The Project Gutenberg EBook of Chitra, by Rabindranath Tagore

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Title: Chitra
       Ein Spiel in einem Aufzug

Author: Rabindranath Tagore

Translator: Elisabeth Wolff-Merck

Release Date: November 21, 2013 [EBook #44246]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CHITRA ***




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Anmerkungen zur Transkription: Im Original kursiv gedruckter Text ist
mit _Unterstrich_ markiert.




 RABINDRANATH TAGORE

       CHITRA

 EIN SPIEL IN EINEM AUFZUG


KURT WOLFF VERLAG
LEIPZIG




Einbandzeichnung von Walter Tiemann.
Dritte unvernderte Auflage 1918.
Die erste Auflage erschien 1914.




_Berechtigte deutsche bertragung von ELISABETH WOLFF-MERCK nach der
von Rabindranath Tagore selbst veranstalteten englischen Ausgabe_




VORBEMERKUNG


Dieses lyrische Drama wurde vor ungefhr 25 Jahren geschrieben. Es setzt
die Kenntnis der hier folgenden Fabel aus dem Mahabharata voraus:

Whrend der Wanderungen, die Arjuna in Erfllung eines Bugelbdes
unternahm, kam er nach Manipur. Dort sah er Chitrangada, die schne
Tochter von Chitravahana, dem Knig des Landes, und von ihrer Anmut
berwltigt, bat er den Knig um ihre Hand. Chitravahana fragte ihn
nach seiner Herkunft. Auf die Antwort, er sei Arjuna der Pandara,
erzhlte der Knig ihm, da einer seiner Ahnen, Prabhanjana vom
kniglichen Stamme von Manipur, lange kinderlos geblieben war. Um einen
Erben zu erhalten, legte er sich strenge Bubungen auf. Die Strenge
seines Lebens fand Gnade vor Shiva, und der Gott gewhrte ihm und jedem
seiner Nachkommen ein Kind.

Es geschah aber, da das versprochene Kind stets ein Knabe war. Er,
Chitravahana, war der Erste, dem nur eine Tochter, Chitrangada, gewhrt
war, um das Geschlecht zu erhalten.

Er hatte sie deshalb stets wie einen Sohn gehalten und zu seinem Erben
gemacht. --

Der Knig fhrt in der Erzhlung fort: Der einzige Sohn, den sie
gebren wird, mu der Erhalter meines Geschlechts sein, und diesen Sohn
verlange ich als Kaufpreis fr die Einwilligung in die Heirat. Wenn du
willst, kannst du sie unter dieser Bedingung haben. Arjuna gab das
Versprechen, nahm Chitrangada zum Weibe und lebte mit ihr drei Jahre in
ihres Vaters Hauptstadt. Als ihnen ein Sohn geboren wurde, umarmte er
sie liebevoll, nahm Abschied von ihr und ihrem Vater und setzte seine
Wanderung fort.




PERSONEN


    Gtter:
  _Madana_ (Eros).
  _Vasanta_ (Lycoris).

    Sterbliche:
  _Chitra_, Tochter des Knigs von Manipur.
  _Arjuna_, ein Prinz aus dem Hause der
    Kuru. Er ist aus der Kshatriya oder
    Kriegerkaste und lebt whrend der
    Handlung als Eremit einsam im Wald.

  _Dorfleute_ aus einer abgelegenen Gegend
    in Manipur.




ERSTE SZENE

IM TEMPEL


_Chitra_

Bist Du der Gott mit den fnf Pfeilen, der Gott der Liebe?

_Madana_

Ich war der Erstgeborene im Herzen des Schpfers. Ich binde mit Fesseln
des Schmerzes und erflle mit Seligkeit das Leben der Menschen!

_Chitra_

Ich wei, ich kenne jenen Schmerz und jene Fesseln! -- Und wer bist Du,
mein Herr?

_Vasanta_

Ich bin sein Freund -- Vasanta -- der Knig der Jahreszeiten. Tod und
Alter wrden die Welt bis ins Mark zerfressen, folgte ich ihnen nicht,
um sie bestndig zu bekmpfen. Ich bin die Ewige Jugend.

_Chitra_

Ich beuge mich vor Dir, Vasanta, mein Herr.

_Madana_

Doch welch strenges Gelbde bindet Dich, schne Fremde? Warum lt Du
Deine frische Jugend welken in Bue und Demtigung? Solch Opfer ist dem
Dienst der Liebe fremd. Wer bist Du, und was ist Dein Gebet?

_Chitra_

Ich bin Chitra, die Tochter aus dem kniglichen Hause von Manipur.
Shivas gttliche Gnade versprach meinem kniglichen Ahnherrn eine
ununterbrochene Reihe mnnlicher Nachkommen. Aber das Wort des Gottes
vermochte nicht, den Lebensfunken in meiner Mutter Leib zu wandeln, so
unbezwingbar war meine Natur, obschon ich ein Weib bin.

_Madana_

Ich wei, darum erzieht Dich Dein Vater wie einen Sohn. Er hat Dich
gelehrt mit dem Bogen umzugehen und Dich in allen Pflichten eines Knigs
unterwiesen.

_Chitra_

Ja, darum trage ich mnnliches Gewand und habe die Abgeschiedenheit des
Frauengemaches verlassen. Ich wei nichts von Frauenlist, die die Herzen
gewinnt. Meine starken Hnde knnen den Bogen spannen, aber ich habe die
Kunst des Liebesgottes nicht erlernt; das Spiel der Augen ist mir fremd.

_Madana_

Das erlernt sich von selbst, Du Schne. Die Augen brauchen darin nicht
unterrichtet zu werden. Das wei der am besten, der von ihnen ins Herz
getroffen wurde.

_Chitra_

Auf der Suche nach Wild wanderte ich eines Tages einsam durch den Wald
am Ufer des Purna-Flusses. Mein Ro band ich an einen Stamm und drang
in's dichte Gestrpp, der Spur eines Wildes folgend. Ich fand einen
schmalen, gewundenen Pfad, der sich durch das Dmmer verschlungener
Zweige schlang. Die Bltter erzitterten vom Grillengezirp. Pltzlich
ersphte ich auf meinem Weg einen Mann, der auf einem Lager trockenen
Laubes ruhte. Hochmtig befahl ich ihm, mir Platz zu machen, aber es
kmmerte ihn nicht. Da stach ich ihn verchtlich mit der scharfen Spitze
meines Pfeils. Er sprang auf, stark und ebenmig an Wuchs, gleich einer
Flamme, die pltzlich aus einem Aschenhaufen zngelt. Ein belustigtes
Lcheln zuckte um seine Mundwinkel, vielleicht ob meines knabenhaften
Anblicks. Da -- zum erstenmal in meinem Leben fhlte ich mich Weib und
wute, da ein Mann vor mir stand.

_Madana_

In glckbegnstigter Stunde verknde ich Mann und Weib die erhabene
Lehre: Erkennet einander. -- Was geschah dann?

_Chitra_

Voll Angst und Staunen fragte ich ihn: Wer bist Du? Ich bin
Arjuna, sagte er, aus dem groen Stamme der Kuru. Ich stand wie
versteinert und verga mich zu verneigen. War das wirklich Arjuna, der
Abgott meiner Trume, der Einzige, Groe! Schon lange kannte ich sein
Gelbnis, zwlf Jahre in Keuschheit zu leben. Mein junger Ehrgeiz hatte
mich manchen Tag angestachelt, mit ihm eine Lanze zu brechen, ihn
verkappt zum Zweikampf zu fordern und ihm meine Waffenkunst zu beweisen.
Ach tricht Herz, wohin entfloh Dein Stolz? Knnt' ich meine Jugend mit
ihren Sehnschten hingeben, um Staub zu sein unter Deinen Fen,
wahrlich eine kstliche Gnade dnkte mir das. Ich wei nicht, in welchem
Strudel der Empfindung ich mich verlor, als ich ihn pltzlich zwischen
den Bumen entschwinden sah! -- Du tricht Weib, du grtest ihn nicht
und sprachest kein Wort, noch batest du ihn um Verzeihung, sondern
standest wie ein ungeschickter Tlpel, whrend er verchtlich
hinwegschritt!... Am nchsten Morgen legte ich meine Mnnerkleidung ab
und schmckte mich mit Armbndern, Furingen, einer Grtelkette und
einem Gewand aus purpurner Seide. Das ungewohnte Kleid schmiegte sich
fest um meinen bebenden Leib; aber ich beschleunigte mein Suchen und
fand Arjuna in Shiva's Waldtempel.

_Madana_

Vollende Deine Erzhlung. Ich bin der herzgeborene Gott, und ich
verstehe das Geheimnis dieser Triebe.

_Chitra_

Nur undeutlich vermag ich mich zu erinnern, was ich sagte, und was ich
zur Antwort bekam. Hei' mich nicht alles erzhlen. Scham berwltigte
mich wie ein Donnerschlag und konnte mich doch nicht zerschmettern, so
durchaus hart bin ich, so mnnlich. Als ich heimwrts schritt, stachen
mich seine letzten Worte wie glhende Nadeln ins Ohr: Ich habe
Keuschheit gelobt. Ich kann Dein Gemahl nicht sein! O, um das Gelbde
eines Mannes! Sicherlich weit Du, o Gott der Liebe, da zahllose
Heilige und Weise den Preis ihrer lebenslangen Bue hingegeben haben um
eines Weibes willen. Ich brach meinen Bogen entzwei und verbrannte meine
Pfeile im Feuer. Ich hate meinen starken, geschmeidigen Arm, gezeichnet
vom Spannen des Bogens. O Liebe, Liebe, Du hast tief in den Staub
gebeugt den nichtigen Stolz meiner mnnlichen Strke, und all meine
Manneszucht liegt zermalmt zu Deinen Fen. Nun lehre mich Deine Gebote.
Gib mir die Kraft der Schwachen und die Waffe der wehrlosen Hand.

_Madana_

Ich will Dein Freund sein. Ich will den weltenbezwingenden Arjuna vor
Dein Angesicht bringen, ein Gefangener, der den Richtspruch seiner
Emprung aus Deiner Hand empfangen soll.

_Chitra_

Stnde mir nur die Zeit zu Gebot, ich knnte allmhlich sein Herz
gewinnen und brauchte der Gtter Hilfe nicht. Zur Seite wrde ich ihm
stehen als Gefhrte, die wilden Rosse seines Kriegswagens lenken, die
Freuden der Jagd mit ihm teilen. Zur Nacht hielt ich Wache am Eingang
seines Zeltes und hlfe ihm, die groen Pflichten eines Kshatriya
erfllen, die Schwachen zu befreien und Recht zu sprechen, wo es not
tut. Sicherlich kme der Tag, an dem er mich erblicken und verwundert
fragen wrde: Wer ist dieser Knabe? Ist einer meiner Sklaven aus einem
frheren Leben, meinen guten Taten gleich, mir gefolgt ins Diesseits?
Ich bin nicht das Weib, das seine Verzweiflung mit nchtlichen Trnen in
einsamer Stille nhrt, sie tglich hinter geduldigen Lcheln verbirgt,
als Witwe geboren. Die Blte meines Verlangens soll nicht in den Staub
sinken, ehe sie zur Frucht gereift ist. Aber es ist die Arbeit eines
Lebens, Verstndnis zu finden und Ehre zu erlangen fr sein eigenstes
Ich. Darum bin ich an Deine Tr gekommen, Du, weltenberwindende Liebe,
und Du, Vasanta, jugendlicher Gott der Jahreszeiten, nimm von meinem
jungen Krper die angeborene Ungerechtigkeit der Hlichkeit. Fr einen
einzigen Tag mache mich wunderbar schn, so schn wie die mit einem Mal
in meinem Herzen erblhte Liebe. Gib mir nur einen einzigen Tag
makelloser Schnheit, und ich will einstehen fr die Tage, die da
kommen.

_Madana_

Prinzessin, Dein Gebet sei erhrt!

_Vasanta_

Nicht nur fr einen kurzen Tag, sondern fr ein ganzes langes Jahr soll
der Frhlingsblten Lieblichkeit sich um Deine Glieder schmiegen.




ZWEITE SZENE

IM WALD


_Arjuna_

Trumte mir oder war Wirklichkeit, was ich am See sah? Im sinkenden
Schatten des Abends sa ich auf moosigem Grund und dachte vergangener
Jahre, als aus dem bergenden Dunkel der Bltter langsam eine Erscheinung
trat in der vollkommenen Gestalt eines Weibes. Sie stand auf einem
weien, flachen Stein am Rande des Wassers. Es schien, als msse das
Herz der Erde sich weiten vor Freude unter ihren nackten weien Fen.
Mir deuchte, die zarte Umhllung ihres Krpers wollte sich in Verzckung
auflsen in Luft, wie der goldene Frhnebel vom schneeigen Gipfel des
stlichen Berges schmilzt. Sie beugte sich ber den schimmernden Spiegel
des Teiches und erblickte ihr Antlitz darin. Sie schrak zurck und stand
still, dann lchelte sie, lste mit einer nachlssigen Bewegung des
linken Arms ihr Haar, das bis zu ihren Fen zur Erde niederglitt. Sie
entblte ihre Brust und betrachtete ihre makellos geformten Arme
erfllt von Zrtlichkeit fr ihren Krper. Sie neigte den Kopf und sah
ihre se, blhende Jugend und das zarte Errten ihrer flaumigen Haut.
Sie strahlte in freudiger berraschung. So wrde die weie Lotosblume
den ganzen Tag ber sich staunen, knnte sie des Morgens beim Erwachen,
ihren Hals beugen und ihr Abbild im Wasser sehn. Aber einen Augenblick
spter wich das Lcheln von ihrem Antlitz, und ein Schatten von Trauer
stieg in ihren Augen auf. Sie band ihre Haarflechten auf, zog den
Schleier um ihre Schultern und schritt leise seufzend hinweg, wie ein
schner Abend, der in Nacht versinkt. Die erhabene Erfllung aller
Sehnsucht schien sich mir in einem Blitz geoffenbart zu haben und
verlosch dann ... Aber wer bewegt die Tre?

(Chitra tritt ein, in Frauenkleidern.)

Ah! sie ist's! Stille mein Herz!...

Frchte nichts, Herrin! Ich bin ein Kshatriya.

_Chitra_

Edler Herr, Du bist mein Gast. Ich wohne in diesem Tempel. Ich wei
nicht, wie ich Dir Gastfreundschaft erzeigen kann.

_Arjuna_

Schne Frau, Dein Anblick allein ist die hchste Gastfreundschaft. Wenn
Du mir's nicht verdenken willst, mchte ich Dich etwas fragen.

_Chitra_

Es sei Dir gewhrt.

_Arjuna_

Welch strenges Gelbde hlt Dich in diesen einsamen Tempelmauern
gefangen und beraubt die Sterblichen Deines lieblichen Anblickes?

_Chitra_

Ich hege einen geheimen Wunsch in meinem Herzen, fr dessen Erfllung
ich tglich Gebete zu Shiva sende.

_Arjuna_

Ach, was kannst Du verlangen, die Du das Verlangen der ganzen Welt bist?
Von dem stlichen Hgel, auf dessen Gipfel die Morgensonne zuerst ihren
feurigen Fu setzt, bis ans Ende des Abendlands bin ich gewandert. Ich
habe das Kstlichste, Schnste und Grte der Erde gesehen. Mein Wissen
soll Dein sein, nur sage mir, was oder wen Du suchst.

_Chitra_

Ihn, den ich suche, ihn kennen alle.

_Arjuna_

Wer mag dieser Liebling der Gtter sein, der Dein Herz gefangen nahm?

_Chitra_

Er ist der Grte aller Helden, ein Spro des hchsten Herrscherhauses.

_Arjuna_

Herrin, opfere nicht diesen Schatz von Schnheit, der Dein ist, auf dem
Altar eines falschen Ruhmes. Unwahres Gercht verbreitet sich von Mund
zu Mund, wie der Nebel im frhen Morgendmmer ehe die Sonne aufgeht.
Sage mir, wer ist der erhabene Held aus hchstem kniglichem Stamm?

_Chitra_

Einsiedler, der Ruhm andrer Mnner erfllt Dich mit Neid. Weit Du
nicht, da der Ruhm des kniglichen Hauses der Kuru ber die ganze Welt
verbreitet ist?

_Arjuna_

Das Haus der Kuru!

_Chitra_

Und hast Du nie den grten Namen dieses weitgerhmten Hauses gehrt?

_Arjuna_

La ihn mich von Deinen eigenen Lippen hren.

_Chitra_

Arjuna, der Welteroberer. Ich habe diesen unsterblichen Namen von den
Lippen der Menge abgelesen und ihn sorgfltig in meinem Herzen
verborgen. Einsiedler, was blickst Du so verwirrt drein? Trgt dieser
Name nur trgerischen Glanz? Sag es, und ich will nicht zgern, den
Schrein meines Herzens aufzubrechen und den falschen Edelstein in den
Staub zu werfen.

_Arjuna_

Ob auch sein Name und Ruhm, sein Mut und seine Tapferkeit wahr oder
falsch sind, um des Mitleids willen verbanne ihn nicht aus Deinem
Herzen, denn er kniet zu Deinen Fen -- in diesem Augenblick.

_Chitra_

Du, Arjuna!

_Arjuna_

Ja, der bin ich, ein vor Liebe verschmachteter Bettler an deiner Tr.

_Chitra_

So ist es nicht wahr, da Arjuna das Gelbde zwlf Jahre langer
Keuschheit getan hat?

_Arjuna_

Du hast meinen Schwur gelst wie der Mond den nchtlichen Schwur der
Dunkelheit.

_Chitra_

Scham ber Dich! Was sahst du in mir, das Dich Deinem eigenen Ich
untreu werden lie? Wen suchst du in diesen dunklen Augen, in diesen
milchweien Armen, wenn Du sie mit dem Preis Deiner Ehre zu bezahlen
bereit bist? Nicht mein wahres Selbst, das wei ich. Wahrlich das kann
nicht Liebe sein, nicht des Mannes tiefste Ehrfurcht vor dem Weib! Wehe,
da der Krper, diese zerbrechliche Hlle, uns blendet, das Licht der
unsterblichen Seele zu schauen! Ja, Arjuna, nun wei ich gewi, falsch
ist der Ruhm Deines Heldentums.

_Arjuna_

O, ich fhle wie eitel der Ruhm ist und der Stolz der Tapferkeit! Alles
scheint Traum. Du allein bist vollkommen, Du bist der Reichtum der Welt,
das Ende aller Armut, das Ziel alles Strebens, das Weib! Andere Frauen
gibt's, langsam und schwer zu erkennen, aber Dich einen Augenblick lang
zu sehn, heit hchste Vollendung schauen, jetzt und in Ewigkeit.

_Chitra_

Ach nicht ich bin's, nicht ich, Arjuna! Es ist das Trugbild eines
Gottes. Geh', geh' mein Held, geh'. Frei' nicht die Lge, opfre dein
groes Herz nicht einer Tuschung. Geh'.




DRITTE SZENE

IM TEMPEL


_Chitra_

Nein, unmglich ist's den brennenden Blick der hungrigen Seele
auszuhalten, der mit Hnden dich umklammert, zu fhlen, wie das Herz
sich mht, die Fesseln zu sprengen, und den wilden Schrei, der sich ihm
entringen will -- und den Liebenden dann hinweg zu senden wie einen
Bettler! Unmglich ist's!

(Madana und Vasanta treten auf.)

Ach, Gott der Liebe, welch furchtbares Feuer hast Du in mich gesenkt!
Ich verbrenne, versenge, was ich berhre.

_Madana_

Ich wnsche zu wissen, was in vergangener Nacht geschah.

_Chitra_

Auf ein Lager von Gras, berst mit Frhlingsblten, legte ich mich am
Abend nieder und gedachte des wunderbaren Lobgesangs meiner Schnheit,
den ich von Arjuna gehrt. Tropfen nach Tropfen trank ich den Honig, den
ich am Tage gesammelt, Vergangenes und Zuknftiges war vergessen. Ich
fhlte mich der Blume verwandt: ihr sind nur flchtige Stunden vergnnt,
dem summenden Schmeicheln, dem Flstern und Murmeln der Wlder zu
lauschen. Dann mu sie die Augen vom Himmel wenden, ihr Haupt beugen und
ihren Atem aushauchen im Staub, klaglos den kurzen Traum eines
vollkommenen Augenblicks beenden, der nicht Vergangenheit noch Zukunft
kennt.

_Vasanta_

Ein grenzenloses Leben voller Ruhm kann blhen und sich erschpfen an
einem Morgen.

_Madana_

Wie Ewigkeits-Sinn im kleinsten Bruchteil eines Liedes sein kann.

_Chitra_

Die sdliche Brise wiegte mich in Schlaf. Von dem blhenden
Malati-Hain ber mir tropften schweigend Ksse auf mich nieder. Jede
Blume whlte sich ein Lager zum Sterben, in meinem Haar, auf meiner
Brust oder meinen Fen. Ich schlief. Und in der Tiefe meines Schlafes
war mir pltzlich, als ob ein durchdringender, gieriger Blick meinen
Krper berhre, wie der spitzige, stechende Finger der Flamme. Ich
sprang auf und sah den Einsiedler vor mir stehen. Der Mond war westwrts
gewandert und lugte durch die Bltter, um das Wunder zu sehen, das durch
gttliche Kunst in zerbrechlicher Menschlichkeit erstanden war. Die Luft
war schwer, duftgeschwngert, die Stille der Nacht klang vom
Grillengezirp, regungslos lag das Spiegelbild der Bume auf dem See. Und
mit seinem Stab in der Hand stand der Einsiedler gro, aufrecht und
schweigend wie ein Baum des Waldes. Mir war, da ich die Augen aufschlug,
als sei ich abgeschieden von aller Wirklichkeit des Lebens, und es
vollziehe sich an mir eine Wiedergeburt im Land der Trume. Scham fiel
von mir und glitt wie ein gelstes Gewand auf meine Fe nieder. Ich
hrte seinen Schrei -- Geliebte, einzig Geliebte! Und all' meine
vergangenen, vergessenen Leben schmolzen zu einem und riefen ihm Antwort
zu: Nimm mich, nimm mich ganz zu eigen! Und ich breitete meine Arme
nach ihm aus. Der Mond sank hinter den Bumen. Ein dunkler Vorhang
bedeckte alles, Himmel und Erde, Zeit und Raum, Lust und Schmerz, Leben
und Tod schmolzen in Eins in unsagbarer Verzckung.... Mit dem ersten
Morgenstrahl, dem ersten Vogelzwitschern richtete ich mich auf und
blieb, auf den linken Arm gesttzt, sitzen. Der Einsiedler lag
schlafend, ein unbekmmertes Lcheln krmmte sich um seine Lippen, wie
der wachsende Mond am Morgen. Der Dmmerung rosiges Glhen fiel auf
seine edle Stirn. Ich seufzte, stand auf und zog die breitblttrigen
Lianen zusammen, um sein Gesicht vor der flutenden Sonne zu schtzen.
Ich schaute umher und sah die gleiche alte Erde. Ich erinnerte mich, was
ich gewesen und rannte, rannte wie ein Reh, das seinen eigenen Schatten
frchtet, den Waldpfad entlang, den Stephali-Blumen bedeckten. Ich fand
einen einsamen Winkel, setzte mich nieder, barg mein Gesicht in beiden
Hnden, um zu weinen und zu klagen. Doch meine Augen blieben trnenlos.

_Madana_

Weh ber Dich, Tochter der Sterblichen! Ich stahl aus den gttlichen
Speichern den duftenden Wein des Himmels, gab ihn, eine irdische Nacht
gefllt bis zum Rande, in Deine Hnde, auf da Du trnkest -- und immer
hr' ich noch diesen Schrei der Qual!

_Chitra_

(bitter)

Wer trank ihn? Des Lebens seltenste Erfllung, erste Liebesumarmung bot
man mir dar und entri sie wieder meiner Sehnsucht? Diese erborgte
Schnheit, die Falschheit, die mich umhllt, sie werden von mir gleiten,
wie Blten im Wind entblttern, und die einzig sichtbare Erinnerung
jener sen Vereinigung mitnehmen, und voll Scham ber seine Armut wird
das Weib weinend sitzen -- Tag und Nacht. Gott der Liebe, diese
verfluchte uere Gestalt begleitet mich Tag und Nacht, wie ein Dmon,
und beraubt mich allen Liebeslohnes -- all der Ksse, nach denen ich
verschmachte.

_Madana_

Ach, umsonst war Deine einzige Nacht! Die Barke der Erfllung kam in
Sicht, aber die Wellen lieen sie das Ufer nicht berhren.

_Chitra_

Der Himmel war meinem Griff ganz nahe und ich verga fr Augenblicke,
da ich ihn noch nicht erreicht hatte. Aber als ich des Morgens aus
meinem Traum erwachte, fand ich im eigenen Krper die Rivalin. Nun ward
mir die verhate Pflicht, sie tglich zu schmcken, zum Geliebten zu
schicken und zu sehen, wie er sie liebkoste. O Gott, nimm Dein Geschenk
zurck!

_Madana_

Aber wie willst Du vor Deinen Geliebten treten, wenn ich es von Dir
nehme? Ist es nicht grausam, den Becher von seinen Lippen zu reien,
nachdem er kaum einen Zug der Lust getan? Wie rgerlich wirst Du ihm
sein?

_Chitra_

Und doch wre es besser so. Ich will ihm meine wahrhaftige Gestalt zu
erkennen geben, eine edlere Tat, als in dieser Maske zu leben. Wenn er
mich auch verstt und verschmht, wenn er mein Herz auch bricht --
schweigend will ich's tragen.

_Vasanta_

Hr' meinen Rat. Wenn die blumenerfllte Jahreszeit vergangen, kommt
der Herbst und mit ihm der Triumphzug der Frchte. Die Zeit wird kommen,
da die berreife Blume des Leibes sich vergehend neigt. Dann wird Arjuna
die bleibende fruchtgewordene Wahrheit aus Dir voll Glck hinnehmen. O
Kind, geh' zurck zu Deiner rasenden Feier.




VIERTE SZENE

IM WALD


_Chitra_

Warum beobachtest Du mich, mein Krieger?

_Arjuna_

Ich sehe zu, wie Du den kleinen Kranz windest. Anmut und Geschick, die
Zwillingsbrder, spielen tanzend auf Deinen Fingerspitzen. Ich sehe zu
und denke.

_Chitra_

Was denkst Du, Herr?

_Arjuna_

Ich denke, da Du mit der gleichen schwebenden Berhrung und Sigkeit
die Tage meiner Verbannung in einen unsterblichen Kranz windest, um mich
zu meiner Heimkehr damit zu krnen.

_Chitra_

Heimkehr! Diese Liebe ist nichts fr ein Heim!

_Arjuna_

Nichts fr ein Heim?

_Chitra_

Nein, sprich nie davon. Nimm mit in Dein Heim das Bleibende, Starke.
La die kleine wilde Blume an ihrem Geburtsort, la sie dort in
Schnheit sterben, wenn der Tag sich neigt, mit all den welkenden Blumen
und den modernden Blttern. Nimm sie nicht mit in die Halle Deines
Palastes, um sie dort auf den steinernen Boden zu werfen, der kein
Erbarmen fr Welken und Vergehen kennt.

_Arjuna_

Sieht so unsere Liebe aus?

_Chitra_

Ja, so und nicht anders! Was soll das Klagen? Was sich fr mige Tage
schickt, sollte sie nicht berdauern. Lust wandelt sich in Schmerz, wenn
ihr die Tr verschlossen ist, aus der sie scheiden soll. Nimm meine
Liebe hin und halte sie, so lange sie whren darf. La nicht des Abends
satte Zufriedenheit mehr fordern, als das morgendliche Verlangen ernten
kann ... Der Tag ist vorber. Nimm dies Blumengewinde. Ich bin mde.
Nimm mich in Deine Arme, Geliebter, und la alles eitle unzufriedene
Geznk verstummen in der sen Vereinigung unserer Lippen.

_Arjuna_

Still, horch, Geliebte, der Klang der Gebetsglocken aus dem fernen
Dorftempel gleitet auf der Abendluft ber die schweigenden Wipfel.




FNFTE SZENE

IM TEMPEL


_Vasanta_

Ich kann nicht Schritt mit Dir halten, mein Freund! Ich bin mde. Schwer
ist die Pflicht, das Feuer in Glut zu halten, das Du entzndet hast.
Schlaf berkommt mich, der Fcher entfllt meiner Hand, und kalte Asche
bedeckt die Glut. Ich fahre wieder auf aus meinem Schlummer und rette
die trge Flamme, soweit es in meiner Macht steht. Aber so kann es nicht
weiter gehen.

_Madana_

Ich wei, Du bist unbestndig wie ein Kind. Ewig ruhelos ist Dein
Spiel im Himmel und auf Erden. Was Du in langen Tagen aufgebaut mit
endloser Sorge fr jeden Bruchteil, in einem Augenblick zerstrst Du es
wieder, ohne Bedauern. Aber unsere Arbeit ist heut vollendet.
Freudengeflgelte Tage fliehen flchtig dahin, und das sich neigende
Jahr vergeht mit berckendem Blhen.




SECHSTE SZENE

IM WALD


_Arjuna_

Ich erwachte am Morgen und fand meine Trume in einen Edelstein
verschmolzen. Ich hatte keinen Schrein, ihn darin zu verschlieen, keine
Knigskrone, in die ich den Stein htte fassen knnen, keine Kette hatte
ich, ihn daran zu hngen, und doch brachte ich's nicht bers Herz, ihn
wegzuweisen. So halte ich ihn, und mein Arm, der Arm eines Kshatriya,
vergit ber migem Tun seine Pflicht.

(Chitra tritt ein.)

_Chitra_

Sage mir Deine Gedanken, Herr!

_Arjuna_

Meine Gedanken sind heute auf die Jagd gerichtet. Sieh, wie der Regen
in Strmen herniederstrzt und wild gegen den Berghang schlgt. Dunkle
Wolkenschatten hngen schwer ber dem Wald, und gleich der sorglosen
Jugend berspringt der geschwollene Strom mit spttischem Lachen alle
Schranken. Stets gingen wir fnf Brder an solchen Regentagen in den
Wald von Chitraka, wilde Tiere zu jagen. Das waren schne Zeiten. Unsre
Herzen tanzten zum Trommelwirbel der grollenden Wolken. Der Wald hallte
wider von den Schreien der Pfauen. Durch das Klatschen des Regens und
das Rauschen des Wasserfalles konnte das ngstliche Wild unsre Schritte
nicht hren. Die Leoparden lieen ihre Spuren in der nassen Erde zurck
und verrieten so ihr Lager. War die Jagd vorber, so forderten wir uns
auf dem Heimweg gegenseitig heraus, reiende Strme zu durchschwimmen.
Ein ruheloser Geist wohnt in mir, ich habe Sehnsucht nach der Jagd.

_Chitra_

Erst erlege das Wild, das Du jetzt verfolgst. Bist Du gewi, da das
verzauberte Tier, das Du jagst, unbedingt gefangen werden mu? Nein,
noch nicht. Wie ein Traum entgleitet Dir das wilde Geschpf, wenn es Dir
am nchsten scheint. Sieh, wie der rasende Regen den Wind jagt und
tausend Pfeile hinter ihm her sendet. Und doch bleibt der Wind frei und
unbesiegt. So ist auch unser Waidwerk, Geliebter! Du jagst nach der
schnellschreitenden Schnheit und versendest all Deine Pfeile nach ihr,
und doch flieht dies zaubrische Wild stets frei und unberhrt davon.

_Arjuna_

Hast Du kein Heim, Geliebte, wo liebende Herzen Deiner Rckkehr harren?
Ein Heim, dem Du durch sanftes Dienen Lieblichkeit verliehst, und dessen
Licht erlosch, als Du es fr diese Wildnis verlieest?

_Chitra_

Was fragst Du? Sind die Stunden der Lust vorbei, in denen es kein
Denken gab? Weit Du nicht, da ich nur die bin, die Du vor Dir siehst?
Mein Blick geht nicht ber das Jetzt hinaus. Der Tau auf den Blttern
der Kinsuka-Blte hat weder Namen noch Schicksal, und gewhrt keiner
Frage Antwort. Sie, die Du liebst, gleicht jener vollkommenen Tauperle.

_Arjuna_

Verbindet sie kein Band mit der Welt? Ist sie nur ein Stck Himmel, das
ein lustspendender Gott unachtsam zur Erde fallen lie?

_Chitra_

Ja.

_Arjuna_

Ach, darum ist mir immer, als mte ich Dich verlieren. Mein Herz ist
unbefriedigt, meine Gedanken friedlos. Komm nher zu mir, Unerreichbare!
Ergib Dich und dulde die Fesseln, die da heien: Name, Heim, Sippe. La
mein Herz Dich ganz umschlieen, und mit Dir leben in der ruhigen
Sicherheit der Liebe.

_Chitra_

Warum mhst Du Dich vergebens, die Farben der Wolken, den Tanz der
Wellen, den Duft der Blumen zu haschen und zu halten?

_Arjuna_

Herrin mein, glaube nicht, da Du mit Luftgebilden die Liebe befriedigen
kannst. Gib mir etwas, woran ich Halt finde, etwas, das die Lust
berdauert, das sich im Leid bewhrt.

_Chitra_

Mein Held, noch ist das Jahr nicht zu Ende, und schon bist Du mde!
Ja, nun erkenne ich die himmlische Gte, die den Blumen ein kurzes Leben
gab. Wre ich mit den Blumen des letzten Frhlings verwelkt und
gestorben, ich wre mit Ehren dahingegangen. Doch meine Tage sind
gezhlt, Geliebter. Schone mich nicht, saug allen Honig aus mir, da Du
voller Angst bist, da Dein armes Herz wieder und wieder zurckkommt
voll unerfllter Wnsche und Begierden, gleich der durstigen Biene, wenn
die Sommerblumen welk im Staub liegen.




SIEBENTE SZENE

IM TEMPEL


_Madana_

Heute ist Deine letzte Nacht.

_Vasanta_

Des Frhlings unerschpfliche Schatzkammer wird morgen die Lieblichkeit
Deines Krpers zurcknehmen. Die rosige Farbe Deiner Lippen wird in
einem Asoka-Bltenpaar neu aufblhen, frei von der Erinnerung an Arjunas
Ksse. In hundert duftenden Jasmin-Blumen wird der matte, weie Glanz
Deiner Haut auferstehen.

_Chitra_

O Gtter, erhrt mein Gebet! Lat meine Schnheit in der letzten Stunde
dieser Nacht am hellsten erstrahlen, wie das letzte Aufleuchten einer
sterbenden Flamme.

_Madana_

Dein Wunsch sei Dir gewhrt.




ACHTE SZENE

IM WALD


_Die Dorfleute_

Wer wird uns nun beschtzen?

_Arjuna_

Was soll's, welche Gefahr droht Euch?

_Die Dorfleute_

Die Ruber kommen in Scharen aus den nrdlichen Bergen, wie die Flut des
Gebirgsstromes, die unser Dorf verheert.

_Arjuna_

Habt ihr keine Wchter in Eurem Knigreich?

_Die Dorfleute_

Chitra, die Knigstochter, war der Schrecken aller Bsen. Als sie noch
in diesem glcklichen Lande weilte, kannten wir keine Furcht auer
einer: sterben zu mssen. Nun ist Chitra auf einer Pilgerfahrt, und
niemand kennt ihren Aufenthalt.

_Arjuna_

Ist der Hter dieses Landes ein Weib?

_Die Dorfleute_

Ja, sie ist uns Vater und Mutter zugleich.

(Die Dorfleute entfernen sich. Chitra tritt ein.)

_Chitra_

Warum sitzest Du hier so einsam?

_Arjuna_

Ich versuche mir vorzustellen, was fr eine Frau die Prinzessin Chitra
sein mag. Viele Menschen erzhlen viele Geschichten von ihr.

_Chitra_

Ach, sie ist nicht schn, sie hat nicht meine schnen Augen, die dunkel
sind wie der Tod. Mit ihrem Gescho kann sie jede Scheibe durchbohren,
nur nicht das Herz unsres Helden.

_Arjuna_

Sie sagen, an Tapferkeit sei sie ein Mann, und ein Weib an Zrtlichkeit.

_Chitra_

Und das gerade ist ihr grtes Unglck. Das Weib, das nur Weib ist, das
mit seinem Lcheln, mit seinen Seufzern, und mit zarten Liebkosungen die
Herzen der Mnner einspinnt, ist allein glcklich. Was frommt ihr
Weisheit und groe Taten? Httest Du die Prinzessin nur gestern sehen
knnen, im Hof von Shivas Tempel, der am Waldpfad liegt, Du wrest
vorbergegangen ohne sie eines Blickes zu wrdigen. Bist Du denn
weiblicher Schnheit so berdrssig, da Du in ihr mnnliche Kraft
suchst?

Aus grnen Blttern, feucht vom sprhenden Gischt des Wasserfalls, habe
ich unser Bett zur Mittagsrast bereitet, in nachtdunkler Grotte. Die
Khle des weichen grnen Mooses, das dicht den tropfenden Stein bedeckt,
kt dort Deine Augen in Schlaf. La Dich dorthin geleiten.

_Arjuna_

Nein, heute nicht, Geliebte.

_Chitra_

Warum nicht heute?

_Arjuna_

Ich habe von einer Ruberhorde gehrt, die in die Ebene gekommen ist.
Ich mu gehen meine Waffen bereiten, um die erschreckten Dorfleute zu
beschtzen.

_Chitra_

Du brauchst Dich nicht um sie zu sorgen. Prinzessin Chitra hat starke
Wchter an den Grenzpssen aufgestellt, ehe sie ihre Pilgerfahrt begann.

_Arjuna_

Nur fr kurze Zeit la mich das Kriegshandwerk eines Kshatriya ben.
Mit neuem Ruhm will ich diesen migen Arm bedecken, damit er Deinem
Haupt ein wrdigeres Kissen sei.

_Chitra_

Doch, wenn ich mich weigere Dich gehen zu lassen, wenn meine Arme Dich
umwunden halten? Wrdest Du Dich roh von mir losreien und mich
verlassen? So geh! Aber wisse, da die Liane -- einmal entzweigebrochen
-- nie wieder zu einem Ganzen wird. Geh, wenn Dein Durst gestillt ist.
Doch wenn nicht, denke daran, wie unbestndig die Gttin der Lust ist
und da sie nicht wartet auf den Menschen. Bleib noch eine Weile, Herr!
Sage mir die unruhigen Gedanken, die Dich qulen. Wer nahm heute Deine
Seele gefangen? War es Chitra?

_Arjuna_

Ja, es ist Chitra. Mich nimmt wunder, um welches Gelbdes willen sie
auf die Pilgerfahrt gegangen ist. Was mangelt ihr?

_Chitra_

Was ihr mangelt? Ja, hat sie denn je etwas besessen, die Unglckliche?
Es sind ja ihre eigensten Fhigkeiten, die sie mit Gefngnismauern
umschlieen und ihr Frauenherz in einer kahlen Zelle gefangen halten.
Verdunkelt ist diese Frau und unerfllt. Ihre Weibesliebe mu sich mit
einem Lumpenkleide bescheiden, denn Schnheit blieb ihr versagt. Sie
gleicht dem Geist eines freudlosen Morgens. Sie sitzt auf steinigem
Berggipfel und dunkle Wolken haben ihr Licht ausgelscht. Frag mich
nicht nach ihrem Leben. Seine Geschichte klingt dem Ohr des Mannes nicht
lieblich.

_Arjuna_

Ich brenne danach, alles von ihr zu hren. Ich bin wie ein Wanderer, der
um Mitternacht an eine fremde Stadt kommt. Kuppeln, Trme und
Gartenbume sehen verschwommen und schattenhaft aus, und durch die
Stille des Schlafes tnt hin und wieder das dumpfe Klagen des Meeres.
Und er harrt sehnschtig auf den Morgen, der ihm alle die fremden Wunder
offenbaren soll. O, erzhle mir ihre Geschichte.

_Chitra_

Was ist da mehr zu erzhlen?

_Arjuna_

Meine Einbildung zaubert mir sie vor, wie sie auf weiem Rosse reitet,
in der Linken die Zgel haltend und in der rechten Hand den Bogen,
gleich der Liebesgttin, die frohe Hoffnung spendet. Mit wilder Liebe
schtzt sie ihre sugenden Jungen wie eine wachsame Lwin. Auch des
Weibes Arme, die nichts anderes als ungefesselte Kraft schmckt, sind
schn! Mein Herz ist ruhelos, Du Liebliche, wie eine Schlange, die aus
langem Winterschlaf erwacht. Komm, la uns miteinander auf schnellen
Rossen dahineilen, Seite an Seite, wie Zwillingsgestirne, die leuchtend
den Raum durchmessen. Heraus aus diesem dunklen, grnen, einschlfernden
Gefngnis, komm hervor unter der feuchten, duftenden, berauschenden
Decke, die den Atem benimmt!

_Chitra_

Arjuna, sag mir die Wahrheit: wenn ich mich jetzt pltzlich durch
einen Zauber dieser wollstigen Weichheit entledigen knnte, diesen
zarten Schmelz der Schnheit abstreifte, der vor der derben, gesunden
Berhrung der Welt schaudert, und das alles von meinem Krper
herunterrisse wie geborgtes Gewand -- knntest Du das ertragen? Wenn ich
mich aufrichte, grade und stark, mit der Kraft eines mutigen Herzens,
und die Listen und Knste der kriechenden Schwachheit verchtlich von
mir weise, wenn ich mein Haupt erhebe, wie die hohe, junge Bergtanne,
und mich nicht lnger im Staub winde, wie die Liane, -- werde ich dann
Gnade finden vor den Augen des Mannes? Nein, nein, Du knntest es nicht
ertragen. Es ist besser, ich verstreue um mich all die zierlichen
Spielereien flchtiger Jugend und warte auf Dich in Geduld. Ist's Dir
gefllig zurckzukehren, so will ich Dir lchelnd aus dem Becher dieses
schnen Leibes den Wein der Lust schenken. Hast Du genug davon und bist
Du mde, so will ich mich demtig und dankbar in den Winkel
zurckziehen, den man mir gelassen hat. Wie gefiele es Deiner
Heldenseele, hoffte die Gespielin der Nacht Deine Gefhrtin am Tage zu
sein? Wie, wenn der linke Arm die Last des stolzen rechten mit zu tragen
lernte?

_Arjuna_

Ich werde Dich niemals richtig erkennen. Eine Gttin, verborgen in
einem goldenen Heiligenbild scheinst Du mir. Ich kann Dich nicht
berhren, ich kann Dir Deine unschtzbaren Gaben nicht vergelten. Und so
bleibt meine Liebe unvollkommen. Aus der rtselhaften Tiefe Deiner
traurigen Augen, aus Deinen spielerischen Worten, die ihre eigene
Bedeutung verspotten, erhasche ich manchmal den Schimmer eines Wesens,
das die schmachtende Anmut seines Krpers vernichten mchte. In der
reinen Flamme des Leides, verborgen hinter des Lchelns zartem Schleier,
sehnt es sich wieder zu erstehen. Ein Trugbild, erscheint uns die
Wahrheit zuerst, in einer Verkleidung tritt sie vor den Geliebten hin.
Aber es kommt eine Zeit, da sie Schleier und Schmuck abwirft und
dasteht, bekleidet mit nackter Hoheit. Ich verzehre mich nach diesem
letzten Du, nach jener einfachsten, wahrsten Klarheit. Was bedeuten die
Trnen, mein Lieb? Warum verbirgst Du Dein Gesicht in den Hnden? Hab
ich Dir weh getan, mein Liebling? Vergi, was ich sagte. Ich will mit
der Gegenwart zufrieden sein. Wie der Vogel Geheimnis aus unsichtbarem,
dunkelm Nest zu mir kommt, musikerfllte Botschaft bringend, so komm Du
zu mir und la mich jeden Augenblick der Schnheit erleben. La mich und
meine Hoffnung ewig am Ufer der Erfllung sitzen und so meine Tage
beschlieen.




NEUNTE SZENE

IM WALD


_Chitra_

(in einen Mantel gehllt.)

Mein Herr, hast Du den Becher bis zur Neige geleert? Ist dies wirklich
das Ende? Nein, wenn alles getan, so bleibt doch noch Eins, mein letztes
Opfer, das ich zu Deinen Fen darbringe. Aus dem himmlischen Garten
brachte ich Blumen von unvergleichlicher Schnheit, Dich zu ehren, Gott
meines Herzens.

Ich will die Blumen aus dem Tempel hinauswerfen, wenn sie verwelkt sind
und die heilige Handlung vorber.

(Sie nimmt ihren Mantel ab und trgt Mnnerkleidung wie am Anfang.)

Nun la Deinen Knecht Gnade finden vor Deinen Augen.

Ich bin nicht schn und vollkommen wie die Blumen, mit denen ich Dich
ehrte. Ich bin voller Schuld und Fehler. Auf der groen Heerstrae der
Welt bin ich ein Wanderer, meine Kleider sind beschmutzt, und Dornen
haben meine Fe blutig gerissen. Wie knnte ich schn sein wie die
Blumen, voll unbefleckter Lieblichkeit, fr die kurze Dauer eines
Augenblicks? Die Gabe, die ich Dir voll Stolz darbringe, ist das Herz
eines Weibes. Darinnen ist eingeschlossen aller Schmerz und alle Lust,
alle Hoffnung, alle Furcht, alle Scham einer Erdentochter.

Hier ist der Uranfang der Liebe, von hier aus ringt sie nach
Unsterblichkeit. Im Herzen des Weibes liegt eine groe und erhabene
Unvollkommenheit. Nun, da die Anbetung der Schnheit vorber, nimm
diesen

(auf sich zeigend)

als Deinen Knecht fr kommende Tage.

Ich bin Chitra, die Knigstochter. Vielleicht erinnerst Du Dich des
Tages, als in Shivas Tempel ein Weib zu Dir trat, behangen mit Putz und
Schmuck. Die Schamlose kam und warb um Dich wie ein Mann. Du stieest
sie zurck, und Du tatest wohl daran. Herr, jenes Weib -- bin ich. Sie
diente mir als Maske. Damals verlieh mir die gttliche Gnade fr ein
Jahr die strahlendste Gestalt, die je einem Sterblichen wurde. Mit der
Last jenes Betruges beschwerte ich meines Helden Herz. Dies Weib kann
ich nicht sein.

Ich bin Chitra. Keine Gttin bin ich, die man anbetet, aber auch nicht
ein Gegenstand allgemeinen Mitleids, den man achtlos abschttelt wie ein
Insekt. Wenn Du mich wrdig findest, Dir zur Seite zu stehen, wenn ich
die groen Pflichten Deines Lebens teilen darf -- dann wirst Du mein
wahres Wesen erkennen. Wenn Dein Kind, das ich in meinem Scho nhre,
ein Sohn sein wird, will ich es lehren, ein zweiter Arjuna zu werden.
Wenn die Zeit kommt, werde ich ihn zu Dir senden, und Du wirst endlich
mein eigenstes Ich erkennen. Heute kann ich Dir nur Chitra darbringen,
die Tochter eines Knigs.

_Arjuna_

Geliebte, mein Leben ist vollkommen erfllt.

ENDE




ANMERKUNGEN


Zu Seite:

    5: _Pandava_ (so fr Pandara zu lesen). Das Knigsgeschlecht, von
    dem das Mahabharata handelt, stammt von _Kuru_ ab; ein Zweig
    derselben sind die Pandavas, fnf Brder (S. 50), zu denen der
    Held Arjuna gehrt. Dieser stammt also auch aus dem Hause der
    Kurus. (S. 9.)

    35: _Malati-Hain._ Malati ist der grobltige Jasmin.

    38: _Stephali-Blten_; lies _Sh_ephali. Sephalika ist der Strauch
    vitex negundo, dessen Blten in Vasavadatta Abt. IV mit
    Zinnoberkgelchen verglichen werden.

    53: _Kinsuka-Blte._ Der Kimsuka, Butea frondosa, ist ein
    stattlicher Baum, dessen Zweige im Frhjahr mit groen
    scharlachroten Schmetterlingsblten bedeckt sind. Die schne Blte
    ist aber geruchlos.

    56: _Asoka-Blten._ Der Asokabaum, Jonesia Asoka, hat rote Blten.
    Er spielt in der indischen Dichtung eine groe Rolle. Asoka
    bedeutet Kummerlos.

       *       *       *       *       *

Tagore's Dichtung entspricht nicht dem Sinn der Sage. Er sagt S. 6 von
Chitra's Vater: er hatte sie deshalb stets wie einen Sohn gehalten und
zu seinem Erben gemacht. Der Text in Protap Chandra Roys bersetzung
lautet: I have duly made her a _Putrika_. _putrika_ ist ein juristischer
Ausdruck und bezeichnet eine Tochter, die mangels eines Sohnes (_putra_)
die Familie ihres Vaters, nicht ihres Gatten fortpflanzen soll. Fr
letzteren bedeutet also die Eingehung einer solchen Ehe den Verzicht auf
die Fortpflanzung seiner Familie. Tagore hat dies offenbar nicht gewut
und macht daher aus _putrika_ eine Tochter, die als Sohn (_putra_)
erzogen wird! Das Epos kennt eine Sage, wo eine Prinzessin fr einen
Prinz ausgegeben und als solcher erzogen wird (die Geschichte von
_Sikhandin_). Diese Reminiszenz mag sich bei dem Dichter mit dem
Sagenstoff, auf den er in der Vorrede hinweist, verschmolzen haben.

       *       *       *       *       *

Fr die Anmerkungen ist die bersetzerin dem Sanskritisten der Bonner
Universitt, Herrn Geheimrat Prof. Dr. Jacobi, zu Dank verpflichtet.





End of the Project Gutenberg EBook of Chitra, by Rabindranath Tagore

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CHITRA ***

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Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

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     www.gutenberg.org

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