The Project Gutenberg eBook, Deutschlands Beruf in der Gegenwart und
Zukunft, by Theodor Rohmer


This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org





Title: Deutschlands Beruf in der Gegenwart und Zukunft


Author: Theodor Rohmer



Release Date: April 16, 2014  [eBook #45418]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHLANDS BERUF IN DER
GEGENWART UND ZUKUNFT***


E-text prepared by Ralph Janke, Jana Srna, Norbert Mller, and the Online
Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net) from page images
generously made available by the Google Books Library Project
(http://books.google.com)



Note: Images of the original pages are available through
      the Google Books Library Project. See
      http://www.google.com/books?id=W0MAAAAAcAAJ


Anmerkungen zur Transkription

      Text, der im Original gesperrt gesetzt war, wurde #so#
      markiert.

      Text, der im Original fett gedruckt war wurde =so=
      markiert.

      Text, der nicht in Fraktur, sondern in Antiqua gesetzt
      war, wurde _so_ markiert, auer bei rmischen Zahlen.

      Zeichensetzung und Rechtschreibung wurden weitgehend
      bernommen, auch dort, wo mehrere verschiedene Schreibweisen
      benutzt wurden, auer bei offensichtlichen Fehlern.

      Die Korrekturen, die in der Anmerkung des literarischen
      Comptoir's genannt werden, sind vorgenommen worden.





DEUTSCHLANDS BERUF IN DER GEGENWART UND ZUKUNFT.

Von

THEODOR ROHMER.


      Ihr seid das Salz der Erde. Wenn aber das Salz
         dumm wird, womit soll man salzen?

                               Ev. Matth. 5, 13.




Zrich und Winterthur,
Verlag des literarischen Comptoir's.
1841.




                                Seinem

                            ltesten Bruder

                           Friedrich Rohmer

                        in Ehrfurcht und Liebe

                               gewidmet

                                 vom

                              Verfasser.




Vorwort.


Der Verfasser hlt es fr unnthig, die Tendenz dieser Schrift im
Voraus zu bezeichnen, weil er hofft, sie werde sich dem Leser von
selbst ergeben. Wohl aber glaubt er, ber die Art ihrer Entstehung und
den Wirkungskreis, den er ihr wnscht, Einiges sagen zu mssen.

Es war nicht seine Absicht, irgend eine Gelehrsamkeit oder sonst ein
ueres Wissen darin zu entwickeln; der Zweck schien es ihm nicht zu
fordern. Der Gegenstand ist wichtig genug, um Gelehrte und Ungelehrte
in gleichem Mae zu beschftigen. Er bergibt sie daher allen denen,
#welchen das Wohl des Vaterlandes am Herzen liegt#, gleichviel we
Standes und Ranges sie sonst sein mgen, und setzt nur das Eine voraus,
da der, der sie lieset, mit dem geschichtlichen Material, welches er
besitzt, es sei klein oder gro, geistig gewirthschaftet, und mit der
politischen Anschauung, die ihm eigen ist, sie sei eng oder weit, in
Gedanken geschaltet hat. Dies fgt er hinzu, weil ohne das Vieles in
einem andern Lichte erscheinen mu, als es zu erscheinen bestimmt ist.

Die vaterlndische Bewegung, welche seit dem Herbste des vorigen Jahres
begonnen und seitdem in steigendem Mae zugenommen hat, war es nicht
zunchst, was diese Schrift verursacht hat. Sie wre auch ohnedem
geschrieben worden; die Ansichten, die hier ausgesprochen sind, waren
vorhanden, ehe die politische Krisis eintrat. Der Verfasser erwhnt
diesen Umstand nicht, als ob er sich zu vornehm bednkte, gleich Andern
davon ergriffen worden zu sein, oder als ob er den Vorgang nicht nach
seiner vollen Bedeutung zu wrdigen wte; sondern weil es ihm wichtig
ist, das kleine Buch nicht als Etwas angesehen zu wissen, #was es in
keiner Weise ist# -- nmlich als eine durch die Lage des Augenblicks
veranlate politische #Flugschrift#. Wohl aber hat das Erwachen eines
hheren Sinnes sein Vorhaben beschleunigt, und er darf hoffen, da
heutzutage Vieles mit Theilnahme begrt wird, was in andern Zeiten
verlacht worden seyn wrde.

Im Uebrigen war er genthigt, sich in der Darstellung auf die
politischen und socialen Verhltnisse und auch innerhalb dieses
Gebiets nur aufs Allgemeinste zu beschrnken. Er wollte nur von
Deutschland sprechen, und hat absichtlich darauf verzichtet, in das
Leben der einzelnen Staaten einzugehn. Um das zu zeigen, was er zu
zeigen bemht war, gab es auch auerdem verschiedene Wege. Er htte
knnen den Zustand der Wissenschaft, der Kultur und des geistigen
Lebens beleuchten und von hier aus zu demselben Ziele gelangen, das
man als hchste Aufgabe des deutschen Geistes aufgestellt finden
wird. Anderseits wre es sehr wichtig gewesen, die materiellen
Fortschritte zu wrdigen und zu entwickeln, wie Deutschland allein
durch richtige Benutzung seiner derartigen Hlfsmittel zu dem uern
Rang erhoben werden knne, der ihm gebhrt. Allein beide Gebiete sind
so umfangsreich, da ein eigenes, greres Buch dazu kaum hinreichen
wrde. Doch wird man ein nheres Eingehn in die materiellen Fragen um
so leichter entbehren, als diese Dinge von der periodischen Presse
und sonst von befugten Richtern tglich grndlicher besprochen
werden; und wenn er allerdings der Meinung ist, da die hchste
kommercielle und industrielle Blthe #allein# nicht gengend sei, um
uns selig zu machen, so wird ihn dehalb Niemand einer Miachtung der
patriotischen Bestrebungen zeihn. Was aber Philosophie und Literatur
betrifft, so mute er, nach dem Zweck der Schrift, sich aller nheren
wissenschaftlichen Kritik enthalten; und wenn er, wie natrlich, diesen
Boden berhrt hat, so geschah es nur aus dem #socialen# Gesichtspunkt.
In diesem Sinne wird man Alles gesagt finden, was ber die heutigen
Systeme, ber die Verdorbenheit des Geistes und der Literatur, ber
Theologie und Pietismus gesagt ist. Denjenigen also, welche einer
philosophischen Schule angehren -- und deren sind wahrlich nicht
wenige in Deutschland -- bergibt der Verfasser auf gutes Glck hin
dies Buch. Geben darf er es ihnen, weil er wei, da Viele, oder
wenigstens Manche, die auf einen philosophischen Namen getauft sind,
dem, was vorhanden ist, zwar als dem verhltnimig Besten huldigen,
nichts desto weniger aber sehr wohl wissen oder sehr vernehmlich
fhlen, da das Hchste noch nicht erreicht, #das lebendige Evangelium,
dessen die Zeit bedarf, noch nicht erschienen ist#. Auf gutes Glck
aber mu er es geben, weil er sich verhindert sah, auf eine logische
Diskussion darber einzugehen und demohngeachtet genthigt war, seine
Meinung unumwunden auszusprechen.

Eben so wenig war es ihm vergnnt, die ganze Geschichte, alte und
neue, in seinen Kreis zu ziehen, um daraus mit doppeltem Gewicht die
Nothwendigkeit dessen, wovon er durchdrungen ist, zu erhrten. Er
konnte blos Seitenblicke werfen; und bemerkt berdies insbesondere,
da alles, was in historischer Beziehung vorkmmt, nur Betrachtung
ber Geschichte, keineswegs Geschichte sein soll -- #zwei ungemein
verschiedene Dinge#. Ueberhaupt wollte er zunchst nicht schildern,
wessen die Zeit bedarf, #sondern was fr Deutschland vonnthen ist#;
jenes berhrt den Menschen im Allgemeinen, dieses den Deutschen; auf
letzteres mute er sich in dem, was ber Geschichte und Christenthum
gesagt ist, beschrnken.

Da der Verfasser nicht im Sinne irgend einer Partei, sondern in
deutschem Sinne zu schreiben bemht war: so bietet er sie auch den
#deutschen Staatsmnnern#. Er kann die unbefangen thun, weil, obwohl
er die Politik der heutigen Zeiten meist tadelnd, selten lobend
besprochen hat, er sich dennoch bewut ist, weniger Menschen und
Maregeln, als die #Zeit# getadelt und beklagt zu haben, #deren Sklaven
wir alle sind# und deren nothwendige Endentwicklung er darzustellen
gesucht hat. Da nun die Zeit als ein historisch Gegebenes vor ihm lag,
so mute er freilich mit derselben Offenheit sprechen, als man von
frheren Epochen spricht; aber sein Ziel war eben dehalb in allen
Stcken nicht der Kampf, sondern die Vershnung, die in einer grern
Zukunft liegt. Vielleicht wundert man sich, mit welchem Rechte er
dem Staatsmann eine Theilnahme an politischen Ideen zumuthet, deren
Verwirklichung in der unmittelbaren Gegenwart gar nicht, in einer
nhern Zukunft nur theilweise, theilweise erst in Jahrhunderten, ja
wie Viele meinen werden, niemals gedenkbar sei. Allein frs erste
glaubt er, da ein Deutscher, der die politische Stellung zu zeichnen
versucht, die nach Natur und Geschichte seinem Vaterlande in Europa
gehrt, #ohne weiteres berechtigt, ja verpflichtet sei#, sich an
diejenigen zu wenden, in deren Hand es liegt, die Wirklichkeit dem
Ideale wenigstens mehr und mehr anzunhern. Sodann ist er berzeugt,
da das Bedrfni einer #Vermittlung der Gegenstze#, und einer
hhern, als bis jetzt vorhanden ist, sich Allen unabweislich geltend
macht, welche in den Gang der Dinge einzugreifen berufen sind. Ferner,
und nicht weniger, #da die Nothwendigkeit einer organischen, auf
natrlichen Grundlagen beruhenden ueren Politik#, im Gegensatze der
zgernden und momentan beschwichtigenden, #tagtglich einleuchtender
und dringender gefhlt wird#. Was endlich den Einflu der Psychologie
auf den Staat betrifft, so wei jeder Staatsmann, da die erste Kunst
des Regierens darin besteht, fr jede Stelle das rechte Talent, fr
jedes Geschft den rechten Charakter zu finden, mit Einem Worte
jeder Individualitt den richtigen Platz anzuweisen; und wie weit
er sich dieses auch ausfhrbar denke, in allen Fllen mu ihm doch
#ein geistiger Hebel fr diese Kunst# als das hchste Ziel der
Staatswissenschaft erscheinen.

Es bleibt noch brig, einiges Einzelne zu bemerken. Was ber die
Organisation der Vlkerstmme auf der Erde, sodann diesen entsprechend
in Europa, gesagt ist, hat der Verfasser nicht in dem Sinne
hingestellt, als sei damit eine neue Eintheilung der Raen gefunden,
welche er fr untrglich hielte. Was er gesagt hat, ist ihm allerdings,
so weit er bis jetzt zu sehen vermocht hat, Wahrheit; seine Absicht
aber war hauptschlich die, mit Bestimmtheit zu zeigen, da eine
ursprngliche Harmonie der Vlkerordnung existire, da diese gefunden
werden, und da die Politik auf eine solche Grundlage fuen msse.
Diese Ueberzeugung ist es, die er dem Leser einzuflen gesucht hat; ob
diejenige Harmonie, die er aufstellt, gerade die richtige sei, mag der
Einzelne fr sich nach Gutdnken entscheiden.

Was im 3ten Kapitel des zweiten Theiles, Seite 73, von den
franzsischen Prtensionen gesagt ist, bezieht sich, wie sich
im Grunde von selbst versteht, nur auf die Meinung, welche die
Franzosen von ihrem Berufe im Allgemeinen haben, nicht aber auf ihre
Eroberungsprtensionen. Diese letztern sind zu #lcherlich#, das ganze
franzsische Treiben, soweit es sich hierauf bezieht, zu #verchtlich#,
um es in einem Buche von so ernstem Inhalt zu erwhnen.

Der Verfasser sagt es hier ausdrcklich: er war nicht gewillt,
die eigenen Gedanken und die eigenen Heilmittel den Zeitgenossen
vorzutragen. Er hat sich nur berufen gefhlt, #mit allem, was an ihm
ist, auf ein Kommendes hinzuweisen, vor dem er sich beugt#. Wohl
wei er, da der Glaube an einen Messias zu denjenigen Dingen gehrt,
welche schon an sich ein bles Vorurtheil erwecken, weil nur zu leicht
jugendliche Thorheit sich damit verschwistert. Indessen getrstet
er sich, da manche bedeutende Mnner diesen Glauben getheilt, und
Einer der grten (Lessing) ihn in einer eignen Schrift dem deutschen
Volke hinterlassen hat. Er hat also gegen die, welche dergleichen von
vornherein als Unsinn betrachten, einen glnzenden Schild; und die
Andern mgen aus dem Inhalte des Buches selbst urtheilen.

Vielleicht wird es Manche geben, welche mit dem, was ber die
politische Stellung Deutschlands gesagt ist, bereinstimmen, ohne einen
innern Vorgang von der geschilderten Art fr nthig zu halten; und
wieder Andere, welche mit ihm die letztere Hoffnung theilen, ohne der
politischen Ansicht beizupflichten. Die ersteren wnscht der Verfasser
wenigstens berzeugen zu knnen, da er durch Hinweisung auf ein
geistiges Ziel #die praktische und reelle Tchtigkeit#, welche endlich
anfngt in der Nation um sich zu greifen, #nicht verkleinern, die
alte Trumerei in keiner Art wieder erwecken#, sondern im Gegentheil
den ueren Bestrebungen #hhere#, (weil innerlichere) #Bedeutung hat
geben wollen#. Die Andern aber, da, wie man auch von Hegemonie, von
Gleichgewicht und von politischer Zukunft denken mge, -- jetzt die
Zeit gekommen sei, #um das deutsche Volk zu einer Stufe zu erheben,
die seiner wrdig ist#, und da zu diesem Zweck sich ohne Zaudern alle
Krfte vereinigen sollen, die das Vaterland besitzt.

Wenn er also die Zukunft von Deutschland an ein geistiges Ereigni
knpft, welches zunchst nicht durch des Volkes Bemhung hervorgebracht
werden kann, so glaubt er sie nichtsdestoweniger in vollem Mae
abhngig von dem Verhalten der Nation. Er sieht #eine gttliche Fgung#
hereinbrechen ber das deutsche Volk, und im Bewutsein, da die Zeit
erfllet ist, ermahnt er es, #ihr wrdig entgegen zu kommen#.

So legt er das Buch dem Vaterlande vor. Seine Stimme ist gleichsam die
eines Predigers:

#Bereitet dem Herrn den Weg und machet richtig seine Steige.#

In diesem Sinne wnscht er fromm, da sie nicht verhallen mge.

    Heidelberg am 25. August 1841.

                                                   #Der Verfasser.#


  Anmerkung des literarischen Comptoir's.

  Das #literarische Comptoir# bittet folgende sinnstrende Druckfehler
  zu verbessern:

  Seite 23, letzte Zeile, statt inneren Kraft #inneren Kraft seines
  Vorgngers#

  Seite 31, Zeile 9, statt Gewalt bemhte #Gewalt; bemhte#

  Seite 112, in der Anmerkung statt liegt #trgt#



Einleitung.

Das deutsche Bewutsein.


In einer Zeit, wie die unsrige ist, so bewegt nach innen, so
inhaltsschwanger nach auen, schaut das Auge jedes denkenden Menschen
in die Zukunft, und wer irgend fhig ist durch Geist oder Bildung,
hineinzublicken in das Treiben der Geschichte, sucht durch Anschauung
dessen, was ist, durch Vergleichung dessen, was war, in das verworrene
Rthsel dessen, was da kommt, einzudringen. Die Deutschen, wie sie
groe Politiker sind und in unbefangener grndlicher Kenntni des
Auswrtigen jedem andern Volk berlegen, verfolgen jede Krise auf's
Genaueste, und was in der Levante, wie in China, in Ruland, wie
in Nordamerika vorgeht, wenn es irgend betrchtlich genug ist, um
sich in das groe Gewebe der Geschichte einfgen zu lassen, daraus
spinnen sie den rothen Faden fort, den ihre groen Meister durch die
Vergangenheit des Menschengeschlechts gezogen; die Zukunft des Orients,
die Aussichten jedweden europischen Staates, die Bestimmung, die jedem
einzelnen vom Schicksal gegeben ist, -- das Alles liegt ihnen klar, wie
keinem andern Volk vor Augen. Aber es ist traurig zu sagen, und doch
wahr, ja seit langer Zeit bewhrt -- sie, die Alles zu wissen meinen,
wissen Nichts von sich selbst; von des deutschen Volkes Beruf und
Sendung, von seiner Stellung unter den europischen Vlkern, von seiner
Zukunft wei Niemand zu sagen. Und wie sollte es anders sein? Ist ja
doch der Deutsche von franzsischen und englischen Zustnden oft besser
unterrichtet, als von denen des eignen Vaterlandes; ist ihm doch das
staatliche und politische Treiben andrer Vlker klarer aufgeschlossen,
als das Staatsleben des vielgegliederten Bundes? Darum verzichtet
er, ber sich selbst zu denken, und anstatt getroffen zu werden
von der seltsamen Stellung, worein Deutschland durch das Geschick
versetzt worden ist, und zu fragen, was sie bedeuten wolle, glaubt er
sich geboren zu ewiger Ruhe, und sieht ruhig ber seinem Haupte die
Geschichte vorberziehen, wie sie von andern Mchten gespielt wird, wie
sie ihm (denn jenen andern hat es so beliebt) nicht mitzuspielen ziemt.
Da haben sich denn in Europa einige allgemeine unbestimmte Begriffe
ber das deutsche Volk gebildet; es ist den Einen eine seltsame
Vlkerfamilie, in die Mitte von Europa gesetzt, um das Gleichgewicht
zwischen romanischen und slavischen Weltmchten, nicht durch politische
Kraft, sondern durch die Schwere seines Daseins zu erhalten, trefflich
zur Assimilation und immer geeignet, wo es gilt, verunglckte Plne
der Vergrerung durch Stcke seines eigenen Fleisches zu ergnzen;
den Andern ein groes gebildetes Volk von Denkern, voll Geist und
Wissen, geschaffen um zu denken, wo die Andern handeln, aber doch so
verrostet in unpraktischem Studium, da die Schtze des Geistes, die
es aus den tiefen Schachten zu Tage frdert, gleich ungeschliffenen
Edelsteinen, erst von Andern verstndlich und zum Gemeingute Europas
gemacht werden knnen; den Dritten ein sinnender, trumender Haufe
voll gutmthiger Piett, versunken in Idealitt, Poesie und Musik, und
so ungeschickt fr die Dinge dieser Welt, da ihr politisches Leben,
kmmerlich genhrt von den Brocken, die von der Herren Tische fallen,
niemals zur Mndigkeit gedeihen kann. Diese Vorstellungen, genhrt, ja
zuweilen verbreitet von deutschen Auswanderern, finden den Weg nach
Deutschland, und weil sie von auen kommen, und weil berdie all das
auch zu klar am Tage liegt, so werden sie wohl auch geglaubt. Denn
die Masse, allzuferne von den Reminiscenzen deutscher Herrlichkeit,
und wenig begeistert von den neuen, folgt wie allenthalben dem Zuge,
der von den hhern Klassen ausgeht; und der Mittelstand, d.h. die
groe Masse der Gebildeten, in denen der Kern des Volkes beruht,
wird durch Verhltnisse und Umgebungen, hauptschlich aber durch die
Erziehung von einer hhern Ansicht der Dinge abgeschreckt. Nmlich
von Allem, was den Geist und das Herz, wenn nicht zur Vaterlandsliebe
(welche ja der aufgeklrten Mitwelt wenig mehr, als eine lngst
verschollene republikanische Thorheit ist), doch wenigstens zu irgend
einem nationalen Gefhl antreiben kann, ist im ffentlichen Unterricht
Nichts zu finden. Nicht nur, da die Religion, welcher als Grundlage
unserer ganzen Bildung die unmittelbarste Wirksamkeit zukommt, auer
aller Beziehung zu den humanen Studien steht, whrend doch beide sich
durchdringen und beleben sollten; da die Geschichte fast berall
entweder zu allgemein oder zu provinziell, nirgend in deutschem Sinne
vorwiegend behandelt wird; sondern auch die antiken Sprachen selbst
dienen lediglich zu logisch-grammatischer Verstandesbung; es gilt fr
unnthig, durch tieferes Verstndni der lebensvollen Wahrheiten des
klassischen Alterthums auf die Gemther zu wirken. So ist der Lauf in
den deutschen Gymnasien; noch weniger vermag der Realunterricht, weil
nur auf materielle Bedrfnisse zielend, den Ideen eine hhere Richtung
zu verleihen. Wenn endlich der Geist selbststndig zu werden beginnt,
so geht die Erziehung auf die Hochschulen ber; die Blthe der Nation
wird hier gebildet, und die Mnner, denen diese Aufgabe anvertraut ist,
sind im Auslande die deutsche Aristokratie genannt: aber ohne diesen
Ausspruch bestreiten zu wollen, auch sie sind mit wenigen Ausnahmen
heutzutage nicht geneigt, die menschliche Bildung im Ganzen und
frische thatkrftige Entwicklung des Geistes dem Reichthum des Wissens
vorzuziehen. Ist der Jngling also beladen, so gilt seine erste Sorge
dem, was mit einem widrigen Ausdruck _Carrire_ genannt wird; dazu
kann, wer sich den Geist ungetrbt von der Last des Gedchtnisses,
die Seele frisch und frei von dem Streben erhalten will, das die
Wissenschaft, nach Schillers Worten, zur Kuh herabwrdigt, selten
gelangen; die Mehrzahl in Nahrungs- und Befrderungssorgen erdrckt,
kommt weit genug, um Weiber zu nehmen und zu sterben. Diese letztere
Klasse, was kann sie anderes, als jedes Streben nach deutschem Ruhm
und deutscher Gre zu den unreifen Trumen werfen, an denen die
deutsche Burschenschaft, und das mit Recht, sich verblutet hat? Der
hhere Stand aber und der hchste, theils geschreckt von eben dieser
Erscheinung, theils einseitig befangen in der Stellung, worein ihn
der Prinzipienkampf der Zeit verweist, ohne lebendigen Zusammenhang
mit dem Volke (denn der alte Erbadel schliet sich ab, whrend der
Verdienstadel der Bureaukratie angehrt), ist jedem Aufschwunge,
wenn auch nicht innerlich, doch amtlich abgeneigt, der, ber Kunst
und Wissenschaft, ber materielle Interessen hinausgehend, das
Volksbewutsein ergreift, ohne zu bedenken, da politische Unmndigkeit
allein es ist, was den deutschen Vlkern, wie den deutschen Frsten am
Mark des Lebens zehrt. Die Wenigen aber, die ein tieferes Bewutsein
in sich tragen, hllen sich in kraftloses Schweigen; sei es, weil sie
miverstanden zu werden frchten, sei es, weil sie indolent geworden
durch bittere Erfahrung, oder endlich, weil sie keine Hoffnung sehen,
als in der Umkehr der jetzigen Zustnde; und diese hinwiederum
erscheint ihnen unausfhrbar auf gesetzlichem Wege, denn jeder andere
Weg widerstrebt dem deutschen Geist, noch mehr dem deutschen Herzen.
Wohl gibt es noch Manche, die vernehmlich sprechen und es ehrlich
meinen, aber den Meisten ist die deutsche Freiheit nur die Tochter des
franzsischen Liberalismus, und sind sie ja cht deutschen Sinnes, so
schwindet die allgemeine Idee vor den nchsten Bedrfnissen der lokalen
Gegenwart.

So ist denn im deutschen Volke kein klares, ausgesprochenes Bewutsein
zu finden, weder von seiner Natur, noch dem Beruf, den ihm fr unsere
Zeit die Vorsehung angewiesen hat. Und whrend der Franzose sich fr
den Verfechter der Civilisation, fr den Erstling der Politik und
des Krieges hlt, whrend der Englnder sich zur Seeherrschaft und
damit zur Kolonisation der brigen Welttheile, whrend selbst der
Russe sich im Lauf der Zeiten zu einer slavischen Universalmonarchie
berufen glaubt, kann das deutsche Volk nur neugierig bang die Zukunft
fragen, was sie aus ihm wohl machen werde; dasselbe Volk, dem in
der Betrachtung des Geistes, wie in der Kenntni aller Vlker kein
anderes gewachsen ist. Sich selbst kennen aber ist bei den Vlkern,
wie bei den Einzelnen, von Alters her die erste Bedingni des Lebens
gewesen, und knnten wir heute ein hheres Orakel, als das delphische
war, um das Eine befragen, was uns Noth thut -- der alte Spruch der
griechischen Weisen wrde vielleicht auch den Deutschen zur Antwort
gegeben. Denn wie der einzelne Mann, welcher, der eigenen Natur
unkundig, seine Krfte nicht zu bemessen vermag, auch kein Gefhl hat
von dem Werthe, der ihm zukommt, und von der Stellung, welche er im
Verhltnisse zu Andern zu fordern berechtigt ist, so erstirbt in jeder
Nation, deren Bewutsein sich verloren hat, auch das Nationalgefhl;
es erlischt der Sinn fr Ruhm und Ehre, ohne den kein Gemeinwesen
besteht, und von Schmach zu Schmach, von Schwche zu Schwche wird so
lange gesunken, bis der Untergang droht. Denen freilich mag es ein
Gruel sein, wenn ein Volk sich kennt und fhlt, die in der Sprache
des freien Mannes Verdacht wittern, und wie sie das Wort Volk
vernehmen, vor dem Gegensatz erbeben, den sie darin zu finden meinen:
gleich als ob das Haupt von den Gliedern, und die Glieder vom Haupt zu
trennen wren. Es ist aber in Deutschland den Frsten nicht weniger
Noth, sich kennen und fhlen zu lernen, als dem Volke; htten #sie#
immer sich gefhlt, es stnde anders um Deutschlands Macht und Ehre.
So weit wenigstens, Dank sei es den Umstnden, ist es gekommen, da
das Gefhl der Einigkeit, das Bedrfni derselben lebhafter, als je
das deutsche Volk durchdrungen hat: der erste Schritt, ohne den keine
Selbstkenntni erreicht wird. Da in einem Augenblick politischer Krise
das deutsche Volk vernehmlich seine Einigkeit, und damit den festen
Willen kundgegeben, seine Rechte insgesammt zu wahren, das ist, wer
fhlt es nicht? ein erfreuliches Lebenszeichen. Aber glauben, da damit
etwas gethan, frohlocken, da die deutsche Stimme nach langer Zeit
auch jenseits der Grnzen widerhallt hat, whnen, da ein fliegender
Enthusiasmus mchtig genug sei, um zu bestehen in der groen Probe der
That -- das hiee zum Verdienst erheben, was zu unterlassen Schmach
gewesen wre. Sind wir so tief gesunken, da die kleinste Zuckung
gereizter Geduld uns mit Stolz erfllt?

Wodurch das deutsche Bewutsein sich verloren, warum es sich zum
mindesten so unsichtbar verhllt hat, bleibt vorlufig auer Frage.
Nur das ist festzuhalten: weder ein erkennbarer Instinkt der Masse,
noch eine deutliche Einsicht der Gebildeten ist zu finden, wo es um
die Sendung und die Rolle des deutschen Volkes sich handelt. Auf das
Eine oder das Andere mag in jedem andern Lande der Schriftsteller
sich berufen, der ber wichtige Zeitfragen spricht; hier gilt keine
Berufung; die deutsche Selbstkenntni mu auf knstlichem Wege erreicht
werden. Zu was die Deutschen berufen seien, kann nur aus der Lage
der Weltverhltnisse berhaupt, aus der politischen Stellung der
europischen Vlker, endlich aus ihrer Geschichte bewiesen werden,
keineswegs aber aus ihrem gegenwrtigen Bewutsein oder Zustande.
Diese, die Geschichte mag zuerst uns zeigen, was die Reflexion aus der
Vergangenheit sich Trstliches fr die Gegenwart und Zukunft zu holen
vermag; jene, die Lage von Europa soll darauf fhren, in wie weit und
welchen Stcken der ganze europische Organismus der Mitwirkung eines
seiner wichtigsten Glieder bedarf; endlich, das Resultat beider Fragen,
verglichen mit dem gegenwrtigen Zustande Deutschlands, wird uns die
thatschliche Wahrheit der gewonnenen abstrakten Ideen, die Mglichkeit
ihrer Verwirklichung beweisen.




Erster Theil.

Deutschland und seine Geschichte.




Kapitel I.

Entweder -- oder.


Entstehen, Blhen und Vergehen -- ist das allgemeine Gesetz, dem jede
organische Existenz unterliegt, nach dem die Geschichte der Menschheit,
wie das Leben des Einzelnen sich regelt. Zwischen diesen uersten
Enden stehen unzhlige Mittelglieder -- Familien, Geschlechter, Stmme,
Nationen, Vlker, also da die Geschichte ein ungeheures, von zahllosen
einzelnen Entwicklungen durchschlungenes Geflechte bildet, die
smmtlich vom Grten bis zum Kleinsten demselben Gesetze gehorchen.
Allein seit Herder in seinen Ideen es ausgesprochen, da die ganze
Menschheit in ihrer Entwicklung nur das Leben des Einzelnen abspiegle,
seit er die Grundlagen erforscht hat, auf denen die Geschichte sich
entwickelt, seitdem hat Niemand die innern Gesetze gefunden, worauf
die Organisation und das Wachsthum des Menschen beruht, wornach, nur
in vergrertem Mastab, das Leben der Menschheit sich abspinnt. Ehe
nicht das Rderwerk der Seele zerlegt, nicht der Gang des Uhrwerks
von der Stunde der Geburt an bis zu der des Todes enthllt ist, gibt
es, zwar eine allgemeine Uebersicht mit vielen Wahrheiten, aber keine
Philosophie der Geschichte. Nun ist es noch ungleich schwerer, eines
Volkes Anfang, Ende, den Stand seines Lebens, sein Alter zu bestimmen.
Wo ist hier Anfang, wo Ende? Wo der Augenblick, da es, vom groen
Urstamm sich lostrennend, oder aus mannigfachen Stmmen geeinigt,
zu Einer Persnlichkeit mit bestimmtem Charakter erwchst; wo der
Augenblick, in dem es diese Individualitt verliert und, mit andern
verschmolzen, in die allgemeine Fluth zurcksinkt? Wie lang oder wie
kurz sind die Perioden seiner Entwicklung? Wie weit gehen die Grnzen
seines Daseins? -- Denn es kann wohl aus der Vergangenheit eines
Volkes, wie des deutschen, aus dem Eindruck der Gegenwart auf ein hohes
Alter geschlossen werden; doch, wie Deutschland schon einmal aus tiefer
Altersschwche in der Reformation sich neu verjngt, wie es allein
unter allen Vlkern den Sturz seines Reiches berlebt hat, so kann es
auch nochmals eine Jugend beginnen. Aber wenn sie nicht wiederkehrt
diese Jugend, so sind wir zumeist unter allen Nationen Europas mit dem
Tode bedroht. Denn Deutschland ist die Mutter der Vlker, und seit
sie aufgehrt zu herrschen, seit Jahrhunderten, streben mndige und
unmndige Kinder, die altersschwache zu knechten, und das letzte Joch
zu zerbrechen; denn noch ist Gefahr, so lang sie nur lebt. Darum, ob
ein pltzlicher Tod, ob tausendjhriges Leben uns erwartet, darber
entscheidet keine Berechnung. Unser Alter, unsre Lebenskraft ist
verborgen vor unseren Augen.

Nur das Eine bleibt brig, durch Beobachtung und Gefhl die leitenden
Ideen zu finden, welche die deutsche Geschichte beseelen. Wenn anders
Zusammenhang, Folge, Ordnung in ihnen liegt, so mu sich zeigen, ob der
Gedankengang, den sie bilden, seinen Abschlu bereits erreicht hat,
oder ob im Gegentheil Einheit und Leben erst durch eine groe Zukunft,
als nothwendiges Glied der Kette, ihnen verliehen werden mu? --

Es ist dieser Reichthum, die Klarheit der Ideen, was die deutsche
Geschichte vor denen andrer Vlker auszeichnet; man sieht die uern
Ereignisse, wie Blthen und Frchte daraus hervorsprieen. Eben dehalb
liegt nicht, eine Menge von Thatsachen zu beleuchten, in unserm Zweck,
nur die allgemeinsten Vorgnge, wie sie Jedem bekannt sind, wollen wir
hervorheben; und wenn hieraus andere Folgerungen entspringen, als man
gewhnlich zu ziehen pflegt, so liegt es in einer Zusammenstellung des
Ganzen, welche, entweder aus bertriebener Rcksicht auf Einzelnes
oder aus Ungewohnheit bersichtlichen Denkens oder, wie es zunchst
geschieht, weil sie an der Gegenwart kleben, von Andern vernachlssigt
wird.

So viel zeigt uns alle Geschichte, da das Volk an sich vergnglich,
vernderlich ist, whrend die Rae, der Typus unwandelbar und ewig
dauert. Araber, Juden, Mongolen, Neger haben bestanden und werden
bestehen, so lang es Geschichte gibt; Rmer, Griechen, Franzosen,
Russen, Deutsche fallen dem Untergang anheim, um so schneller, je
weniger sie den Typus ihrer ganzen Rae, um so langsamer, je mehr
sie ihn darstellen. Hier ist also ein ewiger Wechsel gegeben; die
Deutschen, als die ersten Trger des germanischen Typus unter den
jetzigen Vlkern, knnen diesen Typus an andere Vlker abgeben; so
wie die germanischen Vlker berhaupt als Erstlinge des kaukasischen
Typus ihn wiederum einem andern Vlkerstamme berlassen knnen. Was
folgt daraus? Zwei Bemerkungen, deren eine von denen, welche ber der
physischen Gre und Ausbreitung des deutschen Volks die Mglichkeit
des Untergangs, d.h. des Verschwimmens in fremde Nationalitt
vergessen, die andere von der noch grern Zahl im voraus beherzigt
zu werden verdient, welche, zufrieden mit einer untergeordneten
Mittelstellung ihres Vaterlands, jede Rolle Deutschlands in Europa,
auch wenn sie der ursprnglichen Natur zuwiderluft, fr gefahrlos,
ja im Interesse des Friedens fr segensreich erachten. Einmal: dem
deutschen Volk ist keine Wahl gegeben, als entweder in erster Linie den
germanischen Charakter auszudrcken oder sich selbst zu verlugnen.
Weiter aber: diese Erstlingschaft kann sich nicht nach innen allein,
sie mu sich auch nach auen ausprgen, das Haupt der germanischen Welt
ist nach der Natur Europa's zugleich der Mittelpunkt der kaukasischen.
Denn wie in der alten unverbundenen Welt, ehe Rom den Erdkreis umfate,
Aegypter, Griechen, Perser, Juden, Indier, obwohl in mannichfacher
Berhrung, doch getrennt auseinander lagen, so hat die neue Zeit eine
Verbindung der Vlker geschaffen, welche ganz Europa mit demselben
Bande verknpft, das ehedem die griechischen Republiken umschlang; so
zwar, da jeder innere Nachla, wie alles innere Wachsthum einer Nation
zugleich nach auen eine Rckwirkung in ganz Europa hervorruft, welche
um so lebhafter ist, je hher die Nation selbst an Bedeutung steht.
Eben dehalb kann das erste germanische Volk nur herrschen, es sei
geistig oder leiblich -- oder untergehn.

Die beglaubigte Geschichte, so weit sie unsere Entwicklung
berhrt, zerfllt in vier Abschnitte: in die alt-orientalische
Zeit, mit den ersten groen Reichen, mit gyptischer und jdischer
Weisheit; in die griechisch-rmische Periode, worin der Weltgeist
aufs sdliche Europa bergeht, mit Ueberwindung persischer und
karthagischer Gre; hierauf nach der groen Umwlzung der Vlker
und Staaten, in die christlich-germanische Weltordnung, gegenber
der muhamedanisch-arabischen, endlich in die neue Zeit, die in
der Reformation die Kirche, spter das Christenthum und den Staat
umgestaltet, und mit der Erforschung des ganzen Erdballs eine
europische Universalmonarchie gegrndet hat. #Nun ist das deutsche
Volk in der dritten Periode der Mittelpunkt der christlichen Ordnung
gewesen#; es hat durch die Reformation die vierte erffnet; welche
Stellung wird ihm, im Verlauf eben dieser Periode, zugewiesen sein?

Zweimal haben die Deutschen reinigend und verjngend, wenn auch
zerstrend zugleich, sich ber Europa ergossen; am Anfange des
Mittelalters und am Ende desselben, dort leiblich gegen das leibliche,
hier geistig gegen das geistige Rom. Ist hierin Anfang und Ende ihrer
Geschichte beschlossen, war der Protestantismus das letzte groe Werk,
an dem sie sich verblutet, und werden andere Vlker fortsetzen, was wir
begonnen? Oder im Gegentheil, war die Reformation der Grundstein eines
grern Aufbau, sind wir allein befhigt, diesen Aufbau zu vollenden?

Wenn das Erstere: so wird Deutschland, nach Verlust seiner Einheit,
seiner Verfassung, seines politischen Ranges, den Mchten ringsumher
zur Beute fallen; es wird fallend, mit der Flle seines Geistes die
Vlker durchdringen, welche, entweder leichterer oder roherer Natur,
zu seinem Erbe berufen sind; endlich gleich dem alten Rom, in der Menge
seiner Kinder untergehen.

Wenn das Zweite: so wird Deutschland, nach gefundener Vollendung, aus
dem Zauberschlafe erwachen, und dieselbe Herrschaft, die es in der
dritten Periode ber die christliche Welt gebt, wird in der vierten
reiner, geistiger und hher wieder erstehen. -- Ein Drittes ist
undenkbar in der politischen Geschichte der Vlker, undenkbar nach
dem Gange der Civilisation, undenkbar endlich fr jeden Deutschen,
dessen Seele nicht zu klein, dessen Bewutsein nicht zu niedrig ist, um
entweder ein Vaterland, gro wie ehemals, und an der Spitze der neuern
Zeit, oder keines zu wollen.




Kapitel II.

Aeuere Anschauung der deutschen Geschichte.


Ich gestehe, der erstere Fall #mu# als der wahrscheinlichere jedem
Auslnder erscheinen, der die Geschichte mit kaltem und nchternem Auge
durchluft, und #kann# es jedem Eingebornen, der nicht mit der ganzen
Kraft des innern Bewutseins gegen das Schicksal ankmpft, das mit
drohender Vernichtung ber Deutschland hereinschwebt; und dazu gehrt
ein Bewutsein, wie es Wenige besitzen. Wie wenn ein Fremdling, der
ohne Liebe, wie ohne Ha die neuere Zeit betrachtet, der berdie dem
deutschen Volke wohlwollen knnte, aber ohne jenen Stachel, der unser
Bewutsein gegen eine Zukunft bewaffnet, die wir nicht zu gestehen
wagen, wie wenn er also sprche:

An die ersten Vorbereitungen der Reformation knpft sich der
Verfall der politischen Gre, der nationalen Einheit. Mit den
Kirchenversammlungen von Basel und Kostnitz, mit den Hussitenkriegen
neigt sich die Herrlichkeit des Reiches. Wie sie unter KarlV. zum
letztenmale sich erhebt, ist es nicht mehr kaiserliche Gewalt; es
ist habsburgische Hausmacht; der Letzte, der des Reiches Rechte in
Italien vertheidigt, der Erste, der sie, durch Uebermacht gezwungen, an
Frankreich abtritt, ist eben dieser KarlV. Der Fluch der Reformation,
schon zu Luther's Zeit in den Kmpfen des Adels, im Bauernkriege
entfesselt, entwickelt sich steigend bis zum dreiigjhrigen Kriege;
Franzosen und Schweden herrschen in Deutschland, und der westphlische
Friede, der Grabstein des deutschen Lebens, wird abgeschlossen.
Von hieran kein Deutschland mehr, nur Oestreich, Preuen, Baiern,
Hessen, und wie sie alle heien; der deutsche Welthandel, die
deutsche Seemacht ist unwiederbringlich vernichtet; die Franzosen
unter LouisXIV. herrschen zum zweitenmale ber Deutschland; durch
englische und habsburgische, nicht durch deutsche Macht wird ihre
Herrschaft abgewehrt; aber die Knechtschaft des Geistes, worein sie
Frsten und Vlker gejocht, die Willkhr, die sie jenen, der sclavische
Sinn, den sie diesen eingeflt, bleibt fort und fort. Nach kurzer
Erholung entzweien sich Oestreich und Preuen, und der Mann, der
siegend aus dem Kampfe hervorgeht, der grte, den Deutschland seit
langer Zeit besessen, hinterlt das Reich in tieferer Spaltung, als
er es gefunden. Endlich die Revolution; aus ihr die dritte Herrschaft
der Franzosen; das alte Kaiserthum strzt, und nachdem mit Hlfe
von ganz Europa Napoleon besiegt ist, wird die Trennung geheiligt;
Deutschland schwindet aus der Reihe der Gromchte, und russische
Uebermacht folgt der franzsischen. Das ist Deutschlands Geschick
seit drei Jahrhunderten; nach auen hin Verfall, Entehrung, Schmach,
Unterdrckung, Zerstckelung; nach innen Verlust der alten Freiheit,
Ohnmacht des Volks, Verdorbenheit der Hfe, Feigheit der Gesinnung,
Verlugnung des deutschen und kriechende Bewunderung fremdlndischen
Wesens, die wenigen schnen Bltter besudelt durch Uneinigkeit,
Selbstsucht und Unentschlossenheit. Der Bund, der aus dem groen
Sturz sich neu geboren hat, scheint ein Schattenbild von Natur und
Einrichtung; scheint unfhig selbst in Dingen, die seinem Bereiche
angehren, ein krftiges Wort zu sprechen; die Gromchte, die sich
deutsche nennen, werden aufhren, es zu sein, wenn es die eigne
Erhaltung gilt, und der erste groe Kontinentalkrieg wird Deutschlands
letzter sein. Die Vorsehung aber hat gewollt, da die seltsame Volk,
noch vor seinem politischen Untergang, alle Krfte seines reichen
Geistes entfaltet, da es in der Poesie und Literatur, in der Kunst
und Musik sich ein Denkmal ewiger Gre gesetzt hat; seine Ideen, sein
Geist werden auf die andern Vlker bergehen.

Das ist die uere Geschichte, nicht anders die innere. Die
Wiedergeburt des staatlichen Lebens, die groe Zeichen der neuern
Zeit, wie ist sie in Deutschland vorgeschritten? In England, in
Frankreich hat die Reformation, mittel- und unmittelbar, riesenhafte
Umwandlungen hervorgerufen; auf deutsche Grundlagen hin haben andere
Vlker sich verjngt. Die englische Freiheit, als der staatliche
Ausdruck der germanischen Natur, hat sich dort, der moderne
Liberalismus hier aus dem Volksgeist entwickelt; in Deutschland sind,
unter einer Unzahl von Oligarchen, die alten Freiheiten unterdrckt,
die angestammten Einrichtungen (selbst die alte Oeffentlichkeit der
Gerichte) vernichtet worden; an ihre Stelle ist, und das erst in
neuerer Zeit, und nur in den kleinen Staaten, das konstitutionelle
System getreten, halb von den Franzosen, halb von den Englndern
erborgt; aber jedes Jahr, jeder Tag beweist, wie wenig das fremde
Institut im Stande ist, in den deutschen Volksgeist einzuwachsen. Aber
abgesehen von der Kraft des Volkes, wie ist es um die Frstenmacht
bestellt? Ohne Centralisation, so will es der Charakter der neuen
Zeit, keine Macht, darin liegt die englische, die franzsische, die
russische Gre. Woher soll Deutschland, die vielkpfige Hyder, seine
Einheit erhalten? Selbst Oestreich und Preuen, wren sie rein deutsche
Mchte, wrden daran scheitern; es sind Staatenconglomerate ohne die
Mglichkeit der Centralisation, es gibt keine streichische, keine
preuische Nation. Vor Allem aber keine Einheit ohne Nationalgefhl,
kein Nationalgefhl ohne politisches Bewutsein. Was will ein
Bewutsein, das im hchsten Fall sich mchtig genug glaubt,
Deutschlands Integritt wahren zu knnen, sonst aber jeder, auch der
kleinsten Richtung nach auen ermangelt? Ein Volk ohne politische
Tendenz, ohne Mglichkeit der Offensive, ohne Ausbreitung irgend einer
Art, ist im politischen Sinne kein Volk.

Ohne Ausbreitung, sage ich, irgend einer Art, und komme damit auf
das zweite groe Werk der neuen Zeit. So weit die geographische Kunde
reicht, hat Europa seine Flgel gestreckt. Spanier, Portugiesen,
Englnder, Franzosen, selbst Russen, Dnen und Schweden, haben Amerika,
Theile von Afrika, die grere Hlfte Asiens und Australien dem
europischen Namen unterworfen. Die Herrschaft ber die civilisirte
Erde naht sich dem Ziele; die einzelnen Vlker werden sich theilen,
England und Ruland werden Asien, Frankreich wird Afrika berkommen;
und wie sie jetzt schon beginnen, durchs Schwert und Protokolle die
Trkei zu regieren, so wird knftig ein groer Areopag sich bilden,
der ber Lnder und Nationen richtet. Wo wird Deutschland sitzen im
Rathe der Vlker? Was haben Deutsche gethan, um Theil zu nehmen an der
knftigen Gre Europa's? Sie haben gebrtet, wo Andere handelten; ihr
Loos wird sein, gleich ihren Thaten; genug, wenn Oestreich noch Sitz
und Stimme behlt; derselbe Areopag, einmal an Entscheidung gewhnt,
wird auch ber Deutschlands Schicksal richten.

Wenn nun zu alle dem das Bewutsein einer vollendeten Mission, wenn
die Erinnerung an eine Vorzeit hinzukme, die von solchen Uebeln
unbefleckt wre, dann knnte Deutschland sich noch getrsten, und der
Einzelne knnte ausruhen im Gefhle eines ewigen Ruhms oder in dem
Glauben an ein fremdartiges Schicksal, das zeitenweise den deutschen
Charakter gebrochen habe. Aber geht sie durch, die Geschichte des
Mittelalters. Sie ist gro und glorreich, aber kein Ruhepunkt, keine
Stelle ist zu finden, wo der deutsche Geist sich vollendet htte:
ein rastloses, unseliges Treiben; ewige Zwietracht; die Grten vom
Unglck verfolgt und hinweggerafft in der Blthe der Jahre; unsre
ganze Herrschaft nicht eignes Gut, sondern berkommen von einer
frhern Vergangenheit. Uneinigkeit allenthalben und zu allen Zeiten,
unauflsliche Trennung der einzelnen Volksstmme, endlose Schwankungen
des politischen Lebens ohne Ziel und Vollendung, tausendfache
Anschmiegung an fremde Willkr, ja fremden Geist -- das sind die
Grundzge, die von Anfang zu Ende hindurchgehen; die heute noch
bestehen, wie vor tausend Jahren; und wie sollten sie jemals sich
verwischen? --

Solche Hoffnung bietet die Geschichte. Doch wie traurig sie auch
seien, jedes Volk kann dem Schicksal widerstehen, wenn es will; wenn es
mit der letzten Kraft seiner Natur die drckenden Bande des Unglcks
durchsprengt. Aber auch #sie# hat sich im Lauf der Zeiten gendert.
Der deutsche Charakter, so stark und mchtig, so kraftvoll und bieder
in den Zeiten des Ritterthums, wie ist er so anders geworden! Wie
einst die byzantinischen Rmer unter den Dogmen und Sektenkmpfen der
Kirche zum jmmerlichen Volke herabgesunken sind, so ist das deutsche
Gemth durch endlose konfessionelle Subtilitten zusammengeschrumpft,
das Mark des Lebens ist vertrocknet und die ganze Mannheit auf immer
verknchert. Wer vermag in dieser trgen, spiebrgerlichen Masse
das Volk wiederzuerkennen, dessen Grimm den Wlschen zum Sprchwort
geworden war! Die deutsche Wuth ist lngst verraucht; ein schlaffes
Wohlbehagen, ein widriges Phlegma ist es jetzt, was den Deutschen
im Ausland bezeichnet. Damit bestehen weder groe Entschlsse, noch
krftige Thaten; bedchtig reift das Vorhaben, und ist es erzwungen
durch die dringendste Noth, so hinkt allzuspt und durchkreuzt von
tausend kleinlichen Rcksichten die Ausfhrung nach. Die deutsche Treue
ist zum Spott geworden; feige Unterwrfigkeit, knechtische Demuth hat
sich mit ihrem Namen geschmckt. Mit der selbststndigen Kraft ist auch
der selbstthtige Geist erloschen; was anerkannt sein soll in deutschen
Landen, mu erst von auen herein oder von oben herab gepriesen werden.
Die Freiheit ist nirgend zu finden, als in Liedern und Gesngen; die
Einheit ist ein abstrakter Begriff, dem in Worten gehuldigt wird, nicht
durch Gemeinsinn, Aufopferung und Uneigenntzigkeit. Der Schlendrian
hat alle Klassen ergriffen; der ffentliche Dienst geschieht um des
Brodes, wenn's hoch kommt um der Ehre willen; die alte Titelsucht hat
in den Kern des Volkes gefressen und Kriecherei der Niedern gegen
die Hhern, Willkhr der Hhern gegen die Niedern ist zur Ordnung
geworden. Die Abmarkung der Stnde, die Macht der Bureaukratie hat sich
mehr, als in irgend einem Lande der Welt in die Gemther und Geister
eingewurzelt. Die Liebe zwischen Frst und Volk, so herrlich in den
alten Geschichten der Deutschen, ist ausgestorben; Argwohn von oben,
Furcht und Klte von unten, hat sich eingenistet. Alle Frische des
Geistes, alle Glut der Seele vertrocknet in der engherzigen Pedanterie,
deren sich kein Verhltni des Lebens entledigen kann; tausend
drckende Formen mu der Geist durchlaufen, ehe er sich emancipiren
kann, und wenn er sie besteht, hat er seine Jugend zur Einbue dahin.
Die Stelle des politischen Bewutseins vertritt eine unermeliche
Gelehrsamkeit, und diese hinwiederum, anstatt dem Volke sich zu widmen,
schliet nur Einer Kaste ihre Schtze auf, whrend der Staat in einem
kleinlichen Detailwissen den Ersatz fr die Geistes- und Gemthsgaben
sucht, die er durch keine Vorschriften seinen Dienern anerziehen kann.
Der kriegerische Geist verkmmert in solcher Stubenluft, die Soldateska
ist eine physische Masse, unfhig jeder Begeisterung, wenn es nicht an
Haus und Hof, an Leib und Leben geht. Im Uebrigen gibt es keine Nation,
die an Friedfertigkeit, Geduld und Zahmheit der deutschen gliche. In
Ermanglung des ffentlichen politischen Lebens, wie jeder Laufbahn im
Felde, wirft sich der Volksgeist auf Handel und Industrie; aber auch
hier steht die Zersplitterung, steht der Eigennutz und Schlendrian,
steht die Lokalsucht und die Trgheit, stehn die Familienbande der
Groen jeder groartigern Idee entgegen. Wie soll aus solch einem
Charakter neues Leben erstehen? Es wird nicht und kann nicht; nur
durch fremde Hand, nur in der Assimilation, wozu die unmndige Volk
bestimmt scheint, kann solche Trgheit durchbrochen werden.

Zwar freilich seit dem Wiener Kongre glaubt man in Deutschland
Manches gethan, manchen Fortschritt gemacht zu haben. Und was ist es
denn, das seitdem geschehen sein soll? Die Deutschen sind anfangs
einer Begeisterung gefolgt, die spter zum Nichts, wo nicht gar zum
Gelchter geworden ist; die heilige, die nordische Allianz wute sie
dazu zu gestalten. Spter nach der Julirevolution folgten sie ebenso
dem franzsischen Ansto; und kaum war #er# verraucht, so fgte man
sich gleich willig der russischen Reaktion. So zwischen Restauration
und Liberalismus, zwischen Ruland und Frankreich umhergeworfen, steht
Deutschland inmitten zweier Bewegungen, welche beide gleich erbrmlich
sind, ohne die Kraft einen eigenen Willen aufzupflanzen. Wie seltsam
klingt die verchtliche Manier, womit heutzutage die Deutschen von
franzsischem und russischem Staatsleben sprechen, wenn man wei, da
in Deutschland die Frsten durch den Anschlu an das russische Prinzip,
die Vlker durch die Furcht ihr Leben fristen, welche die franzsische
Propaganda einflt. Man mag den Edelmuth des deutschen Volkes
bewundern, wenn es auch in seiner Versunkenheit jedes ungesetzliche
Mittel verschmht, jeden Aufruhr zurckweist: aber wo der Nationalzug
nicht alle Schwierigkeiten ebnet, wo er nicht Frsten und Volk mit
#einem# Willen zu beseelen vermag, da ist die Kraft gebrochen, und die
Erndte gereift fr fremde Schnitter.

So viel mag der nchterne Verstand eines Auslnders aus der deutschen
Geschichte neuerer Zeit fr die Zukunft Deutschlands weissagen; und
wenn Englnder, Franzosen, Russen nach solcher Ueberzeugung handeln,
so ist es #ihnen# nicht zu verargen. In Wahrheit, von all diesen
Thatsachen knnen wenige gelugnet werden; und kein Deutscher, der es
ernstlich mit seinem Vaterlande meint, wird ihr Gewicht verkleinern
wollen. Was hilft hier eine oberflchliche Beruhigung?

Saget nicht: es ist nicht an dem, denn die Lichtseiten unseres Daseins
sind heller, als die Schattenseiten. Saget nicht: es wird nicht an
dem sein, denn ein Untergang, wie dieser, ist wie ohne Beispiel in
der Geschichte, so auch im Widerspruche mit allen Verhltnissen
des Augenblicks. Klammert Euch nicht an den kahlen Trost, der in
der Vergleichung einer ertrglichen Gegenwart mit einer schlimmern
Vergangenheit liegt. O, ber die Halbmenschen, die den Lauf der
Geschichte durch politische Berechnungen des Moments zu hemmen, die
in den Aussprchen der Frsten, in den Adressen der Kammern, in den
Hoffnungen der Journale Sicherheit und etwa gar eine Zukunft zu
finden vermeinen; ber die Schwchlinge, die mit den Fortschritten
der jngsten Dezennien sich brsten und ber das frohlocken, was der
uerste Drang der Zeit von uns gefordert hat. Es ist allerdings
Gefahr vorhanden, groe ungeheure Gefahr, nicht hier und da, nicht an
einzelnen Ecken und Enden, nicht in der oder jener Beziehung, sondern
Gefahr um das Dasein des deutschen Vaterlandes, und Rettung um so
weniger, als die Gefahr verachtet wird.

Berechnet immerhin alle Phasen der Politik, alle Chancen des
Gleichgewichts, kalkulirt auf die innern und uern Zustnde von
Deutschland, und ihr mget keine Gefahr finden. Aber aller Wunsch und
Wille der Frsten, wie der Vlker, was vermag er wider den Zug des
Jahrhunderts? Dieser treibt wider Willen die Nationen, und welche
Nation nicht einen ausgesprochenen Willen, nicht einen hhern Trieb
als den der Erhaltung dem Schicksal entgegenzusetzen vermag, ber die
fhrt es zerstrend hinweg. Wenn der Weltgeist nach langem Frieden,
dem Sturm gleich die Vlker beseelen wird, wenn das vollgerttelte
und geschttelte Ma der angehuften Stoffe berflieen, wenn ganz
Europa der Luterung theilhaftig werden wird, wonach es so lange schon
ringt, wenn dann politische Kraft gegen politische Ohnmacht, positives
Leben gegen negativen Halbzustand streitet -- dann schaut Euch nach
Deutschland um! Wenn andre Vlker, jedes um sein Panier, sei es ein
geistiges oder leibliches, sich schaaren, was wird der Deutsche thun,
ohne Einheit, ohne Streben, ohne Bewutsein? Was in frhern Zeiten der
Schmach kann auch jetzt wieder geschehen; auf eine zweite Knechtschaft
aber folgt keine Wiedergeburt mehr.

In der That, was ist es denn, das Deutschland sich rhmen kann, aus
eigner Kraft vollbracht zu haben? Unsere Verfassungen, ja zum groen
Theil unsere Staatsverwaltung, unser Wehrsystem -- haben wir nicht
Alles von Fremden gelernt, mute nicht Napoleon kommen, um Deutschland,
das wehr- und heerlose, auf die Stufe der andern Vlker zu stellen?
O, es ist schn und erquicklich anzuhren, wie man in Deutschland die
Erhebung von 1813 und 1814 preist, wie man deutschen Muth und deutschen
Patriotismus zum Himmel erhebt; denn in Wahrheit, erstaunlich ists, da
die Deutschen nach zehnjhriger Knechtschaft es gewagt haben, frei zu
sein. Ein Volk, das sich lobt, wenn es zufllig nicht uneins, das sich
preist, wenn es nicht ohnmchtig, das sich bewundert, wenn es einmal
nicht feige gewesen ist, das sich rhmt, nicht immer elend, jmmerlich,
blind und blo gewesen zu sein -- ein solches Volk hat von Nationalehre
einen sehr schwachen oder keinen Begriff. Bei Gott, wre uns nichts
brig, als unsere politische und Kriegsgeschichte seit Jahrhunderten,
wir htten Grund genug, an deutscher Zukunft zu verzweifeln. Die
Gefahr zu fhlen, die Schmach zu verstehen, das vor allen Dingen thut
Noth. Aber die Geschichte, wie sie uns errthen lehrt, so verbirgt sie
dennoch in bittrer Schale einen sen Kern. Ihn zu enthllen, Trost,
Rechtfertigung und Brgschaft zu finden in einer innern Anschauung der
deutschen Vergangenheit, sei fortan unsere Aufgabe.




Kapitel III.

Intentionen der deutschen Geschichte.


Wahr ist's, was oben gesagt worden, ein mhseliger Kampf um ungeheure
Zwecke, ohne volle Bekrnung, macht vor den Geschichten anderer Vlker
die deutsche Geschichte zwar gro und herrlich, aber auch traurig
und erschtternd. Es gibt keine Epoche, in der Deutschland, gleich
andern Staaten, ja nur gleich manchen seiner Kinder, zu harmonischer
Vollendung oder auch nur der deutsche Geist zu innerer Ruhe gelangt
wre; groe Plane sieht man vor ihrer Entfaltung gebrochen, das
herrlichste Wollen von unwiderstehlichen Mchten zerstrt; nirgend
ein allseitiges gemeinsames Leben, sondern die eine Seite zu der,
die andere zu jener Zeit entwickelt, unzhlige Male zum Schaden des
gemeinen Wesens; vor Allem aber nie und zu keiner Zeit eine bestimmte,
unumstliche, nach auen und innen unantastbare Staatsverfassung.
Beklagenswerth ist Deutschland, wenn es an der Spitze von Europa ber
andern Vlkern sich selbst vergit; beklagenswerther noch, wenn es,
entsagend seiner Weltmacht und in sich zurckgezogen, von Fremden
zerrissen wird. Wozu das Alles? Woher so viel unentwickelte Keime, so
viel gebrochene Tendenzen? Werden sie jemals und wann werden sie ihre
Enderfllung finden? -- Wir betrachten die Intentionen, um welche die
deutsche Geschichte sich gruppirt, und stellen die Perioden also voran,
da jede von ihnen Eine der groen Thatsachen in sich fat.

      I. Der Urzustand des deutsches Volkes.

     II. Die Kriege der Deutschen wider die Rmer. (Von Csars bis
         Marc Aurels Zeit.)

    III. Das Ausgehn der Deutschen ber Europa. (Von Marc Aurel bis
         auf Chlodwig.)

     IV. Das Frankenreich. (Von Chlodwig bis auf Ludwig das Kind.)

      V. Das deutsche Reich unter den schsischen und frnkischen
         Kaisern bis zum Tode Heinrich III.

     VI. Das deutsche Reich unter den frnkischen Kaisern und den
         Hohenstaufen.

    VII. Vom Interregnum bis zur Reformation.

   VIII. Von der Reformation bis zum westphlischen Frieden.

     IX. Vom westphlischen Frieden bis zum Untergang des Reiches[1].

      X. Die neueste Zeit.

I. II. Die erste jener Perioden umfat die Kindes-, die zweite die
Lehrzeit des deutschen Volkes. In der Urverfassung der Deutschen,
in der Ungebundenheit der einzelnen Stmme und Gemeinden liegen die
Keime, aus denen alle deutsche Geschichte erwachsen ist. Die antike
Welt hatte in einem Ungeheuer geendigt, welches als absoluter Staat
Nationalitten, Provinzialismen und Individualitten verschlang. Sie
zu strzen, eine neue zu bauen, erkor die Vorsehung ein Volk, in
dem, bei maaloser Freiheit der Stmme, Geschlechter, Familien die
Macht des Individuums berwiegend hervortrat. Aus Freien und Adeligen
besteht das Gemeinwesen; mit dem Grundbesitz, mit dem Recht und der
Pflicht ihn zu schirmen, mit der Gewere ist die Freiheit verwebt.
Bei greren Unternehmungen, wenn der Staat zu festerer Gestaltung
drngte, whlte man, aus den edelsten Geschlechtern, den Frsten.
Will man moderne Begriffe auf die lteste Verfassung anwenden, so war
sie weder demokratisch, noch aristokratisch, noch monarchisch; sie
war jene gesunde Mischung der drei Elemente, welche in unsern Tagen
England zum glcklichsten Staate Europas macht. Nur als das mittlere
Element berwog und hat zu allen Zeiten in Deutschland berwogen,
das aristokratische. Die deutsche Religion war so einfach, da die
christliche Lehre den Deutschen mehr als eine hhere Zugabe, denn als
widersprechend erscheinen mute; der Kampf entspann sich spter nur da
mit Heftigkeit, wo mit dem alten Glauben zugleich die Freiheit bedroht
wurde.

Man sieht von Alters her die Deutschen in zahllose Vlkerschaften
gespalten, bis die Gefahr viele kleinere zu Bnden vereinigte, aus
denen spter die einzelnen Stmme, als organische Glieder des ganzen
Krpers entstanden. Zersplitterung und Uneingkeit tritt in der zweiten
Periode eben so scharf hervor, als jene Fhigkeit der Assimilation,
die schon damals, wie noch in der neuesten Zeit, einzelne Theile
von Deutschland dem romanischen Einflusse unterwarf. Die Fehler und
Tugenden der Deutschen wirken so enge zusammen, da jene eben so
unentbehrlich zu ihrem Beruf erscheinen, als diese (z.B. Geduld oder
Grndlichkeit) oft Schaden gebracht haben. Beide in ein richtiges
Verhltni zu setzen, bleibt die einzige Aufgabe; denn die Natur wird
niemals ausgerottet.

III. Nach einer langen Schule des Krieges und Lebens begannen die
Besiegten die Sieger zu berwinden. #Befruchtung der alten erstorbenen
Welt, Verjngung der verdorbenen Volksgeister in Europa# war die erste
Sendung des deutschen Volkes. Dazu gehrte ein freier kriegerischer
Geist, die einfachste aufs Eigenthum gesttzte Verfassung, jener zur
Anschmiegung geeignete Charakter, jener Mangel an Centralisation,
jene Zerspaltung in verschiedene Individualitten, deren jede von
der Vorsehung in das ihr passende Land gefhrt wurde. Die Rmer, wie
zur Herrschaft, waren auch zur Fortbildung des Christenthums unfhig
geworden. Die Deutschen im Ausland nahmen es in verschiedenen Gestalten
an, und wie die Kirche selbst, so muten bald auch die neugebildeten
Staaten der Einheit entgegenreifen.

IV. #Aufbau einer neuen, christlich-germanischen Weltordnung# war
die zweite Aufgabe der Germanen. Diese ward erfllt, indem gleich
nah am germanischen Stammland, wie an den romanischen Lndern das
Frankenreich erstand, das vom Ebro bis zur Raab alle germanischen
Staaten allmhlich vereinigte, und in Karl dem Groen die Erbschaft des
rmischen Westreiches durch das Kaiserthum, so wie die Schirmvogtei der
christlichen Kirche bernahm. Hier konnte die alte deutsche Verfassung,
trotz ihrer unendlichen Freiheit, zum Staate sich gestalten; das
Knigthum ward ein andres, durch das Verhltni des Eroberers zum
Gefolge, wie durch rmische Einflsse, und die Kirche heiligte
die Macht der Merowinger und ihrer Erben, der Hausmeier. Nach Karl
dem Groen zerfiel das Reich und unter den Drangsalen barbarischer
Einbrche sonderten sich die einzelnen Vlker, um selbstndig
heranzuwachsen.

Zu eben dieser Zeit wurden die Normannen mchtig; sie vollendeten in
Europa das groe Werk germanischer Ausbreitung, indem sie die Spitzen
der Lnder und den Osten besetzten, worein die Deutschen nur flchtig
eingedrungen waren.

V.#In der nun beginnenden Entwicklung der Vlker nach innen und auen
die oberste Stellung einzunehmen#, war der weitere Beruf des deutschen
Volks; unter den Sachsen und Franken bis auf HeinrichIII. ward er
erfllt. HeinrichI. war der Schpfer der innern Gre, OttoI. trug
die Kaiserwrde auf Deutschland ber. Auf dem Kaiser und dem Papst
beruhte die Einheit der christlichen Welt; aber die Kirche, wie sie
alle Verhltnisse des Lebens durchdrang, war damals eng verbrdert mit
dem Staate, der Glaube zu unbedingt, als da ein geistiger Gegensatz
entstehen konnte; die Kaiser frderten die Macht der Hierarchie.
Der deutsche Geist, ohne innere Zerrissenheit, konnte sich nach
auen wenden: die hchste politische Blthe, wie die hchste Einheit
Deutschlands fllt in diese Zeit.

In Frankreich, auf fremdem Boden, hatte das Knigthum erstarken, hatte
die germanische Ungebundenheit sich nach ihm modifiziren knnen; in
Deutschland trat alsbald die aristokratische Freiheit wieder wuchernd
heraus, die Gauverfassung ging unter, und das knstliche Gebude des
Lehensystems erstand. Die Monarchie erhielt sich krftig, indem sie die
Erblichkeit bei den kleineren Lehen frderte, whrend sie willkhrlich
mit den groen Herzogthmern schaltete. Sie selbst beruhte auf einer
Wahl, welche sich selbst an hergebrachte Eigenschaften band, und
dadurch dem Volkswillen wie der Thronfolge gleiche Sicherheit bot.
HeinrichIII., der ber Polen und Ungarn gebot, den ppstlichen Stuhl
nach Willkhr besetzte, verband die uere Tendenz der zwei letzten
#Ottone# mit der innern Kraft seines Vorgngers; mehrere Frsten in
seinem Geist wrden Europa unterjocht haben. Das Papstthum, wie es sich
unter Hildebrand erhob, rettete, ohne es zu wollen, die Freiheit der
Vlker.

VI.#Die europische Menschheit vor einer hierarchischen
Universalmonarchie zu wahren#, war die vierte Arbeit des deutschen
Geistes. Die Hierarchie, wie sie Europa erzogen hatte, schritt zur
politischen Vormundschaft; das Kaiserthum, wie ihm die Schirmvogtei
der Kirche gebhrte, wollte die Einheit der Kirche und des Staats,
d.h. die Unterordnung dieser unter jenen. Also kmpfte Idee gegen
Idee, die Gemther erwachten zu hherem Leben, und der deutsche Geist
entfaltete in diesem Zeitraum seine schnsten Blthen. Es war eine
groe Kulturepoche der Menschheit; das Ritterthum mit dem Minnegesang,
das Brgerthum in den Stdten, die Baukunst, die romantische Poesie,
die Scholastik, all das, durchdrungen von der christlichen Anschauung,
war die gereifte Frucht der neuen christlichen Weltordnung. Groe
Intentionen lagen damals in der Zeit; verhllt in den Aberglauben
machten sie sich in den Kreuzzgen Bahn. Der Kampf war um so mchtiger,
als die Vorsehung auf beiden Seiten die grten Mnner gegenber,
oder doch in geringer Entfernung von einander stellte. GregorVII.
mute unter HeinrichIII. erstarken, FriedrichI. gegen AlexanderIII.
kmpfen, InnocenzIII. den Kaiser FriedrichII. bevormunden. Aber wie
in HeinrichIV., dem Ersten dieser Periode, nur die Willkhr eines
mchtigen Herrn sich beugt, so strebt in dem Letzten, in FriedrichII.,
eine ungeheure geistige Opposition, hinausreichend ber ihre Zeit,
schon -- die Sttzen des Papstthums zu entwurzeln. Mitten inne steht
Kaiser Friedrich der Rothbart, seine Vershnung mit AlexanderIII.
bildet den einzigen Ruhepunkt des Kampfes; jene Scene in Venedig ist
der hchste Ausdruck, das erschpfende Bild des Mittelalters[2].

Die Hierarchie, mit allen Waffen des Zeitgeistes, besiegte das
Kaiserthum, und ihre Verbndeten, die Aristokratie in Deutschland, die
Stdte der Lombardei, erschtterten Deutschlands politische Einheit
und Herrlichkeit. Wie die frheren Kaiser die groen Lehen gleich
Beamtenstellen vergeben hatten, so zerstckelten sie die Hohenstaufen;
hierdurch ward die Erblichkeit allgemein, und die Whlbarkeit der
deutschen Krone, das Palladium der Freiheiten, so lange die groen
Herzoge Vertreter ihrer Vlkerschaften, so lange sie whlbar und
absetzbar waren, wurde der wunde Fleck der deutschen Einheit, so wie
die Frsten berhaupt zu Landesherren heranwuchsen. So erlagen die
Hohenstaufen der dreifachen Macht der Hierarchie, der Aristokratie und
der lombardischen Stdte; aber ihre Aufgabe war trotz dem gelset;
die Hierarchie, indem sie ihre Grnzen berschritt, unterlag der
ffentlichen Meinung.

VII.Mit FriedrichII. erloschen die groen Ideen; #sich selbst
zu leben, nach allen Seiten das deutsche Wesen# auszubilden, war
Deutschlands Rolle in diesem Zeitraum.

Korporationen aller Art, Erbverbrderungen der Frsten, Innungen
und Znfte, Stdtebnde, Rittervereine, die schrfste Entwicklung
jedweden Einzellebens bis zur Spitze charakterisirt diese Zeit;
zugleich ein bestndiges Streben nach unumstlicher Regelung der
innern Verfassung und Ordnung Deutschlands von Rudolph von Habsburg
an bis zum Landfrieden Maximilians. Das Kaiserthum ist zu Ende; das
Knigthum, als die grte Erbmacht unter den vielen Erbmchten, tritt
an seine Stelle. Ebenso sinkt die Hierarchie, obgleich Siegerin zu
Ende des vorigen Zeitraums, von ihrer sittlichen Hhe, und mit ihrer
Verweltlichung zerfllt ihre innere Gewalt. So verndert sich der
Geist des Mittelalters; praktische Entwicklung, Blthe des Handels und
der Gewerbe macht sich geltend. Die deutsche Oberhoheit ber Polen,
Ungarn, Italien, Burgund, Dnemark ist dahin; dagegen wird das ganze
slavische Deutschland erst jetzt zum deutschen Lande; und in dem Mae,
als die Reichshoheit schwindet, wachsen die einzelnen deutschen Mchte,
Oestreich insbesondere, das sich als Gromacht gegen slavische und
trkische Barbarei im Osten erhebt, whrend im Nordosten der deutsche
Orden die heidnischen Vlker germanisirt. Im Vereine mit Deutschland
wetteifern die brigen Staaten Europa's in wachsender politischer
Ausbildung; noch aber bleibt Deutschland die oberleitende Gromacht,
obwohl sich schon einzelne Glieder, wie Burgund und die Schweiz,
lostrennen. Der Welthandel liegt in deutschen Hnden, die Seemacht der
Hansa ist die grte in Europa, und das Brgerthum erreicht in der
Menge blhender und mchtiger Republiken seine hchste Stufe.

Man bemerkt im Allgemeinen eine zunehmende Schwche nach Westen, ein
fortschreitendes Wachsthum nach Osten. Whrend dort die burgundische
Mittelmacht entstand, whrend Frankreich den Kampf gegen das Papstthum
(sonst Sache der Kaiser) glnzender beendigte, als es jemals die
Deutschen vermocht, erhob sich Bhmen und Mhren unter den Luxemburgern
zu einer geistigen Ueberlegenheit, welche in den Hussiten dem ganzen
Deutschland widerstehen konnte.

Seit dem Churverein zu Rense war die Befreiung der Staatsgewalt von
hierarchischen Anmaungen ausgesprochen. Das Schisma entfremdete die
Gemther dem Papstthum; die Concilien setzten die bischfliche Macht,
oder wenigstens die der Kirche, an die Stelle der absoluten Monarchie:
Hu und Hieronymus, obwohl nur aus der Scholastik hervorgegangen, und
nur in einzelnen Dogmen widersprechend, vertraten eine individuelle
Ueberzeugung gegen die bisher unangetastete richterliche Gewalt der
Kirche.

Whrend so auf dem Wege des Geistes, und mit Waffengewalt die
Reformation angebahnt wurde, bereitete die Erfindung des Pulvers und
der Buchdruckerkunst eine neue Zeit vor. In keiner Epoche haben die
Deutschen mehr industrielles und materielles Geschick entfaltet, als
in der zweiten Hlfte dieses Zeitraums. Es war eine Richtung des
Volksgeistes, sehr hnlich derjenigen, welche unsre Zeit bezeichnet;
sie erzeugte den Drang nach einer festen Gestaltung des Vaterlandes,
und wie die goldene Bulle die Frstenrechte konstituirt hatte, so
sollte die neue Reichsverfassung MaximiliansI. alle Staaten mit Einem
Bande umschlingen. Aber es lagen damals (wie auch heute) noch tiefere
Elemente in der Zeit; die Reformation kam, und eine innere Umwlzung
zerstrte die uere Einheit in dem Augenblick, da sie sich nach langem
Harren zu verwirklichen schien.

Die germanische Weltordnung war in der dritten Periode von den Hunnen,
in der vierten von den Arabern und Avaren, in der fnften von den
Magyaren, in der sechsten von den Mongolen bedroht worden; in der
siebenten wurde das byzantinische Kaiserthum, der letzte Rest der
antiken Welt, von den Trken vernichtet. Von da emancipirte sich Europa
von der drckenden Sklaverei, worein rmische und griechische Kultur
und Sprache des Mittelalter versenkt hatten. Die frhere Scholastik
war von Aristoteles beherrscht worden; jetzt, als fliehende Byzantiner
die Quellen nach Italien brachten, gewhnte man sich, die Alten im
Geist und in der Wahrheit zu verstehen, und eine herrliche Blthe der
Wissenschaft und Kunst bezeichnete in Deutschland den Untergang der
alten, den Anfang einer neuen Zeit.

VIII.#Die Reformation#, das heit die Befreiung der Christenheit
von der Vormundschaft ppstlicher und kirchlicher Autoritt, die
Entfesselung der Gewissen und Gedanken auf der einen, die Restauration
des Christenthums und die Reinigung der tiefen kirchlichen Verderbni
auf der andern Seite war das fnfte groe Werk des deutschen Geistes.
Nicht, wie es gleichzeitig in England, gewissermaen auch in Frankreich
geschah, wurde die kirchliche Verfassung gendert; Deutschland hatte
den Beruf, das Christenthum der Form zu entbinden, und es, nur auf
seine Quellen gesttzt, der freien ffentlichen Meinung zu bergeben.
Sofort mute das neue Princip, wie es der alten Kirche gegenber trat,
zugleich einen Kampf ber den dogmatischen Inhalt des Urchristenthums
erzeugen, der die Spaltung zwischen Lutheranern und Reformirten
hervorrief.

Whrend Zwingli dem Aberglauben den gesunden Menschenverstand und den
Muth eines redlichen Mannes, Calvin der Kirche ein geschlossenes System
entgegensetzte[3], von dem der Fanatismus unzertrennlich war, ging
Luther von einer gemthlichen Opposition aus, welche das Bewutsein der
Vlker (seiner eignen Partei sowohl als der katholischen) verjngte.
Die Religion war zu einem uerlichen Werkdienste herabgesunken,
welcher das innere Leben bertnchte oder entseelte; Luther, wie einst
Christus gegen die Phariser, hob mit der ganzen Kraft seines Geistes
die #Natur# hervor, ohne deren tiefere Reinigung alle Werke, auch
die besten, nur eitel seien. Hierber verdammt, im innersten Kerne
verwundet, trennt er sich von der Kirche, deren treuester Jnger er
selbst gewesen war; erbittert ber die Verworfenheit der Hierarchie,
gab er die Quellen des Christenthums der Kritik der Einzelnen preis,
ohne zu ahnen, wie bald ein Staat, der die Auslegung der Gesetze der
Willkhr jedes Brgers berlt, der Anarchie anheimfallen msse.
Jene wahre Kirche zu grnden, die in seinem Sinne lag, war ihm nicht
beschieden, wohl aber eine Konfession zu stiften, in welcher sein
glhender Drang nach Wahrheit, Freiheit und Mndigkeit sich rastlos
fortentwickelte; und zugleich auf den Katholicismus rckzuwirken,
in dessen uralten Institutionen der Geist des Glaubens gegenber dem
(protestantischen) Geiste der Forschung sich erhalten mute.

Es war eine groe Zeit, die Epoche der Reformation. Der Glanz des
Hauses Habsburg, ber romanische und germanische Lnder, ber
Europa und Amerika ausgebreitet, verklrte noch einmal das sinkende
Kaiserthum. KarlV., obwohl unberhrt von den tiefern Fragen der
neueren Zeit, spiegelte doch in seiner Sphre sie ab; wie sein
Grovater der letzte Ritter gewesen, so war er der erste Ausdruck der
absoluten Frstenmacht, mit umfassenden Intentionen. Unter Mnnern, wie
er, wie Franz von Sickingen, Ulrich von Hutten, Albrecht Drer waren,
unter so vielen Groen war Luther der grte; an Kraft und Heldenmuth
war er allen berlegen; eine Zuversicht war ihm eigen, die sich
vermessen konnte, (wie einst Jakob nach der Mythe) mit Gott zu ringen;
die deutsche Sprache endlich verdankt, was sie ist, zum grten Theile
#seinem# Vorbild, -- und schon um dieser Einen Hinsicht willen sollte
sein Andenken allen Deutschen gleich heilig sein[4].

Damals strebte die Ritterschaft vergebens, ihre mittelalterliche
Freiheit gegen die neue Verfassung zu wehren; eben so vergebens suchten
die Bauern, Ansprche durchzusetzen, die nur langsam zur Reife gedeihen
konnten. Die Reformation, welche diese beiden Bewegungen veranlat
und genhrt hatte, strkte zuletzt nur die landesherrliche Gewalt,
indem sie diese der ppstlichen Autoritt entzog, sie mit weltlicher
und kirchlicher Macht, mit unmittelbarer Weihe bekleidete und mit
eingezogenen Gtern bereicherte: jene absolute Frstengewalt, welche
in steigender Ausbildung bis zur franzsischen Revolution Deutschlands
politisches Leben untergrub.

Nach Luthers Tode begann der Krieg, und bald, von den Jesuiten
geleitet, die Gegenreformation. Die ganze uere Geschichte geht fortan
aus dem Kampfe der Ideen hervor; und die Sonne der Reformation, die
Sonne Deutschlands verhllt sich Ein Jahrhundert lang in blutrothe
Wolken, zwei Jahrhunderte darauf in dstere Nebel.

Wie in Einer Linie von KarlV. bis zum dreiigjhrigen Kriege die
Streitigkeiten sich entwickelten, wie dieselben Ursachen am Anfang des
Zeitraums Metz, Toul und Verdun, am Ende das Elsa und einen Theil
des Nordens dem Reiche entzogen, wie endlich Auslnder in Deutschland
geboten, wie die grten Talente nur der Zerstrung des eignen
Vaterlandes gedient, wie unter den Schrecken des Krieges die Kraft des
Volkes auf Decennien gebrochen, wie die blhende Saat, die Luther und
Hutten fr deutsche Literatur und Bildung gepflanzt (bald nach ihnen
schon in den Sophismen der Schulen verkrppelt), vollends zertreten
wurde, wie von nun an durch ein Jahrhundert hindurch die Muttersprache,
ihrer eigenthmlichen Kraft entkleidet, gleich der Nation selbst, zur
Sklavin der Fremden sich erniedrigt, das Alles ist hinreichend bekannt.
In dieser Zeit waren die Einflle der Trken vielleicht dazu geschickt,
den Deutschen zu zeigen, da sie wenigstens alle noch Christen seien;
ohnedem wre die (durch den gegenseitigen Ha) vergessen worden. Es
steht sehr nahe, zu fragen, warum die Entwicklung des dogmatischen
Zwiespalts nicht so zerstrend (denn von jeher waren Religionszwiste
die grlichsten), sondern so langsam vor sich gegangen. Man pflegt
ber die Barbarei eines Zeitalters zu lachen, das um die Bedeutung des
Wrtchens ist Blut vergieen konnte, das lnger als ein Jahrhundert
brauchte, sich verschiedene Ansichten zuzugestehen. Man bedenkt nicht,
da die innern Ideen, welche Katholiken, Reformirte und Protestanten
getrennt, auch heutzutage noch nicht entschieden, nur ihrer praktischen
Folgen beraubt sind; da in damaliger Zeit jede Partei fr ihre
Existenz in Wahrheit kmpfte; da endlich groentheils der Leichtsinn,
mit dem spterhin die Vlker die Religion berhaupt zu betrachten
anfingen, die Duldung herbeigefhrt. Sehr Vieles, was uns auf unser
Zeitalter stolz macht, weil es ihm humanere Art verliehen hat, ist nur
wieder Wirkung eines andern Fehlers; die Vorsehung ist oft genthigt,
Schlimmes mit Schlimmem zu vertreiben. So hat sie den Fanatismus
durch die Frivolitt zerstrt; sie durfte dazu nur die menschliche
Natur gehen lassen; denn der Ekel am langen Kriege, die Ermattung von
dogmatischen Subtilitten legten den Grund zur sptern Indifferenz.

Der westphlische Friede vernichtete die Reste der kaiserlichen Macht,
garantirte die stndischen Rechte, d.h. die landesherrliche Gewalt;
bemhte sich umsonst, die Reichsgerichte erklecklich zu organisiren,
befreite Holland und die Schweiz vom nominellen Verbande, und stellte
das Reich unter franzsische und schwedische Protection. --

IX. #Allseitige Durchbildung der innern und uern Folgen der
Reformation# charakterisirt den neunten Zeitraum.

Die Reformation hatte, obgleich sie den neuen Konfessionen Symbole
gegeben, doch dem Princip nach die Quellen des Christenthums der Kritik
anheimgegeben. Nachdem also der Protestantismus unversehrt aus dem
Kampfe hervorgegangen, mute er ber Symbol und Bibel hinausgehen;
in seinen kirchlich-theologischen Bestandtheilen verknchern und
(wo gemthliche Restauration versucht wurde) zur Sekte werden; in
seinen geistigen aber den Beruf bernehmen, gegenber dem alten
Offenbarungsglauben, vom Standpunkte der Vernunft nach Lsung der
hchsten Wahrheiten zu ringen.

Die Reformation hatte Deutschland innerlich gespalten, der
westphlische Friede (hier allein in ganz Europa) den Parteien gleiche
Geltung verliehen. Fortan war kein einiges Deutschland mehr vorhanden;
das groe Vaterland mute sich selbst absterben, #seine ganze
Lebenskraft in die einzelnen Glieder sich zurckziehen#. Unter diesen
muten zwei Staaten an die Spitze, der eine des Protestantismus, der
andere des Katholicismus treten, um Deutschland nach auen zu wahren;
jener sollte den Norden, dieser den Sden an sich fesseln, ohne doch
die Vielheit der Territorien aufzuheben, in welcher die Brgschaft lag
gegen eine Theilung des Reiches in zwei Reiche[5].

Whrend die Deutschen tiefer als jedes andere Volk die innern
Fragen erfaten, whrend sie, #mitten hindurch zwischen Aberglauben
und leichtfertigem Zweifel#[6], beharrlich die Sache der Wahrheit
frderten, hatte der romanische Geist, obwohl in den ueren Banden
der Kirche, mit den Institutionen des Christenthums, wie sie durch
die Reformation verworfen waren, zugleich das Christenthum selbst
verworfen, und eine Weltanschauung aufgestellt, welche fertig wie sie
war, getragen von einer klassischen Literatur und Urheberin einer
neuen Bildung, den Deutschen vorgeschrittener erscheinen mute, als
ihr eignes tausendfltig zerrissenes, glanzloses, barbarisches und
mhseliges Wissen.

Da unterlag die deutsche Kraft, ihrer selbst sich unbewut, der
franzsischen; einmal als die neue Aufklrung mit ihrem ganzen Gefolge
eindrang, das andere Mal, als sie in der Revolution den Staat nach
ihren Principien gestaltete und halb Europa bezwang.

In dieser Noth des gesammten Vaterlandes, zu einer Zeit, da auch
in den einzelnen Staaten die Willkhr der Frsten alles politische
Leben untergrub, flchtete sich der deutsche Geist in die allmlig
aufkeimende Literatur, welche, Gttliches und Menschliches umfassend,
offenbarte, wessen er immer noch fhig sei. Gleichzeitig, und noch
gewaltiger, enthllte das deutsche Gemth seine Tiefe und Hoheit in
ungeheuern, immer neuen Schpfungen der Tonkunst.

Das sind die Grundzge des Zeitraums; wir betrachten ihn nach drei
Abschnitten.


1.Vom westphlischen Frieden bis auf Friedrich den Groen.

In der vorigen Periode hatten Copernicus, spter Keppler, zwei
Deutsche, die physische Anschauung der Welt tausendjhriger religiser
Vorurtheile entledigt; zwei Romanen, Descartes und Spinoza, indem sie,
mit Hingabe aller hergebrachten Begriffe, sich die Welt des Geistes neu
zu konstruiren versuchten, wurden Stifter der deutschen systematischen
Philosophie, welche ununterbrochen bis auf unsere Tage nach Erkenntni
der Wahrheit gerungen hat, und deren wechselnde Systeme (es gehrt
nicht hieher, sie einzeln zu beleuchten) eben so viele Grundsteine
eines endlichen, unumstlichen Aufbaues sind, in dessen Hallen, statt
einzelner Bevorrechteter, die ganze Nation Raum finden wird. Durch alle
Abschnitte zieht sich jene schwere Arbeit des Geistes hindurch, mit
einer Kraft, einer Ausdauer, einer Piett, wie sie nur dem Deutschen
eigen ist; sie geht mit den andern, in der Reformation wurzelnden
Bestrebungen, Einem Ziele entgegen[7].

Im Uebrigen wird die deutsche Geschichte bis auf Friedrich den
Groen nur durch die Uebel erklrlich, worin der dreiigjhrige
Krieg, unberechenbar in seinen Nachwehen, das Vaterland gestrzt
hatte. Der Volksgeist war unter soldatischer Tyrannei erschlafft,
die Sitten barbarisirt, die Gemther im Aberglauben (noch blhten
die Hexenprozesse) und in Frivolitt verwildert, empfnglich fr
Despotismus und Fremdherrschaft, die Sprache zertreten und beschmutzt,
die alten Rechte und Gerichte, sonst des Volkes eigenstes Gut, lngst
verdrngt oder verwischt, die landstndischen Verfassungen zum Schatten
herabgeschwunden. Von dem, was Groes in seinen Tiefen ghrte, konnte
dem Volke kein Bewutsein bleiben; franzsischer Einflu, franzsische
Sprache, Bildung und Manieren war durch alle das angebahnt, durch die
Hfe aber zumeist, deren Willkhr und Verdorbenheit eine furchtbare
Hhe erreichten. Die Herrschaft ber die Gewissen, eine Folge der
kirchlichen Spaltung, hatte die Frsten an Allmacht gewhnt; #der
vollkommnere Mechanismus polizirter Staaten, ein franzsisches Werk#,
gab sie ihnen thatschlich.

Es ist ein sprechender Zug, da, je herrlicher Deutschland selbst
geblht, desto kleiner die Nachbarstaaten, je schwcher es gewesen,
desto strker jene sich entwickelt haben. Warum muten LudwigXI.,
Karl der Khne zur Zeit FriedrichsIII., warum Gustav Adolph und
Richelieu im dreiigjhrigen Kriege leben, warum kurz darauf
LudwigXIV. regieren? Ein inneres Gesetz der Wechselwirkung geht durch
die europische Geschichte, welches zeigt, da Europa trotz aller
Verschiedenheit nur Einen groen, im Grundcharakter germanischen
Staat bildet; die Schale des Einen mu sinken, wenn die des Andern
gestiegen ist. Im Mittelalter, als die Vlker noch erzogen wurden wie
Kinder, durch die Kirche, war Deutschland als Sitz des Kaiserthums
der bevormundende Staat; je mehr die Vormundschaft erschlaffte, desto
heftiger mute das brige Europa reagiren, desto mchtiger die andern
Nationen heranreifen; das sptere Schicksal Deutschlands war die
Rache der Vlker an einer Herrschaft, welche, obgleich tief innerlich
begrndet durch die Vertretung Europas gegen die Hierarchie, doch im
Grunde vom rmischen Kaiserthum ererbt war, einem in der ffentlichen
Meinung nur durch Tradition, nicht durch Einsicht gerechtfertigten
Institute. So oft Deutschland seiner alten Rolle sich begab, so oft
mute sie von den Nachbarn bernommen werden; so geschah es, da in
dieser Epoche LudwigXIV., KarlXII., Peter der Groe, WilhelmIII.
fast zugleich auftauchten.

Seit dem dreiigjhrigen Kriege blieb Deutschland der Wahlplatz
Europas, bis auf die neueste Zeit. Es ist klar, sollte das Vaterland
nicht untergehen, so mute, wie wir oben gesagt, das Leben in die
einzelnen Glieder zurckweichen. Der groe Churfrst hat damals
Brandenburg zur ersten protestantischen Macht des Reiches, der Prinz
Eugen Oestreich zu hherem ueren Einflu erhoben. Aber Oestreich war
mehr und mehr undeutsch, seine deutschen Provinzen, Bhmen besonders
und Mhren, durch eine bigotte Politik umgewandelt und entfremdet
worden; die Habsburger selbstschtig genug, um fr ein Privatinteresse
die schnsten Lnder des Reiches, wie Lothringen, zu opfern. Eine
deutsche Gromacht mute entstehen; sie zu schaffen, kam Friedrich der
Groe.


2.Das Zeitalter Friedrich des Groen.

Durch die Freiheit seines Geistes, die Macht seiner Persnlichkeit,
durch den Ruhm seiner Thaten belebte Friedrich das deutsche
Nationalgefhl mehr, als es durch ein Streben nach deutscher Einheit
geschehen konnte, das ihm, wie die Sachen standen, lcherlich
erscheinen mute. Nur freilich, fr jene Dinge schuldet ihm Deutschland
keinen Dank; Preuens Erhebung war sein einziges Ziel; er hat es unter
blutigen Brgerkriegen erstrebt, mit rcksichtsloser Beharrlichkeit
verfolgt. Gewi ist, da er, wenn auch nicht die Deutschen berhaupt,
doch die Deutschen seiner Zeit nicht verstand; in der Jugend hielt ihn
Erziehung, noch mehr sein eigenthmlich pikanter Geschmack ab, die
noch barbarische Literatur zu durchschauen, im Alter die Unfhigkeit,
das neu Erwachte zu wrdigen. Sein Zeitalter ist, und das durch ihn,
die Periode der Aufklrung; die Frivolitt des damaligen Tones hat
er zum Theil, durch Begnstigung der franzsischen Schriftsteller wie
durch seine Art sich zu uern, veranlat; franzsische Weltanschauung
dnkte ihm die wahre, franzsisch war seine Sprache und Bildung,
franzsisch selbst seine Verwaltung in vielen Stcken. Das aber macht
ihn zum groen #deutschen# Manne, da er dem todten Mechanismus des
Staates eine deutsche Seele einzuhauchen wute, eine innere Kraft,
welche noch lange nach ihm seine Stiftung belebte; nicht weniger, da
er trotz vieler oberflchlichen Ansichten mit einem Ernst und einer
Tiefe nach der Wahrheit strebte, die ihn den grten Philosophen
zugesellt.

Joseph der Zweite, bei groen Talenten ein Mann von ungehaltenem Geist
und Gemth, wollte Friedrichs II. Grundstze auf den Staat bertragen.
Friedrich kannte die Menschen, und achtete die Vorurtheile des Volks;
jener, weil ihm beides fehlte, scheiterte an dem Widerstand seiner
eigenen Vlker. Es bleibt ewig denkwrdig, da ein deutscher Kaiser,
Beherrscher einer unumschrnkten Monarchie, zuerst von oben herab
ohngefhr dieselben Reformen und mit hnlichem Leichtsinn versuchte,
welche noch zu seiner Zeit die konstituirende Versammlung in Frankreich
durchsetzte. Weniger der Sinn der Neuerungen war es, was den Widerstand
erweckte, als die Verflachungssucht, welche ihnen zu Grunde lag, und
der Despotismus, womit sie durchgesetzt wurden; die Priester bten
damals doppelte Gewalt ber das Volk, weil sie sich zu Htern alter
Vorrechte aufwarfen.

Maria Theresia hatte den Bedrfnissen der Zeit gem reformirt, ohne
doch das patriarchalische Verhltni des Herrschers zum Volke und den
alten Glauben, worauf Oestreichs Macht beruht, zu erschttern; Joseph
baute auf moderne Grundlagen, wofr nicht nur Oestreich nicht reif,
sondern die berhaupt als ein fremdes Gewchs dem deutschen Geiste
widersprechen.

Er und Friedrich II. lieen sich herab, mit Katharina II. Polen zu
theilen. Es war mehr als ein Verbrechen, es war ein Fehler. Von da
an geriethen Oestreich und Preuen in eine Abhngigkeit von Ruland,
welche sichtlich genug in der niedrigen Art hervorleuchtet, womit
Friedrich II. sowohl als Joseph um die Gunst KatharinasII. buhlten.
Deutschland hatte sich in den vorigen Epochen, wenn auch nach Westen
geschwcht, doch nach Osten in gleicher Kraft erhalten; seit Peter
unmerklich, sichtlich seit der Theilung von Polen, unterlag es einem
#Einflu von Osten#, dem die Gromchte wie die kleinern Frsten immer
mehr sich beugten, der eine doppelte Ohnmacht des Reichs begrndete,
und unter dem Vorwande bestndiger Hlfeleistung gegen Westen bis auf
unsere Tage sich gleich furchtbar erhalten hat.

Die Grundstze des achtzehnten Jahrhunderts hatten die liberale
Politik erzeugt, die sich den Verrath an Polen erlauben konnte.
Whrend auf Thronen ihnen gehuldigt wurde, bildete sich aus dem
Herzen Deutschlands eine Literatur, welche die falsche Aufklrung
untergrub, die wahre siegen machte und Europa rettete, indem sie den
deutschen Geist dem franzsischen entgegensetzte, der sich wie eine
Fluth ber die civilisirte Welt ergossen hatte. Die deutsche Sprache,
von franzsischen Vorbildern losgerissen und an englischen gestrkt,
war wieder erwacht, und das erste Zeitalter der deutschen Literatur,
tief und ernst, nicht so schpferisch, aber strenger, wie das zweite,
erstand.

#Lessing# zuerst war von der Vorsehung berufen, dem deutschen Volk
das lang umnachtete Bewutsein seines innern Strebens wiederzugeben;
in der Kunst und Poesie, in der Philosophie und Wissenschaft hat er
Neues angeregt; gleich schonungslos gegen die seichte Aufklrung
seiner Tage, wie gegen die erbrmliche Orthodoxie, gleich gerecht
gegen die groen Gedanken der rationalistischen Philosophie, wie gegen
die innern Wahrheiten des Christenthums, hat er sein ganzes Leben
hindurch, mit khnem, unbefangenem Geist, mit tiefem und unbezwungenem
Gemthe nur die Eine Wahrheit vor Augen gehabt, deren Bruchstcke
er in der Philosophie wie in der Religion erfate, deren vollendete
Erscheinung er selbst geweissagt hat. Lessing ist der Typus eines
deutschen Protestanten, im geistigen Sinne des Worts; gleich Luther,
gehrt er, nicht nur mittelbar durch die Literatur, sondern unmittelbar
der Geschichte an, weil an ihm vor Allen die Wogen der franzsischen
Weltanschauung sich gebrochen haben. Eben dagegen, aber von der
Religion ausgehend, wie er von der Philosophie, wirkten #Herder#
(besonders durch eine hhere Anschauung der Geschichte) und, frher
schon, #Hamann#; whrend #Klopstock# einer groen Poesie die Bahn brach.


3.Von JosephsII. Tod bis zur Befreiung Deutschlands.

Es drngt sich in Epochen franzsischer Uebergewalt die Frage auf:
warum, whrend im Osten, gegen slavischen und asiatischen Andrang zwei
groe Staaten sich gebildet, der Westen Deutschlands den Franzosen
von HeinrichII. an bis Napoleon nur schwache, zerstreute, niemals
bedeutende Gebiete entgegengesetzt habe? Scheint es doch, als habe von
Altersher die Beschaffenheit der drei geistlichen Churfrstenthmer
(welche monarchischer Ausbildung von Natur unfhig waren) den Ursprung
eines Grnzwalles gegen Frankreich, wenigstens auf einer Seite,
unmglich gemacht. Die Vorsehung hat das Land jenseits des Rheins
zum wunden Flecke Deutschlands gemacht, romanisches und germanisches
Leben werden hier nie aufhren, Schritt fr Schritt sich zu bekmpfen;
whrend sie im Osten, um die Slaven in den Kreis der europischen
Bildung hereinzuziehen, mchtige Vormauern schuf, berlt sie es
im Westen der Volkskraft allein, gegen franzsischen Andrang Stand
zu halten; dort haben sich trotz ungeheurer Fehler, knstliche
Staatengebude in den grten Strmen gefristet; hier zieht jeder
Mangel an Eintracht, jeder Nachla an nationaler Festigkeit Verluste
nach sich. So bringt es der Charakter der Gegenden mit sich, welche
den Mittelpunkt Europas bilden. Die Natur, mit einem Wort, wollte
zwei Vlker, die zur lebhaftesten Wechselwirkung bestimmt sind,
nicht abschlieen; die engste Berhrung der Germanen und Romanen ist
erforderlich, um der Kultur von Europa den gemeinsamen Charakter zu
geben, der sie auszeichnet, eine Berhrung von der Art, da jede
geistige Ueberlegenheit sogleich eine materielle nach sich zieht.
Deutschland selbst soll entweder durch Einigkeit bermchtig, oder
durch Uneinigkeit (damit wir wissen, worin unsere Kraft liegt)
ohnmchtig sein.

       *       *       *       *       *

Die Revolution berwltigte sonach mit Leichtigkeit den deutschen
Westen und nderte die Gestaltung von Europa, indem sie die Idee
der politischen Freiheit ins Leben rief: Europa theilte sich in
zwei groe Lager, Deutschland in zwei Hlften. Hervorgegangen aus
Principien, gegen welche so eben die deutsche Literatur sich erhoben
hatte, berhrte sie dennoch Deutschland viel weiter, als jenen noch
gehuldigt wurde. Es war die allgemeine Idee der Freiheit, die sociale
und sittliche Emancipation, nicht die Theorie der Volkssouvernett,
womit die geknechteten, in Formeln aller Art gezwngten Deutschen sich
verschwisterten. Dieses Element der Revolution, diesen Lebenshauch zu
besiegen, htte man eine sociale Idee der Idee entgegensetzen mssen;
allein die Deutschen glichen in der Politik unmndigen Kindern; das
deutsche Volk war mit innern Problemen beschftigt, deren Auflsung zu
entfernt war, um staatliche Konsequenzen daraus zu ziehen; man staunte
und lie Ereignisse ber sich ergehen, welche wohlverdient waren, da
die Selbstsucht der einzelnen Staaten die hchste Stufe erstiegen hatte.

       *       *       *       *       *

Was in der Zeit der Aufklrung die Regenten selbst gewollt, wurde
verdchtig, als das Volk in Frankreich sich erhob. Ohne den
langhergebrachten Einflu franzsischer Gesittung in Deutschland wrden
die Frsten nicht in so hohem Grad vor der Nachahmung gebangt haben,
wrde Deutschland in seiner Entwicklung nicht aufgehalten worden sein.
Die Epoche der konstituirenden Versammlung wurde von den Deutschen,
nicht nur im Allgemeinen, sondern von bedeutenden Mnnern, wie z.B.
Klopstock, mit Entzcken begrt; auch spter vermochten Viele von
der Hoffnung nicht abzulassen, bis der Konvent Alle enttuschte. An
den Frchten erkannte man den Geist, und die Aufklrung erhielt den
Todessto. Andrerseits gemahnte die neue Freiheit das Volk an seine
alten Rechte; man erinnerte sich, wie weit die Allgewalt der Frsten
gediehen sei; aber erst Napoleon mute diesen begreiflich machen, da
der Staat nicht auf ihrer Willkhr, sondern auf der Volkskraft beruhe.

       *       *       *       *       *

Napoleon zeigte den Deutschen ihre unsgliche Ohnmacht, den grten,
wie den kleinsten Mchten, da ihre Macht allein in der Eintracht
liege; das deutsche Volk, wehrlos seit Jahrhunderten, machte er
wehrhaft, theils durch die militrische Organisation des Rheinbundes,
theils durch die Nothwendigkeit, worein er Preuen und Oestreich
versetzte, die alte Landwehr herzustellen. Man kann den Feind nicht
besiegen, ohne ihn zu kennen. Das Volk wute nicht, wer in Napoleon
zu bekriegen sei: er war ihm lange nur der Mann des Schicksals, weder
freundlich noch feindlich; die Frsten waren ihm unterworfen; erst als
die bldesten Augen sehen konnten, da es um Sein oder Nichtsein sich
handle, erst dann fing man an, ihn mit Geist und Kraft zu bekriegen.
Ein Mann, der eben so sehr Restaurant als Revolutionr, eben so sehr
Protestant als Katholik war, der entweder kein oder die verschiedensten
Principien in sich darstellte, war nthig, um alle Parteien, Frsten
und Vlker gegen sich zu bewaffnen. Also einigte sich Deutschland
nach jahrhundertlanger innerer Trennung zu dem einzigen Zwecke: die
Nationalitt zu retten. Wie er erfllt war, verschwand auch die
Einigkeit; sie whrte nicht lnger, als der Sieg und die Siegesfreude.

       *       *       *       *       *

Zu derselbigen Zeit, da das Vaterland von dem schwersten Joche
gedrckt war, das seine Geschichte kennt, verherrlichten groe Dichter
und Schriftsteller den deutschen Namen. Im tiefsten Elend, ohne
Zusammenhang mit den vaterlndischen Krisen, erhob sich eine Literatur
von weltbrgerlicher, europischer Art. Sie vor Allem beweist das
ungeheure Miverhltni zwischen unsrer innern auf der einen, zwischen
der staatlichen Entwicklung auf der andern Seite. Whrend wir politisch
weiter nicht waren, als so weit, um den zurckzuweisen, der uns zu
Nichts auflsen wollte (nicht weit genug, um Etwas zu sein), umfate
unsre Dichtkunst alle Elemente der geistigen und politischen Welt[8].
An Gehalt, wie an deutscher Art des Geistes Allen berlegen, ist Gthe
der Knig der damaligen Literatur; aber ein tiefes Gemth und eine
bezaubernde Hoheit der Idee haben Schillern jenen Platz im Herzen
des Volkes eingerumt, wie ihn Niemand vor ihm und nach ihm besessen
hat. Das tiefste Streben, das dem Menschen inwohnt, das den Deutschen
beseligt, den Drang nach Wahrheit hat #Gthe# im Faust, den hchsten
Zug des Jahrhunderts, die Freiheit, die Mutter auch der deutschen
Zukunft, hat #Schiller# im Marquis Posa ausgeprgt. Ihnen ebenbrtig
und gleich, hat #JeanPaul# das deutsche Leben nach allen Seiten,
nach Natur und Erziehung, in politischer und religiser, socialer und
familirer Beziehung aufgefat, und (zum ewigen Andenken au eine so
seltsame Zeit) in seinen Dichtungen abgeschildert[9].

Mit solchen Krften vermochte das deutsche Volk den Untergang des
Reiches zu berleben. Der Wiener Kongre stellte es der Zeit gem
wieder her, indem er Titel hinwegwarf, die seit Jahrhunderten wie zum
Hohne bestanden hatten, und an die Stelle des Reichstages den Bundestag
setzte. Eine kleinere Zahl von Staaten, ein gesicherter Rechtszustand
und einige Garantieen gegen den Mibrauch der Souvernett machten
das deutsche Volk glcklicher, als es zuvor gewesen war. Aber die
innere Spaltung, die uere Schwche blieb; Deutschland wurde bald von
Westen begeistert, bald von Osten geleitet, einmal von seinen Stnden
betrogen, das andre Mal von seinen Frsten bestraft. Man erlaube mir,
vorlufig die neueste Zeit zu berspringen, sie als vorbereitend zu
betrachten auf ein Kommendes. Es liegt in ihr keine besondere Leistung,
keine selbsteigene Schpfung (eine einzige materielle ausgenommen);
aber fnf und zwanzig Jahre eines glcklichen Friedens sind
hinreichend, um eine lange, schwere Vergangenheit zu verarbeiten, zu
erkennen, was Noth thut, und im Stillen Groes zu gebren, wenn anders
Groes jemals geboren werden soll.




KapitelIV.

Letzte und hchste Intention der deutschen Geschichte.


#Das groe Werk, wozu die Reformation den Ansto gegeben, worum drei
Jahrhunderte geblutet und gekmpft, zu vollenden#, ist Deutschlands
Beruf in der #Gegenwart#.

Die Reformation hat den Protestantismus der katholischen Kirche
gegenber gestellt und dadurch Deutschlands innere Einheit zerstrt,
indem sie zwei Tendenzen schuf, welche, nach langen Kriegen gleich
berechtigt, im Volks- und Staatsleben sich entgegengesetzt ausprgen
muten.

Von da an entwickelte sich steigend der Geist der Forschung, (der
protestantische Geist) gegenber dem Geiste des Glaubens, wie er in der
katholischen Kirche sich erhielt. Die ganze Lebenskraft der Deutschen
zog sich nach innen zurck, whrend sie nach auen von Ohnmacht zu
Ohnmacht sank. Es galt die Frage, ob das Christenthum die Grundlage der
Weltordnung bleiben solle.

Diese Frage ward von den Franzosen verneint, auf die Verneinung eine
neue Weltansicht, auf diese ein neuer Staat gebaut. Eine Antwort (wenn
auch eine negative) ist aber von mchtigerer Wirkung als keine; es
lag ein geistiger Vorgang darin, dem die Deutschen auf eine Zeitlang
unterlagen. Endlich, nach groen Drangsalen, sah man ein, da jene
Antwort eine falsche war, da mindestens die neue Ordnung, welche
darauf gegrndet worden, nicht die wahre sei.

Es ist jetzt an den Deutschen, zu antworten. Andere haben zerstrt;
sie sollen aufbau'n. #Der Protestantismus, wie er unverrckt nach der
Wahrheit gestrebt hat, mu aus seiner Mitte ein Princip erzeugen,
welches die innersten Fragen des Geistes und die tiefsten Probleme der
Zeit zu lsen vermag.#

Dieses Princip wird die hchste Sehnsucht der Menschheit, die Sehnsucht
nach einer gerechtfertigten Weltanschauung, nach einem bewuten
Verhltnisse der Menschen zu Gott, befriedigen. Indem es die Wahrheit
findet, so weit sie zu finden uns beschieden ist, wird es, nicht durch
leere Vermittlung, sondern #durch die =selbsteigene= Flle seines
Inhalts# die Gegenstze vershnen, woran in hundert Gestalten die
Gegenwart sich verzehrt. Entsprungen aus dem Zweifel, wird es den
Zweifel vernichten; zurckstrahlend auf die Dogmen des Christenthums,
wird es die Religion verklren, welche zu ihm sich verhlt, wie
gemthliche Ahnung zu bewuter Erkenntni, wie Anschauung des Gefhls
zur Klarheit des Geistes. Und gleichwie aus dem Christenthum ruhig und
naturgem die #Kirche# erwachsen ist, so wird aus ihm friedlich und
sicher der #Staat# sich entwickeln, jener wahre Staat, nach dessen
organischer Begrndung das Jahrhundert vergebens gerungen hat; so zwar,
da Staat und Kirche, weil beide, beruhend auf gttlichen Grundlagen,
Hand in Hand zu gehen vermgen, diese aber von jenem in demselben Mae
geleitet werde, als die Triebe des Gemths in der menschlichen Seele
der Macht des Geistes sich unterordnen, ohne doch in ihr aufzugehen.

Also wird auch der Protestantismus, wenn die Sendung erfllt ist,
um deren Willen die Vorsehung ihn ausgeschieden hat, wieder eins
werden mit dem Katholicismus; dieser letztere wird erkennen, da ber
dem Princip, in dem die Kirche wurzelt, ein zweites sich erhebt,
welches allein dem seinigen Bestand verleihen kann, da Philosophie
und Religion, als die zwei Spitzen der Menschenseele, statt zu
kmpfen, sich ergnzen sollen. Nicht anders wird im Staate vor der
wahren Freiheit die Revolution eben so sehr zusammenschwinden, als
der Absolutismus, jene, weil nicht in der Gleichheit, sondern in
organischer Ueber- und Unterordnung die Freiheit besteht, der letztere,
weil nicht die frstliche Macht allein, sondern jede Macht im Staate
eine Macht sein wird von Gottes Gnaden[10].

Alle groe Intentionen der deutschen Geschichte, wie sie in den
verschiedenen Zeitrumen hervorleuchten, Reinigung des erstorbenen
Volksgeistes, Aufbau einer hheren Weltordnung, die Hegemonie von
Europa, ewige Wahrung vor hierarchischer Herrschaft, allseitige
Ausbildung des deutschen Lebens nach innen und auen, Begrndung einer
unumstlichen Verfassung, Restauration des Christenthums, ewige
Freiheit des Geistes, wie dauernde Sicherung gegen freche Frivolitt --
sie alle finden in dem Einen Prinzip ihre hchste Erfllung.

Dem deutschen Volk aber wird es Eine Seele verleihen, Eine Seele
dem Volke, das nur der innern Einheit bedarf, um das grte und
glcklichste zu sein unter allen Vlkern. Jener geistige Vorgang,
den die Deutschen seit den ersten Zeiten, den sie noch durch die
Reformation ausgebt, dessen Hingabe an franzsische Aufklrung
ihnen ein Jahrhundert voll Schmach und Elend gekostet, wird ihnen
wiedergegeben sein; unsere Fehler, so schrecklich in Zeiten des
Zwiespalts, jenes Eingehen besonders in fremde Charaktere, werden uns
frdern, wenn Ein Wille die Nation bewegt, wenn Frsten und Vlker von
Einem Zuge getrieben sind. Das freilich vermag nur ein weltmchtiges
Wort, ein Wort voll gttlicher Kraft und Gewalt, entsprungen aus dem
tiefsten Streben des Volkes und dehalb verstndlich fr Sinn und
Herzen des #ganzen# Volkes. --

Das ist der Trost, den die deutsche Geschichte dem deutschen Bewutsein
gibt. Ohne das ist jene, wie dieses, d, leer, hoffnungslos, ohne Ziel
und Zweck, voll Schmach und Elend; mit jenem Trost herrlich, gro,
ruhm- und hoffnungsreich, voll innerer geistiger, voll von Keimen
auch der uern Gre. Denn fr das hchste Ziel des menschlichen
Wollens, fr die Lsung der uralten Rthsel, konnten und muten wohl
die hchsten Opfer, Untergang der uern Hoheit und Einheit, ja Verlust
der hchsten Gter des Lebens, die ein Volk besitzen kann -- um diesen
Preis, sage ich, mochten sie gebracht werden. Er konnte nicht Eines
Jahrhunderts Frucht sein, noch ist er der Trost nur Eines Jahrhunderts,
sondern, wie die Zukunft aller menschlichen Geschichte, die Bildung
der Kirche, wie des Staats, die Gestaltung der Erde darin beschlossen
liegt, so mute Jahrhundertlanger Kampf vorausgehen. Dazu allein
sollte der deutsche Geist, abgewandt von aller gemeinsamen politischen
Herrlichkeit, in den verborgenen Tiefen arbeiten, sollte er fremde
Literatur, fremdes Wissen, ja fremde Sitten, bis zur Erniedrigung
aufnehmen, sollte er durchdrungen werden von franzsischem, englischem
Wesen, ja berhaupt vom europischen, zubereitet und umgeschmolzen
durch kosmopolitische Einflsse. Jetzt wiederum, wenn das groe Wort
gefunden ist, wird das Herz von Europa, wie es gelitten und gekmpft
hat fr alle europischen Vlker, die Flle seines Segens ausstrmen
ber ganz Europa.

Solch eine Zuversicht ist freilich den Einen ein Aergerni, den Andern
eine Thorheit. Wie kann ein Wort so groe Dinge thun? Wie kann ein
Princip in so vielseitiger, bewegter Zeit entstehen, wie kann es das
Entgegengesetzte einen, das tausendfache Leben durchdringen? So fragen
sie, und antwortet man ihnen: Was war das Christenthum anders als ein
Princip, was der Muhamedanismus als ein Princip, was die Reformation
anders als ein Princip, so wissen sie die und jenes zu erwiedern: da
diese Zeiten vorber seien, da die jetzige Zeit sich von selbst (wie,
ist nicht abzusehen) helfen werde, da das deutsche Volk, ohne zum
Ziel zu kommen, in Ewigkeit fort philosophiren, da es brigens eine
achtbare Stelle unter den Nationen einnehmen werde, freilich entfernt
von aller Superioritt, welche ja allem Gleichgewicht widersprche,
da leider wohl unsere Zwietracht niemals ganz erlschen werde, um so
weniger aber, als ein neues Princip als neuer Zankapfel auftauchen
wrde, da brigens dergleichen sanguinische Trstungen dazu allein
tauglich seien, die Deutschen in ihrer angebornen Ideologie, d.h.
in ihrer verderblichen Unkenntni des reellen Lebens zu bestrken.
Wenn diese Leute eines Trostes bedrfen (und wie Viele gibt es nicht,
die eine so aufgeklrte Zeit, wie die unsrige, fr gesund halten an
Leib und Geist!), so finden sie Trost genug in der Hoffnung, da das
Christenthum von Tag zu Tag gereinigter, der Glaube und die Erkenntni
von Tag zu Tag vernnftiger werden wird, oder wohl auch, da der
Zeitgeist nach und nach die Religion entbehrlich machen kann, indem
er die reine Vernunft (ohne allen Inhalt) an ihre Stelle setzt: ein
Resultat, das durch die vereinigten Fortschritte der europischen
Vlker von selbst erreicht wird, ohne da es hiezu des deutschen
Geistes oder eines deutschen Princips insbesondere bedarf. Was aber
die Politik und die socialen Verhltnisse betrifft, so halten sie
Deutschland berufen, franzsische und englische Elemente, freilich
in ihrer eigenen Weise zu verarbeiten, um allmhlig zu politischer
Mndigkeit zu gelangen.

Ich glaube aber, es gibt noch Manche, wollte Gott, Viele, die sowohl
die Gebrechen der Zeit, als den Beruf Deutschlands in hherem Lichte
betrachten, denen die Zukunft bang und schwer auf dem Herzen liegt, und
deren Seele bewut oder ahnend auf einen Lichtstrahl des Geistes harrt,
der von Deutschland aus die dstern Wolken der Zeit durchbrechen soll.
Solchen dnkt es kein Phantom, da der Kampf des Christenthums mit der
Philosophie, wie er in Religion und Wissenschaft, in Staat und Kirche
seit Jahrhunderten gekmpft wird, der Kampf der alten Weltordnung
mit einer neuen ist, da Deutschland allein ihn auszukmpfen vermag,
da Deutschland, wie auch der Ausgang sein mge, der Mittelpunkt
der Weltordnung bleiben mu. Kein Ausgang aber ist denkbar ohne ein
inhaltsschweres Princip, kein Princip ohne die ungeheuerste Vorarbeit
des ganzen Volksgeistes, wie sie in der deutschen Geschichte vorliegt
seit den Tagen der Reformation.

Warum nun hat im Gefolge dieser Einen Tendenz unser Charakter sich
also umgewandelt? Der Deutsche ist gleich einem Manne, der alle Kraft
seines Willens, jeden Trieb seines Geistes einem verborgenen Zwecke
zukehrt; alles Andere wird beseitigt, hintangesetzt, vergessen;
geknechtet, gefesselt erscheint sein ganzes Thun und abgestorben die
Flle seiner Kraft: pltzlich erhebt er sich, erlset vom langen
Geistesdruck, und der entfesselte Wille bricht sich hundertfltige
Bahn. Und noch ist Eines nicht zu vergessen: eines jeden Volkes
Charakter, wenn auch unwandelbar begrndet in der Natur, ndert sich
nach der Entwicklung der Zeiten, der deutsche insbesondere, weil er
vor allen die Entwicklung in sich darstellt. Wie nun Thatkraft und
Wille im Mittelalter, so herrscht Geist und Verstand in der neuen Zeit
vor; dasselbe Volk, das damals geherrscht mit physischer Uebermacht,
soll in unsern Tagen herrschen mit geistiger. Nur bis jetzt ist weder
die Thatkraft in richtigem Verhltnisse zum Geiste, weil gebannt und
unterdrckt, noch der Geist selbst frei und ledig, vielmehr vermischt
mit andern fremden Geistern und beladen mit Massen von Stckwerk,
freilich nur, um ganz und gar durchdrungen zu werden vom allgemeinen
Geiste.

Und warum ist an der ganzen Entfaltung europischer Gre nach auen
hin Deutschland theilnahmlos geblieben? Es mag ein Volk, das innerlich
leidet, nach auen getrieben werden, das deutsche Volk war nach auen
beengt, nach innen gestachelt. Die Entdeckung von Amerika hatte die
Bahn des Welthandels verndert; der deutsche Handel, die deutsche
Seemacht, ber alle Meere noch ausgebreitet zu KarlsV. Zeit, gingen
zu Grabe. Die Ungunst des Geschicks zu ersetzen, vermochte nur eine
ungemeine materielle Anstrengung; nicht einmal Venedig konnte es,
wie vielweniger das in kirchliche Fragen verlorne Deutschland! Zu
seiner Aufgabe bedurfte Deutschland nur der allseitigsten Berhrung
mit der europischen Civilisation, nicht eines Ausgehens ber andere
Welttheile, wodurch die innere Kraft nur zersplittert werden konnte.
Ueberdie aber ist die deutsche Natur vorwiegend kontinental, ans Land,
an den Ackerbau gebunden. Nicht als ob berhaupt maritimes Geschick den
Deutschen mangelte; hievon hat die Hansa das volle Gegentheil gelehrt
und lehren es noch ihre Ueberbleibsel; nicht als ob auerhalb Europa
keine Geltung den Deutschen beschieden sein sollte: sind ja doch in
Nordamerika sichtlich, unmerkbar in andern Reichen schon mchtige Keime
gelegt: aber zunchst und vor Allem ist es Deutschlands Beruf, ordnend
und richtend in Mitten Europas zu stehen; hiedurch zugleich in die
andern Weltgeschicke einzugreifen.

Warum endlich Frankreich, warum England in der politischen Entwicklung
uns so mchtig vorangeeilt? Der romanische Geist, oberflchlicher als
der deutsche, aber eben dehalb schneller und gewandter, verwandelt
mit eigenthmlicher Leichtigkeit innere Vorgnge in uere, und indem
er geistige Fragen auf die Spitze treibt, ergreift er im Fluge die
praktischen Pointen, und zieht er die socialen Konsequenzen. Wie es
demnach im germanischen Wesen liegt, auf der Grundlage, die es gelegt,
unermdlich behutsam weiter zu bauen, bis das Werk zur innern und
uern Vollendung gediehen, so ist es der romanische Beruf, den uern
Ansto mit Macht zu geben, und durch bestndige Experimentation das
groe Werk zu beschleunigen. #Fichte#, in den Reden an die deutsche
Nation, hat die in seiner ganzen historischen Bedeutung auseinander
gesetzt. Noch leichter ist zu sehen, wie in England die germanische
Natur zu einer vollendeten politischen Harmonie heranreifen konnte.
Dort war die Reformation anfangs eine Frage der kirchlichen Verfassung;
spter erzeugte der Calvinismus, der, wie oben gesagt, eben durch
seine Abgeschlossenheit eine Anwendung auf staatliche Verhltnisse
am schnellsten hervorrufen mute, einen republikanischen Ausbruch,
der ganz verschieden von der franzsischen Revolution, nur aus einer
bertrieben religisen Anschauung hervorging. Selbst der Deismus des
achtzehnten Jahrhunderts vermochte den praktischen Sinn der Nation
nicht innerlich zu zersplittern; es blieb ihr jene religise Grundlage,
worauf die Gesundheit Alt-Englands beruht. Die Englnder sind geneigt
zu metaphysischen Diskussionen, aber ohne die Tiefe des Geistes, welche
dem Deutschen jede philosophische Frage zur #Lebensfrage# umgestaltet.

Wre nun unsere Anschauung deutscher Geschichte die wahre -- was soll
uns ein Princip fr den Augenblick? Was soll es uns fr Nationalmacht,
fr staatlichen Fortschritt, fr die Gefahren einer Krise? Denn kein
Princip hat noch anders gewirkt, als im Verlauf von Jahrzehnden, ja
Jahrhunderten, und eh' es nicht allmhlig von oben nach unten die
Massen durchdringt, wie soll es zum Heile gereichen?

Ich antworte nur so viel: einig, mchtig und stark vermag nur dann
eine Nation zu sein, wenn ihr Bewutsein auf einer gemeinsamen
Grundlage beruht, wenn Etwas vorhanden ist, worin alle Geister, auch
die niedrigsten, sich begegnen. Im Mittelalter, whrend Guelfen und
Ghibellinen die Einigkeit zerstrten, war Deutschland, trotz zahlloser
Parteiungen, gro und mchtig, weil der Glaube des Volks nur in
Einem Grunde wurzelte, in der Religion. Wie anders heutzutage, da
zwischen religisen und philosophischen, zwischen katholischen und
protestantischen, liberalen und konservativen Tendenzen das deutsche
Volk unheilbarer zersplittert ist, als irgend ein anderes in Europa.
Da hilft es nicht (wie man wohl mchte), deutsch zu sein, was man auch
immer sonst sei: deutsch sein, heit eben zwietrchtig sein, wenn der
Eine dieses, der Zweite jenes, der Dritte noch anderes nothwendig
und heilsam erachtet frs Eine Vaterland. Lasset eine Macht geboren
werden, welche die Gebildeten um sich sammelt von aller Art und Farbe,
in welcher der Glaube des Einen, die Wnsche des Andern sich einigen,
wie tausend Strahlen in Einem Lichte, lasset es eine deutsche Macht
sein, -- und sie wird in Noth und Gefahr uns vorangehen, gleich der
Wolkensule in der Wste, sie wird den Einen Gott uns wiedergeben, den
wir verlassen haben ber den vielen Gttern, und mit ihm die Kraft,
alle Zwietracht, so viel auch noch brig bleiben mge, hintanzusetzen,
wo es dem Vaterlande gilt. Diese Macht, sie kann nur eine geistige
sein, nur von solcher Art, wie sie oben beschrieben worden ist.

In diesem Lichte stellt auch die neueste Zeit sich uns dar. Was
sie vorbereitend gewirkt hat fr das groe Ziel, welche materielle
Grundlage sie gelegt, welche geistige Keime sie genhrt hat, soll in
kurzer Uebersicht betrachtet werden.




Kapitel V.

Die neueste Zeit.


Es ist wahr (und es soll damit von all den Wunden, woran trotz dem
Deutschland leidet, keine verdeckt werden): eine Wiedergeburt ist mit
der Konstituirung des Bundes eingetreten, nicht in Anbetracht der
Napoleonischen Zeit (denn ich gehre, wie gesagt, nicht zu denen, die
in der Emancipation eines Volkes von Gewaltherrschaft mehr als das
Nothwendigste sehen), sondern im Vergleiche mit dem siebzehnten und
achtzehnten Jahrhundert. Eine Wiedergeburt; denn das alte rmische
Reich ist nicht mehr. Es war uns so tief ans Herz gewachsen, da wir's
heute noch htten, wr's nicht von Fremden zerstrt; es wiegt uns
fort und fort in die alten Trume, es zog uns mit sen Banden in's
Mittelalter zurck, whrend rings um uns die neue Zeit hereinschlug.
Jetzt, nachdem es gefallen, liegt unser ganzes Leben in der Zukunft;
die Augen sind geffnet und blicken nach einem neuen Reiche deutscher
Nation, nach einem heiligen Reiche des Geistes. Und auch nach auen
ist es (obwohl wir nichts weniger sind als das, was wir sein sollten),
doch anders geworden. Frher waren wir der Vlker Spott und den Hunden
gleich; jetzt eine Nation von anstndiger Art, die man, obwohl sie
nicht Stimme hat in den europischen Sachen, doch zu verletzen nicht
wagt, und vor welcher eine geheime Scheu den Vlkern inwohnt.

Besser ein Staatenverband mit wenigstens innerem Zusammenhang, als
ein Reich mit zahllosen Territorien. Frher hielt man sich stark,
mchtig, unbezwinglich, vom Schein der Einheit geblendet; heute
weckt das Gefhl der Getrenntheit die Sehnsucht nach innerer Einheit
-- und die ist, wir mgen nach auen so oder so gestellt sein, der
Grund aller Gre. Es lag aber jene Trennung im Plane der Vorsehung,
und die sind Thoren, welche in dem unser Unglck sehen, was uns zum
Besten gereicht. Nmlich, wie von Alters her der deutsche Geist
aller Centralisation abgeneigt, wie er durch alle Zeiten in einzelne
Stmme gespalten war, so konnt' er die hchste Ausbildung nur in der
schrfsten Individualisirung seiner Glieder finden; denn je krftiger
diese gedeihen, desto mehr mu der ganze Leib erstarken. Dazu war nun
zweierlei vonnthen: einmal, da nicht die Spaltung also geschehe, da
die einzelnen Urstmme sich von einander sonderten und am Ende gar
zu getrennten Vlkern heranwuchsen; andrerseits, da die gemischten
Provinzen, in denen das deutsche Blut mit fremdem (keltischem oder
slavischem) versetzt ist, durch und durch germanisirt wurden. Zu
diesem doppelten Zweck bildete sich die Landeshoheit nicht organisch,
sondern scheinbar zufllig aus; hierzu wurden die Urstmme (die
Franken, Sachsen, Schwaben, Thringer) zersplittert, als in denen der
deutsche Charakter niemals untergehen konnte; hiezu die keltischen und
slavischen Stmme in grere Reiche (Oestreich und Preuen) vereinigt.
Auf so wundersamen Wege wute die Vorsehung, trotz allem Elend, das
Deutschland betroffen, die einzelnen Glieder zu strken, so doch, da
die Einheit des Ganzen eher wachsen, als abnehmen mute.

Das ist es, was seit dem Sturze der Kaisermacht, seit dem Verfall der
politischen Einheit der Geist der deutschen Geschichte anstrebt.
Also muten einerseits verschiedene Staaten, als eben so viele Kinder
des Einen germanischen Volks sich heranbilden, andrerseits die alten
Urstmme dergestalt in jene Staaten zerstreut, scheinbar zerrissen
werden, da keiner jemals als eigenes Volk sich zu fassen vermochte.
Welch ein ordnender, tiefer Sinn liegt in dem bunten Gewrfel von
Tausch, Entschdigung und Arrondissement, aus dem im Wiener Kongresse
die deutschen Bundesstaaten sich konstituirten; welch eine leitende
Hand in den selbstschtigen Entwrfen, die das Partikularinteresse
dem einzelnen Staat gebot. Was damals unorganisches Spiel des Zufalls
scheinen konnte, ist heutzutage Brgschaft der Einheit, Merkmal der
unauslschlichen deutschen Nationalitt. Wie, wenn im Laufe der
Territorialbildungen ein schwbisches, schsisches, frnkisches,
rheinisches, hessisches Reich sich gebildet, wenn aus der Wiener
Kongreakte etliche zehn Staaten, als eben so viele Urstcke des
deutschen Charakters hervorgegangen wren? Und doch ist Zusammenfassung
der Stmme von Vielen gewnscht, Verschmelzung aller kleinern
Territorien zu Mchten zweiten Ranges von Manchen besser erachtet
worden, als die Coalition der grten mit den winzigsten Territorien.
Die Vorsehung, die auch nach dem Erlschen nomineller Einheit auf die
innere Erhaltung deutschen Volksthums bedacht war, hat besser gesorgt.
Sie hat die Franken nach Baiern und Hessen, die Schwaben nach Baiern,
Wrtemberg und Baden, die Rheinlnder nach Preuen und Baiern, die
Sachsen unter hannversches und preuisches Regiment geworfen, die
Hessen, die Sachsen, die Thringer mannigfach zersplittert, berhaupt
eine Mischung hervorgerufen, der jeder Organismus zu fehlen scheint.
Denn, Art lt nicht von Art, Stamm nicht von Stamm, und indem kein
Partikulargeist sich allein entwickeln kann, alle sich reiben mssen,
ist auf tausend Wegen der feinsten innern Berhrung die deutsche
Einheit gesichert. Oestreich, das abgeschlossene, zurckgezogene, der
mchtigste und doch undeutscheste aller deutschen Staaten, liefert
hiefr den klarsten Beleg. Weil es den streichischen, den bhmischen,
den mhrischen Stamm, alle unzerstckelt, ohne Vermischung mit den
andern deutschen Stmmen, in organischer Ganzheit beherrscht --
ebendehalb ist der deutsche Charakter hier mehr, als irgendwo dem
Partikulargeist des Staats gewichen. Von nicht minderer Bedeutung
ist die Menge der souvernen Herzogthmer und Frstenthmer; sie
sind zu klein, um Staaten auch nur dritten Ranges zu bilden, und das
zum Zeichen, da ihre, wie aller Einzelnen Geltung nicht auf der
individuellen Macht, sondern allein auf dem gesammten Vaterlande beruht.

Wenn die beschriebene Verfassung, wenn die Erinnerung an die unzhligen
Drangsale, welche seit Jahrhunderten, zuletzt unter Napoleon durch
Uneinigkeit das Vaterland getroffen, wenn die Erhebung des Volksgeistes
in den Freiheitskriegen, wenn die ungeheuern Erfahrungen, die seitdem
in politischer und socialer Beziehung Europa gemacht -- wenn alles das
den Deutschen keinen Drang nach Einigkeit einzuflen vermag, so sind
sie eines Nationalgefhls berhaupt nicht und niemals fhig.

In der That hat sich der Sinn fr Nationalehre -- mit Zuversicht
kann es gesagt werden -- seit 1815 steigend gehoben. Vordem waren
die Deutschen in Allem, was hieher gehrt, ein lcherliches
Geschlecht, voll kleinlicher Lokalinteressen einerseits, andererseits
kosmopolitische Thoren; in jenem Falle zu engherzig, in diesem zu
weitherzig, dem Vaterlande zu dienen. Jetzt will man ein unantastbares,
mchtiges Deutschland; man wehrt sich gegen auslndische Anmaung, man
spricht und predigt, man denkt und fhlt sich deutsch. Aber die sind
im Irrthum, welche hierin eine Brgschaft fr kommende Gefahr, eine
Sicherheit gegen das Schicksal zu finden vermeinen. Der Trieb eines
Volks, sich in seiner Ganzheit zu wahren, sich fremden Einflssen
gegenber zu stellen, ist der erste, den es auf die Welt bringt;
er gleicht dem Instinkt der Erhaltung, den die Natur jedem ihrer
Geschpfe mit der Geburt verleiht. Dieser Patriotismus, der einzige,
den Deutschland zur Zeit noch besitzt, dieser negative Wille (welcher
Nichts weiter erzielt, als was die Scham unumgnglich erfordert),
er reichet nicht hin, um zu retten im Augenblick der Probe, um das
zu bewirken, was des Vaterlandes wrdig ist. Dazu gehrt ein volles
Bewutsein, eine gesttigte Tendenz des Nationalwillens.

       *       *       *       *       *

Letztere zu finden, einen Inhalt sich anzueignen, hat der deutsche
Patriotismus seit fnf und zwanzig Jahren gestrebt. So sehr fehlte der
Stoff, da man ins Mittelalter, wie berhaupt in andre Kulturepochen
zurckzugehen, seine Herrlichkeit zurckzuersehnen, seine Organismen
anzuempfehlen, getrieben war. Hchst verdienstlich war es, dem lange
verkannten Mittelalter die Gerechtigkeit zu geben, die ihm eine
erbrmliche Zeit verweigert hatte. Die dritte Periode der deutschen
Literatur ist durch diese Tendenz charakterisirt; Tieck, Novalis,
Friedrich Schlegel haben in diesem Sinne, besonders aber hat fr das
Verstndni, nicht nur des Mittelalters, sondern der ltesten, wie der
neuesten Kultur, August Wilhelm Schlegel gewirkt. Noch ausgesprochener
versuchten Joseph Grres und E. M. Arndt, jener als Katholik, dieser
als Protestant, beide hochverdient in den Tagen der Befreiungskriege,
durch Restauration der alten Grundlagen des Volks- und Staatslebens,
die Zeit mit neuem Geiste zu beseelen. Aber frommt es auch, frischen
Most in alte Schluche zu fassen, das neue Kleid mit alten Lappen zu
flicken?

       *       *       *       *       *

Wie vergeblich es sei, aus der Vergangenheit sich Leben erholen zu
wollen fr die Gegenwart, das hat die Juliusrevolution gezeigt.
Dasselbe Deutschland, dessen Jugend eben erst als Opfer der
Deutschthmlerei gefallen war, jauchzte jetzt dem franzsischen
Liberalismus zu und gab sich so lange dem Schwindel hin, bis die
Zuchtruthe die Meisten zur Besinnung brachte. Spter war die
Juliusmonarchie dienlich, den revolutionren Principien in der
ffentlichen Meinung denselben Sto zu geben, den schon lngst die
Aufklrung erhalten hatte; die erste franzsische Revolution konnte
durch die Uebel befleckt erscheinen, womit der Eintritt groer Dinge
in die Welt begleitet ist; die zweite offenbarte die Unfhigkeit des
Princips selbst, die Freiheit (zum wenigsten eine germanische Freiheit)
zu schaffen.

Der lange Friede, wie er durch den Rckblick auf die Vergangenheit,
durch Aneignung zahlloser Stoffe, durch das Studium dessen, was
ringsumher geschah, unendlich belehrte, mute zugleich durch Erffnung
eines groen Spielraums fr Wissenschaft und Kunst, fr Handel und
Industrie, fr religise und principielle Kmpfe die Geister in
tausendfltiger Art auf und ab reiben. Zu keiner Zeit ist ber die
geistigen und materiellen Interessen der Menschheit, ber die grten
und kleinsten Dinge (wichtigen und unwichtigen Inhalts) mehr gedacht,
gesprochen, gestritten worden, als in den letzten Dekaden; und das
nicht nur von Einzelnen Begabten (die grte Zeit deutscher Literatur
war bereits erloschen), sondern von der Masse der Nation. Deutschland
seit 1815, noch mehr seit 1830, gleicht in dem Wogen seiner Gedanken
einem unruhigen Meere, mit zahllosen Blasen bedeckt, die so schnell
verschwinden, als sie sich auf der Oberflche gezeigt; -- in der
Tiefe aber kocht und ghrt es, und jenes flchtige Spiel, das allein
dem betrachtenden Auge offen liegt, ist nur das Wahrzeichen eines
geheimnivollen Waltens. So ist seit dem Verfall der romantischen
Periode, die neueste Literatur: ein buntscheckiges, tausendfltiges,
verworrenes Getriebe, zahllos wie Sand am Meer, und im Einzelnen (mit
einigen Ausnahmen) ohne dauernden Werth, flchtig auftauchend und
schwindend, aber von tiefer Bedeutung, als das Organ des allseitigen
Geisteslebens, worin die ganze Nation von den hchsten zu den
niedrigsten Stnden sich versenkt hat.

Neben dem Allem hat sich, die Masse des Volks geistig und leiblich
an sich ziehend, die Industrie erhoben. Ihr Zweck ist, abgesehen von
ihrer Wirkung auf materielle Wohlfahrt, ein doppelter: Alle die groen
Erfindungen der Zeit, Eisenbahnen, Dampfschifffahrt u.s.f. sind
erstlich bestimmt, durch unermeliche Erweiterung des Verkehrs die
nationale Einheit zu frdern. Man kann frchten, da im Laufe der Zeit
(wenn ganz Europa von einem groen Netze berzogen sein wird) dieser
Zweck sich verlieren mge, denn der ungemeine internationale Verkehr
scheint die kosmopolitische Sucht eher steigern, als mildern zu wollen,
aber diese Zeit, Gott sei Dank, ist noch fern und mittlerweile knnen
wir lernen; Erfahrung wird das Ihrige thun, uns zu Patrioten zu machen.
Sodann (und das will noch mehr sagen) ist die materielle Bewegung
der Zeit die Unterlage einer kommenden geistigen; hierin liegt ihr
tiefstes Gewicht. Einstweilen (ehe noch zu Tage getreten ist, worauf
das ganze Leben hinarbeitet) nimmt die Masse das Mittel fr den Zweck,
strzt sich mit Sinn und Herz in die Industrie, und vergit die hheren
Gter ber der rastlosen Jagd nach den irdischen. Dieser Irrthum wird
so schnell und allgemein schwinden, als er eingedrungen ist. -- Den
mchtigsten Hebel endlich fr deutsche Einheit bildet der deutsche
Zollverein, binnen eines Vierteljahrhunderts ein preiswrdiges Werk der
deutschen Frsten. Seine Macht liegt nicht nur in den Wirkungen, die er
zunchst hervorbringt, sondern in den Konsequenzen, worauf er langsam
aber sicher hinfhrt, in dem ideellen Band, womit er mehr und mehr die
Nation umschlingt. Es ist trostreich zu wissen, da Ein Band deutscher
Einheit bestehe, trostreich auch fr die, welche von Handel und Wandel,
Zoll und Mnze Nichts verstehen; genug, da ein groer Schritt zur
uern, hiermit auch zur innern Einheit geschehen ist. Die Staaten,
die sich ausgeschlossen, haben ihren Schwerpunkt (wie Oestreich)
auerhalb Deutschlands, oder sie sind (wie Meklenburg) hinter dem
allgemeinen Fortschritt der Nation zurckgeblieben, oder endlich sie
leiden (wie Hannover) an hergebrachtem Partikulargeist des Regiments.
Noch schwerer, als die materiellen, werden die ideellen Folgen der
Ausschlieung auf ihnen lasten.

Whrend der Zollverein und die Vertheilung der Vlkerschaften auf die
innere Einheit, whrend die materiellen und geistigen Bestrebungen
auf das Ziel hinarbeiten, dessen Zukunft die Deutschen einig finden
soll, enthllt das deutsche Staatsleben tagtglich eine Unfhigkeit
der Nation, welche beweist, da sie von Grund aus umgewandelt
und wiedergeboren, da die ganze Natur durch ein gttliches Feuer
elektrisirt werden mu, um Gedeihliches zu Tage zu frdern. Ohne davon
zu sprechen, wie eine wahre Verfassung nur aus der Wahrheit selbst
(nicht aus entlehnten Stcken franzsischer und englischer Weisheit)
entsprieen, wie sie nur die Frucht eines deutschen Princips sein
kann, aus dem allmhlig der Staat sich entwickelt: so ist, was die
konstitutionelle Wirksamkeit betrifft, kaum zu entscheiden, ob den
Regierungen oder ob den Stnden in Mikennung ihres Berufs, in Halbheit
des Wollens und Thuns der Vorzug gebhre. So unfhig jene sind, gesunde
Opposition von unreinen Tendenzen zu sichten, berhaupt nur eine edle
und mnnliche Sprache zu hren, so untchtig zeigen sich diese fast
berall, wo es gilt, statt unntzen Geschwtzes und liberaler Phrasen,
mit heiligem Ernste, die wahren Interessen zu vertreten, sie zur
rechten Zeit mit Entschiedenheit zu behaupten. Gewi, es ist eben so
unertrglich, Minister in den deutschen Kammern zu hren, welche die
innere Geltung der Propositionen mit dem Wunsche ihres Herrn motiviren,
als Deputirte zu sehen, deren einiges Verdienst darin besteht, mit
klingenden Worten nach Popularitt zu haschen, und an leicht gewonnenem
Mrtyrerruhm die eigene Eitelkeit zu weiden. Und selbst da, wo die
Opposition (wie in Hannover) von gediegenem Willen beseelt, wo sie
von bewuten Grundstzen geleitet wird, auch da fehlt geschlossene
Einigkeit und jene sichere Taktik der Maregeln, wodurch allein auf
gesetzlichem Wege der Sieg zu erringen ist. Wiederum auch da, wo (wie
in Preuen) ein hherer Wille des Frsten dem Volke entgegenkommt,
vermag man nicht, die Zeit zu beherrschen, neues Leben ihr einzuflen,
an den Spitzen sie muthig zu ergreifen; nur langsam ihr nachzugehen,
hie und da zu versuchen, da und dort zu restauriren, am Ende Nichts
zu gewinnen. Es ist aber solch Unglck nicht der Vlker Schuld, noch
auch allein der Frsten; noch weniger rhrt's (wie ich oft habe sagen
hren) daher allein, da unsere Verfassungen beschrnkt sind und zu
eng, um wahren Spielraum den Krften zu ffnen. Wohl ist das wahr;
aber um mit Luther zu reden: was aus der Kraft der Natur geschieht,
das geht frisch hindurch ohne alles Gesetz, reit auch wohl durch alle
Gesetze. Aber wo die Natur nicht da ist, und man soll es mit Gesetzen
herausbringen, das ist Bettelei und Flickwerk.

Also bedarf die ganze Nation von oben bis unten durch und durch
einer Erneuerung, aus welcher frisch, verjngt und gesund die kranke
Natur herausgehe, gereinigt von den Schlacken einer schweren Zeit,
beseelt von dem Odem eines neuen Lebens. Eben dehalb erachte ich
alle Vorschlge, alle Verbesserungen auf geistigem Gebiete, welche im
Einzelnen gemacht werden, so dankenswerth sie sonst sein mgen, fr
ebenso wirkungslos, als andrerseits Radikalversuche in ungesetzlicher
Weise frevelhaft erscheinen. Jene wrden in Jahrhunderten das
erreichen, was jetzo die Nation begehrt; diese ihr die hchsten Gter
entreien, ohne sie durch neue zu ersetzen. Nur ein gttliches Wort,
ausgesprochen von einem gottgesandten Menschen, und eine gttliche
Kraft vermag das Chaos zu lichten, an welchem gewhnliche Kunst, der
Frsten wie Vlker, vergeblich nach Ordnung ringt.




Kapitel VI.

Beschlu.


Also geht alte, neue und neueste Geschichte des deutschen Volkes Einem
Ziele zu. Dreimal seit dem Ende des Mittelalters war Deutschland
im Begriff, zu innerer Befriedigung zu erstarken. Einmal zur Zeit
Maximilians, als die Reichsverfassung den ppig wuchernden Gliedern des
ganzen Krpers Seele verleihen sollte; die Reformation unterbrach das
Werk. Zum Zweiten schien es, als sollten in der Zeit der Aufklrung
die verschiedenen deutschen Staaten, durch erleuchtete Frsten
beglckt, die neue Bildung ins Leben einfhren, welche der Unglaube
geschaffen hatte; da kam die Revolution. Zum drittenmal war es, als
nach dem Sturz des Alten der deutsche Bund sich konstituirte; eine
neue Gestaltung schien nur dem Belieben verstndiger und patriotischer
Zeitgenossen anheimgegeben. Aber es war dem Kongre unmglich, seine
eigenen Intentionen (es gab deren hunderte) ins Werk zu setzen. Man
mute sich mit einer negativen Vereinigung begngen; das Volk selbst
fand und konnte keine Vertretung finden: genug, da alle Staaten durch
ein nominelles Band umschlungen werden, genug, da es eine Versammlung
gibt, welche die deutsche Einheit, wre es auch nur durch Sitzungen,
reprsentirt.

Mehr, so gibt es die Natur des Bundes, kann der Bundestag nicht wollen,
als die einzelnen Staaten, von denen er beschickt ist. Es liegt aber
ber die einzelnen Staaten hinaus Deutschlands Wille und Deutschlands
Beruf.

Da dieser Wille endlich einmal zu finden, dieser Beruf einmal zu
erfllen sei, darber sind wir alle einig. Uns allen schlgt das
deutsche Gewissen (oder sollte doch schlagen) bei der Frage, was
Groes geschehen sei fr das groe Vaterland in fnfundzwanzig langen
Friedensjahren. So auch wissen wir alle, da eine uere Einheit von
Deutschland, da die Vernderung der Konstitution des Bundes, selbst
wenn sie mglich wre, nicht fhig sein wrde, jene einige Tendenz zu
erschaffen. #Wie# sie aber zu finden sei, das ist in Nacht und Nebel
verhllt vor den Augen der Mehrzahl. Ahnungen hat sie und dunkle
Begriffe von einem Etwas; aber wie die Menschen berhaupt nur zu
geneigt sind, die Dinge von auen anzusehen, zu trge, in die Tiefe
zu schauen, wenn auch tglich das Spiel der Oberflche sie fesselt,
so wenden sie mitrauisch sich ab, wenn innere Lsung verheien wird
desselben Zwiespaltes, dessen Frchte sie oftmals so bitter empfunden
haben.

Ihr Alle, die Ihr nicht zu glauben vermget an die unendliche Macht
des Geistes, die Ihr nicht ahnet die Kraft des Glaubens, welcher auch
heute noch Berge versetzen und Reiche bezwingen kann, Ihr Alle
solltet wenigstens in Euch gehen, Euch fragen, #was# es denn sei,
das zum Frieden dient. Katholiken und Protestanten, Sddeutsche und
Norddeutsche, wo findet Ihr den Zauber, der Euch einigt? Nicht in der
Nationalitt, welche Ihr vergessen werdet, wie Ihr sie oft vergessen
habt in den Tagen der Gefahr; auch nicht in der Religion, welche Euch
Alle umfat, denn sie ist es ja, die Euch zersplittert. Oder muten
erst die #klnischen Wirren# Euch berzeugen, wie tief in den Herzen
des Volkes, wie unauflsbar durch die Lnge der Zeit immer noch die
religise Trennung wurzelt? Ihr saget wohl, die sei die letzte
Zuckung, und der steigende Einflu einer vernnftigen Humanitt werde
nach und nach die tiefern Spuren der Zwietracht verwischen. Auch meint
Ihr, unter allen Lndern Europas sei Deutschland doch das gesegnetste:
die materielle Wohlfahrt, wie die geistige Entwicklung wuchere im
Schooe des Friedens; jene nichtige Unzufriedenheit, in der die
romanischen Lnder sich verzehren, jenes wste Jagen nach einem Gute,
das um so ferner rckt, je heftiger es begehrt wird, all das sei unter
uns nicht zu finden. Und wenn, wie es in allem menschlichen Regiment zu
gehen pflege, viel Beklagenswrdiges bleibe, wie anders sei es doch,
als im siebzehnten, im achtzehnten Jahrhundert, wie trstlich die Keime
einer sichtlich wachsenden Besserung! Trotz alle dem aber (das allein
will ich fragen), wie geschieht es, da in den edelsten Geistern, in
den treuesten Gemthern ein Sehnen und Hoffen sich kund gibt, nicht
jenem gleich, das jede hhere Natur whrend der kurzen Dauer des Lebens
begleitet, sondern gerichtet auf die unmittelbarste Gegenwart, in deren
verworrenes Treiben sie mit ahnenden Augen hineinschau'n? Glaubt mir,
es lebt etwas in dem heutigen Sinn des deutschen Volks, erhaben ber
die leichtsinnige Begierde nach neuen Genssen, ber die krankhafte
revolutionre Sucht, die an der eigenen Lust sich steigert: es ist die
ungestillte Ahnung eines hhern Gutes.

Das wenigstens werdet Ihr der deutschen Geschichte einrumen, da sie
sich schrfer, als jede andere um den Ideenkern herangebildet hat,
der ihr zu Grunde liegt. Was Anderes soll es sein, als ein innerer
Vorgang, der auch in unsern Tagen sie zum Ziele fhrt? Jetzt oder
niemals ist die Zeit gekommen, wo Ein Bewutsein, Eine Hoffnung uns
alle einigen mu. Lat uns halten an dieser Hoffnung, der einzigen,
welche die Geschichte, die Natur, der Charakter des deutschen Volkes
uns bietet; der einzigen, in welcher wir inneres Leben die Flle,
uere Herrlichkeit zur Genge finden. Die Stimme des Propheten aber
schallt nicht durch Krieg und Kriegsgetse hindurch. Im Frieden soll
das Wort gesprochen werden, um welches Deutschland sich schaart, um ein
einiges, mit einigem Bewutsein dem Schicksal zu begegnen.




Zweiter Theil.

Deutschland und Europa.




Kapitel I.

Grundzge des europischen Organismus.


Ich komme zu einem andern Theil der Betrachtung. Die politische Lage
Europa's, die Stellung der Vlker und Staaten, der Zustand ihrer
Bestrebungen sollen uns den Beruf zeigen, auf welchen Deutschland
inmitten Europa's hingewiesen ist. Nicht allein die gegenwrtigen
Verhltnisse werden uns beschftigen; hauptschlich ihre Gebrechen:
was ist, soll in dem Lichte seines wahren, natrlichen, nicht seines
zuflligen Daseins erscheinen.

In Wahrheit, seit der Reformation, noch deutlicher fr die wenigstens,
die nur die Oberflche sehen, seit der Revolution, ist Europa in
unaufhrlicher Ghrung begriffen: Alles nur Uebergang, nur Krise oder
Intermezzo; die neue Zeit, welche in so unzhligen Zuckungen die
Menschheit anstrebt, mu erst noch geboren werden. Die Geburtswehen,
hier konvulsivisch heftig, dort langsam whlend, schildert die
Geschichte Europas (um nicht zu sagen: der Erde) seit 1789. -- Ich
stelle diesen Satz, welcher eben so sehr als Folge der Betrachtung
einleuchten soll, schon zu Anfang voraus: einmal, weil es schwierig
ist, ohne diese Ueberzeugung berhaupt nur daranzugehen; sodann, weil
ich glaube, da die, denen er noch nicht zur Wahrheit geworden, auch
nach hundert Beweisen nicht im Stande sein wrden, ihn zu begreifen.

Gleich wie in der deutschen Geschichte, trotz Ursprung, Blthe und
Verfall des Kaiserthums (welches doch ein abgeschlossenes Ganze
bildet), noch kein wahres Ende, sondern nur Entwicklung, und immer
Entwicklung auf Ein Ziel hin hervorleuchtet, so bildet auch die
europische, trotz ihrer betrchtlichen Dauer, eine ungeheure,
fortlaufende Reihe von Entwicklungen, welche insgesammt, obwohl in
einzelnen Phasen vollendet, ihre letzte Erfllung in einer noch
kommenden Zukunft finden. Erst die Zerstrung von Konstantinopel (als
nominelles Ende der ost-rmischen Herrschaft) bezeichnet die Epoche,
von der aus das #gesammte# Europa, aus den letzten Ueberbleibseln
rmischer Erziehung entlassen, in selbst-eigener Wesenheit aufblht:
so lange Zeit war nthig, um die Spuren der antiken Welt in den
barbarischen Vlkern der neuen zu verwischen. Das Christenthum, die
innere Seele der ganzen europischen Geschichte, ist heute noch
die Grundlage der Staaten (mit ihrem Willen oder ohne ihn); die
groe Frage, die sein Leben bedroht, ist zugleich die Lebensfrage
Europas: erst, wenn sie beantwortet sein wird, hat Europa ein Ziel
der Entwicklung erreicht. Dem verglichen erscheint das Mittelalter in
seinen Staaten, wie die groe, jugendliche Vorahnung gegenber der
Vollendung des Mannes; dazwischen liegt der schwere Uebergang von
der Reformation bis auf unsere Tage; der Uebergang ist erledigt, die
Vorahnung (obwohl ein Leben fr sich) im hchsten Mae erfllt, wenn
eine neue Aera beginnt. Daher, was immer aus Betrachtung der Gegenwart
als Resultat der Zukunft sich ergeben mag, hat nicht blo fr unsere
Zeit momentane, sondern auch rckwirkende Bedeutung fr #Jahrhunderte,
ja fr Jahrtausende#.

Was unsere Zeit verlangt, ist nicht Blthe einer Epoche, Gesundheit
einer Periode, es ist Gipfel der Geschichte, #zweite Erlsung der
Menschheit#. Nicht auf Masse, Umfang, Quadratmeilen steht die
Vorsehung, sondern auf den Geist, der auf den verschiedensten Punkten
der Erde, in den verschiedenen Vlkern lebt: wer den Erdball selber
anschaut, statt der Lichtstrahlen, die hin und wieder auf ihm vertheilt
sind, wird niemals ihren Gang nur ahnen knnen.

Die Geschichte kennt bis jetzt drei universelle Tendenzen
(Griechenland, als die Mutter der Weltbildung, hat sie alle drei
genhrt): die rmische Weltherrschaft[11], d.i. die absolute Macht
des Staats, die ppstlich-katholische, d.i. die absolute Gewalt der
Kirche, dazwischen die muhamedanisch-arabische, d.i. die Einheit
von Staat und Kirche. Die letztere ist zerfallen in sich; durch die
steigende Macht des Christenthums, der Kirche, ist die altrmische,
durch die wachsende Mndigkeit des Staats die neurmische Gewalt
gebrochen worden. Die vierte universelle Schpfung gehrt der neuern
Zeit: Staat und Kirche verbrdert, d.i. weder die ausschlieende
Despotie des Einen oder Andern, noch die Verschmelzung beider, sondern
ihr wahres Verhltni, wurzelnd in der gerechtfertigten Wahrheit der
zwei Grundlagen, worauf sie beruhen. -- Das sei von vorn herein gesagt,
um zu zeigen, mit welchem Rechte ein weltumfassendes Gewicht einer
Zeit, wie die unsrige ist, beigelegt wird. --

Um das wahre Sein der Gegenwart vom trglichen zu scheiden, ist
uns die Kenntni der Gesetze nthig, auf welche die Organisation
der Vlkergruppen von Europa gebaut ist. Alles ist hier Ordnung,
nichts Zufall; die Gliederung der europischen Vlkerfamilie ist
eine dergestalt organische, da Europa ohne sie zerfallen wrde. Die
Analogie mit der ganzen menschlichen Familie soll das beweisen.

Man findet den alten Kontinent von zwei Raen bewohnt, deren jede
in zwei scharf geschiedene Gattungen zerfllt. Kaukasier auf der
westlichen, Mongolen auf der stlichen Hlfte; im Sdwesten als
Unterart dort die Semiten, hier die Chinesen. Gestalt und Bevlkerung
der ganzen Erde, alle Raen die sie trgt (sie mgen primitiv sein,
oder nicht) erklren sich durch jene Vierheit. Amerika entspricht dem
kaukasischen, Afrika dem arabischen, Neuholland dem mongolischen,
Japan dem chinesischen Stamm. Kaukaser haben Amerika, Araber Afrika
bevlkert; eine Abart der mongolischen Gattung sind die Malayen, der
chinesischen die Japanesen.

Nicht anders gibt es in Europa zwei Stmme, in je zwei Gattungen
gespalten. Germanen auf der westlichen, Slaven auf der stlichen
Hlfte; im Sdwesten die Westromanen, im Sdosten die Ostromanen. Der
Geist ruht, wie oben, im Westen, der Zug der Geschichte geht, wie
oben, von Sden nach Norden: von Griechenland und Rom nach Germanien,
wie von Indien und Palstina nach Europa. Diese Organisation wird
durch die Bildungsgeschichte Europas gerechtfertigt. Das westrmische
Reich hat die germanischen, das ostrmische Reich die slavischen
Vlker zur Bildung, wie zur Vermischung berkommen: so muten dort
die westromanischen, hier die ostromanischen (griechisch-slavischen)
Stmme entstehen. Die Slaven (heutzutage Ruland) stellen in Europa das
Princip der Barbarei vor, das heit der materiellen Gewalt, wie die
Mongolen in der alten Welt berhaupt. Die Romanen mit ihrem unstten,
entzndlichen Geist, ewig anregend und weckend, gleichen den Semiten,
aus denen (durch drei Religionsstiftungen) der Ansto aller Geschichte
hervorgegangen ist; die Germanen sind fr Europa, was die Kaukasier fr
die Erde; der Weltgeist ruht auf ihnen, sie bilden die oberleitende, im
letzten Grund bestimmende Macht. In Ostromanien endlich vereinigen sich
die europischen Tendenzen, wie in China die ostasiatischen, es ist das
Areal Europas, wie China der Sitz des Reiches der Mitte.

Jeder der genannten Stmme Europas strebt nach der Beherrschung des ihm
analog Verwandten. Die Germanen werden zu den Kaukasiern (englische
Macht in Indien und Persien), die Romanen zu den Arabern (Zug der
Franzosen und Spanier nach Aegypten und Afrika), die Russen zu den
Mongolen (Ausbreitung der russischen Macht in der Tartarei, in Ostasien
berhaupt), hingezogen. Umgekehrt sind frher die Spanier von den
Arabern, die Russen von den Mongolen beherrscht worden. Man vermit
eine hnliche Berhrung der Ostromanen und Chinesen, weil die Wesenheit
beider weniger in ihrem selbststndigen Charakter, als in der Beziehung
auf die andern, in der Zusammenfassung liegt[12]. Im Uebrigen liegt in
dieser Parallele die uere Zukunft Europas, die knftige Gestaltung,
die Einheit der Erde.

Gleicher Weise herrscht in der Organisation der Familien Europas
ein Gesetz, das in anderer Form denselben Grundzgen, wie das obige
folgt. Wir sahen im Allgemeinen zwei Grundraen, in je zwei Gattungen
getheilt. Im Einzelnen findet man jede Familie in drei Nationen
gespalten, von denen je zwei den Typus der Familie ausdrcken, die
dritte, in eigenthmlicher Art, den Uebergang zur nchsten oder die
Vermittlung zwischen mehreren bildet[13]. Deutsche und Skandinavier,
Franzosen und Spanier, Russen und Polen, Griechen und Wallachen,
sind die Nationen von rein germanischer, westromanischer, slavischer,
ostromanischer Natur. Ungarn ist dem germanischen, Serbien dem
slavischen, Italien dem ostromanischen, England dem westromanischen
Typus, jedes innerhalb seiner Sphre, nahe gerckt. Selbst in
Zusammensetzung der Nationen (in Englndern, Schottlndern, Irlndern,
in Dnen, Schweden, Norwegern) kehrt die Dreiheit und in derselben Art
wieder. Was hierber hinausgeht, ist nicht in dauerndem Organismus,
nur in zeitiger Entwicklung begrndet. Holland, Belgien, die Schweiz,
Altpreuen, Portugal mgen frei bleiben, wie sie es sind, aber nie
werden sie es in Wahrheit sein, ohne dem grern Organismus sich
unterzuordnen, dessen ausgeprgtere Glieder sie sind. Dnemark,
Norwegen, Schweden knnen, was sie sein sollen, niemals werden,
ohne einig zu sein. Die Natur will berall Freiheit, Leben und
Eigenthmlichkeit, aber sie will es nach einer bestimmten Ordnung,
welcher die Freiheit selbst nicht zuwiderlaufen darf, ohne zur Willkhr
und eben dadurch zur Schwche herabzusinken.

Das sind die Gesetze, nach denen das Wachsthum und die Harmonie Europas
sich regelt. Man werfe nicht ein, da sie aus der jetzigen Lage der
Dinge, zum Theil aus den neuesten Ereignissen geschpft sind, da
ihre Dauer in Zukunft so wenig verbrgt ist, als ihr Dasein in der
Vergangenheit. Europa ist noch jung, es ist nicht lange her, da die
Englnder, da die Spanier, die Russen sich konsolidirt haben, die
neueste Zeit erst hat die Griechen zur Nation gemacht, die Trken an
den Rand der Vernichtung gefhrt, erst sie hat berhaupt #den Begriff
der Nationalitten# zum Bewutsein erhoben. Jene Harmonie, obwohl in
unsern Tagen erst durchschimmernd, lag doch vor Jahrtausenden schon im
Keime in der Gestaltung Europas, gerade wie im Embryo alle Bedingungen
des vollkommenen Krpers gegeben sind.

Das Modell dieses Krpers aufzustellen, ist in obigen Gesetzen
versucht worden: die natrliche Politik der Staaten, ihre Tendenz und
Ausdehnung, das Gleichgewicht, so weit es Wahrheit hat, das Alles prgt
sich daran aus. Gleich wie der Mensch die gesammte Natur beherrscht,
weil er als Mikrokosmus den Makrokosmus in sich trgt, so ist Europa
der Mittelpunkt der Erde, weil ihre Organisation, die Stellung
ihrer groen Raen, weil das ganze All in seinem kleinen Raume sich
abspiegelt. Wiederum, wenn es ein Land gbe, in welchem Europa eben
so sehr sich wiederfnde, als die Welt in Europa, so wrde dieses das
Haupt des Welttheils sein. Das Volk, sagt Johann von Mller, welches
die Eigenschaften, denen Europa seine Uebermacht schuldig ist, in
vorzglichem Grade besitzt, wird in Europa selber das erste sein.




KapitelII.

Die Revolution und Napoleon.


Der Kampf der altgermanischen Freiheiten in Europa gegen die
aufstrebende Monarchie hatte in Frankreich zuerst mit dem Siege des
Knigthums unter LouisXI. geendigt. Also erhob sich von hier aus die
Revolution: die Fulni der Monarchie brachte, wie einst das Verderben
der Kirche, Principien zum Ausbruch, die lngst geschlummert hatten.
Alle Lnder Europas, in denen der Absolutismus gesiegt hatte, muten im
Verlauf der Erschtterung umgewandelt werden; Napoleon beherrschte ganz
Europa, mit Ausnahme von England und Ungarn, wo die alte Freiheit sich
erhalten, von der Trkei und Ruland, wo der Despotismus, in der Natur
der Vlker wurzelnd, keine Freiheit berwunden hatte. Er scheiterte an
Ruland, weil die russische Barbarei von dem franzsischen Andrang nur
uerlich, nicht innerlich berhrt werden konnte.

In Deutschland hatten lange Kriege das Dasein des Protestantismus
entschieden; nach diesen blieb Ruhe. In Frankreich war unter kleineren
Kmpfen die Reformation von der Monarchie unterdrckt worden; aber
spter mute dieselbe Bewegung, die den Katholicismus untergrub,
zugleich seinen Verbndeten, den Thron, vernichten.

Es ist leicht, in den Zustnden unter LouisXVI., in den geistigen
Vorgngen schon der frheren Zeit, die Ursachen der Revolution zu
suchen, sie zu zergliedern und aufzuzhlen. Man hrt sie glubig an,
findet die Folgen natrlich und nothwendig; aber nach aller Berechnung
bleibt jener Eindruck des Wundersamen und Pltzlichen, der der
franzsischen Umwlzung so unvertilgbar anklebt, da er ihren eigensten
Charakter bildet. Eine tiefe Wahrheit liegt ihm zu Grunde. Alle
frheren Revolutionen, alle Fortschritte und Rckschritte der Vlker
entwickelten sich in traditionellen Verbindungen, berall reihte sich
Glied an Glied.

Damals pltzlich taucht ein Gemeinwesen auf, neugeschaffen nach
den Erkenntnissen des raisonnirenden Verstandes. Das war in keiner
Geschichte noch geschehen. Vielleicht kommt die Zeit, wo diese Handlung
sich wiederholt, wo (nach dem Wunsche aller Idealisten von Plato bis
auf Fichte) die Menschheit sich nach wahren Principien regelt. Die
Wahrheit aber, weil im tiefsten Zusammenhang mit aller bisherigen
Geschichte, wrde nicht zerstren, nicht einmal berraschen; sie wrde
nur die Schuppen von den Augen der Menschheit nehmen. Jener dmonische
Uebergriff, jener staatliche Aufbau, aus der Aufklrung gezimmert,
welche selbst ein leichtsinniger Uebergriff gewesen, verursacht das
Erstaunliche der Revolution. Jemand hat die Revolution einen Rausch
des Weltgeistes genannt; sie war ein Rausch, und die Abspannung der
trunkenen Vlker ist die Geschichte der Romanen bis auf diesen Tag.
Wren die Principien der Revolution die wahren gewesen, selbst dann
wren die Franzosen unfhig, sie ins Leben zu fhren: wie vielmehr,
als sie falsche und berdie auch diese nicht verdaut, entgegen
tausendjhriger Tradition, zur Grundlage des Staates erhoben. Solche
Arbeit war dem romanischen Geiste zu viel: Frankreich und Spanien,
Portugal, auch Italien, tragen noch heute die Spuren theils innerer,
theils uerer Zerrttung.

Von nun an trat die souverne Berechtigung des Volkes der geweihten
Legitimitt der Frsten gegenber; frherhin, besonders im Mittelalter,
schienen die Rechte der Nationen sich eben so sehr von selbst zu
verstehen, als eine kirchliche Weihe der Frsten, wodurch die
menschliche Wahl oder Erbordnung hhern Charakter erhielt. Nun stellte
man Beides auf die Spitze, Dogma gegen Dogma, und der Kampf begann,
wie in den Zeiten der Religionskriege. Sollte nicht endloses Blut
vergossen, sollte nicht Europa entweder den absoluten oder anarchischen
Principien (beide gleich verderblich) zur Beute fallen, so mute eine
gewaltige Hand die Gegenstze vermitteln, Frsten und Vlker bezwingen,
um durch leibliche Gefahr die geistige Gluth zu khlen.

Dazu war #Napoleon# gesandt. Die Natur gab ihm ein selbstschtiges
Gemth (ohne welches die Rckkehr zum monarchischen Princip unmglich
gewesen) und einen Geist, so gro und noch glnzender, als er tausend
Jahre zuvor in Karl dem Groen erschienen war. Man vermit bei Napoleon
den leitenden Plan, der sich durch Karl's mannigfache Unternehmungen
hindurchzieht; man sieht ihn ohne klares Bewutsein von einem Schritte
zum andern getrieben. Sein Wollen, die Intentionen seines Geistes
berwogen die innere Kraft; beide kreuzten sich, erst auf St.Helena
wurde ihm selbst das Werk seines Lebens klar, er lernte seine Sendung
verstehen. So wunderbar die Revolution immer noch erscheint, so
dmonisch fremdartig ist seine Gestalt in unserer Zeit. Die bewegenden
Ideen des Zeitalters blieben einem so mchtigen Geiste fremd: von
Protestantismus und Katholicismus, von Liberalismus und Monarchismus,
als Problemen der Zeit, blieb er unberhrt. Man hat ihn einen Mann
nach dem Zuschnitt Plutarchs genannt; mir erscheint er, wie einer der
alten orientalischen Eroberer, von denen nur dunkle Geschichten auf
uns gekommen, in die moderne Welt versetzt. Jene Selbstsucht, wie
diese Klte gegen die Freiheit (der Grundidee der neuern Zeit) hat ihn
gestrzt; beides aber stempelte ihn zu der Persnlichkeit, die auf
zwei Jahrzehnde dem sonst tdtlichen Principienkampf Stillschweigen
gebieten konnte. Selbst den Organismus der Vlker hat Napoleon nie
beachtet; spter war er khn genug, die innerlich sinnlosen, fr
den Moment ntzlichen, Zerstcklungen als eben so viele Mittel zur
Erweckung der erloschenen Nationaleinheit (in Deutschland und Italien)
darzustellen. Er kannte die Franzosen, und baute gleichwohl auf sie,
hielt sie gleichwohl fr fhig, seine Herrschaft zu erben; obschon eine
Uebertragung des alten Kaiserthums (das er nur in seiner Nichtigkeit
kannte) ihm niemals in den Sinn kommen mochte. Ungeheuer und bis auf
diesen Tag lebendig sind die Wirkungen seines Daseins. Durch ihn ist
das rmische Reich gestrzt, und Deutschlands heutige Verfassung,
Deutschlands innere Einheit herbeigefhrt worden; er hat Spanien aus
dem Todesschlummer geweckt, England auf den Gipfel der Macht, wie an
den Rand des Abgrundes gestellt; er dem russischen Staat, der anfangs
die Herrschaft mit ihm getheilt, dann in erster Linie ihn besiegt
hat, seine unnatrliche Bedeutung verliehen; durch ihn sind die
Wohlthaten der Revolution den Vlkern bewahrt; durch ihn der _status
quo_ ins Leben gerufen worden, welcher Nichts ist, denn Vermittlung
der ideellen, wie der politischen Gegenstze; durch ihn der lange
Friede voll geistiger Ghrung, das knstliche Gleichgewicht, und die
Gebanntheit des Willens, woran Europa leidet; er endlich hat das letzte
warnende Beispiel unorganischer Gewaltherrschaft gegeben, er auf immer
die Nationalitten geschieden. -- Die Zurckfhrung seiner Asche nach
Paris ist ein merkwrdiges Zeichen der Zeit. Ganz Europa hatte ihn
verbannt, ganz Europa hat sich mit dem Wiedergekehrten vershnt. Von
nun an gehrt er der Geschichte an; die Leidenschaften verstummen, wenn
die Nachwirkung endet, die ein gewaltiger Mann in Liebe und Ha auf die
Zeit, die ihm zunchst liegt, ausbt. Diese Zeit scheint ihrem Ende zu
nahen und eine neue Epoche beginnt.

Nach ihm ist keine Hegemonie gedenkbar, als die innere der Natur und
des Geistes, keine Gewalt mehr der Eroberung, als die Alles bezwingende
Gewalt der Idee.

Napoleon vereinigt als Korse den rmischen, italienischen, maurischen,
afrikanischen, durch Erziehung den franzsischen Typus. Romane ist
er ganz und gar, und der hchste Ausdruck romanischer Geschichte.
#Romanische Hegemonie#, das hat er auf ewig gelehrt, #widerstreitet
der Ordnung von Europa#; um zu herrschen, mute er den Organismus der
Vlker zerstren. #Ob germanische ihr ebenso zuwider, ob sie ihr nicht
ersprielich, ja nothwendig sei#, wird die Zukunft lehren.




KapitelIII.

Die romanischen Vlker.

Frankreich und die pyrenische Halbinsel.


Um franzsisches Gefhl, um die Tuschungen franzsischer Politik
zu begreifen, darf man nie vergessen, da seit Richelieu Frankreich
den mchtigsten Staat Europas gebildet, da es in der Civilisation
(gleichviel hier ob in wahrer oder falscher), in Kriegskunst und
Administration lange Zeit hindurch der Lehrmeister Europas gewesen, da
keine Macht ihm gegenberstand, welche fr den einheitlichen Ausdruck
germanischen Volksthums gelten konnte, da die Franzosen, sonach
gewhnt an die erste Stellung, in der Revolution auf eine geistige,
durch Napoleon auf eine politische Hhe erhoben wurden, die ihr
Bewutsein verrcken mute, da endlich der wahre Grund franzsischer
Gre in einem inneren Vorgang liegt, dessen Falschheit einzusehen
auch heute noch nur den tiefer Denkenden beschieden ist. Mit Einem
Wort, da seit dem westphlischen Frieden keine Nation mchtiger auf die
Gestaltung und Kultur Europas gewirkt hat, als die franzsische, da
die Deutschen zwar unendlich viel gedacht und geschrieben, aber Nichts
#gethan# haben, um den Franzosen ihr Uebergewicht zu beweisen, so sind
die franzsischen Prtensionen, #obwohl falsch und hohl#, doch des
vornehmen Gelchters nicht werth, das von so Vielen aufgeschlagen wird,
welche, warum sie falsch und hohl sind, nicht zu sagen vermchten.
Gerechtigkeit vor Allem geziemt der unparteiischen Betrachtung; sie zu
ben, mu sie in das Bewutsein der Nation sich versetzen, von der sie
zu sprechen hat.

       *       *       *       *       *

Die Betubung, durch zweimalige Invasion, der Schlummer, worein die
ungeheuern Erlebnisse der Revolution und des Kaiserreichs die Franzosen
versetzt, machten fnfzehn Jahre lang die Restauration mglich, eine
Regierung, die an 1788 anknpfte. In der Juliusrevolution erwachte
Frankreich. Man besann sich, was Frankreich gewollt; die Macht der Idee
wurde wieder lebendig, Frankreich wieder der erste liberale Staat. Was
die Revolution Herrliches geleistet, sollte in der konstitutionellen
Monarchie, was das Kaiserthum Groes gethan, sollte auf dem Wege
des Geistes, durch die Sympathie der Vlker sich wiederholen. Es
schien, als sollte der neue Tag der wahren Freiheit ber die Vlker
hereinbrechen. Es war ein groer Irrthum; kein Volk kann von der
Vergangenheit zehren, insonderheit wenn diese selbst der innern
Wahrheit entbehrt. Ein neues Princip war nicht gefunden; nur das Beste
von Allem sollte in Auszug genommen werden. So geschah, da Frankreich
aus eben so viel Parteien besteht, als es seit 1789 Epochen durchlebt
hat.

       *       *       *       *       *

Europa zerfiel wieder in zwei groe Lager; diese ordneten sich
klarer, indem die Quadrupelallianz der Tripelallianz entgegentrat;
und das Gleichgewicht erhielt seine letzte Ausbildung. Als die erste
franzsische Revolution dem Sturme gleich die morschen Sttzen des
europischen Wesens zu entwurzeln drohte, schickte Gott, um Europa zu
retten, uns einen Titanen. Auch die zweite drohte hnliches Unheil,
auch damals schien ein Principienkrieg Europa verheeren zu wollen; aber
wie sie nur ein Nachhall war der ersten, so war jetzt nur die Klugheit
eines berechnenden Mannes nthig, um den Frieden zu wahren. Zuweilen
beliebt es der Vorsehung, einzelne Menschen zu Ecksteinen zu stempeln,
an denen die Fluth der Ereignisse an- und abprallt, in schwache Hnde
das Schicksal eines Welttheils zu legen, wie sie umgekehrt oft kleine
Dinge durch die strksten erzielt. Solch ein Mann ist Louis Philipp;
seine Anschlieung an die dynastischen Prinzipien, so unerwartet von
dem Sohne der Revolution, hat die Ruhe Europas gerettet, aber, weil
zuwider dem Wunsche der Nation, und erreichbar nur durch geheime Wege,
Frankreichs Ruhe untergraben. Frankreich konnte gedeihen, wenn ein Mann
von Kraft, der Freiheit zugethan, aber souvern durch die Macht seiner
Persnlichkeit, dem zerrissenen Wollen der Franzosen auerhalb Europas
ruhmvolle Bahnen ffnete. Die Restauration hatte eine solche Erbschaft
hinterlassen. Davon ist an Louis Philipp wenig zu sehen; eine ungemeine
Gewandtheit, die man Weisheit nennt, eine eben so groe Erfahrung,
ein Herz, das fr eigene Interessen am wrmsten schlgt, sind die
Eigenschaften, die ihn charakterisiren. Wenn Napoleon Csar war, doch
ohne die Gte seines Charakters, so ist Louis Philipp mit Oktavian
zu vergleichen, der ihn gleichwohl in politischer Einsicht (freilich
auch in Charakterfehlern) bertrifft. Sein Werk ist das Justemilieu,
das ist die Kunst, aus den verschiedenen Zahlen einen Durchschnitt zu
ziehen, den man flschlich fr eine Gre hlt. Da diese Politik aller
geistigen Wesenheit eben so sehr, als aller moralischen Kraft entbehrt,
so ist Frankreich binnen zehn Jahren zu einer Zerrttung herabgesunken,
in deren Folge das sittliche Leben der Nation in einem Meere von
Intriguen verschwimmt.

Das Justemilieu also, weit entfernt, sie zu heilen, vermehrt die
tiefe Erschpfung des Geistes und Gemths, worein die erste Umwlzung
Frankreich gestrzt hat. In der Revolution liegt der Saame des
Unkrauts, das heute dort so reichlich wuchert; schwerer als der
dreiigjhrige Krieg auf dem deutschen Volke gelastet hat, lastet
sie noch auf dem franzsischen. Die Aufklrung hatte das religise
Bewutsein in Frankreich zerstrt, die Revolution vernichtete vollends
den moralischen Gehalt, und flte den Gemthern jene unselige Hast
nach Neuem, den Geistern jene flatterhafte Unruhe ein, welche,
ohnedie im franzsischen Charakter begrndet, durch ewiges Negiren
jede positive Schpfung im voraus unterwhlt oder wo sie da ist, mit
dem Tode bedroht. In Deutschland hat eine innere und uere Erhebung
des Volksgeistes die Principien der Aufklrung (der Voltaire'schen
Zeit) umgestoen; in Frankreich sind sie unwiderlegt bis auf diesen
Tag, ja genhrt durch die Dummheit der Restauration; und vergebens
strebt man, mit ueren Waffen die Gleichheit zu bekmpfen, die zu
tief in der innern Anschauung der Gesellschaft gegrndet ist. So
verlangt der Pbel seine Rechte; wie nach und nach im Mittelalter
der Brger, in der neuern Zeit der Bauer sie erhalten hat, so will
auch der Proletarier zum souvernen Volke gehren. Wie nun diese
Klasse durch keine tiefere Beziehung an die Gesellschaft gebunden
ist, als durch die uere des Arbeiters zum Brodherrn, so scheut sie,
um zu ihrem (nach den Principien so heiligem) Rechte zu gelangen,
keine Mittel; aus ihrem Schooe gehen die Knigsmrder hervor, deren
gehufte Zahl Europa in Staunen versetzt hat. Diesem Uebel, fressend
am Kern des Staates, geschieht kein Einhalt (wie in England) durch
den gesunden Sinn der Nation, durch die natrliche Achtung der Stnde
und des Ranges; vielmehr die letztere wird eben durch die hhern
Klassen selbst verwischt, welche von Emporkmmlingen wimmeln, sei
es des Geldes oder der Intrigue; denn auch das Talent, die einzige
noch brige Aristokratie, kann nur durch Geld oder Intrigue sich
erheben. -- An dieser Immoralitt, an der allgemeinen, wie an der
eignen, scheitern die wenigen Staatsmnner, die Frankreich besitzt.
Es ist hchst bezeichnend fr die Unnatur franzsischer Zustnde,
da der mindeste Grad von Talent und Moralitt unter den Anhngern
des Justemilieu, des gegenwrtig herrschenden Systems sich findet,
whrend die Republikaner unter allen den tchtigsten Charakter, die
Legitimisten eben so viel Geist entfalten; zwei Parteien, wovon die
eine wegen der sittlichen Umkehr des Heiligsten, die andere wegen ihrer
Dummheit von der Geschichte gerichtet ist. Dem Justemilieu kann weder
Guizot, der Professor, tiefern doctrinellen Inhalt, noch Lamartine,
der Poet, idealen Zauber geben. Der sprechendste Ausdruck des heutigen
Franzosen, seines nationalen Wollens eben so sehr als seiner schweren
Verdorbenheit, und einzig mglicher Mittler zwischen Krone und Volk,
ist #Thiers#. Eine kleine Partei gibt es in Frankreich, welche in der
Religion allein das Heilmittel fr den gesunkenen Nationalgeist findet;
in der Politik will sie gesetzliche Freiheit und Beschtzung des
Principes der Freiheit in Europa. Sie allein, obwohl gering an Zahl,
enthlt #Keime des Lebens#, die die Zukunft zur Reife bringen kann.
Aber auch sie kann, selbst wenn sie mchtig wre, Halt und Einheit
ihrem Vaterlande nicht wiedergeben.

So sind die Grundlagen des Staats, wie die des Volksbewutseins in
Frankreich vernichtet. So tiefe innere Zerrissenheit kann nur durch
eben so tiefe innere Vorgnge geheilt werden. Dieselbe Weltanschauung,
welche in einer groen Literatur sich ausgesprochen, in einer groen
Umwlzung sich verkrpert hat, liegt jetzt in ihrer ganzen Oede der
Welt vor Augen. #Eine neue positive zu schaffen# (d.h. sich selbst
zu verjngen), das ist dem franzsischen Geiste berhaupt nicht,
am wenigsten in seiner heutigen Erschpfung beschieden. Wir haben
im ersten Theile gezeigt, wie diese den Deutschen vorbehalten sei.
Unumwunden und bestimmt sei es hier ausgesprochen: #Frankreich hat
von Deutschland seine Rettung zu erwarten#. Gleichwie im achtzehnten
Jahrhundert die franzsischen Prinzipien Deutschland berfluthet, wie
der franzsische Geist durch seine Khnheit den deutschen bezwungen,
ihn gestachelt und beflgelt hat, so wird jetzt wiederum der deutsche
auf den franzsischen zurckstrmen, wird die philosophischen und
socialen Fragen, an deren vorschneller Behandlung er sich verblutet
hat, ihm gelset berantworten, wird neue Lebenskraft und die
Fhigkeit, sich zu fassen und zu einigen, ihm wieder verleihen.

Zu all den innern Uebeln gesellt sich in Frankreich die Centralisation,
die einzige Maxime, welche seit LudwigXI. durch alle Phasen seiner
Geschichte sich gleichmig hindurchzieht, frher die Ursache seiner
Macht, jetzt die Mehrerin des Verfalls, weil sie die Entwicklung der
Provinzen, die Freiheit der Gemeinden und das Wachsthum der Kultur in
gleichem Mae verhindert. Die Parteien, wenn auch nicht, wie sie jetzt
sind, doch im Allgemeinen, werden in Frankreich niemals verschwinden.
Aber, whrend sie jetzt, in Einem Punkte vereinigt und vergiftet
durch die Verdorbenheit der Hauptstadt, sich gegenseitig verzehren,
so wrden sie als eben so viele Ausflsse der Provinzialcharaktere
das Gedeihen des Staates frdern. Politische und wissenschaftliche
Intelligenz, Bildung und Tchtigkeit kann erst, wenn die Provinzen
sich emancipiren, in der #ganzen# Nation erwachen. Ich glaube, da
die Befestigung von Paris, obwohl der Triumph des Centralsystems, wie
der Dynastie berhaupt, die Franzosen von einer geistigen Tyrannei
befreien wird, gegen die sie jetzt, inmitten aller gerhmten Freiheit,
kaum zu sprechen wagen, ja die sie kaum fhlen. Das befestigte Paris,
unfhig der innern Gewalt zu widerstehen, begibt sich des Vorgangs,
den es in allen Umwlzungen und Staatsstreichen gebt, und der Geist
des Volkes, bisher ein Eigenthum der Pariser, wird bei der nchsten
Krise sich auf die Provinzen legen. Deutschland und Frankreich bilden
hierin ein reines Widerspiel: zur Zeit der schsischen und frnkischen
Kaiser war Frankreich unendlich zersplittert; je mehr die kaiserliche
Macht verlor, desto mehr gewann die knigliche; Deutschland war kaum
noch fderirt, whrend unter LudwigXVI. und von ihm bis Napoleon die
Centralisation culminirte. In unsrer Zeit werden Beide sich begegnen
(ohngefhr wie in der Mitte des Mittelalters): Deutschland wird durch
nationale Einheit des #Bewutseins# dem centralistischen, Frankreich
durch die Opposition der Provinzen dem fderalen Principe sich nhern.

Als erste romanische Macht hat Frankreich Einflu in Afrika, in
der Levante, im Mittelmeere zu suchen, es hat Spanien und Portugal
an seine Politik zu fesseln. Alles das wird wenig erkannt, noch
schlechter geleitet. Algier ist durch ungeschickte Verwaltung, durch
ewigen Wechsel der Systeme, durch schwankenden Willen der wunde
Fleck des Staats geworden. Man begriff die Wichtigkeit Egyptens und
beschtzte den Pascha. Aber statt seine Barbarei im Zaume zu halten,
statt die Oberflchlichkeit seiner Civilisation zu bessern, gab man
sich kindischen Tuschungen hin, und als die Zeit der Gefahr nahte,
wurde der Schtzling verlassen. Der Einflu im Orient wurde verloren.
In Spanien hat die zweideutige, unwissende Politik der Franzosen
die Zuneigung der Nation auf lange untergraben. Die sonstigen
Unternehmungen sind Spielereien, denen nicht nur geistige Bedeutung,
sondern auch jeder moralische Nachdruck fehlt.

       *       *       *       *       *

In Folge davon wirft sich der Volksgeist, von neuen Erinnerungen
getrieben, von uralter Eitelkeit gestachelt, auf das germanische
Europa. Bittere Erfahrungen mssen den Franzosen zeigen, da sie weder
die Erstgebornen der Civilisation, noch das herrschende Volk des
Kontinents sind, wofr sie sich halten.

       *       *       *       *       *

Die Politik der lteren Bourbonen (obwohl in andern Dingen
einsichtsvoller, als die jetzige), die Revolution und Napoleon,
heutzutage Legitimisten und Republikaner, Alle kommen darin berein,
sich auf deutsche Kosten zu bereichen. Dagegen ist mit Worten nicht zu
kmpfen; seit der Reformation kennen die Franzosen kein anderes, als
ein zersplittertes Deutschland, ja selbst besiegt von den Deutschen
sind sie gewohnt, in den Friedensschlssen die Sieger zu tuschen (wie
im Rastadter Frieden 1714, im ersten und zweiten Pariser Frieden);
deutsche Kraft konnten sie um so weniger achten lernen, als die
Deutschen niemals anders, denn mit Alliirten gesiegt haben, als auch
Napoleon nicht von Deutschland, sondern von Europa berwunden worden
ist. Man wundert sich, da die franzsische Nation auch jetzt noch
die Schwche eines Nachbarn benutzen will, den sie Jahrhunderte lang
ausgebeutet hat. Wir wrden dasselbe thun, und haben in Polen dasselbe
gethan. Die Polen aber haben uns gehat, die Theilung von Polen war
ein Gewaltstreich; die Franzosen sind von uns geliebt, bewundert,
nachgeahmt und nachgeschrieben worden, ja noch letzthin, als die
Lockpfeife der Juliusrevolution erschallte, haben deutsche Affen und
deutsche Bren ihr nachgetanzt; wie sollten da die franzsischen
Begriffe sich ndern? Darum ist es wohl ntzlich, in der Presse den
franzsischen Anmaungen zu begegnen, deutschen Sinn endlich einmal in
ihre Ohren zu schreien, aber damit ihre Kpfe zurecht zu setzen, das
wre thrichte Einbildung. #Thaten# allein, groe und schwere Thaten
vermgen das; ein Bewutsein, auch das tchtigste, wenn wir ein solches
htten, lt sich Andern nimmermehr einflen; haben wir doch schon
frher, 1813-1816, antifranzsisch gesprochen und geschrieben, und
im Ueberma, aber nur um nachher desto lcherlicher zu werden. Warum
war die franzsische Politik so gesund im Mittelalter, ausgebreitet
nach dem Orient, bescheiden gegen Deutschland? Weil wir gro waren und
unantastbar, weil durch Thaten, nicht mit Worten jede franzsische
Anmaung gezchtigt wurde. Lasset Macht und Strke, Kraft und Einheit
wieder erstehen, lasset im Osten oder Westen, im Norden oder Sden ein
deutsches Werk geschehen von altgewaltiger Art, lasset ihnen sehen, da
Deutschland ein anderes, ein ganz anderes geworden ist, zeigt es ihnen,
da sie's mit Hnden greifen und fassen, mit Augen und Ohren sehen und
hren, mit Sinnen spren mssen -- und das alberne Geschrei nach der
Rheingrnze wird im Nu verstummen, man wird sich schmeicheln, von dem
nichts einzuben, was man bisher noch behalten hat[14].

Dann erst, wenn wir das Verstndni unserer Natur, ein ungeahntes
Verstndni, den Franzosen erffnet haben, dann erst und frher nicht,
wird die wahre Stellung zu Deutschland sich entwickeln, die einzige,
die den Franzosen selbst, wie dem europischen Organismus frommt. Diese
soll eine friedliche, freundliche sein, als der ersten romanischen zur
ersten germanischen Nation, getragen von dem natrlichen Verkehr, der
die zwei wichtigsten Kulturvlker Europas verbindet, von der Ehrfurcht,
die dem romanischen Geiste gegen den germanischen, von der Achtung die
diesem gegen jenen geziemt. Die Franzosen sind die besten Soldaten
Europas, wir grere Mnner. Sie sind geschickter in diplomatischen
Knsten, wir in der groen Politik, in aller tiefern Staatskunst ihnen
berlegen. Sie schreiben klar und verstndlich, wo wir oft dunkel und
unschn, aber unwissend und oberflchlich, wo wir gutunterrichtet und
grndlich. Sie raisonniren, wo wir denken; sie haben ein Ehrgefhl, das
allezeit entzndet wird, wir eine Begeisterung, die nur selten unser
Phlegma durchbricht, dann aber allen und jeden Widerstand berwindet.
Eiferschtig auf ihre Institutionen, sind sie doch geneigter als irgend
ein Volk in Europa, despotisch beherrscht zu werden; gehorsamer als
alle brigen, sind wir trotz dem am fhigsten, die wahre Freiheit (die
staatliche wenigstens, wenn auch nicht die persnliche, in welcher
die Englnder voranstehen) uns zu schaffen und sie zu genieen. Der
franzsische Gesichtskreis ist gebannt in franzsische Begriffe, der
unsrige umfat die ganze Erde; der eine drngt sich gewaltsam den
Fremden auf, der andere verliert in der Weite zuweilen sich selbst.
Der franzsische Charakter ist weiblich mit der Liebenswrdigkeit des
Weibes, der deutsche mnnlich mit aller Gre des Mannes, aber auch
mit den Fehlern, deren Benutzung dem andern Geschlechte zuweilen die
Oberhand gibt. All diese entgegengesetzten Eigenschaften, diese Reihe
von uern Tugenden auf der einen, von innern Krften auf der andern
Seite, sind vortrefflich gemacht, sich zu reiben und immer wieder zu
finden, im Interesse der Civilisation sich zu ergnzen.

Man ist gewhnt, die Franzosen als das #handelnde#, die Deutschen als
das #denkende# Volk anzusehn. Das ist unsglicher Irrthum. Franzsische
Gedanken haben in der neuern Zeit Europa ebenso umgewlzt, als
ehedem die guten deutschen Schwerter. Es gibt nur Ein entscheidendes
Merkmal, das im letzten Grunde die franzsische und deutsche Natur,
wie berhaupt #romanisches und germanisches Wesen# auseinanderhlt.
Die #Intention# berwiegt bei den Franzosen, die #innere Kraft# bei
den Deutschen. Die Franzosen haben, in der Idee wie in der That,
ein groartiges Wollen gezeigt; aber Vollbringen, das fehlt ihnen.
Die wahre Weltanschauung, den wahren Staat, die organische Ordnung
von Europa -- das Alles haben sie #gewollt#, ohne es zu #knnen#.
Die Deutschen dagegen, mit einer Kraft der Natur, wie sie auer dem
rmischen keinem Volk der Geschichte gegeben war, mit einem Geiste
begabt, der alle heutigen Nationen berragt und nur mit den alten
Hellenen wetteifert, ermangeln jenes lebhaften Stachels, jener
Intention, die nach Groem begehrt, auch ohne tiefere Rechtfertigung.
Dehalb haben sie gewartet, unter Schmach und Elend, und warten
noch, bis die Zeit erfllet sein wird, da ihre Natur die innere
Sttigung gefunden hat. Alsdann werden sie thun, was jene zu thun
gestrebt, und die gemessene Ruhe ihres Wollens wird, wenn sie die
Hhe erklommen, die Frankreich umsonst zu erklimmen versucht, Europen
der Brge der Freiheit sein. Denn das Geheimni sowohl als die Snde
der Gewaltherrschaft liegt darin, da Vlker oder Einzelne das Ma
ihrer Sendung berschreiten, da sie zu wollen sich vermessen, was sie
nicht vermgen. So hat auch in Napoleon, als dem hchsten romanischen
Herrscher, die Intention das innere Ma berwogen: Diktator war er mit
Recht und Fug der romanischen Staaten, und fiel, da er strebte, noch
mehr zu sein. Die Deutschen dagegen sind eher geneigt, ihre Wrde zu
vergessen, als unbefugt sie auszudehnen. Germanisches Phlegma soll
durch die Lebhaftigkeit franzsischen Wollens gereizt, romanische
Elasticitt von der deutschen Kraft daniedergehalten werden: das gibt
Friede, Freiheit und Einheit dem Welttheil.


Die pyrenische Halbinsel.

In dem Mae, als der Katholicismus in #Spanien# tiefer gegrndet,
als er durch Literatur und Philosophie weniger erschttert, als der
Thron (sein Verbndeter) unantastbarer gegrndet war, in demselben
Mae geschah die spanische Revolution langsamer, unregelmiger,
mit Rckfllen abwechselnd, bis auf unsere Tage fortwhlend. Das
spanische Volk war in so unerhrte Knechtschaft des Geistes und
Gemths gekettet, da der Ansto von auen kommen mute. Napoleons
Invasion war eine Wohlthat fr die Land; freisinnige Institutionen,
Erlsung, Civilisation konnte er sich in Wahrheit rhmen, den Spaniern
zu bringen. Der erbitterte Kampf, den sie fhrten, ist nicht (wie der
deutsche) der Sieg eines erwachenden Volkes gegen Fremdherrschaft;
es waren Parteifehden, mit rasender Wuth befleckt; das Volk war
von den Priestern geleitet. Mittlerweile hatten die neuen Ideen in
den Gebildeten Macht gewonnen; diese Klasse, in Abwesenheit des
Hofes regierend, schuf die Konstitution von 1812. Seitdem haben
sich in ewigem Wechsel Liberalismus und Absolutismus verdrngt, bis
der Vertrag von Bergara in der Person des Prtendenten die alte
spanische Monarchie auf ewig vernichtete. Ihren Rckhalt hatte sie
an den baskischen Provinzen gefunden, deren mittelalterlich freier
Charakter der Centralisation widerstrebte, mit der der Liberalismus
(nach franzsischem Vorbild) ihre Freiheiten bedrohte, und heute noch
bedroht. Wie sollte ein Volk gedeihen, welches, durch Jahrhunderte
geknechtet, die neuen Ideen, selbst wenn sie in seiner Mitte
aufgetaucht wren, nur sehr allmhlig sich aneignen konnte; wie
viel mehr, wenn es zwischen englischen und franzsischen Einflssen
umhergeworfen, selbst sich nicht bewut wurde! Eine Heldenkraft
Einzelner zeigt sich in den Jahren 12 und 20, welche Bewunderung
abdringt; selbst im Krieg der Christinos und Karlisten finden sich noch
erquickliche Zge: die ganze Hohlheit und Faulheit des Liberalismus
hat sich erst entfaltet, seit er gesiegt. Spanien ist wie verweset;
kein Talent, kein Charakter erhebt sich, die Helden von frherhin
(wie Arguelles, Calatrava) sind erbrmlich zusammengeschrumpft, die
neuen sind Halbmenschen an Geist und Gemth: der Zustand lt sich
mit den sinkenden Zeiten des Direktoriums in Frankreich vergleichen.
Nun fehlt der Nation aller Ausweg, alle Macht nach auen, und doch
ist's Thatkraft allein, wobei der Spanier gedeiht. Dasselbe Volk,
das in unaufhrlichen Kriegen zum Volke geworden, das kaum geworden,
achthundert Jahre gegen die Araber, spter auf dem Gipfel der
europischen und der Kolonialmacht, gegen die Ureinwohner Amerikas
lange Zeit gekmpft hat, ist jetzt auf die Philippinen beschrnkt;
und da ihm jedes Feld verschlossen, so wthet es (seiner Natur gem)
in den eigenen Eingeweiden. Eine Mischung von Indolenz und Feuer,
von Duldung und Freiheitssinn liegt in den Spaniern, welche sie der
uersten Extreme fhig macht. Ebendehalb ist hier, wie in Frankreich,
vor der Hand nur die Eine Aufgabe gestellt: in oder auerhalb Europas,
sei es in Portugal oder in Afrika, den durstigen Nationalgeist zu
befriedigen, zu diesem Zweck die Seemacht herzustellen, durch eine
mchtige (wenn auch scheinbar unsinnige) That die wirren Geister auf
Ein Ziel zu lenken. Das Alles knnte in diesem Augenblick nur Einer;
aber diesem Einen fehlt der hhere Sinn. Espartero -- den meine
ich -- ist weder ein Cromwell noch ein Stck von Napoleon; er ist
der spanische Louis Philipp, mit viel weniger Geist und Feinheit;
nothwendig, wie der Knig der Franzosen, fr die Mittelklasse, weil das
marklose Geschlecht Menschen braucht, die durch allerlei Knste einen
halben Zustand erhalten, so lange, bis eine hhere Macht neuen Odem den
Leichnamen einhaucht. Die Geschichte der Regentschaft in Spanien wird
sich, wie die des Brgerknigthums, einzig darum drehen, mit welchen
Parteien und gegen welche der Regent sich erhlt, nicht darum, wie viel
oder was im Staat und fr den Staat geschieht.

Spaniens trauriges Abbild ist Portugal. Als gegen das Ende der
arabischen Herrschaft die christlichen Nationen der Halbinsel zu
innerer Blthe, durch die See zu uerer Macht gelangten, war Portugals
blhende Zeit; Castilianer, Arragonesen, Portugisen waren damals
gleich verschieden, und sind es noch heute. Nur die tyrannische
Regierung der Philippe und die Erinnerung der einstigen Gre hat die
Portugisen entfremdet. Es ist aber kein Heil in der Trennung; nur dazu
war sie geeignet, englische Habsucht zu stillen, Portugal zur Kolonie
herabzuwrdigen, dadurch zwei Tendenzen in die Halbinsel einzufhren,
deren Zwist die innere Zerrttung schrt. Portugal glaubte gro zu
werden, indem es vom Ganzen sich schied, und an Fremdes sich sttzte.
Wir haben Aehnliches in Deutschland gesehen. Die Zukunft verlangt
organisches Leben; dieselbe Zeit, in der die Halbinsel aus der wsten
Vergangenheit erstehen wird, #mu Portugal und Spanien einigen#;
so nmlich, wie auch Spanien nur geeinigt werden kann durch freie
Entwicklung des Provinzialgeistes.

Die Natur hat die Romanen diesseits und die jenseits der Pyrenen
zum engsten Bndni geschaffen. Nur so lange Habsburger in Spanien
regieren, so lange von #germanischen# Tendenzen das romanische Land
durchkreuzt wird, sehen wir sie zerrissen. Die ltern Bourbonen
knpften sie wieder; und erst die heutige Politik, weil ohne alle
hhere Uebersicht, hat sie wieder zerrissen. Ohne der innern Bande oder
des Kulturverhltnisses zu gedenken, so sind beide Lnder durch Lage
und Natur darauf hingewiesen, zu Lande und zur See zugleich ihre Macht
zu entfalten. Die Geschichte hat gezeigt, da selbst Frankreich dieser
doppelten Aufgabe nur schwer gengen mag. Beide vereinigt, erfllen
sie: franzsische und spanische Flotten, verbndet, sind fhig, die
englische Herrschaft im Mittelmeere zu durchbrechen, im Uebrigen ihr
das Gleichgewicht zu halten. Frankreich, Spanien, Portugal haben Ein
Interesse gegen England, Ein und dasselbe in Afrika.

Afrika, das Land der Vergangenheit, erwartet eine Zukunft. Seine
Ksten, von Habesch bis Algier, von Algier bis Guinea, sind romanischer
Boden; vom Sden herauf wirken germanische Kolonien. Umspannt in
fortlaufender Linie, mu es endlich sein Inneres erschlieen. Der
alte Kampf gegen das muhamedanisch-arabische Princip hat hier sich
erneuert, und wird sich, weil es tief in ganz Afrika wurzelt, noch
fter erneuern. Warum soll Aegypten, Mauretanien, Numidien nicht
werden, was sie ehedem waren: Pflanzsttten europischer Kultur? Es ist
ein herrliches Werk, die verdorbenen, zerrtteten Stmme Nordafrikas
zu bndigen, Keime des Lebens in das altchristliche Abyssinien, und
allmhlig unter die Neger zu streuen. Was noch Geist hat und Leben,
das soll nicht vertilgt werden; die Wste ist der Araber Heimath, die
soll ihnen bleiben. Ich glaube indessen, da die heutige Okkupation
der Franzosen in Afrika mit der Zeit den Spaniern und Portugiesen
anheimfallen wird. In Algier mu Neues gegrndet und geschaffen
werden; in Aegypten sind europische Saaten schon gepflanzt. Nach
Algier gehren die Eroberer von Mexiko; Aegypten ist vielleicht das
einzige Land der Welt, das die Franzosen kolonisiren knnen. Ludwig der
Heilige und Bonaparte waren am Nil. Der gyptische Volksgeist, wenn
erst der trkische Einflu erloschen ist, bietet keinen Widerstand.
Es gibt im Orient zwei groe Straen, in die sich Europa theilen mu:
die romanische geht durch den arabischen, die germanische durch den
persischen Meerbusen. Jene lehnt sich an Aegypten, diese an Syrien und
Mesopotamien. --

Unter den Staaten, die wir bisher betrachtet, bt Frankreich die
natrliche Hegemonie. Spanien kann sie nicht fordern, weder nach der
gegenwrtigen Lage, noch berhaupt nach Ansprchen der Natur. Der
spanische Charakter ist mnnlicher als der franzsische und gediegener;
aber der romanische Typus, reiner ausgedrckt im franzsischen, gibt
diesem die Oberhand, whrend das gothische Element die Spanier zum
germanischen Princip (daher habsburgische Herrschaft und englischer
Einflu) auseinander zieht. Auch grere Kolonialmacht, hherer
seemnnischer Geist erhebt die Spanier nicht ber die Franzosen: diese
sind nchst den Deutschen das europischste Volk Europens, zu innerer
Wirkung bestimmt, und dehalb gering in berseeischen Eroberungen.
Aeuere Schwche ist hier gleich innerer Strke.

Der Liberalismus wurzelt in Frankreich auf franzsisch nationalen
Principien; in Spanien war er Hlfsmittel der politischen Emancipation,
die Weltanschauung, die ihm zu Grunde liegt, widerspricht dem
spanischen Naturell, welches #religis# ist durch und durch und abhold
dem modernen Verstande. Dieser Widerspruch hat in Spanien unendliche
Verwirrung und Wstheit erzeugt, aber der Volkskern, weil weniger tief
berhrt, ist eben dadurch gesunder geblieben, als in Frankreich. Eine
Lsung der groen Probleme verlangt der spanische Geist so dringlich,
so unmittelbar als der franzsische, nur in anderer Weise. Whrend der
letztere einer gerechtfertigten philosophischen Weltanschauung bedarf,
weil er an falscher sich verblutet, will der erstere Restauration des
religisen Lebens, um unbekmmert vom Zweifel sich in dem zu ergehen,
was seine Lust ist. Das sind die zwei Wege, deren einen oder andern
jede hhere Volksnatur ergreift: ein neues Princip ersehnen die Einen,
doch ohne die Schrecken socialer Umkehr; die alte Religion die Andern,
aber ohne den alten Absolutismus, mit politischer Freiheit. #Neues
zu finden, durch das Gefundene Altes zu beleben, ist die Aufgabe der
europischen Menschheit.#




Kapitel IV.

Italien.


Zwischen Frankreich, Deutschland und der griechisch-slavischen
Halbinsel gelegen, Mutter des rmischen Geschlechts, gekettet an
das germanische Reich als den Erben der Csaren, endlich durch
eigenthmliche Beziehungen den Ostromanen verwandt, unterliegt
Italien einem besonderen, von dem der brigen Vlker verschiedenen
Gesichtspunkt. Zwar auch hier hat die Revolution und Napoleon, hat
der spanische franzsische Liberalismus groe Umwlzungen verursacht;
aber der Ausgang war ein anderer: das absolute Princip und mit ihm
germanischer Einflu hat gesiegt. Nach unzhligen Kriegen ist am Ende
des Kampfes die streichische Macht zu derselben Hhe in Italien
emporgestiegen, wie im Mittelalter die kaiserliche. Woher dieser
unverwstliche, in anderer Form immer wiederkehrende Zusammenhang?
Woher diese Verbindung zwischen zwei so entgegengesetzt gearteten
Vlkern, als der deutsche und italienische es sind; eine Verbindung,
die auf den ersten Blick so unorganisch, so vorbergehend erscheint?
Die frhere Geschichte wenigstens, auch wenn sie tausend Jahre
hindurchgeht, kann die Fortdauer des Bandes nicht rechtfertigen.

Wo aus keltischer Grundlage durch ein richtiges Verhltni rmischer
und germanischer Mischung vollkommene Neugeburt entsprang, da bildete
sich der Typus, den wir den romanischen nennen. In Italien war die
Grundlage die rmische; die Mischung theils weniger durchdringend,
theils nicht allgemein. Der Charakter Italiens ist nicht der
neuromanische; er ist antik-modern. Antik ist die Geschichte der
italienischen Republiken, antik die italienische Kunst und Bildung,
antik noch heute die Religion der Italiener, ihr sinnlicher Kultus,
ihre Vielgtterei (auch die Heiligen sind Gtter), ihre Anschauung.
Nun, die Antike mute zerstieben vor dem Hauch des germanischen
Lebens, wo nicht eine moderne Weltmacht, dem neuen Kaiserthum entgegen,
sich mit ihm verbrderte. So that das Papstthum, auf dem beruht, was
in Politik und Wissenschaft, Poesie und Kunst Herrliches in Italien
geschah. Die Italiener, von Natur unfhig zu nationaler Einheit,
erhielten sie durch den gemeinsamen Kampf, wie durch den gemeinsamen
Schutz, den der Papst ihnen verlieh. Es war eine ideelle Einheit,
welche die statistische ersetzte. Mit dem Papstthum fiel auch Italien;
je mehr der Verstand die kirchliche und politische Bedeutung der
Hierarchie untergrub, desto schneller verfielen die alten Republiken.
Wie jene Opposition der beiden Weltmchte, in deren Gefolge Italien das
Land der Kultur, der Ideen geworden, verschwand, da verlor sich auch
der geistige Inhalt; das Volk ist unmndig und kraftlos, das Land ist
ausgestorben und ohne Gegenwart.

Die Carbonari wollten neues Leben schaffen; sie wollten Italien
einigen. Weil aber keine hhere Kraft vorhanden war, als die des
Liberalismus, so fielen sie. Darin hatten sie Recht, da ohne nationale
und politische Einheit keine Zukunft gedenkbar ist fr Italien.
Nur, worin sie finden? Das Papstthum, wie die Sachen stehen, wirkt
heutzutage zerstrend ein. Der Kirchenstaat, in der Mitte von Italien,
an beiden Ksten hingestreckt, den Norden vom Sden trennend, lhmt
alle Einigung und erstickt das Nationalgefhl, das unter kirchlichen
Regierungen ohnedie kaum aufkeimt; ja er schadet sogar der ppstlichen
Macht, der er frher als Unterlage gedient. Die neue Ansicht hat in
Deutschland, wie berall, die geistlichen Staaten skularisirt; sie hat
nicht gewagt, auch in Italien folgerecht zu sein. In Wahrheit aber, da
in unsern Tagen die Kirche nur in ideeller Weise wirken kann, da sie,
je gereinigter von irdischen Tendenzen, um so lebendiger wurde in den
Gemthern, so scheint es, als ob sie, des letzten Restes weltlicher
Herrlichkeit entblt, verklrter aus der abgestreiften Hlle
hervorgehen wrde. Wie dem auch sei, der Kirchenstaat mu fallen, wenn
Italien irgendwie zu politischem Rang sich erheben soll. Anderseits,
Italien verliert die europische Bedeutung, die es gewissermaen jetzt
noch behauptet, wenn mit dem Kirchenstaat auch das Papstthum fllt. Wie
soll der erstere brechen, das letztere stehen?

Das Schicksal des Papstthums ist an das der katholischen Kirche
geknpft. Diese kann, wie jenes, eine andere werden im Laufe der Zeit;
fallen wird sie nur, wenn das Christenthum besiegt und die Kirche
vom Staat verschlungen werden sollte. Es hngt aber der Ausgang des
Kampfes, und damit die Gestaltung des Papstthums, von jener geistigen
Entscheidung ab, die allein ber Glaube und Unglaube, ber Staat und
Kirche zu bestimmen vermag. Woher sie kommen mu, das wissen wir.

So ist auf doppelte Weise die Zukunft von Italien in deutsche Hnde
gelegt. Ohne das Papstthum: weil die romanische Art der Italiener
zu antik ist, um fr sich allein der hchsten modernen Kraft, der
germanischen zu widerstehen, um nicht materiell zu unterliegen. Mit
dem Papstthum: weil die Kirche von dem hchsten Tribunal des modernen
Verstandes, vom deutschen Geiste, ihr knftiges Dasein erwartet, weil
die Spitze des religisen Lebens durch alle Zeiten hindurch an die
Spitze des geistigen und staatlichen unauflslich gebunden ist.

Nchstdem, und in Hinsicht auf die unmittelbare Gegenwart, ist die
politische Erziehung Italiens den Deutschen beschieden. Die uere
Verfassung, die hnliche Zersplitterung in grere und kleinere Staaten
bildet eine Verwandtschaft zwischen Deutschland und Italien, #die den
politischen Phasen Italiens Ma und Richtung geben wird#. Kein Land in
Europa zeigt eine knstliche Vielheit, welche der der deutschen und
italienischen Territorien zu vergleichen wre; auch in Spanien, trotz
der losen Centralisation, sind doch die Provinzen organische Theile,
jede der Ausdruck ihres besonderen Volksstammes. Es kann also nur
Deutschland, bei gleich eigenthmlichen Verhltnissen, den Italienern
auf dem Wege politischer Konstruktion vorangehen; in derselben Weise,
wie dort die Einheit der Volksnatur zu der Trennung der Staaten sich
verhalten wird, mu frher oder spter auch Italien sich gestalten.

Die Franzosen und Spanier sind durch geistige Zerrttung ermattet; die
Italiener sind physisch herabgesunken und brauchen eine durchgreifende
Erneuerung. Ohne Andrang nach auen und von auen kann kein Volk
sich lebendig erhalten. Im Mittelalter findet man Einen nationalen
Zug, der die Krfte Italiens belebte; es ist der Zug nach der
griechisch-slavischen Halbinsel, aus dem uralten Zusammenhange der ost-
und westrmischen Welt entsprungen. Die neuere Zeit hat das Alles zu
Grabe getragen; die Trken waren zu schwach, die Griechen zu verderbt
geworden, um Italien leiblich oder geistig aus dem Schlummer zu
wecken. Es ist eine der groen Aufgaben der Zukunft, beide Halbinseln
in ein Verhltni zu setzen, wodurch das eine Volk am andern, bald
gebend, bald empfangend, erstarken kann. Die Einen, durch trkische
und slavische Invasion, sind barbarisirt, die Andern nach langer
Verfeinerung abgestorben: vermischt sie beide, so werden die letzteren
an Kraft, die ersteren an Kultur gewinnen, und das um so leichter, je
hnlicher berhaupt ihre Naturen organisirt sind.

In solcher Weise wird Italien den Dank erstatten, den es seit der Mitte
des fnfzehnten Jahrhunderts den Byzantinern schuldet. Damals, als
durch griechische Anregung ein neues Leben erblhte, schien der antike
Geist, verjngt in Italien, Europa beherrschen und auf den Trmmern
des Mittelalters sein altes Reich erheben zu wollen. Aber es war nur
Vorspiel der modernen Zeit, es war die Aussaat der Reformation; und je
mchtiger seitdem der neue Geist sich Bahn gebrochen in Europa, um so
schneller verwelkte die Blthe, verweste die Kraft in Italien. Wiederum
aber, wenn die Spitze erst erreicht sein wird, in der die neue Zeit
sich zu fassen strebt, wird auch die Vershnung gefunden werden der
feindlichen Elemente; wie der moderne Geist am Beginn seiner Laufbahn
Nahrung und Strke gesaugt hat vom antiken, so wird er, am Ziel
derselben, durch seine Kraft den antiken verjngen, und Italien wird
glcklicher sein.

In allen Verhltnissen, in jeder Gestaltung ist uns jenes Eine
begegnet, das wir bei Betrachtung der deutschen Geschichte als
ihr hchstes Ziel erkannt haben. Hinter den Alpen wird die Sonne
hervorgehen, in deren wunderbarem Lichte das Chaos der romanischen
Erde sich erhellen soll. Auch sonst in Europa werden wir ihre Strahlen
fassen; im Westen war es nur geistige Hlfe, nur die Kunde eines neuen
Evangeliums, was die Vlker ersehnen; wir betreten jetzt den Osten und
es wird klar werden, wie diese Lnder eines unmittelbaren, materiellen
Eingreifens bedrfen von germanischer Hand. Ueberall andere Spuren, und
von andern Strahlen beleuchtet; aber nach Einem Punkte hin, und die
Eine Sonne sendet sie.




KapitelV.

Die Trken.


Indem wir zur zweiten Vlkergruppe bergehen, bietet sich zuerst ein
Volk dar, dessen fremdartige Erscheinung im europischen Organismus
erklrt sein will. Was die Araber fr die Westromanen (in Spanien),
was die Mongolen fr die Slaven in Ruland gewesen, das waren und sind
die Trken fr die griechisch-slavische Halbinsel. Halb kaukasischer,
halb mongolischer Art (das Land ihres Ursprungs fat beide Raen in
sich), von arabischer Bildung erzogen, stehen die Trken zwischen
Mongolen und Arabern eben so in der Mitte, wie zwischen Romanen und
Slaven die griechisch-slavischen Nationen. Als knftiger Beherrscher
von Asien mute Europa am sdwestlichen, sdstlichen und stlichen
Ende asiatischen Einflssen eine Zeitlang unterliegen. Die Araber in
Spanien, durch die Blthe orientalischer Kultur und Sitte, wirkten
belebend auf Europa zurck; die Trken sollten durch verwildernde
Barbarei in den entseelten Vlkern des byzantinischen Reiches die Kraft
des Widerstandes reizen. Seit dem Aufstand der Griechen ist ihre Rolle
ausgespielt. Der Verfall, der sich vor unsern Augen entwickelt, bietet
zweierlei Aussicht.

Gelingt die Reform, wie sie Mahmud gewollt und seine Zglinge noch
wollen, so verlieren sich die Osmanen unter der Ueberzahl der von
nun an gleichberechtigten Rajahs; ja es unterliegt das muhamedanische
Princip, obgleich ihm Viele der Unterjochten zugehren, der hheren
Lebenskraft des christlichen, wie es im krftigsten Theile der
Rajahs hervortritt. Denn ehe berhaupt an wahrhaftige Reform zu
denken ist, mu die alttrkische, orthodoxe Partei beseitigt werden;
nach ihrem Untergange, wo sollte die Kraft vorhanden sein, dem
europisch-christlichen Andrang zu widerstehen? Gewi nicht in der
aufgeklrteren, modernisirten Klasse der Nation. Man sieht, die
beliebte Theorie der Integritt und Regeneration des trkischen Reiches
beruht auf einer knstlichen Tuschung. Wollte man glubig genug
sein, zu hoffen, da die Reform von einem langen Frieden begnstigt,
da nicht im nchsten europischen Kriege das ganze morsche Gebude
verschttet wird, was wre das Ende der Reform? Ein anderes Geschlecht,
andere Sitten, ein anderer Staat wrde auf den Trmmern erwachsen sein;
dem Untergange der Trkei wre wie durch ein Wunder nur allein das alte
Haus Osmans entronnen. -- Die Geschichte aber zeigt und die menschliche
Natur besttigt es, da niemals ein barbarisches Volk freiwillig den
Vorurtheilen der Denkart oder den Vorrechten der Rae zu entsagen
vermag, worauf seine Herrschaft, sein Dasein, sein Ruhm sich gegrndet
hat. Wohl knnen einzelne Erleuchtete, wie Mahmud und Reschid, die
angebornen Fesseln sprengen; ein #Volk#, das sich selbst verlugnen
sollte, ist ein Unding.

Also wird, unter den vereinigten Angriffen der eigenen Unterthanen
und der Mchte Europas, der Erbfeind der Christenheit erliegen. Aber
die Zeiten sind vorbei, da man im Gefhl des Greuels und in der Hitze
des Glaubens muhamedanische Vlker mit Feuer und Schwert verfolgte.
Seit die Mauren aus Granada verjagt worden, ist Europa menschlicher
geworden. Die Trken, wenn nicht vielleicht die Gunst des Schicksals
eine neue Heimath fr sie ffnet, werden bleiben. Ihre Altersschwche
und der gebeugte Stolz werden die Vermischung erleichtern. Trotz aller
Barbarei sind sie von edler Anlage, insonderheit mit Eigenschaften des
Charakters begabt, woran die verdorbene Natur der andern Nationen sich
erbauen kann.

Alles, was hier gesagt ist, gilt nur der Einen Hlfte des trkischen
Reiches, den Lndern von der Donau bis zum Taurus. Die ist der
kaukasische Theil; der andere, den ich den vorwiegend semitischen
nennen mchte, ist in Wahrheit schon losgerissen. Mehmed Ali, indem er
Aegypten, Syrien beherrschte, Mesopotamien und Arabien zu beherrschen
strebte, folgte demselben Instinkt, der frhere Eroberer geleitet
hatte. Er ist der Vorlufer einer europischen Herrschaft; der Sieg,
den die Trken mit streichischer und englischer Hlfe erfochten
haben, war nthig, um den Europern auf schickliche Weise den Weg
zu bahnen. Palstina, als das heilige Land, als die Sttte, die der
europischen Christenheit gehrt, wird von den Germanen (ihren ersten
Vertretern) okkupirt werden; nchst ihm, zum Schutze der christlichen
Vlkerschaften, der brige Theil von Syrien; endlich, weil Euphrat
und Tigris die ostindische Strae bilden, das alte Mesopotamien. Das
Uebrige fllt den Romanen anheim; Arabien allein hat eine Zukunft.
Der Norden des trkischen Reiches ist auf immer vom Sden getrennt;
Syrien auf der einen, die unbesieglichen Kurden auf der andern Seite
versperren den Weg. Die Vlker selbst, in Syrien und Kurdistan,
emancipiren sich vom trkischen Joch; es ist Alles bereit: mehr
Verstand, mehr Schwung in der schwankenden Politik der Mchte, und
die Revolution des Orients ist vollendet. Schon kann ein khnes Auge
die Zeit ersehen, wo, inmitten der asiatischen Kste, germanische,
vielleicht deutsche Hoheit, Palstina beherrscht[15].

Die Strke des heutigen europischen Gemeinwesens leuchtet daraus vor
Allem hervor, da die fremdartigste Natur wider Willen und Neigung zur
Assimilation getrieben wird, da sie sich eben dadurch mit eigner Hand
vernichten mu. Das ist das Tragische in der qualvollen Agonie des
trkischen Staats. Da heit Mitleid ein baldiges Ende wnschen. Wenn
nun der letzte heterogene Bestandtheil aus dem europischen Organismus
ausgeschieden sein wird, dann erst hat Europa sein Wachsthum erreicht;
der Krper ist vollendet nach allen Theilen, die Glieder gnzlich
ausgeprgt, das Ganze gesund und voll. Bald mu auch die innere Seele
zu der Harmonie gelangen, die dem Leibe geworden. Wir sahen mehr als
einmal und sehen es hier wieder, wie jugendlich das scheinbar so
gealterte Geschlecht ist, das Europa bewohnt. Seine Entwicklung mit
sich nach andern Abschnitten, als die griechische oder rmische; und
heftige Kmpfe, tiefe Leiden geben ihm den Anstrich des Alters, wie er
in den durchfurchten Zgen eines Jnglings liegt, der viel gelebt und
viel gerungen hat. Jetzt erst kommt die Manneszeit; der Mann aber will
sich vollenden im Bewutsein und in der That. Das verkndigt laut und
immer lauter der sinkende Halbmond.




KapitelVI.

Ostromanien.


In den Zeiten der Vlkerwanderung war das rmische Weltreich in zwei
Theile gespalten, in den #westlichen# und #stlichen#; eine organische
Trennung, weil die zwei Grundcharaktere des Alterthums, der rmische
und der griechische, sich darin ausprgten. Die Barbaren, welche die
Vorsehung zum Umsturze der alten Welt berief, waren in zwei Raen
geschieden: die germanische und slavische. Durch Natur und Lage wurden
die Germanen gegen das westliche, die Slaven gegen das stliche
Kaiserthum getrieben. Die Vermischung der Eroberer mit den Unterjochten
erzeugte dort die westromanische, hier die ostromanische Vlkergruppe.
In diesem Sinne belegt die Ueberschrift alle Lnder von der Moldau bis
Morea mit dem gemeinsamen Namen Ostromanien.

Diese Nationen sind es, denen die Erbschaft des trkischen Reiches,
von der Donau bis zum Taurus, bestimmt ist. Von all den Mchten, die
mit eiferschtiger Angst das osmanische Siechthum pflegen, um spter
der Frchte froh zu werden, wird keine, oder nur auf kurze Zeit, ihr
Gelste befriedigen. Alle Combination zerstiebt, wo die Natur ihre
Rechte fordert; wo sie, wie hier, nach langem Druck sich fhlt, mu
auch der Ehrgeiz ihr in die Hand arbeiten.

Die Ostromanen stehen in Wachsthum und Vollendung hinter den
Westromanen so weit zurck, als die Slaven berhaupt hinter den
Germanen. Dazu die Schwche des byzantinischen Reiches, dem jene Kraft
der Erziehung fehlte, die das westrmische noch am Rande des Todes
bethtigte; nach diesem Jahrhunderte des trkischen Drucks: und man
begreift, warum hier Alles erst in der Entstehung begriffen, warum die
Grnzlinie der einzelnen Nationen kaum noch zu ziehen ist, wie eine
vierte Gruppe Europas erst jetzt sich zu bilden beginnt.

Dennoch ist, wie mir scheint, jene sonst berall sichtbare Dreiheit der
Stmme auch hier schon erkennbar. Gem den drei Bestandtheilen der
Mischung, tritt das slavische Element in den #Serben#, das rmische
in den #Wallachen#, das griechische in den #Neugriechen# hervor. Den
Ersteren wird Bosnien (nebst einem Theile Albaniens), den Zweiten
Bulgarien, den Dritten Macedonien und Rumelien zufallen. Sie alle
haben bereits eine Art von Selbststndigkeit. Den Neugriechen, als den
Urhebern der Emancipation, besonders aber als einem seefahrenden Volke,
ist die erste Rolle beschieden. Griechenland, das junge Knigreich,
wenn es erst zu wahrer politischer Einheit gebracht ist, hat alle
Mittel in Hnden, um eine groe Macht zu werden in kurzer Zeit. Sein
Handel, seine Stellung im Mittelmeer, seine gnstige Lage mitten im
Schauplatz der orientalischen Fragen knnen es dazu erheben. Es gibt
nur Eine Vorbedingung, ohne welche von alledem Nichts erreicht werden
kann: das ist der Umsturz des trkischen Reiches. Eine halbbarbarische,
an Ungebundenheit gewhnte, durch Druck verwilderte Nation, wie
die neugriechische, kann geeinigt werden nur durch eine gemeinsame
Unternehmung, die dem Nationalgeist entspricht. Ein Zug wider den
Islam, nach Macedonien oder Rumelien, wre fr die Neugriechen, was
den alten der trojanische Krieg war. Die weitere Zukunft mu die
jonischen Inseln, die des gischen Meeres, mu Kandia, Cypern und
Rhodus den Griechen geben; denn ein Griechenland ohne Griechen ist
kein Griechenland. Dann erst, wenn die zerstreuten Brder vereinigt
sind, wird von Europa aus eine Wanderung ergehen ber den Hellespont
und ber's gische Meer, wie vor alten Zeiten: Kleinasien wird
kolonisirt, bevlkert, von Griechen, von Ostromanen, von Europern
aller Art europisirt werden. Der groe Vlkerstrom von Westen nach
Osten, so lange gedmmt durch die trkische Invasion, wird auf's Neue
berfluthen, und mu es; denn Europa allein kann Leben schaffen, wo
jetzt der Tod regiert.

Griechenland hat nur zwei Verbndete: Frankreich, im Interesse
gemeinsamer Verbindung gegen die englische Herrschaft im Mittelmeer,
und Deutschland an und fr sich. Es ist nicht Zufall, da das
griechische Knigreich von einem Baiern beherrscht, da seine
Civilisation von Baiern geleitet wird; nicht Zufall, da Oestreichs
Grnzlinie sich lngs der ostromanischen Vlker hinstreckt. Ich bin
weit entfernt, die Wirkungen, die deutscher Einflu in Griechenland
hervorgebracht, zum Ruhme deutscher Nation zu erwhnen (das verwehrt
die Lauheit der griechischen Sympathieen auch abgesehen von den
Thatsachen) oder den Oestreichern einen Einflu zuzuschreiben, den
sie zur Zeit weder in Serbien, noch in der Moldau oder der Wallachei
besitzen. Aber die Keime sind da, die Grundlagen gelegt, und eine
deutsche Politik kann Groes daraus entwickeln.

Klar ist nmlich: die smmtlichen Vlker der griechisch-slavischen
Halbinsel bedrfen, weil erst werdend und ghrend, weil in der
Entstehung begriffen, einer oberleitenden Erziehung. Diese zu geben,
fhlt sich Ruland berufen. Dasselbe slavische Blut, dieselbe
griechische Religion, das sind die Bande, womit es den grten Theil
der Ostromanen an sich zu ketten hofft. Die Anziehung ist tief
genug; und im gegenwrtigen Augenblick herrscht Ruland wahrhaftig
in der Moldau und Wallachei, es leitet Serbien, bestimmt theilweise
Griechenland und umgarnt die Reste der Trkei. Doch, wie blendend auch
diese Erfolge seien, es liegt Etwas in dem Wesen der sdlichen Slaven,
das die Hoffnung der nrdlichen zu nichte macht.

Die ostromanischen Nationen mssen, vermge des angeborenen Dranges
ihrer Natur, zu den slavischen in dasselbe Verhltni treten, das
zwischen Germanen und Westromanen herrscht. Wir sehen durch alle
Geschichte hindurch die beiden letzteren voll Eifersucht, voll
Wetteifers, in bestndigem Gegensatz jedwedes seine Eigenthmlichkeit
zu wahren, wenn gleich die Anziehung, die zwischen beiden waltet,
einen unterbrochenen geistigen Austausch hervorbringt. Ebenso
werden die Ostromanen, wiewohl im innigsten Verkehr mit den Slaven,
#doch diesen gegenber ihren besondern Charakter auf's Schrfste
entwickeln#. Der Instinkt der Selbsterhaltung, bisher gegen die Trken,
als die herrschende Rae, gerichtet, wird nach ihrem Falle gegen
die Nordslaven sich kehren, weil gerade sie die einzigen sind, von
denen die Gefahr des Verschwimmens droht. An diesem Triebe wird der
russische Fortschritt den Damm finden, den die Politik bisher vergebens
gesucht hat; das Schreckbild einer russischen Herrschaft im Sden, so
trgerisch in unsern Tagen, erblat in dem wahren Bilde, wie es in den
erwachenden Griechen und Serben die Zukunft uns zeigt. Ich mu es hier
den Kleinglubigen, die auf den Schein der Dinge, nicht auf den Kern
sehen, wieder sagen: die urkrftig wirkende Natur wird alle Knste
der Politik zu Schanden machen. Die russische Protektion, so begierig
ergriffen als Schutzwehr gegen den gemeinsamen Erbfeind, sinkt in sich
selbst zusammen, sobald verjngte Vlker auf den Ruinen stehen. Wenn
heute Konstantinopel von den Russen erobert wrde -- unsere Anschauung
wre damit nicht umgestoen. Unter den Futritten trkischer Barbarei
ist die neue Saat erblht; russische Waffen vermgen sie nicht zu
ersticken. Wohl sind die Ostromanen slavischer Natur, und Viele von
ihnen griechischer Religion; aber alle Grnzen zu berspringen, die
zwischen verschiedenen Stmmen Einer Gattung Gott gezogen, alle Hgel
zu ebnen, die er gesetzt hat, die ganze stliche Hlfte Europas in
einen slavisch-orthodoxen Sumpf umzuwandeln, das ist ein anderes Ding,
dahin reicht keine russische Kraft.

Es gibt eine andere Gromacht, welcher die vormundschaftliche Leitung
gebhrt, wenigstens im Norden der Halbinsel; denn Griechenland mchte
sich selber leiten. Ich meine Oestreich, zunchst als Beherrscher von
Ungarn, sodann als erste deutsche Macht. Ungarn, mit seinem Zubehr,
enthlt so viel wallachische und sdlich-slavische Bestandtheile, da
eine Rckwirkung auf diese Gegenden von selbst daraus hervorfliet.
Davon noch Einiges, wenn von Ungarn selbst die Rede sein wird. Was den
deutschen Einflu betrifft, das heit inwiefern nach seinem deutschen
Charakter hier Oestreich zu handeln befhigt sei, warum berhaupt auf
deutsche Spuren (wie oben in Bezug auf Griechenland) Gewicht gelegt
werde, darber seien noch einige Worte gesagt. Sie werden blo denen
verstndlich erscheinen, welche mit uns der Meinung sind, da die
Geschichte nach einer bestimmten, umfassenden Organisation Europas,
und durch Europa der Erde strebt, da alle Politik nach dem Trieb der
Geschichte sich mit oder ohne Willen regelt, da es Ideen gibt, die
auerhalb der diplomatischen Berechnung liegen, ohne doch trgerische
Gebilde zu sein. Und nur fr Solche soll das Folgende gesprochen sein.

Ostromanien ist das Land, wodurch Europa an den Orient grnzt. Je
inniger die Bande werden, die uns an das alte Asien ketten, je
lebhafter die Bewegung, welche die Vlker des Westens nach Osten
treibt, desto allgemeiner wird die Bedeutung werden, die die Halbinsel
des Hmus fr ganz Europa gewinnt. Sie ist der groe Sammelplatz, das
ungeheure Emporium der Europer; alle Zungen, alle Nationen werden hier
sich begegnen. Was sie fr Europa, das ist Anatolien fr den Orient:
Land des Uebergangs, in dem Vorderasiaten aller Art, Kaukasier und
Semiten, Armenier und Perser, Syrer und Aegyptier, vielleicht auch
Hinterasiaten zusammenstrmen. Der Weltverkehr, der auf diese Weise
sich bildet, vernichtet nicht die eigenthmliche Entwicklung der
Ostromanen; im Gegentheil, die Griechen sind nach ihrer ganzen Anlage
und durch merkantilisches Talent besonders geeignet, ihn zu vermitteln
und durch ihre Hnde zu leiten, ohne doch in dem Vlkergewhl zu
verschwimmen. Die griechisch-slavische Halbinsel, mit Einem Wort,
ist die Brcke von Europa nach dem Orient, Kleinasien die Brcke vom
Orient nach Europa. Man denke sich nun die europische Republik als
Knigin des Erdballs (wenigstens der stlichen Halbkugel) und ihr
gegenber die beherrschten Lnder, so ist offenbar: Ostromanien, mit
Anatolien, bildet den Herrschersitz Europas, das groe Areal, von dem
aus Asien und Afrika regiert wird; Konstantinopel, die alte Weltstadt,
ist die Residenz der monarchischen Gewalt, welche von Europa gebt
wird. So erhellt nun weiter: dasselbige Volk, das innerhalb Europas zu
organischer Oberleitung berufen ist, wenn es berhaupt ein solches
gibt, mu sie auch hier, im Mittelpunkt europischer Herrschaft,
erhalten. Es gibt aber nur Eine Stelle, deren Okkupation das Alles
verbrgt, weil ihr Besitz, ohne doch die Rechte der eingebornen Vlker
zu schmlern, die sicherste Basis fr europische Macht und Ordnung
gewhrt. Diese ist Byzanz, in unsern Tagen das Grab der Osmannen, einst
die groe Freistadt der Europer und Sitz der germanischen Hegemonie.
Von hier aus kann Asien geordnet, kann Europa im Gleichgewicht
erhalten, knnen die griechisch-slavischen Dinge geleitet werden. Wer
Konstantinopel besitzt, ist Schiedsrichter der Welt; und wiederum
wehe uns, wenn eine Macht es bese, welcher, wie der russischen, um
Schiedsrichter zu sein, aller hhere Beruf mangelt! Im Alterthum,
zur Zeit des rmischen Reiches, waren Rom und Byzanz die Pole des
Erdkreises. Das wird sich im wunderbaren Kreislauf der Geschichte
erneuern; Byzanz als der staatlich europischen, Rom als der kirchlich
europischen Gesellschaft hchster Typus. Im Hintergrund aber, wie es
einst beide mit dem Tode bedroht, wird bestimmend fr beide Deutschland
stehn.

Von Allem, was die neue Zeit anstrebt, hat das Mittelalter groe und
wunderbare Ahnungen aufgestellt. In seiner blhendsten Epoche, als
InnocenzIII. regierte, wurde in Byzanz das lateinische Kaiserthum
errichtet. Aber wie die Kreuzzge berhaupt, so scheiterte auch diese
Intention an der haltlosen Willkhr, womit die Kreuzfahrer, gesondert
vom brigen Europa, ihre Bahn verfolgten, an dem unersetzlichen Mangel
eines tieferen Zusammenhangs mit dem heimathlichen Organismus, mit dem
deutsch-rmischen Kaiserthum, das ihn berwachte und auch nach auen
berwachen sollte. Unser Jahrhundert vollende, was das Mittelalter
gewollt. Nur ein organisirtes, einiges, geschlossenes Europa kann die
Aufgabe erfllen, die Gott ihm zugewiesen hat: die erstorbenen Vlker
in Asien und Afrika zu beleben, die heranwachsenden in Ostromanien zu
erziehen.




KapitelVII.

Die slavischen Vlker. Ungarn.


Wir haben bisher die gemischten Bevlkerungen Europas durchwandert,
wir sahen in Westromanien erschpfte, in Ostromanien kaum geborene
Nationen, jene nach geistiger, diese nach materieller Kraft und Sttze
verlangend. Jetzt sind wir unter den Urstmmen des stlichen Europas,
und finden eine wundersame Mischung von Jugend und Alter, von Leben
und Tod, von Uebermacht und Ohnmacht, von Civilisation und Barbarei;
dazu ein Verhltni zum germanischen Stamm, welches die seltsamsten
Kontraste von Abhngigkeit und Freiheit, von Anschmiegung und
Opposition, von Verschwimmen und Usurpation zeigt.

Die Slaven bilden, wie wir im ersten Kapitel gesehen, das ostasiatische
Princip innerhalb Europas. Als die Germanen in der Vlkerwanderung
ber den Westen und Sden sich ergossen, rckten sie vom Osten her in
Deutschland nach. Die neue Ordnung der Dinge, wie sie im karolingischen
und im deutschen Reich sich entwickelte, erffnete sonach einen Kampf
des germanisch-europischen gegen das slavisch-asiatische Princip, der
das ganze Mittelalter hindurch gewhrt hat, und in mittelbarer Weise
noch in unsern Tagen gefhrt wird. Die streichische Macht ist aus dem
Sturze Ottokars von Bhmen, die preuische aus der Unterjochung der
Slaven in Brandenburg und in Preuen hervorgegangen. Die Polen und
Ungarn sind von Deutschland aus christianisirt worden, sie haben von
daher zum Theil ihre Einrichtungen und Gesetze erhalten; es war eine
Zeit, da sie deutsche Reichsoberhoheit anerkannten. Schweden haben ber
Finnland, Esthland und Liefland geherrscht; endlich seit Peter war es
deutsche und romanische Kultur, waren es deutsche Regenten, die den
russischen Staat emporbildeten. Alle Slaven sind durch Westeuroper,
und vorwiegend durch deutsche erzogen worden. Europa wrde nicht Europa
sein, wre dieses nicht geschehen. Fragt man aber, warum die Wenden,
die Obotriten, die Czechen, warum Schlesien, Pommern, Preuen, Kurland,
Liefland und Esthland germanisirt worden, warum dagegen Polen, Ungarn
und Ruland, die beiden ersten besonders trotz hufiger Gefahren, dem
germanischen Andrange zu widerstehen vermochten, so gibt es keine
Antwort als die eine, da nach unumstlichen innern Gesetzen eben
nur in jene drei Vlker der nationale Urtrieb gelegt worden, da nur
sie bestimmt sind, den stlichen Typus in seiner Selbststndigkeit
zu bewahren. Dieselbigen Gesetze sind es, nach welchem Italien,
trotz aller Usurpation der Deutschen, trotz aller noch dauernden
Abhngigkeit romanisch geblieben ist und bleiben wird, nach welchen
das burgundische Reich, so lange beherrscht von den deutschen Kaisern,
an Frankreich zurckfallen mute. Vielleicht darf man annehmen, da
in der Urzeit germanischer und slavischer Geschichte die Grnzlinie
beider Stmme ohngefhr dieselbige gewesen, wie die heutige durch
tausendjhrigen Kampf errungene; und es erschiene dann der blutige
Krieg der germanischen Welt gegen die slavische nur als Wiedernahme
des alten, in der Vlkerwanderung eingebten Landes. Wie dem auch
sei, die Geschichte hat im Verlauf von Jahrhunderten entschieden:
sie selbst berechtigt uns, die Lnder, die sie germanisirt hat, als
Glieder des germanischen Organismus in Anspruch zu nehmen. Und so
thricht es wre, Ungarn oder Polen fr Deutschland vindiciren oder
alle franzsischen Provinzen wieder erobern zu wollen, die einst
zum deutschen Reiche gehrt haben: so naturgem und nothwendig ist
es andrerseits, Schlesien und Pommern, Bhmen und Mhren, Preuen
und die Ostseeprovinzen als #deutsche# Lnder zu betrachten, die
beiden letzteren aber fr die Zukunft dem Bunde zu vindiciren, dem
sie noch nicht eingefgt sind. Es ist damit nicht gesagt, da die
Eigenthmlichkeit, die jenen Vlkern zum Theil noch inwohnt, die den
Bhmen z.B. als Czechen immer bleiben wird, vernichtet, oder da
slavische Sprache, wo sie noch ist, und die Reste des slavischen Typus
verfolgt werden sollen. Man mag unterscheiden zwischen deutschen und
slavisch-deutschen Stmmen (gibt es doch auch romanisch-deutsche im
sdlichen Tyrol und jenseit des Rheins): nur vom slavischen Organismus
sind sie getrennt und von dem allein ist hier die Rede.

Es war natrlich, da der bergreifende Andrang des germanischen
Princips eine Gegenwirkung hervorrief, welche ihrerseits wiederum
die Grnzen bersprang. Der Sto erzeugte den Gegensto. Indem
Ungarn dem streichischen Staaten-Conglomerate einverleibt, indem
Polen von Oestreich und Preuen umschlossen wurde, mute Ruland,
nachdem es durch Peter europisirt worden war, als der reinste
Trger des slavischen Typus, von selbst jene Richtung erhalten,
welche man heutzutage die panslavische nennt; es wurde der Retter
des slavischen Princips, so freilich wie Ruland rettet, d.i. auf
mongolische Weise. Diese Reaktion, nothwendig wie so viele Uebel,
womit die Vorsehung anderen Uebeln steuert, aber seit lange schon ohne
Schranken und Gesetz, unnatrlich und ungeheuer, wird von Vielen fr
den wahrhaftigen und bleibenden Zustand der Dinge gehalten. Es gibt
Leute, die an eine zuknftige Einheit des Slaventhums vom Eismeer bis
zum jonischen Meer, an eine Verschmelzung aller slavischen Nationen
unter russischem Scepter glauben. Ihnen liegt Zukunft und Rettung
Europas in den jugendlichen, frischen, noch durch kein Ueberma der
Kultur verdorbenen Massen des russischen Reiches. Ihnen scheint es,
als msse der Geist der Geschichte, mde im germanisch-romanischen
Europa zu weilen, sich auf die slavischen Vlker herabsenken, als
msse, nach dem natrlichen Lauf der Dinge, der slavische Stamm den
Germanen und Romanen im Sdwesten, den Trken im Sdosten dasselbige
werden, was einst die Macedonier den dorischen und jonischen Griechen
auf der einen, dem persischen Reich auf der andern Seite geworden sind.
Andere, die noch Verstand genug haben, um zu sehen, da Jahrhunderte
hingehen mssen, ehe die Slaven auf gleicher Entwicklungsstufe mit
dem westlichen Europa stehen, da, wenn dieses auch geschehen sein
wird, ihre Natur niemals mit der unsrigen sich ernsthaft messen kann,
frchten dennoch die Uebermacht der Barbarei, ihre einheitliche und
ungestrte Kraft gegenber den zerrissenen Tendenzen des Westens, und
den absoluten Willen, welcher als Ausdruck einer ganzen Vlkerfamilie
sich unwiderstehlich gegen die einzelnen Nationen heranwlzen werde.

Es ist wahr: wo immer die Grnzen, die die Natur zwischen den Stmmen
gezogen hat, verwischt sind, wo irgend eine der Vlkerfamilien Europas,
sei es auch die schwchste, die slavische, als solche geschlossen den
brigen entgegentritt, da ist Gefahr vorhanden, wirkliche, drohende
Gefahr. Aber glcklicher Weise liegt in dem Organismus der slavischen
Vlker ein inneres Gegengift. Die Macht, welche sich vermessen
wollte in Wahrheit eine slavische zu sein schlechtweg, d.h. eine
panslavische, mte ein Element gefunden haben, welches, erhaben ber
den Stammesunterschied, die Stmme von selbst aufheben, in welchem
als im Familiengeist die Nationalgeister freiwillig zusammenflieen
wrden. Dieses Element ist nicht im russischen Reiche. Ruland ist
panslavisch nur sofern es russisch ist, sofern der russische Charakter
den slavischen zur Zeit am krftigsten ausdrckt. Daher kann Polen wohl
unterjocht, niemals vernichtet werden; der polnische Geist widerstrebt
dem russischen, weil dieser ihm nur als solcher, nicht unter dem hhern
Gesichtspunkte des slavischen, von Anfang erscheinen konnte. Und selbst
wenn es gefunden wre, jenes Element: -- immer noch wrde Ungarn in
seiner Eigenthmlichkeit entgegenstehn.

Ungarn, mit Slavonien und Kroatien, im weitern Sinne mit Siebenbrgen,
bildet, wie schon im Eingange bemerkt, ein besonderes Glied in
der slavischen Reihe. Es ist das Mittelland zwischen slavischen,
germanischen, und ostromanischen Vlkern. Demgem zhlt man 4
Millionen Slaven (die berwiegende Zahl), 1/2 Mill. Deutsche, 1 Mill.
Wlachen, und, als den Kern der Bevlkerung, der Ungarn seinen Charakter
verleiht, 31/2 Mill. Magyaren. Die Magyaren haben im Laufe von
Jahrhunderten ber die slavischen Einwohner nicht vermocht, was andern
Eroberern in Jahrzehnten gelang: die sonst so schmiegsame slavische
Rae hat ihnen widerstanden. Ihre Bestimmung ist nicht, die Andern
zu magyarisiren, einen Urstamm aufzupflanzen in Europa; sie sollen
verwachsen mit den andern, aus allen vereinigt soll eine besondere
Gattung der stlichen Gruppe entstehen.

Das ist noch nicht geschehen. Ungarn ist in diesem Stcke noch so
jung, wie die ostromanischen Vlker, erst im Werden begriffen; noch
gibt es kein ungarisches Volk. Ja, gerade in unsern Tagen drngt
sich der Zwiespalt von Magyaren- und Slaventhum heftiger als jemals
hervor. Dieser Zwiespalt ist es, der den Einflu der Deutschen in
Ungarn, ohne Usurpation und Gewalt, von selbst begrndet. #Er gibt den
Deutschen die natrliche Rolle der Vermittlung.# Wie Italien unter
den westromanischen, so ist Ungarn unter den slavischen Vlkern durch
seine Besonderheit an Deutschland gebunden. Die Magyaren bedrfen, um
das slavische Element zu beherrschen, die Slaven um dem magyarischen
zu widerstehen, der deutschen Hlfe. Beide in Einklang zu setzen, ein
einiges Volk zu schaffen, ist die Aufgabe der deutschen Politik.

Die Vorsehung also, nicht der Zufall hat es gewollt, da ein deutsches
Haus zugleich den ungarschen Thron berkommen hat. Auch in staatlicher
Hinsicht erscheint naturgem, fast nothwendig die deutsche Einwirkung.
Die ungarische Konstitution, die ungarischen Gesetze sind ein rohes
mittelalterliches Gebude; aber die Freiheit hngt daran, und jede
Vernderung ist unwillkommen, weil sie die Herrschaft der Groen
und das bestehende Verhltni der Raen erschttert. Eine fremde,
unparteiische Hand ist nthig, um den Fortschritt zu leiten, um die
untern Klassen zur Emancipation und den Brgerstand zu germanischer
Geltung zu erheben. Und in der That sieht man mit eigenem Gefhl,
wie die streichische Regierung nicht selten als Verfechterin des
Fortschritts den mittelalterlichen Ansprchen entgegentritt.

Weiter aber, auch die ungarische Politik (als solche, nicht als
Bestandtheil der streichischen betrachtet) ist mit der deutschen nach
allen Seiten verwebt. So lang die trkische Macht Europa bedrohte,
waren Deutsche und Ungarn gegen sie verbndet. Jetzt nachdem sie
gefallen, haben beide dasselbige Interesse nach Ostromanien hin.
Wenn Ungarn sich selbst versteht, so mu es, wie einst in der Epoche
Ludwigs des Groen, auf die sdslavischen Lnder, auf die Moldau, die
Wallachei und Serbien einzuwirken trachten. Seine Lage gebietet ihm,
die Emancipation dieser Vlker zu frdern, sie sich zu verpflichten,
sie dem russischen Arme zu entziehen. Das will auch Deutschland; und
nur der innigste Zusammenhang mit Deutschland kann dieser Bewegung nach
Sden europischen Gehalt geben.

Nicht anders ist es mit Polen. Da der slavische Theil von Ungarn, bei
wachsender Opposition beider Elemente, von Ruland leicht angezogen
werden kann, da die Magyaren nichts sehnlicher wnschen mssen,
als ein krftiges Gegengewicht, so lag die Erhaltung von Polen und
liegt jetzt seine Herstellung im tiefsten Wunsche der Magyaren. Die
natrliche Sympathie, die alten historischen Bande machen sie mehr oder
weniger der ganzen Nation wnschenswerth. Ungarns Politik in Beziehung
auf die slavischen Vlker kann ja berhaupt keine andere sein, als
die Aufrechthaltung des natrlichen Organismus, d.h. die schrfste
Opposition gegen Ruland als denjenigen Staat, der durch Ausbreitung
einer einzigen, der russischen Tendenz den Organismus zerstrt, der in
Polen seine Zwecke erreicht hat, der auch Ungarn bedroht. Das Alles
verlangt auch, wo nicht die streichische und preuische, doch die
#deutsche# Politik. Die Sympathie der Deutschen war, als Polen fiel,
so lebhaft als die ungarische; ihr Interesse gegen Ruland ist noch
bedeutender.

Ungarn ist der natrliche Bundesgenosse von Deutschland. Beide sind
durch Oestreich verknpft; und sie wrden es selbst dann bleiben (so
sehr liegt's in der Natur der Vlker), wenn Ungarn von einheimischen
Regenten beherrscht wrde.




Kapitel VIII.

Polen. Ruland.


Noch existirt die Akte des Wiener Kongresses; noch gibt es ein
Knigreich Polen. Man hat nicht gewagt, den letzten Schein zu
zerstren, und die Einverleibung auszusprechen. Wir, die wir nicht auf
das Aeuere der Dinge, sondern auf die innere Wahrheit schauen, glauben
auch jetzt noch an ein Dasein von Polen, und reden darnach. Nach wie
vor, unzerstrbar so lang die russische besteht, und gleichberechtigt
mit ihr, lebt die polnische Rae. Von ihrer Zukunft ist hier die Rede.

Polens Schicksal kann den Deutschen zeigen, worin ihre Kraft liegt.
Die polnische Republik ist denselben Uebeln unterlegen, welche die
deutsche untergruben. Ein whlbares Oberhaupt ohne Macht und Kraft,
durch steigende Kapitulationen beschrnkt, eine Aristokratie voll
unbndigen Uebermuths, unaufhrliche Zwietracht, endlose religise
Parteiungen, berwiegende Einflsse des Auslandes, Zerstcklung durch
mchtige Nachbarn -- das Alles und noch mehr hatten Deutschland und
Polen gemein. Es fehlte, um den Untergang ihres Reiches zu berleben,
den Polen nur das Eine: der deutsche Brger- und Bauernstand. Denn
whrend in Deutschland der kleinste Reichsfrst einen Staat beherrschte
mit vollkommner Lebenskraft und mit ausgebildeten Gliedern, waren
Leibeigene ohne menschliche Geltung das Besitzthum der polnischen
Groen. Leibeigenschaft ist allberall das Zeichen slavischer Vlker
(vor kurzem sahen wir sie noch in Meklenburg). Die polnischen Edelleute
und Freien, mit allem Gefhl fr Ehre und Ruhm des Vaterlandes, mit
aller Aufopferung, fanden nicht jene breite Unterlage der Volkskraft,
um in Zeiten der Noth darauf zu fuen; sie waren zu verwhnt oder zu
klein, um sie auf ihre Kosten zu schaffen. Kosciusko und die letzte
Revolution konnten nicht in Jahren ndern, was Jahrhunderte bestanden
hatte.

So viel zeigen die blutigen Befreiungsversuche der Polen: ihre
Kraft ist unzerstrlich, der nationale Trieb ist unversiegbar, ja
nach langem Druck haben sie sich beide Male grer, gereinigter von
den Schlacken der slavischen Barbarei wiedererhoben. Verbannung,
Verpflanzung, Konfiskation, Hinrichtungen, Verfolgung der polnischen
Sprache, Russificiren und Konvertiren -- alle die Mittel, die Ruland
mit eherner Konsequenz gebraucht hat und noch braucht, sind unfhig,
die Nationalitt, die wunderbare Ding, zu zerstren. Es bleibt ein
inneres, unantastbares Element. Aber freilich, noch einmal die Hlle zu
durchsprengen und siegreich ins Leben zu treten, das ist dem Kern des
Volkes versagt, wo nicht von auen Hlfe kommt.

Woher soll sie kommen als von Deutschland? Vielleicht kann man sagen:
als Opfer seiner germanischen Erziehung (seiner aristokratischen
Organisation) ist Polen gefallen. Lat uns das gefallene aufrichten,
und zu neuem Leben erziehen.

Wir Deutsche haben Polen getheilt, Einiges an uns gerissen, das Andere
den Armen des Drngers berliefert. Lat uns die Schuld vershnen, wie
sie einzig geshnt werden kann. Dieselben Hnde, die Polen zerstrt,
sollen es wieder aufbauen.

So viel sagt uns das Gefhl des Rechts, die Theilnahme fr ein
unterdrcktes Volk und das Bewutsein unsrer deutschen Natur, die am
Aufbauen ihre Lust hat und mit Scham sich erinnert, einmal zerstrt
zu haben. Die Politik sagt noch mehr. Polen vernichten, heit die
Grundlagen vernichten, auf denen die Ordnung Europas beruht. Kein
Volk in Europa hat fr Erhaltung dieser Grundlagen tieferes und
wesentlicheres Interesse als das deutsche Volk; denn es bildet den
Mittelpunkt des groen Gebudes. Kein Volk empfindet so schmerzhaft
jede Verrckung, jede Erschtterung der organischen Verhltnisse als
das deutsche. Dehalb nennt man uns das konservative Volk, und unsere
Mchte die stabilen Mchte -- und in diesem Sinne sind wir's von
ganzer Seele. Wie ein Fluch lastet die Theilung von Polen noch heute
auf Oestreich und Preuen. Sie hat Rulands Krfte verdoppelt, ohne
die unsrigen zu strken; indem wir den Schwachen opferten, beugten wir
uns unter das Joch des Starken. Die eroberten Provinzen hngen als
schweres Gewicht an den Fersen der deutschen Mchte, die geschehene
That hat sie unwiderstehlich in Eine Bahn mit Ruland getrieben --
eine Bahn, worin sie ihm doch nur zu #folgen# vermgen, ohne es zu
#erreichen# oder zu #berholen#. Zwei mchtige Vormauern sind Polen
und Ungarn zwischen Ruland und Deutschland gelagert. Wir haben die
letztere zu wenig benutzt, die erstere mit eignen Hnden umgerissen.
Die Wunden, die Deutschland sich selbst durch den Fall von Polen
geschlagen, wollen geheilt sein. Sie werden es, wie das Elend der Polen
selbst, nur durch Restauration. #Von Deutschland erwartet Polen seine
Zukunft.#

Die Polen haben Ursache, an ihrem Vaterland zu verzweifeln, wenn sie
den Schein der Dinge betrachten. Frankreich hat zweimal, unter Napoleon
und unter Louis Philipp, die polnische Sache verrathen; England ist
fern, nur von der See her wirksam, egoistisch berechnend; und die
deutschen Gromchte, wie sollten sie einer Politik entsagen, die sie
seit einem Jahrhundert verfolgt? Aber die Zeit wird kommen, schon
bricht sie sich Bahn, wo Oestreich und Preuen einem hheren Zuge
folgen, als dem engen, der sie bisher geleitet, wo sie, #deutsche#
Mchte ganz und gar, in deutschem Geiste handeln. Die Zeit wird kommen,
wo sie einsehn, da tiefer als das absolutistische Interesse in ihrem
eignen Blute ein anderes wurzelt -- das nationale, allumfassende;
da ber konservativen und liberalen, absoluten und revolutionren
Tendenzen hinaus die #deutsche# Tendenz liegt -- die Tendenz der
Gerechtigkeit, der Ordnung und der Wahrheit, jener innern Wahrheit,
ohne welche alle Konstruktionen der Politik nur ein Gemchte sind von
Staub und Thon, auf Sand gebaut, zum Sturze bestimmt und im Sturze den
Erbauer selbst in seine Trmmer begrabend. --

Man wird einwenden, da die Herstellung Polens den Verlust von Posen
und Gallizien bedingt[16]; da, einem moralischen Bedrfni zu
gengen, kein Staat jemals sich selbst geopfert habe. Es ist wahr,
im Angesicht der neuen Geschichte einen so unerhrten Edelmuth zu
erwarten, wre mehr als thricht. Aber ich spreche nur von einer
Politik, die zwei lstige Provinzen einem Nachbar opfern wrde, der,
wiedererstanden, als Bundesgenosse die deutschen Staaten in ihren
Grundfesten krftigen wrde. Es ist von einer Abtretung die Rede,
welche dergestalt entschdigt werden kann, da jedes Opfer, auch das
kleinste, verschwindet. In den Ostseeprovinzen liegt Posens Ersatz.
Preuen hat den Beruf, diese noch immer deutschen Lnder der russischen
Herrschaft zu entziehn, sie dem Vaterlande wiederzugeben. Oestreich
behlt die Buckowina, dringt am Pruth vor, nimmt Bessarabien, besetzt
die Donaumndungen und umschlingt die griechisch-slavische Halbinsel.
Diese der russischen Hegemonie zu entwinden, ihre Oberleitung zu
bernehmen, ist die hchste Aufgabe der streichischen Politik in
unserer Zeit.

Die Polen verhalten sich innerhalb ihres Stammes zu den Russen, wie
die Skandinavier zu den Deutschen, oder die Spanier zu den Franzosen.
Daher die lebhafteste Rckwirkung zwischen beiden Nationen. Der tiefe
Widerstand, der im letzten Kern der slavischen Natur, so bildsam sie
sonst ist, gegen den geistigen Andrang des germanischen Princips liegt,
ein Widerstand, der immer noch beharrlich im russischen Volksgeiste
wurzelt, kann durch Polen allein gebrochen werden. Polen ist durch
groe Ereignisse, durch mannigfache deutsche Einwirkung, durchs Unglck
grogezogen worden, ohne doch den slavischen Charakter irgend verloren
zu haben. Von Polen aus kann wahrhafte, die Massen durchdringende
slavische Kultur sich nach Ruland ergieen; slavischer Geist erstarkt
schneller an slavischem, als am fremden: nur so mag Europa bis in den
fernsten Osten europisirt werden. Polen sei frei -- und auch Ruland
wird freier werden.

Soll ich noch des letzten Ueberrestes polnischer Freiheit, der Republik
Krakau gedenken? Man staunt ber die Dinge, die von dorther berichtet
werden; es scheint, als habe man der alten Stadt ihre Freiheit
gelassen, um sich an der Erniedrigung zu weiden oder um in kleinerem
Bilde den Todeskampf von Polen bestndig vor Augen zu sehen. Man freut
sich der Rolle, die zwei deutsche Mchte als Protektoren spielen und
bewundert ihre Hingebung. --

Ich komme zu Ruland.

Wir sahen in Ungarn und Polen zwei Binnenlnder, mit geringen Ausgngen
zur See, ohne maritime Anlagen, das eine durch Natur und fr immer, das
andere durch Geschick und theilweise (wie Italien und Spanien unter
den Westromanen) an deutschen Einflu gebunden. Jetzt ist von einem
ausgebreiteten Staate, reich begabt mit kontinentalen und maritimen
Elementen, von einem Volke, das in erster Linie, wie Deutschland
den germanischen, Frankreich den romanischen, so den slavischen
Charakter ausdrckt -- es ist von einer #Gromacht# die Rede. In der
Erstlingschaft des slavischen Typus liegt Rulands kolossale Gre,
liegt seine entsetzliche Schwche. Ruland ist die wundersamste
Erscheinung der neuen Geschichte: der modernste Staat Europas und doch
der niedrigste unter allen. Versuchen wir, ihn auf das natrliche Ma
zurckzufhren, seine Stellung organisch zu bestimmen.

Das Weitumfassende, wie Johannes Mller sagt, war von Anfang an der
Charakter des russischen Reiches. Wie schon in uralter Zeit Nowgorod
und Kiew, im Nord und Sd, die Wiegen russischer Geschichte gewesen,
so erstreckt sich auch heute noch Rulands natrliche Grnze von
der Ostsee zum schwarzen Meere. Aber wie die Natur durch weise
Fgung im Norden durch den Sund, im Sden durch den Bosporus die
Meere verengt hat, so sind aller slavischen Macht die Grnzen der
Ausbreitung schon ursprnglich vorgesteckt, und jeder Uebergriff
ins germanisch-romanische Vlkertreiben kann nur in unorganischen
Entwicklungen seinen Grund finden.

Erstaunlich ist die russische Geschichte durch den pltzlichen
Aufschwung, den Iwan zuerst, dann Peter der Groe ihrem Volke
gegeben. Der Thron der Ruriks, von Normannen aufgerichtet, hatte die
Germanisirung von Europa vollendet, hatte vom uersten Sdwest bis
zum hchsten Nordost dieselbe Saat in alle Lnder gepflanzt: Ruland
konnte sich gleichartig mit dem brigen Europa entwickeln. Da kam
der mongolische Einfall, zerstrend und unterbrechend. Ohne ihn
mute Ruland, wo nicht in den lateinisch-kirchlichen Kreis, doch in
die europische Gesammtbildung gezogen werden. In Ungarn und Polen
gestaltete das Mittelalter sein eigenthmlich Leben: #in Ruland
wurde es bersprungen#. Iwan konnte wenig mehr, als aus der tiefsten
Barbarei sein Volk erretten; auf ihn folgte Nacht. Endlich wurde Peter
gesandt. Er trieb mit eisernem Willen Ruland in das modern-europische
Wesen hinein: sein Land zur Gromacht zu erheben, war er, wie spter
Friedrich, berufen; aber whrend dieser auf tiefe innere Grundlagen
baute, eignete Peter die neuesten Resultate des europischen Verstandes
einer Nation ohne Bildung und Geschichte an. In demselben Lande, wo
der groe Czaar die Thronfolge nicht nach dem Erbrecht, sondern nach
der geistigen Befhigung ordnete, wo er die Kirche aufs unmittelbarste
dem Staat unterwarf (zwei modern-philosophische Neuerungen), besitzt
noch heutzutage der Kaiser 21 Millionen Leibeigene. Die schreiende
Miverhltni zwischen den Maximen der Regierung und dem inneren Kern
des Volkes, zwischen Haupt und Gliedern ist es, was nach allen Seiten
hin den russischen Staat charakterisirt.

Es ist genug, den hier in Krze bezeichneten Entwicklungsgang der
russischen Geschichte sich scharf vors Auge zu fhren, um zu sehen:
da Ruland, wenn es sich selbst wahrhaftig und innerlich bilden will,
wieder zurckgehen mu auf die frheren Zeiten, und von neuem beginnen,
da die Scheingre der Wahrheit weichen, da das heutige Ruland in
Trmmer strzen mu, damit aus dem Staub sich ein neues erhebe[17].

Es ist nicht nur Widerwille gegen die Despotie, Ha gegen absolutes
Regiment, was uns die Weissagung des Unterganges entlockt. Die
Despotie war nothwendig in Ruland; sie am leichtesten, wenn sie
im Sinne des Volks und fr das Volk handelte, konnte Ruland
erziehen. Statt dessen hat sie in #ihrem# Sinne, zu #ihrem# Besten
mit den Massen gewirthschaftet. Religion, Industrie, Bildung, alle
Kulturanstalten sind ihr nur die Hebel der Macht. Sie hat Ruland aus
sich herausgetrieben, hat es umgemodelt von auen, hat geerndtet, wo
sie sen sollte: und darum trifft sie der Fluch. Ruland mu in sich
zurckgehen, um von unten herauf im Kerne des Volks eine Entwicklung
zu beginnen, die es langsam aber sicher der europischen Kulturstufe
zufhren kann.

Wie nun die russische Macht, trotz aller innern Schwche, so gro
geworden ist in Europa? Man denke sich eine Regierung mit allen
Hlfsmitteln der Gewalt, mit allen Waffen des Geistes, die dem brigen
Europa zu Gebot stehn, und ihr gegenber zahllose Tausende, so gefgig
dem Willen des Herrschers, so bildsam fr alle und jede Werke, so
formbar wie Thon in des Tpfers Hand -- und das Geheimni ist gefunden.
Militrstaaten sind es ja, die die neuere Zeit in der stlichen Hlfte
Europas aufgerichtet hat, und Ruland ist der grte unter ihnen.

Und jene Masse, bei all ihrem Geschick, hat keinen Funken selbsteignen
Strebens; whrend andere Militrmonarchien, mit oder ohne Willen, dem
Zuge folgen, der von den Vlkern ausgeht, whrend sie von der Freiheit
bewegt werden, wonach in tausend Arten die Menschheit ringt, steht die
russische Nation in fremdartiger Barbarei der Bewegung verschlossen.
Es gibt aber nur Eine Macht, welche die noch knechtischen Gemther
erheben kann, die Macht der Kirche, wenn sie, erhaben ber weltlicher
Gewalt und unantastbar, Knige und Bettler vor Einen Richterstuhl
stellt. So hat in Wahrheit die katholische Kirche die Vlker des
Abendlandes in der Freiheit erhalten: die Kirche war Palladium gegen
rohe Gewalt, weltliche Hoheit diente, wie die niedrigste Armuth,
nur Einem berirdischen Willen. Davon ist Nichts im griechischen
Christenthum; die Kirche ist das blinde Werkzeug des Herrschers, der
Kaiser der Gott der Erde, und so vermag weder Geist noch Gemth aus
der Nacht der doppelten Sklaverei zu erstehen. Dazu die knechtische
Natur der Slaven, der tiefe Aberglaube, worin die griechische Religion,
durch keine Reinigung verjngt, sich selbst berlassen, versunken ist,
ihm gegenber die hohle franzsische Aufklrung der hheren Stnde
-- welch eine Nation, ohne Einheit, Leben und Inhalt! Welchem Zuge
soll nun die russische Regierung folgen? Vom Volke wird ihr keiner
mitgetheilt, als der Zug der Barbarei, der bewutlose Trieb der
Gewalt, derselbige, der Hunnen, Mongolen und andere gestachelt hat,
auszugehen, Reiche zu strzen und aufzurichten nach Willkhr. Dieser
Trieb ist es ja, der ihrer Natur nach die russische Regierung beseelen
mu: weil in der Knechtschaft das Geheimni der Macht ruht, weil die
Theilnahme an hherer Entwicklung versagt ist, was Anders bleibt ihr,
selbst bei edlerem Willen, brig, als nach gesteigertem Wachsthum in
Europa und Asien fort und fort und zgellos zu streben? Unbedingte
Machterweiterung, das ist das Princip der russischen Politik; hiefr
wirkt sie mit eherner Ausdauer, mit einer Kunst und Energie, worin
ihr keine Regierung Europas gleichkommt. Moralische oder geistige
Rcksichten knnen #sie# nicht binden: darin, da sie kein Mittel zu
scheuen, vor keiner Unthat zu zittern hat, darin ruht ihre Strke[18].
Nicht nur sich gleichermaen auszubreiten, auch nur ihre Ausbreitung zu
hindern, sind andere Mchte zu schwach.

Fraget nicht, wer die Theilung von Polen verschuldet hat. Sie mag
in Josephs oder in Friedrichs, in Kaunitzs oder in Heinrichs Kopf
entsprungen sein -- Ruland hat sie verschuldet. Die Gewiheit, da
Ruland frher oder spter leichten Sinnes das ganze Polen zerstren
werde, diese Gewiheit hat Polen getheilt.

Das Princip der Gewalt, unertrglich auch dann, wenn ein groes,
mannhaftes Volk, wie das rmische, es handhabt, ist fluchwrdig im
neuern Europa, welches in allen Stcken nach Begrndung und Organismus
strebt, in dem jede Macht gehalten ist, sich selbst zu erkennen, und
die Grnzen, die ihr Gott gesetzt hat.

So will es die Nemesis der Geschichte. Vor tausend Jahren begann in
fanatischem Bekehrungseifer die Unterwerfung der slavischen Vlker;
Jahrhunderte durch war der Nordosten Deutschlands von slavischem
Blute voll. Dieses Blut hat um Rache geschrieen: und jetzt gehen zwei
deutsche Mchte, die eine mit, die andere wider Willen, an russischer
Hand; Deutschland empfindet russische Einflsse, und kindische Gemther
ngsten sich unter der Furcht vor dem russischen Joch. Wahr ist es:
die grte Macht der Erde hat Ruland in Hnden: ber Deutschland,
Skandinavien, die Trkei, Persien und Ostasien erstreckt sich lastend
sein Arm; England allein mag ihn dmmen. Wir frchten sie nicht, diese
Herrschaft. Wenn Deutschland sich selbst versteht, hat es keine Macht
der Welt zu frchten: Ein Jahr, vom Geiste der wahren deutschen Politik
beseelt, #Ein Jahr#, mit verndertem System der deutschen Mchte, wrde
hinreichen, Ruland auf immer zu demthigen. Das wei Ruland, und
strebt einen geistigen Weg sich zu bahnen in Deutschland, den es im
Herzen des Volks nun und nimmermehr finden wird.

Ich wende mich jetzt zur Zukunft, um in ihrem Bilde Ruland zu
schauen. Polen ist die westliche, Preuen (durch die Ostseeprovinzen)
die nordwestliche, Oestreich (durch Ungarn, Moldau u.s.f.) die
sdwestliche, der Kaukasus (durch die Tscherkessen) die sdstliche
Vormauer gegen Ruland[19]. All diese Grnzen hat Ruland bersprungen,
oder ist im Begriff, sie zu berspringen. Ma und Ziel wird ihm unser
Jahrhundert setzen.

Von Polen ist gesprochen worden. Ein europischer Krieg vermag
vielleicht allein, auch ohne Mitwirkung deutscher Mchte, Polen zu
befreien. Wir wollen die letztere hoffen; aber, wie ihm auch sei,
Polen ist ein nagender Wurm in den russischen Eingeweiden, und wenn
die Gefahr ber Ruland kommt, wenn der Staat erkrankt, so wird die
Schlange, die es zertreten zu haben meint, es in die Ferse stechen.

Der Heerd der russischen Politik, der Sitz der Kultur, wodurch sie
gro geworden, Rulands Kopf sind die Ostseeprovinzen. Von hieraus
zirkulirt das geistige Lebensblut durch die Adern des weiten Reiches;
es ist das Band, wodurch Ruland an Deutschland gebunden wird, der
Leiter, der die Deutschen berhaupt zur russischen Regierung bringt.
Die Mnnichs, die Ostermanns, die Nesselrode sind Deutsche; wir selbst
haben, seit dem groen Peter, Ruland grogezogen; zu eignem Unheil
haben wir gezeigt, was deutscher Geist mit roher Masse auszurichten
vermag. Nehmt die Ostseeprovinzen weg, und ihr zwingt Ruland, der
fremden Hlfe zu entbehren, mit eignem Gehirne zu arbeiten, in sich
selbst zurckzugehen, ihr zwingt es, den Volksgeist grndlicher zu
wecken, eine neue segensreichere Bahn zu beginnen. Esthland, Liefland
und Kurland sind in Kultur, Sitte und Sprache nach dem Theile der
Bevlkerung, der dem Lande den Charakter gibt, unbestreitbar deutsch;
ihre Vereinigung mit Ruland ist Unnatur; nur im deutschen Bndni
finden sie Bestand. Deutschland gebhrt es, die verlornen Brder
wieder an sich zu ziehn, und Ruland selbst erleichtert das Werk.
Lange geschont in ihren Privilegien und im Genu einer eigenthmlichen
Freiheit, fangen diese Provinzen an, allmlig dem Andrang der
russificirenden Tendenz zu unterliegen. Sie sind verloren fr Ruland,
je mehr sie, dadurch gestachelt, sich in die Arme des Mutterlandes
zurcksehnen, das sie verschmhten, so lange sie sich so frei, als es
in Preuen z.B. nur immer sein konnte, und durch berwiegende Bildung
so wichtig und vorragend im russischen Reiche sprten. Wir haben oben
bereits erwhnt, wie Preuen, dessen stliche Provinzen durch Natur
und Geschichte den russischen so verwandt sind, berufen sei, sie dem
deutschen Einflu zurckzufhren. Es gibt Dinge, die nur aus langer
Gewohnheit unglaublich erscheinen, obgleich sie an sich nicht nur
glaublich, sondern nothwendig sind. Dahin gehrt, da Preuen seine
Politik gegen Ruland im angegebnen Sinn verndere. Zeit und Noth
werden Preuen belehren.

Auch davon war oben die Rede, wie leicht es Oestreich vermchte, die
Donau bis zu ihren Mndungen zu beherrschen und die Halbinsel des Hmus
zu umgarnen; wie im ungarschen Volksgeist das Bestreben liege, an die
Stelle des russischen Einflusses in Ostromanien den eignen zu setzen.
Das Meiste ist hier schon gegeben; nur zu sehen, thut Noth, und darnach
mit Entschlossenheit zu handeln.

Noch sind die Tscherkessen aus jahrelangen Kmpfen um Freiheit und
Vaterland unbesiegt hervorgegangen. Wir widmen den tapfern Stmmen
des Kaukasus eine lebhaftere Theilnahme als den arabischen in Algier,
und das mit Recht, theils weil dem nomadischen Araber auch nach
der Eroberung des Landes immer noch eine Heimat bleibt, theils
weil wir mit Vergngen in dem Charakter, der Verfassung und der Art
der Tscherkessen die krftige Natur unserer Vorltern, freilich in
asiatischer Weise, wiederfinden und die Vorsehung bewundern, die in dem
Grnzgebirge zwischen Asien und Europa den reinen kaukasischen Urstamm
so unversehrt erhalten hat. Es ist zu hoffen, da die Tscherkessen
ausdauern, bis sich den Englndern Gelegenheit bietet, von Sdasien aus
den Widerstand zu untersttzen und Rulands Fortschritte zu vereiteln.
Ohne den Kaukasus ist fr Ruland keine bleibende Sttte in Persien;
was jenseits liegt, das ist, wie der indogermanische Orient berhaupt,
der germanischen, nicht der slavischen Einwirkung beschieden.

Also auf die Schranken seines natrlichen Daseins zurckgefhrt, wie
ausgebreitet, welche Gromacht bleibt immer noch Ruland! Die weiten
Lnder Ostasiens sind ihm zugewiesen: auf Turan, auf die ungeheure
mongolische Hochebene soll es wirken. Ein edler Beruf ist es, hunderte
von wilden Stmmen zu zhmen, Nomaden an den Ackerbau zu fesseln,
christliche Gesittung allmlig (durch verwandte Horden) unter Mongolen
und Tataren zu bringen, die bis auf diesen Tag, unberhrt von dem Alles
umfassenden Arm Europas, die stliche Welt von der westlichen scheiden.
Ungemeines hat Ruland hierin schon gethan; von der Krimm bis in den
lappischen Norden, von da bis Kamtschatka, wie viele wilde Vlker
wohnen gehorsam unter seinem Scepter! Diese Tendenz scheint es auch zu
sein, die im Geiste des russischen Volkes selbst liegt: ein flchtiger
Abenteurer hat dem Czaar Iwan halb Sibirien erobert.

Jene innere Durchbildung, welche allein Leben statt der Scheinbildung
verleihen kann, vermag dem slavischten der Vlker nur wieder ein
slavisches zu geben. Ein wiedergebornes Polen, ich wiederhole es,
stark und frei, ohne Leibeigene, wrde auf dem Wege der friedlichen
Berhrung Ruland verndern, wrde es mit der Zeit vielleicht in die
lateinisch-kirchliche Gemeinschaft herberziehen.

Die griechische Kirche, worauf jetzt der russische Staat beruht, hat
keine Zukunft vor sich. Was ihr eigenthmlich ist, sind nicht die
wenig verschiedenen Dogmen, sondern der vllige Stillstand, in den sie
seit Jahrhunderten versunken und der sie, fr das Volk wenigstens,
in aberglubischen Heiligen- und Gtzendienst herabdrckt. Das
Christenthum wurde von Byzanz aus den Russen gebracht. Damals und im
ganzen Mittelalter gab es zwei Sphren der Kultur, und demgem zwei
Gestalten des Christenthums: die occidentalische und orientalische.
Jetzt gibt es nur Eine Sphre mehr: die christlich-europische; ihr
gegenber die arabisch-muhamedanische und indisch-bramanische. Das
orientalisch- und russisch-griechische Christenthum, noch immer
lebendig im Orient durch die trkische Invasion, in Ruland durch
eingewurzelte Tradition, verliert seine letzte Bedeutung, so wie Europa
den Orient berschwemmt und den russischen Slavismus durchbrochen haben
wird. Nur der Geist kann dem Geist widerstehen; was vermag das lngst
erstorbene griechische Princip gegen katholisch-protestantisches Leben?
Die Einheit der griechischen und lateinischen Kirche, so oft vergebens
angestrebt, ist kein leerer Traum. Aber freilich, im Abendlande selbst
mu, ehe sie gedeihen kann, der tiefe kirchliche Zwist eine Lsung
gefunden haben. Der Westen, der den Osten besiegen soll, mu einigen
Geistes sein. -- So fhrt die Betrachtung russischer Zukunft uns in den
Mittelpunkt germanischen Lebens zurck, und auf jene Eine Hoffnung, in
der berall das Vlkerwohl beschlossen liegt.

Deutschland vor Allen (um das Gesagte in wenige Worte zu fassen) ist
berufen, Rulands falsche Gegenwart zu bekmpfen, seine wahre Zukunft
herauszufhren.




KapitelIX.

Die germanischen Vlker. Skandinavien.


Ich betrete jetzt den germanischen Boden, und kann mich krzer fassen.
Alle Beziehungen sind hier einfacher; wir sind wie im Heimatlande.

Unberechenbar ist der Abstand, der die ausgewirkte Freiheit der
Stnde im germanischen Norden von der slavischen Leibeigenschaft
trennt. Nirgend in Europa gilt der Bauer mehr als in Schweden und
Norwegen; die alte Freiheit der Gaue hat sich in den skandinavischen
Gehften erhalten. In den slavischen Lndern hat, wie wir sahen,
die allen gemeinsame, auf Sklaverei gegrndete Magnatenherrschaft
dreifach verschiedenen Ausgang genommen: in Ruland ist das
Czaarthum zur Despotie herangewachsen, in Ungarn hat sich ein
aristokratisch-konstitutionelles Gleichgewicht gebildet, Polen ist das
Opfer republikanischer Ungebundenheit geworden. Ein hnlicher Verlauf
zeigt sich, bei ganz andern Grundbedingungen, in den germanischen
Lndern. In Deutschland hat (nur nach der germanischen Mannigfaltigkeit
in oligarchischer Weise) das monarchische, in England das
aristokratische, in Skandinavien das demokratische Princip vorwiegende
Geltung[20]. Die ersten beiden gleichen sich in dem Unorganischen
ihres Daseins; England und Ungarn erfreuen sich konstitutioneller
Befriedigung; Polen und Skandinavien erwarten eine Zukunft.

Diese liegt fr das Land, wovon wir sprechen, in einer neuen
kalmarischen Union, zu welcher Norwegens frhere Vereinigung mit
Dnemark, seine jetzige mit Schweden den Uebergang bildet. Schweden
und Norwegen sind zu schwach, zu sprlich bevlkert, um eine wirkliche
Macht zu bilden; Dnemark isolirt, verliert sich in Europa. Alle drei
in enger Fderation, unter schwedischer Hegemonie, knnen zu Land
und zur See die Bedeutung erhalten, die ihnen geziemt: europische
Bedeutung.

Dazu mitzuwirken, gebietet natrliche Freundschaft so sehr als eignes
Interesse dem deutschen Volk. England zur See, Ruland zu Lande sind
bestndig bereit, so viel an ihnen ist, die Fortschritte Skandinaviens
zu lhmen, jede hhere Blthe zu zerdrcken. Rulands eiserne Hand
lastet schwer auf Schweden und Dnemark; dort leiht es einer wankenden,
vom Volkswillen untergrabenen Aristokratie den sttzenden Arm, und
hemmt die Reformen; hier ertrgt die russische Politik lieber die
Lasten des Sundzolls, als sie die Einfhrung einer Konstitution
gestattet, welche von der einmthigen Stimme der Dnen begehrt wird.
Glcklicher ist Norwegen in bescheidener Unabhngigkeit, mit eigner
Verfassung; nicht die letztere mit ihrer demokratischen Freiheit
verdient Bewunderung, sondern der Volksgeist, der sich nach wenigen
Jahren in eine Charte eingelebt hat, die andere Vlker verwirrt haben
wrde.

In Skandinavien allein ist das lutherische Bekenntni zu bestimmter
kirchlicher Gestaltung und zu ausschlielicher Herrschaft gediehen.
Diese Intoleranz, obgleich sie einerseits lange Zeit hindurch
ein einheitlich-religises Bewutsein im Volke erhielt, hat doch
andererseits die lebendige innere Theilnahme an der geistigen Kultur
Europas auf hnliche Art geschwcht, wie in Spanien und Portugal, ohne
dabei verhindern zu knnen, da die franzsische Aufklrung, besonders
in Schweden, die hheren und mittleren Stnde, theilweise auch das Volk
ergriffen hat. In den Debatten des schwedischen Reichstages erkennt
man oft genug das franzsische Geprge. In dieser, wie in der obigen
Beziehung soll die deutsche Bildung das natrliche und nothwendige
Gegengewicht halten.

Man darf glauben, da der russische Druck in Schweden wenigstens eine
Sehnsucht nach der Verbrderung erweckt hat, welche einst, um der
theuersten Gter willen, Skandinavier und Deutsche verband. Jene Vlker
sind unsre Brder, Eines Stammes mit uns, sprechen fast dieselbe
Sprache; gibt es irgend Bndnisse, welche die Natur selbst an die
Hand gibt, so ist es ein #deutsch-skandinavisches#. Deutscher Einflu
ist der Tod des russischen, er sichert vor englischem Neid; er bringt
Kraft, Selbststndigkeit und Strke der uern, Gehalt und Richtung der
innern Politik zurck. Mehr zu sagen, ist berflssig, wo Gefhl und
gesunde Vernunft deutlicher sprechen, als es mit Worten geschehen mag.




KapitelX.

England.


Durch insularische Lage, durch Geschichte, Bevlkerung und Sprache,
nimmt Grobritannien im germanischen Organismus eine gesonderte
Stellung ein. Germanisch von Natur und Charakter, spricht es doch
die romanische Sprache, und hegt immer noch in Wales und in Irland
die celtischen Elemente; obschon zweiten Ranges unter den Vlkern
seines Stammes, ist es doch die erste Seemacht der Welt, frei und
unabhngig durchaus, fr sich und in sich gegrndet. England bildet
das Mittelglied germanischen und romanischen Lebens; vermittelnd,
indem sie gibt nach beiden Seiten und von beiden empfngt, ist seine
Literatur; vermittelnd seine politische Entwicklung, weil sie mit der
germanischen Freiheit moderne Bestandtheile, und mit der Fderation die
Centralisation verbindet; ein Mittelding ist selbst die bischfliche
Kirche zwischen katholischem und protestantischem Kirchenthum. Geistig
und leiblich, in jeder Beziehung, ist England geborene Gromacht.

Jenes gesunde Gleichgewicht des monarchischen, aristokratischen und
demokratischen Princips, wonach andere germanische Vlker in so
wechselnden Schwingungen hinstreben, worauf das seit Montesquieu so
bewunderte richtige Verhltni zwischen der ausbenden, richterlichen
und gesetzgebenden Gewalt beruht, hat die englische Verfassung auf ihre
Weise gefunden. Ihr ist es gelungen, ohne Umwlzung den schwierigen
Uebergang von der stndischen Gerechtsame zur reprsentativen
Volksvertretung zu finden. Whrend andere Oligarchieen Europas lngst
verknchert und dem Tode verfallen sind, erhlt sich ewig jung, weil
fort und fort ergnzt aus dem Kerne des Volkes, und doch ewig dieselbe,
als unerschtterter Mittelpunkt des Gemeinwesens, die englische Grund-
und Erbaristokratie. Ihr gegenber steht immer anregend und treibend,
die Aristokratie des Geistes, wie sie, zahlreicher als in irgend einem
Lande Europas im Unterhause hervortritt. Die Macht des Staates ist, wie
sie sein soll: krftig genug, um durchzugreifen, duldet sie doch, ohne
wie anderwrts alles Leben zu verschlingen, eine Menge von Autonomieen
in gesetzlichen Kreisen. Nirgend ist man vor militrischer Regierung,
nirgend vor bureaukratischer Willkhr gesicherter als in England. Die
ffentliche Freiheit ist so unantastbar als sie immer sein kann, die
persnliche findet kaum ihres gleichen. Die Duldung, welche frher den
verschiedenen Religionsparteien vergnnt war, fngt an zur Berechtigung
zu werden; und doch besteht festgegrndet und in altem Einflu die
Staatskirche. Bei einer im Ganzen freien Weltansicht bewahrt das
englische Volk jene religise Piett, worauf die Lebenskraft und der
Stolz von Altengland beruht. Endlich, wenn heute, was Gott verhten
wolle, der Dmon der Revolution aus der schlummernden Tiefe, worin
er verschlossen liegt, zum zweiten Mal entfesselt, sich ber Europa
ergieen, wenn die Throne des Kontinents wie Spreu im Sturme zerstieben
wrden: -- der englische knnte ruhig die Geister beschwren; er, wenn
denn alle fallen sollten, wrde der letzte fallen; #denn er ist auf
Freiheit gegrndet#[21].

Alles das wird mit Recht an England bewundert; und in der That, seit
der rmischen Republik kennt die Geschichte keinen Staat, in dem
die innere Entwicklung so ebenmig und glcklich, und so gleichen
Schrittes mit der uern Macht sich gestaltet htte. Vergebens aber
wrde man die englische Freiheit anderwrts nachzuahmen versuchen.
Aus einer gesunden Mischung der ursprnglichen, der rmischen, der
schsischen, der normannischen Bevlkerung, aus dem eigenthmlichen
Charakter der Nation, aus dem republikanischen Sinn, der sich in
allen Handelsvlkern entwickelt, aus der isolirten Lage, aus hundert
begnstigenden Umstnden ist sie hervorgegangen: lauter Dinge, die
sich so wie hier nirgend wiederholen. Ebendehalb, weil die englische
Freiheit nicht auf Principien oder bewuten Wahrheiten beruht, bleibt
die englische Humanitt auf die Heimat beschrnkt. Der Englnder
ist auswrts engherzig, rcksichtslos und, wie alle Kaufleute, auf
den Vortheil bedacht; so ist auch die englische Politik egoistisch
durch und durch: auerhalb England gilt ihr jede Verfassung, ja die
Tyrannei gleich, wo sie nur ihrem Zwecke dient; selbst philanthropische
Maregeln, wie die Abschaffung der Sklaverei werden nur dann
durchgesetzt, wenn das Staatsinteresse gewinnt[22]. Dem Englnder ist
die Freiheit ein Eigenthum, das ihm gerade gehrt; von dem Trieb der
Franzosen, Alles in ihrem individuellen Lichte zu sehn, ist er so weit
entfernt, als von der unbezwinglichen Neigung der Deutschen, sich
in geistige Gemeinschaft mit andern Nationen zu setzen: er nimmt die
Auslnder, wie er sie findet, und benutzt ihre Schwchen fr seinen
Zweck.

Ich hebe die hervor aus zweierlei Grnden. Erstlich, weil es
wichtig und nthig ist einzusehn, da das englische Gemeinwesen
eine besondere, lokale Erscheinung bildet, ein Ding fr sich,
welches auf andere Zustnde niemals angewandt werden kann; da wir
Deutsche durch Uebertragung englischer Staatsformen (soweit sie
nicht im germanischen Wesen berhaupt liegen) so wenig selig werden
knnen, als uns franzsische gefrommt haben. Sodann, weil Manche
der Meinung sind, England habe den Beruf, die socialen Probleme zu
lsen, worum die europische Geschichte sich bewegt, und so Europa
zum Frieden und zur Vollendung zu fhren. Es ist die ein Irrthum,
der durch den vermittelnden Charakter erzeugt wird, den England als
romanisch-germanisches Land bekleidet. Allerdings vermittelt England,
#und zwar in so hohem Grade, da ein scharfes Auge aus seinen Zgen
sich in ahnender Uebersetzung das Bild herausstellen mag, welches
einst die wahre europische Vermittlung bieten soll#; aber immer nur
in #seiner#, in ausschlielicher Weise. Die englische Staatskirche ist
in der That ein Mittelding zwischen katholischen und protestantischen
Elementen: aber wie thricht wrde es sein, in ihr die Vershnung der
Konfessionen erblicken, durch einen Aufbau von ihrer Art den Frieden
stiften zu wollen. Eine Ausgleichung zwischen dem alten Feudalismus und
dem modernen Staat, zwischen der Erbaristokratie und dem Geistesadel
ist in der That in England gewissermaen gegeben: wer aber wrde
geneigt sein, sie auf dem Kontinente nachzuahmen oder nachzuschaffen?
Impulse kann England geben, frdernd und beschleunigend eingreifen
in die Entwicklung des Kontinents: umwandeln seine Bahn oder sie
vorzeichnen kann es nicht. Das ist nur den Deutschen und Franzosen
beschieden; nur der rein germanische oder der reine romanische Geist
trgt jene ureigne und zwingende Kraft in sich, welche, schaffend
oder zerstrend, Europa unaufhaltsam berstrmt. Die englische
Reformation, die englische Revolution, die englische Reform sind auf
England beschrnkt geblieben; und trotz all seiner Macht, bei all den
unendlichen Vorzgen, besitzt England nicht entfernt jenes ideelle
Gewicht, das Frankreich noch in seiner Zerrissenheit, gleichviel ob
mit Recht oder Unrecht, ber Europa ausbt; Deutschlands (eines wahren
Deutschlands) nicht zu gedenken. England ist und bleibt eine Insel:
genug, wenn es die eignen socialen Probleme lsen, die eigne Zukunft
lichten kann. Wir Deutsche, wahrhaftig, sollten endlich gewitzigt sein,
nach fremder Hlfe zu schauen; das Schicksal liegt in unsrer Hand; wir
selbst, wir allein wollen es schaffen: alles Andere wre fr uns nur
Unsegen und Thorheit.

So bewundernswrdig England erscheint, so wahr es ist, da unter
allen Staaten der Gegenwart (mit einziger Ausnahme etwa des kleinen
Norwegens) auf ihm allein das Auge mit Lust verweilen, der Geist
sich Trostes erholen kann: so dster blickt dennoch seine Zukunft,
und so zahlreich sind die Uebel, woran es krankt. Zwar, sie sind
nicht alle unheilbar. Die irische Frage lt sich lsen, wenn die
englische Engherzigkeit zu rechter Zeit verstehen wird, was noth
thut. Die fremde Element kann England mit sich verschmelzen, wenn
es durch Gerechtigkeit und Gte die Schulden der frheren Politik
entshnt, einer Politik, die an die russische Behandlung von Polen
und an die barbarischen Zeiten erinnert, wo Vlker auf Vlker
drngten und der erobernde Stamm den unterjochten auszurotten oder
in Sklaverei zu knechten pflegte. Jeder Fortschritt der irischen
Emancipation strkt die englische Kraft, weil sie die heterogenen
Bestandtheile verschwistert, und man kann in diesem Sinne O'Conell
Englands Schutzengel nennen. Aber es gibt noch andere, mit der
irischen zusammenhngende Fragen. Wie wird der Kampf, welcher jetzt
eben gegen die Monopole der groen Grundeigenthmer gefhrt wird,
sich endigen? Wie wird der Mittelklasse, wenn sie als industrielle
Aristokratie der erblichen gegenber tritt, genuggethan werden, ohne
doch die Fundamente der Verfassung zu erschttern? Denn schon nahet die
Zeit, und in unsern Tagen bereitet sie sich vor, wo die Worte Torys
und Whigs, bisher die Bezeichnung zweier Adelsparteien, ihre alte
Bedeutung verlieren, wo das Whigthum die brgerlichen, das Torythum die
adeligen Forderungen bezeichnen wird. Wie lange wird die Hochkirche,
mit ihren verrosteten Mibruchen, mit den ungeheuern Reichthmern, mit
der hochmthigen Beschrnktheit dem Andrang des gesunden Verstandes
widerstehen? Wo berhaupt und wann wird die demokratische Bewegung,
wie sie seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gegen
das feudale und kirchliche Mittelalter in England anstrmt, ihr
Ende finden? In sich gewi nicht, und eher nicht, als sie in Europa
berhaupt zu Ma und Ziel fixirt sein wird. Und das geschieht nur durch
eine ungeheure geistige Macht, durch ein neues, ber den Staat und die
Menschheit ergossenes Licht, worin die fordernden Klassen sich kennen,
aber auch sich fassen lernen. Und dieses Licht wird vom Kontinent
auftauchen.

Zu dem kommt noch, als das greste aller Uebel, der ewige Fluch der
Handelsstaaten: der Gegensatz von Luxus und Elend, von Civilisation
und Erniedrigung, von Reichthum und Armuth, die tiefe Materialitt,
worin die auf die Spitze getriebene Industrie die Gemther versenkt;
die Gruel der Fabriken, deren steigende Vervollkommnung den Menschen,
statt ihn zu befreien, bisher noch hrter geknechtet hat; und was
daraus hervorgeht -- die Menge der Proletarier und die Zuckungen der
Ochlokratie. Diese letztere Gefahr ist es, welche der englischen
Staatsschuld ihren lebensgefhrlichen Charakter gibt. Eine finanzielle
Umwlzung wrde Millionen von Arbeitern brodlos machen, und die
Grundvesten des Staates auf's Spiel setzen. Daher bleibt der englischen
Politik nichts brig, als unaufhrlich, fort und fort den Handel, und
was ihn beschtzt, die Seemacht und die Okkupationen auszubreiten. Aber
schon lauert das Verderben, wo die Politik eines groen Staates von den
Verhltnissen statt sie zu leiten wider Willen getrieben wird, wo sie
einem Zuge nachjagt, den sie zu beherrschen nimmer vermag. Denn wo
ist Ziel und Ende der Ausbreitung? Wann lsen sich die Knoten, die in
tglich wachsender Anzahl ber alle Punkte der Erde geschrzt werden?
Ein einziger starker Schlag: und die Bewegung kann wie ein Lauffeuer in
alle Gngen des unermelichen Gebu's sich ergieen. Die Krise, welcher
England entgegengeht, ist nicht heute, nicht morgen da, und schwerlich
so lange Europa ruhig bleibt; aber wenn sie kommt, so ffnet sie einen
Abgrund von Gefahren. Und wehe fr England, wenn dann keine strkeren
Bundesgenossen ihm in Europa blhen als die heutigen: oder wenn der
einzige wahrhaftige, den es besitzen kann, nicht zu einer andern Macht
herangereift als er heute ist. Es knnte die Zeit kommen, wo diese
Macht ihre rettende und helfende Hand ber's Meer hinberbte den
sinkenden Brdern.

Ich komme zu den auswrtigen Dingen. Es liegt schon in dem oben
berhrten Zuge des englischen Charakters, da die Herrschaft und der
Einflu, den England in einem groen Theile der Erde ausbt, zum
Heile der Menschheit, und um gedeihlich zu wirken, bald beschrnkt,
bald berwacht werden mu. England hat gleich Ruland seine Grnzen
berschritten. Beide haben eine ausschlieliche, universelle Tendenz
gemein, die sie rcksichtslos verfolgen, und welche dort auf der
kontinentalen Ausdehnung und physischen Gre, hier auf dem Handel
und der Seemacht beruht. Wohl erscheint die Uebermacht, wie sie
Abscheu erregt, wenn sie von einer rohen, barbarischen Masse kommt,
verzeihlicher, wenn sie von einem groen, freien Volke ausgeht, und ist
es auch; aber die gebhrende Schranke soll ihr nicht weniger gesetzt
werden. Wir haben hier drei Dinge zu unterscheiden: die Kolonisation,
die Herrschaft in Asien und die englische Politik in Europa.

Was die erste betrifft, so ist England berufen, die Ansiedlung der
Europer in den zwei neuen Welttheilen, Amerika (wenigstens der
nrdlichen Hlfte) und Neuholland zu leiten. In diesem Beruf steht
ihm Deutschland zur Seite. Die germanische Rae, hat ein Englnder
gesagt, ist bestimmt, die Erde einzunehmen. Ein gleiches Talent der
Kolonisation, gleicher Wanderungs- und Ausbreitungstrieb und gleiches
Bedrfni einer Ableitung ist den Deutschen und Englndern eigen. Die
tiefe Stufe, worauf die Wilden von Neuholland stehen, und die geringe
Anzahl, welche jetzt die Ureinwohner Amerikas theils ursprnglich,
theils leider durch europische Barbarei im Verhltni zum Lande
bilden, gibt ein natrliches Anrecht zur Okkupation. In geregelter
Auswanderung und fortgesetzter Kolonisation liegt das einzige
Heilmittel gegen die Ueberflle und den Pauperismus von Europa. Es kann
aber ein gesundes Geschlecht und knnen blhende Staaten nur dann sich
entwickeln, wenn neben dem unruhigen englisch-industriellen Element,
und #gleichberechtigt mit ihm#, das ackerbauende, stabile, deutsche
sich festsetzt; wenn es als Grundlage die brigen Bestandtheile
durchdringt. Das hat gezeigt und zeigt tagtglich die Geschichte des
nordamerikanischen Freistaates, diese entsetzlichste aller Geschichten,
die sich lediglich um Aktien, Banken und Papiergeld dreht und so lange
drehen wird, bis die dortigen Deutschen aufhren werden, das Erbrecht
ihres Stammes unter die englische Rae zu beugen, und die daheim,
ihre ausgewanderten Brder dem Zufall und dem Betruge zu berlassen.
Es versteht sich brigens von selbst, da alle Kolonien im Laufe der
Zeit der Emancipation entgegengehn; die europische Politik soll sie
pflegen, bis sie einig, konsolidirt und mndig sind, und dann den
Regungen der Freiheit weichen: eine enge Verbrderung des Mutterlandes
mit den entlassenen Kindern ist ntzlicher als alle Beherrschung der
herangewachsenen.

In Asien hat England die Sendung erhalten, die indo-germanischen
Vlker in den europischen Kreis zu ziehen. Groe Plane verbindet
die Vorsehung mit der Eroberung von Indien und der Herrschaft
der Europer in Persien. Die kaukasische Vlkergruppe, einst im
griechisch-macedonischen, und im rmischen Reiche theilweise vereinigt,
dann so lange getrennt durch die Ueberfluthung des Muhamedanismus, soll
sich wieder vereinigen: die bramanische Weltanschauung, so wunderbar
durch ihr Alter, ihre Unverwstlichkeit, durch die tiefen Keime der
modernen Religion und Philosophie, die persische des Zendavesta,
einst die Vorluferin des Christenthums und zum Theil schon mit ihm
vermhlt, seit lange nur unter wenigen schlummernd -- sie sollen von
der europischen Bildung berhrt, so weit sie lebendig geblieben,
durch sie zu neuer Ermannung getrieben, so weit sie abgestorben sind,
vom Christenthume assimilirt werden. Indien mu aus der leblosen
Erstarrung, Persien aus der tiefsten Zerrttung durch europische
Bedrngni empor gehoben werden, damit das eine zu gesunder Ruhe, das
andere zu politischer Kraft wieder zurckkehren, beide aber durch
ein dauerndes Verhltni an die europische Gemeinschaft gebunden
werden mgen. Was die englischen Eroberer gewollt, war freilich nicht
Ausbreitung des Christenthums, der Humanitt oder der Civilisation; von
geistigem Bewutsein war nie eine Spur vorhanden: Habsucht, Geiz und
die niedrigsten Leidenschaften haben das angloindische Reich errichtet,
und werden vielleicht das chinesische strzen. Die Vorsehung spielt
mit den kleinlichen Trieben des Menschen, indem sie ihre groen Werke
damit vollfhrt. Soll aber Englands Mission segensreich wirken fr
die Menschheit, soll sie nicht in unbefugte Tyrannei sich verkehren,
wie die alten Vlker und wie bisher das neuere Europa sie gebt, so
mu ihm eine europische Macht zur Seite stehen, krftig genug, um
die Politik der Gerechtigkeit und Humanitt, jene Politik, die eine
schnere Zukunft uns bringen soll, in und auerhalb Europas zu wehren.
Die Zwecke der Vorsehung, einmal erkannt, sollen nicht entheiligt
werden: sie zur Klarheit zu bringen, ihre Ausfhrung zu berwachen,
ist die Sache der deutschen Nation. Die Besitzungen, die sich unter
den Malayen ein deutscher Stamm gegrndet hat, geben ihr im Sden von
Indien materielle Anhaltspunkte.

Man hat kaum mehr zu zweifeln, da der Besitz von Ostindien zur
Umwlzung des chinesischen Reiches treiben wird. China ist der
Ausschu der religisen, wissenschaftlichen und politischen Kultur von
Ostasien: das Staaten-Conglomerat, welches seiner Herrschaft gehorcht,
gleicht in seinen Spitzen, dem Kaiser und dem Dalai Lama, halbweg der
Organisation des Mittelalters. Mit Chinas und Japans Erffnung fllt
die letzte Schranke der Menschheit hinweg; hinfort gibt es keine Klasse
mehr, die sich abzuschlieen vermchte, und die Vlker gehen einer
allgemeinen Verbindung, die Erde der Einheit entgegen[23].

Trauriger ist der Anblick der englischen Politik in Europa. Was
England immer vermag, das geschieht, um die industriellen Krfte der
kontinentalen Lnder auszusaugen und an sich zu ziehen und die Vlker
auf den Ackerbau zu beschrnken. Eine so drckende Herrschaft hat
es im Mittelmeer gegrndet, da Portugal und Sicilien zu Kolonien
herabgesunken sind, da Spanien, Unteritalien und Griechenland der
schwersten Anstrengungen bedrfen, um das zu werden, worauf die
Natur sie selbst hingewiesen hat. Auch Frankreich hat durch eine
verkehrte Politik der englischen Mittelmacht zu viel eingerumt, um
ohne riesenhafte Kmpfe sich selbst, geschweige denn die andern, von
der englischen Uebermacht im Mittelmeer befreien zu knnen. Was aber
noch mehr entrstet, ist die herzlose Gewandtheit, womit England in
den obengenannten kleineren Staaten die inneren Gebrechen bentzt,
die Parteikmpfe ausbeutet, jedes Uebel zu seinem Zwecke zu drehen
versteht, um jeden Keim der uern Blthe durchs innere Gegengewicht
zu zerknicken. Die Behandlung, die ein freies Volk den jonischen
Inseln angedeihen lt, erregt den bittersten Unwillen; man freut sich
der Hoffnung, da eine frhere oder sptere Zukunft die jonischen
Griechen befreien wird: denn ohne die Inseln ist nie und nimmer eine
griechische Macht gedenkbar. Russische und englische Politik gleichen
sich nur allzusehr. Nur in Ruland ist es die Regierung allein, die ein
konsequentes System der Machtentwicklung verfolgt; in England ist das
ganze Volk, die Kaufleute besonders, von jenem Instinkt beseelt, und
den Ministern bleibt Nichts zu thun, als die Grundlagen fortzufhren,
die von ihren Landsleuten auf eigne Hand gelegt werden.

Es ist aber die Herrschaft des Mittelmeers eine Lebensfrage fr West-
und Ostromanen, welche ber kurz oder lang geschlichtet sein will; und
schon bereitet zwischen England und Frankreich der Kampf sich vor,
der in erster Linie die Frage entscheidet. Frankreichs Isolirung in
der orientalischen Frage war der erste Schritt: der Nationalinstinkt
begriff dunkel, warum es sich handle, und das Ministerium Thiers
streckte nach langer Zeit zum ersten Male, gegenber der englischen
Suprematie, mit Klarheit die franzsisch-romanische Tendenz hervor,
obwohl sie ihm nur zur widrigen Komdie diente. -- Um in Indien Herr
zu sein, braucht England weder im Mittelmeer allein zu dominiren, noch
Aegypten an sich zu ziehen, noch an der arabischen Kste zu herrschen;
eine Linie durch Syrien, und von da den Euphrat hinab, erhlt dieselbe
Verbindung und ist naturgemer, weil sie Persien berhrt. -- England
ist gro und mchtig genug, von der Natur mit hinreichenden Vorzgen
begabt um die #erste# Seemacht zu bleiben, ohne die #einzige# sein zu
wollen; um den grten Handel der Erde in der Hand zu behalten, bedarf
es nicht, der Zerstrung aller andern Industrien nachzujagen.

Die Romanen mgen ihre Sache mit England verfechten; wir haben das
Unsrige zu thun. Die neuste Zeit hat in Deutschland eine Opposition
gegen die englischen Handelsmaximen hervorgerufen, welche zu wichtigen
Dingen die Bahn brechen wird. Deutschland ist aus dem Schlafe erwacht,
der Jahrhunderte durch den Hollndern und Englndern so se Frchte
getragen; es erinnert sich, was es einst gewesen, was es wiederum
werden kann und welch reiche Keime einer ungemeinen merkantilen und
industriellen Gre in ihm schlummern. Zwar wird die Opposition so
lange sich auf den Federkrieg beschrnken, als noch ein deutsches
Knigreich sich zur englischen Handelsprovinz herabwrdigt, als nicht
der Zollverein die smmtlichen deutschen Staaten und den Vorposten von
England, Holland, umfat, als noch keine Flotte vorhanden ist, um den
Handel zu schtzen und unsern Ansprchen Gewicht zu geben. Aber die
Bewegung hat begonnen, und die Agitation wird eher nicht endigen, als
bis Deutschland als einige, geschlossene Handelsmacht von neuem Geiste
beseelt den Englndern gegenbersteht; bis diese mit eigenen Augen
sehen, da die gutmthigen und albernen Deutschen, deren Geschichte
seit Jahrhunderten es war, von auen und innen berlistet zu werden,
einem andern Volke Platz gemacht. Dann erst knnen wir, ebenbrtig in
jeder, auch in materieller Beziehung, Offenheit und die Rcksicht, die
dem deutschen Namen gebhrt, von den Englndern erzwingen, dann erst
kann der groe germanische deutsch-englische Bund geschlossen werden.

Denn Hand in Hand, gekettet durch die natrliche Freundschaft der
Stmme, verbunden durch die gegenseitige Achtung, verbrdert fr die
gresten Weltinteressen, sollen England und Deutschland gehen. Ein
groartiges weltgeschichtliches Verhltni soll das ihrige werden.
Ueber die Erde hin europische Kultur und Gesittung auszubreiten, ist
England, als der erste Seestaat, vor allen vom Schicksal erlesen;
von innen Europa zu ordnen, die ewigen Gesetze einer organischen
Politik zu handhaben, sie allenthalben in mittel- oder unmittelbarer
Weise zu bewachen, ist, als erste Kontinentalmacht, Deutschland
berufen. Dieses als das gesetzgebende, jenes als das ausbende
Princip, stehen sie inmitten Europas; die deutsche Innerlichkeit
allein vermag dem kaufmnnischen Egoismus der englischen Politik zu
steuern, der thatkrftige, praktische Sinn der Englnder den Idealismus
der Deutschen heilsam zu beschrnken, whrend Frankreich als ewig
anregendes Element mit nie rastender Intention zwischen beide tritt.

Ich wei wohl, man wird das Meiste von dem, was hier gesagt worden,
weitaussehend, trumerisch, lcherlich finden, in einem Augenblicke,
wo Deutschland auf so hundertfache Art im Handel und Industrie noch
den Englndern gehorcht. Dennoch bin ich der Meinung, da unter den
Englndern selbst diejenigen, welche ber Deutschlands Gegenwart und
Zukunft nachgedacht, Groes und Ungemeines fr mglich erachten. Es
herrscht in England ein gewisser Instinkt ber deutsche Dinge, wie ihn
kein anderes Volk hat; die Englnder wissen, was Deutschland werden und
sein knnte, sobald es sich seiner selbst in vollem Maae bewut wrde.
Was an ihnen ist, geschieht, es zu verhindern. Diese argwhnische
Politik ist einigermaen verzeihlich; denn derselbe Instinkt sagt
ihnen, an der deutschen Macht werde der englische Egoismus seinen
Richter finden. --

Erquicklich in so schwerer Zeit, erhebend in der Mitte zerfallender
oder unterwhlter Gemeinwesen war der Anblick der englischen Freiheit.
Sie allein, durch ihr gesundes Mark, bietet die Gewhr, da Europa
trotz unsglicher organischer Leiden noch Keime des Lebens in sich
trgt und der Verjngung. Aber wie sie den Britten allein gehrt,
wie weder in ihrem Ursprung noch ihrem Geiste die Kraft liegt, um
die Vlker zu beseelen, so zeigt sie zugleich, da, wenn Europa sich
in der That verjngen soll, aus einem andern Stamme, aus dem grten
germanischen, die neue Freiheit auftauchen mu. Diese allbeseelende,
weltverjngende Freiheit -- sie wird die Frucht der Wahrheit sein.




Kapitel XI.

Holland, Belgien und die Schweiz.


Wenn ich drei so verschiedene Staaten zugleich in den Kreis der
Betrachtung ziehe, so geschieht es, weil sie nur Einem, ihre Zukunft
bestimmenden Gesichtspunkte unterliegen. Sie alle waren ehemals Glieder
des deutschen Reiches.

Schweizer, Belgier, Hollnder mgen ihre Nationalitt beweisen, diese
mag ihnen bleiben, so weit den Aberben eines groen Stammes der Name
gebhrt. Durch Lage, Geschichte und Natur -- denn immer liegt Natur
der Geschichte zu Grund -- stehen sie dem deutschen Charakter ferner,
als irgend eine andere deutsche Provinz. Was aber wollen sie mehr?
Wo ist europische Eigenthmlichkeit? Sollen die Fe, die Hnde sich
sondern, weil sie am fernsten vom Herzen liegen? Darin liegt ja gerade
der wunderbare Reichthum germanischen Lebens, da die verschiedensten
Provinzialismen zu Einem Volke geeinigt sind. Wie wenig scheint der
Friese mit dem Oestreicher, der Alemanne mit dem Preuen gemein zu
haben; und sind nicht die Hollnder den Friesen, die Schweizer den
Alemannen verbrdert? Es sind alle nur die Kinder der Einen Mutter.

Zu der Zeit, da Deutschland sich selbst abgestorben war, da es keinen
Gemeingeist gab, sondern nur Provinzialgeister, deren einseitiger Trieb
das Einzelne erhhte, das Ganze untergrub: damals konnte jene Trennung
sich ausbilden und Leben gewinnen; ja noch mehr, sie war nothwendig
und heilsam. Aber was am drren Holze geschah, wird nicht am frischen
ergehn. Was geboren ward in der Epoche des Siechthums, verfllt
von selbst dem Tode in Zeiten der Gesundheit. Deutschland hat das
Verhltni des Provinzialgeistes zum Muttergeist in seinem Bewutsein
wieder gefunden, und je schrfer das Bewutsein in der Wirklichkeit
sich ausprgen wird, desto unaufhaltsamer werden die einzelnen Glieder
aufs Neue in die Gemeinschaft zurckgetrieben werden.

Wie das deutsche Reich berhaupt, so ist auch der geographische
Gesammtkrper von Deutschland dem ungebundenen Triebe der Freiheit
und Selbststndigkeit unterlegen. Er hat in sich selbst den
Entwicklungsgang abgespiegelt, den ganz Europa seit Jahrhunderten
genommen. Durch eine Reihe von unberechtigten Gestaltungen, von
naturwidrigen Conglomeraten, von zusammengewrfelten Monarchien sollte
Europa erzogen werden. Das Unorganische mute zur Spitze getrieben
sein, damit Europa zum klaren Bewutsein der Nationalitten, zur
Erkenntni des Einzelngeistes, aus denen es besteht, zum wahren
Organismus durchzudringen lerne. So sollte auch Deutschland, welches
im Mittelalter ohne gerechtfertigten Instinkt, in willkrlichem Drang
sich rastlos auszudehnen strebte, in Trmmer zerfallen: aber nur,
um herrlicher und gereinigter in Klarheit sich wieder zu fassen.
Zerstckelt und zerstreut, mit abgerissenen Gliedern, voll Ueberflle
in den einzelnen Theilen, er selbst ein Leichnam, lag und liegt
gewissermaen noch der germanische Krper in Mitten Europas. Siehe,
da regt sich im Innersten ein neues Leben; das Herz fngt wieder
an lebendig zu schlagen, und frisches Blut ergiet sich durch die
Adern. Die Circulation hat begonnen; werden die Extremitten sich ihr
entziehen knnen? Wollen sie kalt bleiben und todt? Denn die, und
nichts anders, wrde ihr Schicksal sein.

Holland ist lngst nicht mehr was es war[24]. Die Zeit seiner
Selbststndigkeit war glorreich aber kurz. Schon im zweiten Viertel
des achzehnten Jahrhunderts folgte es, wie Friedrich der Groe
schreibt, den Englndern, wie die Schaluppe der Spur des Kriegsschiffes
woran sie gebunden ist. Spter kam die Einverleibung an Frankreich.
Neuerdings versuchte man vergebens, es durch die Vereinigung Belgiens
zur Mittelmacht zu erheben. Zwischen England und Deutschland, zwischen
den ersten Seestaat Europas und die von Tag zu Tag steigende deutsche
Handels- und Industriemacht gestellt, hat es keine Wahl als dem Einen
oder Andern sich anzuschlieen. Und auch von innen, durch den heillosen
Zustand seiner Finanzen geht es einer unvermeidlichen Krisis entgegen.
Kann die Wahl in Frage stehn? -- Als derjenige Zweig des deutschen
Stammes, der durch Natur und Lage fr Seefahrt und Handel vor allen
geschickt war, sollte Holland einst von Deutschland sich trennen, um
unabhngig die Anlagen zu entwickeln, worauf der Reichsverband nur
hemmend eingewirkt haben wrde. Jetzt wiederum mu es, soll seine
Seemacht, sein Handel, sein Kolonialbesitz europische Bedeutung
wiedergewinnen, in den engsten Verband mit Deutschland treten. Die
hollndische Marine mit einer deutschen verbunden, das heit mit
derjenigen, welche sich in einem Jahrzehent in Deutschland entwickeln
liee, wrde bald, (wenn auch nicht an Zahl, doch an Bemannung und
seemnnischem Geist,) die erste des Kontinents sein; sie knnte in
einer fernern Zeit mit der englischen wetteifern.

Seit die unnatrliche Vereinigung Belgiens mit Holland gelst ist,
erneuert sich hier in geistiger Weise der alte, seit den Tagen von
Verdun zwischen Germanen und Romanen gefhrte Streit um Lothringen.
Die Elemente friedlich zu sichten, dazu taugt die Konstituirung
Belgiens als Knigreich -- eine provisorische Maregel, welche aber
der erste europische Krieg vernichten wird. Belgien war nie mehr,
denn eine Provinz mit eigenthmlicher Verfassung. Die Zukunft wird
entweder eine Trennung der flmischen und wallonischen Bestandtheile
hervorrufen, oder sie wird #ganz# Belgien in den alten, erst seit der
Revolution zerrissenen, deutschen Verband zurckfhren. Vielleicht
wird das Letztere geschehen. Vielleicht wird das erstarkte Gefhl der
Einigkeit und das Bewutsein, wie leicht es den Deutschen ist, jede
Eigenthmlichkeit zu schonen, wie unmglich den Franzosen, die Trennung
verhindern.[25]

In der Schweiz hat der den Germanen eigene Freiheits- und
Sonderungstrieb, die Abneigung gegen die Centralisation und die
ungebundene Mannigfaltigkeit des Einzellebens die hchste Spitze
erreicht. Die Eidgenossenschaft, so herrlich und bewundernswerth,
so lang sie um Anerkennung kmpfte und sich wachsend verstrkte,
sank schneller, je mehr der Eine negative Trieb, der so verschiedene
Bestandtheile vereinigt hatte, nach erlangter Selbststndigkeit sich
verlor. Den uern Gefahren des 17ten und 18ten Jahrhunderts konnte
sie durch ihre kriegerische Neutralitt widerstehen. Als aber mit der
franzsichen Revolution die innern Strme sich in Europa erhoben, war
es um die Einheit geschehen. Die Mediation konnte nur vorbergehend das
Frhere und das Neuere vermitteln. Die Restauration fhrte die alte
Zeit zurck; und die Julirevolution stellte beide gegenber. Seitdem
ist die Schweiz in bestndigen Zuckungen; die Mannigfaltigkeit ist zur
Anarchie geworden, die Kantonalsouverainett und die Bundesgewalt,
das konservative und liberale Princip bekmpften sich ohne Unterla,
und statt Einer Nation bietet die Schweiz das peinliche Schauspiel
unzhliger Autonomien, deren kleinliches Getriebe Europa ermdet.

Es war natrlich, da der Principiengeist in einem so buntgestellten
Lande, als die Schweiz es ist, die tiefste Zerrttung erzeugen mute.
Der franzsische Liberalismus hat auch hier nur zu whlen und zu
zerstren, nicht aufzubauen vermocht. Aber das Schicksal der Schweiz
wrde ein leichtes gewesen sein, htte nicht der deutsche Kern sich
mit allzuvielen romanischen Bestandtheilen umgeben. Soll die Schweiz
verbunden bleiben, so mu das deutsche Element, dasselbe das den Bund
geschaffen hat und noch heute die berwiegende Mehrzahl bildet, die
brigen beherrschen und durchdringen.

Die Kraft, die Tendenz, die dazu vonnthen ist, kann ihm nur von
Deutschland aus geliehen werden. Wenn in Deutschland die weltbewegenden
Fragen gelst sein werden, wenn dort ein neues, schaffendes Princip
sich erhoben haben wird, dann wird auch die Schweiz Ruhe, Gesundheit
und Eintracht wieder finden. Die alten schweizerischen Aristokratien
muten fallen, gleich den deutschen; sie waren berreif geworden, und
die franzsische Gleichheit war das Werkzeug, wodurch sie fielen. Die
Reformation, welche von den Deutschen ausgehen soll, wird Dauerndes an
ihre Stelle setzen; sie wird bauen, wo die Revolution nur zerstren
konnte.

Aber nicht nur in geistiger, auch in politischer Weise wird die Schweiz
an Deutschland gebunden werden. Da eine schweizerische Nationalitt,
ber die deutschen, franzsischen und italienischen Bestandtheile
hinausgehend und sie alle umfassend, nicht vorhanden ist, da bei
der nchsten europischen Krise die Schweiz sich Frankreich oder
Deutschland, getheilt oder ungetheilt, in die Arme werfen mu, da die
ewige Neutralitt der Eidgenossenschaft vor der Wirklichkeit zerstieben
wird -- das sind Dinge, die die Schweizer sich selbst gestehen mssen.
Und #wie# die Wahl dann fallen werde, darber kann, nach den Vorgngen
eines halben Jahrhunderts, kein Zweifel sein.

Ich hoffe, da die Gestaltung Deutschlands selbst mich von dem Vorwurfe
freisprechen wird: als laufe die Zukunft, die hier den Hollndern,
Belgiern und Schweizern geweissagt wird, in eine Verflachung hinaus,
welche ber der egoistischen Ausbreitung des deutschen Elements die
Besonderheit der Nationalcharaktere untergrabe. Das engste Verhltni
mit Deutschland wrde in der Verfassung, der Sprache, den Sitten
und der Wesenheit jener Vlkerschaften nicht mehr verndern, als
durch die Heilung bedingt ist, die ihre Gebrechen erfordern. Der
republikanische Geist, wie er in der Schweiz, der konstitutionelle,
wie er in Holland und Belgien lebt, widerspricht nicht, er fgt sich
in die Mannigfaltigkeit des deutschen Lebens. Auch kann es nicht
derselbe Grad von Verbindung sein, der die innersten Theile von
Deutschland, und derselbe, der die ausgeprgtesten Provinzialismen
umfat. #Natur und Verhltnisse erlauben hier eine ungemein feine,
jeder Individualitt entsprechende Abstufung.#

Das vor allem ist in unserer Anschauung gegeben, da drei kleine
Staaten, kraftlos jeder fr sich allein, bei Weltbewegungen der
Zerstrung ausgesetzt, getragen von Volksgeistern, die die alte
Spannkraft zum Theil verloren, zum Theil wahrhaftige und ureigene nie
gewinnen knnen -- da diese neues Leben und gedoppelte Kraft erhalten,
indem sie dem groem Stamme sich wieder vermhlen; da Deutschland
dagegen, stark durch das Bewutsein seiner gebliebenen, durch die
Einigung seiner abgefallenen Kinder, in der natrlichen Flle seiner
Macht der hohen Aufgabe gengen mge, die ihm in Europa bestimmt ist.
Ich wei es wohl, wer immer, sei er Hollnder, Belgier oder Schweizer,
nur das jetzige Deutschland anschaut, wie es ist, nicht jenes, welches
sein kann und sein wird: dem mag die Seele sich struben bei dem
Gedanken, das theuer erworbene Vorrecht der Ahnen fr solchen Preis zu
opfern. Wenn aber die deutsche Nation in geistiger und gemthlicher
Wiedergeburt sich verjngt, wenn sie den Zauber gefunden haben wird,
die Wunden der Vlker zu heilen, wenn ganz Europa einer groen
organischen Einheit entgegengeht, in der der Niedere dem Hheren sich
in natrlicher Unterordnung fgt; dann wird es ein ander Ding sein, ins
frhere Vaterland zurck zu gehn. Denn die alte Freiheit bleibt und
neue Strke wird gewonnen.




Kapitel XII.

Die Pentarchie.


Wir fanden im Laufe der Betrachtung die westromanischen Vlker und
die slavischen durch je Eine, die germanischen durch zwei #natrliche
Gromchte# vertreten. Wir fanden: wie die germanische Familie
berhaupt zum vornehmsten Einflu berufen sei in Europa, so sollte
Deutschland insbesondere, als erstes Glied der Familie, ein doppeltes
Gewicht in die Wagschale legen.

Und in der That: die Gegenwart selbst scheint diemal unsern idealen,
aus der tiefern Natur geschpften Forderungen zu gengen. Die
europische Pentarchie zhlt Eine romanische, Eine slavische, #drei#
germanische, und unter diesen #zwei deutsche# Mchte.

Wir fanden: der germanisch-romanische Westen von Europa solle das
unbedingteste Uebergewicht haben ber den slavisch-griechischen Osten,
wie der Geist ber die Masse.[26] Und wirklich, die westliche Hlfte
hat #vier#, die stliche nur Eine Macht in ihrer Mitte. Wir fanden:
innerhalb des Westens solle das germanische Princip herrschen bers
romanische. Und steht nicht Frankreich allein gegen Oestreich, Preuen
und England?

Das alles klingt vortrefflich, und ist doch nur Lug und Trug und
Tuschung. Die Wirklichkeit der Dinge spricht den Zahlen Hohn. Sie
kennt kein deutsches, kein germanisches, kein west-europisches
Uebergewicht. Sie zeigt uns Ohnmacht, wo wir Strke; Herrschaft, wo wir
Schwche erwarten.

Es ist nthig, die Ursachen dieses Uebels zu beleuchten; ehe das
geschieht, einen Blick auf Oestreich und Preuen als Gromchte zu
werfen. Wenn hier, im Schwerpunkt von Europa sich Gebrechen entdecken,
so ist die Erklrung schon halb gegeben. Und der Gebrechen werden um
so mehr sein, je schwcher, um so weniger, je krftiger diese Mchte
die Vertretung von Deutschland, an dessen Stelle sie stehn, in Europa
handhaben. Es fragt sich: kann Oestreich, kann Preuen eine deutsche
Politik verfolgen? Und verfolgen sie dieselbe in Wahrheit? --

Zusammengesetzt aus den verschiedenartigsten Bestandtheilen, giebt
es fr Oestreich keine andere Politik und hat, JosephsII. Zeit
ausgenommen, niemals eine andere gegeben, als die konservative; das
heit, ein Verfahren, welches die bestehenden Grundlagen heilig hlt,
Neuerungen abweist, so lang sie nicht unumgnglich und unschdlich
anzunehmen sind, alle Nationalitten und Provinzialismen schont, jeden
auftauchenden Einzeltrieb beseitigt, und so das Ganze in fortdauerndem
Gleichgewicht erhlt[27]. Diese Maximen sind es, die man streichisch
nennen kann; sie werden durch die Conglomeration geboten, in der
keines der Elemente den Vorrang behaupten darf. Jede der Tendenzen,
zur berwiegenden im Reiche erhoben, wrde die andern gegen sich
reizen. Und abgesehen davon, worauf sollte z.B. eine slavische
Politik (obgleich die slavische Bevlkerung die Mehrzahl bildet)
sich sttzen? Auf Bhmen und Mhren, die im deutschen auf Croaten,
Slaven und Illyrier, die im ungarischen Verbande stehen? Worauf eine
magyarische, die nicht einmal fr Ungarn unbedingte Geltung hat, wo
slavische und magyarische Elemente zur Einheit gefhrt werden sollen?
Worauf eine italienische, bei der Beschrnktheit des lombardischen und
dalmatischen Gebietes? Alle diese Tendenzen in Einer zu vereinigen, die
den einzelnen die gebhrende Stellung gibt und sie smmtlich umfat,
das ist die Aufgabe von Oestreich. Und wie wird sie gelst? Nicht
selbsteignen Inhalt, eigenthmliche Richtung hat das streichische
System; es ist ein Mittelding zwischen allen Tendenzen, mit feiner
Vorsicht allerdings und mit kluger Migung ausgestattet, und soweit
geschickt, um sich hinterher ohne Schaden in die Ereignisse zu fgen,
aber ohne den Geist, der die Zukunft auffat und voraussichtlich die
Ereignisse lenkt, und ohne die Energie, Groes und Mchtiges zu leisten.

JosephII. fhlte das; er wollte die Staatsmaschine mit Einem
Willen beseelen. Aber wie ging er zu Werke? Seine Absicht war, die
Nationalitten hinwegzurumen, und ein Unding von streichischer
Einheit an ihre Stelle zu setzen. Sein Werk milang; und die Anhnger
der matten Stabilitt glauben sich unberwindlich gerechtfertigt, wenn
sie seinen Namen heraufbeschwren.

Und doch gibt es Eine Politik, eine andere als die Josephische, in
der jene Verschmelzung von selbst gegeben ist, mit den Vorzgen
des streichischen Systems, ohne seine Schwankungen, hher und
lebensvoller: es ist die deutsche. Was den Westslaven frommt, innige
und friedsame Durchdringung des deutschen und slavischen Wesens,
Erstarkung vor Rulands ganz slavischen Fortschritten, will es nicht
auch die deutsche Politik? Kann sie nicht, um den obigen Zweck zu
erreichen, der Sprache, Literatur und Nationalitt der Slaven die
freieste Entwicklung gestatten? War es nicht dieselbe Zeit, welcher die
Bhmen noch heute mit der freudigsten Erinnerung gedenken (die Epoche
Karls IV.) und dieselbe, in der deutscher Geist und deutsche Literatur
mehr als jemals in Bhmen geblht hat? Was die Ungarn wollen, liegt es
nicht, wie wir gesehn, auch in der deutschen Politik? In Italien will
sie, wie die Italiener selbst, eine krftige, bewute, ungezwungene
Nationalitt; ein offenes und furchtloses Verfahren, um den alten
Groll zu vershnen und Liebe zu stiften, wo die Furcht geherrscht hat;
und einen Staatenbund, an dessen Spitze das lombardisch-venetianische
Knigreich gehrt. Was endlich die polnischen Unterthanen Oestreichs
wnschen mssen, die Herstellung Polens -- auch das ist von der
deutschen Politik geboten.

Oestreich, als Gromacht im Allgemeinen, will eine wrdige, weder
feindliche noch gebundene Stellung zu Frankreich; ein enges Verhltni
zu England, dem alten Bundesgenossen; es sucht in Italien den
franzsischen Einflu zu paralysiren, an der Donau und im Orient
sich steigend, materiell und moralisch auszubreiten; Beherrscher so
vieler slavischer Vlker, bedarf es der schrfsten Selbststndigkeit
gegen Ruland, so vieler deutscher Provinzen, der innigsten Einigung
mit Deutschland. Alles dies, liegt es nicht in den Wnschen und
Bedrfnissen der deutschen Nation?

Lat nun sehen, wie weit die streichische Politik der deutschen
gleicht, wie weit Oestreich in deutschem Interesse handelt. Statt
der germanischen Allianz mit England finden wir eine prinzipielle
Verbrderung mit Ruland. Die deutschen Provinzen sind geistig und
mechanisch von dem brigen Deutschland abgesperrt. Die Verschmelzung
des deutschen und slavischen Elements in Bhmen und Mhren wird eben
dadurch verhindert. In Italien ein unsicheres, von losen Sttzen
getragenes Wesen. Hier, wie in ganz Deutschland erscheint Oestreich
als abwehrende, negative, strafende, nicht als wohlthtig wirkende,
nationale Macht. Der Geist der Regierung hat lngst die Stufe
berschritten, auf den der komplicirte Charakter des Staates ihn
stellt; er konservirt nicht nur, er frchtet die Neuerungen auch wenn
sie unschdlich, er umgeht sie, auch wenn sie unumgnglich sind. Das
materielle Wohl soll den Vlkern die geistige Freiheit ersetzen, fr
welche sie tagtglich reifer werden. Das patriarchalische Verhltni
der Herrscher zu den Vlkern hat aufgehrt; die Zeit hat es unterwhlt,
aber man denkt nicht daran, ein hheres an die Stelle zu setzen.
Der ganze Staat, mit all den reichen Elementen des Lebens, beruht
am Ende nur auf der #Waffengewalt#. Wie wird es sein, wenn die Zeit
herankommt, in der berall in unserem Welttheil die Materie dem Geist,
die militrische Macht, ohnmchtig, einer hheren Kraft wird weichen
mssen, wenn dann Oestreich keine tiefere Wurzel geschlagen hat im
deutschen Volke? Man wird so lange sumen, der Maschine lebendigeren
Odem einzuhauchen, bis es zu spt ist, bis sie verrostet, um
zusammenzustrzen im ersten Anlauf der Gefahr.

Eine principielle Verbrderung mit Ruland, habe ich oben gesagt, und
will hierber noch einige Worte hinzufgen. Obwohl Oestreich gegen
den gemeinsamen Feind im Innern sich mit Ruland verbndet hat,
so rettet es doch anderseits -- und dafr gebhrt ihm der Dank des
Vaterlandes -- die deutsche Ehre, indem es den russischen Entwrfen,
namentlich in der Trkei entgegenarbeitet. Und hier ist es nun doppelt
schmerzlich zu sehen, wie die streichische Politik, auch bei gutem
Willen, das Ziel so wenig erreicht. In der unverrckten Erhaltung der
Trkei findet sie das Mittel, die russischen Plane zu vereiteln. Die
Trkei aber ist dem Tode verfallen; sie trgt ihn in sich und keine
Macht der Erde wird sie retten. Statt an die Spitze der auflebenden
christlichen Vlker zu treten und die Bewegung mit krftiger Hand zu
leiten, verbndet sich Oestreich mit dem Erbfeinde und #zwingt# die
Insurgenten, sich in Rulands Arme zu werfen. Statt dem Zuge der Natur
und Geschichte zu folgen, will Oestreich sttzen, was nicht mehr zu
sttzen, und unterdrcken, was nicht mehr zu unterdrcken ist. Oder
ist Griechenland weniger frei geworden, weil es Oestreich verhindern
wollte? Die Folge des unnatrlichen Systemes ist, da #Oestreich,
dessen sdliche Linie in ihrer ganzen Breite die slavisch-griechischen
Lnder beherrscht, sich zu schwach fhlt#, den russischen Fortschritten
allein Einhalt zu thun. Wenn England, schreibt Gentz im Jahre 1828,
durch sein Stillschweigen oder durch diplomatische Subtilitten,
die nur Verlegenheit und Unentschlossenheit verrathen, mit den
russischen Anmaungen kapitulirt -- #von welcher Seite soll dann die
Hlfe kommen#? #Oestreich#, welches keinen ermunternden Wink Englands
unbeachtet lassen wrde, #ist leider nicht in der Verfassung, in der es
sein mte, um allein den Fortschritten Rulands Schranken zu setzen#.
Preuen hat nicht die geringste Neigung dazu; wir knnen uns glcklich
preisen, wenn es im entscheidenden Momente nur neutral bleibt. Man
sieht an dieser, nach Oestreichs Lage, Hlfsmitteln und Sympathien
fast unglaublichen Schwche, wohin eine Politik fhrt, die dem Geist
der Geschichte widerstrebt, statt ihn khnlich zu fassen. Die Moldau
und Wallachei, Serbien und Griechenland haben sich emancipirt ohne
Oestreichs Zuthun, die ganze Trkei wird sich emancipiren, und wenn
Oestreich noch ein Jahrzehnt in demselben System beharrt, so ist sein
Einflu im Orient verloren, und seine Zukunft, die einzige die als
europischer Macht ihm bleibt, vernichtet.

Wird Oestreich das alte System in der kommenden Zeit mit einer
deutschen Politik vertauschen? Ich wei es nicht. So lange nicht die
deutschen Provinzen Deutschland angehren mit Herz und Sinn, von innen
und auen, so lange drei der edelsten Stmme, Oestreicher, Tyroler
und Steiermrker, alle so hoch begabt, so reich an Geist und Gemth,
ausgeschlossen bleiben von dem lebendigen Bande, das die brigen
Deutschen umschlingt, so lange Bhmen und Mhren in der Entfremdung
beharren, worein sie seit den blutigen Zeiten der Ferdinande gebannt
sind, -- so lange gibt es keine solche Politik. Es ist wahr: die
streichische Monarchie ist von zahlreichen und tiefen Schwierigkeiten
umringt; in ganz Europa kein Staat, dessen Leitung verwickelter,
gefhrlicher und knstlicher ist, und es wre vermessen, da stets den
Willen anzuklagen, wo zum Theil eine schwere Nothwendigkeit herrscht.
Das allein schmerzt, diese theilweise Nothwendigkeit von einem bewuten
Willen zum hchsten Gesetze erhoben, die natrliche Schwere, welche dem
streichischen Conglomerat anhngt, nicht als leidiges Uebel, sondern
als das oberste Princip des Staates betrachtet zu sehen.

Ich komme zu Preuen und bin hier berhoben den nmlichen Beweis zu
fhren. Preuen besitzt, mit Ausnahme von Posen[28], lauter deutsche
Provinzen. Altpreuen, das Stammland seiner Wrde, obschon es nicht
zum Bunde zhlt, ist ganz und gar deutsch durch Geschichte, Natur
und Charakter seiner Bewohner. Die Rheinlande, Westphalen und die
schsische Provinz, die es neuerlich beherrscht, sind urdeutsche
Gebiete, deren Geschichte so alt ist als die deutsche berhaupt.
Dehalb lebt ein Zug in der preuischen Politik, dem sie kaum
widerstehen kann, von dem sie ewig und unabweislich gestachelt wird:
der Zug eine #deutsche# Macht zu sein von ganzer Seele. Doch folgt
sie nur langsam diesem Zuge; und dergestalt, da sie oft genug nach
auen hin von Ruland geleitet wird, nach innen dem Anstoe gehorcht,
der von Oestreich ausgeht. #Steins# kurze Verwaltung und die Jahre
des Befreiungskampfes hatten gezeigt, wie Preuen, um gro zu sein,
Nichts nthig habe, als der Natur seines Volkes freieren Spielraum
zu erffnen. Sie hatten gelehrt, da Ein Jahr im deutschen Geiste
gehandelt, Jahrzehnte von wohlgemeinter Schwche berwiegt. Diese
Erfahrungen gingen vorber. Nochmals kam eine schwere Zeit; da wute
man nimmer zu sichten zwischen den guten und den bsen Geistern.
Man erbebte vor jedem lebendigen Gegensatz, man zitterte vor dem
Rauschen eines Blattes, man bekmpfte gleich gewappneten Riesen die
Windmhlen bethrter und trumerischer Jnglinge; Offenheit, Zutrauen,
Mnnlichkeit waren dahin. Und hiezu das unselige Vermchtni, da der
groe Friedrich im russischen Bunde dem Staat hinterlie. Was er,
getrieben von der Noth der Zeit, und mit klarer Ahnung der inliegenden
Gefahr geknpft hatte, wurde Regel des preuischen Systems. Die
Nachfolger zogen das unheilvolle Band noch enger zusammen. In der
Politik, sagt Friedrich der Groe irgendwo -- und dies ist eins seiner
schnsten Worte, kenne ich keine andern Verwandten als meine Freunde.
Was wrde er heute sagen?

Wem viel gegeben ist, von dem wird viel gefordert. Es mag weh thun,
Oestreich seine eigenen Wege wandeln zu sehen; doch Oestreich
herrscht in auerdeutschen Lndern und handelt, wie wir gesehn, in
auswrtigen Dingen doch oftmals mit deutscher Intention. Aber Preuen,
wie mag seine Politik begriffen werden, welche gehorcht hat, wo sie
gebieten[29], gefolgt, wo sie bestimmen, verloren, wo sie erobern
konnte -- drei Dinge, die Preuen gegen Ruland, gegen Oestreich und
(in geistiger Weise) gegen Deutschland hin an den Tag gelegt.

Preuen ist die beste Bureaukratie Europas, von bewundernswrdiger
Maschinerie, und welche der Wissenschaft, den Meinungen und dem Leben
so viele Freiheit lt, als eine Bureaukratie ihrer engen Natur nach
es thun kann. Aber wer heit das? Bureaukratien sind die Meisterstcke
des vergangenen achtzehnten Jahrhunderts, und nicht der moderne
Liberalismus oder der Geist der Revolution, sondern der #germanische#
Geist, dem sie widersprechen, wird sie unterhhlen[30].

Wenn Oestreich undeutsch verharrt, so bleibt es wenigstens eine
Macht von Bedeutung im Osten. Preuen, wenn es nicht wagen wrde,
deutsch zu sein, snke zum Nichts herab, und wie es berhaupt seit dem
Wiener Kongre den pentarchischen Charakter nur in begleitender und
zustimmender Weise bewhrt hat, so wrde es bald auch nominell aus der
Reihe der Gromchte schwinden.

So lange Oestreich und Preuen bureaukratische Militrmchte bleiben,
werden sie durch ein inneres Band an Ruland gekettet. Und wiederum,
so lange sie mit Ruland verbunden bleiben, #so lange werden sie von
Ruland beherrscht; denn Ruland ist unter den drei Militrmchten
die greste#. Endlich, so lange solch ein Uebergewicht besteht, kein
wahrhaftiges Deutschland, kein geordnetes Europa.

Wir kehren zur Pentarchie zurck. Da Deutschland weder in innern noch
in auswrtigen Dingen gengend vertreten werde, haben wir gesehen.
Jetzt werden die tieferen Ursachen dieser schiefen Politik, wie sie in
den pentarchischen Verhltnissen liegen, sich enthllen.

Der Grundzug des politischen Systems von Europa ist, seit dem
Untergang der kaiserlich deutschen Macht des Mittelalters, die Idee
des Gleichgewichts. Von der Hegemonie, die bis dahin geherrscht
hatte, sprang Europa schnell zum uersten Gegensatz hinber. Zur Zeit
Maximilians schienen eine Menge von Staaten, Oestreich, Frankreich,
Spanien, England, Venedig, die Schweiz, sich in gegenseitigem
Gleichgewicht zu halten. Bald erhob sich die habsburgische, ihr
gegenber die franzsische Gromacht, seit Elisabeth trat England,
spter durch Peter den Groen Ruland, endlich Preuen hinzu. Man war
von der europischen Republik zur Aristokratie gekommen; innerhalb
der letzteren wuchs in der neuesten Zeit, nachdem Napoleon die
Monarchie versucht hatte, eine Oligarchie heran. Ruland und England
(gewissermaen von Frankreich paralisirt), haben das Uebergewicht
errungen.

Die Geschichte selbst hat das Gleichgewicht, in dem unvernnftigen
Sinne, indem es uns so oft gepredigt wird, gerichtet. Ein Gleichgewicht
hat niemals in Wahrheit bestanden, wird niemals bestehen, und in der
That hat niemals ein Staatsmann im Ernste daran geglaubt oder darnach
gehandelt. Nicht, da alle Staaten gleichviel wiegen an Gewicht und
Geltung, will Europa: ein organisches Verhltni will es, der kleineren
Staaten zu den mittleren, der mittleren zu den groen, der groen
zu den grten. Nicht darauf beruht Friede, Ordnung und Blthe von
Europa, da in endloser Eifersucht jedwede Macht die andere hemmt
und beschrnkt, da der kleinste Uebergriff, der unbedeutendste
Zufall den ganzen Organismus bedroht und mondenlang die halbe Welt
in die peinlichste Spannung versetzt. In der Familie wie im Staat,
im kleinsten Gemeinwesen wie im ganzen Erdtheil liegt Halt, Einheit
und Zusammenhang darin, da jede Natur die Stelle einnimmt, die ihr
gebhrt, da das Groe gro, das Kleine klein, da das Ganze ber
und unter einander geordnet sei nach der ursprnglich harmonischen
Verschiedenheit, die ihm Gott eingepflanzt hat. Denn nicht verflachende
Gleichheit, sondern unendliche Abstufung ist der Charakter alles
Geschaffenen, und wo da herrscht, was herrschen, wo gehorcht, was
gehorchen soll, da allein lebt Freiheit, Ordnung und Gesundheit.
Gebt allen Staaten Europas, von Portugal bis Ruland, die nmliche
Geltung, und ihr werdet finden, da Eure Gleichheit eben so unselig
und verwirrender sein wrde, als der rmische Despotismus, der die
halbe Menschheit geebnet und Ein Ungeheuer an ihre Stelle gesetzt hat.
Das Gleichgewicht, ich wiederhole es, ist eine ungeheure Tuschung,
geschickt genug gemacht, um selbstschtige Tendenzen mit dem Mantel
der Theorie zu bedecken, oder umgekehrt, nichtswrdige Schwchen
mit dem Scheine der Aufopferung zu verhllen; verwirklicht auf die
Dauer zu keiner Zeit, nicht einmal in unsrer, welche die knstliche
Aufrechthaltung der Unnatur sich zur Aufgabe gesetzt hat[31].

Was wir in der Pentarchie suchen, sind die Keime einer hheren
Ordnung der Dinge, eines natrlichen Gleichgewichts, wonach die Eine
Familie ein Uebergewicht behaupten kann, ohne die andere zu drcken,
das Eine Volk in der Familie vorangehen kann, ohne das andere zu
knechten. Von den deutlichen Spuren einer germanischen Hegemonie in
der pentarchischen Gestaltung sind wir ausgegangen; und wollen sehen,
wodurch sie bis zum Unmerklichen verwischt werden.

Whrend die deutschen Mchte weder den deutschen, noch geschweige den
germanischen Willen ausdrcken, vertritt Frankreich in Wahrheit den
romanischen Westen, welcher mit ihm Eine religise -- den Katholizismus
-- Eine politische Tendenz -- den Liberalismus -- theilt.

Aehnlicher Weise hat Ruland die Einheit des Ostens, eine
griechisch-absolute Einheit usurpirt; Polen ist von ihm verschlungen,
Ungarn durch die streichische Politik verhindert, sein eigenthmliches
Element herauszukehren.

So bildet der Osten, wie der Westen, eine einige geistig geschlossene
Macht.

Wie ganz anders Germanien. Oestreich ist katholisch, Preuen
protestantisch, England bischflich; Oestreich absolut, Preuen
konservativ, England hat seine Freiheit, wie seine ganze politische
Tendenz fr sich. Die beiden erstern sind durch keine Verbindung mit
England verknpft. Skandinavien steht allein, und in sich selbst
zersplittert. Die mitteldeutschen Staaten sind durch Vielheit schwach,
und berdem durch eine politische Kluft -- die konstitutionelle
Verfassung -- von den Westmchten geschieden: Belgien und die Schweiz
von romanischen Einflssen durchkreuzt, Holland von selbstschtigen
Interessen geleitet. Nirgend eine germanische Einheit, nirgend ein
germanischer Wille.

Diese Zersplitterung, an sich schon unheilvoll genug, wird es doppelt
und dreifach durch die Konjunkturen der Gegenwart.

Es gibt in Europa zwei Bewegungen, unabhngig und ohne Zusammenhang,
neben und widereinanderlaufend, deren jede in ihrer Weise die Stellung
der Staaten bestimmt. Die eine geht aus dem Territorialinteresse, die
andere aus dem Principienkampfe hervor.

Der Principienkampf hat die Quadrupelallianz der Tripelallianz
gegenber gestellt. Das legitime Princip hat Ruland, Oestreich und
Preuen, das liberale Frankreich, England, Spanien und Portugal
vereinigt.

Diesen Verbindungen widerspricht das Territorialinteresse. In
Afrika, im Mittelmeer, im Orient steht die englische Politik der
franzsisch-pyrenischen feindselig gegenber; in Polen, in der
Trkei und an der Donau luft das deutsche Interesse dem russischen
schnurstraks zuwider.

Die Principienfrage wird auf der rechten Seite in erster Linie von
Ruland, auf der linken von Frankreich vertreten; die Revolution, wie
die Restauration, die sich wechselnd ber Europa ausbreiteten, sind
stets von Frankreich oder von Ruland ausgegangen.

Das Territorialinteresse wird in der mchtigsten Ausdehnung einerseits
von Ruland, anderseits von England gehandhabt. In allen Theilen von
Asien kmpfen Ruland und England um eine Herrschaft, die keine der
andern Mchte in Anspruch nimmt.

Ruland also, allein unter allen, ist in doppelter Art an die Spitze
gestellt; die principielle und territoriale Hegemonie vereinigt sich
in seiner Hand. Whrend auf der linken Seite Frankreich und England,
jedes in seiner Sphre, sich die Wage halten, sind auf der rechten die
deutschen Mchte durch ein zweifaches Joch an die russische Suprematie
gebunden. Oestreich und Preuen haben das Territorialinteresse dem
Principienbndni geopfert: ein doppelt unsglicher Irrthum, der sie
ihrer materiellen Kraft beraubt, und die ideelle vernichtet, indem er
sie den brigen deutschen Staaten entfremdet, ja gegenber stellt.

Die Unnatur, in Deutschland wie in ganz Europa hat den Gipfel erreicht.
Die Allianzen der Gegenwart sind hohl und nichtig in sich, das ganze
politische System auf Sand gebaut.

#Es beruhen nmlich jene beiden Interessen, das ideelle und das
materielle, nur auf Einem Grunde: auf der natrlichen Organisation
der Vlker. Diese, wie sie jeder Familie Europas einen gemeinsamen
Zug der Ausbreitung mittheilt, erzeugt, nach Maagabe der Natur, ihre
Verfassungen und Principien.#

Da Eine Territorialbewegung, in und auerhalb Europas, den
germanischen, Eine den romanischen Nationen gemein sei, wre unnthig
noch nachzuweisen; einmal, weil es aus der frheren Betrachtung
erhellt, sodann weil in der Politik selbst die Ereignisse tagtglich
mehr darauf hindrngen. Eine Territorialfrage, -- die orientalische --
hat das franzsisch-englische Bndni bis in den Grund gelockert, sie
hat England der Quadrupelallianz entfremdet. Dieselbe Frage wird je
nher sie der Lsung zuschreitet, um so unvershnlicher das deutsche
Interesse im Orient dem russischen gegenberstellen. Wenn erst die
Quadrupelallianz gestrzt ist, wird gleich ihr die Tripelallianz
zerfallen. Der nchste europische Krieg wrde England den deutschen
Mchten zutreiben, und ein germanisches Bndni herbeifhren.

Es ist nicht anders mit der Principienfrage. Aus dem romanischen
Geiste ist das demokratisch-liberale Princip entsprungen, im
slavischen wurzelt das monarchisch-absolute; dem germanischen ist das
aristokratische eigen. Die Gleichheit der Franzosen ist ein Unding, wie
die despotische Gewalt der Russen: die Wahrheit und Freiheit, wie sie
die Zukunft bringen wird, liegt in der Mitte von Europa, in Germanien.

Diese Mitte soll nicht ein Mittelding sein zwischen beiden, ohne eigne
Kraft und widerlich schwankend zwischen dem Ansto, der bald von Osten,
bald von Westen kommt, wie es bisher in Deutschland gewesen. Geist und
Leben selbst, soll sie ein neues Princip aufpflanzen in Europa, auf
den Trmmern der erstorbenen Welt, und in den Wsten der modernen,
welches dem demokratischen Zuge Recht und Geltung verleiht, ohne den
monarchischen Trieb, als das letzte bindende Element des Staates, zu
untergraben. Ehe nicht solch eine Vermittlung gefunden ist, gibt es
keine Ruhe, keinen Frieden, keine Einheit in Europa. --

Warum also, ich wiederhole es, ist weder in Territorial- noch in
Principiensachen eine organische Stellung der Vlker und Staaten
vorhanden? In der ersten Beziehung, weil Deutschland nicht ist, was es
sein soll: der einige, geschlossene Vorort der germanischen Nationen.
In der zweiten, weil Deutschland noch nicht gefunden hat, was es finden
soll: die Vershnung der widerstrebenden Tendenzen, von denen es selbst
in zwei Theile zerrissen wird.

Der Kampf der Principien, so furchtbar und hoffnungslos, weil keine
Partei zu siegen, keine unterzugehen vermag, raubt Europa die innere,
der Zwist der Territorialinteressen raubt ihm die uere Einheit.
Jener hat eine peinliche Unfhigkeit der Staatsverwaltungen (das
_Juste-mileu_), dieses die Unvermgenheit der Politik, auswrtige Dinge
zu schlichten, (den _Statusquo_) erzeugt. Ohne Einheit ihrer Glieder,
zerrissen von schroffen Gegenstzen, ohne politische Intentionen,
unklar ber das was sie soll, unfhig in dem was sie will: so ist, als
Ganzes betrachtet, die europische Pentarchie.

Und diese Pentarchie vermit sich, das Schicksal zweier Welttheile, ja
im weitern Sinne die Regierung der Erde zu leiten. Die Folgen liegen
der Welt vor Augen. Eine Frage taucht auf nach der andern, und von ihr
wahrhaftig wird sie nicht geschlichtet, wenn sie nicht in sich selbst
die Schlichtung findet. Unendliches Blut ist in Griechenland vergossen
worden, weil es den Mchten beliebt hat, #das# erst nach Jahren zu
thun, was endlich doch geschehen mute, und sogleich htte geschehen
sollen. Zahllose Menschenleben sind in Spanien geopfert worden, weil es
ihnen genehm war, von beiden Seiten gerade so weit zu interveniren, um
den Krieg desto hartnckiger in die Lnge zu ziehen. Welches Princip
ist es doch, das Belgien konstituirt und Polen preisgegeben hat, das
die Integritt der Trkei verkndigt und dem Pascha von Aegypten
die Erblichkeit verleiht? Es sind weder Principien noch Grundstze,
noch auch allgemeine humane Rcksichten vorhanden. So hat man in der
orientalischen Sache wohl fr Abdul Medschid gearbeitet und fr Mehmed
Ali, fr sie und wider sie hat man hin und hergeredet, geschrieben und
gehandelt: der unterdrckten Vlker aber ist mit keinem Worte gedacht
worden, weder der trkischen noch der gyptischen. Ueberhaupt, diese
Frage des Orients, das schwere Probestck, an dem das heutige Europa
sich verbluten wird, um einem neuen zu weichen, sie zeigt allein schon
die ganze Hlflosigkeit des diplomatischen Wollens und Thuns. Was war
im Orient zu thun? Man wollte, weil ein anderer Ausweg vorerst nicht
zu finden, die Erhaltung der Pforte. Mehmed Ali mute, war seine Macht
hiemit vereinbar, belassen, war sie es nicht, unschdlich gemacht
werden. Jahre verflossen -- blutige Jahre fr die Vlker, tdtliche fr
die Herrscher des trkischen Reiches -- ehe man hierber zu einigen
Begriffen kam. Endlich wird eingeschritten: und keines von beiden
geschieht. Nach einer Reihe kriegerischer Grothaten sieht sich die
gerettete Pforte in neue und schwerere Verwicklungen gestrzt, ist
Mehmed Ali in geheiligtem Besitz des Errungenen und gestrkt durch
verdoppelte Mittel der List, der Intrigue und des Verderbens, sind
die syrischen Provinzen der furchtbarsten Anarchie, die christlichen
Unterthanen der schndlichsten Bedrckung preisgegeben, ist Europa
in neue Krisen verwickelt. Wohl gab es einen Mittelweg: trotz der
Pforte und trotz des Pascha im Interesse der christlichen Bevlkerung
zu handeln. Aber, wie die Protektion der Pforte schon dem Princip
nach den christlichen Interessen im Orient zuwiderluft, so wei man
auch in dieser Beziehung nur zu zgern. Der Mangel an leitenden Ideen
ist so gro, da die Staatsmnner sie in den wichtigsten Dingen von
der ffentlichen Meinung erwarten; erst wenn diese sich unabweislich
geltend macht, wird gehandelt. Die Pentarchie besitzt die oberleitende
Gewalt: statt sie zu handhaben, lt sie sich von den Ereignissen
so lange leiten, bis der hchste Punkt erreicht, der dringendste
Augenblick gekommen ist; dann endlich wird geschlichtet, doch nicht
um die Sache selbst zu schlichten, sondern sie vorlufig wenigstens
so zu wenden, da keine der fnf Mchte sich beleidigt fhlt. Ein
Tribunal der Vlker will sie bilden, das ber die Zwiste der Nationen
entscheidet; und mit der richterlichen Vollmacht verbindet sie die
ausbende, um berall den gefllten Spruch in Kraft zu bringen.
Nur schade, da ihr hiezu gerade die zwei Dinge fehlen, worin die
Befhigung lge: die Einheit sowohl als die geistigen und sittlichen
Regeln, nach denen Recht gesprochen werden soll. Ohne das, wie mag
sie zu Gerichte sitzen? Wie anders, als zum Verderben der Vlker?
In der That, ihre Wirksamkeit sollte darauf beschrnkt sein, sich
selbst in Ordnung zu halten; denn trotz unablssiger Bemhungen,
vermag sie selbst dieses nicht. Die innern Blen, die zu verdecken
sie sechsundzwanzig Jahre vergebens gerungen hat, treten offener als
jemals in diesem Augenblicke zur Schau. Und gleichwohl hrt man
nicht auf, als Vollendung politischer Weisheit eine Diplomatie zu
rhmen, deren hchste Kunst in gelungenen Ausflchten, in vertagenden
Maaregeln besteht.

Doch, warum die menschlichen Schwchen anklagen, wo ein hheres
Schicksal schwer und ungeheuer auf den Vlkern lastet, vor dem die
Weisheit der Regierenden so flchtig zerrinnt, als die Einfalt der
Thrichten? Groe Dinge bereiten sich vor an allen Enden der Erde: das
semitische, das indische, persische und stliche Asien wird nher und
nher in den europischen Kreis gezogen, um von daher sich frische
Kraft zu erholen: Afrika fngt an, sich uns zu erschlieen; und wie im
Osten eine erstorbene, im Sden eine todte Welt, so harrt im Westen,
ber dem Ocean, eine jugendliche, kaum geborene der erziehenden Hand,
um aus der kindlichen Regellosigkeit, worin sie sich verloren hat, zur
Ordnung und Freiheit zu gedeihen. Das alles ist dem kleinen Erdtheil
vorbehalten, den die Vorsehung bestimmt hat, an der Spitze der Vlker
zu stehen: und eben dieser Erdtheil ist von innern Uebeln ohne Zahl,
von tdtlichen Wunden zerrissen. Die vor allem mssen geheilt sein --
oder seine Herrschaft gereicht wie bisher so oft, nur zum Fluch und
Unsegen der Vlker, statt zu ihrem Wohl und Frieden.

Es ist ein groer Gedanke, der dem pentarchischen System zu Grund
liegt. Aus den edelsten Vlkern, und den vollendetsten Staaten soll
eine Macht sich heranbilden, die als hchstes Forum mit Gerechtigkeit
und Kraft die Weltangelegenheiten schlichtet. Es ist ein schner,
herrlicher Traum, jene Einheit des Menschengeschlechtes, nach der die
edelsten Mnner sich von Altersher gesehnt haben, jener ungetrbte
Friede, dem in unsern Tagen die Menschheit entgegenzugehen scheint:
und vielleicht mehr als Traum. Das alles vermag die Pentarchie nicht
zu geben; sie ist das knstlich gesttzte, morsche Gebude, an das
die tiefsten Wnsche der Zeitgenossen sich anranken, und nur eben
dadurch vor dem Umsturz bewahrt. Aber so weit Harmonie und Friede in
der menschlichen Natur berhaupt liegt, so weit jedes Gemeinwesen
sie in sich entwickeln kann; so weit kann die ganze Menschheit ihr
Ideal erreichen, sobald Europa selbst zu innerer Einheit gelangt sein
wird[32]. Dieses geschieht, wenn die Fragen gelst sein werden, von
denen die Welt in ihren tiefsten Tiefen bewegt wird, wenn inmitten
slavischer und romanischer Tendenzen ein germanischer Bund die hchste
Gewalt bernimmt, wenn ein Volk an die Spitze des Bundes tritt, welches
nach groen, leitenden Ideen die Politik von Europa regelt und eine
Macht aufrichtet, die unantastbar ist und unvergnglich[33], weil das
geistige und sittliche Princip es ist, worauf sie beruht.

Seit Jahrhunderten kennt die europische Geschichte keine andere
Staatskunst, als die Knste des Trugs, der Hinterlist und der
Selbstsucht; keine Vertrge, als die, so fr den Vortheil des
Augenblicks ohne Bedenken geschlossen sind, um eben so gewissenlos
gebrochen zu werden, keine Allianzen, als vergngliche, haltlose und
denen das tiefere Bewutsein fehlt, keine Kolonisation, als die auf
Barbarei und Vertilgung der menschlichen Raen gegrndete. Wie wrde
es sein, wenn aus dem Schutt so gehufter Verbrechen eine neue Politik
sich erhbe, mannhaft, offen und edel, ein Abglanz der hhern Weisheit,
deren Absichten sie zu erkennen und zu vollstrecken strebte, geheiligt
durch die sittliche Wrde, von welcher Thoren und Elende sagen, sie
sei unvereinbar mit weltlichen Dingen, voll Strke und Wahrheit, voll
Kraft und Gerechtigkeit! So viel ist gewi; die alte Politik geht
ihrem Untergange entgegen; was bis jetzt gedauert, schlgt keine Wurzel
mehr hinber in knftige Jahrhunderte. Denn wie jedwede Kunst, wenn
sie zur Knstelei geworden, zurckgehen mu auf die Natur, in welcher
allein ursprngliches und wahrhaftiges Leben liegt: so wird auch die
Politik, eben weil sie die hchste Spitze der Unnatur erreicht hat, zu
den ewigen Quellen des Rechts und der Wahrheit hinabsteigen, um das zu
werden, wozu sie berufen ist: #die Erzieherin des Menschengeschlechts#.




Kapitel XIII.

Deutschland.


Wir haben Europa durchwandert und stehen jetzt still. Was sich aus der
Betrachtung ergeben hat, ist in Kurzem folgendes:

In allen Lndern Europa's, und zumeist in den zivilisirtesten, ringt
das Bewutsein und der Glaube der Vlker, ringt der Instinkt und der
Wille der Staaten nach neuen Haltpunkten. Solche zu schaffen sind die
Einen zu erschpft, die Andern zu jung und zu unreif, die Dritten von
zu einseitiger Kraft. Deutschland allein ist durch Natur und Gegenwart
befhigt, ein Princip zu erzeugen von europischer Wirkung.

Ganz Europa strebt nach einer festen Organisation seiner Glieder, und
findet sie nur in natrlicher Ueber- und Unterordnung. Deutschland
allein kann diese Organisation dem Welttheile geben, weil nur eine
germanisch-deutsche Hegemonie jenes wahre Gleichgewicht bestehen, ja
erst entstehen lt, dem jede andere, sei es englische, franzsische
oder russische zuwiderluft, weil nur #sie# in den natrlichen Grenzen
bleiben kann, aus welchen jede andere, um zu herrschen, heraustreten
mu.

Es ist also nun von dem Volke die Rede, welches Holland, Belgien und
die Schweiz in erster Linie, Skandinavien in zweiter, England in
dritter Linie sich verbnden, welches den Polen und Ungarn ihre wahre
Bedeutung verleihen, die Russen ihrer falschen entkleiden, welches
Frankreich und Spanien neu beleben, Italiens Zukunft bestimmen, die
griechisch slavische Halbinsel organisiren, die Schicksale des Orients
leiten und die fortschreitende Okkupation des Erdkreises berwachen
soll: eine Nation, deren Einwirkung hie und da geahnt, selten
gefrchtet, nirgend begehrt wird, deren Gegenwart allen Hoffnungen
solcher Art Hohn zu sprechen scheint, deren Zukunft den Vlkern
verschlossen und von ihr selbst nur wenig begriffen ist.

Denn in Deutschland selbst findet die Idee, die hier gepredigt wird,
ihre ersten Gegner. Zaghafte Verkennung der eigenen Natur, eingerostete
Schwche, hergebrachte Faulheit, zuweilen auch Billigkeit und Gefhl
des Rechtes, mit dem nach bisherigen Erfahrungen jede Superioritt
unvereinbar sei. -- Alles das erhebt sich schreiend gegen den Gedanken
einer deutschen Hegemonie. Wie, sagt man, in einem Augenblick,
wo Deutschland seit Jahren zum ersten Male erwacht, nach innerer
Vervollkommnung ringt, wo es den Willen gefunden hat sich selbst zu
leben, und schdlichen Auenzwecken zu entsagen, in diesem Augenblick
werden die erloschenen Ideen des Mittelalters aus dem Staube der
Jahrhunderte hervorgezogen, mit halb Europa soll der Kampf beginnen,
Glck, Friede und Wohlstand einem Trugbilde geopfert werden, dessen
Verwirklichung, wre sie mglich, uns zuletzt nur elend machen wrde.
Wenn auch der Gedanke selbst zu sehr in der Luft schwebt, um je fr
seine Ausfhrung Bangen zu erwecken, so verdient doch schon, ihn nur
gehegt zu haben, den herbsten Tadel, denn nicht die Ueberspannung der
Krfte, sondern ihr richtiger Gebrauch ist es, was dem deutschen Volke
noththut.

Darauf gibt es nur eine Antwort: Nicht nach auen zu gehen, Eroberungen
nachzujagen, drauen die Gre zu suchen, die daheim nicht ist,
nicht dazu habe ich die Deutschen ermahnt. Das aber habe ich gesagt:
wenn Deutschland #in sich und aus sich# alle die Krfte entwickelt,
die ihm Gott gegeben hat, wenn es #sich selbst# zu der Stufe der
Vollkommenheit gefhrt haben wird, die es erreichen will -- dann ist es
im Nu, und eben dadurch zugleich die erste Macht in Europa. So innig,
wollte ich zeigen, ist der Zusammenhang Deutschlands mit Europa, so
allumfassend sein Einflu, da es sich selbst nicht verndern kann,
ohne ganz Europa zu verndern. Trachtet nach dem Einen, habe ich
gesagt, und #alles andere wird Euch von selbst zufallen#.

Seid einig, wollte ich sagen -- und zwei Gromchte werden von eurem
Willen beseelt und es wird nur #eine# Macht sein mit zwei Armen.
Seid einig -- und Holland wird euch den alten Starrgeist opfern, und
was deutscher Natur ist, in Belgien und der Schweiz, wird sich mit
oder ohne Verlangen nach dem neuen Lichte kehren. Seid einig -- und
Skandinavien wird euere Hand ergreifen. Seid einig -- und England
wird euer Bndni suchen in der ersten Zeit der Gefahr. Seid einig
-- und Ruland wird zittern, und Polen wird hoffen. Seid einig --
und Oestreich auf die doppelte Grundlage von Deutschland und Ungarn
gesttzt, wird euern Willen zum Gesetz erheben in der Frage der
Orients. Seid einig -- und Italien begehrt von Euch seine Zukunft; ja
durch Eure Einigkeit zwingt ihr Portugal, Spanien und Frankreich einig
zu sein. Seid nur ihr selbst -- und ihr seid das erste Volk der Erde.

Soll ich den Zweiflern erst zeigen, welche Vorbedingungen der Gre,
uere und innere, materielle und geistige, Deutschland in sich
trgt? Ein Blick auf die Karte sagt mehr, als es mit Worten geschehen
kann. Sind wir nicht in der Mitte des Welttheils gesetzt, als dessen
natrliche Mediatoren? Sind wir nicht das einzige Land Europa's, das
mit seinen vier Enden, wie ein Riese hingestreckt, alle Vlkerfamilien
zugleich berhrt? Liegt nicht Polen und Ungarn uns zur Seite und ist
nicht Italien wie ein anderer Zweig aus derselbigen Wurzel mit uns
verkettet? Zieht sich nicht Eine Linie deutscher Pflanzungen von
Preuen bis nach Finnland hinauf? Ist nicht der Rhein ein deutscher
Strom, und ist nicht durch unsere Verbrderung mit Ungarn auch
die Donau? und wenn's die Strme sind, warum sollen nicht auch die
Mndungen unser sein? Liegt nicht die Nord- und die Ostsee, das
adriatische und das schwarze Meer in unserm Bereich? Und ist nicht
der Welthandel auf Deutschland als eine seiner ersten Straen mit
Nothwendigkeit gewiesen?

Das sagt uns die Karte, -- und wenn wir weiter schauen, welch' eine
Flle von Macht liegt nicht in dem einzigen Worte #Zollverein#! Der
Zollverein, wenn er erst die smmtlichen Staaten umfat, kann den
Hollndern, Belgiern und Schweizern Gesetze geben, kann Dnemark,
Schweden und Norwegen an seine Spuren fesseln, kann England zwingen
mit uns, statt gegen uns zu gehen. Es ist nicht genug, da er uns
erlse vom hollndischen und englischen Joch, da er unsern Handel,
unsre Industrie so gro und frei mache, wie vor Zeiten und die
gesunkene Achtung des deutschen Namens in fhlbarer Weise den Nationen
wieder einprge: noch hher ist seine Bestimmung, er soll mit den
reichen Mitteln, die ihm zu Gebote stehen, #jenes germanische Bndni
herauffhren#, worauf unsere politische Zukunft beruht.

Und auch der Schpfer einer Seemacht kann er uns werden, und mu er uns
werden. Denn den Handel, den er geschaffen hat, wird die Nothwendigkeit
selbst ihn lehren zu schtzen. Sie wird ihm zeigen, da es kein freies
Verhltni, kein selbststndiges Bndni mit England gibt, #ohne die
gleiche Waffe#, da ein vorwiegend kontinentaler Staat, wie Deutschland
es ist, einer Seemacht so wenig entrathen kann, als ein Seestaat, wie
England es ist, der Landmacht es kann. Wenn die Franzosen, bei ihrem
geringen nautischen Talent, zur See gro geworden sind, wie vielmehr
wir Deutsche, denen das Geschick in so hohem Mae angeboren ist. Was
uns bisher gehindert, war weder Unlust noch Armuth an Mitteln; es war
die Zersplitterung, und da die greren Staaten, die auch einzeln zur
See wohl Einiges vermocht htten (wie Preuen) in unverhltnimiger
Militrmacht sich erschpfen muten. Jedes Volk, dem die Natur eine
lange Kstenstrecke und dazu Talent fr Handel und Seefahrt verliehen
hat, kann sofort ohne Anstrengung ein #seemchtiges# werden, ja die
Rmer sind es allein auf die erstere Bedingung hin geworden. Es ist
lcherlich zu sagen, eine doppelte Streitkraft berschreite unser
Knnen, und zersplittere die Macht, die in Einem Feld sich ungetheilt
entfalten knne. So lange dies nicht bewiesen ist, glauben wir billig
dem Gegentheil, das die Geschichte gelehrt hat, das unsere Natur
uns versichert[34]. Gerade eine Seemacht wird, weil sie nur von
Deutschland, nicht von Oestreich, Preuen und Hannover ausgehen kann,
eine Einheit nach Auen begrnden, von der jetzt noch kaum die Ahnung
vorhanden ist.

Alles dieses, sagt man weiter, bestehe nicht ohne #Kolonieen#, welche
zu erwerben in der jetzigen Lage der Dinge unntz und schwierig, ja
fast unmglich sei. Vielleicht htten wir bereits eine Anzahl von
Kolonieen, die in ihrer Art gengend sein wrden, #wenn seit einem
Jahrhundert nur die deutsche Auswanderung berwacht, geleitet und auf
gewisse Punkte koncentrirt worden wre#. Da dieses knftig geschehe,
ist eine der dringenden Anforderungen, unabweislich geboten durch
die Menschlichkeit, welche fr die, die das Vaterland verlassen, ein
neues bereiten, durch die Klugheit, welche daheim der Uebervlkerung
steuern soll, ohne den Volkscharakter drauen Preis zu geben,
endlich durch die Politik, welche den deutschen Namen auch auerhalb
Europa's zu beschtzen und gro zu machen hat. Es ist wahr, fr eine
gewisse Hhe der Macht sind Kolonieen unentbehrlich. Ohne die Lasten
des Mutterlandes zu tragen, knnen wir durch die Auswanderung ihre
Vortheile uns schaffen. Wenn die Deutschen in Amerika und Australien
auf bestimmte Gebiete, und zu so kompakten Massen vereinigt werden,
da die Sprache in ihrer Reinheit und die Nationalitt in ihrem Wesen
unversehrt bleibt, so werden im Laufe der Zeit deutsche Tchterstaaten
heranwachsen, welche, obwohl unabhngig, und auerhalb des nominellen
Verbandes, doch dem Mutterstaate durch die natrliche Freundschaft des
Blutes so viel, und noch mehr ersetzen knnen, als ihm militrische
Stationen in den wichtigsten Theilen der neuen Welt, und im Sden von
Asien gewhrt haben wrden. Eine mchtige Grundlage, um Groes darauf
zu bauen, ist in den nordamerikanischen Freistaaten bereits gelegt.
Das allein thut unumgnglich Noth, da von Deutschland aus Alles nach
einem umfassenden Plane einheitlich geleitet werde. Alsdann sind wir im
Stande Kolonieen zu haben, -- und wir werden sie haben.

Nehmet dazu eine #deutsche Heerverfassung#, wie sie nach dem Muster
der preuischen in den brigen Staaten eingefhrt werden kann, #eine
Volksbewaffnung, in der die Pflicht der Waffen Allen und Jeden
gemeinsam# ist (die einzige die dem deutschen Naturell entspricht[35],)
und die materiellen Bedingungen der Gre sind gegeben. Dem Westen
gleich an kommercieller Bedeutung, dem Osten an militrischer Strke,
sind wir beiden vereinigt gewachsen, weil wir beider Strke in einem
Mae vereinigen, wie kein anderes Volk in Europa.

Ueber dem allem hat uns die Vorsehung mit einer Natur begabt, welche,
obwohl verdunkelt und verhllt im Laufe widriger Zeiten, dennoch bis
auf diesen Tag eine Kraft in sich birgt, die weder an Art noch an
Umfang in der heutigen Welt einen Nebenbuhler zu scheuen hat. Wollte
Gott, ich knnte sie schildern, diese Natur, schildern wie sie ist in
den innersten Tiefen, und den Schleier hinwegheben, dessen trbe Hlle
sie den Augen der Deutschen selbst verdeckt. Aus dem finstern Umhange
von tausend entstellenden Fehlern wrde rein und klar ein wunderbares
Bild herauftauchen. Denn jetzt zwar liegen die schwachen Seiten der
Welt vor Augen, und jene Art von Tugenden, die sich nach dem gegebenen
Fall nur zu leicht in Fehler wandeln, aber den Kern der Natur, den
sieht sie nicht, fat sie nicht und ahnt sie nicht. Noch ist deutsche
Treue und Ehrlichkeit gepriesen, und soll es, so Gott will, immerdar
bleiben; doch die, die sie zum Theil spottend preisen, wissen nicht,
da in den geduldigen Gemthern eine Strke und Ausdauer wurzelt, die
am Ende aus dem schlammigsten Grunde ihre Blthen treibt. Man bewundert
wohl den deutschen Geist und das deutsche Wissen, erstaunt ber die
Tiefe der Gedanken und den unermdlichen Flei, der alle Zeiten und
Vlker an sich zieht; aber welch erschtternder Thatkraft die denkende
Innerlichkeit, welch allumfassender Wirkung das hingebende Verstndni
fhig sei, das ahnen sie nicht.

Ja wir drfen es offen uns selber sagen: die deutsche Individualitt,
so sehr sie in einzelnen Stcken von den brigen Vlkern erreicht und
bertroffen wird, berragt, als Ganzes betrachtet, sie alle. Es gibt
nur zwei Nationen in Europa, die mit der deutschen sich zu messen
vermgen: die englische und franzsische, denn die andern smmtlich
sind trotz eigenthmlicher Vorzge niedriger gestellt. Mehr Witz,
Feinheit des Geistes und logische Leichtigkeit alles das was _Esprit_
heit, haben die Franzosen; nichts destoweniger ist an Strke, Umfang
und Tiefe der deutsche Geist dem franzsischen hoch berlegen[36].
Die Englnder haben, was man gewhnlich Charakter nennt, in hherem
Grade, aber das englische Gemth ist hrter, egoistischer, unreiner
als das deutsche, und die reelle Thatkraft der Englnder wird von
unserer idealen aufgewogen. Ja wre selbst der franzsische Geist dem
deutschen und der englische Charakter dem deutschen Charakter gleich
oder berlegen: -- immer noch wrde das deutsche Volk einzig, wrde es
das grte bleiben durch das ihm eigene Gleichgewicht beider Elemente,
durch jene seltene Harmonie von Geist und Gemth, wie sie, die Rmer
ausgenommen, bei keinem Volk der Weltgeschichte erschienen ist. Diese
Harmonie ist so gro, da uns beinahe keine Eigenschaft zugemessen
werden kann, die nicht den Geist und Charakter zugleich trfe. Die
Tiefe, Piett, die Strke, das Langsame, Bedchtige, Durchdringende,
die Allseitigkeit und Schmiegsamkeit -- alles das, und noch mehr, ist
beiden eigen. Daher ist unsere Natur eine ganze, vollendete, aus Einem
Stck gegossene; daher jene wunderbare, Andern unerklrliche Mischung
von philosophischer Strenge und religisem Glauben, spekulativer
Khnheit und kirchlicher Frmmigkeit. Es ist unser Grestes, und
was noch niemals in diesem Mae vorhanden gewesen, da unser Denken
keine Grnze kennt, unser Zweifel, wo es Wahrheit gilt keine Schranke,
wre sie noch so heilig geglaubt, -- und wir doch bleiben wie die
Kinder gottesfrchtig und fromm; da unser Glaube so malos ist in
der Hingebung, so ngstlich in der Demuth, -- und dennoch so trotzig
den Himmel bestrmt in der Stunde der Noth und mit so freier Kraft
den hchsten Willen bezwingt. Ja auch wir Deutsche haben einen Muth,
-- es ist nicht der sinnliche Muth der Ehre, nicht die Begierde nach
Ruhm, es ist auch nicht die schnelle Entschlossenheit, der praktische
Trieb des vollen Lebens -- es ist der Muth einer hhern Begeisterung,
entzndbar nur fr die heiligen Gter des Lebens, fr die Wahrheit
und das Recht, fr das geistige und nationale Dasein, unberwindlich
und siegreich, so lange er mit Gott geht, dem aber kraftlos das
Schwert entsinkt, so wie er sich von Gott verlassen, oder nur in losem
Zusammenhange steht mit hheren Zwecken. Und wie mit dem Muthe, so
ist's mit allem Thun und Lassen des Deutschen. Allberall will er eine
hhere Beziehung; wo diese fehlt, ist er lssig, uneinig, trge und
elend, wo sie ist, krftig, energisch und gro auch in den kleinsten
Dingen. Dehalb, weil wir gewohnt sind, alles Beschrnkte zu heiligen
durch hhere Bande, sind wir geborne Weltbrger, gehen hinaus ber den
Kreis des Vaterlandes und suchen die Menschheit, ringen unaufhrlich
zwischen Patriotismus und Kosmopolitismus umher. Und glaubet nicht,
da dieser Zug zum Allgemeinen, eines der strksten Merkmale des
deutschen Naturells, sich jemals verlieren, oder durch ein einseitiges
Bestreben vernichtet werden knne. Das, was einmal unzerstrlich in
der Natur liegt, wre vergebens ausreien zu wollen: wohl aber soll
unsere Sorge sein, ihm die rechte Richtung, den wahren Gehalt zu geben.
Wir lieben unser Vaterland, aber wir lieben auch die Menschheit; den
selbstischen Trieb wodurch der Mensch dem Stamme zugethan ist, der ihn
erzeugt hat, wollen wir verklrt wissen durch allumfassende Liebe.
#Je mehr daher an dem Vaterlande selbst das Schicksal der Menschheit
hngt, desto heier, je weniger, desto schwcher lieben wir's.# Ja es
ist bitter zu sagen, und doch ist's geschehen und wird ewig geschehen,
sobald eine andere Nation uns vom Willen der Menschheit und vom Wehen
des Weltgeistes beseelter erscheint als wir, -- sobald auch verlassen
wir uns selbst, und eilen ihr zu. So haben wir den Franzosen gethan,
-- nicht dem kleinen beschrnkten, franzsischen Volk, sondern dem
Geiste der Menschheit, den wir in ihrer Philosophie, in ihrer Freiheit
zu finden vermeinten. Darum ist der Deutsche unendlich gro entweder,
oder unendlich klein; und sein Vaterland, obwohl er sich so treu, wie
die andern alle dafr zu opfern wei, wird ihm dann nur Alles sein,
wenn er in ihm die Menschheit zugleich lieben, wenn er es als Centrum
der Menschheit betrachten darf[37]. O tadelt ihn nicht, diesen groen
herrlichen Zug, dies einzige Geschenk, das der Hchste uns allein
unter allen Vlkern der Geschichte und fr alle verliehen hat[38].
Denn obwohl wir schon Jahrhunderte lang sein Opfer gewesen, #so ist es
doch, einmal erkannt, nur der Stachel, uns zum Hchsten zu treiben,
nur der ewige Mahner, der uns gebietet, entweder hin oder her zu
schwanken# zwischen dem Vaterlande, das uns theuer, und der Menschheit
die uns theuer -- #oder selbst die Erstlinge der Menschheit, zu sein,
und den Geist der Geschichte mit unserm Geiste zu verschmelzen, damit
wir uns selbst im Ganzen, und das Ganze in uns umfassen mgen#. Darum
aber, wenn das Letztere geschieht -- wo ist eine Kraft, die sich
dieser vergleichen liee, wo eine Gewalt, die nicht vor dem Hauche der
dreifach gegrteten Liebe, der Vaterlands-, der Menschheits- und der
Gottesliebe in den Staub snke?

Wenn so die deutsche Natur im Allgemeinen den Stempel der geistigen
Oberhoheit trgt: so ist sie berdie im Einzelnen mit einer Flle
von Talenten gesegnet, wie sie in solcher Vereinigung keine
Nation besitzt. Politische und militrische, philosophische und
wissenschaftliche, poetische und knstlerische, musikalische und
sprachliche, industrielle und nautische, merkantile und technische
Gaben -- alles das ist uns so reichlich zugetheilt, da wir es in
den einzelnen Stcken jedem Volke gleich, in einigen zuvor thun.
Politische Gaben habe ich zuvrderst gesagt, und das mit Absicht, weil
dem grten und wichtigsten Talente der erste Platz gebhrt. Es ist
nicht von den diplomatischen Knsten, von dem Spiele der Intriguen die
Rede, welche Franzosen und Italiener in Europa gelehrt, (obwohl wir
leider auch hier unsere Meister gehabt) noch auch von der Habsucht
oder der Gewalt, welche leichtlich zum Ziele kommt, weil sie kein
Mittel scheut: ich meine die Politik als die hehrste aller Knste.
Wenn das ausgesprochenste Talent zu organisiren und zu verwalten, die
ausgebreitetste Uebersicht, die grte Allseitigkeit, die angeborne
Leichtigkeit, sich in alle auswrtigen Verhltnisse und Charaktere zu
finden, der hchste geschichtliche Sinn, und die reichsten Flle der
leitenden Gedanken (noch abgesehen von den moralischen Bedingungen) zur
Politik befhigt; dann gewi ist kein Volk Europa's dazu in dem Grade
befhigt als das deutsche.

Zu all diesen Eigenschaften gesellt sich noch eine schon oben berhrte:
das gehaltene Maa von intentionellem Reize, das unsern Krften
beigegeben ist. Unser Wille berschreitet niemals unsere Kraft; ja
vielleicht ist er zu trge fr sie. Das hat uns Manches gekostet,
darin liegt zum Theil das Phlegma, womit gemeinhin der Deutsche
charakterisirt wird, darin, da wir nur durch innere Vorgnge getrieben
werden knnen zu handeln, Groes zu thun, die Kraft zu brauchen,
nicht durch uern Anreiz; und Thoren mgen die Lebhaftigkeit der
franzsischen Intention bewundern, wenn sie bestndig hinausgeht ber
die innere Kraft und bestndig wieder zurcksinkt; #uns# ist jene
Eigenschaft der Brge des deutschen Berufs in Europa, der Brge der
Hegemonie. Darin gerade, da Deutschland niemals die Grnzen seiner
Sendung berspringen, niemals erobern und umwlzen, niemals in
frevelhaften Versuchen die Welt erschttern wird, darum findet Europa
den Frieden, die Erde den Segen. Ja die Deutschen selbst wrden, auch
im Besitze der hchsten Macht, sich nicht als regierende Gewalthaber,
nur als die ersten Diener einer hhern Ordnung, als die Priester
eines gttlichen Reiches wrden sie sich betrachten. Konservativ sind
sie, und sollen sie sein im hchsten Sinne des Worts, kein heiliges
Verhltni soll von ihnen betastet, keine Grnzen der Natur verrckt
werden. Im Gegensatz zur Diktatur, welche Rom einstmals gebt hat,
ist Deutschland zum #konstitutionellen Knigthum# in dem groen
Gemeinwesen bestimmt, das Europa heit. Gleich der frstlichen Macht
im wohlgeordneten Staat, soll das knigliche Volk, als die Spitze des
germanischen Adels, in Eintracht mit den andern Gewalten die oberste
Leitung fhren, die bindende Einheit wahren, den aristokratischen
Druck der Einen, die demokratische Unruhe der Andern ermigen, den
Mittelstand beschtzen, den Pbel erziehen, ohne doch die Freiheit
Aller zu beschrnken.

So ist Deutschland das gesegnetste Land Europas, wuchernd von innern
und uern Schtzen, der Mittelpunkt der civilisirten Erde; das
deutsche Volk, das geistigste, edelste, in allen Theilen gleich
gebildetste, talentvollste Volk in Europa, ausgestattet mit kniglichen
Gaben, #das gottbegnadigtste, das die Geschichte kennt#.

Und dieses Land ist der Spielball der Nationen, dieses Volk ohne Leben
und Wrde -- ja beide, Deutschland und das deutsche Volk, sind in einem
gewissen hchst wichtigen, im offensiv-politischen Sinne #gar nicht
vorhanden in Europa#.

Wre dies nicht Thatsache, tglich fhlbare Thatsache -- der Verstand
des Verstndigsten knnte daran zerscheitern. Und er wrde es, bliebe
nicht eben der Trost, da die Deutschen nur sehr klein oder sehr gro
zu sein verstehen. Ich habe gezeigt, was Deutschland #sein kann#, und
sollte nun zeigen, was es #ist#. Man erlasse mir den Beweis unserer
Nichtigkeit zu fhren, den Abstand zu schildern. Sagt mir nichts von
Oestreich und Preuen! Wenn sie Deutschland in Wahrheit vertreten,
warum herrscht doch die russische Gewalt, warum der englische Egoismus
in Europa, warum brstet sich franzsische Anmaung? Wenn sie in
auer-deutschem, in eignem Geiste handeln, wie gehren sie hierher?
Was jetzt vorhanden ist von Deutschland gleicht einer unsichtbaren
Kirche, vielleicht wirksam hin und wieder, aber unfhig sich lebendig
zu bethtigen und zum krftigen Krper zu gestalten. In dem einzigen
Worte Ohnmacht, Ohnmacht nach Innen, Ohnmacht nach Auen, kann sich
das deutsche Volk bespiegeln, wie es leibt und lebt. Das ganze Haupt
ist krank, das ganze Herz ist matt.

Wo das Uebel im Ganzen so tief liegt, da fruchtet's weniger die
einzelnen Mngel zu beleuchten; nicht als wre das nicht nothwendig
oder der Mhe werth, sondern weil die Beleuchtung hier nimmermehr
wirkt, was sie anderswo wirkt; weil es zahllose Dinge gibt, worein die
Nation von oben bis unten die klarste Einsicht hat, deren Abschaffung
dem simpelsten Verstande sich aufdrngt, und welche dennoch fortwuchern
trotz dem ausgesprochendsten Willen der ffentlichen Stimme. Die Jahre
zu berechnen, welche auf dem herkmmlichen Wege hingehen werden, ehe
der Zollverein Hannover und Meklenburg bezwingt, die Jahrzehnten ehe
er das Meer und ganz Deutschland umfat, ehe er auch dann noch ohne
kleinliche Rcksichten und mit Kraft zu handeln beginnt, ehe unsere
Strme von Zllen und ihre Mndungen von Lasten entledigt sind, unsere
Auswanderung berwacht und organisirt ist, ehe wir gleiche, ffentliche
Gerichtsverfassung, ehe wir gleiche, volksthmliche Wehrverfassung
haben; die Jahrhunderte endlich, ehe die auerordentlichen Zeitlufte
vorber sind, in Anbetracht derer die Presse belastet worden ist --
alles das zu berechnen wre thricht. Denn da die Nation ber die
meisten ihrer Gebrechen, wenigstens der uern, nur Eine Meinung hat
seit Jahren, und dennoch unfhig ist, diese Meinung geltend zu machen,
so fehlt ihr wohl weiter nichts als die Kraft. Der #Stader-Zoll#
allein, ganz allein wre hinreichend, den andern Nationen die tiefste
Verachtung gegen unsere Erbrmlichkeit einzuflen.

Wenden wir uns hinweg von dem traurigen Anblick und betrachten die
Aussicht, die die Zukunft uns bietet. Lat uns sehen, welche Art von
Entwicklung die innern Zustnde Deutschlands versprechen.

Es gibt in den deutschen Staaten zwei Systeme, die sich schroff
gegenber stehen: das monarchisch-konstitutionelle und das
monarchisch-absolute. Die Geschichte sagt uns, da das erste, obwohl
in der heutigen Gestalt kein deutsches Erzeugni, der deutschen
Natur mehr angemessen sei. Die Rechte der Freien an der Staatsgewalt
sind so alt als das deutsche Volk, und die stndische Verfassung
des Mittelalters hat nicht nur Gesetzgebung- und Besteurungs-, sie
hat Regierungsrechte und das Recht des bewaffneten Widerstandes
gebt, whrend die neuen Konstitutionen der Krone eine wahrhaftige
Souvernett gegeben haben. Diejenigen also, welche nicht mde
werden uns zu sagen, es liege darin ein Grund von Freiheit, der dem
Charakter des deutschen Volks widerspreche, verdienen mit Verachtung
abgewiesen zu werden. Ganz anders die kleinere Zahl von ehrenwerthen
Mnnern, denen die konstitutionelle Verfassung widrig erscheint,
weil sie vom Ausland her ohne tiefere Begrndung auf deutschen Boden
verpflanzt worden, und weil die deutschen Kammern, trotz den edlen
Bestrebungen, die sich vielfltig geoffenbart, trotz so mancher
Verhandlungen, die an Gediegenheit, Muth und Kenntnissen allen andern
gleich zu achten sind, dennoch im Ganzen und Groen die Sache des
Vaterlandes, das Wohl und die Freiheit von Deutschland nur wenig
gefrdert haben. Sie haben Recht[39], aber Unrecht wrden sie haben,
zu verkennen, da die Gebrechen des konstitutionellen Systems uns nicht
berechtigen, das absolute zu preisen. #Jenes# ist aus einer Mischung
des romanisch-liberalen Princips mit der germanischen Freiheit, aus
der #Zusammensetzung franzsischer und englischer Bestandtheile#
hervorgegangen, #dieses aus der bureaukratisch-militrischen
Monarchie#, welche von #Richelieu und Mazarin gegrndet, von
LudwigXIV. vollendet#, nach dem dreiigjhrigen Kriege um sich
gegriffen hat, und freilich wohl durch die Verfallenheit des alten
stndischen Staats vorbereitet gewesen ist. Beide also theilen den
romanischen Ursprung, das letztere noch in hherem Grade, und wenn
das eine uns in eine geistige Verbindung mit Frankreich setzt, welche
ihr Uebles hat, so bringt uns das andere in eine Abhngigkeit von
Ruland, welche dreifach von Uebel ist. Genug: welches von beiden das
deutschere, und daher unser wrdigere sei, darber kann kein Zweifel
sein.

Aber eben so wenig darber: welches von beiden in der Gegenwart
das Uebergewicht behaupte. Die Gromchte, mit andern Worten, das
bureaukratische System, beherrscht den Bund. Es liegt in der Natur der
Dinge, da die zwei ersten Staaten von Deutschland die Richtung der
andern magebend bestimmen, da das konstitutionelle System von dem ihm
entgegengesetzten verhindert wird, seine Konsequenzen auszubilden.

In diesem Zustande, in so ungesundem Zwiespalt, kann Deutschland
nun und nimmer verharren. Entweder die stliche Hlfte mu ber die
westliche oder diese ber jene siegen. Da aber das undeutsche Element
zu kraftlos ist, um das deutschere zu besiegen, so bleibt nur der
letztere Fall. Und wie soll nun der Sieg errungen werden?

Woher soll Euch die ffentliche Meinung kommen, so stark, so
allmchtig, da sie #ganz# Deutschland ergreift von oben bis unten,
unwiderstehlich und doch friedlich und gesetzlich? Wo findet ihr die
geistige Macht, die solches vermag? Merket wohl: Eure Kraft ist nur
die verhltnimig grere, sie steht nur als deutschere der minder
deutschen, nicht als deutsche der undeutschen gegenber. Und da die
Gromchte Deutschlands Beschirmer nach auen, da sie die Horte der
Nationalehre sind, da es eure Pflicht ist, in der Stunde der Gefahr
vertrauungsvoll nur ihnen zu folgen -- so haben sie berdie ein
Gewicht, das Euch fehlt und ihre Schwche ersetzt.

#Wie also wollt ihr siegen, als nur durch ein neues, drittes deutsches
Element? Und woher es erhalten, wo nicht auf dem Wege des Geistes?#

Doch es sei. -- Setzet, das konstitutionelle System solle allenthalben,
wo es jetzt besteht, eine Wahrheit, es solle nirgends mehr der
Deckmantel der Willkhr oder das Spielwerk der Launen sein, es solle
ungehemmt seine Blthen und Frchte treiben; setzet, der Westen
von Deutschland berwnde, so gekrftigt, den Osten. Preuen habe
seine Stnde, Oestreich eine Charte, der Bund die umgekehrte Tendenz
gewonnen; setzet, das Unglaubliche, ja das Unmgliche -- und geht nun
mit mir noch einen Schritt weiter. --

Ihr seid einig geworden nach innen, der Zollverein umschlingt euch
nach auen, mehr und mehr erhebt sich eine deutsche Politik, immer
mchtiger wird das Nationalgefhl, immer lebendiger die Allmacht des
Bundes -- wie nun? Je hher die Einheit, desto grer die Opfer, die
das einzelne Glied dem Ganzen zu bringen hat: desto beschrnkter die
Souvernett der Staate: desto gebundener die Wirksamkeit der Kammern:
desto unmglicher die Wahrung der konstitutionellen Rechte. Das
unvermeidliche Resultat jeder Bundesverfassung ist Beschrnkung der
stndischen Steuerbewilligung in einem der wichtigsten Punkte, der
will sagen, Beschrnkung der Ausfhrbarkeit der guten Verfassung.[40]

Armes, armes Vaterland! Die Freiheit kannst du nur zum Schaden der
Einheit, die Einheit nur auf Kosten der Freiheit erringen. Jeder
Fortschritt nach auen ist fr dich ein Rckschritt nach innen, und
derselbe Weg, den du im Schwei des Angesichts zum Ziele der Vollendung
gehst, fhrt dich immer weiter von diesem Ziele hinweg.

Ja, der Staat berhaupt, wie er heute ist, widerspricht der Gestaltung
von Deutschland. Denn was in frheren Zeiten in ungeordneter
Freiheit lose zusammenhing, ist in der neuen zum festgeschlossenen
Ganzen geworden; in absoluten, wie in konstitutionellen Lndern bt
die Staatsidee ihre Gewalt, sie verlangt einheitliche Grundlagen,
Freiheit nach auen und unabhngige Entwickelung; zusammengesetzte
Monarchien bestehen eben so wenig vor ihr als zerrissene Vlker.
Einen Staatenbund, der in gemessenen Graden sich abstuft, so da in
der Spitze sich alles vereinigt und am Ende nur ein Wille das Ganze
beseelt, -- den mag sie noch gestatten, wo aber gleiche Berechtigung
herrscht, da untergrbt die Fderation sich selber. Je mehr die Staaten
sich bestreben wahrhaftig zu sein, was sie sind, desto loser wird
die Verbindung, je enger die letztere, desto unmglicher politische
und sociale Ausbildung. Das Ganze blht nur, wenn das Einzelne, das
Einzelne nur, wenn das Ganze welkt.

Und hier ist es, wo ein Abgrund vor den Blicken sich zu ffnen, wo
die Zukunft des Vaterlandes sich in ein undurchdringliches Dunkel zu
verhllen scheint. Wenn wir die frhere Geschichte betrachten, so
zeigt sie uns, da Deutschland nur in den Zeiten gro und mchtig
gewesen, da die Reichsgewalt in Eines Hand vereinigt lag, da die
hchste Blthe der germanischen Freiheit von jeher mit dem tiefsten
politischen Elend verschwistert war, und da die neuere Zeit eine
Entwicklung geschaffen hat, durch welche bereits aus den frhern
dreihundert Staaten eine kleinere Zahl von sechs und dreiig geworden;
da endlich dieser Zug, wenn er in gleichem Mae sich in den deutschen
Staaten forterhalten wrde, allmhlig sie alle in Eins verringern kann.
Die Einheit von Deutschland -- wer unter uns wnschte sie nicht, ja,
welcher ist von unsern Frsten, dem sie nicht als das hchste Ziel, als
das theuerste Gut erscheinen mte? Aber wie dazu gelangen?

Unter den Frsten, wie unter dem Volke sind Versuche gemacht worden.
Das erste deutsche Frstengeschlecht, das #Erzhaus#, hat zeitenweise
den Gedanken verfolgt, durch immer steigende Erweiterung seines
Einflusses die Deutschen zur Einheit zu fhren. Sehr thricht ist
es, wie viele gethan haben, die streichische Politik um eines
Gedanken willens, der so nahe lag, dessen Durchfhrung so groartig
und belohnend scheinen mte, zu tadeln. Aber die damaligen Zeiten
waren hiefr nicht reif, und wren sie gewesen -- so war die hhere
Gefahr vorhanden, da Deutschland in Oestreich sich verloren haben
wrde, whrend Oestreich in Deutschland sich htte verlieren sollen.
Es sollte nicht sein und eine weise Fgung hat es verhindert, welche
nicht wollte, da Groes und Herrliches mit Verletzung heiliger innerer
Rechte erzielt werde.

Seit der Konstituirung des Bundes hat Oestreich auf alle Plane
der Art, auch fr Sddeutschland (der Norden ist durch Preuen
gesperrt) verzichtet, und das mit Recht. Denn da die deutschen
Staaten Oestreichs nicht so geartet sind, da sie den innern Gang von
Deutschland vorbezeichnen knnten, vielmehr durch ihre Verbindung mit
der groen Monarchie darauf beschrnkt sind, den brigen nachzugehen
-- so wrde eine solche Politik nur verderblich wirken. Ganz anders
ist Preuen gestellt. Preuen kann vorangehn; es ist im Zollverein
bereits vorangegangen, und wre fhig, auch in der innern Politik
voranzugehn. Die deutsche Hegemonie liegt (wenn das letztere geschhe),
in seiner Hand. Allein gerade dieser geistige Einflu ist es, der
eine materielle Ausbreitung den Preuen so unmglich macht, als den
Oestreichern. Die hchste Idee der preuischen Politik kann lediglich
#die# sein, in Deutschland aufzugehn, nicht umgekehrt Deutschland
preuisch zu machen. Wre die nicht an sich schon klar genug: so
fhlt man doch, da jeder uere Versuch im letzten Grund an Oestreich
scheitern wrde, und thut wohl, nach diesem Gefhle zu handeln. So wird
eine Gromacht durch die andere, und alle brigen Staaten eben durch
die Gromchte gehindert, in Deutschland um sich zu greifen. Es ist
keine partiale Tendenz vorhanden, welche mchtig genug wre, das Ganze
zu berwltigen.

Auch Einzelne aus dem Volke haben den Gedanken gehegt, die deutsche
Einheit zu schaffen, aber der Weg, den sie einschlugen, konnte nur
ber Leichen gehen. Die Versuche, die seit 1815 in diesem Sinne
gemacht wurden, waren nicht nur unreif und kindisch, sie waren auch
naturwidrig, und die ganze Vorstellung, die ihnen zu Grunde lag,
beruhte auf einem tiefen Irrthum[41]. Ehe nicht die einzelnen Staaten
selbst so mchtig von dem Gemeingefhl durchdrungen sind, da die
partiale Tendenz in der allgemeinen aufgeht oder sich organisch
einfgt, ist keine Einheit gedenkbar. Eine uere Revolution, gesetzt
auch, sie wre mchtig genug, den bestehenden Zustand aufzuheben und
einen Staat zu schaffen, wrde unfhig sein, die Verschiedenheit der
Tendenzen aufzuheben. Das geeinigte Deutschland wrde sofort wieder
in hnliche Theile zerfallen. Die partialen Tendenzen, der alten Form
beraubt, worin sie gegossen waren, wrden sofort sich neue erschaffen.
Wir wrden unendlich verloren, Nichts gewonnen haben.

Wenn es sonach den einzelnen Staaten unmglich ist, sich selbst zum
Ganzen zu erweitern, dem Volke noch unmglicher, von unten herauf
die einzelnen Staaten ohne ihr Zuthun aufzuheben -- was bleibt uns
brig? Nur das eine, da beide Hand in Hand gehen. Wenn die Staaten
selbst ihren beschrnkten Trieb dem Allgemeinen in so steigendem Mae
unterordnen[42], da der erstere im letzteren verschwindet, und wenn
die Vlker durch ein festgeschlossenes einheitliches Bewutsein diesen
Proce beschleunigen und wo er nicht von selbst beginnt, ihn dem
Staate mittheilen; dann ist eine Einheit gedenkbar, welche, obwohl nur
innerlich, doch durch gesteigerte Wirksamkeit Deutschlands nach auen,
durch groe Ereignisse im Laufe der Zeiten, der politischen gleich
werden kann, indem sie die Energie des gewhnlichen Centralstaates
sich aneignet, ohne seine Fehler zu theilen[43]. Da aber von sechs
und dreiig Staaten nur die wenigern, d.h. die greren eine Seite
des deutschen Wesens (eine Staatsidee) darstellen: so ergibt sich als
natrlicher Gang, da die kleineren, je nach der innern Verwandtschaft,
mehr und mehr in die greren verwachsen, whrend letztere, indem jeder
in seiner Weise den besondern Ausdruck der Einen Gesammtheit bildet,
sich in Ecksteine des groen Ganzen verwandeln.

Wie wollt ihr nun einen so deutschen Sinn den Regierenden und den
Gehorchenden zugleich einflen? Wie den Einzelnen zumuthen, sich fr's
Ganze zu opfern, wenn nicht ein deutsches Gesammtgefhl sich erhebt
von so gewaltiger Art, wie es in frheren Zeiten gar nicht gewesen
ist? Wie eine Politik erschaffen, die nichts kennt, als die deutschen
Rcksichten, diesen letzteren alles andere schlechtweg hintansetzend?
Die geschieht nicht auf dem gewhnlichen, breit getretenen Wege -- nur
durch eine unerhrte, harmonische Bewegung der Geister und Gemther
-- auf Thronen wie in Htten -- durch unzertrennliche Einigkeit
des gebildeten Kerns der Nation, durch ein scharfes und inniges
Bewutwerden des Berufs von Deutschland.

#Deutschlands innere Einheit ist bedingt durch die Vereinbarung der
politischen Principien, die uere durch die unbedingteste Gleichheit
des Nationalwillens. Beides, die Vereinbarung und die Gleichheit
erfordert ein deutsches Princip.#

Wenn wir, vom Ganzen absehend, die inneren Bestandtheile der Staaten
betrachten, so tritt uns dieselbe Forderung und noch lebendiger
entgegen.

Es ist zunchst die brgerliche Gesellschaft selbst, und die Schichten
des Volkes, aus denen der Staat zusammengesetzt ist, was uns mit der
tiefsten Besorgni erfllt. Zwischen dem Knigthum, als Spitze, und
der ackerbauenden Klasse, als dem Fundament des Staates, liegt der
Adel und der Mittelstand -- die beiden Stnde, welche der brgerlichen
Gesellschaft Seele und Richtung geben. Nun hat die Zeit den alten
Erbadel untergraben. Seine geistige Bedeutung ist verloren, und keine
menschliche Kraft vermag sie wieder hervorzuzaubern[44]. Er ist nur der
Schatten von dem, was er war, und mit ihm fehlt uns ein wesentliches,
unentbehrliches Element des Staats -- #eine Mittelmacht zwischen Frst
und Volk#, wie sie frher von ihm gebildet worden ist. Wie wahr dieses
sei, zeigt ein Blick auf die ersten Kammern der konstitutionellen
Lnder in Deutschland. Im Gefhl der Nothwendigkeit einer Mittelmacht
hat man die Pairien geschaffen -- aber was sind sie?

Der hohe Adel der ersten Kammern (auch der reichsunmittelbare, so
sehr er sonst sein eigenthmliches Interesse zu wahren hat) verstrkt
in der Regel lediglich das monarchische Element, ja er steht oftmals
dem Volke noch absoluter entgegen als die Krone selbst, und indem er
aufhrt, selbstndiges Mittelglied zu sein, zerstrt er die Harmonie
des Staatsgebudes und schrft den Gegensatz, den zu mildern seine
Bestimmung war. Vom bureaukratischen Adel gilt die in noch hherem
Grade, weil er sich mit dem Throne mehr und mehr identificirt.

Was unsere Zeit beherrscht, die wahre Gromacht der Staaten,
vornehmlich in Deutschland und Frankreich, ist der #Mittelstand#.
Durch Talente, Thtigkeit und Erfindungen hat er unbestreitbar die
Herrschaft errungen. Aber wehe uns, wenn im Laufe der Jahrzehnten diese
Herrschaft in gleichem Mae und in gleicher Weise, wie bisher sich
verbreitet. Ihr Hebel ist der Handel, die Industrie und der Reichthum.
Die gefallene Erbaristokratie ist einer andern gewichen -- aber in
Wahrheit keiner bessern: dem #Geld-Adel#. Von diesem Gift des Mammons
ist jeder Fortschritt der Civilisation getrnkt, und je weiter wir der
Vervollkommnung uns zu nhern scheinen, desto unwiederbringlicher gehen
die hchsten Gter der Menschheit, die alten Tugenden und die alte
Kraft dem Untergange zu. Alles lst sich auf in der allgemeinen Sucht
unserer Tage, in der Sucht nach Erwerb. Ja, die edelsten Bestrebungen
des deutschen Patriotismus, jene Reihe von vaterlndischen Entwrfen,
die sich an den #Zollverein#, an deutschen Handel und deutsche
Industrie knpft, die ganze sonst so trstliche Agitation, fhrt uns
nur eben noch tiefer an den Abgrund, sie wirft uns dem Gtzen des
Tages, der Geldmacht, in die versengenden Arme.

Dieses Alles bedenkend, sucht der redliche Mann nach dem einzigen
Troste der brig bleibt, nach der erquickenden Hoffnung, die uns so
vielfach gerhmt und als das hchste Zeichen der Zeit gepriesen wird:
ich meine die Macht der Intelligenz. Doch ist's gerade dieser Trost,
der uns in die tiefste Trostlosigkeit zu versenken gemacht ist. Denn
im Gewirr der Principien, im Gewhl der Parteien, in der Fluth der
Leidenschaften, ist die #Wahrheit# verloren worden: die Intelligenz
eine kufliche Waare, dem Meistbietenden Preis gegeben, der Geist
das niedrige Werkzeug der augenblicklichen Plane -- Alles verstrickt
in einem grulichen Knuel unreiner Leidenschaften, den die Edelsten
kaum mehr zu entwirren vermgen, Alles verwickelt in ein Gewebe von
Lgen, das auch die Reinsten unbewut umfngt. Und mit der Wahrheit,
wie immer, ist auch die Gesundheit dahin. Der Geist, wo nicht feil,
unterliegt doch der allgemeinen Krankheit; er beginnt ein buhlerisches
Spiel mit sich selbst zu treiben, versenkt sich in heuchlerische
Schmerzen oder ekle Selbstvergtterung; das Hchste und Heiligste, was
Gott dem Menschen gegeben hat, wird auf diese Weise in einer Art von
Selbstbefleckung entweiht.

Unter allen Wunden unserer Zeit ist diese die tiefste. Denn die
Religion, welche frherhin den Geistern ihr Maa, den Gemthern ihren
Halt und ihre Wahrheit, und allem menschlichen Thun das Geprge eines
gesunden einheitlichen Charakters gegeben hat, ist durch den Zweifel
untergraben; die Moral, von den alten Gesetzen entbunden, bleibt
dem Einzelnen berlassen, und das heutige Geschlecht geht frei und
ungezgelt seine tausendfltige Bahn. Talente, die sonst das allgemeine
Beste befrdert haben wrden, gehen dadurch unter, und die Intelligenz
gereicht dem Vaterlande fast ebenso sehr zum Verderben als zum Heile.
Wenn erst der Geist sich selbst verliert, wenn die Grundlage, aus
der er sich entwickeln soll, Frische und Natrlichkeit der Gemther,
zerfressen ist, wenn er sich knstlich steigern mu, um noch Etwas
zu sein[45] -- dann ist das hchste Verderben der Civilisation
erreicht, und die ganze Welt scheint gereift entweder zum Tod oder zur
Vernichtung durch eine neue Barbarei.

So herrscht in unsern Tagen entweder die Militrmacht, das ist die
#Gewalt# -- oder das #Geld# -- oder die #Lge#[46]. -- Das ist das
frchterliche Bild der heutigen Zeit: dasselbe Bild, das uns, wenn
wir in die Geschichte zurckschauen, die letzten Stadien der grten
Epochen zur ewigen Warnung enthllen. Denn die Lge der Sophisten
und der entwickeltste Luxus hat geherrscht als Griechenland fiel;
militrische Gewalt verbunden mit der pikanten Verdorbenheit der
Geister und der Hingebung an den Comfort war bermchtig im sinkenden
rmischen Reich; und die Unwahrheit war es, nebst jener geistigen
Buhlerei, was am Ende des Mittelalters (im Zeitalter LeosX.) die
Hierarchie dem Untergang berliefert hat. Wer diese Dinge nicht fhlt,
dem werden sie mit Worten nicht in die Seele getrnkt, aber wer sie
fhlt, (und gewi sind deren nicht wenige) der wird auch fhlen, da
unsere Zeit, wenn jemals eine, der rettenden Kraft von oben bedarf um
nicht unterzugehen; nach dieser Kraft, nach Erlsung wird er seufzen.

Was ist's also, dessen die brgerliche Gesellschaft bedarf, um sich
zu reinigen? Statt des alten erstorbenen Adels will sie einen neuen,
hheren, der zwischen Vlkern und Frsten lebendig vermittle, gegen
die Geldmacht ein ungeheures geistiges Gegengewicht, damit die
industrielle Bewegung, die uns ohne dieses ins Verderben zu fhren
droht, einem hheren Leben diene, gegen die militrische Gewalt das
einfache aber unbesiegliche Bewutsein freier Brger und gegen die
Lge die Wahrheit selbst. Denn die Wahrheit allein, wie sie frei
macht von dem Taumel der Leidenschaft und dem Gewirre der Parteien,
kann auch dem Geist die Gesundheit wieder geben, die er verloren
hat, seit das Bestreben der neuern Zeit, in ihm allein das Heil zu
finden, uns dem Gemthe entfremdet und ihn, gesondert, seiner eigenen,
zehrenden Unruhe berlassen hat. Jenes Bestreben ist ein wahres, und
die Civilisation, um ihre Spitze zu erreichen, mte wirklich durch
eine Anzahl krankhafter Auswchse hindurch gehen. Die Ueberbildung
fhrt uns zur Natur zurck. Erst wenn der Geist erreicht hat, wornach
er trachtet, erst entledigt der schweren Brde, die er trgt, kann
er wieder gefunden, und mit ihm tritt von selbst das Gemth in seine
alten Rechte; denn die Harmonie stellt sofort sich wieder her, #und die
hchste Kunst ist gleich der hchsten Einfalt#.

#Das Alles will sagen: ein Princip verlangt die Zeit, um die falschen
Gewalten zu zerstren, neue zu schaffen, und die Wahrheit zu
verknden.#

Wir sind noch nicht zu Ende. Setzt, die Uebel, wovon bisher die Rede,
seien geheilt. Die brgerliche Gesellschaft sei vollkommen in ihren
Bestandtheilen und ihrer Verfassung; setzt, der Staat knne ohne einen
hhern Durchgang sich selbst im Laufe der Zeiten genug thun: so bleibt
euch Eine Frage zurck, ungelst und unauflslich, sie allein gewichtig
genug um alle Vollkommenheiten, die ihr nach Jahrhunderten erreicht
habet, zu nichte zu machen -- ich meine das #Verhltni des Staats zur
Kirche#. Ein solches zu schaffen, organisch, bestimmt und friedsam,
wie es sein soll, dahin reicht kein gewhnliches Wissen, wenn es noch
so tief, keine bisherige Kunst, ob sie noch so hoch ist. Wollt ihr die
Kirche belassen in ihrer Wesenheit, so steht euch ein ewiger Kampf
bevor, denn der Kirche ist unmglich der Staat als gleich geschweige
als berlegen anzuerkennen, so lange sie ihres gttlichen Ursprunges
eingedenk sich selbst als von oben herreinragend in alle menschliche
Entwickelung, als Erzieherin des Menschengeschlechts betrachtet. Wollt
ihr sie aufheben, so habt ihr die Wahl, entweder sie zu zerstren oder
ihr durch euere Kraft einen Impuls zu geben von so gewaltiger Art, da
sie selbst sich in dem Staat zersetzt, in freiwilliger Opferung sich
dem Tode weiht. Jenes vermgt ihr nicht, ihr mtet denn die Axt an die
Wurzel legen[47]; dieses noch weniger, es wre denn, da der Glaube
der Menschen eine Umwlzung erfhre, wovon selbst die unglubigsten
Zeiten keine Spur offenbaren. In allen Fllen, die Kirche mag bleiben
oder fallen, bedarf der Staat, um mit ihr ins Klare zu kommen, eines
#geistigen Mittels#, von dem bis jetzt noch keine Ahnung vorhanden.
Was diese Sache zur wichtigsten der Zukunft macht, ist nicht sowohl
der uere Kampf um die Macht und Kompetenz, der seit Jahrhunderten
auf beiden Gebieten gefhrt wird, als vielmehr die tief eingreifende
Wirkung, welche das Verhltni des Staats zur Kirche auf Erziehung,
Bildung und Gesittung, auf Schule, Unterricht und Leben ausbt.

Diese Beziehungen allein, zu geschweigen des innern Einflusses auf
Glauben und Weltansicht, sind von so umfassender Natur, da ohne ihr
Feststehen weder die Staatsordnung gedeihen, noch die Volkseinheit
lebendig fortschreiten kann.

Ja denket euch, auch diese Frage sei wie durch ein Wunder geschlichtet,
wir wren im Innern befriedigt, nach auen im Besitz einer anerkannten
Hegemonie, das glcklichste, freiste und grte Volk -- selbst dann
noch mtet ihr, wenn auch nicht fr euch, doch fr die Vlker, an
deren Spitze ihr gestellt seit, einen Gedanken, eine Idee, ein Wort
verlangen, um es als Banner voranzutragen, wo die uere Macht euch
verlt, und eine tiefere Anziehung vonnthen ist. Wo nichts ist als
die uere Macht, da erkalten bald die Herzen; die Macht der Natur, die
euch die wahre Berechtigung gibt, vergessen sie, wenn ihr nicht durch
ein geistiges Erzeugni tief und unauslschlich den Eindruck der Hoheit
ihnen einprgt. Noch mehr aber ihr selbst, wrdet im Besitze der Macht,
ob noch so gemigt von Natur, noch so gerecht und wohlwollend, nur zu
bald der Versuchung unterliegen, der kaum ein Sterblicher widersteht.
Die Lockungen des Uebermuths, die Gelste des Despotismus wrden auch
euch ergreifen und euern herrlichsten Werken den bittern Beigeschmack
der Snde einimpfen. So knnte, was ursprnglich zum Segen der Vlker
bestimmt war, zuletzt zu ihrem Fluche werden. Davor schtzt euch und
sie nur ein Gesetz, welches von hherer Hand geschrieben, unantastbar
fr euch selbst und gleich heilig den Andern, als das Palladium der
Zukunft in alle Herzen geschrieben, als das unumstliche Testament
an die Spitze der ganzen kommenden Entwickelung gestellt werden soll.
Ueberhaupt jene neue Aera, auf die wir alle hoffen, kann dadurch nicht
geschaffen werden, da, wie frher Frankreich, dann England und Ruland
eine Art von Hegemonie errungen, so die wechselnde Laune des Geschicks
sich auf einige Zeit zu Deutschland neigte; dergleichen ephemere
Zukunft wre nicht wrdig mit Feuer gepredigt und mit Liebe umfat zu
werden: ein flchtiger Tagesglanz, in dem weder das Vaterland noch
die Menschheit sich sonnen knnte. Die wahre Hegemonie mu von allen,
die vorher gewesen, durch Wesen, Bestand und Wirkung geschieden sein:
nur auf die umfassendste Grundlage, aus dem tiefsten Kern menschlichen
Denkens und Wollens kann sie erhoben werden.

So weiset jede Seite der Gegenwart, weiset jede Frage der Zukunft,
weisen die politischen und socialen Gebrechen auf ein gemeinsames
Ziel. Und es wre thricht, zu erwarten, da irgend eines der groen
Probleme, die uns vorgegeben sind, sich abgetrennt von den brigen
oder zu theilweiser Genge lsen liee. Das bezeichnende Merkmal der
heutigen Kultur, ihr hchster Vorzug und ihre tiefste Gefahr liegt eben
darin, da unsere smmtlichen Zustnde in wunderbarer Verkettung sich
durchkreuzen und umschlingen. Und das am mehrsten in unserm Vaterlande
und bei dem deutschen Volk, als dem innerlichsten unter allen. Fr uns
gibt es keine uere Gre ohne innere Vollendung, keine politische
Einheit ohne die Einheit des Glaubens und Denkens, keine sociale
Vervollkommnung ohne philosophische Klarheit, keine industrielle Blthe
ohne sittliche Hoheit, keine Hegemonie ohne geistigen Vorgang. Die
feinsten Verzweigungen des praktischen Lebens schlagen ihre Wurzeln
in die untersten Tiefen des Geistes. Uns ist nur vergnnt, entweder
der Welt ein Schauspiel zu geben, wie sie niemals gesehen hat, und so
Groes hervorzubringen, wie es noch keine Geschichte kennt -- oder in
elendem Siechthume unsre Uebel hinzuschleppen bis der Tod uns erwartet.

Was wir jetzt leben, ist ein trauriges, halbes, freudloses Leben; was
wir knnen, ein Kleines und Weniges, nicht zu heilen unsre Wunden, nur
auf Augenblicke den Schmerz zu lindern; was wir wollen, ein Wollen
ohne Vollbringen, ohne Halt, Begrndung und Einheit. Mitten unter
den hchsten Gtern der Kultur, unter den ppigsten Schtzen der
Civilisation, umgeben von den lockendsten Frchten der Politik, dulden
wir tantalische Qual; die Wasser des Lebens rauschen in der Tiefe und
wir verschmachten vor Durst. Wir gehen alle in der Irre, wie die
Schafe, ein jeglicher seinen Weg. Wir tappen nach der Wand wie die
Blinden und tappen als die keine Augen haben. Wir stoen uns in Mittag
als in der Dmmerung; wir sind im Dstern wie die Todten. Wir brummen
Alle wie die Bren und chzen wie die Tauben; denn wir harren auf das
Recht, so ist es nicht da, auf das Heil, so ist es fern von uns.[48]

In diesem Dunkel scheinet uns nur jenes einzige Licht. Es hat uns
berall geleuchtet, wo alle andern Sterne verbleicht sind und dumpfe
Finsterni uns umfing.

Noch einmal wie vor achtzehnhundert Jahren mu das Wort als der
Morgenstern aufgehen in den Herzen der Vlker, mu es die Welt erretten
als eine Kraft Gottes, selig zu machen alle die daran glauben.

Lat uns nun in Krze sehen, von welcher Art es sein msse. So weit
die Eigenthmlichkeit unserer Leiden auf die Gestalt der Heilmittel
schlieen lt, so weit knnen wir errathen, wie etwa das Princip
beschaffen sein mge, das die kommenden Jahrhunderte beseligen, das
unsrige erlsen soll.




KapitelXIV.

Art und Umfang des Princips.


Indem wir die letzte Hoffnung der Zeit ins Auge fassen, begegnet uns
zuerst die Frage: ob etwas dem hnliches, was wir suchen, nicht schon
vorhanden sei im Reiche des Geistes? Wir Alle wissen, da nur #die
deutsche Philosophie# den Grundstein einer hheren Zukunft uns legen
kann. Wir Alle glauben, da die deutsche Forschung, so mhselig sie
vorwrts schreitet, so seltsam der unaufhrliche Wechsel auch Manchen
bednken mag, dennoch ihr stilles Werk noch frdern werde, bis sie,
der Vollendung genesen, aus der unbeachteten, verborgenen Htte
heraustritt an's Tageslicht, um als Sauerteig die Masse der Zeit zu
durchdringen. Wir alle sind berzeugt, da keine Macht der Welt im
Stande ist, die Freiheit der Forschung zu hemmen, da die Philosophie,
wo sie nur die Wahrheit sucht, vor keinem Resultate zu zittern braucht,
wre es auch allen Meinungen des Tages entgegen, da endlich die einmal
gefundene Wahrheit sich Bahn brechen mu durch tausend und aber tausend
Hindernisse, um zur Herrschaft zu gedeihen im Leben. Wir alle sind der
Meinung, da es nur Einem vergnnt sein knne, die hchste Blthe der
Wissenschaft heraufzufhren[49], und da die Natur und Persnlichkeit
dieses Einen der ungeheuern Sendung entsprechen msse, womit er betraut
ist.

In dem Allen sind wir, wenigstens Viele unter uns, einig, aber um so
uneiniger im Einzelnen. Denn whrend die Einen der Zukunft harren,
ergreifen die Andern, was vorhanden ist. Den Letzteren scheint es
kurzsichtig, wo nicht sndlich, an der Wahrheit dessen zu zweifeln,
was von ihnen anerkannt worden; und sie selbst sind wiederum in viele
Parteien gespalten, deren jede die Anderen bekmpft.

Eine hnliche Fehde zu beginnen, dazu die einzelnen Philosopheme nach
ihrem logischen Gehalt zu zergliedern, liegt nicht in unserem Bereich;
es wre, selbst wenn wir wollten, ein unerquickliches, unfruchtbares
Geschft: was uns berhrt, ist die allgemeine Wirkung auf die Zeit und
die Menschen berhaupt. Die Einigkeit, welche ein deutsches Princip
uns bringen soll, hat von all den vorhandenen Systemen uns noch keines
gebracht. Vielmehr sind in Weltanschauung und Glauben die Deutschen
zersplitterter als sie jemals gewesen[50]; die Mannigfaltigkeit, und
mit ihr die Verwirrung, hat den hchsten Gipfel erstiegen. Dieses sei
weder zum Tadel, noch zum Lobe der bisherigen Philosophie gesagt, nur
als einfache, geschichtliche Thatsache ausgesprochen. Wre sonach
das, was wir suchen, schon vorhanden: so mte nothwendig Eines der
jetzigen Philosopheme die anderen bersiegen. Die knnte vielleicht
erst nach Jahrzehnten, ja nach Jahrhunderten geschehen: denn die
Wahrheit pflegt langsam Raum zu gewinnen: gleichviel fr uns, wenn nur
Hoffnung ist, da es geschehe. Aus der Mischung des Vorhandenen, das
wei Jedermann, kann uns nimmermehr Heil erwachsen. Nun sind aber, wie
die Dinge stehen, nur zwei Systeme vorhanden, welche als knftighin
siegend mglicher Weise gedacht werden knnen: das Schelling'sche und
Hegel'sche. Alle andern sind von diesen beiden berflgelt worden;
die frheren, weil Schelling und Hegel auch von denen, die nicht zu
ihren Schlern gezhlt sind, als hhere Phasen der groen Entwicklung
betrachtet werden[51] die gleichzeitigen und auer jener Reihe in
besonderer Eigenthmlichkeit stehenden (z.B. J.J. Wagner, Herbart),
weil sie keine Herrschaft in der ffentlichen Meinung, keinen Einflu
auf die Wissenschaft errungen haben, der jenen vergleichbar wre.
An jene beiden also sind wir beschrnkt, den Mastab der Hoffnung
anzulegen. Aber indem wir geneigt sind, die zu versuchen, tritt
uns eine seltsame Erscheinung entgegen. Das ltere und das neuere
Schelling'sche System, die Rechte, das Centrum und die linke Seite
der Hegel'schen Schule sind so ganz verschiedenartige Dinge, da es
unmglich ist, die Ideen, welche von beiden Philosophemen in die Welt
gerufen worden, als Einheit anzuschauen. Was hat, um das schrfste
Beispiel zu nehmen, die Orthodoxie, ja der Pietismus der Hegel'schen
Rechte mit der antikirchlichen Aufklrung der jngern zu thun?[52]
Wie, fragen wir uns, wo ist Schelling, wo ist Hegel selbst -- wo ihr
Princip -- und kaum gefat, entsagen wir unserem Vorhaben; denn es sind
ja nur #die alten, lngst bekannten Gegenstze der Zeit#, die uns hier
begegnen.

Nicht die Zeit zu beherrschen oder zu berwinden, hat die bisherige
Philosophie vermocht: sie selbst ist nur ein befangenes Kind der Zeit,
#sie spiegelt nur eben in philosophischer Weise, in ihrer Art die
Kmpfe der Zeit zurck#. Kaum geboren, zersetzen sich die modernen
Systeme, #in dieselbigen Bestandtheile, die zu einigen oder zu
bezwingen ihre Absicht war#; kaum geprgt, verfallen sie demselben
zernichtenden Einflu, der allen Geburten des Jahrhunderts den Stempel
einer unauflslichen Zwietracht aufdrckt. Nur zweierlei konnte im
Sinn der Meister liegen: entweder Eine von den zwei Tendenzen, welche
um die Weltherrschaft kmpfen, zum Siege zu erbeben; oder ein Neues zu
schaffen, und hiedurch das Bisherige zu vermitteln oder zu beseitigen.
Wenn jenes, wie so wenig gelang es ihnen, da aus ihrem eignen Schooe
die besiegte Tendenz mit erneuerter Kraft hervorging; wenn dieses,
was soll uns eine Vermittlung, deren Inhalt so arm, deren Umfang so
gering ist, da sie selbst im Nu den Gegenstzen unterliegt, die sie
vermitteln wollte?

Die neuere Philosophie kann von allen Erscheinungen, welche die
Sehnsucht der Zeit und der Kampf der Principien hervorgerufen hat, die
grte, sie kann als solche bewundernswrdig und unsterblich sein, sie
kann die Wahrheit stckweise geahndet und die Grundlage fr eine hhere
Hand gelegt haben -- und sie ist das und hat das in der That -- was wir
begehren, ein neues, lebendiges Evangelium, das ist sie nicht, jene
erlsende und richtende, jene schlichtende und schaffende Kraft, welche
die Menschheit verlangt -- die hat sie nicht.

Und woher sollte sie ihr auch eigen sein? Bei allem Herrlichen, da
sie geleistet, ist sie doch immer #Schule# geblieben, eingeschlossen
in die engen Schranken der Form und der Kaste, verstndlich nur einem
kleinen Kreise des Volkes, gebunden an uere Bedingungen, ergreifend
und erweckend nicht den ganzen Menschen, sondern nur etliche Fcher
des Geistes, endlich so gekettet an die Terminologie, da der formale
Gehalt das innere Wissen bedingt, ja leichtlich so sehr berwiegt, da
die Wahrheit selbst, das hchste Ziel des menschlichen Wollens, zum
logischen Spielwerk herabsinkt[53]. Daher ist, bei aller Systematik,
jene wahre, innere Logik so selten zu finden, welche, ohne ein
Zuthun von knstlichen Formeln oder rhetorischer Darstellung oder
phantasiereicher Anschauung, schon allein durch ihre nackte Reinheit
den Geist belebt und erquickt; was hievon vorhanden ist in den Werken
der Meister, verliert sich unter den Hnden der Schler, deren grere
Masse sich im formalen Gehuse einnistet, alle Wissenschaften damit
bekleidet und sich dann bednken lt, sie besitze die Wahrheit, weil
sie ein Gerippe von Formeln und Phrasen besitzt, die von ihnen selbst
nicht verstanden, von der Menge aber bewundert werden, weil es in der
Menschen Art liegt, in Allem, was rthselhaft klingt, einen tieferen
Sinn zu suchen[54]. So geschieht, da in neuerer Zeit die systematische
Philosophie mehr des Unheils anrichtet als sie Segen bringt: die
Mittelmigkeit unterliegt dem Zauber der Formeln, ihre Kpfe werden
mit Verwirrung, ihre Gemther mit Schalheit erfllt; und ein Geschlecht
wchst heran, welches unter der stolzen Einbildung, die schwierigsten
Fragen zu bemeistern, die entsetzlichste Hohlheit verbirgt, weil es,
durch jene uere Fertigkeit verfhrt, noch weniger gedacht und noch
oberflchlicher empfunden hat, als es ohne das vielleicht gethan
haben wrde. Das ist nun zunchst nicht der Meister Schuld (obwohl
Hegel durch seine Form Veranlassung genug gegeben hat), wohl aber der
heutigen Philosophie berhaupt, d.h. der zunftmigen Stellung, die
sie unter den Wissenschaften einnimmt, und wodurch sie alle Handwerker
der Zunft berechtiget, an der Wahrheit zu pfuschen.

Endlich gesetzt auch, der dogmatische Gehalt der heutigen Philosophie
sei gengend -- was er in keiner Weise ist --: wo ist der Uebergang
von der Idee zum Leben? Wo die Brcke zu den socialen und politischen
Dingen? Wo ist irgend eine Heilkraft fr die Gebrechen, irgend ein
Eingriff in die Entwicklung der Zeit? Darin war Fichte ein anderer
Mann und ganz einzig; vor ihm lebte in frischer Eigenthmlichkeit ein
Staat, eine Erziehung, eine Politik; und obwohl jedes Kind begreifen
konnte, wie unmglich es sei, seine Gedanken praktisch anzuwenden oder
auszufhren, so war doch in #seinem# Geiste die Brcke geschlagen,
#sich# wenigstens hatte er eine sociale Ordnung geschaffen, und in
schwerer Zeit konnte er sprechen zu seinem Volk, so sprechen, da ihn
als einen der Retter aus tiefer Noth die deutsche Nation ewig heilig
halten soll. Wenn sein Denken, sein Wollen ein Irrthum gewesen, so
war es doch ein groer, herrlicher und lebensvoller Irrthum. Die
heutigen Systeme sind kraft- und leblos; wo sie wagen, herauszutreten
in's Freie, versinken sie im Strudel der politischen Parteiung.
Und das wahrhaftig zum Glck der Zeitgenossen; denn wehe uns, wenn
der modernen Schelling'schen Schule oder den alten oder den jungen
Hegelianern vergnnt wre, nach ihrem Sinne den Staat zu modeln! Wir
wrden in neue und tiefere Verwirrung strzen; die Unklarheit, noch
leidlich auf dem Gebiete des Wissens, wrde unertrglich, wenn sie als
politisches Evangelium erschiene. Doch -- der Hegelianismus selbst
hat gefhlt, wie wenig er berufen sei, das Leben und die Wirklichkeit
zu reformiren; einer seiner begabtesten Jnger hat ein ehrliches
Bekenntni der socialen Unfhigkeit abgelegt, und die guten Deutschen
fr die Gegenwart an die franzsische Revolution fr die Zukunft auf
die englische verwiesen[55].

Auch die hchste Philosophie mu in strenger logischer Gebundenheit
ihre Stze entwickeln, auch sie kann nicht Allen begreiflich sein, auch
sie wird zunchst nur den Verstand der Menschen berhren. Aber #ihre#
Logik mu, unabhngig von scholastischen Formeln und gelehrtem Beiwerk,
jedem, der klar zu denken vermag, begreiflich, #ihr# Verstndni allen
hheren Naturen vergnnt sein, welche, gebildet oder ungebildet, we
Standes und Berufes sie sein mgen, nach Wahrheit verlangen[56]; #ihre#
Wirkung soll alle Seiten der Seele erfassen, so da die Klarheit,
welche geistig ber ihr ausgegossen wird, zugleich das Gemth erwrmt
und der ganze Mensch gewandelt wird wie in Verjngung und Wiedergeburt.
Ein tiefes, gttliches Element mu in ihr liegen, welches, auch
abgesehen von aller systematischen Entwicklung, die verschiedensten
Naturen bewltigt, die Sehnsucht der Geister und der Herzen befriedigt;
gleichwie die Religion nicht nur durch ihre Dogmen, sondern mehr noch
durch einen innern, kaum auszusprechenden Eindruck die Seelen ergreift.

Das Princip, mit Einem Wort, welches wir begehren, mu von allen
Philosophemen, die bisher gewesen, nicht nur im Grade, sondern der
Wesenheit nach geschieden sein; die ganze Kette von Systemen von
Spinoza an bis auf unsere Tage ist eine der vielen Vorarbeiten, die
der menschliche Geist durchlaufen mute, um zum Ziele zu kommen: die
grte, ausgesprochenste, und organisch gerundet. Das letzte Glied
der Kette, Hegel, ist sowohl durch die berall sichtliche Ahnung[57],
die theils in seinen, theils in seiner Jnger Ideen lebt, als durch
die trostlose Unfhigkeit (wie sie jetzt klar genug der Welt vor
Augen liegt), die lebendigste und sicherste Weissagung der kommenden
Wahrheit. Der Mann, der die letztere uns brchte, wrde unter die
Philosophen des Tages hineintreten, wie einst Sokrates unter die
Sophisten[58].

Ich habe bisher von denen gesprochen, welche des wahren Princips
bereits theilhaftig zu sein glauben; aber ungleich grer ist die
Zahl der Andern, welche ein solches berhaupt nicht begehren, weil
ihnen das Christenthum in seiner Flle gengend erscheint. Wie weit
dieses wahr sei, wie weit nicht, darber zu rechten, ist hier nicht
der Ort; aber so viel ist offenbar: wenn auch Einzelne, und darunter
treffliche und redliche Zeitgenossen, einer neuen Erscheinung nicht
bedrfen, so kann damit nicht gesagt sein, da nicht die Zeit im Ganzen
eines solchen bedrfe. Ja, sie selbst knnen, bei vollem Glauben,
ein hnliches Verlangen hegen: sei es, damit der Zweifel, der seit
Jahrhunderten die Religion untergrbt, zum Abschlu gefhrt[59] und
der Kampf zwischen Philosophie und Theologie geschlichtet werde; sei
es zur Vershnung der Konfessionen, oder sei es um die socialen und
politischen Fragen zu lsen. Der letztere Punkt insonderheit ist es,
in dem wir Alle, we Glaubens wir sonst seien, zusammentreffen. Das
Christenthum ist seiner Natur nach unfhig, ber diese Dinge Licht zu
geben; jede Staatsverfassung gilt ihm das Gleiche, in Despotieen wie in
Republiken gedeiht sein stilles Walten, und es ist gerade eines seiner
grten Merkmale, da es unabhngig von allen Einrichtungen berall
dieselbe Wurzel schlgt. Es ist nicht nur unmglch, vom christlichen
Standpunkt aus den Staat zu konstruiren: noch mehr, das Christenthum
zieht uns von dergleichen Bemhungen ab. Ich komme damit auf einen
Gegenstand, der in die untersten Tiefen des Lebens und der Gesittung
eingreift, der uns mehr als alle andern Dinge den furchtbaren Zwiespalt
unsrer Civilisation offenbart. Die christliche Religion hat von Anfang
an das irdische Dasein als ein Zwischending betrachtet, das Zweck und
Bedeutung nicht in sich trgt, erst durch ein anderes, hheres bekmmt.
Hier unten ist Snde, Elend und Tod; was hier geschieht, ist befleckt
von dem Fluch der verdorbenen Kreatur, die Erde ein Jammerthal, aus
dem die Seele sich sehnen mu befreit zu werden. Das Christenthum, mit
Einem Wort, hat niemals #die Erde# geheiligt. Der Trieb, auf dem die
Fortpflanzung des Geschlechts beruht, obwohl von Gott ursprnglich
gegeben, ist eine Unvollkommenheit, welche die Auserwhlten um des
Himmelreichs willen besiegen knnen[60]. Wie sollte es nun das
menschliche Treiben berhaupt, und die hchste Spitze desselben, #den
Staat#, heiligen?

Diese Lehren des Christenthums, so gttlich wirksam in der verderbten,
durch Sinnlichkeit untergegangenen rmischen Welt und unter den rohen
barbarischen Massen, muten in Widerspruch treten zur menschlichen
Ordnung, nachdem das Bekenntni die allgemeine Herrschaft errungen.
Doch die Kirche verhinderte den Zwiespalt. Das Christenthum war
sichtbar geworden in der irdischen Welt, es hatte sich zu einem Krper
gestaltet, der alle Gebiete des Lebens beherrschte, den weltlichen
Mchten gebot, und eben durch diese Beherrschung das Irdische zu
sich heraufzog und verklrte. Die Kirche selbst hat die alte Kultur
gerettet, sie dem christlichen Unterricht beigegeben; allem konnte sie,
als Erzieherin, die Weihe geben.

Als aber die Wissenschaft das Gemeingut Aller geworben, als die
Kirche dem Staat, als endlich die Religion der Kritik unterlag --
da trat der Zwiespalt offen und unvershnlich hervor. So lange die
Gemthsanschauung des Christenthums mit ihren Dogmen auch den Verstand
befriedigte, war die Gefahr noch beseitigt; der Mensch wurde nach
allen Krften, in seinem ganzen Sein von der Einen Wahrheit ergriffen,
er blieb, wenn auch der Erde abgewandt, doch gesunde, lebendige
Persnlichkeit. In unsern Tagen ist Alles verndert. Wer heute noch
festhlt am alten Glauben, der mu die #Vernunft gefangen geben#
unter das hhere Gesetz; er versinkt in ein krankhaftes, einseitiges
Gemthsleben, und wohl ihm, wenn er darin nicht untergeht. Das
herrlichste, was der menschliche Geist hervorgebracht hat in Poesie,
Wissenschaft, Kunst und Politik, ist fr ihn nur mit dem schwarzen
Stempel der Snde gezeichnet; das ganze Naturleben verschliet sich
ihm, und er wandelt auf Erden, wie einer der ihr bereits entrckt ist,
in trauriger und tragischer Unnatur.

Diese Erscheinung ist es, welche man gewhnlich mit dem Namen
Pietismus bezeichnet. Wir wollen es uns nicht verhehlen, wir
Protestanten ins Besondere: der so oft geschmhte, von der Menge so
leichtsinnig mit dem Vorwurfe der Heuchelei abgefertigte Pietismus[61]
ergreift auch die edlen und tiefen Gemther, erfllt auch hhere
Seelen, (bei denen freilich eine mehr unbewute als bewute
Freiheit des Geistes ein natrliches Gegengewicht hlt); er wurzelt
heutzutage mit Nothwendigkeit in dem alten Christenthum, d.h. in dem
Miverhltnisse, worein in Beziehung auf letzteres unsere ganze Kultur
gerathen ist. Der Pietismus wird eher nicht aufhren, eine nothwendige
Krankheit der Zeit zu sein, als nicht der moderne Verstand, am Ziele
der Forschung angelangt, eine klare Stellung zu der christlichen
Anschauung gefunden haben wird, eine solche, die dem Gemthsleben seine
Rechte gibt, ohne die Gefangennehmung der Vernunft dabei zu bedingen.

Aber nicht nur das heutige Miverhltni, berhaupt jenen alten
Zwiespalt der religisen Konsequenzen und des irdischen Lebens soll
die Philosophie vershnen. Sie soll in das flchtige Dasein einen
bleibenden Selbstzweck legen, allen menschlichen Hervorbringungen
unvergngliche, selbsteigene Bedeutung verleihen, und die Ewigkeit ins
Leben hereintragen, wie das Christenthum das Leben in die Ewigkeit
versetzt hat. Dem Gemth ists eigen, zu ahnden, zu hoffen und zu
sehnen, ins Unendliche sich zu verlieren; der Geist ergreift die
Gegenwart, durchdringt das Vorhandene und gibt ihm die hhere Weihe.
So auch die Religion und die Philosophie. Diese hebt nicht auf, was
jene geschaffen, aber sie thut ein Neues hinzu, sie zerstrt nicht das
ewige Leben, aber sie schafft eine neue Erde. Erst wenn der Mensch der
Ewigkeit, die vor ihm liegt, mit freier Seele gewrtig, aber auch des
Augenblicks, worin er befangen ist, im Innersten frhlich sein kann,
erst dann wird sich die Menschheit eines vollkommenen, gerechtfertigten
Daseins erfreuen.

Wir wollen nun dem Princip selbst noch nher treten.

Die #Spekulation# soll uns den Grund der Welt, ihre gegenwrtige
Bedeutung und ihr Endziel erschlieen. Sie soll die #Einheit# des
Alls uns beweisen, und aus ihr die #Trennung# Gottes und der Welt,
des Schpfers und des Geschaffnen herstellen. Sie soll uns einen Gott
geben, welcher sein Bewutsein nicht nur in uns finde, sondern in ihm
selbst trage, einen Gott, welcher schrankenlos und unendlich, dennoch
fr uns ein versnlicher sei, #das heit mit welchem ein unmittelbar
persnliches Verhltni uns mglich und nothwendig sei#. Sie soll
uns mehr als Unvergnglichkeit, sie soll uns die #Unsterblichkeit
des Ichs# geben, und seine Erscheinungsformen konstatiren. Sie soll
den Gedankengang Gottes in der Schpfung nachweisen, und seine ewig
nothwendigen Gesetze. Sie soll #alle# Gegenstze, welche die Welt,
(somit auch die #moralische# Welt) bewegen, auf Einen Gegensatz
zurckfhren und diesen Einen in der Ureinheit auflsen: also da im
ewigen Kampf selbst die Vershnung liege und die Nothwendigkeit zur
Freiheit werde. Endlich soll sie das Verhltni der kosmischen Massen
zur organischen Welt, und der Erde zum Weltall einerseits, zu den
Erdgeschpfen andrerseits zeigen[62].

In ihr mu die bramanische und buddhistische Weltanschauung aufgehen,
der Polytheismus seine Erklrung, der Monotheismus seine Begrndung
finden, das Christenthum aber gerechtfertigt werden als das hchste
Erzeugni der #Einen# Seite der menschlichen Seele. Wie diesem mit
Nothwendigkeit das Produkt der #andern# folgen mute, wie beide sich
bedingen und ergnzen, in welcher Ordnung sie gegenseitig gestellt
sind, mu klar hervorgehn.

Doch -- ich habe bereits vorgegriffen. Wir stehen an dem Punkte, der
uns zunchst berhrt. Was vor allem die Zeit bedarf, und wovon noch
keine Spur vorhanden, ist #die Lehre vom Geiste#, das ist die Kenntni
der geistigen Gesetze, auf denen aller Organismus, insbesondere der
menschliche, als der hchste beruht[63]. #Die menschliche Seele mu
zergliedert, ihr Bau erkannt, ihre Funktionen nachgewiesen, ihre
Entwicklung von der Geburt bis zum Tode nach den einzelnen Stadien
beschrieben werden.# Erst wenn dieses geschehen sein wird, gibt es ein
wahrhaftiges Wissen, sowohl von dem, was in uns ist, als von den Dingen
auer uns, als welche sich gegenseitig bedingen.

Aus diesem geht aber einfach hervor #die Wissenschaft von den
Individuen#, d.h. die Wissenschaft der mannigfaltigen Geister und
Charaktere, der #verschiedenen Klassen und Abstufungen#, welche Gott
in die menschlichen (somit in alle) Geschpfe gelegt hat, und die
Auffassung jeder einzelnen Persnlichkeit als Einer, untheilbaren,
urmigen Natur.

Der Kenntni der einzelnen Individuen folgt die der Gesammtindividuen,
das ist der Raen, der Vlker, der Nationen, der Stmme, der Familien.
Auf der letztern beruht die Vlker- und Staatenstellung auf Erden (denn
jeder vollkommene Staat ist der Ausdruck eines Gesammtindividuums);
auf der ersteren die sociale Ordnung innerhalb des Staates; aus jener
entspringt die uere, aus dieser die innere Politik.

So wird die Menschheit, in diesem Sinne zum ersten Male, die Augen
aufschlagen: #sie wird sich kennen lernen#, die Zeit ihrer Mndigkeit
ist damit erfllet. Je mehr sie, auf diese Weise, allmlig an
Selbstkenntni wchst, je allgemeiner das psychologische Bewutsein
in den Massen um sich greift, desto mglicher wird es, das Hchste zu
erreichen, was die Geschichte kennt -- den #vollkommenen Staat#.

#Es soll nmlich der Staat sein das Abbild der natrlichen, ewig
dauernden, von Gott gepflanzten Stufenordnung.# Da, wo die Stnde
des Staats zusammenfallen mit den geistigen und moralischen Klassen,
wo der Adel wahrhaftigen Adel, wo der Mittelstand die mittleren, der
niedere Stand die niederen Naturen und der Pbel den innern Pbel in
sich begreift[64]; -- da ist die uere Ordnung vollendet, weil sie
die innere ausdrckt, da ist das Menschenwerk eins geworden mit der
gttlichen Stiftung, #da das Reich Gottes lebendig geworden auf Erden#.

Dieses hchste Ziel, (welches wie ich glaube mit so wenigen
Worten scharf genug bezeichnet ist) kann freilich nur im Lauf der
Jahrhunderte, nachdem die neue Wahrheit ins Fleisch und Blut der
Menschen gedrungen, zur ausgeprgten Darstellung reifen. Aber genug,
wenn ein Ideal nur vorhanden ist, wonach mit sichrem, unverrcktem
Schritte gestrebt werden kann; und die Wirkung schon allein der
psychologischen #Lehre#, wre sie erst vorhanden, wrde fr die
Gegenwart von unermelicher Bedeutung, fr die socialen und politischen
Fragen schlechthin entscheidend sein.

Denn die demokratische Gleichheit, die im Westen, die absolute
Vollgewalt, die im Osten gepredigt wird, sind beide dadurch wie
mit Einem Schlage vernichtet, als wiedersprechend dem Charakter
der menschlichen Natur. Das Knigthum (die frstliche Gewalt) ist
gerechtfertigt als die Spitze der pyramidalischen Ordnung; die Person
des Herrschers geheiligt als das Symbol der Gesammtindividuums, welches
der Staat und das Staatsvolk bildet. Zwischen ihm und dem Volke, (das
durch Vertreter spricht, weil es in Masse nicht reden kann) steht
als lebendiges, ewig von unten ergnztes, auf und ab wogendes und
doch geschlossenes Mittelglied die geborene Aristokratie des Geistes
und Charakters, findbar und erkennbar mit Sicherheit, sobald die
psychologischen Gesetze ausgesprochen sind.

Der Geldadel fllt damit in Nichts zurck. Der alte Erbadel bleibt,
obwohl als bedeutend nur so weit, als er mit dem geistigen Adel sich
zu paaren vermag. Die Gewalten im Staate sind scharf geschieden[65],
weil jede auf einer besonderen innern Funktion beruht. Die Erziehung,
der Unterricht und die Volksbildung sind fortan auf die hhere Kenntni
der menschlichen Seele gegrndet. Jedes Talent, jeder Charakter kann
ungehemmt das Hchste erreichen, dessen er von Natur befhigt ist,
so bald der Mastab der Beurtheilung aus dem ueren, materiellen,
ein inneres geworden. Dem Staate wird mglich, Millionen zu kennen,
und unter Millionen jedwede Natur auf den Platz zu stellen, der
ihr gebhrt. Die reichste Entfaltung der einzelnen Persnlichkeit
widerspricht nicht der lebendigsten Herrschaft der Staatsidee (welche
ja auf tiefem psychologischem Grunde fut); die Freiheit ist eins mit
der Ordnung; und die Mannigfaltigkeit des mittelalterlichen Lebens
vereinigt sich im kommenden Staate mit der bindenden Energie das
antiken Gemeinwesen[66].

Nicht minder umfassend wrde das psychologische Gesetz die uere
Politik berhren; das Verhltni der Vlker und Reiche von Europa,
die Organisation der Erde wre mit ihm gegeben. Die ganze Menschheit
bildet ein geschlossenes, innig verbundenes System von Gattungs-, und
diese wiederum von Vlkerindividuuen. Wenn nun die Bestandtheile des
Systems zergliedert, wenn ihre Stellung erkennt, wenn jeder Nation ihre
Natur gezeigt, ihr Beruf gewiesen ist, so entsteht jene Ueber- und
Unterordnung, aus der, wie wir an andern Orten gesehen, der Friede, die
Wohlfahrt und (mit der Zeit) die Staatseinheit des Menschengeschlechts
hervorgeht.

Und hierin mu der erste Welttheil den brigen vorangehen. Die Familien
und Nationen Europas mssen sich in ihrer Wesenheit, jede die andere
anerkennen, damit freiwillig gehorcht jede Volksnatur, so weit sie ein
hheres ber sich findet, und ohne Uebermuth herrsche, so weit sie zur
Herrschaft berufen ist. Eben hiedurch wird es mglich, die niedern
Raen (in Afrika, Australien &c.) zu erziehen und zu derjenigen Stufe
von Civilisation zu fhren, welche sie ihrem Wesen nach erlernen
knnen; so wie andrerseits innerhalb eines Nationalkrpers den
einzelnen Provinzialcharakteren die richtige Geltung und die organische
Stellung zum Ganzen zu geben.

So bleibt jede Nationalitt in unverrckter Eigenthmlichkeit an ihrem
Platze, whrend doch Alle Ein groes Band umschlingt; das Bestehende
wird in tieferem Sinne geheiligt; die politische Ordnung gestaltet sich
zum Abdruck des innern Vlkerorganismus, und die Politik wird (wie wir
frher gesagt) die Vollstreckerin der gttlichen Intentionen.

Um das letztere ganz zu sein und um ihr Verhltni zur Kirche zu
ordnen, steht ihr noch ein anderes Hlfsmittel zur Seite. Wenn der
Entwicklungsgang der Seele am Einzelnen uns vor Augen liegt, #so
erffnet sich zugleich die Geschichte des groen Individuums, welches
Menschheit heit#. Die erhhete, ungeahnte Anschauung des Geistes, der
bisher durch die Vergangenheit gezogen, wirft ihre Strahlen zurck auf
die Gegenwart. Indem wir erfahren, was die Menschheit bisher gewollt
und warum sie es gewollt, welche Stadien sie durchlaufen hat, und in
welchem Stadium wir selbst uns bewegen: so ergiet sich uns ein neues
Licht ber unser Thun und Treiben, leuchtend genug, um den Weg, der vor
uns liegt, auf Jahrhunderte zu erhalten.

Vor allem aber ist es Eine Gestalt, worber die Zeit belehrt sein will,
unbegriffen bis auf diesen Tag, geschmht von den Einen, vergessen von
den Andern, mit Nebel umhllt vor den Augen der Menge, und auch denen
noch unentrthselt, die ihn als ihre Gottheit tiefer im Herzen tragen.
Wie soll die Geschichte begriffen werden, so lange Der, welcher den
Eckstein aller bisherigen Geschichte bildet und als Eckstein stehen
wird bis ans Ende der Tage, entweder als wesenloses Idol von der
Mehrzahl angebetet oder als mythische Erscheinung von den Denkenden
verfolgt und zersetzt wird? Wie die neue Zeit verstehen, ohne den zu
begreifen, mit dessen Stiftung unser ganzes Sein verwebt, unsre ganze
Kultur verknpft ist, auf den Ein ganzes Volk lebendige Weissagung
gewesen, durch den dasselbe Volk ein lebendiger Fluch tagtglich vor
unsern Augen wandelt?

#Christus# mu als geschichtliche Individualitt begriffen, als
#psychologische Persnlichkeit# erlutert werden, ehe wir das
Christenthum klar zu fassen vermgen[67]. Der #Menschensohn# mu vor
uns stehn, heilig und erhaben, wie er war und gelebt hat und gestorben
ist. Alsdann wird erhellen, wie er unter allen Shnen Gottes sich den
Eingeborenen nennen und als Mittler zwischen Gott und den Menschen in
Wahrheit darstellen konnte, warum er sich opfern und warum sein Tod
fr jene Zeit sowohl als fr alle Zeiten eine Vershnung werden mute.
Es wird sich zeigen, wie weit die Herrschaft eines solchen Geistes
ber andere Geister sowohl als ber die Natur, wie weit die, niemals
vorher in solchem Mae gewesene, niemals hnlich wiederholte, in ihm
und um ihn waltende Steigerung des Gemthslebens jene Vorgnge erzeugen
konnte, welche von der Kirche als Wunder bezeichnet[68], von einer
Kritik aber, der die geheimen Tiefen der menschlichen Seele verborgen
sind, schlechtweg als Mhrchen verworfen werden.

Endlich wird erhellen, wie an seinem Wesen das Dogma der Dreieinigkeit
sich entwickelt hat; wie die Gedankenreihe Gottes in der Schpfung zwei
ewig nothwendige, uranfnglich gedachte Spitzen enthlt, deren Eine er
selbst gewesen; wie er #den Geist der Wahrheit# als kommenden geahnt,
als wirkenden schon gefhlt und als unerllich fr den Bestand seiner
Stiftung erachtet; wie dieser Geist, nachdem er als bildender Verstand
in den Dogmen und der Verfassung der Kirche gewirkt, sich zurckgezogen
und seinen Weg gewandelt: um endlich als umfassendes Princip zu
erscheinen und als heiliger Geist sich im Staate zu verwirklichen.

Also wird die Philosophie von der Religion, der Staat von der Kirche
anerkannt werden als gleich gttliche, ja als hhere Macht. Wollte die
Kirche sich dessen weigern: sie wrde sich selbst vernichten, wenn sie
den Geist verwrfe, dem sie ihre Rettung verdankt. Staat und Kirche
werden hinfort gemeinsam wirken im Menschengeschlecht, gerade so und
nicht anders, #wie Vater und Mutter sich theilen in die Erziehung der
Einzelnen#.

Wie aber der Staat erwachsen wird zu einer organischen Einheit
unzhliger Vlker und Gemeinwesen, so soll allerdings auch in der
Kirche lebendige Einheit herrschen. Wie dorten der Eine Welttheil
ber den andern, die Eine Familie ber die andere, das Eine Volk
ber das andere sich stufenweise erheben wird, also da Eine Nation
auf den Gipfel des ungeheuern Baues gestellt ist, so mu auch hier
hierarchische Ordnung sein, und an ihrer Spitze (denn die Kirche hat
nicht mit den Nationen, sondern mit dem Menschen als solchen zu thun)
Ein sichtbares Oberhaupt. Aber so wenig im Staate von einer #Gewalt,
welche keine andere Gewalten neben sich duldet#, knftighin gehrt
werden wird: eben so wenig kann das Papstthum in seiner jetzigen
Gestaltung, geschweige denn in den jetzigen Ansprchen verharren.

Mit andern Worten: die Kirche berhaupt unterliegt, so wie das Princip
in den Geistern sich Bahn gebrochen hat, einer durchgreifenden
Umwandlung. Die rmische, lutherische und reformirte Konfession
werden fallen, um Einer allgemeinen (#katholischen#) zu weichen. Wie
diese Entwicklung der Dinge, (welche uns heutzutage als unglaublich
erscheinen mu) gedenkbar sei -- darber noch einige Worte.

Die Philosophie wird die verschiedenen dogmatischen Auffassungsweisen
des Christenthums in sich aufsaugen; sie wird die Ideen, welche den
einzelnen Konfessionen zum Grunde liegen, jede in ihrer Wahrheit
erklren, alle insgesammt aber ihrer Einseitigkeit entledigen,
indem die verschiedenen Lehren, wie die Radien des Kreises in Einem
Mittelpunkt, in ihr zusammenlaufen. Die Zeit selbst hat sowohl durch
die steigende Duldung, als durch innere Vorgnge den #dogmatischen#
Unterschied der Kirchen bereits ungemein gemildert. Es ist die
in der katholischen Theologie geschehen durch die Bemhung, ihre
Dogmen geistig zu verfeinern, ihnen tiefere Begrndung zu geben. Die
reformirte und lutherische Lehre sind sich schon bis zum Unmerkbaren
nahe gerckt, wenigstens haben die noch vorhandenen streitigen Punkte
ihre Spitze verloren. Der auf solche Weise dem katholischen Glauben
fast einig gegenberstehende Protestantismns hat wiederum, nach
der Lage der Dinge, mit dem ersteren die mannigfachste Berhrung.
Denn da die groe Parteispaltung zwischen rationalistischer und
orthodoxer Ansicht auf beiden Seiten mit hnlicher Macht eingedrungen
ist: so fhlt sich die linke Seite der Protestanten zu der ihr
entsprechenden unter den Katholiken, und die rechte andererseits zu
ihren Geistesverwandten hingezogen; wodurch eine ununterbrochene
geistige Verbindung zwischen beiden Theilen erhalten und die Annherung
vorbereitet wird. Die dogmatische Verwandtschaft, um es an Einem
Beispiel zu zeigen, ist bereits lebendiger zwischen der katholischen
und der lutherisch-orthodoxen Lehre, als zwischen der letztern und
den rationalistisch-protestantischen Ansichten. Die Wirkung des
kommenden Princips mu sonach naturgemer Weise diejenige sein, da
die Denkglubigen (welcher Konfession sie angehren mgen,) der Kirche
entsagen, und der Philosophie und dem Staate als einer andern Kirche
sich zuwenden[69], whrend alle diejenigen, welche am christlichen
#Symbole# (gleichviel, welchem Symbole) und damit an der #Kirche#
festhalten, sich im alten dogmatischen Gehalte des Christenthums wieder
begegnen und finden werden.

Ist das Letztere geschehen: so bleibt noch Eine Verschiedenheit
zurck unter den Konfessionen, die einzige tief eingreifende, schon
heutzutage die kardinale Verschiedenheit[70]: ich meine die Theorieen
ber Verfassung der Kirche und ihre Stellung zum Einzelnen, und der
Bestand der Theorieen in der Wirklichkeit. Die absolute Monarchie der
rmischen Kirche, das Episkopalsystem des aufgeklrten Katholicismus,
die Beamtenrepublik der Lutheraner und die Demokratie der Reformirten
stehen sich unvershnt gegenber. Ob die Kirche zwischen Gott und den
Menschen vermittele, oder ob der Einzelne ohne ihre Dazwischenkunft
frei mit dem Hchsten verkehre; ob sie dem Staat sich hingeben oder
in eigenthmlicher Organisation selbststndig verharren solle, ob sie
sichtbar sein msse oder unsichtbar sein knne, das alles hngt mit den
oben genannten Differenzen aufs innigste zusammen.

Und hier ist es nun, wo der Einflu der Philosophie seine volle
Wirkung entfalten wird. Von ihr allein knnen die Verfassungsfragen
entschieden werden, worber weder die Urkunden, noch der Geist des
Christenthums Aufschlu geben. Der Geist der Wahrheit, indem er sich
im Staate verwirklicht, erleuchtet mit seinem Lichte zugleich das
Dunkel der kirchlichen Gestaltung: das Bild des vollendeten weltlichen
Staates wird zugleich das Vorbild des geistlichen. Die Kirche mu
#konstitutionell# werden, wie der Staat es ist; sie mu gleich ihm ein
Gleichgewicht finden zwischen dem monarchischen, aristokratischen und
demokratischen Element. Jene absolute Vollgewalt, welche die rmische
Partei dem Papste vindicirt, ist damit auf immer verloren, es sind
alle diejenigen gerichtet, welche der Kirche die vergangene weltliche
Tendenz des Mittelalters wieder einflen und dem deutschen Volke, wie
vor Zeiten, einen Gtzen der Knechtschaft und der Zwietracht setzen
wollen jenseit der Alpen[71]. Wenn hierin der Katholicismus sich
gereinigt hat: so wird dagegen der Protestantismus erkennen, da eine
festgeschlossene, einheitliche Organisation allerdings der christlichen
Kirche vonnthen sei, da sie, um lebendig zu wirken in der Welt, einer
zusammenhngenden Verbindung und hierarchischer Gliederung bedrfe,
und da ein sichtbares Oberhaupt mit der Freiheit des Ganzen sich eben
sowohl vertrage, als das Knigthum im Staate mit der Freiheit des
Volkes sich vertrgt. Er wird einsehn, wie bei aller Ungebundenheit der
Forschung des Einzelnen doch eine Kirche, um Kirche zu bleiben, wenn
sie nicht zerfallen soll in unendliche Parteiungen, ein #Bekenntni#
aufstellen mu, welches den bindenden Ausdruck ihres Glaubens und ihrer
Einrichtung enthlt. Und da sowohl die Dogmen als die Verfassung, nach
dem lebendigen Charakter des Christenthums, in den verschiedenen Zeiten
verschiedener Aenderungen fhig und bedrftig sind: so liegt es an der
gesetzgebenden, in den Concilien ruhenden Gewalt, dem Symbole und den
Satzungen, dem Bedrfnisse gem, die entsprechende Modification zu
geben. Auf diese Weise wird die katholische Ansicht von der unbedingten
Gewalt der Kirche zur freien und beweglichen; den Protestanten bleibt
unbenommen, die Bibel als die einige Quelle der christlichen Lehre
zu betrachten, doch ists an ihnen, zuzugestehn, da diese Quelle
eine Auslegung, die Auslegung einer kirchlichen Macht erfordert und
da einiges Gewicht aus eben diesem Grunde auch der kirchlichen
Ueberlieferung beiwohnt[72]: gerade wie im Staate das Gesetz nicht
bestehen knnte ohne die befugten Ausleger und wie auch hier, neben den
geschriebenen Statuten, dem berlieferten (Gewohnheits-) Rechte eine
Geltung gegeben wird.

Dieses alles kann nur langsam geschehen, im Laufe der Zeit und durch
gesteigerte Unbefangenheit der ganzen religisen Anschauung. Die
Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts hat eine Toleranz geschaffen,
die auf der Gleichgltigkeit oder Verachtung beruhte. Aus der des
neunzehnten soll eine hhere Toleranz hervorgehen, welche zur
Vershnung treibt, nicht weil sie die konfessionellen Dinge von sich
weiset, sondern weil sie dieselben durchdringt und eben hiedurch die
Gemther zu warmer religiser Gemeinsamkeit, die Geister zu voller und
gerechter Anerkennung erhebt. Es soll aber Deutschland allen brigen
Lndern in dem groen Werke der Vershnung vorangehen, als dasjenige
Land, in dem die Kirchenspaltung ihren Ursprung genommen, in dem die
drei Parteien sich in gleicher Blthe erhalten, in dem endlich heute
noch ber kirchliche Fragen am tiefsten gedacht, aufs lebhafteste
verhandelt und am meisten gestritten wird. Was hier, im Mittelpunkte
des religisen Lebens, zur Entscheidung kommt, ergiet sich von selbst
in die brigen Theile von Europa, besonders ins germanische, welches
in der altlutherischen Kirche Skandinaviens, in der presbyterianischen
Schottlands und in der englischen Hochkirche die verschiedensten
Elemente beherbergt[73]. Die erste kirchliche Aufgabe der Zukunft mu
also die sein, eine #deutsche Nationalkirche# zu schaffen, zunchst
um die Deutschen zu einigen, weiterhin aber als Grundlage einer
umfassenden, europischen Kircheneinigung.

Denn die Kirche mu zuvor gereinigt, sie mu eine andere, neue und
hhere sein, ehe Europa der groen Sendung gengen kann, die ihm ber
die Erde hin angewiesen ist. Der Staat kann erobern, beherrschen,
civilisiren und organisiren, die Kirche aber soll durch ihre Missionen
den Saamen einer innern Umwandlung unter die barbarischen Vlker
streuen. Dieses ist unmglich, der Sieg und die Ausbreitung des
christlichen Princips kann nicht gedeihen, so lange die Missionen von
kleinlichem Gesichtspunkt geleitet, in kleinlichem Geiste ausgefhrt,
durch bestndige Zwietracht sich selbst zerrtten. Erst wenn es einst
eine groe, einige und umfassende Mission gibt, kann die Erde durch die
Waffe des Princip[74] unter civilisirten, durch das Christenthum unter
wilden Vlkern, im hchsten Sinne #des Herrn werden#.




Kapitel XV.

Beschlu.


Es gibt in der Geschichte des Menschengeschlechts drei groe
Epochen der Erziehung, drei Zeiten, in welchen der gttliche Geist,
obwohl bestndig und allenthalben wirksam, doch mit besonderer
und unmittelbarer Fgung eingegriffen hat in die Entwicklung des
Menschengeschlechts.

Die erste Zeit ist gewesen, als Moses die ltesten Traditionen
fixirte und den Glauben an den Einigen Gott auf Jahrtausende hinaus
bewahrte, indem er beides in einem durch Gesetze, Verfassung und Sitten
abgeschlossenen Volke niederlegte. Dies war das erste Testament,
in welchem Gott noch dunkel verhllt, und als strenger Vater den
unmndigen Kindern erschien -- nur vorbereitend, nur Grundlage fr die
kommenden. Die zweite Zeit war, als Christus die Decke von den Augen
nahm, als er aus der symbolischen Hlle die reine religise Anschauung
hervorzog, und einen ewigen Bund der Liebe aufrichtete zwischen Gott
und den Menschen, so da #in ihm# und #durch ihn# Alle selig werden
konnten. Die dritte Zeit ist die unsrige. Mit dem dritten Testamente
ist die Erziehung des Geschlechts abgeschlossen: die Menschheit steht
nicht nur liebend und vershnt, sie steht auch #bewut# und #frei#
dem Vater gegenber, das Menschliche wird geheiligt, und die dunkeln
Ahnungen eines gttlichen Reiches auf Erden, welche in den Bchern des
zweiten Bundes enthalten sind, gehn der Verwirklichung zu[75].

Das erste Testament war nur Einem Volke gegeben, das zweite den
Menschen schlechthin, das dritte wird durch Ein Volk allen Vlkern
gegeben werden.

Jenes ersten Volkes Schicksal ist uns allen bekannt. Gott hatte sich's
auserlesen zu seinem Eigenthum, es begnadigt mit wunderbarer Fhrung.
Er hatte es grogezogen in der Schule der Knechtschaft, ihm dann ein
Gesetz gegeben, ihm viele Helden und groe Knige erweckt, spter
aber, als es in Zwietracht zerfiel, sich spaltete und andern Gttern
nachging, fremde Unterjochung aufgelegt, um reiner und geluterter
daraus hervorzugehn. Die ganze Geschichte des Volkes, sein Kultus, sein
Glaube, seine Helden und Propheten, seine heiligen Bcher -- alles
war eine ununterbrochene, lebendige Weissagung eines hheren, neuen
Evangeliums. Als aber nun die Zeit erfllet war, als das Wort erschien
-- da berhrten sie den Ruf des Hchsten und schlugen den Messias
an's Kreuz. Da ging in Erfllung, was Moses ihnen verkndigt hatte:
sie wurden zerstreuet unter alle Vlker der Erde, von einem Ende der
Welt bis an's andere; sie haben kein bleibendes Wesen unter ihnen, und
ihre Fusohlen keine Ruhe; der Herr hat ihnen ein bebendes Herz und
verschmachtete Augen und verdorrete Seelen gegeben.[76]

Das zweite von jenen begnadigten Vlkern bist du, deutsches Volk. Auch
du bist ein auserwhltes Geschlecht, ein knigliches Priesterthum, ein
heiliges Volk, ein Volk des Eigenthums dem Herrn. Zwar in einem andern
Sinne, denn jene waren gleichsam als das halsstarrigste, verkehrteste
und unwissendste unter allen auserlesen zu hervorstechenden Werkzeugen
der Erziehung, whrend du vor allen reich gesegnet bist an Gaben des
Geistes und Gemths, am fhigsten #ihn# zu suchen und zu finden,
jene durch ein groes #Geschick# begnadigt, whrend du durch #Natur#
es bist. Aber doch hat der Herr auch dich so wunderbar gefhrt, hat
auch deine Kindheit in schwerem Druck herangezogen, hat auch dir den
Sieg verliehen und dich gro gemacht ber alle Feinde, auch dir im
Christenthum ein Gesetz gegeben und dir vergnnt, eine neue Ordnung
der Dinge drauf zu grnden, auch dir viel groe Herrscher und Richter
erweckt, auch ber dich, als du von der eignen Art zu lassen, falscher
nachzujagen und in Zwietracht dich aufzulsen drohtest, das Joch einer
fremden Knechtschaft verhngt, damit du reiner und herrlicher wieder
auferstndest. Auch deine Geschichte ist eine lebendige, fortlaufende
Weissagung, auch sie ist allenthalben erfllt von Typen, Vorbildern
und Ahnungen einer kommenden Herrlichkeit, wenn du sie nur zu deuten
verstehst. Sieh hin auf dein Mittelalter. Hast du nicht in deinem
Kaiserthume das Vorbild jener umfassenden Hegemonie, jener allgemeinen
Vlkerordnung? nicht in deinen Kreuzzgen die Ahnung eines groen
Sieges ber die asiatische Welt, in deinen hierarchischen Kmpfen
eines gerechtfertigten Verhltnisses von Staat und Kirche? Ist nicht
dein seltsamer, tausendfach abgestufter Lehrerstaat der #materielle#
Typus jener wahrhaftigen #geistigen# Staatsordnung, nicht deine
mittelalterliche Aristokratie das Vorzeichen eines hheren Adels[77]?
Und deine Reformation, ist sie nicht die Weissagung eines grern
Princips, welches gleich ihr die Vlker durchdringen und Europa
verjngen soll? Ja, mutest du nicht, wie die Juden durch persische und
babylonische, so durch europische Knechtschaft hindurchgehn, um reif
zu werden fr deine hchste Hervorbringung?

Jetzt, deutsches Volk, kommt nher und nher die Zeit, da an #dich#
der hhere Ruf ergehen wird. In deine Hnde hat der Herr dein eigen
Schicksal und das der Welt gelegt; durch dich will er's entscheiden,
ob die Vlker in leichtsinniger Materialitt verderben oder in
drckenden Fesseln des Geistes versinken, ob sie an einer falschen
Freiheit verbluten oder in knechtischer Niedrigkeit dahin sterben
sollen, ob die Civilisation einer Welt sich an den eignen Wunden
verzehren oder auf Jahrhunderte hinaus der Barbarei unterliegen soll:
-- oder ob ein neuer, herrlicher Frhling hereinbrechen soll ber das
arme Menschengeschlecht. Das Alles hat er #dir# anheimgestellt, weil
du der Heilung vor allen bedrftig, weil dir die Gefahr am ehesten
droht, weil, wenn du dich nicht zu retten vermagst, du, in dem die
frischesten, moralischen und geistigen Krfte schlummern, berhaupt
keine Rettung mehr vorhanden ist. Wirst du nun auch sein, wie jene,
deren unseliges Loos es war, niemals zu sein, was sie htten sein
sollen und sein knnen?

Warum rufe ich dir die zu? Nicht als ob es in deiner Macht stnde,
jenen Gedanken hervorzuzaubern, aus welchem allein eine neue Zeit
entsprieen kann: dazu mu dir der Hchste Einen aus den Deinigen
erwecken und wird es thun; sondern damit du dich bereitest auf eine
groe Zukunft und ausfllest die tiefe Kluft, die zwischen deinem Sein
und deinem Knnen besteht, damit wenn der Weltgeist kmmt, um Wohnung
zu machen unter dir, er eine wrdige Sttte finde -- ein einiges,
starkes, enggeschlossenes, stolzes, nach dem Grten begieriges Volk,
ein Volk, das sich kenne und achte mehr denn bisher und wisse, wozu
es berufen ist unter den Vlkern. Glaube nicht, da dir's Gott im
Schlafe bescheeren werde, wie du lange geglaubt, da er dich jemals mit
einem Glck berschtten werde, dessen du dich nicht wrdig gemacht
im Schwei deines Angesichts; im Schlaf gibt ers den Kindern, du aber
sollst ein #Mann# sein und mit #Manneskraft# das Schicksal an dich
reien -- und das ist's gerade, was du bisher so wenig gewesen und so
selten gethan hast.

Es ist zwar allerdings, als ob die neue Zeit sich schon hren liee,
ihr allmchtiger Schritt klingt schon, wenn auch noch aus der Ferne, zu
uns herber. Ein herrlicher Auferstehungsgeist glht und arbeitet in
den deutschen Landen, ein anderer Sinn ist erwacht und das Wehen einer
hoffnungsreichen Zukunft zieht hin ber die deutsche Erde. Der Anfang
ist geschehen, der erste Grund gelegt. La diese heilige Begeisterung,
deutsches Volk, nicht noch einmal zum Gesptte werden, wie es eine
frhere schon geworden, la sie nicht betasten von ungeweihten Hnden,
nicht schnde mibrauchen zu Parteienzweck, als ein treffliches
Werkzeug fr die Stunde der Gefahr, welches weggeworfen wird in
sicheren Zeiten, oder als Waffe in derer Hand, die dir von Freiheit
schwtzen und weiter nichts wollen als sich bereichern an deiner
Zerrttung. La nicht erkalten, was einmal glht, nicht erschlaffen,
was einmal lebt; strebe fort und fort, ohne Rast und Ruhe, als glte
es (wie es denn auch gilt) dein Dasein auf Jahrhunderte. Wer immer
kmpft fr ein gutes deutsches Recht, der thu' es ohne Unterla und
unerschtterlich, es werde was da wolle -- und das ganze Volk soll ihm
zur Seite stehen, und ihn strken im Kampf. Wer immer arbeitet fr die
uere Gre des Vaterlandes, sei es fr Zollverein oder Eisenbahnen
oder Volksbewaffnung, wenn es nur vaterlndische Zwecke sind,
degleichen und noch mehr, wer es fr innere Gre thut, fr Mndigkeit
und gegen Mibruche, fr die Heiligkeit des Gesetzes und die Reinheit
der Verwaltung, fr Frderung des Unterrichts und der Sitten oder frs
freiere Wort, -- alle diese sollen unverrckt und unaufhaltsam, wo
nicht das Gesetz sie aufhlt, dem Ziele nachjagen, das sie einmal sich
vorgesetzt. Und wo sie's nur im rechten Geiste thun, sollen sie nicht
zagen oder zweifeln am Erfolg; denn alle die auf den Herrn harren,
kriegen neue Kraft, da sie auffahren mit Flgeln wie Adler, da sie
laufen und nicht matt werden, da sie wandeln und nicht mde werden.

Es sind aber vorzglich drei Mchte, in welchen das Wohl oder Weh
des Vaterlandes liegt. Die erste sind die Frsten und die, die in
ihrem Rathe sitzen. Der Frsten Sache ist es, voranzugehen in Allem,
was die Ehre, den Ruhm und die Wohlfahrt Deutschlands besonders nach
auen betrifft, und, wie sie auch sonst zu den politischen Fragen der
Zeit gestellt sein mgen, das Eine nicht zu vergessen, was Einer aus
ihrer Mitte ihnen zugerufen hat, da die Vlker nicht um ihrentwillen,
sondern sie um der Vlker willen da seien. Ihre Rathgeber aber sollen
bedenken, welch ein schweres Gewicht der Verantwortung auf ihnen liegt,
da die ffentliche Meinung mit einem ganz andern Mastabe #sie#, mit
einem andern ihre Herren mit (welche als sterbliche Menschen auf die
hchste Hhe gestellt, gerade zumeist dem Straucheln ausgesetzt sind),
und da die Nation um so hher sie ehren wird, je weniger sie ihre
Stimme zu meiden, oder mit der Heiligkeit des Thrones ihre Fehler zu
bedecken suchen. -- Die zweite Macht sind die Kammern. Diesen liegt es
ob, die allgemein deutschen Interessen vor allem hervorzuziehen, fr
sie, wenn es Noth thut, auch Opfer zu bringen, und es #wohl zu wgen#,
ehe sie schwierige (und wie oft fruchtlose) Controversen beginnen; wenn
sie aber begonnen werden mssen, #ohne Wanken# mit dem Recht zu stehen
und zu fallen. -- Die dritte Macht ist die Presse. Ihr ist Unendliches
anvertraut, sie kann die Seelen regieren und die Geister beherrschen.
Sie soll daher deutsch sein im schrfsten, ausgeprgtesten Sinn,
deutsch vor allen provinziellen Dingen und gegen allen auslndischen
Einflu; welcher Partei sie auch angehre, ihre Pflicht ist es, nach
auen zu nur Eine Stimme zu fhren, wenn liberal, dem Westen, wenn
konservativ, dem Osten als deutsch gegenberzustehen, und im Innern
unter allen Kmpfen nur das #Eine Ziel, die Einigkeit# vor Augen zu
haben.

Wenn dieses geschieht: so knnen wir hoffen, fr eine groe Zukunft
gerstet dazustehen und das Schicksal wrdig zu empfangen, es mag nun
im sanften Wehen oder im wilden Sturme zu uns kommen.

Vor allem aber, deutsches Volk, #steh' fest auf dir allein# -- schau
nicht um weder rechts noch links nach Freunden und Nachbaren, geh
unverrckt deinen eigenen Weg, und achte nicht auf die, welche scheel
seh'n zu Deutschlands steigender Wiedergeburt. Glaube sicherlich,
es ist keine unter den mchtigern Nationen Europas, welche dich
nicht lieber klein und niedrig sehen wollte denn herrlich und gro,
keine, von der du dir Heiles und Freundschaft erwarten knntest, um
deinetwillen, keine, die dir nicht den Weg erschweren mchte, den du
betreten hast.

So ists im Frieden; wie erst, wenn die Gewitterwolken sich entladen,
die jetzt schon schwl und dumpf ber unsre Hupter hereinhngen? Es
kann eine Zeit kommen, wo von allen Grnzen her die Wogen ber dich
zusammenschlagen, und der Feind dich ngstigt in allen deinen Thoren.
Da wirst du keinen Genossen haben als dich selbst, keine Hlfe als
die der eigenen Kraft. Denn die Vlker, welche dich mit Freuden ehren
werden, #wenn# du einst sein wirst, wozu du berufen bist, werden
sich dir entgegenwerfen, #ehe# du's bist; und um der Erste zu sein in
Europa, mut du dich vielleicht erproben vor ganz Europa. Ein heier,
schwerer Kampf -- und dann wird Friede werden, wahrhaftiger Friede;
erst aber sollst du im Feuer gelutert werden, damit die Schlacken von
dir gehn und du erfunden werdest als reines Gold.

Darum, seid einig, haltet fest und eng an einander, bis die hhere
Hlfe kommt. Thut ihr das Eurige -- und Gott, der noch nie seine
Deutschen verlassen hat, wird das Seinige thun. Vergi es nie,
deutsches Volk, schreib' es dir tief ins Herz und sag' es dir tglich
und immer wieder: die Zeit, welcher du entgegen gehst, ist eine Zeit
auf Leben oder Tod, jetzt oder nie ist deine Stunde gekommen, ist
dir die Wahl gegeben, Alles zu sein oder Nichts. Vor dir liegt eine
herrliche Zukunft -- wo nicht, die tiefste Erniedrigung. Du bist das
Salz der Erde. Wenn aber das Salz verdummt, was geschieht? #Es ist
hinfort zu Nichts ntze, denn da man es hinausschtte und lasse es
zertreten.#

Noch einmal rufe ich dir zu, mit den Worten eines alten Sehers: #Mache
dich auf, und werde Licht#; denn dein Licht kommt und die Herrlichkeit
des Herrn gehet auf ber dir. Denn siehe, Finsterni bedeckt das
Erdreich und Dunkel die Vlker; aber ber dir gehet auf der Herr, und
seine Herrlichkeit erscheinet ber dir. Und die Vlker werden in deinem
Lichte wandeln, und die Knige in dem Glanz, der ber dich aufgeht.
Hebe deine Augen auf, und siehe umher: diese alle versammelt kommen zu
dir. Deine Shne werden von Ferne kommen, und deine Tchter zur Seite
erzogen werden. Dann wirst du deine Lust sehen und ausbrechen, und dein
Herz wird sich wundern und ausbreiten, wenn sich die Menge am Meer zu
dir bekehrt und die Macht der Vlker zu dir kommt.




FUSSNOTEN

[1] Man erlaube mir, den Untergang des Reiches auf die ganze Dauer
der Napoleonischen Kriege auszudehnen.

[2] Ebendehalb, weil er auf dem Gipfel des Mittelalters steht, hat
die Sage sich an Friedrich den Rothbart geknpft. Er schlft und
trumt so lange, bis wieder eine Zeit (die neuere Zeit) den Gipfel der
Vollendung erreicht. Dann erwacht er wieder als #Friedrich#, d.i. als
Friedebringer seines Volks.

[3] Es ist bekannt, da die Starrheit der Calvinischen Consequenzen
eine Verschiedenheit der Symbole, somit eine Bewegung innerhalb
gewisser uerster Grnzen erzeugte. Das Eine Symbol, zu dem die
Lutheraner bald sich einigten, erstarrte blder, konnte vom Geiste
leichter bersprungen werden: der philosophische Fortgang knpft
sich daher in hherem Grade an den Lutheranismus. Von ihm ist hier
vorwiegend die Rede, weil die #deutsche# Entwicklung, weil der
#positiv# philosophische Trieb, der die Deutschen charakterisirt,
von ihm geleitet worden ist; whrend die #negative# Philosophie (der
Deismus in Holland und England, die Aufklrung in Frankreich) durch das
reformirte Princip vermittelt wurde.

[4] Es geht Luthers Schriften ohngefhr wie der Bibel: beide werden
vernachlssigt, weil sie religisen Inhalts sind!

[5] Weil das reformirte Princip seinem Wesen nach ein
#romanisch#-germanisches war, so konnte kein dritter groer Staat
entstehen, in dem es, wie das katholische in Oestreich, das lutherische
in Preuen, vertreten gewesen wre. Im Gegentheil ist's bezeichnend,
da die Pfalz, als im Westen gelegen, die Hegemonie der reformirten
Partei bernahm, da gerade sie so oft von Frankreich berzogen,
endlich verschlungen wurde.

[6] Nichts charakterisirt schrfer das deutsche Wesen, als der Begriff,
den die Sprache mit dem Worte leicht-fertig verbindet. Leicht-fertig
waren damals die Franzosen, und eben dehalb leichtfertig.

[7] Die systematische Philosophie gehrt nicht hieher, weil sie immer
Schule geblieben ist, und als solche des unmittelbaren Einflusses aufs
Volk ermangelt, wie die Literatur ihn hat. Doch seien hier einige
Worte ber den Zusammenhang erlaubt, der mir zwischen ihr und der
Entwicklung des protestantischen Prinzips in Deutschland und in der
Geschichte berhaupt stattzufinden scheint. -- Ich finde im Leben des
Protestantismus zwei groe, scharf geschiedene Perioden: die erste
die Zeit der Emancipation von mittelalterlicher, ppstlicher und
kirchlicher Autoritt, ihr Urbild Luther; die zweite die Zeit der
Entfesselung des Geistes schlechtweg, ihr Urbild Lessing. (Luther und
Lessing sind daher die Marksteine aller deutschen Geschichte seit
dem Anfang der neuern Zeit. Auch das reformirte Princip hat, nur
schneller und khner, jene zwei Stadien durchlaufen; im ersten Stadium
fertiger als das lutherische und weltbewegender [in der englischen
Revolution &c.], im zweiten Stadium negativer, und Mutter des Deismus
und Skepticismus, #hat es seine Geschichte bereits geendigt#; denn
die negative Weltanschauung ist gerichtet. Daher auch die Union. Die
lutherische Tendenz dagegen, wie sie in Lessing ausgesprochen ist,
#mit ihrem tiefen positiven Kern, hat ihre wahre Zukunft erst vor
sich#). Demgem, und gleichlaufend, sind auch in der systematischen
Philosophie zwei Phasen bemerkbar: die erste bis Kant die Zeit der
halben, noch befangenen Freiheit, wie sie in Descartes, die zweite von
Kant an die Zeit der vollkommnen Emancipation von den christlichen
Fesseln, wie sie in Spinoza vorbildlich ist. So erscheint Leibnitz noch
gebunden, wenigstens theilweise, von der Autoritt der Offenbarung und
kirchlicher Dogmen; ein riesenhaftes Wissen ersetzt bei ihm den Mangel
der spekulativen Idee, welche, urfrei und urkrftig, alle Gebiete
durchdringt; und nach ihm sinkt unter Wolf die Philosophie in die alten
scholastischen Bande zurck. Davon befreit durch Kant, beginnt sie von
nun an aufs schrfste, #in ihrer Weise# dieselben Ideen auszusprechen,
welche gleichzeitig die literarische und politische Welt bewegen. So
tritt in Kant die Aufklrung, in Fichte die Revolution, in Schelling
die Restauration, in Hegel endlich das Justemilieu hervor. Daher der
ungeheure Einflu der Hegel'schen Ideen in Deutschland, und ihre
Verwandtschaft mit dem preuischen Staate (welcher, freilich jetzt
viel restaurativer geworden, Schelling an sich zu ziehen sucht); eben
daher ihr Zerflieen in unendlich verschiedene und entgegengesetzte
Ansichten. Es ist aber der Friede, welchen Hegel zwischen Glauben
und Unglauben gestiftet hat, nur ein Scheinfriede, gleich dem des
politischen _status quo_; und die Hegel'sche Vershnung verhlt sich
zu einer wahrhaftigen gerade so, wie die knstliche, trgerische
Protokollregierung unserer Tage zu einer wahren, natrlichen,
organischen Friedenspolitik. Darf ich ein khnes Bild gebrauchen, ohne,
bei so ernsten Dingen, den Verdacht leichtfertigen oder bermthigen
Spottes zu frchten, so mchte ich sagen, Hegel und das politische
Justemilieu, das ist: die Scheinwahrheit und der Scheinfriede, gehen
der chten Wahrheit, dem chten Frieden auf hnliche Weise vorher, wie
in der Stufenleiter der animalischen Schpfung der Affe dem Menschen. --

[8] Man hat Gthe, und das nicht mit Unrecht, seinen Mangel an
Patriotismus vorgeworfen; aber meist die Anklage schief gestellt. Auch
Schiller war Kosmopolit, und kosmopolitisch ist berhaupt, aus dem
obigen Grunde, der Charakter jener Literatur; nur war Gthe auch als
Weltbrger kalt, ohne Begeisterung fr die Freiheit, ohne warme Liebe
fr die Menschheit.

[9] Ich habe diese drei angefhrt, nicht nur als die Spitzen der
Literatur, sondern insofern sie die gerichtlichen Ideen der Zeit
reprsentiren. Wenn in JeanPaul dieses nicht so unmittelbar
hervortritt, als in den beiden Anderen, so drckt er doch in der
schrfsten Weise die Versenkung des Geistes, das Sinnen und Trumen
aus, worein, inmitten politischer Ohnmacht, der deutsche Geist sich
zurckgezogen hatte.

[10] Da das Princip hier nur in seinen allgemeinen Wirkungen, als das
Endziel der deutschen Geschichte, beleuchtet wird, so verweise ich die
Leser auf die nhere Errterung im zweiten Theile.

[11] Da die Rmer in diesem ihrem Charakter als Staatsvolk, d.h. in
der Entwicklung des Staats und des Rechts bisher noch unbertroffen
sind, so ist die Herrschaft, die sie im rmischen Kaiserthum deutscher
Nation und durchs rmische Recht noch Jahrtausende nach ihrem Fall ber
Europa ausgebt, organisch begrndet. Wir werden uns eher nicht vom
rmischen Recht emancipiren, als bis wieder ein weltumfassender Staat,
bis jene vierte Tendenz, von der oben die Rede, ins Leben tritt.

[12] Deshalb ist, wie wir spter sehen werden, die heutige Trkei der
Sitz des europischen Weltreiches, wie China des Reiches der Mitte.

[13] Um die Analogie der europischen Familie mit der Organisation
der Raen nachzuweisen, knnte es bequemer scheinen, von vorn herein
die Dreiheit (in Kaukasern, Semiten und Mongolen), da ja ohnedie die
Chinesen als eigene Rae naturhistorisch nicht anerkannt sind, zu
statuiren, und statt der acht Welttheile nur sechs anzunehmen. Aber
fr unsere Anschauung ist die Eigenthmlichkeit der Sprache und der
historischen Entwicklung gewichtiger als jene ueren Merkmale. Auch
ist es unlugbar, da trotz der Dreiheit der europischen Familien,
doch England als Insel, Italien als Sitz des alt- und neurmischen
Reiches, Ungarn als magyarisches Land, da diese, sag' ich, obwohl
jedwedes Glied einer Dreiheit, doch einen isolirten, und zugleich
zwischen zwei Raen vermittelnden Charakter tragen.

[14] Deutschland hat eine Forderung zu thun gegen Frankreich; die geht
ans #Elsa#, und vielleicht noch weiter. Was noch deutsch geblieben
in der Sprache und im Volkskern, das gehrt nach innern Gesetzen
in den deutschen Organismus. Drber hinaus gibt es kein Recht mehr
fr uns; wo die Nationalitt gewichen ist, da will der historische
Verwandlungproze geachtet sein. Man hat im Pariser Frieden nur die
Revolution gezchtigt; auch was die Lilien gesndigt, findet noch
seinen Tag. Ich habe diesen Anspruch oben im Text nicht erwhnt, weil
ich glaube, da zu derselben Zeit, wo den Franzosen thatkrftig unser
Verstndni geffnet wird, Alles, was noch wahrhaft deutsch geblieben
jenseit des Rheins, sich von selbst zum Anschlu an Deutschland drngen
wird.

[15] Dieses Letztere, so weit aussehend, ja lcherlich es klingt,
ist nichts weniger als das, selbst nach diplomatischen Berechnungen
der jetzigen Krise, geschweige denn vom Standpunkt einer kommenden
organischen Politik. Jedermann wei, wie unfhig die Trken sind,
in dem wiedereroberten Syrien Ordnung zu schaffen; wie dringend die
ffentliche Meinung die Besetzung Palstinas verlangt, und wie leicht
die Mchte zu Konsequenzen getrieben werden, die ursprnglich nicht
in ihrem Willen lagen. Wenn also bei einer weitern Krise, wie zu
hoffen steht, Palstina okkupirt werden sollte, woher anders wrden
die Mchte, nach ihrem in Griechenland angewandten Grundsatz, einen
Administrator oder Regenten verschreiben als aus Deutschland? -- Das
nur fr diejenigen, die nur auf den nchsten Moment schauen. In den
obigen Zeilen freilich ist nicht von #dem# deutschen Volke die Rede,
welches, weil total indifferent in der groen Politik, nach allen
Lndern seine Prinzen lieferte, sondern von #dem#, welches als erste
differente Macht auch in Asien einschreiten mu.

[16] Da ein neues Polen die ehemals polnischen, jetzt einverleibten
russischen Provinzen wieder erhalten mte, brauche ich kaum
hinzuzufgen.

[17] Wenn ich hier nicht von den innern Elementen der Auflsung
spreche, die Ruland in sich selbst, in seiner Verfassung und seinem
gegenwrtigen Zustande trgt, so geschieht es, weil der Mangel an
Nachrichten hierber uns ein sicheres Urtheil kaum mglich macht. Doch
darf man, nach frheren Vorgngen und anderen Andeutungen, glauben,
da der Keim des Todes in Rulands eigenen Eingeweiden liegt und da
ein Umsturz der Dinge von innen heraus nicht zu den unmglichen Dingen
gehrt.

[18] Die mu man im Auge behalten, um die unendliche Moralitt
wrdigen zu knnen, womit Ruland fr die Aufrechthaltung der Ordnung
und des Gehorsams in Deutschland bedacht war und bedacht ist. Die
zrtliche Frsorge der Russen fr die deutsche Stabilitt erinnert ganz
und gar an die unvergleichliche Weise, womit nach Matthus Paris die
Mongolen, als sie Ao. 1243 in Ungarn, Oestreich u.s.w. einfielen,
ankndigten: sie seien ausgezogen _propter furorem Teutonicum, sua_
(der Mongolen) _modestia temperandum_. (Siehe die Briefe des Freiherrn
von Stein an den Freiherrn von Gagern _p. 68_).

[19] Noch konnte ich hinzufgen, Schweden, durch Finnland, sei die
nrdliche Vormauer gegen Ruland. Denn allerdings scheint der finnische
Volksstamm seiner Natur nach mehr unter skandinavische als unter
russische Hoheit zu gehren. Doch mu ich mich hier, aus Mangel an
nherer Kenntni, eines bestimmten Urtheiles enthalten.

[20] Auch innerhalb der drei skandinavischen Stmme ist diese
Fluctuation zu bemerken. In Schweden hat das aristokratische, in
Norwegen das demokratische, in Dnemark das monarchische Element den
Vorrang.

[21] Wollte Gott, da diese Wahrheit von allen denen begriffen wrde,
die nicht wissen, was zu ihrem Frieden dient! Wollte Gott, sie mchten
endlich an Englands Beispiel lernen, was sie immer und immer nicht zu
fassen vermgen: da eine mnnliche, krftige Opposition nichts weniger
sei als Revolution, da der Staat, um gesund zu bleiben, ihrer bedarf,
#da sie die Throne nachhaltiger krftigt, als die erlogene Hingebung
unsrer Tage#.

[22] Dadurch war Canning so einzig, und hat in so hohem Mae die
Bewunderung Europas geerndtet, da er dem Egoismus der englischen
Politik eine allgemein humane Richtung unterzuschieben suchte. Der
Versuch mute, als unenglisch, scheitern, Canning unterliegen. -- Was
die im Text berhrten Eigenschaften der Englnder im Auslande betrifft,
so sind sie wohl niemals der Welt glnzender vor Augen gelegt worden
als in unsern Tagen. Anglisirte Deutsche scheinen das Unglaubliche
leisten zu knnen. Was kann aber auch in Deutschland nicht geleistet
werden? --

[23] Da Ruland durch die nchste und natrlichste Berhrung an
Ostasien geknpft ist, so kann der englische Einflu hier zufllig und
ungegrndet erscheinen. Aber es zeigt sich auch hier wieder, da die
Mittelpunkte des Vlkerlebens, und ein solcher ist China, berall,
wenigstens zunchst, der germanischen Einwirkung vorbehalten sind.

[24] Das Wenige, was hier ber den Zustand der drei Lnder gesagt
werden wird, ist nur in folgender Beziehung gesagt. Wenn die oben
im Allgemeinen aufgestellte Behauptung richtig ist; so mu in dem
Innern jener Staaten selbst der Keim zum Anschlu an Deutschland
liegen; das heit, ihre Lage mu der Art sein, da sie lediglich
aus sich heraus keine Zukunft mehr gebren knnen. Es ist also
hinreichend daran zu erinnern, da den Hollndern durch ihre trostlosen
materiellen Aussichten, den Belgiern durch den Geist des romanischen
und germanischen Elements, den Schweizern durch ihre schon vorhandene
tiefe Zerrttung die Zukunft abgeschnitten ist. Das zugegeben, bleibt
den drei Vlkern die Frage brig: ob es besser sei, in unsicherer
Isolirung krankhaft zu verharren, oder als eigenthmliche Zweige
des groen Stammes lebendig aufzublhen? Und die Antwort wird um
so leichter sein, als sie den relativen, scheinbaren Verlust der
Nationalfreiheit mit andern Vlkern theilen werden, weil ganz Europa
vom Gleichgewichtssystem zum konstitutionellen bergehen wird.

[25] Die lt sich hoffen, weil der deutsche Theil der Bevlkerung
den wallonischen bei weitem berwiegt. Aber freilich wird, wo es sich
um ein Land handelt, in dem die gebildeten Klassen die franzsische
Sprache als Muttersprache reden, vor Allem erfordert, da die deutsche
Kultur in Belgien das verlorene Terrain wieder gewinne; und da zu
diesem Zwecke die Deutschen ihren Stammesbrdern mehr Theilnahme
widmen, als bisher geschehen ist.

[26] Die Uebergewicht ist in der geographischen Lage selbst, durch
das Verhltni der Seefhigkeit, ausgesprochen. Whrend unter allen
germanisch-romanischen Lndern keines sich findet, das nicht durch
die Natur auf Schifffahrt und Seemacht angewiesen wre, ist unter
den slavischen blos Ruland, unter den griechisch-slavischen nur
Griechenland dazu befhigt. Ohne Seemacht aber keine wahrhaftige
Gromacht. In dieser Beziehung wird Deutschland (siehe weiter unten)
nicht nur unvollkommen, sondern berhaupt #nicht# vertreten.

[27] Um Mivertndnissen vorzubeugen, bemerke ich hier, da die
konservative Politk, so weit sie im Charakter des streichischen
Staates liegt, zwar durchaus jede revolutionre, aber nicht die
#reformatorische# Tendenz ausschliet. Das hat Maria Theresia gezeigt,
die groe Frau, welche mit ihrem mnnlichen Sinn, ihrer ungeheuchelten
Religiositt, ihrem Herzen frs Volk und ihrer Einsicht in die
Forderungen der Zeit noch heute die Mnner beschmt.

[28] Der sicherste Schritt, den Preuen thun knnte, um sich innerlich
zu konsolidiren, wre meiner Ansicht nach die Trennung Posens von
den brigen Landen, in der Weise nmlich, da der Knig von Preuen
zugleich Groherzog von Posen wre, wie einst die Churfrsten von
Sachsen Knige von Polen waren. Die Polen wrden dabei gewinnen, die
Deutschen nichts verlieren; es wre eine Grundlage fr die Zukunft.

[29] Gebieten -- durch vernderte Stellung gegen Polen hin, in den
Jahren 1830 und 1831; wie noch heute durch Posen.

[30] Die Einsicht in diese Wahrheit ist es, welche die Stdteordnung
in Preuen gegrndet hat; sie ist es auch, welche neuerlich die
Provinzialstnde wieder belebt hat. Vielleicht wundert man sich,
da wir, wo von Preuen die Rede ist, zwischen der Periode vor dem
Jahr 1840, und der nach diesem Jahre nicht scharf unterscheiden. Uns
erscheint es ungerecht zu verkennen, da frherhin schon dieselben,
ja noch grere Keime gelegt waren als heute; es handelt sich nur
um ihre Entwicklung, und darber lt sich in diesem Augenblicke
noch kein kompetentes Urtheil fllen. Jedenfalls ist in seinem
Charakter als Gromacht nach auen Preuen dasselbige geblieben. Wenn
dieser Staat, #trotz# der Freiheit seiner Gemeinden, #trotz# seiner
Provinzialstnde, #trotz# seiner germanischen Heerverfassung, und unter
dem redlichsten persnlichen Willen, bis 1840 die Mittel gefunden hat,
eine bureaukratische Militrmonarchie zu bleiben, warum sollt' er sie
nicht auch nach 1840 finden? -- Was brigens die konstitutionellen
Hoffnungen betrifft, die man einige Zeit gehegt hat, so sollten
wir Deutsche nie vergessen, da Preuen, wie es ist, eine Mitte
bildet zwischen Oestreich und den brigen deutschen Staaten, wodurch
die Gemeinschaft gefrdert wird. Stnde Preuen an der Spitze des
konstitutionellen Deutschlands, so wrde die Entfremdung von Oestreich
vollstndig werden. Schon jetzt haben so viele Deutsche verlernt, ihre
Landsleute in Oestreich als Brder zu betrachten; dem ganzen Westen
liegt Paris nher als Wien. Wie wenn diese beklagenswerthe Trennung
noch erweitert wrde? Lieber kein einiges Deutschland als eines ohne
Oestreich. In #diesem# Sinn also schulden wir Preuen Dank, so wie fr
die Enthaltsamkeit, mit der es verschmht, ganz Deutschland an sich zu
ziehen; was doch nur in seinem Willen lge. Ueberhaupt, es ist allewege
wnschenswerther, da Deutschland zu den Gromchten komme, denn da
diese zu Deutschland kommen.

[31] Den Unterschied des wahren und falschen Gleichgewichts zu
veranschaulichen, dient am einfachsten die Analogie der menschlichen
Seele. Wenn wir von dem Gleichgewicht aller Seelenkrfte sprechen,
welches groen Persnlichkeiten eigen ist, so wird darunter nicht
eine gleiche Quantitt derselben oder ein gleichartiges Ma der
verschiedenen Talente verstanden, sondern die richtige Vertheilung,
wonach diejenigen Fhigkeiten, welche den Kern des Manns bilden,
die brigen beherrschen, ohne sie jedoch einseitig zu beschrnken
oder in ihrer Wesenheit zu unterdrcken: whrend ein Mensch, der die
homogensten Gaben zugleich und alle in demselben Grade bese, uns als
Unding erscheinen wrde.

[32] Wre nur erst, sagt Jean Paul in seiner Weise, wo er von der
Hoffnung eines ewigen Friedens spricht, Ein Welttheil mit sich ins
Reine und in Ordnung: in den andern wrde sein Zepter bald aus einem
Ladstock der Kanonen-Kugelzieher werden, und die Hllenmaschine immobil
machen, statt wie jetzt mobil; und da alle Kriege nur malteser Kriege
gegen die Unglubigen sind, wrden sie wie die Malteser aufhren.

                                      (Dmmerungen fr Deutschland).



[33] Unvergnglich sage ich, weil sie noch dauern kann, wenn auch das
Volk, das zuerst damit bekleidet war, lngst dem Tode verfallen ist.

[34] Was sich in Krze ber die Nothwendigkeit und Mglichkeit einer
deutschen Seemacht sagen lt, ist schlagend zusammengefat in den
Erinnerungen des ehrwrdigen Arndt _p. 343-348_.

[35] Wie ungengend das bisherige System der Konskription in den
brigen Staaten sei, wie entwrdigend es (durch die Sitte der
Ersatzmnner) auf die Armee, wie drckend auf die vermgenslose
gebildete Klasse des Volks einwirke, und wie nthig es sei, den
Wehrstand auf eine tiefere und edlere Grundlage zu bauen -- die ist so
allgemein klar geworden, da es keiner weitem Worte bedarf.

[36] Vom franzsischen #Charakter# spreche ich nicht, weil seine
frs Gute wie frs Schlechte gleich entzndbare, wetterwendische
Erregbarkeit sich dem mnnlichen und tiefen Gehalte des deutschen in
keiner Art zur Seite stellen lt.

[37] Daher ist fr den Deutschen schon #das bloe Bewutsein#
seines ersten Ranges unendlich wichtig, und hat ihm der Mangel an
Selbstkenntni mehr geschadet, als irgend einem andern Volke. Darum
ist schon die #Ueberzeugung# von dem Berufe zur Hegemonie, schon
der lebendige Glaube daran hinreichend, einen Patriotismus von nie
gekannter Strke und damit eine Umwlzung zum Guten hervorzurufen.
Darum endlich ist uns vor allen die Wahl gegeben zwischen Sein und
Nichtsein: wir haben entweder ein Vaterland ohne Gleichen oder keines.

[38] Jean Paul, den ich als Kenner der deutschen Natur (nicht, wie
sich von selbst versteht, als politischen Gewhrsmann) hier noch
einmal anfhre, hat auch diese Seite unsres Wesens vortrefflich zu
wrdigen gewut. Man drohte, schreibt er in einem zur Zeit der
tiefsten Erniedrigung, im Jahre 1809 verfaten Buche, der Erde schon
oft Universalmonarchieen. Obgleich in unsern Jahrhunderten schwerlich
eine andere, als die des Rechts und der Vernunft sich errichten
wird, nicht aber eine ber beide Erdhlften schlagfertig hngende
Wetterwolke: so mchte man doch, wenn es einmal einen Universalmonarch
auer unserm Herrgott oder in Rcksicht der Thiere auer dem Mensch
geben soll, der Erde, welche sich hier Universum nennt, anwnschen, da
er ein Deutscher wre; denn die Allseitigkeit, der Weltsinn und der
Kosmopolitismus der Deutschen fnde auf dem hchsten Throne gerade die
rechte Stelle.

[39] Alle Arbeit der deutschen Kammern ist die Arbeit des Sisyphus,
wenn sie den Stein auf dem Gipfel glauben, so entrollt er ihren
Hnden; und wohl uns, wenn er nicht tiefer hinabfllt als er anfangs
gelegen war, oder nicht ein Stckchen Volksfreiheit auf dem Rckwege
gelegentlich zermalmt. Wie weit die Migeschick von den Kammern
selbst, wie weit von auen her verschuldet wird kann hier nicht
entschieden werden. Aber das bleibt gewi: mit dem augenblicklichen
Muthe, der so oft zur Schau gelegt wird, ist Nichts gethan, wenn ihm
nicht (in Dingen, die einmal als Recht erkannt sind) eine eherne,
unerschtterliche Beharrlichkeit folgt. Das Schauspiel dieser letzteren
haben die Hannoveraner uns zum Theil schon gegeben, und werden es, so
Gott will, noch weiter geben -- zur Freude jedes ehrlichen Mannes in
ganz Deutschland.

[40] S.Dahlmann's Politik. Kap.7. .199.

[41] Ich erwhne die demagogischen Umtriebe nicht als ob sie die
Bedeutung wirklich gehabt htten, die man ihnen beizulegen gewut hat,
sondern nur der Idee wegen, die sie ausdrcken.

[42] Merkwrdig genug ist es, da derjenige Staat in Deutschland,
welcher durch den edlen und patriotischen Willen, der an seiner Spitze
steht, unter allen am meisten geeignet wre, allgemein deutsches
Gewicht zu erringen, am ausgeprgtesten Partialismus des Volksgeistes
leidet. Ich meine Wrtemberg und die Altwrtemberger.

[43] Gewi gibt es kein Land in Europa, welches mit der lebendigsten,
natrlichen Einheit des nationalen Verbandes so ausgeprgte
Provinzialitten verbindet als Deutschland, keines, das so gut geeignet
wre, zwischen dem starren Centralismus der heutigen Staaten und
dem reinen Fderalismus zu vermitteln. Da wir hier uns nur mit dem
Allgemeinen beschftigen, so gehrt es nicht hieher, die einzelnen
Provinzialcharaktere durchzugehn. Doch bietet sich die Gelegenheit,
darauf hinzudeuten, wie der Vlkerorganismus, den wir zuerst auf dem
Kontinent berhaupt, dann in Europa gefunden haben, in hnlicher Art
auch in Deutschland, als dem Herzen Europas, wiederkehrt. Jene vier
Grundstmme (welche im Welttheil die vier Familien bilden) zeigen sich
hier als #frnkischer#, #schwbischer#, #schsischer# und #bairischer#
Typus. Und wie die Familie in je drei Nationen, so ist hier der Stamm
in je drei Hauptarten gespalten: der frnkische in #Ostfranken#
(Maingebiet), in #Westfranken# (Rheinpfalz, Mosel und Niederrhein)
und in #Flamnder#; der schwbische in #Schwaben#, #Alemannen# und
#Schweizer#; der schsische in #Obersachsen# (Thringen und Knigreich
Sachsen), #Niedersachsen# (Hannover, Braunschweig, Westphalen) und
#Friesen#; der bairische in #westliche Baiern#, #stliche Baiern#
(streichische Rae) und #Tyroler#. Wir sahen in Europa, da je das
dritte Glied jeder Familie eigenthmlich gestellt sei; so tritt auch
hier der Besonderungstrieb hervor in den Flamndern (Belgien), den
Friesen (Holland), den Schweizern und den Tyrolern. (Daher frher
gesagt worden, da Natur allerdings der Separat-Geschichte jener drei
Lnder zu Grund liege.) Es versteht sich brigens von selbst, da
hiemit nur die germanischen, nicht die germanisirten Provinzen von
Deutschland gemeint werden. Die letztern in Eins zu fassen, war der
Beruf der zwei groen Monarchieen.

[44] Es ist damit nicht gesagt, da der Adel nicht materiell noch
gehoben oder erhalten werden knne (z.B. durch Majorate). Auch gibt
es allerdings selbst in Deutschland noch einen Adel von geistiger
Bedeutung: in Meklenburg und besonders in den deutschen Lndern von
#Oestreich#. Aber die sind gerade diejenigen Theile von Deutschland,
wo noch die Tradition des Mittelalters herrscht, sie knnen daher als
Mastab fr das, was in der Zeit liegt, nicht gelten. Wenn man mir
den englischen Adel entgegenhlt, so antworte ich: er hat seine Probe
noch nicht berstanden; und es darf berhaupt von der eigenthmlichen
Mischung mittelalterlicher und moderner Institute in England nicht auf
unsere Zustnde geschlossen werden.

[45] Der Beleg fr die ganze oben gefhrte Klage findet sich zahlreich
genug in der heutigen Literatur: in der Heine'schen Poesie, im jungen
Deutschland, im sthetischen Kultus unsrer Tage; auch Rahel und
Bettina, die vielvergtterten, berhaupt die Berliner Geistreichen
erinnern nur zu lebhaft daran. In den meisten dieser Erscheinungen
erregt die Unnatur eben so viel Grauen, als das Talent Bewunderung.

[46] Gerade so, wie in der politischen Welt #Ruland# (die Gewalt),
#England# (das Geld) und #Frankreich# (die Lge) dominiren. Um zu
zeigen, wie dieser Zusammenhang nicht oberflchlich, sondern tief
begrndet sei, ziehe ich aus einem historischen Werke, worin mehr
als in allen brigen das Innere der Dinge ans Licht gestellt ist,
einige England betreffende Worte an. Wir wollen nur in wenigen
Zgen bemerklich machen, wie schon vor der franzsischen Revolution
England in demselben Mae immer mehr aufblhte, in welchem Genusucht,
Egoismus, Handelsgeist, Ueppigkeit, Geld, Eleganz des Lebens und
Luxus-Bedrfni, Europa in viel schwerere Ketten legte, als die
Hierarchie, Ritterschaft und Despotismus, die oft in unsern Tagen
allein geschmht werden, ja schmieden knnen. Nach der Art, wie seit
LudwigXIV. Staat und Kriegswesen in Europa eingerichtet worden,
hatte der Mensch nach und nach seine Bedeutung verloren, Geld schien
einziges Bedrfni, weil man mit Geld die stehenden Heere, die das
Ganze in Ordnung halten sollten, bezahlte, mit Geld die besoldeten
Diener ans Vaterland knpfte, mit Geld die Verrther erkaufte, und mit
Geld den Aufwand unterhielt, der bald Rang und Verdienste berglnzte
-------- Seit dieser Zeit stieg der Wohlstand der Britten immer
hher, und der Reichthum, der erst spter auf der Insel selbst nach
und nach Religion, Sitten und endlich auch den alten und edlen Sinn
der freien Landbesitzer, die bis dahin den Kern der Nation ausmachten,
verdarb, gab ihnen die Mittel, alle Thoren durch die zierliche,
reinliche, reiche Auenseite zu blenden, und alle mchtigen Schurken zu
kaufen. So ward Europa zuerst von England, in unsern Tagen aber England
und Europa endlich zur groen Schmach der lebenden Generation vom
Gelde, oder von Leuten, die es anschaffen knnen, und von seinem Gifte
durch und durch verletzt sind, abhngig. Wie das System der Gewalt
von Ruland allenthalben gesttzt wird und mit ihm steht und fllt,
haben wir schon oben gesehen; und da in Frankreich die gewissenlose
Sophistik, die Kuflichkeit der Talente und die Verdorbenheit in
Literatur und Leben den entwickeltsten Grad erreicht hat, ist uns allen
bekannt.

[47] Das heit, die Religion zerstren.

[48] Jesaia 59, 10. 11.

[49] Die glauben wir wenigstens, wenn wir konsequent die Sache
betrachten und die Geschichte zu Rathe ziehn. Alle groen, bewegenden
Ideen sind von Einzelnen ausgesprochen worden, welche, was in der Zeit
schlummerte, zum klaren Ausdruck erhoben. Die Wissenschaft vollends,
die alle Strahlen der Erkenntni in Eins zusammenfassen soll, kann nur
aus Einem Kopfe entspringen. Es ist ein gewhnliches Wort, das Reich
des Denkens und Wissens sei eine Republik. Ja wohl Republik, aber in
der die Diktatur zuweilen nthig ist. Siehe brigens, was Schelling
ber diesen Gegenstand sagt in der Vorrede des kleinen Buches vom Ich.

[50] Wollte man hieraus den Schlu ziehen, da die Deutschen berhaupt
nicht so bald zur Klarheit gelangen knnen, so wrde man sehr irren. Im
Gegentheil sagt die Erfahrung, da der denkende Mensch gerade aus der
tiefsten Verwirrung und Rathlosigkeit oft zur Klarheit durchdringt. Und
wie der Einzelne, so das Volk.

[51] Es wird damit nicht ein Urtheil gesprochen, als ob Hegel und
Schelling an sich bedeutender wren als Kant und Fichte, nur die
Entwicklung anerkannt.

[52] In dieser jngeren Partei ist allerdings das meiste Leben; aber
man ist deshalb nicht berechtigt, sie als den #wahren# und die Andern
als den #falschen# Ausdruck Hegels anzusehn (wodurch eine Einheit der
Hegel'schen Anschauung sich ergbe). Im Gegentheil, geht sie immer
weiter von Hegel hinweg und betrachtet sich bereits als eine neue
Phase, welche ber Hegel stehe, wie Hegel ber Schelling. Zum Theil
geschieht die aus dem richtigen Gefhl, da man ber Hegel hinausgehen
msse, um die Philosophie zum lebendigen Einflu auf die Wirklichkeit
zu fhren. (S. weiter unten im Text.) Ich sage brigens absichtlich
Aufklrung, weil die Wort an eine bereits dagewesene Weltansicht
erinnert. Was diese Jungen uns geben, ist nur die alte Aufklrung des
achtzehnten Jahrhunderts, in neues philosophisches Gewand gehllt. Die
erwhne ich nicht, als ob ich das Groe der alten Aufklrung verkennte,
sondern weil es widerlich ist zu hren, wie die junge Partei ihre
Weisheit als ganz neues, unerhrtes Evangelium predigt, und weil Viele
durch den zuversichtlichen Ton und die moderne Kunstsprache verfhrt
werden, die zu glauben.

[53] Beweis hiefr ist der grte Theil der hegelianischen Literatur.

[54] In der Menschen Art, besonders aber in der Deutschen Art. Die
Neigung der Deutschen, sich tuschen zu lassen, ist oft genug getadelt
worden. Es ist ein Stck der deutschen Gutmthigkeit und scheint
unzerstrlich zu sein. Eine andere Nation wrde sich #so viel# nicht
gefallen lassen, als uns fast tglich zugemuthet wird.

[55] Das Buch, worauf hier angespielt wird, ist #die europische
Triarchie#. Man sieht hier, wie weit es mglich sei, mit dem
Hegelianismus auszureichen. Es hat brigens diese Triarchie mit dem
berchtigten Werke ber die Pentarchie (womit ich es sonst in keiner
Weise vergleichen will) einen merkwrdigen historischen Zusammenhang;
und beide gleichen sich darin, da sie die Deutschen auf fremde Hlfe
verweisen. Wenn sich in Europa keine andere Politik erhebt, als die
der Protokolle und des Gleichgewichts und des _status quo_: so hat der
Pentarchist ganz Recht, so entsteht in der That ein so widernatrliches
System als er es predigt, so gerth wirklich Deutschland unter
russisches Protektorat. Andererseits, wenn sich keine hhere
Philosophie erhebt als die Hegel'sche, so hat der Triarchist in seiner
Weise Recht, so mssen wir auf die eigene Thatkraft verzichten, und das
Handeln den Englndern und Franzosen berlassen.

[56] So wie z.B. das Christenthum anfangs nur sehr Wenigen
verstndlich, diese Wenigen aber zum Theil Zllner und Fischer gewesen.

[57] #Ahnung# nenne ich vor allem, da im Hegelschen System (mehr
als es je in frheren der Fall war) die verschiedensten Meinungen
und entgegengesetztesten Richtungen sich begegnen. (Die wird auch
beim kommenden Princip geschehen, weil die Wahrheit die einseitigen
Erkenntnisse smmtlich in Eine Weltanschauung zusammenfassen mu).
#Trostlose Unfhigkeit# nenne ich, da alle diese unzhligen Meinungen
das Hegel'sche System zersetzen, statt von ihm gehalten und beherrscht
zu werden. Der Inhalt ist erbrmlich, und die Allseitigkeit nur
#formal#.

[58] #Sophisten#, weil die Redekunst damals ebenso gemibraucht wurde,
als heutzutage die systematische Form, und weil in beiden Fllen die
innere Wahrheit der uern Fertigkeit geopfert wird. Freilich ist hier
mehr denn Griechenland.

[59] Eine Philosophie, die #von vornherein# darauf ausginge das
Christenthum mit dem Zweifel zu vermitteln, wre keine Philosophie,
sondern Scholastik. Wer die Wahrheit ernstlich sucht, der sucht
sie ohne Rcksicht auf den Ausgang, sie mag zum Atheismus oder zum
Christenthum fhren. Aber das Ende der wahren Philosophie wird eben,
ohne da sie es sucht, eine hhere Vermittlung sein.

[60] Siehe Matthi 19, 12. Alles das, was hier scharf hervorgehoben
ist, liegt freilich mehr als innere Konsequenz denn als ausgesprochenes
Dogma im Christenthum; und die Weisheit des Stifters hat niemals an
die menschliche Natur eine bertriebene Forderung gestellt. Aber die
Ascetik, die Mnchsorden, das Clibat der Priester -- alles das war
doch nur nothwendige Folge, nicht Ausartung des Christenthums. Wer sich
davon berzeugen will, darf nur die protestantisch-kirchliche Ansicht
mit der katholischen vergleichen. Auch Luther hat die Priesterehe nicht
dem Clibat als solchem, er hat sie nur der gem der menschlichen
Schwche mit dem Clibat verknpften Sittenlosigkeit vorgezogen. Nur in
letzterer Hinsicht ist ihm die Ehe besser denn die Nichtehe.

[61] Es ist, wenn man den oben angedeuteten Gang bedenkt, ganz
naturgem, da in unsern Tagen die Orthodoxie gewhnlich mit dem
Pietismus zusammenfllt, obgleich beide ursprnglich sehr verschieden
sind. Die Heuchelei hat freilich hier gewonnenes Feld, wie berall,
wo ein inneres Leben sich zu einer bestimmten uern, leicht
nachzuahmenden Form ausprgt. In der katholischen Kirche ist der
Pietismus weniger mglich, weil sie noch immer, als eine sichtbare, ins
uere Leben eingreifende Macht, mit ihrem Kultus auch den sinnlichen
Menschen befriedigt.

[62] Da die Spekulation zunchst nicht hieher gehrt, so konnte sie
hier nur im Allgemeinen berhrt werden. Wenn ich brigens scheinbar
widersprechende Dinge zusammen zu stellen scheine, so ist die mit
Bedacht geschehen.

[63] Mit dem gewhnlichen Namen: #Psychologie#. Ich glaube nicht, da
Jemand den Muth hat, diejenige Psychologie, die wir bis jetzt besitzen,
(dieses armselige Conglomerat von Notizen und Beobachtungen) nur
eine Wissenschaft zu nennen. Der bedeutendste Geist der neuern Zeit,
Napoleon, fhlte sich versucht, jene Gesetze zu suchen. _Newton_,
sagte er, _a trouv la philosophie de l'univers, il faut encore
trouver la philosophie du dtail_. Aus seinen Aeuerungen ergibt sich,
da er unter dem Dtail den Einzelgeist, die organische Persnlichkeit
im Gegensatz zur Materie verstand; zugleich sieht man daraus, wie er
sich geistig zu schwach fhlte, sie zu finden.

[64] Das Bestreben, den Staat zum Abdruck der innern Ordnung zu machen,
ist das was sich durch alle Staatsverfassungen von den ltesten bis
auf die franzsische Gleichheit hindurchzieht. Der Mensch soll in dem
Range sein und bleiben, den er ursprnglich von Geburt einnimmt: die
war der lteste Grundsatz, aus welchem, weil man die Geburt materiell
auffate, die indischen und gyptischen Kasten entsprangen. Rousseau
ging von der richtigen Ansicht aus, da man, um den wahren Staat zu
finden, den Ur- und Naturzustand suchen msse. Statt aber diesen in
der Seele zu suchen, suchte er ihn in der frhesten Geschichte. Auch
hier htte er ihn noch finden knnen (denn die Menschen waren von
Anfang an #innerlich# verschieden), wurde aber dadurch getuscht,
da die frhesten Menschen und die Wilden, (weil das Bewutsein der
innerlichen Verschiedenheit bei ihnen noch weniger entwickelt ist)
noch mehr in der Gleichheit verharren. Rousseau's Ansicht wre nur
dann die richtige, wenn das Menschengeschlecht von Gott ursprnglich
mit #gleichen# Fhigkeiten geschaffen, im Laufe der Zeit aber (durch
eine Art von Fall) in die Verschiedenheit ausgeartet wre; welches,
wie jedermann wei, undenkbar ist. In jedem Falle mute #diese#
Philosophie, um sich im Leben zu verwirklichen, #umwlzen#. Das Ideal,
welches oben aufgestellt ist, knpft an das #Bestehende# an, und hat
Nichts zu thun, als es allmlig zu vergeistigen. Die Elemente sind alle
vorhanden, und die Staatskunst besteht einfach darin, sie nach und nach
zu sichten. Das psychologische Gesetz ist also vor allem fr die von
Wichtigkeit, welche an der Spitze der Staaten stehen. Es kann diesem
Ideale bestndig im #Einzelnen# nachgestrebt werden, selbst wenn man im
#Ganzen# es fr unerreichbar hlt.

[65] Z.B. die #richterliche# und #vollziehende#.

[66] Da die republikanische Verfassung nur in kleineren Gemeinwesen
gedeihen kann, findet in dem Obigen seine Erklrung. Da, wo entweder
keine natrliche psychologische Einheit besteht, oder die Zahl des
Staatsvolkes so klein ist, #da ein besonderer persnlicher Ausdruck
des Gesammtindividuums nicht nthig wird#, kann das Knigthum
unterbleiben. Die alten griechischen Republiken waren Staaten der
letztern Art, sie beruhten smmtlich auf #Provincial#charaktern.
Wre die ganze griechische #Nation# in Einen Staat vereinigt worden,
so htte dieser Eine nothwendig monarchisch werden mssen. Die
rmische Republik ging zu Grunde, nachdem das Staatsvolk an Zahl
bermig zugenommen hatte. Da aber das rmische Volk von Anfang an
keine #Nation#, sondern ein eigenthmliches Specialindividuum war,
so bekam hier die monarchische Gewalt niemals die innerliche Weihe
des Knigthums, sondern blieb imperatorisch. Die Republiken des
Mittelalters, Venedig und Genua, hatten in den Dogen ihre monarchischen
Spitzen. Die Fderativrepubliken endlich, welche noch vorhanden sind
(Amerika und die Schweiz) gehren der ersten Klasse an, ihnen fehlt
der psychologische Gesammtcharakter. Die Schweizer sind aus Deutschen
und Welschen, die Amerikaner aus Englndern, Deutschen, Romanen und
andern Europern gemischt. Alle Ansiedlungen in fremden Welttheilen
werden daher so lange Republiken bleiben, bis aus der gemischten
Bevlkerung eine eigenthmliche Nationaleinheit entsteht. -- Unter den
bisherigen monarchischen Verfassungen aber erscheint, nach dem Obigen,
die #absolut-bureaukratische# als nothwendige Uebergangsform von der
mittelalterlichen Ungebundenheit zur Einheit, die #konstitutionelle#
als ein #Versuch#, den wahren Staat hervorzubringen. Die Franzosen
haben neuerlich sogar versucht, eine geistige Pairie zu schaffen, die
aber, weil kein innerer Mastab vorhanden, viel schlimmer geworden ist,
als eine erbliche es sein wrde. Alle Pairie soll eine Gewalt sein, die
auf Geburt, Natur und Rang (entweder leiblich, oder geistig nach einem
psychologischen Gesetze) beruht; wo sie an Aemter und willkrlich zu
bestimmende Verdienste geknpft ist, geht ihr Charakter verloren.

[67] Es ist dies eines der dringendsten Erfordernisse des knftigen
Princips. #Wenn der Trster kommen wird, welchen Ich euch senden werde
vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgehet, der wird
zeugen von mir.# (Ev. Joh. 15, 26.)

[68] Und von ihr wohl immer als solche werden bezeichnet werden, wenn
auch ihre Begrndung in der menschlichen Natur wird nachgewiesen sein.
Denn der Gemthsanschauung erscheint (wie das Jeder an sich selbst, an
den Vorfllen des Lebens erproben kann) sehr Vieles als Wunder oder
wunderbar, was dem Verstand erklrlich ist; und der Eindruck bleibt,
wenn auch der letztere sich dawiderlegt. Was die Kritik betrifft,
von der oben die Rede ist, so hat sie uns zum Uebermae gezeigt, was
etwa alles #nicht# wahr sein knne in den Evangelien. Dies war seiner
Zeit sehr verdienstlich. Jetzt mu gezeigt werden, was alles #wahr#
sein knne; und die ist wahrscheinlich unendlich mehr, als sich die
Weisheit der Schule trumen lt.

[69] Die ist von protestantischen Theologen bereits hinreichend
geschehen. Die Anhnger des Hegel'schen Systems (Baur, Rothe) predigen
das Aufgehn der Kirche im Staat. Man steht an dieser Selbstverzichtung,
da die vornehmste Sendung des Protestantismus nicht die war, eine
andere Kirche zu schaffen, sondern die, den Staat und die Philosophie
heraufzufhren.

[70] Kardinale sage ich, weil dieser Punkt von Theologen selbst als
der hauptschlichste Punkt der Trennung in unsern Tagen anerkannt
worden ist.

[71] Da das Leben der katholischen Kirche gegenber den andern
Konfessionen sich vorzglich an ihre Einheit, und die Einheit ans
Papstthum knpft, so ist diese Partei zur Zeit noch sehr lebendig, und
manche bedeutende Menschen gehren Ihr an, welche Hheres wollen, ohne
deutlich zu fhlen, wie verderblich ihre Bestrebung auf die Einheit
des Vaterlandes wirkt. Die ganze ultramontane Bewegung, so viel sie
auf der einen Seite beitrgt, um das katholische Kirchenleben reger zu
erhalten, ist auf der andern nur das Todes-Besser eines #sterbenden#
Wesens -- des mittelalterlichen Primats.

[72] Eine Kirche ohne Symbol ist unmglich, eine #Konfession# ohne
#Bekenntni# (wie schon diese beiden Worte zeigen) ein Unding. Das
Bekenntni kann sich ndern, und wie weit die geschehen solle, die
ist Sache der Plenargewalt der Kirche; aber ein jeweiliger Ausdruck des
Glaubens mu allezeit vorhanden sein. Es ist unbegreiflich, wie die
lteren rationalistischen Theologen dieses verkannt haben; die neueren
sind konsequenter und geben die Kirche geradezu auf. Die Tradition
erwhne ich, nicht als ob der Protestantismus Unrecht gehabt htte, sie
als #Quelle# zu verwerfen, sondern weil ohne traditionelles Leben keine
Kirche bestehen kann. Lessing hat sie brigens treffend verteidigt.

[73] Schon frher ist erwhnt worden, da die Hochkirche den Uebergang
zum Katholicismus bilde. Sie ist weder in den Dogmen, noch in der
Verfassung viel verschieden, und neuerdings neigt sich eine zahlreiche
Partei, (die der Puseyisten), besonders in den Lehren von der
Stellung und der Gewalt der Kirche, den katholischen Ansichten zu.
Das charakteristische der englischen Kirche ist also hauptschlich
ihre Entfremdung von der europischen Gemeinschaft, ihre #insularische
Ausschlielichkeit# (dasjenige, worin Ruland und England sich
gleichen). Alles Ausschlieliche aber wird durchbrochen werden, dagegen
die grte Mannigfaltigkeit bleiben in der verschiedenen Frbung der
einzelnen Nationalkirchen.

[74] Siehe was oben ber das Verhltni des Prinzips zum Bramanismns
und Buddhismus gesagt ist.

[75] Da dieser Entwicklungsgang hier nur im Allgemeinen berhrt
werden kann, so verweise ich auf Lessings #Erziehung des
Menschengeschlechts#, ein kleines, sehr kleines Buch, in dem aber
eine ganze Philosophie der Geschichte (und eine fr die damalige
Zeit doppelt wunderbare) enthalten ist. Alles, was Lessing von dem
kommenden dritten Evangelium sagt, bitte ich den Leser auf das Princip
anzuwenden, von dem bestndig die Rede war. In der philosophischen
Sprache wrde man jene drei Testamente die Offenbarung des #Vaters#,
des #Sohnes# und des #heiligen Geistes# nennen.

[76] 5 Mos. 28, 64. 65.

[77] Weil der Erbadel des Mittelalters sehr hufig zugleich innerer
Adel war und geistig ber dem Volke stand.



***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHLANDS BERUF IN DER GEGENWART
UND ZUKUNFT***


******* This file should be named 45418-8.txt or 45418-8.zip *******


This and all associated files of various formats will be found in:
http://www.gutenberg.org/dirs/4/5/4/1/45418



Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License available with this file or online at
  www.gutenberg.org/license.


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
