The Project Gutenberg EBook of Friedrich Arnold Brockhaus - Erster Theil, by 
Heinrich Eduard Brockhaus

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Title: Friedrich Arnold Brockhaus - Erster Theil
       Sein Leben und Wirken

Author: Heinrich Eduard Brockhaus

Release Date: January 15, 2014 [EBook #44677]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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          Friedrich Arnold Brockhaus.

                 Erster Theil.




            [Illustration: Portrait]




    ~Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.~




          Friedrich Arnold Brockhaus.

             Sein Leben und Wirken

 nach Briefen und andern Aufzeichnungen geschildert


                      von

                  seinem Enkel

           Heinrich Eduard Brockhaus.


                 Erster Theil.


  Mit einem Bildni nach Vogel von Vogelstein.

          [Illustration Verlagsemblem]

                    Leipzig:
                F. A. Brockhaus.

                     1872.




                    Vorwort.


Am 4. Mai dieses Jahres sind hundert Jahre seit dem Tage verflossen, an
welchem

          #Friedrich Arnold Brockhaus#

geboren wurde. Dem Gedchtnisse des Verewigten sollen bei dieser
Jubelfeier nachfolgende Bltter geweiht sein.

       *       *       *       *       *

Kaum mehr als die Hlfte dieses Zeitraums war ihm zu leben vergnnt:
am 20. August 1873 werden es funfzig Jahre, da er im krftigsten
Mannesalter den Seinigen und seinem Wirken entrissen worden ist. Und
nur achtzehn von den einundfunfzig Jahren seines Lebens wirkte er in
dem Berufe, zu dessen hervorragendsten und verdientesten Vertretern er
gehrt.

Was er in dieser kurzen Spanne Zeit erstrebt und geschaffen, gibt ihm
den Anspruch darauf, da sein Gedchtni in Ehren gehalten, sein Leben
und Wirken der Nachwelt vorgefhrt werde. Friedrich Arnold Brockhaus
verdient ein Blatt in der Geschichte des deutschen Buchhandels, und der
Versuch, ihm ein solches zu widmen, bedarf darum keiner Rechtfertigung.

Dagegen erscheint eine Erklrung nthig, weshalb ein solcher Versuch
nicht schon frher gemacht wurde.

Der Grund liegt hauptschlich darin, da fr eine Biographie desselben
nur ein ungengendes, geringes und lckenhaftes Material vorhanden
ist. Deshalb kam auch die bald nach seinem Tode von einem Freunde,
Professor Friedrich Christian August Hasse in Dresden, gehegte Absicht,
ihm ein literarisches Denkmal zu errichten, nicht zur Ausfhrung, obwol
er vor Vielen dazu berufen und befhigt gewesen wre. Aus gleichem
Grunde trat in spterer Zeit der Gedanke an eine ausfhrlichere
biographische Schilderung immer mehr in den Hintergrund, je weniger es
trotz mehrfacher Bemhungen gelingen wollte, jene Lcken auszufllen.
Die an den Tagen des 13. und 14. Juli 1856 begangene Jubelfeier des
funfzigjhrigen Bestehens der Firma F. A. Brockhaus lie den Wunsch nach
einer Lebensschilderung ihres Begrnders wieder lebhafter hervortreten,
und sein hundertjhriger Geburtstag erschien als der passendste
Zeitpunkt zur Ausfhrung.

Der Unterzeichnete, ein Enkel des Verstorbenen, bernahm die schwierige
Aufgabe; er fhlt vor allem die Verpflichtung, sich wegen dieses
Wagnisses zu entschuldigen, und mu dabei zunchst von sich selbst
sprechen.

       *       *       *       *       *

Wie mein Vater Heinrich Brockhaus, der seit dem Tode seines Vaters, bis
1850 zusammen mit seinem ltern Bruder Friedrich, an der Spitze des
Geschfts steht, und dessen funfzigjhrige buchhndlerische Wirksamkeit
wir gleichzeitig mit dem hundertjhrigen Geburtstage seines Vaters
feiern knnen, und wie mein jngerer Bruder Heinrich Rudolf, habe ich
es mir zur Lebensaufgabe gemacht, die Firma F. A. Brockhaus im Geiste
ihres Grnders fortzufhren. Seit ber 20 Jahren ihr angehrend, hegte
ich von jeher den lebhaften Wunsch, mich mit dem Leben meines Grovaters
nher bekannt zu machen und es dann auch Andern zu schildern. Meine
hohe Achtung fr ihn und sein Wirken als Buchhndler stieg immer mehr,
je vertrauter ich mit seinen Schpfungen wurde. Ich beschftigte
mich eingehend mit dem trotz der Lckenhaftigkeit sehr umfnglichen
Material an Briefschaften sowie mit den Verlagsartikeln unserer Firma
aus jener Zeit, und es gelang mir auch wenigstens von einigen Seiten
wichtige Vervollstndigungen jenes Materials zu erlangen. Als diese
wichtige Vorarbeit beendigt war, erkannte ich freilich, da es nur
verhltnimig Weniges sein wrde, was ich daraus zusammenstellen
knnte, doch aber mute ich mir sagen, da es zu bedauern wre, sollte
auch dieses Wenige verloren gehen. So ist es mir als Pflicht erschienen,
lieber das zu geben, was ich geben konnte, als, vor der Schwierigkeit
der Aufgabe zurckschreckend, die bessere Ausfhrung einer ungewissen
Zukunft zu berlassen.

Denn auch die Ueberzeugung mute ich bald gewinnen, da ein ferner
Stehender oder einer sptern Generation Angehrender noch weniger im
Stande sein wrde, ein einigermaen treues Lebensbild meines Grovaters
zu entwerfen. Ich habe ihn allerdings nicht mehr persnlich gekannt --
er starb sechs Jahre vor meiner Geburt; aber auer meinem Vater theilte
mir mein Onkel, Professor Hermann Brockhaus, der mich auch bei meiner
Arbeit vielfach durch seinen Rath untersttzt hat, manches Nhere ber
mir sonst unbekannt gebliebene Verhltnisse mit, und ich konnte dadurch
sowie durch mndlichen und schriftlichen Verkehr mit Mnnern, die ihn
noch selbst gekannt hatten, jenen fr einen Biographen stets mislichen
Mangel einigermaen ersetzen.

Als bloen Versuch einer Biographie bitte ich aber meine Schilderung
anzusehen und, wenn sie selbst geringe Erwartungen nicht befriedigen
sollte, dies wenigstens zum Theil Umstnden, die auer mir liegen,
zuzuschreiben.

Ich bin nicht berufsmiger Schriftsteller, sondern praktischer
Geschftsmann; auer der selbst bei vollstndiger Befhigung
erforderlichen Uebung fehlte mir aber auch die zu einer bessern Lsung
der Aufgabe nthige Zeit.

Mit an der Spitze eines umfangreichen Geschfts stehend, konnte ich nur
die wenigen Stunden der Mue und die sonst der Erholung bestimmte Zeit
zuerst auf die Lektre der Tausende von Briefen sowie der einschlagenden
Literatur, dann auf die Ausarbeitung verwenden. So habe ich auf dem
Comptoir und zu Hause, auf dem Redactionsbureau und auf dem Reichstage,
namentlich aber auf Erholungsreisen, in Dresden und Thringen, im
Seebade auf der Insel Wight und der Insel Sylt, seit Jahren fast
jede freie Stunde, seltener einige Wochen, der Arbeit gewidmet. Eine
zusammenhngende lngere Zeit ausschlielich fr sie zu gewinnen war mir
unmglich.

       *       *       *       *       *

Meine nchste Absicht war ferner nur die: den Mitgliedern der Familie
sowie den Angehrigen und Freunden unserer Firma ein Lebensbild
von Friedrich Arnold Brockhaus darzubieten, aus seinen und aus den
an ihn gerichteten Briefen das nach meiner Ansicht Wesentliche und
Charakteristische mitzutheilen, und nur so viel, als zum bessern
Verstndni desselben ganz nothwendig erschien, hinzuzufgen. Erst
whrend der Arbeit gewann ich die Ansicht, da meine Mittheilungen
doch auch fr weitere Kreise, zunchst fr den deutschen Buchhandel,
Interesse haben knnten, und ich entschlo mich deshalb, sie nicht, wie
anfnglich beabsichtigt, blos als Manuscript fr die Familie und fr
Freunde drucken zu lassen, sondern sie auch allgemein zugnglich zu
machen. Ich hoffe damit zugleich meinerseits eine Anregung zu geben,
da auch andere Buchhandlungen knftig mehr als bisher Mittheilungen
aus ihren Geschftspapieren als Beitrge zu einer leider noch nicht
geschriebenen Geschichte des deutschen Buchhandels verffentlichen.
Manche der abgedruckten Briefe und andern Actenstcke sowie die mit
mglichster bibliographischer Genauigkeit angefertigten Uebersichten
ber die Verlagsthtigkeit meines Grovaters drften wol auch auf
ein literarhistorisches Interesse Anspruch machen. Bei letztern hat
mir besonders der gleichzeitig mit diesem Buche von meinem Vater
herausgegebene chronologische Katalog der von 1806 bis 1872 im Verlage
der Firma F. A. Brockhaus erschienenen Werke, mit biographischen und
literarischen Notizen, treffliche Dienste geleistet.

       *       *       *       *       *

Was die bei meiner Arbeit befolgte Methode betrifft, so habe ich es mir
zur Pflicht gemacht, die Auszge aus Briefen und andern Aufzeichnungen
meist mit den Worten der Verfasser wiederzugeben, nicht in Bearbeitung.
Dieser wichtigste Bestandtheil der Arbeit ist von meinen mehr als
verbindendes Glied dienenden Bemerkungen auch uerlich durch den
Druck unterschieden. Ich wei, da von Vielen die entgegengesetzte
Art, die Verarbeitung von Briefen und sonstigen Actenstcken zu
einer selbstndigen neuen Schpfung des Biographen, vorgezogen wird.
Friedrich Perthes' Leben von dessen Sohne Clemens Theodor Perthes
ist das mustergltige Beispiel einer in dieser Weise ausgefhrten
Biographie. Allein abgesehen davon, da eine solche Behandlung einen
Meister der Biographie verlangt, als welcher sich der Verfasser jenes
Werks bewhrt und dasselbe zu einer Zierde unserer Literatur gemacht
hat, gestattete mir schon die Beschaffenheit meines Materials ein
hnliches Verfahren nicht. Aus manchen Lebensperioden meines Grovaters,
zum Theil den wichtigsten, war so gut wie nichts vorhanden, ber seine
Jugend und sein erstes Mannesalter wesentlich nur ein von ihm selbst
verfater Rckblick, whrend aus andern Jahren wieder zahlreichere
Mittheilungen vorlagen. So blieb mir nach reiflicher Prfung nichts
Anderes brig, als das Wenige, was ich fand, mglichst vollstndig
und wortgetreu zu verffentlichen. Daraus erklrt und entschuldigt
sich auch die grere Ausfhrlichkeit mancher minder wichtiger, die
verhltnismige Krze anderer wichtigerer Abschnitte.

Da ich den Namen Friedrich Perthes genannt habe, kann ich es mir
nicht versagen, darauf hinzuweisen, da der hundertjhrige Geburtstag
beider Mnner beinahe zusammenfllt und da ich diese Zeilen zum
Gedchtni von Friedrich Arnold Brockhaus gerade an dem hundertjhrigen
Geburtstage von Friedrich Perthes niederschreibe. Perthes und
Brockhaus gehren unzertrennlich zueinander als zwei Mnner, auf die
der deutsche Buchhandel gleichmig stolz sein kann. Wie in ihrer
Geburt, so berhrten sie sich auch vielfach in ihrem Leben und Wirken
als Buchhndler und als deutsche Patrioten; wie sie persnlich nahe
befreundet waren, werden auch nach dem Tode ihre Namen zusammen
fortleben.

Da ich in dem von mir Geschilderten nicht allein den Grnder unserer
Firma, sondern auch meinen Grovater verehre, hat mich nicht abgehalten,
die erste Pflicht jedes gewissenhaften Biographen: immer die Wahrheit
und zwar die volle Wahrheit zu sagen, auszuben und obenan zu stellen.
Ich habe dies auch in solchen Fllen gethan, wo die Erfllung dieser
Pflicht mir nicht leicht wurde, und alle entgegenstehenden Bedenken
fallen lassen. Auch Privatverhltnisse glaubte ich nicht bergehen oder
mich auf bloe Andeutungen darber beschrnken zu drfen, wenn ihre
Vorfhrung zur Schilderung des uern Lebens oder zur Charakterisirung
wesentlich erschien.

Auch einen andern Fehler, in den hufig Biographen verfallen, bin ich
bestrebt gewesen zu vermeiden: den von mir oft empfundenen Uebelstand,
da der Geschilderte lediglich verherrlicht und als Mittelpunkt der
ganzen Zeit, in der er gelebt und gewirkt, hingestellt wird.

       *       *       *       *       *

Nur die Hlfte meiner Arbeit lege ich gegenwrtig vor und habe sie als
ersten Theil bezeichnet, da sich whrend der Abfassung und nach schon
begonnenem Drucke bald die Unthunlichkeit herausstellte, das Ganze in
einem Bande und zu dem gebotenen Termine zu vollenden.

Dieser erste Theil schildert das Leben von Friedrich Arnold Brockhaus
bis zu seiner Uebersiedelung nach Leipzig und zwar zunchst die Jugend
und sein erstes Wirken in Dortmund, dann die Zeit in Amsterdam, darauf
die Zwischenperiode vor seiner Niederlassung in Altenburg, endlich die
in Altenburg verlebten Jahre. Das beigegebene Bildni ist nach einem
von dem Maler Vogel von Vogelstein in Dresden gezeichneten Portrt
gestochen, das als sehr getroffen gilt.

Der zweite Theil ist dem leider nur sehr kurzen Wirken des Verewigten
in Leipzig gewidmet und soll auer seiner dort entwickelten lebhaften
Verlagsthtigkeit auch die zahlreichen literarischen Streitigkeiten
schildern, in die er damals verwickelt wurde, seine Kmpfe gegen
den Nachdruck und fr eine gesetzliche Regelung der deutschen
Pregesetzgebung, die durch eine Recensur seines Verlags in Preuen
entstandenen Schwierigkeiten, endlich die letzte Lebenszeit.

Diesen zweiten Theil hoffe ich dem ersten bald folgen lassen und damit
das Werk vollstndig vorlegen zu knnen.

       *       *       *       *       *

Zum Schlu fhle ich noch die Verpflichtung, allen Denen zu danken, die
mich durch Ueberlassung von Briefen, durch Ertheilung von Ausknften
oder in anderer Weise bei meiner Arbeit untersttzt haben. Ihre Zahl ist
so gro, da ich darauf verzichten mu, ihnen hier einzeln meinen Dank
auszusprechen.

Freilich kann ich aber auch nicht umhin, zugleich der Hoffnung Ausdruck
zu geben, da mir aus Anla der Verffentlichung dieses ersten Theils
noch manche werthvolle Beitrge zur Ausfllung der vorhandenen Lcken
zuflieen werden. Diese Ergnzungen sowie jede Berichtigung meiner
Darstellung werde ich auf das gewissenhafteste und dankbarste benutzen.

       *       *       *       *       *

Ich empfehle meine Arbeit dem Wohlwollen und der Nachsicht meiner Leser.

#Leipzig#, 21. April 1872.

                                    _Dr._ Heinrich Eduard Brockhaus.




           Inhalt des ersten Theils.


  #Vorwort#                                                          V

  #Erster Abschnitt.# Anfnge.

    1. Vorfahren.                                                    3
    2. Jugendzeit und erstes Mannesalter.                           14
    3. Der Hiltrop'sche Proce.                                     21
    4. Ein Rckblick.                                               33

  #Zweiter Abschnitt.# In Amsterdam.

    1. Kaufmnnische Thtigkeit.                                    41
    2. Errichtung einer Buchhandlung.                               49
    3. Erste journalistische Verlegerthtigkeit.                    60
    4. Weitere Verlagsthtigkeit.                                   83
    5. Reisen zur leipziger Buchhndlermesse.                      101
    6. Zerwrfnisse mit Baggesen.                                  121

  #Dritter Abschnitt.# Von Amsterdam nach Altenburg.

    1. Ende des amsterdamer Aufenthalts.                           155
    2. Vier Monate in Leipzig.                                     181
    3. Beziehungen zur Hofrthin Spazier.                          190
    4. Abschlu der amsterdamer Zeit.                              223

  #Vierter Abschnitt.# In Altenburg.

    1. Neues Leben.                                                251
    2. Neue Verlagsthtigkeit.                                     270
    3. Die Deutschen Bltter.                                    306
    4. Geschichtliche und encyklopdische Verlagsthtigkeit.       356




               Erster Abschnitt.

                    Anfnge.




                       1.

                   Vorfahren.


Die Familie, welcher Friedrich Arnold Brockhaus entstammt, gehrt
Westfalen an, wo sie sich durch zwei Jahrhunderte verfolgen lt; sie
ist dort noch jetzt in mehrern Zweigen vertreten, whrend er selbst und
die von ihm gegrndete Firma sich in Leipzig niedergelassen haben.

Die Vorfahren von Friedrich Arnold Brockhaus waren fast smmtlich
geistlichen Standes, und unter ihnen befindet sich eine Reihe verdienter
evangelischer Pastoren; auch viele Glieder der in ihrem Vaterlande
gebliebenen Zweige der Familie haben sich diesem Berufe wieder gewidmet.

Der Erste des Namens Brockhaus, von dessen Leben etwas bekannt ist,
war Adolf Heinrich Brockhaus, Pastor zu St.-Thom in Soest, geboren
in Altena (einer kleinen Stadt im westflischen Sauerlande, nahe bei
Ldenscheid), 1699 ordinirt und 25 Jahre lang, bis 1724, in seinem
Amte wirkend. Im Kirchenbuche wird gesagt, da er ein sehr tchtiger,
fleiiger, ehrsamer, von Allen geliebter Pastor war und an seiner
Beerdigung die ganze Gemeinde theilnahm. Er war verheirathet mit
Margarethe Katharine Sybel, einer alten Predigerfamilie in Soest
angehrend, mit welcher die Familie Brockhaus noch mehrfach in
Verwandtschaftsverhltnisse trat.

Aus frherer Zeit ist ber die Familie nichts Sicheres zu erfahren,
da die ltern Kirchenbcher von Altena nicht mehr vorhanden sind. Wir
wissen deshalb auch nicht, ob die Familie schon lnger in Altena lebte
oder von anderswoher dahin gekommen war. In Altena wird zwar noch ein
Vorfahr, Eberhardt Brockhaus aus Unna, seit 1665 als Vicar (zweiter
Prediger) genannt[1]; aber auch ber ihn und seine Verwandtschaft mit
dem Pastor Adolf Heinrich ist nichts bekannt. Nach Familientraditionen
sollen die Vorfahren schon seit den Anfngen der Reformation lutherische
Prediger in Westfalen gewesen sein.

       *       *       *       *       *

Mit dem bekannten hollndischen Philologen und Dichter Brockhusius
(eigentlich Jan van Broekhuizen, gewhnlich Janus Broukhusius genannt),
geb. 20. November 1649 zu Amsterdam, gest. 15. December 1707, scheint
die westflische Familie Brockhaus in keinem Zusammenhang zu stehen. Die
vielfach verbreitete Annahme, da dies der Fall sei, beruht auer auf
der Aehnlichkeit beider Namen wahrscheinlich nur darauf, da Friedrich
Arnold Brockhaus eine Zeit lang in Amsterdam gelebt hat.

Mit dem Geschlechte der Erp oder Erpp von Brockhau (auch Brockhu und
Brockhausen geschrieben) lt sich ebensowenig eine Verwandtschaft
nachweisen, obwol sie wahrscheinlich ist, da diese Familie gleichfalls
aus Westfalen zu stammen scheint. Der Bekannteste aus derselben ist
Simon Anton Erp von Brockhau oder Brockhausen, geb. 14. Mai 1611 zu
Lemgo, 1647 Professor der Rechte am Gymnasium zu Bremen, 1650 Rathsherr,
1665 Gesandter auf dem Reichstage zu Regensburg, spter Brgermeister
von Bremen, gest. 18. November 1682.[2] Auf dem Titel seiner 1640 in
Helmstedt gedruckten Doctordissertation: _De litis contestatione_,
ist er ausdrcklich als Westfale bezeichnet. Nach mehrern auf der
Bibliothek zu Bremen aufbewahrten Fliegenden Blttern hie sein Vater
Johann Erp von Brockhau und war _Utriusque juris Doctor_, der
frstlichen Aebtissin zu Hervord, Grflich Bentheim-Tecklenburg'scher
und Lippe'scher Geheimrath und Hofgerichtsassessor, sein Grovater
Tilemann Erp von Brockhau war Hochgrflich Hoy'scher und Lippe'scher
Geheimrath und Drost zu Hoya, Ucht und Freudenberg. Jahreszahlen sind
bei Beiden nicht angegeben. Simon Anton hinterlie keine Shne, nur
zwei Tchter, soda mit ihm der Mannesstamm erlosch. Dagegen ist auf
einer juristischen Dissertation aus Helmstedt: _De nuptiis_, 1654
gedruckt, als Verfasser Anton Christian Erp Brockhu genannt, mit dem
Zusatz _Old._ (aus Oldenburg), jedenfalls der Abkmmling eines andern
oldenburger Zweigs der Familie.

In keiner verwandtschaftlichen Beziehung zu der westflischen Familie
Brockhaus scheint das pommersche Geschlecht Brockhausen zu stehen, das
in alten Urkunden Brockhu, spter aber auch Bruckhausen und Brockhusen
geschrieben wird. Der erste 1511 urkundlich Genannte dieses Geschlechts
ist Jrgen Brockhu zu Gro-Justin im Kreise Cammin. Ein Nachkomme
desselben war der preuische Staatsminister Karl Friedrich Christian
Georg von Brockhausen (gest. 1829).

       *       *       *       *       *

Ein Sohn des zuersterwhnten Pastors zu St.-Thom in Soest, ebenfalls
mit Namen Adolf Heinrich Brockhaus, wurde 1740 von einer andern Gemeinde
der Stadt Soest, der zu St.-Walpurgis, zum Pastor gewhlt. Seine Tochter
Josina verheirathete sich mit einem Pastor Sybel in Soest; ihr Enkel ist
der Geschichtschreiber Heinrich von Sybel in Bonn.

Ein anderer, wahrscheinlich lterer Sohn des Pastors zu St.-Thom,
Johann Diederich Melchior Brockhaus, geb. 1. Februar 1706, wurde mit 23
Jahren, am 1. December 1728, zum Pastor in Meyerich bei Kirch-Welver
erwhlt (beide Orte liegen zwischen Soest und Hamm, das Dorf Meyerich
westlich, die Kirche zu Welver stlich, von schnem Eichenwald umgeben;
in Meyerich befindet sich das Pfarrhaus, whrend die Kirche der Gemeinde
in Welver steht). Er starb 70 Jahre alt, am 16. November 1775, nachdem
er sein Amt 47 Jahre lang bekleidet hatte.

Johann Diederich Melchior Brockhaus hat in dem Kirchenbuche von Welver
auer den kirchlichen Notizen hier und da besondere Ereignisse aus
seiner amtlichen Thtigkeit verzeichnet, die ihn selbst trefflich
charakterisiren und zugleich als interessante Beitrge zur Zeit- und
Sittengeschichte aufbewahrt zu werden verdienen.

Die erste und ausfhrlichste Mittheilung, durch die Ueberschrift _In
memoriam successorum_ als ein Fingerzeig fr seine Amtsnachfolger
bezeichnet, betrifft einen Conflict des eifrig protestantisch gesinnten
Pastors mit einem katholischen Kloster. Dieses, ein Nonnenkloster,
befand sich ganz in der Nhe der Kirche zu Welver, und seine
Nachbarschaft scheint dem wrdigen Pastor Melchior viel Sorge und Kampf
bereitet zu haben.

Ueber die kirchlichen Verhltnisse daselbst sagt ein competenter
Geschichtschreiber[3]:

  Die Reformation ward in Welver definitiv im Jahre 1565 eingefhrt.
  Freilich werden schon vorher evangelische Prediger genannt; allein
  die Gemeinde war erst seit dem genannten Jahre dem evangelischen
  Bekenntni entschieden zugethan. Nur das in Welver befindliche
  freiadeliche Cistercienserinnenkloster, welches ber die Pfarrei das
  Collationsrecht hatte, blieb katholisch. Der evangelischen Gemeinde
  erwuchsen hieraus oft die schwersten Bedrngnisse. Namentlich
  hatte dieselbe zur Zeit des Dreiigjhrigen Kriegs zu leiden,
  indem ihr durch Militrgewalt die Kirche entzogen und in derselben
  der katholische Gottesdienst restaurirt wurde. Doch bald nach dem
  Friedensschlu wurde am 19. December 1649 auf Befehl des Kurfrsten
  Friedrich Wilhelm durch den Drosten von Neuhoff zu Altena und den
  Richter _Dr._ Zahn zu Unna unter Hinzuziehung des Magistrats von Soest
  den Evangelischen die Pfarrkirche wieder berwiesen.

  Spterhin machte das Kloster wiederholt den Versuch, durch seinen
  Beichtiger in der Gemeinde Parochialhandlungen verrichten zu lassen.
  Ein hierdurch veranlater heftiger Rechtsstreit wurde endlich durch
  ein Decret vom 1. September 1709 dahin entschieden, da dem Kloster
  nur das Recht, innerhalb seiner Ringmauern (aber nicht auerhalb
  derselben) Ministerialhandlungen verrichten zu lassen, zuerkannt wurde.

Aus Anla dieser Verhltnisse entstanden natrlich hufige Reibungen
zwischen dem evangelischen Pastor und der Aebtissin des katholischen
Klosters. Die erwhnte eigenhndige Mittheilung des Pastors Melchior
lautet:

  Nachdem der zeitige evangelisch-lutherische Prediger zu Welver,
  Johann Diederich Melchior Brockhaus, vernommen, da die Nonnen zu
  Welver bei ihrer abgttischen Procession ihre Knechte pflegten
  zu gebrauchen, da sie den sogenannten Himmel (worunter das
  _abominabile_[4] getragen wird) und die Fahnen (die vorhergetragen
  werden) mssen tragen, und _anno_ 1732 vier lutherische Knechte aus
  hiesiger Gemeinde im Kloster wohnen, so habe ich als ihr Seelsorger
  dieselben Knechte zu vier verschiedenen Malen gewarnt, sich dieser
  Abgtterung nicht theilhaftig zu machen, auch bedroht, da ich sie
  im Contraventionsfalle ohne vorhergehende Kirchenbue nicht zum
  heiligen Nachtmahl administriren wrde, nmlich 1) _privatim_, 2) im
  Beichtstuhl, 3) ordentlich auf der Kanzel _Dom. VI. p. pascha_ und 4)
  am heiligen Pfingsttage nach der Nachmittagspredigt auf der Kanzel.
  Demungeachtet aber hat die damalige unruhige _abdissin Biscopime_
  zwei von diesen Knechten durch 4 Butten Bier dazu _persuadirt_ oder
  gezwungen (wie so hernach _coram protocollo ecclesiastico_ gestanden),
  da Einer die Fahne, die Anderen den blauen Himmel tragen sollten
  und sind vor der _monstrance_ in die Knie gefallen. Wie ich nun am
  folgenden Sonntage die Bosheit dieser Knechte ffentlich bestrafte
  und sie 2 mal ins Kirchengebet geschlossen, schickte die verwegene
  _abdissin_ 3 Kerls zu mir ins Haus und lie mich fragen, warum ich
  gegen ihre Knechte so scharf gepredigt. Darauf ich aber die Antwort
  gab, sie sollten den Nonnen wiedersagen, sie haben sich um mein Amt
  gar nicht zu kmmern und wre ich allein verbunden Gott und unserm
  Knige Rechenschaft davon zu geben. Darauf fragte ich die 3 Kerls, wie
  sie daran kmen, da sie mich in meinem Hause zur Rede stellten, nahm
  den Besen und jagte sie zum Hause heraus.

  Wie nun nach einiger Zeit die Knechte zum heiligen Abendmahl gingen,
  muten sie sich erst ordentlich durch die Kirchenbue mit der Gemeinde
  ausshnen.

  Darauf wurde nun diese Sache in _Cleve_ anhngig gemacht, da denn
  sowohl an den Grorichter, als an den _Magistrath_ ein _rescript_
  kam, die Sache genau zu untersuchen und die _interessirten persohnen_
  eidlich abzuhren, damit die _abdissine_ sich nicht zu beschweren habe.

  Wie nun kurz darauf diese unruhige _abdissine_ wegging und ich bei
  _Installation_ der neuen _abdissine_ ins Kloster zu Meen genthigt
  wurde, begehrte der Praelate von Campen nebst den Nonnen von mir, da
  ich mich doch bemhen mchte, die Sache gtlich abzuthun. Die vorige
  _abdissine_ sei eine unruhige Persona gewesen, sie wollten dergleichen
  nicht wieder anfangen. Darauf antwortete ich ihnen, wenn sie mir die
  Kosten wollten wiedergeben, die an diesen _process_ gelegt, und da
  sie es nicht wiederthun wollten, knnte die Sache liegenbleiben. Kurz
  darauf haben sie mir 10 Reichsthaler rechtlich ausbezahlt.

Nach einer Ksterwahl, die nicht nach seinem Willen erfolgte, schreibt
Pastor Melchior ins Kirchenbuch:

  Wenn nun dieser junge Mensch seinem Amte keine Genge thun sollte
  und sonderlich die Jungens in der _information_ versumen, so fordere
  ich, da die Verwahrlos'ten von meinen Hnden nicht gefordert
  werden. Dem allwissenden Gott, wie auch meiner ganzen Gemeinde ist
  bekannt, da ich auf ein tchtiges _subjectum_ sehe, nmlich auf den
  Schulmeister in _Catrop_. Ich habe aber der Gewalt weichen mssen. Was
  nun verwahrlos't und versumt wird, das kommt auf die Menschen, welche
  diesem jungen Menschen dazu behlflich gewesen.

Bei einer andern Ksterwahl trgt der Pastor mit Stolz ins Kirchenbuch
ein, da er das katholische Kloster durch ein drastisches Mittel, wie
er sie berhaupt geliebt zu haben scheint, verhinderte, an derselben
theilzunehmen:

  Das Kloster schickte (wie das wohl geschehen sollte) den Vogt in die
  evangelische Kirche, da er im Namen des Klosters votiren sollte. Ich
  fragte ihn, was er wollte? Nichts. Darauf nahm ich den Chorstock[5]
  und trieb ihn vor mir her zum groen Gelchter der ganzen Gemeinde aus
  der Kirche und lie die Kirche zuschlieen.

  Ist also dieser Kster ohne _consens_ und _collation_ des Klosters
  erwhlt, es ist auch bei der Wahl Niemand vom Rathhause zugegen
  gewesen; auch ber 1 Jahr von mir allein in Gegenwart des
  Lehnherrn auf dem Chor eingefhrt und ist kein Vogt dabei gewesen.

Endlich hat der Pastor Melchior auch einen geheimnivollen Vorfall
verzeichnet, ohne hinzuzufgen, was er selbst davon halte:

  1757, den 7. October, hat sich des Abends um 7 Uhr Folgendes in
  unserer Kirche zugetragen.

  Wie die Fruleins des Klosters Welver um bemerkte Zeit in ihre
  Kirche gehen wollten, sehen sie, da es in unserer Kirche helle ist.

  Wie sie nun vermuthen, es mchten Diebe in der Kirche sein, mssen
  nicht nur alle Bediente des Klosters, sondern auch die Leute, so zu
  Welver am Kirchhofe wohnen, unsere Kirche besetzen. Die auch smmtlich
  das Licht in unsrer Kirche gesehen.

  Wie nun der Kster gezwungen wird, die Kirche zu ffnen, ist das
  Licht auf einmal verschwunden. Die Leute sind durch die ganze Kirche
  gegangen, ob etwas darin wre, haben aber nichts versprt. Ob nun
  dieses eine Vorgeschichte ist, ob und wann es soll erfllt werden,
  wird die Zeit lehren; Gott wende Alles zum Besten.

Einige nhere Lebensumstnde dieses Mannes, des Grovaters von Friedrich
Arnold Brockhaus und jedenfalls des hervorragendsten unter dessen
Vorfahren, sind durch ein altes Buch erhalten, in das er auer seinen
Ausgaben (aus deren Verzeichnung hervorgeht, da er auch ein tchtiger
Oekonom und guter Haushalter war) dann und wann Nachrichten ber seine
Erlebnisse einschrieb.[6]

Pastor Melchior verzeichnet darin zunchst den Tag seiner Geburt und
Taufe und macht bei Nennung eines seiner Pathen, einer adelichen Dame,
die Bemerkung: welche aber nach der Zeit zum _pabtum_ abgefallen und
ihren eigenen Taufbund gebrochen. Dann fhrt er fort:

  Gott gebe, da mein nahme im Himmel unter der Zahl der auerwehlten
  auch mge angeschrieben stehen. Habe Dank, Du frommer Gott, da Du
  mich wunderbarlich im mutterleibe gebildet, mit einer vernnftigen
  Seele und gesunden Gliedmaen von frommen Eltern hast lassen gebohren
  werden und sonderlich in der heiligen Taufe einen ewigen Bund mit mir
  gemacht. Gib gnade, mein Gott, da ich in diesem Bunde leben, leyden
  und sterben mge.

Darauf erwhnt er seiner Studienzeit. Er ging im Februar 1724 (also 18
Jahre alt) nach Halle, aber schon am 6. Juli dieses Jahres nach Jena:
weil mir die _collegia theologica_ in Halle nicht anstehen wollten;
von da reiste er am 2. August 1726 nach Leipzig und kam am 20. August
1727 ber Frankfurt a. M., Kln und Altena (wo er einmal predigte,
wahrscheinlich weil diese Stadt der Geburtsort seines inzwischen als
Pastor in Soest verstorbenen Vaters war und dort noch Verwandte von ihm
lebten) nach Hause zurck. Er machte sein Examen und predigte mehrmals,
bezog inde im Sommer 1728 nochmals die Universitt Halle wegen des
kniglichen Befehls, da niemand sollte befrdert werden, der nicht
zuletzt in Halle studirt. Am 28. August 1728 wieder in Soest angelangt,
wurde er am 1. December zum Prediger nach Meyerich berufen, am 8.
examinirt, am 9. ordinirt und am 12. December installirt.

Ueber seine Studienzeit schreibt er folgende Selbstanklage nieder, die
inde gleich der folgenden wol nicht ganz wrtlich zu nehmen ist:

  Wie ich nun mein Universittsleben zugebracht, ist dem allwissenden
  Gott am besten bekannt. Viel gutes habe ich daselbst gelernt, aber
  auch durch Miggang, Verschwendung und auf andere Gott allein bewute
  Weise mich schwerlich versndiget.

          Ach Gott, wenn mir das kmmet ein,
          Was ich mein Tage u. s. w.

Dann fhrt er fort, nach Erwhnung seiner Anstellung:

  Ob es mir nun gleich an genugsamer geschicklichkeit fehlet, ich auch
  leyder sonderlich im Anfang meines ambtes Vieles versehen und also
  Blutschulden auf meine arme Seele geladen (!), so verspreche ich doch
  insknftige zu verbessern, was ich bianhero versehen habe, und glaube
  festiglich, da mein getreuer Erlser _Jesus Christus_ mit seinem
  theuern Blut meine Blutschulden tilgen werde.

Die brigen Notizen des Tagebuchs beziehen sich meist auf Ereignisse
in seiner Familie. Er war dreimal verheirathet und hatte funfzehn
Kinder (sechs Shne und neun Tchter), von denen neun noch vor ihm
starben, meist in sehr zartem Alter. Seine erste Frau starb im ersten
Wochenbett und zwar, wie er bemerkt: an eben dem Tage und in eben der
Stunde, darinnen wir vorm Jahre waren copuliret; so war sie auch an eben
demselben Tage vor 25 Jahren gebohren; er fgt hinzu: Gott gebe allen
frommen Christen eine solche dreifach glckselige Stunde! Mit seiner
zweiten Frau, Maria Elisabeth, Tochter des Pastors Hennecke in Soest,
war er fast zwanzig Jahre verheirathet und sie wurde die Mutter von
zehn Kindern, darunter die beiden Shne, die seinen Namen fortpflanzten.
Zum dritten male verheirathete er sich in seinem funfzigsten Jahre mit
Klara Dorothea Quante und lebte mit ihr ebenfalls fast zwanzig Jahre,
bis an seinen Tod (1775), whrend seine Witwe, die ihm vier Kinder
geboren hatte, erst 1808, 83 Jahre alt, starb.

Noch einige Aeuerungen des Pastors Melchior in seinem Tagebuche seien
zu seiner Charakterisirung hier verzeichnet.

Beim Verlust eines dreijhrigen Tchterchens schreibt er:

  Mein halbes Herz ist mit ihr in die Erde gescharrt. Gott gebe, da
  wir in kurzer Zeit im Himmel uns mgen wiedersehen.

          Amen, Amen, komm du schne
          Freudenkrone, bleib nicht lange,
          Deiner warte ich mit Verlangen.

Und bei einem hnlichen Verluste:

  Der Herr bescheere mir ein baldiges freudiges Wiedersehen dieses und
  meiner brigen in der Herrlichkeit triumphirenden Kinder, nach seinem
  gndigen Willen. _Dulce meum terra tegit._ Ich habe hier wenig guter
  Tag u. s. w.

Kaum 30 Jahre alt, wurde er von heftigen Leiden am Fue heimgesucht;
diese verloren sich nach einigen Jahren und er erreichte dann das Alter
von 70 Jahren. Whrend seiner Leiden schreibt er einmal:

  Doch ich will schweigen und meinen Mund nicht aufthun, der Herr
  wirds wohl machen! Ich werde doch gewi endlich, wo nicht in dieser
  Zeit doch gewi in der ewigkeit zu Gottes gre sagen: der Herr hat
  alles wohl gemacht!

Und nach seiner Genesung schreibt er:

  Gelobet sei der Herr tglich, Er leget uns eine Last auf, aber er
  hilft uns auch.

Der unmittelbare Amtsnachfolger dieses ersten Pastors in Meyerich war
sein zweiter Sohn Ludolph Wolrath (oder Wohlrath) Arnold Brockhaus,
geb. am 6. September 1744, eine Zeit lang Lehrer am Gymnasium zu Soest,
zum Pastor in Meyerich erwhlt am 26. December 1775, also kaum sechs
Wochen nach dem Tode seines Vaters. Er trat sein Amt 1776 am Sonntage
Sexagesim (11. Februar) an und bekleidete es 46 Jahre lang, bis 1822,
wo er es, 78 Jahre alt, wegen Altersschwche niederlegte; er starb am 6.
Februar 1823.

Diese beiden Pastoren, Vater und Sohn, haben also zusammen fast ein
volles Jahrhundert (93 Jahre lang) derselben Gemeinde vorgestanden.
Sie sind auch Beide in der kleinen Kirche zu Welver beerdigt, wo ihre
Grabsttten durch Leichensteine bezeichnet sind. Zu ihrem Gedchtni
hat Heinrich Brockhaus (der zweite Sohn von Friedrich Arnold) im Jahre
1869 der Kirche zu Welver ein von Professor Andreae in Dresden gemaltes
Altarbild geschenkt.

Der zweite Pastor zu Meyerich, Ludolph Wolrath Arnold Brockhaus, hatte
zwei Shne, die sich beide gleichfalls dem geistlichen Berufe widmeten
und zwar nicht in Meyerich, aber in andern westflischen Gemeinden
angestellt wurden: Ludolph Brockhaus, geb. am 28. September 1778, Pastor
in Ldenscheid, und Theodor Brockhaus, geb. am 18. Mai 1780, Pastor in
Kierspe; Shne und Enkel von ihnen wirken noch jetzt als Pastoren in
westflischen Gemeinden.

       *       *       *       *       *

Ein zweiter Sohn des ersten Pastors zu Meyerich, der ltere Bruder
des zweiten Pastors (die brigen vier Shne waren noch als Kinder
gestorben) wurde der Stammvater des nicht-theologischen, kaufmnnischen
und buchhndlerischen Zweigs der Familie Brockhaus. Es war dies der
Vater von Friedrich Arnold Brockhaus, Johann Adolf Heinrich (oder
Henrich) Brockhaus, geb. zu Meyerich am 21. Mai 1739. Derselbe
erlernte die Handlung in Hamm und zog dann nach der damals Freien
Reichsstadt Dortmund, wo er 1767 Katharina Elisabeth Davidis (geb.
am 22. Mrz 1736), Witwe des _Dr. med._ Kirchhoff, heirathete und
ein Materialwaarengeschft begrndete. Er war Mitglied des Raths und
berhaupt in seiner Vaterstadt angesehen, wo er am 26. Mrz 1811 starb.

Johann Adolf Heinrich Brockhaus hatte zwei Shne, die er fr seinen
Beruf, den kaufmnnischen, bestimmte.

Der ltere, Gottlieb Brockhaus, geb. am 4. September 1768, bernahm das
vterliche Geschft und blieb bis an sein Lebensende (30. Mai 1828) in
Dortmund.

Der jngere Sohn war Friedrich Arnold Brockhaus, dessen Leben und Wirken
die nachfolgenden Bltter gewidmet sind.




                       2.

       Jugendzeit und erstes Mannesalter.


Friedrich Arnold Brockhaus wurde zu Dortmund am 4. Mai 1772 geboren.
Nach dem Kirchenbuche der evangelischen Sanct-Reinoldi-Kirche daselbst
(bei welcher sein Vater das Amt eines Diakonen bekleidete) erhielt er
in der am 8. Mai im Hause des Predigers Mellmann vollzogenen Taufe die
Namen David Arnold Friederich, doch scheint er den erstern Vornamen nie
gefhrt zu haben und die beiden andern gebrauchte er in umgekehrter
Reihenfolge; sein Rufname war Arnold. Taufzeugen waren: David Friedrich
Davidis, Subdelegatus und Pastor zu Wennigern (wahrscheinlich der
Bruder seiner Mutter), Ludolph Wolrath Arnold Brockhaus, Lector an dem
Gymnasium zu Soest (der sptere Pastor zu Meyerich, ein jngerer Bruder
seines Vaters) und Jungfrau Maria Elisabeth Davidis (vermuthlich eine
Schwester seiner Mutter).

Seine Jugendzeit verlebte er in Dortmund. Fr den Kaufmannsstand, zu
dem ihn sein Vater bestimmt hatte, zeigte er anfangs keine besondere
Neigung, dagegen von frhester Jugend an das lebhafteste Interesse
fr die Literatur. Sein Vater suchte diese Neigung auf alle Art zu
unterdrcken und stellte ihn deshalb, whrend er ihn das dortige
Gymnasium besuchen lie, in den Freistunden in seinem Verkaufsladen mit
an. Mit 16 Jahren, 1788, gab er ihn nach Dsseldorf in die Lehre zu
einem Kaufmanne Namens Friedrich Hoffmann, bei dem er die Handlung
erlernen sollte. Dieser Aufenthalt dauerte fnf bis sechs Jahre und
wurde von dem jungen Manne gut benutzt, soda ihn sein Principal trotz
seiner Jugend bald zu grern Handlungsreisen verwendete und ihm nach
und nach die wichtigsten Arbeiten bertrug. Derselbe scheint selbst
die Absicht gehabt zu haben, ihn zu seinem Compagnon zu machen, und
mit seiner Nichte, Maria Siebel, zu verheirathen; doch kam es zu einem
Zerwrfni zwischen Principal und Gehlfen, und Brockhaus verlie
infolge dessen seine Stellung in Dsseldorf.

Mit 21 Jahren, 1793, ins lterliche Haus nach Dortmund zurckgekehrt,
wo inzwischen (am 15. August 1789) seine von ihm stets hochverehrte
Mutter gestorben war, wurde er vom Vater wieder in dessen
Materialwaarenhandlung beschftigt, fand aber an dem Verkehr mit den
nach der Stadt kommenden Bauern, dem Abwiegen von Kaffee und Zucker
begreiflicherweise jetzt noch weniger Gefallen als frher. Er hatte auf
seinen Geschftsreisen weitere Gesichtspunkte erhalten, die ihm die
kleinbrgerlichen Verhltnisse seiner Vaterstadt und das Detailgeschft
seines Vaters verleideten; er fhlte, da ihm fr seinen knftigen Beruf
als Kaufmann -- denn mit diesem schien er sich jetzt doch ausgeshnt zu
haben -- noch Vieles fehle, was er in Dortmund nicht erlernen knne,
und bat deshalb den Vater, ihn in die Fremde ziehen zu lassen. Und
welchen Ort whlte er aus? Keinen andern als den Schauplatz seiner
sptern Hauptwirksamkeit als Buchhndler: Leipzig. Freilich dachte er
dabei wol nicht an den Mittelpunkt des deutschen Buchhandels, sondern
an die Handelsstadt, an die berhmten leipziger Messen, die auch von
den dortmunder Kaufleuten regelmig besucht wurden. Aber gewi hatte
Leipzig als Buchhndlerstadt fr ihn noch einen besondern Zauber, und
da dort zugleich eine Universitt war, fiel auch mit in die Wagschale.
Ja nach seinen eigenen Aeuerungen scheint es, da er geradezu die
Absicht hatte, auf der dortigen Universitt zu studiren. Der Vater
gab den Bitten des Sohnes nach. Vielleicht hatte er auch noch einen
besondern Grund, den Sohn fr einige Zeit aus Dortmund zu entfernen: ein
Liebesverhltni des Sohnes, das fast ein tragisches Ende genommen htte.

Als der einundzwanzigjhrige Jngling aus der dsseldorfer Lehre
zurckkehrte, traf er im lterlichen Hause eine Cousine aus dem
benachbarten Soest, die Tochter der an einen dortigen Kaufmann
verheiratheten Schwester seines Vaters, von dem Onkel zum lngern Besuch
eingeladen. Die beiden jungen Leute fanden aneinander Gefallen und
besonders schien der junge Mann, der unter seinen Altersgenossen durch
lebhaften Geist, hhere Bildung und Interesse an Kunst und Literatur
hervorragte und viel von Dsseldorf und seinen Reisen zu erzhlen
wute, einen tiefen Eindruck auf das Gemth des in den einfachsten
Verhltnissen aufgewachsenen Mdchens zu machen. Nach ihren eigenen
Erzhlungen in sptern Lebensjahren sprudelte er damals von Frohsinn
und Lebensmuth ber und hatte stets ein franzsisches Chanson auf der
Zunge. Sein Vater war natrlich der Ansicht, da der Sohn noch nicht
ans Heirathen denken drfe, und schritt energisch ein. Das Mdchen nahm
sich die Sache sehr zu Herzen: sie strzte sich aus Verzweiflung in
den offenen Brunnen auf dem dortmunder Markte! Glcklich gerettet und
zu ihren Aeltern nach Soest gebracht, zog sie sich bald tiefsinnig in
ein dortiges Frauenstift zurck; spter, nach Auflsung der Klster und
Stifter unter Napoleon's Herrschaft, trat sie inde ins brgerliche
Leben zurck und heirathete 1809 (also erst in reiferm Alter, 16 Jahre
nach dem Liebesverhltni mit dem jungen Vetter) einen Kaufmann in
Soest, wo sie 1843 starb. In ihrem Alter weilte sie immer gern bei
der Erinnerung an jene Zeit und erkundigte sich mit Interesse nach
allen Verhltnissen ihres verstorbenen Vetters. Wie auf diesen die vom
Vater getroffene Entscheidung, die Verzweiflungsthat des Mdchens und
ihr Schicksal eingewirkt, ist uns nicht bekannt. In sptern Jahren
erkundigte auch er sich oft nach seiner Cousine, ohne sie inde je
wiederzusehen.

       *       *       *       *       *

Im Sommer 1793 ging Brockhaus nach Leipzig und blieb dort fast
anderthalb Jahre, bis Ende 1794. Mit regem Eifer widmete er sich seiner
weitern Ausbildung: der Vervollkommnung in den neuern Sprachen sowie dem
Studium der allgemeinen Wissenschaften, obwol er unsers Wissens weder
in einem kaufmnnischen Geschft angestellt war, noch sich unter die
Studirenden aufnehmen lassen konnte. Von Professoren der Universitt,
deren Vorlesungen er gehrt, nennt er den Philosophen Ernst Platner,
den Mathematiker und Physiker Hindenburg und den Chemiker Eschenbach.
Auch an dem literarischen und buchhndlerischen Leben Leipzigs nahm
er das lebhafteste Interesse. Sehr oft besuchte er unter anderm die
Khler'sche Buchhandlung, mit deren Besitzer er durch die mit diesem
nahe befreundete dortmunder Familie Varnhagen in Berhrung gekommen war,
fleiig die neu erschienenen Bcher durchmusternd.

Nur ein einziger Brief von ihm ist aus dieser Zeit erhalten, der aber
ein um so merkwrdigeres Actenstck bildet. Es ist dies ein frmlicher
Verlagsantrag des noch nicht ganz 22 Jahre zhlenden jungen Kaufmanns
und Studenten an eine angesehene leipziger Verlagshandlung. Und da
dieser Verlagsantrag kein bloes Project war, auch keine Gedichtsammlung
oder kein Drama, wie sie mancher junge Mann dem Buchhndler als
Erstlingswerk anbietet, sondern ein greres ernstes Werk betraf, geht
daraus hervor, da er dem Briefe einen vollstndigen Plan des auf 20
Druckbogen berechneten Buchs in Form eines Prospectus und sogar einen
Theil des fertigen Manuscripts hinzufgt!

Der Brief lautet wrtlich folgendermaen:

                An die Herren Vo und Comp.

        Meine Herren!

  Aus dem auf der andern Seite folgenden Prospectus werden Sie den
  Plan und aus den beifolgenden acht Bogen Manuscript die Behandlung
  eines Buchs sehen, das ich diese Ostermesse -- etwa 20 Bogen in 8.
  stark -- herausgeben mchte.

  Ich biete es Ihnen zum Verlag an; mu Sie aber ersuchen, mir bis
  morgen Ihre Entscheidung darber zukommen zu lassen; -- sollten Sie
  mndlich mit mir darber sprechen wollen, so wird mir Ihr Besuch
  morgen frh in der Zeit von 10-12 Uhr sehr angenehm sein.

  Den 3. Mrz 1794.          Ihr ergebener Diener
                               F. A. Brockhaus.

                             Wohnt in Nr. 75 im Hay'schen
                             Hause auf der Petersstrae bei dem
                             Friseur Dieterich.

Die hier erwhnte andere Seite dieses Briefs mit dem Plan des Werks
findet sich leider in dem Archiv der noch jetzt bestehenden Buchhandlung
(die den Brief erst vor einigen Jahren auffand und der Firma F. A.
Brockhaus freundlich berlie) ebenso wenig, als die acht Bogen des
vermuthlich Manuscript gebliebenen Manuscripts vorhanden sind; wir
wrden daraus wenigstens ersehen haben, auf welche Gegenstnde die
Studien des jungen Autors in Leipzig vorzugsweise gerichtet waren.
Vermuthlich ist ihm von Herrn Vo Beides zurckgegeben worden, und
wahrscheinlich im Comptoir der Buchhandlung, nicht in seiner Wohnung,
wohin er naiverweise seinen knftigen Verleger bestellt hatte.
Ueberhaupt ist der Ton des Briefs, die Sicherheit des Auftretens, das
Verlangen einer Entscheidung bis morgen, die kurze geschftsmige
Form charakteristisch fr den Briefschreiber. Derselbe mochte damals
nicht ahnen (wie es in der Festrede von Heinrich Brockhaus beim
funfzigjhrigen Jubilum der Firma F. A. Brockhaus heit), da er
selbst und eine von ihm gegrndete Buchhandlung im Laufe der Zeiten
selbst so viele Verlagsantrge anzunehmen und -- abzulehnen haben wrde.

In Leipzig knpfte er mit dem Vertreter eines Hauses in Manchester an
und wurde von diesem gegen Ende 1794 engagirt, einer in Livorno zu
errichtenden Filiale jenes Hauses vorzustehen. In Amsterdam sollte er
mit dem Englnder zusammentreffen und zuvor wollte er nur seinen Vater
in Dortmund begren. Da brach der Krieg zwischen Frankreich und Italien
aus und das englische Haus vertagte seinen Plan auf gnstigere Zeiten.
Ein Anerbieten desselben, inzwischen eine Stelle auf dem Comptoir
in Manchester anzunehmen, lehnte er ab und beschlo, vorlufig in
Dortmund zu bleiben. Er etablirte sich auch bald darauf selbstndig als
Kaufmann, zuerst in Dortmund, dann in Arnheim und endlich in Amsterdam.
Diese kaufmnnische Wirksamkeit umfat die Jahre 1796-1805, also sein
dreiundzwanzigstes bis dreiunddreiigstes Lebensjahr.

       *       *       *       *       *

Brockhaus errichtete in Dortmund ein En-gros-Geschft in englischen
Manufacturen, besonders groben Wollenstoffen, und verband sich dazu
mit einem Freunde, Wilhelm Mallinckrodt; Beide nahmen bald darauf
noch einen dritten jungen Dortmunder, Gottfried Wilhelm Hiltrop,
zum Associ an, und so wurde zwischen ihnen am 15. September 1796
ein Societtsvertrag abgeschlossen. Ihr Geschft unter der Firma:
Brockhaus, Mallinckrodt und Hiltrop, nahm bald den erfreulichsten
Aufschwung; Brockhaus leitete das Comptoirgeschft, Mallinckrodt machte
die Reisen und hatte das Waarenlager unter sich, whrend Hiltrop von
Anfang an nur eine untergeordnete Rolle spielte. Bald beschlossen denn
auch die beiden Freunde, sich von Hiltrop, den sie wesentlich seines
bedeutenden Vermgens halber zum Associ genommen hatten, wieder zu
trennen, zumal er ihnen seines unvertrglichen Charakters wegen lstig
geworden war. Sie kndigten ihm im Jahre 1798, zahlten ihm seinen
Antheil heraus und zeichneten ihre Firma nunmehr, vom 1. Januar 1799
an: Brockhaus und Mallinckrodt; Hiltrop grndete ein eigenes Geschft
gleicher Art in Dortmund. Bald darauf errichteten sie ein zweites
Haus in Arnheim unter der Firma: Mallinckrodt und Compagnie, und
Mallinckrodt zog zu dessen Leitung im Jahre 1801 nach Arnheim, whrend
Brockhaus in Dortmund verblieb. Das Haus in Arnheim war besonders
deshalb gegrndet worden, weil der Hauptabsatz des dortmunder Geschfts
nach Holland stattfand. Ihr Geschft nahm einen immer grern Umfang an
und die beiden jungen Kaufleute erwarben in wenig Jahren ein bedeutendes
Vermgen.

In diese Zeit fllt Beider Verheirathung. Brockhaus vermhlte sich am
30. September 1798 mit der Tochter eines der angesehensten dortmunder
Patricier, des Senators und Professors Johann Friedrich Beurhaus: Sophie
Wilhelmine Arnoldine, geb. 24. December 1777; Mallinckrodt mit einer
Freundin derselben. Brockhaus nannte spter die ersten drei Jahre seiner
Ehe (1798-1800) die glcklichsten seines Lebens. Am 17. Juli 1799 wurde
ihm sein erstes Kind geboren: eine Tochter, Auguste; am 23. September
1800 sein erster Sohn: Friedrich.

Dieses Glck sollte aber nicht lange dauern und die Veranlassung dazu
bildete der frhere Associ Beider, Hiltrop, obwol derselbe, als ein
Verwandter der Familie Beurhaus, mit Brockhaus verwandt geworden war und
spter sogar sein Schwager wurde, indem er Elisabeth Beurhaus, eine
Schwester von Brockhaus' Frau, heirathete. Aus einer geschftlichen
Angelegenheit entwickelten sich bald Verhltnisse der unangenehmsten
Art, die zunchst auf Brockhaus' ueres Leben entscheidenden Einflu
bten. Sie wurden die Ursache, da er Dortmund verlie und nach Holland
zog, ja selbst, da er sich dort spter dem Buchhandel widmete, dem er
sich bei seinem Verbleiben in Dortmund schwerlich zugewendet haben wrde.

Brockhaus wurde nebst seinem Associ Mallinckrodt von Hiltrop in einen
Proce verwickelt, der unter den Fehden und Anfechtungen, an denen sein
Leben reich war, eine der hervorragendsten Stellen einnimmt und ihn mit
krzern oder lngern Unterbrechungen bis an sein Lebensende verfolgte.
Da der Proce in dieser Zeit seinen Ursprung hat und mit ihm die
nchsten Lebensschicksale von Brockhaus verknpft sind, so mssen wir
denselben jetzt im Zusammenhange erzhlen, wenn dadurch auch der Zeit
mehrfach vorgegriffen wird.




                       3.

            Der Hiltrop'sche Proce.


Die beste Grundlage zu einer Schilderung dieses Processes, dessen
vollstndige Darstellung in vieler Hinsicht interessant wre, hier aber
zu weit fhren wrde, bietet eine von Brockhaus kaum ein Jahr vor seinem
Tode veranstaltete und als Manuscript gedruckte Sammlung der darauf
bezglichen wichtigsten Actenstcke, die sowol seine eigenen Eingaben
als die ergangenen Urtel, Gutachten u. s. w. enthlt und somit ein
unparteiisches Urtheil ermglicht.[7]

Der Ursprung des Processes und sein erster Verlauf war in Krze
folgender.

Im October 1799 fallirte das Bankhaus Simon Moritz Bethmann in London,
mit dem sowol Hiltrop als die Firma Brockhaus & Mallinckrodt in
Geschftsverbindung (Wechselgeschften) standen. Hiltrop hatte an
Bethmann vom April bis September 1799 circa 2800 Pfd. St. remittirt und
dagegen Fabrikanten und Kaufleute im Innern von England angewiesen, fr
Waaren, die sie ihm lieferten, auf Bethmann zu ziehen. Mehrere solche
Wechsel waren auch gezogen und bezahlt worden, Hiltrop's Guthaben an
Bethmann betrug aber bei Ausbruch des Concurses noch 1806 Pfd. St.
Die Firma Brockhaus & Mallinckrodt, welche ebenfalls in einem lngern
Geschftsverkehr mit Bethmann gestanden hatte, schuldete dagegen diesem
Hause eine Summe von 2204 Pfd. St., die sich aber auf 774 Pfd. St.
reducirte, da Bethmann ihnen mehrere Wechsel im Betrage von zusammen
1429 Pfd. St. zurckgegeben oder sie von den daraus entstandenen
Verbindlichkeiten gegen die Masse von W. L. Popert u. Comp. in Hamburg
(die in der damaligen allgemeinen Handelskrisis ebenfalls fallirten)
liberirt hatte. Brockhaus & Mallinckrodt gaben Hiltrop aus freien
Stcken Kenntni von diesem Stande ihrer Rechnung mit Bethmann, um
ihm dadurch zur Rettung eines Theils seines Verlustes behlflich zu
sein. Hiltrop benutzte dies aber, um sofort unterm 25. November 1799
auf die Forderung der Bethmann'schen Masse an Brockhaus & Mallinckrodt
gerichtlich Arrest legen zu lassen. Der Magistrat zu Dortmund besttigte
diese Maregel.

Brockhaus & Mallinckrodt appellirten hiergegen an die hhern
Reichsgerichte, besonders aus Rcksicht auf Bethmann in London, da
diesem z. B. nur sechs Wochen Zeit zu Einreden gegeben wurde, whrend in
dem damaligen harten Winter von 1799 auf 1800 der Postenlauf zwischen
Cuxhaven und Harwich mehrere Monate lang unterbrochen war. Auerdem
waren sie inzwischen von der Firma Gebrder Bethmann in Frankfurt a. M.
(Verwandte des londoner Hauses) beauftragt worden, eine Forderung an
Hiltrop im Betrage von 8000 Thlr. frankfurter Wechselgeld (10000 Thlr.
Berg. Courant) einzukassiren, und diese Forderung war ihnen selbst
zu diesem Zweck cedirt worden: gewi ein Beweis groen Vertrauens zu
der jungen Firma von seiten jenes groen Hauses. Infolge alles dessen
entschlo sich Hiltrop, der trotz seines frhern groen Vermgens
infolge seiner geschftlichen Unfhigkeit rasch in finanzielle
Verlegenheiten gerathen war und auch von andern Glubigern hart
bedrngt wurde, zu einem gtlichen Vergleich, der durch Vermittelung
des gemeinschaftlichen Schwagers von Hiltrop und Brockhaus, Erbsa
(spter Justizcommissar) Heinrich Beurhaus zu Dortmund, unterm 24.
April 1800 abgeschlossen wurde. Danach sollte der Proce von Gebrder
Bethmann in Frankfurt gegen Hiltrop bis zur Erledigung des Processes von
Hiltrop gegen Bethmann in London sistirt werden, Hiltrop von Brockhaus
ein Darlehn von 1200 Pfd. St., das er ebenfalls erst nach Austrag
dieser Sache zurckerstatten sollte, empfangen, Letzterm dagegen (resp.
Beurhaus) seine Forderung an Bethmann in London cediren und fr den Rest
seiner Schuld bei Gebrder Bethmann in Frankfurt Waaren an Zahlungsstatt
geben, auch sein Conto-Corrent mit Bethmann in London als richtig
anerkennen.

Schon fnf Monate nach Abschlu dieses Vergleichs machte inde Hiltrop
den Versuch, denselben umzustoen, und zwar wieder auf eine ihm von
Brockhaus vertraulich gemachte Mittheilung hin: da die Bethmann'schen
Massecuratoren in London jenen Vergleich nicht genehmigen wollten. Er
fand an dem gegen Brockhaus sehr feindselig gesinnten Brgermeister
Schffer in Dortmund einen bereitwilligen Helfer, der bei dem traurigen
Zustand der damaligen reichsstdtischen Verfassung eigenmchtig
verfahren konnte; durch ihn erreichte er, da sein wiederholtes
Arrestgesuch vom 15. September 1800 genehmigt und das Waarenlager von
Brockhaus & Mallinckrodt (das einen Werth von mindestens 100000 Thlr.
hatte) mit Arrest belegt und versiegelt wurde. Da alle Remonstrationen
gegen diese, wie Brockhaus sich ausdrckt, frchterlichen, im hchsten
Grade ungerechten Maregeln, die den brgerlichen Ruin der Beklagten
augenblicklich nach sich ziehen muten, erfolglos blieben, so
wendeten sich letztere an die hchsten Reichsgerichte um Schutz gegen
Unterdrckung und forderten Genugthuung sowie Schadenersatz. Da schien
endlich Hiltrop sein Unrecht einzusehen; er bat um Verzeihung fr sein
krnkendes und bereiltes Betragen und versprach, in Zukunft nur in
dem ordentlichen Wege Rechtens gegen die Beklagten vorzugehen.

Das Verdienst, dieses Resultat herbeigefhrt zu haben, durch welches die
Angelegenheit wenigstens ihren gehssigen Charakter verlor, gebhrt
Hiltrop's Frau, Elisabeth, einer Schwester von Brockhaus' Frau. Sie
wandte sich direct an Brockhaus, den von ihrem Manne so vielfach und
so empfindlich Gekrnkten, und bat ihn, das Verfahren ihres Mannes zu
entschuldigen: gewi ebenso ein Zeichen ihres richtigen Gefhls als
Frau, wie der wahren Achtung und des vollen Vertrauens, das sie zu ihrem
Schwager als einem Ehrenmanne hatte.

Sie schreibt in diesem Briefe, dessen Datum uns nicht bekannt ist:

  Brockhaus! Brockhaus! Ich fordere Sie auf, mich anzuhren. Sehen
  Sie, mein Herz ist voll trben Gedenkens ber eine Geschichte,
  welche nie htte geschehen mssen, und ich wei mich an Niemand
  sicherer zu wenden als an Sie selbst. Sie beurtheilen die Sache gewi
  richtig, davon bin ich berzeugt, und ich wei auch, da Sie glauben:
  Uebereilung ist kein Verbrechen. Dieses hat sich Hiltrop zu Schulden
  kommen lassen .... Brockhaus, Brockhaus, ich ahndete nichts von Allem,
  was geschehen ist, und flehe ich zu Ihnen, mich und mein armes Kind
  nicht unglcklich zu machen, da dieses doch jetzt nur einzig von Ihnen
  abhngt. Verzeihen Sie Hiltrop, der sich hat bereden lassen und leider
  jetzt mit Schaden einsehen mu, wie wenig man Leuten trauen darf. Es
  thut ihm auch fr mich leid und er glaubt es sich nicht vergeben zu
  knnen, mir solche Unruhe zu machen, und hat mir deswegen gesagt,
  ich knnte die Sache ganz nach meinem Wunsche einrichten. Theurer
  Brockhaus, mein Herz will keine Feindschaft gegen Sie und Sophie, die
  immer mehr meine Freundin als Schwester war. Jetzt, ich wei es, sind
  Sie aufgebracht gegen Hiltrop und ber sonstiges Verfahren und wollen
  die Sache nach Wetzlar berichten. Brockhaus, Gott! dieses knnen und
  werden Sie nicht wollen. Lassen Sie Vergebung ber Ihren gerechten
  Zorn siegen! Denken Sie, da es Uebereilung ist, welches mein armes
  Mdchen noch so schwer ben sollte; geben Sie mir Ihre Hand darauf,
  so nicht zu verfahren, und im voraus danke ich Ihnen fr Ihre Gte.
  Da es Gte ist, bin ich fhig zu fhlen ....

Brockhaus erfllte die Bitte seiner Schwgerin; er verzichtete auf
Genugthuung und Schadenersatz, wogegen Hiltrop am 3. October 1801 auf
Cassation aller Maregeln gegen die Firma Brockhaus & Mallinckrodt beim
dortmunder Magistrat antrug, whrend der Proce selbst seinen Fortgang
hatte.

Indessen war Brockhaus der Aufenthalt in Dortmund durch die widrigen
Erlebnisse der beiden letzten Jahre so verleidet worden, da er mit
dem Gedanken umging, das dortmunder Geschft ganz aufzulsen und zu
Mallinckrodt nach Arnheim zu ziehen. Er hatte deshalb schon im Sommer
des Jahres 1801 eine Reise nach Holland gemacht, und als er im August
von dort zurckkehrte, verbreitete sich in Dortmund das Gercht, da
er die Stadt verlassen und nach Holland bersiedeln wolle. Die Sache
war damals inde nur ein Project, das, wie Brockhaus selbst sagt,
wahrscheinlich nie wre ausgefhrt worden. Hiltrop wurde aber gerade
dadurch veranlat, seinen Arrestantrag zu wiederholen, Brockhaus mute
eine bedeutende Caution stellen und wurde selbst persnlich verhaftet.
Dies veranlate ihn, sein Vorhaben wirklich auszufhren. Er verlie
seine Vaterstadt und zog noch im Sptherbst 1801 nach Arnheim, der
am Rhein (Leck) gelegenen Hauptstadt der Provinz Geldern, wo er mit
Mallinckrodt bereits ein Jahr vorher ein Haus errichtet hatte.

       *       *       *       *       *

Arnheim bildete brigens blos einen kurzen Durchgangspunkt fr ihn. Die
Hauptstadt und erste Handelsstadt Hollands, Amsterdam, schien ihm ein
geeigneterer Wirkungskreis fr seine Handelsspeculationen, besonders
seinen Verkehr mit England, und so zog er schon im Winter von 1801 auf
1802 dorthin. Vorher trennte er sich geschftlich von Mallinckrodt, um
sein Glck allein weiter zu versuchen, und auch wol, weil Mallinckrodt
ihm die durch Hiltrop verschuldete Strung ihres Geschfts zum Vorwurf
machte. Mallinckrodt blieb in Arnheim zurck und setzte das bisherige
Geschft allein fort, scheint aber seinen Associ, der ihn jedenfalls
geistig bedeutend berragte, sehr vermit zu haben. Er bewahrte fr
diesen stets regstes Interesse und vollste Hochachtung und besuchte ihn
spter in Leipzig. Durch Hiltrop's fortgesetzte Machinationen scheint
er mehr noch als Brockhaus gelitten zu haben und dadurch in seinem
Geschfte wesentlich gestrt worden zu sein. Hiltrop ging inde erst
in spterer Zeit, 1815, direct und separat gegen Mallinckrodt vor, als
er in seinem Verfahren gegen Brockhaus nichts erreichen konnte. Er
brachte es im Sommer 1822 bis zur Execution gegen Mallinckrodt, gewann
dadurch aber nichts, da die hypothekarischen Glubiger desselben den
Ertrag der auf diese Weise verkauften Mallinckrodt'schen Grundstcke,
Waaren und Mobilien vllig in Anspruch nahmen. So hatte Hiltrop die
traurige Genugthuung erlebt, wenigstens den einen der von ihm Verfolgten
geschftlich und brgerlich ruiniert zu haben, whrend Brockhaus' reger
Geist sich bald andern Bahnen zuwandte, auf denen ihn Hiltrop zwar
stren, aber nicht, wie es seine Absicht war, ebenfalls ruiniren konnte.

Denn allerdings lie Hiltrop nicht nach in seinem Vorgehen gegen
Brockhaus, das er, nachdem seine eigene brgerliche und geschftliche
Stellung dadurch empfindlich gelitten hatte, zum alleinigen traurigen
Geschft seines Lebens gemacht zu haben scheint. Wir mssen deshalb
hier wieder anknpfen an den oben geschilderten ersten Verlauf dieses
Processes und die weitern Stadien desselben vorfhren.

       *       *       *       *       *

Trotz der durch Hiltrop's Frau in so richtigem Gefhle angestrebten
Ausshnung und Hiltrop's Selbstdemthigung war der Proce ber die
Gltigkeit des am 24. April 1800 abgeschlossenen Vergleichs in Dortmund
anhngig geblieben, whrend Mallinckrodt und Brockhaus seitdem in
Arnheim und Amsterdam lebten. Die Acten sollten verschickt sein, waren
aber von der dortmunder Behrde verloren worden! Erst im August 1805
wurden sie aus den Manualacten der Sachwalter wieder nothdrftig ergnzt
und am 19. Juli 1806 erfolgte ein Rechtsspruch der gttinger Facultt,
in welchem dem Klger der Beweis, da dem Verfahren der Beklagten gegen
ihn ein Betrug(!) zu Grunde liege, nachgelassen wurde. Hiltrop trat
die brigen ihm auferlegten Beweise an; der Sachwalter der Beklagten,
obwol sonst ein geschickter Jurist, wute sich in diese kaufmnnischen
Verhltnisse nicht zu finden und bergab einen durchaus verfehlten
Gegenbeweis, doch hatten die Beklagten selbst ein Promemoria darber
entworfen. Unterm 16. November 1809 wurde das den Beklagten ungnstige
erste Urtheil seitens der herzoglich bergischen Regierung gefllt,
verfat von dem Oberbergrichter Blling in Essen. Es nahm den Beweis
fr gefhrt an und verurtheilte die Beklagten, an Hiltrop 606 Pfd.
St. nebst Zinsen und Procekosten zu zahlen. Gegen dieses Erkenntni
appellirten Brockhaus und Mallinckrodt und lieen eine von Brockhaus
selbst verfate Rechtfertigung dieser Appellation unterm 28. Februar
1810 (in Amsterdam) fr ihre Freunde drucken. Sie belegten durch
zwei Parere, von der Kaufmannschaft zu Leipzig (vom 6. April 1800,
verfat vom Kramerconsulent _Dr._ Bahrt) und von der Kaufmannschaft
zu Elberfeld (vom November 1801, verfat von dem Syndikus derselben,
_Dr._ Brninghaus), da ihr Verfahren der Lage der Sache und dem
kaufmnnischen Geschftsgange durchaus angemessen gewesen sei. Spter
erfolgten noch zwei Gutachten, welche sie ebenfalls von dem frivolen
Vorwurfe eines Betrugs vollkommen freisprachen: das eine von dem
Professor _Dr._ Dabelow in Halle, spter in Dorpat, datirt Leipzig, 16.
Juli 1810, das andere von der Juristenfacultt zu Halle vom Januar 1813.
Dennoch wurde von dem neuerrichteten bergischen Appellationsgerichtshofe
zu Dsseldorf unterm 24. November 1813 das Erkenntni erster Instanz
lediglich besttigt. Dieses Urtheil kam jedoch nie zur Vollstreckung,
vielleicht infolge der eingetretenen politischen Ereignisse; es wurde
sogar dem inzwischen von Amsterdam nach Altenburg und spter nach
Leipzig bergesiedelten Brockhaus gar nicht publicirt, wie durch eine
Bescheinigung der herzoglich schsischen Landesregierung zu Altenburg
vom 16. Mrz 1822 ausdrcklich beglaubigt wird.

Hiltrop beruhigte sich aber nicht und reichte nach Verlauf mehrerer
Jahre, am 17. August 1819, eine neue Klage gegen Brockhaus ein. Damit
beginnt das dritte und letzte Stadium dieses langwierigen Processes.
Das kniglich preuische Oberlandesgericht zu Hamm besttigte durch
ein Erkenntni vom 5. Januar 1822 die fr den Beklagten ungnstigen
Urtheile von 1809 und 1813, whrend es unterm 30. Mrz 1822 eine von
Brockhaus gegen einen Arrest auf ein Erbtheil seiner minorennen Kinder
erhobene Klage im wesentlichen zu seinen Gunsten entschied. Gegen
diese Erkenntnisse, insbesondere das erste, appellirte Brockhaus. Er
verfate fr den Justizcommissar Cappel in Hamm selbst eine ausfhrliche
Instruction (worin er unter anderm sagt, da diese Erkenntnisse sich
ebenso wenig mit den anerkanntesten Stzen des Vlkerrechts als mit dem
Geiste der preuischen Procegesetzgebung, diesem Meisterstcke einer
legislativen Weisheit, vereinbaren lassen) und lie die obenerwhnte
Sammlung von eilf Actenstcken fr das Gericht und fr seine Freunde
drucken (das Vorwort dazu ist aus Leipzig vom 1. Juli 1822 datirt).
Inde bettigte der zweite Senat des Oberlandesgerichts zu Mnster
unterm 28. September 1822 lediglich die frhern Erkenntnisse. Brockhaus
gab sich aber noch immer nicht fr besiegt, obwol er damals eben eine
lebensgefhrliche Krankheit berstanden hatte, deren Wiederholung er
kaum ein Jahr darauf erlag: er ergriff das letzte Mittel, das ihm
brigblieb, und wandte sich an das Geheime Obertribunal zu Berlin mit
der Bitte um Cassation, resp. Revision des Erkenntnisses von 1813.
In dem von ihm selbst wieder verfaten Revisionsbericht (der kein
Datum hat, aber jedenfalls noch im Sptherbst 1822 geschrieben ist)
betont er, da ihn zu diesem Antrage auer dem bedeutenden Objecte des
Processes (zuletzt gegen 10000 Thlr.) besonders der Umstand bestimme,
wegen eines vermeintlichen Betrugs und infolge eines irrigerweise fr
rechtskrftig angenommenen Erkenntnisses verurtheilt zu werden.

Noch ehe die Antwort von Berlin erfolgt war, starb Brockhaus. Erst
mehrere Jahre nach seinem Tode (1828) wurde der Proce endlich von
seinen Erben durch einen Vergleich mit Hiltrop beendigt; letzterer starb
am 2. April 1845.

Das Urtheil des Geheimen Obertribunals in Berlin vom 2. April 1824
hatte die frhern Erkenntnisse besttigt, doch war den Stadtgerichten
zu Leipzig durch ein allerhchstes Rescript der kniglich schsischen
Landesregierung zu Dresden vom 23. October 1824 die Befolgung der
betreffenden Requisitionen untersagt worden. Hiltrop ruhte trotzdem noch
immer nicht, und um ihr in Preuen befindliches Eigenthum vor ihm zu
schtzen, sah sich die Firma F. A. Brockhaus veranlat, ihre Rechnung
mit den preuischen Buchhandlungen in der Zeit vom 15. November 1824 bis
21. November 1828 unter der Firma Literatur-Comptoir in Altenburg
_L^a B_ zu fhren, wozu der mit ihr seit langem befreundete Besitzer
dieser Firma, Johann Friedrich Pierer in Altenburg, bereitwillig die Hand
bot.

Dieser Proce mute hier, obwol er Brockhaus' Hauptthtigkeit, die
buchhndlerische, nicht berhrt, ausfhrlicher dargestellt werden, weil
er ihn whrend seines ganzen Lebens beschftigte und von ihm persnlich
mit der grten Energie und Ausdauer betrieben wurde. Es war in der
That, wie er sich selbst spter ausdrckte, der blutige Faden, der
sich durch sein ganzes Leben hindurchzog und auf dasselbe mehrfach
entscheidend einwirkte: er hatte die Familie entzweit (obwol selbst
fast alle Verwandten Hiltrop's auf Brockhaus' Seite traten und dessen
Verfahren misbilligten); er hatte ihn aus seiner Vaterstadt vertrieben
und war die Veranlassung, da er diese nur noch einmal (1811) besuchte;
er verfolgte ihn berallhin: nach Amsterdam, Altenburg und Leipzig, und
nthigte ihn gerade auch in den, durch andere Aufregungen ihm schon
so verbitterten, letzten Jahren seines Lebens zu eigener aufreibender
Thtigkeit.

Die Frage liegt hier nahe, ob denn im Laufe der 22 Jahre, die dieser
Proce dauerte, nie Versuche zu Vergleichen gemacht worden seien.
Allerdings ist das geschehen und zwar -- zur Ehre und Rechtfertigung
von Brockhaus mu dies hervorgehoben werden -- insbesondere von seiner
Seite, jedoch, wie er selbst sagt, von diesem einzig und allein nur
aus #dem# Grunde, da er gewnscht hat, Ruhe zu gewinnen und sich von
dem Odisen, was mit der Fhrung eines solchen Processes berhaupt
und besonders in weiten Entfernungen verbunden ist, vllig befreit zu
sehen: nie aber, da er durch einen Vergleich habe anerkennen wollen,
als ob seitens Brockhaus und Mallinckrodt je etwas in dieser Sache
geschehen, was auf irgendeine Weise gegen kaufmnnische Sitte und
Ehre und gegen kaufmnnische Ordnung oder gegen kaufmnnisches Recht
gewesen. Abgesehen von dem unterm 24. April 1800 abgeschlossenen,
aber bald wieder von Hiltrop umgestoenen Vergleiche sowie davon, da
Brockhaus, wie frher berichtet, auf die Bitte von Hiltrop's Frau die
Klage gegen diesen beim Reichskammergericht in Wetzlar unterlie, bot er
1816 oder 1817 Hiltrop zur Niederschlagung alles Zwistes eine jhrliche
Rente von 200 Thlr. an, die nach seinem Tode auf seine Kinder bis zur
Volljhrigkeit des jngsten bergehen solle. Und als Hiltrop dies
ablehnte, wollte sich Brockhaus 1821 selbst zur terminlichen Zahlung von
4000 Thlr. verstehen, einer Summe, die das, was Hiltrop ursprnglich
an Bethmann in London verloren, bedeutend berstieg. Aber auch dieses
Anerbieten war von Hiltrop unangenommen und sogar unbeachtet geblieben.
Selbst noch 1822 erklrte er sich bereit, wesentliche, wenn auch bei
vernderter und gnstigerer Lage der Sache nicht mehr so bedeutende
Opfer zu bringen, wenn ihm dazu auf angemessene Weise die Hand geboten
wrde und der Gegner damit nicht zu lange warte. So kann Brockhaus
sicherlich nicht der Vorwurf der Unvershnlichkeit, Streitsucht oder
Rechthaberei gemacht werden. Eher knnte man ihn deshalb tadeln, da
er, zunchst aus Theilnahme fr seinen frhern Associ Hiltrop und um
diesen vor einem Verlust zu bewahren, sich in eine ihm ganz fremde
Angelegenheit gemischt und dann im Anfange des Processes dem Gegner
mehrfach selbst die Waffen gegen sich geliefert habe; er fhlte dies
auch selbst und that in dieser Beziehung die fr ihn charakteristische,
aber gewi nur ehrenvolle Aeuerung: es sei dies von seiner und
Mallinckrodt's Seite besonders geschehen aus Ueberspanntheit, da wir
die Welt noch nicht nahmen, wie sie ist, sondern wie sie sein sollte,
und die wir damals noch so einfltig waren, zu glauben, als ernte man
von dem Haufen der Menschen fr groe und rechtschaffene Handlungen Dank
ein.

Der Hiltrop'sche Proce hat brigens, wie aus Vorstehendem wol
hervorgegangen sein drfte, auer dem persnlichen auch ein
mannichfaltiges allgemeineres Interesse, und es mgen deshalb zum
Schlu einige Stellen aus der mehrerwhnten Schrift folgen, die
Brockhaus ber den Proce 1822 zusammenstellte, in der Hoffnung, da
sie dem Sachkenner gengen werden, um sich ber den Charakter der
darin handelnden Personen und ber die Natur der stattgefundenen und
obschwebenden Verhltnisse zu orientiren.

In treffendster Weise, mit scharfem Verstande, klarem weitblickenden
Geiste und in prgnantem Stile charakterisirt er den Proce und sein
Verhalten in demselben mit folgenden Worten:

  Bei einem Processe, der fast ein Vierteljahrhundert unter #vier#
  verschiedenen Gesetzgebungen und Gerichtsformen gefhrt worden ist
  und in welchem mehrere der Sachwalter die Sache selbst gar nicht
  begriffen haben, luft die Wahrheit am Ende Gefahr, unter der Masse
  der stattgefundenen Verhandlungen und angehuften Actenste vllig
  erdrckt oder erstickt zu werden, soda es die grte Noth thut,
  das Wichtige und Wesentliche von dem Unwichtigen und Unwesentlichen
  zu scheiden, um dem knftigen Referenten und endlichen Richter die
  Uebersicht und Beurtheilung zu erleichtern oder gar -- nur mglich zu
  machen. Ohnehin haben die bloen Juristen in Stdten und Gegenden,
  wo kein groer Handelsverkehr ist, in der Beurtheilung verwickelter
  kaufmnnischer Verhltnisse hherer Art selten groe Strke und
  gerathen nur gar zu leicht auf Abwege, die von der Wahrheit entfernen.
  Ich erinnere hier an die Verhandlungen im Fonk'schen Processe ber
  dessen Handlungsbcher und Berechnungen ....

  Der Proce (Hiltrop) ist interessant durch den Wechsel der Gesetze
  und gerichtlichen Formen, unter deren Herrschaft er gefhrt wurde.
  Er begann zu einer Zeit, wo Dortmund noch als Freie Stadt dem
  Deutschen Reiche angehrte; er wurde fortgesetzt unter der frstlich
  nassau-oranischen Regierung, unter der Herrschaft der franzsischen
  Gesetze, welche im Jahre 1811 im Groherzogthum Berg in Kraft getreten
  waren; er ist wieder aufgenommen unter der jetzigen kniglich
  preuischen Regierung und wird jetzt nach preuischen Rechten und
  Formen verhandelt. Es ist fr das Interesse der Rechtswissenschaft
  von groer Wichtigkeit, die Verhltnisse dieser verschiedenen
  Gesetzgebungen in ihrer Wechselwirkung und vorzglich zu dem Zwecke
  zu betrachten, um die Bedingungen und Grenzen der Rechtskraft und
  Vollstreckbarkeit richtig zu bezeichnen.

  Er ist interessant durch die kaufmnnischen Verhltnisse, welche
  ihm zu Grunde liegen, deren Combinationen sich die Richter der ersten
  und zweiten Instanz durchaus nicht klar zu machen vermocht haben, so
  einfach sie auch jedem Sachkundigen erscheinen mssen.

  Er hat endlich in dem neuesten Abschnitte noch eine allgemeine
  Wichtigkeit durch die vlkerrechtliche Frage gewonnen, inwiefern
  ein kniglich preuischer Staatsbrger einen entfernten Auslnder
  zwingen kann, vor den kniglich preuischen Gerichten sich als
  Beklagter zu stellen und den Vortheil aufzugeben, welcher mit der
  Verhandlung der Sache vor seinem ordentlichen Richter, in gewohnten
  Formen, nach bekannten Rechten, fr ihn verknpft ist. In der That
  wrden die von dem kniglichen Oberlandesgericht zu Hamm in erster
  Instanz hierber aufgestellten Grundstze alle Auslnder, welche in
  Preuen Geschfte treiben, und alle benachbarten Regierungen zur
  besondern Aufmerksamkeit und zu abweichenden Maregeln verpflichten.
  Diese wichtige vlkerrechtliche Frage macht in der jetzigen Lage der
  Sache den Hauptpunkt des Streites aus. Der Gang der Sache ist nmlich
  folgender ....

  So liegt die Sache in diesem Augenblicke; einfach an sich in jedem
  ihrer Abschnitte, so verworren auch der erste Anblick derselben sein
  mag. Zunchst dreht sie sich fast nur um Formalien, um Gerichtsstand
  und Rechtskraft. Man ist nur zu sehr geneigt, auf denjenigen, welcher
  mit der bloen Form ficht, den Verdacht eines Bewutseins des Unrechts
  in der Sache fallen zu lassen, und daher war dem Beklagten an nichts
  mehr gelegen als daran, zu zeigen, da er sich gegen die Form nur im
  Vertheidigungsstande befindet, nicht aber sie zur Schutzwehr einer
  Ungerechtigkeit gebraucht. Man hat es ihm vielleicht verbelt, da er
  die Entscheidung eines kniglich preuischen Gerichtshofs so eifrig
  abzulehnen bemht ist; allein man wrde dabei aus den Augen gesetzt
  haben, welchen groen Werth es fr einen Jeden hat, nur von seinem
  ordentlichen heimischen Gerichte nach bekannten Gesetzen und Formen
  gerichtet zu werden. Wer irgend eine Erfahrung in dieser Art gemacht
  hat, der vermag die groen Nachtheile zu wrdigen, mit welchen schon
  die bloe Entfernung den Betrieb eines Rechtsstreites umgibt.

  Man wird es unter diesen besondern Umstnden dem Beklagten nicht
  verargen, wenn er durch den gegenwrtigen Abdruck der wichtigsten
  Actenstcke seines Processes sowol fr das Urtheil seiner Richter als
  fr die Meinung seiner Freunde (fr das grere Publikum sind diese
  Bltter ohnehin nicht bestimmt) die Materialien in einer leichtern
  Uebersicht zu liefern bemht war. Er will dasselbe nicht bestechen,
  nicht fr sich einnehmen; denn er legt die Hauptsache so vollstndig
  vor, da sie auch seinem Gegner zu statten kommen mag, wenn er selbst
  sich in seinen Ansichten geirrt haben sollte. Allein ein mehr als
  zwanzigjhriger Proce, eine so vielfache Verkettung rechtloser Formen
  und Fragen bedarf wol eines Fadens, in dessen Finden nicht immer
  gerade derjenige am glcklichsten ist, welcher ihn fr sich und andere
  zu suchen bestellt ist. Der Erfahrene wei, da dies zu sagen weder
  Anmaung noch ein Vorwurf ist, und dreimal wenigstens wurde schon in
  der gegenwrtigen Sache der richtige Weg verfehlt.

Wir verlassen hiermit diesen unerquicklichen Proce, der uns weit ber
die Zeit hinausgefhrt hat, die wir zunchst zu schildern haben, und
versetzen uns wieder nach Amsterdam und dem Jahre 1801, in welchem
Brockhaus sein Geschft dorthin verlegte.

Zuvor sei inde noch ein von Brockhaus selbst herrhrender Rckblick auf
sein Leben bis zu diesem Zeitpunkte mitgetheilt.




                       4.

                 Ein Rckblick.


Brockhaus schrieb in sptern Jahren, wahrscheinlich erst 1818 oder 1820,
einen Rckblick auf seine Erlebnisse nieder, um einer Schwgerin, die in
trben Verhltnissen seine Vertraute geworden war, einen nhern Einblick
in sein Leben zu gewhren. Sie kennen es nicht, fgte er hinzu, oder
nur durch verworrene Sagen, und doch liegt in jeder Vergangenheit der
Schlssel und hufig die Bedingung der Gegenwart.

       *       *       *       *       *

Diese Selbstbiographie, die unsere bisherige Schilderung in manchen
Punkten ergnzt und den Verfasser trefflich charakterisirt, leider aber
nur bis zu dem Wendepunkte in seinem Leben reicht, an dem wir uns jetzt
befinden, lautet:

  Ich bin 1774 geboren.[8] Mein Vater, Sohn eines benachbarten
  Predigers, hatte meine Mutter, die Tochter eines angesehenen
  Kaufmanns, als Witwe geheirathet. Zwei Kinder erster Ehe waren
  gestorben, und aus dieser Ehe entsprangen zwei Shne, von denen ich
  der jngste bin, und der lteste mein noch in Dortmund lebender Bruder
  ist. Mein Vater, der erst 1811 gestorben, war ein sehr braver und
  wackerer Mann, aber nicht transcendent. Meine Mutter dagegen war eine
  geistreiche, vortreffliche Frau, und ihr Bild steht noch immer als das
  Ideal einer vollendeten Hausfrau vor meiner Seele.

  Ich war ein aufgeweckter Knabe mit einem brennenden Durst nach
  Kenntnissen aller Art, und einer wahren Bcherwuth. Noch schwebt es
  mir wie gestern in Andenken, und gibt dies zugleich ein Bild jener
  Zeit, wie ich das erste Buch kaufte und wie es ablief. Ich mute fr
  den Vater in den Bcherauctionen Folianten und Quartanten erstehen,
  die er in seinem Laden als Maculatur gebrauchte. Hier kam nun auch
  Voltaire's Leben von Karl XII. in der alten Uebersetzung unter den
  Hammer. Niemand bot etwas. Ich hatte das grte Gelste nach dem
  Buch und wagte es, 2 Groschen zu bieten, und siehe da, ich erhielt
  es und war der glckliche Besitzer! Aber der Vater, ein strenger
  Mann, vermerkte es sehr bel, wie ihm berhaupt mein vieles Lesen in
  den Tod zuwider war, verwies mir meine Verschwendung, und ohne das
  Dazwischentreten der immer guten und verstndigen Mutter htte ich
  wol noch eine Ohrfeige dazu erhalten. Es ist, als ob ein Jahrhundert
  dazwischen lge zwischen dem, wie es damals war, und jetzt ist.

  Im funfzehnten Jahre kam ich nach Dsseldorf in eine dortige
  groe Schnitthandlung, die zugleich Bankiergeschfte machte, in
  die Lehre. Mein Lehrherr hie Hofmann, er lebt noch und ist mein
  Freund geblieben. Er zeichnete mich unter sechs andern Commis und
  Burschen sehr aus, und zu sehr. Er bekam den Einfall, sein Geschft
  zu erweitern, da er ein sehr wohlhabender Mann war, und eine
  Grohandlung neben der bestehenden Schnitt- und Wechselhandlung zu
  errichten, und er warf auf mich, den jngsten Lehrburschen, die
  Augen, dazu die ersten Reisen zu machen, weil in dortigen Gegenden
  Alles durch Reisediener besorgt werden mu, da die Messen zu fern
  liegen. So wurde ich unerfahrener Mensch in einem Alter von kaum 17
  Jahren auf ziemlich groe Reisen, die sich bis Hannover, Kassel,
  Koblenz, Lttich, Cleve ausdehnten, geschickt, um die neuen Geschfte
  zu grnden. Diese so frhen Reisen haben sehr nachtheilig auf mich
  eingewirkt. Meine Bildung war noch nicht vollendet und wurde dadurch
  ganz zerrissen, indem ich oft in Monaten nicht zu Hause kam, und
  anstatt gefhrt zu werden, wie es dem Jnglinge ziemt, mute ich mich
  selbst fhren. Gegen jetzt war damals eine groe Sittenreinheit, aber
  dagegen wieder eine grere Roheit. Die gnzliche Freiheit, worin
  sich der siebzehnjhrige Jngling aber auf diesen Reisen befand,
  das fortwhrende Gasthofleben und die stete Gesellschaft mit andern
  Reisedienern wirkte nothwendig nachtheilig auf Sitten und Charakter.

  Indessen vollzog ich meine Geschfte zur hchsten Zufriedenheit
  meines Herrn, ich bildete mich zu einem tchtigen Geschftsmann,
  und mir ward vor Ablauf der Lehrzeit und noch nicht 20 Jahr (der
  Auftrag?), das Geschft auch nach Braunschweig auszudehnen und
  dort die Messen zu beziehen. Mein Herr blieb dabei fein zu Hause,
  und mir ganz allein war das schwierige und kitzliche Geschft der
  ganzen ersten Organisation bertragen. Und unser Geschft war hchst
  bedeutend. Auch hier ging Alles gut, und ich erntete Ehre und Lob
  die Flle. Auf der vierten Messe hatte ich das Unglck, da mir 100
  Louisdor gestohlen wurden. Ich empfange solche vor Tisch, eben wie zum
  Essen gelutet wird, und bin dadurch behindert, sie in mein Bureau zu
  verschlieen, lasse sie also auf dem Tische stehen. Wie ich nach Tisch
  wiederkomme, sind sie weg. Dieser Vorfall hatte auf mein Schicksal
  groen Einflu. Herr Hofmann war darber hart und ungerecht gegen
  mich, ich indignirte mich deshalb und bot ihm den successiven Ersatz
  an. Er war kleinsinnig genug, es anzunehmen, und dies emprte mich
  vollends. Ich sagte ihm auf und verlie sein Haus. Wre dieser Vorfall
  nicht eingetreten, so wurde ich nach einigen Jahren gewi Compagnon,
  und dies um so leichter, da sich eine zarte Neigung zu einer nahen
  Verwandten des Herrn Hofmann, Marie Sibel, in meiner Brust gebildet
  hatte, die gebilligt und mit Innigkeit erwiedert wurde. Ich hatte
  gegen Herrn Hofmann Unrecht, obgleich er nicht gromthig handelte.
  Mein kecker Trotz kam mir spter theuer zu stehen.

  Ich ging in das vterliche Haus zurck. Meine gute Mutter sah ich
  nicht wieder! Meine Liebe fr Literatur und die Wissenschaften hatte
  indessen nie geschlummert, und ihr, dieser Liebe, danke ich es gewi,
  da ich auf den vielen Reisen und bei dem steten Herumschwrmen
  nicht moralisch untergegangen war. Je mehr ich aber immer las, je
  mehr fhlte ich auch die Lcken in meinem Wissen, da nirgends ein
  solider Grund gelegt war. Der erste Schulunterricht war nach damaliger
  Zeit sehr schlecht gewesen, und ich hatte keine Zeit gefunden, ihn
  nachzuholen. Ich fhlte aber, da ich mehr wissen msse, um meinem
  aufstrebenden Geiste Genge zu leisten und hhern Aufgaben des
  Lebens entsprechen zu knnen. So ungewhnlich es daher auch war, so
  bewog ich meinen Vater doch dahin, da er mir erlaubte, ein Jahr
  eine Akademie zu beziehen, und ich ging nun nach Leipzig, wo ich
  _au 5^{me}_ in der Petersstrae bei einem Perrckenmacher anderthalb
  ganz glckliche Jahre zubrachte und, ich darf es sagen, musterhaft
  lebte und musterhaft fleiig war. Ich erwarb mir insbesondere die
  neuern Sprachen und erlangte darin eine ziemliche Vollkommenheit
  im mndlichen und schriftlichen Ausdruck; auerdem sa ich stets
  zu Platner's und Hindenburg's und Eschenbach's Fen, trieb
  Philosophie, Physik und Chemie, was aber aus Mangel an grndlicher
  Elementarbildung, die sich spter nie ersetzen lt, nicht tiefe
  Wurzeln gefat hat.

  Nach Verlauf dieser glcklichen anderthalb Jahre engagirte ich
  mich bei einem englischen Hause in Manchester und war bestimmt, die
  Geschfte desselben in Italien zu leiten. Wir gaben uns in Leipzig
  das Rendez-vous in Amsterdam, und ich reiste ab, um die Erlaubni
  meines Vaters einzuholen und von ihm Abschied zu nehmen. Dieser, ein
  Mann im alten Stil, sah diesen Plan nicht gerne. Ich war zu einem
  Manne herangereift und galt fr einen schnen Mann, ich hatte und
  zeigte mehr Talent und Geist und Bildung, als in meiner Vaterstadt an
  der Tagesordnung war -- was war natrlicher, als da der gute Vater
  auf mich Plne baute und mich um sich zu behalten suchte? Bonaparte
  untersttzte ihn und trat mir hier zuerst in meinen Weg. Er war eben
  zum Heerfhrer der Armee ernannt, die gegen Italien focht. Seine
  Siege fhrten ihn schnell ber die Alpen und ganz Italien wurde
  von ihm berzogen. Mein Haus in Manchester hob seine Commandite in
  Livorno, wohin ich gehen sollte, auf, meldete mir dies und bot mir _en
  attendant mieux_ eine Stelle auf seinem Comptoire an. Die mochte ich
  nicht, und ich folgte nun williger den Wnschen des Vaters und um so
  leichter, da ich in unserm Stdtchen eine Art Phnomen war und meine
  Eitelkeit tglich Triumphe feierte.

  Es dauerte nicht lange, als sich Gelegenheit zu einer
  Handelsverbindung zeigte. Diese wurde auch geschlossen mit einem
  wackern Freunde, Namens Mallinckrodt, und des Kapitals wegen, da
  die unserigen nicht zuzureichen schienen, mit einem Dritten, Namens
  Hiltrop, einem sehr reichen Menschen, den wir fr dumm hielten und
  glaubten auf diese Weise benutzen zu drfen. Dies war ein groes
  Unglck, dem ich unsgliche Leiden verdanke, denn dieser Mensch war
  freilich dumm, aber zugleich ein verworrener Phantast und von dem
  allerschlechtesten Charakter. Unser Geschft bestand in englischen
  Manufacturwaaren im Groen, insbesondere in groben Wollartikeln,
  die in jenen Gegenden stark gebraucht wurden. Ich besorgte die
  Comptoirgeschfte, Mallinckrodt die Reisen und das Waarengeschft.
  Unsere Handlung hatte den glnzendsten Fortgang. Wir glaubten Hiltrop
  (den dritten Compagnon) entbehren zu knnen; wir separirten uns
  also von ihm und fanden ihn ab. Alles in der hchsten Ordnung und
  Rechtlichkeit.

  Wir heiratheten nun. Ich meine Sophie, er (Mallinckrodt) eine
  Freundin von ihr. Sophie war 19, ich eben 24 Jahre alt.[9] Sie war aus
  der angesehensten Familie meiner Vaterstadt, ehemaligen Patriciern.
  Sie war liebenswrdig, selbst schn, nicht geistreich, aber
  verstndig und von einem edlen und festen Charakter, der sich in den
  schwierigsten Lebensverhltnissen erprobt hat. Dabei brachte sie mir
  ein fr dortige Gegenden sehr bedeutendes Vermgen zu. Wir waren die
  glcklichsten Menschen unter der Sonne. Ach, wenn ich dieser Rosenzeit
  meines Lebens, die drei volle Jahre dauerte, gedenke, so rollen, wie
  auch jetzt, die hellen Thrnen aus meinen Augen, denn in ihnen geno
  ich des hchsten menschlichen Glckes. In diesen Zeitraum fllt die
  Geburt von Auguste und von Fritz.

  Aber nicht lnger sollte unser Glck dauern. Unser Geschft hatte
  einen hchst genialen Charakter angenommen, etwa oder ganz in der Art,
  wie ihn jetzt mein Buchhandel hat. Wir machten unerhrte Geschfte,
  hatten einen grenzenlosen Credit und gewannen groe Summen. Unser
  Geschft hatte sich vorzglich nach Holland gezogen; wir etablirten
  ein Haus in Arnheim, und mein Associ zog dahin. In dieser Epoche
  fielen die ungeheuern Bankrotte in Hamburg vor, von denen Sie wol
  mal werden gehrt haben. Wir wurden zwar nicht direct, aber in einer
  indirecten Weise darin verflochten, die unserm Schicksal eine ganz
  andere Richtung gab. Jener unser erster Associ Hiltrop hatte nach
  seiner Trennung von uns ein hnliches Geschft, als es das unserige
  war, begonnen, aber freilich nicht mit unserer _adresse_ und unserm
  Geiste; er hatte sich also bald verfitzt, und als vollends sein
  Bankier in London, ein Vetter der Bethmann in Frankfurt, die ihn aber
  ruhig fallen lieen, Bankrott machte und er an diesem 15000 Thaler zu
  verlieren befrchten mute, kam er in Verzweiflung, und nicht fhig,
  sich selbst zu retten, warf er sich uns in die Arme. Wir retteten ihn,
  bernahmen seine Sachen, auch mit einem Verlust von nur einem Drittel
  seine Forderung an den falliten Bethmann, da wir mit diesem auch in
  Verbindung waren und uns schmeichelten, die Rechnungen compensiren
  zu knnen. Wir arrangirten sein Creditwesen und handelten in jeder
  Hinsicht mit der hchsten Gromuth und Liberalitt, ohne jedoch das
  kaufmnnische Princip dabei aus den Augen zu lassen.

  Dieses _accomodement_ fr und mit Hiltrop sollte fr uns die
  Ursache unbersehbarer Verdrielichkeiten und Unglcks werden.
  Dortmund war damals noch eine Reichsstadt, und das Unwesen in den
  Gerichtsformen und bei Processen war bei der absoluten Unabhngigkeit
  der Reichsstdte in den ersten Instanzen dort grenzenlos. Unsere
  Handlung hatte einen Schwung genommen, von dem man sich in der
  altvterischen Stadt nie eine Idee gemacht hatte, und ob wir gleich,
  ich darf das sagen, unser Glck nicht durch Uebermuth geltend machten,
  im Gegentheil allenthalben helfend mit der hchsten Uneigenntzigkeit
  eingriffen, so fhrte doch unsere Existenz und unser Geschft einen
  _train de vie_ mit sich, der dort neu war, groes Aufsehen machte und
  uns die heftigsten Neider und daraus Verleumder zuzog. Man hetzte
  jenen Phantasten Hiltrop, den wir vom Elend und Versinken #allein#
  und mit der vollkommensten Rechtlichkeit gerettet hatten, gegen uns
  auf, und dieser klagte nun gegen uns ber jene stattgefundene Cession
  seiner Forderung an uns, und da wir ihn dabei verletzt htten. Der
  Proce darber nahm seinen Anfang, und da der Brgermeister, die
  Seele von Allem, was in dem Stdtchen geschah, mein erbitterter
  und entschiedener Feind war, so erwuchsen aus der Fhrung dieses
  unglcklichen Processes fr mich (denn mein Associ war in Arnheim)
  namenlose Verdrielichkeiten, und ich entschlo mich endlich,
  Dortmund ganz zu verlassen und nach Holland zu ziehen. Aber kaum
  verlautbarte dieser Entschlu, als mir erstlich eine ganz bertriebene
  Cautionsleistung fr den obschwebenden Proce abgefordert wurde und
  man sofort mit der Forderung von 10 Procent von unserm Vermgen
  auftrat. Beide Forderungen wurden mit einer Art von fanatischer Wuth
  bei unsern Widersprchen verfolgt. An Hlfe war gar nicht zu denken,
  denn der Magistrat hatte und erkannte keine andere Behrde ber sich
  als das Reichskammergericht in Wetzlar oder den Reichshofrath in
  Wien. Ich mute Krnkungen ber Krnkungen erleiden. Erst wurde unser
  ganzes Waarenlager mit Arrest belegt, meine Handlungsbcher wurden uns
  fortgenommen und untersucht, ich selbst am Ende persnlich arretirt.
  Ich mute mich beugen und wenigstens die Caution fr die 10 Procent
  Vermgenssteuer leisten. Der andern (Maregel?) entging ich zu meinem
  Glcke durch Consequenz und Klugheit.

  So verlieen wir unsere Vaterstadt und kamen fast wie Gechtete
  in Arnheim an. Die Geschichte hatte das ungeheuerste Aufsehen
  gemacht, der Haufen der Menschen war, wie ganz in der Regel, gegen
  uns, die man hochfahrige, berklugseinwollende, vorwitzige Personen
  nannte, denen hier Recht geschehen sei; unser Credit litt dadurch
  auerordentlich, und im Auslande, wo man sich solchen Unsinn, als
  der dortmunder Magistrat begangen, gar nicht denken konnte, mute
  man ganz irre werden, als wir anzeigen muten, wir wohnen nicht mehr
  in Dortmund, sondern jetzt in Arnheim. Dazu kamen nun die reellen
  uern Zerstrungen, die mit dieser gewaltsamen Geschftsverpflanzung
  verbunden sein muten, und der Umstand, da Alles allerdings auf die
  Spitze getrieben war, indem wir das Geschft aus dem Gesichtspunkt
  betrieben hatten: man mu das Eisen schmieden, solange es glhend ist;
  -- kurz, unsere Lage wurde bei diesen Umstnden hchst kritisch. Mein
  Associ, der blos das Waarengeschft geleitet und von der einen Seite
  die groen geernteten Vortheile kannte, nicht aber alle die Fden,
  die ich angesponnen, um das Geschft in dieser Hhe zu erhalten, war
  nun hchst befremdet ber die Stockungen in unserm Creditsystem.
  Er war unbillig genug gegen mich, der so unendlich gelitten und
  Alles allein hatte erdulden mssen, mir Vorwrfe zu machen, und ich
  war schwach genug, darber so erbittert zu werden, da ich ihm die
  Compagnieschaft aufsagte. Wir separirten uns also. Ich zahlte ihm
  ein Abfindungsquantum von baaren 60000 Gulden und bernahm das ganze
  Geschft und zog nach Amsterdam. Dies war im Winter 1801 auf 1802.




               Zweiter Abschnitt.

                 In Amsterdam.




                       1.

           Kaufmnnische Thtigkeit.


Als Brockhaus im Winter von 1801 auf 1802 Arnheim verlie und
nach Amsterdam bersiedelte, um hier das frher mit Mallinckrodt
betriebene Geschft in englischen Manufacturen _en gros_ allein und
auf gnstigerm Boden fortzusetzen, hatte er einen schweren Stand.
Durch den Hiltrop'scheu Proce und die Verlegung seines Geschfts von
Dortmund nach Arnheim hatte sein Credit schon leiden mssen, da die
kaufmnnische Welt die nhern Umstnde und die eigentliche Veranlassung
dazu nicht kannte. In Amsterdam hatte er somit eigentlich wieder von
vorn anzufangen. Inde verlor er den Muth nicht, und das Glck schien
ihm auch bald wieder lcheln zu wollen.

Es waren damals die letzten Jahre der Batavischen Republik unter ihrem
trefflichen Leiter, dem Gropensionr Schimmelpenninck; die frische Luft
des Freistaats, der lebhafte Verkehr der groen Handelsstadt sagten ihm
weit mehr zu, als die engen Verhltnisse der kleinen Provinzialstadt
Arnheim und seiner freilich ebenfalls freien Vaterstadt Dortmund.
Auerdem stand er in Amsterdam ganz auf eigenen Fen und befand sich
in neuer Umgebung; er hatte auf keinen Associ Rcksicht zu nehmen und
wurde in der ersten Zeit wenigstens fast durch nichts mehr an frhere
widrige Verhltnisse erinnert.

Alles das gab ihm eine zuversichtliche Stimmung. In dieser schreibt
er am 18. Mai 1802 an seinen Bruder Gottlieb in Dortmund, mit dem er
fortwhrend in den herzlichsten Beziehungen verblieb:

  Wir fgen uns in unsere hiesigen neuen Verhltnisse Alle recht gut,
  und wenn ich mal diejenigen der alten Handlung ganz in Ordnung habe
  sowie mein properes Geschft in gehrigem Vertrieb, so hoffe ich,
  wird mir endlich Zufriedenheit und Ruhe zutheil werden; ich werde
  gewi mich fr abermalige zu groe Geschfte hten. Darin fehlte
  Mallinckrodt und verfhrte er mich auch hauptschlich. O ich danke
  Gott, da ich von ihm ab bin und allein handeln kann, wie ich jetzt
  will. Ich knnte ihm groe Vorwrfe machen -- ich thue es nicht und
  ergebe mich in mein Schicksal. Die Zukunft verspricht mir auch ja so
  viel Gutes und ich hoffe, da, wenn wir uns mal wiedersehen, wir Beide
  glcklicher sein werden als wie wir uns trennten.

Auch materiell untersttzte ihn der Bruder durch seinen Credit und wie
er es sonst vermochte. Im Sommer 1804 besuchte er ihn in Amsterdam.
Folgender bald nach dessen Abreise geschriebene Brief von Arnold
Brockhaus an seinen Bruder Gottlieb (vom 4. September 1804) gibt von dem
herzlichen Verhltni zwischen Beiden und von der warmen Empfindung des
Schreibers Zeugni:

               Theuerster Bruder!

  Freilich: unsere hchsten Freuden grenzen oft nur um eine Linie an
  den herbsten Schmerz. Wie glcklich verflossen uns die wenigen Tage,
  die wir hier zusammen lebten und -- was mir unschtzbar bleibt --
  auch mit einander verlebten. Aber der Abschied von Dir, theuerster
  Bruder, am Sonntag Morgen, -- der zerri mir die Seele. Bin ich doch
  nie von Schmerz, Betrbni und Wehmuth so hingerissen, so aufgelst
  gewesen, als in den Stunden. Mir selbst fast unbegreiflich war auch
  die Stimmung, worin ich mich befand. War es mir doch, als ob mit Dir
  alle meine Hoffnungen, alle meine Freuden, alle Annehmlichkeiten des
  Lebens dahinschwnden, als ob die Zukunft von jetzt an nur Grausen und
  Schrecknisse fr mich haben werde, als ob wir uns nie wieder sehen
  wrden, -- als ob ich nichts Theueres mehr auf der Welt htte!

  Ich konnte mich auch nicht erholen. Nicht eine, sondern mehrere
  Stunden lang sa ich in Schmerz versunken, ohne ein anderes Bewutsein
  auf der Seele, als da oft unwillkrlich und gedankenlos helle
  Thrnenbche mir aus den Augen strzten. Nur die Liebkosungen der
  Kinder, an dem Arme ihrer guten, mir so lieben Mutter, brachten mich
  endlich wieder zu mir selbst. Der Tag verflo uns so in feierlicher
  Stille, und nur Du warst der Gegenstand unserer traulichen Reden.
  Knnten wir Dich doch in unserer Mitte haben! Knnten wir doch nur
  zusammen leben! Das war der ewige Wiederholungspunkt, worin sich
  unsere Wnsche alle begegneten.

  Du eiltest in der Zwischenzeit der friedlichen Heimat zu. Jetzt ist
  der Bruder #da#, nun ist er #da#. Nun ist er in Amersfoort, Arnheim,
  Wesel -- nun eilt er in die Arme seiner lieben Frau, seiner geliebten
  Kinder, jetzt drckt er sie froh an sein Herz, nun sind sie zu Hause
  im kleinen Stbchen, jetzt erzhlt der Bruder von uns -- und von
  Amsterdam, dem horchenden Lottchen, den erstaunenden Freunden! So
  warst Du uns stndlich und tglich gegenwrtig, so begleiteten wir
  Dich allenthalben und lebten in der sesten Tuschung. Denn ach,
  -- wie schrecklich mute der Uebergang von der Stimmung sein, mit
  welcher Du in Bochum ankamst, bis Du es wieder verlieest. Erinnerst
  Du Dich des Vorfalls, den Du uns von dem Bauer in Brakel erzhltest,
  der bei seiner Zurckkunft, wo er sein liebes Weib und seine Kinder
  zu berraschen gedachte, ersteres und seinen Liebling von diesen todt
  fand? War es mir doch, als Du es erzhltest, als ob mir eine geheime
  Ahndung aufstieg. Das Herz brach mir fast, als Du es erzhltest! Gott,
  wie schrecklich hattest Du hier selbst fhlen knnen, du gefhlvoller,
  edler, einfacher Mensch, was Du mit so innigem Affecte von Andern
  darstellen konntest!

  Wir Alle, theuerster Bruder, haben an diesem Deinem harten
  Schicksale den innigsten Theil genommen und nehmen ihn noch immer.
  Gebe nur der gute Gott, da sich noch Alles zum Besten lenke. Gebe
  er Dir Seelen- und Krperstrke, um die Gegenwart und die Zukunft
  ertragen zu knnen!

  Wir bitten Dich innigst, uns doch jeden Posttag, wre es auch nur
  mit wenigen Zeilen, die Lage der Umstnde zu melden. Wir befrchten
  zwar Alles, hoffen aber auch noch Alles.

Ein weiteres sprechendes Zeugni der Liebe zu seinem Bruder Gottlieb
bietet ein Blatt, das dieser in seiner Wohnstube unter Glas und Rahmen
aufbewahrte. Es enthlt eine bekannte Stelle aus Schiller's Braut
von Messina mit der Ueberschrift: A. B. -- G. B. und wurde ihm
wahrscheinlich einmal von seinem Bruder zum Geburtstage bersandt. Die
Worte (von Isabella nach dem zweiten Auftreten des Chors gesprochen)
lauten:

          Feindlich ist die Welt
    Und falsch gesinnt! Es liebt ein Jeder nur
    Sich selbst; unsicher, los und wandelbar
    Sind alle Bande, die das leichte Glck
    Geflochten -- Laune lst, was Laune knpfte --
    Nur die Natur ist redlich! Sie allein
    Liegt an dem ew'gen Ankergrunde fest,
    Wenn alles And're auf den sturmbewegten Wellen
    Des Lebens unstet treibt. Die Neigung gibt
    Den Freund -- es gibt der Vortheil den Gefhrten;
    Wohl dem, dem die Geburt den #Bruder# gab!
    Ihn kann das Glck nicht geben -- anerschaffen
    Ist ihm der Freund, und gegen eine Welt
    Voll Kriegs und Truges steht er zwiefach da.

Sein nicht mehr bedeutendes Betriebskapital wute Brockhaus auf
geschickte Weise zu vergrern, indem er das Vertrauen benutzte, das man
ihm in Amsterdam von allen Seiten entgegenbrachte. So hatte sich schon
in Dortmund ein franzsischer Emigrant an ihn angeschlossen und ihm
nach und nach eine grere Summe anvertraut, worber nun in Amsterdam
am 1. Juni 1802 ein Document ausgestellt wurde; es war dies der frhere
Prevt von Valenciennes, Pierre Antoine Louis Lehardy de la Loge.
Freilich entstanden ihm spter manche Unannehmlichkeiten aus diesem
Geldgeschfte, da die nach dem Tode seines Freundes von dessen Erben
geforderten Rckzahlungen des Kapitals gerade in eine sehr schwierige
Zeit fielen. In hnlicher Weise bot ihm ein anderer franzsischer
Emigrant, ein frherer Militr, Charles Louis Remy la Motte de la
Tournelle aus Rheims, ein kleines Kapital gegen eine Jahresrente an und
Brockhaus schlo am 15. Mrz 1802 darber einen Vertrag mit ihm.

Aber auch in der kaufmnnischen Welt gewann er rasch wieder bedeutenden
Credit. Allerdings lie er sich dadurch verleiten, trotz seiner guten
Vorstze wieder weiter zu gehen, als seine Krfte erlaubten, und zudem
traten bald politische Verhltnisse ein, die das kaufmnnische Geschft
berhaupt sehr erschwerten. Es war die Zeit der Continentalsperre,
jener rcksichtslosen Maregel Bonaparte's gegen England, durch welche
er dessen Macht zu brechen hoffte. Natrlich war es sein Streben, auch
die Nachbarlnder zu gleichem Vorgehen gegen England zu bestimmen, da
er sich nur dann den gewnschten Erfolg versprechen konnte. So bot er
auch seinen ganzen Einflu auf, um die schwache Batavische Republik zu
hnlichen Maregeln zu bringen, und diese vermochte dem Drngen des
mchtigen Nachbars auf die Lnge nicht zu widerstehen. Die strengsten
Verordnungen wurden erlassen, um allen englischen Waaren den Eingang in
die Republik unmglich zu machen.

Dies war natrlich ein tdlicher Schlag fr Brockhaus' eben im
Wiederaufblhen begriffenes Geschft, dessen Hauptbezugsquelle immer
England gewesen war. Trotzdem verlor er den Muth nicht gleich, er suchte
den vernderten Umstnden gem neue Wege auf und noch bis in den Herbst
des Jahres 1804 gelang es ihm, der ungnstigen Conjunctur die Spitze zu
bieten. Allein die Verlegenheiten mehrten sich.

Unterm 30. September entwirft er dem Bruder folgendes anschauliche Bild
seiner Lage:

  Seit Deiner Abreise, lieber Bruder, habe ich viel Sorgen gehabt
  und noch sind sie leider nicht vorbei. Ich will mich mit Dir sehr
  offen unterhalten, gerade als ob wir traulich nebeneinander in der
  Mitternachtstunde sen, wie wir es bei Deinem Hiersein so manchmal
  thaten.

  Ich habe unglcklicherweise noch immer nicht die goldene Kunst
  erlernt, die Segel einzuziehen, wenn der Wind am vortheilhaftesten
  hineinweht. Durch das gnstige Geschft in diesem Jahre verfhrt,
  habe ich mich unglcklicherweise wieder zu tief hineingesteckt,
  und es ist mir deshalb was ber dem Kopf zusammengeschlagen. Dazu
  kam die verdammte Speculation auf die Ladung des hier verkauften
  Schiffes, wovon mir noch 12000 Gulden in Leipzig festsitzen und die
  im Ganzen doch nicht gut rentirt. Drittens hatte es mir Anstrengung
  gekostet, um an Hofmann & de Bri gleich eine Summe von circa 1500 
  zu bermachen, in Absicht eines brillanten Debts, da ich sonst
  noch ein paar Monate das Geld htte halten knnen. Auch habe ich das
  Jahr zu viel comptant oder auf kurze Zeit gekauft .... Ich habe mich
  inzwischen gehalten, allen Engagements Genge geleistet und denke,
  so Gott will, glcklich herauszukommen .... Es ist das Alles sehr
  schlimm gewesen und noch ist es nicht wieder im rechten Haken, allein
  so wie das Schlimme sehr nahe am Guten grenzt, so auch umgekehrt.
  Es wird hieraus fr mich wahrscheinlich viel Gutes hervorgehen. Die
  Lehre, die ich jetzt erhalten, war scharf: meine Existenz stand auf
  einer Nadelspitze -- die habe ich erhalten --, aber mein Credit hat
  tief gelitten und das ersetzt sich schwerer, ob ich gleich hier auf
  dem Platze keines besondern Credits bedarf. Ich habe es nmlich mir
  selbst, meinem theuern Weibe, meinen geliebten Kindern heilig gelobt:
  von jetzt an nur ein kleines Geschft, das nur halb so gro ist als
  mein jetziges, haben zu wollen. Ich werde nicht wieder wankend werden,
  zuverlssig nicht, dazu ist mein Vornehmen diesmal zu bestimmt und
  raisonnirt. #Das# Gute wird also aus meinen gehabten Verlegenheiten
  sicher hervorgehen und ich blicke wirklich seit der Zeit schon mit
  mehr Heiterkeit in die Zukunft als vorher. Ich habe allen Ideen
  von weitlufigem und ausgebreitetem Geschft auf das feierlichste
  entsagt, und fortan werde ich mich nie wieder dazu verfhren lassen,
  noch von dem geraden Wege in meinen Transactionen abgehen .... Dies,
  lieber Bruder, waren die Sorgen und die Verlegenheiten, worin ich
  mich befunden habe. Sie waren gro, da sie alle wie ein Gewitter auf
  mich zusammenstrzten, allein sie waren auch nicht grer als ich sie
  Dir geschildert, und ich hoffe, da ich so ziemlich dadurch bin. Ich
  habe auer dem brderlichen Hange, Dir auch nichts verschweigen zu
  wollen, was mir Gutes und Uebles auf der Welt widerfhrt, auch noch
  #die# Ursache, Dir darber zu schreiben, da es mglich wre, da durch
  Knigshoff oder sonst Jemanden etwas darber nach Dortmund berichtet
  wrde, und damit Du dann weit, was davon zu halten.

  Endlich noch eine brderliche Mittheilung. Es ist unvermeidlich,
  lieber Bruder, da der Uebergang von meinen ansehnlichern zu den
  kleinern Geschften mich nicht geniren mte, besonders da ich es als
  ersten Grundsatz festgesetzt, mich dazu #auch nicht eines# insoliden
  Hlfsmittels zu bedienen, ich vielmehr damit begonnen habe, solche
  zu succificiren. Ueberhaupt fhle ich, da ich doch dem ausgedehnten
  Geschfte nicht gewachsen war bei der hiesigen Soliditt, und da ein
  #Manufactur#geschft #hier# mit einem Fonds wie der meinige eigentlich
  nur die Hlfte desjenigen solide thun kann, was ich ganz that. Auer
  den Hlfsmitteln, die in mir selbst liegen und die dazu mit dienen
  sollen, jenen Zweck zu erreichen, mchte ich aber auch noch gern alle
  die ins Werk setzen, welche fr mich erreichbar sind und die dazu mit
  beitragen knnten, d. h. ich mchte gern alle die Fonds disponibel
  haben, welche mir doch einmal gehren, durch unangenehme Dispute aber
  nun fr mich ohne Nutzen sind .....

Im weitern Verlaufe des Briefs macht er Vorschlge, die sich darauf
beziehen, da er seinen Antheil an den gemeinschaftlichen Lndereien bei
Dortmund (circa 6 Morgen) abtreten und verschiedene Familienverhltnisse
geordnet haben mchte, wodurch er ein Kapital von 6000 Fl. zu erhalten
hofft. Auerdem bittet er seinen Bruder, ihn selbst noch auf etwa ein
Jahr mit einem besondern kleinen Kapitale von etwa 4000 holl. Fl. zu
untersttzen. Dann fhrt er fort:

  Es soll sowol dies, als wenn ich jenes erhalte, nicht dazu dienen,
  meine Geschfte zu erweitern. Nein, es ist und bleibt der heiligste
  und unabnderlichste Vorsatz bei mir, sie vielmehr sehr einschrnken.
  Es soll aber dazu mit dienen, um mir Verbindungen ganz entbehrlich zu
  machen auf auswrtigen Pltzen, die, so wie sie sehr kostbar waren,
  mich auch stets genirten und meine Thtigkeit von meinem eigentlichen
  Geschfte ablenkten. Ich habe vor, mich ganz aufs Reine zu setzen
  und endlich einmal mir selbst und meiner Familie zu leben. Dieser
  Uebergang kostet mir aber, wie Du denken kannst, sehr viel Mhe und
  erfordert auch neue Fonds, indem bei einem groen Geschfte auch der
  Credit gro ist und eins das andere stopft. Da Du mir das Kapital
  mit Sicherheit anvertrauen kannst, dafr brgt Dir mein Ehrenwort,
  da erstlich meine Sachen gut stehen, und zweitens, da, mchten mich
  auch unglckliche Umstnde ereilen, es mir die heiligste Pflicht sein
  wrde, Dich vorzglich zu decken. Ich wei wol, lieber Bruder, da
  Deine Einrichtungen und auch Deine Fonds es nicht erlauben, da Du
  mich aus eigenen Mitteln bedeutend untersttzest, allein ich dachte,
  da Deine Verbindungen Dir vielleicht Mittel an die Hand bten, hier
  oder da so ein Kapital von etwa bis zu 4000 Fl. zusammenzubringen.
  Solltest Du inzwischen keine Gelegenheit haben, so sagst Du es mir nur
  einfach und ich suche mich dann anders durchzuschlagen. Es braucht
  zwischen uns keiner Complimente darin. Ein Ja ein Ja, ein Wort ein
  Wort .... Kurz, lieber Bruder, Alles, was Du vermagst zu thun, das
  thue in diesem Augenblicke, der durch das Zusammentreffen mehrerer
  Umstnde fr mich sehr unangenehm ist. Die grte Krise habe ich zwar
  berwunden, allein geheilt bin ich noch nicht, und es wird mir noch
  groe Anstrengungen kosten, ehe ich darber bin .... Ich habe Dir
  Alles sagen und Dir nichts verschweigen wollen. Du und Sophie sind die
  einzigen Menschen auf der Erde, die meine wahrhaften Freunde sind. Ich
  kann und will Beiden nie etwas verhehlen. Es wird Alles gut gehen, nur
  der Augenblick war hart und ist es noch. Die herzlichste Umarmung!

Die Antwort auf diesen Brief liegt nicht vor. Doch ist kaum zu
bezweifeln, da der Bruder ihm auch in diesem Falle, wie in so manchen
frhern, nach Krften geholfen, denn unterm 26. August 1805 dankt er
ihm, weil er die 3000 Fl. wieder in seinen Hnden gelassen, mit
dem Bemerken: wenn er sie gern zurckhaben wolle, so werde ihn dies
nicht geniren, falls er nur etwas vorher davon unterrichtet sei.
Jedenfalls gelang es Brockhaus, seine Verhltnisse zu ordnen, und seinem
Vorsatze getreu schrnkte er das kaufmnnische Geschft wesentlich
ein. Im October 1804 scheint er mehrere Wochen in Wesel zugebracht
zu haben, wahrscheinlich eben zur Abwickelung eines frhern grern
Waarengeschfts.

Diese Einschrnkung in enge Verhltnisse konnte aber seinem regen,
weitstrebenden Geiste nicht lange gengen, und da er theils wegen der
Continentalsperre, theils nach den kaum berstandenen Bedrngnissen
daran festhielt, sein Geschft in englischen Waaren nicht wieder
auszudehnen, so mochte fr ihn der Gedanke nahe liegen, neben demselben
ein anderes Geschft zu betreiben, das seinem Geiste bessere Nahrung
versprach und von dem er doch auch materielle Erfolge erwarten konnte.




                       2.

         Errichtung einer Buchhandlung.


Von Jugend auf von dem lebhaftesten Interesse fr die Literatur erfllt,
hatte Brockhaus, wie schon erwhnt, eigentlich gegen seinen Willen, nur
auf Wunsch seines Vaters und durch zufllige Umstnde darauf hingefhrt,
den Kaufmannsstand erwhlt. Mehr durch fremde als durch eigene Schuld
und durch die Zeitverhltnisse an der Durchfhrung seiner khn und
groartig angelegten Handelsunternehmungen gehindert, griff er jetzt
zu der Idee zurck, die ihn seit seinem Aufenthalte in Leipzig oft
lebhaft beschftigt haben mochte: sich dem Buchhandel zu widmen, als
einem Berufe, in dem er seine kaufmnnischen Kenntnisse verwerthen
und doch zugleich seiner Lieblingsneigung, der Beschftigung mit der
Literatur, leben konnte. Er stand noch in dem ersten Mannesalter, dem
dreiunddreiigsten Lebensjahre; er hatte reiche Erfahrungen gesammelt,
deren Schwere seinen Geist in keiner Weise zu beugen vermochte; er
lebte in den glcklichsten Familienverhltnissen, an der Seite einer
geliebten Frau, von blhenden Kindern umgeben: noch in Arnheim war ihm
am 12. Februar 1802 eine zweite Tochter, Karoline, am 4. Februar 1804 in
Amsterdam ein zweiter Sohn, Heinrich, geboren worden. Sollte er den Muth
sinken lassen und nicht vielmehr versuchen, ob ihm das Glck nicht auf
einem andern Felde lcheln werde?

Im Sommer 1805 ging er an die Ausfhrung des neuen Plans, obwol
seine Buchhandlung formell erst am 15. October 1805 erffnet wurde
und dieser also der Grndungstag der Firma F. A. Brockhaus ist. Von
diesem Tage datirt sein erstes buchhndlerisches Circular, allerdings
nicht mit seinem Namen, sondern mit der Firma Rohloff und Compagnie
unterzeichnet. Als Auslnder konnte er nmlich nicht Mitglied der
amsterdamer Buchhndlergilde werden, und so bewog er einen ihm bekannten
wackern Mann, den Buchdrucker J. G. Rohloff, zu erlauben, da das
Geschft auf dessen Namen gefhrt werde. Dieser war dabei weiter nicht
betheiligt, als da er eine kleine Entschdigung fr das Hergeben seines
Namens erhielt, und Brockhaus von Anfang an alleiniger Eigenthmer.
Auch lie Brockhaus den Namen Rohloff's schon nach kaum zwei Jahren,
1807, ganz verschwinden und whlte fr seine Firma die schon in jenem
ersten Circular zur Charakterisirung des neuen Geschfts gebrauchte
Bezeichnung: Kunst- und Industrie-Comptoir, ohne Hinzufgung eines
Namens.[10] Hierber sagt er in einem Briefe:

  Aus Zartgefhl trennte ich bei zunehmenden Geschften Hrn. Rohloff
  von unserm Geschfte, um auch nicht den Schatten von Besorglichkeit
  in der Seele des guten Mannes aufkommen zu lassen, die er doch haben
  mute, da sein Name gebraucht wurde.

Jenes erste Circular, aus dem die Absichten des Begrnders gleich
deutlich hervorgehen, lautet:

                                    Amsterdam, den 15. October 1805.

  Die Unterzeichneten haben die Ehre, Ihnen hiermit anzuzeigen, da
  sie hierselbst ein Kunst- und Industrie-Comptoir errichtet haben,
  welches einerseits zur Absicht hat, nationale Wissenschaft und
  Kunst zu befrdern und das Ausland damit bekannt zu machen, als
  andererseits: den Freunden der Wissenschaften und schnen Knste in
  den Vereinigten Niederlanden Gelegenheit zu geben, sich Alles, was
  das gebildetere Ausland, vorzglich Frankreich, England, Deutschland
  und Italien, in diesen Hinsichten Merkwrdiges darbietet, schnell
  verschaffen zu knnen.

  Wir werden uns bemhen, fr die Batavische Republik einen Central-
  und Verbindungspunkt zwischen nationaler und fremder Kunst und
  Wissenschaft zu bilden und dadurch einem lngst gefhlten und
  allgemein anerkannten Bedrfnisse abzuhelfen.

  Jeder Auftrag des Auslandes, der sich also auf niederlndische
  Literatur und Kunst bezieht, wird demnach ebenso pnktlich und
  sorgfltig ausgerichtet werden als wiederum alle inlndischen
  Literatur- und Kunstfreunde Gelegenheit haben, durch uns alle
  Literatur-, Kunst- und Musikproducte des Auslandes schnell und zu
  billigen Preisen erhalten zu knnen. Zu beiden Arten von Auftrgen
  empfehlen wir uns also ergebenst und werden wir uns beeifern, das
  Zutrauen, um welches wir bitten, durch die That zu verdienen.

                                                 Rohloff & Co.


Dasselbe Circular wurde gleichzeitig in franzsischer Sprache versandt.
Der franzsische Text weicht nur darin von dem deutschen ab, da es im
ersten Satze heit: _que les soussigns viennent d'tablir en cette
ville un Institut de Commerce, ~sous la raison~: Bureau des Arts et des
Belles-lettres_, woraus sich auch die bereits erwhnte, nach damaliger
Sitte ohne weitere Anzeige 1807 erfolgte Umnderung der Firma: Rohloff &
Co., in die von: Kunst- und Industrie-Comptoir, erklrt.

Nhere Mittheilungen ber die Grndung des buchhndlerischen
Etablissements enthlt ein Brief von Brockhaus an seinen Bruder, dem
er sich natrlich gedrungen fhlte, sofort Kenntni davon zu geben. Er
schreibt aus Amsterdam vom 26. August 1805:

  Ich habe Dir neulich ein paar Worte von einer neuen Unternehmung
  gesagt, wobei ich mich interessirt habe.[11] Ich kann Dir jetzt
  etwas mehr darber mittheilen. Ein paar angesehene und sehr
  wohlhabende Personen, Freunde der Wissenschaften und Knste, haben
  sich nmlich mit mir zu einem Institut wie das Weimarer und Wiener
  Industrie-Comptoir vereinigt, freilich sehr im Kleinen, um weniger
  selbst etwas zu produciren als fremde Sachen zu debitiren. Der Plan
  ist auer allem Zweifel ganz vortrefflich und verspricht, da durchaus
  noch nichts Aehnliches im ganzen Lande besteht, reiche Belohnung.
  Buch- und Kunst- und Musikalienhandel, activ und passiv, werden
  seine Vorwrfe sein. Wir haben einen Hauptdirector und ich bin
  Nebendirector, weil ich meiner sonstigen Geschfte wegen nicht viel
  Zeit dazu verwenden kann. Ich werde Dir nchstens mal den Plan, wie
  wir ihn Schimmelpenninck vorgelegt haben, zur Einsicht mittheilen.[12]
  Wir haben von diesem trefflichen Manne die lebhafteste Ermunterung
  erhalten und das Versprechen, uns auf alle mgliche Weise zu
  untersttzen.

  Frchte nicht, lieber Bruder, da es mich in zu groe
  Weitlufigkeiten setzen werde. Das wird nicht der Fall sein und kann
  es nicht sein, besonders da ich mein eigentliches Geschft blos sehr
  mig treiben und hchstens darin einen Umschlag von 100000 Fl.
  bezwecken werde. Du kennst brigens meine Liebhaberei fr Literatur
  und Kunst und kannst also denken, wie angenehm es fr mich sein wird,
  mich auf diese Art damit zu beschftigen. Das Museum, das jetzt an
  250 Mitglieder hat, wird unser Institut, da einer der Directoren,
  Clifford, dabei interessirt ist, zu seinem Fournisseur whlen, und
  schon dadurch allein ist uns ein Absatz von 6000 Fl. sicher. Die
  Einrichtungen sind brigens so getroffen oder werden es (denn noch ist
  die Sache erst im Werden), da ich wenig Arbeit damit habe, und es
  wird mich dasselbe nicht verhindern, Euch dies Jahr noch zu besuchen,
  wenn nicht von andern Seiten vielleicht was dazwischen kommt.

Wer der in diesem Briefe erwhnte Hauptdirector des projectirten
buchhndlerischen Geschfts war, neben dem sich Brockhaus nur als
Nebendirector bezeichnet, ist nicht bekannt. Entweder blieb die
Ernennung eines solchen ein bloes Project, wie sich berhaupt das
Geschft und Brockhaus' Wirksamkeit in demselben bald wesentlich anders
gestaltete, als er sie sich zuerst gedacht hatte. Oder -- und das
ist das Wahrscheinlichere -- unter dem Hauptdirector war derjenige
gemeint, der dem Publikum und speciell der Gilde gegenber mit seinem
Namen hervorzutreten hatte, der Buchdrucker Rohloff, whrend Brockhaus
unter dem Namen eines Nebendirectors factisch der eigentliche Leiter
des Geschfts wurde. Denn in einem sptern Briefe an seinen Bruder
(vom 25. August 1807) sagt er ausdrcklich, da er der alleinige
Eigenthmer der Firma Rohloff & Co. gewesen sei. Auch die angesehenen
und sehr wohlhabenden Personen, von denen er in jenem frhern Briefe
sagt, da sie mit ihm zur Grndung des Geschfts sich vereinigt
htten, sind wol schwerlich als Mitbegrnder und Miteigenthmer des
Geschfts anzusehen; es waren vielmehr Freunde der Wissenschaften und
Knste, die als solche und als seine persnlichen Freunde ihm mit
ihrem Einflu und selbst mit materiellen Mitteln zur Seite standen. So
schreibt er einmal an seinen Bruder: Ein wackerer Mann, dem ich mich
entdeckte, fand meine Idee sehr gut, und ich erhielt von diesem auch
noch dazu ein Kapital von 6000 Fl. Dieser wackere Mann kann jener
ebenerwhnte Mitdirector des Museums, Clifford, oder der Gropensionr
Schimmelpenninck gewesen sein. Von letzterem wurde Brockhaus jedenfalls
auch materiell bei seinem neuen Unternehmen untersttzt, wie aus sptern
Rechnungspapieren hervorgeht. Ferner nennt er spter einmal dankbar
folgende Namen als solcher Amsterdamer, die ihm in hnlicher Weise
zu Hlfe kamen, ohne da uns Weiteres als eben diese Namen bekannt
geworden: Gulcher, Falk, Hultmann, Rodde. Mglich ist inde auch, da es
ursprnglich auf ein Actienunternehmen abgesehen war, das sich spter
zerschlug.

Aus dem oben mitgetheilten Briefe geht ferner hervor, da Brockhaus
zunchst durchaus nicht die Absicht hatte, sein eigentliches
kaufmnnisches Geschft aufzugeben; er wollte dieses nur, wie er es
schon Ende 1804 sich selbst und seinem Bruder versprochen hatte,
nach den bsen Erfahrungen der letzten Zeit wesentlich einschrnken
und neben demselben, gewissermaen als Liebhaberei, das neue
buchhndlerische Geschft betreiben. Dieses beabsichtigte Verhltni
kehrte sich allerdings bald um: das buchhndlerische Geschft wurde
die Hauptsache, das kaufmnnische die Nebensache, sei es, da er das
letztere absichtlich immer mehr einschrnkte, oder da dasselbe immer
weniger rentirte, sei es, da das erstere sein Interesse und seine
Thtigkeit mehr in Anspruch nahm als er sich gedacht hatte. Inde gab er
das kaufmnnische Geschft immer noch nicht ganz auf, sondern betrieb
es nebenbei mehrere Jahre fort, bis zu seinem Weggange von Amsterdam,
obwol er noch mehrmals sich ganz davon loszumachen versuchte. Eine
solche Doppelstellung erscheint in unserer Zeit der Arbeitstheilung
ungewhnlich; damals und bei dem raschen Wechsel der politischen
Verhltnisse kam sie fter vor.

Des Zusammenhangs wegen mgen aus dem bereits erwhnten sptern Briefe
an seinen Bruder vom 25. August 1807 einige Stellen gleich noch hier
folgen:

  Ich halte es fr den glcklichsten Gedanken meines Lebens, da ich,
  als vor zwei Jahren ich die Unmglichkeit begriff, mein Geschft in
  englischen Manufacturwaaren mit Glck, Ruhe und Segen fortfhren zu
  knnen, um davon meine schwere Haushaltung und Ausgaben zu bestreiten,
  da ich da den Entschlu fate, hier ein Etablissement fr Buch- und
  Kunsthandel zu errichten, wie es in unserm Lande keines gab, das mir
  ein gutes Auskommen versprach, keinen bergroen Fonds erforderte
  und das meinem Genius vollkommen angemessen war. Indessen hatte ich
  zur Absicht, doch ein _noyau_ fr Manufacturgeschfte beizubehalten,
  um in gnstigern Zeiten es vielleicht wieder aufzufassen und weiter
  auszudehnen. Ich war zu der Zeit einer der Directoren unsers Museums
  und meine Idee wurde dadurch sehr begnstigt .... Durch die Kenntni
  und durch die Thtigkeit, welche ich in das neue, meinem Sinne so
  angemessene Geschft legte, wuchs solches bald bedeutend, und ich
  entschlo mich, den _noyau_, den ich noch von Manufacturen angehalten
  hatte, fahren zu lassen und mich ganz und allein dem neuen Geschfte
  zu widmen, fr welches, wie wol Jeder gestehen wird, der mich kennt,
  ich Jedem und mir selbst auerordentlich berechnet schien ... Antheil
  hat Niemand am ganzen Geschfte als ich allein. Ich lasse indessen im
  Publikum die Idee gelten, als ob mehrere dabei interessirt wren.

Er erwhnt dann noch, da er seine andere sehr lucrative aber lstige
Unternehmung (den kaufmnnischen _noyau_) zu verkaufen beabsichtige;
inde findet sich keine Notiz, ob und wann dieser Plan zur Ausfhrung
gekommen.

       *       *       *       *       *

Doch kehren wir zu dem Beginn seines buchhndlerischen Unternehmens im
Sommer 1805 zurck, das er, wie alles im Leben, sofort mit lebhaftem
Eifer und nach groartigen Gesichtspunkten anfate.

Noch vor Erla des Circulars schrieb er an einige grere
Buchhandlungen, um gleich bei Erffnung seines Geschfts wohlgerstet
auftreten zu knnen. Nur zwei solcher Briefe sind uns erhalten, beide an
Breitkopf & Hrtel in Leipzig gerichtet.[13]

In dem ersten, Amsterdam, 5. September 1805 datirt und noch nicht mit
der Firma des neuen Geschfts, sondern A. Brockhaus unterzeichnet,
heit es:

  Einige Freunde der Literatur und schnen Knste haben sich
  entschlossen, hierselbst eine Buch- und Kunsthandlung anzulegen nach
  einem ganz neuen Plane, und dadurch fr unsere Republik einem sehr
  gefhlten Bedrfnisse abzuhelfen. Es wird sich solche mit eigenem
  Verlage und mit Sortiment befassen und sich berhaupt bemhen, der
  Verbindungspunkt zwischen nationaler und auslndischer Wissenschaft
  und Kunst zu werden. Der vollkommene Mangel eines solchen Instituts
  in den Vereinigten Niederlanden, die glckliche Lage derselben zur
  Unterhaltung eines Verkehrs mit allen Nationen, selbst mit fremden
  Welttheilen, der Geist der Zeit berhaupt und endlich die Kenntnisse,
  der Eifer und die Mittel der Unternehmer -- Alles dieses lt der
  Unternehmung mit Wahrscheinlichkeit einen guten Erfolg hoffen.

  Es sind noch einige Hindernisse, die in dem Zunft- und Gildenwesen
  ihre Ursachen haben, zu beseitigen, und wir mssen also die
  Herumsendung unserer Circulare, woraus Sie alles Nhere ersehen
  werden, so lange aussetzen. In einigen Wochen wird solches aber
  sptestens geschehen. Bis dahin habe ich, einer der Mitunternehmer,
  bernommen, schon einige Einleitungscorrespondenz anzufangen,
  und in dieser Qualitt bin ich deshalb auch so frei, Ihnen das
  Gegenwrtige zu adressiren. Es soll sich dasselbe heute allein auf
  Ihren Musikverlag beziehen. Musikalienhandlung liegt vorzglich
  mit im Plane unsers Instituts, da wir darin uns des besten Erfolgs
  schmeicheln drfen, weil hierin fast nichts in unserer Republik gethan
  ist, unerachtet in derselben eine ausgezeichnete Liebhaberei fr jede
  Gattung der Tonkunst statthat. Wir wnschen zu diesem Zwecke also mit
  den vorzglichsten Musikalienhandlungen in Deutschland, der Schweiz
  und Frankreich in Verbindung zu treten und von denselben ihren Verlag
  in Commission zu erhalten, indem -- wenigstens vor der Hand -- es ganz
  unmglich ist, sich selbigen gleich auf eigene Rechnung anzuschaffen.

  Meine ergebenste Frage an Sie ist also hierdurch: ob Sie sich hierzu
  wol entschlieen mchten, und wenn das: ob Sie sich, was wir wnschen
  mssen, auf uns fr unsere Republik einschrnken und knftige hnliche
  Anfragen zurckweisen wollen, solange unser Verkehr und Vertrieb Ihnen
  ansteht, und drittens: welches Ihre Bedingungen, Vortheile und Rabatte
  sind, die Sie zugestehen.

Aus einer Notiz auf dem Briefe ist zu ersehen, da Breitkopf & Hrtel in
Leipzig unterm 11. September antworteten:

  40 Procent gegen Baarzahlung, wenn er fr netto 100 Thlr. nimmt; das
  franco Remittirte tauschen wir gegen andere Sachen aus.

Darauf erwidert Brockhaus unterm 27. September:

  Ihre Zuschrift vom 11. d. M. habe ich wohl erhalten und sie unserm
  Institute vorgelegt. Es hat dieses nichts dagegen, Ihnen zum Anfange
  comptant zu zahlen, jedoch unter der von Ihnen selbst angebotenen
  Bedingung, von Zeit zu Zeit das nicht Verkaufte gegen andere Artikel
  vertauschen zu knnen, und unter der, da Sie uns anstatt 40 : 50
  Procent Rabatt geben. Wenn Ihnen dies convenirt, so wollen Sie fr
  circa 400 Thlr. der neuesten und am meisten gesuchten Sachen -- ein
  Sortiment von Allem -- fr uns auslegen und ber Zwoll p. Adr. des
  Herrn F. L. Schlingemann an mich mit dem Postwagen absenden. Wir
  bitten Sie, diese Auswahl in jeder Rcksicht auf das sorgfltigste und
  geschmackvollste zu treffen. Es ist unser Debt in diesem Artikel und
  also um so nthiger. Den ungefhren Betrag _de circa_ 200 Thlr. wollen
  Sie in zwei Monat dato in hollndischen Ct. Fl. (Courant-Gulden) nach
  dem dortigen Course auf mich bei der Absendung entnehmen. Factura und
  Avis ber Ihre Tratte erwarte mit der Briefpost.

Aus dieser Correspondenz ersieht man, wie leicht sich Brockhaus in die
neuen Geschftsverhltnisse fand, die ihm bisher ganz fremd waren, da er
doch nie den Buchhandel oder gar den Musikalienhandel erlernt hatte,
und wie umsichtig er sein Geschft begann. Fr die bestellten Musikalien
fand er auch bald einen regelmigen Abnehmer, indem ihm die Direction
des groen Concerts die Lieferung ihres Bedarfs bertrug; dies geschah
inde erst am 21. October, whrend er jene erste Bestellung bereits am
27. September aufgegeben hatte. Auch das Museum bertrug ihm sofort die
Lieferung seiner Zeitungen und Bcher.

Um mit dem deutschen Buchhandel ordnungsmig verkehren zu knnen, hatte
er, auch noch vor Erla seines Circulars, einen Commissionr in Leipzig
gesucht und in der Person des Herrn Heinrich Grff gefunden; er erwhnt
seiner bereits am 5. September in dem ersten Briefe an Breitkopf &
Hrtel.

Aber noch khnere Ideen hegte er gleich bei Beginn seiner
buchhndlerischen Laufbahn: er dachte sofort auch an die Errichtung
einer Buchdruckerei in Amsterdam! In demselben Briefe heit es:

  Durch Herrn Grff habe ich mir auch schon eine Probe von Ihrer
  Schriftgieerei erbeten, da wir die Absicht haben, auch ehestens eine
  Druckerei anzulegen, wozu wir wol gezwungen sind, da in unserer ganzen
  Republik keine Buchdruckerei existirt, die nur etwas Ertrgliches zu
  liefern im Stande wre.

Dieses Project kam freilich damals nicht zur Ausfhrung, sondern erst in
viel spterer Zeit (1818 in Leipzig), wie so manche Einrichtungen in dem
von ihm begrndeten Geschfte, zu denen er noch den Keim gelegt hatte.

Da er sich berhaupt auch fr das seinem Ideenkreise ferner liegende
technische Gebiet interessirte, geht noch aus folgendem, unterm 12.
Juli 1805 an Professor Gubitz in Berlin gerichteten Briefe hervor,
der zugleich zeigt, wie sorgfltig er schon damals die deutsche
Journalliteratur verfolgte:

  Durch die Discussionen, die unlngst zwischen Ihnen und Hrn. N. N.
  im Freimthigen und in der Zeitung fr die elegante Welt Platz
  gehabt und meiner Meinung nach sich auf eine sehr schmeichelhafte
  Weise fr Sie und die schne Kunst, der Sie mit einem so edlen
  Enthusiasmus anhangen, geendigt haben[14], bin ich auf Ihre Bemerkung:
  da sich die Holzschneidekunst sehr zu unnachahmlichen Staatspapieren
  u. dgl. eigne, und durch die Anzeige, da Sie sich mit Versuchen
  hierber beschftigten, insofern aufmerksam gemacht worden, da
  ich einen Freund hierselbst, der einen sehr ansehnlichen Debit in
  gestochenen Wechseln (deutscher, hollndischer und allen andern
  Sprachen), in Assignationen, Leistungen u. dgl. hat und der jhrlich
  eine ganze Menge Platten abnutzt, ebenfalls aufmerksam gemacht habe,
  da sich Formen aus Holz hierzu wol besser eignen und ihm einen
  ansehnlichern Vortheil abwerfen wrden als Kupferplatten, die gleich
  abgenutzt sind. Mein Freund hat meine Idee sehr gut gefunden, und er
  hat mir demzufolge den Auftrag gegeben, mich mit Ihnen darber zu
  unterhalten, welches zu thun ich mir hierdurch also die Freiheit nehme.

  Meine ergebenste Frage an Sie wre also: ob Sie sich auch wol
  schon mit solchen Gegenstnden beschftigt, als oben erwhnt, und ob
  Sie mir darber nicht einige Proben einsenden knnen? Wenn das aber
  nicht wre -- ob Sie dann glauben, da sich Ihre Kunst auch sehr zu
  Buchstaben und Zahlenzeichen eigne? Dann, was eine Platte, wie z. B.
  zu einliegendem Wechsel, kosten werde? Und endlich, ob Sie in den
  ersten drei Monaten wol Zeit haben wrden, um ein halbes oder ganzes
  Dutzend von solchen und hnlichen Formen fertig zu machen?

  Recht sehr angenehm wird es mir sein, hierber baldmglichst und
  wenn's angeht mit umgehender Post ausfhrliche Antwort zu erhalten,
  und in dieser Erwartung habe ich die Ehre, mich Ihnen auf das
  hflichste und ergebenste zu empfehlen.

Als ein Zeichen von Vertrauen zu dem neuerrichteten Geschfte darf es
wol betrachtet werden, da das altberhmte Haus Breitkopf & Hrtel in
Leipzig ihm schon auf den ersten Brief hin den Antrag machte, auch
fr den Vertrieb der Erzeugnisse seiner Pianofortefabrikation thtig
zu sein. Diesen Vorschlag glaubte Brockhaus inde doch vor der Hand
ablehnen zu mssen. Er schrieb:

  Zu einem Geschft mit Pianoforten oder sonstigen Instrumenten sind
  wir noch nicht eingerichtet. Unser Institut ist erst im Beginnen und
  kann nicht Alles zugleich unternehmen. Auch hlt man hier nicht viel
  von auslndischen Pianofortes, da man dafr hlt, da sie dem hiesigen
  feuchten Klima nicht widerstnden, soda man fast nur einheimische von
  Van der Does, Meyer und andern ausgezeichneten Meistern gebraucht.
  Da ich mir indessen selbst eins anschaffen will, so drfte ich mich
  vielleicht entschlieen, dazu eins von Ihnen zu nehmen, und es knnte
  solches dann als Muster dienen. Melden Sie mir also geflligst die
  Preise der verschiedenen Arten und Formen und melden Sie mir, welche
  jetzt die beliebtesten und gesuchtesten sind.

So nach allen Seiten hin blickend, legte Brockhaus mit sicherer Hand die
Grundlagen zu seinem neuen Geschfte.




                       3.

   Erste journalistische Verlegerthtigkeit.


Neben dem Sortimentsgeschft: der Einfhrung auslndischer, besonders
deutscher und franzsischer Literatur, mit Einschlu der musikalischen,
nach Holland, widmete sich Brockhaus gleich im Beginne seiner
buchhndlerischen Laufbahn mit fast noch grerm Eifer der Begrndung
eines Verlagsgeschfts, das spter die Hauptthtigkeit der von ihm
begrndeten Firma bilden sollte. Er fhlte, da dieses allein seinem
regen Geiste gengende Nahrung darbieten knne, wenn er auch wol noch
keine Ahnung davon hatte, zu welchem Umfange dasselbe allmhlich
erwachsen werde. Und whrend er als Sortimentsbuchhndler von Anfang
an die internationale Seite vorzugsweise ins Auge fate und in seinem
Geschfte einen Mittelpunkt fr den buchhndlerischen Verkehr der
verschiedenen Nationen zu schaffen suchte (eine Idee, die von seiner
Firma stets als ein Lieblingsgedanke gepflegt und, freilich erst lange
nach seinem Tode, in einer Weise verwirklicht worden ist, wie sie
ihm selbst vielleicht nur als Ideal vorgeschwebt haben mag), erfate
er als Verleger zunchst die nationale Seite, indem er, um seinem
Programm gem auch nationale Wissenschaft und Kunst zu befrdern,
journalistische Unternehmungen zu begrnden suchte. Auch darin also hat
er den Grund gelegt zu einer der Hauptthtigkeiten seines Hauses.

Als Deutscher in Holland lebend und durch Vorliebe besonders zur
Literatur Frankreichs hingezogen, suchte er jeder dieser drei
Richtungen gerecht zu werden; er begrndete kurz nacheinander eine
hollndische politisch-literarische Zeitung: _De Ster_, eine deutsche
zeitgeschichtliche Monatsschrift: Cramer's Individualitten,
endlich eine franzsische belletristische Vierteljahrsschrift: _Le
Conservateur_.

Ueber diesen Beginn seiner Verlegerthtigkeit spricht er sich in einem
Briefe an Karl Friedrich Cramer aus, der in dessen Individualitten
abgedruckt ist (wir kommen auf dieses Werk und seinen Verfasser bald
nher zu sprechen) und auch seines sonstigen Inhalts wegen hier
mitgetheilt zu werden verdient. Er schreibt aus Amsterdam vom 17.
October 1805, also zwei Tage nach Erla seines Circulars:

  Indem wir die Ehre haben, Ihnen angebogen ein Circular unsers
  hierselbst angefangenen Geschfts zu bersenden, knnen wir uns das
  Vergngen nicht versagen, uns noch nher mit Ihnen zu unterhalten;
  sowol weil wir wnschen, mit Ihnen in eine fortlaufende Geschfts- und
  literarische Verbindung zu treten, als auch um Sie wegen Eines und
  Andern um Rath zu fragen.

  Hr. B. (Brockhaus), Schreiber dieses, der vorzglichere Unternehmer
  und Eigenthmer unsers Geschfts, hat nmlich stets an Ihren
  Schicksalen den innigsten Theil genommen, und es gibt vielleicht
  wenige Personen, zu deren Individualitt er sich von jeher so
  hingezogen gefhlt htte als zu der Ihrigen. Als Knabe und Jngling
  schon -- er ist jetzo in den Dreiigern -- interessirte ihn vielleicht
  kein Schriftsteller in dem Grade als Sie, mit Ihren rhapsodischen,
  khnen, aber alles Edle und Schne mit der innigsten Wrme
  umfassenden Schriften. Er schwrmte mit Ihnen bei der Morgenrthe der
  franzsischen Freiheit; Klopstock und Ihre Lieblingsschriftsteller
  waren die seinen; jede von Ihnen herausgegebene Schrift wurde von ihm
  mit Begierde gelesen; er litt mit Ihnen bei Ihrem Weggange von Kiel;
  er indignirte sich ber die Xenien wider Sie; er begleitete Sie mit
  einem sorgsamen ngstlichen Auge nach Paris, wo er sich um dieselbe
  Zeit wegen Handlungsgeschften gerade einige Wochen aufhielt, in
  denen Sie dort eben angekommen waren (kurz nach dem berhmten XIII.
  Vendmiaire), was er freilich nicht eher erfuhr als durch Reichardt's
  Journal.[15] Seitdem forschte er nach, wo er nur konnte, ob es Ihnen
  wohlgehe; er suchte Alles zu lesen, was Sie von Zeit zu Zeit in
  Deutschland und Paris bekannt machten, und es ist ihm schwerlich
  etwas entgangen vom Bardieten an bis zu den Tempelherren, von der
  hehren Jungfrau bis zu Fischer's -- seines persnlichen Freundes
  -- Valencia.[16] Auch von den Arbeiten, wo Sie sich nicht nannten,
  wie oft im Journal Frankreich, in der Eleganten Zeitung, in den
  Franzsischen Miscellen, in den Europischen Annalen, hat er Sie,
  und gewi selten unrecht, errathen -- Sie sehen also, da wir uns wol
  als alte Bekannte constituiren knnen.

  Damit Sie aber auch wissen, wer dieser Ihr unbekannter Freund ist,
  so wollen wir Ihnen das auch mit ein paar Worten sagen, Ihnen, der so
  viel auf Namen und individuelle Hinstellung hlt. Ihr Freund heit
  also .. Wilibald[17], ist ein Westflinger, von Dortmund gebrtig ...
  In Dsseldorf lernte er die Handlung. In Leipzig studirte er, wie man
  sagt .. nach Ablauf der Lehrzeit. Im Jahre 1798 etablirte er sich
  in seiner Vaterstadt und heirathete ein liebes Weib. Seine Handlung
  zog ihn im Jahre 1802 nach Holland, wo er sich denn diese Zeit her
  in Amsterdam niederlie und seine Handlung mit .... fortsetzt.[18] Es
  geht ihm hier wohl und er lebt seinen Geschften, seiner Familie und
  nebenher den Wissenschaften. Das jetzige Prohibitivsystem unserer
  Regierung gibt ihm in seiner Handlung mehr als gewhnlich Mue, und
  aus alter Liebhaberei fr Literatur und schne Knste hat er die Idee
  zur Errichtung eines Kunst- und Industrie-Comptoirs gefat, und glaubt
  Zeit und Kenntnisse genug zu haben, es neben seinen andern Geschften
  leiten zu knnen.

  Die Geschfte unsers Comptoirs sollen in Buch-, Musik- und
  Kunsthandel bestehen und in eigenen Verlagsunternehmungen, die uns
  dem Geiste der Zeit angemessen scheinen. Zu unsern Commissionen in
  Paris haben wir uns an Herrn Hinrichs gewendet .... besonders da wir
  bereits den ehrenvollen Auftrag erhalten, fr das hiesige Museum alle
  und jede literarischen Neuigkeiten aller Sprachen zu liefern, ein
  Auftrag, der in jeder Hinsicht so wichtig fr uns ist, da wir ihm
  die grte Pnktlichkeit und Ordnung zu widmen schuldig sind. Wegen
  unsers Musiklagers bleibt es uns durchaus nothwendig, da wir uns auf
  franzsische Musik legen. Die Mode will es; diese Musik ist jetzt hier
  _ l'ordre du jour_ und da es in Amsterdam keine einzige gut oder auch
  nur einmal ertrglich organisirte Musikhandlung gibt, so wrden wir ...

  Ich komme jetzt auf das Fach unserer eigenen Unternehmungen, die wir
  successive auszufhren suchen werden und worber wir uns ebenfalls
  Ihren Rath und Beistand erbitten. Die ersten davon drften sein:

1) eine hollndische politisch-literarische Zeitung,

2) eine dergleichen fr ....[19]

  Es gibt durchaus kein Land in der Welt, das ein greres Interesse
  an dem Wechsel der Weltbegebenheiten nimmt als das unsere, weil
  keines ist, das den groen Herren in Westen, Sden, Osten und Norden
  so viel Geld geliehen als unsere Nation und wo ein so groer Handel
  mit Staatspapieren getrieben wird als hier. Man liest also in Holland
  mit verschlingender Neugier Alles, was nur wie eine Zeitung aussieht.
  Daher sind denn auch wol unsere Zeitungen ohne alle Ausnahme so
  schlecht und Wahrscheinlichkeit dafr, da eine nach einem der
  jetzigen Zeit mehr angemessenen Plane vielen Beifall und einen
  brillanten Absatz haben wrde. Wir haben also ....

  Das wren mithin unsere Zeitungsunternehmungen. Andere literarische
  werden wir jede Messe einige machen, um in Leipzig Tauschartikel
  zu haben, da wir viel deutsche Bcher beziehen mssen. Sollten Sie
  also selbst etwas auf dem Ambo haben oder von Ihren literarischen
  Freunden dergleichen wissen, so bitten wir Sie recht sehr, dabei
  an uns zu denken. Sie werden es so gut fhlen als wir, da unser
  Comptoir als ein junges neues Geschft doppelt vorsichtig bei der
  Wahl seiner Verlagsartikel sein mu, und uns also nur so was anrathen
  und anbieten, dessen Beifall und guter Aufnahme Sie sicher wren. Ich
  habe in einem der neuesten Stcke der Franzsischen Miscellen die
  Ursache ersehen, warum Sie Ihr hinreiend interessantes Tagebuch nicht
  fortgesetzt haben, da Sie es aber fortsetzen wollen. Haben Sie dazu
  schon einen Verleger? Sonst bin ich Ihr Mann. Es wrde mir sehr viel
  Freude machen, wenn wir dieses anziehende Werk herausgeben knnten.
  Melden Sie mir mit umgehender Post doch das Nhere hierber.

  Ich denke, sollten Daunon, Chenier, Riouffe, Oelsner, Ginguen u. a.
  nicht auch noch Memoiren oder andere Producte hnlichen Inhalts in
  ihrem Pulte besitzen? .... Sie kennen diese Mnner alle. Denken Sie
  dabei an uns. Wir bieten die Hand und besitzen jedes Mittel dazu;
  u. s. w.

Bevor wir Cramer's Antwort auf diesen Brief mittheilen und die daraus
hervorgehende geschftliche und freundschaftliche Verbindung zwischen
beiden Mnnern schildern, haben wir ber die hollndische Zeitschrift
_De Ster_ (Der Stern) zu berichten, da sie Brockhaus' erstes
Verlagsunternehmen war.

Die erste Nummer dieser Zeitschrift erschien am 11. Mrz 1806. Ein
Redacteur ist nicht genannt, jedenfalls besorgte Brockhaus selbst
die Redaction. Auch ein Verleger ist auf dem Blatte nicht namhaft
gemacht, wie berhaupt das Erforderni solcher Angaben erst eine
Erfindung der sptern Pregesetzgebung ist. Die Ankndigungen sind
entweder Der Unternehmer oder Die Expedition des Stern oder Das
Expeditions-Comptoir in der Warmoesstraat No. 2 unterzeichnet. Gedruckt
wurde das Blatt von J. G. Rohloff, dem Firmatrger des Geschfts.

Der _Ster_, der dreimal wchentlich in Klein-Folio-Format erschien,
war keine politische Zeitung, sondern eine politisch-literarische
Zeitschrift. In dem von den Unternehmern in hollndischer Sprache
ausgegebenen Programme heit es ausdrcklich:

  Das hauptschlichste Ziel ihrer Zeitschrift soll nicht das sein, die
  allgemeine Neugierde nach politischen Gegenstnden auf die gewhnliche
  Art zu befriedigen, vielmehr werden alle sogenannten posttglichen
  Zeitungsnachrichten davon ausgeschlossen bleiben. Statt dessen werden
  die Sammler dahin trachten, ihrer Nation die nhere Verbindung der
  besondern Weltverhltnisse kennen zu lehren; den Fortschritt oder das
  Zurckgehen der Cultur und Aufklrung bei andern Vlkern zu ihrer
  Wissenschaft zu bringen und ihr dadurch gewissermaen einen Prfstein
  fr ihre eigenen in die Hand zu geben; Nachrichten vom Zustande des
  Handels, der Manufacturen und Fabriken in andern Lndern mitzutheilen;
  Bemerkungen ber dasjenige, was in dieser Rcksicht in unserm eigenen
  Vaterlande Neues an den Tag tritt einzuschalten; das lesende Publikum
  durch geistvolle Aufstze aller Art angenehm und lehrreich zu
  unterhalten; endlich durch unparteiische Beurtheilungen einen Versuch
  zu machen, auf unsere Sitten, gesellschaftlichen Einrichtungen,
  einige Zweige der Staatsverwaltung von einigem Einflusse zu sein:
  eine Aussicht allerdings sehr weiten Umfangs, deren Ntzlichkeit
  aber Unternehmer und Redacteurs sich Mhe geben werden, nie aus dem
  Gesichte zu verlieren.

Diesem Programm gem brachte _De Ster_ neben Besprechungen von
literarischen und Theaterangelegenheiten, die den grten Raum einnehmen
und eigenthmlicherweise bisweilen auch in franzsischer und deutscher
Sprache geschrieben sind, keine politischen Nachrichten, sondern
Errterungen ber die politische Lage Europas. Bei aller Bewunderung
der Franzsischen Revolution und ihrer Principien, die nach der
damaligen Zeitstrmung begreiflich ist und von dem Herausgeber Brockhaus
persnlich getheilt wurde, hielt sich das Blatt doch fern von einer
Verherrlichung Napoleon's und verrieth durchaus keine Sympathien fr
dessen nivellirende Maregeln und immer deutlicher hervortretende
Absicht, der am 16. Mai 1795 mit franzsischer Hlfe proclamirten
Batavischen Republik wieder ein Ende zu machen; ja seine Politik wird
bald offen gemisbilligt, bald durch versteckte Satire angegriffen.

Am 29. April 1805 war die Verfassung der Batavischen Republik auf
Napoleon's Wunsch zum dritten male umgendert und der Patriot Rtger Jan
Schimmelpenninck, in dem er ein gefgiges Werkzeug fr seine Plane zu
finden hoffte, als Gro- oder Rathspensionr (unter Erneuerung dieses
alten hollndischen Staatsamtes) mit fast unbeschrnkter kniglicher
Macht an die Spitze derselben gestellt worden. Schimmelpenninck benutzte
seine Stellung aufs beste, um die durch Gebietsabtretungen an Frankreich
und England geschwchte und finanziell zerrttete Republik wieder zu
heben. Doch gelang ihm dies nur zum kleinsten Theile, whrend er dadurch
Napoleon's Mistrauen erweckte. Als sich bald darauf ein Augenbel
Schimmelpenninck's so verschlimmerte, da dieser fast ganz erblindete,
benutzte Napoleon diesen Umstand, um den ihm jetzt gefhrlich
erscheinenden Patrioten zu beseitigen und mit seinem langgehegten Plane
offen hervorzutreten. Er schlug vor, seinen Bruder Ludwig Bonaparte zum
Knig von Holland zu whlen. Vergebens bemhte sich Schimmelpenninck,
diesem gewaltsamen Aufdrngen eines Fremdlings entgegenzuwirken;
Napoleon's Wunsch war damals so gut wie ein Befehl, und am 5. Juni 1806
wurde sein Bruder zum Knig von Holland ausgerufen, die Batavische
Republik war todt. Das Knigreich Holland von Napoleon's Gnaden hatte
freilich auch keinen langen Bestand: die neuen Unglcksflle, die das
Land trafen, veranlaten den Knig schon am 1. Juli 1810 die Krone zu
Gunsten seines ltesten Sohnes (des ltern Bruders Napoleon's III.)
niederzulegen, doch Napoleon erkannte dies nicht an; ein Decret vom
9. Juli 1810 vereinigte das Knigreich Holland mit dem franzsischen
Kaiserreiche, und erst im Herbste 1813 wurde durch die Schlacht bei
Leipzig auch Hollands staatliche Selbstndigkeit wiederhergestellt.

Wir muten an diese geschichtlichen Daten erinnern, weil durch sie die
Haltung und das Schicksal der jungen Zeitschrift erklrt wird. Als _De
Ster_ am 11. Mrz 1806 zu erscheinen begann, bestand die Batavische
Republik noch, und die Zeitschrift wirkte im Sinne des mit Brockhaus
persnlich befreundeten Gropensionrs Schimmelpenninck. Inde schon
in ihrer Nummer 37 vom 3. Juni hat sie die Umwandlung der Republik in
ein Knigreich zu melden; in der zweitfolgenden Nummer 39 vom 7. Juni
mu sie erklren, da sie auf Wunsch der Herren Magistratspersonen
der Stadt Amsterdam nicht fortfahren kann, betrachtende Artikel, den
gegenwrtigen Zustand unsers Vaterlandes betreffend, aufzunehmen; die
nchste Nummer aber, Nr. 40 vom 10. Juni, ist zugleich die letzte: _De
Ster_ war durch kniglichen Befehl vom 9. Juni unterdrckt worden!
Grnde dieses Verbots sind in dem betreffenden Decrete nicht angegeben;
sie lagen wol darin, da die neuen Machthaber berhaupt kein politisches
Blatt dulden wollten, das nicht ganz ihren Absichten huldigte.

Trotz dieses Schlags verlor brigens Brockhaus den Muth nicht; er
grndete sofort ein neues Blatt unter dem Titel _Amsterdamsch
Avond-Journal_ oder vielmehr er nderte nur den bisherigen Titel
_De Ster_ in jenen um, denn das neue Blatt gleicht dem alten
vollstndig, sowol uerlich wie innerlich, und tritt selbst so offen
als unmittelbare Fortsetzung desselben auf, da Nr. 2 den Schlu eines
in der letzten Nummer des _Ster_ begonnenen Artikels bringt! In
der vom 19. Juni (also nur neun Tage nach dem Erscheinen der letzten
Nummer des _Ster_) datirten Nr. 1 ist ein Auszug aus einem kniglichen
Decrete vom 16. Juni abgedruckt, worin die Erlaubni zu dem neuen
Blatte ertheilt ist. Dieses hielt sich inde noch weniger lange als
das frhere; es erschienen davon nur zwanzig Nummern, die letzte am 2.
August, ohne da ber den Grund seines Aufhrens etwas mitgetheilt ist.

Einige Aeuerungen Cramer's (in seinen Individualitten) ber den
_Ster_ mgen als die einzige uns bekannte ffentliche Besprechung und
zur Charakterisirung der Zeitschrift wie ihres Begrnders hier folgen.

Cramer schreibt aus Amsterdam vom 17. Februar 1806:

  Es werden noch manche Sterne aufgehen, denke ich, am hiesigen sowie
  an allen Horizonten der Welt. Einer, an dem ich einen so lebhaften
  Antheil nehme, als htte ich ihn selber hervorgerufen aus dem Nichts,
  ist der, den uns unser Freund Wilibald[20] gleich in seinem ersten
  Briefe an mich angekndigt hat, und womit er jetzo in voller Arbeit
  begriffen ist. Die Zeitung, die er so nach einem bereits in Engelland
  funkelnden benennt, aber die durchaus nicht ganz politisch sein soll,
  scheint nun, nach den vorlufigen unvermeidlichen Geburtswehen, ihrem
  ans Lichttreten ziemlich nah. Welch schnes Feld hat er darin, in
  Gemeinschaft mit so vielen der besten hiesigen Geister, die daran
  theilnehmen werden, fr Wirkung auf Wissenschaft und Geschmack in all
  den mannichfaltigen Aesten und Zweigen des groen Baums der Erkenntni
  Gutes und Bses vor sich! Es ist ein vllig jungfrulicher Boden; von
  keinem -- zu meinem groen Verwundern! bisher in den sieben Provinzen
  urbar gemacht; eine Idee, um die man beneiden ihn mu. Ich will nicht
  sagen, da sie unter den andern _Couranten_ von Amsterdam, Rotterdam,
  Haag schimmern wird, wie unter den Sternen der Mond; -- denn diese
  haben gar keinen Glanz; geben nichts als die magerste politische
  Kost, ohne jemals ein Fnkchen Raisonnement, in einem Schwall der
  tdisesten Edictalcitationen, Tod- und Geburtannoncen, Nachrichten
  angekommener Schiffer, oder Gewrzkrmer- und anderer Notizen
  ersuft, grtentheils auf schndlichem Papier mit noch schndlicher
  stumpfen Lettern gedruckt .... sie wird durch ihren Inhalt fr
  denkende, gebildete Leser, fr jeden Erkenntnibegierigen ein
  Komet, ein wahres Phnomen von neuem Weltkrper sein. Alle mglichen
  literarischen auswrtigen Mittel, auer vielen inlndischen, stehen
  ihm, der ein Kaufmann aus unsers Sieveking's Kategorie ist, zu Gebot;
  und da er im Kopfe den Zeug, aus Allem die Quintessenz zu whlen,
  besitzt, wird es sehr leicht fr ihn werden, da er an Interesse die
  Freymthigen, die Eleganten Zeitungen, die Auroren, Sphinxe,
  und was wei ich, wie sie alle heien? so weit bertreffe, als der
  wieder aufgeweckte brsselsche _Esprit des Journaux_ nach dem ich
  unter allen Tag- und Monatsschriften in Paris am happigsten greife,
  die einzelnen Journale, aus denen ihn der Verfasser distillirt. Ueber
  die Organisation und Nativittstellung dieses Sterns haben wir uns in
  den vergangenen Wochen fast tagtglich unterredt; und uns gestern noch
  mit Bestimmung des emblematischen Druckerstockes dazu amsirt. Einer
  aus Gille's Carte hat uns dazu zum Muster gedient, mit den gehrigen
  Vernderungen jedoch; so da der blitzfhrende Adler unten in den
  siebenpfeiletragenden Lwen, und die Kaiserkrone in den batavischen
  Freiheitshut umgewandelt worden ist; zur Seite ein Eichen- und
  Lorbeerzweig, das Schne zum Ernsten! -- dessen Kreis der Stern denn
  durchstrahlt. Sobald was davon dem Telescop oder Auge sichtbar werden
  wird, gebe ich Dir weitere Nachricht.

Diese Nachricht findet sich in einem Briefe Cramer's vom 30. Mrz,
ebenfalls aus Amsterdam:

  Als ich aus dem Ballet wieder zu Wilibald kam, fand ich seinen
  Landsmann, den Kaufmann Mallinckrodt aus Arnheim[21], noch bei ihm,
  einen vortrefflichen Gesellschafter und humanen Mann ..... Vom
  Sterne hat er eben noch die ersten drei oder vier Bltter gesehen
  und einstecken gekonnt, die mit sehr piquanter Speise angefllt
  sind; auf den ersten Netzwurf hat Wilibald doch gleich so viel
  Abonnenten gehabt, da die Kosten gedeckt sind durch den Fang, und
  Tag vor Tag laufen der Schflein mehr in die Hrden ein. Es stehen
  leckere politische, sthetische, mercantilische Artikel drin; jedem
  Fremden, der hollndisch mit Vergngen lernen will, gibt der Stern
  die empfehlungswrdigste Uebungschrestomathie ab; schon erste der
  hiesigen Kpfe arbeiten daran (z. E. eine Kritik der Auffhrung des
  Trauerspiels Tancred), es wird also eine Elite wahrscheinlich
  von Sprache, ein Schatz werden fr das Lexikon und den Stil der
  Nation. Im vierten Stcke steht eine treffliche Uebersetzung von
  Sturzens Reise nach dem Deister, depaysirt, und hier nach Soesdyk
  hinversetzt; auch kmmt die hiesige Plantage darin vor. Ich denke:
  es wird den amsterdammer Damen gefallen, das Stck; und warum nicht
  den Rotterdammerinnen Haagerinnen, Delfterinnen, Grningerinnen &c.
  auch? Giebt es Eine, in welcher Stadt auf der Erde es sei, der dies
  Schalksstck nicht aus dem Herzen und dem Wandel wie abgeschrieben
  gleichsam ist?

Cramer's schon mehrfach erwhnte Individualitten waren das zweite
journalistische Unternehmen des jungen Verlegers, ein deutsches neben
dem hollndischen _Ster_ und dem franzsischen _Conservateur_. Denn
wenn es uns auch nur in Buchform vorliegt, in vier Bndchen, die Hefte
genannt sind, so zeigt doch die ganze innere und uere Einrichtung
(die Eintheilung in einzelne Abschnitte und Briefe mit fortlaufenden
Daten, vom 2. August 1805 bis 26. September 1806) den journalistischen
Charakter. Noch mehr geht dies aus dem am 15. Mrz 1806 zwischen
Brockhaus und Cramer darber abgeschlossenen Verlagscontracte hervor.
Danach handelte es sich um den in freien Heften herauszugebenden
ersten Jahrgang eines Werks unter dem Titel: Individualitten aus
und ber Paris von Karl Friedrich Cramer und seinen Freunden. Dieser
erste Jahrgang sollte in zwlf Heften (die also wol als Monatshefte
gedacht waren), jedes zu zwlf Bogen erscheinen; je drei Hefte sollten
gleichzeitig einen zweiten Titel erhalten und dadurch als neue
Theile des in den Jahren 1792-97 in Altona und Leipzig von Cramer
herausgegebenen Menschlichen Leben bezeichnet werden. Das Werk
sollte in Leipzig in der Breitkopf'schen Druckerei gedruckt werden und
jedes Heft die Handschrift eines Gelehrten u. s. w. in einem Facsimile
bringen, dessen Platte in Paris unter Cramer's Leitung zu stechen wre.
Ueber eine Fortsetzung des Werks in einem zweiten, dritten u. s. w.
Jahrgange sollte neue Verstndigung stattfinden. Also der Verleger in
Amsterdam, der Redacteur in Paris, der Drucker in Leipzig, monatlich 12
Bogen (jhrlich 144!), dazu artistische Beilagen und ein fr damalige
Zeiten und ein derartiges Monatsjournal ansehnliches Honorar (24
resp. 30 Francs fr den Bogen klein Octav) -- jedenfalls ein khnes
Unternehmen fr einen angehenden deutschen Verleger im Auslande! Die
Ausfhrung entsprach denn auch nur theilweise diesem Vorhaben: statt
zwlf Heften erschienen nur vier (wenn auch meist mehr als zwlf Bogen
enthaltend und jedes mit einem Facsimile) im Laufe von dreiviertel
Jahren. Der Gehalt der Zeitschrift war inde ein werthvoller, der ein
etwas nheres Eingehen verdient, zumal darin auch einige biographische
Mittheilungen ber Brockhaus enthalten sind und der Herausgeber seinem
Verleger persnlich nahetrat.

Vor allem mssen wir den Herausgeber selbst nher kennen lernen. Karl
Friedlich Cramer war eine eigenthmliche Natur, in vieler Hinsicht
der von Brockhaus hnlich und diesen deshalb anziehend, wie Brockhaus
in seinem ersten Briefe an ihn (vgl. S. 61 fg.) selbst schildert. Am
7. Mrz 1752 in Quedlinburg geboren, wo sein Vater, der verdiente
Kanzelredner Johann Andreas Cramer (auch als religiser Dichter und
Biograph Gellert's bekannt), damals Oberhofprediger war, kam er mit
diesem noch als Kind nach Kopenhagen, dann nach Lbeck und Kiel. Er
studirte in Gttingen, wo er Anfang 1773 in den Gttinger Dichterbund
aufgenommen wurde, und lebte seitdem in Kiel, wo er erst Privatdocent,
1775 auerordentlicher und 1780 ordentlicher Professor der griechischen
Sprache, der orientalischen Sprachen und der Homiletik an der
Universitt wurde. Als ein leidenschaftlicher Anhnger der Franzsischen
Revolution wurde er 1794 seines Amtes entsetzt und selbst aus Kiel
verwiesen. Den nchsten Anla dazu scheint er dadurch gegeben zu haben,
da er den bekannten franzsischen Revolutionsmann Pthion (der erst
Jakobiner, dann Girondist war, als Royalist verdchtigt aus Paris
entfloh und im Juli 1793 in der Gegend von Bordeaux todt aufgefunden
wurde) in einer Ankndigung der Uebersetzung von dessen Werken einen
Mann von menschenfreundlichstem Geiste, einen Mrtyrer seiner
Rechtschaffenheit genannt hatte! Nach kurzem Aufenthalt in Hamburg
ging er 1795 nach Paris und errichtete dort eine Buchhandlung und
Buchdruckerei, scheint damit aber schlechte Geschfte gemacht und dabei
sein ganzes Vermgen eingebt zu haben. Eine Zeit lang war er deshalb
genthigt, sich aus Paris zu entfernen. Er wendete sich nun wieder
literarischen Arbeiten zu und starb in Paris am 8. December 1807.

Cramer war ein fruchtbarer, talentvoller und kenntnireicher
Schriftsteller, der lange Zeit auch groes Ansehen geno, aber
excentrisch und von einem Hang zum Sonderbaren beherrscht. Anfangs
concentrirte sich seine literarische Thtigkeit um seinen fast 30
Jahre ltern Landsmann Klopstock (geb. 2. Juli 1724 in Quedlinburg),
der mit Cramer's Vater befreundet war und z. B. 1754 dessen Berufung
nach Kopenhagen veranlat hatte, nachdem dieser selbst 1751 auf
Graf Bernstorff's Veranlassung dorthin gegangen war. Auch war der
Gttinger Dichterbund, dem Cramer angehrte, der Mittelpunkt der
damaligen begeisterten Verehrung Klopstock's. Cramer schrieb in den
Jahren 1777-92 zwei groe Werke ber Klopstock, das eine aus zwei, das
andere aus fnf Bnden bestehend, und bersetzte unter anderm dessen
Hermannsschlacht ins Franzsische. Da Klopstock auch seinerseits
viel auf Cramer hielt, geht schon daraus hervor, da er eine seiner
schnsten Oden an ihn richtete; es ist die 1790 gedichtete Ode An
Cramer, den Franken, in der er das franzsische Volk vor neuen
Ueberschreitungen warnt, zugleich aber die Frsten mahnt, sich durch das
Gespenst des untergegangenen Knigthums warnen zu lassen. Ein zweites
Stadium der Schriftstellerlaufbahn Cramer's bildet das bereits erwhnte
Werk Menschliches Leben, ein drittes umfat drei von ihm in Paris
geschriebene Werke: ein Tagebuch aus Paris (2 Bnde, Paris 1800), die
Individualitten aus und ber Paris und ein gleichfalls von Brockhaus
verlegtes Buch Ansichten der Hauptstadt des franzsischen Kaiserreichs
vom Jahre 1806 an. Von Pinkerton, Mercier und C. F. Cramer (2 Bnde,
1807-8), auerdem ein Wrterbuch der deutschen und franzsischen Sprache
(2 Bnde, Braunschweig und Paris 1805) und zahlreiche Uebersetzungen aus
dem Franzsischen ins Deutsche und umgekehrt, auch aus dem Dnischen,
sowie Artikel in franzsischen und deutschen Journalen.

Brockhaus trat mit Cramer erst im Herbst 1805 in Beziehungen, indem
er am 17. October jenen Brief an ihn richtete, in welchem er ihm
seine Verehrung aussprach und mehrere literarische Antrge stellte.
Ihre Verbindung dauerte gerade nur zwei Jahre, da Cramer, wie eben
erwhnt, am 8. December 1807 starb, war aber in dieser kurzen Zeit eine
sehr freundschaftliche und selbst innige. Cramer antwortete auf den
erwhnten Brief sofort am 24. October, sichtlich erfreut ber die warme
Begrung (seine Antwort folgt weiter unten) und es entspann sich daraus
ein lebhafter Briefwechsel, ja Cramer kam im Februar des nchsten Jahres
nach Amsterdam und blieb dort drei Monate, in tglichem geschftlichen
und persnlichen Verkehr mit Brockhaus. Als diesem am 28. Januar dieses
Jahres (1806) der dritte Sohn geboren war, gab er ihm auf Cramer's Rath
den Namen Hermann. Er schreibt darber unterm 25. Februar folgende Worte
an seinen Bruder Gottlieb, die am besten das Verhltni zwischen ihm und
Cramer charakterisiren:

  Die Wahl dieses Namens machte mein Freund, der Professor Cramer
  aus Paris, der sich seit einigen Wochen hier aufhlt und whrend
  seines hiesigen Aufenthalts unser unzertrennlicher Gesellschafter
  ist, da vielleicht keine zwei Menschen auf der Erde existiren, die
  eine grere Aehnlichkeit in ihren Neigungen, in ihrem Geschmacke und
  in ihren Ansichten der Welt zusammen haben, als wir Beide. Er ist
  berhaupt einer der interessantesten Menschen, die ich kenne, und
  ich rechne die Wochen, die ich mit ihm verlebt, zu den glcklichsten
  meines Lebens.

Cramer uert sich seinerseits mehrfach in hnlicher Weise ber
Brockhaus. So schreibt er aus Amsterdam unterm 30. Mrz 1806 in den
Individualitten:

  Fast alle meine Abende, wenn mir nicht gar zu arg von Morpheus
  zugesetzt wird, bring' ich bei unserm Freund Wilibald zu und seinem
  lieben Weibe, die an schner deutscher Huslichkeit, Gutheit,
  Freundlichkeit und Verstand zu meinen Idealen gehrt; ich glaube
  mich manchmal in Eutin bei Vossen wieder zu sehen, dessen Ernestine
  sie sehr gleicht. Bei Erdpfeln, fast noch nationaler hier, als die
  Canle und Alexandriner sind, und die ich gebraten (_ l'italienne_)
  sehr gern mag, Fischen und trefflichem Beaunewein schwatzen wir oft
  bis tief in die Nchte hinein, schlummern dann und wann auch an der
  Torfglut des englischen Camins ein Duettchen zusammen; ich habe
  bei meiner Modehndlerin, Madame Mller, bei der ich, zehn Schritt
  ab von seinem Hause, mich einquartirt, meine Zerstreutheit so in
  Credit zu setzen gewut, da sie mir den Schlssel zu ihrer Boutique
  anvertraut und ich in der Kunst, sie mit einer eisernen Stange wieder
  zu schlieen, von ihr unterrichtet worden bin; so schlpfe ich denn
  manchmal des Nachts um 12 oder 1 erst wieder zu mir herein.

Das obige schne Wort ber Brockhaus' Frau verdient um so mehr
mitgetheilt zu werden, als uns ber dieselbe sonst leider sehr wenig
bekannt ist. Spter richtet Cramer einmal einen (im vierten Hefte der
Individualitten abgedruckten) Brief An Sophie statt an Ihren
unmusikalischen Mann, weil er ber den Componisten Grtry spricht, und
fgt hinzu:

  Indem ich dies Stck Tagebuch schreibe, kmmt es mir vor als se
  ich bei Ihnen und lse Ihnen daraus, indem Sie die Fliegen von der
  Wiege Ihres kleinen Hermann's verscheuchen ... ach! welch ein Name fr
  mein Herz.

Brockhaus lie in dieser Zeit auch das Portrt Cramer's fr sich malen
(wahrscheinlich von dem ihm befreundeten Scheffer, dem Vater Ary
Scheffer's), und trennte sich spter nur schwer davon, um es Cramer's
Witwe zu schenken.

Cramer's frher schon erwhnte Antwort an Brockhaus, datirt Paris 2.
Brumaire XIV (24. October 1805), lautet:

  Seit langer Zeit ist mir kein lieber Brief zugekommen, der mir so
  viel Freude gemacht, als der Ihrige; Freund Khnwille! der Sie sind.
  Wie sachte es einem so vielfach angefeindeten, gescheuchten, so oft
  vorschnell verurtheilten Ismael thut, wenn er in den arabischen Syrten
  auf einen Esau-Khnwille trifft, einerlei zottigen Haares mit ihm;
  davon hat nur ein Wstenbewohner Begriff. Eng verbndet er sich und
  willig mit ihm, der ihm so frank seine Gleichfrmigkeit enthllt; so
  viel Edles von jugendlichem Antheil ihm sagt; ihn kennt und erkennt;
  wie eng und wie gern, dazu schenken Sie ihm der Worte Weitlufigkeit
  wohl. Er fhlt es, da seine Seele mit der Ihrigen gebrochen ward aus
  einerlei Gestein. Also kurz und bndig, wie er's izt kann, in dieser
  herben und schnden Zeit, zur Sache. Er nimmt die ihm vorgelegten
  Materien sogleich Punktweise vor ....

  Wegen Ihres dritten Gedankens, mein weitaussehender Herr: _alors
  comme alors_! Kmmt Zeit, kmmt auch Rath! Ich gehe mithin sogleich
  an Ihren vierten Punkt, der die Uebernehmung der Fortsetzung meines
  Tagebuches betrifft. Htt' ich doch niemals geglaubt, ich Strau,
  der seine Eier sogleich, wie er sie gelegt, im Sande vergit, da
  jenes seit acht Jahren verscharrte ausgebrtet worden sei; und ein
  klein Struchen geworden, das sich bis zu Ihnen nach Amsterdam hin
  verirrt! Ich wenigstens habe von keinem Menschen, ber Aufnahme
  oder Nichtaufnahme davon (auer von Klopstock, der mir mit meinem
  Marcus Sextus darin seine vollste Zufriedenheit bezeugt) auch nur
  ein Sylbchen gehrt. Es ward, da ich mich in Frankreich nicht mehr
  mit deutschem Verlage befassen gewollt, und August Campe mir dazu
  seine Vermittlerschaft versagt, von ihm wider meinen Wunsch an
  Kaven vertraut; bei dessen pltzlichem Hinschied auf einem Dorfe
  zwischen Hamburg und Lneburg, es in seine Masse, dann justizmig in
  die Glubigerklauen gerieth; so da mir auch kein einziger kupferner
  Sechsling Billons nur dafr ward. Nun -- da mich denn neulich von
  Ohngefhr, bei Gelegenheit Raynouard's, der Fortsetzungskitzel dazu
  stach, und Ihre Sympathie nebst Khnwillen Sie hinreizt, zu meiner
  rhapsodischen khnen Manier -- wohlan, so seien Sie vor allen
  Andern dazu denn mein .. Mann. An Stoff, in meiner und meines Vaters
  Correspondenz, die gar manche Artikel von Ersten Nahmen aus unserm und
  andern Vaterlanden enthlt, und meinem Umherblick auf den Wsten und
  Aeckern der Menschheit, fehlt es mir eben nicht; unser Babylon hier
  reichte mir deren allein schon genug. Ich brauche gegen Sie, der sich
  auf _Dotem_ und Nicht-_Dotem Libellorum_ versteht, keiner weitlufigen
  Verstndigung deshalb. Die Individualitten werden ohngefhr geben,
  was mein Menschliches Leben, und jenes vergessene Ei, das von jenem
  den zwanzigsten Theil fllt, enthielt; und da es, Ihrem Wunsche
  gem, zu einer Art von periodischen _Salmi_ (aber um Gotteswillen,
  in freien Heften! denken Sie ans .. Mhlenpferd!) gedeiht, gleich
  den Sphinxen, Auroren, Freymthigen, Eleganten u. s. w.,
  deren jedes _Pages_ (siehe Diderot) und einige Quadersteine, nebst
  vielen Sandbrckeln, Mollons, und Kalkausfllseln, euch gibt; nicht
  blo wilde Tellow-Ismaelitische Aufstze reichen, im stricten und
  strictissimen Verstand, sondern auch, als Schnabelweide fr die
  Million, ebarere Hausmannskost, wie sie seit einigen Jahren, fr
  den allgemeinen Gaumen der Neugier, in den Miscellen, Politischen
  Annalen, u. s. w. regelrechterer Art, und nicht ganz mit Verschmhung
  abseiten des Leservolks, gargekocht, zurechtgestutzt und aufgetischt
  worden sind. Ihr neuer Titel: Individualitten bestimmt ihren ..
  Tadel und ihren Zweck; sie werden von Ismael Abdallah, der auch
  Artikel darin macht, herausgegeben und commentirt .. Die Tendenz
  dieser .. Kriegsnahmen ist Ihnen aus meinem Tagebuche bekannt.

  Die Sosiasbedingungen dabei anlangend denn nun .... Ich erwarte
  ber diese, mit der nchsten Post, Wilibald's #Ja# oder #Nein#: --
  (Euer Ja sei Ja! und Euer Nein sei Nein!) .. vielleicht schreibe ich
  Ihnen alsdann auch noch ber ein andres Werk, das mich seit Jahr und
  Tag in poetischer und prosaischer Zweisprache beschftiget; und das,
  von manchen Bauleuten verworfen bisher, zum Ecksteine Ihres jungen
  Buchhandels vielleicht wird. Dieser Marmor ist -- wunderbar genug!
  von einem .. Weibe in England, aus dem schnsten parischen Bruche
  gehaun .. ich ciselire fr Deutschland nur ein wenig daran; gelt,
  Sie haben wie jeder Andre, der nicht etwa der Berlepsch Caledonia
  las .. niemals etwas von .. Joanna Baillie gehrt? Solch wunderbar
  Unbekanntbleiben, selbst in unserer alles Auslndische verschlingenden
  Lesenation, mu jeden Unbekannten fr ein hnlich Schicksal trsten
  darin. Fr heute soviel genug, und .. Allah's heiligem und wrdigem
  Schutze befohlen hiermit! ..

Brockhaus erwiderte sofort mit folgendem Briefe, datirt Amsterdam, 7.
November 1805:

  Htte ich den Raum von 50 oder 60 Meilen, der uns von einander
  trennt, am Dienstage, wo ich Ihren lieben Brief vom 24. October
  erhielt, doch durchfliegen knnen, um Sie an meine Brust zu drcken
  und Sie zum Zeugen meiner Empfindungen ber Ihre freundschaftlichen
  gegen mich geuerten Gesinnungen zu machen! Ja, in Wahrheit, ein
  sympathetischer Zug treibt mich zu Ihnen hin, und mit Kindlichkeit
  sehe ich zu Ihnen hinauf, Klopstock's, Gerstenberg's, Kunzens,
  Schulzens, Baggesen's Freund ist mir ......[22] Aber so soll es auch
  mit der innigsten Liebe, Freundschaft und .. zwischen uns bestehn,
  bis Sie oder ich vom Freunde Charon in jenes unbekannte Land hinber
  gesteuert werden. So lange wir aber noch hienieden pilgern, und uns
  mit dem prosaischen Troste des brgerlichen Lebens herumschlagen, oder
  uns wenigstens durchzuwinden haben, lassen Sie uns Einer dem Andern
  ntzlich sein; uns helfen und rathen; zusammen uns freuen und -- dem
  Gemeinbesten frommen, wo und wie die Gelegenheit sich zeigt. Ich gebe
  Ihnen meine Hand, da Sie auf mich wie auf Ihr eignes Selbst rechnen
  knnen. Wenn Sie mich einmal nher kennen, werden Sie mir, hoffe ich,
  ein Gleiches zusichern. Sehr wahrscheinlich komme ich noch im Winter
  auf einige Wochen zu Ihnen. Ich will Ihnen also lieber von meiner
  Sehnsucht nach dorten Nichts sagen; denn wo knnte meine Prosa Worte
  finden, mein glhendes Verlangen auszudrcken?

  Das dem Freunde; jetzt dem Geschftsmann und Verfasser! .... Ich
  komme zu dem mich am vorzglichsten interessirenden Punkte davon:
  der Herausgabe Ihres Tagebuchs. Sie haben also so wenig Urtheile
  darber vernommen? Ich glaube das wohl; und es ist auch wirklich
  in Deutschland sehr wenig bekannt geworden. Ich selbst habe mir
  unsgliche Mhe gegeben, ehe ich's erhalten konnte. Ich ruhte inde
  eher nicht, bis ich's hatte; und seitdem hat es immer mit zu meiner
  Leibgarde gehrt, die mich nicht verlassen darf. Noch gestern Abend
  habe ich meinem lieben Weibe die beiden schnen Briefe an Kunzen
  daraus vorgelesen und mich aufs neue an dem Freundschaftsbunde
  gefreut, der zwischen Ihnen und jenem Edlen mu geschlossen sein.
  Und dann las ich wieder die fr mich hinreiende Stelle vor, wo Sie
  von dem Funde des _Colchicum_ und Ihrer Begeisterung dabei erzhlen.
  Ach, wie haben wir Sie recht lieb; wie unsern Bruder und unsre
  Jugendfreunde.

  Ich nehme Ihre Vorschlge zur Herausgabe alle an .... Der von Ihnen
  gewhlte Titel ist sehr gut; bis auf die _Noms de guerre_. Diese,
  liebster Freund, wnschte ich lieen Sie weg. Ich knnte Ihnen diesen
  Wunsch mit einer Menge von Grnden motiviren; ich unterlasse es aber,
  da Sie, glaube ich, den grten Theil derselben ahnden werden. Nur
  Das: da ich sicher bin, da dem Werke dadurch hufig der Eingang wird
  erschwert werden; besonders hier in unserer Republik, wo ich doch auf
  einen ansehnlichen Absatz rechnen mu ..... Ich sagte vorhin: ich
  vermuthe, da Sie meine brigen Grnde wegen dieser Nahmen ahnden
  werden. Thun Sie Das aber nicht, so werde ich sie Ihnen nchstens
  mittheilen ... Ich wnschte, da der Titel folgenden Zusatz erhielte:
  von Cramer und seinen Freunden, damit Sie von diesen einige bewegen
  mchten, dann und wann ... mitzutheilen.

  Auch glaube ich, da es sehr gut wre, wenn Sie anfingen, Ihre im
  Journal Frankreich und anderswo zerstreuten Aufstze und Briefe zu
  sammeln; und besonders, als Supplement zu den Individualitten,
  oder als Vor- oder Nebenlufer derselben, herauszugeben. Es ist sehr
  Vieles darunter, das, in der groen Masse jetzo ersuft, so aufs neue
  zusammengestellt, und allenfalls mit einigen neuen Schsseln vermehrt,
  als Ihr specielles Eigenthum Aufnahme finden drfte; einige Artikel,
  wo die Kurzsichtigkeit des Menschen scheiterte, als die Triumphgesnge
  ber den 18. Fructidor, die Erwartungen von Mercier's Neuem Paris
  .. die allein, ducht mich, wren wegzulassen. Was denken Sie zu
  dieser Idee? und wenn Sie sie goutiren und ausfhren knnen, bin ich
  Ihr Mann. Ihr ersticktes Tagebuch fnde aufs neue einen Platz darin
  ..... Da Sie mit Ihren Anspielungen ein solcher Sphinx nun einmal
  sind, und es nur wenig Oedipe im Leservolke gibt, so dchte ich gar
  sehr: Sie behielten allerdings Ihre exegetische Tagebuchmethode,
  mit den angehngten Anmerkungen und Citaten, unten und hinter
  den Capiteln, selbst auf die Gefahr hin ein Pedant ein wenig zu
  erscheinen, bei .....

Cramer ging auf alle Wnsche seines Verlegers ein: die Vernderung des
Titels und selbst die Weglassung der _noms de guerre_, obwol nur
ungern, da er die Manie der Kriegsnamen nun einmal liebe und sie von
jeher geliebt habe; er beruft sich deshalb auf das Beispiel von Lorenz
Sterne (Yorik), Jung-Stilling und Jean Paul.

Es wrde zu weit fhren, auf den Inhalt der Individualitten hier
nher einzugehen, obwol dieselben viele interessante Beitrge zur
Beurtheilung jener Zeit enthalten. Klopstock, Mirabeau, Grtry --
literarische, musikalische, Theaterzustnde von Paris und Amsterdam
-- feuilletonistische Plaudereien ber die verschiedenartigsten
Themata: dies der bunte Inhalt jenes wunderlichen Mitteldings
zwischen Zeitschrift und Buch. Es ist nicht zu verwundern, da die
Individualitten keine weitere Verbreitung und kein lngeres Leben
hatten: Cramer war trotz seiner unleugbaren Genialitt nicht der
geeignete Herausgeber, Amsterdam und Paris waren nicht die richtigen
Ausgangspunkte einer fr Deutschland bestimmten literarisch-politischen
Zeitschrift. Die Absicht, die der Verleger damit verfolgte, hat er
spter -- im Hermes und im Literarischen Wochenblatt -- besser zu
verwirklichen vermocht.

       *       *       *       *       *

Ein drittes journalistisches Unternehmen des jungen Verlegers neben
der deutschen Monatsschrift und der hollndischen Zeitung war, wie
bereits erwhnt, eine franzsische Zeitschrift rein belletristischen
Charakters: _Le Conservateur. Journal de littrature, de sciences et de
beaux-arts._ Dieselbe trat Anfang 1807 ins Leben, war also ebenfalls
schon im Laufe des Jahres 1806, gleichzeitig mit den beiden andern
Zeitschriften, vorbereitet worden. Sie erschien in Monatsheften von
acht bis zehn Octavbogen, wovon je drei einen Band mit besonderm Titel
bildeten, und war somit uerlich wie auch innerlich ganz wie die groen
franzsischen Revuen unserer Tage, z. B. die _Revue des deux Mondes_,
angelegt. Die Zeitschrift bestand anderthalb Jahre lang, bis Mitte 1808,
soda im ganzen sechs Bnde davon erschienen sind. Nur zwei derselben,
der dritte und vierte Band, liegen uns vor, die zugleich wenigstens ein
Inhaltsverzeichni der ersten beiden Bnde enthalten, whrend weder ein
Prospect noch ein Vorwort oder Schluwort vorhanden ist.

Den Inhalt dieser Zeitschrift bildeten historische (namentlich
zeitgeschichtliche), biographische, kunstgeschichtliche und
literargeschichtliche Abhandlungen; ferner Erzhlungen, Novellen und
Gedichte; drittens Berichte ber neue literarische Erscheinungen und
ber die Theater von Paris und Amsterdam; endlich kleinere Artikel ber
Verschiedenes, _Varits_ genannt.

Unter den Mitarbeitern, die fast stets mit ihren Namen unterzeichnet
sind, befinden sich die besten franzsischen Schriftsteller jener Zeit,
wie Bonald, Boufflers, Chateaubriand, Chnier, Ch. de Dalberg, Desprz,
Dubois, Guingen, Lacretelle, Lebrun, Legouv, Mercier, Bernardin de
Saint-Pierre, Charles de Villers u. s. w.

Diesen Namen entsprechend ist der Inhalt der Zeitschrift ein sehr
gediegener, und manche Abhandlungen haben bleibenden Werth. Natrlich
beschftigt sich die Mehrzahl der Artikel mit Frankreich; inde hat
diese Zeitschrift ebenfalls einen entschieden internationalen Charakter,
indem sie auch England, in zweiter Linie Holland und am meisten
Deutschland bercksichtigt. Fast in jedem Hefte finden sich Artikel
aus oder ber Deutschland. So bringt gleich das erste Heft einen Brief
des Professor Erhard ber eine Audienz der Deputirten der Universitt
Leipzig bei dem Kaiser Napoleon. In demselben Hefte beginnt Charles
de Villers (der spter in nhere Beziehungen zu Brockhaus trat) eine
sich durch drei Hefte erstreckende Abhandlung ber die wesentlich
verschiedene Weise, wie die franzsischen und die deutschen Dichter
die Liebe behandeln, wozu spter noch ein Nachtrag kommt, der durch
eine Tabelle erlutert wird. Ferner schreibt Charles de Dalberg,
_Prince-Primat de Germanie_, ber den Einflu der schnen Knste
auf das allgemeine Wohlbefinden. Spter folgt eine Beschreibung der
Dsseldorfer Galerie als Bruchstck einer noch nicht verffentlichten
Reise, ohne Namensnennung. Daran schliet sich der Abdruck einer von
dem _historiographe prussien_ Johannes von Mller am 20. Januar 1807
in der berliner Akademie gehaltenen Rede ber den Ruhm Friedrich's des
Groen. Im Aprilhefte von 1807 erschien auch zuerst der spter als
besondere Schrift gedruckte (und von uns noch nher zu erwhnende)
Brief von Charles de Villers an die Grfin Fanny von Beauharnais ber
die Ereignisse in Lbeck am 6. November 1806, der Villers viele
Unannehmlichkeiten bereitete; er schildert darin offen die von seinen
Landsleuten bei der Erstrmung Lbecks begangenen Greuel. Vielleicht
als Gegengewicht gegen diesen Aufsatz ist in demselben Hefte eine
von Villers angefertigte Uebersetzung der Rede enthalten, welche der
bekannte Kirchenhistoriker Henke am 2. December 1806 zur Jahresfeier
der Krnung des Kaisers Napoleon in der Universittskirche zu Helmstedt
hielt.

       *       *       *       *       *

Ehe wir uns den brigen Verlagsunternehmungen von Brockhaus in dieser
Zeit auer den drei journalistischen zuwenden, mgen noch zwei Briefe
desselben an seinen Bruder Gottlieb einschaltet werden.

Der erste ist der schon oben erwhnte vom 25. Februar 1806, den er aus
Anla der Geburt seines dritten Sohnes schrieb:

  Hermann, lieber Bruder, so heit das Schflein, womit der Himmel
  unsere kleine Heerde wieder vermehrt hat. So hie der Edelste der
  Deutschen! Wir mssen uns ja jetzt wohl an Namen halten! Wo sind jetzt
  Mnner unter unserer Nation? Oder vielmehr unter unsern Frsten?
  Wrden wir sonst die Schmach kennen, die jetzt schwer beladen auf uns
  liegt? O der schndlichen Rolle Preuens! Freilich fr die Menschheit
  ist es gut, da Bonaparte mit seiner Herkuleskeule die Pinsel und
  Knaben mit einem Schlage dahingestreckt hat. Wie wrde Deutschland
  von zahllosen, sich immer neu recrutirenden Armeen von Kosacken,
  Kalmucken, Kroaten, italienischen und franzsischen Vlkern zerrissen,
  geplndert und zerfleischt worden sein, wenn die Vortheile der Armeen
  sich balancirt htten und nicht Schlge wie die von Ulm und Austerlitz
  gefallen wren. Aber Deutschlands Ehre? -- sie ist zernichtet.
  Unnennbar gro ist aber Bonaparte geworden! Es ist wirklich fast kein
  Mensch, es ist ein Halbgott. Wre er immer, was er zu zeiten ist, als
  Mensch, denn ber ihn als Krieger und Regenten kann nur eine Stimme
  sein, wer wrde ihn nicht unbedingt verehren, ja vor ihm niedersinken?

  Verzeih diese Digression, zu dem der Name meines kleinen Hermann
  mich verleitet.

Hier folgt die frher abgedruckte Stelle ber Cramer, dem er die Wahl
dieses Namens verdanke. Darauf heit es weiter:

  Ueber die politische Lage unsers Landes circuliren tausend
  Gerchte. Sehr fatal ist es, da Schimmelpenninck so gut wie blind
  ist, -- und da man wenig Wahrscheinlichkeit zur Besserung hat. Das
  gibt nun den besten Vorwand fr ihn, sich zu entfernen, oder fr die
  Franzosen, sich unsers Gouvernements zu bemchtigen. Man spricht
  von einem Knige von Batavien, das Louis, ein elender Mensch, sein
  wrde, Ostfriesland soll mit unserem Lande vereinigt werden u. s. w.,
  doch wer kann wissen? Da Dortmund ebenfalls wieder unter andere
  Herrschaft kommen wird, ist auch wol sicher. Wol Darmstdtisch oder
  Braunschweigisch. Was denkt man bei Euch davon?

  Mit unserer literarischen Entreprise geht es immer _crescendo_.
  Wir erhalten jetzt einen Factor aus Deutschland. Mit _medio_ Mrz
  wird ein eigenes Haus dazu bezogen. Die Unternehmung kann eben
  so hochwichtig als sehr lucrativ werden. Mit dem 11. Mrz fngt
  sie mit der Herausgabe einer Zeitschrift an, deren Wichtigkeit
  nicht berechnet werden kann, wenn sie einschlgt. Es ist dies eine
  politisch-literarisch-historische Zeitung, wie noch keine ....

Hier schliet der erste Briefbogen, der zweite ist leider nicht mehr
vorhanden; die eigenen Aeuerungen von Brockhaus ber den _Ster_ wren
von besonderm Interesse gewesen.

Der zweite Brief ist der von ihm unterm 25. August 1807 geschriebene,
dessen auf sein Etablissement bezgliche wichtigste Stellen bereits
mitgetheilt wurden, whrend der in anderer Beziehung interessante Anfang
desselben hier folgen mge. Er schreibt:

  Dein Brief war meiner guten vortrefflichen Sophie und mir am
  Donnerstag, als wir ihn erhielten, ein Fest der Erquickung, und
  bis spt in die Nacht unterhielten wir uns ber euch, ihr Lieben,
  ber Vergangenheit, Zukunft, und wie es einst noch werden mchte!
  und werden knnte! und werden mag. So sitzen wir alle Abend, einen
  wie den andern, da ich allein niemahlen fr mich ausgehe, wenn ich
  Abends 8 oder 9 Uhr vom Comptoir abkomme, zusammen und verplaudern
  dann se, dann bittere Stunden, je nachdem der Gegenstand heiter
  oder traurig ist. Wie ich mich so an diese Huslichkeit habe gewhnen
  knnen, da es mir auch unmglich ist, nur eine Stunde oder ein paar
  es anderwrts auszuhalten, ohne von Langeweile und Ueberdru bis zum
  Aeuersten gefoltert zu werden; wie ich auch gar nicht mehr fr diese
  Abendgesellschaften, wo es lustig und fidel hergeht, passe und eine
  recht alberne Figur darin spielen wrde; wenn ich ber diese wie
  so manche Vernderung nachdenke, so fhle ich freilich wohl, welch
  einen groen Theil daran die Begebenheiten meines strmischen Lebens
  haben, allein in dieser Hinsicht kann ich die Resultate davon doch
  nicht anders als hchst beglckend finden. Dieses #innere# Leben!
  diese Veredlung unserer ehelichen Verhltnisse und Rckwirkung von
  da auf unser ganzes Gemth, wodurch dieses etwas Hehres und Heiliges
  erhalten, hat wirklich etwas so Beseligendes, da ich nicht wnschen
  kann, es mchte anders sein.

  Unsere Bekanntschaften sind jetzt noch eingeschrnkter als
  ehemals, und nur mit zweien Familien stehen wir auf einem wahren
  freundschaftlichen Fu: die eine ist die unsers Arztes, eines
  vortrefflichen Mannes, der ein edles wackeres Weib hat; -- sie sind
  nie einen Augenblick an uns irre geworden und ihre Freundschaft und
  ihr Edelmuth hat alle Proben ausgehalten. Die andere ist eine wackere
  Knstlerfamilie: er ein Deutscher, sie eine Hollnderin. Beide groe
  Maler und sie wieder eine der liebenswrdigsten und gebildetesten
  Frauen, die ich kenne. Auch ihr zwlfjhriger Sohn ist schon groer
  Knstler. Alle drei: Vater, Mutter und Sohn, haben Baggesen gemalt,
  wie er hier war, und nach der Zeichnung der Mutter lassen wir jetzt
  einen Kupferstich machen. Sie wird auch Sophie und mich malen -- fr
  dich, mein bester theuerster Bruder, Schwester, Vater. Harry wird
  Gustchen und Fritz malen, und das sollst du auch haben. Auer diesen
  beiden Familien, mit denen wir innigst verbunden sind, haben wir
  nur noch ein paar Bekanntschaften: wir sehnen uns aber auch nicht
  nach mehreren, da uns diese genug sind. Desto mehr lebe und webe ich
  dagegen im Briefwechsel mit mehreren auswrtigen Freunden, der eine
  zweite Wrze meines Lebens ist: Baggesen ist der erste darunter, von
  Villers, der berhmte Verfasser des unsterblichen Werks ber die
  Reformation, der zweite, Professor Fischer in Wrzburg und mehrere
  andere schlieen sich an sie an. So lebe ich.

Die in diesem Briefe erwhnten beiden Familien waren die des Arztes
Nieuwenhuys und des Malers Jan Baptist Scheffer nebst seiner Gattin
Cornelia, Aeltern des hier als zwlfjhriger Knabe erwhnten, spter
berhmt gewordenen Malers Ary Scheffer. Jan Baptist Scheffer war in
Manheim geboren; er ging nach Holland, wurde zum Hofmaler des Knigs
Ludwig ernannt, starb aber schon 1809 in Amsterdam. Seine Gattin
Cornelia, eine Hollnderin, war ebenfalls Knstlerin und eine sehr
anmuthige, auch literarisch gebildete Frau. Spter zog sie mit ihren
Shnen Ary und Heinrich nach Paris und starb dort 1839. Ary Scheffer
war am 10. Februar 1795 in Dordrecht geboren, kam dann mit seinen
Aeltern nach Amsterdam und verlie dieses erst 1812, um sich in Paris
weiter auszubilden; hier wirkte er bis zu seinem 1858 erfolgten Tode.
In Amsterdam war er der Spielgefhrte der ltesten Kinder von Brockhaus
gewesen.

Die hier erwhnten Portrts scheinen leider nicht mehr vorhanden zu
sein; ber ihren Verbleib hat sich auch bei sptern durch Ary Scheffer
selbst angestellten Nachforschungen nichts ermitteln lassen.




                       4.

           Weitere Verlagsthtigkeit.


Gleich im Beginne seiner Verlegerlaufbahn entwickelte Brockhaus auch auf
andern Gebieten der Literatur einen nicht minder regen, vielseitigen und
fr einen Anfnger khnen Unternehmungsgeist als den eben geschilderten
in der Herausgabe von Journalen.

Von Cramer verlegte er auer den Individualitten zunchst noch
Uebersetzungen von sechs Dramen der von diesem enthusiastisch verehrten
und Shakspeare zur Seite gestellten englischen Dichterin Joanna Baillie
(geb. 1762, gest. 1851). Sie erschienen noch 1806 unter dem von Cramer
herrhrenden Titel Die Leidenschaften in drei Theilen, deren jeder
wieder einen hnlichen charakterisirenden Titel fhrt: Die Liebe;
Der Ha߫; Der Ehrgeiz, spter (1808 und 1809) auch einzeln in sechs
Separatausgaben unter ihren Originaltiteln.

Auerdem verffentlichte er noch (1807 und 1808) Cramer's deutsche
Bearbeitung der Werke des Englnders Pinkerton und des Franzosen Mercier
ber das damalige Paris unter dem Titel: Ansichten der Hauptstadt des
franzsischen Kaiserreichs vom Jahre 1806 an (zwei Bnde, jeder mit
einem Titelkupfer), von Cramer durch eigene Beitrge vervollstndigt.
Die Idee zu diesem Werke scheint von Brockhaus ausgegangen zu sein;
Cramer sagt darber in dem Vorberichte:

  Mein Freund Wilibald, Pflegevater meiner Individualitten, glaubte
  daher (und vielleicht nicht mit Unrecht), da dieses Gemlde eines
  Englnders (Pinkerton) ... eines deutschen Kupferstichs nicht unwerth
  ... Er trug mir dieses Geschft auf ... bat mich endlich sogar, von
  dem Meinigen noch hinzuzuthun und Pinkerton's Gemlde mit einigen (wie
  ich es fr gut finden wrde) Verzierungen oder _hors d'oeuvres_ zu
  vermehren. Wenn ich (wnschte er weiter) den ersten groen Vorlufer
  aller dieser Maler -- _notre matre  nous tous!_ -- Mercier, dazu
  bewegen knnte, mir sein Atelier zu ffnen ... so (meinte er) wrde
  diese Vereinbarung eines Engellnders, Deutschen und Franzosen eine
  vielleicht nicht unpikante Sache sein, und an jener ursprnglich
  hauptschlich britischen Zeichnung wenigstens nichts verderben.

Neben Cramer war Jens Baggesen, der bekannte dnische Dichter, der
gleichzeitig auch in deutscher Sprache schrieb (geb. 15. Februar
1764 zu Korsr, gest. 3. October 1826 zu Hamburg), einer der
ersten Schriftsteller, mit denen Brockhaus in geschftliche und
freundschaftliche Verbindung trat. Er schlo mit Baggesen schon am 17.
Juni 1806 in Amsterdam, wo dieser damals zum Besuche war, einen Contract
ber eine neue umgearbeitete Auflage seines idyllischen Epos Parthenais
oder Die Alpenreise, die 1808 erschien, und wenig Tage darauf (21.
Juni) ber eine Sammlung seiner Briefe, die aber erst 25 Jahre spter
(1831), als beide Contrahenten gestorben waren, herausgegeben wurde.
Im folgenden Jahre (16. Juli 1807) wurde dann ein neuer Contract ber
Baggesen's neueste Gedichte abgeschlossen, die fast gleichzeitig mit der
Parthenais (auch 1808) unter dem Titel: Heideblumen. Vom Verfasser
der Parthenais. Nebst einigen Proben der Oceania, erschienen. Von der
Parthenais verlegte er auerdem eine franzsische Uebersetzung in
Prosa, von dem bekannten Gelehrten Fauriel gefertigt; hieran knpfte
sich eine lngere Correspondenz zwischen Brockhaus und Fauriel ber das
durch Baggesen's Schuld vielfach getrbte Verhltni zwischen diesem und
Brockhaus, worber wir weiter unten Nheres mittheilen.

Allein nicht blos journalistische und poetische Werke waren es, mit
denen sich der junge Verleger beschftigte; er wagte sich sofort auch
an strengwissenschaftliche Werke grern Umfangs, deren Verlag zu allen
Zeiten mit Opfern verbunden zu sein pflegt.

Schon 1807 erschien in seinem Verlage der erste starke Band einer
lateinisch geschriebenen Geschichte der Botanik von dem gelehrten Arzt
und Botaniker Kurt Sprengel in Halle: _Historia rei herbariae_, und
im nchsten Jahre folgte der zweite Band; eine deutsche Bearbeitung
desselben Werkes unter dem Titel: Geschichte der Botanik, erschien
erst 1817-18 in seinem Verlage.

Fast gleichzeitig begann er ein noch umfangreicheres Werk desselben
Verfassers zu verlegen: _Institutiones medicae_, in sechs Bnden,
wovon der erste 1809 ausgegeben wurde, whrend die brigen Bnde in
den Jahren 1810, 1813, 1814 und 1816, in einer fr den Verleger theils
seiner persnlichen, theils der politischen Verhltnisse wegen sehr
schwierigen Zeit, erschienen. Inde wurde bei diesem Werke sein Muth
belohnt, indem er bereits wenige Jahre nach der Vollendung (1819) eine
zweite vermehrte und verbesserte Auflage desselben veranstalten konnte.

Ein drittes wissenschaftliches Verlagswerk, das er gleich im Anfange
seiner Verlegerthtigkeit bernahm, war die berhmte Naturgeschichte
der Eingeweidewrmer von dem greifswalder (spter berliner) Professor
Karl Asmund Rudolphi (aus Stockholm); sie erschien unter dem Titel:
_Entozoorum sive vermium intestinalium historia naturalis_ (2 Bnde,
Band 2 in 2 Abtheilungen, 1808-10, mit 12 Kupfertafeln).

Ein viertes ebenfalls naturwissenschaftliches Werk, das er inde
wahrscheinlich nur als Commissionsartikel bernahm (auf dem Titel sind
die Gebrder van Cleef im Haag als Verleger genannt, whrend Heinsius'
Bcher-Lexikon das Kunst- und Industrie-Comptoir in Amsterdam als
solche bezeichnet) ist das Werk des bekannten franzsischen Botanikers
Brisseau-Mirbel (damals im Haag, spter in Paris) ber eine Theorie
des Gewchsbaues, mit franzsischem und deutschem Titel, herausgegeben
von dem hollndischen Dichter Bilderdijk, der sich vielfach auch mit
naturwissenschaftlichen Studien beschftigte. Eigenthmlicherweise
ist der Text des Werks gleichzeitig franzsisch (links) und deutsch
(rechts), whrend die Widmung an den Knig von Holland, die Vorrede
Bilderdijk's und die ausfhrlichen Noten blos franzsisch sind.
Bilderdijk entschuldigt sich in der Vorrede, da er, in Amsterdam
geboren, weder das Franzsische wie ein Pariser, noch das Deutsche wie
ein Sachse schreibe; hiernach scheint auch die deutsche Uebersetzung
von dem hollndischen Dichter herzurhren.

       *       *       *       *       *

Dem Jahre 1807 gehren noch drei Werke an, die von geringerer Bedeutung
sind, aber gleich von Anfang an erkennen lassen, da der Verleger die
mglichste Vielseitigkeit seines Verlags erstrebte: ein franzsisches
Reisehandbuch fr Deutschland: _Itinraire de l'Allemagne_ (von dem
Postmeister Raabe in Holzminden verfat), mit einer Karte; eine deutsche
Uebersetzung des hauptschlich nach Bossuet's Katechismus bearbeiteten,
vom ppstlichen Legaten in Paris approbirten und von Napoleon
obligatorisch eingefhrten Katechismus zum Gebrauche in allen Kirchen
des franzsischen Kaiserreichs; endlich eine deutsche Uebersetzung der
berhmten Memoiren des franzsischen, in englische Dienste getretenen
Schriftstellers Louis Dutens, der 1812 als britischer Historiograph in
London starb, unter dem Titel: Dutens Lebensbeschreibung oder Memoiren
eines Gereiseten, der ausruht (2 Bnde), von dem durch sein Bibelwerk
bekannten Johann Friedrich von Meyer in Frankfurt a. M. bearbeitet.

       *       *       *       *       *

In dieser Zeit kam Brockhaus auch zuerst mit Villers in Beziehungen,
die sich bald in freundschaftliche verwandelten und bis zu des Letztern
Tode fortdauerten. Er verffentlichte nmlich dessen berhmten Brief an
die Grfin Fanny von Beauharnois, worin Villers die Erstrmung Lbecks
durch die Franzosen am 6. November 1806 und die dabei von denselben
verbten Greuel als Augenzeuge schildert.

Charles Franois Dominique de Villers, geboren 4. November 1765 zu
Bolchen in Lothringen, 1792 Artilleriehauptmann, floh bei Ausbruch des
Revolutionskriegs 1793, von den Jakobinern bedroht, nach Deutschland,
das fortan seine zweite Heimat wurde, und lebte meist in Lbeck, wo er
viel mit der Familie Rodde verkehrte, besonders mit seiner geistreichen
Freundin Dorothea Rodde, der Tochter des Geschichtschreibers Schlzer;
1811 wurde er zum Professor der Philologe an der Universitt Gttingen
ernannt, nachdem ihm 1809 wegen seiner ausgezeichneten Verdienste um
die deutsche Literatur und besonders auch wegen seiner Bemhungen um
das Wohl der Freien Hansestdte das Ehrenbrgerrecht von Bremen ertheilt
worden war. Er wurde erst von franzsischer, dann von deutscher Seite
mehrfach belstigt und starb 26. Februar 1815 in Leipzig.[23] Villers
machte es sich zur Lebensaufgabe, deutscher Literatur und deutschem
Wesen dieselbe Anerkennung und Achtung in Frankreich zu verschaffen, die
er selbst dafr empfand, und so beiden Lndern zu ntzen. Wurm bemerkt
ber Villers:

  Wie sehr es ihm Ernst war mit der wissenschaftlichen Erforschung
  deutscher Zustnde, das beweisen seine grern Arbeiten: die
  Darstellung der Kant'schen Philosophie, und die gekrnte Preisschrift
  ber die Folgen der Reformation fr die politische Lage der
  verschiedenen Staaten Europas und fr den Fortschritt der Aufklrung.
  Das letztere Werk ist in wiederholten starken Auflagen und in einer
  hollndischen, zwei englischen und drei deutschen Uebersetzungen
  verbreitet.

  In der Wrdigung deutschen Geistes wetteiferten mit ihm Benjamin
  Constant und Frau von Stal. Mit Beiden war Villers innig befreundet.
  Constant hatte in Deutschland eine geistige Heimat gefunden, nur nach
  und nach shnte er mit dem Entschlu sich aus, den die Ereignisse ihm
  fast wider Willen aufdrngten, seine wissenschaftliche Thtigkeit mit
  einer politischen in Paris zu vertauschen. Frau von Stal gefiel sich
  eine Weile in dem Gedanken, mit Villers vereint dahin zu arbeiten,
  da der Gegensatz zwischen deutschem und franzsischem Wesen sich
  ausgleichen mge. Bald aber fand sie sich verletzt durch seine
  ausgesprochene Vorliebe fr Deutschland, die sie ihm in tadelnden,
  selbst in harten Worten vorwarf. Als ihr selbst derselbe Vorwurf
  -- freilich von ganz anderer Seite her und in ganz anderm Sinn --
  zurckgegeben ward, da flchtete sie mit ihren Klagen zu dem alten
  Freunde.

  Whrend ihrer langen Verbannung, der endlich der Sieg der fremden
  Waffen ein Ziel setzte, hatte ihre Liebe zur Heimat nur noch strkere
  Wurzeln geschlagen. Anders war es mit Villers. Lebensschicksale,
  geistige Gewohnheiten hielten ihn von Frankreich fern, nicht
  irgendeine uere, gebieterische Nothwendigkeit. In den frhern
  geflgelten Worten der Frau von Stal lag ein Stachel, den er tief und
  schmerzlich empfand. Glcklich, selbst inmitten einer ehrenvollen und
  vielbewunderten Thtigkeit, ist seine Lage nicht gewesen. Sie konnte
  es nicht sein.

  Wir Deutschen sind am sptesten zu dem Bewutsein gelangt, da die
  Nationalitt nichts Zuflliges, da sie nicht ein Ding ist, das man
  nach Belieben festhalten oder abstreifen und vertauschen mag. Es wrde
  besser um unser Vaterland bestellt sein, wenn wir eher aus unsern
  weltbrgerlichen Trumen erwacht wren. Nicht da es an krftigen
  Stimmen gefehlt htte, die uns zuriefen, das heilige Feuer zu hten.
  Aber wir, wir schliefen und trumten.[24]

  In dieser beschmenden Betrachtung liegt gutentheils der Schlssel
  zu demjenigen, was Villers' Ruhm und was sein Unglck ausmachte.
  Gewi, wenn irgend Einer, so war er berufen, den geistigen Verkehr
  zwischen Deutschland und Frankreich zu vermitteln. Aber er fand sich
  zwischen beide Nationen gestellt. Und er trat zu uns herber, als
  die Gewaltherrschaft seiner Landsleute, ein unholder Alp, ber unser
  Vaterland sich ausbreitete, und jegliches Eigenthmliche zu erdrcken
  drohte. Das Ritterliche seines Charakters hat ihn herbergefhrt. Aber
  seinen Landsleuten gegenber, wie sollt' er da den Schein abwehren,
  als habe er die eigene Heimat verleugnet?

  Da er uns nher angehrte, knnen wir nicht bezweifeln, da er
  selbst es eingestanden hat. Der Anla aber, bei welchem ihm das
  Bekenntni entschlpfte, war der bitterste, der unverdienteste,
  der ihm widerfahren konnte. Es war die unerhrte Behandlung, die
  er von der wiederhergestellten hannoverschen Regierung erfuhr; das
  absichtsvolle Misverstndni, als wr' er in Gttingen eben nur ein
  Eindringling des westflischen Zwitterreichs gewesen; das Abfinden
  durch einen Gnadengehalt, in der Voraussetzung, er werde denselben in
  Frankreich verzehren. Durch die sptere Erlaubni, in Gttingen zu
  bleiben, und durch eine Pensionszulage war das nicht wieder gut zu
  machen. Die Krnkung hat sein Herz gebrochen.

  Uns Deutschen geziemt es, eingedenk zu sein, was er uns zum Opfer
  gebracht hat.

Villers' Brief an die Grfin von Beauharnais wurde dadurch veranlat,
da diese, die Tante der Kaiserin Josephine, nach den schrecklichen
Ereignissen von Lbeck der Villers wie ihr befreundeten Familie Rodde
Theilnahme ausdrcken und ihre Hlfe anbieten lie. Villers benutzte
dies, um der einflureichen geistvollen Dame, die in Paris seine
persnliche Bekanntschaft gesucht hatte, die traurige Lage Lbecks
vorzustellen. Der Brief, vom 15. December 1806 datirt, ging erst am
12. Februar 1807 an seine Adresse nach Paris; am 4. Mrz traf die
Antwort ein, da die Grfin bereit sei, dem Kaiser den Brief vorzulegen
und aufs wrmste zu befrworten. Inzwischen hatte Villers denselben
in Lbeck als Manuscript drucken lassen und sandte am 5. Mrz vier
Exemplare nach Paris, darunter eins an Bernadotte und eins an Daru.
Gleichzeitig schickte er auch ein Exemplar an Brockhaus; dieser lie
schon im Aprilhefte seines _Conservateur_ den Brief abdrucken (vgl.
S. 78) und auerdem Separatausgaben davon in franzsischer und deutscher
Sprache erscheinen, die groes Aufsehen erregten und rasch drei Auflagen
erlebten. Auch zu diesen Separatausgaben hatte Brockhaus jedenfalls
Villers' Zustimmung, denn in einem (nicht unterzeichneten) Vorberichte
heit es: der Brief sei erst blos als Manuscript gedruckt worden, da
aber diese Schrift schon hier und da herumgekommen und ihr Verfasser
sah, wie zweifelhaft es sei, einer voreiligen unerlaubten Bekanntmachung
zuvorkommen zu knnen, so hat er unserm Wunsche gern nachgegeben und
uns den Druck erlaubt u. s. w. Der Brief war gleichzeitig in Paris
gedruckt, aber dort wie spter auch in Amsterdam confiscirt worden. Wurm
sagt darber:

  Hat nun bei den hohen und hchsten Herrschaften diese beredte
  Frsprache irgend Etwas ausgewirkt? Nein, nicht das Mindeste. Aber
  die Darstellung selbst, die, wie sich erweisen lt, nur fr das
  Auge einiger Wenigen bestimmt war, hat mit einem male die grte
  Oeffentlichkeit erlangt. Wenige Flugschriften in jener bewegten Zeit
  sind so verschlungen worden. Der Eindruck war tief und nachhaltig.
  Ein richtiger Instinct sagte den Feldherren, da der franzsischen
  Herrschaft, da dem Vertrauen der Vlker zu franzsischer
  Gerechtigkeit und zu franzsischem Schutz ein sehr schlechter Dienst
  geleistet sei, indem die Wahrheit an den Tag komme.

  So fehlte es denn auch nicht an den Maregeln, durch welche das bse
  Gewissen sich zu verrathen pflegt. Die Schrift von Villers ward in
  Paris confiscirt[25]: Baggesen, in einem ergtzlichen Brief, wnschte
  dem Verfasser Glck dazu. Die Aufregung unter den Franzosen war so
  gro, da selbst die lbecker Censur sich endlich gemigt fand, die
  Buchhndleranzeige, welche die Schrift zum Verkauf anbot, zu streichen.

  Bedenklicher war, da Villers von sicherer Hand erfahren mute, auch
  Bernadotte habe an der Schrift Ansto genommen. Doch war das gute
  Vernehmen, wie man aus dem Schreiben eines Adjutanten des Prinzen
  ersieht, dadurch nicht auf die Dauer gestrt. Keinenfalls lie Villers
  sich irre machen. Er war sich keiner Uebertreibung bewut, und
  erklrte dies ffentlich im Vorwort zu einer sptern Auflage.

Der von Wurm erwhnte Brief Baggesen's an Villers, aus Hamburg vom 27.
Juni 1807 datirt, lautete:

  Ich schicke Dir hier die ganze Saisirungsgeschichte aus Amsterdam
  und Paris, die, wie ich hoffe, Dich mehr freuen als befremden wird.
  In der That war es nicht leicht mglich, Dir und der Sache einen
  grern Dienst zu erweisen, als eben durch diesen erzdummen Streich
  der pariser Polizei geleistet worden ist. Eine Schrift, wovon schon
  mehrere tausend Exemplare im Umlauf sind, zu confisciren, hie
  derselben auer dem Umlauf auch Einlauf -- Interesse ins Unendliche
  -- auer dem moralischen auch religisen Einflu und selbst (das
  Hchste, was in unsern Tagen ein Buch gewinnen kann) den Reiz der
  Snde, _vel quasi_ des Verbotenen, verschaffen. Wte ich nur mit
  Gewiheit, da man auch meine Sachen auf diese Weise saisiren wrde,
  den Augenblick gbe ich die gttlichsten Dinger heraus -- allein ich
  frchte, man wrde #mich# statt der Sachen saisiren. So wird dem
  groen Sieger mitgespielt! Wre ich an seiner Stelle, ich setzte meine
  Polizei den Augenblick ab. Das Buch htte sie, wenn sie ihr Geschft
  recht verstanden, laufen lassen sollen und dagegen von einem lbecker
  Rathsherrn ffentlich bekannt machen lassen, da der Verfasser nicht
  gewut, was er geschrieben, da sie (die Lbecker) betheuern knnen,
  es sei gerade das Gegentheil wahr u. s. w. Die Pariser, die nicht
  nach Lbeck laufen knnen, um Syndicus den oder den zu fragen: Haben
  Sie das wirklich geschrieben?, wren angefhrt worden, wenigstens im
  Zweifel -- jetzt wissen sie, was an der Sache ist.

Diese Schrift sollte aber fr Villers doch noch verhngnivoll werden.
Vier Jahre nach ihrem Erscheinen, als er eben im Begriff stand,
Lbeck zu verlassen, um einem Rufe an die Universitt Gttingen Folge
zu leisten, lie ihn Marschall Davoust wegen derselben verhaften und
seine Papiere durchsuchen. Da man nichts ihn Compromittirendes fand,
ward er wieder freigelassen, aber aus den von den franzsischen Waffen
besetzten Lndern verwiesen. Er verlie Lbeck am 8. Mrz 1811, die
Verfolgung ruhte auch in Gttingen nicht, und es ist unzweifelhaft, da,
wie Wurm sagt, die damit verknpften Krnkungen sein Herz gebrochen
haben; er starb, wie schon erwhnt, vier Jahre darauf (1815), kaum 50
Jahre alt.[26]

Brockhaus verlegte bald nach jenem Briefe noch ein anderes kleines Werk
von Villers: eine franzsische Uebersetzung der 1808 bei Friedrich
Perthes in Hamburg erschienenen Schrift Der Kaufmann von Johann
Albert Heinrich Reimarus, dem eigentlich auf einem andern Gebiete,
als Physiker, bekannten Sohne des Verfassers der Wolfenbttelschen
Fragmente, Hermann Samuel Reimarus. Die Uebersetzung fhrt den Titel
_Le commerce_ (1808) und ist mit einem Vorwort von Villers versehen.

Auerdem druckte Brockhaus 1807 in dem ersten Hefte seines
_Conservateur_ eine lngere Abhandlung von Villers: _Sur la manire
essentiellement diffrente, dont les potes franais et les allemands
traitent l'amour_, und 1809 eine Schrift _Coup d'oeil sur l'tat
actuel de la littrature ancienne et de l'histoire en Allemagne_, die
als ein Bericht an das _Institut de France_ und in einer Nachschrift als
eine Rechtfertigungsschrift seines _Coup d'oeil sur les universits
allemandes_ (Kassel 1808) bezeichnet ist.

Auch in spterer Zeit und bis zu Villers' Tode blieb Brockhaus mit
demselben in geschftlicher Verbindung. So verlegte er 1814 dessen
letzte Schrift, in der die Wiederherstellung der drei Hansestdte warm
befrwortet wird: _Constitutions des trois villes libres ansatiques,
Lubeck, Brmen et Hambourg. Avec un mmoire sur le rang que doivent
occuper ces villes dans l'organisation commerciale de l'Europe._ Vorher
noch hatte er auf Brockhaus' Wunsch und zugleich auf den der Frau von
Stal eine Einfhrung zu ihrem berhmten Buche _De l'Allemagne_,
datirt Gttingen, 20. Juli 1814, geschrieben, die mit einer neuen
Ausgabe desselben 1815 bei Brockhaus erschien. Die erste 1810 in Paris
in 10000 Exemplaren gedruckte Auflage dieses Buchs war dort vor der
Ausgabe von der kaiserlichen Polizei confiscirt und vernichtet, die
Verfasserin aber aus Frankreich verbannt worden. Sie lie es darauf 1814
in London, 1815 in Genf und in Leipzig drucken und erst im folgenden
Jahre konnte in Frankreich selbst wieder eine neue Auflage erscheinen.

       *       *       *       *       *

Von grern Verlagsunternehmungen Brockhaus' aus dieser Zeit ist
zunchst das Historisch-militrische Handbuch fr die Kriegsgeschichte
der Jahre 1792 bis 1808 von dem ehemaligen niederlndischen
Oberstlieutenant A. G. Freiherrn von Gro (Amsterdam 1808) zu erwhnen.
Dasselbe war von einem groen Historisch-militrischen Atlas in
siebzehn in Kupfer gestochenen Tafeln begleitet, den Brockhaus in Weimar
von Legationsrath Bertuch, Besitzer des Landes-Industrie-Comptoirs,
herstellen lie. Der Verfasser, 6. December 1756 geboren, diente zur
Zeit der Revolutionskriege in der niederlndischen Armee, vertheidigte
unter anderm 1794 die Festung Grave gegen die Franzosen unter
Pichegru, lebte dann zurckgezogen mit dem Titel eines herzoglich
sachsen-weimarischen Kammerherrn in Weimar und starb daselbst am 18.
November 1809. Er war als Militrschriftsteller geschtzt, namentlich
wegen des genannten Werks und wegen eines frhern ber die hhere Taktik
(Gera 1804).

Im Jahre 1808 trat Brockhaus auch mit einem Manne in Verbindung, der
ihn in die ersten, fr ihn spter so verhngnivollen Conflicte mit
der preuischen Regierung verwickelte. Es war der preuische Oberst
August Ludwig Christian von Massenbach. Dieser, 1758 geboren, in dem
unglcklichen Jahre 1806 Generalquartiermeister des Frsten Hohenlohe,
veranlate, wie es scheint durch eine irrthmliche Meldung, die Ergebung
seines Corps bei Prenzlau. Deshalb in eine Untersuchung verwickelt,
lebte er erst auf einem ihm vom Knige von Preuen geschenkten Landgute
im Posenschen, dann in Wrtemberg, und verfate dort drei Werke, die bei
Brockhaus erschienen und groes Aufsehen erregten. Nachdem er wiederholt
um seine Entlassung aus dem preuischen Kriegsdienste angehalten,
stellte er 1817 an den preuischen Hof und an den Knig persnlich
verschiedene Antrge, unter der Drohung, im Nichtgewhrungsfalle
wichtige in seinem Besitze befindliche Papiere zu verffentlichen.
Darauf in Wrtemberg auf Ansuchen Preuens verhaftet, wurde er nach
Kstrin gebracht, dort kriegsgerichtlich zu 14 Jahren Festungshaft
verurtheilt (wegen beabsichtigten Landesverraths durch Bekanntmachung
amtlicher Schriften), 1820 nach Glatz gebracht, aber 1826 vom Knige
begnadigt. Er starb bald darauf, 27. November 1827.

Massenbach war ein geistvoller politischer und militrischer
Schriftsteller, und seine Werke haben hohen Werth fr die
Zeitgeschichte. Indessen litt er an groer Selbstberhebung, indem er
fortwhrend darzuthun suchte, da er durch seine Rathschlge das Unglck
des preuischen Staats abgewendet haben wrde, wenn sie befolgt worden
wren. Auerdem lie er sich oft zu rcksichtslosen und unberechtigten
Angriffen auf die leitenden Persnlichkeiten des preuischen Staates
hinreien.

Die erwhnten drei Werke Massenbach's sind: Rckerinnerungen an groe
Mnner (2 Abtheilungen, Amsterdam 1808); Memoiren zur Geschichte
des preuischen Staats unter den Regierungen Friedrich Wilhelm II.
und Friedrich Wilhelm III. (3 Bnde, Amsterdam 1809); Historische
Denkwrdigkeiten zur Geschichte des Verfalls des preuischen Staats seit
dem Jahre 1794 nebst meinem Tagebuche ber den Feldzug von 1806 (2
Theile, Amsterdam 1809). Letzteres und das vorige Werk enthalten mehrere
Karten und Plne.

Noch drei andere Verlagswerke gehren in diese Zeit: Parallelen
von Christian Daniel Vo (Professor des Staatsrechts und der
Kameralwissenschaften in Halle, geb. 1761, gest. 1821), in zwei
Theilen (1808 und 1811 erschienen), eine vergleichende Darstellung der
Jahrhunderte Ludwig's XIV. und Napoleon's I.; Dschami's persischer
Liebesroman Medschnun und Leila, aus dem Franzsischen bersetzt
und erklrt von Anton Theodor Hartmann (damals in Oldenburg, spter
schwerinischer Consistorialrath und Professor in Rostock, verdienter
Orientalist, geb. 1774, gest. 1838), 1808 in zwei Bndchen erschienen;
endlich, ebenfalls 1808, das dramatische Gedicht Aladdin oder die
Wunderlampe von Adam Oehlenschlger, dem bekannten dnischen Dichter
(geb. 1779, gest. 1850), der seine meisten Werke gleichzeitig auch in
deutscher Sprache verffentlichte.

Mit diesen drei hervorragenden Schriftstellern trat Brockhaus dadurch in
eine dauernde Verbindung, besonders mit Oehlenschlger.

       *       *       *       *       *

Bei dieser fr einen jungen Verleger mit beschrnkten Mitteln
staunenswerthen Ausdehnung seiner Unternehmungen war es nicht zu
verwundern, da Brockhaus bald wieder in finanzielle Verlegenheiten
gerieth. Die Frchte seiner Arbeit, wenn es berhaupt zu solchen kam,
reiften nicht so schnell, als seine sanguinische Natur es erwartete;
auch war er als frherer Kaufmann noch nicht daran gewhnt, da der
Verlagsbuchhndler im besten Falle ein Jahr lang auf das Ertrgni
seiner Thtigkeit zu warten hat. Es handelte sich zwar nicht um so groe
Summen, wie in seinem frhern Geschftsleben, aber um so rgerlicher
war ihm bei seinem regen Streben und dem guten Gang des Geschfts das
Ausbleiben der zum Fortbetriebe desselben erforderlichen migen Gelder.

In seiner Sorge wandte er sich natrlich wieder an seinen einzigen
Freund, wie er ihn oft nennt -- seinen Bruder in Dortmund. Er schreibt
ihm in dem bereits mehrfach erwhnten Briefe vom 25. August 1807:

  In dieser Zeit fate ich den Gedanken, vor meine Person und
  Familie aufs Land zu gehen und fr mich nur die Direction der
  Verlagsunternehmungen zu halten, meine andere sehr lucrative, aber
  lstige Unternehmung[27] zu verkaufen, wenn ich 10000 Fl. dafr
  erhalten knnte, da mir 6000 Fl. dafr geboten wurden, und die
  Sortimentsgeschfte mit Jemandem in Compagnie zu treiben, der sie
  dann leiten sollte. Es war mein Lieblingsgedanke, der auch um so
  eher ausfhrbar war, da ich auf dem Lande mit der Hlfte htte leben
  knnen und ich die mir vorbehaltenen Geschfte von dort so gut wie
  von hier (Amsterdam) htte besorgen knnen. Indessen aus diesem
  Idyllenplane wurde nichts, und ich fuhr dann fort, unser Geschft
  immer zu erweitern und zu consolidiren. Im Herbst vorigen Jahres
  bekam ich von Hannover einen sehr geschickten Commis, der seitdem
  den eigentlichen Sortimentshandel dirigirt und das Megeschft
  (er war auch Ostern in Leipzig), und mein Departement ist dagegen
  Verlagsgeschft, Correspondenz mit den Gelehrten und andere dahin
  einschlagende Arbeit .... Das Geschft ist brigens vortrefflich,
  und es wird und kann, wenn es so fort geht, mich nicht blos zu
  einem wohlhabenden Manne machen, sondern auch recht innig zufrieden
  mit meinem Schicksale und meiner Lage. Von unsern ostensibeln und
  inostensibeln Verlagsunternehmungen haben wir bisjetzt an keinem
  Schaden gehabt, an mehrern aber viel gewonnen. Ich werde Dir von
  beiden Arten (unter den letztern sind die berhmten Vertrauten Briefe
  ber die innern Verhltnisse am preuischen Hofe[28], woran ich zum
  Viertel interessirt bin), mit Gelegenheit ein Exemplar senden, da
  Du mal sehen kannst, was wir in diesem Fache getrieben haben. Auer
  diesen Verlagsunternehmungen ist unser Sortimentsgeschft (Verkauf
  fremden Verlags hier im Lande) schon so bedeutend, da wir monatlich
  im Durchschnitt an 3000 Fl. debitiren. Es wird Dir bekannt sein, da
  man auf Bcher an 33 Procent Rabatt hat, und ist ein solcher Umsatz
  also sehr ansehnlich, und kann sich derselbe, besonders wenn wir
  mal Frieden bekommen, noch sehr vermehren. Da wir nun sogar unser
  Sortiment groentheils wieder gegen Verlag changiren und wir am
  Verlag wieder stark verdienen, so ist es mathematisch klar, da mein
  jetziges Geschft recht sehr vortheilhaft ist und ich, ohne da ich
  mir unberufen schmeichele, die wahrhaft glcklichsten Resultate davon
  erwarten kann.

  Nur in einem, aber in einem sehr wesentlichen Punkte finde ich
  mich gedrckt, und ich erzhle Dir diesen nun um so eher, da ich auf
  Sophiens Rath Dich darin zu meinem Vertrauten mache. Ich htte es ohne
  diesen nicht bers Herz bringen knnen, da es nun einmal leider mein
  Charakter ist, da ich mich lieber hindrcke und hinwrme, als ber
  solche Sachen laut zu werden. Es ist dies, da, da wir bei diesen
  Geschften Alles und Alles auf Jahresrechnung stellen mssen und wir
  etwa nur ein Funfzigstel baar verkaufen, alles Andere aber nicht vor
  dem Anfang des folgenden Jahres einkommt, da es mir da gegen Ende
  des Jahres knapp in Casse wird, weil wir so unsaglich viel an Porten,
  Frachten, Papieren, Buchdrucker- und Buchbinderlohnen bestndig
  ausgeben mssen, dabei die schweren Haushaltungsausgaben, Miethen
  und Abgaben zu tragen haben, die alle so viele bestndige Ausgaben
  erfordern, wogegen wir im Laufe des Jahres fast nichts, sondern Alles
  erst im Januar und Februar einnehmen. Dies genirt mich nun in diesem
  Jahre besonders, da ich fr mehrere Unternehmungen ein Ansehnliches
  habe aufwenden mssen, das sich aber erst zu Ostern 1808 rentirt.
  Recht sehr wnschte ich also, mit einigen Fonds in diesem Jahre
  ausgeholfen zu werden, und ich frage Dich nun darum, ob Du das mglich
  machen kannst, sei es durch Dich selbst oder durch Deinen Credit ....

  Es ist mir schwer gefallen, ber diesen Punkt offen zu werden, und
  ohne das Zureden Sophiens htte ich es unmglich gekonnt. Ich fge
  weiter nichts hinzu, lieber Bruder, als da jede Zeile, die ich Dir
  heute schrieb, lautere nackte Wahrheit ist, und da #ltere# Schulden
  mich #keine# drckt noch ihrer mehr existirt.

Auf diesen Brief erfolgte sofort in echt brderlicher Weise Hlfe durch
Uebersendung einer ansehnlichen Summe. Brockhaus antwortete in einem
Briefe vom 18. September, dessen Anfang eine gemthvolle Erinnerung an
seine Kinderzeit enthlt:

  Woran erinnerst Du mich, lieber Bruder, durch die Erzhlung Deiner
  Reise zum guten lieben Onkel? An die auch fr mich glcklichsten
  Stunden meines Lebens, das damals so eben und heiter dahinflo wie ein
  rieselnder Bach! An die Jahre meiner Kindheit, meines Jnglingsalters,
  die des jungen Mannes, wo ich, noch unbekannt mit den Tuschungen
  des wirklichen Lebens, an der Pforte desselben stand und mit
  hochfliegendem Sinne und Herzen, ach! die schnsten Hoffnungen von
  der Zukunft und den Menschen berhaupt hatte und auch wol berufen und
  geeignet war, sie haben zu drfen. Damals ahndete ich den giftigen
  Mehlthau nicht, der sich auf die Blume meines Lebens setzen und Jahre
  lang desselben wrde vergiften machen! O #die# Zeiten, lieber Bruder!
  wie wir mit dem guten und geistvollen Onkel[29] dann durch die langen
  und fruchtbaren Aecker und zwischen dem wogenden Meer der vollen sich
  niedersenkenden Aehren einhergingen nach dem Kloster Welver, oder
  nach Dinker oder zur Kirme -- ich wei nicht wo, wie heitere und
  seelenvolle Gesprche uns erquickten, lndliche Kost uns erfreute, wie
  wir von Alt und Jung gegrt, ehrerbietig gegrt wurden, von allen
  Menschen als Freunde behandelt und zrtlich gepflegt wurden.

  Mir ist der Onkel immer wie der ehrwrdige Pfarrer zu Grnau, von
  dem Vo in seiner Luise ein so hinreiend entzckendes Gemlde
  aufgestellt hat. Damals litt der gute Onkel immer viel, er war
  krnklich und seinem Leben schienen nur noch kurze Tage zu harren. Es
  freut mich unendlich, da unsere Furcht sich darin nicht bewahrheitet,
  und ich gebe noch keineswegs die Hoffnung auf, ihn noch einmal, ehe
  er oder ich jene furchtbare Reise antreten, von der kein Wanderer
  zurckkommt, an meine Brust zu drcken. Vielleicht ist diese Zeit
  selbst nher als ich noch vor kurzem htte denken knnen. Es ist
  nmlich sehr wahrscheinlich, da ich nchste Ostern selbst mit nach
  Leipzig gehen werde. Unsere dortigen Geschfte und Berechnungen,
  Tausche, Einkufe, Arrangements mit Druckereien, Papierhandlungen,
  Autoren u. s. w. sind wichtig und mannichfaltig genug, um die Krfte
  eines Mannes alleine zu bersteigen und auch von zu bedeutenden
  Folgen, um sie einem auch noch so guten Commis anvertrauen zu
  knnen. Wenn es mir also nur irgend mglich ist, so habe ich zur
  Absicht, alle Jahre, so Gott will, selbst Ostern nach Leipzig zu
  gehen in Begleitung eines Gehlfen, der den mechanischen Theil des
  Geschftes und der Berechnungen besorgt. Ich habe zu einer solchen
  Reise mehrere Reiserouten vor mir, werde aber gewi, wenn meine
  dortigen Angelegenheiten einmal in Ordnung sind, wofr ich mglichst
  sorgen werde, zur Hin- oder Herreise immer die ber Dortmund nehmen.
  Bei Lesung Deines letzten Briefs, lieber Bruder, ist mir dabei der
  Gedanke eingefallen, wie auerordentlich ntzlich fr Dein Geschft,
  erhebend fr Deine Seele und strkend fr Deinen Krper es sein wrde,
  wenn auch Du es einrichtetest, alle Jahre einmal abwechselnd nach
  Frankfurt oder Leipzig zu gehen, und wir dann vielleicht dann und wann
  solche Reisen hin oder zurck zusammen machen knnten. Der Gedanke,
  theuerster Bruder, ist mir so ausfhrbar vorgekommen, da ich ihn gar
  nicht loswerden kann! und doch ist es mir zu reizend, als da ich es
  mir wieder zu schmeicheln wagen mag, da er wirklich werde ausgefhrt
  werden ....

  Zu meinem jetzigen Geschfte, wie es jetzt geht, bedarf ich
  durchaus noch einiger Fonds, und es ist nicht dem allermindesten
  Zweifel unterworfen, da, wenn ich nur noch so viele habe, als ich
  oben gedachte, es mir mglich sein wird, dasselbe auf einen solchen
  Fu zu halten und zu setzen, da fr mich und meine Familie die
  segensreichsten Folgen daraus entstehen werden. Die Zeiten der
  Chimren und der Luftschlsser sind bei mir vorbei: was ich jetzt thue
  und treibe, beruht auf dem sichersten Calcul. Nur der sehr gute Erfolg
  mehrerer unserer Unternehmungen hat brigens auch nur diese noch
  nthige Alimentation veranlat, da wir nicht im Stande sind, diese
  Unternehmungen aufzuhalten, die Fonds dafr aber erst im nchsten
  Jahre u. s. w. eingehen. So mssen wir von Villers' Briefe ber Lbeck
  schon wieder zwei neue deutsche und franzsische Auflagen machen,
  ob wir gleich viele Tausend von der ersten haben drucken lassen. So
  von einem franzsischen Handbuche fr Reisende durch Deutschland
  ebenfalls schon wieder die zweite Auflage, obgleich die erste von
  2000 Exemplaren erst im Januar und Februar erschienen. So ist das
  Glck, das die Vertrauten Briefe machen, woran ich ein Viertel habe,
  auerordentlich. Aber diese glcklichen Unternehmungen erfordern
  gerade deswegen Nachschsse, worauf ich nicht gerechnet, und die,
  da wir im Laufe des Jahres so wenig einnehmen, mich sehr _en peine_
  setzen fr den Rest des Jahres, besonders da es hier platterdings
  gar keine Ressourcen fr mich gibt, und ich Alles und Alles aus mir
  selbst schpfen mu. Es sind indessen keine groen Summen, deren ich
  jetzt bedarf, und mit einigen tausend Gulden, die ehemals ein Tropfen
  im Eimer gewesen wren, kann ich ber die kleinen Sorgen nun alle
  wegkommen. Und doch drcken solche auerordentlich und sie mssen auf
  immer weggerumt werden.

Darauf folgt, unter herzlichem Danke fr das zunchst Gewhrte, die
Bitte um eine weitere grere Summe, die er bestimmt im nchsten Jahre
zurckerstatten will: Du knntest darauf wie auf Deine Existenz
rechnen! Er schliet:

  Du kennst nun meine Sorgen und meine Hoffnungen alle. Vertraue,
  vertraue auf mich. Mein Dank, Sophiens Dank, unser Aller Dank wird
  Dich fr alles Gute, was Du uns schon gethan, Du allein uns gethan,
  bis zum letzten Odemzuge begleiten .... Wir Alle gren euch Alle
  tausendmal.

Als auf diesen Brief eine abschlgige Antwort kam, weil der Bruder,
trotz seiner steten Bereitwilligkeit zu helfen, diesmal die Bitte
nicht erfllen konnte, entschlo sich Brockhaus' Frau ohne Vorwissen
ihres Mannes nochmals an den Schwager zu schreiben. Ihr Brief, einer
der wenigen, die von ihr erhalten sind, gibt ein treues Bild ihrer
einfachen, aber gediegenen und gesunden Natur. Das im Eingang des Briefs
erwhnte sechste Kind, Max, war wenige Monate vorher, am 19. Juni 1807,
geboren worden; es starb brigens nach kaum drei Jahren, im Mrz 1810,
in Dortmund. Sie schreibt aus Amsterdam vom 29. September 1807:

                Lieber Herr Bruder!

  Ich schreibe Ihnen diesen Brief ohne Vorwissen meines guten
  Brockhaus; dieser ist auf Comptoir, und ich sitze hier im Kreise aller
  meiner Sechse, Max schlft eben, und das Kindermdchen mag sehen,
  wie sie ein halb Stndchen mit den brigen fertig wird, denn ich mu
  absolut mit Ihnen sprechen.

  Da es uns gut geht, da wir zufrieden sind, da Brockhaus in
  seinen Geschften glcklich ist, sich glcklich darin fhlt, da wir
  bei dem schrecklichen Lauf der Weltbegebenheiten und der Zernichtung
  des englischen Handels hier (fr den, der nicht ber groe Fonds zu
  disponiren hat) sehr froh sind, die Trmmer unsers Vermgens in ein
  Geschft gerettet zu haben, das, wenn es, wie es scheint, mit dem
  Glcke fortgeht, als es angefangen wurde, uns ein redliches Bestehen
  sichern wird -- dies Alles, werthester Bruder, wissen Sie wohl und
  gewi von Brockhaus. Aber Brockhaus findet gerade jetzt in dem guten
  Fortgange seines Geschfts Veranlassung zu Sorgen, auf die er nicht
  gefat war und die ihn erstaunlich angreifen, da er sich mglich
  denkt, da, wenn er gar nicht im Stande wre Hlfe zu finden, alle
  unsere guten Aussichten wieder zusammenfallen, er seinen unbegrenzten
  Credit in Leipzig, den er sich so mhsam angebaut, verlieren, und wir
  Alle dann eigentlich unglcklich werden knnten. Sie wie ich wrden
  ihm hier dann die Erinnerung machen knnen, da er sich nach seinen
  Mitteln htte einschrnken mssen; allein er bemerkt darauf, da sich
  das nicht auf ein paar tausend Gulden im ganzen Jahre lang berechnen
  liee &c. Das kann ich auch nicht beurtheilen. Aber die Sache ist,
  da hier in Brockhaus seinem Geschft Alles auf Jahresrechnung geht,
  er aber Vieles bestndig bezahlen mu, Frachten, Papier, Druckerlohn
  &c. bestndig viel Geld wegnehmen, und da Brockhaus, um Credit zu
  kriegen, Vieles hat prompt bezahlen mssen, wo er in Zukunft Credit
  haben wird -- kurz, Brockhaus hat fr den Lauf dieses Jahres noch ein
  paar tausend Gulden zu bezahlen, wozu er hier keine Aussicht hat,
  um sie in diesem Jahre anschaffen zu knnen. Wir leben erstaunlich
  eingezogen, haben fast mit keinem Menschen Umgang, und wo wir
  Freundschaft mit haben, die haben keine Mittel, worber sie disponiren
  knnen, und in Amsterdam mu man nicht mit Geldfragen kommen: eine
  kalte abschlgige Antwort ist, was man zu erwarten hat, und ihre
  Achtung und Freundschaft, ja gar Vertrauen -- Alles ist weg.

  Brockhaus hat sich also, lieber Bruder, in seinen Sorgen um die paar
  tausend Gulden, die ihm die Kohlen auf den Fu legen, an Sie gewendet,
  weil er hoffte, da Sie in Ihrem Verhltnisse eher Rath dazu schaffen
  knnten und aus Liebe fr uns Alles thun wrden, was in Ihren Krften
  wre. Schrecklich war daher gestern seine Tuschung, als Ihr Brief
  ihm sagte, da Sie jetzt nicht knnten. Der Himmel wei es, wie er es
  machen wird, da ich wei, da er in acht Tagen schon ein paar Wechsel
  bezahlen mu und im nchsten Monat Alles gebraucht. Mir ist also
  eingefallen, ob Sie in Verbindung und in Ueberlegung mit Luise[30] und
  Rittershaus die doch nicht gar groe Summe zusammenbringen knnten.
  Rittershaus hat Vermgen und Credit, und ich vertraue auf Luise,
  da sie etwas auf Rittershaus vermag und er ihr und mir eine solche
  Geflligkeit nicht abschlagen werde. Ich wei auch, da Brockhaus
  im Stande ist, es ihm nthigenfalls im Januar oder zur Ostermesse
  wieder zurckzugeben, vielleicht knnte er ihm Kleie dafr senden.
  Das Wenige, was mir frher oder spter zufallen wird, gebe ich auch
  gern bis zum Ersatz. Ueberlegen Sie es also mit Luise. Thun Sie, was
  Sie knnen, Sie machen mich dadurch zum glcklichsten Weibe. Ich habe
  nicht nthig, Ihnen zu erinnern, da es mir lieb sei, wenn darber
  kein Gerede entstehe. An Luise schreibe ich nur ein paar Zeilen,
  Sie werden die Gte haben, sie von der wahren Lage der Sachen zu
  unterrichten, da es nicht Mangel berhaupt ist, sondern Verlegenheit
  gegen Ende des Jahres und unvorhergesehene starke Ausgaben und da
  wir keine Ressourcen haben. O wie glcklich wrde ich sein, wenn der
  nchste Posttag mir sagte, da Sie etwas fr uns thun knnten -- Ihr
  Herz brgt mir fr Ihren Willen.

  Nicht mit ganz frohem Herzen sage ich Ihnen Lebewohl. An Lottchen
  und Papa tausend Gre. Ich bin Ihre Sie hochschtzende Schwester

                                             Sophie Brockhaus.

Ob ihre Bitte Erfolg hatte, geht aus den wenigen aus dieser Zeit
erhaltenen Briefen nicht hervor, doch ist es wahrscheinlich, da in den
nchsten Monaten von finanziellen Verlegenheiten nicht weiter die Rede
ist.




                       5.

     Reisen zur leipziger Buchhndlermesse.


Bei der Bedeutung und Ausdehnung, die Brockhaus' buchhndlerisches
Geschft rasch erlangt hatte, war es (wie er auch unterm 18. September
1807 seinem Bruder schrieb) seine bestimmte Absicht, alljhrlich Ostern
zur Buchhndlermesse nach Leipzig zu reisen. Ein Besuch derselben war zu
jener Zeit noch wichtiger als er es gegenwrtig ist, besonders fr den
Besitzer eines neuerrichteten Geschfts; auch hatte er bereits vielfache
geschftliche Beziehungen in Leipzig, deren Pflege und Erweiterung ihm
am Herren lag; endlich freute er sich darauf, die Stadt wiederzusehen,
in der er als junger Mann eifrigen Studien obgelegen und wol zuerst den
Entschlu gefat hatte, selbst einmal den Buchhndlerstand zu whlen.

Im Frhjahr 1808 hoffte er den langgehegten Plan zum ersten male
ausfhren zu knnen, allein seine Hoffnung wurde wieder vereitelt.
Kurz nach der Michaelismesse 1807 hatte er pltzlich denjenigen
Gehlfen verloren, der, wie er in einem Circulare sagt, zeither
unser schnell wichtig gewordenes deutsches Sortimentsgeschft allein
besorgt und dirigirt hatte; es war der in seinem Briefe vom 25.
August 1807 erwhnte Gehlfe, der im Herbst 1806 aus Hannover in
das Geschft getreten war und in der Ostermesse 1807 das Kunst- und
Industrie-Comptoir in Leipzig vertreten hatte, doch ist uns weder sein
Name noch der Grund seines pltzlichen Wiederaustritts aus dem Geschfte
bekannt. Brockhaus engagirte zwar sofort einen andern Gehlfen, Namens
Zinkernagel, der bisher in der Buchhandlung von Heinsius in Leipzig
angestellt gewesen war, schlo mit ihm nach damaliger Sitte sogar
einen Contract ab und schickte ihm Reisegeld sowie einen Vorschu;
aber statt des sehnlichst erwarteten Gehlfen traf im Februar 1808
ein Brief von dessen bisherigem Principale ein, worin dieser bat, ihm
denselben ganz oder wenigstens noch bis zur Ostermesse zu lassen,
wo er dann ja zugleich die Geschfte seines neuen Hauses besorgen
knne. Brockhaus lehnte unterm 29. Februar diese Zumuthung, die ihm
sehr auffallend und befremdend sei, mit der ihm eigenthmlichen
Bestimmtheit und Offenheit ab, indem er dem Briefe an Heinsius in einem
Gemisch von Ironie und Zorn hinzufgte: So vielen Antheil wir auch
an Ihrer persnlichen Wohlfahrt und an dem regelmigen Gange Ihrer
Geschfte immerhin nehmen, so kann dieser Antheil sich doch nicht so
weit erstrecken, da wir darum unsere eigene Wohlfahrt aufopfern und
unsere nicht unbedeutenden Geschfte nur in Wirrwarr sich auflsen
lassen sollen. Es entspricht ebensowenig der Lage unserer Geschfte,
Herrn Zinkernagel die Ostermegeschfte thun zu lassen und ihm oder
Ihnen zuzugestehen, da er in Erwartung derselben einstweilen dorten
bleibe. Der Chef unserer Handlung wird selbst diese Messe besuchen, und
geschieht das nicht, so werden wir diejenigen Maregeln nehmen, die uns
am zweckmigsten dnken. Wir geben heute Herrn Zinkernagel wiederholt
auf, ohne Verzug eines einzigen Tags seine Reise hierher anzutreten.
Trotz alledem scheint Zinkernagel gar nicht nach Amsterdam gekommen zu
sein.

Nur wenige Wochen nach diesem Briefwechsel, am 12. April, schreibt
Brockhaus an den Buchhndler Heyse in Bremen: er habe von Herrn
Culemann in Hannover gehrt, da sich bei ihm ein junger Mann befinde,
der sich zum Gehlfen in seiner Handlung eigne, und bitte ihn um
Auskunft ber denselben; er stehe zwar bereits mit einem andern in
Unterhandlung, diese werde sich aber wahrscheinlich zerschlagen. Heyse
scheint dem jungen Manne ein gutes Zeugni gegeben zu haben, denn am
30. April meldet Brockhaus wieder an Heyse, da er ihn engagire. Der
Betreffende kam denn auch wirklich nach Amsterdam. Es war dies Friedrich
Borntrger, der sptere Verlagsbuchhndler in Knigsberg; er blieb
drei Jahre lang bei Brockhaus und wurde whrend dieser Zeit dessen
Vertrauter, soda wir ihm fortan viel begegnen werden.

Leider konnte auch er nicht sofort, sondern erst im Sommer seine Stelle
antreten, wahrscheinlich weil Heyse ihn nicht eher entbehren konnte.
Brockhaus schreibt darber an Letztern:

  Nun, es sei denn, haben wir uns seit 4-5 Monaten durchgeschlagen
  und darber sogar die Messe versumen mssen, so mag es denn auch
  noch 4 __ 5 Wochen hingehen. Aber wir rechnen auf Ihr Wort auf das
  unbedingteste, da Herr Borntrger am 12. Juni von Bremen abreisen
  kann. Wir machen darber nicht weiter viele Worte. Ein Wort fr
  hundert.

  Wir wnschen Ihnen die beste Reise zur Messe, und bedauern wir nur,
  da durch das Ausbleiben unsers engagirten Gehlfen es uns persnlich
  reine Unmglichkeit geworden ist, ebenfalls die Messe zu besuchen, da
  wir in jeder Hinsicht so nothwendig dorten wren. Ob wir gleich Herrn
  Reclam gefunden haben, der unsere Megeschfte wahrnehmen will, so
  kann er es doch nur halb. Vieles mu ganz versumt werden, Vieles mu
  noch besorgt werden, das fr Herrn Borntrger seine erste Arbeit sein
  mu.

An Borntrger selbst meldet er unterm 27. Mai, da er ihm einige seiner
letzten Kataloge mit Gelegenheit nach Aurich geschickt habe, und fgt
folgende Worte hinzu, aus denen hervorgeht, wie er jede Gelegenheit zum
Weiterausbau seines Geschfts benutzte:

  Nehmen Sie solche in Empfang und machen Sie davon auf Ihrer
  Hierherreise den mglichst ntzlichsten Gebrauch. Da Ostfriesland
  jetzt zu Holland gehrt, mithin von dort viele Berhrungen mit
  Amsterdam, als dem Sitze des Gouvernements, Platz haben werden, wo
  der reiche Adel hierhin zu Aemtern und Ehrenstellen gezogen wird und
  manche andere Connexion stattfinden wird, so knnte Ostfriesland auch
  fr uns nicht ganz ohne Bedeutung werden. Frher haben wir dies sonst
  nicht ambitionirt, weil damals Bremen und Hannover passender war.

In der Besorgni, da der junge Mann sich deshalb zu lange unterwegs
aufhalten knne, warnt er ihn brigens sofort, dies ja nicht zu thun,
und schliet:

  Wie gedenken Sie Ihre Reise hierhin zu machen? Und wann werden Sie
  abreisen? Wir erwarten Sie mit dem lebhaftesten Verlangen und sind
  Ihnen mit Freundschaft zugethan.

Der Gebrauch des wir statt ich selbst in solchen Briefen
persnlicher Art erklrt sich daraus, da Brockhaus in dieser Zeit alle
Briefe, auch eigenhndige, mit der Firma Kunst- und Industrie-Comptoir
unterschrieb und nur bisweilen noch seinen Namen hinzufgte.

Da er nicht nach Leipzig zur Messe kommen knne, zeigte er dem
Buchhandel in einem vom 24. April aus Amsterdam datirten Circulare
ausdrcklich an, vermuthlich, weil er schon Vielen sein Hinkommen
in Aussicht gestellt hatte. Er erwhnt darin, wie gegen Heyse, da
auf seine Bitte Herr Karl Heinrich Reclam sich entschlossen habe,
diesmal fr das Kunst- und Industrie-Comptoir zu rechnen und das ganze
Megeschft zu besorgen. Da Herr Grff, sein bisheriger leipziger
Commissionr, dies nicht besorge, erklrt er damit, da unsere
Megeschfte seinen ganzen Mann erfordern und Herr Grff so sehr
mit eigener Arbeit berhuft ist, da wir diesem die unserige mit
wahrzunehmen nicht zumuthen konnten; doch wird dies wol nur eine der
bei einem Wechsel des Commissionrs auch heutzutage noch blichen
Hflichkeitsphrasen gewesen sein und der wahre Grund in Differenzen mit
Grff gelegen haben. Zugleich kndigt er an, da er in Ansehung der
ihm fr sein Sortimentsgeschft zu sendenden Neuigkeiten nothgedrungen
eine neue Ordnung einfhren msse; er erhalte zu viel fr ihn unntze
Artikel, werde deshalb knftig nach dem Mekataloge selbst whlen und
bitte daraus einen Mastab fr seine Bedrfnisse auer den Messen zu
entnehmen. Dann fhrt er fort:

  Bei der ununterbrochenen Aufmerksamkeit, die wir auf Alles haben,
  was in Deutschland erscheint, entgehen uns ohnehin diejenigen
  Artikel nicht leicht, welche wir hier besonders gebrauchen knnen.
  Wir interessiren uns fr die Verbreitung der deutschen Literatur
  in Holland auf das lebhafteste, wie Ihnen nach dem Mae unsers
  seitherigen Bedrfnisses bei so kurzer Dauer unsers Etablissements
  schon wird bemerkbar gewesen sein. Jetzt, da unsere Stadt noch zur
  kniglichen Residenz erhoben worden ist, da sich das Gouvernement
  und das diplomatische Corps ebenfalls hierher begibt, jetzt haben
  wir bei unserer Thtigkeit Aussicht, da unsere Geschfte sich noch
  bedeutend heben werden, besonders wenn wir einmal Frieden mit England
  bekommen sollten. Uns in diesem Bestreben zu untersttzen, ist unsere
  ergebenste Bitte an Sie. Wir werden uns bemhen, Ihnen dadurch selbst
  ntzlich zu werden, und Ihr Vertrauen gebhrend zu achten wissen.

Dem Circulare ist ein Verzeichni seiner Novitten zur Ostermesse
1808, der in seinem Verlage neu erschienenen und, wie damals blich,
auf die Messe mitgebrachten Werke, beigefgt. Auch zahlreiche
Commissionsartikel werden dabei vorgefhrt, meist Verlagsartikel
hollndischer Buchhndler, darunter auch der Schenkische Atlas von
Sachsen, und Musikalien, mit der Bemerkung, da das Kunst- und
Industrie-Comptoir es gern bernehme, alle in Holland herausgekommenen
und herauskommenden Bcher zu besorgen, wenn solche noch im Buchhandel
zu haben -- ein Zeichen, da Brockhaus sein Geschft nach allen
Richtungen hin ausdehnte und ihm namentlich immer mehr einen
internationalen Charakter zu geben suchte.

Unter den gegen Ende des Jahres erscheinenden Neuigkeiten werden in
dem Circulare zwei Werke aufgefhrt, die spter weder bei ihm noch
unsers Wissens berhaupt erschienen sind: ein Lehrbuch des Staatsrechts
des Rheinischen Bundes von Hofrath und Professor Seidensticker in
Jena und eine Deutsche und franzsische Encyklopdie fr die Jugend
gebildeter Stnde, in einem dreijhrigen Cursus zum Unterricht in den
nthigsten Vorkenntnissen und zur Befrderung der Fertigkeit, beide
Sprachen verstehen, schreiben und sprechen zu lernen, von Hofrath und
Professor C. G. Schtz in Halle. Ueber letzteres Werk finden sich auch
zwei Briefe von Brockhaus an Schtz, in deren erstem (vom 22. Februar
1808) er den nhern Plan und einige Proben der ihm zuerst von Schtz
angebotenen Encyklopdie verlangt, whrend er in dem zweiten, ein volles
Jahr spter (am 8. Mai 1809) geschriebenen, kurz sagt, da er jetzt auf
die Anerbietung nicht eingehen knne. Charakteristisch ist die Vorsicht,
mit der er gleich anfangs das Anerbieten beantwortet:

  Wenn das Werk nur nicht zu bndereich werden sollte, was wir bei
  unsern Unternehmungen gar nicht lieben, und es in nicht langer Zeit
  kann complet geliefert werden, Ew. Wohlgeboren uns auch in Rcksicht
  des Honorars nur sehr billige Bedingungen machten und der Plan
  brigens unsern Beifall erhielte, so drften wir vielleicht auf die
  Anerbietung eingehen.

Noch interessanter fr uns ist aber folgende Stelle desselben Briefs:

  Wir erlauben uns bei dieser Gelegenheit die Anfrage: ob nicht das
  von Ew. Wohlgeboren schon seit geraumer Zeit angekndigt gewesene
  Lehrbuch ber encyklopdische Literatur bald erscheinen werde?
  Schreiber Dieses erinnert sich mit sehr vielem Vergngen einiger
  Vorlesungen, die er vor etwa 10 Jahren bei einer Reise durch Jena
  hierber von Ew. Wohlgeboren hrte, und war es, glaubt er, schon
  damals ein allgemeiner Wunsch, einen gedruckten Grundri zu diesem
  von Ew. Wohlgeboren jhrlich wiederholten Cursus zu besitzen; seitdem
  ist derselbe, wenn wir nicht irren, mehrmalen in den Mekatalogen
  angekndigt worden, aber, soviel wir wissen, immer nicht erschienen.
  Sollten von seiten der Verlagshandlung Schwierigkeiten dabei
  stattfinden, so wrden wir uns darber mit Ew. Wohlgeboren zu einigen
  wnschen.

Der hier erwhnte kurze Besuch in Jena hatte jedenfalls 1794 oder 1795
whrend Brockhaus' Aufenthalts in Leipzig zu seiner Ausbildung oder nach
Beendigung desselben auf der Rckreise nach Dortmund stattgefunden;
er benutzte also die wenigen Tage seines Aufenthalts in Jena zum
Besuche der Vorlesungen des damals sehr angesehenen Hofraths Schtz und
wahrscheinlich noch anderer Professoren: ein neuer Beweis seines schon
damals regen Interesses fr Literatur und Wissenschaft.

Gleich in dieser ersten Zeit seiner Verlegerthtigkeit begngte sich
Brockhaus nicht damit, die Manuscripte einfach so abzudrucken, wie sie
ihm von den Verfassern zukamen, vielmehr prfte er sie genau und wirkte
oft auf ihre Abnderung hin. So sagt er in einem Briefe an Legationsrath
Bertuch in Weimar vom 12. Juli 1808, mit welchem er diesem das
Manuscript des (ebenfalls in Weimar lebenden) Freiherrn von Gro ber
die Kriegsgeschichte der Jahre 1792-1808 zum Druck schickte:

  Wir schreiben dem Herrn Verfasser heute weitluftiger ber Titel,
  Form und Inhalt, welche unsere Bemerkungen er Ihnen zur geflligen
  Mitbeurtheilung communiciren wird. Der Inhalt und der Plan wie die
  ganze Idee des Werks hat unsern Beifall und wir haben daran nichts
  oder wenig zu erinnern. Die Form und der Stil aber ist nicht so, wie
  er sein knnte und wie er im jetzigen Zeitalter gefordert wird. Es
  knnte diesem aber ohne besondere Mhe nachgeholfen werden, wenn vor
  dem Drucke ein guter Stilist das Manuscript revidirte und hin und
  wieder wegschnitte oder nachhlfe. Sie wrden uns unendlich verbinden,
  wenn Sie dazu Jemanden auffinden wollten. Wir verstehen uns gern zu
  einer billigen Vergtung. Zum Titel haben wir dem Herrn Verfasser
  zwei Vorschlge gemacht. Prfen Sie solche geflligst. Wir lassen uns
  gerne sagen ..... Wir empfehlen Ihnen das Werk des Herrn von Gro
  so, als wre es Ihr eigenes. Dies ist genug gesagt. Rechnen Sie auf
  unsern Dank und unsere Erkenntlichkeit. Es wird nicht mglich sein
  wahrscheinlich, Ihnen in den ersten vier Wochen darber nher zu
  schreiben, da Schreiber dieses wahrscheinlich in der andern Woche nach
  Paris reisen mu, indem wir mit einer franzsischen Buchhandlung wegen
  Ueberlassung der Massenbach'schen Memoiren (im Manuscript) zu einer
  franzsischen Uebersetzung in Unterhandlung sind, was auch mit Philips
  in London der Fall ist. Handeln Sie darum in zweifelhaften Fllen nach
  bester eigener Einsicht. Alles, was Sie thun, ist und wird wohlgethan
  sein. Michaelis mu nur Alles fertig sein. Bei irgendeiner Mglichkeit
  kommt Schreiber dieses zu Michaelis nach Leipzig. Die Verhltnisse
  unserer Handlungen werden gewi zu Ihrer Zufriedenheit auseinander-
  und fortgesetzt werden.

Ueber die Massenbach'schen Werke sagt er noch in demselben Briefe:

  Vom Obersten von Massenbach haben wir nun sein Tagebuch, seine
  Memoiren von 1787 bis 1807 und Rckerinnerungen an groe Mnner
  bernommen: ohne Zweifel mit die interessantesten Werke, welche ber
  die neuere Geschichte seit zwanzig Jahren sind bekannt gemacht worden.
  Das bei Sander von Massenbach angekndigte Werk erscheint nicht und
  wird in eins dieser verschmolzen. Die in Berlin gestochenen Karten
  und Plne, von denen schon sechs fertig sind, werden Ihnen als Kenner
  viele Freude machen. Wir haben in Deutschland noch nichts von gleicher
  Vollendung gesehen.

Die mit einer franzsischen Handlung (Treuttel & Wrtz in Paris)
angeknpften Verhandlungen wegen einer Uebersetzung oder Bearbeitung der
Massenbach'schen Memoiren zerschlugen sich brigens, und infolge dessen
unterblieb auch vorlufig die Reise nach Paris.

Brockhaus reiste dagegen im Herbst 1808 zur Michaelismesse nach Leipzig;
es war das erste mal, da er diese Stadt als Buchhndler besuchte,
damals wol nicht ahnend, da er daselbst einen groen Theil der nchsten
Jahre, whrend sein Geschft noch in Amsterdam war, zubringen und spter
selbst mit seinem Geschfte, nach einer kurzen Zwischenperiode in
Altenburg, bleibend dahin bersiedeln werde.

Die Michaelismesse in Leipzig hatte damals fr den Buchhandel eine
grere Wichtigkeit als jetzt, wo sie nur noch den Endtermin fr die in
der Ostermesse nicht vollstndig erledigten Zahlungen bildet. Brockhaus
wollte seine zu Ostern dieses Jahres unmglich gewordene Reise nach
Leipzig nicht wieder bis zur Ostermesse des nchsten Jahres aufschieben,
weil es ihm nach dem im Juni erfolgten Eintritte des neuen Gehlfen
Borntrger eher mglich war, sich auf einige Wochen von Amsterdam zu
entfernen, und auerdem der Stand seiner Angelegenheiten in Leipzig eine
persnliche Anwesenheit daselbst dringend nthig machte.

Der dortige neue Commissionr Reclam hatte nmlich die ihm bertragenen
Megeschfte durchaus nicht zu Brockhaus' Zufriedenheit besorgt. Ohne in
diesem Falle, wie in manchem hnlichen, uns auf die eine oder die andere
Seite der streitenden Parteien zu stellen -- wozu die noch vorhandenen
Actenstcke meistens auch nicht ausreichen -- suchen wir die Sachlage
mglichst objectiv darzulegen.

Brockhaus verffentlichte sofort nach seiner Ende September erfolgten
Ankunft in Leipzig ein Circular, datirt Leipziger Michaelismesse 1808,
dem wir Folgendes entnehmen:

  Der Chef unserer Handlung, Herr Brockhaus, findet bei seiner
  Ankunft in Leipzig zur Messe ein Circular des Herrn Reclam vor, worin
  sich dieser Mann ber die Vorwrfe, die wir ihm privatim wegen der
  Besorgung unserer Geschfte gemacht haben, ffentlich verantwortet.
  Die Pflichten, die wir gegen unsere Handlung haben, erlauben es uns
  nicht, zu diesem so ungewhnlichen Circulare des Herrn Reclam ganz zu
  schweigen, ob wir gleich glauben, da Herr Reclam durch den Charakter
  dieses seines Circulars gerade unsere Vertheidigung fhre, da es nicht
  auffallen kann, da man mit Jemandem, dessen Seele sich so ausspricht,
  als hier in diesem Circulare geschieht, leicht zerfallen knne und
  mit ihm nicht gut zu leben und zu wirken sein msse. Hier jedoch eine
  kurze Erwiderung.

Darauf folgt zunchst eine Erzhlung der uns bereits bekannten Umstnde,
da er seit der Michaelismesse des vorigen Jahres seinen bisherigen
Gehlfen verloren habe u. s. w.; noch nicht an das Mechanische dieses
Geschfts gewhnt und im Gedrnge unserer sonstigen mannichfaltigen
Arbeiten, konnte es nicht anders sein, als da in der Zwischenzeit
von Michaelis bis Ostern Manches nicht mit der Ordnung besorgt werden
konnte, die allerdings strenge genommen gefordert werden kann. Er
habe trotzdem Ende April die Mestrazzen an Reclam sowie die Noten der
Remittenden gesandt und ihn dadurch in den Stand gesetzt, wenigstens mit
allen Handlungen rechnen zu knnen. Dies sei aber groentheils nicht
geschehen und darber ein Briefwechsel entstanden, der von unserer
Seite vielleicht nicht ohne Heftigkeit (!), von der Seite des Herrn
Reclam mit roher Plumpheit (!) gefhrt wurde. Leider ist dieser gewi
auch fr Brockhaus charakteristische Briefwechsel unsers Wissens nicht
erhalten, und ebenso wenig war es uns mglich, das betreffende Circular
Reclam's zu erhalten, dessen Fehlen uns verhindert, auch die andere
Partei zu hren.

Brockhaus fhrt fort:

  Wir eilten nun, alle Verhltnisse mit ihm abzubrechen, und wir
  drangen mit Ungestm auf Abrechnung und auf das Zurcksenden der
  Bcher. Erstere erfolgte endlich gegen Ende Juli. Unser Soll und
  Haben glichen sich ganz aus. Die Bcher aber haben wir erst den 9.
  September, also vier Monate nach der Ostermesse, zurckerhalten!!
  Diese unerhrte Vernachlssigung war fr uns um so empfindlicher, da
  wir, wie schon gesagt, ohne alle und jede detaillirte Berichte von
  Herrn Reclam geblieben waren und wir uns ganz auer Stand gesetzt
  sahen, irgendetwas zu unternehmen, was die Ausgleichung der offen
  gebliebenen Contis _pro_ und _contra_ htte befrdern knnen. Da
  wir uns hierber mit Nachdruck geuert haben, wird Jeder begreifen,
  der sich in unsere Lage hineindenken will, da durch die Folgen des
  Betragens und der Geschftsfhrung des Herrn Reclam sich unser ganzes
  Sortimentsgeschft aufzulsen drohte. Die Entschuldigungen des Herrn
  Reclam, oder die Invectiven vielmehr, womit er uns zu berschtten
  beliebt, sind ohne allen Grund: er war unser Commissionr, nicht
  unser Chef. Er mute entweder unser Geschft nach unsern Angaben und
  Auftrgen ausfhren, oder -- es gleich #abgeben#. Dies hat er nicht
  gethan; wir sind gezwungen gewesen, es ihm zu #nehmen#.

  So weit unsere Antwort durch #Worte#. Jetzt die durch die #That#.
  Wir haben am 9. September unsere Bcher zurckerhalten. Zwlf Tage
  nachher ging der Chef unserer Handlung schon wieder nach Leipzig. Es
  war natrlich unmglich, in dieser Zwischenzeit von Hause aus etwas
  zur finalen Ausgleichung der fr und gegen offenstehenden Rechnungen
  zu thun. Es wird dies jetzt zur Messe geschehen: wir werden alle noch
  restirenden Saldi rein und baar abbezahlen, sollte auch an uns, die
  weit mehr zu empfangen als zu zahlen hatten, kein einziger Pfennig
  hier eingehen.

  Jetzt beurtheile jeder rechtliche Mann das Betragen des Herrn Reclam
  gegen uns, und Ton und Farbe seines Circulares!

  Wir haben uns hier an eine trockene Darstellung der Thatsachen
  gehalten; wir achten uns zu sehr, um die Invectiven des Herrn Reclam
  mit gleichen zu beantworten. Wir trauen es auch wenigstens seinem
  eigenen Verstande zu, da er -- um uns hier milde auszudrcken --
  seine Leidenschaftlichkeit und Unvorsichtigkeit erkennen, und darber
  nicht ohne Schamgefhl bleiben werde.

Wie die Angelegenheit mit Reclam geordnet wurde, ist uns nicht bekannt;
wir wissen nur, da zunchst der Buchhndler Johann August Gottlob
Weigel an Reclam's Stelle die leipziger Commission fr Brockhaus
bernahm. Letzterer sagt in dem ersten aus Leipzig an Borntrger nach
Amsterdam geschriebenen Briefe vom 4. October: Ich habe meiner Frau
ber die wichtigsten Angelegenheiten direct geschrieben; sie wird
Ihnen das mittheilen, und ich beziehe mich darauf, um mich nicht zu
wiederholen, wozu es mir an Zeit fehlt. Dieser Brief an seine Frau ist
aber leider nicht mehr vorhanden.

Dagegen ist von dieser ersten Geschftsreise nach Leipzig ein Actenstck
erhalten, dessen Gegenstand von der grten Wichtigkeit fr sein ganzes
Leben wurde: der Contract ber den Ankauf des Conversations-Lexikon.

Brockhaus ist nicht sozusagen der Erfinder des
Conversations-Lexikon, wie Viele meinen; es hat vor seiner Zeit in
der deutschen wie in mancher andern Literatur hnliche Werke gegeben,
und selbst dasjenige Conversations-Lexikon, das zum Grundstein seines
nach harten Schicksalsprfungen endlich festbegrndeten Hauses wurde und
seitdem den Mittelpunkt der umfassenden Verlagsthtigkeit desselben
gebildet hat, ist nicht von ihm selbst begonnen worden, sondern war in
der ersten Auflage bereits fast ganz vollendet, als er es ankaufte,
wie auch der Name Conversations-Lexikon nicht von ihm herrhrt. Und
dennoch ist er als der eigentliche Begrnder des Werks anzusehen und
gilt auch in der deutschen Literatur mit Recht als solcher, da er erst
durch seine Energie, Intelligenz und Umsicht dasselbe zu dem machte,
was es fr ihn, fr sein Geschft und fr die Welt geworden ist. Wenn
es berhaupt bei buchhndlerischen Unternehmungen viel weniger auf die
erste Idee, als auf die geschickte und praktische Ausfhrung derselben
ankommt, so trifft dies besonders in diesem Falle zu.

Dasjenige Werk, welches in den Verlagskatalogen der Firma F. A.
Brockhaus als die erste Auflage ihres Conversations-Lexikon
bezeichnet ist, mit den sptern Auflagen desselben aber nicht viel mehr
noch als den Titel gemein hat, wurde im Jahre 1796 unter dem Titel:
Conversations-Lexikon mit vorzglicher Rcksicht auf die gegenwrtigen
Zeiten, begonnen. Der (brigens nicht genannte) Herausgeber war ein
sonst nicht weiter bekannter _Dr._ Renatus Gotthelf Lbel in Leipzig
(geb. 1. April 1767 zu Thallwitz bei Eilenburg, gest. 14. oder 4.
Februar 1799 zu Leipzig), der Verleger Friedrich August Leupold
daselbst. In der Vorrede ist gesagt: Vor 30, 40 Jahren habe Hbner's
Zeitungs- und Conversations-Lexikon hingereicht, das Bedrfni
nach politischen Kenntnissen, die damals fast allein Gegenstand der
Conversation gewesen, zu befriedigen; jetzt aber, wo ein allgemeineres
Streben nach Geistesbildung, wenigstens nach dem Scheine derselben
herrsche, sei ein dem gegenwrtigen Umfange der Conversation
angemessenes Wrterbuch nothwendig. Am Schlusse heit es, da der
Verleger, um auch das schne Geschlecht auf das Werk aufmerksam
zu machen, dasselbe auch unter dem Titel: Frauenzimmer-Lexikon zur
Erleichterung der Conversation und Lectre, ausgeben werde, doch
scheint dies nicht geschehen zu sein. In den Jahren 1796-1800 erschienen
die vier ersten Theile, also kaum jedes Jahr ein Theil. Das Werk war
damit erst bis zum Ende des Buchstaben R gediehen und schien unvollendet
bleiben zu sollen. Endlich, nach einer Pause von sechs Jahren, 1806,
wurde der fnfte Theil bei einem andern Verleger, Johann Karl Werther
in Leipzig, und wieder zwei Jahre spter, 1808, abermals bei einem neuen
Verleger, Johann Gottfried Herzog in Leipzig, der sechste und letzte
Theil verffentlicht. Vor der Ausgabe desselben hatte inde bereits
Brockhaus das Werk gekauft, jedoch nicht von dem letzten, auch auf dem
Titel genannten Verleger Herzog, sondern von dem Buchdrucker Friedrich
Richter in Leipzig. Dieser, der Besitzer des Leipziger Tageblattes,
hatte vermuthlich das Werk gedruckt und an Zahlungsstatt behalten
mssen; kein Wunder, da er es gern wieder abgab, als sich ein Kufer
fand.

Der darber abgeschlossene Kaufcontract trgt das Datum des 25. October
1808. Das Werk war schon bis zur ersten Hlfte des sechsten (letzten)
Theils gedruckt und ausgegeben; es fehlte nur noch die zweite Hlfte
(das zweite Heft) desselben und der Verkufer machte sich selbst bei
einer Conventionalstrafe von 100 Thalern verbindlich, dieses Heft,
das 16, hchstens aber 20 Bogen umfassen und das Werk zu Ende fhren
sollte, bis zum 5. December desselben Jahres an den Kufer abzuliefern.
Wir stehen nicht an, ohne Rcksicht auf das in solchen Angelegenheiten
herrschende Geschftsgeheimni, die Kaufsumme zu nennen, fr die
Brockhaus das Conversations-Lexikon, die gesammten (freilich wol
nicht bedeutenden) Vorrthe des Werks mit allen Verlags- und sonstigen
Rechten erwarb. Sie betrug 1800 Thaler, die in vier Terminen bezahlt
werden sollten: blos 100 Thaler sofort, 500 Thaler Ende Februar, je
600 Thaler zur Oster- und Michaelismesse des nchsten Jahres. Diese
Summe erscheint sehr klein gegenber der groen Verbreitung, die das
Werk erlangt hat, und ist es auch in der That, selbst wenn man dabei
den damaligen hhern Werth des Geldes in Anschlag bringt. Inde darf
dabei nicht bersehen werden, da diese Verbreitung wesentlich das
Verdienst des neuen Besitzers, nicht der dem Werke zu Grunde liegenden
Idee war, deren ausschlieliches Verlagsrecht er nicht erwerben konnte,
wie sie ja vor wie nach ihm von so Manchem, freilich meist mit weniger
Geschick und geringerm Erfolge, und vorzugsweise allerdings erst
nach seinem Vorgange und mit offener oder versteckter Nachahmung und
Benutzung seines Werks, ausgebeutet wurde. Ferner war es (und ist es
noch gegenwrtig) bei diesem Werke nicht wie bei andern sogenannten
guten Verlagsartikeln mit dem einfachen Abdruck eines druckfertigen
Manuscripts gethan, sondern dasselbe verlangte Umsicht in der geistigen
Herstellung, Thatkraft und Geschick in dem Vertriebe, vor allem aber
bedeutende Herstellungskosten, da es zunchst durch Nachtrge, auf zwei
Bnde berechnet, vervollstndigt und eine vllige Neubearbeitung des
Ganzen sofort ins Auge gefat werden mute. Endlich ist die genannte
Summe gegenber den damaligen Vermgensverhltnissen des erst seit drei
Jahren etablirten und doch bereits durch zahlreiche und umfangreiche
Verlagsunternehmungen in Anspruch genommenen Verlegers, sowie bei dem
bisherigen geringen Erfolge des Werks, das schon viermal den Besitzer
gewechselt hatte, durchaus keine geringe zu nennen. Jedenfalls machte
ihm keine der damaligen groen Verlagshandlungen in Leipzig oder im
brigen Deutschland den Besitz des ihnen lange bekannten Werks streitig
und hatte den Muth und das Vertrauen, dieselbe oder eine hhere Summe
dafr zu zahlen.

Gleichzeitig mit dem Contracte ber den Ankauf des Werks hatte
Brockhaus (am 16. November 1808) einen Vertrag mit dem Redacteur und
Herausgeber der letzten Bnde des bei Leupold und zuletzt bei Herzog
erschienenen Conversations-Lexikon, dem Advocaten Christian Wilhelm
Franke zu Leipzig, abgeschlossen. In diesem Vertrage wurde derselbe
Schlutermin fr Ablieferung des Manuscripts wie in dem Contracte mit
Richter fr Vollendung des Drucks und Ablieferung der fertigen Exemplare
festgesetzt, nmlich der 5. December des laufenden Jahres, nur ohne
Conventionalstrafe und mit eventueller Verlngerung um -- drei Tage:
nach und nach bis zum 5., sptestens 8. December dieses Jahres, soda
der Druck in ungefhr derselben Zeit beendet werden kann. Der Verleger
wird wol noch manchmal die Erfahrung gemacht haben, da solche Termine
mit oder ohne Conventionalstrafe nicht gerade auf den Tag eingehalten
zu werden pflegen und oft nicht eingehalten werden knnen, wie es auch
diesmal schwerlich der Fall war. Auerdem wurde in diesem Vertrage
bestimmt, da der Redacteur die (schon von den frhern Verlegern
beabsichtigten) Nachtrge zu dem Werke in zwei Bnden zu je 30 Bogen
sofort in Angriff nehmen und das Manuscript zum ersten Bande (A-M)
bis Ende April, zum zweiten Bande (N-Z) bis Michaelis 1809 abliefern
solle. Als Honorar erhielt der Redacteur, wie bisher, fr den Druckbogen
8 Thaler, wofr er, wie es scheint, das Manuscript ganz druckfertig
herzustellen, also auch etwaige Mitarbeiter zu entschdigen hatte --
ebenfalls ein nicht eben kleiner Unterschied gegen die Honorare, die
heutigentags bei diesem Werke und hnlichen Verlagsunternehmungen
gezahlt werden!

Brockhaus' eigene Thtigkeit bei dieser Vervollstndigung der ersten
Auflage des Conversations-Lexikon ist im Zusammenhange mit dem
Verdienste, das er sich berhaupt um dieses Werk und namentlich um die
sptern Umarbeitungen desselben erworben, an einer sptern Stelle zu
schildern. Hier sei nur noch erwhnt, da der erste Band der Nachtrge
1809, der zweite Band 1811 erschien und Brockhaus sofort auch (1809) das
Werk unter einem neuen, etwas vernderten Titel versandte. Er nannte
es: Conversations-Lexikon oder kurzgefates Handwrterbuch fr die in
der gesellschaftlichen Unterhaltung aus den Wissenschaften und Knsten
vorkommenden Gegenstnde mit bestndiger Rcksicht auf die Ereignisse
der ltern und neuern Zeit.

Auffallenderweise findet sich in Brockhaus' Briefen aus diesem und
den nchsten Jahren keine einzige Aeuerung ber den fr ihn doch so
wichtigen Ankauf des Conversations-Lexikon. Seine Correspondenz ist
inde leider auch aus dieser Zeit nur theilweise erhalten und so kann
man daraus nicht folgern, da er dem Unternehmen anfangs selbst keine
groe Wichtigkeit beigelegt habe.

       *       *       *       *       *

Wie lange Brockhaus seinen ersten Besuch Leipzigs als Buchhndler
ausgedehnt, ist nicht genau bekannt; am 16. November (1808) war er
jedenfalls noch dort, da an diesem Tage der Vertrag mit Advocat
Franke in Leipzig von ihm unterzeichnet wurde. Vermuthlich ist
er entweder im December 1808 oder aber erst im Februar 1809 nach
Amsterdam zurckgekehrt. Er schreibt aus Amsterdam vom 27. Februar
1809 an Borntrger: Durch die Strungen vom December an bis zu meiner
Zurckkunft in diesem Monat sind wir auch wol um einen Monat mit den
Rechnungen hintenausgesetzt, wie Sie wol denken knnen. Dieser Brief
ist nach Leipzig gerichtet, wo Borntrger sich seit kurzem befand,
und die Strungen, von denen die Rede ist, beziehen sich wol auf
dessen Abreise aus Amsterdam, die weniger durch geschftliche als durch
persnliche Verhltnisse Borntrger's veranlat worden zu sein scheint.

Borntrger mute nmlich pltzlich aus Amsterdam flchten, um der Gefahr
zu entgehen, als Conscriptionspflichtiger in das Militr eingereiht zu
werden. So unangenehm dies gewi auch fr Brockhaus war, der in ihm
endlich einen fhigen und zuverlssigen Gehlfen gefunden, so wute er
doch sofort mit der ihm eigenthmlichen Umsicht und Thatkraft aus der
Noth eine Tugend zu machen: er behielt Borntrger in seinen Diensten
und veranlate ihn nach Leipzig zu gehen, um dort seine Geschfte zu
besorgen, deren immer wachsende Bedeutung ohnedem neben dem dortigen
Commissionr eine directe Vertretung in Leipzig wnschenswerth machte.
Borntrger nahm dort den Namen Friedrich Schmidt an, um allen weitern
Unannehmlichkeiten zu entgehen, und blieb daselbst als Brockhaus'
Bevollmchtigter mit kurzen Unterbrechungen vom Februar 1809 bis August
1810. Dieser Aufenthalt Borntrger's in Leipzig war nicht nur fr die
geschftlichen Angelegenheiten seines Principals sehr frderlich,
sondern er hat nebenbei auch das Gute gehabt, da er Veranlassung zu
einem lebhaften Briefwechsel zwischen Beiden gab, in welchem sich
Brockhaus in der eingehendsten und offensten Weise, wie man es nur
einem vertrauten Gehlfen und Freunde gegenber thut, ber seine
geschftlichen und persnlichen Verhltnisse aussprach. Diese Briefe
von Brockhaus an Borntrger, die dann noch bis Anfang 1811 fortgesetzt
wurden, nachdem der Aufenthaltsort Beider seit Mitte 1810 sich gendert
hatte, sind glcklicherweise vollstndig erhalten geblieben, da sie der
Adressat als eine theuere Erinnerung sorgfltig aufbewahrte und im Jahre
1862 der Verlagshandlung bergab. Sie bilden die hauptschlichste Quelle
fr die Lebensgeschichte von Brockhaus in den Jahren 1808-1811, deren
Darstellung ohne sie fast unmglich gewesen wre.

Gleich jener eben erwhnte erste Brief, den Brockhaus nach Leipzig an
Borntrger richtete, enthlt charakteristische Aeuerungen und zeigt,
wie offen, vertrauend und zugleich wie vterlich er sich gegen den
jungen Gehlfen ausspricht. Er schreibt:

  Ich habe dies Jahr weit geringere Engagements als die vorigen
  Jahre und, so Gott will, werde ich noch vor der Ostermesse so
  ziemlich im Stande sein, Alles oder doch das Meiste zu reguliren
  .... Allerdings mu man suchen, den edlen vortrefflichen Friedrich
  Christian Richter[31] zu erhalten. Sie kennen mich, mein Gemth, meinen
  Charakter! Am Wollen wird es nie fehlen. Am Knnen auch nicht, sobald
  die Strungen, wie sie der Krieg und solche schlechte Leute wie ...
  u. s. w. mir immer verursacht, nicht mehr statthaben. Ich werde alles
  Ersinnliche thun, um mehrere Widersacher zu beschmen, und schmeichle
  ich mir, da es uns in keiner Hinsicht dazu an Krften mangelt ....
  Suchen Sie durch Ruhe, Anstand, Wrde im Betragen gnstig auf die
  Leute zu wirken. Es thut dies sehr viel. Der elende ... verdarb Alles
  durch seine Pinselhaftigkeit. Treten Sie aber allenthalben leise auf.
  Nirgends Prahlen oder Grothun. Stille und bescheiden immer. Das ist
  ja auch Ihr guter und liebenswrdiger ursprnglicher Charakter, den
  ich, wie Sie wissen, mit Innigkeit verehre.

Uebrigens kam Brockhaus trotz Borntrger's Anwesenheit in Leipzig
schon zur Ostermesse 1809 wieder dorthin, diesmal aber nur fr krzere
Zeit, denn am 15. Juni bereits war er wieder in Amsterdam. Vom 8. Mai
liegt uns ein Contract ber eine von Brockhaus in Leipzig gemiethete
Niederlage vor; der Vermiether hie Johann Georg Bering aus Naumburg,
und die Niederlage, wol die erste, die er in Leipzig besa, befand sich
im Deutrich'schen Hause auf der Reichsstrae.

In dieser Zeit wurde er in Leipzig durch Johann Friedrich Pierer aus
Altenburg zuerst mit dem Kammerverwalter Ludwig bekannt, der spter
einer seiner vertrautesten Freunde werden sollte. Derselbe lebte in
Altenburg in einem literarisch und knstlerisch sehr regsamen Kreise und
trat auch selbst als Schriftsteller auf.

Brockhaus schreibt an ihn aus Leipzig vom 12. Mai 1809:

  Ich rechne die Stunden, welche ich in dieser Messe an Ihrer Seite
  und in Ihrer Unterhaltung verlebt und verplaudert, mit zu den
  angenehmsten meines Lebens, und ich bedaure es unendlich, da erst
  so spt unsere Bekanntschaft etwas genauer wurde. Ich beschwre Sie,
  mit der Herausgabe Ihrer Ansichten und Bemerkungen zu eilen, und
  ohne meinen Freunden Grff und Nauck im mindesten zu nahe treten zu
  wollen, fge ich nur noch die Versicherung hinzu, da, im Fall diese
  aus irgendeiner Ursache diese Herausgabe mchten hinhalten oder
  hinaussetzen wollen, meine Handlung bereit sein wrde, darin jeden
  Ihrer Wnsche zu befriedigen.

  Auf jeden Fall habe ich aber doch noch eine Bitte an Sie, die Sie
  mir, ich hoffe es, nicht abschlagen werden.

  Die Hofrthin Spazier hier in Leipzig gibt im Verlage meiner
  Handlung noch in diesem Jahre ein neues Taschenbuch heraus unter dem
  Titel Urania. Es haben sich die ausgezeichnetsten Mnner und Frauen
  (Jean Paul, Mahlmann, Kind, Bttiger, Seume, Frau von Ahlefeldt,
  Luise Brachmann und viele Andere) an sie angeschlossen, und dieses
  Taschenbuch wird in allen Hinsichten mit den vorzglichsten wetteifern
  und sie selbst zu bertreffen suchen.

  Ob die Herausgeberin gleich bereits viel mehr Aufstze hat, als sie
  im ersten Jahrgang aufnehmen kann, so wird sie doch auf mein Ersuchen
  noch fr einen Beitrag von Ihnen Raum finden, wenn Sie uns damit
  beehren wollen.

  Ich ersuche Sie darum im Namen der Herausgeberin und in meinem
  eigenen Namen. Irgendein oder mehrere Fragmente Ihrer Reise wrden uns
  dazu die liebsten sein. Htten Sie aber auch sonst noch irgendetwas in
  Ihrem Portefeuille, was Sie uns zu diesem Gebrauch mittheilen wollen,
  so wrden wir solches dankbar annehmen.

  Ich bleibe noch bis knftigen Sonnabend (vor Pfingsten) hier. Wre
  es Ihnen mglich, bis dahin mir mit einigen Zeilen zu antworten, oder
  gar mir bereits dasjenige wirklich zu senden, was Sie uns mchten
  bestimmen wollen, so wrden Sie mich unendlich verbinden.

  Meine Idee, vielleicht ber Altenburg selbst zurckzureisen, kann
  ich leider nicht ausfhren, da es in einer ganz andern Richtung liegt,
  als ich mir gedacht hatte.

Ein zweiter Brief an denselben, vom 22. Mai, lautet:

  Ich reise diesen Abend zurck nach den Ufern der Amstel. Vorher aber
  noch ein paar Worte zur Antwort auf Ihren gtigen Brief vom 17. dieses.

  Sollte Grff Ihr Manuscript nicht fr den jetzigen Augenblick
  gleich bernehmen wollen, so bernehme ich es gerne, um es Michaelis
  zu liefern. Grff mu aber freiwillig davon zurckstehen, und er
  mu ber das ganze Arrangement und ber die Entstehung desselben
  reine unterrichtet werden. Er ist zu sehr mein Freund, als da
  ich um irgendeinen Preis ihm nur Unzufriedenheit mit mir einflen
  mchte. Tritt er aber freiwillig zurck, und wollen Sie es mir dann
  anvertrauen, so bitte ich Sie, das Manuscript baldmglichst hiehin
  nach Leipzig zu senden, an untenverzeichnete Adresse. Ich erhalte
  es dann zur Post nach Amsterdam und sorge fr schnen und eleganten
  Druck, wie dies bei allen unsern Verlagsartikeln der Fall ist.

  Die nhern Bedingungen erlauben Sie mir seiner Zeit nach Kenntni
  der Sache selbst zu bestimmen.

  Da in diesem Falle der Kalender[32] mit dem Buche gleichzeitig
  erscheinen wrde, so drfte eine Ausstellung aus demselben allerdings
  nicht passend sein. Wollen Sie der Frau Hofrthin Spazier indessen
  sonst etwas aus Ihrem Portefeuille mittheilen, so wird sie es gewi
  mit Vergngen aufnehmen. Auch kleine Gedichte gehren allerdings in
  ihren Plan. Ihre Adresse ist auf der Post bekannt genug, und also blos
  einfach: an die Frau Hofrthin Spazier.

  Nun, auf alle Flle beehren Sie mich mit Ihrer gtigen Antwort.
  Leben Sie wohl bis zum Wiedersehen. Mge es unter glcklichern
  Aussichten sein, als wir uns diesmal hier sahen.

Brockhaus war damals oder schon im Herbst 1808 mit der Hofrthin Spazier
bekannt geworden und hatte mit ihr die Herausgabe eines Taschenbuchs
unter dem Titel Urania verabredet; dieses bekannte Sammelwerk erschien
zum ersten male fr das Jahr 1810. Die Herausgeberin wird uns spter
noch nher und in anderer Weise entgegentreten.

       *       *       *       *       *

Auer mit der Urania und dem Conversations-Lexikon beschftigte sich
Brockhaus in dieser Zeit auch noch mit manchen andern Verlagsartikeln
grern oder geringern Umfangs und entwickelte dabei fortwhrend die
regste Thtigkeit. Die bekannten Schriften Massenbach's erschienen meist
im Jahre 1809, ebenso der erste Band von Sprengel's _Institutiones
medicae_ und Villers' _Coup d'oeil sur l'tat actuel de la
littrature ancienne et de l'histoire en Allemagne_. Neben diesen schon
frher von uns erwhnten Werken verlegte er in dieser Zeit besonders
noch drei andere: erstens Die Hebrerin am Putztische und als Braut,
von dem mit ihm bereits durch eine Uebersetzung Dschami's in Verbindung
getretenen Schriftsteller Anton Theodor Hartmann (3 Theile, Amsterdam
1809-10), ein damals sehr geschtztes Buch, das ein Seitenstck zu Karl
August Bttiger's 1803 erschienenem Werke: Sabina oder Morgenscenen
einer reichen Rmerin, bilden sollte; ferner Ansichten von der
Gegenwart und Aussicht in die Zukunft von Friedrich August Koethe,
dem bekannten theologischen Schriftsteller (geb. 1781 zu Lbben, gest.
1850 zu Allstdt), von dem spter noch mehrere Werke in seinem Verlage
erschienen, ein religis-politisches Werk von patriotischem Schwunge,
dem gesammten, untheilbaren theuern deutschen Vaterlande geweiht;
drittens Grundzge der reinen Strategie, wissenschaftlich dargestellt
von August Wagner (geb. 1777 zu Weienfels, erst sterreichischer,
dann preuischer Offizier, gest. 1854 zu Berlin als Generalmajor), ein
werthvolles kriegswissenschaftliches Werk.

Endlich schlo Brockhaus in diesem Sommer noch mehrere wichtige
Verlagscontracte ab.

Am 3. Juli einigte er sich mit dem verdienstvollen Begrnder der
wissenschaftlichen deutschen Bibliographie, Johann Samuel Ersch (geb.
1766 zu Groglogau, Professor und Oberbibliothekar in Halle, gest.
daselbst 1828), ber dessen berhmtes Handbuch der deutschen Literatur
seit der Mitte des 18. Jahrhunderts bis auf die neueste Zeit, das
wesentlich von Brockhaus veranlat und hervorgerufen wurde; dasselbe
erschien inde erst spter (2 Bnde in je 4 Abtheilungen, Amsterdam
und Leipzig 1812-14; neue Ausgabe [zweite Auflage], 4 Bnde in je 2
Abtheilungen, Leipzig 1822-27).

Am 13. Juli unterzeichnete er einen Contract mit dem bekannten
Jugendschriftsteller Jakob Glatz (geb. 1776 zu Poprad in Ungarn, erst
Lehrer in Schnepfenthal, dann evangelischer Geistlicher in Wien, gest.
1831 zu Preburg) ber dessen rhmlichst bekannt gewordenes Werk: Die
Familie von Karlsberg oder die Tugendlehre. Anschaulich dargestellt in
einer Familiengeschichte. Ein Buch fr den Geist und das Herz der Jugend
beiderlei Geschlechts, das bald darauf auch ausgegeben wurde (2 Theile,
Amsterdam 1810; zweite Auflage, 2 Bnde, Leipzig 1829).

Zwei Tage darauf, am 15. Juli, schlo er noch einen Verlagscontract,
der aber nicht zur Ausfhrung kam: mit Geh. Rath Sigismund Hermbstaedt
in Berlin ber ein Technologisches Handwrterbuch, das in zwei starken
Bnden erscheinen sollte.

Die Jahreszahl 1810 tragen auer dem Werke von Jakob Glatz und dem
ersten Jahrgange der Urania noch folgende drei, ebenfalls im Jahre
1809 von Brockhaus verlegte Werke: Ueber die Mittel, den ffentlichen
Credit in einem Staate herzustellen, dessen politische Oekonomie
zerstrt worden ist, von Herrenschwand, einem wenig bekannten
staatswirthschaftlichen Schriftsteller, nach dem Franzsischen deutsch
herausgegeben von dem Obersten von Massenbach; zweitens Vertraute
Briefe, geschrieben auf einer Reise nach Wien und den Oesterreichischen
Staaten zu Ende des Jahres 1808 und zu Anfang 1809 von Johann
Friedrich Reichardt, dem bekannten Componisten und Musiktheoretiker,
scharfe Beobachtungen ber die musikalischen, literarischen und
gesellschaftlichen Zustnde Wiens enthaltend; drittens der erste
Band der deutschen Bearbeitung eines Geschichtswerks des englischen
Historikers William Coxe (geb. 1747, gest. 1828): Geschichte des
Hauses Oestreich von Rudolph von Habsburg bis auf Leopold des Zweiten
Tod, 1218-1792, herausgegeben von Hans Karl Dippold und Adolf Wagner
(der zweite Band erschien 1811, der dritte und vierte erst 1817), fr
welche sich unter anderm Freiherr von Hormayr sehr interessirte und die
in Oesterreich selbst solchen Beifall fand, da man dort 1817 einen
Nachdruck derselben veranstaltete.

       *       *       *       *       *

Ueberblickt man diese Reihe von Verlagswerken, die Brockhaus in den
ersten Jahren seiner buchhndlerischen Wirksamkeit bernahm, so mu
man ebenso sehr den vielseitigen Geist, das Geschick und das feine
Verstndni fr den Geschmack und die Bedrfnisse des Publikums, wovon
er dadurch Beweise gab, anerkennen, wie man ber seinen Muth und sein
Selbstvertrauen staunen mu.




                       6.

           Zerwrfnisse mit Baggesen.


Auer durch seine umfassende Verlegerthtigkeit wurde Brockhaus whrend
der Jahre 1808 und 1809 geistig und gemthlich vielfach durch eine
Angelegenheit in Anspruch genommen, die ihn zwar zunchst auch als
Verleger benachtheiligte, aber weit mehr innerlich afficirte. Es waren
dies Zerwrfnisse mit Jens Baggesen, dem ausgezeichneten, aber zugleich
bermig eiteln und empfindlichen Dichter, die ein Beispiel liefern,
da es auch Mishandlungen eines Verlegers durch einen Schriftsteller
gibt, whrend die Literaturgeschichte meist nur von umgekehrten Fllen
zu berichten pflegt.

Die Kenntni der nhern Umstnde dieses literarischen Streits (den
wir eingehender darstellen zu sollen glaubten, als vielleicht der
Gegenstand, um den es sich handelte, es erheischte, weil er fr
Brockhaus' Verhalten in solchen Angelegenheiten charakteristisch ist)
verdanken wir einem lngern Briefwechsel, den Brockhaus darber mit
dem bekannten franzsischen Gelehrten Fauriel fhrte.[33] Dieser hatte
Baggesen's Parthenais, die 1808 von Brockhaus in neuer Ausgabe verlegt
wurde, nachdem das Gedicht zuerst 1804 bei einem andern Verleger
(Vollmer in Hamburg und Mainz) erschienen war, ins Franzsische
bersetzt, und seine Uebersetzung erschien unter dem Titeln _La
Parthnide. Pome de M. J. Baggesen. Traduit de l'allemand_, aber
ohne seinen Namen, ebenfalls bei Brockhaus (Amsterdam 1810, gleichzeitig
eine pariser Firma: Treuttel & Wrtz, auf dem Titel tragend).

Claude Charles Fauriel war 1772 zu St.-Etienne (Loire) geboren, lebte
meist in Paris und starb daselbst 1844; er hat zahlreiche ausgezeichnete
geschichtliche und literarhistorische Arbeiten geliefert, wie unter
anderm aus einem ihm von Sainte-Beuve in der _Revue des deux mondes_
(1845) gewidmeten Essay hervorgeht. Besonders interessirte er sich auch
fr die deutsche Literatur und erwarb sich gleich Villers das Verdienst,
seine Landsleute mit derselben bekannt zu machen.

Brockhaus war, wie wir bereits berichtet haben, im Sommer 1806 mit
Baggesen in Amsterdam, das dieser auf seinen hufigen Reisen fters
besuchte, bekannt geworden und hatte mit ihm schon damals nicht nur ber
die Parthenais, sondern fast gleichzeitig (am 21. Juni) auch ber
eine Sammlung seiner Briefe einen Contract abgeschlossen. Der Umfang
des letzten Werks war nicht festgesetzt, sondern nur bestimmt worden,
da die Verleger (damals noch Rohloff & Comp.) sich verpflichteten, die
Briefe bandweise herauszugeben nach Bequemlichkeit des Verfassers,
der sie zu keinem bestimmten Termine unbedingt versprechen kann, den
ersten Band ausgenommen; das Manuscript des letztern sollte erst nach
Verlauf von vier Wochen _a dato_, also eigentlich am 21. October 1806,
abgeliefert werden -- das Werk erschien aber erst 25 Jahre spter,
1831, als beide Contrahenten lngst gestorben waren! Als Honorar wurden
4 Louisdor per Druckbogen, unmittelbar nach der Ablieferung des
Manuscripts zu zahlen, festgesetzt.

Im darauffolgenden Sommer (1807) war Baggesen wieder in Amsterdam, und
der beste Beweis seiner freundschaftlichen Beziehungen zu Brockhaus
liegt wol darin, da er bei dessen viertem Sohne Max Pathenstelle
vertrat. Auch wurde in dieser Zeit (am 16. Juli) zwischen Beiden ein
neuer Contract ber Baggesen's neueste Gedichte abgeschlossen, die 1808
unter dem Titel Heideblumen erschienen.

Aus dieser Zeit datirt der einzige uns bekannte Brief Baggesen's an
Brockhaus, am 1. August 1807 (also kurz nach seiner Abreise aus
Amsterdam) in Marly bei Paris, wo Baggesen damals wohnte, geschrieben,
der ebenfalls Zeugni von ihrem herzlichen Verhltnisse gibt. Baggesen
schreibt:

  Indem ich mein Packet an Sie abschicken will, erhalte ich Ihren
  Brief, mein Theuerster, vom 27. -- und ich kann nicht umhin, das
  Packet wieder zu ffnen, um meinen herzlichen Dank dafr mit
  hineinzulegen.

  Ich bin whrend acht Tagen im strengsten Sinne des Worts nicht
  von der Seite meiner holdseligen Fanny und des kleinen vollkommenen
  Engels Paul gewichen -- es schienen mir acht Minuten. Erst in den zwei
  letzten Tagen habe ich des Morgens, bevor sie erwacht, angefangen
  wieder zu arbeiten.

  Dank fr Ihr warmes Interesse fr das herrliche Weib, dessen hhere
  Bedeutung ich sogleich, noch ehe ich wute, da sie Knstlerin sei,
  wahrnahm. Sie schtzt Sie hoch und ist Ihnen und Ihrer holden Frau
  herzlich ergeben. Gnnen Sie ihr fters Ihren balsamischen, in
  Amsterdam unschtzbaren Umgang! Ich kann ihr, ihrem Mann und ihrem
  herrlichen Sohn noch nicht schreiben -- weil ich, zu betubt und
  entzckt vom glcklichen Wiedersehen, Niemandem ein vernnftiges Wort
  schreiben kann -- und weil ich vor dem Empfang des Portraits von Ary
  nicht schreiben will. Dieses erwarte ich mit Ungeduld, sowie die
  Cramer'schen Musikalien, und die Recension, die schwerlich von Vo ist
  ....

  Mit den Heideblumen wird es rasch gehen. Und die Briefe und die
  Dichterwanderungen werden folgen. Wahrlich, das alles interessirt
  mich von ganzer Seele. Es ist aber sehr zweifelhaft, ob ich wirklich
  wieder nach Norden kehre -- doch lassen Sie sich noch keinen Zweifel
  darber merken!

                                                   Ihr Baggesen.

Die hier erwhnte Knstlerin ist jedenfalls die Mutter Ary Scheffer's,
Cornelia, die nebst ihrem Manne zu dem nchsten Umgange Brockhaus'
gehrte und Baggesen also wahrscheinlich erst bei diesem kennen gelernt
hatte.

Die neben den Briefen noch genannten Dichterwanderungen waren ein
zweites Project Baggesen's, das ebenso wenig als jenes erstere zur
Ausfhrung kam. Er hatte darber mit Brockhaus zwar keinen schriftlichen
Contract abgeschlossen, ihm das Werk aber wiederholt schriftlich und
mndlich versprochen, wie aus einem weiter unten folgenden Briefe
ersichtlich ist.

Wir lassen nun die Briefe von Brockhaus an Fauriel ihrem Hauptinhalte
nach folgen, auch diejenigen Stellen, welche andere Angelegenheiten
betreffen, da sie fr die literarischen oder persnlichen Verhltnisse
des Briefschreibers theilweise von hohem Werthe sind.

Der erste, Amsterdam 15. November 1807 datirt, lautet:

  Ich habe allerdings eine recht groe Schuld gegen Sie, da ich
  Ihren so gtigen und freundschaftlichen Brief, den ich durch die
  Vermittelung des Herrn Cramer erhielt -- gar nicht, da ich Ihren
  letzten Brief auch erst jetzt beantworte. Entschuldigen, hoffe ich,
  werden Sie mich, wenn Sie den etwas nhern Zusammenhang, die Ursachen
  hren werden, die mein Stillschweigen veranlaten.

  Ihr erster Brief hatte die hauptschliche Tendenz, mir die Ursachen
  zu entwickeln, warum eine partielle Bekanntmachung der _Parthnide_
  nicht frommen und ntzen knne. Ihren Grnden gebe ich meine
  Beistimmung, da sie mir ebenfalls entscheidend vorkamen, und ich that
  auf den Wunsch dazu Verzicht. Er enthielt weiter eine Angabe der
  Schwierigkeiten, die sich der gnzlichen Vollendung Ihrer Uebersetzung
  entgegenstellten, da Sie Aenderungen fr nothwendig hielten, welche
  Sie jedoch ohne Zustimmung und Zuratheziehung des Verfassers nicht
  eigenwillig zu bernehmen wagten. Auch in diesem Punkte konnte ich
  meine Beistimmung und Genehmigung nicht versagen. Solange indessen das
  Manuscript nicht ganz vollendet war, konnte nicht an Bekanntmachung
  des Werkes selbst gedacht werden; diese Vollendung hing von Baggesen's
  Zurckkunft ab: dieser Zurckkunft sah ich acht Monate lang tglich
  entgegen; ich wurde tglich getuscht: mein Schweigen bis zur
  Zurckkunft von Baggesen wird sich also, wie ich glaube, wenn auch
  nicht ganz rechtfertigen, doch entschuldigen lassen. Baggesen kam
  endlich im Juni, im Juli war er in Paris; an die endliche Vollendung
  des Werks konnte nun gedacht werden, wie an die Bekanntmachung. Ich
  erhielt darber Ihren gtigen Brief, und ich wrde mich beeifert
  haben, ihn mit umgehender Post zu erwidern und auf der Stelle alle
  und jede Anstalten zur Bekanntmachung zu machen, wren nicht in der
  Zwischenzeit ber die deutsche Taschenausgabe zwischen Baggesen und
  mir Mistne entstanden, die mir das ganze Werk, woran ich wie am
  Verfasser bisher mit Begeisterung gehangen hatte, bis zum Namen hin
  zum Ekel gemacht htten.

  Es wrde zu weitlufig sein, Ihnen die Discussionen, welche zwischen
  mir und Baggesen darber entstanden, in allen ihren Details zu
  entwickeln: meine Discretion verbietet mir dies auch, wie ich auch
  fhle, da Ihnen wie mir die Kenntninehmung fremder Angelegenheiten
  eine peinliche Aufgabe und Zumuthung sei.

  Etwas mu ich Ihnen aber doch darber sagen: Baggesen bot mir
  eine Parthenais zweite Ausgabe zum Verlag an. Er forderte 150,
  sage hundertfunfzig Louisdor Honorar (circa 30 Bogen, jede Seite
  zu 11 Hexameter, __ 5 Louisdor). Ohne da Baggesen mir eine Zeile
  Manuscript gab, zahlte ich ihm und Madame Baggesen gleich zwei Fnftel
  voraus, als Avance. Ich zahlte die brigen drei Fnftel dieses
  Honorars ein paar Monate nachher und noch etwa 30 Louisdor mehr als
  Avance auf knftige Werke, worber Baggesen mit mir mndlich und
  schriftlich contrahirt hatte. Die Umstnde erlaubten es Baggesen und
  mir indessen nicht, da der ganze Contract konnte vollzogen werden.
  Baggesen sollte die Zeichnung und den Stich der Kupfer in Paris
  leiten und -- Baggesen kam gar nicht nach Paris zurck (erst ein Jahr
  nachher), mir war die Ausfhrung dadurch also ganz unmglich gemacht;
  aber auch dadurch war die Ausgabe einer Luxus-Edition unvernnftig
  geworden, da in #der# Epoche ganz Deutschland bis aufs Blut durch
  Contributionen und die Kriegsverheerungen aufgesogen wurde, soda
  eine Luxus-Ausgabe eines Dichtwerkes in der Zeit zu den wahrhaft
  unsinnigen Unternehmungen htte mssen gezhlt werden! Baggesen litt
  darunter aber als Verfasser nichts! Ich hatte ihm sein volles Honorar
  von 150 Louisdor circa bereits vergtet! Ich litt nur darunter, denn
  ich war nur im Stande, die kleine Ausgabe, die fertig gemacht worden
  war, freilich auch versptet und unter den ungnstigsten Umstnden
  in Circulation zu setzen. Fr das Alles konnte Baggesen nichts,
  das erkannte ich, und wenn also Schaden statt Vortheil aus der
  Unternehmung resultirte, so war dies nicht Baggesen's, sondern die
  Schuld der Umstnde.

  Aber nun kam und zeigte sich auch zum Schaden noch der Verdru und
  doppelter Schaden: Der Verleger der ersten Ausgabe der Parthenais
  trat auf und behauptete, da Baggesen #noch nicht# das Recht gehabt
  htte, eine zweite Ausgabe an einen andern Verleger als ihn zu
  verkaufen. Als ich Baggesen dies nach Kopenhagen meldete, antwortete
  er mir wie ein wackerer Mann: er werde das mit dem ersten Verleger
  ausmachen, er werde mich gegen ihn schtzen. Baggesen that aber nichts
  fr diesen Schutz, und der erste Verleger, der ohne alle Satisfaction
  oder gar ohne Nachricht einmal von Baggesen blieb, druckte meine mit
  150 Louisdor bezahlte zweite Ausgabe vermge seines angeblichen,
  von Baggesen ihm #nicht# (durch vorgehaltenen Contract) widerlegten
  Rechts nach und setzte sie in ganz Deutschland zur Hlfte des Preises
  in Circulation! Meine Ausgabe sank nun ganz unter, denn jene war
  um die Hlfte wohlfeiler, und da ich ein neuer Verleger war, jener
  aber der erste Verleger, so galt #ich# fr einen Nachdrucker, #er#
  fr den rechtmigen Besitzer! Ich forderte Baggesen auf, die Sache
  auszugleichen: Baggesen war oder kam zu der Zeit in Hamburg, wo
  es ihm ein Leichtes sein mute, die Sache zu ordnen, da der erste
  Verleger nur Satisfaction und geringe Entschdigung verlangte,
  Baggesen that aber in Hamburg nichts Wesentliches. Die Sache blieb
  hangen -- Baggesen kam her. In der Freude, ihn bei uns zu sehen,
  wurde ber diesen Punkt leicht weggeglitten: wie wollte es auch mit
  Gastfreundschaft bestanden haben, ihn zu mahnen, mir mein Eigenthum,
  das er mir freilich verkauft hatte, gegen einen #andern Kufer#
  (#nicht# gegen einen #Dieb#, wie Baggesen es erklren will: Vollmer
  constituirt sich nicht wie ein Nachdrucker, als Dieb, sondern als
  Besitzer; er behandelt mich als Nachdrucker, mich, der 150 Louisdor
  Honorar bezahlt habe) zu schtzen; das konnte, mute Baggesen durch
  ffentliche Erklrung (keine Zeile ist von ihm darber bekannt
  gemacht worden!!) wehren und mich schtzen! Ich sage: mein Gefhl von
  Gastfreundschaft erlaubte mir nicht, Baggesen bei seiner Anwesenheit
  in Amsterdam, in meinem Hause, an solche Verpflichtungen zu mahnen. O!
  ich dachte, die sprchen sich auch selbst aus. Baggesen reisete nach
  Paris. Ich erfahre in der Zwischenzeit die definitiven Reclamationen
  des ersten Verlegers; sie scheinen mir billig, ich rathe Baggesen zum
  Vergleich mit ihm, und ob Baggesen gleich zehnmal erklrt hatte, er
  allein wolle mich schtzen -- denn ich, wie auch recht war, habe in
  jedem Falle nichts verbrochen --, so erbiete ich mich dennoch, #die
  Hlfte desjenigen zu tragen#, was man dem ersten Verleger mchte als
  Abmachung zuwenden mssen, und wolle ich den Vorschu zum Ganzen
  leisten. Auf jeden Fall, erklre ich aber, msse die Sache beendigt
  werden, und da einer von uns Recht oder Unrecht haben msse, so
  schlage ich als Schiedsrichter darin #Baggesen's Freunde# _Dr._ Kerner
  und Buchhndler Perthes in Hamburg vor. Mit deren Entscheidung erklre
  ich mich zufriedengeben zu wollen. Auf diesen meinen Brief habe ich
  nun von Baggesen eine Antwort erhalten, worin er mir erklrt: da
  #ihn# die ganze Reclamation des ersten Verlegers nichts anginge, da
  sie mich allein betrfe, und ich zu sehen habe, wie ich fertig mit
  ihm wrde, da er die Sache einem Advocaten zur Betreibung bergeben
  wrde, da er seine weitern Werke nicht bei mir herausgeben wolle, da
  es aber meine Pflicht sei, gleich eine Prachtausgabe der Parthenais
  zu machen, und dergleichen Krnkungen und Unvernunften viel mehr,
  alle durch einen Schwall von Worten, aber mit keinem einzigen Belege
  untersttzt, und alle Verhltnisse des Danks, der Verpflichtung, der
  Freundschaft, der Zufriedenheit rein verleugnend!!

  Da der Tro der Menschen so handelt, Worte fr Thaten geben will,
  und wo er Thaten geben soll, nur Worte hingibt, das hatte meine
  Erfahrung mich schon gelehrt; aber da Baggesen, den ich fr einen der
  edelsten Menschen, nicht blos fr einen geistreichen Dichter hielt,
  gegen mich so handeln knnte, dies hatte ich nicht erwartet.

  In der Einlage habe ich ihm mit Ruhe und Einfachheit Alles
  beantwortet; ich adressire diese Antwort Ihnen mit der freundlichen
  Bitte, sie Baggesen zu bergeben: es geschieht dies darum, damit der
  wirkliche Empfang dieses Briefes, der meine heiligsten Rechte enthlt,
  nicht kann ignorirt werden.[34]

  Was die grere Ausgabe der Parthenais betrifft, von der Sie
  schreiben, so kann diese unter den obwaltenden Umstnden noch nicht
  erscheinen. Die Ursache davon ist:

  1) Baggesen hat durch seine sptere Zurckkunft nach Paris die
     Erscheinung nach dem Buchstaben des Contractes unmglich gemacht.
     Die Umstnde in Deutschland machten sie brigens auch nicht mglich.

  2) Jetzt, nachdem die kleine Ausgabe von uns und der Abdruck des
     ersten Verlegers seit 18 Monaten in Deutschland circulirt, ist
     eine groe Luxus-Ausgabe aus folgenden Grnden unthunlich:

  Sie erschiene entweder unverndert nach der zweiten Ausgabe, oder
  umgearbeitet als neue Ausgabe.

  Im ersten Falle wird sie sehr wenig gekauft werden, weil der
  Reiz der Neuheit des Gedichts ganz vorber ist. Nur Liebhaber von
  Luxus-Ausgaben wrden sie kaufen. Dieser Liebhaber existiren jetzt
  aber in dem ausgesogenen Deutschland fast keine. Kein Buchhndler
  in Deutschland macht jetzt Luxus-Ausgaben. Gschen lt selbst die
  Fortsetzungen von Klopstock, Wieland &c. beruhen bis auf bessere
  Zeiten.

  Im zweiten Falle aber, da Baggesen das Gedicht etwas verndere,
  wird mir die des Mitabdrucks des ersten Verlegers wegen kaum zur
  Hlfte verkaufte Auflage wieder Maculatur. Mein Schaden vermehrt sich
  wieder, und da der erste Verleger das Recht zu haben versichert (was
  Baggesen wol durch #Worte#, aber nicht durch #Documente# widerlegt),
  sich die Parthenais, in welcher Form sie auch sei, anzueignen, so
  lange sein erster Contract nicht abgelaufen, so wrde er auch diese
  Auflage (mge sie bei Didot oder bei Unger gedruckt sein) wieder
  abdrucken, und das arme deutsche Publikum wrde seine wohlfeile
  Ausgabe lieber kaufen als unsere theure.

  Jetzt also ist in keinem Falle an die groe Ausgabe der deutschen
  Parthenais zu denken. Wenn Baggesen mich gegen den ersten Verleger
  schtzt, sei es unmittelbar, oder durch die Edition von Documenten
  (Worte, Raisonniren hilft zu nichts), die mich in Stand setzen, den
  ersten Verleger als Dieb zu behandeln (was in Leipzig auf der Messe
  angeht, wo #alle# deutsche Buchhndler eine Jurisdiction haben) --
  dann soll sie erscheinen, sobald es vernnftig ist, d. h. sobald
  die erste Auflage grtentheils verkauft ist, und das Publikum
  empfnglicher fr Luxus-Ausgaben ist. Schtzt mich Baggesen aber nicht
  gegen den ersten Verleger, so kann und wird nie eine grere Ausgabe
  erscheinen und wird sicher nie irgendein anderer deutscher Buchhndler
  darber mit Baggesen contrahiren oder nie dagegen aufkommen.

  Es hngt ganz von Baggesen ab, wie er die Sache beendigen will. Ich
  habe sie ihm auf das uerste leicht gemacht, indem ich mich erboten,
  die Hlfte desjenigen zu tragen, was man seinem ersten Verleger wrde
  zur Abmachung geben mssen, und das Ganze zu avanciren, und da diese
  Hlfte etwa 12 Louisdor betragen wrde, so glaube ich, da Baggesen,
  der 150 Louisdor Honorar erhalten, diese erbrmlichen 12 Louisdor,
  da er offenbar die Verpflichtung zur #ganzen# Abmachung gegen mich
  hat, knnte beigeben lassen, ohne dieserhalb, wie er thut, die
  innigsten und freundschaftlichsten Verhltnisse mit mir zu brechen
  und mich auf das unwrdigste zu mishandeln, als wolle ich ihn zu
  hintergehen, zu misleiten, zu betrgen suchen! Mein Ehrgeiz und meine
  Pflicht gegen meine Handlung erlaubt mir keine Linie weiter zu gehen
  als ich gegangen bin, und wenn der Gegenstand einen Liard oder 1000
  Louis betrge, der davon abhngen mchte! Baggesen hat meine Ehre
  hineingezogen und nun hat Alles das schrfste Ziel.

  Verzeihen Sie tausendmal, werthester Herr Fauriel, da ich Sie so
  lange hiermit aufgehalten habe. Ich mute es aber thun, da ich gewi
  bin, da Baggesen gegen Sie bestndig davon sprechen wird, da Sie mich
  in Ihrem Brief selbst davon unterhalten, und da es Ihnen zeigen wird,
  wie mir Alles, was auf die Parthenais bis zum Namen hin Beziehung
  haben konnte, zuwider sein mute.

  Ich hoffe indessen von Baggesen's Redlichkeit und Rechtlichkeit das
  Beste, und ich denke also, da Alles sich wieder ins Gleiche fgen
  werde.

  Wre dies aber auch nicht, so bleibe ich, wie sich versteht, meinem
  Ihnen durch Herrn Cramer gegebenen Worte aufs heiligste getreu. Die
  franzsische Uebersetzung der Parthenais erscheint und mache ich
  hiermit darber folgende Bestimmungen .....

  Hiermit ist diese Verhandlung, denke ich, fest bestimmt, wie sich
  ja jede Verhandlung fest bestimmen lt in Krze, wenn man es recht
  miteinander meint.

  Ich bitte Sie indessen, nie weiter irgend Jemanden mit Auftrgen
  hierber an mich zu chargiren, sondern mir Alles selbst zu sagen; auch
  wrden Sie mich sehr verbinden, ebenfalls keine Auftrge von diesen
  Andern an mich wieder anzunehmen.

  Es ist mir unendlich leid, da ich Sie in meinem ersten Briefe mit
  so vielem Odisen habe unterhalten mssen! Die Nothwendigkeit dazu
  ist mir peinlich und lstig genug gewesen. Sie werden mir dies gern
  glauben.

Dieser Brief und der eingeschlossene an Baggesen scheinen ihre
Wirkung nicht verfehlt zu haben, denn der nchste berichtet von einer
Wiedervershnung Beider, ohne freilich anzugeben, worin diese bestanden,
und ohne da Brockhaus ahnen mochte, von welch kurzer Dauer sie sein
werde. Brockhaus schreibt nmlich an Fauriel unterm 16. Juni, also
gerade ein halbes Jahr nach dem ersten Briefe: Er habe in langer Zeit
keinen Brief erhalten, den er mit wahrerer Theilnahme gelesen. Auf
die franzsische Uebersetzung der Parthenais habe er schon beinahe
nicht mehr gerechnet und sei sehr gespannt auf die ersten Bogen, da
es mir eine der auerordentlichsten Aufgaben scheint, Dichtungen wie
die 'Parthenais' mit ihren griechischen Silbenmaen glcklich in
die franzsische Sprache zu bertragen; Fauriel's Uebersetzung der
Parthenais wurde brigens in Prosa abgefat. Darauf fhrt Brockhaus
fort:

  Was meine Verhltnisse mit Baggesen selbst betrifft, so sind
  sie insoweit wiederhergestellt, da ich alle Krnkungen, die mir
  widerfahren, lngst vergessen habe. Baggesen ist einer der am eigenst
  organisirten Menschen, die auf der Erde leben, und ich glaube, da
  er mehr wie Rousseau von sich sagen knnte, da Niemand auf der
  Erde ihm gleiche. Um Baggesen zu messen und zu beurtheilen, mu man
  einen ganz andern Mastab haben als fr andere Menschen! Ich habe
  dies zu Zeiten vergessen, daher viele Misverstndnisse, Strungen,
  Unannehmlichkeiten. Doch ich will mich darber hier nun auch nicht
  weiter verbreiten. Ich liebe und verehre Baggesen unendlich.

  Was Ihre gtige Mittheilung ber Baggesen's Verhltnisse betrifft,
  so sehe ich solche als einen Beweis Ihres Vertrauens gegen mich an.
  Empfangen Sie dafr meinen herzlichsten Dank. Ich werde Ihnen ganz
  aufrichtig darauf antworten. Wre ich reich, so wrde, um einen so
  trefflichen Mann und Freund wie Baggesen zu untersttzen und ihm
  bis auf bessere Zeiten Vorschsse zu thun, bei mir keine Secunde
  Bedenkzeit oder Bedenklichkeit stattfinden. Aber ich bin nicht reich,
  und bei meiner Unternehmungslust, Thtigkeit und bei meinen jetzigen
  vielfltigen Verbindungen mit den Koryphen der Gelehrten-Republik in
  Deutschland fehlt es mir an gengendem Fonds, als da ich auch nur
  etwas davon #da# gebrauchen knnte, wo Freundes-Gesinnung es mir wie
  hier gebieten wrde, ihn zu theilen. Da ich als Hausvater und als
  Vorsteher einer zahlreichen Familie auch in dieser Hinsicht Pflichten
  habe, kann ich auch noch wol anfhren. Indessen ist es auch eine nicht
  mindere Pflicht, dem wackern und durch Umstnde gedrckten Freunde
  zu helfen, soviel man kann und soweit man darf. Kann unser Baggesen
  also berechnen, da er mir in einem gewissen Zeitraum, etwa in 2 __
  3 Monaten, das Manuscript zu den mir seit langer Zeit zugesagten
  Dichterwanderungen besorgen kann, so erlaube ich ihm selbst oder
  Ihnen, dann gleich auf mich die Summe von 50 Louis __ 3 Monat dato
  ziehen zu knnen, und, wenn ich bis dahin einiges Manuscript erhalten
  habe, den 15. August nochmalen 50 Louis auf gleiche Weise ziehen
  zu drfen. Herr Toberheim oder ein Anderer wird, denke ich, diese
  Tratten gern nehmen und Baggesen gleich den Betrag dafr auszahlen.
  Ich lege Ihnen zu diesem Zweck eine Declaration hier bei, von welcher
  Sie Gebrauch machen knnen. Fhlt Baggesen aber, da seine physischen
  und geistigen Krfte ihm in diesem Augenblicke die Redaction jenes
  Werks nicht erlauben, so werden die Tratten unterbleiben. Ich sage
  Redaction, denn der Stoff des Werks liegt da, ist bereits von ihm
  erschaffen, und es bedarf nur einer Form und Anordnung. Will er,
  was unser und sein Plan war, aus seiner frher wirklich gefhrten
  Correspondenz -- und wer schreibt Briefe wie er? -- das Werk
  bereichern, so glaube ich, drfte Baggesen nur einer kurzen Ermannung
  und des ernsten Wollens bedrfen, um in kurzer Zeit unsern und den
  Wunsch seiner zahlreichen Verehrer zu erfllen, und zugleich sich und
  seiner Familie, auer dem Danke des Publikums, eine ehrenvolle, wenn
  auch kleine Untersttzung zu bereiten.

  Machen Sie, werthester Herr Fauriel, von diesen Erffnungen den
  zartesten und delicatesten Gebrauch. Baggesen ist oft wie die
  Sensitive: nhert man sich ihr, so zieht sie sich zusammen; so auch
  Baggesen nicht selten.

  Ich habe seit Ihrem Briefe noch nichts von Baggesen gesehen und bin
  nun wol seit vier Monaten ohne alle Berichte von ihm.

In zwei kurz darauf geschriebenen Briefen ist nichts Wichtiges enthalten.

Brockhaus sagt unterm 25. Juli, da er beabsichtige, bald nach Paris
zu kommen, und sich unendlich freuen wrde, Fauriel's persnliche
Bekanntschaft zu machen; Baggesen, der Fauriel's Nachrichten zufolge
schon lngst in Amsterdam htte angekommen sein mssen, sei brigens
noch nicht erschienen, und rechne er nun also schon nicht mehr auf seine
Ankunft. Dies ist mir aber nicht neu mehr am Dichter der 'Parthenais',
fgt er lakonisch hinzu.

Der nchste Brief, vom 15. August, handelt ebenfalls nicht nher von
den Baggesen'schen Angelegenheiten, sondern im Eingange von dem (spter
wieder aufgegebenen) Projecte einer franzsischen Bearbeitung der
Massenbach'schen Manuscripte und dann von andern literarischen Dingen,
doch lassen wir ihn gleich hier mit folgen. Er lautet:

  Meinen herzlichsten Dank fr die Erffnungen Ihres letzten Briefes,
  den Barometer Ihrer Prefreiheit betreffend. Ja, man mu gestehen, da
  die groe Nation ganz rasend frei ist und die Englnder z. B., bei
  denen man Alles sagen darf, was ein gebildeter Mensch denken mag, in
  einer schrecklichen Sklaverei leben!

  Von Treuttel & Wrtz habe ich noch keine nhere Antwort. Aber sie
  kann nicht bejahend oder einladend sein. Vor der Hand bleibe also das
  Project suspendirt! Wir werden erst nur einen Theil des Originals
  bekannt machen. Vielleicht findet sich dann die Sache eher ausfhrbar.
  Eine nhere Analyse des Inhalts sende ich Ihnen lieber durch Treuttel
  & Wrtz.

  Auch fr Frankreich wrde ohnstreitig ein Werk dieser Art groes
  Interesse haben. Haben Thibault's _Souvenirs_, Mirabeau's
  _Lettres_, Sguis' _Histoires_, jetzt Lamband's _Matriaux_
  und die _Caractres prussiens_ doch alle mehrere Auflagen erlebt;
  haben Masson's _Mmoires_, Rulhire's und Carteras' Berichte nicht
  groen Beifall gefunden? Diese Werke smmtlich sind aber mit den
  Memoiren, die wir jetzt herausgeben, in Hinsicht auf Originalitt,
  inneres Interesse und ihre historischen Enthllungen keineswegs
  zu vergleichen. Durch _coupures_ und Verschmelzungen von I-II und
  franzsischen National-Zuschnitt wrde, wir glauben es gewi zu
  sein, ein fr ganz Europa von hchstem Interesse seiendes Werk
  daraus geschaffen werden, da die franzsische Sprache es fr ganz
  Europa lesbar macht. Die individuelle Geschichte der Zernichtung
  eines Staates wie der preuische, den ganz Europa seit einem halben
  Jahrhundert als ein hohes Muster innerer und uerer Vollkommenheit
  betrachtete oder bewunderte, und durch dessen Fall der ganze Continent
  in Sklaverei gerathen, diese Geschichte von einem hchst geistvollen
  und genialen Manne, der Alles zu sehen und zu untersuchen Gelegenheit
  hatte, der selbst auf dem hchsten Posten stand, in ihren Ursachen
  und Wirkungen zerlegt und aufgehellt zu sehen, kann nicht anders als
  fr Mit- und Nachwelt das lebendigste Interesse haben. Es gibt hier
  keine Abstractionen nach geschehenem Factum eines migen Scribenten.
  Es ist hier die lebendige Erzhlung eines Augenzeugen, der, mit der
  reichsten Intelligenz ausgestattet, schon seit einer Reihe von Jahren
  die Auflsung des fr Europas Cultur und Freiheit wichtigsten Staates
  herannahen sah, der Alles anwendete, ihr zu steuern, der endlich in
  Augenblicken der hchsten Gefahr mit ans Steuerruder gesetzt wurde,
  aber, da nichts mehr zu retten war, das Schiff zertrmmern sah.
  Freilich sind die Werke fr Deutschland vom #ersten# Interesse.
  Allerdings. Sie werden dies dort auch erwgen, und sind wir einer
  guten Unternehmung dadurch schon sicher. Wenn die ersten Bnde heraus
  sind, werde ich mir die Freiheit nehmen, sie Ihnen zu senden, und
  bitte ich mir dann einmal Ihre nhere Meinung aus.

  Da ich in Paris noch mancherlei zu besorgen habe, so werde ich, um
  all' das zusammen zu berichtigen, vielleicht gegen den Herbst oder
  im Winter mal die im Grunde so kleine und doch in so vieler Hinsicht
  angenehme Reise machen.

  Wenn Ihre Parthenais, von der Baggesen mir so unendlich viel
  Gutes sagt, fertig ist, komme ich vielleicht dann, um den seltsamen
  Eindruck zu beobachten, den dieser germanische ernste Gesang auf die
  verweichlichten Nerven der verbildeten Bewohner der europischen
  Hauptstadt machen mchte!

  Fr Ihre gefllige Anerbietung, mein Cicerone sein zu wollen, meinen
  herzlichsten Dank. Ich werde Sie gewi daran erinnern.

  Baggesen schreibe ich heute recht viel, auch von Ihnen! Er wird es
  Ihnen schon sagen.

  Den Aladdin von Oehlenschlger, der bei uns herausgekommen, werden
  Sie von Herrn Wrtz erhalten. Sie wollen gtigst das Exemplar als ein
  Zeichen meiner Ergebenheit annehmen.

  Von Herrn B. Constant habe ich auch Briefe von Coppet. Herr von
  Villers hat mich schon vor einiger Zeit mit ihm in Verbindung gesetzt,
  um sowol von ihm selbst einmal irgend ein interessantes Werk in Verlag
  zu erhalten, als insbesondere durch ihn eins von Madame von Stal.

  Hierzu ist auch Hoffnung da. Madame de Stal schreibt Briefe
  ber Deutschland, seine gesellschaftliche und literarische Cultur,
  und sie ist, wie mir Herr Constant schreibt, nicht abgeneigt, ihre
  Bekanntmachung meiner Handlung zu bergeben. Dies wrde fr meine
  Handlung ein kleines Glck sein! Sollten Sie gelegentlich und fglich
  bei Herrn Constant zur Befrderung meines Wunsches mitzuwirken
  thunlich finden, so bitte ich Sie, es zu thun.

  Nachschrift. Ich adressire meinen Brief an Baggesen nach Marly. Er
  ist doch noch da, soda der Brief ihn treffen kann?

Der nchste Brief ist aus Leipzig vom 20. October 1808 datirt und also
whrend der ersten Anwesenheit von Brockhaus auf der Buchhndlermesse
geschrieben. Brockhaus war wieder lange ohne Nachricht von Baggesen und
namentlich ohne Manuscript geblieben, obwol dieser zwei Wechsel auf
ihn abgegeben und versprochen hatte, selbst nach Leipzig zu kommen. So
wendet er sich denn wieder an Fauriel mit der Bitte um Auskunft ber
Baggesen. Sein Brief lautet:

  Ich schreibe Ihnen, werthester Herr Fauriel, diese Zeilen von der
  Messe aus im Gedrnge meiner sonstigen Geschfte.

  Ihren letzten Brief, den ich noch in Amsterdam erhielt, habe ich
  nicht gleich zur Hand, und ich behalte mir dessen Beantwortung bis zu
  einer gelegenern und ruhigen Zeit bevor. Heute will ich mich mit Ihnen
  blos ber unsern Baggesen unterhalten.

  Baggesen zog im Juli circa 55 Louis auf mich. Im Wechsel stand:
  _suivant l'avis_. Diesen Avis hatte ich bei der Prsentation
  nicht erhalten. Ich htte also die Tratte mit Protest eigentlich
  zurckweisen mssen, _car il faut faire des affaires comme des
  affaires_. Ich that das aber doch nicht. Ich acceptirte den Wechsel
  und ist er auch schon lngst bezahlt. Den Avis habe ich nicht
  erhalten. Ehe dieser erste Wechsel aber verfallen war, kam schon
  wieder ein zweiter von auch 55 Louis, wieder _suivant l'avis_, aber
  ich hatte wieder keinen Avis. Was htte ich thun mssen? Denke sich
  jeder in meine Lage als Geschftsmann! Ich that das aber wieder nicht,
  was ich als solcher thun #mute#.

  Vor einigen Tagen erhalte ich nun aber endlich einen Brief von
  Baggesen vom 15. September, der ber Amsterdam gelaufen und mir
  von da zugesandt worden. Hier erwhnt denn Baggesen dieser Tratten
  beilufig und ersucht mich, da ich Toberheim vom Accept derselben
  benachrichtigen mchte. Ich thue dies in der Einlage, die Sie die Gte
  haben wollen an Herrn Toberheim abzugeben. Baggesen schreibt mir, da
  er auf dem Punkte stnde, Paris zu verlassen, da er ber Frankfurt
  reisen, von dort nach Leipzig kommen und mich hier zur Messe besuchen
  wrde. Seit dem 15. September sind aber jetzt schon ber fnf Wochen
  verflossen, und ich mu also vermuthen, da aus der Reise entweder gar
  nichts geworden, oder da Baggesen eine andere Route genommen. Ich
  bleibe noch circa 14 Tage hier, eine Zeit, die hinreichend ist, um von
  Ihnen, wenn Sie mir mit umgehender Post zu antworten die Gte haben,
  hier noch Ihre Auskunft hierber zu erhalten.

  Sie wissen, werthester Herr Fauriel, da ich mich auf das
  bestimmteste erklrt habe, da, wenn Baggesen die Tratten auf mich
  machte, ich auch dann schnell in Besitz einiges fr den Druck fertigen
  Manuscripts mte gesetzt werden, um davon noch fr dieses Jahr
  Gebrauch machen zu knnen. Ich habe mich ohne Scheu und Scham ber
  meine Verhltnisse erklrt, offen gesagt, da meine Lage mir durchaus
  nicht erlaubte, unter andern Bedingungen diese Zahlungen zu leisten
  und anzunehmen. Jetzt ist aber schon die eine Tratte von 55 Louis
  bezahlt, und die andere ist acceptirt, was so gut ist als bezahlt.
  Noch aber habe ich bis heute, Ende October, kein Blatt Manuscript.

  Meine Bitte an Sie ist also, da, wenn Baggesen noch dort ist,
  Sie ihm den Inhalt dieses Briefes mittheilen und mir mit umgehender
  Post hierher Auskunft ber Baggesen's Intentionen sowol, als ber das
  Gefrdertsein des Manuscripts und wann und wie ich solches erhalten
  soll, geben wollen. Die Pflichten, die ich gegen meine Handlung habe,
  zwingen mich, da ich darber Gewiheit haben msse. Baggesen kann
  und wird es mir nicht belnehmen, da ich mich darber an Sie und
  nicht an ihn direct wende. Er ist nicht pnktlich im Antworten, Sie
  sind es. Sie kennen aber auch auerdem alle unsere Verhltnisse; Sie
  sind Baggesen's Freund, Sie sind gegen mich gtig gesinnt, Sie werden
  meinen Auftrag mit all der Zartheit und Delicatesse, die er erfordert,
  ausrichten. Sie werden meine Lage und meine Verhltnisse fassen und
  wrdigen.

  Ich wiederhole meine Bitte, mir mit umgehender Post darber hierher
  nach Leipzig zu schreiben.

  Wegen Ihrer Parthenais hoffe ich nun bald Ihren und Treuttel's
  Bericht zu empfangen, da mit dem Druck begonnen werde. Den mir
  gtigst im Manuscript versprochenen Gesang werden Sie wol nach
  Amsterdam gesandt haben.

  Die Massenbach'schen Werke sind noch nicht so weit gediehen, da
  ich Ihnen solche habe senden knnen bisjetzt. In Zeit von acht Tagen
  werde ich Ihnen aber einen Theil derselben zusenden und fr die Herren
  Treuttel und Ihren Freund (Oelsner?) Exemplare beilegen. Was ich Ihnen
  jetzt sende, ist das zweite und dritte Werk, welches wir angekndigt
  haben. Von dem interessantesten: den Memoiren in drei oder vier
  Bnden, erscheint der erste Band erst in vier Wochen, den Sie auch
  sogleich erhalten sollen.

  Soweit auch ich das franzsische Publikum beurtheilen kann,
  wird eine Bearbeitung und Ineinander-Verschmelzung dieser Werke
  in Frankreich ein groes Publikum finden. In Deutschland ist die
  Erwartung so darauf gespannt, da wir so viele Bestellungen darauf
  haben, um gezwungen zu sein, ehe die erste Auflage fertig ist, schon
  eine zweite drucken zu lassen.

  Leben Sie wohl. Wenn Baggesen noch in Paris ist, tausend
  Empfehlungen an ihn!

  Ihr Ihnen von ganzer Seele zugethaner

                                             Brockhaus.
                                Adr. Herrn Heinr. Graeff in Leipzig.

Fauriel's Vermittelung scheint diesmal ganz ohne Erfolg gewesen zu sein.
Brockhaus ging nun die lange mit Baggesen gebte Geduld endlich aus. Er
schreibt an Fauriel aus Amsterdam vom 15. Juni 1809:

  Es ist beinahe ein ganzes Jahr, da Sie nichts von mir, ich nichts
  von Ihnen gehrt habe. Sind wir uns auf einmal so fremd geworden?
  Welch ein bser Genius hat die zarten freundschaftlichen Verhltnisse,
  womit Sie mich zu beehren schienen, auf einmal so locker gemacht? Ich
  wei es nicht, was mich verhindert hat, Ihnen zu schreiben. Ich wei
  noch weniger, was allenfalls Sie knnte bewogen haben, gegen mich zu
  schweigen: es sei denn, da vielleicht _ la lettre_ Sie mir zuletzt
  geschrieben htten. Aber werden Sie dies so streng nehmen? Sie wissen
  wie geschftsvoll wir Geschftsleute oft sind, und wie uns da oft
  unser Gedchtni ber Brief-Beantwortungen, die nicht unmittelbar in
  das kaufmnnische Verhltni eingreifen, untreu wird! Sie verdammen
  mich deshalb gewi nicht. Ich Sie auch nicht, da Sie mir nicht
  geschrieben haben. Wer wei, was Sie daran verhindert hat? Sie werden
  mir es sagen, auch wenn ein kleiner Groll die Ursache davon gewesen.

  Mit Baggesen bin ich leider ganz zerfallen. Ich mchte darber
  ganz gegen Sie schweigen, da es sonst den Anschein erhalten knnte,
  als suchte ich ihn vielleicht bei Ihnen zu verkleinern, mich zu
  entschuldigen oder ihn zu beschuldigen. Allein das Alles mag ich nicht
  und kommt mir nicht in den Sinn. Nur historisch mu ich es Ihnen
  doch sagen, da wir zusammen zerfallen und warum wir es sind. Sie
  erinnern sich, wie Sie mir im vorigen Jahre Baggesen's _abattement_
  und die Ursache davon, seine pecuniren Verlegenheiten, schilderten.
  Sie wnschten, da ich ihm 50 Louis avanciren mchte; Sie hatten
  den Edelmuth, solche mit Ihrem knftigen Honorare zu garantiren.
  Sie wissen, da ich antwortete: ich sei fr den Augenblick und
  berhaupt nicht in der Lage, Vorschsse geben zu knnen; ich bedrfe
  jedes Francs meines Capitals fr mein laufendes Geschft; wenn also
  Baggesen nicht moralisch und physisch gewi sei, mir diejenigen
  Manuscripte, worber zwischen uns schriftliche Contracte oder
  mndliche Zusagen existirten, in einer gewissen Zeit (ich glaube,
  ich setzte drei Monate dazu) zu liefern, so knnte und drfte ich
  die verlangten 50 Louis nicht zugestehen; wre aber, fuhr ich fort,
  Baggesen dessen gewi, so knnte er selbst 100 Louis auf mich
  trassiren. Sie werden sich Alles dessen erinnern. Auch dessen, da
  Baggesen die Zusage machte, und da er 100 Louis auf mich trassirte.
  Sie werden sich erinnern, da er seine Arbeiten, worauf diese 100
  Louis entnommen, unterbrach, weil ihm ein anderes Gedicht, der
  Faust, in den Sinn gekommen war. Sie werden sich erinnern, wie Sie
  selbst mir ber diese neue Idee Baggesen's schrieben, und wie Sie
  wnschten, da ich solche der andern mchte vorgehen lassen. Baggesen
  selbst sandte mir den ersten Act per reitende Post von Paris zu als
  Probe und uerte mit Ihnen gleichfrmige Wnsche. Sechs Monate
  verstrichen indessen und ich erhielt keine Zeile Manuscript irgend
  einer Art, weder vom Faust noch von den mir zuerst zugesagten
  Manuscripten. In der Zwischenzeit war Baggesen freilich einige Zeit in
  Frankfurt unplich geworden, und hatte mir dies Gelegenheit gegeben,
  ihm aufs Neue meinen guten Willen zu zeigen, ihm dienen zu wollen.
  Die Unplichkeit war aber vorber, und es fand sich dadurch jeder
  Grund aufgehoben, das eine oder das andere seiner Versprechen zu
  erfllen. Es war dies unbedingt selbst seine Pflicht. Aber ich erhielt
  immer keine Zeile Manuscript, wol aber beleidigende, ausweichende
  Briefe. So lie ich endlich gezwungen die zweiten 50 Louis, die
  noch nicht bezahlt waren, protestiren (die ersten 50 Louis waren
  bezahlt), da ich vollends hrte, da er den mir zugesagten Faust
  an einen andern Buchhndler in D. verhandelt hatte. Ich mag und will
  die unangenehmen Discussionen, die hierber zwischen Baggesen und
  mir vorgefallen, nicht alle entwickeln; ich kann nur sagen, da ich
  in mir das Bewutsein habe, zu jeder Zeit und in jedem Verhltnisse
  gegen Baggesen als hchst rechtlicher Mann gehandelt zu haben; ich
  habe vergebens Schiedsrichter aus unsern Freunden vorgeschlagen, im
  Fall sich wirklich etwas zwischen uns zu errtern fnde (ich habe dazu
  Villers und Perthes vorgeschlagen; ich schlage noch Sie und Herrn
  Wrtz dazu vor), Alles umsonst. Ich habe keine Zeile Manuscript bis
  heute! Ich habe keinen Sou Rembours fr die bezahlten 50 Louis und
  noch etwa 300 Louisdor von sonstigen Avancen. Ich habe keine Antwort
  auf meine Vorschlge: etwaige Differenzen, ob ich gleich im Grunde
  dergleichen nicht kenne, da seit der Epoche, wo ich ihm auf Ihre
  Vorsprache das Geld dargeliehen, nichts Anders zwischen uns verhandelt
  ist. Baggesen will freilich diese 50 Louis anders compensiren: so
  soll ich von den Heideblumen, wie er in seiner Idee glaubt, mehr
  Exemplare haben drucken lassen als contractmig war (indem er
  annimmt, sonst msse die erste Auflage schon verkauft sein!!) u. s. w.

  Das heit nun wol leeres Stroh gedroschen, aber was wollen Sie,
  da ich anders thun soll, anders thun kann, als zu sagen: wenn Sie,
  Baggesen, glauben, da ich Ihnen zu wehe gethan habe, so entscheide
  hier Ihr und mein Freund Perthes in Hamburg oder Wrtz in Paris als
  Buchhndler, Villers in Lbeck oder Fauriel in Paris als Gelehrte?
  Dann hatte man mit Ehre und Rechtlichkeit die Discussion gefhrt und
  sie beendigt, anstatt da sie jetzt tiefe Spuren der Erbitterung
  hinterlassen und beide Theile beim neugierigen Publikum compromittiren
  wird. Ich schweige darber. Etwas mute ich Ihnen doch darber sagen.
  Vielleicht kommt Baggesen nach Paris zurck, vielleicht auch nicht.
  Ich wei nicht, wo er ist und wohin er geht.

  Sie haben fr die 50 Louis garantirt. Darum schreibe ich Ihnen
  aber nicht. Ich werde Sie dieser Garantie unbedingt entlassen, wenn
  nicht ein dritter Freund von uns Beiden (etwa Herr Wrtz oder wen Sie
  wollen) sein erklrtes oder bestimmtes Votum darber gibt. Ich wrde
  hier gleich unbedingt Verzicht darauf thun, wenn ich nicht berzeugt
  wre, da Ihre Delicatesse dieses nicht erlauben wrde. Ich habe
  Ihnen heute nur die Facta, die zwischen Baggesen und mir stattgehabt,
  melden wollen: da ich bis heute keine Zeile Manuscript erhalten, da
  Baggesen sich allen Verbindlichkeiten gegen mich zu entziehen sucht,
  da er in lngst abgemachten Sachen Phrasen aufsucht, um mich damit
  abzufertigen &c. &c.

  Wie leid es mir thut, in Baggesen den Menschen nicht so verehren
  zu knnen als den Dichter, werden Sie mir ohne Versicherung glauben.
  Auch die an Baggesen avancirten 50 und 25 Louis entbehre ich ungern.
  Ich habe Ihnen und Baggesen oft und ohne Hehl gesagt: ich bin nicht
  reich; ich #kann# nicht vorschieen, ich bedarf jedes Louisdor fr
  mein Geschft und fr meine zahlreiche Familie (ich bin Gatte und
  Vater von sechs Kindern). Mein Geschft erfordert bestndig Fonds,
  und so entbehre ich diese 75 Louis ebenfalls sehr schmerzlich. Ich
  habe auch Baggesen das gesagt, aber der gefllt sich in seinen neuen
  Verbindungen zu gut und ist zu wohl darin, als da es ihm einfiele,
  darauf zu achten einmal.

  Ob nun noch wol die franzsische Parthenais erscheinen wird in
  meinem Verlage? Mein Wort ist und bleibt mir heilig darin, unerachtet
  des nicht zu berwindenden Widerwillens an Allem, was von Baggesen
  herkommt, solange mein ganzes Verhltni zu ihm nicht hergestellt ist.
  Ich werde gewi Baggesen nicht nachahmen, der alle Verbindlichkeiten
  fr nicht verbindlich hlt, wenn kein frmlicher Contract darber da
  ist. Sie sind ein zu edler Mann, um gleiche Grundstze zu haben. Ihnen
  und mir wird ein einfach gegebenes #Wort# selbst heiliger sein als ein
  frmlicher Contract. Also ich bleibe der Verleger der franzsischen
  Parthenais, und ich bin bereit, auf der Stelle damit anfangen zu
  lassen, sobald Sie mir melden, da das Manuscript vollendet sei. Herr
  Wrtz hat mir dies in Leipzig versichert. Ob ihm so ist, sagen Sie mir
  selbst. Einstweilen bitte ich Sie aber dringend, mir doch irgend eine
  Episode oder einen Gesang davon per Brief zuzusenden. Sie haben mir
  dies lange versprochen, und ich mahne Sie daran.

  Mit dem Werke des Herrn von Massenbach geht es in Deutschland sehr
  gut. Die Memoiren werden unstreitig das wichtigste Werk fr die
  neueste Geschichte Deutschlands. Sie werden dazu weit developpirter
  als zuerst im Plan vorlag, und es drften statt drei jetzt vier Bnde
  werden (auer den Rckerinnerungen und den Denkwrdigkeiten). Der
  zweite Band ist eben erschienen, und ich schicke Ihnen denselben in
  acht Tagen zu. Der dritte Band erscheint in sechs Wochen. Sobald Sie
  diesen dritten Band der Memoiren erhalten haben, erbitte ich mir
  Ihre Meinung darber; eher nicht.

  Herr Wrtz sagte mir, da Sie die Gte haben wollten, eine Anzeige
  der classischen Geschichte der Botanik, die in meinem Verlage
  erschien[35], fr den Publicisten zu besorgen. Ich danke Ihnen im
  voraus dafr. Senden Sie mir die Anzeige aber doch zu, da ich den
  Publicisten nicht mehr lese.

  Leben Sie wohl! Ich verbleibe Ihnen mit der innigsten Liebe
  Freundschaft zugethan.

                                                Brockhaus.

Fauriel antwortet bald auf diesen Brief, und es kommt nun wenigstens die
Angelegenheit ber die franzsische Uebersetzung der Parthenais in
Ordnung. Brockhaus schreibt an Fauriel aus Amsterdam am 1. August 1809:

  Ich erflle Ihren Wunsch, Ihnen recht bald auf Ihren gtigen Brief
  vom 22. Juli zu antworten, dadurch, da ich es gleich auf der Stelle
  nach seinem Empfange thue. Sie werden dadurch mit mir zufrieden sein.

  Das Geschft, worber wir nun seit lnger als zwei Jahren
  miteinander correspondiren, mu doch auch endlich zu Ende gebracht
  werden. Da es das noch nicht ist, will ich Ihnen gewi nicht
  anrechnen, und Sie werden es mir auch nicht thun. Indessen lassen Sie
  uns jetzt Beide zusammenwirken, da nicht wieder ein neuer Aufenthalt
  darin stattfinde. Meine Gesinnungen darber haben sich im wesentlichen
  in nichts gendert. Ich habe dazu einmal darin einen Entschlu
  gefat gehabt, und da ich gewohnt bin, zu berlegen, #ehe# ich einen
  Entschlu fasse, so bleibt es bei mir auch dabei und ich pflege davon
  selten oder nie zurckzukommen. Da meine persnlichen Verhltnisse
  zum ursprnglichen Verfasser sich verndert, wirkt noch weniger auf
  mich in Rcksicht meiner Bestimmungen darin. Es bleibt also damit ganz
  so, wie wir darber ein fr allemal eins geworden. Ich schreibe heute
  an die Herren Treuttel & Wrtz, und gebe diesen die unbeschrnkteste
  Vollmacht, mit Ihnen alle die Maregeln zu concertiren, welche zur
  Herausgabe nthig sind, als ich ihnen auch gleich fr die dazu seiner
  Zeit nthigen Fonds bereits den erforderlichen Credit erffne. Die
  Strke der Auflage berlasse ich Ihnen und Herrn Wrtz zu bestimmen.
  Fr Holland, England, wohin ich Gelegenheit habe, Einiges zu
  senden, und fr Deutschland wnschte ich 4-500 Exemplare zu meiner
  Disposition zu haben. Da man es fr eine Art relativer Unmglichkeit
  hlt, die Parthenais in franzsischer Sprache darzustellen, so
  wird schon, abgesehen vom hhern sthetischen Interesse, eine Art
  von Neugierde den Verkauf der franzsischen Parthenais ziemlich
  befrdern. Da ich also 4-500 Exemplare fr das Ausland hier bedarf,
  so drfte vielleicht eine Auflage von 1500 Exemplaren im Ganzen nicht
  bertrieben sein. Ich berlasse aber, wie gesagt, die Bestimmung
  derselben Herrn Wrtz und Ihnen .....

  So wre denn alles Nthige von mir besorgt, und ich berlasse es
  nun Ihrer Sorgfalt, alle weitern Veranstaltungen zur wirklichen
  Ausfhrung zu treffen. Benachrichtigen Sie mich bald vom Geschehenen.
  Werden Sie mir aber nicht bse, wenn ich Sie nochmalen an Ihr altes,
  altes Versprechen erinnere, mir doch einstweilen irgend ein isolirt
  zu genieendes _morceau_ aus Ihrer _Parthnide_ mitzutheilen! Ich
  bitte Sie selbst wiederholt darum, und ich werde es sehr gern sehen,
  wenn Sie es mit Ihrer gtigen nchsten Antwort mittheilen wollen.

  Ich will Ihnen -- Sie sehen, da ich dankbar bin -- auch noch etwas
  mittheilen, das fr Sie nicht ohne Interesse sein mchte; und zwar
  fr Ihren _Discours prliminaire_, auf den Sie ein wenig, wie wir
  Alle recht viel halten. Sie erinnern sich der interessanten Recension
  der Parthenais, welche vor etwa 1 Jahr in der Neuen Leipziger
  Literatur-Zeitung befindlich war. Baggesen glaubte, da solche von
  Professor Jacobs, damals in Gotha und jetzt in Mnchen, herrhre.
  Es wird Baggesen interessiren zu hren, und ich bitte Sie es ihm
  zu sagen, da er sich darin geirrt. Ich habe auf meiner letzten
  Reise zur leipziger Messe den Verfasser derselben persnlich kennen
  gelernt und mir sein Vertrauen wie seine Freundschaft erworben. Es
  ist der Doctor Apel in Leipzig, unstreitig einer der scharfsinnigsten
  und geistvollsten Kritiker im sthetischen Fache, den wir jetzt in
  Deutschland besitzen, und zugleich selbst trefflicher und genialer
  Dichter, obgleich ziemlich unbekannt und seinen Namen nicht
  preisgebend, noch nicht von der Nation, sondern nur von den wenigen
  Vertrauten seiner Muse gefeiert. Nun, von demselben ist auch unlngst
  eine ganz treffliche und sehr umstndliche Recension der Louise
  von Vo erschienen, einem Gedichte, das man in Deutschland immer in
  eine gewisse Art von Parallele mit Baggesen's Parthenais zu setzen
  pflegt, eine Rezension, die in das Wesen dieser Dichtungsarten, den
  Geist und das Technische derselben hchst geistvolle Blicke thut,
  und deren Kenntni Ihnen, wie ich glaube, recht lieb sein wird, wenn
  Sie auch nichts besonderes Neues dadurch erfahren mchten. Ich will
  Ihnen auch noch eine ganz herrliche Recension meines Freundes ber
  Jean Paul's Vorschule der Aesthetik mittheilen, die eben in der
  Jenaischen Literatur-Zeitung befindlich, und die Ihnen ebenfalls
  manche neue Ansicht wird kennen lehren. Das Buch selbst besitzt
  Baggesen, wie ich wei. Diese beiden Recensionen sende ich Ihnen mit
  erster Gelegenheit durch die Herren Treuttel & Wrtz.

  Ich werde Alles, was Baggesen und meine Verhltnisse mit demselben
  _directe_ als _indirecte_ seinetwegen mit Ihnen betrifft, nie
  weiter in meine Briefe an Sie aufnehmen, sondern darber, so lange
  Sie einigen Antheil daran nehmen wollen, separate Memoires lieber
  beilegen. Ich werde dies auch heute thun und bergehe alles hierauf
  Bezug Habende hier und in meinen weitern Briefen.

  Ich danke Ihnen schon vorlufig fr Ihren guten Willen, ber
  Sprengel's _Historia rei herbariae_ ein bedeutendes Wort im
  _Mercure_ sagen zu wollen. Uebrigens lese ich den _Mercure_ ganz
  regelmig, und haben Sie nicht nthig, sich wegen der Zusendung der
  Nummern besondere Mhe zu geben; es wre denn dazu, da ich sie dem
  wrdigen Verfasser mittheilen mchte.

  Von demselben Verfasser ist eben bei mir der erste Theil eines
  andern vortrefflichen Werkes erschienen: _Institutiones medicae_
  welches den ersten Theil der Physiologie enthlt. Die vorlufige
  Ankndigung davon lege ich Ihnen hier bei. Den ersten Theil selbst
  werde ich so frei sein, Ihnen durch Herrn Wrtz einhndigen zu lassen.
  Es wrde mich sehr freuen, wenn Sie Gelegenheit haben mchten, auch
  fr dieses Werk von irgend einem ganz der Wissenschaft gewachsenen
  Manne fr eines der grern Journale eine wahrhaft beurtheilende
  Recension zu veranstalten .....

  Ich hre nicht auf, Sie mit Bitten zu belstigen. Ich habe ihrer
  noch einige an Sie.

  Dem vor etwa 14 Tagen durch Treuttel & Wrtz an Sie abgesandten
  Packete habe ich noch beigelegt ein Cahier Umrisse von Flaxman zu
  Dante's _Commedia divina_ und drei Hefte von Umrissen zu Ossian.
  Jene bilden blos das erste Heft, und folgen demselben noch zwei Hefte
  von gleicher Strke. Es sind Nachstiche nur. Dieses -- die Umrisse zum
  Ossian -- bilden aber ein Ganzes und Original und rhren von einem
  gerhmten deutschen Knstler her mit Namen Rhl. Ich habe die Platten
  dieser Zeichnungen (_les cuivres_) von der Handlung, welche solche hat
  machen lassen, und welche Handlung durch Unglcksflle zurckgegangen
  ist, in vergangener leipziger Messe kuflich an mich gebracht; ich
  lasse solche jetzt completiren, neu abdrucken, elegant cartonniren
  u. s. w. Zu den deutschen Umrissen gehren zwei Abdrcke des Originals
  in 4 und in 8, ganz elegant gedruckt und hchst correct, und
  zugleich eine deutsche Uebersetzung dieses Dichters von einem der
  vorzglichsten deutschen Schriftsteller und Dichter. Alles freilich
  nach Willkr der Kufer, was sie nehmen wollen. Ueber den artistischen
  Werth dieser Umrisse will ich mich hier nicht besonders auslassen,
  sondern diesen Ihrem Urtheil anheimstellen und nur bemerken, da von
  Flaxman's Umrissen zu Dante das Original nicht allein im Buchhandel
  gnzlich fehlt, sondern auch nur ganz wenige Exemplare im Publikum
  existiren, da die Platten selbst zernichtet und diese Copien hchst
  genau sind. Die Frage wre nur, und dies betrifft mein ganzes
  Interesse dabei, ob nicht auch fr Frankreich von dem einen und andern
  ein kleiner Vortheil fr mich zu ziehen und wie das am besten zu
  befrdern? Meine Wnsche sind darin sehr mig, da ich die Platten
  auch sehr billig angekauft habe und ich in Deutschland meine Kosten
  gewi gedeckt erhalten werde; aber ob ich nicht vielleicht 50 __
  100 Exemplare per Change gegen andere gute Bcher und Kunstsachen
  in Paris mchte anbringen knnen, und ob ich nicht beides leichter
  bewerkstelligen knne, wenn sowol zum Dante als zum Ossian ein
  kurzer erklrender franzsischer Text gegeben wrde, wie z. B. die
  Loudon'schen Umrisse vom _Museo_ mit einem solchen Text begleitet
  sind -- dieses ist es, worber ich wol Ihre Meinung wissen mchte .....

  Ich begreife vollkommen, da im Grunde meine Anfrage und
  Angelegenheit blos mercantiler Art ist. Sie, werthester Herr Fauriel,
  frage ich nun darber, ob Sie die Ausfhrung der Zeichnungen zum
  Ossian und zum Dante nicht ohne knstlerisches Verdienst finden, und
  ob Sie einen kleinen Commentar darber rthlich und thunlich finden,
  und wie ich es wol anfangen msse, mir denselben zu verschaffen?

  Es ist und bleibt mein fester Vorsatz, diesen Herbst noch eine
  kleine Reise nach Paris zu machen. Mancherlei Geschfte und
  Verhltnisse zwingen mich dazu. Mein inneres Streben wnscht es
  ebenfalls. Ich mu und werde suchen mir die Reise zugleich so ntzlich
  als mglich zu machen. Zu diesem Endzwecke mchte ich auch eine
  Anzahl meiner dazu passenden Artikel _de fond_, als die beiden Werke
  von Sprengel und Rudolphi, die beiden schnen 4 und 8 Ausgaben von
  Dante, die Umrisse dazu und zum Ossian, ein paar kleine Schriften
  von Villers und etwa noch 5 __ 6 andere interessante neue Artikel
  meines Verlags in franzsischer und lateinischer Sprache gegen andere
  gute franzsische Artikel zu changiren suchen, und mein Bestreben
  mu also sein, diese meine Artikel so passend als mglich fr den
  franzsischen Buchhandel zu machen.

  Der dritte Band der Memoiren des Obersten von Massenbach wird
  nun auch in einigen Tagen ganz fertig. Ich werde ihn Ihnen gleich
  zuschicken und Sie bitten, mir aufrichtig Ihre Meinung zu sagen,
  ob Sie glauben, da ein _Prcis_ daraus fr Frankreich Interesse
  haben knne. Das Ganze dieser Memoiren wird sechs Bnde betragen, die
  sich schnell folgen werden. Aus den drei ersten lt sich aber doch
  einigermaen das Interesse dieses Werks bersehen.

  Ich schliee meinen langen Brief. Wegen Baggesen wird's mir heute
  zu spt zu schreiben. Das also ein andermal. Es eilt auch so sehr
  nicht damit.

  Antworten Sie mir bald und vergessen Sie ja nicht mir eine kleine
  Probe der franzsischen Parthenais beizulegen.

Das hier versprochene Mmoire ber Baggesen folgt unterm 11. August
in Form eines Briefs und enthlt eine so eingehende, klare und ruhig
gehaltene Auseinandersetzung der Verhltnisse zwischen Brockhaus und
Baggesen, da es keines weitern Commentars bedarf. Das Mmoire lautet:

  Vor einigen Tagen habe ich Ihnen ber unsere persnlichen
  Angelegenheiten geschrieben, heute schreibe ich Ihnen blos ber
  Baggesen.

  Sie haben einmal das mhselige und delicate Geschft bernommen,
  zwischen uns als Vermittler aufzutreten! Es ist mir dies unendlich
  lieb. Wer sollte es sonst thun? Und eine persnliche Ausgleichung
  scheint mir nicht mglich. Ich habe bereits vorgeschlagen und
  auch Ihnen schon mehrmals gesagt, da ich mich ber die etwaigen
  Differenzen zwischen uns dem Gutachten jedes verstndigen und
  unparteiischen Mannes unterwerfen will. Ich habe gleich eine Anzahl
  solcher Mnner vorgeschlagen: Villers, Perthes, Kerner, Wrtz, Sie
  selbst, wenn Sie wollen! Baggesen antwortet hierauf nicht und nichts.
  Er sagt, Cotta wrde die Sache in sich berichtigen. Diesem mu ich
  widersprechen, wenn Cotta gegen mich wahr gewesen ist. Mir hat er auf
  der leipziger Messe persnlich gesagt, da er auch nicht das Geringste
  von Baggesen's Verhltnissen zu mir wissen wolle und er auf keine
  Weise ferner darin wirken oder eingreifen mchte. Ich erklre indessen
  wiederholt: da ich mich unbedingt dem Gutachten jedes verstndigen
  Mannes bei meinen Differenzen mit Baggesen unterwerfen werde, wenn
  Baggesen eine gleiche Erklrung und Gewhrleistung gibt, und habe
  ich selbst dagegen nichts, wenn wir diesen Schiedsrichter blos in
  Paris whlen, wo Baggesen die Bequemlichkeit hat, demselben mndlich
  alle nhern Elucidationen zu geben, wogegen ich blos mit todten
  schriftlichen Erinnerungen einkommen knnte. Legen Sie oder Baggesen
  dies nicht als Uebermuth aus; es ist blos die innere Ruhe meines
  Bewutseins, gegen Baggesen immer als ein rechtlicher und braver Mann
  gehandelt zu haben. So kann, denke ich, nie ein Urtheil einfacher,
  verstndiger Menschen auch gegen mich sein, es sei denn in Sachen des
  Verstandes, worin ich irren kann: und davon berzeugt zu werden, thut
  mir nicht weh. Sie, Herr Fauriel, sind indessen jetzt einstweilen
  zwischen uns getreten: es ist mglich, da dadurch eine Ausgleichung
  in unsern Geschftsangelegenheiten kann bewirkt werden; und da ich
  nichts mehr verlange als das, so folge ich Ihrer Einladung: genau
  anzugeben, was ich von Baggesen verlange.

  Sie, Herr Fauriel, sagen: stricte genommen, knne ich nichts
  verlangen als _quelques volumes de correspondance_. Es ist wahr,
  nur hierber existirt zwischen Baggesen und mir ein Contract in
  #Form#. Ich bin indessen der Meinung gewesen, da ein schriftlich
  oder mndlich gegebenes #Wort# einen rechtlichen Mann noch weit mehr
  binde als ein Contract. Diesen (einen Contract) mu auch ein Schurke
  halten, weil ihn die Gesetze dazu zwingen, -- das gegebene #Wort# zu
  halten, ist dagegen ein Wahrzeichen des Mannes von Ehre und reiner
  Rechtlichkeit. Diesem ist das Wort #mehr# als der Contract. Zwischen
  Ihnen, Herr Fauriel, und mir existirt auch kein Contract in Form, aber
  ich bin moralisch gewi, da es Ihnen nie in den Sinn kommen werde,
  darum unserer Abrede nicht nachkommen zu wollen; es wird mir ebenso
  wenig je einfallen.

  Habe ich Unrecht, wenn ich diese Grundstze auf Baggesen's
  Verhltnisse zu mir anwandte? oder auf meine Verhltnisse zu Baggesen?
  Ich wenigstens habe darnach gehandelt und wrde nicht aufgehrt haben
  darnach zu handeln.

  Also Baggesen hat mir auer den contractmig zugesagten Briefen
  auch sein liebstes, ihm theuerstes, seinen Genius am klarsten
  aussprechendes Werk, die humoristische Beschreibung seiner Reisen
  unter dem Titel: Dichterwanderungen, hundertmal mndlich und
  ebenso oft schriftlich, oder vielmehr das in jedem Briefe seit zwei
  Jahren zugesagt. Die Zeit der Ablieferung des Manuscripts dazu ist
  nicht im Allgemeinen nur bestimmt worden; nein, der Monat, die Tage
  gar waren es von Baggesen selbst. Auf beides geschahen auch die _
  conto_-Zahlungen, die auf Ihre Vermittelung statt hatten. Ich habe sie
  auf diese so bestimmten und von meiner Seite nach meinen Grundstzen
  verbindend geglaubten Zusagen mehrmalen dem ganzen deutschen Publikum
  nach deutscher Buchhndler-Sitte als erscheinend angekndigt. Die
  Ehre meiner Buchhandlung erfordert, da ich diese im Vertrauen auf
  Baggesen's Worte dem deutschen Publikum und dem deutschen Buchhandel
  gegebene Zusage halte; ich kann es darum nie zugeben, da eine andere
  Buchhandlung diese Werke je herausgebe. #Ich mu mein, im Vertrauen
  auf Baggesen's Wort gegebenes Wort erfllen.# Baggesen mu mich
  darin untersttzen. #Er kann es.# Es ist hier von keiner genialen
  Schpfung irgend eines dichterischen Werks die Rede, sondern nur
  von der Herausgabe von Collectaneen, die existiren und bereits in
  Baggesen's Hnden sein mssen (den Briefen); #dann# von der Herausgabe
  einer Reise, die schon einmal oder gar zweimal in dnischer Sprache
  (wenigstens zum Theil) von Baggesen herausgegeben ist, und zu der,
  um sie mir im Manuscript deutsch zu liefern, nur einige _assiduit_
  erforderlich ist. Htte Baggesen mit mir einen Contract ber die
  Vollendung der Oceania gemacht, ich wrde auf dessen Erfllung,
  insofern Baggesen nicht in seinem Innern dazu den Beruf und den Impuls
  fhlen mchte, nie dringen. Es ist klar wie der Tag, da zur Haltung
  eines solchen Contracts der hchste innere Beruf da sein msse,
  weshalb ber solche Werke auch nie im voraus Contracte gemacht werden.

  Es ist das aber durchaus nicht der Fall mit der Herausgabe von
  #wirklich geschriebenen#, also schon daseienden Briefen ber
  philosophische und literarische Gegenstnde, die sich in Baggesen's
  Portefeuille befinden werden oder befinden mssen, weil er darber
  contrahirt. Es ist dies derselbe Fall mit der Herausgabe seiner
  Reisen, von denen wenigstens ein Theil (mehrere Bnde) bereits in
  dnischer und auch in deutscher Sprache erschienen sind, und die
  nur, wenn Baggesen ihnen keinen hhern und andern Charakter geben
  will, allenfalls von ihm bersetzt oder berarbeitet zu werden
  brauchen. Voltaire konnte z. B. von einem Buchhndler nicht angehalten
  werden, seine Henriade zu dichten, aber es konnte von Voltaire
  verlangt werden, #wenn er darber contrahirt hatte#, -- da er seine
  Correspondenz mit Friedrich, d'Alembert &c. herausgab oder die
  #franzsische# Ausgabe eines Werks, das von ihm frher in irgend einer
  #andern# Sprache geschrieben war.

  Ich glaube, man mu diese von mir hier aufgestellten Flle sehr
  bestimmt unterscheiden und dadurch fhlen, da ich keineswegs etwas
  Absurdes verlange, wenn ich von Baggesen das mir Zugesagte wirklich
  fordere. Auch hat Baggesen mir so oft geschrieben, da dies Alles nur
  noch der letzten Revision und Feile bedrfe, da alle Materialien
  da und schon geordnet seien, um nicht annehmen zu #mssen#, da es
  auch wahr und es ihm mithin ein Leichtes sei, seine Zusage gegen mich
  zu erfllen und mich dadurch von dem Versprechen zu acquittiren,
  was ich im #Vertrauen auf Baggesen# dem ganzen deutschen Publikum
  mehrmalen und wiederholt gegeben habe -- und das also, meiner Ehre
  als Buchhndler wegen, ich auch halten mu. Da diese Rechtlichkeit
  und dieser Ehrgeiz mich bei dieser Transaction hauptschlich allein
  leiten und nicht anderes Interesse, kann Baggesen gewi am besten
  beurtheilen, da es ihm nicht unbekannt sein wird, da meiner
  Buchhandlung jede Verbindung mit den ersten Talenten Deutschlands
  leicht ist, und er es gewi sehr gut wei, wie geringen pecuniren
  Vortheil ich seither vom Verlage seiner Werke gehabt habe.

  Was dagegen Herr Baggesen von #mir# verlangt, sei es in Rcksicht
  des Honorars oder sonstiger Verbindlichkeiten, wird er mir nun eben so
  offen und einfach sagen, als ich ihm Vorstehendes gesagt habe. Ob ich
  gleich vollkommen wei, was meine Verbindlichkeiten sind, so halte ich
  es doch fr unziemlich, darin die Initiative anzugeben.

  In Rcksicht Ihrer Garantie, Herr Fauriel, wegen der bezahlten 50
  Louis (500 Fl.), so nehme ich Ihre #neuere# Garantie gewi nicht an.
  Ich habe geglaubt, da die #ltere# unbedingt wre. Irrte ich mich
  darin, so thue ich gern Verzicht darauf auch. Eine sptere anzunehmen,
  verbieten mir meine Grundstze.

In dem nchsten Briefe, aus Amsterdam vom 15. October 1809, schreibt
Brockhaus an Fauriel:

  .... Da Sie einmal Herrn Baggesen meinen Brief vom 11. August
  mitgetheilt haben, so habe ich Herrn Baggesen weiter nichts zu
  sagen, als ihm den Inhalt dieses Briefs in seinem ganzen Umfange zu
  besttigen. Ihn zu wiederholen, wrde fr mich Zeitverschwendung sein
  -- ihm nur eine, wenn auch nur geringe Ausgabe verursachen. Bei mir
  gilt es berhaupt nur des alten deutschen Grundsatzes: Ein Wort ein
  Mann; ein Mann ein Wort. Was ich Herrn Baggesen von jeher und Ihnen
  in diesem Briefe vom 11. August zugesagt habe, wird mir immer der
  heiligste Contract sein.

  #Ich# habe ihn indessen schon seit Jahren erfllt, an Herrn Baggesen
  ist die Reihe jetzt, zu handeln ....

  Was Sie von den Memoiren des Colonel Massenbach sagen, kann richtig
  sein; Sie werden sich aber erinnern, da Sie nach der Ankndigung doch
  meinten: ein _Prcis_ davon wrde fr Frankreich viel Interesse
  haben knnen, und das Werk ist auf jeden Fall weit anziehender,
  als die erste Ankndigung noch erwarten lie. Indessen ist es mir
  sehr gleichgltig, ob diese Werke in Frankreich erscheinen, da, als
  kaufmnnische Entreprise betrachtet, der Debit in Deutschland &c. mich
  zu meiner Genugthuung entschdigt. Der dritte Band ist eben erschienen.

Weder auf das Mmoire vom 11. August noch auf vorstehende Besttigung
desselben vom 15. October scheint eine Antwort Baggesen's in Worten oder
Thaten erfolgt zu sein.

Brockhaus entsagte jetzt allen weitern Versuchen, durch Fauriel auf
Baggesen einzuwirken, obwol Fauriel selbst darin nicht nachlie, und
resignirte sich, von Baggesen trotz wiederholter Vertrstungen weder
die ihm geleistete Vorausbezahlung zurckerstattet, noch die ihm
versprochenen Manuscripte gesandt zu erhalten.

In seinen beiden nchsten Briefen an Fauriel wird wieder Anderes
besprochen und Baggesen nur nebenbei erwhnt. Indessen mgen sie des
Zusammenhangs wegen gleich hier folgen.

Unterm 8. November 1809 schreibt Brockhaus:

  Mit recht groer Ungeduld sehe ich Berichten von Ihnen entgegen wie
  von Herrn Wrtz ber das, was Sie mit dem Druck der _Parthnide_
  beschlossen haben, und hoffe ich zugleich, da mit dem Druck bereits
  der Anfang gemacht sein wird. Ich habe von Ihnen einen Brief (ohne
  Datum) erhalten, worin Sie mir Ihren Vorsatz melden, ehestens mit
  Didot zu Wrtz zu gehen. Es wird das geschehen sein seitdem, worber
  ich nun Ihre Berichte erwarte.

  Den sonstigen Inhalt dieses Ihres Briefs werde ich ein andermal
  beantworten. Heute habe ich eine besondere Ursache, Ihnen zu schreiben.

  Kapellmeister J. F. Reichardt, bekannt unter anderm durch seine
  _Lettres confidentielles sur Paris_, worber zur Zeit der
  Erscheinung auch in Paris viel in Journalen geschrieben wurde,
  brigens als einer der grten Componisten unserer Zeit berhmt,
  gibt in unserm Verlage unter dem Titel: Briefe ber Wien und die
  sterreichischen Staaten; geschrieben auf einer Reise dahin in den
  Jahren 1808 und 1809 von J. F. Reichardt ein Werk heraus (in zwei
  Bnden), das sicher allenthalben mit Begierde wird gelesen werden.
  Ich bin berzeugt, da es auch in Frankreich sehr viel Kufer finden
  wird, wenn davon zeitig eine franzsische Ausgabe erschiene. Ich
  knnte eine solche Unternehmung dadurch sehr begnstigen, wenn ich zu
  dem Endzwecke die Bogen, sowie sie einzeln aus der Druckerei kommen,
  gleich nach Paris schickte, und wre es dadurch mglich, da die
  franzsische Ausgabe auf einige Tage noch mit dem Original zugleich
  erschiene. Um einigermaen Stil und Manier des Verfassers beurtheilen
  zu knnen, sende ich Ihnen heute vier Aushngebogen davon _sous bande_
  zu. Es kommt mir vor, da zu dieser Entreprise sich leicht eine
  pariser Buchhandlung verstehen wrde, sei es nun fr gemeinschaftliche
  Rechnung, oder da sie mir ein gewisses Honorar bezahle fr die
  Mittheilung der einzelnen Bogen. Mir ist beides gleich und fge ich
  hierunter fr jeden Fall meine Bedingungen bei. Sehr angenehm wre
  es mir, wenn Sie die Gte htten, ber diese Entreprise mit einigen
  Buchhandlungen zu sprechen und im Fall auf eine meiner Bedingungen
  entrirt wrde, mir davon gleich Nachricht zu geben, damit ich die
  brigen Bogen, sowie sie fertig wrden, gleich absenden knne. Noch
  in diesem Monate wird der erste Band und im December der zweite Band
  fertig.

  Ich sollte denken, da diese Entreprise etwas fr Buisson oder
  Nicolle oder Collin, oder auch fr Treuttel & Wrtz passend wre.

  Verzeihen Sie, da ich Sie wieder damit belstige. Ich hoffe, Sie
  geben mir Gelegenheit, Ihnen wieder einmal ntzlich zu sein.

  Nichts Neues von Baggesen?

Darauf folgen zwei detaillirte Contractsvorschlge zu einer
franzsischen Uebersetzung des Reichardt'schen Werks, die in mehrfacher
Hinsicht interessant sind. Sie zeigen, da Brockhaus in einer Zeit,
die weder den Schutz des geistigen Eigenthums noch viel weniger
internationale Vertrge zum Schutz von Uebersetzungen kannte, diese
Verhltnisse bereits ins Auge fate, und da er in sehr geschickter
Weise Versuche machte, trotzdem auch von dem auslndischen Markte Nutzen
zu ziehen.

Die beiden Vorschlge, die Fauriel einem franzsischen Verleger zur
Auswahl vorlegen sollte, lauten:

               Erster Vorschlag.

  1) Ich theile die einzelnen Bogen, sowie sie aus der Druckerei
  kommen, in doppelten Exemplaren sogleich mit und sende sie an die mir
  aufgegebene Adresse _sous bande_ nach Paris.

  2) Ich erhalte fr diese Mittheilung fr jeden Bogen 1 Louis,
  zahlbar per Billet __ Ordre _ 3 mois de date_ vom Datum der
  Lieferung des ersten Bogens.

  3) Das Billet bleibt in den Hnden eines Dritten, bis der letzte
  Bogen jeden Bandes abgeliefert ist. Sobald dies geschehen, wird mir
  das Billet zugestellt und fr den zweiten Band wieder ein gleiches
  Billet gemacht, womit es ebenso gehalten wird. Jeder Band wird zu 30
  Bogen gerechnet.

  4) Bis zum 15. December circa wird der erste Band und bis zum 15.
  Januar der zweite Band ganz ausgedruckt sein.

               Zweiter Vorschlag.

  1) N. N. in Paris verbindet sich mit uns zur gemeinschaftlichen
  Herausgabe auf gemeinschaftliche Kosten.

  2) Wir erhalten fr die Mittheilung der Idee und der Bogen per jeden
  Bogen 1 Louis, die mit in die generale Unkostenrechnung kommen, soda
  wir selbst die Hlfte davon tragen.

  3) N. in Paris besorgt Uebersetzung, Druck und Papier.

  4) Nach Vollendung des Druckes werden die generalen Unkosten
  aufgemacht und N. in Paris remboursirt sich fr die Hlfte der
  Unkosten auf uns per Tratte _ 3 mois_, wobei uns indessen die
  Vergtung des 1 Louis per Bogen in Abzug gebracht wird.

  5) N. in Paris besorgt den Debit in Frankreich und Alles, was von
  Paris aus verlangt wird. Wir besorgen ihn in Deutschland und Holland
  und rechnen zu dem Zwecke 200 Exemplare fr unsere Rechnung, wofr
  wir ein Billet, zahlbar in 12 Monaten, an N. geben, der bei finaler
  Abrechnung uns selbst eventuell damit bezahlen kann.

  6) Nach Verlauf von 6 Monaten gibt Herr N. in Paris an, was verkauft
  ist und was eingenommen, und wird derselbe die Hlfte der Einnahme per
  Billet _ 3 mois_ an mich bezahlen.

  7) N. in Paris erhlt fr Delcredere und fr seine Bemhungen 10
  Procent Provision vom reinen Ertrage des Verkauften.

  8) Bei einer zweiten und weitern Auflage wird nach denselben
  Grundstzen verfahren.

  9) Es wird eine Conventionalstrafe von 50 Louis fr Den festgesetzt,
  der irgend eine Bedingung nicht hlt.

  10) Es wird ein frmlicher Contract gemacht, den beide Theile
  zeichnen.

Das hier besprochene Project selbst lie Brockhaus brigens auf
Fauriel's Rath fallen, wie aus seinem nchsten Briefe an diesen vom
4. December 1809, der zugleich wieder interessante Einblicke in seine
Verlegerthtigkeit gewhrt, hervorgeht. Er schreibt:

  Sie haben Recht, es ist zum Tollwerden mit der _Parthnide_. Mir
  ist es nun auch wirklich zum Nachtheil, da sie nicht im December
  fertig wird. In Deutschland, Oesterreich u. s. w. kommt, was nicht
  im December versandt wird, auf sogenannte neue Rechnung, die ein
  Jahr spter bezahlt wird. Ich empfehle Ihnen nochmal dringend die
  schleunigste Befrderung an, und da mir die Bogen einzeln, wie sie
  aus der Druckerei kommen, zugesandt werden. Von Forssel's Gravre
  htte ich gern einen Probeabdruck erhalten! Da auch weder Sie, noch
  Wrtz, noch Forssel daran gedacht haben!

  Ich bin Ihnen recht vielen Dank schuldig fr Ihre Mittheilung wegen
  Reichardt. Ihre Bemerkungen ber dieses Werk sind vollkommen richtig:
  er ist sehr discret geworden! Das Buch pat nicht fr Frankreich. Was
  fr Frankreich Interessantes darin wre, darf nicht in Frankreich
  gedruckt werden, und was dort darf gedruckt werden, ist zu individuell
  fr Deutschland geschrieben, als da man es in Frankreich goutiren
  knnte. Ich habe also, aus Sorge fr Wrtzens Interesse mit, auf
  die ganze Idee fr Frankreich Verzicht gethan. Ich werde Ihnen ein
  Exemplar davon zusenden.

  Es erscheint noch ein zweites Werk bei uns ber Wien, wozu der
  Verfasser sich nicht nennt. Kann dieses in Paris bersetzt werden, so
  wrde es auerordentliches Aufsehen machen. Aber ich zweifle daran,
  da wir wegen des Druckes selbst in Deutschland groe Schwierigkeiten
  finden. Sie werden auf jeden Fall das Original von mir erhalten.

  Hierbei eine kleine Pice, von der wir hier in acht Tagen 3000
  Exemplare verkauft haben. Man wundert sich, da sie nicht verboten
  wurde.

  Man erhlt dorten leichter englische Bcher und Journale als hier.
  Sollte es nicht mglich sein, da Sie mir von Galignani, Borrdis
  oder irgend Jemandem, der die englischen Journale regelmig erhlt,
  folgende drei Werke verschafften:

1) _The life of W^m. Pitt by Gifford, 5 vol._

2) Coxe's _History of Austria, 2 vol._

3) J. Adolphus: _The political State of the British Empire, 4 vol. (1809)._

  Wenn es Ihnen gelnge, diese drei Werke mir bald (etwa mit den
  Gelegenheiten, womit die englischen Journale dort so regelmig
  ankommen) verschaffen zu knnen, so wrden Sie mich sehr verpflichten.
  Die Regierung soll darin liberal sein.

  An das, was Sie mir von Baggesen sagen, glaube ich blutwenig. Er
  wird nicht nach Dnemark reisen, er wird mir nicht schreiben, er wird
  nicht nach Amsterdam kommen, er wird mir nichts liefern.

  Ich habe nichts dagegen, da Sie einige Exemplare Ihrer
  _Parthnide_ auf dem schnsten Velin drucken lassen! Fr Ihr
  Bedrfni nehmen Sie brigens so viel Exemplare der gewhnlichen
  Ausgabe als Sie wollen. In Deutschland bewilligt man dem Verfasser
  gemeiniglich 12 -- 16 -- 18.

  Leben Sie wohl. Und melden Sie mir ja endlich etwas Endliches ber
  die ewige _Parthnide_.

                            Ganz Ihr
                                        Brockhaus.

Nur wenige Wochen liegen zwischen diesem Briefe und dem folgenden, dem
letzten, den Brockhaus, soviel wir wissen, an Fauriel richtete; aber
diese Wochen schlieen den grten Schmerz in sich, von dem er in seinem
schweren Leben betroffen wurde: den Verlust seiner heigeliebten Frau.
Tief erschttert theilt er dem Freunde diese Trauerkunde mit und bittet
ihn, auch Baggesen davon zu unterrichten, indem er diesem in edler Weise
die Hand der Vershnung reicht.

Er schreibt an Fauriel am Heiligen Abende vor dem Weihnachtsfeste, wol
dem traurigsten, das er je erlebte, am 24. December 1809:

  Ich erhalte in diesem Augenblicke Ihren Brief vom 18. d. M. Ich
  antworte Ihnen heute gleich einige Zeilen darauf, da ich im Begriff
  stehe, aus der unglcklichsten aller Ursachen eine Reise zu machen,
  die mich drei Wochen von hier wegweisen wird.

  Ich habe am 8. dieses an den Folgen einer etwas zu zeitigen
  Niederkunft meine theure angebetete Gattin verloren! Fr mich ist
  jetzt keine Ruhe, kein Glck mehr auf der Welt. Ich habe mit ihr Alles
  verloren, was mich mit der Menschheit verband. Auch meine Kinder --
  fesseln mich nicht mehr, denn sie mahnen mich an die Verklrte. Der
  namenloseste Schmerz drckt mich nieder. Ich bin unsaglich unglcklich
  geworden!

  Sagen Sie Baggesen mein Unglck. Er kannte die Verewigte. Er war vor
  zwei Jahren Pathe bei unserm Max. Glcklicher Tag! Wie hat sich durch
  diesen Tod fr mich Alles -- Alles -- in finstere Nacht verwandelt.
  Ich kann Ihnen nicht mehr sagen. Meine Reise hat zur nchsten Absicht,
  meine Kinder von hier weg, und zu unserm Vaterlande, nach Deutschland,
  zurckzubringen, zu unsern Aeltern, Verwandten und Freunden. Wir waren
  hier fremd und durch einen Orkan aus unsern primren Verhltnissen
  dort gerissen, hier an dieses unwirthliche Ufer verschlagen worden.
  Sophie sah das gute Vaterland nicht wieder! Ich kehre einstweilen in
  einigen Wochen zurck, bis ich Gelegenheit finde, Amsterdam ganz zu
  verlassen -- hier ist kein Glck mehr fr mich.

  Ich schreibe Ihnen diese Zeilen, damit Sie wissen, warum Sie in
  einigen Wochen nichts von mir hren. Ich sage Ihnen heute nichts von
  Geschften, nichts von der _Parthnide_, nichts von allen weitern
  Ideen Ihres interessanten Briefes.

  Sie sind gewi ein wackerer und ein gefhlvoller Mann. Sie werden
  ahnden, wie gleichgltig mir fr den Augenblick jedes mercantilische
  Geschft sein msse. Nur was Pflicht unbedingt von mir fordert, kann
  jetzt geschehen. Darum wird auch nichts von meinem Comptoir versumt
  werden, was auf die Befrderung der _Parthnide_ Bezug hat. Ich
  erlaube mir selbst Sie und Herrn Wrtz dringend zu bitten, die
  wirkliche Erscheinung derselben mglichst zu beschleunigen.

  Die Aushngebogen erwarte ich, sowie sie aus der Presse kommen,
  einzeln hierhin. Ich werde sie mir nachkommen lassen. Lassen Sie Herrn
  Wrtz nicht die 500 Exemplare, die wir fr Deutschland bestimmen, auf
  einmal hierhin senden: 250 Exemplare sende Herr Wrtz ber Frankfurt
  nach Leipzig, und hierhin 100 Exemplare, beides _par diligence_.

  Jeder Sendung werden 5 Velin-Exemplare beigefgt. Die Exemplare
  hierhin mssen zur Hlfte brochirt sein. Die leipziger brauchen es gar
  nicht zu sein. Die Kupfer werden sorgfltig eingelegt, und wir von
  Allem unterrichtet per directen Brief. Ich hoffe und erwarte selbst,
  da die Absendung noch im Januar geschehen knne.

  Lassen Sie Baggesen in meinem Namen 5 Exemplare auf Velin anbieten,
  als ein Zeichen meiner Verehrung und Freundschaft. Die Wehmuth, die
  jetzt meine Seele erfllt, lt mir keinen Raum mehr fr feindselige
  Verhltnisse irgend einer Art. Sagen Sie auch dies Baggesen. Er verlor
  einst ebenfalls eine #Sophie#! Er ist ein gefhlvoller Mann; er
  #kannte# auch #meine Sophie#! Er wei also Alles, was ich verloren. In
  solchen furchtbaren Momenten schlieen sich menschliche Herzen wieder
  aneinander. Ich bitte ihn selbst um diese neue Nherung!

  Leben Sie wohl und bedauern Sie

                                               Ihren unglcklichen

                                                    Brockhaus.

Dieser Brief bildet einen schmerzlichen, aber gewi fr Brockhaus
hchst ehrenvollen Abschlu seiner Zerwrfnisse mit Baggesen: er
reicht dem frhern Freunde, obwol dieser ihm als Geschftsmann den
empfindlichsten Schaden bereitet, die Hand, unfhig, den Streit ber das
Grab seiner Frau hinaus, die auch von Baggesen verehrt worden war, noch
fortzusetzen. Fauriel's und Baggesen's Antworten auf diesen Brief sind
uns nicht bekannt.

Whrend der ganzen unerquicklichen Verhandlungen mit Baggesen hatte
sich Brockhaus brigens stets edel, uneigenntzig und vershnlich
gezeigt. Ein aus Schriftstellern und Buchhndlern zusammengesetztes
Schiedsgericht, wie er es Baggesen wiederholt vorgeschlagen, wrde
schwerlich damals anders entschieden haben oder heutigentags anders
entscheiden, als da Brockhaus im Rechte gewesen und richtig
gehandelt, da Baggesen aber seine gegen Brockhaus eingegangenen
Verpflichtungen nicht gehalten und gegen ihn, ganz abgesehen von ihren
freundschaftlichen Beziehungen, berhaupt nicht so verfahren habe,
wie es glcklicherweise sonst Brauch ist zwischen Schriftstellern und
Buchhndlern.

       *       *       *       *       *

Der hier als Vershnung wirkende Tod bildete nach vielen Seiten hin
einen Wendepunkt in Brockhaus' Leben: er war die nchste Veranlassung,
da dieser Amsterdam bald fr immer verlie; er nahm ihm die treue
Gefhrtin seines Wirkens und Schaffens, zu der er sich immer geflchtet
hatte aus all dem Widrigen, das ihm im Leben beschieden war; er brachte
ihn in neue Verhltnisse, die zunchst verwirrend und betubend auf ihn
wirkten und aus denen er sich nur schwer hindurchzuarbeiten vermochte.

Diese unmittelbar auf den Tod seiner Frau folgende Zeit, die als die
eigentliche Sturm- und Drangperiode seines Lebens bezeichnet werden
kann, obwol es ihm auch bisher nicht an Sturm und Drang gefehlt hatte,
umfat die anderthalb Jahre von Ende 1809 bis zum Frhjahre 1811.




               Dritter Abschnitt.

         Von Amsterdam nach Altenburg.




                       1.

       Ende des amsterdamer Aufenthalts.


Am 8. December 1809 war Sophie Brockhaus gestorben, nachdem sie am 24.
November einer Tochter das Leben gegeben, die nach ihr Sophie genannt
wurde. Schon in den letzten Monaten hatte sie viel gelitten; whrend
ihrer Krankheit und dann whrend des Wochenbetts war sie von ihrer
jngsten Schwester Josina (die spter den in hollndischen Diensten
stehenden Obersten Eichler heirathete) gepflegt worden. Die ersten
Tage nach der Entbindung waren schon glcklich berstanden, als sie
sich durch zu zeitiges Aufstehen eine Erkltung zuzog, die ihren Tod
herbeifhrte.

Die damals zehn Jahre zhlende lteste Tochter Auguste erinnert sich
gehrt zu haben, da in diesen Tagen ihr Vater sehr aufgeregt in das
Zimmer seiner Frau gekommen sei und unter deren Sachen eifrig nach
einem Briefe gesucht habe, der ihm wegen der traurigen Hiltrop'schen
Angelegenheit von Wichtigkeit war; da er den Brief nicht fand, sei
ihre Mutter dann selbst aufgestanden, um, wiewol ebenfalls vergeblich,
danach zu suchen, und infolge dieses vorzeitigen Aufstehens erkrankt.
In dem betreffenden Processe war kurz vorher (am 16. November 1809)
das fr Brockhaus ungnstige erste Urtheil erfolgt, das ihn zu einer
(am 28. Februar 1810 erlassenen) Appellation veranlate, und jener
Brief war vermuthlich der von uns bei Darstellung dieser Angelegenheit
(S. 24) mitgetheilte Brief seiner Schwgerin Elisabeth Hiltrop, von dem
Brockhaus bei Abdruck desselben unter den Actenstcken des Processes
erwhnt, er habe ihn erst nach dem Tode seiner Frau unter ihren Papieren
vorgefunden. Ist diese Annahme begrndet, so hat jener unglckselige
Proce, der ihm das Leben so verbitterte und berhaupt so verhngnivoll
fr ihn war, selbst den Tod seiner Frau veranlat!

Brockhaus hatte mit seiner Frau elf Jahre in der glcklichsten Ehe
gelebt. Sie hatte ihm sieben Kinder geboren, vier Shne und drei
Tchter, die bei ihrem Tode noch smmtlich am Leben waren. Wie glcklich
er mit ihr lebte, wie sie seine treueste Freundin und Beratherin in
den vielen schweren Zeiten war, die er bis dahin zu berstehen hatte,
ist aus manchen seiner von uns mitgetheilten Briefe zu ersehen; aus
den Briefen Anderer, da ihr Werth auch von seinen nhern Freunden,
wie Cramer und Baggesen, erkannt wurde. Schrieb doch Cramer von ihr,
wie ebenfalls bereits mitgetheilt: da sie an schner deutscher
Huslichkeit, Gutheit, Freundlichkeit und Verstand zu seinen Idealen
gehre und der Gattin von Vo, Ernestine, sehr gleiche. Brockhaus hatte
ihr Portrt (wol von Cornelia Scheffer, der Mutter Ary Scheffer's) malen
und auch eine Bste seiner Frau anfertigen lassen, doch ist leider
nichts davon erhalten.

Als er kurz nach ihrem Tode in Dortmund war und zuerst wieder das Haus
ihres Vaters betrat, warf er sich, vom Schmerz bermannt, auf den Boden
nieder und kte die Schwelle des Hauses; auf die erstaunte Frage seines
jungen Neffen, der ihn begleitete, erwiderte er: Hier habe ich meine
Sophie zum ersten male gesehen! Und als er anderthalb Jahre spter
wieder kurze Zeit in Amsterdam verweilte, da bildete das zwei Stunden
von der Stadt schn am Y gelegene Dorf Muiden, auf dessen Kirchhof er
sie begraben, seinen Lieblingsspaziergang und er brachte viele Abende
dort in stiller Wehmuth zu.

       *       *       *       *       *

Der Tod seiner Frau wurde aber auch die entscheidende Veranlassung, da
Brockhaus Amsterdam bald darauf fr immer verlie.

Die politischen Verhltnisse hatten ihm allerdings den Aufenthalt
daselbst schon seit einiger Zeit verleidet, da sie den buchhndlerischen
Verkehr nach allen Richtungen hin erschwerten. Brockhaus lie seine
Verlagswerke meist in Deutschland drucken: in Leipzig bei Breitkopf &
Hrtel, Hirschfeld und andern Buchdruckern, in Weimar bei Bertuch, in
Braunschweig bei Vieweg, in Halle und noch an andern Orten. Seitdem
nun Holland franzsisch geworden war, konnte er von seinen eigenen
Verlagswerken kein Exemplar nach Amsterdam zum Verkaufe in seinem
Sortimentsgeschfte erhalten, ohne erst in Paris die Erlaubni dazu
erbeten und die Anzahl der einzufhrenden Exemplare dort declarirt zu
haben. Es lt sich denken, welche Belstigungen und Umstndlichkeiten
damit verbunden waren. In derselben Lage befanden sich freilich auch
die Sortimentshandlungen in den franzsisch gewordenen Provinzen
Norddeutschlands, im Hannverschen, Westfalen, Bremen, Hamburg u. s.
w. Friedrich Perthes in Hamburg organisirte deshalb frmlich fr sich
und befreundete Handlungen die mit vielen Formalitten verknpften
Manipulationen bei diesem Geschftsgange und lie selbst eine
Instruction darber drucken. Auch Brockhaus fand einen einigermaen
praktischen Ausweg, indem er fr seine Geschftsfreunde in den drei
franzsischen Departements Norddeutschlands die Anzahl der an sie zu
sendenden Verlagsartikel in Paris selbst declarirte und die Sendung dann
jedesmal nur an Eine Handlung zur Vertheilung an die brigen gehen lie.

So htte er wol noch lngere Zeit in Amsterdam zu bleiben versucht,
und war selbst unablssig bemht, sein Sortimentsgeschft weiter
auszudehnen, besonders, um den eben geschilderten Uebelstnden zu
begegnen.

Am 11. November 1809 schreibt er an Heyse in Bremen: Er knne ihm
nicht direct von Amsterdam seine Verlagsartikel senden, sondern nur
von Leipzig aus, nach vorausgegangener Declaration in Paris; aber in
Zukunft knne sich Heyse deshalb nach Aurich (in Ostfriesland) wenden,
wo er, vom Gouvernement selbst dazu aufgefordert, was sich nicht
wohl refusiren lie߫, ein Etablissement zu errichten versuchen werde.
Dieses Vorhaben kam auch wirklich zur Ausfhrung, und Borntrger, der
inzwischen von Leipzig nach Amsterdam zurckgekehrt war, wurde von ihm
deshalb nach Aurich geschickt. Inde hatte das Etablissement in Aurich
nur einen sehr kurzen Bestand, aber nicht weil es sich als unzweckmig
herausstellte, sondern weil Borntrger seiner persnlichen Sicherheit
wegen dort ebenso wenig bleiben konnte wie frher in Amsterdam.

Borntrger war Ende November 1809 ber Groningen nach Aurich gereist,
aber kaum dort angekommen, machte er Brockhaus die Mittheilung, da er
auch dort frchten msse, zum Militr ausgehoben zu werden.

Brockhaus fgte darauf dem ersten an sein auricher Geschft abgegangenen
Briefe vom 30. November, der zugleich der letzte sein sollte, folgende
Zuschrift an Borntrger vom 2. December hinzu:

  Ich danke Ihnen fr die umstndlichen Berichte. Bei dieser Lage ist
  keine Wahl. Zurckkommen knnen Sie aus hundert Ursachen aber auch
  nicht. Mein Entschlu ist also gefat: Sie gehen in Gottes Namen nach
  Leipzig und treten in Weigel's[36] Stelle. Ich hatte gestern, durch
  wiederholte Beschwerden ber Weigeln zur Verzweiflung gebracht, einen
  sehr umstndlichen Brief an Grff geschrieben und Weigeln das Geschft
  abgenommen und ihm (Grff) oder Cnobloch bertragen. Sie finden diesen
  Brief, den ich aus Grnden an meine Freundin, die Hofrthin Spazier,
  offen schicken wollte und auch heute schicke, Ihnen also heute nicht
  schicken kann, bei dieser. Hieraus werden Sie alles Nhere ersehen und
  darin vorlufig alle zuerst nthigen Instructionen finden.

  Sie kehren bei Ihrer Ankunft in Leipzig im Groen Joachimsthale
  ein, wo Sie beim Wirth einstweilen accreditirt sein werden, der mich
  von der Messe her sehr gut kennt. Sie werden dort auch von mir Briefe
  vorfinden, die Ihnen sagen werden, wie Sie Ihre ersten Schritte
  einzurichten haben. Heute annoncire ich einstweilen Ihre Ankunft.

Darauf ertheilt er ihm noch genaue Instructionen ber die Auflsung
des kaum begrndeten auricher Etablissements, z. B. da er mit den von
Leipzig beziehenden ostfriesischen Buchhndlern Verbindungen schlieen
solle, um sie von Leipzig aus zu bedienen, und gibt ihm auch vterliche
Ermahnungen, die von der herzlichsten Theilnahme dictirt sind, wobei er
es ihm besonders zur Pflicht macht, den schon frher angenommenen Namen
Friedrich Schmidt streng festzuhalten. Er schliet:

  Sie reisen, nachdem dies Alles besorgt, mit erster Post ab. #Fr.
  Schmidt# reist ab. Ich lege es demselben auf und mache es ihm zur
  heiligsten und unerllichsten Pflicht (in Rcksicht seiner und
  meiner!), diesem Charakter treu zu bleiben und in Bremen so wenig als
  irgendwo, auch in Hannover nicht, irgend einen Menschen, er sei wer
  er sei, zu besuchen! Dies #mu# sein! Seinetwegen und meinetwegen!
  Sie mssen Niemanden aufsuchen oder besuchen! Einen Pa werden Sie in
  Aurich oder Oldenburg leicht erhalten knnen.

  Benachrichtigen Sie mich von Ihrer Abreise, Ihrer Ankunft in
  Braunschweig und augenblicklich von Ihrer Ankunft in Leipzig. Leben
  Sie wohl! Der Himmel nehme Sie in seinen Schutz!! Der Himmel begleite
  Sie! Bleiben Sie ein guter Mensch! Bleiben Sie im ganzen Sinne des
  Worts #getreu#!! Thrnen strzen mir in die Augen! Zu Ostern drcke
  ich Sie an meine Brust. Leben Sie wohl! Reisen Sie glcklich!

  (Nachschrift.) Wenn Sie den Muth haben, Vieweg zu sehen, so gehen
  Sie zu ihm. Vielleicht kennt er Sie gar nicht. Ueberlegen Sie dann
  Alles reiflich mit ihm, so weit etwas zu berlegen ist. -- Vielleicht
  knnten Sie ber Quedlinburg reisen und mit Basse fertig werden. -- In
  Halle gehen Sie bei Sprengel vor. Sie werden auch da einen Brief von
  mir erhalten.

Die letztern Bemerkungen ber Vieweg und Basse, durch die er seinen
strengen Befehl, da Borntrger auf seiner Reise durchaus Niemand
besuchen solle, wieder einschrnkte, beziehen sich auf eine frhere
Stelle jenes Briefs, die fr die damaligen Censurverhltnisse
charakteristisch ist. Sie lautet:

  Das zweite Werk von R--dt[37] kann in Leipzig nicht gedruckt werden,
  da man es zu frei findet. Wirklich ist es nach den mir mitgetheilten
  Proben sehr keck und dreist, allein auch von auerordentlichem
  Interesse, und bedrfte es nach meiner Einsicht, um es ausgeben zu
  knnen, nur eines verstndigen Redacteurs, der die Worte zu wgen und
  anstige gegen mildere umzuwechseln verstnde. Ich habe das selbst
  versucht und ist es mir, glaube ich, mit den paar Bogen, die ich
  gehabt, ertrglich gelungen.

  Ich leugne nicht, da ich auerordentlich wnschte, da es
  erschiene. Es wird ungeheuere Abnahme finden. Bei dieser meiner
  Neigung habe ich Viewegen den Vorschlag zum Drucke gemacht und diesem
  gesagt, da er allenfalls Basse in Quedlinburg darber sprechen
  mchte, und nach Leipzig habe ich Ordre gegeben, das ganze Manuscript
  sofort an Viewegen zu senden. Ob nun Vieweg entrirt oder entriren
  darf, wei ich noch nicht. Ich schreibe ihm nun aber noch mit dieser
  Post nher, da er, im Fall er dorten nichts mit dem Manuscript
  machen knne, es Ihnen nach Aurich schicken mchte. Vorlufig trage
  ich Ihnen nun auf, sich in Oldenburg, Delmenhorst und Burgsteinfurt
  zu informiren, ob man da etwas knne ohne besondere Censur gedruckt
  erhalten und hoffen knne, es rasch fertig zu bekommen, wchentlich
  drei Bogen wenigstens. In Burgsteinfurt ist, wie ich wei, eine gute
  Druckerei und ohne alle Censur .... Sie werden anfhren, da gegen die
  Franzosen nichts gesagt, es aber sonst frei geschrieben sei, weshalb
  man wnschen msse, eine liberale oder keine Censur zu haben.

Borntrger verlie Aurich in den ersten Tagen des December und reiste
ber Oldenburg und Celle zunchst nach Braunschweig. Dorthin schreibt
ihm Brockhaus unterm 19. December einen sieben Quartseiten langen Brief
mit den genauesten Vorschriften, wie er sich auf seiner weitern Reise,
in Braunschweig, Halberstadt, Halle, und bei seiner Ankunft in Leipzig
den betreffenden Personen gegenber, die mit einigen scharfen Strichen
gezeichnet werden, zu verhalten habe. Er geht dabei, wie er selbst
schreibt, nach meiner Ihnen bekannten Methode ganz systematisch zu
Werke, indem er das Ganze in Form einer Tabelle schreibt, mit A, B, C
und darunter wieder mit Ziffern.

Einige charakteristische Zge seien aus diesem Briefe hier mitgetheilt.

Er bemerkt ber den Tod seiner Frau: Sie werden aus unsern frhern
Briefen Alles wissen, mein namenloses Unglck durch den Verlust Sophiens
und alle daraus entgehenden Folgen, und fhrt dann fort: Vieweg ist
uns, glaube ich, sehr zugethan. Er wird eine hhere Idee von uns haben
als wir verdienen mchten. Sie werden sehr besonnen gegen ihn sprechen
-- ein Beweis, da Brockhaus bei allem ihm oft wol nicht mit Unrecht
vorgeworfenen zu starken Selbstbewutsein doch auch bescheiden war. In
Halle empfiehlt er unter anderm, den Romanschreiber A. G. Eberhardt,
den Directeur der Renger'schen Buchhandlung zu besuchen, und nennt
ihn einen feinen gewandten Kopf, whrend er einen Buchdrucker, um
ihn kurz zu charakterisiren, einen alten steifen Kerl nennt und ber
einen Professor, brigens keinen namhaften, gar zu schreiben wagt:
N. N. besuchen Sie nicht. Sollte er Sie aber treffen, so sagen Sie
ihm, da wir, wenn Sie nicht irrten, von ihm Antwort erwarteten. Er
ist ein Esel. Den Botaniker Sprengel in Halle bezeichnet er als einen
hchst freundschaftlichen, aber sehr verstndigen Mann, den bekannten
Professor Ersch als einen noch liebern, einfachern und uneigenntzigern
Mann als Sprengel. Ueber Reichardt's Individualitt, seine Familie
u. s. w. verlangt er genauen Bericht.

Fr Leipzig endlich lautet die vorlufige, besonders charakteristische
Instruction:

  Ihr einziger erster Besuch sei bei der Hofrthin Spazier. Sie
  erklren aber dort, da Sie erst Ihre Instructionen abwarteten und
  Sie bis dahin nichts sagen oder thun knnten. Sie werden diese
  Instructionen mit nchster Post _poste restante_ erhalten und sich
  auf der Post den Brief holen. Sie werden gegen die Hofrthin Spazier
  einstweilen ernst und hflich, gegen Weigeln dasselbe sein, und sich,
  unter jenem Vorwande, durchaus in keine Vertraulichkeiten einlassen,
  sondern ganz denselben Ton annehmen, den man gegen Sie annimmt und der
  wahrscheinlich kalt, feierlich und sffisant sein wird. Ich werde Sie
  mit nchster Post ganz _au fait_ setzen.

  Leben Sie wohl! Ich vertraue Ihnen, wie Sie sehen, das Glck meines
  Lebens an. Ich vertraue und schtze Sie. Sie werden mir im ganzen
  Sinne des Worts treu und bieder dienen. Wir werden dort bald zusammen
  sein.

Uebrigens handelte es sich augenblicklich gar nicht, wie es nach
diesen emphatischen Worten scheinen knnte, um besonders wichtige
Entscheidungen, sondern um einige geschftliche Verhandlungen
gewhnlicher Art, und Brockhaus wnschte nur, da der von ihm
sehr geschtzte, aber doch noch sehr jugendliche Gehlfe sich der
Schwierigkeit der Aufgabe, ihn berall richtig zu vertreten, recht
bewut werde.

Am 23. December schreibt Brockhaus an Borntrger, der ihm herzliche
Theilnahme an dem Verlust seiner Frau ausgesprochen hatte:

  Die paar Zeilen, die Sie mir von Braunschweig geschrieben, haben
  mich tief erschttert. Ja, Sie kannten das edle Gemth der Verklrten
  vielleicht mehr wie viele Menschen! Sie hielt auch unendlich viel
  von Ihnen, und wir haben in den letzten Tagen ihres Lebens uns noch
  zweimal sehr umstndlich von Ihnen unterhalten. Sophie liebte Sie wie
  eine zrtliche Mutter, wie eine treue Schwester. Sie erkannte das
  viele Gute, das in Ihrer Seele liegt, nur frchtete sie in der letzten
  Epoche Ihres Hierseins fr Sie, wie ich es auch that. Darber sprachen
  wir noch viel zusammen, als Ihr letzter Brief von Aurich eintraf und
  ich mich entschlo, Sie zu bitten, nach Leipzig zu gehen. Sie stimmte
  diesem Entschlusse vollkommen bei, da sie den namenlosen Verdru
  kannte, den mir und Ihnen die Besorgung der dortigen Geschfte durch
  Weigel verursacht hatte.

  Sie kennen die zahllosen Ursachen, die Weigel uns zu Klagen gegeben
  hat. Sie wollen dies Alles aber nicht urgiren. Sie wollen Weigel mit
  Liebe und Zartheit begegnen, denn er ist ein guter und ein edler und
  ein unglcklicher Mensch. Er ist nur kein Geschftsmann, besonders in
  so verwickelten Verhltnissen, als die unserigen es sind .... Gegen
  Jeden werden Sie sagen, ohne bestimmt Weigeln anzuklagen, da ich
  mich veranlat gefunden htte, Jemanden, der sich ganz meinen dasigen
  Geschften widmen knnte, dort zu halten .... Der Frau Hofrthin
  Spazier vertrauen Sie ganz. Sie wird Ihnen rathen und helfen, wo sie
  kann. Sie ist meine wahre Freundin.

Obwol Brockhaus so Alles that, um seinem Gehlfen die Ordnung und
Besorgung der fr ihn in seiner Doppelstellung als Verlags- und als
Sortimentsbuchhndler besonders wichtigen Beziehungen in Leipzig zu
erleichtern, und das beste Vertrauen zu ihm hatte, ging er doch schon
seit dem Tode seiner Frau mit der Idee um, Amsterdam zu verlassen und
sein Geschft ganz nach Leipzig zu verlegen. Die Stadt, in der er acht
Jahre an der Seite seiner Frau und von blhenden Kindern umgeben verlebt
hatte, zwar nicht so glckliche und ungetrbte wie die ersten drei Jahre
in Dortmund, aber in einem neuen, seinem Geiste endlich gengenden
Wirkungskreise, sie war ihm jetzt fr immer verleidet. Dazu kamen die
schon erwhnten politischen und geschftlichen Unannehmlichkeiten.
Endlich aber sah er immer mehr ein, da der geeignete Boden fr ihn
nicht eine hollndische, jetzt gar franzsische Stadt sei, sondern
da er sein Geschft nach Deutschland und womglich nach Leipzig, dem
Mittelpunkte des deutschen Buchhandels, verlegen msse, um das von ihm
in khnen Umrissen angelegte Gebude auf festem Grund aufzubauen und
seine weitgehenden Plane zur Ausfhrung zu bringen.

Aber freilich war eine solche Uebersiedelung mit vielen Schwierigkeiten
verbunden und jedenfalls erst nach und nach zu ermglichen. Besondere
Sorge machte ihm dabei die Zukunft seiner Kinder, von denen das lteste
bei dem Tode der Mutter zehn Jahre, das jngste erst wenige Wochen
zhlte. Sollte er sie mit nach Leipzig nehmen, whrend er noch nicht
wute, ob er dort selbst eine Heimat finden werde? Knnte er sie
in Amsterdam lassen, allein in der fremden Stadt, wo er zwar viele
Freunde, aber keine Verwandten hatte? Weder zu dem einen noch zu dem
andere vermochte er sich zu entschlieen. Dagegen nahm er das herzliche
Anerbieten seiner dortmunder Verwandten und Freunde an, die Kinder, bis
er wieder einen festen Wohnsitz gefunden, in ihren Familien aufnehmen zu
wollen. Dazu kam, da er selbst noch schwankte, ob er nicht doch lieber
in seine Vaterstadt Dortmund zurckkehren als nach dem fremden Leipzig
ziehen solle. Ersteres schien auch seine Frau gewnscht zu haben,
wenigstens hatte er ihr noch auf dem Todtenbette versprechen mssen, die
Kinder zunchst nach Dortmund zu bringen. Er schreibt darber an den ihm
befreundeten Bankier Friedrich Christian Richter in Leipzig am 2. Januar
1810 aus Amsterdam:

  Morgen verreise ich von hier, um dem Willen meiner verewigten
  Gattin gem meine Kinder zum Vaterlande zurckzubringen, zu meinem
  noch lebenden Vater und meinem Bruder und zu den verheiratheten
  Geschwistern meiner Frau. Es wre mir hier auch unmglich gewesen,
  fr die gute physische und moralische Erziehung derselben zu sorgen.
  Ich bin selbst zu zernichtet, auch frs knftige Leben. Zu Ostern
  werde ich diesen Ort der Trauer auch wol ganz verlassen, mein hiesiges
  Geschft verkaufen oder administriren lassen und mich bei Ihnen in
  Leipzig oder bei meinen Kindern in unserer guten Vaterstadt etabliren.

Es wurde ihm gewi ebenso schwer, sich von den Kindern, die ihn ja auch
fortwhrend an ihre Mutter erinnerten, zu trennen, als es fr diese hart
war, da sie auer der Mutter vielleicht fr lngere Zeit auch den Vater
entbehren sollten. Inde war es doch der einzige Ausweg, der sich ihm
darbot.

Am 3. Januar 1810 trat er die traurige Reise mit seinen Kindern an,
von deren treuer Pflegerin seit dem Tode der Mutter, Tante Josina,
begleitet. Er wollte sie doch wenigstens selbst nach Dortmund bringen
und zugleich seinen alten Vater nach so langer Trennung und nach dem
schweren Verluste, den er erlitten, wiedersehen.

Nur die kleine Sophie mute er in Amsterdam zurcklassen, da er ihr die
beschwerliche Reise im Winter noch nicht zumuthen durfte; sein Freund
Kaufmann Trippler und dessen Frau baten sich die Kleine aus, zumal sie
selbst keine Kinder hatten, und sie blieb bei ihnen mehrere Jahre unter
der sorgsamsten Pflege.

Die andern sechs Kinder wurden einzeln bei den dortmunder Verwandten,
bei dem Grovater, dem Onkel Gottlieb und den Familien Beurhaus,
Brkelmann, Rittershaus und Schmeemann untergebracht. Hier blieben sie
mehrere Jahre unter liebevollster Behandlung, bis sie nach und nach in
das neubegrndete Haus des Vaters zurckkehrten.

       *       *       *       *       *

Vor seiner Abreise nach Dortmund war es Brockhaus gelungen, an
Borntrger's Stelle auer einem hollndischen einen neuen deutschen
Gehlfen Namens Krieger zu erhalten, der whrend seiner Abwesenheit
wenigstens das laufende Geschft besorgen konnte. Dieser kam aus
Leipzig, wo er vor Borntrger's abermaliger Hinkunft auch schon eine
Zeit lang fr Brockhaus beschftigt gewesen war, vermuthlich bei dessen
Commissionr.

Mit Borntrger blieb Brockhaus fortwhrend im lebhaftesten Briefwechsel
und hatte die Freude, da dessen Ankunft und erstes Auftreten in Leipzig
manche Uebelstnde rasch beseitigte. Namentlich war es Borntrger
gelungen, die durch verschiedene Umstnde gestrte Geschftsverbindung
mit dem leipziger Bankier Richter wiederherzustellen.

Schon im Herbst 1809 hatte Brockhaus ausfhrlich an Richter geschrieben,
weil einige von ihm ausgestellte und an Richter gegebene Wechsel von den
Betreffenden nicht honorirt worden waren. Dieser Brief, der wieder einen
vollen Einblick in sein Inneres gewhrt, lautet:

  Sie werden es meinem Herzen und meinem Verstande zutrauen, wie sehr
  der unangenehme Vorfall, worber ich heut Ihrer Handlung Bericht gebe,
  auf mich wirken mu. Obgleich persnlich und sachlich einigermaen
  entschuldigt durch die Lage der Sache, worber die eingelegten
  Briefe Sie unterrichtet, bin ich doch zu sehr mit der ber solche
  Punkte eingefhrten Delikatesse bekannt, um nicht vollkommen den
  schmerzlichen und unangenehmen Eindruck vorherzusehen, den dieser
  Vorfall auf Sie als Kaufmann machen wird und machen mu. Ich sehe
  dies Alles so sehr ein, da ich kein Wort in dieser Hinsicht an Sie
  adressiren will, um es zu versuchen, diesen Eindruck zu schwchen. Ich
  wei es, es gibt darin keine Rechtfertigung! Ich kenne die Strenge
  der kaufmnnischen Ansicht darin in ihrem ganzen Umfang! Ich mu es
  zufrieden sein, wenn Sie mir Ihr Zutrauen augenblicklich ganz und rein
  entziehen, gleich alle Verbindung mit mir aufheben.

  Ich wende mich also auch nicht an Sie als Kaufmann. Ich wende mich
  an Sie als Mensch! An den Menschen adressire ich mich alleine!

  Ich bin ein ehrlicher, ein rechtlicher Mann! Ich werde Sie, Herr
  Richter, nie tuschen! Ich habe ein Capital von circa .... Gulden in
  meinem Geschfte. Ich habe keine fremden Fonds darin. Alles ist mein
  Eigenthum. Nur die jetzigen Zeiten drcken mich sehr und stark, und
  der deutsche Buchhandel ist in den Hnden so vieler .... und ....
  Menschen, da man durchaus nicht auf sie in Hinsicht auf die Fonds,
  die man von ihnen zu erwarten hat, rechnen kann; ihre Effronterie im
  Zurckhalten der Einem schuldigen Gelder ist ungeheuer. Ich habe im
  vorigen Jahr auf einmal ber 40000 Gulden in die Ihnen grtentheils
  bekannten Unternehmungen gesteckt -- die Unternehmungen sind smmtlich
  vom Publikum gut aufgenommen worden! Ich mute die Ostermesse einen
  bedeutenden Betrag nothwendig zurckerhalten. Sie wissen, wie die
  Ostermesse ausgefallen. Es hat mir dies um 10000 Gulden wenigstens in
  meiner Einnahme geschadet. Es genirt mich dies, ich gestehe es. Hier
  in Amsterdam gibt es berhaupt keine, durchaus keine Ressourcen. Der
  Einwohner steht #nie# mit einem Banquier auf dem Platze in einiger
  Verbindung. Der Cassier arbeitet nur mit grern Handlungen und er
  avancirt nie. Man mu hier Alles in und aus sich selbst holen! Jeden
  Gulden! Es ist nie in Holland ein Geschft gewesen wie das meinige.
  Man vermag es gar nicht zu beurtheilen, weil man es nie gesehen hat,
  also nicht kennt. Man beurtheilt mich also oft falsch; -- man hlt
  mich fr einen excentrischen Menschen! Ich wei dies Alles: ich kann
  es nicht ndern! Ich mu die Menschen gehen lassen! Ich schliee
  Ihnen mein ganzes Herz auf, Herr Richter; Sie sind gewi ein edler,
  vortrefflicher Mann, Sie sind ein guter Mensch! Mein Inneres sagt mir
  das! Ich darf und kann mich Ihnen ganz anvertrauen. Ich werde Ihr
  Vertrauen dadurch nicht verlieren.

  Wollen Sie mir Ihr ferneres Vertrauen lassen, -- ich werde, ich
  kann es nie misbrauchen. Wollen Sie mich ferner ein wenig und selbst
  noch etwas mehr als seither -- um mich den kleinen _gnes_, die mich
  noch dies Jahr drcken, zu entziehen -- untersttzen, so werden Sie
  sich einem dankbaren Manne und einer dankbaren Familie fr immer
  verpflichten. Kann ich Ihnen dorten eine Art von Garantie geben --
  ber mein dortiges Lager -- Lebens oder Sterbens wegen, ich bitte Sie,
  geben Sie mir die Idee an, wie ich es anzufangen. Es geschieht gern.

  Die Zeiten werden wieder besser werden. Der vor einigen Monaten
  erfolgte Tod meiner Schwiegermutter bringt mir wieder neue Fonds. Ich
  werde mich einschrnken, da ich jetzt schon mehr aus Erfahrung die
  .... Menschen, die Mehrzahl der deutschen Buchhndler, kenne!

  Sie sehen, ich plaudere zu Ihnen wie zum Bruder, wie zum jahrelangen
  Freunde! Mchten Sie mir der letztere werden!

  Leben Sie wohl! Ich erbitte mir auf diesen Brief einige Zeilen
  Antwort, ebenso offen, wie es die meinigen gewesen sind!

Infolge dieses Briefs scheint Richter schon damals die
Geschftsverbindung mit Brockhaus wieder aufgenommen zu haben. Jetzt,
bei Borntrger's Uebersiedelung nach Leipzig, bedurfte Brockhaus
der Vermittelung und des Vertrauens Richter's noch mehr als frher.
Er schrieb ihm deshalb am 2. Januar 1810 folgenden, sein Innerstes
enthllenden Brief:

  Ich habe Ihnen mit voriger Post 1100 Mark Bco. remittirt auf Fr.
  Perthes in Hamburg. Hiermit gleichen sich ohngefhr jene beiden
  unglcklichen Posten von 500 Fl. aus. Ich werde Ihnen weiter von
  Monat zu Monat verhltnimige Rimessen machen. Seien Sie ganz
  und unbedingt ruhig! Ich habe kaufmnnisch gegen Sie sehr gefehlt,
  moralisch -- nicht! Ich will gegen Sie keine Exposition davon machen;
  ich bin zu routinirt in Geschften, um nicht den ganzen Umfang meiner
  Abweichungen -- wenn auch gezwungen, doch immer Abweichungen -- zu
  fhlen und in Klarheit zu erkennen. Ich will auch eine Entschuldigung
  nicht einmal versuchen! Ich knnte Vieles, vielleicht sehr Vieles und
  gar Gengendes zu meiner moralischen Entschuldigung vorbringen. Ich
  thue es aber nicht! Ich schweige. Nur das sage ich, und #das# darf ich
  sagen: Seien Sie ganz ruhig. Nur das Gedrnge drckender, zu leicht
  eingegangener Engagements; nur unverzeihliche Vernachlssigung dort
  in Besorgung mancher bedeutenden Geschfte und Verrichtungen, wodurch
  ich mich veranlat gefunden habe, selbst jetzt mitten im Winter
  einen Commis von hier nach dort zu senden; nur nicht zu gebieten
  gewesene Tuschung ber den Eingang erwarteter und nicht eingegangener
  Fonds; endlich die Krankheit und zuletzt der Tod einer geliebten,
  angebeteten Gattin und die daraus resultirte Zerstrung meines
  Denk- und Ordnungsvermgens -- in diesen Grundzgen mte ich meine
  Entschuldigung suchen.

  Ich erkenne aber in voller Klarheit, da ich #keine# Entschuldigung,
  aus blos kaufmnnischem Gesichtspunkte betrachtet, gegen Sie habe. Ich
  verdamme mich darin selbst unbedingt.

  Nur das sage ich und das darf ich sagen: Seien Sie vollkommen ruhig.
  Sie sind ein edler Mensch. Ich bin Ihrer Achtung und Werthschtzung
  nicht unwerth. Es ist eine reine Unmglichkeit, fr mich individuell
  und aus meiner ganzen Geschftslage betrachtet, da Sie je einen
  Thaler an mich verlieren knnten. Wre es mir mglich, den Gedanken
  darber zu fassen, ich wrde Ihnen nie einen Wunsch weiter mittheilen.

  Handlungen mssen hier aber entscheiden. Ich erkenne das. Meine
  erste sei, da ich Ihnen, noch nicht auer dem Gedrnge kleiner
  Verlegenheiten, die aber sich zusammenwickelnd nicht ohne Bedeutung
  sind, aber befreit von unmittelbaren Engagements, meine erste freie
  Disposition widme, die ich habe erbrigen knnen: die 1100 Mark Bco.
  per Hamburg. Ob Sie in diesem Zuge mich und meine Gesinnungen errathen
  werden, mu ich erwarten. Ich erwarte es mit Resignation.

  Das hohe Vertrauen, das ich zu Ihnen als Mensch habe, erlaubt es
  mir, Sie zu bitten, mich unerachtet aller stattgehabten Strungen
  dennoch nicht ganz zu verlassen .... Ich habe, debarrassirt von meinen
  drckenden Verbindlichkeiten, die Aussicht, im Laufe der nchsten
  Monate aus meinem Sortimentsgeschfte (worin alles auf Jahresrechnung
  geht) bedeutende Summen einzunehmen. Ich habe keine einzige schlechte
  Unternehmung gemacht. Ich bin nicht ohne eigene und nicht unbedeutende
  Fonds. Ich bin ein huslicher, ordentlicher, guter Mensch -- das darf
  ich ja wol Alles sagen, ohne da ich in den Schein von Ruhmredigkeit
  falle. Darum sage ich es Ihnen, zu dem ich reines und groes
  moralisches Vertrauen habe.

  Dieser Brief sei aber auch nur Ihnen geschrieben. Auer Ihnen mu
  ihn Niemand sehen. Nur Sie werden mir ihn nachfhlen.

  Sie werden mir keine Vorwrfe machen ber das Vergangene. Ich mache
  sie mir selbst. Haben Sie die Gte, mich Ihres Vertrauens nicht ganz
  unwerth zu finden. Ich darf es ja wol sagen, da ich nicht glaube,
  desselben unwerth zu sein im Innern ....

Hier folgt die bereits frher mitgetheilte Stelle ber seine Absicht,
nach Dortmund zu reisen, um die Kinder dort erziehen zu lassen. Der
Brief schliet dann:

  Da ich Ihnen das Alles sage?

  Ich wei selbst nicht oder kaum, wie ich dazu komme! Nur das erkenne
  und wei ich, da ich mich einem edlen und wackern Biedermanne
  anvertraue.

  Ob Sie in meine _vues_, die Geschfte betreffend, eingehen oder
  nicht, ist von meinem Urtheile und meiner Empfindung ber Sie ganz
  unabhngig.

  Leben Sie wohl. Ich bin Ihnen mit ganzer Seele zugethan.

  (Nachschrift.) Alle Geschfte und Transactionen, die Herr Schmidt
  macht, sind verbindlich, da er mit vollkommener gerichtlicher
  Vollmacht versehen ist.

An Borntrger schrieb Brockhaus gleichzeitig:

  Herr Richter ist ein hchst rechtlicher und wackerer Mann, auch ein
  Freund von Literatur u. s. w., und es hngt unendlich viel davon ab,
  sich mit ihm wieder zu einigen. Ich werde auch alles Mgliche thun, um
  dies zu bewerkstelligen, und verzweifle ich keineswegs an dem Erfolg
  davon, da ich die innere Ueberzeugung habe, sein Zutrauen wie das
  Zutrauen jedes rechtlichen Mannes vollkommen zu verdienen.

  Besuchen Sie ihn in einer ruhigen Stunde in seinem Hause, sprechen
  Sie mit Besonnenheit und Zuversicht. Deuten Sie auf die Stockungen
  und Verwirrungen, ohne irgend Jemanden anzuklagen. Versichern Sie
  ihn meiner unbegrenzten Ergebenheit und meines besten Willens, auch
  meiner vollkommenen Krfte. Sagen Sie etwas von dem verhngnivollen
  Schicksal, das jetzt auf mir ruht und mich zerschmettert hat. Seien
  Sie in Allem wahr und ernst und bieder. Sprechen Sie zu meinem Besten,
  aber mit Bescheidenheit.

Die Antworten Richter's auf obige Briefe sind nicht erhalten, aber
jedenfalls lautete auch die auf den zweiten befriedigend, da Brockhaus
unmittelbar darauf wie auch spter geschftlich und freundschaftlich mit
ihm verkehrte.

       *       *       *       *       *

Der Aufenthalt in Dortmund whrte lnger, als Brockhaus erwartete,
ungefhr einen Monat, bis Anfang Februar 1810. Die Ausgleichung alter
verwickelter Familienverhltnisse nahm viel Zeit in Anspruch, und
auerdem verfate er hier die Appellation gegen das erste Urtel im
Hiltrop'schen Processe, obwol sie vom 28. Februar dieses Jahres aus
Amsterdam datirt ist.

Noch in Dortmund erhielt er die ersten gnstigern Berichte von
Borntrger aus Leipzig. Er antwortet ihm am 21. Januar:

  Es freut mich, da Sie durch ein mnnliches, ruhiges und gesetztes
  Betragen schon Manches ins Gleiche gebracht haben. Es wird sich alles
  Weitere geben, wenn nur einmal alle Verhltnisse zwischen dort und
  Amsterdam ganz ineinander greifen, die Bcher in Ordnung sind und wir
  uns so bemhen knnen, unsere ausstehenden Gelder beizutreiben, als
  man uns, wenn wir schuldig sind, damit auf der Haut sitzt.

  Ob ich gleich in diesem Jahre gewi noch viel zu kmpfen haben
  werde, so ist von der andern Seite in diesem Jahre auch viel zu
  hoffen. Es kommt hinzu, da, so unglcklich ich auch als Mensch
  durch den unersetzlichen Verlust meiner guten Sophie geworden bin,
  ich durch die neuen Verhltnisse, worein ich dadurch getreten, von
  den beinahe unerschwinglichen Kosten, womit mein Etat in Amsterdam
  verknpft wurde, befreit worden bin. Ich werde allerdings in meinen
  Verlagsunternehmungen mich um so mehr auch einschrnken knnen, da ich
  gegenwrtig nur wenig bedarf und es meine feste Absicht ist, fr die
  Zukunft mir ein ruhigeres Leben zu erringen.

  Sie, guter Borntrger, gehren mit in meinen knftigen Lebensplan.
  Entwickeln Sie die guten Anlagen, die zum Theil nur noch als Keime
  in Ihnen liegen. Zerstren Sie das Feindselige, was gegen das Gute
  in Ihnen kmpft, und gewhnen Sie sich insbesondere an Manches,
  was besonders in diesem Fache allein den guten Geschftsmann im
  Praktischen macht: an Besonnenheit, Ruhe und die pnktlichste Ordnung
  in den Arbeiten. Krieger ist in diesen drei Punkten wirklich ein
  Ideal. Auch ist er es in Rcksicht der Thtigkeit, da er keine
  Arbeitszeit oder Stunde kennt, sondern nur fragt: was ist noch zu thun?

Weiter spricht er darber, wie er sich seine knftige Einrichtung in
Leipzig denke; seine Ansprche waren sehr bescheiden:

  Ein Gewlbe wie jetzt bedrfen wir nicht. Es ist unbequem, feucht,
  fatal zum Arbeiten; es ist unmglich, darin ein ordentliches Comptoir
  zu halten; es ist dazu theuer. Wir bedrfen nur eines gerumigen
  Zimmers in einer ersten Etage, das man heizen kann allenfalls und
  welches man mit Regalen versehen lt. Es mu darin Raum genug sein,
  um 20 Exemplare von jedem Verlagsartikel zur Hand zu haben, und
  sonst Platz, um eingehende Artikel ordnen und packen und weggehende
  einpacken zu knnen. In diesem Zimmer knnte allenfalls ein Pult
  gestellt werden, woran zwei Personen ordentlich arbeiten knnen,
  wenn es gro genug wre, da man Briefrepositorien, Platz fr Bcher
  u. s. w. auf eine ordentliche Weise daran mit anbringen knnte. Besser
  wre es aber noch, wenn ein kleines Comptoir als Nebenzimmer dabei
  wre.

  Auerdem wnschte ich, da Sie und ich unmittelbar dabei schliefen
  und wohnten, da dies die Leichtigkeit im Arbeiten so sehr befrdert;
  womglich also zwei Schlafzimmer fr mich und Sie, und auerdem ein
  Wohn- oder Besuchzimmer. Also zusammen fnf Picen, von denen zwei was
  man in Leipzig Kammern nennt wol sein knnten.

  Die Frage und Aufgabe wre also: sollte dazu Gelegenheit zu finden
  sein und wo? Mir wre es gleichgltig, ob es in oder auer Leipzig
  (etwa in Reichel's Garten) sei. Ich fhle die kleinen Inconvenienzen,
  die entstehen, wenn es auer der Stadt wre, aber gewonnen wrde
  auch wol wieder durch grere Annehmlichkeit, wahrscheinlich
  grere Wohlfeilheit; auch knnten manche Inconvenienzen durch
  Gegeneinrichtungen gehoben werden.

  Meine Absicht ist durchaus nicht, ein Haus in Leipzig zu machen.
  Sie wissen, wie einfach und prunklos ich bin, und wie mich alles das
  anekelt, was auf Ostentation hinausluft. Nur eine angenehme Existenz
  mchte ich mir sichern. Ich werde nicht, was man nennt, in Leipzig
  immer wohnen. Ich werde viel da sein; aber auch hier bei meinen
  Kindern, Geschwistern und Jugendfreunden werde ich zu Zeiten sein. Ich
  mu auch in Amsterdam ein paar Monate zubringen.

Die Abreise von Amsterdam, wohin Brockhaus gegen Mitte Februar
zurckgekehrt war, mute er von Woche zu Woche verschieben und konnte
sie erst Mitte Mai ausfhren.

Zunchst wurde er durch eine Untersuchung in Anspruch genommen, welche
ber das Manuscript zu Reichardt's Vertrauten Briefen auf einer Reise
nach Wien eingeleitet worden war. Schon in Dortmund hatte er die erste
Nachricht darber erhalten und auch deshalb seinen dortigen Aufenthalt
verlngert. In dem Briefe vom 21. Januar schreibt er an Borntrger:

  Auch habe ich noch einen geheimen Grund, hier zu bleiben. Das
  Rdt'sche Manuscript ber Wien ist von der Censur in Braunschweig
  nicht zurckgegeben, sondern an das Justizministerium nach Kassel
  geschickt worden. Ich mchte also auch gern hier abwarten, ob das
  kasseler Ministerium nach Amsterdam Requisition erlassen wird, den
  Verfasser zu erforschen, dessen Handschrift indessen in Kassel
  hinreichend bekannt sein wird. Es mchte doch sehr gut sein, wenn Sie
  auf irgendeine Weise R. davon prvenirten und Maregeln beredeten, da
  ich ihm nicht zu schreiben wage und Vieweg es auch gewi nicht gethan
  hat; auch da er das weitere Manuscript zurckhielte. Ich berlasse
  es Ihrer Klugheit, da Sie so nahe sind, was Sie darin thun wollen.
  Fr mich kann natrlich nichts Unangenehmes entstehen, da ich es der
  Censur bergeben, nur die ersten Bogen gesehen, darin selbst Vieles
  gestrichen und unbedingt verlangt habe, da nichts gegen Napoleon
  drfe gesagt werden. Nur mchte ich den Verfasser auch nicht verrathen.

Am 28. Januar schreibt er nochmals und ausfhrlicher darber: Von
Amsterdam habe ihm sein Gehlfe Krieger gemeldet, da man nach ihm
geschickt habe, und er knne nun nicht eher nach Amsterdam zurck, bis
das beseitigt sei. Borntrger solle deshalb lieber selbst nach Halle zu
Reichardt gehen, wenn dieser nicht etwa schon arretirt sei. Er knne
schlielich der Gewalt nicht widerstehen, ihn nennen zu mssen, wenn
er dazu irgendwo vom Gouvernement angehalten werde. Vielleicht auch
sei Reichardt von Halle weggegangen, doch werde Borntrger von dessen
Tchtern den Aufenthaltsort wol erfahren. Treffe er ihn, so solle er
ihn veranlassen, seine Papiere und Notizen zu retten. Uebrigens mge er
doch auch gleich ber den beabsichtigten zweiten Theil mit ihm sprechen
und ihn auffordern, was er ihm auch schon selbst geschrieben habe, mehr
Geist und Salz hineinzulegen.

Inzwischen mssen die Nachrichten von Amsterdam doch beruhigender
gelautet haben, denn Brockhaus reist dahin zurck und schreibt um 16.
Februar von dort an Borntrger:

  Wegen Rdt's Wien bin ich ganz unangefochten und wahrscheinlich
  ist das ganze Wesen hier Cabale von N. N. und hnlichen Schuften
  gewesen, um mich von hier zu vertreiben. Der westflische Gesandte
  wei von nichts, der Polizeiminister wei von nichts, der Minister
  der auswrtigen Angelegenheiten wei ebenso wenig von etwas. Und der
  _Hoofdofficier_ (Oberoffizier), dem ich geschrieben habe, da ich hier
  sei, hat mir antworten lassen, er habe mir nichts zu sagen. Dagegen
  bin ich fortdauernd in anonymen Briefen gewarnt und ist mir gerathen
  worden, von hier wegzugehen oder nicht zurckzukommen!

Indessen hatte er zu frh gefrohlockt und ebenso war auch sein daran
geknpfter Verdacht unbegrndet gewesen. Denn schon am 24. Februar
schreibt er an Borntrger:

  Heute bin ich doch noch von der geheimen Polizei wegen Wien
  verhrt, aber sehr human behandelt worden. Den Namen des Verfassers,
  den man wissen wollte, habe ich nicht genannt, sondern erklrt: da
  ich dem Verfasser mein Ehrenwort gegeben habe, ihn nicht zu nennen,
  also auf eine bloe Anfrage des westflischen Gouvernements dies mein
  Wort nicht brechen knne und nicht anders mich desselben entschlagen
  urtheilen knnte als durch einen ausdrcklichen Befehl meines Knigs;
  da aber, da _in casu_ Verfasser wie Verleger den gesetzmigen Weg
  gegangen, indem sie dem Gouvernement ihre Gedanken -- das Manuscript
  -- mitgetheilt und angefragt htten, ob solche drften bekannt
  gemacht werden, der Name des Verfassers hier eine sehr fremdartige
  Sache sei, die das Gouvernement nicht weiter interessiren knne;
  wenigstens glaube ich fr meine Person nicht, darin dem Gouvernement
  als rechtlicher Mann an die Hand gehen zu drfen. Man ist hiermit
  einstweilen zufrieden gewesen, und hat man nun das Nhere zu erwarten.
  Ich denke aber, die Sache wird nun wol todt bluten.

Damit scheint die Untersuchung allerdings erledigt gewesen zu sein; sie
wird in den fernern Briefen nicht weiter erwhnt, und Reichardt's Buch
erschien auch noch in demselben Jahre. Als ein Scherz ist es wol nur
anzusehen, wenn Brockhaus in einem Briefe erwhnt, da er daran gedacht
habe, in hchster Noth den kurz vorher (1809) verstorbenen Freiherrn von
Gro in Weimar, von dem er auch ein Werk verlegt hatte, als Verfasser
anzugeben!

Borntrger hatte sich brigens entschlossen, der grern Sicherheit
wegen zu Fue von Leipzig nach Halle und Giebichenstein zu gehen, um
Reichardt von der Sachlage zu benachrichtigen. Brockhaus trgt ihm auf,
bei dieser Gelegenheit Reichardt zu einem neuen Buche aufzufordern. Er
schreibt:

  Ich mchte ihm den Vorschlag thun, ein Buch zu schreiben wie die
  vortrefflichen Briefe von Risbeck seiner Zeit waren: Briefe eines
  reisenden Franzosen[38], Reichardt wre ganz der Mann dazu. Man
  knnte es betiteln: Kreuz- und Querzge eines reisenden Franzosen
  oder eines reisenden Deutschen. Theilen Sie Reichardt auch diese
  Idee mit, die ich ihm jetzt nicht direct schreiben mag. Ich mchte
  es erstaunlich gern, da er darauf entrirte, da er vollkommen dafr
  berechnet ist. Ein solches Buch, mit _sagacit_ geschrieben, wrde
  erstaunlichen Debit haben.

Diese Anregung hat jedenfalls Reichardt zu seinen Ende 1811 bei
Brockhaus (unter der bekannten fingirten Firma Kln bei Peter Hammer)
anonym erschienenen Briefen eines reisenden Nordlnders. Geschrieben
in den Jahren 1807 bis 1809 veranlat und zeigt wieder, da Brockhaus
sich nicht darauf beschrnkte, ihm angebotene Manuscripte zu verlegen,
sondern da er auch Schriftstellern eigene Ideen zur Ausfhrung neuer
Werke mittheilte. So rhrt die Idee zu dem Handbuch der deutschen
Literatur von Ersch ebenfalls von Brockhaus her; er schreibt darber
einmal an Borntrger: Sie ist aus meiner Seele allein hervorgegangen.

Ein in dieser Zeit geschriebener Brief zeigt, da Brockhaus auch mit
dem damals in Leipzig wohnenden Dichter Johann Gottfried Seume, den
er wahrscheinlich persnlich dort kennen gelernt, in Beziehungen
stand, und dieser ihm einen Verlagsantrag gemacht hatte. Er trgt
Borntrger auf, Seume zu sagen, da er eine Copie seines Manuscripts
nach England geschickt habe; es sei zu gefhrlich, es in Holland zu
drucken; erzhlen Sie ihm den Umstand jetzt mit 'Wien'; ich wrde ihm
sein Original zu Ostern selbst zurckbringen oder auf Verlangen gleich
einschicken. Seume starb inde bald darauf (13. Juni 1810); jenes
Manuscript war vermuthlich Seume's Selbstbiographie, die nach seinem
Tode von Clodius herausgegeben wurde (Leipzig 1813).

       *       *       *       *       *

Brockhaus sah bald ein, da er Amsterdam doch noch nicht gleich
verlassen knne, besonders weil er das Geschft seinem neuen Gehlfen
Krieger nicht allein anvertrauen mochte. Whrend er diesen frher gegen
Borntrger sehr gelobt, schreibt er letzterm jetzt am 6. Mrz: Krieger
sei zu weiter nichts gut als aus einem vollen Sacke Geld zu nehmen und
damit zu zahlen und es sich sonst sehr gut sein zu lassen! Er fhrt
fort:

  Ich opfere also lieber mich auf als mein Geschft, und ich werde
  nach der Ostermesse (aus Leipzig) gleich zurckkehren, dagegen im
  Sommer eine Reise nach Paris machen. Sie, der Sie alle Verhltnisse
  kennen, werden dies gut finden. Darum aber gebe ich meinen Plan fr
  die Zukunft nicht auf. Nur dies Jahr geht es noch nicht, und in diesem
  Jahre mu sich Vieles entwickeln. Ich hoffe, Alles ziemlich gut! Die
  Messe kann nicht schlecht werden, da durch die Verbindung Oesterreichs
  mit Frankreich die Ruhe des Continents vorlufig sehr gewinnt und
  namentlich Oesterreich einer bessern Epoche dadurch entgegengeht.
  Oesterreich wird kaufen und zahlen, und von keiner Seite her wird man
  Ursache haben, nicht zur Messe zu kommen. Sehr gut ist es auch, da
  die Messe so spt eintritt, weil selbst die Russen u. s. w. jetzt gut
  eintreffen knnen.

Die beabsichtigte Reise nach Paris sollte sechs Wochen dauern und
besonders wegen der Verlagswerke von Sprengel, Rudolphi, Villers,
Fauriel und Massenbach unternommen werden; sie unterblieb aber, ebenso
wie ein von ihm fr den Herbst, um einen Monat meinen Kindern zu
leben, gehoffter wiederholter Aufenthalt in Dortmund.

Gegenber den vermehrten Ausgaben in Leipzig und in der Absicht, sein
amsterdamer Geschft frher oder spter aufzulsen, war er unablssig
bemht, seine Auenstnde in Holland einzuziehen. Er machte zu diesem
Zweck im Mrz und April mehrere Reisen nach Utrecht, Rotterdam und
Harderwijk, Schiedam, Delft und dem Haag, leider aber meist mit
geringem Erfolge. Die Geldkrisis und die politischen Verhltnisse
wirkten lhmend auf Handel und Verkehr, und die Buchhndler wie die
Privatkunden vertrsteten ihn mit Versprechungen, whrend er selbst von
Schriftstellern und Buchdruckern in Deutschland gedrngt wurde. Bei der
Rckkehr von einem solchen Ausflug schreibt er einmal:

  Auf dieser Reise ist es mir unsaglich schlecht mit dem Einkassiren
  gegangen: circa 2400 Fl. ausstehen, und ich habe kaum 200 Fl. Kassa
  und circa 250 Fl. Papier mitgebracht. Entweder verreist oder nicht bei
  Kasse! Das heit Einen rasend machen!

Er sah jetzt oft recht trb in die Zukunft, ohne inde den Muth zu
verlieren. So schreibt er am 6. Mrz an Borntrger:

  Beruhigen Sie sich insbesondere wegen meiner uern Lage. Ich bin
  dies Jahr weniger gedrckt wie vorig Jahr und vor zwei Jahren, ob
  ich gleich so unendlich schwere Ausgaben gehabt und dadurch so Vieles
  anticipirt habe .... Demohnerachtet wei ich vollkommen, da es mir
  noch sauer werden wird, aber ich sehe doch Durchkommen und habe mehr
  Muth wie je, besonders da Sie jetzt dort sind.

Und am 3. April schreibt er:

  Ich werde alle meine Krfte aufbieten, um Sieger zu bleiben. Vieles
  ist verloren. Aber nicht Alles. Durch Besonnenheit und Muth wird sich
  Vieles, vielleicht Alles retten lassen.

Aber nicht nur den Muth verlor er nicht, sondern bewahrte sich selbst
den Humor, wie folgende Anekdote ber einen spahaften Handel mit einem
amsterdamer Antiquar oder vielmehr mit dessen Frau beweist. Er schreibt
an Borntrger unterm 16. Mrz:

  Ich habe heut einen Handel gemacht, der Ihnen possirlich vorkommen
  wird. Gestern gehe ich, wie ich aus dem Wappen von Bern, wo ich
  oft esse, nach dem Museum gehen will, um die Zeitungen des Tages
  zu lesen, dem Bcher-Antiquar Ros in Rooseboomsteeg vorbei und
  bleibe wie gewhnlich vor seinen ausgestellten Bchern stehen, um
  die Titel zu beschauen. Ich finde zufllig einen alten Jahrgang des
  historischen Calenders, der bei Haude herauskam, ber Amerika, der
  jetzt selten ist. Ich mchte den gern haben, denke ich, er wird wol
  fr ein Dbbelchen zu erstehen sein, und gehe hinein. Wieviel fr
  _dat boekje_ (das Bchelchen)?, frage ich. -- _Vier Sestehalven._
  -- Wie, vier Sestehalven? Ist sie klug?, sage ich zu der Frau,
  _voor zoo een oud ding, dat al voor 20 jaar verschenen is?_ (fr
  so ein altes Ding, das schon vor 20 Jahren erschienen ist?) -- Ja,
  unter 3 Shillings gebe sie es nicht. -- Kurz, wollte ich wohl oder
  bel, nachdem ich wie ein Grasmher gefeilscht hatte, einmal aus der
  Boutique schon weggegangen war, und der Versuch, zurckgerufen zu
  werden, ohne Erfolg war gemacht worden: ich mute 15 Stber geben.
  Aber, sage ich, wie das Geld bezahlt war, meine liebe Frau, #ich#
  habe die 15 Stber fr _dat boekje_ gegeben, weil es eine Seltenheit
  ist. Das wei #Sie# nun aber nicht. Anders wre es mir nichts werth
  gewesen. Wie kann Sie ein solches Ding so hartnckig auf einem solchen
  Preis halten? -- Ja, sagte sie, diese _boekjens met platen_
  (Bchlein mit Illustrationen), die knnte sie sehr gut verkaufen, und
  die fnden immer ihre Liebhaber. -- Hm, denke ich, dann knntest du
  ja den Ueberschu der Urania trefflich gebrauchen, welcher deinem
  Auge sonst doch Verdru genug sein wird. Ich theile ihr die Idee mit,
  worauf sie gleich entrirt. Aber ich habe viel, sage ich. -- Ja,
  das macht nichts, _en als de Heer ook een paar honderd heeft_ (wenn
  der Herr auch ein paar hundert hat). -- Ich bin wie aus den Wolken
  gefallen. Wo bleibt das Weib damit? Ich renne wie besessen nach Hause,
  hole ein hbsches in Maroquin, bringe das zur Probe und werde nun
  Verkufer statt Kufer. _Enfin_, einen Shilling bot sie mir noch am
  Abend, und diesen Morgen haben wir es zu 8 Stber hinaufgetrieben,
  wozu ich ihr unsern traurigen Vorrath von 223 Stck -- leider sind
  die 160 Ex., die nach Ostfriesland gegangen sind, alle angekommen und
  gleich als Makulatur bei Seite gelegt worden -- gegen gleich comptante
  Zahlung von ca. 90 Gulden.

  Ich habe mich halb krank ber die _ngociation_ gelacht, die wir
  aber unter uns halten mssen, weil, wenn es die deutschen Buchhndler
  erfhren, da man alte abgelebte Almanache beinahe fr einen halben
  Gulden loswerden knne, bald alle Landstraen damit bedeckt sein
  und der Handel _de fond  comble_ verdorben sein wrde. Ein Triumph
  meiner Phantasie wrde es sein, wenn ich der Frau auch noch den
  leipziger Ueberschu, der eine ganz andere Masse bilden wird,
  aufhngen knnte. Ich habe darauf angespielt; sie meinte aber, da
  an 223 sie einstweilen (!) doch genug habe. Ich denke es auch und
  frchte: fr immer. Aber es ist wahr: in Amsterdam ist doch auch Alles
  zu verkaufen! Indessen bin ich noch mit ihr im Handel ber unsern
  hiesigen Rest von .... (folgen einige Titel lterer Verlagswerke),
  worber ich bis Dienstag Rapport haben soll. Einzelne Exemplare kauft
  das Weib nicht; sie macht Alles im Groen, _en bloc_. Original!

Infolge der geistigen Aufregung und Ueberanstrengung in dieser ganzen
Zeit, wozu noch die hufigen rasch zurckgelegten Reisen kamen, wurde
Brockhaus bald darauf ernstlich unwohl. Schon am 24. Mrz sagt er,
da er sich seit kurzem gar nicht wohl fhle, keine Elust habe und
bestndig ein kleines Fieber mit sich herumschleppe. Eine Folge dieses
Uebelbefindens und seiner Erregung ist es wol, wenn er weiter schreibt,
er habe in Erwartung eines Berichts von Borntrger mehrere Tage nicht
schlafen knnen, und in Bezug auf einige unberechtigte Forderungen von
Schriftstellern hinzufgt:

  Ich bin keineswegs geneigt, diesen Leuten einen Schritt zu weichen.
  Gschen zeigte mir einmal ein dickes Convolut Papiere: Dieses
  enthlt Documente zur Schande der Menschheit, sagte er; es sind die
  Verhandlungen mit unsern berhmten Autoren.

Lange wehrte er sich gegen die Krankheit, ohne sich zu schonen; so
fuhr er einmal in einer Nacht nach Leyden und kehrte in der nchsten
Nacht nach Amsterdam zurck, um schon einige Tage darauf in hnlicher
Weise nach Rotterdam und zurck zu reisen. Endlich aber mute er sich
doch darein ergeben, seine Thtigkeit zu unterbrechen und sich zu
pflegen. Die Krankheit stellte sich als Gelenkrheumatismus und Gicht
heraus. Sechs Wochen lang, bis Anfang Mai, wurde er davon geplagt, und
mute also so lange die Abreise nach Leipzig verschieben, obwol seine
Anwesenheit dort besonders whrend der Messe so nothwendig war. Whrend
dieser Zeit erhielt er auch aus Dortmund die Trauerkunde vom Tode seines
jngsten, noch nicht ganz drei Jahre alten Sohnes Max, des Pathen
Baggesen's.

Am 10. April schreibt er an Borntrger:

  Ich habe von meinem Rheumatism einen solchen frchterlichen Rckfall
  bekommen, da ich seit Sonnabend, wo ich Ihnen schrieb, nicht aus dem
  Hause gewesen bin und fast immer das Bett gehtet habe. Auch diese
  Zeilen schreibe ich Ihnen aus dem Bette, und habe ich in diesen Tagen
  nicht anders als durch Dictiren arbeiten knnen. Ich habe sehr heftige
  Schmerzen in den Muskeln des Halses und des Kreuzes, soda ich leider
  weder gut liegen noch irgendeine ruhige Stellung annehmen kann. Es
  ist mir erstaunlich fatal, wie Sie denken knnen. Indessen hoffe ich
  doch, da durch Ruhe und Wrme sich Alles bald geben wird .... Mich
  fatiguirt das Schreiben auerordentlich und ich schliee daher in Eile.

Wenige Tage darauf, am 14. April, klagt er:

  Ich bin noch immer sehr krank, und wenn auch auf der Besserung, so
  geht's doch langsam. Mein Rheumatismus hat einen heftigen Charakter,
  der sich gar nicht fgsam beugen will. Indessen schreibe ich Ihnen
  doch wieder auer dem Bette. Die Stube darf ich aber noch nicht
  verlassen. Und morgen ber vier Wochen soll ich schon in Leipzig sein!
  Wie mich dies ergreift! Und doch mu und soll es mglich werden! Nur
  Hygiea verlasse mich nicht, oder komme vielmehr, deine strkende Hand
  ber mich zu erheben!

In einem Briefe vom 21. April heit es:

  Ich habe Ihnen Dienstag nicht geschrieben, weil ich Ihnen dann
  htte melden mssen, da ich aller Berechnung nach nicht zur Messe
  kommen knne. Ich war an diesem Tage von meiner vert........ Gicht in
  Nacken, Rcken und Fugelenken so gelhmt und so gepeinigt, da ich
  mich nicht rhren konnte. Es scheint aber das Maximum gewesen zu sein,
  und ich gehe seit vorgestern an einem Stocke im Zimmer herum. Ich
  hoffe nur jetzt, da ich werde kommen knnen! Ich #hoffe# es und ich
  #glaube# es! Schon wollte ich Ihnen alle Bcher schicken und Sie wie
  mein Geschft Gott anbefehlen.

  Ich habe hier brigens Mhe mich durchzuwinden, wie Sie denken
  knnen, besonders da ich krank bin; indessen guter Muth und Hoffnung,
  die menschliche, verlt mich nicht.

  Da Sie auf sechs gute Groschen reducirt waren, hat mir ein wenig
  Spa gemacht, denn bei allem Ungemach und Sorgen verlt mich mein
  guter Humor nicht ganz. Vor der Messe unmittelbar ist die Auslieferung
  immer schlecht. Lassen Sie sich darber keine grauen Haare wachsen!

Im nchsten Briefe, vom 24. April, schreibt er:

  Seit Sonnabend bin ich mit meinem Uebel nichts gefrdert. Es ist
  um gar nichts besser geworden, und ich habe die beiden Ostertage
  recht traurig zugebracht und die Nchte unter vielen und heftigen
  Schmerzen, da es des Nachts immer schlimmer ist als am Tage. Aller
  Gichtstoff hat sich jetzt auf den linken Fu geworfen, der dadurch
  sehr angeschwollen, soda die Haut auerordentlich gespannt ist ....
  Da ich indessen, diesen Punkt ausgenommen, vollkommen gesund bin
  und vielleicht jetzt der hchste Punkt des Uebels erreicht ist, so
  bleiben meine Aerzte dabei, da ich aller Wahrscheinlichkeit nach an
  meiner Reise nicht werde gehindert werden. Ich begreife es selbst, da
  zwei bis drei Tage mir hinreichende Genesung geben knnen, aber Sie
  knnen denken, wie angstvoll ich bin. Der Himmel wird mich nicht ganz
  verlassen!

Die gehoffte Besserung trat endlich ein und die Ausfhrung der Reise
nach Leipzig wurde fest beschlossen. Er schreibt an Borntrger unterm
28. April:

  Erst seit gestern Morgen darf ich jetzt wahre Hoffnung haben, die
  Reise nach Leipzig noch machen zu knnen. Erst seit gestern ist
  wahre Besserung da! Erst seit gestern Abend kann ich mich im Zimmer
  herumbewegen. Noch ist aber nur der Anfang der Besserung da. Es mu
  kein Rck-, kein Incidenzfall eintreten. Alles mu vortrefflich gehen,
  wenn es mglich werden soll, da die Reise geschehe. Wie sehr ich
  aber auf diese Begnstigung der Glcksgttin vertraue, sage Ihnen
  der Umstand, da ich am Mittwoch unter den heftigsten Zufllen, die
  ich aber zu verschmerzen noch die Kraft hatte, mit Jemandem Abrede
  wegen der Zusammenreise nahm und diese beschlossen wurde; wir stehen
  jetzt selbst noch in Unterhandlung ber den Kauf eines Reisewagens,
  dessen ich besonders sehr bedurfte fr diesmal. Auf jeden Fall riskire
  ich freilich bei dieser Reise mein Leben oder den Verlust meiner
  Gesundheit fr immer. Aber gibt es hierin eine Wahl? Kann ich hier
  bleiben, darf ich es, wenn nicht die gebieterischste Nothwendigkeit
  mich ans Krankenbette fesselt? Mein Krper ist sehr schwach. Meine
  Nerven sind in einem unglaublichen Grade gespannt und angegriffen;
  mein furchtbarer Seelenzustand ist die Ursache meiner Krankheit;
  diese fngt eben an, der sorglichsten Behandlung und aller Kunst
  meiner Aerzte zu weichen, und schon im ersten Genesen soll ich diesen
  zerrtteten schwachen Krper allen Beschwerlichkeiten und Gefahren
  einer solchen Reise aussetzen, wo ich auf schlechten Wegen, in rauher,
  kalter Witterung, und selbst des Nachts in der fr mich unangenehmsten
  Lage des Krpers in elenden offenen Wagen (wenn wir den Reisewagen
  nicht kaufen) eine Reise von 150 Meilen machen soll! Indessen Pflicht
  und Ehre rufen mich, und ich werde nicht wanken, wenn nur die Elemente
  der Kraft dazu da sind.

In den beiden letzten Briefen, die Brockhaus vor seiner Abreise von
Amsterdam am 1. und 5. Mai an Borntrger schreibt, spricht er die
zuversichtliche Hoffnung aus, da seine Anwesenheit in Leipzig alles
Geschftliche in Ordnung bringen werde. Er sagt:

  Wie Alles werden, sich ordnen und lsen solle, wei ich nicht,
  und um es zu wissen, mte ich ein Halbgott sein .... Ich werde der
  Gefahr ruhig unter die Augen treten und von der Gegenwart etwas
  Ertrgliches erkmpfen, fr die Zukunft Besseres bereiten .... Ich
  habe hierber wie ber hundert andere Dinge sehr Vieles mit Ihnen zu
  sprechen. Besonders von der jetzt mglichen ganz neuen Einrichtung
  unsers Geschfts habe ich Ihnen sehr wichtige Ideen mitzutheilen.
  Auf Sie, lieber Borntrger, vertraue ich Alles, und nur durch Ihre
  Mitwirkung knnen diese Ideen ausgefhrt werden. Ich glaube indessen
  gewi zu sein, da bei ihrer Befolgung wir in ein paar Jahren sehr
  glcklich leben werden und keine der Sorgen mehr kennen, die uns
  Beiden jetzt das Leben verbittern. Mndlich von dem Allen .... Dies
  ist eine jener Maregeln mit: Oekonomie ist die Basis des Mehrsten.
  Und die Unmglichkeit, mich mit Oekonomie einrichten zu knnen,
  das Unermeliche, was meine Haushaltung verschlang, der Kampf
  zwischen Gewohnheiten und nothwendigen Annehmungen, die _fiert_
  meines persnlichen Charakters, der alle die Wege nicht paten, die
  im jetzigen Berufe liegen -- dies war es, was mich gedrckt und
  zurckgebracht, mich ausgesogen hat. Aber noch ist fr Alles Rettung,
  denke ich. Ich habe mit Ruhe auf meinem jetzigen Schmerzenslager
  einen neuen Geschfts- und Lebensplan entworfen, in den Sie, lieber
  Borntrger, aber als ein nothwendiges Glied eingreifen. Sonst Niemand!

Auf den 10. Mai setzt er nun seine Abreise von Amsterdam fest. Freilich
fgt er hinzu: er werde wol abreisen knnen, aber ob er bis nach Leipzig
komme, wisse der Himmel; er sei am Genesen, aber noch keineswegs
wirklich genesen.

Indessen scheint er glcklich und ohne neue Erkrankung in Leipzig
angelangt zu sein, da sich kein weiterer Brief aus Amsterdam vorfindet,
wohl aber ein von ihm schon am 18. Mai in Leipzig unterzeichnetes
Actenstck.

Ueber seinen Abschied von Amsterdam, das er nur noch einmal nach
Jahresfrist auf kurze Zeit wiedersah, und ber die Reise, auf der er
wahrscheinlich Dortmund berhrte, um seine Kinder wiederzusehen, ist uns
nichts bekannt.




                       2.

            Vier Monate in Leipzig.


Noch whrend der Buchhndlermesse in Leipzig eingetroffen, gelang es
Brockhaus im Verein mit Borntrger alle geschftlichen Verhltnisse
rasch in Ordnung zu bringen und dadurch das vielfach gegen ihn
entstandene Mistrauen zu beseitigen. Nheres darber vermgen wir
nicht zu berichten, da unsere Hauptquelle fr diesen Zeitabschnitt,
die Correspondenz mit Borntrger, whrend ihres Zusammenseins aufhrt
und Brockhaus keinen andern Vertrauten fr seine geschftlichen
Mittheilungen hatte.

Dagegen ist wenigstens ein von ihm unterzeichnetes Schriftstck aus
dieser Zeit erhalten. Dasselbe trgt das Datum: Leipzig, 18. Mai 1810,
und zeigt also, da er, wie vorher erwhnt, an diesem Tage bereits
in Leipzig anwesend war. Der Inhalt dieses Actenstcks ist in vieler
Hinsicht interessant.

       *       *       *       *       *

Die von uns schon mehrfach erwhnten Werke des Obersten von Massenbach,
die Brockhaus verlegte, hatten in hohem Grade das Misfallen der
preuischen Regierung erregt, besonders die Memoiren zur Geschichte
des preuischen Staats unter den Regierungen Friedrich Wilhelm II. und
Friedrich Wilhelm III., wovon 1809 die ersten drei Bnde erschienen
waren und lebhaften Absatz gefunden hatten. Es sollten noch drei weitere
Bnde folgen und der Verleger hatte dies bereits ffentlich angekndigt.
Der vierte Band war auch bereits in der Druckerei von Mauke & Shne
in Jena bis auf die beiden letzten Bogen im Druck vollendet, als die
herzoglich weimarische Regierung, wahrscheinlich auf Requisition der
preuischen, die ganze Auflage in Jena mit Beschlag belegen lie.
Gleichzeitig kam der preuische Oberstlieutenant Gustav von Rauch
nach Leipzig, um im Auftrage seiner Regierung den Verleger des Werks
zur Verzichtleistung auf die fernere Verffentlichung desselben zu
bestimmen. Welche Grnde er dafr anfhrte, ist uns nicht bekannt, doch
waren es jedenfalls solche, die keine Ablehnung zulieen, denn Brockhaus
schlo mit ihm als dem Bevollmchtigen der preuischen Regierung einen
diese Verzichtleistung aussprechenden Vertrag ab. Dieses ist das
Actenstck vom 18. Mai 1810.

In dem Vertrage wurde zunchst ausgesprochen: Brockhaus bewillige,
da der zwischen ihm und dem Obersten von Massenbach ber jenes
Werk abgeschlossene Vertrag aufgehoben und der Verfasser seiner
contractmigen Verpflichtung, dasselbe complet zu liefern, entbunden
werde; ferner, da der vierte Band nicht erscheine oder im Publikum
ausgegeben werde, vielmehr, da alle davon gedruckten Exemplare mit
Einschlu der an Brockhaus gesandten (in Amsterdam befindlichen)
sogenannten Aushngebogen, ohne Ausschlu eines einzigen, an Herrn
von Rauch abgeliefert wrden. Sodann gab Brockhaus sein Ehrenwort,
da er nie und in irgendeinem Falle den Versuch machen werde, diese
Memoiren fortzusetzen, und da er die ihm darber gemachten oder noch zu
machenden Anerbietungen gnzlich abweisen werde. Dagegen bernahm Herr
von Rauch die Bezahlung der Druckrechnung fr den vierten Band sowie die
Regelung des Honorarverhltnisses zwischen Brockhaus und dem Obersten
von Massenbach, da letzterer von ersterm bereits das gesammte Honorar
auch fr die letzten drei Bnde (in drei Wechseln, jeder zu 500 Thlr.)
erhalten hatte. Brockhaus glaubte auerdem, und gewi mit vollem Rechte,
wie es in dem Vertrage heit, da fr die Unterbrechung der Herausgabe
dieses Werks gerade in der Periode, wo es fr den Haufen des Publikums
ein hheres Interesse erhalten mute, da ferner fr die Nichtvollendung
des Werks, worauf er ansehnliche Kosten verwandt hat, die sich noch
nicht rentirt haben knnen, weil das Werk noch nicht vollstndig
war, ihm eine Entschdigung gebhre. Die Hhe dieser Entschdigung
hatte er als Kaufmann und als Hausvater nach dem billigsten Mastabe
festgesetzt, doch stellte er dieselbe auf Wunsch des Herrn von Rauch,
im Fall Se. Majestt von Preuen diese Entschdigungssumme unbillig
finden sollten, unbedingt der allerhchsten Entscheidung Sr. Majestt
anheim, womit er in jedem Falle zufrieden zu sein hiermit frmlich
erklrt und also seine ad 1, 2, 3 und 4 gegebenen Versprechen durchaus
zu erfllen bereit ist. Nur die Berichtigung einer Summe von 500
Thlrn., die Massenbach von Brockhaus noch zu fordern hatte, versprach
Herr von Rauch jedenfalls zu bernehmen.

Weiter wurde festgesetzt, es solle zur Sicherung der mercantilischen
Ehre des Herrn Brockhaus in den ffentlichen Blttern eine Anzeige
erlassen werden: da auf Intercession eines hohen Gouvernements die
Verlagshandlung sich veranlat gefunden habe, die bereits im Werke
begriffen gewesene Herausgabe des vierten Bandes der Massenbach'schen
Memoiren zu unterdrcken, wie auch auf die Herausgabe des fnften und
sechsten Bandes Verzicht zu thun.

Freiwillig hatte Brockhaus Herrn von Rauch noch mitgetheilt, da er
eine Anzahl Originalbriefe des verstorbenen regierenden Herzogs von
Braunschweig von dem Obersten von Massenbach erhalten habe, welche in
vieler Hinsicht hchst interessant wren und besonders den preuischen
Staat betrfen; er erklrte sich zur Auslieferung derselben bereit, wenn
dies verlangt wrde.

Schlielich verpflichtete sich Herr von Rauch, sobald als mglich,
sptestens aber in Zeit von drei Wochen, ber die mit Brockhaus
gepflogenen Unterhandlungen bestimmte Auskunft zu ertheilen, whrend
beide Theile sich verbindlich machten, der Schicklichkeit und anderer
verschiedener Rcksichten wegen den Vertrag unter sich geheimzuhalten
und solchen zu keiner weitern Kenntni zu bringen.

Ein zweites Actenstck ber diese Angelegenheit liegt uns nicht vor,
auch keine briefliche Aeuerung, und wir wissen also nicht, ob die vom
Oberstlieutenant von Rauch versprochene weitere Auskunft und die
Genehmigung des Vertrags durch den Knig von Preuen erfolgte, doch ist
beides wol nicht zu bezweifeln. Jedenfalls aber hat Brockhaus das von
ihm in loyaler Weise gegebene Versprechen auf das gewissenhafteste
gehalten. Selbst als ihm in spterer Zeit ein Exemplar des vierten
Bandes, so weit er gedruckt worden, zum Kauf angeboten wurde, wies
er diesen Antrag, seines Wortes eingedenk, zurck. In den vierziger
Jahren wurde von Berlin aus an die Firma das Ansuchen gestellt, die
an dem vierten Bande eines Exemplars fehlenden Bogen zu ergnzen, was
zu thun sie natrlich auer Stande war. Das Werk ist somit ein Torso
geblieben (die ersten drei Bnde sind noch jetzt im Buchhandel, da
ihre Vernichtung, die ohnedem kaum ausfhrbar gewesen wre, von der
preuischen Regierung gar nicht verlangt wurde), und es liegt hier der
seltene Fall vor, da es gelungen ist, die theilweise bereits gedruckte
Fortsetzung eines Werks vollstndig der Oeffentlichkeit zu entziehen.
Hchstens drfte sich ein Exemplar an unzugnglicher Stelle in Berlin
befinden.

       *       *       *       *       *

Wir lassen gleich hier einen mehrere Monate nach der Verhandlung mit
Herrn von Rauch geschriebenen und mit derselben nicht zusammenhngenden
Brief des preuischen Staatskanzlers Frsten von Hardenberg an Brockhaus
folgen, weil er eine hnliche Angelegenheit betrifft. Der auch fr
Hardenberg's Charakterisirung wichtige Brief, aus Berlin vom 15.
October 1810 datirt, also kurz nach der am 6. Juni erfolgten Erhebung
Hardenberg's zum Staatskanzler nach Stein's Rcktritt geschrieben,
lautet:

          Wohlgeborener, hochgeehrter Herr!

  Durch ein anonymes Schreiben bin ich benachrichtigt worden,
  da in einem unter der Presse befindlichen Buche ein Artikel mit
  Privat-Anekdoten ber mich abzudrucken beabsichtigt werde, und da
  ich, wenn ich solches verhindern wolle, mich an Ew. Wohlgeboren
  unter Couvert des Herrn Buchhndler Rein in Leipzig wenden msse.
  Ich erkenne zwar die gute Absicht, welche dem anonymen Schreiben zu
  Grunde liegt, sehr dankbar; aber warum whlte der Herr Schreiber
  dieses Briefs die Anonymitt? Ich liebe sie nicht. Was die Anekdoten
  anbetrifft, womit man das Publikum ber mich unterhalten will, so
  wnsche ich, mehr um des Verfassers als um meinetwillen, da sie
  ungedruckt bleiben mgen, weil das wenige Wahre, was ihnen zum Grunde
  liegt, dergestalt mit ganz falschen Umstnden und irrigen Folgerungen
  durchwebt und dadurch entstellt ist, da dadurch das Ganze nothwendig
  gleich in dem verdchtigsten Lichte erscheinen mu. Ich scheue die
  Publicitt gar nicht. Der rechtliche Theil des Publikums unterscheidet
  bald das Wahre und Glaubwrdige von dem Falschen und absichtlich oder
  leichtsinnig Verdrehten und Ausstaffirten. Mein Bewutsein gengt
  mir als Mensch; es #mu# mir als Staatsmann gengen, da ich mich
  als solcher nicht vertheidigen #darf#. Um desto unedler ist aber
  der Angriff auf ganz unrichtige oder halbwahre Thatsachen und auf
  Grundstze, die man nicht kennen und wrdigen kann. So habe ich ganz
  falsche Darstellungen meiner politischen Handlungen und Ansichten
  betrachtet und werde sie forthin so betrachten.

  Hiernach berlasse ich es Ew. Wohlgeboren eigenem Gefhl, was Sie
  wegen Verhinderung des Drucks des gedachten Artikels oder dessen
  Einrckung in das erwhnte Buch veranlassen wollen, und beharre mit
  vollkommenster Hochachtung

                              Ew. Wohlgeboren ganz ergebenster

                                           Hardenberg.

Das Buch, um welches es sich handelte, war jedenfalls die erst ein
Jahr darauf, Ende 1811 (mit der Jahreszahl 1812), in Brockhaus'
Verlage anonym und, wie es scheint, ohne Verlagsort oder unter der
Firma Peter Hammer in Kln erschienene Schrift, die ihm auch andere
Unannehmlichkeiten zuzog: Handzeichnungen aus dem Kreise des hhern
politischen und gesellschaftlichen Lebens. Zur Charakteristik der
letzten Hlfte des achtzehnten Jahrhunderts, in welcher ein Abschnitt
Minister Hardenberg enthalten ist. Weshalb Brockhaus den Wunsch des
Staatskanzlers nicht erfllte, ist uns nicht bekannt, da weder seine
Antwort auf obigen Brief noch irgendeine weitere Notiz darber vorliegt.
Jedenfalls war es die erste Berhrung, die Brockhaus mit dem lange Jahre
allmchtigen Staatskanzler Preuens hatte, und wenn sich daran auch
zunchst keine weitern Folgen knpften, whrend er spter mit demselben
in fr ihn sehr verhngnivolle Conflicte gerieth, so ist in ihr doch
vielleicht die erste Ursache zu letztern zu suchen.

       *       *       *       *       *

Nachdem Brockhaus die mit der Ostermesse zusammenhngenden Arbeiten
erledigt und seine Beziehungen mit den Buchhndlern, Buchdruckern
und Schriftstellern in Leipzig und dessen Nhe geordnet hatte,
ging er mit Eifer an die Regelung seines Geschfts in Amsterdam.
Es war ein eigenthmliches Verhltni: er selbst nebst seinem
vertrautesten Commis in Leipzig, mit der Absicht, hier zu
bleiben und seine Verlagsunternehmungen von diesem dazu so viel
geeignetern Mittelpunkte des deutschen Buchhandels aus zu leiten;
sein eigentliches buchhndlerisches Geschft, wenigstens der den
Sortimentsbuchhandel betreffende Theil desselben, unter der Firma
Kunst- und Industrie-Comptoir fortwhrend noch in Amsterdam, unter
der Leitung eines zweiten Gehlfen, Krieger, der durchaus nicht sein
volles Vertrauen besa. Er blieb zwar bei seinem Entschlusse, das
amsterdamer Geschft aufzulsen, und sah auch bald ein, da es fr
ihn am besten sei, den Sortimentsbuchhandel ganz aufzugeben und nur
das Verlagsgeschft ganz nach Leipzig zu verlegen. Aber mit welchen
Schwierigkeiten war das verbunden, mit welchen unvermeidlichen
Verlusten! Er selbst mochte nicht wieder nach Amsterdam zurckkehren,
das ihm seit dem Tode seiner Frau und nach seiner letzten Krankheit
ganz verleidet worden war und wo ihm auerdem wegen des Hiltrop'schen
Processes und der frher von uns kurz erwhnten Geldgeschfte
mit zwei franzsischen Emigranten persnliche Unannehmlichkeiten
drohten. Es blieb kein anderer Ausweg brig: Borntrger mute sich
entschlieen, wieder nach Amsterdam zu gehen, um dort zu retten, was
noch zu retten war, die ausstehenden Forderungen einzutreiben und das
Sortimentsgeschft bestmglich zu verkaufen.

Aber auch dies hatte seine besondern Schwierigkeiten. Borntrger
erkannte in dem Antrage, den ihm Brockhaus machte, einen groen Beweis
von Vertrauen seitens seines Principals, die beste Anerkennung seiner
bisherigen Leistungen. Die Annahme schlo aber, ganz abgesehen von der
groen Verantwortlichkeit, eine persnliche Gefahr fr ihn ein. Unter
seinem wirklichen Namen Borntrger in Amsterdam vielfach gekannt, sollte
er nun unter dem von ihm angenommenen Namen Friedrich Schmidt dort
auftreten, mit denselben Leuten in Berhrung kommen, die sich seiner
aus der Zeit seines frhern dortigen Aufenthalts noch erinnern muten,
und selbst die Vermittelung der Behrden in Anspruch nehmen. Wie leicht
konnte er von den Franzosen denuncirt werden und der ihm dann drohenden
harten Strafe als _conscrit rfractaire_ verfallen. Doch jugendlicher
Muth sowie Anhnglichkeit an seinen Principal, dem er sich vielfach
zu Dank verpflichtet fhlte und dessen verstorbener Frau er als seiner
mtterlichen Freundin das treueste Andenken bewahrte, bewogen ihn,
jenem Wunsche nachzugeben. Er verlie Leipzig und langte am 15. August
glcklich in Amsterdam an.

Schon am 7. August schreibt Brockhaus wieder an ihn, wenn auch, wie er
sagt, der Brief wol frher als der Empfnger in Amsterdam sein werde.
Er verspricht ihm, mit nchster Post eine provisorische Cessionsacte zu
schicken, wahrscheinlich damit Borntrger formell als Eigenthmer des
Geschfts erscheine, und wnscht ihm Muth und Kraft.

Am 11. August schreibt er:

  Es bedarf wol keiner Erinnerung von mir, da da, wo sich Gelegenheit
  findet, von meinen hiesigen jetzigen und knftigen Verhltnissen, wenn
  auch gewi nicht ruhmredig, doch mit einer gewissen _assurance_ und
  Bedeutung mu gesprochen werden.

Am folgenden Tage bittet er ihn, in Amsterdam Niemand zu sagen, da
er in Leipzig sei, sondern etwa, er wohne in Weimar oder Dresden.
Damit stimmt berein, wenn er ihn kurze Zeit darauf veranlat, in die
amsterdamer Bltter folgende Anzeige zu setzen:

  Die jetzigen Zeitumstnde und meine bekanntlich vernderten
  huslichen Verhltnisse bewegen mich, vor der Hand nicht persnlich
  nach Amsterdam zurckzukehren. Indem ich meinen Freunden und Bekannten
  hiervon Nachricht gebe, ersuche ich Diejenigen, welche noch etwa
  Forderungen an mich haben mchten, solche Herrn N. N. aufzugeben,
  durch welchen sie, wenn solche richtig, auch baldigst ihre Bezahlung
  erhalten werden.

      Weimar.
                                 Friedrich Arnold Brockhaus.

Als Bevollmchtigter soll ein amsterdamer Advocat, den Borntrger
unter mehrern ihm vorgeschlagenen auszuwhlen hat, genannt werden;
gleichzeitig soll Borntrger an alle Correspondenten des Geschfts,
damit diese und das Publikum nicht glauben, als ob das Geschft ganz
aufhren werde, ein Circular etwa folgenden Inhalts richten:

                                                    Amsterdam, .....

  Herr Brockhaus, der seither unser hiesiges Sortimentsgeschft
  dirigirt hat, wird sich in Zukunft unserm Verlagsgeschfte in
  Deutschland widmen. Um Misverstndnissen hierber vorzubeugen,
  zeigen wir hiermit an, da hierdurch nicht die geringste Vernderung
  in unserm hiesigen Geschfte entstehen, sondern dasselbe mit der
  nmlichen Thtigkeit wie seithero unter der Direction von dem
  Mitunterzeichneten, Friedrich Borntrger genannt Schmidt, wird
  fortgesetzt werden.

  Friedrich Borntrger genannt
    Schmidt wird unterzeichnen:        Kunst- und Industrie-Comptoir.
  Kunst- und Industrie-Comptoir.
    Friedrich Schmidt.

Auffallend ist in diesen Verffentlichungen, da Borntrger's frher so
streng gehtete Pseudonymitt auf einmal aufgegeben wird, und ferner,
da Brockhaus Weimar statt Leipzig als seinen Aufenthaltsort angibt.
Letzteres hatte wol darin seinen Grund, da er sich vor persnlichen
Behelligungen infolge der vorher erwhnten Processe schtzen wollte.
Uebrigens war er auch noch nicht fest entschlossen, in Leipzig zu
bleiben; er schwankte zwischen mehrern Orten und schreibt in dieser Zeit
einmal an Borntrger: er wolle nchstens nach Berlin reisen, und es
sei auch gar nicht unwahrscheinlich, da er sich vielleicht dort ganz
fixiren werde.

       *       *       *       *       *

Brockhaus war seit Borntrger's Abreise aus Leipzig unablssig bemht,
Klarheit in seine Verhltnisse zu bringen und vor allem ber den Stand
des amsterdamer Geschfts klar zu werden. Borntrger widmete sich zwar
der ihm bertragenen schweren Aufgabe mit vollem Eifer, vermochte sie
aber doch nicht vollstndig zu lsen. Die ihm von Brockhaus bersandte
Cessionsurkunde trug er Bedenken zu unterzeichnen, obwol ihm sein
Principal wiederholt versicherte, da dies ungefhrlich sei und Niemand
dadurch benachtheiligt werde. Auch war der bisherige zweite Gehlfe
in Amsterdam, Krieger, von Borntrger bald nach seiner Rckkehr
in Brockhaus' Auftrage entlassen worden, da er seit des Letztern
Abreise von Amsterdam die dortigen Geschfte durchaus nicht zu dessen
Zufriedenheit besorgt hatte, und Borntrger mochte Mhe haben, allein
fertig zu werden.

Unter diesen Umstnden verwickelten sich die Verhltnisse immer mehr,
statt sich zu klren, und es entsprangen daraus auch fr Brockhaus
persnliche Unannehmlichkeiten der gefhrlichsten Art. Er hatte an die
Gleditsch'sche Buchhandlung in Leipzig einen auf sein amsterdamer Haus
ausgestellten Wechsel gegeben, der noch vor Borntrger's Ankunft in
Amsterdam prsentirt und von dem zweiten Gehlfen Krieger zurckgewiesen
wurde, obwol die Deckung dafr von Brockhaus eingesandt worden war.
Daraus entstanden die rgerlichsten Verhandlungen, die schlielich
Brockhaus veranlaten, am 17. September Leipzig zu verlassen und sich
nach Altenburg zu wenden.

       *       *       *       *       *

So wurde nicht Leipzig, wie er gehofft hatte, sondern Altenburg der
Rettungshafen, in dem er Schutz suchte vor den auf ihn anstrmenden
Wogen, die sein khn aufgebautes und mit Beharrlichkeit gegen mancherlei
Strme glcklich vertheidigtes Lebensschiff pltzlich, als er schon ganz
nahe am Ziele zu sein glaubte, vllig zu Grunde zu richten drohten. Und
hier endlich, wo er mit kurzen Unterbrechungen die Zeit vom September
1810 bis Ostern 1817 zubrachte, sollte er, wenn auch nicht die ersehnte
Ruhe, die ihm berhaupt eigentlich nie im Leben beschieden war, doch den
festen Grund finden, auf dem er das Gebude seines Geschfts endlich
dauerhaft begrnden konnte.

Zunchst freilich schlugen die Wogen fast ber ihm zusammen, und diese
Zeit, wol die allertrbste seines schweren Lebens, haben wir noch vor
der Schilderung seiner Niederlassung in Altenburg vorzufhren. Sie
knpft sich an den Namen einer Frau, die in verhngnivoller Weise in
sein Leben eingriff.




                       3.

       Beziehungen zur Hofrthin Spazier.


Als Brockhaus am 18. September 1810 Altenburg zum ersten male betrat,
geschah dies in Begleitung einer Freundin, an die er sich seit dem Tode
seiner Frau mehr und mehr angeschlossen, die whrend der letzten vier
Monate in Leipzig seine treue Beratherin gewesen war und ihn auch in der
Stunde der Gefahr nicht verlie. Es war dies die Hofrthin Spazier, die
bald seine erklrte Braut werden sollte.

       *       *       *       *       *

Minna Spazier, mit ihrem vollen Vornamen Johanne Karoline Wilhelmine
und nach ihrem zweiten Manne gewhnlich Uthe-Spazier genannt, von der
wir bisher meist nur als Herausgeberin des Taschenbuchs Urania zu
sprechen hatten, lebte seit dem Tode ihres Mannes, des am 19. Januar
1805 in Leipzig verstorbenen Hofraths _Dr._ Karl Spazier, Herausgebers
der Zeitung fr die elegante Welt, zuerst in Neustrelitz, dann wieder
in Leipzig. Sie war die zweite Tochter des Geh. Tribunalraths Mayer in
Berlin und daselbst am 10. Mai 1779 (oder 1777) geboren. Ihre ltere
Schwester, Karoline, war an Jean Paul Friedrich Richter in Baireuth
verheirathet, die jngere, Ernestine, die aber schon 1805 starb, an den
Hofrath August Mahlmann in Leipzig, der nach dem Tode seines Schwagers
Spazier die Zeitung fr die elegante Welt, spter (1810-18) zugleich
die Leipziger Zeitung redigirte und sich auch als Dichter einen Namen
gemacht hat. Mit ihren beiden Schwgern stand sie in guten Beziehungen,
und wurde von ihnen auch in ihrer literarischen Thtigkeit untersttzt.
Sie war Mitarbeiterin an verschiedenen Zeitschriften, gab seit 1801
das Taschenbuch der Liebe und Freundschaft heraus, redigirte die
ersten beiden Jahrgnge (1810 und 1812) des von Brockhaus begrndeten
Taschenbuchs Urania, bersetzte die von Frau von Stal franzsisch
herausgegebenen Briefe, Charaktere und Gedanken des Prinzen Carl
von Ligne (Leipzig 1812) und die Briefe der Lespinasse (2 Bnde,
Elberfeld 1810), die von Jean Paul gnstig recensirt wurden, und gab
spter auch eine Sammlung von Erzhlungen unter dem Titel: Sinngrn,
eine Folge romantischer Erzhlungen, mit Theilnahme Jean Paul Richter's
und einiger deutscher Frauen Untersttzung (Berlin 1819) heraus. In
Leipzig bewegte sie sich in den literarischen Kreisen und war namentlich
mit dem als Uebersetzer bekannten Adolf Wagner (dem Onkel Richard
Wagner's) und dem Dichter August Apel befreundet.

Auch mit Varnhagen von Ense und dessen Gattin Rahel war sie nher
bekannt. Ersterer[39] schildert sie (1807) als eine schriftstellernde,
lebhafte, liebenswrdige, nicht gleichgltig lassende Frau und fgt
hinzu:

  Sie bekannte mir ihre ganze Lage, wie ihr Witwenstand sie dazu
  drnge, sich irgendwo wieder anzuschlieen, wie sie einige Bande
  leichter Neigung festzuhalten gesucht, aber noch unentschieden
  zwischen mehrern schwanke, die einstweilen gleicherweise von ihr
  begnstigt wurden; auch ich sollte diese Begnstigung erfahren und
  an solchem Band oder Bndchen mich gehalten fhlen, allein ich war
  durch so viele scharfe Geschichten abgehrtet genug, um diesmal ohne
  Zagen die noch schwachen Fden gleich wieder abzureien, obgleich mehr
  gebunden war und zerrissen wurde, als ich damals ahndete und nachher
  glauben wollte.

Auer durch reichen Geist und Liebenswrdigkeit war sie auch durch
hervorragende Schnheit ausgezeichnet.

Brockhaus hatte sie schon im Herbste 1808, als er Leipzig zum ersten
male als Buchhndler besuchte, kennen gelernt und, wie es scheint,
schon damals mit ihr wegen Herausgabe der Urania verhandelt. In einem
von ihm an Borntrger in Leipzig gerichteten Briefe aus Amsterdam vom
27. Februar 1809 finden wir sie zum ersten male erwhnt. Whrend der
Ostermesse 1809 verkehrte er viel mit ihr in Leipzig wegen der Urania.
Als Borntrger im Sptherbst 1809 wieder nach Leipzig reist, schickt
Brockhaus wichtige Geschftsbriefe statt an seinen bisherigen dortigen
Commissionr Weigel an seine Freundin, die Hofrthin Spazier, und
weist Borntrger an, die Briefe bei ihr in Empfang zu nehmen. Der
betreffende Brief an Borntrger ist am 30. November 1809, also kurz
vor dem (am 8. December) erfolgten Tode seiner Frau geschrieben, und
bald nach diesem, in den frher von uns erwhnten Briefen vom 19. und
23. December, nennt er sie seine wahre Freundin, der Borntrger ganz
vertrauen knne, und fordert ihn auf, in Leipzig zunchst Niemand als
sie zu besuchen.

Borntrger scheint ihr inde doch nicht so vollstndig wie Brockhaus
vertraut und diesen selbst vor ihr gewarnt zu haben, namentlich wol
unter Hinweisung auf ihren, auch von Varnhagen erwhnten vertrauten
Verkehr mit Andern. Darauf bezieht sich folgende Antwort von Brockhaus
in einem Briefe vom 21. Januar 1810:

  Ich habe noch ein Wort im Vertrauen mit Ihnen zu sprechen ber mein
  Verhltni zur Hofrthin. Es kann Ihnen nicht entgangen sein, da
  dies Verhltni sehr innig sein msse. Dies ist es. Ich glaube an ihr
  eine treue und edle Freundin zu haben im ganzen Umfange des Worts.
  Ich bin von Weibern und Mnnern in der Welt oft getuscht worden,
  ich glaube nicht, da sie mich tuschen wird. Ich wei es, da ihr,
  wie fast Jedem widerfhrt, der sich von der Landstrae des Gemeinen
  entfernt, vom geschwtzigen Publikum vieles Ueble nachgesagt wird
  oder ist nachgesagt worden, und ich glaube selbst, da Manches davon
  nicht ungegrndet sein mag. Mich kmmert das aber nicht. Ich werfe
  darum keinen Stein auf sie, sondern frage nur: ist sie dir als treue
  und biedere Freundin getreu? Ist und bleibt sie das, so kmmert mich
  nichts weiter.

  Ihre Sorge, guter Borntrger, sei nur, dieses zu beobachten. Finden
  Sie dies nach Ihrem unbefangenen Sinne besttigt, so vertrauen Sie
  ihr, wie ich ihr vertraut habe und noch vertraue. Finden Sie es aber
  nur nach Ihrer Ansicht anders, so berlasse ich Ihnen, wie Sie handeln
  wollen, und mache Ihnen nur das zur Pflicht, mich nicht eher von
  Ihren Gegenideen zu unterhalten, bis Sie eine wenigstens relative Art
  von Gewiheit ber diese Ansichten mchten erworben haben.

  Noch fge ich hinzu, da mein Verhltni zur Hofrthin in Zukunft
  nie einen andern Charakter erhalten kann, als den es jetzt hat.

Nach diesem Briefe dachte Brockhaus damals gewi noch nicht daran, Frau
Spazier zu heirathen. Noch deutlicher geht dies aus einem folgenden
Briefe vom 16. Mrz hervor, in dem es heit: Er beabsichtige in Leipzig
wieder eine kleine Haushaltung anzufangen und zwei seiner (eben in
Dortmund untergebrachten) Kinder abwechselnd um sich zu haben, wozu er
eine Haushlterin suche, die gebildet genug sei, auch das husliche
Leben etwas erheitern zu knnen; heirathen werde er nicht wieder, aus
Gemths- und aus Verstandesgrnden.

In einem der nchsten Briefe freut er sich, Borntrger melden zu knnen,
da die Hofrthin auch ihn, der mit ihr so viel zu verkehren hatte,
liebgewonnen habe. Freilich findet sich auch einmal ein Zeichen von
Mistrauen gegen sie, indem er unterm 1. Mai 1810 schreibt:

  Die Entschuldigung der Hofrthin gegen Varnhagen war nicht edel,
  und nur eigene drckende Verlegenheit kann sie dafr entschuldigen in
  etwas. Ich vertraue auf die Hofrthin viel, ob zu viel, wird die Zeit
  wrdigen.

Seit seiner bald nach diesem Briefe in den ersten Tagen des Mai
erfolgten Ankunft in Leipzig trat er allerdings in ein nheres
Verhltni zu ihr; aus dieser Zeit, bis zu der Anfang August erfolgten
Abreise Borntrger's nach Amsterdam, fehlt inde jede intimere
Correspondenz, die darber Aufschlu geben knnte. Jedenfalls war er
bald darauf fest entschlossen, sie zu heirathen. Schon in dem ersten an
Borntrger nach Amsterdam gerichteten Briefe vom 7. August heit es:
Minna und ich werden Ihnen ewig danken, wenn Sie dort mit Mannessinn
handeln; am 11. August schreibt er: Sobald wir hier einigermaen
rangirt sind, reisen wir bestimmt nach Berlin (wo ihr Vater wohnte),
und trgt Borntrger auf, aus den Musikvorrthen des amsterdamer
Sortimentsgeschfts zu schicken was fr Minna's Studien pat,
besonders Guitarrenmusik; am 25. August endlich sagt er: Von Berlin
haben wir von Minna's Vater sehr angenehme Nachrichten jetzt, und wir
wnschten nun bald hinreisen zu knnen.

Borntrger machte den Versuch, ihn von der Heirath, der er von Anfang
an entgegen war, abzuhalten, und whlte dazu ein Mittel, das er bei dem
ihm wohlbekannten edeln Charakter seines Principals fr das wirksamste
halten mochte.

Er schrieb ihm in einem Briefe (dessen Concept uns jedoch nur vorliegt):

  Nun noch eine Bitte, die nicht mich betrifft, die ich aber auf die
  Gefahr, Sie zu erzrnen, wage, die Sie aber lesen mssen.

  Niemand kann den Werth der Frau, die Sie an Ihr Leben und Ihr
  Schicksal fesseln wollen, besser erkennen als Sie, und Niemand kann
  den Stand Ihrer eigenen Geschfte wieder besser kennen als Sie. Seien
  Sie einmal ehrlich gegen sich selbst und thun Sie nicht eher einen
  Schritt, von dem das Glck eben dieser Frau ganz abhngt, als bis Sie
  sicher sind, da Ihnen Beiden kein Unglck mehr droht. Sie wissen, wie
  Vieles noch unentschieden ist. Sie wissen, wie viel auf dem Spiele
  steht. Warten Sie den Erfolg erst ab, ehe Sie handeln -- wie edel
  und wie uneigenntzig die Frau denkt, wissen Sie; sollte sie es wol
  verdienen, dieses Alles ben zu mssen?

Brockhaus antwortete auf diese wohlgemeinte und verstndige Warnung zwar
nicht erzrnt, aber doch ausweichend unterm 28. August:

  In dem, was Sie mir ber Minna sagen, erkenne ich Ihr gefhlvolles
  theilnehmendes Freundesgemth. Ich danke Ihnen dafr. Ich vertraue
  und glaube, Alles wird wohl werden. Nur Muth, Thtigkeit und festes
  Wollen, moralisch gut zu handeln! Ich und Minna vertrauen fr dort auf
  Sie. Vertrauen Sie auf uns!

Am 1. September meldet er: Minna ist diese Woche recht krank gewesen,
seit heute aber wieder wohler, und einige Tage darauf fgt er hinzu:
Mit unserer Heirath eilt es und eilen wir nicht.

       *       *       *       *       *

So standen die Sachen, als sich Brockhaus am 17. September 1810
entschlo, Leipzig zu verlassen und nach Altenburg berzusiedeln.
Wir knpfen hier den frher unterbrochenen Faden der Erzhlung seiner
nchsten Lebensschicksale wieder an.

Brockhaus schreibt an Borntrger noch an jenem Tage aus Leipzig in einer
Nachschrift zu einem lngern Briefe:

  Unsere Schicksalsstunde hat geschlagen .... Wir reisen diese Nacht
  ab. Nach Altenburg. Gott erhalte uns und die edle Minna, die wie eine
  Rmerin jetzt begeistert ihr Schicksal zu dem meinigen machen will.
  Nur als meine Gattin kann Minna mein Schicksal theilen. Wir werden
  thun, was denkbar ist, aber das Schicksal ist schwer.

In Altenburg kannte Brockhaus den Kammerverwalter Ludwig (mit dem er
1808 in Leipzig zusammengetroffen war), den Buchhndler _Dr._ Pierer
und den Kriegsrath von Clln, der jetzt hier lebte und den er erst
kurz vorher in Leipzig persnlich kennen gelernt hatte, obwol er an
dem Verlage seiner Vertrauten Briefe ber den preuischen Hof mit
betheiligt war. Er schreibt ber ihn:

  Dieser ist ein tchtiger Mensch und voller _liaisons_ und Ideen. Auf
  seine Verlagsanerbietungen sind wir nicht entrirt und sind darum um so
  freier. Er hat sich aber sonst sehr an uns attachirt, und seine genaue
  Freundschaft mit Schnorr[40] ist uns auch Brge mit, da er ein in sich
  rechtlicher Mensch ist.

Mit diesen Mnnern, die ihn sehr freundlich aufnahmen, und mit dem
Hofgerichtsadvocaten Ferdinand Hempel, den ihm Pierer zufhrte und
der bald sein vertrautester Freund und Rathgeber wurde, besprach
Brockhaus seine Lage, und ihrem Rathe folgend entschlo er sich zu dem
verzweifelten, aber den Umstnden nach gerechtfertigten und praktischen
Ausweg: sein Geschft an seine zuknftige Braut zu verkaufen. Er glaubte
sich dann mit seinen Creditoren leichter arrangiren zu knnen, ohne
befrchten zu mssen, durch sofortiges Einschreiten einzelner derselben
der Mglichkeit, alle zu befriedigen, beraubt zu werden. Der Kaufvertrag
wurde am 5. resp. 6. October abgeschlossen, Kammerverwalter Ludwig zum
Curator der neuen Besitzerin, Hempel zu Brockhaus' Vertreter ernannt.
Die Betheiligten reisten nach Leipzig, um die Uebergabe des Geschfts an
die neue Besitzerin zu vollziehen, zuerst Ludwig mit Frau Spazier, am
nchsten Tage Hempel, einen Tag spter Brockhaus selbst. Die Uebergabe
ging ohne besondere Schwierigkeiten von statten.

Die hierber erlassenen Anzeigen und Circulare drfen als zur Geschichte
der Firma F. A. Brockhaus gehrig, zumal das Geschft dadurch sogar
eine neue Firma erhalten sollte, an dieser Stelle nicht fehlen, obwol
zweifelhaft ist, ob sie in die Oeffentlichkeit gelangten, und es
auerdem nur ein Scheinkauf war, der bereits zehn Tage darauf, am 16.
October, von den Betheiligten wieder aufgehoben wurde.

Die zwei in Altenburg gedruckten Anzeigen, die uns in dem von Brockhaus
an Borntrger gesandten Exemplare (in Circularform) vorliegen, lauten:

                         Amsterdam und Leipzig, den 6. October 1810.

  Als Eigenthmer der unter der Firma: Kunst- und Industrie-Comptoir,
  bekannten Verlags- und Sortiments-Buchhandlung zeige ich hiermit
  an, da ich diese Handlung mit allen Vorrthen, Verlags-Rechten und
  smmtlichen Activ-Schulden an die Witwe Hofrthin Spazier, geb. Mayer,
  verkauft habe; hiernchst aber die Liquidation der Passiven, insofern
  diese nicht durch Gegenrechnungen, so weit sich solche bis _ dato_ in
  den Handlungsbchern verzeichnet finden, ausgeglichen werden knnten,
  mir selbst vorbehalte.

                                   Friedrich Arnold Brockhaus.

                                 -----

                         Amsterdam und Leipzig, den 6. October 1810.

  Indem ich Obiges besttige, fge ich hinzu, da in Verbindung mit
  mehrern Freunden eine neue Buchhandlung, unter der Firma:

                       Typographisch-litterarisches Institut
                           in Amsterdam und Leipzig,

  errichtet ist, von welcher Firma hinfhro der seitherige Verlag des
  Kunst- und Industrie-Comptoirs allein wird zu erhalten sein.

  Es verbittet sich dies neue Geschft jedoch einstweilen, bei den
  in Holland eintretenden Vernderungen in Rcksicht des deutschen
  Buchhandels, alle und jede Zusendung von Novitten, bis es darber
  etwas Nheres anzeigen wird, und begngt es sich vorlufig mit dem
  Empfange der Continuationen, um deren prompte Zusendung gebeten wird.
  Was die Sortiments-Handlung des neuen Geschfts gebrauchen mchte,
  wird es fr feste Rechnung verlangen.

  Das, was von heute an noch fr das Kunst- und Industrie-Comptoir
  eingeht, wird von dem Typographisch-litterarischen Institute
  verrechnet werden.

  Die Herren W. Rein und Comp. in Leipzig haben die Gte, die
  Commission fr dieses neue Geschft zu bernehmen, und ich ersuche
  dieserhalb, die mir als Kuferin des Kunst- und Industrie-Comptoirs
  competirenden Saldo-Reste und alles Weitere diesen unsern
  Commissionrs zuzustellen.

               Johanne Caroline Wilhelmine, Witwe Hofrthin Spazier,
                                   geb. Mayer.

                                 -----

Das in Amsterdam gleichzeitig in deutscher und hollndischer Fassung
gedruckte Circular lautet in ersterer:

                             Leipzig und Amsterdam, 5. October 1810.

  Ich zeige Ihnen hiermit an, da ich die Direction und meinen
  Theil an dem seit 1806 hier in Amsterdam wie in Leipzig, unter
  der Firma von Kunst- und Industrie-Comptoir, bestanden habenden
  Buchhandlungs-Etablissement abgegeben und an die Hofrthin Witwe Joh.
  Carol. Wilh. Spazier, geb. Mayer, unter heutigem Dato verkauft habe,
  wodurch diese alleinige Eigenthmerin beider Geschfte mit allen
  Vorrthen, Verlagsrechten und ausstehenden Activ-Schulden geworden ist.

                                                F. A. Brockhaus.

                                 -----

  Indem ich Obiges besttige und hinzufge, da ich fr Amsterdam
  Herrn F. Schmidt zu meinem Commissionr ernannt, und ihn mit allen
  nthigen notariellen Vollmachten versehen habe, an den Sie sich also
  von jetzt an, in Rcksicht alles dessen was Ihre Verhltnisse zum
  ehemaligen Kunst- und Industrie-Comptoir betrifft allein wenden, und
  dem, was von ihm darin geschieht, ganzen Glauben beimessen wollen,
  zeige ich zugleich an, da ich knftig allein das Verlagsgeschft
  und zwar unter der Firma Typographisch-litterarisches Institut
  in Leipzig fortfhren, hingegen die in Amsterdam bestehende
  Sortiments-Buchhandlung aufheben werde, weil der deutsche Buchhandel
  durch die franz. Gesetze sehr beschrnkt und gehemmt werden wird, und
  derselbe ohne gnzliche Freiheit nicht mit Vortheil bestehen kann.

  Um nun mein daselbst vorhandenes groes Lager noch mglichst
  verkleinern zu knnen, biete ich Ihnen hierdurch alles ohne Ausnahme,
  was Sie noch von den vorrthigen Artikeln, nach unsern bereits
  erhaltenen Katalogen, zu acquiriren wnschen, gegen comptante Zahlung
  mit 33 1/3 p. Ct. Rabatt an, doch erbitte ich mir Ihre Orders so bald
  als mglich, da sie spterhin nicht gut mehr mchten ausgefhrt werden
  knnen.

                            Joh. Carol. Wilh. Spazier, geb. Mayer.

                                 -----

Mit vollem Rechte konnte Brockhaus am 21. October an Borntrger
schreiben: der khne Schritt sei gelungen und das Geschft gerettet;
jedermann habe eingesehen, da der Verkauf fingirt sei; derselbe habe
deshalb gesetzmig umgestoen werden knnen, wenn man den Verdacht der
Insolvenz gehegt htte, das sei aber glcklicherweise nicht der Fall,
wie auch kein Grund irgendwelcher Art zu einem solchen Verdacht vorliege.

Ueber die Einwirkung aller dieser Verhltnisse auf seine dadurch
scheinbar so viel nher gerckte Heirath schreibt Brockhaus an
Borntrger unterm 14. October:

  Was unter diesen Umstnden aus unserer Verbindung werden wird, wei
  Gott! Es versteht sich von selbst, da sie nicht eher statthaben darf,
  bis sie einigermaen geordnet sind. Fr mich frchte ich in Rcksicht
  meiner Gesinnungen nichts, da mir Minna theurer wie mein Leben ist
  und ich hchst unglcklich sein wrde, wenn ich sie verlre. Von der
  andern Seite denke ich aber auch zu zart, als da ich auch nur auf die
  leiseste Weise Ueberredung gebrauchen mchte, im Fall ich auch nur
  einigermaen ahnden knnte, als seien ihre Gesinnungen und ihre Liebe
  verndert. Ich begreife vollkommen, wie diese Geschichten alle auf sie
  influenciren mssen, und wie es geschftige Rathgeber geben wird, die
  ihr die Verhltnisse und mich mit Farben darstellen, die sie sicher
  ngstlich machen mssen. Haben sich solche Rathgeber ja auch bei mir
  eingefunden in Rcksicht auf sie. Man mu ihre und meine Verhltnisse
  so genau und in allen ihren hundertfltigen Beziehungen kennen, als
  Sie es thun, mu wissen, wie isolirt und verloren wir Beide standen
  und getrennt wieder stehen wrden, man mu unsere achtzehnmonatliche
  genaue und innige Freundschaft kennen, man mu dies Alles genau
  wissen, um unser Verhltni ganz wrdigen zu knnen ....

  Ich werde Minna nie freiwillig und aus Grnden, die in mir selbst
  liegen knnten, verlassen. Ich kann es nicht, und ich wrde es fr
  ein Verbrechen halten, wenn ich es wollen knnte. Aber ich werde sie
  verlassen, sobald sie es wnscht, und gehe ich darber auch, wie
  ich voraussehe, ganz zu Grunde. Dies habe ich ihr auch mehrmalen in
  schweren Momenten gesagt! Sie hat bisher immer erklrt, da sie ihr
  Leben dem meinigen unzertrennlich anschlieen werde. Wenn das ihre
  Gesinnung bleibt, so glaube ich, da Alles wohl und gut enden werde
  und enden knne. Voneinander getrennt, glaube ich aber, da sie wie
  ich moralisch und brgerlich werden zu Grunde gehen ....

  Noch gereicht mir sehr zur Beruhigung, da ich auch bei aller meiner
  innigen Liebe, ja Anbetung fr sie mich dennoch lange, wie Sie es
  selbst wissen, sehr lange gestrubt habe, ehe ich zu einer Verbindung
  mich entschlossen habe, und da die Initiativen dazu nicht von mir,
  sondern von ihr selbst ausgegangen sind. Auch hat sie das Verhltni
  meiner Handlung im ganzen gekannt wie es ist.

Nach einigen Wochen, die er in der eifrigsten Thtigkeit fr Ordnung
seiner Angelegenheiten und in angenehmem Verkehr mit seinen neuen
Bekannten in Altenburg verbrachte, uert er gegen Borntrger unterm 10.
November:

  Ich habe Ihnen letzthin viel ber meine und Minna's Verhltnisse
  geschrieben. Sie haben sich wieder enger als je geknpft, und sobald
  die brgerlichen Schwierigkeiten besiegt sind, werden wir heirathen.
  Seit acht Tagen leidet sie erstaunlich an Krmpfen, ist seit heute
  etwas wohler, aber noch unendlich krank und schwach.

  Uebrigens sind wir sehr geneigt, wenn Alles ertrglich geht, uns
  hier zu fixiren. Altenburg ist ein Ort von circa 10-12000 Einwohnern,
  wo sich die Langeweile der ganz kleinen Stdte nicht findet und
  wirklich ein sehr angenehmer Ton herrscht. Es gibt hchst interessante
  Cirkel, und Minna, die in mehrern Jahren in Leipzig beinahe keinen
  Menschen mehr sah, ist wie in einer neuen Welt, wo sie durch ihre
  Talente und ihren Geist sehr geschtzt ist. Das Reichenbach'sche Haus,
  mit Reichenbach's zwei hchst interessanten verheiratheten Schwestern,
  einer Madame Hoffmann und Madame Pierer, und das von Ludwig, der
  einen Engel an Weib und reich an Talenten zur Frau hat, bilden den
  Centralpunkt der bessern gesellschaftlichen Cirkel, worin Minna auch
  aufgenommen ist und ich es bin, wie ich es wollen werde. Man kann mit
  1000 Thlr. hier ein ganz anstndiges Haus machen und wird nicht blos,
  wie in Amsterdam und in Leipzig, nach dem, was man mit Geld wiegt,
  gewogen. Ueberhaupt ist das Land von allen Kriegsverheerungen beinahe
  ganz verschont geblieben und ist unter der sanften Gothaischen
  Regierung wol noch eins der glcklichsten Lndchen, die es in dem
  jetzigen Sturme aller Verwirrung geben mag.

So aufs neue Hoffnung schpfend und mitten unter Strmen dem ihm
vorschwebenden bescheidenen Ziele ganz nahe, wurde Brockhaus abermals
und in der entsetzlichsten Weise vom Schicksale getroffen, das wie ein
Blitz aus der schwlen Luft, die ihn umgab, herniederfuhr: seine Braut
-- wurde wahnsinnig! Und wenn sie auch wieder genesen sollte, sie war
auf immer fr ihn verloren!

Mit ergreifenden Worten schildert er selbst diese Vorgnge in einem
Briefe an Borntrger vom 21. November:

  Wo soll ich Worte hernehmen, um Ihnen den namenlosen Jammer
  auszudrcken, worin ich gestrzt bin! O Gott! welch ein frchterliches
  Schicksal verfolgt mich, und wie wird sich Alles noch enden! Mein
  letzter Brief an Sie war vom 9./11. November. Seit der Schreibung
  desselben habe ich von Ihnen auch weiter keine Nachrichten erhalten,
  soda also wohl morgen mehrere Briefe zusammen von Ihnen eintreffen
  werden. Aber wo wrde ich auch den Muth und die Zeit hergenommen
  haben, Ihnen etwas sagen zu knnen? Wo nehme ich ihn jetzt her, am
  Abend der frchterlichsten Katastrophe meines Lebens?

  Schon in meinem letzten Briefe mu ich Ihnen gesagt haben, da
  Minna krank sei. Sie ist es geblieben -- sie ist es noch -- sie ist
  -- entsetzen Sie sich nicht -- sie ist -- wahnsinnig! Ich vermag
  es nicht, Ihnen den ganzen Hergang der frchterlichen Krankheit zu
  erzhlen. Etwa gegen den 1. d. M. fing es mit einem Gliederreien
  an. Aus dem Gliederreien wurde ein rheumatisches Fieber; dieses
  artete in ein nervses aus, es kamen hysterische Zuflle -- lebhaftes
  Phantasiren -- Irrereden hinzu, und dies Alles hat mit dem Zustande
  geendet, den ich Ihnen oben genannt habe, nicht aber nochmal nennen
  kann. Ob eine Heilung mglich ist, steht dahin, das jetzt Factische
  ist da, und mir ist jenes unwahrscheinlich -- aus psychologischen
  Grnden. Wir haben tglich die rhrendsten und herzerschtterndsten
  Auftritte, aber auch die entsetzlichsten, wie die wildeste Phantasie
  sie sich nur schaffen kann. Einer der entsetzlichsten hatte in der
  Nacht vom Sonntag auf Montag statt, wo auer sonstigen Wchtern
  Madame Ludwig -- ein Engel von Weib -- mit mir, der seit 16 Tagen
  jetzt nicht aus den Kleidern gekommen, die oberste Wache hatte, und
  wo sie einen heftigen Anfall von Wuth bekam, da ich in Gefahr war
  erdrosselt zu werden -- da sie wthend um sich und Emma in den Hals
  bi -- und nachdem ich eine Viertelstunde lang den schrecklichsten
  Kampf mit ihr gekmpft hatte, in dem Gott mich wunderbar strkte,
  und nachdem endlich Hlfe kam, sechs Mnner es kaum vermochten,
  sie zu bndigen, um sie binden zu knnen. Diese Anflle haben sich
  wiederholt, wenn auch mit minderer Strke, soda wir wieder gewagt
  haben, zu ihr zu gehen. Heute hat aber wieder ein Zufall stattgehabt,
  der es mir verbietet und unmglich macht, wieder zu ihr zu gehen,
  wenigstens einstweilen nicht. Ein Charakter ihres Wahnsinns war
  seither die auerordentlichste Liebe und Anhnglichkeit zu mir, soda
  ich durch Zureden Alles vermochte, und meine nothwendigen, wenn auch
  nur augenblicklichen Entfernungen immer die rhrendsten Erscheinungen
  hervorbrachten. Heute aber, gerade zu Mittag, wo ich mit Emma, einem
  Wchter und unserm Hauswirthe bei ihr war, bekam sie einen Anfall, der
  zunchst auf mich gerichtet war, und wo sie auf mich einstrzte, mich
  anzufallen wagte, und mit geballten Hnden auf mich einschlug, da
  Strme Blut mir aus der Nase strzten. Nur mit Mhe gelang es uns, sie
  zu binden! Ich sehe sie seitdem nicht wieder und werde es einstweilen
  nicht thun.

  Auch von der Mglichkeit ihrer Genesung abgesehen, knnte Minna doch
  nie -- mein Weib mehr werden. In einer Stunde, die sie glaubte ihre
  Todesstunde werden zu sollen, hat sie mir ber alle ihre seitherigen
  Verhltnisse die vollstndigsten Aufschlsse gegeben und mir die
  schriftlichen Belege darber zu Hnden gestellt! Diese Aufschlsse
  machen es mir unmglich -- ihr je meine Hand zu geben! O Gott, aus
  welchem Himmel bin ich gestrzt! Wie bin ich argloser, gutmthiger
  Mensch getuscht, betrogen, hintergangen worden! Diese Aufschlsse
  kann ich Ihnen vielleicht -- und nur Ihnen -- einst mittheilen,
  wenn, wie ich wnschen mu, Minna sterben sollte! O Gott -- Gott --
  was habe ich in diesen vierzehn Tagen erfahren, geduldet, erlitten!
  Welch einen Jammer, welch ein Zerreien in meinem Innern! Diese
  frchterlichen Entdeckungen in Minna's Geschichte haben aber auf mein
  ueres Benehmen gegen sie in ihrem Unglck ebenso wenig Einflu
  gehabt, als sie mich auch sonst nicht bestimmen werden, wenn sie leben
  bleibt, meine Hand von ihr abzuziehen. Aber fr mich ist sie fr immer
  verloren! Denken Sie sich zu diesen meinen Empfindungen nun auch die
  ber ihren jetzigen Seelenzustand oder ihre Krankheit! Ich bin der
  unglcklichste aller Menschen!

  Unser brgerliches Verhltni ist regulirt durch ihr Testament, das
  sie ein paar Stunden nach jenen Entdeckungen machte, und durch einen
  Rckkauf.

  Sonst ist durch diese Vorflle Alles in Stocken gerathen, und kein
  Circular weder ausgegeben, noch sonst das Geringste gethan worden. Sie
  knnen sich die ganze Verwirrung denken ....

  Adieu, guter Schmidt! Gott strke Sie und mich!

                                        Ihr unglcklicher Brockhaus.

Vor allem hielt es Brockhaus fr seine Pflicht, dem Vater Minna's,
Geh. Tribunalrath Mayer in Berlin, gleich Nachricht ber das traurige
Schicksal der Tochter zu geben. Inde konnte er es nicht ber das Herz
bringen, ihm auch sofort die Auflsung der Verlobung mit ihr anzuzeigen,
zumal noch nicht entschieden war, ob nicht der Tod die vershnendste
und fr alle Theile wnschenswertheste Lsung der traurigen Katastrophe
herbeifhren werde.

Er schrieb an ihn unterm 28. November:

        Hochwohlgebohrner Herr Geheimerrath!

  Es ist fr mich diesmal die traurigste aller Veranlassungen, die
  mich zu einer Unterhaltung mit Ew. fhrt. Anstatt, wie ich hoffte und
  wie es mein innigster Wunsch war, Ihnen in diesem Briefe Nachricht
  von dem Abschlu meiner ehelichen Verbindung mit Ihrer Frau Tochter
  geben zu knnen, wozu Sie die Gte gehabt haben, Ihre vterliche
  Einwilligung zu ertheilen, mu er leider Nachrichten enthalten, die
  Ihrem vterlichen Herzen sehr wehe thun werden.

  Aus dem letzten Briefe Minna's wissen Sie zum Theil die
  Schwierigkeiten, die unserer Verbindung in brgerlicher Hinsicht
  noch entgegenstanden, kennen jedoch auch die Unwandelbarkeit meiner
  und ihrer Gesinnungen, und da wir mit Sehnsucht dem Tage entgegen
  verlangten, der uns fr dieses Leben aufs innigste verbinden sollte,
  und da wir uns gegenwrtig nur mit den Mitteln beschftigten, jene
  Schwierigkeiten zu beseitigen und fr unser knftiges Leben die
  dauerhaftesten Grundlagen zu beiderseitigem Glcke zu legen.

  Ihre Frau Tochter hat Ihnen zugleich, wie sie mir gesagt hat, die
  Veranlassung unsers hiesigen Aufenthalts mitgetheilt, Sie auch von
  den Geschftsverhltnissen unterrichtet, die bereits zwischen uns zum
  allgemeinen und beiderseitigen Besten getroffen waren; sie hat mir
  die nhere Angabe und Entwickelung von diesem Allen berlassen, und
  wrde ich mich -- da es mir zum Vergngen gereichen mu -- darber
  auch schon gegen Ew. umstndlich erklrt haben, wenn nicht die kurz
  nachher eingetretene Krankheit meiner theuern Freundin alle meine
  Aufmerksamkeit erfordert und mir jede andere Beschftigung als die mit
  der geliebten Kranken unmglich gemacht htte. Dieser ihr Zustand ist
  auch jetzt noch so bedenklich, da ich mich billig und allein hierber
  mit Ew. unterhalten darf.

  Dieser Krankheitszustand dauert jetzt schon in die vierte Woche,
  und wrden sowol ich als die brigen edeln Freunde der Tochter dem
  liebenden Vater lngst Nachricht hiervon gegeben haben, wenn nicht
  der Zustand selbst von einer so delicaten Natur gewesen wre, da
  wir uns Alle nur sehr ungern darber erklren knnen und wir, die
  wir tglich Besserung oder Linderung erwarteten, diese auch nicht
  unmglich war, wnschen muten, mit der Nachricht von der Krankheit
  auch die von Aussichten zur Besserung geben zu knnen. Wirklich
  scheint jetzt einige Besserung einzutreten, und ich beeile mich daher
  in Verbindung mit einem andern Freunde, dem Herrn Kammerverwalter
  Ludwig, der die Gte hat ber Minna hier die Curatel zu bernehmen --
  welches nach hiesigen Landesgesetzen bei dem brgerlichen Transact,
  der zwischen ihr und mir am 6. October abgeschlossen wurde und von
  welchem ich Ew., wie schon erwhnt, gelegentlich nhere Kenntni geben
  werde, nthig war -- Ihnen alle die Nachrichten zu ertheilen, welche
  den Krankheitszustand Ihrer Frau Tochter betreffen.

  Dieser uerte sich zuerst zu Anfange dieses Monats durch ein
  heftiges Gliederreien, dem sie einestheils wol nicht zweckmig
  begegnete, als es auch eben nicht sehr achtete, und es war bei der
  diesjhrigen allgemeinen Disposition zu rheumatischen Krankheiten
  daher nicht zu verwundern, da bald ein heftiges rheumatisches
  Fieber eintrat. Unerachtet der sorgfltigsten rztlichen Hlfe und
  Freundespflege verschlimmerte sich der Zustand steigend und nahm die
  mannichfaltigsten Formen an. Die auerordentliche Nervenreizbarkeit,
  ein sehr afficirtes und bewegtes Gemth und die unendlich lebhafte
  Phantasie der Kranken war wol mit die Ursache, da der rheumatische
  Zustand noch mit den heftigsten Krmpfen begleitet wurde -- da sehr
  bestimmte und bedenkliche Nervenzuflle eintraten, die bald ein
  Irrereden und endlich eine gnzliche Geistesverwirrung herbeifhrten.

  So unendlich schmerzhaft es mir ist, Ew. diese Nachrichten geben zu
  mssen, so erfordert es doch meine Pflicht, darin nichts Wesentliches
  zu verschweigen, und ich darf es Ihnen selbst nicht verhehlen, da
  die Aerzte sich bisjetzt darber noch nicht entschieden haben, ob bei
  etwaiger Genesung des Krpers die Vernunft wieder ganz zurckkehren
  werde oder wenigstens nicht Recidive zu erwarten seien. In diesem
  Augenblicke hat die Kranke nur noch miges Fieber, die Krmpfe sind
  dagegen noch sehr lebhaft und erregen immer auerordentliche innere
  Bengstigung. Schlaf ist selten und war noch nie beruhigend, sondern
  nur immer ein Vorlufer groer Bewegung. Die Geistesverwirrung hat
  seit zwei Tagen wieder wilde und excentrische Ausbrche und ist mehr
  fortwhrendes Irrereden, obgleich es auch Momente gibt, wo sie den
  ganzen Gebrauch ihrer Vernunft zu haben scheint.

  Von unserm allgemeinen Jammer und dem meinigen insbesondere will ich
  den liebenden Vater hier nicht unterhalten, ihm aber die Beruhigung
  geben, da die unglckliche Kranke der allerherzlichsten Pflege
  geniet, da sie einen vortrefflichen Arzt hat, und da von mir und
  ihren edeln Freunden hier auch nichts versumt wird, was ihr Zustand
  verlangen und die zrtlichste Sorgfalt erfordern mchte.

  Ich werde es mir von jetzt an zur Pflicht machen, Ihnen von jeder
  Vernderung im Guten und im Schlimmen Nachricht zu geben, und hoffe
  ich, da die jetzigen leisen Spuren eines verbesserten Zustandes sich
  weiter entwickeln werden, ich also nur Nachrichten im Guten werde zu
  melden haben ....

  Emma ist immer um die Mutter und gewhrt ihr vielen Trost; das
  Schicksal der Kinder beschftigt die arme Kranke oft selbst in
  erregten Momenten.

  Lassen Sie uns zur Vorsehung hoffen, da Besserung zurckkehren
  und Alles gut enden werde; vielleicht war diese Katastrophe nthig
  zur Grndung eines neuen und bessern Lebens! Erst im Laufe dieser
  Krankheit hat die unglckliche Minna mir ihr ganzes Vertrauen im
  vollsten Sinne des Wortes gegeben! Warum mute sie es nicht frher
  schon dem edeln Vater gegeben haben!

  Ich berlasse es Ihnen, ob Sie bei der jetzigen vollkommenen
  Kenntni des Zustandes von Minna glauben, etwas Besonderes fr sie
  thun zu knnen, oder darauf einwirken zu wollen; auf jeden Fall knnen
  Sie als Vater versichert sein, da sie von guten und theilnehmenden
  Menschen umgeben ist, die sie innig lieben und die Alles aufbieten,
  ihr Unglck zu mindern und einen bessern Zustand herbeizufhren.

  Ich bitte Sie, Ihrer Frau Gemahlin mich gehorsamst zu empfehlen
  und den wackern Julius wie die beiden Andern herzlich zu gren, und
  brigens von meiner vollkommenen und innigen Ergebenheit und Verehrung
  berzeugt zu sein.

Die Antwort des Vaters an Brockhaus liegt nicht vor, dagegen ein Brief
desselben an den Kammerverwalter Ludwig, dem die Antwort an Brockhaus
beigeschlossen war. In diesem Briefe vom 8. December dankt Mayer fr
die ihm auch von Ludwig gegebenen Nachrichten; sie htten ihn tief
erschttert und nur der Gedanke an die Theilnahme, die seine Tochter
von ihm (Ludwig) und den Seinigen sowie von Herrn Brockhaus erfahren,
habe ihn und seine Frau einigermaen beruhigen knnen. Der Anla zu
der Geistesverwirrung seiner Tochter, wenigstens der nchste und
unmittelbarste, knne inde kein anderer sein als die Verlegenheiten,
in denen sie sich befinde und die sie durch den Antheil, den sie an den
Angelegenheiten des Herrn Brockhaus genommen, noch mehr auf sich gehuft
habe. Er wolle nicht bestreiten, da auch bermige Anstrengung in
ihren literarischen Productionen den Zustand befrdert haben knne,
zumal bei den krperlichen Fatiguen, die ihr der Abzug von Leipzig und
das Hin- und Herreisen zugezogen haben msse. Jedenfalls msse jetzt
alle Sorge nur dahin eingeschrnkt sein, die Kranke wieder zur Vernunft
zurckzubringen. Er lege einige Zeilen an seine Tochter bei, worin er
sie auffordere, zu ihrer vlligen Herstellung nach Berlin zu kommen, und
bitte, ihr dieselben in lichten Augenblicken mitzutheilen.

Brockhaus fhlte sich durch diesen Brief, den ihm Ludwig glaubte
mittheilen zu mssen, begreiflicherweise sehr verletzt. Er schrieb
darber an diesen:

                                                   Freitag Morgen.

  Hierbei, lieber Ludwig, der Brief vom Vater zurck. Ich leugne
  nicht, da mich derselbe sehr afficirt hat, und da ich wnschte, ihn
  nicht gelesen zu haben. Wenn es vom Vater darin als etwas unbedingt
  Ausgemachtes angenommen wird, da der Zustand von Minna nur und
  alleine aus ihrer Exaltation ber meine persnlichen Angelegenheiten
  #knne# entstanden sein, so setzt er mich auf einen Standpunkt zu
  unserer Freundin, der mein ganzes Innere in Anspruch nimmt, und mich
  -- ich mu es nur heraussagen -- wirklich emprt.

  Es ist auch fr den psychologischen Arzt, und wre es ein zweiter
  Willis[41], wol immer eine der schwersten Aufgaben, auch bei der
  vollstndigsten Kenntni aller Verhltnisse und der sorgfltigsten
  Beobachtung bei Kranken dieser Art, die Ursachen positiv anzugeben,
  die die Entfernung des gesunden Denkvermgens bewirkt haben, und es
  erfordert unendliche Zartheit, sich ber solche mgliche Ursachen
  auszusprechen. Der Vater handelt also sehr bereilt, wenn er bei
  seiner mangelhaften Kenntni aller Verhltnisse dennoch ein so
  absprechendes und mich auch mit sehr verletzendes Urtheil wagt.

  Ich fr mich glaube berzeugt sein zu drfen, da allerdings
  jene uern Ursachen auch etwas zur physischen Krankheit -- dem
  rheumatischen Nervenfieber und den Krmpfen -- knnen beigetragen
  haben, da aber im Innersten von Minna's Seele der Keim zu der
  eingetretenen Desorganisation ihres Seelenzustandes lngst gelegen
  hat und da dieser frher oder spter ausbrechen mute. Die Ursachen
  zu diesen Keimen gehren aber zu den unaussprechlichen Dingen und
  sind also auch dem Vater, der in seiner Arglosigkeit nichts von ihnen
  ahndet, nicht mitzutheilen.

  Ebenso unrichtig ist es, wenn der Vater annimmt, da durch geistige
  Anstrengung bei ihren literarischen Arbeiten Minna sich sehr knne
  berspannt haben. In diesem ganzen Jahre hat Minna sich nur so
  unbedeutend mit eigenen literarischen Arbeiten beschftigt, da es gar
  nicht nennenswerth ist und, den gegebenen Stoff mitgerechnet, der blos
  berarbeitet zu werden brauchte, gedruckt kaum fnf bis sechs Bogen
  betragen wrde.

Durch diese unverdiente Krnkung lie sich Brockhaus inde in seiner
Sorge fr die arme Kranke nicht stren. Er schreibt an Borntrger am 9.
December:

  Minna's Zustand bleibt bessernd, aber er ist immer noch
  herzerschtternd. Ihre Nervenreizbarkeit ist wahrhaft sublimirt, wie
  ihr Geist nie in solcher Blte und Ueppigkeit gewesen. Ihre fixen
  Ideen haben noch immer denselben Zirkel: Liebe, Eifersucht, Besorgni
  mich zu verlieren, Glauben, da ich schon anderwrts verheirathet sei,
  da ich ein Zauberer wre, auch andere: da wir mit berirdischen
  Wesen in Verbindung stnden u. dgl. Sie spricht eine Stunde wie ein
  Gott, und in einer Minute, wenn sie auf irgendeine Idee kommt, die sie
  an einer ihrer schwachen Seiten berhrt, ist ihre Besonnenheit auf
  einmal hin. Wir hoffen Alle indessen das Beste.

Inzwischen war Minna's Schwester, Karoline Richter, die Gattin
Jean Paul's, aus Baireuth zu ihrer Pflege eingetroffen, die bisher
von der Tochter der Kranken, Emma, von Frau Ludwig und deren noch
unverheiratheten Schwester, Jeannette von Zschock, besorgt worden war.

Auf die erste flchtige Nachricht ber das Befinden der Kranken
antwortete Jean Paul seiner Frau am 8. December:

  Die Krmpfe Deiner Schwester, so frchterlich sie fr den Zuschauer
  sind, habe ich bei .... und Andern oft erlebt, sie sind ohne
  Bedeutung, ja sogar ohne Empfindung, auer fr das Auge.

Am 20. December schreibt Karoline Richter ihrem Manne:

  Der Gesundheitszustand meiner Schwester hat sich seit ich hier bin
  noch nicht sehr gebessert. Ob sie je zu vlliger Klarheit des Geistes
  kommen kann, ist ein Problem. Sie ist in einem Zustande des Traums
  und je melancholischer, je mehr sie unter Menschen ist. Man redet
  ihr zu, auszugehen, sich zu zerstreuen, besucht sie fleiig, und in
  der That interessirt sie allgemein; aber es gleitet meist Alles ohne
  Eindruck an ihr vorber. Sollte sie wieder allein stehen, ohne mich,
  so wre sie sehr zu beklagen. Denn so sehr Herr Brockhaus sie liebt,
  so uerst aufopfernd und gefllig er ihre Sttze ist, so kann er ihr
  in huslichen Dingen nicht helfen. Sie ist wie ein Lamm, wie ein Kind,
  und lt Alles ber sich ergehen. So kann die Verbindung natrlich
  nicht vollzogen werden, solange sie nicht genesen ist, und bis dahin
  mu sie unter Aufsicht theilnehmender Menschen sein. Wenn sie jetzt
  zum Vater geht, ist es das Natrlichste und Beste. Brockhaus wnscht
  das zwar nicht; er frchtet sie alsdann zu verlieren; allein ich
  glaube nicht, da ihr Aufenthalt in Berlin ein Hinderni sein wrde.[42]

Die Uebersiedelung Minna's in das lterliche Haus nach Berlin erschien
endlich allen Betheiligten doch als das Gerathenste, und Brockhaus
entschlo sich zu dem in seiner Gemthsstimmung doppelt schweren
Opfer, sie dahin zu begleiten. In einem langen an verschiedenen Tagen
geschriebenen Briefe an Borntrger kommen neben geschftlichen Notizen
mehrere darauf bezgliche Stellen vor.

Am 29. December schreibt er:

  Der jetzige Zustand der Hofrthin lt sich nicht gut beschreiben.
  Krank ist sie nicht mehr, aber ihr ganzes Wesen ist zerbrochen -- alle
  Elasticitt der Seele ist von ihr gewichen, und ohne da man sagen
  knne: ihr Verstand sei noch in Unordnung, zeigen sich doch hufig
  viele Irrungen und Besonderheiten, die darthun, da sie durchaus
  noch nicht zu klaren Begriffen gekommen. Gegen mich hat sie oft die
  rhrendste Innigkeit und dann auch wieder die schneidendste Klte.
  Ebenso geht's der Schwester und den besten Freunden. Am zerknicktesten
  ist sie, sobald viele Menschen um sie sind.

  Wenn keine Aenderung statthat, so werden wir in acht Tagen zusammen
  nach Berlin reisen, ich aber sogleich wieder hierhin zurckkommen.

Am 3. Januar 1811 fgt er hinzu:

  Ich habe diesen Brief bisjetzt hier behalten, um Ihnen ber
  die berliner Reise noch bestimmter schreiben zu knnen. Es ist
  diese jetzt auf morgen Abend festgesetzt. Ich mache sie mit der
  Hofrthin und Emma alleine, da Madame Richter durchaus nicht mit
  kann. Wir gedenken bis Dienstag Abend in Berlin zu sein. Da wir
  einen Lohnkutscher von hier mitnehmen, so ist meine Absicht, 3
  __ 4 Tage in Berlin zu bleiben und dann hierher zurckzukehren,
  wo ich bis zum 15./16. wieder einzutreffen gedenke. Der geistige
  Zustand der Hofrthin ist noch immer derselbe, und sicher nur
  unter andern Umgebungen, die sie nicht, wie jetzt hier, an den
  dagewesenen traurigen Zustand bestndig erinnern, und -- von der Alles
  heilenden Zeit gnzliche Genesung zu hoffen. Die Zukunft ist mit dem
  undurchdringlichsten Schleier ber ihr und mein Schicksal bedeckt!
  Lassen Sie es uns nicht versuchen, ihn mit frevelnder Hand lften zu
  wollen. Lassen Sie uns unser Schicksal mit Resignation erwarten, und
  folgen, wie es uns in seiner Strenge fhren will ....

  Mein Gemth ist heute wieder sehr zerrissen. Das arme, arme
  unglckliche Weib! Sie sollten sie jetzt sehen, die sonst von Leben,
  Geist und Witz berflieende, wie sie stille und in sich gesenkt ihr
  oft in Thrnen schwimmendes Auge gen Himmel schlgt, Stunden lang kein
  Wort spricht, ber jedes Gerusch zusammenfhrt, dann aufspringt und
  mit zerrinnender Wehmuth mir in die Arme sinkt. Und dann wieder, wie
  sie Jeden anfeindet, wie es ihr Niemand recht macht! Ach Gott!

  Welch ein Verhngni, lieber Schmidt! Im vorigen Jahre #an demselben
  Tage# trat ich die furchtbare Reise von Amsterdam nach Dortmund an!
  Und #dies# Jahr mit Minna in diesem Zustande von Altenburg nach
  Berlin! Finde ich Schicksals Deutung darin? Da es anders werden
  mte? Wer wei es!

Am 4. Januar 1811 reiste Brockhaus mit der Kranken und ihrer Tochter
Emma (auer dieser hatte Minna Spazier noch drei Kinder aus ihrer ersten
Ehe, zwei Shne und eine Tochter, die sich in Berlin bei den Groltern
befanden) von Altenburg ab und traf mit ihnen am 8. Januar abends in
Berlin ein.

Von unterwegs, aus Leipzig, schreibt er an Ludwig:

  Wir haben es schlimm gehabt, da die Klte herz- und hautzerschneidend
  war und ist. Minna ist gut und duldend, Emma die leidendste. Ich --
  empfand wenig davon, wie ich kaum selbst begreife.

Frau Spazier fgt folgende Zeilen fr ihre Schwester bei:

  Liebste Karoline! Ich melde Dir mit wenigen Worten, da wir der
  harten Klte ohnerachtet wohl angekommen sind. Theile diese Nachricht
  Herrn und Madame Ludwig mit, sie werden sehr besorgt unsertwegen
  sein. Lebe wohl, liebste Karoline, ich kann Dir nicht sagen, wie mir
  zu Muthe ist. Emma hat sehr gefroren, ich freue mich sehr ber das
  Wiedersehen.

Von Berlin aus schreibt Brockhaus gleich am 9. Januar an Ludwig:

  Ich eile, Ihnen mit wenigen Worten zu melden, da wir gestern Abend
  nach einer allerdings unendlich beschwerlichen und peniblen Reise hier
  glcklich angekommen sind. Die Zusammenkunft Minna's mit ihren Kindern
  und ihrem Vater war herzzerschneidend. Ich behalte mir vor, Ihnen bei
  meiner Zurckkunft von Allem sehr umstndlich Bericht zu geben. Da
  zwischen Berlin und Leipzig ein bedeckter Postwagen fhrt, so werde
  ich mich dessen zu meiner Retour bedienen und Sonntag oder heute acht
  Tage zurckreisen.

  Die ganze Mayer'sche Familie und Minna tragen mir auf, sie Ihnen und
  den edeln Frauen Ihres Hauses, auch Herrn Hempel bestens und innigst
  zu empfehlen und Sie vorlufig ihres ganzen Dankes zu versichern.
  Meine Gesinnungen fr Sie Alle sind Ihnen bekannt.

                      Ganz Ihr
                                                 Brockhaus.

  Geben Sie Karolinen von diesem Briefe Kenntni, da ich keine Zeit
  habe, ihr selbst zu schreiben.

Auf der Rckreise schreibt er aus Leipzig vom 15. Januar an Borntrger
(Schmidt) nach Amsterdam:

  Von meiner Reise nach Berlin mit der armen Minna in der
  furchtbarsten Klte, von unsern Beschwerden auf derselben, meinen
  Sorgen und meinem Jammer, von unserer Ankunft im Hause des Vaters, von
  der Scene der Zusammenkunft mit diesem und Julius, von dem allgemeinen
  und besondern Benehmen des Vaters und der (Stief-) Mutter, endlich
  von der herzzerreienden Stunde des Abschieds und der Trennung --
  von allem Diesem, lieber Schmidt, kann ich Ihnen nur einmal mndlich
  erzhlen!

  Minna's Zustand ist immer derselbe noch: gnzliche Erschlaffung im
  Geistigen. Sie denkt und spricht fast immer richtig, und wann sie es
  nicht thut, so hat's Beziehung auf die Furcht, mich zu verlieren.
  Sonst ist ihr #Alles# gleichgltig, was um sie her ist, und ihre
  einzige Beschftigung, wenn man sie nicht gleichsam gewaltsam
  darin unterbricht, fortwhrendes Stricken, wobei sie denn immer
  so vor sich hin brtet und oft wehmthig mit ihren schnen Augen
  zum Himmel aufsieht. Es ist herzzerschneidend. Meine Theilnahme an
  ihrem Schicksal ist, so sehr ich auch moralisch verletzt worden bin,
  unvernderlich, und kann ich es mglich machen, ohne darber zu Grunde
  zu gehen, ihr Schicksal noch an das meinige zu ketten, so wird's
  geschehen, wenn sie nur geneset und in geistiger Energie wieder die
  alte gttliche Minna wird.

Am 27. Februar schreibt er aus Altenburg an denselben, nachdem dieser
ihm in einem Privatbriefe offen seine Ansichten ber Frau Spazier
ausgesprochen hatte:

  Gewi sind Ihre Deutungen ber der Hofrthin Betragen in vielen
  Stcken richtig, und so wehe mir das Gestndni thut, so habe ich
  jedoch immer noch Vertrauen genug, um mir ein zwiefaches Wesen in ihr
  zu denken, von dem das Eine: die edle, gute und groherzige Minna,
  das Ursprngliche wre, und das Andere: die astucieuse, coquette,
  heuchelnde Hofrthin, die durch die Collisionen mit der Welt, ihrem
  Blute und verkehrten sthetischen Richtungen erst gebildet worden sei.
  Ihr eigentliches, vielleicht spter durch unsern hiesigen genauern
  Umgang erst entstandenes Gefhl fr mich spricht sich vielleicht
  nirgends wahrer aus als in zwei Briefen, welche sie kurz nach der
  heftigsten Epoche ihrer Krankheit, als sie anfing freie Stunden zu
  haben, in denen sie wieder mit Klarheit dachte, an Karoline und an
  ihren Sohn Julius schrieb, solche aber nicht abgehen lie, sondern
  wie ein Amulet seitdem immer an ihrem Herzen trug, bis sie sie einst
  verlor. Es grenzt ans Wunderbare, wie dieses auerordentliche Wesen
  in einem solchen Zustand von halber Zerstrung fhig gewesen, solche
  Briefe, die wahre Meisterstcke von Diction sind, in einem Zuge
  hinzuwerfen!

  Noch vor einigen Tagen habe ich von ihr directe Briefe. Sie leidet
  krperlich und geistig noch sehr, und Gott wei, wie es mit ihr werden
  wird.

Brockhaus war zunchst zwar nur durch Mitleid mit der Kranken sowie
durch den Wunsch, sich mit ihrem Vater ber die eben verlebte furchtbare
Zeit auszusprechen und dann das Verhltni auf eine mglichst schonende
Art zu lsen, zu der Reise nach Berlin veranlat worden. Aber
fortwhrend hatte er einen innern Kampf zu bestehen, ob er im Fall der
Wiedergenesung seiner einstigen Braut nicht alles Vergangene vergessen
und ihr aufs neue die Hand zur Vershnung und zur wirklichen Vereinigung
bieten solle. Durch das Benehmen ihres Vaters wurde ihm dieser Kampf
erleichtert, das Opfer, das er vielleicht doch noch gebracht htte,
erspart, indem dieser jetzt selbst die Lsung des Verhltnisses betrieb
und ihm, den er als den Urheber des Unglcks seiner Tochter betrachtete,
berhaupt nicht freundlich und vertrauensvoll entgegenkam.

Brockhaus spricht sich darber in einem an Ludwig gerichteten Briefe vom
23. Mrz aus, der in Amsterdam geschrieben ist; was ihn auf kurze Zeit
dahin zurckgefhrt hatte, wird spter zur Sprache kommen. Er schreibt:

  Htte der Vater, wie ich ihn sonst zu nennen pflegte, oder, wie
  ich ihn jetzt ferner nennen werde, Herr Geheime Rath Mayer mich
  gewrdigt, genaue Kenntni von meinen Verhltnissen zu nehmen, wozu
  das Schicksal seiner unglcklichen Tochter ihn wol htte bewegen
  sollen, so konnte sich Alles schn und edel fr mein und der armen
  Minna Schicksal lsen. Mich wrde Dankbarkeit -- der hervorstechendste
  Zug meines Herzens -- an ihn und an sie dafr gefesselt haben, und
  kein Opfer, das ich der Welt und meinem Innern htte bringen mssen,
  wre mir dann zu hoch oder zu gro gewesen! Minna wre auch genesen
  dann, und bei brgerlich ganz geordneten Verhltnissen und mit edeln
  Menschen, besonders edeln Frauen, umgeben, wrde sie auch edel gewesen
  sein -- und anstatt da jetzt durch ihr grauses Schicksal das ihrer
  Kinder ewig mit zerrissen wird, anstatt da selbst ins Leben des
  Vaters kaum wieder reine Freude zurckkehren kann und auch seine
  eigenen Verhltnisse dadurch furchtbar gestrt bleiben mssen, wre
  ein ursprnglich gewi herrliches und reiches Gemth, das in den
  Collisionen mit der Welt zu Grunde gegangen war, wieder neu geboren
  worden, eine Seele war gerettet; wieder dem Leben zurckgegeben,
  konnte die unglckliche Tochter durch Uebung und Erfllung von
  Pflichten Alles mit sich vershnen, ihre Kinder ehren und deren
  Laufbahn ordnen, dem Vater selbst wieder die schnsten Blumen auf den
  Pfad seines Lebens streuen!

  So wollten Sie es, edler braver Ludwig, so wollte auch ich es! Und
  nun werfe man noch einen Stein auf uns!

  Da ich es nicht verstand, wie Karoline mir vorwarf, den Vater,
  auer meiner Persnlichkeit, auch sonst zu interessiren fr mein
  Schicksal, kann ich mir nicht zum Vorwurf machen lassen. Es ist
  freilich wahr, und es ist mit ein Grund auch meines allgemeinen
  Schicksals, da ich es so wenig verstehe mich geltend zu machen. Von
  der einen Seite fhle ich, da ich einigen Werth habe, und wenn ich
  mich dann verkannt oder gar mishandelt sehe, so ist meine Erwiderung
  entweder stolzes in mich Zurckziehen, oder es sind -- Thrnen!
  Karoline sagte darum auch wol nicht mit Unrecht: Sie sind halb Weib,
  halb Mann! Von der andern Seite bin ich wenig beredt ber mich selbst;
  ich wei auf keine Anklage etwas zu antworten, weil ich mir, wenn sie
  gegrndet auch nur in etwa, immer zehnmal mehr Vorwrfe mache als
  Andere; ich bin furchtsam, ngstlich, drnge mich nirgends hervor oder
  ein, wei mit meinem Pfunde nicht zu wuchern, und welche negative
  Eigenthmlichkeiten ich denn mehr habe.

  So wie ich nun also bin, konnte ich dem Vater freilich nichts anders
  als das simple Factische ohne Schmuck oder Beredtsamkeit vorbringen,
  aber mir dnkt, da den wahren Menschenkenner diese Einfachheit eher
  fr die Wahrheit gewinnen als davon entfernen mu.

  Allerdings war ich nun auch bald stolz gegen ihn, und gewi wrde
  ich es noch mehr sein, wenn sich weitere Gelegenheit finden mchte in
  Contact zu kommen. Diese Gelegenheit wird sich aber wol nicht weiter
  finden.

  Ich habe seit meiner Abreise von Altenburg weder von Berlin noch von
  Baireuth Briefe, aber auch von Altenburg selbst noch keine. Der armen
  Minna habe ich meine Reise aber gemeldet, damit sie wenigstens wei,
  wo ich bin. Die arme Minna!

Wenige Tage darauf, am 26. Mrz, schreibt er abermals an Ludwig:

  Heute etwas ber der armen Minna Schicksal. Gestern erhielt ich von
  Karolinen Briefe. Auch sie betrachtet unsere Trennung -- Minna's und
  meine -- als entschieden durch den Willen des Vaters. Mein Herz zuckt
  krampfhaft bei dieser Entscheidung, denn Minna war mir unendlich und
  ist mir noch sehr theuer. Mein Verstand tritt aber der Entscheidung
  des Vaters mit Beifall bei. Er sagt mir trocken weg, da eine Ehe
  ohne Schnheit und Reinheit der Gefhle, ohne innige Achtung, ohne
  Vertrauen mich nur hchst unglcklich wrde gemacht haben. Der
  Wahn ist kurz, die Reu' ist lang, sagt Schiller so bedeutend, und
  allerdings: das Leben ist zu ernst, als da man poetische Gefhle
  allein Gewalt darin drfte ber sich ausben lassen. Ich habe schweres
  Lehrgeld dafr gegeben!

In seiner Antwort an Minna's Schwester, Karoline Richter, vom 30. Mrz
heit es:

  Mein eigenes Leben darf ich jetzt hoffen bald gerettet zu sehen.
  Wre es nur auch das von Minna, wenn auch von mir getrennt! Es werden
  aber Wunder geschehen mssen, wenn sie nicht auf die eine oder andere
  Weise zu Grunde gehen soll.

  Ich werde gewi ihr Freund frs Leben bleiben und wohlthtig auf
  ihr Schicksal einzuwirken suchen, soviel es meine Pflichten erlauben.
  Worin sie mich gekrnkt und mir wehe gethan, das Unrecht, das sie
  an mir gebt, den nachtheiligen Einflu, den sie auf alle meine
  Verhltnisse so gebietend gehabt -- ich verzeihe ihr Alles. Kein Groll
  gegen sie ist in meinem Herzen. Auch ich habe gefehlt. Wie aber und
  durch welche Motive geleitet oder bewogen, darber richte derjenige,
  der die Herzen der Menschen prfet und wrdiget in Wahrheit! ....

  Jene von dem Vater ausgesprochene Entsagung kann auch nicht wieder
  zurckgenommen werden. Nicht da Minna aufhrte mir theuer zu sein,
  nein, gewi nicht; aber ich betrachte diesen Ausspruch als eine neue
  Weisung des Schicksals, das schon so oft deutlich ber diese meine
  Verbindung mit ihr gesprochen, die ich diesmal achten und nicht
  zurckweisen will und dies um so mehr thun mu, da mein Verstand
  diesen Ausspruch in allen Hinsichten besttigt. Denn konnte, sagt mein
  Verstand, eine Ehe glcklich sein, wo von der einen Seite alle schnen
  und reinen Beziehungen verloren gegangen waren, wo echte innere
  Hochachtung und Verehrung nicht mehr da sein konnte, wo kein Vertrauen
  weiter mglich war beinahe, wo alle Energie frs weitere Leben mute
  gebrochen sein, wo jede Rckerinnerung an die Vergangenheit nur mit
  Vorwrfen oder mit bittern Gefhlen konnte gepaart sein, wo berhaupt
  der wahre Charakter noch so problematisch?

  Mitleiden, Theilnahme, Herzensgefhle, der Wunsch, glcklich zu
  machen, die Begehr, in den Augen der Welt consequent zu erscheinen --
  konnten jenes Fehlende nicht ersetzen, und wenn berhaupt schon Ehen
  im Leben selten schn-glcklich sind, wie viel weniger konnte es diese
  sein, wo so viele Elemente dazu fehlten!

  Auch mein Gefhl hat mich, wie fast immer, hierin sehr richtig
  geleitet. Es sagte mir gleich in der ersten Stunde, wo die
  Vergangenheit vor mir aufgerollt wurde: Minna kann nie dein Weib
  werden! Es ist fr mich eine Genugthuung, dieses Gefhl selbst gegen
  die edelsten meiner Freunde, die mein ganzes Vertrauen hatten,
  ausgesprochen zu haben. Man knnte es sonst jetzt fr eine _arrire
  pense_ halten ....

  Ob ich fortfahren soll, dann und wann noch an Minna zu schreiben?
  Mir dnkt das Unterlassen wol das Rthlichste. Wozu jetzt noch auch
  nur die entferntesten Hoffnungen unterhalten oder Gefhle anfachen, da
  dies nur das groe Unglck der Armen vergrern kann? ....

  Welch ein Spiegel frs Leben wre Minna's Geschichte, von Goethe,
  Richter oder einem andern Richardson der Mit- und Nachwelt aufbewahrt!
  Ja, der Vater hat recht gehabt, zu zerhauen, was sich nicht lsen
  konnte! Er hat recht gethan! Er ist das Orakel geworden, das ich mir
  ersehnte!

Noch entschiedener spricht er seinen Entschlu, das Verhltni ganz
zu lsen, und die Motive dazu in einem Briefe von demselben Tage an
Ferdinand Hempel in Altenburg aus:

  Je mehr ich jetzt berzeugt bin, da meine Bekanntschaft mit der
  Hofrthin und mein Verhltni zu derselben die vorzglichste Ursache
  meines seitherigen Unglcks gewesen ist, je fester bin ich jetzt
  entschlossen, die Bande, die zwar schon sehr gelockert mich noch an
  sie knpften, schnell zu zerreien und fr immer alle Verbindung
  mit ihr aufzuheben. Ich bedarf Ruhe, und ich finde keine, so lange
  noch auf die eine oder andere Weise mein Schicksal mit dem ihrigen
  verflochten ist, oder auch nur meine Verbindung durch Briefe selbst
  noch fortdauert.

  Das Schicksal der armen Frau geht mir unsglich nah, und wo nicht
  Pflichten in Collision kommen, da werde ich auf alle Weise wohlthtig
  darauf einzuwirken suchen, so sehr ich auch berzeugt bin, da sie
  allein sich dieses Schicksal bereitet hat. Jedes Weib wird zu Grunde
  gehen, moralisch oder physisch, das es wagt und unternimmt, so --
  aus dem Kreise herauszutreten, den die Natur und die brgerliche
  Gesellschaft den Frauen gezeichnet hat, und sicher wrde ich einst
  frchterlich aus dem Traume sein aufgeschreckt worden, in welchen
  die Knstliche mich durch Zauberlieder und lieblichen Sirenen-Gesang
  einzulullen gesucht und auch verstanden hatte!

  Der Vater in Berlin hat weise gehandelt, da er den Kampf, der in
  meiner Seele vom ersten Augenblicke an mit tiefem Schmerz statthatte,
  wo ich erkannte, da meine kindliche Arglosigkeit, da das edle
  Vertrauen, das ich gehabt, so grausam war gegen mich selbst gewendet
  worden, und da ich nur als ein Faden hatte sollen gebraucht werden,
  um aus dem Labyrinthe, worin man sich verwickelt hatte, sich nur
  retten zu knnen -- und welcher Kampf sich so oft gegen Sie und die
  edeln Mitglieder des Ludwig'schen Hauses ausgesprochen -- durch sein
  Benehmen der Entscheidung so nahe gebracht hat.

  Diese Entscheidung ist jetzt in mir fest und unwiderruflich
  beschlossen. Meine Ehre, die Ehre meiner Kinder, die Ehre meiner
  respectabeln unbescholtenen Familie, die Ehre meiner vortrefflichen,
  im Grabe ruhenden Frau, mein Glck und das Glck Aller, die durch
  irgendein Band an mein Schicksal gekettet sind -- hat diesen Entschlu
  geboten. Ich will und ich mu mein Leben neu ordnen. Ich kann es nur
  frei von diesen Banden und mit Ruhe im Gemthe.

Die entscheidenden Briefe zwischen Brockhaus und Frau Spazier sind, wie
die ganze Correspondenz zwischen ihnen, nicht in unserm Besitze und
wahrscheinlich berhaupt nicht erhalten. Dagegen liegen aus dieser Zeit
einige Briefe von ihr selbst an ihre Schwester und einige Andere sowie
von diesen ber sie vor.

Am 8. Mrz schreibt sie an Ludwig in Altenburg, um ihn als ihren Freund
und Curator zu bitten, ihre dortigen Angelegenheiten zu ordnen, ihre
zurckgebliebenen Mbel u. s. w. zu schicken; sie sagt:

  Es leidet keinen Zweifel, da Ihnen aus meinen Briefen an Brockhaus
  sowie aus dem, was er Ihnen aus der Zeit seines kurzen Aufenthalts
  hier mitgetheilt haben wird, bekannt sei, welche Wendung meine uern
  Verhltnisse genommen! Wie das vterliche Herz die Erhaltung der
  Tochter innig gewnscht, wie nach langem Krnkeln, wenngleich noch
  unvollkommen, die gewohnte Thtigkeit zurckgekehrt scheint, und wie
  auf diese Hoffnung der Plan meines Vaters gegrndet ward, mich wenn
  auch nicht in seinem Hause, doch unter seinen Augen leben zu lassen
  .... Ich habe den Muth, mich an Sie zu wenden, aber es gehrt mit
  unter die qualvollsten Empfindungen meines Lebens, wenn ich mir denke,
  wie ich Ihnen und Ihrem theuern Hause nun wieder als ein Gegenstand
  der Beschwerde und nie, wie ich doch so schn in hoffnungsvollern
  Tagen getrumt, als ein werthes Mitglied Ihres huslichen Kreises
  erscheinen drfte. Dies Gefhl drngt alles Bittere des langen Kampfes
  in sich zusammen, der mein Leben ausmacht und von dem sich noch immer
  nicht sagen lt, da er vollbracht sei! ....

  In welcher Stimmung ich diese Zeilen schreibe, wird Ihr Herz Ihnen
  sagen. Ich sehe Ihrer Antwort mit Spannung entgegen. Ebenso oft zu
  Ihrer und der Ihrigen Erinnerung hingezogen, als durch eine tiefe
  unberwindliche Wehmuth davon zurckgescheucht, folge ich heute einer
  uern Veranlassung und fhle es doch schmerzlich, da es eine uere
  Veranlassung gewesen, die mir nach so langem Schweigen den ersten
  Brief an Sie eingibt.

  Lassen Sie mich bald ein Zeichen Ihres Andenkens sehen! Emma, der
  Sie so gtige Theilnahme gnnten, empfiehlt sich Ihnen.

  Genehmigen Sie die Versicherung der innigen Liebe und Dankbarkeit,
  mit welcher meine Seele in Gedanken unter Ihnen weilt; ich bin bis in
  den Tod

                      Ihre innig Sie verehrende

                                                       M. Spazier,
                                                       geb. Mayer.

Ludwig, der ihren Wunsch nicht sofort erfllen konnte, antwortet ihr
unterm 31. Mrz:

  Der Anblick Ihrer Schriftzge, eines Briefes von Ihnen, meine
  verehrte Freundin, worauf wir nun schon lange Verzicht gethan hatten,
  that meinem Herzen wohl und weh zugleich.

  Es war uns Freude, nach so langem gnzlichen Schweigen ein Zeichen
  Ihres Lebens und die Ueberzeugung zu erhalten, da die Lebenskraft,
  wenn auch noch nicht der Lebensmuth, bei Ihnen zugenommen habe; es war
  uns Schmerz, da es eines dringenden uern Antriebs bedurft hatte, um
  Sie zum Schreiben an Freunde zu vermgen, die diesen Namen durch die
  That bewhrt zu haben glauben drfen.

  Ich sehe mit Betrbni in Ihrem Briefe noch Spuren einer gewissen
  Verschlossenheit und Niedergeschlagenheit, die uns in den Wochen Ihrer
  Genesung und den letzten Ihres Hierseins oft so weh thaten, und die
  damals in dem Grade zunahmen, als die Beweise von Liebe und Wohlwollen
  der Sie umgebenden Menschen gerade Vertrauen und Ruhe in Ihrer Brust
  hervorzurufen geeignet schienen. Mgen Sie mich, theuere Freundin, in
  dieser Aeuerung ja nicht misverstehen! Sie ist nichts als der reine
  Wunsch, da Sie, welcher das Schicksal ohnehin so viel zu tragen
  auflegte, sich nicht auch von den Wenigen selbst entfremden mgen,
  die es wahrhaft gut mit Ihnen meinen, die in der Zeit der Noth ohne
  Eigennutz, ohne Parteilichkeit und Leidenschaft Ihre Freunde waren.

  Glauben Sie indessen nicht, da mir ein Schmerz nicht heilig sei,
  der Ihre Brust nothwendig in diesem Augenblicke erfllen mu, wenn
  ich mich nicht in Ihrem Herzen geirrt habe -- ich meine den ber
  Ihre ausgesprochene Trennung von Brockhaus, der eine so seltene
  Anhnglichkeit fr Sie hatte und (ich bin berzeugt) noch hat, wenn er
  gleich nun vllig auer Stand gesetzt ist, sie auf die zeitherige Art
  zu uern. Diesen Schmerz theile ich mit Ihnen, schweige aber darber,
  weil ich ihn nicht bei Ihnen erneuern will und nicht befugt bin,
  ber einen Schritt abzuurtheilen, von welchem ich nicht einmal wei,
  inwiefern er von einem fremden Willen, inwiefern er von Ihrer eigenen
  Einsicht ausgeht, und auf welche Grnde gesttzt diese ber Gefhl und
  Herz gesiegt hat.

  Nur das wei ich, da ich immer Ihr Freund bleiben und daher nichts
  zugeben werde, was im geringsten wider Gesetz und Recht Ihnen zum
  Nachtheil, von wem es auch sei, unternommen werden knnte.

  Sollten Sie diese Versicherung mit dem Nichtempfang Ihrer Sachen im
  Widerspruch finden, sollten Sie unmuthig ber mein Schweigen mehrerer
  Wochen sein, so werden Ihnen die folgenden Zeilen gleichwol Alles
  erklren.

   . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

  Mge ich durch das bisher Gesagte in Ihren Augen nun gerechtfertigt
  erscheinen. Mit wehmthiger Erinnerung gedenke ich der vergangenen
  Zeit, denn ich schreibe Ihnen auf derselben Stelle, wo Sie oft mit
  mir und den Meinigen zusammensaen, sich der Hoffnung einer heitern
  Zukunft berlassend. Unserm Kreise nher angehrend wollten Sie leben;
  das Schicksal hat es anders gewollt, wie es scheint -- doch, wenn auch
  entfernt, mgen Sie nur glcklich und unsere Freundin sein! Meine
  Achtung fr Ihren seltenen Geist und meine Theilnahme fr die Ruhe
  Ihres Herzens werden immer dieselben sein.

Karoline Richter hatte aus Liebe zu ihrer Schwester fortwhrend auf die
Wiedervereinigung mit Brockhaus hinzuwirken gesucht. So schrieb sie an
Ludwig aus Baireuth vom 13. Mrz, sie habe soeben von ihrer Schwester
einen Brief erhalten, welcher, was ihr zu wissen am wichtigsten sei,
deren eigentliche Gesinnung gegen Brockhaus ausdrcke:

  Diese ist nun immer dieselbe, wie wir sie Alle gekannt. Sie jammert
  darin ber seine grere Entfernung von ihr durch die Reise nach
  Amsterdam, und es tnt Hoffnung der Vereinigung berall durch. Mir
  bricht fast das Herz bei diesen Aeuerungen, und ich kann nicht
  glauben, da irgend Jemand, der die Unterordnung ihres Verfahrens
  unter die vterliche Gewalt anerkennt, das kraftlose Opfer feindlich
  behandeln kann.

Sie erwartet deshalb von Brockhaus' Groherzigkeit und Ludwig's
freundschaftlichem Antheil die ganze brgerliche Rettung ihrer
unglcklichen Schwester, selbst wenn die Trennung entschieden bleibe.
Brockhaus sei zu edel, um nicht Alles, was er vermge, dazu beizutragen.

In einem andern Briefe aus dieser Zeit (ohne Datum) bittet sie ihre
und ihrer Schwester Freundin Karoline von Ehrenberg in Altenburg um
Nachrichten:

  Schreibe mir etwas von Brockhaus, der mir mit Entzcken von Deiner
  Amnestie erzhlte. Sage mir, wie er Dir in der letzten Zeit erschienen
  ist und was Minna von ihm wol noch zu erwarten hat. Ich kann Dir nicht
  sagen, wie ich um ihretwillen leide; welche Fehler wren nicht durch
  solches Unglck abgebt!

Mehrere von Frau Spazier an Ludwig gerichtete Briefe aus dieser Zeit
legen von einer ruhigern Stimmung Zeugni ab und knnen unser Mitleid
mit ihr nur vermehren.

Sie schreibt ihm am 10. April wieder, noch ohne seinen oben
mitgetheilten Brief, der vom 31. Mrz datirt, aber vielleicht erst
einige Tage spter abgegangen war, empfangen zu haben, und wiederholt
ihre frhern Bitten: Er sei ja stets bereit, Bedrngten zu helfen, und
wenn er ihre jetzige Lage bedenke und auf die lange Folge schmerzvoller
Ereignisse zurcksehe, die sie seit ihrer Entfernung aus Leipzig
berstanden, so werde er sich gewi nicht weigern, ihr den Namen einer
Bedrngten zuzugestehen. Sie fhrt fort:

  Meiner Vorstellung kann nichts Gehssigeres sich aufdringen als
  der Gedanke, da zur vllig klaren Entscheidung dieser Angelegenheit
  zuletzt noch gerichtliche Schritte gemacht werden knnten. Und wrde
  ich diese hintertreiben knnen?

  Mit der grten Bereitwilligkeit Alles aufzuopfern, was den Schmuck
  des Lebens ausmacht, mit der berlegtesten Resignation, wrde ich doch
  nur fr meine eigene Handelsweise gutsagen knnen, nicht aber fr die
  Maregeln meines Vaters.

  Es mute noch mehr hinzukommen, mich die Nichtigkeit meines Strebens
  nach auen kennen zu lernen -- mehr noch als das lange Gefolge von
  Widerwrtigkeiten, das zum Theil vor Ihren Augen an mir vorberzog.

  Wenn meine krperliche Gesundheit, wenn meine ruhige Besonnenheit
  sich in der letzten Zeit rhmen drften, Fortschritte gemacht zu
  haben, so scheinen geistige und leibliche Krfte nur darum mir
  wiedergeschenkt, um sie an dem Krankenlager meines ltesten Sohnes
  zu ben, der seit vierzehn Tagen an einer Lungenentzndung schwer
  daniederliegt, in sechsunddreiig Stunden fnfmal zur Ader gelassen
  werden mute, dessen vllige Wiederherstellung noch in diesem
  Augenblicke ein Problem ist. Ich bin seine Wrterin -- es ist mir
  mglich gewesen, elf Nchte hintereinander an seinem Lager zu wachen,
  und an diesem merkwrdigen Falle sehe ich -- da nicht unntz war der
  Gang, den mein Leben nahm, als er mich wieder hierherfhrte.

  Finden Sie, theuerer Herr Ludwig, in der Art und Weise, wie in
  diesem Augenblick darauf hingearbeitet wird, die Trmmer meines
  uern Glcks zu retten, etwas Zweckwidriges, so bitte ich Sie nur,
  die Nchternheit, womit ich in diesem Augenblick mich den Maregeln
  desjenigen Willens unterwerfe, von dem der meinige vllig abhngig
  geworden ist, keineswegs als eine feindselige Erkaltung gegen die
  Bilder von Glck und Freude anzusehen, die ich mir noch vor wenigen
  Monaten trumen durfte!

  Wenn irgend Jemand geneigt ist, den Grund des Mislingens seiner
  theuersten Hoffnungen in sich selber zu suchen, so bin ich es. Das
  Erwachen aus einem Zustande, in welchem man so gern seinen Krften
  vertrauen mchte, sich frei und im Besitz der Liebe achtungswerther
  Menschen glaubte, ist schmerzhaft genug, auch ohne das Einsinken
  uerer Vortheile! ....

  Ich kenne in diesem Augenblick nur #ein# Verlangen: Friede mit mir
  selbst und meinen Umgebungen!

Einige Monate spter, am 3. Juni, schreibt sie dankerfllt ber die von
Ludwig gegebene Aussicht auf endlichen Empfang ihrer Mbel und zugleich
hocherfreut ber den Besuch einer Freundin aus Altenburg, der oben
erwhnten Karoline von Ehrenberg:

  Den Eindruck zu schildern, den das unerwartete Wiedersehen unserer
  Freundin auf mich hervorgebracht hat, vermag dies ohnmchtige Wort
  nicht, o mein theuerer Freund! Ich hatte mich am Freitag auf wenige
  Minuten aus meiner Wohnung entfernt, die eben von rstigen Hnden
  festtglich gesubert wurde, als ich beim Wiedererffnen der Thr eine
  Gestalt erblickte, ber die mein Herz auch nicht einen Augenblick
  zweifelhaft blieb. Es war Frau von Ehrenberg! Ich schlo sie in meine
  Arme als eine theuere Brgschaft #Ihrer# -- als eine Brgschaft der
  Gesinnungen so manches mir ewig unvergelichen Wesens aus Ihrer Mitte.
  Ich fhlte es, da ihr Kommen mir die Gewhr leiste, wie ich Sie Alle
  frher oder spter doch gewi einmal wiedersehen und mit unbewlktem,
  freiem, leidenschaftslosem Sinne mich an Ihre Brust werfen werde.

  Sie wollen von meinem Leben und Weben, von der Rckkehr meiner
  moralischen und physischen Kraft ein deutliches Bild haben? Ich bin
  wieder vllig wohl, und wenn mein voriges Sein wirklich etwas gewesen
  wre, wovon man eine freudige Selbstanschauung haben knnte, so drfte
  ich mich freuen, dieselbe wieder geworden zu sein, die ich war.

  Dagegen sind die von Auen auf mich einstrmenden Uebel noch immer
  im lebhaftesten Wettstreit miteinander, welchem von ihnen es gelingen
  mchte, in meinem Gefhl als das vornehmste zu gelten.

  Fr meinen armen, noch immer in vlliger Kraftlosigkeit
  hinschwindenden Julius sind vor acht Tagen zwei Krcken vom Tischler
  geliefert worden -- die er aber, als sie ankamen, als fr jetzt
  noch unbrauchbar auf die Seite stellen lie. Und als ich am zweiten
  Pfingstmorgen mich anschickte, mit unserer lieben Angekommenen die
  Frische nach einem erquicklichen Regen in den schnsten Frhstunden
  auf einem Gange durch den Thiergarten zu genieen, fand ich meinen
  Richard in seinem Bette chzend und in Fieberglut, und seit gestern
  hat er das Scharlachfieber. So bin ich denn auer den wenigen Stunden,
  die unsere Freundin uns hier auf meinem Zimmer gnnen konnte, zu
  keinem vollstndigen Genusse ihrer lieben Gegenwart gekommen.

  Mit welchem Antheil ich dagegen nach allen Einzelnheiten des
  schnen Verhltnisses fragte, das zwischen ihr und Ihrem lieben Hause
  obwalte, wie freudig ich den Beschreibungen Ihrer Kunstgensse, Ihrer
  gesellschaftlichen Einrichtungen, Ihres Stilllebens mich hingab -- das
  mag Frau von Ehrenberg's eigene seelenvolle Rede Ihnen sagen.

  Ich hatte mich auf einen recht langen Brief an Sie gefreut, mein
  verehrter Freund, aber ich sehe nun doch, da es anders kommt, als ich
  dachte, und ich eilen mu, wenn ich der Unruhe meines kranken Richard,
  an dessen Bett ich dies schreibe, die paar ruhigen Augenblicke
  noch abgewinnen will, die ich dem leidigen Geschftsinhalt unserer
  Correspondenz noch zu widmen habe.

  Meine Antwort auf Hempel's Brief, mein letztes Schreiben an
  Brockhaus werden Sie gelesen haben. Nichts also mehr ber meine
  allgemeine Ansicht, ber die Entschlieung, welche ich gefat haben
  wrde, wenn ich freie Hand gehabt htte. Mir ducht's, da Sie Ihrem
  Sinne nach mit beiden Briefen zufrieden sein mten. Diejenigen
  jedoch, an welche diese Briefe gerichtet waren, scheinen dies nicht;
  warum sollten sie mir nicht schon lngst geantwortet haben? Denn auch
  den Brief von Brockhaus, worauf Sie mich als auf eine Besttigung der
  frohen Hoffnung zur endlichen Ausgleichung verweisen, habe ich bis
  heute noch nicht erhalten ....

  Frau von Ehrenberg bernimmt es, mndlich hinzuzufgen, was meinen
  Worten versagt ist: den vollen, wahren Ausdruck der Liebe, des
  sehnsuchtsvollen Antheils, mit welchem ich ewig sein werde

                                      Ihre M. Spazier, geb. Mayer.

Brockhaus betrachtete sein Verhltni zu ihr als definitiv gelst, und
sie selbst schien sich auch darein zu ergeben, wie sich denn auch die
hier von ihr ausgesprochene Hoffnung auf endliche Ausgleichung nur auf
die noch immer nicht geordneten finanziellen Verwickelungen aus der Zeit
ihres Aufenthalts in Altenburg bezieht. Diese Verhandlungen berhrten
Brockhaus nicht direct und wurden auch meist nur zwischen ihrem Vater
und dem Advocaten Hempel gefhrt. Doch gab sich Brockhaus alle Mhe, wie
er einmal schreibt, die Verwickelung mit Milde zu lsen. Auch blieb
er trotz allem Vorgefallenen mit ihr selbst in freundschaftlichem und
selbst geschftlichem Verkehr, ohne da ihr Verhltni je wieder ein
nheres geworden wre.

Er schreibt darber an Borntrger aus Altenburg vom 30. August 1811,
nachdem er ihm obige Verhandlungen mitgetheilt:

  Uebrigens ist die Hofrthin auf das vollkommenste hergestellt,
  und ihr Geist blht schner als je. Zwischen uns ist ein rein und
  innig freundschaftliches Verhltni geblieben. Ich erhalte oft die
  herrlichsten Briefe, worin sich ihr reiches und tiefes Gemth auf die
  auerordentlichste und mannichfaltigste Weise entwickelt. Auch schn
  und edel, und ich zweifle nicht, da bei brgerlich ganz geordneten
  Verhltnissen und wenn es mglich wre, die Pfade der Vergangenheit
  aus dem zerrissenen Herzen zu reien, sie nach dieser Katastrophe ein
  gutes und herrliches Weib sein wrde. Offenbar sucht sie auf mich
  lebhaft wieder einzuwirken und mich aufs neue zu fesseln. So sagte sie
  in ihrem letzten Briefe:

  Zuweilen bilde ich mir ein, da Du mich liebst wie sonst, da in
  Dir dasselbe vorgeht, was meine geheimsten Gedanken beschftigt, und
  da unsere Wiedervereinigung uns Beiden unbewut das entfernte Ziel
  unsers Hoffens und Ausharrens ist!

Brockhaus fgt dem hinzu:

  Ich wrde gewi auerordentlich zu kmpfen haben, wenn wir zusammen
  wren ....

Sie bersetzte in dieser Zeit fr Brockhaus die von Frau von
Stal-Holstein franzsisch herausgegebenen Briefe, Charaktere und
Gedanken des Prinzen Carl von Ligne ins Deutsche[43]; an der Herausgabe
der Urania war sie dagegen nicht weiter betheiligt, indem Brockhaus
diese vom dritten Jahrgange an selbst bernahm.

       *       *       *       *       *

Whrend Brockhaus' fernere Schicksale spter im Zusammenhange mit der
weitern Gestaltung seiner geschftlichen Thtigkeit zur Darstellung
kommen, sei der Lebenslauf Minna Spazier's gleich hier kurz bis zu
seinem Ende verfolgt, zumal derselbe Brockhaus' Lebenswege nicht weiter
durchkreuzte.

Nachdem sie die Jahre 1811-1814 im lterlichen Hause in Berlin
verbracht, folgte sie einem Rufe nach Neustrelitz als Lehrerin an der
dortigen herzoglichen Tchterschule, gab diese Stellung aber bald wieder
auf, um die Erziehung zweier Shne eines Herrn von Jasmund daselbst zu
bernehmen. Im Jahre 1816 zog sie nach Dresden und verheirathete sich
mit dem dortigen auch als Physiker und Chemiker geschtzten kniglichen
Hoforgelbauer Johann Andreas Uthe, nach dem sie sich auf ihren sptern
Schriften Uthe-Spazier nennt. Hier starb sie am 11. Mrz 1825.

Ihr jngster Sohn erster Ehe, Richard Otto Spazier (geb. 1803), widmete
sich ebenfalls der literarischen Laufbahn. Nach dem Tode seiner Mutter
rief ihn sein Oheim Jean Paul im Herbst 1825 zu sich nach Baireuth,
um bei einer neuen Ausgabe seiner Werke sich von ihm untersttzen zu
lassen, doch starb Jean Paul bald darauf (am 14. November). Spazier
schrieb ein kleines Werk ber Jean Paul's letzte Tage und Tod (Breslau
1826) und spter eine Biographie desselben: Jean Paul Friedrich
Richter. Ein biographischer Commentar zu dessen Werken (5 Bnde,
Leipzig 1833). Von Baireuth ging er erst nach Nrnberg, 1831 nach
Leipzig, wo er lebhaften Antheil an dem Schicksal Polens nahm und eine
Geschichte des polnischen Aufstandes der Jahre 1830 und 1831 in drei
Bnden schrieb, endlich 1833 nach Paris, wo er sich bleibend niederlie;
in sein Vaterland zurckgekehrt, starb er 1854, an Krper und Geist
gebrochen.

Nach einer Angabe in einem Nekrolog seiner Mutter[44] hatte er die
Absicht, eine Beschreibung ihres Lebens herauszugeben, doch ist eine
solche unsers Wissens nie erschienen.




                       4.

         Abschlu der amsterdamer Zeit.


Whrend der strmischen Zeit, die sich an die Katastrophe mit der
Hofrthin Spazier anschlo, hatte Brockhaus nicht nur heftige Kmpfe
in seinem Innern zu bestehen, er hatte um seine ganze Existenz, um die
Aufrechthaltung seines mhsam aus kleinen Anfngen bereits zu Ansehen
gelangten buchhndlerischen Geschfts zu ringen. Und es bedurfte seiner
ganzen Energie und Zhigkeit, seines rastlosen Fleies und seines
Vertrauens auf die eigene Kraft, um in diesem doppelten Kampfe nicht zu
unterliegen.

       *       *       *       *       *

Sofort nach seiner Ankunft in Altenburg und nach der nur zur Gewinnung
einer vorlufigen Ruhe erfolgten Abtretung seines Geschfts an Frau
Spazier hatte er theils persnlich, theils durch seine altenburger
Freunde Schritte gethan, um die Glubiger in Leipzig, die ihn am
meisten drngten, zu befriedigen. Es waren dies meist Buchdrucker,
bei denen er seine Verlagswerke drucken lie, und Buchhndler, deren
Verlag er fr sein amsterdamer Sortimentsgeschft bezogen hatte. Die
Mehrzahl war auf seine Vorschlge und Anerbietungen eingegangen. Einige
aber wollten mit der Bezahlung ihrer ansehnlichen Forderungen nicht
warten. Dabei fehlte es ihm an allen Einnahmen, denn das von seinem
amsterdamer Sortimentsgeschft Eingehende mute zur Abwickelung dortiger
Verbindlichkeiten verwandt werden, und Borntrger konnte ihm somit
trotz wiederholter dringender Bitten keine Rimessen machen. Aus seinem
Verlagsgeschfte aber konnte er nach der Einrichtung des deutschen
Buchhandels vor der Ostermesse keine Einnahmen erwarten. So war seine
finanzielle Lage in Altenburg nach der Rckkehr von Berlin eine uerst
beengte, zumal er die neugewonnenen Freunde nicht um Untersttzung
ansprechen mochte. Am 8. Februar schreibt er an Borntrger: er habe
mit dem von der berliner Reise brig behaltenen einzigen Louisdor bis
jetzt, also drei Wochen lang, auszukommen gesucht und zu dem Ende die
allerstrengste Oekonomie eingefhrt, nie zu Abend gegessen, nicht
ordentlich gefrhstckt u. s. w.!

Und dabei beschftigte er sich in dieser selben Zeit auer mit der
Regelung seiner geschftlichen Verhltnisse mit den Vorbereitungen
zu einer neuen Auflage des Conversations-Lexikon, nicht blos als
Verleger, sondern als Redacteur!

In solcher Lage konnte er nicht lange bleiben, wenn er nicht ganz
untergehen sollte. Er hatte gehofft, da es Borntrger gelingen
werde, das amsterdamer Geschft entweder wieder in Schwung zu bringen
oder aber zu verkaufen, um ihm dadurch die Mittel zur vollstndigen
Regelung seiner Angelegenheiten zu bieten. Als aber weder das Eine
noch das Andere erfolgte, obwol ber jenen Verkauf schon mehrfache
Unterhandlungen stattgefunden hatten, da fate er mit seiner gewohnten
Energie den raschen Entschlu: selbst wieder nach Amsterdam zu reisen.

       *       *       *       *       *

Die nhern Umstnde seiner pltzlichen Abreise von Altenburg am 5. Mrz
und seine Ankunft in der Nhe von Amsterdam am 11. Mrz schildert er in
folgendem an Borntrger gerichteten Briefe, der unterwegs in mehrern
Pausen geschrieben ist:

                  Deventer, Nachts 12 Uhr, Sonntag, 10. Mrz 1811.

  Sie werden nicht wenig erstaunen, lieber Schmidt, wenn Sie die
  Ueberschrift Deventer erblicken von meiner Hand und den Datum
  desselben Tags, wo Ihnen der Brief auch schon zukommt. Ich bin Ihnen
  bei Empfang desselben noch viel nher, vielleicht gar nur wenige
  Schritte von Ihnen entfernt! Mit Recht neues Erstaunen! Wie dem
  eigentlich sei, erfahren Sie am Schlu dieses, da ich in diesem
  Augenblicke selbst darber noch keinen Entschlu genommen habe. Und
  nun den Zusammenhang dieser phantastischen Nhe?

  Die unglckliche Unbestimmtheit und nichtssagende Krze Ihres
  Briefs vom 19. Februar, den ich erst am 3. Mrz erhielt, hatte mich
  gleich vom ersten Augenblicke an gewaltsam ergriffen und mich ber
  Ihre Indolenz bei einer so wichtigen Verhandlung in Verzweiflung
  gebracht. Was blieb mir aber brig anders als die traurige Ressource,
  Ihnen in einem Briefe zu sagen, wie viel daran fehlt, da Sie mich
  in Stand gesetzt htten, einmal ein Urtheil zu fllen, geschweige
  denn einen Entschlu nehmen zu knnen! Hempel und Ludwig, denen ich
  meine Ansichten mittheilte, theilten sie ganz, und wir alle konnten
  nicht begreifen, wie Sie einen Gegenstand von so majeurer Wichtigkeit
  mit einer solchen Indifferenz hatten behandeln knnen. Ich schrieb
  also den Brief, den Sie einliegend finden. Als ich bis zu dem Punkt
  gekommen war, wo Sie ihn abgebrochen finden, tritt Hempel zu mir
  ins Zimmer und sagt: Brockhaus, wie wr's, wenn Sie jetzt selbst
  nach Amsterdam gingen und auf einem oder dem andern Wege Resultate
  herbeifhrten? Glauben Sie ohne persnliche Gefahr die Reise machen
  zu knnen? Reisegeld steht Ihnen von mir zu Diensten. Ich wurde
  wie elektrisirt von diesen Worten. Ich hatte den Gedanken ob seiner
  Khnheit nicht haben drfen. Und da ich der persnlichen Gefahr
  durch Klugheit und verstndiges Benehmen entgehen konnte, so war
  mein Entschlu in der Minute gefat. Ich reise! Die Feder wurde
  nun fortgeworfen, und wir eilen zu Ludwigs, um hier zu verknden und
  nher zu berlegen. Ja, ja, reisen Sie, machen Sie, da Sie dort
  schnell abschlieen, oder doch finale Entschlsse nehmen, und kommen
  Sie bald, bald wieder! Die Reise wurde gleich auf den andern Morgen
  festgesetzt, und ich brachte den Rest des Tags mit kleinen Anordnungen
  und mit Abschiednehmen der genauern Freunde hin. Den Abend hatte man
  im Ludwig'schen Hause noch eine kleine Abschiedfte veranstaltet, die
  ebenso heiter als meine Trennung von diesen vortrefflichen Menschen
  traurig war.

  Montag frh reiste ich nun ber Leipzig ab, das nthig war, weil ich
  mir mit Mitzky[45] in Reudnitz ein Rendezvous gegeben hatte, das ich
  nicht konnte absagen lassen aus Krze der Zeit. Meine Unterhaltung
  mit diesem in Reudnitz und wieder in Leipzig dauerte so lange, da
  ich erst Montag Abend um 10 Uhr von Leipzig nach Halle abfahren
  konnte. Von Montag Abend 10 Uhr bis Sonnabend 11 Uhr habe ich also
  die beschwerliche Reise von Leipzig bis Deventer gemacht, was bei den
  grundlosen Wegen wirklich auerordentlich schnell gereist ist. Es sind
  fnf Tage gerade. Ich bin aber auch wie gerdert!

  Unstreitig htten Sie, wenn Sie eine Stunde mehr Zeit zu Ihrem
  Briefe genommen htten, mir die ganze Reise, ihre Beschwerden, ihre
  Gefahren und die groen Kosten, die hin und her wenigstens 6-700
  Gulden betragen werden, ersparen knnen! Und Sie htten mir dies
  Alles, auch ohne Rcksichten auf die besondern Umstnde, ersparen
  sollen, da jeder Geschftsbericht immer und nothwendig bestimmt und
  erschpfend sein mu.

  Die Rettung meines ganzen knftigen Lebens hngt von Momenten ab.
  Gehen diese Momente unbenutzt vorber, so ist mein ganzes knftiges
  Leben verloren. Ich konnte also kein Bedenken tragen, Alles zu wagen
  und daranzusetzen, um nur zu einem Resultate zu kommen!

  Ich komme aber gewi nicht, um Ihnen Vorwrfe zu machen! Wir mssen
  uns vereinigen, um schnell irgendein Resultat herbeizufhren.

  Der Postillon blst schon zum dritten mal. Fr hier also genug.

                                       Amersfoort, Morgens 10 Uhr.

  Ich habe mich entschlossen, bis Muiden nur zu fahren, von dort
  diese Briefe per Expressen nach Amsterdam (zwei Stunden von Muiden)
  zu schicken und Sie einzuladen, wie es hierdurch geschieht, entweder
  noch diesen Abend zu mir nach Muiden hinauszukommen, oder sonst
  morgen frh. Mein Logis werde ich Ihnen unten bezeichnen. Es bedarf
  keiner Erinnerung, da Sie auch #keiner# Seele etwas von meiner Nhe
  sagen! Wir werden berlegen, wo ich eine Zeit lang verweilen knnte!
  Unstreitig in Amsterdam selbst am sichersten und unbemerktesten.
  Denken Sie gleich darber nach, und wo das Schild: _Hier zyn
  gestofferde kamers te huur_ (hier sind mblirte Zimmer zu vermiethen)
  aushngt, auf einer etwas abgelegenen Strae oder Gracht.

                                        Muiden, Abends halb 5 Uhr.

  Ich bin hier bei Meyer logirt, dem ersten Gasthof ber der Brcke
  rechter Hand von Amsterdam her. Ich schicke Ihnen diesen Brief per
  Expressen, um sicher zu sein, da er Ihnen heute zugekommen ist. Sind
  Sie zu Hause gerade, wenn er kommt, so habe ich es gern, Sie noch
  diesen Abend zu sehen. Sind Sie aber nicht zu Hause, so ist es mir
  recht, wenn Sie erst morgen kommen; da ich in acht Tagen nicht zu
  Bette gekommen, so bedarf ich ohnehin heute Ruhe.

  Nun, bis zum persnlichen Sehen!

                                           Ganz Ihr Brockhaus.

In Muiden blieb Brockhaus ungefhr drei Wochen, hielt sich aber ab
und zu auch einen Tag in Amsterdam selbst auf. Seinem energischen
persnlichen Eingreifen gelang es bald, die seit Anfang des Jahres
schwebenden Unterhandlungen ber den Verkauf des amsterdamer Geschfts
zu einem erwnschten Abschlusse zu bringen. Dieser erfolgte am 21. Mrz,
die Zahlung der Kaufsumme am 1. April. Kufer des Sortimentsgeschfts
sammt dem ansehnlichen Lager war der Buchhndler Johannes Mller, der
zwei Jahre vorher (am 1. Mai 1809) eine Buchhandlung in Amsterdam unter
der Firma J. Mller & Co. errichtet hatte (1837 wurde diese Firma in
die noch jetzt bestehende: Johannes Mller, umgewandelt). Gleichzeitig
suchte Brockhaus, um die Transportkosten nach Leipzig zu ersparen, auch
die in Amsterdam lagernden Vorrthe seines ltern Verlags zu verkaufen,
ebenso die nicht unbedeutenden Auenstnde seines bisherigen Geschfts.
Es gelang ihm wenigstens, die Einleitungen dazu zu treffen, whrend
der Kaufvertrag darber erst im folgenden Jahre, am 4. Mrz 1812,
durch Borntrger in Amsterdam abgeschlossen wurde. Kufer hiervon war
der amsterdamer Buchhndler Christian George Slpke, dessen Handlung
ebenfalls noch jetzt besteht. An keinen der beiden Kufer war brigens
Brockhaus' bisherige Firma: Kunst- und Industrie-Comptoir, mit
verkauft worden. Diese behielt vielmehr Brockhaus auch in Altenburg
vorlufig bei, nur da er meist von Amsterdam, und als Verlagsort
Altenburg oder Leipzig hinzusetzte.

       *       *       *       *       *

Der Aufenthalt in Muiden war fr Brockhaus mit mancherlei Gefahren
verbunden. Er wollte seine Anwesenheit in der Nhe von Amsterdam
geheimhalten, um allen neugierigen Nachfragen und persnlichen
Belstigungen wegen des Hiltrop'schen Processes und anderer noch
schwebender Verhandlungen zu entgehen. So verkehrte er wesentlich nur
mit Borntrger, der ihn fast tglich in seinem Versteck besuchte, da
eine regelmige Verbindung zu Wasser zwischen Amsterdam und Muiden
durch eine mehrmals des Tags hin- und hergehende Schuyt bestand;
auerdem sah er nur noch zwei seiner ltesten Freunde, deren Namen
er aber in seinen Briefen nicht nennt. Eine weitere Schwierigkeit
entstand daraus, da er Altenburg bei seiner eiligen Abreise ohne
Pa, diesen damals so nothwendigen Reisebegleiter, verlassen hatte,
vielleicht absichtlich, um eben nicht erkannt zu werden. Diesem letztern
Uebelstande half er dadurch ab, da er sich von Borntrger dessen Pa
geben lie und der hollndischen Dorfbehrde vorlegte. Freilich konnte
er denselben mit ebenso viel oder -- so wenig Recht wie Borntrger
fhren, da der Pa auf den Namen Friedrich Schmidt lautete!

In einem der zahlreichen und oft ausfhrlichen Briefe, die er auch in
dieser Zeit trotz der hufigen Besprechungen an Borntrger sandte,
schreibt er:

  Gestern Abend habe ich denn auch hier Namen, Wohnort, Dauer des
  Aufenthalts, Pa von woher? aufgeben mssen. Da ich meinen Namen nicht
  nennen konnte, noch sagen, der Pa sei vom Knig u. s. w., so habe ich
  gesagt: Schmidt von Leipzig mit Pa vom dortigen Magistrat, und um
  zu vermeiden, darber viel inquirirt zu werden, habe ich nur zwei bis
  drei Tage Aufenthalt angegeben. Gott gebe nur, da man heute nicht den
  Pa zu sehen verlangt! Auf alle Flle bringen Sie mir diesen Abend den
  Ihrigen mit. Langes Bleiben ist auf diese Weise hier nicht.

Und bevor er diesen Pa hat und wei, ob er mit demselben sich
legitimiren kann, fordert er Borntrger auf, ihm noch einen andern Pa,
wieder auf dessen angenommenen Namen, zu einer Reise nach -- Paris zu
verschaffen! In demselben Briefe theilt er ihm nmlich mit, da er
vorhabe, sobald der Kauf mit Johannes Mller abgeschlossen sei, einen
Abstecher nach Paris zu machen, um die Zwischenzeit whrend der weitern
Unterhandlungen ber den Verkauf des ltern Verlags zweckmig in
geschftlichem Interesse zu verwenden:

  _Enfin_: Nothwendigkeit, Langeweile und Unsicherheit hier,
  Interesse, Lust vereinigt sich, mir diese Reise, wozu drei Wochen
  hinreichen wrden, anzurathen. Es ist nur (!) fr einen Pa zu sorgen.
  Ich wnschte immerhin, da Sie es wieder versuchten, auf Ihren Namen
  diesen Pa zu erhalten. Auf die Beschreibung der Person wird doch
  nicht gesehen, und da ich in Paris durch Forssel und Schll doch allen
  Beistand finden wrde, so habe ich gar keine Bedenklichkeit. Und #Sie#
  brauchen gar keine zu haben. Ich wnschte also sehr, da Sie womglich
  noch heute den Versuch dazu machten.

Aus dieser Reise nach Paris wurde inde nichts, vielleicht weil der
betreffende Pa doch nicht zu erlangen war; dagegen scheint der bereits
vorhandene Pa Borntrger's seine Schuldigkeit gethan zu haben, da
Brockhaus statt zwei bis drei Tage drei Wochen in Muiden und Amsterdam
blieb, ohne Anfechtungen zu erleiden; er benutzte denselben auch spter
zur Rckreise nach Deutschland und schickte ihn auf halbem Wege, aus
Mnster, mit bestem Dank an Borntrger zurck, mit der Bemerkung, da er
ihn brigens gar nicht gebraucht habe.

Anfangs freilich war er in Muiden wegen seiner Sicherheit noch sehr
besorgt; er lie sich von Borntrger einen Hut mitbringen, weil er
mit seiner Mtze keinen Schritt thun knne, ohne da die Kinder ihm
nachhhnten, und bat ihn, die Briefe, die er ihm schicke, selbst auf der
Postschuyt abzuholen, damit die hufige Correspondenz dem Markthelfer
Jan nicht auffalle. Dieser schien aber doch die Anwesenheit seines
Principals, an dem er sehr hing, bemerkt zu haben und suchte ihn eines
Tags in Muiden auf. Brockhaus meldet dies gleich an Borntrger:

  Ich hatte Ihnen schon die einliegende kleine Einlage geschrieben,
  als zu meinem Entsetzen mir ein Herr gemeldet wird, der mich
  sprechen wolle. Ich lasse seinen Namen fragen und da ist es denn --
  Jan!

Wenn Borntrger einen Tag ausblieb, war Brockhaus gleich sehr gereizt.
So schreibt er ihm einmal:

  Ich leugne Ihnen nicht, da ich gestern ber Ihr Nichtkommen pikirt
  gewesen bin. Zufolge Abrede hatte ich fr Sie Essen mit machen lassen,
  und so erwartete Sie auch dies von 2 bis 4 Uhr, wo statt Ihrer selbst
  ein Brief kam. Im gemeinsten Leben schon wird dies fr eine sehr groe
  Unhflichkeit gehalten. Da Sie um 5 Uhr schon zurckgemut htten,
  dazu sehe ich die Nothwendigkeit nicht ein. Es geht noch eine sptere
  Schuyt, und Muiden ist auch nicht so weit von Amsterdam, da man im
  uersten Falle die zwei Stndchen nicht zu Fue machen knnte. Sie
  konnten aber auch des Nachts bleiben. Wenn man, wie ich gethan habe
  und thun mu, 360 Stunden reist, um mndlich Explicationen zu holen
  und zu geben, die schriftlich zu geben war versumt worden, so ist
  man eiferschtig darauf, wenigstens die daseiende Gelegenheit ganz zu
  benutzen. Von meiner Einsamkeit hier will ich nicht sprechen, da ich
  mich immer zu unterhalten wei, wenn ich auch allein bin.

  Einliegend ein Promemoria, dessen Ausfhrung ich Ihnen empfehle und
  stete Wiedernachsehung und Fortfhrung desselben, bis Alles besorgt
  ist. In einem Tage lt es sich nicht besorgen, das wei ich. Sie
  heben dieses Promemoria auf. Wir werden es dann immer nachsehen und
  beischreiben. Herberkommen nach dem Reythuys werde ich weiter nicht;
  es ist mir auch zu theuer. Knnte ich mit der Schuyt gehen, so wrde
  ich es thun, aber wegen der Menge Menschen, die darin, geht das nicht.
  Kommen Sie also so oft hierhin, als es nthig ist, oder schreiben Sie.
  Jenes am besten per Schuyt, da das Reiten eher auffllt.

Jenes Promemoria (eine Form der Mittheilung, die Brockhaus sehr
liebte) fllt zwei engbeschriebene Folioseiten und enthlt 28 Punkte,
geschftliche und persnliche Angelegenheiten betreffend. Er benutzte
eben die Zeit und Einsamkeit, um alles in Amsterdam noch zu Erledigende
von hier aus in Ordnung zu bringen. Als Punkt 10 bemerkt er:

  Ich wnschte meine Ihnen von August an geschriebenen Briefe mal
  wieder durchzulesen. Legen Sie sie also zusammen und lassen sie durch
  Jan heften, wie ich die Ihrigen habe. Meine Briefe lasse ich Ihnen
  gern; ich mchte nur bei ihrem Durchlesen die furchtbare Zeit nochmal
  durchleben.

Auer in dieser jngsten Vergangenheit (in die ihn auch die frher
von uns mitgetheilten, von hier aus geschriebenen Briefe an Karoline
Richter und die altenburger Freunde ber die definitive Lsung seines
Verhltnisses zur Hofrthin Spazier zurckversetzten) lebte er viel
in der wehmthigen Erinnerung an die jener Katastrophe vorangegangene
traurige Zeit, in der er seine heigeliebte Frau verloren hatte. War sie
doch auf dem Kirchhofe desselben Dorfes Muiden, in dem er durch eine
eigenthmliche Schicksalsfgung jetzt lngere Zeit verweilen mute,
begraben. Nach ihrem Grabe richtete er fast tglich seine Schritte. Er
schreibt einmal an Borntrger:

  Ich war diesen Abend am Muiderberg. Ich habe Sophiens Grab wieder
  besucht und zugleich die himmlischen Environs am Gestade des Y. Es
  ist die schnste Partie, die ich je in Holland gesehen, und der Abend
  war kstlich in seiner Linde und Heiterkeit. Wir mssen das nochmal
  zusammen besuchen. Ich war sehr glcklich in meiner Wehmuth und
  Trauer.

In einem Briefe an Frau Ludwig in Altenburg vom 22. Mrz gibt er eine
anziehende Beschreibung seines Zufluchtsorts und des Lebens daselbst:

  Meine hiesigen Geschfte verlngern sich um einige Tage, eine Zeit,
  die mir fr meine Petulanz eine Ewigkeit dnkt. Ich hatte gehofft,
  so viel Zeit zu gewinnen, um einen kleinen Abstecher nach dem
  Sirenen-Gestade an der Seine zu machen, aber es ist nicht gelungen,
  und ich mu darauf Verzicht thun.

  Da ich hier nur einen einzigen Zweck habe, so bekmmere ich mich
  auch um keinen andern. Ich sehe Niemanden als zwei vertraute Freunde
  und Schmidten, meinen guten mir sehr anhngigen Manus (so verkrzt man
  hier den Domestikennamen Hermann) und mein kleines armes Mdchen! Ich
  bin abwechselnd in meinem Hause und in Muiden. Aus dem Briefe an Ihre
  Schwester wissen Sie, welch ein theures Andenken hier fr mich ruht.
  Die Reize dieser Gegend sind mir erst jetzt bekannt geworden. Htte
  ich Matthisson's, Forster's oder Ludwig's Griffel oder van der Velde's
  oder Claude's Pinsel, so wrde ich es versuchen, Ihnen ein Bild davon
  zu geben. Aber so kann ich Ihnen nur einfach sagen, da es eins der
  reizendsten hollndischen Drfer ist, in einem herrlichen Buchen-
  und Lindenwalde gelegen, umgrtet von den angenehmsten _campagnes_,
  wahren Idyllen der schnen Gartenkunst (lassen Sie sich von Ludwig die
  hollndischen Landhuser mal beschreiben), und gelehnt an den schnen
  Meerbusen, das Y genannt. Hier ist mein gewhnlicher Spaziergang. Fr
  mich gibt es nichts Erhabeneres und mehr Hebendes in der Natur als das
  unendliche, immer ghrende, immer kmpfende, immer sich vereinigende
  Spiel der Wellen des Oceans. Doch hier ist der Charakter desselben
  milde, da, wie Sie auf der Karte sehen knnten, obgleich Ausflu der
  Nordsee, seine tobende Gewalt doch gebrochen ist. Ich denke mir, da
  die schnen schweizer Landseen mit einem solchen Meerbusen viele
  Aehnlichkeit haben werden. Die Aussicht von Muiden aus ber denselben
  weg ist wunderschn. Links ist der uerste Horizont mit den Hunderten
  von Thrmen und Mastbumen Amsterdams und seines Hafens begrenzt,
  gegenber mit den Beweisen der thtigsten Industrie dieses fleiigen
  Volks: den Windmhlen Nordhollands; rechts nach dem Pampus hin, wo es
  in die Nordsee hinausgeht, sieht man auf unzhligen Punkten, so weit
  das Auge reicht, Fischer mit aufgespannten Segeln in ihren Khnen und
  Booten halten und ihrem mhseligen Gewerbe obliegen.

  Einmal bin ich mit auf den Fang ausgewesen. Wir hatten eine tchtige
  Partie Heringe, die um die jetzige Zeit hier gefangen und getrocknet
  werden, wo sie Bcklinge heien, und auch einige Barsche gefangen,
  welche eins der Lieblingsgerichte der Hollnder und auch von mir
  sind. Man kocht sie in Wasser mit Selleriewurzeln, und sie werden so
  mit Butterbrot durchwrzt und mit gemengtem sen weien und rothen
  Bordeauxwein als Zugabe genossen. Ich wei nicht, ob Sie wissen, da
  ich ein wenig Gourmand bin, wo ich's haben kann, und so lasse ich
  mir diese _waterzootjes_ (Gericht Barsche) oft herrlich schmecken.
  Englische Austern, worauf ich mich so gefreut, gibt's aber dies
  Jahr hier nicht, sie sind wol mit dem Englischen Pflaster und der
  Englischen Krankheit in eine Kategorie gesetzt worden! Ueberhaupt hrt
  man nichts als Klagelieder und Verwnschungen der jetzigen Zeit und
  ihres Beherrschers. Ich werde Ihnen ber dies Alles mal viel erzhlen
  knnen.

Wie er hier berichtet, wagte er sich doch auch nach der Stadt hinein,
besonders um sein jngstes Kind Sophie, jetzt anderthalb Jahre alt,
fters zu sehen, die bei dem Kaufmann Trippler und dessen Frau
untergebracht war. Freilich war dies mit Gefahr fr ihn verbunden,
zumal in seinem eigenen Hause, wo er fters bei Borntrger wohnte, ein
franzsischer Oberst einquartiert war. Hier mute er sich auch an dem
officiell befohlenen Jubel ber die am 20. Mrz 1811 erfolgte Geburt
des Sohnes Napoleon's (des am 22. Juli 1832 gestorbenen Herzogs von
Reichstadt) betheiligen.

Er beschreibt dies in folgendem, am 26. Mrz an Ludwig gerichteten
Briefe, der zugleich ber seine Stimmung und ber sein Tchterchen
handelt:

  Sonnabend (23. Mrz) war allgemeine Illumination wegen der Geburt
  des Sohnes von Bonaparte. Wir muten auch illuminiren! Mit welchem
  Herzen es von uns und allen Brgern geschah, darber mag Gott
  urtheilen. Es that mir ordentlich wehe, da Amsterdam sich einzig
  schn bei einer solchen Illumination ausnimmt. Nur Venedig kann darin
  mit ihm rivalisiren. In den herrlichen breiten Kanlen reflectirt
  das tausendfarbige Spiel der Lichter wunderschn, und man glaubt in
  Armidens bezauberten Palsten zu wandeln. Der Abend und die Nacht war
  herrlich und ganz sternenklar, und mehr wie hunderttausend Menschen
  wogten auf den Straen und Grachten.

  Mich drckte dies Alles aber sehr nieder. Ich fhle mich einsam
  und verlassen hier, und meine Sehnsucht ist nur: wieder weg, zu
  meiner neuen Heimat, die ich bei Ihnen, liebster Ludwig, setze. Wre
  Vieles nicht gewesen, so liee sich vielleicht noch ein neues Leben
  ordnen. Aber, was ist erst noch im alten Leben zu ordnen, ehe an eine
  neue Ordnung kann gedacht werden! Ihre thtige Freundschaft, edler
  Mensch, werde ich noch oft in Anspruch nehmen mssen. Ich bedarf einer
  uern Sttze immer. Immer habe ich den besten Willen, es fehlt mir
  auch nicht an guten Ideen, aber ich bin muthlos geworden. Ich traue
  mir selbst nicht recht mehr, und meine Kraft ist daher gelhmt. Die
  bittern Erfahrungen, die ich in den letzten sechs Monaten gemacht
  habe, haben meine Scheu und Furcht vor den Menschen sehr vermehrt, und
  gewi, htte ich nicht in Ihnen und in Allem, was zu Ihrem Kreise,
  lieber Ludwig, in der Nhe und Ferne gehrt, ein Antidot gefunden,
  das mich wieder mit der Welt vershnt htte, so wrde ich Meinau's[46]
  Charakter ins wirkliche Leben bergetragen haben.

  Die Sorge fr mein kleines armes Mdchen Sophiechen beschftigt mich
  hier sehr. Ich habe es auf allerhand Weise berlegt, ob ich es nicht
  mit mir nehmen knnte. Aber es geht nicht. Mein eigenes Schicksal ist
  noch zu ungeordnet. Ohne husliche Einrichtung wrde ich gar nicht
  wissen mit dem Wrmchen, wo dort bleiben. Und dann, wie will ich es
  mit mir fortkriegen? Ein hollndisches Wartemdchen knnte ich doch
  nie in Sachsen bei mir behalten, mte es also zurckschicken, das
  sehr viel kosten wrde. Ich reise dazu so schnell und mu so schnell
  reisen, da ein Kind von so zartem Alter darber wrde zu Grunde
  gehen. Nach Dortmund habe ich darber geschrieben, aber keine gnstige
  Antwort bekommen. Seit Luisens Tode, der Schwester Sophiens, die
  gerade starb, wie Minna mit Ihnen auf der Michaelismesse in Leipzig
  war, ist fr meine armen Kinder die zweite Mutter auch verloren! Ich
  mu daher das kleine Mdchen noch hier lassen, so sehr sich auch mein
  Herz und Alles in mir dagegen strubt. Es ist zwar hier bei sehr guten
  Leuten, die es wie ihr eigenes Kind lieben, aber es widerstrebt mir
  auch besonders, es in der Stadt zu wissen. Ich werde vielleicht noch
  Gelegenheit finden, es aufs Land zu thun, und morgen deshalb mit einem
  Freunde aus der Stadt gehen.

  Verzeihen Sie, lieber Ludwig, da ich Sie von diesen meinen
  Particularissimis nur allein unterhalte. Aber wirklich, wofr kann ich
  auch in diesem Augenblicke anders Sinn haben als dafr? Mein Schicksal
  war seit funfzehn Monaten sehr schwer und dster. Einige Sonnenblicke
  erhellen es jetzt. Darber schweigt sich denn nicht gut. Man ist wie
  ein genesender Kranker, der immer von seiner Krankheit erzhlt.

  Leben Sie wohl, lieber Ludwig. Gru an Alle, die Ihnen angehren!

Ueber den hier erwhnten Tod seiner Schwgerin hatte er am 14. October
1810 aus Altenburg an Borntrger geschrieben:

  Noch mu ich Ihnen eine traurige Begebenheit melden, die ebenfalls
  auf mein husliches Verhltni vielen Einflu haben wird. Es ist der
  Tod von Sophiens ltester Schwester Luise, der Madame Rittershaus,
  bei der Fritz mit war. Sie war eins der edelsten Weiber, die ich je
  gekannt habe; sie hatte Sophiens himmlische Gte, aber mehr Energie,
  Kraft und Wrde. Ihr Verlust ist unersetzlich auch fr mich. Und
  fr die Welt. Sie war Mutter von vier Kindern erster Ehe. Mit ihrem
  zweiten Manne erhielt sie noch zwei. Auerdem nahm sie noch meinen
  Fritz zu sich und eine Tochter des unglcklichen Hiltrop, der mit mir
  den Ihnen bekannten Proce hat. Acht Kinder beweinen also das edle
  Weib, und mit ihnen ihr trostloser Gatte, ihre Geschwister, Alle,
  die sie kannten. Noch nie hat vielleicht in Dortmund ein Todesfall
  solche Sensation erregt als dieser. Ich werde dadurch um so mehr eilen
  mssen, ein oder zwei Kinder zu mir zurckzunehmen. Und das in dieser
  Katastrophe! Wieder welch ein schweres Verhngni!

Nachdem endlich der Kauf mit Johannes Mller abgeschlossen war, rstete
sich Brockhaus zur Abreise und beschftigte sich nur noch mit dem Ordnen
der mitzunehmenden und der zurckbleibenden Gegenstnde. Manches ihm
sehr Werthe mute er in Amsterdam zurcklassen. Wenn ich das Alles so
betrachte, schreibt er, so blutet mir das Herz. Die Beschftigung
ist fr mich unsglich angreifend. Fast jedes Stck hat irgendeine mir
theuere Erinnerung.

Die Zahlung der Kaufsumme hatte contractmig erst elf Tage nach
der Unterzeichnung des Kaufvertrags, am 1. April, zu erfolgen, und
da Johannes Mller diese Frist streng einhielt, so verzgerte sich
Brockhaus' Abreise wieder.

Er schreibt mit Bezug darauf an Borntrger:

  Ich sitze wie auf Nadeln. Denken Sie sich meine Stimmung und rechten
  Sie noch ber Worte! Meine Empfindungen fr Sie kennen Sie!

  Heute sind zehn Dreispnner von Amersfoort hier durchgekommen, die
  nach Amsterdam gingen, um dort morgen fr Leipzig zu laden. Ich habe
  selbst mit ihnen gesprochen. Wren nun unsere Sachen schon fertig, so
  knnten sie mit versandt werden!

An Hempel in Altenburg richtet er in dem bereits mehrfach erwhnten
Briefe vom 30. Mrz folgende Worte, die am besten seine Stimmung nach
dem endlichen Abschlusse der amsterdamer Angelegenheiten wiedergeben:

  Gebe Gott, da ich endlich zur Ruhe komme und aufs neue thtig und
  ntzlich wirken kann! Meine Sehnsucht nach dieser Ruhe und dieser
  neuen fruchtbringenden Thtigkeit ist unaussprechlich!

Am 1. April mittags konnte er endlich Amsterdam verlassen. Sein nchstes
Ziel war Mnster, wohin sein Bruder Gottlieb mit den Kindern von
Dortmund kommen wollte, da Brockhaus wegen des Hiltrop'schen Processes
Bedenken tragen mute, jetzt seine Vaterstadt zu betreten. Er reiste
ber Arnheim, um seinen frhern Associ Mallinckrodt zu besuchen, und
mute dort wider Willen trotz seiner Ungeduld einen ganzen Tag bleiben,
weil durch ein Versehen des Postillons sein Mantel in Amersfoort liegen
geblieben war. So kam er einen vollen Tag spter, als er gewollt, am
3. April abends, in Mnster an. Dort fand er nur zwei seiner Kinder,
Friedrich und Karoline, whrend die drei andern, Auguste, Heinrich und
Hermann, in Dortmund zurckgeblieben waren.

Und noch ein anderer, grerer Schmerz sollte ihn hier treffen: die
Nachricht von dem Tode seines Vaters! Dieser war am 26. Mrz in seinem
zweiundsiebzigsten Lebensjahre gestorben, und Gottlieb hatte es
seinem Bruder tags darauf gemeldet, doch war der Brief wol nicht mehr
rechtzeitig in Amsterdam eingetroffen. Dieser Trauerfall und die daraus
hervorgehende Strung in den Familienverhltnissen waren wol auch die
Ursache, da weder die drei andern Kinder noch sein Bruder nach Mnster
kamen.

In jenem Briefe schrieb Gottlieb:

  Lieber Bruder! Ich habe Dir eine Nachricht zu melden, welche Dein
  Herz auf das tiefste zerreien wird. Unser guter, redlicher Vater
  ist seit gestern Morgen nicht mehr unter uns. Er starb mit Ruhe und
  Fassung; seine Leiden waren kurz. Wir haben Alles angewendet, um das
  Leben des guten Greises zu retten, sein Arzt, der Herr Krupp, ist in
  der Zeit mit mir fast nicht von seinem Bette gewichen, allein leider
  blieben alle unsere Bemhungen fruchtlos.

  Noch gestern vor acht Tagen befand er sich recht wohl und war den
  ganzen Tag ber besonders heiter, a den Mittag noch mit vielem
  Appetit, trank den Nachmittag wie gewhnlich seinen Thee und geht
  darauf nach dem Balken, um das Malz nachzusehen, weil wir brauen
  wollen. Hier sinkt er pltzlich nieder; ein Glck, da gerade Jemand
  bei ihm war; mit Mhe wird er von oben heruntergetragen und legt sich
  darauf zu Bett, wo er sehr ber Seitenstiche klagte. Wir lieen gleich
  unsern Arzt rufen, der ein Brustfieber prophezeite, welches auch den
  folgenden Tag eintrat, wozu sich bald noch andere bedenkliche Umstnde
  gesellten.

  Gern wre der gute Vater noch bei uns geblieben, und er schied sehr
  ungern von dieser Welt. Ich habe inde die Beruhigung, da wir ihn
  immer mit Liebe behandelt, ihn in den vielen Krankheiten, die er in
  den letzten Jahren erduldet, mit Sorgfalt verpfleget und seine, den
  meisten alten Leuten anklebende Laune mit Nachsicht gern und willig
  ertragen haben. Er fhlte dieses auch oft sehr tief, da er sah, wie
  gern wir Alles gaben, um sein Alter so froh wie mglich zu machen.

  Bei den vielen Unruhen, welche mich jetzt wegen dem Todesfalle
  unsers Vaters umgeben, ist es mir nicht wohl mglich, Dir heute mehr
  schreiben zu knnen; nur so viel, da Dein Heinrich wohl und munter
  ist und gut lernt.

  Da Du wohl, glcklich und zufrieden leben mgest, wnsche ich von
  Herzen; Keiner in der Welt kann und wird daran innigern Antheil nehmen
  als

                                              Dein treuer Bruder

                                                 G. Brockhaus.

In einem flchtigen Briefe von Brockhaus an Borntrger aus Mnster vom
5. April heit es:

  Ich hatte gehofft, auch die andern Kinder hier zu finden, allein die
  Freude war mir nicht gewhrt. Noch hatte ich den Schmerz, hier auch
  den Tod meines vortrefflichen Vaters zu erfahren! Gestern habe ich
  mich hier verweilt. Heute geht's nun weiter, und ich hoffe bis Montag
  (8. April) in Altenburg zu sein. Von da also mehr.

  Nun adieu. Ich danke Ihnen fr alles Liebe und Gute!

Brockhaus nahm die beiden Kinder, die nach Mnster gekommen waren,
Friedrich und Karoline, gleich mit nach Altenburg, um daselbst, wie
er lngst gewnscht hatte, endlich wieder einen eigenen Hausstand zu
begrnden; die andern Kinder blieben einstweilen noch in Dortmund. Am
11. April schreibt er an Borntrger aus Altenburg, da er glcklich dort
angekommen sei.

Am 23. April reiste er fr einige Tage nach Leipzig, kehrte am 28. nach
Altenburg zurck, fuhr aber schon am 30. wieder nach Leipzig, um auf der
Buchhndlermesse seine Angelegenheiten ganz in Ordnung zu bringen. Hier
blieb er drei Wochen lang, bis zum 20. Mai, und hatte die Freude, seinen
Zweck endlich der Hauptsache nach zu erreichen.

In welcher Weise dies geschah, sei in der Krze und ohne in Details
einzugehen mitgetheilt.

       *       *       *       *       *

Die Berhrung dieser Angelegenheit ist eine schmerzliche Pflicht
fr den Verfasser, als einen Enkel des Geschilderten; sie ist aber
eben seine Pflicht, der er sich als gewissenhafter Biograph nicht
entziehen kann und nicht entziehen will, und sie wird ihm dadurch
wesentlich erleichtert, da er gleichzeitig den fr seinen Grovater
hchst ehrenvollen Ausgleich der Angelegenheit mittheilen kann. Es sei
also offen gesagt: da Brockhaus sich in dieser Zeit genthigt sah,
mit seinen Glubigern fr sie mit grern oder geringern Verlusten
verbundene Vergleiche abzuschlieen, da er aber spter, sobald seine
sich gnstiger gestaltenden Verhltnisse es ihm erlaubten, freiwillig
allen, trotz ihrer in aller Rechtsform ausgesprochenen Verzichtleistung,
den damaligen Verlust mit Zurechnung aller Zinsen ersetzt hat: ein in
der buchhndlerischen und berhaupt in der kaufmnnischen Welt nicht
eben hufig vorkommender Fall.

Einen eigentlichen Accord proponirte Brockhaus seinen Glubigern
nicht, sondern lie ihnen zwischen zwei Modalitten die Wahl: entweder
sollten die Forderungen ein fr allemal ausgeglichen werden, theils
durch baare Zahlung (ein Drittel), theils durch Waaren (ein Drittel
in Verlagswerken, ein Drittel in gangbaren Werken fremden Verlags
aus dem amsterdamer Sortimentslager), oder sie sollten vollstndig,
aber nach und nach in Terminen, baar bezahlt werden. Die Mehrzahl der
Glubiger, besonders die Verlagsbuchhndler, whlten die erstere,
andere, namentlich Buchdrucker und einige grere Verleger, die zweite
Alternative, worber die Verhandlungen sich theilweise noch bis zum
Frhjahr 1812 hinzogen. Zu den Baarzahlungen wurde der grte Theil der
aus dem Verkauf des amsterdamer Geschfts gelsten Summe verwendet.

Brockhaus' Commissionr in Leipzig fr den Verlag war bis gegen Ende
1810 die Buchhandlung Johann Friedrich Gleditsch gewesen, whrend
die Buchhandlung W. Rein & Comp. die Expedition an das amsterdamer
Sortimentsgeschft besorgt hatte. Infolge seiner Differenzen mit der
erstern Handlung wollte Brockhaus in dem Circular ber den Verkauf
seines Geschfts an die Hofrthin Spazier die Rein'sche Buchhandlung als
neuen Commissionr nennen, allein der Besitzer der letztern, Wilhelm
Rein, war mit dem von Brockhaus beabsichtigten Arrangement nicht
einverstanden und wollte deshalb die ihm bersandten Circulare, in
denen er bereits als Commissionr genannt war, nicht ausgeben. Der von
Brockhaus nach seiner Abreise von Leipzig mit Vertretung seiner dortigen
Interessen beauftragte Professor _Dr._ Dabelow (der fr ihn auch am 16.
Juli 1810 ein Gutachten wegen des Hiltrop'schen Prozesses verfate)
hatte sich ohne Brockhaus' Vorwissen an den Buchhndler Karl Heinrich
Reclam (mit dem Brockhaus 1808 einen heftigen Streit gehabt hatte, weil
er mit dessen Besorgung seiner Commission unzufrieden gewesen war) um
Rath gewandt. Zu Brockhaus' Ueberraschung hatte Reclam diesen Rath in
sehr verstndiger Form gegeben, und soll er bei dieser Gelegenheit
berhaupt durchaus keine Animositt gezeigt haben, wie Brockhaus an
Borntrger schreibt. Reclam erklrte sich selbst zur Wiederbernahme der
Commission bereit. Auer ihm boten sich dafr noch zwei andere leipziger
Firmen an: Karl Cnobloch und Mitzky & Co. Brockhaus entschied sich fr
letztere Firma, die im November 1810 die Commission bernahm und bis
Ende 1811 besorgte. Die Buchhandlung Mitzky & Co. wurde zu dieser Zeit
an einen bisher in derselben arbeitenden Gehlfen, Wilhelm Engelmann,
verkauft, der dieselbe am 20. December 1811 bernahm und unter seiner
eigenen Firma fortsetzte; dieser besorgte von da an auch Brockhaus'
Commission.

       *       *       *       *       *

Die Buchhandlung, mit welcher es Brockhaus am schwersten wurde, zu einer
Einigung zu gelangen, war die Firma Johann Friedrich Gleditsch, die, wie
eben erwhnt, bis zu diesem Zeitpunkte Brockhaus' Commissionr gewesen
war. Der Besitzer derselben, Karl Friedrich Enoch Richter, war es,
der, wie frher mitgetheilt, zuerst streng gegen Brockhaus auftrat und
dadurch dessen Abreise nach Altenburg veranlate, indem er den Ersatz
fr einen ihm von Brockhaus auf sein amsterdamer Geschft gegebenen und
dort durch ein Zusammentreffen von Umstnden nicht eingelsten Wechsel
in der dringendsten Weise verlangte. Brockhaus hat ber Richter's
damaliges Auftreten selbst Folgendes niedergeschrieben:

  Er schlug die instndigsten Bitten, nur einen Posttag zu warten, ab;
  er wies alles _accomodement_ durchaus von der Hand und verlangte auf
  den folgenden Tag baare und nur baare Zahlung. Herr Enoch Richter war
  die alleinige und einzige Ursache meiner Entfernung von Leipzig, weil
  er schlechterdings auf der Stelle in Geld befriedigt sein wollte.

Von Altenburg aus wurden weitere Unterhandlungen zwischen Brockhaus
und Enoch Richter eingeleitet. Letzterer wollte gegen Abtretung des
Verlagsrechts der Urania seine eigene Forderung und zugleich die
des Bankiers Christian Friedrich Richter als ausgeglichen betrachten.
Brockhaus war dazu auch bereit, zumal Enoch Richter ihm dafr eine
ihn selbst berraschende hohe Summe bot. Inde reute Enoch Richter
dieses Anerbieten wieder, und er verlangte nun auch noch Abtretung
des Conversations-Lexikon! Darauf konnte und wollte Brockhaus nicht
eingehen. Nach langen Verhandlungen wurde endlich im Herbst 1811 eine
Verstndigung auf andern Grundlagen abgeschlossen. Enoch Richter konnte
es sich dabei aber nicht versagen, Brockhaus' Auseinandersetzungen ber
ihre Verstndigung als schne Phrasen zu bezeichnen, was diesen am 8.
December 1811 zu folgender Antwort veranlate:

  Da von meinen Briefen Copie genommen wird, so habe ich mit der
  grten Resignation diesen letzten nochmal berlesen, und ich mu mir
  selbst das Zeugni geben, da ich endlich kein Wort darin habe zu
  finden vermocht, was jene Bezeichnung und Charakteristik verdiente,
  und ich kann dessen auch um so gewisser sein, da in meiner Seele
  nichts liegt, was diesen Charakter trge, auch berhaupt es mein
  Wesen nur zu wenig ist, Phrasen zu machen, da ich alle Verhltnisse
  um mich her immer nur zu sehr in Wahrheit auffasse und mich darber
  ausspreche. Da mir als Mensch dieser Ihr Vorwurf sehr schmerzhaft
  gewesen, so ist dies der einzige Punkt, gegen den ich in Ihrem Briefe
  reclamire, indem ich Ihnen die Versicherung gebe, da der sonstige
  Inhalt mich befriedigt hat .... Weiter wei ich nichts, und so wre
  unsere Fehde doch nicht in Unehre geendet! Ich wnsche Ihnen alles
  Gute.

In sptern Jahren vernderten sich die Verhltnisse der beiden Mnner
und ihrer Firmen nicht unwesentlich; wir knnen nicht umhin, auf zwei
solcher Momente kurz hinzuweisen.

Im Jahre 1819 hatte Brockhaus Veranlassung, aus Leipzig, derselben
Stadt, in der sich die altberhmte Gleditsch'sche Buchhandlung seit
ihrer Begrndung befand, an den Besitzer derselben, Enoch Richter, der
ihn acht Jahre vorher so hart behandelt und aus jener Stadt vertrieben
hatte, als Besitzer einer weit jngern, aber inzwischen zu immer
grerer Bedeutung gelangten Buchhandlung, zu schreiben: er knne ihm
weder mit Kasse noch mit fremden Papieren aushelfen (wegen der damals
herrschenden Handelskrisis) und habe ihm die frhern 3000 Fl. nur aus
Geflligkeit berlassen. Jener hatte sich also schon zum zweiten male
um Untersttzung an ihn gewandt.

Und eine noch eigenthmlichere Fgung des Schicksals ist es, da die
Firma Johann Friedrich Gleditsch, nachdem ihr Besitzer, Enoch Richter,
hatte liquidiren mssen, einige Jahre darauf mit dem grten Theile
ihrer umfassenden Verlagswerke fr eine ansehnliche Kaufsumme in den
Besitz der Firma F. A. Brockhaus berging und Enoch Richter in den
letzten Jahren seines Lebens von dieser literarisch beschftigt wurde!

Enoch Richter war brigens ein intelligenter Buchhndler und berhaupt
ein begabter Mann. Von ihm rhrt die Idee zu der groen Allgemeinen
Encyklopdie der Wissenschaften und Knste von Ersch und Gruber her,
die seit 1818 in dem Gleditsch'schen Verlage erschien und mit diesem
1831 von der Firma F. A. Brockhaus erworben wurde. Ferner bearbeitete
er 1830 fr letztere das Vollstndige Handwrterbuch der deutschen,
franzsischen und englischen Sprache, welches so groen Beifall fand,
da es 1870 in neunter umgearbeiteter Auflage erscheinen konnte. Richter
starb in Hamburg am 15. October 1831, und dies war gerade der Tag,
an dem die Gleditsch'sche Buchhandlung das Eigenthum der Firma F. A.
Brockhaus wurde!

Die Gleditsch'sche Buchhandlung (ber deren Geschichte einige Angaben
hier wol am Platze sind) war 1693 von Johann Friedrich Gleditsch
in Leipzig gegrndet worden, nachdem derselbe schon seit 1681 die
Buchhandlung von Johann Fritsch geleitet hatte. Nach seinem Tode
(26. Mrz 1716) von einem Sohne fortgefhrt, kam sie spter in den
Besitz von Wilhelm Heinsius (bekannt durch das von ihm begrndete und
herausgegebene, spter ebenfalls in den Verlag von F. A. Brockhaus
bergegangene Allgemeine Bcher-Lexikon); 1805 von Enoch Richter
angekauft, wurde sie Ende 1827, als dieser sich genthigt sah, zu
liquidiren, von Johann Friedrich Schindler bernommen, nach dessen Tode
(15. December 1828) von seiner Tochter Anna Therese, verehelichten _Dr._
Hahn; diese trat sie am 14. April 1830 an Christian Reichenbach's Erben
& Compagnie ab, worauf sie endlich, wie bereits erwhnt, am 15. October
1831 an die Firma F. A. Brockhaus berging. Von letzterer wurde die alte
Firma Johann Friedrich Gleditsch, nachdem sie unter diesem Namen ihres
Begrnders 138 Jahre lang bestanden und zu den angesehensten deutschen
Buchhandlungen gehrt hatte, nicht weiter fortgefhrt, sondern deren
Verlag (mit Ausnahme einiger vorher bereits an andere Verlagshandlungen
verkauften Werke) mit dem ihrigen vereinigt.

       *       *       *       *       *

Fast so schwer wie mit Enoch Richter war fr Brockhaus eine
Verstndigung mit dem Bankier Friedrich Christian Richter, der mit
ihm whrend der letzten Jahre in lebhaftem geschftlichen und selbst
in freundschaftlichem Verkehr gestanden hatte, wenn auch, wie die von
uns frher mitgetheilten Briefe zeigen, vorbergehend Strungen darin
eingetreten waren.

Der jetzt zwischen Beiden gefhrten Correspondenz verdanken wir
folgenden Brief, der Brockhaus' ganze Lage in dieser Periode mit manchen
bisher noch nicht erwhnten Details klar darlegt, am 21. April 1811 aus
Altenburg an den frhern Freund gerichtet:

  Zwischen meinem Bevollmchtigten, Herrn Friedrich Ferdinand Hempel
  hier, und Ew. Wohlgeboren haben seit dem vorigen October schriftliche
  mich betreffende Unterhaltungen stattgehabt, die mir smmtlich zur
  Kenntni gekommen sind.

  In dem letzten Briefe, womit Ew. Wohlgeboren ihn beehrt haben,
  erklrten Sie sich auf die Anfrage, ob Sie geneigter seien,
  Ihre Forderung an mich auf Termine zu setzen und sie dann ganz
  zu empfangen, oder ob Sie es vorzgen, mit der Lage der Dinge
  angemessenen Aufopferungen eine sofortige Liquidation zu erhalten: da
  Sie auf jenes nie eingehen wrden, wohl aber in Erwgung der Umstnde
  sich zu diesem verstehen drften. Eine gleiche oder hnliche Antwort
  ging von allen brigen Creditoren ein.

  Die Aufgabe war also jetzt, Fonds zu finden, um dem Ansinnen und
  dem Drange der Creditoren zu begegnen. Der Natur der Verhltnisse
  wegen muten die Creditoren smmtlich und auf einmal befriedigt
  werden, und es war demnach ein bedeutendes Kapital nothwendig. Wren
  die Creditoren gleich nach der Michaelismesse dem Vorschlage des
  Herrn Hempel beigetreten, mir provisorisch fr eine gewisse Zeit
  Ruhe zu lassen und persnliche Sicherheit zu garantiren, wogegen
  er sich dann verpflichten wolle, ein den Umstnden angemessenes
  Kapital durch Negociation herbeizuschaffen, so wrden die Creditoren
  einerseits schneller sein befriedigt worden, sie wrden gewi
  bessere Bedingungen als jetzt erhalten haben, und fr mich wren
  die schweren Aufopferungen nicht nthig gewesen, die ich nachher
  zu machen bin gezwungen worden. Die respectiven Creditoren wiesen
  jenen gutgemeinten Vorschlag, der Alles vielleicht geeinigt htte,
  von der Hand, und so wie fr sie selbst mit, so entstanden auch fr
  mich aus seiner Verwerfung sehr unangenehme Resultate. Einzelne von
  den Creditoren suchten mich gerichtlich zu verfolgen, woraus odiose
  und kostbare Processe entstanden. Hierdurch und durch die Heftigkeit
  und die Leidenschaft, womit wieder Andere sich gegen mich erklrten,
  wurde das Vertrauen, das man gegen mich und meine Angelegenheiten
  gezeigt hatte und welches Vertrauen mir jene Fonds wrde verschafft
  haben, geschwcht! Das schwere neue husliche Unglck, das durch die
  frchterliche Krankheit der Frau Hofrthin Spazier, die in jener
  Periode nach einem heftigen Nervenfieber ihres Verstandes beraubt
  wurde, mich traf und mich in namenlosen neuen Jammer strzte, kam
  hinzu, um jedes Vertrauen zu meiner uern Lage, da ohnehin das
  Geschft jetzt ganz in Stockung gerieth, also tglich schlechter
  wurde, vollends zu zernichten!

  Bei diesem neuen Stande der Dinge blieb nichts Anderes brig
  als Concurs, der aber den Creditoren Alles entzogen htte bei
  der Prioritt meiner Kinder, oder schnelle Aufopferung von allen
  concurrirenden Theilen (den Creditoren, von mir und den Vormndern der
  Kinder), wenn wenigstens Etwas gerettet, jene nicht Alles verlieren
  und ich nicht ganz zu Grunde gehen sollte.

  Pflicht der Menschlichkeit verbot es mir indessen, meine Freundin in
  ihrem schrecklichen Zustande zu verlassen. Das habe ich auch damals
  nicht gethan, trotz allen Gefahren, die mich umringten, obgleich
  gegenwrtig unsere Verhltnisse gnzlich getrennt sind. Erst als ich
  die arme unglckliche Frau nach einiger Genesung in Begleitung ihrer
  Schwester, der Gattin Jean Paul Richter's, nach Berlin zu ihrem Vater
  zurckgebracht hatte, konnte und durfte ich mich wieder mit meinen
  eigenen Angelegenheiten beschftigen! Wie sehr sich solche aber
  verschlimmert hatten, bedarf keiner Ausfhrung!

  In diesen Zeitpunkt ohngefhr oder etwas frher fllt Herrn Hempel's
  obengedachte Anfrage und auch Ihre Antwort, und wir haben jetzt den
  Stand- und Zeitpunkt wieder, von dem mein heutiges Schreiben oben
  ausging.

  Bei der Unmglichkeit also, auer in mir selbst anderwrts Fonds zu
  finden, blieb Nichts weiter brig, als sich solche zu jedem Preise und
  mit jeder Aufopferung durch Verkauf von Eigenthum zu verschaffen. Ich
  beschlo demnach, die Sortimentshandlung in Amsterdam loszuschlagen,
  und ich reiste zu diesem Endzweck Anfang Mrz von Altenburg nach
  Amsterdam. Meine dortige Bilanz, die ich Ihnen vorlegen kann, wie
  ich Ihnen Alles, was ich sage, durch Documente zu beweisen im Stande
  bin, hatte im November noch einen Ueberschu von 30000 Fl. (nominell,
  obgleich Alles ordentlich geschtzt und inventirt) dargeboten.
  Allein sowol durch die jetzige Lage Hollands, da drei Viertel des
  Nationalvermgens seit zwlf Monaten nach und nach verschwunden
  ist, da alle ffentlichen Anstalten, Universitten, Institute &c.,
  denen ihre Fonds smmtlich auf Nationalpapieren beruhen, durch die
  Tiercirung der Zinsen unfhig sind zu zahlen und zu kaufen, da endlich
  die eigentlichen Nahrungsquellen dieses Landes durch die jetzigen
  Maregeln versiegt sind, -- so war, wie man erwarten mute, jetzt dort
  Alles entwerthet.

  Meine Handlung war ohnehin seit dem November grtentheils in
  Stockung gerathen und unterbrochen worden; dagegen waren die Unkosten
  fortgegangen; schwere Abgaben waren zu leisten gewesen, drckende
  Einquartierungen hatten stattgehabt; mein und der Handlung Credit war
  infolge aller Strungen zernichtet; mehrere Glubiger auch dort hatten
  alle disponibeln Krfte durch ihren Druck ausgesogen.

  Jeder Billige und Verstndige wird einsehen, wie unter solchen
  Verhltnissen der Kapitalwerth meines dortigen Eigenthums seit sechs
  Monaten mute geschwcht worden sein, wie er tglich mehr schwinden
  mute, und welche Aufopferungen ich werde zu machen gezwungen gewesen
  sein, um dasjenige, was noch dort war, schnell oder vielmehr auf der
  Stelle gegen gleich baare Zahlung oder doch solche Garantien, auf
  welche ich baare Fonds negociiren knnte, zu realisiren! Ich habe aber
  alle diese Aufopferungen nicht gescheut und nicht scheuen drfen, und
  so habe ich mit einem reellen Verluste von wenigstens 20000 Fl. dort
  ein Kapital gerettet, das ich jetzt bei meiner Zurckkunft aus Holland
  auf der Stelle meinen Creditoren hier anbiete!

  Zwar gehrt dies Kapital streng genommen meinen Kindern, und wenn
  ich auf das Aeuerste hinauf- oder hinausgetrieben werde, so wird
  es auch nur ihnen. Ich persnlich gehe dann zwar unter, und man
  erreicht dann darin das, was man oft nur zu wollen geschienen hat oder
  gesucht; aber Jene, die armen verwaisten Kinder, thun es doch nicht.
  Ich sage, das Kapital gehrt streng genommen zwar diesen, allein die
  Hoffnung, da, einmal grndlich debarrassirt von allen Strungen und
  Hindernissen, es mir gelingen werde, durch neue Thtigkeit wieder zu
  erwerben, was jetzt dahingegeben wird, hat mich den Entschlu fassen
  lassen, es darauf zu wagen, jetzt alles Disponible nur hinzugeben, um
  nur zu neuer und geregelter Thtigkeit zurckkehren zu knnen!

  Was wir bei dieser Lage der Umstnde anzubieten und zu geben im
  Stande sind, haben wir auch Ew. Wohlgeboren durch Herrn Mitzky
  anbieten lassen.

  Es ist Niemand, der es schmerzhafter fhlt als ich selbst, wie
  schwer jedem einzelnen Creditor die Aufopferung fallen mu, die ich
  ihm zumuthe. Aber hier ist einmal kein anderes Mittel. Jetzt ist nicht
  mehr da. Und es wird nie mehr da sein als jetzt. Jedem Creditor mu
  die Wahrheit dieser Anfhrungen in die Augen springen.

  Nur von dem, was vom Verlagsgeschft nach und nach sprlich eingeht,
  und weiter von zu hoffender fremder Untersttzung soll und kann das
  neue Leben begonnen werden. Kann ich aber ber Jenes anticipirend
  verfgen? Kann ich diese einmal begehren oder suchen oder annehmen,
  solange das Alte nicht vorab geordnet ist?

  Gelingt es mir dagegen, einst neue Krfte zu erhalten, so wird
  mein Ehrgefhl mich von selbst bestimmen, das aus eigenem Motive
  nachzuholen, was jetzt aufgeopfert wird.

  Ew. Wohlgeboren haben mndlich und schriftlich gegen Hempel sich
  mit Hrte und Wegwerfung, ja selbst mit Beschimpfung ber mich
  ausgedrckt. Ich antworte darauf nur: Ich habe es nicht verdient!

  Alles, was geschehen, ist durch das Gedrnge der gebietendsten
  Ursachen veranlat worden. Ich habe durch unverschuldete Verluste,
  durch uere Ursachen, die weder vorherzusehen noch zu berechnen
  waren, schwere Verluste gehabt. Tod und Krankheit hat meine
  moralischen und meine physischen Krfte lange gelhmt.

  Alles, was ich Ihnen je in vertrauten Stunden gesagt, Ihnen in
  vertrauten Briefen geschrieben, ist wahr gewesen. Ich habe Ihnen nie
  ein wesentliches Wort gelogen. Ueber den einen speciellen Vorwurf, den
  Sie mir direct und indirect gemacht, kann ich mich rechtfertigen.

  Werfen Sie jetzt noch einen Stein auf mich!

  Das Einzige, worber ich mir Vorwrfe mache, wozu aber Sie nicht
  das Recht haben, waren meine Verhltnisse zu einer geistreichen und
  liebenswrdigen Frau, deren eigene Verhltnisse zur Welt mir aber
  unbekannt waren. Aber diese haben auch nur von mir drfen entdeckt
  werden, um eine Verbindung fr immer in dem Augenblick aufzuheben, wo
  es mein Gefhl fr Menschlichkeit und die Gesetze der Ehre erlaubten!

  Ich komme jetzt zur Hauptsache. (Folgen detaillirte Vorschlge.)....

  Wer Geschfte kennt und die Erfahrung hat wie Sie, der wei, da ein
  einmal stockendes Geschft tglich schlechter wird. Bewilligte man mir
  im October provisorische persnliche Ruhe und Sicherheit, so konnten
  und wrden wir gewi weit bessere Offerten machen wie jetzt. Schlgt
  man diese jetzigen abermalen aus, so werden die, welche wir ber sechs
  Monate machen knnen, von neuem in derselben Progression schlechter
  sein! Dies ist mathematisch nothwendig.

  Ich will es nicht versuchen, Sie durch irgend weitere und andere
  Mittel, als es die vorstehend gegebene einfache Exposition aller
  Verhltnisse gewesen ist, berreden und bestimmen zu wollen! Sie sind
  zu einsichtsvoll, um nicht die Lage der Dinge zu wrdigen, und zu
  edel, um mich zur Verzweiflung treiben und vindicativen Gesinnungen
  Gehr geben zu wollen. Sollten Sie einen unserer Vorschlge annehmen,
  so wird der Betrag nach Regulirung der Rechnung augenblicklich nach
  empfangener Nachricht, die Sie geflligst Herrn Mitzky mittheilen
  wollen, baar angewiesen oder bezahlt.

Dieser Brief blieb nicht ohne Erfolg, und Richter nahm in der Hauptsache
die ihm gemachten Vorschlge an.

Brockhaus hatte so nach der Rckkehr von der leipziger Ostermesse
des Jahres 1811 zum ersten male nach langer Zeit die Beruhigung,
wieder festen Fu fassen zu knnen. Die Regelung einiger anderer
Rechnungsverhltnisse (namentlich mit der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
in Tbingen, Friedrich Vieweg in Braunschweig und Heinrich Grff in
Leipzig) zog sich noch bis zur Ostermesse 1812 hin, ohne inde den
Wiederbeginn seiner Thtigkeit zu stren.

Da aber Brockhaus seines (auch in dem eben mitgetheilten Briefe
gegebenen) Versprechens eingedenk war und dasselbe im vollsten Sinne des
Wortes einlste, zeigt der von einem angesehenen leipziger Advocaten
unterm 15. Mrz 1820 an Brockhaus' frhere Creditoren in dessen Auftrage
gerichtete Circularbrief, welcher der Zeit vorgreifend gleich hier
folgen mge:

  Ich bin von Herrn Brockhaus hier mit einem Auftrage beehrt worden,
  dessen ich mich hierdurch mit besonderm Vergngen entledige.

  In den Jahren 1811-1812 kam, wie Sie sich erinnern werden, das
  Geschft unter der Firma: Kunst- und Industrie-Comptoir in Amsterdam,
  aus Ursachen mancherlei Art in die unangenehme Lage, seine Creditoren
  um Nachsicht bitten zu mssen. Diejenigen derselben, welche diese
  Nachsicht zugestanden, wurden innerhalb eines Jahres vollstndig
  befriedigt. Ein anderer Theil, wozu auch Ew. Wohlgeboren gehrten,
  lehnte diese Nachsicht ab und zog die ihnen gegebene Alternative vor,
  gegen gleich baare Zahlung einen Theil ihrer Forderungen freiwillig
  aufzuopfern.

  Zur Findung der hierzu erforderlichen Fonds wurde das
  Sortimentsgeschft der gedachten Firma fr die Summe von 7000 Gulden
  und mit einem Verluste von wol 30000 Gulden verkauft, ein Umstand, den
  ich wie den, da die im Laufe von 1811 nachgelieferten und whrend
  1810 theilweise zurckgehaltenen Journale vom Jahre 1810 am Ende nicht
  mehr in Holland, das in der Zwischenzeit die franzsischen Gesetze
  bekommen hatte, eingefhrt werden konnten und smmtlich confiscirt
  wurden, welches einen Verlust von abermals gegen 5000 Gulden an
  Journalcontis nach sich zog, zur richtigen Beurtheilung der damaligen
  Verhltnisse mir besonders deshalb anzufhren erlaube, weil dieses
  amsterdamer Sortimentsgeschft und was damit verbunden, eigentlich den
  Kindern erster Ehe des Herrn Brockhaus htte zugewendet werden mssen,
  Herr Brockhaus es aber verlangte, da es auf diese Weise verwendet
  wurde.

  Herr Brockhaus war der Chef der gedachten Firma sowie der alleinige
  bekannte Eigenthmer derselben gewesen. Nach dieser Stockung hrte
  die alte Firma auf, und das Geschft wurde unter dem Namen des Herrn
  Brockhaus und von jetzt an fr seine alleinige Rechnung fortgesetzt.

  Es war von jeher die Absicht des Herrn Brockhaus, jene Nachlasse, ob
  sie gleich freiwillig zugestanden waren und eine einjhrige Nachsicht
  sie ganz berflssig gemacht und auch jenes Geschft gerettet htte,
  unter gnstigern Umstnden nachzuberichtigen, und er hat auch
  diejenigen, welche ihm eine hhere moralische Verbindlichkeit zu haben
  schienen, successive lngst beseitigt und vollstndig liquidirt.

  Gegenwrtig, nachdem auch seine Kinder erster Ehe vorab fr jene
  Verluste beim Verkauf des amsterdamer Geschfts vollstndig von
  ihm entschdigt worden sind, hat er infolge jener Absicht sich
  entschlossen, diejenigen Nachlasse, welche in gedachten Jahren der
  Firma des Kunst- und Industrie-Comptoirs zugestanden und die noch
  nicht von ihm ersetzt worden, ohne Ausnahme und mit den Zinsen, vom
  1. Januar 1813 an gerechnet, smmtlich nachzuliquidiren, und ich bin
  in Gemheit dieses Vorsatzes beauftragt, Ew. Wohlgeboren, welche
  sich in diesem Fall befinden, ber den damaligen Abschlu der Rechnung
  mit dem Kunst- und Industrie-Comptoir um einen Abzug _in duplo_ zu
  ersuchen.

  Ich habe diese Notification folgenden Handlungen zu machen (folgen
  die betreffenden Namen), indem diese, soviel Herrn Brockhaus bewut,
  die einzigen sind, gegen welche noch Verbindlichkeiten der gedachten
  Art zu erfllen wren. Da Herrn Brockhaus es beehrgeizt, da auch
  Niemand jetzt bergangen bleibe, so wnscht er, da, im Fall Ihnen
  noch Jemand bekannt sei, der hier nicht genannt ist und sich im
  gleichen Falle befinde, Sie diesen veranlassen mchten, sich mir zu
  erkennen zu geben.

  Weil diese Angelegenheit sich nicht durch die Handlungsbcher des
  Herrn Brockhaus ziehen lt, sondern von ihm privatim liquidirt wird,
  so wollen Ew. Wohlgeboren Ihre Mittheilungen darber nebst den schon
  gedachten Auszgen auch nicht direct an Herrn Brockhaus, sondern an
  mich adressiren, wie Sie denn auch durch mich spterhin nach erfolgter
  Verification die Valuta erhalten werden ....

  Herr Brockhaus theilt Ihnen zugleich seinen aufrichtigen Wunsch mit,
  da, was zwischen Ihnen und ihm in jener Vergangenheit liege, und
  das, wo man sich gegenseitig mge oder knne gekrnkt haben, rein und
  vllig vergessen sei oder es werde.

  Er ersucht Sie, ihm dieselben wohlwollenden und freundschaftlichen
  Gesinnungen zu widmen, welche er gegen Ew. Wohlgeboren zu hegen
  vollkommen geneigt ist.

Dieses Schreiben bildet wol den wrdigsten und vershnendsten Abschlu
der Sturm- und Drangperiode in Brockhaus' Leben und bedarf keines
weitern Commentars von unserer Seite; wir versagen uns deshalb auch die
Wiedergabe der ebenso groe Ueberraschung als Befriedigung zeigenden
Antworten, die darauf von allen Seiten eingingen.

Als jenes Schreiben in seinem Auftrage erlassen wurde, hatte Brockhaus
allerdings Altenburg schon wieder verlassen und war in dem Hafen
angelangt, der den Ziel- und Endpunkt seiner Lebenswanderungen bilden
sollte.

Bevor wir ihm aber dahin, nach Leipzig, folgen, haben wir die von ihm
dauernd in Altenburg zugebrachte Zeit vom Frhjahre 1811 bis Ostern 1817
mit ihm zu durchleben.

       *       *       *       *       *

Blicken wir vorher noch einmal zurck auf die anderthalb Jahre, welche
Brockhaus seit dem Tode seiner Frau bis zur Festsetzung in Altenburg
verlebte, so erfllt uns gewi ebenso reges Mitleid mit seinen
Schicksalen als volle Anerkennung der Energie, mit der er diese zu
berwinden verstand. Er hatte die schwersten innern Kmpfe zu bestehen
und gleichzeitig um seine uere Existenz zu ringen, aber aus beiden
Kmpfen ging er endlich doch siegreich hervor. Seinen Hauptzweck: das
amsterdamer Geschft zu verkaufen und sich bleibend in Deutschland
niederzulassen, hatte er wenn auch mit schweren Opfern erreicht; er
hatte mit der Vergangenheit abgeschlossen und konnte ein neues Leben
beginnen.




               Vierter Abschnitt.

                 In Altenburg.




                       1.

                  Neues Leben.


Mit der Rckkehr von der leipziger Buchhndlermesse nach Altenburg im
Mai 1811 beginnt ein neuer Abschnitt in Brockhaus' Leben und Wirken.

Ein von ihm am 21. Mai geschriebener Brief, an Borntrger, der zur
vollstndigen Abwickelung der alten Verhltnisse noch in Amsterdam
geblieben war, zeugt nach langer Zeit zum ersten male wieder von
besserer Stimmung, von wiedergewonnenem Vertrauen auf die eigene Kraft
und von energischer Wiederaufnahme der verlegerischen Thtigkeit.

Mit diesem Tage beginnt auch das erste im Besitz der Firma befindliche
Copirbuch seiner Geschftsbriefe; ebenso sind die an ihn in
Geschftsangelegenheiten gerichteten Briefe erst von dieser Zeit an
vorhanden.

       *       *       *       *       *

Altenburg, das von dieser Zeit an sechs Jahre hindurch (bis Ostern
1817) Brockhaus' bleibenden Aufenthalt bildete, war damals nicht
Residenz, was es erst 1826 als Hauptstadt des der Regentenfamilie
von Sachsen-Hildburghausen zugefallenen selbstndigen Herzogthums
wurde. Das Land Altenburg war zwar auch bis dahin ein selbstndiges
Frstenthum, aber mit Gotha durch eine Art Personalunion zu dem
Herzogthum Sachsen-Gotha-Altenburg verbunden. Der gemeinschaftliche
Herzog Emil August residirte in Gotha, doch hatte Altenburg eine
gesonderte Gesetzgebung und Verwaltung, eigene Landstnde und
Centralbehrden (Landesregierung, Kammercollegium, Consistorium
u. s. w.). Aus diesen eigenthmlichen Verhltnissen erklrt sich das
rege geistige Leben, das in diesen Jahren in Altenburg herrschte.
Der selbst geistig hervorragende Herzog hatte bedeutende Mnner
an sich herangezogen, und diese bewegten sich, entfernt von den
unmittelbaren Einwirkungen einer frstlichen Hofhaltung, um so freier.
Der Kammerprsident, sptere Minister Hanns von Thmmel, Bruder des
Dichters und frhern sachsen-koburgischen Ministers Moritz August
von Thmmel, zeichnete sich durch geniale gesetzgeberische und
Verwaltungsthtigkeit aus; der Kanzler und Minister von Trtzschler
durch juristische Werke; der Kammerrath, sptere Minister Bernhard
von Lindenau durch astronomische Werke und landstndische Wirksamkeit
im liberalen Sinne. Andere hervorragende Mitglieder der altenburger
Gesellschaft waren: Generalsuperintendent Demme, Superintendent
Schuderoff, Gymnasialdirector Professor Matthi (Verfasser der
bekannten griechischen Grammatik), Gymnasialprofessor Messerschmidt,
Kammerverwalter Ludwig, Regierungssecretr Hofrath Brmmer, Hofadvocat
Friedrich Ferdinand Hempel (durch seine satirischen Schriften unter
den Pseudonymen Spiritus Asper, Peregrinus Syntax u. s. w. bekannt),
Kammersecretr Lders, Hofrath Buddeus, Geh. Kammerrath Zinkeisen,
Hofrath _Dr._ Pierer (Inhaber der Hofbuchdruckerei), endlich der
Bankier, sptere Geh. Finanzrath August Reichenbach.

Hauptmittelpunkte des geistigen und geselligen Verkehrs bildeten die
Huser von Ludwig und Reichenbach, besonders durch die denselben
angehrenden geistvollen Frauen: die Gattin Ludwig's nebst ihrer
unverheiratheten Schwester, die drei Schwestern Reichenbach's, Frau
Hoffmann, Frau Klein und Frau Hofrthin Pierer, und Karoline Hempel,
die Schwester Ferdinand Hempel's. Man lebte beraus gesellig und
veranstaltete oft Blle, Concerte und Theaterauffhrungen, whrend die
Mnner auch noch allein zu geistigem Verkehre zusammenkamen.

In diesen Kreis, dessen Mitglieder uns zum Theil schon frher begegnet
sind, war Brockhaus gleich nach seiner Ankunft aufgenommen worden und
bildete bald einen Mittelpunkt desselben.

Frau Professor Luise Frster in Dresden, die Gattin Karl Frster's und
Schwester Ernst und Friedrich Frster's, theilt uns ber diesen Kreis,
dem sie in ihrem lterlichen Hause ebenfalls angehrte, Folgendes mit:

  Obschon Brockhaus als ein Fremder in Altenburg eintrat, wurde
  er doch bald als ein willkommener Einheimischer betrachtet; sein
  gediegener Charakter, eine tiefgehende Humanitt, vielseitige
  Kenntnisse, das ernste Streben, der Wissenschaft und durch dieselbe
  allem Guten und Schnen frderlich zu werden, dabei ein nie
  verletzender Humor, zu welchem eine gewinnende Persnlichkeit sich
  gesellte, alle diese Vorzge waren bald erkannt, und Brockhaus wurde
  der Mittelpunkt der gebildeten kleinen Welt in Altenburg. Zu seinem
  nhern Umgang gehrten: Hofrath Pierer, Professor Messerschmidt,
  Ludwig, Brmmer, Hempel (Spiritus Asper), Bankier Reichenbach,
  Knigsdrfer, Minister von Thmmel und dessen Bruder, der durch
  seine Schriften bekannte Moritz von Thmmel; auch der hochgeachtete
  Generalsuperintendent Hermann Demme, durch seine literarische
  Thtigkeit bekannt und gepriesen, stand dem geistverwandten Brockhaus
  nicht fern. Der Umgang mit diesen Familien, wo das seichte Salonleben
  weder unter Mnnern noch Frauen sich einbrgern konnte, war fr
  Brockhaus zusagend; er war fr den geistigen Austausch in diesen
  Kreisen das belebende Element, und obschon die zartern Formen der
  Weltbildung ihm wol angeboren waren, so konnte man doch annehmen, da
  Goethe's Worte im Tasso:

          Willst du genau erfahren, was sich ziemt,
          So frage nur bei edeln Frauen an,

  ihm ein treuer Wegweiser fr geselligen Umgang waren.

  Der erwhnte kleine Kreis, welcher sich fast in jeder Woche einmal
  vereinigte, wurde von den jenem Kreise Fernstehenden nicht ohne Ironie
  die Theegesellschaft genannt; vielleicht auch, weil in jener Zeit
  der Genu des Thees, den nur die hhere Gesellschaft sich erlaubte,
  als ein ungewhnlicher, aber matter Luxus bezeichnet wurde.

Besonders fhlte sich Brockhaus von der Ludwig'schen Familie angezogen,
der er zunchst durch geschftlichen Verkehr mit Ludwig, als dem Curator
der Hofrthin Spazier, nher getreten war. Als er Anfang Mrz Altenburg
pltzlich verlie, um nach Amsterdam zu reisen, drngte es ihn, noch von
Halle aus Frau Ludwig seine Empfindungen darber auszusprechen. Dieser
spt in der Nacht vor der Weiterfahrt geschriebene Brief lautet:

  Ich wage es drauf, verehrteste Frau, und mchte ich auch
  dafr ein wenig unbescheiden gehalten werden, Ihnen selbst und
  ohne Vermittelung, die doch immer in etwas die Lebendigkeit der
  Gedankenmittheilung unterbricht, zu sagen, wie sehr Sie und alle
  Theile und Bilder Ihres wrdigen Hauses mich beschftigen, und
  wie sehr es mein Wunsch ist, auch Ihnen Allen, die diesen schnen
  Lebensverein bilden, in recht gutem Andenken zu bleiben. Ich kann
  Ihnen die Empfindungen nicht durch Worte, noch weniger durch
  Schriftzge ausdrcken, die ich hatte, als ich Sonntag Morgen Ihnen,
  Ihrer Schwester, Ludwig Lebewohl sagte. Es war mir, als htte ich
  fr immer mit Ihnen Allen gelebt (so nahe fhlte ich mich Ihnen),
  und wieder, als sei meine Trennung von Ihnen fr ewig, so sehr
  ergriff es mich. Wer wei es auch, wie das Schicksal mein nun lange
  her verworrenes Leben weiter noch verwirren will, oder auch, dies
  ist ein Lichtstrahl durch den fr mich umzogenen Himmel, ob sich
  jetzt vielleicht Fden zeigen werden, an die sich eine neue und
  schne Zukunft binden knnte. Seit dem 8. December -- es sind nun
  15 Monate -- wo ich das Theuerste verlor, was ich auf Erden hatte,
  und von welchem Tage an mein Leben sich auch verwirrte, habe ich
  keine andern #rein# glcklichen Stunden gehabt als die, welche ich
  in Ihrem Anschauen, verehrte Frau, in der Betrachtung und Wrdigung
  Ihrer himmlischen Anmuth und Ihres Edelsinns gehabt habe. Aus
  diesem Gesichtspunkte genommen knnte ich diese so unglckschwanger
  gewesene Zeit selbst fr einen schnen Zeitraum halten, und auch ohne
  diesen meinen hchsten Schwung der Empfindung gibt es noch andere
  Standpunkte, aus welchen ich diese Zeit fr sehr reich -- fr ppig
  reich selbst -- fr mein geistiges Dasein halten mu. Ich habe in den
  fnf Monaten meines altenburger Aufenthalts geistig mehr gelebt und
  erlebt, als manchem Erdenkinde im ganzen Leben oft beschieden wird,
  und wenn auch das Unglck sich ber mich in demselben erschpfen zu
  wollen schien, so hat es doch auch wieder einen Reichthum in sich
  gehabt, da mir das Unglck selbst fast theuer geworden ist durch den
  Umfang der Erfahrungen und Beobachtungen, die ich in demselben habe
  machen mssen, und durch die Gelegenheit, die ich in ihm gefunden
  habe, Sie, verehrte Frau, Ihre vortreffliche Frulein Schwester, dann
  die lebenskluge und herrliche Karoline, und von Mnnern Ludwig und
  Hempel nher kennen zu lernen. Ich werde nie vergessen, in welche
  Lage des Lebens ich auch mge versetzt werden, was ich Ihnen Allen,
  besonders auch Ihrem edeln Manne und dem von mir sehr hochgehaltenen
  Ferdinand (Hempel) schuldig bin, und mein Leben wird immer dem
  lebhaftesten Danke geweiht sein.

  Leben Sie wohl. Mge ich bald zu Ihnen zurckkehren knnen! Ihrer
  von mir sehr verehrten Schwester die herzlichste Empfehlung.

In anderer Weise bezeichnend fr Brockhaus' Schreibweise und fr den
in dem altenburger Kreise herrschenden Ton ist folgender Brief, den er
einige Tage darauf, am 8. Mrz, aus Osnabrck an Ludwig richtete:

  Dem Himmel sei Dank, liebster Ludwig, mehr als zwei Drittel der
  schweren Reise, nmlich 55 Meilen, sind zurckgelegt in den noch
  nicht 4 Tagen. Ich bin im Wesentlichen nie so schnell gereist
  als diesmal. Den Montag vertrdelte ich nmlich ganz auf den wenigen
  Meilen bis Leipzig und in Pourparlers mit meinem Commissionr, den ich
  erst in Greudniz (Reudnitz) und nachher wieder in Leipzig sprach. Erst
  um 8 Uhr abends kam ich von Leipzig weg.

  Jetzt aber htte ich auf den Flgeln des Sturmwindes mein Ziel
  ereilen mgen! Ich fand jedoch so viele prosaische Hindernisse
  an grundlosen Wegen, schlechten Pferden, groben Postmeistern und
  betrunkenen Postillonen, die meine poetische Eile gar nicht verstehen
  wollten, da ich nur durch groe Resignation auf Alles, was zur
  Restauration und zur Bequemlichkeit des uern Lebens gehrt, und mit
  Untersttzung der gegenwrtig wirklich sehr guten neuen westflischen
  Postordnung -- wenn der Reisende auf die Ausfhrung dringt! -- es so
  weit habe bringen knnen, jetzt schon hier zu sein. Aber ich habe
  mich auch was geeilt, lieber Ludwig. Nur immer vorwrts, dachte ich,
  um schnell wieder rckwrts zu kommen zu den biedern Altenburgern.
  Kein Abenteuer ist also bestanden, denn da ich einmal bin umgeworfen
  worden und die elende Postchaise in tausend Stcke, ich aber in
  heiler Haut davonging, ob es gleich possirlich genug war, wie es
  htte gefhrlich sein knnen, ist nicht dahin zu rechnen. Nach keiner
  Merkwrdigkeit habe ich mich umgesehen, keinen berhmten Mann habe
  ich besucht, kein bedeutendes Wort habe ich sprechen hren, und ich
  wrde wahrlich in Verlegenheit sein, wie ich eine Reisebeschreibung
  auch nur im kleinsten Sedez zu Stande bringen sollte. Da stehe ich
  recht beschmt vor meinem weiland Collegen, dem groen Nicolai, der
  ber Nrnberg, wo er eine Nacht schlief, einen dicken, dicken Band von
  500 Seiten schrieb, und ich stehe auch neidisch gegen einen Spiritus
  Asper, der ber eine kleine Reise um seinen kleinen winzigen Tisch[47]
  mehr Merkwrdiges und Geistreiches sagen wird als ich, wenn ich eine
  Reise um die Welt machen und sie beschreiben sollte. Phantasie und
  Reflexionen, wie Sie, liebster Ludwig, uns solche in so besonnener
  Form gegeben -- oft zu besonnener, denn beim Reisen wie beim Leben mu
  es oft heien: _desipere in loco_ -- sind mir nun vollends gar nicht
  viele in den Kopf gekommen, wie ich es ehrlich gestehen will. Es mu
  mir am Zeuge dazu, den Gattungen selbst, wol ganz fehlen. Htte ich
  von meiner _tourderie_, denke ich mir, so 'nen vierten Theil, und
  wre es auch ein volles Drittel, weniger, und knnte ich mir dagegen
  so ein Portinchen Reflexion erkaufen! Von meiner Leidenschaftlichkeit
  knnte ich wol gar die Hlfte missen, wenn ich sie auch mit 50%
  Verlust gegen 25% Phantasie eintauschen knnte. Einen Tausch, lieber
  Ludwig, will ich Ihnen nicht vorschlagen, weil meine Waare eigentlich
  nicht, wie die Hollnder sagen, _puyk puyk_ (fein, auserlesen) ist;
  eher mchte ich ihn mit einem unserer modernen Philosophen und
  Aesthetiker machen, die mir denn ihre Reste berlieen und von dem,
  was sie dagegen von mir erhielten, dann rein toll wrden werden.

  Was ich gethan habe denn eigentlich? Antwort: so viel geschlafen als
  mglich, aufrichtig gesprochen. Mit dem Denken in der kalten feuchten
  Luft, auf einem offenen Karren, auf harten Bnken sitzend, erfroren
  und erstarrt am ganzen Leibe, zerrttelt und zerstoen auf den
  Chausseen, in den Koth sinkend auf den Landwegen, miserabel gefttert
  und getrnkt in den Gasthfen -- so will's bei mir wenigstens mit dem
  Denken gar nicht recht fort. Ich habe darin Sancho Pansa's Natur.
  Eine gemeine. Ich denke nicht besser und lieber als hinterm warmen
  Ofen, auf 'm weichen Sofa, oder am fein besetzten Tische und beim
  vollen Becher. Htte ich Ihres edeln Freundes, des Herrn Reichenbach,
  bequemen Wagen und seinen herrlichen Burgunder, von dem er die Gte
  hatte mir in Lobstdt bis zum Ueberflusse mitzutheilen, zu meiner
  Disposition gehabt, d. h. htte ich auf der Reise immer in seinem
  Wagen gesessen und immer so 'nen Burgunder im bestndig gefllten
  Flaschenfutter gehabt, ich glaube, ich wrde dann auch ganz prchtige
  Gedanken gehabt oder doch bekommen haben.

  Das Posthorn ertnt, fr mich wie auch fr Sie wol eine
  Sphrenmusik, und ich mu also schlieen. Ich bin -- ernst gesprochen
  -- auerordentlich fatiguirt, von dem schon viernchtigen Durchfahren
  besonders. Es ist, wei Gott, kein Spa. So Gott will, bin ich Sonntag
  frh in Amsterdam. Dienstag schreibe ich Ihnen von dort. Knnten nur
  die Briefe immer in der Minute dort sein, wenn sie geschrieben sind.
  Ist es nicht, als ob ihr Geist oft durch die lange Reise entflge?

  Die herzlichsten Gre an den groen Theoretiker, der so wenig
  Uebung im Praktischen hat, an Muhme Morgenroth, die, wie Fielding
  oder Rebhuhn im Tom Jones von Garrick sagte, recht garstig war, und
  der Mamsell Sophie, die fr ihren Muthwillen schon noch wird bestraft
  werden. Adieu lieber, lieber Ludwig.

Von Amsterdam aus schrieb Brockhaus an die Freunde in Altenburg
mehrere Briefe, aus denen wir schon frher Manches mittheilten. In
einem derselben sagt er, da er gern ausfhrliche Briefe schreibe:
eine bekanntlich der ganzen damaligen Zeit eigenthmliche Liebhaberei,
der wir aber sehr werthvolle Beitrge zu seiner Biographie verdanken;
auch scheint es uns, da er darin eine besondere Geschicklichkeit
entwickelte, soda seine Briefe oft als Muster ihrer Art gelten knnen
und man bisweilen denken knnte, sie seien ursprnglich fr den Druck
bestimmt gewesen, was sicher nicht der Fall war. In demselben Briefe ist
eine Begegnung mit Klopstock erwhnt, von der uns sonst nichts bekannt
ist; da Klopstock bereits am 14. Mrz 1803 starb, mu sie noch vor
Brockhaus' amsterdamer Aufenthalt oder whrend desselben stattgefunden
haben, wahrscheinlich durch den gemeinschaftlichen Freund Beider, Karl
Friedrich Cramer, veranlat.

Die betreffende Stelle des am 22. Mrz an Frau Ludwig gerichteten Briefs
lautet:

  Ob ich gleich hoffen darf, Sie, verehrte edle Frau, nicht viele Tage
  spter, als dieser Brief Ihnen kann zu Hnden kommen, von Angesicht zu
  Angesicht persnlich wiederzusehen und Ihnen meine Ergebenheit frs
  Leben zu bezeugen, so kann ich mir das Vergngen doch nicht versagen,
  bis dahin mich noch einmal mit Ihnen durchs Medium schriftlicher Worte
  zu unterhalten. Ich liebe dieses Medium oft mehr als das der Rede
  von Munde zu Munde. Es ist eine Art von Krankheit selbst, und ich
  schreibe oft lieber einen eine ganze Seite langen Brief, ehe ich mich
  entschliee, zwanzig Schritte zu gehen und dasselbe mit zwei Worten zu
  sagen.

  Rousseau erzhlt in den _Confessions_ von Jemandem, der seine
  Geliebte verlie, um -- ihr schreiben zu knnen. Das kommt mir nun
  sehr mglich vor. Mir fllt dabei eine Anekdote ein, die mir Klopstock
  mal erzhlte, und die ich Ihnen so gut wiedergeben will, als ich es
  noch vermag.

  Klopstock hate nichts so sehr als das Briefschreiben. Es war seine
  Schoosnde oder, wie er sagte, seine Schootugend. Freilich, htte
  er darin sehr ordentlich sein wollen, so wrde sein ganzes Leben nur
  eine lange Correspondenz gewesen sein. Genies mssen sich mit solchen
  kleinen Geschften des menschlichen Lebens nicht befassen. Die Materie
  des Briefschreibens war daher hufig eine der gewhnlichsten seines
  Scherzes und seiner Persiflage. Besonders muten die Stolberge viel
  darber herhalten. Das Briefschreiben war und ist wol noch der ganzen
  Familie wie angeboren, besonders dem Aeltesten Christian und der
  Schwester Augusta Grfin Schimmelmann. Feder und Tinte! -- erzhlte
  Klopstock nun -- ist das Erste, wonach der ruft, sobald er in ein
  Wirthshaus tritt. Zu Hause, auf Reisen, wo es auch sei! Schreiben Sie
  ihnen, und Sie haben den ersten Posttag Antwort. Die Grfin Augusta
  -- vom Morgen bis im Abend laufen die Depeschen bei ihr ein, wie bei
  einem Staatsminister, und werden sorgfltiger abgefertigt als in einer
  Kanzlei.

  Letzthin allegorisirte ich darber mit Tellow (der Liebesname seines
  und meines Freundes Cramer).

  Wo ist nun die Grfin wieder? fragte ich (Klopstock).

  Cramer: Oben; schreibt Briefe.

  Klopstock: Das ist wahr! Die Stolbergs! Sie liegen am Briefschreiben
  recht krank danieder.

  Cramer: Freilich, es ist eine Krankheit zum Tode.

  Klopstock: O! sie sind schon gestorben.

  Cramer: Und begraben dazu.

  Klopstock: Was? Sie sind schon auferstanden.

  Cramer: Ei! sie sind schon selig.

  Klopstock: Ja, nun -- kann ich nicht weiter.

  Hierber kommt die Grfin herunter.

  Wir sprachen, sagt ihr Klopstock, eben zusammen von Ihrer Krankheit,
  Ihrem Begrbni, Ihrer Auferstehung, Ihrer Seligkeit!

  Wie so?

  Ja, gestehen Sie es nur, schne Grfin, Ihr Briefschreiben ist doch
  eine wahre Krankheit, eine Schwachheit, eine Seuche!

  Sie mgen aber doch wol selbst gern Briefe haben?

  Das mag ich wohl; -- o, das Briefe#lesen# ist eine ganz
  vortreffliche Sache; aber das #Schreiben#! Es ist eine Schwachheit,
  ein Fehler, sage ich, aber eine nicht eben unliebenswrdige
  Schwachheit! Wenn sich die Briefe, die Antworten wenigstens, nur
  selbst schrieben!

  Meine Anekdote ist zu Ende. Die mute man freilich von Klopstock
  selbst erzhlen hren!

In einem sptern Briefe, vom 30. Mrz, an Ludwig findet sich eine
hbsche Stelle, die unter Weglassung anderer nicht hierher gehriger
Bemerkungen hier noch folgen mge:

  Bald, vielleicht wenige Stunden spter, als Sie diese Zeilen
  erhalten, drcke ich Sie an meine Brust und sage Ihnen mndlich,
  wie sehr ich Sie liebe und verehre. Mehr wie je. Es ist mit der
  Freundschaft wie mit der Liebe. Die Entfernung tdtet schwache, sie
  strkt die echte und wahre. Den Frauen Ihres Hauses ksse ich mit
  Verehrung die schnen Hnde.

Aus Amsterdam und dann von der leipziger Messe nach Altenburg wieder
zurckgekehrt, schreibt Brockhaus in dem schon erwhnten Briefe vom 21.
Mai an Borntrger:

  Meine freundschaftlichen Verhltnisse mit Ludwigs, Hempels und
  Andern dauern ununterbrochen fort und consolidiren sich selbst immer
  mehr. Seit einer Reihe von Jahren ist dieser Sommer der erste, wo
  ich meines Lebens wieder froh bin. Die Pfingstfeiertage werde ich
  mit meinen Freunden eine Tour nach Dresden machen. Fritz und Lina
  sind in demselben Hause, wo ich wohne, in Kost und unter Aufsicht.
  Wahrscheinlich werde ich Fritz, um ihm mehr Reibung zu geben, hier
  in der Nhe in ein sehr gutes Institut thun. Lina behalte ich aber
  bei mir. Was aus Sophiechen werden soll? Ich habe von Ihnen bestndig
  Nachricht erwartet ber ihre Unterbringung in dem Dorfe bei Muiden.
  Wo das arme Kind gut ist, da ist es mir recht bis dahin, da ich es
  von dort zu mir nehmen kann. Wre es einmal hier, so wre es gut
  aufgehoben. Aber wie hierher bringen?

Die fr die Pfingstfeiertage 1811 beabsichtigte Reise mit Ludwigs nach
Dresden fand erst Mitte Juli statt. Brockhaus hatte von derselben
vielen Genu, besonders von dem Aufenthalte in Dresden selbst, das er
wol zum ersten male sah, dieser an Kunstschtzen und Naturschnheiten
einzigen Stadt, wie er schreibt, ebenso von dem Zusammentreffen mit
interessanten Leuten. Unter diesen nennt er einen Baron von Heinse
aus Lbeck, mit dem zusammen er Ludwigs, die sich in Dresden von ihm
getrennt hatten, um einen lngern Aufenthalt in dem Bade Teplitz zu
nehmen, dort besuchte und dann nach Dresden zurckkehrte. Anfang August
war er wieder in Altenburg, whrend Ludwigs erst am 4. September wieder
dort eintrafen. Die Schwester von Frau Ludwig, Jeannette von Zschock,
hatte nebst ihrer Freundin Karoline Hempel ebenfalls an der Reise nach
Dresden und Teplitz theilgenommen, Beide waren aber, wie es scheint, in
Brockhaus' Begleitung gleich mit nach Altenburg zurckgereist.

Diese gemeinschaftliche Reise und die unmittelbar darauffolgende Zeit
brachten in Brockhaus einen Entschlu zur Reife, den er schon lange
mit sich herumtrug und der auch oft zwischen den Zeilen seiner von
uns mitgetheilten Briefe an Herrn und Frau Ludwig durchschimmert: er
verlobte sich mit Jeannette von Zschock, und der Verlobung, die nach
der Rckkehr ihrer Schwester und ihres Schwagers zuerst nur im Stillen
gefeiert, bald darauf aber auch ffentlich erklrt wurde, folgte gegen
Ende des nchsten Jahres die Verheirathung.

Jeannette von Zschock (mit ihren vollen Vornamen Johanne Charlotte Luise
Rosine, aber gewhnlich nur die franzsische Form des erstern fhrend)
war am 7. September 1775 in Offenbach geboren und lebte seit dem Tode
ihrer Mutter und ihres Vaters, der Rittmeister in schwbischen Diensten
gewesen war, bei ihrer Schwester in Altenburg. Sie stand bei ihrer
Verlobung im siebenunddreiigsten Lebensjahre, Brockhaus im vierzigsten.

Die einzigen Mittheilungen ber die mit der Verlobung zusammenhngenden
Umstnde finden sich wieder in einem Briefe von Brockhaus an Borntrger.
Er schreibt diesem aus Altenburg vom 30. August 1811:

  Heute endlich die Beantwortung Ihrer mehrmals geuerten Wnsche,
  mein jetziges inneres Leben zu kennen, meine Verhltnisse hier zur
  Welt, zu meinen Freunden. Je wichtigere Nachrichten ich Ihnen ber das
  Hchste im Leben mitzutheilen habe, je mehr haben Sie Recht, darber
  etwas zu wissen, da Sie mit seltener Freundschaft mein Schicksal
  theilen. Es hat sich in diesen Tagen viel entschieden.

Hier folgt die frher schon mitgetheilte Stelle ber die in dieser Zeit
von der Hofrthin Spazier gemachten neuen Anknpfungsversuche, und daran
schlieen sich folgende von uns dort absichtlich noch weggelassenen
Worte:

  Da aber der Verstand, beleidigte Ehre, Pflichtgefhl und auch zarte
  und edle Neigung fr ein anderes weibliches Wesen mich strken und
  schtzen, so werde ich der Sirenenstimme, die von der Spree her zu mir
  herberschallt, nicht folgen.

Er fhrt dann fort:

  Mein Verhltni hier zur Welt ist im ganzen noch dasselbe, wie ich
  es Ihnen geschildert. Innige Freundschaft mit allen Gliedern des
  Ludwig'schen Hauses ist jedoch das, was mich allein sehr anzieht.
  Sie sind es auch allein, die mich ganz verstehen und wrdigen. Ich
  habe hier nmlich wieder das Schicksal, da viele Menschen gegen mich
  sind, da mich diese fr stolz, ppig, eingebildet und Gott wei wofr
  Alles halten, wozu ich freilich durch mein schneidendes, auch oft
  sonst nie vorsichtiges Betragen Veranlassung gegeben habe. Ich bin
  ber die Ursachen und die einzelnen Gravamina lange in Unsicherheit
  gewesen, da ich nur die Spuren in den Folgen entdeckte, ohne die
  Ursachen errathen zu knnen, da die Winke, die ich von einer Seite
  erhielt, nicht hinreichten, mir die nthige Aufklrung zu geben. Jetzt
  kenne ich aber alle Fden der geheimsten Verhandlungen darber und
  auch alle Intriguen, die dabei stattgefunden und -finden.

  Mein Genius, der mir jene Winke und jetzt alle Offenbarungen gegeben
  hat; der mein Interesse vom ersten Augenblicke, da ich hier vor einem
  Jahre aufgetreten bin, zum eigensten gemacht hat; dem ich und die
  Hofrthin alles Gute und Liebe verdanken, das wir hier genossen; der
  mich und sie mit gleicher Energie verfochten und vertreten; der durch
  einen wunderbar sympathetischen Zug sich zu mir wie ich mich zu ihm
  hinneigte, als auch noch nicht die allerentfernteste Mglichkeit da
  war, da je ein nheres Verhltni eintreten knnte -- dieser Genius
  ist jenes herrliche Mdchen, Ludwig's Schwgerin, Frulein Jeannette
  von Zschock -- seit einer Woche meine still Verlobte! Sie wird mir
  frs Leben angehren, wenn ich es vermag, mein brgerliches Schicksal
  ganz zu ordnen, die Einwilligung Ludwig's und ihrer Schwester, die
  noch nicht von Teplitz zurck sind, zu erhalten und die Welt ganz mit
  mir zu vershnen. Wir werden aber Vieles zu kmpfen haben, ehe wir ans
  Ziel kommen.

  Unsere Wahlverwandtschaft hat um so weniger unbeobachtet bleiben
  knnen, da durch die Eifersucht der Hofrthin, die zu einer Zeit,
  als der Gedanke daran zu den Mrchen aus dem Monde gehrte, mich und
  die arme Jeannette aufs Blut damit verfolgte, dies unser Verhltni
  die allgemeinste Aufmerksamkeit auf sich zog, da es psychologisch
  allerdings hchst interessant war und jetzt von neuem die Behauptung
  Schubert's und Anderer gewissermaen besttigt, wie diese Art
  Nervenkranker die Gabe der Voraussehung und Voraussagung haben.
  Auerordentlich ist's, da sie im Wahnsinn ihres Fiebers prophetisch
  Alles ausgesprochen hat. Ich bin, sagte sie, indem sie unsere Hnde
  zusammenlegte, Donna Elvira, mein Frulein; ich werde nun gehen....

  Meinerseits bin ich berzeugt, da meine Kinder eine vortreffliche
  Mutter und Erzieherin, ich eine edle Freundin und treue Genossin
  frs Leben errungen habe, wenn es mir gelingt, unsere Verbindung zu
  vollenden. Sie wissen, wie verarmt mein Leben war und wie es das
  auerordentlichste Glck ist, wenn ich es auf diese Weise neu und
  schn ordnen kann. Ich gedeihe nur in einem edeln Familienkreise, und
  ohne solchen bin ich nichts. Und was wird und kann aus meinen Kindern
  werden, wenn sie nicht wieder eine edle Mutter finden? Es ist der
  lebhafteste Wunsch meiner Freundin, die kleine Sophie von Amsterdam
  herberzuhaben, und es werden daher ernste Ueberlegungen stattfinden
  mssen, wenn Sie herberkommen, wie dies zu bewerkstelligen.

Der Schlu des Briefs enthlt eine anziehende Schilderung des
altenburger Vogelschieens, eines damals mit weit mehr Glanz als jetzt
gefeierten Volksfestes:

  Ich wrde Ihnen diesen Brief schon vor acht Tagen geschrieben haben,
  wo er freilich noch nicht so klar und bestimmt htte melden knnen,
  was er jetzt enthlt, wenn nicht in dieser Zeit gerade das hiesige
  groe Vogelschieen stattgefunden, das jede geregelte Arbeit beinahe
  unmglich macht. Sie knnen sich keinen Begriff davon bilden, mit
  welchem Pompe, mit welchen Feierlichkeiten es begleitet ist, und wie
  sich Geschmack und alle schnen Knste vereinigen, die Belustigungen
  dabei zu veredeln und zu verschnern. Dies Jahr war noch eine neue
  Loge erbaut worden, in der sich nun die Elite der Gesellschaft
  versammelte, wo des Morgens _Djeuner dansant_, dann _Dner_, Abend
  _Bal par_, Spiel und _Souper_ unter den Colonnaden des Saals und in
  den Nebenzimmern war. An einem Tage in den Zwischenzeiten war noch
  Lotterie fr Damen, an einem andern Tage Concert. Jeannette gewann
  auf zwei von mir geschenkte Lose zwei Ringe! Sie knnen denken, wie
  glcklich uns dieser Zufall oder diese Schicksalsdeutung machte.
  Blos in dieser Loge speisten gewhnlich 4-500 Personen. Ich glaube
  nicht, da es irgendwo brillantere oder angenehmere Blle und Partien
  geben knnte, als es die hier waren. Aus der ganzen Gegend bis von
  Dresden her hatten sich lebenslustige Fremde in auerordentlicher
  Zahl eingefunden, die tglich ab- und zuwogten. Dazu die zahlreichen
  Buden auf der an einer sanften Anhhe gelegenen Vogelwiese, von der
  man eine wunderschne Aussicht hat; die herrliche Witterung, die
  schnen mondhellen Nchte, der Jubel der Volksmengen, denen diese
  Woche das ist, was den Rmern ihr Carneval; das Werfen der Schwrmer,
  der Raketen, womit sich Jung und Alt amusirt; das ewige Musiciren
  von zwanzig Orten her, das Trommeln bei jedem Schusse, der den Vogel
  verwundet; die militrische Haltung aller Freunde und Bekannten, die
  smmtlich in ihren ebenso geschmackvollen als wohlkleidenden Uniformen
  (dunkelgrn aufs brillanteste mit Silber gestickt, franzsischer
  Offiziersschnitt) mit groen russischen Hten und rothen Schwungfedern
  erscheinen; die geputzten Weiber und Mdchen, von denen es wimmelt.

  Sie wissen, wie arm man in Holland an allem ist, was Vergngen
  heit, und Sie knnen daher denken, wie sehr es auf mich einwirken
  mute.

  Ich war dazu doppelt glcklich, aber auch doppelt mig in jedem
  Genusse, da am Vorabend des Festes meine edle Freundin mir mit ihrem
  Herzen auch ihre Hand zugesagt hatte. Das geheimnivolle Glck, das
  eine ausgesprochene edle Liebe begleitet, deren Hhe von keinem Aber
  geahndet wurde, go einen besondern Reiz ber unsere beiderseitige
  Haltung und Wesen, die von unsern nhern Freunden nicht bersehen
  wurde.

  Ich komme nochmal auf unsere Widersacher. Niemand ahndet zwar, da
  zwischen uns eine Erklrung stattgefunden und wir uns Beide vollkommen
  verstehen; allein Jeder bemerkt leicht unsere gegenseitige Neigung,
  und da ich in allen ffentlichen Orten ihr den Arm gebe, bei Tisch
  ihr immer zur Seite bin, jeden ersten Tanz mit ihr tanze, mich _par
  prfrence_ mit ihr unterhalte, sie bestndig nach Hause fhre,
  so hat man natrlich unsere gegenseitige Neigung nicht bersehen
  knnen, davon abgesehen, da da, wo ich nicht bin, sie mich hebt oder
  nthigenfalls vertheidigt, wie ich schon oben gedacht habe.

Die weitere gnstige Entwickelung der Verlobungsangelegenheit schildert
Brockhaus in einem fernern Briefe an Borntrger aus Leipzig vom 21.
September:

  Ich bin seit meinem vorigen Briefe ein paar mal in Leipzig gewesen,
  wo ich auch jetzt mich schon wieder seit acht Tagen befinde, um
  mehrere Expeditionen zu beschleunigen und vieles Andere zu reguliren,
  da die Niederlage mu gerumt werden und hundert andere Dinge zu thun
  sind.

  Seit jenem Briefe hat sich in den dort geschilderten Verhltnissen
  viel gendert und zum Guten, soda ich hoffen darf, es werde sich
  Alles schn und edel lsen. Ludwigs kamen den 4. September zurck.
  Ich war in Leipzig und kam erst den 8. wieder nach Altenburg. Meine
  Freundin hatte sich ihnen gleich erklrt und mit der entschiedensten
  Energie sich ausgesprochen, da nichts sie zurckhalten wrde,
  ihr Leben mit dem meinigen zu vereinigen, wenn meine brgerlichen
  Verhltnisse sich ordnen lieen. Ludwigs hatten es gut aufgenommen und
  ihr allen Beistand zugesagt.

Zu den Widersachern, von denen er mehrfach spricht, gehrte besonders
der mit dem Ludwig'schen Hause eng befreundete Bankier August
Reichenbach. Indessen gelang es Brockhaus und Frau Ludwig, auch ihn zu
gewinnen, ja er wurde ihm bald ein treuer Freund, der ihn auch materiell
durch Credit bei seinen Verlagsunternehmungen untersttzte.

Wie sehr Brockhaus seine knftige Schwgerin Frau Ludwig verehrte,
zeigt folgendes Gratulationsschreiben, das er zu ihrem Geburtstage, 27.
December 1811, an sie richtete:

  Als ich vor einem Jahre der Schnen und Guten am heutigen Tage
  ein Zeichen meiner Verehrung brachte, wie wenig kannte ich da noch
  den Umfang Ihres herrlichen Geistes, den Adel Ihrer Seele, die Tiefe
  Ihres Gemths, die Wrme Ihres Herzens, die, zusammen vereint, Sie
  zum Stolze und zur Ersten Ihres Geschlechtes machen, und Allen, die
  Ihnen nahen und die Ihnen angehren, der sicherste Leitstern sind
  frs eigene Streben. Sie werden heute vielfach begrt werden, liebe
  Ludwig, und gewi von Vielen in Liebe und Treue und Wahrheit. Ich
  geselle mich zu den Vielen, und in kunstloser Rede sage ich Ihnen
  denn auch, Keinem wenigstens an Wahrheit, Treue und Freundschaft
  nachstehend, wie sehr ich Sie verehre und wie meine heiesten Wnsche
  fr Ihr Glck, fr Ihren Seelenfrieden, fr Ihr Wohlsein sich mit
  denen Ihrer ltern und besten Freunde vereinigen! Seien Sie so
  glcklich, als Sie verdienen es zu sein!

  Wie fern stand ich Ihnen vor einem Jahre! Wie unglcklich war ich
  damals! Vieles, wie Vieles hat sich in den schnell verflossenen
  Monden gendert! Ich sehe fr mich die Morgenrthe eines neuen Glcks
  aufgehen, das um so grern Reiz fr mich haben wird, je nher ich
  Ihnen, Verehrte, dadurch zu stehen komme!

  Mge ich Sie zur nchsten Feier des heutigen Tags mit einem Namen
  begren drfen, der fr mich, auer dem Herrlichen, was er an sich in
  sich fat, die schnste Lebensmusik sein wird.

Im Laufe dieses und des folgenden Jahres hatten sich Brockhaus'
geschftliche Verhltnisse immer mehr befestigt. Die Verlobung wurde
jetzt verffentlicht und den Verwandten und Freunden mitgetheilt. Von
allen Seiten kamen herzliche Glckwnsche; der kurze, aber treffende
Glckwunsch eines dortmunder Jugendfreundes, Johannes Rappe, an
Brockhaus lautete:

  Dein Genie hat Dich durch so mancherlei Labyrinthe des brgerlichen
  Lebens gejagt und gefhrt, da Du meinen Glckwunsch zu Deinem frohen
  Lebensgenu in ruhiger Wirksamkeit fr aufrichtig anerkennen und
  Deiner praktischen Vernunft zur Ausfhrung anvertrauen wirst.

Auch sein Bruder Gottlieb schrieb sehr herzlich, und die in Dortmund
noch weilenden drei Kinder feierten dort die Hochzeit ihres Vaters wol
deshalb besonders freudig, weil sie ihnen die Aussicht bot, wieder eine
Mutter zu bekommen und nunmehr bald in das lterliche Haus zurckkehren
zu knnen.

Die Hochzeit fand in Altenburg am 26. November 1812 statt, unter regster
Theilnahme der neuen und alten Freunde des Brutigams, die sich in
zahlreichen ernsten und humoristischen Gedichten kundgab.

Mit Bedauern vermite Brockhaus unter seinen anwesenden Freunden den
Professor Ersch aus Halle. Derselbe war im September bei ihm zu Besuch
gewesen und hatte ihm dann geschrieben:

  Immer wird die Erinnerung meines Aufenthalts in Altenburg an die
  erfreulichsten meines Lebens sich anreihen; immer werde ich mit frohem
  Gefhle der Stunden denken, in welchen ich Bekanntschaften mit guten
  Menschen erneuerte und stiftete.

Jetzt durch Krankheit abgehalten, an der Hochzeit theilzunehmen, schrieb
er an Brockhaus aus Halle vom 21. December:

  Wahrlich, Sie htten nicht nthig gehabt, durch Ihre Nachrichten
  von Ihrer frohen Hochzeit und den Feierlichkeiten, mit welchen Ihre
  Freunde sie ausstatteten, meine Trauer ber die Entbehrung dieser
  Freuden zu schrfen, und doch waren sie mir ungemein lieb und
  interessant, vorzglich erfreuend aber die Bemerkung, da Sie und Ihre
  gute Jeannette in Altenburg so viele Freunde haben. Wer, wie ich, den
  hchsten Lebensgenu in dem Besitz von Freunden findet, wei dies Gut
  zu wrdigen.

Die nchsten vier Jahre, 1813-1816, verbrachte Brockhaus meist in
Altenburg, im ruhigen Genusse seiner neuen Huslichkeit, aber auch in
angestrengter Thtigkeit fr den Wiederaufbau seines Geschfts und
unter lebhafter Theilnahme an den groen Ereignissen dieser Zeit.
Auer hufigen Fahrten nach Leipzig machte er nur im Sommer 1814 in
Erbschaftsangelegenheiten seiner Frau eine dreimonatliche Reise nach
Stuttgart, Augsburg und Mnchen, von wo er ber Strasburg, Frankfurt
a. M. und Braunschweig zurckkehrte, und kleinere Ausflge nach Dresden,
Weimar, Dessau, Wittenberg, Berlin.

Von seinen Kindern hatte er Auguste und Hermann im April 1814 von
Dortmund nach Altenburg kommen lassen, whrend Heinrich erst im Mai
1816 folgte und die jngste Tochter, Sophie, endlich im August 1817
von ihrem ltesten Bruder Friedrich aus Amsterdam abgeholt und nach
Altenburg gebracht wurde. Friedrich war im Herbst 1813 zu dem Pastor
Schlosser in Grozschocher bei Leipzig gekommen, wo er mit andern
Knaben zusammen erzogen und unterrichtet wurde; zu Neujahr 1816 nahm
ihn auf Wunsch seines Vaters der mit diesem befreundete und schon seit
der amsterdamer Zeit einen groen Theil seiner Verlagswerke druckende
Buchhndler und Buchdrucker Hans Friedrich Vieweg in Braunschweig
zu sich in die Lehre; er sollte hier gleichzeitig mit Vieweg's fast
gleichaltrigem Sohne Eduard die Buchdruckerkunst erlernen, weil sein
Vater die Absicht hatte, mit dem immer grere Ausdehnung erlangenden
Verlagsgeschfte eine Druckerei zu errichten. Der jngste Sohn Hermann
erhielt mit den Ludwig'schen Kindern zusammen Privatunterricht und kam
spter gleich seinem ltern Bruder Heinrich, der an diesem Unterrichte
auch mit theilnahm, in die Erziehungsanstalt zu Wackerbarthsruhe bei
Dresden Die lteste Tochter Auguste wurde im Januar 1815 in eine Pension
nach Dresden gebracht und war dort bis zur Uebersiedelung ihres Vaters
nach Leipzig; die zweite Tochter, Karoline, blieb in Altenburg.

Von seiner Frau wurden ihm in dieser Zeit zwei Kinder geboren, Alexander
und Luise, die aber bald wieder starben, ersterer am 20. August 1814,
letztere am 4. August 1818. Spter wurden ihm noch zwei Tchter geboren:
Johanne Wilhelmine am 29. December 1817 noch in Altenburg und Marie
Ottilie am 18. Mai 1821 in Leipzig.

       *       *       *       *       *

Brockhaus' langjhriger vertrauter Gehlfe und treuer Freund Borntrger
war nach dem Verkaufe des amsterdamer Geschfts noch bis zum Frhjahre
1812 in Amsterdam geblieben, um die von dem Kufer, Johannes Mller,
nicht mit bernommenen Auenstnde einzuziehen und alle sonstigen
Verhltnisse daselbst zu regeln. Als ihm dies gelungen war und er am
4. Mrz 1812 den schon frher erwhnten Vertrag mit dem amsterdamer
Buchhndler Slpke abgeschlossen, schrieb ihm Brockhaus offen: er knne
ihm augenblicklich keine feste Stellung in Altenburg anbieten, da seine
Verhltnisse noch zu wenig consolidirt seien, und rathe ihm seiner
selbst wegen eine andere Condition anzunehmen, zu deren Erlangung er
ihm gern behlflich sein werde; fr alle Flle sei ihm in seinem Hause
ein Asyl gesichert. Durch diese Mittheilung und wol auch durch manche
Vorwrfe verletzt, die ihm whrend der allerdings sehr schwierigen Zeit
seiner Geschftsfhrung gemacht worden waren, kndigte Borntrger und
nahm eine untergeordnete Stellung bei dem Buchhndler Tasch in Gieen
an. Er schrieb aber bald darauf selbst an Brockhaus, da er seinen
Entschlu bereue, und in sptern Jahren, bei Borntrger's regelmigem
Besuche der leipziger Messe, glichen sich alle Differenzen zwischen
ihnen vollstndig aus. Borntrger rhmt selbst in einem sptern Briefe,
er habe sich der Freundschaft seines frhern Principals bis zu dessen
Tode zu erfreuen gehabt.

In Gieen blieb Borntrger bis Anfang 1815, ging dann nach Berlin
zu Amelang und errichtete 1818 in Gemeinschaft mit seinem jngern
Bruder Ludwig in Knigsberg unter der Firma Gebrder Borntrger eine
Sortimentsbuchhandlung, mit der bald auch Verlagsbuchhandel vereinigt
wurde. Diese Buchhandlung leitete er erst mit seinem Bruder, dann nach
dessen Tode (1843) allein bis zu seinem am 6. Mrz 1866 in hohem Alter
(er war am 17. September 1787 zu Osterode am Harz geboren) erfolgten
Tode und wute seiner (noch jetzt unter einem andern Besitzer in
Berlin fortblhenden) Verlagsbuchhandlung Ansehen zu verschaffen; sein
Sortimentsgeschft war schon 1842 an Tag & Koch verkauft worden. Auch
persnlich geno er hohe Achtung bei seinen Mitbrgern, die ihn 1843 zum
Stadtrath whlten.

Die Verdienste, die sich Borntrger um Brockhaus als treuer Freund und
Berather in schwieriger Zeit erworben, werden auch von dessen Nachkommen
vollkommen gewrdigt und sein Andenken wird bei ihnen stets in Ehren
gehalten werden.

       *       *       *       *       *

Borntrger's Nachfolger als Brockhaus' vertrauter Gehlfe und bald in
noch hherm Grade wie dieser als Freund des Hauses wurde Karl Ferdinand
Bochmann, der am 10. Juli 1813 in das Geschft eintrat. Am 11. Februar
1788 zu Thurm bei Glauchau geboren, hatte er in der Buchhandlung des
Magister Sommer in Leipzig sechs Jahre lang den Buchhandel erlernt und
dann, von Wanderlust getrieben, im August 1808 eine Gehlfenstelle in
Amsterdam bei dem Buchhndler Hesse angenommen. Bezeichnend fr die
damaligen Verhltnisse ist es, da Hesse mit seinem neuen Gehlfen einen
frmlichen Vertrag abschlo, in dem sich dieser verpflichten mute, sich
niemals in Amsterdam zu etabliren, ja selbst nie mit den Principalen
der andern zwei dortigen deutschen Buchhandlungen und mit deren Leuten
sich einzulassen und allen Umgang mit denselben zu vermeiden, ansonsten
Er augenblickliche Entlassung seiner Condition zu erwarten hat.
Trotzdem war er in Amsterdam mit Brockhaus bekannt geworden. Als Hesse
im Sommer 1813 seine amsterdamer Buchhandlung aufgab und nach Paris zog,
nahm Bochmann die ihm jetzt durch Vermittelung seiner an _Dr._ Bernhardi
in Altenburg verheiratheten Schwester angebotene Stelle bei Brockhaus um
so lieber an, als es ihm bei den aufgeregten politischen Verhltnissen
Hollands in Amsterdam nicht mehr gefiel und er sich nach der Heimat
sehnte. War er doch 1809 sogar gezwungen worden, in die amsterdamer
Brgerwehr (_Schutterij_) einzutreten. So ergriff er am 11. Juni 1813
den Wanderstab und legte die Reise nach Altenburg, wo er am 26. Juni
eintraf, zu Fue zurck. Ueber seine Wanderung wie ber die nchste so
ereignireiche kriegerische Periode fhrte er ein Tagebuch, das manches
Interessante enthlt. Er gewann bald Brockhaus' vollstndiges Vertrauen
und war schon whrend der altenburger Zeit dessen Hauptsttze im
Geschft.

       *       *       *       *       *

Auer Bochmann hatte Brockhaus noch zwei Mnner an sich gezogen, die ihn
bei seiner literarischen und redactionellen Thtigkeit untersttzten,
whrend Bochmann das rein Buchhndlerische besorgte: _Dr._ Ludwig Hain,
der im August 1812 eintrat, um ihn zunchst bei der Redaction des
Conversations-Lexikon, spter auch bei der Herausgabe der Deutschen
Bltter zu untersttzen, und bis 1820 bei ihm blieb, und _Dr._ Sievers,
der im Herbst 1813 zu Hain's Untersttzung kam, seine Stellung aber
schon 1815 wieder aufgab.

Whrend dieser Zeit vollzog sich auch die Umnderung der bisherigen
Firma des Geschfts Kunst- und Industrie-Comptoir in die seitdem
beibehaltene Firma: F. A. Brockhaus. Und zwar erfolgte diese
Umnderung in ganz formloser Weise, da man berhaupt auf alle solche
Dinge damals wenig Gewicht legte.

Wie schon frher erwhnt, gebrauchte Brockhaus seit Aufgabe des
amsterdamer Geschfts die Firma desselben auch in Altenburg noch
fort, nur mit einem Zusatz, indem er Kunst- und Industrie-Comptoir
von Amsterdam firmirte und auf den Bchertiteln bald Altenburg, bald
Leipzig, bald beide Stdte als Verlagsort nannte. In einem vom 15.
Januar 1814, und noch dazu nicht aus Altenburg, sondern aus Leipzig
(wo sich Brockhaus damals zufllig befand), datirten Circulare ber
Rechnungsverhltnisse finden sich am Schlu ganz beilufig folgende
Zeilen:

  Noch bemerken wir Ihnen, da wir von jetzt an blos nach dem
  Eigenthmer unserer Handlung mit F. A. #Brockhaus# firmiren werden.

Diese Firmenzeichnung findet sich seitdem auf allen seinen
Verlagsartikeln, im Anfang noch abwechselnd mit Altenburg oder
Leipzig oder beiden Stdten als Verlagsorten, seit 1817 meist und seit
1819 ausschlielich mit dem Verlagsort Leipzig.




                       2.

            Neue Verlagsthtigkeit.


In Altenburg entfaltete Brockhaus, sobald er die Verwickelungen aus der
amsterdamer Periode zum Abschlu gebracht, gleich eine beraus rege und
umfassende Thtigkeit. Mit neuer Kraft und mit gewohnter Energie gelang
es ihm, von dem rasch wiederkehrenden Vertrauen der Buchhndlerwelt
gehoben und von seinen neugewonnenen Freunden in Altenburg moralisch und
materiell untersttzt, sein Verlagsgeschft bald zu grerer Bedeutung
zu bringen, als es in Amsterdam gehabt, und dadurch auch seine uere
Lage wieder zu einer gnstigen zu gestalten.

       *       *       *       *       *

Seine Verlagsthtigkeit in dieser altenburger Periode erstreckte sich
besonders nach drei Richtungen hin. Die eine umfat seine Thtigkeit
auf politisch-publicistischem Gebiete whrend der ereignireichen
und fr Deutschland so hochbedeutsamen Jahre 1813-1815. Die zweite
Hauptthtigkeit betrifft das Conversations-Lexikon, das er wesentlich
in diesen Jahren zu dem gestaltete, was es fr ihn und fr die deutsche
Literatur geworden ist. Die dritte Seite endlich ist die seiner
allgemeinen Verlagsthtigkeit auf fast allen Gebieten der Literatur.

Die beiden ersten Gruppen einer schon durch ihre Wichtigkeit geforderten
eingehendem Schilderung vorbehaltend, beginnen wir mit der dritten, auch
der Zeit nach den andern beiden meist vorangehenden Gruppe.

Zunchst hatte Brockhaus noch Unannehmlichkeiten wegen zweier frher
von ihm bernommener und von uns bereits erwhnter Verlagswerke, die im
Herbste 1811 mit der Jahreszahl 1812 und unter der bekannten fingirten
Verlegerfirma Peter Hammer in Kln erschienen waren: Handzeichnungen
aus dem Kreise des hhern politischen und gesellschaftlichen Lebens und
Briefe eines reisenden Nordlnders.

Der ungenannte Verfasser des erstern Buchs ist auch unbekannt
geblieben. Aus einer von Brockhaus selbst herrhrenden Notiz geht nur
hervor, da die Hofrthin Spazier es vor dem Druck redigirt hatte und
dafr 50 Thlr. Redactionsgebhren erhielt; verfat ist es von ihr
schwerlich, vielleicht von dem Kriegsrath von Clln. Das kleine Buch
enthlt eine Reihe meist hochgestellte Persnlichkeiten betreffender
Anekdoten und Erzhlungen, die, ihre Wahrheit vorausgesetzt, allerdings
zur Charakteristik der letzten Hlfte des achtzehnten Jahrhunderts
(wie noch auf dem Titel steht) dienen, aber zum Theil Skandale und
Verbrechen unter voller Namensnennung der Betreffenden enthllen und
deshalb bei diesen wie im Publikum groes Aufsehen erregten. Der daraus
entstandene Conflict mit dem Staatskanzler Frsten Hardenberg, aus
dessen frherm Leben eine pikante Anekdote erzhlt wird, wurde bereits
frher berichtet. Jetzt verursachte Frst Hatzfeld in Berlin, von dessen
verstorbenem Bruder in dem Buche ebenfalls eine schlimme Gerichte
erzhlt wird, dem Verleger ernstere Unannehmlichkeiten, indem auf seine
Veranlassung dasselbe gleich den Briefen eines reisenden Nordlnders
in Leipzig mit Beschlag belegt wurde, nachdem er auerdem eine Klage
gegen ihn anhngig gemacht hatte.

Die Briefe eines reisenden Nordlnders sind von Reichardt, dem
bekannten Musiker und Reiseschriftsteller, verfat, von dem Brockhaus
bereits 1810 Vertraute Briefe ber Wien und Oesterreich verlegt hatte,
und waren, wie frher erwhnt, von Brockhaus selbst hervorgerufen
worden. Das Buch erschien zuerst ebenfalls anonym, dagegen ist der
Verfasser auf der (1816 veranstalteten) neuen Auflage genannt, wenn auch
eigenthmlicherweise mit einem Druckfehler: Reichhardt statt Reichardt.

Ueber die Conflicte wegen dieser beiden Bcher schreibt Brockhaus am 5.
December 1811 aus Altenburg an Borntrger:

  Ich befinde mich hier seit wenigen Tagen in einer besondern Krisis.
  Von unserm Verlage haben die Handzeichnungen und die Briefe des
  Nordlnders groe Sensation gemacht. Von den ersten sind in Leipzig
  73 Exemplare confiscirt und sind solche in vielen Orten verboten
  worden. Auch die Briefe des Nordlnders sind in Leipzig vor der
  Hand verboten, doch nur erst dort, weil sie erst seit kurzem versandt
  sind. In Leipzig soll ich von der Bchercommission gar, wie Mitzky mir
  meldet, zu sechswchentlichem _prison_ verdammt worden sein, weil ich
  die Firma Peter Hammer gebraucht habe.

  Auch bin ich direct vom Frsten von Hatzfeld in Berlin wegen
  einer seinen verstorbenen Bruder betreffenden Anekdote in den
  Handzeichnungen auf rechtlichem Wege in Anspruch genommen worden,
  und habe ich deshalb heute eine Vernehmung zu erdulden gehabt.

  Dies ist es indessen weniger, was mich afficirt gerade, ob ich
  gleich glaube, da noch von vielen Seiten Reclamen wegen der
  Handzeichnungen erfolgen werden. Es schtzt mich hier so ziemlich
  die passirte Censur und die Erlaubni der Nennung des Verfassers, den
  ich aber bisjetzt noch nicht genannt habe.

  Mehr bin ich besorgt wegen des Nordlnders in Rcksicht des darin
  wehenden Geistes, ob ich gleich alle marquanten Stellen gestrichen
  habe. Die Gefahren scheinen aber demohnerachtet nicht unbedeutend zu
  sein, da besonders heute sehr schreckbare Nachrichten eingelaufen
  sind. So ist Hofrath Becker in Gotha vor drei Tagen durch 250, ich
  sage 250 Mann franzsische Dragoner aus der Residenz ohne Vorwissen
  des Herzogs und der Landesregierung aufgehoben und in Zeit von
  10 Minuten aus der Stadt mit allen seinen Papieren fortgefahren
  worden, ohne da man wei wohin. So ist Hofrath Voigt in Jena wegen
  leichtsinniger Censur des dritten Bandes von Seume's Reise nach
  Syrakus ebenfalls beim Kopf genommen. In Leipzig ist, wie ebenfalls
  heute die Nachricht eintrifft, die alte Bchercommission cassirt
  und ein Einziger statt derselben angestellt worden mit den grten
  Vollmachten. Dieser Einzige heit Brckner, das Alles ist, was ich bis
  zur Minute von ihm wei.

  Von Gotha war ich von unbekannter Hand von der Hatzfeld'schen
  Requisition vorab unterrichtet worden, und ich werde hier so leicht
  nichts zu frchten haben, wenn Alles im gewohnten rechtlichen Wege
  ginge. Bei diesen auerordentlichen Begebenheiten ist aber fr nichts
  zu stehen, und die Freunde und die Freundinnen beschwren mich, mich
  zu entfernen. Dies ist auch beschlossen, und werde ich eine lngst
  vorgehabte Reise unternehmen.

Einige Tage darauf, am 11. December, schrieb Brockhaus:

  Ich habe die Idee, die ich Ihnen neulich mittheilte, wieder
  aufgegeben, da mir die Gefahr bei nherer Ueberlegung minder dringlich
  scheint. Adressiren Sie indessen Ihre Briefe nur immerhin an
  Scholber[48], da doch ein Fall eintreten knnte. Wegen Becker wei man
  noch nichts Nheres. Man sagt, er sei nach Hamburg gebracht.

Rudolf Zacharias Becker, der bekannte Volksschriftsteller und
Buchhndler, war auf Davoust's Befehl in Gotha verhaftet und nach
Magdeburg gebracht worden, wo er bis zum April 1813 gefangen gehalten
wurde; er hat dies selbst in der interessanten Schrift: Becker's Leiden
und Freuden in siebzehnmonatlicher franzsischer Gefangenschaft (Gotha
1814), geschildert.

Wie die Angelegenheit mit jenen beiden Verlagswerken und speciell die
Klage des Frsten Hatzfeld schlielich fr Brockhaus verlief, wissen
wir nicht. Unter unsern Papieren findet sich darber nur noch ein
eigenhndiges Concept folgender am 5. Mrz 1812 von Brockhaus der
altenburger Regierung abgegebenen loyalen Erklrung:

  Ich wiederhole vollkommen, was ich in der ersten Vernehmung vom 5.
  December v. J. hierber bereits gesagt habe, und trage daher jetzt
  auf ein rechtliches Erkenntni ber diesen Gegenstand an, indem ich
  nur noch wnsche, da mir gestattet werden mge, die Grundstze,
  welche hier in Anwendung kommen knnten, meinerseits in einem
  mir zu bestimmenden Termine in einer nhern Deduction genauer zu
  entwickeln. Sollte dieses rechtliche Erkenntni dahin lauten, da
  seitens des Herrn Frsten von mir, nach rechtlichen dabei eintretenden
  Grundstzen, der oder die qustionirten Namen knnen verlangt und
  mten mitgetheilt werden, so erklre ich hierdurch ausdrcklich und
  bestimmt, da ich mich demselben ebenso unweigerlich unterwerfen
  werde, als es mir jetzt unrechtlich und meine Pflicht als Verleger
  verletzend erscheinen wrde, schon gegenwrtig darin dem Herrn Frsten
  zu willfahren. Ich wrde mir selbst, dem Verfasser oder den Personen,
  von welchen ich das qustionirte historische Factum in Manuscript
  erhalten habe, als feig und unedel erscheinen, wenn ich auf die bloe
  Instanz eines Individuums, das ich auch bei gleicher Namenslautung
  bisjetzt doch nur als dritte dabei nicht concernirte Person betrachten
  mu, gleich pliirte und den Verfasser dadurch vielleicht unmittelbar
  persnlichen oder Privatverfolgungen oder Ahndungen aussetzte, die
  ich von ihm oder ihnen so lange abzuwehren fr meine Pflicht halte,
  als anerkannte rechtliche Grundstze mich nicht dazu moralisch und
  brgerlich verbinden. Der Herr Frst kann sich brigens ja auch
  vollkommen mit dieser Erklrung zufriedengeben. Entweder ist seine
  Frage rechtlich begrndet, oder sie ist es nicht. Im erstern Falle
  wird das von mir provocirte rechtliche Erkenntni ihm beistimmen, und
  ich, da alsdann meine Ehre als Verleger gegen den Verfasser gerettet
  ist, unterwerfe mich unbedingt dem Erkenntni, soweit dasselbe die mir
  jetzt vorgelegte Frage betrifft. Im letztern Falle darf der Herr Frst
  ja berhaupt keine Bewilligung seiner Instanz erwarten.

Ein wichtigeres Verlagsunternehmen, dem sich Brockhaus seit seiner
Uebersiedelung nach Altenburg wieder mit Eifer widmete, und das er neben
dem Conversations-Lexikon mit besonderer Vorliebe pflegte, war das von
ihm begrndete Taschenbuch Urania.

Der erste Jahrgang war unter dem Titel: Urania. Taschenbuch fr das
Jahr 1810, im Herbst 1809 erschienen und hatte viele Theilnahme
gefunden. Das vom 1. September 1809 datirte Vorwort ist ohne Zweifel
von der Hofrthin Spazier geschrieben und der Jahrgang auch von
ihr zusammengestellt. Er wird durch einen Aufsatz von Jean Paul:
Erden-Kreis-Relazion erffnet, worauf andere abwechselnd prosaische
und poetische Beitrge folgen: von Friedrich Kind, Charlotte
von Ahlefeld, Theodor Krner, Luise Brachmann, Varnhagen, De la
Motte Fouqu, Mahlmann, Apel u. a. Die Ausstattung ist elegant:
Miniaturformat, gutes Papier, scharfer Druck (wahrscheinlich von Vieweg
in Braunschweig), hbsche Kupferstiche; das zierliche Bndchen wurde
cartonnirt mit Goldschnitt ausgegeben.

Der zweite Jahrgang, in etwas grerm aber auch noch Miniaturformat,
erschien erst zwei Jahre nach dem ersten, im Herbste 1811, unter dem
Titel: Urania. Taschenbuch fr Damen auf das Jahr 1812; er war
gleichfalls noch von der Hofrthin Spazier zusammengestellt worden, doch
bernahm Brockhaus selbst die schlieliche Redaction und behielt diese
fr die Folge der Hauptsache nach in seinen Hnden.

Im December 1811 erlie er eine Aufforderung an zahlreiche
hervorragende deutsche Schriftsteller mit der Bitte um Beitrge fr die
Urania. Der nchste Jahrgang erschien aber erst 1814 (fr das Jahr
1815), whrend inzwischen (1812) der zweite Jahrgang nochmals mit einem
neuen Titel fr 1813 und im Kriegsjahre 1813 berhaupt keiner ausgegeben
wurde. Jene Einladung erging an Zschokke, Oehlenschlger, Kotzebue,
August Wilhelm und Friedrich von Schlegel, Weier, Haug, Therese Huber,
Henriette Schubart, Amalie von Helvig u. a.

Auch an Baggesen schickte Brockhaus die in Circularform gehaltene
Aufforderung und fgte selbst noch folgende Worte hinzu, die nach ihren
frhern Zerwrfnissen ihm gewi Ehre machen:

  Es wrde mich sehr freuen, mein guter Baggesen, wenn wir auf diesem
  Wege wieder zusammen in Berhrung kmen. Wie Vieles htte ich von
  Ihnen zu erfragen, wie Vieles Ihnen zu erzhlen! Ich bin Ihnen mit
  alter Liebe und Freundschaft ergeben.

Ein Versuch, auch Goethe fr die 'Urania' zu erobern, wie Brockhaus
sich ausdrckt, schlug zwar in der Hauptsache fehl, verschaffte ihm aber
doch die Gelegenheit, Goethe's persnliche Bekanntschaft zu machen. Wol
hauptschlich zu diesem Zwecke reiste er Anfang Januar 1812 nach Jena,
Weimar und Gotha. In dem Jahrgange fr 1812 hatte die Urania Scenen
aus Goethe's Wahlverwandtschaften in acht Kupfern nach Zeichnungen
von Dhling gebracht. Fr den nchsten Jahrgang waren Darstellungen
aus Faust, Egmont und Tasso gewhlt, meist nach Zeichnungen von
Heinrich Naeke in Dresden, und diese legte er jetzt dem Dichter vor.
Nach seiner Rckkehr schrieb er an Naeke:

  Goethe war mit Ihren ersten beiden Zeichnungen (zum Faust)
  sehr zufrieden, und er hat mir aufgetragen, Ihnen seinen Dank zu
  bezeugen. Ihr erstes Bild, das Puttrich gekauft, war auch in Weimar,
  und Schwerdgeburth hatte den Vorsatz, solches in groem Format in
  Kupfer zu stechen. Er wird aber wahrscheinlich diese Idee aufgeben,
  da ich auf eine andere gekommen bin: eine Goethe-Galerie in 12 oder
  24 Blttern in der Gre Ihrer Zeichnungen herauszugeben, sobald die
  Zeitlufte eine solche Unternehmung nur einigermaen begnstigen und
  das Publikum Ruhe findet, sich dafr interessiren zu knnen. Mndlich,
  da ich Sie bald persnlich zu sehen hoffe, hierber mehr.

Der Plan einer Goethe-Galerie in grern Kupferstichen kam nicht
zur Ausfhrung, zunchst wol der bald folgenden Kriegsjahre wegen.
Er ist, wie so manche von Brockhaus gefate Idee, von seiner Firma
in spterer Zeit ohne specielle Kenntni dieser Absicht wieder
aufgenommen und ins Leben gerufen worden (in der 1863 von Friedrich
Pecht herausgegebenen Goethe-Galerie), ebenso ein im September 1817
von Brockhaus angekndigter Plan einer Shakspeare-Galerie. In der
Urania erschienen brigens zahlreiche kleine Abbildungen zu Goethe's
und Shakspeare's Dramen.

Goethe interessirte sich fortgesetzt fr die seine Dramen betreffenden
Zeichnungen und erhielt auf seinen Wunsch auch die brigen zur
Begutachtung vorgelegt. Den Verkehr darber vermittelte der seit 1793
in Weimar lebende und 1806 vom Groherzog zum Legationsrath ernannte
Schriftsteller Johannes Daniel Falk (geb. 1768, gest. 1826), ber dessen
Beziehungen zu Goethe das auf seinen Wunsch erst nach dessen Tode aus
seinem Nachlasse verffentlichte Werk: Goethe aus nherm persnlichen
Umgange dargestellt (Leipzig 1832, 3. Aufl. 1856), berichtet. Falk
stand mit Brockhaus in geschftlichen wie in freundschaftlichen
Beziehungen und schrieb auch die Erluterungen zu den in der Urania
gegebenen Abbildungen zu Goethe's Werken.

Ueber Goethe's Antheilnahme an diesen Zeichnungen schreibt Falk am 24.
April 1812 an Brockhaus:

  Die Zeichnung zum Egmont von Naeke ist allerliebst: Goethe,
  dem ich sie zeigte und der das Bemhen Naeke's aufs dankbarste
  anerkennt, uerte blos den Wunsch, da es dem jungen genievollen und
  gemthlichen Knstler gefallen mge, ihm die Sachen ehe sie fertig und
  im Umri zuzuschicken, wo liebevolle Erinnerungen eines freundlichen
  Mannes kleinen Irrthmern zuvorkommen und oft mit ein paar Strichen
  abhelfen knnen. So z. B. an der Lage der Hand des Klrchen im
  Egmont hat der junge Knstler in der Unschuld seines Herzens kein
  Aergerni genommen: Goethen fiel dies sogleich auf, und der hiesige
  franzsische Gesandte, der die Zeichnung von ungefhr sah und ungemein
  damit zufrieden war, bemerkte unverabredet: _que c'tait hors de la
  convenance_.

  Eine jede Kritik mu einem so liebenden zarten Gemth wie das von
  Naeke nicht besser vorkommen als den Blumen ein Nachtfrost. Suchen
  Sie es ihm nur beizubringen, da diese Bemerkungen von Mnnern
  herrhren, die sein schnes Bestreben mit Liebe zu umfassen aufs
  allerbeste geneigt sind und die sich nie ein ffentliches liebloses
  Wort gegen ihn erlauben wrden.

In demselben Briefe kommen noch zwei andere Goethe betreffende Stellen
vor. In der ersten schreibt Falk:

  Den Brief von Kestner, das Gedicht von Goethe, kann ich Ihnen nur
  unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit in die Hnde geben.

Und an einer andern Stelle, in der Falk die Bitte ausspricht, Brockhaus
mge ein Werk von ihm ja nicht auswrts, sondern unter seinen Augen in
Weimar drucken lassen, sagt er:

  Es liegt etwas in dieser Bedingung fr einen lebendigen Menschen,
  und seien Sie versichert, da Goethe z. B. mit Cotta, wie ich Goethe
  kenne, nothwendig zerfallen mte, wenn Cotta zur unerlalichen
  Bedingung machte, die Sachen statt in Jena in Tbingen gedruckt zu
  sehen. Nicht aus Eigensinn oder Bizarrerie von seiten Goethe's,
  sondern aus einer Art von genialem Instinct, den Jeder begreift, der
  selbst etwas zu produciren im Stande ist.

Auer da Goethe jene Zeichnungen begutachtete, scheint er sich an der
Urania nicht betheiligt zu haben. Einmal noch wird sein Name darin
genannt; bei Mittheilung eines Preisausschreibens im Juli 1816 sagt
Brockhaus: die von ihm um das Richteramt dabei gebetenen Schriftsteller
htten gewnscht, ihr Urtheil, bevor es bekannt gemacht wrde, dem
Herrn Geheimen Rath von Goethe zur Genehmigung vorzulegen und sich auf
diese Weise unter die Auspicien unsers grten Meisters zu stellen; es
sei deshalb an diesen ein solches Ansuchen ergangen. Inde findet sich
weder ein solcher Brief an Goethe noch dessen Antwort oder irgendeine
andere Notiz darber.

Das ebenerwhnte Preisausschreiben wurde von Brockhaus im April 1816
erlassen und den Lesern der Urania in dem vom Juli datirten Vorwort
zum Jahrgange 1817 mitgetheilt. Es folgten deren noch mehrere in den
nchsten Jahrgngen, und da sie meist von Brockhaus selbst verfat sind
und ihn von einer ganz neuen Seite zeigen, der einer directen Einwirkung
auf die belletristische Production und genauer Vertrautheit mit der
schnen Literatur, so ist ein nheres Eingehen darauf gerechtfertigt,
zumal sich auch vielfach literarhistorisches Interesse daran knpft.

In der Urania fr 1817 theilt Brockhaus zunchst mit, da er bereits
im April 1816 in Verbindung mit der Redaction der Urania folgende
Anzeige habe drucken lassen:

  Jedem Freunde der deutschen Poesie wird sich die Bemerkung
  aufdringen, da wir, bei einer Menge von Dichtern, doch wenige
  Gedichte besitzen, die, zwischen den grern epischen und dramatischen
  Darstellungen und den kleinen lyrischen Gattungen die Mitte haltend,
  durch das Interesse eines reichhaltigen Stoffs sowol als durch
  den Reiz einer gediegenen Kunstform zu stets wiederholtem Genusse
  einladen und, statt flchtig und gleichsam spurlos vorberzugehen, den
  Verstand und das Gemth auf gleiche Weise befriedigen. Diese Wahrheit
  hat sich mir zunchst bei nherer Ansicht unserer Taschenbcher
  und Musenalmanache dargeboten, in denen wir Lieder, Sonette, Oden,
  Elegien, Romanzen u. s. w. in Ueberflu finden, welche allerdings,
  insofern sie von wahrem poetischen Leben durchdrungen sind, ihren
  eigenthmlichen Werth behaupten; dagegen fehlt es fast ganz an
  gehaltvollen Gedichten von grerm Umfang, und wir haben, abgesehen
  von einzelnen hinreichend bekannten Meisterwerken, in der bezeichneten
  Art in Vergleich mit der englischen und franzsischen Literatur
  verhltnimig nur wenig aufzuweisen. Ohne auf Pope, Buckingham,
  Roscommon, Boileau, Voltaire, Gresset und andere ltere Dichter von
  entschiedenem Werth zurckgehen zu wollen, nenne ich nur einige
  neuere, als Laharpe, Malfiltre, Delille, Parny, Legouv, Mollevaut,
  Millevoye, Victorin Fabre, Hayley, Walter Scott, Byron u. s. w., die,
  wenn sie auch nicht als hchste Muster gelten knnen, doch mehr oder
  weniger wahres Verdienst haben.

  Der Wunsch, das bei mir erscheinende Taschenbuch Urania mit einem
  immer reichern und gehaltvollen Inhalt auszustatten, hat mich auf
  den Gedanken gefhrt, obige Bemerkung zu einigen Preisaufgaben zum
  Behuf des genannten Taschenbuchs zu benutzen, und Alle, die sich der
  Gunst der Musen erfreuen und die Urania mit ihrer Theilnahme zu
  begnstigen geneigt sind, zu Versuchen in folgenden drei Gattungen
  einzuladen:

  1) in der poetischen Erzhlung, wobei Stoff, Gattung und Einkleidung
     der Wahl des Dichters berlassen bleibt;

  2) in der Idylle, d. h. der poetischen Darstellung unschuldiger und
     glcklicher Menschen, sie mag nun rein ideal oder mehr oder minder
     aus der Wirklichkeit entlehnt sein;

  3) in der poetischen Epistel aus dem Gebiet des Lebens oder der Kunst,
     wobei nur die Heroide ausgeschlossen, dagegen eine didaktische
     Tendenz als besonders willkommen bezeichnet wird.

  Die Wahl der Versart sowie die ganze uere Form und Einrichtung
  bleibt billig der freiesten Willkr des Dichters berlassen; in
  Ansehung des Umfangs, der einem solchen Gedichte zu geben sein
  mchte, haben mir Pope's Lockenraub (798 Verse) und Versuch ber
  den Menschen (1304 Verse) vorgeschwebt. Doch kann diese Bestimmung
  bei den Schwierigkeiten, welche die harmonische Begrenzung eines
  Kunstwerks hat, die einzig durch sich selbst bedingt wird, nur
  andeutungsweise gemacht sein, und soll damit keineswegs ein festes Ma
  angegeben sein.

  Fr das beste Gedicht in jeder der bezeichneten drei Gattungen,
  das mir bis zum 1. Januar 1817 mit Beobachtung der in solchen
  Fllen gewhnlichen Formen eingesandt wird, bestimme ich, insofern
  es berhaupt ein gutes ist, einen Preis von 20 Friedrichdor, nehme
  dasselbe in die Urania fr das Jahr 1818 auf und behalte mir das
  Verlagsrecht auf die nchsten fnf Jahre vor, nach welchen es dem
  Verfasser als freies Eigenthum wieder anheimfllt. Ueberdies erbiete
  ich mich, das gelungenste Gedicht nach dem gekrnten in jeder Gattung,
  sofern es sich zur Aufnahme eignet, mit 4 Friedrichdor fr den Bogen
  zu honoriren.

  Wrdige und kunstverstndige Mnner werden Richter sein; ihre
  Namen sollen, wenn sie es verstatten, in der noch vor Michaelis
  erscheinenden Urania auf 1817 dem Publikum angezeigt werden.

Brockhaus fgt dieser frhern Anzeige jetzt noch folgende Bemerkungen
hinzu:

  Alles Obige hiermit nochmals besttigend und zu einer recht
  zahlreichen Concurrenz einladend, hat Unterzeichneter nur noch das am
  Schlusse obiger Anzeige gethane Versprechen zu erfllen.

  Eingeladen, das Richteramt zu bernehmen, sind worden die Herren
  August Apel, Amadeus Wendt, Adolf Wagner in Leipzig, Messerschmid
  in Altenburg, Riemer in Weimar und H. Vo der Sohn in Heidelberg.
  Einige haben sich schon bereit erklrt, von den Andern drfen wir eine
  gleiche Willfhrigkeit erwarten. (Hier folgt die oben mitgetheilte,
  Goethe betreffende Stelle.) Ueber den Erfolg soll zu seiner Zeit die
  bestimmteste Nachricht gegeben werden.

  Unabhngig von diesen Preisaufgaben werden brigens alle
  dichterischen Freunde der Urania freundlichst und ergebenst
  eingeladen, sie auch knftig mit ihren Beitrgen zu schmcken.

Das Preisausschreiben hatte den gnstigsten Erfolg, indem infolge
desselben eine Dichtung eingesandt wurde, welche sofort als eine Zierde
der poetischen deutschen Literatur erkannt wurde und noch jetzt einen
ehrenvollen Platz in derselben einnimmt: Die bezauberte Rose von Ernst
Schulze, einem bis dahin fast ganz unbekannten jungen Dichter.

Brockhaus verkndete dies sowie die brigen Ergebnisse des
Preisausschreibens in der von ihm als Herausgeber der 'Urania'
unterzeichneten und vom September 1817 datirten Vorrede zum Jahrgang
1818 der Urania, in welchem auch Die bezauberte Rose zum ersten male
gedruckt erschien. Er sagte:

  Als wir zuerst im April 1816 drei poetische Preisaufgaben bekannt
  machten, konnten wir uns allerdings einiger Bedenklichkeiten dabei
  nicht erwehren. Einmal muten wir besorgen, da Tadelsucht oder
  Ungunst uns einer Anmaung beschuldigen mchte, die unserer Denkart
  fremd ist, dann aber auch, da wir uns in dem Vertrauen, welches
  wir hegten und in Anspruch nahmen, getuscht sehen knnten. Um so
  erfreulicher mu es uns sein, bei der kurzen Rechenschaft, die wir
  hiermit ablegen wollen, ein im ganzen sehr gnstiges Resultat melden
  und zugleich rhmen zu knnen, da uns ber unser Unternehmen kein
  belwollendes Urtheil, das irgend Werth fr uns htte haben knnen,
  bekannt geworden ist.

  Zwar die von uns gelegentlich ausgesprochene Hoffnung, da wir in
  jeder der drei Dichtungsgattungen, auf welche sich die erste Aufgabe
  bezog, auch einen Preis wrden ertheilen knnen, ist in diesem Umfange
  nicht in Erfllung gegangen, da wir der Sache, den Theilnehmern und
  uns durchaus schuldig zu sein glaubten, von den hohen und strengen
  Forderungen der Kunstkritik nicht abzuweichen. Aber auch bei diesen
  Grundstzen haben wir des Preiswrdigen nicht ermangelt.

  Der gelungensten Arbeiten hat sich die poetische Erzhlung zu
  erfreuen gehabt. Der Ehrenplatz unter allen aber gebhrt der
  Bezauberten Rose, einer romantischen Erzhlung in drei Gesngen
  von Ernst Schulze. Ihr ist der erste Preis zuerkannt worden, und wir
  achten sie fr ein Werk von bleibendem Werthe in der vaterlndischen
  Poesie. Leider wird die Freude, ein Talent von echter Dichterweihe bei
  dem Publikum einzufhren, durch den noch grern Schmerz getrbt, da
  uns dasselbe in dem Augenblicke, wo es sich in seiner Flle entfaltet
  hatte, auch schon wieder entrissen ist. Der junge Dichter starb,
  nachdem er nur wenige Tage vorher die Nachricht von der Krnung seines
  Gedichts erhalten hatte.

  Einen zweiten Preis in derselben Gattung hat K. G. Prtzel's
  poetische Erzhlung Der Todtenkopf erhalten.

  Von den brigen zur Concurrenz eingesandten Erzhlungen nennen wir
  noch mit Auszeichnung Saladin, ein romantisches Gedicht in vier
  Gesngen.

  In der Gattung der poetischen Epistel wurde unter den eingegangenen
  Gedichten Des Dichters Weihe als das vorzglichste erkannt und mit
  dem zweiten Preise gekrnt. Bei Erffnung der versiegelten Devise fand
  sich der Name Hesekiel.

  Die fr die Idylle ausgesetzten Preise haben von den vierzehn dafr
  eingekommenen Gedichten keinem zuerkannt werden knnen; doch haben
  drei derselben: Die Hirten in der Herbstnacht, Amor und Hymen und
  Ida, sich vor den brigen vortheilhaft auszuzeichnen geschienen.

Ueber Ernst Schulze und seinen Tod sowie ber dessen poetischen Nachla
bemerkt Brockhaus noch in einer Anmerkung:

  Er starb am 29. Juni (1817) zu Celle im achtundzwanzigsten Jahre
  seines Lebens in den Armen seines tiefgebeugten Vaters, des _Dr._
  Schulze, Brgermeisters und Stadtsyndikus daselbst. Er war eben im
  Begriff, eine literarische Reise nach Italien anzutreten, auf welcher
  er einige Jahre zuzubringen dachte, als ihn eine schwere Krankheit
  auf das Lager niederwarf, von dem er nicht wieder aufstand. Den Keim
  seiner Krankheit hatte er sich in der Belagerung von Hamburg, welcher
  er als freiwilliger Jger beiwohnte, zugezogen, und auf einer Reise
  nach den Rheingegenden war durch geringe Sorge um die Gesundheit
  dieser Keim entwickelt worden. Als unser Dichter die Nachricht von
  dem ihm zuerkannten Preise erhielt, war seine Empfnglichkeit zur
  Freude schon sehr gesunken, indessen erregte diese Anerkennung
  seines poetischen Talents doch seine lebendigste Theilnahme. Seine
  nachgelassenen poetischen Schriften, unter denen sich insbesondere
  ein Heldengedicht Ccilie befindet, an welchem er viele Jahre
  gearbeitet, werden von Bouterwek gesammelt herausgegeben und von einer
  Biographie des herrlichen jungen Dichters begleitet werden. Wir drfen
  ihnen bald entgegensehen.

Die erste Separatausgabe der Bezauberten Rose erschien 1818, eine
Prachtausgabe in fnf verschiedenen Formen 1820. Das nachgelassene
grere Gedicht: Ccilie, wurde 1818 und 1819 verffentlicht als
erster und zweiter Band der von Professor Friedrich Bouterwek in
Gttingen, dem Lehrer und Freunde des Dichters, herausgegebenen
Gesammtausgabe der poetischen Werke Ernst Schulze's, deren zwei letzten
Bnde (1819 und 1820 erschienen) die brigen Dichtungen enthalten.
Ausfhrliche Mittheilungen ber den so viel versprechenden, in der Blte
seiner Jahre verstorbenen Dichter (er war am 22. Mrz 1789 geboren und
starb am 29. Juni 1817) enthlt eine von Hermann Marggraff verfate
Biographie (Leipzig 1855, zugleich den fnften Theil einer dritten
Auflage von Ernst Schulze's Smmtlichen poetischen Werken bildend).
Im Jahre 1855 wurde des Dichters Grab in Celle von der Verlagshandlung
seiner Werke, gewi im Geiste ihres Grnders, erneuert und mit einem
einfachen, wrdigen Denkmal geschmckt.

Die brigen von den Preisrichtern gekrnten Dichtungen wurden ebenfalls
in der Urania verffentlicht (1818 und 1819), ohne jedoch eine
hnliche Theilnahme wie Ernst Schulze's Bezauberte Rose zu finden.

Der gnstige Erfolg des ersten Versuchs veranlate Brockhaus, ihn noch
mehrmals zu erneuern. Er sagt zunchst in demselben Vorwort noch:

  Dieser im ganzen unsern Wnschen gengende Erfolg hat uns bewogen,
  bereits unter dem 30. Januar 1817 bekannt zu machen, da wir dieselben
  Preisaufgaben fr das laufende Jahr nicht nur wiederholen, sondern
  auch noch drei neue Preise hinzufgen.

  Demgem bestimmen wir einen Preis von 20 Friedrichdor fr das beste
  Gedicht, sofern es den Forderungen einer gerechten Kritik entspricht
  und folglich ein vorzgliches ist:

  1) in der poetischen Erzhlung, wobei Stoff, Gattung und Einkleidung
     dem Dichter frei bleiben;

  2) in der Idylle, sie sei nun rein ideal oder mehr oder weniger der
     Wirklichkeit entlehnt;

  3) in der poetischen Epistel aus dem Gebiet des Lebens oder der
     Wissenschaft und Kunst, wobei nur die Heroide ausgeschlossen, eine
     didaktische Tendenz hingegen als besonders willkommen bezeichnet
     wird.

  Ueberdies erbieten wir uns, das gelungenste Gedicht nach dem
  gekrnten in jeder Gattung, wenn es sich zur Aufnahme in die Urania
  eignet, mit 4 Friedrichdor fr den Bogen zu honoriren.

  Die Wahl der Versart sowie die ganze uere Form und Einrichtung
  werden ganz der Willkr des Dichters anheimgegeben; ebenso knnen
  wir nicht die Absicht haben, bei den Schwierigkeiten, welche die
  harmonische Begrenzung eines Kunstwerks hat, die einzig durch sich
  selbst bedingt wird, den Umfang scharf zu bestimmen, und wir frchten
  nicht, misverstanden zu werden, wenn wir andeutungsweise wiederholt
  auf Pope's Lockenraub (798 Verse) und Versuch ber den Menschen
  (1304 Verse) hinweisen.

  Ferner bestimmen wir drei Preise, jeden von 6 Friedrichdor, fr
  das vorzglichste Gedicht in der Gattung der Ode, der Elegie und fr
  den schnsten Sonettenkranz, insofern sie berhaupt eines Preises
  wrdig befunden werden. Auch hier bleiben Stoff und Form, soweit sie
  nicht durch die Aufgabe selbst bestimmt sind, der Wahl des Dichters
  berlassen, und gleich willkommen wird eine mit pindarischem Feuer
  oder in anakreontisch-tndelnder Weise gedichtete Ode, eine Elegie im
  Geiste der Alten oder Neuern, eine mehr oder minder zusammenhngende
  Sonettenreihe, im Geiste Petrarca's oder Berni's, A. W. Schlegel's
  oder Freimund Raimar's sein.

  Die gekrnten Gedichte werden in der Urania abgedruckt und der
  Herausgeber derselben bedingt sich an ihnen das Verlagsrecht auf fnf
  Jahre aus, nach welchen sie an ihre Verfasser als reines Eigenthum
  zurckfallen.

Diesmal erfolgten noch zahlreichere Einsendungen, und wenn auch
kein erster Preis ertheilt werden konnte, so wurden doch mehrere
wohlgelungene Gedichte ausgezeichnet und auch in der Urania
verffentlicht.

Fr den nchsten Jahrgang (1820) beschrnkte Brockhaus infolge des
Urtheils stimmfhiger Kunstrichter und eigener Wahrnehmung seine
Preisaufgaben auf die poetische Erzhlung und die poetische Epistel, bei
letzterer einen bestimmten Stoff bezeichnend, indem er sich besonders an
diejenigen wandte, die ihr poetisches Talent mehr im Stillen ben und
eine aufmunternde Veranlassung erwarten, um damit vor das groe Publikum
zu treten; zugleich konnte er freilich auch den Wunsch nicht bergen,
mit Gedichten verschont zu bleiben, deren Unzulnglichkeit die Verfasser
bei einiger Selbstkenntni und Selbstprfung leicht selbst wahrnehmen
mssen.

Obwol wiederum keine der eingegangenen Dichtungen mit dem ersten Preise
gekrnt werden konnte und nur einige trotzdem abgedruckt wurden, schrieb
Brockhaus im August 1819 fr den Jahrgang 1821 neue Preise aus, und zwar
in der Gattung der poetischen Erzhlung, der poetischen dramatischen
Dichtung und fr die Uebersetzung eines Gesangs von Byron's _Childe
Harold_.

Ferner richtete er aber zum ersten male sein Augenmerk auer auf die
poetische auch auf die prosaische Production, indem er in seiner
Ankndigung fortfuhr:

  Zugleich aber wnschte ich auch zu Ausarbeitungen in Prosa fr
  die Urania aufzumuntern. Sehr willkommen werden mir historische
  Ausarbeitungen sein; und um auch hier einen Stoff zu bezeichnen,
  schlage ich andeutungsweise den fr die vaterlndische Geschichte so
  wichtigen und glorreichen Zeitraum der Kaiser Heinrich's I. und Otto's
  des Groen vor, worber treffliche Quellen vorhanden sind.

  Nicht minder willkommen sollen mir Lobreden auf ausgezeichnete
  Mnner sein, doch drften sie nicht blos rhetorische Lobrednerei,
  sondern gediegene Charakterbilder mit Licht und Schatten sein und
  mten den Einflu darlegen, den der Gepriesene auf das Leben und
  Wesen seiner Zeit gebt habe. Ein solches Werk ist Johannes Mller's
  Lobrede auf Friedrich den Groen. Ich schlage zunchst unsern
  unsterblichen Lessing vor.

  Fr die beste Arbeit in jeder der genannten Gattungen in Prosa
  bestimme ich, sofern sie die Forderungen, die man gerechterweise daran
  machen mu, befriedigt, ebenfalls 12 Friedrichdor. Der Umfang drfte
  etwa drei, hchstens vier Druckbogen betragen.

Neben der beiflligen und aufmunternden Zustimmung vieler Trefflichen
und Urtheilsfhigen erwhnt Brockhaus jetzt zum ersten male auch
Angriffe, die theils aus Uebelwollen und Ungunst mit Bitterkeit,
theils aus Lust zum Widerspruch auf mehr scherzhafte Weise gegen meine
Preisaufgaben gerichtet worden, und fgt folgende Bemerkungen hinzu:

  Man hat es sonderbar gefunden, da man nicht erfahren soll, wer
  denn eigentlich die Richter oder, wie man sie scherzhaft genannt
  hat, die unbekannten Obern sind, welche ber den Werth und Unwerth
  der eingesandten Gedichte absprechen. Darauf erwidere ich, da, wenn
  nur das Urtheil sich durch sich selbst rechtfertigt, der Name des
  Urtheilenden vllig gleichgltig sein kann.

  Ist es doch bei allen unsern Recensiranstalten derselbe Fall.
  Laufen Misbruche mit unter, wohlan, die rge man! Man zeige, da
  ein gelungeneres Gedicht einem minder gelungenen nachgesetzt, da
  einem Gedichte, dem der erste Preis gebhrt htte, nur der zweite
  zuerkannt worden u. dgl. m. Letzteres, meint ein scharfsichtig in die
  Zukunft Sphender, knne gar leicht geschehen, denn der Unternehmer
  spare dabei. Diesem diene zur Antwort, da bei der Art, wie das
  Honorar fr den zweiten Preis und jedes aufgenommene Gedicht bestimmt
  ist, in dieser Hinsicht erster und zweiter Preis meistens ziemlich
  gleich sind, da also der Unternehmer schon aus diesem Grunde nichts
  gewinnen, da er vielmehr aus andern leicht sich darbietenden Grnden
  dadurch verlieren wrde. Doch wozu sich gegen so kleinliche und
  unwrdige Bedenklichkeiten schtzen wollen!

Diesmal war der Erfolg noch geringer als frher; namentlich entsprach
keiner der eingegangenen prosaischen Aufstze den gestellten
Anforderungen. Brockhaus sagt bei Mittheilung dieses Ergebnisses,
da er theils zu solchen Aufstzen habe aufmuntern wollen, die
von den Englndern mit dem Worte _Essays_ bezeichnet wrden (eine
bekanntlich erst viel spter in der deutschen Literatur eingebrgerte
Gattung), theils zu Aufstzen wie die _Eloges_ der Franzosen. Nach
diesem Miserfolg beschrnkte er sich darauf, fr 1822 nur zwei Preise
auszuschreiben: 30 Friedrichdor fr eine poetische Erzhlung und 25
Friedrichdor fr eine prosaische Erzhlung oder Novelle. Er bemerkt
dazu: die Gewiheit, das Beste der Kunst nicht nur gewollt, sondern
auch gefrdert zu haben, sei der Redaction der Urania das sicherste
Gegengift gegen die unrhmlichen und unredlichen Kmpfe gewesen, in
welche sie der hmische Geist des Widerspruchs, der alles Gute verfolgt,
zu verflechten gesucht hat.

Als auch diese Preisausschreibung nur wenig gnstige Ergebnisse
lieferte, gab Brockhaus die Idee ganz auf und erklrte dies in einem
Vorworte vom 15. Juli 1821, das folgendermaen schliet:

  Die zahlreichen und ausgezeichneten Verbindungen, deren der
  Herausgeber der Urania sich erfreut, bewegen ihn zugleich, da er
  in ihnen ein Mittel sieht, folgende Jahrgnge auf das reichhaltigste
  auszustatten, auf knftige Preisaufgaben vllig Verzicht zu leisten.
  Es sind ihm solche verschiedentlich gemisdeutet worden, und wenn
  sich Misdeutungen dieser Art auch wol ertragen lassen, so knnen sie
  wenigstens keine Aufmunterung sein, darin fortzufahren.

  Cotta und Andere haben hnliche Ideen gehabt, sie auszufhren
  gesucht, und sie haben sie aufgegeben, ohne selbst so glcklich
  gewesen zu sein wie wir, die wenigstens genug belohnt worden sind,
  dadurch #ein# Gedicht veranlat zu haben, das in seiner Art von
  keinem hnlichen in unserer poetischen Literatur berboten und nicht
  untergehen wird.

  Der Herausgeber der Urania hat auch hier das gewhnliche Schicksal
  erfahren, das in den meisten Fllen Alles trifft, was der hhern
  Entwickelung irgendeiner schnen, sich ber das Alltgliche erhebenden
  Idee gewidmet wird und, indem es blos allgemeine Zwecke verfolgt,
  kleinlichen und persnlichen Interessen entgegentritt.

  Er beschwert sich nicht darber, da sein Bestreben ihm im Einzelnen
  auch theuere und schtzbare Freunde zufhrte, deren Anerkennung
  und Wohlwollen fr ihn einen grern Werth hat, als ihm erlittene
  Krnkungen und rohe Verunglimpfungen mgen wehe gethan haben.

Jedenfalls war es Brockhaus gelungen, die Urania zu einem der
besten und gehaltvollsten Taschenbcher seiner Zeit zu gestalten,
und die Preisausschreibungen hatten theils direct, theils mittelbar
dazu beigetragen. Auf dem Gebiete der Poesie begegnen wir unter den
Mitarbeitern den besten Namen, die zum Theil darin zum ersten male
auftreten; auer Theodor Krner und Ernst Schulze seien nur folgende
genannt: Zacharias Werner (dessen Vierundzwanzigster Februar im
Jahrgange 1815 zuerst erschien), Friedrich Rckert, Adam Oehlenschlger,
Tiedge, Helmina von Chzy, Graf Kalckreuth, von der Malsburg, Graf von
Lben, Wilhelm Mller, Gustav Schwab, Adolf Streckfu, Graf Platen. Noch
reicher ist die Liste der Mitarbeiter der Urania auf dem Gebiete der
Prosa, namentlich der Erzhlung und Novelle, die in sptern Jahrgngen
immer mehr den Schwerpunkt der Urania bildete. Unter ihnen fehlt
kaum einer der beliebtesten Schriftsteller jener Zeit; neben Jean Paul
und den frher Genannten erwhnen wir noch: Friedrich Kind, Therese
Huber, De la Motte Fouqu, Winkler (Theodor Hell), Mosengeil, Bttiger.
Die eigentliche Bltezeit der deutschen Novelle, die in der Urania
ihre ausgezeichnetste Vertretung fand: in Ludwig Tieck, Wilhelm Hring
(Wilibald Alexis), Johanna Schopenhauer, Leopold Schefer, von Rehfues,
Sternberg, Eichendorff, Theodor Mgge, Ludwig Rellstab, Berthold
Auerbach, Karl Gutzkow, Levin Schcking u. a., fllt allerdings erst in
die Zeit nach dem Tode des Begrnders der Urania.

Das Taschenbuch erhielt sich bis zum Jahre 1848, in welchem es von der
Verlagshandlung bei der aufgeregten politischen, fr derartige Lektre
weniger empfnglichen Stimmung aufgegeben wurde, nachdem es 38 Jahre
lang in 35 Jahrgngen einen wrdigen Sammelpunkt der besten Erzeugnisse
der deutschen schnen Literatur gebildet hatte.

In der Urania trat Brockhaus auch selbst einmal als Schriftsteller
auf, wenn auch nicht unter seinem Namen und nur in der bescheidenen
Rolle eines Bearbeiters. Die im Jahrgange 1822 enthaltene Erzhlung:
Die Nebenbuhlerin ihrer selbst, deren Verfasser Guntram genannt
ist, war von ihm nach dem Franzsischen bearbeitet; vielleicht war
sie nur ein Lckenber zur Fllung des Bandes, zumal sie am Schlu
desselben steht und in dem Vorwort gesagt ist, die Redaction habe bei
dem zweifelhaften Ergebnisse der damaligen Preisausschreibung sich
selbst helfen mssen. Uebrigens hatte er wenig Lohn und Freude von
dieser seiner Arbeit, denn wegen derselben wurde dieser Jahrgang der
Urania fr die sterreichischen Staaten verboten, weil man in Wien
jene Erzhlung auf eine vornehme sterreichische Familie bezog. Nunmehr
erklrte Brockhaus in einer ffentlichen Anzeige unterm 29. October
1821: da diese Geschichte nach einer in den vorjhrigen _Annales de
la littrature_ von Quatremre de Quincy, Vanderbourg, Raoul Rochette,
wo sie '_Imprudence et bonheur_' heit, von ihm selbst bearbeitet ist
und die gebrauchten Namen bloe Fictionen sind. Die Bearbeitung der
spannenden, aber sthetisch unerquicklichen Novelle ist brigens sehr
geschickt und verrth kaum den nicht berufsmigen Schriftsteller.

       *       *       *       *       *

Durch die Urania kam Brockhaus in interessante und auch geschftlich
fr ihn werthvolle Beziehungen zu hervorragenden Schriftstellern.

Der Philosoph Bachmann in Jena schickte ihm am 26. April 1812 einige
Gedichte eines jungen Mannes mit der Bitte, dieselben in den nchsten
Jahrgang aufzunehmen. Der junge Mann heie -- _Dr._ Rckert und habe ihn
um diese Vermittelung gebeten. Seitdem brachte fast jeder der nchsten
Jahrgnge der Urania Gedichte von Friedrich Rckert, bald unter dessen
Namen, bald unter dem bekannten Pseudonym Freimund Raimar, das erste
mal unter dem sonst nicht vorkommenden Pseudonym Fr. Rikard. Rckert
war damals Privatdocent an der Universitt Jena und als Dichter noch
wenig bekannt; er wurde dies erst durch seine 1814 in Heidelberg, wohin
er sich gewandt hatte, erschienenen Deutschen Gedichte, welche auch
die Geharnischten Sonette enthielten. Brockhaus blieb mit ihm in
dauernder Verbindung, wenn auch Rckert's hauptschlichste Werke bei
andern Verlegern erschienen, und verlegte 1822 die Oestlichen Rosen.
Der Druck derselben verzgerte sich etwas, weshalb Rckert aus Koburg
vom 10. April 1821 an Brockhaus schrieb: an neuen Schriften und neuem
Papier sei ihm so viel nicht gelegen als daran, da meine jungen Rosen
nicht in Ihrem Pulte alt werden! In Betreff der Urania fgte er noch
hinzu:

  Dankbar bin ich Ihnen dagegen fr die abermalige Einladung zur
  Urania, ob ich gleich einige Abneigung fhle, mich auf die Scene
  zu stellen, wo Ihre Preisconcurrenten figuriren; doch wenn der
  Druck nicht ebenso schnell geht als meiner langsam, so will ich zum
  Grndonnerstag noch mit einem Nachtrab eintreffen.

Friedrich Rckert (geb. 1788, gest. 1866) blieb mit der Firma F. A.
Brockhaus auch nach dem Tode ihres Begrnders in Beziehungen und sandte
ihr sein letztes Werk: Ein Dutzend Kampflieder fr Schleswig-Holstein,
die anonym mit der Bezeichnung: Von F--r, 1864 erschienen, aber gleich
als von ihm gedichtet erkannt wurden und rasch zwei Auflagen erlebten.[49]

       *       *       *       *       *

Auch mit Franz Grillparzer (geb. 1791, gest. 1872) trat Brockhaus
zunchst der Urania wegen in Verbindung. Ein Brief Grillparzer's
aus Wien vom 6. April 1818 enthlt das Nhere darber und mge auch
wegen seines sonstigen, nach mancher Seite hin interessanten Inhalts
vollstndig hier folgen:

  Ew. Wohlgeboren Schreiben vom 26. Mrz, das ich gestern erhielt, hat
  mir um so greres Vergngen gemacht, je mehr ich mit ganz Deutschland
  gewohnt bin, mit dem Namen Brockhaus nebst dem, da er einen der
  wrdigsten Buchhndler bezeichnet, auch noch andere, nicht minder
  ehrenvolle Begriffe zu verbinden.

  In Bezug auf Ihren freundlichen Antrag wegen Aufnahme meiner
  Sappho in das Taschenbuch Urania habe ich vor allem Folgendes zu
  erwidern: Erstens scheint mir fr ein Werk, das zur Auffhrung auf
  der Bhne bestimmt ist und daselbst auf einigen Erfolg rechnet, ein
  Taschenbuch eben nicht der beste Platz zu sein. Abgesehen von dem
  Ungewhnlichen einer solchen Erscheinung beschrnkt man sich dadurch
  das lesende und abnehmende Publikum auf eine weder Gewinn noch andern
  Vortheil bringende Art. Zur Darstellung gebrachte Schauspiele haben
  nmlich, wie Sie wol wissen, nebst dem #Leser# im strengen Verstande
  noch ein zweites Publikum, das sich sonst mit der Literatur oft nicht
  sehr abgibt, das der #Theaterbesucher# nmlich. Die Sappho in einem
  theuern Taschenbuche erscheinen lassen, hiee auf diese ganz Verzicht
  leisten. Sollte brigens das Stck auf den Bhnen von Wien, Berlin,
  Dresden und Weimar, die es zur Auffhrung bereits bernommen haben,
  und auf mehrern andern, mit denen ich darber in Unterhandlung zu
  treten gesonnen bin, Glck machen und Sie Lust haben, den Verlag
  desselben als eines abgesonderten Werks zu bernehmen, oder nebst dem
  Abdruck in der Urania noch eine zugleich erscheinende besondere
  Auflage davon zu veranstalten, so wrde es mir groes Vergngen
  machen, es Ihnen vor allen berlassen zu knnen.

  Wie wenig Sie brigens -- vorausgesetzt, da das Stck gefllt,
  und das denke ich eben abzuwarten -- wie wenig Sie bei einem solchen
  doppelten Abdruck riskiren, mag Ihnen der Umstand bezeugen, da eben
  jetzt, ein Jahr nach der Herausgabe meines ersten Trauerspiels Die
  Ahnfrau, der wiener Verleger Wallishausser mir angekndigt hat, da
  die erste Auflage von 1500 Exemplaren fast vergriffen sei. Wenn das
  der Fall mit einem Wallishausser ist, dessen Absatz und Verbindung mit
  dem brigen Deutschland so gering ist, da ein Brockhaus ein Jahr nach
  dem Erscheinen des gedruckten Werks fragen kann: ob es denn berhaupt
  schon gedruckt sei? was wre nicht bei dem Stande #Ihres# Verkehrs zu
  hoffen; wozu noch kommt, da mein Name gegenwrtig denn doch nicht
  mehr so fremd in Deutschland klingt als beim Erscheinen der Ahnfrau.
  Fr jeden Fall aber forderte die _honntet_, mit der Herausgabe der
  Sappho doch so lange zu warten, bis die Bhnen, welche mir das
  Manuscript abgenommen haben, mit der Auffhrung zu Stande gekommen
  sind.

  Was im Falle eines wechselseitigen Verstndnisses das Honorar
  betrifft, so mte ich Sie ersuchen, einen bestimmten Betrag
  auszusprechen, da ich mich auf Berechnung nach Seiten und Zeilen und
  auf Vergleichung der Handschrift mit dem Druck nicht verstehe. Nur
  mu ich bekennen, da, soviel ich herausklgeln kann, das Honorar von
  vier Karolin fr den Bogen von sechzehn Seiten mit kleiner Schrift
  den Preis nicht erreichen wrde, den ich bei mir selbst ungefhr
  festgesetzt habe. Vier Karolin mgen ein allerdings ansehnliches
  Honorar fr Erzhlungen und Gedichte und historische Darstellungen
  &c. sein, wie man sie, halb zur eigenen Unterhaltung, halb eben der
  vier Karolin wegen, fr Taschenbcher macht. Auf meine Sappho habe
  ich die Frucht mhevoller Studien, vielleicht knftige Lebensjahre
  verwendet, und -- ich hoffe, sie soll einige Almanachsjahrgnge
  berleben. Sie haben die Sappho noch nicht gelesen; ich bitte, thun
  Sie es, ehe Sie mir antworten.

  Sie werden ber meinen langen Brief, als Antwort auf Ihren kurzen,
  lachen. Er gilt aber auch nur dem #Kunstfreund# Brockhaus, der
  #Buchhndler# mag sich die Daten heraussuchen, die ihm zu wissen
  noththun.

    Leben Sie recht wohl.

                                 Ihr ergebener F. Grillparzer.

Brockhaus dankte am 6. Mai Grillparzer fr seine Bereitwilligkeit,
bemerkte aber dabei: nach dem, was ihm sein Freund Bttiger in Dresden
(von dem er so viel Herrliches ber die Sappho gehrt) ber den
Umfang des Stcks mitgetheilt, knne es doch nicht in die Urania
aufgenommen werden, und da es vorab auf den ersten Bhnen gegeben werden
solle, so sei es berhaupt noch nicht an der Zeit, es drucken zu lassen.
Der Brief schliet:

  Sobald Sie sich aber dazu bestimmen, haben Sie die Gte, mir Ihren
  Entschlu mitzutheilen, sowie ber das Honorar Ihrer Forderung. Ich
  werde dann sehen, ob ich darauf eingehen kann. Es hat eine wunderbare
  Bewandtni mit dem Erfolg bei gedruckten Schauspielen. Noch habe ich
  die kleine Auflage von Werner's Vierundzwanzigstem Februar und
  die von Werners Cunegunde nicht abgesetzt. Ebenso wenig die von
  Klingemann's Faust, so sehr dies -- brigens sehr schlechte Stck
  #meinem# Urtheile nach -- auf den deutschen Bhnen Glck gemacht hat
  und fortwhrend auf allen Repertoires ist. Diesen Erfahrungen gem
  war meine Erbietung von vier Karolin per Bogen sehr bedeutend. Ihre
  Ahnfrau habe ich mir verschafft, und ich lese sie eben. Auch wird
  sie, wie ich hre, bald auf unsere Bhne kommen.

Am 22. Mai lt er inde einen zweiten Brief folgen, in welchem
er Grillparzer zu dem Erfolge der inzwischen stattgehabten ersten
Auffhrung des Stcks in Wien Glck wnscht und sich wiederholt zum
Verlage desselben bereit erklrt. Die Ausgabe knne etwa zu Weihnachten
erfolgen, wenn Grillparzer dann durch seine Contracte mit den Bhnen,
denen er es als Manuscript berlassen, nicht weiter genirt sei. Auch
wrde er einige gute Abbildungen dazu anfertigen lassen, da er mit
mehrern genialen Zeichnern in genauer Verbindung stehe. Er fgt noch
hinzu:

  Endlich wrde ich das wnschen, da, wenn Sie einmal mit mir in
  Verbindung trten, Sie diese Verbindung, solange ich Ihnen keine
  Ursache zu Beschwerden gebe, nicht auflsen mchten. Der Dichter in
  Weienfels (Mllner) trgt seine Producte wie ein Waarenmkler von
  Bude zu Bude, feilscht sie in jeder aus, und wer einen Kreuzer mehr
  gibt als der Nachbar, der ist sein Mann!

Noch erbietet er sich, auch eine Ausgabe der Ahnfrau fr
Norddeutschland zu bernehmen, falls Grillparzer eine solche neben der
in Wien erschienenen veranstalten drfe.

Grillparzer scheint sich aber inzwischen bereits mit seinem bisherigen
Verleger, Wallishausser in Wien, ber den Verlag der Sappho geeinigt
zu haben, da sie kurz darauf bei diesem erschien, whrend uns keine
weitere Correspondenz zwischen Grillparzer und Brockhaus vorliegt.

Von Zacharias Werner (geb. 1768, gest. 1823) verlegte Brockhaus eine
Separatausgabe der in der Urania zuerst verffentlichten Tragdie
in einem Act: Der vierundzwanzigste Februar, und gleichzeitig
auch dessen: Cunegunde die Heilige, Rmisch-Deutsche Kaiserin. Ein
romantisches Schauspiel in fnf Akten (beide Stcke 1815).

Da er brigens die Schicksalstragdien, zu denen diese Dramen
gehren, selbst nicht berschtzte, zeigte er dadurch, da er einige
Jahre darauf (1818) eine Parodie auf dieselben verlegte, die unter
dem Titel: Der Schicksalsstrumpf. Tragdie in zwei Akten von den
Brdern Fatalis erschien. Die beiden Verfasser waren der bekannte
sterreichische dramatische Dichter Ignaz Friedrich Castelli (geb. 1781,
gest. 1862) und der Arzt und Dramatiker Alois Jeitteles (geb. 1794,
gest. 1858). Castelli, wie es scheint der hauptschlichste Verfasser,
schrieb an Brockhaus: der Spuk der Schicksalstragdien gehe nachgerade
ein bischen zu weit, weshalb er diese Parodie derselben geschrieben
habe, und lie ihm das Manuscript durch Hofrath Winkler (in Dresden),
in dessen dresdener Abendzeitung ein Bruchstck davon verffentlicht
worden war, zusenden. Brockhaus schreibt an Winkler: er habe des Spaes
wegen das nrrische Ding gleich in die Druckerei spedirt. Das Stck
fand groen Beifall und machte die Runde ber die deutschen Bhnen.

Das in dem Briefe an Grillparzer neben Werner's beiden Dramen erwhnte
Trauerspiel Faust von Ernst August Friedrich Klingemann (geb. 1777,
gest. 1831) erschien 1815. Brockhaus verlegte gleichzeitig von demselben
Dichter ein dramatisches Spiel mit Gesang: Don Quixote und Sancho
Panza oder: Die Hochzeit des Camacho und eine Bhnenbearbeitung von
Shakspeare's Hamlet.

Von dramatischer Literatur erschienen in Altenburg in Brockhaus' Verlage
noch folgende Werke: Dramatische Spiele von Wenzel Lembert, mit
seinem Familiennamen Tremler (geb. 1780, gest. um 1838), langjhrigem
Schauspieler an der Hofbhne zu Wien und Verfasser zahlreicher
bhnengerechter Theaterstcke; Theater von Adolf Wagner (geb. 1774,
gest. 1835), dem bekannten dramatischen Schriftsteller und Uebersetzer,
mit dem Brockhaus durch die Hofrthin Spazier nher bekannt geworden war
(beide Werke 1816); endlich (1817) Jeanne d'Arc, ein Trauerspiel von
Karl Friedrich Gottlob Wetzel (geb. 1779, gest. 1819), Redacteur des
Frnkischen Merkur. Von letzterm Schriftsteller hatte er kurz vorher
(1815) schon zwei Werke verlegt, eine Sammlung patriotischer Gedichte
unter dem Titel: Aus dem Kriegs- und Siegesjahre Achtzehnhundert
Dreyzehn. Vierzig Lieder nebst Anhang, und: Prolog zum Groen Magen,
eine gelungene Satire auf die Ntzlichkeitstendenzen jener Zeit.

Die satirische Literatur ist auer durch letztere Schrift und den
Schicksalsstrumpf in Brockhaus' Verlage aus dieser Zeit besonders
durch seinen schon vielfach erwhnten Freund Friedrich Ferdinand Hempel
(geb. 1778, gest. 1836) vertreten, der unter verschiedenen Pseudonymen
politische und literarische Zustnde der Zeit scharf geiselte. Brockhaus
verlegte von ihm: Politische Stachelnsse gereift in den Jahren
1813-1814 aufgetischt von Spiritus Asper (ohne Verlagsort und Firma
1814); Politische Stachelnsse geschttelt von Spiritus Asper. Zweite
Lieferung (1815); Ein Paar mercantilische Stachelnsse. Zur Messe
gebracht von Spiritus Asper (1816). Hempel lieferte auch mehrere
Beitrge fr die Urania, gab 1818 in Brockhaus' Verlage ein von dessen
und seinem Freunde Moritz August von Thmmel (geb. 1738, gest. 1817)
gedichtetes Epos: Der heilige Kilian und das Liebes-Paar heraus,
1822 wieder eine satirische Schrift: Nsse. Gesammelt von Frater
Timoleon (mit Kln als Verlagsort), sowie ein Taschenbuch ohne Titel
auf das Jahr 1822 (dem 1830 und 1832 noch zwei Jahrgnge folgten), und
verfate spter das Allgemeine deutsche Reimlexikon. Herausgegeben von
Peregrinus Syntax (2 Bnde, Leipzig 1826), das noch jetzt als das beste
Werk seiner Art gilt.

Die poetische Literatur weist auer der Urania und den aus derselben
abgedruckten Dichtungen sowie den eben erwhnten Dramen in der
altenburger Zeit nur wenige Originalwerke auf, deren Verfasser meist
durch die Urania dem Verleger zugefhrt worden waren.

Schon 1812 verlegte er zwei Dichtungen der durch Die Schwestern von
Lesbos (1801) bekannt gewordenen Dichterin Amalie von Helvig, geborenen
von Imhoff[50] (geb. 1776, gest. 1831): Die Schwestern auf Corcyra.
Eine dramatische Idylle in zwei Abtheilungen (mit dem Nebentitel:
Taschenbuch fr das Jahr 1812), und: Die Tageszeiten. Ein Cyclus
griechischer Zeit und Sitte. In vier Idyllen.

Ein anderes greres poetisches Werk seines Verlags ist eine Sammlung
von Dichtungen des Grafen Otto Heinrich von Loeben (geb. 1786,
gest. 1825) unter dem Titel: Rosengarten (2 Theile, 1817); als
Separatabdruck daraus erschien: Cephalus und Procris. Graf Loeben
schrieb sonst meist unter den Pseudonymen Isidorus Orientalis und
Kukuk Waldbruder; er lebte in Dresden und gehrte zu dem dortigen
Liederkreise.

Ein eigenthmliches Werk ist das didaktische Gedicht in vier Gesngen:
Die Heilquellen am Taunus von Johann Isaak Freiherrn von Gerning (geb.
1767, gest. 1837), das 1814 erschien, und zwar in einer Prachtausgabe in
Quartformat, mit sieben Kupfern, einer Karte und Erluterungen.

Der altdeutschen Literatur gehren zwei Werke an: Das Lied der
Nibelungen. Metrisch bersetzt von Johann Gustav Bsching (geb. 1783,
gest. 1829), dem verdienten breslauer Professor der altdeutschen
Literatur, und: Der Lobgesang auf den heiligen Anno, mit Uebersetzung,
Einleitung und Anmerkungen herausgegeben von Georg August Friedrich
Goldmann, Rector des Gymnasiums zu Soest (Geburts- und Todesjahr
unbekannt); ersteres Werk 1815, letzteres 1816 erschienen.

Das Gebiet der Belletristik berhrt eine 1815 erschienene Blumenlese
aus dem Stammbuche der deutschen mimischen Knstlerin, Frauen Henriette
Hendel-Schtz, gebornen Schler (geb. 1772, gest. 1849), herausgegeben
von dem vierten Gatten dieser durch ihre mimisch-plastischen
Darstellungen auf Reisen in allen Hauptlndern Europas berhmt
gewordenen Knstlerin, Professor Friedrich Karl Julius Schtz in Halle.
Schon in der Urania fr 1812 war ein (spter auch in Separatausgabe
erschienener) Aufsatz von Falk ber diese pantomimischen Darstellungen
mit Abbildungen verffentlicht worden.

Die Romanliteratur ist in dieser Zeit in Brockhaus' Verlage nur durch
ein Originalwerk vertreten: Das Opfer von Regina Frohberg (geb. 1783,
Todesjahr unbekannt), einen Roman, der gleich den zahlreichen brigen
der Verfasserin jetzt vergessen ist; dann aber durch eine Bibliothek
neuer englischer Romane in sechs Bnden, deren erste beiden (1814) zwei
Werke von Maria Edgeworth brachten, bersetzt von Karoline von Woltmann
(geb. 1782, gest. 1847), der Gattin des bekannten Geschichtschreibers,
whrend die folgenden vier Bnde (1816 und 1817) Romane von Amelia Opie
und Emma Parker, zwei gleich Maria Edgeworth damals sehr geschtzten
englischen Schriftstellerinnen, in Uebersetzungen von Henriette Schubart
(geb. 1770, gest. 1831) enthielten.

       *       *       *       *       *

Die Uebersetzungsliteratur wurde berhaupt von Brockhaus in allen
Perioden seiner Verlagsthtigkeit mit besonderer Vorliebe gepflegt, weil
er sich persnlich fr die fremden Literaturen, und insbesondere die
englische und franzsische, lebhaft interessirte.

Schon 1811 hatte er mit Johannes Daniel Falk, dem bereits erwhnten
Vermittler seiner Bekanntschaft mit Goethe, ein Rmisches Theater der
Englnder und Franzosen begonnen. Der erste Band sollte Shakspeare's
Coriolan enthalten; Brockhaus nennt den Helden des Stcks in seiner
Ankndigung den khnsten mnnlichen Charakter, den vielleicht die alte
Zeit hervorgebracht und Shakspeare's Genius dargestellt, und fgt
hinzu: kein Mann, der noch in Zeiten wie die unsern Anspruch darauf
macht, einer zu sein, sollte dies khne Product jenes Feuergeistes
ungelesen lassen. Der zweite Band sollte Racine's Britannicus
bringen, der dritte und vierte Band Charakteristiken und Auszge aus
Antonius und Kleopatra, Cinna, Csar u. s. w. von Shakspeare,
Corneille, Voltaire, Racine, Crbillon, Lee u. s. w. Doch erschien nur
der erste Band, und das Unternehmen fand keinen Anklang, wol weil die
freie Bearbeitung des Uebersetzers dem deutschen Publikum weniger
zusagte als die Uebersetzungen Shakspeare's von Wieland, Eschenburg und
besonders August Wilhelm von Schlegel.

Von Falk verlegte Brockhaus gleichzeitig eine Sammlung von Gedichten,
Erzhlungen und Briefen unter dem Titel: Ozeaniden, und spter:
Johannes Falk's Liebe, Leben und Leiden in Gott. Zu Luther's Gedchtni
herausgegeben von einem seiner Freunde und Verehrer im Jahr unsers
Herrn 1817 (mit der alterthmlichen Verlagsbezeichnung auf dem Titel:
Altenburg, verlegt's F. A. Brockhaus), sowie eine Auswahl aus dessen
Werken: Johannes Falk's auserlesene Werke. (Alt und neu.) in drei
Theilen (1819), deren erster die Ozeaniden unter dem neuen Titel:
Seestcke wieder enthlt; letztere beiden Werke wurden von Falk's
Freunde Adolf Wagner in Leipzig verffentlicht.

Aus der englischen Literatur ist auer Shakspeare's Coriolan und
den englischen Romanen nur noch eine Uebersetzung von Walter Scott's
Schottischen Liedern und Balladen von Henriette Schubart (1817) zu
nennen.

Noch mehr als die englische pflegte Brockhaus die franzsische
Literatur, wie zahlreiche Verlagswerke, Uebersetzungen und
Originalausgaben, beweisen.

Auer der schon frher erwhnten, von der Hofrthin Spazier gefertigten
Uebersetzung der von Frau von Stal-Holstein herausgegebenen Briefe,
Charaktere und Gedanken des Prinzen Carl von Ligne (1812) verlegte er:
ein _Manuel pour la conversation dans les langues trangres_, ohne
Verfassernamen, aber von der berhmten franzsischen Schriftstellerin
Grfin von Genlis herrhrend, gleichzeitig auch eine deutsche
Uebersetzung davon (beide Werke ebenfalls 1812); eine freie Bearbeitung
des bekannten Werks Jean Nicolas Bouilly's _Conseils  ma fille_,
von dem schon genannten Mitredacteur des Conversations-Lexikon _Dr._
Ludwig Hain, unter dem Titel: Rath an meine Tochter in Beispielen aus
der wirklichen Welt (2 Bndchen, 1814); Abdrcke der Originalausgaben
von Chateaubriand's _Souvenirs d'Italie, d'Angleterre et d'Amrique_
und Frau von Stal-Holstein's berhmtem Werke: _De l'Allemagne_, mit
einer werthvollen Einleitung des auch mit der Verfasserin befreundeten
Charles de Villers (beide Werke 1815); die Uebersetzung eines von
dem Verfasser Louis Simond ursprnglich englisch, dann aber auch
franzsisch geschriebenen Werks: Reise eines Gallo-Amerikaners (M.
Simond's) durch Grobritannien in den Jahren 1810-1811 (2 Theile,
1817-1818), von Ludwig Schlosser, dem Pastor zu Grozschocher bei
Leipzig, bei dem Brockhaus' ltester Sohn Friedrich erzogen wurde (geb.
1774, gest. 1859); endlich eine von _Dr._ Ludwig Hain bearbeitete
und mit Anmerkungen begleitete deutsche Ausgabe des werthvollen
literarhistorischen Werks: _Littrature du midi de l'Europe_ von Jean
Charles Lonard Simonde de Sismondi, unter dem Titel: Die Literatur
des sdlichen Europas (2 Bnde, 1816 und 1819).

In der italienischen Literatur war es vor allem Dante, fr dessen
Werke, insbesondere die _Divina commedia_, Brockhaus sich persnlich
interessirte, und er hat das Verdienst, der deutschen Literatur die
erste vollstndige und noch jetzt als eine der besten anerkannte
Uebersetzung dieses Werks verschafft zu haben. Schon in Amsterdam begann
er die Verffentlichung dieser von Karl Ludwig Kannegieer (geb. 1781,
gest. 1861) herausgegebenen Uebersetzung, die, wie dieser in seinem vom
April 1809 datirten Vorwort sagt, von August Bode 1802 angefangen und
nach dessen Tode von Ludwig Hain und ihm fortgesetzt, vollendet und
gnzlich umgearbeitet wurde. Der erste Theil: Die Hlle, erschien
1809, der zweite Theil: Das Fegefeuer, 1814 (nebst einer neuen, aber
nicht als solche bezeichneten Ausgabe des ersten Theils), der dritte
Theil: Das Paradies, erst 1821. Diese Uebersetzung wurde bei Lebzeiten
des Uebersetzers in vier Auflagen oder vielmehr Umarbeitungen ausgegeben
(1825, 1832 und 1843) und 1872 in fnfter Auflage gedruckt. Ebenfalls
in Amsterdam erschienen (1809) Umrisse zu Dante's Hlle von Hummel
nach Flaxman, 39 Kupferstiche in Querfolio enthaltend. Spter bersetzte
Kannegieer auch die meisten brigen Werke Dante's fr denselben Verlag.

Von Ludwig Hain verlegte Brockhaus auch eine Uebersetzung der
Denkwrdigkeiten aus dem Leben Vittorio Alfieri's. Von ihm selbst
geschrieben (1812), und dieses Werk war es, durch das er mit Hain
zuerst in nhere Verbindung trat.

Einen wrdigen Abschlu der den fremden Literaturen gewidmeten
Verlagsthtigkeit Brockhaus' in dieser Zeit bildet die von Georg
Bernhard Depping (geb. 1784 in Mnster, gest. 1853 in Paris), dem
berhmten Kenner der spanischen Literatur, herausgegebene und mit einer
werthvollen Einleitung versehene Sammlung der besten alten Spanischen
Historischen, Ritter- und Maurischen Romanzen (1817), die spter
in neuer vermehrter spanischer Ausgabe unter dem Titel: _Romancero
castellano_ (2 Bnde, 1844) erschien, wozu noch ein dritter Band: _La
Rosa de Romances_ von Ferdinand Joseph Wolf hinzukam (1846).

Neben den fremden Literaturen wendete inde Brockhaus auch in dieser
Zeit seine Verlagsthtigkeit hauptschlich der deutschen Literatur
zu, und zwar nicht blos den von uns bereits vorgefhrten Gebieten der
sogenannten schnen Literatur, der poetischen und belletristischen,
sondern auch denen der wissenschaftlichen und berhaupt der ernstern
Literatur.

       *       *       *       *       *

In erster Linie ist hier das Werk zu nennen, das uns nebst seinem
Verfasser bereits mehrfach begegnet ist: Handbuch der deutschen
Literatur seit der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts bis auf die
neueste Zeit, systematisch bearbeitet und mit den nthigen Registern
versehen von Johann Samuel Ersch, Professor und Bibliothekar auf der
Universitt zu Halle. Wie frher erwhnt, hatte Brockhaus bereits am
3. Juli 1809 in Amsterdam einen Contract ber dieses von ihm selbst
veranlate Werk mit dem Verfasser abgeschlossen; inde erschien der
aus vier Abtheilungen bestehende erste Band erst 1812 und die beiden
ersten Abtheilungen des zweiten Bandes folgten 1813, die beiden letzten
Abheilungen 1814, womit das Werk, das somit aus zwei Bnden zu je vier
Abtheilungen oder eigentlich aus acht Theilen bestand, zum ersten male
vollstndig vorlag. Durch dieses Werk ist Ersch, nachdem er schon frher
werthvolle bibliographische Arbeiten geliefert hatte, der eigentliche
Begrnder der deutschen Bibliographie geworden; innere Trefflichkeit und
uere zweckmige Einrichtung haben dasselbe zu einem Muster gemacht,
wie die Literatur eines Volks geordnet werden soll, und es bildet
die Grundlage aller hnlichen sptern Werke. Der Verleger wurde auch
durch den uern Erfolg dieses Verlagsartikels fr die auf denselben
verwendeten Sorgen und Unkosten entschdigt: nach seinem eigenen Zeugni
war es nebst dem Conversations-Lexikon hauptschlich dieses Werk,
dessen Ertrag ihm nach der Wiederaufnahme seiner Verlagsthtigkeit in
Altenburg die Mittel zur Ausfhrung weiterer Unternehmungen gewhrte.
Eine zweite Auflage oder Umarbeitung wurde noch bei Brockhaus' Lebzeiten
(1822) begonnen, wobei sich Ersch von verschiedenen andern Mitarbeitern
untersttzen lie, aber erst 1840 (in welchem Jahre nach lngerer
Pause die letzte Abtheilung des zweiten Bandes erschien) vollendet.
Von einer dritten Auflage oder Umarbeitung sind nur die Abtheilungen
der philologischen und philosophischen Literatur (1845 und 1850), von
Christian Anton Geiler bearbeitet, ausgegeben worden.

Da Brockhaus die erste Idee zu dem Werke gegeben, zeigt auer seinen
Versicherungen auch folgende Stelle der aus Halle 14. September 1814
datirten Vorrede des Verfassers zum letzten Bande:

  Aus mancherlei Grnden war ich, nach Vollendung des letzten
  Repertoriums der Literatur (1796-1800) und nach einer noch lngere
  Zeit fortgesetzten Beschftigung mit Vorarbeiten zu einer etwanigen
  Fortsetzung, zu dem Entschlusse gekommen, fr die Zukunft alle
  bibliographischen Arbeiten fr das Publikum aufzugeben und meine Mue
  vorzugsweise dem Studium der Staatskunde und neuern Geschichte zu
  widmen, als ich, eben mit ernstlichen Anstalten zu einem umfassenden
  statistischen Werke beschftigt, ganz unerwartet von dem Herrn
  Buchhndler Brockhaus, damals zu Amsterdam, durch eine dringende
  Aufforderung zu diesem neuen bibliographischen Werke berrascht
  wurde. Nach den bisher von mir gelieferten Arbeiten mute er dadurch
  meinen eigenen Wnschen zu begegnen mit Gewiheit erwarten, und doch
  war gerade damals der Fall anders. Lange strubte ich mich daher
  gegen die Ausfhrung des wohldurchdachten Plans, so sehr er auch im
  ganzen meinen Beifall hatte. Endlich aber fand ich mich -- einerseits
  durch die Vorliebe des Herrn Brockhaus fr seinen Plan, die meine
  eigene Neigung fr diese Gattung von Arbeiten von neuem belebte,
  und andererseits durch Hinsicht auf die Zeitumstnde, die einer
  freimthigen Bearbeitung der Staatskunde und der neuern Geschichte
  immer ungnstiger wurden -- zur Ausfhrung eines Werks bewogen, das
  mir, statt eines andern jetzt weniger erfreulichen, eine jahrelange
  Beschftigung versprach, die, wie ich nach mehrmaliger Erfahrung nicht
  ohne Grund hoffte, dazu beitragen wrde, mir die trben Zeitumstnde
  einigermaen aufzuheitern.

Auer mit Ersch war Brockhaus gleich in der ersten Zeit seines
Aufenthalts in Leipzig und Altenburg auch mit dessen spterm Collegen
Professor Johann Gottfried Gruber (geb. 1774, gest. 1851) in Verbindung
gekommen, zunchst wegen des Conversations-Lexikon, an dessen zweiter
Auflage Beide thtige Mitarbeiter waren. Die Namen Ersch und Gruber sind
erst spter durch die gemeinschaftliche Herausgabe der Allgemeinen
Encyklopdie der Wissenschaften und Knste (seit 1818) in diejenige
enge Verbindung gekommen, in der sie noch mehr als durch ihre eigenen
Werke in der Literatur fortleben werden; seit Ende 1815 waren sie
Collegen an der Universitt Halle, indem Gruber um diese Zeit dort
angestellt wurde, whrend Ersch schon seit 1803 daselbst wirkte. Als
Brockhaus mit Gruber in literarische Beziehungen trat, war Letzterer
Professor an der Universitt zu Wittenberg; diese wurde 1812 infolge der
Kriegsunruhen aufgehoben, er ging nach Leipzig, als Ephorus der dahin
gewiesenen wittenberger Studenten, und wurde, wie erwhnt, Ende 1815
nach der Vereinigung der beiden Universitten Wittenberg und Halle,
worber er selbst die Unterhandlungen zu fhren hatte, nach Halle
versetzt. In Leipzig verfate er eine Lebensbeschreibung Wieland's
(gest. 20. Januar 1813), zu der er bei seinem mehrjhrigen Aufenthalte
in Jena und Weimar (1803-1810) in vertrautem Umgange mit Wieland, der
ihn selbst zu seinem Biographen bestimmte, die Materialien gesammelt
hatte; sie erschien in Brockhaus' Verlage unter dem Titel: Christoph
Martin Wieland. Geschildert von J. G. Gruber (2 Theile, 1815 und 1816).
Spter schrieb Gruber noch eine grere Biographie Wieland's (4 Bnde,
Leipzig 1827) fr die von ihm besorgte neue Ausgabe von Wieland's
smmtlichen Werken in Gschen's Verlage (1818-1828).

       *       *       *       *       *

Ein dritter hervorragender Schriftsteller, der zu Brockhaus' nhern
Freunden gehrte, war Karl Heinrich Ludwig Plitz (geb. 1772, gest.
1838), der bekannte Historiker und Statistiker, damals (seit 1803)
wie Gruber Professor in Wittenberg, seit 1815 bis zu seinem Tode in
Leipzig, erst als Professor der schsischen Geschichte und Statistik,
dann der Politik und Staatswissenschaften wirkend. Fr Brockhaus war
Plitz zunchst ebenfalls als Mitarbeiter am Conversations-Lexikon
thtig, verfate aber bald auch ein eigenes Werk fr dessen Verlag,
eine Biographie seines Freundes und Gnners, des bekannten Theologen
Reinhard. Dieser, 1753 geboren, starb am 6. September 1812 als
Oberhofprediger zu Dresden, in welcher Stellung er seit 1792 segensreich
gewirkt hatte. Das Werk fhrte den Titel: _D._ Franz Volkmar Reinhard
nach seinem Leben und Wirken dargestellt von Karl Heinrich Ludwig
Plitz (2 Abtheilungen, 1815). Das Vorwort zur ersten Abtheilung trgt
das Datum: 12. Mrz 1813; sie ist wahrscheinlich schon 1813 erschienen.
Das Vorwort zur zweiten Abtheilung ist vom 17. Januar 1815 datirt und
in Schmiedeberg bei Pretzsch geschrieben, wo Plitz seit der Aufhebung
der wittenberger Universitt bis zu seiner Uebersiedelung nach Leipzig
gelebt hatte.

Im Jahre 1817 verlegte Brockhaus das Hauptwerk von Plitz: Die
Constitutionen der europischen Staaten seit den letzten 25 Jahren
(ursprnglich zwei Theile), wozu 1820 und 1825 noch zwei weitere
Theile als dritter und vierter hinzukamen. Eine zweite umgearbeitete
Auflage dieses Werks wurde 1832 und 1833 unter dem vernderten Titel:
Die europischen Verfassungen seit dem Jahre 1789 bis auf die neueste
Zeit, in drei Bnden veranstaltet, whrend 1847 noch die von Professor
Friedrich Blau herausgegebene erste Abtheilung eines vierten Bandes
hinzukam, die, mit dem ersten Bande vereinigt, auch als ein besonderes
Werk unter dem Titel: Die Verfassungen des teutschen Staatenbundes seit
dem Jahre 1789 bis auf die neueste Zeit, erschienen ist.

       *       *       *       *       *

Dem Gebiete der Politik und Staatswirthschaft gehren noch folgende
Verlagsartikel aus diesen Jahren an: eine Schrift ber Das
Continentalsystem (1812) von dem zu Brockhaus' nhern Bekannten in
Altenburg gehrenden Rath und Kammersecretr Ludwig Lders (geb. um
1778, gest. 1822); die schon frher erwhnte Schrift von Charles de
Villers: _Constitutions des trois villes libres-ansatiques, Lubeck,
Brmen et Hambourg_ (1814); Chateaubriand's _Essai historique,
politique et moral sur les rvolutions, anciennes et modernes_ (2
Bnde, 1816); Theorie des Geldes und der Mnze von _Dr._ Johann
Karl Adam Murhard in Kassel (geb. 1781, gest. 1863); Grundzge der
philosophischen Politik von Gustav Anton Freiherrn von Seckendorff
(bekannter unter dem Namen Patrick Peale, geb. 1775 im Altenburgischen,
gest. 1823 in Nordamerika), letztere beiden Werke 1817 erschienen. Die
der Geschichte gewidmeten Verlagsartikel werden spter erwhnt werden.

Auch das Gebiet der Naturwissenschaften, dem Brockhaus von Anfang
an besondere Beachtung geschenkt hatte, weist mehrere gediegene
Verlagswerke auf.

So verffentlichte er in den Jahren 1817 und 1818 von Kurt Sprengel's
_Historia rei herbariae_, die 1807 und 1808 einen seiner ersten
Verlagsartikel in Amsterdam bildete, eine neue deutsche Bearbeitung des
Verfassers unter dem Titel: Geschichte der Botanik (2 Theile).

Dann kaufte er aus dem Verlage von Achenwall & Co. in Berlin den bereits
gedruckten ersten Band eines Handwrterbuch der allgemeinen Chemie von
Johann Friedrich John, Professor an der Universitt zu Frankfurt a. O.
und nach deren Aufhebung zu Berlin (geb. 1782, gest. 1847), und fhrte
es in vier Bnden (1817-1819) zu Ende.

Ferner begann er den Verlag eines Archiv fr den Thierischen
Magnetismus, von Professor Dietrich Georg Kiefer in Jena (geb. 1779,
gest. 1862) in Verbindung mit Professor Karl Adolf von Eschenmayer in
Tbingen (geb. 1768, gest. 1852) und Professor Christian Friedrich
Nasse (geb. 1778, gest. 1851) herausgegeben. Inde verffentlichte
Brockhaus blos vier Hefte (1817) und verkaufte das Archiv dann an die
Buchhandlung Hemmerde & Schwetschke in Halle, in deren Verlag bis 1827
zwlf Bnde davon erschienen.

Uebrigens interessirte sich Brockhaus auch persnlich fr diese nach
ihrem Erfinder Anton Mesmer gewhnlich Mesmerismus genannte neue Lehre
von den geheimnivollen Krften des thierischen Magnetismus, welche in
Frankreich und Deutschland bis ber das erste Viertel des Jahrhunderts
hinaus groes Aufsehen erregte. Er verlegte spter Wolfart's Jahrbcher
fr den Lebens-Magnetismus oder Neues Asklpieion (5 Bnde,
1818-1823) und Der Magnetismus nach der allseitigen Beziehung seines
Wesens, seiner Erscheinungen, Anwendung und Entrthselung in einer
geschichtlichen Entwickelung von allen Zeiten und bei allen Vlkern
wissenschaftlich dargestellt, von Professor Joseph Ennemoser in Bonn,
einem der Hauptvertreter dieser Lehre. Letzteres Werk erschien 1844 in
zweiter umgearbeiteter Auflage unter dem Doppeltitel: Geschichte des
thierischen Magnetismus und Geschichte der Magie.

       *       *       *       *       *

Einen besonders werthvollen Zuwachs seines medicinischen Verlags erhielt
Brockhaus dadurch, da er 1816 den gesammten Verlag der unter der
Firma Literarisches Comptoir in Altenburg bestehenden Pierer'schen
Buchhandlung bernahm. Die beiden wichtigsten Verlagswerke derselben
waren: Medizinisches Realwrterbuch zum Handgebrauch praktischer Aerzte
und Wundrzte und zu belehrender Nachweisung fr gebildete Personen
aller Stnde, und: Allgemeine medizinische Annalen des neunzehnten
Jahrhunderts. Beide Werke waren von dem Besitzer der Pierer'schen
Verlagsbuchhandlung begrndet und wurden von ihm unter seinem Namen
herausgegeben, auch noch nach diesem Verkaufe.

Johann Friedrich Pierer wurde schon mehrfach genannt: er hatte Brockhaus
1808 auf der leipziger Messe kennen gelernt und ihn dann bei seiner
Ankunft in Altenburg mit Rath und That untersttzt. Schon als Besitzer
der Hofbuchdruckerei, als Schwager des Bankiers Reichenbach und Freund
des Ludwig'schen Hauses nahm Pierer eine sehr hervorragende Stellung
in der altenburger Gesellschaft ein. Im Jahre 1767 geboren, studirte
er die Medicin und lie sich 1790 in seiner Vaterstadt Altenburg
als praktischer Arzt nieder, begrndete 1798 eine Medizinische
Nationalzeitung fr Deutschland, die er 1800 Allgemeine medizinische
Annalen nannte, und kaufte 1799 die Richter'sche Hofbuchdruckerei in
Altenburg, mit der er 1801 ein buchhndlerisches Verlagsgeschft fr
seine Zeitschrift unter der Firma Literarisches Comptoir verband.
Dieses letztere verkaufte er sammt jener Zeitschrift, einigen andern
Verlagsartikeln und dem eben im Druck begonnenen Medizinischen
Realwrterbuche 1816 an Brockhaus. Nachdem er 1814 Amts- und
Stadtphysikus mit dem Titel Hofrath geworden war, wurde er 1826 zum
Obermedicinalrath und Leibarzt des Herzogs ernannt und starb 1832.

Im Jahre 1823 (nach Brockhaus' Tode) nahm Johann Friedrich Pierer
sein Verlagsgeschft unter der nur wenig vernderten Firma
Literatur-Comptoir wieder auf und bertrug die Leitung desselben
seinem Sohne Heinrich August Pierer (geb. 1794, gest. 1850), der
zuerst ebenfalls Medicin studirt hatte, aber 1813 mit ins Feld gezogen
war und 1831 seinen Abschied nahm, worauf er sich ausschlielich dem
Verlagsgeschft widmete. Er hat sich namentlich durch Herausgabe
des Universal-Lexikon bekannt gemacht, das er 1824 noch bei
Lebzeiten seines Vaters und von diesem untersttzt unter dem Titel
Encyklopdisches Wrterbuch begonnen hatte.

Von dem erstgenannten jener beiden von Brockhaus mit dem Pierer'schen
Verlage erworbenen Werke, dem Medizinischen Realwrterbuch, erschienen
in den Jahren 1816, 1818, 1819 und 1821 die ersten vier Bnde, der
vierte mit herausgegeben von _Dr._ Ludwig Choulant (geb. 1791, gest.
1861 als Geh. Obermedicinalrath in Dresden), den Pierer zu seiner
Untersttzung 1817 aus Dresden nach Altenburg berufen hatte, wo er
bis 1821 blieb. Doch wurden diese vier Bnde spter an Pierer wieder
verkauft und von diesem die das Werk abschlieenden Bnde 5-8 in den
Jahren 1823-1829 selbst verlegt.

Die Allgemeinen medizinischen Annalen, deren Redaction Pierer
ebenfalls beibehielt, seit 1821 auch dabei von Choulant untersttzt,
blieben nach der Wiedererrichtung der Pierer'schen Verlagsbuchhandlung
im Jahre 1823 doch im Verlage von F. A. Brockhaus, und zwar bis 1830,
worauf sie in die im Pierer'schen Verlage erscheinende Allgemeine
medizinische Zeitung umgewandelt wurden; letztere wurde nach Pierer's
Tode seit 1833 von _Dr._ Karl Pabst herausgegeben, ging 1837 wieder an
F. A. Brockhaus ber, hrte aber mit Ende 1838 ganz auf.

In dem am 11. Juni 1816 zwischen Pierer und Brockhaus abgeschlossenen
Vertrage ber den Verkauf des Literarischen Comptoir verpflichtete
sich Letzterer zugleich, die bisher bestandenen Druckereigeschfte mit
Ersterm fortzusetzen und nicht nur die von ihm bernommenen Verlagswerke
und die noch rckstndigen Bnde des 'Conversations-Lexikon' (zweite
Auflage) in Pierer's Druckerei anfertigen zu lassen, sondern auch
dessen Pressen, deren Zahl um deswillen erhht und mit dem nthigen
Druckereipersonale versehen worden sind, auf lngere Zeit hinaus
hinreichend und soviel es nur die Verhltnisse verstatten wollen zu
beschftigen.

Verschiedenen Gebieten gehren endlich die folgenden drei von
Brockhaus im Jahre 1817 verlegten Werke an: Reise nach Dalmatien und
in das Gebiet von Ragusa, von Ernst Friedrich Germar, Professor der
Mineralogie zu Halle (geb. 1786, gest. 1853), ein Werk von zugleich
wissenschaftlichem Werthe, mit Kupfern und Karten; zweitens eine zwar
kleine Schrift, aber die erste bedeutendere Arbeit des spter berhmt
gewordenen Geschichtschreibers der Philosophie Heinrich Ritter (geb.
1791, gest. 1869, erst Docent in Berlin und Kiel, seit 1837 eine Zierde
der Universitt Gttingen) unter dem Titel: Welchen Einflu hat die
Philosophie des Cartesius auf die Ausbildung der des Spinoza gehabt,
und welche Berhrungspunkte haben beide Philosophien mit einander
gemein? Nebst einer Zugabe: Ueber die Bildung des Philosophen durch
die Geschichte der Philosophie; drittens: Die Elemente der reinen
Mathematik von dem kniglich schsischen Oberlandfeldmesser Wilhelm
Ernst August von Schlieben (geb. 1781, gest. 1829), wovon inde nur
die erste Abtheilung: Die Rechenkunst und Algebra, in zwei Theilen
erschien.

Eine gleichzeitig von Brockhaus mit dem Verfasser des letztern Werks
begonnene kriegsgeschichtliche Zeitschrift gehrt in das Gebiet der
Publicistik, Geschichte und encyklopdischen Literatur, das einen
Hauptbestandtheil seiner Verlagsthtigkeit in den Jahren 1812-1817
bildete und deshalb eine besondere Schilderung beansprucht.

Vorher ist inde noch ein einzelnes Verlagsunternehmen zu
charakterisiren, das Brockhaus vor allen andern in dieser Zeit
beschftigte: die von ihm begrndeten und herausgegebenen Deutschen
Bltter.




                       3.

            Die Deutschen Bltter.


Wie Brockhaus seine Verlegerlaufbahn mit einer politisch-literarischen
Zeitung begonnen hatte (im Jahre 1806 mit dem hollndischen Blatte _De
Ster_), so beschftigte er sich auch gleich nach seiner Festsetzung
in Altenburg mit dem Gedanken, ein hnliches in die Zeitverhltnisse
eingreifendes Unternehmen zu begrnden. Ueberhaupt erkannte er stets
in vollem Mae die Bedeutung des Journalismus fr ein Verlagsgeschft,
das zu einer einflureichen Stellung in der Literatur gelangen oder
diese behaupten will. In der mannichfachsten Weise hat er es in
den verschiedenen Perioden seiner Verlegerlaufbahn versucht, durch
Zeitschriften auf die ffentliche Meinung einzuwirken, bald auf rein
politischem, bald auf literarischem Gebiete, meist aber auf beiden
gleichzeitig, was der Zeitstrmung und seiner eigenen Neigung am meisten
zusagte.

Freilich waren die Zeitumstnde in den Jahren 1811 und 1812 einer
solchen Absicht wenig gnstig, ganz abgesehen davon, da Altenburg ein
wenig geeigneter Ort fr die Verwirklichung derselben schien und seine
pecuniren Mittel beschrnkte waren.

       *       *       *       *       *

Das erste Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts bildet eine der
traurigsten Epochen in der deutschen Geschichte: das Deutsche Reich
bricht nach tausendjhrigem Bestande in sich selbst zusammen;
Frankreich verbt ungestraft Gewaltthaten gegen deutsche Lnder;
Oesterreichs erste Erhebung gegen Napoleon (1805) mislingt und fhrt
zur Errichtung des Rheinbundes schmachvollen Andenkens, welcher ein
Drittheil des deutschen Landes in ein Vasallenverhltni zu Frankreich
bringt; Preuens versptete Erhebung gegen Napoleon (1806) scheitert
gleichfalls und kostet ihm die Hlfte seines Landes; Oesterreichs neuer
Versuch, die Napoleonische Herrschaft zu brechen (1809), mislingt
abermals; die ganze Nordseekste Deutschlands wird (1810) mit Frankreich
vereinigt.

In solch trber Zeit ein politisches Blatt in Deutschland zu grnden,
wre Vermessenheit gewesen, zumal die deutschen Frsten nach und nach
eine Censur einfhrten, wie man sie bisher in Deutschland nicht gekannt
hatte; Napoleon hatte sie fr den Verlust ihrer Unabhngigkeit dadurch
entschdigt, da er ihnen einen neuen Begriff von der Souvernett, die
er ihnen garantirte, beibrachte und sie zu unumschrnkten Herren ihrer
Unterthanen machte.

Die Besten des deutschen Volks fhlten von Anfang an die Schmach dieser
Zustnde: die Namen eines Hofer, eines Schill, eines Drnberg sind die
besten Zeugen dafr. Ihre khnen Unternehmungen verunglckten, weil
sie von den Regierungen im Stich gelassen wurden und das deutsche Volk
zu allen Zeiten sich nur langsam zur That aufgerafft hat. Die Reformen
des Grafen Stadion in Oesterreich, Stein's und Scharnhorst's in Preuen
waren ein Zeichen der bald heranbrechenden Morgenrthe. Aber erst das
Scheitern des Zugs Napoleon's gegen Ruland (1812) gab das Signal zu
einer allgemeinen Erhebung in Deutschland. Alles athmete auf: der
Usurpator war nicht unbezwinglich. Stein's Verdienst ist es, Ruland
zur Verfolgung des fliehenden Feindes bis auf deutschen Boden vermocht
zu haben; Preuen wurde durch York's Capitulation mit fortgerissen zum
Kampfe gegen Napoleon auf Leben und Tod. Am 3. Februar 1813 erlie der
Knig von Preuen den Aufruf An mein Volk; die groartige Erhebung des
preuischen und bald auch des ganzen deutschen Volks war die Antwort.
Am 27. Februar schlo Preuen mit Ruland ein Bndni und erklrte am
16. Mrz Frankreich den Krieg. Das franzsische Heer hatte sich hinter
die Elbe zurckgezogen, behauptete aber diese Linie. Im Sommer traten
Schweden, England und Oesterreich dem preuisch-russischen Bndni bei.
Von allen Seiten rckten die Heere nach Mitteldeutschland vor: hier
sollte die Entscheidung fallen.

       *       *       *       *       *

Der Stadt Altenburg wurde in dieser denkwrdigen Zeit die Ehre zutheil,
mehrere Tage das Hauptquartier der verbndeten Armeen zu bilden.
Im Sommer 1813 oft von den Franzosen und den leider noch mit ihnen
verbndeten Baiern besetzt, wurde die Stadt zuerst am 24. August von
diesen verlassen, weil die Oesterreicher im Anmarsche waren. Am nchsten
Morgen rckten die ersten Oesterreicher und einige Kosacken ein. Am 2.
September erschienen die Franzosen wieder, flohen aber schon drei Tage
darauf, und am 8. September besetzte der sterreichische Graf Mensdorff
mit einem sterreichisch-russischen Corps die Stadt. Am 24. September
fand ein Gefecht bei Altenburg statt, General Thielmann zog sich vor
Oberst Lefvre zurck, die Franzosen besetzten die Stadt wieder, bis
Thielmann, von dem Kosackenhetman Platow untersttzt, sie am 28.
September aufs neue daraus verjagte. Am 3. October rckten Polen unter
Frst Poniatowski ein, zogen aber nach einigen Tagen wieder fort. Jetzt
begannen zahlreiche Durchmrsche der Verbndeten. Frst Wittgenstein und
General Kleist kamen am 9. October mit ihren Corps an. Am folgenden Tage
verlegte Frst Schwarzenberg, der Generalissimus der verbndeten Armeen,
sein Hauptquartier von Penig nach Altenburg, wo es bis zum 15. October
blieb. Der Kaiser Alexander von Ruland war kurz nach Schwarzenberg,
am Abend des 10. October, in Altenburg angekommen und ihm zu Ehren die
Stadt beleuchtet worden. Mit ihm kamen Grofrst Konstantin, Barclay
de Tolly und etwa vierzig russische, sterreichische und preuische
Generale. In den Vormittagsstunden des 15. October brach alles, was zum
Hauptquartier gehrte, auf, nach Leipzig zu. Der Kaiser von Oesterreich
traf kurz darauf in Altenburg ein, ebenso der Knig von Preuen.

       *       *       *       *       *

In diesen fr Altenburg und seine Bewohner so ereignireichen Tagen
reifte in Brockhaus der lange gehegte Entschlu, ein politisches Blatt
zu grnden, um auch an seinem Theile mitzuhelfen zur Befreiung des
Vaterlandes. In einem solchen Augenblicke konnte ein derartiges Blatt ja
nur Kriegsberichte bringen, und er beschlo, die gnstige Gelegenheit,
die sich ihm durch die Anwesenheit des Hauptquartiers in Altenburg bot,
rasch zur Frderung seiner Absichten zu benutzen. Er erbat und erhielt
Audienzen beim Kaiser von Ruland und bei dem Frsten Schwarzenberg.
Das Ergebni derselben, ber deren sonstigen Verlauf uns leider nichts
weiter bekannt ist, war ein Befehl zur Herausgabe eines periodischen
Blattes -- ein in der Geschichte der Journalistik gewi seltener
Vorgang.

Das geschichtlich denkwrdige Actenstck lautet:

                    #Befehl.#

  Dem Buchhndler, Herrn Brockhaus, von hier wird hiermit befohlen,
  alle von Seiten der Hohen Alliirten theils schon erschienene, theils
  in der Zukunft noch zu erscheinende Nachrichten und officielle
  Schriften durch den Druck bekannt zu machen und sie mittelst eines
  periodischen Blattes, welches jedoch der Censur des jedesmaligen Herrn
  Platz-Commandanten unterliegt, dem Publico mitzutheilen.

      Hauptquartier Altenburg, den 13. October 1813.

                      Auf Befehl Sr. Durchlaucht des k. k. _en chef_
                      commandirenden Herrn Feldmarschalls Frsten
                      von Schwarzenberg.

                                  (Gez.) Langenau.

Auf Grund dessen richtete Brockhaus sofort eine Eingabe an die
einheimische Behrde und erhielt darauf nachstehende Resolution:

  Dem Buchhndler Friedrich Arnold Brockhaus wird auf seine Eingabe
  vom 14. d. M., die Herausgabe eines die von Seiten der Hohen Alliirten
  theils schon erschienenen, theils noch erscheinenden Armee-Nachrichten
  und officiellen Schriften liefernden periodischen Blattes und dessen
  Censur betreffend, zur Resolution hiermit vermeldet: da er dem
  diesfalls von des _en chef_ commandirenden Herrn Feldmarschalls,
  Frsten von Schwarzenberg, Durchlaucht erhaltenen Befehle
  lediglich nachzukommen und die Censur von dem jedesmaligen Herrn
  Platz-Commandanten zu erwarten habe, daher bei diesen Blttern eine
  Durchsicht der dieortigen Censur-Behrde nicht eintrete.

  Altenburg, am 18. October 1813.

                  Herzogl. Schs. verordnete Canzler u. Rthe das.

                          (Gez.) F. C. A. von Trtzschler.

Brockhaus verlor keine Stunde mit der Ausfhrung des Befehls. Er lie
sofort sein neues Blatt ins Leben treten, nannte es Deutsche Bltter
und stellte jenen Befehl an die Spitze der ersten Nummer, die schon vom
folgenden Tage, 14. October, datirt und wol noch an diesem oder dem
folgenden Tage erschienen ist. Unter den Befehl setzte er folgende
Benachrichtigung:

  In Beziehung auf obigen ehrenvollen Auftrag werden von den
  Deutschen Blttern an unbestimmten Tagen, in Nummern von
  halben und ganzen Bogen, wchentlich mehrere erscheinen und
  durch alle Buchhandlungen, Postmter u. s. w. zu erhalten sein.
  Vierzig ganze Bogen bilden einen Band und erhalten Haupttitel und
  Inhaltsverzeichni. Bei Veranlassung werden Karten und Plne beigefgt
  werden. Der Prnumerationspreis fr einen Band oder vierzig ganze
  Bogen betrgt 1 Thlr. 8 Gr. schsisch. Einzelne Nummern von einem
  ganzen Bogen kosten 1 Gr. 6 Pf. und von einem halben Bogen 1 Gr.

  Bestellungen sowie dem Zweck der Bltter entsprechende Beitrge
  werden adressirt: an die Expedition der Deutschen Bltter in
  Altenburg.

                                                  F. A. Brockhaus.

Dies ist die Entstehungsgeschichte der Deutschen Bltter, die vom
Herbst 1813 bis zum Frhjahr 1816 bestanden und anerkanntermaen zu den
besten der durch die Freiheitskriege hervorgerufenen und die Erhebung
des deutschen Volks auf das krftigste frdernden Erzeugnissen der
deutschen politischen Presse gehrten. Sie sind nach Idee, Titel,
Form und Inhalt als eine Schpfung von Brockhaus anzusehen, der auch
fortwhrend die Seele des Blattes blieb, whrend _Dr._ Hain und _Dr._
Sievers die Geschfte der Redaction besorgten. Auf dem Blatte selbst
war brigens nach damaliger Sitte zunchst weder der Redacteur noch der
Herausgeber, Verleger oder Drucker genannt; erst vom zweiten Bande an
nannte sich Brockhaus als Herausgeber.

Da Brockhaus sich einen Befehl zur Herausgabe des Blattes erwirkte,
geschah gewi nicht aus Vorsicht, um etwa den franzsischen Militr- und
Civilbehrden gegenber bei ungnstigem Verlaufe der Kriegsoperationen
durch diesen gedeckt zu sein. Denn wren die Franzosen nach dem am 15.
October, also einen Tag nach dem Datum der ersten Nummer, erfolgten
Wegzuge des Hauptquartiers aus Altenburg wieder einmal, wie in den
Wochen vorher fters geschehen war, in die Stadt eingerckt, so htte
jener Befehl den Herausgeber der Deutschen Bltter schwerlich vor
dem Schicksale Palm's oder wenigstens Becker's bewahrt, zumal er sofort
(in der dritten Nummer vom 17. October) einen ber seine patriotische
Gesinnung keinen Zweifel lassenden Aufsatz: Was ist (war) der
rheinische Bund? brachte. Er erbat sich jenen Befehl vielmehr nur,
um die offiziellen Berichte ber die Kriegsoperationen aus erster Hand
zu erhalten und dadurch seinem Blatte einen um so grern Leserkreis zu
sichern.

Das Glck begnstigte ihn dabei insofern, als wenige Tage darauf
die Vlkerschlacht bei Leipzig geschlagen wurde und die Deutschen
Bltter bei ihren Beziehungen zu dem Hauptquartiere das erste Blatt
sein konnten, welches dem deutschen Volke die Kunde seiner Befreiung
und authentische Berichte ber diese ewig denkwrdigen Tage brachte.
Die Geburt der Deutschen Bltter fiel so zusammen mit der Geburt der
deutschen Unabhngigkeit: ein gnstiger Umstand, den der Herausgeber
trefflich zu benutzen verstand.

       *       *       *       *       *

Das Hauptquartier der verbndeten Armeen war am 15. October von
Altenburg nach Pegau verlegt worden, und am Morgen des folgenden
Tags begann die leipziger Schlacht. Der Kaiser von Oesterreich hatte
Altenburg am 16. October frh 7 Uhr verlassen, der Knig von Preuen
erst einige Stunden spter, Beide, um den Kaiser von Ruland und das
Hauptquartier in Pegau zu treffen. Schon auf der Fahrt dahin hrten sie
die heftige Kanonade dieses ersten Schlachttags: es war die Schlacht bei
Wachau, die gleichzeitig mit der von Blcher bei Mckern geschlagenen
Schlacht siegreich fr die Verbndeten ausfiel und den 16. October zu
dem ersten Siegestage bei Leipzig machte. Die drei verbndeten Monarchen
hatten der Schlacht vom Wachberge aus beigewohnt; auch Napoleon war auf
dem Schlachtfelde und hatte bei der ersten fr ihn gnstigen Wendung der
Schlacht bereits den Befehl gegeben, in Leipzig zur Feier seines Siegs
die Glocken zu luten.

Der folgende Tag, der 17. October, ein Sonntag, verging ruhiger:
Napoleon unterhandelte und versumte darber den rechtzeitigen Rckzug.

Am 18. October erfolgte der Hauptangriff der Verbndeten in drei
Colonnen auf die Stellung der Franzosen in und um Leipzig: berall,
wenn auch unter mrderischem Kampfe siegreich vordringend, hatten sie
am Abende dieses Hauptschlachttags die Franzosen von drei Seiten so
fest eingeschlossen, da diesen nur der eine Rckzugsweg nach Westen
brigblieb und Napoleon den Rckzug bereits um 11 Uhr vormittags
beginnen lie.

Am 19. October wurden die Vorstdte Leipzigs erstrmt; die drei
verbndeten Monarchen hielten um 1 Uhr mittags ihren Einzug in die
Stadt, die Napoleon um 10 Uhr erst verlassen hatte.

Napoleon's Macht hatte den Todessto erhalten, Deutschland war frei: der
Einzug des Kaisers von Ruland und des Knigs von Preuen in Paris am
31. Mrz, Napoleon's Abdankung am 11. April, der Erste Pariser Friede
vom 30. Mai 1814 waren Folgen der Vlkerschlacht bei Leipzig.

       *       *       *       *       *

Die Deutschen Bltter brachten wol die ersten Nachrichten ber
die groe Entscheidungsschlacht. Sie vermochten dies aber nicht nur
deshalb, weil sie das officielle Organ des Hauptquartiers waren, sondern
ihr Herausgeber hatte, mit gewohnter Energie den rechten Augenblick
erfassend, sich sofort nach schnell nachgesuchter und erhaltener
Erlaubni dem Hauptquartier angeschlossen, und konnte so seinem neu
gegrndeten Blatte zugleich als erster Berichterstatter ber die
wichtigste Schlacht des ganzen Kriegs dienen. Brockhaus war Augenzeuge
der Schlacht bei Wachau gewesen und sofort nach der Einnahme Leipzigs
von Rtha aus in die Stadt geeilt.

Schon am Nachmittag des 18. October sandte er zwei kurze Berichte an
_Dr._ Hain in Altenburg, die dieser am nchsten Morgen sofort durch
ein Extrablatt (also nicht erst eine Erfindung der neuern Zeit!) dem
Publikum mittheilte und in Nr. 5 der Deutschen Bltter vom 19. October
nochmals abdruckte. Diese Briefe waren in Borna geschrieben, wo auch der
Kaiser von Oesterreich und der Knig von Preuen bernachtet hatten;
beide Frsten begaben sich von hier nach Rtha zum Kaiser von Ruland,
um mit diesem zusammen am folgenden Mittag in Leipzig einzuziehen.
Brockhaus folgte ihnen mit dem Hauptquartier.

Von Leipzig aus schrieb er gleich am Morgen des 20. October einen
lngern Bericht ber seine Erlebnisse fr die Deutschen Bltter, der
mit der Ueberschrift Brief an J. (unter J. ist jedenfalls Jeannette,
seine Frau, gemeint) in Nr. 11 vom 21. October verffentlicht wurde.

Wir theilen daraus unter Weglassung der bekannten Einzelheiten der
Schlachttage folgende theils fr den Schreiber charakteristische, theils
auch sonst interessante Stellen hier mit:

  Ich bin auf den Flgeln des Windes hierher geeilt, sobald ich in
  Rtha die Nachricht von der Einnahme Leipzigs erhielt. Es sind zwei
  gttliche Tage fr mich gewesen. Am ersten die #Ahnung# und spterhin
  am Abend schon die #Nachricht# von der Hermanns-Schlacht; der zweite
  die vollendete Besiegung des stolzen Feindes, der nun seit zehn Jahren
  mit ehrnem Fu uns auf den Nacken trat und alle schnen Lebenskeime
  zerstrte. Es ist der vollstndigste Sieg, den die neuere Geschichte
  kennt, erfochten worden, und die Folgen werden noch unermelicher
  sein. Ich hoffe, auch kein Franzose werde ber den Rhein zurckkehren,
  um die Kunde ihrer Niederlagen in ihre Heimat zu bringen. So geht das
  in Erfllung, was ich oft sagte, wenn sie in nicht aufhrenden Zgen
  an unsern friedlichen Wohnungen vorbeieilten ....

  Der Einzug in Leipzig ist ebenso rhrend als verherrlichend gewesen.
  Mit lautem Jubel bewillkommneten die Einwohner die Sieger und sahen
  sie fr ihre Befreier an. Aus allen Fenstern wurde ihnen mit weien
  Tchern entgegengeflaggt. Seid willkommen, seid willkommen! --
  Es lebe Franz, Alexander, Friedrich Wilhelm und der Kronprinz von
  Schweden! ist von tausend und wieder tausend Stimmen gerufen und von
  den Siegern mit unaufhrlichem Hurrah beantwortet worden. Freunde,
  Bekannte, Fremde umarmen sich auf ffentlicher Strae, und Thrnen
  der Freude und der Wehmuth strzen ihnen aus den Augen. Auch haben
  sich die Sieger wie wackere Mnner in ihrem Triumphe gezeigt. Leipzig
  war mit Sturm genommen und noch in den Straen der Stadt lebhaft
  gefochten worden. Das Los jeder so eroberten Stadt ist gewhnlich die
  Plnderung. Hier aber ist nicht im geringsten geplndert, sondern die
  strengste Mannszucht gehalten worden. Wer erinnert sich hier nicht an
  Lbeck, das 1806 drei Tage lang von den Marschllen Soult und Murat
  allen Greueln der Verwstung preisgegeben wurde! Auch damals schon
  zeigte sich der Sinn des Kronprinzen von Schweden als edler Mann,
  indem er bei seinem Corps die strengste Ordnung zu erhalten wute.
  Man ziehe hier Parallele zwischen diesen Barbaren des Nordens und
  jenen cultivirten Mnnern des Sdens! So auch nach der Schlacht bei
  Ltzen, die wir unter unsern Augen liefern sahen: die Barbaren zogen
  sich in musterhafter Ordnung zurck und ihr Betragen war ebenfalls
  musterhaft. Wie sich aber die Sieger benahmen, darber frage man an
  allen den Orten, wo ihr verheerender Zug sie hinfhrte.

  Selbst die Wohnungen, die Napoleon bezog, waren nicht vor Plnderung
  sicher, wie wir in unserer Nhe ein emprendes Beispiel vernommen
  haben, worber ich jetzt aufs neue die Besttigung erhielt.

  Meine Reise gestern von Rtha hierher war ohne die geringste
  Unannehmlichkeit und Strung, was beinahe unbegreiflich scheint, wenn
  man bedenkt, da wir durch 100000 Mann Truppen fuhren, die in mehrern
  Colonnen und in unabsehbaren Zgen nach Pegau defilirten. Man hatte
  selbst die Gutmthigkeit, uns, wo es sich thun lie, Platz zu machen
  oder sogar innezuhalten, damit wir nur um so rascher fahren knnten.
  Keine Erkundigung nach Pssen fand statt. Man sah es uns wol an den
  Gesichtern an, da wir wackere Deutsche seien, die es mit der groen
  Sache, fr die sie Blut und Leben opfern, gut meinen. Wir brachten
  jeder Truppenart auch immer ein freundliches: Vivat Franz, Alexander
  und Friedrich Wilhelm! zu. Auch Sachsen begegneten uns; wir riefen
  ihnen zu: Es leben die braven Sachsen! Auf der ganzen Strae von
  Rtha bis Leipzig sieht man eine ungeheuere Verwstung. Fast alle
  Drfer sind ganz oder theilweise beinahe stets von den Franzosen
  abgebrannt, alle Grten sind verwstet, alle Landhuser niedergerissen
  oder doch spoliirt; man sieht keine Hecke, alle noch stehenden
  Scheunen sind geleert, das Vieh ist weggefhrt, und die Einwohner
  halten sich, von Allem entblt, in den Wldern auf; keine Spur mehr
  von alle dem, was in einer langen Reihe glcklicher Jahre in frhern
  Zeiten fr Bequemlichkeit und Schnheit gebildet und geschaffen worden
  war.

  Mit welchen Gefhlen mu Napoleon aus Sachsen geschieden sein, mit
  welchen mu er aus Aegypten, aus Ruland, aus Spanien, aus Schlesien,
  aus Preuen, aus Oesterreich geschieden sein! Sollte er nicht endlich
  einmal fhlen, da Millionen Flche ihn immer verfolgen und kein
  einziger Segensruf ihn je begleitet?

  Eine Stunde von Rtha fngt das Schlachtfeld vom 16. October
  an; eine Stunde weiterhin das vom 18., dem Tage der eigentlichen
  Hermanns-Schlacht. Man sieht sowol auf dem Wege selbst als auf den
  nahe gelegenen Feldern unzhlige todte menschliche Leichname und
  todte Pferde. Das Ganze erweckt die grausigsten Gefhle, die nur die
  Glorreichheit des Tages mildern kann.

  In der Nhe von Leipzig mag es noch schlimmer aussehen. Die
  Dunkelheit des Abends verhinderte mich, dies genau zu erkennen. Es
  soll dies heute mein Geschft sein.

  Gestern sind die Kaiser Franz und Alexander, der Knig von Preuen
  und der Kronprinz hier gewesen und mit auerordentlichem Jubel
  empfangen worden. Am Abend sind sie wieder zurckgegangen. Alle
  besuchten sogleich, wie man mir sagte, was ich aber sehr bezweifle,
  bei ihrer Ankunft den Knig von Sachsen, bei dem Napoleon frh von
  9 bis 10 Uhr gewesen war, der sich standhaft geweigert hatte, ihn
  auf seiner Flucht zu begleiten. Kaiser Franz begegnete uns mit dem
  Minister Metternich, den Generalen Meerfeld, Duka, Kutschera. Wir
  wurden freundlich von allen gegrt ....

  Napoleon ist gegen 10 Uhr von hier weggeritten. Murat hat ihn
  begleitet. Man hat vom Markt her beobachten knnen, wie er sich mit
  der kniglichen Familie unterhalten hat ....

  Am Tage der ersten Schlacht hat man zuerst Siegesnachrichten
  verbreitet. Es sind Kuriere hereingesprengt gekommen, die auf allen
  Straen ausgerufen haben: _Victoire! Vive l'Empereur!_ Allein es hat
  dies nicht lange gedauert, weil im Augenblicke der Siegesverkndigung
  sowol die Oesterreicher vorrckten, als auch der Kronprinz von
  Schweden gar zu gewaltige Fortschritte machte und bis auf eine halbe
  Stunde von der Stadt kam. Alle franzsischen Colonnen wurden geworfen,
  und der Sieg der Alliirten lag den Tausenden der Zuschauer, die sich
  auf allen Thrmen und hohen Husern befanden, gar zu deutlich vor
  Augen.

  Der Anblick des sonst so freundlichen Leipzig und seiner herrlichen
  Umgebungen ist schauder- und ekelerregend. Viele der schnen Alleen
  sind ganz umgehauen, alle Promenaden, alle Grten sind zerstrt
  und verwstet, die Landhuser demolirt oder der Dcher und Fenster
  beraubt. Auf jedem Schritte in den uern Straen und nahen Feldern
  sieht man Leichname oder todte Pferde. Die Franzosen haben am 19.
  viele Tausende hier verloren.

Folgende Stelle eines sptern Briefs von Brockhaus, am 24. December
desselben Jahres aus Altenburg an Villers in Gttingen gerichtet[51], sei
gleich hier angefgt:

  O mein Gott, wer htte es ahnen oder hoffen drfen, da man diese
  Wiedergeburt der Welt selbst noch erleben wrde! Und #wie# erleben
  wrde! Ich bin sehr glcklich darin gewesen und habe in den Tagen
  der Hermanns-Schlacht wahrhaft gttliche Tage gelebt, da Alles
  sich selbst unter meinen Augen ereignete und ich immer die von des
  Feindes Blute getrnkten Felder nur wenige Minuten spter betrat,
  als sein fliehender Fu sie verlassen hatte. Ich war vom General _en
  chef_ aller verbndeten Armeen mit dem Auftrag beehrt worden, ein
  periodisches Blatt herauszugeben, woraus unsere Deutschen Bltter
  entstanden, und so folgte ich nicht blos dem Hauptquartier, als es
  am 14. (15.) October von hier aufbrach, sondern war auch -- _vif et
  tourdi, que je suis_, der Schlacht mglichst nahe und oft nicht
  geringen Gefahren ausgesetzt. Die Nchte vom 17.-18. und vom 18.-19.
  brachte ich mitten in den sterreichischen Bivuaks zu, und am 19.
  war ich wenige Stunden nach der Einnahme von Leipzig schon in dieser
  Stadt! Doch von dem Allen darf ich nicht anfangen zu erzhlen. Wo da
  das Ende finden?

Die Nummer der Deutschen Bltter, in der Brockhaus' Brief vom 20.
October verffentlicht wurde (Nr. 11 vom 21. October) war, wie es
scheint, gleich in Leipzig gedruckt und ausgegeben worden, nicht in
Altenburg, wie die frhern. Die Expedition des Blattes blieb von jetzt
an in Leipzig, und zwar bei Brockhaus' Commissionr W. Engelmann (in
der Ritterstrae), whrend der Druck abwechselnd hier und in Altenburg
erfolgte; in spterer Zeit lie Brockhaus alle Nummern, in denen
irgendwie bedenkliche patriotische Artikel enthalten waren, in Altenburg
drucken, weil dort die Censur viel milder als in Leipzig gehandhabt
wurde.

Aus jener Verlegung des Drucks und der Expedition nach Leipzig erklrt
es sich, da die (in Altenburg gedruckten) Nummern 7-10 dieselben Daten:
21.-24. October, tragen wie die (in Leipzig gedruckten) Nummern 10-14.
Nr. 7 vom 21. October enthlt am Schlusse die erste vorlufige Nachricht
von der wirklich erfolgten Entscheidung in folgender Fassung:

                                    Altenburg, den 20. October 1813.

  Leipzig ist infolge #des vollstndigsten und glnzendsten Sieges#
  am 19. von den Alliirten besetzt worden. Die officiellen und
  ausfhrlichen Berichte von den Ereignissen der letzten Tage, welche
  das Schicksal der franzsischen Armee und die Befreiung Deutschlands
  entschieden haben, werden unverzglich folgen.

Die erste Nachricht ber den Beginn der Schlacht vom 16. October
findet sich schon in Nr. 3 vom 17. October, freilich erst nur von
einer uerst heftigen Kanonade berichtend, die man den ganzen Tag
ber in Altenburg gehrt habe. In Nr. 4 und 5 vom 18. und 19. October
wurden dann die ersten kurzen Mittheilungen von Brockhaus aus Borna
und einige andere vorlufige Notizen gebracht. Der erste officielle
Bericht ber die Schlacht ist in Nr. 12 vom 22. October enthalten,
noch aus dem Hauptquartier Rtha, 19. October, datirt. Nr. 13 vom 23.
October bringt einen weitern kurzen Armeebericht aus Leipzig vom 22.,
ein vorlufiges Bulletin des Kronprinzen von Schweden vom 20. und den
Brief eines Augenzeugen (der aber Brockhaus nicht gewesen sein kann)
ber die Erstrmung von Leipzig; Nr. 14 vom 24. October enthlt endlich
den ersten ausfhrlichen officiellen Bericht ber die Schlacht in dem
Dreiundzwanzigsten Armeebericht Sr. knigl. Hoheit des Kronprinzen
von Schweden, datirt: Hauptquartier Leipzig, den 21. October 1813,
und wahrscheinlich von August Wilhelm von Schlegel, damals Geh.
Cabinetssecretr des Kronprinzen, verfat. Die betreffende Nummer der
Deutschen Bltter wurde, wie in der vorhergehenden angezeigt wird,
im groen Frsten-Collegio auf der Ritterstrae ausgegeben, da die
Expedition der Deutschen Bltter in der Engelmann'schen Buchhandlung
Sonntags geschlossen sei.

In dem (in der folgenden Nummer mitgetheilten) Schlusse dieses
officiellen Berichts heit es unter anderm:

  Die Resultate der Schlachten von Leipzig sind unermelich und
  entscheidend. Schon am 18. hatte der Kaiser Napoleon angefangen, seine
  Armee auf den Straen nach Ltzen und Weienfels den Rckzug antreten
  zu lassen .... Die deutschen und polnischen Truppen verlassen seine
  Fahnen in Scharen, und Alles zeigt an, da die Freiheit Deutschlands
  zu Leipzig erobert worden ist.

  Man begreift nicht, wie ein Mann, der in dreiig frmlichen
  Schlachten befehligt und sich durch groen Kriegsruhm emporgeschwungen
  hat, indem er sich jenen aller ehemaligen franzsischen Generale
  zueignete, seine Armee in einer so ungnstigen Stellung hat
  zusammendrngen knnen, wie diejenige ist, wo er sich aufgestellt
  hatte. Die Elster und Pleie im Rcken, eine morastige Gegend und blos
  eine einzige Brcke, um 100000 Mann und 3000 Bagagewagen darberziehen
  zu lassen. Man fragt sich: ist dies der groe Heerfhrer, vor dem
  bisjetzt ganz Europa zitterte?

Als Seitenstck und als Beweis, da die Franzosen es zu allen Zeiten
verstanden haben, ihre Niederlagen als Siege auszurufen, eine Kunst, in
der Napoleon I. allerdings der anerkannte Meister war, seien auch einige
Stellen aus dem in sptern Nummern der Deutschen Bltter (vom 8. und
9. November) verffentlichten und mit Anmerkungen begleiteten amtlichen
franzsischen Berichte ber die Schlachten bei Leipzig mitgetheilt.

Nachdem schon die beiden Schlachten des 16. October, bei Wachau und
Mckern, als Siege der Franzosen bezeichnet worden sind, heit es ber
den 18. October:

  Das Schlachtfeld blieb ganz in unserer Gewalt, und die franzsische
  Armee war auf den Gefilden von Leipzig wie bei Wachau siegreich. Das
  Feuer unserer Kanonen hatte bei Nacht auf allen Punkten eine Stunde
  weit vom Schlachtfelde das Feuer des Feindes zum Schweigen gebracht.

Wer dies liest, wird, auch wenn er schon an solche Verkehrung der
Wahrheit gewhnt ist, wenigstens neugierig sein, wie der trotz dieser
Siege angetretene Rckzug der Franzosen erklrt worden sei. Napoleon
ist ber eine solche Erklrung nicht verlegen: es war lediglich der
Mangel an Munition, der ihn zwang, sich trotz seiner Siege bei Leipzig
auf sein groes Depot in Erfurt zurckzuziehen, wo er dann freilich auch
nicht gar lange blieb! Er sagt wrtlich:

  Dieser Umstand zwang die franzsische Armee, auf die Frchte zweier
  Siege Verzicht zu leisten, worin sie mit so viel Ruhm viel strkere
  Truppen und die Armeen vom ganzen Continent geschlagen hatte .... Der
  Feind, der seit den Schlachten vom 16. und 18. bestrzt war, fate
  durch die Unflle am 19. wieder Muth und betrachtete sich als Sieger.
  Die franzsische Armee hat nach so glnzenden Erfolgen ihre siegreiche
  Stellung verloren.

Die Redaction der Deutschen Bltter bemerkt zu einer dieser Stellen,
die fast so viel Unwahrheiten als Worte enthalten, lakonisch:

  Htten die Franzosen jederzeit so gesiegt wie bei Leipzig, so wre
  Napoleon weder erster Consul noch Kaiser geworden.

Whrend der entscheidenden Tage und unmittelbar nach diesen hatte
brigens die Redaction in Altenburg einen schweren Stand gehabt: Alles
verlangte nach Nachrichten, und diese gingen damals doch so viel
langsamer als gegenwrtig.

_Dr._ Hain schrieb darber aus Altenburg vom 21. October an Brockhaus
nach Leipzig:

  Die Nachrichten, welche Sie uns durch Staffette von Borna zusandten,
  sind mir am Dienstag (19. October) frh halb acht Uhr mitgetheilt
  worden. Um 10 Uhr war das Extrablatt gedruckt. Der Zulauf war fr
  einen Ort wie Altenburg ungeheuer. Die Druckerei hat sonst bei dem
  halben Preise nur 300 Exemplare verkauft; wir haben circa 20 Thlr.
  gelst. Auerdem aber hatte das Extrablatt die gute Folge, da viele
  Personen dadurch auf die Deutschen Bltter aufmerksam gemacht und
  zur Prnumeration bewogen wurden. Man fing an, unser Comptoir als die
  Quelle der Neuigkeiten zu betrachten. Um so bler war es, da wir von
  der gewonnenen Schlacht den ganzen Mittwoch nichts mittheilen konnten,
  whrend die ganze Stadt von den Siegesnachrichten ertnte. Die
  Spannung war so gro, da ich glaube, 50 Thlr. wren rein zu gewinnen
  gewesen. Wir wurden von Neugierigen berlaufen. Was sollten wir aber
  thun? Der Commandant wute nichts; Nachforschungen anzustellen war
  unmglich; auch konnte es zu nichts fhren, das Allgemeinbekannte
  drucken zu lassen. Wir warteten stndlich auf Nachricht von Ihnen
  und vertrsteten die Leute lngstens auf heute frh. Inde kam Ihr
  Brief, der nichts von den Vorfllen enthielt; ebenso wenig kam sonst
  etwas. Jetzt glaubte ich nicht lnger unthtig sein zu drfen; der
  gnstigste Zeitpunkt war, wie ich wol sah, schon vorbergegangen;
  der Reichenbach'sche Brief[52] fing an zu circuliren. Dennoch schien
  es mir nthig, zu zeigen, da wir wenigstens etwas wten, und zu
  hintertreiben, da Pierer etwas drucken liee, was nach des Factors
  Erklrung geschehen sollte. Ich ging daher zu Reichenbach, mit
  dem Ihre Frau Gemahlin schon gesprochen hatte; dieser hatte die
  Geflligkeit, mir seinen Brief vorzulesen. Ich lief sogleich mit
  brennendem Kopf zurck, schrieb nieder, was ich noch wute, und
  schickte es ungelesen in die Druckerei. Sievers las die Correctur, und
  um 1 Uhr war ein Extrablatt gedruckt, das allerdings etwas schwach
  aussieht, das aber die Leute dennoch satisfacirt und nebenbei 10-12
  Thlr. Gewinn gebracht hat.

  Von den Deutschen Blttern ist heute das siebente Stck
  erschienen, morgen erscheint das achte von einem ganzen Bogen, welches
  den Anfang des sterreichischen Manifestes und das zweite Extrablatt
  enthlt; das neunte Stck wird dann den Schlu des Manifestes und das
  Gedicht von Fouqu enthalten, wenn Sie nicht, wie ich gewi hoffe, bis
  dahin anders verfgen.

Unterm 23. October schrieb _Dr._ Hain weiter, nach Empfang der
inzwischen in Leipzig gedruckten Nummern:

  Herr Bochmann wird Ihnen gesagt haben, wie es hier geht. Die
  Deutschen Bltter haben einen solchen Zulauf, da Ihre Sendung
  ein Tropfen auf einen heien Stein war. Wir haben unsere Abonnenten
  nicht alle befriedigen knnen und mehrere hundert Neugierige abweisen
  mssen. Pierer hat den officiellen Bericht gleich gestern Abend
  nachdrucken und heute verkaufen lassen. Ich bitte Sie, uns von jedem
  neuen Blatt 6-800 zu schicken. An die Auswrtigen ist bisjetzt leider
  nur wenig gekommen. An den Frsten Auersperg und den Grafen Joseph von
  Nostitz, Beide im Hoflager des Kaisers von Oesterreich, werden Sie die
  Expedition leichter von Leipzig aus effectuiren. Sie haben Beide die
  ersten acht Nummern.

  Ich mu mich jetzt ganz der Expedition widmen, die keinen Augenblick
  Ruhe lt. Sehr peinlich ist es, die Neugierde der Menschen nicht
  befriedigen zu knnen; senden Sie also ja groe Massen!

Unterm 26. October endlich schreibt _Dr._ Hain:

  Es melden sich tglich Abonnenten zu den Deutschen Blttern, und
  wir wrden mehr verkaufen, wenn wir mehr htten. Die auswrtigen
  Versendungen haben noch ganz unterbleiben mssen. Wir hoffen sehr
  auf die Ankunft Wagner's[53], in der Erwartung, mit ihm zu erhalten,
  was wir brauchen, um Alles zu befriedigen, und besonders auch die
  auswrtigen Versendungen zu machen.

  Ich beneide Sie der hchst interessanten Verbindungen wegen, in
  die Sie getreten sind; sie sind ebenso viel werth als der ebenfalls
  sehr interessante Gewinn. Strmer ist einer unserer ausgezeichnetsten
  Orientalisten, wenn es nmlich derselbe ist, der frher in
  Konstantinopel war.[54] Ich bitte Sie, ihm von mir zu sprechen, da
  mir eine Verbindung mit ihm fr die Zukunft sehr wnschenswerth wre.
  Messerschmid aber bittet Sie, ihn A. W. Schlegeln zu empfehlen.

Die Theilnahme fr die Deutschen Bltter war, wie aus diesen
Mittheilungen hervorgeht, eine fr den Unternehmer sehr erfreuliche.
Es scheint, da man ihm um diese Zeit das Blatt habe abkaufen wollen;
wenigstens deuten folgende von _Dr._ Sievers, der _Dr._ Hain bei der
Redaction der Deutschen Bltter untersttzte, dem vorstehenden Briefe
beigefgte Zeilen darauf hin:

  Ich wnsche Ihnen von ganzem Herzen Glck zu dem Absatze der
  Deutschen Bltter und lebe der gerechten Erwartung, da Sie die
  von Fleischer angebotenen 1000 Dukaten durch den Debit derselben
  hundertfltig wiedergewinnen mgen.

Whrenddessen hatte inde Brockhaus in Leipzig nicht geringere Sorgen,
nicht blos weil er die Redaction des jetzt dort gedruckten Blattes
allein besorgen mute, sondern auch wegen des Verkaufs und der Zukunft
desselben. Er hatte den Druck und die Expedition sofort nach der
leipziger Schlacht von Altenburg nach Leipzig verlegt, d. h. er lie
einfach die nchsten Nummern der Beschleunigung wegen gleich in Leipzig
drucken und diese nicht nur an die Abonnenten abgeben, sondern natrlich
auch an das brige Publikum verkaufen, das nach authentischen Berichten
ber die eben unter seinen Augen vor sich gegangenen welthistorischen
Ereignisse verlangte. Inde bestand damals weder Gewerbefreiheit
noch Prefreiheit, es war im Gegentheil die Zeit des starrsten
Innungszwanges, der peinlichsten Censur, ja selbst der sonderbarsten
Privilegien. So hatte er nicht bedacht, da die knigliche Leipziger
Zeitung ein Privilegium hatte, wonach in ganz Sachsen keine tgliche
Zeitung oder Wochenschrift erscheinen durfte, ohne da der Pachter
derselben es erlaubte!

Pachter und Redacteur der Leipziger Zeitung war aber damals
(1810-1818) glcklicherweise der mit Brockhaus schon seit lngerer
Zeit befreundete Hofrath Mahlmann, ein Schwager der Hofrthin Spazier.
Dieser machte ihn in freundschaftlicher Weise auf das Ungesetzliche
seines Vorgehens aufmerksam. Daraus entspann sich ein Briefwechsel
zwischen Beiden, der auch zu einer Verstndigung fhrte. Die in dieser
Angelegenheit gewechselten beiden Briefe sind nicht nur fr Brockhaus
selbst sehr charakteristisch, sondern auch in andern Hinsichten so
interessant, da sie nachstehend vollstndig folgen mgen.

Brockhaus richtete an Mahlmann aus Leipzig vom 26. October 1813,
also wenige Tage nach der Schlacht, das folgende von ihm selbst als
Promemoria bezeichnete Schreiben:

  Werthester Herr Hofrath! Ich pflege Alles, was geschftlich ist
  (_Il faut faire les affaires comme des affaires_, sagte mir Mercier
  einmal), lieber schriftlich als mndlich vorzubereiten, weil ich aus
  Erfahrung wei, da man sich so besser verstndigt und sein Ziel
  sicherer erreicht. Sie werden mir also erlauben, da ich auch jetzt
  diesen Weg einschlage und Sie bitte, mir Ihre Bestimmungen ebenfalls
  schriftlich mitzutheilen.

  Sie haben geuert, da Sie dagegen nichts zu erinnern htten, da
  wir in der Expedition der Deutschen Bltter Abonnements annhmen,
  da Sie jedoch den einzelnen Verkauf nicht zugeben knnten, sich aber
  zu einer Abfindung verstehen wollen.

  Indem ich diese Erklrung vorlufig acceptire, versichere ich Ihnen,
  da, sobald ich mich berzeuge, da Ihr Recht ganz gegrndet und Ihre
  vorzuschlagende Abfindung billig sei, ich mich dieser gern unterwerfen
  werde.

  Um Ihre zu machende Erklrung desto richtiger motiviren zu knnen,
  erlaube ich mir Ihnen folgende Bemerkungen zu machen:

  1) Es findet, dnkt mir, ein entschiedener Unterschied statt
  zwischen einer Zeitung und einem politischen Volksblatte wie das
  unserige. Dieser Unterschied besteht in der Form und im Inhalt. Eine
  Zeitung erscheint an fixen Tagen, sie kndigt sich im Titel als
  Zeitung an, sie umfat die ganze Zeitgeschichte, sie referirt blos,
  sie nimmt keine Partei, und Raisonnements sind ihr fremd, sie ist das
  Vehikel, um dem Publikum Alles zur Kenntni zu bringen, was der Staat
  diesem mitzutheilen hat und ein Brger dem andern. Unser Blatt hat
  eine ganz andere Gestalt. Es erscheint an unbestimmten Tagen und nur
  vor der Hand tglich und erhlt durch Titel, Register und Repertorium
  die Form eines Buchs. Auer den Armeebulletins -- die es #auf Befehl#
  des Feldmarschalls Schwarzenberg bekannt machen _mu_, die aber
  Tauchnitz und jeder Andere auch verkauft -- liefert es keine Artikel,
  die an eine politische Zeitung erinnern. Sie finden Raisonnements,
  historische Darstellungen, humoristische Artikel, gemthliche
  Briefe, Gedichte u. s. w., lauter Sachen, die nie in eine politische
  Zeitung aufgenommen zu werden pflegen. Es scheint mir also, da Ihr
  Privilegium nicht streng auf die Deutschen Bltter pat. In Berlin
  hat sich gerade derselbe Fall ereignet. Auch die beiden berliner
  Zeitungen zahlen Pacht und haben Privilegium. Kaum war inde die
  russische Armee dort eingerckt, als Herr v. K. von Graf Wittgenstein
  den Auftrag erhielt, ein Volksblatt herauszugeben, und ebenso Herr
  von Niebuhr vom Gouvernement selbst autorisirt wurde, die Preuische
  Correspondenz zu schreiben. Ebenso ist es mit mir. Ich habe von Sr.
  Durchlaucht dem Frsten von Schwarzenberg einen hnlichen Befehl
  erhalten, und es liegt in der Natur der Sache und speciell in den
  empfangenen Instructionen, da ich dem Blatte die grte Verbreitung
  mu zu geben suchen, indem es bestimmt ist, auf den ffentlichen Geist
  wohlthtig einzuwirken.

  2) Der Verkauf einzelner Bltter wird von der hchsten
  Unbedeutendheit sein, wie schon jetzt die Erfahrung lehrt. Ich werde
  Ihnen am Schlu dieses Promemoria auf meine Ehre angeben, was diesen
  Morgen an einzelnen Blttern ist verkauft worden, woraus Sie sich
  einen Mastab fr den einzelnen Verkauf werden machen knnen. Es
  ist sehr natrlich, da dieser einzelne Verkauf gering sein msse,
  weil wir das Abonnement so niedrig gesetzt haben. Wer sich fr
  die Deutschen Bltter interessirt, wird ja lieber 1 Thlr. 8 Gr.
  Abonnement als 3 Thlr. 8 Gr. einzeln bezahlen. Es ist hier noch zu
  bemerken, da den Buchhandlungen und Colporteurs doch nicht konnte
  verwehrt werden, wie mir dnkt, auf irgendeine Anzahl zu abonniren
  und sie wieder nach Belieben einzeln zu verkaufen, wodurch immer ein
  einzelner Verkauf stattfnde, wenn er auch von der Expedition mte
  aufgegeben werden.

  3) Ist mir bekannt, da in mehrern Zeitpunkten viele Bltter hier
  bei andern Buchhndlern erschienen sind, die eine hnliche Tendenz
  wie die Deutschen Bltter hatten, ohne da den Verlegern der
  einzelne Verkauf wre benommen gewesen. Ich erinnere hier an das
  Intelligenzblatt zu den Feuerbrnden, an den Europischen Aufseher
  u. s. w.

  Dies sind meine Ansichten, werthester Herr Hofrath -- wenn ich in
  diesen irre, so wird Niemand geneigter sein als ich, es zu gestehen,
  wenn es mir gezeigt wird. Ich glaube indessen, da unser Beider
  Interesse sich gewissermaen vereinigen lasse, wenn Sie sich in Ihrem
  groen Wirkungskreise fr den Vertrieb unserer patriotischen Bltter
  verwenden wollen, und ich meinerseits dadurch meinen Dank bezeige,
  was Sie auch als eine Art von Schadloshaltung ansehen knnten, da
  ich Ihnen oder Ihrer Expedition 50% Rabatt fr alle debitirten
  Exemplare zugestnde. Da ich es fr mglich halte, da Sie eine groe
  Anzahl Exemplare mit der Zeit gebrauchen knnten, so wrde der Debit
  derselben mit Ihren Vortheilen immer gleichen Schritt halten.

  In dem groen Zeitpunkte, worin wir leben, mssen alle kleinen
  Interessen schweigen und alle Mnner von Geist und Gemth nur Ein
  groes Interesse haben: den Sieg der Wahrheit und des Rechts ber das
  Reich der Lge und der Unterjochung. Sie werden sich daher gewi auf
  alle Weise fr unsere Deutschen Bltter mit verwenden, sie selbst
  mit Beitrgen untersttzen, wozu ich Sie hiermit ausdrcklich einladen
  will, da diese keinen andern Zweck als diesen zu erlangenden Sieg
  haben.

  Genehmigen Sie meine freundschaftlichen Empfehlungen.

                                                        Brockhaus.

Hofrath Mahlmann antwortete darauf noch an demselben Tage:

  Es ist im vorliegenden Falle nicht von #meinem# Rechte die
  Rede, sondern von dem der Knigl. Zeitungsexpedition, welches ich
  zu bewahren eidlich verpflichtet worden bin, und da smmtliche
  kniglichen Pachtungen in ihrer Integritt fortbestehen und die
  Pachter, ungeachtet alle Einnahmen seit zwei Monaten sistiren, die
  flligen Termingelder einzahlen sollen, so ist doppelt nothwendig, die
  _Regalia_ vor allen Eingriffen zu sichern.

  Der . 1 des _Generalis_ vom 23. November 1809 lautet wrtlich
  folgendermaen:

  Niemand darf in Sr. Knigl. Majestt gesammten Landen einige
  historisch-politische Zeitungen oder wchentliche Bltter, welche
  Zeitungs-Artikel enthalten, drucken und ausgeben, er habe denn sich
  mit dem Zeitungs-Pachter darber vernommen und einverstanden. Wer ohne
  ein solches Einverstndni dergleichen Bltter ausgeben wrde, soll
  fr jedes Stck mit zehn Thalern bestraft werden.

  Wenn Ihr Blatt auch, wie Sie sagen, keine eigentliche Zeitung ist,
  so enthlt es doch Zeitungsartikel, das heit neueste Nachrichten von
  den Zeitereignissen. Auch lautet der Befehl des Generals Langenau
  aus Altenburg und nicht aus Leipzig. Das Politische Journal, die
  Minerva, die Feuerbrnde u. s. w. waren Journale und erschienen
  heftweise und enthielten Reflexionen ber die Ereignisse, nicht
  Zeitungsberichte.

  Sie irren ferner, wenn Sie voraussetzen, da in Berlin dieselben
  Verhltnisse obwalteten. Erstlich ist in Berlin kein Zeitungspacht wie
  in Sachsen. Zweitens haben die Herausgeber der genannten Bltter sich
  ebenfalls ber smmtlichen Debit, den dortigen Verhltnissen zufolge,
  mit dem Generalpostamte einverstanden. Die Regierung in Sachsen
  zieht weit mehr von dem Zeitungswesen als die in Preuen, und das
  Hofpostamt in Berlin befolgt die strengsten Maregeln in Rcksicht des
  Zeitungsdebits.

  Ich bin nicht sowol gegen den Verkauf der einzelnen Bltter als
  dagegen, da durch diesen sich eine politische Zeitungsexpedition in
  Leipzig etablirt, welches unmglich mit dem Zeitungspacht bestehen
  kann. Auch bin ich berzeugt, es wird kaum noch eine Woche hingehen,
  und es werden Nachahmungen Ihres Blattes hier erscheinen, und mehrere
  Buchhandlungen werden sich Expeditionen politischer Bltter nennen.
  Bereits haben Buchhndler bei mir darber Erkundigungen eingezogen,
  anfragend: ob das nun erlaubt sei, und ob den leipziger Buchhndlern
  verweigert werden wrde, was man einem fremden erlaubt? Sie sehen,
  meine Schritte zur Aufrechthaltung der bestehenden Verfassung sind
  selbst Ihr eigener Vortheil.

  Ich wiederhole, da Sie bei dieser Entreprise am meisten gewinnen
  wrden, wenn Sie eine altenburger Zeitung in dem Mae, wie ich bereits
  mndlich Ihnen erwhnte, herausgben. Das Gute wrde nicht weniger
  gefrdert, Ihr erhaltener Befehl autorisirt Sie, Sie sind ohne
  Nachahmer, und Ihre Unternehmung ist bleibend.

  Inde bin ich aus den Rcksichten, die Sie am Schlusse Ihres Briefs
  anfhren, bereit, mit Ihnen einen Vertrag abzuschlieen, wenn Sie
  Ihrem Anerbieten zufolge

  1) der Zeitungsexpedition 50% (funfzig Procent) Rabatt von den
  debitirten Exemplaren zugestehen;

  2) ffentlich bekannt machen, da die Erscheinung des Blattes
  in Leipzig mit Vorwissen und im Einverstndnis der Knigl.
  Zeitungsexpedition der Verabredung gem erfolge, damit die Nachahmer
  nicht glauben, das Thor sei nun jedem Unberufenen geffnet;

  3) da dieses Einverstndnis frs Erste nur bis zu Ende des
  laufenden Jahres dauere; in dieser Zeit werden wir Beide sehen knnen,
  inwiefern es vortheilhaft ist oder nicht, es ferner bestehen zu lassen
  oder es aufzuheben.

Durch dieses Entgegenkommen von seiten des Pachters der Leipziger
Zeitung war der Conflict zwischen der Knigl. Zeitungsexpedition
und der in Leipzig eingerichteten Expedition der Deutschen Bltter
gehoben, und Brockhaus erlie nun in Nr. 18 vom 28. October nachstehende
Bekanntmachung:

                   #Anzeige.#

  Der Eigenthmer der Deutschen Bltter zeigt hierdurch an, da
  die Erscheinung dieses Blattes -- welches seine Entstehung einem
  speciellen Befehle Sr. Durchlaucht des Feldmarschalls Frsten
  von Schwarzenberg verdankt -- in Leipzig mit Vorwissen und im
  Einverstndni der Knigl. Schs. Zeitungsexpedition verfassungsmig
  geschehe.

  Es sind bis Donnerstag den 28. October von diesen Blttern achtzehn
  Stcke erschienen, und ist die Einrichtung getroffen, da solche von
  jetzt an vor der Hand tglich des Morgens von 9-12 und von 2-6 Uhr
  in der lbl. Knigl. Schs. Zeitungsexpedition und in der Expedition
  der Deutschen Bltter, der Engelmann'schen und allen andern
  Buchhandlungen zu erhalten sein werden.

                               Expedition der Deutschen Bltter.

Auer mit dieser formellen Schwierigkeit hatten aber die Deutschen
Bltter gleich in ihrer ersten Zeit auch mit Censurbelstigungen zu
kmpfen. Ein am 28. October, also zwei Tage nach dem an Hofrath Mahlmann
gerichteten Promemoria, von Brockhaus an den Chef der Ersten Section des
Generalgouvernements, Freiherrn von Miltitz, erlassenes Schreiben sagt
darber:

  Ohngeachtet der Inhalt der jetzt hier gedruckt werdenden, auf Befehl
  Sr. Durchlaucht des Frsten von Schwarzenberg erscheinenden Deutschen
  Bltter zum groen Theile aus andern bereits gedruckten Schriften
  und Zeitungen genommen wird, welche schon anderweitig die Censur
  (vornehmlich in Wien und Berlin) von Behrden, welche mit dem System
  der alliirten Mchte bekannt sein mssen, passirt sind, so findet Herr
  Hofrath Brckner dennoch Schwierigkeiten, ihm das Imprimatur zu geben,
  weil in seiner Instruction enthalten ist, da alle Anzglichkeiten
  gegen irgendeine Person oder Macht zu unterdrcken seien. Herr
  Hofrath Brckner verwirft daher dieser Instruction wegen, um ein
  Beispiel anzufhren, einen Artikel ber das Betragen des franzsischen
  Kaisers gegen den Papst, ohnerachtet wir solchen aus der Preuischen
  Feldzeitung genommen haben, einem Blatte, von welchem es bekannt ist,
  da Se. Exc. der Staatskanzler Freiherr von Hardenberg die Censur
  eigenhndig besorgen.

  Jene Instruction des Herrn Hofrath Brckner drfte also nher zu
  motiviren -- der angezogene Ausdruck: da nichts Anzgliches gegen
  irgendeine Person oder Macht solle gedruckt werden, ist so allgemein
  und vague, da bei einem ngstlichen Censor auch keine einzige
  politische Wahrheit kann und darf gedruckt werden! -- und ihm dabei
  aufzugeben sein, da solche Artikel, welche in den Staaten der
  alliirten Mchte bereits gedruckt erschienen wren, hier keineswegs
  weiterer Censur bedrften.

  Weiter sagen Ew. Hochwohlgeboren in einem Billet an Herrn Hofrath
  Brckner vom 27. October, welches mir derselbe mitgetheilt hat,
  da, insofern die 'Deutschen Bltter' wchentlich oder in noch
  krzern Fristen erscheinen, ihre Censur zu der unmittelbaren Cognition
  des Chefs der Ersten Section des Gouvernementraths gehre. Da nun
  die Deutschen Bltter allerdings wchentlich und in noch krzern
  Fristen -- nmlich vor der Hand tglich -- erscheinen, so cessirte
  durch obige Erklrung von Ew. Hochwohlgeboren die Censurfhigkeit fr
  Herrn Hofrath Brckner, insofern dabei kein Misverstndni obwaltet,
  weil, wenn Herr Hofrath Brckner den ganzen Umfang der ihm bisher
  obgelegenen Geschfte als politischer Censor beibehalten soll, es
  alsdann auch in seinem Geschftskreise liegt, die Censur der Zeitungen
  und sonstigen periodischen politischen Schriften wahrzunehmen.

  Hierber einer geflligen und schnellen Antwort entgegensehend,
  verbleibe mit tiefstem Respect u. s. w.

Eine Antwort auf diesen Brief scheint Brockhaus nicht abgewartet zu
haben, indem er schon tags darauf, am 29. October, ber Halle und
Dessau nach Berlin abreiste. Der Anla zu dieser Reise ist uns ebenso
wenig bekannt als irgendein Erlebni auf derselben. Vermuthlich hatte
er einen officiellen Auftrag erhalten, der einen zuverlssigen und
muthigen Besorger erforderte, da er sich sonst schwerlich in diesem
fr sein neubegrndetes Blatt so wichtigen Zeitpunkte den Gefahren und
Beschwerden einer solchen Reise ausgesetzt haben wrde. Am 8. November,
also nach zehn Tagen, war er wieder in Leipzig, reiste am 15. nach
Altenburg, kehrte aber schon am 19. nach Leipzig zurck und blieb hier
bis Anfang December.

Vor seiner ersten Abreise von Leipzig hatte er seinen Gehlfen Bochmann
aus Altenburg kommen lassen, der nun mehrere Wochen in Leipzig blieb.
Dieser hatte jetzt ebenfalls Noth mit den inzwischen nicht gebesserten
Censurverhltnissen und klagt darber in einem an die Redaction in
Altenburg gerichteten Briefe vom 30. October:

  In der Erwartung, da ich so wie gewhnlich die neue Nummer (der
  Deutschen Bltter) heute frh 8 Uhr von der Druckerei empfangen
  wrde, meldete ich Ihnen deren Zusendung schon im voraus; jedoch
  zu meinem Schrecken verkndete mir anstatt dessen Hirschfeld (der
  Buchdrucker), da das Blatt die Censur nicht passirt habe. Die
  Prefreiheit ist hier wenigstens noch lange nicht errungen. Mndlich
  mehr darber. Nur so viel, da die schsischen Behrden, denen von
  Repnin die Censur bertragen ist und die, wie mir scheint, weder
  mit den Franzosen noch mit dem Knige von Sachsen es verderben
  wollen, nicht einmal erlauben wollen, Berichte abdrucken zu lassen,
  die in preuischen Blttern von Gouvernements wegen, von L'Estocq
  und Sack unterzeichnet, abgedruckt sind. Ich bin heute gelaufen
  wie ein Schneider und habe so viel Treppen gestiegen, da ich ganz
  lungenschtig wieder nach Hause (in seine Heimat Altenburg) kommen
  werde, aber das Resultat war am Ende doch: das ganze Blatt kann
  heute nicht ausgegeben werden (nmlich Nr. 20), und ich ersuche Sie,
  sich der Migung zu befleiigen, damit ich nicht wieder in die
  Nothwendigkeit versetzt werde, Ihnen dergleichen sagen zu mssen oder
  gar dem ganzen Blatte ein Ende zu machen.

  Indessen wird morgen doch wieder ein Blatt erscheinen, das Sie
  sobald wie mglich erhalten sollen, vielleicht durch Expressen. Bis zu
  Herrn Brockhaus' Zurckkunft werden also wol sehr unschuldige Sachen
  in den Deutschen Blttern zu finden sein. Ich hoffe aber, da dieser
  vielleicht noch ein Expediens finden wird.

Brockhaus fand allerdings ein solches Expediens. Dieses bestand einmal
darin, da er sich nicht so leicht einschchtern lie wie wol sein
Gehlfe, sondern in jedem einzelnen Falle gegen willkrliche Censur
protestirte und so doch manche Artikel zum Druck frei erhielt; dann
aber kam er auf den (schon frher erwhnten) Ausweg, einzelne Nummern,
die besonders bedenkliche Artikel enthielten, in Altenburg drucken zu
lassen. Da diese nach und nach die Mehrzahl bildeten, so erfolgte der
Druck der Deutschen Bltter spter wieder wie frher der Hauptsache
nach in Altenburg (bei Pierer), und nur einzelne Nummern wurden noch in
Leipzig (bei Hirschfeld) gedruckt.

Er sagt darber in einem Briefe an Villers, datirt Altenburg, 9. Februar
1814:

  Da die Deutschen Bltter jetzt hier gedruckt werden, so habe ich
  wegen der Censur wenig Schwierigkeiten oder vielmehr keine. In Leipzig
  selbst ist man allerdings oft genirt, allein ich lasse daher dort
  nur solche Artikel drucken, wobei keine Gewissenszweifel eintreten
  knnen. Wenn Sie oder Freunde von Ihnen daher etwas Pikantes haben, so
  haben Sie nicht nthig besorgt zu sein, da der Druck Schwierigkeiten
  finden werde. Es ist das ja einer der schnsten Vorzge Deutschlands,
  da die Unabhngigkeit der kleinern Staaten es unmglich macht,
  _grandes mesures_ gegen Druck und Prefreiheit zu nehmen. Nur Ihrem
  Schinderknechte konnte so etwas eine Zeit lang gelingen.

Des Zusammenhangs wegen mgen hier gleich noch zwei an denselben Freund
gerichtete Briefe folgen.

In einem Briefe vom 7. Mai 1814 spricht Brockhaus seine Gesinnung
ber Napoleon und die Franzosen noch drastischer aus als in dem
vorhergehenden. Er schreibt:

  Welch ein elender Wicht ist denn dieser Napoleon! Pfui! er ist
  eigentlich nicht werth, da man ihn anspuckt. Nicht den Muth zu haben,
  ein so geschndetes Leben zu enden! Kann es hier denn noch Frage sein,
  mit Hamlet zu sagen: _To be, or not to be, that is the question_?

  Aber auch Ihre Franzosen erregen mir Ekel mit ihren Sprngen und
  ihrer elenden Constitution. Und diese Senatoren, Marschlle und
  Pfaffen, die vorher im Staube krochen vor Napoleon, wie sie ihn nun
  mit Fen treten und fr #ihre# Verewigung Sorge tragen, und da ihre
  Dotationen fein bei der Familie bleiben!

  Ich werde diese Geschichten in den Deutschen Blttern nach
  Verdienst und Wrden abhandeln.

  Von den Fanfaronaden[55] lasse ich Ihrem Wunsche gem Ihren und
  Saalfeld's Namen weg. Htte man die Anmerkungen jetzt zu schreiben, so
  wrde man sie noch pikanter machen knnen.

Der andere Brief, schon am 24. December 1813 geschrieben, ist derselbe,
aus dem oben eine die leipziger Schlacht betreffende Stelle mitgetheilt
wurde, und lautet in seinem weitern Inhalte, der im Anfange wenigstens
direct die Deutschen Bltter betrifft:

  .... Seit der Mitte October beschftigt mich die Politik nun sehr,
  wozu unsere Deutschen Bltter denn die nchste Veranlassung gegeben
  haben. Auch diese Unternehmung gehrt zu den glcklichen und sich
  rasch belohnenden. Der erste Band ist fertig, und ich sende Ihnen
  solchen durch Dieterich. Wenn Sie von dem Geiste dieses Blattes noch
  nicht unterrichtet sind, so werden die drei beikommenden neuesten
  Bltter Sie damit bekannt machen. Das Mehrste sind Originalaufstze.
  Ich wrde sehr wnschen, wenn Sie solche mit Beitrgen beehren wollen.

  Bttiger, der viel dazu liefert, hat mir ausdrcklich gesagt, ich
  mchte Sie aus allen Krften dazu anspornen. Vielleicht knnen Sie
  auch andere Ihrer Freunde dazu bewegen. Wir honoriren die Beitrge
  honnet. Da Sie einen Bruder in Moskau haben, wrde es da nicht mglich
  sein, von diesem ebenfalls ber jene ungeheuern Begebenheiten im
  September und October 1812, aus dem die Weltfreiheit wie ein Phnix
  hervorgegangen, nhere Nachrichten zu erhalten? Vielleicht besitzen
  Sie selbige schon in mittheilbaren Briefen!

  Da Schlegel lange in Gttingen war, so werden Sie wissen, da ich
  hier seine _Remarques_ herausgegeben habe.[56] Vierzehn Tage hielt
  mich die Censur hin, und am Ende wurde doch das Imprimatur verweigert.
  Ich frderte es aber nun ohne dasselbe auf meinen Kopf in die Welt.
  Man hat jetzt wenigstens Becker's und Palm's Schicksale nicht mehr zu
  frchten. Es war mir nur leid, da Schlegel geglaubt hat im Anfang,
  als sei ich die Schuld der Verzgerung.

  Hamburgs Schicksal im Juni hat mir das Herz zerrissen. Der Himmel
  mge es denen verzeihen, die schuld daran gewesen. Seien es nun die
  Dnen oder die, welche die Dnen reizten. Ich bin mit mir darber
  nicht im Klaren, wo hier das Recht oder Unrecht war. Aber bald, denke
  ich, wird Hamburgs Schicksal abermalen entschieden sein. Auf ein so
  schweres Unglck folgen wieder selige Tage! So im Leben, so in den
  Weltbegebenheiten. Wie einzig herrlich steht nicht Preuen da! Welche
  Brgertugenden, welcher Heldengeist haben sich nicht unter diesem so
  gebeugten Volke entwickelt!

  Auch ich habe mich unter die Reserven der Landwehr hier als
  Freiwilliger gestellt, und ich exercire schon tchtig. Kommt Napoleon
  wieder ber den Rhein, so verlasse ich Weib und Kinder und ziehe ihm
  auch entgegen und falle oder helfe siegen. Was bleibt uns anderes
  brig!

  Ich habe mich hier, um auch etwas ber das Persnliche zu sagen,
  zum zweiten male verheirathet. Schon vor einem Jahre. Ohne besonderes
  Vermgen, ist mein gutes Weib bieder, brav, liebenswrdig und eine
  vortreffliche Mutter meiner Kinder erster Ehe. So bin ich also
  wieder ganz ans brgerliche Leben festgeknpft. Es ist hier eine
  freundliche, angenehme Existenz. Lauter gebildete Menschen in unserm
  Familienkreise, der der erste des Orts ist. Ich lebe hier viel
  glcklicher wie in Holland, wo man reich sein mu, um glcklich zu
  sein und seines Daseins froh zu werden.

  Sie sehen, ich bin schwatzhaft wie ein Kind, aber was kann man
  Besseres sein. Erzhlen Sie mir auch etwas von Ihrem Treiben, Leben
  und Weben!

  Adieu. Antworten Sie mir bald und in Liebe. Senden Sie mir auch
  recht viele Manuscripte zugleich!

Ueber die hier erwhnte Errichtung der altenburger Landwehr, unter
die sich Brockhaus als Freiwilliger aufnehmen lie, und die dabei
stattgefundenen Feierlichkeiten brachten die Deutschen Bltter in
Nr. 37 vom 24. November 1813 einen ausfhrlichen Bericht, der die
begeisterte Stimmung der damaligen Zeit treu widerspiegelt.

       *       *       *       *       *

Bevor Brockhaus sich der weitern Pflege seines neugegrndeten Blattes
nach der ersten strmischen Zeit der leipziger Schlacht in Ruhe
widmen konnte, hatte er auer den oben geschilderten Debits- und
Censurschwierigkeiten noch eine andere Anfechtung zu bestehen, die
ihm ebenso unerwartet als unangenehm war. Er hrte pltzlich, da die
Herder'sche Buchhandlung zu Freiburg im Breisgau eine Fortsetzung
seiner kaum begonnenen und in der besten Entwickelung begriffenen
Deutschen Bltter, an deren Aufgeben er gar nicht dachte, angekndigt
habe. Auf seine verwunderte Anfrage schickte ihm die Herder'sche
Buchhandlung folgenden Erla des k. k. Armeecommandos in vidimirter
Abschrift:

  Dem Buchhndler Herrn Bartholom Herder in Freyburg wird hiemit
  der Auftrag ertheilt, die Deutschen Bltter, wie selbe bisjetzt
  bei Herrn Brockhaus in Altenburg und Leipzig erschienen sind, ferner
  fortzusetzen, mit der Bedingung jedoch, da selbe wie bisher der
  sterreichischen Censur zu unterstehen haben.

    K. K. Hauptquartier Lrrach
      den 27. December 1813.

                    Sr. k. k. Apostolischen Majestt
                       Generalfeldwachtmeister im
    (_L. S._)         Generalquartiermeister-Stabe,
                     Commandeur des kaiserl. sterr.
                         Leopolds-Orden &c. &c.

                                      (Gez.) Langenau.

Brockhaus' Erstaunen ber dieses Actenstck mag noch dadurch gesteigert
worden sein, da es von demselben General von Langenau unterzeichnet
war, der ihm im Auftrage des Feldmarschalls und obersten Befehlshabers
Frsten von Schwarzenberg den Befehl zur Herausgabe eines politischen
Blattes ertheilt hatte. Das Armeecommando konnte beim weitern Vorrcken
der Heere nach Frankreich gewi auch noch andern Personen Auftrge
oder Befehle zur Herausgabe politischer Bltter geben; zur raschesten
Verbreitung der offiziellen Kriegsnachrichten war das selbst ohne
Zweifel ganz zweckmig. Aber einem andern Buchhndler den Auftrag zur
Fortsetzung der bei Brockhaus noch erscheinenden Deutschen Bltter,
die doch jedenfalls dessen Eigenthum waren, ohne sein Vorwissen zu
geben, das verrieth in der That ganz eigenthmliche Begriffe ber das
literarische Eigenthum! Selbst in der damaligen Zeit, die jenes Wort
kaum kannte und in der im Gegentheil der Nachdruck blhte, und auch bei
einem mit solchen Angelegenheiten wenig vertrauten Militr war das doch
berraschend! Dazu kam noch, da die Deutschen Bltter in einer ihrer
ersten Nummern (Nr. 15 vom 25. October 1813) einen von dem General von
Langenau selbst eingesandten Artikel, seine Entlassung aus schsischen
Diensten betreffend, gebracht hatten. Dieser war zwei Monate vor Anfang
des Kriegs nach ehrenvoller Entlassung in sterreichische Kriegsdienste
getreten, und die kniglich schsische Leipziger Zeitung hatte ihn,
freilich vor der leipziger Schlacht, am 4. September als aus den
schsischen Diensten desertirt bezeichnet!

Die Herder'sche Buchhandlung antwortete auf Brockhaus' Anfrage unterm
30. December 1813 nur: sie habe diesen Auftrag erhalten, sei brigens
gern bereit, ihm gegen Mittheilung der Abnehmer der Deutschen Bltter
eine Vergtung zu machen; wolle er die Versendung bernehmen, so knne
er die Verrechnung darber mit den Abnehmern besorgen, und man werde
sich schon arrangiren.

Brockhaus' Antwort auf diesen Brief und sein jedenfalls erfolgter Brief
an General von Langenau liegen uns leider nicht vor.[57] Doch ist nicht
zu bezweifeln, da die erstere eine ablehnende, der zweite ein Protest
war. Beide Briefe werden sicherlich auch nicht in den hflichsten
Ausdrcken abgefat gewesen sein.

Einen Ersatz fr diese Briefe bietet nachstehende Erklrung in Nr. 70
der Deutschen Bltter vom 24. Januar 1814:

  Der Herr Buchhndler Herder zu Freiburg im Breisgau hat angezeigt,
  da er durch einen Auftrag des Herrn General von Langenau veranlat
  worden, die seither bei mir erschienenen Deutschen Bltter
  fortsetzen.

  Gegen diese ebenso unerwartete als befremdende Anzeige sehe ich
  mich bewogen, zu erklren, da die Idee, der Titel und der ganze Plan
  zu dieser Zeitschrift einzig und allein von mir herrhren; da die
  Genehmigung Sr. Durchlaucht des Frsten von Schwarzenberg nur der Form
  wegen erfolgte, indem ich mir, theils um allen Censur- und andern
  Schwierigkeiten im voraus zu begegnen, theils um auf keinen denkbaren
  Fall die Landesbehrden zu compromittiren, den Befehl dazu erbat;
  da ich endlich, mit Zurcksetzung aller persnlichen Rcksichten,
  in einem Zeitpunkte, wo die franzsischen Heere noch in dem Herzen
  von Sachsen standen (12. October) und der entscheidende Streich, der
  Deutschland von ihnen befreite, erst vorbereitet ward, wo mithin die
  Aeuerung freimthiger patriotischer Gesinnungen etwas verdienstlicher
  war als gegenwrtig, wo man mit hinlnglicher Sicherheit den Patrioten
  spielen kann, das Unternehmen mit dem 14. October begann.

  Wenn ich folglich sowol nach den ber literarisches Eigenthum
  in allen Staaten bestehenden Grundstzen als auch aus Grnden der
  Billigkeit die Deutschen Bltter als mein vollkommenes Eigenthum
  betrachten darf, so kann offenbar die Fortsetzung derselben weder
  von irgendeiner Behrde befohlen, noch von irgendjemandem ohne meine
  ausdrckliche Einwilligung unternommen werden.

  Wurde bei dem jetzigen Stande des Kriegstheaters fr nthig
  erachtet, zur Verbreitung der Armeenachrichten ein neues Blatt
  zu grnden, so konnte und mute dies ohne meine Beeintrchtigung
  geschehen.

  Ich hege daher die Hoffnung, der Herr Buchhndler Herder werde,
  sobald ihm diese Verhltnisse bekannt geworden, sich beeilen, seiner
  Zeitschrift, gegen deren Herausgabe an und fr sich von meiner
  Seite nicht das Allergeringste einzuwenden ist, einen andern Titel
  zu geben, und sie nicht ferner eine Fortsetzung meiner Deutschen
  Bltter nennen, da ich diese selbst fortsetzen und bis zum knftigen
  allgemeinen Frieden fortsetzen werde.

  Der immer steigende Beifall des Publikums ist der sicherste
  Beweis, da ein politisches Blatt von dem Charakter, welchen die
  Redaction seither den Deutschen Blttern zu geben gewut hat, den
  Zeitverhltnissen angemessen ist. Aber eben darin hat die Redaction
  auch den grten Sporn fr sich gefunden, das Interesse derselben
  immer mehr zu erhhen und zu verallgemeinern. Zahlreiche Mitarbeiter,
  und unter diesen mehrere der vorzglichsten Schriftsteller
  Deutschlands, eine ausgebreitete Correspondenz, directe Verbindungen
  mit Holland, England und den verschiedenen Hauptquartieren, die
  gnstige Lage der Redaction im Mittelpunkte von Deutschland
  und am Stapelplatze des deutschen Buchhandels: dies Alles sind
  Eigenthmlichkeiten und Vorzge, welche ohnehin mit dem bloen Titel
  nicht erworben werden knnten.

  Smmtliche Mitarbeiter und Correspondenten der Deutschen Bltter
  werden daher fortfahren, ihre Beitrge nach Leipzig oder nach
  Altenburg zu adressiren.

    Altenburg und Leipzig, den 18. Januar 1814.

                                      Friedr. Arn. Brockhaus.

Herder setzte trotzdem sein Blatt fort, gab es aber schon nach kaum
einem halben Jahre wieder auf, wie aus folgender Nachricht in Nr. 158
der Deutschen Bltter vom 16. Juli 1814 hervorgeht:

  Die Teutschen Bltter, welche sich in Freiburg im Breisgau mit
  einer in der deutschen Literatur unerhrten #Frechheit# als eine
  Fortsetzung der unserigen, whrend diese nie aufgehrt hatten zu
  erscheinen, ankndigten, sind, ffentlichen Nachrichten zufolge, mit
  der 76. Nummer geschlossen worden.

Von dem bekannten Geschichtschreiber Karl Ludwig von Woltmann wurde
gleichfalls eine Zeitschrift unter dem Titel Deutsche Bltter in
den Jahren 1813 und 1814 in Berlin herausgegeben, doch war dies keine
politische, sondern eine historische Zeitschrift, die mit dem von
Brockhaus herausgegebenen Blatte in keiner Weise concurrirte. Woltmann,
der mit Brockhaus schon seit lngerer Zeit in Verbindung stand, erbot
sich selbst zu Beitrgen fr dessen Blatt und schrieb ihm im Januar 1814
aus Prag, wohin er im Sommer 1813 geflohen war, um der Rache Napoleon's
auszuweichen:

  Ihre Deutschen Bltter kenne ich noch nicht. Mein Journal unter
  diesem Titel setze ich in diesem Jahre fort. Wahrscheinlich ist das
  Ihrige ein politisches.

Unbeirrt durch alle Schwierigkeiten und Anfechtungen ging Brockhaus mit
frischem Muthe an die weitere Frderung seiner Deutschen Bltter. Er
hatte auch die Genugthuung, da sie in Deutschland rasch Anklang und
Verbreitung fanden. Die Auflage betrug in der ersten Zeit ber 4000
Exemplare, eine fr damalige Verhltnisse sehr hohe Zahl, und der erste
Band wurde so vielfach nachverlangt, da die meisten Nummern desselben
mehr als einmal neu gesetzt und gedruckt werden muten.

Uebrigens fhlte Brockhaus die Verpflichtung, nunmehr ein frmliches
Programm der Zeitschrift zu verffentlichen, was in der ersten Zeit
weder nthig noch thunlich gewesen war. Dieses erschien gerade vier
Wochen nach dem Beginn des Blattes, in Nr. 31 vom 13. November 1813, und
lautet:

       =Erklrung der Redaction der Deutschen Bltter.=

  So unerwartet gnstig unsere Deutschen Bltter auch vom Publikum
  aufgenommen worden sind, so verkennt die Redaction derselben
  keineswegs, da sie diese gnstige Aufnahme mehr dem Interesse an den
  groen Begebenheiten, welche sich unter unsern Augen ereigneten, und
  der Idee, welche jeder Wohlgesinnte in den Deutschen Blttern ahnte
  und finden konnte, zu verdanken habe als ihrer bisherigen Ausfhrung.
  Jetzt, da durch grere Entfernung des Kriegstheaters der Drang
  der Begebenheiten nicht mehr so nahe auf uns einwirkt und auch die
  Redaction sich mit grerer Ruhe und weniger Strung der Herausgabe
  dieser Bltter widmen kann, sei es ihr erlaubt, sich nher ber das
  auszusprechen, was die Deutschen Bltter eigentlich sein wollen
  und was sie nicht sein wollen, damit zwischen ihr und dem Publikum
  hierber knftig kein Misverstndni eintreten kann.

    Die Deutschen Bltter

                  #wollen keine Zeitung sein#.

  Zur Organisirung einer Zeitung, wenn sie dem Ideale entsprechen
  soll, das der Redaction darber vorschwebt und welches einst in der
  guten alten Zeit durch den Hamburger unparth. Correspondenten
  wirklich erreicht wurde, gehren groe Vorbereitungen, eine so
  umfassende Correspondenz, so mannichfaltige Verbindungen, auch
  sind dabei berhaupt so viele Verhltnisse zu bercksichtigen, da
  es der Redaction wie der Verlagshandlung der Deutschen Bltter,
  welche beide ebenso sehr die Schwierigkeiten als die Bedingungen
  der Herausgabe einer guten Zeitung zu erwgen wissen, nicht in den
  Sinn gekommen ist, eine solche unternehmen zu wollen. Die Zwecke,
  welche die Redaction durch die Deutschen Bltter erreichen wollte,
  konnten aber auch durch eine Zeitung nicht erreicht werden, da diese
  eigentlich nur referiren soll, was in der Gegenwart geschieht, und
  ohne fr oder gegen eine der handelnden Personen oder Vlker Partei zu
  nehmen.

    Die Deutschen Bltter wollen also keine Zeitung sein, sondern

                  #ein politisches Volksblatt#,

  das Wort Volk hier im hhern und edlern Sinne genommen, ein
  Blatt, das in allen Lndern deutscher Zunge mit Theilnahme kann
  gelesen werden, welches bei einem bloen Zeitungsblatte, das in einer
  gewissen Entfernung bald alles Interesse verliert, nicht der Fall sein
  kann. Sie thun daher von jetzt an, wo sich das Kriegstheater aus der
  Nhe der Redaction weggezogen hat, auf die Mittheilung alles dessen
  Verzicht, was man im engern Sinne gewhnlich Zeitungsneuigkeiten und
  Zeitungsnachrichten zu nennen pflegt, insofern sie nicht den Zweck
  haben wollen, das Publikum mit den Begebenheiten des Tags so schnell
  als mglich oder wol gar zuerst und vollstndig bekannt zu machen.
  Die Deutschen Bltter werden zwar nicht versumen, die glorreichen
  Ereignisse, welche wir den verbndeten Armeen, an welche sich bald die
  gesammte deutsche Nationalkraft wird angeschlossen haben, auch ferner
  bis zur gnzlichen Befreiung unsers gemeinsamen Vaterlandes verdanken
  werden, mitzutheilen, allein es wird in einer andern Form geschehen,
  als es bisher geschehen konnte. Es werden nmlich grere Zeitpunkte
  nach bedeutenden Abschnitten der Begebenheiten dazu festgesetzt
  werden, die Darstellung der in dieselben fallenden Begebenheiten
  wird historisch zusammenhngend in grern erklrenden Uebersichten
  erfolgen und von den wichtigsten officiellen Bekanntmachungen der
  verschiedenen Armeen begleitet sein.

  Hauptschlich aber wird das Streben der Deutschen Bltter dahin
  gehen, #Gemeinsinn# zu erwecken, die deutsche Nationalwrde zu
  erheben, Ha gegen fremde Unterjochung und Vertrauen gegen uns selbst
  einzuflen. Auch die belehrende und warnende Geschichte der letzten
  zehn traurigen Jahre, in welchen Deutschlands herrliche Nationalkrfte
  von Fremdlingen, die sich durch List und Gewalt auf unsern Boden
  eingeschlichen hatten, nur gebraucht wurden, damit die deutschen
  Vlker sich untereinander selbst aufrieben und das zerstrten
  oder lhmten, was eigentlich unsere Nationalkraft war und unsern
  Nationalcharakter bildete, wird daher von dem Gegenstande unserer
  Bltter nicht ausgeschlossen sein. Alles, was mithin dazu dienen kann,
  die Tyrannei und Willkr, womit ein fremder Usurpator uns und -- das
  freie stolze Britannien ausgenommen -- ganz Europa bedrckte, nach
  wahrhaften Quellen genauer kennen zu lernen, ferner historische Data
  ber einen in der Weltgeschichte einzigen, bisher aber noch nicht
  unparteiisch geschilderten Zeitpunkt, in welchem es fr Staaten wie
  fr Individuen weder Sicherheit des Besitzes noch der Personen gab,
  werden daher von den Deutschen Blttern gern aufgenommen werden. Es
  werden sich solche auch ein besonderes Geschft daraus machen, das
  systematische Lgengewebe der franzsischen Nachrichten zu entwirren
  und die Sophismen ihrer diplomatischen Verhandlungen zu widerlegen.
  Alles endlich, was dazu fhren kann, ber Deutschlands knftige
  politische Verfassung im allgemeinen und im besondern gemeinntzige
  und aufgeklrte Ideen zu verbreiten und fruchtbare Gedanken ber
  die Verbesserung unsers politischen Zustandes zu wecken, soll ein
  besonderer Gegenstand der Deutschen Bltter sein.

  Zur Erreichung dieser Zwecke hat sich die Redaction schon mit
  mehrern ausgezeichneten Schriftstellern und Geschftsmnnern in
  Verbindung gesetzt; sie rechnet aber auch auf die freie Untersttzung
  anderer aufgeklrter Mnner in unserm ganzen gemeinsamen Vaterlande,
  um so mehr, da die Freiheit der Rede und der Schrift uns
  wiedergegeben ist, wie die des Handelns; und wird sie endlich auch
  aus andern Blttern manches aufnehmen, was dazu beitragen kann, diese
  Bltter zu einem Nationalarchiv der Deutschen zu erheben.

  Was die Art der knftigen Erscheinung betrifft, so wird die
  Verlagshandlung nachstehend das Nhere darber bekanntmachen.

                            Die Redaction der Deutschen Bltter.

Die darauffolgende Mittheilung der Verlagshandlung beschrnkt sich auf
Angaben ber Preis, Erscheinungsweise (knftig wchentlich viermal,
statt tglich wie bisher, gleichzeitige Ausgabe in Leipzig und
Altenburg) u. s. w. mit dem Zusatze: die ganze Form und Anlage der
Deutschen Bltter gehe dahin, da sie eine Nationalchronik bilden
sollen, welche gesammelt immer ihr Interesse behalten werde.

Vom April 1814 an wurden wchentlich nur drei Nummern ausgegeben. Von
Mitte April 1815 an, bis zu welchem Zeitpunkte in den anderthalb Jahren
seit Mitte October 1813 sechs Bnde erschienen waren, wurden wchentlich
zwei bis drei Bogen (ohne Datum als Stcke bezeichnet) ausgegeben,
und zu dem Titel wurde Neue Folge hinzugesetzt; vom 10. Juni 1815 an
(nach dem Wiederausbruche des Kriegs) wurden den regelmigen Stcken
wchentlich besondere Beilagen unter dem Titel: Tagesgeschichte. Zu den
Deutschen Blttern. Neue Folge beigegeben, die Ende September (mit dem
zweiten Bande der Neuen Folge) wieder eingestellt wurden.

Mit dem dritten Bande der Neuen Folge, dem neunten im Ganzen, hrten die
Deutschen Bltter im Frhjahre 1816 auf, nachdem sie gerade zwei und
ein halbes Jahr lang erschienen waren.

Das oben mitgetheilte Programm der Deutschen Bltter wurde von ihnen
whrend der ganzen Dauer ihrer Wirksamkeit treu eingehalten. Nur
erhielt es durch die Zeitereignisse mitunter eine Erweiterung oder
Vervollstndigung. Einige der hierauf bezglichen Erklrungen sind
fr die Zeitschrift wie fr deren Herausgeber des Blattes besonders
bezeichnend.

So heit es beim Schlusse des dritten Bandes am 21. Mai 1814:

  Die Deutschen Bltter sehen einen groen Zweck, zu dem auch sie
  mitgewirkt haben und ber welchen sie in Deutschland mit zuerst
  ffentlich und furchtlos gesprochen zu haben sich zu einigem
  Verdienste anrechnen drfen, erreicht. Nicht durch die Waffen
  allein ist der Tyrann besiegt worden, sondern auch durch die
  ffentliche Meinung, welche zu bilden und zu leiten das Geschft der
  Schriftsteller ist. Er ist untergegangen in einer Schmach, fr welche
  die Geschichte kein Gegenstck aufzuweisen hat. Der Nimbus seiner
  Gre ist verschwunden und tiefe Verachtung der Furcht und dem Hasse
  gefolgt, die der elende Heuchler seit zwlf Jahren Europa eingeflt
  hatte. Aber wenn auch er untergegangen ist, so sind es nicht mit ihm
  seine Helfershelfer, die, mit Verbrechen beladen, dennoch zum Bedauern
  der Welt scheinen Verzeihung erhalten zu sollen; nicht ist mit ihm
  untergegangen jener gallische Uebermuth, jene Verderbtheit dieses
  Volks, das seit fnfundzwanzig Jahren eine Geisel der Welt gewesen
  ist und alle Stufen menschlicher Verbrechen durchlaufen hat. Ohne die
  Schlechtigkeit dieses Volks, ohne die Verworfenheit seiner Rthe,
  Minister und Generale konnte Bonaparte nicht der Tyrann und Despot
  werden, welcher er geworden ist. Nicht er allein war es, den wir zu
  bekmpfen hatten, auch gegen diese sind unsere Waffen gerichtet.

  Die Deutschen Bltter werden daher auch fernerhin, so lange sie
  fortgesetzt werden, insbesondere gegen gallischen Uebermuth und
  Afterweisheit fr alle Zeiten sprechen und Bewahrer des deutschen
  Nationalsinnes bleiben.

Bei Vollendung des vierten Bandes am 23. August 1814 sagt die Redaction:

  Noch ist zu dem Wiederaufbau des deutschen Staatsgebudes nur der
  Grundstein gelegt, nur der Umri entworfen. Es hoch und herrlich und
  dauerhaft aufzufhren, alle seine Theile zu einem wohlgeordneten und
  wohleingerichteten Ganzen zu verbinden, damit es seinen Bewohnern
  Schutz und Sicherheit und bequemen Aufenthalt gewhre, den Nachbarn
  Vertrauen und Ehrfurcht einfle, das wird das Werk der nchsten
  Zukunft sein. Vieles und Groes ist gethan, aber mehr und Greres
  ist noch zu thun, damit aus der Zerstrung ein dauerndes Wohl der
  Menschheit aufblhe. Mit diesem heiligen Zwecke wird sich der Wiener
  Congre beschftigen, auf den vornehmlich die Blicke der Deutschen
  gerichtet sein mssen.

Es war Brockhaus' Absicht gewesen, die Deutschen Bltter schon mit
diesem fnften Bande abzuschlieen. Da aber von den Resultaten des
Wiener Congresses nur erst Weniges und Unbestimmtes bekannt geworden
war, so erklrte er am 1. December 1814, da er noch einen sechsten Band
erscheinen lassen wolle.

Bevor dieser noch vollstndig geworden war, hatte Napoleon die Insel
Elba, auf die man ihn fr seine Lebenszeit verbannen zu knnen in
kurzsichtiger Verblendung gehofft hatte, pltzlich verlassen, war am
1. Mrz 1815 an der franzsischen Kste gelandet und bereits am 20.
Mrz in Paris eingezogen. Der Wiener Congre war auseinandergestoben,
aber die Alliirten hatten sich aufs neue verbndet und unterm 13. Mrz
eine Achtserklrung gegen Napoleon als allgemeinen Feind und Ruhestrer
erlassen: der Krieg entbrannte aufs neue.

So konnten auch die Deutschen Bltter ihre Aufgabe noch immer nicht
als ganz erfllt ansehen; sie begannen eine Neue Folge, und auch als
die Herrlichkeit der Hundert Tage durch die Schlacht bei Waterloo am
18. Juni und Napoleon's zweite Abdankung am 22. Juni ein rasches Ende
gefunden, erschienen sie noch eine Zeit lang fort. Am 7. Juli waren die
Verbndeten zum zweiten male in Paris eingezogen, am 20. November wurde
der zweite Pariser Friede geschlossen, nachdem schon am 8. Juni der
Deutsche Bund errichtet, tags darauf die Wiener Schluacte unterzeichnet
worden war. Jetzt war der Krieg wirklich beendet, und die Deutschen
Bltter konnten nun vom Schauplatz abtreten. Am 22. Februar 1816 zeigte
Brockhaus vorlufig an, da er mit dem im Erscheinen begriffenen neunten
Bande die Deutschen Bltter schlieen werde, und einige Wochen darauf
wurde die letzte Nummer ausgegeben.

Das Schluwort der Redaction gibt einen Gesammtberblick ber die
Wirksamkeit der Deutschen Bltter und sei deshalb auszugsweise hier
mitgetheilt.

Die Redaction spricht zunchst offen aus, da die wahrhaft glnzende
Theilnahme, die das Blatt im Anfange gefunden, sich naturgem
allmhlich bei den ruhigern Zeiten verringert habe, und obwol noch immer
eine Auflage, zu der wenige hnliche Unternehmungen in ihrer gnstigsten
Zeit sich erheben mchten, fr den Aufwand entschdige, so sollten die
Deutschen Bltter doch nicht dann erst enden, wenn sie sich selbst
berlebt htten.

Darauf heit es weiter:

  Sie begannen in der Zeit, die zu den herrlichsten, hoffnungsvollsten
  und erfolgreichsten gehrt, welche das Vaterland je erlebte;
  unter Verhltnissen und Begnstigungen, wie sie selten einem
  schriftstellerischen Unternehmen zutheil werden. Die kstliche Zeit
  der errettenden Vlkerschlacht, die Zeit der wiedererrungenen,
  hochbeglckenden Freiheit, war die Zeit ihrer Geburt, sie brachten
  die erste umstndliche Kunde von dem Segen, den der Hchste auf die
  gerechten Waffen der Verbndeten gelegt, verbreiteten zuerst von
  einem Ende des Vaterlandes zum andern die sichere und begeisternde
  Botschaft von Deutschlands Sieg und Wiedergeburt, von der Niederlage
  der Unterdrcker, von der Vernichtung der Despotie. Darum wurde ihre
  Stimme so gern gehrt, zumal sie krftig war und wrdig, und ein
  Geist, der vieler Herzen erhob, in ihr wehte. Vom Vaterland und fr
  das Vaterland sprachen sie, und des Vaterlandes Shne und Tchter
  nahmen sie freudig auf. Sie hatten berdies die Empfehlung fr
  sich, da der geehrte Feldherr, der an der Spitze der siegreichen
  verbndeten Heere stand, selbst sie veranlat, ihr Erscheinen selbst
  befrdert und so gleichsam eine hhere Brgschaft ihnen gegeben hatte.

  Von Leipzigs Siegesfeldern begleiteten sie den Triumphzug ber
  den alten Rhein bis in das stolze Babel, den Mittelpunkt der
  Unterdrckungsplane des zu Schanden gewordenen Uebermuths, der
  zerstrten Tyrannei. Mit migem Jubel lieen sie die Kunde des
  geschlossenen bedenklichen Friedens erschallen, und, scheidend von den
  glorreichen Schlachtgefilden, wendeten sie sich zu den unblutigen,
  aber nicht minder gefhrlichen Kmpfen in den Steppen des Wiener
  Congresses, den Irrgngen der Unterhandlungen. Sie nahmen Partei,
  aber nur fr die Sache des Vaterlandes, der Gerechtigkeit und der
  Freiheit, und sprachen manch starkes Wort, wo es frommen konnte. Aber
  sie mochten sich nicht wie der Vater Rhein nach krftigem Ernst im
  Sande verlieren oder, den gewaltigen Strom verlassend, in kmmerlichen
  Bchen verrinnen. Sie erhoben sich in neuer Kraft, als die Botschaft
  kam von der Rckkehr des Furchtbaren aus seinem Felseneiland, von des
  Vaterlandes Gefahr.

  Die Neue Folge der Deutschen Bltter begann, um zu erwecken zum
  neuen Kampf, aufzurufen zu den schtzenden Waffen, hinzuweisen auf
  das, was abermals dringend Noth war, was geschehen mute, und regten
  von neuem in der allgemeinen Bewegung sich selber lebendiger, strzten
  sich wieder in das Schlachtgewhl. Des Feindes Trug und Arglist, seine
  Macht und seine Kampffertigkeit, alle die losen Knste, mit denen er
  zu lang uns berckt und geschwcht hatte, stellten sie den deutschen
  Lesern klar vor Augen und ermahnten, das alte Joch, das viele noch
  zu willig trugen, vllig zu zerbrechen, die allzu verderbliche
  Abhngigkeit von fremder Sitte, mannichfachem fremden Einflu endlich
  zu verbannen. Sie frohlockten ber den neuen, herrlichen Sieg, den
  Gott verliehen, ber Babels zweiten Fall, ber die Heimkehr des
  theuern Eigenthums, das, als schnder Raub und frevle Siegestrophe
  zu lange trauernd, an feindlicher Sttte gefesselt gelegen; sie
  mhten sich, das Kleinod der Hoffnung zu erhalten, als in langen
  geheimnivollen Unterhandlungen Sorge und Ungeduld allenthalben
  Raum gewannen und sich mehrten, weil manch theuerer Wunsch nicht in
  Erfllung gehen wollte, ja immer mehr gefhrdet ward. Sie suchten
  zugleich das Gedchtni der frhern Zeit des Vaterlandes, seiner
  alten Schicksale zu erneuen, um durch die Bilder der Vergangenheit
  nicht nur zu trsten, sondern auch zu erwecken. Dann, als die neue
  Friedensbotschaft so unbefriedigend erschien, ergriff sie die Ahnung,
  da ihr Ende gekommen sei, da, wie nun Alles zur Ruhe sich lege, auch
  ihr Wchterruf immer mehr verhallen mge. Auch lieen sie nicht ab,
  ihrer Bestimmung treu die wichtigsten Angelegenheiten zur Sprache zu
  bringen und manch ernstes Wort zu reden von dem, was zu Deutschlands
  Heil geschehen mu. Aber: _Vestigia me terrent!_ zu deutsch: La
  dir rathen, ehe guter Rath dir noch theuer zu stehen kommt, dachten
  sie bei sich selbst. Wir wollen die Welt meiden, Einsiedler werden
  und uns selbst begraben, ehe man uns begrbt. Aus dem selbst gewhlten
  Grabe kehren wir dann vergngt und lebendiger, auch wohl vollkommener
  wieder. Dachten es und brachen als Freunde des Tags, wie sie von je
  gewesen, noch eine Lanze mit den Rittern der Nacht, die ihren Herold
  vorangesendet hatten, und bringen nun ihren Freunden den Abschiedsgru.

  Sechsmal erneuten sie sich seit ihrem ersten Erscheinen, dreimal in
  der Neuen Folge. In neun Bnden schlieen sie gut, denn neun ist eine
  gute und vollkommene Zahl ....

  Sie haben eine gute Zeit durchlebt, obwol die schnste, in
  der sie geboren wurden, schnell vorberging. Doch klingen noch
  in tiefster Seele nach die Lob- und Danklieder aus der Zeit der
  Vaterlandserhebung und Errettung, und der Blick nach oben feiert
  noch immer und soll endlos feiern, was der Herr aufs neue Groes und
  Herrliches an dem deutschen Volke und an der Menschheit in dieser Zeit
  gethan hat. Und das bleibt des hchsten Dankes werth!

  Sie bringen auch ihren erneuten Dank den tapfern Streitern dar,
  deren Heldenthaten auch ihnen das Dasein gaben. Unsterblich, wie der
  Thaten Geist, und lichthell, wie der Thaten Frucht, deren Herrlichkeit
  ungekrnkt bleibt, ob auch manches nicht zur vollen Reife gedieh, lebt
  der Helden Gedchtni und Ruhm und der Dank des befreiten Vaterlandes
  fort. Ihr Verdienst war es auch, wenn hier manch freies und
  erweckendes Wort geredet werden durfte, das in frherer trber Zeit
  nicht hervorzutreten wagen konnte, und wenn dadurch, wie wir glauben
  drfen, manches Gute befrdert worden ist. Die Stimme der Wahrheit hat
  eine so siegreiche Kraft, da keine Gewalt ihr widerstehen kann auf
  die Dauer, und je gesegneter ihre Wirksamkeit ist, desto hherer Dank
  gebhrt denen, die ihr die Bahn wieder geebnet, die Luft gereinigt
  haben von den giftigen Dnsten, welche sie gnzlich zu ersticken
  drohten.

  Aus allen Theilen Deutschlands sind sie durch zweckmige Beitrge
  bereichert worden. Denen, die auf diese Weise ihr Leben erhhten
  und strkten, gebhrt vorzglicher Dank. In ihnen haben sich, meist
  einander unbekannt, doch im wesentlichen in gleichem Geiste und
  gleicher Gesinnung, vorzglich gleicher Liebe des Vaterlandes und
  verwandter Ansicht von dem, was zu dessen Heil geschehen mu, viele
  deutsche Mnner begegnet und durch ihre Uebereinstimmung das, was
  sie aussprachen, noch mehr empfohlen. Die bewhrte Gesinnung hat
  sich durch den gemigten und bescheidenen, zwar, wie es Noth war
  und lblich, starken, aber selten allzu scharfen Ton, der fast alle
  Beitrge auszeichnete, viele Freunde erworben, und fast nie ist
  ein Anla zu gerechten Klagen und Beschwerden gegeben worden. So
  freimthig als besonnen, berall aber mit strenger Wahrheitsliebe,
  ward das, was Bedrfni der Zeit und des Vaterlandes war, hier
  ausgesprochen, keiner grundlosen Parteilichkeit fr irgendeinen Zweig
  des deutschen Volks Raum gegeben, kein unziemlicher und verderblicher
  Zwiespalt genhrt, sondern berall das Gute, wo es sich auch fand,
  anerkannt und vor allem auf jene Eintracht und Geisteseinigkeit,
  in der Deutschland allein stark, frei und sicher bestehen kann,
  hingearbeitet. Diesen Ruhm wird man den Deutschen Blttern
  ungekrnkt lassen.

  Jetzt, da diese Neue Folge sich schliet, ist ihr letzter Wunsch:
  Segen und Heil dem theuern Vaterlande! Ihm haben sie gelebt und ihm
  gedient, ihm werden sie immer aufs innigste ergeben bleiben, und wenn
  lngst ihre Stimme verhallt ist, wird der fernste Nachklang noch von
  Liebe und Treue fr den heimatlichen Boden, fr das deutsche Volk
  ertnen.

Dieses Schluwort, das sich dann noch weiter ber die Zeitverhltnisse
ausspricht, um in diesen letzten Mittheilungen noch einmal die hchsten
Angelegenheiten unsers Volks den Lesern ans Herz zu legen, sagt nicht
zu viel von dem Gehalte und der Wirkung der Deutschen Bltter; es
war brigens weder von Brockhaus noch von Hain, sondern auf deren
Wunsch von einem Mitarbeiter verfat, wahrscheinlich von dem Professor
Hasse in Dresden. Die Deutschen Bltter nehmen anerkanntermaen
eine der ersten Stellen ein unter den Organen der Presse, welche der
Zeit der Befreiungskriege ihr Entstehen verdankten, zugleich aber
selbst mannichfach frdernd auf die Zeit einwirkten. Diese Bedeutung
weist ihnen auch Karl Hagen zu in seinen die eingehendste Schilderung
dieser Zeitschriften enthaltenden und berhaupt sehr werthvollen zwei
Aufstzen: Ueber die ffentliche Meinung in Deutschland von den
Freiheitskriegen bis zu den Karlsbader Beschlssen.[58] Andere hnliche
Bltter waren: der Rheinische Mercur von Grres, die Nemesis von
Luden, das weimarer Oppositionsblatt, die gothaer Nationalzeitung der
Deutschen, die Teutonia, die Kieler Bltter. Die meisten derselben
entstanden erst nach den Deutschen Blttern und verschwanden noch vor
ihnen wieder vom ffentlichen Schauplatze.

       *       *       *       *       *

Von allen Seiten waren den Deutschen Blttern patriotische Aufstze
zugestrmt, auch ohne directe Aufforderung der Redaction, und die Reihe
der (meist inde nicht genannten) Mitarbeiter der Deutschen Bltter
ist eine ebenso mannichfaltige als stattliche.

Einer der ersten und thtigsten Mitarbeiter war Karl August Bttiger
in Dresden, der schon an der 1807 von Brockhaus in Amsterdam
herausgegebenen Zeitschrift _Le Conservateur_ sich betheiligte
und mit ihm fortwhrend in den lebhaftesten geschftlichen und
freundschaftlichen Beziehungen blieb. Ferner waren fleiige Mitarbeiter:
Professor Plitz, Professor Saalfeld, Karl Curths (der Historiker),
Georgius (Karl Christian Otto), Baumgarten-Crusius, Villers, die
Professoren Zeune in Berlin, Hasse in Dresden und Oken in Jena. August
Wilhelm Schlegel und Friedrich Perthes schickten einzelne Beitrge.

Auch die patriotische Dichtkunst war reich vertreten. Die Deutschen
Bltter verffentlichten wol zuerst die drei Gedichte Theodor Krner's:
Was glnzt dort vom Walde im Sonnenschein?, Das Volk steht auf, der
Sturm bricht los! und sein letztes Sonett: Die Wunde brennt, die
bleichen Lippen beben. Ferner brachten sie Dichtungen von Max von
Schenkendorf, Matthias Claudius, Christian Graf Stolberg, Graf von
Loeben, Friedrich Rckert.

Brockhaus schrieb brigens vielfach auch selbst in die Deutschen
Bltter. Als Herausgeber machte er hufig sehr eingehende Anmerkungen
zu den eingesandten Artikeln, bald ber die in denselben besprochenen
Gegenstnde seine eigene Ansicht sagend, bald aus den Erlebnissen
whrend seines Aufenthalts in Amsterdam, wo er vielfach mit Franzosen in
Berhrung gekommen war, Interessantes mittheilend.

Am 23. Mrz 1814 beginnt er eine lngere Anmerkung zu einem Aufsatze
ber Napoleon folgendermaen:

  In den Deutschen Blttern ist in Deutschland zuerst offen und
  frei und mit Kraft und Wrde laut ausgesprochen worden: kein Friede
  mit Bonaparte. Die Deutschen Bltter haben es zuerst gewagt, den
  so finstern und blutdrstigen Charakter des Tyrannen zu enthllen.
  Es war unterm Kanonendonner von Liebertwolkwitz, zwei Meilen von dem
  Kampfplatze, wo der wackere Wittgenstein die Hermanns-Schlacht von
  Leipzig einleitete, da die ersten von den Blttern furchtlos gedruckt
  wurden. Ein prophetischer Glaube an das endliche Gelingen der guten
  Sache hatte den Herausgeber begeistert. Vielleicht wre das Leben von
  Tausenden unserer tapfern Krieger, die in diesem heiligen Kreuzzuge
  gefallen sind, gespart worden, wenn die verbndeten Mchte schon
  damals oder doch am 21. December (1813) bei der ersten Ueberschreitung
  der franzsischen Grenze ritterlich und frei erklrt htten, was jetzt
  Alexander am 31. Mrz (1814) erst in der stolzen Hauptstadt aussprach:
  kein Friede mit Bonaparte ....

Oefters verfate er aber auch selbstndige Aufstze fr sein Blatt.
Unter ihnen sei nur einer mit der Ueberschrift Noch ein Wort ber
den Franzosenha߫ und dem ausdrcklichen Zusatze Vom Herausgeber
hervorgehoben und auszugsweise mitgetheilt. Er ist Mitte Juli 1815
geschrieben, also nach der zweiten Niederwerfung Napoleon's, und
vertheidigt die Deutschen Bltter gegen den Vorwurf eines zu
leidenschaftlichen Franzosenhasses. Die wesentlichsten Stellen sind
folgende:

  Es ist in diesen Blttern schon viel die Rede gewesen von der
  Erbrmlichkeit des Franzosenthums. Der gerechte Eifer gegen dasselbe
  macht einen Theil des Ruhms dieser Anstalt aus, die in der ersten
  schnen Zeit der Errettung vom heillosen Joche entstand, unter den
  Augen, auf Veranstaltung des hohen deutschen Feldherrn, der siegreich
  unsere Heldenscharen von der Elbe bis zur Seine fhrte, bis dahin, wo
  der letzte Ring der Kette zerbrochen ward, die uns so lange gefesselt
  hatte.

  Die Deutschen Bltter, die sich das Ziel gesetzt, jenen
  errettenden Kampf und seine Folgen mit aufmerksamem Blicke zu
  begleiten, viele groe und herrliche Zeugnisse aus demselben fr die
  Geschichte aufzubewahren, zu beharrlicher Ausdauer und unbeweglicher
  Treue in dem groen Werke der Befreiung zu erwecken und eine
  geluterte, tief begrndete Ansicht von demselben zu verbreiten, sie
  muten auch oft mahnen an unser Elend, unsere Schmach, und auf die
  Ursachen und Veranlassungen unserer vieljhrigen Leiden zurckweisen.
  Ein tiefer, aber gerechter Unwille mute in diesen Mittheilungen sich
  aussprechen, sowol gegen die Urheber unsers Jammers und das ganze
  Franzosenthum als gegen die treulose, bundbrchige und entartete
  Rotte, die mitten unter uns noch dem huldigt, was die Quelle unserer
  Entwrdigung und Erniedrigung gewesen ist.

  Diesem Bemhen haben nun die Bessern einen Beifall gegeben, der
  sich in dem Gedeihen unserer Anstalt, in der weitern und immer
  weitern Verbreitung der Theilnahme an derselben sehr erfreulich
  bewhrte. Es war ebenso natrlich, da die, deren Beschrnktheit
  oder Schlechtigkeit hier oft gergt ward, diese Bltter haten und
  schmhten und es ihnen besonders zum Vorwurf machten, da ein so
  bitterer Franzosenha in denselben sich ausspreche. Gegen diesen
  Franzosenha erheben sich denn auch von andern Seiten Stimmen, welche
  die alte Snde zu beschnigen und bleibend zu erhalten versuchen,
  gegen deren Verfahrungskunst der Verfasser nun noch Ein Wort zu reden
  sich aufgefordert sieht, zumal man gerade seinen frhern Mittheilungen
  besonders jenen Vorwurf macht ....

  Was meinen doch die Herren, die sich berufen fhlen, den
  Franzosenha zu dmpfen und gegen ihn die alten stumpfen Waffen
  gern noch einmal schrfen mchten, was meinen sie denn mit dem
  Franzosenha? Den tiefen Unwillen nennen sie so, der die Bessern
  unsers Volks ergriffen ber die zu lange geduldete Herrschaft des
  Franzosenthums, den gerechten Eifer gegen Sprache, Sitten und Moden
  eines Volks, das das entartetste in Europa, mit seinem uern Wesen
  seine Schlechtigkeit bertncht, nur Einflu, Herrschaft erstrebt und
  durch beides unserm Volke und andern Vlkern nur Verderben gebracht
  hat. Den gerechten Unwillen nennen sie so, der nicht ist von heute
  oder gestern, den wenige Erleuchtete und echte Vaterlandsfreunde schon
  seit hundert Jahren gegen jenes Volk genhrt, der jetzt in den Tagen
  der Befreiung strker und lauter sich kundgegeben; den gerechtesten
  Unwillen der Befreiten, wie frher der Unterjochten und Unterdrckten,
  gegen die, welche mit bsen Knsten und mit Gewalt die edelsten Gter
  des geselligen Lebens, Freiheit und Selbstndigkeit, uns raubten und
  rauben wollten. Das, was zu allen Zeiten die edelsten Vlker und alle
  freigeborene, groherzige Menschen gegen frevelhafte Unterdrcker,
  tyrannische Eroberer, freche Ruber und Schnder des Vaterlandes zum
  Kampf auf Leben und Tod begeisterte; dasselbe, was auch unser Volk
  bewegt, auch das letzte Zeugni unserer Unterjochung und Alles, was
  dazu mitgewirkt, vllig auszutilgen: das nennt nun die Erbrmlichkeit
  Franzosenha und will mit diesem Namen das, was unsers Volks Ruhm und
  unserer Zeit Verherrlichung ist, in ein zweideutiges Licht stellen.
  Rechnet sich es doch mancher als hohe Weisheit und Gerechtigkeit
  an, da er nicht so ungebhrlich hasse ein liebenswrdiges Volk,
  von dem wir noch gar vieles lernen knnten -- absonderlich wol
  allerliebste Namen fr scheuliche Laster (von denen manche erst in
  den letzten fnfundzwanzig Jahren durch franzsische Emigranten und
  Soldaten in unsern unschuldigen Htten bekannt geworden sind!) --
  einen Muthwillen, dem nichts heilig ist, eine Gewandtheit, die Treue
  und Tugend entbehrlich macht; eine Feinheit, die nie Arges frchten
  lt und mit aller Hflichkeit des Nachbars Habe sich aneignet,
  den Hausfrieden zerstrt und Alles dem Eigenwillen und eigener
  Leidenschaft unterordnet. Von diesem Volke sollen wir einfltige,
  schwerfllige Deutsche lernen und sollen wol auch noch beklagen, da
  die trefflichen Lehr- und Zuchtmeister in Scharen ber unsere Grenze
  getrieben wurden, und ihre lieblichen Frsprecher mchten doch gar zu
  gern uns wieder in die Synagoge des Satans zurckfhren. Darum preisen
  sie die Herrlichkeit franzsischer Sprache und Sitte und wollen es
  sogar nicht begreifen, da, wer den Teufel ausgetrieben hat, auch alle
  sein Wesen und seine Werke ihm nachschleudern mu, damit er auch nicht
  einen Fu breit Land finde, das ihm noch gehre und von dem aus er das
  alte Verfhrungsspiel wieder anfangen kann, da es hernach schlimmer
  werde denn zuvor.

  Wie wenig begreifen doch diese, die sich wol gar Patrioten nennen,
  den Geist und das Streben dieser Zeit und unsers Volks! An ihren
  Augen ist es vorbergegangen wie ein Nebel und an ihren Ohren wie
  rauschender, sinnloser Mislaut, da die Zeit erschien, da in Europa
  der gute Geist ber den bsen den Sieg gewinnen und die Werke des
  bsen vllig zerstren sollte. Aus Blindheit des Geistes oder des
  Herzens oder beider reden sie dem das Wort, gegen den Deutschland,
  Europa sich gerstet und rstig gekmpft hat, und scheinen es gar
  nicht zu ahnden, wie sie mit ihrer Allerweltsklugheit eigentlich nur
  die ersten Ringe der Kette wieder schmieden, die unter hherer Leitung
  glcklich zerbrochen ward. Aber sie werden darber selber zu Schanden,
  und nimmer kann es ihrer Schwachheit gelingen, einen krftigen
  Unwillen, der nur zu gerecht ist, hinwegzuschwatzen, ob sie auch all
  ihren Witz aufbieten und alle aus Einem Tone heulen, wie denn die
  Flachheit berall sich selber begegnet und auch dadurch in ihrem Wahne
  sich bestrken lt ....

  Was ist berhaupt Ha, den ein edler Mensch im Busen trgt? Der
  tiefe, nie erkaltende Widerwille ist es, den er gegen alles Bse, alle
  Schlechtigkeit und Treulosigkeit empfindet, der ernste, beharrliche
  Widerstand gegen Alles, was den Menschen entehrt, das der edle Mensch
  um so bitterer fhlt, je hher seine Achtung des Reinmenschlichen
  ist, ein Widerwille, der sich auch gegen den Bsen, Schlechten und
  Treulosen in der sorgfltigen Vermeidung aller nhern Gemeinschaft
  und vertraulichern Annherung ausspricht, ein Widerstand, der jedem
  Einflusse des durch seine Grundstze wie durch seine Handlungen dem
  Bsen Ergebenen entgegentritt und ihm wehrt und darum selbst das
  scheinbar Gute verwirft, das aus jenem Einflusse stammen knnte.

  Das ist auch der Franzosenha, der Widerwille gegen die ungeheuere
  Entartung, Sittenlosigkeit und Treubrchigkeit dieses Volks, gegen
  den frchterlichen Leichtsinn, der mit allem Heiligen spielt; der
  Widerstand gegen jeden Einflu der Grundstze, der Sitten und
  Gewohnheiten desselben wie seiner Unternehmungen; ein Widerwille,
  der alle nhere Gemeinschaft mit den Franzosen, alle vertrauliche
  Annherung scheut und vermeidet; ein Widerstand, der allem
  franzsischen, durch menschenentehrende Grundstze verpesteten
  franzsischen Wesen sich entgegenstellt und darum selbst das scheinbar
  Gute oder das wirklich Gnstige, was von dorther kommen knnte,
  verwirft, weil dem Bsen aller und jeder Einflu abgeschnitten werden
  mu. Es uert sich der Franzosenha, wie jeder gesunde, gerechte Ha,
  in einem krftigen Widerstreben gegen das, was des Hasses wrdig, und
  er ist am tiefsten da, wo die mchtigste Liebe, Liebe des Vaterlandes,
  der Wahrheit, der Freiheit, und mag da nicht sein, wo diese Liebe
  nicht ist ....

  Wir aber werden hassen das Arge, so lange es arg ist, und uns
  schmen, die Farbe derer zu tragen und die Sprache derer zu reden,
  die ihre Farbe und Sprache vor den Augen von ganz Europa geschndet
  haben. Es soll keine vertrauliche Gemeinschaft sein zwischen ihnen
  und uns, weil ihr Wesen nicht zu dem unsern stimmt, ihre Falschheit
  zu unserer Ehrlichkeit keine Verwandtschaft hat und weil bse
  Gesellschaft nicht blos gute Sitten verdirbt, sondern auch einen Makel
  aufheftet jedem, der sich zu ihr hlt.

  Sage man nicht, da solcher Ha unchristlich sei; man msse das
  Bse hassen, aber nicht den Bsen. Das Bse in den Franzosen ist es
  ja eben, das wir hassen, dem wir widerstreben. Um es fern von uns zu
  halten, mssen wir die Franzosen abwehren. Aber so tief unser Ha ist,
  so misgnnen wir ihnen doch gewi nicht irgendein Glck, das ihnen ihr
  Vaterland gewhren mag, so sind wir doch nur so lange ihre Feinde,
  als sie bermthig, schnde und ruchlos, aller Orten Befriedigung
  ihrer Eitelkeit, unsere Erniedrigung suchen und mit schlechten Knsten
  die Welt verfhren. Was vorherrschender Charakter des franzsischen
  Volks ist, das hassen wir; dem Einzelnen aus ihm, dem Mittheilenden,
  Gebeugten, Hlfsbedrftigen versagen wir keinen Trost, keine
  Freundlichkeit, keine Hlfe, wodurch sein Elend gelindert werden kann,
  ohne da zugleich seine Eitelkeit oder Bosheit Nahrung finde. Ein
  unchristlicher Ha liegt nicht in uns; wir wrden uns freuen, wenn
  Frankreich, weiser geworden, auf rechtem Wege sein Glck suchte; wir
  wrden nachbarlich ihm die Hand bieten, und aller Ha wrde schwinden,
  wenn es ein frommes, zchtiges, friedliches, gengsames, treues Volk
  wrde. Bis dahin ist keine Gemeinschaft zwischen ihm und uns.

Besonders lebhaften Antheil nahm Brockhaus auch an der Frage der
Zukunft Sachsens, die den Wiener Congre so lange beschftigte und
erst durch Napoleon's pltzliches Wiedererscheinen zu einem raschern
Abschlu gelangte. Er war entschieden gegen die Theilung Sachsens,
die doch endlich beschlossen wurde, und sagte in einer Note zu einem
Wahrhaftigen Bericht ber die gegenwrtige Stimmung des Volks in
Sachsen, von einem Eingeborenen:

  An dumpfe starre Verzweiflung grenzt seit der Todesnachricht aus
  Wien vom 10. Februar (1815), welche aus den berliner Zeitungen in alle
  ffentlichen Bltter bergegangen, die Stimmung des guten schsischen
  Volks. Die Geschichte wird diese Handlung richten -- wir Lebenden
  drfen es leider nicht ffentlich.

Um so emprter war Brockhaus, als in einer in Mnchen erschienenen
Schrift: Sachsen, Preuen und Europa, gesagt war, da die beiden
leipziger Buchhndler Rein und Gerhard Fleischer mit dem bekannten
Brockhaus in Verbreitung verleumderischer und majesttsverbrecherischer
Schriften gegen ihren rechtmigen Knig einen edeln Wettstreit begonnen
haben. Er erlie deshalb in den Deutschen Blttern folgende Erklrung:

  Erst durch die Anzeige des Herrn Gerhard Fleischer in Nr. 231 der
  Leipziger Zeitung erfahre ich das Dasein der in Mnchen wieder
  erschienenen Schrift: Sachsen, Preuen und Europa, und der mich
  nebst andern Buchhndlern darin betreffenden Stelle, welche diese und
  mich der Verbreitung verleumderischer und majesttsverbrecherischer
  Schriften gegen ihren rechtmigen Knig beschuldigt. Bei nherer
  Untersuchung fand ich, da diese Schrift aus derselbigen Quelle
  komme, welcher wir die Allemannia, die sogenannten Schsischen
  Actenstcke und andere Schriften gleichen Charakters verdanken.

  Ob man es daher gleich fr eine Ehre halten knnte, von dieser
  im Finstern schleichenden sddeutschen Bande, an deren Spitze
  bekanntlich der berchtigte Aretin steht und deren Geschft es ist,
  Mistrauen zwischen Frsten und Unterthanen, Ha zwischen den deutschen
  Volksstmmen und Zwietracht unter unsern Regierungen zu erregen,
  derselben Bande, welche nicht damit zufrieden war, dem seelenlosesten
  Despotismus in den traurig furchtbaren Jahren von 1806 bis 1813 das
  Wort zu reden, sondern den Despoten zu noch grerer Tyrannei durch
  die bekannte Anklage aller Protestanten und des Protestantismus selbst
  anzuregen suchte, und namentlich mehrere edle Mnner aus unserer
  eigenen Mitte, welche die liberale Landesregierung zu sich geladen
  hatte, als Aufrhrer und Anfhrer bezeichnete; derselben Bande,
  welche, in die Hoffnungen aller bessern Menschen ihre Drachenzhne
  send, sogar die Geschichte und Vlkerehre wie die Vlkerruhe zu
  einer Metze macht, indem sie, nur um Deutsche gegen Deutsche zu
  empren, eine Reihe der schndlichsten Pasquille erfindet, denen sie
  das Prdicat Actenstcke gibt, und den Namen des edeln schsischen
  Volks damit in Verbindung bringt -- man knnte, sage ich, es fr
  eine Ehre halten, von dem Wortfhrer dieser neuen Obscuranten und
  Pasquillanten gechtet zu werden: dennoch glaube ich auf jene bestimmt
  ausgesprochene Anklage, gleich Herrn Gerhard Fleischer, erwidern zu
  mssen, da in meinem Verlage keine einzige Schrift erschienen ist,
  welche auf irgendeine Weise die schsischen Angelegenheiten in den
  Jahren 1813, 1814 und 1815 nur berhrt, und da ich ebenso wenig von
  irgendeiner der Schriften, welche ber diesen Gegenstand fr und wider
  erschienen, mehr als ein Exemplar, und dies zu meiner eigenen Lesung
  oder literarischen Benutzung, zu beziehen gewohnt gewesen bin, noch
  weniger aber eine Schrift dieser Art verbreitet habe.

  In den von mir herausgegebenen Deutschen Blttern ist, dem
  Charakter dieses Instituts gem, allerdings, wie es in allen
  deutschen politischen Zeitschriften geschehen, diese Angelegenheit
  fr und gegen debattirt worden, allein immer mit Bescheidenheit, Wrde
  und Anstand, und ich darf es in Wahrheit sagen, da ich eine Menge
  anzglicher Aufstze, die auf irgendeine Weise krnken oder erbittern
  konnten, unterdrckt oder zurckgesandt habe.

  Den Verfasser der beredtesten und grndlichsten Schrift fr das
  Interesse Sr. Maj. des Knigs, der _Lettre  un Saxon_, in der
  ich einen meiner Freunde zu entdecken glaubte, habe ich selbst
  eingeladen, in den Deutschen Blttern seine politische Ansicht zu
  verfolgen. Was wirklich am Ende geschehen ist, haben die Deutschen
  Bltter immer als das grte Unglck dargestellt und damit auch die
  Empfindung und Ansicht ihres Herausgebers, der brigens in keinem
  Unterthanenverhltnisse zu Sr. Maj. dem Knige von Sachsen steht,
  ausgesprochen.

    Altenburg, 28. November 1815.

                                                      Brockhaus.

In gleicher Weise interessirte sich Brockhaus persnlich fr die damals
lebhaft verhandelte Frage der Wiedererwerbung von Elsa und Lothringen
fr Deutschland, welche wie die von den Deutschen Blttern ebenfalls
warm befrwortete Wiederherstellung des deutschen Kaiserthums und des
Deutschen Reichs erst ber ein halbes Jahrhundert spter gelst werden
sollte. Er brachte einen trefflichen Aufsatz darber von Professor Zeune
in Berlin: Elsa und Lothringen fr Deutschland durchaus nothwendig,
und schrieb dem Verfasser bei Uebersendung einer Anzahl Abdrcke unterm
30. Mai 1814:

  Leider frchte ich wie alle Deutsche von Umsicht und Beurtheilung,
  da man diese beiden herrlichen, uns von Ludwig XIV. gestohlenen
  Provinzen nicht zurckfordern wird. Ueberhaupt wer ist nicht indignirt
  ber die Complimente, die in Paris mit dem bermthigen Volke und den
  Helfershelfern Napoleon's gemacht werden? Es ist sehr schade, da
  gerade in Paris die Unterhandlungen geleitet werden, wo Weiber und
  Sinnlichkeiten aller Art ins Werk gesetzt werden, die Frsten und die
  leitenden Personen zu bercken. In Hamburg, in Moskau, in Wittenberg,
  wo jeder Blick und Schritt an die Unthaten der franzsischen Hunde
  erinnert, da sollte der Sitz des Congresses sein!

  Ich habe Krausen gebeten, es mit Ihnen zu berlegen, wie den
  Deutschen Blttern in Berlin und im preuischen Staate ein greres
  Publikum gewonnen werde. In Hannover setzen wir sechsmal so viel
  ab als im ganzen preuischen Staate. Seien Sie ferner fr unser
  patriotisches Institut thtig!

Auer den frher erwhnten Grnden bestimmten ihn inde auch die
Censuranfechtungen, die mit der beginnenden Reactionszeit wieder ebenso
hinderlich auftraten wie bei Beginn der Deutschen Bltter, dazu, das
Blatt aufzugeben. Schon ein Jahr, bevor er diesen Entschlu ausfhrte,
im Frhjahre 1815, schrieb er an Professor Koethe in Jena aus Anla des
vorher erwhnten Aufsatzes der Deutschen Bltter ber die Stimmung in
Sachsen bei der drohenden Theilung des Landes:

  Der Censor chicanirt mich auerordentlich, und wenn's so fortgeht,
  mu der Druck hier aufhren. Von Dresden aus ist bei unserer Regierung
  (Altenburg) Klage eingelaufen ber einen Aufsatz, durch den der Knig
  persnlich sich sehr beleidigt fhlt. Es war behauptet worden, des
  Knigs Pflicht wre es gewesen, lieber ganz zu verzichten, als die
  Theilung seines Landes zuzulassen. Um sich nun ber den Verdru,
  den der Censor ber jene Angelegenheit hat, zu rchen, streicht
  er mir Alles, was ihm nur einigermaen frei und dreist erscheint.
  Insbesondere ist er Oken's Aufstzen gram. Ich wei nicht, wie das
  werden soll.

Noch unmuthiger schreibt er unterm 20. Februar 1815 an seinen Freund
Hasse, damals Professor am Cadettenhause zu Dresden:

  Ihre Empfindungen ber die Zerreiung Sachsens, die nun gestern
  durch das Extrablatt der Leipziger Zeitung zum Vollen besttigt
  sind, wird jeder redliche Sachse und Deutsche theilen, das Unglck
  des Landes aber vorzglich auf Oesterreich wlzen mssen, dessen
  einseitige Hartnckigkeit schuld an der Theilung ist.

  Ich werde die Deutschen Bltter jetzt bestimmt mit dem sechsten
  Bande eingehen lassen. Die Theilung Sachsens hat mir alle Lust an
  dem Politischen geraubt; dazu kommt die beengte Prefreiheit und
  die Unmglichkeit, sich irgendwo mit Energie und Wahrheit ber die
  wichtigsten Angelegenheiten, soweit sie uns in der Nhe betreffen,
  aussprechen zu knnen. In dem Schlublatte mchte ich gern einen
  feierlichen Abschied von meinem Publikum nehmen, und ich lade Sie
  ein, mir dazu Ihre Feder mit zu leihen. Zuerst wre ein Blick auf
  die Zeit zu thun, die den Deutschen Blttern vorhergegangen; dann
  der Augenblick des Kampfes im October zu beschreiben, die Hoffnungen
  und Wnsche, welche die Erhebung aller deutscher Vlkerschaften
  bei Jedermann erweckte, der Gang des Kriegs, der endliche Triumph.
  Was durften die Deutschen jetzt erwarten? Getuschte Hoffnungen
  jeder Art, wie sie sich entwickelten: in der Hauptstadt des Feindes
  wurden deutsche Vlkerstmme ihm verrtherisch bergeben, und was
  uns von den Bourbonen vor hundert Jahren schndlich geraubt wurde,
  die Vormauer Deutschlands, der Elsa, wurde nicht zurckverlangt;
  die uns schndlich abgeprete Contribution wurde nicht restituirt,
  unsere Krieger litten in der Hauptstadt des Feindes den bittersten
  Mangel und waren fast ohne Verpflegung; unsere Kunstwerke blieben im
  Besitz der Uebermthigen. Es erfolgte keine Vershnung zwischen den
  Siegern und Besiegten. Blicke auf den Congre. Abermalige Hoffnungen.
  Abermalige Tuschungen. Unterdrckte Prefreiheit in Deutschland. Man
  kann seinem gepreten Herzen keine Luft machen, der Censor steht einem
  ngstlich zur Seite und verschneidet jedes krftige und treffende
  Wort. Wir haben den Franzosen Prefreiheit errungen, denn nach England
  und Holland ist sie in Frankreich am liberalsten, aber fr uns selbst
  ist sie nicht da. So also kann kein politisches Blatt anders als zu
  eigener Schande bestehen.

  Dies wren einige der Ideen, die meiner Meinung nach hier
  ausgesprochen werden knnten. Viele andere werden Ihnen noch
  einfallen. Ich mchte, da das Ganze einen Bogen fllte.

Hasse antwortete darauf am 26. Februar:

  Ich glaube Ihnen gern, da Ihnen die Lust vergangen, die Deutschen
  Bltter fortzusetzen. Der Gang der Dinge schlgt die frohesten
  Erwartungen nieder. Ihre Ideen ber den Schlu sind trefflich, aber
  ich fhle in mir so wenig Beruf, und meine Zeit ist so beengt, da
  ich, so sehr ich den verlangten Schluaufsatz fr nthig halte,
  dennoch denselben unmglich bernehmen kann. Ich lege deshalb das
  Blatt Ihres Briefs, der dieselben so trefflich entwickelt, hier bei.

Damals hatten der Wiederausbruch des Kriegs infolge Napoleon's Flucht
von der Insel Elba und die darauffolgenden Ereignisse die Absicht, die
Deutschen Bltter aufhren zu lassen, in den Hintergrund gedrngt.
Aber nach der raschen Beendigung dieses zweiten Abschnitts des Kriegs
und whrend der Verhandlungen ber den zweiten Pariser Frieden, nachdem
sogar im Sommer dieses Jahres eine Nummer der Deutschen Bltter wegen
eines Aufsatzes: Auf einmal Preuen und Franzosen Freunde, confiscirt
worden war, fate Brockhaus diese Idee wieder nher ins Auge.

Am 4. November desselben Jahres (1815) schreibt deshalb Brockhaus wieder
an Koethe:

  Die Deutschen Bltter werde ich bestimmt zu Ostern schlieen. Die
  Bedingungen der Censur, die ngstliche Rcksicht, die allenthalben
  genommen wird, der Mangel an Einsicht in die politischen Interessen
  Deutschlands, die hinkende Theilnahme des Publikums jetzt, wo die
  Hauptfragen entschieden sind, und die ungeheuere Schererei bei
  geringer Belohnung veranlassen mich dazu.

Dem Drucker des Blattes, Pierer in Altenburg, meldete er am 2. December
1815, da er die Auflage, die bei Beginn 4000 und mehr Exemplare betrug,
auf 1100 ermigen wolle.

Noch eingehender spricht er sich ber das Aufhren des Blattes in
einem am 9. Mrz 1816 an Oken gerichteten Briefe aus, der zugleich
interessante Mittheilungen ber literarische Verhltnisse enthlt:

  Auch mir thut es herzlich leid, das allerdings interessante und
  mir selbst unendlich lieb gewesene Institut der Deutschen Bltter
  eingehen lassen zu mssen. Ich sehe mich aber dazu gezwungen. Aus
  der Ueberzeugung, da bei ihrem sehr verminderten Absatz -- da ich
  Ihnen versichern kann, seit einem Jahre das volle Drittel der noch zu
  Anfang des vorigen Jahres stattgefundenen Zahl der Abnehmer verloren
  zu haben, wobei ich noch nicht in Anschlag bringen kann, was mir auf
  der Messe wird zurckgegeben werden -- ihre Wirksamkeit in dieser Form
  nicht von der Art ist, als sie auch bei den migsten Ansprchen sein
  sollte. Die Erscheinung eines so verringerten Absatzes, da die Bltter
  an sich tchtigen Inhalts sind, mu Jedem allerdings auffallend sein,
  der das deutsche Publikum nicht aus Erfahrung in dieser Hinsicht kennt
  und der nicht wei, da der Werth besonders eines politischen Blattes
  fr den Absatz in Deutschland nie entscheidend ist. So z. B. wenn
  ich Ihnen versichere, da von der Allgemeinen Zeitung, wie ich in
  der Officin derselben erfahren habe, nicht mehr als 2000 Exemplare
  gedruckt werden, whrend der Nrnberger Correspondent (ein gegen
  jene elendes Blatt) gewi das Doppelte absetzt, und nur Cotta's groe
  Kapitale, sein Stolz und seine Consequenz, auch ohne Vortheil ein
  Institut fortzusetzen, dessen Ntzlichkeit er einmal erkannt hat --
  eine Consequenz, die aber nur einem Manne wie ihm mglich ist --
  bestimmen denselben, dieses Institut, das ihm ungeheuere Summen kostet
  und bei welchem er meinem Urtheile nach wenig oder nichts verdient,
  nicht untergehen zu lassen.

  An vielen Orten sind die Deutschen Bltter abbestellt oder gehen
  in so geringer Anzahl dorthin, da daraus abzunehmen ist, wie wenig
  Interesse das Publikum fr sie noch zeigt. So gebraucht z. B. die
  thtigste Buchhandlung in Prag, die von andern Artikeln, welche die
  Zeit berhren, leicht funfzig und mehr Exemplare absetzt, nur ein
  einziges Exemplar, und ich erhalte posttglich neue Abbestellungen fr
  den nchsten Band, von dem man meint, da er noch erscheinen werde.

  Von smmtlichen Journalinstituten in Deutschland gedeiht berhaupt
  keins mit eigentlichem Glck, und die meisten derselben erhalten sich
  nur dadurch, da ihre Redacteure und Herausgeber zugleich die Haupt-
  oder einzigen Ausarbeiter derselben sind, da sie also nicht an Andere
  etwas zu bezahlen nthig haben und sich mit einer kleinen Ausbeute
  begngen knnen. So schreibt oder bersetzt Herr Bran seine Minerva
  und Miscellen ganz allein selbst, oder er zahlt fr etwaige kleine
  Mithlfe hchstens 3 Thlr. per Bogen; so ist Professor Vo in Halle
  der alleinige Verfasser der auch von ihm selbst verlegten Zeiten,
  und mir ist von den Commissionren desselben versichert worden, da
  nicht 400 Exemplare von diesem Journale debitirt werden, ein Absatz,
  mit dem man einzig bei einem so hohen Preise und dann eben auskommen
  kann, wenn man zugleich noch alleiniger Verfasser und Selbstverleger
  ist. Die Bertuch'schen Journalinstitute erhalten sich gewi einzig
  durch das fabrikmige Bearbeiten derselben und durch den Antheil,
  welchen Vater und Sohn selbst daran nehmen.

Brockhaus hatte bei Aufgeben der Deutschen Bltter eine directe
Fortsetzung derselben beabsichtigt, doch kam sie aus Grnden
verschiedener Art wenigstens nicht in der zuerst beabsichtigten Weise zu
Stande.

Diese Fortsetzung sollte den Titel: Encyklopdische Bltter fhren
und von Professor Oken in Jena, einem Hauptmitarbeiter der Deutschen
Bltter, herausgegeben werden. Das oben auszugsweise mitgetheilte
Schluwort der Deutschen Bltter hat deshalb die Ueberschrift:
Schlu dieser und Ankndigung der 'Encyklopdischen Bltter' und
theilt zugleich das Programm des neuen Blattes mit. Das erste Heft
desselben wurde auch bereits im August 1816 mit der Jahreszahl 1817
ausgegeben (es trgt am Fue der ersten Seite die eigenthmliche Notiz
Kundt am 1. August 1816), aber unter dem vernderten Titel: Isis
oder Encyklopdische Zeitung von Oken. Diese bekannte Zeitschrift,
welche dann bis zum Jahre 1848 erschien und abwechselnd bald Eigenthum
des Herausgebers Oken, bald der Firma F. A. Brockhaus war, ist also
aus den Deutschen Blttern hervorgegangen, hat aber freilich nicht
viel von denselben beibehalten. In jenem Schluwort ist zwar direct
gesagt: das neue Blatt sei gewissermaen das Kind der 'Deutschen
Bltter', und die Mutter solle darin, wenngleich nur in einem kleinen
Kmmerlein, fortleben; allein dieses Kmmerlein, die politische
Abtheilung, war sehr klein und wurde spter ganz geschlossen, wie auch
der Nebentitel Encyklopdische Zeitung bald wegfiel. Hingegen nahmen
die Naturwissenschaften von Anfang an den grten Theil des Raums ein.

Die Isis wird in der folgenden Periode von Brockhaus'
Verlagsthtigkeit in ihrer eigenthmlichen Gestalt und Geschichte
vorgefhrt werden; nur ihre Entstehungsgeschichte war hier zu erwhnen.

       *       *       *       *       *

Die Deutschen Bltter bilden, von ihrer Stellung und Bedeutung
in der Geschichte der deutschen Zeitungspresse abgesehen, auch ein
wichtiges Glied in Brockhaus' Verlagsthtigkeit whrend der altenburger
Periode. Sie boten ihm Gelegenheit, auf die politische Gestaltung
Deutschlands einzuwirken und sich so auch persnlich an der groen Zeit
der Freiheitskriege mit zu betheiligen; sie brachten ihn in nhere
Beziehungen zu den besten politischen Schriftstellern seiner Zeit, die
er dann fr seine brigen Unternehmungen an sich zu fesseln wute; sie
gaben endlich seinem ganzen Verlage fr die nchste Zeit eine bestimmte
politisch-nationale Richtung, wiewol diese bei der Vielseitigkeit seines
Geistes und gegenber den schon frher von ihm gepflegten Gebieten der
Literatur keine ausschlieliche blieb.

Als patriotischer Buchhndler nimmt der Herausgeber der Deutschen
Bltter in der Geschichte der Jahre 1813-1815 jedenfalls eine
ehrenvolle Stelle ein.




                       4.

Geschichtliche und encyklopdische Verlagsthtigkeit.


Neben der Herausgabe der Deutschen Bltter und der vor dieser
geschilderten Wirksamkeit auf fast allen Gebieten der Literatur
widmete sich Brockhaus whrend der in Altenburg verlebten Jahre
in besonders reger Weise dem Verlage von geschichtlichen und
encyklopdischen Werken kleinern und grern Umfangs. Diese Thtigkeit
umfat drei Gruppen, wovon die erste politische Zeitbroschren, die
zweite grere geschichtliche Werke, die dritte vorzugsweise das
Conversations-Lexikon betrifft.

       *       *       *       *       *

Die erste Gruppe, die der politischen Zeitbroschren, schliet sich mehr
oder minder an die Deutschen Bltter an.

       *       *       *       *       *

Als Brockhaus von dem kurzen Ausfluge, den er unmittelbar nach der
Schlacht bei Leipzig unternommen hatte, aus Berlin nach Leipzig
zurckkehrte, fand er daselbst ein Manuscript vor, das ihm August
Wilhelm von Schlegel geschickt hatte, und gleichzeitig schon einen
Mahnbrief desselben aus Gttingen vom 3. November. Der letztere lautet:

  Ew. Wohlgeboren habe ich am 28. October von Mhlhausen das
  Manuscript meiner Bemerkungen ber den Artikel der Leipziger Zeitung
  vom 5. October in franzsischer Sprache zugeschickt, und zwar _par
  estafette_. Ich rechne mit Zuversicht darauf, da das Packet richtig
  in Ihre Hnde gelangt ist, und da Sie es sogleich werden gedruckt
  haben. Ich erwarte die Ankunft der 100 Exemplare mit Ungeduld, und
  sollten selbige bei Ankunft dieser Zeilen noch nicht abgesandt sein,
  so bitte ich selbige alsbald ebenfalls _par estafette_ an mich zu
  befrdern. Es ist aber dabei zu bemerken, da ich jetzt drei bis vier
  Tage hier bleiben, und erst alsdann wiederum in das Hauptquartier des
  Kronprinzen von Schweden abgehen werde. Das hiesige Postamt mte
  also angewiesen werden, sich erst zu erkundigen, ob ich noch hier
  bin, und erst wenn es das Gegentheil erfahren, das Packet weiter in
  das Hauptquartier zu senden. Die Auslage der Estafette habe ich Ihnen
  verursachen mssen; darber werden wir uns schon vergleichen.

  Jetzt bin ich mit Anordnung der Aufgefangenen Briefe beschftigt,
  worber Sie nchstens das Nhere hren werden. Ich bitte auch um eine
  Anzahl Exemplare von dem neuen Abdruck der Schrift _Sur le systme
  continental_ und der Betrachtungen Ueber die Politik der dnischen
  Regierung, sobald diese fertig sind.

  Ich wiederhole es, da Sie mich unendlich verbinden werden, wenn
  Sie die Bemerkungen ber den Artikel der Leipziger Zeitung auf das
  schleunigste in meine Hnde gelangen lassen.

  Mit ausgezeichneter Hochachtung

           Ew. Wohlgeboren ergebenster

                                    A. W. v. Schlegel.

Inzwischen schrieb ihm auch Karl Peter Lepsius (der Alterthumsforscher,
Vater des Aegyptologen) aus Naumburg:

  Eilen Sie doch, Freund, da das Manuscript von Schlegel gedruckt
  wird, um es durch die Colonne der dresdener Besatzung, die in den
  nchsten Tagen hier durchgehen wird, nach Frankreich zu bringen. Sie
  erhalten sonst nichts wieder von Schlegel. Warum haben Sie es nicht in
  Naumburg drucken lassen, da bin #ich# Censor!

Allerdings hatte Brockhaus auch bei dieser Schrift trotz ihres
officisen Charakters Censurnthe, wie aus folgendem Schreiben
hervorgeht, das er unterm 8. November an Freiherrn von Miltitz, Chef der
Ersten Section des Generalgouvernements in Leipzig, richtete, denselben,
gegen den er sich kurz vorher, am 28. October, schon ber die Censur bei
den Deutschen Blttern ohne Erfolg beschwert hatte:

  Der Unterzeichnete hat die Ehre, Ew. Hochwohlgeboren ein Manuscript
  mitzutheilen, welches er per Stafette von Herrn A. W. von Schlegel,
  Geh. Cabinetssecretr Sr. knigl. Hoheit des Kronprinzen von Schweden,
  aus dem Hauptquartier des Letztern mit dem Auftrage erhalten hat,
  solches nebst einer deutschen Uebersetzung hier sogleich drucken
  zu lassen, und von beiden alsdann 100 Exemplare ins Hauptquartier
  Sr. knigl. Hoheit wieder per Stafette an ihn zu senden. Ew.
  Hochwohlgeboren finden in den beiden Originalanlagen, den Briefen des
  Herrn von Schlegel, die Belege hierber.

  Der Unterzeichnete hat nicht gesumt, dem politischen Censor Herrn
  Hofrath Brckner die gedachte Schrift zur Censur vorzulegen, welche
  dieser indessen ablehnt, und ihn dieserhalb an Ew. Hochwohlgeboren
  verweist.

  Der Unterzeichnete erbittet sich daher das Imprimatur von Ew.
  Hochwohlgeboren oder, im Falle, da es geweigert werden mchte, eine
  schriftliche Resolution, um sich mit dieser gegen Herrn von Schlegel
  (von dem in den Verhltnissen, worin er zu Sr. knigl. Hoheit dem
  Kronprinzen von Schweden steht, anzunehmen, da er diese Schrift nur
  mit der speciellsten Autorisation desselben zum Druck befrdert)
  legitimiren zu knnen.

  Da durch die zufllige Abwesenheit des Unterzeichneten diese
  Angelegenheit schon um mehrere Tage versptet worden, so bittet er Ew.
  Hochwohlgeboren dringendst und ergebenst, ihm noch heute darber eine
  Resolution mitzutheilen.

Die Schrift erhielt trotzdem nicht das Imprimatur der schsischen
Behrden, und Brockhaus lie sie deshalb in Altenburg drucken, ohne
sie dort erst nochmals dem Censor vorzulegen. Sie fhrt den Titel:
_Remarques sur un article de la Gazette de Leipsic du 5 Octobre 1813_,
und erschien gleichzeitig auch in einer deutschen Uebersetzung unter dem
erweiterten Titel: Ueber Napoleon Buonaparte und den Kronprinzen von
Schweden, eine Parallele in Beziehung auf einen Artikel der Leipziger
Zeitung vom 5. October 1813, von August Wilhelm Schlegel. Verlagsort
und Verleger sind auf beiden Ausgaben nicht angegeben. Eine 1814
erschienene zweite vermehrte Auflage der deutschen Ausgabe enthlt
einen mit B. (Brockhaus) unterzeichneten Vorbericht des Herausgebers,
in welchem der betreffende Artikel der Leipziger Zeitung mitgetheilt
und der Herzog von Bassano (Maret), Staatssecretr Napoleon's als dessen
Verfasser bezeichnet wird.

Die beiden andern von Brockhaus noch vor dieser verlegten Schriften
Schlegel's, die in des Letztern Briefe erwhnt sind, waren gleichfalls
in franzsischen und deutschen Ausgaben ohne Angabe von Verlagsort und
Verleger erschienen, unter den Titeln: _Considrations sur la politique
du gouvernement danois. Par A. W. S._, deutsch: Betrachtungen ber
die Politik der dnischen Regierung. Von August Wilhelm Schlegel,
und: _Sur le systme continental et sur ses rapports avec la Sude_,
deutsch: Ueber das Continentalsystem und den Einflu desselben auf
Schweden von A. W. S.

August Wilhelm von Schlegel (geb. 1767, gest. 1845) begleitete
bekanntlich, nachdem er seit 1809 als schwedischer Legationssecretr
in Stockholm gelebt hatte, 1813 den Kronprinzen von Schweden nach
Deutschland und war als dessen Geh. Cabinetssecretr besonders mit
Abfassung von Proclamationen, Armeeberichten und politischen Broschren,
wie den eben erwhnten, beschftigt.

Eine andere noch Ende 1813 bei Brockhaus erschienene Broschre unter
dem Titel: Aufgefangene Briefe durch die leichten Truppen der
verbndeten Heere. Franzsisch und Teutsch, wurde nach Schlegel's
oben mitgetheiltem Schreiben ebenfalls von diesem zusammengestellt und
herausgegeben. Laut dem Vorwort sind es Auszge aus mehrern tausend
in einem franzsischen Felleisen vorgefundenen Briefen, das am 12.
September 1813 auf der Strae von Leipzig nach Wurzen in die Hnde von
Parteigngern gefallen war.

       *       *       *       *       *

Auer diesen Schlegel'schen Broschren verlegte Brockhaus aber,
besonders im Laufe des ersten Halbjahrs nach der Schlacht bei
Leipzig, noch eine ganze Reihe von Zeitbroschren politischen oder
kriegsgeschichtlichen Inhalts. Bei einer Ankndigung derselben in den
Deutschen Blttern hob er hervor, da ihr Erscheinen erst seit der
an den Tagen vom 16.-19. October wiedereroberten Prefreiheit mglich
geworden sei.

Am 26. Mrz 1814 schrieb er in gleichem Sinne an seinen Freund Villers
in Gttingen:

  Man mu die vielleicht kurze Zeit unserer Prefreiheit brav
  benutzen. Spterhin knnte man uns wieder ein Schlo ans Maul hngen.

So veranstaltete er im Mrz 1814 einen neuen Abdruck der vielgenannten
Schrift, wegen deren Verbreitung der nrnberger Buchhndler Johann
Philipp Palm auf Napoleon's Befehl am 26. August 1806 zu Braunau
erschossen worden war, unter dem Titel: Deutschland in seiner tiefsten
Erniedrigung. (Neuer wrtlicher Abdruck der Schrift, wegen welcher
Palm 1806 auf Befehl des Kaisers Napoleon zum Tode verurtheilt wurde.)
Mit einer Vorrede des jetzigen Herausgebers. Als Seitenstck dazu
verffentlichte er gleichzeitig: Sndenregister der Franzosen in
Teutschland. Ein Seitenstck zu der Schrift: Teutschland in seiner
tiefen Erniedrigung, mit dem Motto von Johannes Mller: Gesetzmige
Regenten sind heilig: da Unterdrcker nichts zu frchten haben, ist
weder nthig noch gut, und mit der Bezeichnung: Germanien, im Jahre
der Wiedergeburt, ohne sonstige Angabe von Verlagsort, Verleger und
Jahreszahl.

Auch zwei poetisch-patriotische Producte verlegte er: Die Erlsung
Deutschlands im Jahre 1813. Ein National-Singspiel (auf dem Titel
steht: Braunschweig, 1814. Gedruckt bei Friedrich Vieweg, doch war
die Schrift, deren Verfasser uns unbekannt, Verlag von Brockhaus), und:
Deutschland im Schlaf (geschrieben 1809) und Deutschlands Morgentraum
und Erwachen. Zwei politische Possenspiele, ebenfalls anonym, verfat
von Karl Georg Treitschke in Leipzig (geb. 1783, gest. 1855 als Geh.
Justizrath in Dresden).

       *       *       *       *       *

Eine Anzahl anderer Broschren ist direct gegen die Person Napoleon's
gerichtet.

In erster Linie ist hier die schon frher erwhnte, von Villers und
Saalfeld verfate Schrift zu nennen, die anonym unter dem Titel:
Hundert und etliche Fanfaronaden des Corsikanischen Abentheurers
Napoleon Buona-Parte Ex-Kaisers der Franzosen. _Cum notis variorum_, im
Juni 1814 erschien.

Eine zweite hnliche Schrift, deren Verfasser uns unbekannt, heit:
Federstreiche oder Lebenslauf des Ex-Kaisers der Franzosen in drei
Bchern: Epigrammen; das Schluepigramm lautet:

          Du lieest Blut, ich Tinte flieen,
          Schwarz hast Du Dich, nicht ich gemacht,
          Spar' nun mein Blut und Deine Macht,
          Und la mich nicht erschieen.

Eine dritte gegen Napoleon gerichtete Schrift erschien ebenfalls anonym
gleichzeitig franzsisch und deutsch unter den Titeln: _Lettre d'un
Anglois sur Napolon Buonaparte et le surnom le grand, qu'on lui a
donn, avec la traduction allemande_, und: Briefe eines Englnders
ber Napoleon Bonaparte, und den Beinamen der Groe, welcher ihm
beigelegt worden ist.

Endlich gehrt hierher noch eine geistvolle Satire: Die Oriflamme
oder der Pariser Enthusiasmus unter Napoleon dem Groen, Kaiser der
Franzosen, eine Sammlung merkwrdiger, vor der Auffhrung dieser Oper in
Paris gewechselter Briefe; als ein Beytrag zu der franzsischen Kunst,
das Volk gegen sein eignes Herz und seinen Verstand zu bearbeiten. Sie
trug auf dem Titel einen fingirten franzsischen Verlagsort: Nancy
1814 und erschien anonym; ihr Verfasser war Philipp Joseph von Rehfues
(geb. 1779, gest. 1843), spter durch seinen Roman Scipio Cicala
(1832) allgemeiner bekannt geworden.

       *       *       *       *       *

Weitere Zeitbroschren, die in diesen Jahren von Brockhaus verlegt
wurden, beschftigen sich vorzugsweise mit der Deutschland zu gebenden
politischen Verfassung.

Anonym erschienen zunchst zwei Schriften unter folgenden Titeln:
Erinnerung an die Vorzge und Gebrechen der ehemaligen Verfassung des
deutschen Reichs (1813), und: Der deutsche Bund wider das deutsche
Reich (1815). Ueber den Verfasser der erstern bemerkt Brockhaus in
einer Ankndigung, es sei einer unserer vorzglichsten Publicisten.
Die zweite Schrift, mit einem allegorischen Titelkupfer, das zwei Felder
mit den Unterschriften Deutscher Bund und Deutsches Reich zeigt,
befrwortet die Wiedererrichtung des alten Kaiserthums und eifert
gegen den eben damals gestifteten Deutschen Bund als einen bloen
Staatenbund. In ihr kommt unter anderm folgende durch die Zukunft
gerechtfertigte Stelle vor:

  Was ihr hoffen knnt, ist Krieg, weil von nun an der Streit ber
  die Oberherrschaft in Deutschland beginnen kann und wird und mu ....
  Unsere Enkel werden das, was hier unbeachtet bleibt, empfinden.

Eine Aufforderung an Preuen, sich an die Spitze Deutschlands zu
stellen, enthlt die umfnglichere Schrift: Preuen ber Alles, wenn es
will. Von einem Preuen (Germanien 1817), verfat von Samuel Gottfried
Reiche (geb. 1765, gest. 1849 als Rector des breslauer Gymnasiums), aber
anonym erschienen.

Auch patriotische Ansprachen, besonders an die Jugend gerichtet, finden
sich unter diesen Schriften, so: Vier Reden ber Vaterland, Freiheit,
deutsche Bildung und das Kreuz. An die deutsche Jugend gesprochen von
Karl Baumgarten-Crusius. Eine Weihnachtsgabe (1814). Die vierte Rede
war zuerst in den Deutschen Blttern abgedruckt worden und hatte
groen Beifall gefunden. Der Verfasser ist der bekannte Philolog (geb.
1786, gest. 1845 als Rector der Landesschule zu Meien).

Aehnlichen Charakter hat die anonyme Schrift: Auch ein Wort ber unsere
Zeit. 1) Von der unterscheidenden Eigenthmlichkeit derselben. 2) Was
sie von den in ihr Lebenden fodere. 3) Was sie ihnen gewhre (1815).

Eine kleine Schrift: Ueber Landsturm und Landwehr. In Beziehung auf
die Lnder zwischen der Elbe und dem Rhein (1813), empfiehlt diese
preuische Einrichtung auch dem brigen Deutschland.

Folgende drei Broschren enthalten wiederum rztliche Rathschlge
in Bezug auf den Krieg: Die Kriegspest oder das ansteckende
Hospital-Fieber. Eine Volksschrift zur Warnung und Belehrung von einem
schsischen Arzte; Ueber die jetzt herrschenden Lazarethfieber, ihre
Ursachen, Kennzeichen und Verwahrungsmittel. Von einem praktischen
Arzte (beide 1813 erschienen); endlich eine von _Dr._ Heinrich
Messerschmidt, Stadtphysikus zu Naumburg an der Saale (geb. 1776,
gest. 1842), verfate treffliche Schrift: Hand- und Lehrbchlein fr
Deutschlands Krieger und diejenigen im Volke, welche zu diesem hohen
Stande berufen sind. Daraus zu lernen, recht brave, tchtige Soldaten zu
werden und sich als solche in der Zeit der Noth selbst rathen und helfen
zu knnen (1815).

Zwei Broschren richten sich gegen die berchtigte Schrift des
bekannten Staatsrechtslehrers Professor Theodor Anton Heinrich Schmalz:
Berichtigung einer Stelle in der Bredow-Venturinischen Chronik von
1805 (Berlin 1815), in welcher dieser zuerst das Mistrauen der
deutschen Regierungen gegen den Geist der Zeit, namentlich gegen
politische Vereine wachrief und so die Reactionszeit inaugurirte. Die
beiden anonymen Broschren heien: Gegen den Geheimen Rath Schmalz
zu Berlin wegen seiner jngst herausgegebenen Worte ber politische
Vereine, und: Die neuen Obscuranten im Jahre 1815. Dem Herrn Geheimen
Rath Schmalz in Berlin und dessen Genossen gewidmet. Es sind, wie
auch auf den Titeln bemerkt, Separatausgaben zweier Aufstze aus den
Deutschen Blttern. Dieses Blatt hatte sich das Verdienst erworben,
gegen die Denunciationen von Schmalz zuerst energisch aufzutreten.

Im Jahre 1817 verlegte Brockhaus noch zwei Zeitbroschren verschiedenen
Inhalts von zwei namhaften, auf denselben aber nicht genannten
Schriftstellern: Ueber den jetzt herrschenden Geist der Unzufriedenheit
und Unruhe unter den Vlkern Europas. Ein Versuch zur Beschwichtigung
dieses Geistes, von Hofrath Karl Ludwig Methusalem Mller in Leipzig
(geb. 1771, gest. 1837, in den Jahren 1817-1831 Redacteur der Zeitung
fr die elegante Welt), und: Mahnung der Zeit an die protestantische
Kirche bei der Wiederkehr ihres Jubelfestes. Nebst einer Nachschrift an
die katholische Kirche und deren Oberhaupt. Fr Kleriker und Laien von
einem Laien, von dem bekannten Philosophen Professor Wilhelm Traugott
Krug in Leipzig (geb. 1770, gest. 1842), mit dem Brockhaus spter in
nhere Verbindung trat.

       *       *       *       *       *

Wir kommen nun zu den von Brockhaus in diesen Jahren verlegten kleinern
und grern Schriften, welche speciell die Zeitgeschichte betreffen,
und finden da zunchst eine Anzahl Broschren kriegsgeschichtlichen
Inhalts, welche meist noch die kriegerischen Ereignisse vor der Schlacht
bei Leipzig behandeln, whrend die sptern in grern Werken geschildert
sind.

An der Spitze der kriegsgeschichtlichen Broschren steht: Die
preuisch-russische Campagne im Jahre 1813; von der Erffnung bis zum
Waffenstillstande vom 5. Juni 1813; mit dem Plan der Schlacht von
Gro-Grschen, der Schlacht von Bautzen und dem Gefecht von Haynau. Von
C. v. W. Auf dem Titel heit es: Breslau, in Commission bei Christ.
Gottlob Kayser, ohne Jahreszahl; die Schrift war aber Verlag von
Brockhaus und erschien im Sommer 1813. Verfat wurde sie auf speciellen
Befehl des Knigs von Preuen von dem damaligen Oberst, sptern
General-Feldmarschall Freiherrn von Mffling (geb. 1775, gest. 1851),
dessen kriegsgeschichtliche Werke stets nur die Chiffre C. v. W. tragen.

Ein Seitenstck dazu bildet: Der Feldzug von 1813 bis zum
Waffenstillstand (ohne Angabe von Verleger und Verlagsort, mit der
Jahreszahl 1813). Als Verfasser nennt Brockhaus in den Deutschen
Blttern den General von Gneisenau, Chef des preuischen Generalstabes,
weil ihm das Manuscript wahrscheinlich von diesem zugesandt worden
war; die Schrift ist aber auf Gneisenau's Wunsch von dessen Stabschef
General Karl von Clausewitz (geb. 1780, gest. 1831) geschrieben und auch
in dessen Hinterlassenen Werken ber Krieg und Kriegfhrung wieder
abgedruckt.

Gleichzeitig (im October 1813) lie der bekannte General und
Militrschriftsteller Baron Henri Jomini (geb. 1779, gest. 1861) bei
Brockhaus eine kleine Broschre franzsisch und deutsch unter folgenden
Titeln erscheinen: _Extrait d'une brochure intitule: Mmoires sur
la campagne de 1813, par le gnral Jomini_, und: Auszug aus den
Memoiren ber den Feldzug von 1813 vom General Jomini. Er rechtfertigt
sich darin wegen seines 1813 nach der Schlacht bei Bautzen erfolgten
Uebertritts aus franzsischen in russische Dienste.

Noch vor der Schlacht bei Leipzig geschrieben, aber erst nach derselben
verffentlicht wurde eine Broschre von Ludwig Lders (Verfasser der
frher erwhnten Schrift: Das Continental-System): Welthistorische
Ansicht vom Zustande Europa's am Vorabend der Schlacht bei Leipzig
im Jahre 1813. Mit einem Plane der Schlacht bei Ltzen (1814). Sie
schildert die am 1. und 2. Mai 1813 geschlagene Schlacht bei Ltzen,
gewhnlich richtiger die Schlacht bei Grogrschen genannt, in der
Napoleon ber die vereinigte russisch-preuische Armee siegte, wodurch
Sachsen bis zur Elbe wieder in seine Hnde fiel. Die Schrift hat,
als von einem in der Nhe (in Altenburg) befindlichen gewissenhaften
Beobachter herrhrend, geschichtlichen Werth.

Wir schalten hier als Episode eine an diese Schlacht anknpfende und fr
Brockhaus' Charakterisirung nicht unwichtige Mittheilung ein, die vor
Jahren von dem inzwischen (1863) verstorbenen Geschichtschreiber und
Publicisten Johann Wilhelm Zinkeisen niedergeschrieben wurde, dessen
Vater Geh. Kammerrath in Altenburg war und zu Brockhaus' nhern Freunden
gehrte:

  Ich war damals ein Knabe von 11-12 Jahren, und erinnere mich sehr
  wohl, wie der wohlbeleibte aber uerst lebendige und bewegliche, so
  freundliche Herr Brockhaus, den wir Kinder alle so gern hatten, wenn
  irgendeine wichtige Nachricht eingetroffen war (denn er war immer am
  ersten und besten unterrichtet), oft schon in frhester Morgenstunde
  auer Athem zum Vater kam, um ihm dieselbe zu hinterbringen. Da
  wurde dann mit groem Feuer, aber auch mitunter nicht ohne manchen
  schweren Seufzer, darber hin- und hergestritten, wie die Dinge nun
  weiter laufen wrden, was man zu thun habe, was am Ende aus der Welt
  werden solle, wie lange es der Napoleon noch treiben werde u. s. w.
  Brockhaus sprach immer wie ein Begeisterter, und schien manchmal auer
  sich zwischen Hoffnung und Verzweiflung hin- und herzuschwanken. Mein
  Vater, berhaupt eine ernste Natur und in schon vorgercktem Alter,
  suchte dagegen zu beschwichtigen und rieth zu ruhiger Ausdauer.
  Mir sind dergleichen Eindrcke aus dieser schweren Zeit, die auf
  jugendliche Gemther auch tiefer einwirkte, so unvergelich geblieben,
  als ob ich sie erst gestern empfangen htte. Es ist mir immer noch,
  als ob ich Brockhaus eben erst zur Thr hinausgehen she, wenn er uns
  beim Weggehen etwa so zurief: Guten Morgen, Jungens, haltet euch
  wacker, sonst wird's schlimm, wenn Napoleon kmmt! Da lachten wir
  dann in unserer Einfalt recht herzlich ber den guten Herrn, obgleich
  es gewi weder ihm noch dem Vater zum Lachen war.

  Am tiefsten ist mir der Tag der Schlacht bei Ltzen aus dieser
  Zeit in Seele und Gedchtni eingegraben geblieben. Alles war an
  dem schnen Maitage vom frhesten Morgen in der grten Bewegung
  und Spannung. Die widersprechendsten Gerchte durchkreuzten sich.
  Brockhaus war am Vormittage mehrere male beim Vater und blieb dann bei
  uns zu Tische. Der Oberst von dem damals in Altenburg liegenden Corps
  des Generals Miloradowitsch, welcher bei meinen Aeltern mit seinen
  Adjutanten Quartier hatte, machte ein sehr bedenkliches Gesicht. Man
  sprach schon davon, da es gut sein wrde, wenigstens die Familie wo
  anderwrts hin in Sicherheit zu bringen. Whrend des Essens brachte
  eine Ordonnanz die Nachricht, man hre vor der Stadt ganz deutlich den
  Kanonendonner, welcher aus der Gegend zwischen Leipzig und Ltzen zu
  kommen scheine; es sei als ob er immer nher rcke; die Preuen seien
  geschlagen u. s. w. Brockhaus wurde nun sehr unruhig, sprang pltzlich
  vom Tische auf und rief: Wir mssen raus; kommt, Kinder, mit hinter
  den Pohlhof, da wird man's am besten hren! Mit diesen Worten nahm er
  mich ohne weiteres bei der Hand, und forderte die ganze Gesellschaft
  auf, ihm zu folgen, was sie auch that. Auf den weiten Pohlhofsfeldern
  nach Leipzig zu hatte damals das obengenannte Corps in unabsehbaren
  Reihen von Strohhtten sein Lager aufgeschlagen. Hinter demselben
  suchte Brockhaus einen etwas hher liegenden Punkt aus, warf sich
  dort zur Erde, und sagte bei jedem Kanonenschu, den er mittels der
  Fortpflanzung des Schalles durch den Erdboden vernahm: Sehr deutlich!
  sehr deutlich! Mir klingen die Worte noch in den Ohren. Ich wollte
  Ihnen den trefflichen Mann dabei malen. Wir Kinder hatten natrlich
  nichts Eiligeres zu thun als dem Beispiele desselben zu folgen,
  und vernahmen nun mit Jubel auch ganz deutlich den Kanonendonner,
  whrend mein Vater mit sehr bedenklicher Miene daneben stand und, die
  Taschenuhr in der Hand, die dumpfen Kanonenschlge nach der Minute
  zhlte. Je vernehmlicher sie aber wurden, desto ernster schien ihm die
  Lage zu werden. Nach einer Stunde etwa eilte man in die Stadt zurck.
  Brockhaus brachte am Nachmittage wieder verschiedene unbestimmte und
  bengstigende Nachrichten. Er war auch noch am Abend wieder bei uns,
  wo Alles, wie es damals Brauch war, um den groen runden Tisch sa
  und Charpie zupfte. Da ertnt pltzlich Alarm durch die Straen, und
  zu gleicher Zeit sieht man vor der Stadt eine ungeheuere Feuersule
  aufsteigen. Miloradowitsch hatte Befehl erhalten, noch in der Nacht
  nach Ltzen hin aufzubrechen, und vorher sein ganzes Lager in Brand
  gesteckt. Brockhaus eilte fort, um nhere Nachrichten einzuziehen. Das
  Uebrige ist bekannt.

An die Schlacht bei Ltzen sowie an die leipziger Schlacht knpft
auch eine kleine Schrift des Geschichtschreibers Karl Curths (geb.
1764, gest. 1816) an und stellt beide Schlachten mit zwei an denselben
Orten geschlagenen zusammen. Sie fhrt den Titel: Die Schlacht bei
Breitenfeld unweit Leipzig am 7. September 1631 und die Schlacht bei
Ltzen am 7. November 1632. Zwei Scenen des Dreiigjhrigen Kriegs und
Gegenstcke zu den Schlachten bei Ltzen am 2. Mai 1813 und bei Leipzig
am 16., 18. und 19. October 1813 (1814). Von demselben Verfasser
verlegte Brockhaus gleichzeitig eine geschichtliche Monographie:
Die Bartholomusnacht 1572. Curths hat sich besonders durch seine
Fortsetzung von Schiller's Geschichte des Abfalls der vereinigten
Niederlande bekannt gemacht.

Ueber die Schlacht bei Leipzig erschienen in Brockhaus' Verlage neben
den in den Deutschen Blttern enthaltenen ausfhrlichen Schilderungen
keine besondern Werke.

       *       *       *       *       *

Auer diesen kriegsgeschichtlichen verlegte er noch einige andere
zeitgeschichtliche Broschren, zunchst (1814) eine solche von dem
Marquis de la Maisonfort (geb. 1763, gest. 1827), einem Anhnger der
Bourbonen, der 1814 mit Ludwig XVIII. nach Paris zurckkehrte, unter dem
Titel: _Tableau politique de l'Europe, depuis la bataille de Leipzic,
gagne le 18 octobre 1813. crit  Londres le 4 dcembre 1813_;
dieselbe erschien auch in deutscher Uebersetzung: Politisches Gemlde
von Europa nach der Schlacht bei Leipzig den 18. October 1813. London
den 4. December 1813. Mit Anmerkungen und einer Frage: Was hofft Europa
seit dem 3. April 1814.

Daneben verffentlichte er die Broschre: Der Minister Graf von
Montgelas unter der Regierung Knig Maximilian's von Baiern (1814),
worin dieser bairische Minister gegen eine vom Grafen Reisach
geschriebene Schrift vertheidigt wird. Brockhaus war mit dem Minister
Montgelas auf einer im Sommer 1814 nach Stuttgart und Mnchen
unternommenen Reise bekannt geworden, und dies war wol die Veranlassung
zu dem Verlage dieser Broschre.

Eine andere kleine Schrift: Die Moskauer Kanonen-Sule oder der
Sieges-Obelisk. Nebst einer Abbildung (1814), ist von Karl August
Bttiger in Dresden verfat; sie ist die einzige selbstndige Schrift,
die Brockhaus von diesem Schriftsteller verlegte (freilich ist auch sie
nur ein Separatabdruck aus den Deutschen Blttern), whrend dieser mit
ihm fortwhrend in dem lebhaftesten Briefwechsel stand und an fast allen
seinen Journalen und encyklopdischen Werken mitarbeitete.

       *       *       *       *       *

Von hervorragendem Interesse endlich sind zwei Broschren, die im
Jahre 1816 in Brockhaus' Verlage erschienen und den berchtigten
Polizeiminister Napoleon's, Fouch, Herzog von Otranto, zum Verfasser
hatten.

Joseph Fouch, 1763 zu Nantes geboren, erst Lehrer, dann Advocat,
war whrend der Franzsischen Revolution bekanntlich ein eifriger
Anhnger Danton's gewesen und hatte sich an den Greueln in Lyon lebhaft
betheiligt. Er erhielt 1799 die Direction der Polizei in Paris und wurde
von Napoleon nach dem sterreichischen Kriege zum Herzog von Otranto
ernannt. Nach 1810 in Ungnade gefallen, wurde er 1813 Generalgouverneur
von Illyrien, 1815 whrend der Hundert Tage nochmals Polizeiminister,
stellte sich nach Napoleon's Niederlage bei Waterloo an die Spitze
der provisorischen Regierung und wurde dann von Ludwig XVIII. als
Gesandter nach Dresden geschickt. Whrend dieses dresdener Aufenthalts
schrieb er die beiden von Brockhaus verlegten Schriften. Bald darauf
mute er, durch das Verbannungsdecret vom 12. Januar 1816 gegen die
sogenannten Knigsmrder mit getroffen, seine Stellung und berhaupt den
Staatsdienst verlassen und zog sich erst nach Prag, dann nach Linz und
endlich nach Triest zurck, wo er 1820 starb.

In jenen beiden Schriften versuchte er vergeblich, sich zu rechtfertigen
und vor dem Verluste seiner Stellung zu schtzen.

Die erste ist in die Form eines Briefs an den Herzog von Wellington,
der zu seinen Gnnern gehrte, gekleidet und fhrt den Titel:
_Correspondance du duc d'Otrante avec le duc de *** Premire lettre.
Dresde, le premier Janvier, 1816._ Sie enthlt auer dem 48 Seiten
umfassenden Briefe an den Herzog von Wellington (dessen Name aber nicht
genannt ist) ein von Brockhaus unterzeichnetes 4 Seiten langes Vorwort,
berschrieben _L'diteur au public_ und Altenburg, 15. August 1816
datirt. Brockhaus warnt darin vor einem soeben angeblich in London
gedruckten unberechtigten und verstmmelten Abdrucke des Briefes,
kndigt einen zweiten und dritten Brief an, die inde nie erschienen,
und verffentlicht zugleich den Privatbrief Fouch's an Wellington,
welcher die Veranlassung zu der Schrift erklrt.

Die zweite Schrift wurde gleichzeitig franzsisch und deutsch
herausgegeben unter den Titeln: _Notice sur le duc d'Otrante_ und:
Aus dem Leben Joseph Fouch's, Herzogs von Otranto. Nach authentischen
Quellen und mit wichtigen Actenstcken fr die neueste Zeitgeschichte.
Anhang: Brief Fouch's an Wellington, Dresden, 1. Januar 1816.

Brockhaus hatte beide Schriften durch Vermittelung seines Freundes
Bttiger erhalten und verkehrte darber brieflich und mndlich mit
Fouch's Secretr, Demarteau in Dresden. Er bewog einen londoner
Verleger (Colburn) und einen amsterdamer (Slpke), ihre Firmen neben
der seinigen auf den Titel setzen zu lassen, und hegte berhaupt
groe Erwartungen von dem buchhndlerischen Erfolge dieser Schriften.
Wenn er auch fr ihren Inhalt und Verfasser in keiner Weise eintrat,
hob er doch deren unzweifelhafte Wichtigkeit fr die Zeitgeschichte
hervor. Inde entsprach der Absatz keineswegs seinen Hoffnungen und der
aufgewendeten Mhe, besonders wol, weil jener unberechtigte Abdruck
des Briefes vorher erschienen war und das verdiente Schicksal Fouch's
keine groe Theilnahme erregte. An diesen Umstnden und an Fouch's
Sturze scheiterten auch die von Brockhaus mit Demarteau angeknpften
Unterhandlungen ber den Verlag von Fouch's Memoiren, fr die er
bei einem Umfange von ungefhr 120 Druckbogen 12000 Francs geboten
hatte. Sie wurden erst nach Fouch's Tode in Paris unter dem Titel:
_Mmoires de Fouch_ (2 Bnde, 1824), verffentlicht und rhren auch
wahrscheinlich von ihm her, obwol sie von seinen Erben als unecht
angegriffen wurden.

       *       *       *       *       *

Neben diesen die verschiedensten Gebiete berhrenden Zeitbroschren
verlegte Brockhaus auch whrend der altenburger Periode eine Reihe der
eigentlichen Geschichte gewidmeter Werke, zum Theil grern Umfangs und
der Mehrzahl nach ebenfalls die nchste Vergangenheit behandelnd.

       *       *       *       *       *

Die beiden wichtigsten Werke dieser Gattung rhren von einem
Schriftsteller her, der uns schon als fleiiger Mitarbeiter an den
Deutschen Blttern und als Mitverfasser einer gegen Napoleon
gerichteten Broschre, der mit seinem Freunde Villers zusammen
herausgegebenen Fanfaronaden, begegnet ist: Friedrich Jakob Christoph
Saalfeld (geb. 1785, gest. 1834), Professor der Geschichte an der
Universitt Gttingen und freisinniges Mitglied der hannoverschen
Stndeversammlung.

Das erste Werk ist eine Allgemeine Geschichte der neuesten Zeit,
seit dem Anfange der Franzsischen Revolution; es begann 1815, die
Vollendung erfolgte aber erst 1823 (in 4 Bnden zu je 2 Abtheilungen,
also zusammen 8 Theile umfassend); den Endpunkt bildet der Aachener
Congre von 1818.

Das zweite ist eine Geschichte Napoleon Buonaparte's, deren erste
Auflage (1815 in einem Bande) bis zur Ankunft auf Elba reicht, whrend
die zweite umgearbeitete Auflage (1816 und 1817 in zwei Theilen)
die Geschichte Napoleon's bis zu seiner Abfhrung nach Sanct-Helena
fortsetzt.

Beide Werke erregten Aufsehen und fanden lebhaften Beifall, da sie
von deutsch-patriotischem Standpunkte und mit voller Benutzung der
wiedergewonnenen Prefreiheit geschrieben waren; doch hatte eben
deswegen besonders die Geschichte Napoleon's auch harte Angriffe zu
bestehen.

       *       *       *       *       *

Ein drittes greres Werk ber die Zeitgeschichte ist: Rulands
und Deutschlands Befreiungskriege von der Franzosen-Herrschaft ber
Napoleon Buonaparte in den Jahren 1812-1815 (4 Theile mit zahlreichen
Kupfern und Karten, 1816-1819), verfat von _Dr._ Karl Heinrich Georg
Venturini (geb. 1768, gest. 1849), der lange Jahre (1807-1844) als
Pastor zu Hordorf im Braunschweigischen wirkte und sich hauptschlich
durch seine Natrliche Geschichte des groen Propheten von Nazareth
(4 Theile, Bethlehem, d. i. Jena, 1806) bekannt gemacht hat, durch das
hier vorgefhrte Werk und die Fortsetzung der von Bredow begonnenen
Chronik des neunzehnten Jahrhunderts (34 Bnde, Altona und Leipzig
1808-1837) sich aber auch als Geschichtschreiber einen geachteten Namen
erwarb. Nicht zu verwechseln mit ihm ist sein als Militrschriftsteller
und Strateget bekannter jngerer Bruder Johann Georg Julius Venturini,
braunschweigischer Offizier (geb. 1772, gest. 1802).

Der erste Theil dieser Schilderung der Befreiungskriege behandelt den
Krieg in Ruland 1812, der zweite den in Deutschland 1813, der dritte
den Krieg in Frankreich und Italien 1814, der vierte den Krieg im
Niederlande, Frankreich und Italien.

       *       *       *       *       *

Speciell den Krieg in Ruland betrifft das Werk: _A narrative of the
campaign in Russia in 1812_ von dem als Hofmaler des Kaisers Alexander
in Petersburg lebenden Englnder Robert Ker Porter (geb. 1774, gest.
1842), welches in einer Uebersetzung unter dem Titel: Der russische
Feldzug im Jahre 1812 von _Dr._ Paul Ludolf Kritz (geb. 1788, gest.
1869 als Oberappellationsrath in Dresden) 1815 bei Brockhaus erschien.

       *       *       *       *       *

Zu dem geschichtlichen Verlage gehrt endlich noch eine
kriegsgeschichtliche Zeitschrift, die Brockhaus in Verbindung mit dem
schsischen Oberlandfeldmesser und frhern Offizier Wilhelm Ernst August
von Schlieben, von dem er gleichzeitig das frher erwhnte Werk: Die
Elemente der reinen Mathematik verlegte, im Jahre 1817 begann.

Bei seiner Vorliebe fr journalistisch-encyklopdische Unternehmungen
suchte er in dieser Zeitschrift einen Mittelpunkt fr die betreffende
Literatur zu schaffen. Er verffentlichte den wohldurchdachten, von
genauer Kenntni der Verhltnisse zeugenden Plan in einer im April
1816 datirten, von ihm unterzeichneten Ankndigung in den Deutschen
Blttern, die mit der Bemerkung: Auch als Vorrede zum ersten Bande zu
betrachten, vor diesem wieder abgedruckt ist. Sie lautet:

  Die Kriegskunst hat einen so wesentlichen Antheil an der
  gegenwrtigen Entwickelung des Staatenschicksals von Europa gehabt,
  da es fr den Geschichtsfreund berhaupt, wie fr den Kriegskundigen
  insbesondere, ein wissenschaftliches Bedrfni geworden ist, einzelne,
  fr grere Werke oft gar nicht geeignete und dennoch fr die Theorie
  sowol als fr die Praxis, oder fr die allgemeine Geschichte wichtige
  Beobachtungen und Erfahrungen, berhaupt Alles, was die Geschichte
  der Kriegskunst in dem 19. Jahrhunderte betrifft und neu ist, von
  Augenzeugen zu sammeln, und die Ansichten sachkundiger Mnner von
  denkwrdigen Kriegsereignissen in einem diesem Zwecke ausschlieend
  gewidmeten Archive zu vereinigen.

  Die schtzbarsten Beitrge zu von Blow's, von Scharnhorst's
  und Anderer Schriften liegen in den Tagebchern verdienter
  Offiziere verborgen, welche in einer Zeitschrift, wie von
  Rouvroy's Militrische Minerva oder von Rhl's Pallas oder die
  Oesterreichische militrische Zeitschrift und hnliche Archive
  der Kriegsgeschichte waren, einen Ehrenplatz einnehmen wrden.
  Sollen diese handschriftlichen Bemerkungen und Nachrichten fr die
  Wissenschaft verloren gehen und vergessen werden, oder soll man
  warten, bis sie spt, nach dem Tode der Augenzeugen, in zerstreuten
  Denkwrdigkeiten erscheinen, wo sie der ffentlichen Prfung und
  Vergleichung mit andern Thatsachen weniger unterliegen?

  Jetzt, da die Waffen ruhen und die mit Lorbern umwundenen
  Feldtagebcher geordnet werden, jetzt ist die Erinnerung an Alles, was
  geschehen, ebenso lebendig und frisch, als das Bedrfni des Forschens
  und Wissens lebhaft. Sollten daher unsere tapfern Zeitgenossen nicht
  unter sich austauschen und gegenseitig kriegskundig prfen wollen, was
  sie beobachtet, gethan und erfahren, was sie Schtzbares fr Kunst
  und Wissenschaft selbst eingesammelt haben? Die Kriege seit 1792
  bieten fr die Geschichte der Kriegskunst so reiche Ausbeute dar,
  da es einer kriegsgeschichtlichen Zeitschrift in einer zwanglosen
  Folge von Bnden, wie die unsrige sein soll, nicht an neuem Stoffe
  von wissenschaftlichem Werthe fehlen wird, wenn die einsichtsvollen
  Kriegsmnner aus allen Heeren, welche seit 1792 in den meisten Lndern
  Europas fast nach denselben Grundstzen kriegsknstlerischer Bildung
  gefochten haben, sich fr unsern Zweck mit uns vereinigen wollen.

  Wir laden sie, als die vollgltigsten Zeugen der ewig denkwrdigen
  Geschichte unserer Zeit, hierzu mit dem Vertrauen ein, das uns unsere
  Ueberzeugung von dem geistigen Zusammenhange und dem Gemeingeiste,
  der jetzt alle Gebildete zu wissenschaftlicher Thtigkeit hinfhrt,
  nicht ohne Ursache einflt. Denn schon erfreuen wir uns der Zusage
  mehrerer wrdigen Mnner, und wir knnen dem Publikum versprechen, da
  es in unsern kriegsgeschichtlichen Monographien nur Erzhlungen und
  Charakteristiken von bedeutenden oder minder bekannten denkwrdigen
  Kriegsbegebenheiten, vorzglich aus der neuesten Zeit, von
  Augenzeugen und Theilnehmern kriegskundig abgefat, oder aus weniger
  zugnglichen Quellen mit Kritik ausgewhlt, und durch Karten und
  Plane, wo es die Wissenschaft erfordert, erlutert, ohne Beimischung
  von Politik noch fremdartigen Dingen finden wird.

  Jeder Band von 24-30 Bogen soll sechs und mehr Erzhlungen oder
  Darstellungen dieser Art enthalten. Der erste wird zur Ostermesse des
  nchsten Jahres erscheinen, und die Fortsetzung unsers Unternehmens
  kann, wie wir nach den getroffenen Maregeln hoffen drfen, nur an
  Neuheit und Interesse gewinnen.

  Alle Beitrge, zu denen dringend eingeladen wird und die auf
  Verlangen angemessen honorirt werden, sind an unterzeichneten Verleger
  zu senden.

Die Zeitschrift fhrte den Titel: Kriegsgeschichtliche und
kriegswissenschaftliche Monographien aus der neuern Zeit seit dem
Jahre 1792, und trat zur Ostermesse 1817 mit dem ersten Bande ins
Leben, worauf 1818 und 1819 ein zweiter und dritter Band folgten.
Mit dem dritten Bande hrte sie auf und war so kaum ber die ersten
Anfnge hinausgekommen, wol theils durch die Schuld des Herausgebers
von Schlieben (der brigens auf dem Werke nicht genannt ist), theils
wegen Mangels an geeigneten Beitrgen. Brockhaus schrieb darber an den
Herausgeber:

  Die Bcher haben wie die Menschen ihren Glcks- und Unglcksstern,
  und alles Verdienst reicht da nicht aus. Aber es wre im Kampf der
  Bcher mit der Welt nicht weise, auf einer Idee zu beharren, wenn
  das Publikum, fr das man einmal schreibt und setzt und druckt, ein
  Anathema ausspricht.

Ein werthvoller monographischer Beitrag zur Geschichte der Jahre 1813
und 1814 sind die Briefe ber Hamburgs und seiner Umgebungen Schicksale
whrend der Jahre 1813 und 1814. Geschrieben von einem Augenzeugen im
Sommer und Herbst 1814, wovon 1815 zwei Hefte erschienen, denen 1816
noch ein drittes folgte. Der auf dem Titel nicht genannte Augenzeuge
war der Prediger Friedrich Gottlieb Crome (gest. 1850).

Ferner verlegte Brockhaus auch (1817) eine Biographie Wellington's unter
dem Titel: Arthur, Herzog von Wellington. Sein Leben als Feldherr und
Staatsmann. Nach englischen Quellen, vorzglich nach Elliot und Clarke,
bearbeitet und bis zum September 1816 fortgesetzt; die Uebersetzung
war von Adolf Wagner angefertigt und dann von Professor Hasse revidirt
worden.

       *       *       *       *       *

Betreffen die bisjetzt vorgefhrten Werke theils die allgemeine
Zeitgeschichte und ihre Hauptpersonen, theils Ereignisse in Preuen
und Norddeutschland, so verlegte Brockhaus in der letzten Zeit seines
altenburger Aufenthalts auch zwei Geschichtswerke, die sich speciell mit
der Erhebung Oesterreichs gegen Frankreich im Jahre 1809 beschftigen
und noch heute als die wichtigsten Quellen fr die Geschichte dieses
Kampfes gelten, da sie von dem Haupturheber und eifrigsten Frderer
derselben, Joseph Freiherrn von Hormayr, selbst herrhren: seine
berhmten Werke ber Andreas Hofer und ber den Tirolerkrieg.

Hormayr war 1781 zu Innsbruck geboren, wurde 1803 Director des
Staatsarchivs in Wien und trat bald in nhere Beziehungen zu dem
Erzherzog Johann. Dieser war 1800 im Alter von 18 Jahren an die Spitze
des sterreichischen Heeres gestellt worden und hatte seit dem Verluste
Tirols, das bekanntlich 1805 in dem Preburger Frieden von Oesterreich
an Baiern abgetreten werden mute, Alles darangesetzt, dieses Land fr
Oesterreich zurckzugewinnen. Hormayr wurde von dem Erzherzog mit den
Vorbereitungen zu einem Aufstande Tirols beauftragt und wute auch
die Insurgirung des Landes trefflich zu bewerkstelligen. Whrend der
Erzherzog das Heer von Innersterreich befehligte, bernahm Hormayr die
Verwaltung des Landes. Als aber Tirol von den Oesterreichern wieder
gerumt werden mute (erst 1814 kam es bleibend in Oesterreichs Besitz),
kehrte Hormayr nach Wien zurck und wurde 1816 zum Historiographen des
Reichs ernannt. Hier schrieb er jene beiden Werke. Spter, nachdem
sein frstlicher Gnner in Ungnade gefallen war, trat er in den
bairischen Staatsdienst ber, wurde 1828 im Ministerium des Aeuern
in Mnchen angestellt, war dann bairischer Ministerresident, erst in
Hannover, zuletzt bei den Hansestdten, und wurde endlich Director des
Reichsarchivs in Mnchen, wo er am 5. November 1848 starb, nachdem er
noch die Wahl seines frstlichen Gnners zum Deutschen Reichsverweser
erlebt hatte.

Das erste Werk (Ende 1816 mit der Jahreszahl 1817 erschienen) fhrt
den Titel: Geschichte Andreas Hofer's, Sandwirths aus Passeyr,
Oberanfhrers der Tyroler im Kriege von 1809. Durchgehends aus
Original-Quellen, aus den militrischen Operations-Planen, sowie aus
den Papieren Hofer's, des Freyh. von Hormayr, Speckbacher's, Wrndle's,
Eisenstecken's, der Gebrder Thalguter, des Kapuziners Joachim Haspinger
und vieler Anderer; die zweite Auflage (1845 erschienen) fhrt
neben und vor jenem frhern noch den Titel: Das Land Tyrol und der
Tyrolerkrieg von 1809.

Das zweite Werk (1817 erschienen) heit: Das Heer von Innerstreich
unter den Befehlen des Erzherzogs Johann im Kriege von 1809 in
Italien, Tyrol und Ungarn. Von einem Stabsoffizier des k. k.
Generalquartiermeister-Stabes eben dieser Armee; durchgehends aus den
officiellen Quellen, aus den erlassenen Befehlen, Operationsjournalen
u. s. w.; eine zweite durchaus umgearbeitete und sehr vermehrte
Auflage erschien 1848, kurz vor des Verfassers Tode.

Auf keinem der beiden Werke war Hormayr als Verfasser genannt,
auf dem zweiten vielmehr ein Stabsoffizier des k. k.
Generalquartiermeister-Stabes der betreffenden Armee als solcher
bezeichnet, beiden aber ein officieller Charakter beigelegt.

Letzterer Umstand berhrte in den Hofkreisen Wiens sehr unangenehm;
man war daselbst berhaupt mit diesen Verffentlichungen ebenso wenig
einverstanden als mit dem Verhalten des Erzherzogs Johann in dem tiroler
Kriege. Ueber den Verfasser wurden die strengsten Untersuchungen
angestellt und zuerst die Biographie Hofer's, dann auch die Geschichte
des Feldzugs in Wien verboten.

Aus der Correspondenz zwischen Hormayr und Brockhaus geht brigens
als zweifellos hervor, da der eigentliche Verfasser oder wenigstens
Veranlasser beider Werke gar nicht Hormayr war, sondern Niemand anders
als der Erzherzog Johann selbst.

Die Correspondenz wurde mit uerster Vorsicht gefhrt, die Briefe
wurden von Hormayr meist ohne Unterschrift gelassen, oft in dritter
Person geschrieben, an fremde Adressen gerichtet, Duplicate abgesandt
u. s. w. Hormayr, der mit Brockhaus auch sonst in literarischen
Beziehungen stand und von ihm besonders um Schritte gegen einen
Nachdruck des Conversations-Lexikon ersucht worden war, vertraute
unbedingt auf dessen Discretion, mahnte inde in ihrem beiderseitigen
Interesse zur uersten Vorsicht.

Am 26. April 1817 schrieb er aus Wien an Brockhaus:

  .... Das Verbot gegen Hofer ist in ein paar Monaten ohnedies
  zurckgenommen. Man schmt sich dessen bereits.

  Tolleres und Unsinnigeres knnte aber nichts geschehen,
  nichts knnte meine uerst glcklichen Negociationen fr das
  Conversations-Lexikon und gegen dessen Nachdruck in Oesterreich
  zerstrender und unheilbarer durchkreuzen, als wenn der brigens
  genialische Oken in seiner gttlichen und unbertrefflichen Grobheit
  in der ohnehin uerst verhaten Isis etwas Anzgliches ber das
  Verbot Hofer's sagte und es dadurch erst recht bestrkte und
  verewigte, zugleich aber auch Ihnen und Ihren Artikeln insgesammt eine
  frmliche und systematische Verfolgung des Frsten Metternich zuzge,
  welche unausbleiblich zu erwarten steht.

Brockhaus beruhigte ihn darber und schrieb unter anderm auch: er werde
dem Erzherzog Johann bei der Sendung des neuen Werks die von diesem
bestellten weitern Exemplare des Hofer schicken.

Hormayr antwortete unterm 5. Juni 1817:

  Der Erzherzog wnscht, da die 10 Exemplare von Hofer nebst den
  andern 20 nicht vergessen werden, wnscht brigens, da das Erscheinen
  der Kriegsgeschichte noch um mehrere Wochen verzgert werde, wenn es
  mit Ihrer brigen Berechnung in Einklang zu bringen ist. Er vermuthet,
  es seien auf indirecten schlauen Wegen aus Anla des Mekatalogs schon
  Anfragen bei Ihnen um dieses Manuscript (Das Heer von Innerstreich)
  geschehen, wnscht aber um so mehr strenge Verschwiegenheit, wie Sie
  dazu gekommen, als er selbst und sein Generalquartiermeister Graf
  Nugent, jetzt Generalissimus des Knigs Ferdinand von Neapel, die
  eigentlichen Verfasser davon sind.

  Unser erhabener Freund lt Sie avisiren, auf das Manuscript
  und dessen schleunige Vertilgung bedacht zu sein, da nach einem
  allerneuesten Beispiele A. M. einzelne Bogen zweier Manuscripte in
  Ihrer Nhe stehlen lie und hierher einsendete.

Mit A. M., von dem hier so Ehrenwerthes berichtet wird, war der
sterreichische Diplomat und Schriftsteller Adam Mller gemeint, in den
Jahren 1815-1827 sterreichischer Generalconsul in Leipzig. Geboren 1779
zu Berlin, war er von Gentz, der viel auf ihn hielt, nach Wien gezogen
worden und dort 1805 zum Katholicismus bergetreten; er wurde spter
Hofrath im Ministerium des Auswrtigen in Wien und starb daselbst 1829.

Auch Adam Mller gehrte zu Brockhaus' Autoren, bis dieser von Hormayr
und Andern vor ihm gewarnt wurde und selbst Beweise erhielt, da
diese Warnungen fast schon zu spt kamen. Er hatte von ihm 1816 eine
staatswirthschaftliche Schrift verlegt: Versuche einer neuen Theorie
des Geldes mit besonderer Rcksicht auf Grobritannien, und 1817 das
erste Heft eines auf 8-10 Hefte berechneten Sammelwerks unter dem
Titel: Die Fortschritte der nationalkonomischen Wissenschaft in
England whrend des laufenden Jahrhunderts. Eine Sammlung deutscher
Uebersetzungen der seit dem Jahre 1801 bis jetzt erschienenen
bedeutendsten parlamentarischen Reports, Flug- und Streitschriften,
Recensionen u. s. w., welche zur Frderung und Berichtigung der
staatswirthschaftlichen Theorie beigetragen haben. Adam Mller nannte
sich zwar nicht auf dem Titel, aber in der Einleitung als Herausgeber,
mit der Bemerkung, da er durch seine amtliche Thtigkeit an der
Fortsetzung gehindert sei, die ein anderer Gelehrter bernehmen werde;
diese Fortsetzung erschien inde nicht. Beide Schriften sollten
ursprnglich von Schaumburg in Wien verlegt werden, waren Brockhaus aber
noch vor ihrer Druckvollendung von dem Verfasser angetragen worden.
Mller arbeitete auch zuerst an den von Brockhaus herausgegebenen
Zeitgenossen mit und lieferte die dieses Werk erffnende Biographie
Franz' I., Kaisers von Oesterreich, die auch in einer Separatausgabe
(1816) erschien.

Hormayr hatte schon unterm 20. August 1816 an Brockhaus geschrieben:

  Adam Mller ist ein Agent der sterreichischen geheimen Polizei. Wir
  Beide sind berdies persnliche Feinde. Ich finde es in mehr als einer
  Hinsicht nothwendig, diese lange versparte Warnung hier auszusprechen.

Nachdem er diese Warnung in der oben mitgetheilten verstrkten Weise
wiederholt hatte, fgt er am 10. October 1817 hinzu:

  Sie glauben gar nicht, wie A. M. sich geschftig macht, eine
  Wichtigkeit erhaschen will, beinahe in jeder Buchhandlung seine Spione
  hat und das Banner des Obscurantismus und des Prezwanges recht hoch
  aufwirft und recht laut predigt. Zuerst Jude, dann evangelisch, jetzt
  intolerant katholisch, mit einer seinem Gastfreund und Wohlthter in
  Gropolen entfhrten Frau Vertheidiger der Unauflsbarkeit der Ehen,
  frher ein Vordermann der _librales_ und _constitutionnels_, jetzt
  der Feldpater des Despotismus -- mu er allerdings viel Hochachtung
  und viel Zutrauen auf seinen Charakter einflen!

Am 22. October 1817 schrieb Hormayr weiter:

  Was ist zu hoffen, wenn es einem boshaften Heuchler wie A. M.
  gelingt, durch Wort und That so klar und schn bezeichnete
  deutsche Mnner, wie Sie und Perthes, als _librales_, als
  _ultra-constitutionnels_, als Girondisten auszuschreien und eine
  Verfolgung gegen Sie zu provociren, nicht wegen des Inhalts dieser
  oder jener Werke, sondern weil sie #bei Ihnen# erscheinen?

Inzwischen waren die Nachforschungen nach dem Verfasser der beiden
Hormayr'schen Werke fortgesetzt worden.

Bttiger fragte direct bei Brockhaus nach dem Namen des Verfassers
der Kriegsgeschichte, von dem sterreichischen Gesandten in Dresden
wahrscheinlich gerade wegen seines nahen geschftlichen und
freundschaftlichen Verhltnisses zu Brockhaus mit diesem delicaten
Auftrage betraut. Er schrieb an ihn unterm 24. October 1817 aus Dresden:

  Wer ist der Stabsoffizier vom Generalstabe, der den Krieg in
  Innerstreich vom Jahre 1809 in Ihrem Verlage nebst allen dazu
  gehrigen Actenstcken herausgab? Knnen, drfen Sie ihn nennen?
  Ich gehe ehrlich zu Werke, wie sich's gegen den Freund ziemt ....
  Das Buch hat auf den Kaiser selbst und seinen Alles vermgenden
  Generaladjutanten einen sehr unangenehmen Eindruck gemacht, weil es
  aus officiellen Quellen geschpft, sehr authentisch, aber auch in
  Erinnerung frherer Fehlgriffe und Fehlschlagungen sehr schmerzlich
  ist. Frst Metternich hat dem k. sterreichischen Gesandten (in
  Dresden) Graf Bombelles die dringendsten Auftrge zur Erforschung des
  Verfassers ertheilt.

Obwol Bttiger im Weitern selbst eine Klage gegen Brockhaus als
wahrscheinlich hinstellt, wenn der Verfasser nicht genannt wrde,
antwortete dieser unterm 29. October 1817 doch ablehnend und bat
Bttiger, auch dem Grafen Bombelles zu sagen, da er ber den wirklichen
Verfasser und Einsender des Manuscripts selbst nichts Sicheres wisse.
Er handelte dabei nach speciellen Instructionen des Erzherzogs Johann,
der ihn auerdem durch Hormayr wiederholt um strengste Discretion bitten
lie.

Bttiger beruhigte sich dabei noch nicht, da er auch direct von Wien
aus, wo er wie allerwrts Verbindungen hatte, um Nachforschungen
angegangen wurde. In einem Briefe vom 9. November 1817 an Brockhaus sagt
er:

  Unser (schsischer) Legationsrath Griesinger in Wien schreibt mir,
  da sich bereits smmtliche Offiziere des Generalstabes feierlichst
  von der Autorschaft und der Einsendung des Kriegs von Innerstreich
  losgesagt htten und da man allgemein glaube, da eine Civilperson
  Urheber sei. (Man hlt es auf Hormayr.) Der Kaiser will Alles
  daransetzen, um den Urheber dieses Skandals zu erfahren.

In Wien wute man gewi schon lngst, da Hormayr der Verfasser oder
Einsender der Werke und der Erzherzog Johann dabei betheiligt sei,
wollte aber von dem Verleger das Eingestndni davon erlangen.

Hormayr schreibt an Brockhaus unterm 16. November 1817:

  In Wien sind wol ber zehn Generale, denen der Erzherzog das
  Manuscript selbst zu lesen gab, die also gar wohl wissen, da er
  selbst der Verfasser und nur Ein und Anderes aus andern Quellen
  ergnzt ist. Meinen Stil, meine Darstellung darin zu erkennen, wre
  wahrhaftig ein wahres Kunststck.

In Betreff der Autorschaft der Kriegsgeschichte sagt Hormayr in einem
Briefe aus Brnn vom 28. August 1816 noch directer, da sie aus dem
Tagebuche und Operations-Journale des Erzherzogs Johann, damaligen
Commandirenden in Italien, genommen ist.

Unangenehm war es Hormayr, da gerade in derselben Zeit (1817), wo
man in Wien besonders wegen der Bemerkung auf dem Titel des Werks:
Von einem Stabsoffizier u. s. w. verletzt war, der preuische
Oberst Massenbach auf Requisition Preuens in Wrtemberg verhaftet,
nach Kstrin gebracht und kriegsrechtlich zu einer vierzehnjhrigen
Festungsstrafe verurtheilt wurde; es geschah dies, wie seinerzeit
mitgetheilt, nicht wegen seiner in den Jahren 1808 und 1809
bei Brockhaus erschienenen Werke, sondern wegen beabsichtigten
Landesverraths durch Bekanntmachung amtlicher Schriften, womit er
in einem Briefe an den Knig von Preuen gedroht hatte, falls ihm
gewisse Forderungen nicht gewhrt wrden. Die Analogie mit der hier
stattgehabten Verffentlichung amtlicher Actenstcke lag nahe.

Hormayr schrieb in dieser Zeit an Brockhaus in einem von fremder Hand
abgefaten Briefe ohne Datum und Unterschrift:

  Ich soll Ihnen schleunigst im Namen des Prinzen melden, da Frst
  Metternich, durch A. M. aufgestachelt, das bewute Buch als Vorwand
  gebrauchen wolle, den vermeintlichen Verfasser, der aber immer nur
  Depositr jenes Manuscripts war, zum zweiten male zu strzen und,
  eingedenk Ihrer edeln Anhnglichkeit an die deutsche Sache, auch Ihnen
  dabei einen Sto zu geben. Vorderhand soll, wie man hrt, der Titel
  des Buchs als von einem Generalstabs-Offizier herrhrend angegriffen
  werden, in Analogie mit der eben jetzt ventilirten Massenbach'schen
  Sache.

Die ganze Angelegenheit hatte brigens weder fr den Erzherzog Johann
und Hormayr, noch fr Brockhaus weitere Folgen, und das Aufsehen,
welches sie erregt hatte, sowie das in Oesterreich erfolgte Verbot
beider Werke vermehrte nur den Absatz derselben selbst in Oesterreich,
wo damals ein solches Verbot die Verbreitung der davon betroffenen Werke
wol erschwerte, aber eher frderte als hinderte. Der Erzherzog Johann
lie Brockhaus auch eine Entschdigung fr den bei der Angelegenheit
gehabten Verlust anbieten, die dieser aber ablehnte.

       *       *       *       *       *

Folgende Geschichtswerke wurden in dieser Zeit noch von Brockhaus
verlegt: Der erste Theil einer Sammlung von Essays des verdienten
Geschichtschreibers Karl Ludwig von Woltmann (geb. 1770, gest. 1817),
unter dem Titel: Politische Blicke und Berichte (1816), wozu
aber keine Fortsetzung erschien; zwei Monographien von Karl Georg
Treitschke, dem Verfasser einer frher erwhnten Broschre, unter den
Titeln: Geschichte der funfzehnjhrigen Freiheit von Pisa, und:
Heinrich der Erste, Knig der Deutschen, und seine Gemahlin Mathilde
(1814); Historische Denkwrdigkeiten (1817) von dem nassauischen
Historiker Johannes von Arnoldi (geb. 1751, gest. 1827); endlich zwei
Monographien des schon frher genannten theologischen und historischen
Schriftstellers Friedrich August Koethe: Das Jahr 1715 oder wie's vor
hundert Jahren in der Welt aussah. Ein Erinnerungs- und Trost-Bchlein
fr 1815, und: Historisches Taschenbuch auf das Jahr 1817. Enthaltend:
Das Jahr 1616 oder die Lage Europas vor dem Beginn des dreiigjhrigen
Krieges.

       *       *       *       *       *

Endlich ist noch ein greres zeitgeschichtliches, halb
journalistisches, halb encyklopdisches Unternehmen zu nennen, das,
wie die Deutschen Bltter den Anfang, so den Schlu der altenburger
Periode bildet; es fhrt den Titel: Zeitgenossen. Biographien und
Charakteristiken.

Dieses Unternehmen wurde von Brockhaus im Jahre 1816 begonnen und nicht
nur von ihm bis zu seinem Tode herausgegeben, sondern auch nachher noch
von seiner Firma viele Jahre lang (bis zum Jahre 1841) fortgefhrt.
Es sollte hervorragende Zeitgenossen, noch lebende oder schon
verstorbene Mnner, welche der mit dem Jahre 1789 beginnenden neuen
Zeitepoche angehrten und sich in irgendeiner Richtung ausgezeichnet, in
Biographien und Charakteristiken vorfhren, sie in einem Ehrentempel
vereinigen, der ihr Andenken erhlt und ihre Thaten mit Freimthigkeit
wrdigt. Das Werk fand lebhaften Beifall und groe Verbreitung im
deutschen Publikum und hat anerkanntermaen bleibenden Werth fr die
Zeitgeschichte.

Ein nheres Eingehen auf die Art, wie es seine Aufgabe lste, auf den
Inhalt und die Mitarbeiter, wird besser der Schilderung der dritten
und letzten Periode von Brockhaus' Verlagsthtigkeit vorbehalten,
da das Werk wesentlich in diese, nur der Anfang in die frhere Zeit
fllt. Auch hngt Brockhaus' Beschftigung mit diesem Werke eng
zusammen mit seiner in Leipzig noch mehr als in Altenburg und Amsterdam
hervortretenden Vorliebe fr Herausgabe von Journalen, namentlich durch
Begrndung des Hermes oder kritisches Jahrbuch der Literatur (1819)
und durch Uebernahme des Literarischen Wochenblatt (1820), bald
darauf Literarisches Conversationsblatt, seit Mitte 1826 Bltter fr
literarische Unterhaltung genannt, unter welchem Titel es noch jetzt
nach mehr als funfzigjhrigem Erscheinen fortbesteht.

       *       *       *       *       *

Aus hnlichen Grnden wird auch die von Brockhaus dem Hauptwerke seines
Verlags, dem Conversations-Lexikon, in Altenburg gewidmete Thtigkeit,
obwol sie immer den eigentlichen Mittelpunkt seines Schaffens bildete,
bei Charakterisirung jener letzten Lebensepoche vorgefhrt werden,
im Zusammenhange mit der whrend und schon vor derselben entfalteten
Wirksamkeit als Verleger und Herausgeber dieses Werks sowie mit den
Kmpfen gegen den mehrfach versuchten Nachdruck desselben und seinem
Auftreten fr Regelung der deutschen Pregesetzgebung.

Brockhaus begann und vollendete im wesentlichen whrend der altenburger
Zeit die als sein eigenstes Verdienst zu betrachtende Umarbeitung des
Conversations-Lexikon, durch welche dieses erst seinen eigentlichen
Charakter und diejenige Gestalt erhielt, in der es fhig wurde, auf die
Bildung seiner Zeit in eingreifender Weise Einflu auszuben und rasch
eine in der Geschichte des Buchhandels einzig dastehende Verbreitung
zu gewinnen. Die von ihm angekaufte erste Auflage (in 6 Bnden) war
in jeder Weise ungengend gewesen und auch durch Nachtrge dazu (in
2 Bnden) nur nothdrftig ergnzt worden. Im Jahre 1812 begann er in
Altenburg die Umarbeitung des Werks als zweite Auflage, vermochte sie
aber erst 1819 in Leipzig mit dem zehnten Bande zu Ende zu fhren. An
der raschen Vollendung wurde er auer durch die Kriegsjahre besonders
durch den angenehmen Umstand gehindert, da der lebhafte Absatz, den
das Werk fand, gleich nach Erscheinen der ersten vier Bnde der zweiten
Auflage (1812-1814) eine dritte Auflage derselben (1814 und 1815)
nthig machte, die dann neben der zweiten forterschien (1814-1819),
und da er noch vor der Vollendung beider schon eine vierte Auflage
(1817-1819), unmittelbar darauf (1819) sogar eine fnfte Auflage (wieder
wie die zweite bis vierte in 10 Bnden) veranstalten mute. Dies nur
zur Wrdigung der von Brockhaus whrend der altenburger Zeit auf das
Conversations-Lexikon verwendeten Sorgfalt und der damit verbundenen
Mhe.

       *       *       *       *       *

Der materielle Ertrag dieses seine khnsten Erwartungen bersteigenden
Absatzes des Conversations-Lexikon lieferte zugleich die feste
Grundlage zu dem von ihm in Altenburg neu aufgefhrten Gebude, das nun
nicht mehr den Einsturz zu frchten hatte, wenn es vom Wind und Wetter
wieder erschttert werden sollte.

Aber freilich wurde dieses Gebude bald zu klein fr das, was allmhlich
darin untergebracht worden war, und fr das, was der nimmer rastende
Geist seines Grnders noch in ihm vereinigen wollte.

Ein Rckblick auf Brockhaus' Verlagsthtigkeit in dieser zweiten Periode
whrend der Jahre 1811-1817 in Altenburg lt dieselbe als eine beraus
rege, geschickte und umfassende erscheinen, in noch hherm Grade als
die erste der Jahre 1805-1809 in Amsterdam und kaum in geringerm als
die darauffolgende in Leipzig. Dabei ist noch in Betracht zu ziehen,
da diese Zeit nur sechs bis sieben Jahre umfat und zu diesen die
Kriegsjahre 1813-1815 gehren, sowie da er in Altenburg gewissermaen
von vorn anfangen mute, mit sehr geringen Mitteln, und erst nach und
nach durch die Frchte seiner Arbeit wieder in gnstigere Verhltnisse
kam.

Schon oft hatte er empfunden, da die kleine Stadt Altenburg fr ein
Verlagsgeschft von dem Umfange und der Bedeutung, zu der das seinige
sich rasch emporgeschwungen, nicht der geeignete Platz war. Alle dort
bei seinem Freunde Pierer vorhandenen Pressen waren trotz fortwhrender
Vermehrung nicht im Stande gewesen, den Druck der immer steigenden
Auflagen seines Conversations-Lexikon zu bewltigen; er hatte es auch
in Leipzig, in Braunschweig und anderwrts drucken lassen mssen. Immer
mehr sah er ein, da er eine eigene Druckerei errichten msse, um die
aus dieser Noth entspringenden Verlegenheiten grndlich zu beseitigen.
Aber auch fr den buchhndlerischen Verkehr war Altenburg trotz seiner
Nhe bei Leipzig nicht ausreichend. Endlich wollte ihm selbst das
literarische und gesellige Leben Altenburgs, das ihn im Gegensatz zu
Amsterdam zuerst so angezogen hatte, auf die Dauer nicht mehr gengen;
seine fortwhrend sich erweiternden literarischen Beziehungen und die
neuen buchhndlerischen Unternehmungen, die er beabsichtigte, verlangten
einen grern Schauplatz.

Nur #eine# Stadt war in Deutschland, die allen seinen Anforderungen zu
gengen versprach: Leipzig, der Mittelpunkt des deutschen Buchhandels,
die lebhafte Handelsstadt, der Sitz einer Universitt und eines regen
geistigen Verkehrs. Er kam bald zu der Ansicht, da diese und keine
andere Stadt der allein geeignete Platz fr seine Firma sei, wie sie
geworden war und wie sie werden sollte.

Er brachte den wichtigen Entschlu inde nicht rasch zur Ausfhrung und
zog vorsichtigerweise Ostern 1817 allein nach Leipzig; erst als sich in
ihm die Ueberzeugung befestigt hatte, da der Schritt ein richtiger sei,
nahm er allmhlich die Uebersiedelung auch seines Geschfts und seiner
Familie vor.

       *       *       *       *       *

In Leipzig lebte und wirkte Brockhaus bis an seinen Tod, der freilich
frher eintrat, als er geahnt haben mochte: am 20. August 1823, also
schon im siebenten Jahre seit dem Verlassen Altenburgs.

So wurde Leipzig doch, wie er schon in Amsterdam gewollt hatte, der
Hafen, in welchem sein Lebensschiff, nach mancher strmischen Fahrt
und nachdem ihn widrige Winde vor Jahren daraus vertrieben hatten, vor
Anker ging. Zugleich wurde es aber die bleibende Sttte der von ihm
gegrndeten Firma, auf welcher diese sich im Laufe des auf seinen Tod
folgenden halben Jahrhunderts nach dem genialen Plane ihres Begrnders
und doch in einer Weise entwickelte, wie er selbst es wol kaum zu hoffen
gewagt hatte.




     Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.




                    Funoten


[1] In Heppe's Werke: Zur Geschichte der evangelischen Kirche
    Rheinlands und Westfalens (2 Bnde, Iserlohn 1867-70), II, 32.

[2] Vgl. Rotermund's Lexikon aller Gelehrten, die seit der Reformation
    in Bremen gelebt haben, nebst Nachrichten von gebohrenen Bremern, die
    in andern Lndern Ehrenstellen bekleideten (Theil 1, Bremen 1818).

[3] Heppe in seinem bereits genannten Werke, II, 462.

[4] Wol absichtlich fr _adorabile_ aus Erbitterung gegen das
    katholische Unwesen.

[5] Der Stock, an dem der Klingelbeutel befestigt ist.

[6] Dieses Buch befindet sich im Besitze des Buchhndlers Friedrich
    Volckmar in Leipzig, dessen Mutter, Johanna Justina, die jngste
    Tochter des Pastors Melchior war; sie hat spter ebenfalls mehrere
    interessante biographische Notizen eingetragen.

[7] Diese (nicht in den Buchhandel gekommene) Schrift fhrt den Titel:
    Sammlung von eilf Actenstcken ber und aus der Proce-Sache des
    Herrn G. W. Hiltrop in Dortmund gegen die ehemalige Firma Brockhaus
    und Mallinckrodt ebendaselbst, oder jetzt gegen den Buchhndler
    Brockhaus in Leipzig. Als Manuscript gedruckt. 1. July 1822
    (4. VIII, 158 S.). Spter ausgegebenen Exemplaren ist noch ein
    zwlftes Actenstck vom 22. September 1822 (4 S.) beigefgt; noch
    spter ist ein dreizehntes, ohne diese Ziffer und ohne Datum,
    gedruckt worden (18 S.).

    Ein Theil dieser Schrift war von Brockhaus schon frher (wol
    1805) ausgegeben worden und Hiltrop verffentlichte eine Antwort
    darauf unter dem Titel: Nhere Erklrung und geschichtliche
    Darstellung des Processes in Sachen G. W. Hiltrop gegen die Firma
    von Brockhaus und Mallinckrodt. Ueber die von dem ersten an S. M.
    Bethmann in London remittirte und von den letzteren in Empfang
    genommene 1800  Sterling. Erster Theil. Dortmund 1806 (8. 128 S.).
    Ein zweiter Theil nebst den im ersten versprochenen Actenstcken ist
    unsers Wissens nicht gedruckt worden.

[8] Diese Angabe ist ein seltsamer Irrthum, da Brockhaus nach dem
    dortmunder Kirchenbuche am 4. Mai 1772, nicht 1774, geboren ist. An
    dieser Selbsttuschung scheint er auch spter festgehalten zu haben,
    wie aus gelegentlichen Aeuerungen in seinen Briefen hervorgeht, und
    daraus erklrt sich auch, da auf seinem Leichensteine ebenfalls
    diese falsche Jahreszahl angegeben war.

[9] Auch diese Angabe ist eine irrthmliche und beruht auf der Annahme,
    da er 1774 statt 1772 geboren sei; er war damals (30. September
    1798) 26, seine Frau 20 Jahre alt.

[10] Er behielt diese Firma auch spter noch, in Leipzig und Altenburg,
     bei, soda sie auf den Verlagsartikeln bis 1814 abwechselnd mit
     den drei Stdtenamen Amsterdam, Leipzig und Altenburg erscheint,
     bis er von 1814 an blos F. A. Brockhaus firmirte, zuerst Altenburg
     oder Leipzig, von 1817 an blos Leipzig als Verlagsort angebend.

[11] Jener frhere Brief ist nicht mehr vorhanden; es htte sich aus
     demselben der genauere Zeitpunkt ergeben, von welchem an ihn die
     Idee, eine Buchhandlung zu errichten, beschftigte.

[12] Auch diese hier in Aussicht gestellte sptere Mittheilung findet
     sich nicht vor und ist vielleicht gar nicht erfolgt. Ebenso wenig
     hat sich der dem Gropensionr Schimmelpenninck vorgelegte Plan
     des neuen Etablissements auffinden lassen.

[13] Unter Bezugnahme auf diese Correspondenz bersandte Brockhaus
     einige Wochen spter demselben Hause sein Circular mit einer
     Nachschrift, und diesem Umstande verdankt die Firma F. A. Brockhaus
     das ihr von jenem Hause freundlich berlassene einzige Exemplar
     ihres Begrndungscirculars. Sie erhielt dasselbe im Jahre 1856,
     aus Anla ihres am 13. und 14. Juli jenes Jahres gefeierten
     funfzigjhrigen Jubilums, das somit schon am 15. October 1855
     htte begangen werden knnen.

[14] Gubitz hatte sich von seiner ersten Jugend an mit groem Eifer
     der Holzschneidekunst gewidmet, um deren Wiederbelebung und
     Vervollkommnung in Deutschland er sich bekanntlich groe Verdienste
     erworben hat. Ueber die hier erwhnten Anfeindungen theilt sein
     Memoirenwerk: Erlebnisse von F. W. Gubitz. Nach Erinnerungen und
     Aufzeichnungen (3 Bnde, Berlin 1868-69), I, 79 fg., Nheres mit.

[15] Hiernach ist also Brockhaus im October 1795 (der berhmte XIII.
     Vendmiaire ist der des Jahres IV, 5. October 1795, an welchem
     der Aufstand der pariser Sectionen oder der Nationalgarde gegen
     den Nationalconvent stattfand) in Paris gewesen, kurz vor oder
     nach seiner ersten Etablirung in Dortmund.

[16] Letzteres Werk, Gemlde von Valencia von Christian August
     Fischer, erschien 1803 in Leipzig; die brigen Namen sind
     Titel Cramer'scher Uebersetzungen: Bardiete ist Klopstock's
     Hermannsschlacht; Die Tempelherren heit ein Trauerspiel
     von Raynouard.

[17] Dies ist der Name, mit welchem Cramer stets in seinem Werke
     Brockhaus bezeichnet; die Anwendung derartiger erfundener Namen
     statt der wirklichen war damals vielfach Sitte und eine specielle
     Liebhaberei Cramer's. Die oben angewendeten Punkte sind ebenfalls
     in dem Werke selbst gebraucht.

[18] Das hier weggelassene Wort enthielt schwerlich einen Namen,
     da Brockhaus in Amsterdam keinen Associ seines kaufmnnischen
     Geschfts hatte; es ist wol Glck oder ein hnliches Wort
     absichtlich weggelassen.

[19] Hier ist von Cramer, als fr den vorliegenden Fall unwichtig,
     wol ausgelassen: franzsische Leser; es ist damit jedenfalls
     die franzsische Zeitschrift _Le Conservateur_ gemeint, von
     der spter die Rede sein wird.

[20] So nennt, wie schon bemerkt, Cramer seinen Freund Brockhaus stets
     in den Individualitten.

[21] Der frhere Associ von Brockhaus.

[22] Wiederholt sei bemerkt, da derartige Auslassungen einzelner Worte
     von Cramer selbst herrhren.

[23] Diese und die folgenden Notizen sind meist einer kleinen Abhandlung
     des 1859 verstorbenen verdienstvollen Geschichtschreibers und
     Publicisten Professor Christian Friedrich Wurm in Hamburg entnommen,
     die unter dem Titel: Beitrge zur Geschichte der Hansestdte in
     den Jahren 1806-1814. Aus den nachgelassenen Papieren von Carl
     von Villers, in einem 1845 gedruckten Lectionsverzeichni des
     Hamburgischen Akademischen Gymnasiums enthalten ist.

[24] Es sei hier bemerkt, da diese patriotischen Klagen Wurm's im Jahre
     1845 erhoben wurden.

[25] Auch in Amsterdam, wie bereits erwhnt.

[26] Vgl. ber ihn W. von Bippen: Charles von Villers und seine
     deutschen Bestrebungen, in den Preuischen Jahrbchern,
     herausgegeben von H. von Treitschke und W. Wehrenpfennig (27.
     Band, 3. Heft, Berlin 1871). Dieser interessante und werthvolle
     Essay macht den dankenswerthen Versuch, die Erinnerung an einen
     Mann wieder zu erwecken, der, ein geborener Franzose, einst von
     vielen der Besten unsers Volks geachtet, von manchen geliebt, der
     Ehrenbrger einer deutschen Stadt, jetzt fast der Vergessenheit
     anheimgefallen ist. Wir verfolgten mit obiger Darstellung (die
     #vor# dem Erscheinen jenes Aufsatzes geschrieben wurde) den
     gleichen Zweck, und so mge es uns gestattet sein, hier den Wunsch
     und die Hoffnung auszusprechen, da der dazu gewi vorzugsweise
     geeignete und berufene Verfasser jenes Aufsatzes auf Grund des auf
     der hamburger Stadtbibliothek befindlichen und dieser von Dorothea
     Rodde geschenkten literarischen Nachlasses ihres Freundes dem
     deutschen Volke ein Lebensbild von Charles von Villers liefern
     mge, das in der gegenwrtigen Zeit doppelt willkommen sein wrde.

[27] Den Rest seines frhern kaufmnnischen Geschfts.

[28] Dieses damals groes Aufsehen erregende Werk, dessen weiterer Titel
     lautet: seit dem Tode Friedrich's II., erschien 1807 anonym und
     war von dem vielgenannten Kriegsrath von Clln verfat (geb. 1766,
     gest. 1820), der nach den fr Preuen so traurigen Ereignissen
     von 1806 die preuische Verwaltung heftig angriff, deshalb 1808
     in Untersuchung gezogen, spter aber im Bureau des Staatskanzlers
     Hardenberg angestellt wurde. Die Schrift trgt die bekannte
     pseudonyme Firma Peter Hammer mit dem Verlagsort Kln und
     Amsterdam. Nach Obigem und nach andern Mittheilungen war Brockhaus
     jedenfalls bei dem Verlage derselben betheiligt, obwol sie in
     keinem seiner Verlagsberichte aufgefhrt ist; in Heinsius'
     Bcher-Lexikon ist sein damaliger Commissionr in Leipzig,
     Heinrich Grff, als Verleger genannt.

[29] Der frher erwhnte Pastor Adolf Heinrich Brockhaus in Meyerich bei
     Welver.

[30] Ihre an den Kaufmann W. Rittershaus in Dortmund verheirathete
     lteste Schwester.

[31] Nicht der Buchdrucker Friedrich Richter, von dem Brockhaus das
     Conversations-Lexikon gekauft hatte, sondern ein leipziger
     Bankier.

[32] Das Taschenbuch Urania.

[33] Brockhaus' an Fauriel gerichtete Briefe sind nach des Letztern Tode
     in den Besitz der mit ihm nher befreundeten geistvollen Gemahlin
     des berhmten Orientalisten Julius von Mohl in Paris bergegangen
     und von derselben uns freundlichst zur Einsicht und Benutzung
     berlassen worden; zu bedauern ist, da die Antworten Fauriel's
     nicht gleichfalls erhalten sind.

[34] Dieser Brief von Brockhaus an Baggesen scheint leider gleich ihrer
     gesammten Correspondenz nicht erhalten zu sein; sollte letztere
     oder wenigstens ein Theil derselben sich noch irgendwo vorfinden,
     so wrden wir fr eine Notiz darber sehr dankbar sein.

[35] Sprengel's _Historia rei herbariae_.

[36] Brockhaus' damaliger Commissionr in Leipzig.

[37] Wol Reichardt's schon erwhnte Vertraute Briefe, geschrieben auf
     einer Reise nach Wien und den Oesterreichischen Staaten &c.
     (Amsterdam 1810). Ein frher von Brockhaus verlegtes Werk
     Reichardt's ist uns allerdings nicht bekannt; seine Briefe
     eines reisenden Nordlnders erschienen erst Ende 1811 mit der
     Jahreszahl 1812.

[38] Ein 1783 in Zrich erschienenes, angeblich aus dem Franzsischen
     bersetztes Werk Briefe eines reisenden Franzosen ber
     Deutschland, von Kaspar Risbeck.

[39] Denkwrdigkeiten des eigenen Lebens, elfter Abschnitt (dritte
     Auflage, Th. 2, S. 38 fg., Leipzig 1871).

[40] Veit Hans Schnorr von Karolsfeld, der damals in Leipzig lebte und
     mit Brockhaus wie mit der Hofrthin Spazier befreundet war, der
     Vater von Julius Schnorr von Karolsfeld, seit 1816 Director der
     leipziger Zeichenakademie, als welcher er 1841 starb.

[41] Thomas Willis, berhmter englischer Arzt, geb. 1621, gest. 1675.

[42] Wir verdanken diese Briefe von Jean Paul und dessen Frau
     sowie einige andere Mittheilungen der Gte des bekannten
     Kunstschriftstellers Ernst Frster in Mnchen, des Schwiegersohns
     Jean Paul's. Er durchforschte auf unsere Bitte zu diesem Zweck
     nochmals Jean Paul's schriftlichen Nachla, um dessen Herausgabe
     er sich bekanntlich besonders verdient gemacht hat; wir nennen
     namentlich das interessante Werk: Denkwrdigkeiten aus dem Leben
     von Jean Paul Friedrich Richter (4 Bnde, Mnchen 1863), das er
     zu Jean Paul's hundertjhrigem Geburtstage (21. Mrz 1863)
     verffentlichte.

[43] Diese Uebersetzung erschien unter ihrem Namen 1812 in Brockhaus'
     Verlage mit folgender eigenthmlichen Bezeichnung des Verlagsorts:
     Leipzig, im Kunst- und Industrie-Comptoir aus Amsterdam, whrend
     gleichzeitige und sptere Verlagswerke meist Altenburg oder
     Altenburg und Leipzig als Verlagsorte nennen.

[44] Von Joseph von Lucenay im Neuen Nekrolog der Deutschen, dritter
     Jahrgang, 1825, S. 1370 (Ilmenau 1827).

[45] Sein damaliger Commissionr in Leipzig.

[46] Baron Meinau heit bekanntlich der Menschenfeind in August
     von Kotzebue's zuerst 1789 erschienenem und damals sehr populrem
     Schauspiele: Menschenha und Reue.

[47] Ein Aufsatz von Spiritus Asper (Ferdinand Hempel). Fragment einer
     Reise um den Tisch in der Urania fr 1812.

[48] Hofadvocat Anton Scholber in Altenburg, den Brockhaus in einem
     andern Briefe seinen intimsten Freund und einen ganz vortrefflichen
     Menschen nennt.

[49] Der Verfasser kann es sich nicht versagen, bei dieser Gelegenheit
     einen an ihn gerichteten poetischen Brief Rckert's mitzutheilen,
     der sich auf diese Gedichte bezieht, zu denen er durch Uebersendung
     einer Nummer der Deutschen Allgemeinen Zeitung (in welcher der
     Snger der Freiheitskriege zu einem Aufrufe an das deutsche Volk
     fr die Sache Schleswig-Holsteins aufgefordert wurde) berhaupt
     den ersten Ansto gegeben.

     Er frug nach Empfang des Manuscripts bei dem Dichter an: ob
     Schleswig-Holstein in dieser allgemein blichen Schreibweise oder
     so, wie es Rckert geschrieben hatte: Schleswigholstein, gedruckt
     werden solle. Darauf erfolgte unterm 3. December 1863 nachstehende
     charakteristische Antwort:

     Also sind wir handelseins, das freut mich. Nur
     Schleswigholstein lassen Sie ungetrennt, wenn Sie es nicht schon
     getrennt haben und die Wiedervereinigung zu viel Zeit raubt.

       Schleswigholstein schreib' ich,
       und dabei verbleib' ich
       Trotz Erinnerung,
       Da sie's anders treiben,
       Schleswig-Holstein schreiben,
       Schreiber alt und jung.

       Eine schwach' Erfindung
       Scheint mir die Verbindung
       Durch ein Strichelein;
       Sondern unauflslich
       Sollen sie und bslich
       Nie zu trennen sein.

[50] So schreibt sie selbst die beiden Namen in einem uns vorliegenden
     Briefe mit der ausdrcklichen Bemerkung: nicht Hellvig und Imhof,
     wie dieselben meist und selbst auf ihren Werken gedruckt sind.

[51] Das Original dieses Briefs wie mehrerer anderer von Brockhaus
     an Villers gerichteter Briefe, die wir spter mittheilen, befindet
     sich unter dem frher (S. 91) erwhnten literarischen Nachlasse
     des Letztern auf der hamburger Stadtbibliothek; durch gtige
     Vermittelung des Syndikus _Dr._ Geffken wurde dem Verfasser
     Abschrift und Benutzung dieser Briefe gestattet.

[52] Ein Privatbrief, den Bankier Reichenbach in Altenburg aus Leipzig
     erhalten hatte.

[53] Der Fuhrmann zwischen Leipzig und Altenburg.

[54] Wahrscheinlich war nicht der Orientalist: Ignaz, Freiherr von
     Strmer, damals in Leipzig, sondern einer seiner beiden Shne,
     Bartholomus (spter auch Internuntius bei der Pforte) oder Karl
     (spter Feldmarschalllieutenant).

[55] Eine im Juni 1814 anonym erschienene Broschre gegen Napoleon, die,
     wie hieraus hervorgeht, von Charles von Villers und Professor
     Friedrich Jakob Christoph Saalfeld in Gttingen gemeinsam verfat
     war.

[56] Von dieser Broschre August Wilhelm von Schlegel's ist in
     Verbindung mit andern von Brockhaus verlegten Zeitbroschren
     spter die Rede.

[57] Die seit 21. Mai 1811 sonst vollstndig vorhandenen Copirbcher der
     Firma haben leider eine unerklrliche Lcke zwischen 2. Juli 1813
     und 12. October 1815, wodurch uns viele wichtige Briefe entgangen
     sind.

[58] Historisches Taschenbuch. Herausgegeben von Friedrich von Raumer.
     Neue Folge. Siebenter und achter Jahrgang (1846 und 1847).




    Anmerkungen zur Transkription


    Im Original kursiv gesetzter Text wurde mit ~ markiert. Im Original
    fett gesetzter Text wurde mit = markiert. Im Original gesperrt
    gesetzter Text wurde mit # markiert. Text, der im Original nicht
    in Fraktur, sondern in Antiqua gesetzt war, wurde mit _ markiert,
    auer bei rmischen Ziffern, wie in Karl XII. Im Original hoch
    gestellte Zeichen wurden mit einem vorangestellten ^ markiert, bei
    mehreren hoch gestellten Zeichen wurden diese zustzlich mit {...}
    umschlossen.

    Zeichensetzung und Rechtschreibung wurden bernommen, auch dort, wo
    mehrere verschiedene Schreibweisen eines Wortes benutzt wurden, wie
    'wol' und 'wohl'.

    Auf Seite 235 war der Tag der Ankunft von Brockhaus in Mnster
    unleserlich. Hier wurde der 3. eingesetzt, da dies der einzig
    plausible Wert ist.





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Theil, by Heinrich Eduard Brockhaus

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Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
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The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
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The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
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business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

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     Chief Executive and Director
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