The Project Gutenberg EBook of Anna Karenina, 2. Band, by Leo N. Tolstoi

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Title: Anna Karenina, 2. Band

Author: Leo N. Tolstoi

Release Date: February 18, 2014 [EBook #44957]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ANNA KARENINA, 2. BAND ***




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                             Anna Karenina.


                        Roman aus dem Russischen

                                  des

                         Grafen Leo N. Tolstoi.



                  Nach der siebenten Auflage bersetzt

                                  von

                              Hans Moser.


                             Zweiter Band.



                                Leipzig

                Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.

                   *       *       *       *       *




                             Fnfter Teil.

                                   1.


Die Frstin Schtscherbazkaja fand, da es unmglich sei, die Hochzeit
vor den Fasten, bis zu denen noch fnf Wochen waren, zu feiern, da die
eine Hlfte der Ausstattung bis dahin nicht fertig zu stellen war;
doch konnte sie nicht umhin, sich mit Lewin einverstanden zu erklren,
da es nach den Fasten wieder viel zu spt werden wrde, da eine alte
Tante des Frsten Schtscherbazkiy sehr krank war und bald sterben
konnte, und alsdann die Trauer die Hochzeit noch weiter verzgert
haben wrde. Die Frstin erklrte sich infolge dessen, nachdem sie die
Mitgift in zwei Partieen -- eine groe und eine kleine geteilt hatte,
damit einverstanden, da die Hochzeit zu den Fasten gefeiert wrde. Sie
beschlo den kleineren Teil der Mitgift schon jetzt bereit zu machen,
whrend der grere spter folgen wrde, und war sehr erbost ber
Lewin, weil dieser ihr durchaus nicht ernsthaft zu antworten vermochte,
ob er hiermit einverstanden sei oder nicht. Diese Ordnung der Dinge war
um so bequemer, als die jungen Eheleute sogleich nach der Hochzeit auf
das Land gingen, wo die groe Mitgift gar nicht erforderlich war.

Lewin befand sich noch immer in jenem Zustande der Verzcktheit, in
welchem es ihm schien, als ob er und sein Glck den hauptschlichsten
und einzigen Zweck alles Seienden bildete, da er jetzt an nichts
denken, fr nichts sorgen drfe, da vielmehr alles fr ihn von anderen
gemacht wurde oder gemacht werden wrde. Er hatte durchaus keine Plne
oder Ziele fr sein zuknftiges Leben, sondern gab die Entscheidung
hierber anderen anheim in der berzeugung, es werde schon alles gut
gehen. Sein Bruder Sergey Iwanowitsch, Stefan Arkadjewitsch und die
Frstin leiteten ihn an, was er zu thun habe, und er war vollstndig
einverstanden mit allem, was man ihm vorschlug. Sein Bruder nahm Geld
fr ihn auf, die Frstin riet, nach der Hochzeit Moskau zu verlassen,
Stefan Arkadjewitsch riet, eine Hochzeitsreise ins Ausland zu machen.
Er war mit allem einverstanden. Thut was Ihr wollt, wenn es Euch
Vergngen macht. Ich bin glcklich, und mein Glck kann nicht grer
sein und nicht kleiner, was immer Ihr auch thun mget, dachte er.

Als er Kity den Rat Stefan Arkadjewitschs mitteilte, eine
Hochzeitsreise ins Ausland zu machen, wunderte er sich sehr, da sie
damit nicht einverstanden war, sondern bezglich des beiderseitigen
knftigen Lebens gewisse eigene bestimmte Forderungen stellte. Sie
wute, da Lewin seine Beschftigung auf dem Lande hatte, die er
liebte. Sie verstand, wie er sah, nicht nur nichts hiervon, sondern
wollte auch gar nichts davon verstehen lernen, doch hinderte sie dies
nicht, jene Beschftigung fr sehr wichtig zu halten. Sie wute ferner,
da ihr Haus in einem Dorfe stand, und wnschte nun eben, nicht ins
Ausland zu fahren, wo sie ja nicht leben wrde, sondern dorthin, wo
ihr Haus stand. Dieser bestimmt ausgeprgte Entschlu setzte Lewin
in Verwunderung, doch da ihm alles gleichgltig war, bat er sogleich
Stefan Arkadjewitsch, als ob dies dessen Verpflichtung wre, auf das
Dorf zu fahren und dort alles vorzubereiten, wie er es verstnde, mit
jenem Geschmack, den er in so reichem Mae bese.

Hre einmal, sagte nun eines Tags Stefan Arkadjewitsch zu Lewin,
-- vom Dorfe zurckgekommen, woselbst er alles fr die Ankunft des
jungen Paares eingerichtet hatte -- hast du denn ein Zeugnis, da du
gebeichtet hast?

Nein. Warum?

Ohne dies wirst du nicht getraut!

O, o, o, rief Lewin aus; ich habe ja schon seit neun Jahren keine
Fasten mehr innegehalten. Daran habe ich gar nicht gedacht!

Du bist mir Einer, lachte Stefan Arkadjewitsch, und mich willst
du einen Nihilisten nennen! Aber das geht wirklich nicht -- du mut
fasten.

Wann denn? Es sind noch vier Tage brig.

Stefan Arkadjewitsch ordnete auch dies, und Lewin begann zu fasten.
Fr ihn, als einen Hretiker, der aber gleichwohl den Glauben anderer
achtete, war die Gegenwart und Teilnahme bei jeder Art von kirchlichen
Ceremonien sehr lstig. Jetzt, in seiner allen gegenber gefhlvollen,
weichen Seelenstimmung, in der er sich befand, war dieser Zwang zu
heucheln, Lewin nicht nur lstig, er schien ihm vielmehr vollstndig
undurchfhrbar. Jetzt, in seiner vollen Mannhaftigkeit und Blte sollte
er entweder lgen oder spotten! Er fhlte sich nicht in der Lage, eines
von beiden zu thun, aber soviel er Stefan Arkadjewitsch auch anliegen
mochte, ob er nicht ein Zeugnis erhalten knne, ohne gefastet zu haben,
Stefan Arkadjewitsch erklrte, dies sei unmglich.

Und was kann es dir darauf ankommen -- zwei Tage? Er ist ein so
lieber, verstndiger Geistlicher und wird dir diesen Zahn ausziehen,
da du es gar nicht gewahr wirst.

In der ersten Messe machte Lewin den Versuch, in sich die Erinnerungen
an seine Jnglingszeit und jene mchtigen religisen Gefhlsregungen
wieder aufzufrischen, die er in seinem sechzehnten und siebzehnten
Jahre durchlebt hatte. Doch alsbald berzeugte er sich, da ihm dies
vollstndig unmglich war. Er versuchte nun, auf alles das zu blicken,
wie auf eine eitle Sitte, die keine innere Bedeutung besa, und
hnlichkeit mit der Sitte des Visitemachens hatte, empfand aber, da
er auch dies durchaus nicht ber sich gewann. Lewin befand sich der
Religion gegenber, wie die Mehrzahl seiner Altersgenossen, auf einem
vollstndig unbestimmten Standpunkt. Glauben konnte er nicht, war aber
bei alledem doch nicht fest berzeugt davon, da alles Glauben unwahr
sei, und so empfand er denn -- weder imstande, an die Bedeutsamkeit
dessen zu glauben, was er that, noch fhig, gleichgltig darauf zu
schauen, wie auf eine leere Formalitt -- whrend der ganzen Zeit
dieser Fasten ein Gefhl von Unbehagen und Scham, indem er that, was
er selbst nicht verstand und was, wie ihm eine innere Stimme sagte,
gewissermaen irrig und nicht gut war.

Whrend der Kirchenfeier lauschte er bald den Gebeten und bemhte sich,
ihnen eine Bedeutung beizulegen, die mit seinen Anschauungen nicht
in Konflikt geriet, bald suchte er, in der Empfindung, da er nichts
verstehen knne und sie verwerfen msse, die Gebete nicht zu hren und
beschftigte sich mit seinen Gedanken, Beobachtungen und Erinnerungen,
die mit auerordentlicher Lebhaftigkeit whrend dieses migen Stehens
in der Kirche in seinem Kopfe durcheinandergingen.

Er hrte die ganze Messe, die Vigilien und am andern Tage, zeitiger als
sonst aufgestanden, begab er sich, ohne den Thee genommen zu haben,
um acht Uhr morgens wieder in die Kirche, um die Frhgebete und die
Beichte zu hren.

In der Kirche befand sich nur ein armer Soldat, zwei alte Weiber und
die Kirchendiener.

Ein junger Diakonus, dessen langer Rcken sich in zwei Hlften
scharf unter dem dnnen Leibrock abhob, trat ihm entgegen und begann
sogleich, zu einem kleinen Tischchen an der Wand tretend, zu lesen.
An der Art seines Lesens, besonders an der hufigen und schnell
aufeinanderfolgenden Wiederholung der nmlichen Worte Herr erbarme
dich unser, die von der Hast vllig entstellt klangen, fhlte Lewin,
wie ihr Sinn fr diesen Mann verschlossen und versiegelt war, fhlte
aber auch, da es sich nicht zieme, jetzt daran zu rhren, da hieraus
nur eine Verwickelung entstehen konnte -- und so fuhr er fort, hinter
dem Geistlichen stehend, ohne ihn zu hren oder sich in ihn zu
versenken, an seine eigenen Angelegenheiten zu denken.

Es liegt wunderbar viel Ausdruck in ihrer Hand, dachte er, sich
vergegenwrtigend, wie sie gestern beide am Ecktisch gesessen hatten.
Zu sprechen hatten sie wenig miteinander gehabt, wie das fast stets
whrend dieser Zeit ist; sie hatte, nur die Hand auf den Tisch legend,
diese geffnet und geschlossen und dazu gelacht, indem sie auf ihre
Bewegung blickte. Er dachte daran, wie er die Hand gekt und dann die
ineinanderlaufenden Linien auf der rosigen Handflche betrachtet hatte.

Wieder das entstellte >Herr erbarm dich<, dachte Lewin, sich
bekreuzend, verbeugend und auf die geschmeidige Bewegung des Rckens
des sich beugenden Diakonus schauend. Sie nahm darauf meine Hand und
betrachtete die Linien; >du hast eine schne Hand<, hatte sie gesagt
und er schaute auf seine Hand und auf die kurze Hand des Diakonus. Ja,
nun ist es bald zu Ende, dachte er, nein, es scheint wieder von vorn
anzufangen, dachte er, den Gebeten lauschend; doch, es ist zu Ende,
da neigt er sich schon bis zur Erde, das ist stets erst zuletzt der
Fall.

Diskret mit der Hand unter dem Plschaufschlag ein Dreirubelpapier
in Empfang nehmend, sagte der Diakon, er werde nun registrieren
und schritt mit seinen neuen Stiefeln schnell und hallend ber die
Steinplatten der leeren Kirche zum Altar. Nach Verlauf einer Minute
schaute er von dort wieder zurck und winkte Lewin. Der Gedanke,
welchen dieser bisher in sich verschlossen gehabt, regte sich jetzt
wieder in seinem Hirn, doch bestrebte er sich sogleich, ihn von sich zu
weisen.

Es wird sich schon machen, dachte er und schritt zu dem Altar.
Er stieg die Stufen empor und erblickte, sich rechts wendend, den
Geistlichen. Der greise Priester mit sprlichem, halbergrautem Bart und
mattem gutmtigem Blick stand und bltterte in der Agende. Nachdem er
Lewin leicht gegrt hatte, begann er mit der gewohnten Stimme sogleich
die Gebete zu lesen. Als er hiermit zu Ende war, neigte er sich bis zur
Erde und wandte sich hierauf mit dem Gesicht nach Lewin.

Christus steht unsichtbar hier und nimmt Eure Beichte entgegen,
sprach er, auf das Kruzifix deutend. Glaubet Ihr an alles, was uns
die heilige apostolische Kirche lehrt? fuhr der Geistliche fort, die
Augen von Lewins Gesicht wegwendend und die Arme auf sein Epitrachelion
legend.

Ich habe gezweifelt und zweifle noch an allem, sagte Lewin mit einer
Stimme, die ihm selbst unangenehm war, und schwieg dann.

Der Geistliche wartete einige Sekunden, ob Lewin nicht noch etwas
Weiteres sagen wrde, und sprach dann, die Augen schlieend, in
schnellem wladimirschen o-Dialekt:

Die Zweifel sind der menschlichen Schwachheit eigen, aber wir mssen
beten, auf da der barmherzige Gott uns strke. Was fr besondere
Snden habt Ihr auf Eurem Gewissen? fgte er hinzu, ohne die geringste
Pause dabei zu machen, und gleichsam, als wollte er keine Zeit
verlieren.

Meine vornehmste Snde ist mein Zweifeln. Ich zweifle an allem, ich
befinde mich grtenteils nur in Zweifeln.

Der Zweifel ist der menschlichen Schwche eigen, wiederholte
der Geistliche mit den nmlichen Worten, aber woran zweifelt Ihr
vornehmlich?

An allem. Ich zweifle bisweilen selbst an Gottes Dasein, antwortete
Lewin unwillkrlich, und erschrak ber das Unziemliche dessen, was er
gesprochen hatte.

Auf den Geistlichen machten indessen, wie es schien, die Worte Lewins
keinen Eindruck.

Welche Zweifel knnen wohl ber Gottes Dasein walten? sagte er
schnell und mit kaum merklichem Lcheln.

Lewin schwieg.

Welchen Zweifel knnt Ihr an dem Weltenschpfer haben, wenn Ihr seine
Werke schaut? fuhr der Priester in schneller, gewohnheitsmiger
Sprache fort. Wer hat den Himmelsdom mit Sternen geschmckt? Wer hat
die Welt in ihrer Schnheit gekleidet? Wie sollte das ohne den Schpfer
mglich gewesen sein? sprach er, fragend auf Lewin schauend.

Dieser fhlte, da es unschicklich gewesen wre, einen philosophischen
Wortwechsel mit dem Geistlichen zu beginnen und gab deshalb zur Antwort
nur, was sich auf die Frage selbst bezog.

Ich wei es nicht.

Ihr wit es nicht? Aber wie knnt Ihr dann daran zweifeln, da Gott
alles geschaffen hat? versetzte heiter-bedenklich der Geistliche.

Ich begreife nichts, antwortete Lewin errtend, und im Gefhl, da
seine Worte thricht waren und in dieser Situation thricht sein muten.

Betet zu Gott und bittet ihn. Auch die Kirchenvter haben gezweifelt
und Gott gebeten um Strkung ihres Glaubens. Der Teufel hat gar groe
Macht und wir drfen uns ihm nicht berliefern. Betet zu Gott und
bittet ihn. Betet zu Gott, -- wiederholte der Geistliche und schwieg
hierauf einige Zeit, als sei er in Nachdenken versunken. Wie ich
vernommen habe, bereitet Ihr Euch vor, in den Ehebund mit der Tochter
meines Pfarrbefohlenen und Beichtkindes, des Frsten Schtscherbazkiy zu
treten? frug er lchelnd, das ist eine herrliche Jungfrau!

Ja, antwortete Lewin, ber den Geistlichen errtend; wozu brauchte
derselbe bei der Beichte hiernach zu fragen? dachte er bei sich.

Als ob der Geistliche diesen Gedanken beantworten wollte, sagte er
zu Lewin: Ihr bereitet Euch vor, in den Stand der heiligen Ehe zu
treten, und Gott kann Euch mit Nachkommenschaft segnen, nicht so?
Welche Erziehung knnt Ihr alsdann Euren Kindlein geben, wenn Ihr
selbst in Euch nicht die Versuchung des Teufels besiegen wollt, der
Euch zum Unglauben verleitet? frug der Geistliche mit sanftem Vorwurf.
Wenn Ihr Euer Kind liebt, so werdet Ihr, als ein guter Vater, nicht
nur Reichtum, berflu und Wrden Eurem Kinde wnschen; Ihr werdet
auch sein Heil wnschen, seine geistige Erleuchtung durch das Licht
der Wahrheit. Ist es nicht so? Was werdet Ihr antworten, wenn das
unschuldige Kindlein Euch frgt, Vater, wer hat das alles geschaffen,
das mich in dieser Welt so sehr ergtzt, Erde, Wasser, Sonne, Blumen
und Grser? Solltet Ihr ihm antworten wollen, ich wei es nicht?
Ihr mt es wissen, da Gott der Herr in seiner hohen Gnade es Euch
geoffenbart haben wird. Oder wenn Euer Kind Euch frge >was erwartet
mich im ewigen Leben?< Was werdet Ihr ihm da antworten, wenn Ihr nichts
wit? Wie wollt Ihr ihm einen Bescheid geben? Werdet Ihr ihm den Reiz
der Welt und des Teufels zeigen? Das wre nicht gut, sagte er und
hielt inne, das Haupt auf die Seite neigend und Lewin mit guten sanften
Augen anschauend.

Dieser antwortete jetzt nicht; nicht deswegen, weil er etwa nicht in
einen Streit mit dem Geistlichen htte kommen mgen, sondern, weil ihm
noch niemand derartige Fragen gestellt hatte, und er, wenn erst einmal
Nachkommen sie ihm stellen wrden, noch Zeit genug hatte, darber
nachzudenken, was er dann antworten wollte.

Ihr tretet ein in diejenige Zeit Eures Lebens, fuhr der Geistliche
fort, da es ntig ist, einen Weg zu whlen und sich auf demselben zu
halten. Betet zu Gott, damit er in seiner Gte Euch helfe und sich
Eurer erbarme, schlo er. Unser Herr und Gott Jesus Christus in
seiner gttlichen Gnade und Milde, seiner Liebe zu den Menschen vergebe
dir mein Sohn! und das Shnegebet beendend, segnete ihn der Priester
und entlie ihn.

Als Lewin an diesem Tage heimgekehrt war, empfand er ein freudiges
Gefhl darber, da diese peinliche Lage nun ihr Ende erreicht hatte,
so erreicht, da er nicht hatte zur Lge greifen mssen. Daneben aber
war in ihm auch eine unklare Erinnerung davon zurckgeblieben, da das,
was jener gute und liebenswerte Greis gesagt hatte, durchaus nicht so
dumm gewesen war, als es ihm anfnglich geschienen, und da es etwas
hierbei gebe, was der Aufklrung bedrfe.

Natrlich nicht jetzt, dachte Lewin, aber spter einmal. Lewin
fhlte jetzt mehr, als frher, da in seiner Seele etwas unklar und
unrein sei, und da er sich in Bezug auf die Religion in der nmlichen
Lage befinde, die er so klar bei andern erkannt und nicht eben gern
gesehen hatte, wegen deren er seinem Freunde Swijashskiy Vorwrfe
gemacht.

Lewin war, den Abend mit seiner Braut bei Dolly verbringend, ausnehmend
heiter, und sagte, als er Stefan Arkadjewitsch von der ghrenden
Gemtsverfassung Mitteilung machte, in der er sich befand, da er sich
wohl befinde wie ein Hund, den man durch den Reifen zu springen gelehrt
habe und der nun, nachdem er endlich begriffen und ausgefhrt hat, was
von ihm verlangt wurde, winselt, und schweifwedelnd vor Entzcken auf
Tische und Fenster springt.


                                   2.

Am Tage der Trauung bekam Lewin nach der blichen Sitte -- auf
der Beobachtung aller Gebruche beharrten die Frstin und Darja
Aleksandrowna streng -- seine Braut nicht zu sehen und speiste im
Hotel wo er wohnte, zusammen mit drei Junggesellen, die sich zufllig
gefunden hatten; Sergey Iwanowitsch, Katawasoff, ein Universittsfreund
und nunmehriger Professor der Naturwissenschaften, den Lewin auf der
Strae getroffen und mit sich genommen hatte, und Tschirikoff, ein
Moskauer Friedensrichter und Gefhrte Lewins auf der Brenjagd.

Beim Diner ging es sehr heiter zu. Sergey Iwanowitsch war in
aufgerumtester Stimmung und trieb seine Kurzweil mit Katawasoffs
Eigentmlichkeit. Katawasoff, welcher fhlte, da seine Originalitt
geschtzt und verstanden werde, kokettierte mit derselben und
Tschirikoff untersttzte die allgemeine Unterhaltung in seiner heiteren
und gutmtigen Art.

Da haben wir es ja, sagte Katawasoff mit seiner, auf dem Katheder
angenommenen Art, die Worte zu dehnen, welch ein tchtiger Bursch
unser Freund Konstantin Dmitritsch ist. Ich spreche von dem Abwesenden
natrlich, denn er ist schon gar nicht mehr hier. Erst liebte er die
Wissenschaft, und nach seinem Abschied von der Universitt pflegte
er menschliche Interessen; jetzt verwendet er die eine Hlfte seiner
Fhigkeiten darauf, sich selbst zu betrgen, und die andere -- um
diesen Betrug zu rechtfertigen.

Einen entschiedeneren Feind des Heiratens, als Euch, habe ich noch
nicht gesehen, sagte Sergey Iwanowitsch.

O nein; ich bin kein Feind davon; ich bin vielmehr ein Freund der
Arbeitsteilung. Die Menschen, welche selbst nichts fertig bringen
knnen, mssen Menschen hervorbringen, und die brigen -- mssen zu
deren Aufklrung und Beglckung wirken. So fasse ich die Sache auf. Fr
die Mischung dieser beiden Berufszweige giebt es ja eine Unmasse von
Liebhabern, ich aber gehre nicht unter die Zahl derselben.

Wie glcklich wrde ich sein, wenn ich einmal erfhre, da Ihr Euch
verliebt httet, sagte Lewin, ladet mich nur ja zur Hochzeit ein!

Ich bin schon verliebt.

Ja, ja, vielleicht in einen Tintenfisch. Du weit doch, wandte sich
Lewin an seinen Bruder, da Michail Ssemionowitsch ein Werk ber
Ernhrung schreibt und --

Nun; nur nichts durcheinanderbringen! Das ist doch ganz gleich. Es
handelt sich jetzt nur darum, da ich wirklich einen Tintenfisch lieben
soll.

Das hindert Euch aber nicht, auch ein Weib zu lieben.

Er nicht, aber das Weib hindert.

Inwiefern denn.

Ihr werdet es schon noch sehen. Ihr liebt das Landleben, die Jagd --
pat nur auf!

Archip war heute hier und meldete, da eine Masse Elentiere in Prudno
wren, und zwei Bren, sagte jetzt Tschirikoff.

Nun; die mt Ihr schon ohne mich fangen.

Ganz richtig, sagte Sergey Iwanowitsch, empfehle dich nur gleich
von vornherein der Brenjagd -- deine Frau wird dich nicht mehr
fortlassen.

Lewin lchelte. Der Gedanke, da seine Frau ihn nicht mehr zur
Brenjagd lassen wrde, war ihm so angenehm, da er bereit war, dem
Vergngen, Bren zu sehen, fr immer zu entsagen.

Aber es ist doch schade, da diese beiden Bren ohne Euch erlegt
werden. Besinnt Ihr Euch noch, das letzte Mal in Chapilowo? Das war
eine wunderbare Jagd, sagte Tschirikoff.

Lewin wollte ihn nicht ernchtern, indem er sagte, da es auch ohne die
Brenjagd noch manches Schne geben knne und antwortete daher nicht.

Nicht unntzerweise hat sich diese Sitte des Abschiednehmens vom
Junggesellenleben eingebrgert, sagte Sergey Iwanowitsch, wie
glcklich du auch sein magst, schade ist es doch um die verlorene
Freiheit. Gesteht nur, man hat dabei ein Gefhl wie der Gogolsche
Brutigam, da man durch das Fenster hinausspringen mchte.

Natrlich ist es so, aber er will es nur nicht zugeben, sagte
Katawasoff und brach in lautes Gelchter aus.

Was denn! Das Fenster ist ja noch geffnet! Fahren wir sogleich nach
Twjerj! Dort ist eine Brin, zu der knnen wir ins Lager. Fahren wir
mit dem Fnfuhrzug. Dort macht man was man will, meinte Tschirikoff
lchelnd.

Nun, bei Gott, antwortete Lewin lchelnd, ich kann in meinem Innern
dieses Gefhl des Bedauerns ber meine verlorne Freiheit nicht finden.

Ja, in Eurer Seele ist jetzt aber auch ein solches Chaos, da Ihr
berhaupt nichts darin finden knnt, sagte Katawasoff, wartet nur,
wenn Ihr erst ein klein wenig mit Euch ins klare gekommen sein werdet,
dann werdet Ihr es schon finden.

Nein, fhlte ich auch nur im geringsten, da es auer meinem Gefhl,
-- von Liebe wollte er vor dem Freunde nicht reden, noch ein Glck
gbe, dann wre es schade, die Freiheit zu verlieren -- aber im
Gegenteil, ich freue mich sogar ber diesen Verlust meiner Freiheit!

Schlimm! Ein hoffnungslos Verlorener! sagte Katawasoff, nun, trinken
wir auf seine Genesung, oder wnschen wir ihm nur, da wenigstens ein
Hundertstel seiner Trume in Erfllung gehe. Schon dies wird ein Glck
werden, wie es nie auf der Erde existiert hat.

Bald nach dem Essen verabschiedeten sich die Gste, um zur
Hochzeitsfeier Toilette zu machen.

Allein zurckgeblieben und sich die Gesprche dieser Hagestolze
vergegenwrtigend, frug sich Lewin noch einmal, ob er denn wirklich
dieses Gefhl des Bedauerns ber den Verlust seiner Freiheit in der
Seele habe, von dem sie gesprochen. Er lchelte bei dieser Frage.
Freiheit? Warum Freiheit? Das Glck besteht allein darin, da man
liebt, wnscht und denkt mit ihren Wnschen, ihren Gedanken, das heit,
ohne jede Freiheit -- dies ist das Glck! -- Aber kenne ich denn ihre
Gedanken, ihre Wnsche, ihre Gefhle? flsterte ihm pltzlich eine
Stimme zu. Das Lcheln verschwand von seinem Gesicht und er versank
in Nachdenken. Pltzlich hatte ihn eine seltsame Stimmung erfat,
es berkam ihn Furcht und Zweifel -- ein Zweifel an allem. -- Wie,
wenn sie mich gar nicht liebte? Wie, wenn sie mich nur deswegen
heiratete, um sich eben zu verheiraten? Oder, wenn sie gar selbst nicht
wte, was sie thut? frug er sich. Sie kann zur Erkenntnis kommen
und, kaum verheiratet erkennen, da sie gar nicht liebt, mich nicht
lieben kann? Die seltsamsten und schlimmsten Ideen ber sie begannen
ihm aufzutauchen. Er war eiferschtig auf sie gegen Wronskiy, wie
ein Jahr zuvor; als ob jener Abend, an welchem er sie bei Wronskiy
gesehen hatte, erst gestern gewesen wre. Er argwhnte, da sie ihm
nicht alles gesagt habe, und er sprang schnell auf. Nein, so geht es
nicht! sprach er voll Verzweiflung zu sich. Ich werde zu ihr gehen,
sie fragen, und ein letztes Mal ihr sagen: Wir sind noch frei, ist es
nicht besser, es zu bleiben? Es wre dies doch besser, als ein ewiges
Unglck, als Schande und Untreue! Verzweiflung im Herzen und voll Zorn
gegen die ganze Menschheit, auf sich und sie, verlie er das Hotel und
fuhr zu ihr.

Er traf sie in den Hinterzimmern. Sie sa auf einem Koffer und traf mit
einer Dienerin Anordnungen, einen Haufen verschiedenartiger Kleider
durchmusternd, welche auf den Rcklehnen der Sthle und auf dem
Fuboden ausgebreitet lagen.

Ah! rief sie, ihn erblickend, und ihr Gesicht erstrahlte vor Freude.
Wie kommst du -- wie kommt Ihr -- bis zu diesem letzten Tage hatte
sie bald du, bald Ihr zu ihm gesagt -- das habe ich nicht
erwartet. Ich mustere soeben meine Mdchenkleider, fr wen das Eine
oder Andere --

Ach, sehr gut! antwortete er dster, auf die Zofe blickend.

Geh hinaus, Dunjascha, ich werde dich dann rufen, sagte Kity. Was
ist dir? frug sie, ihn unbedenklich mit du ansprechend, sobald das
Mdchen gegangen war. Sie bemerkte sein seltsames Gesicht, welches
aufgeregt und dster aussah, und ein Schrecken befiel sie.

Kity; ich leide. Ich kann aber nicht allein leiden, sprach er,
Verzweiflung in der Stimme, blieb vor ihr stehen und schaute ihr
beschwrend in die Augen. Er hatte schon an ihrem liebevollen,
treuherzigen Gesicht gesehen, da sich nichts aus dem ergeben werde,
was er ihr zu sagen beabsichtigte, aber gleichwohl hatte er das
Bedrfnis, von ihr selbst seine Zweifel zerstreut zu sehen. Ich bin
gekommen, dir zu sagen, da es noch nicht zu spt ist, da alles wieder
aufgehoben und in das alte Geleis zurckgebracht werden kann.

Was denn? Ich verstehe nichts. Was ist dir?

Das was ich tausendmal gesagt habe und woran ich immer denken mu;
das, da ich deiner nicht wert bin. Du konntest nicht einwilligen,
mich zum Manne zu nehmen. Bedenke es. Du hast einen Irrtum begangen.
berlege recht wohl! Du kannst mich nicht lieben! Wenn -- sage lieber
-- sprach er, ohne sie anzublicken. Ich werde unglcklich sein. Mgen
alle reden, was sie wollen, es ist besser so, als ein Unglck; es ist
besser, jetzt zu sprechen, so lange es noch Zeit ist --

Ich verstehe nicht, antwortete sie erschreckt, das heit, du willst
alles aufheben, da es nicht mehr ntig sei? --

Ja, wenn du mich nicht liebst.

Du bist von Sinnen! rief sie aus, vor Unwillen errtend. Aber sein
Gesicht sah so klglich aus, da sie ihren Verdru unterdrckte, und
sich, die Kleider von einem Lehnstuhl werfend, ihm nher setzte. Was
denkst du eigentlich; sage mir alles!

Ich denke, da du mich nicht lieben kannst. Weshalb solltest du mich
denn lieben knnen?

Mein Gott, was soll ich anfangen? sagte sie und brach in Thrnen aus.

O, was habe ich gethan! rief er jetzt und begann, vor ihr auf die
Kniee niederfallend, ihre Hnde zu kssen.

Als fnf Minuten spter die Frstin in das Zimmer trat, fand sie die
beiden schon vollstndig beruhigt. Kity hatte ihm nicht nur versichert,
da sie ihn liebe, sondern ihm sogar, auf seine Frage antwortend,
weshalb sie ihn denn liebe, erklrt, warum.

Sie hatte ihm gesagt, da sie ihn liebe, weil sie ihn ganz kenne, weil
sie wisse, was er lieben msse, und da alles, was er liebe, stets
gut sei. Und dies war ihm auch vollstndig klar erschienen. Als die
Frstin bei ihnen eintrat, saen sie beide nebeneinander auf dem Koffer
und musterten Kleider, streitend, da Kity jenes zimmetfarbene Kleid,
welches sie getragen, als ihr Lewin seinen Antrag gemacht hatte, der
Dunjascha geben wollte, whrend er darauf bestand, man drfe dieses
Kleid an niemand weggeben, sondern mge der Dunjascha das blaue
schenken.

Aber verstehst du nicht? Sie ist doch brnett und dies wird ihr daher
nicht stehen. Bei mir ist alles schon vorbedacht.

Als die Frstin erfahren hatte, weshalb er gekommen sei, geriet sie
halb im Scherz und halb im Ernst in Groll und schickte ihn wieder nach
Hause, damit er sich ankleide und Kity bei der Toilette nicht stre, da
Charles sogleich kommen wrde.

Sie hat so schon whrend dieser ganzen Tage nicht gegessen und ist
magerer geworden und du bringst sie nun mit deinen Thorheiten noch mehr
aus der Fassung, sagte sie zu ihm; mach da du fortkommst nach Hause,
nach Hause mein Lieber.

Lewin kehrte verlegen und beschmt, aber beruhigt, nach seinem Hotel
zurck. Sein Bruder, Darja Aleksandrowna und Stefan Arkadjewitsch, alle
in voller Gesellschaftstoilette, erwarteten ihn schon, um ihn mit dem
Heiligenbild zu segnen. Es war keine Zeit mehr zu verlieren.

Darja Aleksandrowna mute noch nach Hause zurckkehren, um ihren
pomadisierten und frisierten Sohn zu holen, welcher das Heiligenbild
mit der Braut tragen sollte. Dann mute ein Wagen nach dem Brautfhrer
gesandt werden und ein anderer, der Sergey Iwanowitsch fortbrachte,
wieder hergeschickt werden. berhaupt gab es sehr viele und verwickelte
berlegungen hierbei, und nur Eines war unzweifelhaft, da nicht mehr
gesumt werden drfe, da es bereits halb sieben Uhr war.

Die Segnung mit dem Bilde hatte nichts weiter auf sich. Stefan
Arkadjewitsch stellte sich in komisch-feierlicher Haltung neben seine
Gattin, nahm das Heiligenbild, segnete Lewin, nachdem er diesem
befohlen hatte, sich bis auf die Erde zu verbeugen, mit seinem
gutmtigen und sarkastischen Lcheln und kte ihn dreimal. Das
Nmliche that Darja Aleksandrowna, die sich dann sogleich beeilte,
abzufahren und abermals in das Arrangement der Bewegung der Wagen
vertiefte.

Nun, so wollen wir es also machen: du fhrst in unserem Wagen ihn
abzuholen, und Sergey Iwanowitsch wrde, wenn er die Gte haben wollte,
vorausfahren, den Wagen aber zurckschicken.

Gewi, sehr gern.

Wir aber knnen gleich mit ihm fahren. Sind die Kleider in Ordnung?
frug Stefan Arkadjewitsch.

Sie sind es, versetzte Lewin und befahl Kusma, seinen Anzug zu
bringen.


                                   3.

Ein Haufe von Menschen, namentlich Weibern, umringte die zur
Trauungsfeier erleuchtete Kirche. Diejenigen, welche nicht bis in die
Mitte hatten vordringen knnen, drngten sich um die Kirchenfenster
unter Stoen und Streiten und schauten durch die Gitter.

Mehr als zwanzig Wagen waren bereits von der Polizei die Strae
entlang aufgestellt worden und der Polizeioffizier stand, die Klte
nicht achtend, in seiner glnzenden Uniform am Eingang. Unaufhrlich
kamen noch weitere Equipagen angefahren und bald traten Damen in
Blumenschmuck mit hochgenommenen Schleppen, bald Herren, das Kppi
oder den schwarzen Hut abnehmend, in die Kirche ein. In dieser selbst
waren die beiden Lustres und alle Kerzen vor den feststehenden
Heiligenbildern bereits angezndet. Der goldige Schimmer auf dem roten
Fonds des Ikonostas, das vergoldete Schnitzwerk an den Bildern und das
Silber der Kronleuchter und Leuchter, die Steinplatten des Fubodens
mit den Teppichen, sowie die Banner oben ber den Chren, die Stufen
des Altars und die vom Alter schwarzgewordenen Kirchenbcher, die
Leibrcke und Chorrcke, alles das war wie von Licht bergossen. Auf
der rechten Seite der geheizten Kirche, in der Masse der Fracks und
weien Krawatten, der Uniformen und verschiedenen Stoff-, Samt- und
Atlasroben, der Haarfrisuren und Blumen, der dekolletierten Schultern
und Arme, und hohen Handschuhe summte ein verhaltenes, aber lebhaftes
Gesprch, das seltsam in dem hohen Kuppelbau wiederhallte. Sobald
das Kreischen der aufgehenden Kirchenthr ertnte, verstummte das
Gesprch in dem Haufen und alles schaute auf in der Erwartung, den
eintretenden Brutigam und die Braut zu erblicken. Aber die Thr
hatte sich schon mehr als zehnmal geffnet, und immer war es nur ein
verspteter Geladener oder eine Geladene gewesen, die sich nun nach
rechts dem Kreis der Gste beigesellte, oder eine Zuschauerin, die den
Polizeioffizier berlistet oder nachsichtig gestimmt hatte, und sich
nun dem fremden Haufen links anschlo. Die Verwandten und Bekannten
hatten schon die ganze Stufenleiter des Wartens durchlaufen.

Anfangs glaubte man, da der Brutigam und die Braut in jedem
Augenblick erscheinen mten und schrieb der Versptung keinerlei
Bedeutung zu. Dann begann man fter und fter nach der Thr zu schauen,
und davon zu sprechen, es mchte doch ja nichts vorgefallen sein. Dann
wurde die Versptung schon peinlich und die Verwandten wie die Gste
gaben sich den Anschein, als ob sie gar nicht mehr an den Brutigam
dchten und ganz von ihrem Gesprch in Anspruch genommen seien.

Der Protodiakonus rusperte sich ungeduldig, gleichsam zur Andeutung
des Wertes seiner Zeit, und machte damit die Scheiben in den Fenstern
klirren. Auf dem Chor wurden die Proben der Stimmen vernehmbar, dann
das Schneuzen der sich langweilenden Chorsnger. Der Geistliche sandte
fortwhrend bald den Kster, bald den Diakonus nach Erkundigung fort,
ob der Brutigam noch nicht gekommen sei und ging sogar selbst in
seinem lilafarbenen Priestergewand mit dem gestickten Grtel, hufiger
und hufiger zu den Seitenthren, in der Erwartung des Brutigams.

Endlich sagte eine der Damen nach der Uhr blickend das ist aber doch
seltsam und alle Trauzeugen gerieten in Unruhe und begannen laut
ihre Verwunderung und ihr Mivergngen zu uern. Einer der Herren
fuhr wieder fort, sich zu erkundigen, was denn geschehen sei. Kity
stand whrenddem, schon lange fertig, im weien Kleid, langen Schleier
und Kranz von Pomeranzenblte nebst der die Mutter und Schwester
vertretenden Frau Lwoffs im Saale des Hauses der Schtscherbazkiy und
blickte durch das Fenster, schon seit einer halben Stunde vergeblich
die Benachrichtigung des Brautfhrers von der Ankunft des Brutigams in
der Kirche erwartend.

Lewin indessen lief noch, zwar in den Beinkleidern, aber ohne Weste
und Frack in seinem Zimmer auf und ab, unaufhrlich den Kopf zur Thr
hinaussteckend und den Korridor entlang blickend. Auf dem Korridor
jedoch wurde derjenige nicht sichtbar, den er erwartete, und voll
Verzweiflung kehrte er, mit den Armen fuchtelnd wieder zurck und
wandte sich an den ruhig rauchenden Stefan Arkadjewitsch.

Hat sich jemals wohl ein Mensch in einer gleich entsetzlichen und
albernen Lage befunden? sagte er.

Ja, es ist dumm, besttigte Stefan Arkadjewitsch, sanft lchelnd,
doch beruhige dich, man wird es sogleich bringen.

Nein, sicherlich, sagte Lewin mit verhaltener Wut, und diese
albernen ausgeschnittenen Westen! Unmglich! sagte er mit einem Blick
auf den zerknitterten Brusteinsatz seines Oberhemds. Und wie, wenn die
Sachen schon zur Bahn wren? rief er voll Verzweiflung.

Dann ziehst du ein Hemd von mir an!

Das htte aber schon lngst geschehen sein mssen!

Es ist allerdings nicht angenehm, lcherlich zu werden. Warte doch, es
wird sich machen.

Die Sache lag so, da als Lewin die Toilette befahl, Kusma, der alte
Diener Lewins, den Frack, die Weste und alles was ntig war, brachte.

Und das Hemd? rief Lewin.

Das habt Ihr ja schon an, versetzte Kusma mit stoischem Lcheln.

Kusma hatte nicht daran gedacht, ein frisches Hemd dazubehalten, und
nachdem er den Befehl erhalten hatte, alles einzupacken und zu den
Schtscherbazkiy zu bringen, von wo aus das junge Ehepaar noch am Abend
abreisen wollte, that er also und packte alles ein auer einem Paar
Frcken.

Das am Morgen angezogene Hemd war schon zerknittert, und lie sich
unmglich unter der modernen offenstehenden Weste tragen. Zu den
Schtscherbazkiy zu schicken, war es zu weit. Man schickte in ein
Geschft.

Der Diener kam zurck: Alles war geschlossen -- es ist Sonntag
heute. -- Man schickte nun zu Stefan Arkadjewitsch, ein Hemd kam,
aber es war viel zu weit und kurz. Man schickte endlich doch zu den
Schtscherbazkiy, um wieder auspacken zu lassen. Der Brutigam wurde in
der Kirche erwartet, und lief wie ein im Kfig eingekerkertes, wildes
Tier im Zimmer umher, auf den Korridor hinausschauend und mit Entsetzen
und Verzweiflung daran denkend, was er Kity sagen sollte und was diese
jetzt denken mochte.

Endlich flog der unglckliche Kusma, mit Mhe nach Atem ringend, mit
dem Hemd in das Zimmer herein.

Ich habe sie gerade noch erwischt; die Sachen waren schon auf dem
Fuhrwerk, sagte er.

Drei Minuten spter strzte Lewin, ohne nach der Uhr zu sehen, um seine
Wunde nicht noch zu vergrern, Hals ber Kopf den Korridor entlang.

Damit kannst du nicht mehr viel helfen, sagte Stefan Arkadjewitsch
lchelnd, ihm hastig nachstrebend. Es wird sich schon machen, es wird
sich schon machen -- sage ich dir!


                                   4.

Er ist da! -- Da ist er! Welcher ist es? Ist er nicht ziemlich jung?
Und sie -- ja -- mehr tot als lebendig! -- klang es in der Menge
durcheinander, als Lewin, nachdem er seine Braut an der Einfahrt
begrt hatte, mit dieser zusammen die Kirche betrat.

Stefan Arkadjewitsch hatte seiner Gattin die Ursache der Verzgerung
mitgeteilt, und die Trauzeugen zischelten nun lchelnd untereinander.
Lewin sah und hrte nichts, er musterte nur unverwandten Blickes seine
Braut.

Alle sagten, da sie in den letzten Tagen sehr abgenommen htte, und im
Kranze bei weitem nicht so gut aussah, wie gewhnlich, aber Lewin fand
dies nicht. Er schaute ihre hohe Frisur mit dem langen weien Schleier
und den weien Blten an, den hochstehenden gefalteten Kragen, der
eigenartig jungfrulich von den Seiten und von vorn ihren schlanken
Hals bedeckte und auf die berraschend enge Taille, und ihm schien,
da sie so schner sei, als sie je gewesen, nicht deshalb, weil diese
Blten, dieser Schleier, dieses aus Paris verschriebene Kleid zu ihrer
Schnheit noch etwas htte hinzufgen knnen, sondern, weil trotz der
knstlichen Pracht der Kleidung der Ausdruck ihres guten Gesichtchens,
ihres Blickes, ihrer Lippen, immer der nmliche bei ihr geblieben war
mit seiner unschuldigen Treuherzigkeit.

Ich dachte schon, du wolltest mir davonlaufen, sagte sie lchelnd zu
ihm.

Es war so thricht, was sich mit mir zugetragen hat, da ich es gar
nicht erzhlen kann, antwortete er, errtend, mute sich aber jetzt zu
seinem an ihn herantretenden Bruder Sergey Iwanowitsch wenden.

Nicht bel, die Geschichte mit deinem Hemd, sagte Sergey Iwanowitsch,
lchelnd den Kopf schttelnd.

Ja, ja, versetzte Lewin, ohne zu verstehen, wovon man mit ihm sprach.

Nun, mein Konstantin, jetzt mssen wir, sagte Stefan Arkadjewitsch
mit scheinbar erschrecktem Gesicht, eine wichtige Frage entscheiden.
Du nur bist jetzt in der Verfassung, die ganze Bedeutung derselben zu
ermessen. Man frgt mich, ob heruntergebrannte Kerzen angesteckt werden
sollen, oder nicht heruntergebrannte? Der Unterschied macht zehn Rubel
aus, fgte er hinzu, die Lippen zu einem Lcheln kruselnd, ich habe
entschieden, frchte jedoch, da du mir deine Einwilligung nicht geben
wirst.

Lewin erkannte, da dies ein Scherz sein sollte, aber er vermochte
nicht zu lcheln.

Also wie? Nicht gebrannte oder heruntergebrannte? Das ist die Frage.

Nun, nicht gebrannte.

Nun, freut mich sehr. Die Frage ist entschieden, sagte Stefan
Arkadjewitsch lchelnd. Aber wie thricht doch die Menschen in einer
solchen Situation werden, fuhr er zu Tschirikoff gewendet fort,
nachdem Lewin, ihn zerstreut anblickend, wieder zu seiner Braut
getreten war.

Pa auf, Kity, du mut also zuerst auf den Teppich treten, sagte die
Grfin Nordstone herzukommend. Wie stattlich Ihr ausseht, wandte sie
sich an Lewin.

Dir ist doch nicht ngstlich? frug Marja Dmitrjewna, ihre alte Tante.

Ist dir nicht wohl? Du bist bla. Halt, beuge dich ein wenig, sagte
die Lwowa, die Schwester Kitys, ihre vollen schnen Arme krmmend und
lchelnd ihr die Blten auf dem Haupte ordnend.

Auch Dolly kam; sie wollte etwas sagen, konnte aber nichts
herausbringen und begann zu weinen und unnatrlich zu lachen.

Kity schaute alle mit den nmlichen abwesenden Blicken an, wie Lewin.
Mittlerweile hatten die Kirchendiener ihren priesterlichen Schmuck
angelegt und der Geistliche mit dem Diakonus traten zu dem Altar,
welcher in der Vorhalle der Kirche stand. Der Geistliche wandte sich an
Lewin und sagte zu diesem einige Worte. Lewin vernahm nicht, was der
Priester gesagt hatte.

Nehmt Eure Braut an der Hand und fhrt sie, sagte der Brautherr zu
ihm.

Lange Zeit konnte Lewin nicht verstehen, was man von ihm wollte. Man
besserte lange an ihm herum und wollte schon die Hoffnung aufgeben --
weil er stets nicht mit der richtigen Hand griff, oder den richtigen
Arm nahm -- als er endlich erkannte, da er mit der rechten Hand ohne
seine eigene Stellung zu verndern, sie ebenfalls bei der rechten Hand
zu nehmen hatte. Nachdem er endlich die Braut in der gehrigen Weise
bei der Hand genommen hatte, ging der Priester einige Schritte vor
und blieb auf der Altarerhhung stehen. Die Schar der Verwandten und
Bekannten in summendem Gesprch und unter dem Rauschen der Schleppen
folgte ihnen; jemand beugte sich nieder und ordnete die Schleppe
der Braut. In der Kirche wurde es so still, da man das Fallen der
Wachstropfen vernahm.

Der alte Priester im Scheitelkppchen mit seinen schimmernden,
silbergrauen Haarlocken, die hinter den Ohren nach beiden Seiten
geteilt waren, streckte die greisen kleinen Hnde aus dem schweren
silbernen und mit einem goldenen Kreuz auf dem Rcken geschmckten
Gewand hervor und bltterte noch ein wenig auf dem Altar.

Stefan Arkadjewitsch begab sich behutsam zu ihm hin und flsterte ihm,
nach Lewin hinblinzelnd etwas zu, worauf er wieder zurckkehrte.

Der Geistliche zndete zwei mit Blumen geschmckte Kerzen an, indem er
sie mit der linken Hand schrg hielt, soda das Wachs langsam von ihnen
herniedertropfte und wandte sich zu den Neuvermhlten. Der Geistliche
war der nmliche, bei welchem Lewin gebeichtet hatte. Er schaute mit
mattem, traurigen Blick auf Brutigam und Braut, seufzte und segnete
mit der Rechten, die er unter dem Priestergewand hervorstreckte, den
Brutigam, worauf er gleichfalls, aber mit einem Anschein htender
Zrtlichkeit, die Finger auf das geneigte Haupt Kitys legte. Er reichte
hierauf beiden die Kerzen und verlie sie langsam, das Rucherfa
nehmend.

Ist es denn wahr? dachte Lewin und blickte auf seine Braut. Wie von
oben herab erschien ihm ihr Profil, und an einer kaum bemerkbaren
Bewegung ihrer Lippen und Wimpern erkannte er, da sie seinen Blick
empfunden hatte. Sie schaute nicht auf, aber der hohe Rschenkragen
bewegte sich leise, der bis zu ihrem rosigen kleinen Ohr heraufging. Er
sah, da ein Seufzer ihre Brust belastete und die kleine Hand zitterte,
welche in dem hohen Handschuh das Licht hielt. All jener eitle Kram mit
dem Hemd, der Versptung, die Auseinandersetzung mit den Bekannten und
Verwandten, deren Mivergngen, seine komische Situation -- alles das
war pltzlich verschwunden und es wurde ihm freudig und bange zugleich
zu Mut.

Der schne stattliche Protodiakonus im silbern-schimmernden Chorhemd
und den nach seitwrts in gewundenen Locken gekmmten Haaren trat
schnell vor und blieb, in der blichen Geste mit zwei Fingern die Stola
hebend, dem Geistlichen gegenber stehen.

Segne, Herr! ertnten langsam einer nach dem anderen, feierliche
Klnge, die Luft in Schwingungen versetzend.

Gelobt sei unser Gott immerdar jetzt und frderhin in alle Ewigkeit,
antwortete sanft und in singendem Tone der alte Geistliche, noch immer
auf dem Altar nach etwas suchend. Die ganze Kirche erfllend von den
Fenstern an bis zu den Kreuzbgen, erhob sich, harmonisch und getragen,
ein voller Akkord vom unsichtbaren Chor aus, wuchs an, stand einen
Augenblick und erstarb dann.

Man betete, wie blich, fr den himmlischen Frieden und das Seelenheil,
fr die Synode und fr Gott, es wurde gebetet auch fr den Knecht
Gottes, Konstantin, und Jekaterina, die sich jetzt verlobten.

Da ihnen sende hernieder eine vllige friedsame Liebe, da ihnen
helfe Gott, das bitten wir, atmete gleichsam die ganze Kirche von der
Stimme des Protodiakonus.

Lewin vernahm die Worte und sie machten ihn betroffen. Wie konnte man
vermuten, da Hilfe not that, gerade Hilfe? dachte er, sich alle seine
krzlichen Befrchtungen und Zweifel wieder zurckrufend. Was wei
ich! Was vermag ich in dieser schweren Aufgabe ohne Hilfe? Allerdings,
Hilfe thut mir jetzt not.

Als der Diakonus die Litanei beendet hatte, wandte sich der Priester
mit seinem Buche zu den Verlobten: Ewiger Gott, der du das Getrennte
vereinet hast, las er mit weicher, singender Stimme, der das Band
der Liebe unauflslich gestiftet, und Isaak und Rebekka gesegnet hat,
dir stelle ich diese als Nachfolger in deinem Bunde vor. Segne du sie
selbst, diese deine Knechte, Konstantin und Jekaterina, denen ich allen
Segen wnsche, gleichwie du ein erbarmender Gott voll Menschenliebe
bist und wir dir Lob singen, dem Vater und dem Sohne und dem heiligen
Geiste jetzt und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. Wiederum ertnte in
der Hhe der unsichtbare Chor.

Der das Getrennte vereinet hat und das Band der Liebe gestiftet, wie
gedankenvoll diese Worte sind und wie sie dem entsprechen, was man in
diesem Augenblick empfindet, dachte Lewin. Ob sie wohl das Nmliche
fhlt wie ich?

Aufschauend begegnete er ihrem Blick, aus dessen Ausdruck er schlo,
da sie ebenso verstanden hatte, wie er. Aber dies war durchaus nicht
der Fall; sie hatte fast gar nichts von den Worten der Ceremonie
verstanden, ja, diese whrend der Verlobung nicht einmal vernommen. Sie
war nicht fhig, sie zu vernehmen und zu fassen, so mchtig war jenes
eine Gefhl, welches ihr die Seele fllte und mehr und mehr zunahm.
Dieses Gefhl war das der Freude ber die endgltige Vollendung dessen,
was schon sechs Wochen zuvor in ihrer Seele vollendet gewesen war
und sie im Laufe dieser langen Wochen erfreut und zugleich bedrckt
hatte. In ihrer Seele hatte sich, am nmlichen Tage, als sie in dem
zimmetfarbenen Kleid im Salon des Hauses Arbatskiy schweigend zu
ihm hingetreten war und sich ihm ergeben hatte, zu Tag und Stunde
ein vlliger Bruch mit ihrem frheren Leben vollzogen; sie hatte
ein vollstndig anderes, neues, ihr noch vllig unbekanntes Leben
begonnen, in der Wirklichkeit freilich das alte nur fortgesetzt.
Diese sechs Wochen bildeten die seligste und doch zugleich auch
qualvollste Zeit fr sie. Ihr ganzes Leben, alle ihre Wnsche und
Hoffnungen, vereinigten sich in jenem einen, von ihr noch nicht
verstandenen Manne, mit welchem sie ein Etwas, welches von ihr noch
weniger begriffen wurde, als jener Mann selbst, verband, ein bald
nherungslustiges, bald abstoendes Gefhl; bei alledem aber fuhr sie
fort, in den Verhltnissen ihres vorherigen Lebens weiter zu leben.
In diesem ihren alten Leben hatte sie Schrecken empfunden ber sich
selbst, ber ihre vollendete, unbezwingbare Gleichgltigkeit ihrer
gesamten Vergangenheit gegenber; ihrem Eigentum, ihren Gewohnheiten,
den Menschen, die sie geliebt hatten und noch liebten, ihrer Mutter die
ber diese Gleichgltigkeit erbost war, und ihrem guten, frher ber
alles in der Welt geliebten, zrtlichen Vater gegenber. Bald erschrak
sie ber diesen Gleichmut, bald empfand sie Freude ber das, was sie
dazu gebracht hatte. Sie mochte nichts weiter denken oder wnschen
als ein Leben mit jenem Manne, aber dieses neue Leben war noch nicht
eingetreten, und sie vermochte es sich nicht einmal klar vorzustellen.
Es war nur ein Erwarten -- Furcht und Freude ber etwas Neues und
noch nicht Bekanntes. Jetzt aber, siehe da, war dies Erwarten und
die Unkenntnis, die Reue ber den Verzicht auf ihr vorheriges Leben
vorber, und etwas Neues sollte beginnen. Dieses Neue aber konnte nicht
furchtbar sein in seiner Unbekanntheit; gleichviel, mochte es furchtbar
oder nicht furchtbar sein, es hatte sich sechs Wochen vorher schon in
ihrer Seele voll entwickelt und wurde jetzt nur das geweiht, was sich
lange vorher schon in derselben vollzogen hatte.

Wieder auf den Altar zurckgekehrt, nahm der Geistliche mit Mhe den
sehr kleinen Ring Kitys und steckte ihn, sich Lewins Hand reichen
lassend, an dessen erstes Fingerglied. Es wird verbunden der Knecht
Gottes Konstantin mit der Magd Gottes Jekaterina. Nachdem er den
groen Ring an den rosigen kleinen, in seiner Schwchlichkeit Mitleid
erregenden Finger Kitys gesteckt hatte, wiederholte der Priester das
Nmliche.

Mehrmals glaubten die Brautleute zu erraten, was sie thun mten,
irrten aber jedesmal, und der Geistliche wies sie mit flsternder
Stimme an. Endlich, nachdem alles Erforderliche erledigt war, und er
die Ringe gesegnet hatte, bergab er nochmals Kity den groen und
Lewin den kleinen Ring, aber von neuem gerieten beide in Verwirrung,
und wechselten zweimal den Ring, ohne da das zu stande kam, was
erforderlich war.

Dolly, Tschirikoff und Stefan Arkadjewitsch traten vor, um zu
verbessern. Eine Konfusion, Zischeln und Lcheln entstand, aber der
feierlich stille Ausdruck auf den Zgen des Brautpaares nderte sich
nicht, im Gegenteil, als sie sich mit den Hnden geirrt hatten,
schauten sie noch ernster und feierlicher als vorher, und das Lcheln,
mit welchem Stefan Arkadjewitsch flsterte, da jetzt jedes seinen
eigenen Ring aufzustecken habe, erstarb unwillkrlich auf dessen
Lippen. Er fhlte, da jedes Lcheln sie nur krnken knne.

Denn du hast von Anfang an das mnnliche Geschlecht geschaffen und
das weibliche, las der Priester weiter nach dem Ringwechsel, und von
dir wird dem Manne das Weib gesellt zur Hilfe und zur Fortpflanzung
des Menschengeschlechts. Denn du selbst, Herr unser Gott, hast die
Wahrheit gesandt zu deiner Nachfolge und fr deinen Bund, fr deine
Knechte, unsere heiligen Vter, deine Auserwhlten; schaue auf deinen
Knecht Konstantin und deine Magd Jekaterina und besttige ihren Bund im
Glauben und in der Einmtigkeit und in der Wahrheit und in der Liebe.

Lewin empfand mehr und mehr, da alle seine Ideen ber das Heiraten,
seine Gedanken darber, wie er sein Leben hatte einrichten wollen,
kindlich gewesen waren, und da hier etwas vor sich ging, was er
bis jetzt noch nicht verstanden hatte, und jetzt sogar noch weniger
verstehe, obwohl es sich ber ihm selbst vollzog. In seiner Brust hoben
sich hher und hher innere Schauer, und zudringliche Thrnen traten
ihm in die Augen.


                                   5.

In der Kirche befand sich ganz Moskau an Verwandten und Bekannten.
Whrend der Ceremonie der Trauung, in der glnzend erleuchteten
Kirche, im Kreise der geputzten Damen und jungen Mdchen, der Herren
in weien Krawatten, in Frcken und Uniformen war ununterbrochen eine
leise Konversation gefhrt worden, die namentlich die Herren anregten,
whrend die Damen in der Beobachtung aller Einzelheiten einer sie stets
ja sehr fesselnden heiligen Handlung versunken waren.

In dem Kreise der der Braut zunchst Stehenden befanden sich deren
beide Schwestern, Dolly und die ltere, ruhige und schne Lwowa, die
aus dem Auslande gekommen war.

Was ist das fr ein Mary-Kostm in Veilchenblau; gerade als wre es
schwarz -- zu einer Hochzeit -- sprach die Korsunskaja.

Die einzige Rettung fr ihren Teint, antwortete die Trubezkaja.
Mich wundert, da man die Trauung abends ausgefhrt hat -- das ist so
kaufmnnisch --

-- Aber schner. Auch ich bin abends getraut worden, antwortete die
Korsunskaja und seufzte, als sie daran dachte, wie schn sie an jenem
Tage, wie lcherlich verliebt in sie ihr Mann damals gewesen war, und
wie jetzt so alles ganz anders geworden sei.

Man sagt, da jemand der mehr als zehnmal Brautfhrer gewesen ist,
nicht heirate; ich wollte es heute zum zehntenmale sein, um mich in
Furcht zu setzen, allein die Stelle war besetzt, sprach Graf Sinjawin
zu der hbschen jungen Frstin Tscharskaja, die Absichten auf ihn hatte.

Die Tscharskaja antwortete ihm nur mit einem Lcheln. Sie blickte auf
Kity, und dachte daran, wie und wann sie selbst mit dem Grafen Sinjawin
an Kitys Stelle sein wrde, und wie sie diesen dann an seinen jetzigen
Scherz erinnern wollte.

Schtscherbazkiy sagte dem alten Frulein Nikolajewa, da er den Kranz
auf Kitys Chignon setzen werde, damit sie glcklich werde.

Es ist gar nicht ntig einen Chignon aufzusetzen, antwortete die
Nikolajewa, die schon lngst entschlossen war, da, wenn sie der alte
Witwer, nach welchem sie angelte, heiraten sollte, die Trauung die
allereinfachste sein sollte. Ich liebe dieses >fast< nicht.

Sergey Iwanowitsch sprach mit Darja Dmitrjewna, sie scherzend
versichernd, da die Sitte, nach der Vermhlung abzureisen, deswegen so
verbreitet sei, weil Neuvermhlte stets kein gutes Gewissen htten.

Euer Bruder kann stolz sein. Es ist wunderbar, wie schn sie ist. Ich
glaube, Ihr beneidet ihn?

Ich habe das schon durchgemacht, Darja Dmitrjewna, antwortete er und
sein Gesicht nahm unerwartet einen trben und ernsten Ausdruck an.

Stefan Arkadjewitsch erzhlte nun seiner Schwgerin einen schlechten
Witz ber eine Ehescheidung.

Man mu den Kranz zurechtrcken, antwortete diese, ohne ihn zu hren.

Wie schade, da sie so angegriffen aussieht, sagte die Grfin
Nordstone zu der Lwowa. Und gleichwohl wiegt er ihren kleinen Finger
nicht auf. Nichtwahr?

O, mir gefllt er sehr gut; aber nicht deswegen etwa, weil er mein
knftiger =beau frre= ist, antwortete die Lwowa, und wie schn er
sich hlt! Es ist so schwer, sich in solch einer Situation gut zu
halten und nicht komisch zu werden. Er aber ist nicht komisch, nicht
steif, er ist offenbar ergriffen.

Ihr habt dies wahrscheinlich erwartet?

Fast so. Sie hat ihn stets geliebt.

Nun, beobachten wir, wer von ihnen zuerst auf den Teppich tritt. Ich
habe es Kity geraten.

Gleichviel, antwortete die Lwowa, wir sind doch alle die
untergebenen Weiber; es liegt dies doch einmal in unserer Rasse.

Ich bin aber doch vorstzlich zuerst mit Wasiliy darauf getreten; und
Ihr Dolly?

Dolly stand neben ihnen, sie hrte wohl, antwortete aber nicht;
sie war tief gerhrt. Die Thrnen standen ihr in den Augen und sie
htte kein Wort reden knnen, ohne in Thrnen auszubrechen. Sie
freute sich ber Kity und Lewin; in ihrer Erinnerung zu der eigenen
Trauung zurckkehrend, blickte sie nach dem wonneglnzenden Stefan
Arkadjewitsch, verga alles Gegenwrtige und dachte nur ihrer ersten
unschuldigen Liebe. Sie dachte nicht allein an sich, sondern auch
an alle nahestehenden oder ihr bekannten Frauen. Sie erinnerte sich
ihrer in jener einzigen, fr sie so feierlichen Zeit, da sie ebenso
wie Kity unter dem Kranze gestanden hatte mit Liebe, Hoffnung und
Bangen im Herzen, sich lossagend von der Vergangenheit und in eine
geheimnisvolle Zukunft eintretend. In der Zahl aller dieser Brute, die
ihr ins Gedchtnis kamen, sah sie auch ihre geliebte Anna, ber deren
vermutliche Trennung sie unlngst die Einzelheiten gehrt hatte. Auch
sie hatte rein in den Pomeranzenblten und dem Schleier da gestanden.
Und jetzt? Furchtbar seltsam -- sagte sie.

Aber nicht nur die Schwestern, auch die Freundinnen und weiblichen
Verwandten folgten allen Einzelheiten der heiligen Handlung; auch
die fremden Frauen, die Zuschauerinnen beobachteten voll Aufregung,
mit stockendem Atem, in der Furcht, eine einzige Bewegung verlieren
zu knnen, den Ausdruck der Mienen des Brutigams und der Braut, und
antworteten rgerlich den gleichgltigen Reden der gleichgltigen
Mnner gar nicht, oder berhrten sie oft sogar, wenn dieselben
scherzhafte oder nebenschliche Bemerkungen fallen lieen.

Weshalb sieht sie so verweint aus? Folgt sie ihm gezwungen?

Was, gezwungen einem so schnen Manne! Ist er nicht ein Frst?

Das ist wohl seine Schwester dort im weien Atlaskleid? Hre nur, wie
der Diakonus plrrt >und sie soll ihren Mann frchten<.

Sind sie denn fremd?

Nein, es sind synodale.

Ich habe einen Diener gefragt. Er sagte, da der Brutigam die Braut
sogleich mit sich auf sein Gut nehmen wrde. Er soll unendlich reich
sein, heit es. Deswegen hat man ihm auch die Braut gegeben.

Nicht doch, das Paar ist so schn.

Und da habt Ihr nun gestritten, Marja Wasiljewna, da die
Kanarienvgel wegflgen. Sieh die dort, es soll eine Gesandtin sein,
wie gewhlt --

Die Braut ist doch zu lieblich, wie ein geputztes Lmmchen. Was Ihr
auch sagen mgt; es ist doch schade um sie.

So schwatzte der Haufe der Zuschauerinnen durcheinander, dem es
gelungen war, durch die Thren der Kirche hereinzuschlpfen.


                                   6.

Nachdem die Trauungsfeier in der Kirche beendet war, breitete der
Kster vor dem Altarplatz in der Mitte der Kirche ein rosafarbenes,
seidenes Zeug aus; der Chor stimmte einen kunstvollen und schwierigen
Psalm an, in welchem Tenor und Ba sich antworteten und der Priester,
sich umwendend, wies die Verlobten auf das ausgebreitete rosafarbene
Stck Zeug hin. So oft diese nun schon davon gehrt hatten, da, wer
zuerst auf den Teppich trte, das Regiment in der Familie fhren wrde,
vermochten sich doch weder Lewin noch Kity dessen zu entsinnen, als sie
die wenigen Schritte zurcklegten. Sie hrten weder die vernehmbaren
Bemerkungen und Auseinandersetzungen, da nach der Beobachtung der
Einen er, nach der Meinung der Anderen -- beide zugleich darauf
getreten wren.

Nach den blichen Fragen betreffs ihres Wunsches die Ehe zu schlieen,
ob sie nicht anderweit Versprechungen gegeben htten, auf die ihre
Antworten ihnen selbst seltsam genug klangen, begann eine neue
Ceremonie.

Kity hrte die Worte des Gebetes und bemhte sich, deren Sinn zu
verstehen, aber sie vermochte dies nicht. Das Gefhl des Stolzes
und der lichten Freude begann mit der sich dem Ende nhernden Feier
mehr und mehr ihre Seele zu erfllen, und machte es ihr unmglich,
aufmerksam zu sein. Man betete: Gieb ihnen Weisheit und Leibesfrucht
zu ihrem Nutzen, damit sie heiter seien beim Anblick ihrer Shne und
Tchter; es wurde erwhnt, da Gott das Weib aus einer Rippe Adams
geschaffen habe, und deswegen wird der Mensch Vater und Mutter
verlassen und dem Weibe anhangen und sie werden beide sein ein Leib,
und dieses Geheimnis ein groes sei; man betete, da Gott ihnen
Fruchtbarkeit und Segen verleihe, wie Isaak und Rebekka, Joseph und
Mose, und da sie die Shne ihrer Shne noch sehen mchten. Alles
das ist schn, dachte Kity, als sie diese Worte vernahm, alles das
kann auch gar nicht anders sein und ein Lcheln der Freude, das sich
unwillkrlich allen denen, die sie anschauten, mitteilte, glnzte auf
ihrem hellgewordenen Antlitz auf.

Setzt ihn nur ordentlich auf! vernahm man zuredende Stimmen, als
der Geistliche ihnen die Krnze aufsetzte, und Schtscherbazkiy mit
zitternder Hand, im dreiknpfigen Handschuh, den Kranz hoch ber Kitys
Kopf hielt.

Setzt ihn auf, flsterte diese lchelnd.

Lewin blickte sie an und war berrascht von dem freudestrahlenden
Glanze, welcher auf ihrem Gesicht lag; diese Empfindung teilte sich
auch ihm unwillkrlich mit, und auch ihm wurde dabei so leicht und
heiter zu Mut, wie ihr.

Es machte ihnen Freude, dem Lesen der Apostelsendung zu lauschen und
dem Verrauschen der Stimme des Protodiakonus beim letzten Vers, das
von dem zuschauenden Publikum mit groer Ungeduld erwartet worden war.
Es machte ihnen Freude, aus der flachen Schale den lauen roten Wein,
mit Wasser gemischt, zu trinken, es machte ihnen noch mehr Freude, als
der Geistliche, das Megewand zurckwerfend, ihrer beider Hnde in
die seine nahm und sie unter dem Drhnen der Bsse, welche das Jesu
freue dich ausfhrten, rings um den Altar geleitete. Schtscherbazkiy
und Tschirikoff, welche die Krnze hielten, verwickelten sich in die
Schleppe der Braut, lchelten gleichfalls und waren heiter, bald
stehen bleibend, bald nach vorn anstoend an die Jungvermhlten,
sobald der Geistliche eine Pause im Rundgang machte. Der Gtterfunke
der Freude, der in Kity entzndet war, schien sich allen mitzuteilen,
die in der Kirche anwesend waren; und Lewin dnkte es, als wenn auch
der Geistliche und der Diakonus, ebenso wie er, zu einem Lcheln
neigten.

Der Geistliche nahm die Krnze von ihren Huptern, las das letzte
Gebet und beglckwnschte die jungen Eheleute. Lewin schaute auf Kity
und noch nie bisher hatte er diese so gesehen. Sie war reizend in dem
ungewohnten Schimmer von Glck, welcher auf ihrem Antlitz lag. Lewin
wollte zu ihr sprechen, aber er wute nicht, ob die Feier zu Ende sei.
Der Geistliche entri ihn seinen Bedenken, er lchelte ihm gutmtig zu
und sagte leise, kt Euer Weib, und Ihr, kt Euren Mann und nahm
ihnen die Lichter aus den Hnden.

Lewin kte taktvoll ihre lchelnden Lippen, reichte ihr den Arm, und
verlie im Gefhl der Nhe eines neuen, seltsam berhrenden Etwas die
Kirche.

Er glaubte nicht und konnte nicht glauben, da es Wahrheit sei. Erst
als ihn verwunderte und schchterne Blicke trafen, glaubte er daran,
weil er fhlte, da sie schon Eins waren.

Nach dem Souper, noch in der nmlichen Nacht, fuhren die jungen Leute
nach dem Dorfe ab.


                                   7.

Wronskiy und Anna reisten bereits seit drei Monaten zusammen in Europa.
Sie hatten Venedig, Rom, Neapel besucht und waren soeben in einer
kleinen italienischen Stadt angekommen, wo sie sich fr einige Zeit
niederzulassen gedachten.

Ein eleganter Oberkellner, mit einem vom Nacken beginnenden Scheitel im
dicht pomadisierten Haar, im Frack und mit breiter weier Battistbrust
im Oberhemd, auch einem Bndel Berloques auf dem gerundeten Buchlein,
antwortete gerade, die Hnde in den Taschen und geringschtzig mit
den Augen zwinkernd, in gemessenem Tone einem stehenbleibenden Herrn.
Als er von der andern Seite der Einfahrt Schritte vernahm, welche die
Treppe hinaufgingen, wandte sich der Oberkellner um, zog, als er den
russischen Grafen erblickte, welcher hier die besten Zimmer gemietet
hatte, respektvoll die Hnde aus den Taschen und erklrte mit einer
Verbeugung, da der Kurier da wre, und die Angelegenheit mit dem
Mieten eines Palazzo im Gange sei.

Ach, das freut mich sehr, sagte Wronskiy, ist die gndige Frau
daheim oder nicht?

Gndige Frau waren spazieren gegangen, sind aber jetzt zurckgekehrt,
antwortete der Kellner.

Wronskiy nahm den weichen, breitkrempigen Hut vom Kopfe und trocknete
mit dem Taschentuch die schweibedeckte Stirn und die halb ber den
Ohren hngenden Haare, welche zurckgekmmt waren und die kahle Stelle
auf seinem Kopfe bedeckten. Zerstreut auf den noch immer dastehenden
und ihn anschauenden Herrn blickend, wollte er vorbergehen.

Dieser Herr ist Russe und frug nach Ihnen, berichtete der Oberkellner.

Mit einem Gefhl, in dem sich Verlegenheit und der Verdru mischten,
da man nirgends seinen Bekannten entgehen knne, aber im Wunsche,
doch wenigstens eine Zerstreuung in der Einfrmigkeit seines Lebens zu
finden, blickte Wronskiy nochmals den abseits getretenen und wartenden
Herrn an, und in ein und demselben Augenblick leuchteten beider Augen
auf.

Golenischtscheff!

Wronskiy!

In der That, es war Golenischtscheff, ein Kamerad Wronskiys
vom Pagencorps her. Golenischtscheff gehrte im Pagencorps der
freidenkenden Richtung an, trat aus demselben mit brgerlichem Range
aus und hatte nirgends Dienste genommen. Die Kameraden waren seit
dem Verlassen des Corps ganz auseinandergekommen und hatten sich in
spterer Zeit nur einmal wiedergesehen.

Bei jener Begegnung erkannte aber Wronskiy, da Golenischtscheff eine
hochgeschraubte, freisinnige Wirksamkeit entwickelt hatte und infolge
dessen die Thtigkeit und den Beruf Wronskiys gering schtzte, und so
kam es, da dieser bei dem Zusammentreffen mit Golenischtscheff jene
kalte stolze Haltung annahm, die er den Menschen gegenber anzunehmen
verstand, und deren Gedanke der war: Mag Euch meine Lebensart
anstehen oder nicht, dies ist mir ganz gleichgltig; Ihr mt mich aber
achten, wenn Ihr meine Bekanntschaft sucht.

Golenischtscheff hingegen verhielt sich diesem Tone Wronskiys gegenber
mit geringschtzigem Gleichmut. Es drfte nun scheinen, als ob jene
Begegnung sie noch mehr voneinander htte trennen mssen, jetzt aber
erglnzten beider Mienen und sie riefen sich freudig an, indem sie
einander erkannten.

Wronskiy htte nie erwartet, da er sich ber Golenischtscheff so
freuen knne, aber wahrscheinlich wute er nur selbst nicht, wie er
sich langweilte. Er hatte den unangenehmen Eindruck ihrer letzten
Begegnung vergessen und streckte jetzt dem einstigen Schulkameraden
mit offener, freudiger Miene die Hand entgegen. Ein solcher Ausdruck
von Freude vernderte auch den ersten unsicheren Ausdruck im Gesicht
Golenischtscheffs.

Wie freue ich mich, dich zu treffen! sagte Wronskiy, freundschaftlich
lchelnd seine festen weien Zhne zeigend.

Ich habe gehrt, ein Wronskiy ist hier; wute aber nicht, welcher. Ich
freue mich ganz auerordentlich! --

Komm doch mit herauf. Nun, was machst du denn?

Ich wohne schon seit zwei Jahren hier. Ich arbeite.

Ach so, versetzte Wronskiy voll Teilnahme, also komme mit herein.

Nach der Gewohnheit der Russen begann er franzsisch, anstatt gerade
russisch das zu sagen, was er vor der Dienerschaft verbergen wollte.

Bist du mit der Karenina bekannt? Wir reisen zusammen. -- Ich gehe zu
ihr, -- fuhr er auf franzsisch fort, Golenischtscheff aufmerksam ins
Gesicht blickend.

Ah, ich wte nicht, antwortete Golenischtscheff ruhig -- der
recht wohl das Verhltnis kannte -- bist du schon seit lange hier
angekommen? fgte er hinzu.

Ich? Seit vier Tagen, antwortete Wronskiy, noch einmal aufmerksam das
Gesicht des Schulkameraden musternd.

Ja wohl, er ist ein vernnftiger Mensch und nimmt die Dinge, wie
sichs gehrt, sagte Wronskiy zu sich selbst, die Bedeutung des
Gesichtsausdrucks Golenischtscheffs und den Wechsel der Unterhaltung
verstehend; man kann ihn schon mit Anna bekannt machen; er verhlt
sich ganz so, wie es sich gehrt.

Wronskiy hatte sich whrend der drei Monate, die er im Auslande mit
Anna zugebracht hatte, im Zusammentreffen mit den Menschen stets die
Frage vorgelegt, wie die betreffende neuerscheinende Person seine
Beziehungen zu Anna betrachte, und grtenteils begegnete er bei den
Mnnern der Auffassung wie es sich gehrte. Wenn man ihn aber frug,
oder diejenigen frug, welche verstanden, was das wie es sich gehrt,
eigentlich bedeute, so wre wohl er selbst ebenso wie jene in groer
Verlegenheit gewesen.

In Wirklichkeit verstanden diejenigen, welche nach Wronskiys Meinung
das wie es sich gehrt kannten, dieses nicht im geringsten, sondern
verhielten sich nur im allgemeinen so, wie wohlerzogene Leute sich
in allen verwickelten und unlsbaren Fragen zu verhalten pflegen,
die das Leben von allen Seiten umgeben -- sie verhielten sich
zurckhaltend, und mieden Anspielungen und unangenehme Fragen. Sie
gaben sich den Anschein, als ob sie vollstndig Bedeutung und Sinn
der Situation erfat htten, sie erkannten dieselbe an und hieen sie
sogar gut, hielten es aber fr unangebracht und berflssig, das alles
auszusprechen.

Wronskiy hatte sich nicht sogleich gedacht, da Golenischtscheff einer
von diesen Leuten wre, und er war daher doppelt erfreut ber ihn.
In der That verhielt sich Golenischtscheff der Karenina gegenber,
nachdem er bei derselben eingefhrt worden war, so, wie Wronskiy es nur
immer wnschen konnte. Augenscheinlich vermied er ohne die geringsten
Schwierigkeiten alle Gesprche, die zu einer peinlichen Situation
htten fhren knnen.

Er hatte Anna frher nicht gekannt und war berrascht von ihrer
Schnheit, noch mehr aber von der Naivett, mit welcher sie ihre Lage
auffate. Sie errtete, als Wronskiy Golenischtscheff einfhrte, und
dieses kindliche Errten, das ihr offenes schnes Gesicht berzog,
gefiel ihm auerordentlich. Besonders aber sprach ihn an, da sie
sogleich, wie in der Absicht keinerlei Zweifel in Gegenwart eines
Fremden mglich bleiben zu lassen, Wronskiy einfach Aleksey nannte
und erzhlte, da sie mit ihm in ein neugemietetes Haus bersiedeln
werde, welches man hier den Palazzo nenne. Dieses offenherzige und
naive Verhalten angesichts ihrer Lage gefiel Golenischtscheff.
Angesichts dieser gutmtig heitern energischen Art und Weise Annas und
seiner Bekanntschaft mit Aleksey Aleksandrowitsch und Wronskiy schien
es ihm, als ob er sie vollstndig verstnde. Es schien ihm als ob er
erkenne, was sie nicht im entferntesten erkannte; nmlich das, da sie
sich, das Unglck eines Mannes verschuldend, indem sie ihn und ihren
Sohn verlie und ihren guten Ruf verlor, dennoch voll Energie heiter
und glcklich fhlen konnte.

Er liegt dort drben, sagte Golenischtscheff, den Palazzo meinend,
den Wronskiy gemietet hatte. Es befindet sich ein schner Tintoretto
dort, aus der letzten Epoche des Knstlers.

Wit Ihr was? Das Wetter ist schn, begeben wir uns einmal hin und
besichtigen wir ihn nochmals, sagte Wronskiy, sich zu Anna wendend.

Sehr erfreut; ich komme sogleich mit und will nur meinen Hut
aufsetzen, Ihr sagt, es ist hei? sprach sie, an der Thr stehen
bleibend und fragend auf Wronskiy blickend. Wiederum bedeckte eine
helle Rte ihr Gesicht.

Wronskiy erkannte an ihrem Blick, da sie nicht wisse, in welchen
Beziehungen er mit Golenischtscheff zu stehen gedenke, und besorgt sei,
ob sie sich auch so verhalten habe, wie er es gewnscht haben mchte.

Er schaute sie mit einem zrtlichen langen Blicke an.

Nein, nicht so sehr, versetzte er.

Ihr schien, da sie damit alles verstanden hatte, namentlich, da er
zufrieden mit ihr sei, und ihm zulchelnd ging sie schnellen Schrittes
zur Thr hinaus.

Die Freunde blickten einander an und in den Zgen beider erschien
Verlegenheit, es war, als ob Golenischtscheff, augenscheinlich
bezaubert von ihr, etwas ber sie zu sagen wnschte, aber nicht fnde
was, whrend Wronskiy das Nmliche wnschte und es doch zugleich
frchtete.

So ist es also -- begann Wronskiy, um doch wieder eine Unterhaltung
anzuknpfen, du hast dich hier angesiedelt? Treibst du denn noch immer
deine alte Beschftigung? fuhr er fort, sich erinnernd, da man ihm
gesagt hatte, Golenischtscheff schriebe etwas.

Ja. Ich schreibe den zweiten Teil meiner >Zwei Gesetze<, antwortete
dieser, vor Vergngen ber diese Frage ins Feuer geratend, das heit,
um genau zu sein, ich schreibe noch nicht, sondern bereite noch vor,
ich sammle Material. Dieser zweite Teil wird bei weitem umfangreicher
werden und fast smtliche Fragen umfassen. Man will bei uns in Ruland
nicht begreifen, da wir die Erben von Byzanz sind, begann er eine
lange eifrige Auseinandersetzung.

Wronskiy war es anfangs peinlich, da er die erste Abhandlung ber
die Zwei Gesetze, ber welche der Autor mit ihm sprach, als ob sie
etwas ganz Bekanntes wre, gar nicht kannte. Als aber Golenischtscheff
seine Ideen zu entwickeln begann, und Wronskiy ihm zu folgen vermochte,
hrte ihn der Letztere, auch ohne die Zwei Gesetze zu kennen, mit
Interesse an, da Golenischtscheff gut sprach, doch versetzte ihn die
verbissene Erregtheit, mit welcher Golenischtscheff ber den ihn
beschftigenden Gegenstand sprach, in Erstaunen und Mistimmung. Je
lnger jener sprach, umsomehr entflammte sich sein Blick, umsomehr
beeilte er sich, eingebildeten Gegnern zu replizieren und um so
unruhiger und trber wurde sein Gesichtsausdruck. Wronskiy war, indem
er sich Golenischtscheff als den hageren, lebhaften und gutmtigen
Knaben von gutem Herkommen, der stets der Erste im Corps gewesen war,
in die Erinnerung zurckrief, nicht imstande, einen Grund fr diese
Gereiztheit zu finden, und schttelte den Kopf ber ihn. Insbesondere
wollte ihm nicht gefallen, da Golenischtscheff als ein Mann aus der
guten Gesellschaft, sich auf eine Stufe mit gewissen Skriblern stellte,
die ihn gereizt hatten, und denen er nun grollte. War das die Sache
wert? Wronskiy gefiel dies nicht, aber er empfand, da Golenischtscheff
unglcklich war, und fhlte Mitleid mit ihm. Verzweiflung, ja fast
Geistesverwirrung war auf diesen beweglichen, ziemlich angenehmen Zgen
sichtbar, whrend er, Annas Eintreten gar nicht einmal bemerkend,
fortfuhr, hastig und eifrig seine Ideen zu uern.

Als Anna in Hut und berwurf, mit ihrer schnen Hand in schnellen
Bewegungen mit dem Sonnenschirm spielend, neben Wronskiy stehen blieb,
ri sich dieser mit einem Gefhl der Erleichterung von den starr
auf ihn gerichteten, klagenden Blicken Golenischtscheffs los und
schaute mit neuer Liebe auf seine reizende Freundin in ihrer Flle von
Lebenskraft und Freude.

Golenischtscheff konnte sich nur schwer wieder sammeln und blieb
anfangs niedergeschlagen und finster, doch belebte ihn Anna, freundlich
gegen jedermann gestimmt -- wie sie berhaupt whrend dieser Zeit
war -- bald wieder durch die Natrlichkeit und Heiterkeit ihres
Verkehrs. Nachdem sie verschiedene Themata versucht hatte, brachte sie
das Gesprch auf die Malerei, ber die er sehr gut sprach und hrte
ihm aufmerksam zu. Sie gingen zu Fue nach dem gemieteten Haus und
besichtigten es.

ber Eines freue ich mich sehr, sagte Anna zu Golenischtscheff, als
sie bereits auf dem Rckwege waren. Aleksey wird ein gutes Atelier
haben. Du wirst doch ohne Zweifel dieses Zimmer nehmen, sagte sie zu
Wronskiy auf russisch, ihn jetzt duzend, da sie schon erkannt hatte,
da Golenischtscheff ihnen in ihrer Einsamkeit sehr nahe treten wrde,
und man so vor ihm nichts zu verhehlen brauche.

Malst du denn? sagte dieser, sich schnell zu Wronskiy hinwendend.

Ja, ich habe mich lange damit beschftigt und jetzt wieder ein wenig
angefangen, versetzte Wronskiy errtend.

Er hat ein bedeutendes Talent, antwortete Anna mit freudigem Lcheln,
ich bin natrlich kein Kritiker, aber kundige Kunstrichter haben es
auch gesagt.


                                   8.

Anna fhlte sich in dieser ersten Zeit ihrer Freiheit und schnellen
Genesung in einer Weise glcklich und voll Lebensfreude, die nicht zu
vergeben war. Die Erinnerung an das Unglck ihres Gatten vergllte ihr
ihre Seligkeit nicht. Diese Erinnerung war ihr einerseits zu furchtbar,
als da sie daran htte denken mgen, andrerseits verlieh ihr das
Unglck des Gatten eine viel zu hohe Seligkeit, als da sie Reue ber
dasselbe htte empfinden knnen. Die Erinnerung an alles, was sich mit
ihr seit ihrer Krankheit zugetragen, die Ausshnung mit dem Gatten,
der Bruch mit ihm, die Nachricht von der Verwundung Wronskiys, dessen
erneutes Erscheinen bei ihr, die Vorbereitung der Ehescheidung, das
Verlassen des Hauses ihres Gatten, der Abschied von ihrem Sohne --
alles das erschien ihr wie ein Fiebertraum, aus welchem sie, allein
mit Wronskiy, im Auslande erwacht war. Die Erinnerung -- das Bse, das
sie ihrem Gatten zugefgt hatte, erweckte in ihr ein Gefhl, welches
dem Ekel und dem Gefhl hnlich war, welches ein Mensch empfindet, der
ertrinken wollte und sich von einem andern losgerissen hat, der sich an
ihn anklammerte. Dieser letztere Mensch war ertrunken. Natrlich war
das keine schne Handlung, aber es war die einzige Rettung und man that
daher am besten, an diese furchtbaren Einzelheiten nicht mehr zu denken.

Ein Schlu der sie ber ihre Handlungsweise beruhigte, kam ihr damals,
in der ersten Minute nach dem Bruch, und wenn sie jetzt an ihre ganze
Vergangenheit dachte, erinnerte sie sich dieses Schlusses. Ich habe
unwiderleglich das Verhngnis dieses Mannes herbeigefhrt, dachte sie,
aber ich will aus diesem Unglck keinen Vorteil ziehen; auch ich leide
und werde leiden, ich bin dessen beraubt, was ich ber alles schtzte,
-- des ehrenhaften Namens und meines Sohnes. Ich habe schlecht
gehandelt, und will daher kein Glck, keine Ehescheidung; ich werde
leiden in meiner Schmach und der Trennung von dem Sohne.

Aber so aufrichtig Anna auch leiden wollte, sie litt nicht; und ihre
Schmach war fr sie nicht vorhanden. Mit dem Takte, von welchem sie
beide so viel besaen, kamen sie im Auslande, indem sie russische Damen
mieden, nie in eine falsche Situation und berall trafen sie Leute,
die sich stellten, als ob sie die beiderseitige Lage noch weit besser
verstnden, als sie selbst sie auffaten. Selbst die Trennung von ihrem
Sohne, den sie liebte, war ihr in der ersten Zeit nicht schmerzlich.
Ihr Tchterchen, sein Kind, war so lieb, hatte Anna so fr sich
eingenommen, seit ihr das Mdchen allein verblieben war, da sie nur
selten noch des Sohnes gedachte.

Ihr Bedrfnis zu leben, mit der Genesung erhht, war so stark, und ihre
Lebensverhltnisse waren so ungewohnte und angenehme, da Anna sich
unverzeihlich glcklich fhlte.

Je mehr sie Wronskiy erkannte, desto mehr liebte sie ihn. Sie liebte
ihn um seiner selbst willen und wegen seiner Liebe fr sie. Ihre
vollstndige Herrschaft ber ihn war ihr eine fortwhrende Freude.
Seine Nhe war ihr stets willkommen. Alle Zge seines Charakters,
den sie mehr und mehr erkannte, waren ihr unaussprechlich lieblich.
Sein ueres, das sich im Civilanzug verndert hatte, war fr sie so
anziehend, wie fr eine liebende junge Frau. In allem was er sprach,
dachte und that, sah sie etwas besonders Edles und Erhabenes, und ihr
Entzcken ber ihn erschreckte sie selbst sogar hufig. Sie suchte
nichts Unschnes in ihm und konnte auch nichts finden; sie wagte es
nicht, das Bewutsein ihrer Nichtigkeit vor ihm gewahr werden zu
lassen, denn es schien ihr, als ob er, wenn er dies wte, schneller
aufhren knne, sie zu lieben. Jetzt aber frchtete sie nichts so sehr
-- obwohl sie nicht den geringsten Anla hierzu hatte -- als, seine
Liebe zu verlieren. Sie konnte nicht umhin, ihm dankbar zu sein fr
sein Verhltnis zu ihr und mute ihm zeigen, wie hoch sie dasselbe
schtzte. Er, der nach ihrer Meinung einen so ausgeprgten Beruf fr
die Staatscarriere besa, in der er einmal eine bedeutende Rolle
spielen mute -- er hatte seinen Ehrgeiz fr sie geopfert, ohne je auch
nur das geringste Bedauern darber zu zeigen.

Er war mehr noch als frher, liebevoll und achtungsvoll gegen sie
geworden und der Gedanke, sie mchte sich des Peinlichen ihrer Lage
niemals bewut werden, verlie ihn nicht eine Minute. Er, so ganz ein
Mann, war vor ihr nicht nur widerspruchslos, er hatte nicht einmal
seinen eigenen Willen, und war offenbar nur damit beschftigt, auf
welche Weise er ihren Wnschen zuvorkommen knne. Und sie konnte
nicht umhin, dies hochzuschtzen, obwohl sie das berma seiner
Aufmerksamkeit fr sie, diese Atmosphre liebevoller Sorgfalt mit der
er sie umgab, bisweilen bedrckte.

Wronskiy jedoch war ungeachtet der vollstndigen Verwirklichung
dessen, was er so lange ersehnt hatte, nicht vollkommen glcklich.
Er fhlte bald, da die Verwirklichung seines Wunsches ihm nur ein
Krnlein von jenem Berg von Glck gewhrt hatte, den er erwartete.
Diese Verwirklichung zeigte ihm nur den ewigen Fehler, den die Menschen
begehen, indem sie sich das Glck als Verwirklichung eines Wunsches
denken. In der ersten Zeit, nachdem er sich mit ihr vereinigt und
den Civilrock angelegt hatte, empfand er all den Reiz der Freiheit im
allgemeinen, den er nicht vorher gekannt hatte, sowie die Freiheit der
Liebe, und er war zufrieden; doch nicht auf lange. Bald fhlte er, da
sich in seiner Brust der Wunsch der Wnsche regte -- die Langeweile.
-- Ganz ohne seinen Willen klammerte er sich an jede vorberhuschende
Laune, indem er sie als Wunsch und Ziel erfate. Sechzehn Stunden
des Tages mute man sich beschftigen, obwohl man im Ausland in
vollkommener Freiheit lebte, auerhalb jenes Kreises von Anforderungen
des gesellschaftlichen Lebens, wie er die Zeit in Petersburg fr sich
in Anspruch nahm.

An jene Zerstreuungen des Junggesellenlebens, die Wronskiy bei frheren
Reisen ins Ausland beschftigt hatten, war nicht mehr zu denken,
da schon ein einziger Versuch dieser Art einen unerwarteten, einem
verspteten Abendbrot unter Bekannten nicht entsprechenden Trbsinn
in Anna hervorrief. Beziehungen zu der Gesellschaft des Ortes, auch
den Russen hier, konnten sie bei der Unbestimmtheit ihrer Verhltnisse
ebenfalls nicht unterhalten. Eine Besichtigung der Sehenswrdigkeiten
hatte, abgesehen davon, da sie alles schon gesehen hatten, fr ihn
als einen Russen, und verstndigen Menschen, nicht jene unerklrbare
Bedeutung, wie sie die Englnder diesem Punkte beimessen.

Wie daher das hungernde Tier nach jedem fallenden Gegenstande schnappt,
in der Hoffnung, in ihm etwas zu fressen zu finden, so griff auch
Wronskiy vollstndig instinktiv bald zur Politik, bald nach neuen
Bchern, bald nach der Malerei.

Da er von Kindheit an Talent zur Malerei gehabt, und, indem er nicht
wute, wofr er sein Geld verausgaben sollte, Stahlstiche zu sammeln
begonnen hatte, so blieb er endlich bei der Malerei, und begann sich
mit ihr zu beschftigen und jenen brachliegenden Wust von Wnschen,
welcher nach Verwirklichung verlangte, in ihr abzulagern.

Er besa die Fhigkeit, die Kunst zu erfassen, und in der That mit
Geschmack die Kunst nachzuahmen; er meinte auch, da er dasselbe
bese, was der Knstler brauche, und befate sich, nachdem er einige
Zeit geschwankt hatte, welches Genre der Malerei er erwhlen solle: das
religise, historische oder realistische, mit Malen. Er verstand sich
auf jedes Genre und konnte sich fr dieses, wie fr jenes begeistern,
aber er vermochte sich nicht vorzustellen, da es auch mglich sei,
ganz und gar nichts zu wissen, was es fr Richtungen in der Malerei
gebe, und sich unmittelbar von dem inspirieren zu lassen, was in
der Seele lebte, ohne Sorge, ob das, was man malte, auch zu einem
bestimmten Genre in der Kunst gehrte. Da er dies nicht kannte, und
sich nicht unmittelbar vom Leben beeinflussen lie, sondern mittelbar,
vom Leben wie es durch die Kunst schon verkrpert war, so begeisterte
er sich sehr schnell und leicht und erreichte ebenso schnell und
leicht, da das, was er malte, demjenigen Genre sehr hnlich wurde,
welches er nachzuahmen wnschte.

Vor allem gefiel ihm die franzsische Schule, die grazise und
effektvolle, und nach dieser begann er, das Bild Annas in italienischem
Kostm zu malen. Das Portrt erschien ihm und jedermann, der es sah,
als sehr gelungen.


                                   9.

Der alte vernachlssigte Palazzo mit den hohen bossierten Plafonds und
Fresken an den Wnden, Mosaikboden und schweren gelben Stoffgardinen an
den hohen Fenstern; Vasen auf den Konsolen und Kaminen, geschnitzten
Thren und dmmerigen Slen, die mit Gemlden vollgehngt waren --
dieser Palazzo hielt, nachdem sie in ihn bergesiedelt waren, schon in
seiner ueren Erscheinung in Wronskiy eine angenehme Tuschung wach,
die, da er weniger ein russischer Gutsherr und Stallmeister ohne Amt
sei, als vielmehr ein erlauchter Liebhaber und Kunstmcen, und er
selbst -- ein bescheidener Knstler, der sich von der Welt losgesagt
hatte, von seinen Verbindungen und dem Ehrgeiz -- fr ein geliebtes
Weib.

Die Rolle, welche Wronskiy mit seinem Umzug in den Palazzo erwhlt
hatte, gelang vollstndig und durch Vermittelung Golenischtscheffs mit
einigen interessanten Personen bekannt geworden, fhlte er sich fr die
Anfangszeit beruhigt. Er malte unter der Leitung eines italienischen
Professors der Malerei Studien nach der Natur und beschftigte sich mit
dem Kunstleben Italiens im Mittelalter. Das mittelalterliche Kunstleben
Italiens hatte fr Wronskiy in letzter Zeit soviel Reiz gewonnen,
da dieser selbst einen Hut und das Plaid ber der Schulter nach der
mittelalterlichen Mode zu tragen begann, was ihm sehr gut stand.

Da leben wir hier und wissen gar nichts davon, sagte eines Tages
Wronskiy zu Golenischtscheff, der frh zu ihm gekommen war. Hast du
das Gemlde Michailoffs gesehen? Er reichte die am Morgen soeben
erhaltene russische Zeitung hin, und wies auf einen Artikel ber einen
russischen Maler, der in der nmlichen Stadt lebte und hier ein Gemlde
ausgefhrt hatte, ber welches schon lange Gerchte umliefen und das
schon im voraus angekauft worden war.

In dem Aufsatz wurden der Regierung und der Akademie Vorwrfe gemacht,
da der vorzgliche Knstler jeder Aufmunterung und Untersttzung
entbehre.

Ich habe das Bild gesehen, antwortete Golenischtscheff, natrlich
ist er nicht talentlos, aber er verfolgt eine vollstndig verkehrte
Richtung; das ist noch immer jene Richtung Iwanoff-Strau-Rnan,
Christus und der kirchlichen Malerei gegenber.

Was stellt das Gemlde dar? frug Anna.

Christus vor Pilatus. Christus ist als Hebrer mit allem Realismus
der neuen Schule dargestellt -- durch die Frage nach dem Inhalt
des Gemldes auf eines seiner Lieblingsthemen gebracht, begann
Golenischtscheff zu erklren.

Ich begreife nicht, wie man einem so groben Irrtum verfallen kann.
Christus hat doch schon seine bestimmte Verkrperung in der Kunst
der grten Altmeister. Wenn man nicht Gott darstellen will, sondern
einen Revolutionr oder Weisen, so mag man sich den Sokrates aus der
Geschichte whlen, den Franklin, die Charlotte Corday -- aber nur nicht
Christus. -- Man nimmt da aber gerade diejenige Gestalt, die man fr
die Kunst nicht nehmen soll, und dann --

Aber ist es denn wahr, da sich dieser Michailoff in so groer Armut
befindet? frug Wronskiy in dem Gedanken, da er, als russischer Mcen,
ohne Rcksicht darauf, ob das Gemlde gut oder schlecht sei, dem
Knstler helfen knne.

Kaum; er ist ein bedeutender Portrtmaler. Ihr habt wohl sein Portrt
der Wasiljtschikowa gesehen? Er scheint indessen nicht mehr Portrts
malen zu wollen, und kann es allerdings mglich sein, da er sich
wirklich in Not befindet. Ich sage, da? --

Knnte man ihn nicht bitten, ein Portrt der Anna Arkadjewna zu
malen? sagte Wronskiy.

Weshalb meines? fiel Anna ein, auer dem deinigen mchte ich kein
anderes haben. Oder noch besser wre Any -- so nannte sie ihr kleines
Mdchen -- da ist sie gerade, fgte sie hinzu, durch das Fenster auf
eine hbsche italienische Amme schauend, welche das Kind in den Garten
trug, und dann sorglich verstohlen auf Wronskiy blickend.

Die hbsche Amme, deren Kopf Wronskiy fr sein Gemlde portrtiert
hatte, bildete das einzige geheime Leid im Leben Annas. Wronskiy hatte
sie gemalt, sich in ihre Anmut und Mittelalterlichkeit verliebt, und
Anna wagte nicht, sich zu gestehen, da sie frchtete, sie knne auf
diese Amme eiferschtig werden. Infolge dessen behandelte sie dieselbe
ausnehmend gut und verzrtelte sie sogar, ebenso wie den kleinen Sohn
derselben.

Wronskiy blickte ebenfalls durch das Fenster und dann Anna in die
Augen, wandte sich jedoch hierauf sogleich wieder zu Golenischtscheff
und sagte:

Kennst du diesen Michailoff?

Ich bin ihm begegnet, doch ist er ein Sonderling und ohne jede
Bildung. Wit Ihr, er ist einer jener Wilden, jener Neuerer, die man
jetzt so hufig trifft; einer jener Freidenker, welche =d'emble=,
in den Begriffen des Unglaubens, der Negierung und des Materialismus
aufgezogen sind. Frher, fuhr Golenischtscheff fort, ohne zu bemerken,
oder bemerken zu wollen, da auch Wronskiy und Anna zu reden wnschten,
frher war ein Freidenker ein Mensch, der in den Begriffen Religion,
Gesetz und Moral erzogen worden, und selbst durch Kampf und Mhe
zum Freidenkertum gelangt war; jetzt zeigt sich ein neuer Typus der
selbstgewordenen Freidenker, welche emporwachsen, ohne auch nur davon
gehrt zu haben, da es Gesetze der Moral, der Religion giebt, und da
Autoritten existieren; solcher, die eben geradezu in den Begriffen
des absoluten Nein, das heit also, wie Wilde aufwachsen. So Einer ist
er nun; der Sohn eines hheren Moskauer Lakaien wohl, der keinerlei
Bildung empfangen hat. Nachdem er in die Akademie eingetreten war und
sich einen Namen gemacht hatte, begann er, gerade kein Dummkopf, das
Bedrfnis nach Bildung zu fhlen. Er wandte sich daher zu dem, was ihm
als Quelle der Bildung erschien -- zu den Journalen. Man bedenke nur,
in der alten Zeit htte ein Mensch, der sich bilden wollte, nehmen
wir an, ein Franzose, alle Klassiker studieren mssen: die Theologen,
Tragiker, Historiker und Philosophen; man bedenke die geistige
Arbeit, die ihm da obgelegen haben wrde. Jetzt aber, bei uns, ist
er geradenwegs auf die oppositionelle Litteratur gestoen, hat sich
schnell den ganzen Extrakt der Verneinungswissenschaft zu eigen gemacht
-- und ist fertig! Vor zwanzig Jahren wrde er in dieser Litteratur
die Kennzeichen eines Kampfes mit der Autoritt, mit hundertjhrigen
Anschauungen gefunden haben, er wrde aus diesem Kampfe erkannt haben,
da es noch etwas Anderes gebe, jetzt aber verfllt er geradenwegs
einer Litteratur, in welcher man die alten Anschauungen nicht einmal
mehr einer Bekmpfung wrdigt, sondern unverhohlen heraussagt, >das
ist nichts mehr, =volution=, Kampf ums Dasein!< Ich habe in meiner
Abhandlung --

Wit Ihr was, sagte Anna, die schon lange aufmerksame Blicke mit
Wronskiy gewechselt hatte, und wute, da diesen der Bildungsgang des
Knstlers nicht interessierte, sondern nur der Gedanke beschftigte,
ihm zu helfen, ihm ein Portrt zuzuweisen: Wit Ihr was? unterbrach
sie den sich im Redeflu verlierenden Golenischtscheff, wir wollen zu
ihm gehen!

Golenischtscheff sammelte sich und stimmte bereitwillig zu, da jedoch
der Knstler in einem entfernteren Viertel wohnte, beschlo man einen
Wagen zu nehmen.

Nach Verlauf einer Stunde fuhren Anna die neben Golenischtscheff
sa, und Wronskiy, der auf dem Vordersitz des Wagens Platz genommen
hatte, vor einem neuen, unschn aussehenden Gebude in dem abgelegenen
Stadtviertel vor. Nachdem sie von der heraustretenden Frau des
Hausmanns erfahren hatten, da Michailoff den Zutritt zu seinem Atelier
wohl gewhre, augenblicklich aber sich in seiner Privatwohnung, die
wenige Schritte entfernt lag, befinde, so sandten sie ihm ihre Karten
mit der Bitte um die Erlaubnis, seine Gemlde sehen zu drfen.


                                  10.

Der Maler Michailoff war, wie immer, bei der Arbeit, als man ihm die
Karten des Grafen Wronskiy und Golenischtscheffs berbrachte. Er hatte
diesen Morgen in seinem Atelier an einem groen Gemlde gearbeitet.
Als er in seine Wohnung gekommen war, hatte er sich ber seine Frau
gergert, weil diese nicht mit der Hauswirtin umzugehen verstand, die
Geld verlangte.

Zwanzigmal wohl habe ich dir gesagt, la dich nicht in Erklrungen
ein, du bist ohnehin schon dumm genug; willst du aber auf italienisch
etwas erklren, dann wirst du noch dreimal dmmer, sagte er zu ihr
nach langem Geznk.

Sei lieber nicht so nachlssig! Ich kann doch nicht dafr. Wenn ich
Geld htte --

La mich in Ruhe, um Gottes willen! rief Michailoff, Thrnen in der
Stimme, eilte, sich die Ohren zuhaltend, in sein Arbeitszimmer hinter
die Zwischenwand, und schlo die Thr hinter sich. Einfltige, sprach
er zu sich selbst, lie sich an seinem Tische nieder, klappte den
Karton auseinander und machte sich mit besonderem Eifer an eine schon
begonnene Zeichnung.

Niemals arbeitete er mit so groem Eifer und Erfolg, als wenn es ihm
im Leben nicht gut ging, besonders aber, wenn er sich mit seiner Frau
gezankt hatte.

Knnte man nur sonstwohin durchbrennen! dachte er bei seiner Arbeit.
Er entwarf eine Zeichnung zu der Figur eines Menschen, der sich im
Zornanfall befindet. Die Zeichnung war schon vorher entworfen, aber
er war mit derselben nicht zufrieden. Nein, die andere war besser;
wo ist sie denn nur? Er ging zu seiner Frau, und frug grollend, und
ohne aufzublicken, die alte Magd, wo das Papier wre, welches er ihnen
gegeben htte. Das Papier mit der darauf hingeworfenen Zeichnung fand
sich, es war aber beschmutzt und mit Stearin betropft. Gleichwohl nahm
er die Zeichnung, legte sie vor sich auf den Tisch, und begann, nachdem
er mit den Augen blinzelnd zurckgetreten war, sie zu betrachten.
Pltzlich lchelte er und schwenkte freudig mit den Armen. So ist
es, so! sagte er, und begann, den Bleistift ergreifend, schnell
zu zeichnen. Ein Stearinflecken hatte der Figur eine neue Stellung
verliehen. Er zeichnete diese neue Stellung und pltzlich fiel ihm das
energische Gesicht eines Kaufmanns mit hervorstehendem Unterkinn ein,
bei dem er sich seine Cigarren kaufte, und dieses Gesicht, dieses Kinn
gab er nun seiner Figur. Er lachte vor Lust; die Gestalt war pltzlich
aus einer toten, nur gedachten, lebendig, eine solche geworden, die
man nicht mehr verndern konnte. Diese Figur lebte, sie war deutlich
und zweifellos bestimmt. Man konnte jetzt wohl noch die Zeichnung
ndern, im Einklang mit den Erfordernissen der Gestalt, man konnte wohl
selbst die Fe anders stellen, die Haltung des linken Armes gnzlich
ndern, die Haare zurcklegen. Brachte man auch diese Verbesserungen
an, so verankerte man doch nicht die Figur, sondern nur das, was die
Figur verdeckte. Er nahm damit gleichsam nur die Hllen von ihr ab,
wegen deren sie nicht ganz sichtbar war und jeder neue Strich zeigte
die ganze Gestalt nur noch mehr in all ihrer energischen Kraft, einer
Kraft, die ihm pltzlich von den Stearinflecken hervorgebracht zu sein
schien. Sorgfltig beendete er gerade die Figur, als man ihm die Karten
brachte.

Sogleich, sogleich!

Er eilt zu seiner Frau.

La es gut sein, Sascha, sei nicht mehr bse! sagte er zu ihr,
schchtern und zrtlich lchelnd, du warst schuld und ich war
schuld; ich will schon alles in Ordnung bringen. Nachdem er sich mit
seiner Frau ausgeshnt hatte, zog er einen olivenfarbigen Paletot mit
Sammetkragen an, setzte seinen Hut auf, und begab sich nach seinem
Atelier. Die so wohlgelungene Figur hatte er bereits vergessen. Es
erfreute und erregte ihn jetzt nur der Besuch seines Ateliers seitens
dieser vornehmen Russen, die im Wagen angekommen waren.

ber sein Gemlde, dasselbe, welches jetzt auf seinem Platze stand,
hatte er auf dem Grunde seines Herzens nur ein Urteil -- dies, da ein
hnliches Gemlde bisher noch niemand gemalt habe. Er whnte nicht,
da sein Bild besser sei als alle Rafaelschen, er wute nur, da das,
was er auf demselben wiedergeben wollte, noch nie jemand wiedergegeben
hatte. Dies wute er genau und er wute es schon lange, seit jener
Zeit, da er es zu malen begonnen hatte. Aber die Urteile der Menschen
hatten fr ihn, wie sie auch sein mochten, gleichwohl eine ungeheure
Wichtigkeit, und sie regten ihn bis auf den Grund seiner Seele auf.
Jede Bemerkung, selbst die allergeringste, welche bewies, da seine
Kritiker auch nur den kleinsten Teil von dem erkannten, was er in
diesem Gemlde gesehen hatte, regte ihn bis auf den Grund seiner Seele
auf.

Seinen Kritikern ma er stets grere Tiefe an Verstndnis bei, als wie
er selbst besa, und er erwartete von ihnen stets etwas, was er selbst
noch nicht in seinem Gemlde gesehen hatte. Oft fand er dies auch, wie
ihm schien, in den Urteilen der Beschauer.

Schnellen Schrittes nherte er sich der Thr seines Ateliers; und trotz
seiner inneren Erregtheit, frappierte ihn die matte Beleuchtung der
Gestalt Annas, wie sie im Schatten der Einfahrt stand und dem eifrig
ihr etwas auseinandersetzenden Golenischtscheff zuhrte, zu gleicher
Zeit aber auch offenbar wnschte, den herankommenden Knstler zu sehen.

Er selbst war sich dessen gar nicht bewut geworden, da er an sie
herantretend, diesen Eindruck erfat und sich zu eigen gemacht hatte,
ebenso wie das Unterkinn jenes Kaufmanns der ihm Cigarren verkaufte,
und er barg ihn nun an eine Stelle, von der er ihn wieder hervorholen
wrde, sobald er ihn brauchte. Die Besucher, schon vorher durch
Golenischtscheffs Erzhlung ber den Knstler ernchtert, wurden dies
noch mehr durch dessen uere Erscheinung.

Von mittlerer Gre, gedrungen, mit schwankendem Gang, machte
Michailoff in seinem zimmetfarbenen Hut, dem olivengrnen Paletot und
den engen Beinkleidern -- man trug zu dieser Zeit lngst schon weite
-- insbesondere aber durch das Gewhnliche seines breiten Gesichts und
einen Ausdruck, in welchem sich Schchternheit mit dem Wunsche, seine
Wrde zu beobachten, vereinigte, einen nicht eben angenehmen Eindruck.

Bitte ergebenst, sagte er, sich bemhend, gleichmtig zu erscheinen,
und zog, in den Hausflur tretend, einen Schlssel aus der Tasche um die
Thr zu ffnen.


                                  11.

Beim Eintritt in das Atelier musterte der Knstler Michailoff
noch einmal seinen Besuch und prgte seinem Gedchtnis noch den
Gesichtsausdruck Wronskiys ein, insbesondere dessen Backenpartieen.

Wenn auch sein knstlerisches Empfinden fortwhrend thtig war, indem
es Material sammelte, wenn er auch immer mehr und mehr die Erregung
darber empfand, da die Minute der Beurteilung seines Werkes nahte,
so hatte er sich doch dabei schnell und feinsinnig aus unmerklichen
Anzeichen eine Vorstellung ber diese drei Personen gebildet.

Der Eine da -- Golenischtscheff -- war ein hiesiger Russe. Michailoff
entsann sich weder seiner Familie, noch wute er mehr, wo er ihm
begegnet war, und was er mit ihm gesprochen hatte. Er entsann sich
nur noch seines Gesichts, wie er sich berhaupt aller Gesichter
entsann, die er einmal gesehen hatte, doch entsann er sich auch,
da dies eines jener Gesichter war, die von seiner Phantasie in
die hchst umfangreiche Klasse der unwahren und ausdrucksarmen
einregistriert wurden. Die langen Haare und die sehr offene Stirn
verliehen dem Gesicht uere Bedeutung, obwohl sich auf ihm nur wenig,
kindlich-unruhiger Ausdruck, der sich ber der schmalen Nasenwurzel
konzentrierte, zeigte.

Wronskiy und die Karenina muten nach der Vorstellung, die sich
Michailoff von ihnen machte, vornehme und reiche Russen sein, die
nichts von Kunst verstanden, wie alle diese reichen Russen, sich aber
als Liebhaber und Verehrer derselben gebrdeten.

Sie haben gewi schon die ganze alte Kunst gesehen und bereisen
jetzt die Ateliers der neuen Meister, die deutschen Charlatane und
die englischen Praerafaelistennarren, und kommen nun zu mir nur der
Vervollstndigung der Umschau halber, dachte er.

Er kannte die Manier der Dilettanten sehr genau -- je klger diese
erschienen, um so schlimmer war es -- welche die Ateliers der
zeitgenssischen Knstler nur mit der Absicht zu sehen kamen, da sie
das Recht htten sagen zu knnen, die Kunst sei im Niedergang begriffen
und da sich, je mehr man auf die Neuen schaue, umsomehr wahrnehmen
lasse, wie unnachahmlich erhaben die alten Meister geblieben seien.

Er erwartete alles dies, sah alles dies, schon auf ihren Gesichtern,
in dieser gleichmtigen Nachlssigkeit, mit der sie unter sich
sprachen und auf die Bsten blickten und sich ungezwungen bewegten,
in der Erwartung, da er ihnen das Gemlde zeigen wrde. Aber
nichtsdestoweniger empfand er beim Durchblttern seiner Skizzen und als
er die Vorhnge hob und die Decke wegnahm, eine hohe tiefe Erregung;
umsomehr, als ihm, obwohl alle vornehmen und reichen Russen dumm und
beschrnkt nach seinen Begriffen sein muten, Wronskiy sowohl wie
besonders Anna, gefielen.

So, ist es gefllig? sprach er, mit linkischem Gange auf die Seite
tretend und nach dem Bilde weisend. Es ist die Mahnung des Pilatus.
Matthi Kap. =XXVII= -- sagte er, im Gefhl, da seine Lippen vor
Aufregung zu zittern begannen. Er ging abseits und trat hinter sie.

Whrend der wenigen Sekunden, whrend deren die Besucher schweigend
das Gemlde beschauten, blickte es Michailoff gleichfalls an, und er
schaute mit gleichgltigem, interesselosem Blick darauf. Whrend dieser
wenigen Sekunden hatte er sich im voraus davon berzeugt, da das
hchste und gerechteste Urteil von ihnen ausgesprochen werden wrde,
gerade von diesen Besuchern, welche er eine Minute zuvor noch so gering
geschtzt hatte. Er hatte alles vergessen, was er ber sein Bild vorher
gedacht hatte whrend der drei Jahre, in denen es von ihm gemalt ward;
er verga alle Vorzge desselben, die fr ihn zweifellos vorhanden
waren und sah sein Bild nur mit ihrem unbewegten, unparteiischen und
frischen Blick an; und jetzt sah er an ihm nichts Gutes mehr. Er sah im
Vordergrund das unwillige Gesicht des Pilatus und das ruhige Antlitz
Christi, im Hintergrund die Gestalten der Kreaturen des Pilatus und
das Gesicht Johannis, die Vorgnge beobachtend. Jedes Gesicht, unter
so vielem Suchen, so vielem Irren, Verbessern an seinem eigenartigen
Charakter in ihm erstanden, jedes dieser Gesichter, die ihm soviel
Mhe und Freude gemacht hatten, sie alle, so oft umgendert unter der
Rcksichtnahme auf den Gesamteindruck, und auf alle diese Nancen des
Kolorits und der Tne, die er mit soviel Mhe erzielt hatte, alles
dies vereint, zeigte sich ihm jetzt, indem er die Augen der Besucher
beobachtete, als Trivialitt, die schon tausendmal wiederholt worden
war.

Selbst das wertvollste dieser Gesichter, das Antlitz Christi, als
Mittelpunkt des Bildes, der ihm soviel Freude gemacht hatte, als er
es endlich gefunden, alles das erschien jetzt verloren fr ihn, als
er auf sein Gemlde mit ihren Augen blickte. Er sah nur eine gut --
und selbst das nicht einmal, da er jetzt klar eine Masse von Mngeln
wahrnahm -- gemalte Wiederholung aller jener zahllosen Christusbilder
Tizians, Rafaels, Rubens', und der nmlichen Sldner des Pilatus.
Alles war trivial, drftig und veraltet, ja, selbst schlecht gemalt --
bunt und schwach. Sie werden recht haben, wenn sie in Gegenwart des
Knstlers verstellte hfliche Phrasen drechseln, ihn aber bedauern und
verspotten, sobald sie unter sich sind.

Das Schweigen wurde ihm allzu drckend, obwohl es nicht lnger als eine
Minute gewhrt hatte; um es zu brechen und zu zeigen, da er nicht aus
seiner Ruhe gekommen sei, wandte er sich, indem er sich zusammenraffte,
an Golenischtscheff.

Ich hatte wohl, wie mir scheint, das Vergngen -- sagte er zu
demselben, unruhig bald auf Anna, bald auf Wronskiy blickend, um nicht
einen einzigen Zug des Ausdrucks ihrer Gesichter zu verlieren -- Ihnen
schon begegnet zu sein? --

Gewi! -- Wir sahen uns bei Rossi, entsinnt Ihr Euch jenes Abends,
als jene italienische Dame vortrug, begann Golenischtscheff frei, und
ohne das geringste Bedauern den Blick von dem Gemlde ab und zum Maler
wendend.

Als er indessen bemerkte, da Michailoff ein Urteil ber sein Gemlde
erwarte, sagte er: Euer Bild hat gute Fortschritte gemacht, seit ich
es zum letztenmal gesehen habe. So wie damals, berrascht mich auch
jetzt die Figur des Pilatus. So mu man diesen Mann auffassen, als gut
und brav, aber als Beamter bis auf den Kern seiner Seele, der nicht
wei, was er anrichtet. Mir scheint indessen --

Michailoffs bewegliches Gesicht erglnzte pltzlich ber und ber,
seine Augen leuchteten auf.

Er wollte etwas sagen, konnte es aber vor Erregung nicht, und
stellte sich nun, als msse er husten. So niedrig wie er auch
die Fhigkeit Golenischtscheff, die Kunst zu verstehen, anschlug,
so unbedeutend auch die treffende Bemerkung desselben ber die
Wahrheit des Gesichtsausdruckes des Pilatus als eines Beamten war, so
zurcksetzend fr ihn die uerung einer so unbedeutenden Bemerkung
erscheinen konnte, die zuerst kam, whrend ber das Hauptschlichste
nicht gesprochen worden war, befand sich Michailoff gleichwohl in
Entzcken ber dieselbe. Er selbst dachte ber die Figur des Pilatus
das Nmliche, was Golenischtscheff ausgesprochen hatte. Der Umstand,
da dieses Gutachten nur eines von Millionen anderer war, die, wie
Michailoff sicher wute, alle richtig gewesen sein wrden, verminderte
fr ihn die Bedeutung desselben nicht. Er gewann Golenischtscheff
fr diese Bemerkung lieb und fiel aus der Stimmung der Beklommenheit
pltzlich in die des Entzckens. Sofort lebte sein ganzes Gemlde
vor ihm wieder auf in all der unaussprechlichen Schwierigkeit alles
Lebenden. Michailoff versuchte es nochmals zu sagen, da er sich
den Pilatus ebenso gedacht habe, aber seine Lippen vibrierten nur
widerspenstig und er konnte sich nicht uern. Wronskiy und Anna sagten
gleichfalls etwas mit jener leisen Stimme, mit welcher man gewhnlich
-- teils um den Knstler nicht zu verletzen, teils um nicht laut eine
Dummheit zu sagen, die man so leicht uern kann, wenn man ber Kunst
spricht -- in Gemldeausstellungen konversiert.

Michailoff schien es, als ob sein Bild auch auf sie Eindruck gemacht
htte. Er trat zu ihnen hin.

Wie wunderbar ist der Ausdruck des Christus! sagte Anna. Vor allem,
was sie gesehen, hatte ihr dieser Ausdruck gefallen, und sie fhlte,
da dies der Mittelpunkt des Gemldes war und deshalb ein solches Lob
dem Knstler angenehm sein wrde.

Man sieht, wie er Pilatus bemitleidet!

Dies war wiederum eins aus der Million richtiger Urteile, die man an
seinem Bilde und an der Figur des Christus finden konnte.

Sie hatte gesagt, da es ihm leid thue um Pilatus. In dem Ausdruck
des Christus mute ja auch der von Mitleid liegen, da in ihm der
der Liebe lag, einer berirdischen Ruhe und Todesbereitschaft, des
Bewutseins einer bevorstehenden Rechenschaft ber seine Worte. Gewi
lag der Ausdruck des dienstthuenden Beamten in dem Pilatus, der des
Mitleids mit diesem in dem Christus, da der Eine die Verkrperung des
fleischlichen, der Andere die des geistigen Lebens ist. Alles das
und noch vieles andere ging Michailoff durch den Kopf, und abermals
leuchtete sein Auge auf vor Entzcken.

Und wie diese Figur gearbeitet ist, wie viel Luft; man kann um ihn
herumgehen, sagte Golenischtscheff, offenbar um mit dieser Bemerkung
anzudeuten, da er den Gedanken und Sinn der Figur nicht billige.

Ja, ein wunderbares Meisterstck. Wie jene Figuren in dem
Hintergrunde sich abheben! Das ist Technik! sagte Wronskiy, sich
zu Golenischtscheff wendend, und damit auf ein zwischen ihnen
stattgehabtes Gesprch darber, da Wronskiy an der Erwerbung dieser
Technik verzweifelte, anspielend.

Ja, ja, wunderbar, besttigten Golenischtscheff und Anna.

Trotz des aufgeregten Zustandes, in welchem sich Michailoff befand,
griff diesen doch die Bemerkung ber die Technik schmerzlich ans Herz
und grollend auf Wronskiy blickend, verfinsterte er sich pltzlich. Oft
schon hatte er das Wort Technik gehrt und durchaus nicht begriffen,
was man eigentlich darunter verstnde. Er wute, da man mit diesem
Worte die mechanische Fertigkeit des Malens und Zeichnens meine, die
vollstndig unabhngig war von dem Inhaltlichen. Oft schon hatte er
bemerkt -- auch bei der gegenwrtigen Lobesspende -- da man die
Technik dem inneren Werte gegenberstelle, gerade als ob es mglich
wre, das gut zu malen, was schlecht sei. Er wute wohl, da viel
Aufmerksamkeit und Vorsicht erforderlich sei, um ein Gemlde nicht
zu schdigen, wenn man von ihm die Hllen abnahm, aber eine Kunst
des Malens -- eine Technik -- die gab es dabei nicht. Htte sich
einem kleinen Kinde, oder seiner Kchin das ebenfalls geoffenbart,
was er sah, dann wrden diese gleichfalls das herauszuschlen
verstanden haben, was sie sahen. Aber selbst der erfahrenste und
auch geschickteste Beherrscher der Maltechnik wre allein mit der
mechanischen Fertigkeit nicht imstande gewesen, etwas zu malen, wenn
sich ihm nicht vorher die Grenzen des Inhaltlichen offenbarten. Dann
aber wute er auch, da wenn man nun einmal von einer Technik sprach,
er ihretwegen nicht gerhmt werden konnte. In allem was er malte und
schon gemalt hatte, erkannte er ihm in die Augen fallende Mngel, die
aus der Unvorsichtigkeit hervorgegangen waren, mit der er die Hllen
entfernt hatte, und die er nun nicht mehr verbessern konnte, ohne die
ganze Schpfung zu verderben. Fast auf allen Figuren und Gesichtern
sah er noch die Mngel nicht vollstndig abgenommener Hllen, die sein
Gemlde verdarben.

Eines, wenn Ihr mir gestattet, diese Bemerkung zu machen, liee sich
sagen, uerte Golenischtscheff.

Ah, sehr erfreut, ich bitte Euch, antwortete Michailoff mit
geknsteltem Lcheln.

Es ist dies, da dieser Christus da bei Euch ein Menschgott, aber kein
Gottmensch geworden ist. Indessen, ich wei ja, da Ihr es eben so
gewollt habt.

Ich konnte den Christus nicht malen, der nicht in meiner Seele ist,
versetzte der Maler mrrisch.

Ja, aber in diesem Falle -- wenn Ihr mir gestattet meine Idee
auszusprechen -- Euer Gemlde ist so gut, da meine Bemerkung ihm nicht
schaden kann, und dann ist dies ja auch nur meine persnliche Meinung.
Bei Euch ist das etwas Anderes; selbst das Motiv ist ein anderes. Aber
nehmen wir etwa den Iwanoff. -- Ich glaube, da wenn Christus mit der
Norm eines historischen Gesichts zusammengebracht wird, es fr Iwanoff
besser wre, ein anderes historisches Thema zu whlen, ein neues, noch
nicht angeschlagenes.

Wie aber, wenn dies das erhabenste Thema wre, welches sich der Kunst
bietet --

Wenn man nur suchen will, so wird man auch andere finden. Es handelt
sich nur darum, da die Kunst keinen Streit, und keine Dfteleien
duldet. Vor einem Gemlde Iwanoffs ersteht fr den Glubigen wie fr
den Nichtglubigen die Frage: Ist das Gott oder ist es nicht Gott? und
diese strt die Einheit des Eindrucks.

Warum? Mir scheint, da fr gebildete Menschen, sagte Michailoff,
ein Streit nicht mehr bestehen kann.

Golenischtscheff war hiermit nicht einverstanden und fertigte
Michailoff mit seinem ersten Gedanken ber die Einheit des Eindrucks
ab, die in der Kunst notwendig sei.

Michailoff geriet in Erregung, wute aber nichts zur Verteidigung
seines Gedankens zu sagen.


                                  12.

Anna und Wronskiy hatten schon lngere Zeit Blicke miteinander
gewechselt im Bedauern ber die scharfsinnige Redefertigkeit ihres
Freundes; endlich schritt Wronskiy, ohne auf den Hausherrn zu warten,
zu einem anderen, einem kleinen Gemlde.

Ah, wie reizend, wie reizend! Wundersam! Wie reizend! riefen beide
mit einer Stimme.

Was hat ihnen so gefallen? dachte Michailoff. Er hatte das vor drei
Jahren gemalte Bild vergessen; vergessen alle die Leiden und Freuden,
welche er mit diesem Bilde durchlebt hatte, indem es ihn mehrere Monate
hindurch ausschlielich, und ohne da er sich davon htte trennen
knnen, Tag und Nacht beschftigte, es vergessen, wie er berhaupt
stets seine vollendeten Bilder verga. Er liebte nicht einmal, es
anzuschauen, und stellte es nur deshalb aus, weil er einen Englnder
erwartete, der es zu kaufen wnschte.

Ah; eine alte Studie, sagte er.

Wie hbsch, rief Golenischtscheff, gleichfalls augenscheinlich
aufrichtig von dem Reiz des Bildes gefesselt.

Zwei Knaben im Schatten einer Bachweide angelten Fische. Der Eine,
ltere, hatte soeben die Angel ausgeworfen und fhrte aufmerksam
die Angelspule aus einem Gestrpp heraus, ganz versunken in diese
Beschftigung; der Andere, jngere lag im Grase, den wirren Blondkopf
auf die Ellbogen gesttzt, und schaute mit den blauen Augen
nachdenklich auf das Wasser.

Woran mochte er denken?

Das Entzcken ber dieses sein Bild rief in Michailoff die frhere
Erregung hervor, doch scheute er sich vor diesem unangenehmen migen
Interesse fr ltere Arbeiten, und so suchte er, obwohl ihm dieses Lob
angenehm war, die Besucher zu dem dritten Bilde hinzuziehen.

Doch Wronskiy frug, ob er dieses Gemlde verkaufe. Michailoff, von dem
Besuch erregt, war diese Frage ber Geldgeschfte jetzt sehr unangenehm.

Es ist zum Verkauf ausgestellt, versetzte er, sich verfinsternd.

Nachdem die Besucher gegangen waren, setzte sich Michailoff vor
seinem Bilde Pilatus und Christus nieder und wiederholte sich in
Gedanken alles, was gesprochen worden, oder, wenn nicht ausgesprochen,
so doch von den Besuchern angedeutet worden war. Und seltsam, was
so hohe Bedeutung fr ihn gehabt hatte, whrend sie hier waren und
er sich in Gedanken auf ihren Standpunkt versetzte, hatte jetzt
pltzlich fr ihn allen Wert verloren. Er schaute jetzt auf sein
Gemlde mit seinem vollen knstlerischen Blick, und kam zu demjenigen
Standpunkte der berzeugung von seiner Vollkommenheit und darnach auch
Bedeutung, welcher ihm notwendig war zu der alle anderen Interessen
ausschlieenden Spannkraft, mit welcher allein er nur zu arbeiten
vermochte.

Der eine Fu des Christus war allerdings nicht recht befriedigend.
Er nahm die Palette und machte sich an die Arbeit. Indem er den Fu
besserte, blickte er fortwhrend auf die Gestalt des Johannes im
Hintergrund, welche die Besucher gar nicht bemerkt hatten, und die
gleichwohl -- er wute es -- noch ber der Vollkommenheit selbst stand.
Nachdem er mit dem Fu fertig war, wollte er sich an diese Figur
begeben, aber er fhlte sich allzu erregt dazu. Nichtsdestoweniger
konnte er aber auch nicht arbeiten, wenn er ganz khl, sowie wenn er
zu weich gestimmt war und alles zu sehr sah. Es gab nur eine Stimmung
in dem bergang von der Khle bis zur Begeisterung, in welcher ihm die
Arbeit mglich war. Jetzt befand er sich in allzugroer Aufregung. Er
wollte das Gemlde verhllen, hielt aber inne, mit der Hand den Vorhang
haltend, und schaute lange, beglckt lchelnd, auf die Gestalt des
Johannes. Endlich, gleichsam mit Schmerz sich losreiend, lie er den
Vorhang fallen und begab sich ermdet, aber beglckt heim.

Wronskiy, Anna und Golenischtscheff waren, heimgekehrt, in ausnehmend
angeregter und heiterer Stimmung. Man sprach von Michailoff und seinen
Bildern. Das Wort Talent, unter welchem sie eine angeborene, fast
physische Fhigkeit, unabhngig von Verstand und Herz verstanden,
und als das sie alles bezeichneten, was von dem Knstler durchlebt
wird, tauchte besonders hufig in ihrer Unterhaltung auf, da es ihnen
unentbehrlich dazu war, das zu bezeichnen, wofr sie kein Verstndnis
besaen, und worber sie doch sprechen wollten. Sie sagten, man knne
ihm das Talent nicht absprechen, infolge der mangelnden Bildung aber
vermge sich dieses nicht zu entwickeln. -- Dies sei das Unglck aller
russischen Knstler! -- Aber das Bild mit den beiden Knaben war doch in
ihrer Erinnerung haften geblieben und immer wieder kehrten sie zu ihm
zurck. Wie reizend! Wie schn war es ihm gelungen! Und wie einfach!
Er selbst wei gar nicht, wie schn es ist. Ja, das darf man nicht
fortlassen, das mu man kaufen, sagte Wronskiy.


                                  13.

Michailoff verkaufte Wronskiy das Bild und willigte auch ein, Annas
Portrt zu malen. Am festgesetzten Tage kam er und begann seine Arbeit.

Von der fnften Sitzung an setzte das Portrt jedermann in Erstaunen,
besonders Wronskiy, nicht nur durch die hnlichkeit, sondern
vornehmlich durch seine Schnheit. Es war seltsam, wie Michailoff jene
nur ihr eigene Schnheit hatte treffen knnen. Man mu sie kennen und
lieben, wie ich sie geliebt habe, um diesen eigenen, lieblichen und
seelischen Ausdruck bei ihr zu entdecken, dachte Wronskiy, obwohl nur
er in diesem Gemlde den lieblichen, seelischen Ausdruck erkannte.
Derselbe war aber so getreu, da es ihm und anderen schien, als ob
sie ihn schon lngst gekannt htten. Wie lange habe ich mich nun
schon geplagt, und nichts fertig gebracht, sprach er bezglich seines
eigenen Portrts, und er hat sie nur angeschaut und gemalt! Das ist
die Technik.

Es wird noch kommen, trstete ihn Golenischtscheff, nach dessen
Auffassung Wronskiy Talent besa und, was die Hauptsache war, auch
die Bildung, die einen erhabneren Blick auf die Kunst verlieh. Die
berzeugung Golenischtscheffs von Wronskiys Talent wurde noch dadurch
gesttzt, da Golenischtscheff Wronskiys Teilnahme und Lob fr seine
Arbeiten und seine Ideen brauchte, und so fhlte er, da Lob und
Untersttzung hier auf Gegenseitigkeit beruhten.

In einem fremden Hause, und insbesondere in dem Palazzo bei Wronskiy
war Michailoff ein abweisend anderer Mensch, als in seinem Atelier.
Er war abstoend hflich, gerade als frchte er die Annherung an
Menschen, die er nicht achte. Er nannte Wronskiy Ew. Erlaucht und blieb
niemals, ungeachtet der Einladungen Annas und Wronskiys, zum Essen da,
kam auch nicht zu anderen Zeiten, als zu den Sitzungen. Anna war gegen
ihn freundlicher, als gegen andere, und ihm dankbar fr das Portrt.
Wronskiy war mehr als nur hflich gegen ihn, und interessierte sich
augenscheinlich fr das Urteil des Knstlers ber sein eigenes Gemlde.
Golenischtscheff lie keine Gelegenheit vorber, Michailoff die wahren
Begriffe ber Kunst beizubringen, allein Michailoff blieb sich immer
gleich in seiner Zurckhaltung gegen alle. Anna fhlte an seinem Blick,
da er sie gern betrachtete, doch er mied Gesprche mit ihr. Zu den
Gesprchen Wronskiys ber dessen Malerei schwieg er beharrlich, und er
schwieg ebenso beharrlich, als man ihm das Bild Wronskiys zeigte; er
fhlte sich auch offenbar belstigt von den Reden Golenischtscheffs und
erwiderte diesem nichts.

Im allgemeinen gefiel ihnen daher Michailoff mit seinem zurckhaltenden
und unangenehmen, gleichsam feindseligen Verhalten sehr wenig, nachdem
man ihn nher kennen gelernt hatte, und man war deshalb froh, da
als die Sitzungen beendet waren, in ihren Hnden ein schnes Portrt
zurckblieb, whrend er selbst sein Kommen einstellte.

Golenischtscheff war es zuerst, der den Gedanken aussprach, den alle
hatten, nmlich, da Michailoff auf Wronskiy einfach neidisch sei.

Gesetzt, er beneidete ihn nicht, weil er Talent besitzt, ist es ihm
doch verdrielich, da ein Hofmann und reicher Mann, noch dazu ein
Graf, was schon alle beneiden, ohne besondere Mhe das Nmliche, wenn
nicht noch Besseres, leistet, als er, der sein ganzes Leben dem geweiht
hat. Die Hauptsache bleibt doch die Bildung, die jener nicht hat.

Wronskiy verteidigte Michailoff, doch auf dem Grunde seines Herzens
glaubte er hieran, weil nach seiner Auffassung ein Mensch aus jener
anderen, niedrigeren Welt Neid hegen mute.

Das Portrt Annas, ebenfalls in derselben Weise nach der Natur gemalt
von ihm wie von Michailoff, htte Wronskiy den Unterschied zeigen
mssen, welcher zwischen ihm und jenem bestand, aber er gewahrte
denselben nicht. Er hrte nach der Arbeit Michailoffs nur auf, sein
Portrt von Anna weiter zu malen, indem er meinte, dies sei nunmehr
berflssig geworden. Sein Gemlde aus dem mittelalterlichen Leben
hingegen setzte er fort, und er selbst, wie auch Golenischtscheff und
namentlich Anna fanden, da es sehr schn sei, weil es den berhmten
Bildern viel hnlicher werde, als das Bild Michailoffs.

Dieser nun war, ungeachtet dessen, da ihn die Portrtierung Annas sehr
angezogen hatte, seinerseits noch froher als jene, als die Sitzungen
zu Ende waren und er nicht mehr das Geschwtz Golenischtscheffs ber
Kunst anzuhren brauchte, und die Malerei Wronskiys vergessen durfte.
Er wute, da es unmglich war, Wronskiy zu verbieten, mit der Malerei
Mutwillen zu treiben; er wute, da dieser ebenso wie alle anderen
Dilettanten das volle Recht besa, zu malen was ihm anstand -- aber
ihm war dies unangenehm. Es war eben unmglich, einem Menschen zu
untersagen, sich eine groe Puppe aus Wachs zu machen und sie zu
kssen. Aber wenn nun gar dieser Mensch mit der Puppe kam, und sich
vor einem Verliebten hinsetzte und beginnen wollte, seine Puppe zu
liebkosen, wie ein Verliebter die, welche er liebt, so mute das
dem Verliebten widerlich sein. Und dieses widerliche Gefhl empfand
Michailoff beim Anblick der Malerei Wronskiys; es wurde ihm dabei
komisch und rgerlich, klglich und grimmig zugleich zu Mut.

Die Passion Wronskiys fr die Malerei und das Mittelalter hielt nicht
lange an. Wronskiy besa doch soviel Geschmack fr Malerei, da er sein
Bild nicht zu beenden vermochte und es blieb liegen. Voll Bestrzung
war er inne geworden, da die Mngel des Bildes, im Anfang weniger
bemerkbar, berraschend wirkten, wenn er es fortsetzte. Es ging ihm,
wie Golenischtscheff, der fhlte, da es ihm auf das Reden nicht
ankomme und sich bestndig damit selbst tuschte, da nur seine Idee
noch nicht ausgereift sei, da er sie erst austragen und Material
sammeln wolle. Aber Golenischtscheff hatte dies verbittert gemacht
und es marterte ihn; Wronskiy hingegen vermochte sich weder selbst
zu tuschen noch zu peinigen oder gar ber sich selbst verbittert zu
werden; mit der ihm eigenen Charakterfestigkeit hrte er eben auf, ohne
eine Erklrung oder Rechtfertigung, zu malen.

Ohne diese Beschftigung indessen erschien ihnen -- sowohl ihm wie
Anna, die sich ber seine Ernchterung verwunderte -- das Leben nun
so langweilig in der italienischen Stadt, wurde der Palazzo pltzlich
so sichtlich alt und schmutzig, schauten die Flecken auf den Gardinen
so unangenehm hervor, die Ritzen auf den Fubden, die abgefallene
Stuccatur an den Karnisen, wurde ihnen auch der ewige Golenischtscheff,
der italienische Professor und ein deutscher Reisender nach und nach
so langweilig, da man dieses Leben ndern mute. Man beschlo, nach
Ruland auf das Land zu gehen. In Petersburg gedachte Wronskiy mit
seinem Bruder eine Vermgensteilung vorzunehmen, whrend Anna ihren
Sohn wiedersehen wollte. Den Sommer beabsichtigten sie auf dem groen
Erbbesitz Wronskiys zu verleben.


                                  14.

Lewin war seit drei Monaten verheiratet. Er war glcklich, aber nicht
ganz so wie er erwartet hatte. Auf jedem Schritte begegnete er der
Enttuschung in frheren Trumen, doch auch neuen, unerwarteten Reizen.
Er war glcklich, sah aber, nachdem er ins Familienleben getreten war,
auf jedem Schritte, da dieses durchaus nicht so war, wie er es sich
vorgestellt hatte. Auf jedem Schritte erfuhr er an sich, was ein Mensch
fhlen mag, der sich an der glatten glcklichen Fahrt eines Nachens
auf dem See ergtzt, nachdem er sich etwa selbst hineingesetzt hat.
Er sah, da er, indem er schon ruhig sitzen mute und nicht schaukeln
durfte, sich auch noch dessen bewut sein mute -- ohne nur eine
Minute zu vergessen, wohin er fahren wollte -- da unter seinen Fen
Wasser war und er rudern mute, und da dies den nicht daran gewohnten
Hnden mhsam wurde. Die Sache sah wohl sehr leicht aus, aber sie zu
vollbringen -- wenn es auch mit viel Freude verbunden war -- blieb
doch sehr schwierig.

Als Junggeselle hatte er oft, auf das Eheleben mit seinen kleinlichen
Sorgen, seinem Streit, seiner Eifersucht blickend, geringschtzig in
seinem Innern gelchelt. In seinem knftigen Eheleben konnte nach
seiner berzeugung nicht nur nichts hnliches existieren, es sollten
sogar alle uerlichen Formen desselben, wie ihm dnkte, dem Leben
der anderen in allem vollstndig unhnlich sein. Pltzlich aber
hatte sich anstatt dessen auch sein Leben mit seinem Weibe nicht
nur nicht besonders gestaltet, sondern sich im Gegenteil, gerade
aus all jenen kleinlichsten Kleinigkeiten zusammengesetzt, die er
vordem so sehr verachtet hatte, die aber jetzt, gegen seinen Willen,
eine ungewhnliche und unabweisbare Bedeutung erhalten hatten. Lewin
erkannte auch, da die Regelung aller dieser Kleinigkeiten durchaus
nicht so leicht war, als ihm frher geschienen hatte. Ungeachtet
dessen, da Lewin glaubte, die richtigsten Begriffe vom Eheleben
zu besitzen, stellte er sich, wie alle Mnner, das Familienleben
unwillkrlich nur als eine Befriedigung seiner Liebe vor, der kein
Hindernis mehr in den Weg treten durfte, und von welcher ihn keine
kleinlichen Sorgen abziehen sollten. Er sollte nach seiner Auffassung
seine Arbeit verrichten und von derselben ausruhen im Glck der Liebe.
Sie sollte daher auch nur geliebt werden; allein er hatte dabei, wie
alle Mnner, vergessen, da auch sie arbeiten msse. Er wunderte sich,
wie sie, die poetische, reizende Kity, nicht in den ersten Wochen,
nein, schon in den ersten Tagen des Ehelebens bereits, denken, sich
erinnern, sich sorgen konnte um Tischtcher, Mbel, Matratzen fr die
anreisenden Besuche, das Geschirr, den Koch, das Essen und dergleichen.
Schon als Brutigam war er in Erstaunen gesetzt worden von der
Bestimmtheit, mit welcher sie auf eine Reise ins Ausland verzichtete
und sich dafr entschieden hatte, auf das Dorf zu gehen, gerade als ob
sie schon wte, was not thue, und da sie auer an ihre Liebe, auch
noch an Nebenschliches denken knne. Dies hatte ihn damals verstimmt,
und auch jetzt verstimmten ihn mehrmals ihre kleinen Mhen und Sorgen.
Doch er sah, da ihr dies ein Bedrfnis war, und da er sie liebte, so
konnte er nicht umhin, sich ber diese Sorgsamkeit zu freuen, wenn er
auch nicht wute weshalb, und wenn er auch darber spttelte.

Er lchelte darber, wie sie die Mbel stellte, welche aus Moskau
gebracht worden waren, wie sie ihr Zimmer und seines neu ausschmckte,
Gardinen aufsteckte, ber die knftige Unterbringung der Besuche
verfgte, wie die Dollys; ferner wie sie ihre neue Zofe unterbrachte,
wie sie dem alten Koch das Men vorschrieb und mit Agathe Michailowna
in Widerspruch geriet und diese der Verwaltung der Speisekammer enthob.
Er sah, da der alte Koch lchelte und damit zufrieden war, sah, da
Agathe Michailowna bedenklich, aber freundlich den Kopf schttelte
ber die neuen Verfgungen der jungen Herrin in der Vorratskammer; er
sah, wie Kity ungewhnlich lieblich war, wenn sie lachend und weinend
zugleich, zu ihm kam, um ihm mitzuteilen, da die Magd Mascha gewhnt
sei, Agathe als Herrin zu betrachten, und da deshalb niemand auf sie
hre. Ihm erschien dies lieblich, aber auch seltsam, und er dachte es
wrde wohl besser sein, wenn dies nicht wre.

Er kannte jenes Gefhl der Vernderung nicht, welches sie nun kennen
gelernt, nachdem sie daheim wohl bisweilen einmal nach Kohl mit Kwas
oder Konfekt verlangt hatte, ohne da dies oder jenes zu haben gewesen
wre, whrend sie jetzt befehlen durfte, was sie wollte, ganze Haufen
von Konfekt kaufen, Geld soviel sie wollte ausgeben, oder Backwerk
bestellen konnte nach Herzenslust.

Mit Freude dachte sie jetzt auch der Ankunft Dollys und der
Kinder, besonders deswegen, weil sie fr jedes der Kinder dessen
Lieblingsgebck hatte backen lassen, und Dolly ihre ganze neue
Einrichtung abschtzen lassen wollte. Sie wute zwar selbst nicht,
warum und zu welchem Zwecke, aber das Hauswesen zog sie unwiderstehlich
an. Instinktiv fhlte sie das Nahen des Frhlings und wohl wissend, da
es auch fr sie schwere Stunden geben werde, baute sie sich, wie sie es
verstand, ihr Nest, und mhte sich zu gleicher Zeit zu lernen, wie man
bauen msse.

Diese pedantische Sorglichkeit Kitys, dem Ideal Lewins von einem
erhabenen Glck der ersten Zeit so sehr entgegengesetzt, war eine der
Enttuschungen. Diese liebliche Frsorge, deren Sinn er nicht begriff,
die er aber lieben mute, war die erste der neuen Enttuschungen.

Eine zweite Ernchterung, zugleich aber auch einen Reiz bildeten die
Zwiste. Lewin hatte sich nie vorstellen knnen, da zwischen ihm und
seinem Weibe andere Beziehungen, als zrtliche, achtungsvolle und
liebevolle bestehen knnten, und pltzlich, gleich von den ersten Tagen
an, gerieten sie einmal so in Zwist, da sie zu ihm sagte, er liebe sie
gar nicht, liebe nur sich selbst und nun zu weinen begann, und die Arme
hochhob.

Dieser erste Streit kam davon her, da Lewin nach einer neuen Meierei
gefahren und eine halbe Stunde lnger geblieben war, weil er auf einem
krzeren Wege hatte heimfahren wollen, in welchem er sich jedoch
geirrt hatte. Er fuhr heim, nur in Gedanken an sie, an ihre Liebe
und sein Glck, und je nher er kam, um so heier wallte in ihm die
Zrtlichkeit fr sie. Er eilte nach ihrem Zimmer noch mit der nmlichen
Empfindung -- ja einer noch strkeren -- als die gewesen, mit der er
sich dem Hause der Schtscherbazkiy genhert hatte, um seine Werbung
anzubringen. Da aber begegnete ihm pltzlich ein finsterer, noch nie an
ihr gesehener Ausdruck; er will sie kssen, sie stt ihn von sich.

Was hast du?

Du hast ja recht gute Laune, begann sie, sich bemhend, ruhig und
sarkastisch zu erscheinen.

Kaum aber hat sie den Mund geffnet, als der Redestrom der Vorwrfe
einer sinnlosen Eifersucht sich ihr entrang, alles dessen, was sie
in dieser halben Stunde gemartert hatte, die von ihr, indem sie
unbeweglich am Fenster sa verbracht worden war. Da erkannte er zum
erstenmal klar, was er noch nicht gewut, als er sie nach der Trauung
aus der Kirche gefhrt hatte. Er erkannte, da sie ihm nicht nur nahe
stehe, sondern da er jetzt nicht einmal mehr wisse, wo sie aufhre
und wo er anfange. Er empfand dies an jenem qulenden Gefhl der
Zweiheit, welches er in dieser Minute hatte. Im ersten Augenblick war
er verletzt, ebenso schnell aber wurde er auch inne, da er von ihr
nicht verletzt werden knne, da sie ja er selbst sei. Er empfand in
diesem ersten Augenblick ein Gefhl, hnlich dem, welches ein Mensch
hat, wenn er, pltzlich einen starken Schlag von hinten erhaltend,
sich gereizt und mit dem Wunsch nach Rache umwendet, den Schuldigen
zu entdecken, sich aber dabei berzeugt, da er sich unvermutet selbst
geschlagen hat, und daher niemandem zrnen drfe, sondern seinen
Schmerz berwinden und beschwichtigen msse.

Niemals hatte er dies mit solcher Macht in der Folge wieder empfunden,
aber jenes erste Mal konnte er sich lange Zeit darber selbst nicht
wieder finden. Ein natrliches Gefhl erheischte von ihm, da er sich
rechtfertigte und ihr ihre Schuld vorhalte; dies aber thun, hie
sie nur noch mehr reizen und den Bruch noch grer machen, der die
Ursache des ganzen Leides bildete. Die eine, gewhnlich vorhandene
Empfindung zog ihn, die Schuld von sich ab und auf sie zu wlzen, eine
andere, noch viel strkere aber, schnell -- so schnell als mglich
-- den stattfindenden Gefhlsausbruch, zu besnftigen und ihn nicht
strker werden zu lassen. Es war qualvoll, unter einer ungerechten
Beschuldigung zu leiden, allein sich zu rechtfertigen und ihr wehe
zu thun, war noch schlimmer. Wie ein Mensch im Halbschlaf, der von
einem Schmerz geqult ist, so wollte er jetzt die schmerzende Stelle
losreien, von sich werfen und fhlte, als er zur Besinnung kam, da
diese schmerzende Stelle -- er selbst war. -- Man konnte sich somit
nur bemhen, der kranken Stelle behilflich zu sein, zu dulden, und er
bemhte sich denn, dies zu thun.

Beide shnten sich aus; sie, indem sie ihre Schuld einsah, ohne sie
jedoch einzugestehen, wurde wieder zrtlich gegen ihn, und beide
versprten ein neues verdoppeltes Glck in ihrer Liebe. Dies hinderte
indessen nicht, da sich diese Zusammenste nicht wiederholten, ja
sogar ziemlich hufig, und bei den unerwartetsten und geringfgigsten
Anlssen. Diese Zusammenste entstanden oft daraus, da sie noch
nicht wuten, was das Eine fr das Andere bedeutete, daraus, da sie
in dieser ganzen ersten Zeit beide hufig in schlechter Laune waren.
Befand sich der eine Teil in guter, der andere in bler Stimmung,
so wurde der Frieden nicht gestrt, wenn sich aber beide gerade in
Mistimmmung befanden, so entstanden Zwiste aus Ursachen, die ihrer
Nichtigkeit halber so unbegreiflich waren, da beide sich nachher
durchaus nicht mehr zu entsinnen vermochten, worber sie sich entzweit
hatten. Allerdings verdoppelte sich hingegen das Glck ihres Lebens,
wenn sie beide bei guter Stimmung waren. Nichtsdestoweniger war aber
doch diese erste Zeit eine schwere fr sie.

Whrend dieser ganzen Zeit hatte sich eine lebhafte Spannung, gleich
einem Zerren nach den beiden Enden einer Kette, durch die sie verbunden
waren, fhlbar gemacht.

berhaupt war jener Honigmonat, das heit der Monat nach der Hochzeit,
von dem sich Lewin, der berlieferung nach, so viel versprochen hatte,
nicht nur nicht s, sondern bildete vielmehr in der Erinnerung beider
gerade die schwerste und niederdrckendste Periode ihres Lebens.
Indessen bemhten sie sich beide fr ihr spteres Leben alle die
hlichen und beschmenden Umstnde dieser ungesunden Zeit, in der sie
doch beide selten in normalem Seelenzustand, selten sie selbst gewesen
waren, aus ihrem Gedchtnis zu verwischen.

Erst im dritten Monat ihres Ehestandes, nach der Rckkehr von Moskau,
wohin sie sich fr einen Monat begeben hatten, gestaltete sich ihr
Leben geebneter.


                                  15.

Sie waren kaum von Moskau wieder zurckgekommen und freuten sich nun
ihrer Einsamkeit. Er sa im Kabinett am Schreibtisch und schrieb;
sie, in jenem dunkellila Kleid, welches sie in den ersten Tagen
ihres Ehestandes getragen und heute wiederum angelegt hatte, und das
besonders denkwrdig und teuer fr ihn war, sa auf dem Diwan, dem
nmlichen altmodischen Lederdiwan, der stets unter dem Grovater und
Vater Lewins im Kabinett gestanden hatte und stickte eine =broderie
anglaise=. Er sann und schrieb, fortwhrend in dem angenehmen
Gefhl ihrer Gegenwart. Seine Beschftigung, sowohl die mit der
Landwirtschaft, als seinem Werke, in welchem die Prinzipien einer neuen
Landwirtschaft dargelegt werden sollten, war nicht von ihm aufgegeben
worden, aber so wie ihm vordem schon diese Arbeiten und Ideen klein und
geringfgig erschienen waren im Vergleich mit dem Dunkel, welches das
ganze Leben bedecke, so erschienen sie ihm auch jetzt noch unwichtig
und kleinlich im Vergleich mit dem vom warmen Lichtglanz des Glckes
berfluteten Leben, das vor ihm lag. Er setzte seine Arbeiten fort,
empfand aber jetzt, da der Schwerpunkt seiner Aufmerksamkeit auf
etwas Anderes bergegangen sei und er infolge dessen ganz anders und
klarer auf die Sache blickte. Vordem war fr ihn diese Beschftigung
sein Lebensheil gewesen, vordem hatte er empfunden, da ohne dieselbe
sein Dasein allzu dster sein wrde; jetzt aber waren ihm diese
Arbeiten notwendig, damit ihm das Leben nicht zu einfrmig erhellt
sein mchte. Nachdem er sich von neuem seinen Manuskripten gewidmet
hatte, fand er beim Durchlesen des Geschriebenen mit Genugthuung, das
Werk sei es wert, da er sich mit ihm befate. Viele der frheren
Ideen zeigten sich ihm zwar berflssig oder bertrieben, aber vieles
noch Fehlende wurde ihm auch klar, als er das ganze Werk in seinen
Gedanken wieder auffrischte. Er schrieb jetzt ein neues Kapitel ber
die Grnde der ungnstigen Lage des Ackerbaues in Ruland. Er legte
dar, da die Armut Rulands nicht nur von der unregelmigen Verteilung
des Grundbesitzes und falscher Methode herrhre, sondern auch in der
letzten Zeit die in Ruland in nicht normaler Weise zur Entwickelung
gelangte uerliche Civilisation hierzu beigetragen habe, insbesondere
durch die Verkehrswege, die Eisenbahnen, welche die Centralisierung
in den Stdten mit sich gebracht htten, die Entwickelung des Luxus,
und in der Folge hiervon, zum Schaden fr die Landwirtschaft, die
Entwickelung des Fabrikwesens, des Kreditwesens und seines Trabanten --
des Brsenspiels. --

Ihm schien, da bei einer normalen Entwickelung des Wohlstandes im
Reiche, alle diese Erscheinungen erst auftreten, nachdem man auf die
Landwirtschaft schon bedeutende Mhe verwendet htte und dieselbe
in gesetzliche, oder wenigstens bestimmte Verhltnisse getreten
sei; da der Reichtum einer Gegend in gleichmigem Wachstum stehen
msse, und insbesondere in der Weise, da andere Schlinge der
Kapitalwirtschaft nicht der Landwirtschaft zuvorkommen drften, da
im Einklang mit notorisch bekannten Verhltnissen der Landwirtschaft
auch dementsprechende Verkehrswege dafr vorhanden sein mten; und
da bei der gegenwrtigen ungeregelten Ausnutzung des Bodens die
Eisenbahnen, welche nicht einem landwirtschaftlichen, sondern einem
politischen Bedrfnis entsprngen, verfrht wren, und, anstatt zu der
Hebung der Landwirtschaft, welche letztere man doch von ihnen erwarte
beizutragen, dem Landbau zuvorkommend, nur eine Entwickelung der
Industrie und des Kredits hervorriefen, jenen aber hemmten. Er bewies,
da weil nun die einseitige und verfrhte Entwickelung eines einzelnen
Organs im lebenden Organismus dessen Gesamtentwickelung hemmte, auch
der Kredit auf die allgemeine Entwickelung des Wohlstandes in Ruland,
die Verkehrswege, den Kraftaufwand der industriellen Thtigkeit, die in
Europa so zweifellos notwendig, weil alle zur rechten Zeit entstanden
seien, in Ruland nur Schaden verursachten, indem sie die Hauptfrage
der Organisierung des Ackerbaues verdrngten.

Whrend er so seine Ideen niederschrieb, dachte sie daran, wie
unnatrlich aufmerksam ihr Gatte gegen den jungen Frsten Tscharskiy
gewesen sei, der ihr am Abend vor der Abreise sehr taktlos die Cour
gemacht hatte.

Er ist offenbar eiferschtig, dachte sie; mein Gott, wie gut und
befangen er ist! Er ist eiferschtig auf mich! Wenn er wte, da alle
fr mich soviel sind, wie Peter der Koch. Und mit einer ihr selbst
wunderlichen Empfindung von Selbstgefhl blickte sie auf seinen Nacken
und den rotschimmernden Hals. Es ist zwar schade, ihn seiner Arbeit
zu entreien -- er macht Fortschritte -- so mu ich doch sein Gesicht
sehen; ob er wohl fhlt, da ich nach ihm schaue? Ich will, da er
sich umwendet! Ich will es, nun! und sie ffnete die Augen weiter, im
Wunsche, damit die Wirkung ihres Blickes zu verstrken.

Ja, sie saugen alle Sfte in sich auf und geben einen falschen Glanz,
murmelte er, mit Schreiben innehaltend, und blickte sich um, indem er
fhlte, da sie auf ihn schaue, und lchelte.

Was ist? frug er noch lchelnd, und erhob sich.

Er hat sich umgeblickt, dachte sie.

Nichts. Ich wollte nur, da du dich umschautest, versetzte sie, ihn
anblickend und zu erraten suchend, ob es ihm unangenehm gewesen sei
oder nicht, da sie ihn gestrt habe.

Wie wohl wir uns doch so zu Zweien befinden! Ich wenigstens, sagte
er, zu ihr hintretend und von einem Lcheln des Glckes strahlend.

Auch mir ist so wohl! Ich werde nirgends mehr hinfahren, namentlich
nicht nach Moskau.

Woran dachtest du denn eigentlich?

Ich? Ich habe gedacht -- nein, nein, geh nur, schreib, zerstreue dich
nicht, sprach sie, die Lippen kruselnd, ich mu jetzt diese kleinen
Lcher hier ausschneiden, siehst du? --

Sie ergriff die Schere und begann auszuschneiden.

Ach nein, sage mir doch, woran dachtest du? sagte er, sich zu ihr
setzend und der kreisfrmigen Bewegung der kleinen Schere folgend.

O, woran ich dachte? Ich dachte? An Moskau, an deinen Nacken.

O, warum mir solch ein Glck? Es ist bernatrlich. Das ist zu schn,
sagte er, ihr die Hand kssend.

Mir ist es im Gegenteil um so schner, je natrlicher es ist.

Du hast da ein Zpfchen, sagte er, behutsam ihren Kopf wendend. Ein
Zpfchen. Siehst du hier. Doch nein, nein, arbeiten wir!

Die Arbeit wurde indessen nicht mehr fortgesetzt, und sie fuhren wie
schuldbewut auseinander, als Kusma eintrat, um zu melden, da der Thee
serviert sei.

Ist aus der Stadt Etwas angekommen? frug Lewin Kusma.

Soeben. Es wird ausgepackt.

Komm sobald als mglich, sagte sie zu ihm, das Kabinett verlassend,
sonst werde ich in deiner Abwesenheit die Briefe lesen. Wir wollen
auch vierhndig spielen.

Allein geblieben, packte er seine Hefte in das neu von ihr gekaufte
Portefeuille und wusch sich alsdann die Hnde in dem neuen Waschbecken
und mit dem neuen, mit ihr zugleich hier erschienenen eleganten
Zubehr. Lewin lchelte ber seine Gedanken und schttelte mibilligend
den Kopf darber; eine Empfindung, die der Reue hnlich war, qulte
ihn. Etwas Beschmendes, Verweichlichtes, Capuanisches, wie er es sich
selbst nannte, lag in seiner jetzigen Lebensweise.

Es ist nicht gut, so zu leben, dachte er bei sich. Bald sind es nun
schon drei Monate und ich arbeite fast nichts. Heute habe ich mich
beinahe zum erstenmal wieder ernstlich an eine Arbeit gemacht, und was
geschah dabei? Kaum angefangen, habe ich sie wieder beiseite geworfen.
Selbst meine gewhnlichen bungen, selbst die habe ich fast aufgegeben.
Die konomie, ich gehe fast gar nicht mehr nach ihr und fahre auch
nicht mehr. Bald thut es mir leid, sie im Stich lassen zu mssen, bald
sehe ich, da sie sich langweilt. Habe ich doch gedacht, da bis zur
Heirat das Leben an und fr sich nicht gerechnet werden kann, da es
erst nach derselben als ein wirkliches beginnt. Aber nun sind es schier
drei Monate, und noch nie habe ich meine Zeit so mig und so nutzlos
hingebracht! Nein; das kann nicht mehr so fortgehen; man mu anfangen.
Natrlich ist sie nicht schuld. Ihr kann man in keiner Beziehung
Vorwrfe machen. Ich selbst htte fester sein und meine mnnliche
Unabhngigkeit wahren mssen. Indessen ist es ja mglich, sich selbst
wieder daran zu gewhnen und auch sie darin zu unterrichten; natrlich
ist ihr keinerlei Schuld beizumessen, sprach er zu sich selbst.

Es ist indessen schwer fr einen unzufriedenen Menschen, einem anderen,
und zwar gerade dem, der ihm am nchsten steht, in Bezug auf das,
worber er unzufrieden ist, nicht Vorwrfe zu machen. Auch Lewin war es
dunkel in den Kopf gekommen, da -- nicht, da sie selbst schuld daran
gewesen wre -- sie konnte an nichts Schuld tragen -- ihre Erziehung
wohl schuld sei, die allzu oberflchlich und frivol gewesen war --
(dieser Narr Tscharskiy; sie, das wei ich, wollte ihn wohl von sich
abweisen, aber sie verstand es nicht). Auer dem Interesse fr das Haus
-- das heit ihre Familie -- auer ihrer Toilette und der =broderie
anglaise= hat sie keine ernsthaften Interessen. Sie hat kein Interesse
fr ihre eigene Angelegenheit, die Wirtschaft, ihre Bauern, auch nicht
fr die Musik, in der sie doch ziemlich sicher war, noch fr Lektre.
Sie thut nichts und ist doch vollstndig zufrieden.

Lewin tadelte dies in seinem Innern und erkannte noch nicht, da sie
sich auf diejenige Periode ihrer Wirksamkeit vorbereite, die fr sie
erscheinen mute, und in welcher sie zu gleicher Zeit als Frau ihres
Gatten, und Herrin des Hauswesens Kinder zu nhren und zu erziehen
haben wrde. Er erkannte nicht, da sie dies durch ihre Ahnung schon
wute und sich in der Vorbereitung auf diese schwere Mhe ber die
Augenblicke der Sorglosigkeit und des Liebesglckes, die sie jetzt noch
geno, keine Vorwrfe machte, sondern heiter ihr knftiges Nest sich
baute.


                                  16.

Als Lewin nach oben kam, sa seine Gattin vor dem neusilbernen Ssamowar
hinter dem neuen Theegeschirr und las, nachdem sie die alte Agathe
Michailowna mit einer ihr kredenzten Tasse Thee mit an das kleine
Tischchen gesetzt hatte, einen Brief Dollys, mit welcher sie beide in
bestndigem und lebhaftem Briefwechsel standen.

Da seht, Eure Herrin hat mich hierher gesetzt; sie sagte, ich solle
auch mit bei ihr sitzen, begann Agathe Michailowna, Kity gutmtig
zulchelnd.

In diesen Worten Agathe Michailownas sah Lewin die Lsung eines
Dramas, welches sich in jngster Zeit zwischen dieser und Kity
abgespielt hatte. Er sah, da ungeachtet alles Leides, welches der
Agathe Michailowna durch die neue Herrin verursacht worden war, die
ihr die Zgel des Hausregiments aus der Hand genommen hatte, Kity sie
gleichwohl berwunden und gezwungen hatte, sie zu lieben.

Da habe ich einen Brief an dich gelesen, sagte Kity, ihm einen
fehlerhaft geschriebenen Brief reichend. Hier ist einer von jenem
Weibe deines Bruders, wie es scheint, sagte sie, ich habe ihn nicht
gelesen. Der hier ist von den Meinen und von Dolly. Denke dir, Dolly
hat Grischa und Tanja zum Kinderball zu den Sarmatskiy gefhrt! Tanja
hatte dabei eine Marquise gemacht.

Lewin hrte sie jedoch gar nicht; errtend hatte er das Schreiben von
Marja Nikolajewna, der frheren Geliebten Nikolays, ergriffen und es
zu lesen begonnen. Es war dies bereits das zweite Schreiben von ihr.
Im ersten Briefe hatte sie geschrieben, da sein Bruder sich ihrer
entledigt habe, ohne da sie sich eine Schuld beizumessen htte, und
mit rhrender Naivett hinzugefgt, da sie, obwohl sie nun wieder
im Elend lebe, um nichts bitte und nichts wnsche, und da sie nur
der Gedanke qule, Nikolay Dmitrjewitsch knne ohne sie mit seiner
schwachen Gesundheit ins Verderben geraten; sie hatte den Bruder
gebeten, Sorge fr ihn zu tragen. Jetzt schrieb sie einen zweiten
Brief. Sie hatte Nikolay Dmitrjewitsch gefunden, sich wieder mit
ihm in Moskau vereint, und war mit ihm in eine Gouvernementsstadt
gereist, woselbst er ein Amt erhalten hatte. Dort war er indessen mit
seinem Vorgesetzten in Differenzen geraten und wieder nach Moskau
zurckgekehrt, und der teure Mann ist nunmehr so krank geworden, da
er wohl schwerlich je wieder aufkommen wird, schrieb sie; er hat
fortwhrend Eurer gedacht, Geld besitzt er gar nicht mehr.

Lies, da schreibt Dolly von dir, begann Kity lchelnd, hielt aber
pltzlich inne, als sie die Vernderung ihres Gatten gewahrte.

Was hast du? Was ist da?

Sie schreibt mir, da mein Bruder Nikolay dem Tode nahe ist. Ich mu
zu ihm.

Das Gesicht Kitys vernderte sich pltzlich. Die Gedanken an Tanja als
Marquise, an Dolly, alles war verschwunden.

Wann wirst du fahren? sagte sie.

Morgen.

Und ich gehe mit dir, darf ich! fuhr sie fort.

Kity! Was soll das? frug er vorwurfsvoll.

Was das soll? erwiderte sie, gekrnkt, da er darber wie es schien
ungern und mit Verdru ihren Vorschlag entgegennahm. Weshalb soll ich
nicht mit reisen? Ich werde dir nicht hinderlich sein. Ich --

Ich reise, weil mein Bruder stirbt, antwortete Lewin. Weshalb sollst
du da --

Weshalb? Eben deshalb, weshalb du reisest --

In einer fr mich so ernsten Minute denkt sie nur daran, da sie sich
allein knnte langweilen, dachte Lewin, und die Auslegung in der so
ernsten Angelegenheit brachte ihn auf. Es ist aber unmglich, sagte
er in strengem Tone.

Agathe Michailowna, welche sah, da es zum Streit kommen wollte, setzte
leise ihre Tasse nieder und ging hinaus. Kity hatte sie gar nicht
bemerkt. Der Ton in welchem ihr Mann die letzten Worte gesprochen
hatte, hatte sie insofern besonders verletzt, als dieser offenbar dem
nicht glaubte, was sie sagte.

Ich sage dir, da wenn du reisest, ich mit dir reisen werde;
unbedingt mit reisen werde, fgte sie eifernd und zrnend hinzu.
Weshalb ist denn das unmglich? Weshalb sagst du, es sei unmglich?

Weil wir, Gott wei wohin, auf was fr Wegen und mit welchen
Gasthusern zu reisen haben werden. Du wirst mir nur beschwerlich
sein, sprach Lewin, sich bemhend, kaltbltig zu bleiben.

Auf keinen Fall! Ich habe keinerlei Bedrfnisse. Wo du bist, kann ich
auch sein!

Nun dann, schon deshalb kannst du nicht, weil sich dort jenes Weib
befindet, dem du dich doch nicht nhern kannst --

Ich wei nichts und will nicht wissen, wer oder was dort ist! Ich wei
nur, da der Bruder meines Gatten stirbt und da mein Gatte zu ihm
geht; ich aber mit meinem Gatten gehen will, um --

Kity! Rege dich nicht auf! Bedenke, die Sache ist zu wichtig, so da
es mir schmerzlich ist, zu denken, du knntest die Empfindung einer
Schwche, die Abneigung davor, allein zu bleiben, hereinmengen. Nun,
wird es fr dich langweilig hier, so fahre nach Moskau.

Da haben wirs! Stets schreibst du mir nur schlechte, niedrige Gedanken
zu, fuhr sie fort, unter den Thrnen der Erbitterung und des Zornes.
Ich will nichts; es ist keine Schwche, nichts; ich fhle nur, da es
meine Pflicht ist, mit meinem Gatten zu sein, wenn er Leid trgt; du
aber willst mir absichtlich weh thun, willst mich absichtlich nicht
verstehen.

Nein; das ist doch zu schrecklich; geradezu ein Sklave zu sein! rief
Lewin aus, indem er aufstand. Er war nicht fhig, seinen Verdru noch
lnger zurckzuhalten. Doch in diesem Augenblick empfand er, da er
sich selbst traf.

Aber weshalb hast du dann geheiratet? Wrest du doch frei geblieben!
Weshalb hast du geheiratet, wenn du es bereust! fuhr sie fort, sprang
auf und eilte in den Salon.

Als er ihr nachfolgte, brach sie in Schluchzen aus. Er begann ihr
zuzureden mit dem Wunsche die Worte zu finden, welche sie, wenn nicht
berzeugen, doch wenigstens beschwichtigen knnten. Aber sie hrte ihn
nicht und war mit nichts einverstanden. Er beugte sich herab zu ihr,
und ergriff ihre abwehrende Hand. Er kte die Hand, er kte ihr das
Haar und kte wiederum ihre Hand -- sie schwieg beharrlich. -- Als er
sie aber mit beiden Hnden beim Kopfe nahm und Kity sagte, da kam sie
pltzlich zur Besinnung, brach in Thrnen aus und war beschwichtigt.

Es wurde also bestimmt, da man morgen vereint reiste. Lewin sagte zu
seinem Weibe, da er wohl glaube, sie wollte nur mitreisen, um ihm
ntzlich zu sein; er gab auch zu, da Marja Nikolajewnas Aufenthalt bei
dem Bruder nichts Anstiges habe -- reiste aber nichtsdestoweniger,
auf dem Grund seiner Seele unzufrieden mit ihr und mit sich selbst.

Mit ihr war er unzufrieden, weil sie es nicht hatte ber sich gewinnen
knnen, ihn fort zu lassen, obwohl es doch notwendig war. Wie seltsam
ward es ihm jetzt bei dem Gedanken, da er, der ja noch vor kurzem
nicht gewagt hatte, an das Glck zu glauben, da sie ihn lieben knne,
sich jetzt darber unglcklich fhlte, da sie ihn zu sehr liebte!
-- Mit sich hingegen war er unzufrieden, da er seinen Willen nicht
durchgesetzt hatte. Noch weniger war er im Grund seiner Seele damit
einverstanden, da sie mit jener Weibsperson, die bei seinem Bruder
lebte, etwas zu thun haben sollte, und er dachte mit Schrecken an alle
Berhrungen, welche stattfinden konnten.

Schon das Eine, da sein Weib, seine Kity, in einem Raume mit jenem
Mdchen leben sollte, machte ihn schaudern vor Ekel und Entsetzen.


                                  17.

Das Gasthaus der Gouvernementsstadt, in welcher Nikolay Lewin krank
lag, war eines jener Gouvernementshotels, wie sie nach neuen,
vervollkommneten Mustern gebaut werden, ausgestattet mit den
vorzglichsten Rcksichtnahmen auf Sauberkeit, Komfort und selbst
Eleganz, sich aber infolge des Publikums, das sie besucht, mit
auerordentlicher Schnelligkeit in schmutzige Schenken, unter dem
Anstrich zeitgemer Vervollkommnung, verwandeln, damit aber noch
schlimmer werden, als die altmodischen, nur unsauberen Gasthuser.

Das Hotel war schon in diesen Zustand geraten, und der Soldat in
schmutziger Uniform, welcher am Eingang eine Cigarette qualmte, und
das Amt eines Portiers versah, sowie die gueiserne, zugige, dstere
und unfreundliche Treppe, der freche Kellner in schmutzigem Frack und
der ffentliche Salon mit dem staubbedeckten Bouquet von Wachsblumen,
welches den Tisch zierte, der Staub und Schmutz, die Unordnung berall,
und dazu noch die eigentmliche gleichzeitig bemerkbare Eisenbahnhast,
riefen in dem Lewinschen Ehepaar nach dem jungen Eheleben ein
beklemmendes Gefhl hervor; besonders beklemmend dadurch, da sich der
scheinbare Eindruck, den das Gasthaus machte, in keiner Weise mit dem
vereinbarte, was beide darin erwartete.

Wie immer, so zeigte es sich auch jetzt, da, nachdem sie die Frage, zu
welchem Preise sie ein Zimmer zu haben wnschten beantwortet hatten,
nicht ein einziges in gutem Zustande befindliches da war. Ein gutes
Zimmer war von einem Eisenbahnrevisor besetzt, ein zweites von einem
Moskauer Advokaten, ein drittes von der Frstin Astaphjewa, die vom
Dorfe gekommen war. Es blieb nur ein schmutziger Raum, neben dem man am
Abend noch ein zweites freizumachen versprach.

Voll Verdru ber sein Weib, da es so kam, wie er erwartet hatte, und
namentlich, da er im Augenblick der Ankunft, wo ihm das Herz von
Bewegung ergriffen war bei dem Gedanken, wie es mit dem Bruder stehen
mge, Sorge fr sie zu tragen hatte, anstatt sofort zu dem Bruder eilen
zu knnen, fhrte Lewin seine Frau in das ihnen zugewiesene Zimmer.

Geh, geh, sagte sie, ihn mit schchternem, schuldbewutem Blick
anschauend.

Schweigend schritt er aus der Thr und traf hier mit Marja Nikolajewna
zusammen, die von seiner Ankunft erfahren hatte, aber nicht wagte,
bei ihm einzutreten. Sie sah noch geradeso aus, wie er sie in Moskau
gesehen hatte, das nmliche wollene Kleid, Arme und Hals nackt, und das
nmliche, gutmtig stumpfe, nur etwas voller gewordene, pockennarbige
Gesicht.

Wie geht es? Was macht er? Wie?

Sehr schlecht. Er steht gar nicht mehr auf. Er hat Euch schon
erwartet. Er -- Ihr seid mit Eurer Gattin gekommen?

Lewin verstand in der ersten Minute nicht, was sie in Verlegenheit
setzte, doch klrte sie ihn sogleich auf.

Ich will gehen -- nach der Kche, sagte sie; der Herr wird sich
freuen. Er hat schon gehrt, und kennt die Dame, und entsinnt sich
ihrer noch vom Auslande her.

Lewin verstand jetzt erst, da sie seine Frau meine, wute aber nicht,
was er ihr antworten sollte.

Kommt, kommt! sagte er.

Kaum hatte er sich jedoch zum Gehen angeschickt, als sich die Thr
seines Zimmers ffnete und Kity herausblickte. Lewin errtete vor Scham
und rger ber sein Weib, das sich selbst und ihn in diese schwierige
Situation gebracht hatte; Marja Nikolajewna errtete aber noch mehr.
Sie drckte sich seitwrts, bis zum Weinen rot geworden und drehte die
Zipfel ihres Tuches, die sie mit beiden Hnden ergriffen hatte, in
ihren roten Fingern, ohne zu wissen, was sie sagen oder anfangen sollte.

Im ersten Moment sah Lewin den Ausdruck einer lebhaften Neugier in dem
Blick, mit welchem Kity auf dieses fr sie unbegreifliche, schreckliche
Weib schaute, aber dies whrte nur einen Augenblick.

Nun, wie ist es denn, wie ist es denn? wandte sie sich an ihren
Gatten und an jene. Was macht er? wandte sie sich an ihren Mann und
dann an sie.

Man kann indessen auf dem Korridor nicht sprechen! sagte Lewin sich
voll Verdru nach einem Herrn umblickend, welcher drhnenden Schrittes,
als wre er ganz allein hier, soeben den Korridor hinabging.

Nun, so kommt doch herein, sagte Kity, zu der sich emporrichtenden
Marja Nikolajewna gewendet, fgte aber, als sie das erschreckte Gesicht
ihres Mannes erblickte, sogleich hinzu, oder geht, geht, und schickt
nach mir, und wandte sich wieder in ihr Zimmer zurck.

Lewin ging zu seinem Bruder. Er hatte durchaus nicht erwartet, was er
bei dem Bruder sah und empfand. Er hatte erwartet, noch den nmlichen
Zustand der Selbsttuschung zu finden, welcher -- er hatte dies gehrt
-- bei Brustleidenden so hufig sein soll, und der ihn whrend des
Besuchs seines Bruders im Herbst so betroffen gemacht hatte. Er hatte
erwartet, die physischen Anzeichen des nahenden Todes noch ausgeprgter
zu finden, eine grere Schwche und grere Magerkeit, aber es zeigte
sich fast noch immer der nmliche Zustand. Er hatte erwartet, selbst
wieder jenes Gefhl des Schmerzes ber den Verlust des geliebten
Bruders und des Entsetzens vor dessen Tode zu empfinden, welches er
damals gehabt hatte, nur in noch hherem Grade. Er hatte sich selbst
darauf vorbereitet, aber er fand etwas ganz Anderes.

In einem kleinen, unsauberen Zimmer, deren gemaltes Getfel an den
Wnden bespieen und hinter dessen dnner Zwischenwand Gesprch
vernehmbar war, in einer von erstickendem Geruch verunreinigten Luft
lag auf einem von der Wand abgerckten Bett ein vom Deckbett verhllter
menschlicher Krper. Ein Arm dieses Krpers lag oben auf der Bettdecke,
und die groe, wie eine Harke aussehende Hand dieses Armes hing auf
unbegreifliche Weise an einer dnnen, langen, von Anfang bis zur Mitte
gleichmig verlaufenden Spule fest. Der Kopf lag seitwrts gedreht auf
dem Kissen. Lewin sah die schweibedeckten, sprlichen Haare an den
Schlfen und ber der Stirn.

Es kann nicht sein, da dieser entsetzliche Krper mein Bruder Nikolay
ist, dachte Lewin. Doch er trat nher, erblickte das Gesicht und sein
Zweifel war schon unmglich geworden. Trotz der furchtbaren Vernderung
dieser Zge, mute Lewin doch erst noch diese lebhaften, sich auf den
Eintretenden richtenden Augen, und diese leichte Bewegung des Mundes
unter dem zusammenklebenden Schnurrbart erblicken, wollte er die
furchtbare Wahrheit begreifen, da dieser Totenkrper da sein lebender
Bruder war.

Die glnzenden Augen blickten ernst und vorwurfsvoll auf den
eintretenden Bruder, und sogleich mit diesem Blicke entstand eine
lebhafte Wechselbeziehung unter den Lebenden. Lewin fhlte sofort den
Vorwurf in dem auf ihn gerichteten Blick, und Reue ber sein eigenes
Glck.

Als Konstantin Nikolays Hand ergriff, lchelte dieser. Sein Lcheln war
schwach, kaum merklich, und trotz dieses Lchelns schwand der strenge
Ausdruck seiner Augen nicht.

Du hast wohl nicht erwartet, mich so zu finden, brachte er mit
Anstrengung hervor.

Ja -- nein -- sprach Lewin, in seinen eigenen Worten irre werdend.
Warum konntest du nicht frher von dir wissen lassen, zur Zeit meiner
Verheiratung? Ich habe berall Nachforschungen nach dir angestellt.

Es mute gesprochen werden, damit man nicht schwieg, und er wute
doch nicht, was er sagen sollte, um so weniger, als sein Bruder nicht
antwortete, sondern nur unverwandt schaute, und offenbar in den Sinn
eines jeden Wortes eindringen wollte. Lewin teilte dem Bruder mit, da
auch seine Frau mit ihm gekommen sei. Nikolay drckte sein Vergngen
darber aus, sagte aber, er frchte, sie durch seinen Zustand zu
erschrecken. Ein Schweigen trat ein. Pltzlich regte sich Nikolay und
begann zu sprechen. Lewin erwartete etwas besonders Bedeutendes und
Gewichtiges dem Ausdruck seines Gesichts nach, doch sprach Nikolay nur
ber seine Gesundheit. Er klagte den Doktor an, beklagte, da er keinen
berhmten Moskauer Arzt habe und Lewin erkannte, da er noch immer
Hoffnung hegte.

Die erste Minute des Schweigens benutzend, erhob sich Lewin, im
Wunsche, wenigstens fr eine Minute von dem peinigenden Gefhl erlst
zu sein, und sagte, da er gehen wolle, um seine Frau herzufhren.

Gut, ich will indessen anordnen, da hier gesubert wird. Es ist
schmutzig hier und riecht bel, glaube ich. Mascha! Rume hier auf,
sagte der Kranke mit Anstrengung, und wenn du aufgerumt hast, kannst
du hinausgehen, fgte er hinzu, den Blick fragend auf den Bruder
richtend.

Lewin antwortete nichts. Als er auf den Korridor hinaustrat, blieb er
stehen. Er hatte gesagt, da er seine Frau herfhren wolle, jetzt aber,
als er sich Rechenschaft von jenem Gefhl gab, welches er empfunden
hatte, beschlo er, im Gegenteil zu versuchen, sie zu berreden,
da sie nicht zu dem Kranken gehe. Wozu sie peinigen, wie ich mich
peinige? dachte er.

Nun? Was ist? Wie steht es? frug ihn Kity mit erschrecktem Gesicht.

Ach, es ist doch entsetzlich, entsetzlich. Warum bist du nur
mitgekommen? sagte Lewin.

Kity schwieg einige Sekunden, schchtern und klglich auf ihren Mann
blickend; dann trat sie auf ihn zu und hing sich mit beiden Armen an
seinen Ellbogen.

Mein Konstantin! fhre mich zu ihm, es wird uns zu Zweien leichter
werden. Fhre du mich nur, fhre mich, bitte, und komm, sagte sie,
begreife doch, da es mir bei weitem schwerer wird, dich zu sehen
und ihn nicht. Dort werde ich vielleicht dir und ihm ntzlich werden
knnen. Bitte gestatte es! beschwor sie ihren Mann, als ob das Glck
ihres Lebens hiervon abhinge.

Lewin mute einwilligen und begab sich, nachdem er sich etwas erholt
hatte, Marja Nikolajewna schon ganz vergessend, mit Kity wieder zu
seinem Bruder.

Leisen Schrittes und unverwandt auf ihren Gatten blickend, welchem sie
ihr mutiges und doch gefhlvolles Antlitz wies, betrat sie das Zimmer
des Kranken und schlo, sich ohne Hast zurckwendend, geruschlos
die Thr. Mit unhrbaren Schritten nherte sie sich rasch dem Lager
des Kranken und so herantretend, da dieser den Kopf nicht zu drehen
brauchte, nahm sie sogleich das Skelett seiner groen Hand in ihre
frische, jugendliche, drckte sie und begann dann, mit jener, nur den
Frauen eigenen, und nicht verletzenden stillen Lebhaftigkeit mit ihm zu
sprechen.

Wir sind uns in Soden begegnet, sind uns aber dort nicht bekannt
gewesen, sagte sie, Ihr habt da nicht vermutet, da ich einmal Eure
Schwester werden wrde.

Ihr solltet Euch nicht nach mir erkundigt haben? frug er mit dem
Lcheln, welches schon bei ihrem Eintreten aufleuchtete.

Nein; dann htte ich ja erfahren. Wie recht Ihr doch gethan habt, uns
von Euch Nachricht zu geben! Kein Tag ist vergangen, da Konstantin
nicht Eurer gedacht und sich beunruhigt htte um Euch.

Die Lebhaftigkeit des Kranken whrte indessen nicht lange. Sie hatte
noch nicht aufgehrt zu sprechen, als auf seinem Gesicht abermals der
strenge vorwurfsvolle Ausdruck des Neides des Sterbenden gegenber dem
Lebenden erschien.

Ich frchte, Ihr werdet Euch hier nicht recht wohl befinden, sagte
sie, sich von seinem starren Blicke abwendend und im Zimmer Umschau
haltend. Man mu bei dem Wirt ein anderes Zimmer erbitten, sagte sie
zu ihrem Manne, schon, damit wir nher sind.


                                  18.

Lewin konnte den Bruder nicht ruhig ansehen, nicht natrlich und
ruhig unbewegt in seiner Gegenwart sein. Als er bei dem Kranken
eingetreten war, hatte sich sein Blick und seine Wahrnehmungskraft
unbewut verdunkelt, und er gewahrte nicht mehr die Einzelheiten des
Zustandes seines Bruders. Er hrte von dem entsetzlichen Geruch, sah
die Unsauberkeit, Unordnung und die peinvolle Lage, dieses Sthnen,
und fhlte, da Hilfe nicht mehr mglich war. Es war ihm nicht einmal
in den Sinn gekommen, daran zu denken, da er alle Einzelheiten in
dem Zustande des Kranken erfate, da da unter der Decke dieser
Krper lag, diese gekrmmten abgezehrten Beine, Brustknochen, dieser
Rcken und ob es nicht anginge, das alles besser zu legen, etwas
zu thun, was die Lage, wenn nicht besser, so doch weniger milich
gestaltete. Kalt rieselte es ihm ber den Rcken hinab, als er an
alle diese Einzelheiten zu denken begann. Er war fest berzeugt, da
hier nichts mehr zu thun war, weder etwas fr eine Verlngerung des
Lebens, noch fr eine Erleichterung der Leiden; doch das Bewutsein,
sich eingestehen zu mssen, jede Hilfe sei unmglich, machte sich ihm
schmerzlich fhlbar und versetzte ihn in Erbitterung. Lewin wurde es
infolge dessen noch schwerer ums Herz. Der Aufenthalt in dem Zimmer des
Kranken war qualvoll fr ihn, nicht darin zu sein aber noch schlimmer.
Unter verschiedenen Vorwnden begab er sich daher fortwhrend hinaus,
da er nicht die Kraft besa, allein hier zu bleiben.

Kity aber dachte, fhlte und handelte durchaus nicht ebenso. Bei dem
Anblick des Kranken jammerte es sie um ihn, und das Mitleid in ihrer
Frauenseele erweckte durchaus nicht jenes Gefhl des Entsetzens und des
Ekels bei ihr, wie es dies bei ihrem Manne hervorgerufen hatte, sondern
lediglich die Erkenntnis ihrer Pflicht zu handeln, alle Einzelheiten
seines Zustandes kennen zu lernen und ihnen beizukommen. Und da in ihr
nicht der geringste Zweifel darber bestand, da sie ihm Hilfe leisten
msse, so zweifelte sie auch nicht daran, da dies mglich sei und
begab sich sofort ans Werk.

Alle jene Einzelumstnde, deren bloe Vorstellung schon ihren Mann in
Schrecken versetzt hatte, lenkten sogleich ihre Aufmerksamkeit auf
sich. Sie schickte nach einem Arzt und in die Apotheke, befahl der mit
ihr gekommenen Zofe, sowie Marja Nikolajewna, zu fegen, den Staub zu
wischen und den Kranken zu waschen, wusch selbst mit ab, und reichte
Etwas unter die Bettdecke. Gegenstnde wurden herbeigebracht oder aus
dem Krankenzimmer hinausgetragen nach ihrer Anordnung, und sie selbst
begab sich mehrmals nach ihrem Zimmer, ohne die ihr begegnenden Herren
zu bemerken, langte Betttcher und berzge, Handtcher und Hemden
hervor und brachte sie herbei.

Der Diener, welcher im Gesellschaftssaale ein Essen fr Ingenieure
auszurichten hatte, erschien mehrere Male mit rgerlicher Miene auf
ihren Ruf, konnte aber nicht umhin, ihre Befehle zu erfllen, da
sie dieselben mit so wohlwollender Bestimmtheit erteilte, da man
sie unmglich sich selbst berlassen konnte. Lewin hie dies alles
durchaus nicht gut; er glaubte nicht, da daraus noch irgend ein Nutzen
fr den Kranken erwchse, vor allem aber frchtete er, der Kranke
knne dabei noch in Aufregung geraten. Dieser jedoch verhielt sich,
wenigstens wie es schien, dem gegenber gleichgltig und geriet nicht
in Erregung, sondern empfand nur eine gewisse Scham, interessierte
sich aber im allgemeinen fr das, was sie an ihm that. Vom Arzte
zurckgekehrt, zu welchem Kity ihn gesandt hatte, fand Lewin, die
Thre ffnend, den Kranken in dem Moment, als man nach Kitys Anordnung
seine Wsche wechselte. Das lange bleiche Skelett des Rckens mit den
groen hervorstehenden Schulterblttern, und den starrenden Rippen
und Rckgratwirbeln war entblt; Marja Nikolajewna und der Diener
waren mit dem einen Hemdrmel in Unordnung geraten und konnten den
langen herabhngenden Arm nicht hineinbringen. Kity, welche geschftig
die Thr hinter Lewin wieder schlo, hatte nicht nach dieser Seite
geblickt, aber der Kranke sthnte auf und sie wandte sich schnell zu
ihm hin.

Schneller, befahl sie.

Ihr geht ja nicht, sagte der Kranke gereizt, ich will selber --

Was sagt Ihr? frug Marja Nikolajewna dazwischen.

Kity hatte jedoch gehrt und verstanden, da es ihm peinlich und
unangenehm war, in ihrer Gegenwart entblt zu sein.

Ich sehe nicht hin, sehe nicht hin! sagte sie daher, den Arm
richtend, Marja Nikolajewna, tretet von dieser Seite, bringt ihn in
Ordnung, fgte sie hinzu. -- Geh doch -- bitte -- in meinem kleinen
Reisesack befindet sich ein Riechflschchen, wandte sie sich an ihren
Mann, du weit ja, in der Seitentasche. Bring es mir doch, whrend man
hier noch vollends Ordnung macht.

Als Lewin mit dem Riechflschchen zurckkehrte, fand er den Kranken
bereits wieder zurecht gelegt, und alles in seiner Umgebung vllig
verwandelt. Der drckende ble Geruch war mit einer Atmosphre von
Essig und Parfms vertauscht worden, welche Kity mit gespitzten Lippen
und aufgeblasenen roten Wangen durch das Flacon umhersprengte. Von
Staub war nichts mehr zu sehen und vor dem Bett lag ein Teppich.
Aus dem Tische standen geordnet Flacons und Caraffen, lag auch die
ntige Wsche, sowie eine Arbeit in =broderie anglaise= von Kity. Auf
einem andern Tische am Bett des Kranken, stand Getrnk, ein Licht und
Arzneipulver. Der Kranke selbst, gesubert und gekmmt, lag in frischen
berzgen, auf hochgemachten Kissen und in weiem Hemd mit einem weien
Kragen um den unnatrlich dnnen Hals, und blickte mit einem Ausdruck
von Hoffnung unverwandt auf Kity.

Der von Lewin herbeigebrachte, erst im Klub aufgefundene Arzt, war
nicht der nmliche, welcher Nikolay Lewin sonst behandelte und mit
welchem dieser unzufrieden war. Der neue Arzt langte ein Hrrohr hervor
und behorchte den Kranken, schttelte den Kopf, verschrieb eine Arznei,
und erklrte mit groer Ausfhrlichkeit zunchst, wie die Arznei zu
nehmen sei, und dann, welche Dit beobachtet werden sollte. Er empfahl
rohe oder nur weichgekochte Eier, und Selterswasser mit warmer Milch
von bestimmter Temperatur.

Nachdem der Arzt gegangen war, sagte der Kranke etwas zu seinem Bruder,
allein Lewin vernahm nur die letzten Worte deine Katja; an dem Blicke
jedoch, mit welchem jener sie anschaute, erkannte Lewin, da sie gelobt
worden sei. Er rief nun auch Katja, wie Nikolay sie genannt hatte.

Mir ist schon bei weitem besser, sagte er, bei Euch wre ich
freilich schon lngst wieder gesund geworden. Wie wohl mir ist! Er
ergriff ihre Hand und zog sie an seine Lippen, gab aber, wie in der
Furcht, es mchte ihr dies unangenehm sein, seine Absicht auf, lie die
Hand sinken und streichelte sie nur. Kity fate diese Hand mit ihren
beiden Hnden und drckte sie. Jetzt legt mich auf die linke Seite und
geht schlafen, fuhr er fort.

Niemand hatte verstanden, was er sprach, nur Kity hatte es erfat. Sie
hatte es verstanden, weil sie fortwhrend in Gedanken beobachtete, was
er wnschen mchte.

Auf die andere Seite, sagte sie zu ihrem Manne, er schlft stets
auf jener. Lege du ihn um, ich mchte nicht gern die Dienerschaft dazu
rufen. Ich aber kann es nicht. Ihr knnt es auch nicht? wandte sie
sich an Marja Nikolajewna.

Ich frchte mich, versetzte diese.

So entsetzlich es Lewin auch sein mochte, diesen grauenhaften Krper
mit beiden Armen umfassen zu mssen und Stellen unter der Bettdecke
zu berhren, von denen er nichts wissen mochte, machte Lewin, dem
Einflusse seines Weibes nachgebend, das energische Gesicht, das dieses
schon an ihm kannte und schickte sich dazu an, indem er die Arme
vorstreckte, war aber bei aller seiner Kraft, von der seltsamen Schwere
dieser ausgemergelten Glieder berrascht.

Whrend er ihn wandte, seinen Hals von dem abgezehrten, langen Arme
umfat fhlend, drehte Kity schnell und leise das Kopfkissen um und
schob es wieder unter, legte den Kopf des Kranken zurecht und ordnete
ihm das sprliche Haar, welches wieder an den Schlfen klebte.

Der Kranke hielt des Bruders Hand in der seinen. Lewin fhlte, da
er etwas mit dieser Hand zu thun wnsche und dieselbe mit sich zog;
erstarrend folgte er derselben. Nikolay fhrte seine Hand an die Lippen
und kte sie und Lewin erschauerte in Schluchzen und verlie, nicht
fhig zu reden, das Gemach.


                                  19.

Er hat sich vor den Weisen verborgen und den Kindern und Thoren
entdeckt. So dachte Lewin auch ber sein Weib, als er an diesem Abend
mit ihr sprach.

Lewin dachte an das Wort des Evangeliums nicht deshalb, weil er
selbst sich fr weise gehalten htte. Er hielt sich nicht fr weise,
wute aber auch recht wohl, da er doch klger war, als sein Weib und
als Agathe Michailowna; wute recht wohl, da er, wenn er des Todes
gedachte, dies mit allen Krften seines Geistes that. Er wute auch,
da viele hhere Geister von Mnnern, deren Gedanken er darber gelesen
hatte, nicht ein Hundertstel von dem gedacht hatten, was sein Weib
und Agathe Michailowna darber wuten. So ungleich nun diese beiden
Weiber einander sein mochten, Agathe Michailowna und Katja, wie sie
sein Bruder Nikolay, und auch Lewin sehr gern nannte, hierin waren sie
einander vollkommen hnlich. Beide wuten sicher, was Leben eigentlich
war, und auch was Tod sei, und obwohl sie nicht antworten konnten,
oder die Fragen auch nur verstehen, die sich Lewin aufdrngten, so
zweifelten sie beide doch nicht an der Bedeutung dieser Erscheinung und
betrachteten dieselbe vollkommen gleichartig, nicht nur unter sich,
sondern, indem sie ihre Anschauung mit Millionen Menschen teilten. Der
Beweis dafr, da sie genau wuten, was Tod sei, lag darin, da sie,
ohne sich eine Sekunde zu besinnen, wuten, wie man mit Sterbenden
umgehen msse, und diese nicht frchteten. Lewin und die anderen
wuten, obwohl sie viel ber den Tod sagen konnten, augenscheinlich
nicht, warum sie ihn frchteten; sie wuten sicher nicht, was zu
thun sei, wenn ein Mensch starb. Wre Lewin jetzt allein gewesen mit
seinem Bruder, so wrde er ihn voll Entsetzen betrachtet, und mit noch
grerem Entsetzen gewartet haben, aber nicht imstande gewesen sein,
irgendwie zu handeln.

Er wute nicht, was er sagen, wie er blicken, wie er gehen sollte.
ber Fernerliegendes mit ihm zu sprechen, erschien verletzend, das ging
nicht; ber den Tod zu sprechen, die finstere Macht, ging auch nicht;
schweigen -- gleichfalls nicht. -- Blickte er den Kranken an, so konnte
dieser denken, er wolle ihn durchforschen, blickte er ihn nicht an, so
konnte Nikolay denken, er sei bei etwas ganz Anderem. Ging er auf den
Fuspitzen, so mochte der Bruder unzufrieden damit sein, trat er voll
auf, so schickte sich das nicht.

Kity dachte augenscheinlich gar nicht an sich und hatte wohl auch nicht
die Zeit, an sich zu denken; sie dachte nur an ihn, weil sie etwas
Bestimmtes wute, und alles ging gut bei ihr von statten. Sie hatte
ihm von sich erzhlt, von ihrer Hochzeit und hatte gelchelt und ihn
bemitleidet, ihm geschmeichelt, und mit ihm ber Flle von Genesungen
gesprochen, und das alles ging ihr gut von statten; vielleicht weil sie
etwas wute.

Der Beweis dafr, da ihre Wirksamkeit, wie diejenige Agathe
Michailownas, keine instinktive, rein physische unbedachte war, lag
darin, da auer der physischen Beruhigung, der Erleichterung der
Leiden, sowohl Agathe Michailowna als Kity fr den Sterbenden noch
etwas weit Wichtigeres anstrebten, als physische Beruhigung, ein
Etwas, das nichts Gemeinsames besa mit physischen Umstnden. Agathe
Michailowna hatte in dem Gesprch ber jenen verstorbenen Alten gesagt:
Nun, man hat ihm das Abendmahl, die letzte lung gegeben, gebe Gott,
da ein jeder so sterbe! Ganz ebenso hatte Kity ungeachtet aller Sorge
fr die Wsche, die wundgelegenen Stellen, das Trinken des Kranken
bereits am ersten Tage demselben von der Notwendigkeit gesprochen, da
er kommuniziere.

Nachdem sie fr die Nacht von dem Kranken in ihre beiden Zimmer
zurckgekehrt waren, hatte sich Lewin niedergesetzt und den Kopf sinken
lassen, ohne zu wissen, was er beginnen solle.

Geschweige, da er davon gesprochen htte, zu Abend speisen zu wollen,
oder das Nachtlager in Ordnung zu bringen, und zu berlegen, was nun zu
thun sei, vermochte er nicht einmal mit seiner Frau zu reden; so schwer
war ihm das Herz. Kity hingegen war geschftiger, als gewhnlich;
sie war sogar lebhafter, als sonst. Sie befahl Abendessen zu bringen,
packte selbst die Sachen aus, half die Betten vorzurichten und verga
nicht einmal, sie mit persischem Pulver zu bestreuen. In ihr lag eine
Munterkeit, eine Prcision im Denken, wie sie sich bei den Mnnern vor
einer Schlacht, einem Kampfe, in gefahrvollen entscheidenden Momenten
zeigt, jenen Minuten, in welchen ein fr allemal der Mann seinen Wert
zeigt und beweist, da seine ganze Vergangenheit nicht umsonst gewesen
ist, sondern eine Vorbereitung war fr diese Minuten.

Alles ging ihr von statten, und es war noch nicht zwlf Uhr, als
alle Sachen sauber ausgepackt waren; sorgfltig und in einer Weise,
da das Zimmer ihrem eigenen Hause hnlich wurde, ihren Zimmern. Die
Betten waren aufgeschlagen, die Brsten, Kmme, Spiegel aufgelegt, und
Servietten bergebreitet.

Lewin fand es sei unverzeihlich, jetzt zu essen, zu schlafen, ja selbst
zu reden und dabei zu empfinden, da jede seiner Bewegungen nicht
schicklich sei. Sie hingegen steckte die Brsten aus, verrichtete aber
alles so, da nichts Verletzendes darin lag.

Essen konnten sie allerdings nicht und lange Zeit fanden sie auch
keinen Schlaf, ja sie wollten erst lange Zeit gar nicht zur Ruhe gehen.

Ich bin sehr froh, da ich ihm zugeredet habe, morgen zu
kommunizieren, sagte sie, im rmelleibchen vor ihrem Necessaire
sitzend und sich mit dem dichten Kamme das reiche duftige Haar
strhlend, ich habe dies noch nie gesehen, wei aber, da Mama mir
gesagt hat, es wren Gebete fr die Herstellung dabei.

Glaubst du wirklich, da er wieder gesund werden kann? sagte Lewin,
nach der, sobald sie den Kamm vorwrts bewegte, fortwhrend verhllten
dichten Zahnreihe an der hinteren Seite ihres runden Kpfchens schauend.

Ich habe den Arzt gefragt; er sagte mir, da er nicht lnger als noch
drei Tage leben knne. Aber knnen die es wissen? Ich bin gleichwohl
sehr froh, da ich ihn berredet habe, sagte sie, unter ihrem Haar
hervor seitwrts nach ihrem Manne blickend. Es ist alles mglich,
fgte sie hinzu mit jenem eigentmlichen, ein wenig schlauen Ausdruck,
der stets auf ihrem Gesicht lag, wenn sie ber Religion sprach.

Nach jenem Gesprch ber die Religion, zur Zeit als sie noch Brutigam
und Braut waren, hatte weder er noch sie ein Gesprch darber wieder
angeknpft, sie aber erfllte dies Ceremoniell des Kirchenbesuchs,
des Gebetes, stets in dem nmlichen ruhigen Bewutsein, da es so
erforderlich sei. Ungeachtet seiner Versicherungen des Gegenteils
war sie fest berzeugt, da er ein ebensolcher, ja, noch besserer
Christ war, wie sie und da alles, was er darber sprach, nur eine
seiner sarkastischen Mnnerlaunen sei, ebenso wie das, was er ber die
=broderie anglaise= sagte: Mchten doch die guten Leute lieber die
Lcher zustopfen, hier aber werden sie absichtlich eingeschnitten und
hnliches.

Jenes Weib da, die Marja Nikolajewna hat nicht verstanden, alles
das einzurichten, sagte Lewin, und -- ich mu es eingestehen, da
ich sehr, sehr froh bin, da du mitgekommen bist. Du bist solch eine
Reinheit, da߫ -- er ergriff ihre Hand, kte sie aber nicht -- das
Kssen ihrer Hand in dieser Nhe des Todes, erschien ihm unpassend
-- sondern prete sie nur, mit schuldbewutem Ausdruck in ihre
aufleuchtenden Augen blickend.

Fr dich allein wre es doch so peinlich geworden, sagte sie, wand
die Hnde emporhebend, welche ihre vor Freude erglhenden Wangen
deckten, die Zpfe auf dem Scheitel zusammen und steckte sie fest.
Nein, sprach sie, das hat sie nicht verstanden. Zum Glck habe ich
viel in Soden gelernt.

Waren denn dort derartige Kranke?

Noch schlimmere sogar.

Es ist furchtbar fr mich, da ich ihn stets so sehen mu, wie er in
der Jugend war. Du glaubst nicht, welch ein schner Jngling er gewesen
ist; ich aber habe ihn damals nur nicht verstanden.

Ich glaube es wohl, recht wohl. Wie empfinde ich es, da wir so gut
mit ihm gewesen sein wrden, sagte sie, erschrak aber sogleich ber
das was sie gesagt hatte, sich nach ihrem Manne umschauend, und Thrnen
traten ihr in die Augen.

Ja -- gewesen sein wrden -- sagte er traurig, das ist eben einer
jener Menschen, von denen man sagt, da sie nicht fr diese Welt sind.

Gleichviel, uns stehen noch viele Tage bevor, doch wir mssen uns
niederlegen, sagte Kity, auf ihre winzige Uhr sehend.


                                  20.

                                Der Tod.

Am anderen Tage empfing der Kranke das Abendmahl und die letzte lung.
Whrend der Ceremonie betete Nikolay Lewin inbrnstig. In seinen
groen Augen, die nach der Monstranz gerichtet waren, welche auf einem
mit farbiger Serviette berdeckten L'hombretisch stand, drckte sich
ein so leidenschaftliches Flehen, eine Hoffnung aus, da es Lewin
entsetzlich war, dies mit ansehen zu mssen. Lewin wute, da diese
leidenschaftliche Bitte und Hoffnung ihm die Trennung vom Leben, das
er so sehr liebte, nur noch schwerer machen wrde. Lewin kannte seinen
Bruder und den Gang seiner Gedanken; er wute, da sein Unglaube nicht
davon herrhrte, weil es ihm leichter ankam, ohne Glauben zu leben,
sondern davon, weil Schritt fr Schritt die modernen wissenschaftlichen
Erklrungen der Welterscheinungen das Glauben verdrngt hatten, und
weil er wute, da seine jetzige Rckkehr zu demselben keine logische
war, die sich auf dem Wege eines solchen Gedankenganges vollzogen
htte, sondern eine nur vorbergehende, egoistische, entstanden in
der sinnlosen Hoffnung auf eine Genesung. Lewin wute auch, da Kity
diese Hoffnung noch durch Erzhlungen von ungewhnlichen Heilungen
von denen sie gehrt, genhrt hatte. Alles dies wute er, und es war
ihm qualvoll, auf diesen flehenden, hoffnungsvollen Blick, auf diese
abgezehrte Hand schauen zu mssen, die sich mhsam erhob, um das
Zeichen des Kreuzes auf der berhngenden Stirn, den hervorstehenden
Schultern und der heiserrchelnden, verdeten Brust zu machen, die
alle nicht mehr das Leben in sich zu bergen vermochten, um welches
der Kranke bat. Whrend des Sakraments that Lewin, was er in seinem
Unglauben tausendmal gethan hatte. Er sprach, sich zu Gott wendend:
Mache, wenn du bist, da dieser Mensch gesunde, und wiederholte dies
mehrere Male, und du wirst ihn und mich erretten.

Nach der Salbung wurde es dem Kranken pltzlich bei weitem besser. Er
hustete nicht ein einziges Mal im Verlauf einer Stunde, er lchelte,
kte Kity die Hand, dankte ihr mit Thrnen und sagte, da ihm wohl
sei, da er sich nirgends krank fhle und Elust und Kraft verspre.
Er erhob sich sogar selbst, als man ihm Suppe brachte und bat noch um
ein Kotelett. So hoffnungslos Lewin nun auch war, so augenscheinlich es
bei seinem Anblick wurde, da er nicht genesen knne, befand er sich
und Kity whrend dieser Stunde in dem gleichen Glck, der nmlichen
Erregung darber, ob man sich vielleicht doch nicht im Irrtum befinde.

Ist er besser? -- Ja, bei weitem. -- Wunderbar. -- Nichts Wunderbares.
-- Er ist doch besser, so sprachen sie flsternd und einander
zulchelnd.

Die Tuschung war indessen nicht von langer Dauer. Der Kranke schlief
ruhig ein, nach einer halben Stunde jedoch weckte ihn der Husten, und
pltzlich waren alle Hoffnungen seiner Umgebung und in ihm selbst
geschwunden. Die Wirklichkeit des Leidens vernichtete, auch abgesehen
von dem Zweifel, an den vorher gehegten Erwartungen oder selbst der
Erinnerung an sie, die Hoffnungen Lewins und Kitys und die des Kranken
selbst.

Ohne dessen zu gedenken, woran er eine halbe Stunde vorher noch
geglaubt hatte, gleichsam als wre es tadelnswert, sich daran zu
erinnern, verlangte er, da man ihm das Jod, in einem Glase, welches
von durchlochtem Papier berdeckt war, zum Einatmen gebe. Lewin reichte
ihm die Flasche und der nmliche Blick leidenschaftlicher Hoffnung,
mit welchem er kommuniziert hatte, richtete sich jetzt auf den Bruder,
von diesem Besttigung fr die Worte des Arztes heischend, da die
Einatmung von Jod Wunder thue.

Wie, ist Kity nicht hier? raunte er umherblickend, nachdem ihm
Lewin die Worte des Arztes mit innerem Widerstreben bekrftigt hatte.
Nun, so kann ich es sagen; nur ihr zu Liebe habe ich diese Komdie
durchgemacht. Sie ist so lieb, aber wir beide knnen uns gegenseitig
nicht mehr tuschen. Hieran glaube ich, sprach er, die Flasche mit
seiner Knochenhand pressend, und begann ber ihr zu atmen.

Um acht Uhr am Abend nahm Lewin mit seiner Frau den Thee auf seinem
Zimmer ein, als Marja Nikolajewna atemlos ins Zimmer gestrzt kam. Sie
war bleich und ihre Lippen bebten.

Er stirbt! flsterte sie; ich frchte, er stirbt sogleich!

Beide eilten zu ihm. Er hatte sich erhoben und sa, mit dem Arme
auf die Bettdecke gesttzt, den langen Rcken gekrmmt, mit tief
herniederhngendem Kopfe.

Wie fhlst du dich? frug Lewin flsternd nach einer Pause.

Ich fhle, da ich scheide, sprach Nikolay mit Anstrengung, aber
die Worte mit einer auerordentlichen Bestimmtheit langsam aus sich
herauspressend. Er hob den Kopf nicht, sondern richtete nur das Auge
nach oben, ohne mit ihnen das Gesicht des Bruders zu erreichen. Katja,
geh' hinaus, fuhr er fort.

Lewin sprang auf und befahl ihr mit gebieterischem Flstern
hinauszugehen.

Ich scheide, sagte er wiederum.

Weshalb denkst du das? antwortete Lewin, um etwas zu sagen.

Deshalb, weil ich scheide, wiederholte Nikolay, sich gleichsam in
diesem Ausdruck gefallend. Es ist zu Ende.

Marja Nikolajewna trat zu ihm.

Ihr mtet Euch legen, dann wrde Euch leichter, sprach sie.

Bald werde ich liegen, versetzte er leise, als ein Toter, er sprach
hhnisch, erbittert, nun, aber legt mich nur, wenn Ihr wollt.

Lewin legte den Bruder auf den Rcken, lie sich neben ihm nieder, und
blickte ihm, mit angehaltenem Atem ins Gesicht.

Der Sterbende lag mit geschlossenen Augen, aber auf seiner Stirn
bewegte sich ein leises Muskelspiel, wie bei einem Menschen, der tief
und angestrengt sinnt. Unwillkrlich dachte Lewin zusammen mit ihm das,
was sich jetzt in Nikolay vollziehen mochte, aber ungeachtet aller
geistigen Anstrengungen mit jenem bereinzukommen, gewahrte er an dem
Ausdruck dieses ruhigen ernsten Gesichts und dem Muskelspiel ber den
Brauen, da einem Sterbenden sich voll und ganz jenes Eine offenbart
ebenso, wie es fr Lewin dunkel blieb.

Ja, ja, so, brachte der Sterbende abgebrochen und langsam hervor.
Bleibt. Er schwieg wieder. So, sagte er dann gedehnt und
befriedigt, als habe sich nun alles fr ihn entschieden. O Gott!
begann er dann nochmals und seufzte schwer.

Marja Nikolajewna fhlte seine Fe an, sie werden kalt, flsterte
sie.

Lange, sehr lange, wie es Lewin schien, lag der Kranke unbeweglich.
Aber er war noch immer am Leben und bisweilen atmete er auf. Lewin war
bereits abgespannt von der Anstrengung des Denkens. Er fhlte, da er
trotz aller geistigen Anstrengung nicht begreifen knne, was jenes so
bedeutete. Er fhlte, da er weit entfernt stand von dem Sterbenden.
ber die Frage des Todes selbst vermochte er nicht mehr nachzusinnen,
aber unwillkrlich kamen ihm Gedanken darber, was er jetzt sofort zu
thun haben werde; dem Bruder die Augen zuzudrcken, ihn ankleiden zu
lassen und die Beerdigung zu bestellen. Und seltsam, er fhlte sich
dabei vollkommen ruhig und empfand weder Schmerz, noch einen Verlust,
und noch weniger Mitleid mit dem Bruder. Wenn jetzt ein Gefhl fr
seinen Bruder in ihm war, so war es eher der Neid wegen jenes Wissens,
welches der Sterbende nun hatte, er aber nicht besitzen konnte.

Noch lange sa er so bei ihm, immer das Ende erwartend, aber das Ende
kam nicht. Die Thr ffnete sich und Kity erschien. Lewin stand auf, um
sie zurckzuhalten, aber gerade im Augenblick, als er sich erhob, hrte
er, da der Sterbende sich regte.

Geh nicht fort, sagte Nikolay und streckte die Hand aus. Lewin gab
ihm die seine und winkte heftig seiner Frau, hinauszugehen.

Die Hand des Sterbenden in der seinen, sa er eine halbe Stunde, eine
ganze Stunde und noch eine Stunde.

Er dachte jetzt schon gar nicht mehr an den Tod; er dachte daran, was
Kity machen mge. Wer wohnte wohl in dem benachbarten Zimmer? Besa
der Arzt ein eigenes Haus? Er sehnte sich nach Essen und Schlaf,
behutsam befreite er seine Hand und fhlte nach den Fen. Sie waren
kalt, aber der Kranke atmete noch. Lewin wollte nun auf den Zehen
wieder herausgehen, aber von neuem regte sich der Kranke und sagte:
Geh' nicht fort -- -- --

Der Tag dmmerte herauf. Der Zustand des Kranken blieb noch immer
derselbe. Lewin befreite leise seine Hand, ohne auf den Sterbenden
zu blicken, begab sich nach seinem Zimmer und schlief ein. Als er
erwachte, erfuhr er anstatt der Nachricht vom Tode seines Bruders, die
er erwartete, da der Kranke in den frheren Zustand zurckverfallen
sei. Er hatte sich wieder gesetzt, wieder gehustet, wieder zu essen und
zu sprechen angefangen, und wieder aufgehrt, vom Tode zu reden. Er
hatte wieder Hoffnung auf Genesung ausgedrckt, und war noch reizbarer
und mrrischer geworden als vorher. Niemand, weder sein Bruder, noch
Kity vermochten ihn zu besnftigen. Er war gegen jedermann gereizt,
sagte jedermann Unangenehmes, machte allen Vorwrfe ber seine
Leiden und verlangte, da man ihm einen berhmten Arzt aus Moskau
herbeischaffe. Auf alle Fragen, die man an ihn ber sein Befinden
richtete, antwortete er stets mit dem Ausdruck von Wut und Vorwurf ich
leide furchtbar, unertrglich!

Der Kranke litt mehr und mehr, besonders infolge der aufgelegenen
Stellen, die sich nicht mehr heilen lieen, und geriet mehr in Wut
ber seine Umgebung, der er Vorwrfe ber alles machte, und namentlich
darber, da man ihm den Arzt aus Moskau nicht herbeischaffe. Kity
bemhte sich in jeder Weise, ihm Beistand zu leisten und ihn zu
beschwichtigen, aber alles war vergebens und Lewin sah, da sie selbst
krperlich, wie geistig erschpft war, obwohl sie es nicht eingestand.
Jene Ahnung des Todes, welche in allen durch seinen Abschied vom
Leben in jener Nacht, als er den Bruder rief, erweckt worden war, war
verwischt. Sie alle wuten wohl, da er unwiderruflich und binnen
kurzem sterben werde, da er zur Hlfte schon tot sei, sie alle
wnschten nur das Eine, er mchte so bald als mglich sterben, aber
sie alle gaben ihm, indem sie dies verbargen, aus der Flasche die
Arznei, forschten nach Heilmitteln und rzten und tuschten ihn, und
sich selbst untereinander. Alles dies war eine Lge, eine hliche,
verletzende und hohnvolle Lge. Und diese Lge empfand Lewin, sowohl
der Eigenart seines Charakters halber, als auch, weil er den Sterbenden
mehr als alle anderen liebte, besonders schmerzlich.

Lewin, welchen der Gedanke, seine beiden Brder wenigstens vor dem Tode
noch auszushnen, schon lange beschftigt hatte, schrieb an Sergey
Iwanowitsch, und las, nachdem er Antwort erhalten hatte, dem Kranken
das Schreiben vor. Sergey Iwanowitsch schrieb, da er selbst nicht
kommen knne, bat aber in rhrenden Ausdrcken den Bruder um Verzeihung.

Der Kranke erwiderte nichts.

Was soll ich ihm nun schreiben? frug Lewin. Ich hoffe, da du ihm
nicht mehr gram bist?

Nein, keineswegs! antwortete Nikolay voll Verdru ber diese Frage.
Schreibe ihm, er mge nur einen Arzt schicken!

Es vergingen noch weitere drei qualvolle Tage; der Kranke befand sich
immer im gleichen Zustand. Das Gefhl des Wunsches, er mchte sterben,
hatten jetzt alle, die ihn sahen, sowohl der Diener des Hotels, wie
der Wirt desselben und alle Insassen des Hauses; der Arzt und Marja
Nikolajewna, wie Lewin und Kity.

Allein der Kranke drckte dieses Gefhl nicht aus, sondern eiferte
im Gegenteil darber, da man den Arzt nicht schaffe, und fuhr
fort, Arznei zu nehmen und vom Leben zu sprechen. Nur in den
gezhlten Minuten, in denen das Opium ihn fr einen Augenblick die
ununterbrochenen Leiden vergessen lie, sprach er im Halbschlaf
bisweilen aus, was mchtiger als bei allen anderen, in seiner Seele
ruhte: O, wenn doch ein Ende kme, oder wann wird das vorber sein.

Die Qualen, stetig wachsend, thaten das ihre, und bereiteten ihn
zum Tode vor. Es gab jetzt keine Stellung mehr, in welcher er nicht
gelitten htte; es gab keine Minute mehr, in welcher er einmal sich
selbst vergessen htte, keine Stelle, kein Glied seines Krpers,
welches nicht geschmerzt, ihn nicht gemartert htte. Selbst die
Erinnerung, die Eindrcke und die Gedanken ber diesen Krper erregten
in ihm jetzt bereits einen solchen Ekel, wie der Krper selbst.
Der Anblick der brigen Menschen, ihre Gesprche, ihre eigenen
Erinnerungen, alles das war fr ihn nur peinlich. Seine Umgebung
empfand dies, und gestattete sich daher wie unbewut in seiner Nhe
weder eine freie Bewegung, noch Gesprche oder uerungen von Wnschen.
Sein ganzes Leben zerflo in das eine Gefhl des Leidens, und des
Wunsches, hiervon erlst zu sein.

Augenscheinlich hatte sich nun jene Wandlung in ihm, die ihn auf
den Tod wie auf eine Erfllung seiner Wnsche, wie auf ein Glck
blicken lassen mute, vollendet. Frher war jedem besonderen Wunsche,
hervorgerufen durch Leiden oder Entbehrung, wie Hunger, Mdigkeit,
Durst, schon ein Zurechtrcken des Krpers, welches ihm Befriedigung
gewhrte, gengt worden; jetzt aber fand die Entbehrung und der Schmerz
keine Befriedigung mehr, denn schon der Versuch zu einer Befriedigung
rief neue Schmerzen hervor, und so flossen denn alle Wnsche in dem
einen zusammen -- dem Wunsche, erlst zu sein von all den Qualen und
von der Quelle derselben -- dem Krper.

Aber zum Ausdruck dieses Wunsches nach Befreiung hatte er keine Worte,
und daher sprach er nicht davon, sondern forderte nur noch nach seiner
Gewohnheit die Befriedigung der Wnsche, die schon nicht mehr erfllt
werden konnten.

Legt mich auf die andere Seite, sagte er und verlangte gleich darauf,
da man ihn wieder lege, wie vorher. Gebt mir Bouillon! Schafft
sie fort! Sprecht doch etwas, weshalb schweigt ihr so! Sobald man
aber angefangen hatte, zu sprechen, schlo er die Augen, und drckte
Ermattung, Gleichgltigkeit und Widerwillen aus.

Am zehnten Tage nach der Ankunft in der Stadt erkrankte Kity. Es
stellte sich Kopfschmerz und Erbrechen bei ihr ein, und sie vermochte
den ganzen Morgen nicht, das Bett zu verlassen.

Der Arzt erklrte, da das Unwohlsein von Ermdung und Aufregung
herrhre und empfahl geistige Ruhe.

Nach Tische indessen erhob sich Kity und begab sich wie gewhnlich, mit
einer Arbeit zu dem Kranken. Er blickte sie streng an, als sie eintrat
und lchelte verchtlich, als sie sagte, da sie unwohl sei. An diesem
Tage schneuzte er sich unaufhrlich und sthnte klglich.

Wie fhlt Ihr Euch? frug sie ihn.

Schlechter, brachte er mit Mhe heraus, es schmerzt so.

Wo schmerzt es?

berall.

Heute geht es zu Ende, pat auf, sagte Marja Nikolajewna; zwar
flsternd, aber doch so, da der Kranke, welcher fein hrte, wie Lewin
bemerkt hatte, sie vernehmen mute. Lewin zischte ihr zu und blickte
sich nach dem Kranken um. Nikolay hatte dies gehrt, aber die Worte
brachten bei ihm keinen Eindruck hervor. Sein Blick war noch der
nmliche vorwurfsvolle und gespannte.

Warum denkt Ihr das? frug Lewin sie, als sie ihm auf den Korridor
hinaus folgte.

Er hat angefangen, sich abzunehmen, sagte Marja Nikolajewna.

Was ist denn das?

Nun dies, antwortete sie, die Falten in ihrem wollenen Kleide
aufzupfend; in der That bemerkte Lewin, da der Kranke an diesem ganzen
Tage an sich etwas herunterreien wollte. Die Voraussagung Marja
Nikolajewnas war richtig. Der Kranke war bis zum Abend schon nicht mehr
bei Krften, die Arme zu heben, und schaute nun vor sich hin, ohne den
Ausdruck konzentrierter Aufmerksamkeit im Blick zu verndern. Selbst
wenn sein Bruder oder Kity sich ber ihn beugten, so da er sie sehen
konnte, blickte er so. Kity sandte nach einem Geistlichen, um das
Sterbegebet sprechen zu lassen.

Whrend dieser das Gebet las, gab der Kranke kein Lebenszeichen von
sich, seine Augen waren geschlossen. Lewin, Kity und Marja Nikolajewna
standen am Bett. Das Gebet war von dem Geistlichen noch nicht zu Ende
gelesen worden, als sich der Sterbende streckte, seufzte und die Augen
schlo. Der Geistliche legte, nachdem er das Gebet beendet, das Kreuz
auf die kalte Stirn, zog es darauf langsam unter sein Gewand zurck,
und berhrte, nachdem er noch zwei Minuten schweigend gestanden, die
erkaltete, blutlose groe Hand.

Er hat vollendet, sprach er und wollte gehen, da aber bewegte sich
pltzlich der zusammengeklebte Bart des Toten und deutlich in der
Stille wurden aus der Tiefe der Brust bestimmt und klar die Worte
vernehmbar:

Nicht ganz -- aber bald. --

Nach Verlauf einer Minute erst erhellte sich das Gesicht, ein Lcheln
trat unter dem Barte hervor und die anwesenden Frauen befaten sich nun
bestrzt damit, den Verstorbenen anzukleiden.

Der Anblick des Bruders und die Nhe des Todes erneuerte in der
Seele Lewins jene Empfindung des Entsetzens vor dem Rtselhaften und
zugleich vor der Nhe und Unvermeidbarkeit des Todes, das ihn an jenem
Herbstabend ergriffen hatte, als sein Bruder zu ihm gekommen war.

Dieses Gefhl war jetzt noch mchtiger als frher; noch weniger, als
frher fhlte er sich fhig, die Vorstellung vom Tode zu verstehen,
und noch entsetzlicher stellte sich ihm das Unvermeidliche desselben
vor Augen. Jetzt aber brachte ihn dieses Gefhl, dank der Nhe seines
Weibes, nicht zur Verzweiflung und trotz des Todes fhlte er die
Notwendigkeit, zu leben und zu lieben. Er fhlte, da die Liebe ihn
von der Verzweiflung errettet hatte, und da diese Liebe unter den
Schrecken der Verzweiflung nur noch strker und reiner geworden war.

Das Geheimnis des Todes hatte sich nicht sobald vor seinen Augen
vollzogen, ungelst geblieben, als schon ein anderes auftauchte, ebenso
unlsbar und herausfordernd zu Liebe und Leben.

Der Arzt hatte seine Vermutungen bezglich Kitys besttigt; ihr
Unwohlsein bestand in Schwangerschaft.


                                  21.

Seit der Minute, in welcher Aleksey Aleksandrowitsch aus den
Erklrungen mit Betsy und mit Stefan Arkadjewitsch erkannt hatte,
da von ihm nur gefordert wurde, er mge sein Weib in Ruhe lassen,
indem er sie nicht mehr mit seiner Gegenwart belstigte, und da sein
Weib selbst dies wnschte, fhlte er sich so verlassen, da er keinen
selbstndigen Beschlu mehr zu fassen vermochte, nicht mehr wute, was
er jetzt wollte, und sich in die Hnde von Leuten gebend, welche sich
mit dem bekannten Vergngen um seine Angelegenheiten kmmerten, auf
alles nur billigende Antworten gab.

Nun nachdem Anna schon sein Haus verlassen hatte, und die Englnderin
sandte, um ihn fragen zu lassen, ob sie mit ihm zusammen zu Mittag
speisen werde oder allein, da erkannte er zum erstenmale klar seine
Lage und erschrak ber sie.

Am schwierigsten in dieser Lage war vor allem, da er in keiner Weise
seine Vergangenheit mit ihr so wie sie jetzt war, in Einklang und
Harmonie bringen konnte. Nicht jene Vergangenheit, in der er glcklich
mit seinem Weibe gelebt hatte, machte ihn ratlos. Den bergang aus
derselben zu der Erkenntnis der Untreue seines Weibes hatte er bereits
wie ein Mrtyrer durchlebt, der Zustand war schwer, aber er war ihm
verstndlich gewesen. Wre sein Weib damals, nachdem sie ihm von ihrer
Untreue Mitteilung gemacht, von ihm gegangen, so wrde er erbittert,
unglcklich gewesen sein, aber er htte sich dann nicht in jener fr
ihn selbst unentwirrbaren, unbegreiflichen Lage befunden, in der er
sich jetzt fhlte.

Er konnte sich durchaus nicht seine neuerliche Verzeihung vergeben,
seine Vershnlichkeit, seine Liebe zu dem kranken Weibe, und dem
fremden Kinde, angesichts dessen, was jetzt war, das heit, dessen, was
er, gleichsam als Belohnung fr alles dies, jetzt empfand, vereinsamt,
beschimpft, verlacht, niemandem brauchbar und von allen verachtet.

In den ersten zwei Tagen nach der Abreise seines Weibes empfing Aleksey
Aleksandrowitsch Bittsteller, den Geschftsfhrer, begab sich ins
Komitee, und ging zur Mittagstafel nach dem Salon wie gewhnlich. Ohne
sich Rechenschaft, weshalb er dies thue, zu geben, verwandte er alle
Krfte seines Geistes in diesen zwei Tagen nur darauf, ein ruhiges, ja
selbst gleichmtiges Aussehen zu behaupten.

Indem er auf die Fragen, wie mit den Sachen und den Rumen der
Anna Arkadjewna verfahren werden sollte, antwortete, machte er
die gewaltigsten Anstrengungen ber sich selbst, um den Anschein
eines Mannes zu wahren, fr den das stattgehabte Ereignis nicht
unvorhergesehen gekommen sei, und nichts in sich trage, was aus der
Reihe der gewhnlichen Vorkommnisse heraustrete; und er erreichte
seine Absicht! Niemand vermochte an ihm Anzeichen der Verzweiflung
zu finden. Am zweiten Tag nach der Abreise aber, als Korney ihm die
Rechnung vom Modewarenmagazin berreichte, welche Anna zu begleichen
vergessen hatte, und meldete, der Commis sei selbst da, befahl Aleksey
Aleksandrowitsch, diesen hereinkommen zu lassen.

Entschuldigen Excellenz, da ich zu stren wage. Aber wenn Excellenz
befehlen, da ich mich an gndige Frau wende, so geruhen Excellenz
wohl, deren Adresse mitzuteilen.

Aleksey Aleksandrowitsch dachte nach, wenigstens wie es dem Commis
schien, und setzte sich, abgewendet, pltzlich an seinen Tisch. Den
Kopf in die Hnde gesttzt, verharrte er lange in dieser Stellung,
einige Male zu sprechen versuchend, aber wieder innehaltend.

Die Empfindungen seines Herrn begreifend, bat Korney den Commis, ein
ander Mal wiederzukommen. Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch wieder
allein war, erkannte er, da er nicht die Krfte besitze, die Rolle der
Festigkeit und Ruhe noch weiter zu behaupten. Er befahl den auf ihn
wartenden Wagen wieder auszuspannen, niemand vorzulassen, und ging auch
nicht zur Mittagstafel.

Er fhlte, da er diesem allgemeinen Andrang von Verachtung und
Gefhllosigkeit, wie er beides auf den Zgen des Commis und Korneys
und aller ohne Ausnahme, denen er in diesen zwei Tagen begegnet war,
offen gesehen hatte, nicht widerstehen knne. Er fhlte, da er die
Gehssigkeit der Menschen nicht werde zurckweisen knnen, weil
diese Gehssigkeit nicht davon herrhrte, da er ein Narr war -- in
diesem Falle htte er schon sich bemhen knnen, als etwas Besseres
zu erscheinen -- sondern davon, da er schmachvoll und widerlich
unglcklich war.

Er wute, da man deswegen -- eben deswegen, weil sein Herz zerrissen
war -- mit ihm mitleidlos sein wrde. Er fhlte, da die Menschen ihn
vernichteten, wie man einen zerrissenen Hund, der vor Schmerz winselt,
noch erwrgt. Er wute, da seine einzige Rettung vor den Menschen die
war -- seine Wunden vor ihnen zu verbergen -- und er hatte dies zwei
Tage unbewut zu thun versucht, fhlte sich aber jetzt nicht mehr bei
Krften, diesen ungleichen Kampf fortzusetzen.

Seine Verzweiflung vergrerte sich noch in dem Bewutsein, da er
vollstndig vereinsamt dastand mit seinem Leid. Nicht nur in Petersburg
besa er keinen einzigen Menschen, dem er alles htte anvertrauen
knnen, was er erfahren hatte, der in ihm nicht den hochgestellten
Beamten, nicht das Mitglied der guten Gesellschaft bemitleidet htte,
sondern einfach den leidenden Menschen -- nein, nirgends hatte er einen
solchen Menschen.

Aleksey Aleksandrowitsch war als Waise aufgewachsen; sie waren ihrer
zwei Brder gewesen. Auf den Vater konnten sie sich nicht mehr
besinnen, die Mutter war gestorben, als Aleksey Aleksandrowitsch zehn
Jahre zhlte. Das Vermgen war klein; der Onkel Karenin, ein hoher
Beamter und einstiger Gnstling des verstorbenen Kaisers, erzog die
beiden.

Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch das Gymnasium und die Universitt mit
Prmien absolviert hatte, betrat er sogleich mit Hilfe des Onkels die
dienstliche Laufbahn und ergab sich von dieser Zeit an ausschlielich
dem amtlichen Strebertum. Weder auf dem Gymnasium noch auf der
Universitt, oder spter im Amte hatte Aleksey Aleksandrowitsch mit
irgend jemand freundschaftliche Beziehungen angeknpft. Sein Bruder
war ihm der geistig zunchst stehende Mensch gewesen, doch hatte
derselbe im Ministerium der ueren Angelegenheiten gearbeitet, war
stets im Auslande gewesen, und auch bald nach der Verheiratung Aleksey
Aleksandrowitschs hier gestorben.

Whrend er eine Gouverneurstelle bekleidete, hatte die Tante Annas,
eine reiche Dame im Gouvernement, den zwar nicht mehr jungen Mann, wohl
aber jungen Gouverneur, mit ihrer Nichte bekannt gemacht, und ihn in
eine Situation verwickelt, nach welcher er sich entweder erklren oder
die Stadt verlassen mute. Aleksey Aleksandrowitsch schwankte lange. Es
gab damals ebenso viel Grnde fr diesen Schritt, wie gegen denselben,
und es gab keinen entscheidenden Anla, der ihn bewogen htte, seinen
Grundsatz, sich im Unentschiedenen zu erhalten, zu ndern. Die Tante
Annas indessen hatte ihm bereits durch einen Bekannten zu verstehen
geben lassen, da er das junge Mdchen bereits kompromittiert habe und
die Rcksicht auf seine Ehre ihn zwingen msse, einen Antrag zu machen.
Er machte den Antrag, und weihte seiner Braut und Frau alles Gefhl,
dessen er fhig war.

Jene Anhnglichkeit, die er fr Anna empfand, schlo in seiner Seele
auch die letzten Voraussetzungen fr eine Unterhaltung herzlicher
Beziehungen zu den Menschen aus, und jetzt besa er unter allen seinen
Bekannten keinen Vertrauten. Er besa wohl viel von dem, was man
Verbindungen nennt, Freundschaftsverhltnisse aber hatte er nicht.
Aleksey Aleksandrowitsch hatte auch viele, die er zu sich zur Tafel
einladen, um Teilnahme in einer ihn interessierenden Sache bitten
konnte, um Protektion eines Petenten, mit denen er sich aufrichtig
ber die Thtigkeit anderer Mnner und der hchsten Regierungsstelle
uern konnte -- aber seine Beziehungen zu diesen Personen waren in
einem durch Sitte und Gewohnheit festbestimmten Bereich begrenzt, aus
dem es unmglich war, herauszutreten. Es war da ein Universittsfreund,
welchem er sich spter wieder genhert hatte, und mit dem er ber
sein persnliches Leid htte sprechen knnen, aber dieser Kamerad
war Inspizient eines ferngelegenen Lehrbezirks. Unter den Personen,
welche in Petersburg waren, standen ihm am nchsten und waren noch die
denkbarsten von allen der Kanzleidirektor und sein Arzt.

Michail Wasiljewitsch Sljudin, war ein einfacher, verstndiger, guter
und moralischer Mensch, und in ihm versprte Aleksey Aleksandrowitsch
eine persnliche Neigung fr sich, aber ihre fnfjhrige amtliche
Thtigkeit hatte zwischen beiden eine Schranke fr seelische
Beziehungen aufgerichtet.

Aleksey Aleksandrowitsch, die Unterschrift der Papiere beendend,
schwieg lange, auf Michail Wasiljewitsch blickend, und versuchte
mehrmals zu sprechen, ohne da er es vermochte. Er hatte schon den Satz
vorbereitet habt ihr von meinem Unglck gehrt? Aber er vollendete
damit, da er, wie gewhnlich sagte, macht mir das also fertig, womit
er ihn entlie.

Der zweite Mensch war sein Arzt, der gleichfalls freundschaftlich
gesinnt fr ihn war, aber zwischen ihnen bestand schon seit langem
ein schweigendes Einverstndnis darber, da sie beide mit Geschften
berhuft wren, und sich beeilen mten.

An seine weiblichen Freunde, selbst an den nervsesten unter ihnen, die
Grfin Lydia Iwanowna, hatte Aleksey Aleksandrowitsch nicht gedacht.
Alle Weiber, schlechtweg als Weiber, waren ihm furchtbar und widerlich.


                                  22.

Aleksey Aleksandrowitsch hatte die Grfin Lydia Iwanowna vergessen,
diese aber nicht ihn. In der schwersten Minute seiner Vereinsamung
und Verzweiflung gerade kam sie zu ihm und trat ohne Meldung in sein
Kabinett. Sie traf ihn in der Stellung, in welcher er gesessen hatte,
den Kopf auf beide Arme gesttzt.

=J'ai forc la consigne=, sagte sie, indem sie mit schnellen
Schritten und schwer atmend vor Erregung und der schnellen Bewegung
eintrat. Ich habe alles gehrt! Aleksey Aleksandrowitsch! -- Mein
Freund! -- fuhr sie fort, mit beiden Hnden fest die seine drckend
und ihm mit ihren schnen, sinnigen Augen ins Auge blickend.

Aleksey Aleksandrowitsch verfinsterte sich, erhob sich ein wenig, und
schob ihr, seine Hand von ihr losmachend, einen Stuhl zu.

Nicht gefllig, Grfin? Ich empfange nicht, weil ich krank bin, sagte
er und seine Lippen bebten.

Mein Freund! wiederholte die Grfin Lydia Iwanowna, ohne die Augen
von ihm zu verwenden, und pltzlich hoben sich ihre Brauen mit den
inneren Seiten, ein Dreieck auf der Stirn bildend, und ihr unschnes
gelbes Gesicht wurde noch unschner; doch Aleksey Aleksandrowitsch
empfand, da sie ihn bemitleide und im Begriff war, zu weinen. Auch ihn
berkam eine weiche Stimmung; er ergriff ihre fleischige Hand und kte
sie. Mein Freund! sagte sie mit von Erregung unterbrochener Stimme.
Ihr drft Euch dem Schmerz nicht so hingeben. Euer Leid ist gro, aber
Ihr mt Trost finden.

Ich bin zerschmettert, vernichtet, ich bin kein Mensch mehr, sagte
Aleksey Aleksandrowitsch, ihre Hand freilassend, aber weiter, in
ihre von Thrnen gefllten Augen schauend. Meine Lage ist furchtbar
dadurch, da ich nirgends, in mir selbst nicht einmal, einen Sttzpunkt
dafr finde.

Ihr werdet eine Sttze finden; sucht sie aber nicht in mir; obwohl ich
Euch bitte, an meine Freundschaft zu glauben, antwortete sie mit einem
Seufzer, unsere Sttze ist die Liebe, jene Liebe, die der da droben
uns gegeben hat. Eine Brde in ihm ist leicht, sagte sie mit jenem
verzckten Blick, den Aleksey Aleksandrowitsch so gut kannte, er wird
Euch halten und Euch beistehen!

Trotzdem, da in diesen Worten sowohl das Mitleid mit seinen erhabenen
Empfindungen, wie auch jene, Aleksey Aleksandrowitsch berflssig
erscheinende, neue verzckte, erst seit kurzem in Petersburg
verbreitete, mystische Stimmung lag, war es diesem angenehm, sie jetzt
zu vernehmen.

Ich bin schwach. Ich bin vernichtet. Ich habe nichts vorausgesehen und
fasse jetzt nichts.

Mein Freund, wiederholte Lydia Iwanowna.

Nicht der Verlust dessen ist es, was jetzt nicht mehr ist, nicht
dies! fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort, ich klage um nichts. Aber
ich mu mich schmen vor den Menschen wegen der Lage, in der ich mich
befinde. Das ist schlimm, aber ich kann nicht, kann nicht anders.

Nicht Ihr habt jene erhabene That der Vergebung ausgefhrt, von der
ich entzckt bin, wie jedermann, sondern der droben, der in Eurem
Herzen wohnt, sagte die Grfin Lydia Iwanowna, verzckt die Augen
hebend, und daher drft Ihr Euch Eurer Handlungsweise nicht schmen.

Aleksey Aleksandrowitsch verzog das Gesicht und begann, die Hnde
hinter sich nehmend, mit den Fingern zu knacken.

Man mu eben alle Einzelheiten kennen, sagte er mit dnner Stimme,
die Krfte des Menschen haben ihre Grenze, Grfin, und ich habe
die Grenze der meinigen gefunden. Den ganzen Tag jetzt mu ich
Verfgungen treffen, Verfgungen ber das Hauswesen, die sich fr
mich ergeben haben -- er betonte das letztere Wort -- aus meiner
neuen, vereinsamten Stellung. Das Gesinde, die Gouvernante, die
Rechnungen -- dieses Kreuzfeuer hat mich versengt und ich war nicht bei
Krften, es zu ertragen. Bei Tische -- ich bin gestern kaum seit der
Mittagstafel hinausgekommen. Ich konnte es nicht ertragen, wie mich
mein Sohn anblickte. Er frug mich nicht, was das alles bedeuten solle,
aber er wollte fragen, und ich konnte diesen Blick nicht ertragen.
Er frchtete, mich anzuschauen, aber das ist noch wenig -- Aleksey
Aleksandrowitsch wollte jener Rechnung Erwhnung thun, die man ihm
gebracht hatte, doch seine Stimme begann zu zittern und er hielt inne.
An diese Rechnung auf blauem Papier, mit den Hten und Bndern, konnte
er nicht ohne Mitleid mit sich selbst denken.

Ich verstehe, mein Freund, sagte die Grfin Lydia Iwanowna. Ich
verstehe alles. Hilfe und Trost werdet Ihr nicht in mir finden, aber
ich bin dennoch nur deshalb gekommen, Euch beizustehen, wenn ich kann.
Wenn ich doch alle diese kleinlichen, erniedrigenden Mhewaltungen
von Euch nehmen knnte. Ich verstehe, da hier ein Frauenwort, ein
weibliches Regiment not thut. Vertraut Ihr es mir an?

Aleksey Aleksandrowitsch drckte ihr schweigend und dankerfllt die
Hand.

Wir wollen uns mit dem kleinen Sergey beschftigen. Ich bin nicht
stark in praktischen Dingen. Aber ich werde mich ntzlich machen und
Eure Hausverwalterin sein. Dankt mir nicht. Ich thue das nicht von mir
aus. --

Ich mu danken.

Aber, mein Freund, berlat Euch nicht diesem Gefhl, von welchem Ihr
gesprochen habt -- da Ihr Euch dessen schmtet, was das hchste Gebot
des Christen ist: Wer sich selbst erniedrigt, der soll erhht werden.
Und danken knnt Ihr nicht mir. Ihm ist zu danken, ihn mu man um Hilfe
bitten, in ihm allein finden wir Ruhe, Trost, Heil und Liebe, sagte
sie, und die Augen zum Himmel emporhebend, begann sie zu beten, wie
Aleksey Aleksandrowitsch aus ihrem Schweigen erkannte.

Aleksey Aleksandrowitsch vernahm sie jetzt auch, und jene Ausdrcke,
welche ihm frher, wenn nicht unangenehm, so doch berflssig
erschienen waren, kamen ihm jetzt natrlich und trstlich vor. Aleksey
Aleksandrowitsch liebte diesen neuen, verzckten Geist nicht; er
war ein religiser Mensch, der sich fr Religion hauptschlich im
politischen Sinne interessierte, aber die neue Lehre, die sich mehrere
neue Auslegungen gestattete, war ihm deshalb besonders, weil sie dem
Streit und der Analyse Thr und Thor ffnete, grundstzlich unangenehm.
Frher hatte er sich khl, ja selbst feindselig gegen diese neue
Lehre verhalten, und mit der Grfin Lydia Iwanowna, die von derselben
eingenommen worden war, zwar nie gestritten, aber geflissentlich durch
Schweigen ihre Herausforderungen umgangen. Jetzt nun zum erstenmal
hrte er ihre Worte mit Befriedigung und widersprach ihnen innerlich
nicht.

Ich bin Euch sehr, sehr dankbar, sowohl fr Eure Thaten als fr Eure
Worte, sprach er, als sie mit Beten fertig war.

Die Grfin Lydia Iwanowna drckte ihrem Freunde nochmals beide Hnde.

Jetzt will ich ans Werk gehen, sagte sie lchelnd, nachdem sie eine
Weile geschwiegen und sich die Spuren der Thrnen aus dem Gesicht
gewischt hatte. Ich werde zu Sergey gehen, und mich nur im uersten
Notfall an Euch wenden. Sie erhob sich und ging hinaus.

Die Grfin Lydia Iwanowna begab sich zu Sergey und erzhlte dem
erschreckten Knaben, ihm die Wangen mit Thrnen bethauend, da sein
Vater ein Heiliger und seine Mutter gestorben sei.

Die Grfin Lydia Iwanowna erfllte ihr Versprechen. Sie nahm in der
That alle Sorgen und das Arrangement und die Hausverwaltung Aleksey
Aleksandrowitschs auf sich, hatte aber nicht bertrieben, wenn sie
sagte, da sie in praktischen Dingen nicht stark sei. Alle ihre
Anordnungen muten abgendert werden, da sie unausfhrbar waren,
und sie wurden abgendert durch Korney, den Kammerdiener Aleksey
Aleksandrowitschs, der jetzt, ohne da dies jemand merkte, das ganze
Haus Karenins leitete, und ruhig und schonungsvoll whrend des
Ankleidens seinem Herrn berichtete, was notwendig war. Gleichwohl
aber blieb die Hilfe Lydia Iwanownas im hchsten Grade wesentlich:
sie verlieh Aleksey Aleksandrowitsch eine moralische Sttze in der
Erkenntnis ihrer Liebe und Achtung fr ihn, und insbesondere darin,
da sie ihn, -- es war ihr dies ein trstlicher Gedanke -- fast zum
Christentum bekehrte, das heit, aus einem gleichgltig und trg
Religisgesinnten zum eifrigen und festberzeugten Parteignger jener
neuen Offenbarung der christlichen Lehre machte, welche sich in der
jngsten Zeit in Petersburg verbreitet hatte.

Aleksey Aleksandrowitsch wurde es leicht, sich von dieser Lehre
berzeugen zu lassen. Er ebenso wie Lydia Iwanowna und andere Leute,
die ihre Anschauungen zersplitterten, war einer wahrhaft vertieften
Vorstellungskraft, jener geistigen Fhigkeit, dank welcher die
Vorstellungen, welche von der Phantasie so hervorgerufen sind, ja
thatschlich werden, da sie mit den anderen Vorstellungen und mit
der Wirklichkeit einen Einklang fordern, vllig beraubt. Er erblickte
nichts Unmgliches und Ungestaltes in der Vorstellung, da der Tod, fr
die Unglubigen wirklich vorhanden, fr ihn aber nicht da sei, und da,
da er den wahrsten Glauben besitze, ber den er selbst Richter wre,
auch keine Snde mehr in seiner Seele sei, und er schon hier auf Erden
ein volles Seelenheil kennen lerne.

Allerdings wurde die Leichtfertigkeit und Fehlerhaftigkeit dieser
Vorstellung von seinem eignen Glauben Aleksey Aleksandrowitsch dunkel
fhlbar, und er wute, da er, wenn er ohne daran zu denken, da seine
Verzeihung die Wirkung einer hheren Kraft gewesen war, sich diesem
Gefhl unmittelbar hingab, mehr Glck versprte, als wenn er, wie
jetzt, jede Minute dachte, da Christus in seiner Seele sei und er,
wenn er Akten unterschrieb, damit nur dessen Willen erflle. Aleksey
Aleksandrowitsch war es indessen so unumgnglich notwendig, so zu
denken, es war ihm so notwendig, in seiner Herabwrdigung eine, wenn
auch nur erklgelte, Erhabenheit zu besitzen, mit welcher er, von allen
sonst verachtet, auch alle selbst verachten konnte, da er sich, wie an
eine Rettung, an sein vermeintliches Seelenheil anklammerte.


                                  23.

Die Grfin Lydia Iwanowna war noch als sehr junges, exaltiertes Mdchen
an einen reichen, vornehmen, sehr gutmtigen und sehr ausschweifenden
Lebemann verheiratet worden.

Im zweiten Monat schon vernachlssigte sie ihr Gatte und antwortete auf
die exaltierten Versicherungen ihrer zrtlichen Gesinnung fr ihn nur
mit Spott, ja selbst Feindseligkeit, welche sich diejenigen, die das
gute Herz des Grafen kannten, und keinerlei Fehler in der verzckten
Lydia wahrnahmen, nicht erklren konnten.

Seit jener Zeit lebten beide, wenn auch nicht getrennt, so doch
gesondert, und wenn der Gatte seiner Frau begegnete, dann trug er gegen
sie einen sich stets gleichbleibenden beienden Sarkasmus zur Schau,
dessen Ursache man nicht begreifen konnte.

Die Grfin Lydia Iwanowna hatte schon lngst aufgehrt, in ihren Mann
verliebt zu sein, hrte aber von da an nie mehr auf, in irgend jemand
sonst verliebt zu sein. Sie war in Mehrere zugleich verliebt, in Mnner
wie in Frauen; sie war in fast alle Menschen verliebt, die irgendwie
besonders hervortraten. Sie war verliebt in alle neuen Prinzessinnen
und Prinzen, die mit der Familie des Zaren in Verwandtschaft traten,
sie war verliebt in einen Metropoliten, einen Vizegeistlichen und einen
Kapellan. Sie war verliebt in einen Journalisten, drei Slovenen und in
Komissaroff, in einen Minister, einen Arzt, einen englischen Missionr
und in Karenin. Alle diese Liebesverhltnisse, bald sich abschwchend,
bald strker werdend, behinderten sie nicht in der Unterhaltung der
verzweigtesten und verwickeltsten Beziehungen mit dem Hof und der
Gesellschaft, aber seit der Zeit, da sie nach dem Verhngnis, welches
Karenin betroffen, diesen unter ihre Frsorge genommen hatte, seit
der Zeit, da sie im Hause Karenins waltete, in der Sorge um dessen
Wohlergehen, empfand sie, da alle die brigen Liebesverhltnisse keine
echten gewesen waren, und sie jetzt wahrhaft nur in Karenin allein
verliebt war.

Das Gefhl, welches sie jetzt fr diesen empfand, erschien ihr strker,
als alle frheren Gefhle, und indem sie dasselbe untersuchte und es
mit diesen verglich, erkannte sie klar, da sie in Komissaroff nicht
verliebt gewesen sein wrde, wenn er nicht das Leben des Zaren gerettet
htte, da sie in Ristitsch-Kudschizkiy nicht verliebt gewesen sein
wrde, wenn es keine slavische Frage gbe, da sie aber Karenin um
seiner selbst willen liebte, um seines hohen, nicht zu erfassenden
Geistes, des milden, fr sie so zarten Klanges seiner Stimme mit ihren
gedehnten Accenten, um seines matten Blickes, seines Charakters, seiner
weichen weien Hnde mit den aufgetretenen Adern willen.

Sie freute sich nicht nur der Begegnung mit ihm, sie suchte auch auf
seinem Gesicht Kennzeichen des Eindruckes, den sie auf ihn machte.
Sie wollte ihm nicht nur in ihren Reden gefallen, sondern mit ihrer
ganzen Persnlichkeit. Ihm zu Liebe beschftigte sie sich jetzt mehr
mit ihrer Toilette, als je zuvor. Sie ertappte sich auf Trumereien,
was wohl geschehen knne, wenn sie nicht verheiratet und er frei wre.
Sie errtete vor Vergngen, wenn er in das Zimmer trat, und konnte ein
Lcheln des Entzckens nicht unterdrcken, wenn er ihr etwas Angenehmes
sagte.

Schon mehrere Tage befand sich die Grfin Lydia Iwanowna in einer
sehr starken Aufregung. Sie hatte erfahren, da Anna und Wronskiy
wieder in Petersburg seien. Man mute Aleksey Aleksandrowitsch vor dem
Wiedersehen mit ihr bewahren, man mute ihn bewahren selbst vor der
qualvollen Kenntnisnahme davon, da dieses furchtbare Weib in ein und
derselben Stadt mit ihm sei und er ihr jeden Augenblick begegnen knne.

Lydia Iwanowna erforschte durch ihre Bekannten, was jene widerlichen
Menschen, wie sie Anna und Wronskiy nannte, zu thun beabsichtigten,
und bemhte sich nun whrend dieser Tage, alle Bewegungen ihres
Freundes zu leiten, damit er ihnen nicht begegnen knnte.

Ein junger Adjutant, ein Freund Wronskiys, durch welchen sie ihre
Nachrichten empfangen hatte, und der durch die Grfin Lydia Iwanowna
eine Konzession zu erhalten hoffte, teilte ihr mit, da die beiden ihre
Angelegenheiten ordneten und am nchsten Tage abreisen wrden.

Lydia Iwanowna war schon ruhiger geworden, als man ihr am andern Morgen
ein Billet brachte, dessen Handschrift sie mit Entsetzen erkannte.

Es war die Handschrift Anna Kareninas. Das Couvert bestand aus dickem,
rindenartigem Papier, war lnglich und von gelber Farbe und trug ein
groes Monogramm, whrend das Schreiben selbst Wohlgerche ausstrmte.

Wer hat das gebracht?

Ein Beauftragter aus dem Hotel.

Die Grfin Lydia Iwanowna vermochte lange nicht, sich zu setzen und den
Brief zu lesen. Sie bekam vor Aufregung einen Anfall von Atemnot, an
der sie litt. Nachdem sie sich indes beruhigt hatte, las sie folgendes,
franzsisch abgefate Schreiben:

=Madame la Comtesse=! Die christlichen Gefhle, welche Ihr Herz
erfllen, verleihen mir die, ich fhle es, unverzeihliche Khnheit,
Ihnen zu schreiben. Ich bin unglcklich ber die Trennung von meinem
Sohne. Ich flehe Sie um die Erlaubnis an, ihn nur ein einziges Mal
sehen zu drfen vor meiner Abreise. Verzeihen Sie mir, da ich Ihnen
mich selbst in Erinnerung bringe, ich habe mich an Sie, und nicht
an Aleksey Aleksandrowitsch nur deshalb gewandt, weil ich diesen
hochherzigen Mann nicht veranlassen will, in der Erinnerung an mich, zu
leiden. Da ich Ihre freundschaftliche Gesinnung fr ihn kenne, werden
Sie mich verstehen. Senden Sie Sergey zu mir, oder soll ich ins Haus
kommen zu der blichen, festgesetzten Stunde -- oder wrden Sie mich
wissen lassen, wann und wo ich ihn auerhalb des Hauses sehen kann?
Ich versehe mich nicht einer Verweigerung, da ich die Gromut dessen
kenne, von dem dies abhngt. Sie knnen sich die heie Sehnsucht ihn
zu sehen nicht vorstellen, die ich empfinde, und daher auch nicht die
Dankbarkeit, die Ihr Beistand in mir hervorrufen wrde.

                                                           Anna.

Alles in diesem Briefe versetzte die Grfin Lydia Iwanowna in Zorn;
sowohl der Inhalt im allgemeinen, als der Hinweis auf Gromut und
insbesondere der, wie ihr schien, frivole Ton.

Sag', es gebe keine Antwort, sprach die Grfin Lydia Iwanowna, und
schrieb sogleich an Aleksey Aleksandrowitsch, sie hoffe, ihn um ein Uhr
zur Hofcour zu sehen.

Ich habe mit Euch ber eine wichtige und traurige Angelegenheit zu
sprechen, und dort wollen wir verabreden, wo dies geschehen kann. Am
besten wohl bei mir, wo ich den Thee so wie Ihr ihn ja liebt, bereiten
lassen werde. Es ist unbedingt notwendig. Gott legt uns das Kreuz
auf, aber er giebt uns auch die Kraft, fgte sie hinzu, um ihn doch
wenigstens in Etwas vorzubereiten.

Die Grfin Lydia Iwanowna schrieb gewhnlich zwei oder drei Briefe
tglich an Aleksey Aleksandrowitsch. Sie liebte diese Verkehrsweise mit
ihm, da sie an sich Eleganz und Diskretion besa, wie sie sich ihr in
persnlichen Beziehungen nicht bot.


                                  24.

Die Hofcour war vorber. Die Abfahrenden pflogen bei der Begegnung
noch Gesprche ber die letzten Tagesneuigkeiten, ber neuempfangene
Auszeichnungen und Versetzungen hoher Beamter.

Etwa der Grfin Marja Borisowna das Kriegsportefeuille, und an die
Spitze des Stabes die Frstin Watkowskaja, sagte ein alter Herr in
goldgestickter Uniform zu einer hochgewachsenen Schnheit, die sich bei
ihm ber die Befrderungen erkundigt hatte.

Und mich zum Adjutanten, versetzte das Frulein lchelnd.

Ihr habt bereits Eure Bestimmung. Man bestellt Euch in das Ressort fr
geistliche Sachen. Und zu Eurem Beistande -- Karenin.

Guten Tag, Frst, sagte der alte Herr, einem Hinzutretenden die Hand
drckend.

Was habt Ihr zu Karenin gesagt? sprach der Frst.

Er und Putjakoff haben den Alexander Newskiy erhalten.

Ich dachte, er htte ihn schon.

Nein. Seht ihn Euch doch an, sagte der alte Herr, mit dem
goldgestickten Hute auf den, bei einem einflureichen Mitglied
des Staatsrats an der Saalthr stehenden Karenin weisend, der in
Galauniform war und das neue rote Band ber der Schulter trug.
Glcklich und zufrieden, wie ein Kupfergroschen, fgte er hinzu,
stehen bleibend, um einem athletischgebauten, schngewachsenen
Kammerherrn die Hand zu drcken.

Er ist gealtert, sagte der Kammerherr.

Von Sorgen. Er macht jetzt nur Projekte. Keinen Unglcklichen entlt
er jetzt, bevor er nicht alles gewissenhaft dargelegt hat.

Wie, gealtert? =Il fait des passions=. Ich glaube, die Grfin Lydia
Iwanowna ist jetzt eiferschtig auf seine Frau.

Was soll das heien! ber die Grfin Lydia Iwanowna, bitte, sprecht
nichts bles!

Ist denn das schlecht, wenn sie in Karenin verliebt ist?

Ist es denn wahr, da die Karenina hier ist?

Das heit nicht hier am Hofe, sondern in Petersburg! Ich begegnete
ihr gestern mit Aleksey Wronskiy, =bras dessus, bras dessous=, auf der
Morskaja.

=C'est un homme qui n'a pas= -- -- begann der Kammerherr, hielt aber
inne, indem er grend Platz machte vor einer vorberschreitenden
Persnlichkeit aus der Familie des Zaren.

So sprach man fortwhrend von Aleksey Aleksandrowitsch, ihn richtend
und verspottend, whrend dieser, dem von ihm in Beschlag genommenen
Mitglied des Staatsrates den Weg vertretend, und um keine Minute seine
Ausfhrungen verkrzend, um ihn nicht fortlassen zu mssen, demselben
Punkt fr Punkt einen Finanzplan vorlegte.

Fast zu gleicher Zeit, als Aleksey Aleksandrowitsch von seinem Weibe
verlassen wurde, ereignete sich fr diesen das bitterste Ereignis was
einem Beamten passieren kann -- Stillstand in seiner aufwrtsfhrenden
Carriere. Derselbe war Thatsache geworden, und alle erkannten dies
klar, Aleksey Aleksandrowitsch selbst aber hatte sich noch nicht
eingestanden, da seine Carriere zu Ende sei. War es der Zusammensto
mit Stremoff, war es das Unglck mit seinem Weibe, oder einfach der
Umstand, da Aleksey Aleksandrowitsch zu der ihm bestimmten Grenze
gelangt war, fr jedermann war es im laufenden Jahre klar geworden,
da es mit seiner amtlichen Laufbahn vorber war. Er bekleidete noch
einen wichtigen Posten, er war noch Mitglied vieler Kommissionen und
Komitees, aber auch ein Mann, der in Ungnade gefallen, und von welchem
man nichts mehr erwartete. Was er auch reden mochte, was er auch in
Vorschlag brachte, man hrte ihn, als wre das, was er beantragte,
schon lngst bekannt und eben gerade das, was gar nicht notwendig war.

Aber Aleksey Aleksandrowitsch merkte das nicht, im Gegenteil, der
direkten Teilnahme an der Regierungsthtigkeit fernstehend, sah er
jetzt viel klarer, als frher, die Mngel und Fehler in der Thtigkeit
anderer, und hielt es fr seine Pflicht, auf die Mittel zu deren
Verbesserung hinzuweisen.

Bald nach seiner Trennung von der Gattin begann er, seine Denkschrift
ber die neue Rechtsordnung zu schreiben, die erste aus einer zahllosen
Reihe niemandem nutzbringender Denkschriften ber alle Zweige der
Verwaltung, welche er sich vorgenommen hatte, zu schreiben.

Aleksey Aleksandrowitsch erkannte seine hoffnungslose Stellung in der
Beamtenwelt nicht nur nicht, er war auch nicht erbittert hierber,
sondern eher noch mehr als je zufrieden mit seiner Thtigkeit.

Ein Beweibter sorgt sich um das Eitle, wie er seinem Weibe gefallen
mag, ein Unbeweibter um das Erhabene, wie er dem Herrn gefallen kann,
sagt der Apostel Paulus, und Aleksey Aleksandrowitsch, in allen Dingen
jetzt nur noch geleitet von der heiligen Schrift, erinnerte sich oft
dieses Textes. Es schien ihm, da er seit der Zeit, seit welcher er
ohne seine Frau lebte, gerade mit diesen Projekten dem Herrn mehr
diente, als frher.

Die augenscheinliche Ungeduld des Mitgliedes des Staatsrats, welches
wnschte, von ihm loszukommen, setzte Aleksey Aleksandrowitsch nicht in
Verlegenheit; er hrte nicht eher damit auf, seinen Plan zu entwickeln,
als bis das Ratsmitglied, die Gelegenheit des Vorberschreitens der
Persnlichkeit aus der Zarenfamilie benutzend, ihm entschlpft war.

Allein geblieben, lie Aleksey Aleksandrowitsch den Kopf sinken, indem
er seine Gedanken sammelte, blickte dann zerstreut um sich, und schritt
der Thr zu, an welcher er der Grfin Lydia Iwanowna zu begegnen hoffte.

Wie sind sie alle krperlich so stark und gesund, dachte Aleksey
Aleksandrowitsch, auf den mchtigen Kammerherrn mit seinem frisierten,
wohlriechenden Backenbart blickend, auf den rotschimmernden Hals
des straff in seiner Uniform erscheinenden Frsten, an denen er
vorbeizuschreiten hatte. Es ist ganz richtig gesagt, da alles in der
Welt von bel ist, dachte er, nochmals seitwrts nach den Waden des
Kammerherrn blickend.

Langsam seine Beine weiterbewegend, verbeugte er sich mit dem
gewhnlichen Ausdruck von Ermdung und Wrde vor jenen Herren, welche
von ihm gesprochen hatten, und suchte, nach der Thr blickend, mit
seinen Augen die Grfin Lydia Iwanowna.

Ah, Aleksey Aleksandrowitsch! sagte der alte Herr, mit boshaft
blinzelnden Augen, whrend Karenin neben ihm hinschritt und mit kalter
Bewegung den Kopf neigte.

Ich habe Euch noch nicht beglckwnscht, sagte der alte Herr, auf
sein neuempfangenes Ordensband weisend.

Ich danke Euch, versetzte Aleksey Aleksandrowitsch, welch ein
herrlicher Tag ist heute, fgte er hinzu, nach seiner Gewohnheit
besonders Betonung auf das Wort herrlich legend.

Da man ber ihn lachte, wute er, aber er erwartete von ihnen ja auch
gar nichts anderes als Feindseligkeit; er war schon daran gewhnt.

Als er die aus dem Korsett emporsteigenden gelben Schultern der Grfin
Lydia Iwanowna, die in die Thr getreten war, und ihre ihn zu sich
rufenden, schnen sinnigen Augen erblickte, lchelte er, die weien,
nicht schlecht gewordenen Zhne zeigend, und begab sich zu ihr hin.

Die Toilette Lydia Iwanownas hatte groe Mhe gekostet, wie berhaupt
alle ihre Toiletten in der letzten Zeit. Der Zweck derselben war jetzt
ein vollstndig umgekehrter im Vergleich zu dem, welchen sie vor
dreiig Jahren damit verfolgt hatte.

Damals hatte sie sich nur mit Etwas putzen wollen, je mehr, um so
besser. Jetzt, im Gegenteil hatte sie so notorisch in einer ihren
Jahren und ihrer Figur nicht entsprechenden Weise an Schnheit
verloren, da sie nur noch darum bemht war, den Gegensatz zwischen
diesem Putz und ihrer ueren Erscheinung nicht gar zu schrecklich
werden zu lassen.

Was Aleksey Aleksandrowitsch anbetraf, so hatte sie dies erreicht, und
erschien diesem anziehend. Sie bildete fr ihn die einzige Insel nicht
nur von Zuneigung, sondern auch der Liebe, inmitten des Meeres von
Feindseligkeit und Hohn, das ihn umgab.

Durch die Spierutengasse von hhnischen Blicken hindurchschreitend,
strebte er naturgem ihrem Blick voll Liebe zu, wie die Pflanze dem
Licht.

Ich gratuliere Euch, sprach sie zu ihm, mit den Augen auf sein
Ordensband weisend.

Ein Lcheln des Vergngens unterdrckend, zuckte er nur mit den
Schultern, die Augen schlieend, als wollte er sagen, es knne ihn
dies nicht erfreuen. Die Grfin Lydia Iwanowna wute recht wohl, da
dies fr ihn eine der hchsten Freuden war, obwohl er es nimmermehr
eingestanden haben wrde.

Was macht unser Engel? sagte die Grfin Lydia Iwanowna, an Sergey
denkend.

Kann nicht gerade sagen, da ich vollstndig zufrieden mit ihm wre,
sagte Aleksey Aleksandrowitsch, die Brauen in die Hhe ziehend und die
Augen ffnend. Auch Sitnikoff ist nicht zufrieden mit ihm. Sitnikoff
war der Pdagog, dem die weltliche Erziehung Sergeys anvertraut war.
Wie ich Euch schon gesagt habe, besitzt er eine gewisse Khlheit
gerade denjenigen Hauptfragen gegenber, die die Seele eines jeden
Menschen, und jedes Kind berhren, begann er, seine Gedanken ber die
einzige, ihn neben seiner amtlichen Thtigkeit interessierende Frage zu
entwickeln -- ber die Erziehung seines Sohnes.

Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch mit Hilfe Lydia Iwanownas aufs neue
dem Leben und der Thtigkeit wieder geschenkt worden war, fhlte
er auch seine Verpflichtung, sich mit der Erziehung des Kindes zu
befassen, welches in seinen Hnden geblieben war. Da er sich vorher
niemals mit Erziehungsangelegenheiten beschftigt hatte, so opferte
Aleksey Aleksandrowitsch einige Zeit dem theoretischen Studium des
Gegenstandes, und indem er einige anthropologische, pdagogische und
didaktische Bcher durchlas, stellte er einen Erziehungsplan auf,
und ging, den besten Petersburger Schulmann zur Leitung desselben
einladend, ans Werk. Dieses Werk nun beschftigte ihn bestndig.

Ja, aber das Herz? Ich erkenne in ihm das Herz des Vaters und mit
einem solchen Herzen kann ein Kind nicht schlecht sein, sagte Lydia
Iwanowna verzckt.

Ja, mag sein; was mich anbetrifft, so erflle ich meine Pflicht. Das
ist alles, was ich thun kann.

Ihr kommt doch mit zu mir, sagte die Grfin Lydia Iwanowna, eine
Pause machend, ich mu ber eine traurige Angelegenheit mit Euch
reden. Alles htte ich darum gegeben, Euch mit gewissen Erinnerungen zu
verschonen, aber die anderen denken ja nicht so. Ich habe ein Schreiben
>von ihr< erhalten. Sie ist hier, in Petersburg.

Aleksey Aleksandrowitsch erschrak bei der Gemahnung an sein Weib,
sofort aber stand auch jene totenhafte Unbeweglichkeit auf seinen
Zgen, welche seine vollkommene Hilflosigkeit in dieser Sache
ausdrckte.

Ich habe das erwartet, sagte er.

Die Grfin Lydia Iwanowna blickte ihn verzckt an, und die Thrnen des
Enthusiasmus vor seiner Seelengre traten ihr in die Augen.


                                  25.

Als Aleksey Aleksandrowitsch in das kleine, mit altertmlichem
Porzellan dekorierte und Gemlden behngte anheimelnde Kabinett Lydia
Iwanownas trat, war die Herrin selbst noch nicht anwesend. Sie kleidete
sich um.

Auf einem runden Tische war ein Tafeltuch aufgedeckt, auf welchem ein
chinesisches Service und eine silberne Theemaschine stand. Aleksey
Aleksandrowitsch betrachtete zerstreut die unzhligen, ihm bekannten
Portrts, welche das Kabinett schmckten, und ffnete, nachdem er sich
an dem Tische niedergelassen, das auf demselben liegende Evangelium.

Das Rauschen des seidenen Kleides der Grfin zog ihn davon ab.

So, nun wollen wir uns gemchlich setzen, sagte die Grfin Lydia
Iwanowna, mit aufgeregtem Lcheln hastig zwischen Tisch und Diwan
durchschreitend, und bei unserem Thee sprechen.

Nach einigen Worten der Vorbereitung gab die Grfin Lydia Iwanowna
schwer atmend und errtend das empfangene Schreiben Aleksey
Aleksandrowitsch in die Hnde.

Das Schreiben durchlesend, blieb dieser lange stumm.

Ich glaube nicht das Recht zu haben, ihr einen abschlglichen Bescheid
geben zu drfen, sagte er zaghaft, die Augen erhebend.

Mein Freund, Ihr seht doch in keinem Menschen das Bse!

Im Gegenteil sehe ich, da alles von bel ist! Ob es aber richtig ist.

In seinem Gesicht lag Unentschlossenheit und das Suchen nach Rat, nach
Untersttzung und Leitung in der Sache, die ihm unerfabar war.

Nein -- unterbrach ihn die Grfin Lydia Iwanowna, alles hat seine
Grenze! Ich begreife die Unmoral, sagte sie -- nicht ganz aufrichtig,
da sie nie begreifen konnte, was Frauen zur Unmoral fhrt -- begreife
aber nicht diese Hartherzigkeit. Gegen wen? gegen Euch! Wie kann man in
dieser Stadt verbleiben, in welcher Ihr seid? Nein; man kann hundert
Jahre leben und lernt nicht aus! Ich aber lerne Eure Erhabenheit und
ihre Niedrigkeit erkennen! --

Wer will einen Stein auf sie werfen? sagte Aleksey Aleksandrowitsch,
augenscheinlich mit seiner Rolle zufrieden. Ich habe alles vergeben,
und kann sie daher nicht dessen berauben, was eine Forderung ihrer
Liebe ist, der Liebe zu ihrem Kinde --

Aber ist denn das Liebe, mein Freund? Ist das aufrichtig von Euch?
Gesetzt auch, Ihr habt ihr vergeben, Ihr verzeiht ihr -- haben wir
deshalb das Recht, auf die Seele jenes Engels einzuwirken? Er hlt sie
fr tot. Er betet fr sie und bittet Gott, ihr ihre Snden zu vergeben.
So ist es doch am besten. Sonst aber -- was wird er da denken? --

Hieran dachte ich nicht, antwortete Aleksey Aleksandrowitsch,
augenscheinlich zustimmend.

Die Grfin Lydia Iwanowna bedeckte das Gesicht mit den Hnden und blieb
stumm. Sie betete.

Wenn Ihr nach meinem Rate fragt, sagte sie, mit beten fertig und das
Gesicht wieder aufdeckend, dann empfehle ich Euch, dies nicht zu thun.
Sehe ich denn nicht selbst, wie Ihr leidet, wie dies alle Eure Wunden
wieder geffnet hat? Aber nehmen wir an, Ihr verget, wie immer, Euch
selbst; wozu knnte das dann fhren? Zu neuen Leiden nur Eurerseits, zu
Qualen fr das Kind! Wenn in ihr noch etwas Menschliches geblieben ist,
so darf sie dies selbst nicht wnschen. Ich rate, ohne mich dabei
zu bedenken, nicht dazu, und wenn Ihr bestimmt, werde ich ihr
schreiben. --

Aleksey Aleksandrowitsch willigte darein, und die Grfin Lydia Iwanowna
schrieb folgendes Billet auf Franzsisch:

Geehrte Frau! Die Erinnerung an Euch kann fr Euren Sohn zu Fragen
seinerseits fhren, auf die es keine Antwort giebt, welche in die Seele
des Kindes nicht den Geist des Tadels dem gegenber einpflanzen mte,
was fr ihn ein Heiligtum sein soll; demgem ersuche ich Euch, den
abschlglichen Bescheid Eures Gatten im Geiste der christlichen Liebe
aufzufassen.

Ich bitte den Hchsten um seine Barmherzigkeit mit Euch.

                                          Grfin Lydia Iwanowna.

Dieses Schreiben verfolgte jenen geheimen Zweck, den die Grfin Lydia
Iwanowna sogar vor sich selbst verhehlte. Es traf Anna bis auf den
Grund der Seele.

Aleksey Aleksandrowitsch seinerseits von Lydia Iwanowna nach Hause
zurckgekehrt, vermochte es nicht, sich an diesem Tage seinen
gewhnlichen Geschften zu widmen, und jenen inneren Frieden des
glubigen und geretteten Menschen zu finden, den er vorher empfunden
hatte.

Die Erinnerung an sein Weib, das so schuldbeladen vor ihm war, und vor
welchem er so hehr erschien, wie ihm ganz richtig die Grfin Lydia
Iwanowna gesagt hatte, htte ihn nicht beunruhigen drfen; und doch war
er nicht ruhig; er vermochte das Buch nicht zu verstehen, welches er
las, er vermochte die qulenden Erinnerungen an seine Beziehungen zu
ihr nicht von sich zu weisen, die Erinnerung an jene Fehler, die er,
wie ihm jetzt schien, ihr gegenber begangen hatte.

Die Erinnerung daran, wie er, bei der Rckkehr von den Rennen, das
Gestndnis ihrer Untreue entgegengenommen hatte -- besonders dies,
da er von ihr nur ueren Anstand verlangt und nicht zum Duell
herausgefordert hatte -- peinigte ihn jetzt wie eine Reue. Ebenso
folterte ihn auch die Erinnerung an das Schreiben, welches er ihr
gesandt hatte, und insbesondere seine Verzeihung, die niemand etwas
gentzt hatte, und seine Sorge um jenes ihm fremde Kind versengte sein
Herz vor Scham und Reue.

Ganz das nmliche Gefhl der Scham und Reue empfand er auch jetzt,
da er seine ganze Vergangenheit mit ihr durchmusterte, und indem er
sich der ungeschickten Worte erinnerte, mit denen er ihr nach langem
Zaudern, seine Erklrung gemacht hatte.

Aber woran trage ich eine Schuld? sprach er zu sich selbst, und diese
Frage rief in ihm stets eine andere hervor -- die, ob die anderen
Menschen wohl anders empfnden, anders liebten, anders heirateten.
Jene Wronskiy, Oblonskiy, diese Kammerherren mit den drallen Waden,
und eine ganze Reihe von jenen strotzenden, starken, rcksichtslosen
Mnnern stieg vor ihm auf, die stets, wider seinen Willen und
allerorten seine Neugier und Aufmerksamkeit erregt hatten.

Er wies diese Gedanken von sich, er bemhte sich, sich zu berzeugen,
da er nicht fr das gegenwrtige Leben lebe, sondern fr das ewige,
da sich in seiner Seele der Frieden und die Liebe befinde. Aber das,
was er in diesem zeitlichen, nichtigen Leben begangen hatte, wie ihm
schien, einige unbedeutende Fehler, peinigte ihn doch so, als gbe es
jenes ewige Seelenheil gar nicht, an welches er glaubte.

Aber diese Versuchung whrte nicht lange, und alsbald erstand wieder
in der Seele Aleksey Aleksandrowitschs jene Ruhe und Erhabenheit, dank
welcher er das zu vergessen vermochte, dessen er nicht zu gedenken
wnschte.


                                  26.

Nun, wie steht's Kapitonitsch? sagte der kleine Sergey rotwangig
und heiter, von dem Spaziergang am Vorabend seines Geburtstags
zurckkehrend und seine faltige Poddjovka dem hochgewachsenen, aus
seiner ganzen Gre auf den Kleinen herablchelnden alten Portier
reichend.

War heute jener zurckgesetzte Beamte da? Hat ihn der Papa empfangen?

Empfangen. Soeben ist der Direktor gegangen und ich habe ihn
gemeldet, sagte der Schweizer heiter blinzelnd. Gestattet mir, da
ich Euch auskleide.

Sergey! sagte der Erzieher, in der Thre stehen bleibend, welche nach
den inneren Gemchern fhrte. Legt selbst ab!

Doch Sergey widmete, obwohl er die schwache Stimme des Pdagogen gehrt
hatte, diesem nicht die geringste Aufmerksamkeit. Er stand, sich mit
der Hand an dem Brustgurt des Portiers anhaltend und ihm ins Gesicht
blickend.

Hat denn Papa auch fr ihn gethan, was not thut?

Der Portier nickte besttigend mit dem Kopfe.

Ein Beamter, der schon siebenmal bei Aleksey Aleksandrowitsch mit einem
Anliegen vorgesprochen hatte, interessierte Sergey und den Portier.
Sergey hatte denselben auf dem Vorsaal getroffen und gehrt, wie
klglich er den Portier bat, sein Anliegen vorzutragen, und gesagt
hatte, da er mit seinen Kindern werde untergehen mssen.

Seit dieser Zeit interessierte sich Sergey, der dem Beamten noch ein
zweites Mal auf dem Vorsaal begegnet war, fr diesen.

Hat er sich denn recht gefreut? frug er.

Wie sollte er sich nicht gefreut haben? Bald gesprungen wre er, als
er von hier fortging.

Hat man etwas fr uns gebracht? -- frug Sergey nach einer Pause.

Nein, Herr, antwortete kopfschttelnd und flsternd der Portier, von
der Grfin ist etwas da.

Sergey ersah sofort, da das, wovon der Schweizer sprach, ein Geschenk
von der Grfin Lydia Iwanowna zu seinem Geburtstage sein msse.

Was sagst du? Wo ist es denn?

Korney hat es zu Papa getragen. Es scheint etwas recht Schnes.

Wie gro ist es denn? -- So? -- --

Kleiner, aber was Hbsches.

Ein Buch?

Nein, ein Spielzeug. Aber geht, geht, Wasiliy Lukitsch wird gleich
rufen, sagte der Portier, die nahenden Schritte des Gouverneurs
vernehmend und behutsam das bis zur Hlfte im abgezogenen Handschuh
steckende Hndchen, welches ihn noch bei seinem Ledergurt hielt,
losmachend.

Wasiliy Lukitsch, diese Minute! antwortete Sergey mit dem nmlichen
heiteren und lieblichen Lcheln, welches den seines Amtes beflissenen
Wasiliy Lukitsch stets besiegte.

Sergey war in viel zu heiterer und glcklicher Stimmung, als da er
sich mit seinem Freund, dem Portier, nicht erst noch htte in das
freudige Familienereignis teilen sollen, von dem er auf dem Spaziergang
im Sommergarten durch die Nichte der Grfin Lydia Iwanowna erfahren
hatte.

Dieses freudige Ereignis erschien ihm besonders wichtig nach dem
Zusammentreffen mit dem Glcksfall des Beamten und seiner eigenen
Freude darber, da man ihm ein Spielzeug gebracht hatte. Sergey
schien es, da heute ein Tag sei, an welchem jedermann glcklich und
heiter sein msse.

Weit du, da Papa den Alexander Newskiy erhalten hat?

Warum sollte ich das nicht wissen? Man ist ja schon gekommen, um zu
gratulieren.

So; freut er sich?

Wie sollte man sich ber des Zaren Gunst nicht freuen? Das heit, er
hat ihn ja auch verdient, sagte der Portier streng und ernst.

Der kleine Sergey wurde nachdenklich, blickte in das von ihm schon
bis in die kleinsten Einzelheiten studierte Gesicht des Portiers,
insbesondere auf das Kinn, welches zwischen den grauen Backenbrten
hing und das niemand auer Sergey je erblickt hatte, da dieser ihn nie
anders als von unten herauf anschaute.

Deine Tochter ist lange nicht bei dir gewesen?

Die Tochter des Portiers war Balletttnzerin.

Wie soll sie an den Wochentagen ausgehen knnen? Die haben auch zu
lernen. Und auch Ihr mt nun lernen, Herr, geht. --

In das Zimmer tretend, erzhlte Sergey, anstatt sich zur Lektion
niederzulassen, seinem Lehrer von seinen Vermutungen darber, ob das
was man fr ihn gebracht habe, eine Maschine sein knnte.

Was meint Ihr dazu? frug er.

Wasiliy Lukitsch dachte nur daran, da ein Lehrer lediglich die
Grammatikstunde zu geben habe, welche um zwei Uhr begann.

Nein, sagt mir nur, Wasiliy Lukitsch, frug er pltzlich, schon hinter
dem Arbeitstisch sitzend und das Buch in der Hand haltend, was ist
denn noch mehr, als der Alexander Newskiy? Ihr wit, da Papa den
Alexander Newskiy erhalten hat?

Wasiliy Lukitsch antwortete, da der Wladimir hher sei als der
Alexander Newskiy.

Und noch hher?

Am hchsten ist der Orden des heiligen Andreas.

Und hher noch als der Andreas?

Ich wei es nicht.

Was; selbst Ihr wit das nicht? und Sergey versank, sich aufstemmend,
in Nachdenken.

Seine berlegungen waren sehr verwickelt und mannigfaltig. Er
berlegte, wie sein Vater pltzlich auch den Wladimir und den
Andreasorden erhalten knnte, und wie er infolgedessen heute in der
Lektion bei weitem fleiiger sein wolle, und wie er selbst, wenn er
erst einmal gro wre, alle Orden, und auch das, was noch hher als der
Andreasorden sei, erhalten wollte. Sobald man einen ausgesonnen htte,
wollte er ihn verdienen; und dchte man ihn noch hher aus, so wollte
er ihn sofort auch verdienen.

In solchen berlegungen verstrich die Zeit, bis der Lehrer kam. Die
Lektion ber die Umstnde der Zeit und des Ortes und den Umstand der
Art und Weise sa nicht, und der Lehrer war nicht nur unzufrieden,
sondern selbst erzrnt. Der Groll des Lehrers rhrte Sergey. Er fhlte
sich schuldig, weil er seine Lektion nicht gelernt hatte, aber wie er
sich auch bemhen mochte, er konnte es durchaus nicht ermglichen; so
lange der Lehrer ihm Etwas erklrte, berzeugte er sich und schien zu
verstehen, doch sobald er allein war, vermochte er sich durchaus nicht
mehr zu entsinnen, und zu begreifen, da das ziemliche kurze und so
verstndliche Wort pltzlich ein Umstand der Art und Weise sei;
allein dennoch that es ihm leid, da er den Lehrer krnkte.

Er whlte eine Minute, in welcher der Lehrer schweigend in das Buch
blickte.

Michail Iwanitsch, wann wird Euer Namenstag sein? frug er pltzlich.

Ihr dchtet doch besser an Eure Arbeit; die Namenstage haben keinerlei
Bedeutung fr ein vernnftiges Wesen. Es sind Tage wie alle anderen, an
denen man arbeiten mu.

Der kleine Sergey schaute aufmerksam seinen Lehrer an, dessen
sprlichen Bart und die Brille, welche sich unter die Kerbe, die auf
der Nase war, gesenkt hatte, und versank so tief in Gedanken, da
er nichts mehr von dem hrte, was der Lehrer ihm erklrte. Er hatte
erkannt, da dieser nicht so dachte, wie er gesprochen hatte; er fhlte
dies an dem Tone, in welchem es gesagt worden war.

Aber warum haben sie sich alle verabredet, dies immer in ein und
derselben Weise zu uern, immer so langweilig und so zwecklos? Warum
stt er mich von sich, warum liebt er mich nicht? frug er sich
betrbt und konnte keine Antwort finden.


                                  27.

Nach der Lektion seitens des Lehrers folgte eine Stunde beim Vater.
Bis dieser erschien, hatte sich Sergey an den Tisch gesetzt, mit
seinem Messerchen spielend, und zu grbeln begonnen. Zu der Zahl der
Lieblingsbeschftigungen Sergeys hatte das Aufsuchen seiner Mutter
whrend des Spazierganges derselben gehrt. Er glaubte nicht an den
Tod berhaupt, und im besonderen nicht an den ihren, soviel ihm auch
Lydia Iwanowna davon gesagt und der Vater es besttigt hatte, und so
suchte er sie, auch nachdem man ihm mitgeteilt hatte, da sie tot
sei, noch immer whrend der Zeit seiner Ausgnge. Jede vollgebaute,
grazise Dame mit dunklem Haar war seine Mutter. Bei dem Anblick einer
solchen Dame regte sich in seiner Seele ein Gefhl der Zrtlichkeit,
ein Gefhl, da er tief Atem holte und die Thrnen ihm in die Augen
traten, und so wartete er denn, da sie wieder zu ihm kommen und ihren
Schleier aufheben mchte. Ihr Gesicht wrde wieder sichtbar werden, sie
wrde wieder lcheln, ihn umarmen, er wrde ihren Duft wahrnehmen, die
Zartheit ihrer Hand fhlen und glckselig weinen, wie er schon einmal
des Abends ihr zu Fen gefallen war und sie ihn gestreichelt hatte; er
aber hatte gelacht und sie in die weie beringte Hand gebissen. Spter,
als er dann zufllig von der Kinderfrau erfuhr, da die Mutter nicht
gestorben sei, und sein Vater und Lydia Iwanowna ihm erklrten, sie sei
_fr ihn_ tot, weil sie nicht gut gewesen -- was er durchaus nicht zu
glauben vermochte, da sie ihn ja geliebt hatte -- so forschte er noch
immer nach ihr und wartete auf sie.

Heute nun im Sommergarten war eine Dame in einem lila Schleier gewesen,
welcher er mit stockendem Herzen in der Erwartung, sie wre es, mit den
Blicken gefolgt war, whrend sie auf dem Wege zu ihnen herankam. Die
Dame aber hatte sie nicht erreicht, sondern war abgebogen.

Heute nun fhlte Sergey strker als je die Regungen dieser Liebe zu
ihr und vllig sich selbst vergessend in der Erwartung des Vaters,
zerschnitt er den ganzen Rand des Tisches mit dem Messerchen, mit
blitzenden Augen vor sich hinblickend und ihrer gedenkend.

Papa kommt, ri ihn Wasiliy Lukitsch aus seiner Trumerei. Sergey
sprang auf, eilte auf seinen Vater zu, kte ihm die Hand, und blickte
ihn aufmerksam an, nach Kennzeichen der Freude ber den Empfang des
Alexander Newskiy-Ordens an ihm suchend.

Hast du einen hbschen Spaziergang gemacht? sagte Aleksey
Aleksandrowitsch, sich in seinen Lehnstuhl setzend, ein Exemplar des
Alten Testamentes heranziehend und es aufschlagend. Ungeachtet dessen,
da Aleksey Aleksandrowitsch Sergey fter gesagt hatte, jeder Christ
msse die biblische Geschichte sicher kennen, hatte er sich doch fter
mit Hilfe des Buches verbessern mssen, und Sergey hatte dies bemerkt.

Ja, es war sehr lustig, Papa, sagte er, sich seitwrts auf den Stuhl
setzend und ihn schaukelnd -- was ihm verboten war.

Ich habe Nadenka gesehen, Nadenka war die bei Lydia Iwanowna zur
Erziehung befindliche Nichte, sie hat mir erzhlt, da man Euch einen
neuen Stern verliehen htte. Freut Ihr Euch auch?

Zuerst -- schaukle nicht, bitte, sagte Aleksey Aleksandrowitsch,
zweitens eine Belohnung ist nicht kostbar, nur die Arbeit dafr. Ich
mchte du verstndest dies. Wenn du arbeitest und lernst, zum Zwecke,
Frchte dafr zu ernten, so wird dir die Arbeit schwer erscheinen; wenn
du aber arbeitest -- sprach Aleksey Aleksandrowitsch, indem er sich
vergegenwrtigte, wie er sich nur durch sein Pflichtbewutsein bei der
langweiligen Arbeit des heutigen Morgens, die in dem Unterschreiben
von hundertundachtzehn Papieren bestanden, aufrecht erhalten hatte --
indem du die Arbeit selbst liebst, so wirst du fr dich selbst darin
eine Belohnung finden.

Die von Zrtlichkeit und Lust glnzenden Augen Sergeys wurden trbe
und senkten sich unter dem Blick des Vaters. Das war der nmliche, ihm
lngst bekannte Ton, mit dem ihm sein Vater stets begegnete, und dem
Sergey schon sich anzubequemen gelernt hatte.

Der Vater sprach stets mit ihm -- so fhlte Sergey -- als wende er
sich an einen fr ihn nur in der Vorstellung vorhandenen Knaben,
einen Knaben, wie sie nur in Bchern vorkommen, und der dem Sergey
vollstndig unhnlich war; und Sergey bemhte sich nun stets, sich vor
dem Vater zu stellen, als sei er ein ebensolcher Bcherknabe.

Du verstehst das, hoffe ich? sagte dieser.

Ja, Papa, antwortete Sergey, sich stellend, als sei er ein solcher
Phantasieknabe.

Die Lektion bestand in dem Auswendiglernen einiger Verse aus dem
Evangelium, und der Wiederholung des Anfangs des Alten Testaments. Die
Verse des Evangeliums hatte Sergey ordentlich gelernt, aber im selben
Augenblick, als er sie hersagte, schaute er auf des Vaters Stirnbein,
welches sich so scharf an der Schlfe bog, da er den Faden verlor und
das Ende des einen Verses in einem einzelnen Worte mit dem Anfang des
anderen zusammenbrachte. Aleksey Aleksandrowitsch war es klar, da
Sergey nicht verstanden hatte, was er hersagte, und dies reizte ihn.

Er wurde finster und begann wieder das Nmliche zu erklren, was Sergey
schon viele Male gehrt hatte und nie wieder vergessen konnte, weil er
es schon allzu klar erkannt hatte, in der nmlichen Weise, wie dies,
da pltzlich ein Umstand der Art und Weise sei.

Sergey schaute mit erschrecktem Blick auf den Vater und dachte nur an
das Eine: Will der Vater wiederholen lassen oder nicht, was er gesagt
hatte, wie es doch bisweilen der Fall war? Dieser Gedanke erschreckte
Sergey so sehr, da er nun gar nichts mehr begriff. Der Vater lie
ihn indessen nicht wiederholen und ging zu der Lektion aus dem Alten
Testament ber. Sergey recitierte die Ereignisse selbst gut, doch
als er Fragen darber beantworten sollte, was einige der Ereignisse
bedeuten sollten, wute er nichts, obwohl er schon wegen dieser
Lektion bestraft worden war. Die Stelle, bei welcher er nichts mehr
zu antworten wute und in Unruhe geriet, in den Tisch schnitt oder
mit dem Stuhle schaukelte, war die, wo er von den vorsndflutlichen
Patriarchen zu sprechen hatte.

Er kannte keinen von ihnen, auer Henoch, der lebendig in den Himmel
aufgenommen worden war. Frher hatte er die Namen gewut, sie jetzt
aber ganz und gar vergessen, besonders deshalb, weil Henoch seine
Lieblingsgestalt aus dem ganzen Alten Testament war, und sich an dessen
Aufnahme bei Lebzeiten in den Himmel eine ganze, lange Reihe von Ideen
in seinem Kopfe knpfte, der er sich auch jetzt hingab, mit den Augen
auf der Uhrkette des Vaters und an einem halb zugeknpften Knopfe der
Weste desselben haften bleibend.

An den Tod, von welchem ihm so oft gesprochen wurde, glaubte Sergey
nicht so ganz. Er glaubte nicht daran, da die von ihm geliebten Leute
sterben knnten, und insbesondere nicht, da er selbst sterben wrde.
Dies war fr ihn vollstndig unmglich und unbegreiflich. Doch man
sagte ihm, da alle Menschen sterben mten; er frug nun selbst die
Leute, denen er glaubte, und diese besttigten es; die Kinderfrau hatte
es ihm auch gesagt, wenn schon ungern. Aber Henoch war doch nicht
gestorben, und so starben vielleicht nicht alle Menschen.

Weshalb soll denn nicht jeder sich vor Gott ebenso verdient machen
knnen und lebend in den Himmel aufgenommen werden? dachte Sergey. Die
Bsen, das heit, die Menschen, welche Sergey nicht liebte, die konnten
sterben, doch die Guten konnten smtlich sein wie Henoch.

Nun, welche sind die Patriarchen?

Henoch, Henoch --

Aber das hast du ja schon gesagt. Das ist schlecht, Sergey, sehr
schlecht. Wenn du dir nicht Mhe giebst, zu erkennen, was das Ntigste
ist von allem fr den Christen -- sagte der Vater aufstehend -- was
kann dich denn dann noch interessieren? Ich bin unzufrieden mit dir und
auch Peter Ignatzitsch -- dies war der Hauptlehrer -- ist unzufrieden
mit dir. Ich mu dich bestrafen.

Der Vater und der Lehrer waren beide mit Sergey unzufrieden, und in der
That hatte dieser sehr schlecht gelernt. Damit lie sich aber durchaus
nicht sagen, da er ein unbefhigter Knabe gewesen wre. Im Gegenteil,
er war viel fhiger, als diejenigen Knaben, welche der Pdagog Sergey
als Muster hinstellte. Vom Gesichtspunkte des Vaters aus wollte er
nicht lernen, was jene lernten. In Wirklichkeit aber -- konnte er
es nicht lernen. -- Er konnte es deshalb nicht, weil sein Geist
Bedrfnisse hatte, welche fr ihn viel bindender waren, als die, welche
ihm der Vater und der Erzieher auseinandersetzten. Diese Bedrfnisse
bestanden in dem Drang zu widersprechen, und er stritt khnlich mit
seinen Erziehern. Sergey war neun Jahre alt, noch ein Kind, aber seine
Seele kannte er und sie war ihm teuer, er htete sie, wie das Augenlid
das Auge schtzt, und ohne den Schlssel der Liebe lie er niemand in
seine Seele hinein!

Seine Erzieher beklagten sich ber ihn, da er nicht lernen wolle, aber
seine Seele war erfllt von dem Durst nach Erkenntnis. Und er lernte
bei Kapitonitsch, bei der Kinderfrau, bei Nadenka, bei Wasiliy Lukitsch
-- aber nicht bei seinen Lehrern. -- Das Wasser, welches ihm der Vater
und der Erzieher auf die Rder gaben, war schon lngst versiegt und
arbeitete an einem anderen Platze.

Der Vater bestrafte Sergey, indem er ihn nicht zu Nadenka, der Nichte
Lydia Iwanownas lie, aber diese Bestrafung erschien Sergey sehr
gelegen zu kommen. Wasiliy Lukitsch war bei guter Laune und wies ihm,
wie man Windmhlen baut. Der ganze Abend verging nun ber dieser Arbeit
und den Gedanken daran, wie sich eine Windmhle so bauen liee, da man
sich selbst auf ihr drehen knne, indem man sie mit den Armen bei den
Flgeln fate, oder sich daran festband -- und sich drehen lie. --

An die Mutter dachte er den ganzen Abend nicht, doch als er sich ins
Bett legte, fiel sie ihm pltzlich wieder ein und er betete in seinen
Worten, da seine Mutter morgen, zu seinem Geburtstage, nicht mehr
lnger fr ihn verborgen bleiben und zu ihm kommen mchte.

Wasiliy Lukitsch, wit Ihr, worum ich noch auer dem Sonstigen gebetet
habe?

Damit Ihr besser lernt?

Nein.

Vom Spielzeug?

Nein. Ihr ratet es nicht. Es ist ausgezeichnet, aber ein Geheimnis!
Wenn es sich erfllt, sage ich es Euch. Habt Ihr es noch nicht heraus?

Nein. Ich rate es nicht. Sagt mirs doch, sprach Wasiliy Lukitsch, und
lchelte, was bei ihm selten der Fall war. Doch, legt Euch nur, ich
will das Licht auslschen.

Mir ist ohne Licht das, was ich sehe und wovon ich betete, nur noch
sichtbarer. Da -- beinahe htte ich jetzt mein Geheimnis verraten! --
sagte Sergey unter heiterem Lachen.

Nachdem man das Licht fortgebracht hatte, hrte und fhlte Sergey seine
Mutter. Sie stand ber ihm und koste ihn mit liebevollem Blick, doch da
erschienen die Windmhlen, sein Messerchen, alles ging durcheinander,
und er schlief ein.


                                  28.

In Petersburg angekommen, waren Wronskiy und Anna in einem der
besten Hotels abgestiegen. Wronskiy gesondert, in der unteren Etage,
Anna oben, mit ihrem Kinde, der Amme und der Zofe, in einem groen
Appartement, welches aus vier Zimmern bestand.

Am ersten Tage nach seiner Ankunft fuhr Wronskiy zu seinem Bruder;
woselbst er seine in Geschften von Moskau angekommene Mutter traf.
Die Mutter und Schwgerin begegneten ihm, wie sonst, sie frugen ber
seine Reise ins Ausland, sprachen von gemeinsamen Bekannten, erwhnten
aber mit keinem Worte sein Verhltnis zu Anna. Sein Bruder aber kam
am anderen Tage frh zu ihm und frug ihn selbst nach ihr und Aleksey
Wronskiy erzhlte ihm offen, da er seinen Bund mit der Karenina gleich
einer Ehe betrachte; da er hoffe, die Scheidung zu erlangen und sie
dann heiraten werde und da er sie bis dahin ebenso als sein Weib
achte, wie man jedes andere Weib achte, und bat ihn, dies der Mutter
und seiner Gemahlin so mitzuteilen.

Wenn die Welt es nicht billigt, so ist mir das gleichgltig, sagte
Wronskiy, aber wenn meine Verwandten mit mir in verwandtschaftlichen
Beziehungen stehen wollen, so mssen sie in den nmlichen Beziehungen
auch mit meiner Frau stehen!

Der ltere Bruder, welcher die Urteile des jngeren stets geachtet
hatte, wute nicht recht, ob dies richtig oder falsch sei, so lange
die Welt selbst die Frage entschieden haben wrde. Er seinerseits hatte
gar nichts gegen die Sache und ging zusammen mit Aleksey zu Anna.

Wronskiy sagte in Gegenwart seines Bruders, wie in der aller anderen
zu dieser Ihr, und verkehrte mit Anna wie mit einer nahen Bekannten,
aber doch herrschte die stillschweigende Voraussetzung dabei, da der
Bruder ihre Beziehungen kannte und es wurde davon gesprochen, da Anna
nach dem Gute Wronskiys gehe.

Trotz aller seiner Welterfahrung war Wronskiy nach dem Eintritt in
das neue Verhltnis, in welchem er sich befand, in einem furchtbaren
Irrtum. Wohl hatte es ihm begreiflich erscheinen mssen, da die Welt
fr ihn und Anna verschlossen war, aber jetzt entstanden in seinem
Kopfe gewisse unklare Vorstellungen, da es nur in der lteren Zeit so
gewesen sei, und jetzt bei dem schnellen Fortschreiten der Zeit -- er
war jetzt, ohne da er selbst es merkte, ein Anhnger jeder Art von
Fortschritt geworden -- der Blick der Gesellschaft sich verndert habe,
und da auch die Frage, ob sie in der Gesellschaft wieder angenommen
werden wrden, noch nicht entschieden sei. Natrlich, dachte er, die
Hofkreise werden Anna nicht aufnehmen, aber die ihr nahestehenden Leute
knnen und mssen die Sache auffassen, wie es sich gehrt.

Man kann einige Stunden sitzen, die Fe bereinandergeschlagen, und
in ein und derselben Stellung, wenn man wei, da uns nichts hindert,
diese Lage zu verndern; wenn aber ein Mensch wei, da er so mit
unterschlagenen Beinen sitzen mu, dann befllt ihn der Krampf, die
Fe werden zittern und sich nach dem Orte hinziehen, an den man sie
bringen mchte.

Dies erfuhr auch Wronskiy an sich bezglich seiner Stellung zur Welt.
Obwohl er auf dem Grund seiner Seele wute, da dieselbe fr sie beide
verschlossen sei, so versuchte er es doch, ob sich die Welt jetzt nicht
ndere und sie doch aufnehmen werde. Aber sehr bald wurde er inne,
obwohl die Welt fr ihn persnlich offen stand, sie doch fr Anna
verschlossen blieb. Wie bei dem Spiele Katze und Maus, senkten sich die
Hnde, die vor ihm erhoben wurden, sofort vor Anna.

Eine der ersten Damen der Petersburger Gesellschaft, welche Wronskiy
wiedersah, war seine Cousine Betsy.

Endlich! begegnete ihm diese voll Freude. Und Anna? Wie freue ich
mich. Wo seid Ihr abgestiegen? Ich kann mir denken, wie nach Eurer
reizenden Reise unser Petersburg Euch schrecklich sein mu; ich kann
mir Euren Honigmond in Rom vorstellen. Was wird mit der Scheidung? Habt
Ihr alles besorgt?

Wronskiy bemerkte, da der Enthusiasmus Betsys sich verringerte, als
sie erfahren hatte, da eine Scheidung noch nicht erfolgt sei.

Auf mich wird man den Stein werfen, ich wei es, sagte sie, aber ich
werde zu Anna kommen; ja, ich komme sicherlich. Ihr bleibt wohl nur
kurze Zeit hier?

Und in der That, noch am nmlichen Tage kam sie zu Anna gefahren,
doch war ihr Ton schon nicht ganz so der nmliche wie frher. Sie war
offenbar stolz auf ihre Khnheit und wnschte, da Anna die Treue ihrer
Freundschaft schtze. Sie blieb nicht lnger als zehn Minuten, von den
Stadtneuigkeiten sprechend, und sagte beim Abschied: Ihr habt mir
nicht gesagt, wenn die Ehescheidung stattfindet? Gesetzt auch, da ich
meinerseits der Sache durch die Finger sehe, so werden doch die anderen
Euch kalt entgegenkommen, so lange Ihr nicht geheiratet habt. Und das
geht ja jetzt so leicht. =a se fait=. Ihr reist also Freitag ab?
Schade, da wir uns nicht noch einmal wiedersehen knnen.

Am Tone Betsys konnte Wronskiy erkennen, was er von der Welt zu
erwarten hatte, er machte aber gleichwohl noch einen Versuch in seiner
Familie. Auf seine Mutter hoffte er dabei freilich nicht. Er wute,
da diese, von Anna in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft so entzckt
gewesen, ihr gegenber jetzt unerbittlich hart war, weil sie an der
Vernichtung der Carriere ihres Sohnes Schuld trug. Dieser aber setzte
groe Hoffnungen auf Warja, die Frau seines Bruders. Ihm schien, da
Warja den Stein nicht mit werfen, sondern in ihrer Einfachheit und
Entschlossenheit zu Anna kommen und diese auch empfangen wrde.

Am Tage nach seiner Ankunft fuhr Wronskiy denn auch zu ihr, und teilte
ihr -- er traf sie allein an -- offen seinen Wunsch mit.

Du weit, Aleksander, sprach sie, ihn ruhig zu Ende hrend, wie
ich dich liebe, und wie bereit ich bin, alles fr dich zu thun; doch
ich habe geschwiegen, weil ich wute, da ich weder dir, noch Anna
Arkadjewna ntzlich sein kann, sagte sie, den Namen Anna Arkadjewna
mit eigentmlicher Betonung aussprechend. Denke nicht, da ich etwa
einen Tadel uern will, vielleicht htte ich an ihrer Stelle ganz das
Nmliche gethan. Ich will und kann nicht auf Einzelheiten eingehen,
fuhr sie fort, zaghaft in sein finsteres Gesicht schauend. Doch mu
man das Ding beim Namen nennen. Du willst, da ich sie besuche, sie
auch empfange, und damit in der Gesellschaft rehabilitiere, aber
verstehe wohl, ich _kann_ das ja nicht thun! Meine Tchter wachsen
heran und ich mu in der Welt fr meinen Mann leben. Nun komme ich zu
Anna Arkadjewna; diese wird ihrerseits begreifen, da ich sie nicht
zu mir einladen kann, oder es dann wenigstens so thun mte, da sie
nicht Leuten begegnet, die andere Anschauungen haben. Das aber wird sie
verletzen! Ich kann ihr nicht aufhelfen.

Ich kann aber nicht glauben, da sie tiefer gefallen sein sollte, als
Hunderte von Frauen, die Ihr empfangt, unterbrach sie Wronskiy noch
dsterer, und erhob sich schweigend in der Erkenntnis, da das Urteil
seiner Schwgerin unabnderlich sei.

Aleksey! Sei nur nicht bs! Beherzige, bitte, da ich nicht schuld
bin, begann Warja wieder, mit schchternem Lcheln auf ihn blickend.

Ich zrne dir nicht, sagte er, noch ebenso finster, aber mir ist
das doppelt schmerzlich. Mir ist noch schmerzlich, da dieser Umstand
unsere Freundschaft zerstrt, oder wenn nicht zerstrt, so doch
schwcht. Du begreifst, da dies fr mich ja auch nicht anders sein
kann.

Mit diesen Worten verlie er sie.

Wronskiy hatte erkannt, da weitere Versuche vergeblich sein wrden,
und er diese wenigen Tage in Petersburg so zu verleben htte, wie
in einer fremden Stadt, indem er alle Beziehungen zu der frheren
Gesellschaft mied, um sich nicht Unannehmlichkeiten und Krnkungen
aussetzen zu mssen, die ihm doch so peinlich waren.

Eine der hauptschlichsten Unannehmlichkeiten seiner Lage in Petersburg
war die, da Aleksey Aleksandrowitsch und sein Name, wie es schien,
berall zu finden war. Man konnte von nichts zu sprechen anfangen,
ohne da das Gesprch auf Aleksey Aleksandrowitsch kam, man konnte
nirgendshin fahren, ohne ihm zu begegnen. So schien es wenigstens
Wronskiy, indem er sich wie ein Mensch mit einem schlimmen Finger
vorkam, der, als wre es absichtlich, gerade mit diesem schlimmen
Finger an alles anstt.

Der Aufenthalt in Petersburg erschien Wronskiy auch noch dadurch um
so schwerer, als er whrend dieser ganzen Zeit in Anna gleichsam ein
neues, ihm unverstndliches Geschpf erblickte. Bald war sie wie
verliebt in ihn, bald wurde sie kalt, reizbar und unergrndlich. Sie
litt eine Qual und verbarg Etwas vor ihm; bemerkte aber wie es schien,
die Krnkungen nicht, die ihm das Leben vergifteten, und fr sie mit
ihrem feinen Wahrnehmungsvermgen, doch nur noch qualvoller sein muten.


                                  29.

Unter den Zwecken, welche der Reise nach Ruland zu Grunde lagen, war
fr Anna auch der des Wiedersehens mit ihrem Sohne. Seit dem Tage, seit
welchem sie Italien verlassen, hatte dieser Gedanke nicht aufgehrt,
sie in Aufregung zu erhalten, und je nher sie Petersburg kam, desto
mehr und immer mehr erschien vor ihr das Freudige und Bedeutungsvolle
dieses Wiedersehens. Sie legte sich gar nicht die Frage vor, wie
sie dieses Wiedersehen bewerkstelligen wollte. Es erschien ihr ganz
natrlich und einfach, da sie ihren Sohn wiedersah, wenn sie mit
demselben in einer und derselben Stadt sich befand; allein nach ihrer
Ankunft in Petersburg, zeigte sich pltzlich ihre jetzige Stellung in
der Gesellschaft klar vor ihr, und sie erkannte, da es schwierig sei,
das Wiedersehen zu ermglichen.

Bereits zwei Tage war sie in Petersburg. Der Gedanke an den Sohn
verlie sie nicht eine Minute, und noch hatte sie ihn nicht gesehen.
Geradenwegs in das Haus zu fahren, wo sie mit Aleksey Aleksandrowitsch
zusammentreffen konnte, dazu, sie fhlte es, besa sie nicht das Recht.
Man konnte sie vielleicht gar nicht einlassen und sie beleidigen. Zu
schreiben und sich mit ihrem Manne in Verbindung zu setzen, war ihr
schon dem Gedanken nach peinlich. Sie vermochte nur dann ruhig zu
bleiben, wenn sie ihres Mannes gar nicht gedachte. Den Sohn auf dem
Spaziergange zu sehen, nachdem sie sich erkundigt hatte, wohin und wann
er ausgehe, war ihr nicht genug; sie hatte sich so sehr auf dieses
Wiedersehen vorbereitet, sie hatte ihm soviel zu sagen, es verlangte
sie so sehr, ihn in ihre Arme zu schlieen, ihn zu kssen. Die alte
Amme Sergeys konnte ihr behilflich sein und sie benachrichtigen. Aber
diese befand sich nicht mehr im Hause Aleksey Aleksandrowitschs. In
solcher Ungewiheit und unter Erkundigungen nach der Amme waren die
zwei Tage vergangen.

Nachdem Anna von den nahen Beziehungen Aleksey Aleksandrowitschs zur
Grfin Lydia Iwanowna vernommen hatte, entschlo sie sich am dritten
Tage, dieser einen Brief zu schreiben, der ihr viel berwindung
kostete, und in welchem sie mit Vorbedacht sagte, da der Entscheid
darber, ob sie ihren Sohn sehen knne, von der Gromut ihres Mannes
abhngen msse. Sie wute, da wenn man den Brief ihrem Manne wies,
dieser ihr, seine Rolle des Gromtigen weiterspielend, keinen
abschlgigen Bescheid geben wrde.

Der Bote, welcher den Brief hingetragen hatte, berbrachte ihr die so
harte und unerwartete Nachricht, da es keine Antwort gebe.

Noch nie hatte sie sich so erniedrigt gefhlt, als in dieser Minute,
als sie, den Boten kommen lassend, von diesem die einfache Mitteilung
vernahm, da er gewartet habe, und man ihm endlich gesagt htte, es
wrde keine Antwort erteilt werden. Anna fhlte sich gedemtigt,
verletzt, aber sie erkannte, da von ihrem Gesichtspunkt aus die Grfin
Lydia Iwanowna recht habe. Ihr Schmerz war um so grer, als er ein
vereinsamter war. Sie konnte und wollte ihn nicht mit Wronskiy teilen.
Sie wute, da fr ihn, obwohl er doch die Hauptursache ihres Unglcks
bildete, die Frage ihres Wiedersehens mit ihrem Kinde von hchst
geringer Bedeutung sei. Sie wute, da er niemals fhig sein werde,
ihre Leiden in deren ganzer Tiefe zu verstehen, sie wute, da sie ihn
wegen eines khlen Tones bei Erwhnung der Sache wrde hassen mssen.
Dies aber frchtete sie ber alles in der Welt, und so verbarg sie vor
ihm alles, was ihren Sohn betraf.

Den ganzen Tag ber zu Haus verweilend, hatte sie die Mittel erwogen,
zu einem Wiedersehen mit ihrem Sohne, und war bei dem Entschlu stehen
geblieben, an ihren Mann zu schreiben. Sie setzte den Brief noch auf,
als ihr das Schreiben Lydia Iwanownas gebracht wurde. Das Schweigen
der Grfin hatte sie beruhigt und besnftigt, das Schreiben aber, und
alles das, was sie zwischen den Zeilen desselben las, versetzte sie in
solche Erbitterung, erschien ihr, gegenber ihrer leidenschaftlichen
natrlichen Zrtlichkeit fr ihr Kind so aufreizend in seiner
Gehssigkeit, da sie gegen andere gereizt wurde und aufhrte, sich
selbst anzuklagen.

Diese Klte -- diese Gefhlsheuchelei! sagte sie zu sich selbst.
Ihnen war es ein Bedrfnis, mich zu beleidigen und das Kind zu
foltern, und ich soll mich vor ihnen demtigen! Um keinen Preis! Sie
ist schlechter, als ich! Ich lge wenigstens nicht! --

Und nun entschlo sie sich, morgen, am Geburtstage Sergeys, geradenwegs
in das Haus Aleksey Aleksandrowitschs zu fahren, die Leute zu
bestechen und List anzuwenden, um -- koste es was es wolle -- den
Sohn wiederzusehen und den ungeheuerlichen Trug, mit welchem man das
unglckliche Kind umgeben hatte, zu zerstreuen.

Sie fuhr nach einem Spielwarenladen, kaufte Spielzeug und berlegte
sich ihren Operationsplan. Frhmorgens, um acht Uhr, wenn Aleksey
Aleksandrowitsch, wahrscheinlich, noch nicht aufgestanden war, wollte
sie sich hinbegeben; sie wollte Geld nehmen, es dem Portier und dem
Diener in die Hnde drcken, damit man sie einlasse, und wollte, ohne
den Schleier zu lften, sagen, sie kme von einem Paten Sergeys, um
diesem zu gratulieren, und ihr sei aufgetragen, Spielzeug auf das Bett
des Kindes zu legen. Sie bereitete sich nicht auf die Worte vor, welche
sie zum Sohne sprechen wollte -- soviel sie auch darber nachdachte,
sie vermochte nichts auszudenken.

Am andern Tage um acht Uhr morgens, stieg Anna allein aus der
Mietkutsche und lutete an der groen Einfahrt ihres ehemaligen Hauses.

Sieh nach, was man will. Wer die Dame ist, sagte Kapitonitsch, noch
nicht angekleidet, im berrock und Kaloschen, indem er durch das
Fenster nach der Dame blickte, die von einem Schleier bedeckt, dicht
vor der Thr stand. Der Gehilfe des Portiers, ein Anna nicht bekannter,
junger Bursch, hatte dieser nicht sobald die Thr geffnet, als sie
schon in dieselbe hineintrat, ein Dreirubelpapier aus dem Muff nahm und
es ihm in die Hand drckte.

Sergey -- Sergey Aleksandrowitsch, sprach sie und wollte
voranschreiten. Der Gehilfe des Portiers besah das Rubelpapier, hielt
sie aber an der zweiten Glasthr fest.

Was wollt Ihr? frug er.

Sie hrte weder seine Worte, noch antwortete sie etwas.

Als Kapitonitsch die Verwirrung der Unbekannten bemerkte, kam er selbst
zu ihr, lie sie in die Thr herein und frug, was ihr gefllig wre.

Vom Frsten Skorodumoff komme ich und will zu Sergey
Aleksandrowitsch, sprach sie.

Der junge Herr ist noch nicht aufgestanden, antwortete der Portier,
sie aufmerksam betrachtend.

Anna hatte durchaus nicht erwartet, da das vollstndig unverndert
gebliebene uere des Vorzimmers dieses Hauses, in welchem sie neun
Jahre gelebt hatte, so mchtig auf sie einwirken wrde. Eine nach der
anderen, erhoben sich frohe und trbe Erinnerungen in ihrer Seele und
fr einen Augenblick hatte sie vergessen, weshalb sie hier war.

Wollt Ihr geflligst warten? sagte Kapitonitsch, ihr den Pelz
abnehmend. Nachdem er den Pelz abgenommen hatte, blickte er ihr ins
Gesicht, erkannte sie und machte schweigend eine tiefe Verbeugung.
Bitte geflligst, gndigste Frau, sagte er zu ihr.

Sie wollte etwas erwidern, doch versagte ihr die Stimme, so da sie
keinen Ton hervorzubringen vermochte. Wie schuldbewut bittend, blickte
sie den Alten an, und stieg dann mit schnellen Schritten die Treppe
hinauf. Ganz vorgebeugt und mit den Kaloschen an den Stufen hngen
bleibend, lief Kapitonitsch ihr nach im Bemhen, ihr zuvorzukommen.

Der Lehrer ist dort, er ist vielleicht nicht angekleidet. Ich mu erst
melden.

Anna ging weiter die ihr bekannte Treppe hinauf, ohne zu verstehen, was
der Alte gesprochen hatte.

Hierher, bitte links. Entschuldigt, da alles noch unsauber ist.
Der junge Herr ist jetzt im frheren Diwanzimmer, sagte der Portier
keuchend. Gestattet, geduldet Euch ein wenig, Excellenz, ich will
nachsehen, sagte er, ffnete, vor sie tretend, die hohe Thr und
verschwand in derselben. Anna blieb stehen und wartete.

Er ist soeben erwacht, sagte der Portier, wieder aus der Thr kommend.

Im nmlichen Augenblick, als der Portier dies sagte, hrte Anna den
Klang eines kindlichen Ghnens. Schon an der Stimme dieses Ghnens
erkannte sie den Sohn und sie sah ihn wie lebendig vor sich.

La mich hinein, la mich, la mich! sprach sie und trat durch die
hohe Thr. Rechts von derselben stand das Bett, und im Bett sa der
Knabe, welcher sich aufgerichtet hatte, im halbgelsten Hemdchen, den
kleinen Krper vorgebeugt, sich streckend und ausghnend.

Im Augenblick, als seine Lippen sich schlossen, kruselten sie sich zu
einem glcklichen traumhaften Lcheln, und mit diesem Lcheln legte er
sich langsam und zufrieden wieder zurck.

Mein Sergey! flsterte sie, unhrbar an ihn herantretend.

Whrend ihrer Trennung von ihm, und unter dem Einflu der Liebe,
welche sie in dieser ganzen letzten Zeit empfunden, hatte sie sich
ihn als vierjhrigen Knaben, so wie sie ihn am liebsten gehabt hatte,
vorgestellt.

Jetzt war er schon nicht einmal mehr so, wie sie ihn verlassen hatte.
Er hatte sich noch weiter entfernt vom Alter des Vierjhrigen, war
noch mehr gewachsen und magerer geworden. -- Was war das? -- Wie hager
erschien sein Gesicht, wie kurz war sein Haar? Wie lang seine Hnde!
Wie hatte er sich verndert seit jener Zeit, da sie ihn verlassen!
Aber er war es doch, mit dieser Form seines Kopfes, seinen Lippen, dem
geschmeidigen Hals und den breiten kleinen Schultern.

Sergey! wiederholte sie dicht ber dem Ohr des Kindes.

Dieser erhob sich wiederum auf den Ellbogen, wandte den Kopf verwirrt
nach beiden Seiten, als suche er etwas und ffnete die Augen. Still
und fragend blickte Sergey einige Sekunden auf die unbeweglich vor
ihm stehende Mutter, dann lchelte er pltzlich, glckselig, schlo
wiederum die noch schlaftrunkenen Augen, und warf sich, nicht mehr
zurck, sondern ihr entgegen, in ihre Arme.

Sergey! Geliebter Knabe! sprach sie mit erstickter Stimme, mit beiden
Armen den blhenden Krper umfangend.

Mama! sagte er, sich regend in ihren Armen, um mit wechselnden
Stellen seines Leibes ihre Arme berhren zu knnen.

Schlaftrunken lchelnd, noch immer mit geschlossenen Augen, fate er
mit den runden rmchen von der Bettlehne nach ihren Schultern, und
warf sich auf sie, jenen lieblichen Schlafduft, jene Wrme von sich
ausstrmend, die nur bei Kindern da ist, und begann dann, sein Gesicht
an ihrem Hals und ihren Schultern zu reiben.

Ich wute es, sagte er, die Augen ffnend. Heute ist mein
Geburtstag. Ich wute es, da du kommen wrdest. Sogleich werde ich
aufstehen.

Mit diesen Worten kam er zu sich.

Voll Sehnsucht betrachtete ihn Anna; sie sah, wie er gewachsen war und
sich in ihrer Abwesenheit verndert hatte. Sie erkannte und erkannte
auch nicht seine nackten Fe, die jetzt so gro geworden waren und
aus der Bettdecke hervorschauten, sie erkannte diese hager gewordenen
Wangen, diese verschnittenen, kurzen Haarlocken im Nacken, auf welchen
sie ihn so oft gekt hatte. Sie befhlte alles dies und vermochte
nichts zu sprechen; die Thrnen erstickten sie.

Weshalb weinst du denn Mama? sagte er, vollstndig aus dem Schlafe
erwacht. Mama, weshalb weinst du? rief er aus mit weinerlicher Stimme.

Ich weine nicht; ich weine vor Freude; ich habe dich so lange nicht
gesehen. Nein, ich werde nicht, werde nicht weinen, sagte sie, ihre
Thrnen verschluckend und sich abwendend. Nun, jetzt mut du dich
aber ankleiden, fgte sie, sich aufrichtend hinzu, und setzte sich,
ohne seine Hnde loszulassen, neben seinem Bett auf einen Stuhl, auf
welchem sein Anzug bereit lag.

Wie kleidest du dich ohne mich an? Wie -- wollte sie natrlich und
heiter zu sprechen beginnen, aber sie vermochte es nicht, und wandte
sich abermals ab.

Ich wasche mich nicht in kaltem Wasser. Papa hat es nicht gestattet.
Aber Wasiliy Lukitsch, den hast du wohl noch nicht gesehen? Er wird
gleich kommen. Du hast dich ja auf mein Kleid gesetzt!

Sergey lachte auf; sie blickte ihn an und lchelte.

Mama, mein Herz, meine Taube! rief er aus, sich wieder ihr
entgegenwerfend und sie umfangend. Es war, als ob er jetzt erst, indem
er ihr Lcheln erblickte, klar erkannt htte, was vorgefallen sei. Das
ist nicht ntig, sagte er, ihr den Hut abnehmend, und gleichsam, als
ob er sie aufs neue ohne den Hut erknnte, warf er sich abermals ihr
entgegen, um sie zu kssen.

Aber was hast du von mir gedacht? Du hast nicht gemeint, da ich tot
sei?

Niemals habe ich es geglaubt.

Du hast es nicht geglaubt, mein Herz?

Ich habe gewut, gewut! wiederholte er mit seiner Lieblingsphrase,
und begann, nachdem er ihre Hand ergriffen, die mit seinem Haar
spielte, sie mit der inneren Flche an seinen Mund zu pressen und zu
kssen.


                                  30.

Wasiliy Lukitsch, welcher anfangs nicht begriff, wer diese Dame da
war, und erst aus dem Gesprch erkannte, dies sei jene selbe Mutter,
welche ihren Gatten verlassen, und die er nicht kannte, da er erst nach
ihrem Scheiden dieses Haus betreten hatte, befand sich in Zweifel, ob
er eintreten oder Aleksey Aleksandrowitsch Mitteilung machen sollte.
Nachdem er aber erwogen hatte, da seine Verpflichtung nur darin
bestehe, bei Sergey zur bestimmten Stunde zu inspizieren, und er
demgem keine Beobachtungen anzustellen habe, wer dort sa, die Mutter
oder jemand anderes, sondern nur seine Pflicht erfllen msse, so
kleidete er sich an, trat zur Thr und ffnete sie.

Aber die Liebkosungen zwischen Mutter und Kind, der Klang ihrer Stimmen
und das, was sie sprachen, lie ihn doch noch seinen Entschlu ndern.
Er schttelte den Kopf, seufzte und schlo die Thr wieder.

Ich werde noch zehn Minuten warten, sagte er zu sich selbst, hustend
und sich Thrnen abwischend.

In der Dienerschaft des Hauses war mittlerweile eine mchtige Bewegung
entstanden. Alle hatten erfahren, da die Herrin angekommen sei,
und Kapitonitsch sie eingelassen habe, da sie sich jetzt in der
Kinderstube befinde, whrend sich doch der Herr selbst stets in der
neunten Stunde dorthin begebe; und alle erkannten, da eine Begegnung
der beiden Gatten unmglich war, und verhindert werden msse.

Korney, der Kammerdiener, begab sich in die Portierloge und frug, wer
die Dame eingelassen habe, und wie dies zugegangen sei, und als er
gehrt hatte, da Kapitonitsch sie empfangen und hereingeleitet habe,
machte er dem Alten Vorwrfe. Dieser hrte mit hartnckigem Schweigen
zu, als ihm aber Korney sagte, da man ihn deswegen davonjagen mte,
sprang Kapitonitsch auf ihn zu und sagte, mit den Hnden vor Korneys
Gesicht fuchtelnd:

Ja, du httest sie freilich nicht eingelassen! Ich habe zehn Jahre
hier gedient und nichts als Liebes gesehen, du aber wrest gekommen und
httest gesagt >bitte, geflligst hinaus!< -- Du verstehst die Politik
fein! So ist es! Du scheinst auf deine Weise schon zu verstehen, wie
man einen Herrn fr sich einnimmt und den Mantel nach dem Winde hngt!

Ein Soldat! erwiderte Korney verchtlich, und wandte sich zu der
eintretenden Amme: Urteilt Ihr, Marja Jesimowna: Er hat die Gndige
eingelassen, ohne jemandem etwas davon zu sagen, wandte sich Korney zu
ihr.

Aleksey Aleksandrowitsch wird sogleich erscheinen und nach der
Kinderstube gehen.

Was giebt es da fr Auseinandersetzungen, sagte diese, Ihr Korney
Wasiljewitsch, habt ihn irgendwo ein wenig zurckzuhalten, den Herrn
nmlich, und ich laufe sogleich, um die gndige Frau irgendwie beiseite
zu bringen. Sind das Auseinandersetzungen! --

Als die Kinderfrau in die Kinderstube trat, erzhlte Sergey der Mutter
gerade, wie er mit Nadenka vom Berge herab, beim Eisfahren gefallen
sei und da sich dabei beide dreimal umkugelt htten. Sie lauschte den
Klngen seiner Stimme, sah sein Gesicht und das Spiel seiner Mienen,
sie fhlte seine Hand, aber sie verstand nicht, was er sprach.

Ich mu fort, und ihn verlassen, das allein nur dachte und fhlte
sie noch. Sie vernahm wohl die Schritte Wasiliy Lukitschs, der zur
Thr schritt, und hustete, sie vernahm wohl die Schritte der nahenden
Kinderfrau, aber sie sa, wie zu Stein geworden, und nicht bei Krften
zu sprechen oder aufzustehen.

Gndige Frau, meine Liebe! begann die Amme, sich Anna nhernd, und
ihr Hnde und Schultern kssend. Gott hat unserem Geburtstagskinde
Freude gebracht. Ihr habt Euch doch gar nicht verndert.

Ach, Amme, du Gute, ich habe gar nicht gewut, da Ihr noch im Hause
seid, sagte Anna, fr eine Minute zur Besinnung kommend.

Ich wohne nicht hier, sondern bei meiner Tochter, und bin nur
gekommen, um zu gratulieren, Anna Arkadjewna, meine Teure.

Die Amme brach pltzlich in Thrnen aus und kte von neuem die Hand
der Herrin.

Sergey hielt sich, mit glnzenden Augen lchelnd, mit der einen Hand
an seiner Mutter, mit der anderen an der Amme an und stampfte mit den
wohlgenhrten Fchen auf den Teppich. Die Zrtlichkeit der geliebten
Amme gegen seine Mutter versetzte ihn in Entzcken.

Mama! Sie kommt oft zu mir, und wenn sie kommt -- wollte er beginnen,
hielt aber inne, als er bemerkte, da seine Amme der Mutter etwas
zuflsterte, und auf deren Gesicht sich Schrecken ausprge, und etwas
wie Scham, was der Mutter so gar nicht zu Gesicht stand.

Diese kam zu ihm.

Mein Liebling, sprach sie.

Sie konnte nicht sagen, lebewohl, aber der Ausdruck ihres Gesichts
sagte es, und er verstand.

Mein ser, lieber Kleiner! sagte sie zu ihm und nannte ihn mit einem
Kosenamen, mit welchem sie ihn als er noch ganz klein gewesen, zu
rufen pflegte, wirst du mich auch nicht vergessen? Du -- doch weiter
vermochte sie nicht zu sprechen.

Soviel Worte sie sich auch spter noch ausdachte, die sie ihm htte
sagen knnen -- jetzt wute und vermochte sie nichts zu sagen. --
Sergey aber verstand alles, was sie ihm mitteilen wollte. Er verstand,
da sie unglcklich sei und ihn liebte. Er verstand sogar, was die Amme
flsternd gesprochen hatte. Hrte er doch die Worte: Stets in der
neunten Stunde; und er begriff, da damit sein Vater gemeint sei, und
die Mutter mit dem Vater nicht zusammentreffen drfe. Dies verstand
er; Eins aber konnte er nicht begreifen: weshalb sich auf ihrem
Antlitz Schrecken und Scham gezeigt hatte! Sie war nicht schuldig,
und frchtete ihn doch und empfand Scham ber Etwas. Er wollte eine
Frage stellen, die ihm diesen Zweifel htte aufklren knnen, wagte es
aber nicht zu thun. Er sah, da sie litt, und empfand Mitleid mit ihr.
Schweigend schmiegte er sich an sie und sprach flsternd:

Geh' noch nicht. Er kommt noch nicht gleich.

Die Mutter schob ihn von sich, um zu erkennen, ob er auch so denke,
wie er gesprochen hatte, und las aus dem erschreckten Ausdruck seines
Gesichts, da er nicht nur von dem Vater gesprochen habe, sondern sie
sogar gleichsam frage, wie er wohl ber seinen Vater denken solle.

Sergey, mein Herzblatt, sagte sie, liebe ihn, er ist besser und
edler als ich, und ich trage eine Schuld vor ihm. Wenn du einmal gro
bist, dann wirst du urteilen knnen.

Bessere Menschen als dich giebt es nicht! rief er voll Verzweiflung,
durch Thrnen hindurch, fate sie an den Schultern, und begann sie aus
allen Krften an sich zu pressen mit vor Anstrengung bebenden Armen.

Meine Seele, mein liebes Kind! sagte Anna, und begann, hingerissen,
so nach Kinderart zu weinen, wie er selber weinte.

Da ffnete sich die Thr und Wasiliy Lukitsch trat ein.

An der anderen Thr wurden Schritte vernehmbar, und entsetzt flsterte
ihr die Amme zu er kommt und reichte Anna den Hut.

Sergey lie sich auf sein Bett sinken und begann zu schluchzen, das
Gesicht mit den Hnden bedeckend. Anna nahm diese Hnde weg, kte ihm
noch einmal das bethaute Antlitz und ging schnellen Schrittes zur Thr
hinaus.

Aleksey Aleksandrowitsch trat ihr in den Weg. Als er sie erblickt
hatte, blieb er stehen und beugte den Kopf.

Ungeachtet dessen, da sie soeben erst gesagt hatte, er sei besser und
edler als sie, erfaten sie bei dem schnellen Blick, den sie auf ihn
warf, seine ganze Erscheinung mit allen ihren Einzelheiten umfangend,
die Gefhle des Widerwillens gegen ihn; der Wut und des Neides um den
Sohn. Mit schneller Bewegung lie sie den Schleier fallen, und eilte
fast, ihren Schritt verdoppelnd, aus dem Zimmer.

Sie war nicht dazu gekommen, die Geschenke herauszunehmen, die sie mit
so groer Liebe und so groem Schmerz gestern im Laden gekauft hatte,
und brachte sie wieder mit nach Hause.


                                  31.

So sehr wie Anna auch ein Wiedersehen mit ihrem Sohne gewnscht hatte,
so lange sie auch nur hieran gedacht, sich nur hierauf vorbereitet
hatte, so hatte sie doch keineswegs erwartet, da dieses Wiedersehen
eine so mchtige Wirkung auf sie ausben wrde.

Zurckgekehrt in ihre einsamen Appartements im Hotel, konnte sie lange
nicht fassen, warum sie eigentlich hier sei.

Ja; das ist alles vorber und ich bin wieder allein, sagte sie zu
sich und setzte sich, ohne den Hut abzulegen, auf einen am Kamin
stehenden Sessel. Mit unbeweglichen Augen auf die Bronzeuhr blickend,
welche auf dem Tische zwischen den Fenstern stand, begann sie zu sinnen.

Die franzsische Zofe, die mit aus dem Auslande gebracht worden war,
trat ein, um sie anzukleiden. Verwundert blickte sie dieselbe an
und sagte nur spter. Der Lakai brachte den Kaffee; sie sagte nur
spter. Die italienische Amme, die das kleine Mdchen geputzt hatte,
trat mit demselben ein und brachte es Anna. Das dicke, wohlgenhrte
Kind hob, wie stets, wenn es die Mutter sah, die nackten mit Bndern
umspannten Hndchen, die Handflchen nach unten, und begann, mit dem
noch zahnlosen Mndchen lchelnd, wie ein Fisch an der Angel mit den
Hndchen zu arbeiten, und mit ihnen an den gesteiften Falten des
gestickten Jckchens zu scheuern.

Man mute unwillkrlich lcheln und das Kindchen kssen, man mute
ihm einen Finger vorhalten, an dem es anfassen konnte, jauchzend und
mit dem ganzen Krper in Bewegung. Man konnte nicht umhin, ihm die
Lippe darzubieten, die es anstatt eines Kusses in das Mndchen nahm.
Und alles das that Anna, und sie nahm das Kind auf ihre Arme und lie
es hpfen, und kte es auf die frische Wange und die entblten
rmchen, aber bei dem Anblick dieses Kindes wurde es ihr nur noch
klarer, da das Gefhl, welches sie fr dasselbe hegte, nicht einmal
Liebe war im Vergleich zu dem, was sie fr Sergey fhlte. Alles an
diesem kleinen Mdchen war lieblich, aber alles das fand keinen Eingang
in ihr Herz. Auf ihrem ersten Kinde -- hatte sie es auch gleich von
einem ungeliebten Manne -- ruhte alle Kraft jener Liebe, die keine
Befriedigung gefunden hatte; das Mdchen war unter den schwierigsten
Verhltnissen geboren worden, und auf dasselbe war nicht der hundertste
Teil der Sorgfalt verwendet worden, wie auf das erste Kind; auerdem
war bei diesem Mdchen alles noch Erwartung, Sergey hingegen schon
fast wahrhaft Mensch und ein geliebter Mensch; in ihm kmpften bereits
Gedanken und Gefhle miteinander. Er begriff und liebte, er beurteilte
sie, wie sie meinte, indem sie seiner Worte und Blicke gedachte. Und
doch war sie auf immer nicht nur krperlich, sondern auch geistig von
ihm getrennt, lie sich nichts mehr besser gestalten.

Sie gab das kleine Mdchen der Amme zurck, entlie diese, und ffnete
ein Medaillon, in welchem ein Portrt Sergeys war, ihn darstellend, als
er noch fast das nmliche Alter hatte, wie das kleine Mdchen jetzt.
Sie stand auf und nahm, ihren Hut ablegend, von einem kleinen Tische
ein Album, in welchem sich Photographieen ihres Sohnes aus anderen
Lebensaltern befanden. Sie wollte diese Photographieen vergleichen,
und begann sie aus dem Album herauszunehmen; sie nahm sie alle heraus,
nur eine einzige, die letzte und beste, war noch brig. In weiem
Hemd sa er darauf auf einem Stuhle, machte bse Augen und lchelte
mit dem Munde. Dies war ein ganz eigentmlicher Ausdruck, der ihm am
besten stand. Mit den kleinen, flinken Hnden, die sich jetzt besonders
angespannt mit ihren weien, schmalen Fingern bewegten, hatte sie
mehrmals an die Ecke des Bildes geklopft, aber das Bild war losgerissen
und sie konnte es nicht erlangen. Ein Messer befand sich nicht auf dem
Tische, und sie nahm daher eine Photographie, welche daneben stand --
es war ein in Rom gefertigtes Bild Wronskiys, welches ihn in rundem Hut
und langen Haaren darstellte -- und stie damit das Bild ihres Sohnes
heraus.

Das ist ja er! sagte sie, auf das Bild Wronskiys blickend, und sich
pltzlich vergegenwrtigend, wer die Ursache ihres jetzigen Harmes sei.
Sie hatte noch nicht ein einziges Mal whrend dieses ganzen Morgens
an ihn gedacht. Jetzt aber, als sie dieses mnnliche, edle, ihr so
vertraute und liebe Gesicht wieder erblickte, empfand sie pltzlich
eine unerwartete Regung der Liebe zu ihm. Aber wo bleibt er denn? Lt
er mich allein mit meinem Leiden? dachte sie mit einem Gefhl des
Vorwurfs, und verga dabei, da sie selbst vor ihm doch alles verborgen
hielt, was ihren Sohn betraf. Sie sandte zu ihm mit der Bitte, doch
sogleich zu ihr zu kommen; mit stockendem Herzen, sich die Worte
vergegenwrtigend, mit denen sie ihm alles sagen wollte, und die Worte
seiner Liebe, mit welchen er sie trsten wrde, erwartete sie ihn. Der
Bote kam mit dem Bescheid zurck, der Herr habe Besuch, wrde aber
sofort kommen; Wronskiy hatte befohlen, bei ihr anzufragen, ob sie ihn
zusammen mit dem Frsten Jaschwin, der nach Petersburg gekommen sei,
empfangen knne.

Er kommt nicht allein, und hat mich doch seit dem gestrigen Mittag
nicht gesehen, dachte sie, er kommt nicht allein, da ich ihm alles
sagen kann, sondern mit Jaschwin. Und pltzlich tauchte ein seltsamer
Gedanke in ihr auf. Wie wenn er aufgehrt htte, sie zu lieben?

Und indem sie die Vorkommnisse der letzten Tage musterte, schien ihr,
als ob sie in allem eine Besttigung dieses entsetzlichen Gedankens
sehe; schon darin, da er gestern nicht zu Haus zu Mittag gespeist
hatte, da er darauf bestanden hatte, sie mchten in Petersburg
getrennt logieren, wie darin, da er jetzt nicht einmal allein zu ihr
kam, gerade als ob er einem Wiedersehen Auge in Auge mit ihr aus dem
Wege gehen wollte.

Aber er mu mir dies sagen. Ich mu es wissen; und so bald ich es
wei, dann wei ich auch, was ich zu thun habe, sagte sie zu sich,
ohne Fhigkeit, sich die Lage vorzustellen, in welche sie kommen wrde,
wenn sie sich von seiner Gleichgltigkeit berzeugte. Sie glaubte, er
habe aufgehrt, sie zu lieben, sie fhlte sich der Verzweiflung nahe,
und infolge dessen besonders reizbar. Sie schellte der Zofe und begab
sich nach dem Ankleidezimmer. Beim Ankleiden beschftigte sie sich
mehr als whrend der letztvergangenen Tage mit ihrer Toilette, als ob
Wronskiy sie, wenn er sie nicht mehr lieben sollte, deshalb von neuem
lieben msse, weil sie diese Robe und jene Frisur, die ihr besser
standen, trug.

Sie hrte die Glocke, noch bevor sie fertig war. Als sie in den Salon
trat, begegnete nicht er, sondern Jaschwin ihrem Blick. Jaschwin
betrachtete die Photographieen ihres Sohnes, die sie auf dem Tische
vergessen hatte, und er beeilte sich nicht eben, den Blick nach ihr zu
wenden.

Wir sind ja Bekannte, sagte sie, ihre kleine Hand in die groe
Jaschwins legend, der in Verwirrung geraten war -- was sich bei dem
riesigen Wuchs und dem derben Gesicht desselben sonderbar genug
ausnahm. -- Wir sind Bekannte seit dem vorigen Jahre, von den Rennen.
Gebt doch her, sagte sie, mit schneller Bewegung die Bilder des
Sohnes, die er ansah, vor Wronskiy wegnehmend, und ihn bedeutungsvoll
mit den blitzenden Augen anschauend. Waren im gegenwrtigen Jahre die
Rennen gut? Anstatt der unsrigen, habe ich die Rennen auf dem Corso
in Rom gesehen. Ihr liebt brigens wohl nicht das Leben im Ausland?
frug sie mit freundlichem Lcheln. Ich kenne Euch, und kenne alle Eure
Geschmacksrichtungen, obwohl ich Euch wenig begegnet bin.

Das thut mir sehr leid, da meine Geschmacksrichtungen immer schlechter
werden, sagte Jaschwin, sich in seinen linken Schnurrbart beiend.

Nachdem er noch einige Zeit geplaudert und bemerkt hatte, da
Wronskiy nach der Uhr blickte, frug Jaschwin sie, ob sie noch lange
in Petersburg bleiben werden und griff, seine mchtige Gestalt
einknickend, ans Kppi.

Wahrscheinlich nicht mehr lange, sagte sie voll Verwirrung, auf
Wronskiy blickend.

So sehen wir uns also nicht wieder? antwortete Jaschwin, aufstehend
und sich an Wronskiy wendend, wo speisest du?

Kommt, mit mir zu dinieren, sagte Anna entschlossenen Tones,
gleichsam erzrnt ber sich selbst wegen ihrer Verlegenheit, aber
errtend, wie dies stets bei ihr der Fall war, wenn sie vor einer ihr
nicht vertrauten Persnlichkeit ihre Meinung uerte. Das Essen ist
hier nicht gut, aber Ihr knnt ihn doch wenigstens wiedersehen. Aleksey
liebt von allen seinen Kameraden aus dem Regiment keinen so, wie Euch.

Sehr erfreut, sagte Jaschwin mit einem Lcheln, aus dem Wronskiy
ersah, da ihm Anna sehr gefiel.

Jaschwin empfahl sich und ging, Wronskiy blieb allein zurck.

Du gehst auch? sagte sie.

Ich habe mich schon versptet, antwortete er, geh! Ich komme dir
sogleich nach! rief er Jaschwin nach.

Sie nahm ihn bei der Hand und blickte ihn, ohne das Auge abzuwenden,
an, in ihren Gedanken suchend, was sie ihm sagen sollte, um ihn
zurckzuhalten.

Warte, ich habe dir etwas zu sagen, seine kleine Hand nehmend, prete
sie dieselbe an ihren Hals, nicht wahr, es thut nichts, da ich ihn
zum Essen geladen habe?

Das hast du ganz recht gemacht, sagte er, mit ruhigem Lcheln seine
engstehenden Zhne zeigend und ihre Hand kssend.

Aleksey, du bist nicht anders geworden gegen mich? sprach sie, mit
beiden Hnden seine Rechte drckend. Aleksey, ich qule mich hier ab,
wann reisen wir?

Bald, bald. Du kannst nicht glauben, wie auch mir das Leben hier
schwer ist, sagte er, seine Hand ausstreckend.

Nun so geh, geh, sagte sie verletzt und ging schnell von ihm hinweg.


                                  32.

Als Wronskiy heimkehrte, war Anna noch nicht wieder da. Bald nach ihm
war, wie man ihm sagte, eine Dame angekommen und mit dieser zusammen
sei sie weggefahren.

Da sie weggefahren war, ohne gesagt zu haben wohin, was bei ihr bis
jetzt noch nicht der Fall gewesen war, da sie noch an diesem Morgen
ausgefahren, ohne ihm etwas davon zu sagen -- alles das, zusammen mit
dem seltsam aufgeregten Ausdruck ihres Gesichts heute frh und mit der
Erinnerung an die feindselige Haltung, mit welcher sie in Gegenwart
Jaschwins die Bilder ihres Sohnes fast seinen Hnden entrissen hatte,
stimmte ihn nachdenklich.

Er schlo, da es notwendig sei, sich mit ihr auszusprechen, und er
erwartete sie nun in ihrem Salon. Anna kehrte indessen nicht allein
zurck, sondern brachte ihre Tante mit sich, eine alte Jungfer, die
Frstin Oblonskaja. Das war die Dame, welche heute frh angekommen und
mit welcher Anna Einkufe zu machen ausgefahren war.

Anna schien den besorgten und fragenden Ausdruck der Zge Wronskiys
nicht zu bemerken, und berichtete ihm heiter, was sie heute Morgen
gekauft habe. Er sah, da in ihr etwas Besonderes vorgehe; denn in
ihren blitzenden Augen lag, wenn sie sich auf ihn im Vorbergleiten
hefteten, eine gespannte Aufmerksamkeit, und in ihrer Rede, in ihren
Bewegungen jene nervse Schnelligkeit und Grazie, die ihn in der ersten
Zeit ihrer Bekanntschaft so bestrickt hatte, jetzt aber beunruhigte und
erschreckte.

Das Diner wurde fr Vier gedeckt. Alle waren bereits versammelt, um
in das kleine Speisezimmer zu gehen, als Tuschkjewitsch mit einem
Auftrag fr Anna von der Frstin Betsy ankam. Die Frstin Betsy bat
um Entschuldigung, da sie nicht gekommen sei, um Abschied zu nehmen.
Sie fhle sich unwohl, bat aber Anna, zwischen halb acht und neun Uhr
zu ihr zu kommen. Wronskiy blickte Anna an bei dieser Zeitbestimmung,
welche bewies, da Maregeln getroffen waren, sie niemandem begegnen zu
lassen, doch schien dies Anna gar nicht zu bemerken.

Sehr schade, da ich gerade zwischen halb acht und neun Uhr nicht
kann, sagte sie mit leisem Lcheln.

Die Frstin wird das sehr bedauern.

Auch ich.

Ihr wollt wahrscheinlich die Patti hren? sagte Tuschkjewitsch.

Die Patti? Ihr gebt mir da einen guten Gedanken ein. Ich wrde
hinfahren, wenn es mglich wre, eine Loge zu erhalten.

Ich kann sie erhalten, brstete sich Tuschkjewitsch.

Ach, da wrde ich Euch recht sehr dankbar sein, antwortete Anna,
aber wollt Ihr nicht mit uns speisen?

Wronskiy zuckte kaum merklich die Achsel; er verstand absolut nicht,
was Anna that. Weshalb brachte sie diese alte Frstin mit, weshalb
veranlate sie Tuschkjewitsch, mitzuspeisen, und, was am wunderbarsten
war, weshalb schickte sie ihn nach einer Loge? War es denn denkbar, da
sie in ihrer Lage in das Abonnement der Patti fuhr, wo die gesamte,
ihr bekannte Welt zugegen sein wrde? Mit ernstem Blick schaute er
sie an, doch sie antwortete ihm mit jenem herausfordernden, weniger
heiteren, als verzweifelten Blick, dessen Bedeutung er nicht verstehen
konnte. Bei Tische war sie provozierend heiter, sie kokettierte fast
mit Tuschkjewitsch und Jaschwin. Als man vom Tische aufstand und
Tuschkjewitsch wegfuhr, um die Loge zu bestellen, whrend Jaschwin
ging, um zu rauchen, begab sich Wronskiy mit letzterem zusammen hinweg
in seine Zimmer. Nachdem er einige Zeit hier verweilt hatte, eilte er
wieder nach oben. Anna hatte sich schon in eine hellseidene Toilette
mit Samt geworfen, die fr sie in Paris gefertigt worden war, mit
offener Brust und kostbaren weien Spitzen auf dem Kopfe, die ihr
Gesicht einrahmten, und ihre blendende Schnheit besonders vorteilhaft
hervorhob.

Ihr fahrt bestimmt zum Theater? sagte er, sie geflissentlich nicht
ansehend.

Weshalb fragt Ihr so voll Furcht? antwortete sie, aufs neue verletzt
davon, da er sie nicht anblickte, weshalb sollte ich nicht? --

Sie schien den Sinn seiner Worte gar nicht zu verstehen.

Natrlich, nicht die geringste Ursache, warum man es nicht thun
sollte, antwortete er finster werdend.

Das sage ich eben auch, versetzte sie, mit Absicht keine Ironie in
ihren Ton legend, und ruhig den schmalen, duftenden Handschuh umwendend.

Anna, um Gott! Was ist mit Euch? frug er, sie zur Besinnung bringend,
ganz ebenso, wie einst ihr Mann zu ihr gesprochen hatte.

Ich verstehe nicht, wonach Ihr fragt.

Ihr wit, es ist unmglich ins Theater zu fahren.

Warum? Ich fahre ja nicht allein. Die Frstin Barbara geht, um sich
anzukleiden, sie wird mit mir fahren.

Er zuckte die Schultern mit dem Ausdruck der Unentschlossenheit und
Verzweiflung.

Aber wit Ihr denn nicht -- begann er.

Ich will nichts wissen! schrie sie fast auf. Ich will nicht! Bereue
ich denn, was ich gethan habe? Nein, nein, und aber nein! Und geschhe
wieder das Nmliche, von Anfang an, so wre es wieder so. Fr uns, fr
mich und Euch ist nur Eines von Wichtigkeit: ob wir uns gegenseitig
lieben! -- Andere Erwgungen giebt es nicht! Wozu wohnen wir hier
gesondert und sehen uns nicht? Warum kann ich nicht ins Theater fahren?
Ich liebe dich und mir ist alles gleich, sprach sie russisch, mit
jenem eigenartigen, unverstndlichen Glanz der Augen auf ihn blickend,
wenn du dich nicht verndert hast. Warum schaust du mich nicht an?

Er blickte sie an. Er sah die ganze Schnheit ihres Gesichts, dieser
Toilette, die ihr stets so gut zu Gesicht stand. Aber jetzt war gerade
ihre Schnheit und Eleganz das, was ihn betroffen machte.

Meine Empfindungen knnen sich nicht ndern; Ihr wit es, aber ich
bitte Euch, nicht dorthin zu fahren, ich beschwre Euch, sprach er,
wieder auf franzsisch, und mit zrtlicher Bitte in der Stimme, aber
Klte im Blick.

Sie hrte seine Worte nicht, sondern sah nur die Klte des Blicks und
antwortete gereizt:

Ich bitte Euch nur, mir zu erklren, warum ich nicht fahren soll.

Weil es Euch Ursache werden knnte zu -- er blieb stecken.

Ich verstehe nichts. Jaschwin =n'est pas compromettant= und die
Frstin Barbara ist in nichts schlechter, als die anderen. -- Da ist
sie ja! --


                                  33.

Wronskiy empfand zum erstenmale ein Gefhl des Verdrusses, fast des
Zornes ber Anna, wegen ihres absichtlichen Miverstehens ihrer
Situation. Dieses Gefhl verstrkte sich noch dadurch, da er ihr
die Ursache seines Verdrusses nicht aussprechen konnte. Htte er ihr
offen mitgeteilt, was er dachte, dann htte er ihr gesagt: In dieser
Toilette sich mit der jedermann bekannten, unverheirateten Frstin
im Theater zu zeigen -- hie nicht nur die Lage eines gefallenen
Weibes selbst eingestehen, sondern auch, der Welt eine Herausforderung
zuschleudern, oder, mit anderen Worten, sich fr immer von dieser
lossagen.

Dies konnte er ihr nicht sagen. Aber wie kann sie es nicht verstehen,
und was geht in ihr vor? sagte er zu sich. Er fhlte, wie sich zu
ein und derselben Zeit seine Achtung vor ihr verminderte, whrend die
Erkenntnis ihrer Schnheit in ihm wuchs.

Finster kehrte er nach seinem Zimmer zurck und befahl, sich zu
Jaschwin setzend, welcher seine langen Beine auf einen Stuhl gestreckt
hatte und einen Cognac mit Selterwasser trank, ihm das Nmliche zu
bringen.

Du sagst, der Moguschtschij Lankowskiys. Das ist ein gutes Pferd,
ich rate dir, es zu kaufen, sagte Jaschwin, das finstere Gesicht des
Kameraden musternd. Er hat zwar ein Hngekreuz -- aber seine Fe und
der Kopf -- etwas besseres kann man nicht verlangen!

Ich denke, da ich ihn kaufen werde, antwortete Wronskiy.

Das Gesprch ber die Pferde beschftigte ihn zwar, aber er verga
nicht eine Minute Annas, unwillkrlich dem Klange der Schritte auf dem
Korridor lauschend, und nach der Uhr auf dem Kamin blickend.

Anna Arkadjewna hat befohlen zu melden, da sie ins Theater gefahren
ist.

Jaschwin strzte noch ein Glas Cognac mit Sodawasser hinunter, stand
auf und knpfte sich zu.

Nun, fahren wir? sagte er, fein lchelnd unter dem Schnurrbart, und
mit diesem Lcheln zeigend, da er den Grund der Mistimmung Wronskiys
begreife, derselben aber keine Bedeutung beimesse.

Ich werde nicht mitfahren, versetzte Wronskiy.

Ich aber mu; ich habe es versprochen. Nun denn, auf Wiedersehen.
Kommst du in den Klub? Du kannst Krusinskijs Platz nehmen, sagte er im
Gehen noch.

Nein, ich habe Geschfte.

Mit einem Weibe hat man schon Sorgen, aber mit einer, die nicht unser
Weib ist, ist es noch schlimmer, dachte Jaschwin, das Hotel verlassend.

Wronskiy, allein geblieben, erhob sich vom Stuhle und begann im Zimmer
auf und abzuschreiten.

Was ist denn heute? Das vierte Abonnement. Jegor ist mit seiner Frau
dort und meine Mutter wahrscheinlich. Das heit, ganz Petersburg
ist da. Jetzt kommt sie nun, legt den Pelz ab und tritt in die
Gesellschaft. Tuschkjewitsch, Jaschwin und die Frstin Barbara, malte
er sich aus, und ich? Entweder frchte ich mich, oder ich habe meine
Protektion ber sie an Tuschkjewitsch abgetreten. Wie man die Sache
auch betrachten mag -- sie ist dumm, dumm! -- Aber warum bringt sie
mich nur in diese Lage? sagte er, mit der Hand ausschlagend.

Mit dieser Bewegung traf er den kleinen Tisch, auf welchem das
Selterswasser und eine Caraffe mit Cognac stand und stie ihn fast um.
Er wollte ihn halten, lie ihn aber fallen, und voll Verdru stie er
ihn mit dem Fue um. Er schellte.

Wenn du bei mir dienen willst, sagte er zu dem eintretenden
Kammerdiener, so merke dir deinen Dienst. Da dies nicht wieder
vorkommt! Du hast Ordnung zu machen.

Der Kammerdiener, welcher sich schuldlos fhlte, wollte sich
rechtfertigen, mit einem Blick auf seinen Herrn aber gewahrte er
an dessen Miene, da er hier nur zu schweigen habe, und lie sich,
geschftig zusammengekrmmt, auf den Teppich nieder, auf dem er
die ganz gebliebenen und die zerbrochenen Glser und Flaschen
zusammenzulesen anfing.

Das ist nicht deine Arbeit, geh, der Diener kann das zusammenlesen,
lege mir meinen Frack bereit! --

                   *       *       *       *       *

Wronskiy ging halb neun Uhr ins Theater. Die Vorstellung war in vollem
Gange.

Der Theaterdiener, ein kleiner Alter, nahm Wronskiy den Pelz ab
und begrte ihn, nachdem er ihn wiedererkannt hatte, mit Eure
Durchlaucht; schlug ihm vor, lieber nicht eine Nummer zu nehmen, und
rief einfach Fjodor. In dem hellen Korridor war niemand auer dem
Theaterdiener und zwei Lakaien mit Pelzen auf den Armen, die an der
Thre horchten. Aus einer verschlossenen Thr heraus waren die Klnge
des vorsichtigen Accompagnements des Orchesters in =staccato= hrbar,
sowie die einer weiblichen Stimme, welche ausgezeichnet ein Recitativ
vortrug. Die Thr ffnete sich, den Theaterdiener durchlassend und
der Satz, welcher zu Ende ging, traf klar ans Ohr Wronskiys. Die Thr
schlo sich indessen sofort wieder und Wronskiy hrte das Ende und die
Kadenz nicht mehr, nahm aber an dem drhnenden Beifallsklatschen durch
die Thr heraus wahr, da die Schlukadenz zu Ende sei.

Als er in den hell von Lustres und bronzenen Gasarmen erleuchteten Saal
trat, dauerte der Lrm noch fort. Auf der Scene stand eine Sngerin,
schimmernd in ihren entblten Schultern und ihren Brillanten, sich
verbeugend und lchelnd, und sammelte mit Hilfe ihres Tenors, der
sie an der Hand fhrte, die ungeschickt ber die Rampe geworfenen
Bouquets auf, wobei sie zu einem Herrn, mit einem Scheitel in der Mitte
der pomadeglnzenden Haare, welcher sich mit langen Armen mit einem
Gegenstande ber die Rampe beugte, trat, und das gesamte Publikum im
Parterre wie in den Logen, voller Bewegung, sich vorbeugte, rief und
klatschte.

Der Kapellmeister auf seinem erhhten Platze half bei der bergabe
des Gegenstandes und ordnete dann seine weie Krawatte. Wronskiy trat
in die Mitte des Parterre und begann, stehen bleibend, Umschau zu
halten. Weniger als je, widmete er seine Aufmerksamkeit der bekannten,
gewohnten Umgebung, der Bhne, und diesem Lrm, dieser ganzen,
wohlbekannten, bunten Schar der Zuschauer in dem dichtbesetzten
Theater, die ihn nicht interessierten.

Dieselben gewissen Damen mit den gewissen Offizieren waren da wieder
im Hintergrund der Logen; dieselben buntfarbigen Damen, Gott wei wer
sie waren, und Uniformen und Rcke, der nmliche schmutzige Haufe
auf dem Paradies oben, und in dieser ganzen Masse, in den Logen, dem
ersten Rang befanden sich nur einige vierzig wirkliche Herren und
Damen. Nach dieser Oase richtete sich sogleich Wronskiys Augenmerk und
sogleich war auch er mit ihr in Beziehung getreten.

Der Akt war zu Ende, als er eintrat, und daher schritt er, ohne in die
Loge seines Bruders zu treten, bis zur ersten Reihe, und blieb an der
Rampe bei Serpuchowskoy stehen, welcher, das eine Knie geknickt und
mit dem Absatz gegen die Rampe klappend, ihn schon von weitem erblickt
hatte, und ihn mit einem Lcheln zu sich rief.

Wronskiy hatte Anna noch nicht wahrgenommen; er blickte absichtlich
nicht nach der Seite, auf der sie war, doch sah er schon an der
Richtung der Blicke, wo sie sich befand. Verstohlen blickte er um sich,
suchte sie aber nicht. Das Schlimmste erwartend, suchte er mit den
Augen Aleksey Aleksandrowitsch; doch zu seinem Glck war derselbe fr
diesmal nicht im Theater.

Wie wenig vom Soldaten ist doch an dir geblieben, sagte
Serpuchowskoy. Diplomat, Artist -- das wre so Etwas fr dich.

Ja, ja, als ich nach Haus kam, zog ich den Frack an, sagte Wronskiy
lchelnd, langsam sein Augenglas nehmend.

Ich beneide dich eigentlich, offen gestanden darin. Stets, wenn ich
aus dem Ausland heimkehre, und dies wieder anlege, sagte er, seine
Epauletten berhrend, dann thut es mir leid um die Freiheit.

Serpuchowskoy hatte schon lngst seine Erwartungen bezglich einer
dienstlichen Wirksamkeit Wronskiys aufgegeben, liebte diesen aber noch
wie frher, und war jetzt besonders liebenswrdig gegen ihn.

Schade, da du dich zu dem ersten Akte versptet hast.

Wronskiy, der nur mit halbem Ohr zuhrte, lie sein Glas ber die
Bel-Etage gleiten und musterte die Logen. Neben einer Dame im Turban
und einem kahlkpfigen Alten, der zornig in dem Glase des auf ihn
gerichteten Krimstechers blinzelte, erblickte Wronskiy pltzlich
den Kopf Annas, stolz, frappierend in seiner Schnheit, lchelnd in
der Umrahmung der Spitzen. Sie sa nur zwanzig Schritte von ihm von
vorn, und sprach, leicht gewendet, zu Jaschwin etwas. Die Haltung
ihres Kopfes auf den schnen breiten Schultern und der verhalten
herausfordernde Glanz ihrer Augen und ihres ganzen Antlitzes erinnerte
ihn ganz an sie, wie er sie ebenso auf dem Balle in Moskau erblickt
hatte. Jetzt aber empfand er diese Schnheit ganz anders. In seinem
Gefhl fr sie lag nichts Geheimnisvolles mehr, und daher zog ihn zwar
ihre Schnheit selbst strker noch als frher an, zugleich damit aber
bereitete sie ihm jetzt auch Schmerz. Sie schaute nicht in der Richtung
nach ihm, aber Wronskiy fhlte, da Anna ihn schon gesehen hatte.

Als Wronskiy das Glas abermals nach jener Richtung bewegte, bemerkte
er, da die unverheiratete Frstin Barbara auffallend rot aussah,
unnatrlich lachte und unaufhrlich nach der Nachbarloge blickte. Anna
hingegen, die den Fcher zusammengelegt hatte und mit ihm auf den roten
Sammet klopfte, schaute in unbestimmter Richtung, und sah nicht, oder
wollte offenbar nicht sehen, was in der Nachbarloge vorging. Auf dem
Gesicht Jaschwins lag jener Ausdruck, den es annahm, wenn er verspielt
hatte. Mrrisch nahm er tiefer und tiefer seinen linken Schnurrbart in
den Mund und schielte nach der gleichen Nachbarloge hinber.

In dieser, ihnen zur Linken, befanden sich die Kartasoff. Wronskiy
kannte sie, und wute auch, da Anna mit ihnen bekannt war. Die
Kartasowa, ein mageres, kleines Weib, stand in ihrer Loge, und
warf, mit dem Rcken gegen Anna gewandt, einen ihr von ihrem Gatten
gereichten berwurf um. Ihr Gesicht sah bla und bse aus und sie
sprach in erregtem Tone. Kartasoff, ein dicker, kahlkpfiger Herr,
schaute Anna fortwhrend an und bemhte sich dabei, seine Frau zu
besnftigen. Nachdem diese gegangen war, zgerte er noch lange, suchte
mit seinen Augen den Blick Annas und wollte sie offenbar gren.
Anna jedoch, die ihn offenbar absichtlich nicht bemerkte, hatte sich
rckwrts gewandt und sprach zu Jaschwin, der sich zu ihr mit seinem
frisierten Kopfe herniederbeugte. Kartasoff ging, ohne gren zu
knnen, und die Loge stand leer.

Wronskiy erkannte nicht, was zwischen den Kartasoff und Anna
vorgefallen sei, aber er begriff, da etwas fr Anna Erniedrigendes
geschehen war.

Er erkannte dies schon an dem, was er wahrnahm, und vor allem an dem
Gesicht Annas, die -- er wute es -- ihre letzten Krfte zusammennahm,
um die einmal bernommene Rolle zu Ende zu fhren. Diese Rolle, die
uerlich Ruhige zu spielen, gelang ihr vollstndig. Wer sie und
ihre Kreise nicht kannte, nicht alle die uerungen des Bedauerns,
des Unwillens und der Verwunderung seitens der Frauen darber hrte,
da sie sich erlaubt hatte, in der Welt zu erscheinen und sich mit
ihrem Spitzenschmuck und ihrer Schnheit so bemerkbar zu machen, die
bewunderten die Ruhe und Schnheit dieser Frau und ahnten nicht,
da sie die Empfindungen eines Menschen in sich trug, der an den
Schandpfahl gestellt ist.

In der Gewiheit, da Etwas vorgefallen sei, aber ohne zu wissen
was, fhlte Wronskiy eine qulende Unruhe und begab sich, in der
Hoffnung, etwas darber erfahren zu knnen, nach der Loge seines
Bruders. Absichtlich einen der Loge Annas gegenberliegenden Gang
im Parterre whlend, stie er im Hinausgehen mit seinem frheren
Regimentskommandeur, der mit zwei Bekannten sprach, zusammen. Wronskiy
hrte, da der Name der Karenin genannt wurde, und bemerkte, wie der
Regimentskommandeur sich beeilte, laut den Namen Wronskiys zu nennen,
indem er die Sprechenden anblickte.

Ah, Wronskiy! Wann kommst du denn einmal zum Regiment? Wir knnen dich
nicht ohne ein Fest fortlassen. Du bist unser Stammhalter, sagte der
Regimentskommandeur.

Es thut mir sehr leid, ein ander Mal, sagte Wronskiy und eilte die
Treppe hinauf in die Loge seines Bruders.

Die alte Grfin, die Mutter Wronskiys, mit ihren stahlblauen Haarlocken
befand sich in derselben. Warja und die Frstin Sorokina begegneten
ihm auf dem Korridor der Bel-Etage.

Nachdem Warja die Frstin Sorokina zu ihrer Mutter gefhrt hatte,
reichte sie ihrem Schwager die Hand, und begann dann sogleich mit ihm
ber das zu sprechen, was ihn interessierte. Sie war so aufgeregt, wie
er sie nur selten gesehen hatte.

Ich finde, da dies niedrig und gemein ist, und Madame Kartasowa dazu
nicht das geringste Recht hatte. Madame Kartasowa -- begann sie.

Aber was ist denn? Ich wei gar nicht --

Wie, du hast nicht gehrt?

Du hrst wohl, da ich der Letzte bin, der also davon erfhrt.

Giebt es wohl ein schlechteres Geschpf, als diese Kartasowa.

Aber was hat sie denn gethan?

Mir hat es mein Mann erzhlt -- sie hat die Karenina beleidigt.
Ihr Mann hatte mit dieser ber die Loge hinber gesprochen, und die
Kartasowa ihm darauf eine Scene gemacht. Sie hat, wie er mir erzhlt,
sich laut in krnkender Weise ausgesprochen und ist dann gegangen.

Graf, Mama lt Euch rufen, sagte die Frstin Sorokina, aus der Thr
der Loge blickend.

Ich warte schon lange auf dich, sprach die Mutter zu ihm, sarkastisch
lchelnd. Man sieht dich ja gar nicht mehr.

Der Sohn erkannte, da sie ein Lcheln der Freude nicht unterdrcken
konnte.

Guten Tag, =Maman=; ich kam eben zu Euch, sagte er khl.

Warum gehst du denn nicht, =faire la cour  madame Karnine=? fgte
sie hinzu, als die Frstin Sorokina weggetreten war. =Elle fait
sensation. On oublie la Patti pour elle=. --

=Maman=, ich bat Euch, nur nicht hiervon zu sprechen, antwortete er
sich verfinsternd.

Ich spreche nur das, was alle sprechen.

Wronskiy erwiderte nichts, und ging wieder, nachdem er der Frstin
Sorokina noch einige Worte gesagt hatte. In der Thr begegnete er
seinem Bruder.

Ah, Aleksey, sagte dieser. Welche Niedrigkeit! Diese Nrrin --
weiter ist sie nichts! Ich wollte soeben zu ihr gehen. Komm, wir gehen
zusammen. --

Wronskiy hrte ihn nicht. Mit schnellen Schritten stieg er hinunter; er
empfand, da er etwas thun msse, wute aber nicht, was. Sein Verdru
ber Anna, da sie sich und ihn in eine so schiefe Lage gebracht hatte,
doch auch das Mitleid mit ihr wegen ihrer Leiden, versetzten ihn in
Aufregung. Er ging hinunter ins Parterre und schritt geradenwegs auf
den Platz Annas zu. Neben diesem stand Stremoff, der sich mit ihr
unterhielt.

Tenre giebt es eben nicht mehr. =Le moule en est bris=!

Wronskiy verneigte sich vor ihr und blieb stehen, Stremoff begrend.

Ihr scheint spt gekommen zu sein und die besten Arien nicht gehrt
zu haben, sagte Anna zu Wronskiy, ihn spttisch anblickend, wie ihm
schien.

Ich bin ein schlechter Kritiker, antwortete er, streng auf sie
schauend.

Wie der Frst Jaschwin, sagte sie lchelnd, welcher findet, da die
Patti zu laut singt. Ich danke Euch, mit der kleinen Hand im hohen
Handschuh einen von Wronskiy aufgehobenen Theaterzettel nehmend; und
pltzlich, in diesem Augenblick, erbebten ihre schnen Zge. Sie stand
auf und begab sich in die Tiefe der Loge.

Als Wronskiy bemerkt hatte, da im folgenden Akt ihre Loge leer
war, ging er, whrend sich in dem bei den Tnen einer Kavatine
stillgewordenen Theater ein Zischeln erhob, aus dem Parterre und fuhr
heim.

Anna war schon zu Haus. Als Wronskiy bei ihr eintrat, befand sie sich
noch in der Toilette, in welcher sie im Theater gewesen war. Sie sa
auf dem nchsten an der Wand stehenden Lehnstuhl und starrte vor sich
hin. Sie blickte ihn an und nahm dann ihre frhere Stellung wieder ein.

Anna! sagte er.

Du, du bist schuld an allem! rief sie unter Thrnen der Verzweiflung
und der Wut in der Stimme, und erhob sich.

Ich habe dich gebeten, dich beschworen, nicht zu fahren; ich habe
gewut, da es dir unangenehm werden wrde --

Unangenehm! rief sie, -- entsetzlich! So lange ich lebe, werde ich
dies nicht vergessen! -- Sie hat gesagt, es sei entehrend, neben mir
sitzen zu mssen! --

Die Worte eines thrichten Weibes, sagte er, aber wozu mutest du
dazu herausfordern?

Ich hasse deine Ruhe! Du durftest mich nicht so weit bringen. Wenn du
mich geliebt httest --

Anna! Wozu hier eine Frage nach meiner Liebe --

Ja, wenn du mich liebtest, wie ich dich liebe, wenn du dich
martertest, wie ich mich martere -- sprach sie, mit dem Ausdruck des
Entsetzens auf ihn blickend.

Es that ihm wehe um sie, und dennoch empfand er auch Verdru. Er
versicherte sie seiner Liebe, weil er sah, da nur dies allein sie
jetzt beruhigen konnte, und machte ihr keine Vorwrfe mit Worten; wohl
aber tadelte er sie in seinem Innern.

Und jene Versicherungen der Liebe, die ihm so niedrig erschienen, da
es ihm schwer ankam, sie auszusprechen, sog sie in sich ein und wurde
etwas ruhiger. Am andern Tage fuhren beide, vollstndig ausgeshnt, auf
das Land.




                             Sechster Teil.

                                   1.


Darja Aleksandrowna verbrachte den Sommer mit den Kindern in
Pokrowskoje bei ihrer Schwester Kity Lewina.

Auf ihrem Gute war das Wohnhaus gnzlich in Verfall geraten, und
Lewin mit seiner Gattin hatten ihr zugeredet, den Sommer bei ihnen
zuzubringen.

Stefan Arkadjewitsch billigte dieses Arrangement sehr; er drckte sein
Bedauern darber aus, da der Dienst ihn verhindere, den Sommer mit der
Familie zusammen auf dem Dorfe zu verleben, was fr ihn das hchste
Glck bilde, und kam, in Moskau bleibend, nur selten fr einen Tag oder
fr zwei auf das Land.

Auer den Oblonskiys mit all ihren Kindern und der Gouvernante war bei
Lewins whrend dieses Sommers noch die alte Frstin, welche es fr
ihre Pflicht hielt, ihre unerfahrene Tochter im Auge zu behalten, die
sich in gewissen Umstnden befand. Weiterhin hatte auch Warenka, die
Freundin Kitys, von dem Aufenthalt im Auslande her ihr Versprechen
erfllt, zu Kity zu kommen, wenn diese verheiratet sein wrde, und war
jetzt bei ihrer Freundin zu Besuch.

Alles waren Verwandte und Freunde der Frau Lewins, aber obgleich
dieser sie alle lieb hatte, war es ihm doch einigermaen leid um seine
Lewinsche Welt und die Ordnung, welche durch diese berschwemmung
mit dem Schtscherbazkischen Element, verschlungen worden war, wie er
sich selbst sagte. Von Verwandten seiner Linie weilte in diesem Sommer
nur Sergey Iwanowitsch zu Besuch da, und auch dieser war kein Mensch
von Lewins, sondern von Koznyscheffschem Schlag, so da Lewins geistige
Sphre vollstndig unterdrckt war.

In Lewins so lange verdet gewesenem Hause befanden sich jetzt so
viel Menschen, da fast alle Rume besetzt waren, und fast jeden Tag
kam es vor, da die alte Frstin, wenn sie bei Tische sitzend alles
berzhlte, den dreizehnten, Enkel oder Enkelin, an einen besonderen
kleinen Tisch setzen mute. Auch fr Kity, die sich sorgsam mit der
Hauswirtschaft befate, gab es nicht wenig Sorge um die Beschaffung der
Hhner, Kapaunen und Enten, welche bei dem Sommerappetit der Gste und
der Kinder zahlreich verbraucht wurden.

Die ganze Familie sa bei Tische. Die Kinder Dollys machten mit der
Gouvernante und Warenka Plne, wohin sie Pilze suchen gehen wollten.
Sergey Iwanowitsch, welcher im Kreise smtlicher Gste einen Respekt
vor seinem Geist und seiner Gelehrsamkeit geno, der fast bis zur
Verehrung ging, sah alles in die Unterhaltung von den Pilzen vertieft.

Aber mich nehmt Ihr doch auch mit Euch. Ich gehe sehr gern Pilze
suchen, sagte er, Warenka anblickend, und finde, da das ein sehr
hbscher Zeitvertreib ist.

Nun, wir werden uns sehr freuen, antwortete Warenka errtend. Kity
wechselte einen bedeutungsvollen Blick mit Dolly. Der Vorschlag des
gelehrten und geistreichen Sergey Iwanowitsch, mit Warenka Pilze
suchen zu wollen, sttzte gewisse Vermutungen in Kity, welche diese in
jngster Zeit lebhaft beschftigt hatten. Schnell begann sie mit ihrer
Mutter zu sprechen, damit ihr Blick nicht bemerkt werden mchte.

Nach Tisch setzte sich Sergey Iwanowitsch mit seiner Tasse Mokka an das
Fenster im Salon, ein mit dem Bruder begonnenes Gesprch fortsetzend
und dabei nach der Thr blickend, zu welcher die Kinder hinausgehen
muten, die sich fertig machten, in die Pilze zu gehen.

Lewin sa auf dem Fenster bei seinem Bruder, Kity stand neben ihrem
Manne, sichtlich auf das Ende des fr sie nicht interessanten Gesprchs
wartend, um ihm etwas mitzuteilen.

Du hast dich sehr verndert, seit du verheiratet bist, und zwar
zu deinem Vorteil, sagte Sergey Iwanowitsch, Kity zulchelnd und
augenscheinlich von der Unterhaltung wenig interessiert, aber du bist
deiner Leidenschaft, die paradoxesten Themen zu verteidigen, getreu
geblieben.

Katja, es ist fr dich nicht gut, zu stehen, sagte der Gatte zu ihr,
einen Stuhl heranschiebend und sie bedeutungsvoll anschauend.

Ah; ich habe brigens gar keine Zeit mehr, fgte Sergey Iwanowitsch
hinzu, die hinauseilenden Kinder erblickend.

Allen voran, von seitwrts im Galopp mit den drallsitzenden
Strmpfchen, ein Krbchen und den Hut Sergey Iwanowitschs schwingend,
kam Tanja gerade auf letzteren zugeeilt. Frohmutig auf ihn zueilend mit
leuchtenden Augen, die in ihrer Schnheit denen des Vaters so hnlich
waren, reichte sie Sergey Iwanowitsch den Hut und that, als wolle
sie ihm denselben aufsetzen, mit schchternem, sanftem Lcheln ihre
Ungebundenheit zgelnd.

Warenka wartet schon, sagte sie, ihm den Hut behutsam aufsetzend,
nachdem sie an dem Lcheln Sergey Iwanowitschs erkannt hatte, da sie
dies drfe.

Warenka stand in der Thr, in einem gelben Kattunkleid, um den Kopf ein
weies Tuch geschlungen.

Ich komme schon, ich komme, Barbara Andrejewna, sagte Sergey
Iwanowitsch, seine Tasse Mokka leerend und ein Schnupftuch nebst dem
Cigarrenetuis in seinen Taschen verteilend.

Wie reizend ist doch meine Warenka, nicht wahr? sagte Kity zu ihrem
Manne, sobald Sergey Iwanowitsch aufgestanden war. Sie sagte dies so,
da Sergey Iwanowitsch sie vernehmen konnte, woran ihr offenbar gelegen
war. Und wie schn sie ist, wie edel schn! Warenka! rief Kity. Ihr
werdet wohl im Mhlenholz sein? Wir kommen zu Euch hin!

Du vergit doch entschieden deinen Zustand Kity, bemerkte die alte
Frstin, schnell zur Thr herauskommend, du darfst nicht so schreien.

Warenka, welche die Stimme Kitys sowie die uerung der Mutter
vernommen hatte, kam leichten Schrittes zu Kity geeilt. Die
Schnelligkeit ihrer Bewegungen, die Farbe, welche ihr munteres
Gesicht bedeckte -- alles das bewies, da in ihr etwas Ungewhnliches
vorging. Kity wute, was dieses Ungewhnliche war, und beobachtete
sie aufmerksam. Sie hatte jetzt Warenka nur gerufen, um ihr fr ein
wichtiges Ereignis, welches sich nach ihrer Erwgung heute, nach Tische
im Walde vollziehen mute, innerlich Segen zu wnschen.

Warenka, ich wrde sehr glcklich, wenn sich etwas ereignen sollte,
sagte Kity flsternd und sie kssend.

Ihr werdet aber mit uns kommen? sagte Warenka in Verwirrung geratend,
zu Lewin, und gab sich den Anschein, als habe sie gar nicht gehrt, was
zu ihr gesagt worden war.

Ich werde kommen, doch nur bis zur Tenne, und dort werde ich bleiben.

Was hast du denn vor? sagte Kity.

Ich mu die neuen Fuhren inspizieren und nachzhlen, antwortete
Lewin, doch wo wirst du bleiben?

Auf der Terrasse.


                                   2.

Auf der Terrasse hatte sich die ganze weibliche Gesellschaft
versammelt. Die Damen liebten es, berhaupt dort nach Tische zu sitzen,
aber heute gab es da sogar etwas zu thun. Auer dem Nhen und Sticken,
womit sich alle beschftigten, wurde heute Eingemachtes nach einer
fr Agathe Michailowna ganz neuen Methode -- ohne Zugu von Wasser --
zubereitet.

Kity hatte diese neue Methode, welche bei ihr zu Haus in Gebrauch
war, eingefhrt. Agathe Michailowna, welcher frher dieses Geschft
anvertraut gewesen war, hatte in der Ansicht, da das, was im Haus
der Lewin gemacht wurde, doch nicht schlecht sein knne, gleichwohl
ihr Wasser ber die Wald- und Gartenerdbeeren mit der Versicherung
gegossen, da es unmglich anders sein knne, aber sie wurde in ihrer
Meinung berfhrt, und jetzt brodelte vor aller Augen die Himbeere, und
Agathe Michailowna mute sich berzeugt sehen, da auch ohne Wasser das
Eingemachte gut werde.

Agathe Michailowna mit erhitztem, erbittertem Gesicht, wirren Haaren,
und bis an den Ellbogen entblten, hageren Armen schwenkte die
Schssel im Kreise ber dem Feuerbecken und blickte grollend auf die
Beeren, aus Seelengrunde wnschend, sie mchten nicht gar werden.

Die Frstin, welche merkte, da auf sie, als die hauptschlichste
Ratgeberin bei der Zubereitung der Beeren, der Zorn Agathe Michailownas
gerichtet sein msse, bemhte sich, den Anschein zu wahren, als sei sie
mit ganz anderen Dingen beschftigt, und interessiere sich gar nicht
fr die Himbeeren; sie sprach von Nebenschlichem, schaute aber immer
dabei seitwrts nach dem Kohlenbecken.

Ich kaufe den Mdchen stets Kleider, sagte die Frstin, ein
begonnenes Gesprch fortsetzend -- wollen wir jetzt nicht den Schaum
abnehmen, Liebe? -- fgte sie aber hinzu, sich an Agathe Michailowna
wendend. Das brauchst du durchaus nicht selbst zu thun, es ist hei,
hielt Kity diese dabei zurck.

Ich werde es thun, sagte Dolly, stand auf und begann behutsam den
Lffel ber den schumenden Zucker zu fhren; bisweilen damit, um
von ihm das daran haften Gebliebene zu entfernen, auf einen Teller
klopfend, der bereits von mischfarbigem, gelbrotem Schaum und flssigem
blutrotem Syrup bedeckt war. Wie sie das schlecken werden zum Thee,
gedachte sie dabei ihrer Kinder und rief sich ins Gedchtnis zurck,
wie sie selbst, als sie noch ein Kind gewesen, sich schon immer
verwundert hatte, da die Erwachsenen nicht gerade das Beste en --
nmlich den Schaum -- Stefan sagt, es sei bei weitem besser, Geld
zu geben, sagte Dolly dabei, das begonnene, interessante Gesprch
darber, wie man die Dienstleute beschenken solle, fortsetzend,
allein --

So viel es mglich ist, Geld, sagten wie mit einer Stimme die Frstin
und Kity. Sie schtzen das.

Nun, ich habe beispielsweise im vergangenen Jahre unserer Matrjona
Ssemjonowna ein Kleid gekauft, sprach die Frstin.

Ich besinne mich, zu Eurem Geburtstage ging sie darin.

Ein reizendes Muster -- so einfach und fein. Ich htte es mir selbst
machen lassen, wenn es nicht ihr gehrt htte; -- so, wie das von
Warenka war es. So hbsch und billig.

Jetzt scheint es fertig zu sein, sagte Dolly, den Syrup vom Lffel
laufen lassend.

Wenn Kringel werden, ist es gut. Kocht noch weiter, Agathe
Michailowna.

Diese Fliegen, antwortete Agathe Michailowna gereizt.

O, wie niedlich, verjagt ihn nicht! sprach Kity pltzlich, auf einen
Spatz blickend, der sich auf dem Gelnder niedergesetzt hatte und das
Mark einer Himbeere zu picken begann.

Ja, aber du mut etwas weiter vom Kohlenbecken weg, sprach die Mutter.

=A propos de Warenka=, begann Kity franzsisch, wie sie stets
sprachen, damit Agathe Michailowna sie nicht verstehe. Ihr wit,
=maman=, da ich heute aus gewissen Grnden eine Entscheidung erwarte.
Ihr versteht wohl, welche. Wie schn wre das!

Ah, welch meisterhafte Freibewerberin du bist, sprach Dolly, wie sie
behutsam und geschickt die Leute zusammenfhrt.

Nun, =maman=, sagt doch, was Ihr dazu meint!

Was soll ich meinen? Er -- unter dem Er verstand man Sergey
Iwanowitsch -- konnte stets die erste Partie in Ruland machen, er ist
zwar jetzt nicht mehr so jung, aber gleichwohl, ich wei es, wrden ihn
auch jetzt noch viele Frauen nehmen. Sie ist sehr gut, aber er knnte
doch --

Nein, seht nur erst ein, =maman=, warum etwas Besseres fr ihn, wie
fr sie nicht zu denken ist. Erstens -- sie ist eine Schnheit! sprach
Kity, einen Finger ausstreckend.

Sie gefllt ihm sehr, das ist wahr, besttigte Dolly.

Dann nimmt er eine solche Stellung in der Welt ein, da ihm ein
Vermgen, ein Stand in der Welt fr seine Frau ganz und gar nicht
erforderlich ist. Ihm ist Eins nur ntig -- ein gutes, liebevolles
ruhiges Weib.

Jawohl, und mit ihr kann man ruhig leben, besttigte Dolly.

Drittens; sie mu ihn lieben! So ist es ja auch -- und soweit wre
alles ganz gut. Ich erwarte, da sie aus dem Walde kommen und alles
entschieden ist. Ich werde es sogleich an ihren Augen erkennen; und
wrde mich so sehr freuen! Wie denkst du darber, Dolly?

Rege dich nur nicht auf. Du darfst dich durchaus nicht erregen, sagte
die Mutter.

Aber ich rege mich ja gar nicht auf, =maman=; mir scheint nur, da er
heute seinen Antrag machen wird.

Ach; es ist so seltsam, wenn ein Mann eine Liebeserklrung macht. Erst
ist so eine Scheidewand vorhanden, und pltzlich ist sie durchbrochen,
sagte Dolly, gedankenvoll lchelnd und sich an die Vergangenheit mit
Stefan Arkadjewitsch erinnernd.

Mama, wie hat Euch denn Papa seine Liebeserklrung gemacht? frug Kity
pltzlich.

Es war nichts Auergewhnliches dabei, sehr einfach, antwortete die
Frstin, aber ihr ganzes Gesicht erglnzte bei dieser Erinnerung.

Nun, wie denn? Ihr habt ihn doch geliebt, bevor Euch noch erlaubt war,
mit ihm zu sprechen.

Kity fand einen eigenen Reiz darin, mit ihrer Mutter jetzt wie mit
einer Gleichgestellten ber diese hchsten Fragen des Frauenlebens
sprechen zu knnen.

Versteht sich, liebte er mich! Er kam zu uns auf das Land.

Aber wie entschied es sich? Mama?

Du denkst wahrscheinlich, da ihr beide euch etwas Neues ausgedacht
httet? Es war ganz dieselbe Geschichte; mit Blicken und Lcheln --

Wie Ihr das so schn ausgesprochen habt, =maman=! Ja, die Augen, das
Lcheln, besttigte Dolly.

Aber welche Worte sprach er denn?

Was fr Worte hat dir dein Konstantin gesagt?

Er schrieb sie mit Kreide. Es war wunderbar. Wie weit scheint mir dies
schon dahinten zu liegen, antwortete Kity.

Die drei Frauen sannen jetzt ber ein und dasselbe nach. Kity brach
zuerst wieder das Schweigen. Der ganze letzte Winter vor ihrer
Verheiratung, ihre Leidenschaft fr Wronskiy kam ihr wieder ins
Gedchtnis.

Aber noch Eins -- jene frhere Leidenschaft Warenkas, sagte sie,
in einem natrlichen Gedankengang sich dessen erinnernd. Ich wollte
Sergey Iwanowitsch schon irgendwie Mitteilung machen, ihn vorbereiten.
Sie sind ja alle Mnner, fgte sie hinzu, und entsetzlich
eiferschtig auf unsere Vergangenheit.

Nicht alle, antwortete Dolly, du urteilst so nach deinem Manne; der
martert sich noch jetzt ab in der Erinnerung an Wronskiy. Nicht wahr?
Habe ich nicht recht?

Du hast recht, antwortete Kity, gedankenvoll mit den Augen lchelnd.

Ich wei nun nicht, fuhr die Frstin fort, ihre mtterliche Obhut
fr die Tochter wieder bernehmend, was eigentlich in deiner
Vergangenheit ihn stren knnte? Da Wronskiy dir den Hof machte? Das
passiert jedem jungen Mdchen.

Ach, sprechen wir nicht davon, sagte Kity errtend.

Nein, gestatte, fuhr die Mutter fort, du selbst wolltest mir ja
nicht gestatten, mit Wronskiy Rcksprache zu nehmen. Weit du noch?

Ach, Mama! sagte Kity mit einem Ausdruck von Leiden.

Deine Beziehungen zu ihm konnten ja nicht weitergehen als sie durften;
ich selbst wrde ihn noch ermutigt haben. Doch im brigen, liebe Seele,
taugt es nicht fr dich, wenn du dich erregst. Denke, bitte, hieran,
und beruhige dich.

Ich bin vollkommen ruhig, =maman=.

Wie war es doch zum Glck damals fr Kity, da Anna kam, sagte
Dolly, und wie verhngnisvoll wurde das fr sie selbst. Da haben wir
es gerade umgekehrt, fgte sie hinzu, betroffen ber ihren eigenen
Gedanken. Damals war Anna so glcklich und Kity hielt sich fr
unglcklich. Welch ein vlliger Umschlag! Ich denke oft an sie.

Das wre das Weib, an welches man denken drfte! Ein hliches,
ausschweifendes Weib ohne Herz, sprach die Mutter, welche nicht
vergessen konnte, da Kity nicht einen Wronskiy, sondern einen Lewin
geheiratet hatte.

Was ist es fr ein Vergngen, hiervon zu sprechen, fuhr Kity voll
Verdru fort, ich denke nicht daran und will nicht daran denken. Ich
will nicht daran denken, sprach sie, dabei dem wohlbekannten Klang der
Schritte ihres Mannes auf den Stufen zur Terrasse lauschend.

Wovon ist denn die Rede >ich will nicht daran denken?< frug Lewin,
die Terrasse betretend.

Niemand antwortete ihm, und er wiederholte seine Frage nicht.

Ich bedaure, euer Frauenreich gestrt zu haben, sprach er,
mivergngt alle anblickend und wohl gewahrend, da man ber etwas
gesprochen hatte, wovon man in seiner Gegenwart nicht geredet haben
wrde.

Einen Augenblick empfand er, da er die Gefhle Agathe Michailownas
teile, die Unzufriedenheit darber, da man die Himbeeren ohne Wasser
einkoche, und ber den fremdartigen Einflu der Schtscherbazkiy. Er
lchelte aber doch und trat zu Kity.

Nun, wie befindest du dich? frug er sie, mit dem gleichen Ausdruck
auf sie blickend, mit welchem sich ihr jetzt alle zuwandten.

Oh; ich befinde mich recht wohl, sagte Kity lchelnd, und wie geht
es bei dir?

Man fhrt dreimal mehr, als der Wagen aushlt. Aber wollen wir zu den
Kindern hinausfahren? Ich habe anspannen lassen.

Wie, willst du Kity im Wagen ausfahren? frug die Mutter vorwurfsvoll.

Wir fahren natrlich Schritt, Frstin.

Lewin nannte die Frstin nie =maman=, wie das sonst Schwiegershne
thun, und dies war der Frstin unangenehm, aber wenn er die Frstin
auch sehr lieb hatte und achtete, konnte er sie doch nicht so nennen,
ohne die Empfindungen fr seine dahingeschiedene Mutter zu entweihen.

Fahret mit uns, =maman=, sagte Kity.

Ich will diese Unberlegtheit nicht mit ansehen.

Dann gehe ich zu Fu. Ich befinde mich ja ganz wohl. Kity erhob sich,
trat zu ihrem Gatten und nahm dessen Arm.

Ganz wohl, aber alles mit Maen -- bemerkte die Frstin.

Nun, Agathe Michailowna, ist das Eingemachte fertig? sagte Lewin
lchelnd zu Agathe Michailowna, mit dem Wunsche sie heiter zu stimmen.
Geht es gut nach der neuen Mode?

Mu wohl; es geht gut. Nach meiner Meinung ist es fertig.

Es ist besser so, Agathe Michailowna; das Eingemachte wird nicht sauer
und bei uns ist das Eis jetzt ohnehin schon gethaut, so da es keinen
Platz zum Aufbewahren giebt, sagte Kity, sogleich die Absicht ihres
Mannes durchschauend und sich in der nmlichen Absicht an die Alte
wendend. brigens ist Euer Pkel so gut, da Mama behauptet, ihn noch
nirgends so gegessen zu haben, fgte sie hinzu, sich lchelnd einen
Zopf ordnend.

Agathe Michailowna blickte grollend Kity an.

Ihr braucht mich nicht zu trsten, Herrin; ich beurteile Euch, wie er,
und befinde mich wohl dabei -- sprach sie; der rauhe Ausdruck er
statt der Herr verletzte Kity.

Wir wollen zusammen nach Pilzen gehen, Ihr knnt uns die Pltze
zeigen. Agathe Michailowna lchelte kopfschttelnd, als wollte sie
sagen wenn ich Euch auch gern gram sein mchte, so kann ich es doch
nicht.

Handelt, bitte, nach meinem Rate, sprach die alte Frstin, ber das
Eingemachte legt Ihr ein Papier und feuchtet es mit Rum an; auch ohne
Eis wird alsdann niemals ein Kahm darauf kommen.


                                   3.

Kity war herzlich froh ber die Gelegenheit, mit ihrem Gatten einmal
Auge in Auge allein sein zu knnen, da sie bemerkt hatte, wie ein
Schatten der Verstimmung ber sein Alles so lebhaft ausdrckendes
Gesicht huschte, im Augenblicke da er die Terrasse betreten und man
ihm, als er gefragt hatte, wovon man spreche, nicht antwortete.

Als sie zu Fu den anderen vorausgingen und auer Sehweite des Hauses
den ausgefahrenen, staubigen und mit Kornhren und Krnern berstreuten
Weg hinausschritten, sttzte sie sich fester auf seinen Arm und prete
denselben an sich.

Er hatte jenen momentanen, unangenehmen Eindruck bereits vergessen,
und empfand, in der Einsamkeit mit ihr, jetzt, da ihn der Gedanke an
ihre Schwangerschaft keinen Augenblick verlie, jene ihm noch neue,
freudige, vollkommen von Sinnenlust freie Befriedigung in der Nhe des
geliebten Weibes.

Zu sprechen war nichts, aber ihn verlangte es, den Ton ihrer Stimme zu
hren, die sich ebenso wie ihr Blick, jetzt in ihrer Schwangerschaft
verndert hatte. In ihrer Stimme wie in ihrem Blicke war eine
Weichheit, ein Ernst, hnlich jener, die bei Leuten vorhanden zu sein
pflegt, die bestndig auf ein einzelnes geliebtes Werk konzentriert
sind.

Du wirst doch nicht mde werden? Sttze dich fester, sagte er.

Nein, ich bin so froh ber die Gelegenheit, mit dir einmal allein zu
sein, und gestehe dir, da mir, so wohl mir auch in ihrer Gesellschaft
ist, doch unsere Winterabende zu Zweien recht leid thun.

Es war schn, doch dies ist noch besser. Wir beide sind besser daran,
sagte er, ihren Arm drckend.

Du weit, wovon wir sprachen, als du eintratest?

Von dem Eingemachten?

Ja, auch von dem Eingemachten, dann aber davon, wie man einen
Heiratsantrag macht.

Ah, sagte Lewin, mehr den Klang ihrer Stimme hrend, als die Worte
die sie sprach, und fortwhrend auf den Weg Bedacht nehmend, der jetzt
im Walde hinfhrte und diejenigen Stellen vermeidend, die sie nicht
sicher htte betreten knnen.

Auch von Sergey Iwanowitsch und Warenka. Du hast wohl bemerkt? -- Ich
wnschte es sehr, fuhr sie fort, wie denkst du darber? Sie blickte
ihm ins Gesicht.

Ich wei nicht, was man da denken mu, antwortete Lewin und lchelte.
Sergey erscheint mir in dieser Beziehung sehr seltsam. Ich habe dir
wohl erzhlt --

Da er jenes Mdchen, welches gestorben ist, geliebt hatte --

Das war der Fall, als ich noch ein Kind war. Ich kenne dies nur aus
der berlieferung, kann mich aber noch auf ihn damals besinnen. Er war
wunderbar liebenswert. Seit jener Zeit beobachte ich ihn im Umgang mit
den Frauen; er ist liebenswrdig, manche gefallen ihm auch, aber man
fhlt, da sie fr ihn einfach nur Menschen sind, keine Weiber.

Ja, aber jetzt mit Warenka. Es scheint, da doch etwas --

Kann sein, da dem so ist -- doch mu man ihn eben erst kennen lernen;
er ist ein absonderlicher und wunderlicher Mensch. Er lebt nur ein
geistiges Leben und ist ein Mensch von allzu reinem und erhabenem
Gemt.

Wie? Sollte ihn denn etwa ein solches Verhltnis erniedrigen?

Nein; aber er ist so daran gewhnt, ein einsames Geistesleben zu
fhren, da er sich mit der Wirklichkeit nicht vertragen kann, und
Warenka ist doch immerhin eine Wirklichkeit.

Lewin war jetzt schon gewohnt, seine Gedanken frei auszusprechen, ohne
sich zu bemhen, dieselben dabei in prcise Worte zu kleiden, er wute,
da sein Weib in den Minuten der Liebe, sowie auch jetzt schon aus der
Andeutung verstehen wrde, was er sagen wollte, und Kity verstand ihn
auch.

Ja; aber in ihr ist doch nicht diese Wirklichkeit, wie in mir; ich
verstehe; da er mich wohl niemals htte liebgewinnen knnen; sie
hingegen ist ganz Gemt.

O nein; er liebt dich sehr, und mir ist es stets so angenehm, wenn die
Meinigen dich lieb haben.

Ja; er ist gut gegen mich, aber --

-- nicht so, wie mit dem verstorbenen Nikolay; ihr habt einander
liebgewonnen, vollendete Lewin. Weshalb sollte ich das nicht sagen?
fgte er hinzu, ich mache mir manchmal Vorwrfe, und das hrt erst
damit auf, da man vergit. O, welch ein furchterweckender, und doch
reizvoller Mensch war er! Doch wovon sprachen wir? sagte Lewin,
nachdem er eine Weile geschwiegen hatte.

Du denkst, da er nicht zu lieben vermag, sagte Kity, in ihre Sprache
bersetzend.

Nicht, da er nicht lieben knnte, antwortete Lewin lchelnd, aber
er besitzt nicht die Schwche, die dazu ntig ist -- ich habe ihn stets
beneidet und selbst jetzt, wo ich doch so glcklich bin, beneide ich
ihn noch darum.

Du beneidest ihn, weil er nicht lieben kann?

Ich beneide ihn darum, da er besser ist, als ich, antwortete Lewin
lchelnd. Er lebt nicht fr sich; sein ganzes Leben ist der Pflicht
geweiht, und infolge dessen kann er ruhig und zufrieden sein.

Und du? frug Kity mit schelmischem, liebevollem Lcheln.

Sie konnte nicht im entferntesten den Gedankengang ausdrcken, der sie
lcheln machte; aber das letzte Resultat desselben war dies, da ihr
Gatte, von seinem Bruder entzckt, und sich vor demselben herabsetzend,
nicht mehr aufrichtig blieb.

Kity wute, da diese Heuchelei seinerseits von der Liebe zu dem Bruder
herrhrte, von dem Gefhl seiner Besorgtheit darber, da er allzu
glcklich sei, und insbesondere seinem Wunsche, der ihn nie verlie,
besser zu sein. Sie liebte dies an ihm und lchelte daher.

Und du? Womit bist du unzufrieden? frug sie mit dem nmlichen Lcheln.

Ihr Mitrauen seiner Unzufriedenheit mit sich selbst gegenber,
erfreute ihn und ohne Besinnen forderte er sie heraus, ihm die Ursachen
ihres Mitrauens mitzuteilen.

Ich bin glcklich, aber mit mir nicht zufrieden, sprach er.

So kannst du also unzufrieden sein, wenn du glcklich bist?

Wie soll ich sagen. Ich wnsche in meinem Herzen nichts, als da du
nicht strauchelst; so darf man natrlich nicht springen! brach er das
Gesprch ab, mit einem Vorwurf, weil sie eine zu schnelle Bewegung
gemacht hatte, indem sie ber einen auf dem Fuwege liegenden Ast
weggestiegen war, wenn ich ber mich Betrachtungen anstelle und mich
mit anderen vergleiche, besonders mit meinem Bruder, dann fhle ich,
da ich ein Nichts bin.

Aber inwiefern denn? fuhr Kity noch mit dem nmlichen Lcheln fort,
wirkst du etwa nicht auch fr andere? Und deine Meiereien, deine
konomie, dein Buch?

Nein; ich fhle es namentlich jetzt -- und du bist schuld daran,
sagte er, ihr den Arm pressend, da dem eben nicht so ist. Ich arbeite
nur so leichthin. Wenn ich all dieses Wirken lieben knnte, wie ich
dich liebe -- aber so habe ich die ganze letzte Zeit gearbeitet, wie
nach einer mir aufgegebenen Lektion.

Und was wrdest du da ber Papa sagen, frug Kity; er ist jedenfalls
auch nichts wert, weil er nichts fr das Allgemeine gewirkt hat.

Er? Nein. Aber man mu jene Natrlichkeit, Klarheit, Gte besitzen,
wie dein Vater. Habe ich die etwa? Ich arbeite nicht, ich qule mich
nur, und alles das hast du mir zugefgt! Wrest du nicht gewesen, so
wre auch das da noch nicht, sagte er, mit einem Blick auf ihren
Krper, den sie verstand, so wrde ich alle meine Krfte auf die
Arbeit verwenden; jetzt aber kann ich dies nicht, und darber ist mir
das Herz schwer; ich arbeite wie man eine aufgegebene Lektion lernt,
ich heuchle --

Nun, dann wrdest du dich sogleich mit Sergey Iwanowitsch
ausgewechselt wnschen, sagte Kity. Wrdest wnschen, jene
gemeinntzige Thtigkeit betreiben, und jene aufgegebene Lektion lieben
zu knnen, wie er sie liebt, und weiter nichts?

Natrlich nicht, antwortete Lewin. Im brigen bin ich ja so
glcklich, da ich nichts weiter begreife. Du denkst also, da er ihr
heute schon seinen Antrag machen wird? fgte er nach einer Pause hinzu.

Ich denke, vielleicht aber wird er's auch nicht. Jedenfalls wnsche
ich es aufs Sehnlichste. Da, halt -- sie beugte sich nieder und
pflckte am Rande des Weges eine wilde Kamille ab. Nun zhle: Entweder
erklrt er sich heute, oder er erklrt sich nicht, sprach sie und
reichte ihm die Blume.

Er thut es, er thut es nicht, sagte Lewin, die weien, schmalen
langen Bltter abreiend.

Nein, nein! hemmte ihn Kity jetzt, seine Hand erfassend, nachdem sie
seinen Fingern voll Erregung gefolgt war. Du hast zwei abgerissen!

Nun, dafr kommt dann dieses kleine hier nicht mit in Anrechnung,
antwortete Lewin, ein kurzes, noch nicht entwickeltes Blttchen
abpflckend, doch da hat uns der Wagen erreicht.

Bist du nicht ermdet Kity! rief die Frstin.

Nicht im geringsten!

So setze dich doch in den Wagen, wenn die Pferde ruhig sind, und fahrt
Schritt.

Doch in den Wagen zu steigen, htte keinen Zweck mehr gehabt; man war
schon dem Ziel nahe und alles ging zu Fu weiter.


                                   4.

Warenka mit ihrem weien Tuch auf dem schwarzen Haar, von den Kindern
umringt, und gutherzig und heiter mit ihnen beschftigt, erschien,
augenscheinlich aufgeregt durch die Mglichkeit einer Erklrung mit dem
Manne, welcher ihr gefallen hatte, sehr anziehend.

Sergey Iwanowitsch schritt neben ihr hin und lie nicht nach, ihr
Aufmerksamkeiten zu erweisen. Sie anblickend, rief er sich alle die
freundlichen Worte ins Gedchtnis zurck, die er von ihr vernommen
hatte, alles, was er von ihr Gutes wute, und erkannte dabei immer mehr
und mehr, da das Gefhl, welches er fr sie empfand, ein gewisses
besonderes war, das er schon lange vorher nur einmal gehegt hatte in
seiner ersten Jugend. Das Gefhl der Freude ber ihre Nhe wurde immer
strker, und ging so weit, da er, als er ihr einen von ihm gefundenen
Birkenschwamm auf dnnem Stengel in ihren Korb gab, und die Rte der
freudigen und zugleich ngstlichen Aufregung gewahrte, die ihr Gesicht
berdeckte, selbst in Verwirrung geriet, und ihr schweigend zulchelte,
in einer Weise, die nur zu sprechend war.

Wenn dem so ist, sagte er zu sich, mu ich erwgen und mich
entscheiden, aber mich nicht wie ein Knabe der Verleitung des
Augenblickes hingeben. Ich werde jetzt abgesondert von allen, Pilze
suchen gehen, da sonst meine Ausbeute nicht bemerkenswert ausfallen
wird, sprach er und ging allein vom Rande des Waldes, an welchem
sie auf dem seidenartigen, niedrigen Grase zwischen vereinzelten
alten Birken hingeschritten waren, nach der Mitte des Waldes zu, wo
zwischen den weien Birkenstmmen graue Eschen und dunkle Nubsche
schimmerten. Nachdem er vierzig Schritt abseits gegangen war und einen
in voller Blte rosenrot prangenden Busch erreicht hatte, blieb Sergey
Iwanowitsch stehen, da er wute, da man ihn nicht mehr sehen knne.

Rings um ihn herrschte vollkommene Stille. Nur im Wipfel der Birken,
unter welchen er stand, summten gleich einem Bienenschwarm, ohne zu
verstummen, die Fliegen, und vereinzelt klangen auch die Stimmen
der Kinder bis zu ihm. Pltzlich, unweit des Waldrandes, erklang
die Altstimme Warenkas, die Grischa rief, und ein freudiges Lcheln
trat auf die Zge Sergey Iwanowitschs. Seines Lchelns inne werdend,
schttelte er mibilligend den Kopf ber seinen Zustand, holte das
Cigarrenetuis hervor und begann zu rauchen. Lange gelang es ihm
nicht, das Zndholz an einem Fichtenstamm in Brand zu setzen. Eine
feine Schicht der weien Rinde haftete auf dem Phosphor und das Feuer
erlosch. Endlich brannte eines der Zndhlzer und der duftige Rauch
der Cigarre verbreitete sich wie ein hin und her wallendes, breites
Tischtuch scharfbegrenzt vor- und rckwrts ber dem Busch unter den
herniederhngenden Zweigen der Birke. Mit den Augen den Streifen des
Rauches folgend, ging Sergey Iwanowitsch leisen Schrittes weiter, ber
seine seelische Verfassung nachdenkend.

Warum sollte ich nicht? dachte er. Wre es ein Strohfeuer oder
ein leidenschaftlicher Rausch, fhlte ich nur diese Neigung, diese
wechselseitige Neigung -- ich kann sagen >wechselseitige< -- und fhlte
ich dabei, da sie im Widerspruch mit meiner ganzen Art zu leben --
fhlte ich, da ich in der Hingabe an diese Neigung meinen Beruf, meine
Pflicht verletzte, -- aber dies ist nicht der Fall! Das Einzige, was
ich dagegen sagen kann, ist dies, da ich, als ich Maria verlor, mir
sagte, ich wollte ihrem Angedenken getreu bleiben. Dies Eine nur kann
ich gegen mein Gefhl einwenden; >und das ist wichtig,< sagte Sergey
Iwanowitsch zu sich, zugleich dabei empfindend, da dieser Gedanke
fr ihn persnlich keine Bedeutung weiter habe, als die, da er etwa
in den Augen anderer Leute seine poetische Rolle verdarb. Abgesehen
hiervon, werde ich, soviel ich auch suchen mag, nichts finden, was ich
gegen meine Empfindung einzuwenden htte. Htte ich allein mit meinem
Verstande gewhlt, ich knnte nichts Besseres finden.

So viele Frauen und Mdchen aus seiner Bekanntschaft er sich auch
vergegenwrtigen mochte, er konnte sich keiner Jungfrau erinnern, die
bis zu solchem Grade alle, gerade alle diejenigen Eigenschaften in sich
vereinigte, welche er bei khler Beurteilung einmal in seinem Weibe zu
sehen gewnscht htte.

Sie besa den ganzen Reiz und die Frische der Jugend, war aber kein
Kind mehr, und wenn sie ihn liebte, liebte sie ihn mit Bewutsein, so
wie ein Weib lieben mu. Dies war das Eine.

Ein Zweites lag darin, da sie nicht nur der Weltlichkeit fern stand,
sondern offenbar einen Ekel vor der Welt empfand, sie zugleich aber
doch kannte, und alle die Manieren der Frau aus der guten Gesellschaft
besa, ohne welche fr Sergey Iwanowitsch eine Lebensgefhrtin
undenkbar war.

Ein Drittes bestand darin, da sie religis war; doch nicht wie ein
Kind, religis, ohne sich Rechenschaft davon zu geben, und gut wie
beispielsweise Kity; sondern ihr Leben war auf religisen berzeugungen
begrndet. Selbst bis auf Kleinigkeiten fand Sergey Iwanowitsch in ihr
alles, was er von einer Frau wnschte; sie war arm und stand allein; so
da sie keinen Haufen von Verwandten und deren Einflu mit in das Haus
des Mannes schleppte, so, wie er das bei Kity sah; sie mute vielmehr
ihrem Gatten in allem verpflichtet sein, was er auch immer fr sein
knftiges Familienleben gewnscht htte.

Und dieses Mdchen nun, welches alle jene Eigenschaften in sich
vereinte, liebte ihn. Er war bescheiden, mute dies aber doch
wahrnehmen -- und liebte sie wieder. -- Den einzigen Gegengrund
bildeten seine Jahre. Doch seine Konstitution war dauerhaft, er hatte
noch kein einziges graues Haar, niemand ma ihm vierzig Jahre bei und
er entsann sich, da Warenka gesagt hatte, nur in Ruland hielten sich
die Leute von fnfzig Jahren fr Greise, whrend sich in Frankreich
der fnfzigjhrige Mann =dans la force de l'ge= erachte, ja, der
vierzigjhrige als =un jeune homme=.

Aber was bedeutete die Altersrechnung, da er sich jung an Geist fhlte,
so wie er es vor zwanzig Jahren gewesen? War denn nicht Jugend das
Gefhl, welches er jetzt empfand, da er, auf der anderen Seite wieder
zu dem Rande des Waldes hinaustretend, im hellen Glanz der schrgen
Sonnenstrahlen die grazise Gestalt Warenkas im gelben Kleid und
mit dem Krbchen, leichten Schrittes an dem Stamm einer alten Birke
vorberschreitend erblickte, und der Eindruck dieser Erscheinung
Warenkas in Eins zusammenflo mit dem ihn durch seine Schnheit
frappierenden Anblick des von den schrgen Lichtstrahlen bergossenen,
gelbschimmernden Haferfeldes und des alten fernen Waldes hinter dem
Felde, der, mit Gelb ins Bunte spielend, in blauer Ferne verschwamm?

Sein Herz zog sich zusammen vor Lust, ein Gefhl des Friedens berkam
ihn, und er empfand, da er einen Entschlu gefat hatte.

Warenka, welche sich soeben niedergelassen hatte, um einen Pilz
aufzunehmen, erhob sich mit schneller Bewegung und schaute sich um.
Die Cigarre wegwerfend, begab sich Sergey Iwanowitsch mit schnellen
Schritten auf sie zu.


                                   5.

Barbara Andrejewna, als ich noch sehr jung war, hatte ich mir ein
Ideal vom Weib gebildet, wie ich es einmal lieben wollte und welches
mein Weib nennen zu knnen, ich glcklich sein wrde. Ich habe nun ein
langes Leben gelebt und begegne jetzt zum erstenmal dem, was ich suche,
in Euch. Ich liebe Euch und trage Euch meine Hand an. --

Sergey Iwanowitsch hatte dies zu sich selbst gesagt, whrend er noch
zehn Schritte von Warenka entfernt war. Auf den Knieen liegend, und mit
den Hnden einen Pilz vor Grischa schtzend, rief sie die kleine Mascha.

Hierher, hierher; ihr Kleinen! Hier sind viel! rief sie mit ihrer
milden Bruststimme.

Als sie den Sergey Iwanowitsch herankommen sah, erhob sie sich nicht,
vernderte auch ihre Stellung nicht; alles aber sagte ihm, da sie sein
Kommen fhle und sich dessen freue.

Habt Ihr denn etwas gefunden? frug sie unter ihrem weien Tuch
hervor, ihm das schne, ruhig lchelnde Antlitz zukehrend.

Nicht einen einzigen, sagte Sergey Iwanowitsch, und Ihr?

Sie antwortete ihm nicht, mit den Kindern beschftigt, die sie
umringten.

Noch diesen, neben dem Zweige da, wies sie der kleinen Mascha einen
kleinen ebaren Erdschwamm, dessen elastischer roter Hut quer von einem
trockenen Grase durchschnitten war, unter dem er sich hervorgemacht
hatte.

Warenka erhob sich, als Mascha den Pilz, den sie in zwei Hlften
zerbrochen hatte, aufgenommen hatte.

Dies ruft mir meine eigene Kindheit ins Gedchtnis, fgte sie hinzu,
an der Seite Sergey Iwanowitschs von den Kindern hinwegschreitend.

Sie gingen schweigend einige Schritte. Warenka sah, da er sprechen
wollte; sie vermutete auch, was, und erstarrte fast in freudiger
Erregung und Angst. Beide waren so weit hinweg geschritten, da sie
niemand mehr vernehmen konnte, aber noch begann er nicht zu sprechen.
Fr Warenka wre es besser gewesen, zu schweigen. Nach einigem
Stillschweigen war es leichter, das zu sagen, was sie sagen wollte,
als nach den Worten ber die Pilze, aber gegen ihren Willen, gleichsam
wider Erwarten, sprach sie:

So habt Ihr also nichts gefunden? Inmitten des Waldes giebt es
allerdings stets weniger.

Sergey Iwanowitsch seufzte und erwiderte nichts. Es war ihm
verdrielich, da sie wieder von den Pilzen anfing. Hatte er sie doch
auf ihre ersten Worte, die sie ber ihre Kindheit gesagt hatte, fhren
wollen. Gleichsam wider seinen Willen, uerte er nun, nachdem er
einige Zeit geschwiegen, eine Bemerkung zu ihren letzten Worten.

Ich habe nur gehrt, da die weien vorzugsweise am Rande stehen,
obwohl ich den weien nicht zu unterscheiden verstehe.

Wieder vergingen einige Minuten; sie gingen noch weiter von den Kindern
hinweg und waren jetzt vollstndig allein. Das Herz Warenkas pochte so
stark, da sie seine Schlge vernahm, und empfand, da sie errtete,
bla wurde und wieder errtete.

Die Frau eines Mannes wie Koznyscheff zu sein, nach ihrer Stellung
bei Madame Stahl, erschien ihr als Gipfel des Glcks. Dann aber war
sie auch fest berzeugt, da sie ihn liebe; und dies sollte nun bald
entschieden werden. Ihr war furchtbar zu Mut; furchtbar, da er
sprechen wrde, furchtbar, da er nicht sprach.

Jetzt oder nie mute man sich erklren; und dies empfand auch Sergey
Iwanowitsch. Alles, im Blick, in der Rte ihres Gesichts, in den
niedergeschlagenen Augen Warenkas, zeigte ihm ihre schmerzliche
Erwartung. Sergey Iwanowitsch sah es und empfand Mitleid mit ihr. Er
fhlte sogar, da es sie bedeutend verletzt haben wrde, wenn er jetzt
nicht sprach. Er wiederholte nun schnell im Geiste die Grnde, die
fr seinen Entschlu sprachen, er wiederholte die Worte, mit welchen
er seinen Antrag ausdrcken wollte; anstatt dieser Worte aber frug er
infolge einer ihn unerwartet berkommenden Idee pltzlich:

Welcher Unterschied ist denn zwischen einem weien Pilz und einem
Birkenschwamm?

Die Lippen Warenkas bebten vor Erregung, als sie antwortete: In den
Kpfen ist fast gar kein Unterschied, nur im Stengel.

Und kaum waren diese Worte gesagt, so hatte er wie sie erkannt, da
alles vorber war; da das, was htte gesagt werden mssen, nun nicht
gesagt werden wrde, und die gemeinsame Erregung, die auf den hchsten
Grad gestiegen war, begann sich zu legen.

Der Birkenpilz -- sein Stengel -- erinnert an einen seit zwei Tagen
nicht rasierten Bart eines Brnetten, sagte Sergey Iwanowitsch, schon
ruhig geworden.

Ja, es ist wahr, antwortete Warenka lchelnd; unwillkrlich hatte
sich die Richtung ihrer Promenade verndert. Sie begannen sich den
Kindern wieder zu nhern. Warenka war es schmerzlich zu Mute, und
sie empfand Scham, zugleich aber auch versprte sie ein Gefhl der
Erleichterung.

Als Sergey Iwanowitsch heimgekehrt war und alle seine Beweisgrnde
wiederum durchmusterte, fand er, da er falsch spekuliert hatte. Er
konnte an dem Gedchtnis Marias nicht Verrat ben.

Stiller, Kinder, seid stiller! rief Lewin fast zornig den Kindern zu,
vor seinem Weibe stehend, um es zu schtzen, als der Haufe der Kinder
mit Freudengeschrei ihnen entgegenflog.

Nach den Kindern war auch Sergey Iwanowitsch mit Warenka aus dem Walde
gekommen. Kity brauchte Warenka nicht zu fragen; an dem ruhigen und
etwas khlen Ausdruck auf beider Gesichtern erkannte sie, da sich ihre
Plne nicht verwirklicht hatten.

Nun, wie steht es? frug ihr Gatte sie, als sie wieder nach Hause
zurckgekehrt waren.

Er nimmt sie nicht, sagte Kity, in Lcheln und Sprachweise an den
Vater gemahnend, was Lewin hufig mit Vergngen an ihr wahrnahm.

Warum sollte er nicht? --

So steht es, sprach sie, die Hand des Gatten ergreifend, sie an ihren
Mund fhrend und mit geschlossenen Lippen berhrend; so wie man die
Hand des Priesters kt.

Wer aber mag denn wohl nicht? sagte er lachend.

Beide. -- Sie mten so hier --

Es kommen Bauern vorber --

Sie haben nichts gesehen. --


                                   6.

Whrend die Kinder den Thee erhielten, saen die Erwachsenen auf dem
Balkon und unterhielten sich, als sei nichts vorgefallen, obwohl doch
alle und insbesondere Sergey Iwanowitsch und Warenka, recht gut wuten,
da sich ein wenn auch negativer, so doch sehr wichtiger Umstand
ereignet hatte.

Sie empfanden beide das nmliche Gefhl, hnlich dem, welches wohl
ein Schler haben mag, der nach einem miglckten Examen in der alten
Klasse zurckgeblieben, oder fr immer aus der Anstalt ausgewiesen
worden ist. Alle Anwesenden, gleichfalls empfindend, da etwas
geschehen sei, sprachen lebhaft von Nebendingen.

Lewin und Kity fhlten sich besonders glcklich und liebeerfllt an
diesem Abend. Da sie glcklich waren in ihrer Liebe, das schlo
freilich einen unangenehmen Wink fr diejenigen in sich, welche es
ebenfalls sein wollten und nicht konnten -- und hieraus machten sie
sich ein Gewissen.

Denkt an mein Wort, =Alexandre= wird nicht kommen, sagte die alte
Frstin.

Am heutigen Abend erwartete man Stefan Arkadjewitsch von der Bahn, und
auch der alte Frst hatte geschrieben, da er vielleicht gleichfalls
kommen werde.

Ich wei, woher es kommt, fuhr die Frstin fort, er sagt, man msse
junge Leute in der ersten Zeit allein lassen.

So hat Papa auch uns gelassen. Wir haben ihn noch nicht
wiedergesehen, sagte Kity, und was wren wir denn fr junge Eheleute?
Wir sind doch schon so alt!

Nun, wenn er nicht kommt, mu ich euch verlassen, Kinder, sprach die
Frstin, bekmmert seufzend.

Was ist dir, Mama? fielen ihr beide Tchter ins Wort. Bedenke doch,
sein Befinden -- wir sind doch jetzt --

-- Die Stimme der alten Frstin begann pltzlich und unverhofft zu
schwanken. Die Tchter verstummten und blickten sich gegenseitig an.
=Maman= findet stets eine rhrende Seite fr sich, sagten sie mit
diesem Blick. Sie wuten nicht, da, so wohl sich auch die Frstin
bei ihrer Tochter befand, so notwendig sie sich fr diese auch hier
fhlte, es ihr gleichwohl qualvoll traurig zu Mute war, ihr, wie ihrem
Gatten, seit der Zeit, seit welcher sie ihre letzte geliebte Tochter
verheiratet hatten, und das elterliche Heim verdet war.

Was ist Euch, Agathe Michailowna? frug Kity pltzlich die mit
geheimnisvoller Miene und bedeutungsvollem Gesicht stehen gebliebene
Agathe Michailowna.

Die Bestimmung fr das Abendessen.

Schn so, sagte Dolly, gehe du, um deine Verfgungen zu treffen, ich
will mit Grischa dessen Lektion wiederholen; er hat ohnehin heute noch
nichts gethan.

La mich doch diese Lektion geben! Nein, Dolly, ich will gehen --
sagte Lewin aufspringend.

Grischa, welcher bereits das Gymnasium besuchte, mute im Sommer
seine Lektionen repetieren. Darja Aleksandrowna, welche schon in
Moskau mit ihrem Sohne zugleich die lateinische Sprache gelernt hatte,
hatte es sich, nachdem sie zu Lewin gekommen war, zum Gesetz gemacht,
mit ersterem die schwierigsten Lektionen im Lateinischen und der
Arithmetik, wenigstens einmal tglich, zu repetieren.

Lewin hatte sich erboten, sie abzulsen, aber die Mutter, welche einmal
den Unterricht Lewins mit angehrt, und bemerkt hatte, da derselbe
nicht so erteilt wrde, wie der Lehrer in Moskau repetierte, so
erklrte sie ihm, verlegen und sich bemhend, Lewin nicht zu verletzen,
bestimmt, da man nach dem Buche so vorgehen msse, wie der Lehrer, und
da sie dies am liebsten wohl selbst wieder thun mchte.

Lewin ereiferte sich ber Stefan Arkadjewitsch, weil dieser in seiner
Sorglosigkeit sich nicht selbst mit der berwachung des Unterrichts
befate, sondern die Mutter, welche doch nichts davon verstand,
und ferner auch ber die Lehrer, weil sie die Kinder so schlecht
unterrichteten; seiner Schwgerin aber gab er das Versprechen, da er
den Unterricht so geben wolle, wie sie es wnschte. Er ging daher mit
Grischa nicht mehr nach seiner Methode weiter, sondern nach dem Buche,
und daher mit Widerwillen und hufig die Lehrzeit vergessend.

So war es auch heute.

Nein, ich gehe, Dolly, bleib du sitzen, sagte er; wir werden schon
alles machen, wie es der Ordnung gem ist, nach dem Buche. Sobald
Stefan gekommen ist, wollen wir zur Jagd gehen; wir werden uns dann
schon die Zeit vertreiben.

Lewin begab sich zu Grischa.

Das Nmliche sagte Warenka zu Kity. Warenka hatte es verstanden, sich
in dem glcklichen, wohlbestellten Haus der Lewin ntzlich zu machen.

Ich will das Abendessen bestellen, Ihr aber bleibt nur sitzen, sagte
sie und erhob sich, um zu Agathe Michailowna zu gehen.

Man hat wohl keine jungen Hhner gefunden. Denn -- sagte Kity.

Ich werde schon mit Agathe Michailowna berlegen -- und Warenka
verschwand mit dieser.

Welch ein liebes Mdchen, sagte die Frstin.

Nicht lieb, =Maman=, reizend, wie es keines weiter giebt.

So erwartet Ihr also heute Stefan Arkadjewitsch? sprach Sergey
Iwanowitsch, der augenscheinlich das Gesprch ber Warenka nicht
fortzusetzen wnschte. Es drfte schwer sein, zwei Schwager zu finden,
die einander weniger hnlich wren, sagte er mit feinem Lcheln. Der
Eine beweglich, nur in der Gesellschaft lebend wie ein Fisch im Wasser;
der Andere, unser Konstantin, lebhaft, schnell, empfnglich fr alles;
aber sobald er in der Gesellschaft ist, erstirbt er, oder schlgt sich
sinnlos wie ein Fisch auf dem Lande.

Ja, er ist sehr unberlegt, sagte die Frstin, sich zu Sergey
Iwanowitsch wendend, ich wollte Euch eben bitten, ihm zu sagen,
da sie, sie wies auf Kity, unmglich hier bleiben kann, sondern
jedenfalls nach Moskau kommen mu. Er sagt, er wrde einen Arzt
verschreiben --

=Maman=, er thut alles und ist mit allem einverstanden, antwortete
Kity, voll Verdru ber die Mutter, weil sie in dieser Angelegenheit
Sergey Iwanowitsch zum Richter berief.

Mitten in ihrer Unterhaltung wurde in der Allee das Schnauben von
Pferden und das Gerusch von Rdern auf dem Schotter vernehmbar.

Dolly hatte sich noch nicht erhoben, um ihrem Mann entgegenzugehen,
als Lewin aus dem Fenster des Zimmers, in welchem Grischa lernte,
hinabsprang und Grischa heruntersetzte.

Es ist Stefan! rief Lewin unter dem Balkon hinauf, wir sind fertig
Dolly; frchte nichts! fgte er hinzu, und begann wie ein Knabe, der
Equipage entgegenzurennen.

=Is, ea id, eius eius eius=, schrie Grischa, auf der Allee
hinspringend.

Und noch jemand ist mit! Wahrscheinlich der Papa! rief Lewin, am
Eingang der Allee stehen bleibend. Kity geh nicht zu der steilen
Treppe herunter!

Lewin irrte indes, wenn er den, der noch im Wagen sa, fr den alten
Frsten gehalten hatte. Als er dem Wagen nher kam, erkannte er neben
Stefan Arkadjewitsch nicht den Frsten, sondern einen rot aussehenden,
wohlbeleibten, jungen Mann in schottischer Mtze mit langen
Bandstreifen hinten hinunter.

Dies war Wasjenka Wjeslowskij, ein Vetter im dritten Gliede von den
Schtscherbazkiy, und ein in Petersburg und Moskau glnzender junger
Mann, ein ausgezeichneter Mensch und leidenschaftlicher Jger, wie
ihn Stefan Arkadjewitsch vorstellte.

Durchaus nicht verlegen ber die Enttuschung, die er hervorrief,
indem er mit seiner Person die des alten Frsten vertrat, begrte
Wjeslowskij Lewin heiter, an die alte Bekanntschaft erinnernd, und
Grischa in den Wagen hebend, setzte er denselben an des Pointeurs
Stelle, den Stefan Arkadjewitsch mitgebracht hatte, weiterfahrend.

Lewin setzte sich nicht mit in den Wagen, sondern ging hinterdrein.
Er war verdrielich, da der alte Frst nicht mitgekommen war, den
er umsomehr liebte, je mehr er ihn kennen lernte, sowie darber, da
dieser Wasjenka Wjeslowskij, ein vollstndig fremder und berflssiger
Mensch erschienen war. Derselbe kam ihm um so fremder und berflssiger
vor, als er, indem Lewin zur Freitreppe schritt, auf welcher sich der
ganze lebhafte Trupp der Erwachsenen und Kinder versammelt hatte,
bemerkte, wie Wasjenka Wjeslowskij mit besonderer Zrtlichkeit und
galanter Miene Kity die Hand kte.

Aha, wir sind ja Cousins mit Eurer Frau und alte Bekannte, sagte
Wasjenka Wjeslowskiy, die Hand Lewins wiederholt auerordentlich stark
drckend.

Nun, giebt es viel Wild hier? wandte sich Stefan Arkadjewitsch an
Lewin, der kaum mit der Begrung eines jeden fertig wurde. Ich und
der da, wir haben die ernstesten Absichten. Nun =maman=, seit dem
letzten Male nicht wieder in Moskau gewesen! Tanja, fr dich habe ich
Etwas! Hole dir's, im Wagen, hinten, so sprach er nach allen Seiten.
Wie du dich erholt hast, Dollchen, sagte er zu seiner Frau, ihr
nochmals die Hand kssend, indem er dieselbe in der seinen hielt und
sie von oben mit der andern sanft ptschelte.

Lewin, eine Minute zuvor noch in der heitersten Stimmung gewesen,
blickte jetzt finster auf alle; es gefiel ihm jetzt nichts mehr.

Wen mag er gestern mit diesen Lippen da gekt haben? dachte er, die
Zrtlichkeit Stefan Arkadjewitschs fr seine Gattin sehend. Er schaute
Dolly an, und auch sie gefiel ihm nicht. Sie glaubt doch nicht an
seine Liebe. Weshalb ist sie denn so erfreut? -- Widerlich, dachte
Lewin.

Er schaute auf die Frstin, die einen Augenblick zuvor noch so
liebenswrdig mit ihm gewesen war, und es gefiel ihm die Art und Weise
nicht, mit welcher sie diesen Wasjenka mit seinen Bndern bewillkommte,
als lde sie ihn in ihr eigenes Haus.

Selbst Sergey Iwanowitsch, der gleichfalls auf die Freitreppe
herausgetreten war, erschien ihm unangenehm mit jener geheuchelten
Freundlichkeit, mit der er Stefan Arkadjewitsch begegnete, obwohl doch
Lewin wute, da sein Bruder Oblonskiy weder liebte noch achtete.

Selbst Warenka -- selbst diese war ihm zuwider, dadurch, da sie sich
mit ihrem Ausdruck =sainte nitouche= mit diesem Herrn da bekannt
gemacht hatte, obwohl sie doch nur daran dachte, wie sie wohl einen
Mann bekommen knne. Am allerverhatesten aber war ihm Kity, da sie
sich dem nmlichen Tone der Heiterkeit hingab, mit welchem dieser
Herr, wie an einem Festtag, fr sich und alle, seine Ankunft auf dem
Dorfe betrachtete, und sie war ihm ganz besonders unangenehm durch das
eigenartige Lcheln, mit welchem sie dem seinigen antwortete.

In geruschvoller Unterhaltung gingen alle in das Haus; man hatte sich
aber kaum niedergelassen, als Lewin sich wandte und hinausging.

Kity sah, da in ihrem Manne etwas vor sich ging. Sie wollte eine
Minute erhaschen, um mit ihm allein zu sprechen, er aber beeilte sich,
vor ihr fortzukommen, indem er sagte, er msse nach dem Comptoir.

Seit langem waren ihm die Wirtschaftsangelegenheiten nicht so wichtig
erschienen, als jetzt. Sie haben hier immer Feiertag, dachte er,
hier aber giebt es Arbeiten, die nicht miger Natur sind, welche
nicht warten, und ohne die man nicht existieren kann.


                                   7.

Lewin kehrte erst nach Hause zurck, als man ihn zum Abendessen hatte
rufen lassen. Auf der Treppe stand Kity und Agathe Michailowna in der
Beratung ber die Weine fr das Abendessen.

Aber wozu solchen Aufwand machen? Setzt doch vor, was es gewhnlich
giebt.

Nein; Stefan trinkt nicht -- aber Konstantin, so warte doch, was ist
denn mit dir? rief Kity, ihm nacheilend; er aber ging unbarmherzig,
ohne auf sie zu warten, mit groen Schritten nach dem Salon und mischte
sich sofort in das allgemeine, lebhafte Gesprch, das hier Wasjenka
Wjeslowskij und Stefan Arkadjewitsch unterhielten.

Nun, fahren wir morgen zur Jagd? sagte Stefan Arkadjewitsch.

Bitte, fahren wir, sagte Wjeslowskij, sich seitwrts auf einen
anderen Stuhl setzend und das fette Bein unterschlagend.

Freut mich sehr, wir werden fahren. Habt Ihr schon gejagt dieses
Jahr? sagte Lewin zu Wjeslowskij, aufmerksam dessen Fu betrachtend,
aber mit erheuchelter Freundlichkeit, die Kity so gut an ihm kannte,
und die ihm so wenig stand. Ob wir Wachteln finden werden, wei ich
nicht, doch Bekassinen sind viel vorhanden; nur mu man zeitig fahren.
Ihr seid doch nicht mde? Bist du nicht ermattet, Stefan?

Ich ermattet? Ich bin noch nie matt gewesen. Wir wollen die ganze
Nacht nicht schlafen! Fahren wir spazieren!

In der That; wir wollen einmal nicht schlafen! Ausgezeichnet! stimmte
Wjeslowskij bei.

O, wir sind davon berzeugt, da du nicht zu schlafen vermagst, und
andere nicht schlafen lassen kannst, sagte Dolly zu ihrem Gatten mit
jener kaum bemerkbaren Ironie, mit welcher sie sich jetzt fast stets
an ihn wandte. Aber nach meiner Ansicht ist es jetzt schon Zeit -- ich
will gehen, ich werde nicht zu Abend essen. --

Nein, du bleibst sitzen, Dollchen, rief Stefan Arkadjewitsch, auf
ihre Seite am groen Tische hinbergehend, an welchem zu Abend gegessen
wurde. Ich habe dir noch soviel zu erzhlen.

In Wahrheit aber nichts.

Weit du, Wjeslowskij war bei Anna; und er wird wieder zu den beiden
fahren. Sie sind freilich einige siebzig Werst weit von euch entfernt.
Auch ich werde zweifellos einmal hinfahren. Wjeslowskij, komm doch
hierher!

Wasjenka war zu den Damen gegangen, und hatte sich neben Kity
niedergelassen.

Ach bitte erzhlt uns doch, bitte, Ihr waret also bei ihr? Wie geht es
ihr? wandte sich Darja Aleksandrowna an ihn.

Lewin war auf der anderen Seite des Tisches geblieben und sah, ohne in
dem Gesprch mit der Frstin und Warenka innezuhalten, da zwischen
Stefan Arkadjewitsch, Dolly, Kity und Wjeslowskij ein lebhaftes und
geheimnisvolles Gesprch gefhrt wurde. Obwohl das Gesprch leise
gefhrt wurde, gewahrte Lewin doch auf dem Gesicht seiner Frau den
Ausdruck einer ernsten Empfindung, als sie unverwandt in das rote
Gesicht Wasjenkas blickte, der lebhaft erzhlte.

Es geht ihnen sehr gut, berichtete Wasjenka von Wronskiy und Anna.

Ich natrlich mchte es nicht auf mich nehmen, zu urteilen, aber in
ihrem Hause befindet man sich wie in der Familie.

Was beabsichtigen sie denn zu thun?

Wie es scheint, wollen sie fr den Winter nach Moskau.

Wie schn wre es, wenn wir zusammen zu ihnen reisen knnten. Wann
wirst du fahren? frug Stefan Arkadjewitsch Wasjenka.

Ich werde den Juli bei ihnen zubringen.

Und auch du wirst doch mitfahren? wandte sich Stefan Arkadjewitsch an
seine Frau.

Ich habe schon lange hingewollt und werde sicher fahren, sagte
Dolly. Sie thut mir leid, und ich kenne sie. Sie ist ein schnes
Weib. Ich werde allein reisen, wenn du weggehst, und niemand dadurch
belstigen. Es ist sogar besser, wenn du nicht da bist.

Auch gut, sagte Stefan Arkadjewitsch, und Kity?

Ich? Weshalb sollte ich hinreisen? antwortete Kity, in mchtige
Aufregung geratend, und schaute nach ihrem Gatten.

Aber Ihr seid doch mit Anna Arkadjewna bekannt? frug sie Wjeslowskij,
sie ist ein sehr anziehendes Weib.

Ja, antwortete sie Wjeslowskij, noch tiefer errtend, erhob sich, und
ging zu ihrem Manne.

Du willst also morgen auf die Jagd fahren? sagte sie.

Seine Eifersucht in diesen wenigen Augenblicken war, besonders
angesichts dieser Rte, die ihre Wangen bedeckte, als sie mit
Wjeslowskij sprach, schon hoch gestiegen. Jetzt fate er, indem er ihre
Worte vernahm, diese nach seiner Weise auf. So seltsam es ihm auch
erschien, wenn er spterhin hieran zurckdachte, jetzt schien es ihm
klar zu sein, da sie, wenn sie ihn frug, ob er auf die Jagd fahre, nur
interessierte, zu erfahren, ob er Wasjenka Wjeslowskij das Vergngen
machen wolle, ihm, in den sie nach seiner Auffassung schon verliebt war.

Ja, ich werde fahren, antwortete er mit unnatrlicher, ihm selbst
abstoend erscheinender Stimme.

Aber Ihr verbrchtet doch besser den Tag morgen hier; Dolly hat ja
sonst ihren Mann gar nicht gesehen; bermorgen knntet Ihr fahren,
sagte Kity.

Der Sinn dieser Worte Kitys war von Lewin bereits so gewandelt: Trenne
mich nicht von ihm. Da du fhrst, ist mir ganz gleichgltig, doch la
mich die Gesellschaft dieses reizenden jungen Mannes genieen.

Ach, wenn du willst, so werden wir morgen zu Haus bleiben, antwortete
Lewin mit eigentmlicher Zuvorkommenheit.

Wasjenka mittlerweile, der nicht im geringsten das Leid ahnte, welches
seine Anwesenheit verursacht hatte, war mittlerweile nach Kity vom
Tische aufgestanden und ihr, sie mit freundlichem lchelnden Blick
verfolgend, nachgegangen.

Lewin sah diesen Blick. Er erblich und vermochte eine Minute nicht,
Atem zu schpfen. Wie kann man sich erlauben, so auf mein Weib zu
schauen, schumte es in ihm.

Also morgen? Fahren wir also, sagte Wasjenka, sich auf den
Stuhl niederlassend und wiederum nach seiner Gewohnheit den Fu
unterschlagend.

Die Eifersucht Lewins stieg noch hher. Er sah sich schon als
betrogenen Gatten, den die Frau und ihr Liebhaber nur dazu brauchen,
ihnen die Annehmlichkeiten des Lebens und Vergngungen zu gewhren.
Aber nichtsdestoweniger frug er Wasjenka liebenswrdig und
gastfreundlich nach seinen Jagdzgen, seinem Gewehr, den Stiefeln und
war einverstanden damit, morgen zu fahren.

Zum Glck fr Lewin krzte die alte Frstin seine Leiden dadurch, da
sie sich erhob und Kity anriet, schlafen zu gehen. Aber auch hierbei
ging es nicht ohne einen neuen Schmerz fr Lewin ab. Als sich Wasjenka
von der Frau des Hauses verabschiedete, wollte er wiederum ihre Hand
kssen, allein Kity sagte errtend, und mit einer naiven Herbheit,
wegen der ihr spter die alte Frstin Vorwrfe machte, indem sie ihm
ihre Hand entzog: Das ist bei uns nicht blich!

In den Augen Lewins war sie dadurch schuldig, da sie solche
Beziehungen berhaupt zugelassen hatte, und noch schuldiger, weil sie
so ungeschickt bewiesen hatte, da dieselben ihr nicht gefielen.

Was ist das fr ein Vergngen zu schlafen! sprach Stefan
Arkadjewitsch, nachdem er beim Abendessen einige Glser Wein geleert
hatte und in seine gemtliche und poetische Stimmung geraten war.
Sieh Kity, sagte er, auf den hinter den Linden heraufsteigenden
Mond weisend, wie reizend! Wjeslowskij, das wre etwas, wenn du eine
Serenade singen willst. Weit du, er hat nmlich eine groartige
Stimme, wir haben zusammen unterwegs gesungen. Er hat schne Romanzen
mit, zwei neue; die knnte man mit Barbara Andrejewna singen!

                   *       *       *       *       *

Als sich alles schon zurckgezogen hatte, ging Stefan Arkadjewitsch mit
Wjeslowskij noch in der Allee spazieren, und man hrte ihre Stimmen in
der neuen Romanze.

Lewin sa, den Stimmen lauschend, finster in dem Lehnstuhl im
Schlafgemach seiner Frau und schwieg hartnckig auf deren Fragen, was
er denn habe; doch als sie endlich selbst schchtern lchelnd frug:
hat dir etwa irgend etwas mit Wjeslowskij nicht gefallen? da brach
es hervor aus ihm, und er sagte alles. Das, was er aber hervorbrachte,
krnkte ihn, und erzrnte ihn nur so noch mehr.

Er stand vor ihr mit furchtbar unter den finsterzusammengezogenen
Brauen blitzenden Augen, und prete die starken Hnde auf die Brust,
als biete er alle seine Krfte auf, an sich zu halten. Der Ausdruck
seines Gesichtes wre rauh und selbst hart gewesen, wenn nicht zugleich
auch der Schmerz sich darauf ausgeprgt htte, was sie rhrte. Seine
Kinnbacken knirschten und seine Stimme brach ab.

Verstehe wohl, da ich nicht etwa eiferschtig bin; dies ist ein
hliches Wort! Ich kann nicht eiferschtig sein und glauben, da --
ich kann nicht sagen, was ich fhle, doch dies ist furchtbar! Ich bin
nicht eiferschtig, aber beleidigt, erniedrigt, dadurch, da jemand
wagt, zu denken -- wagt, mit solchen Augen auf dich zu blicken! -- --

Aber mit was fr Augen? sagte Kity, sich bemhend, so gewissenhaft
als mglich sich alle ihre Reden und Bewegungen vom heutigen Abend,
sowie alle Schattierungen derselben ins Gedchtnis zurckzurufen.

Auf dem Grund ihrer Seele fand sie, da in jener Minute, als er ihr
nach dem andern Ende des Tisches gefolgt war, in der That etwas
gelegen hatte, aber sie wagte dies nicht einmal auch nur sich selbst
einzugestehen, und entschlo sich daher um so weniger, es ihm zu sagen
und dadurch seinen Schmerz noch zu vergrern.

Was soll nur Anziehendes sein an mir, wie ich jetzt bin --

Ach! rief er, sich an den Kopf greifend; httest du nicht so
gesprochen -- das heit also, wenn du anziehend gewesen wrest --

Mein Konstantin, halt ein, hre doch! -- sprach sie, ihn mit
leidendem und mitleidvollem Ausdruck anblickend. Was denkst du nur? Wo
es fr mich doch keinen Menschen giebt, keinen, keinen! Willst du, da
ich niemand hier sehen soll?

In der ersten Minute war seine Eifersucht beleidigend fr sie gewesen;
es war ihr verdrielich gewesen, da ihr auch die kleinste Zerstreuung,
selbst die unschuldigste, untersagt wurde; jetzt aber htte sie sich
gern, nicht in solchen Kleinigkeiten, sondern in allem fr seine Ruhe
geopfert, um ihn von dem Schmerz zu befreien, den er litt.

Begreife doch nur das Entsetzliche und das Komische meiner Lage,
fuhr er in verzweifeltem Flsterton fort, da er in meinem Hause
ist, da er nichts Unanstndiges begangen hat, abgesehen von jener
Ungezwungenheit und dem bereinanderschlagen seiner Fe. Er hlt dies
fr den besten Ton, und demzufolge mu ich noch mit ihm liebenswrdig
sein!

Aber, liebster Konstantin, du bertreibst ja, sagte Kity, in der
Tiefe ihres Herzens erfreut ber die Kraft seiner Liebe zu ihr, die
sich jetzt in seiner Eifersucht ausdrckte.

Am Entsetzlichsten von allem ist, da du -- jetzt so wie du es stets
gewesen, ein Heiligtum fr mich -- da wir so glcklich gewesen sind,
so selten glcklich -- und pltzlich konnte dieser Wicht -- nicht
Wicht; weshalb sollte ich ihn schimpfen? -- Ich habe mit ihm nichts zu
schaffen! Aber weshalb soll mein Glck, dein Glck -- --

Weit du, ich begreife, woher dies alles gekommen ist, begann Kity.

Woher? Woher?

Ich habe gesehen, wie du blicktest, als wir beim Abendessen sprachen.

Nun ja, nun ja! sagte Lewin erschreckt.

Sie erzhlte ihm, wovon man gesprochen hatte, und als sie es erzhlte,
kam sie vor Erregung auer Atem. Lewin verstummte, betrachtete ihr
bleiches, angstvolles Gesicht und griff sich pltzlich an den Kopf.

Katja, ich habe dich gemartert! Mein Tubchen, verzeihe mir! Dieser
Wahnsinn! Katja, ich bin unendlich schuldig! Kann man nur durch solche
Thorheit sich qulen!

Nein, du nur thust mir leid.

Ich? Ich? Was fr ein Wahnwitziger ich bin! Weshalb thue ich dir leid?
Es ist mir entsetzlich zu denken, da jeder fremde Mensch unser Glck
zerstren kann.

Natrlich! das ist eben das Krnkende --

Nein; so werde ich ihn mit Absicht den ganzen Sommer bei uns behalten
und mich in Liebenswrdigkeiten gegen ihn berbieten, sprach Lewin,
ihr die Hand kssend. Du wirst sehen. Morgen. Ja, es ist wahr, morgen
wollen wir fahren.


                                   8.

Am andern Tage hatten sich die Damen noch nicht erhoben, als die
Jagdwagen schon vor der Einfahrt standen und Laska, der bereits am
Morgen gemerkt hatte, da es zur Jagd gehe, sich heulend und nachdem er
sich satt getummelt hatte, in den einen der Wagen neben dem Kutscher
setzte, welcher rgerlich und milaunig ber die Versptung nach der
Thr blickte, aus welcher die Jger noch immer nicht herauskommen
wollten.

Zuerst erschien Wasjenka Wjeslowskij, in groen neuen Jagdstiefeln,
welche bis zur Hlfte der dicken Schenkel gingen; in grner Bluse,
mit einer neuen, nach Juchten duftenden Patronentasche gegrtet und
in seiner Bndermtze und dem neuen englischen Gewehr. Laska sprang
ihm entgegen, begrte ihn, sprang an ihm empor und frug ihn auf seine
Weise, ob bald noch die anderen herauskommen wrden, kehrte aber dann,
da er keine Antwort von ihm erhielt, auf seinen Warteposten zurck, um
hier wieder still zu werden, den Kopf auf die Seite gewendet und das
eine Ohr spitzend.

Endlich ffnete sich kreischend die Thr, und heraus flog, sich
wirbelnd und in der Luft drehend, Krak, der hellgescheckte Pointeur
Stefan Arkadjewitschs, worauf dieser selbst heraustrat, die Flinte in
den Hnden und die Cigarre im Munde. Freundlich rief er seinem Hunde
zu, der ihm die Pfoten auf Leib und Brust setzte und sich mit denselben
in der Jagdtasche verwickelte.

Stefan Arkadjewitsch war mit ledernen Schnrstcken mit untergelegten
Strumpflappen an den Fen, einem zerrissenen Beinkleid und einem
kurzen Rock bekleidet. Auf dem Kopfe sa die Ruine eines Hutes, das
Gewehr aber, nach modernstem System, war ein wahres Spielzeug und
die Jagdtasche und Patrontasche, obwohl abgetragen, von vorzglicher
Qualitt.

Wasjenka Wjeslowskij hatte frher diese echte Jgerkoketterie
nicht begriffen, in Lumpen zu gehen, und dabei ein Jagdgert von
vorzglichster Gte zu fhren. Er begriff sie aber jetzt, als er Stefan
Arkadjewitsch mit diesen Lumpen, in all seiner eleganten, wohlgenhrten
und behaglich gestimmten Herrenerscheinung erblickte, und fate den
Entschlu, sich bei der nchsten Jagd unfehlbar ebenso zu equipieren.

Nun, und was macht unser Wirt? frug er.

Ein junges Weib, sagte Stefan Arkadjewitsch lchelnd.

Und noch dazu ein reizendes.

Er war bereits angekleidet, aber wahrscheinlich ist er nochmals zu ihr
gelaufen.

Stefan Arkadjewitsch hatte es erraten. Lewin war mehrmals zu seiner
Gattin geeilt, um sie noch einmal zu fragen, ob sie ihm seine gestrige
Dummheit vergeben habe, und dann, um sie zu bitten, doch um Christi
willen vorsichtiger zu sein. Hauptschlich -- sich vor den Kindern
ferner zu halten -- sie konnten sie leicht einmal stoen. Dann mute er
von ihr nochmals die Versicherung erhalten, da sie ihm nicht gram sei
darber, da er auf zwei Tage fortfuhr, und sie bitten, ihm unbedingt
morgen frh, mit dem ersten Zug, ein Billet zu schicken, und ihm
wenigstens zwei Worte zu schreiben, damit er nur wute, da sie sich
wohl befinde.

Kity war es wie stets schmerzlich, sich auf zwei Tage von ihrem
Gatten trennen zu sollen; allein als sie seine lebhafte Erscheinung,
die besonders gro und kraftvoll in den Jagdstiefeln und der weien
Bluse erschien, und einen gewissen, ihr unverstndlichen Schimmer der
Jagdfreude wahrgenommen hatte, verga sie, um ihm seine Freude zu
lassen, ihren Schmerz, und verabschiedete sich heiter von ihm.

Entschuldigung, meine Herren! sagte er, auf die Freitreppe
herauskommend. Hat man das Frhstck eingepackt? Warum ist der Fuchs
rechts gespannt? Nun gleichviel! Laska -- leg' dich! -- La sie in die
ledige Herde, wandte er sich an den Viehwrter, der an der Treppe mit
einer Frage ber die Wallachen wartete.

Lewin sprang vom Wagen, auf dem er sich schon setzen wollte, zu einem
Zimmermann hin, der mit einem Ellenma zur Treppe gekommen war.

Gestern ist er nicht ins Comptoir gekommen und heute hlt er mich nun
ab. Was ist denn?

Wir mssen noch drei Stufen hinzunehmen; dann pat es; sie wird dann
bequemer liegen.

Httest du mir gehorcht, antwortete Lewin rgerlich. Ich habe
gesagt, du sollst zuerst die Treppenlager, und die Stufen zuletzt
machen! Jetzt kommst du nun nicht aus. Thu wie ich dir befohlen habe,
und mache ein neues Lager.

Es handelte sich darum, da in einem im Bau befindlichen Flgel der
Zimmermann die Treppe verpfuscht hatte, indem er sie selbstndig, ohne
die Hhe zu berechnen, gefertigt hatte, soda nun alle Stufen schrg
hingen, als man die Treppe an ihrem Platz aufstellte. Der Zimmermann
wollte nun, die Treppe lassend wie sie war, nur noch drei Stufen
hinzufgen.

Es wird so viel besser werden.

Aber wohin willst du denn kommen mit den drei Stufen!

Gestattet, antwortete der Zimmermann mit geringschtzigem Lcheln;
da sie sich von unten erhebt, er sprach dies mit berzeugender
Gebrde, mu es gehen, sie mu passen!

Aber drei Stufen gehen doch noch in die Lnge? Wohin soll sie denn da
kommen?

Da sie von unten auf geht, so mu sie passen, beharrte der Zimmermann.

Bis unter die Decke und an die Wand kommt sie.

Aber, mit Verlaub, sie kommt doch von unten, da wird sie passen.

Lewin ergriff seinen Ladestock und begann ihm im Staube die Treppe zu
zeichnen.

Siehst du nun?

Wie Ihr befehlt, sagte der Zimmermann, pltzlich mit den Augen hell
aufblickend und endlich offenbar die Sache begreifend. Es ist klar, es
mu eine neue Treppe gezimmert werden.

Nun also, thue nun, wie dir geheien ist, rief Lewin und setzte sich
wieder in den Wagen. Fahr zu! -- Halt die Hunde, Philipp!

Lewin empfand jetzt, nachdem er alle Sorgen des Hauses und der
Wirtschaft hinter sich gelassen hatte, ein so mchtiges Gefhl von
Lebensfreude und Erwartung, da er keine Lust versprte, zu sprechen.
Er hatte auch das Gefhl der konzentrierten Aufregung, welche jeder
Jger versprt, wenn er sich seinem Revier nhert. Wenn ihn jetzt
berhaupt etwas beschftigte, so waren es nur die Fragen, ob man im
Kolpenskischen Moor etwas finden werde, wie sich Laska im Vergleich zu
Krak zeigen, und wie ihm selbst heute das Jagdglck lcheln wrde.

Da man sich vor einem fremden Jger keine Ble gab; da Oblonskiy ihn
nicht berschieen mchte, auch dies kam ihm in den Kopf.

Oblonskiy hatte ein ganz hnliches Gefhl, und war gleichfalls
wortkarg. Nur Wasjenka Wjeslowskij schwatzte lustig und unaufhrlich
weiter.

Als Lewin ihn jetzt hrte, fhlte er sich beschmt, wenn er daran
dachte, wie ungerecht er gestern gegen ihn gewesen sei.

Wasjenka war in der That ein vorzglicher, naiver, gutmtiger
und sehr heiterer Mensch. Wre Lewin noch unverheiratet mit ihm
zusammengekommen, so wrde er sich ihm genhert haben. Nur war ihm ein
wenig unangenehmer seine mige Stellung zum Leben, und eine gewisse
Ungezwungenheit bei aller Eleganz. Er schien sich gewissermaen selbst
eine hohe unzweifelhafte Bedeutung beizumessen, da er lange Ngel
und eine kleine Mtze trug und alles brige dementsprechend, doch
konnte man dies bei seiner Gutherzigkeit und Soliditt entschuldigen.
Er gefiel Lewin wegen seiner guten Erziehung, einer ausgezeichneten
Aussprache des Franzsischen und Englischen, und dann deshalb, weil er
ein Mensch seiner eignen Welt war.

Wasjenka gefiel das donische Steppenpferd am linken Strang
auerordentlich. Er war fortwhrend exaltiert davon, wie schn mu es
sich auf einem Steppenpferd durch die Steppe jagen lassen! Ha? Nicht
so? sprach er. Er stellte sich in dem Ritt auf einem Steppenro etwas
wundersames poetisches vor, woraus sich zwar nichts ergab, aber seine
Naivett, besonders im Verein mit seiner Schnheit, seinem freundlichen
Lcheln und der Grazie seiner Bewegungen war sehr anziehend. Kam es
nun davon her, da seine Natur Lewin sympathisch war, oder davon, da
Lewin sich bemhte, zur Shne fr seinen gestrigen Fehltritt alles an
ihm gut zu finden, genug, Lewin fhlte sich angenehm von ihm berhrt.

Nachdem man drei Werst gefahren war, tastete Wjeslowskij pltzlich nach
seinen Cigarren und der Brieftasche, und wute nicht, ob er beides
verloren oder auf dem Tische liegen gelassen hatte.

In der Brieftasche waren dreihundertsiebzig Rubel, und daher durfte man
sie nicht im Stich lassen.

Wit Ihr was, Lewin, ich werde auf diesem donischen Beipferd nach
Hause reiten. Das wre ausgezeichnet. Nicht? sagte er, schon bereit,
aufzusitzen.

Nein; warum das? antwortete Lewin, der schon berechnet hatte, da
Wasjenka nicht weniger als sechs Pud Gewicht haben msse. Ich werde
den Kutscher schicken.

Der Kutscher ritt auf dem Beipferd ab, und Lewin lenkte nun selbst die
beiden brigen Pferde.


                                   9.

Was haben wir denn fr eine Marschroute? Erzhle doch geflligst ein
wenig, sagte Stefan Arkadjewitsch.

Der Plan ist folgender: Jetzt werden wir bis Gwozdjowo fahren. In
Gwozdjowo befindet sich diesseits eine Niederung mit Schnepfen,
hinter Gwozdjowo aber ziehen sich wunderbare Bekassinensmpfe hin,
und Schnepfen sind auch da. Es ist jetzt hei; wir werden gegen Abend
-- es sind noch zwanzig Werst -- ankommen, ein Abendfeld nehmen, dann
bernachten, und morgen schon in die groen Smpfe gehen.

Aber giebt es denn unterwegs nichts?

O doch, aber wir wrden uns da nur aufhalten und es ist hei. Es giebt
zwei ausgezeichnete Pltze, aber schwerlich wird es da etwas geben.

Lewin hatte selbst Lust, nach jenen Pltzen zu gehen, aber dieselben
lagen seiner Wohnung zu nahe und er konnte sie stets erreichen; die
Pltze waren auch klein -- drei konnten nicht auf ihnen schieen.
Infolge dessen schlug er im Geiste einen Haken, und sagte, es drfte
kaum etwas dort zu finden sein. Als sie an dem kleinen Sumpfe
angekommen waren, wollte Lewin vorberfahren, doch der erfahrene
Jgerblick Stefan Arkadjewitschs unterschied sogleich die vom Wege her
sichtbare Feuchtigkeit.

Wollen wir nicht hinfahren? sagte er, auf den Sumpf weisend.

Lewin bitte; wie reizend! begann Wasjenka Wjeslowskij zu bitten, und
Lewin mute einwilligen.

Sie hatten noch nicht Halt gemacht, als schon die Hunde, sich
gegenseitig jagend, dem Sumpf zuflogen.

Krak! Laska!

Die Hunde kehrten zurck.

Zu Dreien wird es uns zu eng werden. Ich werde hier bleiben, sagte
Lewin, in der Hoffnung, da sie nichts finden mchten als Kibitze, die
sich vor den Hunden erhoben und sich im Fluge berschlagend, klglich
ber dem Sumpfe schrieen.

Nein! -- Kommt! Wir wollen zusammen gehen, Lewin! rief Wjeslowskij.

Richtig ist das; es wird zu eng! -- Laska, zurck; -- Laska! --
Braucht Ihr dann nicht einmal einen anderen Hund?

Lewin blieb bei dem Wagen und schaute voll Migunst auf die Jger.
Diese durchwanderten den ganzen Sumpf, aber auer einer Henne und
Kibitzen, von denen Wjeslowskij einen erlegte, war nichts darin.

Nun da seht Ihr, da ich den Sumpf nicht bedauerte, sagte Lewin,
wohl aber den Zeitverlust.

Ach nein; es war immerhin ganz hbsch! Habt Ihr es gesehen? sprach
Wasjenka Wjeslowskij, unbehilflich auf den Wagen kletternd, die Flinte
und den Kibitz in den Hnden. Wie ich den gut getroffen habe, nicht
wahr? Nun, werden wir denn bald an den richtigen Ort kommen?

Pltzlich rissen die Pferde in das Geschirr, Lewin schlug mit dem
Kopf an den Lauf eines der Gewehre, und ein Schu ging los. Der Schu
an sich ertnte schon frher, aber es schien Lewin nur so. Wasjenka
Wjeslowskij hatte, die Hhne in Ruhe setzend, den einen Drcker
berhrt, whrend er den andern Hahn gehalten hatte.

Die Ladung ging in die Luft, ohne jemand Schaden zuzufgen. Stefan
Arkadjewitsch schttelte den Kopf und lchelte Wjeslowskij
vorwurfsvoll zu, Lewin aber war nicht in der Stimmung, ihm einen
Vorwurf zu machen; erstens wre jeder Vorwurf nur durch die
vorbergegangene Gefahr und die Beule, welche auf der Stirn Lewins
auftrat, hervorgerufen erschienen, zweitens aber war Wjeslowskij
anfangs so naiv rgerlich, und fing dann so gutmtig und ansteckend an
ber die allgemeine Aufregung zu lachen, da es unmglich war, nicht
mit zu lachen.

Als sie an den zweiten Sumpf gelangten, welcher ziemlich gro war, und
daher viel Zeit in Anspruch nehmen mute, suchte Lewin dahin zu wirken,
da man nicht hineinging. Doch Wjeslowskij besiegte ihn wieder durch
sein Bitten, und wiederum blieb Lewin, als gastfreundlicher Wirt, bei
dem Wagen zurck.

Sogleich bei der Ankunft witterte Krak nach den Maulwurfshgeln.
Wasjenka Wjeslowskij lief als der Erste hinter dem Hunde her und
Stefan Arkadjewitsch war noch nicht herangekommen, als schon ein Vogel
aufging. Wjeslowskij scho fehl und der Vogel lie sich in einer
ungemhten Wiese wieder nieder. Wjeslowskij aber war diese Beute
bestimmt. Krak fand sie wieder auf, stellte sie und er scho sie und
kehrte dann zu dem Wagen zurck.

Jetzt geht Ihr, und ich will bei den Pferden bleiben, sprach er.

Lewin begann der Jagdneid zu ergreifen. Er bergab Wjeslowskij die
Zgel und begab sich in den Sumpf.

Laska, der schon lange klglich gewinselt und sich ber die
Ungerechtigkeit beklagt hatte, eilte vorauf direkt nach einem
verheiungsvollen, Lewin bekannten Gebiet, in welches Krak noch nicht
gekommen war.

Weshalb hltst du ihn denn nicht zurck? rief Stefan Arkadjewitsch.

Er wird dich nicht schrecken, antwortete Lewin, voll Freude ber
seinen Hund, und ihm eilig folgend.

Auf der Suche Laskas wuchs, je nher dieser den bekannten Hgeln
kam, mehr und mehr der Ernst der Situation. Ein kleiner Sumpfvogel
zerstreute diesen nur auf einen Augenblick. Er beschrieb einen Kreis
vor den Hgeln, begann einen zweiten, erschrak dann pltzlich und
verschwand.

Geh, geh Stefan! rief Lewin, welcher fhlte, wie ihm das Herz hher
zu schlagen begann, und wie pltzlich, gleich als ob sich ein Riegel in
seiner seelischen Spannung zurckbewege, alle Gerusche, den Mastab
ihrer Entfernung verlierend, ihn ungeregelt, aber scharf zu treffen
begannen. Er vernahm die Schritte Stefan Arkadjewitschs, sie fr das
ferne Stampfen der Pferde haltend, er vernahm das sprde Gerusch
der mit den Wurzeln sich loslsenden Ecke eines Maulwurfhaufens, auf
welchen er getreten war, indem er dasselbe fr den Flug eines Vogels
hielt. Er vernahm auch im Rcken in nicht groer Entfernung ein
Klatschen auf dem Wasser, von welchem er sich nicht Rechenschaft zu
geben vermochte.

Indem er sich einen Standort fr die Fe suchte, bewegte er sich auf
seinen Hund zu.

Eine Bekassine machte sich vor dem Hunde auf. Lewin legte das Gewehr
an, aber in dem Augenblicke, als er zielte, verstrkte sich jenes
Gerusch von Klatschen auf dem Wasser; es kam nher, und mit ihm
vereinigte sich die Stimme Wjeslowskijs, der in sonderbarer Weise laut
rief.

Lewin sah, da er mit der Flinte die Bekassine von hinten treffen
werde, scho aber gleichwohl.

berzeugt, da er einen Fehlschu gethan, blickte er um sich und
gewahrte, da die Pferde mit dem einen Jagdwagen gar nicht mehr auf dem
Wege, sondern im Sumpfe waren.

Wjeslowskij, welcher das Schieen hatte sehen wollen, war in den Sumpf
gefahren und hatte die Pferde in eine Untiefe gefhrt.

Hol' ihn der Teufel, sagte Lewin zu sich selbst, zu der
feststeckenden Equipage zurckkehrend. Weshalb seid Ihr denn
fortgefahren, sagte er mit drren Worten zu ihm, und machte sich,
nachdem er den Kutscher herbeigerufen hatte, daran die Pferde
loszubringen.

Lewin war verdrielich geworden, da man ihn im Schieen gestrt und
die Pferde in den Sumpf gefhrt hatte, hauptschlich aber auch, da
bei dem Ausspannen der Pferde, was erforderlich war um sie wieder
freizumachen, weder Stefan Arkadjewitsch, noch Wjeslowskij ihm und
dem Kutscher Hilfe leisteten, weil weder dieser noch jener auch nur
den geringsten Begriff davon hatte, worin eigentlich das Anschirren
bestehe. Ohne Wjeslowskij ein Wort auf dessen Versicherung, es sei
hier ganz trocken, zu antworten, arbeitete Lewin schweigend mit dem
Kutscher daran, die Pferde zu befreien.

Als er indessen bei der Arbeit warm geworden war und sah, wie beflissen
und eifrig Wjeslowskij den Wagen an der Deichselstange zog, soda er
diese sogar abbrach, machte er sich selbst Vorwrfe darber, da er
unter dem Einflu der gestrigen Empfindung allzu kalt gegen Wjeslowskij
gewesen war, und bemhte sich mit besonderer Liebenswrdigkeit seine
Barschheit wieder gutzumachen.

Nachdem alles wieder in Ordnung gebracht war, und die Wagen sich wieder
auf dem Wege befanden, lie Lewin das Frhstck bringen.

=Bon apptit -- bonne conscience! Ce poulet va tomber jusqu'au fond
de mes bottes=, sagte Wjeslowskij, wieder lustig geworden, mit einem
franzsischen Sprichwort, ein zweites Hhnchen verspeisend. Jetzt sind
unsere Leiden zu Ende und alles wird nun glcklich gehen. Nur will ich
wegen meines Vergehens dazu gezwungen sein, auf dem Bocke zu sitzen.
Ist es nicht recht so? Nein, ich bin Automedon! Pat auf, wie ich Euch
fahren werde! versetzte er, ohne die Zgel loszugeben, als ihn Lewin
bat, den Kutscher fahren zu lassen. Nein; ich mu mein Vergehen wieder
gut machen, und befinde mich ganz wohl auf dem Bocke, und er fuhr.

Lewin frchtete ein wenig, er mchte die Pferde maltrtieren, besonders
das Handpferd, einen Fuchs, den er nicht zu lenken verstand; doch
unwillkrlich fgte er sich seiner Heiterkeit, lauschte er den
Romanzen, welche Wjeslowskij, auf dem Bocke sitzend, den ganzen Weg
entlang sang, oder seinen Erzhlungen und Vorfhrungen, wie man auf
englische Manier =four in hand= fahre -- und alle fuhren nach dem
Frhstck in der heitersten Stimmung nach dem Sumpfe von Gwozdjowo.


                                  10.

Wasjenka trieb die Pferde so schnell, da sie zu frh bei dem Sumpfe
ankamen, und es noch immer hei war.

Als sie bei der Niederung angelangt waren, dem Hauptziele der Fahrt,
dachte Lewin unwillkrlich, wie er Wasjenka los werden und ohne eine
Strung jagen knnte. Stefan Arkadjewitsch wnschte augenscheinlich
das Nmliche, und auf seinem Gesicht sah Lewin den Ausdruck einer
Besorgnis, welche bei dem echten Jger stets vor Beginn der Jagd
da zu sein pflegt, sowie den einer gewissen ihm eigenen gutmtigen
Verschlagenheit.

Wie wollen wir fahren? Der Sumpf ist ausgezeichnet, ich sehe es; auch
Habichte sind da, sagte Stefan Arkadjewitsch auf zwei ber dem Ried
kreisende, groe Vgel weisend. Wo Habichte sind, ist sicher auch
Wild.

Nun, seht ihr Herren, sagte Lewin, mit etwas mrrischem Ausdruck
seine Stiefel hochziehend und die Pistons auf dem Gewehr nachsehend;
seht ihr diesen Ried? Er wies auf eine kleine, dunkel in Schwarzgrn
schimmernde Insel, in einem weiten, sich auf dem rechten Ufer des
Flusses ausdehnenden, bis zur Hlfte gemhten nassen Wiesengrund.
Der Sumpf beginnt hier, gerade vor uns, seht ihr -- wo das Grn ist.
Von da geht er rechts, wo die Pferde sind; -- hier befinden sich
auch Maulwurfshaufen und Bekassinen -- dann rund um diese Wiese bis
zu jenem Erlenwald und dicht bis zu der Mhle, dort wo man die Bucht
sieht. Das ist ein ausgezeichneter Platz; ich habe einmal siebzehn
Bekassinen hier geschossen; wir wollen uns nun mit den beiden Hunden
nach den verschiedenen Seiten trennen, und dort bei der Mhle wieder
zusammenkommen.

Aber wer geht rechts; wer links? frug Stefan Arkadjewitsch. Rechts
ist es weiter; geht dort zu Zweien, ich will links gehen, sagte er, so
harmlos, wie er nur konnte.

Schn; wir wollen ihn berschieen; also gehen wir, gehen wir,
drngte Wasjenka.

Lewin konnte damit nur einverstanden sein, und so trennten sie sich.
Kaum waren sie in den Sumpf gelangt, als beide Hunde gleichzeitig zu
suchen begannen und nach dem Schlamme witterten. Lewin kannte dieses
Suchen Laskas, vorsichtig und zurckhaltend; er kannte auch den Platz,
und erwartete den Schwarm der Schnepfen.

Wjeslowskij, geht nebenher, nebenher! sagte er mit leiser
Stimme, zu dem im Wasser hinterher pltschernden Gefhrten, dessen
Gewehrlaufrichtung Lewin nach dem unvorhergesehenen Schu am
Kolpenskischen Sumpfe unwillkrlich interessierte.

Ach nein, ich will Euch nicht im Wege sein, denkt nur nicht an mich!

Lewin dachte aber unwillkrlich an ihn, und rief sich die Worte Kitys
ins Gedchtnis, mit denen diese ihn von sich gelassen: Pat auf, und
schiet einander nicht! -- Nher und nher kamen die Hunde, einer am
anderen vorber und jeder seine Spur verfolgend; die Erwartung war so
mchtig, da Lewin das Schmatzen seines aus dem Schlamme emporgehobenen
Stiefelabsatzes als Schrei einer Schnepfe erschien, soda er den Kolben
des Gewehres packte und prete.

Puff, puff, klang es ihm in die Ohren. Wasjenka hatte in eine Schar
Enten geschossen, welche ber dem Sumpfe schwebten und jetzt bei weitem
noch nicht fr Jger in Schuweite gekommen waren. Lewin hatte sich
kaum umgeschaut, als eine Schnepfe schmatzte; eine zweite, eine dritte
-- noch acht dazu erhoben sich -- eine nach der anderen.

Stefan Arkadjewitsch erlegte eine gerade im Augenblick, als sie ihre
Zickzacklinien zu beschreiben begann, und die Schnepfe fiel wie ein
Klumpen in den Moorgrund. Oblonskiy legte hastig auf eine zweite an,
die noch niedrig flog, und auch diese fiel, zugleich mit dem Fall des
Schusses, und es war deutlich zu erkennen, wie sie von dem gemhten
Grunde aufsprang, mit dem heilgebliebenen weien Flgel schlagend.

Lewin war nicht so glcklich; er hatte auf die erste Schnepfe zu nahe
geschossen und gefehlt; er hatte auf sie angelegt, indem sie sich noch
erhob, aber zur gleichen Zeit flog noch eine weitere dicht vor seinen
Fen auf, lenkte ihn ab, und er that einen zweiten Fehlschu.

Whrend sie die Gewehre wieder luden, erhob sich eine weitere Bekassine
und Wjeslowskij, der soeben zum zweitenmale geladen hatte, sandte
ihr ber das Wasser noch zwei Ladungen feinen Schrot nach. Stefan
Arkadjewitsch sammelte seine Schnepfen und schaute mit glnzenden Augen
auf Lewin.

Nun, jetzt wollen wir uns trennen, sprach er, und schritt, auf dem
linken Fue hinkend, die Flinte in Bereitschaft haltend und dem Hunde
pfeifend, nach der einen Seite.

Lewin mit Wjeslowskij gingen nach der anderen.

Lewin ging es stets so, da er, wenn die ersten Schsse unglcklich
waren, in Wallung geriet, rgerlich wurde und den ganzen Tag schlecht
scho. So war es auch jetzt.

Bekassinen zeigten sich eine Menge; dicht vor den Hunden, vor den Fen
der Jger gingen sie unaufhrlich auf, und Lewin htte sein Migeschick
wieder gut machen knnen, aber je mehr er scho, umsomehr blamierte er
sich vor Wjeslowskij, der wohlgemut darauf losplatzte, ohne etwas zu
erlegen, dadurch aber nicht im geringsten aus der Fassung kam.

Lewin geriet in Unruhe, und mehr und mehr in Hitze, so da er beim
Schieen schon fast nicht mehr hoffte, noch etwas zu erlegen. Auch
Laska schien dies zu verstehen; er begann, trger zu suchen, und
schaute wie zweifelnd und vorwurfsvoll auf die Jger. Schu auf Schu
fiel. Pulverdampf lagerte sich um die Jger, aber in dem groen Netze
der Jagdtasche befanden sich nur drei leichte kleine Bekassinen, von
denen eine noch durch Wjeslowskij, eine von beiden gemeinsam erlegt
war. Whrenddem vernahm man auf der andern Seite des Sumpfes zwar nicht
hufige, wohl aber, wie Lewin schien, bedeutungsvolle Schsse von
Stefan Arkadjewitsch, bei denen fast nach einem jeden ein: Krak, Krak,
apport! hrbar wurde.

Dies regte Lewin noch mehr auf; die Bekassinen kreisten ohne
Aufhren in der Luft ber der Niederung. Ihr Schmatzen am Boden und
das Schnarren in der Hhe war ohne Unterbrechung von allen Seiten
vernehmbar; die vorher aufgestiegenen, und in der Luft kreisenden Vgel
lieen sich vor den Jgern nieder und anstatt zweier Habichte schwebten
jetzt deren zehn pfeifend ber dem Sumpfe.

Nachdem sie die grere Hlfte des Sumpfes durchschritten hatten,
gelangten Lewin und Wjeslowskij zu einer Stelle, auf welcher mit langen
Streifen eine Bauernwiese abgeteilt war, durch eingetretene Streifen,
und durch einen gemhten Schwaden angemerkt. Die Hlfte dieser Wiese
war schon gemht.

Obwohl nun wenig Hoffnung war, auf dem nichtgemhten Teil ebensoviel
zu finden, wie auf dem gemhten, so hatte Lewin Stefan Arkadjewitsch
doch einmal versprochen, mit diesem wieder zusammentreffen zu wollen,
und schritt er daher mit seinem Gefhrten weiter durch die gemhten und
ungemhten Streifen hindurch.

He da, ihr Jger! -- rief ihnen aus einem Trupp Bauern, welche bei
einem ausgespannten Wagen saen, einer zu, kommt her, et mit uns
Mittag! Hier giebt es auch Branntwein zu trinken! --

Lewin schaute sich um.

Komm nur her! rief ein heiterer brtiger Landmann mit rotem Gesicht,
die weien Zhne lchelnd zeigend, und die grnliche, in der Sonne
blitzende Flasche hochhaltend.

=Qu'est ce qu'ils disent=? frug Wjeslowskij.

Sie laden uns ein zum Branntweintrinken. Wahrscheinlich haben sie die
Wiesen geteilt. Ich mchte schon einmal trinken, sagte Lewin nicht
ohne Hintergedanken, in der Hoffnung, Wjeslowskij mchte sich vom
Branntwein verfhren lassen und mit zu ihnen hingehen.

Weshalb laden sie uns ein? --

Nun; sie sind guter Laune. Geht doch einmal hin zu ihnen. Es wird Euch
interessieren.

=Allons, c'est curieux=.

Geht, geht, Ihr werdet den Weg zur Mhle schon finden! rief Lewin,
schaute sich um, und bemerkte mit Vergngen, da Wjeslowskij, stolpernd
und mit mden Beinen, das Gewehr in dem gestreckten Arm haltend, sich
aus dem Ried zu den Bauern herausarbeitete.

Komm du doch auch! rief der Bauer Lewin zu. Alle Wetter, es giebt
Pasteten zu essen!

Lewin gelstete es stark, einmal Branntwein zu trinken, und ein Stck
Brot zu essen. Er war mde geworden und fhlte, da er nur noch mit
Mhe die einsinkenden Fe aus dem Morast zog; und einen Moment
schwankte er. Doch sein Hund hatte gestellt, und sofort war alle
Mdigkeit verschwunden; leicht schritt er ber das Moor hin seinem
Hunde zu. Unter seinen Fen flog eine Bekassine auf, er feuerte und
erlegte sie -- der Hund stand noch immer. Los! vor dem Hunde erhob
sich eine zweite. Lewin scho; allein der Tag war nicht glcklich; er
fehlte, und als er die erlegte Schnepfe suchen wollte, fand er sie
nicht einmal. Er suchte den ganzen Ried ab, aber Laska wollte nicht
glauben, da er eine Schnepfe erlegt habe, und als Lewin ihm befahl, zu
suchen, that er, als ob er suche, suchte aber nicht.

Auch ohne Wasjenka, welchem Lewin sein Unglck beima, wurde also die
Sache nicht besser. Bekassinen waren auch hier viel, aber Lewin that
Fehlschu auf Fehlschu.

Die schrgfallenden Strahlen der Sonne waren noch hei, die Kleider,
von Schwei durch und durch na, klebten ihm am Leibe, der linke
Stiefel, voller Wasser, war schwer und schmatzte; ber das vom
Pulverschmand besudelte Gesicht rann der Schwei in Tropfen, im Munde
machte sich ein bitterer Geschmack fhlbar, in der Nase Pulvergeruch
und Schlammduft, und in den Ohren klang das unausgesetzte Schnarren
der Schnepfen; die Flintenlufe durfte er nicht anrhren, so erhitzt
waren sie, das Herz pochte ihm schnell und kurz, die Hnde zitterten
vor Erregung und die mattgewordenen Beine stolperten und blieben in den
Maulwurfhaufen und im Morast stecken; aber er ging weiter und scho.
Endlich, nachdem er wiederum einen schmhlichen Fehlschu gethan, warf
er das Gewehr und die Mtze zu Boden.

Nein; erst mu ich zur Besinnung kommen! sagte er zu sich selbst.
Flinte und Mtze wieder aufhebend, rief er Laska zu seinen Fen,
und verlie den Ried. Als er auf das Trockene gekommen war, setzte
er sich auf einen Erdhaufen, zog sich aus, go die Stiefel aus, ging
dann zum Sumpfe zurck und trank Etwas von dem Wasser mit schlammigem
Beigeschmack, feuchtete die glhenden Lufe an und wusch sich Gesicht
und Hnde. Nachdem er sich so erfrischt hatte, begab er sich wieder
nach dem Platze, auf dem sich eine Bekassine niedergesetzt hatte, mit
dem festen Vorsatz, nicht in Aufregung zu geraten.

Er wollte ruhig sein, aber es blieb beim Alten. Sein Finger berhrte
den Drcker frher, als er den Vogel aufs Korn genommen hatte; es ging
schlechter und schlechter.

Er hatte nur fnf Stck in seiner Jagdtasche, als er aus dem Ried
heraus zu dem Erlenwalde kam, wo er mit Stefan Arkadjewitsch
zusammentreffen sollte.

Bevor er diesen jedoch selbst erblickte, gewahrte er seinen Hund.
Hinter der Wurzel einer Erle hervor sprang Krak, ganz schwarz von
belriechendem Moorschlamm, und beschnffelte Laska mit dem Ausdruck
des Siegers. Hinter Krak erschien im Schatten der Erlen nun auch die
stattliche Gestalt Stefan Arkadjewitschs, der ihm, rot aussehend,
schweibedeckt mit aufgeknpftem Kragen, noch immer hinkend,
entgegenkam.

Nun, wie steht es? Ihr habt viel geschossen! sagte er heiter lchelnd.

Und du? frug Lewin. Das Fragen war indes nicht ntig, weil er schon
die gefllte Jagdtasche erblickt hatte.

O, nichts von Bedeutung.

Er hatte vierzehn Stck.

Ein famoser Sumpf! Dich, scheint es, hat Wjeslowskij gestrt. Zwei mit
einem Hunde, das ist allerdings unbequem, sagte Stefan Arkadjewitsch,
seine Siegesfreude bezwingend.


                                  11.

Als Lewin und Stefan Arkadjewitsch in der Htte des Bauern ankamen,
bei welchem Ersterer stets rastete, war Wjeslowskij bereits da.
Er sa mitten in der Htte, sich mit beiden Hnden an einer Bank
anhaltend, vor welcher ihn ein Soldat, der Bruder der Bauersfrau, an
den schlammbedeckten Stiefeln herunterzerrte, und lachte mit seinem
ansteckend lustigen Lachen.

Ich bin soeben angekommen. =Ils ont t charmants=. Stellt Euch
vor, sie haben mich getrnkt und gefttert! Welch ein Brot, das
war wunderbar! =Delicieux=! Und ein Branntwein! Ich habe noch nie
schmackhafteren getrunken! Und sie wollten um keinen Preis Geld nehmen!
Sie sagten nur immer =Nje obsudisj=! --

Warum sollten sie Geld nehmen? Haben sie denn den Branntwein zum
Verkauf? sagte der Soldat, der endlich den durchnten Stiefel mit dem
schwarzgewordenen Strumpfe heruntergezogen hatte.

Trotz der Unsauberkeit der Htte, welche von den Stiefeln der Jger und
den schmutzigen, sich leckenden Hunden noch erhht wurde, trotz des
Geruches nach Schlamm und Pulver, von welchem dieselbe erfllt war,
und des Fehlens von Messern und Gabeln, tranken die Jger ihren Thee,
nahmen sie ihre Abendmahlzeit mit solchem Appetit, wie man eben nur auf
der Jagd it. Nachdem sie sich gewaschen und gereinigt hatten, gingen
sie nach dem sauber gefegten Heuschuppen, wo die Kutscher den Herren
ein Lager zurecht gemacht hatten.

Doch obwohl es bereits dunkelte, hatte keiner der Jger Lust, zu
schlafen.

Hin- und herschweifend zwischen den Erinnerungen und Erzhlungen ber
das Schieen, die Hunde und frhere Jagden -- war die Unterhaltung
auf das alle interessierende Thema gekommen. Angesichts der bereits
mehrmals wiederholten uerungen des Entzckens Wasjenkas ber den
Reiz dieses Nachtlagers, den Duft des Heues, das Anziehende eines
zerbrochenen Wagens -- der Wagen schien ihm zerbrochen, weil er von den
Vorderrdern genommen worden war -- ber die Gutmtigkeit der Bauern,
die ihn mit Branntwein gefttert hatten, ber die Hunde, die beide zu
Fen ihrer Herren lagen, berichtete Oblonskiy ber die Reize einer
Jagd bei Maltus, wo er im vergangenen Jahre gewesen war.

Maltus war ein bekannter Eisenbahnkrsus. Stefan Arkadjewitsch
erzhlte, was fr Jagdgrnde dieser Maltus im Gouvernement von Twer
aufgekauft habe, und wie dieselben gepflegt wrden, und weiter, was fr
Equipagen die Jger gefhrt htten und was fr ein Zelt zum Frhstck
an der Jagdniederung aufgestellt worden sei.

Ich begreife dich nicht, sagte Lewin, sich auf seinem Heulager
aufrichtend, da dir diese Leute nicht widerlich sind? Ich begreife,
da ein Frhstck mit Lafitte sehr angenehm ist, aber sollte dir
gerade dieser Luxus nicht zuwider sein? Alle diese Leute, unsere
einstigen Spekulanten, gewinnen ihr Geld so, da sie mit ihrem Gewinste
nur die Verachtung der Menschen verdienen; aber sie verachten diese
Geringschtzung, und kaufen sich mit dem ehrlos Erworbenen von ihrer
frheren Verachtung los.

Vollkommen richtig! bemerkte Wasjenka Wjeslowskij, vollkommen;
natrlich thut dies Oblonskiy nur aus Bonhomie, wie die anderen sagen;
Oblonskiy fhrt nicht zu ihnen --

Keineswegs, -- Lewin fhlte, wie Oblonskiy lchelte, als er dies
sprach, ich halte ihn einfach nicht fr unehrlicher, als sonst einen
der reichen Kaufleute und Adligen. Sowohl diese, wie jene sind reich
geworden durch ihre Arbeit und ihre Intelligenz.

Ja, aber durch was fr Arbeit? Ist das etwa Arbeit, da sie
Konzessionen erbeuten und diese weiter verkaufen?

Natrlich eine Arbeit. Eine Arbeit in dem Sinne, da wenn es diese
Leute oder ihnen hnliche nicht gbe, auch keine Eisenbahnen da wren.

Aber diese Arbeit ist doch nicht eine solche, wie die eines Bauern,
oder des Gelehrten.

Nehmen wir so an; aber es ist eine Arbeit in dem Sinne, da diese
Thtigkeit ein Resultat ergiebt -- die Eisenbahnen! Du freilich findest
wohl, da die Eisenbahnen ohne Nutzen sind.

Nein; das ist eine andere Frage; ich bin bereit anzuerkennen da sie
ntzlich sind, aber jeder Erwerb, welcher der fr ihn aufgewandten Mhe
nicht entspricht, ist ehrlos.

Wer bestimmt aber dieses Verhltnis?

Erwerb auf unehrlichem Wege, durch Anwendung von List, sagte Lewin,
im Gefhl, da er die Grenze zwischen ehrlich und unehrlich nicht
klar zu bestimmen wute, ebenso wie der Erwerb der Bankbureaus,
fuhr er fort, sind von bel; sie bestehen in der mhelosen Erwerbung
ungeheurer Summen, wie dies der Fall war bei den Aufkufen; nur die
Form hat sich verndert. =Le roi est mort, vive le roi=! Kaum hatte
man die Bodenspekulation vernichtet, da erschienen die Eisenbahnen und
Banken; gleichfalls ein Erwerbsbetrieb ohne Mheaufwand.

Ja, das kann alles recht wahr und scharfsinnig sein -- leg' dich Krak
-- rief Stefan Arkadjewitsch seinem Hunde zu, der sich kratzte und das
Heu durchwhlte -- augenscheinlich von der Richtigkeit seiner Meinung
berzeugt und daher ruhig und ohne bereilung.

Aber du unterscheidest nicht die Grenzen zwischen ehrlicher und
unehrlicher Arbeit. Da ich an Gehalt mehr bekomme, als mein
Kanzleivorsteher, obwohl der die Sache besser versteht als ich, ist das
ehrlos?

Ich wei nicht.

Nun, so will ich dir sagen: Da du fr deinen Mheaufwand in der
Landwirtschaft, sagen wir, fnftausend Rubel einnimmst, whrend unser
Wirt hier, der Bauer, so viel er auch arbeiten mag, nicht mehr als
fnfhundert hat, ist ganz ebenso ehrlos, wie, da ich mehr als mein
Kanzleivorsteher erhalte, und da Maltus mehr als ein Eisenbahnmeister
einnimmt. Im Gegenteil, ich erblicke ein gewisses, durch nichts
begrndetes, feindseliges Verhalten der Gesellschaft diesen Leuten
gegenber, und es scheint mir, da hier der Neid --

Nein; das wre ungerecht, sagte Wjeslowskij, Neid kann es hier nicht
geben, aber etwas Unsauberes liegt in diesem Geschft.

Gestatte; fuhr Lewin fort. Du sagst, es sei ungerecht, da ich
fnftausend Rubel habe, und der Bauer fnfhundert; das ist wahr. Es ist
ungerecht, und ich fhle es, doch --

Es ist so in der That. Weshalb essen wir, trinken wir, jagen wir,
faulenzen wir, whrend er ewig, ewig bei der Arbeit ist? sagte
Wasjenka Wjeslowskij, augenscheinlich zum erstenmal im Leben klar
hierber nachdenkend, und infolge dessen auch vollstndig aufrichtig.

Ja; du fhlst es wohl, wrdest ihm aber dein Vermgen doch nicht
geben, sagte Stefan Arkadjewitsch, gleichsam mit Absicht Lewin
zusetzend.

In letzter Zeit war zwischen den beiden Schwagern eine Art von
verborgenem, feindseligem Verhltnis eingetreten; seit der Zeit, seit
welcher sie mit den Schwestern verheiratet waren, hatte sich zwischen
ihnen gleichsam ein Rivalentum darin entwickelt, wer sein Leben besser
fundiert htte, und jetzt kam diese Gegnerschaft in einem Gesprch zum
Ausdruck, welches einen persnlichen Charakter anzunehmen begann.

Ich werde es ihm deshalb nicht geben, weil es niemand von mir fordert,
und wenn ich selbst wollte, wrde ich es nicht knnen, versetzte
Lewin, wie berhaupt niemand.

Gieb es nur dem Bauer hier; er wird dir nicht abschlglich antworten.

Ja; aber wie soll ich es ihm geben? Soll ich mit ihm hinfahren und ihm
einen Kaufbrief ausstellen?

Ich wei nicht; doch wenn du berzeugt bist, da du nicht das Recht
hast --

Ich bin durchaus nicht berzeugt hiervon; im Gegenteil fhle ich, da
ich nicht das Recht habe, zu verschenken, da ich Verbindlichkeiten
meinem Boden, wie meiner Familie gegenber habe.

Nein doch; gestatte; wenn du urteilst, da diese Ungleichheit eine
ungerechte sei, weshalb handelst du dann nicht so?

Ich handle ja so; nur aber negativ; in dem Sinne, da ich mich nicht
bemhen will, jenen Unterschied der Lage, welcher zwischen mir und
jenem besteht, noch zu vergrern.

Nein, entschuldige, aber das ist paradox! --

Ja, das ist eine etwas sophistische Erklrung, besttigte
Wjeslowskij. Ah, da kommt ja unser Wirt, sprach er zu dem Bauer,
welcher, mit der Thr kreischend, in den Schuppen trat.

Nun, schlfst du denn noch nicht?

Nein; wie soll man schlafen! Ich denke immer, unsere Herren schlafen,
da hre ich sie reden, fgte er hinzu, behutsam mit den nackten Fen
auftretend.

Wo schlfst du denn?

Wir gehen auf die Nachtwache.

Ach, welche Nacht! sagte Wjeslowskij, auf die beim schwachen Scheine
der Abendrte in dem groen Rahmen der jetzt offenen Thr sichtbar
werdenden Umrisse der Htte und des ausgeschirrten Wagens schauend.

Hrt nur, da singen Weiberstimmen, und wahrhaftig, nicht schlecht. Wer
singt denn da, Herr Wirt!

Ach, das sind die Mgde, vom Hof.

Lat uns hingehen; wir wollen spazieren gehen! Wir werden doch nicht
schlafen; Oblonskiy, kommt mit!

Das wre; ich liege, geht nur, antwortete Oblonskiy sich reckend, es
liegt sich ausgezeichnet hier.

Nun, dann gehe ich allein, sagte Wjeslowskij, lebhaft aufstehend und
kleidete sich an. Auf Wiedersehen denn, ihr Herren. Wenn es hbsch
werden sollte, werde ich euch rufen; ihr habt mich mit Wild regaliert,
und ich werde eurer nicht vergessen.

Nicht wahr, ein vortrefflicher Bursch? sprach Oblonskiy, nachdem
Wjeslowskij gegangen war und der Bauer hinter ihm die Thr geschlossen
hatte.

Ja, vortrefflich, erwiderte Lewin, weiter ber das Thema des soeben
stattgehabten Gesprchs nachdenkend. Ihm schien es, als habe er, soweit
er es verstand, seine Ideen und Empfindungen klar ausgesprochen, und
doch hatten diese beiden, zwei nicht eben beschrnkte, und aufrichtige
Mnner, einstimmig gesagt, da er sich mit Sophismen trste. Dies
machte ihn ratlos.

So, so ist es, mein Freund. Eins von beiden ist ntig; entweder
zugestehen, da die gegenwrtige Einrichtung der Gesellschaft gerecht
ist, und dann deine Rechte behaupten, oder zugestehen, da du
unrechtmiger Vorzge teilhaft bist --, wie ich dies thue -- und von
diesen mit Vergngen Gebrauch machen.

Nein. Wenn das ungerecht wre, so knntest du diese Gter nicht mit
Vergngen genieen -- ich wenigstens knnte es nicht. -- Mir ist die
Hauptsache -- ich mu fhlen, da ich keine Schuld trage.

Aber wollen wir nicht doch ein wenig mitgehen? sagte Stefan
Arkadjewitsch, augenscheinlich abgespannt von dieser Anstrengung seines
Geistes. Wir knnen ja doch nicht schlafen. Es ist wahr; gehen wir!

Lewin antwortete nicht. Das im Laufe des Gesprchs geuerte Wort, da
er, wenn auch nur im negativen Sinne, gerecht handle, beschftigte ihn.

Sollte man nicht auch in negativem Sinne gerecht sein knnen? frug er
sich selbst.

Wie stark doch auch das frische Heu duftet! sprach Stefan
Arkadjewitsch, sich erhebend. Ich kann um keinen Preis schlafen!
Wasjenka hat wohl schon etwas angestiftet da drben. Hrst du das
Gelchter und seine Stimme? Wollen wir nicht hingehen? Komm!

Nein; ich gehe nicht mit! antwortete Lewin.

Wirklich nicht? Thust du dies auch nur aus Prinzip nicht? sagte
lchelnd Stefan Arkadjewitsch, in der Finsternis nach seiner Mtze
suchend.

Nicht aus Prinzip, aber wozu sollte ich mitkommen?

Weit du, du machst dir selbst das Leben schwer, sagte Stefan
Arkadjewitsch, der die Mtze gefunden hatte, aufstehend.

Inwiefern?

Sah ich denn nicht, wie du dich mit deinem Weibe gestellt hast? Ich
habe gehrt, wie es bei euch eine Frage der hchsten Wichtigkeit war,
ob du fr zwei Tage auf die Jagd fahren solltest oder nicht! Alles
das ist ja ganz gut, wie ein Idyll, aber fr das ganze Leben reicht es
nicht zu. Der Mann mu unabhngig sein; er hat seine Mannesinteressen!

Der Mann mu mnnlich sein, sprach Oblonskiy, die Thr ffnend.

Was heit das? Etwa den Mgden die Cour schneiden? frug Lewin.

Weshalb sollte man nicht einmal hingehen, wenn es dort lustig zugeht?
=a ne tire pas  consquence=. Meine Frau wird sich davon nicht
schlechter und ich werde mich wohl befinden. Die Hauptsache ist aber
die, da man das Heiligtum des Hauses wahrt; damit im Hause nichts
vorfllt; doch die Hnde braucht man sich deshalb noch nicht zu binden!

Mag sein, versetzte Lewin trocken und wandte sich auf die Seite.
Morgen mssen wir frh aufbrechen und ich werde niemand wecken,
sondern mit dem Zwielicht aufgehen.

=Messieurs, venez vite=! wurde die Stimme Wjeslowskijs vernehmbar,
der zurckkam. =Charmante=! Das habe ich entdeckt. =Charmante=,
ein vollstndiges Gretchen, und ich bin schon mit ihr bekannt
geworden! Wahrhaftig reizend! -- erzhlte er mit so billigendem
Gesichtsausdruck, als sei sie eigens fr ihn selbst so hbsch
geschaffen worden, und als sei er zufrieden mit demjenigen, der dies
fr ihn arrangiert hatte.

Lewin stellte sich schlafend; Oblonskiy, die Pantoffeln anziehend und
eine Cigarre ansteckend, verlie den Schuppen, und bald waren beider
Stimmen verklungen.

Lewin konnte lange Zeit nicht einschlafen. Er lauschte, wie seine
Pferde das Heu kauten, dann wie sein Wirt mit dem ltesten Sohne sich
fertig machte und zur Nachtwache abging; dann hrte er, wie der Soldat
sich mit einem Neffen, dem kleinen Sohne des Hausherrn, auf der andern
Seite des Schuppens schlafen legte, wie der Knabe mit seinem dnnen
Stimmchen dem Onkel seine Eindrcke ber die Hunde mitteilte, die
ihm furchtbar und ungeheuer erschienen, ferner, wie der Knabe frug,
wen diese Hunde fangen wollten, und wie der Soldat mit heiserer und
schlfriger Stimme ihm sagte, da die Jger morgen in den Sumpf wollten
und aus ihren Flinten schieen wrden, und wie er schlielich, um die
Fragen des Knaben los zu sein, sagte: Schlaf, Waska, schlaf, oder
-- Bald schnarchte er selbst, und alles war still geworden; nur das
Wiehern der Pferde und das Schnarren einer Schnepfe war hrbar.

Sollte es wirklich nur negativ sein? wiederholte er sich, aber was;
-- ich bin doch nicht schuld daran. -- Und er begann hierauf, sich
den nchsten Tag zu berlegen. Morgen will ich frh aufbrechen und
werde mir vornehmen, nicht in Aufregung zu kommen. Bekassinen giebt es
eine Unmenge. Und werde ich hierher heimkehren, so wird ein Brief von
Kity da sein. Ja, Stefan, hast du denn recht? Ich bin nicht mnnlich
gegen sie, ich bin verweichlicht. Aber was thun -- es ist wieder etwas
Negatives.

In sein Trumen hinein vernahm er das Lachen und das heitere Geschwtz
Wjeslowskijs und Stefan Arkadjewitschs. Fr einen Augenblick ffnete er
die Augen; der Mond war aufgegangen und durch die geffnete Thr, hell
von dem Mondlicht beleuchtet, sah er sie stehen und plaudern.

Stefan Arkadjewitsch hatte etwas ber die Frische der Mdchen
gesagt und sie mit einer eben von der Schale befreiten frischen
Nu verglichen, und Wjeslowskij mit seinem ansteckenden Gelchter,
wiederholte wahrscheinlich die ihm von dem Bauer gesagten Worte: Mach
dich soviel als mglich an dein Mdchen heran!

Lewin murmelte im Schlafe:

Ihr Herren, morgen mit Tagesanbruch! und entschlummerte.


                                  12.

Als Lewin mit dem frhen Morgenrot erwacht war, versuchte er es, die
Gefhrten zu wecken. Wasjenka, auf dem Bauche liegend und den einen Fu
noch mit dem Strumpfe von sich streckend, schlief so fest, da keine
Antwort von ihm zu erhalten war.

Oblonskiy weigerte sich im Schlafe, so frh aufzubrechen und selbst
Laska, verschlafen und im Kreis zusammengeringelt, am Rande des
Schuppens liegend, erhob sich nur ungern und streckte trge, eins nach
dem andern, die Hinterbeine von sich.

Nachdem Lewin sich angekleidet hatte, ergriff er das Gewehr, ffnete
sachte die kreischende Thr des Schuppens, und trat auf die Gasse
hinaus. Die Kutscher schliefen bei den Wagen, die Pferde trumten;
nur eines fra faul seinen Hafer, ihn mit seinem Schnauben auf der
Holzkrippe auseinanderblasend.

Auf dem Hofe war alles noch grau.

So frh schon auf, Herr? wandte sich, freundlich, wie zu einem alten
guten Bekannten, die alte Hausmutter, welche aus dem Bauernhause kam,
an ihn.

Ja, es soll zur Jagd gehen, Mtterchen! Komme ich dort nach dem
Sumpfe?

Gerade durch die Grten, unsere Tennen, lieber Mann, und die
Hanffelder; dort geht der Weg.

Behutsam mit den nackten, gebrunten Fen auftretend, fhrte die Alte
Lewin und ffnete ihm den Verschlag bei der Tenne.

Geradeaus so und du kommst in den Sumpf; unsere Kinder haben dort
Nachtweide gehabt.

Laska lief lustig voraus auf dem Fusteig; Lewin folgte ihm mit
schnellem, leichtem Schritt, fortwhrend nach dem Himmel schauend. Er
wnschte, die Sonne mchte nicht frher aufgehen, als bis er zum Ried
gekommen wre, doch die Sonne sumte nicht. Der Mond, welcher noch
schien, als er herausgetreten war, glnzte jetzt nur noch wie ein Stck
Quecksilber. Das Morgenrot, welches man vorher deutlich sehen mute,
war jetzt zu suchen, und vorher unbestimmt gewesene Flecken im fernen
Felde waren jetzt klar sichtbar; es waren Kornfeime. Der ohne das
Sonnenlicht noch nicht sichtbar gewesene Thau in dem duftenden, hohen
Hanf durchnte die Fe und die Bluse Lewins bis ber den Grtel. In
der klaren Ruhe des Morgens waren die leisesten Gerusche vernehmlich.
Eine Biene flog mit dem Sausen der Kugel an Lewins Ohr vorber. Er
schaute auf und sah eine zweite, eine dritte. Sie alle kamen hinter
dem Zaune des Bienengartens hervorgeflogen und verschwanden ber dem
Hanf in der Richtung nach dem Ried. Der Fusteig fhrte gerade aus in
den Sumpf, und diesen selbst konnte man schon an den Dnsten erkennen,
welche sich aus ihm erhoben, hier dichter, dort weniger dicht, so da
die Wiese und Gebsche wie kleine Inseln in dem Nebel flimmerten.

Am Rande der Niederung und des Weges lagen Knaben und Bauern, welche
die Nacht beim Vieh gewacht hatten und im Morgenrot alle unter ihren
Kaftanen schliefen. Unweit von ihnen gingen drei gefesselte Pferde;
eines derselben klirrte in seinen Ketten. Laska ging neben seinem
Herrn, nach vorwrts strebend und sich umblickend.

Nachdem Lewin bei den schlafenden Bauern vorbergegangen und an die
erste Wasserstelle gelangt war, besichtigte er die Pistons und lie den
Hund los. Eines der Pferde, ein gutgeftterter, brauner Dreijhriger,
erschrak, als er den Hund erblickte, hob den Schweif und schnob. Die
brigen Pferde gerieten gleichfalls in Schrecken, und eilten mit den
gefesselten Beinen im Wasser pltschernd, und mit den aus dem dichten
Lehm gezogenen Hufen einen Lrm verursachend, welcher dem Klopfen
hnlich war, aus dem Sumpfe.

Laska war stehen geblieben, schaute spttisch auf die Pferde und
fragend auf Lewin. Dieser streichelte den Hund, und pfiff, zum Zeichen,
da er nun beginnen knne.

Munter und vorsichtig eilte Laska ber das unter ihm schwankende Moor.

Als er in den Sumpf geeilt war, witterte er unter den ihm vertrauten
Gerchen und Sumpfgrsern, des Schlammes und des hier nicht
hergehrigen Duftes von Pferdemist, der in diesem ganzen Revier
verbreitet war, den Geruch eines Vogels, des Vogels, der ihn mehr als
alle anderen Witterungen in Aufregung versetzte.

An manchen Stellen im Moos und bei Sumpfpflanzen war dieser Geruch sehr
stark, aber es lie sich nicht entscheiden, nach welcher Seite hin er
zunahm oder schwcher wurde.

Um die Richtung zu finden, war es ntig, weiter unter den Wind zu
gehen. Ohne die Bewegung seiner Fe zu fhlen, eilte Laska in scharfem
Galopp, doch derart, da er bei jedem Sprung Halt machen konnte, wenn
es ntig werden sollte, nach rechts, hinweg von dem von Osten her
wehenden leichten Morgenwind, und wandte sich dann gegen denselben.
Mit offener Nase die Luft in sich einziehend, witterte er sogleich,
da nicht nur die Spuren von ihnen, sondern sie selbst da waren, in
seiner Nhe, und nicht vereinzelt, sondern viele. Laska verminderte die
Schnelligkeit seines Laufes. Sie waren da, aber wo, vermochte er noch
nicht zu bestimmen.

Um den Ort nun zu finden, begann er bereits einen Kreislauf, als ihn
die Stimme seines Herrn davon abzog. Laska, dort, sagte er, ihn auf
die andere Seite weisend. Der Hund stand, und frug ihn, ob es nicht
besser wre, zu thun, wie er begonnen htte. Doch der Herr wiederholte
mit strenger Stimme seinen Befehl, auf einen mit Wasser berdeckten
Fleck zeigend, wo nichts sein konnte.

Er gehorchte ihm, sich stellend als suche er, um ihm Vergngen zu
machen, durchstreifte den Fleck und kehrte dann zu seinem alten Platz
zurck, und sofort witterte er die Vgel wieder. Jetzt, da sein Herr
ihn nicht mehr strte, erkannte er, was zu thun sei, und begann, ohne
auf seine Fe acht zu haben und rgerlich ber die hohen Erdhgel
strauchelnd, oder ins Wasser fallend, aber mit flinken starken Fen
seinen Kreislauf, welcher ihm alles klarmachen mute.

Der Geruch der Vgel wurde strker und strker, er drang immer
bestimmter und bestimmter auf ihn ein, und pltzlich war es ihm
vollkommen klar, da einer derselben dort, hinter jenem Erdhgel sei,
fnf Schritte vor ihm; und er blieb stehen, blieb unbeweglich mit dem
ganzen Krper.

Auf seinen niederen Beinen konnte er vor sich nichts sehen, an der
Witterung aber erkannte er, da der Vogel nicht weiter als fnf Schritt
entfernt von ihm sa. Er stand, mehr und mehr des Wildes Nhe fhlend
und sich in der Erwartung freuend. Die steife Rute war hochgestreckt
und bebte nur ganz am Ende. Sein Maul war leicht geffnet, die Ohren
waren gespitzt. Das eine Ohr hatte sich noch whrend des Laufs
zurckgelegt, und er atmete schwer, aber vorsichtig, und schaute sich
noch vorsichtiger nach seinem Herrn um, mehr mit den Augen, als mit
dem Kopfe. -- Dieser, mit seinem gewohnten Gesicht, aber den ihm stets
furchtbaren Augen, kam, ber die Erdhaufen strauchelnd, ungewhnlich
gemchlich, wie ihm schien, und doch lief er.

Als Lewin das seltsame Suchen Laskas bemerkt hatte, wie sich dieser
ganz zur Erde drckte, mit groen Schritten der Hinterfe gleichsam
rudernd, das Maul leicht geffnet, erkannte er, da Laska einer
Schnepfe nachspre und eilte, im Geiste Gott bittend, da er ihm
Erfolg, besonders fr den ersten Vogel verleihe, zu dem Hunde.

Als er nahe an diesen herangekommen war, hielt er in seiner Gre vor
sich Umschau und erblickte mit den Augen, was sein Hund mit der Nase
erkannt hatte. In einem Schlupfwinkel zwischen zwei Erdhgeln, in der
Entfernung von einem Faden, war eine Bekassine sichtbar. Den Kopf
gewendet, lauschte sie; dann pltzlich die Flgel leise reckend und sie
wieder zusammenlegend, schttelte sie das Hinterteil und verbarg sich
hinter einer Ecke.

Stell, stell! rief Lewin, Laska in den Rcken stoend.

Ich kann ja nicht, dachte Laska, wohin soll ich gehen? Von dorther
wittere ich die Vgel, aber wenn ich mich vorwrts bewege, werde ich
nicht erfahren, wo sie sind. Doch er stie den Hund mit dem Knie und
sprach in aufgeregtem Flsterton, stell, mein Laska, stell!

Nun, wenn er es denn will, werde ich es thun, doch ich bin jetzt fr
nichts mehr verantwortlich, dachte Laska, und drang in vollem Laufe
vorwrts zwischen den Erdhgeln. Er hatte bis jetzt noch nichts gemerkt
und nur geschaut und gelauscht, ohne etwas zu erfassen.

Zehn Schritte von seinem vorigen Platze erhob sich mit breitem
Schnarchen und dem den Schnepfen eigenen vollen Ton des Flgelschlags
eine Schnepfe, strzte aber sofort auf den Schu schwer platschend mit
der weien Brust auf den nassen Moor herab. Eine zweite lie nicht auf
sich warten und stieg hinter Lewin ohne Hund auf.

Als Lewin sich nach ihr umwandte, war sie schon weit entfernt, aber
sein Schu erreichte sie. Nachdem sie zwanzig Schritt geflogen war,
strzte sie, sich steil im Kreise erhebend und berschlagend, wie ein
geworfener Ball schwer auf einen trockenen Platz herab.

So hat das Ding Sinn! dachte Lewin, die noch warmen, fetten Vgel in
seiner Jagdtasche bergend, nicht so, Laskchen, das wird etwas werden?

Als Lewin, nachdem er das Gewehr wieder geladen hatte, sich weiter
bewegte, war die Sonne, obwohl hinter den Wolken noch nicht sichtbar,
bereits aufgegangen. Der Mond, seines Schimmers ganz verlustig
gegangen, stand bleich wie eine Wolke am Himmel, und von den Sternen
war kein einziger mehr sichtbar. Der Morast sah wie Bernstein aus;
die Blue der Grser ging ber in gelbes Grn. Die kleinen Sumpfvgel
tummelten sich auf den von Thau schimmernden, lange Schatten am Bache
werfenden Bschen. Ein Habicht war erwacht und sa auf einem Schober,
den Kopf von einer Seite auf die andere wendend und griegrmig auf den
Sumpf blickend. Dohlen flogen auf das Feld, und ein barfiger Junge
trieb schon die Pferde zu dem sich unter seinem Kaftan aufrichtenden,
und sich kratzenden Alten. Der Rauch der Schsse lag wei wie Milch auf
dem Grn des Grases.

Einer der Knaben kam zu Lewin gelaufen.

Herr, gestern waren da Enten! rief er ihm zu und folgte ihm aus der
Ferne.

Lewin gewhrte es doppeltes Vergngen, vor den Augen des Knaben,
welcher seine Freude darber ausdrckte, noch Schlag auf Schlag drei
Bekassinen erlegen zu knnen.


                                  13.

Die alte Jgererfahrung, da wenn das erste Wild, der erste Vogel,
nicht gefehlt worden ist, das Revier gnstig bleibt, erwies sich als
richtig.

Mde und hungrig, aber beglckt, kehrte Lewin um zehn Uhr morgens,
dreiig Werst hinter sich, mit neunzehn Stck schnen Wildprets und
einer Ente, die er an den Grtel gebunden hatte, da sie schon nicht
mehr in die Jagdtasche ging, in sein Quartier zurck. Seine Gefhrten
hatten schon lngst ausgeschlafen, hatten Hunger empfunden und
gefrhstckt.

Halt, halt, ich wei doch, da es neunzehn sind, sagte Lewin, zum
zweitenmal die Schnepfen durchzhlend, welche jetzt nicht mehr den
charakteristischen Anblick zeigten, den sie boten, wie sie aufflogen;
zusammengekrmmt und eingeschrumpft, mit dem geronnenen Blute und
seitwrts herniederhngenden Kpfchen.

Die Rechnung stimmte und der Neid Stefan Arkadjewitschs kitzelte Lewin.
Noch angenehmer aber war ihm, da er, als er in das Quartier zurckkam,
schon einen Boten mit einem Brief von Kity antraf.

Ich bin gesund und munter. Wenn du Besorgnis um mich hegst, so
kannst du wohl noch ruhiger sein, als zuvor. Ich habe jetzt einen
neuen Leibhter, Marja Wlasjewna, dies war die Wehfrau, eine neue und
wichtige Persnlichkeit im Familienleben Lewins. Sie ist gekommen, um
sich nach mir zu erkundigen, und hat mich vollstndig gesund befunden;
wir haben sie bis zu deiner Rckkunft dabehalten. Alles ist gesund und
munter, aber, bitte, bereile dich nicht, und bleibe, wenn die Jagd gut
ist, noch einen Tag.

Diese beiden freudigen Ereignisse, die glckliche Jagd und der
Brief seiner Gattin, waren so schwerwiegend, da zwei kleine
Unannehmlichkeiten nach der Jagd von Lewin leicht verwunden wurden. Die
eine bestand darin, da das braune Handpferd, welches gestern offenbar
zu viel geleistet hatte, nicht fra und den Kopf hngen lie. Der
Kutscher sagte, es sei kreuzlahm.

Ihr habt es gestern bertrieben, Konstantin Dmitritsch, sagte er;
zehn Werst sind wir gar nicht auf dem Weg gefahren.

Die andere Unannehmlichkeit, die im ersten Augenblick seine gute Laune
verdarb, ber die er indessen spter viel lachte, bestand darin, da
von dem ganzen Vorrat an Lebensmitteln, der von Kity in solcher Flle
mitgegeben worden war, da es schien, als knne er in einer Woche nicht
aufgezehrt werden, nichts mehr brig war.

Mde und hungrig von der Jagd heimkehrend, hatte Lewin so lebhaft von
den Pasteten getrumt, da er, dem Quartier nher kommend, schon den
Duft und den Geschmack derselben im Munde witterte, wie Laska das Wild,
und sogleich Philipp befahl, sie ihm zu bringen. Da aber stellte sich
heraus, da nicht nur keine Pasteten, sondern auch keine jungen Hhner
mehr da waren.

Es gab schon Appetit, sagte Stefan Arkadjewitsch lachend, auf
Wasjenka Wjeslowskij weisend; ich leide doch nicht gerade Mangel an
Appetit, aber dies war bewundernswert --

Nun, aber was jetzt thun! sagte Lewin, mrrisch auf Wjeslowskij
blickend; Philipp, so gieb mir Rindfleisch!

Das Rindfleisch haben wir gegessen und die Knochen den Hunden
gegeben, antwortete Philipp.

Lewin rgerte sich hierber so, da er voll Verdru sagte: Htten sie
mir auch nur wenigstens etwas brig gelassen! und das Weinen stand ihm
nahe.

So weide denn ein Stck Wildbret aus, sagte er mit bebender Stimme zu
Philipp, es vermeidend, Wasjenka anzublicken, und lege Nesseln dazu.
La dir wenigstens etwas Milch fr mich geben.

Bald darauf indessen, nachdem er die Milch getrunken hatte, that es
ihm leid, da er seinen Verdru einem fremden Menschen gegenber
ausgesprochen hatte, und er begann ber seinen hungrigen Zorn zu lachen.

Am Abend machten sie noch einen Streifzug, in welchem auch Wasjenka
mehrere Stck erlegte und kehrten nachts heim.

Die Heimfahrt war ebenso vergngt, wie die Herfahrt. Wjeslowskij sang
bald, bald gedachte er mit Wonne seiner Erlebnisse bei den Bauern, die
ihn mit Branntwein bewirtet und ihm gesagt hatten, er solle sich nicht
besinnen; bald seiner nchtlichen Abenteuer mit den Nssen und der
Magd und dem Bauer, der ihn gefragt hatte, ob er verheiratet sei, und
nachdem er erfahren, es wre nicht der Fall, ihm gesagt hatte, er solle
sich nicht um die Frauen anderer kmmern, sondern mglichst bald selber
heiraten. Diese Worte hatten Wjeslowskij ganz besonders heiter gestimmt.

Im allgemeinen bin ich auerordentlich zufrieden mit unserer Fahrt.
Und Ihr, Lewin?

Ich bin auch sehr zufrieden, antwortete dieser, dem es recht froh
zu Mut war, aufrichtig. Er empfand nicht nur keine Feindseligkeit
mehr, wie er sie in dem Hause gegen Wasjenka Wjeslowskij gehegt hatte,
sondern, im Gegenteil, die freundschaftlichste Gesinnung fr denselben.


                                  14.

Am andern Tag um zehn Uhr klopfte Lewin, der schon die konomie
inspiziert hatte, an das Zimmer, in welchem Wasjenka bernachtete.

=Entrez=! rief ihm dieser entgegen. Ihr entschuldigt mich wohl, ich
bin soeben erst mit meinen =ablutions= fertig, sagte er lchelnd, im
bloen Hemde vor ihm stehend.

Lat Euch nicht stren, bitte, sagte Lewin und setzte sich ans
Fenster. Habt Ihr gut geschlafen?

Wie ein Toter. Was fr ein Tag doch heute zur Jagd wre!

Trinkt Ihr Thee oder Kaffee?

Weder dies, noch das: ich frhstcke. Mir liegt brigens etwas auf
dem Herzen. Haben sich die Damen bereits erhoben? Jetzt lt sichs
vortrefflich einen Rundgang machen. Zeigt mir doch einmal Eure Pferde!

Nachdem Lewin mit durch den Garten gegangen und im Pferdestall eine
Weile gewesen, selbst einige gymnastische bungen mit ihm am Barren
gemacht hatte, wandte er sich mit seinem Gaste dem Hause wieder zu und
trat mit ihm in den Salon.

Wir haben vortrefflich gejagt, und wieviele Eindrcke empfangen,
sagte Wjeslowskij, zu Kity gehend, welche hinter dem Ssamowar sa. Wie
schade, da die Damen dieser Vergngungen beraubt sind.

Nun, er mu doch mit der Frau des Hauses sprechen, dachte Lewin
bei sich; es zeigte sich ihm wiederum Etwas in dem Lcheln in jenem
triumphierenden Ausdruck, mit dem sich der Besucher an Kity wandte.

Die Frstin, jenseits des Tisches mit Marja Wlasjewna und Stefan
Arkadjewitsch sitzend, rief Lewin zu sich und begann mit ihm ein
Gesprch ber die Umsiedelung nach Moskau wegen der Niederkunft Kitys
und der Anstalt zur Bestimmung eines Quartiers.

Wie fr Lewin schon alle Vorbereitungen bei der Hochzeit unangenehm
gewesen waren, die mit ihrer Niedrigkeit die Erhabenheit dessen,
was sich vollzog, beeintrchtigten, so erschienen ihm die Anstalten
fr die bevorstehende Niederkunft, deren Zeit gleichsam an den
Fingern abgezhlt wurde, noch verletzender. Er suchte geflissentlich
whrend dieser ganzen Zeit, die Gesprche ber die Art der Windelung
des zu erwartenden Kindes zu berhren; er bemhte sich, gewisse
geheimnisvolle endlose gestrickte Streifen, gewisse dreieckige
Stckchen Leinwand, denen namentlich Dolly eine besondere Wichtigkeit
beima, und andere Dinge von sich zu weisen und nicht zu sehen.

Das Ereignis der Geburt eines Sohnes -- er war berzeugt, es werde
ein Sohn sein -- das man ihm in Aussicht gestellt hatte, an welches er
aber gleichwohl nicht zu glauben vermochte, so ungewhnlich dnkte es
ihm -- erschien ihm einerseits als ein so ungeheuerliches und daher
unmgliches Glck, anderseits als ein so geheimnisvoller Vorgang
-- da diese vermeintliche Kenntnis dessen, was kommen wrde, und
demnach die Vorbereitung dazu als zu etwas Gewhnlichem, von Menschen
herbeigefhrtem, ihm rgerlich und herabwrdigend vorkam.

Aber die Frstin verstand seine Empfindungen nicht; sie erklrte
seine Unlust, darber zu denken, zu sprechen, als Leichtsinn und
Gleichgltigkeit; und lie ihn infolge dessen nicht in Ruhe. Sie
bertrug es Stefan Arkadjewitsch, eine Wohnung zu besichtigen, und rief
nun Lewin zu sich.

Ich wei nichts, Frstin. Thut, was Ihr wollt, sagte dieser.

Es mu aber ein Entschlu gefat werden, wann Ihr bersiedelt.

Ich wei es wirklich nicht. Ich wei nur, da Kinder zu Millionen auch
ohne Moskau geboren werden, und ohne rzte -- wozu das --

Aber wenn es so steht --

Nun; wie Kity will --

Mit Kity lt sich hierber nicht reden. Wie; willst du, da ich sie
erschrecken soll? In diesem Frhling ist die Nataly Galizina gestorben
durch die Schuld eines Geburtsfehlers.

Wie Ihr sagt, werde ich thun, sagte er finster.

Die Frstin begann nun mit ihm weiter zu sprechen, aber er hrte sie
gar nicht. Obwohl ihn das Gesprch mit der Frstin verstimmte, wurde er
nicht infolge desselben milaunig, sondern durch das, was er bei dem
Ssamowar sah.

Nein; es ist unmglich, dachte er, bisweilen nach Wasjenka blickend,
der zu Kity herniedergebeugt, dieser mit seinem hbschen Lcheln
etwas erzhlte, und sie anblickte, die errtete und erregt war. Es
lag etwas Indecentes in der Stellung Wasjenkas, in seinem Blick, und
seinem Lcheln. Lewin sah sogar etwas Indecentes auch in der Haltung
und im Blick Kitys. Und wiederum verfinsterte sich die Welt vor
seinen Augen. Wiederum, wie gestern, pltzlich, ohne den geringsten
bergang, fhlte er sich von der Hhe seines Glckes, seiner Ruhe und
Wrde herabgeschleudert, in einen Abgrund der Verzweiflung, Wut und
Erniedrigung. Wiederum wurde ihm jedermann und alles widerlich.

Macht was Ihr wollt, Frstin, sagte er nochmals, sich umblickend.

Es ist gar schwer, alles allein thun zu sollen, sagte Stefan
Arkadjewitsch scherzweise zu ihm, offenbar nicht nur auf das Gesprch
mit der Frstin deutend, sondern auch auf die Ursache der Aufregung
Lewins, welche er bemerkt hatte. Wie kommst du heute so spt, Dolly!

Alles erhob sich, um Darja Alexandrowna zu begren. Wasjenka stand nur
fr eine Minute auf, und verbeugte sich kaum, mit dem den neumodischen
jungen Herrn eigenem Mangel an Hflichkeit gegen die Damen, worauf er
seine Unterhaltung wieder fortsetzte, ber irgend etwas in Gelchter
ausbrechend.

Mich hat Mascha gepeinigt. Sie schlief schlecht und ist heute
entsetzlich launisch gewesen, sagte Dolly.

Das Gesprch, welches Wasjenka und Kity pflogen, drehte sich wiederum
um das gestrige Thema, um Anna und die Frage, ob die Liebe hher stehen
knne als die Gesetze der Welt.

Kity war das Gesprch unangenehm geworden; es regte sie schon durch
seinen Inhalt auf, sowie durch den Ton, in welchem es gefhrt wurde,
namentlich aber dadurch, da sie schon inne geworden war, wie es auf
ihren Mann wirke. Sie war indessen zu naiv und zu unschuldig, um es zu
verstehen, das Gesprch abzubrechen, etwa schon um deswillen, jenes
uere Behagen, welches ihr die sichtliche Aufmerksamkeit dieses jungen
Mannes verursachte, zu verbergen.

Sie wollte das Gesprch abbrechen, wute aber nicht, was sie da zu thun
habe. Was sie auch alles thun mochte, sie wute, es wurde von ihrem
Gatten bemerkt, und alles werde auch nach der blen Seite ausgelegt
werden.

Und in der That, als sie Dolly frug, was mit Mascha sei, und Wasjenka
wartete, bis dieses fr ihn langweilige Gesprch vorber sein werde,
und er sich einstweilen damit beschftigte, Dolly gleichgltig
anzuschauen, so erschien Lewin diese Frage unnatrlich und anwidernd in
ihrer Verschmitztheit.

Nun; werden wir denn heute in die Pilze gehen? frug Dolly.

La uns gehen, bitte; auch ich komme mit! sagte Kity und errtete.
Sie wollte Wasjenka aus Hflichkeit fragen, ob er mitkme, frug aber
nicht. Wohin willst du, Konstantin? frug sie mit schuldbewutem
Ausdruck ihren Gatten, als dieser mit entschlossenem Schritt an ihr
vorberging. Dieser schuldbewute Ausdruck besttigte alle seine
Zweifel.

In meiner Abwesenheit ist ein Maschinist angekommen, ich habe ihn
noch nicht gesehen, sagte er, ohne sie anzublicken. Er ging hinab,
hatte aber das Kabinett noch nicht verlassen, als er die wohlbekannten
Schritte seiner Frau vernahm, die ihm unvorsichtig schnell nachkam.
Was willst du? sagte er lakonisch zu ihr. Ich bin beschftigt.

Entschuldigt, wandte sie sich an den deutschen Maschinisten, ich
habe einige Worte mit meinem Manne zu sprechen.

Der Deutsche wollte gehen, doch Lewin sagte zu ihm:

Lat Euch nicht stren.

Den Dreiuhrzug? frug der Deutsche, sollte man sich nicht versptigen
knnen?

Lewin antwortete ihm nicht, sondern ging mit seiner Frau hinaus.

Nun, was habt Ihr mir zu sagen? sprach er auf franzsisch.

Er blickte nicht in ihr Gesicht, wollte nicht sehen, da sie, in
ihrem Gesundheitszustand im ganzen Gesicht bebte und einen klglichen
beschmten Ausdruck zeigte.

Ich -- ich will sagen, da man so nicht leben kann, da das eine
Marter ist, fuhr sie fort.

Es sind Leute dort im Bffett, sprach er zornig, macht keine Scene!

Nun; gehen wir hierher!

Sie standen in einem Zwischenzimmer. Kity wollte in das Nebenzimmer
treten, doch dort unterrichtete die Englnderin Tanja.

So wollen wir in den Garten gehen.

Im Garten stieen sie auf einen Mann, welcher den Weg suberte. Aber
ohne daran zu denken, da der Mann ihr verweintes Gesicht sehe und
Lewins erregte Zge, ohne daran zu denken, da sie den Anblick von
Menschen boten, welche vor einem Unglck fliehen, gingen sie mit
schnellen Schritten vorwrts im Gefhl, da sie sich aussprechen und
gegenseitig berzeugen mten; von einer und derselben Qual eingenommen
oder befreit werden mten, die sie beide empfanden.

So lt sich nicht leben! Das ist eine Qual! Ich leide, du leidest!
Und weshalb? sagte sie, als beide endlich zu einer abgelegenen Bank in
der Ecke einer Lindenallee gekommen waren.

Sage mir nur das Eine: War in seinem Tone etwas Unehrerbietiges,
Unlauteres, Erniedrigendes? sprach er, vor sie wieder in der nmlichen
Stellung tretend, die Fuste auf der Brust, wie er in jener Nacht vor
ihr gestanden.

Es lag etwas darin, sagte sie mit zitternder Stimme. Aber, mein
Konstantin, siehst du denn nicht, da ich gar nicht schuldig bin? Seit
dem Morgen schon wollte ich einen Ton annehmen -- aber diese Menschen
-- warum ist er nur gekommen? Wie glcklich waren wir! sprach sie,
tiefatmend vor Schluchzen, welches ihren sich allmhlich fllenden
Krper hob.

Der Grtner sah mit Verwunderung -- trotzdem, da sie nichts verfolgte
und sie nichts zu fliehen hatten, da auch auf der Bank nichts
besonderes Erfreuliches zu finden sein konnte -- da sie an ihm vorber
nach dem Hause zurckkehrten, mit beruhigten, freudeschimmernden
Gesichtern.


                                  15.

Nachdem Lewin sein Weib hinausbegleitet hatte, begab er sich in die
Gemcher Dollys. Darja Aleksandrowna ihrerseits war den ganzen Tag in
groer Erbitterung gewesen. Sie ging im Zimmer auf und ab und sprach
zornig zu ihrem in der Ecke stehenden weinenden kleinen Tchterchen.

Den ganzen Tag wirst du in der Ecke stehen und allein zu Mittag essen;
du sollst nicht eine einzige Puppe mehr zu sehen bekommen und auch kein
neues Kleid la ich dir machen, sprach sie, gar nicht mehr wissend,
womit sie sie noch weiter strafen sollte. Nein, ist das ein hliches
Kind! wandte sie sich zu Lewin. Woher kommen bei ihr diese schlimmen
Neigungen?

Was hat sie denn begangen? sagte ziemlich gleichgltig Lewin, der
sich ber seine eigene Angelegenheit Rats zu erholen gewnscht hatte,
und dem es daher verdrielich war, da er zur unrechten Zeit kam.

Sie sind mit Grischa nach den Himbeeren gegangen und dort -- ich
kann dir gar nicht sagen, was sie gethan hat! Tausendmal bedauere ich
Mi Elliot. Die jetzige Gouvernante bt um keinen Preis Aufsicht.
Sie ist eine Maschine. =Figurez vous, que la petite= -- und Darja
Aleksandrowna erzhlte das Vergehen Maschas.

Dies beweist noch gar nichts; dies sind durchaus keine hlichen
Neigungen, es ist einfach Mitleid, beruhigte sie Lewin.

Aber du bist wie migestimmt? Weshalb kamst du? frug Dolly, wie geht
es drben?

An dem Tone dieser Frage hrte Lewin, da es ihm leicht sein wrde, zu
sagen, was er zu sagen beabsichtigte.

Ich war nicht drben, ich war mit Kity allein im Garten. Wir haben uns
ein zweites Mal gezankt, seit -- Stefan gekommen ist. --

Dolly blickte ihn mit klugen, verstndnisvollen Augen an.

Nun, sag' mir, Hand aufs Herz, wre etwa nicht -- nicht bei Kity,
sondern bei jenem Herrn ein Ton, welcher unangenehm werden kann, nicht
nur unangenehm, sondern furchtbar, verletzend fr einen Gatten?

Das heit -- wie soll ich sagen -- du bleibst stehen, in der Ecke!
-- wandte sie sich zu Mascha, welche, ein kaum bemerkbares Lcheln auf
dem Gesicht der Mutter gewahrend, sich umgedreht hatte; die Meinung
der Welt wre die, da er sich benimmt, wie sich alle jungen Mnner
benehmen. =Il fait la cour  une jeune et jolie femme=, ein Mann von
Welt aber darf nur geschmeichelt sein hiervon.

Ja, ja, versetzte Lewin dster, aber hast du es bemerkt?

Nicht nur ich, auch Stefan hat es bemerkt. Er hat mir nach dem Thee
offen gesagt, =je crois, que Weslowskij fait un petit brin de cour 
Kity=.

Schn; jetzt bin ich beruhigt. Ich werde ihn davonjagen, sagte Lewin.

Was willst du, hast du den Verstand verloren? rief Dolly mit
Schrecken. Was thust du, Konstantin, komme zur Besinnung! sagte sie
dann lachend -- jetzt kannst du zu Fanny gehen -- wandte sie sich zu
Mascha. -- Nein; wenn du schon willst, so werde ich es Stefan sagen;
er mag ihn mit fortnehmen. Man kann ja sagen, du erwartetest Gste.
berhaupt gehrt er ja nicht zu unserem Hause.

Nein; das sage ich auch.

Aber du wirst Hndel suchen?

Keineswegs. Mir wird es so ganz lieb sein, sagte Lewin, in der That
mit heiter glnzenden Augen. Nun aber vergieb ihr, Dolly; sie wird
es nicht wieder thun, sagte er zu der kleinen Snderin, die nicht
zu Fanny ging und unentschlossen vor der Mutter stand von unten her
schielend und wartend, und ihren Blick suchend.

Die Mutter schaute sie an. Das Kind begann zu schluchzen und vergrub
das Gesicht zwischen die Kniee der Mutter, Dolly aber legte ihre
hagere, zarte Hand auf des Kindes Haupt.

Was ist denn Gemeinsames zwischen uns und ihm? dachte Lewin, und
ging, um Wjeslowskij aufzusuchen.

Als er durch das Vorzimmer ging, befahl er anzuspannen, um auf die
Station fahren zu knnen.

Es ist gestern die Feder gebrochen, antwortete der Diener.

Dann nehmt den Taranta, aber schnell! Wo ist der Besuch?

Sie gingen nach seinem Zimmer.

Lewin traf Wasjenka gerade, als dieser, der seine Sachen aus dem Koffer
ausgepackt und neue Romanzen aufgeschlagen hatte, Gamaschen zum Reiten
anprobierte.

Lag nun im Gesicht Lewins etwas Besonderes, oder empfand Wasjenka
selbst, da =ce petit brin de cour=, den er angestiftet, in dieser
Familie unstatthaft wre; genug, er wurde ein wenig -- soviel dies eben
ein Weltmann werden kann -- verlegen beim Eintritt Lewins.

Ihr wollt in Gamaschen reiten?

Ja; das ist bei weitem sauberer, sagte Wasjenka, den feisten Fu auf
einen Stuhl stellend, und die unterste Schnalle zumachend, wobei er
heiter lchelte.

Er war unzweifelhaft ein ganz guter Mensch und that Lewin leid. Dieser
kmpfte mit sich selbst, als Herr des Hauses, als er die Schchternheit
im Blick Wasjenkas wahrnahm.

Am dem Tische lag ein Stck eines Stockes, den sie am Morgen beim
Turnen zusammen zerbrochen hatten, indem sie probierten, den Barren
zu heben. Lewin nahm den Trmmer in die Hand und begann, da er nicht
wute, wie er anfangen sollte, das zersplitterte Ende rund herum
abzubrechen.

Ich wollte -- er verstummte, sagte aber dann pltzlich, Kitys
gedenkend und alles dessen, was geschehen war, und ihm entschlossen in
die Augen blickend, ich habe befohlen, fr Euch anspannen zu lassen.

Was heit das? begann Wasjenka voll Verwunderung, wohin soll es
gehen?

Ihr sollt zur Bahn fahren, sagte Lewin finster, die Spitze des
Stockes abzupfend.

Verreist Ihr, oder ist etwas vorgefallen?

Es ist das vorgefallen, da ich Besuch erwarte, sprach Lewin,
schneller und schneller mit den starken Fingern die Zacken des
zersplitterten Stockes abbrechend. Oder vielmehr ich erwarte nicht
Besuch, und es ist nichts vorgefallen, aber ich ersuche Euch,
abzureisen. Ihr mgt Euch meine Unhflichkeit erklren, wie Ihr wollt.

Wasjenka richtete sich auf.

Ich bitte Euch, mir zu erklren, sprach er mit Wrde, endlich
begreifend.

Ich kann Euch nicht erklren, fuhr Lewin, gedmpften Tones
und langsam sprechend fort, sich bemhend, das Beben seiner
Kinnbackenmuskeln zu verbergen, und es ist auch besser fr Euch, nicht
zu fragen.

Da smtliche zersplitterte Enden bereits abgebrochen waren, machte sich
Lewin mit den Fingern an die dicken Enden, ri den Stock auseinander
und hob das hingefallene Stck sorgsam auf.

Wahrscheinlich mochte der Anblick dieser straffangestrengten Hnde,
dieser Muskeln da, welche er heute frh beim Turnen befhlt hatte, der
blitzenden Augen, der gedmpften Stimme und der bebenden Kinnbacken
Wasjenka mehr als Worte berzeugen; er verbeugte sich, nachdem er die
Achseln gezuckt und verchtlich gelchelt hatte.

Kann ich nicht Oblonskiy sehen?

Das Achselzucken und Lcheln brachten Lewin nicht auf, was bleibt ihm
weiter brig? dachte dieser.

Ich werde ihn sofort zu Euch schicken.

Was ist das fr ein Unsinn, sagte Stefan Arkadjewitsch der von dem
Freunde erfahren hatte, da man ihn aus dem Hause jage, zu Lewin, als
er diesen im Garten fand, wo er, die Abfahrt des Gastes erwartend,
spazieren ging.

=Mais c'est ridicule=! Was fr eine Fliege hat dich denn gestochen.
=Mais c'est du dernier ridicule=! Was ist dir darin erschienen, da ein
junger Mann --

Die Stelle, an welcher Lewin die Fliege gestochen hatte, schmerzte
aber offenbar noch, da derselbe abermals bleich wurde, als Stefan
Arkadjewitsch ihm die Ursache klarmachen wollte, und diesen hastig
unterbrach.

Bitte, erklre mir keine Ursache! Ich kann nicht anders! Es thut mir
sehr leid um deinet- und seinetwillen, aber ihm, glaube ich, verursacht
es kein groes Herzeleid, abreisen zu mssen, whrend mir und meiner
Frau seine Gegenwart unangenehm ist.

Es ist dies aber eine Beleidigung fr ihn! =Et puis c'est ridicule=!

Auch fr mich ist es beleidigend und peinlich! Und doch bin ich an
nichts schuld, und habe keinen Grund, leiden zu sollen!

Das htte ich nicht von dir erwartet! =On peut tre jaloux, mais  ce
point, c'est du dernier ridicule=!

Lewin wandte sich schnell um und ging von ihm hinweg in die Tiefe der
Allee, wo er seinen Spaziergang allein auf und abwrts fortsetzte. Bald
vernahm er das Rollen des Taranta und sah hinter den Bumen hervor,
wie Wasjenka, auf Heu sitzend, denn leider gab es keine Sitzbank in dem
Taranta, mit seiner schottischen Mtze, von den Sten in die Hhe
schnellend, durch die Allee fuhr.

Was giebt es denn noch? dachte Lewin, als ein Diener, der aus dem
Hause eilte, den Taranta halten lie. Es war der Maschinist, den
Lewin gnzlich vergessen hatte. Nachdem derselbe gegrt hatte, sprach
er etwas mit Wasjenka, stieg darnach auf den Taranta und sie fuhren
zusammen ab.

Stefan Arkadjewitsch und die Frstin waren verstimmt von der
Handlungsweise Lewins. Auch dieser selbst fhlte sich nicht nur im
hchsten Grade =ridicule=, sondern auch schuldig und beschimpft; als
er sich aber vergegenwrtigte, was er und sein Weib gelitten hatten,
gab er sich, indem er sich selbst frug, wie er ein zweites Mal handeln
wrde, die Antwort, da er es ganz wieder so gemacht htte.

Trotz alledem war zu Ende dieses Tages jedermann, mit Ausnahme
der Frstin, welche Lewin sein Verfahren nicht verzeihen konnte,
auergewhnlich lebhaft und heiter, gleichwie Kinder nach einer
Bestrafung oder Erwachsene nach einem wichtigen offizisen Empfang, so
da abends in der Abwesenheit der Frstin von der Entfernung Wasjenkas
gesprochen wurde, wie von einem lngst geschehenen Vorfall.

Auch Dolly, welche von ihrem Vater die Gabe besa, humoristisch zu
erzhlen, brachte Warenka zu dem herzlichsten Lachen, als sie zum
dritten oder vierten Mal, mit immer neuen humoristischen Zuthaten
berichtete, wie sie gerade dabei gewesen sei, ihre neuen Halbstiefeln
des Gastes halber anzulegen und schon in den Salon gegangen sei, als
sie pltzlich das Kreischen einer alten Karrete vernommen htte. Und
wer htte darin gesessen? Wasjenka, mit der schottischen Mtze und den
Romanzen, mit den Reitgamaschen, auf dem Heu.

Htte er nur wenigstens den Wagen anspannen lassen! Aber nein! und
dann hrte ich halt! -- Nun, denke ich, man hat Mitleid mit ihm
bekommen! Ich sehe nach; da setzt man noch den dicken Deutschen zu
ihm und fhrt ihn weiter. Aus war es mit meinen hbschen schottischen
Bndern.


                                  16.

Darja Aleksandrowna fhrte ihre Absicht aus und reiste zu Anna.

Es that ihr sehr leid, die Schwester erbittern und etwas thun zu
mssen, was deren Gatten unangenehm war; sie begriff, wie sehr recht
die Lewin hatten, mit dem Wunsche, keine Beziehungen mit den Wronskiy
zu pflegen, allein sie erachtete es fr ihre Pflicht, zu Anna zu
kommen, und ihr zu zeigen, da ihre Gefhle sich nicht verndern
knnten trotz der Vernderung ihrer Lage.

Um bei dieser Reise nicht von den Lewin abhngen zu mssen, sandte
Darja Aleksandrowna nach ihrem Dorfe, um Pferde mieten zu lassen; doch
Lewin, der hiervon erfahren hatte, kam, um ihr Vorwrfe zu machen.

Warum denkst du, da mir deine Reise unangenehm sei? Ja, und selbst
wenn sie mir unangenehm wre, so wre sie es mir dadurch noch mehr,
da du nicht meine Pferde nimmst, sagte er. Du hast mir nicht ein
einziges Mal gesagt, da du entschieden fahren wolltest. Und nun auf
dem Dorfe Pferde zu mieten, ist erstens unangenehm fr mich, und dann,
was die Hauptsache ist, man mietet sie, aber sie bringen dich nicht
hin. Ich habe doch Pferde; und wenn du mich nicht bse machen willst,
so nimmst du sie.

Darja Aleksandrowna mute einwilligen, und am festgesetzten Tag hatte
Lewin fr seine Schwgerin ein Viergespann von Pferden und einen
Vorspann aus Zug- und Reitpferden gewhlt, bereit gemacht, der nicht
sehr schn, aber doch imstande war, Darja Aleksandrowna in einem Tage
an ihr Ziel zu bringen.

Jetzt, wo Pferde sowohl fr die Frstin, welche abreiste, wie fr
die Wehfrau gebraucht wurden, war das eine schwierige Aufgabe fr
Lewin gewesen, doch konnte derselbe der Pflicht der Gastfreundschaft
Folge leistend, nicht zugeben, da Darja Aleksandrowna von seinem
Hause aus Pferde mietete, und auerdem wute er auch, da die zwanzig
Rubel, welche man von Darja Aleksandrowna fr die Fahrt verlangte,
fr dieselbe von groer Bedeutung waren; die Finanzverhltnisse Darja
Aleksandrownas, welche sich in sehr schlechtem Zustande befanden,
wurden von den Lewin empfunden, als wren es ihre eigenen.

Darja Aleksandrowna fuhr nach dem Rate Lewins noch vor der Morgenrte
ab. Der Weg war gut, der Wagen ging ruhig, die Pferde liefen munter und
auf dem Bocke sa noch auer dem Kutscher, an Stelle eines Dieners,
der Comptoirschreiber, der von Lewin der Sicherheit halber mitgesandt
worden war. Darja Aleksandrowna trumte und erwachte erst, als sie
schon zu der Poststation gekommen war, wo die Pferde gewechselt werden
muten.

Nachdem sie den Thee bei jenem nmlichen begterten Grobauern,
bei welchem Lewin auf seiner Fahrt zu Swijashskiy gerastet hatte,
eingenommen, und sich mit den Weibern ber die Kinder, mit dem Alten
ber den Grafen Wronskiy unterhalten hatte, den jener sehr lobte, fuhr
Darja Aleksandrowna um zehn Uhr weiter. Zu Hause hatte sie, vor Sorgen
um ihre Kinder, nie Zeit zu denken. Dafr aber huften sich jetzt erst,
auf dieser vierstndigen Fahrt, alle die vorher unterdrckt gewesenen
Gedanken pltzlich in ihrem Kopfe, und sie berdachte ihr ganzes Leben,
wie sie es noch nie zuvor gethan, und von den verschiedensten Seiten
aus. Ihr selbst kamen ihre eigenen Gedanken seltsam vor.

Im Anfang dachte sie ihrer Kinder, um die sie sich, obwohl ihr die
Frstin, wie besonders Kity -- auf diese verlie sie sich vielmehr --
versprochen hatten, nach ihnen zu sehen, gleichwohl beunruhigte.

Wie wenn Mascha wiederum dumme Streiche machte, wenn den Grischa ein
Pferd schlge und der Magen Lilys noch mehr verdorben wrde.

Dann aber begannen die Fragen der Gegenwart sich mit denen der nchsten
Zukunft abzulsen. Sie dachte jetzt daran, da man in Moskau fr diesen
Winter eine neue Wohnung mieten, die Mbel im Salon umtauschen und der
ltesten Tochter einen Pelz fertigen lassen msse. Darnach tauchten die
Fragen der entfernten Zukunft vor ihr auf; wie sie ihre Kinder in die
Welt einfhren wrde, mit den Mdchen ist es noch nichts, dachte sie,
aber mit den Knaben?

Gut; ich beschftige mich jetzt mit Grischa, aber ich kann es doch
nur deshalb, weil ich selbst jetzt kein Kind unter dem Herzen trage.
Auf Stefan lt sich natrlich nicht rechnen. Jedoch mit Hilfe guter
Menschen werde ich sie schon erziehen; und wenn wieder einmal eine
Geburt -- ihr kam der Gedanke, wie ungerecht der Ausspruch sei, da
der Fluch auf dem Weibe liege, da sie in Schmerzen Kinder gebre.
Die Geburt selbst hat nichts zu sagen, aber das Austragen -- das ist
das Qualvolle, dachte sie, sich ihrer letzten Schwangerschaft und des
Todes dieses letzten Kindes erinnernd. Es fiel ihr auch das Gesprch
mit der jungen Frau auf dem Posthof wieder ein. Auf ihre Frage, ob sie
Kinder habe, hatte dieselbe ganz heiter geantwortet: Ich hatte ein
Mdchen, aber Gott hat es erlst, ich habe es zu den Fasten begraben.

Hast du es sehr betrauert? hatte Darja Aleksandrowna weiter gefragt.

Wozu betrauern? Der Alte hat Enkel, und zwar viel. Man hat doch nur
Sorge dabei, und kann weder arbeiten noch sonst etwas thun, sondern ist
nur gebunden.

Diese Antwort war Darja Aleksandrowna abstoend erschienen, ungeachtet
des gutmtigen ueren der jungen Frau, jetzt aber vergegenwrtigte sie
sich unwillkrlich diese Worte. Es lag auch ein Teil von Wahrheit in
diesen cynischen uerungen.

Und im allgemeinen, dachte Darja Aleksandrowna, auf ihr ganzes Leben
whrend der fnfzehn Jahre ihrer Ehe zurckblickend, Schwangerschaft,
belkeiten, Stumpfsinn, Gleichgltigkeit fr alles, und hauptschlich
Ruin der Schnheit. Kity, die junge, hbsche Kity, auch sie war hlich
geworden, ich aber werde in der Schwangerschaft ungeschlacht, ich wei
es. Geburten, Leiden, undenkbare Schmerzen; dann jene letzte Minute
-- hierauf aber die Ernhrung, alle die schlaflosen Nchte, diese
furchtbaren Schmerzen --

Darja Aleksandrowna erbebte schon vor der Erinnerung an den Schmerz
einer aufgehenden Brustwarze, den sie fast bei jedem Kind gehabt
hatte. Dann kommen die Kinderkrankheiten, diese ewige Angst, dann die
Gedanken wegen schlimmer Neigungen -- sie dachte an das Vergehen der
kleinen Mascha in den Himbeeren -- der Unterricht, das Latein, alles
das so unverstndlich und schwierig. Und auer dem allen noch die
Mglichkeit des Todes eben dieser Kinder!

Und wiederum tauchte in ihrer Phantasie die ewig ihr Mutterherz
drckende, herbe Erinnerung an den Tod ihres letzten Knaben auf, der
noch an der Brust gelegen hatte, und in der Krippe gestorben war. Sie
dachte an sein Begrbnis, die allgemeinherrschende Gleichgltigkeit
fr jenes kleine rosengeschmckte Grab, an ihren herzzerreienden,
vereinsamten Schmerz ber der bleichen, kleinen Stirn mit den hohen
Schlfen, ber dem geffneten, verwundert scheinenden Mndchen, welches
aus dem Sarge herausschaute, als man denselben mit einem Rosendeckel
und einem Kreuz bedeckte.

Und warum alles das? Was folgt aus alledem? Da ich, ohne einen
Augenblick Ruhe zu haben, bald in gesegneten Umstnden, bald ein
Kind nhrend, ewig mich ereifernd, scheltend, mich selbst und andere
folternd, dem Manne zuwider, mein Leben hinlebe, und mir unglckliche,
schlecht erzogene und unbemittelte Kinder aufwachsen?

Und jetzt -- wre nicht dieser Sommer bei den Lewin, ich wte nicht,
wie wir ihn verleben sollen. -- Natrlich sind Konstantin und Kity so
zartfhlend, da sie es uns nicht merken lassen, aber es kann doch
nicht so fortgehen! Sie werden Kinder bekommen und uns nicht mehr
untersttzen knnen; sind sie doch schon jetzt in Bedrngnis. Und was
kann Papa, der fr sich fast nichts mehr brig behalten hat, noch
helfen? Die Verhltnisse liegen so, da ich die Kinder nicht allein
erziehen kann, nur mit Hilfe anderer, und mit eigener Erniedrigung. Und
nehmen wir selbst den glcklichsten Fall; sollten mir keine Kinder mehr
sterben und sollte ich sie erziehen knnen, so werden sie im besten
Falle doch nur hchstens keine Taugenichtse werden. Das ist alles,
was ich wnschen kann. Und dafr so viele Qualen, so viele Mhen! Ein
ganzes, verlorenes Leben! --

Und wieder fiel ihr ein, was die junge Frau gesagt hatte, wiederum
war es ihr widerlich, daran zu denken; und gleichwohl mute sie doch
zugeben, da in jenen Worten ein Stck rauher Wahrheit lag.

Ist es denn noch weit, Michail? frug Darja Aleksandrowna den
Comptoirdiener, um sich ihren Gedanken, die sie bange machten, zu
entreien.

Von diesem Dorfe sollen es noch sieben Werst sein!

Der Wagen fuhr in der Dorfgasse ber eine kleine Brcke. ber die
Brcke ging geruschvoll und lustig schwatzend ein Haufe frohgelaunter
Weiber. Die Weiber blieben auf der Brcke stehen, neugierig den
Wagen betrachtend. Alle ihr zugewandten Gesichter erschienen Darja
Aleksandrowna gesund, heiter, neckisch fr sie in ihrer Lebenslust.

Sie alle leben, und freuen sich ihres Lebens, fuhr Darja
Aleksandrowna in ihrem Gedankengang fort, an den Weibern
vorberfahrend, einen Berg hinauf und dann im Trab wieder weiter,
angenehm gewiegt auf den geschmeidigen Federn der alten Kutsche, ich
aber, wie aus einem Gefngnis hinausgelassen aus jener Welt, die mich
mit ihren Sorgen erttet, komme nur jetzt auf einen Augenblick zur
Besinnung. Sie alle leben doch; diese Weiber, die Schwester Nataly,
Warenka, Anna, zu der ich fahre, -- nur ich lebe nicht! --

Anna greifen sie an; aber warum? Bin ich denn besser? Ich habe zwar
wenigstens einen Mann, den ich liebe. Wre es nicht so, wie wollte ich
lieben, aber ich liebe ja ihn; whrend Anna den ihren nicht geliebt
hat. Wessen ist sie nun schuldig? Sie will leben! Gott hat uns das
in die Seele gelegt! Es ist sehr wohl mglich, da ich das Nmliche
gethan htte. Und bis heute wei ich noch nicht, ob ich wohl daran
that, ihr in jener furchtbaren Zeit gehorcht zu haben, als sie zu mir
nach Moskau kam. Damals htte ich meinen Gatten verlassen und ein
neues Leben beginnen mssen. Ich htte lieben knnen und wahr geliebt
werden knnen! Und ist es nun etwa besser geworden? Ich achte ihn
nicht! Ich brauche ihn aber, dachte sie ihres Gatten, und so dulde
ich ihn. Ist das etwa besser? Damals konnte ich noch gefallen, da hatte
ich noch meine Schnheit, fuhr Darja Aleksandrowna fort, zu sinnen,
und sie htte gern einmal in den Spiegel geblickt. In ihrem Reisesack
befand sich ein kleiner Reisespiegel, und sie wollte ihn hervorholen,
doch indem sie auf die Rcken des Kutschers und des schaukelnden
Comptoirdieners blickte, fhlte sie, da es ihr fatal sein mte, wenn
einer der beiden sich umschaute; und sie holte den Spiegel nicht hervor.

Aber auch wenn sie nicht in den Spiegel blickte, meinte sie, sei es
jetzt noch nicht zu spt; und sie dachte an Sergey Iwanowitsch, der
besonders liebenswrdig gegen sie war, an den Freund Stefans, den
guten Turovzyn, der mit ihr zusammen ihre Kinder beim Scharlachfieber
gepflegt hatte und in sie verliebt war. Und noch ein ganz junger Mann
war da, welcher, wie ihr der Gatte im Scherz gesagt, gefunden hatte,
sie sei schner, als alle ihre Schwestern. Die leidenschaftlichsten
und unmglichsten Romane tauchten vor Darja Aleksandrowna auf. Anna
hat recht gehandelt, und ich werde ihr nie den geringsten Vorwurf
mehr machen. Sie ist glcklich, begrndet das Glck eines andern
Menschen, ist nicht abgestumpft, wie ich, sondern wahrhaftig so, wie
sie immer war, frisch, verstndig und empfnglich fr alles, dachte
Darja Aleksandrowna und ein schlaues Lcheln kruselte ihre Lippen,
namentlich, weil sie an den Roman Annas denkend, sich hnlich dazu fr
sich selbst einen eigenen, fast ebensolchen Roman erdachte, mit einem
erdichteten Musterhelden, der in sie verliebt war. Ebenso wie Anna,
gestand sie alles ihrem Gatten, und die Verwunderung und Bestrzung
Stefan Arkadjewitschs bei dieser Nachricht nun machte sie lcheln.

In solchen Trumereien gelangten sie zu dem Scheideweg, welcher von der
Landstrae ab nach Wosdwishenskoje fhrte.


                                  17.

Der Kutscher hielt das Viergespann an und blickte nach rechts, auf
ein Roggenfeld hinaus, auf welchem Bauern bei einem Wagen saen.
Der Comptoirdiener wollte abspringen, besann sich aber anders und
rief befehlerisch einem Bauern zu, ihn zu sich heranwinkend. Der
leichte Wind, welcher whrend der Fahrt geweht, hatte sich gelegt,
als sie anhielten; die Bremsen hatten sich an die heftig abwehrenden,
schweibedeckten Pferde festgesetzt. Das metallisch von dem Wagen
herbertnende Gerusch des Sensendengelns verstummte. Einer der Bauern
erhob sich und kam zum Wagen.

He, bist wohl vertrocknet! rief der Comptoirdiener gereizt dem
langsam ber die Erdhgel des nicht ausgefahrenen, trockenen Weges mit
den nackten Fen schreitenden Bauern zu, so lauf doch!

Ein kraushaariger Alter, das Haar mit Lindenbast aufgebunden und mit
von Schwei dunkelgefrbtem gekrmmten Rcken, beschleunigte seinen
Schritt, trat an den Wagen heran und fate mit der gebrunten Hand an
die Seite des Wagens.

Wollt Ihr nach Wosdwishenskoje?, auf den Herrenhof? Zum Grafen?
wiederholte er, dann fahrt nur so! Macht die Wendung nach links, dann
gerade aus und Ihr kommt gerade darauf. Zu wem wollt Ihr denn? Zum
Herrn selbst?

Ist denn Eure Herrschaft zu Haus, Freund? frug Darja Aleksandrowna
ausweichend, ohne zu wissen, wie sie, selbst dem Bauern gegenber, nach
Anna fragen sollte.

Er ist wohl daheim, sagte der Bauer einen Schritt vortretend und
dabei mit den nackten Fen im Staube eine deutliche Spur seiner
Fusohle mit den fnf Zehen hinterlassend. Er wird wohl zu Haus sein,
wiederholte er, augenscheinlich mit groer Lust, ein Gesprch zu
beginnen. Gestern sind erst Gste gekommen. Gste -- es war eine Menge
-- Was willst du! -- wandte er sich nach einem Burschen um, der ihm
vom Wagen her etwas zuschrie. Sie sind kaum erst alle zu Pferde hier
vorbeigekommen, um eine Schnittmaschine zu besichtigen. Jetzt werden
sie wohl zu Hause sein. Wo kommt Ihr denn her?

Wir sind von weiter weg, sagte der Kutscher, auf den Bock steigend,
also es ist nicht weit?

Wie ich sage; dort! Wie Ihr eben fahrt -- sagte er, mit der Hand nach
der Seite des Wagens deutend.

Ein junger, gesunder und stmmiger Bursche kam auch heran.

Wie, haben wir keine Arbeit auf Rechnung der Ernte? frug derselbe.

Wei nicht, mein Lieber! Wie gesagt, wenn du dich links hltst, kommst
du gerade drauf, sprach der Bauer, der augenscheinlich ungern die
Reisenden fortlie und mit ihnen schwatzen wollte.

Der Kutscher fuhr weiter, doch kaum hatten sie eingelenkt, als der
Bauer rief: Halt! He, Freund! Halt an! Eine zweite Stimme rief
ebenso. Der Kutscher hielt an.

Da kommen sie selbst. Dort sind sie! rief der Bauer. Dort sind
sie! fgte er hinzu, auf vier Reiter und zwei Personen in einem Wagen
weisend, welche den Weg daherkamen.

Es war Wronskiy mit seinem Jockey, Wjeslowskij und Anna zu Pferde, die
Frstin Barbara und Swijashskiy im Wagen. Sie waren spazieren geritten,
und wollten die Arbeit der neu eingefhrten Erntemaschinen besichtigen.

Als die Equipage stand, kamen die Reiter im Schritt heran. Voran ritt
Anna neben Wjeslowskij. Sie ritt in ruhigem Schritt eine kleine
englische Vollblutstute mit gestrhlter Mhne und gestutztem Schweif.
Annas schnes Haupt mit den unter dem hohen Hut hervordringenden
schwarzen Haaren, ihre vollen Schultern, die schmale Taille in der
schwarzen Amazone und ihr ruhiger graziser Sitz frappierten Dolly.

Im ersten Augenblick erschien es ihr unpassend, da Anna ritt. Mit der
Vorstellung vom Reiten der Damen verband sich nach dem Begriff Darja
Aleksandrownas auch die einer jugendlichen flatterhaften Koketterie,
die nach ihrer Meinung mit der Lage Annas nicht harmonierte; doch als
sie diese in der Nhe sah, shnte sie sich sofort mit ihrem Reiten aus,
denn selbst bei ihrer Eleganz, war alles an ihr so einfach, ruhig und
wrdevoll in Haltung und Kleidung, sowie auch in ihren Bewegungen, da
nichts natrlicher erscheinen konnte.

Neben Anna auf einem grauen feurigen Kavalleriepferd, welches die
starken Fe hochwarf und augenscheinlich mit sich kokettierte, ritt
Wasjenka Wjeslowskij in seiner schottischen Mtze mit den wehenden
Bndern, und Darja Aleksandrowna konnte sich ein Lcheln nicht
verbeien, als sie ihn erkannte.

Hinter ihnen ritt Wronskiy; er sa auf einem dunkelbraunen Vollblut,
welches sichtlich vom Galopp aufgeregt war; um es zu halten, arbeitete
er mit den Zgeln.

Nach ihm kam ein kleiner Mensch in Jockeykostm. Swijashskiy mit der
Frstin in einem neuen Wagen, der von einem starken schwarzen Traber
gezogen wurde, folgten den Reitern.

Das Gesicht Annas, als sie die in dem kleinen, alten Wagen in die Ecke
geschmiegte Gestalt Dollys erkannte, erglnzte von freudigem Lcheln.
Sie stie einen Schrei aus, erbebte im Sattel und setzte das Pferd in
Galopp. Als sie am Wagen angelangt war, sprang sie ohne Beistand ab und
eilte, ihre Amazone aufnehmend, Dolly entgegen.

Ich dachte es wohl, wagte es aber nicht zu denken! Welche Freude! Du
vermagst dir meine Freude nicht vorzustellen, sagte sie, sich bald mit
dem Gesicht an Dolly schmiegend, und sie kssend, bald sich entfernend
und sie mit einem Lcheln betrachtend. Das ist eine Freude, Aleksey!
sprach sie, sich nach Wronskiy umblickend, der vom Pferde gestiegen
war und zu ihnen herankam.

Wronskiy trat, den grauen hohen Hut abnehmend, zu Dolly.

Ihr knnt nicht glauben, wie erfreut wir ber Eure Ankunft sind,
sagte er, seinen Worten ein besonderes Gewicht verleihend und lchelnd
dabei seine festen weien Zhne zeigend.

Wasjenka Wjeslowskij nahm, ohne vom Pferde zu steigen, die Mtze ab
und bewillkommnete den Besuch, freudig die Bnder ber seinem Kopfe
schwingend.

Dies ist die Frstin Barbara, antwortete Anna auf den fragenden Blick
Dollys, als der Wagen herangekommen war.

Ah, sagte Darja Aleksandrowna, und ihr Gesicht drckte unwillkrlich
Mivergngen aus.

Die Frstin Barbara war die Tante ihres Gatten und sie kannte sie
lange, achtete sie aber nicht. Wute sie doch, da die Frstin Barbara
ihr ganzes Leben als Konkubine reicher Verwandter verbracht hatte.
Da sie aber jetzt bei Wronskiy lebte, einem ihr fremden Mann, dies
verletzte in Hinsicht auf die Familie ihres Gatten. Anna bemerkte den
Ausdruck im Gesicht Dollys und wurde verlegen; sie errtete, lie ihre
Amazone aus den Hnden gleiten und stolperte ber dieselbe.

Darja Aleksandrowna begab sich zu dem stehen gebliebenen Wagen und
begrte khl die Frstin Barbara. Swijashskiy war ihr gleichfalls
bekannt. Er frug, wie sich sein Freund und Sonderling mit seiner jungen
Frau befinde und schlug den Damen, mit einem schnellen Blick auf die
nicht gerade dampfenden Pferde und den Wagen mit den ausgebesserten
Seiten, vor, in der Equipage zu fahren.

Ich hingegen werde in diesem Vehikel fahren, sagte er, das Pferd ist
sanft und die Frstin fhrt ausgezeichnet.

Nein, bleibt, wie Ihr waret, sagte Anna herzutretend, aber wir
wollen in diesem Wagen fahren, und Dolly bei der Hand nehmend, fhrte
sie dieselbe mit sich.

Darja Aleksandrownas Augen schweiften ber die elegante, von ihr noch
nicht gesehene Equipage, die schnen Pferde, die vornehmen, glnzenden
Personen, die sie umgaben, aber mehr als alles das frappierte sie die
Vernderung, welche mit der ihr so wohlbekannten, geliebten Anna vor
sich gegangen war. Ein anderes Weib, welches weniger aufmerksam gewesen
wre, und Anna frher nicht gekannt htte, insbesondere nicht die
Gedanken hegte, welchen Darja Aleksandrowna unterwegs nachgehangen
hatte, wrde nichts Eigenartiges an Anna bemerkt haben.

Jetzt aber war Dolly betroffen von jener nur zeitweisen Schnheit,
die allein in Momenten der Liebe bei den Frauen zu erscheinen
pflegt, und die sie jetzt auf Annas Gesicht fand. Alles an deren
Gesicht, die Schrfe der Grbchen in Wangen und Kinn, die Lage der
Lippen, das Lcheln, welches gleichsam rund um ihr Gesicht flog, der
Glanz der Augen, die Grazie und Schnelligkeit ihrer Bewegungen, die
Flle des Tones ihrer Stimme, selbst ihre Manieren, mit denen sie
ernst-freundlich Wjeslowskij antwortete, der sie um die Erlaubnis bat,
sich auf ihre Stute setzen zu drfen, um sie Galopp mit Rechtseinsatz
lehren zu knnen -- alles das war eigentmlich anziehend und sie selbst
schien dies zu wissen und darber Freude zu empfinden.

Nachdem sich die beiden Frauen in den Wagen gesetzt hatten, berkam sie
beide eine pltzliche Verlegenheit. Anna geriet in Verwirrung wegen
des aufmerksam fragenden Blickes, mit dem Dolly sie anschaute. Dolly,
weil sie sich, nach den Worten Swijashskiys ber das Vehikel, ihrer
schmutzigen alten Kalesche schmte, in welche sich Anna mit ihr gesetzt
hatte.

Der Kutscher Philipp und der Comptoirdiener hatten das nmliche Gefhl.
Der Comptoirdiener beeilte sich, um seine Verlegenheit zu verbergen,
den Damen beim Niedersetzen behilflich zu sein, whrend Philipp, der
Kutscher, mrrisch geworden war, und sich vorgenommen hatte, dieser
ueren berlegenheit nicht nachzugeben. Ironisch lchelnd blickte er
auf den schwarzen Traber, und hatte schon im Geiste das Urteil gefllt,
da dieser Rappe im Wagen nur gut sei zur Promenade und nicht vierzig
Werst weit scharf und ohne Ausspann laufen knne.

Die Bauern hatten sich smtlich von ihrem Wagen erhoben und schauten
neugierig und belustigt den Besuchern entgegen, ihre Bemerkungen dazu
machend.

Sehr erfreut, sehr lange nicht gesehen, sagte der kraushaarige Alte
mit dem Lindenbast.

Nun, Vater Gerasim, der schwarze Hengst mte die Garben
hereinbringen; das ginge lebhaft!

Schaut an! Ist der da in den Hosen auch ein Frauenzimmer? sagte
Einer, auf den im Damensattel sitzenden Wasjenka Wjeslowskij zeigend.

ber den Bauer! Wie geschickt er anspielt!

Nun Kinder, wollen wir nicht ein Mittagsschlfchen halten?

Ach was, jetzt gar Schlaf! sagte der Alte, gebckt nach der Sonne
schauend. Mittag ist vorbei! Nehmt die Griffe fest; los! --


                                  18.

Anna blickte in Dollys hageres, bermdetes Gesicht mit den Runzeln,
die vom Staube bedeckt waren; sie wollte sagen, was sie dachte, nmlich
da Dolly recht abgemagert sei, aber indem sie sich vergegenwrtigte,
da sie schner geworden, und der Blick Dollys ihr dies sagte, seufzte
sie, und begann, von sich zu sprechen.

Du blickst mich an, sagte sie, und denkst, kann sie glcklich
sein in ihrer Lage. Nun, was soll ich sagen! Es ist schmachvoll, es
einzugestehen; aber ich -- ich bin unverzeihlich glcklich! -- Mir
ist etwas Zauberhaftes, Etwas wie ein Traum vor sich gegangen, in dem
es uns furchtbar, seltsam wird, aus dem man pltzlich erwacht, um zu
fhlen, da alle diese Schrecken gar nicht da sind. Ich bin erwacht.
Ich habe Qualvolles, Furchtbares durchlebt, und es ist jetzt schon
geraume Zeit, besonders seit wir hier sind, da ich so glcklich bin,
sprach sie mit schchternem, fragendem Lcheln Dolly ins Auge sehend.

Wie freue ich mich, sagte Dolly lchelnd, aber unwillkrlich khler,
als sie wollte. Ich freue mich sehr ber dich. Weshalb hast du mir
nicht geschrieben?

Weshalb? Deshalb, weil ich es nicht wagte -- du vergit meine Lage.

Gegen mich? Gegen mich hast du es nicht gewagt? Wenn du wtest, wie
ich -- ich glaube --

Darja Aleksandrowna wollte ihre Gedanken vom heutigen Morgen
aussprechen, aber aus irgend einem Grunde erschien ihr dies jetzt nicht
am Platze.

Doch davon spter. Was ist das, alle diese Gebude? frug sie, im
Wunsche das Thema zu wechseln, auf die roten und grnen Dcher zeigend,
welche hinter dem Grn lebender Akazienzune sichtbar wurden. Es sah
dies alles aus wie ein Stdtchen.

Anna antwortete ihr nicht.

Nein, nein; wie urteilst du ber meine Lage, wie denkst du darber;
wie? frug sie.

Ich vermute, wollte Darja Aleksandrowna beginnen, doch in diesem
Augenblick sprengte Wasjenka Wjeslowskij, der die Stute in Galopp mit
Rechtseinsatz gebracht hatte, schwerfllig in seinem kurzen Jaquet auf
dem smischen Leder des Damensattels auf und niedergeworfen, an ihnen
vorber.

Sie geht, Anna Arkadjewna! schrie er.

Anna schaute ihn indessen nicht einmal an, und Darja Aleksandrowna
schien es wiederum, da es unpassend sei, in der Kalesche dieses
langatmige Thema anzuschlagen, und sie brach daher in der uerung
ihres Gedankens ab.

Ich urteile gar nicht darber, sagte sie, ich habe dich stets
geliebt, und wenn man liebt, liebt man den ganzen Menschen so, wie er
ist, nicht so, wie man will, da er sei.

Anna versank in Nachdenken, indem sie die Augen vom Gesicht der
Freundin wegwendete und blinzelte -- eine neue Gewohnheit, die Dolly
noch nicht an ihr gekannt hatte -- sie wnschte die Bedeutung dieser
Worte ganz zu erfassen. Nachdem sie sie augenscheinlich so, wie sie es
wnschte, aufgefat hatte, schaute sie Dolly an.

Wenn du Snden haben solltest, sprach sie, so mchten sie dir alle
vergeben sein fr dein Kommen und fr diese Worte.

Dolly sah, da ihr die Thrnen in die Augen getreten waren. Schweigend
drckte sie Annas Hand.

Also was sind das fr Gebude? -- Wie viel es doch sind! Sie
wiederholte nach einer Minute des Schweigens ihre Frage.

Dies sind die Gebude des Personals, der Fabriken, die Stlle,
antwortete Anna. Dort beginnt der Park; alles das war verwildert,
aber Aleksey hat es wieder neu hergerichtet. Er liebt dieses
Besitztum sehr und fhlt sich, was ich nimmermehr erwartet htte,
leidenschaftlich zur Landwirtschaft hingezogen. Er hat berhaupt eine
so reich beanlagte Natur! Was er auch anfassen mag, alles vollfhrt er
ausgezeichnet. Und er langweilt sich nicht nur nicht dabei, sondern
beschftigt sich mit leidenschaftlichem Eifer. So wie ich ihn kenne,
ist er ein haushlterischer, vorzglicher Hausherr geworden, sogar
geizig in der Wirtschaft ist er; aber auch nur in der Wirtschaft! Da,
wo es sich um Zehntausende handelt, rechnet er nicht, sprach sie mit
jenem freudig schlauen Lcheln, mit welchem Frauen oft ber geheime,
ihnen allein bekannte Eigenschaften eines geliebten Mannes sprechen.

Siehst du dieses groe Gebude da? Das ist das neue Krankenhaus.
Ich glaube, da es mehr als hunderttausend Rubel kosten wird. Und
weit du, woher das Geld gekommen ist? Die Bauern hatten ihn gebeten,
ihnen die Wiesen billiger abzulassen, er aber hatte sie abschlglich
beschieden, und ich machte ihm Vorwrfe wegen seines Geizes. Natrlich
nicht deswegen nun, aber alles in allem erwgend, begann er da dieses
Krankenhaus zu bauen, um zu zeigen, verstehst du, da er nicht geizig
sei. Wenn du willst, =c'est une petitesse=, aber ich liebe ihn dafr
umsomehr. Doch du wirst sogleich das Wohnhaus erblicken. Es ist noch
vom Grovater her und an der Auenseite in nichts verndert worden.

Wie schn, sagte Dolly, mit unwillkrlichem Erstaunen, auf ein
schnes Haus mit Sulengngen blickend, welches aus dem bunten Grn der
alten Bume des Gartens hervortrat.

Nicht wahr, das ist schn? Und vom Hause aus, von oben herab, ist die
Aussicht wunderbar.

Sie fuhren auf einen mit Schotter bedeckten und von Blumenbeeten
geschmckten Hof, auf welchem zwei Arbeiter ein Blumenbosquet mit
unbehauenen porsen Steinen garnierten, und hielten in der gedeckten
Einfahrt.

Ah, sie sind schon angekommen, sagte Anna, auf die Reitpferde
blickend, die soeben von der Freitreppe hinweggefhrt wurden. Nicht
wahr, dieses Pferd ist schn? Es ist eine Stute, mein Liebling.
Fhre es hierher und bringt Zucker. Wo ist der Graf? frug sie
zwei herauseilende Paradelakaien. Ah, dort ist er, sagte sie, den
heraustretenden und ihr mit Wjeslowskij entgegenkommenden Wronskiy
erblickend.

Wo habt Ihr die Grfin untergebracht? sagte Wronskiy auf Franzsisch,
zu Anna gewendet, begrte dann nochmals, ohne eine Antwort abzuwarten,
Darja Aleksandrowna und kte ihr jetzt die Hand: Ich denke, wir
bringen unsern Besuch im groen Balkonzimmer unter? --

O nein; das ist zu abgelegen! Besser im Eckzimmer, wir knnen uns
da mehr sehen. Gehen wir, sagte Anna, den ihr von einem Lakaien
prsentierten Zucker dem Lieblingspferde reichend.

=Et vous oubliez votre devoir=, sagte sie zu Wjeslowskij, welcher
gleichfalls auf der Freitreppe erschienen war.

=Pardon, j'en ai tout plein les poches=, antwortete dieser lchelnd,
die Finger in die Westentasche steckend.

=Mais vous venez trop tard=, sagte sie, mit dem Taschentuch die Hand
abwischend, welche ihr das Pferd feucht gemacht hatte, indem es den
Zucker nahm.

Anna wandte sich zu Dolly:

Du bleibst doch fr lngere Zeit hier? Nur auf einen Tag? Das ist
unmglich!

Ich habe so versprochen, die Kinder -- sagte Dolly, mit einem Gefhl
der Verlegenheit, da sie den Reisesack aus der Kalesche nehmen mute,
sowie weil sie wute, da ihr Gesicht sehr mit Staub bedeckt sein msse.

Nein, Dolly, Herzchen; doch wir werden ja sehen. Komm, komm! Anna
fhrte Dolly in ihr Zimmer.

Dieses Zimmer war nicht das Paradezimmer, welches Wronskiy
vorgeschlagen hatte, sondern das, von welchem Anna sagte, Dolly
mchte es entschuldigen. Jedoch auch dieses Gemach, fr welches eine
Entschuldigung erforderlich gewesen war, war voll von einem Luxus, in
welchem Dolly niemals gelebt hatte, und der ihr die besten Salons des
Auslandes in die Erinnerung zurckrief.

Ach, Herzchen, wie bin ich glcklich! sprach Anna, fr eine Minute
in ihrer Amazone neben Dolly Platz nehmend, erzhle mir doch von den
Deinen. Stefan habe ich flchtig gesehen, doch von Kindern kann er
nicht reden. Was macht mein Liebling, die Tanja? Es ist ein groes
Mdchen geworden, glaube ich?

Ja, sehr gro, antwortete Darja Aleksandrowna kurz, selbst
verwundert, da sie so khl ber ihre Kinder Bescheid gab. Wir
befinden uns recht wohl bei den Lewin, fgte sie hinzu.

Ach, htte ich gewut, antwortete Anna, da du mich nicht
verachtest. Ihr httet alle zu uns kommen mssen. Stefan ist doch ein
alter und intimer Freund Alekseys, fgte sie hinzu, und errtete
pltzlich.

Wir befinden uns so ganz wohl, versetzte Dolly verlegen.

Da habe ich brigens aus Freude Dummheiten gesagt. Noch einmal,
Herzchen, wie freue ich mich ber dich, sagte Anna, sie wiederum
kssend, aber du hast mir noch nicht gesagt, wie und was du ber mich
denkst, und ich will alles wissen. Und ich freue mich darber, da du
mich durchschaust, wie ich bin. Es liegt mir nichts daran, vor allem,
da man denke, ich wollte in irgend etwas demonstrieren. Ich will
nicht demonstrieren, sondern einfach nur leben; niemandem bles thun,
auer mir selbst. Dieses Recht habe ich, nicht wahr? Doch das ist eine
langatmige Unterhaltung und wir werden schon noch ber alles sprechen.
Ich gehe jetzt, mich umzukleiden und werde dir ein Mdchen schicken.


                                  19.

Allein geblieben, schaute sich Darja Aleksandrowna mit dem Blick der
Hausfrau in dem Zimmer um. Alles was sie vor dem Haus vorfand, und
durch dasselbe schreitend, sowie jetzt in ihrem Zimmer, erblickte,
verursachte ihr den Eindruck des berflusses und der Koketterie, jenes
modernen, europischen Luxus, von dem sie nur in englischen Romanen
gelesen, den sie aber noch nie in Ruland und auf dem Lande erblickt
hatte. Alles war neu, von den modernen franzsischen Tapeten an bis
zum Teppich, von welchem das ganze Zimmer bedeckt war. Das Bett war
mit Sprungfedermatratze versehen, hatte ein besonderes Kopfkissen und
Canevasberzge auf den kleinen Kissen. Das marmorne Waschbecken, die
Toilette, die Tische, die Bronceuhr auf dem Kamin, die Gardinen und
Portieren, alles das war teuer und neu.

Die kokette Kammerzofe, welche herbeikam, um ihre Dienste anzubieten,
und eine Frisur und Robe trug, die noch moderner war, als diejenige
Dollys, sah eben so neu und kostspielig aus, wie das ganze Zimmer.

Darja Aleksandrowna war ihre Hflichkeit, Sauberkeit und
Dienstwilligkeit sehr angenehm, doch fhlte sie sich nicht
behaglich in ihrer Gegenwart; sie schmte sich vor ihr wegen
ihres, unglcklicherweise infolge eines Irrtums von ihr gepackten,
ausgebesserten Corsets; sie schmte sich gerade jener Flicken und
gestopften Stellen, auf die sie daheim so stolz war. Zu Hause war es
ihr klar, da zu sechs Leibchen vierundzwanzig Arschin Stoff gehrten,
zu je fnfundsechzig Kopeken, was mehr als fnfzehn Rubel ausmachte,
auer der Arbeit; und diese fnfzehn Rubel waren so herausgeschlagen.
Vor der Zofe aber empfand sie weniger Scham, als vielmehr Unbehagen.

Darja Aleksandrowna versprte groe Erleichterung, als die ihr seit
alters bekannte Annuschka in das Zimmer trat. Die kokette Zofe war von
der Herrin verlangt worden und Annuschka blieb bei Darja Aleksandrowna
zurck.

Annuschka war augenscheinlich sehr erfreut ber die Ankunft der Dame
und schwatzte ohne Unterla. Dolly bemerkte, da sie gern ihre Meinung
bezglich der Lage ihrer Herrin ausgesprochen htte, insbesondere
bezglich der Liebe und Ergebenheit des Grafen fr Anna Arkadjewna,
doch Dolly verhinderte sie geflissentlich daran, sobald sie davon zu
sprechen begann.

Ich bin mit Anna Arkadjewna herangewachsen, die Herrin geht mir ber
alles! Doch wir haben ber nichts zu richten, und, wie es scheint, so
zu lieben --

Gieb mir doch geflligst Waschwasser, wenn es geht, unterbrach sie
Darja Aleksandrowna.

Zu Diensten. Bei uns sind zum Waschen allein zwei Frauen besonders
angestellt und die Wsche wird nur mit Maschine gereinigt. Der Graf
fhrt alles ein. Das ist ein Mann --

Dolly war froh, als Anna bei ihr eintrat, und mit ihrem Kommen das
Geschwtz Annuschkas abschnitt.

Anna hatte sich in eine sehr einfache Battistrobe geworfen und Dolly
betrachtete aufmerksam dieses einfache Kleid. Sie erkannte, da dies
zu bedeuten habe, auch solch eine Einfachheit sei nur fr Summen zu
erringen.

Eine alte Bekannte, sagte Anna im Hinweis auf Annuschka.

Anna war jetzt nicht mehr in Verlegenheit; sie erschien vollstndig
ungezwungen und ruhig. Dolly erkannte, da sich Anna jetzt wieder
vollstndig von dem Eindruck ermannt hatte, welchen ihre Ankunft bei
dieser hervorgerufen, und da sie jetzt wieder jenen hochfahrenden,
gleichmtigen Ton angenommen habe, mit welchem gleichsam die Thr zu
derjenigen Abteilung in ihr, in welcher sich ihre Gefhle und innersten
Gedanken befanden, verschlossen war.

Nun, was macht dein kleines Mdchen, Anna? frug Dolly.

Die Any? -- so nannte sie ihre Tochter Anna -- sie befindet sich
wohl. Sie hat sich sehr entwickelt, willst du sie einmal sehen? Komm,
ich zeige sie dir! Es hat da unendlich viel Sorgen gegeben, begann sie
zu erzhlen, mit den Ammen. Wir hatten als Amme eine Italienerin, sie
war gut, aber dumm! Wir wollten sie fortschicken, doch das Kind war so
gewhnt an sie, da wir sie noch immer haben.

Und wie seid Ihr bereingekommen? wollte Dolly fragen, welchen Namen
das Mdchen tragen sollte. Als sie indessen das finstergewordene
Gesicht Annas bemerkte, vernderte sie den Sinn ihrer Frage. Und wie
seid Ihr bereingekommen? Habt Ihr es schon entwhnt? --

Doch Anna hatte verstanden.

Du wolltest nicht hiernach fragen? Du wolltest nach seinem Namen
fragen? Nicht wahr? Dies eben qult Aleksey! Sie hat keinen Namen.
Das heit, sie ist -- eine Karenina -- sagte Anna, die Augen soweit
zusammenkneifend, da nur die zusammentreffenden Wimpern noch sichtbar
waren. brigens, fuhr sie mit pltzlich hellwerdendem Gesicht fort,
von dem allen knnen wir ja spter noch reden. Komm, ich will sie dir
zeigen! =Elle est trs= -- =gentile= -- und kriecht schon fort.

In der Kinderstube berraschte Darja Alexandrowna der nmliche Luxus,
welcher sie im ganzen Hause schon frappiert hatte, noch mehr. Hier
gab es kleine Wagen, die aus England verschrieben waren, sowie
Gertschaften fr das Gehenlernen; einen eigens konstruierten Diwan
nach Art eines Billards zum Kriechen; Wiegen; eigenartige, neue Wannen.
Alles war von englischer Arbeit, dauerhaft und gediegen und offenbar
teuer. Das Zimmer war gro, sehr hoch und hell.

Als sie eintraten, sa das kleine Mdchen nur im Hemdchen in einem
Sthlchen am Tisch und nahm Bouillon zu sich, mit welcher sie sich die
ganze kleine Brust begossen hatte. Ein russisches Mdchen, welches
in der Kinderstube diente, ftterte das Kind, und a augenscheinlich
selbst mit diesem zugleich dabei. Weder die Amme, noch die Kinderfrau
war zugegen; sie befanden sich im Nebenzimmer und man vernahm von
dorther ihr Gesprch in seltsamem Franzsisch, in welchem sie sich
einander nur verstndlich machen konnten.

Die Stimme Annas vernehmend, trat eine hohe Englnderin mit
unangenehmem Gesicht und gemeinem Ausdruck, hastig ihre blonden Locken
schttelnd in die Thr, und begann sich sogleich zu entschuldigen,
obwohl ihr Anna noch gar kein Vergehen beigemessen hatte. Auf jedes
Wort Annas antwortete die Englnderin schnell mit einem mehrmaligen
=yes, mylady=!

Das kleine Mdchen mit seinen schwarzen Brauen und Haaren, den roten
Wangen, der festen straffen Haut und dem schnen Krperchen gefiel
Darja Aleksandrowna ungeachtet des mrrischen Ausdrucks, mit welchem
es auf das fremde Gesicht blickte, sehr; diese beneidete es sogar um
seines gesunden Aussehens willen. Auch wie das kleine Mdchen kroch,
gefiel ihr sehr; keines ihrer Kinder hatte so gekrochen. Dieses
Kindchen war, nachdem man es auf einen Teppich gesetzt, und ein Kleid
dahinter gestopft hatte, wunderbar lieblich. Wie ein Tierchen schaute
es mit seinen groen glnzenden schwarzen Augen um sich, offenbar
erfreut darber, da man sich freundlich mit ihm abgebe, sttzte sich
lchelnd, und die Fchen seitwrts haltend, energisch auf die Hnde
und hob schnell das ganze Hinterteilchen empor, worauf es mit den
Hndchen nach vorwrts fate.

Der allgemeine Charakter der Kinderstube jedoch, und namentlich die
Englnderin, gefiel Darja Aleksandrowna durchaus nicht. Nur damit,
da in eine so illegitime Familie wie es diejenige Annas war, wohl
kein gutes Mdchen gehen mochte, erklrte sich Darja Aleksandrowna
selbst, da Anna mit ihrer Menschenkenntnis fr ihr Kind eine so
unsympathische, gar nicht respektable Englnderin hatte nehmen knnen.
Auerdem aber erkannte sie auch sogleich an einigen Worten, da Anna,
die Amme, die Kinderfrau und das Kind sich nicht zusammengelebt hatten,
und der Besuch der Mutter ein ungewhnliches Ereignis bildete. Anna
wollte dem Kinde ein Spielzeug geben und konnte es nicht einmal finden.

Am wundersamsten aber von allem war, da Anna auf die Frage, wie viel
Zhne das Kind habe, irrte und von den zwei letzten Zhnen noch gar
nichts wute.

Es ist mir bisweilen schwer ums Herz, da ich hier frmlich
berflssig bin, sagte sie beim Verlassen der Kinderstube, und nahm
ihre Schleppe auf, um an den bei der Thr stehenden Spielgerten
vorberzukommen. So war es nicht bei meinem ersten Manne.

Ich dachte, im Gegenteil, sagte Darja Aleksandrowna schchtern.

O nein; du weit doch wohl, ich habe ihn gesehen -- meinen Sergey,
sprach Anna, die Augen zusammenkneifend, als schaue sie nach etwas
weit Entferntem. Doch davon knnen wir ja spter sprechen. Du glaubst
nicht, ich bin wie eine Hungernde, der man pltzlich ein ppiges Mahl
vorgesetzt hat, ohne da sie wei, wonach sie langen soll. Das ppige
Mahl -- bist du und die mir bevorstehenden Gesprche mit dir, die ich
mit niemandem sonst fhren konnte; ich wei nun nicht, an welches Thema
ich zuerst gehen soll. =Mais je ne vous ferai grce de rien= -- ich
mu mich ganz aussprechen. Ich mu dir ein Bild von der Gesellschaft
machen, die du bei uns findest, begann sie, und beginne mit den
Damen. Da ist die Frstin Barbara. Du kennst sie und ich kenne deine
Meinung und diejenige Stefans ber sie. Stefan sagt, der ganze Zweck
ihres Daseins bestehe darin, ihren Vorzug vor ihrer Tante Katharina
Pawlowna zu beweisen. Das ist ganz richtig, aber sie ist gut und ich
bin ihr sehr dankbar. In Petersburg gab es fr mich einen Moment, in
welchem mir =un chaperon= notwendig war; da war sie bei mir; sie ist
wahrhaftig gut, und hat mir meine Lage sehr erleichtert. Ich sehe
wohl, da du die ganze Schwierigkeit derselben nicht begreifst -- wie
sie dort, in Petersburg war, fgte sie hinzu. Hier lebe ich nun
vollkommen ruhig und glcklich; doch davon spter, erst mu aufgezhlt
werden. Zweitens kommt Swijashskiy; er ist Prsident und ein sehr
solider Mann, doch braucht er Aleksey in Manchem. Du verstehst jetzt,
nachdem wir uns auf dem Lande niedergelassen haben, kann Aleksey mit
seinen Verhltnissen groen Einflu ausben. Dann Tuschkjewitsch -- du
hast ihn ja gesehen; er war bei Betsy. Man hat ihn jetzt fallen lassen
und er ist nun zu uns gekommen. Wie Aleksey sagt, ist er einer von
denjenigen Menschen, die sehr angenehm sind, wenn man sie so nimmt,
wie sie scheinen wollen -- =et puis, il est comme il faut= -- wie die
Frstin Barbara sagt. Ferner Wjeslowskij -- den kennst du ja. -- Er
ist ein sehr lieber Mensch, sagte sie, mit schelmischem Lcheln die
Lippen kruselnd. Was ist denn das fr eine seltsame Geschichte mit
Lewin gewesen? Wjeslowskij hat sie Aleksey erzhlt und wir knnen sie
gar nicht glauben. =Il est trs gentil et naif= sagte sie, wieder mit
dem nmlichen Lcheln. Die Mnner bedrfen der Zerstreuung und Aleksey
braucht Menschen um sich; daher schtze ich diese ganze Gesellschaft.
Bei uns mu es lebhaft und heiter zugehen, damit sich Aleksey nichts
Neues wnscht. Dann wirst du auch den Direktor sehen. Er ist ein
Deutscher, ein sehr hbscher Mann, der auch seine Sache versteht;
Aleksey schtzt ihn sehr hoch. Ferner ist da der Arzt, ein noch junger
Mann; nicht gerade ein vollkommener Nihilist, aber, weit du, >er it
mit dem Messer< -- sonst ist er ein sehr guter Arzt. Endlich ist noch
der Architekt da. -- =Une petite cour=. --


                                  20.

Hier bringe ich Euch Dolly, Frstin, Ihr wolltet sie so gern sehen,
sagte Anna, mit Darja Aleksandrowna die groe Steinterrasse betretend,
auf welcher im Schatten, hinter dem Stickrahmen die Frstin Barbara
sa, die einen Sessel fr den Grafen Aleksey Kyrillowitsch stickte.
Sie sagt zwar, da sie bis zu Mittag nichts zu sich nehmen mag,
befehlt aber immerhin das Frhstck, whrend ich mittlerweile gehe,
Aleksey zu suchen und sie alle mit hierher bringe.

Die Frstin Barbara empfing Dolly mit einer gewissen Gnnermiene und
begann sogleich, ihr auseinanderzusetzen, da sie deshalb bei Anna
wohne, weil sie diese mehr liebe, als es deren Schwester, Katharina
Pawlowna, gethan, die Anna erzogen htte, und da sie es jetzt, nachdem
alle Anna verlassen htten, als ihre Pflicht betrachtet habe, ihr in
diesem bergangsstadium, dem allerschwierigsten, Beistand zu leisten.

Ihr Mann wird ihr den Konsens zur Ehescheidung geben und dann gehe
ich wieder in meine Einsamkeit, jetzt aber kann ich ntzlich sein und
werde ich meine Pflicht erfllen, so schwer es mir auch werden mag
-- ich handle nicht so, wie andere. Und wie lieb bist du, wie schn
hast du gehandelt, da du gekommen bist! Sie leben vollkommen, wie die
besten Ehegatten und Gott wird ber sie richten, nicht wir drfen es!
Birjusowskij und die Avenijewa, Nikandroff, Wasiljeff und die Mamonowa,
und Lisa Neptunowa, da hat doch auch kein Mensch etwas gesagt? Und doch
endeten die Flle so, da sie sich alle heirateten. Dann aber, =c'est
un intrieur si joli, si comme il faut. Tout--fait  l'anglaise. On
se runit le matin au breakfast et puis on se spare=. Jeder thut,
was er will, bis zur Mittagszeit. Die Mittagstafel ist um sieben Uhr.
Stefan hat sehr wohl daran gethan, dich zu schicken. Er mte sich an
sie halten. Du weit ja, er vermag durch seine Mutter und seine Brder
alles, und dann thun sie ja viel Gutes. Hat er dir noch nicht von
seinem Krankenhaus erzhlt? =Ce sera admirable= -- und alles aus Paris.

Ihr Gesprch wurde durch Anna unterbrochen, welche die Gesellschaft
der Herren beim Billardspiel gefunden hatte und nun zusammen mit ihnen
zur Terrasse zurckkehrte. Bis zur Mittagstafel war noch lange Zeit,
das Wetter sehr schn und so wurden verschiedenartige Hilfsmittel,
die noch brigen zwei Stunden auszufllen in Vorschlag gebracht. Der
Mglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben, gab es sehr viele in
Wosdwishenskoje, und es waren alle nicht die, wie sie in Pokrowskoje
angewendet wurden.

=Une partie de Lawn tennis=, schlug mit seinem hbschen Lcheln
Wjeslowskij vor, ich spiele wieder mit Euch, Anna Arkadjewna!

Ach nein; es ist zu hei dazu; besser, wir gehen in den Park und
fahren auf dem Kahn, um Darja Aleksandrowna die Ufer zu zeigen, schlug
Wronskiy vor.

Ich bin mit allem einverstanden, meinte Swijashskiy.

Ich denke, da es Dolly am angenehmsten sein wird, sich erst ein wenig
zu ergehen; nicht so? Und dann erst Kahn zu fahren, sagte Anna.

So wurde denn auch bestimmt. Wjeslowskij und Tuschkjewitsch begaben
sich ins Bad und versprachen, dort das Boot bereit machen und warten zu
wollen.

Sie gingen in zwei Paaren auf dem Wege; Anna mit Swijashskiy und Dolly
mit Wronskiy. Dolly war ein wenig verwirrt und ngstlich in dieser ihr
vollstndig neuen Umgebung, in der sie sich befand. Begeistert und
voll Theorien, rechtfertigte sie nicht nur, nein, billigte sie sogar
Annas Verfahren. Wie im allgemeinen nicht selten untadelhaft moralische
Frauen ermdet von der Einfrmigkeit des sittenstrengen Lebens thun, so
entschuldigte sie aus ihrer Ferne nicht nur die verbrecherische Liebe,
sie beneidete dieselbe sogar.

Auerdem liebte sie Anna auch von Herzen, aber gleichwohl war es ihr
in der Wirklichkeit, nachdem sie diese inmitten aller dieser ihr
fremden Leute gesehen hatte, in dem fr Darja Aleksandrowna neuen,
sogenanntem guten Tone, unbehaglich zu Mut. Besonders unangenehm war es
ihr, die Frstin Barbara zu sehen, welche ihnen alles verzieh fr die
Annehmlichkeiten, die sie dafr geno.

Im allgemeinen also billigte Dolly, hingerissen, das Vergehen Annas,
aber denjenigen sehen zu mssen, fr welchen jenes Verbrechen begangen
worden, war ihr doch unangenehm. Wronskiy hatte ihr berhaupt nie
gefallen. Sie hielt ihn fr sehr stolz, sah aber in ihm nichts von
alledem, worauf er htte stolz sein knnen -- es wre denn sein
Reichtum gewesen. --

Gegen ihren Willen jedoch imponierte er ihr hier in seinem Hause
noch mehr als frher, und sie konnte sich vor ihm nicht ungezwungen
benehmen. Empfand sie doch ihm gegenber ein Gefhl, das hnlich dem
war, welches sie ber ihr Leibchen vor der Zofe empfunden hatte.
So wie ihr in deren Gegenwart nicht Scham, sondern Unmut wegen
der Ausbesserungen aufgestiegen war, so empfand sie auch vor ihm
fortwhrend nicht etwas wie Scham, sondern wie Unmut ber das eigene
Ich.

Dolly fhlte sich verlegen und suchte ein Thema zur Unterhaltung.
Wiewohl sie urteilte, da ihm in seinem Hochmut ein Lob seines Hauses
und Parkes unangenehm sein msse, sagte sie ihm dennoch, keinen andern
Gegenstand der Unterhaltung findend, da ihr sein Haus sehr gefallen
habe.

Ja; es ist ein sehr schnes Gebude und nach gutem alten Stil, sagte
er.

Mir hat auch der Hof vor der Freitreppe sehr gefallen. War der schon
so?

O nein! antwortete er, und sein Gesicht schimmerte vor Genugthuung.
Wenn Ihr diesen Hof noch jetzt im Frhling gesehen httet!

Und er begann nun anfangs zurckhaltend, dann aber sich freier
und freier hingebend, ihre Aufmerksamkeit auf die verschiedenen
Einzelheiten der Verschnerung in Haus und Garten hinzulenken. Es
war ersichtlich, da Wronskiy nach dem Aufwand so vieler Mhe zur
Verbesserung und Verschnerung seines Landsitzes das Bedrfnis empfand,
sich desselben vor einer fremden Person zu rhmen, und sich ber das
Lob Darja Aleksandrownas von ganzem Herzen freute.

Wenn Ihr noch das Krankenhaus besichtigen wollt und nicht ermdet
seid, so ist dies nicht zu weit entfernt. Kommt, sagte er, ihr ins
Gesicht blickend, um sich zu berzeugen, da sie sich ja nicht etwa
langweile.

Kommst du mit, Anna? wandte sie sich an diese.

Wir werden mit kommen; nicht wahr? wandte sie sich an Swijashskiy.

=Mais il ne faut pas laisser le pauvre Weslowskij et Tuschkjewitsch se
morfondre l dans le bateau=. Man mu es ihnen sagen lassen.

Das ist ein Denkmal, welches er sich hier aufrichtet, sprach Anna,
sich zu Dolly wendend, mit dem nmlichen, wissenden und verschlagenen
Lcheln, mit welchem sie frher ber das Krankenhaus gesprochen hatte.

O, ein Kapitalwerk, rief Swijashskiy, fgte aber sogleich, um nicht
als Jasager Wronskiys zu erscheinen, leichthin eine kritische Bemerkung
hinzu. Ich wundere mich nur, Graf, sprach er, da Ihr, der Ihr
in sanitrer Beziehung so viel fr das Volk thut, Euch den Schulen
gegenber so gleichgltig verhaltet.

=C'est devenu tellement commun les coles=, sagte Wronskiy, Ihr
seht doch, da ich nicht davon, sondern eben hiervon eingenommen bin.
-- Hierhin geht es nach dem Krankenhaus, wandte er sich dann zu Darja
Aleksandrowna, nach einem Seitenausgang aus der Allee zeigend.

Die Damen ffneten die Sonnenschirme und betraten den Seitenweg.
Nachdem sie einige Windungen durchschritten und zu einem Pfrtchen
hinausgetreten waren, erblickte Darja Aleksandrowna vor sich auf
einem erhhten Terrain ein groes, rotes, fast vollendetes Gebude
von interessantem Aussehen. Das noch nicht gestrichene, eiserne Dach
strahlte blendend in der heien Sonne. Neben dem fertigen Gebude war
ein zweites, vom Wald umgeben, angelegt; Arbeiter auf den Gersten
legten Ziegel, bergossen die Lagen aus den Eimern und gleichten sie
mit Richtmaen.

Wie schnell bei Euch die Arbeit vorwrts geht! sagte Swijashskiy,
als ich das letzte Mal hier war, war das Dach noch nicht da.

Zum Herbste soll alles fertig sein, und innen ist fast alles bereits
ausgeputzt, sagte Anna.

Und was ist das Neues dort?

Es ist ein Gebude fr den Arzt und die Apotheke, antwortete
Wronskiy, den in kurzem berrock auf ihn zukommenden Architekten
erblickend; und ging, sich vor den Damen entschuldigend, diesem
entgegen.

Die Kalkgrube umgehend, aus welcher die Arbeiter den Kalk holten, blieb
er beim Architekten stehen und begann eifrig zu sprechen.

Das Fronton liegt immer noch zu niedrig, antwortete er Anna, welche
gefragt hatte, wovon die Rede sei.

Ich hatte gesagt, man msse das Fundament erhhen, sagte Anna.

Ja, natrlich, das wre besser, Anna Arkadjewna, sagte der Architekt,
es ist auer Acht gelassen worden.

Ja, ich interessiere mich sehr hierfr, antwortete Anna Swijashskiy,
welcher sein Erstaunen ber ihre Kenntnisse in der Architektur
ausgedrckt hatte. Das neue Gebude mu dem Krankenhaus entsprechend
sein, ist aber erst spter geplant und ohne Ri begonnen worden.

Nachdem die Rcksprache mit dem Architekten beendet war, gesellte sich
Wronskiy wieder zu den Damen und fhrte dieselben in das Innere des
Krankenhauses.

Obwohl man auen noch die Karniese fertig machte und in der tieferen
Etage tnchte, war in der oberen schon alles fertig. Auf der breiten,
gueisernen Treppe den Treppenabsatz berschreitend, betrat man das
erste groe Zimmer. Die Wnde waren mit Stuck, der sich wie Marmor
ausnahm, geziert, die groen Fenster waren schon eingesetzt, nur
der Parkettboden war noch nicht fertig und die Tischler, welche ein
emporgenommenes Quadrat hobelten, lieen die Arbeit liegen, um, ihre
schmalen Stirnbnder abnehmend, welche ihnen das Haar hielten, die
Herrschaft zu begren.

Das ist das Empfangszimmer, sagte Wronskiy, es wird hier nur ein
Tisch und ein Schrank hereinkommen, weiter nichts.

Hierher, hier wollen wir durchgehen! Komm nicht an das Fenster, sagte
Anna, probierend, ob die Farbe schon getrocknet sei. Aleksey, die
Farbe ist schon trocken, fgte sie hinzu.

Aus dem Empfangszimmer trat man in den Korridor. Hier zeigte Wronskiy
eine nach neuem System konstruierte Ventilation, dann die Marmorwannen
und Betten mit eigenartigen Federn. Hierauf zeigte er die Krankensle,
einen nach dem anderen, die Vorratskammer, ein Zimmer fr die Wsche,
dann einen Ofen neuester Konstruktion, eine Art Rollen, welche kein
Gerusch machen sollten und die solche Gegenstnde, die gebraucht
wurden befrderten, und noch vieles andere. Swijashskiy lobte alles,
als ein Mann, welcher alle neuen Vervollkommnungen kannte. Dolly war
geradezu erstaunt ber diese Dinge, welche sie bis jetzt noch nicht
gesehen hatte, und frug im Begehren, alles zu erfassen, eingehend nach
allem, was Wronskiy augenscheinlich Vergngen machte.

Ich glaube, dies wird das einzige, vollstndig rationell
eingerichtete Krankenhaus in Ruland werden, sagte Swijashskiy.

Werdet Ihr auch eine Abteilung fr Wchnerinnen haben, frug Dolly.
Das ist doch so notwendig auf dem Lande. Ich habe hufig --

Bei aller seiner Hflichkeit fiel ihr hier Wronskiy ins Wort.

Das ist kein Geburtsinstitut, sondern ein Krankenhaus und fr alle
Krankheiten bestimmt auer den ansteckenden, sagte er. Aber hier seht
einmal das, er rollte einen neuerdings erst verschriebenen Lehnsessel
zu Darja Aleksandrowna, welcher fr Genesende bestimmt war. Pat auf,
er setzte sich in den Sessel und begann ihn fortzubewegen. Wenn Einer
nicht gehen kann, noch zu schwach ist, oder fuleidend, aber Luft
schpfen mu, so fhrt er, rollt er sich --

Darja Aleksandrowna interessierte sich fr alles; alles gefiel ihr
sehr, am meisten aber Wronskiy selbst mit dieser natrlichen, naiven
Begeisterung.

Ja, ja, er ist ein sehr lieber und guter Mann, dachte sie, ohne ihn
zu hren, aber auf ihn blickend und in seinen Ausdruck versunken,
whrend sie sich im Geiste in Anna versetzte. Er gefiel ihr jetzt so
wohl in seiner Lebhaftigkeit, da sie begriff, wie Anna sich in ihn
hatte verlieben knnen.


                                  21.

Nein, ich glaube die Frstin ist mde und die Pferde interessieren
sie nicht mehr, sagte Wronskiy zu Anna, welche vorgeschlagen hatte,
zum Marstall zu gehen, wo Swijashskiy den neuen Hengst zu besichtigen
wnschte. Geht Ihr dahin, whrend ich die Frstin ins Haus begleite,
und wir wollen ein wenig plaudern, wenn es Euch angenehm ist? sagte
er, zu derselben gewendet.

Von Pferden verstehe ich gar nichts; und es ist mir so recht
angenehm, sagte Darja Aleksandrowna etwas verwundert.

Sie sah im Gesicht Wronskiys, da er etwas von ihr wnschte, und sie
irrte nicht. Kaum waren sie wiederum durch das Pfrtchen in den Garten
gelangt, als er nach der Seite schaute, nach welcher Anna gegangen war,
und, nachdem er sich berzeugt hatte, da diese ihn weder hren noch
sehen knne, begann:

Ihr habt erraten, da ich mit Euch zu sprechen wnschte, sagte er,
sie mit lachenden Augen anblickend, ich irre nicht darin, da Ihr
eine Freundin Annas seid. Er nahm den Hut ab, zog ein Tuch hervor und
trocknete sich damit seinen Kopf mit dem sprlichen Haar.

Darja Aleksandrowna antwortete nicht, sondern blickte ihn nur
erschrocken an. Nachdem sie mit ihm so allein geblieben, wurde es ihr
pltzlich ngstlich zu Mut; die lachenden Augen und der ernste Ausdruck
seines Gesichts erschreckten sie.

Die verschiedenartigsten Vermutungen, worber er wohl mit ihr knnte
sprechen wollen, gingen ihr durch den Kopf. Er wird mich einladen, mit
den Kindern zu ihm auf Besuch zu kommen, und ich werde ihm abschlglich
antworten mssen: Oder soll ich in Moskau einen Kreis fr Anna
schaffen, oder will er ber Wasjenka Wjeslowskiy und dessen Beziehungen
zu Anna reden? Vielleicht auch von Kity, oder davon, da er sich
schuldig fhlt? Sie sah nur Unangenehmes, erriet aber nicht, wovon er
mit ihr mochte reden wollen.

Ihr habt so groen Einflu auf Anna, sie liebt Euch so, sagte er,
helft mir doch!

Darja Aleksandrowna schaute fragend und schchtern auf sein energisches
Gesicht, welches bald ganz, bald stellenweis in das Licht der Sonne
trat, das bald den Schatten der Linden durchdrang, bald vom Schatten
wieder verdunkelt wurde, und wartete auf das, was er weiter sagen
wrde; doch er schritt, mit dem Spazierstock in den Kies bohrend,
schweigend neben ihr hin.

Wenn Ihr zu uns gekommen seid, Ihr, die einzige Frau unter den
frheren Freundinnen Annas -- die Frstin Barbara rechne ich nicht --
so verstehe ich darin, da Ihr dies nicht gethan habt, weil Ihr etwa
unser Verhltnis fr ein normales haltet, sondern weil Ihr, die ganze
Schwierigkeit dieses Verhltnisses begreifend, sie noch immer ebenso
liebt und ihr helfen wollt. Habe ich Euch so richtig aufgefat? frug
er, sie anschauend.

O ja, antwortete Darja Aleksandrowna, ihren Sonnenschirm schlieend,
doch --

-- Nein, unterbrach er sie, und blieb stehen, unwillkrlich, und
vergessend, da er hierdurch Darja Aleksandrowna in eine peinliche
Situation versetzte, indem diese gentigt war, gleichfalls stehen
zu bleiben. Niemand empfindet mehr und strker als ich die ganze
Schwierigkeit der Lage Annas, und dies ist begreiflich, wenn Ihr mir
die Ehre erweist, mich fr einen Menschen zu halten, der Herz besitzt,
>ich bin die Ursache dieser Lage und deshalb fhle ich sie.<

Ich verstehe, sagte Darja Aleksandrowna, unwillkrlich freundlich
werdend, als er dies so aufrichtig und bestimmt aussprach, aber eben
deswegen, weil Ihr Euch als die Ursache fhlt, bertreibt Ihr, wie ich
frchte, sagte sie, Annas Lage ist eine schwierige in der Welt, ich
verstehe wohl.

In der Welt ist sie eine Hlle, fuhr er hastig fort, das Gesicht in
finstre Falten legend, man kann sich keine schlimmeren moralischen
Qualen vorstellen, als die, welche sie in jenen vierzehn Tagen in
Petersburg durchlebt hat. Ich bitte Euch darum, das zu glauben.

Aber hier, bis jetzt, so lange weder Anna, noch Ihr ein Bedrfnis nach
der Welt empfindet --

Die Welt -- sagte er voll Verachtung, welches Bedrfnis kann ich
nach der Welt empfinden?

Bis jetzt -- und vielleicht bleibt das immer so -- seid Ihr glcklich
und ruhig. Ich sehe an Anna, da sie glcklich ist, vollkommen
glcklich, sie hat es mir kaum erst geuert -- sagte Darja
Aleksandrowna lchelnd; doch unwillkrlich stiegen ihr, whrend sie
dies sprach, Zweifel auf, ob Anna wirklich glcklich war.

Wronskiy hingegen schien hieran nicht zu zweifeln.

Ja, ja, sagte er, ich wei, da sie aufgelebt ist nach allen ihren
Leiden; sie ist glcklich. Sie ist wahrhaft glcklich. Aber ich? Ich
frchte das, was uns erwartet. Doch entschuldigt, Ihr wollt gewi
gehen?

Nein, ganz gleich.

Gut, setzen wir uns dann hierher!

Darja Aleksandrowna lie sich auf einer Gartenbank in einer Ecke der
Allee nieder. Er blieb vor ihr stehen.

Ich sehe, da sie glcklich ist, wiederholte er und der Zweifel
daran, ob sie glcklich sei, beschlich Darja Aleksandrowna noch mehr.
Aber kann dies so fortgehen? Mgen wir gut oder schlecht gehandelt
haben, das bleibt eine andre Frage, aber der Wrfel ist gefallen,
sagte er, aus der russischen in die franzsische Sprache bergehend,
und wir sind fr das ganze Leben miteinander verbunden; wir sind
vereint durch die heiligsten Bande der Liebe. Wir haben ein Kind,
wir knnen noch mehr Kinder haben. Aber das Gesetz und alle Umstnde
in unserem Verhltnis sind derart, da sich tausend Verwickelungen
zeigen, welche Anna jetzt, wo sie ihren Geist von all den Leiden und
Prfungen ausruhen lt, nicht sieht oder nicht sehen will. Und das ist
begreiflich. Ich aber mu sie sehen. Meine Tochter ist nach dem Gesetz
-- nicht meine Tochter, sondern eine Karenina. Ich will diese Tuschung
nicht, sagte er, mit einer energischen Geste der Verneinung, und
dster fragend Darja Aleksandrowna anblickend.

Diese antwortete nicht und schaute ihn nur an. Er fuhr fort:

Morgen kann mir ein Sohn geboren werden, mein Sohn, aber nach dem
Gesetz -- ist er ein Karenin; weder Erbe meines Namens, noch Erbe
meines Vermgens, und so glcklich wir in der Familie sein, soviel
Kinder wir auch bekommen mgen, zwischen mir und ihnen besteht kein
Band. Sie sind Karenin. Begreift nur das Drckende und Entsetzliche
dieser Lage! Ich habe es versucht, mit Anna darber zu sprechen, aber
sie reizt dies nur. Sie versteht es nicht und ich vermag nicht, ihr
alles zu sagen. Betrachtet indes jetzt die Sache auch noch von einer
anderen Seite! Ich bin glcklich, glcklich durch ihre Liebe, aber ich
mu eine Beschftigung haben! Diese Beschftigung habe ich gefunden und
bin stolz auf sie; ich halte sie fr edler, als es die Beschftigung
meiner ehemaligen Kameraden am Hof und im Dienst ist, und ohne Zweifel
wrde ich dieses Wirken nicht mit dem ihren vertauschen mgen. Ich
arbeite hier, auf meiner Scholle sitzend, und bin glcklich und
zufrieden, und wir brauchen nichts weiter zum Glck. Ich liebe diese
Thtigkeit. =Cela n'est pas un pis-aller=, im Gegenteil --

Darja Aleksandrowna bemerkte, da er an dieser Stelle seiner
Erklrung den Faden verlor; sie verstand diese Abschweifung nicht
recht und fhlte, da er jetzt, nachdem er einmal ber seine
Herzensangelegenheiten, ber die er mit Anna nicht reden konnte, zu
sprechen angefangen hatte, alles aussprach, und da sich die Frage
seiner Beschftigung auf dem Lande in der nmlichen Abteilung seiner
innersten Gedanken befand, in welcher auch die Frage ber seine
Beziehungen zu Anna war.

Indessen, ich fahre fort, sagte er, wieder auf den rechten Weg
kommend, das Wichtigste ist, da ich beim Arbeiten die berzeugung
hegen mu -- da das von mir Geleistete nicht mit mir sterben wird, da
ich Erben haben werde, -- und dies ist bei mir nicht der Fall! Stellt
Euch selbst die Situation eines Menschen vor, welcher im voraus wei,
da seine und seines von ihm geliebten Weibes Kinder nicht sein eigen
werden, sondern jemandes, der sie hat und sie gar nicht kennen will.
-- Das ist doch furchtbar!

Er verstummte augenscheinlich in starker Erregung.

Ja, natrlich; ich begreife das. Aber was kann Anna thun? frug Darja
Aleksandrowna.

Dies eben fhrt mich auf den Zweck meiner Aussprache, sagte er, sich
gewaltsam bezwingend, Anna kann Etwas thun; es hngt von ihr ab.
Selbst zu dem Gesuch an den Zaren um Adoptierung, ist die Ehescheidung
unumgnglich erforderlich. Und diese hngt von Anna ab; ihr Gatte
war mit der Scheidung einverstanden -- Euer Gatte hatte dies damals
vollkommen arrangiert, und auch jetzt noch, ich wei es, wrde er
sich nicht weigern. Es kme nur darauf an, da man ihm schriebe. Er
hat damals offen geantwortet, da er sich, wenn sie diesen Wunsch
aussprechen sollte, nicht weigern wrde. Natrlich, sagte er finster,
ist dies nur eine jener Phariserhrten, deren allein Leute ohne Herz
fhig sind. Er wei, welche Qual ihr jede Erinnerung an ihn kostet,
und fordert, da er es wei, von ihr einen Brief. Ich begreife, da
ihr das qualvoll sein mu, aber die Ursachen sind so wichtig, da es
heit =passer par-dessus toutes ces finesses de sentiment. Il y va du
bonheur et de l'existence d'Anne et de ses enfants.= Ich spreche nicht
von mir, obwohl es mir schwer, sehr schwer wird, sagte er mit dem
Ausdruck einer Drohung gegen jemand, der es ihm so schwer machte. Und
so klammere ich mich denn ohne Bedenken an Euch, Frstin, wie an einen
Rettungsanker. Helft mir, sie zu berreden, da sie ihm schreibt und
die Scheidung fordert.

Ja, natrlich, sagte Darja Aleksandrowna, sich lebhaft ihres letzten
Zusammenseins mit Aleksey Aleksandrowitsch erinnernd, ja versteht
sich, wiederholte sie entschlossen, mit dem Gedanken an Anna.

Macht von Eurem Einflu auf sie Gebrauch und bewirkt, da sie
schreibt. Ich will und kann nicht darber mit ihr reden.

Gut, ich werde mit ihr sprechen. Aber sie selbst sollte gar nicht
hieran denken? sagte Darja Aleksandrowna, der pltzlich hierbei die
seltsame neue Gewohnheit Annas, zu zwinkern, einfiel. Sie dachte
wieder daran, da Anna gerade da, als die Frage auf die Seiten ihres
Lebens, die ihr Herz berhrten, kam, mit den Augen zwinkerte. Gerade
als ob sie ber ihr Leben zwinkerte, um es nicht zu sehen, dachte
Dolly. Ohne Zweifel mu ich im eigenen Interesse und in ihrem mit ihr
sprechen, antwortete sie auf den Ausdruck seiner Dankbarkeit hin.

Sie erhoben sich und schritten dem Hause zu.


                                  22.

Als Anna Dolly bereits zurckgekehrt fand, schaute sie ihr aufmerksam
ins Auge, als wolle sie nach dem Gesprch fragen, welches sie mit
Wronskiy gehabt, frug aber nicht mit Worten.

Es scheint schon Zeit zur Mittagstafel zu sein, sagte sie. Wir haben
uns ja noch gar nicht gesehen. Ich rechne auf den Abend; jetzt mu ich
mich umkleiden, und ich denke wohl auch du wirst dies thun? Wir sind
auf dem Bau alle ganz schmutzig geworden.

Dolly ging nach ihrem Zimmer und war nun in einer komischen Situation.
Es war ihr nicht mglich, sich umzukleiden, denn sie hatte schon ihr
bestes Kleid angelegt; doch, um wenigstens in Etwas ihre Vorbereitung
zur Tafel kenntlich zu machen, bat sie die Zofe, ihr das Kleid zu
reinigen, wechselte die Manschetten und ein Band und legte Spitzen auf
den Kopf.

Das ist alles, was ich vermag, sagte sie lchelnd zu Anna, welche in
dem dritten, wiederum einem sehr einfachen Kleide, zu ihr kam.

Ja, wir sind hier sehr kokett, sagte Anna, sich gleichsam
entschuldigend wegen ihrer Toilette. Aleksey ist erfreut ber dein
Kommen, wie selten ber Etwas. Er ist aufrichtig in dich verliebt,
fgte sie hinzu. Aber du bist doch nicht ermdet?

Bis zur Tafel war keine Zeit mehr, noch ber etwas zu sprechen. Als sie
in den Salon traten, trafen sie dort bereits die Frstin Barbara und
die Herren in schwarzen Rcken. Der Architekt war im Frack. Wronskiy
stellte dem Besuch den Arzt vor. Den bauleitenden Architekten hatte er
mit Darja Aleksandrowna schon in dem Krankenhause bekannt gemacht.

Der dicke Hausmeister, mit seinem glnzenden, runden rasierten Gesicht
und im steifgepltteten Band seiner weien Krawatte meldete, da
das Essen bereit sei, und die Damen erhoben sich. Wronskiy ersuchte
Swijashskiy, Anna Arkadjewna den Arm zu reichen, whrend er selbst zu
Dolly trat. Wjeslowskij gab vor Tuschkjewitsch der Frstin Barbara
seinen Arm, so da dieser, der Baumeister und der Arzt allein gingen.

Das ganze Essen, der Speisesalon, das Service, der Wein und die Speisen
entsprachen nicht nur dem allgemeinen Charakter des modernen Prunkes
in diesem Hause, sondern alles war wohl noch luxuriser und moderner.
Darja Aleksandrowna musterte diese ihr neue Pracht und vertiefte sich
als Hausfrau, die ein Hauswesen fhrte -- obwohl ohne Hoffnung, etwas
von all dem Gesehenen mit ihrem Hauswesen vergleichen zu knnen, so
hoch stand hier alles an Pracht ber ihrer Lebensweise -- unwillkrlich
in alle Einzelheiten und stellte sich dabei die Frage, wer dies alles
gemacht hatte und wie es gemacht war.

Wasjenka Wjeslowskij, ihr Gatte und selbst Swijashskiy und viele Leute,
die sie kannte, hatten nie hierber nachgedacht, sondern aufs Wort
daran geglaubt, da jeder rechtschaffene Hausherr seine Gste merken
zu lassen wnscht, alles, was bei ihm gut in der Einrichtung sei, habe
ihm, dem Hausherrn, nicht die geringste Mhe gekostet, sondern sei von
selbst geworden.

Darja Aleksandrowna aber wute, da von selbst nicht einmal der Brei
zum Frhstck fr die Kinder werde, und infolge dessen auf eine so
komplizierte und herrliche Einrichtung gewissermaen verstrkte
Aufmerksamkeit hatte gerichtet werden mssen. Auch an dem Blicke des
Aleksey Kyrillowitsch, mit welchem dieser den Tisch berflog, und
wie er ein Zeichen mit dem Kopfe nach dem Hausmeister hin gab, und
wie er der Darja Aleksandrowna die Auswahl zwischen dem Kwasgericht
und der Suppe vorschlug, erkannte sie, da alles durch die Frsorge
des Herrn selbst geschehe und von dieser gehalten sei. Von Anna hing
augenscheinlich dies alles nicht in hherem Grade ab, als etwa von
Wjeslowskij. Sie, Swijashskiy, die Frstin und Wjeslowskiy waren einzig
und allein die Gste, welche heiter genossen, was fr sie bereitet war.

Anna war Hausfrau nur der Fhrung des Gesprchs nach, und dieses
Gesprch, sehr schwierig fr die Hausherrin bei der nicht groen
Tafel, bei Personen wie dem Baumeister und dem Architekten, Leuten
einer vollstndig anderen Welt, die sich bemhten, nicht zu errten
vor dem ungewohnten Luxus, und nicht lange an dem gemeinsamen Gesprch
teilzunehmen vermochten -- dieses schwierige Gesprch fhrte Anna mit
ihrem gewohnten Takte, mit Natrlichkeit und selbst mit Vergngen, wie
Darja Aleksandrowna merkte.

Das Gesprch drehte sich darum, wie Tuschkjewitsch und Wjeslowskiy
allein im Boot gefahren waren; dann begann Tuschkjewitsch von den
letzten Bootwettfahrten in Petersburg im Jachtklub zu erzhlen. Doch
Anna, eine Pause abwartend, wandte sich sogleich an den Architekten, um
denselben aus seinem Schweigen zu ziehen.

Nikolay Iwanitsch war berrascht, sagte sie zu Swijashskiy, wie das
neue Gebude seit der Zeit, seit welcher er das letzte Mal hier war,
gewachsen ist; aber ich bin alltglich dabei und verwundere mich selbst
alltglich, wie schnell das geht.

Mit Erlaucht arbeitet es sich auch gut, sagte lchelnd der Architekt
-- er war im Gefhl seines Wertes ein ehrerbietiger und ruhiger Mensch
-- man hat es hier nicht mit Gouvernementsmachthabern zu thun, bei
denen erst ein Ries Papier vollgeschrieben werden mu; ich mache dem
Grafen Meldung, wir besprechen und mit drei Worten ist die Sache
abgemacht.

Amerikanische Manieren, sagte Swijashskiy lchelnd.

Ja; dort werden die Gebude rationell errichtet.

Das Gesprch kam auf den Mibrauch der Macht in den Vereinigten
Staaten, doch Anna brachte es sogleich auf ein anderes Thema, um den
Baumeister aus seinem Schweigen zu ziehen.

Hast du schon einmal Erntemaschinen gesehen? wandte sie sich an Darja
Aleksandrowna. Wir waren hinausgeritten, sie anzusehen, als wir dir
begegneten. Ich selbst habe sie zum erstenmale gesehen.

Wie arbeiten sie denn? frug Dolly.

Genau so wie Scheren. Es ist ein Brett und daran sind viele kleine
Scheren. So hier --

Anna ergriff mit ihren schnen, weien, von Ringen bedeckten Hnden
ein Messer und eine Gabel und begann zu zeigen. Sie sah offenbar, da
sich aus ihrer Erklrung nichts erkennen lasse, setzte aber, recht wohl
wissend, da sie angenehm sprach und da ihre Hnde schn seien, die
Erklrung fort.

Es sind eigentlich mehr Federmesser, sagte Wjeslowskij lchelnd, ohne
die Augen von ihr zu verwenden.

Anna lchelte kaum merklich, antwortete ihm aber nicht.

Nicht wahr, Karl Fjodorowitsch, es sind Scheren? wandte sie sich an
den Baumeister.

O ja, versetzte der Deutsche in deutscher Sprache, es ist ein ganz
einfaches Ding, und begann dann die Konstruktion der Maschine zu
erlutern.

Schade, da sie nicht strickt. Ich habe auf der Wiener Weltausstellung
eine gesehen, die strickt Draht, sagte Swijashskiy, diese wren noch
ntzlicher gewesen.

Es kommt drauf an; der Preis vom Draht mu ausgerechnet werden, sagte
der Deutsche in deutscher Sprache und wandte sich, seinem Schweigen
entrissen, an Wronskiy.

Das lt sich ausrechnen, Erlaucht. Der Deutsche hatte bereits in die
Tasche gegriffen, wo er Bleistift und ein Notizbuch trug, in welchem
er alles ausrechnete. Doch besann er sich, da er bei Tische sitze und
stand, den khlen Blick Wronskiys bemerkend, von seinem Vorhaben ab.
Zu kompliziert; macht zuviel Klopot, schlo er.

Wnscht man Dochots,[A] so hat man auch Klopots,[B] sagte Wasjenka
Wjeslowskij auf Deutsch, sich ber den Deutschen lustig machend.
=J'adore l'allemand=, wandte er sich mit dem nmlichen Lcheln zu
Anna.

  [A] =dochd= Einknfte.

  [B] =chlpot= Gen. Plur. von =chlpoty= Plackereien.

=Cessez=! sagte diese scherzhaft ernst. Wir dachten Euch auf dem
Felde zu treffen, Wasiliy Ssemjonitsch? wandte sie sich dann an den
Arzt, einen krankhaften Menschen, waret Ihr dort?

Ich war dort, zog mich aber zurck, antwortete dieser mit mrrischem
Spott.

Wahrscheinlich habt Ihr Euch eine gute Motion gemacht?

Herrlich!

Wie ist denn das Befinden der Alten? Ich hoffe es ist nicht Typhus?

Typhus oder nicht Typhus, in der Besserung befindet sie sich nicht
gerade.

Wie schade, sagte Anna, und wandte sich, nachdem sie so der
Hflichkeit ihren Hausgenossen gegenber den Tribut gezollt hatte,
wieder zu den Ihrigen.

Es wre jedenfalls nach Eurer Erzhlung schwierig, eine Maschine zu
konstruieren, Anna Arkadjewna, sagte Swijashskiy scherzend.

Nun; inwiefern? versetzte Anna mit einem Lcheln, welches sagte, da
sie wohl wisse, in ihrer Erklrung von der Maschinenkonstruktion habe
etwas Liebliches gelegen, was von Swijashskiy auch bemerkt worden sei.
Dieser neue Zug jugendlicher Koketterie berraschte Dolly unangenehm.

Dafr sind die Kenntnisse Anna Arkadjewnas in der Architektur
bewundernswrdige, sagte Tuschkjewitsch.

Allerdings; ich hrte es; gestern sprach Anna Arkadjewna davon -- bis
auf die Plinthe ist sie Kennerin -- sagte Wjeslowskij.

Es ist nichts Wunderbares dabei, wenn man so viel sieht und hrt,
antwortete Anna, Ihr freilich wit gewi nicht einmal, wovon man ein
Haus baut.

Darja Aleksandrowna sah, da Anna ungehalten ber den Ton von Tndelei
war, der zwischen ihr und Wjeslowskij herrschte, und in welchen
unwillkrlich sie selbst geriet.

Wronskiy handelte in diesem Falle durchaus nicht so, wie Lewin. Er ma
dem Geschwtz Wjeslowskijs offenbar nicht die geringste Bedeutung bei,
ja, wrzte im Gegenteil noch dessen Scherze.

Nun sagt doch einmal, Wjeslowskij, womit bindet man denn die Steine!

Natrlich mit Cement.

Bravo! Aber was ist denn Cement?

Nun so etwas wie ein dnner Brei, nein wie Kitt, sagte Wjeslowskij,
ein allgemeines Gelchter hervorrufend.

Die Konversation unter den Dinierenden mit Ausnahme des in tiefes
Schweigen versunkenen Arztes, des Architekten und des Baumeisters,
verstummte nicht, bald glatt flieend, bald stockend und jemanden
bei einer Schwche fassend. Einmal wurde auch Darja Aleksandrowna
angegriffen und so aufgeregt davon, da sie sogar errtete, und sich
besann, ob man ihr nicht etwas berflssiges und Unangenehmes gesagt
habe? Swijashskiy hatte ber Lewin zu sprechen begonnen, und von seinen
seltsamen Urteilen, da die Maschinen der russischen Landwirtschaft nur
schdlich seien, erzhlt.

Ich habe nicht das Vergngen, diesen Herrn Lewin zu kennen, sagte
Wronskiy lchelnd, aber wahrscheinlich hat er wohl niemals die
Maschinen gesehen, die er verwirft. Und wenn er eine gesehen und
erprobt hat, so wird sie darnach gewesen sein, nicht eine auslndische,
sondern eine russische. Wie kann man hierbei noch Ansichten haben?

Im allgemeinen trkische Ansichten, sagte Wjeslowskij lchelnd, sich
an Anna wendend.

Ich kann seine Urteile nicht vertreten, fuhr Darja Aleksandrowna auf,
aber ich kann sagen, da er ein sehr gebildeter Mann ist, und, wenn er
hier wre, schon wte, wie er Euch zu antworten htte; ich verstehe es
allerdings nicht!

Ich liebe ihn sehr und wir sind sehr gute Freunde, sagte Swijashskiy
gutmtig lchelnd. =Mais pardon, il est un petit peu toqu=; zum
Beispiel behauptet er, da sowohl das Semstwo, wie die Schiedsrichter
nicht ntig wren, und beteiligt sich an nichts.

Das ist unsere russische Indifferenz, sagte Wronskiy, Wasser aus
einer Eiskaraffe in ein feines Glas auf langem Fue gieend, man
will sich keiner Verpflichtungen bewut werden, die unsere Rechte uns
auferlegen, und stellt diese Pflichten daher in Abrede.

Ich kenne keinen Menschen, der strenger wre in der Erfllung seiner
Pflichten, sagte Darja Aleksandrowna, gereizt von diesem Tone der
berlegenheit in Wronskiy.

Ich, im Gegenteil, fuhr Wronskiy fort, offenbar aus irgend einem
Grunde von diesem Gesprch in einem gewissen Punkte getroffen, ich im
Gegenteil, so wie Ihr mich seht, bin sehr dankbar fr die Ehre, die Ihr
mir erwiesen habt, dank Nikolay Iwanitsch -- er wies auf Swijashskiy
-- indem ich zum Ehrenrichter gewhlt worden bin. Ich meine, da fr
mich die Pflicht, zu den Zusammenknften zu reisen, die Klage eines
Bauern ber ein Pferd zu begutachten ebenso wichtig ist, wie alles, was
ich berhaupt thun kann. Ich werde es mir zur Ehre anrechnen, wenn man
mich zum stimmenden Richter macht. Nur damit kann ich jene Vorteile
wieder ausgleichen, welche ich als Grundherr besitze. Zum Unglck
versteht man die Bedeutung nicht, welche die Grogrundbesitzer im
Reiche haben mten.

Darja Aleksandrowna berhrte es seltsam, wie er so ruhig in seiner
Gerechtigkeit dasa, in seinem Hause hinter seinem Tische. Sie dachte
daran, wie Lewin, von entgegengesetzter Meinung, ebenso entschieden war
in seinem Urteil, in seinem Hause, an seinem Tische. Doch sie liebte
Lewin und war daher auf seiner Seite.

So knnen wir also auf Euch rechnen, Graf, fr die nchste
Zusammenkunft? frug Swijashskiy. Doch wird zeitig zu fahren sein,
damit man um acht Uhr schon dort ist. Wenn Ihr mir die Ehre erweisen
wolltet, zu mir zu kommen?

Auch ich bin ein wenig einverstanden mit deinem =beau frre=, sagte
Anna, man darf nur nicht ganz so denken, wie er, fgte sie lchelnd
hinzu. Ich frchte, da in letzter Zeit fr uns zu viel dieser
gesellschaftlichen Pflichten erstanden sind. Wie es frher so viel
Beamte gab, da fr jede Arbeit ein Beamter erforderlich war, so ist
jetzt alles gesellschaftlicher Faktor. Aleksey ist jetzt sechs Monate
hier und schon ist er Mitglied von wohl fnf oder sechs verschiedenen
socialen Institutionen -- als Vormund, Richter, Stimmrichter, Beisitzer
&c. =Du train que cela va=, alle seine Zeit geht darin auf. Ich
frchte, da bei der Masse dieser Geschfte, alles nur Form ist. In wie
viel Orten seid Ihr Ratsmitglied des Gerichtshofs, Nikolay Iwanitsch,
wandte sie sich an Swijashskiy, mir scheint in mehr als zwanzig!

Anna sprach im Scherz, aber in ihrem Tone lag Bitterkeit. Darja
Aleksandrowna, welche Anna und Wronskiy aufmerksam beobachtet hatte,
bemerkte dies sogleich. Sie bemerkte auch, da das Gesicht Wronskiys
bei diesem Gesprch sofort einen ernsten und eigensinnigen Ausdruck
annahm. Als sie dies bemerkt hatte, sowie auch, da die Frstin Barbara
sogleich, um das Thema zu ndern, hastig von Petersburger Bekannten zu
sprechen begann, sich ferner auch daran erinnert hatte, da Wronskiy im
Garten nicht zur passenden Zeit ber seine Thtigkeit gesprochen hatte,
erkannte Dolly, da mit dieser Frage ber die sociale Wirksamkeit ein
gewisser geheimer Zwist zwischen Anna und Wronskiy zusammenhing.

Das Essen, die Weine, die Servierung, alles das war sehr gut, doch auch
ebenso, wie es Darja Aleksandrowna bei offiziellen Essen und Bllen,
von denen sie jetzt freilich ganz entwhnt war, gesehen hatte, und von
dem nmlichen Charakter des Nichtigen und Gespreizten. Infolge dessen
machte auch alles dies, an dem gewhnlichen Wochentag und in diesem
kleinen Kreis einen unangenehmen Eindruck auf sie.

Nach dem Essen setzte man sich auf die Terrasse, dann wurde =lawn
tennis= gespielt, indem man sich in zwei Parteien schied, und auf
dem sorgfltig geebneten und abgesteckten =croket-ground=, auf
beiden Seiten des aufgespannten Netzes mit den vergoldeten Stben
auseinandertrat.

Darja Aleksandrowna versuchte zu spielen, konnte aber lange Zeit das
Spiel nicht begreifen; nachdem sie es aber erfat hatte, war sie so
mde geworden, da sie sich bei der Frstin Barbara niedersetzte und
den Spielenden nur noch zuschaute. Ihr Partner, Tuschkjewitsch, hatte
ebenfalls aufgehrt, die brigen aber setzten das Spiel noch lange
fort. Swijashskiy und Wronskiy spielten beide sehr gut und mit Ernst.
Sie folgten mit scharfen Blicken dem ihnen zugeworfenen Ball, ohne sich
zu berhasten oder etwas zu versumen, liefen ihm behend nach, paten
die Sprnge ab und schleuderten den Ball zielbewut und richtig ber
das Netz hinber.

Wjeslowskij spielte schlechter als die brigen. Er war zu aufgeregt,
inspirierte aber dafr mit seiner Heiterkeit die Spieler. Sein
Gelchter und seine Rufe klangen unaufhrlich. Er legte wie alle
brigen Herren, auf den Beschlu der Damen den berrock ab, und
seine volle schne Figur mit den weien Hemdrmeln, dem roten
schweibedeckten Gesicht, den hastigen Bewegungen prgte sich frmlich
dem Gedchtnis ein.

Als Darja Aleksandrowna sich in dieser Nacht schlafen legte, sah sie,
als sie kaum die Augen geschlossen hatte, den ber den =croket-ground=
huschenden Wasjenka Wjeslowskij.

Whrend des Spieles war Darja Aleksandrowna nicht heiter gestimmt
gewesen. Ihr mifiel das auch hierbei fortdauernde, tndelnde
Verhltnis zwischen Wasjenka und Anna, sowie die allgemeine
Gezwungenheit der Erwachsenen, wenn solche allein, ohne da Kinder
dabei sind, ein Kinderspiel spielen.

Um indessen die brigen nicht zu stren, und irgendwie die Zeit doch
zu verbringen, gesellte sie sich endlich, nachdem sie sich erholt
hatte, dem Spiele wieder bei und stellte sich heiter. Diesen ganzen
Tag hindurch schien es ihr immer, als spiele sie auf einem Theater,
mit Schauspielern, die besser waren als sie, und als verderbe ihr
schlechtes Spiel die ganze Auffhrung.

Sie war mit der Absicht gekommen, zwei Tage hier zu bleiben, falls es
anginge. Aber am Abend whrend des Spielens, beschlo sie bei sich,
morgen schon abzureisen. Jene qulenden mtterlichen Sorgen, die sie
unterwegs so gehat hatte, erschienen ihr jetzt, nach einem Tage den
sie ohne dieselben verbracht hatte, schon in anderem Lichte und lockten
sie an sich.

Als Darja Aleksandrowna nach dem Abendthee und einer Spazierfahrt am
Abend im Boot allein in ihr Zimmer getreten war, ihr Kleid abgelegt und
sich niedergesetzt hatte, um ihr dnnes Haar fr die Nacht aufzubinden,
empfand sie groe Erleichterung.


                                  23.

Dolly wollte sich bereits niederlegen, als Anna im Nachtkostm bei ihr
eintrat.

Im Laufe des Tages hatte diese mehrmals Gesprche ber
Herzensangelegenheiten begonnen, aber stets, nachdem sie einige Worte
gesprochen, wieder inne gehalten. Spter, allein unter uns, wollen wir
alles besprechen. Ich habe dir soviel zu sagen, hatte sie geuert.

Jetzt waren sie allein, doch Anna wute nicht, wovon sie sprechen
sollte. Sie sa am Fenster, auf Dolly blickend, fand aber, in ihrem
Geiste all den unerschpflich scheinenden Stoff zu ihren Gesprchen
ber Geistiges durchmusternd, nichts.

Es schien ihr in dieser Minute, als ob alles schon gesagt wre.

Was macht denn Kity? sagte sie, schwer aufseufzend und im Gefhl
einer Schuld Dolly anblickend. Sag' mir die Wahrheit, Dolly, zrnt sie
mir nicht?

Sie zrnen? Nein -- sagte Darja Aleksandrowna lchelnd.

Aber sie hat, verachtet mich?

O nein; doch du weit ja, Eines lt sich nicht vergeben.

Ja, ja, sagte Anna, sich abwendend und durch das geffnete Fenster
schauend. Aber ich war nicht schuld! Wer war denn schuld? Was heit
denn schuldig? Konnte es anders kommen? Wie denkst du darber? Wre es
mglich gewesen, da du nicht die Frau Stefans wurdest?

Wahrhaftig; ich wei nicht. Aber sage du mir doch das?

Ja, ja, wir waren indessen noch nicht mit Kity fertig. Ist sie
glcklich? Er ist ein schner Mann, wie man sagt.

Das will wenig sagen, da er schn ist. Ich kenne aber keinen besseren
Menschen.

Ach, wie froh bin ich! Ich bin sehr froh! Es will wenig sagen, da er
ein schner Mann ist, wiederholte sie.

Dolly lchelte.

Erzhle mir doch etwas von dir selbst! Wir haben uns so viel zu
erzhlen. Ich sprach auch mit -- Dolly wute nicht, wie sie ihn
nennen sollte; es war ihr peinlich, ihn Graf oder Aleksey Kyrillowitsch
zu nennen.

Mit Aleksey -- sagte Anna, ich wei, da Ihr miteinander gesprochen
habt. Aber ich wollte dich offen fragen, was du von mir, ber mein
Leben denkst?

Wie kann ich das so pltzlich sagen? Ich wei es wahrhaftig nicht.

Nein, nein, du mut es mir dennoch sagen. Du siehst ja mein Leben.
Doch vergi nicht, da du uns im Sommer siehst, wo du gekommen bist,
und wir nicht allein sind. Wir aber kamen zeitig im Frhjahr hierher
und haben vollstndig einsam gelebt, und werden auch einsam weiter
leben; etwas Besseres wnsche ich gar nicht. Stelle dir aber auch vor,
da ich allein lebte, ohne ihn; und dies wird kommen. An allem sehe
ich, da dies sich oft wiederholen wird, da er die Hlfte seiner Zeit
auerhalb des Hauses zubringen wird, sprach sie, aufstehend und sich
nher zu Dolly setzend.

Natrlich, unterbrach sie Dolly, welche ihr entgegnen wollte,
natrlich mit Gewalt werde ich ihn nicht zurckhalten! Ich halte ihn
gar nicht! Jetzt sind die Rennen; seine Pferde laufen; er reitet mit.
Ich freue mich sehr darber. Aber was denkst du ber mich, stelle dir
meine Lage vor. Was soll man dazu sagen? Sie lchelte. Wovon hat er
denn mit dir gesprochen?

Er sprach ber das, wovon ich selbst sprechen will und ich kann leicht
sein Anwalt sein. Er sprach davon, ob keine Mglichkeit vorhanden sei,
und es nicht gehe, da߫ -- Darja Aleksandrowna stockte, man deine Lage
verbessern knnte. Du weit, wie ich sie betrachte. Aber gleichwohl,
wenn mglich, mu geheiratet werden --

Das heit, eine Ehescheidung! sagte Anna, weit du, da das einzige
Weib, welches in Petersburg zu mir gekommen ist, Betsy Twerskaja
gewesen ist? Du kennst sie ja? =Au fond c'est la femme la plus dprave
qui existe=. Sie stand in einem Verhltnis zu Tuschkjewitsch, in der
schmhlichsten Weise ihren Mann hintergehend. Diese nun sagte mir,
da sie mich nicht mehr kennen wollte, so lange mein Verhltnis ein
illegales bleibe. Denke nicht etwa, da ich Vergleiche anstellte. Ich
kenne dich, mein Herz, doch ich denke unwillkrlich an sie. Was hat
dir denn Aleksey gesagt? wiederholte sie.

Er hat mir gesagt, da er leide, deinetwegen und seinetwegen.
Vielleicht wirst du sagen, das sei Egoismus, aber es ist ein so
begrndeter und edler Egoismus! Er wnscht zunchst seine Tochter
legitim zu machen und dein Gatte zu werden; ein Recht auf dich zu
erhalten.

Welche Frau, welche Magd kann bis zu solchem Grade Sklavin werden, als
ich es bin in meiner Lage! unterbrach Anna dster.

Das Hauptschlichste was er wnscht -- er will, da du nicht mehr
leiden sollst.

Das ist unmglich! Und weiter?

Nun, und das Loyalste -- er will, da eure Kinder einen Namen haben.

Welche Kinder denn? sagte Anna, ohne Dolly anzublicken und mit den
Augen zwinkernd.

Any und die Knftigen --

Daraufhin kann er ruhig sein; ich werde keine Kinder mehr bekommen!

Wie darfst du sagen, da dies nicht mehr der Fall sein knnte?

Deshalb nicht, weil ich es nicht will!

Trotz ihrer hohen Erregung lchelte Anna, als sie den naiven Ausdruck
von Neugier, Erstaunen und Schrecken auf Dollys Gesicht bemerkte.

Der Arzt hat mir nach meiner Krankheit gesagt, da߫ -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Nicht mglich! sagte Dolly, die Augen weit aufreiend. Fr sie war
dies eine jener Offenbarungen, deren Folgerungen und Ausfhrungen so
ungeheuer sind, da man in der ersten Minute nur fhlt, man knne sich
das Ganze nicht vorstellen, werde aber noch viel darber nachzudenken
haben.

Diese Erffnung, welche ihr pltzlich ber alle jene frher fr sie
unbegreiflich gewesenen Familien, die nur ein oder zwei Kinder hatten,
eine Erklrung gab, rief in ihr soviel Gedanken, Phantasieen und
widerstreitende Empfindungen wach, da sie nichts zu sagen wute und
nur mit weit geffneten Augen erstaunt auf Anna schaute. Das war das
Nmliche, wovon sie wohl schon getrumt hatte; aber jetzt, als sie
kennen gelernt, da es mglich sei, erschrak sie. Sie fhlte, da dies
die nur allzu einfache Lsung einer zu verwickelten Frage war.

=N'est ce pas immoral=! sagte sie nur nach einigem Schweigen.

Inwiefern? Bedenke: Ich habe die Wahl zwischen zwei Dingen. Entweder
schwanger zu sein, das heit krank, oder der Freund und Kamerad meines
Gatten zu sein, ganz wie ein Mann, sprach Anna in hochfahrendem und
leichtsinnigem Tone.

Nun ja, nun ja, sprach Darja Aleksandrowna, die nmlichen Argumente
hrend, die sie selbst fr sich beigebracht hatte, in ihnen aber nicht
mehr die alte Beweiskraft findend. Fr dich, fr andere, sagte Anna,
als errate sie Dollys Gedanken, kann noch ein Zweifel bestehen, fr
mich aber -- begreife, ich bin kein angetrautes Weib! Er liebt mich so
lange, als er liebt. Und womit soll ich dann seine Liebe unterhalten?
Doch nur damit!

Sie streckte die weien Arme vor ihrem Leibe aus.

Mit ungewhnlicher Schnelligkeit, wie dies in Momenten der Aufregung
zu sein pflegt, drngten sich Gedanken und Erinnerungen im Kopfe Darja
Aleksandrownas.

Ich, dachte sie, habe meinen Stefan doch nicht an mich fesseln
knnen. Er ging von mir zu anderen, und die erste, welche er fr mich
eintauschte, hat ihn nicht einmal damit festgehalten, da sie stets
schn und heiter war. Er verlie sie doch und nahm eine andere. Sollte
Anna auch nur damit den Grafen Wronskiy fesseln und halten wollen? Wenn
er das nur sucht, so wird er Toiletten und Manieren finden, die noch
anziehender sind und heiterer. Mgen auch ihre entblten Arme noch
so wei, so herrlich sein, ihr Leib in voller Schne prangen, wie ihr
erhitztes Antlitz aus diesen schwarzen Haaren heraus -- er wird noch
Besseres finden, so wie mein ausschweifender, beklagenswerter und doch
geliebter Mann es sucht und findet.

Dolly antwortete nicht und seufzte nur. Anna bemerkte dieses Seufzen,
welches ihr Widerspruch bedeutete, und fuhr fort. Sie hatte noch
Beweisgrnde vorrtig die so stark waren, da es auf sie nichts mehr zu
antworten gab.

Du sagst, da dies nicht gut sei? Man mu aber nur bedenken, fuhr
sie fort, du vergit meine Lage. Wie knnte ich Kinder wnschen?
Ich spreche nicht von meinen Leiden; ich frchte sie nicht. Bedenke
aber, was werden meine Kinder sein? Unglckliche Kinder, die einen
fremden Namen tragen. Allein durch ihre Geburt schon sind sie in die
Notwendigkeit versetzt, sich ihrer Mutter zu schmen, ihres Vaters,
sowie ihrer Geburt.

Aber deshalb ist ja eben die Ehescheidung erforderlich.

Anna hrte sie nicht; sie wollte eben die nmlichen Beweisgrnde
erschpfend beibringen, mit welchen sie sich selbst schon so viele Mal
berzeugt hatte.

Warum ist mir der Verstand gegeben, wenn ich ihn nicht dazu anwenden
soll, keine Unglcklichen in die Welt zu setzen? Sie blickte Dolly an,
fuhr aber ohne eine Antwort abzuwarten fort: Ich wrde mich immerdar
vor diesen unglcklichen Kindern schuldig fhlen, sagte sie. Wenn sie
nicht da sind, sind sie wenigstens nicht unglcklich, whrend, wenn sie
unglcklich sind, ich allein daran Schuld trage.

Es waren dies die nmlichen Beweisgrnde, welche Darja Aleksandrowna
auch fr sich selbst beigebracht hatte; aber jetzt hrte sie dieselben,
ohne sie zu verstehen. Wie kann man vor Geschpfen schuldig sein,
die nicht existieren? dachte sie bei sich, und pltzlich kam ihr
in den Sinn, ob es wohl unter Umstnden fr ihren Liebling Grischa
besser gewesen wre, wenn er nicht lebte? Dies aber erschien ihr so
wunderlich, so seltsam, da sie den Kopf wiegte, um dieses Wirrsal
kreisender, wahnwitziger Gedanken zu zerstreuen.

Nein, ich wei nicht, das ist nicht gut, sagte sie mit einem Ausdruck
von Ekel auf den Zgen.

Ja, ja, aber du darfst nicht vergessen, was du bist und was ich bin
-- und auerdem, fgte Anna hinzu, ungeachtet der Flle ihrer eigenen
Beweisgrnde und der Armut derjenigen bei Dolly, gleichsam anerkennend,
da jenes nicht moralisch sei, vergi nicht die Hauptsache, da ich
mich jetzt nicht in der Situation befinde, in welcher du bist. Fr
dich ist einfach die Frage vorhanden, ob du keine Kinder mehr zu haben
wnschst; fr mich hingegen, ob ich sie zu haben wnsche. Darin liegt
ein groer Unterschied. Du begreifst, da ich in meiner Lage dies nicht
wnschen kann.

Darja Aleksandrowna erwiderte nichts. Sie empfand pltzlich, da sie
schon so weit von Anna entfernt stehe, da es zwischen ihnen Fragen
gab, in welchen sie nie mehr bereinkommen konnten, und von denen nicht
zu sprechen besser war.


                                  24.

Aber umsomehr wirst du daher deine Verhltnisse ordnen mssen, wenn es
mglich ist, sagte Dolly.

Ja, wenn es mglich ist, versetzte Anna mit pltzlich vernderter,
gedmpfter und trauriger Stimme.

Ist denn die Ehescheidung unmglich? Man hat mir gesagt, da dein Mann
damit einverstanden ist.

Dolly! Ich mag nicht davon sprechen.

Nun, dann wollen wir es auch nicht, beeilte sich Darja Aleksandrowna
zu sagen, indem sie den Ausdruck des Leidens auf Annas Antlitz
bemerkte. Ich sehe nur, da du zu schwarz siehst.

Ich? Keineswegs! Ich bin sehr heiter und zufrieden. Du hast ja
gesehen; =je fais des passions Wjeslowskij= --

Ja, wenn ich die Wahrheit sagen soll, gefllt mir der Ton Wjeslowskijs
nicht, sagte Darja Aleksandrowna, im Wunsche, das Thema zu ndern.

O, keineswegs! Das kitzelt Aleksey, weiter ist es nichts; er aber
ist ein Knabe und ganz in meinen Hnden. Du verstehst wohl, ich leite
ihn, wie ich will. Er ist ganz das, was dein Grischa ist. Dolly! --
nderte sie pltzlich ihre Rede, du sagst, ich blicke zu schwarz. Das
verstehst du nicht. Es ist zu entsetzlich. Ich suche lieber gar nicht
zu sehen.

Aber mir scheint, man mu dies. Man mu alles thun, was mglich ist.

Was ist denn mglich? Nichts! Du sagst, ich soll Aleksey heiraten,
und meinst ich dchte nicht daran. Ich soll nicht daran denken! --
wiederholte sie, und die Farbe trat ihr ins Gesicht. Sie erhob sich,
reckte ihre Brust empor, seufzte tief auf, und begann dann, mit ihrem
leichten Gang im Zimmer auf und abzuschreiten, bisweilen dabei stehen
bleibend. Ich soll nicht daran denken? keinen Tag, keine Stunde giebt
es, in der ich nicht snne -- und mir Vorwrfe machte ber das was
ich denke -- deshalb, weil die Gedanken hierber von Sinnen bringen
knnen. Von Sinnen bringen, wiederholte sie. Wenn ich daran denke, so
kann ich ohne Morphium schon nicht mehr schlafen. Doch gut. Wir werden
ruhig sprechen. Man spricht mir von Ehescheidung. Erstens wird er in
diese nicht willigen. Er steht jetzt unter dem Einflu der Grfin Lydia
Iwanowna.

Darja Aleksandrowna folgte, auf dem Stuhl steif emporgerichtet sitzend,
mit dem Ausdruck innigen Mitgefhls auf dem Gesicht und kopfschttelnd
der hin und wieder wandernden Anna.

Man mu versuchen, sprach sie leise.

Nehmen wir an, man versucht. Was htte das zu bedeuten? sagte
sie; augenscheinlich war dies ein Gedanke, den sie wohl tausendmal
berdacht, auswendig gelernt hatte. Dies bedeutete fr mich, die ihn
hat, sich aber nichtsdestoweniger vor ihm als schuldig bekennt --
ich halte ihn dabei noch fr gromtig -- da ich mich erniedrige,
wenn ich ihm schreibe. Aber gesetzt, ich berwinde mich und thue dies!
Entweder werde ich alsdann eine verletzende Antwort erhalten, oder
die Einwilligung. Gut; ich erhalte die Einwilligung. -- Anna befand
sich gerade in einer entfernten Ecke des Gemachs und war dort stehen
geblieben, sich an der Gardine des Fensters zu schaffen machend.
Ich erhalte also die Einwilligung -- aber -- mein _Sohn_? Den wird
man mir ja nicht geben! Er wird wohl heranwachsen, in der Verachtung
gegen mich, im Haus des Vaters, den ich verlie. Wisse, da ich, wie
mir scheint, gleich stark, aber mehr noch als mich selbst, zwei Wesen
liebe, Sergey und Aleksey.

Sie trat in die Mitte des Zimmers und blieb vor Dolly stehen, beide
Hnde auf ihre Brust pressend. In dem weien Nachtgewand erschien ihre
Gestalt eigentmlich hoch und voll. Sie senkte den Kopf und schaute mit
feuchtschimmernden Augen von unten her auf die kleine, hagere und in
ihrem geflickten Korsett im Nachthubchen so klglich aussehende, am
ganzen Krper vor Aufregung zitternde Dolly.

Nur diese beiden Wesen liebe ich, und doch schliet eines das andere
aus. Ich kann sie nicht vereinigen und dies allein ist mir doch nur
Bedrfnis. Wenn es nicht angeht, so ist mir alles gleichgltig. Alles,
alles gleichgltig. Irgendwie mu es enden, und daher kann und mag
ich nicht davon sprechen! Mache du mir also keine Vorwrfe und richte
in nichts ber mich! Du vermagst in deiner Reinheit nicht alles zu
erfassen, woran ich leide. Sie trat heran, setzte sich neben Dolly,
blickte dieser mit schuldbewutem Ausdruck ins Gesicht und nahm sie bei
der Hand. Was denkst du? Was denkst du ber mich? Verachte mich nicht!
Verachtung bin ich nicht wert. Ich bin doch schon unglcklich. Wenn
jemand unglcklich ist, so bin ich es, sprach sie und brach, sich von
ihr abwendend, in Thrnen aus.

Allein geblieben, betete Dolly zu Gott und legte sich in ihr Bett.
Anna hatte ihr von ganzer Seele leid gethan, so lange sie mit ihr
gesprochen; jetzt aber konnte sie sich nicht mehr zum Nachdenken ber
sie bringen. Die Erinnerungen an ihr Haus und ihre Kinder tauchten in
einem eigenartigen, ihr neuen Reiz, mit einem gewissen neuen Schimmer
in ihrer Vorstellungskraft auf. Diese ihr eigene Welt erschien ihr
jetzt so teuer und lieb, da sie um keinen Preis auerhalb derselben
einen berflssigen Tag htte zubringen mgen, und sie beschlo,
bestimmt morgen abzureisen.

Anna hatte mittlerweile, nach ihrem Kabinett zurckgekehrt, ein
Glas ergriffen, einige Tropfen Arznei hineingeschttet, deren
hauptschlichster Bestandteil Morphium war, und sich, nachdem sie
getrunken, und noch einige Zeit unbeweglich gesessen hatte, in ruhiger
und heiterer Stimmung nach dem Schlafgemach begeben.

Als sie in dasselbe eintrat, blickte Wronskiy sie aufmerksam an.
Er suchte nach den Spuren des Gesprchs, welches sie, wie er wute
mit Dolly gehabt haben mute, da sie so lange im Zimmer derselben
geblieben war. Aber in ihrem Ausdruck, der zurckgehaltene Aufregung
und Geheimthuerei verriet, entdeckte er nur die zwar gewohnte, ihn aber
doch immer noch fesselnde Schnheit, ihr Bewutsein davon, und ihren
Wunsch, sie auf ihn wirken zu lassen. Er wollte Anna nicht fragen, was
sie beide gesprochen htten, sondern hoffte, sie werde es ihm selbst
sagen. Doch sie sprach nur:

Ich freue mich, da Dolly dir gefallen hat. Nicht wahr?

Ich kenne sie ja schon lange. Sie ist sehr gut, wie mir scheint, =mais
excessivement terre--terre=. Ich habe mich indessen gleichwohl sehr
ber sie gefreut.

Er ergriff Annas Hand und schaute ihr fragend ins Auge. Sie lchelte
ihm zu, den Blick anders auffassend.

Am anderen Morgen rstete sich Darja Aleksandrowna trotz der Bitten
ihrer Wirte zur Abreise. Der Kutscher Lewins in seinem nicht mehr
gerade neuen Kaftan und dem Postkutscherhut, mit den Pferden von
verschiedener Farbe, ein Wagen mit den ausgebesserten Seiten, fuhr
mrrisch und entschlossen in die geffnete, mit Sand bestreute Einfahrt.

Der Abschied von der Frstin Barbara und den Herren war Darja
Aleksandrowna unangenehm. Indem sie nur einen Tag hier geblieben
war, fhlte sie sowohl, wie ihre Wirte, deutlich, da sie einander
nicht nher getreten waren, und es besser sei, wenn sie nicht mehr
zusammenkmen. Nur Anna empfand Schmerz hierber. Sie wute, da jetzt,
mit Dollys Fortgehen, niemand mehr die Gefhle in ihrer Seele wachrufen
werde, die sich bei diesem Wiedersehen in ihr geregt hatten. Diese
Empfindungen wachzurufen, war ihr schmerzlich gewesen, aber gleichwohl
wute sie doch, da sie gerade den besten Teil ihrer Seele bildeten,
und da dieser Teil ihrer Seele schnell berwuchert sein werde in dem
Leben, welches sie fhrte.

Als sie auf das Feld hinausgekommen war, empfand Darja Aleksandrowna
ein angenehmes Gefhl der Erleichterung, und sie wollte soeben ihre
Leute fragen, wie es ihnen bei Wronskiy gefallen habe, als pltzlich
Philipp der Kutscher selbst anfing:

Sind die reich, so reich, und doch haben sie im ganzen nur drei Ma
Hafer gegeben. Bis die Hhne schrieen, hatten sie es rein aufgefressen.
Was sind denn drei Ma? Gerade zum Hineinbeien. Jetzt kostet der Hafer
bei den Hofleuten fnfundvierzig Kopeken; whrend bei uns den Reisenden
soviel gegeben wird, als gefressen wird.

Ein geiziger Herr, besttigte der Comptoirdiener.

Nun, aber seine Pferde haben dir gefallen? frug Dolly.

Seine Pferde, das ist richtig. Das Essen ist ja auch gut. Aber mir
schien es so langweilig, Darja Aleksandrowna, ich wei nicht, wie
es Euch gegangen ist, sagte er, ihr sein rotes, gutmtiges Gesicht
zuwendend.

Mir ging es auch so. Werden wir denn bis zum Abend ankommen?

Wir mssen.

Nachdem Darja Aleksandrowna heimgekommen war, und alles vollkommen
wohlbehalten und besonders herzlich gefunden hatte, erzhlte sie mit
groer Lebhaftigkeit von ihrer Reise, wie man sie so gut aufgenommen
habe, von der Pracht und dem guten Geschmack der Lebensweise der
Wronskiy, sowie von ihren Zerstreuungen, und lie niemand ber sie zu
Worte kommen.

Man mu Anna und Wronskiy kennen -- ich habe ihn jetzt besser kennen
gelernt -- um erkennen zu knnen, wie liebenswrdig sie sind, sprach
sie, jetzt vollkommen aufrichtig, nachdem sie das dunkle Gefhl von
Unzufriedenheit und Mibehagen vergessen hatte, welches sie dort
empfunden.


                                  25.

Wronskiy und Anna verlebten, in unvernderten Verhltnissen, und ohne
Maregeln fr die Ehescheidung zu ergreifen, den ganzen Sommer und
einen Teil des Herbstes auf dem Lande. Sie waren unter sich einig
geworden, nicht von hier weggehen zu wollen, fhlten beide aber, je
lnger sie einsam waren, besonders im Herbste und wenn kein Besuch da
war, da sie diese Lebensweise nicht wrden ertragen knnen und ndern
mten.

Ihr Leben war so, wie man es besser nicht wnschen konnte; reicher
berflu, Gesundheit, ein Kind war da und beide hatten ihre
Beschftigung. Anna beschftigte sich, wenn kein Besuch da war,
mit sich selbst und sehr viel mit Lektre von Romanen und ernsten
Bchern, welche in der Mode waren. Sie verschrieb alle Bcher, von
denen sie sich entsann, Gnstiges in den auslndischen Zeitungen und
Journalen die sie erhielt, gelesen zu haben, und las dieselben mit
jener Aufmerksamkeit fr das Gelesene, welche nur in der Einsamkeit
vorhanden zu sein pflegt. Auerdem aber studierte sie alles, womit sich
Wronskiy befate, nach Bchern oder Fachjournalen, soda er sich oft
mit landwirtschaftlichen, architektonischen, ja selbst bisweilen mit
sportsmnnischen und Pferdezucht betreffenden Fragen an sie wandte. Er
erstaunte ber ihr Wissen, ihr Gedchtnis, und wnschte anfnglich,
noch zweifelnd, Besttigungen; sie fand dann auch in den Bchern das,
wonach er gefragt und zeigte es ihm.

Die Einrichtung des Hospitals beschftigte sie gleichfalls. Sie
leistete nicht nur Beistand, sondern richtete vieles selbst ein, oder
sann es aus. Ihre Hauptsorge aber bildete -- sie selbst; insofern sie
Wronskiy teuer war, insofern sie ihm alles ersetzte, was er aufgegeben
hatte. Wronskiy schtzte diesen zum einzigen Ziel ihres Lebens
gewordenen Wunsch -- den, ihm nicht nur zu gefallen, sondern ihm auch
zu dienen, aber zugleich dabei fhlte er sich doch bedrckt von den
Liebesbanden mit denen sie sich bemhte, ihn zu umstricken.

Je mehr Zeit verging, wnschte er weniger sich von ihnen zu befreien
und herauszukommen, als zu versuchen und zu prfen, ob sie seine
Freiheit wirklich einschrnkten. Wre nicht dieser immer strker
werdende Wunsch, frei zu sein, der, nicht jedesmal eine Scene zu haben,
wenn er zu einer Gerichtssitzung, zu einem Rennen in die Stadt fahren
mute, gewesen, so wrde Wronskiy mit seinem Dasein vllig zufrieden
gewesen sein.

Die Rolle, welche er sich erwhlt hatte, die Rolle des reichen
Grundbesitzers, aus denen der Kern der russischen Aristokratie bestehen
msse, war ihm nicht nur vllig nach Geschmack, sie machte ihm sogar
jetzt, nachdem er ein halbes Jahr darin gelebt hatte, ein mehr und
mehr wachsendes Vergngen. Auch sein Werk, welches ihn mehr und mehr
beschftigte und anzog, gedieh vortrefflich. Trotz der ungeheuren
Summen, welche ihn das Krankenhaus, die Maschinen, die aus der Schweiz
verschriebenen Khe und vieles andere kosteten, war er sicher, da
er sein Vermgen nicht zerrttete, sondern vielmehr vergrerte.
Wo es sich um Einknfte, Waldverkufe, Getreidelieferungen, Wolle,
Landverpachtung handelte, war Wronskiy hart wie ein Kieselstein,
und verstand es, auf den Preis zu halten. In Sachen seiner groen
Landwirtschaft befolgte er, sowohl auf diesem, wie auf seinen brigen
Gtern, die einfachsten, die gefahrlosesten Methoden, und war hchst
sparsam und haushlterisch in den wirtschaftlichen Kleinigkeiten. Bei
aller Schlauheit und Gewandtheit seines Deutschen, der ihn in Ankufe
zu verwickeln suchte und jede Berechnung so aufstellte, da anfangs
bei weitem mehr ntig war, dann aber erwog, da es mglich sei, das
Nmliche auch billiger machen, und dabei noch einen Gewinn erzielen zu
knnen, gab Wronskiy diesem in nichts nach.

Er hrte seinen Verwalter an, frug ihn aus und stimmte ihm nur
dann bei, wenn das zu Verschreibende oder neu Einzurichtende das
allerneueste, in Ruland noch unbekannt, und imstande war, Bewunderung
zu erwecken. Im brigen verstand er sich zu einer groen Ausgabe nur
dann, wenn flssiges Geld vorhanden war, und kmmerte sich, indem er
die Ausgabe machte, um alle Einzelheiten, bestand auch darauf, nur
das Allerbeste fr sein Geld zu erhalten; soda er, demzufolge sein
Vermgen offenbar nicht zerrttete, sondern vergrerte.

Im Monat Oktober waren die Adelswahlen im Gouvernement von Kaschin,
in welchem sich die Gter Wronskiys, Swijashskiys, Koznyscheffs,
Oblonskiys und ein kleiner Teil von denen Lewins befanden.

Diese Wahlen zogen infolge mannigfacher Umstnde und in Anbetracht
der Persnlichkeiten, welche daran teilnahmen, die allgemeine
Aufmerksamkeit auf sich. Man sprach viel von ihnen und bereitete sich
darauf vor. Die Bewohner von Moskau, Petersburg, Fremde, die noch nicht
bei den Wahlen gewesen waren, kamen zu denselben.

Wronskiy hatte Swijashskiy schon lngst versprochen, dazu kommen zu
wollen. Noch vorher fuhr Swijashskiy, welcher Wosdwishenskoje hufig
besuchte zu Wronskiy.

Am Vorabend des nmlichen Tages war zwischen Wronskiy und Anna fast
ein Streit wegen der geplanten Reise entstanden. Es war gerade die
langweiligste, schwerste Zeit auf dem Dorfe, die Herbstzeit, und, auf
den Kampf vorbereitet, machte Wronskiy mit einem ernsten und khlen
Ausdruck, mit welchem er vorher noch nie zu Anna gesprochen hatte,
derselben Mitteilung von seiner Abreise.

Zu seiner Verwunderung nahm Anna indessen diese Nachricht sehr ruhig
auf, und frug nur, wann er zurckkehren werde. Aufmerksam betrachtete
er sie, da er diese Ruhe nicht begriff. Sie lchelte zu seinem Blick.
Er kannte ihre Fhigkeit, sich in sich selbst zurckzuziehen, und
wute, da dies nur dann der Fall war, wenn sie bei sich selbst etwas
beschlossen hatte, ohne ihm von ihren Plnen Kenntnis zu geben. Er
frchtete dies, doch wnschte er so sehr, eine Scene zu vermeiden, da
er sich den Anschein gab zu glauben -- und teilweise glaubte er es auch
aufrichtig -- was er ja wnschte -- sie sei einsichtsvoll.

Ich hoffe, du wirst dich nicht langweilen.

Ich hoffe es, sagte Anna, gestern habe ich eine Kiste Bcher von
Gautier erhalten. Nein, ich werde mich nicht langweilen.

Sie wnscht diesen Ton festzuhalten; um so besser, dachte er, es
wre ja doch sonst immer ein und dasselbe, und fuhr, ohne sie zu einer
aufrichtigen Erklrung aufgefordert zu haben, zu den Wahlen.

Es war dies zum erstenmal seit Beginn ihres Verhltnisses, da er sich
von ihr trennte, ohne sich vllig mit ihr ausgesprochen zu haben.

Einerseits beunruhigte ihn dies, andererseits fand er, da es so
besser sei. Es wird ihr dies im Anfang, wie jetzt, etwas Unklares,
Geheimnisvolles sein, aber spter wird sie sich daran gewhnen.
Jedenfalls kann ich ihr alles bieten, nur nicht meine mnnliche
Unabhngigkeit, dachte er.


                                  26.

Im September war Lewin wegen der Niederkunft Kitys nach Moskau
gefahren. Er hatte schon einen ganzen Monat mig in Moskau verweilt,
als Sergey Iwanowitsch, welcher ein Gut im Gouvernement Kaschin
besa und groes Interesse fr die Fragen der bevorstehenden Wahlen
hegte, sich fertig machte, zu diesen zu fahren. Er nahm dazu auch den
Bruder mit sich, der im Sjeleznewskischen Kreis ansssig war. Lewin
hatte berdies in Kaschin ein sehr notwendiges Geschft fr seine
Schwester, die im Ausland lebte, in Vormundschaftssachen und wegen der
Empfangnahme von Geldern fr einen Kauf zu erledigen.

Lewin war noch immer unentschlossen, aber Kity, welche gewahrte, da
er sich in Moskau langweile, hatte ihm angeraten, zu fahren und ihm
obendrein noch hinter seinem Rcken eine Adelsuniform, welche achtzig
Rubel kostete, bestellt. Diese achtzig Rubel, welche fr die Uniform
bezahlt worden waren, bildeten den Hauptgrund, der Lewin bewog, zu
reisen, und so fuhr er nach Kaschin.

Er war bereits den sechsten Tag daselbst, besuchte tglich die
Sobranje und befate sich mit der Angelegenheit seiner Schwester,
die noch nicht in Ordnung war. Die Oberrichter waren smtlich von
den Wahlen in Anspruch genommen und man kam daher nicht bis zu einer
so einfachen Angelegenheit, die von der Vormundschaft abhing. Die
andere Angelegenheit, die Erhebung der Gelder, begegnete den gleichen
Schwierigkeiten. Nach langen Mhen um die Beseitigung der Hindernisse
lag das Geld endlich bereit zur Aushndigung, aber der Notar, ein sehr
dienstfertiger Mann, konnte den Talon nicht herausgeben, weil die
Unterschrift des Prsidenten dazu erforderlich war, dieser selbst aber
sich in der Session befand. Alle diese Plagen, das Umherlaufen von
Ort zu Ort, die Auseinandersetzungen mit den sehr guten freundlichen
Leuten, welche alle die Unannehmlichkeit der Lage des Petenten
vollkommen begriffen, diesem aber nicht helfen konnten, diese ganze
Anstrengung die keine Resultate ergab, erzeugte in Lewin ein peinliches
Gefhl, hnlich jener rgerlichen Ohnmacht, welche man im Schlafe
empfindet, wenn man physische Kraft anwenden will. Er empfand dies oft,
wenn er sich mit seinem sehr gutmtigen Pchter unterhielt. Dieser
Pchter that, wie es schien, alles Mgliche, und strengte alle seine
Krfte an, um Lewin der Mhewaltung des Probierens zu entheben; nicht
nur einmal hatte er gesagt, dieser solle da oder dorthin fahren, indem
er einen ganzen Plan machte, wie er das Geschick umgehen knne, das
alles hinderte. Gleichwohl aber hatte er hinzugefgt, man wird sich
freilich weiter sperren, doch probiert nur. Und Lewin versuchte und
ging und fuhr. Jedermann war gut und liebenswrdig, aber es zeigte
sich, da das bereits gangbar Gemachte am Ende wieder berwachsen war
und von neuem den Weg verlegte. Besonders unangenehm war es, da Lewin
in keiner Weise erkennen konnte, mit wem er kmpfe, wer einen Vorteil
davon habe, da die Angelegenheit nicht zur Erledigung gelangte.
Dies schien niemand zu wissen; auch der Pchter wute es nicht. Htte
Lewin es erfahren knnen, wie er wute, weshalb man zur Kasse auf
der Eisenbahn nicht anders als in der Reihe Zutritt hat, so wrde es
ihm nicht beleidigend und rgerlich erschienen sein, aber bei den
Hindernissen, auf welche er in der Angelegenheit stie, konnte ihm
niemand erklren, weshalb sie vorhanden wren.

Lewin hatte sich indessen seit der Zeit seiner Verheiratung vielfach
gendert; er war duldsam geworden, und wenn er nicht gleich verstand,
wozu Etwas in einer bestimmten Weise eingerichtet sei, sagte er zu sich
selbst, da er, wenn er nicht alles wisse, auch nicht urteilen knne;
da es wahrscheinlich so sein msse, und bemhte sich alsdann, nicht in
Aufregung zu geraten.

Jetzt, bei den Wahlen gegenwrtig und an ihnen teilnehmend, bestrebte
er sich ebenfalls, nicht zu urteilen und zu hadern, sondern soviel als
mglich die Sache zu ergrnden, mit der sich ehrenhafte und wackere
Mnner, die er achtete, mit solchem Ernst und solcher Hingebung
beschftigten. Seit er geheiratet hatte, erffneten sich Lewin so viele
neue ernste Seiten, die ihm vordem, infolge einer oberflchlichen
Stellungnahme dazu, zu unbedeutend erschienen waren, da er auch in den
Wahlen eine ernstere Bedeutung vermutete und suchte.

Sergey Iwanowitsch erklrte ihm den Sinn und die Bedeutung der bei
diesen vorgeschlagenen Vernderungen. Der Gouvernementschef, in
dessen Hnden nach dem Gesetz soviel wichtige sociale Aufgaben lagen
-- wie das Vormundschaftswesen, das nmliche, an welchem Lewin jetzt
laborierte, die ungeheuren Summen des Adelsvermgens, die Gymnasien,
das fr Mdchen, das fr Knaben und ein Kadettenhaus, die Volksbildung
nach den neuen Verhltnissen und endlich, das Semstwo -- dieser
Gouvernementschef Sjnetkoff war ein Herr von altem, adligen Schlag, der
ein ungeheures Vermgen besa, ein guter Mensch, ehrenhaft in seiner
Weise war, aber nicht vollkommen die Anforderungen der Neuzeit erfate.
Er hielt in allem stets die Partei des Adels, wirkte schnurstracks
der Verbreitung der Volksbildung entgegen, und verlieh dem Semstwo,
welches doch so auerordentlich groe Bedeutung haben sollte, den
Charakter einer Gesellschaft. Es war daher notwendig, an seinen Platz
einen frischen, in der Zeit stehenden, vernnftigen und vollkommen
neuen Mann einzustellen und die Sache so anzufassen, da aus all den
Rechten, die dem Adel nicht als Adel, sondern als einem Element des
Semstwo verliehen waren, die Vorteile der Selbstverwaltung gezogen
wrden, soviel ihrer zu ziehen waren. In dem reichen Gouvernement
von Kaschin, welches in allem stets den anderen vorangegangen war,
hatten sich jetzt so tchtige Krfte angesammelt, da die Sache,
wenn sie hier so geleitet wurde, wie es ntig war, als Muster fr
alle brigen Gouvernements, ja fr ganz Ruland, dienen konnte.
Infolgedessen hatte sie denn eine hohe Bedeutung. Als Gouvernementschef
an Stelle Sjnetkoffs hatte man entweder Swijashskiy oder noch besser
Njewjedowskiy, einen frheren Professor und auerordentlich klugen
Mann, den intimen Freund Sergey Iwanowitschs, in Vorschlag gebracht.

Die Sobranje erffnete der Gouverneur selbst, der den Edelleuten eine
Rede hielt, da sie die Amtspersonen nicht nach dem Ansehen der Person,
sondern nach ihren Verdiensten und zum Wohle des Vaterlandes whlen
mchten, und da er hoffe, der hohe Kaschinskische Adel werde, wie bei
den frheren Wahlen, seine Pflicht piettvoll erfllen, und das hohe
Vertrauen des Monarchen rechtfertigen.

Nachdem der Gouverneur diese Rede geendet hatte, verlie er den Saal,
und die Adligen folgten ihm geruschvoll und lebhaft, einige sogar voll
Enthusiasmus, und umgaben ihn, whrend er sich den Pelz anlegte und
mit dem Gouvernementsvorsteher freundschaftlich sprach. Lewin, welcher
alles erfahren und nichts unbeachtet lassen wollte, stand mit im Haufen
und hrte, wie der Gouverneur sagte: teilt Marja Iwanowna geflligst
mit, mein Weib bedaure sehr, da sie ins Kloster geht. Nach ihm
suchten sich die Adligen heiter ihre Pelze und begaben sich smtlich in
den Gottesdienst.

In der Kathedrale schwor Lewin, zusammen mit den brigen die Hand
erhebend, und die Worte des Protopopen wiederholend, mit den ernstesten
Eiden, alles zu erfllen, was der Gouverneur von ihnen erhoffe.

Der Gottesdienst bte auf Lewin stets einen Einflu, und als die Worte
gesprochen wurden: Ich ksse das Kreuz und er auf die Schar dieser
jungen und alten Mnner blickte, welche alle das Gleiche wiederholten,
fhlte er sich bewegt.

Am zweiten und dritten Tag wurden die Angelegenheiten der Adelsgelder
und des Mdchengymnasiums errtert, die, wie Sergey Iwanowitsch erklrt
hatte, keine Wichtigkeit besaen, und Lewin, von seinen Geschftsgngen
in Anspruch genommen, verfolgte dieselben nicht.

Am vierten Tage erfolgte am Gouverneurstisch die Prfung der
Gouvernementsgelder, und hier gab es zum erstenmale einen Zusammensto
der neuen Partei mit der alten. Die Kommission, welcher die Prfung
dieser Summe anvertraut war, legte der Sobranje dar, da die Gelder
smtlich unversehrt seien. Der Gouvernementsvorsteher erhob sich,
dankte dem Adel fr sein Vertrauen und zerdrckte eine Thrne. Die
Adligen begrten ihn laut und drckten ihm die Hand. Aber zur selben
Zeit sagte ein Adliger aus der Partei Sergey Iwanowitschs, er habe
gehrt, da die Kommission die Gelder gar nicht geprft habe, indem
sie die Revision als eine Krnkung des Gouverneurs betrachte. Eines
der Kommissionsmitglieder besttigte dies auch unvorsichtigerweise.
Da begann ein ziemlich kleiner, sehr jung aussehender, aber sehr
scharfzngiger Herr zu sprechen, da es dem Gouvernementsvorsteher
wahrscheinlich angenehm sein wrde, Rechenschaft ber die Summen
ablegen zu knnen, und da nur das berflssige Taktgefhl der
Kommissionsmitglieder ihn dieser moralischen Genugthuung beraubt habe.
Die Kommissionsmitglieder sagten sich hierauf von ihrer Erklrung
los und Sergey Iwanowitsch begann ihnen logisch zu beweisen, da sie
entweder anerkennen mten, die Gelder seien von ihnen fr richtig
befunden worden, oder nicht, und nahm dieses Dilemma grndlich durch.
Sergey Iwanowitsch beantwortete hierauf ein Sprecher der gegnerischen
Partei. Dann sprach Swijashskiy und darauf wieder der bissige Herr. Die
Debatten zogen sich in die Lnge und verliefen ohne Resultat. Lewin war
erstaunt, da man hierber so lange streiten konnte, namentlich aber
darber, da Sergey Iwanowitsch, als er ihn frug, ob er vermute, da
die Gelder verloren seien, antwortete:

O nein! Er ist ein ehrenhafter Mann, aber jene alte Sitte der
vaterlndischen, familiren Verwaltung der Adelsgeschfte mute
erschttert werden.

Am fnften Tage waren die Wahlen der Kreisvorsteher. Dieser Tag war
ziemlich strmisch bei mehreren Kreisen. Im Kreise Sjelesnewo wurde
Swijashskiy einstimmig ohne Ballotage gewhlt und bei ihm fand an
diesem Tage ein Essen statt.


                                  27.

Am sechsten Tage waren die Gouvernementswahlen. Die groen und kleinen
Sle waren gefllt von den Adligen in ihren verschiedenen Uniformen.
Viele kamen nur fr diesen Tag. Bekannte, die sich lange nicht
gesehen hatten, der eine aus der Krim, der andere aus Petersburg,
ein dritter vom Auslande kommend, begegneten sich in den Slen. Am
Gouverneurstisch, unter dem Bild des Zaren, fanden die Wahlkmpfe statt.

Die Adligen, im groen, wie im kleinen Saale, gruppierten sich in Lager
und an der Feindseligkeit und dem Mitrauen der Blicke, an dem bei der
Annherung fremder Personen verstummenden Gesprch, daran, da mehrere
flsternd selbst in den abgelegenen Korridor gingen, war ersichtlich,
da eine jede Partei Geheimnisse vor der anderen hatte.

Dem ueren Anschein nach hatten sich die Adligen scharf in zwei
Parteien geteilt, in die Alten und die Jungen. Die Alten waren
grtenteils in adligen altertmlichen, zugeknpften Uniformen, mit
Degen und Hut, oder in ihren eigenen Kavallerie-, Infanterie- oder
Amtsuniformen. Die Uniformen der Alten waren in altertmlicher Weise
gestickt, mit Epaulettes auf den Schultern; sie erschienen klein, kurz
in den Taillen und so knapp, als htten ihre Trger sie verwachsen.

Die Jungen hingegen waren in Adelsuniformen mit niedrigen Taillen und
breiten Schultern, mit weien Westen, oder in Uniformen mit schwarzen
Kragen und Lorbeer, der Stickerei des Justizministeriums. Zu den Jungen
gehrten auch die Hofuniformen, die hier und da die Menge zierten.

Aber die Teilung in Junge und Alte fiel nicht mit der Teilung in die
Parteien zusammen; einige der Jungen gehrten nach den Beobachtungen
Lewins zur Partei der Alten, und im Gegensatz hierzu zischelten einige
sehr alte Edelleute mit Swijashskiy, und waren augenscheinlich eifrige
Anhnger der neuen Richtung.

Lewin stand in dem kleinen Saale, in welchem man rauchte und a, neben
einer Gruppe der Seinen, und lauschte auf das, was man sprach, indem
er seine Geisteskrfte geflissentlich anstrengte um zu verstehen,
was gesprochen wurde. Sergey Iwanowitsch bildete den Mittelpunkt, um
welchen sich die brigen gesellten. Er hrte jetzt Swijashskiy und
Chljustoff an, den Vorsteher eines anderen Kreises, der zu ihrer Partei
gehrte.

Chljustoff stimmte mit seinem Kreis nicht dafr, Sjnetkoff um Ballotage
zu bitten, und Swijashskiy berredete ihn nun, es doch zu thun, whrend
Sergey Iwanowitsch diesen Plan guthie. Lewin begriff nicht, weshalb
man die gegnerische Partei um Ballotage gerade bezglich desjenigen
Vorstehers bitten wollte, den man ausballotieren wollte.

Stefan Arkadjewitsch, der soeben gegessen und getrunken hatte, trat,
sich den Mund mit dem duftenden, eingefaten Battisttaschentuch
wischend, in seiner Kammerherrenuniform zu ihnen.

Wir nehmen die Position, sagte er, sich die Hlften seines
Backenbartes streichend, Sergey Iwanowitsch! Und aufmerksam dem
Gesprch Gehr schenkend, untersttzte er die Meinung Swijashskiys.
Es ist genug mit einem Kreis, aber Swijashskiy ist augenscheinlich
schon Opposition, sagte er, mit Worten, die allen, nur nicht Lewin,
verstndlich waren. Wie, Konstantin; es scheint, auch du kommst
hinter den Geschmack? fgte er hinzu, sich an Lewin wendend und fate
diesen unter dem Arme. Lewin wre recht froh gewesen, hinter den
Geschmack gekommen zu sein, aber er konnte nicht verstehen, worum es
sich handle, und drckte, einige Schritte von den Redenden wegtretend,
Stefan Arkadjewitsch seine Unkenntnis darin aus, weshalb man den
Gouvernementsvorsteher bitten wollte.

=O sancta simplicitas=, sagte Stefan Arkadjewitsch und erklrte Lewin
kurz und klar, um was es sich handle.

Wenn alle Kreise, wie in den frheren Wahlen, den
Gouvernementsvorsteher bitten wrden, so whlte man ihn mit allen
weien Kugeln. Jetzt ist man in acht Kreisen einverstanden, ihn darum
zu ersuchen; wenn nun zwei es verweigern, mit darum anzuhalten, so kann
Sjnetkoff die Ballotage verweigern, und dann wird die Partei der Alten
einen anderen von den Ihrigen whlen, soda unser ganzer Plan verloren
ist. Wenn aber nur der eine Kreis Swijashskiys nicht mit bittet, so
wird Sjnetkoff ballotieren. Man wird ihn dann selbst whlen und ihm
absichtlich das Amt wieder bertragen, soda sich die gegnerische
Partei verrechnet, und wenn sie einen Kandidaten von den Unseren
aufstellen, diesem das Amt bertrgt.

Lewin verstand, aber nicht vollstndig, und wollte soeben noch einige
Fragen stellen, als pltzlich alle durcheinander zu sprechen begannen,
lrmten und sich nach dem groen Saale in Bewegung setzten.

Was ist das? Wie? Wen wird man whlen? Vertrauen? Zu wem? Was ist?
Verwirft man? Es giebt kein Vertrauen! Man lt Phleroff nicht zu. Was;
unter Anklage! So lt man niemand zu! Das ist niedrig! Das Gesetz!
hrte Lewin von verschiedenen Seiten rufen, und begab sich zusammen
mit der Menge, die sich drngte, und zu frchten schien, da sie etwas
versumte, in den groen Saal. Er nherte sich in dem Gedrnge der
Adligen dem Gouverneurstisch, an welchem der Gouvernementsvorsteher,
Swijashskiy und andere Wortfhrer eifrig miteinander debattierten.


                                  28.

Lewin stand ziemlich entfernt. Ein schwer und heiser atmend neben ihm
stehender Adliger und ein zweiter mit knarrenden, dicken Stiefelsohlen,
strten ihn, deutlich zu hren. Aus der Ferne vernahm er nur die
weiche Stimme des Gouvernementsvorstehers, darauf das pfeifende Organ
des scharfzngigen Adligen und dann die Stimme Swijashskiys. Sie
stritten, soviel er zu verstehen imstande war, ber die Bedeutung
eines Paragraphen des Gesetzes und den Sinn der Worte, wer sich unter
gerichtlicher Untersuchung befindet.

Der Haufe teilte sich, um dem zum Tisch herantretenden Sergey
Iwanowitsch Raum zu geben. Sergey Iwanowitsch sagte, nachdem er die
Beendigung der Rede des scharfzngigen Adligen abgewartet hatte, ihm
scheine, da es am richtigsten sei, sich nach dem Paragraphen des
Gesetzes zu richten und bat den Sekretr, den Paragraphen aufzusuchen.
In demselben war gesagt, da man im Falle der Meinungsverschiedenheit
zu ballotieren habe.

Sergey Iwanowitsch verlas den Paragraphen, und begann den Sinn
desselben zu errtern, aber da unterbrach ihn ein groer, dicker und
krummer Gutsherr mit roten Ohren, in enger Uniform mit im Nacken hinten
hochstehendem Kragen. Er trat an den Tisch und rief laut, mit einem
Finger darauf schlagend:

Ballotieren! Zu den Kugeln greifen! Weg da mit dem Geschwtz! Zu den
Kugeln!

Mehrere Stimmen erhoben sich jetzt pltzlich zusammen, und der groe
Adlige mit seinem Finger, mehr und mehr in Zorn geratend, schrie
lauter und lauter. Es lie sich jedoch nicht unterscheiden, was er
sagte. Er sagte das Nmliche, was Sergey Iwanowitsch vorschlug,
aber offenbar hate er diesen und dessen ganze Partei, und dieses
Gefhl des Hasses teilte sich nun der ganzen Partei mit und rief den
Widerstand einer gleichen, wenn auch gemigteren Erbitterung auf der
anderen Seite hervor. Rufe erschallten und eine Minute lang wogte
alles durcheinander, soda der Gouvernementsvorsteher gentigt war, um
Ordnung zu bitten.

Ballotieren! Ballotieren! Wer ein Edelmann ist, der sieht das ein!
Wir vergieen unser Blut! Das Vertrauen des Monarchen! Nicht den
Gouvernementsvorsteher achten; er ist kein Amtmann! Darum handelt es
sich nicht! Bitte, zu den Kugeln! Es ist eine Schande! vernahm man
zornige, sinnlose Schreie von allen Seiten.

Die Blicke und Gesichter wurden immer zorniger und die Reden immer
ungebrdiger. Sie drckten einen unvershnlichen Ha aus. Lewin begriff
nicht im geringsten, worum es sich handle, und war erstaunt ber die
Leidenschaftlichkeit, mit welcher die Frage, ob man ber Phleroff
ballotieren solle oder nicht, behandelt wurde. Er hatte, wie ihm
spter Sergey Iwanowitsch erklrte, jenen Syllogismus vergessen, da
im Interesse des allgemeinen Wohls der Gouvernementsvorsteher entfernt
werden msse; zu der Entfernung desselben aber war eine Majoritt der
Kugeln erforderlich; zur Erlangung dieser Majoritt weiterhin mute man
Phleroff Stimmrecht erteilen, und zur Anerkennung Phleroffs als eines
Stimmberechtigten mute man erklren, wie der Paragraph des Gesetzes
aufzufassen sei.

Also eine Stimme kann die ganze Angelegenheit entscheiden, und man mu
daher ernst und konsequent sein, wenn man der gemeinsamen Sache dienen
will, schlo Sergey Iwanowitsch.

Lewin hatte dies jedoch vergessen, und es wurde ihm schwer ums Herz,
diese von ihm geachteten braven Mnner in einer so unangenehmen
schlimmen Erregung sehen zu mssen.

Um sich von diesem beklemmenden Gefhl frei zu machen, ging er, ohne
das Ende des Streites abzuwarten, in den Saal, in welchem sich niemand
befand, als einige Lakaien beim Buffet. Als er die mit dem Abwischen
von Geschirr, dann Aufstellen von Tellern und Glsern beschftigten
Diener, ihre ruhigen, aber lebhaften Gesichter sah, empfand Lewin ein
unerwartetes Gefhl der Erleichterung, als sei er aus einem Zimmer
voll widrigen Geruchs in die reine Luft hinausgetreten. Er begann
auf und abzuschreiten, mit Befriedigung auf die Diener blickend. Es
gefiel ihm sehr, als einer derselben, ein Mann mit grauem Backenbart,
den jngeren, die diesen zum besten hatten, voll Geringschtzung
lehrte, wie man Servietten falten msse. Lewin hatte sich gerade mit
dem alten Diener in ein Gesprch eingelassen, als der Sekretr der
Adelsvormundschaft, ein alter Herr, der die spezielle Eigenschaft
besa, alle Adligen des Gouvernements dem Namen und der Herkunft nach
zu kennen, ihn davon abzog.

Bitte geflligst, Konstantin Dmitritsch, sagte er zu ihm, Euer
Bruder sucht Euch. Es wird ballotiert.

Lewin trat in den Saal, erhielt eine weie Kugel und begab sich hinter
seinem Bruder Sergey Iwanowitsch zum Tische, an welchem mit wichtiger,
ironischer Miene Swijashskiy stand, der seinen Bart in die volle Hand
genommen hatte und daran roch.

Sergey Iwanowitsch steckte die Hand in den Kasten, legte seine Kugel
hinein und blieb, Lewin Platz machend, am Orte stehen. Lewin trat
heran, wandte sich aber, da er vollstndig vergessen hatte, um was es
sich handle und in Verlegenheit geraten war, an Sergey Iwanowitsch mit
der Frage, wohin er die Kugel legen solle? Er frug leise, whrend man
in seiner Nhe sprach, soda er hoffen konnte, es habe niemand seine
Frage vernommen. Aber die Sprechenden verstummten und seine unziemliche
Frage wurde gehrt. Sergey Iwanowitsch runzelte die Stirn.

Das ist Sache der berzeugung fr einen jeden, sagte er gemessen.
Einige lchelten. Lewin errtete, streckte hastig die Hand unter das
Tuch und legte die Kugel nach rechts, da sie sich gerade in seiner
rechten Hand befand. Nachdem er dies gethan hatte, besann er sich, da
er auch die linke Hand hineinstecken msse und steckte sie hinein, doch
schon zu spt, und zog sich dann, noch mehr in Verlegenheit geraten,
schnell in die hintersten Reihen zurck.

Einhundertsechsundzwanzig dafr! Achtundneunzig dagegen! klang die
Stimme des Sekretrs, welcher den Buchstaben r nicht aussprechen
konnte. Gelchter erschallte: ein Knopf und zwei Nsse waren in dem
Kasten gefunden worden. Der Adlige war zugelassen und die Jungpartei
hatte gesiegt. Aber die Partei der Alten hielt sich noch nicht fr
besiegt. Lewin vernahm, da man Sjnetkoff bat, zu ballotieren, und
gewahrte, da ein Trupp der Edelleute den Gouvernementsvorsteher
umringte, welcher sprach. Lewin trat nher. Sjnetkoff sprach, indem er
den Edelleuten antwortete, vom Vertrauen des Adels, von dessen Liebe zu
ihm, deren er nicht wrdig sei, da sein ganzes Verdienst nur in seiner
Ergebenheit fr den Adel bestehe, dem er zwlf Jahre des Dienstes
geweiht htte. Mehrmals wiederholte er die Worte ich habe gedient,
soviel es meine Krfte gestatteten, im Glauben und in der Wahrheit; ich
schtze euch hoch und danke euch! und pltzlich hielt er, von Rhrung
berwltigt, inne und verlie den Saal.

Mochten nun diese Thrnen von dem Gefhl einer Ungerechtigkeit gegen
ihn, von der Liebe zum Adel, oder von der Gespanntheit der Situation
herrhren, in welcher er sich befand, indem er sich von Gegnern umgeben
fhlte -- genug, die Erregung teilte sich weiter mit, die Majoritt des
Adels war gerhrt und auch Lewin empfand ein Gefhl von Zrtlichkeit
fr Sjnetkoff.

In der Thr stie der Gouvernementsvorsteher mit Lewin zusammen.

Entschuldigt, bitte, entschuldigt, sagte er wie zu einem Unbekannten,
lchelte aber, als er Lewin erkannt, und diesem schien es, als ob er
etwas htte sagen wollen, aber vor Erregung nicht sprechen knne.

Der Ausdruck seines Gesichts und seiner ganzen Gestalt in der Uniform,
mit den Ordenskreuzen und den weien galonnierten Beinkleidern,
erinnerte Lewin, als er so hastig dahinschritt, an ein gemstetes
Schlachtvieh, welches sieht, da es mit seiner Sache bel bestellt ist.

Der Gesichtsausdruck des Mannes hatte etwas eigentmlich Rhrendes fr
Lewin, welcher erst am Tage vorher in Vormundschaftsangelegenheiten
in seinem Hause gewesen war und ihn in der ganzen Gre eines guten
und geselligen Menschen kennen gelernt hatte. Das groe Haus mit den
altertmlichen Familienmeubles; keine geschniegelten oder unsauberen,
sondern ehrerbietige alte Diener, offenbar noch aus der Zeit der
ehemaligen Leibeigenschaft stammend, die ihren Herrn nicht gendert
hatten; eine wohlbeleibte, gutmtige Hausfrau im Hubchen mit Spitzen
und einem trkischen Spitzenshawl, welche ihr liebes Enkelchen, die
Tochter ihrer Tochter liebkoste; ein jugendlicher Sohn, Gymnasiast
der sechsten Klasse, welcher von der Schule gekommen war und den
Vater begrte, indem er ihm die groe Hand kte; die ermahnenden,
freundlichen Reden und Gebrden des Hausherrn; alles dies hatte
in Lewin gestern unwillkrlich Hochachtung und Sympathie erweckt.
Jetzt erschien ihm dieser alte Herr rhrend und beklagenswert und er
wnschte, ihm einige angenehme Worte zu sagen.

Ihr werdet vielleicht wieder unser Vorsteher werden, sprach er.

Kaum, versetzte jener, erschreckt aufblickend, ich bin abgespannt,
schon alt; es giebt wrdigere und jngere als ich, mgen die nun
dienen, und der Vorsteher verschwand durch eine Seitenthr.

Es trat nun der feierlichste Augenblick ein; man mute zur Wahl
schreiten. Die Wortfhrer der einen und der anderen Partei zhlten an
den Fingern die weien und die schwarzen Kugeln nach.

Die Debatten wegen Phleroff hatten der Jungpartei nicht nur die eine
Kugel Phleroffs mehr verschafft, sondern auch einen Gewinn an Zeit
herbeigefhrt, soda noch drei Adlige herbeigeholt werden konnten,
welchen es durch Intriguen der Alten unmglich gemacht worden war, an
den Wahlen teilzunehmen. Zwei der Adligen, die eine Schwche fr den
Wein besaen, hatte man durch Kumpane Sjnetkoffs trunken gemacht, dem
dritten die Uniform entwendet.

Als die Jungpartei dies erfahren hatte, sandte sie sogleich, whrend
der Debatten ber Phleroff, in einer Mietkutsche Freunde fort, um den
Einen uniformieren zu lassen, und Einen der beiden Berauschten zur
Sobranje zu bringen.

Den Einen habe ich gebracht, ich habe ihn mit Wasser begossen, sagte
der nach ihm gesandte Gutsherr, zu Swijashskiy tretend, doch es ist
nicht gefhrlich, er taugt schon noch dazu.

Ist also nicht zu sehr berauscht, da er nicht etwa umfllt? sagte
Swijashskiy kopfschttelnd.

Nein; er ist ganz munter; doch hatten sie ihn bald vllig
niedergetrunken. Ich habe dem Buffetier gesagt, er soll ihm auf keinen
Fall Wein geben.


                                  29.

Der enge Saal, in welchem man rauchte und a, war gefllt von den
Edelleuten. Die Aufregung stieg stetig, und auf allen Gesichtern war
die Unruhe bemerkbar. Namentlich waren die Wortfhrer in Aufregung,
da sie alle Einzelverhltnisse und die Berechnung aller Kugeln
kannten. Sie waren die Ordner der bevorstehenden Schlacht. Die brigen
suchten, wie die Krieger vor dem Kampfe, obwohl sie sich zu diesem
vorbereiteten, noch Zerstreuungen. Die Einen nahmen am Tische stehend
oder sitzend einen Imbi; die Anderen gingen Cigaretten rauchend, in
dem langen Zimmer auf und nieder, und unterhielten sich mit lange nicht
gesehenen Freunden.

Lewin versprte keine Elust, er rauchte nicht; zu den Seinigen, mit
Sergey Iwanowitsch, Stefan Arkadjewitsch, Swijashskiy und anderen
gehen, wollte er nicht, da bei ihnen in lebhaftem Gesprch Wronskiy in
Stallmeisteruniform stand. Schon gestern hatte ihn Lewin bei den Wahlen
erblickt, und geflissentlich vermieden, da er nicht wnschte ihm zu
begegnen. Er trat ans Fenster und setzte sich nieder, auf die Gruppen
blickend, und auf das horchend, was um ihn herum gesprochen wurde.

Es bedrckte ihn namentlich, da alle, wie er sah, aufgeregt, besorgt
und geschftig waren, und nur er allein nebst einem alten, zahnlosen
Greis in Marineuniform, der neben ihm sa, ohne Interesse und ohne
Beschftigung war.

Das ist ein Betrug! Ich habe ihm gesagt, da es nicht so ist. Gewi.
Er konnte auf drei Jahre nicht whlen, sprach energisch ein etwas
verwachsener Gutsherr von kleiner Gestalt mit pomadisierten Haaren, die
auf dem gestickten Kragen seiner Uniform lagen, stark mit den Abstzen
seiner offenbar fr die Wahlen neugefertigten Stiefeln aufstampfend,
und wandte sich dann, einen mivergngten Blick auf Lewin werfend, kurz
ab.

Ja, eine unsaubere Sache, was man auch sagen mag, fuhr ein kleiner
Gutsherr mit dnner Stimme fort.

Hinter ihnen nherte sich Lewin eilig ein ganzer Trupp von Gutsherrn,
einen dicken General umringend. Die Herren suchten offenbar einen
Platz, wo sie so sprechen konnten, da man sie nicht hrte.

Wie kann er sich unterstehen, zu sagen, ich htte ihm die Beinkleider
entwenden lassen! Er hat sie vertrunken, denke ich! Ich mache mir den
Teufel aus ihm und seinem Frstenrang! Er soll es nicht wagen, das zu
uern. Eine Schweinerei ist es!

Aber erlaubt doch! Die berufen sich auf den Gesetzparagraphen, sprach
man in einer anderen Gruppe, die Frau mu als Adlige eingetragen
werden!

Zum Teufel mit dem Paragraphen! Ich spreche wie es mir ums Herz ist!
Darauf sttzen sich brave Edelleute. Man soll Vertrauen haben!

Wollen Ew. Excellenz mitkommen, =fine champagne=.

Ein anderer Trupp ging zu einem laut schreienden Edelmann; es war dies
Einer der drei Berauschten.

Ich habe der Marja Ssemionowna stets geraten zu verpachten, weil
sie ihren Vorteil nicht zu wahren versteht, sagte ein graubrtiger
Gutsherr mit angenehmer Stimme, in der Oberstenuniform des alten
Generalstabs. Es war dies der nmliche Herr, welchem Lewin bei
Swijashskiy begegnet war. Lewin erkannte ihn sofort, auch der Gutsherr
schaute nach Lewin, und sie begrten sich.

Sehr angenehm. Gewi, ich erinnere mich noch recht wohl; wir sahen uns
im vergangenen Jahre bei Nikolay Iwanowitsch.

Nun, wie steht es mit Eurer konomie? frug Lewin.

Man arbeitet stets mit Schaden, antwortete der Gutsherr mit hflichem
Lcheln, aber mit einem Ausdruck von Ruhe und der berzeugtheit,
da es so sein msse, neben Lewin stehen bleibend; aber wie kommt
Ihr denn in unser Gouvernement? frug er dann. Ihr seid wohl
gekommen, um an unserem =coup d'tat= teilzunehmen? sagte er,
sicher, aber schlecht die franzsischen Worte aussprechend. Ganz
Ruland ist zusammengekommen; auch die Kammerherren und beinahe
selbst die Minister. Er wies auf die reprsentierende Gestalt Stefan
Arkadjewitschs in den weien Pantalons und der Kammerherrenuniform,
welcher mit einem General ging.

Ich mu Euch gestehen, da ich die Bedeutung der Adelswahlen recht
wenig verstehe, sprach Lewin.

Der Gutsherr schaute ihn an.

Was giebt es denn da zu verstehen? Eine Bedeutung liegt darin gar
nicht. Es ist das eine hinfllige Institution, welche ihr Fortleben nur
dem Trgheitsgesetz verdankt. Seht doch hin; die Uniformen sagen Euch
das ja schon. Dies ist eine Sobranje von Friedensrichtern, dauernden
Mitgliedern und so fort, aber nicht von Edelleuten.

Aber weshalb seid Ihr denn gekommen? frug Lewin.

Aus Gewohnheit; das ist das Eine. Ferner, um die Verbindungen aufrecht
zu erhalten. Darin liegt eine moralische Verpflichtung in gewisser
Hinsicht. Dann aber, wenn ich die Wahrheit sagen soll, auch aus meinem
eigenen Interesse. Mein Schwager wnscht als Mitglied gewhlt zu
werden; die Familie ist arm und man mu sie vorwrts bringen. Weshalb
sind wohl diese Herren gekommen? sagte er, auf den bissigen Adligen
zeigend, welcher hinter dem Gouverneurstisch sprach.

Das ist ein neues Adelsgeschlecht.

Neues hin, neues her; aber kein Adel! Das sind Landleute, whrend wir
Gutsherren sind. Sie legen als Adlige die Hand an sich selbst.

Aber Ihr sagt doch, es sei dies eine abgelebte Institution?

Abgelebt hin, abgelebt her; man mte sich aber doch piettvoller
zu ihr stellen. Wre wenigstens Sjnetkoff -- -- mgen wir gut oder
schlecht sein, aber tausend Jahre sind wir doch alt geworden. Wit
Ihr, es kann einmal vorkommen, da man vor seinem Hause einen Garten
anlegt und placiert. Da steht Euch nun aber gerade auf dem Platze ein
hundertjhriger Baum. Mag er gleich knorrig und alt sein, fr die
Blumenbouquets wird man ihn doch wohl nicht umhauen, sondern diese so
anlegen, da sie den Baum umfangen; sagte er vorsichtig, und nderte
darauf das Thema. Wie geht es denn mit Eurer konomie? frug er.

Auch nicht gut. Fnf Prozent wirft sie ab.

Da rechnet Ihr Euch aber noch nicht mit! Ihr seid doch auch etwas
wert! Ich kann auch von mir selbst so reden. Whrend der Zeit, in der
ich nicht Landwirtschaft trieb, habe ich im Dienst dreitausend Rubel
gehabt. Jetzt arbeite ich mehr, als im Dienst, und habe ebenso wie Ihr,
meine fnf Prozent, und damit ist es gut. Meine Arbeit ist dabei noch
umsonst.

Aber warum thut Ihr es denn, wenn Ihr nur Verlust habt?

Nun, man arbeitet eben. Was wollt Ihr sonst? aus Gewohnheit; und man
wei, da man so mu. Ich will Euch weiter sagen, und der Gutsbesitzer
stemmte sich mit den Ellbogen auf das Fenster und fuhr fort, mein
Sohn hat keine Lust zur Landwirtschaft; er wird offenbar einmal ein
Gelehrter. Niemand wird somit die Sache einmal fortfhren, und doch
arbeitet man. Jetzt habe ich einen Garten angelegt.

Ja, ja, sagte Lewin, das ist vllig richtig. Ich fhle stets, da in
meiner konomie keine rechte Berechnung liegt, man arbeitet aber -- man
fhlt gleichsam eine Verpflichtung seinem Lande gegenber.

Da will ich Euch noch etwas sagen, fuhr der Gutsbesitzer fort. Mein
Nachbar, ein Kaufmann, war bei mir. Wir gingen das Land ab, und den
Garten. >Nein,< sagte er da, >Stefan Wasiljewitsch, bei Euch ist alles
in Ordnung, aber der Garten ist vernachlssigt.< Dabei befindet er sich
aber in vollstndiger Ordnung. >Nach meiner Ansicht, wrde ich diese
Linden anhauen. Man mu nur bis auf den Saft schlagen. Es sind da ihrer
tausend Linden, und jede von ihnen giebt zwei gute Schaffe.<

Fr den Erls daraus mte er Vieh kaufen oder Land und es den Bauern
pachtweise verteilen, ergnzte Lewin, welcher offenbar schon mehr als
einmal mit hnlichen berschlgen zu thun gehabt hatte. Und er wird
sich ein Vermgen begrnden, whrend wir, Ihr und ich, wenn Gott es
giebt, nur das unsere zusammenhalten und den Kindern zu hinterlassen
streben mssen.

Ihr seid verheiratet, wie ich hrte? sagte der Gutsbesitzer.

Ja, antwortete Lewin mit Stolz und Genugthuung. Es ist aber etwas
Seltsames, fuhr er fort, wir leben zusammen gerade wie die alten
Vestalinnen, und hten unser Herdfeuer.

Der Gutsbesitzer lchelte unter seinem weien Bart.

So ist es auch bei uns, da hat sich unser Freund Nikolay Iwanitsch,
oder jetzt Graf Wronskiy sehaft gemacht, die eine agronomische
Industrie einfhren wollen; aber das hat nicht weiter, als bis zu
Kapitalverlust gefhrt.

Aber weshalb machen wir es nicht, wie die Kaufleute? Warum fllen
wir nicht die Bume im Garten der Rinde halber? sagte Lewin, auf den
Gedanken zurckgreifend, der ihn frappiert hatte.

Nun, wie Ihr sagtet, man htet sein Feuer. Dieses wre ja auch nicht
ein adliges Verfahren. Unsere adlige Thtigkeit vollzieht sich nicht
hier, bei den Wahlen, sondern in unserem Winkel. Es giebt auch einen
Standesinstinkt bezglich dessen, was man soll und was man nicht
soll. Bei den Bauern ist es ebenso; wenn ein Bauer gut ist, so sucht
er soviel Land zu pachten, als er kann. So schlecht dieses nun sein
mag, er pflgt es. Gleichfalls ohne Berechnung, und geradezu zu seinem
Schaden.

Wie wir -- sagte Lewin. Es ist nur auerordentlich angenehm, Euch zu
treffen, fgte er hinzu, indem er Swijashskiy zu ihm herantreten sah.

Ah, wir begegnen uns wohl zum erstenmal wieder, seit ich bei Euch
war, begrte ihn der Gutsbesitzer, wir haben uns auch verschworen.

Wie, schmht Ihr neue Einrichtungen? frug Swijashskiy lchelnd.

Ein wenig.

Man hat uns den Mut benommen.


                                  30.

Swijashskiy nahm Lewin unter den Arm und ging mit ihm zu seinen
Freunden.

Jetzt konnte Lewin Wronskiy nicht mehr vermeiden, welcher bei Stefan
Arkadjewitsch und Sergey Iwanowitsch stand und offen dem herankommenden
Lewin entgegenblickte.

Sehr erfreut. Mir scheint, als htte ich einmal das Vergngen gehabt,
Euch begegnet zu sein -- bei der Frstin Schtscherbazkaja, sagte er,
Lewin die Hand reichend.

Ja; ich entsinne mich Eurer Begegnung recht wohl, sagte Lewin,
purpurrot werdend, und wandte sich sogleich, um mit seinem Bruder zu
sprechen.

Mit feinem Lcheln unterhielt sich Wronskiy mit Swijashskiy weiter,
offenbar ohne den geringsten Wunsch, in ein Gesprch mit Lewin zu
geraten; dieser hingegen blickte, mit dem Bruder redend, unverwandt
Wronskiy an und berlegte, wovon er wohl mit demselben sprechen knnte,
um seine Taktlosigkeit wieder gutzumachen.

Was verhandelt man jetzt? frug Lewin, Swijashskiy und Wronskiy
anblickend.

Sjnetkoff. Er mu abschlglich antworten oder beistimmen, antwortete
Swijashskiy.

Nun, hat er denn beigestimmt oder nicht?

Darum handelt es sich ja eben; weder dies noch das ist der Fall,
sagte Wronskiy.

Und wenn er es verweigert, wer wird dann ballotieren? frug Lewin,
Wronskiy anschauend.

Wer da will, sagte Swijashskiy.

Werdet Ihr es thun? frug Lewin.

Nur ich nicht, sagte Swijashskiy, in Verlegenheit geratend und einen
erschreckten Blick auf den neben ihm mit Sergey Iwanowitsch stehenden,
bissigen Herrn werfend.

Nun wer denn; Njewjedowskiy? frug Lewin, im Gefhl, da er sich
verwickelte.

Dies wre aber noch schlimmer. Njewjedowskiy und Swijashskiy waren ja
die zwei Kandidaten.

Ich werde es in keinem Falle thun, antwortete der sarkastische Herr.
Es war Njewjedowskiy selbst. Swijashskiy machte Lewin mit demselben
bekannt.

Hat es auch deine Achillesferse getroffen? sagte Stefan
Arkadjewitsch, Wronskiy zublinzelnd, das ist etwas nach Art der
Wettrennen. Man kann da eine Wette machen.

Ja; das berhrt Einen bei der schwachen Seite, sagte Wronskiy. Und
hat man sich einmal mit der Sache abgegeben, so will man sie auch
ausfhren. Es ist ein Kampf! sagte er, stirnrunzelnd und die starken
Kinnbacken zusammenbeiend.

Was fr ein Kenner der Swijashskiy ist. Wie klar bei ihm alles ist!

Ach ja, versetzte Wronskiy zerstreut.

Ein Stillschweigen trat ein, whrend dessen Wronskiy so wie man eben
auf etwas Zuflliges blickt, auf Lewin, auf dessen Fe, Uniform und
Gesicht, schaute. Nachdem er die finster auf sich gerichteten Augen
bemerkt hatte, uerte er, um doch wenigstens etwas zu sagen:

Wie kommt es denn -- Ihr seid doch stndiger Dorfbewohner, nicht
aber Friedensrichter? Ihr seid ja nicht in der Uniform eines
Friedensrichters?

Das kommt daher, da ich glaube, das Friedensgericht reprsentiert
eine thrichte Institution, antwortete Lewin finster, der schon lngst
darauf gewartet hatte, mit Wronskiy ins Gesprch zu kommen, um seine
Taktlosigkeit bei Gelegenheit wieder auszugleichen.

Ich glaube dies nicht; im Gegenteil, sagte Wronskiy ruhig, aber mit
Verwunderung.

Es ist doch nur eine Spielerei, unterbrach ihn Lewin. Die
Friedensrichter sind uns nicht notwendig. Ich habe innerhalb acht
Jahren nicht eine einzige Klage gehabt, und was ich gehabt habe, das
wurde durch Ersatzleistung ausgeglichen. Der Friedensrichter wohnt in
einer Entfernung von vierzig Werst von mir. In einer Sache, in welcher
es sich um zwei Rubel handelt, mu ich dann einen Vertrauensmann,
welcher mich fnfzehn kostet, schicken.

Er erzhlte nun, wie ein Bauer einem Mller Mehl gestohlen habe,
und der Bauer, als der Mller es ihm mitgeteilt, gegen diesen
Verleumdungsklage eingereicht htte. Alles das pate nicht hierher und
war dumm; und Lewin fhlte dies auch, whrend er sprach.

O, ber dieses Original! sagte Stefan Arkadjewitsch mit seinem
mandelsesten Lcheln, indessen gehen wir; man scheint zu
ballotieren.

Sie gingen auseinander.

Ich begreife nicht, sagte Sergey Iwanowitsch, den ungeschickten
Gang seines Bruders bemerkend, zu diesem, ich begreife nicht, wie
es mglich ist, bis zu solchem Grade jeglichen politischen Taktes
bar zu sein. Das ist es eben, was wir Russen nicht haben. Der
Gouvernementsvorsteher ist unser Gegner, und du bist mit ihm =ami
cochon= und bittest ihn, zu ballotieren. Graf Wronskiy -- ich mache
ihn mir ja auch nicht zum Freunde -- hat mich zum Essen eingeladen.
Ich werde nicht zu ihm fahren, aber er ist auf unserer Seite, weshalb
soll ich uns deshalb einen Feind aus ihm machen? Dann frgst du
Njewjedowskiy, ob er ballotieren wrde. Das geht doch nicht an.

Ach, ich verstehe nichts davon! Alles das ist doch fades Zeug,
antwortete Lewin mrrisch.

Du sagst da, da dies alles fades Zeug sei, befassest du dich aber
damit, so verwickelst du dich dennoch.

Lewin blieb stumm und sie betraten zusammen den groen Saal.

Der Gouvernementsvorsteher hatte sich, obwohl er den ihm bereiteten
Verrat in der Luft liegen fhlte, und nicht alle ihn darum gebeten
hatten, gleichwohl entschlossen, zu ballotieren. Im Saal wurde alles
still, der Sekretr verkndete mit lauter Stimme, da Rittmeister der
Garde, Michail Ljepanowitsch Snjetkoff zum Gouvernementsvorsteher
gewhlt werden solle.

Die Kreisvorsteher kamen mit Tellern, auf welchen die Kugeln lagen, von
ihren Tischen zu dem Gouvernementstisch, und die Wahlen begannen.

Wirf rechts, flsterte Stefan Arkadjewitsch Lewin zu, als er zusammen
mit dessen Bruder hinter dem Vorsteher zu dem Tische schritt.

Lewin hatte indessen jetzt jenes Kalkul vergessen, das man ihm erklrt
hatte, und frchtete, Stefan Arkadjewitsch mchte sich geirrt haben,
indem er sagte rechts. Sujetkoff war doch offenbar der Gegner. Als
er daher zum Kasten gekommen war, hielt er die Kugel in der Rechten,
berlegte sich jedoch, da er irre, und nahm, dicht vor dem Kasten, die
Kugel in die linke Hand, um sie dann offenbar links zu legen.

Ein Kenner der Sache, welcher an dem Kasten stand, und an der bloen
Bewegung des Ellbogens erkannte, wohin jeder warf, runzelte unwillig
die Stirn. Er hatte keine Lust, seinen Scharfsinn anzustrengen.

Alles war still geworden und man vernahm nur das Zhlen der Kugeln.
Darauf rief eine einzelne Stimme die Zahl der Whler und der
Nichtwhlenden aus.

Der Vorsteher war mit betrchtlicher Majoritt wieder gewhlt worden.
Es erhob sich ein allgemeiner Lrm und man drngte nach der Thr.
Snjetkoff trat ein, und der Adel umringte ihn, unter Beglckwnschungen.

Nun, jetzt ist es wohl zu Ende? frug Lewin Sergey Iwanowitsch.

Es fngt eben erst an, versetzte fr Sergey Iwanowitsch lchelnd
Swijashskiy; der Kandidat des Vorstehers kann mehr Kugeln erhalten.

Lewin hatte dies vollkommen vergessen. Er entsann sich erst jetzt, da
hier eine gewisse Feinheit verborgen lag, doch wurde es ihm zuviel,
sich darauf besinnen zu sollen, worin sie bestand. Niedergeschlagenheit
berkam ihn und er sehnte sich darnach, von diesem Haufen wegzukommen.

Da ihn niemand beachtete, und er wie es schien, von niemand vermit
wurde, begab er sich leise nach dem kleinen Saal, wo man speiste, und
fhlte groe Erleichterung, als er die Diener wiederum erblickte. Der
alte Diener legte ihm die Speisenkarte vor, und Lewin willigte ein.
Nachdem er ein Kotelett mit Fasolen gegessen und sich mit dem Diener
ber dessen frhere Herrschaft unterhalten hatte, begab sich Lewin,
der den Saal nicht wieder zu betreten wnschte, in welchem es ihm so
unangenehm war, auf die Tribnen.

Diese waren angefllt von geputzten Damen, die sich ber das Gelnder
beugten, im Bemhen, nicht ein einziges Wort von dem zu verlieren, was
unten gesprochen wurde. Um die Damen herum saen und standen elegante
Advokaten, Gymnasialschler mit Augenglsern, und Offiziere. berall
wurde von den Wahlen gesprochen, und davon, wie der Vorsteher erschpft
sei, und wie vortrefflich die Debatten gegangen wren; in der einen
Gruppe vernahm Lewin das Lob seines Bruders. Eine Dame sagte zu einem
Advokaten:

Wie freue ich mich, da ich Koznyscheff gehrt habe! Da ist es schon
der Mhe wert, ein wenig zu hungern. Es war reizend! Wie klar und
verstndlich alles! Bei uns im Gericht spricht niemand so. Nur Maydel,
und selbst der ist noch bei weitem nicht so redegewandt.

Als Lewin einen freien Platz an dem Gelnder gefunden hatte, beugte er
sich darber und begann Umschau zu halten und zu lauschen.

Alle Adligen saen in Spalieren, in ihren Kreisabteilungen. In der
Mitte des Saales stand ein Mann in Uniform, welcher mit klingender
lauter Stimme rief:

Es wird ballotiert fr die Kandidaten des Gouvernementsvorstehers des
Adels, Stabrittmeisters Evgeniy Iwanowitsch Apuchtin!

Totenstille trat ein, und man vernahm eine schwache Greisenstimme:

Ich verzichte!

Es wird ballotiert der Hofrat Peter Petrowitsch Bolj, begann wiederum
die Stimme.

Ich verzichte! ertnte eine jugendliche pfeifende Stimme.

Nochmals ertnte das Gleiche und wieder erschallte das ich verzichte;
und so ging es eine Stunde lang fort. Auf das Gelnder gestemmt,
schaute und lauschte Lewin. Anfangs wunderte er sich und suchte zu
erfassen, was dies alles bedeute; dann aber, nachdem er sich berzeugt
hatte, er knne nichts verstehen, fing er an, sich zu langweilen. Als
er sich hierauf all die Aufregung und Erbitterung, die er auf den
Gesichtern aller wahrgenommen, vergegenwrtigte, wurde es ihm schwer
ums Herz; er beschlo abzureisen, und ging hinab.

Als er durch die Vorhalle der Tribnen schritt, begegnete er einem
auf- und niederschreitenden, bedrckt aussehenden Gymnasiasten mit
thrnenschwimmenden Augen. Auf der Treppe begegnete ihm ein Paar. Eine
Dame, welche eilig auf den Abstzen lief, war es und der gewandte
Genosse des Prokurators.

Ich habe Euch gesagt, da Ihr nicht zu spt kommt, sagte
der Prokurator, gerade, als Lewin zur Seite trat, um die Dame
vorberzulassen.

Lewin war schon auf der Ausgangstreppe und zog soeben aus der
Westentasche die Nummer seines Pelzes hervor, als ihn der Sekretr
abfing.

Gestattet, Konstantin Dmitritsch, man ballotiert!

Zum Kandidaten war Njewjedowskiy, der sich so entschieden geweigert
hatte, gewhlt worden.

Lewin schritt zur Saalthr; sie war verschlossen. Der Sekretr pochte,
die Thr ffnete sich und er befand sich zwei Gutsbesitzern mit
gerteten Gesichtern gegenber.

In meiner Macht liegt es nicht, sagte der eine rotaussehende
Gutsbesitzer.

Hinter den beiden hob sich das Gesicht des Gouvernementsvorstehers
hervor. Dieses Gesicht erschien furchterweckend mit seinem Ausdruck von
Erschpfung und Angst.

Ich habe dir befohlen, niemand hinauszulassen! schrie er den
Thrhter an.

Ich habe nur eingelassen, Ew. Excellenz!

Mein Gott! schwer seufzend ging der Gouvernementsvorsteher, mde in
seinen weien Pantalons, den Kopf gesenkt, dahinschreitend, durch die
Mitte des Saales nach dem groen Tische.

Man hatte das Amt Njewjedowskiy bertragen, wie es auch vorher geplant
worden war, und dieser war jetzt Gouvernementsvorsteher. Viele befanden
sich in heiterer Stimmung, viele waren zufrieden und glcklich, viele
entzckt, viele unzufrieden und unglcklich. Der Gouvernementsvorsteher
war in einer Verzweiflung, die er nicht verbergen konnte. Als
Njewjedowskiy den Saal verlie, umringte ihn die Menge, und folgte ihm
begeistert nach, so, wie sie am ersten Tage dem Gouvernementsvorsteher
gefolgt war, als derselbe die Wahlen erffnet hatte, so, wie sie
Snjetkoff gefolgt war, als dieser gewhlt wurde.


                                  31.

Der neugewhlte Gouvernementsvorsteher und viele aus der
triumphierenden Partei der Jungen, speisten an diesem Tage bei Wronskiy.

Wronskiy war einmal deshalb zu den Wahlen gekommen, weil es ihm auf
dem Dorfe langweilig geworden war, und er seine Rechte auf Freiheit
vor Anna geltend machen mute, als auch zum Zwecke, Swijashskiy mit
seiner Untersttzung bei den Wahlen fr alle Bemhungen um Wronskiy bei
den Semstwowahlen zu lohnen, und vor allem deshalb, streng alle jene
Pflichten der Stellung eines Adligen und Gutsherrn zu erfllen, die er
sich auserwhlt hatte.

Aber er hatte durchaus nicht erwartet, da ihn diese Wahlen so sehr
interessieren, ihn so bei seinen Neigungen fassen wrden, und da er
der Sache so gewachsen sei. Er war in dem Kreise der Adligen eine
vollkommen neue Erscheinung, hatte aber offenbar Erfolg und irrte nicht
mit der Annahme, da er bereits Einflu unter denselben gewonnen habe.

Zur Erringung dieses Einflusses untersttzte ihn sein Reichtum, und
sein vornehmer Rang, ein schnes Besitztum in der Stadt, welches
ihm ein alter Bekannter, Schirkoff abgetreten hatte, der sich mit
Finanzgeschften befate und eine blhende Bank in Kaschin besa;
ferner sein ausgezeichneter Koch, der vom Dorfe mit hereingebracht
worden war, dann seine Freundschaft mit dem Gouverneur, der sein
Kamerad, und zwar ein protegierter Kamerad Wronskiys gewesen -- vor
allem aber sein einfaches, allen gegenber sich gleich bleibendes
Wesen, welches sehr bald die Mehrzahl der Edelleute veranlate, ihr
Urteil ber seinen vermeintlichen Stolz zu ndern.

Er fhlte selbst, da, mit Ausnahme jenes sonderlichen Herrn, welcher
an die Kity Schtscherbazkaja verheiratet war, und der ihm, = propos
de bottes=, mit wahnsinniger Wut einen Haufen ungereimter Dummheiten
nachsagte, jeder Edelmann, mit welchem er sich bekannt gemacht hatte,
sein Anhnger wurde.

Er erkannte klar, und auch andere sahen dies ein, da er zu dem Erfolg
Njewjedowskiys sehr viel beigetragen habe, und jetzt, an seiner Tafel,
versprte er bei der Feier der Wahl Njewjedowskiys, die angenehme
Empfindung eines Triumphes ber den Gewhlten.

Die Wahlen selbst hatten ihn derart gefesselt, da er, falls er im Lauf
der nchsten drei Jahre verheiratet sein wrde, selbst daran denken
wollte, ballotiert zu werden -- ganz so, wie man nach dem Gewinn einer
Prmie durch den Jockey Lust versprt, selbst mit zu reiten.

Jetzt wurde der Triumph des Jockeys gefeiert. Wronskiy sa an der
Spitze der Tafel, ihm zur Rechten der junge Gouverneur, als General
=en suite=. Fr jedermann war er der Herr des Gouvernements, der
die Wahlen feierlich erffnet, der eine Rede hielt, Aufmerksamkeit,
Hochachtung und Dienstwilligkeit bei vielen erweckte, wie Wronskiy sah
-- fr Wronskiy aber war er Masloff Katka der Sndenbock -- dies war
sein Spitzname im Pagencorps gewesen -- der vor ihm in Verlegenheit
geriet, und den Wronskiy sich bemhte, =mettre  son aise=. Diesem zur
Linken sa Njewjedowskiy mit seinem jugendlichen, unerschtterlich
sarkastischen Gesichte; Wronskiy behandelte ihn einfach und
achtungsvoll.

Swijashskiy ertrug seine Schlappe heiter. Es war ja nicht einmal
eine Schlappe fr ihn, wie er selbst sagte, sich mit dem Pokal an
Njewjedowskiy wendend; ein besserer Fhrer jener neuen Richtung,
welcher der Adel folgen sollte, lie sich nicht finden. Und so stand
denn, wie er sagte, die volle Rechtschaffenheit auf der Seite des
heutigen Erfolges und feierte denselben.

Stefan Arkadjewitsch war gleichfalls bei guter Laune darber, da er
die Zeit vergngt verbrachte, und alle zufrieden waren. Swijashskiy
ahmte humoristisch die weinerliche Rede des Vorstehers nach und
bemerkte, sich an Njewjedowskiy wendend, da Excellenz wohl eine
andere, weit verwickeltere Revisionsweise der Gelder werde whlen
mssen, als Thrnen.

Ein anderer Spavogel unter den Edelleuten erzhlte, wie zum
Gouverneurballe Lakaien in Kniestrmpfen verschrieben worden seien, und
man dieselben jetzt wieder fortschicken msse, wenn nicht etwa der neue
Gouverneur den Ball mit den Lakaien in Kniestrmpfen geben sollte.

Ununterbrochen whrend des Essens sagte man, wenn man sich zu
Njewjedowskiy wandte, unser Gouverneursoberhaupt, oder Ew.
Excellenz.

Man sprach dies mit dem nmlichen Vergngen, mit welchem man eine junge
Frau Madame nennt, mit dem Namen ihres Mannes dazu.

Njewjedowskiy gab sich den Anschein, als lasse ihn das nicht nur
gleichgltig, sondern als schtze er diese Titulatur sogar gering,
aber es war augenscheinlich, da er sich glcklich fhlte und sich
beherrschen msse, sein Entzcken nicht auszudrcken, welches zu dieser
ungewohnten ungezwungenen Gesellschaft, in der sich alle befanden,
nicht gestimmt htte.

Nach der Tafel wurden mehrere Telegramme an Leute, welche sich
fr den Verlauf der Wahlen interessierten, abgesandt. Auch Stefan
Arkadjewitsch, der sich in heiterster Stimmung befand, sandte an Darja
Aleksandrowna ein Telegramm folgenden Inhalts: Njewjedowskiy mit
zwanzig Kugeln gewhlt. Ich gratuliere ihm soeben. Teile es weiter
mit. Er diktierte dasselbe laut und bemerkte dazu: Man mu ihnen eine
Freude machen.

Als Darja Aleksandrowna die Depesche erhalten hatte, seufzte sie nur
ber den Rubel, den es gekostet, und erkannte, da die Sache jetzt wohl
bis zum Schlu der Tafel gediehen sein mute. Sie wute ja, da Stefan
die Schwche besa, am Ende von Banketts =faire jouer le tlgraphe=.

Alles war, im Verein mit dem ausgezeichneten Essen und Weinen die
nicht von russischen Weinhndlern, sondern direkt von auswrts
stammten, sehr vornehm, ungeknstelt und frhlich gewesen. Ein
kleiner Kreis von einigen zwanzig Herren, war von Swijashskiy aus der
Mitte der gleichgesinnten, freidenkenden, und zugleich geistreichen
und ordnungsliebenden Fhrer der Jungpartei, ausgewhlt worden.
Man brachte Toaste aus, auch halbscherzhafte, sowohl auf den neuen
Gouvernementsvorsteher, als auf den Gouverneur, auf den Bankdirektor,
wie auf unseren liebenswrdigen Wirt! --

Wronskiy war zufrieden. Er hatte nimmermehr einen so angenehmen Ton in
der Provinz erwartet.

Gegen das Ende des Essens wurde die Stimmung noch heiterer. Der
Gouverneur bat Wronskiy, in das Konzert zu Gunsten der Brderschaft
zu fahren, welches seine Frau veranstaltet habe, die mit ihm bekannt zu
werden wnschte.

Es wird Ball dort sein und man sieht da unsere Schnheiten; in der
That bemerkenswert.

=Not in my line=, antwortete Wronskiy, der diesen Ausdruck liebte,
lchelte aber, und versprach doch zu kommen.

Noch vor dem Aufstehen von der Tafel, als alles eben zu rauchen anfing,
trat der Kammerdiener Wronskiys zu diesem heran mit einen Briefe auf
der Prsentierschale.

Aus Wosdwishenskoje per Expressen, meldete er mit bedeutungsvoller
Miene.

Wunderbar, wie hnlich er unserem Kameraden, dem Prokurator Swentizkiy
sieht, sagte einer der Gste auf franzsisch, den Kammerdiener
meinend, whrend Wronskiy, sich verfinsternd, das Schreiben las.

Der Brief war von Anna; schon bevor er ihn gelesen hatte, kannte er
seinen Inhalt. In der Annahme, da die Wahlen in fnf Tagen vorber
sein wrden, hatte er versprochen, Freitag zurckkehren zu wollen.
Heute war Sonnabend, und er wute, da der Inhalt des Briefes aus
Vorwrfen bestehen wrde, weil er nicht rechtzeitig zurckgekehrt
sei. Der Brief, welchen er gestern Abend abgeschickt hatte, war
wahrscheinlich noch nicht angekommen.

Der Inhalt des Briefes war der erwartete, aber seine Form eine
unerwartete und ihm hchst unangenehme.

Any ist sehr krank; der Arzt sagt, es knne eine Entzndung eintreten.
Ich verliere in meiner Einsamkeit den Kopf. Die Frstin Barbara ist
keine Hilfe, sondern ein Hindernis. Ich erwartete dich vorgestern,
gestern, und schicke jetzt, um zu erfahren, wo du eigentlich bist und
was du machst. Ich wollte selbst fahren, habe aber davon abgesehen,
da ich wute, da dir dies unangenehm gewesen sein wrde. Gieb mir
Antwort, damit ich wei, was ich anfangen soll.

Das Kind ist krank und sie hat selbst reisen wollen! -- Unsere Tochter
ist krank und dieser feindselige Ton! --

Diese harmlose Zerstreuung bei den Wahlen und jene dstere, lastende
Liebe, zu welcher er zurckkehren mute, trafen Wronskiy durch ihren
Gegensatz. Aber man mute abreisen und er fuhr mit dem ersten Zuge in
der Nacht nach Hause.


                                  32.

Vor der Abreise Wronskiys zu den Wahlen, hatte Anna, in der Erwgung,
da jene Scenen, welche sich zwischen ihnen bei jeder seiner Reisen
wiederholten, nur eine Erkltung herbeifhren, aber nicht fesseln
knnten, den Entschlu gefat, alle nur mglichen Anstrengungen ber
sich selbst zu machen, um eine Trennung von ihm ruhig zu ertragen.
Aber jener kalte, ernste Blick, mit welchem er sie angeschaut hatte,
als er kam, um ihr von seiner Abreise Mitteilung zu machen, hatte sie
verletzt, und er war noch nicht abgereist, als ihre Ruhe auch schon
vernichtet war.

In ihrer Einsamkeit dachte sie nochmals ber jenen Blick nach, welcher
sein Recht auf Freiheit ausdrckte, und sie gelangte, wie stets, zu dem
Einen -- zu dem Bewutsein ihrer Erniedrigung. --

Er hat ein Recht zu reisen, wann und wohin er will; nicht nur zu
reisen, sondern auch mich zu verlassen. Er hat alle Rechte, ich gar
keine! Aber, wenn er dies auch wei, darf er doch nicht so handeln.
Indessen, was hat er denn begangen? Er hat mich angeblickt, mit kaltem
ernstem Ausdruck. Dies ist natrlich etwas Unbestimmbares, nicht
Greifbares, aber es war frher nicht, und dieser Blick bedeutet viel,
dachte sie, dieser Blick beweist, da die Abkhlung eintritt!

Obwohl sie sich berzeugt hatte, da die Abkhlung eintrete, war es
ihr dennoch nicht mglich zu handeln, irgendwie ihre Beziehungen zu
ihm zu verndern. Nur allein so wie frher, allein mit Liebe und
Anhnglichkeit konnte sie ihn halten. Nur ebenso, wie frher durch
Arbeit am Tage und Morphium des Nachts, konnte sie die furchtbaren
Gedanken darber ersticken, was werden sollte, wenn er sie zu lieben
einmal aufhren wrde.

Allerdings, es gab da noch ein Mittel -- nicht ihn zu halten; denn
dafr wollte sie nichts anderes, als seine Liebe haben, wohl aber,
sich ihm zu nhern, in eine Stellung zu treten, aus der er sie
nicht entfernen knnte. Dieses Mittel war die Ehescheidung und die
Verheiratung mit ihm. Und sie begann dies jetzt zu wnschen und
entschlo sich, zum erstenmal, darein zu willigen, sobald er oder
Stefan zu ihr davon sprechen wrden.

In solchen Gedanken verbrachte sie ohne ihn fnf Tage, die nmlichen,
whrend deren er abwesend sein mute.

Die Spaziergnge und Unterhaltungen mit der Frstin Barbara, die
Besuche des Krankenhauses, und hauptschlich die Lektre eines Buches
nach dem andern, fllten ihre Zeit aus.

Am sechsten Tage aber, als der Kutscher ohne Wronskiy zurckkehrte,
fhlte sie, da sie nicht mehr die Kraft besitze, ihre Gedanken ber
ihn und darber, was er dort wohl thun mchte, zu unterdrcken.

In dieser Zeit erkrankte ihr Tchterchen. Anna befate sich mit seiner
Pflege, aber auch dies zerstreute sie nicht, umsoweniger, als die
Krankheit nicht gefhrlich war. Wie sie auch litt, sie konnte dieses
Kind nicht lieben, und Liebe zu heucheln, das vermochte sie nicht.
Gegen Abend dieses Tages fhlte Anna, allein, eine solche Bangnis
fr Wronskiy, da sie beschlo, nach der Stadt zu fahren; nachdem
sie indessen wohlweislich davon abgekommen war, schrieb sie jenes
widerspruchsvolle Billet, welches Wronskiy erhielt, und sandte es, ohne
es nochmals durchzulesen, mit einem expressen Boten ab.

Am andern Morgen empfing sie sein Schreiben und bereute nun das ihrige.
Voll Schrecken erwartete sie die Wiederholung jenes ernsten Blickes,
den er auf sie gerichtet hatte als er abreiste, namentlich, nachdem sie
nun erfahren hatte, da das kleine Mdchen nicht gefhrlich krank sei.
Aber gleichwohl war sie froh darber, ihm geschrieben zu haben. Jetzt
gestand sich Anna selbst bereits ein, da er von ihr belstigt werde,
da er mit Bedauern seine Freiheit aufgebe, um zu ihr zurckzukehren
-- war aber nichtsdestoweniger froh, da er kam. Mochte er von ihr
belstigt werden -- wenn er nur hier war, damit sie ihn she, und jede
seiner Bewegungen kannte.

Sie sa im Salon unter der Lampe mit einem neuen Buch von Taine, und
las, dem Gerusch des Windes drauen lauschend und jede Minute die
Ankunft der Equipage erwartend. Mehrmals schien ihr, als hre sie das
Gerusch von Rdern, doch sie hatte geirrt. Endlich vernahm sie nicht
nur dieses, sondern auch den Ruf des Kutschers und das dumpfe Gerusch
in der gedeckten Einfahrt. Selbst die Frstin Barbara, welche Patience
gespielt hatte, besttigte es und Anna, in Aufregung geratend, erhob
sich, blieb jetzt aber, anstatt hinabzugehen, wie sie schon frher
zweimal gethan hatte. Sie schmte sich pltzlich ihrer Tuschung, aber
am meisten Besorgnis empfand sie davor, wie er sie bewillkommen werde.
Das Gefhl der Krnkung war schon vergangen; sie frchtete nur noch den
Ausdruck seiner Unzufriedenheit. Ihr fiel ein, da ihr Kind schon seit
zwei Tagen wieder vllig gesund war. Sie war sogar verdrielich ber
das Kind, weil es gerade zu der Zeit, als der Brief abgeschickt worden
war, sich wieder besserte. Hierauf dachte sie daran, da er nun hier
sei, ganz, mit seinen Hnden und Augen. Sie vernahm seine Stimme, und
alles vergessend, lief sie ihm voll Freude entgegen.

Was macht Any? sagte er, zaghaft von unten her Anna anblickend, die
auf ihn zueilte.

Er setzte sich auf einen Stuhl und der Diener zog ihm die warmen
Stiefel aus.

Es ist nichts; ihr ist besser.

Und du? sagte er, sich schttelnd.

Sie ergriff mit ihren beiden Hnden seine Hand und zog sie an ihre
Taille, ohne die Augen von ihm wegzuwenden.

Es freut mich sehr, sagte er, sie khl anblickend, ihre Frisur, ihr
Kleid, von dem er wute, da sie es seinetwegen angelegt hatte.

All das gefiel ihm -- aber es hatte ihm schon sovielmal gefallen! Und
jener strenge versteinerte Ausdruck, den sie so sehr frchtete an ihm,
blieb auf seinem Antlitz.

Nun, das freut mich sehr. Bist du auch gesund? sagte er, mit dem
Tuche den nassen Bart abwischend und ihre Hand kssend.

Dies ist ja gleichgltig, dachte sie, wenn er nur hier ist, und wenn
er hier ist, so kann er nicht anders, wagt er nicht anders, als mich zu
lieben.

Der Abend verging voll Glck und Heiterkeit mit der Frstin Barbara,
welche gegen Wronskiy klagte, da Anna in seiner Abwesenheit Morphium
genommen habe.

Was ist zu thun? Ich konnte nicht schlafen. Meine Gedanken hinderten
mich daran. Wenn er da ist, nehme ich es fast nie; -- fast nie. --

Er erzhlte nun von den Wahlen, und Anna verstand es, ihn dabei mit
ihren Fragen auf dasjenige zu bringen, was ihn aufheiterte, auf seinen
Erfolg. Sie erzhlte ihm von allem, was ihn daheim interessieren
konnte, und alle ihre Nachrichten waren nur die freundlichsten.

Spt am Abend indessen, nachdem sie allein waren, wnschte Anna, welche
sah, da sie ihn wieder vollstndig beherrschte, den lastenden Eindruck
seines Blickes, den er infolge ihres Schreibens auf sie gerichtet
hatte, zu verwischen.

Gestehe, dir war es verdrielich, das Schreiben zu empfangen und du
hast mir nicht geglaubt?

Sie hatte dies kaum gesagt, als sie auch schon erkannte, da ihr
Wronskiy, so liebevoll fr sie er auch gestimmt sein mochte, dies nicht
vergeben habe.

Ja, antwortete er. Der Brief war so befremdend. Bald war Any krank,
bald wolltest du selbst kommen.

Es war alles wahr.

Daran zweifle ich auch gar nicht.

Doch; du zweifelst. Du bist migestimmt; ich sehe es.

Keinen Augenblick. Ich bin nur darber ungehalten; -- es ist ja
wahr -- du, du scheinst nicht zugeben zu wollen, es gbe Pflichten --

-- Ins Konzert zu fahren --

-- Wir wollen nicht darber sprechen, sagte er.

Warum sollen wir nicht davon sprechen? antwortete sie.

Ich will nur sagen, da man unumgnglich notwendige Geschfte
haben kann. So mu ich jetzt wieder nach Moskau fahren wegen einer
Angelegenheit meines Hauses. -- Ach, Anna, weshalb bist du so reizbar?
Weit du denn nicht, da ich ohne dich nicht leben kann?

Wenn es so steht, sprach Anna, pltzlich den Ton verndernd, da
dieses Leben dir lstig wird -- ja, du kommst auf einen Tag und fhrst
wieder fort -- so machen es --

-- Anna, das ist hart. Ich bin bereit, mein ganzes Leben hinzugeben --

Doch sie hrte ihn nicht.

Wenn du nach Moskau fhrst, fahre auch ich mit. Ich bleibe nicht hier.
Entweder wir mssen uns trennen, oder miteinander leben! --

Aber du weit doch, da dies eben mein einziger Wunsch ist! Doch
hierzu --

-- Ist die Ehescheidung ntig? Ich werde ihm schreiben! Ich sehe, da
ich nicht so leben kann. Aber ich werde mit dir nach Moskau gehen.

Das ist ja, als wolltest du mir drohen? Ich wnsche doch nichts
weniger, als mich von dir zu trennen, sagte Wronskiy lchelnd.

Nicht nur der kalte, bse Blick eines Menschen, welcher verfolgt wird
und verstockt ist, glnzte in seinen Augen auf, als er diese zrtlichen
Worte sprach.

Sie sah diesen Blick und erriet richtig seine Bedeutung.

Wenn es so steht, so ist es ein Unglck! sprach dieser Blick. Es war
dies nur ein augenblicklicher Eindruck, aber sie hatte ihn nie mehr
vergessen knnen.

Anna schrieb an ihren Mann einen Brief, mit der Bitte um die
Ehescheidung, und reiste zu Ende des November, sich von der Frstin
Barbara trennend, welche nach Petersburg fahren mute, zusammen mit
Wronskiy nach Moskau. Tglich eine Antwort von Aleksey Aleksandrowitsch
erwartend, und nach dieser die Ehescheidung, hatten sie sich jetzt wie
Eheleute zusammen einquartiert.




                            Siebenter Teil.

                                   1.


Die Lewins wohnten bereits im dritten Monat in Moskau. Schon lngst
war der Zeitpunkt verstrichen, wo nach den sichersten Berechnungen der
Leute, welche sich auf die Sache verstanden, Kity niederkommen mute;
aber sie ging immer noch und an nichts war bemerkbar, da die Zeit
jetzt nher gekommen sei, als sie zwei Monate vorher gewesen.

Der Arzt, wie die Wehfrau, Dolly und die Mutter, und besonders Lewin,
vermochten nicht ohne Schrecken an das Kommende zu denken, und begannen
Ungeduld und Unruhe zu empfinden; allein Kity fhlte sich vollkommen
ruhig und glcklich.

Sie fhlte jetzt deutlich in sich das Entstehen einer neuen Empfindung
von Liebe zu dem knftigen, fr sie zum Teil schon vorhandenen Kinde,
und lauschte mit Wonne diesem Gefhl. Das Kind war jetzt nicht mehr
vllig ein Teil von ihr selbst, sondern lebte zeitweilig schon sein
eigenes, von ihr unabhngiges Leben. Oft war ihr dies schmerzhaft,
aber gleichzeitig htte sie auch darber lachen mgen in seltsamer,
ungekannter Freude.

Alle, die sie liebte, waren bei ihr, und alle waren so gut mit ihr,
bemhten sich so sehr um sie, in allem bot sich ihr so vllig nur eine
groe Annehmlichkeit, da sie sich, wenn sie nicht gewut und gefhlt
htte, da dies bald enden werde, kein besseres und angenehmeres Leben
gewnscht haben wrde.

Eines indessen, was ihr den Reiz an diesem Leben benahm, war, da ihr
Gatte nicht mehr der nmliche war, als der er sie vorher geliebt hatte,
und der er auf dem Dorfe gewesen war.

Sie liebte seinen ruhigen, freundlichen und entgegenkommenden Ton auf
dem Lande. In der Stadt hingegen schien er bestndig in Unruhe und auf
der Hut zu sein, als frchte er, es mchte ihn, oder hauptschlich sie
jemand beleidigen.

Auf dem Dorfe hatte er, offenbar wohl wissend, da er dort an seinem
Platze sei, nie gehastet, war er nie in Anspruch genommen gewesen. Hier
aber, in der Stadt, war er bestndig in geschftiger Eile, als wolle er
Etwas nicht verfehlen, und doch hatte er gar nichts zu thun.

Sie hatte Mitleid mit ihm; da er den anderen nicht bemitleidenswert
erschien, wute sie; im Gegenteil, wenn Kity in Gesellschaft auf ihn
blickte, wie man bisweilen auf einen geliebten Menschen schaut, im
Bemhen, ihn gleichsam wie einen Fremden anzusehen, um den Eindruck
in sich selbst bestimmen zu knnen, welchen derselbe auf die anderen
macht, sah sie zum Schrecken fr ihre Eifersucht, da er nicht nur
nicht klglich, sondern sehr anziehend in seiner etwas altertmelnden
Rechtschaffenheit, seiner ngstlichen Hflichkeit gegen die Frauen, mit
seiner kraftvollen Erscheinung und dem eigenartigen, wie ihr schien
ausdrucksvollen Gesicht. Doch sie betrachtete ihn nicht von auen,
sondern von innen nach auen; sie sah, da er hier nicht wahrhaftig
war; anders vermochte sie sich seinen Zustand nicht zu erklren.

Bisweilen machte sie ihm innerlich Vorwrfe darber, da er nicht
verstehe, in der Stadt zu leben; bisweilen rumte sie sich ein, da es
ihm in der That schwer werde, sein Leben hier so einzurichten, da er
damit zufrieden sein konnte.

Und in der That, was sollte er thun? Karten zu spielen liebte er
nicht; in den Klub ging er nicht; mit Lebemnnern nach Art Oblonskiys
umzugehen -- was dies bedeutete, hatte sie jetzt schon kennen gelernt
-- bedeutete zu trinken und nach dem Trinken wer wei wohin zu fahren.
Sie vermochte sich nicht ohne Schrecken zu denken, wohin bei solchen
Fllen die Herren sich begeben mchten. Sollte er in Gesellschaft
gehen? Sie wute doch, da man hierzu Vergngen in der Annherung an
junge Damen finden msse, und konnte es daher nicht wnschen. Sollte
er daheim sitzen bleiben bei ihr, der Mutter und den Schwestern? So
angenehm und unterhaltend ihr auch ein und dieselben Gesprche -- der
alte Frst nannte sie Alina-Nadina unter den Schwestern -- waren,
so wute sie doch, da ihm das langweilig werden msse. Was blieb ihm
nun zu thun brig? Sollte er fortfahren, sein Buch zu schreiben? Er
hatte schon versucht, dies zu thun, und sich in die Bibliothek begeben,
um sich mit Excerpten und Korrekturen fr sein Werk zu beschftigen,
je mehr er indessen, wie er zu ihr sagte, nichts that, um so weniger
blieb ihm Zeit brig. Auerdem aber beklagte er sich bei ihr, da er
hier allzuviel ber sein Buch gesprochen habe, da sich infolge dessen
alle Ideen ber dasselbe in ihm verwirrten und man das Interesse daran
verloren habe.

Ein Vorzug dieses Stadtaufenthalts war der, da es hier unter ihnen
nie mehr Zwiste gab. Mochte dies daher kommen, da die Bedingungen des
Stadtlebens andere waren, oder davon, da sie beide vorsichtiger und
verstndiger geworden waren in dieser Beziehung; genug, in Moskau gab
es keine Zwiste aus Eifersucht, die sie so gefrchtet hatten, als sie
nach der Stadt bersiedelten.

In dieser Beziehung ereignete sich sogar ein fr sie beide sehr
wichtiges Vorkommnis -- die Begegnung Kitys mit Wronskiy. -- Eine alte
Frstin, Marja Borisowna, eine Pathe Kitys, die diese stets sehr lieb
gehabt hatte, wnschte Kity unbedingt zu sehen. Kity, welche in ihrem
Zustande nirgendshin ausfuhr, kam mit ihrem Vater zu der verehrten
alten Dame und begegnete bei ihr Wronskiy.

Sie konnte sich bei dieser Begegnung nur damit einen Vorwurf machen,
da ihr fr einen Augenblick, als sie die ihr in dem Waffenrock einst
so bekannt gewesenen Zge erkannte, der Atem gestockt hatte, das Blut
zum Herzen gestrmt war, und eine brennende Rte -- sie fhlte dies --
auf ihr Antlitz trat. Doch dies whrte nur einige Sekunden. Ihr Vater
hatte, absichtlich laut zu Wronskiy sprechend, sein Gesprch noch
nicht geendet, als sie sich schon vllig vorbereitet fhlte, Wronskiy
anschauen zu knnen, und mit ihm, wenn es ntig werden sollte, ganz
so zu sprechen, wie sie mit der Frstin Marja Borisowna sprach: und
zwar in einer Weise, da alles bis auf den geringsten Accent, das
geringste Lcheln, von ihrem Gatten gutgeheien werden konnte, dessen
unsichtbare Gegenwart sie in dieser Minute gleichsam ber sich fhlte.

Sie sprach mit ihm einige Worte, lchelte sogar ruhig bei seinem Scherz
ber die Wahlen, die er unser Parlament nannte. -- Man mute hier
lcheln, um zu beweisen, da sie den Scherz verstanden hatte. -- Doch
sofort wandte sie sich wieder zur Frstin Marja Borisowna und blickte
nicht ein einziges Mal mehr nach ihm, bis er aufstand, um sich zu
verabschieden. Da erst blickte sie ihn wieder an, augenscheinlich aber
nur deshalb, weil es unhflich war, einen Menschen nicht anzusehen,
wenn er grt.

Sie war ihrem Vater dankbar dafr, da er nichts von der Begegnung
mit Wronskiy gesagt hatte, doch sie sah an seiner eigenen Weichheit
nach der Visite, whrend des blichen Spazierganges, da er mit ihr
zufrieden gewesen war. Auch sie selbst war zufrieden mit sich. Sie
hatte keinesfalls erwartet, da sich in ihr soviel Kraft finden
wrde, in der Tiefe ihres Herzens alle Erinnerungen an eine frhere
Empfindung fr Wronskiy zu unterdrcken, und diesem gegenber nicht
nur vollstndig gleichmtig und ruhig zu erscheinen, sondern es auch
wirklich zu sein.

Lewin errtete bei weitem mehr als Kity, als diese ihm erzhlte, da
sie Wronskiy bei der Frstin Marja Borisowna begegnet sei. Es kam
ihr sehr schwer an, ihm dies zu sagen, doch noch schwerer, ber die
Einzelheiten dieser Begegnung weiter sprechen zu mssen, da er sie
nicht frug, sondern sie nur, sich verfinsternd anblickte.

Es thut mir sehr leid, da du nicht dabei warst, sagte sie, nicht,
weil du nicht im Zimmer warst -- ich wrde nicht so natrlich geblieben
sein in deiner Gegenwart -- aber ich errte jetzt weit mehr, weit, weit
mehr, sagte sie, sich bis zu Thrnen verfrbend, ach, da du nicht
durch einen Spalt schauen konntest.

Ihre ehrlichen Augen sagten Lewin, da sie mit sich zufrieden gewesen
war, und er beruhigte sich sogleich, obwohl sie errtet war, und
begann nun, Kity selbst zu fragen, was diese ja nur wnschte. Nachdem
er alles erfahren hatte, selbst bis auf die Einzelheit, da sie nur
in der ersten Sekunde nicht umhin gekonnt habe, zu errten, sowie,
da ihr dann so frei und leicht zu Mute geworden sei, wie dem ersten
besten Begegnenden gegenber, wurde Lewin wieder vollstndig heiter und
sagte, da er sich sehr darber freue, und jetzt nicht mehr so thricht
handeln wolle, wie bei den Wahlen, sondern sich bemhen, bei der ersten
Begegnung mit Wronskiy so liebenswrdig als mglich zu sein.

Es ist so peinlich, denken zu mssen, da man einen Menschen als Feind
besitzt, mit dem zusammentreffen zu mssen, uns schwer wird, sagte
Lewin. Ich bin sehr, sehr froh darber.


                                   2.

So fahre also zu den Bolj, sagte Kity zu ihrem Gatten, als dieser um
elf Uhr, bevor er von Hause wegfuhr, zu ihr kam. Ich wei, da du im
Klub essen wirst, Papa hat dich eingeschrieben. Was machst du denn aber
den Vormittag?

Ich will nur zu Katawasoff, antwortete Lewin.

Weshalb so frh?

Er hat mir versprochen, mich mit Metroff bekannt zu machen. Ich will
mit diesem ber mein Werk sprechen; er ist ein bekannter Gelehrter in
Petersburg, sagte Lewin.

Ach, derselbe, dessen Abhandlung du so lobtest? Nun, und dann? sagte
Kity.

Will ich, vielleicht, noch aufs Gericht, in Sachen meiner Schwester.

Und ins Konzert? frug sie.

Was soll ich allein dorthin!

Nein, fahre nur; dort hat man jetzt Novitten. Sie interessierten dich
doch so. Ich wrde sicher hinfahren.

Nun, jedenfalls komme ich vor dem Essen nach Haus, sagte er, nach der
Uhr blickend.

Zieh deinen Gesellschaftsrock an, damit du direkt zur Grfin Bolj
fahren kannst.

Ist denn das so unbedingt notwendig?

Unbedingt! Er ist bei uns gewesen. Und was kostet es dich? Du fhrst
hin, setzest dich, sprichst fnf Minuten ber das Wetter, stehst wieder
auf und fhrst fort.

Du glaubst nicht; ich bin dessen so entwhnt, da mir selbst dies
schwer wird. Wie wird man es aufnehmen? Kommt da ein fremder Mensch zu
ihnen, setzt sich, bleibt ohne jeden Grund lnger sitzen, strt die
Familie, bringt sich aus der Stimmung, und geht dann wieder! --

Kity lachte.

Aber du hast doch als Junggeselle noch Visiten gemacht? sagte sie.

Allerdings; es ist mir aber stets unangenehm gewesen; jetzt bin ich
so davon entwhnt, da ich, bei Gott, lieber zwei Tage nicht essen
will, als diese Visite machen. So schwer fllt sie mir. Mir scheint
stets, als ob man verletzt sei und sagen wolle: >Weshalb bist du denn
eigentlich ohne Grund hierhergekommen?< --

O nein; man fhlt sich nicht verletzt. Dafr brge ich dir schon,
sagte Kity, ihm lachend ins Gesicht schauend. Sie nahm seine Hand, nun
leb' wohl -- fahre hin, ich bitte dich. Er wollte schon gehen, nachdem
er ihre Hand gekt hatte, als sie ihn zurckhielt. Mein Kostja, du
weit wohl, da ich nur noch fnfzig Rubel habe?

Nun, dann will ich zur Bank fahren, um dort Geld zu erheben. Wieviel
brauchst du denn? sagte er mit einem ihr bekannten Ausdruck von
Mivergngen.

Nein doch; warte. Sie hielt ihn an der Hand zurck. Sprechen
wir darber; dies beunruhigt mich. Ich, glaube doch, gebe nichts
berflssiges aus, und doch geht das Geld nur so dahin. Wir machen
Etwas nicht richtig.

Keineswegs, sagte er, sich ruspernd und von unten her auf sie
blickend. Dieses Ruspern kannte sie. Es war das Zeichen hoher
Unzufriedenheit bei ihm, nicht ber sie, sondern ber sich selbst.
Er war in der That unzufrieden, doch nicht darber, da viel Geld
gebraucht wurde, sondern da man ihn an das erinnerte, was er in der
Erkenntnis, da Etwas nicht in Ordnung sei, zu vergessen wnschte. Ich
habe Sokoloff befohlen, den Weizen zu verkaufen und das Geld fr die
Mhle im voraus in Empfang zu nehmen. Geld wird jedenfalls kommen.

Ja, aber ich frchte, da berhaupt viel --

Keineswegs, keineswegs, wiederholte er -- doch leb' wohl jetzt,
Herzchen.

Nicht doch; ich beklage es bisweilen, da ich auf Mama gehrt habe.
Wie hbsch wre es auf dem Dorfe gewesen! Und berdies qule ich euch
alle noch und wir verschwenden Geld --

Durchaus nicht, durchaus nicht. Es ist noch nicht ein einziges Mal,
seit ich verheiratet bin, der Fall gewesen, da ich gesagt htte, es
wre anders besser, als so, wie es eben ist --

Ist das wahr? sagte sie, ihm in die Augen blickend.

Er sprach dies, ohne etwas dabei zu denken, und nur um sie zu
beruhigen. Als er aber, sie anblickend, bemerkte, da diese ehrlichen,
lieben Augen fragend auf ihn gerichtet waren, da wiederholte er das
Nmliche aus ganzer Seele. Ich vergesse sie in der That, dachte er,
und rief sich in das Gedchtnis zurck, was sie beide so bald erwartete.

Wird es denn bald? Wie fhlst du dich? flsterte er, sie bei beiden
Hnden nehmend.

Ich habe schon sovielmal daran gedacht, da ich jetzt nichts mehr
denke und nichts wei.

Hast du nicht Angst?

Sie lchelte geringschtzig.

Nicht die Idee, sagte sie.

Wenn also Etwas vorkommen sollte, ich bin bei Katawasoff.

Nein; es wird nichts vorkommen; denke auch du nicht daran. Ich werde
mit Papa auf den Boulevard fahren; wir wollen zu Dolly; vor dem Essen
erwarte ich dich. -- Ach ja! Du weit wohl, da die Lage Dollys
entschieden unhaltbar wird? Sie ist ber und ber verschuldet, und Geld
hat sie nicht. Ich habe gestern mit Mama und mit Arseniy, -- so nannte
sie den Gatten ihrer Schwester, der Lwowa -- gesprochen, und wir haben
beschlossen, dich und ihn zu Stefan zu schicken. So ist es entschieden
nicht mehr mglich. Mit Papa lt sich darber nicht sprechen, doch
wenn ihr beide --

Aber was knnen wir thun? frug Lewin.

Du wirst doch wohl zu Arseniy gehen, sprich mit ihm; er wird dir
sagen, was wir beschlossen haben.

Nun, mit Arseniy bin ich im voraus in allem einverstanden. Ich werde
also zu ihm fahren. Sollten sie gerade ins Konzert gehen, so werde ich
auch mit Nataly dorthin fahren. Jetzt leb' wohl.

Auf der Treppe hielt Lewin der alte, noch unverheiratet lebende Diener
Kusma zurck, welcher den Haushalt in der Stadt verwaltete.

Der Krasavtschik, dies war das Handpferd, welches mit vom Lande
hereingebracht worden war, ist beschlagen worden, er hinkt aber immer
noch, berichtete er, was befehlt ihr nun?

In der ersten Zeit des Aufenthalts in Moskau hatten Lewin die vom Land
mit hereingebrachten Pferde beschftigt; er hatte sich auf diesem
Gebiet so gut und billig wie mglich einrichten wollen, allein es
stellte sich heraus, da ihm seine Pferde teurer wurden, als die der
Mietkutscher, und Mietkutscher nahm man noch obendrein.

La ihn zum Roarzt bringen, vielleicht ist eine Quetschung vorhanden.

Nun, und fr den Wagen Katharina Aleksandrownas? frug Kusma.

Lewin wunderte sich jetzt nicht mehr, wie whrend der ersten Zeit
seines Lebens in Moskau, da zur Fahrt von der Wosdwishenka nach den
Siwzij Wrashki ein Paar starker Pferde in den schweren Wagen hatten
gespannt werden mssen, um diesen durch den kotigen Schnee ein viertel
Werst weit zu bringen, worauf sie vier Stunden standen und da er dafr
fnf Rubel zahlte. Jetzt erschien ihm das schon natrlich.

La den Mietkutscher ein Paar Pferde fr unseren Wagen bringen, sagte
er.

Zu Diensten.

Nachdem Lewin auf diese Weise, dank den Verhltnissen der Stadt,
einfach und leicht eine Schwierigkeit geordnet hatte, welche auf dem
Lande soviel berflssige Mhe und Aufmerksamkeit erfordert htte, ging
er zur Freitreppe hinaus und rief einen Mietkutscher; setzte sich in
den Wagen und fuhr nach der Nikitskaja. Unterwegs dachte er nicht mehr
an Geld, sondern berlegte, wie er sich mit dem Petersburger Gelehrten,
der sich mit Socialwissenschaft beschftigte, bekannt machen und mit
ihm ber sein Buch sprechen wollte.

Nur in der allerersten Zeit hatten Lewin in Moskau jene, dem
Landbewohner befremdlichen, eiteln und doch unvermeidlichen
Geldausgaben berrascht, die von allen Seiten von ihm gefordert wurden.
Jetzt hatte er sich jedoch schon an sie gewhnt. Es ging ihm in dieser
Beziehung so, wie es dem Trinker gehen soll: das erste Glas ging
schwer, das zweite leichter -- nach dem dritten aber ging es wie im
Vogelschwarm.

Als Lewin das erste Hundertrubelpapier zum Ankauf der Livree eines
Dieners und eines Portiers wechselte, stellte er sich unwillkrlich
vor, da diese Livreen, die niemand etwas ntzten, doch unumgnglich
erforderlich waren, darnach zu urteilen, wie sich die Frstin und
Kity verwunderten bei der Andeutung, man knne auch ohne Livree
auskommen -- da diese Livreen ihm zwei Sommerarbeiter, das heit,
einige dreihundert Arbeitstage von der Osterwoche bis zu Fastnachten
kosteten, von denen jeder voll schwerer Arbeit vom frhen Morgen
bis zum spten Abend war -- und dieses Hundertrubelpapier ging ihm
noch schwer vom Herzen. Das folgende indessen, zum Einkauf von
Lebensmitteln zu einem Essen das er seinen Verwandten gab, das ihn
auf achtundzwanzig Rubel kam, ging, obwohl es in Lewin die Erinnerung
daran wachrief, da achtundzwanzig Rubel doch neun Tschetwert Hafer
waren, welcher unter Schwei und Sthnen gemht, gebunden, gedroschen,
geworfelt, wieder ausgest oder aufgeschttet wurde, schon leichter
fort. Jetzt aber riefen die gewechselten Scheine schon gar nicht mehr
derartige Erwgungen hervor, sondern flogen wie kleine Vgel davon.
Ob die Mhe, welche auf die Erwerbung des Geldes verwendet worden
war, dem Vergngen, welches der dafr erkaufte Gegenstand gewhrte,
wirklich entsprach, diese Erwgung war schon lange verloren gegangen.
Die wirtschaftliche Erwgung, da es einen bestimmten Preis giebt,
unter welchem man das Getreide nicht verkaufen kann, war gleichfalls
vergessen. Das Getreide, auf dessen Preis er so lange gehalten hatte,
wurde fr fnfzig Kopeken der Tschetwert billiger verkauft, als man
einen Monat vorher dafr gegeben hatte. Selbst die Erwgung, da man
bei derartigen Ausgaben unmglich ein ganzes Jahr leben knne, ohne
Schulden zu machen, selbst diese Erwgung hatte keine Bedeutung mehr
fr ihn. Nur Eines war ntig; man mute Geld auf der Bank haben, ohne
da gefragt wurde, woher es kam, soda man stets wute, wofr man den
nchsten Tag das Rindfleisch kaufen knnte.

Er hatte nunmehr auch dies bei sich beobachtet: Stets hatte bei ihm
Geld in der Bank gelegen. Jetzt aber war es dort ausgegangen und
er wute nicht recht, woher nun welches nehmen. Und dies versetzte
ihn, als Kity mit ihm ber das Geld sprach, einen Augenblick in
Verlegenheit. Dabei aber hatte er auch keine Zeit, darber nachzudenken.

Er fuhr dahin, an Katawasoff und die bevorstehende Bekanntschaft mit
Metroff denkend.


                                   3.

Lewin war mit seiner Ankunft hier wiederum eng mit seinem ehemaligen
Universittsfreunde, dem Professor Katawasoff in Verkehr getreten, den
er seit der Zeit seiner Verheiratung nicht wieder gesehen hatte.

Katawasoff war ihm angenehm durch die Klarheit und Einfachheit seiner
Weltanschauung. Lewin glaubte, da die Klarheit dieser Weltanschauung
Katawasoffs aus der Armut von dessen Natur hervorgegangen sei,
Katawasoff hingegen meinte, da die Inkonsequenz in der Denkweise
Lewins aus dem Mangel an geistiger Disciplin bei diesem hervorgehe;
aber die Klarheit Katawasoffs war Lewin willkommen, und der berflu
der undisciplinierten Gedanken Lewins war Katawasoff lieb; sie trafen
sich gern und debattierten dann.

Lewin las Katawasoff einige Stellen aus seinem Werke vor und sie
gefielen diesem. Als gestern Katawasoff Lewin im Kolleg getroffen
hatte, hatte er zu ihm gesagt, da der bekannte Metroff, dessen
Abhandlung Lewin so gut gefallen hatte, sich in Moskau befinde, und
sehr interessiert sei von dem, was ihm Katawasoff ber die Arbeit
Lewins mitgeteilt hatte, da Metroff morgen, um elf Uhr bei ihm, und
sehr erfreut sein wrde, mit ihm bekannt zu werden.

Ihr lernt entschieden immer besser aussehen, Verehrtester; es macht
einem Freude, Euch zu sehen, sagte Katawasoff, Lewin im kleinen Salon
entgegentretend. Ich hrte die Glocke und dachte, nicht mglich, da
er zur rechten Zeit kme -- nun, wie steht es mit den Tschernagorzen?
Nach der Art des Krieges --

Nun? frug Lewin.

Katawasoff teilte ihm in kurzen Worten die letzte Nachricht mit und
machte Lewin, in das Kabinett eintretend, mit einem kleinen, feisten
Manne von sehr angenehmem uern bekannt. Dies war Metroff.

Das Gesprch drehte sich kurze Zeit um Politik, und darum, wie man in
den hchsten Sphren Petersburgs die jngsten Ereignisse betrachte.

Metroff teilte ihm aus zuverlssiger Quelle bekannte Worte mit, die bei
dieser Gelegenheit vom Zaren und einem der Minister geuert worden
sein sollten.

Katawasoff hatte auch als verbrgt erfahren, da der Zar etwas
ganz anderes gesagt habe. Lewin bemhte sich, eine Situation
herauszuklgeln, nach welcher diese wie jene Worte gesagt worden sein
konnten, und das Gesprch ber den Gegenstand wurde abgebrochen.

Der Herr hat auch ein Buch bald fertig geschrieben ber die
natrlichen Verhltnisse des Arbeiters in Bezug auf den Boden, sagte
Katawasoff, ich bin zwar nicht Spezialist, doch hat es mir als
Naturwissenschaftler gefallen, da er die Menschheit nicht als etwas
auerhalb der zoologischen Gesetze stehendes auffat, sondern im
Gegenteil die Abhngigkeit derselben von ihrer Umgebung erkennt und in
dieser Abhngigkeit die Gesetze ihrer Entwicklung erforscht.

Das ist sehr interessant, sagte Metroff.

Ich habe eigentlich nur ein Buch ber die Landwirtschaft zu schreiben
begonnen, bin aber unwillkrlich, indem ich mich mit dem wichtigsten
Instrument der Landwirtschaft, dem Arbeiter, beschftigte, sagte Lewin
errtend, zu vollstndig unerwarteten Resultaten gekommen.

Und Lewin begann nun vorsichtig, als taste er nach Boden, seine
Anschauung darzulegen.

Er wute, da Metroff eine Abhandlung gegen die allgemein herrschende
politisch-konomische Wissenschaft geschrieben hatte, wute aber nicht,
bis zu welchem Grade er hoffen konnte, auf Teilnahme fr seine neuen
Anschauungen bei ihm zu stoen, und konnte dies auch nicht an dem
klugen und ruhigen Gesicht des Gelehrten erraten.

Aber worin seht Ihr die besonderen Eigenschaften des russischen
Arbeiters? sagte Metroff, in seinen zoologischen Eigenschaften,
sozusagen, oder in den Verhltnissen, in denen er sich befindet?

Lewin sah, da in dieser Frage schon ein Gedanke ausgesprochen war, mit
welchem er nicht in Einklang stand, doch fuhr er fort, seine Idee zu
entwickeln, welche darin bestand, da der russische Arbeiter einen im
Vergleich zu dem der Arbeiter anderer Vlker vollkommen eigenartigen
Blick fr sein Land besitze, und beeilte sich, um seine Behauptung
zu sttzen, hinzuzufgen, da nach seiner Meinung, dieser Blick des
russischen Volkes herrhre aus dem Bewutsein seines Berufes, die
ungeheuren, noch unbebauten Gegenden im Osten bevlkern zu mssen.

Es ist leicht mglich, in einen Irrtum zu verfallen, wenn man einen
Schlu auf die allgemeine Bestimmung eines Volkes macht, sagte
Metroff, Lewin unterbrechend. Die Lage des Arbeiters wird stets von
dessen Beziehungen zu Boden und Kapital abhngen.

Ohne Lewin noch zu gestatten, seine Idee ganz auszusprechen, begann
nun Metroff, ihm die Eigenart seiner Lehre zu erklren. Worin die
Eigenart dieser Lehre bestand, begriff Lewin nicht, weil er sich gar
nicht bemhte, sie zu begreifen; er sah, da Metroff, ebenso wie die
anderen, trotz seiner Abhandlung, in welcher die Wissenschaft der
Nationalkonomen gestrzt wurde, auf die Situation des russischen
Arbeiters doch nur vom Gesichtspunkt des Kapitals des Arbeiterlohnes
und der Rente blickte.

Obwohl er nun zugestehen mute, da in dem stlichen, dem grten
Teile Rulands, die Rente noch gleich Null war, da der Arbeitslohn
fr neun Zehntel der achtzig Millionen Einwohner nur die Ernhrung in
sich selbst ausdrckte, und ein Kapital noch nicht anders vorhanden
sei, als in Gestalt von primitivsten Hilfsmitteln, so blickte er doch
lediglich von diesem Standpunkte aus auf die gesamten Arbeiter, obwohl
er in vielem gleichwohl nicht mit den Nationalkonomen bereinstimmte,
und hielt seine neue Theorie vom Arbeitslohn aufrecht, welche er Lewin
entwickelte.

Dieser hrte nur ungern zu und opponierte anfangs. Er wollte Metroff
unterbrechen, um ihm seine Idee zu uern, die nach seiner Meinung
eine weitere Erklrung berflssig machte, aber nachdem er sich
berzeugt hatte, da sie beide in so verschiedenem Grade die Sache
betrachteten, da niemals Einer den Anderen verstehen wrde, opponierte
er nicht mehr, und hrte nur noch zu.

Ungeachtet dessen, das fr ihn jetzt schon gar nicht mehr interessant
war, was Metroff sprach, versprte er doch ein gewisses Vergngen,
indem er ihm zuhrte. Seiner Eigenliebe wurde dadurch geschmeichelt,
da ihm ein so gelehrter Mann so gern, mit so groer Aufmerksamkeit
und solchem Zutrauen zu seiner Kenntnis ber den Gegenstand, bisweilen
mit einem einzigen Wink auf eine ganze Seite der Sache deutend, seine
Gedanken aussprach.

Er schrieb dies seiner Wrde zu, ohne zu wissen, da Metroff in der
Unterhaltung mit allen seinen Bekannten besonders gern von jenem
Gegenstande mit jedem Menschen, der ihm neu bekannt wurde, sprach; da
er berhaupt gern mit jedermann ber eine Sache, die ihn beschftigte
und ihm selbst noch unklar war, redete.

Doch ich werde mich versptigen, sagte Katawasoff, nach der Uhr
blickend, nachdem Metroff seine Darlegung soeben beendet hatte. Ja, es
ist heute Sitzung in der Gesellschaft der Freunde zum Gedchtnis des
fnfzigjhrigen Jubilums Swintitschs, antwortete er auf Lewins Frage.
Ich habe mich an Peter Iwanowitsch gemacht, und habe versprochen, ber
seine Arbeiten in der Zoologie zu lesen. Kommt mit mir, es ist sehr
interessant.

In der That, es ist Zeit, sagte Metroff. Kommt mit uns, und, wenn
Ihr wollt, von da aus, mit zu mir. Ich wnschte sehr, von Eurer Arbeit
weiter zu hren.

Nein; das wird nicht gehen; sie ist noch unvollendet. Aber in die
Sitzung komme ich sehr gern mit.

Wie, Verehrtester, habt Ihr gehrt? Er gab eine ganz eigene Meinung
zum besten, sagte Katawasoff, im Nebenzimmer den Frack anlegend.

Es begann ein Gesprch ber die Universittsfrage. Die
Universittsfrage bildete einen sehr wichtigen Gegenstand whrend
dieses Winters in Moskau. Drei alte Professoren im Senat hatten die
Meinungen jngerer nicht acceptiert; und diese vertraten nun eine
eigene Ansicht.

Diese Ansicht war entsetzlich nach dem Urteile der Einen, sie war sehr
einfach und richtig nach dem der Anderen, und die Professoren hatten
sich in zwei Lager gespalten.

Die Einen, zu denen Katawasoff gehrte, sahen auf der gegnerischen
Seite niedrige Verleumdung und Betrug; die Anderen Kinderei und
Miachtung der Autoritt.

Lewin hatte, obwohl er dem Universittsverband nicht angehrte, schon
mehrmals whrend seines Aufenthalts in Moskau von dieser Angelegenheit
gehrt und darber gesprochen, und sich in dieser Beziehung seine
eigene Meinung gebildet. Er nahm Teil an dem Gesprch, welches noch auf
der Strae fortgesetzt wurde, als alle drei nach dem Gebude der alten
Universitt gingen.

Die Sitzung hatte schon begonnen. An einem Tische, welcher mit Tuch
gedeckt war und hinter dem sich Katawasoff und Metroff niederlieen,
saen sechs Herren, und einer von ihnen, der sich dicht ber eine
Handschrift beugte, las etwas.

Lewin setzte sich auf einen der leeren Sthle, welche um den Tisch
herum standen, und frug flsternd einen dort sitzenden Studenten, was
man lese.

Mit einem mivergngten Blick auf Lewin antwortete dieser:

Eine Biographie ist es.

Obwohl sich nun Lewin fr die Biographie eines Gelehrten gerade nicht
interessierte, hrte er doch unwillkrlich zu und erfuhr so manches
Interessante und Neue ber das Leben des berhmten Gelehrten.

Als der Lektor geendet hatte, dankte ihm der Vorsitzende und las die
ihm fr das Jubilum eingesandten Verse des Dichters Ment vor, nebst
einigen Worten des Dankes fr diesen.

Darauf las Katawasoff mit seiner lauten, schreienden Stimme seine
Schrift ber die Gelehrtenthtigkeit des Jubilars.

Nachdem Katawasoff geendet hatte, blickte Lewin auf die Uhr und
gewahrte, da es schon zwei Uhr sei; er berlegte, da er bis zum
Konzert Metroff sein Werk nicht werde vorlesen knnen, und versprte
dazu auch gar keine Lust.

Whrend der Zeit des Lesens hatte er nur an die stattgehabte
Unterredung gedacht, und es war ihm jetzt klar, da, obwohl vielleicht
auch die Ideen Metroffs ihre Bedeutung hatten, seine Ideen doch
ebenfalls eine solche besaen, und aufklren und zu Etwas fhren
knnten, wofern nur ein jeder fr sich auf dem auserwhlten Wege
arbeite, whrend aus einer Vernderung dieser beiden Ideen nichts
hervorgehen knne.

Nachdem sich Lewin entschlossen hatte, die Einladung Metroffs
abzulehnen, begab er sich beim Schlu der Sitzung zu diesem hin.
Metroff machte Lewin mit dem Prsidenten bekannt, mit welchem er ber
politische Neuigkeiten sprach. Hierbei erzhlte Metroff dem Prsidenten
das Nmliche, was er Lewin erzhlt hatte, whrend Lewin die gleichen
Bemerkungen machte, die er schon heute Vormittag geuert hatte; zur
Abwechslung indessen sprach er auch seine eigene Meinung mit aus, die
ihm gerade einfiel. Hierauf begann wiederum das Gesprch ber die
Universittsfrage. Da Lewin indessen alles das schon gehrt hatte,
beeilte er sich, Metroff zu sagen, er bedaure, von seiner Einladung
nicht Gebrauch machen zu knnen, empfahl sich und fuhr zu Lwoff.


                                   4.

Lwoff, der mit Nataly, der Schwester Kitys verheiratet war, hatte sein
ganzes Leben in den Residenzen und im Auslande zugebracht, wo er auch
erzogen worden war und als Diplomat gedient hatte.

Im vergangenen Jahre hatte er die diplomatische Carriere aufgegeben,
nicht infolge einer Unannehmlichkeit -- er hatte niemals mit jemand
Unannehmlichkeiten gehabt -- und war in das Hofgericht nach Moskau
bergetreten, um seinen beiden Shnen eine bessere Erziehung angedeihen
zu lassen.

Trotz des schrfsten Gegensatzes in den Gewohnheiten und Anschauungen,
sowie darin, da Lwoff auch lter als Lewin war, waren beide in
diesem Winter in engen Verkehr miteinander getreten und hatten sich
gegenseitig liebgewonnen.

Lwoff befand sich daheim, und Lewin trat ohne Anmeldung bei ihm ein.
Lwoff war im Hausrock mit Grtel, und sa in Halbschuhen von smischem
Leder in einem Lehnstuhl, durch das Pincenez mit blauen Glsern ein
Buch lesend, welches auf einem Lesepult lag, whrend er, auf der Hut
vor der abfallenden Asche, mit der schnen Hand eine bis zur Hlfte
aufgerauchte Cigarre hielt.

Sein schnes, feines und jugendliches Gesicht, welchem die lockigen,
glnzenden silbernen Haare noch mehr den Ausdruck angestammten Adels
verliehen, erglnzte von einem Lcheln, als er Lewin erblickte.

Ausgezeichnet! Ich wollte schon zu Euch schicken! Nun, was macht Kity!
Setzt Euch hierher, da ist es behaglicher, er stand auf und bewegte
einen Rollstuhl herbei.

Habt Ihr schon das letzte Cirkular im >Journal de St. Petersbourg<
gelesen? Ich finde es vortrefflich, sagte er mit etwas franzsischem
Accent.

Lewin teilte ihm mit, was er von Katawasoff vernommen hatte, und was
man in Petersburg sprche, und berichtete, nachdem er ber die Politik
gesprochen hatte, von seiner Bekanntschaft mit Metroff und seiner
Exkursion in die Sitzung. Lwoff interessierte dies sehr.

Ich beneide Euch, da Ihr Zutritt zu dieser interessanten
Gelehrtenwelt habt, sagte er, und ging dann, wie gewhnlich sogleich
zu der ihm bequemeren franzsischen Sprache ber. Ich habe allerdings
leider auch keine Zeit; denn mein Dienst sowohl, als die Beschftigung
mit meinen Kindern beraubt mich derselben; dann aber scheue ich mich
nicht, zu bekennen, da meine Bildung allzu mangelhaft ist.

Das glaube ich nicht, antwortete Lewin lchelnd, und, wie gewhnlich,
voll Erbarmen mit dieser niedrigen Meinung von sich selbst, die
durchaus nicht dem Wunsche, bescheiden zu erscheinen oder zu sein,
entsprang, sondern vollstndig aufrichtig war.

Ach, gewi doch! Ich fhle es jetzt, wie wenig gebildet ich bin.
Selbst zur Erziehung der Kinder mu ich viel wieder an meinem
Gedchtnis auffrischen, ja geradezu lernen! Denn trotzdem, da Lehrer
da sind, mu auch ein Aufseher da sein, sowie in Eurer konomie
Arbeiter ntig sind nebst einem Inspektor. Da lese ich eben -- er
zeigte auf die Grammatik Buslajeffs, welche auf dem Lesepult lag, das
fordert man von Mischa, und es ist doch so schwierig -- erklrt mir
dies. Hier sagt er --

Lewin wollte ihm erklren, da man dies nicht verstehen knne, sondern
lernen msse, doch Lwoff stimmte dem nicht bei.

Ihr lacht darber! sagte er.

Im Gegenteil, Ihr knnt Euch nicht vorstellen, wie ich, im Hinblick
auf Euch, stets studiere, was mir auch bevorsteht, die Erziehung von
Kindern!

Nun, aber das Lernen taugt doch nichts, sagte Lwoff.

Ich kann nur sagen, antwortete Lewin, da ich nie besser erzogene
Kinder gesehen habe, als die Euren, und keine besseren Kinder wnschte,
als die Euren sind.

Lwoff hielt augenscheinlich an sich, seine Freude zu zeigen, aber er
erglnzte doch von einem Lcheln.

Wenn sie nur besser werden als ich, das ist alles, was ich wnsche.
Ihr kennt noch nicht die ganze Mhe, begann er, mit den Knaben,
welche, wie die meinen, in diesem Leben im Auslande verwildert waren.

Ihr holt alles ein. Es sind ja so befhigte Kinder, und was die
Hauptsache ist -- sie haben eine moralische Erziehung. Das ist es, was
ich studiere, wenn ich Eure Kinder anblicke.

Ihr sagt, eine moralische Erziehung. Man kann sich nicht vorstellen,
wie schwer diese ist! Kaum habt Ihr die eine Seite bekmpft, so wachsen
andere hervor und es beginnt ein neuer Kampf. Htte man nicht die
Sttzen in der Religion -- wit Ihr noch, wir haben zusammen darber
gesprochen -- so wrde kein Vater mit seinen Krften allein, ohne diese
Hilfe, erziehen knnen.

Dieses Lewin stets interessierende Gesprch wurde durch den Eintritt
der zur Ausfahrt angekleideten, schnen Nataly Aleksandrowna,
unterbrochen.

Ah, ich habe gar nicht gewut, da Ihr hier seid, sagte sie,
augenscheinlich nicht mit Bedauern, sondern vielmehr erfreut, da sie
dieses, ihr schon lngst bekannte, langweilige Gesprch unterbrochen
hatte. Was macht Kity? Ich esse heute bei Euch. Weit du Arseny,
wandte sie sich an ihren Gatten, du nimmst den Wagen.

Unter den beiden Gatten begann nun ein Gesprch, wie sie den Tag
verleben wollten. Da der Gatte mit jemand im Amte zusammenkommen,
die Gattin aber in das Konzert und in die ffentliche Sitzung des
sdstlichen Komitees fahren mute, so war viel zu beschlieen und zu
berlegen.

Lewin, als unabhngiger Mann, mute Teil an diesen Plnen nehmen,
und es ward beschlossen, da er mit Nataly in das Konzert und in die
ffentliche Sitzung fuhr, von da aus den Wagen nach dem Comptoir zu
Arseniy sende und dieser Nataly abholen und mit zu Kity nehmen solle --
oder, wenn er mit seinen Geschften noch nicht fertig wre, den Wagen
zurckschicke und Lewin mit ihr fahre.

Er beschmt mich ganz, sagte Lwoff zu seiner Frau, er versichert
mir, da unsere Kinder vorzglich sind, whrend ich doch wei, da sie
soviel Fehler haben.

Arseniy geht bis ins Extrem, ich sage es immer, bemerkte seine
Gattin. Wenn man Vollkommenheiten suchen will, so wird man nie
zufrieden werden, und Papa sagt die Wahrheit damit, da es, als man
uns noch erzog, nur ein einziges Mittel gab -- man steckte uns ins
Entresol; whrend die Eltern in der Bel-Etage wohnten; jetzt hingegen
mchten die Eltern in die Rumpelkammer und die Kinder in die Bel-Etage!
Die Eltern mchten jetzt schon gar nicht mehr selbst leben, sondern nur
noch fr ihre Kinder.

Aber wie, wenn dies das Angenehmere wre? sagte Lwoff, mit seinem
schnen Lcheln, ihren Arm berhrend. Wer dich nicht kennt, wird
glauben, du seist keine Mutter, sondern eine Stiefmutter.

Nein; das Extrem ist nie gut, sagte Nataly ruhig, sein Papiermesser
auf den Tisch an den dafr bestimmten Platz legend.

Nun kommt einmal her, ihr Musterkinder, sagte Lwoff zu seinen
eintretenden hbschen Knaben, welche, Lewin begrend, zu ihrem Vater
traten, offenbar in dem Wunsche, ihn nach etwas zu fragen.

Lewin wollte mit ihnen reden und hren, was sie dem Vater zu sagen
htten, aber Nataly begann mit ihm zu sprechen und soeben trat auch
ein Kollege Lwoffs im Amte, Machotin, in Hofuniform ein, um mit Lwoff
zusammen jemand zu treffen; es begann ein eifriges Gesprch ber die
Herzogowina, die Frstin Korzynska, die Duma und den pltzlichen Tod
der Apraksina.

Lewin hatte den ihm gegebenen Auftrag ganz vergessen. Er erinnerte sich
desselben erst beim Verlassen des Vorzimmers.

Ach, Kity hat mir ja anvertraut, ich mchte Etwas mit Euch betreffs
Oblonskiys besprechen, sagte er, als Lwoff auf der Treppe stehen
blieb, indem er sein Weib und ihn hinausbegleitete.

Ja, ja, =maman= wnscht, da wir, =les beaux-frres=, ihn vornehmen,
sagte er errtend, aber weshalb wohl ich dabei sein soll? --

So werde ich ihn vornehmen, sagte die Lwowa lchelnd, das Ende des
Gesprchs abwartend; doch jetzt kommt!


                                   5.

In der Matinee fhrte man zwei sehr interessante Novitten vor. Die
eine war eine Phantasie Knig Lear in der Steppe, die andere ein
Quartett, dem Andenken Bachs gewidmet. Beide Stcke waren neu und von
originellem Geiste und Lewin wnschte sich eine Meinung ber sie zu
bilden. Nachdem er seine Schwgerin nach deren Stuhl begleitet hatte,
trat er an eine Sule und nahm sich vor, so aufmerksam und gewissenhaft
als mglich zuzuhren. Er bemhte sich, nicht abzuschweifen und den
Eindruck in sich zu beintrchtigen, indem er auf die Armbewegungen
des Kapellmeisters in der weien Halsbinde blickte, die stets die
musikalische Aufmerksamkeit so unangenehm ablenkten, oder auf die
Damen in ihren Hten, welche sich geflissentlich fr das Konzert die
Ohren mit Bndern zugebunden hatten, oder auf alle jene Personen,
die entweder mit nichts beschftigt, oder von den verschiedensten
Interessen, nur nicht dem fr Musik, eingenommen waren.

Er bemhte sich, den Begegnungen mit Musikkennern und Schwtzern aus
dem Wege zu gehen, und stand nur vor sich niederblickend und lauschte.
Doch je mehr er von der Phantasie Knig Lear hrte, um so ferner fhlte
er sich der Mglichkeit gerckt, sich selbst eine bestimmte Meinung zu
bilden.

Unaufhrlich begann es, als bereite sich der Ausdruck einer
musikalischen Empfindung vor, sogleich aber fiel derselbe in Trmmer
von neuen Anstzen zu musikalischen Phrasen auseinander, bisweilen
sogar einfach in durch nichts als die Laune des Komponisten verbundene,
aber auerordentlich komplizierte Klnge.

Aber gerade die Unterbrechungen dieser musikalischen Phrasen, die
bisweilen gut waren, zeigten sich als unangenehm, weil sie vollstndig
unerwartet und durch nichts vorbereitet erschienen. Frohsinn und
Trauer, Verzweiflung und Zartheit oder Triumph erschienen ohne jede
innere Berechtigung, gleichsam wie die Gefhle eines Wahnsinnigen; und
ebenso wie bei einem Wahnsinnigen, vergingen sie auch wieder unerwartet.

Lewin hatte whrend der ganzen Zeit der Auffhrung das Gefhl
eines Tauben, welcher auf Tanzende schaut. Er war in vollstndiger
Ungewiheit, nachdem das Stck geendet hatte, und fhlte groe Ermdung
von der gespannten, durch nichts gelohnten Aufmerksamkeit. Von allen
Seiten wurde lautes Hndeklatschen vernehmbar. Alles erhob sich und
begann herumzulaufen um sich zu unterhalten.

Im Wunsche, nach dem Eindruck anderer seinen Zweifel aufzuklren,
begann auch Lewin zu gehen, um Kenner zu suchen, und war erfreut,
als er einen namhaften Musikkenner im Gesprch mit dem ihm bekannten
Peszoff erblickte.

Wunderbar! sagte der tiefe Ba Peszoffs.

Guten Tag, Konstantin Dmitritsch. Ganz besonders formgerecht und
monumental, sozusagen; und wie reich an Farben ist jene Stelle, in
welcher man die Annherung Cordelias fhlt, wo die Frau, >das ewig
Weibliche< wie der Deutsche sagt, in den Kampf mit dem Schicksal tritt.
Nicht wahr?

Nun, inwiefern war denn da gerade Cordelia? frug Lewin schchtern; er
hatte vollstndig vergessen, da die Phantasie Knig Lear in der Steppe
ausdrcken solle.

Es zeigt sich Cordelia -- hier! sagte Peszoff, mit den Fingern auf
den atlasglnzenden Zettel schlagend, den er in der Hand hielt und
Lewin nun hinreichte.

Jetzt erst erinnerte sich Lewin des Titels der Phantasie und beeilte
sich nun, die Verse Shakespeares in der russischen bersetzung zu
lesen, welche auf der Rckseite des Programms gedruckt standen.

Ohne dies kann man freilich nicht folgen, sagte Peszoff, sich zu
Lewin wendend, da der Herr mit welchem er sich unterhalten hatte,
gegangen war, und er mit niemand mehr zu sprechen hatte.

Im Zwischenakt entspann sich zwischen Lewin und Peszoff ein Streit ber
die Vorzge und Mngel der Wagnerschen Musikrichtung. Lewin wies nach,
da der Irrtum Wagners und aller seiner Nachfolger darin bestehe, da
hier die Musik in das Gebiet einer fremdartigen Kunst bergehen wolle,
da auch die Poesie irre, wenn sie die Zge eines Gesichts beschreibe,
was die Malerei zu thun htte, und fhrte als Beispiel eines solchen
Irrtums jenen Bildhauer an, welcher die Schatten der poetischen
Gestalten, die rings um die Figur des Dichters auf dem Piedestal
aufragten, in Marmor zu bilden gedachte.

Diese Schatten werden ebensowenig Schatten fr den Bildhauer sein, da
sie sich sogar an der Leiter anhalten knnen, sagte Lewin. Der Satz
gefiel ihm, doch er konnte sich nicht entsinnen, ob er ihn nicht schon
frher einmal ausgesprochen hatte, gerade gegen Peszoff, und geriet
daher, nachdem er ihn geuert, in Verlegenheit.

Peszoff hingegen wies nach, da die Kunst einheitlich sei und ihre
hchsten Offenbarungen nur in der Vereinigung aller ihrer Arten
erreichen knne.

Die zweite Nummer des Konzerts konnte Lewin nicht mehr hren. Peszoff,
der neben ihm stehen geblieben war, hatte fast die ganze Zeit mit
ihm gesprochen, indem er dieses Stck wegen seiner bermigen
geschmackswidrigen, unvermittelten Einfachheit den Praeraphaeliten in
der Malerei verglich.

Beim Hinausgehen begegnete Lewin noch vielen Bekannten, mit welchen er
ber Politik, ber Musik und gemeinsame Bekannte sprach, unter anderen
traf er auch den Grafen Bolj, dessen Besuch er gnzlich vergessen hatte.

Nun, so fahrt nur gleich hin, sagte die Lwowa zu ihm, der er dies
mitgeteilt hatte, vielleicht empfngt man Euch nicht und Ihr kommt
dann zu mir in die Sitzung. Ihr werdet mich da schon noch treffen.


                                   6.

Man empfngt wohl nicht? sagte Lewin, in den Flur des Hauses der
Grfin Bolj tretend.

Man empfngt, bitte, antwortete der Portier, ihm resolut den Pelz
abnehmend.

Ist das unangenehm, dachte Lewin, mit einem Seufzer den einen
Handschuh abstreifend und seinen Hut glttend. Weshalb komme ich denn
eigentlich? Was soll ich denn mit ihnen reden?

Durch den ersten Salon schreitend, traf Lewin in der Thr die Grfin
Bolj, welche mit geschftigem und ernstem Ausdruck dem Diener einen
Befehl erteilte.

Als sie Lewin erblickte, lchelte sie und ntigte ihn in den folgenden,
kleinen Salon, aus welchem Stimmen vernehmbar waren. In diesem Salon
saen auf Lehnsthlen die beiden Tchter der Grfin und ein, Lewin
bekannter, Moskauer Oberst. Lewin nherte sich ihnen, grte, und lie
sich neben dem Diwan nieder, den Hut auf dem Knie haltend.

Wie ist das Befinden Eurer Frau? Waret Ihr im Konzert? Wir konnten
nicht! Mama mute bei einer Totenmesse gegenwrtig sein.

Ja, ich habe gehrt -- welch ein pltzlicher Todesfall, sagte Lewin.

Die Grfin kam, setzte sich auf den Diwan und frug gleichfalls nach
seiner Frau und dem Konzert.

Lewin antwortete und wiederholte die Frage nach dem pltzlichen Tode
der Apraksina.

Sie war berhaupt stets von schwacher Gesundheit.

Waret Ihr gestern in der Oper?

Ja, ich war da.

Die Lucca war sehr gut.

Ja, sehr gut, sagte er und begann, da es ihm ganz gleichgltig war,
was man von ihm denken mochte, zu wiederholen, was er hundertmal schon
ber die Eigentmlichkeit des Talentes der Sngerin gehrt hatte.
Die Grfin Bolj stellte sich, als hre sie zu. Als er dann genug
geredet hatte, und nun schwieg, begann der Oberst, welcher bis jetzt
geschwiegen hatte.

Der Oberst fing gleichfalls an, ber die Oper und die Beleuchtung
zu sprechen und als er endlich noch von einem vorgeschlagenen
=folle journe= bei Tjurin berichtet hatte, brach er in Gelchter
aus, verursachte ein Gerusch, erhob sich und ging. Auch Lewin war
aufgestanden, bemerkte aber an dem Gesicht der Grfin, da fr ihn
die Zeit des Gehens noch nicht da sei; noch zwei Minuten fehlten,
und so setzte er sich denn wieder. Da er indessen noch immer darber
nachdachte, wie thricht das alles sei, so fand er auch keinen Stoff zu
einem Gesprch und blieb stumm.

Fahrt Ihr nicht in die ffentliche Sitzung? Man sagt, sie sei sehr
interessant, begann die Grfin.

Nein, ich habe nur meiner =belle soeur= versprochen, sie dort
abzuholen, sagte Lewin.

Ein Schweigen trat ein. Die Mutter wechselte nochmals einen Blick mit
der Tochter.

Jetzt scheint es Zeit zu sein, dachte Lewin und stand auf. Die
Damen drckten ihm die Hand und baten, seiner Gattin =mille choses=
ausrichten zu wollen.

Der Portier frug ihn, als er ihm den Pelz reichte, wo beliebt Ihr zu
stehen? und trug ihn sogleich in ein groes, hbsch gebundenes Buch
ein.

Mir ist das natrlich doch ganz gleichgltig, aber dennoch bleibt das
lstig und entsetzlich thricht, dachte Lewin, sich damit trstend,
da alle es ja so machten, und fuhr nach der ffentlichen Sitzung des
Komitees, wo er seine Schwgerin treffen sollte, um mit derselben
zusammen nach Haus zu fahren.

In der ffentlichen Sitzung des Komitees war viel Volk und fast die
gesamte Gesellschaft zugegen. Lewin trat gerade ein, als das Protokoll
verlesen wurde, welches wie jedermann sagte, sehr interessant war. Als
die Lektre des Protokolls beendet war, mischte sich die Gesellschaft
untereinander und Lewin traf auch Swijashskiy, der ihn fr den Abend
dringend in die Gesellschaft fr Landwirtschaft einlud, wo ein
berhmter Vortrag gelesen werden wrde, ferner Stefan Arkadjewitsch,
der soeben von den Rennen gekommen war, und noch viele andere
Bekannte, und Lewin uerte und vernahm verschiedene Urteile ber
die Sitzung, ber das neue Musikstck und einen Proze. Doch mochte
er, wohl infolge der Ermdung seiner geistigen Spannkraft, die er zu
empfinden begann, irren, indem er von dem Proze sprach, und dieser
Irrtum kam ihm in der Folge mehrmals noch zu seinem Verdru wieder
in die Erinnerung. Indem er von der bevorstehenden Bestrafung eines
Auslnders sprach, der in Ruland abgeurteilt wurde, sowie davon, da
es ungesetzmig wre, ihn mit Verbannung ins Ausland zu bestrafen,
wiederholte Lewin, was er gestern in einem Gesprch von einem Bekannten
vernommen hatte. Ich denke, da seine Ausweisung ebensoviel wert wre,
als wenn man einen Hecht damit bestrafen wollte, da man ihn ins Wasser
setzt, meinte Lewin. Erst spter dachte er wieder daran, da dieser
scheinbar von ihm geuerte Gedanke, den er von einem Bekannten gehrt
hatte, aus einer Fabel Kryloffs stammte, der Bekannte aber diesen
Gedanken aus dem Feuilleton eines Journals wiederholt hatte.

Nachdem Lewin mit seiner Schwgerin nach Haus gefahren war und Kity
heiter und wohl gefunden hatte, fuhr er nach dem Klub.


                                   7.

Er kam erst zu vorgerckter Zeit in den Klub. Gleichzeitig mit ihm
kamen Gste und Mitglieder vorgefahren. Er war sehr lange nicht hier
gewesen; seit der Zeit nicht, als er noch nach dem Verlassen der
Universitt in Moskau gewohnt und die Gesellschaft besucht hatte. Er
entsann sich wohl noch des Klubs, und der ueren Einzelheiten seiner
Einrichtung, hatte aber den Eindruck gnzlich vergessen, den er in
frherer Zeit davon erhalten hatte.

Kaum jedoch hatte er, nachdem er auf den gerumigen halbrunden Hof
gefahren und aus dem Mietgeschirr gestiegen war, die Treppe betreten,
whrend ihm der Portier in seinem Brustgurt geruschlos die Thr
ffnete und sich verbeugte; kaum hatte er in der Portierloge die
Kaloschen und Pelze von Mitgliedern wieder erblickt, welche erwogen
hatten, da es weniger Mhe verursachte, die Kaloschen gleich unten
abzulegen, als sie mit nach oben zu nehmen; kaum hatte er den
geheimnisvollen, ihm vorauseilenden Glockenton vernommen, und die
schrge, mit Teppichen belegte Treppe betretend, auf dem Treppenabsatz
die Statue erblickt, und in den oberen Thren den dritten,
altgewordenen, ihm wohlbekannten Portier in der Klublivree, der weder
zu schnell noch zu langsam die Thr ffnete und den Gast anblickte --
da berkam Lewin wieder das alte Klubgefhl, ein Gefhl von Erholung,
Vergngen und Noblesse.

Bitte, den Hut, sagte der Portier zu Lewin, welcher die Klubregel,
den Hut in der Portierloge zu lassen, vergessen hatte. Ihr seid lange
nicht hier gewesen. Der Frst hat Euch noch gestern eingeschrieben.
Frst Stefan Arkadjewitsch ist noch nicht anwesend.

Der Portier kannte nicht nur Lewin, sondern auch dessen smtliche
Verbindungen und Verwandtschaft und that sofort der ihm nahestehenden
Mnner Erwhnung.

Den ersten Vorsaal mit den Ofenschirmen, und dann ein rechts
abgetrenntes Zimmer, in welchem der Obstverkufer sa, durchschreitend,
berholte Lewin einen langsam gehenden Herrn und trat in das vom Lrm
versammelter Menschen erfllte Speisezimmer.

Er schritt lngs der fast schon besetzten Tische hin, die Gste
musternd. Hier und da fielen ihm die verschiedensten Personen, alte
und junge, aber kaum bekannte oder nahestehende ins Auge. Hier gab
es kein einziges gereiztes oder sorgenvolles Gesicht. Alle, wie
es schien, hatten in der Portierloge mit ihren Hten auch ihre
Bedrngnisse und Sorgen zurckgelassen und sich vorgenommen, mit Mue
die materiellen Annehmlichkeiten des Lebens hier zu genieen. Hier war
auch Swijashskiy, Schtscherbazkiy, Njewjedowskiy, der alte Frst, sowie
Wronskiy und Sergey Iwanowitsch.

Ah, hast du dich versptet? sagte der Frst lchelnd, ihm mit der
Hand auf die Schulter schlagend. Was macht Kity? fgte er hinzu,
die Serviette ordnend, die er sich zwischen einem Knopf der Weste
eingeklemmt hatte.

Befindet sich ganz wohl; die Damen speisen zu Dreien zu Haus.

Aha, Alina -- Nadina; nun, bei uns hier ist freilich kein Platz mehr.
Aber geh zu jenem Tisch und nimm mglichst schnell einen Platz ein,
sagte der Frst und ergriff, sich umwendend, behutsam einen Teller mit
Quappensuppe.

Lewin, hierher! rief etwas weiterhin eine freundliche Stimme. Es war
Turowzyn. Er sa bei einem jungen Offizier und zwischen ihnen standen
zwei umgewendete Sthle. Lewin schritt erfreut auf sie zu. Er hatte den
gutmtigen Zecher Turowzyn stets lieb gehabt; mit ihm vereinigte sich
seine Erinnerung an die Liebeserklrung gegen Kity; heute aber, nach
all den angestrengten geistigen Unterhaltungen war ihm die gutmtige
Erscheinung Turowzyns besonders willkommen.

Diese Sthle sind fr Euch und Oblonskiy. Er wird auch sogleich da
sein!

Der Offizier, welcher sich sehr gerade hielt, mit heiteren, ewig
lachenden Augen war ein Petersburger, namens Gagin. Turowzyn machte
beide miteinander bekannt.

Oblonskiy kommt doch ewig zu spt.

Da ist er ja!

Bist du soeben gekommen? sagte Oblonskiy, schnell zu ihnen
herkommend. Geht es gut? Hast du schon einen Liqueur genommen? Komm!

Lewin erhob sich und ging mit ihm nach dem groen Tisch, der mit
Liqueuren und den mannigfaltigsten Leckerbissen besetzt war. Man
konnte wohl aus zwanzig verschiedenen Dingen auswhlen, was nach dem
Geschmack war, aber Stefan Arkadjewitsch forderte einen ganz besonderen
Liqueur, und einer der dastehenden Diener in Livree brachte sofort das
Gewnschte. Sie tranken jeder ein Glas und kehrten dann zum Tische
zurck.

Sogleich, noch bei der Suppe, brachte man Gagin Champagner und dieser
lie vier Glser fllen. Lewin wies den angebotenen Wein nicht zurck
und bestellte eine zweite Flasche. Er war hungrig, speiste und trank
mit groem Appetit und nahm mit noch grerem Vergngen an den heiteren
und leichten Gesprchen seiner Gesellschafter teil. Gagin, der die
Stimme hatte sinken lassen, erzhlte eine neue Petersburger Anekdote,
die, obwohl indecent und ungereimt, doch lustig genug war, soda Lewin
so laut lachte, da die Nachbarn ihn anblickten.

Das ist etwas von der Art, wie >dies gerade kann ich gar nicht
vertragen!< -- Weit du? -- frug Stefan Arkadjewitsch. Ach, das ist
reizend! Noch eine Flasche, sagte er zu dem Diener, und begann zu
erzhlen.

Peter Iljitsch Winowskiy lassen bitten, unterbrach ein alter Diener
Stefan Arkadjewitsch, zwei feine Glser perlenden Champagners bringend
und sich an Stefan Arkadjewitsch und Lewin wendend.

Stefan Arkadjewitsch ergriff das Glas und nickte lchelnd nach der
anderen Seite des Tisches, mit einem kahlkpfigen, rothaarigen und
brtigen Herrn einen Blick tauschend, mit dem Kopfe.

Wer ist dies? frug Lewin.

Du bist ihm schon einmal bei mir begegnet, besinnst du dich? Er ist
ein vortrefflicher Mensch.

Lewin that, was Stefan Arkadjewitsch that und nahm das Glas.

Die Anekdote Stefan Arkadjewitschs war gleichfalls sehr ergtzlich.
Lewin erzhlte nun seine Anekdote, welche auch gefiel, dann kam das
Gesprch auf Pferde, auf die Rennen des heutigen Tages und darauf, wie
schlau der Atlasny Wronskiys den ersten Preis gewonnen habe. Lewin
bemerkte gar nicht, wie die Zeit beim Essen verging.

Ah, da ist er ja selbst! sagte gegen das Ende des Essens Stefan
Arkadjewitsch, sich ber die Lehne des Stuhles beugend und dem in
Begleitung eines hohen Gardeobersten auf ihn zukommenden Wronskiy, die
Hand entgegenstreckend. In dem Gesicht Wronskiys leuchtete gleichfalls
die allgemeine heitere Klubgemtlichkeit. Frohgelaunt sttzte er sich
auf die Schulter Stefan Arkadjewitschs, indem er demselben etwas
zuflsterte, und streckte Lewin mit dem nmlichen heiteren Lcheln die
Hand entgegen.

Sehr erfreut, Euch hier zu treffen, sagte er. Ich hatte Euch
damals nach den Wahlen gesucht, man sagte mir aber, Ihr wret schon
weggefahren.

Ja; ich bin noch denselben Tag fortgefahren; wir hatten brigens
soeben von Eurem Pferde gesprochen. Ich gratuliere Euch, sagte Lewin,
das war ein sehr schneller Ritt!

Ihr habt doch wohl auch Pferde?

Nein; mein Vater hatte welche; doch ich besinne mich noch und kenne
das.

Wo hast du gespeist? frug Stefan Arkadjewitsch.

Wir sitzen am zweiten Tisch; hinter den Sulen.

Man hat ihm gratuliert, sagte der hochgewachsene Oberst.

Es war der zweite Kaiserpreis; wenn ich doch solches Glck in den
Karten htte, wie er mit den Pferden.

Aber, wozu die goldene Zeit verlieren! Ich gehe in das Infernalische,
sagte der Oberst und verlie den Tisch.

Das war Jaschwin, sagte Wronskiy zu Turowzyn und setzte sich auf den
neben ihnen freigewordenen Platz. Nachdem er den ihm vorgesetzten Pokal
geleert hatte, bestellte er eine Bouteille. Mochte nun der Einflu der
Klublaune oder der des genossenen Weines schuld sein, genug, Lewin
unterhielt sich mit Wronskiy ber die beste Viehrasse, und es war ihm
sehr lieb, da er keine Feindseligkeit mehr gegen diesen Mann empfand.
Er sagte demselben sogar unter anderem, er habe von seiner Frau gehrt,
sie sei ihm bei der Frstin Marja Borisowna begegnet.

Ach, die Frstin Marja Borisowna; die ist reizend! sagte Stefan
Arkadjewitsch, und erzhlte nun eine Anekdote von ihr, welche alle zu
lachen machte. Besonders Wronskiy lachte so herzlich, da Lewin sich
vollstndig mit ihm ausgeshnt fhlte.

Nun, seid Ihr fertig? frug Stefan Arkadjewitsch aufstehend, und
lchelte. Gehen wir!


                                   8.

Vom Tische aufstehend, ging Lewin, in dem Gefhl, da ihm beim Gehen
die Hnde eigentmlich sicher und leicht in der Bewegung waren, mit
Gagin durch die hohen Zimmer nach dem Billardsaal. Als er durch den
groen Saal schritt, traf er seinen Schwiegervater.

Nun, was sagst du? Wie gefllt dir unser Tempel der Mue? sagte der
Frst, ihn am Arme nehmend. Komm, gehen wir weiter!

Auch ich wollte gehen und ein wenig zuschauen. Es ist interessant.

Ja, fr dich. Doch fr mich ist das Interesse schon ein anderes, als
fr dich. Du schaust freilich auf diesen Alten da, sprach er, auf ein
gebcktes Mitglied des Klubs mit herabhngender Lippe zeigend, welches,
nur mit Mhe die Fe in den weiten Stiefeln weiterschiebend, ihnen
entgegenkam, und denkst dabei, da sie schon als solche alte Ruinen
geboren worden sind.

Was ist das, Ruinen?

Du kennst diese Benennung wohl noch nicht. Es ist das unser
Klubausdruck. Weit du: wenn Einer Jahr aus Jahr ein in den Klub kommt,
so wird endlich eine Ruine aus ihm. Ja, du lachst darber, aber unser
einer mu schon aufpassen, wenn er selbst unter die Ruinen kommt. Du
kennst doch den Frsten Tschetschenskiy? frug der Frst und Lewin sah
an seinem Gesicht, da er im Begriff sei, etwas Witziges zu sagen.

Nein, ich kenne ihn nicht.

Nun, gewi doch; der Frst Tschetschenskiy ist ja bekannt. Doch
gleichviel! -- Der spielt also ewig Billard. Vor drei Jahren war er
noch nicht unter den Ruinen und noch rstig. Ja, er selbst nannte
andere Ruinen. Doch da kommt er einstmals an, und unser Portier, du
kennst ihn doch, den Wasiliy? Nun, der Dicke! Der ist gro in Bonmots!
Den frgt der Frst Tschetschenskiy, >he, Wasiliy, wer ist denn alles
gekommen? Sind Ruinen mit dabei?< Wasiliy antwortet ihm: >Ihr seid die
dritte darunter.< -- Ja, Bruder; so ist es. --

Unter Gesprch und Begrungen mit begegnenden Bekannten ging Lewin
mit dem Frsten durch alle Zimmer; durch das groe, in welchem bereits
die Tische standen und die an nicht hohes Spiel gewhnten Partner
spielten, dann in das Diwanzimmer, wo man Schach spielte, und wo
Sergey Iwanowitsch im Gesprch mit jemand sa -- hierauf durch das
Billardzimmer, wo in einer Zimmernische bei dem Diwan eine lustige
Champagnergesellschaft, an welcher Gagin teilnahm, sich etabliert
hatte. Sie warfen auch einen Blick in das infernalische Zimmer, wo
sich um einen Tisch, hinter welchem Jaschwin bereits Platz genommen
hatte, viele Setzende drngten.

Sich bemhend, Gerusch zu vermeiden, begaben sie sich auch nach dem
dmmrigen Lesezimmer, wo unter den Lampen einsam ein junger Mann mit
galligem Gesicht sa, der ein Journal nach dem andern ergriff, und ein
kahlkpfiger General, der in seine Lektre vertieft war. Sie gingen
auch nach dem Zimmer, welches der Frst das verstndige nannte. In
diesem Raume sprachen drei Herren eifrig ber die letzte politische
Neuigkeit.

Frst, wenn es gefllig ist; alles bereit, sagte einer seiner
Partner, ihn hier findend, und der Frst ging. Lewin blieb sitzen,
hrte zu, aber pltzlich wurde es ihm, indem er sich des heutigen
Morgens erinnerte, entsetzlich langweilig zu Mute. Er erhob sich hastig
und ging, um Oblonskiy und Turowzyn zu suchen, in deren Gesellschaft es
heiter zuging.

Turowzyn sa mit einem Kruge auf einem hohen Diwan im Billardzimmer,
und Stefan Arkadjewitsch und Wronskiy unterhielten sich an der Thr in
einer entfernten Ecke des Zimmers.

Nicht, da sie sich langweilte, aber diese Unbestimmtheit, die
Unentschiedenheit in ihrer Lage, hrte Lewin und wollte sich eiligst
zurckziehen, doch Stefan Arkadjewitsch rief ihn herbei.

Lewin! sagte Stefan Arkadjewitsch, und Lewin bemerkte in seinen Augen
zwar nicht Thrnen, wohl aber eine gewisse Feuchtigkeit, wie dies stets
der Fall bei ihm war, wenn er entweder getrunken hatte, oder in Gefhl
zerflo. Jetzt war bei ihm beides der Fall.

Lewin geh' nicht fort, sprach er und drckte seinen Arm fest mit
seiner Hand, augenscheinlich mit dem Wunsche, ihn um keinen Preis von
sich zu lassen.

Dies ist mein aufrichtigster, vielleicht mein bester Freund, sagte er
zu Wronskiy, du bist mir gleichfalls mehr vertraut und teuer, und ich
will und wei, da ihr Freunde und Vertraute werden mt, da ihr beide
gute Menschen seid.

Nun, dann bleibt uns nur brig, den Bruderku zu tauschen, sagte
Wronskiy, gutmtig scherzend und Lewin die Hand reichend.

Dieser nahm schnell die dargebotene Hand und drckte sie fest.

Es freut mich sehr, sehr, sagte Lewin, seine Hand drckend.

Kellner, eine Flasche Champagner, befahl Stefan Arkadjewitsch.

Auch ich freue mich herzlich, uerte Wronskiy.

Trotz des Wunsches Stefan Arkadjewitschs, und ihrer beiderseitigen
Absicht, wuten sie doch nichts weiteres zu sagen, und beide fhlten
dies.

Du weit, da er mit Anna nicht bekannt ist? sagte Stefan
Arkadjewitsch zu Wronskiy, ich will ihn aber unbedingt mit ihr in
Verbindung bringen. Komm Lewin!

Solltet Ihr! sagte Wronskiy, sie wird sich sehr freuen! Ich wrde
sogleich nach Haus fahren, fgte er hinzu, doch Jaschwin beunruhigt
mich und ich will hier bleiben, bis er aufhrt.

Nun, steht es schlecht mit ihm?

Er verliert fortwhrend, und ich allein nur kann ihn abhalten.

Wie wre es mit einer Pyramide? Lewin spielst du? Schn! sagte Stefan
Arkadjewitsch, stelle eine Pyramide, wandte er sich zu dem Marqueur.

Schon lngst fertig, erwiderte dieser, der bereits die Blle in das
Dreieck gesetzt hatte und zum Zeitvertreib den roten roulieren lie.

Stot!

Nach der Partie lieen sich Wronskiy und Lewin an dem Tische Gagins
nieder, und Lewin begann, dem Vorschlage Stefan Arkadjewitschs folgend,
auf die Asse zu setzen. Wronskiy sa bald am Tische, fortwhrend
umgeben von zu ihm kommenden Bekannten, bald begab er sich in das
Infernalische, um nach Jaschwin zu sehen. Lewin versprte eine
angenehme Erholung von der geistigen Abgespanntheit am Vormittag. Ihn
erfreute die Beilegung der Feindschaft mit Wronskiy, und ein Gefhl von
Beruhigung, Standeswrde und Frohsinn verlie ihn nicht mehr.

Als die Partie zu Ende war, nahm Stefan Arkadjewitsch Lewin unter dem
Arm.

Gehen wir also zu Anna! Sogleich? Ja? Sie ist zu Haus. Ich habe ihr
schon seit Langem versprochen, dich einmal mit zu ihr zu bringen. Wohin
willst du fr den Abend gehen?

Ich habe nichts Besonderes vor. Swijashskiy hatte ich versprochen, in
die Gesellschaft fr Landwirtschaft zu kommen. Fahren wir hin, wenn du
willst, sagte Lewin.

Ausgezeichnet! Fahren wir! Frage doch, ob mein Wagen gekommen ist!
wandte sich Stefan Arkadjewitsch an einen Lakaien.

Lewin trat zum Tische, bezahlte vierzig Rubel, die von ihm auf die
Asse verspielt worden waren, sowie mit einer gewissen geheimnisvollen
Manier die Ausgaben fr den Klub, die dem alten Lakaien, welcher an
der Schwelle stand, bekannt waren, und schritt dann mit eigentmlichen
Armbewegungen durch smtliche Sle dem Ausgang zu.


                                   9.

Oblonskiys Wagen! rief mit starkem Ba der Portier.

Der Wagen fuhr vor und beide nahmen Platz. Nur whrend der ersten
Zeit, so lange der Wagen aus dem Thor des Klubhauses fuhr, hatte
Lewin noch das Gefhl der Klubbehaglichkeit, zufriedener Stimmung und
der unzweifelhaften Noblesse der Umgebung, kaum aber war der Wagen
auf die Strae hinausgefahren, kaum fhlte er das Rollen des Wagens
auf der unebenen Strae, hatte er den heftigen Ruf eines begegnenden
Mietkutschers vernommen, und bei der mangelhaften Beleuchtung das rote
Schild einer Schenke und eines Kaufladens wieder erblickt, da war
dieser Eindruck vernichtet, und er begann abermals seine Handlungsweise
zu berlegen und sich zu fragen, ob er gut daran thue, zu Anna zu
fahren. Was wrde Kity sagen?

Stefan Arkadjewitsch lie ihn indessen nicht zum Nachdenken kommen,
und, als ob er seine Zweifel erriete, zerstreute er sie.

Wie freue ich mich, sprach er, da du sie kennen lernen wirst. Du
weit, Dolly hat dies lngst gewnscht. Auch Lwoff war bei ihr und
kommt noch zu ihr. Obwohl sie meine Schwester ist, fuhr er fort, kann
ich doch rckhaltslos sagen, da sie ein merkwrdiges Weib ist. Du
wirst ja sehen. Ihre Lage ist sehr schwierig, besonders jetzt.

Weshalb denn besonders jetzt?

Wir pflegen Verhandlungen mit ihrem Manne ber die Ehescheidung. Er
ist damit einverstanden, aber es giebt Schwierigkeiten bezglich ihres
Sohnes, und die Sache, welche schon lngst erledigt sein mte, zieht
sich nun schon drei Monate hin. Sobald die Scheidung stattgefunden
haben wird, heiratet sie Wronskiy. Wie thricht ist doch jene alte
Gewohnheit des sich Drehens und Wendens, der niemand mehr glaubt, und
welche dem Glck der Leute im Wege steht! sagte Stefan Arkadjewitsch.
Nun, dann aber wird ihr Glck ein gesichertes sein, so wie das meine,
das deine.

Worin beruht aber die Schwierigkeit? frug Lewin.

Ach, das ist eine lange und langweilige Geschichte! Alles daran ist
so unbestimmt. Doch die Sache ist die, sie trgt die Schuld. Indem
sie diese Scheidung in Moskau erwartet, wohnt sie schon drei Monate
hier, wo jedermann ihn und sie kennt. Sie fhrt nirgendshin, sieht
keine der Damen, auer Dolly, weil sie es, weit du, nicht will, da
man aus Mitleid zu ihr kme. Selbst diese Nrrin, die Frstin Barbara,
hat sie verlassen, weil sie ihre Gegenwart fr unschicklich hlt.
Unter solchen Verhltnissen, in solcher Lage, wrde ein anderes Weib
keine Sttzpunkte in sich finden. Sie aber, du wirst es sehen, wie
sie sich ihr Leben eingerichtet hat, wie ruhig, wie wrdevoll sie
ist. -- Links, durch das Seitengchen, gegenber der Kirche -- rief
Stefan Arkadjewitsch pltzlich, sich durch das Wagenfenster beugend.
O, welche Hitze! sagte er, trotz der zwlf Grad Klte noch mehr mit
seinem Pelze fchelnd, der schon offen stand.

Sie hat doch wohl eine Tochter, wahrscheinlich beschftigt sie sich
mit dieser? sagte Lewin.

Du scheinst dir jede Frau nur als eine Bruthenne vorzustellen, =une
couveuse=, sagte Stefan Arkadjewitsch. Wenn eine Frau beschftigt
ist, mu sie es unfehlbar mit Kindern sein! Nun, sie erzieht das Kind
ja vorzglich, wie es scheint, aber man hrt nichts weiter davon. Sie
ist vor allem damit beschftigt, zu schreiben. Ich sehe schon, du
lchelst ironisch, aber umsonst. Sie schreibt ein Buch fr Kinder und
sagt niemand etwas davon; mir aber hat sie es vorgelesen und ich habe
das Manuskript Workujeff gegeben -- du weit, der Verleger -- er ist ja
selbst Schriftsteller, wie mir scheint. Der versteht doch die Sache und
sagt, da es sich hier um einen interessanten Stoff handle. Du denkst
gewi, was ist ein schriftstellerndes Weib! Denke das nicht! Sie ist
vor allem ein Weib mit einem Herzen, du wirst ja sehen. Jetzt hat sie
eine kleine Englnderin und eine ganze Familie, von der sie in Anspruch
genommen ist.

Also etwas Menschenfreundliches?

Du siehst doch immer nur sofort das ble; es ist nichts
philanthropisches, sondern eine Herzenssache. Sie hatten -- ich meine
Wronskiy -- einen englischen Traineur, einen Meister in seinem Fache,
aber auch Sufer. Der hat sich vollstndig zu Schanden getrunken --
=delirium tremens= -- und die Familie war verlassen. Da erblickte sie
die Leute, sie half, bekmmerte sich um sie, und jetzt ist die ganze
Familie in ihrer Obhut; und sie hat dies nicht nur so von oben herab
gethan, mit Geld, sondern bereitet selbst die Knaben auf russisch fr
das Gymnasium vor und hat das kleine Mdchen zu sich genommen. Du wirst
dieses ja sehen.

Der Wagen fuhr auf den Hof und Stefan Arkadjewitsch schellte laut an
der Einfahrt, vor welcher ein Schlitten stand.

Ohne den ffnenden Dienstmann zu fragen, ob man daheim sei, begab sich
Stefan Arkadjewitsch in den Flur. Lewin folgte ihm, mehr und mehr in
Zweifel geratend, ob er recht oder nicht recht handle.

In einen Spiegel blickend, bemerkte er, da er rot aussehe, doch war er
berzeugt, nicht berauscht zu sein und stieg die mit Teppichen belegte
Treppe hinauf, hinter Stefan Arkadjewitsch her.

Oben frug dieser einen Lakaien, welcher sich verbeugte, wie man einen
niedriger Stehenden grt, wer bei Anna Arkadjewna sei? und erhielt zur
Antwort Herr Workujeff.

Wo ist man?

Im Kabinett.

Durch den kleinen Speisesalon mit den dunkeln, holzbekleideten Wnden,
traten sie auf dem weichen Teppich in ein halbdunkles Kabinett, welches
nur von einer Lampe mit groem dunklen Schirm erleuchtet wurde. Eine
andere Lampe brannte als Refraktor an der Wand und erleuchtete das in
Lebensgre gemalte Portrt einer Frau, welchem Lewin unwillkrlich
seine Aufmerksamkeit zuwandte. Es war dies das in Italien von
Michailoff gefertigte Portrt Annas. Whrend Stefan Arkadjewitsch
hinter eine Traillage schritt, und eine mnnliche Stimme, welche
gesprochen hatte, verstummte, betrachtete Lewin das Portrt, welches
in der schimmernden Beleuchtung aus dem Rahmen heraustrat, und konnte
sich nicht davon losreien. Er hatte sogar vergessen, wo er war, und
verwendete, ohne zu hren, was gesprochen wurde, kein Auge von dem
wunderbaren Bild.

Das war kein Bild mehr, sondern eine lebende, reizende Frau mit
schwarzen wallenden Haaren, entblten Schultern und Hnden und
sinnigem halben Lcheln auf den von einem zarten Flaume berdeckten
geffneten Lippen, welche ihn sieghaft und zrtlich mit ihren
verwirrenden Augen anschaute. Nur insofern war sie nicht belebt, als
sie schner war, wie eine Lebende sein konnte.

Sehr erfreut, vernahm er pltzlich neben sich eine Stimme, die sich
augenscheinlich an ihn wandte; die Stimme desselben Weibes, in welches
er sich auf dem Portrt im Anschauen verloren hatte.

Anna war ihm entgegengekommen, hinter der Traillage hervor, und Lewin
gewahrte im Zwielicht des Kabinetts die nmliche Frau des Portrts,
in dunklen, buntfarbig blauem Kleid, nicht in derselben Stellung,
nicht mit dem nmlichen Ausdruck, wohl aber mit derselben Hoheit jener
Schnheit, in welcher sie von dem Knstler auf dem Bilde erfat worden
war. Sie war weniger glnzend in der Wirklichkeit, aber dafr lag in
der Lebenden etwas Ungewohntes, Anziehendes, was nicht im Portrt war.


                                  10.

Sie trat ihm entgegen, ohne ihre Freude, ihn zu sehen, zu verhehlen.
In dieser Ruhe, mit welcher sie ihm die kleine und energische Hand
entgegenstreckte, ihn mit Workujeff bekannt machte und dann auf ein
rothaariges, hbsches kleines Mdchen zeigte, welches hier bei einer
Arbeit sa, und das sie ihre Pflegebefohlene nannte, lagen die Lewin
bekannten, angenehmen Manieren der Frau aus der groen Welt, die stets
ruhig und natrlich sind.

Es ist mir sehr, sehr angenehm, wiederholte sie, und in ihrem Munde
erhielten diese einfachen Worte fr Lewin aus unbekanntem Grunde
eine eigentmliche Bedeutung. Ich kenne und liebe Euch lange schon
wegen Eurer Freundschaft fr Stefan und wegen Eures Weibes; ich habe
dieses nur kurze Zeit gekannt, aber es hat in mir den Eindruck einer
reizenden Blte hinterlassen, ja, einer Blte! Sie wird also bald
Mutter werden?

Anna sprach ungezwungen und ohne Hast, bisweilen ihren Blick von Lewin
auf ihren Bruder richtend. Ersterer empfand, da der Eindruck, den er
hervorbrachte, ein guter sein mute, und sogleich wurde es ihm nun in
ihrer Gesellschaft so leicht, so frei und behaglich zu Mut, als htte
er sie von Kindheit an gekannt.

Ich habe mit Iwan Petrowitsch im Kabinett Alekseys Platz genommen,
sagte sie, Stefan Arkadjewitsch auf dessen Frage, ob man rauchen
drfe, -- antwortend damit er eben rauchen knne, und nahm, auf
Lewin blickend, anstatt zu fragen ob er rauche, ein Cigarrenetuis von
Schildkrot, aus welchem sie eine Cigarette zog.

Wie steht es jetzt mit deiner Gesundheit? frug sie ihr Bruder.

Wie soll es gehen; die Nerven sind stets dieselben.

Nicht wahr, ziemlich gut? sagte Stefan Arkadjewitsch, bemerkend, da
Lewin das Portrt betrachtete.

Ich habe noch nie ein besseres Portrt gesehen.

Und ziemlich hnlich, nicht wahr? sagte Workujeff.

Lewin schaute vom Portrt auf das Original. Ein eigentmlicher Glanz
erleuchtete das Antlitz Annas, whrend sie seinen Blick auf sich ruhen
fhlte. Lewin errtete, und wollte, um seine Verlegenheit zu verbergen,
fragen, ob es schon lngere Zeit her sei, da sie Darja Aleksandrowna
gesehen habe, doch im selben Augenblick begann Anna:

Ich habe mit Iwan Petrowitsch soeben von den letzten Gemlden
Waschtschenkoffs gesprochen. Habt Ihr sie gesehen?

Ja, ich habe sie gesehen, antwortete Lewin.

Doch entschuldigt, ich habe Euch unterbrochen, Ihr wolltet sagen --

Lewin frug, ob sie vor lngerer Zeit Dolly gesehen htte.

Gestern war sie bei mir; sie ist wegen Grischa sehr schlecht auf das
Gymnasium zu sprechen. Der Lehrer im Lateinischen scheint es, ist
ungerecht gewesen gegen ihn.

Ich habe die Bilder gesehen; sie haben mir sehr gefallen, wandte sich
Lewin zu dem von ihr begonnenen Gesprch zurck.

Lewin sprach jetzt ganz und gar nicht mehr von jener handwerksmigen
Stellung zum Gegenstande, aus der er am Morgen gesprochen hatte. Jedes
Wort der Unterhaltung mit ihr erhielt eine eigentmliche Bedeutung.
Schon mit ihr reden war ihm angenehm, noch angenehmer aber, ihr
zuzuhren.

Anna sprach nicht nur natrlich, und klug, sondern auch klug und ohne
Zwang, ohne ihren Gedanken Wert beizulegen, whrend sie den Ideen des
anderen groes Gewicht beilegte.

Das Gesprch drehte sich um die neue Richtung in der Kunst, um die neue
Illustration der Bibel durch einen franzsischen Knstler. Workujeff
zieh den Knstler eines Realismus, der bis zur Derbheit ging. Lewin
sagte, da die Franzosen das Abstrakte in der Kunst entwickelt htten
wie niemand, und sie daher ein besonderes Verdienst in der Rckkehr zum
Realismus erblickten. Schon darin, da sie nicht mehr lgen, shen sie
Poesie.

Noch nie hatte Lewin etwas Vernnftiges, was er je einmal gesagt
haben mochte, so viel Vergngen gemacht, als dies. Das Gesicht Annas
erglnzte pltzlich ber und ber, als sie diesen Gedanken momentan
abwog. Sie begann zu lcheln.

Ich lache, sagte sie, wie man lacht, wenn man ein sehr hnliches
Portrt sieht. Das, was Ihr sagtet, charakterisiert jetzt vollkommen
die franzsische Kunst, wie sie jetzt ist, die Malerei, und selbst die
Litteratur; Zola, Daudet. Doch ist es vielleicht stets so, da man
seine =conceptions= aus erdachten, abstrakten Gestalten konstruiert,
dann aber, nachdem alle =combinaisons= ausgefhrt sind, die von
erdachten Gestalten langweilen und man beginnt, natrlichere wahrhafte
Gestalten auszusinnen.

Das ist vollkommen richtig, sagte Workujeff.

Ihr waret wohl im Klub? wandte sie sich zu ihrem Bruder.

Ja, das ist ein Weib! dachte Lewin, sich ganz vergessend und
unverwandt in ihr schnes, bewegliches Gesicht blickend, welches sich
jetzt pltzlich vollkommen verndert hatte. Lewin hrte nicht, wovon
sie sprach, indem sie sich zu ihrem Bruder gewandt hatte, er war
betroffen von der Vernderung ihres Ausdrucks. Vorher so herrlich in
seiner Ruhe, drckte ihr Gesicht pltzlich eine seltsame Neugier, Zorn
und Stolz aus. Doch dies whrte nur eine Minute. Dann blinzelte sie,
als denke sie an Etwas.

Nun ja, dies ist aber doch fr niemand von Interesse, sagte sie und
wandte sich zu der kleinen Englnderin.

=Please, order the tea in the drawing-room=.

Das kleine Mdchen erhob sich und ging hinaus.

Nun; hat sie das Examen bestanden? frug Stefan Arkadjewitsch.

Vorzglich. Es ist ein sehr beanlagtes Mdchen und ein liebenswerter
Charakter.

Und die Sache wird damit enden, da du sie mehr liebst, als dein
eigenes Kind.

So spricht ein Mann. In der Liebe giebt es kein mehr oder weniger;
ich liebe meine Tochter mit einer bestimmten, dieses Mdchen mit einer
anderen Liebe.

Ich sage eben zu Anna Arkadjewna, sagte Workujeff, da sie, wenn sie
auch nur ein Hundertstel der Energie, welche sie fr diese Englnderin
einsetzt, auf das gemeinsame Werk der russischen Kindererziehung
verwendete, eine groe, ntzliche That vollbrchte.

Ja, das was Ihr da wollt, konnte ich nicht. Graf Aleksey Kyrillowitsch
hat mich lebhaft ermuntert -- indem sie die Worte Graf Aleksey
Kyrillowitsch aussprach, schaute sie schchtern fragend Lewin an,
welcher ihr unwillkrlich mit einem ehrerbietigen und besttigenden
Blicke antwortete, mich mit dem Dorfschulwesen zu befassen. Ich
kmmerte mich mehrmals darum; die Schulen sind mir sehr wert, aber ich
vermochte es nicht, mich der Sache zu widmen. Ihr sprecht von Energie?
Die Energie beruht auf der Liebe, und die Liebe lt sich nicht irgend
woher nehmen, nicht anbefehlen. So habe ich dieses Mdchen da lieb
gewonnen, ohne selbst zu wissen, weshalb.

Sie blickte wiederum Lewin an; ihr Lcheln, ihr Blick, alles sagte ihm,
da sie an ihn nur ihre Worte richte, seine Meinung wrdige, und dabei
im voraus wisse, da sie sich gegenseitig verstanden.

Ich begreife das vollkommen, antwortete Lewin, fr die Schule
und berhaupt fr hnliche Einrichtungen lt sich nicht das Herz
einsetzen, und ich glaube, da eben infolge dessen diese humanistischen
Einrichtungen stets so geringe Resultate erzielen.

Anna schwieg eine Weile, dann lchelte sie. Ja, ja, besttigte sie,
ich habe das nie vermocht. =Je n'ai pas le coeur assez large=, um ein
ganzes Bewahrungshaus voller hlicher kleiner Mdchen lieb haben zu
knnen. =Cela ne m'a jamais russi=. Es giebt jedoch so viele Frauen,
welche sich hieraus eine =position sociale= begrndet haben. Und
jetzt, sprach sie mit trauerndem, zutraulichem Ausdruck, uerlich zu
ihrem Bruder gewendet, augenscheinlich aber nur zu Lewin: jetzt, wo
mir eine Beschftigung so ntig ist, kann ich es um so weniger.

Pltzlich finster werdend -- Lewin nahm wahr, da sie es ber sich
selbst wurde, weil sie ber sich gesprochen hatte -- vernderte sie
aber das Thema.

Ich wei von Euch, sagte sie zu Lewin, da Ihr ein schlechter Brger
seid, und ich habe Euch doch verteidigt, so gut ich es verstand.

Wie habt Ihr mich denn verteidigt?

Bezglich gewisser Angriffe. Indessen, ist nicht ein wenig Thee
gefllig? Sie erhob sich und nahm ein in Saffian gebundenes Buch zur
Hand.

Gebt mir dasselbe, Anna Arkadjewna, sagte Workujeff, auf das Buch
zeigend, es ist recht wohl wert.

O nein; es ist noch so ungefeilt.

Ich habe ihm davon gesagt, wandte sich Stefan Arkadjewitsch an seine
Schwester, auf Lewin deutend.

Das hast du unntigerweise gethan. Meine Schrift ist so nach Art jener
Krbchen und Schnitzereien, die mir die Lisa Marzalowa aus den Ostrogs
bisweilen verkaufte. Sie besuchte in seiner Gesellschaft die Ostrogs.
Die Unglcklichen haben da Wunder an Geduldsproben geleistet.

Lewin entdeckte einen neuen Zug an diesem Weibe, das ihm so
auerordentlich gefiel. Auer Verstand, Grazie und Schnheit besa
sie auch Treuherzigkeit. Sie wollte vor ihm all das Drckende ihrer
Lage gar nicht verheimlichen; und als sie dies gesagt hatte, seufzte
sie, und ihr Gesicht, welches pltzlich einen strengen Ausdruck
annahm, hatte sich gleichsam versteinert. Mit diesem Ausdruck auf
den Zgen aber war sie noch schner als vorher, doch derselbe war ein
fremdartiger; er stand auerhalb dieses von Glck schimmernden, Glck
erzeugenden Kreises von Ausdrcken, wie sie von dem Knstler auf dem
Portrt aufgefangen worden waren. Lewin blickte noch einmal auf das
Bild und auf ihre Gestalt, wie sie, den Arm des Bruders nehmend, mit
diesem durch die hohe Thr schritt, und er empfand eine Zrtlichkeit
und ein Mitleid mit ihr, das ihn selbst in Erstaunen versetzte.

Sie hatte Lewin und Workujeff gebeten, in den Salon zu treten, whrend
sie selbst zurckgeblieben war, um mit dem Bruder ber Etwas zu
sprechen.

Spricht sie von ihrer Ehescheidung, von Wronskiy, oder darber, was er
im Klub macht, oder von mir? dachte Lewin, und die Frage, was sie mit
Stefan Arkadjewitsch besprechen mchte, versetzte ihn so in Aufregung,
da er fast gar nicht vernahm, was ihm Workujeff ber die Vorzge des
von Anna Arkadjewna geschriebenen Kinderromans erzhlte.

Beim Thee wurde das nmliche, so angenehme, gehaltvolle Gesprch
fortgesetzt. Es gab nicht nur keine einzige Minute, whrend welcher man
nach einem Stoff fr die Unterhaltung htte suchen mssen, sondern im
Gegenteil war fhlbar, da man nur aussprach, was man sagen wollte, um
sogleich bereitwillig innezuhalten und zu hren, was der andere sagte.
Alles aber, was man auch sprechen mochte, sagte sie es nun selbst, oder
Workujeff, oder Stefan Arkadjewitsch, alles erhielt wie Lewin schien,
dank ihrer Aufmerksamkeit und ihren Bemerkungen, ein eigenartiges
Gewicht.

Das interessante Gesprch verfolgend, versenkte sich Lewin whrend der
ganzen Zeit in ihren Anblick und in ihre Schnheit, ihren Geist, ihre
Bildung, und zugleich in ihre Natrlichkeit und Innerlichkeit. Mochte
er zuhren oder reden, fortwhrend dachte er an sie, an ihr inneres
Leben, und bemhte sich, ihre Empfindungen zu erraten.

Er, der sie frher so streng verurteilt hatte, er rechtfertigte sie
jetzt nach einem seltsamen Gedankengang, bemitleidete sie zugleich, und
frchtete, da Wronskiy sie nicht vollkommen verstehen mchte. In der
elften Stunde, als Stefan Arkadjewitsch sich erhob, um vorzufahren --
Workujeff war schon zeitiger aufgebrochen -- schien es Lewin, als sei
er soeben erst angekommen. Nur ungern stand er gleichfalls auf.

Lebt wohl, sagte sie, seine Hand festhaltend und ihm mit anziehendem
Blick ins Auge schauend; ich freue mich recht sehr, =que la glace est
rompue=. Sie lie seine Hand los und blinzelte mit den Augen. Teilt
Eurer Gattin mit, da ich sie noch so lieb habe wie frher, und da
ich, wenn sie mir meine Situation nicht vergeben kann, wnsche, sie
mge mir niemals verzeihen. Um vergeben zu knnen, mu man durchleben,
was ich durchlebt habe, und davor behte sie der Himmel.

Ich werde es sicher ausrichten, sagte Lewin errtend.


                                  11.

Welch ein bewundernswertes, liebenswertes und beklagenswertes Weib,
dachte er, als er mit Stefan Arkadjewitsch in die kalte Luft hinaustrat.

Nun, was sagst du? Ich hatte dir schon gesagt, begann Stefan
Arkadjewitsch, welcher sah, da Lewin vollstndig besiegt war.

Ja, versetzte dieser gedankenvoll, ein ungewhnliches Weib! Nicht
nur, da sie Verstand besitzt, sie ist auch wunderbar innig. Mir thut
sie auerordentlich leid.

Jetzt wird ja wohl, so Gott will, bald alles in Ordnung sein. Man mu
nur nicht zu frh richten, sagte Stefan Arkadjewitsch, die Wagenthr
ffnend; entschuldige, wir haben doch nicht einen Weg.

Fortwhrend an Anna denkend, an alle die so einfachen Gesprche, welche
mit ihr gepflogen worden waren, und sich dabei alle Einzelheiten ihres
Gesichtsausdrucks ins Gedchtnis zurckrufend, mehr und mehr in ihre
Lage eindringend und Mitleid mit ihr empfindend, fuhr Lewin nach Hause.

                   *       *       *       *       *

Daheim berichtete ihm Kusma, da Katharina Aleksandrowna sich wohl
befinde, sowie, da die Schwestern nicht lange erst weggefahren wren,
und berreichte zwei Briefe.

Lewin las dieselben gleich an Ort und Stelle, im Vorzimmer, um sich
spter nicht davon ablenken lassen zu mssen. Der eine Brief war von
Sokoloff, seinem Verwalter. Sokoloff schrieb, da der Weizen nicht
verkauft werden knne, da man nur fnf und einen halben Rubel gebe,
und ein hheres Gebot nirgends zu erlangen sei. Der andere Brief war
von seiner Schwester. Dieselbe machte ihm Vorwrfe darber, da ihre
Angelegenheit noch immer nicht erledigt sei.

Nun; so werden wir fr fnfeinhalb verkaufen, wenn man nicht
mehr geben will, entschied Lewin sofort mit einer ungewhnlichen
Leichtfertigkeit die erste Frage, die ihm frher so schwierig
erschienen war. Wunderbar, wie hier die Zeit stets in Anspruch
genommen ist, dachte er bei dem zweiten Briefe. Er fhlte sich
schuldig der Schwester gegenber, weil er bis jetzt nicht erledigt
hatte, worum sie ihn gebeten. Ich bin heute wieder nicht aufs
Gericht gekommen, aber es war heute auch, als htte man nicht die
geringste Zeit. Nachdem er beschlossen hatte, es morgen entschieden
zur Ausfhrung zu bringen, begab er sich zu seiner Gattin. Auf dem
Wege zu ihr ging er noch einmal schnell in der Erinnerung den ganzen
Tag durch, so wie er ihn verbracht hatte. Alle Erlebnisse des Tages
bestanden in Gesprchen -- Gesprchen, welche er angehrt und an denen
er teilgenommen hatte.

Alle Gesprche hatten von Dingen gehandelt, mit denen er sich, htte
er allein und auf dem Lande gelebt, nie wrde beschftigt haben, die
aber hier sehr interessant waren. Alle diese Gesprche waren auch gut
gewesen; nur in zwei Punkten nicht so ganz. Der eine betraf das, was er
von dem Hechte gesagt hatte, der andere, da ihm Etwas nicht richtig
vorkam in dem zarten Mitgefhl, welches er fr Anna empfand.

Lewin fand sein Weib verstimmt und gelangweilt. Die Tafel der drei
Schwestern hatte sich ganz heiter gestaltet, dann aber hatte man
auf ihn gewartet und gewartet, alles begann sich zu langweilen, die
Schwestern fuhren von dannen und sie war allein zurckgeblieben.

Nun, was hast du denn gemacht? frug sie, ihm in die Augen blickend,
welche ein wenig verdchtig glnzten. Um ihn nicht zu hindern, alles zu
erzhlen, verbarg sie jedoch ihre Wahrnehmung und hrte mit billigendem
Lcheln seiner Erzhlung zu, wie er den Abend verlebt hatte.

Nun, ich freute mich sehr, da ich Wronskiy begegnet bin. Ich habe
mich recht wohl und unbefangen in seiner Gesellschaft gefhlt. Du
begreifst, da ich mich jetzt bemhen werde, ihn nie wieder zu sehen;
aber diese peinliche Situation mute doch ihr Ende erreichen, sprach
er, dachte daran, da er sich bemhend, ihn nie wieder zu sehen,
sogleich darauf zu Anna gefahren war, und errtete. Da reden wir, da
das Volk trinkt; ich wei nicht, wer mehr trinkt, das Volk oder unsere
Gesellschaft; das Volk thut es wenigstens nur an Feiertagen, aber --

Kity interessierte indessen die Betrachtung, wie das Volk trinke,
nicht. Sie hatte gesehen, da er rot geworden war, und wnschte zu
wissen, warum.

Nun, und wo warest du dann?

Stefan bat mich aufs Dringendste, mit zu Anna Arkadjewna zu fahren.

Lewin hatte dies kaum gesagt, als er noch mehr errtete, und seine
Zweifel darber, ob er gut oder bel daran gethan habe, zu Anna zu
fahren, waren endgltig entschieden. Er wute jetzt, da es nicht
gerade ntig gewesen war, dies zu thun.

Die Augen Kitys ffneten sich eigentmlich weit und blitzten auf
bei dem Namen Annas, doch sich selbst bezwingend, verbarg Kity ihre
Aufregung und tuschte ihn.

Ah, sagte sie nur.

Du wirst wohl nicht ungehalten sein, da ich dahin gefahren bin.
Stefan bat mich und Dolly wnschte es, fuhr Lewin fort.

O nein, sagte sie, doch in ihren Augen las er ihre Anstrengung ber
sich selbst, die ihm nichts Gutes verhie.

Sie ist sehr liebenswrdig, sehr, sehr beklagenswert, ein gutes Weib,
sagte er, von Anna erzhlend, von ihren Beschftigungen und von dem,
was sie ihm auszurichten befohlen hatte.

Ja, natrlich, sie ist sehr beklagenswert, sagte Kity, nachdem er
geendet hatte. Von wem hast du einen Brief erhalten?

Er gab ihr Bescheid, und ging, der Ruhe in ihrem Tone vertrauend, sich
auszukleiden.

Als er zurckkehrte, fand er Kity noch in demselben Sessel sitzend.
Nachdem er zu ihr hingetreten war, blickte sie ihn an und brach in
Thrnen aus.

Was ist? Was ist denn? frug er, schon vorher den Grund kennend.

Du hast dich verliebt in dieses abscheuliche Weib; sie hat dich
bestrickt. Ich seh es an deinen Augen! Ja, ja; was soll daraus werden?
Du hast im Klub getrunken, getrunken, gespielt und dann bist du zu ihr
gefahren. Zu wem? Nein; wir reisen ab! Morgen reise ich ab!

Lewin vermochte lange nicht, sein Weib zu beruhigen. Endlich hatte er
sie indessen beschwichtigt, jedoch nur dadurch, da er eingestand, da
das Gefhl des Mitleids im Verein mit dem Weine ihn verleitet habe,
und da er dem hinterlistigen Einflu Annas unterlegen sei, diese aber
fortan meiden werde.

Ein Umstand, welchen er am Aufrichtigsten eingestand, war der, da er,
so lange schon in Moskau, lediglich durch diese Unterhaltung, das Essen
und Pokulieren um seine klare Vernunft gekommen sei.

So sprachen sie bis drei Uhr nachts, und erst um drei Uhr hatten sie
sich so weit vershnt, da sie Schlaf fanden.


                                  12.

Nachdem Anna ihre Gste hinausgeleitet hatte, begann sie, ohne wieder
Platz zu nehmen, im Gemach auf und abzuschreiten. Obwohl sie unbewut
-- wie sie in letzter Zeit in ihrem Verhalten jungen Mnnern gegenber
stets gethan -- den ganzen Abend alles Mgliche versucht hatte, in
Lewin die Empfindung der Liebe fr sie zu erwecken, obwohl sie wute,
da sie dies auch erreicht habe, so weit es eben in ihrem Verhltnis
einem ehrenhaften verheirateten Manne gegenber und fr einen einzigen
Abend mglich gewesen war -- obwohl auch er selbst ihr sehr gefallen
hatte (trotz des scharfen Kontrastes, welcher vom Gesichtspunkt des
Mannes aus zwischen Wronskiy und Lewin bestand, sah sie als Weib in
beiden ganz ebenso das Gemeinsame, wodurch Kity Wronskiy wie Lewin
liebgewonnen hatte), dachte sie nicht mehr seiner, sobald er das Zimmer
verlassen hatte.

Einundderselbe Gedanke verfolgte sie unablssig in verschiedenen
Gestalten: Wenn ich so auf andere wirke, auf diesen huslichen,
liebenden Mann, wie kommt es da, da er so kalt ist gegen mich? Oder
vielmehr, nicht da er kalt wre, er liebt mich, ich wei es; aber
etwas Fremdartiges trennt uns jetzt! Wie kommt es, da er den ganzen
Abend nicht hier ist? Er hat mir durch Stefan sagen lassen, da er
Jaschwin nicht verlassen knne und dessen Spiel verfolgen msse. Was
fr ein Kind ist dieser Jaschwin? Aber gesetzt, es wre wirklich so
-- er spricht ja nie die Unwahrheit -- so liegt in dieser Wahrheit
doch etwas anderes! Er freut sich ber die Gelegenheit, mir zeigen zu
knnen, da er auch noch andere Verpflichtungen hat. Ich wei das, und
bin damit einverstanden. Aber weshalb mu er mir dies zeigen? Er will
mir beweisen, da seine Liebe zu mir nicht seine Freiheit hemmen darf!
Aber ich brauche keine Beweise, sondern Liebe! Er htte wohl all das
Drckende dieses meines Lebens in Moskau begreifen mssen; lebe ich
denn? Ich lebe nicht, ich erwarte eine Lsung, die sich mehr und mehr
hinauszieht. Wieder keine Antwort! Stefan sagt, er knne sich nicht zu
Aleksey Aleksandrowitsch begeben. Ich kann aber doch nicht nochmals
schreiben. Ich kann nichts thun, nichts anfangen, nichts ndern; ich
halte mich ruhig zurck, warte ab, indem ich mir Zeitvertreib ersinne
-- wie die Familie des Englnders, die Schriftstellerei und Lektre --
und doch ist das alles nur eine Tuschung, alles das ist das nmliche
Morphium! Er mte mich beklagen, sprach sie und fhlte, wie ihr die
Thrnen des Jammers ber sich selbst in die Augen traten.

Da vernahm sie das jhe Luten Wronskiys und wischte eilig diese
Thrnen ab. Sie wischte nicht nur ihre Thrnen weg, sie setzte sich
noch zur Lampe und schlug ein Buch auf, sich den Anschein der Ruhe
gebend. Galt es doch, ihm zu zeigen, da sie migestimmt sei, weil er
nicht zurckgekehrt war, wie er versprochen hatte -- nur migestimmt;
aber nimmermehr wollte sie ihm ihren Schmerz zeigen, oder gar etwa ihr
Mitleid mit sich selbst.

Sie durfte wohl Mitleid haben mit sich selbst, nicht aber er mit ihr.
Sie wollte keinen Hader, sie machte ihm einen Vorwurf daraus, da er zu
streiten wnschte, und doch geriet sie unwillkrlich in streitlustige
Stimmung.

Du hast dich doch nicht gelangweilt? sagte er, lebhaft und heiter zu
ihr kommend. Welch eine furchtbare Leidenschaft -- das Spiel. --

Nein; ich habe mich nicht gelangweilt und habe schon seit langem
gelernt, mich nicht zu langweilen. Stefan und Lewin waren hier.

Ja wohl; sie wollten zu dir fahren. Nun, wie hat dir Lewin gefallen?
sprach er, sich neben ihr niederlassend.

Sehr gut. Sie sind nicht lange erst weggefahren. Was hat Jaschwin
gemacht?

Er war im Gewinnen; siebzehntausend Rubel. Ich rief ihn zu mir, er war
vollkommen einverstanden, schon aufzubrechen, kehrte aber wieder um und
verspielt jetzt.

Weshalb bist du denn dann geblieben? frug sie, pltzlich die Augen
zu ihm erhebend. Der Ausdruck ihres Gesichts war kalt und feindselig,
du hast Stefan gesagt, du wolltest bleiben, um Jaschwin mit zu dir zu
nehmen, und hast ihn doch verlassen.

Der nmliche Ausdruck kalter Kampfbereitschaft drckte sich auch auf
seinem Antlitz aus.

Erstens habe ich ihn in keiner Weise gebeten, dich von etwas zu
benachrichtigen, zweitens spreche ich nie die Unwahrheit. Die
Hauptsache ist, ich wollte bleiben und bin geblieben, sagte er,
finster sprechend. Anna, warum, warum nur das? sprach er nach einer
Minute des Schweigens, sich zu ihr beugend und die Hand ffnend in der
Hoffnung, da sie die ihre in sie legen werde.

Sie freute sich ber diese Aufforderung, zrtlich zu sein, aber eine
gewisse, seltsame Macht des Bsen gestattete ihr nicht, sich ihrem
Zuge zu ihm hinzugeben, gleich als ob die Ursachen zum Hader es nicht
zulieen, da sie sich selbst berwinde.

Natrlich; du wolltest bleiben und bist geblieben. Du thust eben, was
du willst! Aber warum sagst du mir das? Zu welchem Zweck? sagte sie,
immer mehr in Erregung geratend. Macht dir denn jemand deine Rechte
streitig? Du willst in deinem Rechte sein; sei es.

Seine Hand schlo sich, er wandte sich ab und sein Gesicht nahm noch
mehr als vorher einen Ausdruck von Trotz an.

Fr dich ist dies nur eine Frage des Eigensinnes, sagte sie, ihn
unverwandt anblickend, indem sie pltzlich den Namen fand fr diesen
sie in Wallung versetzenden Ausdruck seines Gesichts, einfach des
Trotzes! Fr dich giebt es nur die Frage, wirst du Sieger bleiben gegen
mich. Fr mich aber -- wieder empfand sie Mitleid mit sich selbst und
sie wre beinahe in Thrnen ausgebrochen. Wtest du, um was es sich
fr mich handelt! Wenn ich, so wie jetzt, fhle, da du dich feindselig
gegen mich verhltst, thatschlich feindselig, wtest du, was das fr
mich bedeutet! Wenn du wtest, wie nahe ich in diesen Augenblicken dem
Unglck bin, wie ich mich selbst frchte! -- Sie wandte sich ab, ihr
Schluchzen unterdrckend.

Wovon sprichst du da? sagte er, erschreckt vor dem Ausdruck ihrer
Verzweiflung, und sich wiederum zu ihr neigend, ihre Hand ergreifend
und sie kssend. Meide ich etwa nicht den Umgang mit den Weibern?

Das wre auch noch! sagte sie.

Nun sag', was ich thun soll, damit du beruhigt bist? Ich bin bereit,
alles zu thun, da du glcklich sein mchtest, sprach er, gerhrt von
ihrer Verzweiflung, was thue ich nicht, um dich von einem Schmerz zu
befreien, wie er dich jetzt erfllt, Anna, sagte er.

Nicht doch, nicht doch, sprach sie, ich wei selbst nicht; ist
es das einsame Leben, sind es die Nerven -- nun, wir wollen nicht
weiter davon sprechen! Wie war es mit dem Rennen? Du hast mir nicht
davon erzhlt? frug sie, sich bemhend, den Triumph ber den Sieg zu
verbergen, welcher nun doch auf ihrer Seite geblieben war.

Er befahl das Abendessen und begann ihr Einzelheiten ber die Rennen zu
erzhlen, aber an seinem Tone, seinen Blicken, die khler und khler
wurden, erkannte sie, da er ihr ihren Sieg nicht vergeben hatte, da
jenes Gefhl des Trotzes, gegen welchen sie gekmpft hatte, wieder in
ihm erstanden war. Er war khler gegen sie, als vorher, gleichsam als
bereute er es, sich unterworfen zu haben, whrend sie, an die Worte
denkend, welche ihr den Sieg verliehen hatten ich bin nahe einem
furchtbaren Unglck und frchte mich selbst, erkannt hatte, da diese
Waffe eine gefhrliche war, und sie dieselbe nicht ein zweites Mal
anwenden knne.

Sie fhlte aber auch, da neben der Liebe, die sie beide vereinte,
zwischen ihnen der bse Geist einer Kampflust getreten war, den sie
weder aus seinem Herzen, noch viel weniger aber aus dem ihren zu
vertreiben vermochte.


                                  13.

Es giebt keine Verhltnisse, an die sich der Mensch nicht gewhnen
knnte; besonders wenn er sieht, da alle, die ihn umgeben, ebenso
leben.

Lewin htte vor drei Monaten nicht geglaubt, da er unter den
Verhltnissen, in denen er sich jetzt befand, ruhig einschlafen
knne; nie gedacht, da er, indem er ein zweckloses, gehaltloses
Leben fhrte, welches noch dazu ber seine Mittel ging, nach seinem
Rausche, -- denn anders konnte er das nicht nennen, was es im Klub
gab -- nach Anknpfung ungereimter, freundschaftlicher Beziehungen
zu einem Manne, in welchen einst seine Frau verliebt gewesen war,
und einem noch ungereimteren Besuch bei einer Frau, die man nur als
gefallen bezeichnen konnte, sowie nach seinem Enthusiasmus fr diese
Frau und der Erbitterung der Gattin -- unter solchen Verhltnissen
ruhig einschlafen knne. Allein unter dem Einflu der Ermdung, einer
schlaflos verbrachten Nacht und des genossenen Weines, entschlief er
sanft und selig.

Um fnf Uhr weckte ihn das Kreischen einer geffneten Thr. Er fuhr auf
und schaute sich um. Kity war nicht mehr im Bett neben ihm, aber hinter
der spanischen Wand bewegte sich ein Licht und er vernahm ihre Schritte.

Was giebt es, was giebt es? sprach er, aus dem Schlafe auffahrend,
Kity, was ist?

Nichts, antwortete diese, das Licht in der Hand, hinter der
Zwischenwand hervortretend. Es war mir unwohl geworden, sagte sie,
mit eigentmlich weichem ausdrucksvollen Lcheln.

Was ist? Fngt es an, fngt es an? fuhr er erschreckt fort, da mu
geschickt werden, und hastig wollte er sich ankleiden.

Nein, nein, sagte sie, lchelnd, und ihn mit der Hand zurckhaltend.
Es ist augenscheinlich nicht von Bedeutung. Es war mir nur ein wenig
unwohl geworden. Jetzt aber ist es vorber.

Zu ihrem Bett gehend, lschte sie wieder das Licht, legte sich nieder
und blieb still liegen. Obwohl ihm ihre Ruhe, wie die eines verhaltenen
Atmens, und mehr noch der Ausdruck einer eigenartigen Weichheit
und Aufgeregtheit an ihr, mit welchem sie, hinter der Zwischenwand
hervortretend, das nichts zu ihm gesagt hatte, verdchtig erschien,
verlangte es ihn doch so sehr nach Schlaf, da er sofort wieder
einschlummerte. Erst spter gedachte er dieses stillen Atmens, verstand
er da alles, was in ihrer edlen, lieben Seele damals vor sich gegangen
war, als sie, ohne sich zu rhren, in der Erwartung des wichtigsten
Ereignisses im Leben des Weibes, neben ihm gelegen hatte.

Um sieben Uhr erweckte ihn ihre Hand, die ihn an der Schulter berhrte,
sowie ein leises Flstern. Sie kmpfte gleichsam noch zwischen dem
Bedauern, ihn wecken zu mssen und dem Wunsche, mit ihm zu sprechen.

Mein Konstantin, erschrick nicht. Es ist nichts. Aber nur scheint --
wir mssen nach der Lisabetha Petrowna schicken --

Das Licht wurde wieder angezndet. Sie setzte sich im Bett und hielt
ein Strickzeug in der Hand, mit welchem sie sich in den letzten Tagen
beschftigt hatte.

Bitte, erschrick nicht, es ist nichts. Ich habe durchaus keine Angst,
sprach sie, sein erschrecktes Gesicht gewahrend, und drckte seine Hand
an ihren Busen und dann an ihre Lippen.

Eilig sprang er auf, sich selbst nicht mehr empfindend und kein Auge
von ihr wendend, zog seinen Hausrock an und blieb stehen, sie noch
immer anblickend. Er mute gehen, konnte sich aber nicht losreien
von ihrem Blick. Wie sehr er auch ihr Antlitz liebte, ihre Mienen
kannte, und ihren Blick, aber so hatte er sie doch noch nie gesehen!
Wie abscheulich und furchtbar erschien er jetzt sich selbst, indem
er sich ihrer gestrigen Erbitterung entsann, hier vor ihr in ihrer
Lage jetzt! Ihr gertetes Gesicht, umgeben von dem sich unter dem
Nachthubchen hervordrngenden, weichen Haar, schimmerte von Freude
und Entschlossenheit. So wenig Unnatrliches und Geknsteltes auch im
allgemeinen Charakter Kitys lag, so war Lewin dennoch betroffen von
dem, was sich vor ihm jetzt enthllte, als pltzlich alle die Schleier
abgenommen waren, und der ganze Kern ihrer Seele in ihren Augen
leuchtete.

In dieser Einfachheit und Hllenlosigkeit wurde sie, die, welche er
liebte, noch klarer sichtbar fr ihn. Lchelnd schaute sie auf ihn,
doch pltzlich erbebten ihre Brauen, sie hob das Haupt, und schnell zu
ihm tretend, nahm sie ihn bei der Hand; sie schmiegte sich eng an ihn,
und umgab ihn mit ihrem heien Odem. Sie litt und es war, als beklage
sie sich bei ihm ber ihr Leiden. Auch ihm schien im ersten Augenblick
nach seiner Gewohnheit, als sei er schuldig, aber in ihrem Blick lag
eine Zrtlichkeit, welche sagte, da sie ihm nicht nur keinen Vorwurf
mache, sondern ihn fr diese Leiden liebe. Wenn ich es nicht bin --
wer trge dann die Schuld hieran? dachte er unwillkrlich, den Urheber
aller dieser Leiden suchend, um ihn zu strafen; aber es war kein
Schuldiger da. Sie litt, klagte und triumphierte zugleich ber diese
Leiden, sie freute sich ihrer und liebte sie. Er sah, da sich in ihrer
Seele etwas Schnes vollziehe, aber was es war? Er konnte es nicht
erfassen. Es stand ber seinem Erkenntnisvermgen.

Ich habe zu Mama geschickt, fahre du mglichst schnell nach der
Lisabetha Petrowna -- mein Konstantin -- es ist nichts; schon vorber
-- Sie verlie ihn und schellte. Also geh jetzt; Pascha kommt. Mir
fehlt nichts.

Mit Verwunderung sah Lewin, da sie die Strickerei ergriff, die sie am
Abend mitgebracht hatte und von neuem zu stricken begann.

Whrend Lewin durch die eine Thr hinausging, hrte er noch, wie das
Mdchen durch die andere hereintrat. Er blieb an der Thr stehen und
vernahm, wie Kity der Zofe ausfhrliche Anweisungen erteilte, und mit
ihr selbst das Bett zu rcken begann.

Er kleidete sich an und eilte, bis man die Pferde angespannt haben
wrde -- ein Mietgeschirr war noch nicht zu haben -- wieder nach dem
Schlafzimmer, nicht auf den Fuspitzen, sondern auf Flgeln wie ihm
schien.

Zwei Mdchen rumten geschftig um im Schlafzimmer; Kity selbst ging
umher und strickte, schnell die Maschen werfend und Anordnungen dabei
treffend.

Ich werde sogleich zum Arzte eilen. Nach der Lisabetha Petrowna ist
man gefahren; ich aber will erst noch hin, ist nicht noch etwas ntig?
Soll ich zu Dolly?

Sie blickte ihn an, offenbar ohne zu hren, was er sprach.

Ja, ja. Geh, sprach sie schnell, sich verfinsternd und ihm mit der
Hand zuwinkend. Er war schon in den Salon hinaus, als pltzlich ein
klgliches, sogleich wieder verstummendes Sthnen aus dem Schlafzimmer
ertnte. Er blieb stehen und konnte lange nicht verstehen.

Ja; das war sie, sagte er zu sich selbst und lief, sich nach dem
Kopfe greifend, hinab. Gott erbarme dich! Vergieb mir und steh' mir
bei! stammelte er mit Worten, die gleichsam pltzlich und unerwartet
ihm ber die Lippen kamen. Er, der da nicht glaubte, wiederholte diese
Worte nicht nur mit dem Munde allein. Jetzt, in dieser Minute erkannte
er, da nicht nur alle seine Zweifel, sondern auch die Unmglichkeit,
aus Verstandesgrnden zu glauben, die er in sich selbst wahrgenommen
hatte, ihn keineswegs daran verhinderten, sich an Gott zu wenden. Alles
das flog ihm jetzt wie Staub von seiner Seele herunter. An wen sollte
er sich wenden, wenn nicht an den, in dessen Hnden er sich fhlte,
seine Seele und seine Liebe?

Das Pferd war noch nicht fertig, und so eilte er im Gefhl
einer eigentmlichen Spannung seiner physischen Krfte und
Wahrnehmungsfhigkeit fr das, was er zu thun hatte, damit nicht eine
Minute verloren ging -- ohne auf das Pferd zu warten -- zu Fu hinweg
und befahl Kusma, ihm nachzukommen. An der Ecke traf er auf eine
daherjagende Nachtdroschke. In einem kleinen Schlitten, mit kurzem
Sammetpelzmantel und in ein Umschlagtuch gewickelt, sa Lisabetha
Petrowna.

Gott sei Dank, Gott sei Dank! sagte er, mit Entzcken sie und ihr
kleines blondes Gesicht, welches jetzt einen eigentmlich ernsten,
sogar strengen Ausdruck hatte, erkennend. Ohne dem Kutscher zu
befehlen, anzuhalten, rannte er neben ihr wieder mit zurck.

Also seit zwei Stunden? Nicht wahr? frug sie, Ihr werdet Peter
Dmitrjewitsch schon treffen, aber drngt ihn nur nicht! Nehmt auch
Opium aus der Apotheke mit.

So denkt Ihr also, da es glcklich geht? Gott erbarme sich und steh'
mir bei! sagte Lewin, welcher jetzt sein aus dem Thor herauskommendes
Geschirr erblickte. Zu Kusma in den Schlitten springend, befahl er
diesem, zum Arzt zu fahren.


                                  14.

Der Arzt war noch nicht aufgestanden und der Diener sagte, er sei spt
zu Bett gegangen und habe nicht befohlen, ihn zu wecken, doch stehe er
bald auf.

Der Diener putzte Lampenglser und schien davon sehr in Anspruch
genommen zu sein. Diese Aufmerksamkeit des Dieners fr seine Glser
und der Gleichmut gegenber dem, was sich bei Lewin vollzog, setzte
diesen anfangs auer Fassung, doch erkannte er, zur berlegung kommend
sogleich, da ja niemand seine Empfindungen kenne, und kennen msse,
und es daher um so notwendiger sei, ruhig zu handeln, wohlberlegt und
entschlossen, um diese Mauer der Indifferenz zu durchbrechen und seinen
Zweck zu erreichen.

Eile mit Weile, sagte Lewin zu sich selbst, mehr und mehr eine
Zunahme seiner physischen Krfte, sowie seiner Wahrnehmungsfhigkeit
fr alles das, was er zu thun hatte, versprend.

Nachdem er gehrt, da der Arzt noch nicht aufgestanden sei, blieb
Lewin innerhalb der verschiedenen Plne, die in ihm erstanden, bei
dem, da Kusma mit einem Billet zu einem andern Arzte fuhr, whrend
er selbst in die Apotheke nach Opium eilte; sollte aber, wenn er
zurckkme, der Doktor noch nicht aufgestanden sein, so wollte er den
Diener bestechen oder wenn derselbe nicht einwilligte, den Arzt mit
Gewalt wecken, koste es, was es wolle.

In der Apotheke verschlo ein drrer Provisor mit ganz dem nmlichen
Gleichmut, mit welchem der Lakai die Glser geputzt hatte, vermittelst
einer Oblate Pulver fr einen wartenden Kutscher, und verweigerte das
Opium. Im Bestreben, nichts zu berhasten und nicht in Aufregung zu
geraten, begann Lewin, nachdem er den Namen des Arztes und der Hebamme
genannt, und erklrt hatte, wozu das Opium ntig sei, den Provisor
zu berreden. Derselbe frug in deutscher Sprache um Rat, ob er es
geben knne, und holte, nachdem er hinter einer Zwischenwand heraus
Zustimmung erhalten hatte, ein Glschen und einen Trichter herbei,
worauf er langsam aus einem groen Gef in ein kleines Flschchen go,
einen weien Papierstreif anklebte und siegelte. Ungeachtet der Bitte
Lewins, es nicht zu thun, wollte er das Flschchen nochmals einwickeln.
Das konnte aber Lewin nicht mehr aushalten; entschlossen ri er dem
Manne das Flschchen aus den Hnden und strzte zu der groen Glasthr
hinaus.

Der Arzt war noch nicht aufgestanden, und der Diener, jetzt mit dem
Aufbreiten eines Teppichs beschftigt, weigerte sich, ihn zu wecken.
Lewin zog ohne berstrzung ein Zehnrubelpapier hervor, gab es ihm, mit
einigen langsam gesprochenen Worten, aber ohne Zeit zu verlieren, und
erklrte, da Peter Dmitrjewitsch -- wie erhaben und bedeutungsvoll
erschien Lewin jetzt der vorher so unbedeutend gewesene Peter
Dmitrjewitsch -- versprochen habe, zu jeder Zeit da sein zu wollen,
und sicherlich nicht ungehalten sein werde selbst darber, da er ihn
sogleich wecke.

Der Diener gehorchte, ging nach oben und lud Lewin ein, in das
Empfangszimmer zu treten.

Lewin vermochte hinter der Thr zu hren, wie der Arzt hustete,
umherging, sich wusch und Etwas sagte. Es vergingen drei Minuten; Lewin
schien es, als wre mehr als eine halbe Stunde vergangen. Er konnte
nicht lnger warten.

Peter Dmitrjewitsch, Peter Dmitrjewitsch, rief er mit beschwrender
Stimme in die geffnete Thr hinein; um Gottes willen, verzeiht mir,
nehmt mich heute, wie ich bin; es hat schon seit mehr als zwei Stunden
begonnen!

Sofort, sofort! antwortete eine Stimme und Lewin hrte mit Erstaunen,
da der Arzt dies lchelnd sagte.

Auf eine Minute!

Sogleich.

Es vergingen noch zwei Minuten, whrend deren der Arzt die Stiefel
anzog, zwei weitere, whrend er das Tuch umwarf und sich den Kopf
brstete.

Peter Dmitrjewitsch, begann Lewin abermals mit klglicher Stimme,
doch gerade erschien der Arzt, angekleidet und gekmmt. Diese Leute
haben kein Gewissen, dachte Lewin, sich zu kmmen, whrend wir
verderben!

Guten Morgen! sagte der Arzt zu ihm, die Hand hinreichend, als wollte
er ihn mit seiner Ruhe necken. Beunruhigt Euch nicht, wie steht es?

Sich bemhend, so ausfhrlich wie mglich zu sein, begann Lewin alle
unntigen Einzelheiten ber den Zustand seiner Frau zu erzhlen, seinen
Bericht unaufhrlich mit Bitten, der Arzt mchte sogleich mit ihm
kommen, unterbrechend.

Habt keine Angst; Ihr kennt das wohl noch nicht. Ich bin gewi gar
nicht notwendig, habe es aber versprochen und werde kommen. Aber
Eile hat es keine. Setzt Euch doch geflligst; ist nicht ein Kaffee
gefllig?

Lewin schaute ihn an, mit dem Blick fragend, ob sich der Arzt ber ihn
lustig machen wolle. Doch dieser dachte gar nicht daran, zu scherzen.

Ich wei schon, wei schon, sprach er lchelnd, auch ich bin
Familienvater, aber wir, die Mnner, sind in diesen Augenblicken doch
die beklagenswertesten Menschen. Ich habe da eine Patientin, deren Mann
in solchen Momenten stets in den Pferdestall luft.

Aber wie meint Ihr, Peter Dmitrjewitsch? Glaubt Ihr, da alles
glcklich gehen kann?

Alle Bedingungen fr einen gnstigen Ausgang sind vorhanden.

Ihr kommt also sofort? sagte Lewin, zornig auf den Diener blickend,
der den Kaffee brachte.

In einem Stndchen.

Ach, nein doch, um Gottes willen!

Aber dann lat mich doch wenigstens meinen Kaffee trinken.

Der Arzt widmete sich dem Kaffee. Beide schwiegen.

Man wird die Trken doch entschieden schlagen. Habt Ihr die gestrige
Depesche gelesen? sagte der Doktor semmelkauend.

Nein; ich kann nicht mehr, rief Lewin aufspringend, Ihr werdet also
nach Verlauf einer Viertelstunde kommen?

In einer halben Stunde.

Auf Ehrenwort?

Als Lewin wieder nach Hause kam, traf er mit der Frstin zusammen,
und beide begaben sich zur Thr des Schlafzimmers. Die Frstin hatte
Thrnen in den Augen und ihre Hnde zitterten; als sie Lewin erblickte,
umarmte sie ihn und brach in Thrnen aus.

Nun, liebe Lisabetha Petrowna, sagte sie, die ihnen mit hellem,
sorglichen Gesicht daraus entgegentretende Lisabetha Petrowna an der
Hand fassend.

Es geht gut, sagte sie, berredet sie nur, sich niederzulegen. Es
wird ihr dann leichter sein.

Seit dem Augenblick, als er erwacht war und erkannt hatte, um was es
sich handelte, hatte er sich darauf vorbereitet, ohne Erwgungen und
Vermutungen im voraus anzustellen, alle Gedanken und Gefhle in sich
verschlieend, mannhaft, sein Weib nicht aus der Fassung bringend,
sondern im Gegenteil sie beruhigend und ihren Heldenmut sttzend -- zu
ertragen, was ihm bevorstand.

Ohne sich zu gestatten, nur daran zu denken, was kommen wrde, und wie
das enden sollte, nur nach seinen eingehenden Erkundigungen, wie sehr
sich derartige Ereignisse gewhnlich in die Lnge zgen, urteilend,
hatte sich Lewin innerlich gefat gemacht, zu dulden, fnf Stunden
lang, und es hatte ihm das auch mglich geschienen.

Als er indessen vom Arzte heimgekommen war und von neuem ihre Leiden
sah, begann er fter und fter zu wiederholen Gott vergieb mir und
steh' mir bei! und seufzend den Kopf emporzuheben, und fing an zu
befrchten, da er dies nicht aushalten, sondern in Thrnen ausbrechen,
oder davonlaufen wrde. In solch qualvoller Stimmung befand er sich,
und doch war erst eine Stunde vergangen.

Aber nach dieser Stunde verging noch eine; zwei, drei, alle fnf
Stunden vergingen, die er sich als hchste Frist seiner Geduldsprobe
gesetzt hatte, und die Situation war noch immer dieselbe; er litt
noch immer, weil sich weiter nichts thun lie als leiden, jede Minute
denkend, er sei bis an die uersten Grenzen der Geduld gekommen, und
das Herz msse ihm nun von Mitleid zerrissen werden.

Aber Minuten vergingen, Stunden, Stunden auf Stunden, und die
Empfindungen von Schmerz und Angst in ihm wuchsen und wurden noch hher
gespannt.

Alle jene gewhnlichen Verhltnisse im Leben, ohne die man sich
gewhnlich nichts vorstellen kann, waren fr Lewin nicht mehr
vorhanden. Er hatte das Zeitbewutsein verloren. Jene Minuten -- jene
Minuten, da sie ihn zu sich rief und er ihre schweibedeckte, mit
auergewhnlicher Kraft seine Hand bald pressende, bald hinwegstoende
Rechte hielt, schienen ihm bald Stunden, bald schienen sie ihm Minuten.
Er war verwundert, als Lisabetha Petrowna ihn bat, das Licht hinter dem
Schirm anzuznden und als er wahrnahm, da es bereits fnf Uhr abends
war.

Htte man ihm gesagt, da es jetzt erst zehn Uhr morgens wre, er
wrde ebensowenig verwundert gewesen sein. Wo er whrend dieser
Zeit war, wute er ebensowenig, wie wenn Etwas geschah. Er sah ihr
glhendes, bald verzweifeltes und leidendes, bald lchelndes und ihn
beschwichtigendes Gesicht. Er sah auch die Frstin, rot im Gesicht,
aufgeregt, mit den aufgegangenen Locken der grauen Haare, und in
Thrnen, die sie mhsam verschluckte, sich die Lippen zernagen; er
sah Dolly, den Arzt, welcher dicke Cigaretten rauchte, und Lisabetha
Petrowna mit ihrem festen, energischen und ruhigen Gesicht, sowie den
alten Frsten, der mit finsterem Gesicht im Salon auf und abschritt.
Aber wie sie gekommen waren oder gingen, wo sie waren -- er wute es
nicht.

Die Frstin war bald bei dem Arzte im Schlafzimmer, bald im Kabinett,
wo sich ein gedeckter Tisch befand; bald war sie abwesend und Dolly war
da. Dann erinnerte sich Lewin, da man ihn fortgeschickt hatte; einmal
hatte man ihn geschickt, einen Tisch und ein Sofa zu transportieren. Er
hatte dies voll Eifers gethan, indem er meinte, es sei fr sie ntig,
und erst dann erkannt, da er sich selbst damit ein Nachtlager bereitet
hatte. Darauf sandte man ihn zum Arzt ins Kabinett, damit er nach etwas
frage. Der Arzt antwortete und begann dann von den Unordnungen in der
Duma zu sprechen. Hierauf schickte man ihn in das Schlafzimmer zur
Frstin, derselben ein Heiligenbild in silbernem, vergoldetem Gewand
zu bringen. Er kletterte nebst der alten Kammerfrau der Frstin auf
einen Schrank, um es zu erlangen und zerbrach dabei eine Lampe; die
Kammerfrau der Frstin beruhigte ihn ber seine Frau und ber die
Lampe und er brachte das Heiligenbild und stellte es zu Hupten Kitys,
es sorgfltig hinter die Kissen steckend. Aber wo, wann und warum
alles das war, wute er nicht. Er verstand auch nicht, weshalb ihn die
Frstin bei der Hand nahm und ihn mit einem Blick voll Mitleid bat,
sich zu beruhigen, weshalb Dolly ihm zuredete, zu essen, und ihn aus
dem Zimmer fhrte, ja, selbst der Doktor ihn ernst und teilnahmsvoll
anschaute und ihm einen strkenden Tropfen empfahl.

Er wute und fhlte nur, da das, was sich jetzt vollzog, dem hnlich
war, was sich ein Jahr vorher in dem Hotel der Gouvernementsstadt auf
dem Totenbett seines Bruders Nikolay vollzogen hatte.

Jenes aber war ein Schmerz gewesen -- dies war eine Freude! -- Doch
sowohl jener Schmerz, wie diese Freude lagen vereinsamt auerhalb aller
gewohnten Verhltnisse des Lebens; sie bildeten in diesem gewhnlichen
Leben gleichsam ffnungen, durch welche etwas Hheres erschien. In ganz
gleicher Weise unergrndlich, erhob sich die Seele vor der Betrachtung
dieses Hchsten auf eine Hhe, wie sie nie zuvor begriffen, und wohin
der Verstand nicht mehr reichte.

Gott vergieb mir und steh' mir bei, stammelte er ohne Unterla,
ungeachtet der so langjhrigen und ihm vollkommen erschienenen
Entfremdung, in dem Gefhl, da er sich ganz so vertrauensselig und
naiv wieder zu Gott wende, wie in den Zeiten seiner Kindheit und ersten
Jugend.

Whrend dieser ganzen Zeit herrschten in ihm zwei in sich gesonderte
Stimmungen. Die eine war vorhanden, wenn er sich nicht in der Gegenwart
seiner Frau befand; sie gruppierte sich um den Arzt, welcher eine
seiner dicken Zigaretten nach der anderen rauchte und sie dann an dem
Rande des gefllten Aschenbechers lschte, um Dolly und den Frsten,
von denen ein Gesprch ber das Essen, ber die Politik und die
Krankheit Marja Petrownas gepflogen wurde, und wo Lewin pltzlich
auf einen Moment vllig verga, was vorging, sich gleichsam erwacht
fhlte -- die andere herrschte in ihm, wenn er in ihrer Gegenwart war;
an ihrem Kopfkissen stand, und es ihm das Herz zerreien wollte vor
Mitleid und doch nicht zerri, und wo er ohne Aufhren zu Gott flehte.

Jedesmal, wenn ihn ein aus dem Schlafzimmer zu ihm dringender Schrei
einer Minute des Vergessens wieder entri, geriet er in den nmlichen
seltsamen Irrtum, dem er in der ersten Minute verfallen war. Jedesmal,
sobald er einen Schrei vernahm, sprang er auf und eilte, um sich zu
entschuldigen, besann sich aber unterwegs, da er ja nicht schuld sei;
er wollte schtzen, helfen. Erblickte er sie aber dann, sah er von
neuem, da es unmglich sei zu helfen, so geriet er in Schrecken und
sprach Gott vergieb mir und steh mir bei.

Je weiter die Zeit vorrckte, um so strker wurden diese beiden
Stimmungen; um so ruhiger wurde er, indem er seine Frau vllig verga,
in der Abwesenheit von ihr, um so qualvoller wurden ihm aber auch ihre
Leiden und das Gefhl der Hilflosigkeit, diesen gegenber. Er sprang
empor, wollte fort, und lief zu ihr.

Bisweilen, wenn sie ihn immer und immer wieder rief, machte er ihr
Vorwrfe, doch wenn er ihr ergebenes, lchelndes Antlitz gesehen,
ihre Worte gehrt hatte: Ich martere dich, machte er Gott Vorwrfe,
gedachte er aber Gottes, so flehte er sogleich um Vergebung und
Erbarmen.


                                  15.

Er wute nicht, ob es spt oder frh war. Die Kerzen waren schon
smtlich niedergebrannt. Dolly war soeben im Kabinett gewesen und hatte
dem Arzte vorgeschlagen, sich niederzulegen.

Lewin sa, den Erzhlungen des Doktors ber den Charlatanismus eines
Magnetiseurs zuhrend, und schaute auf die Asche seiner Cigarette. Es
war eine Ruhepause eingetreten und er hatte sich in Gedanken verloren.
Er hatte vollstndig vergessen, was jetzt vorging, hrte der Erzhlung
des Arztes zu und verstand sie. Pltzlich ertnte ein mit nichts mehr
zu vergleichender Schrei. Der Schrei war so furchtbar, da Lewin nicht
einmal aufsprang, sondern mit stockendem Atem, erschrocken fragend
den Arzt anblickte. Dieser neigte lauschend den Kopf seitwrts, und
lchelte befriedigt. Alles war so auergewhnlich gewesen, da Lewin
schon nichts mehr in Erstaunen versetzte. Es mu wahrscheinlich so
sein, dachte er und blieb sitzen. Von wem rhrte der Schrei her?
Er sprang auf und eilte auf den Fuspitzen in das Schlafzimmer; er
eilte an Lisabetha Petrowna und der Frstin vorber und trat auf
seinen Platz zu Hupten. Der Schrei war verstummt, aber es ging jetzt
eine Vernderung vor sich. Was es war -- das sah und erkannte er
nicht, wollte er auch weder sehen, noch erkennen. Aber er nahm diese
Vernderung wahr an dem Gesicht Lisabetha Petrownas, welches streng und
bleich, noch immer so energisch war, obwohl ihre Kinnbacken bisweilen
leise bebten und ihre Augen unverwandt auf Kity gerichtet waren.

Das glhende, erschpfte Antlitz Kitys mit dem am schweibedeckten
Gesicht klebenden Haargewirr war ihm zugewendet und suchte seinen
Blick. Ihre erhobenen Arme verlangten nach den seinen, und mit ihren
schweibedeckten Hnden die seinen, welche kalt waren, fassend, drckte
sie dieselben an ihr Gesicht.

Geh' nicht von mir, geh' nicht von mir! Ich habe keine Angst, ich habe
keine Angst! sprach sie rasch. Mama, nehmt mir die Ohrringe weg,
sie stren mich. Hast du auch keine Angst? -- Bald, bald, Lisabetha
Petrowna! --

Sie sprach schnell, schnell, und wollte lcheln, aber pltzlich
verzerrte sich ihr Gesicht und sie stie ihn von sich.

Nein, das ist furchtbar! Ich sterbe, sterbe! Komm her, komm her!
schrie sie auf, und wieder ertnte der nmliche, mit nichts zu
vergleichende Schrei.

Lewin griff sich nach dem Kopfe und strzte aus dem Zimmer hinaus.

Es ist nichts, nichts; alles geht gut! rief Dolly ihm nach.

Doch was man auch sagen mochte, er wute, da jetzt alles verloren
war. Den Kopf gegen die Oberschwelle der Thr gelehnt, stand er im
Nebenzimmer und vernahm ein von ihm noch nie gehrtes Wimmern und
Schreien; er erkannte, das jetzt ein Wesen schrie, welches frher Kity
gewesen war. Ein Kind hatte er nicht gewnscht. Er hate jetzt dieses
Kind, ja wnschte jetzt nicht einmal dessen Leben, sondern nur die
Abkrzung dieser entsetzlichen Leiden.

Doktor! Was ist das! Was ist das; mein Gott! sagte er, den
eintretenden Arzt am Arme packend.

Es geht zu Ende, sagte der Arzt; sein Gesicht war so ernst, als er
dies sagte, da Lewin dieses es geht zu Ende in dem Sinne auffate,
als ob sie strbe.

Nicht mehr bei Sinnen, rannte er in das Schlafzimmer. Das erste, was
er hier erblickte, war das Gesicht Lisabetha Petrownas. Es war noch
finstrer und ernstrer geworden. Das Gesicht Kitys war nicht da. An
der Stelle, wo es vorher gewesen, lag etwas Entsetzenerregendes, nach
dem Ausdruck von Anstrengung und den Tnen die von dorther kamen, zu
urteilen. Er fiel mit dem Kopfe auf die Bettstelle, und fhlte, wie es
ihm das Herz zerri. Das furchtbare Schreien verstummte nicht mehr,
es wurde noch furchtbarer und, als wre es bis zur hchsten Grenze
des Entsetzlichen gelangt -- verstummte es pltzlich. Lewin traute
seinen Ohren nicht, aber es war nicht zu bezweifeln; das Schreien war
verstummt und man hrte jetzt ein leises Gerusch und schnelles Atmen,
sowie ihre sich losringende, lebhafte, milde und glckselige Stimme die
ein leises vorbei hervorbrachte.

Er hob den Kopf. Kraftlos die Hand auf die Bettdecke sinken lassend,
schaute sie ihn, seltsam schn und still, wortlos an; sie wollte
lcheln, vermochte es aber nicht, und pltzlich fhlte sich Lewin
aus jener geheimnisvollen und furchtbaren, berirdischen Welt, in
der er die letzten zweiundzwanzig Stunden gelebt hatte, in die
frhere, gewohnte zurckversetzt, die ihm jetzt jedoch in solch neuem
Glanze von Glck erschien, da er ihn nicht ertragen konnte. Die
gespannt gewesenen Saiten waren smtlich gerissen. Schluchzen und
Freudenthrnen, die er nimmermehr vorausgesehen htte, stiegen in ihm
mit solcher Gewalt, seinen ganzen Krper erschtternd, auf, da sie ihn
lange Zeit am Sprechen verhinderten.

Auf die Kniee niederfallend vor dem Bett, hielt er die Hand seines
Weibes an seine Lippen und kte sie, und diese Hand antwortete seinen
Kssen mit einer schwachen Bewegung der Finger. Whrenddem aber
bewegte sich unten, zu Fen des Bettes, in den gewandten Hnden der
Lisabetha Petrowna, wie ein Flmmchen aus dem Leuchter, ein lebendiges
menschliches Wesen hin und her, welches frher nie gewesen war, nun
aber mit dem gleichen Rechte, mit der nmlichen Bedeutung fr sich
selbst, leben sollte und seinesgleichen zeugen.

Es lebt, es lebt! Und noch dazu ein Junge! Frchtet nichts! hrte
Lewin die Stimme der Lisabetha Petrowna, die mit der zitternden Hand
klatschend den Rcken des Kindes schlug.

Mama, ist es wahr? sagte die Stimme Kitys.

Nur das Schluchzen der Frstin antwortete ihr.

Inmitten des Schweigens aber ertnte, wie eine unbegreifbare Antwort
auf die Frage an die Mutter, eine Stimme, die vollkommen verschieden
war von den Stimmen, welche verhalten im Zimmer sprachen. Es war der
kecke, dreiste, unbekmmerte Schrei eines neuen menschlichen Wesens,
das auf unbegreiflichem Wege erschienen ist.

Htte man Lewin frher gesagt, da Kity einmal sterben werde und er
mit ihr zusammen, und da ihre Kinder Engel wrden und Gott dann bei
ihnen sein werde -- er htte sich ber nichts gewundert; jetzt aber,
in die Welt der Wirklichkeit zurckversetzt, machte er die grten
Anstrengungen im Denken, um zu begreifen, da sie noch lebte, gesund
sei, und da jenes verzweifelt wimmernde Wesen sein Sohn sei.

Kity lebte, ihre Leiden waren vorber, und er war unsagbar glcklich.
Das erkannte er, und er war vollkommen glcklich darber. Aber das
Kind? Woher kam es, warum war es und was war es? Er vermochte sich
durchaus nicht an diesen Gedanken zu gewhnen; es erschien ihm aber
auch durch irgend einen Umstand, an den er sich nicht gewhnen konnte,
berflssig, berzhlig.


                                  16.

In der zehnten Stunde saen der alte Frst, Sergey Iwanowitsch und
Stefan Arkadjewitsch bei Lewin. Nachdem man ber die Wchnerin
gesprochen hatte, unterhielt man sich auch ber nebenschliche Dinge.

Lewin hrte ihnen zu und dachte unwillkrlich bei diesen Gesprchen
der Vergangenheit, dessen, was bis zum heutigen Morgen geschehen war;
er vergegenwrtigte sich auch, wie er sich noch gestern dazu gestellt
hatte. Es war ihm, als seien seit dieser Zeit hundert Jahre vergangen.
Er fhlte sich auf einer gewissen unzugnglichen Hhe, von welcher
er sich vorsorglich herablie, um diejenigen nicht zu verletzen, mit
denen er sprach. Er sprach, und dachte dabei fortwhrend seines
Weibes, der Einzelheiten ihres jetzigen Zustandes, und seines Sohnes,
und suchte sich an den Gedanken seines Vorhandenseins zu gewhnen. Die
ganze Welt des Weiblichen, welche fr ihn eine neue, ihm unbekannt
gewesene Bedeutung erlangt hatte, seitdem er verheiratet war, erhob
sich jetzt in seinem Begriffsvermgen so hoch, da er sie mit seiner
Vorstellungskraft nicht mehr zu umfassen vermochte. Er hrte auf das
Gesprch ber ein Essen am gestrigen Tag im Klub und dachte dabei wie
mag es jetzt mit ihr stehen, ob sie eingeschlafen ist? Wie mag sie sich
befinden? Was mag sie denken? Schreit der kleine Dmitry? Und mitten in
der Unterhaltung sprang er auf und verlie das Zimmer.

Man hat mir gemeldet, man kann zu ihr, sagte der Frst. Gut;
sogleich -- antwortete Lewin, und ging ohne Verzug zu ihr.

Sie schlief nicht und sprach leise mit ihrer Mutter, Plne ber die
bevorstehende Taufe entwerfend.

Geputzt, frisiert und in einem zierlichen Hubchen mit blauem Band,
die Hnde auf der Bettdecke ausgestreckt, lag sie auf dem Rcken, und
winkte ihn mit dem Blick zu sich, indem sie dem seinigen begegnete.
Ihr Blick, schon ohnehin hell, wurde noch lichter im Mae, als er sich
ihr nherte. Auf ihrem Gesicht lag jene Wandlung vom Irdischen zum
berirdischen, welche auf dem Gesicht Verstorbener zu liegen pflegt.
Dort aber liegt Vergebung darauf; hier ein Wunsch nach Begegnung.
Wiederum trat ihm jene Wallung, hnlich derjenigen, die er in den
Augenblicken der Niederkunft empfunden hatte, ans Herz. Sie nahm ihn
bei der Hand und frug, ob er geschlafen habe. Er konnte nicht antworten
und wandte sich ab, von seiner Schwche bermannt.

Ich habe mich vergessen, mein Konstantin, sagte sie zu ihm, doch
jetzt befinde ich mich recht wohl. Sie schaute ihn an, doch pltzlich
vernderte sich ihr Ausdruck. Gebt ihn mir her, sprach sie, das
Wimmern des Kindes vernehmend. Gebt ihn her, Lisabetha Petrowna, er
soll ihn sehen.

Hier, der Papa mu ihn sehen, sagte Lisabetha Petrowna, ein rotes,
seltsames, sich bewegendes Etwas emporhebend und herbeibringend; doch
halt, wir wollen ihn erst putzen, und Lisabetha Petrowna legte dieses
sich bewegende, rote Ding auf das Bett, wickelte das Kind auf, und
wickelte es wieder zu, nachdem sie es mit einem Finger aufgehoben,
umgewendet, und es mit irgend etwas bestreut hatte.

Lewin machte, indem er dieses einzige, klgliche Wesen ansah,
vergebliche Anstrengungen, in seiner Seele einige Kennzeichen
von Vatergefhl fr dasselbe zu entdecken. Er empfand nur Ekel
vor ihm. Nachdem es jedoch der Hllen entledigt war, die zarten
rmchen, Fchen, die wie Saffran aussahen, sichtbar wurden, mit den
kleinen Fingerchen, selbst mit dem Daumen, der sich vor den anderen
auszeichnete, und als er wahrnahm, wie Lisabetha Petrowna -- als wren
es weiche Sprungfedern -- die gespreizten rmchen andrckte, indem sie
sie in ein leinenes Jpchen steckte, berkam ihn ein solches Mitleid
mit diesem Wesen, und eine solche Angst, sie knne demselben schaden,
da er sie an der Hand festhielt.

Lisabetha Petrowna lachte.

Habt keine Angst; habt keine Angst!

Nachdem das Kind angezogen und zu einer drallen Puppe umgewandelt
worden war, wlzte es Lisabetha Petrowna, als sei sie stolz auf ihr
Werk, und trat dann zurck, damit Lewin den Sohn in seiner ganzen
Schnheit sehen knne.

Kity schaute unverwandt gleichfalls nach ihm hin.

Reicht ihn her, reicht ihn her! sagte sie und wollte sich sogar
erheben.

Was macht Ihr, Katharina Aleksandrowna, solche Bewegungen drft Ihr
nicht machen! Wartet nur, ich werde ihn Euch schon geben. Jetzt wollen
wir uns aber erst Papa zeigen, wie hbsch wir sind.

Und Lisabetha Petrowna erhob auf dem einen Arme -- der andere sttzte
nur mit den Fingern das noch haltlose Genick -- dieses seltsame,
zappelnde, seinen Kopf unter dem Saum der Windel verbergende rote
Wesen. Doch es hatte auch eine Nase, schielende Augen und schmatzende
Lippen.

Ein schnes Kind! sagte Lisabetha Petrowna.

Lewin seufzte voll Ingrimm. Dieses schne Kind flte ihm nur das
Gefhl des Abscheues und des Mitleids ein. Das war durchaus nicht das
Gefhl, welches er erwartet hatte.

Er wandte sich ab, whrend Lisabetha Petrowna das Kind an die noch
nicht gewohnte Brust zu legen suchte.

Ein Lachen lie ihn pltzlich den Kopf heben. Kity hatte gelacht. Das
Kind hatte sich an ihre Brust gemacht.

Genug, genug nun! sagte Lisabetha Petrowna, doch Kity lie es nicht
von sich. Es schlief in ihren Armen ein.

Sieh jetzt her, sprach Kity, ihm das Kind so zuwendend, da er
es sehen konnte. Das ltlich aussehende Gesichtchen runzelte sich
pltzlich noch mehr; das Kind nieste.

Lchelnd und mit Mhe die Thrnen zurckhaltend, kte Lewin sein Weib
und verlie das verdunkelte Gemach.

Was er fr dieses kleine Geschpf empfand, war durchaus nicht das, was
er erwartet hatte. Nichts Heiteres und Freudiges lag in diesem Gefhl;
im Gegenteil, es verursachte ihm eine ungewohnte, peinliche Angst;
die Erkenntnis eines neuen Gebietes, auf dem er verwundbar war. Diese
Erkenntnis war ihm in der ersten Zeit so peinlich, die Angst davor, da
dieses hilflose Wesen nicht litte, war so stark, da infolge derselben
die Empfindung einer ungemessenen Freude, selbst des Stolzes, die er
hatte, als das Kind nieste, gar nicht bemerkbar wurde.


                                  17.

Die Verhltnisse Stefan Arkadjewitschs hatten sich sehr verschlechtert.
Die Gelder fr zwei Drittel des Waldes waren bereits verlebt, und
das dritte Drittel hatte er unter einem Zinsenabzug von zehn Prozent
bei dem Kaufmann schon im voraus fast ganz erhoben. Der Kaufmann gab
kein Geld mehr her, umsoweniger, als sich in diesem Winter Darja
Aleksandrowna, zum erstenmale rckhaltlos ihre Rechte auf ihr Vermgen
geltend machend, geweigert hatte, einen Kontrakt ber den Empfang des
Betrages fr das letzte Drittel des Waldes zu unterschreiben.

Der ganze Gehalt ging fr die huslichen Ausgaben, sowie fr die
Begleichung der kleinen Forderungen auf, die sich nicht aufschieben
lieen. An Geld war vollstndige Ebbe eingetreten.

Das war unangenehm, peinlich, und konnte nach der Meinung Stefan
Arkadjewitschs nicht so fortgehen. Die Ursache lag nach seiner
Auffassung darin, da er einen zu geringen Gehalt bezog. Das Amt,
welches er bekleidete, war offenbar sehr gut gewesen vor fnf Jahren,
jetzt aber war dem nicht mehr so. Petroff, der Bankdirektor, hatte
zwlftausend Rubel; Swentizkiy, ein Mitglied der Gesellschaft, hatte
siebzehntausend, und Mitin, der die Bank gegrndet hatte, bezog
fnfzigtausend Rubel. Offenbar habe ich geschlafen und man hat mich
vergessen, dachte Stefan Arkadjewitsch bei sich, und fing nun an,
das Ohr zu spitzen, und um sich zu schauen, und gegen das Ende des
Winters hin hatte er eine sehr gute Stelle erspht, auf welche er nun
eine Attacke machte; zuerst von Moskau aus, mit Hilfe seiner Tanten,
Onkel und Freunde, dann aber, nachdem die Sache reif geworden, fuhr
er mit dem Frhling selbst nach Petersburg. Es war eines jener mter,
deren jetzt, mit Einknften von ein bis zu fnfzigtausend Rubel
jhrlich Gehalt, mehr geworden sind, als frher vorhanden waren,
behagliche, sportelfette mter. Es war die Stellung eines Mitglieds
in der Kommission der vereinigten Agentur der Kreditaktien-Bilanz der
sdlichen Eisenbahnen und Bankinstitute. Dieses Amt forderte, wie alle
derartigen Stellungen, so ungeheure Kenntnisse, solche Thtigkeit, da
es schwer war, es in einem einzelnen Menschen zu vereinigen.

Da nun ein solcher Mann, der diese Eigenschaften in sich vereinigte,
nicht vorhanden war, war es immer noch das beste, wenn das Amt
ein ehrenhafter Mann bekleidete, als ein unehrenhafter. Stefan
Arkadjewitsch aber war nicht nur ein Ehrenmann -- ohne Betonung --
sondern er war ein ehrlicher Mensch -- mit Betonung -- in jenem
eigentmlichen Sinne, den dieses Wort in Moskau besitzt, wenn man sagt:
Ein ehrlicher Beamter, Schriftsteller, ein ehrliches Journal, eine
solide Unternehmung, ehrliche Richtung; und welcher nicht nur andeutet,
da ein Mensch oder eine Institution nicht unehrenhaft ist, sondern
auch, da dieselben fhig sind, bei Gelegenheit der Regierung einen
Stich zu versetzen.

Stefan Arkadjewitsch verkehrte in Moskau in denjenigen Kreisen, in
denen dieses Wort eingefhrt war, in denen er als ehrenhafter Mann
angesehen wurde und demgem mehr Anrechte auf diese Stellung hatte,
als andere.

Das Amt warf jhrlich von sieben bis zu zehntausend Rubel ab und
Oblonskiy konnte es bekleiden, ohne dabei seinen Regierungsposten
aufzugeben. Es hing von zwei Ministerien ab, von einer Dame und zwei
Juden, und alle diese Leute mute Stefan Arkadjewitsch -- obwohl sie
schon vorbereitet waren -- in Petersburg besuchen. Auerdem hatte er
seiner Schwester Anna versprochen, von Karenin eine bestimmte Antwort
betreffs der Ehescheidung zu erlangen.

Nachdem er sich von Dolly fnfzig Rubel erbeten hatte, fuhr er nach
Petersburg.

In dem Kabinett Karenins sitzend, und dessen Projekt betreffs des
schlechten Zustandes der russischen Finanzen anhrend, wartete Stefan
Arkadjewitsch nur auf die Minute, wo Karenin enden wrde, um von seiner
Angelegenheit und von Anna zu beginnen.

Ja, das ist sehr wichtig, sagte er, als Aleksey Aleksandrowitsch sein
Pincenez abnahm, ohne welches er jetzt nicht mehr lesen konnte, und
fragend seinen ehemaligen Schwager anschaute, das ist sehr richtig in
den Einzelheiten, aber bei alledem ist doch das Prinzip unserer Zeit --
die Freiheit.

Ich stelle aber eben ein anderes Prinzip auf, welches das Prinzip
der Freiheit mit einschliet, sprach Aleksey Aleksandrowitsch, das
Wort einschliet betonend und das Pincenez wieder aufsetzend, um
noch einmal seinem Zuhrer die Stelle vorzulesen, in welcher eben dies
gesagt war.

Das schngeschriebene Manuskript mit den groen weien Rndern
durchbltternd, las Aleksey Aleksandrowitsch aufs neue die berzeugende
Stelle.

Ich will kein Protektionssystem, keines im Interesse einzelner
Privatpersonen, sondern eines im Interesse des allgemeinen Wohls -- fr
die niedrigsten ebenso wie fr die hchsten Klassen -- sagte er, ber
dem Pincenez hinweg nach Oblonskiy blickend. Aber die oben knnen das
nicht begreifen, die sind nur von persnlichen Interessen eingenommen
und von Phrasen begeistert.

Stefan Arkadjewitsch wute, da Karenin, wenn er davon zu sprechen
begann, was _die oben_ thten und dchten, die Nmlichen, welche seine
Projekte nicht annehmen wollten und die die Ursache aller belstnde in
Ruland waren, dem Schlu schon ziemlich nahe war, und entsagte daher
jetzt gern der Verteidigung seines Princips der Freiheit und stimmte
vollstndig ein. Aleksey Aleksandrowitsch verstummte, nachdenklich
seine Schrift durchbltternd.

Ach, bei dieser Gelegenheit -- sagte Stefan Arkadjewitsch, wollte
ich dich bitten, wenn du Pomorskiy sehen solltest, ihm doch ein paar
Worte davon zu sagen, da ich recht sehr die offene Stellung als
Mitglied der Kommission der vereinigten Agentur der Kreditaktien-Bilanz
der sdlichen Eisenbahnen zu haben wnschte. Stefan Arkadjewitsch
war der Titel dieses Amtes, das ihm so sehr am Herzen lag, bereits
gewohnt geworden und er sprach ihn schnell herunter, ohne sich dabei zu
versehen.

Aleksey Aleksandrowitsch erkundigte sich, worin die Thtigkeit dieser
neuen Kommission bestnde und berlegte. Er erwog, ob in der Thtigkeit
dieser Kommission nicht etwas seinen Plnen Feindliches liegen knne.
Doch da die Thtigkeit dieses neuen Instituts eine sehr komplizierte
war, und seine Plne ein sehr groes Gebiet umfaten, so vermochte er
sich dies nicht sofort klarzumachen und sagte, das Pincenez abnehmend:

Ohne Zweifel kann ich mit ihm davon sprechen; aber warum wnschest du
gerade dieses Amt zu bernehmen?

Der Gehalt ist gut, gegen neuntausend Rubel, und meine Mittel --

Neuntausend, wiederholte Aleksey Aleksandrowitsch und verfinsterte
sich. Die Hhe dieses Gehaltes erinnerte ihn daran, da nach dieser
Seite eine vorausgesetzte Thtigkeit Stefan Arkadjewitschs dem
Hauptgedanken seiner Projekte entgegen sein wrde, welche stets fr die
Sparsamkeit waren.

Ich finde, und habe auch darber eine Denkschrift geschrieben, da in
unserer Zeit diese ungeheuren Gehlter die Kennzeichen einer falschen
konomischen =assiette= unserer Regierung sind.

Was willst du? sagte Stefan Arkadjewitsch. Nehmen wir an, ein
Bankdirektor erhlt zehntausend Rubel, so ist er diese doch wohl wert.
Oder ein Ingenieur erhlt zwanzigtausend.

Ich meine, da der Gehalt eine Bezahlung fr Ware ist, und dem Gesetz
der Nachfrage und des Angebotes entsprechen mu. Wenn die Normierung
eines Gehaltes von diesem Gesetz abweicht, wie zum Beispiel, wenn
ich sehe, da aus einem Institut zwei Ingenieure hervorgehen, gleich
kenntnisreich und befhigt, und der eine vierzigtausend Rubel Gehalt
erhlt, whrend sich der andere mit zweitausend begngt; oder wenn
man zu Direktoren einer Bank mit ungeheuren Gehltern Rechtsgelehrte
einsetzt, die kein bestimmtes Spezialwissen besitzen -- so schliee
ich daraus, da der Gehalt nicht nach dem Gesetz von Nachfrage und
Angebot bestimmt ist, sondern geradezu nach dem Ansehen der Person.
Hierin aber liegt ein Mibrauch, der sich, wichtig an und fr sich, als
schadenbringend im Staatsdienst erweist. Ich glaube --

Stefan Arkadjewitsch beeilte sich, seinen Schwager zu unterbrechen.

Ja, aber du giebst doch zu, da sich da eine neue, unzweifelhaft
nutzbringende Institution erffnet; ein lebensfhiges Unternehmen,
wenn du willst. Man schtzt es namentlich insofern hoch, als es auf
ehrenhafte Weise geleitet werden soll, sagte Stefan Arkadjewitsch
gewichtig.

Die Moskauer Bedeutung des Wortes ehrenhaft war jedoch fr Aleksey
Aleksandrowitsch unverstndlich.

Ehrenhaftigkeit ist nur eine negative Eigenschaft, sagte er.

Aber du wrdest mir gleichwohl einen groen Gefallen erweisen, sagte
Stefan Arkadjewitsch, wenn du ein Wort fr mich bei Pomorskiy einlegen
wolltest, das Wrtchen Pomorskiy unterdrckend, so im Gesprch.

Das hngt aber doch mehr von Bolgarinoff ab, wie mir scheint, sagte
Aleksey Aleksandrowitsch.

Bolgarinoff seinerseits ist vllig einverstanden, sagte Stefan
Arkadjewitsch errtend. Er errtete bei der Erwhnung dieses Namens,
weil er erst am nmlichen Tage frh bei dem Juden Bolgarinoff gewesen
war und dieser Besuch einen unangenehmen Eindruck in ihm hinterlassen
hatte.

Stefan Arkadjewitsch wute genau, da das Unternehmen, dem er seine
Krfte weihen wollte, neu, lebensfhig und solid war, aber am heutigen
Morgen, als Bolgarinoff ihn offenbar mit Absicht zwei Stunden mit
anderen Bittstellern im Empfangszimmer hatte warten lassen, da war
es ihm dennoch pltzlich peinlich zu Mute geworden. Ob nun deswegen,
da er, ein Nachkomme Rjuriks, ein Frst Oblonskiy, zwei Stunden in
dem Empfangszimmer eines Juden wartete, oder weil er zum erstenmal
im Leben das Beispiel der Vorfahren, der Regierung zu dienen, nicht
befolgt hatte und eine neue Laufbahn betrat; jedenfalls war ihm hchst
unbehaglich zu Mute gewesen.

Whrend der zwei Stunden seines Wartens bei Bolgarinoff hatte Stefan
Arkadjewitsch, schnell im Empfangssalon auf und abgehend, sich den
Lockenbart streichend, mit anderen Bittstellern Gesprche anknpfend,
und ber einen Kalauer nachdenkend, den er darber zum besten geben
wollte, wie er bei dem Juden gewartet habe, geflissentlich vor den
anderen, ja selbst vor sich, das Gefhl, welches er empfand, verborgen.
Er war whrend dieser ganzen Zeit in unbehaglicher und verdrielicher
Stimmung gewesen, ohne da er wute, wie dies kam; ob vielleicht daher,
da aus dem Kalauer, in dem er sich versuchte, nichts wurde -- er
lautete: ich hatt' es zu thun mit Juden und dafr mut' ich bluten[C]
-- oder aus einem anderen Grunde.

  [C] Der Originaltext lautet: =bylo djelo do [.z]yda, i ja
      do[.z]idalsja=, es gab mit einem Juden Etwas zu thun und ich
      mute tchtig warten.

Nachdem ihn nun endlich Bolgarinoff mit auerordentlicher Hflichkeit
empfangen, augenscheinlich im Triumph ber seine Erniedrigung, und ihm
einen fast abschlglichen Bescheid erteilt hatte, suchte er dies so
schnell als mglich zu vergessen. Jetzt indessen, als er sich hieran
erinnerte, errtete er.


                                  18.

Jetzt habe ich noch ein Anliegen, und du weit ja welches. Es betrifft
Anna, sagte Stefan Arkadjewitsch, nachdem er eine Weile geschwiegen,
und den unangenehmen Eindruck von sich abgeschttelt hatte.

Kaum hatte Oblonskiy den Namen Annas ausgesprochen, so vernderte sich
das Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs vollstndig; anstatt der frheren
Lebhaftigkeit drckte es Ermdung und etwas Totenhaftes aus.

Was wollt Ihr denn gerade von mir? sagte er, sich im Sessel wendend
und sein Pincenez zusammenklemmend.

Einen Entschlu, irgend einen Bescheid, Aleksey Aleksandrowitsch. Ich
wende mich jetzt zu dir -- nicht zu dem beleidigten Gatten -- wollte
Stefan Arkadjewitsch sagen, vernderte jedoch diese Worte in der
Furcht, die Sache damit zu verderben, indem er fortfuhr, nicht als zu
dem Staatsmann (was brigens auch nicht recht angebracht war), sondern
einfach zu dir als Menschen, und zwar als guten Menschen und Christen.
Du mut Mitleid mit ihr haben, sprach er.

Das heit, inwiefern denn eigentlich? sagte Karenin leise.

Ja, Mitleid mit ihr haben! Wenn du sie shest, wie ich sie gesehen
habe -- ich habe den ganzen Winter bei ihr zugebracht -- du wrdest
Erbarmen mit ihr haben. Ihre Lage ist entsetzlich, wirklich
entsetzlich.

Mir schien, antwortete Aleksey Aleksandrowitsch mit noch dnnerer,
fast pfeifender Stimme, als habe doch nun Anna Arkadjewna alles das,
was sie selbst gewollt hat.

Ach, Aleksey Aleksandrowitsch, um Gottes willen keine Rekriminationen!
Was vorbei ist, ist vorbei, und du weit, was sie wnscht und ersehnt
-- die Ehescheidung.

Ich habe aber geglaubt, Anna Arkadjewna wird in die Ehescheidung
nicht einwilligen fr den Fall, da ich die Bedingung, mir den Sohn zu
lassen, stelle. So habe ich auch geantwortet und gemeint, da diese
Angelegenheit abgethan wre. Ich erachte sie fr abgethan, sprach
Aleksey Aleksandrowitsch mit tnender Stimme.

Um Gott, ereifere dich nicht, sprach Stefan Arkadjewitsch, die Kniee
seines Schwagers berhrend, die Angelegenheit ist nicht abgethan. Wenn
du mir erlaubst, zu rekapitulieren, so lag die Sache so: Als ihr euch
trenntet, warest du gromtig, wie man nur gromtig sein kann; du hast
ihr alles bewilligt -- die Freiheit, sogar die Trennung! Sie wei das
zu schtzen. Nein, denke nicht anders, sie hat es wirklich geschtzt;
bis zu einem Grade, da sie whrend jener ersten Minuten im Gefhl
ihrer Schuld vor dir, nicht einmal alles berdachte oder berdenken
konnte. Sie hat auf alles verzichtet, aber die Wirklichkeit, die Zeit,
haben ihr gezeigt, da ihre Lage qualvoll und unmglich ist.

Das Leben Anna Arkadjewnas kann mich nicht interessieren, unterbrach
ihn Aleksey Aleksandrowitsch, die Brauen in die Hhe ziehend.

Gestatte mir, dies zu bezweifeln, entgegnete ihm Stefan Arkadjewitsch
geschmeidig, ihre Lage ist peinlich fr sie, und unersprielich fr
jedermann, wer es auch sei. Sie hat dieselbe verdient, sagst du. Das
wei sie, und sie bittet dich auch nicht, sagt vielmehr offen heraus,
da sie nicht wagt, um Etwas zu bitten. Ich aber, wir Verwandten alle,
alle, die sie lieb haben, wir bitten, wir beschwren dich. Warum soll
sie sich qulen? Wem wrde besser dadurch?

Erlaubt; Ihr versetzt mich, wie es scheint, in die Lage eines
Angeklagten, fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort.

O nein, o nein; keineswegs; verstehe mich recht, sagte Stefan
Arkadjewitsch, abermals seine Hnde berhrend, als wre er berzeugt,
da diese Berhrung den Schwager erweichen wrde; ich sage nur
das Eine, ihre Lage ist qualvoll, dieselbe kann erleichtert werden
durch dich, und du verlierst nichts dabei! Ich werde fr dich alles
so arrangieren, da du es nicht merkst. Du hattest mir es doch
versprochen.

Das Versprechen ist frher gegeben worden. Ich habe geglaubt, da die
Frage ber den Sohn die Angelegenheit entschieden htte. Auerdem habe
ich gehofft, da Anna Arkadjewna Gromut genug haben werde -- Aleksey
Aleksandrowitsch brachte dies mit Anstrengung hervor, erbleichend und
mit bebenden Lippen.

Sie stellt alles deiner Gromut anheim und bittet, fleht nur um das
Eine -- sie dieser unmglichen Lage zu entheben, in der sie sich
befindet! Sie bittet nicht mehr um den Sohn! Aleksey Aleksandrowitsch,
du bist ein guter Mensch, versetze dich einen Augenblick in ihre Lage.
Die Frage der Ehescheidung ist fr sie in ihrer Situation, eine Frage
ber Leben und Tod. Httest du nicht frher das Versprechen gegeben,
so wrde sie sich mit ihrer Lage abzufinden suchen und auf dem Lande
bleiben. Aber du hast versprochen, sie hat dir geschrieben und ist
nach Moskau gekommen, und in Moskau, wo ihr jede Begegnung einen Stich
ins Herz giebt, lebt sie nun seit sechs Monaten, mit jedem Tage eine
Entscheidung erwartend. Das ist doch wohl ganz das Nmliche, als wenn
man einen zum Tode Verurteilten Monate hindurch mit der Schlinge um den
Hals hlt, indem man ihm bald den Tod, bald Begnadigung als mglich in
Aussicht stellt. Erbarme dich ihrer, und dann will ich es schon auf
mich nehmen die Sache zu ordnen! -- =Vos scrupules= --

Ich spreche nicht davon, nicht davon, unterbrach ihn Aleksey
Aleksandrowitsch mit Widerwillen, ich hatte da vielleicht etwas
versprochen, was zu versprechen ich gar kein Recht hatte.

So stellst du also in Abrede, mir ein Versprechen gegeben zu haben?

Ich habe mich nie bei der Erfllung einer Mglichkeit geweigert,
wnsche aber Zeit zu haben, um berlegen zu knnen, inwieweit das
Versprochene erfllbar ist.

Nein, Aleksey Aleksandrowitsch! begann Oblonskiy aufspringend, daran
will ich nicht glauben! Sie ist so unglcklich, wie nur ein Weib
unglcklich sein kann, und du kannst dich nicht weigern, eine solche --

-- Soweit mein Versprechen erfllbar ist. =Vous professez d'tre
un libre penseur=, ich aber, als Rechtglubiger, kann in einer so
wichtigen Angelegenheit nicht wider das christliche Gebot handeln.

Aber in der christlichen Gesellschaft und bei uns ist doch, soviel
ich wei, die Ehescheidung zulssig, sagte Stefan Arkadjewitsch; die
Ehescheidung ist auch in unserer Kirche zulssig und wir sehen --

-- Sie ist gestattet, doch nicht in diesem Sinne.

Aleksey Aleksandrowitsch, ich erkenne dich nicht wieder, sagte
Oblonskiy flehend, hast du nicht alles vergeben? Haben wir dies nicht
hoch angeschlagen? Warest du nicht, getrieben gerade vom christlichen
Gefhl, bereit, alles zu opfern? Du selbst hast gesagt, man solle auch
den Rock hingeben wenn man das Hemd nhme, und jetzt --

Ich bitte dich, begann Aleksey Aleksandrowitsch, pltzlich auf die
Fe springend, bleich, mit bebenden Kinnbacken und pfeifender Stimme,
ich bitte Euch, abzubrechen, abzubrechen -- dieses Gesprch --

O nein doch! Verzeihe mir, verzeih', wenn ich dich gekrnkt habe,
beharrte Stefan Arkadjewitsch, verlegen lchelnd und die Hand
hinstreckend, ich habe ja nur wie ein Gesandter meinen Auftrag
bermittelt.

Aleksey Aleksandrowitsch gab ihm die Hand, begann nachzudenken.

Ich mu berlegen und mich nach Weisungen umsehen. bermorgen
werde ich Euch eine bestimmte Antwort geben, sagte er nach einigem
Nachdenken.


                                  19.

Stefan Arkadjewitsch wollte schon gehen, als Korney erschien mit der
Meldung:

Sergey Aleksejewitsch!

Wer ist dieser Sergey Aleksejewitsch? wollte Stefan Arkadjewitsch
anfangen, besann sich aber sogleich. Ach, der kleine Sergey, sagte
er, Sergey Aleksejewitsch! Ich dachte, der Direktor des Departements
wre es. Anna hat mich ja gebeten, ihn zu besuchen, erinnerte er sich,
und rief sich jenen schchternen, mitleiderweckenden Ausdruck wieder
ins Gedchtnis, mit welchem ihm Anna, indem sie ihn entlie, gesagt
hatte, du wirst ihn sehen, erforsche genau, wo er ist und wer bei ihm
ist. Und mein Stefan -- wenn es mglich wre; es wird doch mglich
sein? Stefan Arkadjewitsch verstand was dieses wenn es mglich wre
bedeutete. Wenn es mglich wre, die Scheidung so zu stande zu bringen,
da er ihr den Sohn berlie! Jetzt sah er indessen, da hieran nicht
zu denken war, aber dennoch freute er sich, den Neffen zu sehen.

Aleksey Aleksandrowitsch machte seinen Schwager darauf aufmerksam,
da man zu seinem Sohne nie von der Mutter spreche und er ihn daher
ersuche, kein Wort von derselben zu erwhnen.

Er war sehr krank geworden nach jenem Wiedersehen mit seiner
Mutter, welches wir nicht vorausgesehen hatten, sagte Aleksey
Aleksandrowitsch. Wir frchteten sogar fr sein Leben. Aber eine
verstndige Pflege und Seebder im Sommer haben seine Gesundheit
wiederhergestellt, und jetzt habe ich ihn auf Anraten des Arztes in die
Schule gegeben. In der That hat auch der Einflu der Kameraden auf ihn
eine gnstige Wirkung gehabt und er ist vollkommen gesund und lernt
gut.

Was fr ein hbscher Bursch er geworden ist; das ist nicht mehr der
kleine Sergey Aleksejewitsch! lchelte Stefan Arkadjewitsch, auf den
hurtig und ungezwungen eintretenden hbschen, breitschulterigen Knaben
in blauer Kutte und langen Beinkleidern blickend. Der Knabe sah gesund
und munter aus. Er verneigte sich vor dem Onkel wie vor einem Fremden,
doch, als er ihn erkannt hatte, errtete er und wandte sich, als sei
er von Etwas beleidigt und erzrnt, hastig von ihm ab. Der Knabe ging
zu seinem Vater und gab ihm ein Billet ber Censuren, welche er in der
Schule erhalten hatte.

Nun, recht so, sagte der Vater, du kannst gehen.

Er ist magerer geworden und gewachsen, er hat aufgehrt, ein Kind zu
sein und ist ein groer Knabe geworden; das liebe ich, sagte Stefan
Arkadjewitsch, besinnst du dich noch auf mich?

Der Knabe blickte schnell nach seinem Vater.

Ich besinne mich, =mon oncle=, antwortete er, auf den Oheim blickend
und wiederum in Verwirrung geratend.

Der Onkel rief den Knaben zu sich und nahm ihn bei der Hand.

Nun, wie geht es denn? sagte er, im Wunsche, Etwas zu sagen, obwohl
er nicht recht wute, was er sagen sollte.

Der Knabe zog errtend und ohne zu antworten, behutsam seine Hand aus
der des Onkels, und sobald Stefan Arkadjewitsch losgelassen hatte,
eilte er wie ein Vogel, den man in Freiheit gesetzt hat, mit einem
fragenden Blick auf den Vater schnellen Schrittes aus dem Gemach.

Ein Jahr war vergangen, seit der kleine Sergey seine Mutter zum
letztenmale gesehen hatte. Seit jener Zeit hatte er nie wieder von
ihr gehrt. In diesem Jahre nun war er in die Schule gegeben worden
und hatte hier Kameraden kennen und lieben gelernt. Jene Gedanken und
Erinnerungen an seine Mutter, die ihn nach dem Wiedersehen mit ihr
krank gemacht hatten, beschftigten ihn jetzt nicht mehr. Wenn sie ihn
berkamen, scheuchte er sie geflissentlich von sich, indem er sie fr
schimpflich und nur den Mdchen angemessen hielt aber nicht fr einen
Knaben und Schulkameraden. Er wute, da zwischen Vater und Mutter ein
Zwist bestand, der beide trennte; er wute, da es ihm beschieden war,
bei dem Vater zu bleiben, und suchte sich nun an diesen Gedanken zu
gewhnen.

Da er den Onkel, welcher seiner Mutter hnlich war, wiedersah, war
ihm unangenehm, weil dies eben wieder jene Erinnerungen, die er fr
schimpflich hielt, in ihm wachrief. Es war ihm dies um so unangenehmer,
als er, nach einigen Worten, die er gehrt hatte, indem er an der
Thr des Kabinetts wartete, und namentlich nach dem Gesichtsausdruck
des Vaters und des Onkels zu urteilen erriet, da zwischen beiden die
Rede von seiner Mutter gewesen sein mute, und um nun diesen Vater,
bei welchem er lebte, und von dem er abhing, nicht hintenanzusetzen,
hauptschlich jedoch sich nicht einer Empfindsamkeit hinzugeben, die er
fr so verchtlich hielt, bemhte sich der kleine Sergey, diesen Onkel
gar nicht anzublicken, welcher gekommen war seine Ruhe zu stren, und
nicht an das zu denken, was er ihm ins Gedchtnis zurckrief.

Als ihn jedoch Stefan Arkadjewitsch, der hinter ihm hinausgegangen,
und seiner auf der Treppe ansichtig geworden war, zu sich rief, und
frug, wie er in der Schule die Zeit in den Zwischenstunden verbringe,
unterhielt sich Sergey, auer Gesichtsweite des Vaters, mit ihm.

Jetzt machen wir Eisenbahn, sagte er, auf die Frage antwortend. Und
wit Ihr wie? Zwei setzen sich auf eine Bank; das sind die Passagiere.
Einer steht auf der Bank, und alle spannen sich nun davor. Man kann sie
nun mit den Hnden oder auch an den Grteln ziehen und so geht es durch
alle Sle. Die Thren werden schon vorher geffnet. Nun ist es schwer
dabei den Kondukteur zu machen.

Das ist der, welcher steht? frug Stefan Arkadjewitsch lchelnd.

Ja; da ist Khnheit und Gewandtheit notwendig, besonders wenn sie
schnell stehen bleiben oder wenn einer fllt.

Ja, das ist kein Spa, sagte Stefan Arkadjewitsch, voll Wehmut in
diese lebhaften, an die Mutter gemahnenden Augen blickend, die jetzt
nicht mehr Kinderaugen, schon nicht ganz unschuldsvoll waren, und
obwohl er Aleksey Aleksandrowitsch versprochen hatte, nicht von Anna zu
sprechen, hielt er es doch nicht aus.

Denkst du denn noch deiner Mama? frug er pltzlich.

Nein; ich denke nicht mehr an sie, antwortete Sergey, schnell und
schlug, purpurrot werdend, die Augen nieder. Der Onkel konnte nun
nichts mehr aus ihm herausbringen.

Der Erzieher Slavjanin fand nach einer halben Stunde seinen Zgling auf
der Treppe und konnte lange nicht verstehen, ob Sergey jemand zrne
oder weine.

Ihr habt Euch wohl gestoen, als Ihr fielet? sagte der Erzieher. Ich
habe doch immer gesagt, da dies ein gefhrliches Spiel ist. Das wird
wohl dem Direktor gesagt werden mssen.

Wenn ich mich gestoen htte, so htte dies ja doch niemand bemerkt.
Das ist doch sicher wahr!

Nun was aber ist Euch denn dann?

Lat mich! Ob ich daran denke oder nicht! Was geht das ihn an? Warum
soll ich daran denken? Lat mich in Ruhe! wandte er sich schon nicht
mehr an den Erzieher, sondern an die ganze Welt.


                                  20.

Stefan Arkadjewitsch hatte, wie stets, die Zeit in Petersburg nicht
mig zugebracht. In Petersburg hatte er an Geschften auer der
Scheidung der Schwester und der Angelegenheit mit dem Amte wie immer,
noch eine Erholung von nten nach dem Moskauer Stumpfsinn, wie er sagte.

Moskau war ungeachtet seiner Cafchantants und Omnibusse doch fr ihn
nur ein stehender Sumpf. Dies fhlte Stefan Arkadjewitsch stets, und
wenn er in Moskau besonders bei seiner Familie gelebt hatte, fhlte
er, da sein Lebensmut sank. Wenn er lange Zeit, ohne fortzukommen in
Moskau zugebracht hatte, kam er soweit, da er anfing, sich ber die
schlechte Laune und die Vorwrfe seines Weibes Gedanken zu machen, ber
die Gesundheit und Erziehung der Kinder, und die kleinen Interessen
seines Dienstes; selbst der Umstand, da er Schulden hatte, beunruhigte
ihn.

Es war indessen nur ntig, da er nach Petersburg kam und sich dort
aufhielt, in dem Kreise, in welchem er verkehrte, und in welchem man
lebte, ja wirklich lebte, und nicht erfror wie in Moskau, um sogleich
alle diese Gedanken verschwinden und schmelzen zu lassen, wie Wachs vor
dem Scheine des Feuers.

Und sein Weib? -- Erst heute hatte er mit dem Frsten Tschetschenskiy
gesprochen. Der Frst Tschetschenskiy hatte Frau und Kinder -- die
erwachsenen Kinder waren Pagen -- und doch auch eine zweite, illegitime
Familie, in welcher gleichfalls Kinder vorhanden waren. Obwohl nun die
erste Familie auch gut war, fhlte sich der Frst doch glcklicher
in der zweiten; er brachte seinen ltesten Sohn mit in seine zweite
Familie und erzhlte Stefan Arkadjewitsch, er fnde, dies sei ihm
ntzlich und frderlich.

Was htte man hierzu in Moskau gesagt?

Seine Kinder? -- In Petersburg hinderten die Kinder die Vter nicht
daran, zu leben. Die Kinder wurden in Instituten erzogen, und es gab
hier nicht jene in Moskau -- bei Lwoff zum Beispiel -- verbreitete,
seltsame Auffassung, da den Kindern aller Luxus des Lebens, den Eltern
allein Mhe und Sorgen zukmen. Hier hatte man erkannt, da der Mensch
verpflichtet sei, fr sich selbst zu leben, wie ein gebildeter Mensch
eben leben msse.

Sein Dienst? -- Der Dienst war hier gleichfalls nicht eine so strenge
hoffnungslose Fessel, wie die, welche man in Moskau trug; hier war
ein Interesse am Dienst vorhanden. Eine Begegnung, ein Verdienst, ein
treffendes Wort, die Fhigkeit, sich in den Personen nur verschiedene
Gegenstnde vorzustellen, war alles, um jemand pltzlich Carriere
machen zu lassen, wie Bojanzeff, dem Stefan Arkadjewitsch gestern
begegnet und der jetzt einer der ersten Beamten war, sie gemacht hatte.
Dieser Dienst gewhrte Interesse.

Insbesondere wirkten aber die Petersburger Anschauungen in
finanziellen Dingen beruhigend auf Stefan Arkadjewitsch. Bartejanskij,
welcher mindestens fnfzigtausend Rubel in dem =train=, welchen er
gerade verfolgte, verbrauchte, hatte ihm erst gestern darber ein
bemerkenswertes Wort fallen lassen.

Vor dem Essen hatte Stefan Arkadjewitsch in der Unterhaltung zu
Bartejanskij gesagt:

Du scheinst dem Mordwinskij nahe zu stehen und knntest mir daher
einen Dienst erweisen, wenn du bei ihm fr mich ein gutes Wort einlegen
wolltest. Es ist da ein Amt vorhanden, welches ich haben mchte, als
Mitglied der Agentur --

Nun, ich erinnere mich nicht so ganz -- aber was hast du fr eine
Sehnsucht nach diesen Eisenbahngeschften mit Juden? Doch wie du
willst; aber es ist doch etwas Widerwrtiges dabei --

Stefan Arkadjewitsch sagte ihm nicht, da es sich um ein lebensfhiges
Unternehmen handle: Bartejanskij htte dies nicht verstanden.

Ich brauche Geld; habe nichts mehr zu leben.

Aber du lebst doch?

Ich lebe wohl, habe aber viel Schulden.

Was willst du? Hast du viel? sagte Bartejanskij mitleidig.

Sehr viel, zwanzigtausend Rubel.

Bartejanskij lachte lustig auf.

O glcklicher Mensch! sagte er, ich habe anderthalb Million und
besitze gar nichts, aber, wie du siehst, kann man doch noch dabei
leben!

Stefan Arkadjewitsch fand nicht sowohl in den Worten allein, als in der
Sache selbst die Richtigkeit des Gesagten.

Schivachoff hatte dreihunderttausend Rubel Schulden und nicht eine
Kopeke im Vermgen und er lebte doch, und noch dazu auf welche
Weise! Den Grafen Krivzoff hatten alle schon totgesungen und er
unterhielt doch noch zwei Maitressen. Petrowskiy hatte fnf Millionen
durchgebracht und lebte noch immer auf demselben Fue, verwaltete sogar
noch immer Finanzen und bezog zwanzigtausend Rubel Gehalt.

Auer alledem aber wirkte Petersburg auch physisch angenehm auf Stefan
Arkadjewitsch ein. Es verjngte ihn.

In Moskau schaute er zuweilen nach einem grauen Haar, schlief nach
dem Essen, reckte sich, stieg im Schritt, schwer atmend die Treppen,
langweilte sich mit jungen Weibern und tanzte nicht auf den Bllen. In
Petersburg hingegen fhlte er sich stets um zehn Jahre jnger.

Er empfand in Petersburg das, was ihm gestern erst der sechzigjhrige
Graf Oblonskiy, Peter, der soeben aus dem Ausland zurckgekommen war,
gesagt hatte.

Wir verstehen hier nicht zu leben, hatte Peter Oblonskiy gesagt,
glaubst du es wohl -- ich habe den Sommer in Baden verlebt, aber,
wahrhaftig, mich ganz wie ein junger Mensch gefhlt. Kaum sah ich ein
junges Frauenzimmer, so gingen die Gedanken -- man a und trank so
leichthin -- Kraft und Mut war vorhanden. Da aber bin ich nun nach
Ruland gekommen -- ich mute zu meiner Frau und auf das Dorf -- ja;
du wirst es nicht glauben; vierzehn Tage hindurch hatte ich meinen
Hausrock angezogen und aufgehrt, zur Tafel Toilette zu machen. An die
jungen Frauenzimmer denke ich nicht mehr, ich bin ein vollstndiger
Greis geworden. Nur das Seelenheil zu retten, bleibt mir noch. Dann
aber fuhr ich nach Paris -- da kam ich wieder in Ordnung.

Stefan Arkadjewitsch empfand ganz den nmlichen Unterschied, wie Peter
Oblonskiy. In Moskau hatte er so nachgelassen, da er in der That, wenn
er lange noch so htte fortleben mssen, dazu gekommen wre -- was
brigens ganz gut gewesen sein wrde -- fr das Heil seiner Seele zu
sorgen. In Petersburg aber fhlte er sich wieder als wahrer Mensch.

Zwischen der Frstin Betsy Twerskaja und Stefan Arkadjewitsch bestanden
alte, sehr seltsame Beziehungen. Stefan Arkadjewitsch machte ihr stets
launig den Hof und sagte ihr, immer im Scherz, die indecentesten Dinge,
wobei er recht wohl wute, da ihr dies ganz besonders gefiel. Am Tage
nach seinem Gesprch mit Karenin begab sich Stefan Arkadjewitsch zu
ihr. Er fhlte sich so jung, da er in dieser scherzhaften Cour und
seichten Plauderei unvermutet so weit kam, da er nicht mehr wute, wie
er sich wieder heraushelfen sollte, obwohl sie ihm leider nicht nur
nicht gefiel, sondern sogar widerlich war. Dieser Ton herrschte nun
deswegen, weil er ihr sehr gefiel, und so kam es, da er recht froh
ber die Ankunft der Frstin Mjagkaja war, welche diesem Alleinsein zu
Zweien ein Ende machte.

Ah, Ihr hier, sagte sie, ihn erblickend, nun, wie befindet sich Eure
arme Schwester? Haltet mich nicht fr neugierig, fgte sie hinzu,
seit alle sie verlassen haben, alle die, die tausendmal schlechter
sind, als sie, finde ich, da sie schn gehandelt hat. Ich kann es
Wronskiy nicht verzeihen, da er es mich nicht hat wissen lassen,
als sie in Petersburg war. Ich wre zu ihr, und mit ihr berall
hingefahren. bermittelt ihr doch geflligst den Ausdruck meiner Liebe
fr sie, und erzhlt mir nun von ihr.

Ja, ihre Lage ist schwer, begann Stefan Arkadjewitsch zu erzhlen,
in der Einfalt seines Herzens die Worte der Frstin Mjagkaja, fr
bare Mnze nehmend, doch diese unterbrach ihn sogleich, nach ihrer
Gewohnheit, und begann selbst zu erzhlen.

Sie hat gethan, was alle auer mir auch thun, jedoch verheimlichen.
Sie aber hat nicht tuschen wollen, sondern schn gehandelt, und noch
schner gehandelt, weil sie diesen halben Narren, Euren Schwager,
verlie. Ihr entschuldigt mich wohl; alle haben gesagt, da er klug
sei, klug -- nur ich allein habe gesagt, da er ein Thor ist. Jetzt,
nachdem er sich mit der Lydia Iwanowna verbunden hat, und mit dem
Landau, sagt jedermann, da er halbverrckt ist. Ich wre froh, wenn
ich nicht mit jedermann einzustimmen brauchte, aber diesmal kann ich
doch nicht anders!

Erklrt mir doch geflligst, sagte Stefan Arkadjewitsch, was das
eigentlich bedeutet? Gestern war ich bei ihm in der Angelegenheit
meiner Schwester und ersuchte ihn um einen bestimmten Bescheid. Er gab
mir keine Antwort und sagte, er wolle sich bedenken, heute morgen aber
erhielt ich anstatt der Antwort eine Einladung fr diesen Abend zu der
Grfin Lydia Iwanowna.

So, so, sagte die Frstin Mjagkaja voll Vergngen. Sie werden Landau
befragen, was der sagen wird.

Wie, Landau? Warum? Wer ist das, Landau? --

Wie, Ihr kennt nicht =Jules Landau le fameux, Jules Landau le
clairvoyant=? Der ist auch halbverrckt, und doch, von ihm hngt das
Schicksal Eurer Schwester ab. Aber das kommt eben vom Leben in der
Provinz -- Ihr wit von nichts! -- Landau, seht Ihr, war ein Kommis
in einem Pariser Magazin und kam einmal zu einem Arzte. Beim Arzt
schlief er im Empfangszimmer ein und begann im Schlaf allen Kranken
Rat zu erteilen, wunderbare Ratschlge! Hierauf hrte die Frau des
Juriy Meledinskiy -- Ihr wit, des Kranken -- von diesem Landau und
nahm ihn mit zu ihrem Manne. Er kurierte nun ihren Gatten, doch hat
er ihm noch keinerlei Nutzen gebracht, nach meiner Meinung, da dieser
noch immer so gelhmt ist; allein man glaubt an ihn und giebt sich mit
ihm ab. Sie haben ihn mit nach Ruland gebracht, hier hat sich alles
auf ihn gestrzt und er hat sie alle zu kurieren begonnen. Die Grfin
Bessubowa hat er geheilt und sie hat ihn so lieb gewonnen, da sie ihn
zu ihrem Sohne gemacht hat.

Wie, zu ihrem Sohne?

Jawohl, adoptiert. Er ist jetzt kein Landau mehr, sondern ein Graf
Bessuboff. Doch darum handelt es sich nicht; Lydia jedoch -- ich liebe
sie sehr, aber sie hat den Kopf nicht auf dem rechten Flecke -- hat
sich natrlich jetzt diesem Landau in die Arme geworfen und ohne ihn
wird weder bei ihr, noch bei Aleksey Aleksandrowitsch ein Beschlu
gefat, weshalb das Schicksal Eurer Schwester jetzt in den Hnden
dieses Landau, alias Grafen Bessuboff, liegt.


                                  21.

Von einem vorzglichen Essen und dem Genu einer betrchtlichen
Quantitt Cognac, den er bei Bartejanskij getrunken hatte, kam Stefan
Arkadjewitsch, nur ein wenig spt fr die festgesetzte Zeit, zur Grfin
Lydia Iwanowna.

Wer ist noch bei der Grfin? Der Franzose? frug er den Schweizer,
indem er den wohlbekannten berzieher Aleksey Aleksandrowitschs und
einen eigentmlichen, wunderbaren Paletot mit Spangen erblickte.

Aleksey Aleksandrowitsch Karenin und Graf Bessuboff, antwortete der
Portier gemessen.

Die Frstin Mjagkaja hat richtig vermutet, dachte Stefan
Arkadjewitsch, als er die Treppe hinaufstieg. Seltsam; es wre aber
doch wohl ganz gut, sich ihr zu nhern. Sie besitzt einen ungeheuren
Einflu. Wenn sie mit Pomorskiy ein Wrtchen spricht, dann ist mir's
gewi.

Es war drauen noch vollstndig hell, in dem kleinen Salon der Grfin
Lydia Iwanowna aber brannten hinter den herabgelassenen Gardinen schon
die Lampen.

An einem runden Tisch hinter der Lampe sa die Grfin und Aleksey
Aleksandrowitsch in leise gefhrtem Gesprch. Ein kleiner, magerer
Mensch mit einer Weibertaille, an den Knieen eingebogenen Fen, sehr
bleich, hbsch, mit glnzenden, schnen Augen und langen Haaren die auf
dem Kragen seines Rockes lagen, stand an dem anderen Ende des Zimmers,
die Wand mit den Portrts betrachtend.

Nachdem Stefan Arkadjewitsch die Dame des Hauses und Aleksey
Aleksandrowitsch begrt hatte, blickte er nochmals unwillkrlich nach
dem unbekannten Manne.

Monsieur Landau, wandte sich die Grfin an denselben mit einer
Oblonskiy verblffenden Weichheit und Rcksichtnahme, und machte die
beiden miteinander bekannt.

Landau hatte sich schnell umgeblickt, war herangekommen, und hatte
lchelnd in die ausgestreckte Rechte Stefan Arkadjewitschs eine
unbewegliche, schwitzende Hand gelegt, trat aber dann sogleich hinweg
und sah wieder die Portrts an. Die Grfin und Aleksey Aleksandrowitsch
wechselten einen ausdrucksvollen Blick.

Ich bin sehr erfreut, Euch zu sehen, insbesondere heute, sagte die
Grfin Lydia Iwanowna, Stefan Arkadjewitsch einen Platz neben Karenin
anweisend.

Ich habe Euch mit ihm als einem Landau bekannt gemacht, sprach
sie mit leiser Stimme, den Franzosen und dann sogleich Aleksey
Aleksandrowitsch anblickend, doch eigentlich ist er Graf Bessuboff,
wie Ihr wahrscheinlich wit. Er liebt indessen diesen Titel nicht.

Ja, ich habe davon gehrt, antwortete Stefan Arkadjewitsch, man
sagt, er habe die Grfin Bessubowa vollstndig wiederhergestellt.

Sie war jetzt bei mir, sie ist so zu beklagen, wandte sich die Grfin
an Aleksey Aleksandrowitsch. Diese Trennung ist fr sie entsetzlich.
Es ist ein solcher Schlag fr sie.

Reist er denn bestimmt ab? frug Aleksey Aleksandrowitsch.

Ja; er geht nach Paris; gestern hat er die Stimme gehrt, sagte die
Grfin Lydia Iwanowna, Stefan Arkadjewitsch anblickend.

Ah, die Stimme, wiederholte Oblonskiy im Gefhl, da man sich so
vorsichtig wie mglich in dieser Gesellschaft zu verhalten habe, in
welcher etwas Absonderliches vor sich ging oder vor sich gehen sollte,
zu dem er noch keinen Schlssel besa.

Ein minutenlanges Schweigen trat ein, worauf die Grfin Lydia Iwanowna,
gleichsam Sturm laufend auf den Hauptpunkt des Gesprchs, mit feinem
Lcheln zu Oblonskiy sagte:

Ich kenne Euch seit langem und freue mich sehr, Euch nher kennen
zu lernen. =Les amis de nos amis sont nos amis=, aber um ein Freund
zu sein, mu man sich in den Seelenzustand des anderen Freundes
hineindenken; wobei ich jedoch frchte, da Ihr dies mit Bezug auf
Aleksey Aleksandrowitsch nicht thut. Ihr versteht, wovon ich rede,
sprach sie, ihre schnen, sinnigen Augen erhebend.

Zum Teil, Grfin, verstehe ich, da die Lage Aleksey
Aleksandrowitschs -- sagte Oblonskiy, ohne recht zu begreifen, worum
es sich handelte und daher mit der Absicht, sich allgemein zu halten.

Die Vernderung liegt nicht in der uerlichen Situation, sagte die
Grfin Lydia Iwanowna ernst, zugleich mit liebevollem Blick dem sich
erhebenden und zu Landau gehenden Aleksey Aleksandrowitsch folgend,
sein Herz hat sich verndert, ihm ist ein neues Herz verliehen worden,
und ich frchte, da Ihr Euch nicht vollkommen in diese Vernderung
hineingedacht habt, die in ihm vor sich gegangen ist.

Nun, ich kann mir in allgemeinen Umrissen diese Vernderung schon
vorstellen. Wir sind stets Freunde gewesen, und jetzt -- sagte Stefan
Arkadjewitsch, mit einem zrtlichen Blicke dem Blick der Grfin
antwortend, wobei er berlegte, welchem der beiden Minister sie nher
stnde, damit er wissen knne, in bezug auf welchen von den beiden er
sie anzugehen htte.

Die Vernderung, welche in ihm vor sich gegangen ist, kann seine
Gefhle der Nchstenliebe nicht abschwchen; im Gegenteil, diese
Vernderung mu die Liebe noch erhhen. Doch ich frchte, Ihr versteht
mich nicht. Wollt Ihr nicht Thee nehmen? sagte sie, mit den Augen auf
den Diener weisend, welcher auf dem Prsentierbrett Thee reichte.

Nicht ganz, Grfin. Versteht sich, sein Unglck --

Ja, das Unglck, welches sein grtes Glck geworden ist, da sein Herz
ein neues ward, von ihm erfllt, sagte sie, voll Liebe auf Aleksey
Aleksandrowitsch schauend.

Ich glaube, man wird sie schon darum bitten knnen, mit beiden zu
sprechen, dachte Stefan Arkadjewitsch. O gewi, Grfin, sagte
er, doch ich denke, diese Vernderungen sind so innerlicher Natur,
da niemand, selbst nicht der am allernchsten Stehende, gern davon
spricht.

Im Gegenteil; wir mssen davon reden, und einander beistehen.

Nun ja, ohne Zweifel, es bleibt aber doch ein gewisser Unterschied
in den berzeugungen und dabei -- sagte Oblonskiy mit geschmeidigem
Lcheln.

Es kann keinen Unterschied geben in Sachen der heiligen Wahrheit.

Ja, ja, gewi, doch -- und in Verlegenheit geratend, verstummte
Stefan Arkadjewitsch. Er hatte erkannt, da es sich um die Religion
handelte.

Mir scheint, er wird sogleich einschlafen, sagte Aleksey
Aleksandrowitsch bedeutungsvoll flsternd, indem er zu Lydia Iwanowna
herantrat.

Stefan Arkadjewitsch schaute sich um. Landau sa am Fenster, auf die
Armlehne und Rcklehne eines Sessels gesttzt, mit herniedergesunkenem
Haupte. Als er die auf ihn gerichteten Blicke bemerkte, hob er den Kopf
und lchelte kindlich-naiv.

Beobachtet ihn nicht, sagte Lydia Iwanowna, mit leichter Bewegung
ihren Stuhl zu Aleksey Aleksandrowitsch rckend, ich habe bemerkt --
begann sie, als der Diener mit einem Briefe in das Zimmer trat. Lydia
Iwanowna durchflog schnell das Billet, und schrieb dann, nachdem sie
um Entschuldigung gebeten, mit auerordentlicher Schnelligkeit etwas
nieder, gab die Antwort hinaus und wandte sich wieder zu dem Tische.
Ich habe bemerkt, fuhr sie in dem begonnenen Gesprch fort, da die
Moskauer, insbesondere die Herren, die gleichgltigsten Menschen der
Religion gegenber sind.

O nein Grfin, mir scheint, da die Moskauer im Rufe stehen, die
glaubenstreuesten Menschen zu sein, antwortete Stefan Arkadjewitsch.

Nun, soviel ich es verstehe, seid Ihr leider einer der
Gleichgltigen, sagte Aleksey Aleksandrowitsch, sich mit mattem
Lcheln an ihn wendend.

Wie kann man nur gleichgltig sein! sagte Lydia Iwanowna.

Ich bin in dieser Beziehung weniger gleichgltig, als da ich nur
harre, antwortete Stefan Arkadjewitsch mit seinem weichsten Lcheln,
ich glaube nicht, da fr mich eine Zeit fr solche Fragen kommen
knnte.

Aleksey Aleksandrowitsch und Lydia Iwanowna wechselten einen Blick.

Wir knnen nie wissen, ob die Zeit fr uns gekommen ist oder nicht,
sagte Aleksey Aleksandrowitsch streng. Wir drfen nicht denken, ob
wir bereit sind oder nicht bereit; die gttliche Fgung wird nicht von
menschlichem Denken geleitet; sie trifft bisweilen nicht diejenigen,
welche streben, sondern die, welche unvorbereitet sind, wie sie Saul
traf.

Nein; mir scheint, jetzt noch nicht, sagte Lydia Iwanowna, die
whrenddem den Bewegungen des Franzosen gefolgt war.

Landau erhob sich und trat zu ihnen.

Gestattet Ihr mir, zuzuhren? frug er.

O gewi; ich wollte Euch nicht stren, sagte Lydia Iwanowna ihn
zrtlich anblickend, setzt Euch zu uns.

Man soll nur die Augen nicht schlieen, um nicht des Lichtes beraubt
zu sein, fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort.

Ach, wenn Ihr jenes Glck knntet, welches wir empfinden in dem Gefhl
von Gottes steter Gegenwart in unserer Seele! sagte die Grfin Lydia
Iwanowna, verzckt lchelnd.

Aber der Mensch kann sich bisweilen unfhig fhlen, sich zu dieser
Hhe zu erheben, sagte Stefan Arkadjewitsch, welcher merkte, da er
einen Bogen schlug, indem er die Hhe der Religion anerkannte, sich
aber zugleich dabei nicht entschlieen konnte, seine Freidenkerei vor
einer Person einzugestehen, welche ihm mit einem einzigen Worte zu
Pomorskiy das gewnschte Amt zu verschaffen vermochte.

Das heit, Ihr wollt sagen, da die Snde ihn daran hindere? sagte
Lydia Iwanowna. Dies ist eine falsche Ansicht. Es giebt keine Snde
fr die Glubigen, ihre Snde ist schon losgekauft. -- Pardon, fgte
sie hinzu, auf den wiederum mit einem anderen Billet eintretenden
Diener blickend. Sie las und antwortete dann in Worten: Morgen sind
wir bei der hohen Frstin, sagt das; fr den Glubigen giebt es keine
Snde, setzte sie das Gesprch fort.

Ja; aber der Glaube ohne Worte ist doch tot, sagte Stefan
Arkadjewitsch, sich dieses Satzes aus dem Katechismus erinnernd, und
nur noch durch ein Lcheln seine Unabhngigkeit wahrend.

So ist es; das ist aus dem Brief des Apostel Jakobus, sagte Aleksey
Aleksandrowitsch, etwas vorwurfsvoll zu Lydia Iwanowna gewendet,
wie betreffs einer Sache, ber die sie noch nicht ein einziges Mal
gesprochen htten.

Wie viel Schaden hat die falsche Auslegung dieser Stelle angerichtet!
Nichts zieht so sehr vom Glauben ab, als diese Auslegung; >ich habe
keine Werke, also auch keinen Glauben< und doch ist dies nirgends
gesagt. Es ist das Umgekehrte gesagt.

In Gott sich zu mhen, mit Kasteiungen, in Fasten die Seele
zu retten, sagte die Grfin Lydia Iwanowna mit widerlicher
Geringschtzung, das sind nur wunderliche Auffassungen unserer Mnche.
Denn das ist nirgends gesagt. Es ist dies bei weitem einfacher und
leichter, fgte sie hinzu, Oblonskiy mit dem nmlichen ermutigenden
Lcheln anblickend, mit welchem sie bei Hofe die jungen, von der
ungewohnten Umgebung verwirrten Damen ermutigte.

Wir sind erlst durch Christum, der fr uns gelitten hat. Wir sind
erlst im Glauben, sprach Aleksey Aleksandrowitsch, ihre Worte mit
seinem Blick billigend.

=Vous comprenez l'anglais=? frug Lydia Iwanowna und erhob sich,
nachdem sie eine bejahende Antwort erhalten hatte, um auf einem kleinen
Bcherbrett in den Bchern zu suchen.

Soll ich >=Safe and Happy=< oder >=Under the Wing=< lesen? sprach
sie, Karenin fragend anblickend, setzte sich, nachdem sie das Buch
gefunden hatte, wieder auf ihren Platz und schlug es auf.

Die Ausfhrung war sehr kurz. Es wurde hier der Weg beschrieben, auf
welchem der Glaube erworben wird und jenes Glck, welches hher ist,
als alles Irdische, das hierbei doch die Seele erfllt. Der Glubige
kann nicht unglcklich sein, weil er nicht allein ist. Da seht Ihr.
Sie wollte schon weiter lesen, als der Diener wiederum hereintrat.

Bovosdin? Sagt, morgen um zwei Uhr! -- Ja, sprach sie, die Stelle
in dem Buch mit dem Finger bedeckend, und seufzend, mit ihren
nachdenklichen schnen Augen vor sich hinblickend. So wirkt der wahre
Glaube; Ihr kennt die Mary Sanina? Ihr kennt ihr Unglck? Sie verlor
ihr einziges Kind und war in Verzweiflung. Was geschah da? Sie fand
diesen Freund und dankt jetzt Gott fr den Tod ihres Kindes. Dies ist
das Glck, welches der Glaube verleiht!

Ja, ja, das ist viel -- sagte Stefan Arkadjewitsch, zufrieden damit,
da man las und ihm so Gelegenheit geben wrde, ein klein wenig zur
berlegung zu kommen. Es ist doch offenbar am besten heute nicht um
etwas zu bitten, dachte er, knnte man nur, ohne etwas zu verderben,
von hier fortkommen.

Es wird Euch langweilig werden, sagte die Grfin Lydia Iwanowna, sich
an Landau wendend, Ihr versteht nicht Englisch; doch es ist nur kurz.

O, ich verstehe schon, sagte Landau mit dem nmlichen Lcheln und
schlo die Augen.

Aleksey Aleksandrowitsch und Lydia Iwanowna sahen sich bedeutungsvoll
an und die Lektre begann.


                                  22.

Stefan Arkadjewitsch fhlte sich vollkommen verblfft von den neuen,
ihm fremdartigen Gesprchen, die er vernahm. Das Getriebe des
Petersburger Lebens wirkte im allgemeinen anregend auf ihn ein, indem
es ihn aus dem stagnierenden Moskauer Sumpfe herausbrachte, aber er
liebte und verstand dieses Getriebe nur in den ihm nahestehenden und
bekannten Kreisen -- in dieser fremdartigen Umgebung hier wurde er
verlegen, konnte er nicht alles verstehen. Indem er der Grfin Lydia
Iwanowna zuhrte, und die auf ihn gerichteten schnen, naiven oder
verschlagenen Augen Landaus -- er wute es selbst nicht -- sah, begann
Stefan Arkadjewitsch eine gewisse eigenartige Schwere im Kopfe zu
empfinden.

Die verschiedenartigsten Gedanken gingen in seinem Kopfe durcheinander.
Mary Sanina freut sich, da ihr Kind gestorben ist -- es wre recht
angenehm, knnte man jetzt ein wenig rauchen -- um sein Seelenheil zu
retten, ist nur ntig, da man glaubt, und die Mnche wissen nicht, wie
man das machen mu, wohl aber die Grfin Lydia Iwanowna kennt das --
woher nur das schwere Gefhl in dem Kopfe? Von dem Cognac oder davon,
da das da alles so sehr seltsam ist? Ich glaube doch wohl bis jetzt
nichts Anstiges begangen zu haben; und doch kann ich sie nicht mehr
bitten. Man sagt, sie veranlat einen zum Beten; als ob sie mich nicht
dazu veranlat htten? Das wird doch gar zu dumm. Und welchen Unsinn
sie da liest, sie spricht aber gut aus. Landau -- Bessuboff -- weshalb
heit er Bessuboff? Pltzlich fhlte Stefan Arkadjewitsch, wie seine
Kinnlade unwiderstehlich sich zum Ghnen auszurenken begann. Er strich
sich seinen Backenbart, indem er das Ghnen verbarg und schttelte
sich, fhlte aber dann, da er bereits schlafe und schon zu schnarchen
anfange. Er erwachte in dem nmlichen Moment, als die Stimme der Grfin
Lydia Iwanowna sprach er schlft.

Stefan Arkadjewitsch kam erschrocken zur Besinnung, er fhlte sich
schuldbewut und berfhrt, trstete sich aber sogleich, nachdem er
wahrgenommen hatte, die Worte er schlft sich nicht auf ihn bezogen,
sondern auf Landau.

Der Franzose war ebenso eingeschlafen, wie Stefan Arkadjewitsch. Aber
whrend sein Schlaf sie, wie er meinte, verletzt haben wrde -- doch
selbst hieran dachte er nicht einmal, so seltsam schien ihm alles --
erfreute sie der Schlaf Landaus, besonders die Grfin Lydia Iwanowna,
auerordentlich.

=Mon ami=, sagte Lydia Iwanowna, vorsichtig, um nicht Gerusch zu
verursachen, die Falten ihres seidenen Kleides streichend und in ihrer
Aufregung Karenin schon nicht mehr Aleksey Aleksandrowitsch nennend,
sondern =mon ami -- donnez lui la main. Vous voyez=? St! -- lispelte
sie dem abermals eintretenden Diener zu: Niemand wird empfangen.

Der Franzose schlief, oder stellte sich schlafend, den Kopf nach der
Rcklehne des Sessels geneigt und mit der schwitzenden Hand, die auf
dem Knie lag, schwache Bewegungen machend, als ob er etwas fangen
wollte. Aleksey Aleksandrowitsch erhob sich, ging vorsichtig, sich an
dem Tische anhaltend herzu und legte seine Hand in die des Franzosen.
Stefan Arkadjewitsch stand gleichfalls auf, die Augen weit ffnend,
im Wunsche, vllig wach zu werden, falls er etwa noch schliefe, und
blickte bald auf dieses, bald auf jenes. Alles war Wirklichkeit. Stefan
Arkadjewitsch fhlte, da es ihm im Kopfe immer unbehaglicher wurde.

=Que la personne qui est arrive la dernire, celle qui demande,
qu'elle sorte! -- Qu'elle sorte=! -- sprach der Franzose, ohne die
Augen zu ffnen.

=Vous m'excuserez, mais vous voyez -- revenez vers dix heurs, encore
mieux demain=.

=Qu'elle sorte=! wiederholte der Franzose ungeduldig.

=C'est moi, n'est ce pas=? Mit der besttigenden Antwort ging Stefan
Arkadjewitsch. Er verga, um was er Lydia Iwanowna hatte bitten
wollen; er verga die Sache seiner Schwester, auf den Fuspitzen ging
er hinaus, nur in dem einzigen Wunsche, mglichst schnell von hier
fortzukommen, wie aus einer Lasterhhle. Er eilte auf die Strae
hinaus und unterhielt sich geraume Zeit scherzend mit dem Kutscher, um
mglichst bald wieder zu Verstande zu kommen.

Im franzsischen Theater, welches er noch fr den letzten Akt besuchte,
und darauf bei den Tataren beim Champagner, in der ihm eigenen Sphre,
erholte sich Stefan Arkadjewitsch ein wenig, aber gleichwohl war es ihm
an diesem Abend gar nicht recht nach Wunsch.

Als er nach Haus zu Peter Oblonskiy gekommen war, bei dem er in
Petersburg wohnte, fand er ein Billet von Betsy vor. Dieselbe schrieb
ihm, sie wnsche sehr die begonnene Unterhaltung zu beendigen und
bitte ihn, morgen zu ihr zu kommen. Er hatte dieses Schreiben kaum
durchgelesen, und eine finstere Miene dazu gemacht, als unten die
wuchtigen Schritte von Leuten vernehmbar wurden, welche etwas Schweres
trugen.

Stefan Arkadjewitsch ging hinaus, um nachzusehen; es war der wieder
junggewordene Peter Oblonskiy, welcher so berauscht war, da er nicht
die Treppe heraufgehen konnte. Gleichwohl aber befahl er selbst,
ihn auf die Fe zu stellen, als er Stefan Arkadjewitschs ansichtig
geworden, und ging mit diesem, an ihn angehngt, in dessen Zimmer,
wo er ihm zu erzhlen anfing, wie er den Abend verbracht habe. Hier
schlief er dann auch ein.

Stefan Arkadjewitsch hatte die Laune verloren, was sich bei ihm selten
ereignete, und konnte lange Zeit den Schlaf nicht finden. Alles woran
er auch denken mochte, war widerwrtig, aber als das Widerwrtigste,
als etwas gewissermaen Beschmendes, rief er sich den Abend bei der
Grfin Lydia Iwanowna ins Gedchtnis zurck.

Am andern Tage erhielt er von Aleksey Aleksandrowitsch eine bestimmte
Verweigerung der Scheidung Annas, und erkannte nun, da dieser
Entschlu auf dem fute, was der Franzose gestern in seinem wirklichen
oder verstellten Schlafe gesagt haben mochte.


                                  23.

Soll im Familienleben etwas unternommen werden, so bedarf es dazu
entweder eines vollstndigen Zerfalls unter den Gatten, oder einer
liebevollen bereinstimmung. Wenn aber die Beziehungen unter den Gatten
unbestimmte sind, weder so noch so, dann kann nichts unternommen werden.

Viele Familien bleiben Jahre lang auf dem alten Platze, der den beiden
Gatten gleichgltig geworden ist, nur aus dem Grunde, weil weder ein
vlliger Zerfall, noch ein ebensolches Einverstndnis vorhanden ist.

Sowohl Wronskiy wie Anna war das Moskauer Leben in seiner Hitze,
seinem Staub, wobei die Sonne nicht mehr wie im Frhling, sondern wie
im Sommer schien, alle Bume auf den Boulevards lngst schon belaubt
standen und die Bltter schon von Staub bedeckt waren -- unertrglich
geworden; doch lebten beide, ohne nach Wosdwishenskoje umzusiedeln, wie
schon lngst beschlossen war, indem ihnen langweilig gewordenen Moskau
weiter, weil zwischen ihnen in letzter Zeit kein Einverstndnis mehr
bestand.

Die Verstimmung, die sie trennte, hatte keine uerliche Ursache, und
alle Versuche einer Aussprache beseitigten dieselbe nicht nur nicht,
sondern vergrerten sie noch. Es war dies eine innere Verbitterung,
welche fr Anna ihren Grund in der Abnahme seiner Liebe hatte, fr
Wronskiy in der Reue darber, da er sich ihretwegen in eine schwierige
Situation verwickelt hatte, welche Anna, anstatt sie zu erleichtern,
nur noch drckender gestaltete. Weder eins, noch das andere von beiden
uerte die Ursache seines Grolls, aber sie hielten sich gegenseitig
fr ungerecht, und bemhten sich bei jeder Gelegenheit, dies einander
zu zeigen.

Fr sie war er in seinem ganzen Wesen, mit allen seinen Gewohnheiten,
Gedanken, Wnschen, mit seiner ganzen seelischen und physischen
Beanlagung nur Eins -- die Liebe zum Weib; diese Liebe aber mute nach
ihrem Gefhl, ganz auf sie allein konzentriert sein. Sie hatte sich
jedoch vermindert, und folglich hatte er nach ihrem Urteil einen Teil
derselben auf andere, oder auf ein anderes Weib bertragen mssen
-- und so war sie eiferschtig geworden. Sie war nicht wegen eines
anderen Weibes eiferschtig auf ihn, sondern wegen der Abnahme seiner
Liebe. Sie besa noch keinen Gegenstand auf den sich ihre Eifersucht
erstrecken konnte, suchte denselben jedoch, und bertrug bei dem
geringsten Fingerzeig diese Eifersucht von dem einen Gegenstand auf den
anderen. Bald hegte sie Eifersucht auf ihn wegen jener gewhnlichen
Frauenzimmer, mit denen er dank seinen Junggesellenverbindungen, so
leicht in Verbindung treten konnte, bald wegen jener Weltdamen, mit
denen er zusammentreffen konnte, bald auch hegte sie Eifersucht auf ein
nur in ihrer Vorstellung vorhandenes Mdchen, welches er, indem er sein
Verhltnis mit ihr lste, lieben knnte.

Diese letztere Art ihrer Eifersucht folterte sie am meisten,
insbesondere deshalb, weil er ihr selbst unvorsichtigerweise in einer
offenherzigen Minute gesagt hatte, seine Mutter verstehe ihn so wenig,
da sie sich erlaubt htte, ihn zur Heirat mit der jungen Frstin
Sorokina zu berreden.

In dieser Eifersucht grollte ihm Anna, und suchte nun in allem Grnde
zum Grollen. In allem, was es Drckendes gab in ihrer Lage, klagte
sie ihn an; der qualvolle Zustand des Wartens, den sie in Moskau
-- zwischen Himmel und Erde -- durchlebte, die Langsamkeit und
Unentschlossenheit Aleksey Aleksandrowitschs, ihre Vereinsamung --
alles legte sie ihm zur Last. Wenn er sie liebte, wrde er all das
Drckende ihrer Lage begriffen, und sie aus derselben befreit haben;
daran, da sie noch in Moskau lebte, und nicht auf dem Lande, war nur
er schuld. Er konnte nicht leben, wenn er sich auf dem Lande vergrub,
so wie sie es wnschte; ihm war die Gesellschaft unentbehrlich und er
hatte sie in diese furchtbare Situation gebracht, deren Schwierigkeit
er nicht verstehen wollte. Dann aber trug er auch schuld daran, da sie
auf ewig von ihrem Sohne getrennt war.

Selbst die seltenen Minuten der Zrtlichkeit, die fr beide kamen,
beruhigten sie nicht; in seiner Zrtlichkeit fand sie jetzt einen
Anflug von Ruhe und Zuversicht; was frher nicht gewesen war und sie
reizte.

Die Dmmerung war schon eingetreten. Anna schritt allein, seine
Heimkehr von einem Essen unter Junggesellen erwartend, zu dem er
gefahren war, im Kabinett auf und nieder, einem Raum, in welchem
das Gerusch vom Trottoir weniger vernehmlich war -- und berdachte
nochmals die Ausdrcke, welche bei ihrem gestrigen Zwist gefallen
waren, in allen Einzelheiten.

Indem sie immer weiter rckwrts ging von den ihr erinnerlichen,
krnkenden Worten bei diesem Streite, bis zu dem, was die Veranlassung
dazu gebildet hatte, gelangte sie endlich auf den Beginn der
Auseinandersetzung. Lange vermochte sie nicht daran zu glauben, da
der Streit aus einem Gesprch entstanden war, welches vllig harmlos,
und fr keines der beiden von hherem Werte gewesen war. Es war
wirklich so. Alles war daher gekommen, da er ber die Mdchengymnasien
gespttelt hatte, indem er sie fr unntz hielt, whrend sie fr
dieselben eingetreten war.

Er hatte sich im allgemeinen der weiblichen Bildung gegenber
respektlos verhalten und gesagt, da Hanna, die von Anna protegierte
Englnderin, durchaus keine Kenntnisse in der Physik ntig habe.

Dies hatte Anna gereizt; sie sah hierin eine geringschtzige Hindeutung
auf ihre eigenen Beschftigungen, und ersann und uerte nun einen
Satz, der ihm den ihr bereiteten Schmerz heimzahlen sollte.

Ich erwarte nicht, da Ihr an mich und meine Empfindungen dchtet, wie
dies nur ein liebender Mann kann, ich htte aber nur einfach Taktgefhl
erwartet, sagte sie.

Und in der That, er errtete vor Verdru und antwortete etwas
Unangenehmes. Sie besann sich nicht mehr auf ihre Antwort, aber gleich
darauf hatte er, offenbar in dem Wunsche, ihr auch weh zu thun,
geantwortet:

Eure Leidenschaft fr dieses Mdchen interessiert mich nicht, weil ich
sehe, da sie nicht natrlich ist.

Diese Hrte seinerseits, mit welcher er eine Welt strzte, die sie
sich mit soviel Mhe aufgebaut, um ihr schweres Dasein ertragen zu
knnen, diese Ungerechtigkeit, mit der er sie der Heuchelei, der
Unnatrlichkeit zieh, emprte sie.

Ich beklage sehr, da allein das Rohe und Materielle Euch verstndlich
und natrlich erscheint, sprach sie und verlie das Zimmer.

Als er gestern Abend zu ihr gekommen war, hatten sie des vorgefallenen
Zwists gar nicht gedacht, aber beide gefhlt, da derselbe wohl
beigelegt aber nicht vorber war.

Heute war er nun den ganzen Tag ber nicht zu Haus gewesen und sie
fhlte sich so vereinsamt und bedrckt in dem Gefhl, mit ihm uneinig
zu sein, da sie alles vergessen, vergeben, sich mit ihm ausshnen und
sich selbst anklagen, ihn aber rechtfertigen wollte.

Ich selbst bin schuld. Ich bin reizbar und sinnlos eiferschtig. Ich
werde mich mit ihm ausshnen und wir werden auf das Dorf fahren, dort
werde ich ruhiger werden, sprach sie zu sich selbst.

Unnatrlich, kam ihr pltzlich nicht so sehr das Wort, welches sie
vor allem verletzt hatte, wieder ins Gedchtnis, als vielmehr eine
Absicht, ihr wehe zu thun. Ich wei, was er sagen wollte; er wollte
sagen, es sei unnatrlich, nicht die eigene Tochter zu lieben, wohl
aber ein fremdes Kind. Was versteht er von Liebe zu Kindern, von
meiner Liebe zu Sergey, welchen ich ihm geopfert habe? Aber es war
so sein Wunsch, mir weh zu thun! Nein; er liebt eine andere, es kann
nicht anders sein, und indem sie gewahrte, da sie, im Wunsche,
ruhig zu werden, wiederum den soviel Mal schon von ihr durchlaufenen
Kreis vollendet hatte und zu der alten Erbitterung zurckgekehrt war,
erschrak sie ber sich selbst.

Geht es denn aber wirklich nicht an? Sollte ich es nicht auf mich
nehmen knnen? sprach sie zu sich selbst und begann abermals von
Anfang an. Er ist gerecht, ehrenhaft, er liebt mich. Ich liebe ihn,
bald wird die Scheidung erfolgen. Wessen bedarf es da noch? Nur der
Ruhe, des Vertrauens, und ich will es auf mich nehmen. Ja, jetzt,
sobald er kommt, werde ich ihm sagen, da ich die Schuldige gewesen
bin, obwohl ich es nicht war -- und wir wollen dann abreisen, und um
nicht mehr denken, sich nicht mehr ihrem Groll berlassen zu mssen,
schellte sie und befahl die Koffer zum Einpacken der Sachen fr die
Reise aufs Dorf herbeizubringen.

Um zehn Uhr kam Wronskiy an.


                                  24.

Nun; ging es recht vergngt zu? frug sie mit schuldbewutem und
sanftem Ausdruck in den Zgen, ihm entgegentretend.

Wie gewhnlich, versetzte er, sogleich mit einem einzigen Blick auf
sie erkennend, da sie in einer ihrer besten Stimmungen sei. Er war an
diese bergnge schon gewhnt und heute ganz besonders erfreut davon,
weil er selbst sich gleichfalls in bester Laune befand.

Was sehe ich! So ist's recht! sagte er, auf die Koffer im Vorzimmer
weisend.

Ja, wir mssen abreisen, und es ist ganz gut, da wir auf das Dorf
wollen. Dich hlt doch wohl nichts zurck?

Nur eines wnschte ich. Ich komme sogleich wieder, wir wollen dann
sprechen, ich mchte mich nur umkleiden. La den Thee geben.

Er begab sich in sein Kabinett.

Es hatte etwas Verletzendes darin gelegen, als er sagte, so ist's
recht; wie man zu einem Kinde spricht, wenn dieses aufgehrt hat
launisch zu sein; und noch verletzender war der Gegensatz zwischen dem
schuldbewuten Tone bei ihr und dem selbstbewuten bei ihm; auf einen
Augenblick empfand sie in sich den aufsteigenden Wunsch nach Kampf;
allein indem sie sich selbst bezwang, erstickte sie denselben und
begegnete Wronskiy noch immer so heiter.

Nachdem dieser wieder zu ihr gekommen war, erzhlte sie ihm, teilweise
die zurechtgelegten Worte wiederholend, davon, wie sie den Tag
zugebracht hatte, sowie von ihren Plnen zur Abreise.

Weit du, es ist ber mich fast wie eine Begeisterung gekommen,
sprach sie, weshalb sollen wir hier auf die Scheidung warten? Geht das
nicht ganz ebenso auf dem Dorfe? Ich kann nicht mehr lnger warten,
ich will nicht hoffen, nichts hren von der Scheidung. Ich habe
beschlossen, da dies keinen Einflu mehr auf mein Leben ausben soll.
Bist du auch einverstanden?

O ja; sagte er, ihr beunruhigt in das erregte Gesicht blickend.

Was habt Ihr denn dort angegeben? Wer war dabei? sagte sie.

Wronskiy nannte die Gste. Es war ein vorzgliches Essen gegeben
worden, eine Bootwettfahrt dazu und alles das war ganz hbsch
ausgefallen, aber in Moskau thut man es nicht ohne ein =ridicule=. Es
war auch eine Dame, eine Schwimmlehrerin der Knigin von Schweden dabei
aufgetreten und hatte ihre Kunst gezeigt.

Wie? Sie schwamm? frug Anna, sich verfinsternd.

In einem roten =costume de natation=; sie war alt und hlich. Aber
wann reisen wir?

Welch thrichte Phantasie! Schwimmt sie denn in einer ganz besonderen
Weise? sagte Anna, ohne hierauf zu antworten.

Durchaus nichts Besonderes war dabei; ich mu sogar sagen, es war ein
furchtbarer Unsinn. Aber wann also denkst du zu reisen?

Anna schttelte den Kopf, als wnsche sie, einen unangenehmen Gedanken
zu verscheuchen.

Wann wir reisen? Nun, je frher, um so besser. Morgen werden wir noch
nicht fertig sein; aber bermorgen.

Ja -- doch nein, halt. bermorgen ist Sonntag, da mu ich zu =maman=,
sagte Wronskiy, in Verlegenheit geratend, weil er, sofort nachdem er
den Namen der Mutter ausgesprochen hatte, ihren starr und argwhnisch
auf sich gerichteten Blick fhlte. Seine Verwirrung besttigte ihr
ihren Verdacht. Sie geriet in Wallung und entfernte sich von ihm. Jetzt
war es nicht mehr die Lehrerin der Knigin von Schweden, sondern die
junge Frstin Sorokina, welche mit der Grfin Wronskaja zusammen auf
einem Dorfe bei Moskau lebte, die vor Anna auftauchte.

Du kannst doch morgen zu ihr fahren? sprach sie.

Nein, nein! In der Angelegenheit, in welcher ich zu ihr will -- lt
sich ein Kreditschein und das Geld morgen nicht erhalten, antwortete
er.

Wenn dem so ist, so werden wir gar nicht reisen.

Warum das?

Ich werde nicht spter abreisen. Entweder Montag oder gar nicht.

Aber warum? sagte Wronskiy, wie mit Erstaunen. Das hat doch gar
keinen Sinn.

Fr dich hat es keinen Sinn, weil du mit mir nichts zu thun hast.
Du willst mein Leben nicht begreifen. Das einzige, was mich hier
interessiert hat -- war Hanna. Du sagst, dies sei eine Heuchelei.
Du hast erst gestern gesagt -- da ich meine Tochter nicht liebte,
sondern mich stellte, als ob ich diese Englnderin liebte -- dies wre
unnatrlich. Ich mchte nun wissen, welches Leben hier fr mich ein
natrliches sein knnte!

Einen Augenblick kam sie zur Besinnung und erschrak darber, da sie
ihrem Vorsatz untreu geworden war. Aber obwohl sie wute, da sie
sich damit verderbe, vermochte sie nicht mehr an sich zu halten; sie
mute ihm zeigen, wie ungerecht er war, sie konnte sich ihm nicht mehr
unterordnen.

Ich habe dies niemals gesagt; ich habe gesagt, da ich dieser so
pltzlichen Liebe nicht nachfhlen knnte.

Warum sprichst du, der mit seiner Offenheit prahlt, nicht die
Wahrheit?

Ich prahle nie und spreche nie die Unwahrheit, sprach er ruhig, den
in ihm aufsteigenden Groll niederhaltend, es ist sehr bedauerlich,
wenn du mich nicht achtest --

Die Achtung hat man erdacht, um eine leere Stelle damit zu verdecken,
auf welcher die Liebe sein mte. Aber wenn du mich nicht mehr liebst,
so ist es besser und ehrenhafter, dies auszusprechen.

Nein, das wird unertrglich! rief Wronskiy, vom Stuhle aufstehend.
Vor ihr stehen bleibend, sprach er dann langsam: Weshalb stellst
du meine Geduld auf die Probe? Er sprach dies mit einem Ausdruck,
als knnte er noch mehr sagen, halte aber an sich; es giebt gewisse
Grenzen!

Was wollt Ihr damit sagen? rief sie, mit Schrecken auf den offenen
Ausdruck von Ha schauend, der in seinem ganzen Gesicht, und besonders
in den harten, drohenden Augen lag.

Ich will sagen, begann er, stockte aber, ich mu fragen, was Ihr von
mir wollt?

Was knnte ich wollen? Ich knnte nur wollen, da Ihr mich nicht
vernachlssigt, wie Ihr es beabsichtigt -- sagte sie, vollkommen
verstehend, was er nicht vollendet hatte, aber das will ich nicht; das
kommt erst in zweiter Reihe. Ich will Liebe, und diese giebt es nicht
mehr. Vielleicht, da alles schon vorbei ist.

Sie schritt der Thr zu.

Bleib -- bleibe! sagte Wronskiy, ohne seine finster zusammengezogenen
Brauen zu gltten, und ergriff sie bei der Hand. Was ist denn
eigentlich? Ich habe gesagt, da die Abreise auf drei Tage verschoben
werden mu, du hast mir darauf geantwortet, ich lge und sei ein
ehrloser Mensch!

Ja, und ich wiederhole, da ein Mensch, der mir vorwirft, alles fr
mich geopfert zu haben -- sprach sie in der Erinnerung an die Worte
eines anderen, frheren Streites -- da er schlimmer ist, ein Mensch
ohne Herz, als ein ehrloser Mensch!

Nein; es giebt aber doch eine Grenze fr die Geduld! rief er aus,
ihre Hand schnell loslassend.

Er hat mich, das ist klar, dachte sie, und verlie schweigend,
ohne sich umzublicken, mit unsicheren Schritten das Gemach. Er liebt
eine andere; das ist noch klarer, sprach sie zu sich, in ihr Zimmer
tretend, ich will Liebe, aber die ist nicht mehr da. Vielleicht ist
alles vorber, wiederholte sie mit den von ihr schon geuerten
Worten, und wir mssen ein Ende machen. Aber wie? frug sie sich und
setzte sich in einem Sessel vor dem Spiegel. Gedanken daran, wohin
sie jetzt fahren knnte -- zu der Tante vielleicht, bei welcher sie
erzogen worden war, zu Dolly, oder einfach ins Ausland, ferner daran,
was er jetzt, allein in seinem Kabinett thun mge; ob dieser Streit ein
entscheidender gewesen oder eine Ausshnung noch mglich sei, sowie,
was jetzt alle ihre frheren Petersburger Bekannten von ihr sagen
wrden, wie Aleksey Aleksandrowitsch die Sache betrachten wrde; viele
andere Ideen, was jetzt werden solle nach dem Bruch, kamen ihr in den
Kopf, aber sie gab sich ihnen nicht mit ganzer Seele hin.

In ihrer Seele lebte ein unklarer Gedanke, der sie ausschlielich
interessierte, doch konnte sie sich nicht klar darber werden. Indem
sie aber nochmals an Aleksey Aleksandrowitsch dachte, rief sie sich
zugleich auch die Zeit ihrer Krankheit nach ihrer Niederkunft und jenes
Gefhl wieder ins Gedchtnis zurck, welches sie damals nicht verlassen
hatte warum bin ich nicht gestorben? und erkannte nun pltzlich das
Gefhl, welches in ihrer Seele lebte. Ja; er war es, der Gedanke, der
allein alles entschied, sie mute sterben.

Die Schmach und Schande Aleksey Aleksandrowitschs, Sergeys, und meine
eigene furchtbare Schmach -- das alles wird durch den Tod geshnt. Sie
wollte -- sterben, er aber sollte bereuen, er mu Mitleid empfinden,
Liebe, und soll meinethalben leiden!

Mit bestndigem Lcheln des Mitleids mit sich selbst sa sie in dem
Lehnstuhl, die Ringe ihrer linken Hand abziehend und wieder aufsetzend,
und sich lebhaft seine Gefhle nach ihrem Tode, von den verschiedenen
Seiten aus, vorstellend.

Sich nhernde Schritte, es waren seine Schritte, zogen sie ab. Als wre
sie mit dem Weglegen ihrer Ringe beschftigt wandte sie sich nicht
einmal nach ihm um.

Er trat zu ihr und ihre Hand ergreifend, sagte er leise:

Anna, wir wollen bermorgen fahren, wenn du willst. Ich bin mit allem
einverstanden.

Sie schwieg.

Nun? frug er.

Du weit ja selbst, sagte sie und brach sogleich, unfhig, noch
lnger an sich zu halten, in Schluchzen aus. Verla mich, verla
mich! sprach sie unter Schluchzen, ich werde morgen fortgehen -- ich
werde noch mehr thun! Wer bin ich noch? Ein lasterhaftes Weib, ein
Stein auf deinem Wege. Ich will dich nicht qulen, ich will nicht, und
werde dich befreien. Du liebst nicht, liebst eine andere!

Wronskiy beschwor sie, sich zu beruhigen und beteuerte, da es doch gar
keinen Anla zur Eifersucht fr sie gbe, da er niemals aufgehrt habe
oder aufhren werde, sie zu lieben, und sie noch mehr liebe, als je
zuvor.

Anna, wozu sollen wir uns beide so qulen? sagte er, ihr die Hnde
kssend. In seinen Zgen malte sich jetzt Zrtlichkeit und ihr schien
es, als vernehme sie mit ihrem Ohr einen Klang von Thrnen in seiner
Stimme, als verspre sie das Feuchte dieser Thrnen auf ihrer Hand, und
augenblicklich ging die verzweiflungsvolle Eifersucht Annas in eine
verzweiflungsvolle, leidenschaftliche Zrtlichkeit ber. Sie umfing ihn
und bedeckte ihm Kopf, Hals und Hnde mit Kssen.


                                  25.

In dem Gefhl, da die Ausshnung eine vollstndige war, beschftigte
sich Anna vom andern Morgen ab munter mit den Anstalten zur Abreise.

Obwohl noch gar nicht beschlossen war, ob man Montag oder Dienstag
reisen wrde, da beide sich gestern gegenseitig Konzessionen gemacht
hatten, bereitete sich Anna eifrig auf die Abreise vor, jetzt
vollkommen gleichgltig dem gegenber, ob man frh oder spt am Tage
abreiste. Sie stand eben in ihrem Zimmer vor einem geffneten Schranke,
und nahm Sachen heraus, als er bereits angekleidet, frher als
gewhnlich, bei ihr eintrat.

Ich mu sofort zu =maman= fahren; sie kann mir das Geld durch Jegoroff
bersenden. Morgen bin ich dann bereit zu reisen, sagte er.

Mochte sie nun auch noch so gut gelaunt sein, die Erwhnung der Abreise
auf den Landsitz schnitt ihr ins Herz.

O, auch ich beeile mich nicht, sagte sie, dachte aber sogleich:
vielleicht ist es doch noch mglich, es so einzurichten, da man
thut wie ich wnschte. -- Nein, thu' wie du willst! Geh' in den
Speisesalon, ich werde sogleich auch kommen und will nur noch diese
berflssigen Sachen herauslegen, sprach sie, noch etwas auf
Annuschkas Arme packend, auf welchen bereits ein Berg Leinen ruhte.

Wronskiy verzehrte gerade sein Beefsteak, als sie in den Speisesalon
trat.

Du glaubst nicht, wie kalt mich diese Gemcher lassen, sagte
sie, sich neben ihm zu ihrem Kaffee setzend. Es giebt doch nichts
Schrecklicheres als diese =chambres garnies=. Es liegt kein Ausdruck,
keine Seele in ihnen. Diese Uhren, Gardinen, und namentlich diese
Tapeten -- sind wie ein Alp. Ich gedenke Wosdwishenskojes, wie des
gelobten Landes. Du hast noch keine Pferde hergeschickt?

Nein; sie werden kommen wenn wir fort sind. Fhrst du noch einmal aus?

Ich wollte noch zur Wilson; ich mu ihr Kleider bringen. Also
morgen ist es gewi? sprach sie mit heiterer Stimme; doch pltzlich
vernderte sich ihr Antlitz.

Der Kammerdiener Wronskiys kam, um sich die Unterschrift fr ein
Telegramm aus Petersburg auszubitten.

Es war nichts Besonderes in der Empfangnahme einer Depesche seitens
Wronskiys, aber gleichwohl sagte dieser, als wnschte er etwas vor ihr
zu verheimlichen, er wolle im Kabinett unterschreiben, und wandte sich
dann hastig zu ihr.

Gewi werde ich morgen mit allem in Ordnung sein.

Von wem war die Depesche? frug sie, ohne ihn zu hren.

Von Stefan, antwortete er gezwungen.

Warum hast du mir sie nicht gezeigt? Welches Geheimnis kann es
zwischen Stefan und mir geben?

Wronskiy rief den Kammerdiener zurck und befahl, die Depesche zu
bringen.

Ich wollte sie dir nicht zeigen, weil Stefan eine Leidenschaft hat, zu
telegraphieren. Wozu telegraphieren, wenn nichts entschieden ist?

ber die Scheidung?

Ja. Doch er schreibt, er habe noch nichts erreichen knnen. Krzlich
versprach er einen endgltigen Bescheid. Da lies.

Mit bebenden Hnden ergriff Anna die Depesche und las noch einmal das,
was Wronskiy gesagt hatte. Am Schlu war noch hinzugefgt es ist wenig
Hoffnung vorhanden, aber ich werde alles Mgliche und Unmgliche thun.

Ich habe gestern gesagt, da es mir vollkommen gleichgltig ist, wann
ich die Scheidung erhalte, ja, selbst, ob ich sie erhalte, sprach
sie errtend. Es lag aber doch keine Notwendigkeit vor, mir Etwas zu
verheimlichen. So kann er auch vor mir seine Korrespondenz mit Frauen
verheimlichen, und er verheimlicht sie auch, dachte sie dabei.

Jaschwin wollte heute frh mit Woytoff herkommen, sagte Wronskiy, es
scheint, da er Pjevzoff alles abgewonnen hat, ja, sogar noch mehr,
als dieser bezahlen kann; einige sechzigtausend Rubel.

Nein, versetzte sie, erzrnt darber, da er mit diesem Wechsel des
Themas so augenfllig zu verstehen gab, da sie gereizt sei, weshalb
glaubst du, da diese Nachricht mich so interessiert, da man sie sogar
zu verbergen htte? Ich habe gesagt, da ich nicht daran denken mag,
und wnschte, du mchtest ebensowenig davon interessiert werden, wie
ich.

Ich interessiere mich nur deshalb dafr, weil ich Klarheit liebe,
sagte er.

Klarheit liegt nicht in der Form, sondern in der Liebe, sagte sie,
mehr und mehr in Erregung geratend, aber nicht durch seine Worte,
sondern durch den Ton kalter Ruhe, mit welchem er sprach. Weshalb
wnschest du Klarheit?

Mein Gott! Wieder die Liebe! dachte er, finster werdend. Du weit
doch, wozu? Fr dich, und fr die Kinder, welche kommen werden, sagte
er.

Kinder wird es nicht geben.

Das ist sehr bedauerlich, sagte er.

Dir ist sie erforderlich fr die Kinder, aber an mich denkst du
nicht, sprach sie, vollstndig vergessend und berhrend, da er
gesagt hatte fr dich und fr die Kinder. --

Die Frage nach der Mglichkeit, ob sie noch Kinder haben wrden, hatte
fr sie seit Langem eine Streitfrage gebildet, die sie erbitterte.
Seinen Wunsch, Kinder zu haben, legte sie sich dahin aus, da er ihre
Schnheit nicht schtze.

O, ich sagte doch fr dich! Vor allem fr dich, wiederholte er, sich
wie unter einem Schmerzgefhl verfinsternd, weil ich berzeugt bin,
da ein groer Teil deiner _Gereiztheit_ von der Unbestimmtheit unserer
Lage herrhrt.

Ja, jetzt hat er aufgehrt, sich zu verstellen und alle seine kalte
Gehssigkeit gegen mich ist nun sichtbar, dachte sie, seine Worte
nicht vernehmend, aber mit Schrecken auf den kalten, harten Richter
blickend, der, mit ihr Spott treibend, aus seinen Augen herausschaute.
Dies ist nicht der Grund, sagte sie, ich begreife selbst nicht, da
der Grund meiner _Gereiztheit_ -- wie du es nennst, der sein kann, mich
vollstndig in deiner Gewalt zu befinden. Was fr eine Unbestimmtheit
der Lage giebt es hierbei? Im Gegenteil.

Es ist sehr bedauerlich, da du nicht verstehen willst, unterbrach
er sie, beharrlich in dem Wunsche, seinen Gedanken auszusprechen, die
Unbestimmtheit liegt darin, da dir scheint, als wre ich frei.

Diesbezglich kannst du ganz ruhig sein, sagte sie, und begann, indem
sie sich von ihm abwandte, ihren Kaffee zu trinken.

Sie hob die Tasse, und fhrte sie, den kleinen Finger von sich
streckend zum Munde. Nachdem sie einige Schlucke genommen, blickte sie
ihn an. An dem Ausdruck seines Gesichts erkannte sie klar, da ihm ihre
Hand und ihre Geste zuwider war, wie das Gerusch, welches sie mit den
Lippen verursacht hatte.

Mir ist alles vollstndig gleichgltig, was deine Mutter denkt, und
wie sie dich verheiraten will, sagte sie, mit zitternder Hand die
Tasse niedersetzend.

Davon sprechen wir ja aber gar nicht.

O, eben davon; und glaube mir, da fr mich ein Weib ohne Herz -- sei
es alt oder nicht alt, deine Mutter oder eine Fremde -- ohne Interesse
ist, und ich es nicht kennen mag!

Anna, ich bitte dich, nicht unehrerbietig von meiner Mutter zu reden.

Ein Weib, welches nicht mit seinem Herzen erraten hat, worin das Glck
und die Ehre des Sohnes beruht -- hat kein Herz.

Ich wiederhole meine Bitte, nicht unehrerbietig von meiner Mutter zu
sprechen, die ich achte, sagte er, seine Stimme hebend und sie streng
anblickend.

Sie antwortete nicht. Starr schaute sie ihn an, sein Gesicht, seine
Hnde; sie rief sich die gestrige Vershnungsscene mit allen ihren
Einzelheiten ins Gedchtnis zurck, sowie seine leidenschaftlichen
Liebkosungen. Ganz die nmlichen Liebkosungen hat er an andere Weiber
verschwendet, er wird es weiterhin thun, er will es thun, dachte sie.

Du liebst deine Mutter nicht. -- Das sind alles Phrasen, nur Phrasen!
-- sprach sie, ihn haerfllt anblickend.

Wenn es so allerdings steht, dann heit es --

-- Zu einem Entschlu kommen; und ich bin entschlossen; sagte sie
und wollte gehen, doch gerade trat Jaschwin ins Zimmer. Anna begrte
ihn und blieb.

Warum sie, whrend in ihrer Seele ein Sturm tobte, und sie fhlte, da
sie auf einem Wendepunkt ihres Lebens stehe, der furchtbare Folgen
haben knne -- warum sie sich whrend dieser Minute vor einem fremden
Menschen verstellen mute, der frher oder spter ja doch alles
erfahren wrde, -- sie wute es nicht, sondern lie sich, den Sturm
in sich beschwichtigend, sogleich nieder und begann mit dem Besuch zu
konversieren.

Nun, wie steht es mit Eurer Angelegenheit; habt Ihr eine
Schuldverschreibung erhalten? frug sie Jaschwin.

Nicht der Rede wert. Mir scheint, da ich nicht alles erhalten werde,
ich mu Mittwoch verreisen. Wann reist Ihr? antwortete dieser, mit den
Augen zwinkernd und Wronskiy anblickend. Er erriet augenscheinlich, da
ein Zwist obgewaltet hatte.

bermorgen wahrscheinlich, sagte Wronskiy.

Ihr bereitet Euch brigens schon seit Langem darauf vor.

Jetzt ist es jedoch beschlossen, sprach Anna, Wronskiy gerade ins
Auge schauend, mit einem Blick, der diesem sagte, er solle nicht mehr
an die Mglichkeit einer Ausshnung denken. Thut Euch denn dieser
unglckliche Pjevzoff nicht leid? setzte sie dann ihr Gesprch mit
Jaschwin fort.

Ich habe mich noch nie gefragt, Anna Arkadjewna, ob mir etwas leid
thut oder nicht. Hier ist mein ganzes Vermgen -- er wies auf seine
Seitentasche -- und jetzt bin ich ein reicher Mann. Heute fahre ich in
den Klub, um ihn vielleicht als Bettler wieder zu verlassen. Wird mich
doch jeder der sich mit mir zum Spiel niedersetzt, auch bis aufs Hemd
ausplndern, so wie ich es mit ihm mache. Wir kmpfen eben miteinander
-- und darin liegt das Vergngen.

Aber wenn Ihr nun verheiratet wret, sagte Anna, was wrde da aus
Eurer Frau.

Jaschwin brach in Gelchter aus.

Eben deshalb habe ich auch nicht geheiratet, mir dies auch niemals
vorgenommen!

Und Helsingfors? frug Wronskiy, sich in die Unterhaltung mischend und
Anna, welche lchelte, anblickend. Seinem Blick begegnend, nahm das
Antlitz Annas pltzlich einen kalten, strengen Ausdruck an, als wollte
sie ihm sagen, es ist nichts vergessen; es ist noch beim Alten.

Aber Ihr seid doch gewi einmal verliebt gewesen? wandte sie sich zu
Jaschwin.

O Gott, wie oft. Aber -- merkt wohl auf, es kann sich einer zum Spiel
setzen, um stets dann davon aufzustehen, sobald die Zeit des Rendezvous
kommt -- ich kann mich zwar auch mit der Liebe beschftigen, doch immer
nur so, da ich abends die Partie nicht versume. So halte ich es.

Darnach frage ich nicht; sondern nach dem, um was es sich jetzt
handelt; sie wollte sagen Helsingfors, das Wort aber nicht
aussprechen, welches von Wronskiy gesprochen worden war.

Es kam nun Wojtoff, welcher einen Hengst gekauft hatte; Anna erhob sich
und verlie das Zimmer.

Bevor Wronskiy von Hause wegfuhr, trat er noch bei ihr ein. Sie wollte
sich stellen, als suchte sie Etwas auf dem Tische, blickte ihm aber,
von ihrer Heuchelei beschmt, offen und mit khlem Blick ins Antlitz.

Was wollt Ihr? frug sie ihn auf franzsisch.

Das Attestat ber den Gambetta holen. Ich habe ihn verkauft, sprach
er in einem Tone, der deutlicher als Worte ausdrckte, ich habe mich
durchaus nicht zu erklren und es wrde dies auch zu nichts fhren.
Ich trage doch keine Schuld ihr gegenber, dachte er, wenn sie
sich selbst bestrafen will, =tant pis pour elle=! Im Hinausgehen
aber schien ihm, als habe sie etwas gesagt und sein Herz regte sich
pltzlich in Mitleid fr sie.

Was ist, Anna? frug er.

Ich sagte nichts, antwortete sie immer noch so kalt und ruhig.

Ah, nichts dann -- =tant pis=, dachte er, wieder khl werdend, wandte
sich und ging. Indem er hinausschritt, erblickte er im Spiegel ihr
Gesicht, bleich, mit bebenden Lippen. Er wollte nun wohl stehen bleiben
und ihr ein trstendes Wort sagen, doch seine Fe trugen ihn aus dem
Zimmer, schneller, als er sich ausgedacht hatte, was er sagen sollte.

Diesen ganzen Tag brachte er auerhalb des Hauses zu; als er spt
Abends heimkehrte, sagte ihm die Zofe, da Anna Arkadjewna Kopfweh habe
und bitten lasse, sie nicht zu besuchen.


                                  26.

Noch nie war ein Tag im Hader vorbergegangen. Es war dies das erstemal
gewesen. Aber es war auch kein Streit mehr, sondern das offenkundige
Eingestndnis einer vollstndigen Erkaltung. Konnte man sie denn
so anblicken, wie er es gethan hatte, indem er nach dem Attest in
das Zimmer getreten war. Sie anzuschauen und zu sehen, da ihr Herz
zerrissen war von Verzweiflung, und schweigend weiterzugehen mit diesem
gleichgltigen, ruhigen Gesicht? Nicht nur, da er khl gegen sie
geworden war; hate er sie auch, weil er eine andere liebte -- das war
klar. -- Und indem sie sich alle jene harten Worte, die er gesprochen
hatte, ins Gedchtnis zurckrief, berdachte sie nochmals diejenigen,
die er offenbar ihr zu sagen gewnscht hatte oder ihr sagen konnte, und
mehr und mehr geriet sie in Erbitterung.

Ich halte Euch nicht, konnte er sagen, Ihr knnt gehen, wohin Ihr
wollt. Ihr habt Euch von Eurem Manne nicht scheiden lassen wollen,
wahrscheinlich, um zu ihm zurckzukehren. Kehrt zurck! Wenn Ihr Geld
braucht, will ich es Euch geben. Wieviel Rubel braucht Ihr?

Die allerhrtesten Worte, welche ihr der rauhe Mann sagen konnte, er
sagte sie ihr in ihrer Einbildungskraft und sie verzieh ihm dieselben
nicht, als htte er sie ihr wirklich gesagt.

Aber hatte er ihr nicht gestern erst seine Liebe geschworen, er, der
gerechte und ehrenhafte Mann? Bin ich nicht etwa schon viele Male
grundlos in Verzweiflung gewesen? sprach sie hierauf zu sich selbst.

Diesen ganzen Tag verbrachte Anna, mit Ausnahme einer Fahrt zur Wilson,
die sie zwei Stunden in Anspruch nahm, in Ungewiheit darber, ob alles
vorbei, oder noch eine Hoffnung auf Vershnung vorhanden wre, ob sie
sogleich fort msse, oder ihn erst noch einmal sehen solle. Sie wartete
auf ihn den ganzen Tag, und erwog bei sich, nachdem sie am Abend, als
sie sich in ihr Zimmer zurckzog, befohlen hatte mitzuteilen, da
sie Kopfweh habe; wenn er trotz der Worte der Zofe, zu mir kommt, so
bedeutet dies, da er noch liebt, wenn nicht, da alles zu Ende ist,
und dann werde ich entscheiden, was ich zu thun habe. --

Am Abend vernahm sie das Gerusch seines Wagens, sein Luten, seine
Schritte und sein Gesprch mit der Zofe. Er glaubte, was man ihm gesagt
hatte, wollte nichts Weiteres hren und begab sich in seine Rume. Es
war also wohl alles vorber.

Der Tod als das einzige Mittel, in seinem Herzen die Liebe zu ihr zu
erhalten, ihn zu strafen und den Sieg davonzutragen in diesem Kampfe,
den der in ihrem Herzen heimisch gewordene bse Geist mit ihm fhrte,
erschien klar und lebendig vor ihr.

Jetzt war alles gleich; fuhr man nach Wosdwishenskoje oder nicht,
erhielt man die Scheidung von dem Gatten oder nicht -- es war nichts
mehr ntig. Ntig war nur Eines noch -- ihn zu strafen! --

Als sie sich die gewohnte Dosis Opium eingo, und daran dachte, da man
nur die ganze Phiole zu leeren brauchte, um zu sterben, erschien ihr
dies so leicht und einfach, da sie abermals mit Genugthuung daran zu
denken begann, wie er Qual und Reue empfinden und sie in der Erinnerung
lieben wrde, wenn es schon zu spt wre.

Sie lag im Bett mit offenen Augen, beim Scheine einer einsamen,
niedergebrannten Kerze nach dem Stuckkarnies der Zimmerdecke und dem
Teile derselben blickend, welcher den Schatten des Bettschirmes hatte,
und stellte sich lebendig vor, was er empfinden wrde, wenn sie erst
nicht mehr wre, wenn sie fr ihn nur noch eine Erinnerung bildete.

Wie konnte ich diese harten Worte zu ihr sagen, wrde er sprechen,
wie konnte ich aus ihrem Zimmer gehen, ohne ihr ein Wort zu sagen?
Jetzt ist sie nicht mehr. Sie ist von mir gegangen. Sie ist dort --

Da bewegte sich pltzlich der Schatten des Bettschirmes, umfing das
ganze Karnies, die ganze Decke, andere Schatten von der anderen Seite
strzten ihr entgegen; auf einen Augenblick flohen dieselben davon,
bewegten sich aber dann mit erneuter Schnelligkeit heran, wankten hin
und her, verschwammen ineinander und alles wurde dunkel.

Der Tod? dachte sie, und ein Schrecken berkam sie, da sie lange
nicht wute, wo sie war, und lange mit den bebenden Hnden kein
Zndholz finden konnte, um eine neue Kerze an Stelle derjenigen, welche
herabgebrannt und erloschen war, anzuznden.

Nein -- aber doch -- nur leben! Ich liebe ihn ja doch, und er liebt ja
mich! Dies ist geschehen und wird vorbergehen! sprach sie im Gefhl,
da ihr die Thrnen der Freude ob ihrer Rckkehr zum Leben ber die
Wangen flossen. Um sich von ihrem Schrecken zu erholen, begab sie sich
hastig nach seinem Kabinett.

Er schlief in demselben, in festem Schlummer. Sie trat zu ihm heran,
und betrachtete ihn, lange sein Gesicht von oben herab beleuchtend.
Jetzt, da er schlief, liebte sie ihn so sehr, da sie bei seinem
Anblick die Thrnen der Zrtlichkeit nicht zurckzuhalten vermochte;
aber sie wute, da er sie, wenn er erwachte, mit dem kalten Blick, der
sich seines Rechtes bewut ist, anschauen wrde, und sie ihm, bevor
sie ihm von ihrer Liebe sprach, darlegen msse, da er vor ihr der
Schuldige sei. Ohne ihn zu wecken kehrte sie zurck, und schlief nach
einer zweiten Dosis Opium bis zum Morgen in schwerem Halbschlummer,
whrenddessen sie ununterbrochen ihr Empfindungsvermgen behielt.

Am Morgen erschien ihr der furchtbare Alp, der sich mehrmals in ihren
Traumbildern, schon vor der Zeit ihres Verhltnisses mit Wronskiy
wiederholt hatte, von neuem und erweckte sie. Jener Alte mit dem
wirren Barte arbeitete, auf sein Eisen gebeugt und unverstndliche,
franzsische Worte sprechend, whrend sie -- wie stets unter diesem
Alpdrcken -- empfand, was den eigentlichen Schrecken fr sie bildete,
da dieser Bauer ihr nicht die geringste Aufmerksamkeit widmete,
sondern eine furchtbare Arbeit in Eisen verrichtete -- ber ihr. --

Sie erwachte in kaltem Schwei liegend. Als sie sich erhob, erinnerte
sie sich des gestrigen Tages wie im Nebel.

Es hatte Streit gegeben, das Nmliche, was schon mehrmals
stattgefunden hatte. Ich hatte gesagt, da ich Kopfschmerzen htte,
und er ist nicht zu mir gekommen. Morgen wollen wir reisen; ich mu ihn
sehen und mich zur Abreise vorbereiten, sagte sie zu sich selbst, und
begab sich, nachdem sie gehrt hatte, da er sich in seinem Kabinett
befnde, zu ihm. Als sie durch den Salon schritt, hrte sie, da vor
der Einfahrt eine Equipage hielt und erblickte durchs Fenster schauend,
einen Wagen, aus welchem sich ein junges Mdchen in lilafarbenem Hut
herausbeugte, das ihrem Diener, welcher lutete einen Befehl erteilte.

Nach einem Zwiegesprch im Vorzimmer, kam jemand herauf und neben dem
Salon wurden die Tritte Wronskiys vernehmbar, welcher mit schnellen
Schritten die Treppe hinabeilte.

Anna trat wieder an das Fenster. Da trat er ohne Hut auf die Freitreppe
und ging zum Wagen. Das junge Mdchen im lilafarbigen Hut bergab ihm
ein Paket. Wronskiy sagte ihr lchelnd etwas und der Wagen fuhr wieder
fort. Er eilte schnell wieder zurck die Treppe herauf.

Der Nebel, welcher sich ber ihre Seele gebreitet hatte, zerstreute
sich pltzlich. Die Empfindungen von gestern preten mit neuem Weh ihr
krankes Herz.

Sie konnte jetzt nicht mehr begreifen, da sie sich soweit hatte
erniedrigen knnen, noch einen ganzen Tag bei ihm in seinem Hause zu
bleiben, und kehrte in ihr Zimmer zurck, um ihn von ihrem Entschlu in
Kenntnis zu setzen.

Die Sorokina war mit ihrer Tochter gekommen und hat mir Geld und
Papiere von =maman= gebracht. Ich konnte es gestern nicht erhalten. Wie
steht es mit deinem Kopf; besser? sprach er ruhig, ohne den dsteren
und ernsten und feierlichen Ausdruck ihres Gesichts bemerken zu wollen.

Sie blickte ihn schweigend und starr an, in der Mitte des Zimmers
stehend. Er schaute sie an, verfinsterte sich einen Augenblick und
fuhr dann fort, einen Brief zu lesen. Sie wandte sich und ging langsam
nach der Thr. Er htte sie noch zurckrufen knnen, aber sie war bis
an die Thr gegangen und er schwieg noch immer; nur das Rauschen eines
gewendeten Blattes des Briefes war vernehmbar.

Also, begann er in dem Augenblick, als sie schon in der Thr stand,
morgen werden wir entschieden fahren, nicht wahr?

Ihr, nicht ich, sprach sie, sich zu ihm wendend.

Anna; es ist unmglich, so zu leben --

Ihr, nicht ich, wiederholte sie.

Das wird unertrglich!

Ihr, Ihr werdet die Reue empfinden, sprach sie und ging hinaus.

Erschreckt von dem verzweifelten Ausdruck, mit welchem diese Worte
gesprochen worden waren, sprang er auf und wollte ihr nacheilen,
doch indem er sich besann, setzte er sich wieder, sein Gesicht wurde
finster, indem er die Zhne fest aufeinanderbi.

Diese Drohung, welche unziemlich war, wie er fand, hatte ihn gereizt.

Ich habe alles versucht, dachte er, es bleibt nur noch Eins brig --
sie nicht mehr zu beachten -- und machte sich fertig, in die Stadt zu
fahren, nochmals zur Mutter, von welcher er eine Unterschrift fr die
Vollmacht haben mute.

Sie vernahm das Gerusch seiner Schritte im Kabinett und durch den
Speisesalon. Im Salon blieb er stehen; doch wandte er sich nicht zu
ihr, sondern erteilte nur Befehl, da man in seiner Abwesenheit den
Hengst an Wojtoff ausliefere. Dann vernahm sie, wie man den Wagen
brachte, die Thr sich ffnete und er wiederum hinaustrat. Aber er
kehrte nochmals in den Flur zurck und es kam jemand nach oben geeilt.
Der Kammerdiener lief nach den vergessenen Handschuhen. Sie trat an das
Fenster und sah, wie er, ohne hinzublicken die Handschuhe ergriff, mit
der Hand den Rcken des Kutschers berhrte und demselben etwas sagte.
Ohne die Fenster zu mustern, setzte er sich hierauf in seiner gewohnten
Pose in den Wagen, legte die Fe bereinander und drckte sich, einen
Handschuh anstreifend, in die Ecke.


                                  27.

Er ist fort. Es ist zu Ende! sprach Anna zu sich selbst, am Fenster
stehend und zur Antwort auf diese Worte erfllten jene Eindrcke in
der Finsternis nach dem Erlschen des Lichtes, und des furchtbaren
Traumbildes in Eins zusammengeflossen, ihr Herz mit kaltem Entsetzen.
Nein, es kann nicht sein! schrie sie auf und schellte heftig, durch
das Zimmer eilend. Ihr war es jetzt so bange, allein zu bleiben, da
sie, ohne das Erscheinen des Dieners abzuwarten, diesem entgegenkam.

Erkundigt Euch, wohin der Graf gefahren ist, sagte sie.

Der Diener versetzte, der Graf sei nach den Marstllen gefahren.

Der Herr haben befohlen zu melden, da der Wagen sogleich zurckkehren
wrde, falls es Euch gefllig wre, auszufahren.

Gut. Bleibt. Ich werde sogleich ein Billet schreiben. Schickt Michail
mit dem Billet nach den Marstllen, so schnell als mglich.

Sie setzte sich und begann zu schreiben:

Ich bin schuld. Kehre heim, wir mssen ins Klare kommen. Um Gott,
komm, mir ist furchtbar.

Sie siegelte und bergab dem Diener das Billet.

Jetzt frchtete sie sich allein zu bleiben und begab sich, nachdem der
Diener gegangen war, aus dem Zimmer nach der Kinderstube.

Was ist das? Das ist er nicht! Das ist nicht Er! Wo sind seine blauen
Augen, wo ist sein mildes, sanftes Lcheln? war ihr erster Gedanke,
als sie ihr dralles, rotbckiges kleines Mdchen mit den schwarzen
krausen Haaren anstatt Sergeys, den sie in einer Verwirrung ihrer
Gedanken in der Kinderstube zu sehen erwartet hatte, erblickte.

Das Kind sa am Tische, hartnckig und geruschvoll mit einem
Korkpfropfen auf den Tisch pochend, und schaute mit seinen zwei
schwarzen Augen verstndnislos die Mutter an.

Nachdem Anna der Englnderin geantwortet hatte, da sie sich vllig
wohl befinde und morgen aufs Land gehen werde, setzte sie sich zu
ihrem Kinde und begann vor demselben den Pfropfen von einer Karaffe zu
drehen. Das laute, tnende Lachen des Kindes und die Bewegung, welche
dasselbe mit den Brauen machte, brachten ihr aber Wronskiy so lebhaft
in die Erinnerung, da sie, ein Aufschluchzen unterdrckend, hastig
aufstand und hinausging.

Ist denn wirklich alles zu Ende? Nein, es kann nicht sein, dachte
sie. Er wird zurckkehren! Aber wie soll er mir jenes Lcheln
erklren, seine Lebhaftigkeit, nachdem er mit ihr gesprochen hatte?
Indessen auch wenn er mir es nicht erklrt, will ich ihm glauben.
Glaube ich ihm nicht, dann bleibt mir noch Eins -- aber ich will
nicht. --

Sie sah nach der Uhr. Es waren zwanzig Minuten vergangen.

Jetzt hat er mein Billet bereits erhalten und kehrt zurck. Nicht
lange mehr, noch zehn Minuten -- aber wie, wenn er nicht zurckkehrt?
Doch nein, das kann nicht sein! Er darf mich indessen nicht mit
verweinten Augen sehen. Ich will gehen und mich waschen. Bin ich denn
frisiert oder nicht? frug sie sich, ohne sich erinnern zu knnen.
Sie fhlte sich nach dem Kopfe, ja, ich bin frisiert, aber wann es
geschah, wei ich wirklich nicht mehr. Sie glaubte nicht einmal der
eigenen Hand und ging zu dem Trumeau, um nachzusehen, ob sie in der
That frisiert sei oder nicht. Sie war frisiert und konnte sich dennoch
nicht erinnern, wann sie es gethan hatte. Wer ist das? dachte sie, in
den Spiegel blickend, und ein fieberhaft glhendes Antlitz mit seltsam
blitzenden Augen, die sie erschreckt ansahen, gewahrend. Das bin ich
doch, erkannte sie pltzlich und ihre ganze Erscheinung musternd,
fhlte sie pltzlich seine Ksse auf sich und zuckte zusammenschauernd
mit den Schultern. Dann hob sie die Hand zu den Lippen und kte sie.
Was ist das; ich bin von Sinnen, sprach sie und begab sich in das
Schlafzimmer, wo Annuschka aufrumte. Annuschka, sagte sie, vor der
Zofe stehen bleibend und sie anschauend, ohne zu wissen, was sie ihr
eigentlich sagen wollte.

Ihr wolltet zu Darja Aleksandrowna fahren, antwortete die Zofe, als
ob sie verstanden htte.

Zu Darja Aleksandrowna? Ja, ich werde fahren.

Fnfzehn Minuten hin, fnfzehn Minuten zurck! Er wird schon kommen,
er kommt sogleich. Sie zog die Uhr hervor und sah darnach. Wie konnte
er nur wegfahren, und mich in einer solchen Lage zurcklassen? Wie kann
er leben, ohne mit mir ausgeshnt zu sein? Sie trat ans Fenster und
schaute auf die Strae hinab. Der Zeit nach htte er schon zurcksein
knnen. Aber ihre Berechnung konnte nicht richtig sein und sie begann
aufs neue, sich zu vergegenwrtigen, wann er weggefahren war, und die
Minuten zu berechnen. Gerade als sie nach einer greren Uhr ging, um
die ihrige darnach zu vergleichen, kam jemand angefahren. Durch das
Fenster blickend, gewahrte sie seinen Wagen. Es kam jedoch niemand zur
Treppe herauf, whrend unten Stimmen vernehmbar wurden. Der Bote war
es, welcher im Wagen zurckkehrte. Sie ging zu ihm hinunter.

Der Graf war nicht zu treffen gewesen, er war auf der Chaussee von
Nishegorod weggefahren.

Was bringst du? Was -- wandte sie sich zu dem rotbckigen, frhlichen
Michail, der ihr das Billet wieder zurckgab. Er hat es ja gar nicht
erhalten, sagte sie sich. Fahre mit diesem Billet auf das Dorf zur
Grfin Wronskaja, verstehst du? Und bringe sofort Antwort, sagte sie
zu dem Boten. Aber was soll ich selbst thun? dachte sie, nun, ich
werde zu Dolly fahren, oder, wahrhaftig, ich verliere den Verstand. Ich
kann ja auch noch telegraphieren. Sie schrieb sogleich eine Depesche
nieder.

Ich mu dich sprechen, komm sogleich.

Nachdem sie das Telegramm abgeschickt hatte, ging sie sich anzukleiden.
Bereits angekleidet und im Hut blickte sie nochmals der etwas beleibt
gewordenen, ruhigen Annuschka in die Augen. Offenes Mitleid war in
diesen kleinen, gutmtigen, grauen Augen sichtbar.

Liebe Annuschka, was soll ich thun? sagte Anna weinend, sich hilflos
in einem Lehnsessel sinken lassend.

Wozu sich so beunruhigen, Anna Arkadjewna! So geht es eben! Fahrt nur
und zerstreut Euch, antwortete die Zofe.

Ja, ich werde fahren, sagte Anna, sich ermannend und aufstehend.
Wenn in meiner Abwesenheit ein Telegramm einlaufen sollte, so soll es
zu Darja Aleksandrowna geschickt werden -- oder nein; ich werde selbst
zurckkommen! --

Ja, man mu nicht grbeln, sondern etwas thun, ausfahren, und
hauptschlich dieses Haus verlassen, sprach sie, mit Entsetzen die
furchtbare Wallung wahrnehmend, welche in ihrem Herzen entstand, ging
hastig hinaus und setzte sich in den Wagen.

Wohin befehlt Ihr? frug Peter, bevor er sich auf den Bock setzte.
Nach Znamenka, zu den Oblonskiy!


                                  28.

Das Wetter war klar. Den ganzen Morgen war ein dichter, feiner Regen
gefallen und jetzt hatte es sich seit kurzem erst aufgehellt. Die
eisernen Dcher, die Trottoirsteine und Pflastersteine, die Rder, das
Lederzeug, Kupfer und Blech an den Equipagen, alles glnzte hell in der
Maisonne. Es war drei Uhr, die Zeit, zu welcher es auf den Straen am
lebhaftesten ist.

In der Ecke des ruhig gehenden Wagens sitzend, der auf seinen
Sprungfedern bei dem schnellen Gange der beiden Grauen kaum schaukelte,
lie Anna unter dem eintnigen Rasseln der Rder, den schnell
wechselnden Eindrcken bei der klaren Luft, von neuem die Vorkommnisse
der letzten Tage an sich vorberziehen und sie erkannte ihre Lage
als eine ganz andere, als wie sie ihr zu Haus erschienen war. Jetzt
erschien ihr selbst der Gedanke an den Tod nicht mehr so furchtbar und
deutlich, und der Tod selbst erschien ihr nicht mehr unvermeidlich.
Jetzt machte sie sich Vorwrfe ber die Niedergeschlagenheit, bis zu
welcher sie sich hatte fhren lassen.

Ich werde ihn beschwren mir zu verzeihen. Ich habe mich ihm
untergeordnet und mich schuldig bekannt. Aber warum? Kann ich denn ohne
ihn nicht leben?

Und ohne sich auf die Frage, wie sie ohne ihn leben knnte, zu
antworten, begann sie die Ladenschilder zu lesen. Comptoir und
Niederlage. -- Zahnarzt -- ja, ich werde Dolly alles sagen. Sie liebt
Wronskiy nicht. Fr mich wird es schmachvoll, schmerzlich sein, aber
ich will ihr alles sagen. Sie liebt mich und ich werde ihrem Rate
folgen. Ich werde mich ihm nicht unterwerfen, ihm nicht gestatten,
mich zu erziehen. -- Philippoff, Kalatschenkauf. -- Man soll den Teig
auch nach Petersburg bringen. Das Moskauer Wasser ist so gut; ja die
Brunnen von Mytichy und die Pfannkuchen -- und sie erinnerte sich, wie
sie vor langer, langer Zeit, als sie noch siebzehn Jahre zhlte, mit
der Tante zum Pfingstfest gekommen war; zu Pferde noch. War ich denn
das wirklich, ich mit den schnen Hnden? Wie vieles von dem, was mir
damals so schn und unerreichbar erschien, ist dahin, whrend mir das,
was ich damals besa, jetzt auf ewig unerreichbar geworden ist.

Htte ich damals geglaubt, da ich bis zu einem solchen Grade von
Erniedrigung gelangen knnte? Wie wird er stolz und befriedigt sein,
wenn er mein Billet empfngt! Aber ich werde ihm zeigen. -- Wie
bel doch diese Farbe hier riecht! Warum streicht und baut man nur
fortwhrend? -- Moden- und Putzwaaren -- las sie weiter. Ein Mann
grte sie; es war der Gatte Annuschkas; unsere Parasiten, dachte
sie, sich der Worte Wronskiys erinnernd. Unsere? Warum unsere? Es ist
entsetzlich, da man die Vergangenheit nicht mit der Wurzel ausreien
kann! Man kann sie nicht ausreien, aber die Erinnerung daran bedecken.
Und ich will sie verhllen.

Und jetzt dachte sie an ihr vergangenes Leben mit Aleksey
Aleksandrowitsch, daran, da sie ihn aus ihrem Gedchtnis gelscht
hatte. Dolly wird denken, da ich nun den zweiten Mann verlasse, und
daher gewi im Unrecht bin. Kann ich denn aber im Rechte sein? Ich kann
es nicht, fuhr sie fort und die Thrnen stiegen in ihr auf. Doch sie
begann sogleich, sich zu denken, warum wohl jene beiden Mdchen dort
so lchelten. Wahrscheinlich in Liebesgedanken? Sie wissen nicht, wie
traurig, wie niedrig das ist!

Da kommt der Boulevard; Kinder spielen auf ihm. Drei Knaben laufen
da und spielen Pferd. -- Mein Sergey! -- Alles verliere ich und ihn
kann ich nicht wieder erhalten. Ja, alles verliere ich, wenn er nicht
zurckkehrt. Vielleicht hat er sich mit dem Zug versptet und ist jetzt
schon zurck. Aber soll ich mich schon wieder erniedrigen? frug sie
sich selbst, nein, ich will zu Dolly und ihr offen sagen, ich bin
unglcklich, ich habe es verdient und bin schuldig -- immer aber doch
unglcklich -- hilf mir! -- Diese Pferde, dieser Wagen, wie abscheulich
komme ich mir selbst in diesem Wagen vor -- alles ist ja sein; doch ich
werde nichts mehr davon sehen. --

Indem sie sich die Worte berlegte, mit welchen sie Dolly alles sagen
wollte, absichtlich sich ihr Herz zerreiend, betrat Anna die Treppe.

Ist man daheim? frug sie im Vorzimmer.

Katharina Aleksandrowna Lewina ist zugegen, antwortete der Diener.

Kity! Die nmliche Kity, in welche Wronskiy verliebt gewesen ist,
dachte Anna, die nmliche, der er in Liebe gedachte. Er bedauerte, sie
nicht geheiratet zu haben, aber meiner gedenkt er in Ha und er beklagt
es, sich mit mir vereint zu haben.

Unter den Schwestern fand, als Anna ankam, gerade eine Beratung
betreffs der Ernhrungsfrage des Kindes statt. Dolly ging allein
hinaus, um den Besuch zu empfangen, der in diesem Augenblick ihr
Gesprch strte.

Ach, du bist noch nicht abgereist? Ich wollte selbst zu dir kommen --
sagte sie, heute habe ich einen Brief von Stefan erhalten!

Wir haben gleichfalls eine Depesche empfangen, antwortete Anna, sich
umschauend, um Kity zu sehen.

Er schreibt, er knne nicht begreifen, was Aleksey Aleksandrowitsch
eigentlich wolle, wrde aber nicht ohne einen Bescheid abreisen.

Ich dachte, es wre jemand bei dir. Kann man den Brief lesen?

Ja, Kity ist da, sprach Dolly, in Verlegenheit geratend, sie ist in
der Kinderstube geblieben; sie war sehr krank.

Ich habe davon gehrt. Kann ich den Brief lesen?

Sogleich will ihn bringen. Doch er giebt keinen abschlglichen
Bescheid, im Gegenteil, Stefan hofft, sagte Dolly, in der Thr stehen
bleibend.

Ich hoffe und wnsche auch nichts, antwortete Anna. Was heit das,
hlt es Kity fr entwrdigend, mit mir zusammenzutreffen? dachte Anna,
whrend sie allein war. Vielleicht ist sie damit auch im Rechte, aber
nur durfte sie gerade, welche in Wronskiy verliebt gewesen ist, mir
es nicht zeigen, auch wenn dies verdient wre. Ich wei, da mich in
meiner Lage kein ehrenhaftes Weib empfangen kann, wei, da ich ihm von
jener ersten Minute an alles geopfert habe. Nun habe ich meinen Lohn!
O, wie ich ihn hasse! Und warum bin ich hierher gefahren? Nur, damit
mir noch trauriger und schwerer zu Mute wird!

Sie vernahm aus dem Nebenzimmer die Stimmen der unter sich sprechenden
Schwestern. Was soll ich jetzt Dolly sagen? Kity ein Vergngen damit
machen, da ich unglcklich bin, mich ihrer Gnnerschaft aussetzen?
Nein, auch Dolly wird nicht begreifen, und ich brauche nichts mit ihr
zu reden. Interessant wre es mir nur gewesen, Kity einmal zu sehen
und ihr zu zeigen, da ich alle, alles verachte, wie mir jetzt alles
gleichgltig ist.

Dolly trat mit dem Briefe ein. Anna las ihn und gab ihn schweigend
zurck.

Das habe ich alles gewut, sagte sie, und es interessierte mich
nicht im geringsten.

Aber warum nicht? Ich, im Gegenteil, habe Hoffnung, sagte Dolly, Anna
neugierig anblickend. Noch nie hatte sie diese in einem so seltsamen
Zustande von Erbitterung gesehen, wann fhrst du? frug sie.

Anna schaute finster vor sich hin und antwortete ihr nicht.

Versteckt sich Kity vor mir? sprach sie nach der Thr blickend und
rot werdend.

O, was das fr Thorheiten sind! Sie lt das Kind trinken, aber es
glckt ihr nicht recht; ich habe ihr geraten -- sie ist vielmehr sehr
erfreut, und wird sogleich kommen, sagte Dolly etwas unsicher, da sie
nicht zu lgen verstand. Da ist sie ja! --

Nachdem Kity erfahren hatte, da Anna gekommen sei, wollte sie nicht
erscheinen, doch Dolly redete ihr zu. Nachdem sie sich gesammelt hatte,
kam sie nun und trat errtend nher, Anna die Hand reichend.

Ich freue mich sehr, sprach sie mit zitternder Stimme.

Kity war verwirrt gewesen ber den Kampf, der in ihr vor sich ging,
und zwischen der Feindschaft gegen dieses verworfene Weib, und dem
Wunsche, entgegenkommend gegen es zu sein, schwankte sie, allein sobald
sie das schne sympathische Gesicht Annas erblickt hatte, war alle
Feindseligkeit sogleich verschwunden.

Ich wrde mich nicht gewundert haben, wenn Ihr nicht wnschtet, mir zu
begegnen. Ich bin an alles gewhnt. Ihr seid krank gewesen? Allerdings,
Ihr habt Euch verndert, sprach Anna.

Kity empfand, da Anna sie feindselig betrachtete. Sie erklrte sich
diese Feindseligkeit aus der peinlichen Lage, in welcher sich Anna, die
frher eine Protektorschaft ber sie gebt hatte, vor ihr fhlte.

Sie sprachen von der Krankheit, dem Kinde, von Stefan, aber nichts von
alledem interessierte Anna.

Ich bin gekommen, mich von dir zu verabschieden, sagte sie aufstehend.

Wann fahrt Ihr?

Anna wandte sich abermals, ohne zu antworten, zu Kity.

Es freut mich sehr, Euch wiedergesehen zu haben, sprach sie lchelnd.
Ich habe ber Euch von allen Seiten gehrt, selbst von Eurem Gatten.
Er ist bei mir gewesen und hat mir sehr gefallen, fgte sie,
augenscheinlich in bler Absicht hinzu. Wo ist er denn?

Er ist aufs Dorf gefahren, antwortete Kity errtend.

Grt ihn von mir, grt ihn ja von mir!

Gewi, wiederholte Kity treuherzig, ihr voll Mitleid in die Augen
blickend.

Also leb' wohl, Dolly? Nachdem Anna Dolly gekt und Kity die Hand
gedrckt hatte, ging Anna eilig fort.

Sie bleibt immer die gleiche, fesselnde; sie ist sehr hbsch, sagte
Kity, nachdem sie mit der Schwester allein geblieben, aber es liegt
etwas Mitleiderweckendes in ihr. Es ist doch entsetzlich traurig!

Nein, heute lag in ihr etwas Eigenartiges, sagte Dolly, als ich sie
hinausbegleitete, schien mir im Vorzimmer, als ob sie weinen wollte.


                                  29.

Anna setzte sich wieder in den Wagen, noch dsterer gestimmt, als sie
es bei ihrer Wegfahrt von Hause gewesen war. Zu den frheren Qualen
gesellte sich jetzt das Gefhl der Krnkung und Verstoenheit, welches
sie deutlich bei ihrer Begegnung mit Kity empfunden hatte.

Wohin befehlt Ihr? Nach Hause? frug Peter.

Ja, nach Hause, sagte sie, jetzt gar nicht mehr daran denkend, wohin
sie fuhr.

Wie sie mich anblickten; gerade, als wre ich etwas Furchtbares,
Unbegreifliches und Neugier Erregendes. Wovon mag der da wohl mit
solchem Eifer dem andern erzhlen, dachte sie, auf zwei Fugnger
blickend. -- Kann man denn einem andern erzhlen, was man empfindet?
Ich wollte es Dolly erzhlen, aber es ist gut, da ich nicht erzhlt
habe. Wie froh wre sie ber mein Unglck gewesen! Sie htte dies zwar
verheimlicht, aber in der Hauptsache wre ihr Gefhl nur die Freude
darber gewesen, da ich fr jene Lust bestraft worden bin, um welche
sie mich beneidet hat. Kity nun wrde sich noch mehr gefreut haben.
Wie ich sie jetzt durch und durch kenne! Sie wei, da ich gegen ihren
Mann auergewhnlich liebenswrdig gewesen bin, ist nun eiferschtig
auf mich und hat mich. Sie verachtete mich aber auch noch. In ihren
Augen bin ich ein Weib ohne Moral. Ich htte ihren Mann mit Liebe zu
mir erfllen knnen, wenn ich ein sittenloses Weib wre. -- Wenn ich
gewollt htte. -- Ich habe auch gewollt! -- Der dort ist zufrieden mit
sich selbst -- dachte sie beim Anblicke eines dicken, rotaussehenden
Herrn, der an ihr vorbergefahren kam, sie fr eine Bekannte hielt,
und den Hut auf seinem glnzenden Glatzkopf lftete, sich dann aber
berzeugte, da er geirrt habe.

Er glaubte, mich zu kennen, und er kannte mich doch so wenig, wie mich
berhaupt jemand auf der Welt kennen mag. Ich selbst kenne ihn nicht.
Ich kenne nur seine =appetits=, wie die Franzosen sagen. -- Die da
mchten dieses schmutzige Gefrorene haben, dachte sie, auf zwei Knaben
blickend, welche einen Eisverkufer angehalten hatten, der seinen Tuber
vom Kopfe nahm und mit dem Zipfel seines Handtuchs das schweibedeckte
Gesicht abtrocknete. Uns alle verlangt nach Sigkeit und Leckerei.
Ist es nicht Konfekt, so kann es schmutziges Gefrorenes sein. Auch
mit Kity ist es so; war es nicht Wronskiy, so war es Lewin. Und sie
beneidet mich, und hat mich dafr. Wir alle hassen uns gegenseitig.
Ich Kity -- Kity mich! Das ist die Wahrheit. -- >Tjutkin, Coiffeur. --
=Je me fais coiffer par Tjutkin=.< Dies werde ich ihm sagen, wenn er
kommt, dachte sie und lchelte. Doch im selben Augenblick erinnerte
sie sich, da sie jetzt nicht Ursache habe, jemand etwas Scherzhaftes
zu sagen; es giebt auch nichts Scherzhaftes oder Heiteres dabei,
alles ist hlich. Man lutet zur Vesper; wie sorgsam sich dieser
Kaufmann bekreuzigt. Als ob er frchtete, etwas zu verlieren. Wozu
diese Kirchen, dieses Luten, diese Lge? Nur dazu, um zu verbergen,
da wir uns alle einander hassen, wie diese Mietkutscher da, die
sich so erbost streiten. Jaschwin sagt: Der Gegner sucht mich bis
aufs Hemd auszuplndern, also thue ich dies auch mit ihm. Das ist
Gerechtigkeit! --

In diesen Gedanken, welche sie so beschftigten, da sie selbst
ber ihre Lage nachzudenken aufgehrt hatte, fand sie sich, als der
Wagen vor der Freitreppe ihres Hauses anhielt. Erst als sie den ihr
entgegenkommenden Portier erblickte, erinnerte sie sich wieder, da sie
ein Billet und ein Telegramm abgeschickt hatte.

Ist Antwort da? frug sie.

Ich werde sogleich nachsehen, versetzte der Portier, schaute in das
kleine Comptoir, langte hinein und reichte ihr ein viereckiges, dnnes
Couvert mit einem Telegramm. Ich kann nicht frher als um zehn Uhr
kommen. Wronskiy. -- las sie.

Der Bote ist nicht zurckgekehrt?

Nein, antwortete der Portier.

Wenn es so steht, wei ich, was ich zu thun habe, sagte sie und eilte
in dem Gefhl eines in ihr aufsteigenden, unklaren Grimmes und des
Verlangens nach Rache hinauf. Ich werde selbst zu ihm fahren; bevor
ich auf immer gehe, will ich ihm noch alles sagen! Nie habe ich einen
Menschen so gehat, wie diesen Mann! dachte sie. Als sie seinen Hut am
Kleidergestell erblickte, schauerte sie zusammen vor Widerwillen.

Sie bedachte nicht, da sein Telegramm die Antwort auf das ihrige
bildete, und er ihren Brief noch gar nicht erhalten hatte. Sie stellte
sich ihn jetzt vor in ruhigem Gesprch mit seiner Mutter und der
Sorokina, voll Freude ber ihre Leiden. Ja, ich mu mglichst bald
fahren, sprach sie zu sich, noch ohne zu wissen, wohin. Es verlangte
sie, mglichst schnell den Empfindungen entgehen zu knnen, welche sie
in diesem furchtbaren Hause hatte. Die Dienstboten, die Wnde, die
Gegenstnde in diesem Hause -- alles forderte in ihr Widerwillen und
Zorn heraus, und beklemmte sie mit einer gewissen Schwere.

Ich mu auf die Eisenbahnstation fahren, und ist er nicht dort, zu ihm
selbst und ihn berfhren!

Anna sah in den Zeitungen nach den Fahrplnen der Zge. Es ging abends
acht Uhr zwei Minuten ein Zug. Ja, da will ich eilen.

Sie befahl andere Pferde anzuspannen, und widmete sich dem Einpacken
von Sachen in eine Reisetasche, die ihr fr einige Tage erforderlich
waren. Sie wute, da sie nicht wieder hierher zurckkehren werde. In
ihrer Aufregung entschlo sie sich unter den Plnen die ihr in den Kopf
kamen, je nach den Vorgngen auf der Station oder auf dem Gute der
Grfin, auf der Strecke Nishegorod bis zur nchsten Stadt zu fahren und
dort zu bleiben.

Das Essen stand auf dem Tische. Sie trat heran, roch an Brot und Kse
und befahl, nachdem sie sich berzeugt hatte, da der Geruch alles
Ebaren ihr nur widerlich sei, den Wagen anzuspannen, worauf sie
hinausging.

Das Haus warf seinen Schatten bereits ber die ganze Strae; es war ein
klarer, noch warmer und sonniger Abend.

Sowohl Annuschka, die ihr mit den Sachen folgte, als Peter, welcher
dieselben im Wagen unterbrachte und der Kutscher, der augenblicklich
schlechte Laune hatte -- alle waren ihr widerlich und reizten sie mit
ihren Worten und Bewegungen.

Ich brauche dich nicht, Peter!

Aber das Billet?

Nun, wie du willst, mir ist alles gleich, sprach sie verdrielich.

Peter stieg hinten auf und befahl, die Hnde in die Seite gesttzt,
nach dem Bahnhof zu fahren.


                                  30.

Da ist es wieder! Wieder erfasse ich alles, sprach Anna zu sich,
sobald der Wagen sich in Bewegung gesetzt hatte, schtternd ber das
Pflaster fuhr, und die Eindrcke sich wiederum, einer nach dem andern,
abwechselten. Was dachte ich denn zuletzt so Angenehmes, suchte sie
in ihrer Erinnerung. >Tjutkin, Coiffeur?< -- Nein, das war es nicht.
Ach ja, wovon Jaschwin gesprochen: Der Kampf ums Dasein und der Ha,
sie sind das Eine, was die Menschheit zusammenhlt. O, Ihr fahrt
umsonst, wandte sie sich in Gedanken zu einer Gesellschaft, die in
einer Tschetwernja dahinfuhr, wohl um sich auerhalb der Stadt zu
vergngen. Auch der Hund, den Ihr da mit Euch fhrt, wird Euch nichts
helfen; Ihr werdet Euch nicht voneinander verlieren. Indem sie den
Blick nach der Seite richtete, nach der sich Peter wandte, erblickte
sie einen fast bis zur Besinnungslosigkeit berauschten Fabrikarbeiter
mit wackelndem Kopfe, den ein Polizist fhrte.

Da der -- das geht schon eher; dachte sie, dieses Vergngen habe
ich mit dem Grafen Wronskiy noch nicht genossen, obwohl ich viel
von ihm erwartet hatte. Zum erstenmale lie Anna jetzt die scharfe
Beleuchtung, unter der sie alles erblickte, auf ihre Beziehungen zu ihm
fallen, ber die sie nachzudenken vorher vermieden hatte.

Was hat er in mir gesucht? Liebe doch nicht so sehr, als mehr eine
Befriedigung seiner Eitelkeit.

Sie erinnerte sich seiner Worte, des Ausdrucks seiner Zge, die in der
ersten Zeit ihres Verhltnisses den Eindruck eines ergebenen Jagdhundes
auf sie gemacht hatten. Alles besttigte dies jetzt. Ja, in ihm lebte
der Triumph ber einen Erfolg seines Ehrgeizes. Natrlich war ja auch
Liebe dabei gewesen, aber den Hauptteil bildete doch der Stolz auf
seinen Erfolg. Er hat sich mit mir gebrstet! Jetzt ist das vorber.
Er soll nun auf nichts mehr stolz sein. Es giebt jetzt keinen Stolz
mehr fr ihn, sondern nur noch Schande. Er hat mir alles genommen,
was er nehmen konnte, jetzt braucht er mich nicht mehr. Er ist meiner
berdrssig, und will nicht mehr mir gegenber ehrlos sein. Er hat
sich gestern versprochen -- er will die Scheidung und die Heirat nur,
um die Schiffe hinter sich abzubrennen. Er liebt mich -- aber wie? --
=The zest is gone=. -- Der da will alle in Erstaunen setzen und ist
ja sehr zufrieden mit sich selbst, dachte sie, auf einen rotbckigen
Handlungsdiener blickend, welcher ein Manegepferd ritt. Ja, der alte
Geschmack an mir ist nicht mehr bei ihm vorhanden. Wenn ich von ihm
gehe, wird er herzlich froh sein.

Dies war keine Vermutung -- sie sah es klar in jenem durchdringenden
Lichte, welches ihr jetzt den Sinn des Lebens und der menschlichen
Verhltnisse offenbarte.

Meine Liebe wird immer leidenschaftlicher und egoistischer, die seine
aber erlischt mehr und mehr, und deshalb trennen wir uns, fuhr sie
fort zu grbeln. Und Hilfe ist hierbei unmglich. Fr mich liegt alles
in ihm allein und ich fordere, da er immer mehr und mehr sich mir
hingebe. Er aber immer will mehr und mehr von mir entweichen. Wir sind
bis zum Bunde miteinander zusammengekommen, gehen aber nun unaufhaltsam
nach verschiedenen Richtungen wieder auseinander. Und dies lt sich
auch nicht ndern. Er sagt mir, ich sei sinnlos eiferschtig, und ich
selbst habe mir gesagt, ich bin sinnlos eiferschtig -- aber das ist
unwahr. Ich bin nicht eiferschtig, sondern unzufrieden! Doch -- sie
ffnete den Mund und vernderte den Sitz im Wagen vor der Erregung,
die in ihr durch einen pltzlich auftauchenden Gedanken hervorgerufen
wurde. Wenn ich noch etwas Anderes sein knnte, als seine Geliebte,
die leidenschaftlich nur seine Liebkosungen liebt; aber ich kann und
will gar nichts Anderes sein. Mit diesem Wunsche aber erwecke ich in
ihm Widerwillen, er in mir Wut; das kann nicht anders sein! Wei ich
etwa nicht, da er nicht schon anfinge mich zu hintergehen? Da er
nicht Absichten auf die Sorokina htte, da er Kity geliebt hat und
mich verrt? Alles dies wei ich, und mir wird davon nicht leichter.
Wenn er, ohne mich zu lieben, nur _aus Pflicht_ gut und zrtlich gegen
mich ist, nicht aber das sein will, was ich wnsche; so wre es noch
tausendmal schlimmer, als Ha! Das wre -- die Hlle! Und so ist es
auch! Er liebt mich schon lange nicht mehr, und wo die Liebe aufhrt,
da fngt der Ha an. Diese Straen kenne ich doch gar nicht. Berge,
und Huser auf Huser, in den Husern aber Menschen, nur Menschen. Wie
viele Menschen giebt es da, kein Ende ist abzusehen, und alle hassen
einander. Aber ich will mir doch einmal ausdenken, was ich eigentlich
will, um glcklich zu sein? Nun, gesetzt, ich erhalte die Ehescheidung,
Aleksey Aleksandrowitsch giebt mir Sergey und ich heirate Wronskiy.

Indem sie Aleksey Aleksandrowitschs gedachte, stellte sie sich ihn
sogleich mit ungewhnlicher Lebhaftigkeit vor, als ob er lebendig vor
ihr stnde, mit seinen sanften, leblosen, erloschenen Augen, den blauen
Adern auf den weien Hnden, seinen Betonungen und dem Knacken seiner
Finger, und indem sie sich des Gefhls erinnerte, welches zwischen
ihnen bestanden und auch Liebe geheien hatte, erschauerte sie vor Ekel.

Nun, ich werde die Scheidung erhalten und Wronskiys Weib werden. Wird
aber Kity dann aufhren, so auf mich zu schauen, wie sie es heute
gethan hat? Nein. Wird dann Sergey aufhren, nach meinen zwei Mnnern
zu fragen oder ber sie nachzudenken? Und welches neue Gefhl soll
ich mir fr Wronskiy und mich ausdenken? Ist ein Etwas mglich, das
nicht mehr Glck, und doch auch nicht eine Qual wre? -- Nein und aber
nein! -- antwortete sie sich selbst, jetzt ohne das geringste Zaudern.
Es ist unmglich! Wir werden durch das Leben getrennt; ich bin sein
Unglck, er ist das meine, und es ist unmglich, ihn oder mich zu
rehabilitieren. Alle Versuche sind gemacht worden, die Schraube ist
abgelaufen. -- Da, eine Bettlerin mit ihrem Kinde! -- Sie glaubt, man
habe Mitleid mit ihr. Sind wir denn nicht alle nur dazu in die Welt
geworfen worden, um einander zu hassen, und uns und die anderen deshalb
zu martern? -- Da kommen Gymnasiasten. -- Sie lachen! Ist Sergey
darunter? -- dachte sie. Ich habe auch geglaubt, da ich ihn liebte,
und war gerhrt von seiner Zrtlichkeit. Und doch habe ich auch ohne
ihn gelebt, habe ich ihn um eine andere Liebe vertauscht und diesen
Tausch nicht beklagt, so lange ich in dieser Liebe Genge fand.

Mit Widerwillen erinnerte sie sich dessen, was sie mit dieser Liebe
bezeichnete. Die Klarheit, mit welcher sie jetzt ihr Leben und
dasjenige aller Menschen schaute, verursachte ihr Freude. So mache ich
es, wie Peter, oder der Kutscher Fjodor, oder dieser Kaufmann da, und
alle anderen Leute, die dort lngs der Wolga wohnen, und es ist berall
und immer so, dachte sie, als sie bei dem niedrigen Stationsgebude
der Nishegoroder Bahn angekommen war und die Artjelschtschiks ihr
entgegeneilten.

Befehlt Ihr nach Obiralovka? frug Peter.

Sie hatte vollkommen vergessen, wohin und weshalb sie reisen wollte und
vermochte nur mit grter Anstrengung die Frage zu erfassen.

Ja, sagte sie zu ihm, ihr Geldtschchen hinreichend und stieg, die
kleine rote Tasche in die Hand nehmend, aus dem Wagen.

Durch das Gedrnge nach dem Wartesaal der ersten Klasse gehend,
rief sie sich ein wenig alle die Einzelheiten ihrer Lage und die
Entscheidungen ins Gedchtnis zurck, zwischen denen sie schwankte.

Wiederum begann bald Hoffnung, bald Verzweiflung in den alten kranken
Stellen die Wunden ihres gemarterten, entsetzlich schlagenden Herzens
wieder aufzureien. In der Erwartung des Zuges auf dem sternfrmigen
Diwan sitzend, dachte sie, den Blick voll Widerwillen auf die Kommenden
und Gehenden gerichtet -- sie alle waren ihr widerlich -- bald
daran, wie sie, auf der Station angekommen, ihm ein Billet schreiben
wolle, und was sie ihm schreiben wrde; bald daran, wie er sich bei
seiner Mutter -- die ja Leiden gar nicht verstand -- ber seine Lage
beklagen mochte, wie sie selbst ins Zimmer hereintreten, und was sie
zu ihm sagen wollte. Sie dachte auch darber nach, wie ihr Leben noch
glcklich werden knnte und wie qualvoll sie ihn liebe und hasse, und
wie entsetzlich ihr Herz schlage.


                                  31.

Die Glocke ertnte; mehrere junge Mnner, hlich, dreist, zudringlich,
und zugleich aufmerksam den Eindruck den sie hervorbrachten,
beobachtend, kamen vorber; auch Peter schritt durch den Wartesaal
in seiner Livree und Stiefletten, mit stumpfem, tierischen
Gesichtsausdruck, und trat zu ihr heran, um sie zum Waggon zu
begleiten. Die geruschvoll aufgetretenen Herren verstummten, als sie
an ihnen auf dem Bahnsteig vorberschritt und einer flsterte dem
andern etwas zu, natrlich etwas Garstiges. Sie trat auf die hohe
Stufe und setzte sich allein im Coup auf den gepolsterten, fleckig
gewordenen, einstmals wei gewesenen Diwan. Die Reisetasche, noch auf
dem Polster springend, war soeben hereingelegt worden, mit stupidem
Lcheln lftete Peter vor dem Fenster seine galonierte Mtze zum
Zeichen des Abschieds, rcksichtslos warf der Kondukteur die Thr zu
und klinkte sie ein.

Eine Dame, ungestaltet, mit einer Tournre -- Anna entkleidete sie in
Gedanken und erschrak ber ihre Unfrmigkeit -- und ein junges Mdchen,
welches unnatrlich lachte, liefen unten vorbei.

Bei Katharina Andrejewna -- alles bei ihr -- =ma tante=! rief das
junge Mdchen.

Selbst dieses Mdchen ist ungestaltet und heuchelt, dachte Anna.
Um niemand zu sehen, stand sie schnell auf und setzte sich an das
gegenberliegende Fenster in dem leeren Waggon. Ein schmutziger,
ungeschlachter Mensch in einer Mtze, unter welcher das Haar wirr
hervorstarrte, ging an dem Fenster vorber, sich zu den Rdern des
Waggons niederbeugend. Es liegt mir etwas Bekanntes in diesem
unfrmigen Menschen da, dachte Anna, und ihres Traumes sich erinnernd,
trat sie, vor Entsetzen zitternd, zu der gegenberliegenden Thr. Der
Kondukteur ffnete die Thr und lie einen Mann mit seiner Frau herein.

Wollt Ihr vielleicht hinaus?

Anna antwortete nicht. Der Kondukteur und die Eingetretenen bemerkten
unter dem Schleier das Entsetzen auf ihren Zgen nicht. Sie wandte sich
nach ihrer Ecke und setzte sich.

Das Ehepaar nahm auf der gegenberliegenden Seite Platz, aufmerksam,
aber verstohlen ihr Kleid betrachtend. Der Mann wie das Weib erschienen
Anna widerlich. Der Mann frug, ob sie ihm gestatte, zu rauchen,
offenbar nicht, da er rauchen konnte, sondern um mit ihr eine
Unterhaltung anzuspinnen. Nachdem er ihre Erlaubnis erhalten hatte,
begann er mit seiner Frau auf franzsisch ber Etwas zu reden, was er
noch weniger als das Rauchen brauchte. Sie sprachen, indem sie sich
verstellten, von lauter Albernheiten, nur zu dem Zwecke, da sie es
hrte. Anna sah deutlich, wie die beiden sich gegenseitig langweilten
und einander haten. Man konnte auch nicht anders, als solche
klglichen Ausgeburten hassen.

Das zweite Luten wurde hrbar und gleich darauf folgte der Transport
des Gepckes, unter Lrm, Rufen und Lachen. Anna war es so klar, da
niemand Ursache hatte, sich zu freuen, da dieses Lachen sie bis zur
Schmerzhaftigkeit erbitterte und sie die Ohren schlieen wollte, um es
nicht hren zu mssen.

Endlich erklang das dritte Luten, ein Pfiff und das heulende Signal
des Dampfkessels ertnte, eine Kette ri und der Ehemann bekreuzigte
sich.

Es wre eigentlich interessant, ihn zu fragen, was er sich dabei
wohl denkt, dachte Anna, ihn zornig anblickend. Sie schaute neben der
Dame vorber durch das Fenster auf die Menschen, die sich gleichsam
rckwrts zu wlzen schienen, indem sie auf dem Bahnsteig stehend,
dem Zug das Geleite gaben. Unter gleichmig sich wiederholenden
Erschtterungen auf den Verbindungspunkten der Schienen, bewegte sich
der Waggon, in welchem Anna sa, an dem Bahnsteig, einer steinernen
Mauer, und anderen Waggons vorber. Die Rder rasselten flchtiger
und geschmeidiger mit leichtem Gerusch auf den Schienen, das Fenster
erglnzte in der hellen Abendsonne und ein leichter Wind spielte mit
dem Vorhang.

Anna hatte ihre Nachbarn im Waggon vergessen und fing wieder an,
bei dem leichten Rollen whrend der Fahrt, die frische Luft in sich
einzuatmen und wieder zu grbeln:

Wo war ich denn stehen geblieben? Halt, dabei, da ich mir keine Lage
ausfindig machen konnte, in welcher das Leben nicht eine Qual wre;
dabei, da wir alle dazu geboren sind, einander zu foltern und wir
alle dies wissen und alle nur Mittel ausklgeln, um uns gewissermaen
darber hinwegzutuschen. Wenn man aber nun die Wahrheit erkennt, was
soll man da thun?

Dazu ward dem Menschen der Verstand, da er sich von dem befreit, was
ihn qult, sagte die Dame auf franzsisch, offenbar sehr befriedigt
von ihrem Satze und mit Hilfe ihrer Zunge Grimassen machend.

Diese Worte antworteten gleichsam auf den Gedanken Annas.

Da er sich befreit von dem, was ihn qult, wiederholte Anna, und
begriff mit einem Blick auf den rotbckigen Mann und die hagere
Frau, da hier ein krankes Weib sich selbst fr unverstanden halte,
und ihr Gatte, diese Meinung ber sich selbst in ihr untersttze.
Anna durchschaute gleichsam die Geschichte der beiden da und alle
versteckten Winkel ihrer Seelen, indem sie ihr Licht auf sie bertrug,
aber etwas Interessantes lag nicht darin und sie verfolgte ihren
Gedankengang weiter.

Ja, er qult mich sehr und dazu ward dem Menschen der Verstand, da
er sich befreie. Es ist wohl auch notwendig, sich zu befreien. Warum
soll man nicht das Licht verlschen, wenn man nichts mehr zu sehen hat,
wenn es widerlich wird, alles das zu sehen? Weshalb luft doch jener
Kondukteur an der Stange, weshalb schreien jene jungen Leute in dem
Waggon? Weshalb sprechen und lachen sie? Das ist doch alles unwahr,
alles Lug, alles Trug, alles bse -- --

Nachdem der Zug in die Station eingelaufen war, stieg Anna mit der
Menge der anderen Passagiere aus, blieb aber dann, sich vor ihnen wie
vor Verfehmten fernhaltend, auf dem Bahnsteig zurck, und suchte sich
ins Gedchtnis zurckzurufen, warum sie denn hierhergefahren sei und
was sie hatte thun wollen.

Alles, was ihr vorher als mglich erschienen war, wurde ihrer
Vorstellungskraft jetzt so schwer, namentlich vor dem lrmenden Haufen
aller dieser ungeschlachten Menschen, die ihr keine Ruhe lieen. Bald
kamen Artjeljschtschiks zu ihr gelaufen, die ihre Dienste anboten,
bald blickten sie junge Leute an, die mit den Stiefelabstzen auf den
Bohlen des Bahnsteigs stampften und laut miteinander sprachen, bald
wichen ihr Begegnende nicht aus. Nachdem sie sich besonnen hatte, da
sie weiter fahren wollte, falls keine Antwort da wre, hielt sie einen
Artjeljschtschik an und frug, ob nicht ein Kutscher mit einem Briefe
fr den Grafen Wronskiy hier sei.

Graf Wronskiy? Von dem war soeben jemand hier. Man hat die Frstin
Sorokina nebst Tochter abgeholt. Aber wie sieht denn der Kutscher aus?

Whrend sie noch mit dem Artjeljschtschik sprach, trat der Kutscher
Michail, rotbckig und heiter in seiner blauen flotten Poddjevka
und Uhrkette, offenbar stolz darauf, da er seinen Auftrag so gut
ausgefhrt hatte, zu ihr heran und berreichte ein Billet.

Sie erbrach es; ihr Herz zog sich zusammen, noch bevor sie es gelesen
hatte.

Ich bedaure sehr, da mich das Billet nicht angetroffen hat; um zehn
Uhr werde ich kommen, hatte Wronskiy mit flchtiger Hand geschrieben.

So. Das hatte ich erwartet, sprach sie mit unglckverheiendem
Lcheln. Gut! Fahr' heim! fuhr sie dann, zu Michail gewendet, leise
fort. Sie sprach leise, weil die Schnelligkeit ihres Herzschlags sie am
Atmen behinderte.

Nein, ich werde dir nicht mehr Gelegenheit geben, mich zu martern,
dachte sie, sich in ihrer Drohung weder an ihn, noch an sich selbst
wendend, sondern an den, welcher sie veranlat hatte, sich selbst
zu foltern, und schritt auf dem Bahnsteig dahin, am Stationsgebude
vorber.

Zwei Zofen, welche auf der Plattform hingingen, drehten die Kpfe
rckwrts, indem sie nach ihr blickten, und mit vernehmlicher Stimme
ber ihre Toilette Betrachtungen anstellten. Das sind echte, sagten
sie ber die Spitzen, die sie trug. Die jungen Mnner lieen sie auch
nicht in Ruhe. Sie schauten ihr wieder ins Gesicht und gingen lachend,
mit unnatrlicher Stimme rufend, an ihr vorbei.

Der Stationsvorsteher trat heran und frug sie, ob sie fahren wolle?
Ein Knabe, welcher Kwas verkaufte, lie sie nicht aus den Augen. Mein
Gott, wohin soll ich flchten? dachte sie, sich weiter und weiter von
dem Bahnsteig entfernend.

Am Ende desselben blieb sie stehen. Damen und Kinder, welche einen
bebrillten Herrn begrten und laut lachten und sprachen, verstummten
bei ihrem Anblick, als sie neben ihnen angelangt war. Sie beschleunigte
ihren Schritt und entfernte sich von ihnen nach dem Rande des
Bahnsteigs hin. Ein Gterzug kam heran. Der Perron erbebte und ihr
schien es, als ob sie wieder fahre. Pltzlich aber, indem ihr die
Zermalmung jenes Menschen am Tage ihrer ersten Begegnung mit Wronskiy
einfiel, erkannte sie, was sie zu thun hatte. Schnellen leichten
Schrittes stieg sie die Stufen hinab, welche zu den Schienen fhrten
und blieb neben dem dicht an ihr vorberfahrenden Train stehen. Sie
schaute unter die Waggons, auf die Schrauben und Ketten, auf die
groen, gueisernen Rder des langsam rollenden, ersten Waggons und
suchte mit dem Augenma den Mittelpunkt zwischen den Vorder- und
Hinterrdern, sowie den Augenblick zu bestimmen, in welchem sich dieser
Mittelpunkt vor ihr befinden wrde.

Dahin! -- sprach sie zu sich selbst, nach dem Schatten des Waggons
auf dem mit Kohlenstaub vermischten Sand, von welchem der Boden bedeckt
war, schauend, dahin, gerade in die Mitte, und ich strafe ihn und bin
von allem erlst; wie von mir selbst. -- --

Sie wollte sich unter den ersten Waggon, der mit seinem Mittelpunkt
neben ihr angekommen war, werfen, allein die rote Reisetasche, die
sie nun von dem Arme nahm, hinderte sie und es war schon zu spt. Der
Mittelpunkt war an ihr vorber. Sie mute also den folgenden Waggon
erwarten. Ein Gefhl, hnlich dem, wie sie es empfunden hatte, wenn sie
sich beim Baden bereit machte, in das Wasser zu steigen, wandelte sie
an, und sie bekreuzte sich. Die gewohnte Geste der Bekreuzigung rief in
ihrer Seele eine ganze Reihe von Erinnerungen aus ihrer Mdchen- und
Kinderzeit herauf, und pltzlich zerri die Finsternis, die alles vor
ihr verdeckt hatte, und das Leben trat fr einen Moment vor sie hin,
mit all seinen lichten, vergangenen Freuden.

Sie verwandte whrend dessen kein Auge von den Rdern des
herankommenden Waggons, und genau in dem Augenblick, als der
Mittelpunkt zwischen den Rdern vor ihr war, schleuderte sie den roten
Reisesack von sich, fiel, den Kopf zwischen die Schultern ziehend, auf
die Hnde unter dem Waggon, und lie sich mit einer leichten Bewegung,
als sei sie bereit, sofort wieder aufzustehen, in die Kniee sinken. In
dem nmlichen Augenblick aber erschrak sie ber das, was sie gethan
hatte, wo bin ich, was thue ich, warum? -- Sie wollte sich wieder
erheben, sich zurckwerfen, aber etwas Ungeheures, Unerbittliches stie
sie vor den Kopf und nahm sie beim Rcken mit. Herr Gott vergieb mir
alles! sprach sie, die Unmglichkeit eines Kampfes fhlend. Der Mensch
arbeitete im Selbstgesprch in dem Eisen. Das Licht, bei welchem sie
das von Mhsal und Lge, Weh und bel erfllte Buch gelesen hatte,
flammte in noch hellerem Glanze empor als je, und erleuchtete alles
vor ihr, was frher fr sie im Dunkeln gelegen hatte, es prasselte,
verdunkelte sich und erlosch auf ewig.




                              Achter Teil.

                                   1.


Fast zwei Monate waren vergangen. Die Hlfte der heien Jahreszeit war
schon verstrichen und Sergey Iwanowitsch machte erst jetzt Anstalt,
Moskau zu verlassen.

Im Leben Sergey Iwanowitschs hatte sich whrend dieser Zeit Mehrfaches
ereignet. Ein Jahr vorher bereits war sein Buch, die Frucht einer
sechsjhrigen Arbeit mit dem Titel: Versuch eines berblickes ber die
Grundlagen und Formen des Staatswesens in Europa und Ruland, beendet
worden.

Einige Teile nebst der Einleitung waren in zeitgemen Publikationen
gedruckt, andere von Sergey Iwanowitsch Mnnern aus seiner Umgebung
vorgelesen worden, soda die Gedanken dieses neuen Werkes schon
nicht mehr eine vollkommene Neuheit fr das Publikum bilden konnten.
Gleichwohl aber hatte Sergey Iwanowitsch erwartet, da das Buch mit
seinem Erscheinen einen tiefen Eindruck auf die Gesellschaft und,
wenn nicht eine Umwlzung in der Wissenschaft, so doch jedenfalls
mchtige Sensation in der Gelehrtenwelt machen werde. Das Buch war
nach sorgfltigem Druck im vergangenen Jahre zum Erscheinen und zur
Versendung an die Buchhndler gelangt.

Ohne nun jemand ber das Werk zu befragen, und ungern und mit
erheuchelter Gleichgltigkeit auf die Fragen seiner Freunde, wie
dasselbe gehe, antwortend, ohne sich selbst bei den Buchhndlern nach
dem Absatz zu erkundigen, verfolgte Sergey Iwanowitsch scharf und mit
gespannter Aufmerksamkeit den ersten Eindruck, welchen sein Werk in der
Gesellschaft und in der Litteratur hervorbrchte.

Aber es verging eine Woche, eine zweite, dritte, und in der
Gesellschaft war kein Eindruck wahrzunehmen. Seine Freunde,
Spezialisten und Gelehrte, begannen bisweilen, augenscheinlich aus
Hflichkeit, von dem Buche zu sprechen, seine brigen Bekannten aber,
die sich nicht fr ein Werk von gelehrter Richtung interessierten,
sprachen gar nicht davon. In der Gesellschaft, welche besonders
jetzt von anderen Dingen in Anspruch genommen war, herrschte vllige
Gleichgltigkeit, und in der Litteratur erschien im Verlauf eines
Monats gleichfalls kein Wort ber das Buch.

Sergey Iwanowitsch berechnete bis in die Einzelheiten die Zeit, welche
zur Abfassung einer Recension erforderlich war, aber es verging ein
Monat, ein zweiter unter dem nmlichen Schweigen.

Nur im Ssjevernyj Shuk, in einem humoristischen Feuilleton ber den
Snger Drabanti, welcher seine Stimme verloren hatte, waren so nebenbei
einige geringschtzige Worte ber das Buch Koznyscheffs gefallen.
Dieselben zeigten, da dieses schon lngst allgemein verurteilt, dem
allgemeinen Spott anheimgefallen war.

Erst im dritten Monat erschien in einem Journal ernster Richtung eine
kritische Abhandlung. Sergey Iwanowitsch kannte sogar den Verfasser
derselben; er war ihm einmal bei Golubzoff begegnet.

Der Verfasser der Abhandlung war ein sehr junger und bissiger
Feuilletonist, hchst gewandt als Schriftsteller, aber auerordentlich
wenig gebildet, und schchtern in seinen persnlichen Beziehungen.

Ungeachtet seiner vollkommenen Verachtung fr den Autor, machte sich
Sergey Iwanowitsch gleichwohl mit vollkommenem Ernst an die Lektre der
Abhandlung. Die Kritik war hchst traurig.

Augenscheinlich hatte der Feuilletonist das ganze Buch gerade so
aufgefat, wie es unmglich aufgefat werden durfte. Er hatte aber
so gewandt die Citate aus demselben zusammengestellt, da es fr
diejenigen, welche das Buch nicht gelesen hatten -- und offenbar hatte
es fast niemand gelesen -- vollstndig klar wurde, das ganze Werk
sei nichts anderes, als eine Sammlung hochtrabender Worte, die noch
dazu nicht einmal in passender Weise angewendet worden waren -- wie
die Fragezeichen bewiesen -- und der Verfasser des Buches ein vllig
unwissender Mensch. Alles aber war dabei so geistreich, da selbst
Sergey Iwanowitsch sich diesem Scharfsinn gegenber nicht ablehnend
verhalten konnte -- aber das alles war doch hchst traurig. --

Trotz der vollkommenen Gewissenhaftigkeit, mit welcher Sergey
Iwanowitsch die Richtigkeit der Ausfhrungen des Recensenten prfte,
blieb er doch nicht eine Minute bei den Fehlern und Gebruchen
stehen, welche darin verspottet wurden, sondern begann sich sogleich
unwillkrlich bis in die kleinsten Einzelheiten jene Begegnung und sein
Gesprch mit dem Verfasser des Aufsatzes ins Gedchtnis zurckzurufen.

Habe ich ihn irgendwomit beleidigt? frug sich Sergey Iwanowitsch, und
indem er sich erinnerte, da er bei jener Begegnung diesen jungen Mann,
der mit einem Worte seine Unwissenheit dokumentiert hatte, korrigiert
habe, fand er die Erklrung fr die Tendenz der Abhandlung.

Auf diese Kritik folgte ein tdliches Schweigen ber das Buch, sowohl
in der Presse, wie in der Konversation, und Sergey Iwanowitsch sah, da
sein seit sechs Jahren, mit soviel Liebe und Mhe erschaffenes Werk
erfolglos vorbergegangen war.

Die Lage Sergey Iwanowitschs wurde noch schwieriger dadurch, da er
nach der Beendigung desselben keine Kabinettarbeit mehr hatte, wie sie
vorher den grten Teil seiner Zeit in Anspruch genommen.

Sergey Iwanowitsch war klug, gebildet, gesund und thtig und wute nun
nicht, wie er seine Arbeitskraft anwenden sollte. Die Gesprche in
den Hotels, bei den Zusammenknften, Sobranjen und in Komitees, sowie
berall da, wo man sprechen konnte, nahmen wohl einen Teil seiner Zeit
in Anspruch, doch gestattete er sich, als langjhriger Bewohner der
Stadt nicht, vllig im Reden aufzugehen, wie dies sein unerfahrener
Bruder that, wenn er in Moskau war. Es blieb ihm daher noch viel freie
Zeit und Geisteskraft.

Zu seinem Glck tauchte in dieser, infolge des Fehlschlagens seines
Buches fr ihn so schweren Zeit als Ablsung der Dissidentenfrage,
des amerikanischen Bndnisses, der samarischen Hungersnot, der
Weltausstellung und des Spiritismus, die slavische Frage auf, die
vorher nur in der Gesellschaft geduldet worden war, und Sergey
Iwanowitsch, der bereits frher zu denen gehrt hatte, welche diese
Frage anregten, widmete sich ihr nun ganz.

Im Kreis derer, zu welchen auch Sergey Iwanowitsch gehrte, sprach
und schrieb man zu dieser Zeit von nichts anderem, als dem serbischen
Kriege. Alles, was gewhnlich der mige Haufe thut, um die Zeit
totzuschlagen, wurde jetzt zu Gunsten der Slaven gethan. Blle,
Konzerte, Essen, Speeches, die Damentoiletten, das Bier, die Gasthuser
-- alles gab Zeugnis von der Sympathie fr die Slaven.

Mit vielem von dem, was man bei dieser Gelegenheit sprach und schrieb,
war Sergey Iwanowitsch in den Einzelheiten nicht einverstanden. Er sah,
da die slavische Frage eine jener Modefragen wurde, die stets, eine
die andere ablsend, der Gesellschaft zum Gegenstand der Unterhaltung
dienen.

Er sah auch, da viele mit gewinnschtigen oder ehrgeizigen Absichten
unter denen waren, die sich an diesem Werke beteiligten. Er erkannte
ferner, da die Zeitungen vieles Unntige und bertriebene abdruckten
allein in der Absicht, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und
andere zu bertnen. Er sah, da bei dieser allgemeinen Erhebung der
Gesellschaft alle, denen Etwas fehlgegangen war, oder die beleidigt
worden waren, sich vor allen brigen hervorthaten und am lautesten
die Stimme erhoben: Oberkommandierende ohne Armee, Minister ohne
Portefeuilles, Journalisten ohne Journale, Parteifhrer ohne Anhnger.
Er sah, da viel Leichtsinn und Lcherlichkeit dabei war, sah und
erkannte aber auch den unleugbaren, alles berwuchernden Enthusiasmus,
der alle Klassen der Gesellschaft in Eins vereinigte, und welchem man
die Sympathie nicht versagen konnte. Das Geschick der Glaubensgenossen
und slavischen Mitbrder rief das Mitgefhl fr die Leidenden und den
Unwillen gegen deren Bedrcker hervor. Der Heldenmut der Serben und
Tschernagorzen, die fr eine erhabene Sache kmpften, rief im ganzen
Volke den Wunsch hervor, den Brdern zu helfen, aber nicht mehr mit
Worten, sondern mit der That.

Hierbei zeigte sich indessen eine andere, fr Sergey Iwanowitsch
erfreuliche Erscheinung -- die Offenbarung der allgemeinen Meinung.
-- Die Gesellschaft uerte ihren Wunsch in bestimmter Weise. Der
Volksgeist erhielt einen Ausdruck, wie Sergey Iwanowitsch sagte, und
je mehr sich derselbe mit dem Gegenstand befate, um so einleuchtender
schien ihm, da es sich hier um eine Sache handle, welcher die meiste
Verbreitung zu Teil werden msse, und die Epoche machen werde.

Er widmete sich nun ganz dem Dienst dieser erhabenen Sache und hatte
dabei ganz vergessen, seines Buchs noch zu gedenken. Seine ganze
Zeit war jetzt ausgefllt, soda er nicht imstande war, alle an ihn
gerichteten Korrespondenzen und Bitten zu gengen.

Nachdem er nun den ganzen Frhling und einen Teil des Sommers hindurch
gearbeitet hatte, machte er sich erst im Juli bereit, auf das Land zu
seinem Bruder zu gehen.

Er reiste ab, sowohl, um sich fr einige Wochen zu erholen, als
um in der lndlichen Einsamkeit sich an dem Anblick der Erhebung
des Volksgeistes zu freuen, von der er und alle Bewohner der Stadt
vollstndig berzeugt waren. Katawasoff, der schon lngst ein Lewin
gegebenes Versprechen, diesen zu besuchen, hatte erfllen wollen,
reiste mit ihm zusammen.


                                   2.

Sergey Iwanowitsch und Katawasoff hatten kaum die heute besonders von
Menschen belebte Station der Kursker Eisenbahn erreicht, und sich beim
Verlassen des Wagens nach dem mit dem Gepck nachkommenden Diener
umgesehen, als in vier Mietkutschen Freiwillige anlangten. Damen mit
Bouquets kamen ihnen entgegen, und sie betraten im Geleite von Scharen
hinter ihnen drein strmender Menschen die Station.

Eine von den Damen, welche die Freiwilligen begrten, wandte sich,
indem sie den Saal verlie, an Sergey Iwanowitsch.

Seid Ihr auch gekommen, ihnen das Geleite zu geben? frug sie auf
franzsisch.

Nein; ich reise fr mich, Frstin, um mich bei meinem Bruder zu
erholen. Ihr gebt wohl fortwhrend Geleit? frug Sergey Iwanowitsch mit
einem kaum merklichen Lcheln.

Das ginge ja nicht, antwortete die Frstin, aber freilich haben wir
selbst bereits achthundert befrdert. Malwinskiy glaubte es mir nicht.

Mehr als achthundert! Wenn man diejenigen mitzhlt, welche nicht
direkt von Moskau expediert worden sind, so wren es schon mehr als
tausend, sagte Sergey Iwanowitsch.

Da haben wir's. Das habe ich ja gesagt! pflichtete die Dame freudig
bei. Und nicht wahr, es ist jetzt ungefhr eine Million dafr geopfert
worden?

Mehr noch, Frstin.

Was ist denn heute fr ein Telegramm gekommen? Wieder die Trken
geschlagen?

Ja, ich habe es gelesen, antwortete Sergey Iwanowitsch. Sie
unterhielten sich nun ber die neueste Depesche, welche besttigte, da
whrend dreier aufeinanderfolgender Tage die Trken auf allen Punkten
geschlagen worden seien und sich auf der Flucht befnden, und da
morgen die Entscheidungsschlacht erwartet werde.

Da hat sich auch ein junger, hbscher Mann gemeldet. Ich wei nicht,
weshalb man Schwierigkeiten gemacht hat, und da wollte ich Euch bitten
-- ich kenne ihn -- da Ihr doch geflligst ein Billet schriebt. Er ist
von der Grfin Lydia Iwanowna geschickt.

Nachdem sich Sergey Iwanowitsch nach den Einzelheiten erkundigt hatte,
welche die Frstin ber den jungen Mann, welcher sich gestellt hatte,
kannte, schrieb er, in die erste Klasse tretend, ein Billet an die
Persnlichkeit, von welcher die Sache abhing und bergab es der Frstin.

Ihr wit wohl, Graf Wronskiy, der bekannte -- fhrt auch mit diesem
Zug, sagte die Frstin mit triumphierendem und vielsagendem Lcheln,
als er wieder zurckgekommen war und ihr das Schreiben bergab.

Ich habe wohl gehrt, da er auch fortginge, aber nicht gewut, wann.
Mit diesem Zuge also fhrt er?

Ich habe ihn gesehen. Er ist hier. Nur seine Mutter begleitet ihn. Es
war dies doch immer noch das beste, was er thun konnte.

Gewi. Versteht sich.

Whrend sie sprachen, strmte der Haufe an ihnen vorber zur
Mittagstafel. Sie gingen gleichfalls mit und vernahmen dabei die laute
Stimme eines Herrn, welcher, den Pokal in der Hand, eine Rede an die
Freiwilligen hielt. Fr den Glauben dient, fr die Menschlichkeit und
unsere Mitbrder, sprach der Herr mit erhhter Stimme, zum erhabenem
Werke segne euch unsere Matuschka Moskwa! Zhivio! -- schlo er
drhnend und mit thrnenerstickter Stimme.

Alles rief Zhivio! und eine neue Schar, die die Frstin beinahe ber
den Haufen geworfen htte, wlzte sich in den Saal.

Ah, Frstin, wie geht es! rief freudestrahlend Stefan Arkadjewitsch,
der pltzlich inmitten derselben erschien. Hat er nicht herrlich,
feurig gesprochen? Bravo! -- Und Sergey Iwanowitsch, Ihr mtet
gleichfalls sprechen -- einige Worte, Ihr wit, so eine Anfeuerung.
Ihr versteht dies ja so gut, fgte er mit mildem, ehrerbietigem und
aufmerksamem Lcheln hinzu, Sergey Iwanowitsch am Arme vorwrtsbewegend.

Nein, ich fahre sogleich.

Wohin denn?

Auf das Land zu meinen Bruder, antwortete Sergey Iwanowitsch.

Da seht Ihr ja meine Frau. Ich habe ihr geschrieben, aber Ihr werdet
sie schon eher sehen; sagt ihr doch, bitte, da Ihr mit mir gesprochen
habt und alles =allright= ist. Sie wird es schon verstehen. Habt auch
die Gte, ihr mitzuteilen, da ich zum Mitglied der Kommission der
vereinigten -- Ihr wit ja, =les petites misres de la vie humaine=,
wandte er sich wie zur Entschuldigung an die Frstin.

Die Mjachkaja -- nicht Lisa, sondern Bibisch -- schickt tausend
Gewehre und zwlf Schwestern. Ich hatte es Euch wohl gesagt?

Ja, ich hrte davon, antwortete Koznyscheff widerwillig.

Es ist eigentlich schade, da Ihr abreist, fuhr Stefan Arkadjewitsch
fort, wir geben morgen ein Essen fr zwei mit Abgehende -- Dimjor
Bartejanskiy von Petersburg und unseren Wjeslowskiy, Grischa. Sie gehen
beide. Wjeslowskiy hat unlngst geheiratet. Das ist ein braver Bursch.
Nicht so, Frstin? wandte er sich zu der Dame.

Die Frstin blickte ohne zu antworten Koznyscheff an; da Sergey
Iwanowitsch sowohl wie die Frstin fast wnschten, von ihm loszukommen,
brachte Stefan Arkadjewitsch nicht im geringsten in Verlegenheit.
Lchelnd blickte er bald auf die Hutfeder der Frstin, bald seitwrts,
als besinne er sich etwas. Als er eine vorberschreitende Dame
mit einer Sammelbchse bemerkte, rief er sie heran und legte ein
Fnfrubelpapier in die Bchse.

Ich kann diese Sammelbchsen nicht mit ruhigem Blute sehen, so lange
ich Geld habe, sagte er. Was fr eine Depesche haben wir denn heute?
Die Tschernogorzen sind doch wackere Kerle! --

-- Was Ihr sagt! rief er aus, als ihm die Frstin mitteilte, da
Wronskiy mit diesem Zug abfahre. Fr einen Augenblick drckte das
Gesicht Stefan Arkadjewitschs Trauer aus, aber nach Verlauf einer
Minute hatte er, nachdem er leicht mit jedem Fue einige Male gezuckt,
und sich dann den Backenbart gestrichen hatte, das Zimmer, in welchem
Wronskiy war, betretend, schon vllig sein verzweifeltes Schluchzen
ber dem Leichnam der Schwester vergessen, und sah in Wronskiy nur den
Helden und alten Freund.

Bei all seinen Mngeln kann man nicht anders, als ihm Gerechtigkeit
widerfahren lassen, sagte die Frstin zu Sergey Iwanowitsch, sobald
Oblonskiy sie beide verlassen hatte. Es ist das so eine echt
russische, slavische Natur! Nur frchte ich, es wird Wronskiy nicht
angenehm sein, ihn zu sehen. Was Ihr auch sagen mgt, mich rhrt das
Geschick dieses Mannes. Ihr werdet wohl mit ihm whrend der Fahrt
sprechen, sagte die Frstin.

Ja vielleicht, wenn sich Gelegenheit bietet.

Ich habe ihn nie gern gehabt. Aber dieser Entschlu macht vieles
wieder gut. Er reist nicht nur fr sich allein, sondern fhrt eine
Eskadron auf eigne Rechnung mit.

Ja, ich habe davon gehrt.

Die Glocke ertnte; alles drngte sich nach den Thren.

Da ist er! fuhr die Frstin fort, auf Wronskiy weisend, welcher, im
langen berrock und schwarzem Hut mit breitem Rande, seine Mutter am
Arm fhrte. Oblonskiy ging lebhaft sprechend neben ihm.

Wronskiy blickte finster vor sich hin, als hre er nicht, was Stefan
Arkadjewitsch sprach.

Wahrscheinlich auf eine Weisung Oblonskiys hin, schaute er nach der
Seite, auf welcher die Frstin und Sergey Iwanowitsch standen und
lftete schweigend den Hut. Sein gealtertes, und Leiden ausdrckendes
Gesicht erschien wie versteinert.

Nachdem Wronskiy ber den Bahnsteig gegangen war, stieg er, die Mutter
loslassend, in das Coup des Waggons.

Auf dem Bahnsteig erschallte es =Boshe Zarja chrani=! und Hurrah
und Zhivio!

Einer der Freiwilligen, ein hochgewachsener, sehr junger Mann, mit
eingefallener Brust, grte besonders bemerkbar, indem er seinen
Filzhut und ein Bouquet ber dem Kopfe schwang. Hinter ihm schauten,
gleichfalls grend, zwei Offiziere und ein lterer Mann mit groem
Barte und in einer fettigen Mtze heraus.


                                   3.

Nachdem sich Sergey Iwanowitsch von der Frstin verabschiedet hatte,
stieg er mit dem herangetretenen Katawasoff in den zum Brechen
vollgepfropften Waggon, und der Zug setzte sich in Bewegung.

Auf der Station Tarizyn wurde der Zug von einem schnen Chor junger
Leute, welche das =Slavsja= sangen, bewillkommnet. Wieder dankten
die Freiwilligen grend, und legten sich heraus, doch schenkte
ihnen Sergey Iwanowitsch keine Beachtung. Er hatte soviel mit den
Freiwilligen zu thun, da er ihren Durchschnittstypus schon kannte
und ihn dies nicht mehr interessierte. Katawasoff hingegen, der bei
seinen Arbeiten nicht Gelegenheit gehabt hatte, die Freiwilligen zu
beobachten, wurde sehr von ihnen interessiert, und erkundigte sich bei
Sergey Iwanowitsch ber sie.

Sergey Iwanowitsch empfahl ihm, sich doch in die zweite Klasse zu
setzen, und dort selbst einmal mit ihnen zu reden, und auf der
folgenden Station befolgte Katawasoff diesen Rat.

Beim ersten Aufenthalt siedelte er in die zweite Klasse ber, und
machte sich mit den Freiwilligen bekannt. Sie saen in einer Ecke des
Waggons in lautem Gesprch und wuten augenscheinlich recht wohl, da
die Aufmerksamkeit der Passagiere und des eingetretenen Katawasoff auf
sie gerichtet sei.

Lauter als alle anderen sprach der hochgewachsene Jngling mit der
flachen Brust. Er war offenbar berauscht und erzhlte eine Geschichte,
die sich auf ihrem Transport zugetragen hatte. Ihm gegenber sa ein
schon nicht mehr junger Offizier im Rocke der sterreichischen Garde.
Er hrte lchelnd dem Erzhler zu und hielt ihn in Schranken. Ein
Dritter, in Artillerieuniform, sa auf einem Koffer neben ihnen. Ein
Vierter schlief.

Ein Gesprch mit dem Jngling anknpfend, erfuhr Katawasoff bald, da
dieser ein reicher Moskauer Kaufmann gewesen sei, welcher sein groes
Vermgen bis zum zweiundzwanzigsten Jahre durchgebracht hatte. Er
gefiel Katawasoff nicht, weil er verweichlicht, verzrtelt, und von
schwacher Gesundheit war; augenscheinlich hatte er die berzeugung,
namentlich jetzt, im Rausche, da er eine Heldenthat vollbringen werde,
und flunkerte in unangenehmster Weise.

Ein anderer, ein verabschiedeter Offizier, machte auf Katawasoff
gleichfalls einen unangenehmen Eindruck. Er war, wie man sah, ein
Mensch, der schon alles versucht hatte. Er war an der Eisenbahn
gewesen, dann Geschftsfhrer eines Handlungshauses, und hatte Fabriken
angelegt. Er sprach ber alles, ohne jede Veranlassung, und wendete
unpassend gelehrte Ausdrcke an.

Ein dritter, ein Artillerist jedoch, gefiel Katawasoff recht
wohl. Er war ein bescheidener, stiller Mensch, der sich offenbar
vor den Kenntnissen des abgedankten Gardisten und der heroischen
Selbstberucherung des Kaufmanns beugte, und von sich selbst gar nicht
sprach. Als ihn Katawasoff frug, was ihn veranlat htte, nach Serbien
zu gehen, antwortete er bescheiden:

Nun, es gehen ja alle hin. Da gilt es, den Serben auch mit zu helfen.
Es thut einem ja leid.

Ja; besonders Artilleristen sind ja auch nicht zahlreich dort, sagte
Katawasoff.

Ich habe freilich nur kurze Zeit in der Artillerie gedient und es ist
mglich, da man mich zur Infanterie oder Kavallerie bestimmt.

Weshalb denn zum Fuvolk, wenn man vor allem Artilleristen braucht?
sagte Katawasoff, nach dem Alter des Artilleristen urteilend, da er
schon eine hhere Charge bekleiden msse.

Ich habe nicht lange in der Artillerie gedient, und bin als Junker
entlassen, sagte er und begann nun auseinanderzusetzen, weshalb er das
Examen nicht bestanden htte.

Alles das zusammengenommen, machte auf Katawasoff einen unangenehmen
Eindruck, und als die Freiwilligen auf der Station ausstiegen, um
einmal zu trinken, wnschte Katawasoff, in einem Gesprch mit jemand
diese unangenehmen Eindrcke auszutauschen. Ein mitreisender alter
Herr in Uniform hatte die ganze Zeit dem Gesprch Katawasoffs mit den
Freiwilligen zugehrt. Nachdem ersterer mit diesem allein geblieben
war, wandte er sich zu ihm.

Wie gro doch der Unterschied der Verhltnisse aller dieser Leute ist,
die nach dorthin abgehen, sagte Katawasoff unbestimmt, im Wunsche,
seine Meinung auszusprechen und zugleich dabei diejenige des Alten zu
erforschen. Der Alte war ein Militr, der zwei Feldzge mitgemacht
hatte. Er wute was ein Soldat zu bedeuten habe, und hielt diese Leute
nach ihrem Aussehen und Sprechen und nach dem Eifer, mit welchem sie
unterwegs der Flasche zusprachen, fr schlechte Soldaten. Er war auch
Bewohner einer Kreisstadt und erzhlte, da aus seiner Vaterstadt einer
unter die Soldaten gegangen sei, der Trunkenbold und Dieb gewesen, und
den niemand mehr als Arbeiter htte nehmen mgen. Da er indessen aus
Erfahrung wute, da es unter der jetzigen Stimmung der Gesellschaft
gefhrlich sei, eine Meinung auszusprechen, welche der allgemein
herrschenden entgegenliefe, und insbesondere, die Freiwilligen abfllig
zu beurteilen, sondierte er gleichfalls Katawasoff.

Ja, dort sind Leute ntig, sprach er, mit den Augen lachend. Sie
begannen nun, von der letzten Nachricht vom Kriegsschauplatz zu
sprechen, verbargen aber voreinander ihre Unwissenheit darber, gegen
wen sie morgen die Entscheidungsschlacht erwarteten, nachdem die Trken
der letzten Nachricht gem auf allen Punkten geschlagen waren. So
trennten sie sich denn beide, ohne ihre Meinung ausgesprochen zu haben.

Nachdem Katawasoff in seinen Waggon zurckgekehrt war, erzhlte er,
Sergey Iwanowitsch unwillkrlich ausweichend, von seinen Beobachtungen
der Freiwilligen, die sich ihm als vorzgliche Burschen erwiesen
hatten.

Auf der groen Station in einer Stadt begrte wieder Gesang und Zuruf
die Freiwilligen, wieder erschienen Sammelnde beiderlei Geschlechts
mit Bchsen, die vornehmen Damen des Gouvernements brachten den
Freiwilligen Bouquets und begleiteten sie zum Bffett, doch war alles
das bei weitem matter und in geringerem Mastabe angelegt als in Moskau.


                                   4.

Whrend des Aufenthalts in der Gouvernementsstadt ging Sergey
Iwanowitsch nicht ans Bffett, sondern schritt auf dem Bahnsteig auf
und nieder.

Als er zum erstenmal am Coup Wronskiys vorberkam, bemerkte er, da
das Fenster zugezogen war, bei nochmaligem Passieren desselben indessen
erblickte er die alte Grfin am Fenster, welche Koznyscheff zu sich
rief.

Ich fahre auch mit und begleite ihn bis Kursk, sagte sie.

Ich habe schon gehrt, antwortete Sergey Iwanowitsch, an ihrem
Fenster stehen bleibend und in dasselbe hineinblickend. Welch schner
Zug von ihm, fgte er hinzu, nachdem er bemerkt hatte, da Wronskiy
nicht im Coup war.

Ja, was blieb ihm nach seinem Unglck zu thun brig?

Welch furchtbares Ereignis! sagte Sergey Iwanowitsch.

O, was habe ich durchgemacht; aber bitte, tretet doch ein! -- O, was
habe ich durchgemacht! wiederholte sie, nachdem Sergey Iwanowitsch
eingetreten war und sich neben ihr auf das Polster gesetzt hatte. Das
vermag sich niemand vorzustellen. Sechs Wochen hat er mit niemand
gesprochen und nur erst dann gegessen, wenn ich ihn darum angefleht.
Nicht eine Minute durfte man ihn allein lassen. Wir haben alles
weggenommen, womit er sich htte ein Leids anthun knnen; wir wohnten
in der niederen Etage; es lie sich eben nichts voraussehen. Ihr wit
ja, da er sich schon einmal ihretwegen geschossen hat, sprach sie,
und die Brauen der alten Frau zogen sich finster zusammen bei dieser
Erinnerung. Ja; sie hat geendet, wie solch ein Weib enden mute.
Selbst den Tod hat sie sich gemein und niedrig erwhlt! --

Wir drfen nicht richten, Grfin, sagte Sergey Iwanowitsch seufzend,
doch ich begreife, wie schwer dies fr Euch gewesen sein mu.

O, sprecht nicht davon! Ich wohnte auf meinem Gute, und er war gerade
bei mir. Da bringt man ein Billet. Er schreibt Antwort und sendet sie
ab. Wir ahnten nicht, da sie schon da auf der Station war. Abends
-- ich hatte mich soeben zurckgezogen -- erzhlt mir meine Mary,
da sich auf der Station eine Dame unter den Eisenbahnzug gestrzt
htte. Dies traf mich wie ein Donnerschlag! Ich erkannte das msse sie
gewesen sein, und das erste, was ich sagen konnte war: Nur ihm nichts
mitteilen! -- Doch hatte man es ihm schon gesagt. Sein Kutscher war
dort gewesen und hatte alles gesehen. Als ich auf sein Zimmer kam, war
er nicht mehr bei Sinnen -- er war furchtbar anzusehen. Kein Wort hat
er gesprochen und ist fortgesprengt. Was dort geschehen ist, ich wei
es nicht, aber sie haben ihn wie einen Toten gebracht. Ich htte ihn
nicht erkannt. -- >=Prostration complte=!< erklrte der Arzt. Dann
brach fast eine Tobwut aus. Doch, was soll ich da erzhlen! sprach die
Grfin mit der Hand abwehrend. Eine entsetzliche Zeit! Nein, was Ihr
auch sagen mgt, es war ein schlechtes Weib! Und was waren das auch
fr verzweifelte Leidenschaften! Das mute auf etwas Absonderliches
hinauslaufen und sie hat es auch bewiesen. Sie hat sich vernichtet und
zwei edle Mnner -- ihren Gatten und meinen unglcklichen Sohn!

Was sagt denn ihr Gatte dazu? frug Sergey Iwanowitsch.

Er hat ihr Kind zu sich genommen. Mein Aleksander war in der ersten
Zeit mit allem einverstanden, doch jetzt qult es ihn furchtbar, da
er einem fremden Menschen seine Tochter bergeben hat. Sein Wort
zurcknehmen aber kann er nicht. Karenin kam auch zum Begrbnis, doch
bemhten wir uns, ihn nicht Aleksander begegnen zu lassen. Fr ihn, den
Ehemann, war es immerhin doch noch leichter zu ertragen. Sie hat ihn ja
erlst, aber mein armer Sohn hatte sich ihr so ganz dahingegeben. Alles
hatte er fr sie aufgegeben, seine Carriere, mich, und dabei hatte sie
noch nicht einmal Mitleid mit ihm, sondern hat ihn mit Berechnung noch
vllig gemordet. Nein, was Ihr auch sagen mgt, selbst ihr Tod -- ist
nur der Tod eines abscheulichen Weibes, das keine Religion besa! Mge
Gott mir verzeihen, aber ich mu ihr Angedenken hassen, wenn ich auf
den Untergang meines Sohnes schaue.

Und wie trgt er es jetzt?

Gott hat uns geholfen -- dieser serbische Feldzug ist gekommen.
Ich bin ein greises Weib, und verstehe nichts davon, aber Gott hat
ihm dies gesandt. Mir als Mutter ist es natrlich entsetzlich, und,
was die Hauptsache ist, man sagt =ce n'est pas trs= -- =bien vu 
Ptersbourg= -- aber -- was thun! Dies allein nur konnte ihn wieder
aufrichten. Jaschwin -- sein Freund -- hat alles verspielt und sich
nach Serbien begeben; er ist zu ihm gekommen und hat ihn berredet.
Jetzt beschftigt ihn die Sache doch. Unterhaltet Euch, bitte, mit ihm,
ich will ihn zerstreuen. Er ist so schwermtig. Unglcklicherweise hat
er auch noch Zahnschmerzen bekommen. ber Euch wird er sich recht sehr
freuen. Bitte sprecht mit ihm; dort drben geht er.

Sergey Iwanowitsch sagte, es wrde ihm Freude machen und begab sich auf
die andere Seite des Zuges.


                                   5.

In dem schrgen Abendschatten von Scken, welche auf dem Bahnsteig
aufgetrmt lagen, ging Wronskiy in seinem langen berrock, mit
bedecktem Kopfe und die Hnde in den Taschen hin und her, wie ein
wildes Tier im Kfig, sich alle zwanzig Schritte schnell wieder
wendend. Als Sergey Iwanowitsch sich Wronskiy nherte, schien ihm,
als ob ihn dieser sehe, sich jedoch stelle, als bemerke er ihn nicht.
Sergey Iwanowitsch war dies ganz gleichgltig. Er stand auerhalb aller
persnlicher Beziehungen mit Wronskiy.

In dieser Minute war Wronskiy in seinen Augen ein wichtiger Faktor
in dem groen Werke und Koznyscheff hielt es fr seine Pflicht, ihn
anzufeuern und aufzumuntern. Er trat zu ihm.

Wronskiy blieb stehen, blickte auf, erkannte Sergey Iwanowitsch und
drckte demselben, indem er ihm einige Schritte entgegentrat, warm die
Hand.

Ihr habt vielleicht nicht mit mir sprechen wollen, sagte Sergey
Iwanowitsch, aber kann ich Euch nicht ntzlich sein?

Mit niemand knnte es mir angenehmer sein, zusammenzutreffen, als mit
Euch, sagte Wronskiy, entschuldigt mich, aber Erfreuliches giebt es
fr mich nicht mehr im Leben.

Ich verstehe; ich wollte Euch meine Dienste anbieten, sagte Sergey
Iwanowitsch, Wronskiy in das sichtlich leidende Gesicht blickend. Habt
Ihr nicht einen Brief fr Ristitsch, oder an Milan ntig?

O nein! antwortete Wronskiy, fast als werde es ihm schwer, zu
verstehen: Wenn es Euch gleich ist, so spazieren wir ein wenig. In den
Waggons herrscht eine solche Schwle! Ob ich ein Schreiben brauche?
Nein; ich danke Euch, zum Sterben braucht man keine Empfehlungen. Nur
gegen die Trken -- sagte er lchelnd, mechanisch. Seine Augen hatten
noch immer ihren Ausdruck von Erregtheit und Leiden.

Es wird Euch aber leichter werden, mit vorbereiteten Persnlichkeiten
die Beziehungen anzuknpfen, welche doch jedenfalls erforderlich sind.
Indes, wie Ihr wollt. Ich hatte mich sehr gefreut, von Eurem Entschlu
zu hren. Giebt es doch schon so viele Angriffe auf die Freiwilligen,
da ein Mann wie Ihr, dieselben in der ffentlichen Meinung nur heben
kann!

Ich bin als Mensch, sagte Wronskiy, nur insofern brauchbar, als das
Leben mir nichts mehr wert ist. Nur, da physische Energie genug in mir
ist, ein Carr zu sprengen, und es zu zerschmettern, oder zu fallen
-- das wei ich! Ich freue mich darber, da es etwas giebt, wofr
ich mein Leben opfern darf, das mir nicht allein berflssig, nein,
interesselos geworden ist. So kommt es doch noch jemand zu nutze.

Er bewegte ungeduldig die Kinnbacken, infolge des bestndigen, nagenden
Zahnschmerzes, der ihn sogar daran hinderte, mit dem Ausdruck zu
sprechen, den er beabsichtigte.

Ihr werdet wieder genesen, ich prophezeie es Euch, sagte Sergey
Iwanowitsch, mit einem Gefhl von Rhrung. Die Erlsung unserer
Mitbrder von einem Joch ist ein Ziel, wrdig des Todes wie des Lebens.
Verleihe Gott Euch ueren Erfolg und inneren Frieden, fgte er hinzu
und reichte ihm die Hand hin.

Wronskiy drckte warm die dargebotene Hand Sergey Iwanowitschs.

Ja, als Waffe -- kann ich noch zu etwas taugen. -- Aber als Mensch --
bin ich eine Ruine -- sprach er in Abstzen.

Der qulende Schmerz des Zahnes, welcher ihm den Mund mit Speichel
fllte, hinderte Wronskiy am Reden. Er schwieg, nach den Rdern eines
langsam und gleichmig auf den Schienen hinrollenden Tenders blickend,
und pltzlich lie ihn eine andere Qual, nicht ein Schmerz, sondern ein
allgemeines, inneres Unbehagen auf einen Augenblick seinen Zahnschmerz
vergessen.

Der Anblick des Tenders und der Schienen, der Einflu des Gesprchs mit
einem Bekannten, welchen er nach dem Verhngnis, das ihn betroffen,
nicht begegnet war, brachte ihm ihr Angedenken pltzlich wieder in die
Erinnerung, oder vielmehr das, was ihm von ihr noch geblieben war, als
er wie ein Wahnsinniger in den Schuppen der Eisenbahnstation gelaufen
kam: Auf einem Tische in demselben, schmhlich von den Hnden Fremder
ausgestreckt, ihr blutiger Leib, noch voll von dem kaum entflohenen
Leben; der nach hinten geworfene, unversehrt gebliebene Kopf mit
seinen schweren Flechten und wallenden Locken an den Schlfen, und
auf dem reizvollen Antlitz, mit dem halbgeffneten roten Munde, der
erstarrte, seltsame, klgliche Ausdruck der Lippen, der furchtbar in
den nichtgeschlossenen Augen lag, und wie mit Worten das furchtbare
Wort aussprach, da er bereuen solle -- das Wort, welches sie whrend
ihres Streites zu ihm gesagt hatte.

Und er bemhte sich, sie so in sein Gedchtnis zurckzurufen,
wie sie gewesen, als er ihr zum erstenmale, gleichfalls auf der
Eisenbahnstation, begegnet war, ihr, der Geheimnisvollen, der
Reizenden, der Liebevollen, Glcksuchenden und -spendenden, aber nicht
der hartherzig Qulenden, als die sie ihm aus der letzten Minute ins
Gedchtnis kam.

Er suchte sich der seligsten Minuten mit ihr zu erinnern, doch
diese waren ihm auf ewig vergiftet. Er rief sie sich nur als die
Triumphierende ins Gedchtnis zurck, welche ihre Drohung ausgefhrt
hatte, die niemand ntzte und durch Reue nicht auszugleichen war.
Den Zahnschmerz fhlte er nicht mehr, aber Schluchzen verzerrte sein
Gesicht.

Nachdem er zweimal wortlos an den Scken vorbergeschritten war, wandte
er sich, nachdem er seine Selbstbeherrschung wiedergewonnen hatte,
ruhig an Sergey Iwanowitsch.

Habt Ihr keine Depesche seit der gestrigen erhalten? Der Feind
ist zwar zum drittenmal geschlagen, aber morgen erwartet man die
Entscheidungsschlacht.

Nachdem sie noch ber die Proklamation des Knigs Milan und die
weittragenden Folgen, welche dieselbe haben knne, gesprochen hatten,
trennten sich beide nach dem zweiten Glockensignal und gingen nach
ihren beiderseitigen Waggons.


                                   6.

Da Sergey Iwanowitsch nicht wute, wann er Moskau wrde verlassen
knnen, hatte er nicht an seinen Bruder telegraphiert, da man ihn
abhole.

Lewin war nicht daheim, als Katawasoff und Sergey Iwanowitsch in einem
kleinen Taranta, der auf der Station gemietet worden war, staubbedeckt
wie Araber um zwlf Uhr mittags vor der Freitreppe des Herrenhauses von
Pokrowskoje vorfuhren.

Kity, welche mit ihrem Vater und der Schwester auf dem Balkon gesessen
hatte, erkannte den Schwager und eilte hinunter, ihn zu bewillkommen.

Wie unrecht von euch, uns nicht Nachricht zu geben, sagte sie Sergey
Iwanowitsch die Hand reichend und ihm die Stirn darbietend.

Wir sind ganz wohlbehalten hierher gelangt und haben euch nicht
erst Umstnde gemacht, antwortete Sergey Iwanowitsch. Ich bin so
voll Staub, da ich mich frchte, jemand anzurhren. Ich war auch so
beschftigt, da ich nicht einmal wute, wann ich mich wrde losmachen
knnen. Aber ihr haltet es nach altgewohnter Weise, lchelte er, ihr
freut euch eures stillen Glckes fern von Zeitluften in eurem stillen
Heim. Da hat sich auch mein Freund Fjodor Wasiljewitsch endlich mit
aufgemacht.

Ich bin indessen kein Neger, sondern werde mich waschen -- und dann
einem Menschen hnlich sehen, sagte Katawasoff mit seinem gewohnten
Humor, einen Hndedruck wechselnd und mit seinen schimmernden Zhnen in
dem geschwrzten Gesicht eigentmlich lchelnd.

Mein Konstantin wird sich sehr freuen. Er ist nach dem Vorwerk hinaus
und mu bald kommen.

Er beschftigt sich nur mit der Landwirtschaft; so macht man es eben
hier, sagte Katawasoff, bei uns in der Stadt aber ist auer dem
serbischen Kriege auch nichts weiter zu sehen. Wie geht es denn meinem
Freunde? Was macht er? Ein wenig Sonderling, nicht? --

Nun, ja, ein wenig; antwortete Kity etwas verlegen werdend, mit
einem Blick auf Sergey Iwanowitsch, doch ich will nach ihm schicken.
Auch Papa ist bei uns auf Besuch. Er ist erst unlngst aus dem Ausland
angekommen.

Nachdem Kity befohlen hatte, nach Lewin zu schicken, die staubbedeckten
Gste zur Toilette zu fhren, den einen in das Kabinett, den anderen in
Dollys ehemaliges Zimmer, und ein Frhstck fr sie zu servieren, eilte
sie, wieder in dem Vollbesitz hurtiger Beweglichkeit, dessen sie in der
Zeit ihrer Schwangerschaft beraubt gewesen war, auf den Balkon hinauf.

Es ist Sergey Iwanowitsch und Katawasoff, der Professor, sagte sie.

O weh, sagte der Frst.

Er ist aber sehr liebenswrdig, Papa, und Konstantin hat ihn sehr
lieb, sagte Kity lchelnd, ihm gleichsam zuredend, indem sie den
Ausdruck von Ironie auf dem Gesicht des Vaters bemerkte.

Nun, meinetwegen.

Geh doch zu ihnen Herzchen, wandte sich Kity zu ihrer Schwester, und
unterhalte sie. Sie haben Stefan auf der Station gesehen, er befindet
sich wohl. Ich aber will zu Mita laufen. Wie unangenehm aber, ich
habe seit dem Thee nicht wieder angelegt. Der Kleine wird jetzt wach
geworden sein und wahrscheinlich schreien, und mit schnellen Schritten
ging sie, den Andrang der Milch versprend, nach der Kinderstube.

Sie hatte in der That den Andrang der Milch nicht blo vermutet -- sie
legte das Kind noch an -- sondern kannte an dem Andrang der Milch bei
ihr die Zeit des Bedrfnisses bei demselben genau.

Sie wute, da der Kleine schrie, noch bevor sie zur Kinderstube
gelangt war. Und wirklich schrie er. Sie vernahm seine Stimme und
beschleunigte ihren Schritt, aber je schneller sie ging, um so lauter
schrie das Kind. Seine Stimme war gut, gesund, nur hungrig und
ungeduldig.

Schreit es schon lange? frug Kity eilig die Kindermuhme, sich auf
einen Stuhl setzend und zum Anlegen vorbereitend. Gebt es schnell her.
Ach, Muhme, wie langweilig Ihr doch seid; nun, bindet doch das Hubchen
spter!

Das Kind zappelte schreiend vor Gier.

Das geht aber nicht, Matuschka, sagte Agathe Michailowna, die fast
stets in der Kinderstube zugegen war. Man mu es hbsch ordentlich
putzen; Eia, eia, sang sie ber dem Kinde, ohne von der Mutter Notiz
zu nehmen.

Die Kinderfrau trug das Kind zu der Mutter. Agathe Michailowna folgte
ihm mit vor Zrtlichkeit leuchtenden Zgen.

Er wei es ja, er wei es; glaubt mir bei Gott, Matuschka Katharina
Aleksandrowna, er hat mich erkannt! rief Agathe Michailowna dem Kinde
zu.

Doch Kity hrte ihre Worte nicht. Ihre Ungeduld war ebenso hoch
gestiegen, wie die des Kindes, und vor Ungeduld wollte die Sache lange
nicht von statten gehen. Das Kind fate nicht, wo es fassen sollte und
wurde ungebrdig.

Endlich aber, nach einem verzweifelten, erstickten Schrei und
hohlklingenden Schmatzen war es gelungen, und Mutter wie Kind fhlten
sich gleichzeitig befriedigt und wurden still.

Er ist doch ganz in Schwei gebadet, der arme Kleine, sprach Kity,
das Kind befhlend. Weshalb denkt Ihr denn, da das Kind euch kennt?
fgte sie hinzu, seitwrts auf die verschmitzt, wie ihr schien, unter
dem emporgerckten Hubchen hervorschauenden uglein des Kindes, die
taktmig schwellenden Bckchen und sein rmchen mit der roten Hand
blickend, mit dem es kreisende Bewegungen machte. Kann nicht sein!
Wenn es schon jemand erknnte, so mte es mich erkennen, sagte Kity
auf die Versicherung Agathe Michailownas hin und lchelte.

Sie lchelte darber, da sie, wenn sie auch sagte, es knne noch
niemand erkennen, in ihrem Herzen wute, es kenne nicht nur Agathe
Michailowna, sondern wisse und verstehe alles, wisse und verstehe noch
mehr von Dingen, die niemand kenne, und die nur sie, die Mutter selbst,
nur dank dem Kinde kennen lernte und begriff. Fr Agathe Michailowna,
die Kinderfrau, den Onkel und selbst ihren Vater war der kleine Mitja
nur ein lebendiges Wesen, welches fr sich lediglich materielle Pflege
verlangte, aber fr die Mutter war es schon lngst ein Geschpf
mit Charakter, in dem sich bereits eine ganze Geschichte seelischer
Beziehungen abgespielt hatte.

Er erwacht, gebe Gott, da Ihr es selbst seht! Wenn ich es so mache,
glnzt er nur so auf, der Liebling. Er glnzt so auf wie der helle
Tag, sprach Agathe Michailowna.

Nun gut, gut: wir werden ja dann sehen, flsterte Kity, geht jetzt;
der Kleine schlft ein.


                                   7.

Agathe Michailowna ging auf den Zehen hinaus, die Kinderfrau lie
die Gardinen herab, verscheuchte die Fliegen aus dem nesseltuchenen
Wiegenvorhang des Bettchens und eine Bremse, die sich am Fensterrahmen
stie und setzte sich, mit einem welken Birkenzweig der Mutter und dem
Kinde zufchelnd.

Die Hitze, die Hitze; wenn doch Gott Regen gbe, sprach sie.

Ja, ja, sch--sch--sch, antwortete Kity nur, das dralle rmchen,
welches Mitja noch immer leise bewegte indem er die uglein bald
ffnete, bald schlo, leicht schttelnd und zrtlich drckend.

Dieses Hndchen machte Kity unentschlossen; sie wollte es kssen,
scheute sich aber, es zu thun, um das Kind nicht zu wecken. Das rmchen
hrte endlich auf, sich zu bewegen und die uglein schlossen sich. Nur
bisweilen erhob das Kind, seine Thtigkeit fortsetzend, die langen
gebogenen Wimpern und blickte die Mutter mit seinen in der Dmmerung
schwarz erscheinenden, feuchtschimmernden Augen an.

Die Kinderfrau hrte auf zu fcheln und begann zu trumen. Von
oben wurde das Lachen der Stimme des alten Frsten und Katawasoffs
vernehmbar.

Sie sind auch ohne mich in Unterhaltung gekommen, dachte Kity, aber
es ist doch rgerlich, da Konstantin nicht da ist. Er wird wohl wieder
nach dem Bienengarten gegangen sein. Obwohl ich beklage, da er so oft
dort ist, freue ich mich doch auch, denn es zerstreut ihn. Er ist jetzt
viel heiterer und angenehmer geworden, als er im Frhjahr war. War er
doch sonst immer so finster und peinigte sich, da es mir recht bang
um ihn wurde. Und wie komisch er ist! flsterte sie lchelnd.

Sie wute, was ihren Mann qulte; es war sein Unglaube. Obwohl Kity,
wenn man sie gefragt htte, ob sie berzeugt sei, da er, im Falle
seines Unglaubens im ewigen Leben der Vernichtung anheimfallen werde,
htte einverstanden damit sein mssen, da er untergehe -- so bildete
sein Unglaube doch kein Unglck in ihren Augen, und sie gedachte,
obwohl sie sich zugestand, da es fr den Unglubigen kein Seelenheil
geben knne, und die Seele ihres Mannes ber alles in der Welt liebend,
mit Lcheln seines Unglaubens, und sagte sich selbst, er sei komisch.

Wozu studiert er ein ganzes Jahr hindurch nur Philosophie, dachte
sie. Wenn dies alles in jenen Bchern geschrieben steht, dann kann
er sie auch verstehen. Wre Unrichtiges darin, wozu sollte er sie
dann lesen? Er selbst sagt, da er glauben mchte. Weshalb glaubt er
dann nicht? Gewi deshalb, weil er zu viel denkt? Aber er denkt zu
viel wegen seiner einsamen Lebensweise. Er ist stets, stets einsam.
Mit uns kann er freilich nicht von allem reden. Ich denke aber, der
Besuch wird ihm willkommen sein, besonders Katawasoff. Er liebt es,
mit ihm zu disputieren, dachte sie und versetzte sich dann sogleich
in den Gedanken, wo sie gerade Katawasoff am bequemsten zum Schlafen
unterbringen knne -- separat oder zusammen mit Sergey Iwanowitsch?
Und dann kam ihr pltzlich wieder ein Gedanke, der sie vor Aufregung
erzittern lie und selbst Mitja erschreckte, der sie dafr ernst
anblickte. Die Wscherin scheint die Wsche noch nicht gebracht zu
haben und fr die Gastbetten ist noch keine Bettwsche da. Wenn man
da nicht anordnet, wird Agathe Michailowna dem Sergey Iwanowitsch
gewhnliche Wsche geben, und bei diesem Gedanken stieg Kity das
Blut ins Gesicht. Ja, ich mu es anordnen, beschlo sie, und besann
sich dann, wieder zu ihrem vorigen Gedanken zurckkehrend, da etwas
Wichtiges doch noch nicht bis zum Schlu von ihr berdacht sei. Sie
sann nun nach, was es gewesen war. Ach ja, Konstantin ist unglubig!
sagte sie, abermals lchelnd. Nun, also unglubig! Mag er lieber stets
so bleiben, als so werden, wie Madame Stahl war, oder ich im Auslande
einmal werden wollte. Nein er kann nicht mehr heucheln! Ein Zug von
seiner Gte tauchte aus jngster Zeit lebendig vor ihr auf.

Vor vierzehn Tagen war ein reuiges Schreiben Stefan Arkadjewitschs an
Dolly angekommen. Stefan beschwor diese darin, seine Ehre zu retten,
und ihr Gut zu verkaufen, damit er seine Schulden bezahlen knne.

Dolly war in Verzweiflung; sie hate ihren Mann, verachtete und
beklagte ihn, und entschlo sich zur Scheidung, wollte sich von ihm
lossagen, willigte aber schlielich doch in den Verkauf eines Teils
ihres Gutes ein. Und nun vergegenwrtige sich Kity mit unwillkrlichem,
gerhrtem Lcheln die Ratlosigkeit ihres Gatten, seine mehrmaligen
unbeholfenen Anlufe in dieser Sache, die ihm am Herzen lag, und wie er
endlich, als einziges Mittel, Dolly zu helfen, ohne sie zu verletzen,
den Ausweg erdacht hatte, Kity vorzuschlagen, sie mchte ihr Teil an
dem Vermgen -- sie selbst hatte vorher gar nicht hieran gedacht --
hingeben.

Was wre das fr ein Unglubiger? Mit solchem Herzen, solcher
Besorgnis, einen Menschen zu verletzen, ja nur ein Kind! Alles thut
er fr seine Nchsten, nichts fr sich! Sergey Iwanowitsch denkt, es
sei Konstantins Pflicht, fr ihn den Verwalter zu spielen. Auch seine
Schwester denkt so. Jetzt befindet sich Dolly mit ihren Kindern unter
seiner Vormundschaft. Alle die Bauern, welche tglich zu ihm kommen,
ist er gleichsam verpflichtet zu bedienen. Bleibe du nur so, fuhr sie
fort, Mitja der Kinderfrau bergebend und des Kindes Wange mit ihren
Lippen berhrend.


                                   8.

Seit jener Minute, da Lewin beim Anblick des geliebten sterbenden
Bruders zum erstenmal auf die Frage des Lebens, wie des Todes durch
jene -- wie er sie nannte -- neuen berzeugungen hindurchblickte, die,
unmerklich fr ihn, whrend der Zeit von seinem zwanzigsten bis zum
vierunddreiigsten Jahre, seine berzeugungen aus der Kinderzeit wie
die seines Jnglingsalters ausgelst hatten, erschrak er nicht so sehr
vor dem Tode, als vor einem Leben, ber das er nicht die geringste
Kenntnis, woher es stamme, warum es sei und was es sei, bese.

Der Organismus, die Verrichtungen desselben, die Unerschpflichkeit
der Materie, das Gesetz der Erhaltung der Kraft, die Entwicklung -- so
lauteten die Begriffe -- die fr seinen alten Glauben eingetreten waren.

Diese Worte und die mit ihnen verbundenen Vorstellungen waren recht gut
fr Verstandeszwecke, fr das Leben aber ergaben sie nichts und Lewin
fhlte sich pltzlich in der Lage eines Menschen, der einen warmen
Pelz fr einen Kattunanzug vertauscht hat, und zum erstenmal in der
Klte untrglich, nicht durch logische Erwgungen, sondern in seiner
ganzen Wesenheit davon berzeugt wird, da er geradezu nackt und einem
unvermeidlichen, qualvollen Untergang verfallen sei.

Seit jener Minute hatte Lewin, ohne sich indessen davon Rechenschaft zu
geben, und indem er sein Leben wie bisher fortsetzte, fortwhrend diese
Angst ber sein Nichtwissen empfunden.

Auerdem aber empfand er voll Unruhe, da das, was er seine
berzeugungen nannte, nicht nur Unwissenheit war, sondern eine Richtung
im Denken, unter welcher ihm die Erkenntnis dessen, was ihm ntig war,
unmglich wurde.

In der ersten Zeit hatte seine Heirat, sowie ungekannte Freuden und
Pflichten die er dabei kennen lernte, diese Gedanken vollstndig in
ihm erstickt, aber seit kurzem, nach der Niederkunft seiner Frau,
whrend er mig in Moskau gelebt hatte, war bei Lewin immer hufiger,
und immer nachdrcklicher, diese Frage, eine Entscheidung verlangend,
aufgetaucht. Die Frage bestand fr ihn hierin: Wenn ich jene Antworten
nicht anerkenne, die das Christentum auf die Fragen ber mein Leben
erteilt, welche Antworten erkenne ich dann an? Und in dem gesamten
Arsenal seiner berzeugungen vermochte er weder die geringste Antwort
zu finden, noch etwas, was einer solchen hnlich gewesen wre.

Er befand sich in der Lage eines Menschen, der Nahrung sucht in
Spielzeugmagazinen oder Waffenlden.

Unwillkrlich und ihm selbst unbewut suchte er jetzt in jedem Buche,
bei jedem Gesprch, in jedem Menschen Beziehungen zu diesen Fragen und
Lsungen derselben.

Am meisten setzte ihn hierbei der Umstand in Zweifel, da die Mehrzahl
der Menschen seines Kreises und Alters, die doch ebenso wie er,
frhere berzeugungen mit eben solchen neuen vertauscht hatten, wie
er sie besa, hierin kein Unglck sehen, sondern vollkommen zufrieden
und ruhig waren, und so kam es, da Lewin neben der Hauptfrage auch
noch Nebenfragen qulten. Ob diese Menschen aufrichtig waren? Ob
sie sich nicht verstellten? Oder ob sie etwa anders als er, klarer,
die Antworten aufgefat hatten, welche die Wissenschaft auf die ihn
beschftigenden Fragen gab? Geflissentlich studierte er die Meinungen
dieser Menschen und die Bcher, welche diese Antworten gaben.

Eins, was er seit der Zeit, seit der ihn diese Fragen beschftigt,
gefunden hatte, war dies, da er sich geirrt habe in jener Annahme, die
noch auf den Erinnerungen aus dem Jnglingskreis auf der Universitt
beruhte, die Religion habe sich berlebt und existiere gar nicht mehr.
Sowohl der alte Frst, wie Lwoff, den er so lieb gewonnen hatte, und
Sergey Iwanowitsch und alle Frauen, auch sein Weib, glaubten so, wie er
in seiner Kindheit geglaubt hatte; neunzig Hundertstel des russischen
Volkes, ja, jenes ganze Volk, dessen Leben ihm die hchste Achtung
einflte, glaubte.

Ein Zweites war dies, da er sich nach der Lektre vieler Bcher
berzeugt hatte, die Menschen, die mit ihm gemeinsame Anschauungen
hatten, knnten sich unter diesen nichts anderes denken, und
verneinten jene Fragen einfach, ohne sie zu erklren, jene Fragen,
ohne deren Beantwortung er -- er fhlte es -- nicht leben knne, und
bemhten sich, ganz andere dafr zu lsen, die seine Fragen gar nicht
interessieren konnten, wie zum Beispiel die ber die Entwicklung der
Organismen, ber die mechanischen Offenbarungen der Seele u. s. w.

Auerdem hatte sich aber noch whrend der Niederkunft seiner Frau etwas
fr ihn Ungewhnliches ereignet. Er hatte dabei, ohne Glauben, zu beten
begonnen und whrend der Minute in der er betete, auch geglaubt. Diese
Minute war indessen vorbergegangen und er vermochte jener Stimmung von
damals in seinem Leben nicht wieder stattzugeben.

Er vermochte nicht zuzugestehen, da er damals das Rechte erkannt
habe, jetzt aber irre; weil ihm, sobald er ruhig darber nachzudenken
begann, alles in Trmmer fiel. Er vermochte auch das nicht
zuzugestehen, da er damals geirrt habe, weil er seine seelische
Stimmung von damals hochschtzte, whrend, indem er sie fr eine Folge
seiner Schwachheit anerkannte, jene Minuten entweiht haben wrde.

Er befand sich in einer qualvollen Disharmonie mit sich selbst und
spannte alle Geisteskrfte an, aus derselben herauszukommen.


                                   9.

Diese Gedanken peinigten und qulten ihn bald mehr, bald weniger, nie
aber verlieen sie ihn ganz. Er las und dachte, und je mehr er las und
sann, desto weiter entfernt von dem verfolgten Ziele fhlte er sich.

Nachdem er sich in jngster Zeit in Moskau und auf dem Dorfe berzeugt
hatte, da er bei den Materialisten keine Antwort finden werde, las er
immer aufs neue wieder Plato und Spinoza, Kant, Schelling, Hegel und
Schopenhauer, die Philosophen, welche das Leben nicht materialistisch
erklrten. Diese Ideen erschienen ihm fruchtbringend, mochte er nun
lesen, oder selbst Gegengrnde gegen die Lehren anderer aussinnen,
insbesondere gegen die materialistischen. Doch kaum hatte er gelesen
und sich selbst eine Antwort auf die Fragen ausgedacht, da wiederholte
sich bei ihm stets ein und dasselbe. Indem er der gegebenen Bestimmung
unklarer Begriffe, wie Geist, Wille, Freiheit, Substanz folgte und
absichtlich in die Wrterfalle ging, die ihm die Philosophen oder auch
er selbst sich gestellt hatte, begann er einigermaen zu begreifen.

Aber er brauchte nur den knstlichen Gedankengang zu vergessen, und
sich zu dem zu wenden, was im Leben befriedigte, wenn er dem gegebenen
Faden folgend, nachdachte -- und pltzlich strzte der ganze kunstvolle
Bau zusammen wie ein Kartenhaus, und es wurde ihm klar, da der Bau aus
denselben Worten bestand, die nur umgestellt, und unabhngig waren von
Etwas, das im Leben viel bedeutungsvoller war, als der Verstand.

Bei der Lektre Schopenhauers setzte er einmal an Stelle des Begriffs
eigner Wille, den der Liebe, und diese neue Philosophie machte ihm zwei
Tage lang, so lange er sich mit ihr beschftigte, Vergngen. Sie fiel
aber gleichsam zusammen, als er darauf aus dem Leben heraus auf sie
blickte, und es zeigte sich wieder jenes kattunene Gewand, das nicht
warm hielt.

Sein Bruder Iwanowitsch riet ihm, die theologischen Werke Chomjakoffs
zu lesen. Lewin las den zweiten Band derselben und war, ungeachtet der
ihn anfangs abstoenden, polemischen, eleganten und scharfsinnigen
Diktion, berrascht von Chomjakoffs Lehrmeinung ber die Kirche.
Ihn berraschte anfangs die Idee, da die Erlangung der gttlichen
Wahrheiten dem Menschen nicht verliehen sei, sondern nur einer
Gemeinschaft von Menschen, vereint in der Liebe -- der Kirche.

Er freute sich bei dem Gedanken, wie viel leichter es wre, an eine
vorhandene, gegenwrtig lebendige Kirche zu glauben, welche alle
Glaubensbekenntnisse der Menschen in sich begreife, und Gott zum
Haupte habe, infolge dessen aber heilig und unfehlbar sei, und von
ihr nun den Glauben an Gott erst zu empfangen, den an die Schpfung,
den Sndenfall, und die Erlsung -- als wenn man mit Gott, dem weit
entfernten, geheimnisvollen Gott, der Schpfung &c. begnne.

Als er nun aber dann die Kirchengeschichte eines katholischen und
die eines rechtglubigen Schriftstellers las und gewahrte, da beide
Kirchen, jede unfehlbar in ihrem Wesen, sich gegenseitig negierten, da
verzweifelte er auch an Chomjakoffs Kirchenlehre und das ganze Gebude
wurde von dem gleichen Staub bedeckt, wie die philosophischen Gebude.

Whrend dieses ganzen Frhlings hatte er so mit sich selbst im Kampfe
gelegen und schreckliche Augenblicke durchlebt.

Ohne zu wissen, was ich bin und warum ich hier bin -- kann man nicht
leben! Erfahren aber kann ich es nicht, folglich kann ich nicht leben,
sprach Lewin zu sich selbst. In der Unendlichkeit der Zeit, der
Unendlichkeit des Stoffes, der Unendlichkeit des Raumes bildet sich die
organische Zelle; dieses Blschen wird eine Zeitlang bestehen und dann
zerplatzen; -- das bin ich.

Dies bildete das einzige Resultat jahrhundertelanger menschlicher
Denkarbeit nach dieser Richtung.

Es war die letzte berzeugung, auf welcher sich alle Forschungen des
menschlichen Denkens in fast allen ihren Auslufern aufbauten. Es war
die herrschende berzeugung und Lewin machte dieselbe vor allen anderen
Erklrungen als die immer noch klarste, unwillkrlich und ohne zu
wissen wann und wie, zu der seinigen.

Aber dies war nicht nur falsch, sondern vielmehr der hartherzige Hohn
einer bsen Macht, einer so bsen, widrigen, da er sich ihr nicht
unterordnen konnte.

Man mute sich befreien von dieser Macht, und die Befreiung lag in
den Hnden eines jeden. Es galt, diese Abhngigkeit vom Bsen zu
beseitigen, und dafr gab es nur ein Mittel -- den Tod.

Als glckliches Familienoberhaupt, als ein gesunder Mensch, war Lewin
mehrmals dem Selbstmord so nahe, da er die Schnur versteckte, damit er
sich nicht an ihr hing, und sich frchtete, mit der Flinte zu gehen, um
sich nicht zu erschieen.

Doch Lewin erscho sich weder, noch hing er sich, sondern lebte weiter.


                                  10.

Solange Lewin darber nachdachte, was er sei und wozu er lebe, fand er
keine Antwort und geriet in Verzweiflung, doch als er aufgehrt hatte,
sich selbst darnach zu fragen, erfuhr er gewissermaen, was er sei und
wozu er lebte, weil er fleiig und zweckmig thtig war und lebte.
Gerade in dieser jngsten Zeit hatte er bei weitem konsequenter und
zweckbewuter, als frher gelebt.

Im Anfang des Juli aufs Dorf zurckgekehrt, widmete er sich wieder
seinen gewhnlichen Arbeiten. Die Landwirtschaft, die Beziehungen zu
den Bauern und Nachbarn, die Hauswirtschaft, die Angelegenheiten seines
Bruders und der Schwester, die in seinen Hnden lagen, sein Verhltnis
zu den Verwandten, zu seinem Weibe, die Sorge um sein Kind, die ihm
neue Bienenjagd, der er sich seit dem heurigen Frhling gewidmet hatte,
alles das nahm seine Zeit in Anspruch.

Diese Beschftigungen interessierten ihn nicht deshalb, weil er sie
vor sich selbst mit gewissen allgemeinen Anschauungen rechtfertigen
konnte, so wie er dies frher gethan hatte, sondern im Gegenteil
hatte er jetzt, wo er einerseits durch das Milingen seiner einstigen
Unternehmungen fr das allgemeine Wohl ernchtert worden, andererseits
von seinen Ideen und der Menge der Geschfte viel zu sehr in Anspruch
genommen war, die von allen Seiten auf ihn einstrmten, alle Gedanken
ber das allgemeine Wohl fahren lassen, und diese Dinge interessierten
ihn nur, wie ihm schien, deshalb, weil er eben thun _mute_, was er
that -- weil er nicht anders konnte. Wenn er sich frher bemhte,
etwas zu thun (dies hatte fast von seiner Kindheit auf angefangen und
sich bis zu seiner vollen Mannbarkeit mehr und mehr entwickelt) was
eine Wohlthat fr jedermann, fr die Menschheit, fr Ruland, fr das
ganze Dorf gewesen wre -- so hatte er bemerkt, da das Nachdenken
darber ihm angenehm, die Thtigkeit selbst aber stets eine nicht damit
harmonierende gewesen war; es hatte die volle Zuversicht dazu, da
die Unternehmung wirklich notwendig sei gefehlt, und die Wirksamkeit
selbst, die ihm anfangs so erhaben erschienen war, schwand, immer
mehr und mehr abnehmend, in ein Nichts zusammen. Jetzt hingegen, wo
er verheiratet war und sein Leben fr sich selbst mehr und mehr mit
bestimmten Grenzen zu umziehen begonnen hatte, empfand er, obwohl er
keine Freude mehr bei dem Gedanken an seine Thtigkeit fhlte, die
berzeugung, da diese Thtigkeit eine notwendige sei, erkannte er,
da sie weit ersprielicher, als sie frher war, und grer und grer
werde.

Jetzt drang er, gleichsam wider seinen Willen, immer tiefer und tiefer
in die Erde ein, wie ein Pflug, so da er gar nicht wieder heraus
konnte, ohne die Furchen aufzureien.

Seiner Familie zu leben, so wie dies Vater und Mutter gewohnt gewesen
waren, das heit, unter den nmlichen Grundlagen der Bildung und
Erziehung der Kinder -- war ohne Zweifel die Aufgabe. Dies war ebenso
notwendig, wie das Essen, wenn man Appetit hat, und zu diesem Zwecke
nun war es ebenso notwendig, wie die Bereitung des Essens, das
wirtschaftliche Getriebe in Pokrovskoje so zu leiten, da Einknfte
flossen.

Ebenso sicher, wie man eine Schuld zurckzahlen mu, war es
erforderlich, das angestammte Land immer in dem nmlichen Zustande
zu erhalten, damit der Sohn, der das Erbe einmal empfing, dem Vater
ebenso Dank wisse, wie Lewin seinem Vater fr das, was derselbe gebaut
und gepflanzt hatte. Hierzu aber war erforderlich, da kein Boden
mehr verpachtet wurde, sondern man diesen selbst bewirtschaftete, Vieh
zchtete, die Felder dngte und Waldungen anlegte.

Es war ihm unmglich, die Fhrung der Geschfte fr Sergey Iwanowitsch
und seine Schwester und alle Bauern, die gewohnt waren, sich Rats bei
ihm zu erholen, aufzugeben, ebensowenig wie man ein Kind fortwerfen
kann, welches man schon auf den Armen hielt. Es galt, fr die
Bequemlichkeit der eingeladenen Schwgerin mit ihren Kindern zu sorgen,
des Weibes mit dem eigenen Kinde, und er mute auch wenigstens einen
kleinen Teil des Tages bei ihnen weilen.

Alles das, zusammen mit der Jagd auf Wild und Bienen, fllte fr Lewin
ein Leben aus, welches fr ihn selbst keinen Sinn mehr hatte, sobald er
darber nachdachte.

Wenn aber Lewin recht gut wute, _was_ er zu thun habe, so wute
er auch ebenso gut, _wie_ er zu handeln habe und welches von zwei
Geschften das wichtigere sei. Er wute, da er die Arbeiter so billig
als mglich mieten msse, doch sie auf eine Schuldverschreibung
annehmen, indem er ihnen Vorschu gab, war noch billiger; wie viel sie
wert waren, brauchte nicht gegeben zu werden, was auch noch vorteilhaft
war. Bei Futtermangel konnte er den Bauern Stroh verkaufen, wenn sie
ihn dabei auch jammerten, der Gasthof und die Branntweinschenke aber
muten, obwohl sie Einknfte brachten, beseitigt werden. Gegen das
Holzhauen mute man so streng wie mglich vorgehen, fr vertriebenes
Vieh hingegen sollte keine Strafe erhoben werden. Obwohl dies freilich
die Karaulschtschiks erbitterte und die Furcht verringerte, mute man
das Vieh laufen lassen.

Dem Peter, welcher an einen Wucherer zehn Prozent monatlich zahlte,
mute er Geld borgen, um ihn davon zu befreien, aber deshalb brauchte
er den Bauern noch nicht den Obrok zu erlassen oder den sumigen
Zahlern Frist zu bewilligen. Man konnte es dem Verwalter nicht hingehen
lassen, da eine kleine Wiese nicht gemht wurde und das Gras darauf
ungentzt verkam, aber man brauchte wieder nicht die achtzig Desjatinen
zu mhen, auf denen junger Wald angepflanzt stand. Man brauchte nicht
dem Arbeiter zu verzeihen, der unter der Arbeit nach Hause gelaufen
war, weil sein Vater starb -- so leid ihm das auch that -- und mute
ihn dafr billiger fr die kostspieligen Monate ansetzen, in denen es
nichts zu thun gab. Aber man mute gleichwohl den Alten, die zu nichts
mehr zu brauchen waren, einen Monatsauszug geben.

Lewin wute wohl, da er bei seiner Rckkehr nach Hause vor allem zu
seiner Frau gehen mute, wenn diese unwohl war, aber die Bauern, die
schon seit drei Stunden auf ihn gewartet hatten, konnten noch lnger
warten. Er wute auch, da er bei allem Vergngen, welches er bei dem
Einfangen eines Bienenschwarms hatte, sich dieses Vergngens begeben
und es dem Alten berlassen mute, in seiner Abwesenheit den Schwarm zu
fangen, indem er zu den Bauern ging, die ihn im Bienengarten gefunden
hatten, um sich zu besprechen.

Mochte er damit gut oder schlecht handeln, er wute es nicht, und wrde
jetzt nicht nur nicht den Beweis dafr angetreten, sondern vielmehr
alle Gesprche und Gedanken darber vermieden haben.

Die Grbeleien versetzten ihn in Zweifel und hinderten ihn, zu sehen,
was er sehen mute, oder was nicht. Indem er jedoch nicht mehr
dachte, sondern lebte, fhlte er in seiner Seele die stete Gegenwart
eines unfehlbaren Richters, der entschied, welche von zwei mglichen
Handlungen die bessere und welche die schlechtere war, und sobald er
dann nicht so handelte, wie es ntig war, fhlte er dies sogleich.

So lebte er denn ohne die Mglichkeit einer Erkenntnis dessen, zu
sehen, was er sei und wozu er auf der Welt lebe, geqult von dieser
Unkenntnis bis zu einem Grade, da er den Selbstmord frchtete und sich
doch zugleich damit fest einen sicheren Weg durch das Leben bahnend.


                                  11.

Gerade an dem Tage, an welchem Sergey Iwanowitsch nach Pokrovskoje
gekommen war, befand sich Lewin in einer seiner peinlichsten Stimmungen.

Es war mitten in der Arbeitszeit, wo alles Volk eine so ungewhnliche
Anspannung in der Selbstaufopferung bei der Arbeit zeigt, wie sie sonst
unter keinen Bedingungen im Leben erscheint und die hoch geschtzt
werden wrde, wenn die Leute, welche diese Eigenschaften zeigen,
sie selbst schtzten, wenn sich nicht ein und dasselbe alljhrlich
wiederholte, und die Resultate dieses Kraftaufwands nicht so einfach
wren.

Roggen schneiden und Hafer, und ihn hereinzubringen, Wiesen zu mhen,
Korn ausdreschen und Wintersaat aussen -- alles das scheint einfach
und gewhnlich; aber um es mit Erfolg zu thun, ist es ntig, da alle,
vom ltesten an bis zum Jngsten rastlos, dreimal mehr als gewhnlich,
whrend drei oder vier Wochen arbeiten, sich nur von Kwas, Zwiebel und
Schwarzbrot nhrend, dreschend, des Nachts Feime abfahrend und sich zum
Schlaf nicht mehr als drei Stunden den ganzen Tag gnnend. Alljhrlich
ist dies so in ganz Ruland.

Lewin, der einen groen Teil seines Lebens auf dem Dorfe, in nahen
Beziehungen zum Volke gelebt hatte, fhlte stets whrend der
Arbeitszeit, da sich diese allgemeine Regsamkeit der Leute auch ihm
mitteile.

Am Morgen fuhr er zum ersten Roggenschnitt oder nach dem Hafer, den
man in Feime gesetzt hatte, und kehrte dann, wenn sein Weib und die
Schwgerin sich erhoben, heim; trank mit ihnen Kaffee und begab
sich dann zu Fue nach dem Vorwerk, wo man eine neu aufgestellte
Dreschmaschine zur Vorbereitung des Samens in Gang setzte.

Diesen ganzen Tag hatte Lewin im Gesprch mit dem Verwalter und den
Bauern, zu Hause mit seinem Weib, mit Dolly und ihren Kindern, und mit
dem Schwiegervater, immer nur ber das Eine nachgedacht, was ihn in
dieser Zeit neben seinen wirtschaftlichen Sorgen beschftigte, und in
allem nur die Antwort auf seine Frage gesucht: Was bin ich, wo bin
ich; warum bin ich hier?

In der Khle der neugedeckten Trockenscheune stehend, blickte Lewin
bald durch die geffnete Thr hinaus, in welcher der trockene und
scharfe Staub vom Dreschen wirbelte, auf das von der glnzenden Sonne
beleuchtete Gras der Tenne und das frische Stroh, das soeben erst
aus dem Schuppen geholt worden war -- bald nach den weihalsigen
Schwalben mit ihren bunten Kpfen, die mit Gezwitscher unter das Dach
flogen und mit schlagenden Flgeln an den Fensterffnungen der Thre
hngen blieben, bald auf die Leute, welche in der dunklen, staubigen
Trockenscheune hantierten, und hatte dabei seltsame Gedanken.

Warum geschieht das alles? grbelte er. Warum stehe ich hier und
lasse arbeiten? Weshalb hasten die alle und mhen sich, mir ihren Eifer
zu zeigen? Warum plagt sich die alte Matrjona da, die ich kenne? Ich
habe sie ja kuriert, als bei einer Feuersbrunst der Dachbalken auf sie
gestrzt war, dachte er, indem er dem hageren Weibe zusah, welches
mit der Schaufel Korn werfend, angestrengt mit den schwarzgebrunten,
nackten Fen auf den unebenen harten Tennenplatz vortrat.

Sie ist damals wieder gesund geworden, aber dennoch, zwar nicht
heute, doch vielleicht nach zehn Jahren verscharrt man sie, und nichts
bleibt mehr von ihr; ebensowenig wie von jener Kokette dort im roten
Tuch, die mit so gewandter Bewegung die Spreu von den hren sondert.
Auch sie wird man einscharren, wie den gescheckten Wallachen dort
-- und sehr bald sogar, dachte er, auf das mit geffneten Nstern
schnaubende Pferd mit dem schwerhngenden Bauche schauend, welches um
ein liegendes Rad lief, das sich unter ihm bewegte. Auch das Pferd
wird man verscharren und den Fjodor mit seinem krausen, voll Spreu
hngenden Barte und dem zerrissenen Hemd auf der hellschimmernden
Schulter -- man wird sie begraben! Er whlt die Garben auseinander und
ordnet an, ruft den Weibern zu und regelt mit schneller Bewegung den
Riemen am Schwungrad. Aber vor allem, nicht nur sie, auch mich wird
man einscharren und nichts wird bleiben. Und wozu? So sann er und
schaute dabei nach der Uhr, um zu berechnen, wie viel in einer Stunde
gedroschen werde. Er mute dies wissen, um hiernach das Arbeitspensum
fr den Tag geben zu knnen.

Schon bald eine Stunde und sie haben erst den dritten Feim
angefangen, dachte Lewin, trat zu dem Zugeber und sagte zu ihm, das
Gerusch der Maschine berschreiend, er gbe zu schnell zu.

Du giebst zu viel hinein, Fjodor -- siehst du, sie bleibt hngen und
geht daher nicht schnell genug! Du mut das ausgleichen!

Fjodor, von dem Staube der ihm am schweibedeckten Gesicht klebte,
schwarz geworden, schrie etwas als Antwort, that aber nicht, wie Lewin
wollte.

Dieser trat daher an den Cylinder, lie Fjodor beiseite treten und
begann selbst zuzugeben. Nachdem er bis zu der Mittagspause der Bauern
gearbeitet hatte, bis zu welcher nicht mehr viel Zeit war, verlie er
zusammen mit dem Zugeber die Trockenscheune und sprach mit ihm.

Der Zugeber war aus einem entfernter liegenden Dorfe, dem nmlichen,
in welchem Lewin frher Land zur Bildung der Arbeitsgenossenschaft
vergeben hatte. Jetzt war das Land in Pacht gegeben.

Lewin unterhielt sich mit Fjodor ber dieses Land und frug ihn, ob
Platon, der reiche und tchtige Bauer jenes Dorfes, fr das nchste
Jahr welches nehmen werde.

Der Preis ist zu hoch und Ihr solltet an Platon nicht vergeben, sagte
Fjodor, sich die hren von der schweibedeckten Brust nehmend.

Aber Kiriloff giebt ihm doch welches?

Mitjucha, Konstantin Dmitritsch, warum sollte der es nicht thun! Der
drckt die Menschen und nimmt sich schon das Seine. Den dauert kein
Christenmensch. Onkel Fokanitsch aber, so nannte er den Bauern Platon,
zieht der etwa dem Menschen das Fell ber die Ohren? Hier giebt er
eine Schuldforderung, dort erlt er -- oder nimmt selbst gar nichts.
Das ist auch ein Mensch.

Aber warum erlt er Etwas.

Nun, die Leute sind eben verschieden. Der eine lebt nur fr seinen
Leib, wenigstens Mitjucha; der stopft sich nur den Wanst voll, aber
Fokanitsch -- das ist ein rechtschaffener alter Mann. Er lebt nur fr
sein Seelenheil, und denkt an Gott!

Wie soll er denn an Gott denken? Wie soll er nur fr sein Seelenheil
leben? schrie Lewin fast.

Nun, das ist doch bekannt, nach der Gerechtigkeit, in Gott. Die
Menschen sind eben verschieden! Man braucht ja nur Euch anzusehen; Ihr
beleidigt auch keinen Menschen.

Nun leb' wohl, fuhr Lewin fort, vor Erregung tief Atem holend,
ergriff, sich nun umwendend, seinen Stock und schritt eilig dem Hause
zu.

Bei den Worten des Bauern, da Fokanitsch fr sein Seelenheil, nach
der Gerechtigkeit und in Gott lebe, waren ihm unklare, aber wichtige
Ideen in Masse, als htten sie sich aus einem Gewahrsam freigemacht,
gekommen, und diese alle wirbelten nun, nach einem Ziele strebend, in
seinem Kopfe herum und blendeten ihn mit ihrem Licht.


                                  12.

Lewin ging mit groen Schritten die Landstrae entlang, weniger seinen
Gedanken Gehr gebend -- er vermochte noch nicht, sie zu sichten -- als
mit seinem Seelenzustand beschftigt, der jetzt so war, wie er ihn noch
nie an sich kennen gelernt hatte.

Die Worte, die ihm von dem Bauern gesagt worden waren, brachten
in seiner Seele die Wirkung eines elektrischen Funkens hervor,
der pltzlich erscheint, zusammengesetzt aus einer ganzen Schar
gesonderter, unkrftiger Gedanken, die nicht aufhrten, ihn zu
beschftigen. Diese Gedanken hatten ihn, ohne da er es merkte, schon
whrend der Zeit, als er von dem Landverkauf sprach, beschftigt.

Er fhlte in seiner Seele etwas Neues und empfand dieses Neue mit
Befriedigung, doch ohne zu wissen, was es sei.

Nicht fr meine Notdurft allein soll ich leben, sondern fr Gott. Fr
welchen Gott? Kann man etwas Unsinnigeres uern, als das, was Fjodor
sagte? Er sagte, man msse nicht nur fr seine Bedrfnisse leben,
das heit, fr das, was wir verstehen, wozu wir Neigung empfinden,
wonach uns verlangt, sondern fr etwas Unbegreifliches, fr einen
Gott, den niemand begreifen, oder bezeichnen kann. Und was will ich?
Habe ich die sinnlosen Worte Fjodors nicht verstanden? Wenn ich sie
verstanden habe, zweifle ich denn an ihrer Richtigkeit? Habe ich sie
thricht, unklar und ungenau gefunden? Nein, ich habe ihn verstanden,
und vollkommen so, wie er selbst versteht; er hat vollstndig, und
klarer verstanden, als ich Etwas im Leben verstehe, und nie im Leben
habe ich daran gezweifelt, werde ich daran zweifeln knnen. Nicht ich
allein aber, sondern jedermann, die ganze Welt, erkennt dieses Eine
vllig und zweifelt nicht daran und ist damit einverstanden. Aber ich
suchte Wunder, ich habe es beklagt, da ich kein Wunder sah, welches
mich berzeugte. Ein materielles Wunder htte mich gelockt. Aber es
giebt ja ein Wunder, das einzig mgliche, immerwhrend vorhandene, mich
von allen Seiten umgebende -- und ich habe das nicht bemerkt! Fjodor
sagt, da Kiriloff nur fr seinen Bauch lebt. Dies ist begreiflich und
verstndig. Wir alle, als vernnftige Wesen, knnen nicht anders leben,
als fr unseren Leib. Und da sagt nun dieser Fjodor pltzlich, da es
hlich sei, nur fr den Wanst zu leben; man msse der Gerechtigkeit,
fr Gott leben, und ich verstehe ihn aus diesem Fingerzeig. Ich
sowohl, wie die Millionen von Menschen, welche Jahrhunderte vor uns
gelebt haben und jetzt noch leben, die Bauern, die Bettler am Geist
und die Weisen, die, welche darber gedacht und geschrieben haben,
in ihrer unklaren Sprache dasselbe sagend -- wir alle sind in dem
Einen einverstanden: Weshalb man leben mu, und was gut ist! -- Mit
allen Menschen habe ich nur _eine_ feste, unzweifelhafte und klare
Erkenntnis, und diese Erkenntnis kann nicht vom Verstand erlutert
werden, sie liegt auerhalb desselben und hat keine Grnde, kann
auch keine Folgen haben. Wenn das Gute eine Ursache hat, so ist es
schon nicht mehr gut; wenn es eine Folge hat, eine Belohnung, so ist
es gleichfalls nicht gut. Vielleicht liegt das Gute auerhalb der
Kette von Ursache und Wirkung. Und ich kenne das; wir alle kennen
es. Welches Wunder knnte es geben, das grer wre, als dies? Habe
ich denn wirklich die Lsung des Ganzen gefunden, sollten jetzt alle
meine Leiden vorber sein? dachte Lewin, auf dem staubigen Wege
hinschreitend, ohne die Hitze zu merken oder die Ermdung, aber im
Gefhl einer Abspannung von den langen Leiden.

Dieses Gefhl war ein so freudiges, da es ihm ganz unwahrscheinlich
vorkam. Er atmete schwer vor Erregung, und bog, ohne die Kraft, noch
weiter zu gehen, vom Wege ab in den Wald und setzte sich in den
Schatten einer Esche auf das nicht gemhte Gras. Er nahm den Hut von
dem nassen Kopfe und legte sich, auf den Arm gestemmt, in das saftige,
schwellende Waldgras.

Ja, ich mu mir alles klar machen, und verstehen, dachte er, starr
auf das nicht niedergedrckte Gras blickend, welches vor ihm stand, und
den Bewegungen eines grnen Blattlauskfers folgend, der sich an dem
Stengel eines Queckengrases erhob, in seinem Aufstieg aber durch ein
Blatt gehindert wurde.

Was habe ich entdeckt? frug er sich, das Blatt entfernend, um
das Insekt nicht zu hindern, und ein anderes Gras biegend, da der
Blattlauskfer auf dasselbe hinberlaufen knne. Was freut mich denn
so? Was habe ich denn entdeckt? Ich habe nichts entdeckt! Ich habe
nur erkannt, was ich wei. Ich habe jene Kraft erkannt, die nicht
nur in der Vergangenheit liegt, die mir das Leben gegeben hat und
mir auch jetzt das Leben verleiht. Ich habe mich vom Irrtum befreit
und den Herrn erkannt! Frher sagte ich, da sich in meinem Krper,
in dem Krper dieses Grases und dieses Kfers -- da, er hat nicht
auf das Gras gewollt, die Flgel ausgebreitet und ist fortgeflogen
-- nach physikalischen, chemischen und physiologischen Gesetzen ein
Stoffwechsel vollzieht. In uns allen aber, gleich wie in jenen Espen,
in den Wolken und den Nebelflecken, vollzieht sich eine Entwicklung.
Woher stammt diese Entwicklung? Auf was geht sie? Es ist eine endlose
Entwicklung, ein Kampf. Ganz ebenso nun kann eine gewisse Richtung,
ein Kampf in dem Unendlichen sein. Und da habe ich mich gewundert,
da mir trotz der grten geistigen Anstrengungen auf diesem Wege,
dennoch nicht der Gedanke des Lebens geoffenbart worden ist! Jetzt
spreche ich es aus, da ich den Gedanken meines Daseins kenne: Leben
fr Gott und fr die Seele! Und dieser Gedanke ist ungeachtet seiner
Klarheit geheimnisvoll und wundersam. So ist auch der Gedanke des
gesamten Seins, sprach er zu sich selbst, sich auf den Leib wlzend
und Grashalme in Bndel zusammennehmend, wobei er sich htete, sie zu
zerknicken. In Krze wiederholte er sich nun selbst den ganzen Gang
seiner Gedanken whrend der letzten beiden Jahre, dessen Anfang klar
war; der deutliche Gedanke an den Tod bei dem Anblick des geliebten,
hoffnungslos kranken Bruders.

Zum erstenmale, damals klar erkennend, da es fr jeden Menschen, und
auch fr ihn, in Zukunft nichts als Leiden, Tod und ewige Vergessenheit
geben werde, entschied er, da er so nicht weiter leben knne, und sich
sein Leben entweder so abklren msse, da es nicht mehr als der bse
Streich eines Satans erscheine -- oder er sich erschieen msse.

Er that indes weder das Eine noch das Andere, sondern lebte ruhig
weiter und fuhr fort, zu sinnen und zu spren; hatte sogar gerade
in dieser Zeit geheiratet, erlebte viele Freuden und fhlte sich
glcklich, wenn er nicht an den Zweck seines Daseins dachte.

Was aber bedeutete das? Es bedeutete, da er rechtschaffen lebte,
aber schlecht dachte. Er lebte -- ohne dies zu erkennen -- von jenen
geistigen Wahrheiten, die er mit der Muttermilch eingesogen hatte, und
dachte, ohne diese Wahrheiten anzuerkennen, ja, sie geflissentlich
umgehend.

Jetzt wurde es ihm klar, da er leben konnte nur dank jenen
berzeugungen, in denen er erzogen war.

Was wrde ich gewesen sein, und wie htte ich mein Leben verbracht,
htte ich diese berzeugungen nicht gehabt, nicht gewut, da man
fr Gott leben mu und nicht fr die eigenen Bedrfnisse? Ich htte
geraubt, gelogen, gemordet. Nichts von dem, was die hchsten Freuden
meines Lebens ausmacht, wrde fr mich vorhanden gewesen sein.

Aber trotz der grten Anstrengungen seiner Vorstellungskraft, konnte
er sich doch nicht jenes tierische Geschpf vorstellen, welches er
selbst gewesen sein wrde, wenn er nicht erfahren htte, wozu er lebte.

Ich habe die Antwort auf meine Frage gesucht, aber diese Antwort
kann nicht das Denken geben, welches in unmebarem Verhltnis zu der
Frage steht. Die Antwort hat mir das Leben selbst gegeben in meiner
Erkenntnis dessen, was gut und schlecht sei. Aber diese Erkenntnis habe
ich nicht durch Etwas erworben, sondern sie ist mir gegeben gewesen
zugleich mit allem, _gegeben_ deswegen, weil ich sie von nirgendsher
nehmen konnte. Woher habe ich sie genommen? Bin ich durch meinen
Verstand darauf gekommen, da ich meinen Nchsten lieben soll und ihn
nicht erwrgen darf. Man hat mir das in der Kindheit gesagt und ich
habe es freudig geglaubt, weil man mir nur gesagt hatte, was mir schon
in der Seele lag. Aber wer hat dies entdeckt? Der Verstand nicht! Der
Verstand hat den Kampf ums Dasein entdeckt und das Gesetz, welches
fordert, da man alle, die uns an der Befriedigung unserer Wnsche
hindern, beseitigen soll. Dies ist die Lehre des Verstandes, aber die
Nchstenliebe konnte der Verstand nicht lehren, weil das unverstndig
gewesen wre.


                                  13.

Lewin fiel die krzlich stattgehabte Scene mit Dolly und ihren Kindern
ein. Die Kinder, allein gelassen, hatten Himbeeren ber Kerzen gerstet
und sich die Milch als Fontne in den Mund gespritzt. Die Mutter,
welche sie auf der That ertappt, hatte ihnen in Lewins Gegenwart zu
Gemt gefhrt, welche groe Mhe den Erwachsenen das verursache, was
sie da verdorben, und da diese Arbeit doch fr sie geschhe, und sie,
wenn sie die Tassen zerschlgen, nichts haben wrden, woraus sie Thee
trnken; wenn sie aber Milch vergssen, so wrden sie nichts zu essen
haben und mten Hungers sterben.

Lewin berraschte die stille Niedergeschlagenheit und der Argwohn,
mit welchem die Kinder diese Worte der Mutter anhrten. Sie waren nur
darber erbittert, da ihr unterhaltendes Spiel abgebrochen worden
war, und glaubten kein Wort von dem was die Mutter sagte. Sie konnten
es auch nicht glauben, weil sie sich den ganzen Umfang dessen, was sie
begangen, gar nicht vorstellen, und infolge dessen sich nicht denken
konnten, da das, was sie verdorben hatten, eben das sei, wovon sie
lebten.

Das ist alles fr sich allein da, dachten sie, und etwas
Interessantes oder Wichtiges liegt nicht darin, deswegen weil es stets
war und sein wird und stets ein und dasselbe ist. Wir brauchen daher
gar nicht daran zu denken, denn das ist alles schon da und wir wollen
nur etwas Eigenes und recht Neues dabei ausdenken. So haben wir uns
ausgedacht, in die Tasse Himbeeren zu nehmen und sie ber einem Licht
zu rsten, die Milch aber als Fontne uns gegenseitig in den Mund zu
spritzen. Das ist lustig und neu und in nichts schlechter, als aus den
Tassen zu trinken.

Thun wir nun nicht etwa ganz das Nmliche, thue ich es nicht, mit
meinem Verstande die Bedeutung der Naturkrfte erforschend und den
Gedanken des menschlichen Lebens? fuhr Lewin fort zu denken. Und
thun dies nicht alle philosophischen Theorieen, indem sie auf einem
seltsamen, dem Menschen nicht eigenen Gedankenweg, zu der Erkenntnis
dessen fhren, was der Mensch lange schon wei, so genau wei, da
er ohne es gar nicht htte leben knnen. Ist es denn nicht aus der
Entwicklung der Theorie eines jeden Philosophen klar ersichtlich, da
er im voraus unfehlbar ebenso gut, wie der Bauer Fjodor und durchaus
nicht genauer als dieser, den Hauptgedanken des Daseins kennt, und nur
auf dem zweifelhaften Wege des Verstandes zu dem gelangen will, was
allen bekannt ist? Wollte man die Kinder allein auf Erwerb ausgehen
lassen, sollten dieselben Geschirr fertigen, Milch melken &c., wrden
sie dann Mutwillen treiben? Sie wrden Hungers sterben. Nun, so wollen
wir doch mit unseren Leidenschaften und Gedanken ohne Verstndnis
des einigen Gottes und Schpfers bleiben, oder ohne Verstndnis von
dem, was gut ist, ohne Offenbarung des moralisch Schlechten. >Aber
schafft Ihr etwas ohne dieses Verstndnis!< >Wir zerstren nur, weil
wir geistig satt sind. Wir sind eben Kinder!< Woher kommt in mir diese
freudige, mir mit dem Bauern gemeinsame Erkenntnis, welche mir allein
die Seelenruhe verleiht? Woher habe ich sie genommen? Erzogen in der
Vorstellung eines Gottes, als Christ, und mein ganzes Leben hindurch
erfllt von diesen geistigen Gtern, die mir das Christentum verliehen
hat, welches an diesen lebendigen Schtzen berreich ist und in ihnen
lebt, zerstre ich diese, wie die Kinder, ohne sie zu verstehen, --
das heit, ich will zerstren -- das, wodurch ich lebe. Sobald jedoch
eine ernste Minute des Lebens naht, gehe ich, wie die Kinder, wenn
sie frieren oder hungrig sind, zu Ihm, und fhle noch weniger als
Kinder, welche die Mutter wegen kindischer Streiche schilt, da meine
kindlichen Versuche, ber die man genugsam schelten knnte, mir nicht
angerechnet werden. Also das, was ich wei, wei ich nicht infolge
des Verstandes, sondern es ist mir gegeben, mir geoffenbart, und ich
wei es durch mein Herz, meinen Glauben an das Hchste, was die Kirche
bekennt.

Die Kirche? Die Kirche? wiederholte Lewin, sich auf die andere Seite
legend und schaute, auf den Ellbogen gesttzt, in die Ferne nach einer
jenseits zum Flusse gehenden Herde. Kann ich dann aber an alles
glauben, was die Kirche lehrt? dachte er, sich prfend und alles das
berdenkend, was seine jetzige Ruhe stren konnte. Absichtlich begann
er, sich diejenigen Lehren der Kirche zu vergegenwrtigen, die ihm vor
allen anderen stets befremdlich gewesen waren und ihn verleitet hatten.

Die Schpfung? Womit habe ich denn das Sein erklrt? Mit dem Sein?
Mit dem Nichts? -- Teufel und Snde! -- Womit erklre ich das Bse? --
Was ist der Erlser? -- Ich wei eben nichts, nichts, und kann nichts
wissen, als nur das, was mir und allen anderen gesagt worden ist. --

Und jetzt schien es ihm, als gbe es kein einziges unter den
Bekenntnissen der Kirche, welches die Hauptsache, den Glauben an Gott,
an das Gute, als die einzige Bestimmung des Menschen strzte. Fr jedes
Bekenntnis der Kirche konnte das Bekenntnis zum Dienst in der Wahrheit
anstatt in den Lsten eingesetzt werden. Und jedes derselben warf dies
nicht nur nicht um, sondern war vielmehr erforderlich dazu, da sich
jenes hchste, bestndig auf Erden erscheinende Wunder auch vollzog,
welches darin bestand, da es jedem mglich werde, gemeinsam mit
Millionen verschiedenartigster Menschen, mit Weisen und Narren, Kindern
und Greisen -- mit allen, mit den Bauern und mit Lwoff, mit Kity, und
mit Bettlern oder Knigen untrglich ein und dasselbe zu erkennen, und
das Leben der Seele hinzuzustellen, fr welches allein es schon der
Mhe wert war zu leben, und das allein wir schtzen.

Auf dem Rcken liegend, sah er jetzt in den hohen, wolkenlosen Himmel
hinein.

Wei ich denn nicht, da dies ein endloser Raum ist, und kein rundes
Gewlbe? Aber wie ich auch den Blick anstrengen mag, ich kann ihn nicht
anders erblicken als rund und unbegrenzt und ungeachtet meiner Kenntnis
seiner unbegrenzten Weite habe ich unzweifelhaft recht. Wenn ich das
feste blaue Gewlbe ansehe, handle ich richtiger, als wenn ich mich
anstrenge, weiter zu blicken.

Lewin hrte schon auf zu denken, gleich als ob er geheimnisvollen
Stimmen lauschte, die sich freudig und sorglich unterhielten.

Sollte dies etwa der Glaube sein? dachte er, sich scheuend,
seinem Glck zu trauen. Mein Gott, ich danke dir! sprach er, ein
aufsteigendes Schluchzen hinunterschluckend und sich mit beiden Hnden
die Thrnen abwischend, von denen seine Augen voll standen.


                                  14.

Lewin schaute vor sich hin und sah die Herde, dann erblickte er seinen
Wagen mit dem Braunen bespannt, und den Kutscher, welcher zur Herde
heranfahrend, mit dem Hirten sprach. Hierauf vernahm er, bereits in
seiner Nhe, das Gerusch von Rdern und das Schnauben eines satten
Pferdes, doch war er so versunken in seinen Gedanken, da er gar nicht
daran dachte, weshalb der Kutscher zu ihm gefahren komme.

Es fiel ihm das erst ein, als ihm dieser, bereits ganz nahe bei ihm,
zurief:

Die Herrin schickt mich. Der Bruder und noch ein Herr sind angekommen.

Lewin setzte sich auf den Wagen und ergriff die Zgel. Wie aus dem
Schlaf erwacht, konnte er lange Zeit nicht zur klaren Besinnung kommen.
Er betrachtete das satte Pferd, blickte den Kutscher Iwan an, der neben
ihm sa und besann sich nun, da er den Bruder ja erwartete, da seine
Frau wahrscheinlich ber sein langes Ausbleiben besorgt sein werde;
und er bemhte sich nun, zu raten, wer der Gast sein knne, der mit
dem Bruder gekommen war. Sowohl dieser, wie sein eigenes Weib und der
unbekannte Besuch erschienen ihm jetzt anders, als vorher. Ihm schien,
als ob jetzt seine Beziehungen zu allen Menschen schon andere werden
wollten.

Dem Bruder gegenber wird jetzt nicht mehr die Rede von jener
Entfremdung sein, die stets zwischen uns herrschte, es sollten keine
Streitigkeiten mehr herrschen; auch mit Kity sollte es nie mehr Zwist
geben und mit dem Gaste, wer es auch sein mag, werde ich freundlich und
gut sein; auch mit den Leuten, mit Iwan -- alles wird anders werden.

Straff das vor Ungeduld schnaubende, eine schnellere Gangart
anstrebende, gute Pferd haltend, schaute Lewin den neben ihm sitzenden
Iwan an, der nicht wute, was er mit seinen zur Unthtigkeit
verurteilten Hnden machen sollte, und bestndig sein aufgeblhtes Hemd
andrckte und suchte nach einem Thema, um ein Gesprch mit diesem zu
beginnen.

Er wollte sagen, da Iwan berflssigerweise den Sattelriemen zu hoch
gezogen habe, doch dies wre einem Vorwurf hnlich gewesen und er
wollte jetzt nur freundliche Gesprche fhren. Etwas anderes kam ihm
nicht in den Kopf.

Nehmt doch, bitte rechts, sonst wird der Baumstamm da -- sagte der
Kutscher, Lewins Zgel dirigierend.

La das geflligst und belehre mich nicht! antwortete Lewin,
ungehalten ber diese Einmischung des Kutschers.

So wie immer, machte ihn auch jetzt eine Einmischung verstimmt, und er
fhlte sogleich voll Schmerz, wie irrig seine Vermutung gewesen war,
da seine Seelenstimmung ihn sogleich bis zu einer Anpassung an die
Wirklichkeit htte wandeln knnen.

Als er sich seinem Hause bis auf eine viertel Werst genhert hatte,
erblickte er Grischa und Tanja, die ihm entgegeneilten.

Onkel Konstantin! Mama kommt auch, und der Onkel, und Sergey
Iwanowitsch und noch jemand, sagten sie auf den Wagen kletternd.

Wer denn?

Auerordentlich seltsam! Er macht es mit den Hnden immer so, sagte
Tanja, sich im Wagen erhebend und Katawasoff nachahmend.

Ist er alt oder jung? frug Lewin lachend, die Vorstellung Tanjas
hatte ihn an jemand erinnert. O, wenn es nur kein unangenehmer Mensch
ist! dachte er.

Kaum um die Biegung des Weges herum, gewahrte Lewin die
Entgegenkommenden, und erkannte Katawasoff im Strohhut, wie er im Gehen
mit den Armen schwenkte, so wie es Tanja vorgemacht hatte.

Katawasoff sprach sehr gern ber Philosophie, obwohl er von ihr nur
einen Begriff aus den Naturwissenschaften besa, und sich sonst nie
damit beschftigt hatte. In Moskau hatte Lewin in letzter Zeit viel mit
ihm disputiert. Eines jener Gesprche, in welchem Katawasoff jedenfalls
gehofft hatte Sieger zu bleiben, fiel Lewin sofort wieder ein, nachdem
er Katawasoff erkannt hatte.

Nein; streiten und in unberlegter Weise meine Ideen uern werde ich
um keinen Preis, dachte er.

Aus dem Wagen steigend und den Bruder nebst Katawasoff begrend, frug
Lewin dann nach seiner Frau.

Sie hat Mitja in das Wldchen beim Hause getragen. Sie wollte es
dorthin bringen, denn im Hause ist es zu warm, berichtete Dolly. Lewin
hatte seiner Gattin stets davon abgeraten, das Kind in den Wald zu
tragen, da er dies fr gefhrlich befand, und die Nachricht war ihm
daher unangenehm.

Sie schleppt sich mit ihm von Ort zu Ort, sagte der Frst lchelnd.
Ich habe ihr geraten, es in den Eiskeller zu bringen.

Sie wollte nach dem Bienengarten gehen, da sie dachte, du wrdest dort
sein. Wir gehen soeben hin, sagte Dolly.

Nun, was machst du denn? sagte Sergey Iwanowitsch, von den anderen
weggehend und sich zu dem Bruder gesellend.

Nichts Besonderes. Wie immer, beschftige ich mich mit der konomie,
antwortete Lewin. Und du? Bleibst du lange hier? Wir haben dich so
lange erwartet.

Bei diesen Worten begegneten sich die Augen der Brder und Lewin
fhlte, trotz des steten und jetzt bei ihm besonders lebhaft gewordenen
Wunsches, in freundschaftliche und hauptschlich klare Beziehungen
zu seinem Bruder zu treten, da es ihm peinlich war, denselben
anzublicken. Er schlug die Augen nieder und wute nicht, was er sagen
sollte.

Indem er die Themen durchging, welche Sergey Iwanowitsch willkommen
sein und ihn von dem Gesprch ber den serbischen Krieg und die
slawische Frage ablenken konnten, auf die er schon mit einem Hinweis
auf seine Geschfte in Moskau hingewiesen hatte, begann Lewin von dem
Buche Sergey Iwanowitschs zu sprechen.

Nun, sind denn Recensionen ber dein Buch erschienen? frug er.

Sergey Iwanowitsch lchelte ber das Vorbedachte in der Frage.

Es hat sich niemand darum gekmmert; ich am allerwenigsten, sagte er.
Pat auf, Darja Aleksandrowna, es wird Regen geben, fgte er hinzu,
mit dem Schirme auf die ber den Wipfeln der Espen erscheinenden weien
Wolken deutend.

Es waren genug Worte gefallen, die, wenn nicht eine feindselige, so
doch khle Beziehung zwischen beiden, wie sie Lewin so gern vermieden
htte, wiederum zwischen den Brdern eintreten lassen konnten.

Lewin ging zu Katawasoff.

Wie gut Ihr daran thatet, Euch zu einem Besuch bei uns zu
entschlieen, sagte er zu ihm.

Ich war schon lange dazu im Begriff gewesen. Nun knnen wir
disputieren. Lat doch sehen. Habt Ihr Spencer gelesen?

Nun, nicht ganz, versetzte Lewin, ich brauche ihn brigens jetzt
nicht.

Was heit das? Er ist doch so interessant. Warum denn nicht?

Ich habe mich endgltig berzeugt, da ich die Lsungen der Fragen,
welche mich beschftigen, nicht in ihm und seinesgleichen finde.
Jetzt --

Der ruhige, heitere Gesichtsausdruck Katawasoffs berraschte ihn
pltzlich, und um seine Stimmung, die er offenbar mit diesem Gesprch
fahren lassen mute, war es ihm nun so leid, da er in der Erinnerung
an seinen Vorsatz, innehielt.

Sprechen wir brigens spter davon, fgte er hinzu. Wenn wir nach
dem Bienengarten wollen, so mssen wir hierhin, auf diesem Fuweg,
wandte er sich an die Gesellschaft.

Als man auf dem engen Fuwege bis zu einer ungemhten Wiese gekommen
war, auf welcher auf der einen Seite dichter heller Kuhweizen stand,
whrend sich in der Mitte viele dunkelgrne hohe Bsche von Niewurz
befanden, lie Lewin seine Gste in dem tiefen khlen Schatten der
jungen Espen auf einer Bank und auf Holzkltzen, die fr die Besucher
des Bienengartens, welche sich vor den Bienen frchteten, eigens
vorgerichtet waren, niedersetzen, und begab sich selbst zu einem
Verhau, um den Kindern und Erwachsenen Brot, Gurken und frischen Honig
zu holen.

Im Bemhen, sich mglichst ruhig zu bewegen, und den immer hufiger und
hufiger an ihm vorberfliegenden Bienen lauschend, ging er auf dem
Fuweg bis zur Htte. Dicht vor dem Flur summte eine Biene auf, die
sich in seinem Barte verwickelt hatte, doch er befreite sie behutsam.

Nachdem er in den schattigen Flur getreten war, nahm er von der Wand
sein dort an einem Pflock aufgehngtes Netz herab und ging, sobald
er es angelegt und die Hnde in die Taschen gesteckt hatte, in den
umzunten Bienengarten, in welchem in regelmig angelegten Reihen,
mit Bast an Pfhle festgebunden, inmitten eines glattgemhten Platzes
die smtlichen, ihm so wohlbekannten Bienenkrbe standen -- die jeder
seine eigene Geschichte hatten -- an den Seiten des Zaunes aber
befanden sich die jungen, welche erst im laufenden Jahre eingesetzt
worden waren. Vor den Fluglchern der Bienenstcke flimmerten in den
Augen die kreisenden und sich auf einem Punkte zusammendrngenden
Bienen und Drohnen und unter ihnen, immer in der nmlichen Richtung
zum Wald hinber nach einer blhenden Linde, und zu den Stcken
zurck flogen die Arbeitsbienen mit ihrer Ladung oder nach derselben.
Man hatte nur das unausgesetzte wechselnde Summen der in Thtigkeit
begriffenen, eilig dahinfliegenden Arbeitsbiene, oder der blasenden,
migen Drohne im Ohr, oder das von Erschreckten, die ihre Beute vor
einem Feinde in Sicherheit brachten und im Begriff waren, nun bei
den Wachen des Stockes Beschwerde zu fhren. Jenseits der Umzunung
hobelte ein alter Mann, der Lewin nicht bemerkt. Dieser blieb in der
Mitte des Bienengartens stehen, ohne jenen anzurufen. Er freute sich
ber die Gelegenheit, wieder allein zu sein, sich von der Wirklichkeit
wieder erholen zu knnen, welche ihm bereits seine Stimmung wieder
herabgemindert hatte.

Er erinnerte sich, da er schon auf Iwan ungehalten gewesen war, seinem
Bruder Klte gezeigt und mit Katawasoff oberflchlich zu sprechen
angefangen hatte.

Sollte das doch nur eine zeitweilige Stimmung gewesen sein, welche
vorbergeht, ohne eine Spur zu hinterlassen? dachte er.

Doch im nmlichen Augenblick, indem er sich seiner Stimmung zuwandte,
empfand er voll Freude, da etwas Neues und Bedeutsames in ihm vorging.
Die Wirklichkeit hatte nur fr einige Zeit jene seelische Ruhe
berdeckt, die er gefunden hatte, diese aber war noch unversehrt in ihm.

Gleichwie die Bienen, welche ihn jetzt umschwirrten, ihm drohten und
ihn weglockten, ihn seiner vollen physischen Ruhe beraubten, ihn
zwangen, sich zu krmmen und ihnen auszuweichen, so hatten ihn die
Sorgen, seit dem Augenblick an ihn herangetreten, da er sich in den
Wagen gesetzt hatte, seiner geistigen Freiheit beraubt; aber dies
whrte nur so lange, bis er mitten unter ihnen war.

Wie seine krperliche Kraft unversehrt in ihm lebte, so war auch die
Kraft seines Geistes, deren er sich aufs neue bewut geworden war, noch
unversehrt in ihm.


                                  15.

Weit du, Konstantin, mit wem Sergey Iwanowitsch hierher gefahren
ist? frug Dolly, unter ihre Kinder Gurken und Honig verteilend, mit
Wronskiy! Er geht nach Serbien!

Und nicht etwa nur allein; er fhrt eine Eskadron auf seine eigenen
Kosten mit! sagte Katawasoff.

Das sieht ihm hnlich, sagte Lewin. Ziehen denn noch immer
Freiwillige hinaus? fgte er mit einem Blick auf Sergey Iwanowitsch
hinzu.

Dieser nahm, ohne zu antworten, behutsam aus der Tasse, auf welcher
eine weie Honigscheibe lag, mit dem Taschenmesser eine noch lebende,
in dem flssigen Honig klebende Biene heraus.

Und wie viel! Ihr httet sehen mssen, was gestern noch auf der
Station vorging! sagte Katawasoff, vernehmlich in die Gurke beiend.

Wie soll ich das verstehen? Erklrt mir doch um Gottes willen Sergey
Iwanowitsch, wohin alle diese Freiwilligen fahren, und gegen wen sie
kmpfen? frug der alte Frst, ein Gesprch fortsetzend, das wohl in
Lewins Abwesenheit begonnen worden war.

Gegen die Trken, antwortete Sergey Iwanowitsch mit ruhigem Lcheln,
die sich mit ihren Beinchen hilflos bewegende Biene befreiend, die von
dem Honig schwarz geworden war, und sie von dem Messer auf ein starkes
Espenblatt setzend.

Und wer hat den Trken den Krieg erklrt? Iwan Iwanitsch Ragozoff, die
Grfin Lydia Iwanowna und Madame Stahl!

Niemand hat den Krieg erklrt, die Leute fhlen nur Mitleid mit ihren
Nchsten und wollen ihnen helfen, sagte Sergey Iwanowitsch.

Aber der Frst spricht nicht von der Hilfe, sagte Lewin, fr seinen
Schwiegervater eintretend, sondern von dem Kriege. Der Frst sagt, da
Privatleute keinen Teil an einem Kriege haben knnen, wenn nicht die
Regierung eine Entscheidung darber gegeben hat.

Konstantin, sieh, da ist eine Biene! Wahrhaftig sie werden uns noch
stechen! sagte Dolly, eine Wespe abwehrend.

Das ist keine Biene, es ist eine Wespe, sagte Lewin.

Nun also, wie steht es mit Eurer Theorie? sagte Katawasoff lchelnd
zu Lewin, diesen offenbar zum Disput auffordernd. Weshalb haben
Privatleute kein Recht?

Meine Theorie ist die: Ein Krieg ist einerseits ein solches Ungeheuer,
etwas so Hartes, Furchtbares, da kein Mensch -- ich sage noch
gar nicht Christ -- auf seine persnliche Verantwortung hin seine
Anstiftung bernehmen kann. Dies kann nur eine Regierung, welche dazu
berufen ist und zu einem unvermeidlichen Kriege gedrngt wird. Dann
aber verzichten ja auch sowohl nach der sachwissenschaftlichen Seite,
wie nach dem gesunden Menschenverstand die Brger in Regierungssachen,
insbesondere in Kriegsfragen, auf ihren persnlichen Willen.

Sergey Iwanowitsch und Katawasoff ergriffen mit ihren schon
bereitgehaltenen Erwiderungen gleichzeitig das Wort.

Darin liegt aber ja eben der Schwerpunkt, da es Flle geben kann, in
denen die Regierung den Willen der Brger nicht erfllt; dann zeigt die
Gesellschaft den ihren, sagte Katawasoff.

Sergey Iwanowitsch stimmte indessen diesem Einwand augenscheinlich
nicht zu. Er zog die Stirn bei den Worten Katawasoffs und sagte etwas
Anderes.

Du stellst so die Frage unntz auf. Es handelt sich hier nicht um
eine Kriegserklrung, sondern einfach um den Ausdruck des humanen
christlichen Gefhls. Man mordet unsere Stammesbrder, die mit uns
des nmlichen Blutes und Glaubens sind. Nun, nehmen wir an, sie wren
selbst nicht unsere Mitbrder, nicht unsere Glaubensgenossen, sondern
einfach Kinder, Weiber, Greise. Da emprt sich doch das Gefhl, und
die Russen eilen zu Hilfe, um diese Schrecken zu verkrzen. Stelle
dir vor, du gingest auf der Strae und shest, da Trunkene ein Weib
schlgen oder ein Kind. Ich denke, da wrdest du wohl nicht erst
fragen, ob hier jenen Menschen der Krieg erklrt worden sei oder nicht,
sondern darauf zueilen und den Beleidigten verteidigen.

Aber den Gegner nicht tten, sagte Lewin.

Doch, du wrdest ihn tten.

Ich wei nicht. Wenn ich dergleichen she, wrde ich mich meinem
unmittelbaren Gefhl hingeben, im voraus aber kann ich nichts sagen.
Ein solches unmittelbares Gefhl fr die Unterdrckung der Sdslaven
ist aber nicht vorhanden, kann es auch gar nicht sein.

Doch wohl nur fr dich nicht! Fr die anderen ist es vorhanden, sagte
Sergey Iwanowitsch mivergngt die Stirne runzelnd. Im Volke sind
die berlieferungen ber Rechtglubige lebendig, die unter dem Joch
der Gottlosigkeit litten. Das Volk hat von den Leiden der Mitbrder
vernommen und gesprochen.

Kann sein, sagte Lewin nachgiebig, aber ich sehe das nicht ein; ich
bin selbst Volk und fhle dies doch nicht.

Ich auch nicht, sagte der Frst. Ich habe im Auslande gelebt, die
Zeitungen gelesen und -- ich gestehe es -- selbst was die bulgarischen
Schrecken anbetrifft -- niemals recht begreifen knnen, weshalb
pltzlich alle Russen ihre slavischen Brder so zu lieben anfingen,
whrend ich nicht die geringste Liebe fr sie versprte. Ich rgerte
mich darber sehr, dachte, ich sei ein Ungeheuer, oder Karlsbad htte
auf mich so eingewirkt, aber nachdem ich hierher gekommen, war ich
beruhigt. Ich sehe, da es auch auer mir noch Leute giebt, die nur fr
Ruland Interesse haben, und nicht fr die slavischen Brder -- Leute,
wie Konstantin. --

Persnliche Meinungen bedeuten hier nichts, sagte Sergey Iwanowitsch,
es kommt nicht auf persnliche Meinungen an, wenn ganz Ruland -- das
Volk -- seinen Willen geuert hat.

Bitte recht sehr, aber das sehe ich nicht. Das Volk wei was rechtes,
sagte der Frst.

O Papa, warum das? Kommst du Sonntag mit in die Kirche? frug Dolly,
die dem Gesprch zuhrte. Gieb mir doch das Handtuch, wandte sie
sich zu dem alten Herrn, der lchelnd auf ihre Kinder blickte. Es kann
doch nicht sein, da alle --

Was willst du denn am Sonntag in der Kirche? Man hatte den Geistlichen
ersucht, eine Messe zu lesen. Er las sie. Die Leute aber haben nichts
verstanden, sie seufzten, wie bei jeder Beichte, fuhr der Frst fort.
Dann sagte man ihnen, da man fr den heiligen Zweck in der Kirche
sammle. Nun, da holten sie denn ihre Kopeke hervor und gaben sie, wozu
aber, das haben sie nicht gewut.

Das Volk mu es wissen. Das Bewutsein seines Geschickes lebt stets
in einem Volke, und in Minuten, wie es die jetzigen sind, wird ihm
dasselbe klar, sagte Sergey Iwanowitsch voll berzeugung, nach dem
alten Bienenzchter schauend.

Ein schner Greis, mit schwarzem, graumeliertem Bart und dichtem,
silbernem Lockenhaar, stand dieser unbeweglich, eine Schale mit Honig
haltend, freundlich und ruhig da, aus seiner vollen Gre auf die
Herren herniederblickend, offenbar ohne Etwas zu verstehen, noch mit
dem Wunsche darnach.

So ist es, sagte er, ausdrucksvoll den Kopf schttelnd, zu den Worten
Sergey Iwanowitschs.

Ja, fragt ihn nur! Er wei nichts und denkt nicht, sagte Lewin.
Du hrst wohl, Michailitsch, wir sprechen von dem Krieg? wandte er
sich an diesen. Ihr habt das ja in der Kirche gelesen. Wie denkst du
darber? Mssen wir fr die Christen kmpfen?

Was haben wir dabei mit zu denken? Aleksander Nikolajewitsch der
Kaiser denkt fr uns, er denkt fr uns in allen Dingen. Ihm ist alles
klarer. Soll ich nicht noch ein Stck Brot holen? wandte er sich an
Darja Aleksandrowna, auf Grischa weisend, der soeben mit seiner Rinde
fertig geworden war.

Ich brauche eigentlich gar nicht zu fragen, sagte Sergey Iwanowitsch,
wir haben hunderte und aber hunderte von Menschen gesehen und sehen
sie noch, die alles verlassen, um einer guten Sache zu dienen. Von
allen Enden Rulands kommen sie herbei, und uern offen und klar ihre
Gedanken und Absichten. Sie bringen ihr Erspartes mit oder kommen
selbst und sagen rckhaltlos, warum. Was bedeutet dies nun?

Es bedeutet, nach meiner Meinung, sagte Lewin, der warm zu werden
begann, da sich in einem Volke von achtzig Millionen immer nicht nur
Hunderte, wie jetzt, sondern Tausende von Menschen finden werden, die
ihre gesellschaftliche Stellung eingebt haben, von Miggngern, die
stets bereit sind, zur Bande Pugatscheffs, nach Khiwa oder nach Serbien
zu gehen.

Ich sage dir aber, da es nicht Hunderte und keine Miggnger,
sondern die besten Reprsentanten des Volkes sind, sagte Sergey
Iwanowitsch mit einer Gereiztheit, als verteidige er seine eigene
Wrde. Und die Opfer? Hier drckt doch das ganze Volk seinen Willen
aus!

Das Wort >Volk< ist so unbestimmt, sagte Lewin. Die
Bezirksschreiber, Lehrer, und von den Bauern je der Tausendste wissen
wohl, worum es sich handelt. Die brigen achtzig Millionen, drcken
nicht nur, wie Michailoff, ihren Willen gar nicht aus, nein, sie haben
nicht einmal auch nur den geringsten Begriff davon, worber sie ihren
Willen uern sollten. Welches Recht haben wir nun da, von einem
Volkswillen zu sprechen?


                                  16.

Sergey Iwanowitsch, in der Dialektik bewandert, leitete, ohne hierauf
etwas einzuwenden, das Gesprch sogleich auf ein anderes Gebiet.

Wenn du den Volksgeist auf arithmetischem Wege erkennen willst, dann
ist dies natrlich sehr schwer zu erreichen. Eine Abstimmung ist bei
uns nicht eingefhrt, und kann auch nicht eingefhrt werden, weil sie
den Willen des Volkes nicht ausdrckt; doch dafr giebt es andere
Wege. Das liegt in der Luft und wird im Herzen empfunden. Ich spreche
nicht mehr von jenen tieferen Strmungen, welche im stehenden Meere
des Volkes sich bewegen und fr jeden nicht von Vorurteilen befangenen
Menschen klar sind. Man schaut nur die Gesellschaft im engsten Sinne
des Wortes an. Alle die verschiedenartigsten Teile in der Welt der
Intelligenz die sich vorher feindlich gegenberstanden, flieen hier
in Eins zusammen. Jeder Unterschied hrt auf, alle gesellschaftlichen
Organe sagen ein und dasselbe, alle empfinden eine elementare Kraft,
die sie ergriffen hat und nun in einer bestimmten Richtung trgt.

Die Zeitungen sagen allerdings ein und dasselbe, meinte der Frst.
Es ist damit ganz ebenso, wie bei den Frschen vor einem Gewitter. Von
ihrem Geschrei hrt man nichts weiter.

Frsche hin, Frsche her; ich gebe keine Zeitungen heraus und will
sie auch nicht vertreten, sondern spreche nur von der Einmtigkeit im
Denken in der Welt der Intelligenz, sagte Sergey Iwanowitsch, sich zu
seinem Bruder wendend.

Lewin wollte antworten, doch der alte Frst fiel ihm ins Wort.

ber diese Einmtigkeit lt sich auch noch etwas Anderes sagen,
begann er, da habe ich einen Schwiegersohn, Stefan Arkadjewitsch, Ihr
kennt ihn ja. Er hat jetzt ein Amt als Mitglied einer Komiteekommission
und noch etwas, ich wei nicht mehr genau. Aber er hat da gar nichts
zu thun -- nicht so Dolly, es ist ja kein Geheimnis! -- und bezieht
doch achttausend Rubel Gehalt. Probiert nun und fragt ihn einmal, ob
ihm dieses Amt etwas ntzt; er wird Euch beweisen, da es eines der
notwendigsten ist. So rechtschaffen er auch sein mag, an einen Nutzen
dieser achttausend Rubel wird er mich nicht glauben machen.

Ja, er hat mich gebeten, Darja Aleksandrowna von der Erlangung des
Amtes Mitteilung zu machen, sagte Sergey Iwanowitsch mivergngt, in
der Meinung, der Frst spreche nicht zur Sache.

So ist es auch mit der Harmonie in der Presse. Man hat mir erklrt,
so bald es Krieg giebt, giebt es verdoppelte Einnahmen. Warum sollen
sie da nicht denken, da die Geschicke des Volkes und der slavischen
Brder --

Ich liebe viele Zeitungen nicht, doch ist das ungerecht, sagte Sergey
Iwanowitsch.

Ich wrde nur eine Bedingung stellen, fuhr der Frst fort. Alphonse
Karr schrieb dies recht gut vor dem Kriege mit Preuen. >Ihr meint
doch, da der Krieg notwendig ist! Schn! -- Einer erklrt ihn denn
auch, und in der Avantgarde geht es zum Sturm, zur Attacke, allen
voran!< --

Die Redakteure werden sich am besten dabei stehen! lachte Katawasoff
laut, sich seine Bekannten unter den Redakteuren vorstellend, wie sie
in der Legion der Auserwhlten stnden.

Nun, sie werden hchstens davonlaufen, sagte Dolly, sie knnen doch
nur hinderlich sein.

Wenn sie fliehen, so mu man mit Karttschen dahinterherfeuern oder
Kosaken mit Knuten hinstellen, sagte der Frst.

Das ist ein Scherz aber kein guter, nehmt es mir nicht bel, Frst,
sagte Sergey Iwanowitsch.

Ich sehe nicht ein, da es sich hier um Scherz handelte, da߫ --
begann Lewin, doch Sergey Iwanowitsch unterbrach ihn.

Jedes Mitglied der Gesellschaft ist berufen, die ihm gehrige
Aufgabe zu vollfhren, sagte er. Die Mnner des Geistes erfllen
ihre Aufgabe, indem sie die ffentliche Meinung wiederspiegeln. Der
einmtige und vollstndige Ausdruck der ffentlichen Meinung ist der
Dienst der Presse, und er ist auch eine sehr erfreuliche Erscheinung.
Vor zwanzig Jahren htten wir noch geschwiegen, jetzt aber wird
die Stimme des russischen Volkes gehrt, welches bereit ist, sich
zu erheben, wie ein Mann, bereit, sich selbst zu opfern fr die
unterdrckten Mitbrder. Dies ist ein groer Fortschritt, ein Gewinn an
Kraft.

Aber man will doch nicht nur opfern, sondern vielmehr den Trken
schlagen, bemerkte Lewin schchtern. Das Volk opfert und ist bereit,
fr seine Seele zu opfern, nicht aber fr den Mord, fgte er hinzu,
das Thema unwillkrlich mit den Gedanken verbindend, die ihn so sehr
beschftigten.

Wie, fr die Seele? Dies ist fr den Naturforscher bekanntlich ein
sehr schwieriger Ausdruck. Was ist denn Seele? lchelte Katawasoff.

O, Ihr wit es schon!

Bei Gott, ich habe nicht die geringste Ahnung davon! antwortete
Katawasoff mit lautem Lachen.

-- Ich bin nicht die Welt, aber ich habe ein Schwert gebracht, spricht
Christus -- entgegnete Sergey Iwanowitsch, einfach, als handle es sich
um die leichtverstndlichste Sache, und brachte damit jene Stelle aus
dem Evangelium bei, die Lewin stets vor allem in Verwirrung gesetzt
hatte.

So ist es, wiederholte jetzt der Alte, der bei ihnen stand, indem er
auf einen zufllig auf ihn gerichteten Blick antwortete.

Ja, ja, Batjuschka, wir sind geschlagen, vollstndig geschlagen! rief
Katawasoff heiter.

Lewin errtete vor Verdru, nicht deshalb, weil er geschlagen sein
sollte, sondern weil er nicht mehr an sich halten konnte, und wollte in
den Wortstreit eintreten.

Doch nein, dachte er dann, ich mag nicht mit ihnen streiten, sie
tragen einen undurchdringlichen Panzer, whrend ich nackt bin.

Er sah, da er seinen Bruder und Katawasoff nicht berzeugen knne,
und da nun noch weniger eine Mglichkeit, mit ihnen seinerseits
bereinzukommen vorhanden sei. Das, was sie predigten, war aber jener
geistige Hochmut, der ihn beinahe vernichtet htte. Er konnte sich
nicht damit einverstanden erklren, da eine Handvoll Menschen, unter
ihnen sein Bruder, das Recht haben sollten, auf Grund dessen, was ihnen
die hunderte der durch die Hauptstdte reisenden Freiwilligen erzhlt
hatten, zu sagen, sie und die Presse drckten die Meinung des Volkes
aus, und noch dazu eine Meinung, die in Vergeltung und Mord ihren
Ausdruck fand.

Er konnte damit nicht bereinkommen, weil er gar keinen Ausdruck dieser
Gedanken in dem Volke, in dessen Mitte er lebte, bemerkt, dieselben
auch in sich selbst nicht gefunden hatte, und er konnte sich nicht fr
etwas Anderes halten, als fr einen von jenen Menschen, aus denen das
russische Volk besteht, hauptschlich aber konnte er deshalb nicht
zustimmen, weil er gleich dem Volke, weder wute noch erfahren konnte,
worin das allgemeine Wohl bestehe, whrend er genau wute, da die
Erreichung dieses allgemeinen Wohles nur bei strenger Erfllung jenes
Gesetzes des Guten mglich sei, das jedem Menschen geoffenbart ist
und er schon deshalb einen Krieg nicht wnschen, oder fr allgemeine
Zwecke irgend welcher Art eintreten knne. Er sprach im Einklang mit
Michailowitsch und dem Volke, das seine Meinungen in der berlieferung
von der Herbeirufung der Warjger ausdrckte:

Herrscht ber uns, wir versprechen Euch freudig volle Ergebenheit.
Alle Arbeit, alle Erniedrigung, alle Opfer nehmen wir auf uns, und wir
wollen nicht selber richten und schlichten.

Jetzt aber hatte nach den Worten des Sergey Iwanowitsch das Volk auf
dieses so teuer erkaufte Recht verzichtet.

Er wollte noch sagen, da wenn die ffentliche Meinung ein unfehlbarer
Richter wre, die Revolution und die Kommune doch ebenso gesetzmig
sein mte, wie diese Bewegung zu Gunsten der Slaven.

Dies alles aber waren nur Gedanken, die nichts entscheiden konnten.
Eines allein war unzweifelhaft zu sehr erkennbar: der Streit hatte
Sergey Iwanowitsch jetzt gereizt, und es war deswegen nicht gut mit
demselben zu disputieren. Lewin schwieg daher, und widmete seine
Aufmerksamkeit nun den Gsten, da Wolken heraufgezogen kamen und man
wohl daran that, nach Hause zu gehen, bevor es zu regnen begann.


                                  17.

Der Frst und Sergey Iwanowitsch setzten sich in den Wagen und fuhren;
die brige Gesellschaft ging langsam zu Fu nach Haus.

Die Wolke kam indessen, bald wei, bald schwarz, so schnell herauf, da
man den Schritt verdoppeln mute, um noch vor dem Regen heim zu sein.

Die vorauseilenden Wolken, niedrighngend und dunkel, wie Rauch mit
Ru, kamen mit ungewhnlicher Schnelligkeit am Himmel herauf. Bis nach
dem Hause waren noch zweihundert Schritt und schon erhob sich der Wind.
Jede Sekunde mute man den Regen erwarten.

Die Kinder eilten mit erschrecktem und lustigem Geschrei voraus. Darja
Aleksandrowna, die mhsam mit ihren Rcken kmpfte, welche sich um ihre
Beine schlugen, ging schon nicht mehr, sondern lief, die Kinder nicht
aus den Augen lassend. Die Mnner gingen, ihre Hte haltend, mit groen
Schritten dahin, und waren gerade vor der Freitreppe, als ein groer
Tropfen fiel und auf dem Rand der eisernen Rinne aufschlug. Die Kinder
und hinter ihnen die Erwachsenen eilten in lustigem Gesprch unter das
schtzende Dach.

Wo ist Katharina Aleksandrowna? frug Lewin die ihnen im Vorzimmer
begegnende Michailowna, welche die Tcher und Plaids trug.

Wir dachten, sie kme mit Euch, sagte sie.

Und Mitja?

Ist wohl im Wldchen, die Kinderfrau wird bei ihm sein.

Lewin ergriff sein Plaid und eilte nach dem Wldchen.

Whrend der kurzen Zwischenzeit hatte sich die Wolke schon so weit
heraufbewegt, da sie mit ihrem Mittelpunkt die Sonne deckte, und es so
dunkel geworden war wie bei einer Sonnenfinsternis.

Der Wind blies hartnckig, als bestehe er auf seinem Rechte, und
erschwerte Lewin das Gehen; er ri Bltter und Blten von den Linden
ab und beugte ungeschlacht die weien ste der Birken nach einer Seite
nieder, die Akazien, die Blumen, das Gras und die Wipfel der Bume.
Mgde, die im Garten gearbeitet hatten, liefen mit Geschrei unter das
Dach des Gesindehauses. Der weie Schleier des strmenden Regens hatte
schon den ganzen, fernen Wald bedeckt und die Hlfte des Feldes, und
bewegte sich schnell auf das Wldchen zu. Die Feuchtigkeit des Regens,
der in feine Trpfchen zersprhte, war in der Luft zu spren.

Den Kopf nach vorn niedergebeugt und mit dem Winde kmpfend, der ihm
das Tuch entri, war Lewin schon an das Wldchen gelangt; schon hatte
er etwas Weies hinter einer Eiche erblickt, als pltzlich alles in
Flammen stand, die ganze Erde aufloderte und gerade ber Lewins Kopfe
das Himmelsgewlbe krachend erbebte. Die geblendeten Augen ffnend,
erblickte Lewin durch den dichten Schleier des Regens, der ihn jetzt
vom Wldchen trennte, zunchst den grnen Wipfel der ihm bekannten
Eiche inmitten des Waldes, welcher in sonderbarer Weise seine Stellung
verndert hatte.

Sollte sie zersplittert sein? -- Lewin hatte dies noch kaum gedacht,
als pltzlich der Wipfel der Eiche mehr und mehr die Bewegung
beschleunigend, hinter den anderen Bumen verschwand. Er vernahm das
Krachen der auf die umgebenden Bume strzenden, groen Eiche.

Das Licht des Blitzes, das Hallen des Donners und die Empfindung von
einem ihn pltzlich mit Klte umgebenden Krper flossen fr Lewin in
einem einzigen Eindruck des Schreckens zusammen.

Mein Gott! Mein Gott! Wenn es nur sie nicht getroffen hat! brachte er
hervor. Obwohl er sich sogleich sagte, wie sinnlos die Bitte von ihm
war, sie mchten von der Eiche nicht getroffen worden sein, die nun
doch schon gestrzt lag, wiederholte er dieselbe nochmals, da er nichts
Besseres als so gedankenlos zu beten, zu thun wute.

An dem Platze, wo sie sich gewhnlich aufhielten, fand er sie nicht.
Sie waren am anderen Rande des Waldes unter einer alten Linde und
riefen ihn. Zwei Gestalten in dunkeln Kleidern -- sie waren vorher
hell gewesen -- standen dort, ber etwas gebeugt. Es war Kity und die
Kinderfrau. Der Regen hatte bereits aufgehrt, und es begann wieder
hell zu werden, als Lewin sie erreichte. Die Kinderfrau hatte die
Unterkleider noch trocken, Kitys Kleid aber war durch und durch na und
klebte. Obwohl kein Regen mehr fiel, verharrten sie noch immer in der
Stellung, die sie eingenommen hatten, als das Gewitter losbrach. Beide
standen mit einem grnen Sonnenschirme ber den kleinen Wagen gebeugt.

Lebt Ihr? Seid Ihr unversehrt? Gott sei gedankt! sprach er, mit dem
wassergefllten Stiefel in das Wasser tretend, welches sich noch nicht
verlaufen hatte.

Das gertete, feuchte Gesicht Kitys war ihm zugewandt und lchelte
sanft unter dem Hute hervor, der seine Faon verloren hatte.

Du mtest dir aber Vorwrfe machen! Ich begreife nicht, wie man so
unvorsichtig sein kann! sagte er rgerlich zu seinem Weibe.

Ich bin bei Gott nicht schuld. Wir wollten gerade fort, da ging es
los. Wir muten das Kind anders legen und waren kaum -- entschuldigte
sich Kity.

Mitja war unversehrt, trocken und schlief ruhig fort.

Gott sei gedankt! Ich wei nicht, was ich sagen soll.

Sie nahmen die nassen Windeln, die Kinderfrau wickelte das Kind aus
und trug es. Lewin ging neben seiner Frau; er machte sich Vorwrfe
wegen seiner Heftigkeit und drckte ihr, nur verstohlen, wegen der
Kinderfrau, die Hand.

                                  18.

Whrend des ganzen Tages empfand Lewin in den verschiedensten
Gesprchen, an denen er gleichsam nur mit der Auenseite seines
Verstandes teilnahm, mit Freude, wie voll sein Herz war.

Nach dem Regen war es zu na zum Spazierengehen geworden; dazu kam, da
auch die Gewitterwolken nicht vom Horizonte wichen, sondern donnernd
und dunkel am Rande des Himmels bald hierhin bald dorthin zogen. Die
ganze Gesellschaft verbrachte daher den Rest des Tages im Hause.

Debatten gab es nicht mehr, im Gegenteil befand sich alles nach dem
Mittagessen bei bester Laune.

Katawasoff unterhielt die Damen anfangs mit seinen originellen Spen,
die stets so gut gefielen, sobald man mit ihm bekannt wurde, sprach
aber dann, von Sergey Iwanowitsch aufgefordert, ber seine sehr
interessanten Beobachtungen des Unterschieds in den Charakteren und
selbst Physiognomien der mnnlichen und weiblichen Mcken, sowie von
deren Leben.

Sergey Iwanowitsch war gleichfalls gut aufgelegt und entwickelte, vom
Bruder veranlat, beim Thee seine Ansicht ber die Zukunft der Frage
bezglich des Ostens, so einfach und so gut, da ihm alles lauschte.

Nur Kity konnte ihn nicht zu Ende hren; man rief sie zu Mitja, der
gewaschen werden sollte.

Wenige Minuten, nachdem Kity verschwunden war, wurde Lewin zu ihr in
die Kinderstube gebeten. Seinen Thee stehen lassend, ging er, die
Unterbrechung des interessanten Gesprchs bedauernd, zugleich aber
auch besorgt ber den Grund weshalb man ihn rufe -- er wurde nur bei
wichtigen Dingen gerufen -- in die Kinderstube.

Obwohl ihn der nicht zu Ende gehrte Plan Sergey Iwanowitschs, wie
die befreite Welt der vierzig Millionen Slaven mit Ruland zusammen
eine neue historische Epoche herbeifhren msse, ein Plan, der fr
ihn als etwas vllig Neues sehr interessant war -- obwohl ihn daher
die Neugier, zugleich aber auch die Besorgnis, weshalb man ihn rufe,
qulten -- so fielen ihm doch, sobald er allein war und den Salon
hinter sich hatte, seine Gedanken vom Morgen wieder ein, und alle
die Betrachtungen ber die Bedeutung des slawischen Elements in der
Weltgeschichte erschienen ihm nun so nichtig im Vergleich zu dem, was
in seiner Seele geschah, da er augenblicklich alles dies verga und
sich wieder in die Stimmung versetzte, in der er heute Morgen gewesen.

Er rief sich jetzt nicht mehr wie frher erst seinen ganzen
Gedankengang ins Gedchtnis zurck -- das brauchte er nicht mehr --
sondern versetzte sich sofort in das Gefhl, welches ihn beherrschte,
und mit jenen Gedanken in Verbindung stand, und fand dasselbe in seiner
Seele noch weit strker und bestimmter geworden, als frher. Es ging
ihm jetzt nicht mehr so, wie bei seinen frheren knstlich ersonnenen
Beruhigungsversuchen, bei denen er seinen gesamten Gedankengang wieder
zusammenstellen mute, um ein Gefhl zu finden. Jetzt war im Gegenteil
die Empfindung der Freude und Ruhe lebendiger als vorher und sein
Denken reifte gar nicht vor seinem Fhlen.

Er schritt ber die Terrasse und schaute nach zwei Sternen, die an
dem schon dunkelnden Himmel hervortraten, und pltzlich fiel ihm ein,
ja, zum Himmel emporblickend, habe ich gegrbelt, da das Gewlbe da
oben, welches ich sehe, nicht wirklich sei, dabei aber ein Etwas nicht
mitbedacht, was ich vor mir selbst verbarg! Nun, was dort oben auch
sein mag, einen Einwand kann es nicht geben. Man mu das wohl bedenken
-- und alles klrt sich dann auf.

Schon bei seinem Eintritt in die Kinderstube fiel es ihm bei, was er
sich selbst verhehlt hatte. Es war dies: Wenn der hchste Beweis der
Gottheit in deren Offenbarung, im Wesen des Guten beruhte, weshalb
beschrnkte sich dann diese nur auf die christliche Kirche? In was fr
Beziehungen zu dieser Offenbarung standen nun die Glaubensbekenntnisse
der Buddhisten, der Mohammedaner, die doch auch an das Gute glaubten
und es thaten?

Ihm schien, da es eine Antwort auf diese Frage fr ihn gab, doch hatte
er sich diese noch nicht gegeben, da trat er schon in die Kinderstube
ein.

Kity stand mit aufgestreiften rmeln an der Wanne ber das
pltschernde Kind gebeugt und wandte, als sie die Schritte des Gatten
hrte, diesem ihr Gesicht zu. Sie rief ihn lchelnd zu sich. Mit der
einen Hand hielt sie den wohlgenhrten Kleinen, der auf dem Rcken
schwamm, unter dem Kpfchen, mit der andern drckte sie ein Schwmmchen
ber ihm aus.

Ach, sieh nur sieh, sagte sie, als ihr Mann herzutrat. Agathe
Michailowna hat Recht. Es erkennt uns schon.

Es hatte sich also darum gehandelt, da Mitja seit dem heutigen Tage
augenscheinlich schon alle die Seinen erkannte.

Kaum war Lewin an die Wanne getreten, so wurde vor ihm der Versuch
angestellt, und er gelang vollstndig. Die Kchin, die eigens dazu
herbeigerufen worden war, beugte sich ber das Kind. Das Kind machte
ein mrrisches Gesicht und bewegte ablehnend das Kpfchen. Nun beugte
sich Kity darber, da erglnzte es von einem Lcheln, stemmte sich
mit den rmchen gegen den Schwamm und stie einen so behaglichen und
eigentmlichen Laut aus, da nicht nur Kity und die Kinderfrau, sondern
auch Lewin in ungeahntes Entzcken gerieten. Man nahm das Kind auf
einem Arme aus der Wanne, splte es mit Wasser ab, wickelte es in ein
Tuch und gab es, nachdem nochmals ein durchdringender Schrei ertnt
war, der Mutter.

Ich freue mich nur, da du anfngst, es lieb zu gewinnen, sagte Kity
zu ihrem Gatten, nachdem sie sich, das Kind am Busen, ruhig auf ihren
gewohnten Platz gesetzt hatte. Ich freue mich sehr darber. Es hatte
mich auch schon recht erbittert. Du sagtest doch, da du gar nichts fr
den Kleinen fhltest.

Nun, habe ich etwa gesagt, ich fhlte nichts fr ihn? Ich habe nur
gesagt, da ich von ihm enttuscht worden wre.

Wie; von dem Kinde enttuscht?

Nicht von ihm enttuscht, wohl aber von meinem Gefhl. Ich hatte mehr
erwartet. Ich hatte erwartet, da sich, gleich einer berraschung, in
mir ein ganz neues und angenehmes Gefhl regen wrde. Und pltzlich,
anstatt dessen, fhlte ich nur Widerwillen und Mitleid --

Sie hrte ihm aufmerksam zu, whrend sie ihre Ringe wieder auf die
feinen Finger steckte, die sie vorher abgestreift hatte, um das Kind zu
baden.

Die Hauptsache dabei war doch, da es bei weitem mehr Schrecken und
Schmerz gegeben hat, als Freude. Heute, nach dem Schrecken whrend des
Gewitters habe ich erkannt, wie ich das Kind liebe.

Kity erstrahlte von einem Lcheln.

Du warst wohl sehr in Schrecken? frug sie. Ich war es auch, doch ist
mir es jetzt noch viel ngstlicher zu Mut, nachdem es vorbei ist. Ich
werde mir die Eiche besehen. O wie lieb doch Mitja ist! Das Kind ist
berhaupt den ganzen Tag so reizend gewesen, doch du bist wohl so gut,
dich mit Sergey Iwanowitsch zu beschftigen -- wenn du willst -- geh'
doch jetzt zu ihm. Es ist so wie so hier bei der Wanne stets sehr hei
und dunstig.


                                  19.

Nachdem Lewin die Kinderstube verlassen hatte und allein war, fiel ihm
sogleich jener Gedanke wieder ein, in dem ihm etwas unklar geblieben
war.

Anstatt in den Salon zu gehen, aus welchem Stimmen vernehmbar waren,
blieb er auf der Terrasse stehen und schaute, auf das Gelnder
gesttzt, zum Himmel hinauf.

Es war schon vllig dunkel geworden, doch im Sden, wohin er blickte,
waren keine Wolken sichtbar. Diese standen auf der entgegengesetzten
Seite und von dorther zuckten Blitze und war ferner Donner vernehmbar.
Lewin lauschte den taktmig von den Linden des Gartens fallenden
Regentropfen und blickte zu dem ihm so wohlbekannten Sternendreieck auf
und der mitten hindurchgehenden Milchstrae mit ihrem Schimmer. Bei
jedem Aufleuchten des Blitzes verschwanden nicht nur die Milchstrae,
sondern auch die hellen Sterne, kaum aber war der Funke erloschen, so
zeigten sie sich wieder wie von einer Hand geworfen, an ihren alten
Stellen.

Nun, was beunruhigt mich denn? sagte Lewin zu sich, schon vorher
empfindend, da die Lsung seiner Zweifel, obwohl er dieselbe noch
nicht kannte, bereits fertig in seiner Seele liege. Ja, Eines ist
die offenkundige, unzweifelhafte Offenbarung der Gottheit; das sind
die Gesetze des Guten, die der Welt als Offenbarung kund gethan sind,
die ich in mir fhle und zu deren Erkenntnis ich -- mag ich wollen
oder nicht -- mit den anderen Menschen vereinigt bin zu einer einzigen
Gesellschaft von Glubigen die man Kirche nennt. Auch die Hebrer,
Chinesen, Buddhisten -- was sind sie? legte er sich jene Frage vor,
die ihm so gefhrlich erschienen war. Sollten diese Hunderte von
Millionen Menschen jenes hchsten Gutes beraubt sein, ohne welches
das Dasein keinen Sinn hat? Er wurde nachdenklich, raffte sich aber
sogleich wieder auf, wonach frage ich denn? Ich frage nach den
Beziehungen aller der verschiedenen Glaubensrichtungen der ganzen
Menschheit zur Gottheit. Ich frage nach der allgemeinen Offenbarung
Gottes fr die ganze Welt mit all diesen Nebelflecken dort oben. Was
aber thue ich? Mir persnlich, meinem Herzen ist jene Erkenntnis
unzweifelhaft geoffenbart, die unerreichbar bleibt fr den Verstand,
whrend ich sie hartnckig durch meinen Verstand und mein Wort
ausdrcken will. Wei ich denn nicht, da die Sterne nicht wandelten?
frug er sich, nach einem hellleuchtenden Planeten aufschauend, der
bereits seine Stellung zu dem obersten Ast einer Birke verndert hatte.
Dennoch aber kann ich mir, auf die Bewegung der Sterne blickend, nicht
auch vorstellen, da die Erde sich bewegt, und ich habe doch recht mit
der Behauptung, da die Sterne wandeln. Htten denn die Astronomen
etwas erkennen und berechnen knnen, wenn sie alle die verwickelten
verschiedenartigen Bewegungen der Erde mit ins Auge gefat htten? Alle
ihre wunderbaren Schlsse ber den Abstand, das Gewicht, die Bewegungen
und Vernderungen der Himmelskrper sind nur auf der wahrnehmbaren
Bewegung der Gestirne rings um die unbewegliche Erde begrndet, auf
der nmlichen Bewegung, die jetzt vor mir liegt und so gewesen ist fr
Millionen von Menschen im Lauf von Jahrhunderten und stets sich gleich
bleiben wird, auch stets kontrolliert werden kann. Ebenso nun, wie die
Schlsse der Astronomen mig gewesen sein wrden, wren sie nicht auf
den Beobachtungen des sichtbaren Himmels mit einem Meridian und einem
Horizont begrndet, ebenso wrden auch meine Schlsse mig sein,
wren sie nicht auf dem Begriff des Guten begrndet, das fr alle
stets vorhanden war und unangetastet bleiben wird, und, mir durch das
Christentum geoffenbart, in meiner Seele stets beglaubigt werden kann.
Die Fragen nach anderen Glaubensrichtungen und deren Beziehungen zur
Gottheit habe ich weder das Recht noch das Vermgen, zu entscheiden.

Bist du nicht heimgegangen? erklang pltzlich die Stimme Kitys, die
auf demselben Wege nach dem Salon ging. Was sagst du, bist du nicht
bei Laune? sprach sie, ihm aufmerksam beim Scheine der Sterne ins
Gesicht blickend. Sie wrde dieses aber nicht genau erkannt haben, wenn
ihn nicht abermals ein Blitz, der die Sterne verdunkelte, beleuchtet
htte. Bei dem Schein desselben gewahrte sie sein Antlitz und lchelte,
nachdem sie bemerkt hatte, da es ruhig und froh erschien.

Sie versteht, dachte er, sie wei woran ich denke. Soll ich es ihr
sagen oder nicht? Ja, ich sage es ihr.

Doch gerade im Augenblick, als er zu sprechen beginnen wollte, ergriff
auch sie das Wort.

Mein Konstantin, thu' mir doch den Gefallen, sagte sie, und gehe
nach dem Eckzimmer, um nachzusehen, ob fr Sergey Iwanowitsch alles in
Ordnung gebracht ist. Fr mich ist das nicht recht schicklich. Hat man
ein neues Waschbecken hineingestellt?

Gut, ich werde sofort gehen, sagte Lewin, indem er aufstand und sie
kte. Nein, ich brauche nicht zu reden, dachte er, whrend sie ihm
voranschritt. Dies ist ein Geheimnis, das nur fr mich war, wichtig
und nicht in Worten auszudrcken. Dieses neue Gefhl hat mich nicht
verraten, nicht des Glckes beraubt, mich nicht pltzlich erleuchtet,
wie ich getrumt hatte -- ebensowenig wie die Empfindung fr meinen
Sohn. Es war auch keine berraschung dabei. Ist dies nun der Glaube,
oder ist er es nicht, ich wei nicht, was es ist, aber es ist mir
unmerklich in meinen Leiden gekommen und hat sich in meiner Seele fest
eingenistet. Ich werde noch immer so auf meinen Kutscher Iwan zornig
werden, werde noch so weiter disputieren, meine Gedanken rckhaltlos
aussprechen, es wird die heilige Mauer bestehen bleiben zwischen meiner
Seele und den anderen, selbst meinem Weibe, ich werde dieses auch
tadeln wegen seiner Furcht, und Reue darber empfinden und werde nicht
mit dem Verstande begreifen, warum ich bete; aber ich werde beten und
mein Leben, mein ganzes Leben soll jetzt von allem unabhngig sein,
was sich mit mir ereignen kann; keine Minute desselben soll mehr
gedankenlos bleiben -- wie frher -- sondern die nicht anzuzweifelnde
Idee des Guten in sich tragen, die ich die Macht besitze, ihr
einzupflanzen.

                                _Ende_.

                   *       *       *       *       *




Anmerkungen zur Transkription:

Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Schreibweise
und Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.

Die unterschiedlichen Schreibweisen der Vor- und Zunamen wurden
beibehalten, auer es handelt sich um offensichtliche Druckfehler.

In der Funote [C] wurde der Punkt ber dem Buchstaben z in [.z] in den
Worten [.z]yda und do[.z]idalsja gendert.

Gesperrter Text wurde mit Unterstrich markiert (_Text_). Text in Antiqua
wurde mit Gleichheitszeichen markiert (=text=).

Die nachfolgende Tabelle enthlt eine Auflistung aller gegenber dem
Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

  S. 10: aller Gebruche beharrte -> beharrten
  S. 11: mit seiner, auf der -> dem
  S. 16: versetzte Lewin und befahl Kuzma -> Kusma
  S. 17: Fonds des Ikonastas -> Ikonostas
  S. 28: sie so verweint -> verweint aus
  S. 30: deswegen wird der Mensch -> deswegen
  S. 30: Jesu freue dich ausfhrte -> ausfhrten
  S. 35: einem zrtlichen langem -> langen
  S. 38: das Bse, da -> das sie
  S. 40: klammerte er sich an jeder -> jede
  S. 50: um es zu berechnen -> brechen
  S. 51: aber seine Lippen fibrierten -> vibrierten
  S. 52: haben, was sie sah -> sahen
  S. 53: noch nicht angeschlagenes. -> angeschlagenes.
  S. 53: die Einheit des Eindrucks. -> Eindrucks.
  S. 55: Standpunkte der Ueberzeugung -> berzeugung
  S. 67: Du hast da ein -> Du
  S. 67: sonst werde ich in -> sonst
  S. 69: sie beide in bestndigen -> bestndigem
  S. 77: Gatten blickend, welchen -> welchem
  S. 101: Ich thue das nicht von mir aus -> aus.
  S. 102: Zeit in Petersburg verbereitet -> verbreitet
  S. 110: welch ein herrlicher Tag ist -> welch
  S. 121: Sergey schaute mit erschreckten -> erschrecktem
  S. 124: Sagt mirs doch, -> doch,
  S. 127: er diese wenige -> wenigen
  S. 136: seine Mutter versetzten -> versetzte
  S. 136: was der Mutter sogar -> so gar
  S. 144: seiner Worte gar nicht zu verstehen -> verstehen.
  S. 156: hbscher Zeitvertreib ist. -> ist.
  S. 160: aber er konnte -> knnte
  S. 169: Ich werde jetzt -> Ich
  S. 185: da er in meinem -> da
  S. 186: in der Luft drehend, Krack -> Krak
  S. 192: bei der Ankunft witterte Krack -> Krak
  S. 192: in welches Krack -> Krak
  S. 193: Eine Bekasse machte sich -> Bekassine
  S. 197: Wjeslowskij, der wolgemut -> wohlgemut
  S. 205: nur aus Prinzip nicht? -> nicht?
  S. 208: ihm mit schnellen, leichten -> schnellem, leichtem
  S. 211: nicht erfahren, wo sie sind. -> sind.
  S. 211: stell', mein Laska, stell'! -> stell, mein Laska, stell!
  S. 213: Maria Wlasjewna -> Marja
  S. 225: sehr recht die Lewin hatte -> hatten
  S. 227: an der Krippe -> in der Krippe
  S. 228: mich ereifernd, schaltend -> scheltend
  S. 230: Sensendngelns -> Sensendengelns
  S. 237: in nichts verndert worden, -> worden.
  S. 241: Die Ani? -> Any
  S. 242: yes, mylady! -> yes
  S. 244: Il est trs-gentil -> trs gentil
  S. 245: au breakfeast -> breakfast
  S. 245: Lown tennis -> Lawn tennis
  S. 255: Gerade als ob sie -> Gerade
  S. 259: die Plinte -> Plinthe
  S. 269: Ich sehe nur -> Ich
  S. 275: wenn er zurckkehren -> wann er zurckkehren
  S. 281: wie im kleinen Sale -> Saale
  S. 287: welches ihr liebes Enkelchen -> welche
  S. 289: neben ihm sa -> der neben ihm sa
  S. 293: sagte Swijashskiy -> Swijashskiy.
  S. 304: Unterhaltungen mit der Frstin Barbara -> Barbara,
  S. 310: in einer Weise, das -> da
  S. 313: doch nicht darber, das -> da
  S. 314: frug Lewin. -> Lewin.
  S. 315: und fr den Wagen Katarina -> Katharina
  S. 320: nach dem Metroff -> nachdem
  S. 321: Verse des Dichters Mcnt -> Ment
  S. 324: mit den Knaben -> mit
  S. 329: pltzlichen Tode der Arpaksin -> Apraksina
  S. 331: verursachte, die Galoschen -> Kaloschen
  S. 336: etwas Witziges zu sagen. -> sagen.
  S. 338: Solltet Ihr? -> Ihr!
  S. 338: Lewin spielst du? -> du?
  S. 345: Graf Aleksey Kyrillowitsch -> Kyrillowitsch
  S. 349: warum sie ihn gebeten -> worum
  S. 350: waren endgiltig entschieden -> endgltig
  S. 364: Arzt, welche eine -> welcher
  S. 366: Antlitz Kitys mit den -> dem
  S. 371: sagte Lisebetha Petrowna -> Lisabetha
  S. 372: welche er nun eine Attake -> Attacke
  S. 373: las Aleksey Alesandrowitsch -> Aleksandrowitsch
  S. 375: Die moskauer -> Moskauer
  S. 382: das sind die Passagiere; -> Passagiere.
  S. 382: voll Wemut -> Wehmut
  S. 382: schlug, purporrot werdend -> purpurrot
  S. 387: zu der Grfin Lydia Iwanowna. -> Iwanowna.
  S. 388: zu ihrem Sohne gemacht hat. -> hat.
  S. 389: hat er die Stimme gehrt, -> gehrt,
  S. 390: warum es sich handelte -> worum
  S. 402: Aber wenn -> wann
  S. 402: Wenn wir reisen -> Wann
  S. 404: ohne seine finstere -> finster
  S. 404: da er schlimmer -> da
  S. 405: ich nicht gestorben? -> gestorben?
  S. 405: sie mute sterben. -> sterben.
  S. 406: auf welcher -> welchen
  S. 406: gerade sein Beafsteak -> Beefsteak
  S. 407: versprach er einen entgltigen -> endgltigen
  S. 407: dachte sie dabe -> dabei
  S. 410: Wenn reist Ihr -> Wann
  S. 415: in lilafarbigen Hut -> im
  S. 418: frisiert, aber wenn -> wann
  S. 418: nicht erinnern, wenn -> wann
  S. 418: Wie konnte er nur -> Wie
  S. 426: Das ist Gerechtigkeit! -> Gerechtigkeit!
  S. 427: auf der Strecke Nishnegorod -> Nishegorod
  S. 428: mit selbst -> mit sich selbst
  S. 429: aber nun unaufenthaltsam -> unaufhaltsam
  S. 430: Stationsgebude der Nishnegoroder -> Nishegoroder
  S. 432: anders, als solche klgliche -> klglichen
  S. 439: folgte ein ttliches -> tdliches
  S. 440: Speechs -> Speeches
  S. 447: gegen wenn -> wen
  S. 447: als vorzgliche Bursche -> Burschen
  S. 449: unter dem Eisenbahnzug -> den
  S. 455: Man mu es hbsch -> Man
  S. 455: Es wei es ja -> Er
  S. 460: solchen neuen zu vertauscht -> solchen neuen vertauscht
  S. 465: aufzugeben, ebenso -> ebensowenig
  S. 470: 13. -> 12.
  S. 471: da es ihn ganz -> ihm
  S. 473: fordert, das man alle -> da
  S. 476: Was ist der Erlser? -> Erlser?
  S. 476: sich schauend -> scheuend
  S. 477: Wagen mit den -> dem
  S. 483: darber gegeben hat. -> hat.
  S. 483: warum es sich handelt -> worum
  S. 495: unter dem Kpfchen -> Kpfchen,
  S. 496: so wohlkannten Sternendreieck -> wohlbekannten





End of Project Gutenberg's Anna Karenina, 2. Band, by Leo N. Tolstoi

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Foundation as set forth in Section 3 below.

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work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

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     www.gutenberg.org

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