sammet htte sich ja auch nicht das Leben genommen,
wenn Sie der Vater des Kindes wren. Es ist vielmehr so, irgend einer hat
sie beschwtzt, einer aus einer hheren Schichte der Gesellschaft. Sie hat
ihn geliebt, auch das wei ich, ich sage Ihnen nicht, wieso ich es wei.
Und er, ein roher, ungebildeter Patron, hat das Mdchen auf dem Gewissen.
Ich sah mir zum Beispiel auch Ihre Augen an, Herr Hammerbacher -- aber das
hat ja wenig zu sagen, ich knnte mich ja allein schon auf mein Gefhl
verlassen. Ihre Nhe macht mich weder unruhig noch zweifelnd! Ich will
Ihnen sagen, ich war frher Gefngnisprediger und Dutzende von Gefangenen
haben mir geschworen, da sie unschuldig seien. Sie haben geweint, sich
fromm gestellt, wahnsinnig gestellt -- man fhlt aber nur zu deutlich was
Wahrheit und was Lge ist. Aber hren Sie, unter diesen vielen Dutzenden
war einer, der wirklich unschuldig war. Sein erster Blick sagte es mir! Er
sollte zehn Jahre absitzen wegen eines Verbrechens, das er nicht beging --
er ist nun frei. Doch, das alles gehrt ja nicht hierher, ich will Ihnen
nur sagen, da von meiner Seite nicht der geringste Verdacht auf Sie fllt
und da ich alles tun werde, was in meinen Krften steht, um Ihre Ehre zu
verteidigen!

Der Bursche verzog den Mund und zeigte seine groen schaufelfrmigen Zhne.

Grau stopfte die Pfeife und steckte sie in Brand. Er setzte sich
Hammerbacher gegenber und sagte in vertraulichem Tone: Nun sollen Sie mir
aber einiges erzhlen. Sie wissen ja, ich bin erst wenige Tage hier und
weder mit den Verhltnissen der Stadt noch mit den Menschen hier vertraut.
Ich bin nun nicht gerade neugierig -- aber ich habe meine Grnde -- die
Unterredung bleibt natrlich ganz unter uns. Das versprechen Sie mir. Wo
hat Frulein Sammet zuerst gedient?

Bei einem Wirt in Weinberg.

Grau stellte einige Fragen. Und hierauf?

Bei Herrn Eisenhut.

Gut. Was fr ein Mann ist das doch, dieser Herr Eisenhut, der
Steinbruchbesitzer? Ist er nicht eine Art Sonderling, es scheint mir so.

Herr Eisenhut erfreute sich keineswegs eines guten Rufes. Trotzdem er zwlf
groe Steinbrche besa, war er sehr geizig. Er hatte die merkwrdige
Angewohnheit, Holz- und Kohlenstcke auf der Strae zu sammeln und seine
Jagdtasche war stets gefllt mit Tannenzapfen, wenn er von der Jagd
zurckkehrte. Seine Dienstboten hielt er knapp und meistens besorgte er
sein Hauswesen selbst, um Ausgaben zu ersparen. Man sagte ihm nach, da
sein Sinn fr Reinlichkeit nicht besonders entwickelt sei. Zu all dem kam
noch, da er ein Trinker war und oft des Nachts auf allen Vieren nach Hause
kroch; zuweilen war er auch am lichten Tage betrunken und taumelte durch
die Straen, gefolgt von einer Menge Kinder, die Spottverse sangen. Seine
Furchtsamkeit war bekannt, er konnte zuweilen nachts mit einem Revolver in
der Hand durch sein Haus streichen.

Er ist nicht verheiratet? fragte Grau.

Ach nein! Hammerbacher lachte laut auf. Keine mag ihn, trotzdem er so
reich ist. Er hat auch einmal Margarete einen Antrag gemacht.

Unmglich!

So wahr ich dasitze! Sie hat es mir selbst erzhlt. Er sagte: Du sollst
ein seidenes Kleid haben, eine Uhr, Ohrringe, einen Wagen und in acht Tagen
wollen wir Hochzeit machen, diese Damen vom Tennisklub sollen vor Neid grn
und blau werden.

Ah! Er hatte wohl schlimme Erfahrungen gemacht?

Er soll sich einen Korb geholt haben, ja. Aber auch Margarete mochte ihn
nicht. Sie ging aus seinem Hause.

Grau stand auf und ging ans Fenster. Wie merkwrdig und wie einfltig, nun
hatte ihn pltzlich ein Gefhl der Rhrung ergriffen. Aber was in aller
Welt sollte denn Ergreifendes an dieser Erzhlung sein?

Er hat wohl keine Freunde, Herr Eisenhut? fragte er endlich.

Doch, er hat schon Freunde, die kommen zu ihm um zu trinken. Sie trinken
oft die ganze Nacht hindurch bei ihm, das ist in der Stadt bekannt, sie
schreien und brllen bis zum Morgen. Wenn ich ins Schlachthaus fahre, gehen
sie heim, sie sind dann alle betrunken und schreien und lachen. Sie heien
sich: >Der goldene Zirkel<.

Dazu ist er also nicht zu geizig? Wie soll man das verstehen?

Er schickt ihnen am andern Tag die Rechnung.

Tut er das?

Ja, Margarete hat immer die Rechnungen herumtragen mssen, aber sie haben
nur gelacht und nie etwas bezahlt!

Was fr Leute sind das, die bei ihm verkehren?

Das? Das sind immer die gleichen. Das ist ein Arzt, der Doktor Nrnberger,
ein Jude, der dicke Professor Richter von der Realschule, ein Adjunkt von
der Post, Kaiser heit er, dann der junge Herr von Hennenbach, vom Schlo,
Amtsrichter Leutlein, ein Rechtspraktikant Schmitt --

Nun ja, ja -- unterbrach ihn Grau. Die Herren sind wohl zumeist
Junggesellen?

Ja, man kennt sie alle hier in der Stadt. Margarete hat mir genug von
ihnen erzhlt. Manchmal, wenn sie betrunken sind, da --

Grau unterbrach ihn. Ich will das nicht wissen, sagte er.

Herr Eisenhut hat mir einmal fnf Mark angeboten, fuhr der Bursche fort,
dafr sollte ich die Herren alle durchprgeln.

Grau lchelte.

Ja, fr fnf Mark wollte er, da ich mich zwei Monate einsperren lasse!
Hammerbacher lachte. Sie treiben oft ihre Spe mit ihm und da wird Herr
Eisenhut rasend vor Zorn. Einmal da drohten sie ihm ihn zu erschieen. Sie
nahmen Gewehre und Revolver, die er hat, und Herr Eisenhut rannte in den
Garten hinaus, aber sie umzingelten ihn. Er hat sie Diebe und Ruber
genannt. Er schrie um Hilfe, da sagten sie, wenn du dich entschuldigst, so
wollen wir dich diesmal noch laufen lassen. Aber du mut auch das Notizbuch
herausgeben.

Was fr ein Notizbuch?

Wo er hineinschreibt, was sie ihm schuldig sind. Dann hat er ihnen allen
die Hnde kssen mssen und sie haben furchtbar gelacht. Am andern Morgen
habe ich das Fleisch gebracht und Eisenhut hat mich gefragt, ob ich mir
fnf Mark verdienen will.

Sie haben aber abgelehnt?

Ja.

Vielleicht hatten Sie nicht den Mut dazu? fragte Grau und rauchte
lchelnd.

Der Bursche antwortete mit einem khnen Blick.

Ich? -- Oh, was das anbetrifft -- aber ich riskierte zuviel.

Ein wenig Prgel htten die Herren wohl verdient, sagte Grau; wenn Ihnen
Herr Eisenhut aber hundert Mark angeboten htte?

Dann schon! sagte der Bursche und lachte.

Grau sah ihn an.

Er stand auf. Ich darf wohl annehmen, da Sie ber unser Gesprch
Stillschweigen beobachten, sagte er und gab Hammerbacher die Hand. Ich
danke Ihnen fr Ihren Besuch und Ihr Vertrauen. Ich denke es wird das beste
sein, Sie durch eine Notiz in der Zeitung von dem Verdachte zu reinigen,
nicht wahr? Das wre wohl das klgste und wirksamste. Guten Abend, Herr
Hammerbacher! Eine Frage noch, erlauben Sie, Herr Eisenhut steht ganz
allein, wie? Leben seine Eltern nicht mehr?

Sein Vater ist tot, er ist vor Geiz verhungert. Herrn Eisenhuts Mutter
lebt noch, aber sie ist nicht richtig im Kopfe.

Wohnt sie bei Herrn Eisenhut?

Nein. Sie wohnt bei einer Lehrersfrau beim Bahnhof drauen.

Sie wissen nicht wie die Lehrersfrau heit? Heit sie nicht Lwenherz?

Nein, ich wei es nicht. Aber sie hat den Namen Mtterchen, weil sie so
klein ist.

Ah, ja! rief Grau aus. Herr Eisenhut wird wohl fters hinaus kommen zu
seiner Mutter?

Ja, ich sehe ihn oft hinausgehen.

Gut, danke Ihnen, mein Freund! Morgen werde ich die Notiz in der Zeitung
bringen. Und vergessen Sie nicht, Herr Hammerbacher: Halten Sie das
Andenken an Frulein Sammet hoch!

Grau schob nie etwas auf. Er setzte sich augenblicklich an den Tisch und
warf folgende Notiz auf ein Blatt: Der Fleischergeselle Herr Anton
Hammerbacher hat sich auf dem Vikariate eingefunden und die Erklrung
abgegeben, da seine Beziehungen zu dem Dienstmdchen Frulein Margarete
Sammet seit Jahresfrist vollstndig gelst waren. Seiner Aussage ist
unbedingter Glaube zu schenken. Grau, Vikar. --

Nun wurde es Abend.




Zehntes Kapitel


Der Schnee im Garten drauen leuchtete stahlblau, die Nacht brach schnell
herein und mit ihr kam die Klte, die kahlen Bume begannen zu glitzern.

Grau gab sich dem schnen Gefhle des Alleinseins hin. Er setzte sein
Abendessen zu, Linsen, dann ging er wartend hin und her in seiner Stube und
dachte an tausend Dinge. All diese vielen Menschen, die er in den letzten
Tagen kennen gelernt hatte, welche Mannigfaltigkeit und welche Einheit
trotzdem.

Die Linsen begannen zu duften. Herrlich! Welch wunderbare Produkte es doch
auf dieser Erde gab, Linsen, Nsse, Erdbeeren, die Birne, die Weintraube.
Man brauchte Stunden dazu sie alle aufzuzhlen, nur um die Namen aller
Nsse zu nennen, wie lange doch? Und schon von den Namen dieser Dinge geht
ein Zauber aus, man sieht sie, man schmeckt und riecht sie, sie sind die
Meisterwerke von Millionen groen Chemikern, jeder noch so unscheinbare
Strauch hat gearbeitet mit aller Kraft, um seine Frucht herrlich zu
bereiten in dieser Welt, da in die kleinsten Dinge der Wunsch nach
Vollendung gehaucht ist.

Man spricht ja nur von den einfachsten Produkten, wie Eisenbahnzge und
Schiffe sie in jeder Stunde ber Kontinente und Meere tragen --
Eisenbahnzge und Schiffsbuche gefllt mit Wohlgerchen, Farbenruschen
und Formenwundern! Man spricht ja von nichts anderem, oder?

Spricht man hier zum Beispiel von den Steinen? Von den Kristallen, den
Quarzen, den Topasen, Smaragden, Diamanten? Oder von Perlen, Korallen und
Muscheln? Nein. Man kann ja nur an ein Ding denken, man kann ja nur in eine
Richtung denken. Wenn man gleichzeitig in alle Richtungen denken knnte, in
tausend Richtungen? Man hat zuerst an die Nsse gedacht, dann an die
Diamanten, aber wenn man gleichzeitig an alle Dinge denken knnte? An die
Steine, die Pflanzen, die Tiere und alle, alle Dinge zu gleicher Zeit? An
die Muscheln, den Sand, die Palmen, die Kirschblte, die Orchidee, die
Mammutfichte, den Seestern, den Sgefisch, die Wale, die Tiger und die
Giraffen, an die Papageien und die Adler -- an alles in seinem Wesen,
seinem Charakter, seiner Form und Farbe, wrde man nicht taumeln wie der
Habgierige, auf den es Gold herabregnet?

Man spricht ja nur von den einfachsten und nchstliegenden Dingen.

Und doch da drauen existiert das alles, jetzt, in diesem Augenblick wehen
die Palmenwlder, die endlosen Fischzge ziehen durch die Flut, die
Elefantenherden weiden, da und dort ist eine Insel, auf der sich Schwrme
von Paradiesvgeln sonnen, da und dort glht jetzt eine Wiese in der Sonne
und Tausende von farbenprchtigen Faltern schaukeln sich, an einem fernen
Fluufer stehen Armeen von Flamingos, die Wlfe heulen im Schneefelde, in
diesem Augenblick ffnet die schnste purpurne Blume in irgend einem
einsamen Gebirgstale den Kelch, einerlei wo, in dieser Sekunde funkelt der
Gischt einer Woge im stillen Ozean in der Morgensonne -- es ist schn das
zu denken, es betubt, berauscht. Hat man an alle Dinge gedacht, nein, nur
an wenige. Hat man an die jngsten Geschpfe gedacht, die der Mensch selbst
schuf? Die Geige, die sausenden Maschinen, menschliche Gehirne in Eisen,
die groen Dampfer, die mit ihren Schrauben die Flut des Meeres peitschen?
Es ist schn daran zu denken, es macht reich.

Aber man hat ja nur an die Oberflchen der Dinge gedacht, an das Sichtbare
der Erscheinungen. Wrde man erst in die Dinge hineinblicken, wie? Schon
wie Zelle sich an Zelle gliedert, wie das Blut in den Adern rollt. Der
Gedanke allein macht schwindlig.

Htte man auch das getan, htte man schon alles getan?

Man htte ja nur an das gedacht, was auf der Erde ist, an nichts anderes,
nicht an den Raum, die Sterne, die Geheimnisse, die sich zwischen Wesen und
Wesen spinnen, nicht an die ungesehenen Strme, die in jeder Sekunde aus
unendlichen Fernen fluten und das Menschenherz erbeben lassen.

Es ist ja gut, da man nicht an alle, alle Dinge in einer Sekunde denken
kann --

Die Linsen waren gekocht und Grau setzte sich zur Mahlzeit nieder. Es war
schn, allein zu sein. Er konnte denken an was er wollte, an alltgliche
Merkwrdigkeiten, zum Beispiel an den Lffel, den Teller, an die Fliege
dort auf dem Buche.

Drauen erwachte ein leiser Wind und Grau lauschte auf ihn. Bald hrte er
ihn wie ein Gerusch, bald unterschied er kleine Melodien, die immer
wiederkehrten und doch nie dieselben waren. Wie merkwrdig ist doch mein
Ohr nur, dachte er. Etwas Merkwrdigeres kann ich mir kaum denken. Wie eine
Orgel, in die der Wind fhrt, wie eine Geige, wie eine Trommel, was man
will. Dazu habe ich zwei Ohren, aber weshalb wohl zwei? Ich habe zwei Augen
um rund zu sehen, vielleicht habe ich zwei Ohren um rund zu hren? Sollte
es das sein?

Grau lchelte. Hat nicht jeder Punkt meines Leibes Augen und Ohren, sieht
und hrt nicht mein kleiner Finger?

Er lachte: Ah, ich denke fr mich, ich spreche fr mich, niemand schadet
das etwas, das sind meine Gedanken und ich bin gerne bereit, die andern
Leute zu vernehmen.

Meine Haare, zum Beispiel, welch geheimnisvolle Funktionen -- genug!

Er winkte mit der Hand, als ob er jemand zum Schweigen auffordern wolle,
und lchelte. Dann machte er sich an die Arbeit.

Zu den Mrrischen und Griesgrmigen wollte er reden, zu den Kleinherzigen,
Eng- und Kaltherzigen, den Armen, den Geizhlsen und Ofenhockern. Es ist ja
zuviel Armut in der Welt, meine Freunde, zuviel Geiz. Zuviel Zaghaftigkeit,
Schwche, Mitrauen und Trgheit und Ha! Zuviel Hader und Zank!

Da bist du zum Beispiel, du Kleinherziger! Wenn du allein bist, so ist dein
Herz mit Liebe angefllt, du denkst, das werde ich tun und jenes, das wird
ihn freuen -- sobald du aber einen Menschen siehst, so mifllt dir seine
Stimme oder sein Anzug und deine Seele zieht sich zurck wie die Schnecke
in ihr Haus. Habe ich dich entdeckt, Kaltherziger! Ich halte dich fest! Du
sollst ihn ansehen, er hat gelitten, er hat gewartet, ja siehst du nicht,
da er gewartet hat im Wachen und im Schlafen, da jemand zu ihm sprche,
sich Mhe gbe ihn zu verstehen.

Und du, Empfindlicher, der fr jedes Wort empfindlich ist, das man ihm
sagt, und so rasch die Laune verliert?

Und du, du Fauler, wie? Du bist dick und rund und deinem Gesichte sieht man
die Gutmtigkeit an. Eine Bettlerin pocht an deine Tre und fleht, ach,
denkst du, ich habe mich eben ein wenig ausgestreckt, ich wrde ihr ja
gerne etwas geben, aber ich bin mde, ich werde still sein und sie wird
denken, es ist niemand zu Hause und wird fortgehen. Willst du denn dein
ganzes Leben lang so faul bleiben? Sprich?

Die Menschen wuten ja nicht, welche Schtze in ihren Herzen lagen. Er war
gekommen darin zu graben und die Schtze ans Licht zu heben.

Ein Mensch ohne Liebesfhigkeit, wie sollte er fhig sein, die Schnheit zu
empfinden -- oder jenes Grte zu fhlen, das Liebe und Schnheit
einschliet und sich dem Menschen nur in seltenen, kostbaren Augenblicken
offenbart?

Ja, wolle Gott ihm die Kraft verleihen, fr die Griesgrmigen und Geizigen
und Faulen die richtigen Worte zu finden! Was war es doch, das sein Herz so
wild schlagen lie, wenn er sich vorbereitete zu den Menschen zu reden, so
wild, da er stets glaubte, sterben zu mssen?

Bald war Grau in die Arbeit vertieft, und der Heilige an der Wand, dessen
Fe sogar nachdachten, sah ihm zu.




Elftes Kapitel


Schon am nchsten Tage machte sich Grau auf den Weg, die Lehrersfrau zu
besuchen, bei der Eisenhuts Mutter wohnte. Es traf sich so gnstig, da er
von dem Lehrer zu einem Besuche aufgefordert worden war.

Es war kalt, aber die helle Sonne schmolz den Schnee auf den Dchern und wo
man ging, fielen einem langsame schwere Tropfen auf die Hand, den Hut, die
Schultern. Vor allen Husern waren Kinder, Frauen und Mnner beschftigt,
das Eis aufzuhacken; in der ganzen Stadt hackte und pickte es lustig. Ein
heller gleichmiger Lrm erfllte die Straen, fast wie ein Singen. Und
unwillkrlich begann Graus Herz mitzuklingen. Im ersten Stocke eines
schnen alten Hauses blitzte ein Fensterspiegel und das war wie ein Winken,
ein Gren und durchfuhr ihn wie ein Gru des Lichtes von weither. Vor
einer Schmiede stand ein Schimmel und Grau sah ihm einen Augenblick lang in
die groen Augen, die wie zwei schwarze Zauberspiegel glnzten. Er
streichelte die Schnauze des Pferdes und flsterte ihm ins Ohr und der
Schimmel wandte sich nach ihm um, als ob er verstanden habe.

Die Strae machte eine Biegung und tauchte vollstndig in Sonne. Die Sonne
blitzte in allen Fenstern, in all den Picken und xten, in all den Tropfen,
die langsam und schwer von den Dchern fielen.

Grau suchte sich seinen Weg zwischen den arbeitenden Leuten; er hatte eine
eigentmliche Art sie anzusehen, ihnen zuzulcheln und in die Augen zu
blicken. Was ist doch so sonderbar an den Menschenaugen, jener Schein,
frage ich? Nun, sie haben alle Sonne, Mond und Sterne im Blut, das ist
jener Schein, nicht wahr? Aber was ist doch jenes Leuchten in den
Menschenaugen, jenes besondere Leuchten?

Grau nickte den kleinen Knirpsen zu, die arbeiteten, da sie schwitzten,
und als ein junges Mdchen mit halboffenem Munde an ihm vorberging,
starrte er das Mdchen beinahe erschrocken an. Das Mdchen knickste hastig
und wurde rot. Ja, dachte Grau, etwas Schnes ist ein junges Mdchen, ob es
nun Sommer oder Winter ist; die Vgel, die Blten, Kinder und junge
Mdchen, das ist alles ein und dieselbe Sache.

Er blickte dem jungen Ding nach und wre beinahe berfahren worden. Ein
Jagdwagen fuhr rasch daher, der junge Freiherr von Hennenbach kutschierte.

Grau durchschritt den Torturm. Es war ein schner Tag heute, das mute man
sagen! Er atmete die frische Luft ein und fhlte wie seine Augen klarer und
sein Geist freier wurden. Es ist ja nur die Luft, dachte er, groer Gott im
Himmel, nur die Luft, nichts als die Luft, die Vgel atmen sie, die Bume
und Menschen, aber was ist sie doch? Er blickte in die Hhe, da glitzerte
die Luft als sei sie aus kristallhellen Sternen gebildet. Die Bume der
Allee streckten ihre ste zitternd in diese helle, sonnige Luft empor.

Vor seinen Blicken breitete sich die weie, weite Ebene aus. In ihrer Mitte
lag der vom Rauch geschwrzte kleine Bahnhof und aus einer Lokomotive,
nicht grer als ein Kinderspielzeug, stieg feiner brauner Rauch empor. Der
Schnee lag unberhrt auf den Feldern, nur da und dort hatte der Wind mit
ihm gespielt, ein Feld klippiger kleiner Berge gebaut oder Wellen und
Schleifen in ihn gezeichnet. Er lag weithin wie schimmernder weier Samt,
auf dem es glitzerte, als sei der Samt mit Brillanten bestickt. In der
Ferne sah es aus, als beginne der Schnee zu brennen, farbige Feuerchen
bewegten sich auf ihm hin und her; lichtes Grn, feuriges Rosa,
Schwefelgelb.

Auf der Strae gingen drei junge Mdchen und ein hagerer, etwas
schiefschultriger Mann, der ein Bndel Schlittschuhe trug. Sie hatten es
nicht eilig und gingen ganz langsam. Die Mdchen sprachen und lachten mit
klingenden Stimmen und der schiefschultrige Mann, der in einem gelben
abgetragenen berzieher steckte, ein rotbraunes Halstuch und einen kleinen
spitzen Hut trug, meckerte dazwischen und sprach in hastigen, abgerissenen
Stzen.

Zwei der Mdchen gingen Arm in Arm und waren ganz gleich gekleidet, ihre
Haare waren von schlichtem deutschen Blond, auch ihr Gang war der gleiche;
sie gingen beide als schritten sie auf einem Seil. Offenbar waren es
Schwestern. Das Mdchen, das an ihrer Seite schritt, war etwas grer,
freier in allen Bewegungen; sie trug den Kopf wie ein stolzes Tier im
Walde. Sie war gekleidet in ein langes flottes Jackett aus seidenhaarigem
Pelz, eine kleine Pelzmtze sa auf dem auffallend reichen, schwarzen Haar,
das in einen lockeren Knoten gebunden war. Ein dnner gelber Schleier flo
um die Pelzmtze herum und flatterte lustig im Winde.

Grau sah wie sie sich dahin bewegten und etwas in der Art ihrer Bewegung
ergriff ihn nahezu bis zu Trnen. Sie gingen mit der Seele der Frau, mit
der schwebenden, wehenden Seele der Frau, die in die Weite strebt, wartet,
spht, lockt und hofft. Der Mann an ihrer Seite dagegen ging nicht, er
schlich. Seine Seele war zusammengedrngt, gefesselt, er blickte in sich
hinein, er war beschftigt mit sich selbst, ob er auch plauderte und
lachte.

Grau holte die Gesellschaft ein und da der Weg nur zum Teil vom Schnee
freigemacht war, mute er sich hinter ihr halten. Er hrte, was sie sagten.

Haben Sie die Geschichte von dem Manne gehrt, der von der Doktorkutsche
auf der Strae gefunden wurde, nachts, im Schnee? wandte sich das Mdchen
mit den schwarzen Haaren an den Mann, der die Schlittschuhe trug. Sie
sprach scharf, mit einem kaum hrbaren fremden Akzent.

Adele! sagten die Schwestern leise und lchelten.

Der Mann mit den Schlittschuhen lachte meckernd. J, sagte er, ich habe
diese Geschichte gehrt, natrlicherweise habe ich sie gehrt -- am andern
Tag -- aber ich kann schwren --

Schwren Sie besser nicht! fuhr das Mdchen fort. Wie leicht htten Sie
im Schnee erfrieren knnen.

J, wie leicht htte ich im Schnee erfrieren knnen!

Sie sollten sich schmen, ich an Ihrer Stelle wrde mich schmen.

Gewi, Sie, ja Sie wrden sich schmen, Frulein von Hennenbach.

Sie ruinieren sich auch. Sie sind ein ganz origineller Mann, aber
vollstndig verwahrlost. Vielleicht sind Sie auch nur originell, weil Sie
verwahrlost sind.

Der junge Mann mit dem spitzen Hut lachte. Wie geistreich! sagte er und
lftete ein wenig den Hut, indem er ihn bei der Spitze mit zwei Fingern
anfate und in die Hhe hob. Wie geistreich! meckerte er. Wie
geistreich!

Es ist nichts mit Ihnen anzufangen! sagte khl das junge Mdchen und
wandte sich den Freundinnen zu.

Eine Weile blieb es still, dann begann sie von neuem: Lassen Sie sich's
gesagt sein, sagte sie, da ich meinem Bruder nicht mehr erlaube, Sie zu
besuchen. Sie treiben es zu toll bei Ihren Gelagen. Das ist ja die reinste
Lasterhhle. Vier Nchte nacheinander hat er mit Ihnen durchgezecht. Es
wird auch Hasard gespielt, nicht wahr? Heute nacht hat er zweihundert Mark
dabei verloren.

Was hat er verloren?

Zweihundert Mark. Er hat sie heute von mir verlangt. Wei Gott, es ist
unrecht von Ihnen. Natrlich mu er bezahlen, wenn er sein Ehrenwort
gegeben hat, aber es ist eine Snde von Ihnen, er ist noch so jung.

Der schiefschultrige Mann lachte laut heraus. Aber es ist ja keine Silbe
wahr von all dem, was Sie da sagen! rief er. Keine Silbe, nicht eine
einzige Silbe! Er war eine ganze Woche nicht bei mir, kein Mensch war bei
mir. Wie kann er da zweihundert Mark verloren haben, wie denn? Ich habe
nicht mit ihm gespielt, das schwre ich Ihnen!

Schon gut! Sie werden es ja nicht eingestehen, Sie werden es leugnen. Das
ist selbstverstndlich. Ich werde Ihnen aber die Polizei ins Haus schicken,
mein Herr! Da Sie es nur wissen. So wahr ich hier gehe, das werde ich tun.
Es ist Ihnen doch bekannt, da Hasard polizeilich verboten ist, nicht
wahr?

Der Mann rasselte mit den Schlittschuhen, warf dem Mdchen einen bsen
Blick zu, aber dann lachte er wieder. Was Sie nicht sagen? rief er aus.
Ich bekmmere mich nicht um die Polizei. Sehen Sie, ich stecke jedem eine
Flasche Wein in die Tasche und dann gehen sie wieder. brigens, Frulein
von Hennenbach, hat gerade Ihr Herr Bruder das Spiel eingefhrt. Er brachte
es von Monte Carlo mit.

Es blieb einen Augenblick still, dann erwiderte das Mdchen: Er war ja nie
in seinem Leben in Monte Carlo, niemals!

Also hat er auch keine hundertundfnfzigtausend Mark dort verloren, wie?
Also lgt er?

Er macht sich einfach lustig ber Sie, das ist alles!

Der junge Mann nahm den Hut ab und verbeugte sich. Er lachte.

Herr von Hennenbach lgt nicht! rief er aus. Herr von Hennenbach machen
sich einfach lustig. Er macht sich lustig, ja, das mu man sagen, er lgt
nicht, er macht sich lustig. Er sagt, er habe zweihundert Mark im Spiel
verloren und er hat drei Tage vorher mich um genau zweihundert Mark
gebeten, da er sie brauche. Ich habe sie ihm aber abgeschlagen -- rundweg
-- ich gebe nichts mehr, keinen Pfennig, ich habe die schlimmsten
Erfahrungen gemacht in der letzten Zeit!

Grau watete nun durch den Schnee und beschrieb einen weiten Bogen um die
Gesellschaft. Hinter ihm meckerte der junge Mann, er rusperte sich und
rasselte mit den Schlittschuhen.

Aber, nein! sagten die Schwestern vorwurfsvoll, und die junge Dame fgte
in scharfem Tone hinzu: Was denken Sie doch --?

Doch der junge Mann lachte nur. Er sagte laut: Alle Welt macht sich ber
mich lustig -- ergo -- weshalb soll ich mich denn nicht auch ein wenig
lustig machen, wenn es mir einfllt! Wie? Bin ich etwas andres vielleicht
als die andern Menschen? Ich erlaube mir das zu fragen! Man soll sich nur
ein wenig in acht nehmen vor mir. Ich knnte eines schnen Tages einen
Skandal heraufbeschwren und das wre manchen Leuten nicht angenehm, nein!
Er meckerte, aber er schien zornig zu sein.

Sie sind ja ein ganz gefhrlicher Mensch! sagte eine der Schwestern.

Frulein von Hennenbach aber sagte kurz: Tun Sie doch, was Sie nicht
lassen knnen, aber lassen Sie mich mit Ihren Anspielungen geflligst in
Ruhe!

Darauf bat der Mann um Entschuldigung. Ein solch harmloser Mensch, wie er
sei! Wenn er sich nur erlaube, zu scherzen --

Die Stimmen verloren sich. Grau war beim Bahnhof angelangt, blieb stehen
und blickte sich um. Dem Bahnhof gegenber stieg der Wald an; eine Htte,
gefllt mit Brettern, Leitern, Balken, lag am Wege, dort stand ein dicker,
niedriger Turm mit leeren Fensterlchern -- ein alter Wartturm -- aber von
einem Wohnhaus war nichts zu sehen. Allein dieser Lehrer, dieser Lehrer
Lwenherz, hatte er nicht gesagt: Gleich beim Bahnhof?

Die Gesellschaft holte ihn ein. Die Mdchen standen still, fhrten
flsternd eine Beratung, dann sagte eine der Schwestern: Suchen der Herr
etwas?

Grau zog den Hut. Ja, ich suche ein Haus, sagte er.

Hier sind keine Huser, sagte der Mann mit den Schlittschuhen mit dnner
Stimme und lchelte spttisch. Grau hatte ihn schon gesehen. Er hatte ein
gelbes Gesicht, einen kleinen Spitzbart und Mausaugen.

Ja, hier scheinen allerdings keine Huser zu sein, sagte Grau und blickte
umher. Aber man hat mich hierher gewiesen -- ich suche das Haus eines
Lehrers, eines gewissen Lehrers Lwenherz!

Lwenherz?

Die jungen Mdchen blickten einander an. Sie besannen sich und schttelten
die Kpfe. Die Schwestern sahen einander so hnlich, wie zwei rotbackige
pfel auf einem Zweig. Man htte sie nicht zu unterscheiden vermocht, wenn
nicht die eine ein kleines braunes Mal auf der Wange gehabt htte. Sie
hatten frische, runde Gesichter mit roten Wangen, die etwas rissig von der
Klte waren, und nachdenkliche blaue Augen.

Frulein von Hennenbach sah nicht so bleich aus wie neulich, als Grau in
ihrem Hause vorsprach, ihre Wangen waren von einer feinen Rte berzogen,
aber ihre Augen erschienen um so klarer und heller. Sie waren nahezu wei.

Der Mann mit den Schlittschuhen begann pltzlich zu kichern und zu lachen.
Er streckte wichtigtuerisch die spitze Nase vor. Es ist der Lehrer! rief
er aus. Sicherlich ist es der Lehrer. Er heit Lenz, mein geehrter Herr.
Lwenherz! Was sagen die Damen dazu? Ein ausgezeichneter Einfall --
Lwenherz!

Frulein von Hennenbach ffnete erstaunt die Lippen. Ah, Susannas Vater!
sagte sie, und die Schwestern fgten wie aus einem Munde hinzu: Ach ja,
Susannas Vater!

Ich erinnere mich, er sprach von seiner Tochter Susanna, sagte Grau.

Das ist ganz in der Ordnung, er wohnt hier. Nur mu man durch den Turm
gehen, bis zur Brcke. Der Herr hier hat im gleichen Hause zu tun.

Sie gingen zusammen und schwiegen. Ein schner Tag! sagte Grau nach einer
Weile. Ja! antworteten die Mdchen wie aus einem Munde und sahen ihn alle
an. Es war schn, wie sie alle die Gesichter zu ihm wandten, die auen
gehende mute sich etwas vorbeugen. Er sah in diese drei Paar Augen hinein.
Aber es fiel ihm weiter nichts ein, was er den Mdchen sagen htte knnen.

Von der Brcke aus konnte man ein kleines Huschen im Felde liegen sehen.
Dieses Huschen lag ganz einsam, halb zugeschneit lugte es mit zwei trben,
kleinen Fenstern aus dem Schnee. Weit und breit war nichts zu sehen als
Schnee, kein Baum, kein Strauch, nur einige Krhen bewegten sich langsam in
einem Acker. Es lag da gleichsam ausgestoen aus der Stadt, wie ein
Siechenhaus, wie die Htte des Abdeckers. Ein Zaun lief um das Haus herum
wie ein Gitter, aus dem Kamin stieg ein Hauch von Rauch, den man nur mit
scharfen Augen wahrnehmen konnte.

Dieses Haus sei es!

Grau nahm den Hut ab. Ich danke, meine Damen! sagte er und verneigte sich
vor den drei jungen Mdchen. Bitte, bitte!

Frulein von Hennenbach blickte ihn an. Sie heftete ihre hellen, klaren
Augen eine Weile auf Grau, dann sagte sie: Wie schn Sie neulich
gesprochen haben! Sie streckte ihm die Hand hin. Sie lchelte, aber ihr
Mund und ihre Zge blickten trotzdem ernst.

Die Schwestern lchelten ebenfalls, Grbchen erschienen in ihren Wangen und
ihre weien, kleinen Zhne blitzten; sie richteten die Augen gro und
leuchtend auf Grau.

Grau verbeugte sich verwirrt. Er wagte kaum, die Hand des Mdchens zu
berhren. Er errtete und machte abermals eine verwirrte Verbeugung.

Viele Gre an Susanna, viele Gre! riefen die Mdchen.

Morgen kommen wir! setzten die Schwestern hinzu.

Der junge Mann lieferte die Schlittschuhe ab und ging an Graus Seite
feldeinwrts. Sie wateten bis an die Knie im Schnee. Grau ging wie ein
Trumender.

Wie merkwrdig, dachte er, wie merkwrdig! Und unwillkrlich wandte er sich
nochmals nach dem Mdchen um. Nun fllt es mir ein, wo ich dieses Mdchen
schon frher gesehen habe. Ich ging einst im Traume mit ihr ber die Heide
-- damals unter dem Sternschnuppenregen. Es sind dieselben Augen und
besonders ihre Art, den Kopf zu tragen -- wie merkwrdig ist das Leben!

Er hrte kaum, was sein Begleiter sagte, obwohl er sich aus mehreren
Grnden auerordentlich fr ihn interessierte.




Zwlftes Kapitel


Der Mann mit dem gelben Gesichte und den Mausaugen begann sogleich zu
sprechen; er sprach hastig und nahezu ohne Pause, bis sie das Huschen
erreicht hatten. Er kicherte und hstelte, whrend er sprach, und er sah
Grau immerzu mit seinen blinzelnden Augen an. Aber jedesmal, wenn Grau ihm
den Blick zuwandte, tat er, als suche er etwas im Schnee. Er kicherte, auch
als Grau einmal im Felde ausglitt.

Vorhin hatte er mit gezwungener Keckheit gesprochen, nun aber sprach er mit
unterwrfiger, fast demtiger Stimme, nach der Art vieler Mnner, die ihr
Benehmen vollstndig ndern, sobald sie die Gesellschaft von Frauen
verlassen.

Sie erlauben wohl, da ich Sie begleite? begann er und lftete den
spitzen Hut. Ja, ich habe gehrt, auf welche Weise der Herr mit dem Lehrer
zusammengetroffen sind, man hat es mir erzhlt. Sie haben den Lehrer
natrlich nicht gekannt, sonst wren Sie wohl etwas vorsichtiger gewesen.
Ich mu Ihnen leider sagen, da man sich mit den Leuten hier in acht nehmen
mu. Sogar gebildete Herren, rzte, Professoren, sie versprechen Ihnen das
Blaue vom Himmel herunter und halten -- nichts. Man kann hier Geld
zusetzen, du groe Gte!

Kennen Sie Herrn Lenz? fragte Grau.

Ja, und ob ich ihn kenne. Jedermann kennt ihn. Er kommt auch zuweilen zu
mir, mitten in der Nacht kommt er angeschlichen. Er darf sich ja in der
Stadt nicht blicken lassen.

Er darf sich in der Stadt nicht sehen lassen? Was heit das?

Der junge Mann zog einen kleinen Zigarrenstummel aus der Tasche und steckte
ihn in Brand. Er hat den Stadtverweis, mein Herr! sagte er vergngt
lchelnd und paffte. Auch seine Familie, seine Frau, seine Tochter,
niemand darf die Stadt betreten.

Ja, was hat er denn Schreckliches getan? fragte Grau und blieb stehen.

Der junge Mann lachte meckernd. Er hat, sagte er flsternd und kicherte
-- er hat sie durchgeprgelt! Die Polizeidiener zuerst und dann den
Brgermeister. Weil sie ihn entlieen. Er war ja Lehrer hier in der Stadt.

Warum wurde er denn entlassen?

Oh, er machte Streiche. Er hat auch oft getrunken, mehr als er vertragen
konnte. Einmal lag er am Morgen betrunken auf dem Marktplatze, gerade als
die Sonne aufging. Ich mu lachen, wenn ich nur daran denke! Denn ich habe
ihn liegen sehen, bevor noch jemand kam, und gewartet und gedacht: Was fr
ein Spa wird das werden! Er lag so komisch da, er lag da, als ob er eben
einen groen Sprung machen wollte, so lag er da. Ich dachte, das wird einen
hbschen Spa geben. Dann kamen die Leute, die Kinder kamen, die in die
Schule gingen, Frauen, Mnner, aber er lag da und schlief, er war nicht
wach zu bekommen. Was ich gelacht habe!

Deshalb also wurde er entlassen?

Nein, nein. Damals unterrichtete er das Tchterchen des Brgermeisters,
deshalb wurde er nicht entlassen. Auch seine Frau, die lief zum
Brgermeister, flehte und winselte, und deshalb lieen sie es hingehen.
Aber spter. Er hatte so eigentmliche Einflle und er machte Streiche ber
Streiche. Er sagte zu den Kindern: Heute ist keine Schule, es ist zu
schnes Wetter, geht hinaus in den Wald. Das ist aber doch keine Schule,
nicht wahr? Oder er hat ihnen keinen Unterricht gegeben, er hat ihnen
tagelang Mrchen erzhlt. Aber das tollste, was er gemacht hat, sehen Sie,
das hat ihm auch den Hals gebrochen. Ja, er ging also mit der Klasse
spazieren, er hatte die Mdchenklasse, an einem sehr heien Tag im Juni. Da
kamen sie nun an einen Bach, es war sehr hei, wie gesagt, und was meinen
Sie nun, was er tat? Er sagte: Alle auskleiden! Nun, Sie knnen sich
denken, das ging hui, hui, das kam den kleinen Mdchen gerade recht, sie
kleideten sich aus und pltscherten alle dreiig im Bach herum. Er, Lenz,
er sa dabei und lachte. Pltzlich aber kam der katholische Geistliche, der
geistliche Rat -- ein fetter -- ein etwas korpulenter Herr -- er kam -- und
so war es, der Lehrer mute gehen. Aber hren Sie, er ging nicht, er ging
nicht!

Er ging nicht?

Nein, er sagte es, er sagte es zu mir. Ich werde nicht gehen, sagte er,
ich lasse es darauf ankommen. Ich werde morgen Schule halten und werde sie
hinauswerfen, wenn sie kommen. Tue das, sagte ich, welch einen Spa wird
das geben, einen unbezahlbaren Spa. Er sagte auch, da der Brgermeister
sich ein wenig in acht nehmen solle, auerdem knne er Prgel fassen. Ja,
tue es, tue es, sagte ich, das wird ganz unsagbar drollig werden. Du nimmst
dich meiner Familie an, ja? Ja, sagte ich, du kannst ruhig sein. Und hren
Sie, Herr, er tat es, er tat alles. Er hielt Schule und sie wollten ihn aus
dem Schulhaus weisen, aber er prgelte die Polizeidiener durch, dann ging
er ins Rathaus und prgelte den Brgermeister durch -- vor all den
Schreibern --

Der junge Mann lachte und hustete.

Ich habe niemals mehr gelacht. Solch ein Mensch -- er mute dann sitzen,
lange, lange Monate, er verlor seine Stellung, sein bichen Vermgen,
alles, alles -- hhh -- nun treibt er sich in der Welt herum und seine
Frau und seine Tochter sie sitzen hier. Wir wollen hoffen, da der Herr ihn
antreffen.

Sie nherten sich dem Huschen und Graus Herz begann eigentmlicherweise zu
pochen.

Sie hat keine Pension? fragte er. Die Frau?

Pension? Aber wieso denn Pension? Woher?

Hm. Sie hat auch kein Vermgen?

Hahaha, nein. Vermgen, um Gottes willen --!

Sie ist also arm, sagte Grau leise zu sich selbst. Wie sagten Sie? Sie
glauben also nicht, da wir Herrn Lenz antreffen werden? fgte er hinzu
und blickte den Mann mit dem Spitzbart an.

Der Mann mit dem Spitzbart zuckte zusammen. Nein, sagte er verwirrt, ich
glaube es nicht. Er bleibt immer nur da, bis ihn seine Frau
zusammengeflickt hat, dann geht er wieder. Ich habe auch gehrt, da er in
Weinberg in einer Wirtschaft alle Fenster eingeschlagen hat, nun wird ihm
wohl der Boden zu hei geworden sein. Vielleicht ist er da, wer wei es? Er
ist sehr amsant und er kann deklamieren -- was er doch alles im Kopfe hat!
Er kann Ihnen ganze Theaterstcke vorspielen. Er hat mir oft die ganze
Nacht hindurch vorgespielt.

Sie lieben es wohl, ihm zuzuhren? fragte Grau lchelnd.

Warum?

Nun, ich meine nur! sagte Grau und lchelte.

Ja, ich liebe es! antwortete der Mann mit dem Spitzbart und errtete ein
wenig und blinzelte. Er deklamiert oft die ganze Nacht bei mir, bis er zu
lachen anfngt --

Zu lachen?

Ja, zuletzt lacht er stets frchterlich, so da Sie Angst bekommen -- dann
wird er gefhrlich -- hier sind wir! Er ffnete das Gartentrchen und lie
Grau eintreten. Man hrte keinen Laut hier auen, auch das Haus lag ohne
jedes Zeichen von Leben. Eine ganz besondere Stille und Einsamkeit
herrschte hier und auch der Wind, der leise um die Wnde des Huschens
strich, schien ein besonderer Wind zu sein.

Der Mann mit dem gelben Gesicht klopfte an die Haustre. Sie warteten und
standen einander gegenber.

Grau sah sich seinen Begleiter aufmerksam an. Eigentlich war das Gesicht
nicht gelb, es spielte in allen Schattierungen von Gelb bis Grau, gegen die
Schlfen zu ins Grnliche. Es war von tiefen Furchen durchzogen, die
fcherartig von den Augenwinkeln ausgingen und sich hart um den Mund
eingruben. Diese Furchen waren grau und es schien als sei Schmutz in ihnen.
Der Bart am Kinn sprang vor wie ein Geibart; seine Haare waren von
unbestimmter Farbe, sie schienen feucht und klebend zu sein und waren grau
an den Schlfen, obgleich der Mann die Dreiig kaum berschritten hatte.
Seine Augen waren leicht entzndet, klein und neugierig bewegten sie sich
in dem getrbten Wei hin und her. Die Lider zwinkerten unaufhrlich.

Dieses Gesicht verriet keinen bestimmten Charakter; Schchternheit,
Keckheit, Demut und Hochmut, Habgier, Bosheit und Argwohn, alles konnte man
in diesen Zgen finden; aber Grau entdeckte ein Paar schngezeichneter
Lippen, die sich zusammenzogen und gleichsam hinter dem dnnen Schnurrbart
versteckten, der in feuchten, kurzen Bscheln ber den Mund herabhing.

Ihre Blicke begegneten sich und pltzlich hrte der Mann mit dem Geibart
auf zu blinzeln; das Blut stieg ihm in die Wangen, als ob er tief
erschrocken wre, dann erbleichte er. Er griff hastig an den Hut und sagte
mit kaum hrbarer Stimme: Eisenhut!

Grau reichte ihm die Hand. Eisenhuts Hand war feucht und schlaff.

Eisenhut begann wieder zu blinzeln. Er legte sein gelbes Gesicht in Falten
zu einem Lcheln, so da man seine schlechten braunen Zhne sah, und sagte:
Danke, danke, es ist mir sehr angenehm, Ihre Bekanntschaft zu machen.

Er sprach hastig, ruckweise, und man htte sagen knnen, auch seine Stimme
blinzelte.

Die Tre ffnete sich lautlos, und ein schmchtiges Mdchen, eine
Hornbrille auf der groen Nase, stand im Rahmen.




Dreizehntes Kapitel


Guten Tag, Mtterchen! sagte Eisenhut zu dem schmchtigen Mdchen, das
die Tre ffnete. Er deutete auf Grau und fgte geheimnisvoll hinzu: Hier
ist ein Herr vom Gericht, der etwas von Ihnen will!

Mtterchen krmmte sich zusammen und lugte scheu durch die Brille, aber sie
versuchte zu lcheln.

Keineswegs! rief Grau aus und zog den Hut und trat nher. Herr Eisenhut
scherzt. Ich komme lediglich --

Eisenhut lachte. Nein, unterbrach er Grau, haben Sie keine Angst,
Mtterchen, es ist ein Herr, der Sie besuchen will, Herr Vikar Grau.

Grau verbeugte sich und sagte, da er so glcklich gewesen sei, Herrn Lenz
kennen zu lernen, einen ausgezeichneten und interessanten Mann, Herr Lenz
habe ihn zu einem Besuche aufgefordert.

Mtterchen ffnete den welken Mund, ging ein paar kleine Schritte rckwrts
und verbeugte sich schchtern und mdchenhaft. Sie war klein, schmal,
hftenlos wie ein Mdchen. Mit den pechschwarzen Haaren und der gebogenen
Nase sah sie wie eine kleine zusammengeschrumpfte Jdin aus. Sie starrte
mit groen fragenden Augen, die wie bestaubter schwarzer Samt aussahen, zu
Grau empor, dann schttelte sie langsam den Kopf.

Sie haben ihn gesehen? fragte sie leise und singend, und ihre Stimme
zitterte. Er ist nicht hier! Sie schttelte traurig den Kopf, dann fgte
sie ganz leise hinzu: Er wird noch zu tun haben. Sie versuchte zu
lcheln.

Ja, er wird noch zu tun haben, auf ein Haar! rief Eisenhut boshaft aus
und ging hinein ins Haus.

Mtterchen stand ratlos, sie wute nicht, was sie tun sollte. Sie zog den
verblichenen trkischen Schal enger um die schmalen Schultern und blickte
Grau hilflos an.

Aber Grau ging nicht.

Er sah Mtterchen an, die Tre, das Haus, er blickte auf die matten dunkeln
Fenster, er wandte den Blick wiederum auf Mtterchen.

Wie fatal, wie fatal! sagte er, und es hatte den Anschein als wolle er
gehen. Aber er ging nicht. Er sann nach, errtete und begann pltzlich
hastig zu sprechen. Ja, wie unangenehm es ihm doch wre, den Herren nicht
anzutreffen. Er habe sich so darauf gefreut mit ihm zu sprechen. Und vieles
mehr.

Knnte ich nicht auf ihn warten?

Warten?

Ja, warten, auf ihn warten! wiederholte Grau und sah aus, als horche er
in sich hinein. Er blickte wiederum auf das Haus, die Fenster, und fgte
hinzu: Wre es nicht mglich, da er gerade jetzt kme? Aber natrlich, im
Falle ich stren sollte? Gewi erscheine ich Ihnen zudringlich, Frau Lenz.

Stren? Mtterchen lchelte und schttelte den Kopf. Der Herr stren
keineswegs, flsterte sie, wenn der Herr mir die Ehre antun wollen? Sie
trat zurck und forderte Grau mit einer linkischen, rhrenden Verbeugung
auf einzutreten.

Die Ehrung ist auf meiner Seite! sagte Grau freudig und verbeugte sich
ehrerbietig vor Mtterchen. Wie liebenswrdig von Ihnen, Frau Lenz!

Mtterchen ffnete eine Tre zur rechten Hand. Das erste, was Grau sah, als
er in das von verbrauchter warmer Luft erfllte Zimmer eintrat, war der am
Boden hinhuschende Schein eines Feuers und zwei glnzende, groe Augen in
einem fahlen, mageren Gesicht. Ein krankes, zwerghaftes Mdchen sa in
einem Lehnstuhle, eine Decke ber den Knien. Sie heftete unausgesetzt die
groen Augen mit einem forschenden, starren Blick auf ihn. Das also ist
Susanna, dachte Grau, von der der Lehrer sprach. Unwillkrlich wurde er
kleiner, er duckte sich und sah nun nicht mehr so heiter aus.

Hier ist ein Herr, Susanna, sagte Mtterchen leise. Herr --?

Grau! Grau lchelte. Er ging auf die Kranke zu und begrte sie. Sie
legte ihre kleine gelbe Hand in die seinige, ohne auch nur eine Sekunde den
Blick von ihm zu wenden. Sie machte auch einen Versuch aufzustehen, aber
Grau erlaubte es nicht.

Wie schn! sagte Susanna. Seien Sie herzlich willkommen. Es ist so
selten, da uns jemand besucht, so da es mir stets wie ein Traum
erscheint. Ach, Mtterchen, gib dem Herrn einen Stuhl. Graus Herz begann
zu pochen, als Susanna zu sprechen anfing.

Susanna sprach mit einer hohen dnnen Stimme und sehr leise. Wie Mtterchen
so sang auch sie beim Sprechen ein wenig, aber ihre Stimme schien gleichsam
durch eine Wand zu kommen. Ihre Augen aber glnzten wie schwarze Spiegel,
whrend sie sprach, und sie sahen ihn unausgesetzt an. Die Lider schienen
nicht zu zucken. Sie sah gealtert aus und doch sah man, da sie jung und
noch nicht zwanzig Jahre alt war. Sie hatte ein Gesicht wie ein seltsamer
Vogel. Ihr Hals war dnn und gelb und zwei schmale Sehnen hielten den
kleinen, abgemagerten, vorgebeugten Kopf. Die Augen lagen tief und fllten
die ganzen Augenhhlen aus. Die Haare waren schwarz und glatt ber der
niedrigen Stirne gescheitelt, zwei dnne, straffgeflochtene Zpfchen hingen
ber die Ohren herab, in denen sie Ringe mit langen silbernen Quasten trug.

Grau bestellte die Gre, die ihm die Mdchen aufgetragen hatten, und
erzhlte, welcher Zufall ihn hierher bringe.

Die Schwestern werden Sie morgen besuchen, fgte er hinzu.

Susanna lchelte ein wenig. Es war ein kleines, glckliches Lcheln, das
nur mhsam den langen Weg vom Herzen bis zu den Lippen zu finden schien.
Danke! sagte sie und blickte Grau an. Ich habe auch schon von Ihnen
gehrt, Herr Grau, fgte sie hinzu, und ich habe gewnscht Sie zu sehen
-- und nun sind Sie hier. -- Wie eigentmlich ist doch das? Aber noch
merkwrdiger ist es, da ich mir gedacht habe, das mu Herr Grau sein, der
mit Herrn Eisenhut ber die Wiese kommt. Nicht wahr? Ich fhlte es. Ich
wei nicht warum. Sie sah Grau abermals aufmerksam an und drehte den Kopf
etwas zur Seite, wie um besser seine Augen sehen zu knnen.

Das ist eigentmlich! sagte Grau lchelnd. Und doch hat jeder Mensch das
so und so oft erlebt. Zum Beispiel als ich hier ankam, sah ich im Friedhof
einen Herrn und als ich spter von Herrn Eisenhut reden hrte, wute ich,
da er jener Herr sein msse, er und kein anderer.

Er war es auch?

Ja.

Merkwrdig. Vielen Dank fr die Gre, Herr Grau. Ich sah sie alle fnf
ber die Brcke gehen. Es waren die Schwestern Sinding von der
Buchhandlung, sie sind Zwillinge, Klara und Maria Sinding. Sie sollten sie
kennen, so gut sind sie, so treu und schlicht. Und dann war ja auch die
andere dabei, nicht wahr? Susanna blickte fragend in Graus Augen. Haben
Sie die andere gesehen?

Frulein von Hennenbach?

Ja, ja, ja! Haben Sie sie genau angesehen? Wie hat Sie Ihnen gefallen?
Sie lchelte.

Sie war so gelb, so wchsern, so hlich mit ihrer Hakennase, den
eingefallenen Wangen und der niedern Stirn, aber sobald sie lchelte, sah
man all das nicht mehr, man sah nur das Lcheln; es verzauberte ihre
Wangen, da sie jung und s wurden, ihre Lippen kruselten sich und
enthllten eine Reihe schneeweier Zhne, die Augenbrauen zogen sich ein
wenig an der Nasenwurzel in die Hhe, der Glanz ihrer Augen vernderte
sich. Wenn sie darauf sprach, so war das Lcheln gleichsam in ihrer Stimme,
sie wurde sanfter und singender. Mit dieser lchelnden Stimme wiederholte
sie: Nun, wie hat sie Ihnen gefallen?

Wie schn sie doch ist! sagte Grau und lchelte ebenfalls.

Susanna nickte ein paarmal. Ja, wie schn sie doch ist! sagte sie. Sie
ist berckend schn, ja! Wenn die zu mir kommt -- und sie scheut sich nicht
zuweilen zu mir zu kommen, so stolz sie auch ist, wir sind
Schulfreundinnen, mssen Sie wissen -- wenn sie nun eintritt in das kleine
Zimmer hier, so ist es mir, als wre es Mai, Mai, und ich fhle mich gesund
und stark und so reich werde ich pltzlich im Herzen. So schn ist sie! Ich
liebe sie! Wie stolz sie geht! Ganz anders wie andere Menschen! Wie langsam
sie den Kopf bewegt! Ich liebe es schne Menschen zu sehen, ich liebe es,
man fhlt sich selbst schn bei ihrem Anblick. Ich liebe Adele besonders.
Wenn ich ein Mann wre, so wrde ich nicht eher ruhen, als bis sie mich
wiederliebte. Nun es waren ja auch alle Mnner der Stadt in sie verliebt!

Grau lchelte. Jetzt nicht mehr? fragte er.

Freilich, aber sie hten sich wohl es laut werden zu lassen, fuhr sie
geheimnistuerisch fort, denn sie hat sich ber alle, alle lustig gemacht.
Sie hat in Gesellschaft wieder erzhlt, was sie zu ihr sagten -- nun, das
war ja vielleicht nicht recht von ihr -- sie haben es alle wieder hren
mssen, und dann -- dann sagen sie auch, sie lege es darauf an, jeden Mann
an sich zu ziehen -- aber das ist ja immer so -- auch er -- sie flsterte
und deutete auf die Tre -- auch er, Herr Eisenhut, ist verliebt in sie,
auch er!

Also deshalb! sagte Grau, und Susanna sah ihn fragend an.

Susanna! sagte Mtterchen. Wenn er es hrt! Sie warf einen ngstlichen,
argwhnischen Blick auf Grau.

Susanna lachte leise und hustete. Wie sollte er es hren knnen,
Mtterchen, er kann es nicht hren und wenn er das Ohr an die Tre legt --
Herr Grau wird ihm nichts verraten, du solltest dir deine Leute doch
ansehen. Aber der Herr steht ja immer noch, Mtterchen, siehst du es nicht?
Ach, nicht diesen Stuhl, mein Herr, er ist nicht fest auf den Beinen.

Mtterchen hatte sich abgemht einen groen Lehnsessel herbeizuschleppen
und wartete bis Grau Platz nehmen wolle. Grau dankte und lie sich nieder.
Der Stuhl war alt und knarrte, einen Augenblick lang glaubte Grau bis auf
den Erdboden zu sinken. Aber schlielich sa er und es sah aus, als ob er
nicht tiefer sinken sollte. Nun stand Mtterchen wieder wartend in der
Ecke; in das Tuch gehllt, mit der Brille sah sie wie eine Eule aus.

Susanna lchelte, blickte auf ihre gelben kleinen Hnde und blickte wieder
auf Grau.

Aber das ist es ja nicht allein, da sie so schn ist! fuhr sie fort. Es
ist noch etwas anderes.

Sie ist gewi sehr eigentmlich.

Ja, ob er das gefunden habe?

Ich glaube, man kann es recht gut an ihren Augen sehen, sagte Grau, der
Susanna unausgesetzt in die Augen blickte.

Nicht wahr! Ja, sie ist so eigentmlich. Sie ist wie eine Fremde und hat
eine ganz andere Seele als wir andern alle. Es ist so schwer sie zu kennen,
und niemals kennt man sie ganz, denn immer kommt etwas Neues zum Vorschein.
Man kann nie wissen, was sie fhlt. Sie ist so verschlossen. Sie scheint
sich weder zu freuen, noch scheint sie zu leiden, ja manchmal knnte man
glauben, sie habe gar kein Herz. Aber sie ist ja nichts als Gte, nur ist
sie ganz anders gut als andere Menschen. Sie ist auch sehr mutig,
unerschrocken und kaltbltig. Hren Sie, als es gebrannt hat im Schlo --
Herr Grau haben wohl gehrt von dem Brande --

Ich habe die Brandsttte gesehen.

-- was denken Sie, was sie tat? Sie ging beim ersten Alarm zu ihrer Mutter
ins Schlafzimmer und gab ihr ein Schlafpulver in Zuckerwasser. Denn die
Mutter Adeles ist leidend und wre wohl vor Schrecken gestorben. Die Mutter
hat es selbst den Schwestern Sinding erzhlt. Ist das nicht
bewundernswert?

Solch ein Gedanke! sagte Grau. Wie rasch sie denkt!

Ja, so rasch denkt sie! Der Grtner bemerkte das Feuer zuerst, er ging
leise zu den Leuten und weckte sie, auch Adele. Sofort ging sie nun zu
ihrer Mutter. Auch dann, whrend des Feuers, blieb sie so ruhig und gefat
und gab an, was man tun sollte. Alle Leute hatten den Kopf verloren, auch
die Feuerwehrmnner. Es brennt so selten hier, das ist der Grund.

Wann war denn der Brand? fragte Grau.

Mtterchen, wann war es wohl?

Mtterchen sagte: Mitte August!

Und wie entstand das Feuer? Es hat ja einen ganzen Flgel zerstrt, nicht
wahr?

Das wisse niemand. Susanna schttelte den Kopf. Niemand wei es, sagte
sie. Ja, es hat einen ganzen Flgel zerstrt und gerade den, der nicht
bewohnt war. Kein Mensch wohnte darin, kein Dienstbote, niemand.

Welch ein Glck!

Ja, nicht wahr! Man hat wochenlang von nichts anderem gesprochen.
Vielleicht war es ein Racheakt. Aber man wei es nicht. Sie dachten an ein
Dienstmdchen, das nicht richtig im Kopfe ist und das die Herrschaft
entlie. Aber dieses Dienstmdchen war zu einer Hochzeit verreist, also
konnte auch sie es nicht getan haben. Das Feuer mu von selbst entstanden
sein.

Von selbst? Aber ein Feuer knne doch nicht von selbst entstehen? Grau
schttelte den Kopf.

Doch, ganz von selbst! Durch Wolle oder Vorhnge oder irgend etwas. Es war
furchtbar fr die Familie. Denken Sie nur, all die alten kostbaren Mbel
und Bilder, die verbrannt sind. Aber das ist es nicht allein. Sie mssen
wissen, da die Hennenbachs sich seit Jahren in Schwierigkeiten befinden.
Oh, denken Sie doch, solch ein feines Haus! Der Freiherr war Major und ist
ein Leben groen Stils gewhnt, der Sohn, was er Geld brauchen mag --

Der Sohn? unterbrach sie Grau.

Ja, erwiderte Susanna ein wenig berrascht. Kennen Sie ihn?

Ich habe ihn ganz flchtig kennen gelernt, antwortete Grau. Was ist das
fr ein Mensch, ich interessiere mich fr ihn.

Das? Ach, er ist ein sehr liebenswrdiger junger Mann, aber ein wenig --
ein wenig --

Grau lchelte. Nun?

Mtterchen in der Ecke sagte: Er ist ein Leichtfu!

Susanna lachte leise: Aber wie kannst du das doch behaupten, Mtterchen!
Nun, ja, er ist ein wenig leichtsinnig, Herr Grau. Und er ist
verschwenderisch. Die ganze Familie gibt das Geld leicht aus. Auch Adele
braucht viel Geld, ja, sie wirft das Geld zum Fenster hinaus, kann ich
Ihnen sagen. Und nun brach das Feuer aus! Sie waren hoch versichert.

Susanna blickte Grau lange an. Denken Sie, wie bse die Menschen sein
knnen! Sie wissen, was ich meine! Susanna ballte die Fuste.

Ja, sagte Grau; es ist brigens recht gut mglich, da das Feuer von
selbst entstanden ist, fgte er hinzu, durch Wolle, Spne oder irgend
etwas.

Susanna lchelte. Aber hren Sie, es war doch ein Glck dabei. Ja, ein
groes Glck. Nmlich er, der Major, er wollte keine Versicherung mehr
bezahlen. Auch die Freifrau nicht. Der Beamte der Gesellschaft
unterhandelte mit ihnen und da warf sich Adele ins Zeug und sagte, man
msse versichern. Die Freifrau hat es den Sindings-Mdchen erzhlt. Wie
gut, da wir Adele nachgegeben haben, sagte sie.

Das war allerdings Glck im Unglck! sagte Grau.

Aber ich wollte ja von Adele erzhlen, wie eigentmlich sie ist, fuhr
Susanna fort. Denken Sie, sie hat keine Miene gerhrt, als das Feuer
ausbrach und niemals darber gesprochen. Sie war der einzige Mensch in der
Stadt, der nicht davon sprach, es war gerade, als ob nichts geschehen wre.
Auch den glcklichen Umstand, da gerade sie es war, die auf die Erneuerung
der Versicherung drang, lie sie unerwhnt, zu keinem Menschen sprach sie
davon. Auch als sie sich verlobte -- sie hat sich mit einem Baron Kirchgang
verlobt, aus einer sehr reichen und feinen Familie -- ja, da hat sie
ebenfalls keine Miene gerhrt. So eigentmlich ist sie. Manchmal scheint es
als ob sie aus einer andern Welt sei.

Grau blickte Susanna an. Vielleicht ist sie es auch, nicht wahr?

Wie?

Vielleicht ist sie aus einer andern Welt, sagte Grau mit eigentmlichen
Lcheln.

Ich verstehe nicht? sagte Susanna gespannt.

Nun, vielleicht ist sie aus einer andern Welt als der Erde. Weshalb sollte
das nicht mglich sein?

Ja, wieso sollte es mglich sein? fragte sie.

Grau zuckte die Achseln. Ja, wieso sollte es nicht mglich sein? fragte
er.

Susanna sah ihn lange an, sie lchelte verwundert, dann schttelte sie
leise den Kopf und wandte den Blick dem Fenster zu. Der Schnee schimmerte
auf den Feldern.

Ich werde jetzt mit Herrn Eisenhut reden, Susanna, sagte Mtterchen leise
und wandte sich langsam der Kchentre zu.

Ja, tue das. Stelle es ihm vor, Mtterchen, nicht wahr? Du weit ja, er
hatte noch immer ein Einsehen.

Ja, sagte Mtterchen kleinlaut. Dann wandte sie sich an Grau. Der Herr
mssen mich einen Augen -- blick ent -- schuldigen --

Mtterchen ist sehr scheu, flsterte Susanna. Sie kann nicht sprechen,
aber sie fhlt. Ich mchte Sie auch bitten, nicht vom Vater zu sprechen in
ihrer Gegenwart. Sie leidet so. Er war hier, ich wei es. Ich sah ihn zum
Fenster hereinblicken, in der Nacht, und am Morgen, da sah ich die
Fuspuren im Schnee. Mtterchen hat nichts gemerkt, das ist gut. Sie geht
umher und denkt an ihn, aber sie spricht nichts. Manchmal, wenn es strmt,
beginnt sie zu weinen. Es ist solch schlimmes Wetter, sagt sie. Sonst
nichts. Aber ich wei, da sie meint, Vater knnte drauen sein. So ist
sie. Manchmal -- ach, nicht oft -- vielleicht zwei-, dreimal im Jahr, da
sagt sie: >Wenn er doch einen Brief schriebe!< Dann kann sie nicht mehr
schweigen, dann mu sie von ihm sprechen. Vater kommt so selten -- so
selten! Er hat eine unruhige Seele, aber er ist der allerbeste Mensch von
der Welt. Sie hielt inne und lauschte gegen die Tre, hinter der man
Stimmen hrte, sie zitterte ein wenig, dann sagte sie: Ich hoffe, Sie
werden noch ein Weilchen dableiben, Herr Grau, nicht wahr?

Mit dem grten Vergngen, sagte Grau. Ich liebe es, Ihnen zuzuhren.
Aber ich mu meinen Mantel ablegen drfen.

Natrlich, natrlich! Oh, denken Sie, wie ich mich gesehnt habe, mit
jemand zu sprechen.

Verzeihen Sie einen Augenblick, unterbrach sie Grau, da wir vorhin von
dem jungen Herrn von Hennenbach sprachen -- er ist wohl Student?

Ja. Weshalb?

Grau lchelte. Ich kann nicht verstehen, da er hier ist, wenn er doch
Student ist. Er lebt wohl immer hier bei seinen Eltern?

Ja. Er ist seit zwei Jahren an der Universitt eingetragen, aber er war
noch nie dort.

So, so. Er lebt also immer hier?

Ja, ja. Ich verstehe nicht --

Oh, bitte, es ist nur eine kleine Neugierde -- aber sprechen Sie doch nun,
bitte, Frulein Lenz!

Susanna lchelte, sah Grau an und fuhr fort: Ja, ich freue mich, sprechen
zu knnen. Ich fhre zuweilen lange Gesprche mit mir selbst, ich spreche
zu meiner Seele und meine Seele spricht zu mir. Und nun wei ich ja nicht,
wovon ich anfangen soll. Und denken Sie, wie ich mich gesehnt habe, einen
fremden Menschen, einen neuen Menschen zu sehen!

Warum gerade das? Grau rckte den Stuhl nher heran.

Susanna kicherte. Sie werden vielleicht lachen! sagte sie mit hoher
Stimme. Aber, nein, Sie werden es wohl verstehen. Ich liebe es, ein neues
Gesicht zu sehen. Es ist mir fremd und gibt mir zu denken. Und ein neuer
Mensch, hren Sie doch, was hat er alles gesehen und gehrt! Die Menschen,
die in unser Haus kommen, was haben denn die gesehen? Sie haben die Stadt
gesehen, den Wald, die Drfer ringsumher, alle Gesichter, die auch ich
gesehen habe, alles, was sie gesehen haben, das kenne auch ich. Aber ein
neuer, ein fremder Mensch! Er hat so viele Stdte gesehen, ferne Stdte mit
wunderlichen Husern und Trmen, und obwohl ich ja das nicht sehen kann, so
ist es mir doch, als brchte er all das mit. Er hat fremde Menschen gesehen
und mit ihnen gesprochen, all das scheine ich auch zu erleben, wenn er zu
mir kommt. Er hat gesehen, wie sie kmpfen da drauen um all die neuen
Ideen -- all das fhle ich. Er hat Musik gehrt, groe Werke, groe
Knstler, das alles bringt er mit zu mir herein. Er ist ein Erlebnis, denn
all die Zeitlang, die ich nun hier sitze oder liege -- es ist ein Jahr und
noch ein halbes dazu -- habe ich nur sechs verschiedene Menschen hier bei
mir gesehen -- ja, sechs waren es.

Wie lange sind Sie denn schon leidend, Frulein Lenz?

Es ist nun, sagte Susanna und blickte in die Weite, es ist nun vier
Jahre. Aber erst die letzten Jahre ist es so schlecht, da ich nur im
Sommer noch ein wenig im Freien gehen kann. Sie lchelte. Trotzdem
vergeht die Zeit sehr rasch fr mich. Ja, mein Gott, wo kommen doch die
Tage hin? Es ist so selten, da ich mich langweile --

Wie gut das ist! Das ist gut! unterbrach sie Grau.

So selten. Nur wenn es in meinem Kopfe leer wird, dann kann es geschehen,
da ich die Rschen der Tapete zhle, oder die Tassen im Glasschrank, oder
ausrechne wieviele Fingerbreiten wohl von hier zur Trschwelle sein mgen.

Jeder Mensch hat solche Augenblicke!

Ja, das mag sein. Es ist selten. Zuweilen ist es mir erlaubt zu lesen. Die
Sindings bringen mir Bcher und Adele, die alle Bcher hat, die es nur
gibt. Da lese ich dann. Diese Ideen! Ich liebe die Ideen, mssen sie
wissen, die neuen! Ja, wie ganz anders er doch die Welt betrachtet, denke
ich. Ich liebe die Dichter! Siehst du denn alle Menschen, von denen er
spricht, sage ich zu mir. Siehst du sie? Manchmal schttle ich den Kopf:
Nein, sage ich, das ist nicht wahr. Aber ich liebe die Dichter! Ich liebe
die sanften, die zuweilen in den Bchern zu singen anfangen, so da sie
sagen: Ja, wie schn, wie schn ist das doch! Ich liebe die grausamen, die
von wilden Herzen reden. Ich sitze und denke darber nach, all das ist so
fern, so fremd, aber ich denke, von jeder dieser Personen hast du ein
kleines Etwas, von jeder, sie mgen schlecht oder gut sein.

Wie schn Sie das sagten! sagte Grau bewundernd und nickte.

Susanna fuhr fort: Es ist schade, da es mir verboten ist, viel zu lesen,
denn sonst -- ich wrde ja Tag und Nacht lesen, ich tue alles
leidenschaftlich, was ich tue. Aber dann kann ich ja dasitzen und zum
Fenster hinaussehen. Mtterchen hat den Stuhl so gestellt, da ich zur
Brcke sehen kann. Es kann nichts in die Stadt gehen, es kann nichts aus
der Stadt kommen, ohne da ich es sehe. Ist das nicht herrlich! Es ist nun
so schn und spannend, dazusitzen und zu warten bis etwas kommt. Lange Zeit
kann verstreichen, aber pltzlich -- sagen wir -- taucht der nickende Kopf
eines Pferdes auf. Ein Pferd! sage ich zu mir, und ich sehe das Pferd noch,
wenn es schon weit fort ist. Aber dann kommt eine Buerin mit einem Korbe
auf dem Rcken, oder es kommen Kinder. Ich denke, werden sie ins Wasser
spucken oder nicht. Aber da haben Sie sie schon an der Brstung -- immer
sehen Kinder interessante Dinge im Wasser -- und sie mssen
hinunterspucken. Auch ich mute es tun -- auch Sie?

Grau lachte. Ja, sagte er.

Susanna fuhr fort: Dann kommt die gelbe Postkutsche. Sie kommt in der
Frhe und kehrt spt am Nachmittage zurck. Ich freue mich, so oft ich sie
sehe, denn sie kommt regelmig wie ein Freund. Es scheint auch, als sei
ich persnlich mit ihr verknpft, sie ist wie ein Mensch! Ich mu lachen,
wenn ich sie sehe, und manchmal winke ich ihr auch. Abends kann ich sie
jetzt nicht sehen im Winter, aber ich sehe, wie ein kleines Licht ber die
Brcke kriecht. Dann sehe ich den Schnee. Er schmiegt sich wie heute, er
ist wie Sand, wenn es kalt ist -- er glnzt, wenn es getaut hat und Frost
darauf folgte. Er bewegt sich, wenn der Wind weht, und manchmal da sieht es
aus als tolle ein nrrischer weier Pudel im Felde herum. Dann sehe ich die
Wolken. Sie knnen mich froh und leicht machen, sie knnen machen, da mein
Blut schneller luft, da mein Herz stockt, und es gibt solche, vor denen
ich mich leicht verneige, so drohend stehen sie da. Dann sehe ich die
Pappeln an der Brcke. Sie sehen jetzt wie Besen aus, aber wenn es strmt,
so flattern sie wie Mhnen, und sie scheinen frchterliche Angst zu haben.
Fast immer sitzt eine Krhe dort oben auf der Spitze, sie sitzt und lugt
aus und pltzlich fliegt sie fort. Aber sofort ist eine andere da, die ganz
genau aussieht wie die erste, man knnte glauben, es sei immer die gleiche.
Wenn es dunkel wird, warte ich auf den ersten Stern. Ich warte auf den
Mond. Sie sehen, so vergeht die Zeit, selbst im Winter gibt es so vieles zu
sehen. Aber dann werde ich oft mde und mu die Augen schlieen, und wissen
Sie, was dann geschieht?

Dann trumen Sie!

Ja, dann trume ich.

Was trumen Sie denn?

Mannigfacher Art waren die Trume Susannas. Am liebsten aber trumte sie
Musik. Ja, wenn sie nicht mde war, da trumte sie von Menschen; wie sie
sprechen und denken und handeln, wie wunderlich sie sind; aber wenn sie zu
mde dazu war, so trumte sie Musik.

Ich wrde zu gern hren, in welcher Weise Sie das tun, Frulein Lenz. Ich
bin etwas neugierig, ich mu es gestehen. Aber ich werde mich gewi
revanchieren, ich verspreche es Ihnen. Ich habe sehr viel erlebt und
gesehen und das alles werde ich Ihnen erzhlen. Aber vorlufig ist die
Reihe an Ihnen.

Susanna zgerte eine Weile. Sie hatte gesprochen und gesprochen, wie es oft
Menschen tun, die lange allein gewesen sind mit ihren Gedanken. Nun
erinnerte sie sich pltzlich, da Grau ein Fremder war. Sie lchelte, aber
Grau verstand es, ihr zuzureden.

Susanna blickte lange zur Seite, dann fuhr sie fort: Es kann eine
Abendwolke sein, die ber den Himmel zieht und singt. Oder es kann sein --
aber Sie werden es besser verstehen: Zuerst, da ist es eine kleine Melodie,
das kleine Lied eines kleinen Vogels im Walde. Das ist die Flte! Und es
ist ganz leise. Es ist der kleine Vogel, der singt, und sein Lied
schmeichelt den Bumen. Sie beginnen sich zu wiegen und nun saust die
Melodie des kleinen Vogels im ganzen weiten Walde. Das sind die Violinen!
Sie wiederholen, sie verndern die Melodie des kleinen Vogels, aber sie
hren immer den kleinen Vogel singen. Pltzlich ist es wie ein Schreck, wie
eine Warnung, das ist die Klarinette, die warnt, das ist die Trompete, die
mit einem Sto den Schreck hervorruft. Nun kommt der Sturm, die Pauken und
die Bageigen, er jagt daher, der Wald braust und wiederholt klagend und
furchtsam das Lied des kleinen Vogels. Der aber ist ganz still. Der Sturm
greift den Wald an, um den Vogel zu vernichten, aber der Wald verteidigt
ihn. Der Sturm und der Wald kmpfen miteinander. Sie hren nur den kleinen
Vogel lachen, denn er frchtet sich nicht, er verspottet den Sturm. Das
macht den Sturm rasend, er wtet gegen den Wald, aber endlich macht er sich
grollend davon und die Bume wiegen sich und sie hren den kleinen Vogel
wieder wie am Anfang. -- So hnlich ist es, wenn ich Musik trume. Haha,
ich kann es ja nicht in Worten wiedergeben -- aber so hnlich ist es, Sie
mssen es sich eben ausmalen.

Grau zitterte. Ein eigentmliches Zittern machte seinen ganzen Krper
erbeben.

Sie frieren? sagte Susanna und richtete sich auf.

Grau gab sich Mhe gegen das Zittern anzukmpfen, aber es half nichts.
Nein, sagte er und lchelte, ich friere nicht. Keineswegs. Ich hatte
einmal Fieber, ich kam einem Fieberkranken zu nahe und daher rhrt das
Zittern. Seien Sie ganz unbesorgt und sprechen Sie ruhig weiter. Ich habe
die Musik gehrt, Frulein Lenz, ich habe alle Instrumente gehrt, so gut
haben Sie das beschrieben! Welche Melodie aber hat der kleine Vogel
gesungen? Ich habe mir eine frhliche, ein wenig kecke Melodie gedacht.

Frhlich und ein wenig keck, ja. Es war ja nur ein Beispiel, weil Sie es
wissen wollten. Es kann auch sein, da er traurig singt und es regnet, die
Regentropfen singen dieselbe traurige Melodie, die Bltter, der Wind. Es
mu auch nicht gerade ein Vogel sein, es kann ein junges Mdchen sein, das
man in einen schnen Garten eingeschlossen hat und das in der Sonne geht
und singt.

Warum mu das Mdchen gerade eingeschlossen sein?

Das wei ich nicht. Aber ich fhle es so. Es kann auch das Meer sein, das
singt, oder Grotten oder eine Linde, in deren Zweigen Tausende von Vgeln
hpfen.

Grau schttelte langsam den Kopf und Susanna sah ihn fragend an.

Nun haben Sie sich verraten, Frulein Lenz, sagte er, Sie sind ja ganz
auerordentlich fr Musik begabt. Sie komponieren ja im Kopfe!

Susanna lachte leise und errtete.

Haben Sie auch schon als Kind solche Trume gehabt?

Ja, da hatte Susanna gehrt, da die Glocken nicht einfach luten, sondern
ein Lied singen, auch das Wasser, das man in einen Krug laufen lie, es
sang.

Da haben wir es! Grau lachte. Sie mssen Musik von Grund auf studieren.
Spielen Sie ein Instrument? Nein? Das schadet nichts; Sie mssen unbedingt
ein Piano haben!

Susanna hrte ihm erstaunt zu, sie sah froh aus und sie lchelte und sagte
mit hoher Stimme: Ich kann aber doch nicht spielen!

Das? Was das anbelangt -- da seien Sie ganz auer Sorge. Sie werden es
sehr schnell lernen. Ich habe Ihre Hnde betrachtet, die Glieder der Finger
sind so fein, so fein und voll nervser Kraft, ja, schn sind Ihre Hnde,
Frulein Lenz. Oh, vergeben Sie mir, wenn das zu khn ist. Es fllt mir
natrlich gar nicht ein, Ihnen Schmeicheleien zu sagen, weder Ihnen noch
sonst jemandem, nein, aber wenn etwas schn ist, warum soll ich es nicht
beim Namen nennen -- nicht wahr? Ja, Sie haben Hnde zum Klavierspielen, in
einem Vierteljahr werden Sie schon ganz prchtig spielen -- nach einem Jahr
oder zwei Jahren aber ausgezeichnet. Ich erbiete mich, Ihnen Unterricht zu
geben. Meine Kenntnisse sind gering, aber fr den Anfang, da kann ich schon
zu gebrauchen sein, spter, da wird sich ja alles finden --

Susanna hrte ihm zu und lchelte. Sie erwiderte nichts darauf, aber ihr
Blick wurde pltzlich dster. Dieser Blick sagte: Ja, was spricht er denn
von Jahren und Jahren, sieht er denn nicht, wie es um mich steht?

Dann sagte sie leise: Sie sind gut, Herr Grau. Zuweilen da blicken Sie so
streng, aber Ihre Augen sehen immer gtig aus. Ich habe gehrt, wie
tatkrftig Sie sich der alten unglcklichen Frau Sammet angenommen haben --
ich --

Aber davon wollte Grau nichts wissen. Er lachte und sagte: Das ist mein
Privatvergngen. Es macht mir Freude, das ist es. Ich habe ja im Grunde
genommen nichts fr die Arme getan. Eine Kollekte, das war alles. Habe ich
mit dieser alten Frau gelitten, habe ich sie etwa an die Brust gedrckt,
ihren Scheitel, ihre Wangen gestreichelt, ihre Stirn gekt, hat man etwas
derartiges etwa erzhlt? Wie? -- Habe ich ihr Handreichungen getan, da sie
vor Schmerz nicht wute wo aus und wo ein? Nein, all das habe ich nicht
getan. Leider nicht. Es ist also nicht richtig, was Sie sagen. Ein Dame
hier hat mir gesagt, ich htte bei der Beerdigung schn gesprochen. Ich
habe mich geschmt. Schn! Ach nein, schlecht, ein paar armselige Worte
habe ich gesagt und die Scheu vor all den Zuhrern war grer als mein
Mitgefhl mit der unglcklichen Mutter. Sie sind also im Irrtum --

Da kam Mtterchen ins Zimmer. Susanna wurde unruhig und sagte: Es mu
heute schn drauen sein, der Schnee ist so weich.

Mtterchen sah niedergeschlagen und entmutigt aus. Sie hatte feuchte Augen.
Er hat nein gesagt! flsterte sie Susanna zu. Sie stellte eine Tasse
neben Grau.

Nein? jagte Susanna erschrocken. Sie blickte zu Boden, errtete, dann
setzte sie hinzu, indem sie Mtterchens Hand streichelte: Ach, Mtterchen,
du mut den Mut nicht sinken lassen. Du weit, er will gebeten sein, er
lie sich stets nach einigen Tagen erweichen.

Ja, hauchte Mtterchen hoffnungslos und go Kaffee in die Tasse.

Ja, was tun Sie denn! schrie Grau erschrocken und sprang auf.

Ein Tchen Kaffee, wenn der Herr mir die Ehre antun wollen.

Grau sah Mtterchen lange an, seine Augen glnzten. Wie liebenswrdig von
Ihnen, sagte er und drckte Mtterchen die Hand. Ich breche in Ihr Haus
ein, ich bin ein Fremder, das ist mir noch nie passiert, ich danke Ihnen!
Er verneigte sich dankbar und setzte sich wieder.

Aber da war das Unglck schon geschehen. Durch die Kchentre nmlich war
ein freches braunes Huhn in die Stube spaziert und stolzte keck im Zimmer
umher.

Mtterchen erstarrte vor Schrecken. Da ist -- nun -- diese -- Sie blickte
starr und hilflos auf Grau. Hsch, hsch -- du ungezogene --

Putt -- putt, machte Grau. Ein schnes Huhn. Sie halten Hhner, Frau
Lenz, seht an. Er blickte freundlich auf die Henne als sei sie ein Mensch.

Ja, in der Kche -- aber -- der Herr mssen entschuldigen -- mein ganzes
Leben bin ich noch nicht so in Verlegenheit gebracht worden -- wie mich
diese ungezogene -- hsch, hsch -- Kreatur blamiert -- Geh hinaus,
Klatschbase.

Klatschbase, so heit sie, erklrte Susanna, weil sie so viel gackert.

Klatschbase segelte endlich gackernd und schreiend zur Tre hinaus, nicht
ohne vorher zu zeigen, da sie ein echtes Huhn sei. O -- o -- hauchte
Mtterchen, aber Grau hatte es gar nicht bemerkt. Er sprach mit Susanna. Da
habe sie recht, ein schner Tag sei heute. In der Stadt hacken sie das Eis
auf, sagte er. Es kann nun nicht mehr lange whren, bis der Frhling
kommt.

Susannas Augen glnzten. Sie blickte Grau erstaunt und lange an.

Nun?

Als ob Sie erraten htten, worauf ich warte! sagte sie langsam. Denn die
Wahrheit zu sprechen, ich sitze den ganzen Tag hier und warte auf den
Frhling. Ich warte auf ihn, ich liebe ihn, mein Herz klopft, denke ich an
ihn. Er ist mein Geliebter. Sie lieben ihn auch?

Grau lchelte. Ja, wer liebt ihn nicht? sagte er. Es gibt auf der ganzen
weiten Welt nicht einen einzigen Menschen, der ihn nicht liebt, er kann
noch so mimutig sein.

Susanna fieberte bei dem Gedanken an den Frhling. Sie lchelte und atmete
tief. Oft denke ich, fuhr sie fort, ob es sich nicht jetzt schon rhrt
da drinnen in der kalten Erde, ob nicht die Keime schon ein wenig erwachen
und sich dehnen, all die tausend, tausend Keime da drunten. Denn hren Sie,
sie mssen sich ja jetzt schon dehnen, denn haben Sie nicht pltzlich schon
ein Schneeglckchen im Walde angetroffen, wie? Also mssen sie wohl oder
bel jetzt schon beginnen, nicht wahr? Ich freue mich auf all das, was
jetzt kommt, denn der Winter war doch recht lang. Wenn er schon kommt, der
Frhling! Guter Gott, wie weht es doch! Er haucht! Man sprt es an der
Schlfe, vor allem an der Schlfe, da haucht es, als ob ein warmer Mund
hauche. Wie warm es haucht! Denken Sie daran, wenn Sie hinaustraten und
dachten, ja, was ist dies pltzlich, so warm? Dann fassen Sie etwas an,
einen Ast, er ist feucht, er klebt! Das ist, wenn er kommt.

Sie schwieg. Dann, nach einer langen Weile sagte sie -- und es klang wie
ein frohes Seufzen: Dann wchst das Gras!

Nein, dachte Grau, es klang nicht nur wie ein frohes Seufzen, nimmermehr
wirst du das vergessen knnen, es klang wie eine Liebkosung, es klang wie
ein Gebet. So eigentmlich sagte sie es, da er einen Schmerz in der Brust
empfand, einen leisen Stich. Er sprach nichts, er war still und blickte auf
Susanna.

Dann regnet es und Sie lachen! fuhr Susanna fort. Es regnet und Sie
lachen! Ja, regne nur, regne nur, denken Sie und lachen, denn jetzt kommt
er. Sie schlieen die Augen und schlafen und Sie trumen, wie es sich regt
im Lande, die Wolken, die Erde, die Luft, alles ist in Bewegung. Die Luft
ist s wie Milch, das Wasser wie Wein, die Menschen sind freundlicher
geworden. Im Walde da riecht es, der Schuh sinkt in den Boden, nasses,
faulendes Laub. Dann kommt der erste Keim hervor, das erste Grn, die erste
Blume. Kommen denn nicht die Tiere des Waldes zusammen, die Hasen und Rehe
und Eichhrnchen, Igel und Fchse, die Raben und die Marder, diese erste
Blume zu sehen? Wie aber sieht es unter den Hecken aus! -- Ja, wie sieht es
denn da aus? rief sie und lachte. Aber das ist ja alles, wenn er nur im
Anzuge ist --

Pltzlich fiel etwas vor dem Fenster drauen herab, dann tanzte eine weie
Flaumfeder herab, zwei, drei kleine Federchen folgten, nun fielen einige
Flocken zu gleicher Zeit und dann so viele, als ob man Hnde voll Federchen
in die Luft streue, die Luft war grau getpfelt. Sie fielen immer dichter,
sie wirbelten, tanzten, taumelten kreuz und quer, klebten an den Scheiben,
und endlich schossen weie und graue Streifen durch die Luft und verhllten
den Ausblick. Es schneite ordentlich. Sofort wurde es dunkel im Zimmer und
Susannas Augen glnzten aus einem fahlen ledergelben Flecken.

Susanna aber sah es nicht, sie sprach vom Frhling, den Bchen, den Wiesen,
den Wolken, vom Himmel, diesem blauen schimmernden Frhlingshimmel! Glanz
und Herrlichkeit --

Sie gehen in den Wald! sagte sie fiebrisch. Sie gehen hinein wie in eine
Kirche. Die Buchen stehen da, na und fleckig, sie haben Knospen wie grne
Blten berall, aber der Boden des Waldes ist von Anemonen gefrbt. Sie
kommen an einen Hang, der ist ganz gelb: Das sind die Schlsselblumen, sie
kommen ber die Wiese, da steht das Schaumkraut, so blau, so duftig. Sie
kommen an einen Bach, der ist golden gesumt, das sind die Dotterblumen,
mit einem Griff knnen Sie einen ganzen Strau pflcken, sie sind so saftig
und innen glnzen sie wie Schmalz. Das Gras wchst und wchst und wchst,
es wird immer lnger, und wenn nun der Wind weht, so zittern die Grser
nicht mehr, sie schwingen sich, sie wiegen sich, ganze Wellen. Oft liege
ich stundenlang hier und denke wie der Wind ber die Wiese streicht und die
Wiese gibt sanft nach. Wie schn wre es, barfig im Grase zu gehen!

Ihre Augen fieberten, ihre Wangen rteten sich. Sie lachte und hustete.

Du sollst solche Gedanken gar nicht haben, sagte Mtterchen.

Ich meine ja nur, sagte Susanna. Lieben Sie die Margareten, Herr Grau?

Ja, sagte Grau. Sie sehen so besonders reinlich aus.

Reinlich! Ja, ich sehe sie vor mir, alle, alle, alle Margareten sehe ich
vor mir! Ich liebe die Blumen, sage ich Ihnen.

Das kann ich wohl merken, Frulein Susanna! sagte Grau. Oh -- verzeihen
Sie mir die vertrauliche Anrede, sie kam ganz von selbst auf meine Lippen.

Susanna verneigte sich in ihrem Sessel. Das ehrt mich! sagte sie und sah
Grau erfreut an. Ja, ich liebe sie! fuhr sie fort und rang ein wenig die
kleinen mageren Hnde. Sie sind wie Kinder. So schn sind sie, so still
und geduldig. Sie blhen auf und sterben, und niemand hat sie gehrt, da
sie sich beklagten. Es scheint mir, die Menschen knnten viel von ihnen
lernen. Dann tun sie auch niemand etwas zu leide, sie leben ja von Erde,
Tau und Luft. Sie freuen sich, wenn die Sonne scheint, und wenn es Abend
wird, da schlieen sie die Kelche und stehen schlafend da. Knnen Sie sich
eine ganze Wiese oder einen Abhang vorstellen in der Nacht, alle Blumen
haben die Kelche geschlossen und schlafen? Knnen Sie das? Ich kann es,
denn ich beschftige mich unausgesetzt mit solchen Dingen. Das alles habe
ich von Mtterchen gelernt, nicht wahr, Mtterchen? Sie liebt die Blumen so
sehr.

Grau wandte Mtterchen den Blick zu, und sie sagte: Frher, ja, frher da
liebte ich sie.

Jetzt nicht mehr, aber --!

Es gbe so manches, sagte Mtterchen, nahm die Tasse und ging hinaus. Sie
kam mit der gefllten Tasse zurck und stellte sie neben Grau hin, ohne ein
Wort zu sagen.

Nein, aber ich protestiere! sagte Grau.

Wenn der Herr mir die Ehre antun wollen --

Susanna aber fuhr fort vom Frhling zu sprechen. Drauen schneite und wehte
es, aber sie sah es nicht. Sie sah wie die Blumen im Grtchen drauen
wuchsen, all die Nelken, Tulpen, Rosen und dieser Flieder von einer ganz
seltenen blablauen Farbe. Februar, Mrz, sagte sie, und zhlte die Wochen
an den Fingern ab.

Pltzlich schwieg sie. Sie blickte in die Weite und versank in Gedanken.
Ihre schweren Vogellider sanken halb ber die schwarzen Augen, die Lippen
ffneten sich. Sie sprach mit sich selbst.

Ich mu das grne Gras noch einmal sehen, ich mu! flsterte sie. Sie
dachte nicht, da Grau es hren knnte.

Grau erhob sich. Susanna erschrak.

Oh, es ist spt? sagte er. Es ist spt! Er griff in alle Westentaschen
und suchte nach der Uhr, dann, als er sie nicht fand, schlpfte er rasch in
den Mantel. Es schien als knne es ihm nicht schnell genug gehen. Es ist
spt!

Sie mssen gehen?

Ja, bei Gott, ich mu. Ich werde wiederkommen, ich werde wiederkommen,
wenn es die Damen erlauben, ganz gewi --

Kommen Sie bald wieder!

Danke, danke! Ihnen habe ich tausendmal zu danken, Frulein Susanna, es
ist einer der schnsten Nachmittage meines Lebens gewesen -- der schnste
vielleicht! Ich werde keine Silbe vergessen von dem was Sie mir erzhlt
haben. Und wieviel habe ich Ihnen zu danken, Frau Lenz. Ja, ich mu,
erlauben Sie mir, ich bin ein Fremder fr Sie, ein Eindringling, aber mit
welcher Freundlichkeit haben Sie mich aufgenommen!

Er gab Susanna die Hand und sah sie lange mit leuchtenden Augen an. Wie
rasch wir Freunde geworden sind! sagte er.

Ja!

Adieu, Frulein Susanna!

Adieu, Herr Grau!

Unter der Tre verbeugte sich Grau nochmals und wiederholte: Adieu,
Frulein Susanna!

Mtterchen stand nicht davon ab Grau hinauszubegleiten. Der Herr wisse ja
nicht, wie man das Gartentrchen ffne.

Grau wehrte ab. Sie knnen sich eine Erkltung holen, Frau Lenz. Wie es
doch schneit! -- Nein, nein, der Herr wisse ja nicht --

Drauen fragte Mtterchen, was er von Susanna halte?

Oh! rief Grau aus, den Hut in der Hand, ein prchtiges Geschpf, ein
ganz und gar wundervolles Mdchen. Sie hat mich entzckt, ganz unter uns
gesagt!

Mtterchen lchelte ein wenig. Ob der Herr sich nicht bedecken wolle? Sie
frage, was er von ihrem Befinden halte.

Eine Erkltung, sagte Grau scheu, mit einer Bewegung, als wolle er
entfliehen, und blickte auf Mtterchen herab, in deren Haaren sich der
Schnee ansammelte. Eine schlimme Erkltung vielleicht -- aber --

Ob der Herr sich nicht doch bedecken wolle? Sie sei nun schon ber zwei
Jahre leidend. Sie sah Grau mit angsterfllten Augen an.

Nun kme ja bald der Frhling! Luft, starke, strkende Luft, Balsam fr
Kranke. Was brigens das Leiden anbetrifft, so kann ich Ihnen recht wohl
sagen -- und jedermann wird es Ihnen besttigen -- mit einem Leiden kann
man alt werden. Ich selbst habe einen Herrn gekannt -- Grau sprach noch
scheuer und wich ein wenig zurck. brigens der Frhling, die Sonne -- Er
konnte nicht weitersprechen. Die jungen Vgel werden sie ins Grab singen,
dachte er.

Mtterchen verbeugte sich, aber sie sagte kein Wort, mit komischen Sprngen
lief sie ins Haus zurck.

Grau setzte den Hut auf und ging. Er blickte sich einigemal um, als ob er
verfolgt werde. Sobald das kleine Huschen im Dster untertauchte, begann
er zu laufen, was er konnte, und entfloh durch den wirbelnden Schnee.




Vierzehntes Kapitel


Sie ist einer von jenen Menschen, fr die man sein Leben lassen mte!
sagte Grau, der in seinem dunkeln Zimmer auf und ab ging. Nur um ihr einen
einzigen glcklichen Tag zu schenken, mte man tropfenweise sein Blut
hergeben! Es blieb lange dunkel in Graus Zimmer, dann machte er Licht und
schrieb an Susanna einen langen Brief. Verehrte und bewunderte Freundin,
schrieb er. Er trug den Brief zur Post. Vielleicht kommt der Briefbote
selten in das kleine Haus da drauen vor der Stadt, dachte er und lchelte.
Und morgen wrde Susanna lesen, da sie einen Freund und Bruder gefunden
hatte.

Er fhlte sich froh und erleichtert, als er wieder die Staffeln
hinaufstieg. Obwohl es empfindlich kalt war und der Schnee unter seinen
Schritten knarrte, trat er nicht in das Haus, sondern er ging weiter, die
Parkmauer entlang. Pltzlich stand er vor einem hohen eisernen Gitter und
merkwrdigerweise pochte sein Herz, als er dieses Gitter sah. Der Park lag
de und kalt. Grau dachte an den Mohren aus Bronze, der drinnen in dem
weien Hause stand, an die Stille des Salons mit den zierlichen Mbeln und
an den leisen Schritt, der sich pltzlich der Tre genhert hatte; dann kam
sie. Ihre Stimme, ihre Augen -- er ging weiter, diese Erinnerung schmerzte
ihn. Er stieg die Hhe hinauf. Schnee, Dster und unheimliche Stille. Ein
paar Lichter blinzelten im Tal, als ob die Klte sie beize wie Augen, ein
kleiner grner Stern sprhte am Himmel, der fast schwarz aussah. Der Wald
begann. In ihm war es noch stiller und ganz dunkel, aber es war wrmer
zwischen den Bumen, die ohne jedes Zeichen von Leben dastanden und sich
gleichsam aneinander drngten.

Grau lauschte unwillkrlich, Scheu, Friede und Feierlichkeit erfllten ihn
inmitten des winterstillen Waldes, den ein Zauber in Erstarrung versetzt
hatte. Die Herzen all der Bume standen still und regten sich nicht mehr
und schienen tot zu sein. Er ging leise, nur der Schnee chzte unter seinen
Schritten. Und er dachte an den groen Winterschlaf, den die Erde schlief,
die Wlder schliefen, die Quellen, selbst ganze Vlker im Norden schliefen,
die Bren in den Hhlen. Aber Gott wird die Wimper heben und vom Sden wird
der Tauwind kommen, die Bren werden die Tatzen lecken, der Schlfer wird
vom Ofen kriechen, die Quellen werden sprudeln und die Wlder sich
schtteln. Auch die erstarrten Herzen dieser Bume werden wieder zu pochen
beginnen: Denn da ist ja nichts Totes in der Welt. Was tot ist, ist nur
scheintot und selbst der Stein am Wege, er schlft nur.

Grau blieb stehen. Ging nicht jemand an seiner Seite? Er lauschte. Nein.
Aber hatte nicht eben eine feine Stimme in sein Ohr geflstert? Es
flsterte und pochte. Es war sein Blut, das in seinem Krper strmte. Und
mit einer Art von Schrecken lauschte er auf jenes Pochen, Pulsieren, Atmen
in seinem Krper, das ihm Kunde gab von den geheimnisvollen Vorgngen, die
ohne sein Wissen Tag und Nacht in ihm walteten. Die Zellen in ihm
verschoben sich, nderten sich, er wute es nicht, eine Stelle in seinem
Krper mochte in groer Gefahr sein, die Blutkrperchen strzten herbei, zu
verteidigen, zu helfen, zu heilen, die Nerven zitterten, ein unausgesetztes
Signalsystem war in Ttigkeit, er wute es nicht. Die Blutwelle
berschwemmte sein Gehirn, ein vergessener Ton erwachte, ein vergessenes
Bild, ein Gedanke formte sich, ein Wunsch irrte hin und her, flackerte,
leuchtete Monate und Jahre, bis er ihn entdeckte, oder er erlosch
ungesehen, unbeachtet -- und er wute von all dem nichts! Er sprach,
lachte, ging, er war nichts als Oberflche, er lebte an der Oberflche,
whrend in ihm unausgesetzt eine Welt von Geheimnissen wirkte.

Pltzlich stand er vor einer Waldwiese, aus der ihm Klte entgegenstrzte.
Diese Wiese schien lebendig, bewohnt zu sein. Es war Licht auf ihr. Das
Licht kam vom Mond, das Licht des Mondes von der Sonne -- welches Licht, um
des Himmels willen, war es doch, das ihn, den nichtigen Wanderer, hier
grte? Aus welchen Zeiten, welchen Fernen kam es? Wie, wie, wie?

Er, der hier stand und nicht mehr war als eines der Millionen
Schneesternchen, die auf einem Aste lagen, er wurde von Entsetzen gepackt,
denken zu knnen und zu fhlen, da er lebte.

Denn was Leben heit, wer hat es doch je zu Ende gedacht? Niemand. Selbst
der schnelle, scharfe Gedanke des Weisen, er erlahmt, er erschrickt, er
kehrt entsetzt um.

Da ist zum Beispiel das Blut! Nicht seine Funktionen allein, die die
wunderbaren menschlichen Apparate (ein Lob dem Menschen!) belauschen
konnten. Ein Tropfen Wasser ist kstlich, wer ersann ihn? Eine Faser Eisen,
kstlich, wer erdachte sie? Aber ein Tropfen Blut, wie --?! Das Blut
verrichtet seine Arbeit -- sein Schpfer sagte: schaffe! und es gehorcht --
aber es ist zugleich wie ein Volk, hat Gebruche, Eigenschaften,
Geschichte, denn das Volk es ist ja aus Blut erbaut, es ist ja nichts als
die Vergrerung des kleinen Tropfens. War nicht ein ewiges Vergehen in
ihm, Grau, der durch den Wald ging, ein ewiges Vergehen und Erblhen? Von
Eigenschaften und Fhigkeiten, von Vlkern, Geschlechtern und Rassen, wer
wei, wann sie lebten, woher sie kamen? War nicht ewiger Kampf,
Unterhandlung, Waffenstillstand dieser Geschlechter in ihm? Jene Rasse, die
vom Osten kam, vielleicht erstarb sie in ihm in dieser Minute und bergab
ihre Waffen an ein Geschlecht, das aus dem Norden kam, mit Ketten aus
Brenzhnen geschmckt? Woher sollte es doch kommen, da ihn zuweilen
namenlose Traurigkeit befiel, ohne jeden Grund? Namenloses Glck in ihm
aufloderte wie ein Siegesgeschrei, ohne jeden Grund? Tod und Geburt in ihm
wie in der Welt, Kampf und Sieg. Dieses Auf und Ab, dieses Gehen und
Kommen, dieses Laut und Leise, Fragen und Befehlen, Erschrecken und Locken,
wie wunderbar war es doch! Wie entsetzlich und wie kstlich schn!

Und doch -- das war ja noch nicht das ganze Leben in ihm, nur ein kleines
Stck, soviel wie ein Blatt vom Walde ist, nicht mehr, nicht weniger.

Die geheimnisvollen Lebenswellen, die ihn unausgesetzt umkreisten,
durchdrangen, dieses Sausen des Lebens nah und fern, das Brausen der Sonne
und der krftespeienden Gestirne, das ihn erreichte.

Jene blitzartigen Offenbarungen einer verborgenen Welt, von der er ein Teil
war, die sich ffnete und schlo in der gleichen Sekunde vor dem
geblendeten Auge. Jenes Singen und Flstern, Tag und Nacht? Oder erinnerst
du dich nicht mehr, da du zwischen Schlaf und Wachen warst und deine Seele
pltzlich in dir zu sprechen begann? Du erbebtest, Schreck und Freude
erfllten dich. Zu leicht, zu seicht, zu lau und flau bist du, sprach deine
Seele. Und du antwortetest, gebannt von dem Unbekannten: Ja, ja! Deine
Seele sagte: Tue dies, tue das! Und du sagtest: Ja, ja, ich gehorche!
Das ist der Weg, sagte deine Seele und du sagtest: Ich werde ihn gehen!

Und solltest du dich nicht mehr daran erinnern, an jenen Moment, da
pltzlich ein Auge in dir leuchtete und dich von innen heraus anblickte.
Das Auge blickte mit groem, majesttischem Glanz auf dich und war in dir
-- und du, du sprangst auf. Ich bin ja allein! sagtest du laut, aber du
glaubtest dir nicht. Hattest du den Mut, zu fragen: Wer ist hier? Nein!
Denn du frchtetest ja, eine Stimme knnte dir antworten!

Nichts frchten wir ja mehr, als da sich jenes geheimnisvolle Leben, das
wir ahnen, uns offenbarte.

Grau ging nach Hause; er schttelte den Kopf, seine Augen waren gro und
leuchtend. Der Mensch geht auf schwankendem Grunde, dachte er, noch mehr:
er geht in der Luft.

Auf dem Rckwege kam er wieder an dem hohen, eisernen Gitter vorbei. Es war
noch immer angelehnt. ber dem Park sprhte wie vorhin der kleine, grne
Stern. Und wieder rief sich Grau jene Szene in dem kleinen Salon ins
Gedchtnis zurck und es schmerzte ihn, da er nicht genug in jenes schne,
stolze Mdchenantlitz geblickt hatte, um es fr alle Zeiten zu behalten.

Er schlief erst spt ein. Das Auge nimmt ein Bild mit aus dem Tage und das
Bild erscheint im Traum. So trumte Grau in jener Nacht von dem Gitter des
Parkes. Es war nur angelehnt. Er trumte, er stnde davor und wartete. Ja,
worauf wartete er doch nur? Da kam ein hohes, stolzes Mdchen aus dem Park
hervorgegangen, es war jenes Mdchen mit den hellen Augen. Hast du mich
heute wiedererkannt? rief sie. Aber je nher sie kam, desto mehr
vernderte sie sich. Es war Susanna, die kam; sie trug den kleinen grnen
Stern auf der Hand und winkte ihm mit den Blicken, ihr zu folgen. Er
zgerte -- aber dann folgte er ihr.




Fnfzehntes Kapitel


Grau war nun in der ganzen Stadt bekannt. Das war kein Wunder, denn man sah
ihn tagtglich einigemal auf der Strae; ber den Marktplatz konnte man
berhaupt nicht gehen, ohne da er aus irgend einer Gasse auftauchte.
Immerzu hatte er zu gren, denn jedermann kannte ihn. Er grte alle Leute
zuerst, auch Kinder und Schler. Man konnte ihn berall sehen, hinter den
dunkelsten Fenstern, die keine Vorhnge hatten, auf den breiten Treppen der
reichen Leute, einerlei.

Er hatte viel zu tun. Wenn er am Morgen das Haus verlie, so hatte er schon
einige Arbeitsstunden hinter sich. Er stand auf, sobald der Tag graute;
voll von Interesse fr alles, was den Menschen betraf, wnschte er alles
kennen zu lernen, was der Mensch je gedacht und ersonnen hatte; dazu
benutzte er die Morgenstunden. Der vorlufige Arbeitsplan war bei
angestrengtester Ttigkeit in zehn bis zwlf Jahren zu bewltigen. Dann
wollte er weiter sehen.

Er hatte Unterricht in den Schulen zu geben, Besuche zu machen. Keine
Stunde des Tages lie er unbenutzt. Er war wiederholt bei der alten Frau
Sammet gewesen, im Waisenhaus, bei dem Arzt, der Susanna behandelte, auch
sprach er hufig bei der ewigen Braut vor, um mit ihr zu plaudern.
Susanna besuchte er, so oft er frei war.

Trotzdem er tglich so vieles tat, hatte er doch stets Zeit. Niemals war er
in Hast, stets ruhig. Sein Tag schien viel lnger als der andrer Menschen
zu sein.

Es ist eine bekannte Tatsache, da man in jeder Stadt einen Menschen hat,
dem man immer wieder und wieder begegnet. In dieser Stadt schien es fr
Grau Eisenhut zu sein, den zu treffen ihm bestimmt war. Er begegnete ihm,
so oft er das Haus verlie, ja, selbst im Walde hatte er ihn getroffen.
Eisenhut ging hastig vorber, grte, blinzelte und sah Grau stets mit
sonderbar forschenden Augen an, argwhnisch, ja, sogar furchtsam und scheu;
zuweilen schttelte er den Kopf, rusperte sich und lief weg, indem er Grau
einen raschen Blick zuwarf, der keineswegs Sympathie ausdrckte. Manchmal
kam es auch vor, da er auf der Strae stehen blieb, Grau spttisch
lchelnd musterte und die Lippen bewegte, als sprche er mit sich selbst.
Bei einer solchen Begegnung sprach ihn Grau an und fragte ihn, ob er nicht
etwas tun wolle, um fr Susanna ein Piano zu beschaffen. Aber Eisenhut
blinzelte, lchelte, krmmte sich und begann von schlechten Zeiten zu
sprechen, in solch winselndem, demtigem Tone, da sich Grau angewidert
abwandte. Er sah Eisenhut wieder und Eisenhuts Augen sprhten offenen Ha.

Grau war nicht erstaunt: Alles geht wunderbar, dachte er und lchelte in
sich hinein vor Freude, dieser Mann ist mir sicher! Ja, es gab solch
wunderliche Dinge auf dieser Erde!

Einmal sah er Eisenhut auf der Strae, gefolgt von einer Schar
ausgelassener, johlender Kinder. Eisenhut taumelte am hellen Tage betrunken
nach Hause.

Nur Geduld, das sollte bald anders werden! Nur etwas Zeit brauchte er dazu.

Graus erste Predigt war klglich ausgefallen. So hei war sein Herz
gewesen, so gro hatte er sich alles gedacht, aber pltzlich hatte ihn
Unsicherheit befallen: Wrde er die rechten Worte finden, das auszudrcken,
was ihn erfllte, was er fhlte im Wachen und im Schlaf? -- Er war
unzufrieden mit sich. In den folgenden Predigten aber war es ihm besser
geglckt.

Es erschien ein Tag mit einigen freien Stunden. Grau erstaunte und wute
nicht wie das zuging. Er spielte Orgel.

Er spielte ein paar Stunden lang und fhlte sich darauf wie neugeboren. Die
Musik und die menschliche Seele, es ist ja gar kein Unterschied zwischen
den beiden, sie sind Schwestern. Und wenn der Mensch Musik hrt, so finden
sich die beiden Schwestern, umschlingen sich, vertrauen sich einander an,
ihre Sehnsucht, ihre Schmerzen, ihr Glck, ihre Hoffnung, liebkosen
einander und kssen sich, und der Mensch fhlt Freude und wei nicht warum.

Als Grau endlich aufhrte zu spielen, war er von Glck und Jubel erfllt.
Seine Hnde bebten. All das Singen und Jauchzen der Orgel war noch in ihm.
Seine Augen waren so licht, da er ihren Schein fhlte. Die Sonne leuchtete
am Himmel.

Nun wollte er zu Susanna gehen.

Er hatte sich lange Tage an der Freude gelabt, Susanna einen kleinen Hund
zu schenken. Er sollte klein und schneewei sein und wie Zucker schimmern.
Natrlich durfte er am Ende einige Flecken haben, etwa schwarze Pfoten oder
einen halben schwarzen Kopf, das wrde nichts schaden, am besten aber war
er schneewei. Jedoch ein solcher Hund lie sich nicht finden, trotz Graus
eifriger Nachfrage, weder ein weier noch irgend ein anderer. Somit war es
mit seiner Freude nichts geworden.

Ja, wie doch heute die Sonne leuchtete! Grau machte einen Umweg, um sein
Gesicht von der Sonne baden zu lassen. Wie die sanftesten warmen Hnde
berhrte die Sonne seine Wangen, und wenn er die Lider schlo, so war es,
als ob sich ein sanfter, warmer Finger auf seine Lider legte. Dann sah er
Feuer.

Er lchelte einer jungen Mutter, die des Weges daherkam und ihr kleines,
wie ein junger Eisbr aussehendes Kind an der Hand fhrte, freundlich zu.
Die Frau errtete, sie miverstand Graus Blick.

Der Himmel war blau und leuchtete. Jedermann hat schon gesehen mit welch
blauer Flamme der Schwefel verbrennt, so sthlern und durchsichtig blau war
der Himmel. Grau blickte hinein, tiefer, tiefer -- es lockte.

Ich bin ja nichts, dachte Grau, ein Nichts, eine Kleinigkeit, und doch habe
ich die Gabe mich zu freuen, die Fliege selbst hat sie, jedes Wesen -- und
doch habe ich solch eine rtselhafte Sehnsucht in mir und doch
durchschauert mich manchmal eine Ahnung von dem Groen, das irgendwo ist.
Hast du Gott gesehen, frage ich dich? Nein. Und wenn du mich fragst, nein,
nein, wie sollte ich doch? Aber ich fhle, oft bin ich gleichsam betubt
wie heute. Vergebt mir. Und doch, was knnte ich sagen, wenn mich einer
fragte? Ich wei ja nichts. Ist Gott ein Sausen, das durch die Welt fhrt,
oder ein Ton, ein ewig schwingender Ton, nach dem unsere Ohren haschen,
oder ein Blick, der auf uns ruht, auf jeder Stelle unseres Leibes, dem
Kopfe, der Fusohle, Tag und Nacht, um Mitternacht und am Mittag? Oder ein
Lcheln, ist er in jenem Lcheln, das zuweilen auf allen Dingen zu ruhen
scheint, dem Grase selbst, dem glnzenden Felle des Stieres, dem Wasser.
Wei ich es denn? Es gibt so viele, die sagen, es gibt keinen Gott. Es ist
mglich, aber die Welt ist gttlich schn. Ich strecke meine Hand in die
Hhe, sie ist golden, das ist die Sonne, ich strecke meine Hand in die
Hhe, sie ist silbern, das ist der Mond. Ferne da kniet ein Mann im Grase
und betet und ungezhlte Stirnen beugen sich in den Sand und preisen Gott
in fremden Zungen. Trotzdem? Doch dann ist es der Mensch, der sich einen
Gott geschaffen hat, des Menschen Sehnsucht ist dann Gott. Aber es ist ja
nicht mglich, da es keinen Gott gibt, nein, denn des Menschen Sehnsucht
ist gttlich und wie gttlich schn ist die Welt. Was fhlst du, wenn du
deine Hand anblickst? und wenn die Vgel im Walde singen -- wie wird dir?
Nun? warum dieses ewige Verlangen, diese Sehnsucht, dieses Brennen im
Herzen, warum denn? Dieses Fieber? In uns, die wir nichts sind als
Sandkrner, die vor dem Winde rollen. In diesem Sandkorn Gefhl, Wunsch,
Ekstase.

Nein, niemand hat ihn gesehen, es ist wahr. Viele haben ihn geahnt. Jene
glnzenden Antlitze im Dunkel! Viele sind aufgestanden und haben
gesprochen, ihre Worte mgen unrichtig sein, sie konnten nicht ausdrcken,
was sie fhlten, aber ihre Gebrde, verget mir diese Gebrde nicht.

Grau blieb stehen und sah einen Hund an, der unter der Haustre sa und in
die Sonne empor blinzelte. In der Vorstadt trat er in einen dunkeln
metergroen Blumenladen ein und erstand eine kleine rote Tulpe. Als er
bezahlen wollte, stellte es sich heraus, da er kein Geld mehr hatte. Aber
die Leute kannten ihn und es wre fast eine Beleidigung gewesen, ihr
Anerbieten, spter zu bezahlen, zurckzuweisen. Whrend er noch zgerte,
trat jemand in den metergroen Laden ein und er roch ein feines Parfm, das
sich ohne Hindernisse in dem Raume bemerkbar machen konnte; die Blumen hier
waren zumeist aus Wachs und Papier, und die wenig lebenden, die es hier
gab, rochen nicht.

Herr Grau? sagte eine schne Stimme.

Diese Stimme drang sofort bis zu seinem Herzen.

Adele von Hennenbach schob den gelben Schleier in die Hhe und ihr schmales
blasses Gesicht und die klaren hellgrauen Augen kamen zum Vorschein. Sie
lchelte und blickte Grau freundlich an. An ihrem Arme hing die
Schlittschuhtasche; sie war gekleidet wie neulich und aus dem flotten
Pelzjackett stieg jenes feine Parfm.

Ich kann mir wohl denken, fr wen diese Tulpe hier ist! sagte sie und
blickte Grau mit einem leisen Lcheln an; sie betrachtete die Tulpe mit ein
wenig geffneten Lippen.

Grau kam in Verlegenheit, als ob sie ihn bei einer unschnen Handlung
ertappt habe. Er lchelte und drehte an einem Knopfe seines Mantels. Es
macht mir Vergngen, Susanna eine kleine Aufmerksamkeit zu erweisen, sie
freut sich so, sagte er, sich gleichsam entschuldigend. Sie gehen zum
Eise, Frulein von Hennenbach?

Adele streckte sich ein wenig in die Hhe. Ja, sagte sie, man mu die
letzten Tage noch bentzen, es wird bald vorbei sein mit der Herrlichkeit.
Ich habe mit Ihnen einige Worte zu sprechen, Herr Grau, wenn Sie nicht
ungehalten sein wrden, da ich die Gelegenheit bentze?

Bitte. Er war hocherfreut. Sie verlieen zusammen den Laden. Adele
erkundigte sich nach den Formalitten -- es handelte sich um ihre Trauung.
Dann plauderten sie.

Wie froh Sie heute doch aussehen, Herr Grau! sagte Adele. Ganz als ob
Sie eine frohe Nachricht erhalten htten!

Das habe ich auch! sagte Grau. Aus weiter Ferne.

Diese arme Susanna, bemerkte Adele im Laufe des Gesprches, wie es mir
doch leid tut um sie. Sie hat nichts als Kummer gehabt, nicht ein Quentchen
Glck, keine frohe Jugend, kaum ein wenig Freude. Wie klug und vornehm und
bescheiden ist sie doch! Wie schade, da sie krank ist, da sie so hlich
ist, so migestaltet, ich bin traurig, so oft ich an sie denke. -- Wollen
wir den Weg zum Flu hinunter gehen, Herr Grau? Es ist kaum ein Umweg.

Sie gingen den Flu entlang, an den beschneiten Schiffen vorbei, worauf die
Kinder herumkletterten und schrien. Kleine Knirpse und Mdchen mit
zerzausten Haaren liefen auf einer glatten Bucht Schlittschuh und schrien
ebenfalls was sie nur konnten.

Grau schttelte den Kopf. Ich kann nicht finden, erwiderte er, da
Susanna hlich ist. Ich mu freilich zugeben, da ich beim ersten Anblick
dachte, die Natur habe sie stiefmtterlich behandelt, nun aber erscheint
sie mir schn.

Wirklich?

Ja, ich entdecke mehr und mehr Schnheit an ihr. Sie hat doch ganz
wunderbare Augen! Haben Sie beobachtet, wie Susannas Augen Ihnen das Wort
von den Lippen horchen, den letzten Sinn aus den Augen horchen, den das
Wort nicht geben kann oder gibt? Wie ihre Augen antworten, noch bevor sie
die Lippen ffnet? Er blickte mit schwrmerischem Lcheln auf Adele.

Ja, ja.

Und dann ihre Hnde! Haben Sie diese Hnde genau betrachtet? Wie lebendig
sie sind, wie sie alles miterleben, was Susanna erlebt. Und wie schn sie
doch sind, Susannas Hnde! Ja, bei Gott, sie sind auerordentlich schn!
Ich schwrme, nicht wahr? Aber in Wirklichkeit, seitdem ich Susanna zum
erstenmal sah, schwrme ich fr sie -- ich gestehe es. Sie werden es ihr ja
auch nicht wieder sagen, fgte er mit einem Lcheln hinzu.

Adele sagte: Wer wei es?

Ich wrde es nicht wnschen, sagte Grau. Sie werden doch nicht am Ende
glauben, da ich gerade deshalb so aufrichtig bin?

Adele schttelte den Kopf und lachte. Sie wissen, da Sie es mit einer
Frau zu tun haben! sagte sie scherzend. Susanna wrde all das wohl gerne
hren, denn sie ist so stolz auf Ihr Lob. Sie haben ihr auch gesagt, da
sie eine Dichterin sei und Bcher schreiben knnte. Glauben Sie das
wirklich?

Wrde ich es sonst sagen? Grau nickte. Ja, das glaube ich, sagte er.
Hat Ihnen Susanna schon die Geschichte erzhlt, die sie ber das
Porzellandmchen in Mtterchens Glasschrank ersonnen hat? Die Abenteuer der
Madame Ypsilon? Eine drollige und wunderschne Sache! Als ich mein erstes
Kind erwartete, beginnt die Geschichte dieser Porzellandame -- haha!

Adele kannte diese Geschichte. Wenn es weht, vermeide ich es, auf die
Strae zu gehen, erzhlt Madame Ypsilon, sagte sie. Ich habe gar keine
Talente, fgte sie hinzu und schttelte lchelnd den schnen, stolzen
Kopf.

Jeder Mensch hat seine Talente.

Ja? Nun, dann mchte sie recht gerne wissen, welche Talente er ihr
zuschreibe?

Erstens, antwortete Grau und blickte sie an, sind Sie sehr musikalisch,
ich sehe das aus Ihrer Art unwillkrlich auf Gerusche und Tne der Strae
zu reagieren, sodann sind Sie eine vorzgliche Tnzerin, an Ihrem Gange
kann man das erkennen, mehr noch an der Art wie die Bewegungen Ihres
Krpers eine Unregelmigkeit des Weges ausgleichen. Sie haben die
Fhigkeit fremde und unmgliche Dinge zu trumen, vielleicht mitunter
grausame Dinge.

Adele sah ihn an. Bitte, bitte! rief sie aus und lchelte.

Ihre grte Gabe aber scheint mir zu sein, fuhr Grau fort, unklare
Situationen zu berblicken -- zuweilen geht Ihr Blick so rasch hinter den
Wimpern hervor und unvermittelt in die Weite -- und rasch und unerschrocken
zu handeln -- sogar tollkhn, fgte er leiser hinzu.

Ich habe mir vorgenommen, sobald ich Sie treffe, fr meinen Bruder um
Entschuldigung zu bitten, sagte Adele ablenkend. Wegen jener Affre im
Elefanten.

Grau lchelte und schttelte den Kopf. Aber das sei doch nicht der Rede
wert.

Adele blickte ihn erstaunt an. Nicht der Rede wert? fragte sie. Haben
Sie denn keinen Streit mit ihm gehabt?

Nein, nein! Grau lchelte.

Wie merkwrdig! sagte Adele. Er hat mir erzhlt, Sie htten Billard
zusammen gespielt, er habe gewonnen und es sei zu einem Wortwechsel -- und
fast zu Ttlichkeiten gekommen, fgte sie zgernd hinzu.

Grau sah sie an. Das ist nicht wahr! sagte er ernst und leise, denn etwas
beschftigte seine Gedanken.

Adele ffnete erstaunt die Lippen. So? sagte sie gedehnt. Ich habe mich
gewundert darber -- er hat mir eine ganze Geschichte erzhlt. Auch die
Geschichte mit der Flasche ist also -- nicht wahr? Sie errtete flchtig,
Ich habe bisher meinem Bruder alles geglaubt, sagte sie mit einem Tone
von Verwunderung und Betrbtsein in der Stimme. Sie schwieg lange Zeit und
dachte nach, dann wandte sie sich wiederum an Grau, der ebenfalls in
Nachdenken versunken war. Lassen wir das! sagte sie, indem sie ihrer
Stimme einen gleichmtigen Klang zu geben versuchte. Man hat mir erzhlt,
da Sie frher Gefngnisgeistlicher waren, Herr Grau? Das war wohl Ihre
erste Anstellung?

Aber Grau hrte nicht. Er hatte den Blick zu Boden gerichtet und seine
Mienen drckten tiefes Nachdenken aus. Erst als Adele ihre Frage
wiederholte, fuhr er verwirrt auf.

Ich bitte um Verzeihung! sagte er verlegen. Allein ich kann manchmal
vollstndig in Gedanken versinken. Nun hat mich eben eine Angelegenheit
beschftigt, die mich schon seit meiner Ankunft stark interessiert. Es gibt
Dinge, die mich gar nichts angehen, aber meine Gedanken kaprizieren sich
gerade darauf. Gefngnisgeistlicher, sagten Sie das? Ja, aber es war nicht
meine erste Stelle. Zuvor war ich Lehrer an einem Blindeninstitut fr
Kinder.

Oh! Adele zog wie unter einem krperlichen Schmerze die feinen schwarzen
Brauen hoch. Sie grte jemand auf der Strae, dann sagte sie: Unter
Blinden, wie furchtbar! Und noch dazu unter blinden Kindern! Wie
schrecklich mu das sein!

Viel schrecklicher ist es noch blind zu sein, sagte Grau und blickte
Adele an.

Ja, entsetzlich! Adele richtete die hellen klaren Augen auf ihn.

Stellen Sie sich vor, wie es ist blind zu sein, versuchen Sie es! Ja, ich
habe es einmal versucht, ich kann Ihnen das ruhig erzhlen, denn Sie denken
vornehm, ich habe es einmal versucht und mich blind gemacht --

Was taten Sie? Adele sah Grau erschrocken an.

Verstehen Sie es recht, fuhr Grau fort. Ich habe mir eine Binde um die
Augen gelegt -- es war in jenem Institut -- vier Tage lang -- ich tat es
aus Interesse -- aus einer Art von Interesse, wenn Sie wollen, um meine
blinden Lieblinge besser zu verstehen, vielleicht auch um ihnen gleich zu
sein -- kurzum, aber ich sage Ihnen gleich -- doch es ist besser nicht
davon zu sprechen. Entschuldigen Sie, Frulein von Hennenbach. Er wurde
pltzlich rot, dann fuhr er in anderem Tone fort: Denken Sie daran, wie
wir uns freuen, wenn nur ein bichen Licht durch die Fensterladen sickert,
wenn das Licht im Laube der Bume spielt, wir Menschen leben ja vom Licht
wie die Pflanzen, unsere Seele nhrt sich davon. Jeder Sonnenaufgang, jedes
Glitzern eines Sternes, es ist in uns, wir wren nicht die gleichen ohne
diese Eindrcke und glauben Sie mir, Frulein von Hennenbach, ein Mensch
mit zehntausend Sonnentagen und zehntausend Sternennchten in seinem Leben
ist ein ganz andrer als ein Mensch mit fnftausend nur.

Ein Mann schlendert an ihnen vorber, in hohen Stiefeln, das Gewehr auf dem
Rcken. Es war Eisenhut. Er grte tief, blinzelte beide an und stieg
hocherhobenen Hauptes vor ihnen her. Er nahm eine Zigarre aus dem Etui und
steckte sie in Brand.

Schnes Wetter, schnes Wetter! rief er und blinzelte.

Ja, schnes Wetter! sagte Grau.

Aber Eisenhut blickte Adele an, er beachtete ihn gar nicht, und
wiederholte: Schnes Wetter!

Danach hat man Sie also zu den Gefangenen geschickt, Herr Grau? sagte
Adele, die Eisenhut gnzlich ignorierte. Eisenhut blinzelte, reckte den
Spitzbart in die Luft und zog mit seiner Zigarre ab, deren blauer Rauch
regungslos ber dem Wege schwebte.

Es geschah auf meine Bitte hin, antwortete Grau.

brigens hat mich in diesem Falle etwas ganz besonderes dazu getrieben,
ich hatte eine Art Vision -- oder --

Eine Vision?

Eine Art Vision, ja. Es ist brigens kaum des Erzhlens wert.

Grau lchelte und blickte Adele an, deren Wangen allmhlich ein frisches
Rot berzog.

Sie mssen mich recht verstehen, sagte Grau, was heit das schlielich,
eine Vision, nicht wahr? Es ist eine Art Traum in halbwachem Zustande,
nichts weiter. Einmal zum Beispiel, glaubte ich ein Sandkorn zu sein und
ich sah das Leben all des kleinen Getieres zwischen den Grsern, das
Wachsen der Halme, wie Zelle sich an Zelle schlo -- ganz wunderbare
Lebensvorgnge --

Einmal nun, da schlo ich die Augen; ich war mde, aber ich schlief nicht
und pltzlich sah ich einen Mann vor mir mit erdfahlem Gesicht, in der
Kleidung eines Gefangenen. Er ging hin und her, vier Schritte vorwrts und
vier Schritte zurck, so da ich einmal sein erdfahles Gesicht sah, einmal
seinen Rcken. Aber mit einmal war es nicht einer, es waren unendlich
viele, vielleicht hundert. Wie Sie im Traume in Huser hinein blicken
knnen, durch Mauern hindurch, so sah ich in all diese Zellen hinein. Sie
gingen hin und her, vier Schritte vorwrts, vier Schritte zurck, sie
hatten alle erdfahle Gesichter und waren gekleidet wie Gefangene. Sie
gingen hin und her, wie ein Tier in seinem Kfig, pltzlich aber blieben
sie alle stehen, all die Hundert, sie blieben stehen und trommelten mit den
Fusten an die Wnde. Nur einen Augenblick. Dann nahmen sie das Wandern
wieder auf.

Wie schrecklich!

Ja, in der Tat, in der Tat schrecklich! sagte Grau leise und schwieg eine
Weile. Er fuhr fort: Aber nach einer Weile standen all die Hundert wieder
still, gerade in dem Moment, da sie kehrt machen wollten um mir den Rcken
zuzuwenden -- sie standen still, sage ich -- und sahen mich an. Alle auf
einmal! All die Hunderte von Augen, von toten erloschenen Augen, sie sahen
mich an. Ein Traum, denke ich, ein Traum, nur ein Traum und klammere mich
an den Gedanken, da es ja nur ein Traum ist, whrend der Blick dieser
entsetzlichen Augen auf mir ruht. Dieser Blick aber war kaum lnger als ein
Gedanke, dann lchelten all die erdfahlen Gesichter. Sie zogen die Mnder
ein wenig schief und sie lchelten alle das gleiche Lcheln: Spttisch,
berlegen, verchtlich -- dann machten sie kehrt und wanderten wieder.

Grau schwieg. Sie gingen eine Weile nebeneinander her und blickten beide
auf den Boden. Als sie den dicken Wartturm durchschritten, wo ihre Schritte
leicht widerhallten, sagte Adele: Deshalb also gingen Sie dorthin?

Ja, deshalb, ich hatte keine Ruhe mehr.

Adele atmete die frische Winterluft ein, und ihr Schleier flatterte
pltzlich im Winde; denn die Hhe trat hier zurck und der Wind hatte freie
Bahn. Ein paar Krhen flogen, tief mit den Flgeln schlagend, in einer
Reihe ber das Schneefeld und schrien. Bald tauchte auch das Dach von
Susannas Huschen auf.

Ich hatte ja frher nie lnger ber diese Gefangenen nachgedacht, nahm
Grau das Wort wieder auf, aber jetzt mute ich es tun. Es war besonders
jenes Lcheln mit dem schiefgezogenen Mund, das mir zu denken gab. Ich
sagte, sie lchelten spttisch, berlegen, verchtlich, aber all das sagt
nicht genug. Ihr Lcheln schien auszudrcken: Du bist auch einer von jenen
Gedankenlosen.

Gedankenlosen?

Ja, sagte Grau, und ich mute immerzu an dieses rtselhafte Lcheln
denken und schlielich kam es dahin, da ich um jeden Preis wissen mute,
was es bedeute. Ich hatte mich ja mit solch falschen Anschauungen ber
Gefangene und Verbrecher getragen.

Wollen Sie mir nicht sagen, was fr Menschen sie eigentlich sind? fragte
Adele mit aufrichtigem Interesse.

Grau sah Adele an. Was fr Menschen? antwortete er und lchelte. Sie
sind genau wie andere Menschen, wie die Brger dieser Stadt hier, wie ich,
nur da sie etwas getan haben, irgend etwas, das gegen einen Paragraphen
des Gesetzes verstie, da sie nicht vorsichtig genug waren und da man sie
packte.

Pltzlich erbleichte Adele. Sie lchelte und blickte in die Ferne, genau
dahin, wo jetzt die Krhen flogen; sie sagte: Ja -- da man sie packte,
das ist ganz richtig, das ist wahr! Sie lachte ein wenig seltsam.

Grau sah sie mit einem raschen erstaunten Blicke an.

Dann aber fuhr er mit gleichmtiger, ja fast auffallend gleichmtiger
Stimme fort: Ich sehe, Sie interessieren sich fr diese Unglcklichen,
Frulein von Hennenbach. Ich gestand Ihnen ja, da auch ich mich mit
falschen Anschauungen trug. Der grte Teil, das sind Leute, bei denen eine
der allgemein menschlichen Eigenschaften, Eitelkeit, Hochmut, Trgheit
Genusucht, Sinnlichkeit, Habgierde, Verlegenheit, Gutmtigkeit,
Leichtsinn, Leidenschaftlichkeit -- (eine ungeheure Menge von allgemein
menschlichen Eigenschaften zhlte Grau auf, sie wollten gar kein Ende
nehmen) -- unglcklich stark entwickelt ist im Vergleich zur Willenskraft,
strker sogar als die Furcht vor dem Gesetze. Jener Anschauung, da alle
Verbrecher und Strflinge geisteskrank oder seelisch defekt sind, stimme
ich nicht bei. Im Gegenteil, Sie finden darunter einen nicht geringen Teil,
der sehr gesund ist, gesunder oft als die freien Menschen. Ganz prchtigen
Leuten knnen Sie dort begegnen, welche Kraft, Unerschrockenheit, welches
Feingefhl, welcher Stolz! Die meisten natrlich sind krank, sie haben
einen Tropfen krankes Blut im Krper, den der Arzt natrlich weder sehen
noch nachweisen kann. Endlich kommen die schrecklichen Verbrecher, die als
Teufel geboren wurden und eines Tages ein Verbrechen begehen, da alle
Zeitungsleser der ganzen Welt schreien: Er gehrt geschlagen, gebrht, die
rgste Folter mte ersonnen werden!

Haben Sie solche gesehen? Was fr Menschen mgen das wohl sein?

Ich habe vier solche gesehen, ja. Ich wei es nicht. Niemand wei es. Sie
sind ein Mysterium, uralte Raubtiernaturen, Finsternisseelen, blutige
Gespenster -- irgend eine schreckliche Kraft, ein entsetzlicher Geist haust
in ihnen, ich wei es nicht, ich habe das noch nicht zu Ende gedacht!

Adele schttelte den Kopf. Nach all dem, nach Ihrer Auffassung vom
Verbrecher, sagte sie, die ja sehr gtig ist --

Grau unterbrach sie. Das Resultat von Beobachtungen, erlauben Sie, mein
Gefhl spricht nicht mit.

Nun wohl, seiner Anschauung gem mte es unrecht sein, die Verbrecher zu
bestrafen.

Grau blieb stehen. Er sah Adele an und sagte: Natrlich! Das ist eins
jener Dinge, die ich gar nicht verstehen kann. In hundert Jahren wird man
diesen menschlichen Irrtum mit den gleichen Augen betrachten, mit denen man
heute auf die mittelalterlichen Hexenprozesse blickt.

Aber --?

Grau lchelte. Die Gesellschaft! sagte er.

Ich verstehe. Ich werde kein groes Geschrei machen, ich werde gar nicht
von den Verbrechen sprechen, die die Gesellschaft in aller Ruhe begeht oder
von den Verbrechen, die im Gesetz selbst enthalten sind. Die Gesellschaft
will in Ruhe und Frieden die Arbeit der Kultur verrichten, nicht wahr?
Strenfriede schafft sie aus dem Wege. Aber das ist nicht ganz richtig, der
Gesellschaft ist es ja nur zum geringsten Teil um Kulturarbeit zu tun, zum
allergeringsten Teil -- denn die Gesellschaft ist ja eigentlich nichts
anderes als ein Ring kleiner und groer Bankiers -- es ist ihr vielleicht
ein wenig um das Werk der Zivilisation zu tun, um den Export von Seifen und
Gasmotoren und Kanonen -- vielleicht nur um Bereicherung, aber auch das ist
wohl nicht gerecht -- sagen wir die Gesellschaft will leben, bequem und in
Frieden. Deshalb also schafft sie sich Gesetze, nur weil sie bequem und in
Gemtsruhe leben will -- das Motiv steht nicht sehr hoch! Gut, sie kann
also Strenfriede ausschlieen -- aber bestrafen, wieso? Vielleicht hat sie
das Recht, Elemente, die ihre Gesetze nicht respektieren und sich dagegen
verfehlten, zu erziehen -- das aber ist alles!

Ja, aber ich verstehe nicht ganz? warf Adele ein.

Grau schttelte den Kopf und lchelte. Sie meinen, wenn jemand mir zum
Beispiel hundert Mark stiehlt -- ja, was habe ich dagegen? Werde ich ihn
bestrafen? Nein, ich wrde mich schmen, so groen Wert auf ein bichen
Besitz zu legen, ich wrde es gar nicht vornehm finden -- die Gesellschaft
aber glaubt das Recht zu haben, einem Menschen, der einen alten berzieher
gestohlen hat, ein Stck seiner Seele zu stehlen. Ich begreife das nicht.
brigens keine Einzelheiten. Mssen Sie nicht immer ein Auge schlieen,
wenn Sie auf die Gesellschaft blicken, oder beide Augen zuweilen, wie? Oder
mssen Sie sich nicht schmen oder erwacht der Gedanke nicht in Ihnen,
fortzugehen, weit fort, zu den Wilden auf eine Insel, wohin kein Schiff aus
Europa kommt, wie? Europa, jenem Kontinente der bestechenden Theorien und
der schmutzigen Praxis. Sie werden sagen, Ehre, Gut, Leben mssen beschtzt
werden. Gut -- obgleich ich finde, da unsere Zeit zu viel Wert darauf
legt. Man wirft den Verbrecher in den Kerker, jahrelang -- ohne zu
bedenken, da das grausamer ist als jedes Verbrechen. Der Verbrecher hat
sich am Besitz, am Leben eines anderen vergriffen, aber nicht an der Seele,
wohlgemerkt, das aber tut die Gesellschaft. Sie martert die Seelen, sie
lt sie vermodern und verfaulen. Dabei handelt die Gesellschaft mit klarer
berlegung -- knnte man fast sagen -- aber der Verbrecher --? Nun?

Nun werden Sie aber sagen: Wenn ein Mensch jedoch ein Teufel ist, nicht
wahr? Ja, aber mu denn die Gesellschaft ebenfalls teuflisch sein? Was ist
das anders als niedrige Rachsucht? Es mag ja Zeiten gegeben haben, wo all
das am Platze war -- aber heute? Das Leben wre ja wohl nicht mehr so
bequem und so ungefhrlich, das mag sein. Aber wre es nicht besser, wenn
es ein wenig mehr gefhrlich wre und dafr gerechter? brigens haben schon
viele Leute darber nachgedacht und Reformen geschaffen, zum Beispiel in
Amerika. Man kann nicht leugnen, da es allmhlich etwas lichter wird. Von
der Todesstrafe will ich ja gar nicht sprechen.

Adele dachte nach. Sie schttelte den Kopf. Wie soll man es aber
anstellen? fragte sie. Soll man die Verbrecher etwa alle auf eine Insel
verschicken?

Nein, dann kmen ja auf dieser Insel alle Verbrecher und Kranken
zusammen.

Grau entwickelte ihr seine Gedanken. Arbeit und Schulen, Gelegenheit den
Gefallenen gesund zu machen.

Schulen?

Ja, Schulen, die ihn erziehen, die ihm die Augen ffnen, ihn auf ein
hheres Niveau der Anschauung vom Leben, vom Menschen, der Gesellschaft
stellen. Frische Luft, gute Nahrung, viele Bewegung, Spaziergnge in Wald
und Feld. Die Arbeit kann ja hart sein, in Bergwerken, Steinbrchen, das
ist einerlei, aber sie darf nicht alle Zeit in Anspruch nehmen, kaum die
Hlfte des Tages.

Adele hatte noch eine Frage. Nmlich, wenn das alles nichts helfe und der
Verbrecher rckfllig werde.

Wiederum Bergwerke, Steinbrche, Schulen. Ja, wenn er wolle, knne er ja
sein ganzes Leben in den Bergwerken arbeiten und tglich ein paar Stunden
spazieren gehen.

Ob Herr Grau nicht glaube, da dadurch die Ziffer der Verbrecher steige,
bei dieser linden Behandlung?

Nein, nimmermehr glaube er dies! Das moralische und ethische Bewutsein des
Volkes wrde gerade dadurch gehoben werden.

Hm. Ja, aber es gbe Verbrecher, eigenartig angelegte Menschen, die nicht
eine Spur von einer moralischen oder ethischen Anlage in sich htten, es
seien oft die schrecklichsten --

Ein Landhaus fr sie in einsamer Gegend, ein Stck Gartenland.

Ein Landhaus! Adele lachte unwillkrlich. Grau errtete. Er blickte sie
an. Nun, natrlich, eine Htte, sagte er sanft, da mgen sie hausen. Man
kann sie nicht erziehen, man kann sie nicht bestrafen -- aber sie sind aus
dem Wege. Ja, die Gesellschaft msse es sich schon einiges kosten lassen,
wenn sie leben wolle, wie sie es wnsche.

Sie standen auf der Brcke. Leben Sie wohl nun, sagte Adele. Das
Gesprch hat mich angeregt, ich danke Ihnen.

Ich danke Ihnen! wehrte Grau ab. Nicht weil Sie mir so aufmerksam
zuhrten, sondern fr Ihr Interesse an diesem Gegenstand, Frulein von
Hennenbach. Das sagte er mit einem warmen Blick.

Wie lange waren Sie denn bei den Gefangenen?

Leider nur ein Jahr.

Leider?

Ja. Ich wre noch gerne bei ihnen geblieben, aber es hat sich nicht so
gefgt.

Weshalb?

Grau lchelte. Die Wahrheit ist die, sagte er, ich habe eine Broschre
geschrieben, die einiges Aufsehen erregt hat, und man hat mich zur Strafe
versetzt.

Ah! Adele gab ihm die Hand.

Grau drckte Adeles Hand und sagte ganz unvermittelt: Ich sehe Sie dann
und wann in Ihrem Parke gehen, Frulein von Hennenbach. Einmal da trugen
Sie ein brennend rotes Kostm. Sie kamen auch bis an die Mauer, es war ein
japanisches Kostm denke ich --

Ja, es sei fr den Liederkranzball am Faschingsmontag bestimmt. Sie liebe
es sich zuweilen phantastisch zu kleiden.

Einmal da gingen Sie ganz in Gold, fuhr Grau fort, es sah aus als ginge
ein Sonnenstrahl im Park spazieren, mchte ich beinahe sagen. Er sah Adele
lange an und dann nickte er. Ich denke zuweilen an Sie, sagte er
aufrichtig mit einem Lcheln auf den knabenhaften Lippen, ich wnsche, da
Ihr Leben reich und herrlich sein mge, denn Sie sind sehr schn! Ich habe
stets ein eigentmliches Gefhl, wenn ich Sie sehe, Frulein von
Hennenbach, denn ich hatte einst einen sonderbaren Traum von einer Frau,
der Sie sehr hnlich sind --

Adele errtete etwas und lchelte, um ihre Verlegenheit und Verwunderung zu
verbergen. Wollen Sie mir diesen Traum nicht erzhlen?

Nein, nein, das sei eine Geschichte fr sich. Leben Sie recht wohl. Er
lchelte und verbeugte sich, dann nahm er den Blumentopf mit der kleinen
roten Tulpe auf den andern Arm und stieg zu Susannas Huschen hinab. Er
hatte Mhe, gegen den Wind anzukmpfen, der heftig ber die Felder blies.

Susanna hatte sich geschmckt.




Sechzehntes Kapitel


Ein Sonnenstrahl leuchtete in Susannas Stube umher, als Grau eintrat. In
Mtterchens Glasschrank, dessen Scheiben halb blind waren, wurde es auf
eine Weile tageshell und man sah all die Teller und Tassen, die da standen.
Auf dem Fensterbrett, dem Tisch und der Kommode standen Blumen, Tulpen,
Hyazinthen und ein kleiner blhender Baum, der genau wie ein blhender
Kirschbaum in kleinem Format aussah, die Blumen glnzten und lchelten als
der Sonnenstrahl sie berhrte und die roten Tulpen glhten als hauche man
auf rote Glut.

In der Mitte ihres Gartens sa Susanna und lchelte. Der Sonnenstrahl
beleuchtete ihr Gesicht und ihre Augen glnzten wie dunkles Kupfer. Sie
hatte sich geschmckt.

Um die rmel ihres schwarzen Kleides hatte sie Spitzen genht, um die
Schultern hatte sie ein goldgelbes Seidentuch gelegt, es warf einen warmen
Widerschein auf ihr schmales Gesicht. Hinter dem Kopfe lag ein weies
Kissen. Es mochte sein, da sie sich schlechter fhlte, aber man konnte
auch glauben, da das weie Kissen den Zweck habe, die schwarzen Haare mehr
zur Geltung zu bringen. Diese Haare waren mit grter Sorgfalt frisiert,
sie glnzten von irgend einer Salbe, die Zpfchen, die ber die Ohren
herabhingen, waren zu Bndern geflochten, und man konnte sich recht gut
vorstellen, wie lange solche kleinen mden Hnde wohl dazu brauchten.

Sie lchelte als Grau eintrat und ihre Augen glnzten ihm entgegen.
Willkommen, mein Freund! Aber da haben Sie sich ja trotz meines Verbotes
wiederum Ausgaben gemacht! Sie drohte ihm mit den Finger.

Entschuldigen Sie nur, Frulein Susanna! sagte Grau und lachte, indem er
die kleine Tulpe auf den Tisch stellte. Er legte den Mantel ab, hauchte auf
die Fingerspitzen, er stampfte auch mit den Fen, ganz als ob er zu Hause
wre. Welche Klte, dieser Winter scheint kein Ende zu nehmen. Nun, wie
geht es? Er gab ihr die Hand.

Gut. Ich habe sehr gut geschlafen.

Ich danke Ihnen fr Ihren Brief, Frulein Susanna! sagte Grau und hielt
Susannas Hand. Welch ein schner und unvergelicher Brief! Sie habe sich
gedrungen gefhlt, ihm zu schreiben, denn sie verge so vieles zu sagen
und manches lasse sich auch nicht erzhlen. Was gibt es neues? sagte
Grau.

Endlich entzog ihm Susanna sanft die Hand.

Sie sollten sich am Ofen wrmen, sagte sie mit ihrer hohen feinen Stimme,
Sie sehen ganz durchgefroren aus!

Ja, neues? Mtterchen hat Streit mit Herrn Eisenhut gehabt; zum
hundertsten Male hat er gedroht, ihr zu kndigen. Dann die Blumen. Die
weie Hyazinthe steht so matt da. brigens sie riecht am allerfeinsten. Sie
riecht wie ein feiner Apfel, nur noch feiner. Die weien haben berhaupt
den feinsten Duft, die blauen oder roten, auch sie riechen fein, aber es
ist nicht das gleiche. Betrachten Sie die gelbe Tulpe. Sie hat ihre meisten
Tage gesehen, sie stirbt. Sehen Sie, wie sie verzweifelt den Kelch ffnet?
Aber so riechen Sie doch daran -- wie feinster Zimt, nicht wahr?

Hren Sie, welch prchtige Menschen es doch auf der Welt gibt! rief Grau
aus. Da haben Sie diese alte Frau Sammet. Was tut sie, diese arme
Kirchenmaus? Heute kommt sie wieder zu mir und bringt zwlf Eier und ein
halbes Pfund Butter. Ja, sage ich, was soll das eigentlich? Jetzt sind Sie
erst vor acht Tagen dagewesen? Sie legt die Eier auf den Kchentisch und
die Butter, aber sie rckt nicht mit der Sprache heraus. Es ist Montag,
sagt sie. Sie nimmt auch kein Geld. Es ist Montag, sagt sie, sonst nichts.
Also scheine ich jeden Montag meine zwlf Eier und das halbe Pfund Butter
zu bekommen -- ist Ihnen so etwas schon im Leben passiert?

Sie ist Ihnen so dankbar, die alte Frau, sagte Susanna, sie weint, so
oft sie von Ihnen spricht.

Ah! sagte Grau und lachte und wandte sich ab. Da haben Sie es, sie ist
ein altes Weib. Wofr, um Gottes willen, sollte sie mir zu danken haben?
Nun rennt sie meilenweit in den Drfern umher, um ihr bichen Brot zu
verdienen, und bringt mir jeden Montag zwlf Eier und ein halbes Pfund
Butter -- ja, vielleicht ist es ein Pfund, wer wei es -- fr nichts, fr
rein nichts, solche Menschen gibt es unter der Sonne.

Sie soll jetzt eine groe Kundschaft haben. Sie hat sich einen kleinen
Handwagen angeschafft. Das alles hat mir Adele erzhlt.

Frulein von Hennenbach?

Ja, sie war hier. Sie hat viel von Ihnen gesprochen.

Wie freundlich von ihr.

Adele hat mir das seidene Tuch hier geschenkt, auf eine kleine uerung
hin, auch die Spitzen hier. Ich habe nur gesagt, die rmel des Kleides
sehen so kurz aus. Von ihr habe ich eine ganze Menge Neuigkeiten! Susanna
lchelte schelmisch und wichtigtuend. In ihren pechschwarzen Augen glnzten
goldene Funken, Reflexe des Seidentuches. Sie haben die alte Frau Sammet
auch aufgefordert im Pfarrhaus zu wohnen, ist es nicht so?

Grau sah erstaunt auf. Grundgtiger Himmel, welch eine Stadt ist das
doch! sagte er. Jeder Pflasterstein scheint ein Ohr zu haben. Ja, ich
habe der alten Sammet dieses Anerbieten gemacht, weil ich vier Zimmer habe
und weil ich dachte, sie knnte mir vielleicht ein wenig in der Wirtschaft
helfen --

Aber Sie tun ja alles allein, nicht einmal die Stiefel lassen Sie sich von
der Kstersfrau putzen. Susanna lachte.

Susanna lchelte. Wenn Sie wten, was ich alles erfahren habe! Ja, bei
Gott, das ist eine Stadt, jeder Pflasterstein scheint ein Dutzend Ohren zu
haben, da haben Sie recht! Sie lachte und klatschte ein wenig in die
Hnde. Dabei verrckte sich das Kissen hinter ihrem Rcken und Grau eilte,
ihr behilflich zu sein. Aber Susanna wurde dunkelrot und wehrte ab. Sie
wollte nicht, da er sehe, da sie ausgewachsen war. Es betrifft ihn,
Herrn Eisenhut, fuhr sie leise fort, er ist hier und Mtterchen spricht
mit ihm -- wegen einer Rechnung von zwlf Mark ist ein langwieriger Krieg
zwischen den beiden ausgebrochen -- es betrifft ihn. Sie wissen nicht, was
ich meine? Nein? Wie klug Sie es auch angestellt haben, es ist doch bekannt
geworden. Ja, zuerst haben Sie einen Schulknaben herausgefischt und ihm das
Versprechen abgenommen, nicht mehr hinter Herrn Eisenhut herzulaufen und
Spottlieder zu singen, auch das Versprechen, da er niemandem etwas sagen
sollte, da Sie mit ihm sprachen -- dann einen zweiten und dritten und auf
diese Weise alle zusammen, aber es ist doch bekannt geworden.

Grau zog die Brauen zusammen, seine Augen wurden gro, er sah
niedergeschlagen und unglcklich aus. Es ist also glcklich
herausgekommen, wie? sagte er leise. Ich htte es mir denken knnen, wenn
ich ein klein wenig mehr gedacht htte, so htte ich es mir -- ja, es war
ein schlechter Einfall. Auf diese Rangen ist kein Verla! Ich habe gedacht,
sehen Sie, es war so, ich habe es gesehen, wie sie hinter Eisenhut
herliefen und sangen. Er war ein wenig angetrunken. Sie sangen und schrieen
und tanzten, grausam, wie Kinder sein knnen, die Polizei wollte sie
verjagen, aber das gelang natrlich nicht, und nun sah ich, da Eisenhut
sich gegen alle umwandte und eine hilflose Gebrde machte. Diese Gebrde
aber und vor allem sein Blick -- nein, wie dumm ich es aber angestellt habe
-- Er schttelte den Kopf und sah auf den Boden.

Susanna aber lchelte und begann von neuem: Sodann sagen die Leute, Sie
seien eine Art Freidenker und gar kein Geistlicher, wie er sein soll. Auch
sagt man, Sie lebten in Feindschaft mit dem Dekan in Weinberg.

Grau schien gar nicht zuzuhren. Er blickte zum Fenster hinaus. Der Schnee
sah eigentmlich rot aus und die Wolken waren kupferrot und drohend. Aber
rasch erblaten die Farben und ein schweres dsteres Grau schlug ber die
Erde zusammen. Nun wurde das Feuer im Ofen lebendig und tauchte Susannas
Gesicht in zarte huschende Glut.

Grau sah Susanna an und lchelte. Wie schn das Feuer doch Ihr Gesicht
macht, sagte er leise, gleichsam als sprche er fr sich selbst. Dann
sagte er: Was ist doch mit der Bank, von der Sie in Ihrem Briefe
schrieben? Sie nannten sie >meine< Bank, es mu also eine ganz besondere
Bewandtnis mit der Bank haben? Wollen Sie mir nicht davon erzhlen?

Susanna zgerte. Aber dann feuchtete sie die Lippen mit der kleinen Spitze
ihrer Zunge an und begann: Wenn man um das Haus herum geht, ber den Bach
hinber und dann die Hhe hinaufsteigt, so kommt man an diese Bank. Hier
sa ich schon mit zwlf Jahren. Aber nur dann und wann. Spter fter und
endlich sa ich jeden Abend dort, wenn die Sonne sank. Die Bank liegt so
hoch! Von ihr aus sieht man ein Stckchen von der Stadt und das sieht so
friedlich aus, jenes Stckchen, mit den alten Husern und den vielen
rauchenden Kaminen. Dann sieht man die breite Landstrae weit hinab ins Tal
ziehen und man sieht auch das Bahngeleise. So hoch liegt die Bank, da man
ber das Bahnhofgebude hinweg noch die Waggons auf den Rangiergeleisen
stehen sieht. Noch etwas gutes hat die Bank, sie liegt so versteckt, mssen
Sie wissen, da jemand nahe an ihr vorbei gehen kann, ohne einen zu sehen.
Dann hat sie auch im Sommer ein ordentliches Dach aus grnen Blttern, so
da es nicht durchregnen kann. Das ist gut. Hier sa ich und blickte ber
das Land hinaus und trumte. Ich trumte -- ja, mein Gott, ich trumte alle
mglichen Dinge hier oben. Ich war jung, ich war frhlich! Ich trumte und
trumte, aber da wurde es ganz eigen mit meinen Trumen. Was war es doch,
ja, was sollte es sein? Was wollte ich hier und was nagte an meinem Herzen?
-- Ich wartete! Ich wartete! Das war es, ich wartete und wute nicht,
worauf ich wartete. Ich wute es lange nicht, hren Sie, so lange,
vielleicht zwei Jahre lang nicht. Aber ich wartete und ich dachte: Ja,
worauf wartest du denn eigentlich? Ich wute nur, da ich wartete. Was
sollte denn kommen, wie und wann denn eigentlich? Nicht wahr? Aber ich sa
da und wartete, wartete und die Sonne ging unterdessen unter. Ich glaube,
es gibt keinen Menschen auf der Welt, der so oft in die untergehende Sonne
blickte wie ich! Auf der Landstrae kam ein Wagen daher, ein Fugnger, ein
Trpplein Kinder. Sonst nichts. Heute? Ist es das? Ich blickte hin und her,
weit hinein ins Land, weit hinab die Strae. Nun war die Sonne gesunken,
ich ging nach Hause. Aber etwas in mir wartete unausgesetzt, auch auf dem
Weg nach Hause, auch zu Hause, aber richtig und bestimmt wartete ich
eigentlich nur oben auf der Bank. Sie schwieg.

Weiter? sagte Grau leise. Er sa und sah sie an.

Susanna feuchtete wieder die Lippen mit der Zungenspitze und fuhr fort: Da
sa ich Tag fr Tag, da droben auf der Bank, sah die Sonne sinken, und
wartete und wute nicht, worauf ich wartete. So ging der Frhling und der
Sommer und der Herbst und so ging der Winter. Ich wartete. Die Tage wurden
lang, die Tage wurden kurz. Das konnte man so gut beobachten, am Exprezug
nmlich. Ich hre ihn auch jetzt noch jeden Nachmittag rauschen, aber ich
kann ihn nicht mehr sehen, nur die kleine Postkutsche, die gelbe, die sehe
ich jetzt. Im Sommer da war es lichter Tag, wenn er kam, er tauchte auf als
kleiner Punkt zwischen den Feldern und roten Dchern der fernen Drfer,
flog heran und flog in die Ferne und lie nichts zurck als einen kleinen
Schreck und ein feines Klingen in der Luft. Im Frhling und Herbst da kam
er in der Dmmerung, und im Winter da kann man ihn gar nicht sehen, nur ein
feuriger Streifen fliegt vorber und man hrt ihn donnern, viel lauter als
im Sommer. Da fing es immer mit den Trumen an, wenn ich ihn sah, und ich
hatte Sehnsucht mit ihm zu fahren. Ich reise leidenschaftlich gern, aber
ich bin nie weit gekommen und nur zweimal kam ich fort. Ich und Mtterchen
zusammen, wir sollten einsteigen, wir zwei, unsere Billete in der Hand --
er sollte ja extra fr uns beide halten! Ja, groer Himmel, wie oft habe
ich das gedacht! Wie viele Reisen haben Mtterchen und ich zusammen
gemacht! Und denken Sie sich, da der Zug extra fr uns zwei anhalten
sollte, alles wrde erstaunt sein, die Beamten, die Leute, auch die
Reisenden, da er hlt in dieser kleinen Stadt, nicht wahr, ausnahmsweise
sollte er anhalten. Vielleicht wrde nun kein Platz sein und ein
freundlicher alter Herr wrde sein Reisegepck ins Netz legen und zu
Mtterchen sagen: Wollen Madame nicht Platz nehmen? Vielleicht wre es ein
Franzose und er wrde uns franzsisch ansprechen. Vielleicht aber wrde nun
noch nicht Platz fr mich sein und der freundliche alte Herr wrde die
Zeitung zusammenlegen und sagen: Wollen Sie nicht meinen Platz nehmen?
Mille merci, monsieur, wrde ich sagen, ich stehe sehr gern und sehe zum
Fenster hinaus. Der Zug kommt von Paris und geht nach Wien, und von Wien
geht er weiter -- immer weiter, bis Konstantinopel. Ja, bei Gott, wie viele
Nchte schlft man wohl, bis er endlich, endlich hlt? Nun, was gibt es da
nicht zu trumen? Man konnte einmal nach Paris fahren, einmal aber nach
Konstantinopel, wie man wollte. Paris, Paris, dachte ich, so weit ist es,
so fern, es lockt, schon der Name, nicht wahr? Und ich dachte an Paris und
ich stellte es mir vor wie eine Stadt, in der immer ein Feuerwerk ist und
die Leute Feste feiern und in den Straen ziehen, als ob jeden Tag ein
Knig zu empfangen wre. Welche Hte sie dort tragen, welche Kleider, wie
sie sich verbeugen, verneigen und alle fein und grazis sprechen und so
schnell, da niemand sie verstehen kann. Dann mte es auch hohe spitze
Trme haben, die in der Sonne funkelten, denn die Dcher der spitzen Trme
waren vergoldet. Und die Museen so still, so khl, grne Grotten, und da
mten die Statuen aus Marmor stehen, so schn und so alt, und die sie
meielten sind lange tot. Von daher kommt der Zug, und er saust und saust
und zuweilen heult er in groen Bahnhfen und wenn Sie hinausblicken, so
blenden Sie all die vielen Bogenlampen, die da hngen. Aber je weiter er
nach dem Osten fhrt, desto niedriger werden die Huser und ich stellte mir
die fremden Stdte vor, viele, viele fremde Stdte mit dicken, runden
Trmen und roten und gelben Dchern. Sogar die Menschen stellte ich mir
kleiner vor, dick mit runden Backen, in gelben und roten Kleidern. Wenn Sie
nun hinhorchen, was sie sprechen, so verstehen Sie keine Silbe mehr, denn
sie sprechen alle eine fremde Sprache. Pltzlich aber hielt der Zug und da
sind wir nun. Da ist die Sonne, so viele, viele Sonne und -- Palmen! Die
Sonne ist wie ein heier Nebel und wenn Sie gehen, so durchdringt Sie die
Sonne und Sie fhlen, wie Sie warm werden und glhen durch und durch und
pltzlich kommt ein neuer Geist ber Sie. Knnen Sie sich diese Sonne
vorstellen, die ich meine?

Sie blickte Grau an und wartete. ber ihr Gesicht huschte der Schein des
Feuers. Sie zog das Tuch um die Schultern, als ob sie friere, und wandte
die groen Augen dem Feuer zu. Sie lchelte.

Knnen Sie sich diese Sonne vorstellen, die ich meine, gerade diese
Sonne? fragte sie, da Grau nicht antwortete.

Ja, sagte Grau mit auffallend tiefer Stimme. Das aber war wahr, denn er
sah diese Sonne vor sich, gerade diese Sonne -- er, der so viel von Licht
und Sonne trumte -- er sah diese Palmen, in einem Nebel von Sonne zittern,
genau wie Susanna es beschrieb.

Susanna lchelte und fuhr mit hoher, dnner Stimme fort: Die Leute aber
haben einen Turban auf, rot oder grn oder gelb, mit Edelsteinen berst,
und sie rauchen aus langen Pfeifen. Sie sehen aber so aus als ob sie in
Teppiche gehllt wren, und nun knnen Sie sich wohl vorstellen, wie das
blitzt und funkelt, zumal wenn die Pfeifen aus Gold und Silber und mit
Edelsteinen besetzt sind -- und wie hbsch sich der Rauch aus dieser
Unmenge von Pfeifen in der Sonne ausnimmt. Die Trme sind spitz wie Nadeln
und funkeln ebenfalls, es gibt viele, viele Kuppeln aus farbigem Glas, die
Sonne leuchtet und leuchtet durch alles hindurch, so da alles durchsichtig
aussieht, die Trme, die Kuppeln, die Leute, die Gesichter, die Palmen, die
Kamele und Elefanten -- denn da gibt es unzhlige! -- die Pfeifen -- knnen
Sie sich das vorstellen?

Je mehr Susanna sprach, desto glnzender und grer wurden ihre schwarzen
Augen, und je mehr sie von der Sonne sprach, desto mehr frstelte sie.
Zuweilen sprach sie ganz langsam und ihre kleinen abgezehrten Hnde
beschrieben alles mit, was sie erzhlte. Wenn sie Turban sagte, so tat sie,
als schlinge sie sich ein Tuch um die Stirne, sprach sie von den Pfeifen,
so fuhr sie wagrecht von den Lippen aus mit den Fingerspitzen in die Luft,
dann formte sie den Pfeifenkopf und darauf lie sie die Finger
emporwirbeln, da man den Rauch ordentlich emporsteigen sah. Sprach sie von
den Elefanten, so machte sie die Augen klein und listig und zeichnete sich
einen langen Rssel an die Nase. Meistens aber sprach sie hastig, wie im
Fieber, und ihre eingesunkene schmale Brust arbeitete krampfhaft. Auf ihren
Wangen erblhten giftige Rosen.

Sie fror. Sie legte die Fingerspitzen an die Wangen, ihre Augen fieberten,
ihr Mund lchelte.

Nun rennt einer auf uns zu und schreit und brllt. Mtterchen bekommt
Angst. Was will er nur? fragt sie, dieser Trke. Vielleicht will er deine
Tasche tragen, Mtterchen. Ich fhle mich gar nicht wohl bei diesen
Unglubigen. Sage ich: Sie glauben an Gott wie wir, Mtterchen, und
pltzlich spreche ich trkisch! Hren Sie, ich spreche trkisch! Ich ffne
den Mund und es geht, ich verstehe, ich spreche. Haha -- Mtterchen steht
da und staunt, und die Trken paffen aus ihren Pfeifen und lachen ber sie.
Ich aber erklre ihnen, da das meine Mutter ist. Da nehmen sie alle die
Pfeifen aus dem Munde, alle, alle, und verneigen sich bis zur -- bis zur
Erde --

Susanna hielt inne und lauschte.

Man hrte Mtterchen in der Kche drauen mit Geschirr klappern. Man
vernahm auch Eisenhuts Stimme. Er sagte etwas und Mtterchen machte pst,
pst! Aber Eisenhut kmmerte sich nicht darum. Er sagte laut: Ach was!
Machen Sie doch keine solche Wirtschaft! Es ist sein Beruf Krankenbesuche
zu machen, dafr wird er ja bezahlt, punktum. Er sagte es absichtlich
laut, damit man es durch die Tre hre. Mtterchen schrie leise auf und
sagte: Pst, pst! Eine Tasse klirrte am Boden und Eisenhut lachte belustigt.
Er meckerte nicht, er lachte ganz anders als sonst.

Es war still im Zimmer und man hrte die kleine Uhr ticken und schnarchen,
denn die kleine Uhr hatte die Angewohnheit zuweilen zu schnarchen, als ob
sie aufatme.

Susanna errtete, ganz langsam stieg ihr das Blut ins Gesicht, whrend sie
die groen Lider niederschlug, die an die Lider eines Vogels erinnerten.
Sie sa still, bewegungslos und wagte kaum zu atmen.

Wie geht es weiter mit Ihren Trken? fragte Grau.

Aber Susanna wandte ihm den Blick zu, mit einer hilflosen Bewegung der
Hnde flsterte sie hastig: Er hat getrunken, Sie hren es am Lachen. Er
hat auch sein Gewehr dabei, da steht es zumeist schlimm um ihn. Dann kann
er so boshaft sein, so schrecklich boshaft.

Grau lachte. Er wollte Mtterchen erschrecken, das tut mir leid, sagte er
absichtlich laut. Was seine Bemerkung anbetrifft, so wei er recht gut,
da ich so etwas richtig auszulegen verstehe. Er wei es recht gut, denn er
ist klug, Herr Eisenhut!

Eisenhut rusperte sich in der Kche.

Freilich! Sie sind so vernnftig, hauchte Susanna. Nun wird Mtterchen
sich aber nicht ins Zimmer wagen?

Klingeln Sie ihr!

Susanna klingelte und Mtterchen erschien zaghaft in der Tre. Sie trug ein
Servierbrettchen in der Hand.

Die Zeitung -- die Zeitung, nehmen Sie die Zeitung nur mit! rief
Eisenhut, dessen gertetes Gesicht in der Trspalte erschien. Er beugte
sich vor und legte ein Zeitungsblatt auf das Servierbrett. Fr ihn, fr
Herrn Grau! fgte er hinzu und lachte und zog die Tr zu.

Susanna wurde glhend rot. Mtterchen wagte Grau nicht in die Augen zu
blicken. Wenn der Herr mir die Ehre antun wollen?

Grau dankte. Er wechselte einige Worte mit Mtterchen und Mtterchen
schlich sich wieder hinaus.

So ist es gut! sagte Susanna mit einem dankbaren Blick. Nun ist sie
glcklich! Was ist es denn mit der >Zeitung<? fragte sie. Was will er nur
damit?

Grau fand eine angestrichene Notiz: Der Geselle Anton Hammerbacher hat vor
dem Vormundsgericht die Vaterschaft des Kindes der Dienstmagd Margarete
Sammet eingestanden. An den Rand hatte Eisenhut geschrieben: Seiner
Aussage ist unbedingter Glaube zu schenken -- hahaha! Eisenhut!

Grau verbarg rasch sein Erstaunen.

Aber Ihre Notiz in der Zeitung? sagte Susanna.

Grau zuckte die Achseln. Man kann sich tuschen, sagte er, aber kmmern
wir uns nicht um diese Geschichten, Frulein Susanna! Wie sonderbar,
dachte er, deshalb hat wohl Herr Eisenhut getrunken, weil diese Notiz
erschien! Ein merkwrdiger Mann! Er lchelte und wandte Susanna den Blick
zu und sie mute ihn ansehen. Susanna besann sich, was Graus Blick zu
bedeuten habe.

Sie haben nicht zu Ende erzhlt.

Susanna schttelte den kleinen Kopf. Alle Lust habe sie verloren.

Sie haben angefangen, Sie mssen fortfahren, beharrte Grau und sah
Susanna in die Augen, bis ans Ende mssen Sie erzhlen. Sie sind brigens
pltzlich mit dem Exprezug davon gefahren, und was ist aus Ihrer Bank
geworden? Die haben Sie wohl ganz vergessen?

Susanna sah ganz erschrocken aus. Ja, bei Gott, da habe sie gnzlich diese
Bank vergessen! Wie aufmerksam Sie doch zuhren? sagte sie und richtete
sich auf. Ich habe die Bank vergessen, das ist wahr. Ich -- ja, lassen wir
die Trken sein. Was wollte ich doch bei den Trken? Ich werde Ihnen
erzhlen, denn ich mu Ihnen alles sagen. Ich mu! Sprechen Sie, wie ist
das: Sie sagen, erzhlen Sie, Sie sagen ein kleines Wort und ich mu Ihnen
folgen. Sie sehen mich an und ich mu. -- Adele hat mir erzhlt, Sie sind
bei einem schwerkranken Flickschneider gewesen, der vor Schmerzen nicht
schlafen konnte, und Sie haben zu ihm gesagt: >Schlafen Sie< und sahen ihn
an. Da schlief er.

Grau schttelte den Kopf.

Doch! sagte Susanna. Die ganze Stadt spricht darber, selbst die rzte,
denn sie konnten ihn ja nicht mehr einschlfern.

Grau lchelte.

Er schlief ja fast schon, Frulein Susanna. Da legte ich ihm die Hand auf
die Stirn und sagte: Schlafen Sie -- das ist alles.

Susanna lachte und hustete. Ich sagte ja ganz dasselbe, mein Freund,
nichts andres. Es ist ja so merkwrdig mit Ihnen. Sie kamen zu mir herein
und sofort begann ich zu erzhlen, Dinge, die ich noch niemand erzhlt
habe, und doch waren Sie ein Fremder. Aber ja, ich will fortfahren, lassen
Sie mich alles sagen. Es tut gut. Ich liebe es. Wir waren bei den Trken,
nicht wahr? Bei den Trumen, ja.

Die Sie trumten, whrend Sie auf der Bank da droben saen und warteten.

Ja, als ich wartete.

Sie warteten und wuten es lange nicht, worauf sie warteten. Vielleicht
zwei Jahre lang wuten Sie es nicht.

Susanna lchelte fein. Wie gut Sie aufmerken! wiederholte sie. Jedes
Wort wissen Sie. Ja, damit fing ich an und dann verga ich es ganz und
verlor mich in Trumen. Es passiert mir jetzt hufig, da ich den Faden der
Erzhlung verliere, mein Gedchtnis wird sehr schlecht, auch ist es mir oft
so schwer mich zu sammeln. Lassen Sie mich nachdenken. Ich wartete, sagte
ich, ja, ich wartete und die Tage gingen, Frhling ging, Sommer ging,
Herbst ging, Winter ging -- die Jahre gingen und ich wartete. Jeden Abend
sa ich da oben auf der Bank und wartete ohne zu wissen, worauf. Ich spann
Trume, ich trumte all diese Dinge, von denen ich Ihnen erzhlte, immer
neues, immer mehr. Aber die Traume fllten mich nicht aus. Es blieb eine
groe Leere und diese groe Leere habe ich fast wie eine Hhlung in mir, in
der Brust, gefhlt, wie ein Loch, wo gar nichts war: Das war das Warten.
Ich wartete immer sehnschtiger, aber nie war ich ungeduldig. Es gab
manches in unserer Familie, nicht besonders viel, aber doch einiges. Wie
Vater seine Stellung aufgab -- da litt ich, fr Vater, fr Mtterchen, wir
standen so allein, wir zwei, und muten uns verkriechen und allein sein.
Wir wollten es auch so. Es ging uns auch zeitweise etwas knapp. Aber ich
sage Ihnen, ich habe nie Hunger gelitten, denn Mtterchen, hren Sie, sie
kann ja auch aus nichts etwas machen und immer fand sie etwas. Ich war nie
ungeduldig. Ich wartete und dachte, man msse etwas Geduld haben. Es konnte
nicht so bald kommen, wiederum aber konnte es doch schon morgen oder
bermorgen da sein. Und ich sehnte mich und wartete. Und endlich, endlich,
da wute ich, worauf ich wartete. Ich wartete auf etwas Seltenes!

Susanna hielt inne und sah Grau an. Ihre Augen waren gro und glhend.
Seltenes! wiederholte sie und sie sprach das Wort aus wie ein
unheimliches fremdes tiefes Wort. Dann lchelte sie schmerzlich und indem
sie ins Feuer starrte fuhr sie fort: Auf etwas Seltenes und Groes! Nicht
auf etwas Alltgliches, nein, auf etwas, das nicht jeden Tag zu den
Menschen kommt, auf etwas Seltenes und Groes. Vielleicht so gro und
selten, da mein Herz es nicht ertrge. Aber was wrde wohl grer, ser
und seltener sein, als eben etwas, das unser Herz nicht ertrge? Oh, so
unfabar sollte es sein. Ich stellte mir das Unfabare, dieses Seltene vor.
Es erfllte mich, es blendete mich und oft schlug ich die Hnde vors
Gesicht und lachte und weinte: Weil es so gro, so herrlich, so blendend
und so selten war. Aber ich wute ja nichts davon?

Susannas Stimme sank zu einem Flstern herab, das Lcheln irrte hin und her
auf ihren Lippen, sie senkte den Kopf. Sie fgte leise und singend hinzu:
Und ich trumte davon -- wie es wohl sein wrde -- wenn das Seltene mich
verklrte -- wenn es mich niederbeugen wrde mit seiner sen Schwere --
niederbeugen -- wie der Tau -- der Tau die kleine Glockenblume niederbeugt
-- wenn der groe Tag erschien, da es kann --

Susannas Stimme erstarb. Sie lchelte und blickte in das Feuer. Lange. Aber
dann, mit einer pltzlichen, unerwarteten Bewegung schlug sie die Hnde
heftig vors Gesicht und krmmte sich zusammen. Sie krmmte sich wie unter
einer Last, sie bog den Kopf und die Brust vor und ihre Stirne drckte sich
auf die Knie. Ihre schmalen Schultern zuckten. Das geschah so schnell und
mit solch schmerzlicher Leidenschaft, da Grau erschrak und vom Stuhle
auffuhr. Susanna krmmte sich tiefer und prete die Stirn zwischen die
Knie, ihre Schultern zuckten und sie begann am ganzen Krper zu beben.
Pltzlich fing sie an zu husten. Sie hustete pfeifend und schrecklich, sie
nahm eine Hand vom Gesicht und winkte Grau, hinauszugehen.

Grau verlie das Zimmer. Ihm schwindelte und sein Herz pochte laut in der
Brust. Es war kalt hier auen, die Dmmerung war grau und des Winters
trbes, vergrmtes Gesicht stand riesengro ber die Erde gebeugt.

Er ging wieder hinein. Susanna lchelte heiter. Sie war sehr bleich. Sie
reichte ihm die Hand hin und sagte: Vergessen Sie es. So tricht war es
von mir. Wie konnte es doch so heftig ber mich kommen! Es ist ja nicht so,
schon lange ist es ja nicht mehr so.

Erzhlen Sie weiter! sagte Grau leise und blickte Susanna an.

Und Susanna fuhr fort: Es verging ein Jahr und wieder ein Jahr, Jahr um
Jahr verging. Nein, es kam nicht! Und so ist es: Zuerst, da hat die Frage
gesungen in mir. Es klang: Wann kommt es? Und ich bebte vor Sehnsucht und
Freude der Erwartung. Ich stand auf dabei und mute einige Schritte gehen.
Die Zeit verstrich und nie kam es. Nun sang die Frage nicht mehr in mir.
Nun war es ganz leise und ohne Musik: Wann kommt es? Und ich bebte wohl
noch ein bichen, aber es war nicht das alte Beben, ich stand auch nicht
mehr auf, nein, ich fhlte wie die Fe mir etwas schwer wurden. Und jetzt?
Jetzt wei ich, da es ein Traum war, der Traum eines jungen Mdchens, wie
jede ihn trumt. Ja, aber doch denke ich zuweilen noch -- zuweilen klingt
es noch in mir: Es kommt doch, es kommt doch!

Sie lchelte und blickte Grau an.

Und Grau sagte leise: Warum sollte es nicht mehr kommen?

Susanna schttelte langsam den Kopf. Sie antwortete nichts. Dann schttelte
sie wieder den Kopf und sie sagte heiter: Nein, ich glaube es nicht mehr,
das ist es. Frher hoffte ich und ich glaubte, da es kme, jetzt hoffe ich
zuweilen noch -- ach, selbst wenn man verzweifelt, hofft man ja noch --
aber ich glaube es nicht mehr. Ich bin nicht unglcklich. Das kommt
vielleicht von der Krankheit, da ich nichts mehr wnsche. Einen Wunsch
habe ich noch, wissen Sie welchen? Aber ehe Grau antworten konnte, fgte
sie hinzu: Ich mchte noch einmal die Blumen auf dem Felde sehen.

Grau stand hastig auf und ging in der Stube umher. Hren Sie, Frulein
Susanna, sagte er und lachte halblaut, hren Sie, Frulein Susanna,
wiederholte er und lachte, Sie sind bescheiden, das mu man sagen, zu
bescheiden!

Susanna betrachtete ihn erstaunt und folgte ihm mit den Blicken.

Grau ging an ihren Sessel heran und lchelte. So bermig bescheiden
brauchen Sie nun gerade nicht zu sein. Vielleicht werden Sie noch die Welt
sehen, ja, wer kann es wissen, vielleicht werden Sie noch dieses Paris
sehen, wo ein ewiges Feuerwerk knattert und die Statuen in den khlen,
grnen Grotten der Museen stehen und diese Sonne, die wie ein heier Nebel
ist, diese Muselmnner mit den Pfeifen. Sie und Mtterchen, wer kann es
denn wissen? Und das, worauf Sie warten, das Seltene, ja, warum um alles in
der Welt sollte es denn nicht mehr kommen? Nun sind Sie krank und mde,
aber sobald es Frhling wird -- meine Freundin, meine liebe Freundin?

Susanna blickte ihn an und ihre Augen fllten sich langsam mit Traurigkeit.
Sie schttelte langsam den Kopf und lchelte mit den traurigen Augen. Sie
sagte nichts.

Sobald es Frhling wird, wiederholte Grau, und seine Augen nahmen einen
bannenden Ausdruck an, da werden Sie ganz anders denken! Er lchelte und
begann im Zimmer umherzugehen. Sie sprachen nichts mehr. Die Uhr tickte und
schnarchte und in der Kche drauen gackerten die Hennen, die gefttert
wurden. Grau stand am Fenster und blickte hinaus, der Schnee leuchtete in
tiefem Violett. Er ging an den Glasschrank und blickte hinein, er
betrachtete eine Photographie an der Wand. Von Zeit zu Zeit richtete er den
Blick auf Susanna. Es wurde ganz dunkel im Zimmer. Pltzlich ging Grau auf
Susannas Sessel zu. Es war so dunkel, da er nur ihre Hnde, ihr Gesicht
und den Glanz der Augen sah. Er legte eine Hand auf die Lehne des Stuhls
und blickte Susanna lange an.

Haben Sie da droben auf der Bank nicht auch von Liebe getrumt? fragte er
flsternd.

Susannas Blick wurde starr. Ihr Gesicht sah pltzlich viel dunkler aus, sie
errtete. Sie regte sich nicht, sie sah ihn an.

Grau ging langsam weg; er trat ans Fenster. Hier stand er lange, dann
verabschiedete er sich hastig. Gren Sie Mtterchen, Susanna, sagte er.
Auf Wiedersehen. Er ging.

Als er das Grtchen durchschritten hatte, blieb er am Trchen stehen und
zgerte es ins Schlo zu werfen. Er blickte auf das Fenster und wartete. Da
erschien ein kleines, fahles Gesicht an der dunkeln Scheibe, er warf das
Trchen ins Schlo und ging rasch weg.




Zweiter Teil





Erstes Kapitel


Der Liederkranzball bildete den Glanzpunkt des gesellschaftlichen Lebens in
der kleinen Stadt und kehrte seit undenkbarer Zeit ebenso sicher wieder wie
der Faschingsmontag. Die ganze Stadt lebte davon, ob man nun dabei war, am
Hotel stand und die Masken hineingehen sah, oder nur die Berichte des
Gauboten las, der alle Reden, humoristischen Vortrge usw. ausfhrlich
brachte, ganz einerlei. Fr dieses Jahr hatte der Gaubote als Programm
angekndigt: Im Reiche der Mitte. Nachdem am Sonntag ein lustiges
Maskentreiben die sonst vom gewerblichen Flei widerhallenden Straen
unserer geliebten Vaterstadt erfllte --

Dieses lustige Maskentreiben bestand darin, da ein paar Hanswurste mit
Schweinsblasen knallten und ein als Frau verkleideter Schlotfegergeselle
auf einem Fahrrade hin- und herraste, abgesehen von einigen Kindern, die
als Tiroler, Rotkppchen und Clowne verkleidet in den Straen
einherstolzierten.

Auch von dem Ball des Liederkranzes zu reden wrde sich kaum lohnen, wenn
sich dabei nicht einige recht sonderbare Dinge ereignet htten.

Grau war von verschiedenen Seiten eingeladen worden, aber er hatte keine
Lust, den Ball zu besuchen. Er verbrachte den Abend in der Gesellschaft von
Susanna und Mtterchen.

Sie leerten jene Flasche Rotwein, die Grau von seinem Freunde, dem
Gefngnisdirektor, seinerzeit auf die Reise mitbekommen hatte, sie tranken,
lachten und plauderten und Mtterchen hatte ordentlich aufgekocht. Es war
schon spt als Grau aufbrach um nach Hause zu gehen. Er schritt ber den
Marktplatz und pltzlich bemerkte er einen Burschen mit heller Bluse, einer
niedrigen Kappe und einem starken Nacken; der Bursche stand gerade vor dem
festlich beleuchteten Elefanten und blickte ins Tor hinein. Es war
Hammerbacher. Grau blieb stehen.

Er suchte Hammerbacher seit einigen Tagen, konnte ihn aber nirgends finden.
So viel er hrte, hatte der Geselle seine Stelle verlassen und trank mit
einigen Burschen in den Wirtschaften der Umgebung -- seit jenem Tage, da
die Notiz in der Zeitung gestanden hatte.

Grau war so erregt, da er augenblicklich auf den Burschen zugehen wollte,
aber er besann sich. Er ging ber den Platz und beobachtete von hier aus
den Burschen. Hammerbacher ging hin und her, wie ein Posten. Zuweilen
stampfte er auf den Boden, um die Fe warm zu halten, und jedesmal, wenn
er am Tore vorbei kam, blieb er eine Weile stehen und lugte hinein. Er
schttelte den Kopf, blickte auf die Uhr und begann wiederum seine
Wanderung. Er wartete! Ja, natrlich, er wartete! Es gab nichts mehr zu
sehen, kein Mensch stand mehr vor dem Hotel, es war berdies empfindlich
kalt. Aber Grau wollte ganz sicher gehen, er ging unten am Platze eine
halbe Stunde lang auf und ab, whrend Hammerbacher vor dem Hotel Posten
stand. Ein merkwrdiger Gedanke stieg in ihm auf.

So rasch wie mglich eilte Grau nach Hause, kleidete sich um und nach einer
kleinen Weile kam er wieder rasch die Stufen herab.

Die helle Bluse Hammerbachers leuchtete gerade unter dem Tore. Er wartete
immer noch.

Grau berhrte Hammerbachers Schulter und sagte: Wnschen Sie, da ich den
Herrn herunterrufe, ich gehe gerade hinein?

Hammerbacher fuhr herum, er blickte Grau erschrocken an, schlug die Augen
nieder und nahm die Kappe ab. Guten Abend.

Nun, wie steht es, soll ich den Herrn herunterrufen? Es ist nicht sehr
angenehm zu warten in dieser Klte, nicht wahr?

Welchen Herrn?

Wie gut wir uns verstehen! sagte Grau und blickte den Burschen scharf an.
Ist es nicht merkwrdig, wie gut wir uns verstehen?

Hammerbacher lchelte verlegen. Ich habe damals gelogen, als ich bei Ihnen
war, aus Not -- sie lieen mir keine Ruhe mehr -- dieses Gestichel --

Grau schttelte den Kopf: Wie konnten Sie nur so etwas tun? sagte er mit
mildem Vorwurf. Das htten Sie nicht tun sollen, es hat Sie befleckt fr
immer. Nein, sagen Sie mir nichts, ich wei wohl, wann Sie gelogen haben,
Hammerbacher. Damals haben Sie nicht gelogen, denn damals konnten Sie gar
nicht lgen, das wissen Sie recht wohl!

Sie htten ihm ja keine Ruhe mehr gelassen.

Grau schttelte den Kopf. Geben Sie sich weiter keine Mhe mehr! rief er
zornig aus. Ich habe mir recht wohl gedacht, da Sie zu Dem und Jenem
fhig sein knnten, deshalb habe ich Ihnen so dringend nahe gelegt das
Andenken jenes unglcklichen Mdchens hoch zu halten. Seien Sie nur still!
Ich will Ihnen das eine sagen, da Sie von meiner Seite aus nicht das
geringste zu befrchten haben werden. Aber ich werde nicht ruhen -- ich
werde nicht eher ruhen! -- bis ich jenen Herrn gefunden habe, der Sie
beschwtzt hat, um ihn an seine Pflicht zu erinnern. Sagen Sie ihm das!
Leben Sie wohl -- wenn Sie einmal einen Rat brauchen, ich stehe zu Ihrer
Verfgung. Es lt sich noch alles in Ordnung bringen, berlegen Sie es!

Grau stieg hinauf in den Saal, wo er mitten in den Trubel des Festes trat.

Der Saal war angefllt von Menschen, er war so voll, da man sich kaum
bewegen konnte. Alles lachte, schrie, ri den Mund auf, alle waren in
bermtiger, vom Tanzen und Trinken erregter Stimmung. Eine Menge von
Chinesinnen und Chinesen in allen denkbaren Kostmen und Farben schob sich
hin und her und wo man hinsah, erblickte man Zpfe, Pfauenfedern, Schirme,
Fcher, breite chinesische Hte, in fortwhrender Bewegung. Der Saal aber
hatte sich verwandelt in eine chinesische Strae mit Tee-, Kaffee-, Sekt-,
Wein-, Bier- und Verkaufsbuden; bunte schmale Tcher mit phantastischen
Drachen und Schriftzeichen hingen von der Decke herab und berall brannten
Lampione in allen Farben und Formen, klein, nicht grer als eine Faust,
mchtig gro und dick wie ein Fa, glhend rot, zart und schimmernd und
manche verblaten vollstndig in all dem Rauch und Dunst, der aus der
lachenden, treibenden Menge emporstieg.

Grau hatte keine Zeit alles genau zu betrachten, er begann augenblicklich
fieberhaft zu suchen.

Der erste Bekannte, den er sah, war Eisenhut. Er trug ein unglckliches,
gelbes Kostm, eine Art Sack mit weiten rmeln, eine gelbe runde Mtze und
merkwrdigerweise einen hohen Stehkragen, in den er den Spitzbart drckte,
so da er wie ein Pinsel vorsprang. Er trug eine gelbe Maske, aber jeder
mute ihn sofort erkennen, an seinem Spitzbart, den tiefen Furchen um den
Mund, der Krperhaltung. Er schlich sich durch die Menge und seine kleinen
Augen lugten mit komischer Lebhaftigkeit aus den Schlitzen der Maske, er
ging, als wolle er alles sehen und selbst nicht gesehen werden.

Einen Augenblick lang ruhten ihre Blicke ineinander, aber Grau blickte weg,
als ob er ihn gar nicht kenne. Er wollte ihm die Freude nicht rauben. Zwei
Chinesinnen strzten auf Eisenhut zu und drngten ihm Zigaretten auf, aber
Eisenhut machte eine rgerliche Handbewegung und entfloh zu einer Weinbude,
wo er rasch ein Glas Wein hinunterstrzte.

Die Menge kam aus irgend einem Anla in Bewegung und Grau wurde dicht ans
Orchester gedrckt, wo ihm die Batrompete direkt ins Ohr plrrte. Er
verlor Eisenhut aus den Augen. Pltzlich wurde er von zwei Seiten
angepackt. Herr Grau, Herr Grau!

Es waren die Schwestern Sinding, die ihn bestrmten, Sie hatten glhendrote
Wangen. In ihren losen Kostmen sahen beide etwas dick aus. Hahaha, also er
sei doch hier! Welch ein Lrm, abscheulich, puh! Aber er sei wohl
Nichtraucher?

Wir haben Zigaretten zu verkaufen -- buh, buh! Klara Sinding winkte der
Batrompete still zu sein. Es geht lustig zu! Ja, wir sind heute alle
vergngt!

Im Gegenteil, ich rauche leidenschaftlich gern! sagte Grau und er erstand
ein Paket Zigaretten.

Wie gefllt es Ihnen? Bitte, Feuer!

Ganz prchtig! sagte Grau und paffte. Ganz herrlich ist das.

Die beiden Mdchen sahen einander an und dann riefen sie wie aus einem
Munde aus: Aber wir haben ja ganz vergessen zu gratulieren! Herzlichsten
Glckwunsch! Allerherzlichsten Glckwunsch!

Danke! Danke! Grau verneigte sich.

Wir waren so berrascht, als wir es in der Zeitung lasen! Und wie sehr wir
uns gefreut haben! Wie glcklich Susanna ist! Und Mtterchen erst!
Mtterchen hat die Zeitung mit der Anzeige na geweint! Ja, so herzlich
haben wir uns darber gefreut! Wir lieben Susanna! Hahaha -- diese ganz
abscheuliche Batrompete!

Sie plauderten und es trat noch eine Chinesin zu ihnen, ein hoch
aufgeschossenes Mdchen mit vorstehenden langen Zhnen, die eine
eigentmliche Art hatte den Kopf langsam auf den Schultern zu drehen. Dann
rannte eine pechschwarze Jdin heran, die Grau einen Fcher aufschwtzte,
es kam noch eine Chinesin, die Orangen zu verkaufen hatte, ein kleines
hliches Mdchen mit stumpfer Nase und groen Ohren, eine andere, und
schlielich stand ein ganzer Kreis von Mdchen um Grau herum. Alle lachten,
schwtzten und sahen Grau an.

Gestatten Sie, da ich vorstelle -- Frulein Anna Mohr --

Keine Namen, keine Namen! Es ist ja Fasching! schrien die Damen.

Grau lachte und rauchte die Zigaretten. Ich habe gar nicht gewut, da es
so viele schne Damen in der Stadt gibt? sagte er und sah alle der Reihe
nach an. Sein Blick war ruhig und rein.

Die Mdchen lachten.

Wir wollen ihn fragen -- Aber ja! Sie wollten fragen, welche die schnste
von ihnen sei.

Welche ist die schnste von uns allen, sagte Klara Sinding, jene, die das
kleine Mal auf der Wange hatte.

Die schnste? Grau blies den Rauch durch die Lippen. Das sei eine sehr
schwierige Frage. Er errtete ein wenig, denn alle blickten ihn an und ihre
Gesichter sahen aus, als ob sie auf eine Gelegenheit warteten,
herauszuplatzen mit Gelchter. Er sah eine nach der anderen an und fgte
hinzu: Das ist schwer zu sagen, denn ich kenne ja die Damen kaum. Aber Sie
meinen -- so nach dem ersten Blick zu urteilen -- aber auch das ist schwer,
denn sobald ich glaube jene Dame sei die schnste, springt mir etwas im
Gesichte einer andern Dame in die Augen -- ja, es ist unmglich. Er
blickte zuerst das kleine hliche Mdchen mit der stumpfen Nase und den
groen Ohren an und sagte: Bei Ihnen, mein Frulein, da sind es die Augen,
es sind die schnsten silbergrauen Augen, die ich in meinem ganzen Leben
gesehen habe -- das Mdchen errtete und lachte allen verlegen ins Gesicht
-- bei Ihnen, mein Frulein, sind es vor allem die Wangen, die so zitternd
weich sind und von eigentmlichen Rot -- bei Ihnen sind es die Brauen und
die Schlfen --

Die Mdchen lachten und schrien durcheinander und machten solchen Lrm, da
alles nach der Ecke blickte. Nein, das sei ja keine Antwort -- aber nein --
wir sollten ihn fragen wer die klgste von uns allen ist --! Sie fragten.

Die klgste? Aber, bitte, meine Damen, das ist ja noch schwerer! Grau
lachte. Wenn ich aber nun etwas Bestimmtes sagen soll, so erklre ich
dieses Frulein hier fr die klgste von allen. Es war das kleine hliche
Mdchen. Gelchter. Die Damen klatschten in die Hnde. Das kleine hliche
Mdchen sagte mit tiefer Stimme: Ich war stets die Dmmste im Institut!
Aber sie lchelte.

Grau lchelte ebenfalls. Was sollte das beweisen? Ich werde den Damen eine
Frage vorlegen und wir werden es gleich sehen. Hren Sie zu --

Aber ja! Das wrde ja schrecklich interessant werden.

Wie hbsch er plaudert! flsterte das hochaufgeschossene Mdchen der
Jdin ins Ohr. Die Jdin lie ihre Augen funkeln. Ja, wisperte sie, er
ist so jung und schn. Siehst du, wie schchtern er ist -- er zittert immer
ein wenig. Pst, er hrt dich.

Die Mdchen brachen in heiteres Gelchter aus. Klara Sinding also wrde
eine Nadel nehmen und in die Bohnen stechen. Es ist aber verboten, die
Bohnen irgendwie mit der Hand oder sonst etwas zu berhren. Die jungen
Damen ffneten die Mnder und blickten einander verdutzt an: Ja, groe
Gte, da liegen nun zwlf Bohnen auf dem Tische, zwlf weie Bohnen, alle
ganz gleich, und unter ihnen ist eine Bohne aus Elfenbein, ganz wie die
andern, wie knnte man sie doch herausfinden?

Nun werden wir es gleich sehen, wer die Klgste ist! sagte Grau und
lachte. Die Damen dachten angestrengt nach. Sie brachten die
abenteuerlichsten Projekte vor, aber es stellte sich immer heraus, da sie
unbrauchbar waren.

Grau wandte sich an das kleine hliche Mdchen. Sie schttelte den Kopf.
Sie habe ja von vornherein erklrt, da sie die Dmmste sei.

Ich werde Ihnen etwas helfen, sagte Grau lchelnd und blickte sie an.
Pltzlich nun schrie das kleine Mdchen aus vollem Halse: Ein Huhn!

Ein Huhn! Hahaha, ja, mein Gott -- die Mdchen schttelten sich vor
Lachen. Wer sollte auch daran denken! Es sei das Ei des Kolumbus!

Das kleine hliche Mdchen aber sagte ganz verwirrt: Es ist ganz
merkwrdig, ich habe ja gar nicht daran gedacht und pltzlich ist mir der
Gedanke gekommen -- gerade als Herr Grau sagte, er wolle mir ein wenig
helfen -- Sie blickte mit verwirrten, fast scheuen Augen auf Grau.

Grau lchelte. Die Damen mssen mir den Scherz vergeben. Denn es war ja
ein Scherz. Ich mae mir keineswegs an, Behauptungen solch khner Art
aufzustellen. Mein Beispiel ist ebenfalls schlecht gewesen, das erste
beste, das mir in den Kopf gekommen ist, natrlich. Klugheit und
Scharfsinn, rasches Denken und langsames Denken, das ist ja alles so
verschieden -- ich wei das wohl, aber da sie mich nun gerade gefragt haben
--?

Das Orchester spielte die ersten Takte eines Walzers und die jungen Mdchen
machten Miene auseinander zu stieben.

Auf eine Sekunde noch! bat Grau; und nun lud er sie alle zu einer kleinen
Feier bei Susanna ein. Er wollte ihnen mitteilen, wann die kleine Feier
stattfinden sollte -- Frulein Sinding wre vielleicht so gtig ihm die
Adressen der Damen aufzuschreiben --?

Die Mdchen lachten, waren etwas verblfft und sagten alle zu. Ja,
natrlich, natrlich. Sie schrien, was sie konnten.

Wirklich liebenswrdige Mdchen, sagte Grau ganz gerhrt zu sich selbst,
mischte sich in die treibende Menge und sphte nach links und rechts aus.

Er wanderte im Saale umher, blickte in den Tanzsaal, wo alles wirbelte und
fegte, musterte jede Gruppe. Er begegnete einigemal Eisenhut, aber der
schien es nicht zu sein, den er suchte, denn er hrte nicht auf
umherzusphen. Er begrte da und dort Bekannte, aber er lie sich nicht in
Gesprche ein. ber einer Gruppe von Kpfen, Hten, Glatzen sah er etwas
ungeheuer Schnes, eine feine Bewegung, eine feine Hand, kurz und huschend;
das war Adele. Grau blieb stehen und blickte zwischen einem groen
chinesischen Schirm und einer geschminkten Wange hindurch auf die Gruppe.
Zuflligerweise schneuzte sich ein Herr und zuflligerweise einer jener
Herren, die sich beim Schneuzen verneigen. So oft der Herr sich verneigte,
sah er Adeles Gesicht. Sie lachte gerade heiter und bermtig.

Dann zwngte er sich wieder zwischen den Masken hindurch und sphte in
jeden Winkel. Vielleicht doch unter den Tanzenden? Er stand an der Tre des
Tanzsaales und blickte aufmerksam in jedes Gesicht.

Da berhrte jemand leise seine Schulter und Adele stand vor ihm.




Zweites Kapitel


In purpurroter Seide stand sie da. Mchtige, weitausgreifende Chrysanthemen
waren in lackroter Farbe auf das Kostm gestickt. Ihr Hals war frei, er war
lang und wei und ganz besonders nackt, die Linien ihrer weien Arme
verschwammen in den weiten hngenden rmeln und ihre schmalen Hnde waren
best mit Ringen, sie waren gleichsam gepanzert mit flimmernden Steinen.
Ihre schwarzen Haare waren zu einer Art lebendigem Helm geflochten, durch
den ein silberner Pfeil sauste. Groe gelbe Rosen schmckten das Haar, die
Schulter, den Grtel. Sie lchelte. Ihre Zhne waren so wei, ihre Lippen
so rot. Aber ihre Augen waren hell und tief wie zwei Quellen, auf deren
Grund Licht brannte.

Ihr Anblick verwirrte ihn. Er lchelte. Er sah sie an und eine Weile ruhten
ihre Blicke tief ineinander. Grau errtete langsam. Adele lchelte.

Ich gratuliere Ihnen herzlich, mein Freund! sagte sie dann.

Danke! Adeles Hand war brennend hei.

Susanna wird wohl sehr glcklich sein. War sie nicht ein wenig berrascht,
als Sie um ihre Hand anhielten?

Sie sei einigermaen berrascht gewesen, ja. Es habe einen langen Kampf
gekostet, bis sie einwilligte.

Adele blickte ihn mit einem eigentmlichen Blicke an. Sie schttelte
unmerklich den Kopf, dann ffnete sie die Lippen zu einem schnellen
Lcheln. Heute ist Fasching! sagte sie. Kommen Sie, wir wollen frhlich
sein. Ich bin in solch ausgezeichneter Stimmung. Sie sollen mir etwas
erzhlen, wollen Sie? Sehen Sie den Kiosk dort? Dort bin ich engagiert, wir
machen Geld. Oh, wie hei es ist! Und ich habe auch so viel Sekt
getrunken. Sie prete die Rcken der Hnde an die langen flchigen Wangen
und khlte sie mit den Steinen. Erzhlen Sie mir Ihr schnstes Erlebnis,
wir werden dabei umhergehen.

Grau lchelte. Mein schnstes Erlebnis erzhle ich nicht, sagte er aber
wenn ich Ihnen eines von meinen vielen schnen Erlebnissen erzhlen darf?
Ein kleines hbsches Erlebnis, wenn Sie wollen. Einmal fuhr ich des Nachts
in einem Zuge und an meiner Seite sa ein junges Mdchen, ein auffallend
schnes und zartes Geschpfchen. Sie war sehr mde, immerfort fielen ihr
die Augen zu und ihr Kpfchen schwankte hin und her. Ich dachte, wollte sie
doch den Kopf an meine Schulter legen -- und so geschah es. Pltzlich sank
ihr Kopf an meine Schulter, sie schlief. Sie schlief die ganze Nacht an
meiner Schulter und atmete so tief. Das erzhlte er.

Wie hbsch! sagte Adele und lachte. Sehen Sie die Lauben und all die
nrrischen Leute? Wie gefllt Ihnen der Ball?

Prchtig!

Echte Provinz -- haha! -- echte, gute Provinz, Herr Grau. Ich glaube Sie
sind noch nicht oft auf Bllen gewesen, wie? Ich werde Sie spter meiner
Mutter vorstellen, sie hat mich gebeten darum. Wir werden auch ein Glas
Sekt zusammen trinken. Lassen Sie mich eines wissen, knnen Sie tanzen?
Aber ich befrchte Sie knnen es nicht --

Doch, sagte Grau, ich habe tanzen gelernt als ich zwlf Jahre alt war.

Unmglich!

Zu Hause, ja. Meine Mutter gab mir Unterricht.

Ah! -- Ja, das Kostm ist echt, da haben Sie recht. Ein Onkel, ein
Gesandter, hat es mir geschenkt. Auch der Fcher ist echt. Sie sind der
erste, der das fragt, denn der Fcher ist ja so schlicht. Oh, welches
Geschrei! Sie fhlen sich hier nicht heimisch, wie? Ich protegiere Sie ein
wenig, wenn Sie mir das erlauben. Wollen wir jetzt tanzen? Ja! Kommen Sie!

Sie legte ihre Hand in seinen Arm.

Sie haben doch in den letzten Tagen soviel Orgel gespielt? Sie waren es
doch, nicht wahr? fragte sie whrend sie sich geschickt durch die Menge
bewegte.

Ja, zuweilen kommt es ber mich, dann mu ich ganze Tage spielen,
antwortete Grau.

Ich hrte es bis in mein Zimmer. Was haben Sie denn da? Einen Ring?

Graus Finger spielten mit einem Ring, einem schmalen silbernen Reif mit
winzigem blauen Stein. Das sei ein Ring, den er sozusagen gefunden habe.
Sie habe ihn wohl nicht verloren? Er steckte den Ring wieder in die
Westentasche.

Adele lachte. Ich habe niemals einen solchen Ring gehabt, rief sie aus,
sicherlich gehrt er einer Kchin. Weshalb sehen Sie mich denn so
verwundert an?

Tat ich das?

Ja, zuweilen knnen Sie recht wunderlich sein!

Als sie in den Tanzsaal kamen, war der Walzer gerade zu Ende und die
erhitzten Paare strmten heraus. Die Herren wischten sich den Schwei von
der Stirne und grten Adele, die Damen wechselten ein paar Worte mit ihr
und blickten erstaunt auf Grau, der Adele am Arme fhrte.

Warten wir bis zum nchsten Tanze, sagte Adele und lchelte. Hier ist es
brigens khler. Guten Abend, Klara! Vielleicht knnte man sich auch einen
Augenblick irgendwo hinsetzen, nicht wahr? Mein Gott, dieser Herr Eisenhut
glaubt, man erkennt ihn nicht. Ist das nicht komisch? Dann werden Sie mir
jene Geschichte, erzhlen, die Sie mir schon solange schuldig sind.

Welche Geschichte? Jede Geschichte, die Sie wollen, natrlich, denn Sie
sind so freundlich zu mir, da ich mich gerne dankbar zeigen mchte, aber
ich erinnere mich ja gar nicht --?

Ein schmetterndes Trompetensignal erscholl und alles rannte in die
chinesische Strae hinaus. Herr Bezirksamtmann Hberlein sprach einige
Worte, die einen lauten Beifall wachriefen. Ein kleiner Mann mit weier
Knstlermhne trat auf die Bhne. Das war Herr Photograph Leistlein, der
eine Extranummer zum besten gab.

Adele lachte. Was fr ein Unsinn! Es ist zu dumm. Sie lachen, weil Sie
nicht begreifen knnen, da die Leute ber einen solchen Unsinn lachen
knnen. Nun sind wir Gott sei Dank allein.

Der Saal hatte sich geleert und nur zwei junge Mdchen gaben sich
gegenseitig Anweisungen im Tanzen; sie hpften hin und her und kicherten
und quiekten. Eine Mauer von Rcken versperrte den Eingang zur chinesischen
Strae, die in all dem Rauch wie ein Bild in einem blinden Spiegel aussah.
Man hrte Herrn Leistlein in verschiedenen Stimmen sprechen, zuweilen
unterbrach ihn rasender Beifall.

Wie wohl das tut, diese Ruhe! sagte Adele und lie sich auf eine kleine
Bank nieder. Sehen Sie doch, die vielen Lampione, wie hbsch! -- Die
Geschichte von jener Frau, der ich hnlich sehe, Sie erinnern sich wohl?

Gewi erinnere ich mich, antwortete Grau. Ist es nicht merkwrdig, da
ich seitdem wieder von dieser Frau getrumt habe? Sie sieht Ihnen brigens
nicht so sehr hnlich, es ist nur Ihre Art den Kopf zu tragen und vor allem
Ihre Augen.

Adele unterbrach ihn. Sind denn so schreckliche Dinge in jenem Traume
geschehen! rief sie lachend aus. Setzen Sie, sich Herr Grau. Weshalb mu
ich Sie erst dazu auffordern? Lassen Sie alles Zeremoniell beiseite, Sie
sind auf einem Maskenball und sprechen mit einer Japanerin. Beginnen Sie
mit dem Traum. Ein Traum, das war es doch?

Danke, sagte Grau und nahm neben Adele Platz. Ja, es war ein Traum. Es
war brigens einer der schnsten und einer der merkwrdigsten Trume, der
mir je geschenkt wurde. Es kommt ein Sternschnuppenregen darin vor und was
diese Frau mir alles gesagt hat -- ich trumte, ja, nun will ich endlich
beginnen -- ich trumte, da ein Geist mich dahintrage.

Ein Geist? Adele sttzte das Kinn in die Hand und blickte gerade aus. Sie
hatte ein feines anliegendes Ohr.

Ja. Ein Geist, der wie ein Wind sauste, er trug mich dahin ber die Lande
in schwindelnder Schnelligkeit durch Wolken hindurch, pltzlich nherten
wir uns der Erde und flogen ber schlafende Stdte, riesige, schlafende
Stdte mit hohen steilen Husern. Die Stdte waren ohne Licht, ohne Laut,
ungeheuer stumm und tot. Sie schliefen und wir flogen an einem Heer von
Fenstern vorbei. Ich sah in all diese Fenster hinein und obgleich es dunkel
war, sah ich sehr genau.

Was sahen Sie denn da? fragte Adele.

Ich sah Kinder, die schliefen, Tausende und Tausende von schlafenden
Kindern sah ich, alle schliefen sie, friedlich, mde, gesund, ihre Backen
glnzten rot und ihre Mnder standen halb offen, ich sah all diese kleinen
Brustkrbe atmen, Millionen solcher Kinder habe ich gesehen, es war ja im
Traum, gelbe, braune, weie Gesichter, alle Rassen.

Eine Lachsalve raste durch den Saal.

Wie schn! Er mge doch fortfahren.

Ja. Ich denke daran, wie schn es war, nie mehr habe ich soviel Frieden
gesehen und auch nie mehr diesen Frieden gefhlt. Aber wie rasch es doch
dahinging, mit welch rtselhafter Leichtigkeit ich an diesen Fenstern
vorbeischwebte! Nun kamen immer neue Stdte, pltzlich tauchten sie stets
unter mir auf, riesenhaft und alle schrecklich stumm und tot. Als ich nun
in eines der schwarzen Fenster blickte, sah ich zu meiner berraschung ein
kleines Licht im Zimmer brennen und einen Mann, der am Tische sa; er hatte
reiches, aber ergrautes Haar.

Was tat er?

Er tat nichts. Er sa an dem Tische und starrte in das kleine Licht und
lchelte seltsam. Ich zog an tausenden von Fenstern vorber und berall sah
ich den Mann mit den grauen Haaren und dem seltsamen Lcheln vor der
kleinen Kerze sitzen. Ich sah nicht nur ihn. Ich sah auch andre und alle
tausendfach. Ich sah eine Frau, die ein Licht in der Hand hatte und auf
einem Stuhle sa. Aber sie las nicht, sie blickte ber das Buch weg und
lchelte, ebenfalls seltsam. Ich sah einen jungen Mann, der leise tanzte
und einen Ku in die Luft warf, er war sehr bleich und auch er lchelte
seltsam, ich sah junge Mdchen, die die Lippen ffneten und ohne Laut
sangen. Tag und Nacht knnte ich wohl erzhlen, wollte ich all diese
Menschen beschreiben, die ich gesehen habe. Alle waren sie allein mit einer
kleinen Kerze, wach, whrend die andern schliefen, alle lchelten sie
seltsam. Sie beschftigten sich alle so sonderbar, lasen ohne zu lesen,
sangen ohne zu singen, sie spielten, runzelten die bleichen Stirnen,
lchelten, ihre Beschftigungen waren mannigfacher Art, sie bauten
Kartenhuser, einer hatte ein dickes Buch in Zettel geschnitten und mhte
sich damit ab es wieder zusammenzusetzen. Sie waren alle allein. Verstehen
Sie?

Ah! sagte Adele und sah rasch auf. Es waren die einsamen Menschen der
Erde, die Sie sahen. Wie merkwrdig!

Grau nickte. Ja, ich denke es. Aber weit merkwrdiger ist es, da ich
wute, was die Menschen dachten. Vergessen Sie nicht, da es ein Traum war.
Nun habe ich seitdem -- es ist ja sechs Jahre her -- die meisten dieser
Gesichter in Wirklichkeit gesehen, oder es wird richtiger sein, im Traum
sah ich alle Gesichter, die ich in der Wirklichkeit gesehen hatte, ein
wenig verschieden vielleicht -- kurz und gut, ich sage, ich sah die meisten
dieser Gesichter in Wirklichkeit und es schien mir nun, als wisse ich, was
sie ausdrckten. Ich sehe ein Gesicht auf der Strae und es erinnert mich
an eines jener Gesichter im Traume -- aber ich wollte das ja nicht sagen,
Pardon.

Fahren Sie doch fort! sagte Adele.

Grau lchelte leise, schttelte nachdenklich den Kopf und sagte: Wie
sonderbar aber ist es doch, da wir im Antlitz des Menschen zu lesen
wnschen! Da uns jeder Mensch so sehr beschftigt, da wir wissen mchten,
wie er ist!

Ja, wie eigentmlich ist das, sagte Adele und blickte Grau an. Man sagt,
an den Augen erkenne man den Menschen am besten. Wie meinen Sie?

Grau lchelte. An den Augen? sagte er. Vielleicht. Ein wenig an den
Augen, ein wenig am Gang, an den Hnden, an den Ohren, an den Lippen. Ganz
besonders an der Nase! Aber das alles kann trgen. An den Worten? Auch sie
knnen trgen, sie verbergen den Menschen und der Mensch verbirgt sich
hinter ihnen. Selbst wenn er die ehrliche Absicht hat, aufrichtig zu sein,
er kennt sich ja selbst nicht, seine Worte sind alle ein wenig falsch,
schief gleichsam -- oder er ist ein groer Dichter. All das kann trgen.
Vielleicht ist das Lcheln noch am zuverlssigsten -- wie meinen Sie? --
Das Lcheln, sagte ich, das unbewute und kaum bemerkte, leiseste Lcheln.
Vielleicht. Der Mensch kann lachen, schreien, weinen -- und es kann sein,
da er nicht im Lachen, Schreien oder Weinen steckt, aber im Lcheln? Das
Lcheln ist schwer zu heucheln, ganz wenig Menschen knnen es auch
unterdrcken, es ist unkontrollierbar, es kommt und geht, schnell, es kann
die ganze Niedrigkeit und den ganzen Adel eines Menschen ausdrcken, den
ganzen wahren Schmerz, wahre Freude. Vor allem aber die Entwickelungsstufe
des Menschen.

Haben Sie das ebenfalls aus jenem Traume? fragte Adele. Aus dem Lcheln
dieser Einsamen? -- Hren Sie die Narren lachen, haha?

Gewissermaen, fuhr Grau eifrig fort. Gewissermaen ja. Aber ich mache
zu viele Worte. Ich sage, auch das Lcheln kann trgen, es bleibt Ihnen
also nichts als das Gefhl. Vielleicht fhlen wir die Menschen! Der
seelische Zusammenhang der Menschen ist vielleicht so stark, da wir
erschrecken wrden, knnten wir ihn erkennen, ja, es ist mglich, da
zwischen den Menschen -- zwischen den Seelen -- berhaupt keine scharfe
Trennung existiert -- ich fr meine Person glaube das -- vielleicht knnen
Sie an keinen Menschen denken, ohne da er es fhlt, ja, ohne da er wei,
was Sie denken. Nicht wahr? Wenn Sie ihn lieben, er wird es fhlen und wenn
Sie nur auf der Strae aneinander vorbeigehen, er wird es fhlen, er wird
Ihren Ha fhlen, alles, vielleicht berkommt ihn nur ein leises Behagen
oder Unbehagen, vielleicht wei er es nicht, aber seine Seele wei es ganz
genau. Jeder Mensch knnte Ihnen aus seinen Erfahrungen Beispiele erzhlen
und Sie selbst haben gewi hnliche Beobachtungen gemacht. Ich sage zum
Beispiel, es begegnet Ihnen auf der Strae ein Mensch, er blickt Sie an,
blinzelt, sieht weg. Sie denken: Das ist ein armer, einsamer und guter
Mensch. Die Leute erzhlen Ihnen alle denkbaren Schlechtigkeiten von ihm --
jener Mensch selbst spricht mit Ihnen, ja er beleidigt sie und legt es fast
darauf an, einen ungnstigen Eindruck auf Sie zu machen -- und doch knnen
Sie den Glauben nicht lassen -- er ist einsam, arm, aber gut.

Adele sah auf. Sprechen Sie von einem bestimmten Menschen? Nein? Ich
dachte, weil Sie sagten, er sieht Sie an, blinzelt --

Grau antwortete ihr darauf nicht. Er lachte pltzlich und sagte: Ich bin
ja ganz vom Thema abgekommen!

Auch Adele lachte. Aber ja! Sie wollten von jener Frau erzhlen?

Sofort. Die Reise ging an Fenstern, Fenstern und Fenstern vorber, ber
all die schlafenden Stdte hinweg, das erzhlte ich, nicht wahr. Dann ging
es ber endlose Wlder und ich erinnere mich, da vier Sterne am Himmel vor
uns standen, vier Sterne in der Gestalt eines Quadrats. Wir kamen den
Sternen nher und ich glaubte, wir wrden durch sie hindurch fliegen, aber
sie entfernten sich pltzlich wieder und standen ganz klein am schwarzen
Himmel. Nun blickte ich pltzlich in ein Fenster und hier sah ich eine
Frau, die vor einem Kaminfeuer sa. Sie hatte so reiches schwarzes Haar wie
Sie und ihre Haut war ebenso wei wie die Ihrige, sie trug die Haare in
einem losen Knoten im Nacken, wie Sie es gewhnlich zu tragen pflegen, sie
hatte ebenfalls auffallend helle Augen. Aber trotzdem sah sie anders aus
als Sie.

Was tat sie denn? fragte Adele gespannt und zog das Gewand an sich, da
die beiden Backfische vorbeitanzten.

Sie war damit beschftigt, kleine Rosen anzufertigen, fuhr Grau fort.
Sobald eine Rose fertig war, sah sie die Rose unzufrieden an und warf sie
in den Kamin. Die Rose verbrannte. Es sah aus wie ein brennendes Schiff. Es
sah aus wie eine Wste mit feuriger Sonne und eine kleine Karawane, ganz
glhend, zog durch die Wste. Es entstand ein brennender tanzender Br,
ganz klein, aus der brennenden Rose.

Wie amsant! sagte Adele. Die Dame hat sich ganz gut unterhalten.

Man sollte es glauben, fuhr Grau fort. Pltzlich nun sagt die Frau leise
und zaghaft: Herein! und zu meinem grten Erstaunen trat ich selbst ins
Zimmer, obgleich ich doch gleichzeitig zum Fenster hereinblickte.

Adele lachte. Aber so pflegt es ja in den Trumen zuzugehen!

Ja. Ich trat ins Zimmer und die Frau sah mich an. Sie kam mir
gewissermaen wie ein Geist vor, nicht irdisch. Sie trug Ohrringe und eine
silberne Kette um den Hals. Sie lchelte leise und dann rief sie mir ein
Wort zu, das ich nicht verstand. Sie sagte etwas und auch das verstand ich
nicht. Es war eine seltsame, fremde Sprache von unglaublicher Weichheit des
Klanges. Sie warf alle Papierschnitzel, die sie auf dem Kleide hatte, ins
Feuer und daraus entstanden eine Menge winzig kleiner goldener Vgel, die
zwitschernd in den Kamin hinauf flatterten. Sie stand auf und sagte: Ich
habe nicht gedacht, da du heute kommst.

Verstanden Sie denn jetzt? unterbrach ihn Adele, die eifrig zuhrte,
whrend ihre Blicke mechanisch den Tanz der Backfische verfolgten.

Ja, antwortete Grau, ich wei brigens nicht, ob sie sich der fremden
Sprache bediente. Kurzum, ich verstand sie. Ich sah sie erstaunt an, denn
ich hatte sie nie im Leben gesehen. Haben Sie mich denn erwartet? fragte
ich. Sie sah mich lchelnd an, lange. Dann ging sie nher und legte ihre
Hand auf meinen Arm und ich sah ihre Augen ganz dicht vor mir. Sie waren
klar und hell, von unbestimmter Farbe und mit einem Schein als ob sie
phosphoreszierten. Wie sagst du? fragte sie. -- Ich wiederholte das
gleiche. -- Wie sagst du? Wiederum sagte ich: Haben Sie mich denn erwartet?
Sie schttelte den Kopf und sagte lchelnd, aber gleichsam verletzt: Kennst
du mich denn nicht mehr? -- Ich schttelte den Kopf. Nein, sagte ich. Ich
sah sie an und nun schien es mir, als ob ich sie schon gesehen htte, alles
verwirrte sich in mir; dann aber wute ich, da ich sie noch nie gesehen
hatte. Ich sagte es. Sie schttelte den Kopf und zeigte auf die silberne
Kette, die sie am Halse trug, und sagte: Kennst du auch die Kette nicht? --
Nein. -- Aber sie ist von dir! -- Nein! -- Ja, sie ist von dir, wir haben
uns lange, lange Jahre gekannt und nun erkennst du mich nicht wieder. Nein,
sagte ich. Sie sah mich trauernd an und schttelte den Kopf. -- Komm! sagte
sie, und pltzlich gingen wir auf einer Heide, es war in grauer Nacht und
ganz still --

Im Saale bliesen die Trompeten Tusch und die Menge schrie rasend Hoch.
Adele hielt sich die Ohren zu. Wie schade! sagte sie, indem sie aufstand.
Nun kommen sie alle hierher. Wie merkwrdig ist doch der Traum?

Ja.

Sie sahen einander an und fhlten beide eine auffallende Beklommenheit im
Herzen, obgleich keiner sie dem andern verriet. Graus Augen leuchteten und
seine Wangen rteten sich.

Die Gesellschaft strmte wieder in den Tanzsaal. Das Orchester begann.
Sofort fingen die Paare an zu wirbeln und zu schleifen. Herren in Frcken
und Kostmen schossen hin und her nach der Tnzerin, Eisenhut kam aus der
Tre und ging geradeswegs auf Adele zu und bat sie mit verstellter Stimme
um einen Tanz. Er trug noch immer die Maske, obgleich jedermann sie schon
lngst abgenommen hatte. Adele gab ihm einen Korb und Eisenhut zog sich
zurck. Er blickte noch einigemal um und dreht sich bald darauf am Arm
einer roten Chinesin im Kreise. Nun nherte sich der Bezirksamtmann
Hberlein mit tnzelnden Schritten und sicherer Miene, aber Adele forderte
gleichzeitig Grau auf mit ihr zu tanzen.

In dem Gewhle ist es ja ganz unmglich zu erzhlen, sagte sie. Es
kommen nun gewi recht merkwrdige Dinge?

Ja, merkwrdige Dinge kommen nun.

Adele lchelte. Herrlich! Wie spannend das ist! Und nun, bitte!

Grau tanzte leicht und sicher und Adele lobte ihn mit einem Blicke. Halten
Sie mich fester! sagte sie.

Es war eine Masurka. Die Pauken wirbelten, die Geigen wehten, es erschien
Grau als spielten sie etwas vom Frhling und als die Flten bliesen sah er
frmlich die Blumen aus dem Rasen steigen.

Sie sahen einander an. Aber sie hatten noch keine Runde getanzt, als Adele
inne hielt und erblate. Sie stand still. Ich kann nicht mehr! sagte sie
leise und heftete die Blicke auf Grau. Sie sah ihn erschrocken, scheu und
erstaunt an, whrend sie sich mit einem Lcheln entschuldigte.

Aber was ist Ihnen? fragte Grau.

Ich kann nicht tanzen mit Ihnen, es macht mich schwindlig, sagte Adele.
Nichts, einen Augenblick nur. Sie sammelte sich rasch.

Wie leid es mir tut, Frulein von Hennenbach.

Adele schttelte den Kopf. Es ist nichts, sagte sie, es ist nur so
merkwrdig -- Sie sah Grau an. Sie schwieg lange Zeit und whrend sie
schwieg, schien sie sich zu verwandeln. Ihre Lippen wurden schmal. Sie
schien zerstreut zu sein.

Kommen Sie! sagte sie und ging voran. Grau folgte ihr.

In der Tre kamen sie ins Gedrnge und Adele blickte in Graus Augen und
sagte unvermutet: Sagen Sie mir eines, lieben Sie Susanna wirklich?

Grau errtete leicht. Wie? Dann blickte er Adele erstaunt an. Gewi
liebe ich Susanna aufrichtig, erwiderte er.

Adele lchelte; sie schwieg. Sie streifte Grau wieder mit einem Blicke,
dann raffte sie den Fcher auf und bewegte ihn in der glitzernden Hand. Sie
blickte stolz ber alle Kpfe hinweg. Ihr Blick, ihr Gang, ihr Lcheln,
alles hatte sich verndert.

Wollen Sie nun den Traum zu Ende hren? fragte Grau.

Nein, nicht jetzt, erwiderte Adele hflich. Aber sie sah Grau nicht an.
Meine Mutter wrde sich so sehr freuen, Sie kennen zu lernen, fgte sie
hinzu, darf ich Sie bemhen? Auch ihre Stimme hatte sich verndert.

Grau folgte ihr und dachte darber nach, was der Anla zu ihrer Verstimmung
sein knnte.




Drittes Kapitel


Adele wurde von den Herren, die die Sektbude belagerten, mit lautem Hurra
begrt und mit schmeichelhaften Vorwrfen ber ihr langes Wegbleiben
berhuft.

Hoch, hoch, hurra! schrieen die Herren und schwenkten die Kelche. Adele
hatte Mhe sich den Weg in den Kiosk zu bahnen.

Im Kiosk bedienten die feinsten Damen der Stadt. Die Frau des
Bezirksamtmannes, Frau Hberlein mit dem porzellanartigen Teint, eine hohe
Blondine, die etwas schielte und eine dicke Jdin mit weiem mchtigen
Busen. Die Damen hatten alle Hnde voll zu tun, Flaschen zu entkorken, die
Kelche zu fllen, zu trinken. Hier herrschte eine ausgelassene, fast wilde
Stimmung und die Herren waren alle angeheitert.

Die Mutter Adeles sa in einem Stuhl, in Spitzen und Seide gehllt, fein,
durchsichtig, fast selbst nichts andres als Spitzen und Seide, sie hatte
Adeles Augen; der Freiherr von Hennenbach stand in einem Kreise von jungen,
frhlichen Herren -- es waren die Offiziere von Weinberg -- er war grer
als alle, grau und wrdevoll, er rauchte eine groe Zigarre und trug einen
mchtigen Siegelring am Zeigefinger. Er hatte Augen wie ein Falke und
nderte nie den Ausdruck des Gesichtes, ob er nun lachte, plauderte oder
zuhrte. Seine Haare waren bis in den Nacken hinab sorgfltig gescheitelt
und sahen aus wie eine schmale, graue Strauenfeder, die kokett ber seinen
hohen Schdel gelegt war.

Baron Kirchgang -- Adeles Brutigam -- war ein schweigsamer, etwas
rgerlich aussehender Herr, dessen Schlfen ergraut waren. Sein Gesicht war
rot, von verschwommenen Formen, als sei es mit kochendem Wasser verbrht
worden. Er wechselte einige nichtssagende Worte mit Grau. Als er an den
Schenktisch trat, bemerkte Grau, da sein linker Arm verkrppelt war, er
war krzer als der rechte und lahm.

Grau sah sich unter all den Herren aufmerksam um.

Ihr Herr Bruder ist nicht da? fragte er Adele.

Er ist dagewesen, antwortete sie ihm, er sitzt mit seinen Freunden im
ersten Stock irgendwo und spielt. Wollten Sie ihn sprechen?

Ich dachte nur, sagte Grau. Danke!

Adele fllte ein Glas und reichte es Grau. Sie stie mit ihm an und sagte
lchelnd: Auf das Wohl Ihrer Braut!

Grau dankte. Auf Susannas Wohl!

Adele leerte das Glas und sah Grau einen Augenblick lang tief an. Er
verstand ihren Blick nicht. Adele lachte und wandte sich den Gsten zu. Sie
begann zu lachen und zu plaudern, aber ihre Stimme klang khl und ihre
Augen blitzten hart. Sie blickte nicht mehr auf Grau, ja sie sah stets an
ihm vorbei, wenn sie dahin blickte, wo er stand. Sie lachte und schien
heiter zu sein, aber ein unruhiger Glanz war in ihren Augen. Nur wenn sie
auf ihre Mutter blickte, die nur Augen fr die Tochter hatte, so nderte
sich ihr Blick jedesmal. Mit tiefen, schwrmerischen Augen sah sie die
Mutter an. Dieser Blick verriet alle ihre Liebe.

Gerade in diesem Augenblick nherte sich Eisenhut dem Kiosk. Er bahnte sich
langsam und hartnckig den Weg. Er zwngte sich zwischen zwei lachenden
Mandarinen hindurch, puffte einen Herrn im Frack in die Seite, dann ging er
um einen dicken Herrn herum, der sich nicht zur Seite drngen lie. Endlich
stand er am Schanktisch und man konnte seinem Munde ansehen, da er
zufrieden lchelte. Eine Weile stand er wartend da, die Damen waren alle
beschftigt. Er reckte den Hals aus dem hohen Stehkragen, bewegte die
Lippen und seine kleinen lebendigen Mausaugen verfolgten durch die Schlitze
der Maske jede Bewegung Adeles. Er rusperte sich, er hustete um sich
bemerkbar zu machen, aber in all dem Getse hrte man ihn gar nicht,
niemand beachtete ihn.

Nun klopfte Eisenhut auf den Tisch.

Die schwarze Jdin mit dem vollen weien Busen wandte sich ihm zu. Sofort,
sofort, mein schner Herr! rief sie. Willst du eine Flasche, eine ganze
Flasche? Nur zwanzig Mark!

Eisenhut starrte auf ihren weien Busen, er lchelte, dann sah er auf Adele
und rief: Eine ganze Flasche, jawohl. Zwanzig Mark, einerlei. Er sprach
immerzu mit verstellter, quiekender Stimme.

Da drehte sich Adele rasch um und sagte: Es ist Herr Eisenhut! Fr ihn
geben wir es nicht so billig. Er soll etwas besonderes tun!

Eisenhut legte den Kopf auf die Seite und lchelte. Aber dann machte er
sich ganz steif und quiekte mit verstellter Stimme: Sind Sie auch sicher,
da es Herr Eisenhut ist?

Adele lachte laut auf. Und alle Umstehenden lachten. Das knne ein Blinder
sehen. Er knne ruhig die Maske abnehmen.

Maske ab! Maske ab! schrieen die Herren.

Eisenhut meckerte und nahm langsam die Maske ab. Sein gelbes verlebtes
Gesicht kam zum Vorschein, er lachte, strich sich den Spitzbart und gab
dann allen ringsum schchtern die Hand. Er verneigte sich auch gegen die
Herren, die um den alten Freiherrn von Hennenbach herum standen. Man schrie
und schttelte ausgelassen seine Hand. Er lie die Blicke herumwandern,
zuletzt heftete er seine kleinen entzndeten Augen auf Adele.

Wie merkwrdig, da Sie mich sofort erkannt haben! sagte er. Guten
Abend, Frulein von Hennenbach! Er machte auch einen schchternen Versuch,
ihr die Hand zu reichen.

Aber Adele sah die Hand nicht. Sie lachte. Nun will ich Ihnen einschenken,
ich werde es selbst tun, aber Sie mssen ein briges tun, verstehen Sie, es
gehrt fr die Armen, das wissen Sie ja. Sie werden fr jedes Glas hundert
Mark bezahlen, nicht wahr?

Bravo! Bravo! riefen die Herren.

Eisenhut sah Adele an. Seine Augen wurden glnzend, gleichsam als ob sie
erwachten. Dann lchelte er und zeigte seine schlechten, zerfressenen
Zhne.

Sie scherzen? sagte er.

Scherzen? Nein, ich bin gar nicht in der Laune zu scherzen!

Er betrachtete Adele, die mit dem Fllen des Glases beschftigt war. Seine
Augen glnzten, er blickte auf Adeles Haar, ihre glitzernden Hnde, ihre
Arme, er lchelte und fr einen Augenblick erschien sein Gesicht friedevoll
und schn, seine Wangen frbten sich. Adele fllte sorgfltig das Glas.
Aber je mehr der Wein in dem schlanken Kelche stieg, desto mehr vernderte
sich Eisenhuts Gesicht. Das Lcheln verschwand, der Friede und die
momentane Schnheit, sie verschwanden, die vielen tiefen Linien und Falten
erschienen wieder, die Stirn wurde niedrig, der Mund zog sich zusammen, die
Farbe wurde gelb und alt. Dann wurde sein Gesicht fahl. Adele reichte ihm
das Glas und er sah ihren Augen an, da sie nicht scherzte.

Frulein von Hennenbach? stotterte er.

ber Adeles weie Hand flo der Wein, ber all die Ringe, die Steine. Herr
Eisenhut?

Hundert Mark? Hundert M--? fragte Eisenhut leise. Hundert Mark -- aber
ganz unmglich? Er lchelte beklommen.

Alle lachten ber den Ausdruck seines Gesichtes, auch Adele.

Eisenhut raffte sich zusammen.

Er knpfte das unglckliche gelbe Kostm auf und fuhr hastig in die
Rocktasche. Wie andere Leute eine alte Zeitung herausziehen, so zog er
einen ganzen Pack von Banknoten aus der Tasche.

Gelchter! Ja, da sehe man, da man es mit einem Millionr zu tun habe,
hoho! Selbst die Offiziere von Weinberg wurden aufmerksam.

Bitte, Herr Eisenhut! sagte Adele, da Eisenhut zgerte. Ich werde sogar
nippen an dem Kelche, aber legen Sie nur das Geld auf den Tisch! Sie
lachte und nippte am Glase.

Eisenhut fhlte sich unbehaglich. Er blinzelte rasch hintereinander,
lchelte, machte eine wegwerfende Handbewegung und legte einen
Hundertmarkschein auf den Tisch.

Bravo! Ja, bravo und hoch Eisenhut!

Eisenhut lchelte. Er nahm das Glas, erhob es gegen Adele und trank es
leer. Er fhlte sich von allen Seiten beobachtet und wurde mehr und mehr
unsicher.

Adele fllte abermals Eisenhuts Glas. Sie lachte und sagte, da sie wieder
daran nippen werde und er werde wieder hundert Mark dafr bezahlen.

Wieder? fragte Eisenhut mit zitternder Stimme.

Sie werden sich wohl nicht erst lange besinnen, oder? Eine Kleinigkeit wie
hundert Mark! Und noch dazu, wenn ich am Glase nippen werde.

Noch mehr? fragte Eisenhut in unglubigem Tone. Hundert Mark fr die
Flasche, wie? Man hat sie mir um zwanzig Mark angeboten, vorhin. Er
deutete auf die Jdin mit dem hohen Busen.

Haha! Ja, zwanzig Mark fr gewhnliche Menschen, aber fr Millionre da
htten sie ganz besondere Preise.

Eisenhut blinzelte. Er legte das Gesicht in Falten, drehte den Kopf hin und
her. Sie scherzt -- Frulein von Hennenbach scherzt! sagte er zu der
lachenden Gesellschaft von Herren.

Ich sagte schon, da ich nicht scherze. Sehen Sie nicht, da man sich
schon ber Sie lustig macht. Ich verkaufe Ihnen jedes Glas fr hundert
Mark, flle es selbst, nippe daran, ich meine, da sollten Sie sich nicht
lange besinnen.

Es sei wirklich ein Skandal, es sei eine Schmach und eine Schande! Vorwrts
Eisenhut -- hahaha -- schmeien Sie den Bettel hin! Die Herren schrien und
lachten und stieen sich gegenseitig an.

Eisenhut kmpfte mit sich. Er sah Adele an, die ihm das Glas kredenzte, ein
Zittern lief durch sein Gesicht, er ffnete den Mund, blinzelte und fuhr
wieder in die Rocktasche.

Bravo! Hurra!

Aber Eisenhut zgerte. Warum gerade er solch horrende Summen bezahlen
sollte?

Weil Sie der reichste Mann der Stadt sind! antwortete Adele. Sie nennen
sich ja selbst so bei jeder Gelegenheit und Sie sind es auch.

O -- hoho! versetzte Eisenhut geschmeichelt.

Wenn man zwlf Steinbrche hat und den Schrank vollgestopft mit
Wertpapieren, dann kann man doch ruhig solch eine Bagatelle bezahlen!

Eisenhut streckte den Kopf vor. Haben Sie denn -- haben Sie denn diesen
Schrank voller Wertpapiere gesehen? frage ich. Er lchelte eigentmlich
und blickte Adele an.

Adele lachte laut und unnatrlich. Selbstverstndlich habe ich ihn
gesehen. Sie haben mir ihn ja selbst gezeigt. Erinnern Sie sich, als ich in
der Nacht zu Ihnen kam und zehntausend Mark bei Ihnen entlieh?

Gelchter. Eisenhut starrte mit offenem Munde auf Adele.

Aber genug nun! Ich habe an dem Glase genippt und sehen Sie her, ich nippe
nochmals daran. Nun, nehmen Sie?

Eisenhut nahm zgernd das Glas in die Hand. Bravo Eisenhut, hoch, hurra!
Eisenhut, Eisenhut!

Aber Eisenhut trank nicht. Er schnitt Grimassen, er drehte den Hals als sei
ihm der Kragen zu eng, er schwankte hin und her und blickte die
Umstehenden, die lachten, pltzlich mit scharfen, bsen Blicken an.
Gelchter.

Bitte! sagte Adele und lachte. Weshalb zgern Sie denn?

Hier nherte sich Grau. Er sagte: Frulein von Hennenbach?

Adele wandte ihm den Blick zu. Sie zog die Augen zusammen und sagte:
Bitte?

In diesem Augenblick brach eine ungeheure Lachsalve auf Eisenhut ein. Er
hatte die Scheine wieder in die Tasche gesteckt. Ja, er msse doch ein Narr
sein, ein vollstndiger Narr msse er sein! Hundert Mark fr jedes Glas,
die Herren bezahlen eine Mark dafr. Er verlor die Fassung und stellte das
Glas so heftig auf den Tisch zurck, da es zerbrach und der Wein ber das
Tischtuch flo. Eisenhut erschrak, einen Augenblick lang war seine
Nasenspitze schneewei. Er bewegte die Lippen um etwas zu sagen, er blickte
verwirrt auf Adele. Adele lachte und alle, alle lachten und stampften mit
den Fen und schrieen, was sie konnten.

Eisenhut bewegte heftig die Hnde. Bezahlt ihr! schrie er. Bezahlt ihr!
Ich bin kein solcher Narr! Ich habe bezahlt, hundert Mark. Bezahlt ihr,
bezahlt ihr! wiederholte er lauter und wilder, um das Gelchter zu
berschreien. Er beugte sich mit einer verzweifelten Gebrde ber den
Tisch, deutete auf das zerbrochene Glas, stotterte, aber er sagte nichts.

Er wandte sich rasch um und entfloh in seinem gelben Kostm und mit seiner
gelben Mtze, gefolgt von lautem, wildem Gelchter. Er verschwand in der
treibenden Menge.

Haha! Ein Prachtexemplar, dieser Eisenhut! Haha! Hoch Eisenhut, hurra!

Im gleichen Augenblick war auch Grau verschwunden, und als Adele zu Baron
Kirchgang blickte, mit dem er zuletzt geplaudert hatte, sah sie seinen
Platz leer. Baron Kirchgang unterdrckte ein Ghnen.

Adele zog die Brauen zusammen und begann mit erneuter Ausgelassenheit zu
scherzen, zu lachen und Sektglser zu fllen.




Viertes Kapitel


Eisenhut eilte dem Ausgang zu und war pltzlich spurlos verschwunden.
Gleichzeitig wurde Grau von Dr. Nrnberger aufgehalten.

Dr. Nrnberger war ein junger Mann mit schwarzem Scheitel, niedriger Stirn,
goldenem Kneifer; er war im Frack. Seine Manieren waren gewandt, seine
Hflichkeit stets von leichtem Spott begleitet, seine geheuchelte
Unterwrfigkeit abstoend.

Er nahm den Kneifer ab und verbeugte sich vor Grau.

Welches Vergngen, Sie zu sehen! rief er mit etwas nselnder Stimme aus.

Grau erkundigte sich nach dem Kinde im Waisenhaus. Es gedieh prchtig. Wie
haben Sie Susanna bei Ihrem letzten Besuche angetroffen, Herr Doktor?
fragte er dann.

Der Arzt verfolgte ein schnes Mdchen mit den Blicken und erwiderte: Ja,
was soll ich sagen? Ich habe leider keine Besserung beobachten knnen. Ich
mchte fast sagen, im Gegenteil, der Zustand der Patientin hat sich
verschlimmert. Der Krper leistet leider gar keinen Widerstand.

Ob man nicht jetzt daran denken knne, die Kranke nach dem Sden zu
bringen?

Nein! Der Arzt schttelte den Kopf und sandte dem schnen Mdchen, das
zurckkehrte, ein Lcheln zu. Man htte es vor einem, zwei Jahren tun
sollen -- jetzt ist nicht daran zu denken. Sie wrde die Reise nicht
vertragen. Ich spreche offen, ich knnte die Verantwortung, die Dame jetzt
reisen zu lassen, nicht bernehmen. Spter vielleicht, sobald es Frhling
sein wird. Doktor Nrnberger reichte Grau die Hand. Er lchelte und legte
die niedrige fliehende Stirne in tiefe Falten. Er mchte ihm nicht
leichtfertigerweise Hoffnungen erwecken -- immerhin, im Frhjahr, ja, da
knne man ja Entscheidungen treffen. Guten Abend. Herzlich gefreut. Im
Begriffe sich zu entfernen, wandte sich der Arzt, gleichsam berrascht von
einem Einfall, zu Grau zurck und sagte in verndertem Tone: Vielleicht
darf ich Herrn Grau einladen, mit mir in eine Herrengesellschaft im ersten
Stock zu kommen? Es geht sehr animiert dort zu -- das heit, vielleicht
ziehen der Herr vor --

Sehr liebenswrdig! sagte Grau. Er sagte sofort zu und zwar mit einem
Eifer, der den Arzt in Verwunderung versetzte. Gewi werde ich mich
freuen, ich danke herzlichst, Herr Doktor!

Sie verlieen den Saal und stiegen eine Treppe empor. Grau werde hier die
Intelligenz der Stadt kennen lernen, das heit, przis ausgedrckt, alle
Elemente, die auf eine relative Intelligenz Anspruch erheben knnten;
angenehme und gesellige Leute. Nur sei er auerstande, irgendwelche
Verantwortung zu bernehmen, im Falle der Ton nicht gerade jenem eines
Salons entsprche. Aber, bitte, ich liebe Ungezwungenheit, sagte Grau. --
Sie werden gewi auf Ihre Kosten kommen, wenn Sie Ungezwungenheit lieben.
-- Sie gingen hin und her in breiten Gngen, die vom Tanzen im Saale
drunten zitterten. Durch ein kleines Fenster konnte Grau hinab in die
chinesische Strae blicken, es war ein hbsches Bild: Die wimmelnde Menge,
die Lampione, der Rauch. Er sah einen Augenblick lang Adele, die gerade ihr
Haar zurechtrckte. Sie wandte merkwrdigerweise im selben Moment den Blick
zu dem kleinen Fenster, sie konnte ihn natrlich nicht sehen.

Sie wei nicht alles, dachte Grau und ein leiser Schmerz griff an sein
Herz. Er folgte dem Arzte, treppauf, treppab; dieses alte Haus war ein
Labyrinth.

Endlich hrten sie den wsten Lrm einer Herrengesellschaft und Dr.
Nrnberger verbeugte sich und ffnete eine kleine Tre. Augenblicklich
drang ihnen heie Luft, Zigarrenrauch, der Geruch von Punsch, Lachen, Rufen
entgegen und ein halbes Dutzend verschwimmender Gesichter wandte sich ihnen
zu.

Grau machte die Augen scharf. Er entdeckte zuerst Eisenhuts Gesicht,
daneben das bleiche schmale Antlitz des jungen Herrn von Hennenbach, auf
dessen Knien die puppenschne Wirtin sa.

Grau war erstaunt Eisenhut heiter und guter Dinge zu sehen.

Da sa er, eine Zigarre in der einen Hand, in der andern ein Glas, lchelte
und plauderte.

-- die Sthle sind aus Leder, aus gepretem Leder. Ein Lwe in Gold ist
auf die Lehne gepret.

Ja, aber der Minister, Eisenhut, unterbrach ihn jemand, du wolltest doch
von ihm reden?

Das Zimmer ist berhaupt ein Saal! fuhr Eisenhut fort und blinzelte. Der
Minister rauchte eine Zigarette.

Aber was sagte er denn?

Er sagte, >Herr Eisenhut, Sie haben also die Steine fr die Brcke
geliefert, schn. Ich werde an Sie denken.< Er klopfte mir auf die
Schulter.

Also sollst du wohl einen Orden bekommen?

Eisenhut lchelte. Was ich bekomme, das wei ich nicht. Aber er sagte: Ich
werde an dich denken, Eisenhut.

Haha! Er duzte dich? Gelchter.

Vielleicht hat er auch Sie gesagt, was wei ich -- seht an! Er hatte Grau
bemerkt.

Die Herren waren in bunten Kostmen, einige im Frack und einer, Postadjunkt
Kaiser, sa in weien Hemdrmeln da. Sie spielten Karten. Sie erhoben sich
mit vielem Tumult und warfen einander Blicke zu. Man war nicht sonderlich
erfreut ber den Gast, das konnte jeder sehen. Aber die Herren verbeugten
sich hflich.

Grau sah sie mit freundlichen, leuchtenden Augen an. Ich bedaure unendlich
im Falle ich stren sollte, jagte er leise und verlegen, Herr Dr.
Nrnberger hatte die Liebenswrdigkeit mich einzuladen.

Pltzlich schlug ein dicker Chinese mit einem groen gelben Schirm auf dem
Rcken ein lautes Gelchter auf und einige fielen ein.

Willkommen, Pfirsichblte, im Reiche der Mitte! schrie der dicke Chinese
und machte eine tiefe Verbeugung. Er drckte Grau die Hand und setzte
hinzu: Im brgerlichen Leben heie ich Richter, Professor Richter, Doktor
der Naturwissenschaften.

Der Arzt schob ihn beiseite. Erlauben Sie doch, Professor, sagte er, und
geben Sie den Herren Gelegenheit ihrer gesellschaftlichen Pflicht zu
gengen. Sie gestatten, die Herren, Herr Grau --

Er machte Grau mit den Herren bekannt. Da waren Amtsrichter Leutlein, ein
gutmtig aussehender Herr mit blaurasiertem Gesichte und sprlichem
flaumigen Haar auf dem runden Schdel, Rechtspraktikant Schmidt mit
scharfen stechenden Augen, vielen Schmissen, hohem Stehkragen, peinlich
gestriegelt und gebgelt, Redakteur Heinrich, vom Gauboten, ein kleiner
Mann mit struppigen schwarzen Haaren, der die Angewohnheit hatte, immer die
Zungenspitze herauszustrecken und heiter auf seinen Bauch herabzulcheln,
Assistent Pechmann, ein langer Mensch mit hellblauen trumerischen Augen,
der junge Freiherr von Hennenbach, ein junger bartloser Lehrer, der so
betrunken war, da er leichenbla aussah und die Augen weit aufreien mute
um zu sehen.

Die Herren hatten alle ein wenig ber den Durst getrunken. Sie lachten
sonderbar, sie verbeugten sich zu tief oder schief, dem Rechtspraktikanten
fiel der Kneifer von der Nase, Redakteur Heinrich setzte sich beinahe neben
den Stuhl, als er sich niederlie. Ihre Augen waren scharf oder
ausdruckslos, die Vorhemden zerknittert, fast jeder hatte irgend etwas
Lcherliches an sich, einen Schmutzflecken, einen emporstehenden
Haarbschel, die Krawatte war in Unordnung oder das Kostm so zugeknpft,
da oben ein Knopf brig blieb. Sie rauchten alle und es war solch ein
Rauch im Zimmer, da man kaum die Wnde sah. Sie saen um einen ovalen
Tisch herum, ber dem eine Hngelampe brannte. Auf dem Tisch herrschte ein
wstes Durcheinander und eine Manschette rollte darauf herum.

-- Herr Redakteur Heinrich, die Herren kennen sich, Pardon -- auch Herr
Eisenhut wird Ihnen schon persnlich bekannt sein --

Eisenhut beachtete Grau nicht; er rief: Spielen, weiter spielen, ich habe
zwei Mark von der Bank gut! Keine unntigen Pausen, meine Herren! Er
trommelte auf den Tisch und lachte.

Er ist in etwas ungeniebarer Stimmung heute, unser Herr Eisenhut,
entschuldigte ihn der Arzt. Herr von Hennenbach!

Die Blicke der beiden tauchten ineinander. Grau lchelte nicht. Er
verbeugte sich zurckhaltend, ja khl, und Herr von Hennenbach blickte ihn
verblfft mit seinen grauen Augen an und zuckte mit den Mundwinkeln. Die
schne Wirtin raffte eilig einige Glser auf und machte sich aus dem
Zimmer.

Spielen, weiter spielen! Keine unntigen Pausen! wiederholte Eisenhut und
go Punsch in sein Glas. Seine Hand zitterte und er verschttete das halbe
Glas, als er es an den Mund fhrte. Tante! Du besorgst jetzt die
Sektbowle, auf meine Rechnung! Alles auf meine Rechnung!

Ruhe! rief ihm der dicke Chinese zu. Einen Augenblick noch, ich nehme
das Spiel sofort wieder auf -- unser verehrter Gast -- geben Sie ein Glas
herber, Doktor! -- ich darf doch einschenken? -- oder sollten Sie etwa
Abstinenzler sein?

Grau lchelte. Nein. Er nahm Eisenhut gegenber Platz.

Der dicke Chinese lie sich an seiner Seite schwer in den Sessel fallen und
mischte die Karten; er hielt den Schirm mit dem runden Schdel, rauchte
eine Zigarre in einer langen Spitze, die er beim Sprechen von einem
Mundwinkel in den andern schob. Sein Gesicht glnzte vor Vergngen und
Behagen. Er hatte kurzgeschorenes rotes Haar und seine feisten Backen waren
mit goldenschimmernden Bartstoppeln bedeckt. Fertig! rief er, und die
Karten schlpften blitzschnell aus seiner Hand. Die Bank ist bereit. Herr
Adjunkt Kaiser! Was setzen Sie? Bei allen Teufeln, mehr Aufmerksamkeit,
meine Herren! Einsatz auf den Tisch! Endlich! Herr Grokapitalist Eisenhut?
Sie spielen hoch, das lt sich sehen, nur keine Knickerei, nur das nicht.
Herr von Hennenbach -- Herr -- von -- Sie wnschen noch eine Karte? Gut.
Die Bank hat acht, acht! Hurra! Alle Gewehre aufs Rathaus -- hahaha!

Der feiste Chinese stie ein rasselndes fettes Lachen aus und strich den
Gewinst ein. Alle, auer dem Arzte, hatten verloren und schrien und
fluchten.

Eisenhut lachte und warf dem Chinesen ein Zehnmarkstck zu. Es ist alles
einerlei! rief er und trommelte mit den Kncheln auf den Tisch und
blinzelte.

Der Chinese mischte, whrend das fette Lachen noch leise in seinem Halse
rasselte und seinen ganzen Krper erschtterte, so da der Schirm auf
seinem Kopfe tanzte. Sehen Sie, welch ein Geschft, verehrter Herr!
wandte er sich an Grau. Dreiundzwanzig Mark bei einem einzigen Gang.
Hurra! Darf ich Ihnen vielleicht eine Karte geben? Es ist ein sehr
einfaches und hchst anregendes Spiel, absolut, ich betone, absolut
unschuldig. Bakkarat, ist es Ihnen nicht bekannt? Knige und Damen gleich
Null -- brigens durch die Praxis lernen Sie am schnellsten. Wollen Sie ein
Spielchen wagen? Hchster Einsatz zwanzig Mark, niederster fnfzig Pfennig
-- staatlich konzessioniertes Spiel -- Gewinn und Verlust gleichen sich
stets aus. Nun?

Grau lehnte ab. Ich danke, ich habe kein Geld! sagte er. brigens macht
es mir groes Vergngen, zuzusehen, lassen sich die Herren, bitte, gar
nicht stren.

Er knne auch auf Borg spielen. Nicht?

Spione vor die Tr! sagte Eisenhut leise und rusperte sich! Nicht wahr?
Spione vor die Tr! wiederholte er und klopfte dem leichenblassen Lehrer
auf den Arm. Der ri die Augen auf und sah ihn verstndnislos an.

Das Spiel machte einige Runden. Der Chinese schrie und brllte und trieb
zur Eile. Am eifrigsten spielte Eisenhut. Er sa da, lchelnd, blinzelnd,
er schrie, fluchte und trank mehr als alle andern. Er war erstaunt, das
Glas immer leer zu finden, go immerzu ein, schrie nach der Sektbowle! Ja,
Himmel und Hlle: Die Sektbowle! Lustig sein, frhlich sein! Hier und da
wandte er den Blick auf Grau, der ruhig und heiter dasa und mit seinen
hellen Augen das Spiel verfolgte. Ihre Blicke begegneten sich dann und
wann, und Eisenhut grub seinen Blick stets messerscharf in Graus Augen,
verzog das Gesicht und wandte sich mit einem leisen inneren Lachen ab. Es
schien, als ob ihn zuweilen ein Schwindelgefhl zu bermannen drohe, er
heftete die Augen auf die Karten und zhlte die Points unsicher und falsch.

Sie werden doch wohl nicht betrgen, Eisenhut! schrie der Chinese. Das
ist ja eine Sieben! Oder sind Sie betrunken?

Noch nicht, noch nicht! kicherte Eisenhut. Da fiel ihm die Bank zu und er
begann fieberhaft zu spielen. Nun schien nichts mehr fr ihn vorhanden zu
sein als dieser Tisch, der von verschttetem Punsche tropfte und mit Asche
und Zigarrenresten bedeckt war. Er beugte das Gesicht bis auf die
Tischdecke herab, gab die Karten, mischte und lie seine kleinen
glitzernden Augen im Kreise wandern. Er lachte, wenn er gewann, und er
lachte, wenn er verlor. Ja, er schien es darauf anzulegen zu verlieren. Er
sah nichts mehr als die Hnde, die nach den Karten griffen, Geld hin und
her schoben, alle diese verknitterten, beschmutzten Manschetten, die Haare
auf den Hnden des Amtsrichters und den silbernen Armreif, den Herr von
Hennenbach trug.

Nur zuweilen atmete er tief auf, schttelte den Kopf, starrte vor sich hin,
um sofort wieder das fieberhafte Wesen anzunehmen.

Herr von Hennenbach verlor. Grau sah, wie die Rte aus seinen Wangen wich
und verstrkt wiederkehrte, als ihm pltzlich ein hoher Gewinn zufiel, um
wieder langsam zu verschwinden, da zwei, drei erfolglose Einstze den
Gewinn zerstreuten. Er legte sich in den Stuhl zurck und suchte hastig in
allen Westentaschen. Dann beugte er sich zu Eisenhut und flsterte ihm ins
Ohr. Aber Eisenhut meckerte, sah ihn mit einem schnellen haerfllten
Blicke an und schrie: Ich gebe nichts mehr! Darauf erhob sich Herr von
Hennenbach und sagte: Ich habe dich leise gefragt, du hast mir leise zu
antworten!

Ich tue, was ich will! erwiderte blinzelnd Eisenhut und mischte rasend
die Karten.

Herr von Hennenbach schnalzte mit der Zunge. Ich bin bankerott! sagte er
und verlie das Zimmer.

Auf das Wohl Bismarcks, des Deutschen Reiches groen Baumeister! lallte
Redakteur Heinrich und lud mit einem Schmunzeln das Glas auf dem Tische
ein, ihm in die Hand zu laufen. Er gab sich einen Ruck und ergriff das
Glas. Auf das Wohl des Alten aus dem deutschen Eichenwalde, Ritter ohne
Furcht und Tadel, des Deutschen Reiches eiserner Kanzler, Barbarossas
Erwecker -- alles hoch, hoch!

Der Adjunkt in Hemdrmeln lachte. Schreibe den Festbericht fr dein
Ksblatt und halte das Maul! sagte er.

Hoch das Deutsche Reich, das Vaterland, hoch der deutsche Dichterwald und
die Armee, die den Franzmann schlug! Alles hoch! fuhr der Redakteur
schmunzelnd fort und pltzlich stand er auf und stand mit der Zungenspitze
zwischen den Zhnen, das Glas in der Hand, da. Hochverehrte
Festversammlung, meine Herren und Damen, Festgste --

Keine Reden! Um Gottes willen!

-- der einzige Mann, sage ich, der die Lage berblickt hat, fahre ich
fort, der uns zu dem gemacht hat, was wir sind, ein einig Volk, die erste
Nation der Erde, bei deren Namen Klange die Erde erzittert -- meine Herren!
-- Wir Deutschen frchten Gott und sonst niemand in der Welt -- er sank
auf den Stuhl zurck.

Was setzen Sie? schrie Eisenhut und schlug auf den Tisch, da das Geld in
die Hhe sprang.

Meine Damen und Herren -- fnfzig Pfennig -- hoch die Fahne, sage ich,
hoch! zum Kampfe gegen die rote und schwarze Gefahr, die des Reiches
Wappenschild --

Schlieen Sie endlich geflligst die Klappe! sagte der dicke Chinese und
lachte rasselnd. Ihr Geschwtz versteht ja kein Teufel und gehen Sie in
die Hlle mit Ihrer Politik, Verehrter -- noch eine Karte Eisenhut, neun!
-- Doktor, vergessen Sie nicht unserm Gast einzuschenken --

Der Redakteur fuhr flsternd fort: Laut statistischer Ziffern sind wir die
strkste Heeresmacht in Europa -- ich fordere die Herren auf --

Sie langweilen unsern Gast!

Er ist unser! schrie der Redakteur und erhob das Glas gegen Grau. Er ist
unser, eine Sttze, ein Kmpe! Ja, wir mssen Brderschaft trinken,
unbedingt, eine Seele und ein Geist, der in uns lodert -- wir sind im
herrlichsten Fahrwasser mit unserer Politik. Die letzten Ergebnisse -- was
meinen Sie? Nicht, da schon alles getan wre -- aber das Fahrwasser, das
Fahrwasser, wie?

Ich bin leider nicht imstande, die gegenwrtige Lage zu berblicken,
sagte Grau.

Oh! Sofort --

Gehen Sie in die Hlle! sage ich, mit Ihrer Politik! schrie Professor
Richter und schlug auf den Tisch. Politisch Lied, ein garstig Lied! Es ist
uns ja alles einerlei, der ganze Mumpitz ist uns schnuppe -- schlieen Sie
ab! Lassen Sie sich, Herr Grau, um Gottes willen in kein Gesprch mit ihm
ein, er ttet Sie, er ttet Sie buchstblich.

Aber der Redakteur mit den wilden Dichterhaaren gab sich nicht zufrieden.
Es ist die Begeisterung, die aus mir spricht! rief er aus. Echte
deutsche Mannesbegeisterung. Man mu die Turn- und Kriegervereine
untersttzen. Ein starkes Volk, ein Volk von Helden -- nieder mit den
Sozialdemokraten, mit diesen schmutzigen Kerlen!

Warum nennen Sie sie schmutzig? fragte Grau leise lchelnd.

Warum? Ob er schon einen von diesen Dreckhammeln mit sauberen Hnden und
einem reinen Kragen gesehen habe? Sie sind dreckig und unzufrieden und
faul und trinken Schnaps und sie wollen, da wir Jauche pumpen und die
Straen kehren! Ja, warum lachen Sie da, Sie lachen doch, Herr Grau, oder
tusche ich mich?

Ja, ich mute lachen, entschuldigen Sie, sagte Grau.

Sie stimmen mir also nicht bei?

Grau lchelte. Sie sprechen ja nicht im Ernste.

Im Ernste? Ich? Redakteur Heinrich?

Dann sind Sie nicht gerecht! sagte Grau.

Gerecht? Ich? Der Herr behaupten -- eiei! Der Redakteur lachte belustigt.

Nun ja, begann Grau, diese Sozialdemokraten sind doch zumeist Arbeiter.
Sie arbeiten fr uns, sie bringen Geld ins Land --

Der Redakteur steckte die Zungenspitze heraus. Aber dafr bezahlt man ja
diese Kerle! schrie er, Grau ins Wort fallend.

Dann gebe ich mich zufrieden, sagte Grau. Wenn man sie nur bezahlt und
auch sonst menschlich behandelt --

Redakteur Heinrich rckte nher. Also sind wir einig, nicht wahr, wir sind
einig, haben uns wiederum gefunden! Hoch! Prosit! Sie sagen, Sie sind nicht
imstande die Situation zu berblicken? Ich werde mir erlauben -- Nummer
eins, Nummer zwei und drei -- nieder mit der Sozialdemokratie, die mit
schmutzigen Hnden die heiligsten Gter der Nation betastet -- Nummer eins
-- man bezahlt sie und fertig damit, fort mit dem Gesindel -- Nummer eins,
sage ich, Nummer zwei -- nieder mit den Juden, die das germanische Blut
saugen -- Sie lcheln, ja bitte, darf ich bitten -- Sie lcheln -- nun, ich
denke Sie sind ja doch kein Jude, nicht wahr -- oder? -- hier, Herr Doktor
Nrnberger, er ist Jude -- aber er ist Antisemit -- wie jeder gebildete
anstndige Jude, den der deutsche Geist bestrahlt hat -- kurz und gut --
ich spreche wie ein echter deutscher Mann spricht -- Nummer drei, vier und
fnf -- nieder mit den Ultramontanen, die deutsches Geld nach Rom schleppen
und die Tugend unserer Frauen und Tchter gefhrden -- Sie lcheln? Ist es
etwa nicht wahr? Ja, mein Gott, ich wage es ja nicht, die Kirche, welche es
auch sei -- denn ich bin ja tolerant -- mit meinem kleinen Finger
anzutasten -- Kirche und Thron -- prosit! -- hoch! -- aber der Ultramon --
Ultramon --

Er qulte sich ab, das Wort auszusprechen, aber zur groen Heiterkeit aller
brachte er es nicht fertig.

Ultramon --

Der Chinese lachte laut heraus. Habe ich es Ihnen nicht gesagt, lassen Sie
sich in kein Gesprch mit ihm ein. Er ist ein prchtiger Mensch, unser
Redakteur Heinrich, aber sobald er ins Reden kommt wird er ungeniebar. Nun
ist ihm Gott sei Dank ein Wort im Halse stecken geblieben. Er hat sich auf
Sie geworfen, weil er mit uns kein Geschft mit seinen Phrasen machen kann.
Wir sind gar nicht fr Politik, wir kmmern uns um nichts. Was liegt uns
daran, was sie mit dem ganzen heiligen Bierstaat machen? Frage ich Sie? Hol
mich der Teufel, nichts! Wir bezahlen unsere Steuern, weil wir mssen,
fertig damit. Mgen sie da droben wirtschaften, wie sie wollen, das geht
uns ja nichts an. Wie beliebt? Sagten Sie etwas? Nun, haben Sie keine
Angst, welcher Partei Sie angehren, das wei ich nicht, ich bekmmere mich
auch nicht darum. Frei sind wir, frei, keine Parteifanatiker, wir tun
unsere Arbeit, man bezahlt uns, fertig. Wir leben, wir sind Menschen.
Partei ist Unsinn -- wir alle hier sind Individualitten -- Aristokraten,
basta! Ich setzte drei Mark, Eisenhut. Habe fnf!

Wie sagten Sie? fragte Grau, als ob er nicht gehrt htte.

Ultramontanismus! Ultramontanismus! schrie laut triumphierend der
Redakteur. Er hatte das Wort vor sich auf den Tisch geschrieben.

Der Chinese beugte sich zu Grau. Individualitten, Aristokraten, sagte
ich, sind wir. Gehren zu keiner Partei. Wir alle, wie Sie uns hier sehen,
und auch Sie, Herr Grau -- wenn ich Sie recht kenne, nach all dem, was ich
von Ihnen gehrt habe -- auch Sie sind Aristokrat und Individualitt! Auf
Ihre Gesundheit!

Grau lchelte und schttelte den Kopf. Auf Ihr Wohlsein! sagte er. Ich
danke Ihnen fr Ihre gute Meinung, aber Sie berschtzen mich ganz
ungeheuer. Ich bin kein Aristokrat, bei Gott, nein, noch lange nicht! Ich
wrde es auch nicht wagen, mich eine Individualitt zu nennen. Ich bin noch
weit entfernt davon, zu jung, zu wenig reif; ich danke Ihnen vielmals, aber
eine Individualitt -- sehr schmeichelhaft, allein --

Ha! schrie der Redakteur. Prosit, Herr Grau! Ultramontanismus,
Ultramontanismus, Prosit!

Aber? sagte der fette glnzende Chinese gedehnt und sah Grau mit den
kleinen Augen an, die schimmernd in den fetten Backen schwammen. Ich
dachte --

Keine Gesprche, Professor, unterbrach ihn Dr. Nrnberger. Keine
Gesprche. Es nimmt kein Ende und kommt nichts dabei heraus zum Schlusse.
Spielen Sie!

Ich spiele ja! Sehen Sie denn nicht, da ich ganz verzweifelt spiele. Ah!
wo bleibt denn deine Bowle, Eisenhut, machst immer ein groes Geschrei! --
Sie sind ja zu bescheiden, verehrtester Herr, wandte er sich an Grau.
Nun, Sie knnen sich nennen wie Sie wollen, aber wir hier sind alle
Individualitten und Aristokraten.

Er beschrieb mit der Hand einen Bogen, der die ganze Gesellschaft
einschlo. Dann erhob er das Glas und fgte hinzu: Und nun lassen Sie uns
ein Glas auf unsere Zeit leeren, die Zeit der Aufklrung!

Redakteur Heinrich schrieb eifrig an seinem Festbericht fr den Gauboten,
er kritzelte mit dem Bleistift einige Briefbogen voll, spielte dabei und
horchte noch dazu immer mit einem Ohre auf das Gesprch an seiner Seite.
Sobald jemand prosit sagte, schrie er ebenfalls prosit, und als er etwas
von Aufklrung hrte, sprang er auf und schwenkte das Glas. Aufklrung in
Stadt und Land, prosit! schrie er.

Nun? sagte der dicke Chinese zu Grau. Sie trinken nicht, Sie scheinen
nicht einverstanden zu sein mit mir?

Gewi, ich trinke, sagte Grau. Mein Glas ist leer -- danke, Herr
Doktor!

Ob er nicht selbst sagen msse, da es eine Freude sei, in dieser, gerade
in dieser Zeit zu leben: Eine Zeit der Entdeckungen, der horrendesten
Entdeckungen, Erfindungen, eine Zeit der Ideen, ja zum Teufel, -- einer
gesegneten Zeit der Aufklrung, Abklrung und Erklrung, einer Zeit der
Befreiung des Menschengeistes, einer neuen Zeit.

Gewi eine hochinteressante Epoche! warf Dr. Nrnberger ein. Das
Mittelalter liegt weit hinter uns!

Eine Zeit der Wissenschaft, der Sieg der Naturwissenschaften ber den
Aberglauben, Chemie, Physik hoch! Wie beliebt?

Grau lchelte. Gewi, eine hochinteressante Epoche! sagte er.

Der Chinese sah ihn an. Aber?

Wieso denn: Aber?

Sie akzeptieren also unsere Zeit ohne jeglichen Widerspruch, Herr Grau?
sagte Dr. Nrnberger mit feinem ironischem Lcheln.

Die Herren verbargen ihm nicht, da er sich in grellem Kontrast zu seinen
ffentlichen uerungen befnde.

Grau lchelte fein. Ich akzeptiere unsere Zeit als eine hochinteressante
Epoche, meine Herren, erwiderte er, ohne ihr jedoch in allem zuzustimmen
--

Ah -- haha! Nun lassen Sie, bitte, hren! fiel ihm der Chinese ins Wort.

Grau sah ihn an, dann fuhr er fort: Auf jeden Fall ist es mir unmglich,
Ihre kritiklose Begeisterung zu teilen, meine Herren. Ich wiederhole
nochmals, die Epoche ist hochinteressant, trotzdem kann ich nicht in
Entzcken geraten ber unsere Zeit. Vielleicht verstehe ich die Zeit nicht
recht, aber ich darf wohl meine Meinung sagen, nicht wahr? Sie sagen, wir
htten das Mittelalter hinter uns, ich glaube das nicht, ich glaube es
nicht ganz.

Wie? Aber --

Lassen Sie Herrn Grau reden, Herr Professor!

Nein, ich glaube es nicht ganz. Sondern ich glaube, da wir in vieler
Beziehung tief im Mittelalter stecken. Die Welt ist etwas reinlicher
geworden, ja, das ist gut, wir haben Bahnen und Schnelldampfer, auch das
ist ganz hbsch, wir haben eine Menge neuer Dinge, aber sind es
wesentliche, wertvolle Dinge? Ich sage nein. Entschuldigen Sie, es ist
meine bescheidene Ansicht. Sie erlauben doch, nicht wahr? Es kommt mir so
vor, wenn ich es sagen darf, ich blicke auf unsere Justiz, auf unsere
sozialen Verhltnisse, die Stellung der Frau, auf eine Menge Dinge. Das
Beil hngt noch ber ganz Europa, ach, ich brauche mich ja nicht auf
Einzelheiten einzulassen, es gibt keine Leibeigenen mehr, nein, auf dem
Papier existieren sie nicht mehr, aber es gibt Millionen Sklaven des
Kapitalismus, wir haben das alte Kastenwesen, privilegierte Stnde -- und
selbst die aufgeklrten und vornehmen Menschen, die meisten wenigstens, die
ich kenne -- treten die Privilegien des Standes an, in dem sie geboren
sind, ohne weiter darber nachzudenken. Die gleichen, nahezu die gleichen
Ideen regieren -- mit dem einen Unterschied, da sie jetzt hohle Formen
geworden sind, whrend sie frher wirkliche Krfte waren. Kurz und gut, ich
knnte Ihnen hunderte von Dingen aufzhlen, die um kein Haar anders sind
als sie im Mittelalter waren -- vielleicht sehen sie etwas anders aus und
vielleicht sehen wir sie anders, weil wir dicht vor ihnen stehen. Aber --
und nun hren Sie -- ich glaube, es ist ja nur meine Ansicht -- eines haben
wir verloren: Die berzeugung, die das Mittelalter besa, die Tiefe, den
ganzen Mystizismus, die wilde und schne Atmosphre. Ja, Sie lachen, Gott,
wie gesund und gut Sie lachen knnen, das freut mich, Sie sind ein guter
Mensch, lachen Sie ruhig, es ist ja nur meine Ansicht. Sie sprechen von
unserer Zeit, nicht wahr, vor hundert oder achtzig Jahren sah es viel
besser in der Welt aus glaube ich, besonders in Deutschland.

Halten Sie ein! unterbrach ihn der Chinese. Entschuldigen Sie, da ich
Sie unterbreche: Nehmen Sie mir auch mein Lachen nicht bel. Ich lache und
wir alle sind ja in guter Stimmung, hurra, hoch! Ja, wir sind alle gut
aufgelegt. Eisenhut knnte die Bank nach und nach abgeben, er wird
langweilig mit der Zeit! Wir brauchen -- ja, was sagen Sie doch -- tiefe
berzeugung, Mystizismus -- ja, gehen Sie doch in die Hlle damit -- Sie
verzeihen meine starken Ausdrcke, es ist die Stimmung --

Bitte, bitte! sagte Grau lchelnd. Ich verstehe sehr wohl --

Wir sind ja gerade froh, da wir all das los haben, Hochwrden! Es macht
mir Freude, Ihnen zuzuhren, mit Ihnen zu sprechen, aber was sagten Sie
doch alles? Es scheint mir doch, da Sie den modernen Zeitgeist wenig
spren und ein bichen altmodisch sind, Herr Grau, hahaha!

Grau lchelte. Er knne recht haben, vielleicht sei er ein wenig
altmodisch. Mindestens sei er sehr langsam, sehr schwerfllig. Aber wenn
Herr Professor sich etwas Mhe gbe.

Professor Richter rusperte sich und nahm einen tiefen Schluck. Wir sind
moderne Menschen, mein Freund, sagte er. Modern bis auf die Knochen. Ein
moderner Mensch, haben Sie eine Vorstellung von einem modernen Menschen?
Ich will es Ihnen sagen. Ein moderner Mensch, das ist ein Mensch dieser
Zeit der Aufklrung, ein freidenkender, toleranter Mensch, dem es ganz
einerlei ist, was der andere tut, er kann tun und lassen, was er will und
soll schauen, da er zurecht kommt, ein Mensch ohne Aberglaube und
utopistische Trume und schwchliche Ideale, ein Mensch mit einem gesunden
Egoismus und einer gesunden Sinnlichkeit, ein Mensch, der sich nicht schmt
ein Mensch zu sein -- bei allen Teufeln in der Hlle -- eben ein Mensch mit
gesunden Sinnen und kein Phantast, kein Mnch, kein Spiebrger -- sondern
ein Einzelwesen, ein Individuum -- ja, zum Henker -- das ist der moderne
Mensch. Ich habe mich wohl deutlich genug ausgedrckt, wie?

Danke, ja! Grau sah den Chinesen an. Lassen Sie mir etwas Zeit, ich mu
all das berlegen. Ich denke sehr langsam, das ist es. Als ich jung war,
fiel mir einmal eine Leiter auf den Kopf und seitdem mu ich langsam
denken.

Die Leiter hat Ihnen doch weiter nicht geschadet, wie?

Nein, ich glaube nicht. Grau lchelte.

Sie kennen Lombroso, nicht? So ein Ansto von auen her kann zuweilen ein
ganz gutes Resultat haben. brigens auf Ihr Wohlsein! Ich habe Sie vorhin
unterbrochen.

Grau lchelte und stie mit dem Chinesen und Dr. Nrnberger an. Es ist
sehr angenehm in dieser Gesellschaft! sagte er. Ich danke Ihnen nochmals,
Herr Doktor, da Sie die Freundlichkeit besaen mich einzufhren. Sie haben
mir erklrt was der moderne Mensch ist, Herr Professor. Erlauben Sie mir
nun eine Frage, ich verstehe manches nicht. Zum Beispiel: Gesunder Egoismus
und gesunde Sinnlichkeit, das sind ebenfalls solche Worte, die ich berall
hre, ohne mir viel darunter vorstellen zu knnen. Ja, bei Gott, ich mu in
Wirklichkeit ein altmodischer Mensch sein -- haha -- Sie haben am Ende doch
recht -- denn ich wnsche mir den Menschen gerade mit recht viel Trumen
und Idealen -- sie brauchen ja nicht schwchlich zu sein, da haben Sie
recht, wenn sie nur hoch sind! -- mit recht vielen Trumen und Idealen
sagte ich, auch Phantast kann er sein, weshalb nicht? Welche Rechte hat Ihr
moderner Mensch?

Er tut, was er will!

Was er will? sagte Grau leise und erstaunt. Nun, aber er hat doch wohl
Pflichten, Verantwortung --

Der Chinese lachte. Faule Fische! Er tut, was er will und jeder tut, was
er will. Pflichten und Verantwortung, das sind ganz ekelhaft abgestandene
Begriffe --

Hm. Grau dachte nach. Er schttelte den Kopf und lchelte. Sie mgen recht
haben, da ich ein altmodischer Mensch bin, aber ich glaube nicht, da der
moderne Mensch so ist, wie Sie ihn beschreiben. Der moderne Mensch fhlt
sich im Gegenteil mehr durchdrungen vom Gefhle der Verantwortung als der
Mensch irgend einer andern Epoche. Oft scheint es als ob in ihm erst jenes
Gefhl richtig erwacht sei.

Der Arzt unterbrach ihn.

Man msse ja nur den Mut und die Ehrlichkeit haben die Wahrheit zu sehen
und zu sagen, warf er ein. Ein Blick in die Natur genge, um jeden zu
berzeugen, da das Prinzip des Egoismus berall regiere. Ebenso im
Menschen. Man fange an, das zu erkennen und --

Erlauben Sie, sagte Grau, das hat man schon vor Tausenden von Jahren
erkannt. Es springt ja in die Augen und ist das Natrlichste. Aber seit
Tausenden von Jahren haben sich nun die Weisen mit diesen Problemen
beschftigt, ber Recht und Pflicht, den Einzelnen und die Gesamtheit, ber
Tugend und Laster -- sie haben darber nachgedacht, haben sich die Kpfe
zerbrochen -- die Allerweisesten der Menschen -- ich bin ja ein Nichts im
Verhltnis zu diesen Kpfen -- aber mir erscheint nichts lcherlicher und
kleinlicher als der Egoismus.

In diesem Augenblick wurde die Sektbowle von der schnen Wirtin
hereingetragen und mit lautem Hallo begrt. Der Redakteur lie seinen
Festbericht im Stiche und fhrte einen indianischen Tanz auf. Eisenhut
pfiff auf einem Schlssel und der Adjunkt segnete die Bowle mit feierlichen
Gebrden. Herr von Hennenbach kam mit der schnen Wirtin herein und fate
sie um die Hfte. Der leichenblasse Lehrer schlief in der Sofaecke, er
erwachte bei dem Geschrei, blickte auf die Bowle, machte eine abwehrende
Handbewegung und schlief weiter.

Die Bowle brachte neues Leben in die Gesellschaft. Man sang einen
Rundgesang und strzte sich dann mit neuem Eifer auf das Spiel. Eisenhut
hielt noch immer die Bank. Er sah bleicher und erregter aus, schrie und
lachte mehr als alle. Zuweilen lauschte er gegen die Tre, wenn die Musik
hereindrang, dann bellte er, trommelte und sprach sinnloses Zeug.

Ich werde jetzt mein Kostm ausziehen! schrie er.

Du bist ein Chinese auch ohne Kostm! sagte der Adjunkt und der Witz fand
groen Beifall.

Vorsicht! sagte Eisenhut bse und deutete mit dem Zeigefinger auf den
Adjunkten, aber augenblicklich lachte er wieder heiter.

Herr von Hennenbach nahm wieder am Spiele teil. Es schien als ob das Glck
sich ihm zuwende. Er strich sich aufgeregt das schwarze, glnzende Haar aus
der bleichen hohen Stirne und lachte.

Es beginnt! rief er. Nur los, Eisenhut! Ich brauche Geld! Noch eine
Karte, wenn ich bitten darf. Ich setze zehn Mark!

Aber er verlor, und obgleich Eisenhut unvorsichtig spielte, verlor der
Freiherr fortwhrend. Er wurde noch aufgeregter und erbleichte mehr und
mehr. Er setzte nun stets zwanzig Mark.

Zum Teufel! schrie er und lachte nervs.

Dann aber gewann er. Er gewann fnf-, sechsmal nacheinander und gebrdete
sich laut vor Freude. Endlich wendet sich das Blatt! Prosit, prosit
allerseits!

Die Bank hat acht! rief Eisenhut.

Neun! schrie Herr von Hennenbach und schlug auf den Tisch.

Eisenhut sah ihn an und lchelte hmisch. Sehen lassen! sagte er.

Es waren nur sechs Points.

Freiherr von Hennenbach stand auf und stie den Stuhl zurck und
erbleichte. Ich habe doch gezhlt und gezhlt! rief er. Sehe ich nicht
recht? Das ist ja eine Figur -- aber das ist ja zum Teufelholen -- bin ich
denn bezecht?

Eisenhut meckerte. Du hast dich getuscht, Kurt -- setze dich -- getuscht
hast du dich, das kann vorkommen.

Rechtspraktikant Schmidt aber sagte scharf: Man mu eben acht geben!

Wie beliebt, Herr Grau? Wir haben die Telegraphie, das Telephon,
Bogenlampen, Blitzzge, die Rntgenstrahlen -- all das hat unsere Zeit
geschaffen. Imponiert Ihnen das nicht ein wenig? Kinematograph, Phonograph,
ja, was haben wir doch alles. Die eminente Entwickelung der
Naturwissenschaften.

Herr Grau mge sich auch an die Errungenschaften der modernen Physiologie,
Bakteriologie, Chirurgie erinnern, bemerkte der Arzt.

Grau lchelte. Ich sagte schon, da das alles ganz gro ist, sagte er,
all diese Erfindungen, von denen Sie sprechen, wunderbar! Ich lege Ihnen
sogar noch einen tieferen Sinn bei -- sie sind in gewissem Sinne
Offenbarungen -- Verzeihung, ich spreche im vollen Ernste, meine Herren --
aber --

Aber?

-- trotz ihrer Gre und Wichtigkeit und Tiefe sind sie alle zusammen noch
nicht imstande eine Kultur zu bilden. So gro sie sind, sind sie doch kein
wesentlicher kultureller Faktor. Ich nehme an, ja, zum Beispiel, ein
einziger Psalm von Salomo ist weitaus mehr wert als alle Fernsprechapparate
und Dynamomaschinen zusammen --

Allen schuldigen Respekt vor Ihrem Salomo, aber --

Wir knnen ja auch sagen: Ein Gedicht von Heine, eine Kantate von Bach,
ein Beethovenscher Akkord, ein Gedanke von Plato oder Goethe, wie Sie
wollen.

Pardon, unterbrach ihn der Arzt, glauben Herr Grau vielleicht, da ein
Goethescher Gedanke, um nur eines herauszugreifen, kulturell hher zu
werten ist als zum Beispiel die Erfindung des Serums gegen die Tollwut oder
die Entdeckung des Cholerabazillus?

Grau sah ihn erstaunt an. Aber natrlich! sagte er lchelnd. Wir
sprechen ja von Kulturwerten, nicht wahr?

Hm!

Aber mit einem Serum knne man doch Tausende von Menschen heilen und ihr
Leben retten?

Grau lchelte. Haben Sie damit schon etwas zur Kultur beigetragen, Herr
Doktor?

Hahaha! lachte der dicke Chinese und zog seine Karten auf.

Hier geschah es, da Herr von Hennenbach auf Grau blickte. Wiederum ruhten
die Blicke der beiden eine Weile merkwrdig fragend und suchend ineinander.
Grau blickte den Freiherrn lange an. Und es war eigentmlich, der junge
Mann erbleichte unter Graus Blick. Er erbleichte ganz langsam. Er wandte
die Augen ab, um Grau sofort wieder anzusehen. Er legte die Karten auf den
Tisch, starrte Grau an und drehte mechanisch den silbernen Reif um das
Handgelenk. Dann gab er sich einen Ruck, verzog den Mund und griff nach
seinem Glase und erhob es gegen Grau.

Auf Ihre Gesundheit, Herr Grau! sagte er und lchelte.

Grau rhrte sich nicht. Es war ein solcher Lrm, da der Freiherr annahm
Grau habe nicht gehrt. Er wiederholte: Auf Ihre Gesundheit, Herr Grau!

Sah Grau nicht? Hrte er nicht? Er blickte ruhig und ohne eine Miene zu
bewegen auf den jungen Mann.

Auf Ihre Gesundheit, Herr!

Grau sah und hrte nicht.

Das ist doch unerhrt! stammelte der Freiherr und erbleichte.

Niemand hatte dem Vorfall Beachtung geschenkt.

Professor Richter rckte nher an Grau heran, so da jetzt Grau ebenfalls
unter den gelben chinesischen Schirm zu sitzen kam.

Also unsere Zeit findet keine Gnade vor Ihren Augen? Seht an, seht an!
begann er von neuem.

Grau antwortete nicht zugleich. Er war mde von dem ewigen Geschwtz,
brigens beschftigten ihn auch andere Gedanken, gerade jetzt.

Bitte? sagte er. Er lchelte. Gerade vor meinen Augen? Ich bin ja nicht
befugt, zu urteilen und zu richten. Aber wenn Sie mich fragen, so kann ich
wohl antworten, da ich nicht ganz zufrieden bin. Man arbeitet, man sucht,
ja, gut, ich mte ein Tor sein, wollte ich das leugnen, unsere Zeit
bereitet gewi eine andere vor, die einen hheren Wert besitzt. Wie es
gegenwrtig aussieht -- nein, ich kann nicht zufrieden sein. Ganz und gar
nicht. Vielleicht hat es noch nie eine Kultur gegeben, die so tief stand
wie die Kultur unserer Zeit. Sie lcheln? Ja, erlauben Sie mir, so scheint
es mir. Andere Zeiten und Vlker hatten ja nicht die grandiosen
Kulturvorbilder wie wir sie haben. Trotzdem. Eine gewaltige Bewegung, ein
Rausch, eine Begeisterung, Ideale? Nun? Wo sind sie? In Europa? Der Trger
der Kultur ist meines Erachtens in unserer Zeit nicht Europa. Auch das
belustigt Sie? Ich uere meine Ansicht selbst auf die Gefahr hin, da ich
mich vor den Herren lcherlich mache und immer mehr und mehr altmodisch
erscheine. Es ist doch ein Gesprch, nicht wahr? Was weiter? Ja, so scheint
es mir. Europa ist sicherlich das reinlichste und zivilisierteste Stck
Erde, natrlich. Groe Gefhlsstrmungen -- wir haben das Mittelalter
gehabt, mit einem groen Rausch, Sehnsucht nach Erlsung, Befreiung, wie
haben doch die Menschen damals gefhlt? Ich wei, da Sie den Mnchen
gegenber nicht freundschaftlich gesinnt sind -- aber der Gedanke des
Mnchtums war doch tief. Oder? Ich wei, da man allgemein den Gedanken
kurzerhand abtut -- aber wenn man nachdenkt? Er ist doch tief. Die Mrtyrer
-- die Fakire und Derwische -- zu welchen Taten sind sie fhig gewesen, und
die Fakire vollbringen heute noch die unglaublichsten Dinge. Was ist
Gefhl, was ist Mysterium, Wunder, Tiefe? Freundschaft, Liebe? Religises
Empfinden? Sehen Sie sich um? Nun, gewi, ich erscheine Ihnen vielleicht
altmodisch, weil ich mich danach umsehe. brigens wei ich wohl, da all
das noch existiert, aber nicht als Bewegung, als allgemeine Empfindung. Wir
haben viel Anerkennungswertes in unseren Tagen, aber wissen Sie, woran es
uns vor allem fehlt?

Bitte?

An seltenen Tugenden, groen Gefhlen und auerordentlichen
Eigenschaften.

Hahaha. Fahren Sie fort! Auf das Wohl der Fakire und heulenden Derwische!

Grau erhob das Glas. Auf ihr Wohl! sagte er. Und er fuhr fort: Wir haben
in unserer Zeit eine Art von Bequemlichkeit, die mir bedenklich erscheint.
Wenn ich richtig beobachte, so ist man im allgemeinen geneigt sich ohne
jegliches tiefere Nachdenken den rmlichsten und trivialsten
Lebensanschauungen anzuschlieen -- zum Beispiel dem Materialismus,
Atheismus und so weiter. Und wissen Sie warum? Weil es so einfach, so
nchtern ist, weil man nicht zu denken braucht und weil diese Anschauungen
so gar keine Anforderungen stellen. Das erscheint mir so rmlich und
trivial und das ganze Leben ist so geworden, selbst die Literatur, sehen
Sie sich die Literatur an, wie trivial ist sie doch zum grten Teil
geworden, die Feste, jede Lebens- und Gesellschaftsform beinahe! Trotzdem,
fgte er hinzu, ist unsere Zeit wertvoll, weil sie mit ungeheurer, wenn
auch verborgener Kraft, eine neue, grandiose Kultur vorbereitet!

Hier aber brach ein lautes Geschrei aus. Der Lehrer nmlich war langsam vom
Sofa geglitten und unter den Tisch gefallen. Er schlief und man hrte ihn
laut schnarchen.

Auch Adjunkt Kaiser war eingeschlafen. Sein Kopf lag mit dem Kinn auf der
Brust und die Oberlippe stand lppisch vor. Aber er hielt seine Karten
tapfer in der Hand und ffnete immer ein Auge, sobald die Runde an ihn kam.
Das erriet er stets. Die Stimmen der Spieler wurden leidenschaftlicher,
rauh und betrunken. Zuweilen trat eine Pause ein, da alle anfingen mde zu
werden. Dann hrte man das Wiegen der Musik im Saale, die Geigen, die
Klarinetten, die Pauken. Manchmal kam die Musik bis dicht an die Tre,
kicherte durch die Spalten, verschwand in der Ferne und wiegte sich heiter.

Dann sah Eisenhut auf und starrte zur Tre.

Da erhob sich Grau pltzlich und sagte: Meine Herren, ich bitte um eine
Minute Gehr. Ich finde Sie alle bei guter Laune und ich mchte die gute
Stimmung benutzen, um Sie zu einem wohlttigen Werke zu animieren. Er zog
den silbernen Ring mit dem winzigen blauen Stein aus der Westentasche. Ich
habe hier einen Ring, fuhr er fort, den ich zu Geld machen mchte. Er
gehrt einer armen alten Frau. Vielleicht findet sich hier ein Liebhaber?

Er lchelte und zeigte den Ring. Seine weien hbschen Zhne blitzten.

Der dicke Chinese lachte zuerst und alle fielen in sein Lachen ein.

Nein, Sie sind schon ein wenig sehr altmodisch -- hahaha -- alles was
recht ist --

Der Ring ist freilich einfach und schlicht, sagte Grau, der leicht
errtete, und zeigte den Ring im Kreise umher, er gehrte Frulein
Margarete Sammet, die sich das Leben nahm -- Sie erinnern sich gewi alle
-- fr die Mutter mchte ich ihn zu Geld machen. Natrlich gebe ich ihn
nicht billig her, nicht allzu billig. Findet sich kein Liebhaber? Herr
Redakteur Heinrich -- oder vielleicht Sie, Herr Assistent Pechmann? Sie
lachen, meine Herren, aber die Frau ist ja arm und hat Geld ntig. Herr
Amtsrichter Leutlein, Herr Eisenhut?

Eisenhut blickte auf den Ring und blinzelte, dann sah er Grau ins Gesicht.
Er wurde totenbla und hrte auf zu blinzeln. Er schttelte den Kopf.
Nein, danke! sagte er leise.

Grau verbeugte sich und lchelte. Nicht? Wie schade! Aber vielleicht Sie,
Herr von Hennenbach? Ich habe die Angelegenheit in die Hand genommen und
mchte sie auch zu Ende bringen, deshalb. Vielleicht Sie, Herr von
Hennenbach? Wollen Sie sich den Ring nicht ansehen? Grau beugte sich ber
den Tisch und zeigte den Ring. Sie sind ja ein Liebhaber solcher Dinge,
wollten Sie mir nicht einmal meinen Reisesack abkaufen? Sie erinnern sich,
es war hier im Elefanten am Tage vor der Beerdigung des Dienstmdchens. --
Ich habe Sie vorhin beleidigt, ich war unhflich gegen Sie. Tragen Sie mir
das nicht nach. Sie waren ja an jenem Abend ebenfalls nicht gerade
freundlich gegen mich -- vergessen wir es, wir sind quitt. Wollen Sie sich
den Ring nicht ansehen?

Grau spielte eine lcherliche Rolle. Alles belustigte sich ber ihn.

Herr von Hennenbach begann augenblicklich laut aufzulachen. Er lachte, da
sich sein Gesicht rtete und hustete. Danke, danke! rief er aus.

Oh, aber ich denke, Sie verstehen sich auf die Schtzung eines solchen
Ringes --

Der Freiherr lachte immer noch.

Fr den Ring habe ich leider keine Verwendung, sagte er und lachte
immerfort.

Bitte sehr! Grau lchelte sonderbar. Selbst Sie also nicht! sagte er
und sah dem lachenden jungen Mann in die Augen.

Pltzlich jubelten alle und blickten zur Tre. An der Tre hrte man das
Lachen von Mdchen, Adele und die Schwestern Sinding traten ein.

Hurra! Hoch die Damen!




Fnftes Kapitel


Ah! schrien die Herren und fuhren in die Hhe. Der dicke Chinese schwang
den Schirm wie eine Fahne und der Redakteur verneigte sich tief und
ruckweise, da sein wirres Haar ber die Stirne flog. Hurra! Hoch die
Damen! Hoch! Ein Stuhl klapperte auf dem Boden und ein Weinglas fiel auf
geisterhafte Weise ganz langsam von selbst um und zerbrach. Adjunkt Kaiser
schlief friedlich in seinen Hemdrmeln; da keine Karte mehr gekommen war,
war er eingeschlafen.

Der Rauch wirbelte zur Tre hinaus, so sah es aus als kmen die Mdchen aus
einer Wolke. Sie standen alle drei zgernd beisammen und hatten Furcht der
Gesellschaft nahe zu kommen, die lrmend auf sie eindrang.

Wir wollten einmal sehen, wie die Herren sich amsieren! sagte Adele und
blickte umher. Sie bewegte den Fcher in der Hand und der rmel ihres
Kostms fiel herab, so da man ihren weien vollen Arm sah. In dem roten
Kostm, mit den schwarzen Haaren, den hellen Augen sah sie imponierend und
fremdartig schn aus. Rosen schmckten das Haar, die Schulter, den Grtel.
Sie lachte. Ihre Zhne waren so wei, ihre Lippen waren so rot. Aber ihre
Augen waren ohne Erbarmen, stechend und hart.

Sie blickte auf Grau, sah aber sofort weg, sie streifte Eisenhut mit einem
raschen Blicke.

Eisenhut hatte sich langsam erhoben als Adele sichtbar wurde. Er reckte den
Spitzbart vor, hrte auf zu blinzeln und machte die Augen scharf, um sich
zu berzeugen, da sie wirklich im Zimmer stand. Er wurde fahl, richtete
sein Kostm, strich sich die Haare zurecht und starrte unausgesetzt auf
Adele. Auf seinen Lippen erschien ein verzweifeltes Lcheln. Er lie sich
auf das Sofa nieder, langsam, um kein Gerusch zu machen, und versteckte
sich hinter dem jungen Hennenbach, der mit Klara Sinding plauderte.

Pltzlich lachten alle. Der junge Lehrer nmlich, der unter dem Tische
schlief, erwachte und machte sich auf allen Vieren aus dem Staube. Er kroch
zur Tre, stie sie mit dem Kopfe auf und verschwand.

Ja, was ist denn das? schrien die Mdchen.

Das ist unser Hund! sagte Herr von Hennenbach, der seine Trunkenheit
geschickt hinter seinen sicheren gesellschaftlichen Formen verbarg. Er
geht um fr die Damen zu bestellen!

Hahaha! lachten die Schwestern Sinding und Klara blickte Herrn von
Hennenbach mit schwrmerischen, glnzenden Augen an; sie verriet sich mit
einem Blicke.

Professor Richter ordnete geschickt wie ein Kellner die Gesellschaft.
Glser! Die Damen sollten sich zu Hause fhlen, hh! Glser fr die Damen.

Nein, keinen Wein, um Gottes willen! rief Adele. Vielleicht knnte man
ein Glas Selters haben.

Selters! Selters!

Auch die Schwestern Sinding wollten nichts mehr trinken. Selters, ja. Sie
saen mit glhenden Wangen da.

Adele lachte laut auf. Hier ist er ja, unser Herr Eisenhut! rief sie und
zeigte auf Eisenhut. Bedenken Sie nur, meine Herrschaften, hundert Mark
war ihm zuviel fr ein Glas Sekt, an dem ich nippte!

Ah, oh -- oho! riefen die Herren rings im Kreise.

Eisenhut bewegte die Lippen. Er blinzelte. Ich habe ja -- habe ich nicht
hundert Mark bezahlt -- ich wollte Ihnen die Hand geben --

Aber Adele war grausam. Sie hrte ihn nicht, sie erzhlte die Geschichte
von den hundert Mark, die ganze Szene und ahmte Eisenhuts Erstaunen,
Schrecken und Schwanken nach. Sie sprach sehr rasch und fchelte sich
unaufhrlich Luft zu. Oh, wie entsetzlich hei es sei! Ob man die Fenster
nicht --

Die Fenster auf -- zum Donnerwetter! Fr die Damen --

Der Redakteur stand schon eine ganze Weile da, das Glas in der Hand und
klappte mit den Lidern wie eine mechanische Figur. Offenbar hielt er eine
Rede, aber niemand nahm Notiz von ihm.

-- des Lebens heitere Zierde -- ehret die Frauen, sie flechten und weben
-- hoch die Damen! -- murmelte er -- hoch! Ein Kranz schner Jungfrauen,
der des Festes Tafel schmckt -- knnte ich jeder ein Krnzchen von
Maienblumen auf das holde Haupt legen -- Pltzlich liefen dicke Trnen
ber sein Gesicht. Hoch die Damen, hoch!

Die Herren fielen strmisch ein.

Spielen? Ja, natrlich wollten sie spielen. Alle! Man strzte sich kopfber
ins Spiel, schrie und lachte. Die Damen wrden es sofort knnen, eine
Kinderei! Der Adjunkt schlief immer noch. Amtsrichter Leutlein, der seine
schlfrige Miene abgelegt hatte, tropfte ihm Wein auf die Glatze, und er
erwachte. Er starrte lange Zeit geistesabwesend auf die Mdchen, dann sagte
er feierlich: Guten Abend!

Es ist ganz herrlich hier! rief Adele. Kann ich dem Klub beitreten? Ein
Glas Bowle nun, Herr Doktor, bitte.

Bowle, ein Glas Bowle, rasch! kommandierte der dicke Chinese.

Ja, also, verehrter Herr Grau -- Er msse doch zugeben -- selbst wenn er
mit allem und allem unzufrieden sei -- er msse doch gestehen, da die
Wissenschaft in verschiedene Dinge Klarheit gebracht habe, eine ganz
unglaubliche Anzahl von Vorurteilen, den schwrzesten Vorurteilen, habe sie
zerstrt, Aberglaube und naive Vorstellungen habe sie in Grund und Boden
hineingeritten --

Natrlich gebe ich das zu. Ich habe den allergrten Respekt vor der
Wissenschaft und ziehe den Hut vor ihren groen Mnnern. Wo habe ich denn
behauptet, da ich, ein kleiner und einfacher Mensch -- das wre ja
geradezu khn --

Gut, gut! Der ganze Wunderglaube, zum Beispiel, zum Teufel ist er! Pardon!
Aber er ist zum Teufel, einfach wie weggeblasen. Kein Kind kann heutzutage
mehr glauben, da jemand Wasser in Wein verwandelt oder fnftausend
Halunken mit einem Groschenkipf speist. He?

Natrlich, das ist Fabel!

Bravo, bravo! Also endlich --

Im brigen, fgte Grau hinzu, wer wei, ob es nicht doch ein wahres
Geschehnis ist? Wie schn ist aber jenes groe Gefhl, jenes Verlangen nach
dem Auerordentlichen, jene Sehnsucht nach dem Wunderbaren? Nicht wahr?
Ergreifend ist das! Und oft glaube ich es auch, ich glaube es. Ich bin
geneigt, das Unglaublichste zu glauben, gerade weil ich es nicht begreifen
kann --

Nun aber, Verehrter, der gesunde Menschenverstand -- wo bleibt da der
gesunde Menschenverstand? Ich bitte, Ehrwrdiger, der gesunde
Menschenverstand mu doch auch auf seine Rechnung kommen?

Grau lchelte. Der gesunde Menschenverstand? sagte er. Was ist es
eigentlich damit? Ich mu Ihnen gestehen, Herr Professor, da mein
Verstand, obwohl ich annehme, da er vollstndig gesund ist, mich sehr
hufig im Stiche lt. Derselbe gesunde Menschenverstand hat schon ganze
Vlker und Zeitalter betrogen. Legen Sie mir einen Kirschkern her und
behaupten Sie, es wird ein Baum daraus werden mit Blttern, Blten,
Kirschen, verzeihen Sie, mein gesunder Verstand wird es nicht fr mglich
halten. Sagen Sie mir, die Erde fliegt mit einer ungeheuren Geschwindigkeit
von so und soviel Meilen um die Sonne, ich werde sagen, entschuldigen Sie,
mein gesunder Menschenverstand begreift das nicht. Ich werfe einen Stein,
der Stein fliegt, ich begreife das nicht, nicht einmal das. Ich mu Ihnen
leider gestehen, da ich mich auf meinen gesunden Verstand nicht einmal bei
den einfachsten Dingen verlassen kann, von komplizierteren gar nicht zu
sprechen.

Hm, hm.

Aber Verehrter, Sie geben trotzdem zu, da Ihr gesunder Menschenverstand
den Wunderglauben abweist, nicht wahr? Man soll nur die Wissenschaft
arbeiten lassen -- Hlle und Tod! -- sie wird ihr Werk der Aufklrung schon
vollbringen. Auch die Schpfung, wie die Bibel sie darstellt, das ist wohl
eine Fabel oder nicht?

Natrlich ist das eine Fabel, aber --

Redakteur Heinrich stand auf und drckte Grau die Hand. Redefreiheit fr
jedermann! Wir sind unter uns! sagte er mit einem gnnerhaften Schmunzeln.
Sie knnen sich nach Belieben und ganz frei uern, niemand wird ein Wort
erfahren. Ein Wort, ein Mann!

Aha, die Damen haben Glck! Ich habe diesmal nicht gesetzt, Eisenhut,
schreie nicht so! Ich erlaube mir die Behauptung auszusprechen, da, wenn
die Aufklrung, die Wissenschaft in alle Schichten und Poren des Volkes
gedrungen ist -- all der Zauber, Aberglaube und Irrtum werden wie Wachs
schmelzen -- ja was dann? -- Ich erlaube mir zu behaupten, da die Religion
dann bankerott ist, einfach. Sie kann ruhig die Bude schlieen, ruhig! Ich
bitte wegen des starken Ausdrucks um Entschuldigung, aber es ist so, bei
allen Teufeln, um kein Haar anders ist es.

Bitte, sagte Grau, es ist ja nur eine Formsache, die nichts zu sagen
hat. Also, das glauben Sie? Aber ich glaube, je mehr die Wissenschaft
erkennen wird, desto mehr wird sich das religise Gefhl steigern, es wird
nicht verschwinden, es wird im Gegenteil wachsen, ungeheuer anwachsen. Denn
die Wissenschaft wird Wunder um Wunder aufdecken, es wird alles
verwirrender und verwirrender, unfabarer werden. Der Gottesbegriff
verliert natrlich die einfache naive Form, er wird sich mehr und mehr
verfeinern, vergeistigen; je wissender und grer der Mensch wird, desto
erhabener und grer und unfabarer wird sein Gott. Das Mysterium wird
gewaltiger, je mehr man in dasselbe hineinsieht --

Ich glaube, es bereitet sich eine Zeit vor mit einem so tiefen religisen
Gefhl, da es dem Wahnsinn gleich kommt.

Glauben Sie, Herr Grau! Wenn man aber einem Menschen begreiflich macht,
da vor etlichen Millionen Jahren der Mensch noch gar nicht existierte?
Wie? Was denn, was denn? Gott?

Grau sah ihn erstaunt an. Wenn es jetzt keinen Menschen gbe, versetzte
er lchelnd, so gbe es allerdings kein menschliches religises Gefhl.
Aber es handelt sich ja bei dieser Frage weniger um die Existenz des
Menschen als um das Dasein Gottes. Ob der Mensch existiert und seit wann,
das ist ja nebenschlicher Natur. Grau lchelte. Es ist merkwrdig wie
sehr Sie an die Naturwissenschaften glauben, fuhr er fort, ich verehre
die modernen Naturwissenschaften und verdanke ihnen zum grten Teil meiner
Erziehung -- allein so unumstlich wahr sind ihre Thesen nicht, glaube
ich. Vielleicht lacht man in einigen hundert Jahren ber einen Anhnger der
jetzigen Entwickelungslehre ebenso, wie man in unseren Tagen ber jemand
lacht, der noch glaubt, der Mensch sei von Gott aus Erde geformt worden.
Bitte, erschrecken Sie nicht, ich selbst bin nicht dieser Meinung, sondern
ich finde die Behauptungen der modernen Wissenschaft fr hchst annehmbar.
Aber was soll das sagen, nicht wahr?

Wie! Der dicke Chinese lachte und schrie. Alles, alles mein Herr, alles!
Ich bitte Sie, die Konsequenzen -- die Konsequenzen! Fassen Sie die
Konsequenzen ins Auge! heulte er triumphierend.

Erstens also sei -- und zweitens --

Adele lachte. Sie hielt die Bank und gewann fortwhrend.

Nun auf das Wohl der Herren! rief sie und erhob das Glas. Sie sah
wiederum Grau einen Augenblick lang eigentmlich an. Dann lchelte sie.
Auf das Wohl Susannas! sagte sie. Auf gute Freundschaft! setzte sie
hinzu und lchelte wieder.

Auf gute Freundschaft!

Eisenhut hatte keinen Wein im Glase und bis er es fllte, war es zu spt.
Er sagte hflich: Auf die Gesundheit der Damen! und strzte das volle
Glas hinunter. Dann lachte er. Nur Maria Sinding sagte: Zum Wohlsein!

Es ist sehr unterhaltend hier! sagte Adele. Alles Ernstes, ich will
Mitglied des Klubs werden. Ja! ich will die kurzen Monate noch genieen.

Wann denn die Hochzeit sei?

Im Mai! antwortete Adele lachend. Dann schttelte sie den Kopf. Wer wei
es? fgte sie hinzu. Niemand wei es. Seht her, wieviel ich gewonnen
habe! Ich habe Glck im Spiel! Faites vos jeux, messieurs!

Professor Richter verlor endlich die Geduld. Ja, ein merkwrdiger Herr war
dieser Herr Grau. Wie eine Katze fiel er stets auf die Fe. Nun er
zugegeben hatte, da der Mensch vielleicht nichts sei als das letzte Glied
einer langen Entwickelungsreihe -- ein Produkt der Auslese und Zuchtwahl --
nun war alles noch viel wunderbarer fr ihn. Er bewunderte den feinen
Geschmack und Instinkt der Wesen, immer das Schnere und Zweckmigere
auszuwhlen, er bewunderte das Resultat. Nein! Man knne nicht mit ihm
diskutieren.

Aber nach einer Weile begann Professor Richter von neuem die Diskussion. Er
bearbeitete Grau nach allen Regeln und von allen Seiten. Die ganze moderne
Wissenschaft lie er aufmarschieren. Endlich -- ach, endlich!

Nun, verehrter Herr, murmelte er und rieb bedchtig die groen fetten
Hnde aneinander, die Schlufolgerungen sind hchst einfach. Ja, das ist
ja erstaunlich, was Sie nun alles zugegeben haben, haha! Sie sind ja gar
kein solch altmodischer Mensch, Donner und Doria -- nein, Sie sind ja ganz
modern. Und beschlagen sind Sie ebenfalls, nicht wahr, Doktor, wie er doch
die Literatur kennt, unser Herr Grau! Aber nun erlauben Sie, da ich
zusammenfasse! Wenn Sie mir all das zugeben und behaupten all das ndere ja
an der Sache nichts -- wenn Sie mir zugeben, da die Seele des Menschen aus
der Tierseele entstanden ist, ein Komplex von Gehirnfunktionen -- wenn Sie
mir das zugeben, wenn Sie mir zugeben, da jedes Empfinden von einem
physiologischen Vorgange begleitet sein mu -- so erlischt also die Seele
-- sie hrt auf, sie ist fort und verschwunden, in die Binsen ist sie
gegangen -- in dem Augenblicke, da die Blutzirkulation im Gehirn stockt!
Das ist doch logisch, nicht wahr? Ja, zum Henker, jeder Idiot begreift das.
Aber dann leugnen Sie ja die Unsterblichkeit der Seele, haha! Vollstndig,
mein Verehrter, jawohl -- Sie lachen -- aber Sie taten es, gerade vor zwei
Minuten. Prosit! Ja, prosit, Sie sind ein moderner Mensch, durch und durch,
einen Orden sollen Sie haben!

Haben Sie gesehen, da alle herblickten, als Sie das kleine Wort
Unsterblichkeit aussprachen? entgegnete Grau. Es fiel mir auf. Ja, das
nur nebenbei. Was sagten Sie? Was habe ich doch getan? Aber auf Ihre
Gesundheit, auf die Gesundheit der Damen -- gewi werde ich heute einen
Rausch bekommen, so oft schenkt mir der liebenswrdige Herr Doktor ein! Ja,
was habe ich doch nur getan, da Sie so triumphieren, Herr Professor?
Triumphieren Sie, bitte, nicht zu frh. Ja trotzdem, trotz alledem glaube
ich an die Unsterblichkeit der Seele. Ich werde Ihnen nicht mit Grnden
kommen, denn so unzulnglich meine Worte wren, so unwrdig wren Worte
diesem Gegenstande. Auch finde ich es hlich, jedes Geheimnis mit einem
Worte zu vernageln. Wie wrde es sich doch ausnehmen, wollte ich sagen, all
die Millionen Schwingungen, Strahlen, die in jeder Stunde von Ihnen
ausgehen und ja gewi fortdauern mssen, sie zusammen -- oder die Seele
knnte sich irgend eines unbekannten Mediums bedienen -- wie hlich wrde
das doch klingen und nichts sagen obendrein. Nein, meine Herren, ich fhle
es und ich denke auch, nie htte ein Mensch diesen Gedanken fassen knnen,
niemals, wenn es nicht etwas Wahres mit ihm wre!

Grau lchelte und einen Augenblick lang leuchteten seine Augen wie dunkles
Gold.

Ja, wiederholte er, wie htte doch solch ein Gedanke in den menschlichen
Kopf kommen knnen, wenn er nicht wahr wre!

Aber da hre jede Diskussion auf. Herr Grau sei ein ganz modern denkender
Mensch, aber sobald man gewisse Dinge berhre -- haha!

Diese Dinge lassen sich eben nicht diskutieren! erklrte Grau lchelnd.

Dr. Nrnberger rollte sich eine Zigarette und sagte: Aber der Mensch hat
ja auch den Gedanken der Sterblichkeit der Seele fassen knnen, also mu es
auch damit eine gewisse Richtigkeit haben.

Gewi, erwiderte Grau, der Irrtum ist verzeihlich, denn wir sehen den
Tod stets ringsum und es ist auch mglich, da ein Teil -- jener Teil, Herr
Doktor -- der Seele stirbt -- -- -- -- Aber sehen Sie doch, was ist mit
Herrn Eisenhut?

Eisenhut nmlich deutete mit dem Zeigefinger auf den Tisch und schrie
unaufhrlich: Das ist nicht wahr! Das ist nicht wahr! Ich lasse mir das
nicht bieten!

Er lt sich das nicht bieten! ahmte der Adjunkt Eisenhuts heulende und
pfeifende Stimme nach.

Bitte, bitte! sagte Adele und lachte gereizt. Herr Eisenhut wei es
besser, natrlich!

Jemand hatte Adele grausam genannt, weil sie Eisenhut soviel Geld abnhme.
Sie hatte ganze Rollen von Geld vor sich liegen. Man knne doch sehen, da
Eisenhut es aufs Verlieren anlege.

Er mag spielen, wie er will! antwortete Adele lachend. Wenn es ihm
Freude macht zu verlieren, so mag er ruhig verlieren. Ich fr meine Person
freue mich, wenn ich gewinne, und ich freue mich, wenn jemand verliert. Wer
hat mich doch grausam genannt? Sie, Herr Assistent Pechmann? Danke! -- Ja,
fgte sie in scherzendem Tone hinzu, gewissermaen haben Sie recht, ich
bin vielleicht grausam. Zum Beispiel, ich hasse die Kranken und die
Krppel, ob sie nun bucklig sind oder hinken, einerlei, und oft denke ich,
man sollte sie eigentlich vergiften, das beste wre es! Ist das nicht
grausam? Und dann, schon als Kind war ich recht unangenehm, ich habe meine
Amme in die Nase gebissen und spter liebte ich es, den Mcken den Kopf
abzureien --

Sie sagte es in scherzendem Tone und gab dabei die Karten; niemand
beachtete es weiter, aber Eisenhut begann pltzlich sich ganz unsinnig zu
gebrden.

Das ist nicht wahr. schrie er und pochte auf den Tisch. Gelchter.

Wie beliebt? fragte Adele und richtete die hellen Augen auf ihn.

Eisenhut schrie: Niemals haben Sie Mcken die Kpfe abgerissen, das ist
eine Lge. Ich habe es in einem Buche gelesen!

Jemand fragte, ob er denn berhaupt je ein Buch gelesen habe?

Der Redakteur streckte beide Hnde gegen Eisenhut aus: Friede sei mit
dir! Aber der dicke Chinese schob ihn zur Seite und fate Eisenhut an der
Schulter. Eisenhut! rief er. Ruhig, oder du fliegst hinaus! Du brauchst
Damen lgen zu strafen! Eine Dame lgt nie! Verstanden, du Erzlgner! Ja,
die Damen mten den unangenehmen Zwischenfall entschuldigen.

Eisenhut machte sich frei und erhob sich. Er war wei wie eine getnchte
Wand. Er atmete tief und versuchte zu lcheln. Seine Lippen zitterten, das
Haar klebte an seiner Stirn. Er lie die Augen im Kreise umherirren, von
einem zum andern, und seine Lippen bebten strker: Feinde, lauter Feinde!

Wie sagen Sie? sagte er, stotterte er. Ich stehe -- ja, was soll das
heien -- was soll das heien! frage ich? Er rang die Hnde und alle sahen
ihm zu, wie zu einem Schauspiel. Was soll das heien, fuhr er zitternd
und bleich fort. Ich bin wohl kein Mensch? Alles was recht ist -- es ist
zuviel! Erzlgner? Wie -- alles was recht ist -- Sie -- Sie haben -- dieser
Doktor dort, Herr Dr. Nrnberger -- er hat Herrn Grau heraufgelockt. Dr.
Nrnberger ist gegangen um Herrn Grau heraufzuholen, wir wollen ihm die
Wrmer aus der Nase ziehen, er sagte es, Professor Richter -- es wre ein
Vergngen, zum Scherz ein Gesprch mit ihm anzufangen -- er hat es gesagt.
Alles lgt hier, alles macht sich lustig hier, so ist es. Eine Dame lgt
nie? Er sagt es, hier, Herr Professor Richter, aber vorhin hat er gesagt,
jede Frau wre ein Sack voll Lgen und die Frauen lgen so, da sie sogar
manchmal die Wahrheit sagen. Ich habe es gehrt, alle haben es gehrt --

Alle Teufel! Ruhe!

Aber Eisenhut schrie nur um so lauter. Das lasse ich mir nicht bieten.
Erzlgner? Mu ich mir denn --

Hren Sie mal! Eisenhut! sagte Professor Richter und fate Eisenhuts Arm.
Aber Eisenhut stie ihn zurck, er stieg auf das Sofa.

Es hat gar keinen Sinn! sagte er. Gar keinen Sinn -- Frulein von
Hennenbach hat mich verhhnt -- vor allen Leuten -- ich habe aber hundert
Mark bezahlt fr ein Glas Sekt -- sie hat mir nicht einmal die Hand gegeben
-- dann zerbrach ich ein Glas -- Ja, ich kam hierher und freute mich. Ich
freute mich so sehr. Ich war allen dankbar, euch allen -- aber wie begann
es. Es begann mit den hundert Mark! Ich hasse euch alle, alle! Ich hasse
euch, ihr Hunde und Lgner! Und auch Sie hasse ich, Frulein von Hennenbach
-- mehr als alle! Bin ich geizig, bin ich schmutzig, ich? Wie? Ihr alle
seid mir Geld schuldig, sechzehntausend Mark seid ihr mir alle zusammen
schuldig -- bin ich geizig? Ihr lacht?! Er fuhr rasch in die Tasche und
zog den Pack Banknoten heraus. Es ist mir alles einerlei -- hier, ich
zerreie das Geld -- alles, alles -- nehmt es, ihr Bettler! -- ich hasse
euch!

Man schrie, lachte und stie Eisenhut vom Sofa herunter.

Adele sagte: Lassen Sie ihn doch! Er klebt die Stcke ja morgen doch
wieder zusammen.

Eisenhut richtete die Blicke auf sie. Er schlo einen Augenblick lang die
Augen und hatte das Aussehen eines Menschen, der das Gefhl hat, in die
Tiefe zu strzen. Er legte auch die Hnde auf den Tisch um sich zu sttzen.

Sie sagen das! sagte er mit bse funkelnden Augen. Sie! Nach all dem was
vorgefallen ist!

Adele stand auf. Herr Eisenhut! sagte sie und erbleichte.

Eisenhut machte eine verzweifelte Gebrde. Er blickte Adele an und
pltzlich nderte sich der Ausdruck seines Gesichtes vollstndig. Er
errtete und wurde wieder bleich. Seine Augen fllten sich mit Trnen. Er
rang die Hnde und schrie: Ich bin schlecht, schlecht, ich bin -- seht
alle her, wie schlecht ich bin! Ja, bei Gott, bei allen Gttern, verzeihen
Sie mir, Frulein von Hennenbach! Ha! Oh, was habe ich gesagt! Was habe ich
gesagt? Was sollte denn vorgefallen sein? Da Sie freundlich zu mir waren
und mich einluden zum Tennis? Jeder wei, da nichts vorgefallen ist. Ich
beleidigte Sie -- ich wollte Sie beleidigen, das ist es! Sie mssen es
vergessen. Sie haben recht, ich habe ja schon fters Banknoten zerrissen
und wieder zusammengeklebt. Sie sagten die Wahrheit -- ja, bei Gott --

Eisenhut! sagte Grau.

Eisenhut blickte ihn an und suchte mit seinen glitzernden verzweifelten
Blicken in Graus Augen. Dann lchelte er spttisch. Herr Eisenhut -- ich
bitte recht sehr! sagte er und deutete auf den Tisch. Euch allen sage ich
--

Man lachte wiederum und schrie ihm zu doch endlich ruhig zu sein.

Ich will nicht! keuchte Eisenhut.

Der dicke Chinese umklammerte Eisenhuts Arm und sagte: Jetzt bist du
ruhig, du bist ja vollstndig betrunken!

Eisenhut spie ihm ins Gesicht.

Lassen Sie mich in Ruhe! rief er. Wer gibt Ihnen das Recht mich zu
duzen, he? Ich fordere Sie zum Duell. Auf Pistolen fordere ich Sie, Sie
Schuft!

Alle Wetter! Ruhe!

Der Chinese sprang zurck und besann sich einen Augenblick. Er blickte auf
die Mdchen, dann lachte er wtend.

Eisenhut aber schrie: Haben Sie gehrt, Sie Schuft und Heuchler! Haben Sie
es gehrt? Oder sind Sie zu feige, wie, wie, wie?

Ich nehme die Forderung mit Vergngen an! sagte der Chinese und verbeugte
sich vor Eisenhut. Auf Kanonen oder Pistolen, wie Sie wnschen!

Man ntigte Eisenhut sich zu setzen. Er nimmt sie ja an, schreie nicht
so!

Gewi nehme ich die Forderung eines jeden Gentleman an! sagte Professor
Richter mit ruhiger Stimme. Aber Sie erlauben mir eine Frage, wo haben Sie
Ihre Papiere?

Papiere? Eisenhut stotterte und tastete an seine Taschen.

Als Offizier der Reserve und ehemaliger Korpsstudent bin ich dem
Ehrenkodex unterworfen. Ich bitte Herrn Eisenhut um sein
Universittsmatrikel.

Eisenhut ffnete den Mund und starrte dem Chinesen ins Gesicht.

Man lchelte und lachte ringsum.

Ich sehe, Sie haben die Matrikel nicht in der Tasche, wer sollte sie auch
immer mit sich herumschleppen, fuhr der dicke Chinese in aller Ruhe fort.
Natrlich bin ich kein Pedant. Ich will Ihnen nur eine einzige Frage
vorlegen, eine kleine Prfung gewissermaen. Wir kennen einander und knnen
auf schriftliche Ausweise verzichten. bersetzen Sie mir den bekannten
Satz: Quae medicamenta non sanant, ferrum sanat, quae ferrum non sanat,
ignis sanat. Bitte! Er stand mit den Fusten in den Hften und schnarrte
die Sentenz herunter, da es rasselte.

Eisenhuts Blick flackerte. Er errtete, er erblate, er blickte scheu auf
Adele, ohne den Mut zu haben, sie anzusehen.

Quae medica -- stotterte er.

Ein bekanntes Sprchlein von Hippokrates, schnarrte der Chinese. Das ist
nicht zuviel verlangt.

Quae --

Eisenhut sank auf das Sofa zurck.

Es war ganz still und pltzlich hrte man Grau lachen; er lachte heiter,
belustigt, und noch niemals hatte man dieses Lachen von ihm gehrt.

Er fate Eisenhut am Arm und sagte: Herr Eisenhut! Fallen Sie doch auf den
albernen Scherz dieses Herrn hier nicht herein!

Fort! sagte Eisenhut. Fort! Hinweg! Er stie ihn zurck.

Guten Abend! Grau verlie das Zimmer.

Eisenhut sprang auf. Leben Sie wohl! sagte er zu allen. Ich sage nicht
mehr als leben Sie wohl!

Leben Sie wohl! wiederholte trocken der Adjunkt.

Eisenhut fixierte ihn und der dicke Chinese brach in lautes Gelchter aus.

Eisenhut schwankte zur Tre. Die Tanzmusik drang herein; man tanzte
Franaise und Bezirksamtmann Hberlein rief mit lauter Stimme franzsische
Kommandos. Er wandte den Blick auf Adele und sagte, indem er den Kopf
senkte: Leben auch Sie wohl, Frulein von Hennenbach! Leben Sie wohl fr
immer!

Adeles Lippen zuckten. Das sei das beste, was er tun knne.

Eisenhut lachte verzweifelt und verlie das Zimmer. Er taumelte, immerzu
verzweifelt lachend, den Korridor entlang, er ging die Treppen hinab und
lachte immerzu dasselbe verzweifelte Lachen.

Grau verlie vor ihm, dicht vor ihm, das Hotel und verschwand in der
Richtung nach seinem Hause.




Sechstes Kapitel


Eisenhut lief so schnell ihn die Fe trugen ber den Marktplatz, und sein
gelbes chinesisches Kostm flatterte die Strae hinunter, die zum Flusse
fhrte.

Es schneite fein; kleine Flocken, einzelne Kristalle gleichsam, fielen
langsam und flimmernd herab und bedeckten den Boden mit einer sanften
dnnen Schicht weien Schnees.

Eisenhut berschritt mit groen flchtigen Schritten die Steinbrcke und wo
die Felder anfingen, begann er wieder zu laufen. Hier auen war die Nacht
kalt und schwarz und der Wind hauchte ber die Ebene. Eisenhuts dunkle
Gestalt erschien auf einer Anhhe, verschwand wieder, tauchte als Schatten
auf dem nchsten Hgel auf und wurde kleiner und kleiner mit jeder
Bodenwelle. Er lief wahnsinnig rasch und bald erschien es als ob ein Hund
oder ein Fuchs sich rasch ber die de nchtige Ebene bewege und endlich im
Dster verschwnde. Seine Spuren schrieben eine ungeheure Kurve in den
beschneiten Grund. Endlich wurden sie schnurgerade, sie liefen wie mit dem
Lineal gezogen ferner und ferner in die Ebene hinein.

Eisenhut lief und lief, bis er erschpft in den Schnee fiel und sich nicht
wieder erhob.

Der Wind blies dicht ber die Erde und feiner Schneestaub bereifte seine
Kleider, seine Haare, seinen Bart. Er fllte die Falten seiner Kleider, die
Vertiefungen zwischen Armen und Krper und errichtete einen kleinen Wall
auf der einen Seite, der Wind blies und drehte sich im Kreise und begann
die Arbeit auf der andern Seite. Bald lag er halb zugeweht in der den
lautlosen Ebene . . .

Als Eisenhut wieder die Augen ffnete, wute er nicht sofort, was
vorgefallen war. Er zwinkerte und der Schnee fiel von seinen Lidern, er
schttelte den Kopf und der Schnee fiel aus seinen Haaren. Ein Mann kniete
bei ihm, schttelte ihn, rieb, klopfte.

Eisenhut starrte ihn mit blden Augen an. Er erkannte Grau.




Siebentes Kapitel


Eisenhut und Grau kamen rasch ber die Brcke gegangen. Eisenhut war in
Graus Mantel eingehllt und hatte Graus Hut auf dem Kopfe, er gab sich Mhe
Grau zu folgen, der zur Eile trieb. Er zitterte und die Klte schttelte
ihn am ganzen Krper. Zuweilen weinte er leise vor Erschpfung.

Eines begreife ich nicht, begann Eisenhut zitternd, es war das erste
Wort, das er sprach, wie konnten Sie mich finden, wie soll das ein Mensch
begreifen?

Grau lchelte. Das ist sehr einfach, Herr Eisenhut. Ich habe gesehen, was
vorfiel. Sie waren sehr erregt und deshalb folgte ich Ihnen. Das war kein
Kunststck, ich konnte ja Ihre Spuren im Schnee sehen. So einfach ist das.
Nur vorwrts!

Eisenhut nickte, er lchelte und schttelte den Kopf. Ich habe von einem
groen Feuer getrumt, sagte er, daran wrmte ich mich -- ein helles,
groes Feuer. Ich streckte die Hnde hinein. Nun fllt mir alles ein -- oh,
wie schrecklich, ich hatte so furchtbar getrunken! Das groe Feuer schrie
meinen Namen. Eisenhut, schrie es, tanze, tanze! Ich tanzte und das Feuer
lachte -- hahaha -- Eisenhut tanze! -- da waren Sie es, der mich
schttelte! Nun fllt mir alles ein, ich bin nicht mehr betrunken -- ich
lief im Schnee, durch den Schnee -- haha -- ich wollte sterben, ja, aber
nun lebe ich noch. Ich wollte sterben, als ich zur Brcke hinabrannte.
Strze dich ins Wasser, kopfber -- kopfber, genau so dachte ich, kopfber
-- aber das Wasser in der Mitte des Flusses glitzerte so kalt -- all das
Eis -- vielleicht unter dem Eise schwimmen -- niemals -- ich lief weiter.
Ich lief und warf mich in den Schnee, auf einer Anhhe, da lag ich und es
wurde kalt und ich fhlte wie ich einschlief. Nein! Ich sprang auf. Ich
hatte alle Lust zum Sterben verloren. Sterben, warum? Aber ich konnte ja
doch nicht mehr zurckgehen, konnte ich mich denn wieder sehen lassen? Ich
hatte ja Abschied genommen -- hatte ein groes Geschrei gemacht -- also
mute ich wohl oder bel sterben. Das ist kein Vergngen, das ist ein
schauderhaftes Gefhl, sterben zu mssen und nicht zu wollen. Ich lief in
die Nacht hinein, vorwrts, fort und schrie: Du bist zum Tode verurteilt,
Eisenhut -- es geschieht dir recht -- zum Tode bist du verurteilt. Dieser
Professor mit seinem Duell -- ich hatte mich verabschiedet -- von allen --
lebewohl fr immer -- also vorwrts, vorwrts! Wie ich doch gefroren habe
-- eine frchterliche Klte -- ich lief um warm zu werden. Ich wollte auch
nicht mehr denken. Du bist zum Tode verurteilt, sagte ich und hatte
wahnsinnige Angst. Ich wurde mde und setzte mich in den Schnee -- nur ein
bichen ausruhen, ein klein wenig -- aber ich hatte furchtbare Angst. Ich
wurde schlfrig und alles wurde mir gleichgltig. Einerlei, einerlei, sagte
ich, es geht dahin mit dir, Eisenhut, in die Hlle hinein. Ich lachte. Ich
hatte eine Menge von Gedanken -- wie ich im Schnee liegen wrde, lang und
steif -- man wird dich finden, dachte ich. Alle wrden es erfahren -- man
hat ihn gefunden -- alle, aber nein, jetzt war nichts mehr zu ndern -- es
konnte ihnen leid tun -- es war nichts mehr zu ndern, haha! Dann wrde ich
beerdigt werden und Sie -- Sie werden die Rede halten. Ich dachte an alles
und auch daran, da die jungen Damen vom Tennisklub kmen. Aber da kam die
Angst zurck. Nein! Ich werde nicht sterben. Ich hatte Angst! Wie dumm
nicht zu wissen, was morgen ist. Nicht zu wissen, wie das und jenes enden
wird -- schon aus Neugierde konnte ich ja nicht sterben. Nein, nein --
hihihi! Du gehst nach Hause, stellst dich ans Fenster und lachst, ja! Alles
ist einerlei! Also ging ich nach Hause, ich rannte -- im Nu war ich zu
Hause -- ah, ich war ja gar nicht weit gegangen gewesen -- in meinem Zimmer
sa eine Katze. Ich machte ein groes Feuer und setzte mich davor und
wrmte mich -- und ich verga alles, fhlte mich so wohl -- aber pltzlich
erwachte ich, ich richtete mich auf: Da lag ich ja im Schnee! Ich war gar
nicht zu Hause? Das ist ja schrecklich, sagte ich mir, und zitterte und
konnte nicht denken. Du bist ja gar nicht zu Hause. Bei allen Teufeln in
der Hlle! Das ist toll, sagte ich, das ist -- ich kroch ein wenig
vorwrts, ich stand auf -- ich laufe wieder -- ich glaube immerzu zu
laufen, ich sehe die Brckenlampe -- ich erwache wieder und finde mich
wieder im Schnee. Das ist entsetzlich! sage ich und schreie. -- Hier
begann Eisenhut wieder vor Erschpfung leise zu weinen. -- Ich laufe und
glaube ich laufe nach Hause und immer, immer finde ich mich wieder im
Schnee. Da verzweifelte ich, ich schrie, ich schrie -- aber ich hrte nicht
mehr, ich hrte mich nicht schreien -- ich lief, lief, lief -- oh, wie
schrecklich lief ich doch --

Eisenhut lachte und weinte in einem und Grau hrte wie seine Zhne
klapperten.

Ich habe Sie beleidigt, Herr Grau, neulich, heute abend, ich wollte --

Lassen wir die alten Geschichten ruhen!

Der weie Elefant war noch immer hell beleuchtet, die Musik wiegte sich
in der Ferne, Lachen und Singen drang aus dem Torweg. Eisenhut hielt sich
die Ohren zu.

Ich darf doch ein wenig mit Ihnen eintreten? sagte Grau. Nur, bis Sie
ganz in Ordnung sind, Herr Eisenhut. Er sah Eisenhut lchelnd ins Gesicht.




Achtes Kapitel


Eisenhut nahm eine demtige Haltung an. Er nickte und schlo die fleckige
Tr mit dem kleinen Guckfensterchen auf. Er verneigte sich und sagte mit
demtigen Augen und einer linkischen, rhrenden Handbewegung: Treten Sie
ein in mein Haus!

Im Hause war es ganz dunkel und es roch dumpf und feucht wie in einem
Keller. Etwas raschelte und sprang ber Graus Fe. Es gibt Ratten hier,
deshalb bewohne ich den ersten Stock, sagte Eisenhut und zndete eine
kleine Talgkerze an.

Grau blickte sich gespannt um: In der Ecke stand eine alte Holzfigur, ein
Heiliger, dessen Arme abgeschlagen waren.

Grau nickte. Ich bin aber noch nie in diesem Hause gewesen, dachte er und
starrte die Figur an. Er war wie betubt.

Eisenhut ffnete unterdessen ein hohes eisernes Gitter, das das Treppenhaus
abschlo. Eine alte Figur, die ich auf dem Speicher fand. Bitte!

Ja!

Kaum hatte Grau einen Fu auf die Stufen gesetzt, als es im ganzen Hause
schrill zu luten begann. Das sind Alarmglocken. Ich wohne ganz allein im
Hause.

Vor Eisenhuts Zimmern im ersten Stock stand ein kleines braunes Hndchen
mit einem Backenbart wie ein Oberkellner, und wedelte vergngt mit dem
Schweife und streckte die Zunge heraus.

Sehen Sie her! sagte Eisenhut und schttelte den Kopf. Solch ein Hund!
Er stampfte mit dem Fue und rief: Warum bellst du nicht, wenn ein Fremder
kommt! Das Hndchen rannte entsetzt davon und kroch unter einen Diwan.

Eisenhut stellte die Kerze auf den Tisch und sank erschpft auf den alten
Lederdiwan. Er schlo die Augen und sah aus wie ein Greis. Er zitterte am
ganzen Krper.

Das Zimmer war eine Art Halle und hatte eine gewlbte Decke und zwei breite
Fenster in tiefen Nischen, der Boden war krumm und knarrte bei jedem
Schritte; ein mchtiger hellbrauner Ofen in der Form eines Wrfels, der auf
vier Kugeln stand, der alte Lederdiwan, ein hoher zerrissener Sessel mit
geschnitzter Lehne, ein groer schwarzer Schrank, einige Sthle, der Tisch,
das war alles, was im Zimmer stand. Die Wnde waren vollstndig nackt, nur
an dem Pfeiler zwischen den Fenstern hing ein Bild, jedoch bis zur
Unkenntlichkeit vom Rauch geschwrzt. Die Fenster waren ohne Gardinen, das
Zimmer kahl und unordentlich, man konnte glauben in einem Gefngnis zu
sein.

Es war eisig kalt hier.

Pltzlich sah Grau Eisenhuts Augen auf sich gerichtet, Eisenhut verfolgte
ihn mit den Blicken. Er lchelte spttisch. Dann begann er zu sprechen,
aber die Stimme versagte ihm, er rusperte sich und begann von neuem.
Weshalb gehen Sie denn nicht? fragte er heiser. Er zitterte.

Davon ist nun gar nicht die Rede. Vor allen Dingen will ich Feuer
anschren, versetzte Grau. Wo kann ich Holz finden? Sie mssen trachten
ins Bett zu kommen, Herr Eisenhut.

Eisenhut schlo wieder die Augen; er wiegte den Kopf hin und her und
murmelte, da er gewohnt sei, in den Kleidern zu schlafen.

Grau ging hinaus und suchte die Kche. Hier fand er einen groen Haufen von
Tannenzapfen, sten, Stcken von Latten und Splittern von Bauholz. Das
zerbrochene Rad eines Kinderkrrchens lag dabei, ein Peitschenstiel, ein
unbrauchbarer Kochlffel und viele Dinge, wie man sie auf der Strae finden
kann. Auf ein Bord waren Kohlenbrocken gelegt, geordnet zu einem langen
Zuge, Stckchen um Stckchen, einige Reihen. Ebenso entdeckte Grau auf
einem Gesimse eine Sammlung alter Eisenteile, Schrauben, Ngel, Hufeisen,
das Stck einer Eisenbahnschiene und einen Trdrcker.

Grau fllte den gelben Ofen mit Holz und machte Feuer. Dann kam er wieder
aus der Kche zurck mit einem Kochtopf voll Wasser, mit Tellern, Messern,
Brot und einem riesigen Stck Speck, das er in der Kche entdeckt hatte. Er
stellte den Topf auf den Ofen, schnitt Brot und Speck und hantierte
lautlos, whrend Eisenhut auf dem Diwan sa und zu schlafen schien.
Zeitweise ffnete er ein Auge und lchelte spttisch. Das kleine Hndchen
streckte die Schnauze unter dem Diwan vor und verfolgte jede Bewegung
Graus.

Der dicke Ofen begann zu prasseln und zu fauchen, manchmal knallte es wie
Schsse in seinem Innern und weilicher dicker Rauch quoll aus den Fugen.

Es war lange still. Dann ging Grau hinaus und holte Glser aus der Kche.

Eisenhut blinzelte. Sie bemhen sich! sagte er leise. Sie bemhen sich!
Er lchelte spttisch.

Grau lchelte und antwortete freundlich: Die Mhe ist sehr gering, Herr
Eisenhut. Wenn Sie mir einen Dienst erweisen wollen, so sagen Sie mir,
bitte, ob ich nicht etwas Kognak finden kann.

Eisenhut lchelte und deutete auf den alten schwarzen Schrank.

Dieser Schrank sah im Innern aus wie das Schaufenster eines
Branntweinfabrikanten, er war angefllt mit Flaschen von allen Gren und
Farben und Formen, zierlichen Flakons, dicken Bocksbeuteln; Eisenhut schien
auch Liebhaber von Phantasieflaschen zu sein, da stand eine Flasche aus
zwei Kugeln, ein pechschwarzer Neger in rot-wei-gestreifter Badehose und
mit weien lachenden Zhnen, und andere Sehenswrdigkeiten. Eine Menge von
Kerzenstumpfen und Zigarrenresten, ein Revolver und ein Fernglas lagen in
dem obersten Fach, das mit staubigen Weinflaschen vollgestopft war.

Ah, das ist ja ganz prchtig, sagte Grau. Hier haben wir alles was wir
brauchen.

Er bereitete Grog und stellte ein Glas vor Eisenhut. Bitte, sagte er. Er
blickte im Zimmer umher, schttelte den Kopf und fuhr fort: Wie hlich
Sie doch wohnen, Herr Eisenhut! Ein Mann wie Sie, Gott stehe mir bei! Wie
schn knnten Sie es hier haben, eine freundliche Farbe an den Wnden,
Vorhnge, ein hbscher Teppich. Ein paar Bilder, die Sie erfreuen, so oft
Sie sie ansehen, eine Uhr mit einem langen Pendel, die Ihnen die Zeit
vormit und etwas Lrm macht. Sie knnten es schn haben, da es eine
Freude wre, zu Ihnen zu kommen.

Sie haben auch keine Bcher hier. Ein Bord mit schnen Bchern. Wenn Sie
allein sind oder mde, dann knnten Sie sich in den Sessel setzen und lesen
bei der Lampe. Ich liebe das sehr, ich fr meine Person. Es gibt so
herrliche Bcher. Die ganze Welt ist darin, alles was die Menschen gedacht
und gefhlt haben. Sie knnen in der Gesellschaft von wirklich groen und
auerordentlichen Menschen leben, die alle wie Freunde zu Ihnen sind. Sie
finden Friede, Ruhe und Halt, Freude, Schnheit und Rat. Sehen Sie, hier an
dieser Wand, da knnten die Bcher stehen. Ich werde mit Ihnen in den
nchsten Tagen zum Buchhndler gehen. -- Wollen Sie nicht den Grog trinken?
Der wird Ihnen gut tun. Vielleicht wnschen Sie ihn ein wenig strker?

Eisenhut schttelte den Kopf, ohne die Augen zu ffnen.

Seien Sie kein Narr! Ich will Ihnen die Schuhe ausziehen, es wird warm
hier, alle Wetter! Das ist gut fr uns beide. Grau zog ihm die Stiefel
aus. Eisenhut richtete sich auf und blickte sich nach dem Hndchen um. Das
kleine braune Hndchen verschwand blitzschnell unter dem Diwan und zerrte
ein Paar alte Pantoffeln hervor.

Was fr ein hbsches und kluges Hndchen! sagte Grau. Ich darf ihm doch
etwas Speck geben? Du hast deine Sache ganz auerordentlich gut gemacht!

W! W! Ww!

Schon gut, schon gut! Siehst du, das hat mir gefallen, schleppst die
Pantoffeln fr deinen Herrn herbei und bist selbst so klein. Nun auf Ihre
Gesundheit, Herr Eisenhut, auf unsere Gesundheit, raffen Sie sich auf,
strken Sie sich!

Eisenhut schttelte den Kopf und starrte vor sich hin. Sein Auge war trbe
und hoffnungslos. Es ist alles vorbei! murmelte er leise und nickte. Er
schlrfte langsam den heien Grog, er zitterte immer noch. Grau machte ihm
ein zweites Glas zurecht. Nein, nein! sagte Eisenhut, aber er schlrfte
auch dieses Glas. Es wurde warm und er hrte auf zu zittern.

Pltzlich stand Grau auf und legte seine Hand auf Eisenhuts Schulter und
dann umarmte er ihn. Ich bin als Freund zu Ihnen gekommen! flsterte er.

Eisenhuts Schultern bebten.

Es war stille und die lange Ofenrhre lie einen hohlen surrenden Ton
hren. Vom Marktplatze herauf drang der frhliche Lrm einer Gesellschaft,
die sich verabschiedete. Gute Nacht, gute Nacht -- huhu!

Glauben Sie an die Hlle? fragte Eisenhut leise nach einer Weile.

Nein.

Sie glauben nicht daran?

Nein.

Warum nicht?

Weil ich nicht daran glaube, ich fhle nicht so.

Gut. Aber Sie tuschen sich. Es gibt eine Hlle. Ja! Hren Sie wohl, es
gibt eine Hlle, sage ich Ihnen! Die Erde ist die Hlle, das Leben ist die
Hlle, ich bin die Hlle, sehen Sie her, hier, hier ist die Hlle. Meine
Gedanken und meine Gefhle sind meine Hlle, meine Trume! Ich kann einen
Hund vor mein Haus legen, da niemand herein kommt, aber -- frage ich Sie
-- kann ich einen Hund vor meinen Kopf und mein Herz legen? Wenn ich wache,
da kann ich mich betuben, ich kann Karten spielen, ich bringe vielleicht
meine Gedanken los, aber wenn ich schlafe --? Sie trumen, da ihr Krper
mit Aussatz bedeckt ist, mit Geschwren, mit einer Kruste aus Linsen, was
ist das? Ist das ein Leben? Das ist die Hlle. Oder eine Spinne sitzt auf
ihren Augen und saugt sie aus. Das ist entsetzlich!

Warum kann ich nicht sein wie andre Menschen, die frhlich und guter Dinge
sind? Warum kann ich nicht sagen: Ach, guten Tag, wie geht's? und dabei
lcheln? Ich fhle mich unbehaglich in Gesellschaft -- ich hasse die
Menschen! Aber warum hasse ich sie doch? Warum, warum? Habe ich mich selbst
so geschaffen? Ich hasse die Menschen, das ist ebenfalls die Hlle. Ich
sehe die Menschen lachen und frhlich sein, es gibt mir einen Stich, ich
hre, da man einen Menschen lobt, da man gut und bewundernd von ihm
spricht, das kann ich nicht ertragen -- ich schimpfe ber ihn. Ich mache
ihn schlecht. Ich glaube nicht an das Gute. Die guten Menschen, denke ich,
sind alle Heuchler, sie hassen sich ja doch, alle zusammen, sie hassen
einander wie Teufel. Ich glaube nicht an Gott, an nichts glaube ich. Ich
freue mich, wenn es einem Menschen schlecht geht. Er bricht das Bein, ich
lache und sage: Recht so, recht so, nur frisch darauf los Beine gebrochen,
ich freue mich. Ich lese die Zeitung. Ein Eisenbahnunglck. Selbst das
macht mir eine geheime Freude, obwohl die Leute mir ja ganz fremd sind.
Haha -- so bin ich, bei Gott. So kann ich nicht mehr leben, sterben kann
ich auch nicht, denn ich liebe das Leben, schrecklich liebe ich es,
obgleich es die Hlle ist. Wie soll ich es doch anpacken? Er schttelte
den Kopf. Und ich bin so weit, da es mir ein Vergngen ist, Ihnen meinen
Bankerott zu erklren, es macht mir Freude, Sie sehen zu lassen, wie gemein
ich bin. Hren Sie zu, hren Sie geduldig zu. Ich liebe das Geld, offen und
ehrlich gestanden. Das ist das einzige, sage ich zu mir, was du hast. Und
sie beneiden dich darum, die andern. Sie kommen zu mir und wollen Geld.
Nichts als Geld, keiner hat noch etwas andres von mir verlangt. Ich liebe
das Geld und wenn ich es hergebe, so ist es nur, um mir den Menschen zu
kaufen, er wird freundlich gegen mich, er lchelt, wenn er mich sieht. So
ist es und um kein Haar anders. Ich will, da die Menschen vor mir auf dem
Bauch liegen. Wenn ein Mensch mir schmeichelt -- nimm! nimm! er kann alles
haben -- ich glaube ihm ja nicht, aber es ist doch schn all die hbschen
Worte zu hren -- Herr Eisenhut hin und Herr Eisenhut her, vorwrts und
rckwrts -- wie geht es Ihnen, Herr Eisenhut, Sie sehen krank aus! Dieser
Herr Eisenhut, was fr ein nobler und feiner Mann ist er doch! Ja, wenn ich
es glauben knnte, aber ich kann es ja nicht glauben. Ich glaube nichts.
Sobald man mir etwas sagt, so verzieht einer in mir -- hier, in meiner
Brust, das Gesicht und grinst. Er spricht ja nicht die Wahrheit, denke ich.
Ein nobler und feiner Mann! Aber weshalb knnte er es denn nicht wirklich
meinen? ich habe ihm ja gar nichts getan. Sprechen Sie?

Weil er Sie wahrscheinlich nicht dafr hlt, Herr Eisenhut!

Aber es gibt ja viele Lumpen und Hunde ringsumher -- wie spricht man von
ihnen? Man ist freundlich, Ja, man liebt sie. Man liebt sie, obgleich sie
Lumpen und Hunde sind! Warum das? Warum liebt mich keiner?

Weil Sie die Menschen nicht lieben, Eisenhut!

Eisenhut lchelte und seine Zge verzerrten sich. Er nickte. Ich hasse die
Menschen, es ist wahr! Aber ich gebe mir doch Mhe, das nicht sehen zu
lassen.

Grau lchelte und legte die Hand auf Eisenhuts Schulter. Das hilft Ihnen
nichts. sagte er. Die Menschen fhlen es, obgleich Sie Liebe und
Freundschaft heucheln.

Eisenhut sah ihn an, er blinzelte nicht. Sie fhlen es? Er blickte mit
hilflosen Augen vor sich hin und gab dem kleinen Hunde einen Sto auf die
Schnauze, als er sich ihm zu Fen setzte. Der Hund sah ihn erschrocken und
erstaunt an und blickte auch auf Grau, was er davon halte? Wenn ich daran
denke, an alles denke, so ist mein Leben eine fortgesetzte Blamage
gewesen, fuhr Eisenhut fort und sttzte das verzehrte Gesicht in die
Hnde. Ja, ja, dreimal ja! Eine einzige Blamage. Ich will gar nicht daran
denken, wie die Bauern mich durchgeprgelt haben -- das ist ja eine
Kleinigkeit -- aber ich mache den Mund auf -- ich sage etwas, ich tue etwas
-- alles ist nichts als Blamage. Ich bin auch so unwissend -- ich schme
mich -- so unwissend -- ich kann nicht richtig schreiben, einmal wollte ich
einen Brief an eine Dame schreiben, ich konnte nicht, diese Stze, Komma,
Punkt, diese Wrter, man schreibt sie hin, sie haben keinen Sinn mehr, es
ist zum wahnsinnig werden. Haha, wie haben sie gelacht, dieser Professor
Richter und die ganze Bande -- -- ich spreche -- alle lachen, die Herren
und die Damen. Sie sprechen von einer Stadt und ich denke, sie liegt in
Deutschland, aber die Stadt liegt in China. Alles lacht, alles! Ich lache
mit und sage, ja, man kann sich tuschen. Aber ich liebe es, gebildet zu
erscheinen, trotzdem ich nichts wei, ich sage ein Wort franzsisch, ich
streue ein lateinisches Wort ein -- damit man glaubt, dieser Eisenhut kennt
eine Menge Sprachen -- aber ich wende ein fremdes Wort an und wieder lacht
man. Das ist doch kein Vergngen, oder?

Aber das sei ja weiter nicht schlimm. Wenn er fhle, da er unwissend sei,
und darunter leide, weshalb lasse er sich nicht belehren.

Glauben Sie? Glauben Sie, da es nicht zu spt ist?

Wie alt sind Sie denn, um Gottes willen?

Dreiunddreiig.

Grau lachte.

Eisenhut flsterte: Niemand wei es. Ich habe gar keinen Unterricht
genossen. Meine Mutter sagte, was brauchst du den Kram, du hast Geld. Lenz
hat mich unterrichtet -- aber was war es doch? Er spielte Karten mit meinem
Vater -- sie tranken und spielten -- Ah, sagte Lenz, dein Sohn braucht
nichts zu lernen, er saugt die Weisheit aus dem Leben und aus der Natur!
Auf diese Weise habe ich gar nichts gelernt, knnte ich dem Lehrer den
Schdel einschlagen! Ich habe nie den Mut gehabt, Unterricht zu nehmen,
denn der Lehrer htte ja gesehen, wie unwissend ich bin.

Das ist ja nebenschlich, das lt sich leicht nachholen, warf Grau ein.
Mit einigem guten Willen.

Ja? sagte Eisenhut und nickte. Das ist es ja nicht, es ist auch nur ein
Stckchen. Aber alles zusammen, alles, alles. Ich knnte nicht einmal alles
sagen, selbst wenn ich wollte. Solch schreckliche Dinge! Aber was sagen Sie
dazu, wenn einem Menschen mit der Zeit alles gleichgltig wird? Hren Sie,
ist es mglich, da es einem Menschen gleichgltig ist, ob es Tag oder
Nacht ist? Ich liege im Bett und wage nicht aufzustehen, nicht aufzuwachen,
denn ich frchte mich vor dem Tag, vor der Langeweile und dem Nichts. Was
wird vorgehen, frage ich mich? Nichts, nichts! Weshalb soll ich aufstehen?
Nun, ich stehe nicht auf, ich mchte im Bette liegen und schlafen, immerzu,
bis ich sterbe. Aber auch das ist sinnlos. Ich stehe auf, und ich denke,
warum bist du aufgestanden, hast ja nichts zu tun. Ich gehe auf die Strae
und die Sonne scheint. Mein Gott, wie gut es ist, da die Sonne scheint,
denke ich. Ich freue mich, ich gre die Leute. Das ist das Leben, denke
ich, wenn die Sonne scheint und der Mensch frhlich ist. Ich gehe ein wenig
in der Sonne und freue mich nicht mehr. Es ist ja so einerlei, ganz
einerlei, ob die Sonne scheint oder nicht. So gehe ich in das nchste
Wirtshaus, setze mich hin, trinke Bier, esse Kse, sitze da, stundenlang
und trinke -- es ist mir ja alles einerlei. Ich kann ruhig hier sitzen,
warum nicht? Mein Kopf ist leer, ich kann nichts denken. Aber ich kann
trumen. Ich denke, ich gehe, gehe auf der Strae, da kommen sechs junge
Mdchen daher, Arm in Arm und lachen mich an. Ich trume, ich gehe durch
den Wald und eine Dame kommt daher und begrt mich und plaudert mit mir,
ganz wie mit andern Herrn, ja, was will ich sonst? Nichts andres will ich
sonst! Aber wenn ich der Dame in Wirklichkeit begegne, so grt sie kaum
und lt mich stehen. Haha, denke ich, so sind sie, und ich trinke. Oh,
wenn sie doch zum Teufel ginge, sie und alle Mdchen, die immer lachen und
vergngt sind, alle, alle, mit ihr in die Hlle! Ich wnsche, da sie krank
wird und ihr die Haare ausfallen und ich freue mich -- ja, wie hlich wird
sie doch aussehen? Niemand wird sie mehr ansehen -- auch ich -- nein, ich
nicht, ich werde alles fr sie tun, was sie will. Alles, alles, sie mag
hlich sein wie sie will. Aber das alles wird ja nie sein. Sie wird leben
und frhlich sein, alle, alle Menschen. Ich fluche den Menschen, auch
meinen Freunden! Habe ich welche? -- Mgen sie dahinfahren! Brauche ich
Freunde, nein? Ich lache, alles ist ja gleichgltig und ich brte vor mich
hin -- ja, nun ist mir wieder alles einerlei -- alles -- aber das ist noch
schrecklicher, lieber noch Ha, noch Qual -- Das ist das schrecklichste
meiner Hlle, da mir alles einerlei geworden ist! Er stand mit einer
Gebrde des Ekels auf. -- Seine Zge waren bleich und verfallen. Die Linien
um seinen Mund waren tief und gaben dem Gesichte den Ausdruck eines
trostlosen Lchelns, obgleich er keine Miene bewegte. Ein verzweifeltes
stummes Lachen war fr immer in sein Gesicht eingegraben. Seine Augen waren
scharf und brannten in kranker Glut, wie die eines Irren. Er ergriff das
Glas mit Grog, das Grau fr ihn gerichtet hatte und strzte es hinunter.
Seine Hand zitterte.

Ja! sagte er heiser wie ein Mensch, der lange geweint hat. Lat uns
trinken! Geben Sie mir noch ein Glas, es ist so nicht auszuhalten. Alles
peinigt mich! Dieses Zimmer, ich brauche es nur anzusehen! Dieses Sofa,
dieser Stuhl, alles qult mich! In meinem Kopfe geht etwas herum, immer das
gleiche! Haben Sie das schon erlebt, da in Ihrem Kopfe immer das gleiche
herumgeht, etwas das Sie foltert, wachen Sie auf, es ist da, gehen Sie zu
Bett, es ist da. Es ist immer da, es weicht nicht mehr. Jemand lacht, es
ist in seinem Lachen, sie trinken eine Flasche Schnaps, es ist in der
Flasche. Es ist immer da! Sie werden ohnmchtig, aber je ohnmchtiger Sie
werden, desto mehr ist es da! Sie werden wahnsinnig, aber dann ist es fr
immer da. Es qult mich, weil es immer da ist. Hier -- hier -- der Boden,
der Stuhl, auf dem Sie sitzen, die Trschwelle -- da ist es! Hren Sie! Es
ist das Tollste, was Sie je gehrt haben. Hren Sie?

Ich hre, sprechen Sie, Eisenhut! sagte Grau.

Eisenhut atmete tief und begann: Eines Nachts da klopft es an meine Tre
-- ich mu es Ihnen sagen, ich mu! -- es klopft, ich horche, es klopft an
der Tre, die zum Garten fhrt. Ha! denke ich, wer, bei allen Teufeln, soll
denn mitten in der Nacht an der Tre, der hintern Tre klopfen? Bum, bum!
Die Haare stehen mir zu Berg, ich bekomme Angst und es siedet in meinem
Kopfe. Ich sitze hier an meinem Tische wie aus Stein. Vielleicht sind es
Diebe oder Mrder, die dich hinauslocken wollen? Nero beginnt zu klffen.
Pack, pack! sage ich, pack Nero, und ffne die Tre und er kollert die
Treppe hinunter und bellt. Bum, bum! Ich gehe ins Schlafzimmer, nehme das
Gewehr und ffne vorsichtig ein Fenster. Wer ist da! schreie ich laut, aus
Angst schreie ich so laut. Jemand lacht leise im Garten. Ja, zur Hlle mit
dir, wer kann denn im Garten lachen, das ist doch unerhrt! Wer ist da? Es
ist eine Dame, deren Stimme ich kenne. Hier hielt Eisenhut inne und
blickte auf Grau. Ein Schatten fiel ber sein Gesicht, nur das Kinn war
beleuchtet und Grau sah, da sein Mund lchelte, so wie der eines Menschen,
der horcht und lchelt zu gleicher Zeit. Es sind weder Diebe noch Mrder,
fuhr er fort es ist ja eine Dame, die du kennst. Sie hat mit mir zu
sprechen. Was um alles in der Welt -- es ist ja Nacht -- tiefe Nacht! --
Ich ffne. Sie tritt ein und lacht. Was ist das eigentlich mit den Hunden,
vor denen gewarnt wird, und mit den Fuangeln und Selbstschssen in Ihrem
Garten, sagt sie und lacht als ob es heller Tag wre. Bitte? Ja, das sei
eine Finte, um das Gesindel abzuschrecken. Nichts ist wahr daran! Nun also,
bitte? Sie habe mit mir zu sprechen. Bitte, sage ich, bitte, hier ist es
finster ich bringe Licht, Licht, sofort, sofort, bitte, gndiges Frulein.
Hier sitzt sie also, hier, mein lieber Herr, hier, wo Sie jetzt sitzen. Es
ist zwei Uhr nachts, es ist Sommer. Geben Sie mir noch ein Glas Grog, ich
mu trinken, ich freue mich. Sie sitzt hier, sie hat dringend mit mir zu
sprechen. Es war am dritten Juni, nachts zwei Uhr. Sie kommt mit einer
groen Bitte, sie wei nicht, ob ich sie ihr erfllen werde. Bitte, bitte,
sage ich, mein gndiges Frulein -- nein, sie will nichts trinken, sie hat
es auch sehr eilig, es tut ihr leid, da sie nicht immer liebenswrdig mit
mir umging. Ich mu verzeihen, Launen, sie ist sehr launisch. So sprach
sie, so freundlich und blickte mir in die Augen. Sie sagte einfach
Eisenhut, nicht Herr Eisenhut, nein, gibt's nicht, Eisenhut bin ich. Bitte,
sage ich, wenn es in meiner Macht steht? Ja, es steht in Ihrer Macht, es
ist so leicht fr Sie, Eisenhut. -- Eisenhut, einfach Eisenhut! -- Sie hat
ein hellrotes Tuch um die Schultern geschlungen und blickt mich an. Es
htten sich zu Hause Dinge ereignet, die unangenehmsten Dinge --. Geld!
Auch sie wollte Geld von mir! Sie sind ja doch kein Geizhals, Eisenhut,
sagte sie. Eine pltzliche Forderung -- hm -- ihre Mutter sei
sterbenskrank, das ganze Haus, nun kme sie zu mir, sie habe Vertrauen zu
meiner Gte. Gte? denke ich. Sie lgt, sie will Geld. Da sitzt sie nun,
sie blickt mich an, sie tut ganz gleichgltig, spricht als ob sie vom
Wetter spreche, aber sie bebt, sie bebt! Warum soll ich nicht helfen, denke
ich, warum nicht? Die Familie ist verschuldet, das Geld ist verloren, ich
kann es ebensogut einem Hunde zum Fressen geben -- niemals wirst du auch
einen Pfennig wieder sehen! -- aber da sitzt sie ja, ich sehe wie sie
innerlich zittert. Das freut mich -- unsglich! Da sitzt sie, frher, da
sah sie mich nicht an, sie reckte die Nase in die Luft, sie ging wie eine
Knigin durch die Straen und wir andern alle waren Hanswurste und Luft fr
sie. Aber da sitzt sie nun -- weshalb soll ich nicht -- wie? Wieviel
ungefhr? Sie atmet zweimal tief, pickt mit dem Finger Brotkrnchen vom
Tisch, sie lchelt, und sagt: zwanzigtausend Mark. Zwan--zig--tausend --
sie hatte wohl den Verstand -- nein, nein, nein. Ah, was die Leute doch
denken. Esse ich Gansbraten und eingemachte Birnen? Ich esse nur einmal im
Tage -- nein! Da steht sie auf, sie legt mir die Hand auf die Schulter. Es
ist so leicht fr Sie, in einigen Monaten bekommen Sie es zurck. Ich
stelle Ihnen einen Wechsel aus, einen Schuldschein, wie Sie wollen. Es wird
alles geschftsmig geregelt werden -- nun spricht sie wie ein Bankier.
Aber sie bebt ja doch! Sie sieht, da ich zgere, sie fhrt mir mit der
Hand bers Haar, sie legt ihre Hand auf die meine. Hren Sie, sage ich zu
ihr, hren Sie, gndiges Frulein, Sie wissen, da ich Sie liebe, werden
Sie meine Frau. Ich liebe Sie, Sie knnen tun was Sie wollen, nur da ich
Sie tglich sehen kann -- denn ich will ja lieber Ihr Lakai sein, als der
Mann einer der geschwollenen Krmerstchter von hier. So sage ich und sie
hrt aufmerksam zu. Ich sage, Sie werden dann so viel Geld haben wie Sie
nur wnschen. Alles wird Ihnen gehren, alles, eine Million und mehr! Haben
Sie soviel? fragt sie und lchelt. Ja, sage ich, ich lge nicht. Ich ffne
die Tre und zeige ihr den Schrank, ffne ihn: Sehen Sie! Alles sollen Sie
haben. Hren Sie, Eisenhut, sagte sie, es kann doch nicht so rasch gehen,
ich mu es mir doch berlegen und wenn ich Ihre Frau werde, so werde ich es
doch nicht Ihres Geldes halber. Sie legt ihre Hand auf meine Schulter und
lchelt. Ich mchte sie an mich ziehen, aber sie macht eine kleine Bewegung
und ich tue es nicht. Ich sage zu ihr, da ich ordentlich und gut werden
wrde -- ich schwre ihr, nicht mehr zu trinken. Sie soll befehlen und ich
gehorche, blindlings. Ihr Lakai werde ich sein. Ja, sie wolle nachdenken.
So schnell kann es ja nicht gehen, mein Freund -- sagt sie -- mein Freund,
das ist ja ausgeschlossen. Sie mten bei meinen Eltern um meine Hand
anhalten, aber so -- ich bringe Ihnen ja gewi Freundschaft und Sympathie
entgegen, obgleich ich immer launisch gegen Sie war -- ob ich Sie aber
heiraten kann, das mu ich mir doch berlegen. -- Wann werden Sie mir
Antwort sagen? -- Morgen oder in den allernchsten Tagen. Gut, sage ich,
dann will ich Ihnen das Geld mitbringen. Sie besinnt sich und setzt sich
langsam nieder. -- Das geht ja nicht, mein Freund, sagt sie! Morgen gibt es
zu Hause eine Katastrophe, wenn die Forderung nicht eingelst werden kann.
Es ist ein Wechsel. Knnte es Ihnen nicht einerlei sein -- ich komme morgen
wieder zu Ihnen, ich verspreche es Ihnen. -- Gut, ich zhle ihr die Scheine
hin. Danke, sagt sie, und zhlt das Geld sorgfltig nach -- aber ich sehe,
wie ihre Hand bebt. Sie geht. ber diese Schwelle hier ist sie gegangen.
Sie geht wieder durch den Garten. Also morgen! sage ich. Ja, antwortet sie,
wenn es mir mglich ist, sicherlich. -- Am andern Tage gehe ich zum
Schneider und lasse mir einen Frack anmessen. Sie heiraten wohl? Ja,
vielleicht. Ich warte. Der Tag vergeht, sie kommt nicht. Ich warte einige
Tage. Der Frack ist fertig. Ich probiere ihn an und der Gedanke kommt mir
in den Kopf um ihre Hand anzuhalten. Ja? Sofort -- vorwrts, -- haha --
vielleicht ist sie krank. Gut. Der Vater empfngt mich. Wie? sagt er. Ich
spreche und er lacht. Na, sagt er, Herr Eisenhut, was fllt Ihnen doch ein
-- hahaha -- er lacht -- er lacht und sagt: Entschuldigen Sie, ich lache ja
nicht -- es ist ja hchst ehrenvoll -- aber ich glaube, da meine Tochter
-- hahaha! -- da meine Tochter, na, da die Wnsche und Absichten meiner
Tochter -- brigens, wer kennt die Frauen? Sie wird es Ihnen ja sagen.
Konrad -- meine Tochter soll kommen. -- Sie kommt. Ich sehe sie nicht, aber
ich hre ihren Schritt, obwohl Teppiche gelegt sind, hre ich ihn. Sie ist
da. -- Herr Eisenhut gibt uns die Ehre, gibt dir die Ehre -- Sie ist
totenbleich -- sie sieht mich an und auch ihre Lippen werden bla -- sie
hat Angst, ich werde sprechen -- nein, Sie brauchen keine Angst zu haben,
nein, so bin ich ja nun doch nicht -- ich werde Sie nicht verraten. Sie
lchelt, gibt mir freundliche und hfliche Worte. Sie sagt nicht Ja, sie
sagt nicht Nein, sie sagt hmhm. Ich gehe. Der Diener lchelt ebenfalls.
Soll ich dich aufs Maul hauen, du Affe? -- Ich warte, ich denke, wie dumm,
wie voreilig. Endlich treffe ich die Dame und sage: Nun? Wie steht es mit
der Antwort? -- Sie lchelt und sagt: Ja, was fr Einflle Sie doch haben,
Sie kommen ins Haus -- ich bin ja nicht wiedergekommen, war Ihnen das nicht
klar genug? -- Ich sage: Haha, was ist das! Sie haben aber versprochen zu
kommen. Ja, sagt sie gleichgltig. Ich mchte Sie bitten weniger laut zu
sprechen und sich weniger auffallend zu gebrden, Herr Eisenhut, wenn uns
jemand beobachtet! -- Nun sprechen Sie ja ganz anders, seht an, sage ich,
neulich da konnten Sie viel freundlicher sein. Sie haben von Freundschaft
und Sympathie gesprochen -- was wei ich -- es war aber nur eine Falle, so
ist es. Sie haben wohl auch nie im entferntesten daran gedacht, mich zu
heiraten -- wie? -- Sie sieht mich an und lchelt verchtlich. Wenn Sie es
wissen wollen: Nein! Ich bitte Sie nun -- Was bitten Sie! schreie ich. Dann
haben Sie mich einfach betrogen! -- Sie stampft mit den Fen und wird
bla. Bitte! sagt sie und sieht mich an als ob ich ein Lakai wre. Ich
htte nicht gedacht, da Sie ein solch ungebildeter Mann wren! Auerdem
wre es mir nie in den Sinn gekommen Sie um eine Geflligkeit zu bitten.
Sie geht. -- Ja, wie konnte ich auch so ungebildet schreien, denke ich, wie
konnte ich mich so vergessen. -- Ich kam mir vor wie ein Hund. Ich trank,
schrecklich trank ich in dieser Zeit, ich wollte gar nicht mehr zur
Besinnung kommen. Ich habe eine Dame beleidigt und liebe sie doch, ja zum
Teufel mit mir! Ich trinke hier in dem gleichen Zimmer, wo sie mir das Haar
streichelte. Ich bin ein ungebildeter Mann, jawohl, ganz richtig. Das ist
wahr, sie hat es gesagt. Ich knnte mir die Haare ausreien! Sie htte mich
ja nie um eine Geflligkeit gebeten, wenn sie gewut htte, was fr ein
ungebildeter Mann ich eigentlich bin. Ja, es ist wahr, sie heuchelte mir
etwas vor, sie machte mir Versprechungen -- soll ein Mensch in der Welt
aufstehen und das Gegenteil behaupten! -- sie schmeichelte mir, sie nahm
die Geflligkeit von zwanzigtausend Mark mit sich, das tat sie -- aber
trotzdem! Und ich fluchte und trank, weil sie mich angelogen hatte, ich
trank weil ich ein Narr war und ihr glaubte, ich trank, weil ich sie
krnkte und am meisten trank ich, weil sie mich nun verachtete wegen meines
ungebildeten Benehmens. Ich mag schon gar nicht daran denken -- wie ich den
Freiersmann spielte und mir einen Korb holte -- Wie sollte ich je mit der
Sache fertig werden, je ins Klare kommen? Ich sitze hier und trinke und
deute auf den Tisch -- hier hast du also auf der einen Seite eine Dame, die
kommt, dich streichelt und heuchelt und verspricht und -- ich deute auf den
Tisch -- hier hast du also einen Mann, der sich die Freiheit nimmt zu
fragen, was denn eigentlich -- hier hast du also -- und hier -- nein! Mein
Kopf fat das nicht. Wie ist es doch? Wer hat recht und wer hat unrecht.
Wie ist es doch? Nein, ich bin zu dumm, um das je herauszubekommen. Aber
Zorn kommt ber mich, Wut, da ich schreie! Hier hast du also, hier -- und
hier -- ja, ich bitte einen vernnftigen Menschen mir zu erklren -- wie?
Ist es vielleicht ein Vergngen -- ich frage den Teufel! -- ist es ein
Vergngen -- einen Frack anzuziehen -- wie -- und ein alter Habenichts
lacht -- ist das ein Vergngen -- ich bitte weniger laut zu sprechen --
wenn uns jemand beobachtet -- wie? Gott im Himmel, wie soll ich das
verstehen! -- Ich hasse die Menschen! Was fr eine Behandlung ist das? Ich
hasse die Frauen! Ja, ich liebte jene Dame, es ist die Wahrheit, ich liebte
sie. Aber nun hasse ich sie. Ich begegne ihr auf der Strae, ich gre
nicht, ich blicke sie nur durchdringend an. Ich gehe an ihr vorber und
ziehe einen Brief heraus, auf den ich mit haushohen Buchstaben Schuldschein
schrieb -- ich mache es so, da sie es sieht. Ich hasse sie, sie knnte es
Schwarz auf Wei haben -- ich treffe sie in der Buchhandlung und lasse den
Brief fallen. Sie soll nur etwas Angst vor mir haben, jetzt, da ich sie
hasse. Ich habe sie geliebt, was ist geschehen, da ich sie jetzt hasse?
Habe ich zu mir gesagt: Hasse sie, hasse sie! Nein! -- Ich begegne ihr mit
den Freundinnen, sie spricht das erste Wort, sie reicht mir die Hand. Sie
spricht mit mir: Sie hat Angst. Gott im Himmel! denke ich, weshalb hat sie
doch nur Angst? Nun spricht sie freundlich mit mir, sagt, ob ich nicht zum
Tennis kommen wolle -- nur weil sie Angst hat. Ja, weshalb sollte sie denn
Angst haben? Vor mir? Ach, bei Gott, nein, sie braucht gar keine Angst zu
haben, ich tue ihr nichts, nein. Es ist ja schrecklich, zu sehen, da sie
Angst hat. Denn ich liebe sie ja, ich hasse sie ja gar nicht, ich liebe
sie! Ich blicke auf ihr Haus und weine. -- Wie lcherlich, Angst zu haben,
ich werde es ihr sagen, von einem Skandal kann ja gar keine Rede sein. --
Ich laure auf den Wegen, bei ihrem Haus, endlich treffe ich sie. Ich nehme
den Brief aus der Tasche, um ihr den Schuldschein zurckzugeben -- sie
sieht mich an und sagt: Man wird Sie bezahlen, haben Sie keine Angst, Herr
Eisenhut. Aber ich bitte Sie mich geflligst ungeschoren zu lassen, ich
kann ja keinen Fu mehr aus dem Hause setzen, ohne da Sie dastehen. --
Glauben Sie nun, ein Mensch wie ich, lchelt, gibt den Brief zurck, sagt
ihr, da sie unbesorgt sein mge? Glauben Sie das? Dann sind Sie auf
falschem Wege. Ich bin nicht so. Nein. Was hat mich doch so wtend gemacht?
Ich stehe da mit dem Briefe und also mu sie denken -- deshalb spricht sie
ja so -- aber da sie so spricht, ihre Haltung, ihr Blick -- alles -- was
hat mich doch wtend gemacht, da ich schreie: Nehmen Sie sich in acht vor
dem Skandal! Ich schreie das, ich lache ganz gemtlich und gehe.

Ist das nicht um verrckt zu werden, wie? Nichts ist geblieben als Ha. Aus
allem, was man tut, nichts bleibt als Blamage, Ekel und Ha! Ach, wie ich
doch die Frauen hasse. Sie sind Schlangen, schn, wrmen sich in der Sonne
und glitzern, denken bse und sind giftig! Man sollte sie alle einsperren,
gehen daher und blhen sich auf. Nun, ich hasse sie! Ich hasse auch die
Mnner, aber die Frauen hasse ich auf eine ganz andere Weise! Ich sitze
hier, bewerfe sie mit Schmutz und hasse sie. In manchen Stunden, da liebe
ich sie ja. Sie sind schn, Gott im Himmel, sie sind ja schn, sage ich,
schn und rhrend sind sie. Ich bitte euch um Verzeihung, ihr Frauen auf
der ganzen Erde, ich! Aber der Ha kommt zurck. Auch die Menschen liebe
ich zuweilen, aber der Ha kommt zurck und zerfrit mich wie Gift. Ist das
ein Dasein? frage ich Sie, was fr ein Leben soll das sein! Es ist ein
Hundedasein, nichts als ein Hundedasein!

Er lachte verzweifelt auf und schrie.

Das ist das, hren Sir, Herr Grau, das ist das, nun habe ich es Ihnen
erzhlt, das, was mich qult -- was nicht mehr von mir weicht, ich denke
daran, fresse daran ber ein halbes Jahr -- immer wieder ziehe ich den
Frack an -- immer wieder -- geht die Dame ber diese Schwelle -- immer
wieder spricht sie mit mir oben im Walde -- immer, immer, immer wieder --
ah! Er vergrub den Kopf in den Hnden.

Halt! schrie er. Sagen Sie nichts! Es ist noch nicht alles! Ich mu
alles sagen, es mu heraus, ich mu es tun, Sie sollen wissen, wie es um
mich steht. Glauben Sie denn, es sei eine Wonne so zu leben -- mit all dem
im Kopfe? Wie ist das alles gekommen? Wei ich es? Wie ist es gekommen, da
alles sich in meinen Gedanken in Schmutz verwandelt? Jedes harmlose Wort --
ich hre es, man spricht es -- aber in meinem Kopfe verwandelt es sich zu
einer Niedrigkeit. Was fr Gedanken habe ich doch frh und spt --
abscheuliche Gedanken, die kein Mensch ertragen kann, ich mchte weit fort
von ihnen, aber es geht nicht. Nichts ist schrecklicher als eine verdorbene
Phantasie -- sie ist ein Gespenst, das alles hlich und stinkend macht.
Er schauderte zusammen und schttelte sich wie gepackt vom Grausen. Auch
meine Phantasie ist eine Hlle!

Ich will nicht mehr! fuhr er fort und wiegte den Kopf auf den Schultern
hin und her. Ich will nicht -- aber ich mu -- ich mu Ihnen alles sagen.
Warum? Haben Sie mich etwas gefragt? Haben Sie zu mir gesagt: Nun,
Eisenhut, wie steht es mit dir? Was macht dir Qual? Nein! Nichts haben Sie
gesagt. Aber ich sage Ihnen alles, ich reie vor Ihnen das ganze Haus ein,
damit Sie sehen, was darin ist. Ich verkaufe mich auf Abbruch vor Ihnen.
Warum? Vielleicht, weil Sie mir helfen sollen? Oder? Warum denn? Ich habe
Sie gesehen, ich habe gehrt, was Sie sagten, damals bei der Beerdigung --
ich habe an Sie gedacht. Ich konnte meine Gedanken nicht mehr von Ihnen
losreien. Warum? Kenne ich nicht hundert Leute, an die ich nicht denken
mu? Was ist das? Ich habe gedacht, wie schn und jung er ist und wie
freundlich und gleichmig liebenswrdig gegen jedermann. Vielleicht ist er
glcklich, vielleicht ist er gut und vielleicht hat er keine Hlle in der
Brust, keine hlichen Gedanken, schne Gedanken vielleicht! Nein, er ist
ein Dummkopf und ein Schwtzer, habe ich gedacht, er ist eine Art Idiot,
ein Narr -- so wie Professor Richter sagt. Aber trotzdem mute ich an Sie
denken. Ich trumte von Ihnen, ich sah in Ihre Fenster, ich mute Ihnen
immer begegnen, Sie immer ansehen. Ich ging um Sie herum, im Kreise, und
kam nicht mehr los von Ihnen. Was ist das? Am ersten Tage, da begegnete ich
Ihnen -- ich richtete es so ein -- ich tat, als ob ich gren wolle, ich
grte nicht. Aber Sie grten und sagten: Ein schner Tag oder was Sie
doch sagten. Freundlich sahen Sie mich an. Ich aber lachte ber Sie. Ich
lachte und ich wei nicht, warum ich lachte. Sie luteten an meiner Glocke,
am gleichen Tage, ich ffnete nicht. Ich dachte, aha, er hat eine Liste bei
sich, er will Geld! Aber nicht deshalb allein ffnete ich nicht, nein --
ich hatte Angst vor Ihnen, ganz pltzlich -- eine eigentmliche unsagbare
Angst. Seitdem mute ich immer an Sie denken.

Ich trumte auch von Ihnen, ja! Ich trumte, einige Schurken htten mich
angeschossen. Ich lag da und sthnte und mein Gaumen brannte. Ich prete
die Hand auf die Brust, das Blut scho heraus, ich stand Todesngste aus --
da ging die Tre auf und Sie kamen herein. Ich wurde sofort ruhig. Sie
legten mir die Hand auf die Brust, da flo das Blut nicht mehr. Sie
feuchteten den Finger an den Augen an, da war die Wunde geheilt. Das
trumte ich von Ihnen und oft trumte ich von Ihnen.

Warum, warum? Seitdem ich Sie sah -- weshalb doch? Ich verstehe ja das
ganze Leben nicht mehr. Ich mute an Sie denken und je mehr ich an Sie
denken mute, desto mehr hate ich Sie, je mehr ich Sie hate, desto mehr
mute ich an Sie denken. Wenn ich Sie nur sah, konnte ich wtend werden.
Sie gehen dahin, so leicht -- Ihre Augen sind so klar -- alles zusammen --
ich hate Sie aber! Nun sitzen Sie da, ich erzhle Ihnen alles. Ich mu.
Ich mu fortfahren, ich wei nicht warum.

Sie sollen von diesen Schuften hren, diesem Professor Richter, dem
Adjunkten, von Dr. Nrnberger -- von mir und ihnen -- alles sollen Sie
hren. Weshalb verkehre ich mit diesen Leuten? Weil sie gebildet sind, weil
sie angesehen sind! Oh, htte ich sie nie kennen gelernt, diese Hunde, die
alle so sind -- so niedrig wie ich -- die nichts glauben, nur lachen,
nichts wollen, alles in den Schmutz ziehen -- diese -- nein, nein, nein,
genug -- einmal hat mich Dr. Nrnberger zum Duell herausgefordert, ich
glaubte es sei ihm Ernst -- ich -- nein, nein, nein -- genug -- nichts mehr
--

Er schwieg und schlo die Augen und es sah aus als ob er ohnmchtig werden
wrde. Grau wollte ihm eben beispringen, aber da sah er, da Eisenhut
lchelte.

Er lchelte und ohne die Augen zu ffnen sagte er: Es ist zu toll, es
waren ja gar keine zwanzigtausend Mark, die die Dame holte. Es waren nur
zehntausend! Er schttelte den Kopf, blinzelte und begann zu Graus
Erstaunen heiter zu lachen. Ja, rief er aus, wie toll! Es waren ja nur
zehntausend Mark! Ich bildete mir ein, es seien zwanzigtausend gewesen, all
die Zeit lang und endlich glaubte ich es selbst. Ha! Ha! Ha! Ja, bei Gott,
so ist es mit mir! Ich lge und manche Lgen wiederhole ich so oft, da ich
sie selbst glaube. Warum mu ich denn immerzu lgen? Das ist sonderbar! Ich
komme in eine Wirtschaft und erzhle, da ich soeben einen weien Hirsch
gesehen habe. Weshalb, warum, wozu? Hat mich jemand gefragt, wie? Knnen
Sie mir das erklren?

Grau antwortete: Ich denke, Sie wollen sich interessant machen, Herr
Eisenhut.

Eisenhut nickte, gleichsam befriedigt ber Graus Antwort. Ja, das ist es.
Ich habe mich schon wahnsinnig gestellt, ja sogar tot habe ich mich
gestellt -- sogar tot! Um Aufsehen zu erregen, um mich interessant zu
machen. Deshalb lge ich auch immerzu. Ich habe auch Sie einmal angelogen,
als wir zu Mtterchen hinaus gingen. Da Lenz mit den Mdchen im Sommer
spazieren ging und sagte: Alle auskleiden. Das war eine Lge. Ha! Ha! Ha!
Wie kam ich doch darauf. Warum tat ich es doch! Ha! Ha! Ha!

Grau unterbrach ihn, denn er sah, da Eisenhut den uersten Grad von
Erregung erreicht hatte. Ruhen Sie sich aus, Eisenhut, sprechen Sie nicht
mehr! sagte er und fhrte ihn zum Sofa.

Ja, ja! sagte Eisenhut. Ha! Ha! Ha!

Eisenhut schwieg. Dann lachte er wieder, sah Grau an und wurde pltzlich
ernst. Sie sind gewissermaen der allerschrecklichste Mensch! flsterte
er. Mir graut vor Ihnen, denn man kann Sie nie kennen, nie, nie!

Aber lieber Freund! sagte Grau. Ruhen Sie doch ein wenig.

Eisenhut nickte und schwieg.

Aber er begann von neuem und er sprach und flsterte die ganze Nacht
hindurch. Das Licht der Kerze erlosch und sie saen im Dunkeln. Durch die
Risse des Ofens flackerte der Schein des Feuers, das langsam erstarb. Er
sprach aus der Dunkelheit, lachte, schrie, schluchzte, flsterte. All die
Qual, die in den Menschenherzen haust --

Grau zitterte, so da er die Hnde auf die Knie pressen mute, um sich
nicht zu verraten. Warum zitterst du? fragte eine Stimme in ihm. Es ist so
schrecklich, so schrecklich all das zu hren!

Grau unterbrach ihn nicht; er sollte sich aussprechen. Die Scheiben der
Fenster wurden blau und begannen zu glitzern. Lautlos kam der Tag. Nichts
regte sich auf der Strae. Dann begann eine feine bimmelnde Glocke im
Kloster zu luten und der Gesang der Mnche hallte aus der Ferne.

Eisenhut sa zusammengekrmmt im Sessel und schwieg.

Grau sa still und blickte zu ihm hin. Die Fenster wurden hellblau und die
Huser gegenber tauchten wie aus einem dicken Nebel auf.

Dann sagte Grau: Sie haben viel gelitten, Eisenhut!

Ich bin verloren und schlecht, schlecht und verloren.

Grau schttelte den Kopf. Nein, sagte er, aber Sie haben zu viel
gelitten! Sie sind nicht schlecht, nur schrecklich unglcklich sind Sie!

Aber Eisenhut sa bleich, mit verzweifelten lechzenden Augen. Kann ich
denn so leben? fragte er und wollte aufstehen. Aber Grau drngte ihn
sitzen zu bleiben. Er sah ihn an, reichte ihm die Hand und drckte sie. Er
nickte und sa lange Zeit, die hellen freundlichen Augen auf ihn gerichtet.

Geduld, Geduld! sagte er endlich. Nun wird es ja schon Tag; die Sonne
mu bald aufgehen. Sehen Sie doch, wie blau der Himmel wird, es wird ein
schner klarer Tag werden. Was soll ich Ihnen doch sagen, Eisenhut? Da
sitze ich nun und beginne vom Wetter zu sprechen, weil ich nicht wei, wie
ich beginnen soll. Ich bin ja so unerfahren und jung, Sie mssen Nachsicht
haben, ich bin ja sogar jnger als Sie, Eisenhut -- wie anmaend wre es
doch, wollte ich Ihnen Ratschlge geben. Sie haben Vertrauen zu mir gehabt
und wie schn ist es doch, da Sie ein solch unbedingtes Vertrauen zu einem
Menschen haben konnten! Schn war es fr mich, da Sie mich damit
auszeichneten und ich werde Ihnen das nicht mehr vergessen. Ich habe mich
so gefreut darber und ich danke Ihnen. Ich bin Ihr Freund, wenn Sie nur
wollten. Ja, ich gehre Ihnen ganz! Wollen Sie nicht ein Glas Wein trinken,
es wird Sie strken. Sind Sie mde? Nein? Ich denke mir, wie unglcklich
und arm Sie doch sind. Aus all dem was Sie mir erzhlten, konnte ich ja
entnehmen, da Sie niemals, aber auch niemals einen Freund gehabt haben.

Wir alle aber knnen nicht ohne Freunde leben!

Hren Sie, was Susanna einmal zu mir sagte. Sie sagte, wenn sie in den
Bchern liest, so fhlt sie, da sie von all den Gestalten, die in den
Bchern vorkommen, etwas hat, ob sie nun schlecht oder gut sind. So empfand
auch ich, als ich Ihnen zuhrte. Ich bin Ihnen so sehr hnlich; von all
Ihren Wnschen, Kmpfen, Schmerzen habe auch ich einen groen Teil. Ich
will ja nicht sagen, da ich genau so bin wie Sie, nein, jeder Mensch ist
ja doch anders, aber so im allgemeinen? Mehr oder weniger sind alle
Menschen wie Sie, Eisenhut. Ach, schtteln Sie doch nicht den Kopf, es
scheint mir so, soweit ich die Menschen kenne Sie sind Ihnen alle verwandt.
Sie sind allein oder fhlen sich allein, ganz wie Sie. Sie leiden unter
dieser Einsamkeit, wie Sie. Sie haben Sehnsucht nach Liebe und
Freundschaft. Sie haben schlechte und hliche und haerfllte Gedanken,
jeder Mensch hat sie zuweilen. Sie lgen und posieren, um gesehen, gehrt,
beachtet zu werden, um interessant zu erscheinen. Ja, das tun fast alle.
Fast alle sind so empfindlich wie Sie und wir alle fhlen einen Tropfen
Essig strker auf der Zunge als ein Pfund Honig. Alle sind so ehrgeizig,
alle legen so groen Wert auf die Liebe und die Achtung der Menschen wie
Sie -- und das ist ja nur gut! Wir alle mchten nicht nur geliebt, wir
mchten bewundert sein. Und das ist ja nur gut!

Das Leben ist gegen Sie unfreundlicher und nachsichtsloser gewesen als
gegen andere, Eisenhut. Das hat Sie bitter gemacht und Sie sind nicht stark
genug gewesen. Dann haben Sie in Ihrer Seele gewtet, wie haben Sie in
Ihrer Seele gewtet, Eisenhut, wie ein Mrder! Ja, das haben Sie getan,
verzeihen Sie mir, aber ich mu es sagen! Nun aber frage ich Sie, hat Ihre
Seele sich das gefallen lassen? Nein, nein! Sie hat sich gewehrt dagegen
und hat Sie gefoltert dafr und gepeinigt. Denn sie sagte sich: Genug,
genug, wie geht er doch mit mir um? Ihre Seele ist ja gut, Eisenhut. Sie
sind ja ein guter, wahrhaft guter Mensch! Das glauben Sie nicht? Seht an!
Ich habe ja schon frher von Ihnen gehrt und es ist wahr, ich habe viel,
viel an Sie gedacht! Weshalb sehen Sie mich so an? Ja, das habe ich getan.
Ich habe mich in Gedanken viel mit Ihnen beschftigt. Sie taten es ja auch
mit mir, nicht wahr? Ich habe gedacht, Eisenhut ist ein guter Mensch, den
man viel qulte. Ein guter, aber einsamer Mensch ist er, ich schwre Ihnen,
ich habe das gedacht! Sie sind gut, sagen Sie, was Sie wollen. Sie hassen
die Menschen, weil sie Ihnen zuvor so groe Liebe entgegen brachten. Wie
knnen Sie doch lieben! Haben Sie nicht gesagt -- als Sie von jener Frau
sprachen -- ich blicke auf ihr Haus und weine? Sie vergeben mir wohl, da
ich es wage, Ihre intimsten Gefhle zu berhren. Ich will Ihnen ja nur
beweisen, wie gut Sie in Wirklichkeit sind und wie wenig Sie sich selbst
kennen. Das ist auch ein Fluch, eine Strafe fr diejenigen, die in ihrer
Seele wten, da sie sich selbst nicht mehr kennen. Sie haben gesagt: Die
Sonne scheint, ich gehe auf die Strae, ich gre die Leute -- kurz und
gut, ich knnte Ihnen ja an vielen, vielen Dingen zeigen, da ich im Recht
bin. Haben Sie nicht auch jener Dame, die in der Not zu Ihnen kam,
geholfen?

Ich will Ihnen sagen, welchen Fehler Sie begangen haben. Sie haben jenen
Fehler begangen, den die meisten Menschen begehen: Sie suchten Glck und
Erlsung durch andere, durch Freunde und Freundinnen. Und Sie haben jenen
Fehler begangen, den die meisten Mnner begehen, sie suchten Glck und
Friede durch die Frau. Ja, fragen Sie sich doch, sollten die Frauen
vielleicht dazu da sein, da wir uns bei ihnen ausruhen, erholen, da wir
von ihnen das Glck und die Freude entgegennehmen? Nein, wie unsinnig wre
das doch! Sie wollten, da die Menschen Sie lieben, da die Frauen Sie
lieben, da Sie sie lieben drfen, nicht wahr? Dann wre Ihnen geholfen.
Aber wenn Sie zu einem Menschen kommen, so sieht er Sie an und fragt sich:
Was wird er mir geben? Ich frage Sie, sind Sie reich, knnen Sie geben? Ja,
Liebe, nicht wahr, wollten Sie denn nicht Liebe geben? Richtig, aber jene
Liebe, die aus Ihrer eigenen Ohnmacht hervorgeht, Verzweiflung, weil Sie
mit sich allein nicht leben knnen, weil Sie arm im Innern sind, Anlehnung
wollten Sie, Halt! Wenn Sie in ein Wirtshaus gehen, essen, trinken und
nicht bezahlen knnen, so wirft Sie der Wirt vor die Tre, Sie sind ein
Zechpreller. Er hat keine Nachsicht mit Ihnen. Die meisten Menschen sind
solche Wirte, die den vor die Tre werfen, der nicht bezahlen kann und den
nicht hinein lassen, der arm aussieht. So sind die Menschen, sie mssen
vielleicht so sein, denn sie sind ja selbst arme Wirte, keine reichen
Herren, die Bettler speisen knnen.

Sie fragen mich nun -- ja, sagen Sie, ich sehe doch, man liebt den oder
jenen und was ist er im Grunde genommen, aber man nimmt ihn auf, man liebt
ihn. Lieber Eisenhut, ich wei das wohl. Man nimmt ihn auf, man liebt ihn
um einer einzigen schtzenswerten Eigenschaft willen! Vielleicht kann er
singen, oder Geschichten erzhlen, oder er ist freigebig, er ist witzig, er
ist drollig, er ist gtig oder er ist mutig. Wenn er nur eine einzige
Eigenschaft hat, die ihn vor andern auszeichnet. Haben Sie eine solche
Eigenschaft? Fragen Sie sich? Sie sind begtert, Sie sind ein reicher Mann
und diese Eigenschaft hat Ihnen Einla gewhrt. Aber das ist ja eigentlich
keine Eigenschaft, nicht wahr.

Das sind harte Worte, verzeihen Sie mir. Sie wissen ja selbst, Sie leben
nicht im Frieden mit sich. Ja, Sie sind so unzufrieden wie einer nur sein
kann und haben ja selbst Ihren Bankerott erklrt. Aber Sie wollen, da man
Sie liebt! Freunde sind der Preis unserer Tugenden, Eisenhut.

Sie sagen, Sie hassen die Menschen, Sie glauben nicht an ihre Liebe und
Gte und an das Edele in ihnen. Aber Sie wollen, da man Sie liebt. Du
guter Gott, was denken Sie denn, die Menschen fhlen ja Ihre geheimen
Gedanken. Sie achten die Frauen nicht sehr, aber Sie wollen, da die Frauen
Sie lieben. Da kommen Sie nun zu den Frauen, Sie sprechen, Sie sind
liebenswrdig, Sie sind freundlich -- aber die Frauen? Die Frauen fhlen ja
deutlich, wie Sie sonst ber sie denken. Sie bleiben khl. Ein anderer
spricht dieselben Worte, lchelt das gleiche Lcheln, sehen Sie, wie die
Augen der Frauen leuchten, wie freundlich sie ihn anblicken? Warum? Ja, die
Frauen fhlen, er denkt immer so von uns. Das Gefhl eines Mannes knnen
Sie am Ende tuschen, aber niemals das Gefhl einer Frau, denn sie sind
alle Hellseherinnen.

Nun, Eisenhut? Eisenhut, Eisenhut, Eisenhut -- ich bin ja Ihr Freund und
mir mssen Sie alle diese grausamen Worte verzeihen. Weshalb bin ich Ihr
Freund, Eisenhut? Weil ich Sie am besten kenne. Nun? sage ich. Sie fanden
keine freundliche Miene bei den Menschen. Was taten Sie aber? Gingen Sie
nach Hause und sagten Sie zu sich selbst: Ich bin ja wenig wert, ich habe
den Menschen zu wenig zu geben. Ich bin nicht einmal ein guter
Gesellschafter, denn ich wei ja wenig und habe meine Kenntnisse nicht
bereichert. Taten Sie das? Nein, ach, Sie taten es nicht. Sie klagten die
Menschen der Hrte und Lieblosigkeit und Schlechtigkeit an und begannen zu
trinken. Sie suchten also Erlsung, Glck und Friede im Rausch. Das tun
ebenfalls alle Menschen, die meisten, sie betuben sich alle auf irgend
eine Art. Aber der Rausch verfliegt, die Betubung verfliegt und Ihre Seele
schreit hungriger und durstiger als zuvor. Ihre Seele will Wahrheit, keine
Lge und Betubung. Im Rausch, da knnen Sie einherschreiten wie ein Knig,
aber der Rausch vergeht und Sie sind ein Bettler. Denn Sie sind ja kein
wirklicher Knig gewesen im Rausche, nur als Knig verkleidet waren Sie.
Ich wei das alles, Eisenhut, ich, Ihr Freund, denn -- all das habe ich an
mir selbst erlebt.

Sie leben viel in der Nacht, Eisenhut. Wer ertrgt das? Wissen Sie denn,
wie gefhrlich es ist mit den Geistern der Nacht zu leben, fr den
Menschen, der ja geschaffen ist zum Verkehr mit den freundlichen Wesen des
Tages und des Lichtes?

Sie leben immer mit sich allein. Auch das ist gefhrlich. Nur wenige
Menschen knnen es ungestraft tun, denn der Mensch ist ja geschaffen zum
Umgange mit seinen Brdern.

Ihre Seele hat nach Eindrcken gehungert, Ihr Geist nach Erkenntnis? Haben
Sie Ihre Seele gesttigt, Ihren Geist? Nein. Sie sind nicht der Mann, der
zufrieden ist, seine Geschfte zu verrichten, Geld einzukassieren und in
Kneipen zu sitzen. Es ist gut, da Sie das nicht befriedigt. Ihre hungernde
Seele soll Sie qulen, das ist gut. Aber was tun Sie, Ihre Seele zu
sttigen? Nichts, Eisenhut, da sitzen Sie in diesem Gefngnis, in diesen
Fuhrmannskneipen, in dieser kleinen Stadt, wo das Leben still steht. Was
wrden all die andern Millionen Menschen tun, die so allein sind wie Sie,
wenn sie nicht Spiel und Gesang, Musik und Poesie htten? Es ist ja nicht
genug, da der Mensch it und trinkt und schlft, nein, er braucht ja viel
mehr. Warum reisen Sie nicht, Eisenhut, hinaus in die Welt? Warum nicht? Wo
tglich tausend neue Eindrcke Ihre Seele erquicken und ermutigen? Warum
taten Sie das nie?

Da drauen kennt mich ja kein Mensch, antwortete Eisenhut.

Grau lchelte. Lieber Freund, sagte er, daran mssen Sie sich ja
gewhnen, nicht mehr gekannt zu sein. Sie mssen es lernen Ihr Leben zu
leben, ohne da Sie ein Schauspieler sind, der sich von andern bewundern
lt. Wenn Sie einen Ring am Finger tragen, so mssen Sie ihn nicht tragen
fr die andern, sondern weil es Sie freut Ihre Hand geschmckt zu sehen.
Und wenn Sie glcklich sind und heiter und tanzen und singen, so mssen Sie
nicht tanzen und singen, weil andere es sehen und hren und denken werden:
Er tanzt, er singt, er ist guter Dinge. Sie mssen es tun fr sich allein.

Eisenhut schttelte den Kopf. Er ging herum, er schttelte den Kopf. Worte,
Worte, was sollten ihm all diese Worte ntzen, frage er? Diese Hlle von
Leben --. Aber er war schon hoffnungsvoller gestimmt.

Ja, sagte Grau, es ist wahr, Sie haben die Hlle in sich und Sie sind
sehr unglcklich. Ich wei es und ich wrde Ihnen gerne etwas abnehmen,
knnte ich nur. Aber haben Sie nichts anderes als diese Hlle in sich,
nichts anderes sonst?

Grau griff sich an die Wangen. Er fhlte pltzlich, da er Fieber hatte.

Eisenhut schlich an den Wnden entlang und schttelte den Kopf. Hinter ihm
ging das Hndchen; doch da Eisenhut sehr langsam dahin schlrfte, hatte es
immer Zeit, sich nach jedem dritten Schritte seines Herrn zu setzen. Dann
blickte es auf Grau und spitzte die Ohren. Eisenhut schttelte den Kopf.

Nein!

Grau lachte leise. Das ist ja nicht wahr! sagte er, Sie haben ja selbst
-- ach, haben Sie nicht gesagt, Sie freuen sich, wenn die Sonne scheint,
Sie freuen sich, wenn Sie jene Dame im Walde treffen? Sie haben schne
Trume, wie das Leben sein knnte, Sie haben gewi nicht nur hliche
Trume.

Eisenhut lachte. Er trume oft, er fliege, es gehe dahin ber die Lande --
haha!

Sehen Sie! Und auch wenn Sie wachen, haben Sie schne Trume. Es gibt doch
noch so viel Schnes fr Sie!

Nein, nichts mehr.

Heute sehen Sie ja alles schwarz, Eisenhut. Aber Sie freuen sich doch ber
viele Dinge -- wenn Sie zum Beispiel ein schnes Pferd sehen oder eine
dicke hohe Eiche im Walde --

Ja, ja.

Sehen Sie! Ich knnte wohl stundenlang -- stundenlang Dinge nennen, die
Sie lieben. Es ist ja lange nicht so schlimm wie Sie es heute sehen, mein
Freund, lange nicht so schlimm. Haben Sie denn keine Sehnsucht mehr? Kein
Verlangen nach Glck, Freude, Friede? Wie?

Ja, doch!

Aber wer dieses Verlangen noch hat, der wnscht ja noch zu leben und das
Leben ist ihm noch kostbar. Die Menschen, mein Freund, die mit dem Leben
fertig sind, wnschen sich nichts mehr. Und nun mu ich Ihnen doch
Ratschlge geben, obschon es mir anmaend erscheint. Ich meine, vielleicht
knnte ich Ihnen sagen, wie Sie es zu beginnen htten -- fr den Anfang
wenigstens -- was meines Erachtens gut fr Sie wre. Sie brauchen das ja
nicht zu befolgen -- es ist ja nur meine Ansicht, die Ansicht eines jungen
und unerfahrenen Menschen --

Ich befolge alles, alles! sagte Eisenhut. Er ffnete die Tischschublade
und nahm eine Handvoll Zigarren heraus, die er Grau reichte.

Danke, danke! sagte Grau. Als ob Sie wten, wie leidenschaftlich ich
rauche. Nun hren Sie --

Grau entwickelte ihm seinen Plan. Vorerst msse er seine Nerven kurieren,
seine Gesundheit krftigen. Sehen Sie mich an, Eisenhut, sagte Grau und
fuhr erst fort als Eisenhut stehen blieb und ihn ansah. Hren Sie wohl!
Sie mssen ein neues Leben beginnen, und jeder Mensch mu das von Zeit zu
Zeit. Von Grund auf neu! In jeder Beziehung! Jeden Tag um sechs Uhr heraus,
von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends harte krperliche Arbeit in den
Steinbrchen, wie ein Taglhner -- einen Monat lang. -- Wie? -- Ja, das
mssen Sie! Einen Monat lang! Punktum, darber wird nicht mehr gesprochen.
Sie mssen sich den Schlaf erarbeiten. Danach, zwei Monate lang jeden
Vormittag von sechs Uhr bis zwlf Uhr harte Taglhnerarbeit in den
Steinbrchen, nachmittags frei. Ich will Ihnen Bcher geben, Bcher
empfehlen. Ich will Ihnen gern etwas behilflich sein. Wenn Sie wollen, gebe
ich Ihnen regelrechte Stunden, natrlich kann ich es nicht ganz umsonst
tun. Ich verlange fr die Stunde eine Mark. Das ist Ihnen nicht zuviel?
Schn! Sobald Sie etwas sicherer sind, fort auf Reisen.

Wohin?

Das alles wird sich finden. Wir werden alles noch genau besprechen. Ich
deute Ihnen vorlufig alles nur an. Grau lchelte, whrend er Eisenhut
immerzu ansah.

Ich werde alles tun -- tun -- tun -- alles! sagte Eisenhut.

Gut. Wir werden auch zu besprechen haben, wie Sie sich einzurichten haben.
Wir werden Ihre Wohnung hbsch herrichten und ich werde hufig zu Ihnen
kommen. Wir werden uns gut unterhalten. Am besten wird es sein, wenn Sie
vorlufig nicht mehr mit Professor Richter und Konsorten verkehren. Die
passen nicht zu Ihnen. Ah, sehen Sie doch, jetzt funkelt die Sonne auf den
Dchern. Bist du mde?

Nein, nicht im geringsten.

Gut, dann lasse deinen Schlitten einspannen und wir fahren hinaus in
irgend ein Dorf und frhstcken da. Bist du einverstanden damit?

Wie Sie wnschen, ich bin dabei.

Grau lachte. Hrst du nicht, da ich Du sage, wie? Freilich, es ist
unverschmt, denn ich bin ja der Jngere. Aber was kmmern wir uns um
solche Hflichkeitsregeln, haha, jetzt, da wir so gute Freunde geworden
sind. Wenn du aber nicht willst --

Eisenhut lchelte und blinzelte. Zigarren? Zigarren haben wir. Wir knnen
gehen und den Kutscher wecken.

Vielleicht ist nie in seinem Leben jemand gut gegen ihn gewesen, dachte
Grau.

Sie fuhren hinaus in den Winter, der aufsteigenden Sonne entgegen, die
Schellen klingelten am Schlitten --

                   *       *       *       *       *

Von diesem Ausflug kehrte Grau krank zurck. Er hatte sich in der Nacht
vorher erkltet und fiel in ein heftiges Fieber, das mehrere Wochen lang
anhielt. Eisenhut pflegte ihn wie ein Bruder.




Dritter Teil





Erstes Kapitel


Grau lag in leichtem Fieber und dachte ber die Menschen nach. Diese
Zwietracht in vielen Familien! Daran dachte er. Ein geistiges Band fehlte.
Man sollte in den Abenden ein gutes Buch vorlesen. Geld? Nein. Es gibt
Bcher zu lcherlichen Preisen. Der Sohn oder die Tochter liest vor, die
andern arbeiten nebenbei -- es ist ein Genu! Gewi, er mute eine
Broschre schreiben: Wegweiser --

Grau erwachte.

Da standen die Fenster offen und die Luft war lau und wrzig. Die Bume
grnten. Es war Frhling geworden.

Pltzlich erschien Adeles schnes Bild in seinem Geiste. Er lchelte und
stand auf.

Die Stadt hatte sich vollstndig verndert, grne Wipfel und blhende Bume
ragten ber Huser und Mauern. Man blickte in eine Gasse hinein und sah
einen kleinen blhenden Kirschbaum leuchten, man blickte durch einen Torweg
und sah zu seiner berraschung ein ganzes Beet von Tulpen brennen. An den
Husern und Erkern kletterte allerlei Rankenwerk empor, als wolle der
Frhling die kleine alte Stadt in ein grnes Netz einspinnen.

Der Flu strmte rasch und jung dahin und die Schiffe und Fhren zogen an
der Stadt vorber. Ein kleiner Kettendampfer heulte und schleppte eine
Reihe flacher Frachtschiffe hinter sich her. Am letzten Schiffe schaukelte
ein kleines Boot und darin sa ein Mann mit einer Pfeife im Munde. Im
Schaukeln des Bootes war der Frhling und auch in der Art, wie der Mann im
Nachen sa und auch im lustigen Rauche der Pfeife war der Frhling.

Die Ebene glnzte in der Sonne, die Dcher ferner Drfer leuchteten; Burgen
auf den Hhen und weite grne Wlder.

Grau sa in seinem Garten, noch geschwcht und mde von dem langen
Krankenlager und lchelte. Seine Seele in diesen Wochen der Genesung war
empfnglicher, frhlicher noch als sonst und voller Dankbarkeit.

Er lauschte, blickte umher und wunderte sich. Sein Herz klopfte. Zuweilen
kam das Fieber zurck, ein leises, fast angenehmes Fieber, dann empfand er
alles wie einen Traum. Eine wunderbare Frische stieg aus dem jungen Rasen
und wehte von Adeles Park her, alles war so frisch und neu. Die Vgel
zwitscherten in allen Wipfeln und zuweilen vereinigte sich das Klingeln all
dieser kleinen Vogelstimmen zu einem einzigen schwingenden Ton: Der
Frhling stand auf grner Wiese und blies auf seiner Flte einen betrenden
Schmeichelsang.

Graus Blick glitt ber die Stadt hinweg bis zu den kleinen Drfern, die in
der Ferne lagen. Da standen Huser, vor den Husern lagen Grten. In den
Grten wuchsen Blumen, unter den Hecken Veilchen, auf den Hngen
Schlsselblumen. Die blauen Hhenzge am Himmelsrande waren grn, hinter
ihnen dehnte sich grnes Land. Grn, grn -- die ganze Erde war nichts als
eine grne Insel, die im thermeere schwamm.

Im Tale arbeiteten Leute auf den Feldern, die Erde zu bestellen. Bei der
groen Steinbrcke wimmelte es von Arbeitern, die einen neuen Bahndamm
aufwarfen. Schaufeln und Picken blitzten in der Sonne. Auf einem Neubau
kletterten die Zimmerleute im Dachstuhl und hmmerten, auf der Landstrae
knarrten Wagen mit Steinen, die zum Ausbessern der Wege bestimmt waren.

War es nicht schn hier zu sitzen und zu sehen, wie der Mensch sich seine
Wohnsttte bereitete?

Und Grau dachte daran wie klein die Erde vordem war. Eine flache Insel von
einem Meere umbraust, ber ihr der Himmel als Decke. So klein war die Erde
und so klein war die Welt. Aber die Erde sprach: Entdecke mich! Und der
Mensch sphte aus und die Erde wuchs. Die Erde ruhte nicht, und flsterte
und flsterte und pltzlich stand ein Mensch auf, einer von den
Schlaflosen, und sagte: Nach Ost und West, Nord und Sd kannst du wandern,
die Erde hat kein Ende, sie ist ein Ball, um den Sonne, Mond und Sterne
kreisen. Aber die Erde ruhte nicht, sie flsterte und flsterte und ein
Mann erwachte in der Nacht und erschrak und sagte: Die Erde steht nicht
still, sie bewegt sich! Und fand keinen Schlaf mehr. Die Erde wuchs und die
Welt wuchs. Die Gestirne rckten auseinander, in erschreckende Fernen
rckten sie, aber sie hrten nicht auf, den Menschen anzustarren und er
ersann Mittel ihnen bis in die fernste Ferne zu folgen. Und mit jedem Tage
wchst die Welt. Der Astronom schreibt die unfabare Ziffer nieder, in
jeder Nacht starren hundert Rohre in den Raum, sphen und suchen -- und
morgen wird eine Depesche ber die Lnder fliegen: Die Welt ist gewachsen,
abermals ist sie grer geworden!

Und mit jedem Tage wchst die Erde. Die Pioniere sind an der Arbeit. Wenn
jener Mann zurckkehrt, der jetzt den Nachen durch den fernen Schilfwald
stt, wenn das Schiff im Norden nicht vom Eise zerdrckt wird: Sieg! Die
Erde ist gewachsen, sie ist grer geworden! Erobere mich, spricht die
Erde, ich bin dein!

Grau lchelte. Wahrhaftig, dachte er ergriffen, ich liebe den Menschen, den
Entdecker, den Eroberer, den Pionier, den Rastlosen!

Und er sah zu, wie die Menschen im Tale arbeiteten und Schaufeln und Picken
triumphierend in der Sonne blitzten.

Niemals hatte sich Grau reicher gefhlt als in diesem Frhling, niemals
empfand er strker die Wunder der Welt und verwebte er sich inniger mit
ihnen. Unausgesetzt durchschauerte ihn das Gefhl lebendig zu sein, selbst
in den Nchten. Er erwachte oft und hrte sein Herz pochen und Freude
erfllte ihn und er dachte: Und morgen und bermorgen und jeden Morgen
beginnt ein neuer Tag.

Jedes kleinste Ding bekam Sinn und Beziehung. Das Leben war wie das Buch
des Meisters, wo man es ffnet, Wahrheit, Schnheit, tiefes Gleichnis und
tiefes Geheimnis -- aber was ist das Buch des Meisters anders denn ein
Gleichnis des Lebens?

Die Sonne ging unter und ein leiser Wind trug Duft und Wrme ber die Stadt
und berhrte Graus Wangen. Grau errtete und wute nicht warum. Er blickt
sich um, ob niemand seine sonderbare Erregung beobachtet habe. Dann ging er
zurck in sein Haus.

Selbst der Wind, dachte er, wie kostbar ist er? Ohne ihn wre das Leben
nicht das Leben und nicht so reich wie es ist. Der Wind und der Sturm, die
Morgensonne und die Nachtfrische, die warmen Regentropfen und der
Hagelschauer -- sie alle erwecken ein geheimnisvolles Leben in uns, wir
atmen, es rieselt in uns, es erfllt uns, wir erschrecken, erschauern: Das
ist das Leben.




Zweites Kapitel


Die Wiese um Susannas Huschen wurde grn, im Vorgrtchen platzten die
Knospen. In all der Sonne sah das Haus freundlich und hbsch aus. Am
Fenster sah man vom Morgen bis zum Abend ein kleines gelbes Gesicht.

Susanna sa den ganzen Tag am Fenster und lchelte.

Sie lchelte, als das erste Trppchen Vgel ber den Himmel steuerte und
der Tauwind die Pappeln auf der Brcke schttelte. Der Schnee sank in den
Boden und das Eis zerging, sie lchelte. Es grnte, ber Nacht regnete es
grne Flocken ber die Pappeln auf der Brcke, an der Landstrae stellte
der Frhling eine ganze Postenkette blhender Bume auf. Susanna lchelte.

Nun konnte man die Fenster ffnen und Susanna trank die Luft, erschauerte
und wurde bleich. Fhlst du? sagte sie und griff mit der Hand in die Luft,
als greife sie etwas: Das ist die Luft!

Dann sah sie zu wie das Gras wuchs und die Blumen und sie bebte, wie wenn
all die Grser, all die Blumen aus ihrem eigenen Herzen wchsen. -- Aber
doch war ihr Herz nicht so wie sie es wnschte:

Geliebter, mein Geliebter und Freund, du Gtigster und Schnster von
allen, ich liebe dich. Mein Geliebter und Freund, Glck in dein Herz, hre
mich, du Gtiger mit den goldenen Augen, hre mich und sprich. Wie ist mein
Herz? Ich wei es nicht. Ich habe in den Bchern gelesen und mir mein Herz
aus den Bchern gesucht, aber so ist es nicht, nein. Es ist nicht, wie ich
will, es ist anders. Ich liebe dich! Es ist schn, es ist Frhling, das
Gras wchst, die Blumen leuchten. Die Sonne liegt in meinem Grtchen und
ich danke ihr, da sie auch an mein Grtchen denkt, und ich sage mir,
wollten sich doch die Schollen lockern und die Sonne hineinlassen, denn da
unten will es auch Wrme haben. Ich danke der Luft, so s ist sie. Ich
lache, wenn ein Vogel vorberfliegt.

Aber doch, mein Herz ist nicht so, wie ich es will, es ist anders.

Ich habe geweint, ich weine so oft! Ich habe getrumt, ich ginge in einer
Wiese, schlank und schn und gesund und ich sang, ich erwachte und mute
weinen. Soll ich es nicht sagen? Soll man dem, den man liebt, seine
Schwchen verhllen, oder ist es ein Recht der Liebe, alles zu gestehen?
Sprich! Wrdest du nicht du sein, ich wrde schweigen, ich knnte dich ja
trotzdem lieben, aber ich wrde es nicht wagen, dir alles zu gestehen. Aber
du verstehst mein Herz und es nennt dich Freund. Ich bin glcklich, so
sehr! Ich habe dich, ich bin froh. Ja, das Groe ist gekommen, das Seltene
ist gekommen, auf das ich so viele Jahre wartete, nun ist es ja doch
gekommen, ich bin das glcklichste Mdchen der grnen Erde. Es ist ja
gekommen das Seltene, da ich es nicht mehr glaubte und nicht mehr hoffte.
Wie wunderlich ist das Leben! Nun ist es da. Ich habe gewnscht, noch
einmal das Gras zu sehen und die Blumen. Da ist das Gras und da sind die
Blumen. Ich bin glcklich, sehr! Ich sage zu meinem Herzen: Hast du nicht
ihn? Und hast du nicht auch den Frhling? Ja, sagt mein Herz, ich bin ja
froh. Es ist ja froh, es ist ja voller Freude -- aber es ist nicht so, wie
ich es will. Es ist traurig zur gleichen Zeit, traurig, traurig und weint
in mir. Gibt es solch ein Herz wieder auf der Welt? Es jauchzt und es weint
in derselben Stunde. Gtiger Freund, sprich! Es ist ja nicht so, mein Herz,
wie ich es gerne mchte --

Eines wei ich nun. Wenn du zu deinem Herzen sagst: Sei so, so, so! -- es
tut doch was es will, du kannst ihm nicht befehlen.

Kannst du zu deinem Herzen sagen: Sei nicht bange! Wenn es aber doch vor
Angst zittert? Habe keine Furcht! Wenn es voller Angst ist? Denn die Angst
qult mich, die Angst. Hrst du, es pocht, es pocht berall, mein Blut
pocht, es pocht in meinen Fingern, es pocht in der Wand, der Decke. Dann
schweigt es pltzlich und ich denke: Wollte es doch lieber wieder pochen!
Das ist in den Nchten. Ich sage zu meinem Herzen: Sieh die Sterne, sieh
den Himmel, fhle die Nacht des Frhlings. Es gibt ja nichts, was ich mehr
liebe als die Frhlingsnacht, sagt mein Herz -- und vergeht vor Angst.
Fhle wie die Erde schlft, sage ich, ein Kind, so tief und schn -- aber
die Angst qult mich. Ist mein Leben vorber, vorbei, vorbei, gegangen,
gegangen? Sage nein! Denn wie knnte mein Leben vorber sein, da es eben
erst begann? Nein, nein, nein! Sage nein! mein Geliebter.

Gibt es Menschen, die die Sprache der Vgel verstehen? Vielleicht
verstehst du die Sprache der Vgel und es ist eines deiner vielen
Geheimnisse, die dir das Lcheln geben, das man nie auf andern
Menschenlippen sieht! Ich liege hier und die Stare sitzen auf dem Kobel,
den du mit Herrn Eisenhut gezimmert hast, sie sitzen da, blicken zu mir her
und unterhalten sich ber mich. Sieh doch die Stare, wie sie glnzen! sage
ich zu meinem Herzen, hre sie, wie sie pfeifen -- aber mein Herz lauscht
starr vor Angst. Ist es denn mglich, da die Stare wissen, wie schlimm es
um mich steht? Ist es denn mglich, da sie wissen, was in den nchsten
Wochen sein wird? Nein, nein, bei Gott, all das ist ja unmglich! Und doch?
Es mu, es mu unmglich sein, denn es ist schrecklich, was die Stare
sagen!

Es ist nicht das allein! Wre es nur das allein. Auch der Wind spricht,
auch die Luft spricht. Der Wind flstert und ich verstehe wohl, was er
sagt. Er sagt dasselbe wie die Stare. Ich sage zu meinem Herzen: Fhle, wie
fein der Wind schmeichelt, aber mein Herz glaubt es nicht: Hre was er
spricht, sagt mein Herz. Ach, alles, alles sagt das gleiche, es ist ja
immer das gleiche, selbst die Uhr sagt es, wenn sie ticktackt. Und der Wind
sagt es in jeder Nacht. Hast du den Wind schon gesehen? Nicht laufen, nicht
im Laub, im Getreide. So, eine Person, eine Gestalt. Ich habe ihn gesehen
wie er am Fenster stand, ein graues drres Mnnchen in weitem Mantel,
voller Buckel und Hcker. Er hat einen Hcker auf der Brust, auf dem
Rcken, seine Nase, seine Stirn, sein Ellbogen, alles ist ausgezogen zu
Hckern.

Wrest du hier! Wenn du hier bist, so hat die Angst keine Macht ber
mich.

Ich sehe Gestalten. Oft stehen viele Gestalten in meinem Zimmer und sie
blicken mich alle mit ihren fahlen Augen an, ohne Gefhl, ohne Interesse,
gleichgltig. Sie regen sich nicht, sie sagen nichts, sie sagen auch nichts
zu einander. Sie stehen und warten. Niemals knnte ich sagen, wo sie
beginnen und wo sie aufhren, aber sie sind da. Merkwrdig -- ich frchte
mich nicht vor ihnen. Es ist als mten sie dastehen. Ja, ich habe zu ihnen
gesprochen. Ich habe allen Mut zusammengenommen und habe gesagt: Was wollt
ihr von mir? Seid ihr dahingeschiedene Seelen, wollt ihr mich begleiten,
wenn ich von der Erde fortgehe? Aber sie regten sich nicht, sie standen wie
zuvor und sahen mich an. Ich weinte. Denn ich kam mir so verlassen vor.

Zuweilen geht auch ein Schritt ums Haus und es ist mir, als ob jemand am
Fenster stehen bliebe. Einmal erwachte ich mitten in der Nacht, ich hrte
wie der Schritt anhielt und eine Stimme am Fenster hauchte: Bald --

Ich habe nachgedacht und ich fand es frchterlich. All die Knaben, die am
Morgen ber die Brcke zur Schule gehen, all die Bauern, die Freundinnen,
Klara und Maria und auch Adele -- ja, auch sie! -- und auch Mtterchen und
auch du, mein Liebling -- alle, alle! All die Menschen, die jetzt schlafen
oder wachen, in einem Zuge fahren oder auf Schiffen segeln -- alle werden
eines Tages still liegen und sich nicht mehr regen. Auch du. Auch
Mtterchen. Auch Adele. Und pltzlich stellte ich mir alle gestorben vor.
Auch Adele. Sie sah so schn aus.

So sind meine Nchte und auch meine Tage sind so.

Es ist das Fieber, es ist die Angst --

So klein bin ich, so schwach. Ich bin glcklich! Glaube es mir. Adele
sagte zu mir: Es mu dich glcklich machen, da er dich liebt. Ja, ja, ja!
sagte ich und es ist wahr. Aber mein Herz ist ja nicht so, wie ich will.
Ich hatte mir vorgenommen mutig zu sterben, denn es mu ja sein, ich hatte
mir vorgenommen zu lcheln und zu sprechen: Es ist leicht und s zu
sterben -- aber nun -- die Angst -- die Angst!

Du aber sollst kommen und mir die Hand auf die Stirn legen, da ich Ruhe
habe!

Du kommst und mein Herz ist wie frher, da ich ein Kind und ohne Angst
war. Ich hre die Vgel, ich sehe die Wiesen, ich lache. Sage nein, nein,
nein! Du sagst es ja immer, du bist die Hoffnung und du bringst Mut. Die
rzte wissen nichts, sagst du, ich glaube dir. Aber weshalb lchelt der
Arzt, wenn er mit mir spricht? Brauchte er denn zu lcheln? Aber ich glaube
dir, solange du bei mir bist, glaubt es mein Herz: Das macht mich ja
gesund, wenn es mein Herz glaubt --

S ist es, an dich zu schreiben und ein Glck. Ich denke, ich darf ihm
schreiben. Es gehen viele in der Strae und sehen sich nach ihm um. Liebt
er Maria, liebt er Klara, liebt er Adele? Er liebt mich. Ich kenne dich
nicht. Du klagst nie, wie sollte ich dich also kennen. Es fiel mir erst
jetzt auf, da du nie mit einem Worte geklagt hast, du sprichst nie von
dir. Die Leute sagen, du seist ein Tor, ich aber wei wohl, da Sie Leute
tricht sind. Oft erschrecke ich, denn ich kann dein Bild nicht festhalten,
ich wei nicht, wer du bist. Nur wenn du mir nahe bist, da wei ich es, da
frage ich nicht danach, da frage ich nichts, denn du bist gut: Komm und
nimm die Angst von meinem Herzen -- Susanna --




Drittes Kapitel


Wie erstaunt war doch Susanna, als sich die Tre immer wieder und wieder
ffnete und immer mehr junge Mdchen eintraten. Es wollte gar kein Ende
nehmen. Noch mehr erstaunt war Mtterchen, die sich fein hergerichtet
hatte. Ihre Augen standen immer voller Trnen und sie verlegte zum Unglck
fortwhrend die Brille. Welche Freude -- da sie uns die Ehre schenken --
an Susannas Ehrentage. -- Vor der Tre hing ein Willkomm-Kranz -- anders
hatte es Mtterchen nicht getan. Willkommen stand darauf und Mtterchen
hatte darunter geschrieben: Zum Verlobungsfeste von Susanna Lenz. Sie war
immer unterwegs, konnte sich keinen Augenblick niedersetzen, dazu hatte sie
keine Zeit, immer flatterte ihre weie Schrze aus und ein.

Aber es nahm ja kein Ende. Auf der Brcke gingen wiederum drei Mdchen.
Grau hatte es gut verstanden, die jungen Mdchen an ihr Versprechen, zu
einem kleinen Feste bei Susanna zu kommen, zu erinnern. Auch Frulein
Sperling kam, die ewige Braut. Grau hatte sie ganz besonders eingeladen.
Sie kam mit Trnen in den Augen und lchelnden Lippen und nickte immerzu
gerhrt mit dem Kopfe.

Die Mdchen kamen in hellen Frhlingskleidern und glnzenden Augen und
roten Wangen, und alle waren guter Laune. Sie zwitscherten und kicherten
soviel wie ein ganzer Wald voller Vgel, wenn die Sonne aufgeht. Sie
brachten alle Blumen mit, ganz als ob sie es ausgemacht htten, und fllten
das Zimmer damit an. Susanna sa in einem Garten. Auch Adele brachte
Blumen, sie brachte einen groen Strau von weien Rosen. Die Schwestern
Sinding hatten einen Kranz aus Veilchen geflochten, den sie Susanna auf den
Kopf setzten und alle Mdchen klatschten in die Hnde.

Auer Eisenhut waren noch ein Onkel und eine Tante gekommen, aus Weinberg.
Die Tante war klein und rund, eine Schwester Mtterchens, sie sprach
kreischend und hielt sich den dicken Leib beim Lachen. Sie hatte ein
kleines und ein groes glotzendes Auge, das alle vergngt anstarrte. Der
Onkel kam im schwarzen Rock, mit einem hohen Zylinder. Er war
Aushilfsbriefbote in Weinberg. Er war mrrisch und sah rgerlich aus. Er
sprach kein Wort und bewegte auch keine Miene, aber die Mdchen kmmerten
sich nicht um ihn.

Das Zimmer war zu klein und Grau und Eisenhut zerlegten Mtterchens Bett
und schafften es in die Kche. Aber als immer mehr Gste kamen, mute auch
Susannas Bett hinausgeschafft werden. Die Gesellschaft nahm um den Tisch
herum Platz auf Sthlen, Bnken, Hockern, Koffern. Endlich war alles in
Ordnung und das Fest konnte beginnen.

Es begann. Es begann mit Kaffee und Kuchen, Lachen und Gesang. Hin und her
gingen die Worte und das Lachen ging rings im Kreise. Was man sprach, das
htte niemand spter sagen knnen, aber man unterhielt sich gut und ohne
jede Pause.

Wie Susanna fhlte! Sie sa da mit strahlenden schwarzen Augen, inmitten
all der Blumen, den Kranz auf den Haaren, inmitten all der jungen lachenden
Mdchen. Sie blickte ringsum im Kreise, von einem Gesichte zum andern,
lauschte, lchelte. Sie blickte Grau strahlend an und legte den Kopf an
seine Schulter.

Er drckte ihr die Hand.

Als man die Weinflaschen entkorkte, stie Mtterchen pltzlich einen Schrei
aus: Ein brtiger, wilder Kopf erschien am Fenster und eine tiefe Bastimme
sagte: Guten Tag, allerseits! Es war der Lehrer.

Mtterchen rannte zur Tre hinaus und hing an seinem Halse.

Wie kam er doch hierher? Ja, das ist ein Geheimnis, sozusagen! Ich habe
eben ein Engagement von einem Theater gehabt -- als Knig Lear zu gastieren
-- habe aber die Lumperei im Stiche gelassen, als ich von dem Feste hrte!
Es war ihm glnzend gegangen auf seiner Wanderschaft, glnzend und
frstlich wie immer hatte er gelebt. Auf einem Herrensitz, bei einem Baron
hatte er frmliche Festtage gehabt, eine Stadt, besser gesagt eine Art
Marktflecken, wollte ihn zum Brgermeister haben. Als ob das so einfach
wre --!

Ja, trotzdem er in zerrissenen Kleidern daher kam und eine bedenkliche
Schramme an der Stirne hatte, war es ihm nie so gut gegangen, niemals
hatten ihn seine Freunde so frstlich aufgenommen. Hahaha!

Nun gab es leider einen kleinen Zwischenfall. Der Aushilfsbriefbote nmlich
tat, als sehe er nicht, als Lenz ihm die Hand zum Grue hinstreckte.

Mein Name ist Pracht! sagte er. Ich habe nie das Vergngen gehabt, Sie
zu kennen.

Oho! Du kennst mich nicht! Seht an! Mein Schwager! Seht an. Hier ist meine
Hand!

Aber Herr Pracht kannte ihn nicht.

Lenz streckte ihm die Hand hin.

Genug, genug! sagte er und lachte herzlich. Hier ist meine Hand! Frieden
wollen wir schlieen.

Nein, Herr Pracht kannte Leute seines Schlages nicht. Htte er gewut --

Unsinn! sagte Lenz und lachte. Ich stelle mich also vor, Lenz ist mein
Name, Herr Pracht!

Herr Pracht lehnte ab. Er bedaure.

Gut! sagte Lenz und lachte. Die Herrschaften haben gesehen, da ich
diesen Herrn Pracht hier, diesen prchtigen Herrn ein Dutzendmal meine Hand
hinstreckte und meine Gastfreundschaft anbot. Herr Pracht zieht es vor ins
Freie zu gehen. Darf ich bitten, Herr Pracht!

Lenz nahm den Aushilfsbrieftrger am Genick, fhrte ihn hinaus durch den
Garten, er ffnete ihm hflich die Tre und gab ihm einen Schwung, da Herr
Pracht in die Wiese flog und sein hoher Zylinder in das Gras kollerte.

Dann kam Lenz herein, lachte, rieb sich die Hnde und bat die Gesellschaft
wegen der kleinen Strung um Entschuldigung.

Er sprach und sprach, stand auf und sang, das Glas in der Hand, mit
herrlicher Bastimme ein Lied: Im tiefen Keller sitz' ich hier. -- Niemand
konnte wie er im tiefen Keller sitzen, da war der Modergeruch des Kellers,
der Widerhall riesiger Fsser -- alles. Niemand konnte wie er den Wein im
Glase anlcheln, mit einem verliebten gnnerhaften Lcheln, niemand konnte
wie er mit solch kniglicher Geste das Glas erheben.

Hierauf erzhlte er eine absolut unglaubliche Geschichte von zehn
Schwestern mit eisernen Nasen -- sie machten dem Vater Stiefel aus Eisen
und sandten ihn nach Freiern aus -- eine Hexe vollstndig aus Eisen --
niemand knnte diese Geschichte wiedererzhlen. Die Gesellschaft lachte
herzlich und der unangenehme Zwischenfall war vollstndig vergessen. Die
Mdchen tranken und ihre Wangen wurden rter, ihre Augen glnzender. Sie
sangen. Sie sangen alle Lieder, die sie kannten: Am Brunnen vor dem Tore --
Als ich noch im Flgelkleide -- Der Mai ist gekommen -- Mtterchen hrte
andchtig zu. Als die Frhlichkeit den Hhepunkt erreicht hatte, sangen
sie: Ich wei nicht was soll es bedeuten --

Auch die ewige Braut fhlte sich zu Hause unter den jungen Mdchen, sie
sang indem sie den blondweien Kopf hin und her auf den Schultern wiegte
und man hrte sie stets noch die letzte Silbe hinausziehen, wenn alle schon
zu Ende waren.

Dann lachte sie.

Eisenhut sang nicht, aber er lchelte.

Singen Sie doch mit, Herr Eisenhut! rief Adele und sah ihn an. Eisenhut
kam in Verlegenheit. Ich habe Ihnen seinerzeit auf dem Balle so sehr
unrecht getan, fuhr Adele laut fort, da alle es hren muten, vergeben
Sie mir!

Eisenhut sagte: Ach, das ist ja -- haha -- schon -- so lange her -- wie?
Spter erbot er sich ganz von selbst, die Kosten von Susannas Aufenthalt im
Sden zu bezahlen, im Falle sie reisen sollte. Er flsterte es Grau ins
Ohr.

Es ging frhlich in dem kleinen Huschen her und als die Sonne unterging
blendete sie all den jungen Mdchen ins Gesicht. All die singenden Lippen
und strahlenden Augen glnzten und die Zhne der jungen Mdchen blitzten.

Susanna lchelte und whrend sie lchelte, schlief sie ein.

Die Gesellschaft schlich sich davon. Mtterchen steckte Grau ein kleines
Paketchen in die Tasche. Nimm! sagte sie geheimnisvoll. Wie soll ich dir
doch danken? Ein solch herrlicher Tag! Fr mich und Susanna! Wie glcklich
sie war!




Viertes Kapitel


In den Husern zndete man die Lampen an und die Glocken luteten den Abend
ein, als die Gesellschaft in die Stadt eintrat. In den Straen war es schon
auffallend dunkel und merkwrdig warm. Kinder lrmten und die Leute standen
vor den Husern um die erfrischende duftende Luft zu genieen. Man hrte
Stimmen in den noch dunkeln Zimmern, Worte, die gerufen wurden, die Familie
des Schlchtermeisters Keim war um eine Talgkerze versammelt und nahm das
Abendessen ein.

Am Marktplatze ging die Gesellschaft unter vielem Lrm und frhlichem
Lachen auseinander.

Grau und Adele gingen miteinander. Sie hatten den gleichen Weg.

Wir haben ja den gleichen Weg! sagte Adele und sie sahen einander an und
nickten. Sie waren beide beklommen und stiegen schweigend die Stufen
hinauf. ber die Mauer des Friedhofes und aus Eisenhuts Garten hingen
Zweige und Blten, so da sie durch eine Gasse von Blten und Duft gingen.
Es war schwl hier und dmmerig. Adele stand still und sog den Duft ein.
Es ist Jasmin.

Ja, es ist Jasmin! sagte Grau und wieder begegneten sich ihre Blicke.

Oben war es khler. Sie atmeten auf.

Adeles Blicke gingen ber die Stadt hin, in der es mehr blhende Bume als
Huser gab. Aus dem Dunst der Dmmerung blinzelten Lichter und auf einem
Dache lag ein fahler goldener Ton. Eisenhuts Garten war eine einzige lange
Woge von Blten, die gegen die Hhe anschumte. Adele schttelte den Kopf
und deutete auf Eisenhuts Gartenmauer.

Die Tafeln, sagte sie, die Tafeln sind verschwunden. Vor den Hunden wird
gewarnt, Vorsicht Selbstschsse -- Sie erinnern sich? Was ist doch mit
Herrn Eisenhut vorgegangen? So artig und nett, wie er heute war! Was muten
Sie sich doch denken, als ich ihn auf dem Liederkranzball so schlecht
behandelte?

Es ist wahr, Sie waren grausam gegen ihn.

Aber warum doch? Warum qulte ich ihn denn? Ich hatte zu viel Sekt
getrunken und pltzlich kam es ber mich. So hlich war ich an jenem
Abend. Und Eisenhut qulte ich, weil ich mich ihm gegenber schuldig
fhlte. Freilich, er erinnerte mich auch zu oft daran. Ich habe einmal
schlecht gegen ihn gehandelt und er hat mir doch einen groen Dienst
erwiesen -- er lieh mir zehntausend Mark und wollte nicht einmal einen
Schuldschein haben -- aber ich will gar nicht davon sprechen. Ich habe auch
noch andre hliche Bemerkungen gemacht. Sie sah Grau prfend an.

Ich erinnere mich nicht mehr an alles, was an jenem Abend gesprochen
wurde, sagte Grau.

Das ist gut, fuhr Adele fort, sie stockte. Haben Sie denn Besuch, Herr
Grau? Es sitzt jemand auf Ihrer Treppe, fragte sie.

Vor dem kleinen Hause Graus sa eine dunkle Gestalt und rauchte Pfeife. Es
war ein kleiner alter Mann. Er erhob sich und machte eine Verbeugung.

Ich rauche Ihre Pfeife, Herr Grau, mit Ihrer Erlaubnis, sagte er.

Es ist ein alter Handwerksbursche, sagte Grau, der vorlufig hier wohnt.
Er sa eines Tages auf meiner Treppe, abends, als ich heim kam, fand ich
ihn da. Er war krank und hatte Fieber. Man hatte ihm die Aufnahme in der
Herberge verweigert, weil seine Papiere nicht in Ordnung waren. Ich konnte
ihm doch nicht gut ein Obdach verweigern, zumal er Fieber hatte, nicht
wahr? brigens strt er mich nicht, ich habe ja so viel Raum.

Wie lange wohnt er schon hier?

Drei Wochen. Warum?

Ich meine nur. Ich habe gehrt, Sie haben Ihr Bett verschenkt und behelfen
sich selbst mit einem Strohsack?

Grau lchelte. Eine merkwrdige Stadt! sagte er. Sonst nichts.

Eine Dame hat es erzhlt. Das Bett gehrt ja zum Pfarrhause, es gehrt
nicht Ihnen?

Ich werde ein neues Bett kaufen, sagte Grau. Sagen Sie der Dame, sie
knne ganz unbesorgt sein. Ich habe das Bett hergeliehen, einer armen
Wchnerin. Ja, mein Gott, ich kann doch da nicht erst lange fragen, wem das
Bett gehrt? Eine ganz merkwrdige Stadt! -- Adele lachte leise.

Sie gingen schweigend an der Parkmauer entlang bis zum Gitter. Adele
blickte hinein. Im Hause war ein Flgel beleuchtet und man hrte ein
Klavier.

Wir haben Gesellschaft, sagte sie, die Offiziere von Weinberg. Sie sah
zu den hellen Fenstern hinauf und lauschte. Es ist Mama, die spielt. Sie
blickte in den weiten Park hinein, dahin wo er ganz dunkel lag, und
schttelte den Kopf. Sie frstelte. Sie blickte Grau lange an. Dann sagte
sie mit einem Blick auf die hellen Fenster: Ich habe keine Lust. Kommen
Sie!

Sie gingen weiter, den Weg entlang, der in den Wald fhrte. Es war ein
Kiesweg und man sah ihn weit hinein in den Wald flieen, obgleich es hier
ganz dunkel war. Zu ihren Hupten schlngelte sich eine schmale blaue
Strae des Himmels und ein frher Stern wanderte darauf. Bald versank jeder
Laut hinter ihnen und sie waren allein.

Zuerst hrten sie ihre Schritte auf dem Kies, aber das Ohr gewhnte sich
daran und lauschte auf die tiefe Ruhe des Waldes.

Welcher Friede, fhlen Sie! sagte Grau leise.

Ja, hier ist Friede! sagte Adele, deren Gesicht in der Dunkelheit zu
leuchten anfing. Sie stand still und wandte die Augen auf Grau. Er sah ihre
Augen, so hell waren sie. Horchen Sie! Hren Sie das Klavier nicht mehr?

Nein.

Es ist Mama, die spielt. Ich hre es jetzt auch nicht mehr. Da sitzt sie
nun, meine kleine Mama und spielt und wartet auf mich. Denn sie tut ja
nichts andres. Sie wartet und die Herren lachen und plaudern. Sie sagt zu
Konrad: Konrad, wenn meine Tochter kommt, melden Sie es mir sofort. Sie
wartet und wird immer nervser. Ich aber komme nicht.

Sollten Sie nicht umkehren? fragte Grau.

Adele schttelte den Kopf. Nein, sagte sie, ich habe keine Lust. Ja,
fhlen Sie doch den Frieden hier, Sie haben recht, wir wollen den Frieden
hier fhlen. Wie es riecht! Als ob Sie Rinde abschlten. Haben Sie viel
Frieden in sich? Ich nicht, nein, ich wrde lgen, wrde ich es behaupten.
-- Das heit, es ist ja nicht so schlimm, fuhr sie mit freierer Stimme
fort, es ist nur der Frhling, weil alles so schn ist und die jungen
Mdchen heute lachten so viel.

Der Kiesweg war zu Ende. Sie gingen in einem Walde hoher Fichten. Der Boden
war glatt von Nadeln und Moos und es roch hier nach Harz und Wurzeln.

Grau lchelte, und als ob Adele sein Lcheln gefhlt habe, blickte sie zu
ihm her. Er sagte: Wir gehen wie im Werke einer groen Orgel, zwischen all
den schlanken Pfeifen. Als der Geist der Orgel gehen wir hier.

Er sah, da Adele lchelte; ihre hellen Augen glnzten.

Warum sprechen Sie so eigentmlich? fragte sie.

Sprach ich denn eigentmlich?

Ja, Ihre Stimme klang ganz verndert.

Adele blickte zu den schwarzen phantastischen Wipfeln empor, die regungslos
dastanden, wie aus Erz gegossen, und einen fahlen grauen Himmel sehen
lieen, als beginne es zu tagen. Sie lchelte und sagte: Aus unseren
Orgelstunden ist leider nichts geworden. Sie erinnern sich, da ich neulich
bei Ihnen anfragte?

Er stehe jederzeit zur Verfgung.

Ich danke Ihnen aufrichtig, sagte Adele, aber der Baron sieht es nicht
gerne, mein Brutigam. Ich wei nicht warum, aber er hat solche Angst, die
Leute knnten ber mich sprechen. Und dann hat er es noch nie gehrt, da
eine Dame Orgel spielte. Wte er, da ich mit Ihnen hier gehe, so htte er
nichts dagegen, nein, aber er htte Angst, jemand knnte es sehen. Er hlt
viel auf Etikette. Er denkt in jeder Beziehung frei und vornehm, aber er
will nicht, da die Leute ber mich sprechen. Sie haben ihn doch kennen
gelernt? Sind Sie in ein Gesprch mit ihm gekommen?

Wir haben nur ein paar nichtssagende Worte gewechselt.

Schade! sagte Adele. Ich wnschte, Sie htten mit ihm gesprochen, er ist
sehr gebildet und klug. Freilich ist er ja meist zu mde zum Sprechen, er
liebt es auch nicht, er ist schweigsam. Sie wrden vielleicht den Eindruck
bekommen, da er etwas konventionell ist in seinen Anschauungen. Er knnte
zum Beispiel nie einen Handwerksburschen beherbergen, niemals in seinem
Leben -- aber er ist --. Vor allem liebt er mich sehr, er liest mir jeden
Wunsch von den Augen ab.

Sie werden ja nun bald heiraten?

Ja. Adele blickte auf den Weg. Er, der Baron, drngt sehr. Auch fhlt
sich Mama jetzt besser. Mir eilt es ja nicht so sehr -- obgleich ich den
Baron von ganzem Herzen liebe. Er besitzt eine Menge groer Eigenschaften,
Sie wrden das bald herausfinden -- nun hrt der Wald auf -- lassen Sie uns
nicht von diesen Dingen sprechen. Weshalb sehen Sie mich an?

Es ist ja langweilig fr Sie, nur von meinen Angelegenheiten zu hren, Herr
Grau. Deshalb. Wollen Sie mir nicht jenen Traum zu Ende erzhlen, den Sie
auf dem Ball begannen?

Gerne.

Sie traten aus dem Walde und der Rcken der Hhe lag im Dmmerlichte vor
ihnen. Im Tale zogen Nebel und die Stadt war in Dunst gehllt. Einige
Lichter flimmerten, und wo der Bahnhof lag, blinzelte eine Reihe von
Laternen wie der Leichenzug eines armen Mannes. Der Himmel war fahl und
einige matte Sterne schwebten darin. Sie gingen am Rande des Waldes entlang
und kamen an eine Bank. Adele macht Miene sich niederzusetzen, aber sie
ging weiter.

Jene Frau und ich, begann Grau, gingen ber die Heide, es war graue
Nacht und ganz still. Es war fahl wie jetzt, nur da es dem Morgen zuging,
es war aber stiller als jetzt, obgleich hier kein Laut zu hren ist.
Trotzdem war es stiller. Die Luft war khl, so wie sie ist, wenn der Morgen
nahe ist, sie war gewrzt von all den Krutern und Blumen, die in der Heide
blhten. Wir gingen schweigend dahin, jene Frau, mit der Sie eine leichte
hnlichkeit haben, und ich. Alles war wie ein Schatten und wir selbst
schienen Schatten zu sein, die in der grauen Nacht dahingingen. Es standen
viele Sterne am Himmel, aber sie leuchteten nicht. Pltzlich begann es zu
sausen ber unseren Huptern und ein Heer von Sternschnuppen, ein
ungeheurer Regen von Sternschnuppen jagte blitzschnell ber den Himmel und
verschwand hinter dem Horizonte. Es waren Milliarden von Sternschnuppen,
der ganze Himmel war fegendes Feuer. Ich erschrak, denn ich hatte niemals
so etwas Schnes gesehen. Warte, sagte die Frau an meiner Seite -- und
wieder fegten Milliarden von Sternschnuppen ber den Himmel. Diesmal
dauerte es lange Zeit, endlos schien der goldene Regen zu sein. Endlich
hrte er auf und die letzten Funken versprhten am Horizonte. Mein Herz
schlug heftig, ja, es schlgt jetzt sogar bei der Erinnerung an dieses
schne Schauspiel, das schner war, als alles was ich im Wachen und im
Traum gesehen habe.

Es wurde wieder fahl wie zuvor und die Frau sah mich lange an. Wie gefiel
es dir? sprach sie. Ich nickte, ich sagte nichts.

Und weiter? fragte Adele.

Wir wanderten zusammen, fuhr Grau fort, und es schien als wanderten wir
eine endlose Zeit in der grauen Nacht, aber ich wanderte dahin und fhlte
mich glcklich an der Seite der schnen Frau. Die Frau sprach sehr gtig zu
mir, aber ich wei nicht mehr, was sie sagte, doch ich erinnere mich, da
sie sehr gtig zu mir sprach. Ich habe niemals im Leben diese Gte in der
Stimme einer Frau gehrt, aber im Traume hrte ich sie, niemals hatte ich
die sanfte Hand einer Frau auf meinem Arm gefhlt, aber im Traume, da
fhlte ich es. So sanft war sie! Wir wanderten ber die Heide und mein Herz
war frhlich. Wir unterhielten uns in einer fremden Sprache, aber ich hatte
keine Schwierigkeiten damit, ich verstand, ich sprach --

So ist es im Traume.

Ja. Der Boden war sanft unter unsern Fen und wir konnten unsere Schritte
nicht hren -- wie jetzt, da wir ber die Wiesen gehen. In der Heide
blhten Blumen. Es war eigentmlich, ich sah sie erst jetzt, die ganze
Heide war voll davon. Sie waren klein und niedrig und hatten Traumfarben.
Sie waren Tulpen hnlich, durchsichtige mattfarbene Kelche hatten sie. Aber
in jedem dieser Kelche lebte -- so schien es -- ein Lichtgeisterchen, die
Lichtgeisterchen umschwebten die Blumen, sie saen auf dem Bltenrande, sie
wirbelten hin und her. Pltzlich sah ich die ganze Luft von solchen
Geisterchen erfllt, die auf und nieder schwebten. Sieh, sagte ich zur
Frau, sieh, und ergriff den Arm der Frau und deutete in die Luft -- Grau
erzhlte so eifrig, da er die Hand auf Adeles Arm legte und in die Luft
deutete, als sei sie erfllt von Wesen, Adele sah ihn lchelnd an -- sieh
doch, sagte ich, sieh doch! Sie lachte leise. Ich habe vergessen, da du
ein Mensch bist, sagte sie, ein Blinder und Unwissender. Weit du denn
nicht, da jeder Hauch der Luft erfllt ist von Wesen? -- Wir muten einen
schmalen Bach berschreiten und ich war sehr erstaunt zu sehen, da sich
ber den Wellen des Baches Tausende von Quellengeisterchen tummelten, sie
schwebten hin und her in der Bewegung der Wellen und ber einem kleinen
Strudel kreisten sie im Reigen, sie tanzten und lachten leise. Wie
merkwrdig, dachte ich, deshalb ist es so eigentmlich berckend auf das
Rieseln eines Baches zu lauschen? Ich beugte mich herab und beobachtete die
Geisterchen, sie sahen mich alle mit kleinen lichtgrnen Augen an. Sie
kamen mir so nahe, da ich glaubte sie fhlen zu mssen, ein Geisterchen
streifte meine Wange, ein anderes sa einen Augenblick lang auf meiner
Lippe.

Pltzlich erschrak ich. Ein hohler, tiefer Ton, der stark tremulierte,
erschtterte die Luft. Ich begann zu zittern, denn der Ton klang
unheimlich, er klang bald in der Ferne, bald schrecklich nahe und ich
zitterte, denn ich fhlte mich allein inmitten der Nacht und inmitten einer
Welt, in der ich ein Fremder war. Warum zitterst du denn? sagte die Frau an
meiner Seite, aber sie sprach gtig. Oh, ihr Menschen seid solch feige
zitternde Gespenster, nichts wollt ihr verlieren, nicht einmal euer Leben.
Wie lcherlich erscheint ihr doch den andern Wesen.

Wir gingen und sprachen und die Frau an meiner Seite sagte mir, da ich
einen schwachen Kopf habe und nie denken gelernt htte, wie alle Menschen
she ich nur die Oberflche der Dinge. Ihr gebrdet euch alle beraus klug
und wichtig, sagte sie, und euer Gehirn ist doch so schwach, da es bei
jedem kleinen Gedanken explodiert und der Gedanke ist noch dazu falsch.
Weshalb lebst du, weit du es? -- Welche Angst hatte ich doch zu antworten!
Ich lebe um meine Seele zur Harmonie und Schnheit zu entfalten, sagte ich.
Die Frau lchelte. Wie oberflchlich ist das doch! sagte sie. So lebe ich
vielleicht, um meine Seele zur Gte, zur Liebe und Wahrheit und
Gerechtigkeit zu erziehen? Sie lchelte und schttelte den Kopf. Das ist ja
alles so nebenschlich, sagte sie. Nun, sagte ich, ich lebe vielleicht um
mich zu wundern? -- Da fate sie meinen Arm und sagte: Verhlle dein
Gesicht! Ich tat es, ich sah wie sie rasch die Hnde auf das Gesicht legte
und verging, als sterbe sie. Ein Hauch fuhr ber die Heide und der leise
Gesang der Geisterchen ringsum vereinigte sich zu einem einzigen Ton, der
wie ein leises Seufzen klang. Ich versank in eine Art Schlaf und als ich
erwachte, ging ich wieder neben der Frau in der grauen Nacht.

Ich sah keine Blumen mehr, die Heide war eine gewhnliche Heide und ich
erkannte die Khle und den Geruch vom Anfange unserer Wanderung wieder. Es
ist Zeit, da ich gehe, sagte die Frau, der Sternschnuppenregen ist
vorber. Leben Sie wohl. -- Sie sprach wie eine Fremde.

Leben Sie wohl! sagte ich und zog den Hut.

Sie sah mich an und lchelte eigentmlich, sie stand ganz nahe.

Leben Sie wohl, wiederholte sie, Sie haben mich heute nicht wiedererkannt.
Leben Sie wohl.

Leben Sie wohl.

Sie gab mir die Fingerspitzen der beiden Hnde und sah mich an. Leben Sie
wohl, flsterte sie, bis wir uns wiedersehen!

Leben Sie wohl.

Sie lchelte und schttelte den Kopf. Sie wissen nicht, was ich denke?
Nein? Leben Sie wohl. -- Sie ging und wandte sich noch einmal zu mir um und
bewegte die Lippen. Sie verschwand, ich wei nicht wohin. Ich stand in der
Heide und blickte ringsum. -- Das ist der ganze Traum, schlo Grau.

Adele blickte auf den Boden und lchelte. Wie seltsam! Welch ein schner
Traum! Vielleicht haben Sie im Traume viele wahre Dinge erblickt, die wir
in Wirklichkeit nicht sehen knnen? Wie seltsam! Sie standen am Gitter des
Parkes.

Nach einer Weile sagte sie: Was hat jene Frau doch gemeint, als sie sagte:
Sie wissen nicht, was ich denke?

Grau lchelte. Wie kann ich es wissen?

Adele schttelte den Kopf und ffnete das Gitter, indem sie rckwrts ging.
Sie wissen es nicht? Vielleicht wollte sie, da Sie fragen, wer sie sei,
ob sie nicht mit Ihnen gehen solle? Irgend etwas. Oder vielleicht wollte
sie, da Sie sie zum Abschied kten? Adele lchelte.

Welch ein Gedanke! sagt Grau erstaunt und verwirrt.

Vielleicht habe sie das gedacht, vielleicht, man wisse es ja nicht, aber
eine Frau war sie ja doch! Nicht wahr? Ich mu jetzt ebenfalls gehen, Herr
Grau. Leben Sie wohl! Adele nickte.

Grau zog den Hut: Leben Sie wohl, Frulein von Hennenbach.

Adele ging immer mehr rckwrts, an das Gitter gelehnt.

Leben Sie wohl, wiederholte sie und sie sahen einander lange an.

Grau schwindelte. Gute Nacht und Dank fr den Abend! sagte er mechanisch.

Adele wandte sich um und blickte ber die Schulter zurck. Leben Sie wohl
-- bis wir uns wiedersehen! sagte sie und Grau sah ihre schmalen Zhne
schimmern. Sie ging hinein in den dunkeln Park. -- -- -- --

Grau sah sie gehen und ihr helles Kleid im Dunkel untertauchen. Unter der
Lampe des Eingangs leuchtete es wieder auf und verschwand.

Er schlo langsam das Gitter. Es konnte doch nicht die ganze Nacht hindurch
offen stehen. Er blickte auf den Weg, wo sie gegangen war und schttelte
den Kopf: Sie wute ja nicht alles, ja, beim Himmel, sie wute ja nicht
alles!

Wute sie denn, da er wach lag und nur an sie dachte? In ihrem Garten
stand ein blhender Apfelbaum und ihn liebte er am meisten von allen
blhenden Bumen im Lande.

Wute sie denn das?

Er sah sich immer wieder um und sah dieses Eisengitter an. Leben Sie wohl
-- bis wir uns wiedersehen! Hatte sie nicht die gleichen Worte gesprochen
wie jene Frau im Traum?

Es rieselte im Laube, das Rieseln ging ringsum im Walde und die Grser
flsterten. Wie ein Schauer rann es ber die Erde und dieser Schauer des
Frhlings durchrieselte auch ihn. Pltzlich war alles von fahlem Lichte
erfllt und der Wald zitterte im bleichen Scheine des Mondes, der ber die
Hhen heraufstieg. Grau ging langsam dem Monde entgegen und das Licht
durchflutete ihn wie einen Baum. Ist alles Traum, ist alles Wunder? dachte
er. Ich selbst ein Traum im Traume der Welt? Etwas wie Betubung befiel
ihn, er hatte das Gefhl, als ob er an einem Abgrund stnde. Pltzlich roch
er die Kruter wie in jenem Traume, derselbe Geruch war es und vor seinem
innern Auge erschien jene seltsame Frau und fragte, wie damals in mildem
Vorwurf: Hast du mich heute nicht wiedererkannt! Er schlo die Augen, da
sah er Adeles schmales Gesicht vor sich. Eine Stimme begann in ihm zu
flstern. Sie flsterte Worte, die er nicht verstehen wollte. Lehne deinen
Kopf an meine Schulter, flsterte sie. Ksse mich, ksse mich tausendmal.

Grau wandte sich um und blickte auf Adeles Park.

Ich werde ja schweigen, sagte er laut. Aber die Stimme ihn ihm fuhr fort
zu flstern: Ksse mich, ksse mich tausendmal --

Er lauschte und lchelte. Ja, ja! sagte er.

Er stand und wartete bis alle Lichter in Adeles Haus erloschen. Die Luft
war feuchtwarm, duftend und so stark, da ihm die Brust bei jedem Atemzuge
weh tat. Er dachte an Adele und der Gedanke an ihre Schnheit schmerzte
ihn. Das letzte Licht erlosch und er ging weiter. Erst gegen Morgen kam
Grau nach Hause. Das Herz war ihm schwer von schnen Trumen. Als er sich
auskleidete fiel jenes Paketchen aus seiner Tasche, das Mtterchen ihm
zugesteckt hatte.

Er ffnete es. Kleine gelbe Kinderschuhe waren darin.




Fnftes Kapitel


Der Himmel wurde hher und blauer, die Wolken weier und schwebender, im
Garten schrien die jungen Stare.

Susanna lag geduldig, ohne sich zu regen, denn sie sollte Krfte zur Reise
sammeln. Ihre Augen glnzten in tiefer Schwrze. Sie wurde schner. Ihre
Wangen fllten sich, die gelbe Farbe ihres Gesichtes verschwand, sie sah
bla aus und niemals erschienen ihre Haare so schwarz und ihre Augen so
gro. Sie wurde schner, alle waren berrascht, die sie sahen.

Aber ihre Stimme verfiel. Sie konnte nicht mehr in ihrer hohen singenden
Stimme sprechen. Sie sprach leise und heiser und war kaum zu verstehen.

Sie lag ruhig da und horchte auf das Gezwitscher und Pfeifen der Stare. Sie
lchelte, wenn die Starenmutter geflogen kam, eine Fliege im Schnabel, und
all die kleinen gelben Schnbelchen der jungen Stare in dem runden Loch des
Kobels erschienen und ein kreischendes ungeduldiges Geschrei erhoben.

Hrst du? sagte sie leise und heiser. Wie glcklich diese Vgelchen
sind! Htte ich es mir denn trumen lassen, da ich noch einmal das Pfeifen
der Stare hren werde? Ach, oft weine ich vor Freude, am Morgen, wenn das
erste Zwitschern irgendwo fern zu hren ist. Ich liege hier und denke, wie
herrlich, wie rhrend ist es doch! Die Lerchen trillern, da ist es noch
ganz grau auf den Feldern und die Stare kreischen und pfeifen. Dann frbt
sich der Himmel und ich rieche das Gras und die Bche. Und ich kann es kaum
erwarten bis es licht wird und ich das Gras sehen kann. Hast du die Knospen
gesehen an meinen Rosenstcken, ja? In ein paar Wochen, da wird alles
blhen. Auch der Flieder. Wie ist doch sein Duft? Wie eine se und
traurige Geschichte. Knnte ich doch noch den Flieder blhen sehen und
diese Luft einatmen, die dann sein wird! Diese Luft, die so schwer von Duft
ist, da sie sich kaum bewegen kann!

Ihre Augen leuchteten und sie lchelte.

Geduld, Geduld! se Susanna.

Es kamen Regentage und Susanna lag still. Sie hatte die Augen halb
geffnet, aber es schien als ob sie schlafe. Sie regte sich nicht, sie
sprach kein Wort, lautlos und hastig arbeitete ihre kleine schmale Brust.
Sie fieberte leicht und das Fieber legte einen Schleier um ihren Geist.

Aber sobald die Sonne die Wolken zerteilte, erwachte sie, sie ffnete die
Augen und ihr Geist war frei. Verdunkelte sich der Himmel wieder, so
verdunkelte sich auch ihr Antlitz, ihre Augen erloschen, sie lag ohne
Bewegung und ohne Wunsch.

Grau sa immerfort an ihrem Bette. In der Kche sprach Lenz, fast ohne
Pause. Es war ihm ganz einerlei mit wem er sprach und wovon, wenn er nur
sprechen konnte. War er allein, so sprach er mit sich selbst: Da wren wir
glcklich, alter Knabe, da wren wir glcklich, um Kohlen einzunehmen und
den alten Kutter frisch zu lackieren. Noch ein paar Tage und wir stechen in
das hohe Meer des Lebens hinaus -- prosit! Ein schwarzer Panther in einer
Kche -- haha -- bei Hhnern -- hole mich der Teufel! Er erzhlte sich
selbst Geschichten, schmiedete Plne und baute Luftschlsser. Er kam selten
ins Zimmer und immer nur auf einige Minuten, lachte, plauderte und streifte
Susanna mit scheuen Blicken. Hufig besuchte ihn Eisenhut, der gegenwrtig
einen kleinen Rckfall hatte und schrecklich trank. Neulich waren ihm schon
wieder die Kinder nachgelaufen. Er wich Grau aus.

Eines Tages verlangte Susanna Eisenhut zu sprechen. Eisenhut kam aus der
Kche, mit gertetem unrasierten Gesichte, blinzelnd und in guter Laune,
ein wenig unsicher in seinen Bewegungen. Nun, wie geht es? Vorzglich,
natrlich, hh -- wie zwei Turteltubchen, ja --

Nein, sagte Susanna leise und heiser, es geht nicht gut. Sie gab sich
alle Mhe zu sprechen, aber man hrte kaum was sie sagte. Setzen Sie sich
hierher ans Bett, Herr Eisenhut. Ich mchte mit Ihnen sprechen. Ganz nahe,
ganz nahe. So, nun sind Sie nahe. Ach, Richard, mein Freund, du sollst dich
einstweilen auf den Stuhl neben mich setzen. So, nun ist es gut. Ich wollte
Ihnen danken, Herr Eisenhut!

Eisenhut ertrug ihren Blick nicht. Er blinzelte, stammelte etwas; es sei
doch nicht der Rede wert.

Nein, viel, viel haben Sie getan, Herr Eisenhut! sagte Susanna und fate
Eisenhuts Hand. Viel Gutes haben Sie Mtterchen und mir erwiesen. Was wre
wohl aus uns geworden, wenn Sie nicht gewesen wren?

Eisenhut legte das Gesicht in Falten, so da es aussah, als beginne er zu
weinen, aber er lchelte. Was habe ich denn getan? Alles in allem, nichts,
gleich Null, das ist es, was ich getan habe. Also bitte recht sehr,
behalten Sie den Dank fr sich. Nein, lassen Sie mich in Ruhe! Ich habe
gedacht, dieses Mtterchen kann ich gut brauchen. Diese arme Frau hat
nichts zu nagen und zu beien und wird alles fr billiges Geld tun. So habe
ich gerechnet, genau so. Ich habe Mtterchen dreiig Mark gegeben und dafr
sollte sie meine Mutter pflegen und ernhren. Das ist alles, was ich getan
habe. Und dann habe ich zuletzt monatlich fnfunddreiig Mark gegeben. Hier
haben sie alles zusammen, fertig!

Susanna lchelte. Aber die Wohnung? Sie vergessen ja ganz die Wohnung.
Nun? Nein, Herr Eisenhut, Sie waren ja stets so gtig. Es ist wahr,
Mtterchen reichte nicht immer, dann mute sie Schulden machen, beim
Krmer, beim Fleischer und beim Bcker. Und die Schulden wuchsen und
wuchsen und Mtterchen verging vor Angst. Sagte ich zu Mtterchen: Sprich
doch mit Herrn Eisenhut, er ist ja so gut. Ja, er ist so gut, das ist wahr,
sagte Mtterchen und nahm all ihren Mut zusammen und sprach mit Ihnen. Ja,
Sie wetterten und donnerten, aber eines Tages da lagen eben doch die
zwanzig Mark auf dem Kchentisch und Sie haben kein Wort weiter gesagt, so
sind Sie! So unendlich viel Gutes haben Sie uns erwiesen, Sie lieber Freund
-- ja, so nenne ich Sie -- und Mtterchen spricht so oft von Ihnen und
dankt Ihnen jeden Tag. Sie spricht nichts zu Ihnen, nein, das tut sie
nicht, aber ihr ganzes Herz ist voll von Dank und sie geht hinaus um die
Trklinke abzureiben, wenn Sie kommen, damit Sie sich nicht die Hnde
staubig machen.

Eisenhut! sagte die Bastimme des Lehrers an der Kchentre; er klopfte
ungeduldig und schob den brtigen Kopf herein. Die Glser seien gewrmt.
Alles sei bereit, um das Fest zu feiern. Eben sei ihm auch ein Gedanke wie
ein Blitz durch den Hirnschdel gefahren, eine geniale Idee, die das
Weltenbild total umforme --

Sofort, sagte Eisenhut, ich habe einige Worte mit Susanna zu sprechen.

Ja, wenn du mit Susanna sprichst, so kann ich warten, drei Tage und drei
Nchte, ohne zu murren, sagte Lenz und zog sich zurck. Er begann
einstweilen ein Lied zu brummen.

Haben Sie mir alles gesagt, Susanna?

Nein, es sei erst die Einleitung. Es handelt sich um etwas sehr Wichtiges.
Das Allerwichtigste, das es fr mich gibt, Herr Eisenhut. Sie knnen es
nicht erraten?

Eisenhut versank in tiefes Nachdenken und lauschte auf das Lied, das der
Lehrer in der Kche brummte: Es war einmal ein Knig, der hatt' einen
groen Floh --

Ich habe in meinem ganzen Leben nichts erraten knnen, antwortete
Eisenhut, der mhsam seine Ungeduld verbarg.

Es ist so schwer, es zu sagen! flsterte Susanna und streichelte
Eisenhuts Hand. Sie streichelte die ganze Hand und dann jeden einzelnen
Finger. Nun? fragte sie und blickte ihn mit feuchten, pechschwarzen Augen
an.

Nein, niemals knne er es erraten.

Wir knicken und ersticken -- doch gleich, wenn einer sticht -- brummte
Lenz in der Kche. Bravo, bravo, das war schn! -- So soll es jedem Floh
ergehn!

Susanna nahm Eisenhuts Hand in beide Hnde und liebkoste sie auf beiden
Seiten. Es handele sich um Mtterchen. Seien Sie gut zu Mtterchen,
flsterte sie.

Eisenhut nickte.

Und Susanna fuhr flsternd fort: Mtterchen darf es nie erfahren, da ich
Sie darum gebeten habe, und auch Sie mssen verzeihen, da ich es tat,
lieber, guter Herr Eisenhut. Aber Sie wissen ja, Mtterchen kann nicht
sprechen, sie kann nicht bitten. Sie kann nur hungern, leiden und in ihre
Schrze weinen. Und Sie, ach, auch Sie, Herr Eisenhut, Sie sind ja gut,
aber Sie wissen gar nie, wo es einem fehlt und wie Sie ihm helfen knnten.
Was soll aus Mtterchen werden, wenn Sie ihr nicht etwas helfen?

Grau sagte leise: Mtterchen soll es gut haben. Dafr werden wir beide
sorgen. Und du, sobald es besser geht --

Das wisse sie, das beruhige sie. Aber nun, wenn Herrn Eisenhuts Mutter
stirbt -- wir setzen den Fall, wolle sie noch recht lange leben, -- ja --
aber wir setzen den Fall -- was dann? Sie habe nun gedacht, Herr Eisenhut
habe ja doch ihre Reise nach dem Sden bezahlen wollen -- das sei ja so
fraglich, ob sie reise -- ob er nicht das Geld vielleicht --

In der Kche brummte der Lehrer -- ha! sie pfeift auf dem letzten Loch, als
htte sie Lieb' im Leibe. -- Als htte sie Lieb' im Leibe, wiederholte er
im tiefsten Ba.

Eisenhut versprach, Mtterchen eine Rente frs ganze Leben auszusetzen.
Hier, er ist Zeuge, Grau, ich habe es gesagt, morgen gehen wir zum Notar.

Susanna nickte, sie zog Eisenhuts Hand an die Lippen und kte sie
inbrnstig, wobei sie die Augen schlo.

Ja, nun ist alles gut! sagte sie und nickte und lchelte. --

Die Freundinnen kamen und brachten groe Strue von Blumen mit, se Weine
und Kuchen. Sie kamen herein, jung und frisch und duftend, mit roten Lippen
und den Schein der Sonne in den Augen. Sie lchelten, sprachen mit
gedmpfter Stimme, aber sobald sie ein paar Minuten da waren, sprachen sie
laut und lachten und erzhlten wie schn es heute sei, Spaziergnge,
Tennis, Radpartien, eine Leiterwagenpartie sollte gemacht werden --

Ja? Susanna lachte und hustete. Viel Vergngen, sagte sie und lachte
wieder und hustete mehr. Recht viel Vergngen!

Oh, ich liebe euch, viel Vergngen, ja!

Adele und Grau sahen einander an und sie errteten beide.

Komme zu mir, Adele, sagte Susanna. La mich dein Kleid befhlen. Wie
fein ist der Stoff, so zart und dnn. La mich deine Haut befhlen. Wie
fein ist deine Hand, Adele. Aber wenn ich in deine Hand blicke -- siehst
du, Adele, warum ist Unfriede in deiner Hand? Ich blicke in Richards Hand.
So viel Friede ist darin. Nun, was bedeutet es schlielich und was schadet
es? Nicht wahr? Groer Unfriede, das ist das Leben und groer Friede, das
ist das Leben. Aber was dazwischen liegt, das ist nicht des Lebens wert.
Aber vielleicht -- wer wei es denn! -- vielleicht ist es auch schn, im
Grase zu liegen, zufrieden zu sein und nur eine Kuh zu sein, etwa. Oder es
ist auch schn, in einem Gefngnis zu sitzen und zu leben. Nur zu leben.
Oh, wie du duftest! Oh, wie du duftest! Es ist die Luft, es ist der
Frhling und so jung bist du, das ist es auch!

Liebe Freundinnen, meine lieben Freundinnen, ihr guten Herzen! Wit ihr
was schn ist? Es ist schn euch anzusehen. Es wre schn, mit euch Arm in
Arm zu gehen. Nun kommt der Sommer, dann der Herbst, und sie singen in den
Weinbergen, dann kommt der Winter und sie spielen in hellen Zimmern und
tanzen, dann kommt wieder der Frhling, der Sommer, der Herbst, der Winter,
der Frhling wieder, und wieder singen sie in den Weinbergen: Und ihr
werdet leben! Euer Leben wird schn sein, deines Maria und deines Klara und
deines Adele! Ach, Adele, wenn ich dich so ansehe, dir wird es ja nicht so
leicht werden, ich fhle es, aber euch allen wird es ja nicht so leicht
werden, vielleicht wird euch einmal ein Kind sterben und ihr werdet euch in
Schwarz kleiden und man wird nichts von euerm Kopfe sehen als schwarze
Schleier. Schmerzen werdet ihr haben, ja, aber auch das ist ja das Leben,
nicht? Nur wenn nichts geschieht, auch kein Schmerz mehr -- das ist der
Tod. Ja, euer Leben wird schn sein und ich wnsche es so. Und wenn ich es
verhindern kann, da euer Kindchen stirbt -- wenn ich da etwas vermag --
nichts soll mir zuviel sein -- oh, ihr Guten -- so schn wird es sein, wenn
ein Mann euch liebt -- ich wei es ja wohl und auch Adele wei es -- seht,
sie wird rot, seht es, nein sei nicht bse. Adele -- schn wird es sein,
all die Geheimnisse, wie schn -- und euere Kinder! Denn sicher werdet ihr
Kinder haben, werdet sie waschen, baden, kssen, werdet sie kleiden und
schlafen legen, all das. Es wird regnen und das wird euch gefallen, die
Sonne wird scheinen und ihr werdet froh sein im Herzen. Ihr werdet
fortgehen, hinaus und viele neue Menschen sehen und neue Lnder, Blumen und
Sitten, Tiere. Ich htte so gerne einmal einen Lwen gesehen, hatte nie
Gelegenheit, einen Lwen! Alles werdet ihr sehen. Da wird ein groer,
heller Saal sein und alle kommen in Festtagskleidern, auch ihr seid dabei.
Ich wnsche es. Konzerte werdet ihr hren und Theaterstcke werdet ihr
sehen, Bcher werdet ihr lesen, schne und kluge Bcher -- ja, mge es so
sein, mge es so sein. Es geschehen so viele herrliche Dinge in der Welt,
heldenhafte und poetische Dinge, ihr werdet davon hren. Ich wnsche es!
Ich wnsche es! Mge es so sein!

Nun Susanna, bald wirst du reisen und ebenfalls viel Schnes erleben.

Susanna lchelte und sah mit eigentmlichen Augen auf die Freundinnen.

Ja, sagte sie, wie recht sie doch hat! Bald werde ich reisen, aber ich
wei nicht wohin. Du nimmst ein Billet nach Genf, du setzt dich in den Zug
und steigst aus und bist in Genf. Aber ich werde nicht wissen, wo ich
aussteige.

Niemand wagte zu sprechen, so eigentmlich klang das, was Susanna sagte.

Drum adieu! fuhr Susanna fort und im Augenblick hatte sie sich im Bette
aufgerichtet. Drum adieu, adieu!

Sie winkte mit beiden Hnden den Freundinnen zu, die Hnde bewegten sich
matt in den Gelenken.

Drum adieu, adieu! sagte Susanna und lchelte und ihre Stimme klang, als
snge sie. Drum adieu, adieu? wiederholte sie und winkte hinaus zum
Fenster und hinauf zum blauen Himmel.

Sagt allen Leuten, die ich kenne, adieu!

Klara und Maria hatten Trnen in den Augen, Adele zog die Brauen zusammen
und lchelte voller Pein.

Aber Susanna -- begann Klara.

Susanna lchelte und winkte mit der Hand ab.

Ich wei es nun, sagte sie und lchelte, ich wei es nun ganz bestimmt.
Mit der Reise nach dem Sden ist es nichts, ich habe auch nie recht daran
geglaubt, es ist zu spt. Seit heute nacht wei ich es. Ja, da erwachte ich
und siehe da, wie schn waren doch die Sterne! Wie schn und ich mute
weinen, denn ich sah drei Sterne, die mir besonders gefielen, weil sie so
friedlich zusammen da droben wandelten. Ich ffnete das Fenster und sah ein
Kind im Garten stehen. Wie kommt das Kind hierher? dachte ich und wunderte
mich nur, denn vor Kindern frchtet man sich ja nie. Das Kind hatte lange
Beine, dnne hbsche Beine, es war ein Mdchen von acht, neun Jahren. Das
Kind hatte gekruseltes Haar, lauter winzige Lckchen, silberblond. Es
stand bei dem Rosenstock dort und hauchte auf die Knospen. Ich sah ihm zu
und dachte, was tut es? Ich sog die Luft ein, da roch ich Erde, Tau,
Pfefferminzkraut und den Flieder. Denkt euch, ich roch ihn so deutlich und
freute mich so sehr, bald wird er blhen. Nun, das Kind stand und hauchte
auf die Rosenknospe, auf die oberste des Stockes in der Ecke, dann kam es
auf mich zu und ich sah, da es wirklich silberblonde Lckchen hatte. Es
sah mich an mit hellen Augen, lchelte und grte mich, indem es den Kopf
neigte, so langsam und stolz wie ein Mdchen von acht Jahren es tut. Dann
verschwand es und ich blickte hinauf zu den drei Sternen. Heute morgen
sagte mir Mtterchen, da eine Rose aufgeblht sei. Ja, sagte ich, ohne
hinzusehen, die oberste Rose des Stocks in der Ecke. Ja, sagte Mtterchen
und sie wunderte sich gar nicht, woher ich es wute.

Susanna schwieg und lchelte.

Wie sonderbar der Traum ist! sagte Maria zu Adele.

Susanna schttelte den Kopf. Es ist ja gar kein Traum, es ist ja
Wirklichkeit, sagte sie, sonst nichts.

Wir mssen jetzt gehen.

Adieu, adieu! lebt wohl, alles Herrliche wnsche ich euch, ihr lieben
Menschen. Ja, so viel Glck sollt ihr haben! Und vergebt mir, wenn ich
ungerecht und launisch war und gelogen habe. Vergib besonders du mir,
Adele!

Ach, Susanna --

Doch, doch, ich beneidete euch, besonders Adele beneidete ich, weil sie
reich und vornehm und schn ist. Ich wnschte in meinem Herzen, es mge
euch recht schlecht gehen, eine Woche nur, einen Tag nur, damit ihr fhlt
wie es ist. Oft, oft! Aber nun wnsche ich euch ja Glck! Hrt ihr es denn
nicht?

Sie sah Adele tief an. Du bist mir so fremd! sagte sie zgernd. Und erst
seit einigen Tagen verstehe ich dich besser, ich fhle es, du bist nicht
glcklich. Du bist zu stolz, um glcklich zu sein. Dein Leben freut dich
nicht, nein. Du gehst wie betubt und mit geschlossenen Augen deiner
Zukunft entgegen. Glck, Glck sollst du haben! Ich danke dir, da du nicht
zu stolz warst, zu mir armem kranken Mdchen zu kommen. Glck! Glck!

Adele kte Susannas Hnde.

O, wie gut du bist! seufzte Susanna. Ja, denkt alle nicht mehr an das
Bse, das ich euch zufgte.

Niemals habe sie ihnen Bses zugefgt.

In Gedanken! In Gedanken fgen wir einander ja alle Bses zu. Und auch ich
tat es. Gerade in den letzten Tagen habe ich einen bsen Gedanken gehabt.
Ich habe gedacht, ja, auch sie werden einmal sterben mssen, auch sie. Nun
sind sie jung und schn, aber einmal wird es auch an sie kommen. Das habe
ich gedacht und es tat so gut das zu denken. Ich freute mich darber --
haha -- ich habe gelacht dabei -- auch sie, auch sie, alle, alle, alle
werden sterben mssen! Vergebt mir! Lebt wohl, Lebt wohl!

Die Freundinnen kten ihr die Hand, Maria weinte in das Taschentuch.

Wie lieb sie mich haben, die guten Geschpfe, sieh nur! sagte Susanna zu
Mtterchen, die mit einem Glase aus der Kche kam. Und sie drckte die
Fingerspitzen in die Wangen und ihre Augen wurden noch grer und
strahlender.

Da gehen sie dahin! sagte sie und blickte den Freundinnen nach, die in
hellen Kleidern durch die sonnige Wiese gingen.

Lebt wohl!




Sechstes Kapitel


Lebe wohl, mein Geliebter!

Lebe wohl, Mtterchen, kleines, hilfloses Mtterchen, lebe wohl! Die
Bltter, die Halme, die Blumen, lebet wohl. Lebe wohl, Himmelsblau, ihr
Wolken am Himmel, lebet wohl!

Susanna lag in den Kissen und ihre Augen wanderten hin und her, sie konnte
nicht mehr sprechen, ihre Stimme war erloschen, aber ihre Augen sprachen.

So sommerlich still war es. Mtterchen schlich herum und selbst Lenz
dmpfte die Stimme. Die Vgel zwitscherten und in der Ferne schlug ein
Fink, immerzu, vom Morgen bis zum Abend. Nachts herrschte tiefes Schweigen,
oft war es als schttele sich ein Busch im Garten oder als zittere eine
Wand, das war alles. Die Gterzge schleppten sich in der Ferne vorbei und
ein hohles dumpfes Echo rollte lange im Tal.

Grau sa am Bette. Er sah krank und bernchtig aus, in den letzten Wochen
hatte er nicht mehr regelmig geschlafen. Seine Wangen waren hohl und sein
Blick fieberte wie Susannas Augen, aber seine Lippen waren rot.

Susanna konnte nicht mehr sprechen, aber wenn man das Ohr an ihren Mund
hielt, verstand man mhsam, was sie sagte. Sie hatte nur selten etwas zu
sagen.

Sie sagte: Heute nacht habe ich getrumt, ich ging im Walde, wie herrlich
dunkel war es da! Grne Dmmerung! Und alle Bume waren so alt und standen
regungslos da. Ich mute denken, wie regungslos sie dastehen und ich
fhlte, wie ich selbst steif wurde und anwurzelte am Boden wie ein Baum.
Ich konnte kaum mehr atmen. Es war schn!

Das war alles was sie an einem Tage sagte.

Sie sagte: Wenn ich auf der Bank auf der Hhe sa und von dem Groen und
Seltenen trumte, das kommen sollte, so dachte ich, es wird wohl ein Mann
sein, der dich liebt. Wie du das erraten hast? Du sagtest: Haben Sie nicht
auch von Liebe getrumt? Aber wie htte ich denn das sagen knnen! Nicht?
Und ich habe gedacht, er wird sagen, da meine Hnde schn sind -- denn sie
sind ja schn, nicht wahr? Du hast es gesagt und zu Adele sagtest du, ich
habe Hnde wie eine Japanerin. Das hat mich so glcklich gemacht! Sie
lchelte, aber es schien, als ob ein allzu groer Schmerz sie berwltige,
denn ihre Lippen zuckten und ihre Schlfen begannen zu zittern. Sie fuhr
fort: Denn was ein Mensch Schnes an sich hat, das mchte er entdeckt und
bewundert haben von dem, den er liebt, und selbst das, was nicht schn und
gut an ihm ist, das mchte er doch ein wenig schn und gut gefunden haben.
Ist es nicht so? Das wrde ihn glcklich machen. Und gewi, er wrde sich
Mhe geben, da es schn und gut werde. Wie wunderlich ist doch der Mensch!
Je mehr ich ber des Menschen Herz nachdenke, desto wunderlicher erscheint
es mir. Wer knnte es je verstehen? Es ist wie ein Zauber, wenn man es
betrachtet, verndert es sich und betrachtet man es nun, so hat es sich
schon wieder verndert. Es lebt in uns wie ein fremder Gast in einem Hause,
den man nie zu sehen bekommt.

Sie lag still und lauschte. Vater spricht! sagte sie mit den Lippen ohne
Laut.

So empfindlich bist du geworden, Eisenhut! sagte Lenz mit gedmpftem Ba
in der Kche drauen. Wie du aussiehst! Wie ein Fex. Er kann nicht in
Heuschobern und im Walde schlafen, hast du es gehrt, kleines Mtterchen --
haha! Wie eine Prinzessin ist er. Aber wir knnen ja auch in Gasthusern
schlafen, in seidenen Betten. Trinke, sage ich dir, trinke. Ob du trinkst
oder nicht, das hindert ja nichts an der Welt, die Welt bewegt sich so und
so -- aber wenn du trinkst, hast du vielleicht einen guten Einfall, einen
Gedanken, der dich erleuchtet, deshalb trinke. Morgen lichten wir die
Anker, Eisenhut, mitzunehmen brauchst du nichts, nur kein Gepck schleppen.
Heute da, morgen dort. So ist es angenehm zu leben. Die Menschen sind schn
fr einen Tag, zwei Tage, deshalb immerzu vorwrts, am dritten Tage werden
sie ja doch schon hlich. Habe ich etwa den Brgermeisterposten
angenommen, obgleich sie eine Deputation in die Scheune schickten, wo ich
schlief, wie? Nicht um eine Million Jahresgehalt, mein Freund!

Hh -- fr tausend Mark, fr fnfhundert, fr zweihundert, sagte
Eisenhut kichernd.

Nicht fr eine Milliarde! entgegnete Lenz und schlug auf den Tisch.

Pst, pst -- sagte Mtterchen.

Piepse ich nicht wie eine Maus? Nun -- die Gegend war ja schn -- Wein,
Obst, schne Mdchen -- aber nicht fr eine Milliarde --

Susanna begann am ganzen Krper zu zittern und ihre Augen fllten sich mit
Angst.

Sieh mich an, sagte Grau und sie wandte ihm den Blick zu.

Grau lchelte. Du hast recht, Susanna, wunderlich ist des Menschen Herz,
ich will dir eine Geschichte erzhlen -- la mich nur besinnen auf den
Anfang und sieh mich nur an, es ist schn in deine tiefen schwarzen Augen
zu sehen, se Susanna, und zu plaudern -- ja, eine Geschichte von einer
alten Frau, ein Mann hat sie mir erzhlt, der viel auf Reisen war. Aber
sieh mich doch an und gib mir auch die Hand, so -- es ist die Geschichte
von einer Frau, einer Mutter von zweiundzwanzig Kindern. Haha, du lchelst,
Susanna! Es ist aber so. Eine Frau in Persien, ich wei nicht wo. Der Mann,
der mir die Geschichte erzhlte, wohnte bei dieser Frau, da sie siebzig
Jahre alt war, er kannte die Schicksale von all den zweiundzwanzig Kindern.
Es waren recht wunderliche und romanhafte Schicksale, das mu man sagen;
und der Mann kannte sie alle, denn diese alte Frau sprach immerzu, vom
Morgen bis zum Abend von ihren zweiundzwanzig Kindern. Am meisten aber
sprach die Frau von ihrem Sohne -- wie hie er doch -- Haffis, es ist ja
nebenschlich, also Haffis -- denn Haffis war ihr Lieblingssohn. Sie
erzhlte von Haffis und es war anzuhren wie ein Gesang. Was fr ein Knabe
dieser Haffis doch war! -- Wie schn, wie stark, wie krftig und khn er
doch war! Doch all das, diese Schnheit, Khnheit, Strke des Knaben, wer
htte annehmen knnen, da sich das verhundertfachen wrde als der Knabe
zum Jngling heranwuchs? Seine Mutter, jene siebzigjhrige Greisin, sprach
mit Feuer in den Augen von ihm, sie sprach von ihm wie von einem Gott, der
auf die Erde herabgestiegen war. Man konnte mit einem schnellen Pferde drei
Menschenleben lang in der Welt herumreiten, ohne wieder solch einen
Jngling wie Haffis zu finden. So schn, so stark, so khn! Sie, die
Mutter, hrte es mit eigenen Ohren, wie die Mdchen, die aus den Drfern
ringsum herbei kamen, vor dem Fenster Haffis wehklagten und seufzten vor
unsinniger Liebe.

Es gab nur einen Haffis! Wie er ging, wie er zu Pferde sa!

Nun, wie ging er denn? fragte der Fremde, dem die Greisin von ihrem Sohne
vorschwrmte, ging er so, ging er so? Und der Fremde ging so stolz und
herrisch wie nur mglich.

Aber die Mutter lachte und schttelte den weien Kopf.

Niemals wirst du es fertig bringen zu gehen wie Haffis ging. Haffis ging
wie der Hengst des Scheichs.

Nun, er, der Fremde, versuchte zu gehen wie der Hengst des Scheichs, aber
es war doch nicht das richtige. Die Mutter lachte ganz einfach. Dem Hengst
fehlen ja Nacken und Mhne! Niemals konnte der Fremde so gehen wie Haffis
ging, das war ja selbstverstndlich.

Es ist ganz natrlich, da sich das Leben eines solchen Jnglings
besonders glnzend gestaltete, nicht wahr? Haffis Leben gestaltete sich
ganz wunderbar. Nmlich, das Auge des Scheichs fiel auf Haffis und er nahm
ihn an den Hof. Haffis schlug Schlachten und warf die Feinde nieder. In der
Heimat aber weinten sich die Mdchen die Augen blind und viele -- das ist
Tatsache, Susanna -- viele sind aus Kummer und Sehnsucht gestorben. Die
Mutter hrte in Gesngen die Taten des Sohnes preisen. Einmal sprengte ein
Bote vor ihre Htte, brachte Gre und Geschenke und jagte wieder von
dannen. Er durfte ja keine Minute versumen, wenn er nicht seinen Kopf
verlieren wollte. Am vierten Vollmond zieht dein Sohn hier vorbei, sagte
der Bote, und am vierten Vollmond zog Haffis, der Gefrchtete, der
Herrliche, der Gttliche, vorber. Endlos war die Zahl seiner Kamele und
Pferde und Frauen und Diener und seiner Lasten von Seide und Gold und
Geschmeide. Das kann ich ja gar nicht schildern, Susanna, kein Mensch kann
es, du mut dir das selbst ausmalen. Der Zug reichte gerade von dem Punkte,
wo die Sonne aus der Steppe steigt, bis zu dem Punkte, wo die Sonne in die
Erde sinkt. An der Spitze ritt Haffis in Seide und Edelsteinen, er funkelte
wie die Sonne. Haffis war ein dankbarer Sohn. Er sprang vom Pferde, kte
den Boden vor den Fen der Mutter und sprang wieder in den Sattel und
schon war er verschwunden.

Die greise Mutter konnte tagelang erzhlen von der Pracht der Tiere und
Geschmeide und Waffen, von der Schnheit der Frauen, die sich auf den
Kamelen schaukelten. Sie berauschte sich noch in der Erinnerung an dem
Anblick der Karawane.

Nun sollte man glauben, da das genug sei? Aber nein. Haffis wuchs und
wuchs und der Scheich gab ihm zuletzt die Tochter zur Frau. Snger zogen
umher und feierten ihn in Liedern. Er wrde Scheich werden.

Wochen und Monate hindurch hat die Mutter dem Fremden von Haffis erzhlt
und die Zahl seiner Frauen und Diener wuchs ins Unglaubliche.

Aber nun ist die Geschichte bald zu Ende. Denn die alte Mutter sollte
sterben.

Sie lag da und der Fremde wute, da es fr sie keine Rettung mehr gab.
Wie merkwrdig aber war es doch: Die alte Mutter, die sterbende alte
Mutter, sie sprach mit keiner Silbe mehr von all den andern einundzwanzig
Kindern -- wieder lchelst du, Susanna! -- sie sprach nur noch von Haffis,
dem Lieblingssohne, seiner Schnheit, seiner Kraft, seinem Reichtum und
seinem Ruhme. Wieder und wieder!

Dann kam der Tod und machte die Mutter fahl. Aber sie hatte noch etwas zu
sagen, bevor sie starb. Der Fremde beugte das Ohr herab und sie flsterte:
Haffis war acht Jahre alt, da ertrank er im Flu. -- Und sie verfluchte den
Flu und starb.

So wunderlich ist des Menschen Herz, Susanna!

Susanna lag still und blickte auf ein Stckchen Sonne, das auf dem
Fensterbrett lag. Die jungen Stare schrien und sie erschrak. Wieder begann
sie am ganzen Krper zu zittern und die Angst erfllte wiederum ihre Augen.

Grau lchelte und nahm ihre Hand. Willst du mich nicht anblicken, Susanna?
Nun geht die Sonne unter und deine Augen bekommen einen kupfernen Glanz.
Ja, wie wunderlich ist des Menschen Herz, Susanna. Unerklrlich tief und
wundersam ist es in uns verborgen. Schlummern nicht unendliche Schnheiten
darin? Trume, Gefhle, Liebe, Ergriffenheit, Schauer, deren Ursache wir
nicht kennen, Ahnungen, deren Ziel uns unbekannt ist? Zuweilen ist das
Menschenherz wie eine Orgel, es braust und singt in uns, zuweilen wie ein
Dichter, es dichtet in uns, zuweilen wie ein erzrnter gtiger Prediger, es
ruft, ruft. So tief und wundervoll ist es. -- Nun will ich dir die
Geschichte von einem Trinker erzhlen, er trank schrecklich und machte alle
unglcklich, seine Familie, aber was fr ein Herz hatte er doch! Du sollst
es hren!

Eisenhut klopfte drauen auf den Tisch und fand irgend etwas ganz
unmglich, unfabar und unbegreiflich!

Wir schneiden mit dieser Maschine deine Steine wie Butter! sagte Lenz und
lachte. Wie Butter! Ich habe diese Maschine extra fr dich erfunden,
Eisenhut. Ja, es war mir eine Freude, sie fr dich zu erfinden. Ich tue das
gern. Der Frau eines Grtners -- eines Freundes von mir, ich habe Freunde
in allen Berufsklassen -- habe ich einen Kinderwagen erfunden, der eine
Gummibadewanne enthlt -- Kinderwagen, Badewanne, fahrbare Badewanne in
einem Stck also. Ich liebe das und bin auch meinen Freunden gerne
ntzlich. Fr dich habe ich diese Maschine erfunden, Eisenhut, wir stecken
die Hnde in die Hosentaschen und unsere Maschine arbeitet. Deine Arbeiter
knnen Karten spielen oder sich die Schdel einschlagen zur Unterhaltung
--

Ja, zum Teufel -- eine Maschine -- wer sollte das verstehen --
unbegreiflich ist das! Eisenhut meckerte belustigt.

Verstehen. Gut. Hier. Das ist eine eiserne Brcke. Hier hast du eine
Kreissge -- Hebel auf! -- Der Dampf fhrt hinein und die Kreissge -- vier
Meter Durchmesser -- schneidet den Stein. Die Brcke steigt in die Hhe,
sie schneidet Streifen, wir stellen die Kreissge wagerecht -- auf diese
Weise schneiden wir deine zwlf Steinbrche wie Butter -- wie Butter --

Ausgezeichnet -- unglaublich, aber ausgezeichnet!

Eisenhut meckerte und Lenz lachte entzckt ber seine Maschine.

Wie schn! sagte Susanna, als Grau die Geschichte von dem Trinker erzhlt
hatte.

Sie lchelte und drckte Grau die Hand.

Beuge dein Ohr -- so -- sage mir und verzeihe die Frage, ich wei ja
nicht, ob ich alles fragen darf?

Alles, alles, Susanna!

Wirklich alles, alles?

Ja!

Susanna blickte Grau lange an. Sie schttelte den Kopf. Nein, ich sage es
nicht -- doch ich frage es -- ich frage nur -- du sollst nicht antworten,
hrst du! Wrdest du mir versprechen -- du sollst es ja nicht tun -- ich
frage blo -- wrdest du mir versprechen, kein Mdchen nach mir zu kssen?
Wrdest du? Ich frage blo, du versprichst ja nichts.

Ich wrde es dir versprechen, Susanna, meine Freundin!

Wenn ich -- es nun sagte?

Sage es, meine Geliebte!

Willst du mir versprechen -- nein, nein, nein, la es mich nicht sagen --
nein, es macht mich glcklich, zu denken -- nein. Vielleicht werde ich es
ja doch tun? Aber nein, nicht dies. Ich wollte ja gar nicht dies fragen.
Ich darf doch fragen was ich will, du hast es gesagt. Hast du?

Ja, Susanna!

So sage mir -- wieviele Mdchen hast du schon gekt? Nun?

Grau lchelte.

Susanna lchelte und kte flchtig seine Hand. Auf den Mund, wieviele?
Fnf, sechs?

Grau schttelte den Kopf. Mehr? Nein, sagte Grau lchelnd.

Dann waren es wohl vier? Nicht? Dann waren es wohl drei? Ist auch das noch
zuviel?

Grau lchelte und Susanna wartete lange.

Zwei?

Grau schttelte den Kopf.

Eine!

Du httest nicht fragen sollen, sagte Grau.

Auer mir noch eine?

Grau schttelte den Kopf. Er errtete. Warum hast du doch gefragt? Ich
habe ja nie Gelegenheit gehabt, ein Mdchen nher kennen zu lernen. Ich
sage ja nicht, da ich nicht gewnscht habe, das oder jenes Mdchen zu
kssen. Aber ich bin ihnen ja nicht nher gekommen -- warum hast du doch
nur gefragt! Susanna blickte ihn mit strahlenden und erstaunten Augen an.
Ihr Blick vernderte sich seitdem nicht mehr, so oft sie ihn ansah.
Hufiger als sonst zog sie Graus Hand an die Lippen.

Und pltzlich richtete sich Susanna auf und sagte: Ich liebe dich. Du bist
mein, bist du?

Ja, antwortete Grau.

Susanna hustete ein wenig, sie errtete und ihre Augen flammten.

So versprich mir, zu keiner Frau mehr von Liebe zu reden!

Grau zgerte nicht. Er versprach.

Oh, oh! rief Susanna aus und warf sich in die Kissen und weinte.

Grau verstand sie nicht.

Lenz und Eisenhut lachten drauen in der Kche.

Mtterchen kam ins Zimmer und sagte: Hre, wie sie lachen! Nun will er
Klatschbase schlachten, fr heute abend!

Lenz wurde in den nchsten Tagen schweigsam. Er streckte sich, trieb sich
herum, er blickte den ziehenden Wolken nach. Er reiste ab. Mtterchen hatte
ihm den Rock zurecht geflickt und ein kleines Rnzchen gepackt.

Nun denn, adieu! sagte Lenz laut und frhlich zu Susanna. Adieu, meine
prchtige Susanna, meine Freunde erwarten mich! Ich bin diesmal lange
dageblieben. Adieu und sieh, da du bald ganz gesund wirst, mein schnes,
herrliches Mdchen!

Er ging. Mtterchen weinte den ganzen Tag. --

Grau hatte eine Unterredung mit Adele. Sie sa in der Laube an der Mauer
und stickte. Sie sprachen von Susanna. Ja, es gehe zu Ende jetzt.

Adele sagte: Ich gehe zuweilen des Abends oben auf der Hhe, die Abende
sind so schn.

Ja, sagte Grau.

Sie sind ja gegenwrtig so sehr in Anspruch genommen, nicht wahr. Aber ich
wrde gerne wieder mit Ihnen sprechen. Heute abend?

Sie gingen zusammen auf der Hhe, bis der Mond aufging. Sie sprachen fast
nichts. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.

Aber als sie sich trennten, sahen sie einander in die Augen.

Pltzlich fiel Grau das Versprechen ein, das er Susanna gegeben hatte, und
er erbleichte so sehr, da Adele es gewahrte.

Weshalb sind Sie pltzlich so bleich geworden? fragte sie.

Es ist nichts. Gute Nacht.

Gute Nacht, Herr Grau. --

Am andern Tage starb Susanna.




Siebentes Kapitel


Grau schlief, da kam ein kleines Mdchen zu ihm ins Zimmer, es blieb an der
Tre stehen und winkte schchtern mit dem Zeigefinger. Aber er regte sich
nicht, er war todmde. Das Mdchen hatte hohe, schlanke Beine und einen
silberblonden Lockenkopf. Es nherte sich und berhrte mit geheimnisvoller
wichtiger Gebrde seinen Arm: Grau erwachte.

Seine Brust war beklommen, er vermochte kaum zu atmen und konnte keinen
klaren Gedanken fassen.

Im Zimmer war es dunkel, aber durch den Spalt der Fensterladen konnte er
hinaus in den Mittag blicken. Alles schlief in der roten Sonne, kein Zweig
schwankte. Der Garten sah verndert aus und auch er schien ein Geheimnis zu
wissen. Graus Beklommenheit wuchs zur Angst. Susanna! dachte er und verlie
rasch das Haus.

Er ging so rasch, da die Leute ihm erstaunt nachblickten. Die Kinder
spielten vor den Husern, sie schrien und lachten und eilten auf Grau zu.
Aber er hatte heute keine Zeit. Er lchelte und winkte ihnen ab. Nun liefen
sie rasch neben ihm her, tanzten vor seinen Fen, lachten; es wurden ihrer
immer mehr. berall ffnete man die Fenster, um zu sehen, was es eigentlich
gbe. Aus allen Husern kamen die Kinder heraus und aus allen Gassen.

Grau ging sehr schnell, aber die Kinder tanzten um ihn herum, es war ihnen
ein leichtes zu tanzen und doch mit zu kommen. Sie schrien ihm zu, was sie
spielten, was sie gegessen hatten, wohin sie gehen wollten und eine Menge
Neuigkeiten.

Erst beim Tore blieben sie zurck und nur einzelne folgten ihm noch. Grau
beschleunigte den Schritt noch mehr, der Schwei stand ihm auf der Stirne.
So oft ihn der Gedanke durchfuhr, da er Susanna nicht mehr lebend antrfe,
lief er ein Stck des Weges.

Von der Brcke aus sah man Susannas Haus in der Sonne liegen. Je weiter der
Sommer fortschritt, desto tiefer schien das Huschen in die Wiese zu
sinken. Es war von Sonnendunst eingehllt. Wer aber war das, der im Garten
stand und mit einem leuchtenden Tuche winkte? Grau erschrak. Es war
Susanna, so unmglich es ihm auch schien.

Sie stand im Garten, wei gekleidet, Eisenhut war bei ihr und Mtterchen
mit der Brille lehnte am Pfosten der Tre. Susanna winkte und ffnete das
Gartentrchen.

Nun? rief sie mit hoher, feiner Stimme. Was sagst du dazu? Ich habe so
sehr gewnscht, da du kmest, und nun bist du da!

Sie war klein und niemals htte er sich denken knnen, da sie so klein
war. Ihre schmalen Wangen waren von einer gleichmigen Fieberrte
berzogen und ihre groen Augen leuchteten gespenstisch.

Eisenhut lachte. Ich htte gestern keinen Pfennig mehr fr sie gegeben!
rief er. Sie sah aus als ob man sie sofort in den Sarg legen knnte, heute
steht sie auf, zieht das weie Kleid an und geht herum. So verrckt, wie?

Ich kann auch wieder sprechen! sagte Susanna und atmete tief. Ich habe
die ganze Nacht hindurch geschlafen und in meiner Brust ist etwas vor sich
gegangen. So leicht und frei. Wie ich atmen kann, so tief! Oh, wie schn
ist es doch zu gehen. Ich bin so mde in den Knien und das ist so schn!

Grau drckte sie an die Brust. Ja, hauchte er. Er fand keine Worte.

Susanna ging langsam in ihrem Grtchen umher, besah die Rosen, den Mohn,
die Nelken, die Halme und liebkoste die Bltter. Sie legte die Hnde in das
Gras und sagte, wie khl doch das Gras sei. Wrme und Duft standen wie eine
Mauer im Garten. Sie ging zu dem kleinen Fliederbusch, steckte das Gesicht
hinein und lie sich die Wangen von den Bltentrauben liebkosen.

Am Himmel trmten sich mchtige Wolken gleich phantastischen Ballen von
feuerfarbener Seide, die an der Oberflche rote Glut versengt hatte. Der
Wind erwachte.

Sieh, wie der Wind luft! rief Susanna und deutete ber die Felder. Wie
hurtig!

Man sah ihn laufen. Er kam ber den Hgel herab, strich ber die Felder,
whlte sich ins Korn und schmiegte sich auf den Wiesen ins Gras wie ein
Hund. Er kam rasch nher, die Bltter eines Haselstrauches begrten ihn,
die Blumen am Wege verneigten sich: Er war da, warm, duftend, schwl und
Susanna hustete als er zu ihr kam und ihr goldenes Brusttuch in die Hhe
hob, gleichsam um zu fhlen, wie fein es war. Einen Augenblick und schon
war er verschwunden.

Dann kam er von neuem ber die Wiesen.

Sieh doch, wie rasch er luft! Vielleicht kommt ein Gewitter.

Ein Zitronenfalter segelte ber die Wiese und Susanna lie ihn nicht aus
den Augen, fieberhaft rckte sie den Blick hin und her. Pst? sagte sie.
Sicherlich wird er den Flieder riechen und hierher kommen. Locke, locke!
sagte sie zum Fliederbusch mit beschwrenden Blicken. Der Zitronenfalter
gaukelte zuerst um eine Kleeblte, dann kam er in den Garten herein und
Susanna, ganz atemlos, streckte behutsam die Hand aus. Sie zitterte am
ganzen Krper vor Erregung. Ihre Lippen zitterten, ihre Blicke sogar. Es
war, als wolle sie die Natur fragen, ob sie ihre Liebe erwidere. Da setzte
sich der Falter auf ihren Finger.

Ohne Regung stand Susanna und blickte lchelnd auf den Schmetterling, der
seinen Rssel auf ihren Finger setzte und mit den gelben Flgeln wippte.
Sie streifte Grau mit einem triumphierenden Blick.

Er sieht mich an! sagte sie leise. Der Falter flatterte in die Hhe und
flog ber das Dach, Susanna sah ihm nach bis er verschwand. Dann atmete sie
tief auf.

Das war schn! sagte sie leise. Das war schn! Sie blickte mit einem
langen Blick in die Weite. Die phantastischen Ballen feuerfarbener Seide
wurden dunkel und da wo die Glut sie versengt hatte flatterten aschgraue
unheimliche Schleier. Susanna lchelte und seufzte und ging ganz von selbst
hinein ins Haus.

Mtterchen war verwirrt vor Freude. Ja, nun knne Susanna wieder aufstehen,
oh, du guter Gott!

Grau sagte: Es ist kein gutes Zeichen, Mtterchen! und legte ihr die Hand
auf den Scheitel und sah sie an. Mtterchen erblate und zitterte.

Grau gab Eisenhut ein Zeichen mit den Augen und ging hinein zu Susanna.

Susanna lag mit geschlossenen Augen. Er setzte sich auf den Rand des Bettes
und legte ihr die Hand auf die Stirn. Sie schlug sofort die schwarzen Augen
auf, in denen der Glanz verglhte. Sie lchelte mde. Ach, so mde, so
kstlich mde, aber meine Brust ist so leicht und frei. Das ist der
Frhling, ja. Du hast es gesagt. Du und der Frhling, ihr zwei habt mich
gesund gemacht. Wende deinen Kopf und sieh ins Licht! Ja, sie sind golden,
deine Augen sind golden! Bald werde ich in den Wald gehen knnen. Ich hre
Gesang, Lieder hre ich, wie ist das doch? Ihre Stimme klang fein und
ferne; die Krfte erloschen rasch.

Wir werden zusammen in den Wald gehen, Susanna, du und ich! sagte Grau.
Er sprach nun unausgesetzt. Davon wie es im Walde sein werde, wie alles
sein werde, alles. Denn bald wrden sie ja zusammenleben.

Ja! Und Susannas Augen leuchteten nochmals auf, whrend ihre Wangen
erblaten, mehr und mehr. Wie wird es sein?

Nun hre zu, fuhr Grau fort, hre zu und sieh mich an. Ich will dir
sagen wie es sein wird. Du wirst die Herrin im Hause sein und ich werde
warten bis du mich rufst. Sage nichts und hre zu. Wenn wir drei Zimmer
haben, so werden zwei davon dir gehren. Da wirst du wohnen. Du wirst eine
Bibliothek haben, ganze Regale voll der schnsten und neuesten Bcher. Du
wirst auch einen Schreibtisch am Fenster haben mit einem Sto von weiem
Papier darauf, damit du all deine klugen Gedanken aufschreiben kannst, wenn
du Lust dazu hast. Ich werde an der Tre lauschen, wenn du schlfst, ich
werde stehen und auf deine Atemzge lauschen, und ich werde denken: Susanna
schlft da drinnen. Ich werde hren, wenn du dich rhrst. Ich werde nicht
schlafen. Ich werde denken, es ist nicht die Zeit zu schlafen, ich mu
hren, wie Susanna schlft, ich mu ihrem Atmen lauschen.

Oh! sprich, wie wird es sein! Trnen traten in ihre Augen.

Dann werde ich hinausgehen und groe Strue fr dich pflcken, Susanna,
aus all den Blumen, die du besonders liebst. Der Tau soll an den Blumen
sein und ich werde die Strue auf deine Schwelle legen und der Tau wird
daran sein. Dann werde ich warten und endlich werde ich dich sehen. Ich
werde dir in die Augen blicken -- wie ich es jetzt tue -- und ich werde
fragen, ob du gut geschlafen hast.

Sprich, sprich! Aber in den Nchten, wie wird es in den Nchten sein? Hast
du daran gedacht? In Susannas Augen kam ein fremder Glanz und ihre Wangen
wurden fahler und fahler.

Ja, auch daran habe ich natrlich gedacht, Susanna. La uns das nicht
sagen, die Nchte werden kommen. Es wird sehr stille sein in unserem Hause
und im Garten wird ein Vogel singen und du und ich und ich und du und
niemand sonst wird da sein.

Ja, wie oft, du Geliebter, habe ich daran gedacht, wie die Nchte sein
werden! Hast du schon an Leidenschaft gedacht und die Ksse in stiller
Nacht? flsterte sie und die Trnen liefen ber ihre Wangen.

Ja, Susanna, meine se Freundin. Oft habe ich an Leidenschaft gedacht und
viele lange Nchte lag ich wach.

Wie ich, wie ich! Oft hat mein Blut getobt in den Adern und ich habe
getrumt und getrumt -- keine verrt es, aber alle, alle graben sie die
Ngel in die Brust --.

Grau blickte Susanna an und hielt sie in den Armen. Ihr Kopf lag an seiner
Brust. Und er erzhlte wie es sein werde. Pltzlich wurde es dunkel im
Zimmer, der Wind pfiff und es donnerte in der Ferne. Es regnete, dann
kieselte und schneite es. Im Nu waren die Felder wei und das Grtchen
eingeschneit. Aber Susanna sah und hrte nichts, sie lauschte und Grau gab
ihren Blick nicht mehr frei.

-- die Hnde werde ich dir kssen, die werden so khl und frisch wie der
Morgen sein. Ich werde dir die Lippen kssen, die noch hei vom Schlafe
sind, die Rosen auf deinen Wangen werde ich kssen, die noch aus den
Trumen darauf blhen. Susanna, Susanna! Ja, du hrst wohl, was ich sage?
So wird es sein. Dann werde ich die Tre ffnen und sagen, siehe, Susanna,
die Sonne will dich begren. Und ich werde dich in den Garten fhren:
Siehe, Susanna, die Blumen wollen ihre Herrin gren. Alle Blumen werden
sich verneigen und die Bume werden rauschen. Ich aber werde nur dich
ansehen, so wie ich es jetzt tue, Susanna, Susanna, nur dich! Ich werde
deinen Namen nennen auch wenn du nicht bei mir bist. Vielleicht hast du
einen kleinen Hund, den du liebst, und mit ihm werde ich mich unterhalten,
solange du fort bist.

Grau kte Susannas Stirn.

Ich liebe dich, werde ich sagen, fuhr er fort, so wie ich es jetzt sage.
Susanna, Susanna! Die Sonne wird aufgehen und ich werde es sagen, die Sonne
wird sinken und ich werde es sagen. Der Frhling wird kommen -- ich liebe
dich, Susanna -- der Sommer wird kommen ich liebe dich, Susanna -- der
Herbst, der Winter wird kommen: Ich liebe dich Susanna!

Susanna seufzte glcklich und lchelte und schlo halb die Augen.

Ich werde niederknien und sagen, ich liebe dich Susanna! flsterte Grau.
Ich werde dich ansehen, mein Blick, mein Schritt, alles wird dir dasselbe
sagen. Ich werde alt werden und meine Haare werden wei werden -- ich liebe
dich Susanna, werde ich sagen -- ich liebe dich, du Seste von allen --

Susannas Lcheln erstarrte. Sie ffnete den Mund und ihr Kopf sank in den
Nacken zurck. Sie regte sich nicht mehr. Grau blieb lange ruhig, dann lie
er Susanna langsam in die Kissen nieder. Sie lag und lchelte friedlich und
schn. Sie schlief. Die Trnen trockneten auf ihren fahlen Wangen.

Grau sa lange Zeit regungslos und sah sie an. Seine Hnde zitterten von
der Erregung der letzten Stunde, es war ber seine Krfte gegangen. Dann
wuchs die Trauer in seinem Herzen, eine schwere dumpfe Traurigkeit, die ihn
niederbeugte. Er kte Susannas kleine Hnde.

Er hatte sie ja so sehr geliebt.

Es wurde blendend hell im Zimmer. Das Wetter war vorbergegangen und die
Sonne schmolz rasch den Schnee, die ganze Welt glnzte und die kleine
stolze Rose in Susannas Garten glitzerte im Tau, als ob sie vor Freude
geweint htte.

Mtterchen war ruhig, ja frmlich gleichgltig. Die Natur ist gtig und
versenkt ein Herz, das der pltzliche Schmerz vernichten wrde, in eine Art
von Betubung. Sie schien allein durch den Gedanken vollkommen beruhigt zu
sein, da Susanna gestorben war ohne es selbst zu fhlen.

Aber als die Dmmerung kam und Susanna noch immer so still und gleichmig
lchelnd lag, begann sie leise zu weinen. Sie nahm Graus Hand, sah ihn
bittend an und sagte: Mache sie mir wieder lebendig!

Grau schttelte den Kopf. La sie ruhen, Mtterchen, sie ist ja lebendiger
und glcklicher als wir.

Mtterchen war wieder ganz ruhig.




Achtes Kapitel


An einem schnen wolkenlosen Sonntage wurde Susanna begraben. Die Sonne
funkelte, die Luft zitterte vom Lrm der spielenden Kinder, alles trug
Festtagskleider und die jungen Mdchen gingen alle in Wei und wiegten sich
und kicherten. Vor dem weien Elefanten konzertierte die Stadtkapelle.

Grau hielt eine schlichte Rede, er machte nicht im entferntesten solch
schne Worte wie seinerzeit bei der Beerdigung der Margarete Sammet. Die
Freundinnen waren zur Bestattung gekommen, Adele und die Schwestern Sinding
und einzelne von den Mdchen, die das Fest mitgemacht hatten. Auch Lenz
kam. Er war bestaubt und erhitzt und kam gerade, als sie den Sarg
hinablieen. Er trug einen hellen alten Sommerrock, war ohne Kragen und
Binde, und hatte einen knotigen Stock in der Hand. Als ihn die Leute
ansahen, rusperte er sich herausfordernd.

Er ging mit Grau ins Haus und drckte ihm die Hand. Schn, sagte er,
schn hast du deine Sache gemacht, einfach. Kein Wort zu viel. Bei einer
Susanna Lenz, der Tochter eines freien Mannes, braucht es keine groen
Worte.

Wie hast du es denn erfahren? fragte Grau.

Lenz sah sich im Zimmer um und lchelte, als er den Heiligen an der Wand
sah, jene Reproduktion eines alten Meisters. Vorbei, sagte er, vorbei
ist es mit diesen Heiligen, in Frankreich schleift man die Kirchen. -- Hast
du ein Glas Wein oder Kognak, ich bin ganz ausgetrocknet? Nein? Es ist ja
nicht gerade ntig. Ich habe es erfahren in Hirschhorn, einem kleinen Nest.
Der Wirt sagte, ist deine Tochter gestorben? Nein, sage ich, meine Tochter
stirbt nicht so schnell. Es ist eine Lehrerstochter gestorben, Susanna
Lenz. Es gibt nur eine Susanna Lenz, also mute sie es sein. Ich machte
mich auf den Weg und hatte Tag und Nacht zu gehen um zur rechten Zeit
einzutreffen. Als ich nachts durch den Wald ging, erschien mir Susanna --
nein, es war natrlich nur eine Sinnestuschung. Ich bin nicht traurig,
nein, ich bin nur erstaunt, da sie so schnell starb, an diesem bichen
Brustleiden. Ja, sie war prchtig, meine Tochter, eine Art Heldin, treu wie
Gold, voll salomonischer Weisheit! Aber ich bin nicht traurig. Eine
Schwalbe fliegt in der Luft, fllt herab und ist tot. Warum sollte es mit
den Menschen anders sein? -- Hier lief brigens eben eine Maus ber den
Boden --

Sie lebt hier, sagte Grau.

So? Lenz lchelte und stand auf. Er trat auf Grau zu und fate ihn bei
der Schulter. Sieh mir in die Augen! sagte er in befehlendem Tone.
Antworte auf meine Fragen! Du hast Susanna immer gut behandelt? Hast ihr
nie bse Worte gegeben?

Nein, ich glaube nicht! sagte Grau und sah Lenz an.

Du hast sie nie gekrnkt? Sprich die Wahrheit! Du hast sie nie beleidigt,
bist ihr stets mit schuldigem Respekte entgegengetreten?

Ich glaube, ja!

Der Lehrer drckte ihn an die Brust. Dank! sagte er. Dank! Ich liebte
Susanna sehr! Er pfiff durch die Zhne und nahm Hut und Stock. Fahre
wohl, mein Sohn! Ich ziehe wieder hinaus und immer vorwrts, da die
Erscheinungen hinter mir zerrinnen. Die Welt ist weit, wir werden uns nicht
wiedersehen. Aber was schadet es, wir werden trotzdem inniger verbunden
sein, als Leute, die sich jahrelang gegenseitig die Kniescheiben einrennen,
denn wir gehren ja zum internationalen Orden der Edelleute. Diesmal werde
ich eine weite, weite Reise antreten! Zuvor aber will ich einen kleinen
Spaziergang in den Straen dieses Pfahldorfes machen -- siehst du diesen
Stock hier? -- die Eingeborenen hier hassen mich und frchten mich wie
einen tollen Hund. Es ist ja Ironie, aber sie haben mich ausgewiesen aus
ihrem Negerkral. -- Ich werde hin- und hergehen und mich sehen lassen. Weh
dem, der es wagt mir in den Weg zu treten, heute! Ich prgele ihn durch,
wie es sich gehrt! Dann werden sie sagen: Lenz ist ein Lump, er rauft am
Beerdigungstage seiner Tochter! Ha! ha!

Er lachte, warf den Kopf in den Nacken und ging.

Grau dachte mit Wehmut an Susanna, aber er war nicht traurig: Sie war ja
nicht tot, sie war ja lebendiger als er.

Der Mensch ist wie ein Bote, dachte er, der eine Botschaft zu tragen hat;
er wei nicht was in der Botschaft steht, aber er trgt sie ans Ziel und
sein Zweck ist erfllt. Die Geburt ist nicht der Anfang der menschlichen
Existenz, der Tod nicht ihr Ende. Ein Stck der unendlichen Bahn, die die
Seele zu durchmessen hat, der Bahn der Weltkrper vergleichbar, ist das
irdische Dasein. Ewig wechselt das Leben die Form und das Gegenwrtige ist
nichtig klein im Verhltnis zum Unvergnglichen. Die Blumen von diesem
Sommer, wo werden sie sein, die Vlker, deren Knige sich heute brsten, wo
werden sie sein? Das groe Gebirge, Sturm und Wetter werden es zerreiben,
wo wird es sein, die Erde, wird sie nicht einst als eine winzige Wolke von
Staub durch den Weltenraum ziehen, das Planetensystem, wo wird es sein?
Vergangen, verweht, aber irgendwo am groen Werke des Lebens ttig, das
ewig saust und braust.

Die nchsten Tage glitten still dahin und er fhlte an seiner Ruhe, da
Susanna jetzt glcklicher war. Zuweilen kam sie auf unerklrliche Weise in
all seine Gedanken; nicht nur aus Menschen und Tieren, selbst aus den
Bumen, dem Grase, toten Dingen schien ihm etwas von Susannas Wesen
entgegen zu dringen.

Sie schien stets um ihn zu sein, und seine Empfindung wurde so lebhaft, da
er sie einmal in der Dunkelheit des Zimmers stehen sah. Sie war schn und
schlank. Ich bin es, sagte sie, ich bin immer bei dir. -- Bist du es denn
wirklich? fragte er. Sie antwortete: Weshalb zweifelst du?

Er sah sie lange an, sie verschwand und er blieb allein. Es war als ob er
rings in Abgrnde starrte, er erschauerte und stand auf. Wie lebhaft ich
doch empfinde, dachte er und ffnete das Fenster: Sterne, Sterne und Friede
in sanfter Nacht. Das war die Welt, der er angehrte.

Er lchelte und blickte auf Adeles Park. Die Bume standen im Schlafe, aber
sie bebten leise. Ein unbestimmtes Licht rieselte an ihnen herab und die
hchsten Bltter wendeten sich langsam hin und her, als ob jede Blattseite
dem Lichte der Sterne ausgesetzt werden sollte. Die weie schmale Mauer
glich einem Streifen von Linnen, das zum Trocknen aufgehngt war und sich
im verblichenen Schatten einzelner Zweige leise zu bewegen schien.

Eine unwiderstehliche Macht trieb Grau hinaus. Aber in dem erhabenen
Frieden der Nacht kam er sich wie ein Eindringling vor, wie einer, der das
Gesetz der Natur, die die Nacht zum Schlafe bestimmt hatte, bertrat. Er
dmpfte unwillkrlich seinen Schritt. Er ging bis an das Parktor und hier
blieb er lange stehen.

Pltzlich erinnerte er sich an das Versprechen, das er Susanna gegeben
hatte. Er neigte den Kopf. Ich werde halten, was ich versprochen habe!
sagte er und ging langsam nach Hause.

Aber gerade als er einschlafen wollte, begann ein Vogel in Adeles Park zu
singen und es klang, als sei es Adeles eigene Seele, die lockte. Er
lauschte mit verhaltenem Atem. Schmerz erfate ihn. Er prete die Hnde auf
die Augen und wiegte den Kopf hin und her. Singe nur, du kleiner Vogel!
Singe nur! Endlich schwieg der Vogel still, aber Grau hrte ihn wieder im
Traume zwitschern. Er trumte, er gehe mit Adele auf der Hhe und Adele sah
ihn an mit traurigen Augen. Sprich doch! Sprich doch! sagte sie. Er aber
schttelte den Kopf. Ich kann nicht, antwortete er. Adele fate seine Hand
und bot ihm die Lippen. Er aber wandte sich ab und rief: Nein, nein! Und er
entfloh in aller Hast, Adele rief hinter ihm. Da erwachte er wieder. Sein
Herz brannte vor Sehnsucht, berall winkte und lockte es, es leuchtete wie
Feuer vor seinen Augen.

Er stand auf und machte Licht und schickte sich an zu arbeiten, whrend die
Stille der Nacht tiefer und tiefer wurde und der Tag langsam graute. Aber
whrend er arbeitete, hatte er das Gefhl, da sein Herz blute und nimmer
aufhrte zu bluten.

Das Versprechen war gegeben, Susanna konnte es nicht mehr lsen, das
Versprechen wird gehalten werden. Niemand hatte je erlebt, da er ein
Versprechen brach.

Aber seine Augen wurden brennend und seine Wangen hohl.

Er betubte sich in rastloser Ttigkeit.

In jeder freien Stunde suchte er Mtterchen auf.

Verlassen lag Susannas Huschen in der Wiese und obschon es im Dampfe der
Sonne lag, so sah es doch elend aus. Mtterchen wohnte darin und eine blde
alte Frau, Eisenhuts Mutter. Alle Knospen brachen auf und die Blumen
wuchsen in Susannas Garten bis zu den Fenstern empor. Aber das kleine Haus
sah elend und de aus. Verlassen war es. Die Luft im Zimmer war eine
andere, das Zimmer selbst sah ganz verndert aus. Dieses leere Bett, die
verwelkten Strue in den Krgen, ein paar bestaubte Bcher auf dem Tisch.
Selbst die Farbe der Wnde und Mbel schien sich verndert zu haben, auch
der Schritt klang anders, wenn man durch das Zimmer ging.

All die schnen Trume Susannas waren aus dem Huschen ausgewandert, all
die freundlichen Wesen, die sie im Leben umgeben hatten, sie hatten das
Haus verlassen.

Mtterchen sa still mit der Hornbrille auf der groen Nase in einer
dmmerigen Ecke des Zimmers und besserte Susannas Strmpfe und Wsche aus.
Sie weinte nicht, sie sa da und stopfte und sprach mit Susanna. Es wird
Zeit sein dein Essen zu richten, Kindchen, sagte sie. Huste nicht so
viel, Susanna, es schadet dir ja.

Zweimal kam sie am Abend zu Grau geschlichen und pickte an seine Tre: Ob
er die Schuhe noch habe? Ja, dann sei es gut. Sie kam, setzte sich auf
einen Stuhl und weinte. Diesem Schmerze gegenber war Grau machtlos. Er war
so tief und edel, da Grau auch nicht den Versuch wagte, Mtterchen zu
trsten, die durch die Nacht geschlichen kam, nur um bei ihm zu weinen.
Erst jetzt schien es ihr bewut zu werden, da Susanna tot war.

Grau erfllte seine Pflichten wie ehedem, abends kam Eisenhut zu ihm zur
Stunde. Nach der Stunde plauderten sie eine Weile; sie stellten die
Reiseroute zusammen, denn Eisenhut sollte nun bald reisen. Er hatte sich
schon sechs groe Lederkoffer angeschafft.

Zwischen den beiden hatte sich ein aufrichtiges Freundschaftsverhltnis
gebildet. Das lange Krankenlager Graus hatte einen ganz ungezwungenen
Verkehr zwischen ihnen herbeigefhrt und Grau brauchte nicht mehr zu
befrchten, Eisenhut scheu oder argwhnisch zu machen oder ihn durch seine
Bevormundung zu beschmen.

Er hatte Eisenhut vollstndig in seine Macht bekommen und war imstande ihn
mit einem einzigen Blicke zu beherrschen. Bis auf unscheinbare Dinge selbst
dehnte er seinen Einflu aus. Eisenhut mute anders gehen, anders sprechen,
den Leuten ins Gesicht sehen, er durfte nie Mdigkeit verraten oder
unordentlich gekleidet sein.

Eisenhut gab sich alle Mhe. Die Arbeit in den Steinbrchen hatte seine
Gesundheit gestrkt und schon das Bewutsein krperlicher Kraft machte ihn
den Menschen gegenber khner und sicherer. Er kleidete sich ganz neu und
selbst sein Haus war frisch gestrichen, die Wohnung eingerichtet. Er bekam
Freude an Ttigkeit und zeigte den Eifer eines Schulknaben fr alle Zweige
des menschlichen Wissens. Er lachte frhlich und fast kindisch, wenn sie in
den Bildwerken bltterten und Grau erklrte.

An jedem Ersten erhielt Grau zwanzig Mark von ihm, die er fr wohlttige
Zwecke nach Gutdnken verwenden konnte. Dafr war ihm Grau sehr dankbar.
Denn mit zwanzig Mark -- wieviel konnte er doch damit ausrichten! Wenn er
in eine Familie kam, wo es am Ntigsten fehlte und sprach und sprach und
fnf Mark auf dem Tischrande liegen lie!

Bald hoffte er Eisenhut fr eine groe Lebensaufgabe erzogen zu haben.

Wie? Ja, natrlich. Eisenhut wandelte sich nur allmhlich um. Es war noch
der alte Eisenhut mit dem gelben Gesicht, dem Spitzbart, den kleinen
neugierigen Mausaugen, dem Geiz, dem Argwohn und kleinlichen Gedanken.
Zuweilen hatte er auch Rckflle. Er trank, verwahrloste und mied Grau.
Aber immer kam er nach einigen Tagen zu Grau zurck und Grau fhlte zu
seiner Freude, da er ihn mehr und mehr in seine Gewalt bekam. --

Einmal hatte Grau in diesen Tagen auch eine Begegnung mit dem jungen Herrn
von Hennenbach.

Es war in der Dmmerung und sie begegneten einander auf den Stufen, die zum
Marktplatz hinabfhrten. Herr von Hennenbach grte hflich, auch Grau
grte. Er blieb stehen und sah den jungen Mann an. Eine Weile standen sie
so.

Bitte? sagte Herr von Hennenbach und lchelte.

Grau sah ihn an.

Sie verstehen mich nicht? flsterte er.

Der Freiherr lchelte und zuckte die Achseln.

Nein, Pardon -- ich verstehe nicht, wirklich --

Grau sah ihn an und nherte sich ihm noch mehr. Ich will Ihnen noch einige
Tage Zeit lassen! flsterte er. Aber nicht mehr viele!

Bitte? Ich kann nicht verstehen? stammelte Herr von Hennenbach -- aber
Grau war schon gegangen. --

Der Sommer war auffallend warm und Grau liebte es, seine freien Stunden in
seinem Grtchen zuzubringen, das eingekeilt zwischen den Nachbarsgrten mit
den hohen schattigen Bumen besonders sonnig aussah. Er pflegte ihn mit
aller Sorgfalt. Er kannte hier jede einzelne Blume, ja fast jeden einzelnen
Halm. Da konnte er stehen und stehen und sich umsehen und es kam ihm vor,
als ob er im Kreise von Geschwistern weile.

Dieses kleine Stck Land erfllte ihn mit Andacht.

Das waren ja seine Blumen und Halme, des groen Gottes Blumen und Halme,
ersonnen von ihm, geliebt von ihm und auf dem kleinsten ruhte der Blick
seiner tausend funkelnden Augen. Fr ihn, den Unfabaren, war dieser Garten
so viel wie der Lustpark einer Knigin und sein gtiges Lcheln hatte auch
ihn gesegnet, da er ein einziges Wunder war. Es wimmelte von Leben, jeder
Zoll des Bodens war bewohnt, belebt, lebendig, jede Scholle eine wimmelnde
Stadt, jedes Krmchen ein Haus, jede Furche eine Strae.

Grau stand und schttelte den Kopf. Er begriff es nicht. Nicht die kleinste
Fliege konnte er verstehen. Seht sie an, sie hat Augen, Organe, Flgel, sie
wei sich zu bewegen, sie fliegt. Seht den kleinen Kfer an, er hat es
eilig, geht seinen Bedrfnissen nach, er hat zu tun, Tag und Nacht,
Wnsche, Verlangen, Geschfte, so klein er auch ist -- er ist ein Kind des
groen Gottes und der Unbegreifliche hat nicht vergessen, da er lebt.

Grau stand und blickte in den Sommerhimmel empor. Er betete. Er betete ohne
Worte und ohne Gedanken. Er sandte seine Seele der Heimat zu.

Diese Stunden in seinem Garten waren herrlich und reich. Die Luft schien
erfllt mit Geheimnissen und Liebe und er atmete Geheimnisse und Liebe mit
jedem Atemzuge ein. Alle Dinge ringsumher sahen ihn an und sein Gedanke
flsterte immerzu. Er selbst dachte ja nicht, der Gedanke in ihm flsterte
und ruhte nicht. Siehst du den Baum? flsterte der Gedanke: ste,
Verstelungen, Nerven, ganz wie du. Siehst du den Vogel fliegen? wisperte
der Gedanke: Bist du nicht selbst ein Vogel? Hast du gesehen, wie junge
Mdchen einen Abhang hinablaufen und die Arme bewegen gleich Flgeln, die
Lebenslust auszudrcken? Wie ein Mensch dem andern Willkommen winkt? Siehst
du die Katze? sprach leise der Gedanke: Was zieht dich zu ihr? Was zieht
sie zu dir? Ihr seid ja alle das Gleiche, du und die Katze und der Baum --
eine verschieden gestaltete, verschieden gefrbte Blume auf Gottes Acker
nur ist der Mensch. Fhlst du die Lebenswelle? flsterte der Gedanke: Sie
kommt aus dem Unendlichen, da wo die Gestirne funkeln, sie umsplt in jeder
Sekunde die Erde, Millionen Leben erzittern, erblhen, sie jagt dahin,
durch dich hindurch, durch die Wlder, das Meer, zur Sonne, zu den Sternen,
zum fernsten Sterne, und ist hier und dort, jagt, jagt und hat keine Eile.

Und der Gedanke flstert in ihm, flsterte, lachte, sang --

Die Sonne ging unter und Grau ging hinein ins Haus und arbeitete. Die
Arbeit ging vorwrts, Ungeduld und Jubel erfllten ihn. Diese >Reden<! Denn
bald wollte er ja hinausziehen und zu den Menschen sprechen, zu den
Tausenden, Tausenden!




Neuntes Kapitel


An einem Nachmittage kam Adele zu ihm. Er schrieb gerade, als er ihren
Schritt hrte und hielt die Feder an und erblich.

Sie war ohne Hut und ihre schwarzen Haare rahmten scharf das schmale
Gesicht ein. Ihre Wangen waren von der Wrme gertet, so erschienen ihre
Augen noch heller und lebendiger. Ihre Lippen glnzten. Im Winter waren sie
schmal und bla, im Sommer geschwungen und rot, wie merkwrdig war doch
das. Sie trug ein dnnes Kleid von der Farbe verblater Veilchen, eine
groe hellrote Koralle hielt es an der Brust zusammen. Khle und Duft
gingen von ihrem leichten Kleide aus.

Sie blieb lchelnd an der Tre stehen.

Ich habe Sie wohl in der Arbeit gestrt? sagte sie. Sie schrieben
gerade. Sie sah ihn mit klaren Augen an.

Bitte, es ist eine hchst nebenschliche Sache, ich bitte Sie Platz zu
nehmen. Sie befinden sich wohl?

Wie immer, danke! Sie sah sich um und ffnete halb den Mund, whrend sie
Graus Zimmer betrachtete. Dann duckte sie den Kopf ein wenig und sah zum
Fenster hinaus. Wie eigentmlich ist es doch, den Park von hier aus zu
sehen! sagte sie, ein wenig verlegen, da sie Graus Blick fhlte.

Sie schwieg und blickte Grau an, der totenbla aussah.

Da sa sie und das Licht sprhte aus ihren Augen, das ewige Licht, das um
Gottes Haupt wogt.

Ob eine besondere Angelegenheit sie zu ihm fhre?

Adele lchelte fein. Mu es denn eine besondere Angelegenheit sein, die
mich zu Ihnen fhrt? Ich denke mir, da Sie jetzt recht einsam sein mssen.
Man sieht Sie ja gar nicht mehr. Sind Sie denn immer zu Hause?

Im Gegenteil, ich bin viel unterwegs.

Pause. Adele sah ihn an. Sie kommen mir verndert vor, sagte sie und
schttelte den Kopf. Sind Sie krank? So entsetzlich bleich sehen Sie aus!

Nein, ich fhle mich wohl, antwortete Grau und dankte.

Adele blickte ihn prfend an. Sie sehen leidend aus, setzte sie hinzu,
dann sprach sie von andern Dingen.

Grau war schweigsam. Er sah sie nur und lchelte. Aber er fand nicht den
kleinsten Gedanken in seinem Kopfe.

Wie wunderbar sind doch die Nchte jetzt! sagte Adele, aber sie brach
pltzlich ab und lachte leise. Aber sehen Sie doch, da sitzt ja eine
Maus! rief sie aus.

Es ist eine zahme Maus, sagte Grau und raffte sich auf. Das heit alle
Muse sind ja zahm, aber diese Maus hier ist an mich gewhnt. Sie heit
Mirza und lebt hier. Sie ist sehr klug und schn. Sie ist sehr zutraulich
und oft wenn ich ruhig dasitze, knappert sie an meinen Schuhen.

Adele lachte und sah Grau erstaunt an. Mit einer Maus leben Sie? sagte
sie.

Es ist ja wohl nichts Wunderliches dabei? fragte er lchelnd.

Adele lchelte leicht. Sie haben ja auch einen Hund, nicht wahr? forschte
sie. Man sieht zuweilen einen gelben zottigen Hund in Ihrem Garten.

Ja, erwiderte Grau, aber er ist sehr untreu. Er lt sich oft wochenlang
nicht blicken. Es ist ein verwilderter Hund, dessen Herr gestorben ist, ein
Waldhter. Ich stelle ihm manchmal etwas Fressen hin. Wollen Sie sehen, wie
klug diese Maus ist?

Ja!

Nun, sofort! Grau legte ein Stckchen Speck auf den Boden in die Nhe des
Schrankes, unter dem die Maus sich aufhielt. Er stie einen zirpenden Laut
aus. Vielleicht kommt sie nicht, weil Sie da sind.

Die Maus hatte das Stckchen Speck bemerkt, sie streckte die spitzige
Schnauze unter dem Schranke vor und lugte mit den runden, glnzenden Augen,
die wie pechschwarze Perlen aussahen, auf den Speck und auf Adele zu
gleicher Zeit. Dann kam sie nher, lief in einem Bogen um den Speck herum
und huschte wieder unter den Schrank. Sie mute sich blitzschnell umdrehen
knnen, denn die spitzige Schnauze wurde zur selben Sekunde wieder sichtbar
als der Schwanz verschwand.

Sie hat einen Versuch gemacht, sagte Grau, ob sie sicher sein knne. Nun
aber werden Sie sehen, auf welche Weise sie den Speck fortschleppt! Er war
pltzlich gesprchig geworden.

Die Maus kam wieder unter dem Schranke vor. Sie sa eine Weile vor dem
Speck, dann beschrieb sie einen Bogen und sa nun so, da der Speck
zwischen ihr und dem Schranke lag. Sie wartete noch ein Weilchen, dann lief
sie blitzschnell auf den Speck zu und verschwand mit ihm.

Es wre ihr zu gefhrlich, mit dem Speck im Maule umzuwenden, haben Sie
das beobachtet? erklrte Grau. So klug ist sie. Er erzhlte noch einige
Geschichten von der Maus, dann war er wieder still.

Grau kmpfte mit dem Gedanken aufzustehen und zu sprechen: --! Aber er tat
es nicht.

Pltzlich hatte Adele einen Brief in der Hand.

Ich habe einen Brief fr Sie, sagte sie leise, er ist von Susanna.

Von Susanna? Er begriff es nicht. Er starrte Adele an.

Ja, sie hat mir diesen Brief bergeben -- wann war es doch? -- in der
Zeit, da sie still lag um Krfte fr die Reise zu sammeln. Da gab sie mir
diesen Brief. Ich solle ihn eine Woche nach ihrem Tode abgeben -- im Falle
sie doch sterben sollte. Ich habe nun gewartet und gewartet, denn es schien
mir grausam Sie durch den Brief -- nun ich wartete. Aber nun hat mich
Susanna sozusagen daran erinnert.

Grau nahm das Messer vom Schreibtisch und schnitt den Brief auf. Er hielt
inne und sagte nach einer Weile: Sie hat Sie sozusagen daran erinnert?

Ja, sie habe getrumt von Susanna und dem Briefe.

Ich habe ja jeden Tag an den Brief gedacht und an Susanna und schob es
doch von Tag zu Tag hinaus ihn abzugeben, sagte Adele. Es ist also nicht
zu verwundern, da ich davon trumte. Ich habe getrumt, ich ginge mit
Susanna zum Bade. Wir unterhielten uns und pltzlich sagte sie etwas von
einem Briefe und ich lachte, denn ich wute ja nichts von einem Briefe.
Aber am Morgen erinnerte ich mich an den Traum und nahm mir vor, den Brief
aus dem Hause zu schaffen.

Grau sah Adele an.

Und Adele zuckte ein wenig die Achseln und fgte hinzu: Ich wollte Ruhe
haben. Ich liebe es nicht, an Verstorbene zu denken. Ich wei nicht warum.

Sie ging. Grau gab ihr das Geleite bis zur Gartentre. Man fhlte, wie man
sich durch die Wrme hindurch gleichsam Bahn brechen mute, und Duft und
Schwle der Luft betubten ein wenig. Adeles reiches Haar sprhte wie eine
schwarze Flamme und hob sich scharf vom tiefblauen Himmel ab. Es war das
einzige ringsumher, das schwarz war, denn alles war grn, golden und blau.

An der Tre sagte Grau: Ich habe gehrt, Sie reisen bald?

Ja, bald ginge es fort. Adele lachte und blickte in die Luft empor, wo die
Mcken ber dem heien Wege tanzten. Es ist brigens nicht ganz sicher, ob
ich so bald reise, sagte sie. Aber ich freue mich darauf, fortzukommen,
hinaus in die Welt. Nur denke ich zuweilen --

Was denken Sie zuweilen?

Ich wei nicht, ob ich fr die Ehe geschaffen bin, denke ich zuweilen.
Wenn ich den Baron nicht so sehr liebte, aber ich liebe ihn ja so sehr.

Grau sah sie an. Schn und stark war sein Blick.

Nun? fragte Adele.

Es ist mir bange um Sie! sagte Grau und er wute nicht wie ihm die Worte
auf die Lippen kamen.

Adele ffnete die Lippen und erbleichte ein wenig. Bange?

Ja! fuhr Grau fort -- und pltzlich verlor er die Sicherheit, er wurde
verlegen und setzte hflich hinzu: Ich bitte Sie recht herzlich, den
Schritt reiflich zu berlegen.

Adele sah ihn an und ihr Blick senkte sich tief in seine Augen. Sie
lchelte. Sie schttelte leise den Kopf, als ob sie ihn nicht verstanden
habe und sagte hauchend: Adieu!

Ja, ich bitte Sie, den Schritt ja zu berlegen! wiederholte Grau.

Adele nickte ihm zu. Adieu! sagte sie und ging langsam und stolz weiter,
als ob nichts ihre Ruhe trbte.

Grau ging in groer Erregung ins Haus zurck. Wie kam es doch, da ich
pltzlich sprach! dachte er. Ich wollte es ja gar nicht. Adeles Gestalt
verschwand zwischen den Zweigen und sein Herz pochte so laut, da er die
Hand auf die Brust legen mute.

Nun war sie verschwunden! Er zitterte, mute sich setzen, stand wieder auf,
streckte die Hnde nach den Bschen aus, hinter denen sie verschwunden war.

Erst nach langer Zeit gelang es ihm sich zu beherrschen. Er ffnete
Susannas Brief und so bald er ihre Schrift sah, wurde er ruhig.

Mein Geliebter, schrieb Susanna, Du sester aller Menschen! Wolle Gott,
der Gott an den Du glaubst, Dich glcklich machen, glcklich und reich. Oft
bete ich so.

Ich bin nun tot und wenn Du hundert Schritte gehst, so stehst Du an meinem
Grabe. Du sollst es nicht tun, ich will nicht, da Du oft an mein Grab
gehst. Es ist so wenig Sinn darin, denke ich. Kannst Du denken, da ich vor
Dir stehe? Siehst Du meine Augen und kannst Du Dich an meine Zge erinnern?
Das tue zuweilen! Kannst Du fhlen, da ich diesen Brief mit Dir lese und
meine Wange an die Deine schmiege, so wie ich es oft getan habe, wenn wir
zusammen in den Bchern bltterten?

Du sollst nicht an mich denken. Zuweilen, aber nicht oft. Denke an mich,
wenn Du frhlich bist, aber nicht zu oft. Denke nicht an mich, wenn Du
traurig bist.

Vielleicht siehst Du ein Mdchen und Du liebst es. Dann ksse sie und
vergi mich ganz. Ich will, da Du glcklich bist und Glck um Dich
streust.

So spricht mein Herz.

Ja, ich liebe Dich. Bei Gott, aufrichtiger knnte Dich keine Frau lieben!
Ist es ein Wunder, da ich ber diesen Brief weine? Ich liebe Mtterchen,
aber ich liebe Dich hundertmal mehr und kenne Dich doch noch nicht lange.

O, du sester aller, aller Menschen! Wenn ich nur ein Herz htte, so htte
ich alles gesagt. Aber ich habe zwei Herzen und sie wollen nicht das
gleiche.

Mein zweites Herz, das mchte viele Dinge, die das erste Herz nicht
wnscht. Es wnscht Dir ebenfalls Glck, aber es ist traurig, da es dieses
Glck nicht mit Dir leben kann.

Es hat gewnscht, da Du einmal meine Brust kssen mchtest und nun wnscht
es, da Du recht oft die hundert Schritte zu meinem Grabe machen wrdest
und Dich niederwerfen und die Erde aufwhlen -- das wnscht mein zweites
Herz und es bebt vor Freude -- obgleich mein erstes Herz es nicht wollte.
Es wnscht, da Du vor Kummer sterben solltest, ja, es wnscht, da Du nie
mehr eine Frau kssest, denn es will Dich ganz allein haben. Ganz, ganz
allein.

Mein zweites Herz kennt eine Frau, vor der es zittert. Denn diese Frau
knnte jede Erinnerung an mich auslschen. Ich habe gesehen, wie Du diese
Frau anblicktest, es saen viele Mdchen in meinem Zimmer, aber Du
blicktest jene Frau mit andern Augen an als alle. Mein erstes Herz wnscht,
da jene Frau Dich liebe, aber das andre zittert davor. La es ruhig sein
und schweigen.

La mein erstes Herz sprechen: Lebe wohl, Du gtiger, und vergi mich so,
da Du nicht mehr leidest. Sei glcklich und liebe, liebe alle Frauen, so
viele du willst.

Ich bin tot, aber ich komme zu Dir noch einmal, um mit Dir zu sprechen.

S ist der Gedanke, s und schn und er lockte mich. Es ist nicht wahr,
was mein zweites Herz sagt: Komm aus dem Tode zu ihm um Gewalt ber ihn zu
haben, um ihn nicht frei zu lassen. Nein. Du sollst ja nur fhlen, wie sehr
ich Dich liebe, da ich noch nach dem Tode zu Dir zu sprechen wnsche. Das
ist die Wahrheit.

Lieber, es ist all diese Tage ein Gedanke in mir, ich kmpfe mit ihm.
Wrdest Du mir schwren, zu keiner andern Frau mehr von Liebe zu sprechen?
Mein zweites Herz flsterte mir den Gedanken ins Ohr. Wenn ich schwach
werden sollte und Du solltest mir das Versprechen geben -- ach, verzeihe
mir dann, ich bin es ja nicht, die das will -- Du bist frei, es gibt kein
solches Versprechen! Wie sollte es doch ein solches Versprechen geben!

Lebe wohl, ich ksse Dich zum letzenmal. Es ist schwer zu gehen, aber lebe
wohl. Lebe wohl, ich winke, lebe wohl, Du siehst mich nicht mehr. Lebe wohl
fr immer! Deine Susanna.

Grau sa und das Blut scho ihm in das Gesicht. Dann tastete er sich
hinaus, durch die Tre hindurch, in das Schlafzimmer, dessen Lden
geschlossen waren. Hier warf er sich auf das Bett und weinte.

Als Eisenhut am Abend zur Stunde kam, fand er Grau in seiner Stube damit
beschftigt, Noten auf ein Blatt zu schreiben.

Was tust du da? fragte Eisenhut.

Ich schreibe ein kleines Lied, antwortete Grau und lchelte und Eisenhut
wunderte sich ber seine zitternde Stimme.

Ein Lied?

Ja, ich habe es noch nie getan, es ist mein erstes.




Zehntes Kapitel


Wie erstaunt war Adele doch, als sie das Gitter ffnete und pltzlich Grau
im Dmmerlichte stehen sah. Er wartete hier, das konnte sie wohl sehen.

Sie sind hier? sagte sie und gab sich Mhe ihre berraschung zu
verbergen. Sie sah ihn freundlich an und lchelte leise. Ein seidnes Tuch
von roter Farbe lag lssig auf ihren Schultern.

Der Abend war soeben gekommen und er war herrlich; die Luft war warm und
dicht und man konnte sie gleichsam mit den Hnden greifen. Sie hllte einen
vollkommen ein wie ein warmes Bad. In der Stadt klangen Laute, Singen,
Lachen, die Grillen zirpten, die Frsche lrmten in der Ferne, aber hier
oben war es auffallend still. Obgleich die Schatten schon tief und
verschwiegen lagen, so sah man doch noch Gesicht und Hnde, gleichsam
leuchtend. Grau sah jeden Zug in Adeles Gesicht und doch war es ringsum
dunkel.

Er nahm den Hut ab.

Ja, ich bin hier, antwortete er und trat nher. Verzeihen Sie mir, es
ist gewi nicht schn vor einem Hause zu stehen und zu warten. Aber ich
wollte nicht hineingehen. Ich warte schon seit vielen Tagen, Frulein von
Hennenbach, ich mchte mit Ihnen sprechen. Ich habe erfahren, da Sie
morgen reisen.

Adele zog das Tuch fester um die Schultern. Ja, morgen frh. Sie lchelte
und schlo das Gitter. Es ist ganz zufllig, da ich ausgehe.

Ich wute, da ich Sie heute treffen wrde!

Adele sah ihn mit groen Augen an. Bitte? sagte sie dann und das kleine
Wort verriet ihre Bereitwilligkeit ihn anzuhren und alle Nachsicht.
Wollen wir ein wenig gehen?

Ja, gerne!

Grau ging still neben ihr her. Adele atmete tief die Abendluft ein und
blieb einen Augenblick unter einem Busche stehen, der auffallend stark
roch. Er roch wie Vanille. Grau blickte zu Boden, dann sah er Adele an und
begann: Ich habe nachgedacht, ich finde keine Ruhe mehr. Er schwieg; wie
sein Herz doch schlug! So konnte er nicht beginnen. Er sammelte sich und
setzte hinzu: Sind Sie entschlossen zu reisen?

Ja!

Wirklich entschlossen?

Ja, aber -- und weiter?

Ich wollte Sie nur dies fragen, sagte Grau und senkte den Blick.

Adele schttelte den Kopf und lchelte. Ich glaube wohl zu wissen, weshalb
Sie fragen, Herr Grau. Sie haben ja vor einigen Tagen schon eine Andeutung
gemacht, die ich nicht miverstehen konnte! Sprechen Sie, bitte, nicht mehr
davon. Sagen Sie doch selbst, kann ich denn das anhren?

Ich habe Sie verletzt, verzeihen Sie mir! sagte Grau.

Adele lchelte.

Ich will gerne heute noch ein wenig mit Ihnen plaudern, sagte sie leise.
Sie sind mein Freund und darber bin ich froh. Aber Sie mssen solche
Dinge nicht sagen. Ich freue mich, da ich Sie noch zufllig getroffen
habe, aber -- nein, nein, nein, all diese Dinge.

Grau wollte sprechen, aber sie lie es nicht zu. Sie sind so merkwrdig,
sagte sie und lachte leise, gleichsam heiter, Sie kmmern sich um mich,
Sie ngstigen sich um mich -- so sonderbar sind Sie manchmal.

Es ist vielleicht mein Fehler, da ich mich zuweilen zu sehr um die
Angelegenheiten anderer bekmmere, entschuldigte sich Grau.

Sie gingen bergan. Auf der Hhe schimmerte der Widerschein einer
erblassenden Abendwolke im Laub der Bume. Unter ihnen lag die Dmmerung
wie ein weiches Dunkel. Es raschelte zuweilen in den Zweigen, das waren
Vgel, die zur Ruhe gingen. Es knackte da und dort, aber je tiefer sie in
den Wald eindrangen, desto stiller wurde es. Die Stimmen des Tales waren
erloschen und den Lrm der Frsche hrten sie nur noch einmal gedmpft, als
sie einen kreuzenden Weg berschritten, der wie ein Kamin zur Stadt
hinablief.

Dann begann Adele mit gleichmtiger Stimme zu sprechen. Sie haben ja
Urlaub genommen, Herr Grau, sagte sie, ich habe es gelesen.

Ja, das habe ich getan, antwortete Grau und dachte an ganz andere Dinge.
Ich habe gemut. Der Herr Dekan hat es mir nahe gelegt.

Wie solle man das verstehen?

Und doch ist es so. brigens, wenn der Herr Dekan nicht so liebenswrdig
gewesen wre, so knnte ich nun die grten Schwierigkeiten haben; bei der
Behrde bin ich schlecht angeschrieben. Man setzte zuerst groe Hoffnungen
auf mich, aber ich scheine sie leider nicht zu erfllen. Da kam diese
Broschre ber die Gefngnisse, andere Flugschriften, das Begrbnis der
Margarete Sammet, dann meine Predigten. Ich kann nichts anderes predigen
als was ich glaube. Schwierigkeiten ber Schwierigkeiten. Dazu kam noch
jene Affre mit der Kollekte fr innere Mission. Sie haben nicht davon
gehrt? Auf irgend eine Weise ist nmlich die Geschichte doch bekannt
geworden, obgleich der Herr Dekan in liebenswrdiger Weise die Sache zu
verdecken versuchte. Wie? Sehr einfach. Ich sollte die Kollekte abliefern,
aber ich verga es, zum ersten Mal in meinem Leben ist mir das passiert,
etwas zu vergessen. Ich war in jener Zeit sehr beschftigt. Kurz und gut,
ich verga es und der Herr Dekan kam zu einer langen Auseinandersetzung. Er
bemhte sich persnlich in mein Haus. Wegen der Gegenstnde, die ich
verschenkt und verliehen habe, obgleich sie zum Inventar des Pfarrhauses
gehren, machte er wenig Worte. Hm, hm. Aber alle die andern Dinge, diese
heillosen Dinge. Besonders die Pfingstpredigt im Freien. Zuletzt kam die
Kollekte daran. Ja, bei Gott, ich hatte sie vergessen. Es waren vierzehn
Mark. Ich wollte sie dem Dekan geben, ich hatte sie in eine Schachtel
gelegt. Aber das Geld war fort, es war gar nichts mehr da. Nun sang zum
Unglck der Handwerksbursche im Nebenzimmer und da wurde der Dekan
rgerlich. Es vertrage sich doch nicht gut mit meiner Wrde,
Handwerksburschen zu beherbergen -- sagte er.

Ist denn der Alte noch immer zu Besuch?

Nein, ein anderer, ein Freund von ihm. Er hat ihn mir geschickt. Ebenfalls
krank und die Papiere in Unordnung.

Adele lachte leise. Glauben Sie denn alles, was diese Leute Ihnen sagen?

Natrlich glaube ich es. Und die Papiere sind wirklich nicht ganz in
Ordnung gewesen. Die Kollekte also war verschwunden. Ich habe das Geld am
Abend zuvor in die Schachtel gelegt, mu es aber in Gedanken herausgenommen
und verwendet haben -- es war ja nicht mehr da. Der Dekan sagte: Nun, Sie
haben den Betrag vielleicht verlegt -- verlegt -- senden Sie ihn mir bis
morgen frh zehn Uhr, bitte. Er war sehr gtig, er htte mir ja groe
Schwierigkeiten bereiten knnen. Eisenhut lieh mir das Geld gerne und damit
war die Sache in Ordnung gebracht.

Nach dem Urlaub werden Sie aber wieder hierher zurckkehren? erkundigte
sich Adele.

Grau lchelte. Ich glaube es nicht, ich werde wahrscheinlich entlassen
werden.

Adele blieb stehen. Sie werden entlassen werden?

Grau lchelte wieder. Ja, sagte er, weshalb denn nicht? Ich mache zu
viele Schwierigkeiten. -- brigens, um offen zu sein, ich werde selbst um
Entlassung einkommen. Ich kehre nicht mehr hierher zurck, setzte er
leise, wie beschmt, hinzu. Es gibt so viele Dinge, die sich mit meinen
Anschauungen, trotz des besten Willens --

Was er aber dann beginnen wolle?

Grau lachte leicht. Das? sagte er, Oh, das macht mir nicht die
geringsten Bedenken. Ich finde auch in einem andern Beruf ein groes
Arbeitsfeld. Ich werde Medizin studieren, ich trug mich schon frher mit
dem Gedanken.

Also Arzt wollen Sie werden? rief Adele freudig aus. Ich liebe die
rzte. Was fr ein Arzt?

Nun, ein guter Arzt, denke ich, fr die, die krank sind, erwiderte Grau
lchelnd.

Sie kamen an eine Lichtung und sahen tief unten die Stadt mit ihren
blinzelnden Lichtern liegen. Man sah Adeles Park. Hier duftete es stark
nach Honig. Ein Insekt schwirrte ber den Krutern.

Wie hoch wir doch sind!

Ja!

Sie stiegen hher und pltzlich sahen sie den Mond in einem Himmel so
dunkelblau wie ein Kirchenfenster stehen. Er erschien wie ein bleiches
Gesicht, das voll namenloser Sehnsucht immerzu in die ferne Sonne starrte.
Sie kamen ganz auf die Hhe und Adele war berrascht, eine Ebene vor sich
zu sehen. Sie hatte gedacht, es gehe hier wieder bergab. Im Mondschein lag
ein kleines kalkweies Dorf. Die Ebene sah auffallend hell aus im Licht des
Mondes, die Grillen zirpten in den Feldern und ihr schrilles feilendes
Gezirpe schien alles ringsum in Silber zu verwandeln. Einen Augenblick lang
blickte Adele auf das kalkweie, gespensterhaft aussehende Dorf, dann
wandte sie sich wieder dem Walde zu. Hier war es warm und schwl. Der Mond
lag in Streifen und silbernen Tmpeln im Walde und auf dem Wege und warf
fortwhrend ein glitzerndes Netz ber Adele, gleichsam um sie darin zu
fangen; sie aber schlpfte jedesmal aus dem Netze heraus. Sie sah zu Boden.

Wie schn war es doch an ihrer Seite zu gehen!

Graus Seele fllte sich mit Heiterkeit. Er ging leicht und lautlos, er
lchelte, und nie hatte er den Wald strker gerochen. Er sah und hrte mit
wacheren Sinnen. So schn war alles, solch feine Gerusche waren da drinnen
in der Tiefe.

In seiner Seele begann es zu singen. La uns gehen durch die Wlder, la
uns wandeln in den Au'n! sang es in seiner Seele ganz von selbst. Er lachte
leise und rusperte sich.

In seinem Kopfe wisperten die Gedanken -- und sie flsterten im Rhythmus
der Schritte. Er wehrte ihnen nicht. Gib deinem Kinde Mondscheinnchte,
flsterten sie (weshalb sagten sie doch Kinde?), gib ihm Sonnenschein, Wald
und Feld. Gib ihm den Anblick der Tiere. Es ist wichtig, wieviele
Sonnentage es erlebte. Die Formen, die Farben, das Werk der Wurzeln, das
Werk der Wipfel, sie bauen die Seele und machen sie reich. Von den Tieren
lernt es Schnheit der Bewegung, Adel des Blickes, Fassung und Ruhe -- ohne
da der Mensch es wei -- hahaha -- der Mensch wei ja nichts --

Er lachte leise. Wie merkwrdig das war! Er verlor alle Befangenheit und er
fhlte wie seine Wangen vor Freude hei wurden.

Wie es duftet! begann er mit freier klarer Stimme. Es riecht, als ob der
Wald eine Pfanne voll Harz und Wurzeln wre. So schn! Wie regungslos diese
Fichten dastehen, nicht wahr? Und sehen Sie die Sterne, die durch die
Wipfel blitzen? Da ist besonders ein groer, geschliffener Stern, der immer
wieder auftaucht und im Walde umherleuchtet, als suche er etwas, etwa Sie.
Eben wieder! Wie herrlich! Dann dieser Friede, bei Gott! Er durchdringt
einen. Ich habe auch das Gefhl, als ob der Herr des Waldes in der Nhe
wre, der Geist des Waldes. Er schleicht neben uns her, belauscht uns,
beobachtet uns, zuweilen glaubt man seine Augen sehen zu knnen, aber
sobald man hinblickt, zieht er sich ins Dunkel zurck. Die Nacht ist
wundervoll! Ja, diese Nacht ist so herrlich! Fhlen Sie? Sprechen Sie ein
wenig, es ist so schn die Stimme einer Frau des Nachts im Walde zu hren.
Ihre Stimme ist sehr schn und weich. Sie sprechen auch ein wenig
eigentmlich, einen fremden Akzent --

Das ist gemacht, sagte Adele. Ich liebe das Fremde! Sie lchelte und
sah Grau an, dann blickte sie wieder zu Boden und fuhr fort: Wie leid tut
es mir nun doch, da Sie auf dem Liederkranzball nicht in ein Gesprch mit
dem Baron gekommen sind, Sie wrden eine ganz andere Meinung von ihm
bekommen haben. Er ist sehr gebildet und sehr klug und liebenswrdig.
Freilich, er ist zumeist so mde, da er nicht spricht. Er liebt das
Herrische, er hat zwei schwere Duelle ausgefochten; wegen seines Armes
konnte er ja nicht dienen, aber er ist trotzdem mit Leib und Seele
Offizier. Ich liebe ebenfalls das Heldenhafte, Kampf und Krieg und was es
auch sein mag. Das Leben aufs Spiel setzen, ein Leben unter Gefahr -- ich
liebe das! Der Baron ist ja nicht gerade schn, aber er sieht sehr gut aus,
mnnlich sieht er aus, sogar etwas rauh. Aber so soll ein Mann aussehen.
Ich habe Ihnen schon gesagt, da er etwas altmodisch denkt, das ist der
Einflu seiner Familie, seiner Mutter und Tanten -- er sagt zum Beispiel,
der Mann gehrt auf die Jagd und die Frau ins Boudoir, der Mann ist der
Beschtzer der Frau und betet sie an, die Frau habe nichts anderes zu tun
als schn zu sein und ihn zu lieben und ihre Kinder zu erziehen. Nun, Sie
sagen gar nichts, Herr Grau?

Ich habe kein Recht, mich zu uern, antwortete Grau ausweichend.

So mssen Sie es nicht auffassen, Herr Grau. Adele lachte leise. Es ist
ja gut, wenn wir uns aussprechen, nicht wahr? Vielleicht tun Sie dem Baron
doch unrecht --

Ich habe ja gar keine Meinung ber den Baron, entgegnete Grau, ich kenne
ihn ja gar nicht. Es handelt sich ja auch nicht darum, ich glaube nur --

Nun?

Es ist vielleicht besser, wenn ich nichts sage. Ich habe kein Recht dazu.

Aber ich bitte Sie darum, Herr Grau.

Grau schttelte den Kopf. Ich habe kein Recht dazu, Frulein von
Hennenbach. Aber ich kann eines eigentmlichen Gefhls nicht Herr werden --
ich fhle das, fhle das so unsagbar stark -- da in Ihrem Verhltnisse zu
dem Baron etwas nicht in Ordnung ist. Verzeihen Sie mir, bitte. Vielleicht
ist Ihre Neigung --

Ich liebe ihn sehr!

Aber vielleicht lieben Sie ihn nicht genug, um seine Frau zu werden?

Adele blickte auf den weien Stamm einer kleinen Birke, der im Mondlicht
leuchtete, und sagte: Ich liebe ihn, ja. Oft denke ich, ich liebe ihn
nicht genug, aber je mehr ich ihn kennen lerne, desto mehr liebe ich ihn.
Ganz abgesehen davon, zumeist sind sogenannte Vernunftehen glcklicher als
Liebesheiraten -- ich sage ja nicht, da ich den Baron nicht liebe, aber
--

Trotzdem erscheint es mir besser, an einer Liebesheirat zugrunde zu gehen
als in einer Vernunftehe zufrieden zu werden, entgegnete Grau.

Adele lachte leise. Sie sind ein Trumer! sagte sie. Man nimmt die Ehe
ja gar nicht so wichtig in meinen Kreisen.

Nicht? fragte Grau verwundert, beinahe erschrocken.

O nein, sagte Adele und frstelte, whrend ihre Lippen lchelten.

Unmglich! Grau schttelte den Kopf. Ich habe darber nachgedacht,
sagte er nach einer Weile, und die Ehe gehrt zu jenen Dingen, die ich nie
zu Ende denken kann. Es gehrt ein beispielloser Mut oder ein groer
Leichtsinn dazu, eine Ehe zu schlieen. Ja, denken Sie sich: Die Ehe! Sie
sind nicht mehr allein, Sie sind zu zweien. Sie haben zu jemandem gesagt,
wir wollen bis zum Tode zusammen durchs Leben gehen! Sie sind pltzlich ein
anderer Mensch geworden. Es ist als ob Sie immerfort einen vornehmen Gast
im Hause htten. Sie waren vielleicht gut genug, um allein zu sein, aber
jetzt finden Sie, da Sie sich bessern mssen, in jeder Beziehung, da Sie
den Gast im Hause haben. Wenn Sie allein sind und Sie haben einen
schlechten oder kleinlichen Gedanken, Sie sind allein, versuchen Sie mit
sich selbst fertig zu werden -- nun aber? Wenn er wte, da Sie diesen
niedrigen Gedanken haben, wrde er nicht von Ihnen gehen? Beleidigen Sie
ihn nicht durch den niedrigen Gedanken oder ein armseliges, kleinliches
Gefhl. Sie mssen Ihre Gedanken und Gefhle veredeln, nun, da Sie den Gast
im Hause haben, gleichsam geschmckt wie zu einem Feste mu allezeit Ihre
Seele sein. Sie konnten frher nachlssig und trge sein, aber jetzt wre
es ja eine Krnkung Ihres Gastes, Sie mssen dreifach eifrig sein. Sie
mssen den Gast bewirten mit guten Gedanken und groen Gefhlen, Sie mssen
seiner wrdig zu werden trachten. Das Leben ist lang und Sie mssen doch
jeden, jeden Tag und jede, jede Stunde und jede, jede Minute mit einer
festtglich geschmckten Seele vor ihn hintreten. Und jeden, jeden Tag, der
kommt, mssen Sie neu sein, erneuert, denn Sie drfen ja nicht still
stehen, was wrde Ihr Gast dazu sagen? Keinen unschnen Gedanken, kein
unschnes Gefhl drfen Sie mehr haben, ja nicht einmal eine unschne
Gebrde -- keine Mdigkeit, kein Sichgehenlassen -- es ist ja schwer, es
ist ja unendlich schwer und Sie mssen alle Ihre Kraft zusammennehmen, um
vor Ihrem Gaste bestehen zu knnen, um seine Nachsicht zu verdienen.

Ich denke, es ist, als ob die beiden, die bis zum Tode durchs Leben
zusammen wandern -- als ob die beiden eine Kathedrale zusammen errichten
wollten -- eine herrliche stolze Kathedrale aus Schnheit und Reinheit. Von
dem Tage an, da sie einander begegneten, beginnen sie zu bauen. Nur mit den
schnsten und reinsten Gefhlen knnen sie die Kathedrale errichten. Die
beiden sind vielleicht im Leben schon da und dort angestreift -- aber die
Kathedrale, die Idee ihrer Ehe, die knnen sie ja herrlich und gro
errichten. Und die beiden haben vielleicht nicht das Recht, diese heilige
Kathedrale zu betreten, die sie bauten und schmckten, nein, vielleicht ist
die Kathedrale nur ein groes khles Heiligtum ber der Wiege ihres
Kindes!

Ach, es ist ja so schwer, so schwer! fgte Grau kopfschttelnd hinzu.
Und denen, die es wagen, denen soll man Glck und Ausdauer wnschen! Ja,
man soll fr sie beten. All die Tausende, die es nicht wagen oder nicht
wagen knnen, die sollen fr die wenigen beten, die es wagen. Weil es so
schwer ist -- und so herrlich, es zu unternehmen.

Adele sah lchelnd auf den Weg. Wie Sie es doch auffassen! sagte sie
leise. Und die Liebe? Wie denken Sie darber?

Sie wandte Grau ihre hellen Augen zu.

Grau lauschte. Hren Sie das feine Sausen, das rings im Walde geht? sagte
er. Hren Sie es? Bald ist es ferne, bald ist es ganz nahe bei uns. Es
macht alles zum Traume, da wir hier gehen, ist es nicht wie ein Traum?
Sind wir nicht wie ein Traum im dunkeln Haupte des Waldes? Ich lebe und bin
reich, weil ich hier mit Ihnen gehen darf. Sie hren mir zu, wenn ich
spreche, wenn ich in meinen drftigen Worten auszudrcken versuche, was ich
empfinde, wie ich es empfinde, so geduldig und aufmerksam hren Sie mir zu.
Ich danke Ihnen dafr, Frulein Adele. Ich bin Ihr Freund und das macht
mich glcklich. Sie sagten vorhin, es freue Sie, wie glcklich mich das
gemacht hat!

Sie fragen, wie ich ber die Liebe denke? Lassen Sie mir Zeit. Sehen Sie
wie das Licht berall glitzert, es hngt in Tropfen an den Zweigen, es
klettert an den Bumen empor, bis in die feinsten Nadeln! Wie schn ist
das! Ja, ich sage -- Sie singen ein Lied, und es gibt ja wundervolle Lieder
-- Sie singen es und mitten darin bricht Ihre Stimme -- denn pltzlich
fhlten Sie, wie schn das Lied ist. So ist die Liebe! Es gibt im Werke der
Orgel eine Stimme, die die menschliche Stimme heit, ein ser, fltender,
lebendiger Ton, der durch alle andern Tne dringt, ber ihnen schwebt --
das ist die Liebe. Ich will Ihnen gern sagen, wie ich darber denke -- denn
es ist ja so schn zu sehen, wie Sie zuhren.

Grau schwieg eine lange Zeit und sah sie an. Er hatte pltzlich den Mut zum
Sprechen verloren. Adeles Miene hatte ihn betroffen gemacht. Sie blickte
auf den Boden, ihr Antlitz war khl, fast abweisend, sie lchelte leise,
fast spttisch.

Nun? sagte Adele und sah auf.

Aber Grau schwieg und blickte sie an.

Sprechen Sie doch! sagte Adele ungeduldig. Sprechen Sie doch. Es ist
schn Ihnen zuzuhren und ich mchte gern wissen wie Sie ber dies und
jenes denken.

Er sah, da sie an der Lippe nagte.

Was ist Ihnen? sagte er. Ich spreche ja gern, aber was ist Ihnen? Sie
erscheinen bedrckt, ja, fremd erscheinen Sie mir. Wollten Sie doch
glcklich sein? Aber Sie sind ja nicht glcklich!

Adele lachte leise. Ja, mein Gott, was tue es? Was schade es im groen und
ganzen, da sie nicht glcklich sei? Sie rechne stets damit unglcklich zu
sein und zu werden, es msse so sein. Ja, wenn man ihr hier das Glck
herlege und hier das Unglck --

So werden Sie das Glck whlen! sagte Grau.

Wirklich? Adele sah ihn an. Nein, nein, ich werde es nicht tun. Ich
werde das Unglck whlen, es liegt in meiner Natur. Und sobald ich etwas
Glck in mir fhle, zerstre ich es ja doch! Ich wrde das Unglck whlen
-- sie hielt inne und fgte zgernd und leise hinzu: Oder wrde ich das
Glck whlen?

Sie wrden es wohl tun! sagte Grau. Denn alle -- wie wir leben -- wir
mgen uns noch so gleichgltig und trotzig gebrden, wenn wir allein sind,
verzehrt sich unser Herz doch vor Sehnsucht nach dem Glcke. Nein, nein,
Sie sind in einem Irrtum ber sich selbst befangen, wenn Sie das glauben.

Adele nickte. Ich bin in einem Irrtum -- in einem Irrtum ber mich selbst
befangen, sagte sie. Vielleicht, vielleicht? Oft scheint es mir selbst
so, Sie haben recht. Oft scheint es mir, als ob ich meine Vision vom Leben
verloren htte. Was frher fr mich gro und schn war -- wte ich es doch
noch! Ich habe mit so vielen Menschen gesprochen, jeder sagte etwas andres
und keiner das gleiche, ich habe so viele Bcher gelesen und gelesen und
gesucht -- jeder groe Geist hat mich berzeugt und mitgerissen -- nun wei
ich gar nichts mehr. Wer bin ich eigentlich und was bin ich? Oft habe ich
Sehnsucht nach Ruhe, nach dem Vergessen und oft bin ich mde und ich mchte
mich fallen lassen -- wohin ich auch falle. Ja, oft hab' ich ein Verlangen
nach unten -- denn da ist kein Kampf mehr, es ist verlockend zugrunde zu
gehen und gar nichts mehr zu sein. Oft habe ich diesen Wunsch, es ist die
Wahrheit, ach, Sie brauchen mich nicht so entsetzt anzustarren und nicht
den Kopf zu schtteln -- ich kenne mich ja am besten. Wenn ich nun den
Baron heirate, was schadet es? Zumal er mir ja sehr sympathisch ist. Sie
knnen recht haben, es ist vielleicht nicht alles, wie es sein sollte und
wie ich es mir wnsche, aber was schadet es, was liegt schlielich an mir?
Nichts. Alle machen es so, denn alle werden nach und nach mde und geben
sich auf und gehen nach unten. Vielleicht ist das ein Gesetz der
menschlichen Natur? Ach, lassen Sie mich sprechen -- ich liebe den Reichtum
und der Baron ist reich. Ich habe unaussprechliche Furcht vor Armut und
Drftigkeit -- grauenhafte Furcht und vor nichts habe ich solche Furcht wie
davor, selbst vor dem Tode nicht. Ich liebe Bequemlichkeit, Luxus und
Nichtstun. Ich bin ehrlich und sage Ihnen all das, es ist die volle
Wahrheit. Oft denke ich an das Glck und an die Liebe -- so fern ist es fr
mich -- und ich denke, es ist nicht fr mich, es liegt nicht in meiner
Natur. Wenn ich eine junge Schwester htte, die ich liebte, sie sollte es
haben, das Glck und die Liebe, die Schnheiten des Lebens, sie und ich
wrde es mit ansehen. Fr mich ist es ja nicht geschaffen. Ich hre Ihnen
zu, ja, es lockt mich, aber ich glaube nicht daran, das ist es. Es ist
alles so schn, zu schn, ich glaube nicht daran.

Sie schwieg und brach einen Zweig in kleine Stcke. Die Stcke streute sie
auf den Weg. Das letzte Stckchen wollte nicht brechen, sie bog es zwischen
den Fingern, aber es brach nicht. Sie lie es fallen.

Ihre Schritte glitten lautlos dahin, denn hier lagen Nadeln und der Weg war
von Moos berwachsen.

Es hauchte hoch oben in den Wipfeln. Wie ein Bach im flachen Lande, mit
vielen Inseln und Kanlen und Adern, so flo ber ihren Huptern der
tiefblaue Nachthimmel dahin, kleine und groe Sterne trieben darauf und
glitzerten.

Nach langem Schweigen sagte Grau: Wir Menschen frchten uns ja nicht so
sehr vor dem Unglck, aber es graut uns davor elend zu werden!

Adele zuckte zusammen.

Davor graut Ihnen ja so sehr! fuhr Grau eindringlicher fort, indem er
Adeles Arm leise berhrte. Ihr erschrockener Blick streifte ihn. Tag und
Nacht graut Ihnen davor. Nicht davor wrde Ihnen grauen, etwas Schlechtes
zu begehen, denn es wre vielleicht Trotz und Wille und Tat darin, aber es
graut Ihnen davor unterzusinken in Unwrdigkeit. Ich habe auch wieder von
jener Frau getrumt, die Ihnen hnlich sieht -- der Traum erschreckte mich,
warnte mich --

Adele machte eine abwehrende, fliehende Bewegung. Aber Grau berhrte
wiederum ihren Arm.

Begehen Sie kein Verbrechen an Ihrer Seele, Adele! flsterte er.

Lassen Sie mich, lassen Sie mich doch! sagte Adele bleich. Weshalb
qulen Sie mich denn?

Sie legte die Hnde an die Ohren, als Grau wieder zu sprechen begann, und
sah ihn mit zu schmalen Spalten zusammengezogenen Augen an.

Grau blickte sie an. Er war bleich vor Erregung.

Verzeihen Sie! stammelte er. Oh, was habe ich doch getan. Es ist ja so
unrecht von mir.

Er lchelte schmerzlich und fuhr leise fort: Ich sehe Sie an, wie schn
sind Sie doch! Wie Sie den Kopf tragen, Ihr Gang, Ihr Wandeln! Es steht ein
groer Geist auf und alle Menschen lauschen auf ihn und sie sagen: Der
Weltgeist spricht aus ihm. Sie sehen eine Rose an, die Rose ist schn, ein
eigentmliches Gefhl erfat sie: Der Weltgeist ist in der Rose, er duftet
aus ihr, er glnzt aus ihr. Ich sehe Sie an. Adele -- der Weltgeist strahlt
aus Ihnen! Sie sind seine Priesterin, geschaffen umherzugehen und die
Menschen mit Ehrfurcht zu erfllen vor seinem Werke. Ihre Bahn sollte wie
die Bahn eines Gestirnes sein, erhaben und gewaltig und sichtbar allen
Blicken. Das ist Ihre Mission, ich will Ihnen sagen, was Ihre Mission ist!
Das ist sie! So fasse ich es auf, so scheint es mir. Jeder Mensch mu doch
eine bestimmte Mission haben und das ist die Ihrige!

Adele hatte die Hnde halb sinken lassen und hrte ihm zu, den Blick in
seine Augen gerichtet.

Sie sind ein vollendetes Werk des Schpfers und haben Ihre Mission zu
erfllen, setzte Grau hinzu, und deshalb hat er Ihnen jenes schreckliche
Grauen vor der Unwrdigkeit in die Brust gelegt.

Nein, nein -- stammelte Adele und entfloh.

Adele! sagte Grau und sie blieb stehen. Ihre Lippen bebten und sie sah
ihn nicht an. Sie hatte abwehrend die Hnde an die Brust gezogen und Grau
ergriff ihre Hnde.

Er sah sie an und lchelte wehmtig und scheu. Sie sollen nicht vor mir
fliehen, flsterte er, denn ich habe ja kein Arg im Herzen gegen Sie.
Hren Sie: Einmal lag ich als Knabe in einer Wiese und alles war so
wunderbar schn, so ganz anders schn, und ich hrte zum erstenmal eine
Stimme in mir sprechen. Dieser Augenblick bestimmte mein Leben. Als ich
Abschied nahm aus dem Blindeninstitut, da kamen alle meine Kinder und
kten mich auf die Wange. Alle waren blind und alle spitzten die Lippen
und drckten sie hei an meine Wange. Was ich damals fhlte! Seitdem
nderte sich abermals mein Leben. Dies sind meine grten und schnsten
Erlebnisse. Dann sah ich Sie -- ich war ja so scheu Ihnen gegenber, weil
Sie so vornehm und schn gekleidet sind und weil Sie so schn sind. Aber
da ich Ihr Freund geworden bin, das ist das schnste und grte Erlebnis
meines Lebens, Adele. Aus Ihnen strmte mir Kraft und mein Leben wird sich
ndern, ich wei es, vielleicht werde ich jetzt gut und gerecht werden. Ich
danke Ihnen, Adele! Sie sollen mir vergeben, alles vergeben. Was ich jetzt
sagte, was ich ber Ihr Verhltnis zu dem Baron sagte, alles, alles, ich
habe ja nicht das Recht dazu. Als Sie mir sagten, da Sie reisen wollten,
von diesem Augenblick an hatte ich nicht mehr das Recht zu sprechen. Sie
wissen wohl warum, Sie wissen es recht gut.

Adele zog ihre Hnde zurck und blickte ihn erschrocken an, aber in ihren
Augen begann es zu leuchten.

Es ist nicht ntig, da Sie mir antworten, ich werde Sie nichts fragen.
Sie sollen nichts sprechen, kein Wort, ach, das will ich ja alles nicht.
Reisen Sie! Reisen Sie ruhig. Ich mchte nicht auf Ihre Entschlsse
einwirken. Sie gehen, gut, ich bleibe. Sie sollen mir nicht antworten, ich
frage nichts, aber ich will Ihnen alles sagen. Ich habe Sie geliebt, als
ich Ihr Haar gesehen hatte, Ihren Gang. Das war als ich ankam hier, auf dem
Bahnhof. Aber ich habe es nicht gewut. Der Schnee lag auf dem Dache Ihres
Hauses und er kam mir wie etwas ganz Besonderes vor. Im Frhling stand in
Ihrem Garten ein blhender Apfelbaum und ihn liebte ich am meisten von all
den blhenden Bumen. Nie in meinem Leben werde ich ihn mehr vergessen,
seine Gestalt, seinen Glanz in der Sonne, nie mehr, obgleich ich so viele
blhende Apfelbume gesehen habe. Damals wute ich das schon! Wissen Sie,
wie das ist, Sie sitzen ruhig und pltzlich steigt Ihnen das Blut zu Kopf,
Ihr Kopf wird hei, glhend hei, und Sie wissen eigentlich nicht warum --
ein Gedanke, eine Ahnung, die in Ihnen aufsteigt! So kam es ber mich und
dann wute ich es. Ich habe nicht gegen das Gefhl angekmpft, nein, ich
habe es nicht getan, denn tat es Ihnen weh, tat es Ihnen Unehre? Ich habe
Ihren Namen nie ausgesprochen, aber er war in mir, er lebte in mir
verborgen, wie ein Vogel im Walde lebt. Wenn Sie kamen, wenn Sie gingen,
wie mir da war! Nie werde ich es sagen knnen. Sonnenaufgang,
Sonnenuntergang -- und ich sagte guten Tag und Adieu, kleine Worte.

Je lnger Grau sprach, desto bleicher wurde er, desto verzckter wurde sein
rasches Lcheln, desto glnzender und begeisterter sein Blick. Adele wich
gleichsam mehr und mehr zurck, obgleich sie sich nicht von der Stelle
bewegte, der Ausdruck ihrer Augen wechselte rasch, Freude, Schreck, Liebe,
Scheu.

Aber Grau hielt ihre beiden Hnde und sprach und sprach.

Ich werde die Stelle in meinem Zimmer nicht mehr vergessen, wo Sie
standen, immer werde ich Sie sehen und ob ich auch hundertmal im Tage hin-
und herginge. Ich sage es Ihnen, ich mu, Sie brauchen mir nicht zu
antworten. Sie haben mich ja so reich beschenkt --

Pltzlich stockte er, er wurde totenbleich, er zitterte, er schlo die
Augen und schwankte.

Was ist Ihnen? fragte Adele.

Er lchelte und schttelte den Kopf und ffnete wieder die Augen. Er atmete
tief auf.

Verzeihung, sagte er, es war nur ein Augenblick -- Antworten Sie mir
nicht, ich frage nichts, ich will nichts -- ich danke Ihnen, da Sie
zuhrten. Vergeben Sie mir. Reisen Sie! Reisen Sie und werden Sie
glcklich.

Adele fate Graus Hnde fester, sie schttelte leicht den Kopf, schttelte
ihn immerzu, ein feines, frohes Lcheln erschien auf ihren Wangen.

Nein, nein! flsterte sie. Ich werde nicht reisen, nein, nein.




Elftes Kapitel


Grau ging mit Adele durch den stillen Wald.

Liebe ist ja alles. Adele, Liebe ist ja berall, ohne Liebe ist ja
nichts, sagte er und kte ihre Hand.

Sie ist so alt wie Gott und war im ersten Lichte und ist im Licht und ist
das Beben des Lichtes. Sie hat alles durchdrungen und du findest kein Atom
der Welt, das sie nicht durchdrungen htte. Im Schlechten ein gehetzter
Funke, im Guten ein Feuer.

Ohne Liebe gibt es ja kein Verstehen, ohne Liebe gibt es keine Wahrheit.
Sie ist die Seele der Welt, das Geheimnis und sein Schlssel. Sie ist das
Ganze und der kleinste Teil.

Dein Leben ist mein Leben, Adele, dein Tod mein Tod, dein Tag mein Tag,
deine Nacht meine Nacht, flsterte er und kte ihr die Hand. Warte. Er
bckte sich.

Willst du nicht den Tau haben, Adele? Nimm ihn, ffne deine Hand, da ich
ihn aus den Blumen in deine Hand klopfe. Das ist der Tau, Adele!

Adele lachte. Niemals lachte sie so glcklich.

Ja, la uns leben! rief sie aus. La uns frhlich sein und leben. Fliehe
mit mir, ich will dein sein!

                   *       *       *       *       *

Der Tag nahte und Grau sa oben auf der Hhe auf einem Stein. Er regte sich
nicht, er sa wie ohne Leben, er lchelte mde, seine Augen leuchteten.

Es ist zuviel, flsterte er, es ist zuviel!

Die Vgel begannen zu zwitschern. Er hrte es. Tau fiel ins Gras, kleine
glitzernde Welten tropften von den Bumen. Er regte sich nicht. Er
lauschte.

Grau, Grau, der Glckliche! zwitscherten die Vgel. Er lauschte: Im ganzen
weiten Walde zwitscherten Tausende von Vgeln: Grau, Grau, der Glckliche!

Die Sonne ging auf. Er sah sie kommen. Er lchelte. Feurige Wolken flogen
im Osten herauf, Milliarden von Seelen standen auf den goldenen Wolken und
winkten und fuhren dahin ber die Erde. Das Gestirn erhob sich im Triumph.
Da glnzte die Ebene, da glnzte die Welt.

Die Erde ist eine Freudentrne, die aus Gottes Auge fiel, dachte Grau und
stand auf und badete sein Gesicht im Lichte.




Zwlftes Kapitel


Grau ging rasch und schwebend einher. Er hatte ein Gefhl, als sei seine
Brust angefllt mit Licht und blendender Helligkeit. Er sprte den Schein
seiner Augen.

Alle Dinge kamen ihm verndert vor, schner, verklrt, die Blumen
leuchtender, die Haut der Kindergesichter heller, die Augen der Menschen
strahlender. Als er durch seinen kleinen Garten schritt, der in der
Frhsonne leuchtete, blieb er erstaunt stehen; er hatte ja nie zuvor
gesehen, wie schn der kleine Garten eigentlich war. Alle Blumen schienen
ihm zuzulcheln.

Er setzte sich augenblicklich nieder und schrieb fieberhaft einige Briefe.
Ja, du guter Gott, was gab es doch alles zu tun! Verbindungen muten
angeknpft werden, alles wollte ja vorbereitet sein. Er wollte arbeiten,
arbeiten, Tag und Nacht wollte er arbeiten, es war ja eine Freude, eine
Lust. Alles, alles mute anders werden, sein ganzes Leben neu; keine
Trgheit und Schlaffheit mehr, eifriger, reger, ttiger mute er werden!

Dann hatte er eine Unterredung mit Eisenhut. Eisenhut verstand ihn nicht
und fragte neugierig, aber Grau lie sich nicht auf Erklrungen ein. Auf
Eisenhut war in jedem Falle zu rechnen. Danke, Eisenhut, Freund! Adieu!

War es nicht sonderbar, da heute alle Menschen lchelten? Da gingen sie
dahin mit einem kleinen Glck im Herzen. Grau hatte Lust, ihre Hnde zu
erfassen, sie zu umarmen, er grte liebenswrdiger als je, sah ihn jemand
an, so hatte er sofort ein freundliches Wort fr ihn. Die Leute sahen ihm
erstaunt ins Gesicht. Ein glckliches Lcheln lag auf seinen knabenhaften,
roten Lippen, seine Augen leuchteten wie stille Feuer. Er hatte es sehr
eilig und besuchte einen alten Tagelhner, plauderte mit ihm, ermutigte
ihn, dann sprach er mit einem Stadtrat, jenem Messerschmied Ulrich, dessen
Bart hnlichkeit hatte mit einem Zopfe, um dem Tagelhner einen Platz im
Armenhaus zu verschaffen. Hierauf gab er zwei Stunden Unterricht in der
Schule und als er damit fertig war, kaufte er fr zwanzig Pfennig Kuchen
und lud sich eigenmchtig bei der ewigen Braut zum Kaffee ein. Er traf es
gnstig, Frulein Sperling war in festlicher Stimmung. Auf dem Tische stand
ein Strau von Kornblumen, heute war der Geburtstag des Brutigams. Sie
plauderten und zuweilen lachten sie beide laut heraus. Frulein Sperling
legte den weiblonden Kopf auf die Seite und lchelte Grau kokett zu.

Immer noch stand die Sonne mitten am Himmel! Wollte denn dieser Tag kein
Ende nehmen?

Aber endlich wurde es dunkel und Grau verschwand irgendwohin. Er wartete
oben auf der Hhe. Da sa er am Rand des Waldes, breitete die Hnde vors
Gesicht und lachte und weinte.

Es war ja nicht auszudenken, dieses Leben, dieser Glanz vor ihm, dieser
Reichtum, so unerwartet und pltzlich! Da ihm, ihm, ihm dieses Glck
beschieden wurde, warum, weshalb? Gerade ihm dieses verwirrende Glck? Er
konnte nicht daran denken. Er konnte nicht an die Zukunft denken, nein, das
blendete, er konnte nicht an die vergangene Nacht denken, nein, nein, das
funkelte. Er hrte ja immer noch wie die Vgel heute morgen im Walde
zwitscherten --

Adele kam nicht in der ersten Nacht, auch nicht in der zweiten und dritten.
Aber Grau erhielt ein Billet. Mama ist nicht wohl. Ich bin dein, warte!
stand darin, sonst nichts.

Gewi, er wartete!

                   *       *       *       *       *

Schne Tage sind nun fr dich gekommen, mein Herz, sprach Grau zu seinem
Herzen. Freude und Glck, du hast Gnade gefunden vor dem Schicksal.
Jubele!

Tag und Nacht pochte Graus Herz laut in der Brust.

Es ist schn geradeaus zu blicken, nach oben und unten, alle Dinge sind
freundlich. Es ist schn die Augen zu schlieen und in die Brust
hineinzublicken, wo es funkelt von Herrlichkeiten.

Die Tage waren schn, und schner noch waren die Nchte. Die Tage waren
sonnig und hei, die Nchte warm und nahezu silberwei vom Mond und den
vielen, vielen Sternen. Die Stadt lag ganz in Sonne gebettet und funkelte
wie ein Schmuck in einem Blumenstrau. Freundliche Wolken zogen langsam
ber den tiefblauen, glnzenden Himmel, oft blieben sie stundenlang an der
gleichen Stelle stehen, es war gnzlich windstill. Manchmal regnete es, nur
fnf Minuten lang, whrend die Sonne schien, dann war die Luft um so
kstlicher und alle Dfte des Sommers erwachten um so strker.

Es war so schn und Grau war so glcklich, da er pltzlich zu sich sagte:
Knnte ich mir nicht einige Tage Ferien geben, wie? Zwei, drei Tage, an
denen ich nur das Notwendige verrichte? Ja, ja, weshalb nicht, gehen und
wandern, schauen und fhlen.

Er ging und ging und war immerzu unterwegs. Bald ging er in einem
Eichenwalde, den die Sonne vergoldete, bald zwischen den Kornfeldern, die
sich schwer neigten, wieder da geno er die leise Musik und Erquickung
eines Baches, der sich durch die Wiesen schlngelte. Freude erfllte seine
Brust. Er fhlte sich gesegnet, beschenkt, geschmckt. Zuweilen nahm er
Adeles Billet aus der Tasche, las es, nickte und steckte es wieder
sorgfltig ein.

Ich darf ja nicht daran denken, sagte er und lachte und schttelte den
Kopf. Es ist ja zuviel!

Grau ging auf der Hhe, die der Sommer geschmckt hatte, es sang und klang
im Tale, und er dachte an all das frhliche Leben auf der grnen Erde. Wie
es wimmelte! berall wimmelte es, in den Stdten, den Werksttten, den
Bahnhfen, den Schiffen, den Bergwerken. Und zu denken, da es immerzu
lacht und singt auf der Erde! Da ist die Schule zu Ende, da ist eine
Hochzeit, dort ist ein Bankett, ein Ball, diese Stadt hat geflaggt und in
jener ist ein Feuerwerk. All die Freude, die jetzt in diesem Augenblick auf
der Erde ist! Immerzu lacht und singt es auf der Erde, es lacht, kichert,
jauchzt, jubelt. Und weshalb sollten die Menschen auch etwas anderes sein
als die Vgel im Walde?

Grau stieg hinunter durch ein schmales sanftes Tal. Das Gras hier war
saftig und vom tiefsten Grn. Er ging nach Hause und legte sich in seinem
khlen, dmmerigen Zimmer zur Ruhe nieder. Augenblicklich schlummerte er
ein und obwohl er schlief, empfand er lange noch die Kstlichkeit seines
Schlafes. Dann kam ein groer Tonknstler in seinen Traum, der sich vor
eine Orgel setzte und spielte. Grau sa in einem hohen Stuhle und hatte
nichts zu tun als zuzuhren. Pltzlich brauste die Orgel: Auf, auf! Und er
fuhr empor. Ja, es war Zeit, die Sonne war im Begriffe zu sinken.

Die Sonnte brannte noch auf seinem Rcken, als er zwischen Obstgrten und
Weinpflanzungen empor zur Hhe stieg. Aus dem Walde hauchte Schwle, Grau
legte sich am Rande in das erfrischend duftende Gras, sttzte den Kopf in
die Hand und begann augenblicklich zu warten, obgleich er wute, da Adele
erst kommen konnte, wenn es ganz dunkel war.

Die Sonne glhte in den sanften Hhenzgen im Westen, die gleichsam
zerschmolzen und sandte breite Garben von rotem Feuer ber die Ebene. Der
Flu brannte. Die Stadt unten sah aus als sei sie aus einem Berge von
dunklem Golde gegraben. Der Glanz erlosch, die Wlder auf den Hhen
errteten. Im Tale stieg blauer Rauch auf wie von einem Schusse, aber er
verging nicht mehr, er verteilte sich, wurde dichter und endlich erfllte
der Nebel das ganze Tal. Alle Farben erblaten, in der Ferne blitzte ein
kleines Feuer, das heller und heller flackerte. Nun war es pltzlich still
geworden. In der Stadt luteten die Glocken und dann war es lange ruhig,
bis die erste Grille zu zirpen begann.

Am Himmel flimmerte ein kleiner Stern, dann tauchte der Abendstern auf,
gro und feierlich, wie eine Fackel, die vor der Nacht einherschritt. Und
jetzt kam die Nacht.

In der Dunkelheit, da und dort, sprhte geheimnisvolles Licht, aus der
Stille kamen merkwrdige Stimmen und Laute, der Wald dehnte sich, ein
warmer Strom von Wohlgerchen zog daher, die Luft fllte sich mit Leben.
Grau bekam wunderliche Besuche, kleine Milben, das Silber des Mondes auf
den Schwingen, Kfer, Spinnen und Falter, fein wie ein Stckchen Seide, ein
Eckchen Samt. Der Himmel war pltzlich berst von Sternen, der Mond ging
auf.

Die Sommernacht funkelte.

Wenn du das nicht fhlst? dachte Grau. Vielleicht ist es einerlei ob du gut
oder schlecht bist, aber wenn du das nicht fhlst? Es gibt ja soviel Gutes,
das Gute wchst ja immerzu, eine Schlechtigkeit kann es nicht schmlern und
Gott wird dir vergeben. Er wird dich vielleicht wieder und wieder den Weg
des Fleisches schicken, bis deine Seele edel und reif geworden ist, er wird
vielleicht dem Trotzigen vergeben und dem Zweifler und seinem Feinde
vielleicht, aber wenn du das nicht fhlst? Wenn du kalt bist und spottest,
vielleicht htte er dir eher die groe Missetat vergeben.

Es rauschte! War sie es, die kam?

Grau wartete. Sein Herz war so reich, da er die Stunden nicht zhlte. Er
lag im Grase und atmete. Je tiefer die Nacht wurde, desto tiefer atmete er
und endlich atmete er wie alles ringsumher, die Bume, die Grser.

Und er lchelte.

Zu denken an den gewaltigen Weltenatem! Wie?

Wir spren ihn ja nicht, aber sein Hauch traf auch die Erde, deshalb atmete
sie und alles, was auf ihr ist, die Luft, das Meer, das Feuer, die Tiere,
alles, alles atmet.

Zu denken, da das ganze Weltengebude ewig zittert und bis in die
kleinsten und fernsten Teile immerzu bebt von der groen schwingenden
Kraft! Wir fhlen sie ja nicht, aber sie ist in allen Dingen. Wie die
Sterne schwingen, so schwingt die Erde und wie die Erde schwingt, so
schwingt das Blut in den Adern der Menschen.

Und berall pocht und pulst und bebt es! In den Urwldern, den Smpfen, wo
es gurrt und miaut, in der Brust der Vgel und des Tigers, der auf Raub
ausgeht, berall pocht es, die ganze Welt ist ja nichts als ein einziges
groes pochendes Herz!

Zu denken, da sie nichts ist als ein groes pochendes Herz! All, all das
zu denken!

Grau schwindelte und er schttelte den Kopf.

Da knackt es und Schritte kamen. Adele? Nein, es war ein Reh, das aus dem
Walde trat um zu sen, ein feines, junges Tier, das sich zierlich auf den
dnnen Lufen bewegte.

Und wieder wartete er und lie sich von seinem Glcke dahintragen. Es
schaukelte ihn wie ein warmes, funkelndes Meer.

Er lauschte erstaunt: In seinem linken Ohre sang jemand ein Lied!

                   *       *       *       *       *

Nahm es denn kein Ende, dieser Reichtum, dieses Glck? Zuweilen fuhr es
ber ihn dahin wie ein heier, erstickender Sturmwind, zuweilen sang es ihm
leise und fein wie eines Vogels Stimme, zuweilen lag es vor ihm ruhig und
unendlich wie ein goldenes sanftes Meer.

Unaufhrlich spielten die Gedanken in seinem Kopfe, seine Augen waren
schrfer geworden, seine Ohren feiner, sein Gefhl lebendiger. Er fhlte
wie das Zittergras zitterte, er fhlte es, wie all diese kleinen
wunderschnen Herzen des Zittergrases bebten, er fhlte wie der Zweig eines
Baumes schwankte. Es war so schn in dieser Welt zu leben, wo alle Dinge so
schn und sinnreich waren, selbst die unscheinbarsten. Da hast du die
Blumen, ganz schlichte unscheinbare Blumen, sie haben die Farben der Sonne
aufgesaugt und strahlen sie zurck, sie sind aber nicht nur schn, sie
stehen nicht umsonst da, sie sind notwendig fr die Quellen und die Luft;
da hast du die Biene, sie geht nach Honig aus, aber sie ist nicht umsonst
da, sie befruchtet die Blumen. Da hast du --. Alles, alles verschlingt
sich, verwebt sich, jedes kleinste Ding hat Beziehung zu dem Ganzen,
geheimnisvollen Zweck, es wirkt und dient, auch der Mensch, nichts anderes
als ein Faden in dem rtselhaften Gespinst der Welt ist er. Er mag ein
Unternehmer sein, der eine Eisenbahn baut, ein Erfinder, ein Knstler, ein
Denker, einerlei -- er arbeitet fr Geld und Ruhm, ja, und doch dient und
wirkt er, ob er will oder nicht, der Unternehmer, der die Bahn baut, dient
der Verbrderung der Menschen, der Erfinder spart ihnen Zeit, der Knstler
verfeinert Sinne und Geschmack, der Denker vertieft ihren Sinn -- alle,
alle arbeiten sie fr den kommenden Menschen, der die Sehnsucht und der
Traum der Erde ist. Ein Faden im Gespinste der Welt ist der Mensch, verwebt
mit dem was lebt und tot scheint, verwandt mit dem Grase und der Eiche, dem
Pferde, der Luft und den Sternen.

Weiter, weiter! Gehen und wandern!

Der Wald war pltzlich zu Ende und Grau trat in die blendende Sonne. Er
prallte zurck. Was war das, was mitten im Tale stand in der flimmernden
Sonne? Ja, das war er, er, der Mensch, das Phantom Mensch! Seine Fe
standen im Tal und sein Haupt reichte bis in den blauen ther hinein. Sein
Leib leuchtete in der dampfenden Sonne, seine Augen strahlten wie Sterne.

Die Erscheinung zerrann im Augenblick wieder. Grau schlo die Augen, eine
ungeheure Erschpfung lhmte seine Glieder. Er setzte sich in das Gras und
lchelte. Wie herrlich war es doch gewesen? Wie wunderbar das Leuchten
dieser erhabenen Augen, nie mehr wrde er es vergessen! Ja, das war er,
dachte Grau, der Mensch, das Phantom! Der Mensch mit seinen Gebruchen und
Sitten, seinen Stdten, seinen Kathedralen und Tempeln, seinen Statuen und
Gemlden, seinen Symphonien, seinen Geweben und Maschinen, seinen Wnschen,
seiner Sehnsucht, seinen Religionen, seinen Hoffnungen, seinem Schmerz,
seinem Wahnsinn, seiner Liebe und seinem Ha, strker als der Elefant,
schneller als der Vogel, mit kstlichern Gesngen als des Vogels Lieder
sind.

Hast du dem Menschen schon ins Auge geblickt, wie es glnzt und dunkelt und
blitzt unter der Wimper, die sich hebt und senkt, hast du schon gesehen wie
sich seine Lippe schwingt? Ja, auch schn ist der Mensch.

Ich und du, wir sind ja nur zwei Halme am Rain, ein Volk wie ein Baum, der
seine Zeit hat, aber der Mensch ist ein Phantom, das unvergnglich ist und
wchst und wchst! --

Wie er in der Sonne stand, dachte Grau, ich sah ihn ja ganz deutlich, wie
khn, wie herrlich, nie mehr werde ich diese Erscheinung vergessen.

Er sprang auf. Weiter, weiter, gehen und wandern, meine reichen Tage sind
gekommen.




Dreizehntes Kapitel


Grau erhielt einen Brief von Adele. Warte! Mama ist besser, ich will mich
ihr anvertrauen. Habe Geduld! Er traf die Schwestern Sinding auf der
Strae und wechselte einige Worte mit ihnen. Zufllig kamen sie auf Adele
zu sprechen.

Wir trafen sie bei unserer Stickmamsell, sagten die Schwestern. Sie soll
ja in den allernchsten Tagen reisen.

So?

Grau lchelte so eigentmlich, da ihn die Mdchen erstaunt anblickten.

Ja, gewi wrde Adele in den allernchsten Tagen reisen, nur wute niemand
wohin und mit wem. Der Stadt stand eine kleine berraschung bevor.

Grau war nicht ungeduldig, er wollte gerne warten, Wochen, Monate, Jahre,
wenn es sein mute, es war ja schn zu warten, er war dankbar, da er es
durfte.

Mit jedem Tage wurde sein Herz reicher, es frohlockte, es sang in seiner
Brust. Er ging durch die Wiesen, die Felder, hinauf, hinab, bald waren
seine Schuhe staubig, bald blank vom Grase. Er blickte ringsumher, seine
Augen waren heller, goldener geworden in den letzten Tagen, er lchelte und
seine Wangen waren rot, er sang leise vor sich hin, zuweilen lachte er und
er htte nicht sagen knnen, worber er gelacht hatte. Ganze Strecken lief
er dahin, den Hut in der Hand, die lchelnden Augen auf den Boden geheftet.
Alle Dinge sprachen zu ihm, es strmte von allen Seiten auf ihn ein,
unausgesetzt, und dabei pochte immerfort das Herz in seiner Brust, pochte
und klopfte und zitterte. Reiche Tage waren das.

Wie aber waren Graus Nchte?

Diese warmen, feierlichen, funkelnden Nchte, nie wrde er sie vergessen
knnen! Wenn er oben am Waldrand lag und zu dem gestirnten Himmel
emporblickte. Sterne hier, Sterne dort, Sterne berall. Es war kein Platz
am Himmel leer. Da schimmerten sie, die groen Sternbilder spannten sich
gewaltig aus, eine aus flimmernden Sternen gefgte mchtige Brcke stieg
herauf, stieg empor, verschwand in den dunkeln Tannen. Aber wenn man hinein
blickte in eine Gruppe von Sternen, so entdeckte man zwischen den kleinsten
Sternen abermals Sterne, feine Fnkchen, Stiche. Da leuchteten groe
Sterne, die man mit Ehrfurcht anblickte, kleine, die man lieben durfte.
Sternschnuppen fielen, oft kurz, gleichsam entschlpft und wieder erhascht,
oft lange Streifen, die hinter dem Horizonte verschwanden.

Grau konnte stundenlang in die Sterne blicken. Sie entzckten ihn. Sie
zogen ihn an. Sie winkten ihm. Verwunderung und Staunen berkam ihn,
Furcht, Schrecken, Grauen, Freude. Wie die Ameise im groen Walde, so war
er unter den Gestirnen. Er konnte wandern, Millionen Jahre und wrde ihnen
nicht nher kommen. Auf tausenden von Planeten sa in dieser Stunde ein ihm
verwandtes Wesen und starrte und starrte in die Gestirne, schwindelig vor
Entzcken und Grauen. Schrecklich ist es fr den Menschen an den
unendlichen Raum zu denken. Fernen, Entfernungen, Leere, kein Laut, von den
unverstndlichen Lichtsignalen zahlloser Sternenheere durchzuckt. Er
taumelt, er mchte schreien und doch denkt er wieder und wieder daran.
Vielleicht aber tnen da drauen Melodien, vielleicht ist der Raum nicht
leer, sondern von Geistern erfllt. Vielleicht ist er die Wohnung Gottes
und pltzlich knnte den Menschen die furchtbare Frage treffen: Was wagst
du es?

Schrecklich ist es fr den Menschen, ein Punkt am Rande der Unendlichkeit
zu sein.

Grau zitterte. Er regte sich lange nicht. Scheu erfllte ihn. --

Alle Nchte waren verschieden und jede Nacht erlebte Grau anders, eine
Nacht machte ihn reicher als die andre. Jede Nacht hatte ihr besonderes
Schweigen, ihren besonderen Geruch, ihre besonderen kleinen Laute. Der Wald
war in jeder Nacht ein anderer. Bald flsterte er, bald schttelte er sich,
er konnte sein wie ein Mensch, der im Traume: Ja, ja! murmelt, wie ein
junges Mdchen, das im Traume kichert. Und er konnte schweigen, so tief.

Zuweilen hrte man tief im Walde einen hohlen Ton, als ob ein Stein ins
Wasser falle. Knistern, Laute. Jemand ging im Moos, ein Schritt glitt in
der Dunkelheit? Sang es nicht tief drinnen im Walde?

In einer Nacht wimmelte die Luft von Milben und Faltern, in der nchsten da
war kein Leben, eine Nacht war still, kein Blatt regte sich, in einer
andern da koste ein leiser Wind vom Abend bis zum Morgen mit dem Grase wie
mit einer Geliebten.

Die Stadt mit ihren buckligen Dchern und blinzelnden Lichtern erschien wie
eine groe warzige Krte an der Edelsteine funkeln. Da lag sie und kroch an
den Flu um zu trinken. Oft war die Ebene wie schwarzer, weicher Sammet,
aber im Mondschein konnte sie sein wie ein See mit kleinen wandernden
Silberwellen.

Einmal entlud sich mitten in der Nacht ein Gewitter. Gespensterhafte Wolken
flogen daher, die vom Himmel bis zur Erde herabhingen und die Dcher der
Stadt zu streifen schienen. Sie waren tiefschwarz, aber pltzlich zerrissen
sie und Grau sah in eine riesige Schmiede hinein, wo wtende Schmiede
arbeiteten. Die Funken sprhten, die Hmmer drhnten, die Blge heulten.
Die Wolken jagen ber die Hhe und nun rieselten die Blitze gleichsam ber
den Wald und Grau stand inmitten von Feuer. Das liebte er. Das Gewitter war
kurz aber es hatte in Grau ein groes Erstaunen zurckgelassen, so da er
lange nichts andres denken konnte.

Wieder, da war die Nacht s und trumerisch und Graus Herz war still und
lchelnd und voller Liebe.

Den Kindern Rosen auf die Wangen, wenn sie schlafen, dachte er, und
sonnige Wiesen, wenn sie wachen, den Geknechteten gtige Anwlte unter den
Mchtigen der Erde, dem Verzweifelten einen Freund!

Ich mchte der Traum sein und des Nachts vor den gengstigten Menschen
tanzen und spielen, ich mchte ein Vogel sein und mich auf die Gitterstbe
des Gefngnisses setzen und meine schnen Farben zeigen.

Ich mchte ja, da das Korn selbst auf den Dchern der Huser wachse und
die Tannen Wein und Frchte tragen, damit es keinen Hungernden mehr gbe.

Dann mchte ich Strme von Freundschaft aussenden in die Lande, damit der
Hader und Zank endigte.

Dann mchte ich Blitze von Sehnsucht aussenden, damit sich alle Herzen
entzndeten zu friedevollem Wettkampfe. Das mchte ich!

Und Grau, der im Grase lag und ein heiteres Herz hatte, winkte leise mit
der Hand und sagte: Allen, allen Menschen einen Gru! Dir und dir! Dem
Mimutigen einen Gru, von jeder Glocke, jeder Geige, jeder Flte will ich
ihm einen Ton schenken, von jedem Vogel ein Federchen, das er entbehren
kann, von jeder Blume ein bichen Duft: Damit er frhlich werde! Dem
Frhlichen einen Gru und dir, du schnes Mdchen, das jetzt lacht, einen
Gru, und dir, dem Schwarzen einen Gru, der jetzt im heien Schiffsbauche
arbeitet und glht im Feuerschein! Allen, allen einen Gru!

Die schnste Nacht aber war die letzte Nacht, da Grau wartete.

Er war betroffen, als er auf der Hhe ankam und sich umblickte. Das
glnzte! Der Flu, die Stadt, die Ebene, die Hhenzge, alles glnzte!

Grau war betroffen und sein Herz stand still. Da stand er und staunte. Das
war ja sein Glanz, des groen Gottes Glanz, der auf Feldern und Wldern und
Dchern und Graus Hand lag! Niemals hatte er diesen Glanz vorher gesehen.
Das Firmament, war es nicht wie ein gleiendes Antlitz, das sich ber die
Erde beugte?

Gott?

Der Furchtbare, der Pflanzen und Getier trumte? Unfabare Formen,
verwirrende Gebilde. Sein Gedanke ward zum Feuer, sein Atem zum Gesang,
seine Blicke schleuderten die tanzenden Sterne in den Raum, sein Blick fiel
auf die Erde und aus dem dunkeln Haupt der Erde sprang der Mensch. Das
Heben seines Lides kann das All zerschmettern, das Senken seines Lides ein
neues schaffen und alles kreist und blht wie zuvor.

War er so? Er, er? Er, nach dem die menschliche Sehnsucht irrt wie ein
Hund, der die Spur des Herrn sucht.

Ist er berall? Im Grase, im Baume, in der Katze, die ber die Mauer
schleicht und in mir? Blickt er ewig auf mich mit einem seiner ungezhlten
Augen? Oder blickt er aus mir, pocht er in mir, ist er ewig in mir, in
jedem Gefhle, folgt er mir jetzt in meine Gedanken? Duftet er aus der
Blume?

Ist er in den Sternen, im Licht?

Oder ist er fern von allem, fern, fern von der Erde und wirft nur in
Millionen Jahren einen Blick auf sie.

Ist er in der Bewegung -- oder ist er das Einzige, das ruht?

Es ist ja nicht mehr wie frher, da er in einem Garten mit den Menschen
wandelte, oder im Donner redete oder auf einer Wolke dahin fuhr.

Wir knnen ihn ja nicht mehr denken -- aber wre er nicht weniger gro,
wenn wir ihn denken knnten?

Er ist eine Sehnsucht!

Pltzlich erstarrte Grau: Ist es verboten an ihn zu denken?

Verboten, verboten? Die Sterne blickten ihn an, Glanz blendete ihn. Er
zitterte, sein Herz stand still und das Blut glhte in seinem Kopfe. Er
hatte Furcht, entsetzliche Furcht. Er erbleichte und verhllte sein
Gesicht.

Wozu fragen, wozu denken, wozu Worte? Niederfallen, knien, sich beugen,
beten, das ist alles, es gibt nichts andres.

Grau ging hinein in den Wald, wo es ganz dunkel war.

Vergebung! sagte er. Der Wald rauschte.

Durch die dunkeln Wipfel blitzte ein Stern. Goldener Gott! flsterte
Grau. Auch hierher folgst du mir? Er schlo die Augen -- da fhlte er den
Duft des Waldes. Auch hierher? Das alles ist zu gewaltig fr ein
Menschenherz. Er roch den Duft nicht mehr, da begann sein Herz zu pochen,
frchterlich schlug es. Auch hierher folgst du mir!

Sein Herz stand still, da begann ein groes Auge in ihm zu funkeln. -- Er
kniete nieder und beugte das Haupt. --

Als Grau nach langer Zeit wieder aus dem Walde trat, war er ganz bla und
erschpft. Er lchelte matt und seine Augen standen voll Trnen. Er hatte
gebetet zu seinem Gotte und ihn um Kraft angefleht, Adele wrdig zu werden.

Nun fhlte er sich stark und frei. Nie hatte er sich freier und glcklicher
gefhlt.

Komm, Adele! rief er. Ich bin bereit! Komm!




Vierzehntes Kapitel


Am andern Tage kam Adele zu Grau.

Ich komme um mit dir zu sprechen, begann sie hastig und streifte Grau mit
einem raschen, scheuen Blick. Ihre Wangen waren gertet, aber pltzlich
erbleichte sie. Sie nahm auf einem Stuhle Platz und beugte den Kopf, so da
ihr Gesicht fast ganz unter dem hellen Sommerhut, der mit groen weien
Federn geschmckt war, verschwand.

Hre mich an, liebster Freund, fuhr sie nach einer Weile ruhig fort und
wandte Grau den Blick zu, ich werde dir alles sagen. Unterbrich mich
nicht, la mich sprechen, du wirst mich verstehen. Du hast gewartet, du
lieber Freund, viele Nchte -- ich konnte aber nicht abkommen. Es war ganz
unmglich. Mama fhlte sich nicht wohl. Und dann hat man mich auch frmlich
bewacht. Sie wuten, da ich nachts fort war, mein Gott, wie sie es
herausgebracht haben, das wei ich nicht. Auch der Baron wute es, an
seinen Blicken konnte ich sehen, da er es wute. Aber er machte nicht die
kleinste Anspielung. Papa gab eine Einladung -- ich konnte ja nicht gut
wegbleiben? Jeden Abend gab es etwas anderes und dann fhlte ich mich auch
stets bewacht. Einmal da kam das frchterliche Gewitter. Du sollst alles
hren! Du ahnst es gewi. Ich sah es dir an, auf den ersten Blick. Es war
schn, als wir oben im Walde gingen, so schn war es. Ich werde diese Nacht
nicht mehr vergessen, nie mehr! Wie herrlich du gesprochen hast, ber die
Ehe und ber alles, ja, ich werde es nicht mehr vergessen. Was fr schne
und tiefe Gedanken wohl in deinem Kopfe sein mgen! Ich liebe das! Ich
liebe dich auch, glaube nicht, da ich dich nicht mehr liebe, oder da ich
dich weniger liebe. Nein, nein. Ja, wie wir doch zusammen gingen und
sprachen wie wirkliche Freunde. Ich denke immer daran. Als du mir den Tau
gabst, da lachte ich, ich fhlte mich so frei. Ja, da war ich glcklich, in
diesem Augenblick! -- Ich liebe deine Gedanken, ich liebe es wie du fhlst.
Du hast mich frmlich berauscht. Und deine Augen! Sie waren so schn, sie
sind so schn, wie waren sie doch? Wie am Liederkranzball, du sahst mich an
und ich konnte nicht mehr tanzen. Man spricht hier viel von dir. Man sagt,
du habest eine solch eigentmliche Macht ber die Menschen. Eine Dame hier
batest du um ein altes Bett, sie hatte gar kein altes, aber sie gab dir ein
neues. Sie selbst hat es mir erzhlt, sie konnte nicht anders. Es war dein
Blick, sagte sie.

Es ist mir schwer zu sprechen, wenn ich in deine Augen sehe.

Aber doch mu es sein, doch mut du alles hren.

Es war so wunderbar in jener Nacht, wie ein Traum war es. Ich liebe dich,
es ist wahr. So deutlich empfinde ich es jetzt, da ich dir nahe bin. Ja,
wie hast du mich doch gekt, ich mute immer daran denken. Du liebst mich,
gewi, aber ob deine Liebe nicht erblassen wrde, wer sollte das wissen
knnen. Ob unsere Liebe immer so gro und schn bliebe? Vielleicht wrden
wir nie wieder so empfinden knnen wie in jener Nacht. Es ist nicht
mglich, denke ich, die Liebe hat ihre Zeit wie alles andere und dann ist
sie vorbei. Ich wei auch nicht, ob ich dich immer so lieben wrde. Ich
wei nicht einmal, ob ich wirklich lieben kann? Sage nichts. Es ist wahr,
ich liebe Mama, aber eigentlich liebe ich doch nur mich allein.

Ihre Lippen bebten, sie fuhr fort: Ich wollte mit dir fliehen, nur weit
fort von allem, glaube mir, ich wollte es. Als wir die Abendgesellschaft im
Garten hatten, da dachte ich nur an dich. Nun wartet er, dachte ich, er
wartet! Ich habe nur an dich gedacht. Am nchsten Abend, da konnte ich
nicht fort, weil ich mich bewacht fhlte. Ich habe mir alles berlegt. Es
kam mir so schn vor, so wundervoll. Ich wollte jeden Abend zu dir kommen
und doch bereitete ich nebenbei alles zur Abreise mit dem Baron vor. Dann
dachte ich, ob ich das ertragen wrde auf lange Zeit? Du bist du, aber ob
ich das ertrage, immer in dieser reinen und schnen Welt zu leben, immer
diese Gedanken zu haben? Nein, ich glaube nicht. Du hast mich berauscht, so
war es. Schon als ich dich zuerst sah, hatte ich ein so eigentmliches
Gefhl. Wenn ich doch wte, wie er ist, dachte ich. Es zog mich zu dir. Du
hast mich trunken gemacht in jener Nacht. Ja, so knnte es sein, es knnte
ja so sein, das wre das Leben -- aber ich bin ja nicht dafr geschaffen.
Ich liebe dich, aber auch du bist nicht der Rechte fr mich. Ich mu es
sagen, verzeihe mir, ich will ja ehrlich sein. Du nicht und auch der Baron
nicht. Sprich nichts, la mich alles sagen.

Ich habe mich neulich auch ber den Baron geuert, ich habe gesagt, er
ist beschrnkt und in mancher Beziehung roh, das tut mir nun leid, denn er
hat mir und meiner Familie nur Gutes erwiesen. Er hat andere Gedanken und
vielleicht sind sie nicht so schn und gro wie die deinigen, er ist auch
nicht herzlos, er verbirgt nur sein Herz. Doch wozu sage ich all das? Er
ist mir nicht unsympathisch, das wolle ich sagen.

Sie schwieg und wandte die hellen, von den schwarzen Wimpern umsumten
Augen dem Fenster zu und sah hinaus in den Garten. In Eisenhuts
Kirschbumen lrmten die Vgel. Ihr Blick ging in die Leere, sie sah
nichts. Sie nagte an der Lippe. Dann wandte sie das Gesicht Grau zu und sah
ihn mit halbgeschlossenen Augen an. Sie lchelte schmerzlich. Ich habe
meinen Entschlu gefat, fuhr sie leise fort, er ist nicht mehr zu
ndern. Ich will dir sagen, warum du nicht der Rechte fr mich bist. Du
bist zu gut und fein. Du wrdest mich nie zu etwas zwingen und ich wrde
nie Furcht vor dir haben. Ich sage ja nicht, da ich das wnsche, aber du
solltest ein starker Mann sein, vor dem man Furcht haben knnte! Verzeihe
mir, es ist ja so schwer fr mich, die richtigen Worte zu finden. Es wre
schn mit dir, ich fhle es, ich habe getrumt und getrumt, aber du bist
doch nicht der Rechte.

So bleich bist du, totenbleich, aber du bist doch ruhig. Ich liebe dich,
ach, glaube doch nicht, da ich dich nicht mehr liebe! Du hast vielleicht
grere Krfte in dir und bist vielleicht viel strker als all die andern,
die sich so stark und hart gebrden. Du gebrauchst deine Kraft nur nicht.
Aber trotzdem bist du nicht der Rechte -- auch der Baron nicht. Aber es mu
ja sein! Du sollst mein Freund sein, ja immer, immer werde ich an dich
denken und davon trumen, wie es wre, bei dir zu sein! Aber es ist ja
unmglich.

Ich sagte, ich will dein sein und vielleicht sollte ich es auch. Aber du
bist nicht ganz der Richtige, nun sollte ich auch keinem andern gehren.
Aber das geht ja nicht. -- Ich kann dir ja nicht alles sagen! Wie es bei
mir zu Hause steht! Mama sollte in Bder, aber wir sind ja nicht so reich,
mein Bruder verdient nichts, die Pension meines Vaters reicht nicht weit.
Und ich, auch ich koste Geld -- so tricht ist das Leben, alles, alles
kostet Geld -- und die Bder, die Mama aufsuchen soll -- es kann ja nicht
sein. Versprich mir, es ruhig zu ertragen, sei gro und stolz! Es mu ja
sein. Sage kein Wort dagegen, ich habe alles berdacht. Du selbst hast ja
gesagt, der Baron sei ein sympathischer und guter Mann, nicht wahr. Er
liebt mich, er wird alles fr mich tun, vielleicht wre ich ja mit dir
glcklicher geworden. Aber es ist ja nicht mglich.

Es war nicht leicht fr mich zu dir zu gehen und all das zu sagen --
beinahe htte ich dir nur einen Brief geschrieben. Ja, ich habe es getan,
drei Tage schrieb ich daran -- aber dann habe ich so groe Sehnsucht
gehabt, dich noch einmal zu sehen. Du bist so schn, das habe ich gedacht,
als ich dich zum ersten Male sah. Wie deine Augen glnzen. Sie glnzen
genau wie Susannas Augen, wenn sie Fieber hatte. Wie gut bist du auch gegen
Susanna gewesen!

Adeles Lippen bebten. Lebe wohl! sagte sie.

Es gibt ja keinen Ausweg. Du weit nicht alles. Was knnte ich tun? Nichts
wrde etwas helfen. Es hat nichts geholfen, da ich zu Eisenhut ging und
mich vor ihm demtigte und ihn streichelte -- wie ein Tropfen auf einen
heien Stein war es ja -- es hat auch nichts geholfen, da das Haus
abbrannte -- es mute ja brennen! -- es mute ja brennen! -- auch das hat
nichts geholfen. Ich liebe Mama. Aber das ist nicht alles. Ich liebe mich!
Ich habe Furcht vor der Armut, schreckliche Furcht vor der Drftigkeit, das
ist die Wahrheit. Ich habe auch den Wunsch alles zu zerstren und auch
mich. Du bist so gut und schn, ich werde immer, immer an dich denken --
aber es gibt keinen, keinen Ausweg mehr. Sage nichts, ich beschwre dich,
sage kein Wort dagegen, es gibt nichts anderes mehr. Um dich ist es mir
schrecklich leid, um dich. Ich gewhne mich an alles. Lebe wohl!

Sie umschlang Grau und prete ihm einen langen Ku auf den Mund.

Lebe wohl, Adele!

Sie ging. Sie winkte noch den ganzen Zaun entlang, sie ging rckwrts und
winkte. Sie war gegangen.

Grau war allein. Er setzte sich auf einen Stuhl. Da sa er und es wurde
dunkel, er regte sich nicht. Die Glocken luteten schrecklich.

Sein Gesicht hatte den Ausdruck des Staunens angenommen. Die Brauen waren
in die Hhe gezogen, die Augen waren gro, der Mund stand halb offen.

Die ganze Nacht sa er so und als der Morgen kam, sa er immer noch auf dem
Stuhl und sein Gesicht staunte.




Fnfzehntes Kapitel


Grau stand auf. Es ziemt einem Manne dem Schicksal ins Antlitz zu blicken
ohne zu zittern, sagte er. Aber seine Knie bebten, ihm schwindelte. Nun
erst fhlte er, da seine Stirne glhte. Er hatte Fieber. Er legte sich auf
das Sofa und blickte zur Decke empor. Er staunte. Sein Gesicht war erstarrt
in einem groen, schrecklichen Staunen.

Die Schwestern Sinding stiegen die Stufen herauf und plauderten von Adele.
Wie ruhig und gefat sie Abschied nahm! sagte Marie Sinding, die ein
wenig mit der Zunge anstie.

Ja, so merkwrdig ruhig. Sie lachte und plauderte bis der Zug fuhr. Sie
beherrscht sich so. Wir sind nicht so -- haha!

Nein, nein! Die Schwestern lachten.

Pltzlich sagte eine tiefe Mnnerstimme: Was wird der Tennisklub als
Hochzeitsgeschenk geben?

Grau lag still. Er regte sich nicht. Er hrte wohl, was die Mdchen sagten,
er lchelte nicht, er weinte nicht, er staunte. Gegen Abend schleppte er
sich an den Schreibtisch und schrieb so gut es ging einen Brief an einen
Grtner, bei dem er einige Tage zubringen wollte. Dann versank er wieder in
ein leichtes, fast angenehmes Fieber. Er lag einige Tage auf dem Sofa, er
fieberte, schlief, aber selbst im Schlafe wich der Ausdruck des Staunens
nicht aus seinem Gesichte.

Die Antwort des Grtners traf ein. Grau packte langsam, mit Anwendung all
der Klarheit, die ihm das Fieber noch lie, seine Sachen, auch den roten
gestickten Reisesack mit der zornig aussehenden Henne. Er fllte nochmals
den Teller fr seinen Kostgnger, den gelben, zottigen Hund und legte alle
Speisereste unter den Schrank fr die Maus. Eine Maus findet ja immer
etwas, murmelte er vor sich hin und wiegte langsam den Kopf hin und her,
sie ist auch klein und it nicht viel.

Es ist Zeit, Zeit! flsterte eine Stimme in ihm. Er antwortete: Ja! und
ging.

Er wollte Mtterchen Adieu sagen und whlte den Weg durch den Wald, hoch
ber der Stadt. Er ging langsam und trotzdem schmerzte seine Brust und
glhte seine Stirn.

Die Sonne schickte sich an zu sinken, sie war verborgen hinter einer langen
Wolke, deren Rnder gleiten, der Himmel war weinrot. Das Tal schien schon
leise zu schlummern. Aber da zerschmolz der untere Rand der Wolke und die
Sonne flammte pltzlich hell auf. Das Tal funkelte und erwachte wieder, wie
ein Kind, das nochmals lebhaft wird, wenn die Mutter mit dem Lichte durchs
Zimmer geht.

Grau nahm den Hut ab, er strich sich das feuchte Haar aus der Stirn und
versuchte zu denken, das zu erfassen, was ihn so mchtig beschftigte. Da
stand er lange Zeit, die Brauen hoch gezogen, den Mund halb offen und
starrte mit groen Augen in die sinkende Sonne. Endlich lachte er. Er
lachte leise und fiebrisch und nickte. Unklare Gedanken zuckten durch
seinen Kopf, da das Tal da unten ein Altar sei, auf dem zur Ehre Gottes
geopfert werde, da die Menschen kleine wandernde Sonnenstubchen seien und
tausend Altre bauten zur Ehre Gottes. Ach, er konnte ja nicht denken, aber
er fhlte, da etwas Herrliches in ihm war. Ihre Kunst, ihre Wissenschaft
waren Altre und sie opferten Tag und Nacht darauf.

Er sah sie wandern, zu Millionen, diese kleinen Sonnenstubchen und opfern.
Sie zerschmolzen, Knigreiche und Vlker und Rassen zerschmolzen, eine neue
Rasse ging daraus hervor, eine herrliche Rasse. Neue Stdte, neue Tempel,
immer herrlicher und schner. Ein Jubelbrausen knftiger Jahrtausende --
Schnheit, Adel --

Es ist ja alles gut, alles gut! sagte Grau und lachte. Er war nicht
imstande zu denken, aber eine mchtige Freude durchstrmte ihn. Er begann
rasch den Weg hinab zu steigen und lachte immerzu vor sich hin.

So gro, so herrlich und unfabar schn war ja alles!

Auf der Brcke traf er einen Landstreicher, einen kleinen, alten Kerl mit
rostroten Borsten auf dem Kopf und im Gesicht. Er war buchstblich in
Lumpen gehllt. Wohin geht die Reise? fragte Grau und gab ihm die Hand
und lachte. In die Stadt, antwortete der Vagabund, der nicht einmal ein
Hemd an hatte, ich will dort einen Herrn aufsuchen, den man mir empfohlen
hat, einen Herrn Grau. Wissen Sie, wo er wohnt?

Grau lchelte. Er ist abgereist, heute! sagte er. Aber was schadet es?
Nehmen Sie, nehmen Sie! Er gab dem Landstreicher seinen Geldbeutel, sein
Taschentuch, sein Messer. Nehmen Sie, nehmen Sie! Es ist ja einerlei, da
er abgereist ist. Keinen Dank! Nehmen Sie! Haha! Er zog seinen Rock aus
und warf ihn dem verdutzten Vagabunden in die Arme.

Dann lief er rasch davon in die Wiese hinein.

Guten Tag, Mtterchen! rief er aus. Ich komme um dir Adieu zu sagen. Da
bin ich nun, siehst du?

Mtterchen sah ihn zuerst teilnahmslos an, aber dann erstaunte sie, als sie
gewahrte, da er in Hemdrmeln gekommen war. Sie starrte ihn an. Du gehst?
Ja, wohin gehst du denn? Tritt ein!

Es geht fort, Mtterchen. Zu einem Grtner, einem Freund von mir, ein
seelenguter Mensch. Ich kann getrost zu ihm kommen, er schrieb es und er
unterstrich getrost. Verstehst du, er unterstrich es! Da werde ich dann
sitzen und die Blumen ansehen, er ist ja ein Grtner, du begreifst wohl
nicht, ein Grtner ist er! Blumen, Treibhuser -- Er wartet auf mich.
Morgen frh! Ein guter Mensch, Mtterchen, ich habe ihn im Gefngnis kennen
gelernt. Verstehst du, er sah mich an und ich dachte, kein Mrder, nein! Er
war verurteilt wegen Mords, aber es war ja nicht wahr. Ich wute das
sofort. Ich machte Eingaben, Eingaben, fortwhrend Eingaben, der Proze
wurde wieder aufgenommen -- Lge! Sein Schwager war es, er, sie machten ihn
betrunken --

Ja, was ist dir denn? sagte Mtterchen erschrocken.

Daher kennen wir uns. Er liebt mich und ich liebe ihn. Ich werde ihm nicht
lstig fallen --

Warte! stotterte Mtterchen und ging in die Kche hinaus, um eine
Erfrischung zu holen. Als sie zurckkehrte sa Grau im Sessel und schlief
und flsterte im Schlafe und lchelte. Eisenhut, der sein Gepck zum
Bahnhof gebracht hatte, kam und legte ihn zu Bett. Das Fieber brach heftig
aus, es dauerte einige Wochen.

Sobald Grau aus dem Fieber erwachte, kehrte wieder der Ausdruck des
Staunens in sein Gesicht zurck.

Ich mache dir wohl viele Mhe, Mtterchen! flsterte er. Verzeihe!

Nun lag er in Susannas Stube und sah durch das Fenster hinaus, bis zur
Brcke, wo Susannas Pappeln standen. Zweimal im Tage kroch die gelbe
Postkutsche ber die kleine Brcke. Des Nachts schleppten sich die
Gterzge in der Ferne vorber und der Exprezug sauste jeden Nachmittag
vorber und sein Rauch hing lange in der Luft.

Hufig versuchte er aufzustehen; Ich mu ja fort! sagte er. Mein Gott,
es gibt ja so viel zu tun! Aber seine Fe trugen ihn nicht. Dann lag er
wieder ruhig und sah mit dem Ausdruck des Staunens vor sich hin.

Man mhte das Gras, es wuchs von neuem, man mhte es wieder, es verfaulte
im Regen. Der Herbst kam.

Grau lag und fieberte. Er hatte nur wenig klare Tage. Dann schrieb er, aber
er zerri alles wieder, endlich schrieb er drei Briefe, zwei lange und
einen kurzen.

Hier, sagte er, Eisenhut, nimm sie. Ich werde dir alles erklren. In
diesem Brief befindet sich ein Schreiben an das Gericht. Du ffnest ihn in
einem Jahre, wenn nicht Ereignisse eingetreten sind, hre wohl zu,
Ereignisse, von denen in dem Briefe an dich die Rede ist. Vergi nichts. Es
ist eine alte Angelegenheit, die ich in die Hand nahm, als ich hier in der
Stadt eintraf. Ich mchte sie zu Ende bringen.

Grau lag im Fieber und er winkte Eisenhut heran und flsterte: Die
Pioniere, siehst du, man mu sie loben. Sie sind immer da, wo die
Menschheit noch nicht ist. Man verfolgt sie, hat sie, sie sind entsetzlich
dran, aber sie sind immer, immer am Werke. Sie sind Semnner, Eisenhut,
auch ich, auch ich, wollte solch ein Semann werden. Im kleinen natrlich,
im kleinen nur --

Still, still! sagte Eisenhut und legte ihm Eis auf die Stirn.

Grau schlo sofort die Augen. Mein Bruder! flsterte er und drckte
Eisenhuts Hand. Als Grau schon sehr schwach war, richtete er sich eines
Tages pltzlich auf und sagte erschrocken: Eisenhut, deine Mutter? Er
schwieg lange, dann fgte er hinzu: Da ging ich ein und aus in diesem
Hause und dachte nicht an sie. Stricken, Nhen, Gartenarbeit. Ihr
geschwchter Geist, man kann ihn strken -- Gott verzeihe mir! -- Versprich
es mir, Eisenhut! Er umklammerte Eisenhuts Hand und sank lchelnd ins
Kissen zurck, als Eisenhut ihm das Wort gegeben hatte.

Dann kam die Zeit, da Grau still lag und immerfort leise flsterte und
lachte. Er lebte mit einer schnen Frau mit hellen Augen und schwarzen
Haaren am Meer. Er ging im heien Sande und sammelte Muscheln. Er blickte
ins Haus hinein, bald in dieses Fenster, bald in jenes: Sie war da! Er
lachte und trommelte an die Fenster. Er schrieb ihren Namen riesengro in
den Sand.

Einmal ging er hinein in einen Wald. Es war Sommer. Die Sonne glhte in den
grnen Wipfeln. Da ging er dahin und sang. Pltzlich wurde es totenstill im
Walde, die Hitze wurde unertrglich und langsam fiel Blatt um Blatt, mit
einem singenden, seufzenden Laut. Die Bltter fielen dichter und dichter,
sie schrumpften zusammen, knisterten, wie versengt von der groen Hitze,
fielen, fielen, regneten auf ihn herab, die ste starrten kahl und immer
mehr Bltter regneten und drohten ihn zu ersticken --

-- Da erwachte er mit einem Schrei und fuhr auf. Sein Mund war voller Blut.

Tagelang lag er nun geschwcht und atmete nur leise.

Eisenhut kam ans Bett. Worber staunst du doch nur? fragte er. Du
staunst immer!

Grau lag und staunte.

Dann kamen die Tage, da Grau schwer atmete und Mtterchen ihm immerfort die
Stirne trocknen mute.

Das war der Glutwind! Er trug ihn dahin und viele, viele trug er dahin. Es
ging durch die kahlen ste eines endlosen, verdorrten Waldes. Die Seelen
jammerten. Wir kleinen schbigen Seelen, Erbarmen! jammerten sie. Es fegte,
Tag und Nacht, immerzu und endlich hoch ber den Wipfeln des verdorrten
Waldes, in balsamischer Luft. Tief unten jammerten die Seelen. Wir sind zu
schwer, Erbarmen. Aber er flog und sauste und viele sausten mit ihm. Es
wurde glhend hei -- er erwachte.

Sein Kopf war ganz klar. Er war durstig und seine Lippen brannten. Aber es
war Nacht und er wollte Mtterchen nicht wecken. Er khlte die Hnde am
Fenster und khlte dann die Lippen.

Sofort versank er wieder. Er wanderte. Eine Felsenecke, wieder, wieder,
eine endlose, schreckliche Wanderung. Ein Tor, eine Schlucht, ein
furchtbarer Weg. Er kam in einen groen Felsenhof und hier waren viele
Millionen Seelen und warteten. Wir sind die armen Seelen! beteten sie. Er
wanderte und wanderte durch das Heer von Seelen hindurch und kam auf eine
Heide. Hier lie es sich gut ausschreiten.

Aber pltzlich warf ihn eine Stimme zu Boden.

Mit Versprechungen hast du die Menschen getrstet und von Hoffnungen hast
du gelebt! sprach die Stimme, die furchtbar klang.

Ich wollte beginnen! Vergib mir armen kleinen Seele!

Wie das Schwirren von Pfeilen und ein Schall von Hrnern htte deine Rede
sein sollen, deine Zunge war Stroh! Ich habe Antrieb und Neigung in dich
gelegt, ich habe ber deine Seele Ahnungen geschleudert wie Hagelschauer
ber das Feld, ich habe gefunkelt in dir wie der Mond am schwarzen Himmel
funkelt, ich stand am Wege als kleine Blume, aber du hast mich nicht
gesehen! Ich kam zu dir und fand dich schlafend, ich habe meinen Gedanken
auf dich geworfen wie einen Felsblock, aber du bist nicht aufgewacht. Auf
deiner Zunge sa ich als ses Lied, warum hast du nicht gesungen? Zehnmal
in deinem Leben ging mein groer Verknder an dir vorber, du sahst ihn an,
aber du hast ihn nicht erkannt?

Ich habe dich als Feuer entsandt und du bist als Asche wiedergekommen!

Sprich, elende Seele, wo sind deine Frchte, wenn ich dich schttele?
Sprich, sprich, elende Seele?

Er begann zu stammeln, verwirrt zu reden. Er stotterte Entschuldigungen. Er
suchte in seinem Kopfe, nichts fiel ihm ein. Nichts, nichts. Erbarmen,
Erbarmen! schrie er und krmmte sich.

Sprich, sprich! sagte die furchtbare Stimme.

Da fiel ihm ein, da er einst fr ein krankes Kind ein Bilderbuch gemacht
hatte, geschrieben, gemalt, Tag und Nacht hatte er gearbeitet.

Aber die furchtbare Stimme sprach: Sprich, elende Seele!

Grau sthnte. Drei Tage und drei Nchte sprach diese Stimme und drei Tage
und drei Nchte flehte, bat Grau.

Eisenhut trat ans Bett und fragte, ob er wach sei. Grau sah ihn mit Augen
an, die nichts sahen.

Erkennst du mich? fragte Eisenhut und lchelte, als ob er ihn lchelnd
eher erkennen sollte.

Aber Grau sprach von einem Gefngnis und einem Gefangenen mit schrecklicher
Sehnsucht nach seinem einzigen Kinde.

Eisenhut trocknete ihm die Stirne und khlte sie mit Eis.

Nun war es ihm pltzlich leichter. Diese furchtbare Stimme war nicht mehr
zu hren, und er ging in der Heide, wo es sich gut ausschreiten lie. Er
war frhlich. ber die Heide kamen zwei Gestalten, sie kamen nher und er
erkannte Susanna.

Er lief ihr entgegen und strzte in die Knie: Verzeihe, verzeihe,
Susanna! rief er. Verzeihe das Zuviel -- ich habe dich ja geliebt -- aber
verzeihe das Zuviel!

Susanna hob ihn auf. Es ist alles gut, sagte sie leise und lchelte.

Da fiel sein Blick auf die andere Gestalt. Auch sie war eine Frau. Er
erstaunte und richtete sich auf. Mit dieser Frau war er einst ber die
Heide im Sternschnuppenregen gegangen, nun war sie da.

Bist du wieder du? sagte sie und sah ihn an.

Bei ihrem Blicke aber erhellte sich sein Inneres, es war ihm, als ob er
sein ganzes Leben verstnde. Ach so! rief er aus und eilte ihr entgegen
und weinte vor Glck.

In dieser Nacht starb Grau. Er starb als der Tag nahte und Eisenhut, der
whrend der Wache eingeschlafen war, wurde durch das klagende Geheul eines
Hundes geweckt. Er blickte auf Grau, und Grau sah so schn und friedevoll
aus, da Eisenhut sofort zu schluchzen begann. Er sah, da er tot war.

Er frchtete sich und ging hinaus, um den Hund zu vertreiben. Er warf
Steine nach ihm, aber dieser gelbe, zottige Hund kmmerte sich nicht um
Steine, er lief ihnen entgegen und heulte und winselte und gebrdete sich
ganz unsinnig.

Als Mtterchen erfuhr, da Grau gestorben war, sagte sie erschrocken: Aber
die Schuhe, wo hat er denn Susannas Schuhe?

Schwtzen Sie keinen solchen Unsinn! sagte Eisenhut rgerlich. Er wird
die Schuhe wohl in seinem Koffer haben!




Sechzehntes Kapitel


Es regnete, als man Grau begrub. Viele Leute waren gekommen, auch Fremde,
die man noch nie gesehen hatte. Eine Menge Krnze und Blumen bedeckten
Graus Sarg und noch Tage, ja Wochen nach seinem Tode trafen Krnze ein. Ein
Grtner hatte einen wunderbaren Kranz mitgebracht, man hatte noch nie zuvor
solch einen Kranz in der Stadt gesehen. Auch Adele war gekommen.

Der Dekan von Weinberg hielt die Rede. Es war ein schner Mann mit blondem
Vollbart, der sich selbst stets einen echten Germanen nannte. Er prfte, ob
das Brett fest sei, das man wegen des Schmutzes gelegt hatte, und der
Kirchner mute die ganze Zeit einen Regenschirm ber ihn halten.

Dicht am Grabe standen zwei fremde Offiziere, die Helme in der Hand. Sie
hatten rtliches Haar und helle Augen und jeder sah, da sie Graus Brder
waren.

Der Dekan sprach, er sprach von dem jugendlichen Eifer Graus, seiner groen
Nchstenliebe, den himmlischen Herrschern und vielem anderen. Je mehr er
sprach, desto spttischer lchelte Eisenhut, schlielich rusperte er sich
unverschmt und endlich hustete er. Der Dekan mit dem blonden Vollbart warf
ihm zornige Blicke zu.

Der Dekan hatte geendigt, da trat Eisenhut ans Grab. Er hob die Hand, zum
Zeichen, da er sprechen wolle. Dann sprach er.

Hochverehrte Anwesende -- so sprach Eisenhut -- dieser Mensch, den wir
heute begraben -- er ist --

Er konnte nicht fortfahren. Eisenhut war kein Redner. Die Leute sahen ihn
erstaunt an und unterdrckten ein Lcheln.

Adele ging hinaus zu Mtterchen. Mtterchen sa allein in der Stube, die
Hnde im Scho.

Welche Freude! sagte sie. Wenn Susanna wte, da Sie mich besuchen!

Adele setzte sich in den Sessel.

Sie sagte: Wer htte denn denken knnen, da er krank war und da es so
schnell mit ihm zu Ende gehen knnte.

Mtterchen seufzte. Sie war immer ein schwchliches Kind.

Nach einer Weile sagte Adele: Hat er viel leiden mssen?

Mtterchen antwortete lange nicht. Dann sagte sie: Nein, sie hat einen
sanften Tod gehabt. Sie wute gar nicht, da sie sterben sollte. Darauf
nickte sie mit dem Kopfe und sagte mit leiser singender Stimme: Susanna?
Susanna?

Adele schauerte zusammen; sie ging.

Auf der Brcke stand Eisenhut und wartete. Er zog den Hut, verbeugte sich
und nahm einen Brief aus der Tasche.

Ich habe einen Brief an Sie abzugeben, gndige Frau, sagte er, auerdem
htte ich es ja nicht gewagt Sie anzusprechen.

Adele lchelte und gab ihm die Hand. Sie sind es, Herr Eisenhut! Ich freue
mich Sie zu sehen. Es war schn von Ihnen, da Sie heute eine Rede -- --

Eisenhut sah sie berrascht an. Sie hatte sich sehr verndert, bleich sah
sie aus und gleichsam um viele Jahre lter, auch ihre Stimme klang ganz
anders. Sie begann laut zu sprechen, aber ihre Stimme sank rasch zu einem
Flstern herab, so da man die letzten Worte nicht mehr verstehen konnte.

Sie nahm den Brief an sich.

Er ist ja offen? sagte sie.

Ja, entgegnete Eisenhut, so hat er ihn mir gegeben.

Ah! Er tat es absichtlich. Aber sehen Sie doch, in dem Brief ist ja noch
ein Brief? An meinen Bruder, ein solch dicker Brief! Was mag er doch mit
meinem Bruder zu tun haben? Auch Maria Sinding erzhlte mir, da er sie
einmal vor ihm warnte. Aber -- nun gehen Sie mit mir und erzhlen Sie mir
von ihm. Sie sind ja um ihn gewesen, Sie waren ja sein Freund!

Eisenhut erzhlte was er wute.

Er hat auch einigemal Ihren Namen genannt, gndige Frau.

Adele lchelte und errtete flchtig. Wie hat er mich genannt? fragte
sie.

Er nannte Ihren Vornamen, gndige Frau.

Adele schwieg lange. Dann sagte sie: Wer htte denn denken knnen, da es
so kommen knnte!

Der Arzt sagt, Grau htte die Krankheit von Susanna bekommen, sagte
Eisenhut.

Sie standen am Gitter des Parkes und Adele gab Eisenhut die Hand.
Vielleicht sehen wir uns einmal irgendwo, sagte sie, da Sie nun doch auf
Reisen gehen. Vielen Dank noch. Vergessen Sie, da ich Sie einst krnkte,
ich denke jetzt ganz anders. Ich hoffe, es wird Ihnen gut ergehen, ein
wenig besser vielleicht als mir. Leben Sie wohl! Sie hielt inne, dann
fgte sie leise hinzu: Er war ein solch guter Mensch!

Sie lchelte und reichte Eisenhut die Hand zum Kusse und Eisenhut kte
ehrfrchtig ihre weie Hand. Dann ging sie langsam hinein in den Park und
es dauerte lange Zeit, bis sie an die Stufen kam, die sie langsam
emporstieg.

Eisenhut reiste am andern Tage mit seinen Lederkoffern nach dem Sden ab.
--

Das aber ist der Brief, den Grau an Adele geschrieben hatte:

Hte Deine Seele, meine Freundin, sie ist das Einzige, was Du besitzt,
unerforscht ist das Leben, unerforschter der Tod. Es gibt kein Ende. Wieder
und wieder werden wir einander begegnen in den Reichen.

Ende




Werke von Bernhard Kellermann


Yester und Li

(Fischers Bibliothek zeitgenssischer Romane.) Geb. 1 Mark, in Leinen 1,25
Mark.

Die Geschichte einer Sehnsucht ist es, die der Verfasser erzhlt -- einer
zarten, zitternden, tastenden Sehnsucht. Einer so verzehrenden,
wahnwitzigen, ungeheuerlichen Liebessehnsucht, wie sie nur ein Dichter, ein
Auserwhlter unter den Menschen zu einem auserwhlten, seltenen,
wundervollen Weibe empfinden kann. -- Henri Ginstermann heit er. Und sie
heit Bianka Schuhmacher. Ganz einfache, alltgliche Namen. Aber was fr
Menschen! Von einer, trotz ihres Temperaments, seltenen seelischen
Keuschheit. Voll Rasse und fein gestimmter innerer Kultur. Ihre Seelen sind
-- ein triviales Bild zu gebrauchen -- wie uerst verfeinerte
phonographische Platten. Jeder Hauch, jeder kleinste Eindruck bleibt in
ihnen haften, lt ihre Saiten schwingen in wunderbar zarten und
rauschenden Melodien. Und zwischen diesen beiden Menschen schwebt eine
innige, keusche, unausgesprochene Liebe. Beide wissen: sie ist
hoffnungslos, diese Liebe. Und doch trgt sie jeder im Herzen, sorgsam, wie
ein anvertrautes Gut, ein Heiligtum, einen kstlichen Schatz. In stummer
Duldung klammert er sich an sein jmmerliches Leben, das ihn, den um
unbesonnener Jugendstreiche willen Verstoenen, Verfemten, so oft grausam
geneckt. Seiner heiligen Sehnsucht zuliebe tut er es. Sein ganzes Sein und
Wesen strmt in dies eine groe Gefhl zusammen. Seine Liebe ist ihm das
Leben. Alle seine intellektuellen und moralischen Krfte werden davon
aufgesogen, restlos, unwiederbringlich. Er treibt einen Kultus mit dieser
Frau. Wendet seine ganze rmliche Habe an, um ihre Gipsbste mit kostbaren
Blumen zu schmcken. Besingt sie in berschwnglichen,
himmelhochjauchzenden Hymnen. Kleidet die Geschichte seiner Liebe in eine
innige Erzhlung von zartem Duft und feiner exotischer Farbigkeit! Yester
und Li heien darin die Liebenden. (Man erkennt Kellermann, den Freund
japanischer Kultur.) Henri verfllt in Krankheit, in Tobsucht, ist dem
Wahnsinn nahe. Er verschmht die Liebe anderer Frauen. Alles um
ihretwillen. Und macht doch allem ein Ende durch einen leisen, mden
Verzicht. Wunderbar greifend ist dieser Schlu. Bianka hat ihm -- fast
wortlos -- ihre Erwiderung seiner Liebe gestanden. Aber sie sehen die
Unmglichkeit ihrer Verbindung ein. Nach einem letzten Abschiedsku reist
sie ab. Und die Geschichte einer Sehnsucht schliet mit dem
schlicht-schnen Bild, da Ginstermann Rosen auf die Schienen streut, ber
die der Zug die Geliebte entfhrt.

(Knigsberger Allgemeine Zeitung)

Ingeborg

Roman. 18. Auflage. Geh. 4 Mark, geb. 5 Mark.

Frauen und Jnglinge, leset dies neue Buch -- Ingeborg --, diesen zweiten
Roman von Bernhard Kellermann. Die Liebe lebt darin und die Romantik. Und
der Wald lebt darin und alle Jahreszeiten. Wahrhaftig, ein nrrisches Buch,
aber weise und klug bei aller Narretei, denn die unerforschlichen,
unabnderlichen Lebensgesetze sprechen daraus. Jung ist es, ganz jung-jung,
und das Blut macht es unruhig, es fiebert von Liebe. In einigen
Mrznchten, als der Fhn vor den Fenstern strmte, habe ich es gelesen;
mein Herz kam vllig aus dem Takt, und ich glaube nicht, da der Fhn
allein daran schuld war . . . Mit einer kindlich zarten und zugleich
unerhrt verfeinerten Gabe wird hier von den heiligsten und besten Dingen
gesprochen. Ich will mich mit diesem Buche nicht allein freuen. Jedem
mchte ich es in die Hnde drcken, der berhaupt noch einen Roman lesen
kann.

(Die Zeit, Wien)

Ganz trunken von Schnheit und Schmerz ist das Buch. Es schlgt Tne an,
die man schwer vergit . . . Selten ist etwas Glhenderes und Sanfteres
geschrieben worden als die Schilderung dieser Liebe.

(Der Tag, Berlin)

Malos schn mu ich dieses Buch nennen. Ich habe vier Wochen daran
genossen, so schn und schwer ist es an blhenden Wundern und quellenden
Trnen. So schwer ist es an tiefem Leben, da man Stufe um Stufe
mitschreiten und Tropfen um Tropfen mitkosten mu, so voll ist es von Liebe
und Blut aus einem groen, groen Herzen.

(Mnchener Zeitung)

Das Meer

Roman. Zehnte Auflage. Geh. 4 Mark, geb. 5 Mark.

Ein kulturmder Mann lebt einen Sommer hindurch auf einer bretonischen
Fischerinsel. Er versinkt ganz in dem triftigen, urwchsigen Dasein dieser
einsamen Welt. Trinkt, flucht, liebt und hat wie die Bewohner der Insel,
die gleich abgeschlossen ist von den Moralbegriffen wie dem Rechtsempfinden
der Welt da drauen. Alle Leidenschaften pulsen in jagendem Tempo, alle
Gedanken schleichen in kriechender Beharrlichkeit. Liebe und Ha,
Freundschaft, Verrat -- es ist eine Urzeit, in der sich der Trieb in sich
verwickelt, noch ungeteilt in das Zweigeschlechtliche, das Gute und Bse.
Es ist die Epoche, in der sich langsam das erste Land aus der furchtbaren
Unendlichkeit des Meeres hebt. Man soll vorsichtig sein -- aber doch, hier
darf man es aussprechen: Es ist ein Meister, der dies Buch geschrieben hat.
Manchem wird die wilde Schnheit unverstndlich bleiben, manchem wird auch
die feinste Sprachkunst nicht darber hinwegsetzen, da es immer wieder nur
das Meer ist -- und nur das Meer, von dem er lesen mu. Wer sich aber in
dies Werk ernstlich vertieft, dem wird es seine Mannigfaltigkeit wohl
erschlieen. Und er wird meine Freude darber teilen, da auch einem
Deutschen der Entdeckerflug in die unbekannten Reiche der Natur gelungen
ist, der bisher Mnnern wie Kipling oder Loti vorbehalten schien. Nur da
Kellermanns Empfindung, wrmer, seine Anschauungskraft strker, seine
Sehnsucht tiefer ist.

(B. Z. am Mittag, Berlin)

Man braucht nach Ingeborg niemandem zu sagen, welcher Meister der
Dichtkunst dieses Buch geschrieben hat. Nur wird man hervorheben drfen,
da in den Tiefen dieses Werkes unterhalb seines groen knstlerischen
Ernstes ein kostbares Lebenselement geschftig ist und manchen wirbelnden
Strahl zur Oberflche schickt: der Humor, der leibhaftige Humor!

(Anhaltischer Staatsanzeiger, Dessau)

Druck von Wilhelm Hecker in Grfenhainichen.




Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.





End of the Project Gutenberg EBook of Der Tor, by Bernhard Kellermann

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TOR ***

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