Project Gutenberg's Erotika Biblion, by Honor Gabriel Riquetti Mirabeau

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Title: Erotika Biblion

Author: Honor Gabriel Riquetti Mirabeau

Translator: Paul  Hansmann

Release Date: August 11, 2013 [EBook #43438]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Produced by Jens Sadowski








                               EROTIKA
                               BIBLION


                                 von
                            Honor Gabriel
                               Riquetti
                          Graf von Mirabeau


                            HYPERIONVERLAG








Anagogie


Bekanntlich[A] haben unter den zahllosen Ausgrabungen der Altertmer von
Herkulanum die Handschriften die Geduld und den Scharfsinn der Knstler und
Gelehrten erschpft. Die Schwierigkeit besteht in dem Aufrollen der seit
zweitausend Jahren durch die Lava des Vesuvs halbvernichteten Schriften.
Sowie man sie berhrt, zerfllt alles in Staub.

Indessen haben ungarische Mineralogen, die geduldiger und gewandter als die
Italiener sind, Vorteile aus den Erzeugnissen, die der Mutterscho der Erde
darbietet, zu ziehen, der Knigin von Neapel ihre Dienste angeboten. Die
Frstin, eine Freundin aller Knste, die den Wetteifer geschickt anzufeuern
versteht, hat die Knstler liebenswrdig aufgenommen: sie aber strzten
sich auf diese unsglich schwierige Arbeit.

Zuerst kleben sie eine dnne Leinwand ber eine dieser Rollen; wenn das
Leinen trocken ist, hngt man es auf und legt gleichzeitig die Rolle auf
einen beweglichen Rahmen, um ihn unmerklich zu senken, je nachdem die
Abwicklung vor sich geht. Um sie zu erleichtern, streicht man mit einem
Federbart einen Faden Gummiwassers auf die Rolle, und allmhlich lsen sich
Teile davon ab, um sich unverzglich auf die ausgespannte Leinewand zu
leimen.

[Funote A: Der Titel dieses Buchs wird nicht allen Lesern verstndlich
sein und manche werden keinen Zusammenhang zwischen ihm und dem Stoff
finden. Nichtsdestoweniger wrde ein anderer nicht zu ihm passen; und wenn
wir ihn griechisch gelassen haben, wird man den Grund dazu leicht
verstehen.]

Diese mhselige Arbeit nimmt soviel Zeit in Anspruch, da man im Laufe
eines Jahres kaum einige Bltter abrollen kann. Die Unannehmlichkeit, nur
allzu oft Handschriften zu finden, die nichts enthalten, htte auf dieses
schwierige und mhselige Unternehmen verzichten lassen, wenn so viele
Anstrengungen nicht schlielich durch die Entdeckung eines Werkes belohnt
worden wren, das bald den Scharfsinn von einhundertfnfzig Akademien
Italiens herausgefordert hat[A].

[Funote A: Deren Namen zum mindesten seltsam sind. Akademien in Bologna:
Abbandonati, Ansiosi, Ociosi, Arcadi, Confusi, Difettuosi, Dubbiosi,
Impatienti, Inabili, Indifferenti, Indomiti, Inquieti, Istabili, Della
Notte, Piacere, Sienti, Sonnolenti, Torbidi, Verpentini.

In Genua: Accordati, Sopiti, Resvegliati.

In Gubio: Addormentati.

In Venedig: Acuti, Allettati, Discordanti, Disgiunti, Disingannati,
Dodonci, Filadelfici, Incruscabili, Instancabili.

In Rimini: Adagiati, Entrupelli.

In Pavia: Affidati, Della Chevia.

In Fermo: Raffrontati.

In Molisa: Agiati.

In Florenz: Alterati, Humidi, Furfurati, Della Crusca, Del Cimento,
Infocati.

In Cremona: Animosi.

In Neapel: Arditi, Infernati, Intronati, Lunatici, Secreti, Sirenes,
Sicuri, Volanti.

In Ancona: Argonauti, Caliginosi.

In Urbino: Assorditi.

In Perugia: Atomi, Eccentrici, Insentati, Insipidi, Unisoni.

In Tarent: Audaci.

In Macerata: Catenati, Imperfetti, Chimerici.

In Siena: Cortesi, Giovali, Prapussati.

In Rom: Delfici, Humoristi, Lincai, Fantastici, Negletti, Illuminati,
Incitati, Indispositi, Infecondi, Melancholici, Notti, Vaticane, Notturi,
Ombrosi, Pellegrini, Sterili, Vigilanti.

In Padua: Delii, Immaturi, Orditi.

In Drepano: Difficilli.

In Brescia: Dispersi, Erranti.

In Modena: Dissonanti.

In Syrakus: Ebrii.

In Mailand: Cliconii, Faticosi, Fenici, Incerti, Miscosti.

In Recannati: Disuguali.

In Candia: Extravaganti.

In Pezzaro: Eterocliti.

In Commachio: Flattuanti.

In Arezzo: Forzati.

In Turin: Fulminales.

In Reggio: Fumosi, Muti.

In Cortone: Incogniti.

In Rossano: Incuriosi.

In Brada: Innominati, Tigri.

In Acis: Intricati.

In Mantua: Invaghiti.

In Agrigent: Mutabili, Offuscati.

In Verona: Olympici, Unanii.

In Viterbo: Ostinati, Vagabondi.

Wenn irgendein Leser begierig ist, diese Namenreihe zu vermehren, braucht
er nur ein Werk von Jarckins nachzuschlagen, das 1725 in Leipzig gedruckt
worden ist. Der Verfasser hat nur die Geschichte der Akademien von Piemont,
Ferrara und Mailand geschrieben. Er zhlt ihrer fnfundzwanzig allein in
letzter Stadt auf. Die Liste der anderen ist endlos, und ihre Namen sind
die einen noch seltsamer als die anderen.]

Es handelte sich um eine mozarabische Handschrift, die geschrieben ist in
den fernen Zeiten, wo Philippus von der Seite des Eunuchen von Candacia
fort geraubt wurde[A]; wo Habacuc, an den Haaren[B] emporgetragen, Daniel
das Mittagbrot fnfhundert Meilen weit trug, ohne da es kalt wurde, wo die
beschnittenen Philister sich Vorhute machten[C], wo Hintern von Gold
Hmorrhoiden heilten[D] . . . . . Ein gewisser Jeremias Shackerley, ein
Rechtglubiger laut der Handschrift, nutzte die Gelegenheit fr sich aus.

Er war gereist, und von Vater auf Sohn war nichts in der Familie, einer der
ltesten auf der Welt, verloren gegangen, da sie nicht unzuverlssige
berlieferungen aus dem Zeitabschnitt aufbewahrte, wo die Elefanten die
kltesten Teile Rulands bevlkerten, wo Spitzbergen wundervolle Orangen
hervorbrachte, wo England nicht von Frankreich getrennt war, wo Spanien
noch am Festland von Kanada hing durch das groe, Atlantis geheiene Land,
dessen Namen man kaum bei den Alten wiederfindet, das uns aber der
scharfsinnige Herr Bailly so gut zu schildern wei.

Shackerley wollte auf einen der entferntesten Planeten, die unser System
bilden, gebracht werden[E], doch setzte man ihn nicht auf dem Planeten
selber nieder, sondern lud ihn auf dem Ring des Saturn ab. Dieser ungeheure
Himmelskrper war noch nicht in Ruhe. Auf seinen niedrig gelegenen Teilen
gabs tiefe und strmische Meere, reiende Sturzbche, strudelnde Gewsser,
beinahe immerwhrende Erdbeben, die durch das Einsinken von Hhlen und
hufige Vulkanausbrche hervorgerufen wurden, wirbelnde Dampf- und
Rauchsulen, Strme, die unaufhrlich durch die Erschtterungen der Erde
und ihren wtenden Anprall gegen die Gewsser der Meere erregt wurden,
berschwemmungen, Austreten der Flsse, Sintfluten Lava-, Erdpech-,
Schwefelstrme, die die Gebirge verheerten und sich in die Ebenen strzten,
wo sie die Gewsser vergifteten; das Licht aber war durch Wasserwolken,
durch Aschenmassen, durch glhende Steine, die die Vulkane auswarfen,
verdunkelt . . . . Also sah es auf diesem noch ungestalten Planeten aus.
Einzig der Ring war bewohnbar. Sehr viel dnner und mehr abgekhlt erfreute
er sich bereits seit langem der Vorteile der vollkommenen, empfnglichen,
weisen Natur; aber man erblickte von dort aus die furchtbaren Vorgnge,
deren Theater der Saturn war.

[Funote A: Aet., Kap. 8, 39. Spiritus Domini rapuit Philippum et amplius
non vidit eunuchus.]

[Funote B: Daniel, Kap. 14, 32. Erat autem Habacuc prophaeta in Judaea,
et ipse coxerat pulmentum . . . Et ibat in campum ut ferret messoribus.

33. Dixit que angelus Domini ad Habacuc: fer prandium quod habes in
Babylonem Danieli.

35. Et apprehendit eum angelus Domini in vertice eius, et portavit eum
capillo capitis sui, posuitque eum in Babylone.

Isaac, Baron de Sacy, hat capillo mit: die Haare bersetzt. Luther
schreibt: oben beym Schopf; was derselbe Fehler ist. Denn Habacuc an einem
Haar dahingetragen zu haben, ist ein greres Wunder als an den Haaren; auf
alle Flle aber ging die Fahrt schnell von statten.]

[Funote C: Maccab. 1. 16. I v. I c.

Et fecerunt sibi praeputia. Was Isaac, Baron de Sacy, mit: Sie nahmen von
sich die Zeichen der Beschneidung bersetzt. Die Septuaginta sagt ganz
einfach: sie machten sich Vorhute. Die Kirchenvter haben ebenso
bersetzt. Doch als die Jansenisten auf der Bildflche erschienen,
behaupteten sie, da man die Vorhute jungen Mdchen nicht in den Mund
legen knnte, wenn man sie die Bibel aufsagen lt. Im Gegenteil dazu
erklrten die Jesuiten, auch nur ein einziges Wort in der Bibel zu
verndern, sei ein Verbrechen.

Der Baron de Sacy hat also umschrieben, und der Pater Berrhuyer hat Sacy
der Ketzerei geziehen und behauptet, er habe Luthers Bibel benutzt.
Tatschlich bedient sich Luther in seiner Bibel des Wortes Beschneidung.

   Und hielten die Beschneidung nicht mehr.
    1     2     3       4        5     6
   Et ont gard la   coupure point davantage.
    1     2     3       4        5     6

Luther hat wahrlich schlecht bertragen. Das Wunder, wie man es auch
bersetzt, bestand darin, da man sich eine Vorhaut machte. Nun war die
Sache im Texte der Septuaginta wirklich wunderbar und ist es durchaus nicht
in der bersetzung der Jansenisten.]

[Funote D: Buch der Knige, lib. VII, Kap. 6, Vers 17. Hi sunt autem ani
aurei quos reddiderunt pro dilecto domino.]

[Funote E: Ich zweifle nicht, da irgendeine halbgelehrte oder
starrsinnige Kritik in der Folge dieses Berichts Shackerley fr viel
erfahrener in der Astronomie halten wird, als es sich mit der genauen
Schilderung eines von Herkulanum zeitgenssischen Werkes vertrgt. Doch
bitte ich zu bedenken, da erstens die mystische Auslegung der heiligen
Schrift eine von Jeremias Shackerley gemachte Enthllung ist, ganz wie
. . . ach! ja: ganz wie Sankt Johannes die Apokalypse auf der Insel Pathmos
geschrieben hat, da zweitens kein Mensch in Herkulanum aus dieser
Handschrift hat klug werden knnen, die wohl vor Jesu Christi Geburt
geschrieben worden ist, wie wir auch ganz ratlos der Apokalypse
gegenberstehen, die die Zahl 666 . . . . . auf der Stirn hat, eine Zierde,
die selbst fr einen franzsischen Ehemann einzig sein wrde, was durchaus
nicht die Echtheit unseres gelehrten Manuskripts in Frage stellt. Und da
man drittens nur die unbestreitbare Geschichte der vorsintflutlichen
Astronomie des Herrn Bailly nachzulesen braucht, um sich davon zu
berzeugen, da Shackerley alles wissen konnte, was er gewut zu haben
schien . . . Endlich erklre ich aus sechsunddreiigtausend Grnden, die
anzufhren allzu weitschweifig sein wrde, da, wer an Jeremias Shackerley
zweifelt, als Ketzer verbrannt werden mte.]

Form und Bildung dieses Ringes erschienen Shackerley so ungewhnlich, wie
ihm nichts auf dem Erdboden gleich seltsam erschienen war. Erstens machte
unsere Sonne, die auch fr die Bewohner dieses Landes die Sonne ist, fr
sie kaum den dreiigsten Teil von dem aus, den sie fr uns darstellt. Fr
ihre Augen erzeugte sie die Wirkung, die bei uns der Morgenstern
hervorbringt, wenn er im hchsten Glanze steht. Merkur, Venus, Erde und
Mars knnen von dort aus nicht unterschieden werden, doch vermutet man ihr
Vorhandensein. Einzig der Jupiter zeigt sich dort, und zwar etwas nher,
als wir ihn sehen, mit dem Unterschiede, da er Wandlungen durchmacht, wie
sie die Mondscheibe uns zeigt. Er war ebenfalls einer seiner Trabanten, und
aus diesem Zusammentreffen gleichmiger Vernderungen ergaben sich
seltsame und ntzliche Erscheinungen. Seltsame: indem man den Jupiter im
Wachsen und seine vier kleinen Monde bald im Wachsen, bald im Abnehmen,
oder die einen zur Rechten und die anderen sich mit dem Planeten selber
vermischen sah. Ntzliche, indem Jupiter manchmal die Sonne mit seinem
ganzen Gefolge passierte, was eine Menge von Berhrungspunkten,
nacheinander folgende Eintauchungen und Austritte mit sich brachte, die fr
die ganz regelmigen Beobachtungen nichts zu wnschen brig lieen.

Ebenso war die Deduktion der Parallaxen aufs genaueste berechnet worden,
dergestalt, da trotz der Entfernung des Ringes oder des Saturns oder der
Sonne, welche nach dem gelehrten Jeremias Shackerley nicht viel weniger als
dreihundertdrei Millionen Meilen betrgt, man seit unzhligen Jahrhunderten
dort mehr Fortschritte auf dem Gebiete der Astronomie als auf der Erde
gemacht hatte.

Die Sonne wirkte schwach; doch das Fehlen ihrer Wrme wurde durch die des
Saturnballes ausgeglichen, der sich noch nicht abgekhlt hatte. Der Ring
empfing von seinem Hauptplaneten mehr Licht und Wrme, als wir hier unten
erhalten, denn schlielich hatte der Ring ja in sich selbst, in seinem
Zentrum, den Saturnglobus, der neunhundertmal grer als die Erde ist, und
war fnfundfnfzigtausend Meilen von ihm entfernt, was dreiviertel der
Entfernung des Mondes von der Erde ausmacht.

Um den Ring herum, in groen Zwischenrumen, sah man fnf Monde, die
manchmal alle auf derselben Seite aufgingen. Nach Shackerleys Behauptung
ist es unmglich, sich einen hinreichenden Begriff von diesem glnzenden
Schauspiele zu machen.

Der so gut gelegene Ring bildete gleich einer Hngebrcke einen
kreisfrmigen Bogen, man konnte ihn auf seinem ganzen Umfange bereisen,
ebenso vermochte man von Ferne um den Saturnball zu reisen, dergestalt
aber, da der Reisende diesen Ball stets auf der gleichen Seite behielt.

Die Breite des Ringes betrgt nicht weniger als den Durchmesser unseres
Erdballs, ist aber gleichzeitig so dnn, da dieser Durchmesser fr den,
der ihn von der Erde aus wahrnehmen will, unsichtbar ist. Darum gleicht er
einer Messerklinge, deren dnne Schneide man von weitem aus betrachtet.
Shackerley kannte die Erscheinungen, die man hier unten feststellen kann,
sehr genau, erwartete aber, sich wenigstens rittlings auf der Schneide
dieses Ringes fortbewegen zu knnen. Wie berrascht war er jedoch, als er
sah, da dieser so geringe Durchmesser, der unserem Auge entgeht, eine
ebenso groe Entfernung wie die von Paris nach Straburg ausmachte, denn
dieses Beispiel wird schneller und genauer den Begriff der Ausdehnung geben
als die Wegmessungen, die Shackerley vornahm, fr die es einige
tausendseitiger Erklrungen bedrfte, bis man sie unbestreitbar abgeschtzt
htte. Folglich knnte es auf dem unteren konkaven Rande kleine Knigreiche
geben, welche die Politiken unseres Erdballes, wenn er ihnen zur Verfgung
stnde, herrlich in ein blutiges und durch zahllose ruhmreiche Rnke
denkwrdiges Theater verwandeln knnten. Die Bewohner dieses Teiles, die
man die Antipoden des ueren Ringrckens nennen kann, die Bewohner des
Inneren, sage ich, hatten den ungeheuren Saturnball zu ihren Hupten
aufgehngt; der Ring aber bewegte sich wieder ber diesen Ball hinweg und
ber den Ring hin strebten die fnf Monde.

Kurz, die Bewohner des Inneren sahen ihre rechte und linke Seite, wie wir
die unsrigen auf der Erde sehen; der Horizont aber von vorn, ebenso wie der
von hinten, waren sehr verschieden von denen, die wir hier unten erblicken.
Auf zehn Meilen verlieren wir auf Grund der Biegung unseres Erdballes ein
Schiff aus den Augen; auf dem Saturnring aber geht diese Biegung in
entgegengesetzter Weise vor sich, sie erhebt sich, statt sich zu senken; da
aber der Ring den Saturn in einer Entfernung von fnfzigtausend Meilen
umgibt, folgt daraus, da dieser Ring in der Form eines Wulstes einen
Umkreis von mindestens fnfhunderttausend Meilen hat. Seine Biegung erhebt
sich also unmerkbar. Der Horizont, der sich auf unserer Erde senkt,
erscheint dort auf einige Meilen Entfernung dem Auge eben, dann erhebt er
sich ein weniges, die Gegenstnde verkleinern sich; anfangs noch
erkenntlich, verwischen sie sich schlielich: man erblickt nur noch die
Massen; kurz, diese Erde erhebt sich in der Entfernung zu ungeheuren
Weiten, indem sie kleiner wird. So sehr, da dieser Ring, der durch die
Tuschungen der Optik in der Luft endigt, fr das Auge den Umfang unseres
Mondes erhlt und kaum in dem Teile gewahr wird, der sich ber dem Haupte
des Beobachters befindet, denn er macht fr ihn mehr als die doppelte
Entfernung des Mondes von der Erde aus, das heit, fast zweihunderttausend
Meilen.

Ich will nicht von den vermehrten Phnomenen reden, die alle diese an ihren
beiderseitigen Eklipsen aufgehngten Krper hervorrufen; Shackerley kannte
sie schon auf der Erde und hatte sie recht beurteilt.

Ihr Himmel war wie unserer, in allen Sternbildern gab es keine
Verschiedenheit, aber eine Unzahl Kometen erfllte den ungeheuren und
unschtzbaren Zwischenraum, der zwischen Saturn und den Sternen bestand,
von denen man die nchsten ahnte.

Da die Anziehungskraft des Saturnglobus teilweise die des Ringes im
Gleichgewicht hielt, war die Schwerkraft dort sehr vermindert; man
marschierte ohne Anstrengung, und die geringste Bewegung schaffte die Masse
fort. Wie eine Person, die badet, nur das gleiche Volumen des Wassers, das
sie einnimmt, verdrngen kann, bewegt man sich dort durch unfhlbaren
Antrieb.

Ebenso brauchten die Krper, um sich zu vereinigen, sich nur zu streifen.
Sie nherten sich ohne Druck, alles war beinahe luftig. Die zartesten
Empfindungen dauerten fort, ohne die Organe abzustumpfen. Man kann sich
denken, da diese Art zu sein, groen Einflu auf die moralische Kraft der
Bewohner dieses planetarischen Bogens hatte. So war denn eines der Wunder,
das Shackerley am meisten berraschte, die Vervollkommnungsfhigkeit der
Lebewesen, die den seltsamen Ring bewohnten. Sie erfreuten sich sehr vieler
Sinne, die uns unbekannt sind; die Natur hatte zu groe Vorteile in das
System all dieser groen Krper gelegt, als da sie sich bei der
Zusammensetzung derer, die sie bestimmt hatte, sich all dieser Schauspiele
zu erfreuen, mit fnf Sinnen htte zufrieden geben knnen.

Hier steigert sich Shackerleys Verwirrung ins Ungeheure. Er besa
Kenntnisse genug, um die groen Wirkungen dieser verschiedenen und
schwebenden Krper zu verstehen und zu schildern. Er scheiterte aber, als
er die Lebewesen beschreiben wollte. So findet man denn in dem
mozarabischen Manuskript nicht all die Klarheit, all die Einzelheiten, wie
man sie sich in dieser Beziehung gewnscht htte. Wenigstens haben die
Abbandonati in Bologna, die Resvegliati in Genua, die Addormentati in
Gubio, die Disingannati in Venedig, die Adagiati in Rimini, die Furfurati
in Florenz, die Lunatici in Neapel, die Caliginosi in Ancona, die Insipidi
in Perugia, die Melancholici in Rom, die Extravaganti in Candia, die Ebrii
in Syracus und alle, die man um Rat befragt hat, darauf verzichtet, die
bersetzung klarer wiederzugeben. Wahrlich, die brgerliche und religise
Untersuchung wird sich vielleicht in etwas in solche Schwierigkeit
hineinversetzen knnen.

Indessen mu man gerecht sein, nichts ist schwieriger zu erklren, als ein
Sinn, der uns fremd ist. Man hat Beispiele Blindgeborener, die mit Hilfe
der Sinne, die ihnen blieben, Wunder in ihrer Blindheit verrichtet haben.
Nun gut! Einer von ihnen, ein Chemiker und Musiker, der seinen Sohn Lesen
lehrt, kann keine andere Erklrung fr einen Spiegel wie folgende geben:
er ist ein Gegenstand, durch den die Dinge auerhalb ihrer selbst erhaben
hervortreten knnen. Seht, wie abgeschmackt dennoch diese Definition ist,
die die Philosophen, die sie ergrndet haben, sehr scharf und gar
erstaunlich fanden[A]. Ich kenne kein Beispiel, das geeigneter wre, die
Unmglichkeit zu zeigen, Sinne, mit denen man nicht versehen ist,
auszudrcken; indessen stammen alle Gefhle und moralischen Eigenschaften
von den Sinnen ab, folglich knnte man sich bei dem, was es ber die Moral
der Wesen einer von unserer so verschiedenen Art zu sagen gbe, nur auf
Beobachtungen sttzen, die sich auf sie beziehen.

[Funote A: Tatschlich, welcher Gedankenfeinheit hat es nicht bedurft,
wie der berhmte Herr d'Alembert nach dem geistvollen und manchmal
erhabenen Diderot bemerkt, um dahin zu gelangen? Der Blinde lernt alles nur
durch den Tastsinn kennen; er wei, da man sein Gesicht nicht sehen kann,
obwohl man es zu berhren vermag. Die Sehkraft, folgert er, ist also
eine Art Tastsinn, der sich nur auf die Gegenstnde erstreckt, die
verschieden vom Gesicht und von uns entfernt sind. Der Tastsinn gibt ihm
berdies noch den Begriff des Hervortretens. Daher ist der Spiegel ein
Werkzeug, welches uns auerhalb von uns selbst erhaben hervortreten lt.
Das Wort erhaben ist kein Pleonasmus. Wenn der Blinde sagte, auerhalb von
uns selbst hervortreten lt, wrde er eine Abgeschmacktheit noch dazu
sagen, denn wie einen Gegenstand begreifen, welcher die Dinge verdoppeln
kann? Das Wort erhaben pat nur auf die Oberflche; also heit fr uns
auerhalb von uns selbst erhaben hervortreten lassen, die Darstellung
unseres Krpers auerhalb von uns selbst bewerkstelligen. Diese Bezeichnung
ist stets ein Rtsel fr den Blinden, doch sieht man, da er das Rtsel, so
gut es ihm mglich war, zu vermindern gesucht hat.]

Im brigen steht zu hoffen, da die Gewohnheit, die uns unsere Reisenden
und Geschichtsschreiber aufgezwungen haben, sie das, was nur von Sitten,
Gesetzen und Gebruchen handelt, vernachlssigen und sogar gnzlich auer
Acht lassen zu sehen, unsere Leser, Shackerley gegenber, nachsichtig
machen wird, der immerhin den Freipa eines hohen Alters fr sich hat, ohne
welchen man vielleicht kein Wort von dem, was er gesagt, glauben wrde. War
er doch fr seine Zeitgenossen -- und in vieler Hinsicht ist er es auch fr
uns -- in der Lage eines Mannes, der nur einen oder zwei Tage lang gesehen
hat und sich in einem Volk von Blinden aufhlt; er mte gewilich
schweigen oder man mchte ihn fr einen Narren halten, da er eine Menge
geheimnisvolle Dinge verknden wrde, die es in Wahrheit nur fr das Volk
wren; aber so viele Menschen sind Volk und so wenige Philosophen, da
man durchaus nicht sicher geht, nur fr die zu handeln, zu denken und zu
schreiben.

Shackerley hat indessen einige Beobachtungen gemacht, deren ungewhnlichste
hier folgen sollen:

Er bemerkte, da das Gedchtnis bei den Lebewesen des Saturns sich niemals
trbte. Die Gedanken teilten sich bei ihnen ohne Worte und ohne Zeichen
mit. Keine Sprache gabs, infolgedessen nichts Geschriebenes, nichts
Ausgesagtes; wie viele Tore waren den Lgen und den Irrtmern verschlossen!
Die verschwenderischen, unzhligen Kleinigkeiten, die uns entnerven, waren
ihnen unbekannt. Sie hatten alle nur denkbare Bequemlichkeit, um ihre
Gedanken zu bertragen, um ihrer Ausfhrung eine erstaunliche Schnelligkeit
zu geben, um alle Fortschritte ihrer Kenntnisse zu beschleunigen; es
schien, da bei dieser bevorzugten Art sich alles durch Instinkt und mit
der Schnelligkeit des Blitzes vollzog.

Da das Gedchtnis alles behielt, lebte die berlieferung mit unendlich viel
grerer Treue, Genauigkeit und Bestimmtheit fort als bei den verwickelten
und unendlichen Mitteln, die wir anhufen, ohne irgendeine Art von
Sicherheit erreichen zu knnen. Jeder Krper hat seine Ausstrmungen; die
der Erde sind ganz nutzlos. Auf dem Ringe bilden sie eine stets auf
betrchtliche Entfernungen hin wirksame Atmosphre; und diese Emanationen,
von denen Shackerley nur einen Begriff geben konnte, indem er sie mit den
Atomen verglich, die man mit Hilfe von Sonnenstrahlen, die in ein dunkles
Zimmer eingefhrt werden, unterscheidet, diese Emanationen, sage ich,
antworteten auf all die Nervenbschel des Gefhls des Individuums. hnlich
den Staubfden der Pflanzen, den chemischen Verwandtschaften strmten sie
in die Emanationen eines anderen Individuums ber, wenn die Sympathie sich
da begegnete; was, wie man sich leichtlich denken kann, die Sensationen,
von denen wir uns nur ein sehr ungenaues Bild machen knnen, ins Unendliche
vervielfltigte. Zum Beispiel geben sie die Wonnen zweier Liebenden wieder,
hnlich denen des Alphaeus, der, um sich der Arethusa zu erfreuen, welche
Diana eben in einen Quell verwandelt hatte, sich in einen Flu verzauberte,
um sich noch inniger mit seiner Geliebten zu vereinigen, indem er seine
Wogen mit ihren vermischte.

Diese lebhafte und fast unendliche Kohsion so vieler fhlbarer Molekle
brachte notwendigerweise in diesen Wesen einen Lebensgeist hervor, den
Shackerley durch ein mozarabisches Wort ausdrckt, das die Akademie der
Innamorati mit dem Worte elektrisch bersetzt hat, obwohl die Phnomene der
Elektrizitt in diesen zurckliegenden Zeiten noch nicht bekannt waren.

Alles war in diesen Gegenden ohne Pflege im berflu und derartig
vorhanden, da der Besitz dort ebenso nutzlos wie lstig geworden wre. Man
fhlt, da, wo es keinen Besitz gibt, auch sehr wenige Ursachen zu
Zwistigkeiten und Feindschaften vorliegen knnen, und da die vollkommenste
politische Gleichheit herrscht, vorausgesetzt, da solche Wesen eines
politischen Systems bedrfen. Ich wei nicht, was ihre Ruhe trben knnte,
da ihre Bedrfnisse mehr im Vorbeugen als im Befriedigen liegen, wenn der
Geschmack des Verlangens ihnen nicht abgeht und sie das Gift des
berdrusses nicht zu frchten haben.

Auf dem Saturnringe bertragen sich die Kenntnisse durch die Luft auf sehr
betrchtliche Entfernungen hin, auf demselben Wege, auf dem sich das
Sonnenlicht fortpflanzt, das bekanntlich in sieben Minuten zu uns kommt.
Eine Einatmung, oder anders ein gemigter Hauch gengt, um einen Gedanken
mitzuteilen. Davon geht der bewunderungswrdige Wettstreit unter den
unendlichen Vlkern aus, die dieses Verstndnisses und dieser auf dem
ganzen Ringe allgemein verbreiteten Harmonie zufolge sich nur mit ihrer
gemeinsamen Glckseligkeit beschftigen, die niemals im Widerspruch mit der
eines einzelnen Individuums gestanden hat.

Diese, besonders fr die Menschheit so seltsamen Wesen erfreuten sich also
eines ewigen Friedens und eines unwandelbaren Wohlbefindens. Die
Geschicklichkeiten, die auf das Glck und die Erhaltung der Art abzielten,
waren so vervollkommnet, wie man sie sich nur denken und sich selber
wnschen kann, und man hatte dort nicht den geringsten Begriff von den
verheerenden, durch den Krieg erzeugten Kunstgriffen. So hatten die
Ringbewohner nicht die Wechsel von Vernunft und Wahnsinn durchzumachen, die
unsere Gemeinschaften so verschwenderisch mit Gut und Bse vermischt haben.
Die groen Talente in der furchtbaren Wissenschaft, diese hervorzubringen,
waren, weit entfernt davon, bei ihnen bewundert zu werden, dort nicht
einmal bekannt. Die unfruchtbaren oder knstlichen Vergngungen herrschten
dort ebensowenig wie der falsche Ehrbegriff, und ihr Instinkt hatte die
glckseligen Wesen mhelos gelehrt, was die traurige Erfahrung so vieler
Jahrhunderte uns noch vergeblich anzeigt, ich will sagen, da der wahre
Ruhm eines intelligenten Wesens Kenntnisse sind und der Friede sein wahres
Glck ist.

Das ist alles, was eine rasche Lektre von Shackerleys Reise mir zu
behalten erlaubte, den Habacuc am Ende seiner Fahrt bei den Haaren ergriff
und in Arabien niedersetzte, wo er ihn aufgehoben hatte. Wenn das
Auseinanderfalten und die bersetzung dieses kostbaren Manuskripts
vollendet sein wird, will ich dem weisen Europa eine nicht minder
authentische Ausgabe als die des heiligen Buches der Brahmanen vorlegen,
die Herr Auquetil ganz gewi von den Ufern des Ganges hergebracht hat, denn
ich schmeichle mir, die mozarabische Sprache beinahe ebenso gut zu knnen,
wie er den Zent oder den Pelhvi versteht.




Die Anelytroide


Ohne Widerspruch ist die Bibel eines der ltesten und seltsamsten Bcher,
das es auf Erden gibt.

Die meisten Einwnde, auf die sich Leute sttzen, die nicht zu glauben
vermgen, da Moses ein gttlicher Ausleger gewesen ist, scheinen mir sehr
unzureichend. Nichts ist zum Beispiel mehr ins Lcherliche gezogen worden
als das Sinnliche der heiligen Bcher, das einen tatschlich als sehr
mangelhaft anmutet. Aber man zieht den Zustand dieser Wissenschaft in den
ersten Menschenaltern gar nicht in Erwgung, fr die das Buch ja
schlielich verstndlich sein mute. Das Sinnliche war damals das, was es
noch heute sein wrde, wenn der Mensch niemals die Natur erforscht htte.
Er sah den Himmel fr ein Azurgewlbe an, auf welchem Sonne und Mond die
wichtigsten Gestirne zu sein schienen; erstere brachte stets das
Tageslicht, letzterer das der Nacht hervor. Man sah sie erscheinen oder
sich auf einer Seite erheben und auf der anderen verschwinden oder
untergehen, nachdem sie ihren Lauf vollendet und ihr Licht einen bestimmten
Zeitabschnitt ber hatten leuchten lassen. Das Meer schien von derselben
Farbe wie das Azurgewlbe, und man glaubte, da es den Himmel berhre, wenn
man es von weitem betrachtete. Alle diesbezglichen Gedanken des Volkes
halten oder knnen sich nur an diese drei oder vier Eindrcke halten; und
wie fehlerhaft sie auch sein mgen, man mu sich nach ihnen richten, um
sich zu seinem Standpunkt herabzulassen.

Da das Meer sich in der Ferne mit dem Himmel zu vereinigen schien, mute
man sich natrlich einbilden, da es obere und untere Gewsser gbe, deren
eine den Himmel anfllten, die anderen das Meer. Und um die oberen Gewsser
zu halten, gab es ein Firmament, will sagen, eine Sttze, eine starke und
durchscheinende Wlbung, durch die man die azurnen oberen Gewsser
erblickte.

Hier ist nun, was der Text der Genesis sagt:

Es werde eine Feste zwischen den Wassern, und die sei ein Unterschied
zwischen den Wassern. Da machte Gott die Feste, und schied das Wasser unter
der Feste von dem Wasser ber der Feste. Und Gott nannte die Feste Himmel
. . . Und alle unter der Feste versammelten Wasser nannte er Meer.

Klar ist, da man auf diese Ideen beziehen mu:

1. die Katarakte des Himmels, die Tren und Fenster des festen Firmaments,
die sich auftun, wenn die oberen Gewsser auf die Erde fallen sollen, um
sie zu berschwemmen,

2. den gemeinsamen Ursprung von Fischen und Vgeln, erstere durch die
unteren Wasser hervorgebracht, die Vgel durch die oberen Gewsser, weil
sie sich auf ihrem Fluge der Azurwlbung nhern, von welcher das Volk
glaubt, da sie nicht viel hher ist als die Wolken.

Ebenso glaubt dies Volk, da die Sterne, die wie Ngel in die Wlbung
geheftet, viel kleiner als der Mond, unendlich viel kleiner als die Sonne
seien. Es unterscheidet die Planeten von den Fixsternen nur durch den
Namen: die umherschweifenden Sterne. Zweifelsohne werden aus diesem Grunde
die Planeten in der ganzen Schpfungsgeschichte nicht erwhnt. Alles dies
ist in Rcksicht auf den gewhnlichen Menschen dargestellt worden, bei dem
es sich nicht darum handelt, ihm das wirkliche System der Natur zu
erklren, sondern fr den die Belehrung dessen hinreichte, was er dem
hchsten Wesen schuldete, indem man ihm dessen Erzeugnisse als Wohltaten
zeigte. All die erhabenen Wahrzeichen der Weltorganisation, wenn man so
sagen kann, drfen nur mit der Zeit sichtbar werden, und das oberste Wesen
sparte sie sich vielleicht als das sicherste Mittel auf, den Menschen an
sich zu gemahnen, wenn sein Glaube, von Jahrhundert zu Jahrhundert sich
vermindernd, kraftlos, schwankend und fast zunichte geworden wre; wenn er
entfernt von seinem Ursprung, ihn schlielich vergessen wrde, wenn er an
das groe Schauspiel des Weltalls gewhnt, aufhren sollte, dadurch gerhrt
zu sein und wagen wrde, den Schpfer nicht kennen zu wollen. Die groen
aufeinander folgenden Entdeckungen festigten und vergrerten den Gedanken
an dies unendliche Wesen in dem Menschengeiste. Jeder Schritt, den man in
der Natur tut, erzeugt diese Wirkung, indem er einen dem Schpfer nher
bringt. Eine neue Wahrheit wird ein groes Wunder, ein greres Wunder zum
hheren Ruhme des hohen Wesens als alle, die man uns auffhrt, weil die,
selbst wenn man sie gelten lt, nur Glanzlichter sind, die Gott
unmittelbar und selten aufsetzt. Statt wie bei den andern, bedient er sich
des Menschen selbst, um die unbegreiflichen Wunder der Natur zu entdecken
und kund zu tun, die in jedem Augenblick hervorgebracht, zu jeder Zeit und
fr alle Zeiten zu seiner Betrachtung aufgezhlt, den Menschen
unaufhrlich, nicht allein durch das gegenwrtige Schauspiel, sondern mehr
noch durch die aufeinander folgenden Entwicklungen an seinen Schpfer
gemahnen mssen.

Das ist's, was unsere unwissenden und dnkelhaften Theologen uns lehren
mten. Die groe Kunst besteht darin, immer die Kunde von der Natur mit
der der Theologie zu vermischen, nicht darin, heilige Dinge und Vernunft,
Glaubenstreue und Philosophie unaufhrlich gegeneinander auszuspielen.

Eine der Quellen des Mikredits, in den die heiligen Bcher gerieten, sind
die gewaltsamen Auslegungen, die unsere so hochfahrende, so abgeschmackte,
mit unserem Elend so bereinstimmende Eigenliebe allen Stellen zu geben
wute, die wir uns nicht zu erklren vermgen. Von da sind die bildlichen
Bedeutungen, die ungewhnlichen und unschicklichen Gedanken, die
aberglubischen bungen, die seltsamen Gebruche, die lcherlichen oder
ungereimten Entscheidungen, ausgegangen, in denen wir untergehen. All die
menschlichen Narrheiten sttzen sich auf Stellen, die den Auslegern
Widerstand entgegensetzen, die sich abplagen, hartnckig sind und nichts
wissen, wie wenn das hchste Wesen dem Menschen nicht die Wahrheiten zu
geben vermocht htte, die er nur in knftigen Jahrhunderten kennen lernen,
wissen und ergrnden sollte. In dem Augenblick, wo wir gelten lassen, da
die Bibel fr den Weltkreis geschaffen worden ist, soll man erwgen, da
man heute sehr viel mehr Dinge tut, die man -- vierzig Jahrhunderte sind
inzwischen verstrichen -- damals nicht kannte, und da man in vierhundert
weiteren Jahren Geschehnisse kennen wird, die wir nicht wissen. Warum also
vorgreifend urteilen wollen! Kenntnisse erwirbt man stufenweise
fortschreitend, und sie erschlieen sich nur in unmerklichem Vorwrtsgehen,
welches die Umwlzungen der Reiche und der Natur verzgern oder
beschleunigen. Nun heischt das Verstndnis der Bibel, die seit einer so
groen Zahl von Jahrhunderten vorhanden ist -- gibt es doch wenige Dinge
von einem ebenso hohen Alter anzufhren -- vielleicht noch eine lange
Periode von Anstrengungen und Nachforschungen.

Einer der Artikel der Genesis, die dem Menschenverstande ungewhnlich
zugesetzt hat, ist der Vers siebenundzwanzig des ersten Kapitels:

Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn;
und schuf sie einen Mann und ein Weib.

Es ist sehr klar, und es ist sehr augenscheinlich, da Gott Adam als
Zwitter geschaffen hat; denn nach dem folgenden Verse sagt er zu Adam:

Seid fruchtbar und mehret euch, und fllet die Erde.

Dies wurde am sechsten Tage bewerkstelligt. Erst am siebenten Tage schuf
Gott das Weib. Ungeheures tat Gott zwischen der Erschaffung des Mannes und
der des Weibes. Er lie Adam alles kennen lernen, was er geschaffen hatte:
Tiere, Pflanzen usw. Alle Tiere erschienen vor Adam.

Adam[A] bemerkte sie alle; und der Name, den Adam jedem der Tiere gegeben
hat, ist sein wirklicher Name.

Adam[B] gab also einem jeglichen Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier
auf dem Felde seinen Namen usw.

Bis dahin ist das Weib noch nicht erschienen; es ist unerschaffen. Adam ist
immer Zwitter. Er hat allein fruchtbar sein und sich vermehren knnen.

Und um die Zeit zu verstehen, whrend welcher Adam die beiden Geschlechter
in sich hat vereinigen knnen, gengt es, darber nachzudenken, was diese
Tage, von denen die Schrift spricht, sein knnen, diese sechs Tage der
Schpfung, dieser _siebente_ Tag der Ruhe usw.

[Funote A: Kapitel II, Vers 19.]

[Funote B: Kapitel II, Vers 20.]

Es kann wirklich nur niederschmetternd wirken, da beinahe alle unsere
Theologen, alle unsere Mucker den groen, den heiligen Namen Gottes
mibrauchen; jedesmal ist man verletzt, da der Mensch ihn herabwrdigt,
da er die Idee des ersten Wesens schndet, indem er ihr die des
Hirngespinsts seiner Meinungen unterschiebt. Je tiefer man in den Busen der
Natur eindringt, desto hher ehrt man ihren Schpfer.

Eine blinde Ehrfurcht aber ist Aberglaube; einzig eine aufgeklrte
Ehrfurcht gebhrt der wahren Religion. Um in lauterer Weise die ersten
Taten zu verstehen, die uns der gttliche Interpret hat zuteil werden
lassen, mu man, wie es der beredte Buffon tut, mit Sorgfalt die Strahlen
auffangen, die von dem himmlischen Lichte ausgegangen sind. Anstatt die
Wahrheit zu verdunkeln, kann ihr das nur einen neuen Grad von Glanz
hinzufgen.

Worauf kann man, wenn man dies voraussetzt, aus den sechs Tagen, die Moses
so genau bezeichnet, indem er sie einen nach dem anderen zhlt, schlieen,
wenn nicht auf sechs Zeitspannen, sechs dauernde Zwischenrume? Diese
mangels anderer Ausdrcke durch den Namen Tag angezeigten Zeitspannen
knnen nicht mit unseren wirklichen Tagen in Verbindung gebracht werden, da
drei dieser Tage nacheinander verstrichen sind, bevor die Sonne erschaffen
worden ist. Diese Tage waren demnach unseren nicht hnlich, und Moses zeigt
das klar an, indem er sie von Abend bis Morgen rechnet, whrend man die
Sonnentage von Morgen bis Abend rechnet und rechnen mu. Diese sechs Tage
waren also weder den unsrigen hnlich, noch untereinander gleich, sie waren
der Arbeit angemessen. Es waren demnach nur sechs Zeitspannen. Wenn also
Adam den sechsten Tag als Zwitter erschaffen und das Weib erst am Ende des
siebenten hervorgebracht worden ist, so hat Adam all die Zeit ber, die es
Gott gefallen hat, zwischen diese beiden Zeitpunkte zu legen, in sich
selber und durch sich selber erzeugen knnen.

Dieser Zustand der Androgeneitt ist weder den Philosophen des Heidentums
und seinen Mythologien, noch den Rabbinern unbekannt gewesen. Die einen
haben behauptet, Adam sei auf der einen Seite als Mann, auf der anderen als
Weib erschaffen worden, aus zwei Krpern zusammengesetzt, die Gott nur zu
trennen hatte. Die anderen, wie Plato, haben ihm eine runde Figur von
ungewhnlicher Kraft gegeben; so wollte denn auch das Geschlecht, das von
ihm ausging, den Gttern den Krieg erklren. -- Jupiter in seinem Zorn
wollte es vernichten. -- Gab sich aber damit zufrieden, den Menschen zu
schwchen, indem er ihn spaltete, und Apollo dehnte die Haut aus, die er am
Nabel zusammenband. Davon geht die Neigung aus, die ein Geschlecht nach dem
anderen hinzieht, dank dem sehnschtigen Wunsche sich zu vereinigen, den
beide Hlften verspren, und die menschliche Unbestndigkeit infolge der
Schwierigkeit, die jede Hlfte empfindet, seinem ihm entsprechenden Teile
zu begegnen. Erscheint uns ein Weib liebenswrdig, so halten wir es fr die
Hlfte, mit der wir erst ein Ganzes ausmachen. Der Herr sagt uns: die da,
die ist's; bei der Prfung aber, wehe, ist sie's zu oft nicht.

Zweifelsohne behaupten auf Grund einiger dieser Ideen die Basilitier und
die Carpocratier, da wir in dem Zustande der unschuldigen Natur so wie
Adam im Augenblicke der Schpfung geboren werden und infolgedessen seine
Ble nachahmen mssen. Sie verabscheuen die Ehe, behaupten, die eheliche
Vereinigung wrde ohne die Snde niemals auf Erden stattgefunden haben,
halten den gemeinsamen Genu des Weibes fr ein Vorrecht ihrer
Wiedereinsetzung in die ursprngliche Unschuld, und setzen ihre Dogmen in
einem kstlichen, unterirdischen Tempel in die Tat um, der durch fen
erwrmt ist, und den sie, Mnner und Weiber, ganz nackt betreten. Da war
ihnen alles bis zu Vereinigungen erlaubt, die wir Ehebruch und Blutschande
nennen, sobald der lteste oder das Haupt ihrer Gemeinde die Worte der
Genesis: seid fruchtbar und vermehret euch ausgesprochen hatte.

Tranchelin erneuerte diese Sekte im zwlften Jahrhundert; er predigte
offen, Hurerei und Ehebruch wren verdienstvolle Handlungen; und die
berhmtesten dieser Sektierer wurden in Savoyen die Turlupins genannt.
Mehrere Gelehrte leiten den Ursprung dieser Sekten von Muacha her, der
Mutter Afas, des Knigs von Juda, der Hohenpriesterin des Priapus: wie man
sieht, heit das zu weit zurckgreifen.

Diese doppelte Kraft Adams scheint noch in der Fabel vom Narzi angedeutet
zu sein, der, von Liebe zu sich selber trunken, sich seines Bildes erfreuen
will und schlielich einschlummert, da er bei dem Werke scheitert[A].

[Funote A: Das zeigt sogar der Ursprung des Wortes: Narzi, das von
[Griechisch: Narch] = Schlummer abstammt. Um deswillen wurde die Narzisse
die den unterirdischen Gottheiten heilige Blume. Daher kommt's auch, da
man vor Alters den Furien Narzissengirlanden darbot, weil sie die
Verbrecher lhmten, einschlferten.]

Alle diese Zweifel, alle diese Untersuchungen ber Gensse, die unserer
wirklichen Natur zuwiderlaufen, haben zu einer groen Frage Veranlassung
gegeben, zu wissen: an imperforata mulier possit concipere? ob ein
verschlossenes Mdchen heiraten kann?

Man kann sich denken, da gelehrte Jesuiten, wie die Patres Cucufa und
Tournemine, dieser Frage auf den Grund gegangen, und da sie fr die
Bejahung gewesen sind. Gottes Werk, sagen sie, kann auf keinen Fall in
einer Weise vorhanden sein, die jenseits der Grenzen der Natur steht; ein
scheinbar der Vulva beraubtes Mdchen mu also im Anus Mittel und Wege
finden, um dem Triebe der Fortpflanzung, der ersten und unzertrennlichsten
der Funktionen unserer Existenz, genug zu tun.

Cucufa und Tournemine sind angegriffen worden; das mute sein. Der Spanier
Sanchez aber, der auf einem Marmorstuhle sitzend dreiig Jahre seines
Lebens ber diese Fragen nachgedacht hat, der niemals weder Pfeffer noch
Salz noch Essig zu sich nahm, der, wenn er zu Tische sa, stets seine Fe
in die Luft streckte[A], Sanchez hat seinen Mitbrdern mit einer
Beredtsamkeit, die man nicht glauben mchte, das Nachdenken ber eine
derartig empfindliche Materie verboten. Nichtsdestoweniger ist die
Eifersucht gegen die Jesuiten so mchtig gewesen, da die Ppste einen fr
junge Mdchen, die diesen Weg in Ermangelung eines anderen betreten lassen
wollten, aufgesparten Fall daraus gemacht haben. Bis Benedikt XIV.,
aufgeklrt durch die Entdeckungen der Pariser Fakultt, den aufgesparten
Fall aufgehoben und den Gebrauch der Hinterpost im Sinne der Patres
Cucufa und Tournemine erlaubt hat.

[Funote A: Salem, piper, acorem respuchat. Mensae vero accumbebat
alternis semper pedibus sublatis. Siehe: Elogium thom. Sanchez; gedruckt am
Anfang des Werkes: De Miatrimonio. Antwerpen bei Murss 1652 in folio. Und
wenn man sich einen Begriff machen will von den erbaulichen Fragen, die
dieser Theologe und viele andere aufgeworfen haben, mag man im
einundzwanzigsten Disput seines zweiten Buches nachlesen.]

Tatschlich hat Herr Louis, stndiger Sekretr der chirurgischen Akademie,
im Jahre 1755 die Frage ber die Verschlossenen behandelt; er hat bewiesen,
da die Anelytroiden empfangen knnten, und die in seiner mit Vorrecht
gedruckten These angefhrten Flle beweisen es. Trotz dieser Urkundlichkeit
unterlie es das Parlament nicht, die These des Herrn Louis als gegen die
guten Sitten verstoend anzugreifen. Der groe und nicht minder
scharfsinnige und boshafte Chirurg mute seine Zuflucht zur Sorbonne
nehmen; und bewies dann leichtlich, da das Parlament eine Frage beurteile,
die seine Zustndigkeit ebensowenig angehe wie die Beurteilung eines
Brechmittels. Und auf diese Erklrung hin gab das Parlament keinerlei
Antwort.

Aus all diesem ergibt sich eine fr die Fortpflanzung der menschlichen Art
sehr wichtige und nicht weniger eigentmliche Wahrheit fr den groen
Haufen der Leser: da nmlich viele junge unfruchtbare Frauen darauf
angewiesen sind und sogar nach bestem Wissen und Gewissen beide Wege
versuchen drfen, bis sie sich der wahren Strae, die der Schpfer in sie
hineingefhrt hat, vergewissert haben.




Die Ischa


Marie Schrmann hat das Problem bearbeitet: Eignet sich das
Literaturstudium fr das Weib?

Die Schrmann beantwortet es mit einem Ja, will, da das Weib keine
Wissenschaft, selbst die Theologie nicht, ausschliet, und fordert, da das
schne Geschlecht sich der universellen Wissenschaft widmen msse, weil das
Studium eine Gelehrsamkeit verleihe, welche man nicht durch die gefhrliche
Hilfe der Erfahrung erwerben knne, und selbst wenn dabei etwas
Unberhrtheit verloren gehe, wrde es recht sein, ber gewisse
Zurckhaltungen hinwegzukommen zugunsten dieser frhreifen Klugheit, die
auerdem von dem Studium befruchtet wrde, dessen berlegungen lasterhafte
Gedanken abschwchten und ablehnten und die Gefahr der Gelegenheiten
verringerte.

Die Frauenerziehung ist bei allen Vlkern, selbst bei denen, die fr die
gebildeten durchgehen, so vernachlssigt worden, da es sehr erstaunlich
ist, wenn man trotzdem ihrer eine so groe Zahl, die durch ihre
Gelehrsamkeit und ihre Werke berhmt sind, kennt. Seit Boccaccios Buche von
den berhmten Frauen bis zu den dicken Quartwlzern des Mnchs Hilerion
Coste, haben wir eine groe Zahl Namenregister von dieser Art; und Wolf hat
uns einen Katalog der berhmten Frauen geschenkt, im Anhange der Fragmente
hervorragender Griechinnen, die in Prosa geschrieben haben[A]. Juden,
Griechen, Rmer und alle Vlker des modernen Europas haben berhmte Frauen
gehabt.

[Funote A: Er hat die Fragmente der Sappho und das Lob, das ihr gezollt
wurde, einzeln verffentlicht.]

Es ist daher erstaunlich, da bei der angeblichen bereinstimmung der
Vortrefflichkeit des Mannes und des Weibes verschiedene Vorurteile der
Vervollkommnungsfhigkeit der Frauen gegenber entstanden sind. Je mehr man
diese so ungewhnliche (denn das ist sie doch so unendlich, weil der
Gegenstand der Anbetung der Mnner durchaus ihre Sklavin sein soll) Sache
erforscht, desto klarer wird es einem, da sie sich hauptschlich auf das
Recht des Strkeren, den Einflu der politischen Systeme und besonders auf
den der Religionen sttzt, denn das Christentum ist die einzige, die dem
Weibe in genauer und klarer Weise alle Rechte der Gleichheit einrumt.

Ich habe keine Lust, die Errterungen wieder aufzunehmen, die Pozzo in
seinem Werke Das Weib besser als der Mann wenig galant Paradoxe genannt
hat. Doch ist es so natrlich, da man, wenn man den Wert dieser
Himmelsgabe, die man die Schnheit nennt, berlegt, sich dieses lebhafte
und rhrende Bild so tief einprgt, da man bald begeistert wird; und wenn
man dann die heiligen Bcher liest, ist man nicht weiter erstaunt, da das
Weib die Ergnzung der Werke Gottes ist, welches er erst nach allem, was da
ist, erschaffen hat, wie wenn er htte anzeigen wollen, da er sein
erhabenes Werk durch das Meisterwerk der Schpfung beschliee. Von diesem
vielleicht religiseren als philosophischen Gesichtspunkt aus will ich das
Weib betrachten.

Nicht in Hitze ist das Weltall erschaffen worden. Es ist in mehreren Malen
geschehen, damit seine wunderbare Gesamtheit bewiese, da, wenn der
alleinige Wille des hchsten Wesens Vorbild ist, er der Herr des Stoffs,
der Zeit, des Handelns und der Untersuchung war. Der ewige Geometer handelt
ohne Notwendigkeit wie ohne Bedrfnis; er ist niemals weder beengt noch
behindert gewesen. Man sieht, wie er whrend der sechs Zeitspannen der
Schpfung die Materie ohne Mhe, ohne Anstrengung formt, gestaltet, bewegt,
und wenn eine Sache von der anderen abhngt, wenn zum Beispiel das
Entstehen und Gedeihen der Pflanzen von der Sonnenwrme abhngt, es nur
geschieht, um den Zusammenhang aller Teile des Weltalls anzuzeigen und
seine Weisheit durch diese wunderbare Verkettung zu enthllen.

Alles jedoch, was die Bibel von der Schpfung des Weltalls kndet, ist
nichts im Vergleich mit dem, was sie ber die Erschaffung des ersten
vernunftbegabten Wesens sagt. Bis dahin ist alles auf Befehl geschehen; als
es sich aber darum handelte, den Menschen zu schaffen, wechselt das System
und die Sprache mit ihm. Da gibt's nicht mehr das gebieterische und
pltzliche, da ertnt ein abgewogenes und seres, obwohl nicht minder
krftiges Wort. Gott hlt mit sich selbst Rat, wie um sehen zu lassen, da
er ein Werk hervorbringen will, welches alles berbieten soll, was er bis
dahin ins Leben erweckt hat. Lat uns den Menschen machen, sagt er. Es
ist klar, da Gott mit sich selbst spricht. Es ist ein Unerhrtes in der
ganzen Bibel, kein anderer wie Gott hat von sich selber in der Mehrheit
gesprochen: Lat uns machen. In der ganzen Schrift spricht Gott nur zwei-
oder dreimal so, und diese auergewhnliche Sprache hebt nur an sich
kundzutun, als es sich um den Menschen handelt.

Nach dieser Erschaffung verstreicht eine betrchtliche Zeit, bevor das neue
doppelgeschlechtliche Wesen den Lebensodem empfngt; erst in der siebenten
Zeitspanne geschieht's. Adam hat lange in dem Zustande lauterer Natur
existiert und besa nur den Instinkt der Tiere. Als aber der Atem ihm
eingeflt worden war, sah sich Adam als den Knig der Erde, er machte sich
seine Vernunft zunutze und er gab allen Dingen einen Namen.

Es sind also zwei verschiedene Schpfungen; die des Menschen, die seines
Geistes; und einzig hier erscheint das Weib. Sie ist nicht aus dem Nichts
erschaffen, wie alles, was vorhergeht; sie entsteht aus dem Vollkommensten,
was vorhanden ist. Es blieb nichts mehr zu schaffen. Gott zog aus Adam die
hchste Reinheit seines Wesens heraus, um die Welt mit dem vollkommensten
Wesen zu verschnen, das noch erschienen ist, mit dem er das gttliche Werk
der Schpfung vervollstndigte.

Das Wort, dessen sich der hebrische Gesetzgeber bedient, um dies Wesen zu
bezeichnen, erscheint noch einmal in virago[A] wieder, das sich im
Franzsischen nicht bersetzen lt, das das Wort Frau nicht wiedergibt,
und das sich nur durch die Idee der mnnlichen Fhigkeit empfinden lt.
Denn vir heit Mann, und ago ich handle. Frher sagte man vira[B] und nicht
virago. Die Septuaginta aber erklrt, da sich der Sinn des Hebrischen
durch das Wort vira nicht wiedergeben liee, sie hat ago[C] hinzugefgt.

[Funote A: Genesis, Kap. II, Vers 23.]

[Funote B: Vira von vir.]

[Funote C: Im Deutschen hat sich das Wort in Mnnin erhalten, das von
Mann kommt. Mnnin ist vira und nicht virago. Man wird sie Mnnin heien
(Genesis II, Vers 23), Luther.]

Es erstaunt mich daher nicht, da die Schrmann die Beschaffenheit des
schnen Geschlechts so sehr herausstreicht und sich gegen die Sekten
entrstet, die es herabsetzen. Das Gleichnis, dessen sich die Schrift
bedient, indem sie das Weib aus Adams Rippe formt, will nichts anderes
dartun, als da dies neue Geschpf nur eins sein soll mit der Person seines
Gatten, dessen Seele und Alles sie ist. Nur die Tyrannei des strkeren
Geschlechts hat die Gleichheitsbegriffe verndern knnen.

Im Heidentume wurden diese Begriffe durchaus unterschieden, da die Alten
beide Geschlechter mit der Gottheit verbanden: das ist ohne Rcksicht auf
das ganze System in der Mythologie genau dargetan worden. Wenn die Heiden
den Menschen vom Augenblicke seiner Geburt an unter den Schutz der Macht,
des Glckes, der Liebe und Notwendigkeit stellten, denn das wollen Dynamis,
Tyche, Eros und Ananke besagen, so war das wahrscheinlich nur eine
sinnreiche Allegorie, um unsere Stellung zu erklren, denn wir verbringen
unser Leben mit Befehlen, Gehorchen, mit Wnschen und mit Nachstreben. In
anderem Falle htte es bedeutet, den Menschen recht ausschweifenden Fhrern
anzuvertrauen, denn die Macht ist die Mutter der Ungerechtigkeiten, das
Glck die der Launen; die Notwendigkeit bringt Freveltaten hervor und die
Liebe steht selten in bereinstimmung mit der Vernunft.

Wie verhllt auch die Dogmen des Heidentums sein mgen, keine Zweifel
bestehen ber die Wirklichkeit des Kults der Hauptgottheiten; und der der
Juno, der Frau und Schwester des Gtterobersten, war einer der
allgemeinsten und geschtztesten. Das Epitheton Weib und Schwester zeigt
ihre Allmacht zur Genge: wer die Gesetze gibt, kann sie bertreten. Das
berhmte und nicht minder bequeme geheime Mittel, seine Jungfernschaft
wiederzugewinnen, indem man sich in der Quelle Canathus auf dem Peloponnes
badete, war einer der schlagendsten Beweise von dieser Macht, die alles bei
den Gttern wie bei den Menschen rechtfertigt. Das Bild von der Rachsucht
der Juno, unaufhrlich auf den Theatern dargestellt, verbreitete den
Schrecken, den diese furchtbare Gttin einflte. Europa, Asien, Afrika,
zivilisierte wie barbarische[A] Vlker verehrten und frchteten sie um die
Wette. Man sah in ihr eine ehrschtige, stolze, eiferschtige Knigin,
welche die Weltherrschaft mit ihrem Gatten teilte, all seinen Beratungen
beiwohnend und von ihm selber gefrchtet.

Eine so allgemeine demtige Verehrung, die zweifelsohne nichts mit der sehr
viel schmeichelhafteren zu tun hat, die man der Schnheit darbrachte, die
geschaffen war, zu verfhren und nicht zu erschrecken, beweist zum
wenigsten, da in den Gedanken der ersten Menschen der Weltenthron von
beiden Geschlechtern geteilt wurde[B]. Ein berhmter Schriftsteller des
verflossenen Jahrhunderts ist noch weiter gegangen; es hat ihm keine
Schwierigkeit bereitet zu sagen, dieser Vorrang der Juno vor den anderen
Gttern war die wirkliche Macht, aus der die bermige Verehrung der
heiligen Jungfrau hervorging, auf die die Christen verfallen sind. Erasmus
selber hat behauptet, da der Brauch, die Jungfrau nach Predigtbeginn auf
der Kanzel zu gren, von den Alten herrhre[C]. Gewhnlich suchen die
Menschen mit den geistigen Ideen des Kults sinnliche Ideen zu verbinden,
die sie rhren und bald hernach erstere unterdrcken. Sie beziehen, und
sind wohl gezwungen, alles auf ihre Ideen zu beziehen. Nun wissen sie, da
man aus der Niedrigkeit wie aus dem Wohlwollen der Knige nichts anderes
gewinnt, als was deren Minister beschlossen haben; sie halten Gott fr gut,
aber hinhaltend und bilden sich nach den irdischen Hfen den Himmelshof.
Danach ist der Kult der Jungfrau leichter zu fassen fr den
Menschenverstand als der des Allmchtigen, der ebenso unerklrlich wie
unfabar ist.

[Funote A: Sie wurde besonders in Gallien und in Germanien unter dem
Titel Gttin-Mutter verehrt.]

[Funote B: Man wird im Altertume viele Gebruche finden, die diese
Meinung erhrten. In Lacedaemonien zum Beispiel legte, wenn man die Ehe
vollzog, das Weib ein Mnnerkleid an, weil das Weib es ist, die die Mnner
zur Welt bringt.]

[Funote C: In Aegypten hatte in den Heiratsvertrgen zwischen Knigen die
Frau das Ansehen des Gatten. (Diod. d. Sic. I, I. Kap. XXVII usw.).]

Sobald das Volk von Ephesus erfahren hatte, da die Vter des Konzils
entschieden htten, da man die Jungfrau die Heilige nennen durfte,
gerieten sie vor Freude auer sich. Seitdem hat man der Mutter Gottes
einzige Verehrungen gezollt; alle Almosen flieen ihr zu, und Jesus
Christus bekommt keine Opfergaben mehr. Diese Inbrunst hat niemals vllig
aufgehrt. Es gibt in Frankreich dreiunddreiig Kathedralen und drei
erzbischfliche Kirchen, die der Jungfrau geweiht sind. Ludwig der
Dreizehnte weihte ihr seine Person, seine Familie und sein Knigreich. Bei
der Geburt Ludwigs des Vierzehnten sandte er das Gewicht des Kindes in Gold
an Unsere Frau von Loretto, die, wie man ohne gottlos zu sein, glauben
darf, sich sehr wenig in Anna von sterreichs Schwangerschaft
hineingemischt hat.

Noch ungewhnlicher als all das ist, da man im zweiten Jahrhundert der
Kirche dem heiligen Geiste weibliches Geschlecht gegeben hat. Tatschlich
ist ruats tuach, was auf Hebrisch Geist heit, weiblichen Geschlechts, und
die, welche dieser Meinung waren, nannten sich Eliesaiten.

Ohne dieser unrichtigen Meinung irgendwelchen Wert beizumessen, mu ich
bemerken, da die Juden keine Begriffe von dem Mysterium der Dreieinigkeit
gehabt haben. Selbst die Apostel sind von dem Dogma der Einheit Gottes ohne
Abnderungen fest berzeugt gewesen; nur in den letzten Augenblicken hat
Jesus Christus dies Mysterium offenbart. Wenn nun Gott eine der drei
Personen der Dreieinigkeit auf die Erde schicken wollte, konnte er sie
senden, ohne sie in Fleisch und Blut zu verwandeln; er konnte die Person
des Vaters oder des heiligen Geistes wie des Sohnes senden; er konnte sie
in einem Manne wie in einem Weibe Mensch werden lassen. Die gttliche Wahl
traf eine Art Aufmerksamkeit oder Vorzug fr das Weib. Jesus Christus hat
eine Mutter gehabt, er hat keinen Vater gehabt. Die erste Person, mit
welcher er sprach, war die Samaritanerin, die erste, der er sich nach
seiner Wiederauferstehung zeigte, war Maria Magdalena usw. Kurz, der
Heiland hat stets eine fr ihr Geschlecht sehr ehrenvolle Vorliebe fr die
Frauen gehabt.

Eine wahrhaft schmeichelhafte Huldigung aber fr ihn, eine wahrhaft
segensreiche Erfindung fr die menschliche Gesellschaft wrde es sein, wenn
man die geeigneten Mittel fnde, der Schnheit den Lohn der Tugend zu
verleihen, sie selber dazu anzufeuern, auf da alle Menschen angespornt
wrden, ihren Brdern Gutes zu tun, sowohl durch die Freuden der Seele, als
auch durch die der Sinne, damit alle Fhigkeiten, mit denen das hchste
Wesen unsere Art begabt hat, wetteiferten, uns gerechte und wohlttige
Gesetze lieben zu lassen. Unmglich ist es nicht, dies vom Patriotismus,
der Weisheit und der Vernunft so lebhaft ersehnte Ziel eines Tages zu
erreichen; aber, ach Gott, wie weit sind wir noch davon entfernt!




Die Tropoide


Die Verderbnis der Sitten, die Bestechlichkeit des menschlichen Herzens,
die Verirrungen des Menschengeistes sind von unseren Sittenrichtern
derartig abgedroschene Gegenstnde der Behandlung, da man meinen sollte,
das augenblickliche Jahrhundert sei ein Greuel der Verwstung, denn die
franzsische Sprache besitzt keinen noch so krftigen Ausdruck, dessen sich
Nrgler nicht bedienten. Wenn man indessen einen flchtigen Blick auf die
vergangenen Jahrhunderte tun will, auf eben die, welche man uns als
Beispiele anpreist, so wird man, daran zweifle ich nicht, viel
Beklagenswertes finden. Unsere Auffhrung und unsere Sitten zum Beispiel
taugen mehr als die des Volkes Gottes. Ich wei nicht, was unsere
Salbaderer sagen wrden, wenn sie unter uns eine so schmutzige Verderbtheit
shen, wie die, welche mit dem schnen Jahrhundert der Patriarchen in
Einklang steht.

Ich sage nichts darwider, da Moses Gesetze weise, billig, wohlttig
gewesen seien, aber diese an der Stiftshtte angebrachten Gesetze, deren
Zweck es anscheinend gewesen ist, den Bund der Hebrer unter sich durch den
Bund der Menschen mit Gott zu verknpfen, beweisen unwiderleglich, da dies
auserwhlte, geliebte und bevorzugte Volk sehr viel bresthafter als jedes
andere gewesen ist, wie wir in der Folge dieses Aufsatzes beweisen wollen.

Man denkt nicht genug daran, da alles relativ ist. Keine Grndung kann
gem dem Geiste ihrer Einrichtung gefhrt werden, wenn er nicht nach dem
Gesetz der Schuldigkeit gelenkt wird, das nichts anderes wie das Gefhl
dieser Schuldigkeit ist. Die wirkliche Kraft der Autoritt ruht in der
Meinung und im Herzen des Untertanen, woraus folgt, da fr die Handhabung
der Herrschaft nichts die Sitten ergnzen kann: es gibt nur gute Leute, die
die Gesetze handhaben knnen, aber es gibt nur ehrliche Leute, die ihnen
wahrhaft zu gehorchen wissen. Denn auer, da es sehr leicht ist, ihnen
auszuweichen, auer da die, deren einziges Gewissen sie bilden, der Tugend
und selbst der Billigkeit recht fernstehen, wei der, der Gewissensbissen
trotzt, auch den Strafen Trotz zu bieten, die eine sehr viel weniger lange
Zchtigung als erstere sind, denen zu entgehen man ja auch immer hoffen
kann. Wenn aber die Hoffnung auf Straflosigkeit zur Anfeuerung zu
Gesetzesbertretungen gengt, oder wenn man zufrieden ist, wofern man es
nur bertreten hat, ist das Hauptinteresse nicht mehr persnlich und alle
einzelnen Interessen vereinigen sich gegen es: dann haben die Leiter
unendlich viel mehr Macht, die Gesetze zu schwchen, als die Gesetze, die
Laster zu unterdrcken. Und es endigt damit, da man dem Gesetzgeber nur
noch scheinbar gehorcht. Zu dem Zeitpunkte sind die besten Gesetze die
unseligsten, da sie nicht mehr vorhanden sind, sie wrden eine Zuflucht
sein, wenn man sie noch befolgte. Ein schwacher Schutz indessen! Denn die
vermehrten Gesetze sind die verachteteren, und neue Aufseher werden ebenso
viele neue bertreter.

Der Einflu der Gesetze steht daher stets im Verhltnis zu dem der Sitten,
das ist eine bekannte und unwiderlegbare Wahrheit, das Wort Sitten aber ist
recht unbegrenzt und verlangt nach einer Erklrung.

Sitten sind und mssen in der einen Gegend ganz anders als in der anderen,
und bezugnehmend auf den Nationalgeist und die Natur der Herrschaft sein.
Der Charakter der Verweser hat auch groen Einflu auf sie, und auf all
diese Beziehungen Rcksicht nehmend, mu man sie betrachten. Wenn der Preis
der Tugend zum Beispiel dem Raube zuerkannt wird, wenn gemeine Menschen
wohlangesehen sind, die Wrde unter die Fe getreten, die Macht von ihren
Austeilern herabgesetzt, die Ehren entehrt, wird die Pest sicherlich alle
Tage zunehmen, das Volk seufzend schreien: Meine Leiden rhren nur von
denen her, die ich bezahle, um mich davor zu bewahren! und zu seiner
Betubung wird man sich in die Verderbnis strzen, die man berall ans
Licht zerren wird, um das Gemurmel zu bertnen.

Wenn dagegen die Verwahrer des Ansehens den dunklen Kunstgriff der
Verderbtheit verschmhen und einen Erfolg nur von ihren Bemhungen erwarten
und die ffentliche Gunst nur von ihren Erfolgen, dann werden die Sitten
gut sein und einen Ersatz fr das Genie des Oberhaupt es bilden; denn je
mehr Spannkraft die ffentliche Meinung hat, desto weniger bedarf es der
Talente. Selbst Ruhmsucht wird mehr durch Pflicht als durch widerrechtliche
Besitznahme gefrdert, und das Volk, berzeugt, da seine Oberen nur fr
sein Glck wirken, entschdigt sie durch seinen Eifer, fr die Befestigung
der Macht zu arbeiten.

Ich habe gesagt, die Sitten mten im Verhltnis zur Natur der Regierung
stehen; von diesem Gesichtspunkt aus mu man sie also auch beurteilen.
Tatschlich mu in einer Republik, die nur durch Sparsamkeit bestehen kann,
Einfachheit, Gengsamkeit, Nachsicht, der Geist der Ordnung, des
Eigennutzes, selbst des Geizes die Oberhand haben, und der Staat mu in
Fhrnis geraten, wenn der Luxus die Sitten verfeinern und verderben wird.

In einer begrenzten Monarchie dagegen wird die Freiheit fr ein so groes
und fr ein stets so bedrohtes Gut angesehen werden, da jeder Krieg, jede
zu ihrer Erhaltung, zur Verbreitung oder Verteidigung des Nationalruhmes
unternommene Handlung nur wenige Widersprecher finden wird. Das Volk wird
stolz, edelmtig, hartnckig sein, und Ausschweifung und die zgelloseste
ppigkeit werden die Allgemeinheit nicht entnerven.

In einer ganz absoluten Monarchie wrde der strengste und vollkommenste
Despotismus herrschen, wenn das schne Geschlecht dort nicht den Ton
angbe. Galanterie, Gefallen an allen Freuden, allen Frivolitten ist ganz
natrlich und ohne Gefahr Nationaleigenschaft, und vage Redereien ber
diese moralischen Unvollkommenheiten sind sinnlos.

Unter solcher Voraussetzung wollen wir im Fluge prfen, ob unsere Sitten
und einige unserer Gebruche, nach einem Vergleiche mit denen mehrerer
berhmter Vlker, noch als so abscheulich erscheinen mssen[A].

Auf den ersten Blick in den Levitikus sieht man, bis zu welchem Mae das
jdische Volk verderbt gewesen ist. Bekanntlich stammt das Wort Levitikus
von Levi ab, welches der Name eines von den brigen getrennten Stammes war,
da er hauptschlich sich dem Kult widmete. Von ihm kommen die Leviten oder
Priester und das heutige Kleidungsstck her, welches diesen Namen trgt,
ohne ein sehr authentisches Denkmal unserer Ehrerbietung zu sein. Moses
behandelt in diesem Buche die Weihen, die Opfer, die Unreinheit des Volkes,
den Kult, die Gelbde usw.

[Funote A: Man soll weiter unten in der Linguanmanie noch auffallendere
Dinge als die Sitten des Volkes Gottes sehen, die wir darlegen wollen.]

Ich will im Vorbergehen bemerken, da die Form der Weihen bei den Hebrern
sonderbar war. Moses machte seinen Bruder Aaron zum Hohenpriester. Dazu
entkehlte er einen Widder, tauchte seinen Finger in das Blut und fuhr mit
ihm ber Aarons rechte Ohrmuschel und ber seinen rechten Daumen.

Wenn man heutigentags den Kardinal Rohan, den Bischof von Senlis in der
Kapelle weihen und ihn mit dem Finger ganz warmes Blut auf das Ohrlppchen
streichen sieht[A], kann man nicht mehr umhin, sich die Gravre des Abb
Dubois zur Zeit der Regentschaft ins Gedchtnis zurckzurufen, man sieht
ihn zu Fen eines Mdchens knien, die von dem unreinen Ausflu nimmt, der
die Weiber alle Monate qult, um ihm damit die Priestermtze rot
anzustreichen und ihn zum Kardinal zu machen.

Das ganze fnfzehnte Kapitel des Levitikus handelt von nichts anderem wie
der Gonorrhoe, unter der die Hebrer sehr zu leiden hatten. Gonorrhoe und
Lepra waren ihre minder unangenehmen Unreinheiten; und sie hatten ihrer
wirklich mehr als genug, als da sie sich noch so viele zu erdenken
gebraucht htten. Ein Weib war zum Beispiel unreiner, wenn sie ein Mdchen
zur Welt gebracht hatte als einen Jungen[B]. Das ist eine ebensowenig
vernnftige wie seltsame Eigentmlichkeit.

Die Hebrer trieben mit Dmonen unter Ziegengestalt[C] Hurerei; diese
ungehobelten Dmonen machten da von einer elenden Verwandlung Gebrauch.

[Funote A: Levitikus, Kap. 8, Vers 24.]

[Funote B: Levitikus, Kap. 12, Vers 5.]

[Funote C: Levitikus, Kap. 17, Vers 7.]

Ein Sohn lag bei seiner Mutter und leistete seinem Vater Beistand[A]; wir
befinden uns noch nicht auf dieser Stufe der Sohnesliebe. Ein Bruder sah
ohne Gewissensbisse seine Schwester in der tiefsten Vertraulichkeit[B].

Ein Grovater wohnte seiner Enkeltochter bei[C]; das war nicht sehr
anakreontisch.

Man schlief bei seiner Tante[D], bei seiner Schwieger[E], seiner
Stiefschwester[F], was da nur kleine Snden waren; endlich erfreute man
sich seiner eigenen Tochter[G].

Die Mnner befleckten sich selber vor dem Molochstandbild[H]; spter fand
man, da dieser leblose Samen der Statue unwrdig sei; man machte ein Ende
damit, indem man ihr ein neugeborenes Kind als Opfer darbot.

Wie die Pagen der Regentschaft dienten die Mnner sich untereinander als
Weiber[I].

Sie benutzten alle Tiere [J], und das schne Geschlecht lie sich von Esel,
Maultieren usw.[K] befriedigen. Was um so unsittlicher war, als man den
Priesterstamm dahin entwickelt zu haben schien, da er die schlecht
versorgten Weiber fr sich einnehmen mute. Man nahm unter die Leviten
keine Hinkenden, Verwachsenen, Triefugigen, Leprsen auf, ebenso keine
Menschen, die eine zu kleine, schiefe Nase hatten, man mute eine schne
Nase besitzen[L].

[Funote A: Levitikus, Kap. 18, Vers 7.]

[Funote B: Levitikus, Kap. 18, Vers 9.]

[Funote C: Levitikus, Kap. 18, Vers 10.]

[Funote D: Levitikus, Kap. 18, Vers 12.]

[Funote E: Levitikus, Kap. 18, Vers 9.]

[Funote F: Levitikus, Kap. 18, Vers 15.]

[Funote G: Levitikus, Kap. 18, Vers 16.]

[Funote H: Levitikus, Kap. 18, Vers 21: De semine tuo non dabis idolo
Moloch; und Kap. 20, Vers 3: Qui polluerit sanctuarium.]

[Funote I: Levitikus, Kap. 18, Vers 22: Cum masculo coitu faemino.]

[Funote J: Levitikus, Kap. 18, Vers 23: Omni pecore.]

[Funote K: Mulier jumento. Bekanntlich heit in der heiligen Schrift
jumentum = Hilfstiere: adjuvantes von daher abgeleitet, franzsisch jument,
die Stute.]

[Funote L: Levitikus, Kap. 20, Vers 18.]

An dieser Musterkarte sieht man, wie es um die Sitten des Volkes Gottes
bestellt war; gewilich kann man sie nicht mit unserem Lebenswandel
vergleichen. Meines Bednkens kann man nach dieser Skizze einer Parallele,
die sich noch weiterfhren liee, keinen allzu lauten Einspruch gegen die
Vorgnge heutiger Tage erheben.

Die Freigeister bertreiben nicht gerade viel weniger, wenn sie von unseren
aberglubischen Gebruchen reden, als die Priester, wenn sie gegen unsere
Laster zu Felde ziehen.

Wir haben den traurigen Vorteil, was die Wut des Fanatismus anlangt, von
keiner anderen Nation bertroffen zu werden; der Wahnsinn des Aberglaubens
jedoch hat in anderen Religionen noch weiter um sich gegriffen.

Bei uns sieht man keine Menschen, die beschaulich auf einer Matte sitzend
ins Blaue hinein warten, bis das himmlische Feuer ihre Seele berkommt. Man
sieht keine vom Teufel Besessenen, die niederknien und die Stirn gegen die
Erde schlagen, um den berflu aus ihr hervorzulocken, keine unbeweglichen
Ber, die stumm sind wie die Statue, vor der sie sich demtigen. Man sieht
hier nicht vorzeigen, was die Scham verbirgt, unter dem Vorwande, da Gott
sich seines Ebenbildes nicht schme; oder sich bis zum Gesichte
verschleiern, wie wenn der Schpfer Abscheu vor seinem Werke htte. Wir
drehen uns nicht mit dem Rcken gen Mittag, um des Teufelswindes willen;
wir breiten nicht die Arme nach Osten aus, um dort das Strahlenantlitz der
Gottheit zu entdecken. Wir sehen, wenigstens in der ffentlichkeit, keine
jungen Mdchen unter Trnen ihre unschuldigen weiblichen Reize zerstren,
um die bse Lust durch Mittel zu besnftigen, die sie zu oft nur noch mehr
herausfordern. Wieder andere, ihre geheimsten Reize zur Schau stellend,
warten und fordern in der wollstigsten Stellung die Annherung der
Gottheit heraus. Um ihre Sinne abzuschwchen, heften sich junge Leute einen
Ring, der im Verhltnis zu ihren Krften steht, an ihre Geschlechtsteile.
Wieder andere wollen der Versuchung durch die Operation des Origines
entgehen und hngen die Beute dieses grlichen Opfers am Altar auf . . .

Mit all diesen Verirrungen haben wir wirklich nichts zu tun.

Was wrden unsere Salbaderer sagen, wenn die, wie um ihre Tempel, um unsere
Kirchen gepflanzten heiligen Haine das Theater aller Ausschweifungen wren?
Wenn man unsere Frauen verpflichtete, sich preiszugeben, wenigstens einmal,
zu Ehren der Gottheit? Und man knnte ja sehen, ob die dem schnen
Geschlechte natrliche Frmmigkeit ihm erlaubte, zu Zeiten, wo es der
Brauch verlangte, sich dort ihm zu fgen.

Der heilige Augustin berichtet in seiner Gott-Stadt[A], da man auf dem
Kapitol Frauen erblicke, die sich den Freuden der Gottheit weihten, von
denen sie gemeiniglich schwanger wrden. Es ist mglich, da auch bei uns
mehr als ein Priester mehr als einen Altar schndet; aber er verkleidet
sich wenigstens nicht als Gott. Der berhmte Kirchenvater, den ich eben
anfhrte, fgt in demselben Werke mehrere Einzelheiten an, die beweisen,
da, wenn die Religionen bei den Modernen viele Verfhrungen bemnteln, der
Kult der Alten wenigstens nicht im mindesten so anstndig war wie der
unsrige. In Italien, sagt er, und besonders in Lavinium, trug man bei den
Bacchusfesten mnnliche Glieder, denen die angesehenste Matrone einen Kranz
aufsetzte, in feierlichem Zuge herum. Die Isisfeste waren genau so
anstndig.

[Funote A: Buch 6, Kapitel 9.]

An gleicher Stelle fhrt der heilige Augustinus in langer Reihe die
Gottheiten auf, die bei der Hochzeit den Vorsitz fhren. Wenn das Mdchen
sein Versprechen gegeben hatte, fhrten die Matronen sie zum Gotte
Priapus[A], dessen bernatrliche Eigenschaften man kennt. Man lie die
junge Verheiratete sich auf das ungeheure Glied des Gottes setzen, dort
nahm man ihr den Grtel ab und rief die dea virginiensis an. Der Gott
Subigus unterwarf das Mdchen dem Entzcken des Gatten. Die Gttin Prema
befriedigte sie unter ihm, um zu verhindern, da sie sich allzu viel
bewegte. (Wie man sieht, war alles vorgesehen, und die rmischen Mdchen
wurden gut vorbereitet.) Schlielich kam die Gttin Pertunda, was soviel
wie die Durchbohrerin heit, deren Geschft war es, sagt Sankt Augustinus,
dem Manne den Pfad der Wollust zu ffnen. Glcklicherweise war dieses Amt
einer weiblichen Gottheit eingerumt worden, denn, wie der Bischof von
Hippona sehr gescheit bemerkt, wrde der Ehemann nicht gern geduldet haben,
da ein Gott ihm diesen Dienst erweise und ihm an einem Orte Hilfe zuteil
werden liee, wo man ihrer nur allzu hufig nicht bedarf.

[Funote A: Buch 6, Kapitel 9.]

Noch einmal: sind unsere Sitten minder anstndig als die da? Und warum dann
unsere Fehler und unsere Schwchen bertreiben? Warum Schrecken in die
Seele der jungen Mdchen und Mitrauen in die der Ehemnner pflanzen? Wre
es nicht besser, wenn man alles milderte, alles ausshnte?

Die braven Kasuistiker sind entgegenkommender. Lest unter so vielen anderen
den Jesuiten Filliutius, der mit einem auerordentlichen Scharfsinn sich
darber auslt, bis zu welchem Punkte die wollstigen Berhrungen gehen
drfen, ohne strafbar zu werden. Er entscheidet zum Beispiel, ein Ehemann
habe sich sehr viel weniger zu beklagen, wenn sich sein Weib einem Fremden
in einer wider die Natur gehenden Weise hingibt, als wenn sie einfach mit
ihm einen Ehebruch begeht und die Snde tut, wie sie Gott befiehlt, weil,
sagt Filliutius, auf erstere Weise das legitime Gef, ber welches der
Ehemann ausschlieliche Rechte hat, nicht berhrt wird . . .

O, welche kstliche Himmelsgabe ist ein friedsames Gemt!




Die Thalaba


Eines der schnsten Denkmler der Weisheit der Alten ist ihre Gymnastik.
Besonders dadurch scheinen sie begieriger gewesen zu sein, vorzubeugen als
zu strafen. Eine groe Klugheit in politischer Beziehung! Die Feinde,
sagten die Athener, sind dazu geschaffen, die Verbrechen zu bestrafen, die
Brger die Sitten hochzuhalten. Daher die voraussehende und heilsame
Aufmerksamkeit der Jugenderziehung gegenber. Der erste Ausbruch der
Leidenschaften und ihr Ungestm verursachen diesem heftigen Alter die
strksten Erschtterungen; es bedarf einer mnnlichen Erziehung, deren
Strenge jedoch durch bestimmte Vergngungen gemildert sein mu, die mit dem
groen Gegenstande, Mnner zu bilden, im Einklang stehen. Nun gab es dort
nur krperliche bungen, bei denen Arbeit und Freude glcklich vermischt
waren, die zum Teil stndig den Krper und infolgedessen auch die Seele
beschftigten, erfreuten und krftigten.

In Lndern, wo die Glcksgter recht ungleich verteilt sind, werden stets
die niedrigen Schichten der Gesellschaft einigermaen von der Bedrftigkeit
geqult, von der man nicht zu befrchten braucht, da sie Betubung durch
Miggang und Verweichlichung zur Folge hat. Fast unvermeidlich fallen ihr
aber die Reichen zum Opfer, wenn eine allgemeine und ffentliche
Einrichtung sie nicht einer ttigen Erziehung unterwirft, die bestndig zum
Wetteifer anfeuert und ein Schutzwall gegen das ist, was im Reichtum, in
seinem Genu und seiner Entartung unaufhrlich zu entnerven sich bestrebt.
Krftige und edelmtige Gefhle knnen selten in geschwchten Krpern
leben, und die Seele eines Spartiaten wrde bel in einem Sybaritenleibe
untergebracht sein. Alle Vlker, die reich an Helden waren, sind ebenso die
gewesen, deren kriegerische Erziehung, krftige Einrichtungen, vollkommene,
und gem den politischen Ansichten geleitete Gymnastik Kraft und Wetteifer
strkten.

Diese kostbaren Einrichtungen sind heute fast ins Vergessen geraten. In
Paris zum Beispiel gibt es gut und gern vierzigtausend von der Polizei zur
Erziehung der Jugend eingeschriebene Mdchen, aber es gibt in dieser
ungeheuren Hauptstadt nicht eine einzige gute Reitschule, wo man lernen
kann, wie man zu Pferde sitzen soll; keinerlei bungen pflegt man da, wenn
es sich nicht um Fechten, Tanzen, Ballspielen handelt, und die haben wir
schdlich genug sich auswachsen lassen.

Daraus, und aus recht vielen anderen Dingen, die ich nicht alle anzufhren
beabsichtige, folgt, da unsere Leidenschaften oder vielmehr unsere
Verlangen und Geschmcker (denn wir haben keine Leidenschaften mehr) vor
allem ber jede moralische Tugend den Sieg davontragen.

Das heftigste unter diesen Verlangen ist zweifellos das, welches ein
Geschlecht nach dem anderen trgt. Diesen Hunger haben wir mit allem, was
da beseelt oder unbeseelt erschaffen worden ist, gemein. Die Natur hat als
zrtliche und frsorgliche Mutter an die Erhaltung all dessen, was da ist,
gedacht. Doch unter den Menschen, diesen Wesen der Wesen, die zu oft nur
mit Vernunft begabt zu sein scheinen, um sie zu mibrauchen, ist das
eingetreten, was man niemals bei den anderen Tieren bemerkt hat: sie
tuschen nmlich die Natur, indem sie sich der Lust erfreuen, die mit der
Fortpflanzung der Art verbunden ist, und lassen dabei das Ziel dieses
Reizes auer Acht. So haben wir den Zweck von den Mitteln getrennt; und der
Drang der Natur, durch die Bemhungen unserer Einbildungskraft verlngert,
lastet auf uns ohne Rcksicht auf Zeiten, Orte, Umstnde, Gebruche, Kult,
Sitten, Gesetze, kurz alle Fesseln, die dem Menschen auferlegt sind. Er hat
sich nicht lnger um die Gewohnheit der Staaten und der Alter gekmmert;
denn die Greise werden enthaltsam, doch selten keusch.

Die Art und Weise, die Zwecke der Natur zu vereiteln, hat verschiedene
Grnde gehabt: den Aberglauben, der mit seiner hlichen Maske fast alle
unsere Laster und Narrheiten deckt, verschiedene moralische Ursachen,
selbst die Philosophie.

Ketzer in Afrika enthielten sich ihrer Weiber und ihr unterschiedliches
Verfahren bestand darin, keinen Handel mit ihnen zu haben. Sie sttzten
sich erstens darauf, da Abel rein gestorben sei, und nannten sich
Abelianer, und zweitens darauf, da der Apostel Paulus predigte, man sollte
mit seinem Weibe sein, wie wenn man keins htte[A]. Ein aberglubischer
Wahnsinn kann nicht weiter verwundern; der Mibrauch der Philosophie in
dieser Hinsicht aber ist sehr sonderbar und ein Werk der Zyniker.

Es ist seltsam, da unterrichtete Menschen von gebtem Verstande, nachdem
sie in der menschlichen Gesellschaft die Sitten des Naturzustandes haben
einfhren wollen, nicht bemerkt oder sich so wenig Sorge darum gemacht
haben, wie lcherlich es ist, verdorbenen und schwachen Menschen die
burische Grobheit der Jahrhunderte tierischen Lebens aufpfropfen zu
wollen. Selbst durch eine so groteske Philosophie oder durch die Liebe,
welche die Urheber dieser Doktrin einflten, verfhrte Frauen opfern ihr
die Schande und die Scham, die tausendmal tiefer im weiblichen Herzen
wurzelt als die Keuschheit selber.

[Funote A: An die Korinther 6, 7, 8, 29.]

Solange als es sich um die eheliche Pflicht handelte, hatten die Zyniker
immer noch einige Sophismen anzufhren. Als aber Diogenes, der wenigstens
mit einiger Vernunft faselte, diese Moral auf den Grund seiner Tonne
befrderte, was konnten da seine Sophismen sein? Der Hochmut, den
Vorurteilen zu trotzen, die Art Ruhm -- der sklavische Mensch ist in allem
und stets ein Freund der Unabhngigkeit --, die sich daran knpfte, waren
allem Anscheine nach die wirklichen Beweggrnde. Der Makel des
Geheimnisses, der Schande, der Finsternis, wrde ihm beleidigende Namen und
Nachstellungen eingetragen haben, seine Schamlosigkeit bewahrte ihn davor.
Wie kann man sich einbilden, da ein Mensch denkt, was er tue und am hellen
Tage sagt, sei schlecht in Worten und in Werken? Wie kann man einen
Menschen verfolgen, der kalt behauptet: Es ist das ein sehr mchtiges
Bedrfnis; ich aber bin glcklich in mir selber zu finden, was andere
Menschen zu tausenderlei Ausgaben und Verbrechen veranlat. Wenn alle Welt
wie ich wre, wrde weder Troja gefallen, noch Priamus auf Jupiters Altar
die Kehle abgeschnitten worden sein! Diese und sehr viele andere Grnde
scheinen einige seiner Zeitgenossen verfhrt zu haben.

Galienus sucht ihn mehr zu rechtfertigen als zu verdammen. Wahr ist's, da
die Mythologie in gewisser Weise den Onanismus geheiligt hatte. Man
erzhlt, da Merkur, da er Mitleid mit seinem. Sohne Pan hatte, der Tag und
Nacht durchs Gebirge streifte, von heftiger Liebe zu seiner Geliebten[A]
gepackt, deren er nicht froh werden konnte, ihm diese fade Erleichterung
bezeichnete, die Pan dann die Hirten lehrte.

Noch merkwrdiger als des Galienus Duldsamkeit ist die der Lais, die an
Diogenes, diesen Diogenes, der sich durch so viele ungeteilte Freuden
befleckte, ihre Gunst verschwendete, die ganz Griechenland mit Gold
aufgewogen haben wrde, und um seinetwillen den liebenswrdigen und weisen
Aristipp betrog. Wrde Lais, wenn ihm dasselbe Abenteuer wie dem Mdchen
zugestoen wre, die, nachdem sie den Zyniker allzu lange hatte warten
lassen, merkte, da er sie sich aus dem Kopf geschlagen hatte und ihrer
nicht mehr bedurfte, sich dem Onanismus gegenber etwa strenger bezeigt
haben?

Woher das Wort Onanismus stammt, wei man: In der heiligen Schrift lt
Onan seinen Samen auf die Erde fallen[B], seine Grnde jedoch drften denen
des Diogenes vorzuziehen sein. Juda hatte von Sua drei Shne: Her, Onan und
Sela. Er wollte Nachkommenschaft haben, fhrte sich seltsam dabei auf, kam
aber zum Ziele. Seinen ltesten Sohn Her lie er Thamar heiraten; als Her
ohne Kinder gestorben war, wollte Juda, da Onan seine Schwgerin beschlafe
unter der Bedingung, da er seinem Bruder Samen erwecke, der nach dem Namen
des ltesten Her genannt werde. Onan weigerte sich, und um den Zweck der
Natur ein Schnippchen zu schlagen, hub er, jedesmal wenn er bei Thamar lag,
an, sein Trankopfer beiseite zu schtten. Er starb. Juda lie Thamar seinen
dritten Sohn Sela heiraten, der auch kinderlos starb. Juda wurde
halsstarrig und nahm das Geschft, dessen er sehr wrdig gewesen zu sein
scheint, auf sich, denn er schwngerte seine Tochter derartig, da
Zwillinge in ihrem Leibe erfunden wurden. Der erste wies seine Hand vor,
um welche die Wehenmutter einen roten Faden band, weil er der ltere sein
mute. Aber der kleine Arm zog sich wieder zurck und das andere Kind
erschien zu erst und man nannte es Perez[C].

[Funote A: Das Echo.]

[Funote B: Genesis, Kapitel 38.]

[Funote C: Der, welcher das Band trug und als zweiter geboren ward,
erhielt den Namen Zara, was so viel wie Osten heit.]

Die Vter wollen Noah in Perez sehen, Noah das Bild Jesu Christi, der
erschienen ist wie der kleine Arm und dessen Leib nur fr das neue Gesetz
geboren werden durfte. Was aber die Vter klarer als all das sahen, ist,
da durch die Begebenheit mit dem Samen, den Onan beiseite warf, Jesus
Christus von der fremden Ruth, der Courtisane Rahab, der Ehebrecherin
Bathseba und von Vater auf Tochter von der blutschnderischen Thamar
abstammen mu[A]. Doch zur Sache zurck.

Man sieht, da dem Onanismus, wenn er auch nicht geheiligt wurde, immerhin
durch groe und alte Beispiele das Wort geredet worden ist.

Die moralischen Grnde, die ihn am hufigsten herausfordern, sind entweder
die Furcht, Wesen, die der besonderen Umstnde halber unglcklich werden
wrden, das Leben zu geben, oder die Angst vor Seuchen erzeugenden
Berhrungen. Denn ohne da es durchaus bewiesen ist, meint man, da das
Gift auf die Teile des Krpers, die vollkommen mit der Haut bekleidet sind,
nicht, sondern nur auf die von ihr entblten, einwirkt.

[Funote A: Sacy, Seite 817, Ausgabe in 8.]

Diese und viele andere Umstnde verleiten dazu, dem so lebhaften Triebe,
der den Menschen zur Fortpflanzung seines Ichs drngt, nur nachzugeben,
indem er die Absicht der Natur auer Acht lt; und die Mittel sie zu
tuschen, sind bei den einen zur Leidenschaft, bei vielen anderen zum
Bedrfnis geworden. Der Schlaf erregt in den Zlibatren die wollstigsten
Trume. Die Einbildung, geschrft und geschmeichelt durch diese
trgerischen Illusionen, die zu einer verstmmelten Wirklichkeit fhren,
die aber wieder der Unannehmlichkeiten entbehrt, welche ein vollkommeneres
Glck oft so gefhrlich machen, hat eifrig nach dieser Weise gegriffen, ihr
Begehren hinters Licht zu fhren. Beide Geschlechter, auf solche Art die
Bande der Gemeinschaft zerreiend, haben diese Vergngungen nachgeahmt, die
sie sich ungern versagen und indem sie sie durch ihre eigenen Anstrengungen
ersetzten, haben sie gelernt, sich selbst zu gengen.

Diese einzelnen und erzwungenen Vergngungen sind dank der Bequemlichkeit,
sie zu stillen, zur heftigen Leidenschaft geworden, welche die Macht der
der Menschheit so gebietenden Gewohnheit zu ihrem Nutzen ausgebeutet hat.
Dann sind sie sehr gefhrlich geworden, gefhrlicher als so lange sie nur
durch das Bedrfnis geregelt wurden, da sie eine mehr wollstige als
hitzige Einbildungskraft erzeugt haben. Kein Unfall ist die Folge gewesen,
kein physisches Leiden hat dieser Hang gezeitigt, und die Moral wrde ihm
gegenber in gewissen Fllen einige Duldsamkeit obwalten lassen knnen[A].
Die alten Richter, vielleicht weniger ngstlichen, aber philosophischen
Richter, dachten, wenn man ihm in diesen Grenzen genge tte, wrde man die
Enthaltsamkeit nicht verletzen. Galienus behauptet, wie man gesehen hat,
da Diogenes, der ffentlich seine Zuflucht zu diesem Hilfsmittel nahm,
sehr keusch wre; er wendete dies Verfahren nur an, sagt er, um den
belstnden der Samenverhaltung zu entgehen.

Doch kommt es wohl sehr selten vor, da man in dem, was man den Sinnen
einrumt, das richtige Ma einhlt. Je mehr man sich seinem Verlangen
berlt, desto mehr schrft man es; je mehr man ihm gehorcht, desto mehr
reizt man es. Dann bestimmt die von Schwche vergiftete und stndig in
wollstige Gedanken versunkene Seele die tierischen Triebe, sich der
Ausschweifung hinzugeben. Die Organe, die das Vergngen hervorrufen, werden
durch die wiederholten Berhrungen beweglicher, den Abschweifungen der
Einbildung gegenber gelehriger; stndige Erektionen, hufige Pollutionen
und die Folgen eines unmigen Lebens stellen sich ein.

Oft kommt es vor, da die Leidenschaft in Wut ausartet. Die Gegenstnde,
die ihr gleichartig sind und sie nhren, bieten sich unaufhrlich dem
Geiste dar; nun, man kann sich nicht vorstellen, bis zu welchem Grade
dieses Achten auf einen einzigen Gegenstand entnervt, schwcht. brigens
zieht die Lage der Geschlechtsteile, selbst ohne Pollution, eine groe
Verschwendung der animalischen Triebe nach sich. Pollutionen treten zu
hufig auf; selbst wenn ihnen keine Samenentleerungen folgen, schwchen sie
unendlich. Es gibt auffallende und unbestreitbare Beispiele dieser Art. Zu
beachten ist noch, da das Verhalten der Onanisten nicht wenig zur
Schwchung, die sich aus ihren ungeteilten Handlungen ergibt, und zur
Reizbarkeit ihrer Organe beitrgt. Die Natur kann nimmer weder ihrer Rechte
verlustig gehen noch ihre Gesetze unbestraft verletzen lassen. Geteilte
Freuden werden selbst im berma eher von ihr ertragen als eine
unfruchtbare List, durch welche man ihrer Herr zu werden sucht. Die
Befriedigung des Geistes und des Herzens hilft zu einer schnelleren
Wiedergutmachung der Verluste als die, welche die Rusche der
Einbildungskraft verursachen und niemals ersetzen knnen.

[Funote A: Der Marquis von Santa Crux, zum Beispiel, beginnt sein Buch
ber die Kriegskunst mit den Worten, da es die erste, fr einen groen
General durchaus notwendige Eigenschaft sei, zu . . . weil das einer Armee
und besonders in einer Kriegsstadt alle Klatschereien und Seuchen erspare.]

Die Moral ist aber stets der Leidenschaft gegenber schwach. Wenn dieser
seltsame Geschmack bekannt ist, ist man mehr damit beschftigt, ins Werk zu
setzen, was ihn befriedigen kann, als darber nachzudenken, was ihn
zurckdrngen knnte; und man hat herausgefunden, da beide Geschlechter,
sich gegenseitig bedienend, den einzelnen Genu den Reizen eines
gegenseitigen Genusses vorziehen mten.

Diese seltsame Kunst wurde zu allen Zeiten und wird noch in Griechenland
gepflegt. Es ist dort blich, sich nach dem Mahle zu versammeln. Man legt
sich im Kreise auf einen Teppich, alle Fe sind nach dem Mittelpunkte
gerichtet, wo man in der kalten Jahreszeit einen Dreifu aufstellt, der
eine Kohlenpfanne trgt. Ein zweiter Teppich deckt euch bis an die
Schultern zu: da finden die jungen Griechinnen das Mittel, sich, ohne da
man's merkt, die Schuhe auszuziehen und den Mnnern mit ihren Fen einen
Dienst zu leisten, zu dem sich viele Weiber sehr unbeholfen ihrer Hnde
bedienen.

Tatschlich ist solch eine Gabe nicht allen verliehen. In Paris haben
einige Leute nach einer vollendeten Erfahrung und einer Menge Versuchen ein
besonderes Studium daraus gemacht. Auch die jungen Mdchen, die vom edlen
Wetteifer beseelt sind, nach einem Rufe dieser Art zu trachten, tragen
eifrig Sorge, Unterricht zu nehmen; doch sind sie nicht alle mit Erfolg
gekrnt. Sicher ist es, da sich hier Schwierigkeiten von mehr als einer
Art in den Weg stellen.

Es handelt sich nicht um ein Gefhl, das sich auf das Wesen des Mdchens
bertrgt, welches nichts tut als es hervorzurufen. Es ist nur eine
Sensation, die sie durch den Sto ihres Krpers mitteilt, es ist eine
Sensation, die der Mann in sich selber durch die Einbildungskraft dieses
Mdchens genieen und die um so kstlicher werden mu, als sie durch ihre
Kunst den Genu verlngern kann. Diese Wonne erlischt mit dem Akt, weil sie
der Mann allein fhlt. Die Kstlichkeiten des natrlichen Vergngens
dagegen gehen voraus und folgen dem innigen Verein der Liebenden. Das
Mdchen, die den teilweisen Genu leitet, darf sich also nur damit
befassen, eine Situation, die ihr fremd ist, zu fhren, reizen,
unterhalten, dann einstweilen aufzuheben, die Wirkung mehr hinauszuschieben
als zu beschleunigen und noch sehr viel weniger sie hervorzurufen. Alle
diese Zrtlichkeiten mssen mit unsglich zarten Nuancen abgestimmt sein;
die gefllige Priesterin darf sich nicht dem hitzigen berschwange
berlassen, der ihr freistnde, wenn sie mit dem Opferer vereinigt wre.

Man begreift wohl, da dies Vorgehen hitzigen jungen Leuten gegenber nicht
am Platze ist, die ihr Ungestm leitet und die in dieser Art Lsten nur die
Verzckung der Wonne suchen; man kann sie nur mit denen ausben, bei denen
in einem reiferen Alter das lebhafte Feuer des Temperaments abgeschwcht
und die Einbildungskraft gebter ist: sie wollen sich des Vergngens mit
allen Sensationen und den Schattierungen erfreuen, die diese Art von Lust
bietet.

Unter den Mnnern, ebenso auch unter den Weibern, besteht eine sehr groe
Temperamentsverschiedenheit; manche sind von einer Geilheit, fr die man
keine Worte findet. Die, welche sich mit Temperament zu, begngen wissen
und eine bedeckte Eichel haben, bewahren eine der alten Satire wrdige
Geilheit. Der Grund davon ist sehr einfach: die Eichel, die der Sitz der
Wollust ist, erhlt sich dank dem stndigen Verharren in der lymphatischen
Flssigkeit, die sie schlpfrig macht, ihre kostbare Empfindlichkeit, statt
da sie, wie bei denen, die sie entblt tragen, die man beschnitten hat,
oder bei denen die Vorhaut von Natur aus zu kurz ist, mit dem Alter hart
und schwielig wird, denn bei denen ist die vorbereitende Flssigkeit, die
sie absondert, ganz umsonst da.

Nun wird aber ein in der Kunst des Thalaba bewandertes Mdchen sich einem
Manne dieser Klasse gegenber nicht wie mit einem anderen auffhren. Stellt
euch die beiden Handelnden nackt in einem mit Spiegeln umgebenen Alkoven
und auf einem Lager mit einem Himmelbett vor. Das eingeweihte Mdchen
vermeidet es zuerst mit grter Sorgfalt, die Zeugungsteile zu berhren:
ihre Annherungen sind zart, ihre Umarmungen s, die Ksse mehr zrtlich
als lasziv, die Zungenbewegungen abgemessen, der Blick wollstig, die
Umschlingungen der Glieder voll Anmut und Weichheit; sie kitzelt mit den
Fingern leicht die Brustwarzen, bald merkt sie, da das Auge feucht wird,
fhlt, da sich die vllige Erektion eingestellt hat, dann legt sie den
Daumen leicht auf das uere Ende der Eichel, die sie in ihrer
lymphatischen Flssigkeit gebadet findet, mit der Daumenspitze fhrt sie
leise zu ihrer Wurzel hinab, kommt zurck, fhrt wieder hinunter, fhrt um
den Kranz. Sie hlt ein, wenn sie merkt, da die Sensationen sich mit allzu
groer Schnelligkeit vermehren. Sie wendet dann nur allgemeine Berhrungen
an, und das nur nach gleichzeitigen und unmittelbaren Berhrungen der Hand,
dann mit beiden und dem Nhern ihres ganzen Krpers; da die Erektion zu
hitzig geworden, merkt sie in dem Augenblick, in welchem man die Natur
handeln lassen oder ihr helfen oder sie reizen mu, um zum Ziel zu
gelangen, weil der Krampf, der den Mann berkommt, so lebhaft und der
Empfindungshunger so heftig ist, da er zur Ohnmacht fhren wrde, wenn man
ihm nicht ein Ende machte.

Um aber diese Weise der Vollendung, diese Kraft des Genusses zu erlangen,
mu das Mdchen sich aus dem Spiele lassen, um alle Nuancen der Wollust,
die die Seele des Thalaba durchluft, studieren, befolgen und verstehen, um
die aufeinander folgenden Verfeinerungen anwenden zu knnen, die diese
Genusteigerungen, die sie erzeugt, verlangen. Man gelangt in dieser Kunst
gewhnlich nur bis zu einer Stufe der Vollendung, teils durch ein feines
Gefhl, teils durch eine genaue Berhrung, die bei diesen Gelegenheiten die
einzigen und wirklichen Richter sind . . . Was aber wird das Resultat
dieses Werkes der Wollust sein . . . Wird es Martial, der ausgelassene
Martial? . . . Ich hre ihn rufen:

   Ipsam crede tibi naturam dicere rerum,
   Istud quod digitis, Pontice, perdis, homo est[A].
   Und es ruft dir zu die Natur, sie selbst: Halte ein;
   Was deine Hand vergiet, verdiente ein Mensch zu sein!

Das ist schn und wahr; indessen sind Dichter nicht in Dingen magebend,
die von der Vernunft entschieden werden mssen.

Der Haupt- und vielleicht der einzige Grundsatz der Natur ist: schlecht
ist, was schadet. Der Ehebruch steht der Natur nicht so fern und ist ein
sehr viel greres bel als der Onanismus. Der knnte nur der Jugend Gefahr
bringen, wenn er ihre Gesundheit angreift; aber fr die Moral kann er oft
sehr ntzlich sein. Der Verlust von etwas Samen an sich ist kein sehr
groes bel, er ist nicht einmal ein so groes wie der von etwas Dnger,
der einen Kohlkopf htte hervorbringen knnen. Sein grter Teil ist von
der Natur selber dazu bestimmt, verloren zu gehen. Wenn alle Eicheln Eichen
werden wollten, wrde die Welt ein Wald werden, in dem man sich nicht
bewegen knnte. Kurz, ich sage mit Martial: Ihr sollt euch also eurem
Weibe nicht nhern, wenn sie hohen Leibes ist, denn: Istud, quod vagina,
Pontice perdis, homo est. Wenn ihr sie so fasten lat, seid ihr ein
rechter Dummkopf und werdet ihr gar viel Verdru bereiten, was vom bel
ist. berdies werdet ihr, bevor sie niederkommt, alles sein, was ein
Ehemann werden kann, was im Vergleich damit etwas wenig ist.

[Funote A: Epigramme 42, Buch 9.]




Die Anandrine


Die berhmtesten Rabbiner sind der Meinung gewesen, da unsere ersten Vter
beide Geschlechter in sich vereinigten und als Zwitter geboren wurden, um
die Fortpflanzung zu beschleunigen. Doch nachdem eine gewisse Zeit
verstrichen, hrte die Natur auf, so fruchtbar zu sein, zu der Zeit, wo die
Pflanzenstoffe nicht mehr fr unsere Nahrung ausreichten und die Menschen
anfingen, sich des Fleisches zu bedienen.

Im Anfange war es sicher so, und wir haben in diesen Ausfhrungen[A]
gesehen, da Adam zweigeschlechtlich erschaffen worden ist. Gott gab ihm
eine Gefhrtin; doch die Schrift sagt nicht, ob Adam bei diesem Wunder eine
seiner Eigenschaften verlor. Da die Genesis sich also in keiner genauen
Weise ber diesen Gegenstand uert, hat das System der Rabbiner lange Zeit
eine groe Anhngerschaft gehabt.

Man hat ein gemigteres System aufgestellt, das einigen Leuten
wahrscheinlicher vorgekommen ist. Da es nmlich drei Arten von Wesen in
dem ersten Zeitraum gegeben habe, die einen mnnlich, die anderen weiblich,
andere mnnlich und weiblich in einem; da aber alle Individuen dieser drei
Arten jedes vier Arme und vier Beine, zwei Gesichter, eines gegen das
andere gekehrt und auf einem einzigen Halse ruhend, vier Ohren, zwei
Geschlechtsteile usw. gehabt htten. Sie gingen aufrecht; wenn sie aber
laufen wollten, schossen sie Purzelbaum. In ihre Ausschweifungen, ihre
Keckheit, ihren Mut teilten sie sich; daraus aber ergab sich ein groer
belstand: jede Hlfte versuchte unaufhrlich sich mit der anderen zu
vereinigen, und wenn sie sich trafen, umarmten sie sich so eng, so zrtlich
mit einem so kstlichen Vergngen, da sie sich zu keiner Trennung mehr
entschlieen konnten. Ehe sie sich voneinander rissen, starben sie lieber
Hungers.

[Funote A: Siehe die Analytroide.]

Das Menschengeschlecht sollte zugrunde gehen. Gott tat ein Wunder: er
trennte die Geschlechter und wollte, da die Wonne nach einem knappen
Zeitraume wiche, damit man etwas anderes tte, als einer an dem anderen
festkleben. Daher kommt es, und nichts ist einfacher, da das weibliche
Geschlecht, getrennt von dem mnnlichen Geschlechte, eine glhende Liebe zu
den Mnnern bewahrt hat, und da das mnnliche Geschlecht unaufhrlich
darnach trachtet, seine zrtliche und schne Hlfte wiederzufinden.

Doch gibt es Weiber, die andere Weiber lieben? Nichts ist doch natrlicher:
es sind die Hlften der damaligen Weiber, die doppelt waren. Desgleichen
haben gewisse Mnner, die Verdoppelung anderer Mnner, einen
ausschlielichen Geschmack fr ihr Geschlecht bewahrt.

Es ist nichts Wunderliches dabei, obwohl diese vereinten und entzweiten
Mnnerpaare sehr wenig anziehend erscheinen. Seht doch, wie sehr einige
Kenntnisse mehr oder weniger zu mehr oder weniger Duldung fhren mssen!
Ich wnschte, da diese Ideen den moralisierenden Maulhelden Ehrfurcht
einflten. Man kann ihnen gewichtige Autoritten anfhren; denn dies
System, das in Moses seinen Ursprung hat, ist von dem erhabenen Plato sehr
erweitert worden. Und Louis Leroi, kniglicher Professor zu Paris, hat ber
diese Materie ungeheure Kommentare verfertigt, an denen Mercerus und
Quinquebze, die Lektoren des Knigs fr Hebrisch, erfolgreich
mitgearbeitet haben.

Man wird wohl nicht rgerlich sein, hier Louis Lerois' eigene Verse
angefhrt zu sehen:

   Im ersten Alter, da die Welt von Kraut
   Und Eicheln lebte, hat sie froh geschaut
   Drei Menschenarten: zwei, sie sind noch jetzt,
   Die dritte aber war zusammengesetzt
   Aus Mann und Weib. Es ist wohl jedem klar,
   Da ihr der Schnheit Form zu eigen war.
   Der Gott, der sie erschuf mit reicher Hand,
   Schuf sie so schn er sich darauf verstand.
   Zwei Kpfe; Fe, Arme hatten viere
   Diese vernunftbegabten schnen Tiere.
   Der Rest bleibt ungesagt, denkt ihn euch schn,
   Denn besser wre er gemalt zu sehn.
   Und jeder Teil freut seines Leibs sich so:
   Denn wandt er sich, sah er gekt sich froh,
   Sah sich umarmt, wenn er den Arm ausspannte,
   Dacht' er, der andere schon die Antwort nannte.
   In sich, was er zu seh'n begehrt', er sah
   Und was er haben wollte, war schon da.
   Stets trugen seine Fe schnell den Leib
   Dorthin, wo ihm erblhte Zeitvertreib;
   Und hatte er mibraucht sein bestes Gut,
   Wie leicht entschuldigte ihn da sein Mut!
   Fr ihn gabs weder Rechnung noch Bericht,
   Und Ehrbarkeit und Schande kannt' er nicht.
   Der einfach sich aus seiner Seele stahl,
   Der Wunsch, erfllte sich in Doppelzahl.
   Wer das bedenkt, zu sagen ist bereit:
   Damals, ja, herrschte die Glckseligkeit
   Des goldnen Alters, o, welch schne Zeit!

In ihrem Vorwort zum Neuen Himmel bekennt Antoinette Bourignon sich auch
zu diesem System, welches solcher Art zu sein scheint, da es vom schnen
Geschlecht bedauert wird. Sie mit dem Sndenfalle diese Trennung in zwei
Teile zu und sagt, sie habe in dem Menschen das Werk Gottes verunstaltet
und statt Menschen, die sie sein sollten, seien sie Ungeheuer von Natur aus
geworden, in zwei unvollkommene Geschlechter geteilt, unfhig,
ihresgleichen allein hervorzubringen, wie sich die Pflanzen hervorbrchten,
die darin sehr viel begnstigter und vollkommener wren, als das
Menschengeschlecht, das dazu verdammt sei, sich nur durch die sehr kurze
Vereinigung zweier Wesen fortzupflanzen, die, wenn sie dann einige Wonnen
empfanden, dies hohe Werk der Vervielfltigung nur mit groen Schmerzen
vollenden knnen.

Wie es sich auch mit diesen Gedanken verhalten mag, wir haben noch in
unseren Tagen hnliche Erscheinungen gesehen, die den Glauben untersttzen,
da Mose's berlieferung kein Hirngespinst gewesen ist. Eine der
erstaunlichsten ist die eines Mnches zu Issoire in der Auvergne, wo der
Kardinal von Fleury im Jahre 1739 den Siegelbewahrer Chanvelin des Landes
verweisen lie. Dieser Mnch besa beide Geschlechter; man liest im Kloster
folgende diesbezglichen Verse:

   Ein junges Mnchlein ohne Lug
   -- Ich selber habe ihn gesehen --
   Des Manns und Weibs Geschlechtsteil trug,
   Sah Kinder auch von ihm entstehen.
   Und einzig nur durch sich allein
   Zeugte, gebar er wie die Weiber,
   Tat sich dazu kein Werkzeug leihn
   Der wohlverseh'nen Mnnerleiber.

Indessen besagen die Klosterregister, da dieser Mnch sich nicht selber
schwngerte; er wre nicht Handelnder und Leidender in Eins gewesen. Er
wurde den Gerichten ausgeliefert und bis zu seiner Entbindung gefangen
gehalten. Nichtsdestoweniger fgt das Register folgende bemerkenswerte
Worte hinzu:

Dieser Mnch gehrte dem hochwrdigen Herrn Cardinal von Bourbon; er besa
beide Geschlechter und jedes von ihnen half sich dergestalt, da er von
Kindern schwanger ward.

Ich wei, da man einen Unterschied zwischen dem eigentlichen
Hermaphroditen und dem Androgynen machen kann. Androgyne und Hermaphrodit,
reine Erfindungen der Griechen, die alles im schnsten Lichte darzustellen
wuten und darstellen wollten, sind von allen Dichtern, die reizende
Beschreibungen von ihnen machten, nach Lust gefeiert worden, whrend die
Knstler sie unter den liebenswrdigsten Formen darstellten, die im
hchsten Grade geeignet waren, Gefhle der Wollust zu erwecken. Pandora
hatte nur durch die Vollkommenheiten ihres Geschlechts Erfolg. Der
Hermaphrodit vereinigte in sich alle Vollkommenheiten beider Geschlechter.
Er war die Frucht der Liebschaft zwischen Merkur und Venus, wie aus der
Etymologie des Namens hervorgeht[A]. Nun war Venus die Schnheit in der
Vollendung, bei Merkur kamen zu seiner persnlichen Schnheit noch Geist,
Kenntnisse und Talente hinzu. Man mache sich einen Begriff von einem
Individuum, in dem all diese Eigenschaften sich vereinigt finden, und man
wird den Hermaphroditen, wie ihn die Griechen dargestellt wnschten, vor
sich sehen. Die Androgynen dagegen sind, unter der wahren Beachtung ihres
Namens, nur Teilnehmer an den beiden Geschlechtern, die man Hermaphroditen
genannt hat, weil die Alten vorgaben, da Merkurs und Venus Sohn beide
Geschlechter htte. Aber es ist darum nicht minder wahr, da, da es zu
allen Zeiten Weiber gegeben hat, die groen Vorteil aus dieser androgynen
bereinstimmung gezogen haben, sie sich kostbar zu machen gewut haben.
Lucian lt in einem seiner Dialoge zwischen zwei Hetren die eine zur
anderen sagen: Ich habe alles, wessen es bedarf, um deine Wnsche zu
befriedigen! worauf die antwortet: Du bist also ein Hermaphrodit?[B] Der
Apostel Paulus wirft dies Laster den rmischen Weibern vor[C]. Nur mit Mhe
vermag man zu glauben, was man im Athenaeus ber Ausschweifungen dieser Art
liest, die Weiber begangen haben[D]. Aristophanes, Plautus, Phaedrus, Ovid,
Martial, Tertullian und Clemens Alexandrinus haben sie in mehr oder minder
offener Weise bezeichnet, und Seneca berschttet sie mit den furchtbarsten
Flchen[E].

Gegenwrtig sind vollkommene Hermaphroditen sehr selten; folglich scheint
die Natur diese androgynen Menschen nicht mehr hervorzubringen. Zugeben mu
man aber, da man hufig auf Folgen dieser Teilung in zwei Wesen, die wir
eben auseinandergesetzt haben, stt: zu allen Zeiten, sowohl im ltesten
Altertume, als auch in den neueren Zeiten nher liegenden Jahrhunderten,
hat man die entschiedenste Liebe von Weib zu Weib beobachtet. Lykurg, der
gestrenge Lykurg, der ber so krause wie erhabene Dinge nachdachte, lie
ffentlich Spiele auffhren, die man Gymnopaedieen nannte, bei denen die
jungen Mdchen nackend erschienen: laszivste Tnze, Posen, Annherungen,
Verflechtungen wurden ihnen beigebracht. Das Gesetz bestrafte die Mnner,
die die Khnheit besaen, ihnen beizuwohnen, mit dem Tode. Diese Mdchen
wohnten beieinander, bis sie sich verheirateten: der Zweck des Gesetzgebers
war hchstwahrscheinlich, sie die Kunst des Fhlens zu lehren, die die der
Liebe so sehr viel schner macht, ihnen alle Abstufungen der sinnlichen
Empfindungen, die die Natur angibt oder fr die sie empfnglich ist,
beizubringen, kurz sie unter sich sie derart ben zu lassen, da sie eines
Tages zum Frommen der menschlichen Art all die Verfeinerungen anzuwenden
wuten, die sie sich gegenseitig zeigten. Kurz, man lehrte sie verliebt zu
sein, ehe sie einen Liebhaber hatten; denn man ist ohne Liebe verliebt, wie
man oft versichert, da man liebt, ohne verliebt zu sein. Habe kein
Temperament, das will; liebe nicht, wenn du willst; das ist eine Moral von
der Art, wie sie Lykurg in seinen Gesetzen enthllt; das ist die Moral, die
Anakreon wie Rosenbltter zwischen seine unsterblichen Tndeleien gestreut
hat. Wer htte je gedacht, gleiche Grundstze bei Anakreon und Lykurg zu
finden? Vor dem Dichter von Theos hatte Sappho sie in ein praktisches
System verwandelt und dessen Symptome beschrieben. O, welch eine Malerin
und Beobachterin war diese Schne, die von allen Feuern der Liebe verbrannt
wurde!

[Funote A: Lucian I, Gtterdialog XV, 2. Diodor. Sic. I, 4. Pag. 252. Ed.
Westhling.]

[Funote B: Hetrengesprche 5.]

[Funote C: An die Rmer I.]

[Funote D: Buch IV, Kap. 15.]

[Funote E: Dii illas deaeque mala perdant! Adio perversum commentae genus
impudicitae! Viros meunt (Epist. XCV).]

Sappho, die man nur noch aus Fragmenten ihrer schwlen Gedichte und aus
ihren unglcklichen Liebschaften kennt, kann man als die berhmteste
Tribadin ansehen. Zur Zahl ihrer zrtlichen Freundinnen rechnet man die
schnsten Weiber Griechenlands, die sie zu Gedichten begeisterten. Anakreon
versichert, man fnde in ihnen alle Merkmale der Liebeswut. Plutarch zieht
eine dieser Dichtungen als Beweis heran, da die Liebe eine gttliche Wut
ist, die heftigere Verzckungen hervorruft, als die der Priesterin in
Delphi, der Bacchantinnen und der Priester der Cybele; man beurteile
darnach, welche Flamme das Herz verzehrte, das also begeisterte[A].

Sappho aber, die so lange in ihre Gefhrtinnen verliebt war, opferte sie
dem undankbaren Phaon auf, der sie der Verzweiflung in die Arme warf. Wrde
es nicht besser fr sie getaugt haben, in den Eroberungen wie in den
Vertrautheiten fortzufahren, die durch die Geschlechtsgleichheit und die
Sicherheiten, die sie bietet, so erleichtert wurden und die ihres Geistes
Schwung ihr so mhelos verschaffen konnte? Umsomehr als sie mit all den
Vorzgen begabt war, die man sich fr diese Leidenschaft, fr die sie die
Natur bestimmt zu haben scheint, wnschen kann, denn sie hatte eine so
schne Clitoris, da Horaz der berhmten Frau das Beiwort mascula gab, was
so viel bedeutet wie Mannweib.

[Funote A: Zu Fen der Sapphostatue von Silanion liest man: Sappho, die
ihre Geilheit selber besungen hat, und die bis zur Raserei verliebt war.]

Es scheint, da die Schule der Vestalinnen als das berhmteste Serail der
Tribadinnen, das es je gegeben hat, angesehen werden kann, und man darf
ruhig behaupten, da der Sekte der Androgynen in der Person dieser
Priesterinnen die grten Ehren zuteil geworden sind. Das Priesteramt war
keine der blichen, einfachen und bescheidenen Einrichtungen in seinen
Anfngen, welche von der ungewissen Frmmigkeit abhngen und ihren Erfolg
nur der Laune verdanken. Es zeigte sich in Rom mit dem erhabensten Pomp:
Gelbde der Jungfrulichkeit, Hut des Palladiums, Anvertrauung und
Unterhaltung des heiligen Feuers[A], Symbol der Erhaltung der Herrschaft,
ehrvollste Vorrechte, ungeheurer Einflu, Macht ohne Grenzen. Wie teuer
aber ist all das bezahlt worden mit der vlligen Beraubung des Glcks, zu
dem die Natur alle Lebewesen beruft, und mit den furchtbaren Todesstrafen,
die der Vestalinnen harrten, wenn sie ihrem Rufe unterlagen! Wie wrden
sie, jung und all der Lebhaftigkeit der Leidenschaften fhig, ohne Sapphos
Hilfsquellen dem entgangen sein, wo man ihnen die gefhrlichste Freiheit
lie und der Kult selber in ihnen die wollstigsten Gedanken wach rief?
Denn bekanntlich opferten die Vestalinnen dem Gotte Fascinus, dargestellt
unter der Form des gyptischen Thallum; und es gab seltsame feierliche
Handlungen, die bei diesen Opfern obwalten muten: sie hefteten dies
Bildnis des mnnlichen Gliedes an die Wagen der Triumphatoren. So war das
heilige Feuer, das sie unterhielten, bestimmt, sich auf wahrhaft belebenden
Wegen im ganzen Reiche fortzupflanzen; ein solcher Gegenstand der
Betrachtung war wenig geeignet, den Blicken junger Mdchen ausgesetzt zu
sein, die Jungfrulichkeit gelobt hatten!

[Funote A: Vesta kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie
Feuer. Die Chalder und alten Perser nannten das Feuer avesta. Zoroaster
hat sein berhmtes Buch Avesta, Hter des Feuers, genannt. Die Haustre,
der Eingang heit Vestibl, weil jeder Rmer Sorge trug, das Feuer der
Vesta an seiner Haustre zu unterhalten. Daher kommt es zweifelsohne, da
man den Eintritt in die Vagina das Vestibl der Vagina nennt, wie wenn es
der Ort, wre, wo man das erste Feuer dieses Tempels unterhlt.]

Man sieht, da die Tribaden des Altertums berhmte Vorbilder hatten. In
seinen palmyrenischen Altertmern fhrt der Abb Barthelemi die Gewnder
an, mit denen sie ffentlich prunkten: es waren nach ihm[A] die Enomide und
die Callyptze. Die Enomide wand sich eng um den Krper und lie die
Schultern frei. Was die Callyptze anlangt, so kennt man sie nur dem Namen
nach wie die Crocote, die tarentinische Lobbe, die Anobole, das Eucyclion,
die Cecriphale und die in lebhaften Farben gemalten Tuniken, die sehr
deutlich die Glut der Tribaden anzeigten, die unausgesetzt lstern waren
wie die Wellen, die sich folgen, ohne jemals zu versiegen. Den Situationen
entsprechend, in denen sie sich befanden, legten sie diese Kleidungsstcke
an. Die Callyptze war fr die ffentlichkeit bestimmt, die Enomide trugen
sie, wenn sie Besuche bei sich empfingen. Der Tarentine bedienten sie sich
auf Reisen, die Crocote war fr das Haus, wenn sie sich einsamer
Beschftigung widmeten. Die Anobole fr Tribaderie unter vier Augen, die
Cecriphale fr nchtliche Stelldicheins, das Eucyclion, um ausgelassene
Gesellschaften abzuhalten, die gemalten Tuniken fr groe Verbrderungen,
Orgien, und die Farbe der Tunika zeigte den Dienst an, mit dem die Tribade,
die sie trug, fr den Tag beauftragt worden war. Jede Art des Beistandes
hatte ihre besondere leuchtende Farbe.

[Funote A: Zweifelsohne wird mir ein Unterrichteter hier mehr als eine
Schwierigkeit machen . . . Aber man wrde nie zu Ende kommen, wenn man auf
alles antworten mte.]

Es gibt bestimmte Flle, in denen die Tribadie von sehr weisen Physikern
anempfohlen wurde. Bekanntlich konnte David seine Brunst nur durch Weiber
wiedergewinnen, die auf seinem Leibe tribadierten. Was Salomo anlangte, so
benutzte er zweifelsohne seine dreihundert Beischlferinnen nur dazu, sie
in seiner Gegenwart Evolutionen im groen machen zu lassen. In unseren
Tagen stellt man die idiopathische Glut im Mannesleibe durch die Spiele
einer Masse Weiber wieder her, in deren Mitte sich der niederlt, der
seine Krfte wiedererlangen will. Dies Heilmittel war von Dumoulin immer
erfolgreich angeraten worden. Man wei, da der Kranke, sobald er die
idiopathischen Wirkungen der Brunst fhlt, sich zurckziehen mu, um das
Weiglhen, das sich einzustellen scheint, sich beruhigen und krftiger
werden zu lassen, anderenfalls wrde er eine entgegengesetzte Wirkung
erzielen. Dies System fut darauf, da der Mensch nur der Gegenwart des
Objektes bedarf, um die Art der Hitze, um die es sich handelt, zu
verspren, die ihn mehr oder minder stark bewegt, je nachdem er mehr oder
minder schwach ist. Im allgemeinen hlt die ftere Wiederkehr dieser
Glutanwandlungen ebensolange oder lnger als die Krfte des Mannes an. Das
ist eine der Folgen der Mglichkeit, pltzlich an gewisse angenehme
Sensationen einzig bei der Besichtigung der Gegenstnde, die sie einen
haben empfinden lassen, zu denken oder sie sich ins Gedchtnis
zurckzurufen. So sagte, wer behauptet, da, wenn die Tiere sich nur zu
bestimmten Zeiten paarten, es nur geschhe, weil sie Tiere seien, ein sehr
viel philosophischeres Wort, als er dachte.

brigens ist bei der Tribadie wie in allem das berma schdlich, es
entnervt statt anzureizen. Es kommen auch manchmal bei diesen Arten von
Ausbungen Untersuchungen zufolge merkwrdige und furchtbare Dinge vor. Vor
einiger Zeit geschah es in Parma, da ein Mdchen, die sich angewhnt
hatte, mit ihrer guten Freundin zu tribadieren, sich einer dicken Nadel mit
einem Elfenbeinknopf von Daumenlnge bediente, die bei den Sten auf einen
falschen Weg gelangte und in die Harnblase geriet. Sie wagte ihr Abenteuer
nicht einzugestehen, duldete und litt, sie urinierte Tropfen fr Tropfen;
am Ende von fnf Monaten hatte sich bereits ein Stein um die Nadel
gebildet, die man auf den blichen Wegen herauszog. In den Klstern, den
weiten Theatern der Tribadie, geschehen sehr viel hnliche Dinge; hier
ist's ein Ohrlffel, da eine Haarnadel, anderswo eine Strickscheide oder
eine Klistierrhre, wieder wo anders ein Tropfglas von Knigin von
Ungarwasser, ein kleines Weberschiffchen, eine Kornhre, die von selber
hochsteigt, die die Vagina kitzelt und die das arme Nnnchen nicht mehr
herausziehen kann. Man knnte einen Band hnlicher Anekdoten liefern.

Herr Poivre lehrt uns in seinen Reisebeschreibungen, da die berchtigtsten
Tribaden der Erde die Chinesinnen seien; und da in diesem Lande die Weiber
von Stand wenig gehen, tribadieren sie in den Hngematten. Diese
Hngematten sind aus einfacher Seide mit Maschen von zwei Finger im Quadrat
gefertigt, der Krper ist wollstig darin ausgestreckt, die Tribaden wiegen
sich hin und her und reizen sich, ohne die Mhe zu haben, sich bewegen zu
mssen. Ein groer Luxus der Mandarinen ist's, in einem Saal inmitten von
Wohlgerchen zwanzig solcher schwebenden Tribaden zu haben, die vor ihren
Augen einander Wonne bereiten. Der Harem des Groherrn hat keinen anderen
Zweck; denn was sollte ein einziger Mann mit so vielen Schnen anfangen?
Wenn der bersttigte Sultan sich vornimmt, die Nacht bei einer seiner
Frauen zu verbringen, lt er seinen Sorbet im Zimmer der Rundungen, wie
man es nennt (All' hachi), auftragen. Dessen Mauern sind mit den laszivsten
Malereien bedeckt; am Eingange in dies Gemach sieht man eine Taube, und auf
der Seite, wo man hinausgeht, eine Hndin gemalt, Symbole der Wollust und
Geilheit.

Inmitten der Malereien liest man zwanzig trkische Verse, die die dreiig
Schnheiten der schnen Helena beschreiben, von denen Herr de Saint-Priest
krzlich ein Fragment mit diesen Einzelheiten gesandt hat; das Fragment war
von einem Franzosen aus dem Quartier von Pera bersetzt worden[A].

[Funote A: Man merkt wohl, da Herrn de Saint-Priest seine Wrde
hinderte, dafr einzustehen; und irgendein durch diese Nichtanerkennung
ermutigter Litterat wird mit mir behaupten, da diese Verse ganz einfach
eine Nachahmung aus: Silva nuptialis von J. de Nevisan sind. Hier sind sie:

   Trigenta haec habeat quae vult formosa vocari
   Femina; sic Helenam fama fuisse refert;
   Alba tria et totidem nigra; et tria rubra puella,
   Tres habeat longas res totidemque breves,
   Tres crassas, totidemque graciles, tria stricta, totampla
   Sint ibidem huic formae, sint quoque parva tria,
   Alba cutis, divei dentes, albique capilli,
   Nigri oculi, cunnus, nigra supercilia.
   Labia, gene atque ungues rubri. Sit corpora longa,
   Et longi crines, sit quoque longa manus,
   Sintque breves dentes, aures-pes; pectora lata,
   Et clunes, distent ipsa supercilia.
   Cunnus et os strictum, strigunt ubi singula stricta,
   Sint coxae et cullum vulvaque turgidula,
   Subtiles digiti, crines et labra puellis;
   Parvus sit nasus, parva mamilla, caput
   Cum nullae aut raro sint haec formosa vocari,
   Nulla puella potest, rara puella potest.

Aber ich bitte mir zu sagen, wo steckt die Unmglichkeit, da diese Verse
ins Trkische bersetzt im Harem sind? . . . Kurz, man begehre nicht auf
gegen Tatsachen.]

Ich will diese Verse nicht zu bersetzen versuchen; sie sind von keinem
Dichter gemacht worden. Diese arithmetische Berechnung, diese dreiig,
streng drei zu drei angefhrten Eigenschaften, wrden allen Schwung
erstarren lassen. Man schtzt Reize, die man anbetet, nicht ab, man
berauscht sich, man brennt, man bedeckt sie mit Kssen; nur dann fesselt
man. Eine Schne, welche die Vorzge, mit denen sie geschmckt ist, an den
Fingern abgezhlt werden sieht, hlt den Zhler fr einen dummen Tropf und
wrde selber eine traurige Figur machen. Es gibt ihrer mehr als dreiig, es
gibt ihrer mehr als tausend. Wie, wenn man Helena nackt sieht, behlt man
einen klaren Kopf?[A] . . . Aber die Trken sind ja nicht galant.

[Funote A: Und wie sollte man mit Grazie und Anstand Worte wie cunnus,
clunes, culus, vulva in Verse bringen? Man wrde sich an einem blen Orte
kaum mit Ehren daraus ziehen. Und die Liebe will doch in einem Tempel
bedient werden.]

Der Sultan betritt diesen Saal, in dem die Stummen alles vorbereitet haben.
Er hockt in einer Ecke nieder, wo er sich auf die Erde legt, um die
Stellungen von einem gnstigen Gesichtswinkel aus zu sehen. Raucht drei
Pfeifen und whrend der Zeit, die er darauf verwendet, erscheint, was Asien
an Vollkommenstem hervorbringt, nackt im Saal. Sie paaren sich zuerst nach
dem Bilde der schnen Helena, dann vermischen sie sich und bilden Gruppen
und Stellungen, zu denen die Mauern ihnen Beispiele geben, die sie dank
ihrer Gewandtheit bertreffen. Unter anderen gibt es in diesem wollstigen
Raume auch sieben Gemlde Bouchers, deren eines die von Caravaggio
ersonnenen Stellungen darstellt; und der letzte Sultan lie sie in Natur
nach dem Maler der Anmut ausfhren. O, wenn man so viele Mhen aufwendete,
um die Sitten zu bilden, wie um sie zu verderben, um Tugenden zu schaffen,
wie Begierden zu erregen, dann wrde der Mensch bald die hchste Stufe der
Vollendung, fr die die Natur empfnglich ist, erreichen!




Die Akropodie


Die Natur mht sich bei der Erzeugung der Lebewesen auf sehr verschiedenen
Wegen; sie ist des Willens, da sich das Menschengeschlecht durch die
Mitwirkung zweier Individuen erneuert, die sich in den hauptschlichsten
Bestandteilen ihrer Organisation gleichen und bestimmt sind, dabei durch
besondere Mittel, die jedem zu eigen sind, mitzuwirken. Ebenso beschrnkt
sich das Wesen eines Geschlechts nicht auf ein einziges Organ, sondern
erstreckt sich durch mehr oder minder merkbare Abstufungen auf alle
Krperteile. Das Weib z. B. ist nicht nur Weib an einer einzigen Stelle; es
ist es in all den Gesichtspunkten, von denen aus es ins Auge gefat werden
kann. Man mchte sagen, die Natur habe alles an ihm der Anmut und der Reize
wegen geschaffen, wenn man nicht wte, da es einen sehr viel
wesentlicheren und edleren Zweck hat. Infolgedessen entsteht in allen
Wirkungen der Natur die Schnheit auf ein Gesetz hin, das in die Ferne
strebt, und indem sie schaffen will, was gut ist, schafft sie
notwendigerweise zu gleicher Zeit, was gefllt.

Das ist das Hauptgesetz, das die besonderen Abnderungen nur
beeintrchtigen, zumal Leidenschaften, Geschmacksrichtungen, Sitten, die
einer direkten Beziehung zu den Gesetzgebungen und Regierungen unterworfen,
stets aber der physischen Beschaffenheit, die in diesem oder jenem Klima
obwaltet, untergeordnet sind, sich mehr oder weniger von der dem Menschen
widerstrebenden Natur entfernen. So werden in heien Lndern die dunklen,
kleinen, mageren, lebhaften, geistreichen Menschen weniger arbeitsam,
weniger krftig, frhreifer und minder schn als die in den kalten Lndern;
Liebe wird da ein blindes hitziges Verlangen, ein glhendes Fieber, eine
verzehrende Notdurft, ein Schrei der Natur sein. In den kalten Lndern wird
diese weniger physische und moralischere Leidenschaft ein sehr mavolles
Bedrfnis, ein berlegtes, erwogenes, analysiertes, systematisches Gefhl,
eine Frucht der Erziehung sein. Schnheit und Nutzen, oder alle Schnheiten
und Nutzen sind also nicht miteinander verknpft, ihre Beziehungen
entfernen sich voneinander, schwchen sich ab, verndern sich; die
Menschenhand leistet fortwhrend der Aktivitt der Natur Widerstand,
manchmal beschleunigen unsere Bemhungen auch ihren Lauf.

Das wechselseitige Gesetz der physischen Liebe zum Beispiel ist in den
nrdlichen und mittglichen Lndern durch die menschlichen Einrichtungen
sehr geschwcht worden. Wir sind der Natur zum Hohn in ungeheure Stdte
eingepfercht und haben ebenso die Klimata durch fen -- Werke unserer
Erfindung, deren stndige Anstrengung unsglich machtvoll arbeitet --
verndert. In Paris, das eine selbst im Vergleich mit unseren mittglichen
Provinzen recht niedrige Temperatur hat, sind die Mdchen eher mannbar als
in den selbst Paris benachbarten Landstrichen. Diese mehr schdliche als
etwa ntzliche Prrogative, die sich an die ungeheure Hauptstadt knpft,
hat moralische Grnde, die sehr hufig den physischen Grnden gebieten. Die
krperliche Frhreife wird von der frhzeitigen bung der intellektuellen
Fhigkeiten bedingt, die sich mit der Zeit nur zum Nachteil der Sitten
schrfen. Die Kindheit ist krzer, die frh entwickelte Jugend wird
erblich, die tierischen Funktionen und die Fhigkeit, sie auszuben,
verstrken sich (denn sich vervollkommnen wrde nicht das richtige Wort
sein) von Menschenalter zu Menschenalter. Nun stehen die krperlichen
Anlagen mit den geistigen Fhigkeiten in einer Beziehung zueinander, die
von der Generation vererbt sein kann.

Das ist eine groe Wahrheit, die zur Genge fhlbar macht, von welcher
Wichtigkeit eine klug ausgedachte nationale Erziehung fr die
Gesellschaften sein wrde!

Vielleicht wre es vor allem fr das verfhrerische Geschlecht notwendig,
da es Arbeit leiste; denn bei fast allen zivilisierten Vlkern, wo es dem
Anscheine nach geknechtet ist, gebietet es in Wirklichkeit dem herrschenden
Geschlechte. Es gibt Weiber, und das in sehr groer Zahl, bei denen die
Wirkungen der Empfindlichkeit die Spannkrfte jedes Organes umsomehr heben,
als dies Wesen, fr das die Natur erstaunliche Kosten aufgewandt hat,
vervollkommnungsfhig ist! Die venerischen Krmpfe, die das Wesen der
Geschlechtsfunktionen ausmachen, die fruchtbaren Trankopfer werden besser
noch vom moralischen als mechanischen Standpunkte aus ins Auge gefat.
Zweifelsohne hngen sie von der mehr oder minder groen Empfindlichkeit des
wunderbaren Zentrums[A] ab, das periodisch aufwacht und sich wieder
beruhigt. Welchen Einflu aber hat es nicht auch auf alle Teile des Wesens!
Wenn das Vergngen dort wohnt, scheint die empfindsame, angenehm erregte
Seele sich ausdehnen, aufblhen zu wollen, um die Wahrnehmungen inniger in
sich aufnehmen zu knnen. Dieses Aufschwellen verbreitet berall das
kstliche Gefhl einer Vermehrung des Seins; die auf den Ton dieser
Empfindung gestimmten Organe verschnen sich, der an die se Gewalt, die
in den gewhnlichen Grenzen seines Seins entsteht, gekettete Mensch will
nichts weiter, wei nichts weiter als zu fhlen. Setzt den Kummer an die
Stelle der Freude, und die Seele zieht sich in ein Zentrum zurck, das zu
einem unfruchtbaren Kerne wird und alle Krperfunktionen verschmachten
lt. Ebenso wie Wohlbefinden und des Geistes Zufriedenheit, Freude,
Aufblhen der Seele, Lebhaftigkeit, Verschnerung des Krpers, Genugtuung,
Lcheln, Frohsinn oder die se und zarte Freude der Empfindsamkeit und
ihre wollstigen Trnen und ihre kraftvollen Umarmungen, und ihre heien
Freuden, die der Trunkenheit gleichkommen, erzeugen, ebenso lassen das
Mhen des Geistes und seine Beunruhigungen die Seele sich in sich selber
zurckziehen, lhmen den Krper, erzeugen moralische und physische
Schmerzen und Schwche und Niedergeschlagenheit und Trgheit. -- Der wre
folglich weder nrrisch noch strafbar, welcher nach dem Beispiele eines
asiatischen Despoten, aus anderen Beweggrnden freilich, den Philosophen
und Gesetzgebern vorschlge, neue Vergngen ausfindig zu machen, und
ausriefe: Epikur war der Mnner weisester: Wollust ist und mu die
allmchtige Triebfeder unserer ganzen Art sein.

[Funote A: Die Gebrmutter.]

Es gibt Spielarten unter den erschaffenen Wesen, die auergewhnlich sein
wrden, wenn man die Resultate einer bestndigen, unermdlichen,
authentischen Beobachtung[A] bekmpfen knnte, doch die aufgeklrte
Naturlehre mu ein ewiger Fhrer der Moral sein. Und daraus ergibt sich,
da fast alle Zwangsgesetze schlecht sind, da die Lehre der Gesetzgebung
nur nach allen brigen Lehren ausgebildet werden kann.

Der Mensch aber, der der Erbfeind, der eifrigste Parteignger, der groe
Frderer und das bemerkenswerteste Opfer des Despotismus ist, hat zu allen
Zeiten alles richten, alles lenken, alles reformieren wollen. Daraus ergibt
sich die Menge der so ungerechten und so krausen Gesetze, der
unerklrlichen Einrichtungen und Gebruche jeglicher Art. An ihrem Platze,
in solcher Zeit, zu solchen Umstnden, an dem und dem Orte aber hat der
Tyrann der Natur die Natur ohne Rcksicht auf Zeiten, auf rtlichkeit und
auf Umstnde fortpflanzen und verzgern wollen. Unserer Ansicht nach ist
die Beschneidung eines der ungewhnlichsten Gebruche, die er sich
ausgedacht hat.

Mehrere Vlker haben sie aus Grnden, die ihrer Ordnung und Natur
entsprechen, vollzogen, und das ist natrlich und klug. Andere haben sie
ohne Notwendigkeit als eine religise Observanz angenommen, und das scheint
vernunftwidrig. Die gypter sahen sie als eine Sache des Gebrauchs, der
Sauberkeit, der Vernunft, der Gesundheit und der physischen Notwendigkeit
an. Tatschlich behauptet man, es gbe Mnner, die eine so lange Vorhaut
htten, da sich die Eichel nicht von selber entblen knnte, woraus sich
eine speichelnde Ejakulation ergbe, die ein betrchtliches bel fr das
Schpfungswerk bedeute. Eine Vorhaut solcher Art zu verkleinern, ist
gewilich ein vernnftiger Grund. Da aber diese Vorhaut ein Gegenstand
hoher Verehrung bei dem auserwhlten Volke Gottes gewesen ist, scheint mir
sehr sonderbar.

[Funote A: Wer wrde zum Beispiel denken, da die Brunst der Biene
tausendmal strker ist als die des Elefanten?]

Tatschlich ist Abrahams Vorhaut[A] das Siegel der Vershnung, das Zeichen
des Bundes, der Pakt zwischen dem Schpfer und seinem Volke; eine Vorhaut,
die hart geworden sein mute, denn Abraham zhlte neunundneunzig Jahre, als
er sich die Schnittwunde beibrachte; er tat desgleichen dann an seinem
Sohne und an allen Mnnern usw. Moses Weib beschnitt ebenfalls ihren Sohn;
das ging nicht ohne Hader vor sich, und sie entzweite sich mit ihrem
Gatten, der sie darnach nie wieder sah[B]. Diese Zeremonie nahm man damals
nur fr einen bildlichen Ausdruck, denn man sprach von beschnittenen
Frchten[C], von der Beschneidung des Herzens usw.[D] Und sie wurde whrend
der ganzen Zeit aufgehoben, welche die Juden in der Wste waren. So lie
denn Josua beim Ausgange aus der Wste eines schnen Tages das ganze Volk
beschneiden. Vierzig Jahre ber hatte man die Vorhute nicht beschnitten,
und nun gab's ihrer auf einen Schlag zwei Tonnen voll[E].

Als das Volk Gottes Knige hatte, tat man noch sehr viel mehr: man
heiratete fr Vorhute. Saul versprach David seine Tochter und forderte
hundert Vorhute als Leibbeding[F]. David aber, der ein Held und edelmtig
war, wollte sich bei dieser kstlichen Gabe keine Grenzen setzen lassen und
brachte Saul zweihundert Vorhute[G], dann heiratete er Michal. Man wollte
sie ihm streitig machen, aber seine Forderung war gerecht, und er erhielt
sie fr seine Vorhautsammlung[H].

[Funote A: Genesis XVII, 24.]

[Funote B: Exodus IV, 25.]

[Funote C: Levitikus XIX, 23.

[Funote D: Deut. X, 16. ]

[Funote E: Josua V, 3 und 7.]

[Funote F: Knige XVIII, 25.]

[Funote G: Knige XVIII, 27.]

[Funote H: II. Knige III, 14.]

Groe Streitigkeiten sind dieser Vorhute wegen entstanden. Man betrachtete
die Beschneidung nicht nur als ein Sakrament des alten Glaubens, indem sie
ein Zeichen des Bundes Gottes mit Abrahams Nachkommenschaft war, man wollte
auch, da dieser Hautlappen, den man vom mnnlichen Gliede abschnitt, den
Kindern die Erbsnde erlasse. Die Kirchenvter sind geteilter Ansicht
hierber gewesen. Der heilige Augustinus, der diese Meinung vertritt, hat
alle die gegen sich, die ihm vorausgingen, und nach seiner Zeit den
heiligen Justinus, Tertullian, den heiligen Ambrosius usw. Deren
Hauptbeweisgrund leuchtet sehr ein. Warum, sagen sie, schneidet man den
Weibern nichts ab? Die Erbsnde befleckt sie alle genau so wie die Mnner;
man mte ihnen mit gutem Recht ja mehr abschneiden als denen, denn ohne
Evas Neugierde htte Adam nimmer gesndigt.

Die Patres Conning und Coutu haben nach Herrn Huet behauptet, nichts wre
weniger vernnftig, als da man die Weiber beschnitte. Tatschlich erklrt
Huet nach Origines klipp und klar, man beschnitte fast alle gypterinnen[A]
und schnitte ihnen einen Teil der Clitoris ab, die bei der Annherung des
mnnlichen Geschlechts im Wege wre; berdies erlitten sie dieselbe
Operation aus Religionsprinzip, um den Wirkungen der ppigkeit Einhalt zu
tun, weil Kitzel und Erregung minder zu frchten sind, wenn die Clitoris
weniger hervorragt.

[Funote A: Circumcisio feminarum sit refectione [Griechisch: ts gymphs]
(imo clitoridis) quae pars in australium milieribus ita excrescit, ut ferro
sit coercenda.]

Paul Jove und Mnster versichern, da die Beschneidung bei den Weibern der
Abessinier gebruchlich sei. In diesem Lande ist sie sogar ein Zeichen des
Adels fr das Geschlecht; auch nimmt man sie dort nur bei denen vor, die
von Nicaulis, der Knigin von Saba, abzustammen behaupten. Die Frage der
Weiberbeschneidung ist also noch sehr wenig entschieden, und die Gelehrten
knnen sich noch darber auslassen.

Eine recht verfngliche Operation mte es geben, wenn man beschneiden
wollte, wo es nichts mehr abzusbeln gibt. Wie zum Exempel wollte man bei
den Vlkern vorgehen, die aus Sauberkeit oder Notwendigkeit die
Beschneidung vorgenommen hatten und zum Judentum bertraten, so da man sie
des Bundes wegen nochmals beschneiden mte? Anscheinend begngt man sich
dann damit, der Rute einige Tropfen Blutes abzuzapfen an der Stelle, wo die
Vorhaut abgeschnitten worden ist. Und dies Blut nannte man das Blut des
Bundes. Doch dreier Zeugen bedurfte es, um dieser Zeremonie den Stempel der
Echtheit zu geben, wenn man keine Vorhaut mehr aufzuweisen hatte.

Die abtrnnigen Juden dagegen sind bestrebt, an sich die Spuren der
Beschneidung zu tilgen und sich Vorhute zu machen.

Der Text der Makkaber beweist das ausdrcklich. Sie haben sich Vorhute
gemacht und haben den Bund getuscht[A]. Der Apostel Paulus scheint im
ersten Briefe an die Korinther zu frchten, da die zum Christentum
bertretenden Juden desgleichen tten! Wenn, sagt er, ein Beschnittener
zum neuen Glauben berufen ist, soll er sich keine neue Vorhaut machen[B].

Der heilige Hieronymus, Rupert und Haimon streiten die Mglichkeit solchen
Tuns ab und glaubten, da die Spuren der Beschneidung sich nicht verwischen
lieen. Die Patres Conning und Coutu jedoch haben mit Recht und durch Tat
bewiesen, da die Sache mglich ist. Mit Recht durch die Unfehlbarkeit der
heiligen Schrift, durch Tat durch die Gewhr des Galienus und Celsus, die
behaupten, da man die Spuren der Beschneidung auszulschen vermchte.
Bartholin[C] zitiert Oegnieltus und Fallopus, die das Geheimnis gelehrt
haben, dies Mal in dem Fleische des Beschnittenen zu vertilgen.

Buxdorf Sohn besttigt in seinem Brief an Bartholin dies Geschehen selbst
durch Beweise von Juden. Da diese Materie berdies zu wichtig war, als da
religise Menschen einige Zweifel darber htten bestehen lassen wollen,
haben die Patres Conning und Coutu am eigenen Leibe das von den eben
erwhnten rzten angegebene Verfahren erprobt.

Die Haut an sich ist bis zu einem Mae dehnbar, da man es kaum zu glauben
vermchte, wenn nicht die der Frauen in Schwangerschaft und die aus der
Haut lebender Wesen gemachten Gewnder alltgliche Beweise lieferten. Oft
sieht man auch Augenlider schlaff werden oder sich ungewhnlich ausdehnen.
Nun ist die Haut der Vorhaut durchaus der der Augenlider hnlich.

[Funote A: Iman. Ch. I, 16. Fecerunt sibi preputia et recesserunt a
testamento sancto.]

[Funote B: I. Korinther VII, 18.]

[Funote C: De morb. biblio.]

Da die Patres Conning und Coutu das genau eingesehen hatten, lieen sie
sich gesetzmig beschneiden; und als die Wurzel ihrer Vorhaut geheilt war,
befestigten sie ein so schweres Gewicht an ihr, wie sie es aushalten
konnten, ohne eine Zerrung hervorzurufen. Die unmerkliche Spannung und
Rosenleinreibungen lngs der Rute erleichterten die Verlngerung der Haut
bis zu dem Mae, da Conning in dreiundvierzig Tagen sieben und ein viertel
Zoll gewann. Coutu, der eine hrtere Haut besa, konnte nur fnf und einen
halben Zoll vorweisen. Man hatte ihnen eine Bchse aus doppeltem Weiblech
hergestellt und an dem Grtel befestigt, da sie urinieren und ihren
Geschften nachgehen konnten. Alle drei Tage besichtigte man die
Ausdehnung, und die besichtigenden Patres, die Kommission ad hoc genannt,
legten fast genau solche Register ber das Erscheinen von Connings neuer
Vorhaut an, wie man es an der Pont Royal getan hat, um das Wachsen der
Seine zu messen.

Demnach ist's also genau bewiesen, da die Bibel hinsichtlich der Mnner
die Wahrheit verkndigt hat; hinsichtlich der Weiber aber haben Conning und
Coutu nicht die volle Genugtuung erhalten knnen. Kein Weib wollte
erlauben, da man ihr ein Gewicht an die Clitoris hnge; wie es denn auch
heute keine gibt, die sich etwas von ihr abschneiden lt, weder aus Angst
vor der Annherung des Mannes (denn es gibt Auswege, die jedes Hindernis zu
umschiffen wissen, wie sich leichtlich begreifen lt)[A], noch im Zeichen
des Bundes, weil es Tatsache ist, da sie sich alle vermischen, ohne einer
Verringerung zu bedrfen. Man ist heute weit davon entfernt, ber die
Verlngerung einer Clitoris betrbt zu sein . . . O, der Fortschritt der
Kunstgriffe in unserem Jahrhundert ist ungeheuer!

Bekanntlich schneiden die Trken die Haut ab und berhren sie nicht mehr,
whrend die Juden sie zerreien und so leichter heilen. brigens machen die
Kinder Mahomeds die grte Feierlichkeit aus dieser Operation. Als Amurat
III. im Jahre 1581 seinen ltesten Sohn von vierzehn Jahren beschneiden
lassen wollte, schickte er einen Gesandten an Heinrich III., um ihn zur
Beiwohnung der Zeremonie mit der Vorhaut einzuladen, die im Monat Mai des
folgenden Jahres in Konstantinopel feierlich begangen werden sollte. Die
Liguisten und besonders ihre Prediger griffen die Gelegenheit dieser
Gesandtschaft beim Schopfe, um Heinrich III. den Trkenknig zu nennen und
ihm vorzuwerfen, er sei der Pate des Groherrn.

Die Perser beschneiden Kinder im Alter von dreizehn Jahren zu Ehren
Ismaels; doch die merkwrdigste Methode hinsichtlich dieser Sitte bt man
auf Madagaskar aus. Dort schneidet man das Fleisch dreimal nacheinander ab,
die Kinder leiden sehr darunter, und der Verwandte, der die abgeschnittene
Vorhaut als erster aufhebt, schluckt sie hinter.

Herrera meldet, da man bei den Mexikanern, wo man brigens weder
Mohammedanismus noch Judentum kennt, den Kindern gleich nach der Geburt
Ohren und Vorhaut abschneidet, woran viele sterben.

[Funote A: Die Methode der Windhndin.]

Das ist das Bemerkenswerteste, was sich ber diese Materie anfhren lt.
Man wei nicht, ob Furcht vor Reibung und Reizung, die sie zur Folge haben,
die Juden der Bequemlichkeit beraubte, was wir Hosen nennen, zu tragen,
sicher ist's aber, da die Israeliten keine trugen, worin unsere nicht
reformierten Kapuziner das Volk Gottes nachgeahmt haben. Da indessen die
Erektionen bei gewissen Zeremonien in Verwirrung htten setzen knnen, war
es vorgeschrieben, sich dann eines Wrmtuches zur Aufnahme des
Geschlechtsteils zu bedienen[A]. Aron hat den Befehl dazu erhalten.

Indem ich dieses Stck beende, fllt mir ein, da die Geschichte der
Vorhute nicht recht anakreontisch ist; wenn man sich jedoch in den
heiligen Bchern unterrichten will, was gewilich eines jeglichen Christen
Pflicht ist, mu man einen krftigen Magen haben; denn man stt da auf
Stellen, die von ungleich derberer Kost sind als die von mir aufgetischten.
Wenn man zum Exempel den David verfolgenden Knig Saul seinen Leib[B] in
einer Hhle erleichtern, in deren Tiefe ersterer versteckt war, und den
recht leise herausschleichen und mit der grten Gewandtheit das Hinterteil
von Sauls Kleide abschneiden, dann sobald der Knig sich wieder auf den Weg
gemacht, ihn ihm nacheilen sieht, um ihm zu beweisen, da er ihn leichtlich
htte pfhlen knnen, da er aber zu edel war, um ihn von hinten zu tten,
wenn man das sieht, sage ich, ist man erstaunt. Aber man fllt von einem
Erstaunen ins andere, man sieht Zug um Zug auf diesem ungeheuren und
heiligen Theater Menschen, die sich von ihren Ausscheidungen[C] nhren und
ihren Urin[D] trinken. Tobias wird durch Schwalbendreck blind. Esther
bedeckt sich das Haupt mit dem Schmutzigsten, was es auf Erden gibt[E]. Die
Faulen bewirft man mit Kuhdreck[F]. Jesaias sieht sich gentigt, die
ekelhaftesten Ausscheidungen des Menschenkrpers zu vertilgen[G]. Reiche
gibt's, die mit Kot beworfen werden[H], andere wieder besudelte man gar im
Tempel mit diesem Unrat; endlich stt man auf Ezechiel, der dies seltsame
Ragout, das durch ein Wunder Gottes, welches nicht jedermann seiner Gte
wrdig erscheint, sich in Kuhmist verwandelte[I], auf sein Brot strich[J]
. . . Wenn man all das sieht, dann erstaunt einen nichts mehr.

[Funote A: Levitikus, Kap. VI, 10. Faeminalibus lineis.]

[Funote B: B. d. Knige I, Kap. XXIV, 4. Erat quae ibi spelunca quam
impressus est Saul, ut purgeret ventrem.]

[Funote C: B. d. Knige 4, Kap. XVIII, 27. Comedant stercora sua et
bibant urinam suam.]

[Funote D: Tobias II, 11.]

[Funote E: Esther XXII, 2.]

[Funote F: Jesaias XXXVII, 12.]

[Funote G: Tren. IV, 5: Amplexati sunt stercora.]

[Funote H: Mal. II, 3.]

[Funote I: Ezech IV, 15.]

[Funote J: Ibid. IV, 12.]




Kadhesch


Die Macht der Gesetze hngt einzig von ihrer Weisheit ab, und der
Volkswille erhlt sein grtes Gewicht durch die Vernunft, die sie diktiert
hat. Um deswillen hlt es Plato fr eine beraus wichtige
Vorsichtsmaregel, Edikten eine vernnftige Einleitung vorauszuschicken,
die auf ihre Gerechtigkeit und gleichzeitig auf den Nutzen, den sie
bringen, hinweisen.

Tatschlich ist das erste Gesetz, die Gesetze zu respektieren. Die strengen
Bestrafungen sind nur ein eitles und strafbares Zufluchtsmittel, die von
beschrnkten Kpfen und bsen Herzen ersonnen sind, um den Schrecken an die
Stelle des Respektes, den sie sich nicht verschaffen knnen, zu setzen.
Auch ist es ganz allgemein bekannt und durch die ausgedehnteste Erfahrung
nicht widerlegt, da Strafen in keinem der Lnder so hufig sind wie in
denen, wo es ihrer frchterliche gibt, so da die Grausamkeit der
Leibesstrafen untrglich die Menge der Missetter bezeichnet, und da man,
indem man alles mit gleicher Strenge ahndet, die Schuldigen, die oft nur
schwache Menschen sind, Verbrechen zu begehen zwingt, um der Bestrafung
ihrer Fehler zu entgehen.

Nicht immer ist die Regierung Herr des Gesetzes, stets aber ihr
Gewhrsmann; und welche Mittel stehen ihr nicht zur Verfgung, um sie
beliebt zu machen! Die Gabe zu herrschen ist demnach nicht unsglich schwer
zu erwerben, denn sie besteht nur darin. Wohl wei ich, da es noch
leichter ist, alle Welt zittern zu machen, wenn man die Macht in den Hnden
hat, aber sehr leicht ist es auch, die Herzen fr sich einzunehmen, denn
das Volk hat seit langen Zeiten gelernt, groe Stcke auf seine Hupter zu
halten all des bels wegen, das sie ihm nicht tun, und sie anzubeten, wenn
es von ihnen nicht gehat wird.

Wie dem auch sein mge, jeder gehorsame Tropf kann wie ein anderer die
Missetaten bestrafen, ein wahrer Staatsmann aber wei ihnen zuvorzukommen.
Mehr auf den Willen als auf die Tat sucht er seine Macht auszudehnen. Wenn
er es durchsetzen knnte, da jedermann Gutes tte, was bliebe ihm da zu
tun? Das Meisterwerk seines Wirkens wrde es sein, dahin zu gelangen, da
er in Unttigkeit verharren knnte.

Daher gibt es keine grere Ungeschicklichkeit als Prahlerei und Mibrauch
der Macht. Die hchste Kunst besteht darin, sie zu verheimlichen (denn jede
Machtuerung ist dem Menschen unangenehm) und vor allem nicht nur die
Menschen so zu gebrauchen zu wissen, wie sie sind, sondern es dahin zu
bringen, da sie sind, wie man sie ntig hat. Das ist sehr leicht mglich;
denn die Menschen sind auf die Dauer so, wie sie die Regierung gemacht hat:
Krieger, Brger, Sklaven; sie bildet alles nach ihrem Willen, und wenn ich
einen Staatsmann sagen hre: Ich verachte dieses Volk, so zucke ich die
Achseln und antworte bei mir selber: Und ich verachte dich, weil du es
nicht schtzenswert zu machen verstanden hast.

Darin bestand die groe Kunst der Alten, die uns in den moralischen
Kenntnissen ebenso berlegen gewesen zu sein scheinen, wie wir ihnen in den
physikalischen Wissenschaften ber sind. Ihr hchstes Ziel war es, die
Sitten zu lenken, Charaktere zu bilden, vom Menschen zu erlangen, da es
ihm, um zu tun, was er tun sollte, zu denken gengte, da er es tun mte.
O, welch ein Triebrad der Ehre, der Tugend, des Wohlstandes wrde die also
durch ein einziges Prinzip vollkommene Gesetzgebung sein! Die alten Gesetze
waren dergestalt die Frucht hoher Gedanken und hoher Vorstze, in einem
Wort das Produkt des Genies, da ihr Einflu die Sitten der Vlker, fr
welche sie gemacht worden waren, berlebt haben. Wie lange, zum Exempel,
hat nicht das von den alten Gesetzgebern eingeprgte Vorurteil gegen
unfruchtbare Ehen nachgewirkt?

Moses lie den Mnnern kaum die Freiheit, sich zu verheiraten oder nicht.
Lykurgos bedeckte die mit Schimpf, welche sich nicht verheirateten. Es gab
sogar eine fr Lacedaemon eigentmliche Feierlichkeit, bei der die Weiber
sie mutternackt zu Fen der Altre fhrten und sie der Natur eine
ehrenwerte Bue zahlen lieen, die sie mit einem sehr strengen Verweise
begleiteten. Diese so berhmten Republikaner waren in ihren
Vorsichtsmaregeln so weit gegangen, da sie gegen die sich zu spt
Verheiratenden[A] und gegen die Ehemnner, die ihre Weiber nicht gut
behandelten, Verordnungen verffentlichten[B]. Man wei, welche
Aufmerksamkeit gypter und Rmer aufwendeten, um die Fruchtbarkeit der Ehen
zu begnstigen.

[Funote A: [Griechisch: Ephigaia].]

[Funote B: [Griechisch: Kachogamia].]

Wenn es wahr ist, da in den ersten Zeiten der Welt Weiber vorhanden waren,
die Unfruchtbarkeit vorgaben, wie aus einem angeblichen Fragmente eines
angeblichen Buches Enoch hervorgeht, so knnen auch Mnner dagewesen sein,
die sich ebenso ein Geschft daraus machten: die Anzeichen dazu sind aber
nichts weniger als gnstig. Damals war es vor allem ntig, die Welt zu
bevlkern. Das Gebot Gottes und das der Natur legten beiden Arten von
Personen die Verpflichtung auf, zur Vermehrung des Menschengeschlechtes
beizutragen, und man hat allen Grund zur Annahme, da die ersten Menschen
es sich eine Hauptangelegenheit sein lieen, diesem Gebote Folge zu
leisten. Alles, was uns die Bibel von den Patriarchen meldet, ist, da sie
Weiber nahmen und gaben, da sie Shne und Tchter in die Welt setzten, und
dann starben, wenn sie nichts Wichtiges mehr zu tun hatten. Ehre, Ansehen,
Macht bestanden damals in der Zahl der Kinder; man war sicher, sich durch
Fruchtbarkeit groe Hochachtung zu erwerben, sich bei seinen Nachbarn
Geltung zu verschaffen, selbst einen Platz in der Geschichte zu haben.
Weder die der Juden hat den Namen Jairs vergessen, der dreiig Shne im
Dienste des Vaterlandes stehen hatte, noch die der Griechen die Namen
Danaus und Egyptus, berhmt durch ihre fnfzig Shne und fnfzig Tchter.
Unfruchtbarkeit galt damals fr beide Geschlechter als eine Schande und fr
einen unzweideutigen Beweis des Fluches Gottes. Man sah es hingegen fr
einen authentischen Beweis seines Segens an, eine groe Kinderschar um
seinen Tisch herum zu versammeln. Die nicht heirateten, wurden als Snder
wider die Natur angesehen. Plato duldet sie bis zum Alter von
fnfunddreiig Jahren, verweigert ihnen aber die mter und weist ihnen die
letzten Pltze bei den ffentlichen Zeremonien an. Bei den Rmern waren die
Zensoren hauptschlich damit beauftragt, diese einsame Lebensweise zu
verhindern[A]. Die Zlibatre konnten weder ein Testament machen noch
Zeugenschaft ablegen[B]. Die Religion untersttzte darin die Politik. Die
heidnischen Theologen belegten sie mit auergewhnlichen Strafen im anderen
Leben; und in ihrer Doktrin war es das grte der bel, aus dieser Welt zu
gehen, ohne Kinder zu hinterlassen, denn dann wurde man der grausamsten
Dmonen Beute[C].

[Funote A: Coelibes esse prohibendos.]

[Funote B: Ex alii tui senta tu equum habes, tu uscorem habes? testa.]

[Funote C: Ex vitam calamitas et impietas accidit, illi qui ubsque filii
a vita discedit, et daemonibus maximas dat poenas post obitum.]

Doch gibt es keine Gesetze, die einer vollendeten Ausschweifung Einhalt zu
gebieten vermgen. Auch trotz der Einschrfungen der Gesetzgeber ging man
im Altertum recht hufig den Zielen der Natur aus dem Wege. Die Geschichte
sagt nicht, wie und durch wen die Liebe zu jungen Knaben entstanden ist,
die so allgemein wurde. Aber eine so eigenartige und dem Scheine nach
krause Geschmacksrichtung trug den Sieg ber die Strafgesetze, die
auerordentlichen Steuern, die Beschimpfungen und ber die Moral und die
gesunde Physis davon. Demnach mu dieser Reiz ja allgebietend gewesen sein.
Diese krause Leidenschaft hat einen Ursprung, der mich sehr eigentmlich
anmutet.

Ich glaube, da das Unvermgen, mit dem manchmal die Natur jemanden
schlgt, sich mit zgellosen Temperamenten verbndete, um sich zu krftigen
und fortzupflanzen. Nichts ist einfacher.

Unvermgen ist immer ein sehr schimpflicher Makel gewesen. Bei den
Orientalen hatten die mit diesem Stempel der Schande bezeichneten Mnner
den brandmarkenden Titel: Eunuchen des Himmels, Eunuchen der Sonne, von
Gottes Hand erschaffene Eunuchen. Die Griechen nannten sie Invaliden. Die
Gesetze, die ihnen Frauen zusprachen, erlaubten diesen Frauen auch, sie zu
verlassen. Die zu diesem zweideutigen Zustande, der in seinen Anfngen sehr
selten aufgetreten sein mu, verdammten Mnner, die von beiden
Geschlechtern in gleicher Weise verachtet wurden, sahen sich verschiedenen
Demtigungen ausgesetzt, die sie zu einem finsteren und zurckgezogenen
Leben zwangen. Die Notwendigkeit gab ihnen mancherlei Mittel ein, all die
zu beseitigen und sich schtzenswert zu machen. Losgelst von den unruhigen
Regungen der fremden Liebe, der Physis, der Selbstachtung, unterwarfen sie
sich dem Willen anderer und wurden als so ergeben, so bequem erfunden, da
jedermann sie haben wollte. Der wtendste der Despotismen vermehrte ihre
Zahl sehr bald; Vter, Herren, Herrscher maten sich das Recht an, ihre
Kinder, ihre Sklaven, ihre Untertanen diesem zweideutigen Stande
zuzufhren. Und die ganze Welt, die seit Anbeginn nur zwei Geschlechter
kannte, sah die zu ihrem Erstaunen unmerklich in drei beinahe gleiche Teile
geteilt.

Wunderlichkeit, berdru, Ausschweifung, Gewohnheit, besondere Grnde, eine
geheuchelte oder khne Philosophie, Armut, Habsucht, Eifersucht, Aberglaube
wirkten bei dieser ungewhnlichen Umwlzung mit. Aberglaube, sage ich, weil
die herabwrdigendsten, lcherlichsten, grausamsten Handlungen stets von
gallschtigen Fanatikern ausgedacht sind, die traurige, dstere, unbillige
Gesetze diktieren, bei denen Beraubung Tugend und Verstmmelung Verdienst
ausmacht.

Bei den Rmern wimmelte es von Eunuchen. In Asien und Afrika bedient man
sich ihrer noch heute zur Bewachung der Weiber; in Italien hat diese
Scheulichkeit die Vollendung eines eitlen Talents zum Gegenstande. Am Kap
schneiden die Hottentotten nur eine Testikel aus, um, wie sie sagen,
Zwillinge zu vermeiden. In vielen Lndern verstmmeln die Armen sich, um
keine Nachkommenschaft zu haben, damit ihre unglcklichen Kinder nicht
eines Tages das doppelte Elend verspren: des Hungertodes zu sterben oder
die Ihrigen ihn sterben zu sehen. Es gibt so viele Arten von Eunuchen!

Wenn man nur die Vollkommenheit der Stimme in Betracht zieht, entfernt man
lediglich die Testikeln; die Eifersucht aber in ihrem grausamen Mitrauen
schneidet alle zur Fortpflanzung dienenden Teile fort. Mit ziemlich
sicherem, gutem Ausgange kann man das nur vor der Geschlechtsreife tun;
dabei gibt's doch noch viele Gefahren. Nach dem fnfzehnten Lebensjahre
kommt kaum der vierte Teil mit dem Leben davon. Welch schreckliche Wunde
hat man der Menschheit beigebracht! Die berhmtesten sind Aetiopier; sie
sind so hlich, da Eiferschtige sie mit Gold aufwiegen. Die vollkommen
Unfhigen nennen sich Kanaleunuchen, weil sie, ihrer Rute beraubt, die den
Wasserstrahl nach drauen fhrt, sich gentigt sehen, sich einer
Ergnzungsrhre zu bedienen, da sie den Strahl nicht wie die Weiber
loslassen knnen, deren Vulva im Besitz ihrer vollen Spannkraft ist. Die
hingegen nur ihrer Testikeln beraubt sind, erfreuen sich jeglicher Heizung,
die die Begierde entflammt, und knnen sich in gewissem Sinne sehr fhig
nennen (besonders wenn man sie erst operiert, nachdem ihr Organ sich
vollkommen entwickelt hat)[A], doch mit der betrblichen Nebenerscheinung,
da, da sie sich niemals befriedigen knnen, die venerische Hitze bei ihnen
in eine Art Wut ausartet; sie beien die Weiber, die sie mit kostbarer
Bestndigkeit lieben.

[Funote A: Ergo expectatos: ac jussos crescere primium. Testiculos,
postquam coeperunt esse bilibres, Tonsoris ducimo tantum capit Heliodorus.
(Iuv. I, 2).

Man mge im 365. bis 379. Verse dieser Satyre ber den Vorzug nachlesen,
den die rmischen Damen den Eunuchen gaben, und welchen Vorteil sie aus
ihnen zogen.]

Wie man sieht, hat diese Eunuchenart den doppelten Vorteil, ohne Gefahr den
Freuden der Weiber und den entarteten Geschmacksrichtungen der Mnner zu
dienen. Ehedem wurden alle Knaben Georgiens an Griechen verkauft und die
Mdchen bevlkerten die Serails. Man versteht, da man in diesem schnen
Klima ebenso viele Ganymede wie Venusse findet; und wenn irgend etwas diese
Leidenschaft in den Augen derer, die ihr nicht frnen, entschuldigt, wird
es zweifelsohne die unvergleichliche Schnheit dieser Modelle sein.

Bekanntlich versteht man heute unter dem Worte: die Snde wider die Natur
alles, was auf die Nichtfortpflanzung der Art Bezug nimmt, und das ist
weder richtig noch gut gesehen. Sodomie, in ihrer bereinstimmung mit der
Stadt der heiligen Schrift, zum Exempel ist sehr verschieden von einer
einfachen Pollution. Obwohl dieser seltsame Geschmack, den man gleich
vielen anderen mit dem Worte: Entartung bezeichnet, hauptschlich in den
zivilisiertesten Lndern verbreitet gewesen ist, bringt die Geschichte
nichts Strkeres vor, als in der heiligen Schrift berichtet worden ist.
Alle die Stdte der Pentapolis wurden derartig unsicher von ihm gemacht,
da kein Fremdling dort erscheinen konnte, der nicht seinen Begierden zur
Beute fiel. Die beiden Engel, welche Loth besuchen wollten, wurden
augenblicks von einer Volksmenge berfallen[A]. Vergebens gab Loth ihr
seine Tchter preis. Diese ungewhnliche Handlung gastfreundschaftlicher
Tugend hatte keinen Erfolg. Die Sodomisten hatten Mnnerhinterteile
ntig[B] und die Engel entrannen ihnen nur der pltzlichen Finsternis
zufolge, welche die Zuchtlosen daran hinderte, einander zu erkennen.

[Funote A: Genesis XIX, 4. Aber ehe sie sich legten, kamen die Leute der
Stadt Sodom, und umgaben das Haus, jung und alt, das ganze Volk aus allen
Enden . . . 4 . . . Ut cognoscamus eos.]

[Funote B: Die Sodomiter dachten wahrscheinlich wie ein moderner hoher
Herr. Ein vertrauter Kammerdiener teilte ihm mit, da auf der Seite, die er
bevorzuge, seine Geliebte genau so ausshe wie seines Herrn Ganymede
. . . was man fr Lasten Goldes nicht haben knnte; er knnte . . . die
Weiber . . . Weiber, rief der Herr, das ist gerade so wie wenn du mir
eine Hammelkeule ohne Knochen auftragen wolltest!]

Dieser Zustand hielt nicht lange an. Denn zwlf Stunden spter ging alles
in einem Schwefelregen unter, bis auf Loth und seine Tchter, die, in einer
Hhle verborgen, glaubten, da die Welt im Feuer vergehen wollte, wie sie
bei der Sintflut in Wasser ersuft worden war. Und die Furcht, keine
Nachkommenschaft zu haben, bestimmte die Tchter, die anscheinend nicht auf
die Folgen ihrer frischen Schndung rechneten, so schnell wie mglich von
ihrem Vater welche zu erlangen. Die ltere widmete sich als erste diesem
frommen Opfer; sie legte sich auf den Biedermann Loth, den sie berauscht
gemacht hatte, ersparte ihm alle Mhe bei diesem von der Liebe zur
Menschheit dargebrachten Opfer und gebrauchte ihn, ohne da er etwas davon
merkte[A]. In folgender Nacht tat ihre Schwester desgleichen; und der gute
Loth, der ebenso leicht zu tuschen wie schwer zu erwecken gewesen zu sein
scheint, hatte mit diesen unfreiwilligen Handlungen so groen Erfolg, da
seine Tchter neun Monate nach diesem Erlebnisse zwei Knaben zur Welt
brachten, Moab, den Gebieter des Moabiterstammes[B], und Ammon, den der
Ammoniter.

Unabhngig von der ausdrcklichen Zeugenschaft des Apostel Paulus[C] wei
man, da die Rmer sehr weit gingen in den Ausschweifungen der Pderastie.
Bemerkenswert aber ist, da nach den Worten des groen Apostels die Weiber
dem Vergngen wider die Natur greren Vorzug einrumten als dem, das sie
herausfordern. -- Et feminae imitaverunt naturalem usum in eum usum qui est
contra naturam: Im zweiundzwanzigsten Verse des siebenten Kapitels unten
auf der Seite liest man diese Worte. Und der folgende Vers hat Caravaggio
den Gedanken zu seinem Rosenkranz eingegeben, der sich im Museum des
Groherzogs von Toskana befindet. Man sieht da etwa dreiig eng
verschlungene Mnner (turpiter ligati) im Kreise, die sich mit der
wollstigen Glut umarmen, welche der Maler seinen zgellosen Kompositionen
zu geben wute.

[Funote A: Genesis XIX, 33: Dormivit cum patre, at ille non sensit ne
quando accubuit filia, nec quando surrexit.]

[Funote B: Moab war der Sohn der ersteren, Ammon wurde von der zweiten
geboren.]

[Funote C: Apostel Paulus an die Rmer I, 27: Masculi, delicto naturali
usu faeminae as exarserunt in desiriis suis in invicem, masculi in
masculos, turpitudinem operantes let mercidem quam oportuit erroris sui in
somatipsis recipientes.]

Im brigen ist die Pderastie auf dem ganzen Erdball bekannt gewesen:
Reisende und Missionare beglaubigen es. Letztere berichten sogar einen Fall
dreifacher Sodomie, der Doktor Sanchez' Scharfsinn in Verwirrung gesetzt
und gewetzt hat. Hier ist er:

Marco Polo hat in seiner geographischen Beschreibung, die 1566 gedruckt
worden ist, die Schwanzmenschen des Knigreichs Lambri beschrieben. Struys
hatte von denen der Insel Formosa und Gemelli Carreri von denen der Insel
Mindors, in der Nhe von Manilla, gesprochen. So viele Autoritten waren
mehr als hinreichend, um die jesuitischen Missionare zu bestimmen,
vorzugsweise in diesem Lande Bekehrungen zu unternehmen. Tatschlich
brachten sie welche von diesen Schwanzmenschen mit, die infolge einer
Verlngerung des Steibeins wirklich Schwnze von sieben, acht und zehn
Zoll trugen, die empfindlich waren und, was ihre Beweglichkeit anlangte,
alle Bewegungen machten, die man einen Elefantenrssel vollfhren sieht.
Nun legte sich einer dieser Schwanzmnner zwischen zwei Weiber schlafen,
von denen eine, die im Besitz einer groen Clitoris war, es so einrichtete,
da sie ihre Clitoris pderastisch unterbrachte, whrend der Schwanz des
Insulaners sieben Zoll in das legitime Gef ragte. Der Insulaner -- er war
recht gefllig -- lie es geschehen und nherte sich, um alle seine
Fhigkeiten in Wirksamkeit zu bringen, der anderen Frau, und erfreute sich
ihrer, wo die Natur dazu einladet . . . Das war gewilich eine herrliche
Gelegenheit zur bung seiner Talente fr den Frsten der Kasuistiker.

Sanchez urteilt: Was den ersten Fall anlangt, sagte er, die doppelte,
wenngleich in ihren Endzwecken unvollstndige Sodomie, weil weder Schwanz
noch Clitoris das Trankopfer vollziehen konnten, so handelten sie in nichts
wider den Willen Gottes und die Stimme der Natur; im zweiten Falle handelte
es sich um einfache Hurerei.

Ich denke mir, hnliche Schwnze wrden mehr als einem ersprielichen
Zwecke in Paris dienen, wo die Verbreitung der Pderasten betrchtliche
Fortschritte macht, wenn sie auch weniger blht als zu Zeiten Heinrichs
III., unter dessen Herrschaft Mnner sich gegenseitig unter den Portiken
des Louvre herausforderten. Bekanntlich ist diese Stadt ein Muster der
Polizeiverwaltung. Infolgedessen gibt es ffentliche Orte, die zu diesem
Treiben bestimmt sind. Die jungen Mnner, die sich dieser Profession
widmen, sind sorgfltig in Klassen geteilt; denn die reglementarischen
Systeme erstrecken sich auch bis dahin. Man prft sie. Die zu handeln und
leiden verstehen, die schn, rosig, wohlgebaut, fleischig sind, werden den
groen Herren aufgespart, oder sie lassen sich teuer von Bischfen und
Finanzmnnern bezahlen. Die, welche ihrer Testikeln beraubt sind, oder wie
der Kunstausdruck lautet (denn unsere Sprache ist keuscher als unsere
Sitten), die kein Webergewicht haben, aber geben und empfangen, bilden die
zweite Klasse. Sie sind ebenfalls teuer, weil sich die Weiber ihrer
bedienen, whrend sie den Mnnern dienen. Die keiner Erektion mehr fhig,
weil sie zu verbraucht sind, obwohl sie alle zum Vergngen notwendigen
Organe haben, schreiben sich als Nur-Patienten ein, und aus ihnen setzt
sich die dritte Klasse zusammen. Wer ihren Vergngungen vorsitzt, tritt den
Wahrheitsbeweis ihrer Ohnmacht an. Zu diesem Zwecke legt man sie ganz nackt
auf eine am unteren Ende offene Matratze, zwei Mdchen liebkosen sie nach
bestem Knnen, whrend eine dritte den Sitz des venerischen Verlangens mit
frischen Brennesseln schlgt. Nach viertelstndigen derartigen Versuchen
fhrt man in ihren Anus roten spanischen Pfeffer ein, der eine
betrchtliche Reizung ausbt. Auf die durch die Brennesseln hervorgerufenen
Hitzblattern streicht man scharfen Caudebecer Senf und hlt die Eichel in
Kampfer. Die all diesen Prfungen widerstehen und keine Spur von Erektion
aufzuweisen haben, dienen als Patienten fr dreifachen Preis. O, wie recht
tut man, die Aufklrungsfortschritte unseres philosophischen Jahrhunderts
zu rhmen!




Behemah


Unzucht mit Tieren, -- Dieser Titel ist dem Geiste zuwider und beschimpft
die Seele. Wie ist's mglich, sich ohne Abscheu vorzustellen, da es einen
so verderbten Geschmack in der menschlichen Natur geben kann, wenn man
bedenkt, wie sehr sie sich ber alle Lebewesen zu erheben vermag? Wie sich
klar machen, da ein Mensch sich so hat wegwerfen knnen? Was, alle Reize,
alle Wonnen der Liebe, all ihren berschwang . . . hat er einem
verchtlichen Tiere vor die Fe legen knnen! Und der Physis dieser
Leidenschaft, diesem begehrenden Fieber, das auf solche Abwege geraten
kann, haben die Philosophen ohne jegliches Schamerrten die Moral der Liebe
unterordnen knnen! Allein ihre Physis ist gut, haben sie gesagt[A]. --
Nun, schn, lest Tibull und lauft dann und schaut euch diese Physis in den
Pyrenen an, wo jeder Hirt seine begnstigte Ziege hat, und wenn ihr die
scheulichen Vergngungen des rohen Bergbewohners genugsam betrachtet habt,
wiederholt noch einmal: In der Liebe ist einzig die Physis gut.

Ein sehr philosophisches Gefhl nur kann einen verpflichten, seine Augen
einen Augenblick auf einem so seltsamen Gegenstande ruhen zu lassen, weil
dies Gefhl, indem es Kraft gibt, alle Gedanken sich aus dem Kopf zu
schlagen, welche Erziehung, Vorurteile und Gewohnheit uns Zug fr Zug
einprgen, mehr als eine Ansicht, nach der man sich richten kann, mehr als
eine Erfahrung gibt, deren Ergebnisse ntzlich und seltsam werden knnen.

[Funote A: Buffon.]

Die besondere Form, durch welche die Natur Mann und Weib charakterisiert
hat, beweist, da der Geschlechtsunterschied nicht von einigen
oberflchlichen Verschiedenheiten abhngt, sondern da jedes Geschlecht das
Resultat vielleicht so vieler Verschiedenheiten ist, wie es Organe im
Menschenleibe gibt, wennschon sie nicht alle in gleicher Weise sinnlich
wahrnehmbar sind. Unter denen, die auffallend genug sind, um sich bemerkbar
zu machen, gibt es welche, deren Nutzen und Zweck nicht genau festgestellt
worden ist. Hngen sie im wesentlichen vom Geschlechte ab, oder sind sie
eine notwendige Folge der Anlage der Hauptbestandteile[A]?

Das Leben heftet sich an alle Formen, behauptet sich jedoch mehr in den
einen als in den anderen. Die widernatrlichen menschlichen Produkte haben
mehr oder weniger Leben, die aber, die es in allzu ungewhnlicher Weise
sind, gehen bald zugrunde. So wird die so weit wie mglich aufgeklrte
Anatomie entscheiden knnen, bis zu welchem Punkte man Ungeheuer sein, will
sagen, von der seiner Art angemessenen Gestaltung sich entfernen kann, ohne
die Fortpflanzungsfhigkeit zu verlieren, und bis zu welchem Punkte man es
sein kann, ohne die, sich selbst zu erhalten, zu verlieren. Das Studium der
Anatomie ist selbst noch nicht auf dieses Feld gelenkt worden, wozu man
diesen Irrtum der Natur oder vielmehr diesen Mibrauch seiner Begierden und
Fhigkeiten, die viehische Handlungen veranlassen, benutzen knnte.

[Funote A: Die Krmmung des Rckgrats zum Exempel bei einem Buckligen
zieht die Unordnung der anderen Teile nach sich, was ihnen allen eine Art
von hnlichkeit gibt, die man Familienhnlichkeit nennen knnte.]

Die widernatrlichen Produkte verschiedener Tiere bewahren eine besondere
bereinstimmung mit beiden Arten, indem sie allmhlich die
Fortpflanzungsfhigkeit verlieren. Die widernatrlichen Produkte der
Menschheit sollten uns berdies lehren, bis zu welchem Punkte die
vernunftbegabte Seele sich, wenn man so sagen kann, auf die sinnliche Seele
bertrgt oder sich in ihr entwickelt. Es ist merkwrdig, da die
Wissenschaft solche Nachforschungen auer Acht gelassen hat.

Der wesentlich begrndende Teil unseres Seins, der uns in der Hauptsache
vom Tier unterscheidet, ist, was wir Seele nennen. Ihr Ursprung, ihre
Natur, ihre Bestimmung, der Ort, wo sie ihren Sitz hat, sind ein
unerschpflicher Quell fr Probleme und Meinungen. Die einen lassen sie
beim Tode zugrunde gehen, andere trennen sie von einem Ganzen, mit dem sie
durch Ausgieung vereinigt, wie das Wasser einer schwimmenden Flasche,
deren Inhalt, wenn man sie zerbricht, sich mit der Wassermenge vereinigen
wird. Diese Ideen sind ins Unendliche abgendert worden. Die Pythagorer
gaben die Ausgieung nur nach den Wanderungen zu; die Platoniker
vereinigten die lauteren Seelen und reinigten die anderen in neuen Krpern.
Von da gehen die beiden Seelenwanderungsarten aus, die diese Philosophen
lehren.

Was die Streitigkeiten ber die Natur der Seele anlangt, so sind sie ein
weites Feld der menschlichen Narrheiten; Narrheiten, die selbst ihren
eigenen Autoren unverstndlich sind. Thales behauptet, die Seele bewege
sich in sich selber, Pythagoras, sie sei ein Schatten, der mit der
Mglichkeit des in sich selbst Bewegens begabt sei. Plato hlt sie fr eine
geistige Substanz, die sich mit harmonischer Regelmigkeit bewege.
Aristoteles, mit seinem barbarischen Worte Entelechie bewaffnet, erzhlt
uns von dem Einklang der Gefhle insgesamt. Heraklit hlt sie fr eine
Ausdnstung, Pythagoras fr eine Absonderung der Luft, Empedokles fr ein
Gemisch der Elemente, Demokrit, Leukipp, Epikur fr eine Mischung von, ich
wei nicht welchem Feuer, ich wei nicht welcher Luft, von, ich wei nicht
welchem Wind und einem anderen Vierten, dessen Name mir nicht bewut ist.
Anaxagoras, Anaximenes, Archelaus setzten sie aus dnner Luft zusammen.
Hippones aus Wasser, Xenophon aus Wasser und Erde, Parmenides aus Feuer und
Erde, Boetius aus Feuer und Luft, Critius brachte sie ganz einfach im Blute
unter, Hippokrates sah in ihr nur den im ganzen Krper ausgedehnten Geist,
Mark-Antonin hielt sie fr Wind, und Kritolaus, durchschneidend, was er
nicht auflsen konnte, nahm eine fnfte Substanz an.

Man mu zugeben, da eine derartige Nomenklatur nach Parodie aussieht, und
mchte beinahe glauben, da diese groen Geister sich ber die Majestt
ihres Stoffes lustig machten, wenn man sieht, da das Resultat ihres
Nachdenkens so lcherliche Definitionen waren, wenn man, nur die
berhmtesten Modernen lesend, hinsichtlich dieser Materie klarer she als
durch die Trumereien der Alten. Das bemerkenswerteste Resultat ihrer
Meinungen in dieser Art ist, da man bis auf unsere modernen Dogmen niemals
die geringste Idee von der Geistigkeit der Seele gehabt hat, ob man sie
gleich aus unsglich zarten Bestandteilen zusammensetzte[A]. Alle
Philosophen haben sie fr materiell gehalten, und man wei, was beinahe
alle ber ihre Bestimmung dachten. Wie dem auch sein mge, theoretische
Narrheiten, selbst geistvolle Hypothesen werden uns nimmer ebensogut
unterrichten wie gut geleitete physische Experimente.

Damit will ich noch nicht glauben, da sie uns lehren knnen, welches die
Natur der Seele oder der Ort ist, wo sie haust; aber die Abstufungen ihrer
Schattierungen knnen unsglich seltsam sein, und das ist das einzige
Kapitel ihrer Geschichte, das uns zugnglich zu sein scheint.

Unendlich khn wrde die Behauptung sein, da Tiere nicht denken knnen,
obwohl der Krper unabhngig von dem, was man Seele nennt, das Prinzip des
Lebens und der Bewegung besitzt. Der Mensch selber ist oft Maschine: ein
Tnzer macht die verschiedensten, in ihrer Gesamtheit geordneten Bewegungen
in sehr genauer Weise, ohne im geringsten auf jede dieser Bewegungen im
einzelnen acht geben zu knnen. Der ausbende Musiker tut fast ein
gleiches: der Willensakt spricht nur mit, um die Wahl von dieser oder jener
Weise zu treffen. Der Ansto wird den tierischen Gemtern gegeben, das
brige vollzieht sich, ohne da sie dabei denken. Zerstreute Menschen,
Somnambulen verharren oft in einem wahrhaft automatischen Zustande. Die
Bewegungen, die fr die Bewahrung unseres Gleichgewichts sorgen, sind
gewhnlich ganz unwillkrlich, Geschmacksrichtungen und Abneigungen gehen
bei Kindern dem Urteile voraus. Ist die Wirkung uerer Eindrcke auf
unsere Leidenschaften, ohne Hilfe eines Gedankens, einzig durch die
wunderbare bereinstimmung der Nerven und Muskeln nicht sehr unabhngig von
uns? Und doch verbreiten all diese krperlichen Bewegungen einen sehr
entschiedenen Ausdruck im Gesichte, das in ganz besonderem Einklange mit
der Seele steht.

[Funote A: Man wei, wie sehr die Kirchenvter selber geteilter und
schwankender Ansicht ber diese Materie gewesen sind; Sankt Irenus sagt
ohne irgendwie zu zaudern, da die Seele ein Hauch sei, analog dem Krper,
den sie bewohne, und da sie unkrperlich nur in Ansehung der rohen Krper
sei. Tertullian erklrt sie ganz einfach fr krperlich. Sankt Bernhard
behauptet in einer sehr merkwrdigen Unterscheidung, da sie Gott nicht
sehe, da sie aber des Umgangs mit Jesu Christo pflege.]

Die vom einfach mechanischen Gesichtspunkt aus betrachteten Tiere wrden
also schon denen, die ihnen die Gabe des Denkens absprechen, eine groe
Zahl Aufschlsse verschaffen; und es wrde nicht sehr schwer zu beweisen
sein, da ein groer Teil ihrer selbst erstaunlichsten Handlungen der
Denkkraft nicht bedrfte. Wie aber soll man begreifen, da einfache
Automaten einander verstehen, verabredetermaen handeln, demselben Zwecke
nacheifern, mit Menschen im Einklang stehen, fr Erziehung empfnglich
sind? Man richtet sie ab, sie lernen, man befiehlt ihnen, sie gehorchen,
man droht ihnen, sie frchten sich, man schmeichelt ihnen, sie sind
zrtlich: kurz, die Tiere zeigen uns eine Menge spontaner Handlungen, bei
denen sie sich als Abbilder der Vernunft und Ungezwungenheit zeigen, um so
mehr als sie minder gleichfrmig, abwechslungsreicher, eigentmlicher,
weniger voraussehend, an momentane Gelegenheit gewhnt sind; ja es gibt
ihrer, die einen entschlossenen Charakter haben, die eiferschtig,
rachschtig, lasterhaft sind.

Eins von beiden mu richtig sein: entweder hat es Gott Vergngen bereitet,
lasterhafte Tiere zu bilden und uns in ihnen recht hassenswerte Beispiele
zu geben, oder sie haben gleich dem Menschen eine Erbsnde, die ihre Natur
verdorben hat. Der erste Satz steht im Widerspruch mit der Bibel, die sagt,
da alles, was aus Gottes Hand hervorgegangen ist, gut und vortrefflich
war. Wenn aber die Tiere so waren, wie sie heute sind, wie knnte man
sagen, da sie gut und vortrefflich waren? Oder ist es gut, da ein Affe
bsartig, ein Hund neidisch, eine Katze falsch, ein Raubvogel grausam ist?
Man mu sich an den zweiten Satz halten und eine Erbsnde bei ihnen
vermuten; eine grundlose Vermutung, die Vernunft und Religion emprt.

Nochmals: es ist also durchaus unmglich, durch theoretische Schlsse die
Demarkationslinie zwischen Mensch und Tier zu ziehen. Unsere Seele hat zu
wenige Berhrungspunkte, als da es selbst fr die Naturlehre leicht, wre,
bis zu ihr durchzudringen, nur ihre Substanz und ihre Natur zu streifen;
man wei nicht, wo man ihren Sitz festlegen soll. Die einen haben
angegeben, sie sei an einem besonderen Orte, von wo aus sie ihre Herrschaft
ausbt. Descartes nahm die groe Zirbeldrse an, Vicussens das eirunde
Zentrum, Lancifi und Herr de la Peyronie den Rauhkrper, andere die
ausgekehlten Krper.

Das Klima, seine Temperatur, die Nahrungsmittel, dickes oder dnnes Blut,
tausend rein physische Ursachen bilden Obstruktionen, die ihre Art des
Seins beeinflussen. So knnte man, die Voraussetzungen weiterfhrend, die
Wirkungen bis ins Unendliche variieren und an Hand der Ergebnisse beweisen
wie die Erfahrung genugsam zeigt, da es keinen Kopf gibt, er mag so gesund
sein wie er will, der nicht eine recht verstopfte Rhre htte.

Seltsam interessant und ntzlich wrde es also sein, zu erfahren, bis zu
welchem Grade ein durch seine Vermischung mit dem Tiere aus der Menschenart
herabgesetztes Wesen mehr oder weniger vernnftig zu sein vermag. Das ist
vielleicht die einzige Weise, auf die man die Natur umzingeln knnte, der
man so einen Teil ihres Geheimnisses zu entreien vermchte. Um aber dahin
zu gelangen, mte man die Produkte beobachten, ihnen eine passende
Erziehung geben, und diese Arten von Naturerscheinungen sorgsam studieren.
Mutmalich wrde man aus diesem Wirken mehr Gewinn fr den Fortschritt der
Kenntnisse des Menschen ziehen als aus den Bemhungen, Stumme und Taube
sprechen zu lehren und einem Blinden die mathematischen Wissenschaften
beizubringen. Denn die zeigen uns nur die gleiche Natur, ein bichen
weniger vollkommen in ihren Bestandteilen, da das Subjekt, das man zu
vervollkommnen sich mht, eines oder zweier Sinne ledig ist. Die Frucht
einer Vermischung mit dem Tiere jedoch weist sozusagen eine andere Natur
vor, die aber aus ersterer entstanden ist und wrde Licht in verschiedene
der Punkte bringen, um deren Erforschung alle denkenden Wesen so sehr
bemht sind.

Es ist schwerlich in Zweifel zu ziehen, da es Produkte der menschlichen
Natur mit den Tieren gegeben hat; und warum sollte es denn keine geben?
Unzucht mit Tieren war bei den Juden so hufig, da man befahl, die Frucht
mit dem Erzeuger zu verbrennen. Die Jdinnen hatten vertrauten Umgang mit
Tieren[A], und das ist meiner Meinung nach sehr seltsam. Ich verstehe, wie
ein burischer oder verderbter Mann, berwltigt von der Wut des
Bedrfnisses oder den Ruschen der Einbildung sich ber eine Ziege, eine
Stute, selbst eine Kuh hermacht, nichts aber kann mich mit dem Gedanken
vertraut machen, da ein Weib sich von einem Esel den Bauch aufschlitzen
lt. Indessen lautet ein Vers des Levitikus[B]: Welches Tier es auch
sei. Woraus deutlich erhellt, da die Jdinnen sich jeder Art von Tieren
ohne Unterschied hingaben, und das ist unfabar.

Wie dem auch sein mge, es scheint gewi, da es Produkte von Ziegen und
Menschenart gegeben hat. Die Satyre, Faune, all diese Fabelwesen sind eine
sehr bemerkenswerte Folge davon. Satar heit auf arabisch Ziegenbock. Und
der Sndenbock wird von Moses nur angeordnet, um die Israeliten von der
Vorliebe abzubringen, die sie fr das geile Tier hatten[C]. Da im Exodus
gesagt worden ist, da man der Gtter Antlitz nicht sehen knnte, waren die
Israeliten berzeugt, da sich die Dmonen unter ihrer Gestalt sichtbar
machten[D]; und das ist der [Griechisch: Phasmaxsagon], von dem Jamblique
spricht. Auch im Homer trifft man auf diese Erscheinungen. Manethon,
Dionysius von Halikarnass und viele andere weisen sehr bemerkenswerte
Spuren von diesen ungeheuerlichen Produktionen auf.

[Funote A: Exodus XXII, 19. Levitikus VII, 21; XVIII, 23.]

[Funote B: Levitikus XX, 15.]

[Funote C: Maimonides lt sich in: der Mohr Nevochin, p. III. c. XLVI,
ber den Bockkultus aus.]

[Funote D: Levitikus XVII, 7. Exodus XXXIII, 20 und 23.]

Man hat spter die Incubusse und Succubusse mit diesen wirklichen Produkten
verwechselt. Jeremias spricht von bengstigenden Faunen[A], Heraklit hat
Satyre beschrieben, die in den Wldern[B] lebten und sich gemeinsam der
Weiber erfreuten, deren sie sich bemchtigten. Eduard Tyson hat in gleicher
Weise Pygmen, Cynocephalen und Sphinxe behandelt, dann beschrieb er die
Orangutangs und die Aigapithekoi, welche die Affenklasse bilden, die sich
der menschlichen Art vllig nhert; denn ein schner Orangutang zum Exempel
ist schner als ein hlicher Hottentotte. Mnster hat in seinem Werke ber
die Genesis und den Livitikus alle diese Monstren aus dem [Griechisch:
dsagomosr] gemacht und die Dinge sehr viel seltsamer gefunden als die
Rabbiner. Endlich gibt Abraham Seba diesen Faunen[C] Seelen, woraus sich
ergibt, da man ihre Existenz nicht weiter ableugnen kann.

[Funote A: Jeremias L, 39. Faunis sicariis und nicht ficariis, denn
Faune, die Feigen haben, will nichts heien. Indessen bersetzt er Saci so;
denn die Jansenisten prunkten mit der grten Sittenreinheit; Berruyer aber
hlt an sicarii fest und macht seine Faune sehr aktiv.]

[Funote B: In seiner Abhandlung: [Griechisch: peri a pisan], Kap. XXV.]

[Funote C: In seinem Tseror hammor (Fasciculus myrrhae) betitelten
Werke.]

ber die Centauern und Minotauern liegen wahrlich keine ebenso genauen
Nachrichten vor, aber die Unmglichkeit besteht nicht mehr, da es auch
Produkte anderer Arten gegeben hat[A]. Im verflossenen Jahrhundert ist viel
von einem gehrnten Manne die Rede gewesen, den man dem Hofe zeigte. Man
kennt die Geschichte des wilden Mdchens, einer Nonne in Chlons, die noch
lebt und sehr wohl in einem Verwandtschaftsverhltnisse mit den
Waldbewohnern stehen knnte. Der verstorbene Herr Herzog hatte in Chantilly
einen Orangutang, der Mdchen vergewaltigte; man mute ihn tten. Jedermann
hat gelesen, was Voltaire ber die afrikanischen Ungeheuer schrieb. Allem
Anscheine nach ist dieser Erdteil, den man recht wenig kennt, das bliche
Theater dieser widernatrlichen Begattungen. Gewilich mu man ihre Ursache
in der Hitze suchen, die in diesen Gefilden bermiger ist als an jeder
anderen Stelle des Erdglobusses, weil der Mittelpunkt Afrikas, der im
quatorialgebiete ist, viel entfernter vom Meere liegt als die anderen
Teile der Erde, die unter gleichen Breitengraden liegen. Die
ungeheuerlichen Paarungen drften dort also ziemlich blich sein. Dort mag
die wahre Schule der Vernderungen, der Herabwrdigungen[B] und vielleicht
der physischen Vervollkommnung der Menschenart sein. Ich sage
Vervollkommnung, denn was wrde es Schneres unter den beseelten Wesen
geben als die Form der Centauern zum Exempel?

Unser berhmter Buffon hat in dieser Beziehung alles getan, was ein
Privatmann, der ber keine groen Mittel verfgt, sich gestatten kann. Wir
haben die Folge dieser Verschiedenheiten bei den Hundearten, der Paarung
verschiedener Tierarten, in der Geschichte der Produkte der Maulesel, einer
ganz neuen Entdeckung, usw. Aber der groe Forscher hat uns seine
Erfahrungen ber die Vermischungen der Menschen mit Tieren nicht
mitgeteilt, und sie mten gedruckt werden, damit die Mglichkeit bestnde,
seine erhabenen Ansichten zu verfolgen, und damit wir, wenn wir ein so
herrliches Genie verlieren, nicht der Frchte seiner Ideen verlustig
gingen.

[Funote A: Indessen pat sich zum Beispiel die Vulva der Khe weniger dem
mnnlichen Gliede an als die der Ziege oder der ffin. Auch werden die
groen Tiere weniger leicht trchtig.]

[Funote B: Wenn der Knig von Loango in Afrika auf seinem Throne sitzt,
ist er von einer groen Schar Zwerge umgeben, die durch ihre Unfrmigkeit
bemerkenswert sind. Sie kommen in seinen Staaten sehr hufig vor. Sie sind
nur halb so gro wie die gewhnlichen Menschen, haben einen sehr dicken
Kopf und sind nur mit Tierhuten bekleidet. Man nennt sie Mimos oder
Bakkebakke. Wenn sie um den Knig sind, mischt man weie Neger der
Kontrastwirkung wegen unter sie. Das mu ein sehr seltsames Schauspiel
abgeben, das zu nichts nutze ist; wenn aber der Knig von Loango diese
Rassen mischte, wrde man vielleicht sehr merkwrdige Resultate erzielen.]

Unzucht mit Tieren ist weiter in Frankreich verbreitet, als man annimmt,
glcklicherweise nicht aus Neigung, sondern aus Bedrfnis. Alle Hirten in
den Pyrenen sind Tierschnder. Einer ihrer kostbarsten Gensse ist es,
sich der Nasenlcher einer jungen Kuh zu bedienen, die zu gleicher Zeit
ihre Testikeln beleckt. In diesen wenig begangenen Gebirgsteilen hat jeder
Hirt seine Lieblingsziege. Man wei das durch die baskischen Priester. Und
wahrlich gerade durch diese Priester mte man die geschwngerten Ziegen
berwachen und ihre Produkte sammeln lassen. Der Intendant von Auch knnte
leicht zu diesem Ziele gelangen, ohne das Beichtgeheimnis zu verletzen[A]
(ein bser Religionsfrevel auf alle Flle), er knnte sich diese
ungeheuerlichen Produkte durch seine Priester verschaffen. Der Priester
wrde seinem Beichtkinde seine Geliebte abverlangen, die er dem
Unterabgeordneten einhndigen wrde, ohne den Namen des Liebhabers zu
nennen. Ich sehe keine Unannehmlichkeit daraus entstehen, ein bel, das man
nicht mehr zu verhindern wte, zum Nutzen der Fortschritte der Kenntnis
der Menschen auszubeuten.

[Funote A: Schade ist es, da die Rmer nicht wie wir die Ohrenbeichte
hatten; sonst wrden wir alle ihre kleinen huslichen Geheimnisse wissen,
wie man unsere wei. Man wrde wissen, ob die Rmer ebenso roh die Ehe
entehrten, wie wir es tun. Kurz, wir wissen nicht einmal Einzelheiten ber
Unterhaltungen in Brgerkreisen. Nichts mte lustiger sein als die
Gesprche einer Familie, die am Morgen dem Priapus geopfert hat. Die jungen
Mdchen und Burschen der Familie mssen den Rest des Tages ber merkwrdige
Gedanken gehabt haben.]




Die Anoscopie


Bekanntlich haben in allen Jahrhunderten die Gaukler, Charlatane,
Wahrsager, Politiker oder Philosophen (denn alle Sorten sind darunter
vertreten) mehr oder minder Einflu ausgebt. Die unaufhrlich zwischen
Furcht und Verlangen hin- und her geworfene Menschennatur bietet so viele
Fallen fr den Gebrauch derer, die ihr Ansehen oder ihr Glck auf der
Leichtglubigkeit von ihresgleichen aufbauen, da es stets fr sie im
uferlosen Ozeane der menschlichen Narrheiten einige glckliche Entdeckungen
zu machen gegeben hat. Und wenn man es dabei bewenden lassen wollte, die
alten Zaubereien, die verjhrten Torheiten in ein neues Gewand zu kleiden
-- dieser Kder steht so herrlich in Einklang mit der unwissenden und
dummen Habgier des Volkes, fr das er besonders bestimmt ist, da seine
Wirkung unfehlbar ist --, knnten einige Nichtswisser und Halunken die
Ausber einer Kunst sein, durch die die Menschen so leicht zu betrgen
sind. Philosophie und eine etwas mehr gepflegte Experimentalphysik reien
zweifelsohne eine groe Anzahl aus ihrem Irrtum, doch stets wird nur ein
kleiner Teil sein, wer sie oder den Fortschritt der Kenntnisse vom Menschen
durchdringen kann.

Das Wort Wahrsager findet man sehr hufig in der Bibel, was die alte
Bemerkung rechtfertigt, da es unter den heiligen Schriftstellern wenige
oder keine Philosophen gegeben hat. Moses verbietet es strengstens, die
Wahrsager zu befragen. Wer, sagt er, sich nach den Wahrsagern und
Zauberern umsehen wird, indem er Unzucht mit ihnen treibt, dem werde ich
meinen Kopf gegen seinen stoen! Es gibt mehrere Arten von Zauberern, die
in der Bibel angezeigt sind.

Chaurnien heit im Hebrischen so viel wie die Weisen. Dieser Ausdruck aber
war sehr doppelsinnig und lie verschiedene Bedeutungen von wahrer
Klugheit, falscher, bser, gefhrlicher, verstellter Klugheit zu. So gab es
zu allen Zeiten Menschen, die weltklug und geschickt genug waren, um sich
Anzeichen von Weisheit zu ihrem Nutzen, zum Durchsetzen ihrer
Leidenschaften zu geben, um Studium, Wissenschaft und Talent die einzige
Anwendung zu nehmen, die sie ehrt, will sagen zur Erforschung und
Fortpflanzung der Wahrheit.

Die Mescuphinen waren die, welche in geschriebenen Dingen die verborgensten
Geheimnisse errieten; Horoskopsteller, Traumdeuter, Wahrsager gingen ebenso
zu Werke.

Die Carthuminen waren die Zauberer; durch ihre Kunst blendeten sie die
Augen und riefen scheinbar phantastische oder wirkliche Vernderungen bei
den Gegenstnden oder in den Sinnen hervor.

Die Asaphinen benutzten Kruter, besondere Apothekerwaren und Opferblut fr
ihre aberglubischen Handlungen.

Die Casdinen lasen die Zukunft aus den Gestirnen; sie waren die Astrologen
jener Zeiten.

Diese ehrenwerten Leute, die sicherlich unsere Comus nicht aufwogen, waren
in sehr groer Anzahl vorhanden. Sie hatten an den Hfen der grten Knige
der Welt einen ungeheuren Einflu. Denn der Aberglaube, der den Despotismus
so gut bediente, hat sich immer seinen Gesetzen unterworfen, und am Busen
dieses schrecklichen Bundes, der alle Leiden der Menschheit mit sich
brachte, hat der Triumph des Aberglaubens stets geblht. Die Diener der
Religion waren zu geschickt, als da sie den geringsten Teil ihrer Macht
aus den Hnden gegeben htten: mit Sorgfalt wachten sie ber alles, was
Bezug auf das Wahrsagen hatte, sie gaben sich in jeder Beziehung fr die
Vertrauten der Gtter aus und umgrteten sich leicht das Stirnband der
Meinung der Menschen, die nichts wissen, ja nichts von der Weisheit ahnen,
die beinahe das letzte ist, worauf des Menschen Eifer sich strzt.

Von allen Vlkern, die sich unter das Joch des Aberglaubens erniedrigt
haben, ist keines ihm mehr zugetan gewesen als das der Juden. In ihrer
Geschichte wrde man eine unendliche Flle von Einzelheiten ber ihre
nrrischen und frevelhaften Verfahren zusammenstellen knnen. Die Gnade,
die Gott ihnen erwies, indem er ihnen Propheten sandte, um sie seinen
Willen zu lehren, wurde fr diese plumpen und neugierigen Menschen eine
Falle, der sie nimmer entgingen. Das Ansehen der Propheten, ihre Wunder,
der freie Zutritt, den sie bei den Knigen hatten, ihr Einflu auf
ffentliche Entscheidungen und Angelegenheiten stellten sie dermaen hoch
in der Menge, da die Begier, teilzuhaben an diesen Auszeichnungen, indem
man sich die Gabe der Weissagung anmate, zu einer so verheerenden
Leidenschaft sich auswuchs, da, wenn man von gypten gesagt hat, dort sei
alles Gott, es eine Zeit gab, wo man von Palstina sagen konnte, alles dort
sei Prophet gewesen. Zweifelsohne gab es mehr falsche als wahre; man wei
sogar mit aller Bestimmtheit, da die Juden besondere Zauber und
Zaubertrnke hatten, um die Prophetengabe einzuflen, zu denen sie
menschliches Sperma, Menstrualblut und eine wahre Musterkarte anderer
ebenso nutzlos wie ekelhaft zu verschlingender Dinge benutzten. Wunder aber
sind in den Augen des Volkes eine so leicht zu handhabende Sache, und die
fromme Dunkelheit der Reden, der apokalyptische Ton, der schwrmerische
Akzent wirken so mchtig, da die Erfolge der wahren und falschen
Propheten, die ihre Zuflucht zu den Knsten und okkulten Wissenschaften
nahmen, sich die Wage hielten. Aus allem schpften sie Hilfsquellen, und es
gelang ihnen, Altar gegen Altar zu errichten.

Moses selber sagt uns im Exodus, da Pharaos Zauberer wahre oder falsche
Wunder bewirkt htten, da aber er, der Abgesandte des lebenden Gottes und
von dessen Allmacht untersttzt, ihrer sehr viel wirksamere ins Werk
gesetzt htte, die gypten schwer zu Boden gedrckt haben, weil das Herz
seines Knigs verhrtet war. Wir mssen sie fromm glauben und uns vor allem
beglckwnschen, nicht Zuschauer dabei gewesen zu sein. Heute, wo die
Illusion derer, die da Taschenspielerknste machen, alles, was die Mechanik
vorweist und was sehr geeignet ist, zu berraschen und irrezufhren, die
erstaunlichen Geheimnisse der Chemie, die zahllosen Wunder, die das Studium
der Natur und die schnen Versuche bewirkt haben, die tagtglich einen
kleinen Teil des Schleiers lften, der ihre geheimsten Handlungen bedeckt,
heute sage ich, wo wir von all dem bis zu einem bestimmten Grade
unterrichtet sind, stnde es zu befrchten, da unser Herz sich verhrtete
wie das des Pharao; denn wir kennen unendlich viel weniger den Dmon als
die Geheimnisse der Physik, und wie man bemerkt hat, scheint es, da dank
dem Geschmack an der Philosophie, der uns nach und nach die selbst bisher
unbersteigbarsten Schranken berennen und berwinden lie, das Reich des
Dmons alle Tage mehr zusammensinkt.

Vielleicht wrde die mglichst detaillierte Geschichte der Seher,
Rnkeschmiede, Propheten und ihrer Auffhrung und Wahrsagereien jeder Art,
beschrieben oder durch das strenge und scharfsichtige Auge eines
Philosophen enthllt, ein sehr seltsames Buch ergeben. Doch unter allen
denen, die er den geffneten Augen der Nationen vorfhren knnte, wrde es
keine wunderlichere als die geben, die vor einer traurigen Katastrophe eine
Gesellschaft bewahrte, welche ihres Eifers fr die Verbreitung des Glaubens
wegen berhmt ist und die, zu berzeugt, da dieser Glaube genge, um das
Dunkel der Zukunft zu durchdringen, mit einem sehr unklugen Leichtsinn in
eine Verpflichtung einging, die sie ohne die unvermutete Hilfe eines sehr
seltsamen Horoskopes nicht wrde erfllt haben knnen.

Eine nach China gesandte Jesuitenschar predigte dort die wahre Religion,
als eine furchtbare Drre das Kaiserreich in ein ungeheures Grab verwandeln
zu wollen schien. Die Chinesen sollten umkommen; und mit ihnen die
Jesuiten, die vergebens von dem Despoten angerufen wurden, htten sie nicht
ein Wunder, das sie mit erstaunlichem Scharfsinn voraussagten und das die
Gesellschaft Jesu in diesen trostlosen Gefilden fr immer berhmt gemacht
hat, bewirkt. Ein moderner Dichter hat diese Anekdote in einer reizvolleren
Weise, als wir es tun knnten, erzhlt, und wir beschrnken uns darauf,
seine Verse abzudrucken, ohne seine Ungebundenheiten zu billigen:

   Des groen Loyola khne Sprossen,
   Die euch zerschmettert hat Port Royal,
   Euch, die mit Krieg umlauert' unverdrossen,
   Auf Nicolaus sich sttzend, einst Pascal;
   Ihr, die ihr Romas Waffen fr euch ntzend,
   In Arnauld grifft die Augustiner an,
   Und die Gemeinheit eurer Plane sttzend,
   Auf ihn herabzogt schweren Kirchenbann,
   Die an Quesnel ihr, Brules wrdigem Sohn,
   Euch oft mit Peitschenhieben bitter rchtet;
   Aus seinen Bchern lesend voller Hohn
   Gefhle, die Molina einst gechtet,
   Habt ihr Clemens den elften aufgebracht,
   Da er den Brand warf auf sein mchtiges Buch.
   Ihr, die ihr euch nach China aufgemacht
   Um Christi Glauben -- heilig der Versuch --
   An des Confucius Stelle dort zu setzen,
   Dem in Pagoden man mit listigem Wort
   Zweideutig dient, so wie es Priester schtzen.
   Verderber der Moral ihr fort und fort,
   Die ihr erweitert stets des Heiles Pfade
   Und die ihr, leitend auf dem Blumensteg
   Die Ber, die euch schickt des Himmels Gnade,
   Unkraut st aus auf Gottes Feld und Weg.
   Ihr, des Jahrhunderts listige Schmeichlerschar,
   Des Lugs und Trugs elende Knstler ihr,
   Maskiert seid ihr, dennoch der Maske bar
   Fr jeden, doch willkommen dort und hier,
   (Kein Ort ist auf der ganzen Erdenrunde
   Wo ihr nicht eure dunkle Rolle spielt).
   Gebt von den Mitteln uns doch, bitte, Kunde,
   Durch die des Trugs Kunst ihr so gut erzielt
   Beim Christenvolke wie bei allen Heiden!
   Wenn eurem Mrtyrerbuche glaubt mein Mut,
   In dem die Lge prunkt mit euren Leiden,
   Dann rtet Indien sich von eurem Blut.
   Orakelt da auf einem Dreifu khn,
   Und der auf Wunder gierige Heide sieht
   Sie nach dem Willen seiner Wnsche blhn.
   Der hagre Tod, bleifarben ist er, zieht
   Die Hand von seiner Beute, wenn ihr's wollt.
   Durch euch das Blut, das er gerinnen lt,
   In allen Adern neubelebend rollt.
   Auf den Befehl von einem Knirpse pret
   Der Wolken Blau zu Regen sich zusammen.
   Ihr macht des Windes Brausewut zu nichte.
   Ein Wort von euch, der Blitz hrt auf zu flammen.
   Und darauf schrieb ich nieder die Geschichte,
   Ihr Ehrenwerten, die ihr hren sollt:
   Nach Lima, in Golconda, wo die Erde
   Den reichen Stein in Flusses Sande rollt,
   (Man schleift ihn, da zurckgestrahlet werde
   Das Licht vielhundertfach) kam eine Schar
   Ignatiusschler, pflanzte Christi Wort
   In der Indianer Seele wunderbar.
   Die Shne nun an Indiens Uferbord
   Katechisierten wahrlich sie sehr fein.
   Die Franziskaner, die mit ihnen kamen,
   Weihten die Weiber in die Lehre ein;
   Herrlich ging auf des Christenglaubens Samen
   Dank dieser Teilung, so da unser Gott
   Die neue Erbschaft trat mit Prchten an.
   Die Macht wuchs stndig, und es ward ein Spott
   Der Dmon, jener feiste Broncemann,
   Den Bonzentorheit dort anbeten lie,
   Durch des Franziskus und Ignatius Sprossen;
   Und seine Rechte schwanden berdies.
   Die neuen Pflanzen aber dort genossen
   Gar vieler Gottesgnaden Honigseim.
   (Doch der sichtbaren Gnade se Last
   Nur sprlich troff, war zh wie Vogelleim,
   Der kleine Snger fesselt an den Ast.)
   Dank mancher schnen Worte, guter Streiche,
   Hielt man fr Heilige sie, und sie verehrt
   Das Volk, das sie bekehrt in jenem Reiche.
   Golcondens Herrscher wurde das gelehrt.
   Erzheide war der, der von seinem Teufel
   So gut bedient war, da er immer den
   Unreinen Geist anbetet sonder Zweifel.
   Die neu'n Apostel wollte er nun sehn,
   Die seines Teufels Nebenbuhler waren.
   Er glaubte, da sie ihm Orakel sagen,
   Ihm wie Herodes Wunder offenbaren.
   Das Kreuz vor ihn die weisen Patres tragen
   Und kndigen von dem, der fr uns starb,
   Und lstern schnde Satans Gtzenbild.
   Des Knigs Laune aber das verdarb,
   Und ihre Reden machten bald ihn wild.
   Ihr Herrn, sprach er, wenn man so lacht der Gtter
   Und einen neuen Gtzendienst preist an,
   Sttzen sich auf Beweise wohl die Sptter. --
   Sechs Monde schon mein armes Land gewann
   Kein Trpfchen Regen. Ich verlange nun
   Von euch, da Euer Gtze regnen lt,
   Und sollt' er's nach drei Tagen Frist nicht tun,
   So nehm' ich Euch als bse Lgner fest,
   Bedenkt das! Unsre Kuttentrger schrien
   Vergebens, da das Gott versuchen hiee;
   Den Knig berzeugte nicht ihr Mhn.
   An solchem Zeichen sich erkennen liee,
   So er, ob Euer Gott der Herr der Welt ist!
   Die Mnche muten es ihm denn zusagen.
   Wie's um das Barometer wohl bestellt ist,
   Sehn tglich nun voll Eifers nach die Zagen;
   Das zeigte stets nur schnes Wetter an.
   Sein Bndel schnrte eiligst jeder Pater.
   Mrtyrer werden? Nein, das will kein Mann.
   Den sie als Pfand gelassen nun, der Frater
   Der gar fr sie die Kosten sollte zahlen,
   Er fragte sie, weshalb sie so verfhren?
   Weh, schrien sie, der Frst droht uns mit Qualen,
   Ein Eisenband soll unsern Kragen zieren!
   Bei Loyola, ist das alles? schrie
   Verdrossen der, und schlug in seine Hnde,
   Geht hin und sprecht: Es regnet morgen frh,
   Es wre sonst mit mein'm Latein zu Ende!
   Nicht Lge war des neu'n Elias Wort.
   Es trmten Wolken sich vom Meer her auf,
   Fruchtbarer Regen fiel am Morgen dort,
   In neuem Grn entstand das Land darauf.
   Die von Golconda schrien Wunder und
   Priesen den Pater unter Hndefalten.
   Zu frohen Mnchen sprach des' leiser Mund,
   Confratres, liebe, wenn ich Wort gehalten,
   So dankt Ihr's einem Liebesleiden, das
   Fr Euch der Himmel mir ausdrcklich schickte;
   Das stets, eh' auftat sich das Regenfa
   Des Himmels, mich ganz gottserbrmlich zwickte.
   Bleibt's aber trocken, lindert sich der Schmerz
   Und hrt fast auf! Doch das Golcondens Herrn
   Anzuvertrauen, hat man nicht das Herz.
   So glaubte man im Lande gut und gern,
   Da dieses Wunder ihrer Heiligkeit,
   Nicht aber Frucht war einer bsen Pest;
   Mit der der alte Schlaukopf seiner Zeit
   Vergiftet sich. -- Da Bses also lt
   Gutes entstehen, ist dieses Leiden worden
   Ein Dauergeschenk dem Jesuitenorden.

Allen Spa beiseite, -- man sieht, welchen Nutzen dieses seltsame Barometer
sowohl China wie den Missionaren brachte, die sich dadurch zu ihrer
berhmten Klage ber die Lavements veranlat sahen. Die Chinesen kennen
diese Art Einspritzung, die man durch den After in die Gedrme macht, erst
seit dem Auftauchen der Jesuiten in ihrem Kaiserreiche, drum nennen es die
Vlker dort, wenn sie sich seiner bedienen, das Heilmittel der Barbaren.

Als die Jesuiten sahen, da das unedle Wort Lavement das Klistier abgelst
hatte, gewannen sie den Abt von Saint Cyran und setzten ihren Einflu auf
Ludwig XIV. daran, um durchzusetzen, da das Wort Lavement auf die Liste
der unanstndigen Ausdrcke gesetzt wrde, so da der Abt von Saint Cyran
sie beim Pater Gargasse tadelte, den man die Helena des Kriegs zwischen
Jesuiten und Jansenisten nannte. Ich aber, sagte der Pater Gargasse,
verstehe unter Lavement nur Gurgeln: die Apotheker sind's, die dem Worte
die unschickliche Bedeutung gegeben haben! Man ersetzte also das Wort
Lavement durch Heilmittel. Da Heilmittel zweideutig ist, erschien es als
anstndiger; und das ist so ganz unsere Schicklichkeitsart[A]. Ludwig XIV.
gewhrte dem Pater le Tellier diese Gnade. Der Frst forderte keine
Lavements mehr, er forderte sein Heilmittel. Und die Akademie bekam den
Auftrag, dies Wort mit seiner neuen Bedeutung in ihr Wrterbuch zu setzen
. . . Ein wrdiger Gegenstand fr eine Hofkabale!

[Funote A: In unseren Tagen hat man auf hnliche Weise Havarie (Haferei)
an die Stelle von Lustseuche gesetzt.]

Allem Anscheine nach wurde die schimpfliche, Harnrhrenentzndung genannte,
Krankheit das Jesuitenbarometer im Vaterlande des Confucius. Wie es heit,
war diese Krankheit, die sich im Jesuitenorden von Pater auf Pater
fortpflanzte, nichts anderes als das, von dem die Schrift sagt: und der
Herr schlug die aus der Stadt und vom Lande in den After[A]. Zur Heilung
dieser Krankheit haben die Jesuiten eine Messe in einem zu Ehren des
heiligen Hiob gedruckten Mebuche. Nichts gibt es, was mit ihrer Moral
nicht in Einklang zu bringen wre; denn es ist gewi, da ihre Kasuistiker
den Mut aufbringen, der Gefahr der Harnrhrenentzndung zu trotzen,
geschweige denn sich ihr auszusetzen, wenn sie des Glaubens sind, da das
Werk Gottes dabei beteiligt sein knnte. Man liest in der Sammlung des
Jesuitenpaters Anufin ein merkwrdiges Geschehnis, das einem ihrer Novizen
sich ereignete, der sich mit einem jungen Manne erlustierte und inmitten
seiner lebhaften Unterhaltung von einem Confrater berrascht wurde. Dieser
hatte die Klugheit besessen, durchs Schlsselloch zu beobachten und sich
still zu verhalten. Als aber die Geschichte zu Ende und der Novize
fortgegangen war, sagte er zu seinem Kameraden: Unglcklicher, was hast du
eben gemacht? Ich habe alles gesehen; du verdientest, da ich dich
anzeigte; noch ganz entflammt bist du von der ppigkeit . . . du kannst
dein Vergehen nicht ableugnen! -- Ach, mein lieber Freund, antwortete
der Schuldige mit einem festen und heftigen Tone, wit Ihr denn nicht, da
der ein Jude ist? Ich will ihn bekehren oder er soll Jesu Christi Feind
bleiben. Habe ich nicht, wenn ich dieses oder jenes annehme, alle Ursache
ihn zu verfhren, entweder um ihn zu retten oder um ihn noch
schuldbeladener zu machen? Bei diesen Worten wirft sich der Novize, der
ihn beobachtet hatte, berzeugt, besiegt, von Bewunderung durchdrungen, vor
ihm nieder, kt seinem Confrater die Fe und macht seinen Bericht. Und
der handelnde Novize wurde unter die in den Werken des Allmchtigen
Wirkenden einregistriert.

[Funote A: Buch der Knige, I. Kap., Vers 26.]




Die Linguanmanie


Wenn man alle Leidenschaften des Menschen auf ihre anfnglichen Neigungen
zurckfhrte, alle ihre Idiome auf ihre Muttergedanken, wenn ich so sagen
darf, indem man diese alle der Schattierungen, die sie entstellt haben, und
jene all der Bedeutungen beraubte, mit denen ihre Symptome berladen worden
sind, wrden die Wrterbcher weniger umfangreich und die Gesellschaften
minder verderbt sein.

Wie viel hat nicht zum Exempel die Einbildung den Kanevas der Natur mit
Liebe bestickt? Wenn ihre Krfte sich damit zufrieden gegeben htten, die
moralischen Illusionen zu verschnern, wrden wir uns dazu beglckwnschen.
Aber es gibt sehr viel mehr liederliche Einbildungen als gefhlvolle
Einbildungen, und darum gibt's unter den Menschen mehr Ausschweifung als
Zrtlichkeit, darum hat man jetzt eine Masse Beiworte ntig, um alle
Schattierungen eines Gefhls auszudrcken, das lau oder hei, lasterhaft
oder heroisch, edelmtig oder strafbar nach allem aber nie die mehr oder
minder lebhafte Neigung eines Geschlechts zum anderen ist oder sein wird.
Schamlosigkeit, Geilheit, Unzucht, Liederlichkeit, erotische Melancholie
sind sehr verschiedene Eigenschaften und doch im Grunde nur mehr oder
minder scharfe Schattierungen der gleichen Empfindungen. Geilheit und
Unzucht zum Beispiel sind durchaus natrliche Fhigkeiten zur Lust, denn
mehrere Tierarten sind geil und unzchtig; unkeusche aber gibt es nicht.
Unkeusche Gesinnung ist unzertrennlich von der vernunftbegabten Natur und
nicht vom natrlichen Hang wie die Unzucht. Unkeusche Gesinnung drckt sich
durch die Augen, in der Haltung, in den Gesten, in den Reden aus; sie
kndigt ein sehr hitziges Temperament an, ohne da die beweisende Tatsache
ganz gewi ist, sie verspricht aber viel Vergngen an der Lust und hlt ihr
Versprechen, weil die Einbildung der wirkliche Herd der Lust ist, die der
Mensch durch Studium und Verfeinerung der Wonnen variiert, verlngert und
ausgedehnt hat.

Schlielich aber wollen diese und andere derartige Benennungen nichts
weiter als einen Heihunger anzeigen, der dazu verfhrt, ohne Maen und
ohne die Zurckhaltung, die vielleicht dem greren Teile der menschlichen
Institution natrlicher ist, als man annimmt, zu genieen, zu suchen; ohne
die Zurckhaltung, die man Scham nennt, die verschiedensten, die
geschicktesten und die sichersten Mittel zu suchen, sage ich, den Feuern,
die einen verbrennen, deren Glut aber so verfhrerisch ist, da man sie,
nachdem man sie gelscht hat, wieder herausfordert, genugzutun und
auszulschen.

Dieser Zustand hngt einzig und allein von der Natur und von unserer
Leibesbeschaffenheit ab. Er ist der Hunger, das Bedrfnisgefhl, Nahrung zu
sich zu nehmen, das durch ein berma von Sinnlichkeit zur Gefrigkeit
fhrt, und durch die allzu lange Beraubung der Befriedigungsmittel in Wut
ausartet. Das Verlangen nach Lust, das ein ebenso natrliches Bedrfnis
ist, obwohl es weniger oft und gem der Verschiedenheit der Temperamente
mehr oder weniger hitzig sich einstellt, steigert sich manchmal bis zum
Wahnsinn, bis zu den grten physischen und moralischen Ausschweifungen,
die alle nach dem Genusse des Objekts streben, durch das die glhende
Leidenschaft, von der man erregt ist, vielleicht gestillt wird.

Dies verschlingende Fieber heit bei den Weibern Nymphomanie[A], bei den
Mnnern wrde man es, wenn sie ihm ebenso unterworfen wren, wie jene,
Mentulomanie nennen, doch leistet ihre Bildung dagegen Widerstand, und mehr
noch ihre Sitten, die, weniger Zurckhaltung und Zwang heischend, und die
Scham nur nach der Zahl der Verfeinerungen rechnend, mit denen die
menschliche Geschicklichkeit die Reize der Natur zu verschnern oder
abzuschattieren verstanden hat, sie weniger den Verheerungen der allzu
zurckgeschraubten oder allzu gesteigerten Wnsche aussetzen. Da brigens
unsere Organe viel empfnglicher fr augenblickliche Regungen als die des
anderen Geschlechts sind, kann die Intensitt der Begierden selten ebenso
gefhrlich sein, wiewohl die Mnner ebensogut wie die Weiber an Krankheiten
leiden, die einer beinahe hnlichen Ursache entspringen[B], von denen aber
eine mnnliche Leibesbeschaffenheit, die leichter schlaff wird, nicht
ebenso lange heimgesucht zu werden braucht.

Trostlos wrde es sein, scheulich wrde es sein, wollte man die so
wunderlichen Wirkungen der Nymphomanie aufzhlen. Vielleicht trgt die
Unregelmigkeit der Einbildungskraft sehr viel mehr zu ihr bei als die
venerische Energie, die das Subjekt, das von ihr befallen worden ist, von
Natur aus mitbekommen hat. Tatschlich ist der Kitzel der Vulva durchaus
nicht Nymphomanie. Der Kitzel kann wahrlich eine Empfnglichkeit fr diese
Manie sein, man braucht darum aber nicht gleich zu glauben, da sie ihm
stets folgen mte. Er reizt, er zwingt, mit den Fingern an die erregten
Kanle zu fassen, sie zu reiben, um sich Linderung zu verschaffen, wie man
es bei allen Krperteilen tut, die man in derselben Absicht anfat, um die
Ursachen des Reizes zu heben. Wie lebhaft und erwnscht dieses Kitzeln,
diese Berhrungen auch sein mgen, man nimmt sie wenigstens ohne Zeugen
vor. Die dagegen, welche die Nymphomanie hervorruft, trotzen den Zuschauern
und Umstnden. Daraus geht hervor, da der Kitzel sich nur in der Vulva
festsetzt, whrend die unsinnige Manie der Sinnenlust ihren Sitz im Gehirn
hat. Die Vulva jedoch berliefert ihm auerdem den Eindruck, den es mit
Abnderungen empfngt, die geeignet sind, die Seele mit einer Menge
unzchtiger Gedanken zu durchtrnken. Dort nhrt sich das Feuer selber;
denn die Vulva ist ihrerseits unabhngig von dem Einflu der
wollustgierigen Seele, von jedem Gefhlseindruck angegriffen und wirkt auf
das Gehirn zurck. So wird die Seele immer tiefer von unzchtigen
Sensationen und Gedanken durchdrungen, die, da jene nicht allzu lange
bestehen knnen, ohne sie zu ermatten, ihren Willen bestimmt, der Unruhe
nachzugeben, die sich an die Verlngerung jedes allzu lebhaften Gefhls
heftet und alle erdenklichen Mittel anzuwenden, um zu diesem Ziele zu
gelangen.

[Funote A: [Griechisch: Ninphman].]

[Funote B: Die Satyriasis, der Priapismus, die Geilheit.]

Es ist unglaublich, wie sehr die durch die Leidenschaft geschrfte
menschliche Geschlechtlichkeit die Mittel des Vergngengewhrens oder
vielmehr das Verhalten beim Vergngen variiert hat. Denn es ist stets das
gleiche, und wir haben gut kmpfen gegen die Natur, ber ihr Ziel werden
wir nimmer hinausgehen. Sie scheint in Wahrheit viele Reizmittel zu ihrer
Verlngerung[A] verteilt zu haben, sicher ist es aber, da die Gehirnfasern
sich unabhngig von irgendeiner unmittelbaren Einwirkung der Natur
ausdehnen. Alles, was die Einbildungskraft erhitzt, reizt die Sinne oder
vielmehr den Willen, dem die Sinne sehr hufig nicht mehr gengen, und die
werden mindestens ebenso stark von ihm untersttzt, da die Einbildungskraft
niemals ohne das lebhafteste, glhendste Temperament, die am besten
gestimmten Sinne, die besten Hilfen des Alters und der Umstnde bestehen
kann.

[Funote A: Sennert erwhnt eine Frau, die, nachdem sie etwas aufgelsten
Borax getrunken hatte, nymphoman wurde, und Mller rt, mit aromatischen
len vermischten Moschus auf irgendeine Art einzufhren, um die Vagina
schlpfrig zu machen.]

Da es weiter das Eigentmliche aller Leidenschaften der Seele ist, mit
Rcksicht auf den Widerstand so hitzig wie mglich zu werden und die
Nymphomanie nicht leicht zu befriedigen ist, so wird sie schlielich
unersttlich. Weiber, die von ihr befallen sind, kennen kein Ma mehr; und
das fr einen schwachen Widerstand so schn geschaffene Geschlecht, das mit
allem Entzcken der furchtsamen Scham prunkt, entehrt in dieser
scheulichen Krankheit seine Reize durch die schmutzigste Prostitution. Es
fordert heraus, sucht auf, greift an; die Begierden stacheln sich an durch
das, was anscheinend hinreichen mte, um sie zu ersticken, und das
tatschlich gengen mte, wenn der einfache Kitzel der Vulva den Genu
erregte. Wenn aber das Gehirn der Herd des Verlangens ist, so steigert es
sich unaufhrlich; und die mehr ermattete als gesttigte Messalina[A] jagt
ohne anzuhalten der Lust und der Liebe nach, die sie mit Abscheu flieht.

[Funote A:

   Mox lenone suas jam dimittente puellas
   Tristisubit. Sed quod potuit tamen ultimam cellam
   Clausit, ad huc ardens rigidae tentigine vulvae
   Et resupina jacens multorum absorbuit cetus
   Et lassata viris, necdum satiata recessit.

(Inv. I, II. Sat. 6.)]

Indessen mu man das zugeben: Die Beobachtung hat uns einige Phnomene in
dieser Art gezeigt, die das einfache Werk der Natur zu sein scheinen. Herr
von Buffon hat ein junges Mdchen von zwlf Jahren gesehen, sie war
dunkelbraun, hatte eine lebhafte und gesunde Gesichtsfarbe, war von
kleiner, aber ziemlich fetter Figur, war bereits ausgewachsen und mit einem
hbschen Busen geschmckt, die einzig beim Anblick eines Mannes die
unanstndigsten Handlungen vornahm. Die Gegenwart der Eltern, deren
Vorwrfe, die strengsten Zchtigungen, nichts hielt sie davon zurck. Sie
verlor indessen die Vernunft nicht, und ihre scheulichen Anwandlungen
hrten auf, wenn sie mit Frauen zusammen war. Kann man annehmen, da dieses
Kind seinen Instinkt bereits mibraucht hatte?

Gewhnlich haben braune Mdchen von guter Gesundheit und krftiger
Leibesbeschaffenheit, die jungfrulich sind, und vor allem die, welche
durch Verhltnisse anscheinend dazu bestimmt sind, es ewig zu bleiben,
junge Witwen, Weiber, die wenig krftige Mnner haben, die meiste Anlage
zur Nymphomanie. Und das allein wrde beweisen, da der Hauptherd dieser
Krankheit in einer allzu geschrften, allzu gebieterischen Einbildungskraft
ruht, da aber auch die widernatrliche Unttigkeit der mit Kraft und
Jugend versehenen Sinne eine ihrer hauptschlichen Triebfedern ist. Billig
ist es also, da jedes Individuum seinen Instinkt befragt, dessen Antrieb
stets zuverlssig ist. Wer immer darauf bedacht ist, seinesgleichen zu
zeugen, hat entschieden das Recht es zu tun. Der Schrei der Natur ist die
allgemeine Gebieterin, deren Gesetze zweifellos mehr Achtung verdienen, als
alle die knstlichen Ideen von Ordnung, Regelmigkeit und Prinzipien, mit
denen uns unsere tyrannischen Grillen auszeichnen, und denen man sich
unmglich sklavisch unterordnen kann, die nur unglckliche Opfer oder
widrige Heuchler schaffen und nichts weiter fr die Moral wie fr die
Physis regeln, als die Widersprche der Natur jemals befehlen knnen. Die
physischen Gewohnheiten ben eine sehr dingliche, sehr despotische und oft
sehr furchtbare Macht aus und setzen einen fters grausamen beln aus,
statt da sie einen gegen sie wappnen. Die menschliche Maschine darf nicht
besser arbeiten als das sie umgebende Element, sie darf wirken, sich gar
ermden, sich ausruhen, unttig sein, je nachdem das Krftegefhl es
bestimmt. Es wrde eine sehr abgeschmackte und sehr lcherliche Forderung
sein, das Gesetz der Gleichheit befolgen und stets vor derselben Schssel
sitzen zu sollen, whrend alle Wesen, mit denen man in inniger Berhrung
steht, in stndigem Wechsel leben. Vernderung ist notwendig, und wre es
nur, um uns auf die heftigen Ste vorzubereiten, die manchmal die
Grundmauern unseres Seins erschttern. Unsere Krper sind wie die Pflanzen,
deren Stengel sich inmitten der Strme durch das Rtteln widriger Winde
krftigt.

Leibesbewegung, eine gut ausgedachte Gymnastik wrde zweifelsohne das
wirksamste Mittel gegen die gefahrvollen Folgen eines unttigen Lebens
sein; dies Mittel jedoch wird nicht in gleicher Weise von beiden
Geschlechtern angewandt. Die Reitkunst zum Exempel scheint nicht sehr
geeignet fr die Frauen, die sie nur unter Gefahr oder unter
Vorsichtsmaregeln ausben knnen, die die bung beinahe unzweckmig
machen. Es ist so wahr, da die Natur sie nicht fr diese Leibesbung
bestimmt hat, da sie dabei blo die Reize zu verlieren scheinen, die ihnen
zu eigen sind, ohne die des Geschlechtes zu gewinnen, das sie nachahmen
wollen.

Der Tanz scheint mit der den Frauen eigentmlichen Anmut vereinbar, die
Weise aber, in der sie sich ihm hingeben, ist oft mehr geeignet, die Organe
zu entnerven als zu krftigen. Die Alten, welche sich auf die groe Kunst
verstanden, die Sinnenfreude in den Dienst des Krpers zu stellen, haben
aus der Tanzkunst einen Teil ihrer Gymnastik gemacht: sie wandten die Musik
an, um die Bewegungen der Seele zu beruhigen oder zu lenken. Sie
verschnten das Ntzliche und machten die Wollust ersprielich.

Doch wenn beim Entstehen politischer Krperschaften die Vergngungen der
Strenge der Einrichtungen unterstellt wurden, aus denen diese
Krperschaften ihre Macht zogen, entarteten sie sehr schnell mit den
Sitten[A]. Und wenn die Alten sich zuerst damit befaten, alles
zusammenzusuchen, was die Krfte mehren und die Gesundheit bewahren konnte,
so verfielen sie nur darauf, die Freuden zu erleichtern und auszudehnen zu
suchen; und hier hat man nochmals Gelegenheit zu bemerken, wie sehr wir sie
preisen, um uns selber zu verleumden. Welche Parallele lt sich zwischen
unseren Sitten und der Skizze ziehen, die ich eben hinwerfe?

[Funote A: Ich zweifle zum Exempel, da die Corycomachie oder die
Coricobolie, welche die vierte Sphristik der Griechen war, bei ihnen
gebruchlich geblieben ist, als sie das eleganteste Volk der Welt geworden
waren. Man hngte einen Sack voll schwerer Krper an der Decke auf, griff
ihn mit beiden Hnden und brachte ihn so weit fort, als der Strick sich
auszudehnen vermochte; darauf lieen sie den Sack los, folgten ihm, und
wenn er gegen sie zurckkam, gingen sie zurck, um sich nicht der Wucht des
Anpralls auszusetzen, und stieen ihn dann wieder mit Gewalt zurck. (Siehe
Burette, ber die Gymnastik der Griechen und Rmer.) Ich glaube auch nicht,
da eine solche bung nach dem Geschmack der Stutzerinnen eines anderen
Jahrhunderts gewesen wre.]

Wenn ein Weib eine halbe Stunde Coricobole gespielt hatte, trockneten
entweder Mdchen oder Knaben, je nach Geschmack der Spielerin, sie mit
Schwanenpelz ab. Diese jungen Leute hieen Jatraliptae. Die Unctores
schtteten darauf Essenzen ber sie. Die Fricatores reinigten die Haut. Die
Alipari zupften die Haare aus. Die Dropacistae bearbeiteten die Krper und
brachten die Schwielen fort. Die Paratiltriae waren kleine Kinder, die alle
Leibesffnungen, Ohren, Anus, Vulva usw. suberten. Die Picatrices waren
junge Mdchen, die dafr zu sorgen hatten, alle die Haare, welche die Natur
ber den Krper verstreut hat, auszuzupfen, um ihr Wachstum zu verhindern,
das dem Eindringen entgegensteht. Die Tractatrices endlich kneteten
wollstig alle Gelenke, um sie geschmeidiger zu machen. Eine so
vorbereitete Frau bedeckte sich mit einem jener Schleier, die laut dem
Ausdruck eines Alten einem gewebten Lufthauche glichen und den vollen Glanz
der Schnheit durchschimmern lieen. Sie schritt ins Gemach der
Wohlgerche, wo sie sich beim Klang der Instrumente, die eine andere Art
Wollust in ihre Seele gossen, dem berschwange der Liebe hingab. Erstrecken
sich bei uns die Verfeinerungen des Genusses bis zu diesem bermae von
Gesuchtheiten[A]?

[Funote A: Eine bescheidene Nomenklatur eines sehr kleinen Teils ihres
Lexikons der Wollust, wenn ich so sagen darf, mag diese Frage entscheiden:

   Die Coricobole, war eine Sacktrgerin.
   Die Jatraliptes, die Schwanenpelzabtrockner.
   Die Unctores, die Wohlgeruchspenderinnen.
   Die Fricatores, die Frottiererinnen.
   Die Aractatrices, die Walkerinnen oder Kneterinnen.
   Die Dropacistae, die Schwielenentfernerinnen.
   Die Alipsiaires, die Haarauszieher.
   Die Paratiltres, die Vulvareiniger.
   Die Picatrices, Auszupferinnen der Vulvahaare.
   Die Samiane, das Parterre der Natur (siehe weiter unten).
   Die Hircisse, der Verkauf an die Alten.
   Die Clitoride, die Zusammenziehung der Clitoris.
   Die Korintherin, die Beweglichkeit der Gewinde.
   Die Lesbierin, die den Cunnilingus vollzieht.
   Die Sphnissidienne, die Vorreiterin.
   Die Phicidissienne, die Pollution der Kinder.
   Sardanapalizein, Liebe zwischen Eunuchen und Mdchen.
   Die Conrobole [Griechisch: chuiropl] (wenn man etwas Griechisch
      kennt, versteht man mich).
   Chalcidizein, Lecken der Testikeln.
   Fellatrizein, Saugen am Eichel.

Ein Beweis, da sie viel abgebrhter als wir waren, ist, da es fast nicht
eines dieser Wrter gibt, das wir nicht gezwungen sind durch Umschreibung
wiederzugeben.]

Zum Beweis unserer Harmlosigkeit in Sachen der Ausschweifung wre es
mglich, durch Anfhrung alter Schriftsteller eine Unzahl von Stellen
anzubringen, die unsere leidenschaftlichsten Satyre in Erstaunen setzen
wrden. Wir haben schon in einem Stck dieser Ausfhrungen im Abri
gezeigt, auf welche Ausschweifungen sich das Volk Gottes verstand[A].
Erasmus hat in griechischen und rmischen Autoren eine Menge Anekdoten und
Sprichwrter gesammelt, die Dinge vermuten lassen, vor denen die khnste
Einbildung sich erschreckt. Ich will einige von ihnen anfhren.

[Funote A: Man lese in der Tropoide nach, wo ich eine sehr groe Zahl
anderer Bibelstellen noch htte anfhren knnen. Man findet zum Exempel im
Buche der Weisheit Salomonis (Kap. XIV, Vers 26) mehrere Tadel wegen
Unzucht, strflicher Fehlgeburten, Schamlosigkeiten, Ehebruchs usw.
Jeremias (Kap. V, Vers 13) predigt gegen die Liebe zu jungen Knaben.
Ezechiel spricht von blen Husern und Prostitutionsmerkmalen an den
Straeneingngen (Kap. XXVI, Vers 24--27) usw.]

Wir haben zum Beispiel keine blen Orte, die uns eine Idee von dem geben
knnten, was man in Samos das Parterre der Natur nannte. Es waren
ffentliche Huser, wo sich Mnner und Weiber durcheinander allen Arten von
Ausschweifungen berlieen: denn das wrde prostituieren heien, das Wort
der Wollust, das sich hier anwenden liee. Beide Geschlechter boten hier
Modelle der Schnheit an, und daher kommt der Name: Parterre der Natur[A].
Die Alten wandten die Reste ihrer Geilheit noch an anderen Orten ntzlich
an. Sie waren derartig schamlos, da man sie mit Tieren verglich, die den
Geruch, die Hitze und die Geilheit der Ziegenbcke besaen[B].

   . . . Verum noverat
   Anus caprissantis vocare viatica.

[Funote A: Erasmus, Seite 553. -- Samiorum flores. -- Ubi extremam
voluptatum decerperet. -- [Griechisch: Xaminchod], die Samionante. --
Puellae veluti flores arridantes da libidinem invitabant.]

[Funote B: Ani hircassantes. [Griechisch: Graus chaprasa]. Erasmus 269.
De juvente, cuianus libidinosa omnia suppeditabat, quo vicissim ab illo
voluptatem cui feret. Nota et hircorum libido, odorque qui et subantes
consequitur.]

Auf der Insel Sardinien, die weder jemals ein sehr blhendes noch sehr
volkreiches Land gewesen ist, leitete der Name des Ancon genannten Ortes
sich von dem der Knigin Omphale ab, die ihre Frauen miteinander
tribadieren lie, sie dann ohne Unterschied mit Mnnern zusammensperrte,
die auserlesen waren, um in allen Arten von Kmpfen zu glnzen[A]. Man
wei, was der orientalische Despotismus die Menschlichkeit und die Liebe
gekostet hat; in allen Zeiten hat er die bedrckt und jene herabgewrdigt.
Sardanapal[B] ist einer der elendesten Tyrannen jener Gefilde, von dem der
Gedanke und der Brauch kam, die Prostitution der Mdchen und Knaben zu
vereinigen.

[Funote A: [Griechisch: Gluchun agchna]. Ancon. Erasmus 335. Omphalem
regina per vim virgines dominorum cum eorum servis inclusisse ad stuprum,
in sola haberetur impudica. Lydia antem eum locum, in quo faeminae
constuprabantur [Griechisch: gluchun agchna] appelasse, sceleris
atrocitatem mitigantes verbo.

Man sieht, da selbst in solchen Dingen der Despotismus nichts mehr hat
erfinden knnen.]

[Funote B: [Griechisch: Sardanapapalos]. Erasmus 723. Caeterum deliciis
usque adeo effaeminatus, ut inter eunuchos et puellas ipse puellari cultu
desidere sit solitus.]

Korinth konnte Samos den Vorrang streitig machen in der Vervollkommnung der
ffentlichen Prostitution; sie war dort derartig hochgeschtzt, da es dort
Tempel gab, in denen man unaufhrlich Gebete an die Gtter zur Vermehrung
der Prostituiertenzahl richtete[A]. Man behauptete, da sie die Stadt
gerettet htten. Im allgemeinen aber gingen die Korinther dafr durch,
beinahe ausschlielich die Kunst der Biegsamkeit und der wollstigen
Bewegungen zu beherrschen[B]. Man erkannte sie an einer bestimmten
Krperhaltung und ihrer besonders zierlichen Figur.

Die Lesbierinnen werden bei der Erfindung oder der Sitte genannt, den Mund
zu dem hufigst angewandten Wollustorgan gemacht zu haben[C].

Verschiedene Vlker zeichneten sich ebenfalls durch sehr merkwrdige Sitten
aus, die bei ihnen hufiger vorkamen als bei allen anderen, dergestalt da
das, was heute nur das Laster dieses oder jenes Individuums ist, damals das
bestimmte Merkmal eines ganzen Volkes war.

[Funote A: Erasmus 827. Ut dii augerent meretricum nummerum. Erasmus fgt
hinzu, da die Venetianerinnen zu seiner Zeit unzchtige Mdchen per
excellence wren. Nusquam uberior quam apud Venetos.]

[Funote B: [Griechisch: Kuiroplis] die Canabole mit [Griechisch:
choiros]. Erasmus 737. Corinthia videris corpore questum factura. In
mulierem intempertivius libidinantem. De mulieribus Corinthi prostantibus
dictum et alibi. Dictum et autem [Griechisch: choiropl], novo quidem
verbo, quod nobis indicat quaestum facere corpore.]

[Funote C: [Griechisch: Lesbiazein]. Lesbiari, die Lesbierin. Antiquitus
polluere dicebant. Erasmus 731. [Griechisch: choiros] enim cunnum
significat (quae combibones jam suos contaminet Aristophanes in Vespis)
Erasmus 731. Aiunt turpitudmem quae per cos agitur, fellationes opitur, aut
irrumationis primum iomnium faeminum fuisse profestam: et apud illas primum
omnium faeminarum tale quiddam passam esse. Das charakteristische Talent
der Lesbierinnen war am weiblichen Geschlechtsteil saugen, daher: mihi at
videre labda juxta Lesbios (Aristophanes [Griechisch: lasbalesbiour],
fellatrix). Die Fellatrix, die am Eichel saugt, war noch ein Beiwort der
Lesbierinnen, wo es blich war, mit dieser Zeremonie zu beginnen. Erasmus
800. Fallatrium indicat . . . quae communis Lesbiis quod ei tribuitur genti
etc. NB. Es gab -- einige Jahre mag es her sein -- ein reizendes Mdchen in
Paris, das ohne Zunge geboren war und mit erstaunlicher Geschicklichkeit
durch Zeichen sprach; sie hatte sich dieser Prostitutionsart gewidmet. Herr
Louis hat sie in dem Buche ber Aglossoftomographie beschrieben.]

So stammt von der Bevlkerung der Insel Euboea, die nur Kinder liebte und
sie in jeder Weise prostituierte, der Ausdruck chalcidieren[A]. Ebenso
schuf man den Ausdruck phicidissieren, um eine recht ekelhafte Laune zu
bezeichnen[B]. Man drckte die Gewohnheit, welche die Bewohner von Sylphos,
einer Insel der Cykladen, hatten, die natrlichen Freuden durch die des
Anus zu untersttzen, mittels des Wortes siphiniassieren aus[C].

[Funote A: [Griechisch: Kalchidizein], Chalcidissare. Erasmus: Gens
(Chalcidicenses) male audisse ob foedos puerum amores.]

[Funote B: [Griechisch: Phichidizein], Phicidissare. Sich die Testikeln
von jungen Hunden lecken lassen (Sueton).]

[Funote C: [Griechisch: Siphiniazein], Siphiniassare (Plein. I, IV, 12).
Erasmus 690. Pro eo quod et tannum admovere postico, sumptum esse a moribus
siphuiorum.]

So fand man in den Jahrhunderten des Verderbnisses, wo man alles erprobte,
Worte, um alles auszumalen. Daher das cleitoriazein[A] oder die
Verschmelzung von zwei Clitoris, eine Handlung, die Hesychtus und Suida
sich die Mhe gemacht haben uns zu erklren, indem sie uns lehren, da
diese Handlung wie das Laichen des Karpfens mit seinesgleichen vor sich
geht: eine ist in Bewegung, whrend die andere anhlt und umgekehrt (darum
das Sprichwort non satis liques), daher der Ausdruck cunnilinguus, den
Seneca so ableitet. Die Phnizier unterschieden sich von den Lesbiern,
indem erstere sich die Lippen rot frbten, um den Eingang in das wahre
Heiligtum der Liebe vollkommener nachzuahmen, whrend die Lesbier, die nur
Schminke in der Farbe der Spuren der Liebesopfer auflegten, weie
hatten[B]. Und das ist nicht die ungewhnlichste Weise, auf die man die
Lippen geschmckt hat, denn Sueton berichtet, da der Sohn des Vitellius
sie mit Honig bestrichen habe, um zur Vermehrung seiner Lust die Eichel
seines Lieblings zu saugen, indem er so die zarte Haut, die diesen
Krperteil umgibt, schlpfrig machte, sollte der Speichel des mit Honig
bestrichenen Handelnden den Liebesergu anziehen. Das war ein bekanntes und
auf erschpfte Mnner wirkendes Aphrodisiaticum[C]. Aber Vitellius nahm
diese Zeremonie alle Tage ffentlich an denen vor, die sich dazu
hergaben[D], was nicht seltsamer ist, als die Trankopfer (semen et
menstruum), die laut Epiphanius gewisse Weiber, ehe sie sie
hinterschluckten, den Gttern darboten[E].

Ich endige diese merkwrdige Rekapitulation, um die Moralisten zu fragen,
ob die Alten sehr viel besser waren als wir, und die Gelehrten, welche
Dienste sie den Mnnern und den Gebildeten geleistet zu haben glauben, wenn
sie diese und so viele hnliche Anekdoten in den Archiven des Altertums
ausgegraben haben?

[Funote A: [Griechisch: Kleitoriazein]. Erasmus 619. De immondica
libidine. Unde natum proverbium, non satis liquet, libidinosa
contractatio.]

[Funote B: Phoenicissantes labra rubicunda sibi reddebant; sie
Lesbiassantes alba labra semene.

Martial Lib. I. Cunnum carinus linguis estamen pallet. Cattulus ad
Gellicum. -- Nescio quid certe est, an vere fama susurrat.

Grandia te remedii tenta vorare viri.

Sic certe est. Clamant virronis rupta miselli Lilia, demulso labra notata
sero.]

[Funote C: Hier. Mercurial.]

[Funote D: Quotidie ac palam. -- Arterias et fauces pro remedio fovebat.]

[Funote E: Hier. Merc. liber IV, pg. 93. -- Scribit Epiphanius faeminas
semen et menstruum libare Deo et deinde potare solitas.]

   _Finis_.

Das Erotika Biblion des Grafen Mirabeau wurde ins Deutsche bertragen von
Paul Hansmann. Gedruckt wurde diese Ausgabe fr den Hyperionverlag, Berlin,
von der Buchdruckerei Imberg & Lefson G. m. b. H., Berlin, in zwlfhundert
numerierten Exemplaren: die Exemplare 1 bis 100 wurden auf echtes Btten,
die Exemplare 101 bis 1200 auf feinstes Velinpapier abgezogen. Das
Titelblatt zeichnete Erich Hoffmeister, den Einband Emil Preetorius. Dies
ist Exemplar

   No. 928




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End of the Project Gutenberg EBook of Erotika Biblion, by 
Honor Gabriel Riquetti Mirabeau

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Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
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