Project Gutenberg's Der Erbe. Dritter Band., by Friedrich Gerstcker

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Title: Der Erbe. Dritter Band.

Author: Friedrich Gerstcker

Release Date: August 1, 2014 [EBook #46465]

Language: German

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  Der Erbe.

  Roman
  von
  Friedrich Gerstcker.

  Die Uebersetzung dieses Werkes in fremde Sprachen wird vorbehalten.

  Dritter Band.

  Jena,
  Hermann Costenoble.
  1867.




Inhaltsverzeichni.


                                   Seite
   1. Neue Fden                       7
   2. Die Haussuchung                 34
   3. Das Verhr                      72
   4. Das gndige Frulein            98
   5. Rathlos und Rath Frhbach      126
   6. Auf dem Criminalamt            161
   7. Nach allen Seiten              189
   8. Vor den Geschworenen           218
   9. Der Erbe                       250
  10. Bruno                          277
  11. Eine Scheidung                 305
  12. Schlu                         324




1.

Neue Fden.


Staatsanwalt Witte ging in einem wahren Sturmschritte auf das Amt
hinauf, denn er hatte in der That keinen Moment Zeit mehr zu versumen.
Er kam dort auch wirklich im letzten Augenblick an, war aber heute --
und zwar ganz gegen seine sonstige Gewohnheit -- so zerstreut, da er
sich ordentlich vor sich selber schmte und nur gewaltsam alle anderen
Gedanken abschttelte, bis er sein Geschft beendet hatte.

Es war freilich nicht zu verwundern, denn die eben gemachte Entdeckung
mit ihren nach allen Seiten hin auszweigenden Folgen wollte ihm
nicht aus dem Kopf, und jemehr er darber nachdachte, desto grere
Schwierigkeiten schienen sich dem rechtmigen Erben in den Weg zu
stellen.

Wer wute um die Sache? Niemand als das schlaue Weib, die Heberger,
und jedenfalls ihr Mann, und von denen war kein Gestndni zu erwarten,
whrend sich der alte Baron und besonders seine Schwester erst recht
nicht so weit compromittiren wrden, einen beabsichtigten Kindertausch
der Erbschaft wegen zuzugeben. Die Frau Baumann stand mit ihrer
Erzhlung ganz allein, und wenn er auch jedes Wort davon glaubte, so
wrde Herr Bruno von Wendelsheim doch sicher sein Recht fest behauptet
und die Erbschafts-Commission ihn dabei nur untersttzt haben. Es wre,
beim Himmel, am Ende gar ein zweiter Fall geworden, wie der mit dem
Major und der Madame Mller aus Vollmers, und er konnte sich dabei als
Staatsanwalt unsterblich blamiren.

Und der eigentliche Erbe von fast einer halben Million, zu welcher Summe
das Capital durch die langjhrigen Zinsen aufgelaufen war, sa
inde fest hinter Schlo und Riegel, auf Verdacht eines Mordes oder
Raubanfalles hin, den er nie verbt hatte. Witte mute wenigstens
wissen, wie es mit dieser Sache stand, und ging deshalb, sobald er seine
eigenen Geschfte erledigt sah, zum Actuar Bessel, der die Leitung der
Angelegenheit bernommen hatte.

Als er zu diesem in das kleine Zimmer trat, fand er ihn nicht allein,
sondern den Rath Frhbach bei ihm, und dieser mute ihm wahrscheinlich
schon eine Anzahl merkwrdiger Geschichten aus Schwerin erzhlt haben,
denn Witte hrte gerade noch, als er die Thr ffnete, wie der Actuar
sagte:

Aber ich bitte Sie, mein lieber Herr Rath, da Sie zur Sache kommen,
denn ich bin wirklich beschftigt.

Ja wohl, Herr Actuar, mit Vergngen -- ah, unser Staatsanwalt, der kann
mir gleich seinen guten Rath in der Sache geben.

In welcher, wenn ich fragen darf? sagte Witte, eben nicht besonders
erbaut von dem Begegnen, denn er wute aus Erfahrung, wie schwer es
manchmal hielt, von dem gefhrlichen Menschen wieder abzukommen, whrend
Alles, was er vorbrachte, selten oder nie das geringste Interesse fr
irgend Jemanden haben konnte.

Denken Sie nur, fing der Rath an, da kaufe ich mir neulich ein Stck
Hosenzeug, und meine Frau soll es zum Schneider geben, zu welchem
Zweck ich es hinaus in unsern Vorsaal lege; wie es aber die Henriette
fortbringen will, ist es nicht mehr da -- fort und gestohlen!

Und haben Sie Verdacht auf Jemand Bestimmtes?

Ja, hren Sie nur -- es waren uns in der letzten Zeit schon
verschiedene Sachen weggekommen: ein silberner Lffel, noch von meiner
ersten Aussteuer her, dann ein neusilberner Serviettenring, den aber der
Dieb wohl ebenfalls fr Silber gehalten hatte, und verschiedene andere
Kleinigkeiten; aber es gehen so viele Menschen bei uns aus und ein, da
ich eigentlich keinen bestimmten Verdacht fassen konnte.

Also wollen Sie hier blos die Anzeige machen, da Ihnen ein Stck
Hosenzeug gestohlen oder abhanden gekommen ist, sagte der Actuar, der
anfing ungeduldig zu werden.

Bitte, hren Sie nur weiter, fuhr Frhbach mit der grten Ruhe fort.
Das Hosenzeug hatte ein sehr leicht kennbares Muster, blau, grn und
roth carrirt -- meine Frau liebt die Farben besonders--, und ich mache
mich also auf, um hieher auf die Polizei zu gehen und den Thatbestand
anzuzeigen. Wie ich nun so die Kreuzstrae heruntergehe und immer
noch an das gestohlene Hosenzeug denke, denn die Sache war mir sehr
rgerlich, sehe ich pltzlich einen Menschen vor mir hergehen, der genau
dasselbe Zeug trgt.

Unter dem Arme?

Bitte um Verzeihung, an den Beinen; er hatte sich schon ein Paar Hosen
-- wie ich vermuthen mute -- davon machen lassen, und ich eilte nun,
wie Sie sich wohl denken knnen, so rasch als mglich hinter ihm her.

Erkannten Sie denn den Mann? Wer ist es?

Ja, hren Sie nur weiter. Ich bin doch gewi gut auf den Fen, und ich
erinnere mich, da mir einmal in Schwerin....

Aber ich mu Sie wirklich bitten, bei der Sache zu bleiben; ich habe
mit dem Herrn Staatsanwalt noch etwas Nothwendiges zu besprechen.

Nun, es fiel mir nur gerade ein. Also, wo war ich denn stehen
geblieben? Ja, ganz recht, wie ich hinter dem Manne herlief, und als ob
er's gewut htte -- er hatte sich aber noch nicht ein einziges Mal nach
mir umgedreht--, hob er die kurzen Beine und eilte, was er konnte,
die Strae hinunter, ich immer hinter ihm her; ich sage Ihnen, ich habe
transspirirt, der Rock klebt mir noch auf dem Leibe. Pltzlich bleibt er
vor einem Schuhmacherladen stehen, und wie ich herankomme, wer ist es?
Der Schuhmacher Heberger.

Der Staatsanwalt Witte, in aller Verzweiflung ber die bodenlos
langweilige Erzhlung, war an das Fenster getreten, sah durch die
Gitterstbe nach dem dstern Hof hinunter und trommelte ungeduldig mit
den Fingern an den Scheiben. Erst wie der Name Heberger genannt wurde,
drehte er sich wieder um; denn sonderbarer Weise hatte auch er gegen den
nmlichen Menschen, den er seiner bigotten Heuchelei wegen nicht leiden
konnte, einen Verdacht gefat. Jedes Mal wenigstens, wenn er gerade
im Hause gewesen war, fehlte irgend etwas, und wenn es auch nur eine
Kleinigkeit sein sollte, und da der Schuster eine stille Leidenschaft
fr silberne Lffel hege, war ihm mehr als einmal in den Sinn gekommen.

Und hat der Heberger berhaupt Ihr Haus betreten? fragte der Actuar.

Oft; jede Woche fast einmal, rief der Rath, und kurz vorher, ehe das
Zeug abhanden kam, war er bei uns gewesen.

Und haben Sie ihn zur Rede gestellt?

Ich werde mich hten, entgegnete Rath Frhbach mit einem Blick auf den
Staatsanwalt; da er nachher wieder hingeht und mich verklagt, nicht
wahr, und ich in die unangenehmsten Situationen komme? Alles schon da
gewesen, und in Schwerin einmal....

Aber machten Sie denn nicht wenigstens einen Versuch, etwas von ihm zu
erfahren? Redeten Sie ihn nicht an?

Nun, das knnen Sie sich doch wohl denken; aber ich versuchte der Sache
von der andern Seite beizukommen. Ich bewunderte seine Hose und fragte,
wo er das Zeug dazu gekauft habe.

Und da? -- wurde er verlegen?

Gott bewahre! Er nannte mir einen Kaufmann, ganz in der Nhe, und erbot
sich, mich hinzufhren

Sie gingen doch?

Gewi ging ich mit ihm in den Laden. Dort berief sich der freche Mensch
aber ganz keck auf das Zeug, das er da gekauft htte, zeigte das
Muster und verlangte von demselben fr mich, und die Verkufer im Laden
schienen ihn zu kennen und brachten mir richtig den nmlichen Stoff.

Nun, sagte der Actuar, dann ist die Sache sehr einfach und er hat
Ihnen das Hosenzeug _nicht_ gestohlen, sondern es wirklich in dem Laden
gekauft.

Bitte um Verzeihung, sagte in diesem Augenblick der Staatsanwalt, der
aber hinter Frhbach's Rcken dem Actuar zublinzte, da er ihn solle
gewhren lassen -- die Sache kann sich denn doch anders verhalten,
und aufrichtig gesagt, glaube ich, da Rath Frhbach dieses Mal auf der
richtigen Fhrte ist.

Aber es schien wirklich, als ob er das Zeug dort gekauft htte, meinte
der Rath.

Wie hie der Kaufmann?

Tuchladen Magnus und Compagnie am unteren Markte.

Hm -- das sind die nmlichen Leute, die noch gar nicht so lange einen
sehr bedenklichen Concurs anzeigten.

Und Sie glauben wirklich....

Da Sie durch einen hchst merkwrdigen Zufall den richtigen Mann
getroffen haben, allerdings, und das macht ihrem Scharfblick Ehre,
lieber Rath.

Mein bester Herr Staatsanwalt....

Ueberlassen Sie mir die Sache, um sie nach besten Krften zu
verfolgen, und ich verpfnde Ihnen mein Ehrenwort, da Sie Ihr Hosenzeug
wiederbekommen sollen.

Aber er hat sie ja schon an....

Nun gut, dann wenigstens den Werth des Stoffes ersetzt erhalten. Ich
glaube selber, da dieser Heberger ein nichtsnutziger Bursche ist, und
hat er den Diebstahl wirklich verbt, so wollen wir ihm dieses Mal schon
beikommen.

Und was habe ich dabei zu thun?

Gar nichts; sollte ich Sie noch brauchen, so schicke ich heute Abend zu
Ihnen hinaus. Sind Sie zu Hause?

Gewi; gegen Abend gehen wir ein wenig im Garten spazieren und um halb
neun Uhr legen wir uns in's Bett.

Das ist frh; aber so spt schicke ich keinenfalls.

Und Sie meinen wirklich, Herr Staatsanwalt....

Da Sie Ihr Hosenzeug ersetzt bekommen; ich habe es Ihnen garantirt.

Dann bin ich mit Allem einverstanden, sagte Frhbach und streckte ihm
die Hand entgegen. Und jetzt will ich gleich nach Hause gehen und es
meinem Frauchen sagen, da ich den Dieb selber entdeckt habe -- die wird
sich freuen. Angenehmen Nachmittag, meine Herren! Und vergngt vor sich
hin schmunzelnd verlie der Rath das Zimmer.

Der Actuar hatte, seit ihm Witte zugewinkt, kein Wort mehr in die Sache
hineingesprochen, denn er konnte ja auch gar nicht wissen, welchen Zweck
der Staatsanwalt dabei verfolge. Er schttelte aber vor sich hin mit dem
Kopf, denn wenn jener Heberger wirklich einfach bewies, da er das
Zeug in jenem Laden gekauft habe -- und das schien schon geschehen zu
sein--, so war es doch gar nicht denkbar, in dieser Sache gegen
ihn vorzugehen. Kaum hatte der Rath die Thr hinter sich in's Schlo
gezogen, als er sich deshalb auch an Witte wandte und ihn fragte, was er
in der unklaren Geschichte zu thun gedchte.

Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Actuar, erwiederte der Staatsanwalt:
da der Heberger das Hosenzeug gestohlen hat, glaube ich, nach der
Bereitwilligkeit, mit welcher er den Rath in den Laden fhrte, selber
nicht; aber meiner moralischen Ueberzeugung nach ist der Schuhmacher
ein vollkommen nichtsnutziges Subject, bei dem ich schon lange auf eine
Gelegenheit gewartet habe, um ihm einmal beizukommen, und die bietet
sich jetzt in vortrefflicher Weise durch unsern Rath Frhbach; der soll
mir die Kastanien aus dem Feuer holen.

Der Actuar lachte. Aber was wollen Sie thun?

Haussuchung bei Heberger's halten, und zwar einfach auf Anklage
Frhbach's hin. Findet sich dann nichts, so mag er den Rath immerhin
wegen Ehrenbeleidigung oder sonst was verklagen.

Aber Sie knnen den armen Rath dadurch in schmhliche Verlegenheit
bringen, und er wird es Ihnen wenig Dank wissen.

Bah, sagte Witte, ich habe ihm erst neulich aus einer ganz hnlichen
herausgeholfen, und da mag er denn Eins gegen das Andere abrechnen.
Uebrigens mu ich Ihnen gestehen, Actuar, da gegen diesen Heberger in
mir ein ganz eigener und schwerer Verdacht aufgestiegen ist. Ich habe
nmlich heute Morgen das Protokoll durchgeblttert, das Sie beim alten
Salomon aufgenommen haben und mir zuschickten. Seine Aussagen sind
allerdings vollstndig unbestimmt, seine Personalbeschreibung des
Mrders wrde auf tausend Menschen in der Stadt passen; aber etwas habe
ich darin gefunden, das mich stutzig machte. Er erwhnt, da der Mann,
der schon ein paarmal bei ihm im Laden gewesen, sonderbare Ausdrcke
beim Reden gebraucht. Das thun nun allerdings ebenfalls viele Leute,
aber bei diesem Heberger ist es mir besonders aufgefallen, und es wre
doch merkwrdig, wenn wir dadurch auf die richtige Spur kmen.

Aber Sie glauben doch nicht, da der kleine Heberger....

Man kann keinem Menschen in's Herz sehen; brigens weil ich eben nichts
Bestimmtes wei, kam mir der Rath mit seiner Klage gerade recht.

Und Sie haben ihm den Erfolg schon garantirt....

Nichts weiter als den Ersatz seines Hosenzeugs, sagte Witte, das
sich nicht so hoch belaufen wird, wenn der Schuhmacher Heberger den
nmlichen Stoff trgt. Das Schlimmste, das mir also passiren kann, ist,
da ich dem Rath seine Hosen bezahle. Aber was ich Sie fragen wollte,
wie steht es mit dem jungen Baumann?

Der Actuar zuckte mit den Achseln. Der alte Salomon, sagte er, will
allerdings nichts von ihm gesehen haben und behauptet, da er vollkommen
unschuldig wre; aber ich kann mich noch nicht berzeugen, da dessen
Aussage allein magebend sein sollte, da es doch nicht wahrscheinlich
ist, da ein Mensch allein wagen sollte, etwas Derartiges zu
unternehmen. Baumann kann mglicher Weise drauen an der Thr Wache
gestanden haben.

Aber dann wird er doch wahrhaftig nicht selber an die Thr pochen und
um Hlfe rufen!

Es ist noch immer nicht ganz sicher festgestellt, da er das auch
wirklich gethan hat, denn wir haben dafr nur seine eigene Aussage.

Und die Leute aus der Nachbarschaft? Sind sie denn nicht allein auf den
Hlferuf herbeigekommen?

Allerdings; aber es kann auch Jemand anders gerufen haben.

Sie sind unverbesserlich, Actuar, und indessen erzhlen sich die Leute
in der Stadt, da der junge Baumann am Freitag gekpft werden sollte.

Sie berschtzen die Eile unseres Gerichtsverfahrens, sagte der Actuar
trocken; wenn er wirklich verurtheilt wre, knnte das noch immer sechs
Monate Zeit haben.

Und seine Familie -- was mu die dabei empfinden?

Mein lieber Staatsanwalt, sagte der Actuar erstaunt, Sie wissen doch
am besten, da wir hier auf der Polizei keine Gefhlspolitik treiben,
sondern unsern ruhigen Geschftsgang gehen.

Nein, Actuar, Sie haben recht, sagte Witte; entschuldigen Sie, da
ich Ihnen Uebermenschliches zutraute!

Und wann wollen Sie die Haussuchung vornehmen?

Gleich heute Abend. Sie haben vielleicht die Gte, mir die Leute zu
besorgen; bis wann sind Sie Abends hier?

Jedenfalls bis sieben Uhr; spter ist es ungewi, obgleich ich heute
wahrscheinlich etwas lnger aufgehalten werde.

Also auf Wiedersehen, Actuar! sagte der Staatsanwalt und stieg, ber
seinen neuen Plan brtend, die Treppe hinunter.

Da er den Rath Frhbach, wenn sie wirklich nichts Gravirendes beim
Schuhmacher Heberger fanden, in die Gefahr brachte, von dem Schuster
wegen Ehrenkrnkung verklagt und nachher auch vom Gericht verurtheilt
zu werden, wute er recht gut; aber das machte ihm nicht die geringste
Sorge. Frhbach selber hatte das mehr als reichlich durch sein Benehmen
bei der Wittwe Mller verdient, und wie die Sachen gegenwrtig standen,
rgerte er sich, da er damals auf so albern gutmthige Weise den
Vermittler gespielt. Wie aber das Alles wunderbar zusammenhing! Der
Major, welcher schon seit Jahrzehnten an der Erbschaftssache bohrte und
die lange Zeit daneben getappt hatte, schien jetzt doch die, wenn
auch indirecte, Ursache zu sein, da die Frau Baumann das Gestndni
abgelegt; denn die Angst hatte sie geplagt, da die so lang
verheimlichte Sache nun doch vor Gericht kme. Wenn der jetzt wte, wie
Alles stnde, in welche Aufregung wrde er gerathen! Es war aber besser
so, denn mglicher Weise htte er mehr verdorben, als gut gemacht. Was
konnte er auch in der Sache thun und welches Interesse hatte er dabei,
da es seine Ansprche nicht im geringsten untersttzte? Ein Erbe war
jedenfalls da, ob der nun Bruno oder Friedrich hie, und nur gegen
die Nachfolge einer Tochter wrde er seine vermeintlichen Rechte haben
geltend machen knnen.

Mit den Gedanken schlenderte Witte die Strae hinab und bog fast
unwillkrlich in die Seitenstrae ein, an welcher das Baumann'sche Haus
lag. Er hatte der Frau versprochen, dort vorzukommen, und wollte sein
Wort halten.

Welche traurige Vernderung war aber heute in dem sonst so thtigen
Hause vorgegangen.

Als Baumann seine Frau vermite, lief er, mit der Todesangst im Herzen,
sie knne sich in der Aufregung ein Leid anthun, so rasch ihn seine Fe
trugen, nach dem Flu hinunter und fragte dort hin und her, ob Niemand
ihr begegnet sei oder sie gesehen habe. Umsonst -- dorthin konnte sie
auch nicht gewandert sein, denn an der Brcke wurde gerade gearbeitet;
eine Menge Menschen gingen dort ab und zu, und unbemerkt wre sie
keinesfalls vorber gekommen. Aber wo war sie sonst? Karl mit dem
Uebrigen sollte die Stadt absuchen, vielleicht begegnete er ihr, und
Baumann machte sich indessen fortwhrend die bittersten Vorwrfe, da
er sie in dem Zustand allein gelassen habe. Was wute der derbe
Schlossermeister aber auch von Ohnmachten und deren Folgen? Die waren
in seiner Familie nie heimisch gewesen und er kannte sie kaum dem Namen
nach.

Als er aber wieder nach Hause kam und Niemand dort etwas von ihr wute,
als selbst Karl endlich heimkehrte, ohne auch nur eine Spur von ihr
gefunden zu haben, berlief es ihn ordentlich siedend hei, und er
wollte eben wieder fort, und jetzt zwar direct auf die Polizei, um
dort die Anzeige zu machen und um Hlfe zu bitten, als seine Kathrine
pltzlich in die Thr der Werksttte trat und erstaunt die Verwirrung
betrachtete, die in dem Raum herrschte.

Kathrine, um Gottes willen, wo bist Du gewesen, Frau? rief ihr der
alte Meister in Jubel und Angst zugleich entgegen. Wie haben wir uns um
Dich gesorgt und in der ganzen Stadt nach Dir gesucht!

Nach mir?

Nun versteht sich; Du warst ja auf einmal wie von der Erde verschwunden
und kein Mensch wollte Dich gesehen haben. Wo warst Du denn?

Meine Elise, mein kleines, liebes Herz! rief die Mutter, als das Kind,
welches ihre Stimme gehrt hatte, jauchzend aus dem Zimmer heraus und
auf sie zu flog. Sie kauerte sich neben ihm am Boden nieder und kte
ihm wieder und wieder das lockige Haupt. Wo ich war, Vater?

Ja, Mutter, Du hast uns groe Sorge gemacht. Als ich mit dem Arzt kam,
warst Du fort.

Mit dem Arzt?

Nun natrlich -- Du lagst ja wie todt, und ich wute mir nicht zu
helfen.

Guter Gottfried, sagte die Frau weich, so viel Angst hast Du
meinetwegen ausgestanden, und ich...

Aber wo bist Du nur gewesen, da Dir Niemand von uns begegnet ist?

Komm' mit hinein in die Stube, Gottfried, Du sollst Alles wissen, ich
habe Dir viel, sehr viel zu sagen; aber Niemand weiter darf es hren,
als Du...

Ich begreife Dich gar nicht, sagte der Mann kopfschttelnd, seit
ein paar Tagen bist Du ganz wie verwandelt. -- Die Frau antwortete ihm
nicht darauf.

Weshalb ist die Else nicht in der Schule?

Aber wir haben ja heute Mittwoch, Mama, lachte das Kind, das sich
rasch wieder beruhigt hatte; weit Du denn das nicht?

Ja so, Du hast recht; nun gut, Else, dann geh' einen Augenblick in das
Grtchen, Kind, und sieh zu, ob Du fr Mutter noch ein Veilchen finden
kannst. Du darfst auch in dem Sande spielen, den der Mann gestern
gebracht hat, und baue Dir wieder solch' einen kleinen Hof darin, wie
gestern Abend.

Ei, das ist prchtig! rief die Kleine jubelnd aus und sprang hinaus,
um von der willkommenen Erlaubni Gebrauch zu machen.

Baumann aber betrachtete indessen kopfschttelnd seine Frau, denn so
ernst und feierlich war sie ihm noch nie in seinem Leben vorgekommen. Es
mute etwas ganz Ungewhnliches sein, da sie so ergriffen hatte.

Aber die Frau lie ihn auch nicht lange mehr auf die Erklrung ihres
sonderbaren Wesens warten. Sie folgte dem Kinde mit den Augen, so lange
sie es sehen konnte; kaum aber war es durch die in den Hof fhrende Thr
verschwunden, als sie den Mann an der Hand ergriff und mit sich in das
kleine Zimmer neben der Werkstatt fhrte.

Dort schttete sie ihm ihr ganzes Herz aus; dort sagte sie ihm Alles,
Alles, was sie dem Staatsanwalt gebeichtet, nur noch ausfhrlicher,
noch klarer, noch mehr auf ihre eigenen Gefhle eingehend, aber
nichts verschweigend oder mildernd, voll so, wie sie das Gewicht ihres
Vergehens die langen Jahre niedergedrckt. Dort hing sie schluchzend an
seinem Halse, dort lag sie vor ihm auf den Knieen und prete ihr Haupt
an seine Brust.

Und Baumann sa vor ihr, bleich und starr, als ob er aus Stein gehauen
wre, beide Hnde fest geballt auf die Lehne des Stuhles, und nur das
Zucken in seinem Antlitz, die kalten Schweitropfen auf seiner Stirn
zeugten davon, da er lebe. Er erwiederte ihr auch kein Wort, keine
Liebkosung; er richtete keine Frage an sie, beantwortete keine. Wie
in einem Starrkrampf hielt ihn das Furchtbare, das er eben vernommen,
gefangen, und als die Frau endlich still weinend aus dem Zimmer schlich,
folgte er ihr nicht einmal mit dem Blick, sondern hielt das Auge fest
und unbeweglich, wie er die ganze Zeit gesessen, auf die Stubenecke
geheftet.

So fand ihn Witte, als er fast zwei Stunden spter das Haus betrat, nach
dem Meister fragte und in die Stube gewiesen wurde; und er allein konnte
sich denken, was vorgegangen war, was den sonst so starken, energischen
Mann so vollstndig gebrochen, so vernichtet haben mochte.

Baumann, sagte deshalb der Staatsanwalt freundlich, indem er die Thr
wieder hinter sich zudrckte, dann auf ihn zuging und ihm die Hand
auf die Schulter legte, Ihre Frau war heute bei mir und hat mir Alles
gestanden; ich begreife, da Sie die Nachricht erschttern mute -- es
ist schlimm, aber doch nicht so schlimm, um gleich zu verzweifeln. Es
kann noch Alles gut werden -- die Sache ist in redlichen Hnden; was ich
fr Sie thun kann, soll geschehen. Sie drfen sich darauf verlassen.

Der Mann antwortete ihm nicht, regte sich nicht oder gab auch nur
das geringste Zeichen, da er gehrt htte, es habe Jemand mit
ihm gesprochen oder sei Jemand bei ihm. Witte betrachtete ihn
kopfschttelnd. Er hatte es nicht fr mglich gehalten, da der rauhe
Handwerker so furchtbar von der Entdeckung ergriffen werden konnte,
und doch sa er jetzt vor ihm wie ein Bild des starren, unbeweglichen
Schmerzes, regungslos, nur mit schwer athmender Brust und zuckenden
Lippen.

Baumann, begann Witte von Neuem mit freundlicher Stimme, nehmen Sie
sich die Sache nicht so zu Herzen. Ihre Frau hat gefehlt, ja, aber sie
hat es aus freilich verkehrter Liebe zu ihrem Kind, und dann auch
noch mehr berredet, als aus freiem Willen gethan. Jenes nichtsnutzige
Geschpf, die Heberger, hat sie dazu getrieben. Und bedenken Sie,
was sie die langen Jahre dafr an Angst und Reue ber das Geschehene
ausgestanden! Es liegt ja auch vielleicht den Gesetzen gegenber noch
nicht einmal ein Verbrechen vor, da sie es selber eingestanden, ehe ihr
eigener Sohn den Nutzen der Tuschung ernten konnte. Wer wei, ob
ihr nur irgend eine Strafe auferlegt wird, wenn wir den Beweis fhren
knnen, da sie in ihrem damaligen hlflosen Zustande wohl mehr
gezwungen, als aus freiem, selbststndigem Willen, die Hand zu der
Tuschung geboten hat. Wenn wir der Sache auf den Grund sehen, finden
wir vielleicht noch Manches, das die That nicht so schwarz erscheinen
lt, als sie Ihnen vielleicht im ersten Augenblicke vorkam.

Baumann rhrte sich nicht. Wie er bisher gesessen, sa er noch, und eben
so starr hing sein Blick an der Stubenecke, als vorher. Der Staatsanwalt
kam wirklich in Verlegenheit, denn er war nicht einmal fest berzeugt,
da der Schlossermeister nur gehrt, was er zu ihm gesagt.

Lieber Baumann, bat er endlich, hren Sie mich nicht? Ich bin hieher
gekommen, um Sie zu beruhigen; Sie sollen wissen, da Sie noch einen
Freund in der Stadt haben.

Dem alten Schlossermeister tropften die groen, schweren Thrnen aus
den Augen, und als Witte jetzt seine Hand fate, fhlte er den krftigen
Druck des Mannes.

Was mu die Welt von mir denken, _hauchte_ er endlich mit vollkommen
lautloser Stimme, was mu die Welt von mir denken! Und wenn sie mich
in's Zuchthaus stecken, hab' ich es nicht verdient?

Aber lieber, bester Baumann, rief der Staatsanwalt, froh, nur erst
einmal ein Lebenszeichen von ihm zu hren, denn das frhere starre
Schweigen hatte ihn wirklich gengstigt -- was machen Sie sich fr
tolle, nutzlos tolle Gedanken! Glauben Sie, da irgend ein Mensch in der
Stadt Ihnen auch nur einen Gran von Schuld beimessen wird?

Und meine Frau, mit der ich die langen, langen Jahre glcklich gelebt
-- die ich auf den Hnden getragen und geliebt und verehrt -- Alles,
Alles vorbei -- Alles vorbei! Was hab' _ich_ denn gethan, da ich so
hart gestraft werden mute?

Es ist noch nicht vorbei, Baumann, suchte ihn der Staatsanwalt zu
trsten, es ist noch lange nicht vorbei, und danken Sie Gott, da
Ihre Frau sich noch in der letzten Stunde ein Herz gefat hat, um ihr
Vergehen zu bekennen und es dadurch wieder, so weit es wenigstens in
ihren Krften stand, gut zu machen. Wer kann sagen, wie sich noch Alles
zum Besten gestaltet? Ihr ganzes bisheriges Leben mu auch fr sie
sprechen und sie entschuldigen oder dem Richter doch wenigstens
beweisen, da er es, so weit es nmlich Ihre Frau betrifft, mit keinem
Verbrechen zu thun hat. Hoffen Sie das Beste, und meine Hlfe, mein
Beistand sind Ihnen dabei gewi.

Ich danke Ihnen, Herr Staatsanwalt, sagte Baumann, indem er sich
mit der breiten, hornigen Hand ber die Stirn fuhr -- es war die erste
Bewegung, die er machte -- ich danke Ihnen von Herzen! Ich fhle,
da Sie es gut mit mir meinen -- aber es hilft Ihnen nichts. Vor den
Gerichten knnten Sie die Frau vielleicht frei bringen, vor meinem
eigenen Gewissen nicht. Sie hat es gethan, und wenn sie es nicht gethan
hat, sie hat geduldet, da es geschah, und mir, ihrem Manne, dem sie
gelobt, kein Geheimni vor ihm zu haben, die langen, endlosen Jahre das
Furchtbare verschwiegen, da sie ihm sein eigenes Kind verkauft!

Aber, Meister Baumann!

Verkauft -- ich habe kein anderes Wort dafr, sagte der Mann tonlos;
sie hat es verkauft, weil sie den Stand verachtete, in dem sie lebte
und grogezogen war, weil sie etwas Besonderes, etwas Vornehmes aus
ihrem Kinde machen wollte, und deshalb nur, deshalb allein wurde dem
Vater die falsche Brut untergeschoben und dessen Herz von dem eigenen
Sohne abgewandt!

Der Staatsanwalt war selber in Verlegenheit, was er dem Mann darauf
erwiedern sollte. Er hatte nur zu sehr recht, und er fhlte auch, da
ein Trost jetzt nach dem ersten Schmerz am unrechten Platz sein und
vielleicht mehr schaden als ntzen wrde.

Eine lange Weile schwiegen Beide; endlich sagte Witte wieder:
Ueberdenken Sie sich die Sache diese Nacht; wir haben Zeit genug dazu,
denn vor der Hand darf doch Niemand weiter darum wissen.

Was? rief Baumann, ordentlich erschreckt emporfahrend, und mir muthen
Sie zu, das selber als Geheimni zu bewahren, was...

Verstehen Sie mich nicht falsch, unterbrach ihn der Staatsanwalt
rasch; nur auf vernnftige Weise mssen wir vorgehen, um das wieder gut
zu machen, was gefehlt ist, und das kann nicht in der ersten Hitze und
Aufregung geschehen, oder wir verderben, was wir bessern wollten. Kommen
Sie morgen frh zu mir, so frh Sie wollen; ich stehe schon um sechs Uhr
auf und arbeite. Dann besprechen wir Alles mit kaltem Blut; vorher aber
geben Sie mir Ihr Wort, da Sie mit keinem Menschen weiter darber reden
wollen.

Mit keinem Menschen weiter?

Nein. Glauben Sie mir, ich rathe Ihnen zum Besten und bin selber ein
alter Mann; ich werde von Ihnen nichts verlangen, was ich nicht mit
gutem Gewissen verantworten kann. Morgen frh kommen Sie zu mir, und ich
glaube bestimmt, da wir einen Weg finden, um ehrlich und rechtschaffen
das von Ihrer Seele zu nehmen, was Sie jetzt zu Boden drckt. Sind Sie
damit einverstanden?

Der Schlossermeister zgerte einen Augenblick mit der Antwort; endlich
sagte er leise: Gut, ich will Ihnen folgen, Herr Staatsanwalt;
ich wei, Sie meinen es ehrlich, und werden dafr sorgen, da dem
rechtmigen Erben nicht ein Groschen seines Rechts verkmmert wird. So
weit ich selber mit meinem kleinen Vermgen ausreiche, etwa geschehenen
Schaden zu decken, stelle ich mich Ihnen zur Verfgung -- bis zu dem
letzten Ziegel meines Daches. So weit bin ich erbtig, Alles gut zu
machen, was fremde Leute betrifft. In meinem eigenen Hause werde ich
selber Rechnung halten.

Sie werden nicht zu hart mit Ihrer armen Frau sein, Baumann.

Ich werde thun, was ich vor Gott und meinem Gewissen verantworten
kann, sagte der Mann ernst; sorgen Sie sich deshalb nicht -- und damit
haben die Gerichte auch nichts zu thun -- oder doch nur wenig, setzte
er leise und kaum hrbar hinzu.

Also auf morgen frh!

Ich werde kommen -- verlassen Sie sich darauf! Und still und brtend
sank er wieder in seinen Stuhl zurck.

Witte aber, der jetzt wohl einsah, da heute mit dem Mann doch nichts
mehr zu reden, und es das Beste sei, ihn sich selber zu berlassen,
verlie langsam das Haus und schritt seiner eigenen Wohnung wieder zu.




2.

Die Haussuchung.


Zu Hause angekommen, berholte Witte auf der Treppe die Frau Rthin
Frhbach, die im Begriff stand, seiner Frau einen Besuch zu machen.
Sie war im hchsten Staat und strotzte von Seide, Sammetmanchester und
unechten Spitzen.

Ach, Frau Rthin, sagte der Staatsanwalt nach der ersten Begrung,
indem er eben in sein Zimmer abbiegen wollte, kommen Sie von Hause, und
knnen Sie mir sagen, ob Ihr Herr Gemahl dort ist?

Ach nein, Herr Staatsanwalt, das wei ich wirklich nicht, erwiederte
die Dame; ich habe noch einige Wege in der Stadt besorgt und bin dann
gleich hieher gegangen. Aber mein Mnni kommt um diese Zeit immer nach
Hause -- Sie finden ihn sicher.

Mnni nannte sie den Fleischklumpen, und der Staatsanwalt schttelte den
Kopf, erwiederte aber nichts, machte ihr eine halbe Verbeugung und
trat in sein Schreibzimmer, um inzwischen eingelaufene Geschfte zu
erledigen.

Er wunderte sich allerdings im Stillen, die Frau Rthin hier zu sehen,
denn sie kam sehr selten zu ihnen, und da er dem Dienstmdchen unterwegs
begegnet war, das eine Dte mit Backwerk, das stete Zeichen einer
Kaffee-Visite, trug, so mute seine Frau auch auf den Besuch vorbereitet
sein. Aber andere, wichtigere Dinge zogen ihm durch den Kopf, um sich
lange mit solchen Nebensachen zu beschftigen, und er hatte sie auch
bald vergessen.

Sonderbarer Weise war aber von der Frau Staatsanwalt wirklich die Frau
Rthin heute, und zwar ganz allein, zum Kaffee geladen worden, und das
noch dazu einer wichtigen Besprechung und Unterredung wegen. Man wute
nmlich ziemlich genau in der Stadt, da die Frau Rthin, vielleicht
aus Mangel einer besseren oder andern Beschftigung, sehr geschickt im
Kartenlegen sei, und die Frau Staatsanwalt war zu dem Entschlu gekommen
(von dem aber ihr Mann natrlich keine Silbe erfahren durfte), die
geheimnivollen Bltter mit Hlfe einer Wissenden zu befragen, da
ihr die Polizei das gestohlene Silbergeschirr doch nicht wiederschaffen
konnte. Auch andere Dinge lagen ihr auf dem Herzen, ber welche sie gern
Auskunft gehabt htte: aber das Silber ging unter allen Umstnden vor.

Der Staatsanwalt wre allerdings sehr bse geworden, wenn er von diesem
Treiben etwas geahnt htte; denn er hate nichts mehr als solchen
Unsinn, wie er es nannte, nmlich zu glauben, da irgend ein altes
Weib -- Witte brauchte manchmal Kraftausdrcke, wenn er rgerlich
wurde--, mit irgendwelchen Hlfsmitteln auch immer, die Zukunft
vorhersagen oder Verborgenes ergrnden knne. Ob die dahin
eingeschlagenen Wege nun in Bleigieen, Kaffeesatz, Kartenlegen oder
irgend einem andern albernen Vorwand bestanden, blieb sich gleich; ja,
er verachtete sogar das Tisch- und Geisterklopfen, wenn er es auch
in seinem eigenen Hause eine Zeit lang dulden mute, bis es die Damen
selber satt bekamen und die armen Tische wieder ihren ruhigen und
bestimmten Eckplatz erhielten, wo sie hingehrten. Uebrigens war nicht
die geringste Gefahr vorhanden, da er sie stren oder berraschen
knne; denn wenn seine Frau Kaffeegesellschaft hatte, dachte er gar
nicht daran, ihrem Zimmer auch nur nahe zu kommen. Er war nicht gern
genirt und ging dann immer ruhig seinen eigenen Geschften nach. Die
Damen konnten deshalb ganz ungestrt ihren geheimnivollen Versuchen
obliegen, und gingen denn auch mit gutem Willen an die Arbeit.

Ottilie betheiligte sich brigens nicht daran. Sie hatte anfangs ganz
still und lautlos am Fenster gesessen und sich mit einer Stickerei
beschftigt; endlich stand sie auf und ging in ihr eigenes Zimmer, wo
sie den brigen Theil des Abends blieb. Sie glaubte merkwrdiger
Weise nicht an Kartenlegen, und die Frau Rthin war ihr auerdem keine
angenehme Persnlichkeit, weil sie das ewige Schimpfen und Klagen ber
Dienstboten und die Nachbarsleute, in dem sich jene Dame am liebsten
erging, nicht leiden konnte.

Solche Zu- oder Abneigungen sind aber gewhnlich gegenseitig, und so
mochte denn auch die Frau Rthin das schnippische Ding nicht leiden,
wie sie es gewhnlich in anderen Kaffeegesellschaften nannte. Sie fragte
allerdings die Frau Staatsanwalt, als Ottilie das Zimmer verlie, ob
das liebe Kind vielleicht nicht wohl sei, aber erwhnte sie nachher
nicht weiter, und die Kartenprocedur hatte ihren ungestrten Fortgang.

Merkwrdiger Weise wollte es aber heute Abend gar nicht so besonders
damit gehen. Die Karten fielen, wie die Frau Rthin bemerkte,
so ungnstig und verkehrt, und es war ihr immer bald einmal eine
Treff-Sieben, bald eine Carro-Zwei im Wege, da sie sich selber nicht
hindurchfand und endlich erklrte, so gnzlich miglckt sei es ihr noch
nie und es msse irgend ein Hinderni in der Umgebung liegen, das
man vielleicht beseitigen knnte, wenn man eben wte, was es wre. So
erzhlte sie der Frau Staatsanwalt, sie habe einmal bei sich zu Hause
die Karten legen wollen und ebenso wie heute nichts zuwege gebracht;
alle Versuche, obgleich immer und immer wiederholt, seien miglckt, und
sie wre schon im Begriff gewesen, die Sache aufzugeben, als das Mdchen
zufllig einen auf dem Tisch stehenden Blumentopf in das andere Zimmer
getragen htte, und von dem Augenblicke an war es, als ob ein Bann von
den Karten genommen sei. Sie fielen ordentlich wie ein Buch, in dem man
ganz bequem lesen konnte.

Alle mglichen Versuche wurden deshalb jetzt auch hier gemacht: die
Blumen smmtlich entfernt, die Sthle herumgedreht, der Tisch selbst
ward anders gestellt; aber es half nichts: die Kartenbltter wollten
keine Vernunft annehmen, als die Frau Rthin endlich der Sache mde und
zu einem verzweifelten Entschlu kam.

Hren Sie, Frau Staatsanwalt, sagte sie -- es war indessen auch dunkel
geworden, und das Mdchen hatte eben die Lampe hereingebracht -- ich
wollte Ihnen schon lange einen Vorschlag machen, aber ich habe mich
immer nicht getraut. Ich wte Jemanden, der uns aus der Noth helfen
knnte.

Und wer ist das? fragte die Frau Staatsanwalt.

Die Heberger, des Schusters Frau -- die versteht das aus dem Grunde,
und mir -- das versichere ich Ihnen -- hat sie schon merkwrdige Dinge
prophezeit.

Und ist es eingetroffen?

Auf's Haar, sage ich Ihnen, auf's Tittelchen. Nein, einmal -- das war
zu merkwrdig -- da fehlte mir ein silberner Theelffel und ich ging
zu ihr, und blos aus den Karten sagte sie mir, da ich morgen frh mit
Tagesanbruch in meinen Holzstall unten im Hof gehen sollte, dort wrde
ich ihn finden -- und wahrhaftig, wie ich am andern Morgen hinuntergehe,
liegt er mitten drin, und wie er dahin gekommen ist, wei ich bis auf
den heutigen Tag noch nicht!

Das ist in der That sonderbar....

Und ehe mein Mnni neulich krank wurde, wo er sich so heftig bergeben
mute, hat sie mir fast die Stunde vorhergesagt und mir auch gleich eine
Medicin mitgegeben, die ich ihm vorher heimlich in den Wein schtten
mute, damit es ihm nichts weiter schadete, und ich sage Ihnen, nach
zwei oder drei Stunden war er wieder gesund wie ein Fisch und eben so
na, denn ich hatte ihn tchtig schwitzen lassen.

Ja, wenn wir die Frau nur einmal auf eine halbe Stunde hier htten!
sagte Frau Witte. Aber ich darf es nicht wagen, denn wenn es nachher
durch einen Zufall mein Mann erfhre, so knnte ich sicher sein, da er
ein volles Jahr darber zankte und raisonnirte.

Sie geht auch nicht zu den Leuten in's Haus, bemerkte die Frau Rthin,
eben der hufigen Strungen wegen, denen sie dort durch irgend einen
fremdartigen Gegenstand ausgesetzt ist. Wenn wir aber nun einmal zu
_ihr_ gingen -- bei ihr ist Alles darauf eingerichtet, und kein Mensch
brauchte ein Wort davon zu erfahren.

Um Gottes willen, rief die Frau Staatsanwalt, schon von dem Gedanken
erschreckt, nachher mchte ich meinen Mann sehen!

Und was braucht der davon zu wissen? sagte Madame Frhbach. Ich bin
oft und oft schon dort gewesen, es ist ein ganz anstndiges Haus, und in
einer Stunde wre die ganze Sache abgemacht.

Und wenn sie nachher darber spricht und es weiter erzhlt?

Da kennen Sie die Heberger schlecht, sagte die Frau Rthin;
eher liee sie sich todtschlagen. Die ist berhmt wegen ihrer
Verschwiegenheit, und das ja auch nur zu ihrem eigenen Vortheile; denn
sie wei recht gut, da sie ihre ganze Kundschaft verlieren wrde, wenn
sie nur ein einziges Mal plauderte.

Aber, liebe Frau Rthin, ich kann doch nicht meiner Schustersfrau einen
Besuch abstatten?

Aber das ist ja doch kein Besuch, Frau Staatsanwalt; der Schuhmacher
Heberger arbeitet ja auch fr uns, und ich bin ebenfalls hingegangen.
Und dann braucht sie noch gar nicht einmal zu wissen, wer Sie sind --
Sie nehmen einen dichten Schleier vor und setzen Ihre Kapuze auf.
Sehr viele Damen kommen dort tief verschleiert hin -- Damen aus den
allerhchsten Stnden, das kann ich Ihnen versichern. Ich habe selber
schon einmal die Frau Prsidentin dort getroffen, aber das ganz unter
uns, denn ich that natrlich gar nicht, als ob ich Sie erkannte; aber
Sie wissen wohl, sie hinkt ein bischen, hat wenigstens so einen krummen
Gang, und dann mte ich auch blind sein, denn wir haben ja eine und
dieselbe Putzmacherin, und ich erfahre immer Alles, was sie sich machen
lt.

Das Mdchen kam herein, um das Kaffeegeschirr hinauszutragen.

Ist mein Mann zu Hause?

Nein, Frau Staatsanwalt; er ist vor etwa einer halben Stunde
fortgegangen, und hat gesagt, Sie mchten heute Abend nicht auf ihn mit
dem Thee warten, da er etwas Wichtiges zu thun habe.

Die Frau Rthin warf ihrer Freundin einen triumphirenden Blick zu, denn
das htte gar nicht besser passen knnen. Die Frau Staatsanwalt war aber
noch lange nicht mit sich einig, denn der Schritt schien ihr zu gewagt,
wenn sie auch selber nur zu gern gegangen wre. Wie viel und wie oft
hatte sie schon von der Schustersfrau gehrt, die unter den Damen der
Stadt allerdings einen Ruf besa; wie oft gewnscht, sie einmal selber
auf die Probe zu stellen, aber es trotzdem immer unterlassen -- und
jetzt auf einmal bot sich die Gelegenheit und schien auch in der That
Alles zusammenzutreffen, um ihr den Versuch zu erleichtern! Sie zgerte
freilich noch immer, aber die Frau Rthin hatte einmal, wie sie sagte,
ihr Herz daran gesetzt, und sie lie nicht nach mit Bitten und
Zureden, bis sich die Frau Staatsanwalt endlich entschlo, ihr zu
willfahren und sie zu begleiten. Die Frau Rthin versprach ihr auch, die
Sache einzuleiten, indem sie zuerst fr sich selber nach dem abhanden
gekommenen Hosenstoff fragte -- da sie ihren Mann noch nicht wieder
gesprochen hatte, konnte sie natrlich keine Ahnung haben, welche
Entdeckung er inde gemacht und welchen Verdacht er hege.

So denn, whrend der Staatsanwalt oben auf dem Gericht war und eine
unmittelbare Haussuchung bei dem Schuhmacher Heberger, auf die Anklage
eines Diebstahls hin, betrieb, rsteten sich die beiden Damen, um
der Frau des nmlichen Mannes einen geheimen Besuch abzustatten, und
verlieen auch, ohne selbst Ottilien ein Wort davon zu sagen, bald
darauf das Haus. Nur das hinterlie die Frau Staatsanwalt bei dem
Dienstmdchen, da es ihrem Mann, wenn er nach Hause kommen und nach ihr
fragen sollte, nur ausrichten mchte, sie wre einen Sprung mit der
Frau Rthin gegangen und wrde bald wiederkommen. Abzuholen brauche er
sie nicht.----

Im Heberger'schen Hause ging es an dem Abend und genau in der nmlichen
Zeit, in welcher die beiden Damen das Witte'sche Haus verlieen, etwas
unruhig zu, denn Heberger hatte seinen einen Lehrjungen auf frischer
That ertappt, wie er ihm an die Privatflasche gegangen war, um so
heimlich als unverschmt daraus zu kosten. Er machte auch nicht viele
Umstnde mit ihm: in bler Laune war er auerdem, und seinen Knieriemen
nehmend, griff er dem armen Jungen mit der linken Hand in das struppige
Haar und bearbeitete ihm mit dem schweren Riemen den Rcken nach
Herzenslust. Er hrte auch wirklich erst auf, als er den rechten
Arm nicht mehr rhren konnte, schickte den Jungen dann mit einem
lsterlichen Fluch an seine Arbeit und setzte sich selber auf seinen
Schemel hinter die Glaskugel, wo er, wie um seine ruhige Fassung
wieder zu erlangen, fast unmittelbar danach in eines seiner gellenden
geistlichen Lieder ausbrach und, mit dem Buche neben sich, um manchmal
nach dem Text zu sehen, einen Vers nach dem andern abschrie.

Er mochte etwa bei dem sechsten angekommen sein, und der Junge sa noch
immer still weinend bei seiner Arbeit und wischte sich nur manchmal
die dicken Thrnen mit dem Aermel von Augen und Nase ab, als es drauen
anpochte. Der eine Junge ffnete, um zu sehen, wer da sei. Es waren zwei
Damen -- die eine dicht verschleiert--, die nach der Frau
Heberger fragten, und da das zu hufig vorkam, um nur die geringste
Aufmerksamkeit zu erregen, so wies sie der Bursche, indem er einfach mit
der Hand nach der Thr der Wohnstube deutete, um dort hinber zu gehen,
und setzte sich augenblicklich wieder auf seinen Schemel nieder. Die
Jungen hatten strenge Ordre, nicht einmal den Kopf nach einem solchen
Besuch zu wenden, und Heberger selber that gar nicht, als ob er
existire. Er unterbrach seinen Vers nicht einmal und schrie so ruhig
fort, als ob er drauen auf einer Haide und meilenweit von irgend einer
menschlichen Wohnung gesessen htte.

Desto frmlicher wurde der Besuch dagegen drinnen bei der Frau Heberger
selber empfangen, die, als die Damen das Zimmer betraten, bei einer sehr
hbschen Lampe an ihrem Tisch sa und in einer aufgeschlagenen Bibel
las.

Frau Rthin, sagte sie mit einer nicht ungeschickten Verneigung, es
ist mir eine groe Ehre, Sie bei mir zu sehen. Wollen Sie nicht ablegen,
und drfte ich die fremde Dame nicht vielleicht ebenfalls bitten, Platz
zu nehmen? Es geht bei mir freilich ein wenig eng zu -- lieber Gott, wir
haben in unserer beschrnkten Wohnung nicht viel Raum, und die Miethen
sind in den letzten Jahren so gesteigert, da man gar nicht daran denken
kann, eine grere zu nehmen!

Frau Staatsanwalt Witte fhlte sich anfangs unter ihrem Schleier etwas
unbehaglich: da aber die Schustersfrau nicht die geringste Notiz von ihr
zu nehmen schien, ja, sie wohl absichtlich kaum flchtig ansah, so fate
sie nach und nach mehr Muth, nahm den angebotenen Stuhl an und beschlo
nun, fest vermummt wie sie auerdem war, nur den stillen Beobachter zu
machen. Die Zwischenzeit aber, in der sich die Rthin noch mit der Frau
unterhielt, benutzte sie, um sich das Zimmer selber ein wenig genauer
anzusehen -- neugierig war sie lange genug darauf gewesen.

Hatte sie brigens irgend etwas Absonderliches darin erwartet, so fand
sie sich getuscht. Das Zimmer glich tausend anderen Wohnungen des
Handwerkerstandes auf ein Haar und war, wenn auch sehr sauber und nett
gehalten, doch einfach, mit Erlenholz-Mbeln ausgestattet. Nur ein paar
hochlehnige und ledergepolsterte Sthle aus geschnitztem dunkelbraunen
Wallnuholz schienen nicht hinein zu gehren und auch wirklich nur fr
vornehmen Besuch bestimmt zu sein. An der Wand hingen in schwarzen
Holzrahmen ein paar schreckliche Oelgemlde, jedenfalls Familienbilder,
die aber nicht die entfernteste Aehnlichkeit mit irgend einem bekannten
Gesicht zeigten, dann noch ein paar Silhouetten, und auf der Commode
standen einige Tassen mit Goldrand, die wohl kaum je im Gebrauch
gewesen, ein paar blaue Glasvasen mit Schilfblthen und einige kleine,
buntbemalte Gypsfiguren; aber schneeweie Gardinen hingen vor den
Fenstern, und die beiden, ebenfalls im Zimmer stehenden Betten des
Ehepaares waren mit reinlichen Ueberhngseln von buntem Kattun verhllt.

Frau Heberger brauchte keine lange Zeit zu ihren Vorbereitungen.
Sie wute genau, was Damen, die sie zu dieser Zeit besuchten, von ihr
wollten, und versumte nie, ihnen zu Willen zu sein. Fand sie ja doch
auch ihren reichlichen Nutzen dabei, da sie fr ihre Bemhungen nie
unter einem Thaler bekam, sich aber auch wohl einzelner Flle erinnerte,
wo ihr beim Abschied deren fnf in die Hand gedrckt wurden, und
wahrlich mit leichter Mhe, wenn auch nicht ganz ohne Scharfsinn, war
das Geld verdient!

Sie ging jetzt zu einem kleinen Seitenschrank, um von dort ihre Karten
vorzuholen. Hatte sie aber vorher, als sie sich beobachtet wute, die
verschleierte Dame kaum angesehen, so haftete ihr Blick jetzt, hinter
dem Rcken des Besuches, um so viel forschender auf der Verhllten, und
nichts an deren Anzug, nicht das kleinste, unbedeutendste Band entging
ihr. Ein spttisches Lcheln zuckte auch um ihre Lippen, als sie den
Schrank endlich ffnete, hatte sie die Fremde etwa doch erkannt? Aber
es war nichts davon zu bemerken, als sie wieder zum Tisch trat und jetzt
vor allen Dingen die Bibel und dann auch eben so die Lampe entfernte.
Sie legte die Karten nur bei dem Scheine von Lichtern, von denen sie
zwei entzndete und auf den Tisch stellte. Dann nahm sie selber auf
einem hohen Rohrsessel ohne Lehne Platz, und das Spiel geschftsmig
mischend, sagte sie freundlich:

Nun, Frau Rthin -- bitte, heben Sie erst einmal ab -- so -- nun sagen
Sie mir geflligst, mit was ich Ihnen dienen kann und was Sie zu wissen
wnschen.

Die Frau Rthin berlegte sich die Sache erst einen Augenblick; dann
erzhlte sie der Frau von dem abhanden gekommenen Stck Hosenzeug,
beschrieb genau, wo es gelegen hatte und wie es ausgesehen habe, und bat
sie dann, die Karten einmal zu fragen, wer es mitgenommen, und ob und
wie man es wohl wiederbekommen knne.

Die Frau hatte bei der Erzhlung wieder langsam gemischt und lie noch
einmal abheben. Dann legte sie die Karten aus und betrachtete sich
nun, den gebogenen Zeigefinger an den Lippen, die bunten Bltter wie
in tiefem Nachdenken. Endlich sagte sie sinnend: Ja, meine liebe Frau
Rthin, das Zeug ist wirklich gestohlen, so viel ist richtig, und nicht
etwa verlegt oder in eine falsche Schublade gekommen -- da luft der
Bursche noch, der es mitgenommen hat -- der Carro-Bube zwischen zwei
Dreien -- ein hagerer, aufgeschossener junger Mensch. Er hat es auch
nicht aus Armuth genommen, denn die ber ihm liegende Zehn bedeutet
Geld; aber wo er jetzt ist, wird schwer heraus zu bekommen sein. Warten
Sie einmal, da geht Ihr Mann hinter dem Treff-Buben -- er hat auf irgend
Jemanden einen falschen Verdacht -- der ist es nicht, der hat's nicht
genommen, der ist ehrlich -- seh'n Sie, wie das A neben ihm steht --
aber die Carro zieht sich hier herber, und hier ist die Treff-Sieben
und Fnf. Wenn sich Ihr Mann morgen Abend an die katholische Kirche
stellt -- um fnf Uhr, aber mit dem Glockenschlag--, dann wird der Dieb
dort vorberkommen.

Das wre in der That merkwrdig! sagte die Frau Rthin. Also morgen
Nachmittag um fnf Uhr?

Aber mit dem Glockenschlag, nicht frher, noch spter, sonst verpat er
ihn; er mu genau aufmerken.

Nun, da bin ich doch wirklich neugierig, sagte die Frau Rthin
kopfschttelnd, und da htte sich mein Mann auch die Anzeige auf der
Polizei ersparen knnen.

Die hilft ihm nichts, die hilft ihm nichts, erwiederte die Frau, immer
noch in die Karten sehend. Die Polizei ist da ganz oben, weit von dem
Carro-Buben entfernt, und kommt ihm gar nicht in den Weg. Die findet ihn
nicht -- aber Ihr Mann wird ihn finden; doch er mu auch das Herz haben,
ihn anzufassen.

Das wird er schon, nickte die Frau Rthin; der frchtet sich vor
Niemandem, und wenn er erst einmal heftig wird, kennt er sich selber
nicht mehr.

Und was war es noch, was Sie fragen wollten?

Ach, liebe Madame Heberger, sagte die Frau Rthin, zuerst mchte ich
Sie bitten, meiner Freundin eine Frage zu beantworten.

Von Herzen gern.

Sie ist nicht von hier, fuhr die Dame fort, sondern erst heute aus
der Residenz angekommen, und hat dort so viel von Ihrer Kunst reden
hren, da sie vor Neugierde brennt, Sie kennen zu lernen.

In der That? lchelte die Frau, ohne den Blick aber von der
Sprechenden zu wenden. Und ist ihr auch etwas gestohlen worden?

Ja -- ber das mchte sie ebenfalls nachher Ihren Rath hren; vorher
wnscht sie aber Ihre Kunst recht auf die Probe zu stellen und den Namen
ihres knftigen Schwiegersohnes zu erfahren.

Das ist freilich viel verlangt, sagte die Kartenschlgerin
kopfschttelnd, denn wirkliche Namen nennen die Karten nicht; sie
deuten nur Personen an, da man sich danach ihre Beschreibung oder
vielmehr ihr Aussehen zusammenstellen kann. Auerdem wird es sehr schwer
sein, einem ganz Fremden solch eine Sache vorherzusagen. Die Dame mu
mir jedenfalls vorher erlauben, einmal die Linien ihrer linken Hand zu
betrachten; ein kleines Hlfsmittel mu ich haben, ich kann sonst nicht
fr den Erfolg einstehen.

Die verschleierte Frau Staatsanwalt zog schweigend ihren linken
Handschuh ab und reichte der Frau Heberger die Hand, und diese schien
aufmerksam mehrere Minuten lang die Linien derselben zu betrachten. Aber
sie sagte kein Wort dabei, sondern nickte nur langsam mit dem Kopf,
und die Karten wieder aufgreifend, ersuchte sie die verschleierte Dame,
abzuheben -- aber mit der rechten, und zwar der vollen Hand, nicht nur
mit zwei oder drei Fingern, und ohne Handschuh. Das geschah auch, und
auf das sorgfltigste und genaueste legte sie dann die Bltter aus. Aber
sie kam nicht so rasch damit zu Stande, als bei der vorigen Antwort.
Bedeutend und wie in tiefem Nachsinnen schttelte sie den Kopf; endlich
sagte sie:

Die Dame mu aus einer sehr vornehmen Familie sein, denn Alles deutet
darauf hinaus. Hier steht ein armer Werber -- er hat rechts und links
nichts als Zweier und Dreier--, aber die Coeur-Dame geht weiter. Da
endlich laufen die Pfade von dem Coeur-Knig mit ihr zusammen -- das
trifft sich selten, da Jemand seine erste Liebe bekommt -- der ist
reich und vornehm, und hier... Sie horchte hoch auf, denn drauen
entstand ein ungewhnlicher Lrm. Ihr Mann hatte auch aufgehrt zu
singen; aber sie hrte eine tiefe Stimme, die sie nicht kannte und die
wie befehlend sprach.

Um Gottes willen, flsterte die Frau Staatsanwalt der Rthin zu,
ich glaube, da kommt noch mehr Besuch, und ich mchte hier nicht gern
gesehen werden -- da sie nur Niemanden hereinlt!

Die Frau Heberger war aufgestanden und horchte nach der Thr der
Werksttte hinber, nach der zu ihr einziger Ausgang lag. Was in aller
Welt ging da drinnen vor? -- Sie sollte nicht lange in Zweifel bleiben.

Du, Thomas, stellst Dich an die Treppe, sagte die Bastimme wieder,
und lt Niemanden hinunter oder herauf. Ist Ihre Frau zu Hause,
Heberger?

Sie hrte die Antwort ihres Mannes nicht, aber sie mute bejahend
ausgefallen sein.

Nun gut, fuhr der Ba fort, als noch eine andere Mnnerstimme zu ihm
gesprochen, Niemanden hinunter oder herauf ohne meine Erlaubni. Einer
von Euch bleibt bei dem Schuhmacher und lt ihn nicht aus den Augen.
Gehren die Leute hier alle in's Haus?

Nein, Herr Geheimer Commissar, hrte sie jetzt Heberger sagen. Nur
zwei von den Jungen schlafen hier, die beiden anderen sind auf der
Arbeit.

Gut, die mgen sich anziehen und ihrer Wege gehen; wir haben nichts
weiter mit ihnen zu thun. Die zwei Jungen bleiben da.

Die Frau Heberger schritt nach der Thr.

Thun Sie mir den einzigen Gefallen, Frau Heberger, sagte die Frau
Rthin rasch, und schlieen Sie die Thr zu, bis die Leute wieder fort
sind, oder wenn das nicht geht, lassen Sie uns hinten hinaus; wir kommen
lieber morgen Abend wieder.

Ich habe nur den einen Ausgang, sagte die Frau; aber gedulden Sie
sich einen Augenblick -- ich will nur sehen, was da vorgeht -- die ganze
Sache scheint ein Miverstndni zu sein, und mein Holzkopf von Mann
wei sich nie zu helfen.

Damit verlie sie die Stube und trat in die Werksttte; die Frau
Staatsanwalt aber, die aufgestanden war, sank in ihren Stuhl zurck und
sthnte: O Du barmherziger Gott, das war die Stimme meines Mannes! Er
ist mit Polizei gekommen, um mich abzuholen!

Aber, beste Frau Staatsanwalt, bat die Frau Rthin, die viel ruhiger
bei der Sache blieb, das ist ja gar nicht mglich! der Zufall kann ihn
hiehergefhrt haben, wenn ich auch nicht begreife, wie; aber er wird
auch wieder fortgehen, und wir warten es hier ruhig ab.

Horchen Sie nur -- sie kommen hieher! -- Sie hatte recht.

Thut mir leid, Frau Heberger, Sie stren zu mssen, kann Ihnen aber
nicht helfen -- mu meine Pflicht thun, sagte der Ba wieder. Ich
ersuche Sie vor allen Dingen, Ihre smmtlichen Zimmer und Kammern
aufzuschlieen.

Aber auf wessen Befehl? rief jetzt die Frau Heberger, emprt ber
eine derartige Behandlung. Wer darf friedlichen Brgern bei Nacht und
Nebel in das Haus fallen und ihre Wohnung durchsuchen?

Die Polizei darf Alles, Frau Heberger, sagte der Mann ruhig, und
wenn Ihnen nachher Unrecht geschehen ist, so steht es Ihnen frei, Ihre
Klage anzubringen. Fr jetzt haben Sie weiter nichts zu thun, als Folge
zu leisten.

Aber wessen sind wir denn angeklagt? Das darf man doch erfahren, um
sich vertheidigen zu knnen.

Jawohl, gewi, sagte der Commissar wieder; der Herr Rath Frhbach hat
eine Klage gegen Sie anhngig gemacht und eine Haussuchung beantragt,
weil er behauptet, da ihm von dem Schuhmacher Heberger Zeug zu einem
Beinkleide und verschiedene Silbersachen gestohlen seien.

Was, der Herr Rath Frhbach hat das behauptet? schrie die Frau,
whrend die Frau Rthin hinter der Thr vor Schreck fast in die Kniee zu
brechen drohte. Der schlechte, nichtsnutzige Mensch will ehrliche Leute
zu Dieben machen, und indessen kommt seine Frau hier zu mir und thut
scheinheilig und freundlich, als ob sie von Gott und der Welt nichts
wte?

So? Die Frau Rthin Frhbach ist bei Ihnen? sagte Staatsanwalt Witte,
der in diesem Augenblick vortrat. Da bedauere ich allerdings, da wir
so zur unrechten Zeit gestrt haben -- aber jetzt kann's nichts mehr
helfen. Herr Commissar, bitte, thun Sie Ihre Schuldigkeit!

Jawohl, Herr Staatsanwalt, rief die Frau mit einem tiefen, spttischen
Knix, indem sie die Thr zu ihrem Zimmer aufri, dann seien Sie nur
so gut und heben Sie das ganze Nest aus und knnen dann _Ihre_ Frau
Gemahlin auch gleich mitnehmen! Weiter werden Sie aber wohl nichts
finden -- bedauere sehr, da sich die Herren umsonst bemht haben!

Alle Teufel! murmelte der Staatsanwalt vor sich hin. Aber das ist ja
gar nicht mglich!

Belieben Sie vielleicht geflligst nher zu treten? sagte die Frau
hhnisch. Eine verschleierte Dame aus der Residenz, die zu wissen
wnscht, wer ihr Schwiegersohn wird! Bitte, Herr Commissar, geniren Sie
sich nicht, thun Sie, als ob Sie zu Hause wren! Aber da will ich doch
die ganze Welt fragen, setzte sie boshaft hinzu, ob das ein Betragen
von anstndigen, ehrbaren Frauen ist, hier in der Nacht zu mir zu kommen
und sich an meinen Tisch zu setzen, whrend ihre beiden Mnner gegen
mich ein Complot anstiften und mit Polizei in's Haus rcken!

Meine Damen, sagte der Commissar, aber jetzt wirklich selber in
Verlegenheit, es thut mir leid, so zur unrechten Zeit gekommen zu
sein. Uebrigens habe ich nicht den geringsten Auftrag, Sie hier
zurckzuhalten, und stelle Ihnen deshalb frei, den Platz zu verlassen,
wann es Ihnen beliebt.

Herr Commissar, sagte die Frau Rthin, wir werden von ihrer Gte
Gebrauch machen. Und ohne den Blick rechts oder links zu wenden,
erfate sie den Arm ihrer Begleiterin und eilte mit dieser, so rasch
sie ber das in der Werksttte umhergestreute Leisten- und Lederwerk
hinwegkommen konnten, der Treppe zu. Dorthin begleitete sie aber noch
der Commissar, gab dem dort stationirten Polizeidiener, der schon
vortreten wollte, Befehl, die Damen durchzulassen, und kehrte dann in
die Stube zurck, um seine vorgeschriebene Haussuchung zu beginnen.

Heberger selber zeigte sich dabei auerordentlich demthig, aber doch
auch strrisch; er meinte, es solle dem Herrn Rath Frhbach theuer zu
stehen kommen, ihn auf solche Weise verdchtigt zu haben, noch dazu, da
er ihn heute Mittag selber in den Laden gefhrt htte, wo das Hosenzeug
zu verkaufen wre, auf das sich, wie er jetzt vermuthen msse, seine
Nachfragen bezogen htten. Dort aber knne ihm Jeder bezeugen, da er
den Stoff da gekauft und gleich bezahlt habe, und er wolle doch einmal
sehen, ob er sich auf diese Weise als ehrlicher Mann brauche beschimpfen
zu lassen.

Die Frau Heberger selber, die ihren ersten Zorn hinuntergekmpft,
benahm sich jetzt vollkommen vornehm gegen den Commissar und dachte gar
nicht daran, ihn im geringsten zu untersttzen. Da wren die Schlssel,
sagte sie, zu allen ihren Schrnken und Laden; nun mge er selber, wenn
es ihm Freude mache, nachsehen, ob er dort irgend etwas von des Herrn
Frhbach Sachen fnde. Sie selber aber rhre keine Hand und sei auch
nicht dazu verpflichtet, bitte sich aber aus, da Alles wieder so
ordentlich gelegt wrde, wie man es gefunden.

Dem Commissar gefiel das nicht; die Leute betrugen sich nicht wie
ertappte Verbrecher, sondern handelten genau so, als ob sie in ihrem
guten Recht wren, und der Staatsanwalt besonders befand sich nichts
weniger als behaglich. Er wute recht gut, welche Verantwortung er
bernommen, und zum ersten Mal stieg der Wunsch in ihm auf, die ganze
fatale Angelegenheit gar nicht berhrt zu haben. Aber was half es! Die
Haussuchung hatte durch das polizeiliche Besehen der Wohnung factisch
begonnen und mute nun auch durchgesetzt werden. Und wer konnte denn
berhaupt wissen, ob sie nicht doch etwas fanden, was sie in der
Ausfhrung entschuldigte und rechtfertigte!

Zuerst wurde die Werksttte untersucht, aber nur leichthin, denn hier
war auch kein mglicher Platz, wo etwas htte versteckt werden knnen,
den Ofen vielleicht ausgenommen; dann kam das Zimmer der Frau, was
schon mehr Schwierigkeiten bot. Aber trotz genauer Durchsuchung der
smmtlichen Schrnke und Commoden fand sich auch nicht das geringste
Verdchtige, eben so wenig in der Kche.

Der kleine Holzverschlag war fast leer und konnte mit einer Laterne
leicht abgeleuchtet werden; er enthielt nichts, als einst wei gewesene
schmutzige Kalkwnde mit vielleicht einem Korb Holz darin. Einen Keller
hatten die Hebergers gar nicht, eben so wenig Bodenraum; nur noch ein
dunkles Kfterchen, in dem vielleicht zwei Scheffel Steinkohlen lagen.
Auch das wurde durchsucht und der Bestand zum groen Theile bei Seite
geschaufelt; aber auch dort fand sich nichts, und der Commissar sah den
Staatsanwalt an und zuckte die Achseln.

Staatsanwalt Witte befand sich in Verlegenheit. Die Sache war ihm
entsetzlich fatal, und noch fataler, da sich Frau Heberger auf einen
ihrer Lehnsthle gesetzt und ihn mit hhnischen Blicken betrachtete.
Aber was lie sich thun! Da Hebergers jetzt den Rath Frhbach wegen
falscher Anklage vor Gericht belangen wrden, verstand sich von selbst,
und er hatte eine heftige Scene mit dem Rath zu gewrtigen; aber das
lie sich eben nicht ndern. Keinesfalls wollte er sich dem Hohn der
Schustersfrau hier lnger aussetzen; der Commissar mochte sehen, wie er
mit der allein fertig wurde.

Schn, sagte er, wenn nichts zu finden ist, brechen Sie die
Verhandlung ab! Und ohne sich lnger aufzuhalten oder das also
gekrnkte Ehepaar weiter zu gren, schritt er durch die Werksttte der
Treppe zu.

Dort an der Thr sa der Lehrjunge, den der Meister vorher so geprgelt
hatte; er schien sich die ganze Untersuchung schadenfroh betrachtet zu
haben und eben so wenig zufrieden zu sein, da man nichts gefunden, wie
der Staatsanwalt selbst. Als Witte aber an ihm vorberging, zupfte er
ihn pltzlich am Rock und flsterte: Kohlenkammer -- Meister geht immer
hinein! und drehte sich dann scharf ab in die Werksttte, wo er sich in
einem Winkel niederkauerte. Witte hatte auch die letzten Worte kaum oder
vielleicht gar nicht verstanden, aber das Wort Kohlenkammer war ihm
nicht entgangen, und mit einer letzten Hoffnung, seine Ehre als Anklger
noch zu retten, drehte er sich scharf auf dem Absatz herum, ging auf den
Polizeimann zu und sagte: Herr Commissar, ich wnsche die nochmalige
Durchsuchung der Kohlenkammer, ehe wir das Haus verlassen.

Aber, lieber Herr Staatsanwalt, sagte der Mann, wir haben fast die
ganzen Kohlen bei Seite geschaufelt.

Wir werden es mit dem Rest eben so machen, sagte Witte, der sich an
diese letzte Hoffnung klammerte.

Meinetwegen -- wie Sie es wnschen; ich bin Ihnen gern gefllig,
erwiederte der Mann. Aber ich frchte, wir versumen nur unsere schne
Zeit -- wo ist die Laterne?

Hier, Herr Commissar.

Gut -- schaufelt noch einmal den letzten Kohlenrest bei Seite; es
knnte doch mglich sein, da noch etwas darunter wre.

Die Leute gingen willig an die Arbeit, denn es war ihnen selber nicht
recht, da sie unverrichteter Sache wieder abziehen sollten -- ist doch
das ganze Polizeileben auch nur eine Art von Jagd, und ohne Beute scheut
sich ein jeder Jger heimzukehren. Aber selbst diese letzte Mhe schien
vergeblich; denn mit jeder Schaufel voll Kohlen, die bei Seite geworfen
wurde, stellte sich mehr und mehr heraus, da der kleine Vorrath nichts
heimlich Verborgenes mehr verdecken knne; ihre ganze Mhe war vergebens
gewesen. Aber der Staatsanwalt beruhigte sich noch immer nicht. Er nahm
selber die Laterne und leuchtete an den Wnden herum, und als er dort
keine Mglichkeit eines Verstecks sah, auf der kohlengeschwrzten Diele.

Heberger stand an der Thr und sah ihm zu.

Aber, verehrtester Herr Geheimer Staatsanwalt, sagte er, glauben Sie
denn wirklich, was der bse Herr Geheime Rath ber uns gesagt hat? Habe
ich Sie nicht immer bedient, wie sich's gehrt und gebhrt, und halten
Sie mich wirklich fr einen so corrumfhrten Menschen, um den Zorn
Gottes auf mich zu laden?

Herr Commissar, sagte Witte, der in der Diele, aber von Kohlenstaub
fast verdeckt, ein kleines Stck blanken Eisens bemerkt hatte. Es war
kaum sichtbar; nur dadurch, da das Licht der Laterne einmal darauf
fiel, blitzte es ein wenig, und Witte's Auge haftete daran. Was der
Schuhmacher sagte, hrte er gar nicht. -- Bitte, kommen Sie einmal
hieher.

Jawohl, Herr Staatsanwalt; was wnschen Sie?

Sie haben mehr Praxis in derlei Dingen -- was ist das da auf dem
Boden?

Das hier? sagte der Commissar, indem er sich dazu niederbog. Hm, das
sieht beinahe aus wie der Riegel an einer Thr, und ich wei eigentlich
nicht, was das hier auf dem Boden bezweckt.

Haben Sie kein Instrument bei sich, um es einmal zu versuchen?

Vielleicht finden wir etwas in der Werksttte. Heh, Heberger, was ist
das hier fr ein Eisen?

Kann ich nicht sagen, Herr Geheimer Commissar, erwiederte der
Schuster; aber dem Staatsanwalte entging nicht die Verlegenheit des
Mannes. -- Hat vielleicht frher hier einmal ein Schrank gestanden. So
lange ich hier wohne, habe ich die Kammer immer nur zu Kohlen benutzt.
Wahrscheinlich sind die Dielen damit zusammengefgt. Das Haus ist sehr
schlecht gebaut, es trocknet Alles zusammen, wenn es nicht genagelt und
geschraubt wird.

Geben Sie mir einmal irgend ein Instrument her, sagte der
Staatsanwalt, der inde den Kohlenstaub mit den Hnden von der Stelle
weggewischt hatte -- und wenn es ein krummgebogener Nagel ist. Ich gehe
nicht fort, bis ich den Platz hier untersucht habe.

Wenn Sie erlauben, sagte der Schuhmacher, werde ich Ihnen gleich
etwas holen; ich habe da unten noch etwas Werkzeug stehen. Und ohne
eine Antwort abzuwarten, sprang er nach der Treppe.

Halt, sagte der dort stationirte Polizeidiener, kein Mensch durch!

Aber ich will gerade fr den Herrn Geheimen Staatsanwalt....

Lat ihn nicht durch! rief Witte. Er soll herkommen -- wir kriegen
das Ding schon auf -- nur irgend etwas her, um damit zu heben!

Der eine Polizeidiener hatte sich die Stelle jetzt ebenfalls angesehen
und brachte rasch einen der Haken herbei, mit denen die Leisten aus den
Stiefeln gezogen werden. Knnen Sie das vielleicht gebrauchen, Herr
Staatsanwalt?

Wie dazu gemacht! rief Witte vergngt, indem er den Haken in die
Oeffnung brachte und daran hob. Er brauchte aber gar nicht etwa stark
zu ziehen, denn das von den Kohlen befreite Brett gab auerordentlich
leicht nach und zeigte jetzt an seinem unteren Ende sogar ein Charnier,
mit dessen Hlfe sich eine ordentliche Klappe bildete. Wie er aber den
Deckel hob, entstand drauen an der Treppe ein Lrm -- der Schuster
hatte mit Gewalt hinunterbrechen wollen, und der Polizeidiener wre
beinahe von ihm die Treppe hinabgeworfen worden. Auf seinen Hlferuf
sprang aber einer der Kameraden hinzu, und wenige Minuten spter hatten
sie den wthend um sich schlagenden Schuhmacher berwltigt und fest
gepackt, und der Commissar, der nun allerdings vermuthen mute, da der
Bursche ein bses Gewissen habe, befahl, ihm die Hnde auf dem Rcken
zusammen zu schnren.

Hallo, Commissar, rief Witte jubelnd aus, kommen Sie einmal hieher
und sehen Sie, was wir da haben! Hol's der Teufel, das ist ein ganzes
Nest von Sachen, und Sie werden ein paar Stunden Arbeit bekommen, um die
alle zu protokolliren!

Die Frau Heberger hatte in ihrer Stube auf dem Lehnstuhl gesessen
und wollte jetzt aufstehen -- aber sie konnte nicht; wie in einander
gebrochen sank sie zurck und war so wei geworden wie ihre Gardinen.

Witte indessen, den Kohlenstaub und die Arbeit nicht achtend, sprang
fast jubelnd in die kleine Hhlung hinein, und die Gegenstnde von dort
herauf gegen das Licht werfend, rief er: Da, sehen Sie -- Heiland der
Welt, was sich der Schuft hier fr eine ordentliche Schatzkammer von
Waaren angelegt hat -- silberne Lffel in Masse -- bei Gott, da ist
der Deckel zu meiner Zuckerdose und hier die Schalen -- Seidenzeug,
Meerschaumkpfe, alte, kostbare Goldsachen -- sehen Sie nur den
Reichthum!

Herr Staatsanwalt, schrie da der Commissar erschreckt, dabei sind
Sachen, die dem alten Salomon gehrt haben!

Der Staatsanwalt richtete sich empor; er war in dem Moment der Aufregung
todtenbleich geworden.

Dem alten Salomon! -- Also wirklich?

Ich habe sie selber in seinem Laden gesehen.

Verwahren Sie den Menschen gut! rief Witte, aus dem Loch
herausspringend. Lassen Sie ihn um Gottes willen nicht fort!

Der ist gut genug verwahrt, sagte der Commissar, und keine Gefahr,
da er uns entspringt.

Und die Frau?

Auf die werden wir noch besonders Acht geben. Haben Sie keine Angst;
das Prchen ist sicher.

Schn, sagte Witte; dann haben Sie die Gte und schicken die beiden
Leute vor allen Dingen in Gewahrsam, damit sie Ihnen hier nicht mehr im
Wege sind, und packen dann den Waarenvorrath zusammen und lassen ihn auf
das Criminalamt schaffen, damit er dort geordnet und registrirt wird.
Haben Sie Leute genug?

Ich denke, wir werden mit der Gesellschaft fertig werden, sagte der
Commissar. Herr Staatsanwalt, ich glaube, wir haben heute Abend einen
guten Fang gemacht.

Ich denke es auch, Herr Commissar; aber kommt da nicht Jemand?

Es fiel, allem Anscheine nach, irgend wer die etwas dunkle
Treppe herauf, denn es polterte furchtbar, und man hrte ein paar
halbverbissene Flche; dann wurden wieder Schritte hrbar, und
zuletzt zeigte sich in dem Lichte der von dem einen Polizeidiener
emporgehaltenen Laterne eine menschliche Gestalt.

Halt! Werda? rief sie der Mann militrisch an.

Gut Freund -- ich bin's, antwortete eine fremde Stimme. Ist Herr
Staatsanwalt Witte hier?

Hier bin ich. Wer ist da?

Mein lieber Staatsanwalt, sagte Rath Frhbach -- denn als solcher
stellte sich der spte Besuch heraus--, indem er die letzten Stufen
emporklomm, nehmen Sie mir das nicht bel: ich habe Ihnen die
Betreibung der Angelegenheit berlassen, aber doch nicht zu dem Zweck,
um mich in Teufels Kche zu bringen. Ich protestire gegen jedes weitere
Verfahren, in so fern es die brave Heberger'sche Familie betrifft, und
berlasse Ihnen alle und jede Verantwortung fr das Geschehene.

Aber, bester Herr Rath! lachte Witte.

Bitte, sagte Rath Frhbach, das ist kein Spa: ich lag schon im Bett
und im ersten Schwei, als meine Frau nach Hause kam und mir mittheilte,
da Sie hier im Heberger'schen Familienkreise auf _meine_ Veranlassung
mit Polizei wirthschafteten und Haussuchung hielten. Ich sage Ihnen, wie
ich war, fuhr ich aus dem Bette und in meine Kleider, und ich kann
den Tod davon haben, denn nichts auf der Welt ist schlimmer als eine
unterbrochene Transspiration....

Und Sie protestiren wirklich, Herr Rath?

Allerdings, soweit es den Ihnen gegebenen Auftrag betrifft. Ich ziehe
meine Klage vollstndig zurck.

Dann bedauere ich, da Sie zu spt kommen, lachte Witte, denn wir
haben das ganze Nest schon ausgehoben und einen wahren Schatz von
gestohlenen Sachen gefunden.

Von gestohlenen Sachen? rief Frhbach erstaunt.

Ueberzeugen Sie sich selber -- genug Silber, um eine frstliche Tafel
auszustatten.

Nun, sehen Sie wohl, da ich recht hatte? bemerkte Rath Frhbach,
indem er auf die oberste Stufe trat und das Terrain mit seinen Blicken
berflog (der gebundene Heberger stand dicht neben ihm). Habe ich
es Ihnen nicht immer gesagt, da der Heberger ein ganz durchtriebener
Bursche ist? Aber Sie wollten es mir nie glauben! Und was wird jetzt?

Jetzt schaffen wir die Gefangenen auf die Polizei, sagte der
Commissar, und morgen frh ersuche ich Sie, mit Ihrer Frau Gemahlin auf
das Amt zu kommen, um die aufgefundenen Gegenstnde in Augenschein zu
nehmen und zu erklren, ob etwas darunter Ihr Eigenthum ist. Auf Ihre
Veranlassung wurde die Haussuchung vorgenommen, und es versteht sich
von selbst, da Sie zuerst ber die Gegenstnde, die wir Ihnen vorlegen
mssen, vernommen werden.

Und haben Sie das Hosenzeug gefunden?

Das allerdings noch nicht, aber es kann noch Manches in dem unteren
und sehr geschickt angebrachten Versteck liegen. Also versumen Sie Ihre
Zeit nicht -- morgen etwa zwischen zehn und elf Uhr, wenn ich bitten
darf.




3.

Das Verhr.


Das Versteck der gestohlenen Sachen war wirklich auerordentlich schlau
angelegt und die Klappe so genau gearbeitet, da sie, noch dazu mit dem
Kohlenstaub berzogen, nur bei einer vollkommen grndlichen Untersuchung
entdeckt werden konnte. Selbst das Blitzen des Eisens im Lichte schien
Heberger vorgesehen und abgewendet zu haben, denn dasselbe war mit
schwarzer Farbe berstrichen, diese aber durch den mehrfachen Gebrauch
des zum Heben benutzten Hakens an einigen Stellen abgescheuert worden,
was denn einzig und allein zur Entdeckung fhrte.

Heberger, der zuerst einen verzweifelten Versuch gemacht hatte, zu
entkommen, sa jetzt wie vllig in einander gebrochen am Boden; er hatte
nicht mehr Kraft genug in den Knieen, um aufrecht zu stehen. Seine Frau
dagegen behauptete nach wie vor ihre starre Ruhe und Unschuld. Finster
blickte sie auf die vor ihr ausgebreiteten Waaren und Kostbarkeiten,
die nach und nach aus dem Gefach herausgearbeitet wurden und von denen
einzelne Stcke schon sehr lange dort unten gelegen haben muten, denn
sie waren wie mit einer Staubkruste berzogen; aber sie leugnete, auch
nur das Geringste davon zu wissen. Sie sei, wie sie behauptete, eine
ehrliche Frau, die sich mit ihrer Kunst, mit ihrer Arbeit nhre, aber
noch nie daran gedacht habe, zu einem unehrlichen Erwerb zu greifen. Sei
das wirklich von ihrem Mann geschehen, so wisse sie nichts davon, oder
sie htte es nie geduldet; er msse es heimlich gethan haben, wie er
die Gegenstnde ja auch, ihr selbst verborgen, heimlich versteckt und
weggebracht habe.

Dem Polizei-Commissar lag brigens gar nichts daran, hier ein langes
Verhr anzustellen, und wie sie das Fach ordentlich ausgerumt und
Alles, selbst das Letzte, heraufbefrdert hatten, ertheilte er Befehl,
das gestohlene Gut fortzuschaffen und die beiden Eheleute ebenfalls in
sicheres Gewahrsam zu bringen. Er schrfte aber den Polizeidienern ganz
besonders ein, sie getrennt zu halten und unter keiner Bedingung zu
gestatten, da sie auch nur _Ein_ Wort mit einander wechselten.

Unten im Hause war es indessen auch unruhig geworden, denn es konnte den
tiefer wohnenden Miethsleuten kein Geheimni bleiben, da in der oberen
Etage etwas Auerordentliches vorgehe. Schon der Kampf des Schuhmachers
an der Treppe, als er seinen Durchgang erzwingen wollte, hatte sie
alarmirt und auf den Vorsaal gelockt; allerdings staunten sie auch nicht
wenig, als sie den kleinen, frommen Schuhmacher in solcher Begleitung
die Treppe hinabsteigen sahen. Heberger selber beeilte sich aber, ihnen
aus dem Weg zu kommen, und wenige Stunden spter lag das Quartier da
oben, da man die beiden Lehrjungen ebenfalls fr die Nacht wo anders
unterbrachte und die Thren versiegelte, de, dunkel und verlassen.

Witte indessen, mit dem gehabten Erfolge, der allerdings ber Erwarten
reich und wichtig ausgefallen war, sehr zufrieden, schritt seiner
eigenen Wohnung zu. Dabei berkam ihn aber doch ein etwas unbehagliches
Gefhl, denn es war ihm entsetzlich fatal, seine eigene Frau in der
Gesellschaft berrascht zu haben. Und was die Frau Staatsanwalt nun wohl
dazu sagen wrde? -- Sie sagte aber heute Abend gar nichts, denn sie
lie sich vor ihrem Mann nicht mehr blicken, und er selber untersttzte
sie darin. Morgen, bei kaltem Blute, besprach sich die Sache weit
besser, oder sie wurde auch vielleicht total ignorirt; er wenigstens war
fest entschlossen, nicht wieder davon anzufangen.

Uebrigens sah er sich auch an dem Tag so beschftigt -- oder machte sich
vielleicht absichtlich so viel zu thun--, da er selbst zum
Mittagessen nicht nach Hause kam und absagen lie, und whrend seiner
Geschftsstunden strte ihn die Frau schon berdies nicht oder suchte
ihn auf.

Am Morgen, zur bestimmten Zeit, kam aber der alte Baumann zu ihm, und
mit diesem hatte er eine lange und ernste Unterredung. Baumann nmlich
wollte gleich hinauf auf's Gericht und selber Anzeige von dem Betrug
seiner Frau machen. Den Vorfall bei Hebergers wute er auch schon, und
er erklrte bestimmt, mit der ganzen Familie fortan zu brechen. Witte
hatte die grte Mhe, ihm das auszureden, und es gelang ihm wirklich
nur dadurch, da er den Schlossermeister darauf aufmerksam machte, die
Verhaftung seiner Frau wrde durch den Stadtklatsch nicht etwa mit
einer andern Angelegenheit, sondern augenblicklich mit dem Diebstahl
in Verbindung gebracht werden, und das muten sie jetzt zu vermeiden
suchen.

Also wollen Sie mich zu dem Hehler einer solchen Snde machen?

Nein, lieber Baumann, erwiederte Witte, ich wei, da Sie ein
rechtlicher Mann sind, und Sie trauen mir hoffentlich das Nmliche zu.
Ich wrde Ihnen also zu nichts rathen, was nicht Sie, was nicht ich vor
meinem Gewissen verantworten knnte; Sie sind von jeder Verantwortung
frei. Ihre Frau sowohl als Sie jetzt haben mir, dem Staatsanwalt, die
Erklrung abgegeben und mich aufgefordert, die Rechte des wirklichen
Erben vor Gericht zu vertreten; berlassen Sie mir also auch, den
Zeitpunkt zu whlen, den ich dazu fr den richtigen halte. Auerdem
haben wir jetzt die beiden Leute, deren Zeugni allein den Ausschlag
geben kann, ganz unerwarteter Weise hinter Schlo und Riegel bekommen,
und die Sache ist uns dadurch um ein Wesentliches erleichtert worden.
Aber beantworten Sie mir eine Frage: hat Ihr Fritz je mit seinem
vermeintlichen Onkel, dem Schuhmacher Heberger, einen nheren Verkehr
gehalten?

Nie, sagte der alte Mann; sie konnten sich gegenseitig nicht leiden,
und ich glaube sogar nicht, da sie seit Jahren ein Wort mit einander
gesprochen haben.

Das dachte ich mir. Aber wissen Sie, da unter den gestern bei
Heberger gefundenen Sachen werthvolle Gegenstnde aus Salomon's Laden
sind?

Groer Gott, sollte denn der schuftige Schuhmacher auch das auf dem
Gewissen haben?

Aller Wahrscheinlichkeit nach; aber das wollen wir bald herausbekommen,
denn Salomon, obgleich er den Namen des Diebes nicht wei, kennt ihn von
Angesicht gut genug, und wenn er....

Aber der alte Salomon ist ja todt!

Denkt gar nicht daran, lachte Witte -- wieder frisch und gesund, nur
noch ein bischen schwach auf den Fen. Wir glaubten durch das Gercht
seines Todes den Mrder sicher zu machen; aber Heberger, wenn er
es wirklich gewesen, war uns zu schlau, und htte ihn nicht der
wunderlichste Zufall dem Gerichte in die Hnde gespielt, so wrde kein
Mensch geahnt haben, da er mit dem Verbrechen in Verbindung stnde.

Aber werden sie jetzt nicht erst recht glauben, da der Fritz mit
seinem Onkel unter Einer Decke gesteckt habe, und mssen wir deshalb
nicht gerade beweisen, da er gar nicht sein Onkel ist?

Das Erste habe ich auch gefrchtet, das Zweite wre aber kein Beweis
fr ihn, denn er konnte bis jetzt nichts davon wissen. Nein, berlassen
Sie mir getrost die Sache, Baumann, und Sie knnen sich versichert
halten, da Sie nicht allein kein Vorwurf trifft und treffen kann,
sondern da ich auch so rasch als irgend mglich damit vorschreite.

Baumann war aufgestanden; aber er zgerte, er hatte allem Anschein nach
noch etwas auf dem Herzen.

Drckt Sie noch etwas, Baumann?

Ja, Herr Staatsanwalt; eine Bitte...

Und was ist es?

Ich wollte Sie ersuchen, sagte der Mann, die -- Scheidungsklage mit
meiner Frau einzuleiten. Ich glaube, da Sie das zu besorgen haben.

Baumann!

Wir haben sechsundzwanzig Jahre glcklich mit einander gelebt, fuhr
der Schlossermeister fort, so glcklich, setzte er leise hinzu, da
ich bis jetzt glaubte, nur der Tod knne und werde uns auseinander
nehmen. Das ist vorbei. Nach dem, was sie mir angethan, da sie mein,
da sie ihr eigenes Kind verkaufte, kann ich nicht lnger mit ihr leben
-- es mu sein!

Ueberlegen Sie sich die Sache noch, Baumann, sagte Witte herzlich;
das hat Zeit -- bereilen Sie nichts. Sie sind jetzt im ersten Schmerz
und Zorn.

Es ist nichts mehr zu berlegen, Herr Staatsanwalt, beharrte der alte
Mann; was ich gesagt habe, hab' ich gesagt, und dabei bleibt es. Kein
Mensch in der Welt wird mich davon abbringen knnen, wenn ich mit mir
selber erst einmal im Reinen bin, da es geschehen mu!

Aber Ihre Frau ist sonst so brav und gut -- Sie haben nie eine Klage
wider sie gehabt!

Nie, sagte der Mann feierlich, nie ist selbst nur ein bses Wort
zwischen uns gefallen, und Gott mag ihr, das bitte ich recht von Herzen,
den Fehltritt vergeben -- _ich_ kann es nicht! Grund genug ist doch zu
einer Scheidungsklage?

Witte sah, da er mit dem alten, strrischen Manne jetzt doch nichts
ausrichten konnte. Ich glaube, ja, sagte er endlich nach einigem
Zgern, und wenn Sie es nicht anders wollen, so lt es sich wohl
durchsetzen.

Und wann darf ich wieder vorfragen?

Ich komme selber zu Ihnen, Baumann. Ich will jetzt auf das Criminalamt,
um bei der Untersuchung der gestohlenen Gegenstnde gegenwrtig zu sein.
Heute nimmt uns das vollstndig in Anspruch, und wir mssen vor allen
Dingen sehen, da wir den armen Teufel, den Fritz, aus seiner unbequemen
Lage befreien.

Der arme Junge, sagte Baumann seufzend, wie ist dem seine ganze
Jugend gestohlen worden!

Darber mchten Sie ihn doch erst einmal selber fragen, meinte der
Staatsanwalt, und ich zweifle sehr, ob er -- nach Allem, was ich
wenigstens ber das Leben auf Schlo Wendelsheim gehrt habe -- mit dem
Lieutenant tauschen wrde.

Der alte Baumann seufzte tief auf. Er war bis dahin schlicht und
ehrlich, immer geradeaus durch das Leben gegangen und hatte in der That
gar keinen andern Weg fr mglich gehalten. Jetzt fand er sich pltzlich
in lauter krummen und fremdartigen Gngen -- mit eigentlich zwei Shnen
und keinem--, verwickelt und verworren, in Lug und Trug hineingebracht,
und sah dabei keinen Ausweg, wieder heraus und auf freien Boden
zu kommen. Aber er mute eben stillhalten, es lie sich mit seinen
arbeitsharten Fusten, mit seinem schlichten Menschenverstand nichts in
der Sache thun; das erforderte feine Hnde und einen spitzen Kopf, und
schon von dem Bewutsein niedergedrckt, reichte er dem Staatsanwalt nur
noch die Hand und kehrte nach Hause zurck.

Witte eilte auf das Criminalamt, und dort erwartete ihn allerdings
heute eine so interessante als lohnende Beschftigung, nmlich die
Besichtigung der gestohlenen Waaren, zu der man aber auch den alten
Salomon brauchte. Jetzt lag auch nichts mehr daran, das Gercht seines
Todes im Publikum verbreitet zu halten, da man den wirklichen Dieb schon
in Hnden zu haben glaubte, und als auch der Polizeiarzt versicherte,
Salomon knne ohne die geringste Gefahr fr sich selber auf's Amt
kommen, und sich sogar erbot ihn abzuholen, so wurde eine Droschke
beordert, und der mitfahrende Doctor dirigirte sie der Judengasse zu.

Salomon htte brigens kaum mehr der Droschke bedurft, so rasch hatte er
sich, wie nur die erste Betubung von ihm gewichen, wieder erholt. Die
beiden Wunden verlangten allerdings noch Pflege, aber es stellte
sich auch bald heraus, da die Schlge, obgleich mit voller Kraft und
jedenfalls in der Absicht, zu tdten, gefhrt, doch beide mehr seitwrts
abgeglitten waren und den Schdel nicht zersprengt hatten, und danach
konnte die Heilung bald erfolgen.

Dem Alten lie es auch selber keine Ruhe, und schon am zweiten Tage
drngte er, in seinem Laden nachzusehen, wie weit er an seinem Eigenthum
geschdigt worden. Aber Rebekka erlaubte es nicht. Er sollte sich noch
nicht aufregen, wenn er den Verlust vielleicht grer fand, als er
erwartet hatte. Am dritten Abend aber mute sie ihm willfahren, und nach
Dunkelwerden, damit ihn nicht etwa Jemand aus den Hinterfenstern der
Nachbarhuser bemerke, stieg er in Begleitung der Tochter hinunter und
nahm eine genaue Revision vor.

Der erlittene Diebstahl stellte sich aber demnach gar nicht so
betrchtlich heraus, denn mit Ausnahme eines Pakets von Kassenscheinen,
das mehrere Hundert Thaler betrug, fehlten ihm nur noch einige,
allerdings ziemlich werthvolle Silbersachen und eine goldene, mit
Diamanten besetzte Schnupftabaksdose. Der Dieb war, wie man ja wute,
mitten in seiner Arbeit gestrt worden, und hatte so eilig fliehen
mssen, um selbst den Sack mit Silberthalern, der sich noch an der Thr
gefunden, im Stich zu lassen.

Am vierten Morgen nach der That sa der alte Mann oben beim Frhstck,
als er drauen laute Stimmen hrte. In der Nachbarschaft herrschte
nmlich nicht geringe Aufregung unter seinen Glaubensgenossen, da die
Beerdigung des lange Todtgeglaubten noch nicht stattfand und auch
keiner der sonst blichen Gebruche befolgt wurde. Die abenteuerlichsten
Gerchte durchliefen dabei das Viertel, und eins der am strksten
verbreiteten war, der Salomon wre vor seinem Tode heimlich mit der
ganzen Familie zum Christenthum bergetreten und deshalb eben so
heimlich in der letzten Nacht auf einem christlichen Gottesacker
beerdigt worden.

Indessen war aber auch ein naher Verwandter von ihm, der in Berlin
wohnte und von dem Raubmord dort in den Zeitungen gelesen hatte,
eingetroffen und an dem nmlichen Morgen, trotzdem er seinen Namen
angab, nicht eingelassen worden. Die alte Magd hatte ihn abgewiesen,
weil sie natrlich nicht wagte, einem von der Polizei gegebenen Befehl
zuwider zu handeln. Der alte Salomon wurde aber bse, als er es erfuhr.

Gott der Gerechte, der Simon Levy abgewiesen von seiner Thr, seiner
einzigen Schwester einziges Kind, der die lange Reise gemacht hatte nur
seinetwegen!

Aber der Herr Actuar hatte so streng befohlen.

Der Herr Actuar soll befehlen, wo er will, sagte der alte Mann, aber
nicht im eigenen Hause vom Salomon und in seiner Familie, so lange der
Salomon lebt und gesund ist; und wenn er todt wre, htte er erst recht
nichts zu befehlen, denn dann ist die Frau vom Salomon da, wo das Alles
besorgt, was zu befehlen ist.

Der Simon Levy hatte sich aber ohnedies nicht so rasch abweisen lassen,
denn noch war er kaum zweihundert Schritt vom Hause entfernt und
immer mit sich selber im Zorn sprechend und vor sich hin gesticulirend
fortgegangen, als er auch pltzlich, auf dem Absatz herumfahrend, Kehrt
machte und jetzt fest entschlossen schien, das Haus von seiner Mutter
Bruder nicht eher zu verlassen, bis er wenigstens seine Tante gesehen
und gesprochen und von ihr die Besttigung dessen gehrt hatte, was
die Leute in der Judengasse erzhlten. Nachher wollte er den Staub von
seinen Fen schtteln und nach Berlin zurckfahren auf der Eisenbahn.

Wie er zum zweiten Mal in den Hof kam, begegnete er wieder der alten
Magd, die gerade ausgeschickt worden, um ihn aufzusuchen. Sie hatte aber
strengen Befehl bekommen, dem Simon Levy nicht zu sagen, da der
Salomon noch lebe und gesund sei, sondern sie sollte ihn nur zu der Frau
bestellen und ihn dann in das Zimmer fhren, wo Salomon noch immer bei
seinem Frhstck sa. Die Alte kam auch der Ordre genau nach.

Herr Levy, sagte sie, ist mir lieb, da ich Sie treffe; sparen Sie
mir doch einen langen Weg fr meine kurzen Beine.

Ist die Madame Salomon zu Hause?

Ist sie, nickte die alte Magd, und sitzt oben in der Stube und wartet
auf den Herrn Levy, und die Frulein Rebekka auch.

Und wozu hast Du mir vorgeschmust, ich drfe nicht hinauf? sagte
der kleine Mann rgerlich. Bin ich ein Landstreicher, da ich werde
fortgewiesen von der Thr von meine nchsten Verwandten?

Als Sie wollen nher treten, wird Ihnen die Madame Salomon erklren;
in der groen Betrbni darf man's verzeihen, und man soll keinen Zorn
bringen in ein Haus der Trauer.

Soll ich leben und gesund bleiben, sagte Levy, ob's nicht eine
schreckliche Geschichte ist! Aber, Rachel, setzte er leise und scheu
hinzu, bist Du auch geworden eine christliche Dienstmagd?

Die Alte schmunzelte still vor sich hin, denn sie wute gut genug, was
sich die Leute in der Nachbarschaft erzhlten; aber sie beantwortete
die Frage nicht, sondern seufzte nur tief auf und eilte dann rasch
die Treppe hinan, um den Besuch zu melden. Der Simon Levy folgte ihr
langsamer. Er war auf die Tante bse gewesen; jetzt beschlich ihn ein
Gefhl der Trauer und Bekmmerni, und mit gebcktem Haupt klopfte er an
und ffnete auf den feierlich gegebenen Anruf langsam die Thr.

Gott der Gerechte, Simon, was schneidst Du fr ein Gesicht! sagte
schmunzelnd der alte Salomon, der, mit einem Glase alten Portweins in
der Hand, noch am Tisch bei seinem Frhstck sa. Als Du kommst zu sein
bei der Leichenfeierlichkeit, wirst Du erst essen einen Bissen Brot und
trinken ein Glas Wein.

Will ich nicht gesund auf meine Fe stehen! rief Levy, fast sprachlos
vor Staunen und Ueberraschung; ist das Sitte bei die Christen, da der,
wo begraben werden soll, erst mit frhstckt?

Der alte Salomon lachte, da ihm die Thrnen an den Backen
herunterliefen, und jetzt kamen auch seine Frau und Rebekka hinzu, und
im Anfang konnte wirklich Niemand sein eigenes Wort verstehen, so rief
Alles durch einander und wollte fragen oder erzhlen, bis denn der Neffe
endlich erfuhr, wie Alles gegangen und weshalb der alte Salomon beinahe
vier Tage lang den Todten gespielt hatte.

Noch whrend sie aber mit einander plauderten und der Simon Levy eine
ganze Menge Portwein trank, nur um den Schreck hinunter zu splen, den
er, wie er sagte, von der Erscheinung seines alten Onkels gehabt, fuhr
der Wagen des Arztes vor; und der Doctor, der gleich selber heraufkam
und in groer Eile zu sein schien, sich aber augenblicklich mit an
den Tisch setzte und alten Portwein trank, berichtete indessen von dem
Fange, den die Polizei gestern Abend gemacht, und wie man die Gewiheit
habe, da der Schuhmacher Heberger, wenn nicht der Hauptthter,
doch jedenfalls ein Genosse jenes Menschen sei, der an dem Abend den
Mordanfall auf Salomon gemacht. Jetzt sei es deshalb auch nicht mehr
nthig, der Nachbarschaft die Wahrheit vorzuenthalten, und Salomon mge
deshalb mit ihm in die Droschke steigen und auf die Polizei fahren, um
die aufgebrachten Sachen selber zu besichtigen. Nachher solle ihm der
Gefangene vorgefhrt werden, damit er bestimmen mge, ob er in ihm den
Ruber wiedererkenne.

Salomon war mit Allem einverstanden und mute sich nur vorher ankleiden,
und jetzt lie sich auch Simon Levy nicht mehr halten, um zuerst die
Neuigkeit von Salomon's Auferstehung in die Nachbarschaft zu tragen.

Und das gab einen Lrm im Viertel! Aus allen Husern kamen sie
herausgestrzt, um die Wundermhr zu besprechen; die schmutzigsten
Spelunken spieen ihre Bewohner aus, und Toiletten kamen zum Vorschein,
wie sie bisher nur von Nacht und Grauen bedeckt gewesen, und auch nur
wirklich durch ein solches Ereigni in das Sonnenlicht getrieben werden
konnten. Vor Salomon's Hofthor sammelte sich aber der Schwarm von
Israel's Nachkommenschaft: Mnner, Weiber und Kinder, Alles bunt
durch einander; denn dort mute er in den Wagen steigen und also auch
herauskommen. Salomon war auch wirklich unter seinen Glaubensgenossen,
besonders bei den rmeren Klassen, allgemein beliebt, und kein Haus gab
es da, wo er nicht, sowie Frau und Tochter, schon Wohlthaten und Trost
gespendet und manche Thrne getrocknet hatten. Die Freude, den guten
alten Mann nicht todt, sondern lebend und gesund zu wissen, war deshalb
allgemein.

Endlich nahte der entscheidende Moment; das Hofthor wurde geffnet, und
Salomon, in seinem gewhnlichen braunen Rock, das Kppchen auf, wie er
immer ging, trat heraus. In demselben Augenblick aber entstand auch
ein Lrm, ein Geheul und Geschrei, Jubeln und Hurrahrufen, da aus
den benachbarten Straen die Menschen herbeigestrzt kamen, weil sie
glaubten, im Judenviertel sei eine Revolution ausgebrochen. Die Jungen
warfen dazu ihre schmierigen Mtzen in die Hhe, die Frauen schwenkten
in Ermangelung von Taschentchern ihre Halstcher, die Kinder schrieen,
die Hunde bellten, und es war in der That eine nicht zu beschreibende
Scene. Salomon wurde auch wirklich ganz gerhrt davon; die Thrnen
standen dem alten Mann in den Augen, und er winkte nur immer, whrend
sich der Arzt die Ohren zuhielt, nach rechts und links mit der
Hand hinber, und eilte dabei, was er konnte, in den Wagen, nur um
fortzukommen. Aber das half ihm nicht einmal, denn der jugendliche
Schwarm folgte ihm, so weit seine Grenze reichte, mit Jubeln und
Hurrahschreien, und zog sich nur erst zurck, als die Droschke in eine
der Hauptstraen der Stadt einbog, wohin sich die kleine Bande nicht
getraute.

Auf der Polizei erwartete ihn schon der Polizei-Director, der sich
selber von dem Thatbestand berzeugen wollte, da der Fall wirklich
Aufsehen im Lande gemacht hatte. War doch seit langer Zeit kein so
frecher Raubanfall in ganz Alburg vorgekommen und gerade dieser Ort von
schlechtem Gesindel bis jetzt verhltnimig sehr wenig heimgesucht
worden! Die Sachen hatte man auch alle oben im Criminalamt auf einer
langen Tafel ordentlich ausgelegt, und es fiel dem alten Mann nicht
schwer, das darunter zu bezeichnen, was ihm gehrt hatte und ihm an
jenem Abend geraubt worden, denn seit der Zeit war ja sein Laden fest
verschlossen gewesen. Auch die Summe der Banknoten gab er an, die ihm
gestohlen worden, und man hatte allerdings in einer silbernen Zuckerdose
eine Partie Banknoten, einen Theil derselben aber auch an Heberger's
Krper gefunden, bei dem sich, als er visitirt wurde, ergab, da er
einen breiten Gurt von wasserdichtem Zeug um den Leib trug.

Die Hauptsache blieb noch brig, und zwar eine Confrontation mit dem
Verbrecher, der jetzt herbeordert wurde, whrend Salomon so lange in
ein Nebenzimmer treten mute. Das erste Verhr sollte in Gegenwart
des gestohlenen Gutes stattfinden, und man wollte versuchen, ob man
vielleicht ein offenes Gestndni von dem Verbrecher erhalten knne.

Darin hatte man sich aber in Heberger geirrt; denn mit einer ganzen
Nacht Zeit, um ber Alles gehrig nachzudenken, schien er zu dem
Entschlu gekommen zu sein, Alles zu leugnen; es war das letzte
verzweifelte Mittel, um einen Urtheilsspruch von sich abzuwenden -- er
wute wenigstens kein anderes.

Actuar Bessel fhrte heute das Protokoll, whrend einer der Justizrthe
das Verhr leiten sollte. Der Polizei-Director war nur als stummer Zeuge
im Zimmer geblieben.

Heberger wurde vorgefhrt; er sah ziemlich bla aus, und die Hausjacke,
die er angehabt, als man ihn gefangen fortfhrte, war ihm bei dem
gestrigen Kampf an der Treppe zerrissen, so da das eine Schulterblatt
herunterhing. Schmutzig und scheu, aber doch mit einer Art von
kriechender Hflichkeit trat er in den Saal, und die kleinen grauen
Augen flogen blitzschnell durch den inneren Raum und streiften nur
flchtig ber die ausgestellten Gegenstnde, die er jedenfalls genau
genug kannte, aber doch nicht zu beachten schien.

Die gewhnlichen Fragen wurden ihm jetzt vorgelegt: nach Namen und
Alter, wie lange er schon in Alburg wohne, lauter Dinge, welche die
Polizei genau so gut wute, wie er selber -- und ob er schon jemals vor
Gericht gestanden. Das Letztere verneinte er auf das entschiedenste,
und wollte noch eben hinzusetzen, da er ein ganz unbescholtener Brger
wre, als ihm der Untersuchungsrichter das Wort abschnitt und ihn
fragte, wie er zu den Sachen gekommen wre, die dort auf dem Tische
ausgebreitet lgen.

Herr Geheimer Justizrath, sagte der Mann, indem er jetzt zu dem Tisch
trat und die Gegenstnde dem Anschein nach aufmerksam betrachtete, es
thut mir leid, darber keine Wissenschaft zu besitzen; ich habe das
Logis jetzt lange Jahre, aber nie geglaubt, da in meinem Kohlenkeller
ein solcher Schatz begraben lge, oder ich wrde gewi nicht versumt
haben, dem Herrn Geheimen Polizei-Director davon die gebhrende Anzeige
zu machen.

Ihr leugnet also, da Ihr etwas von dem Erwerb dieser smmtlichen
Gegenstnde wit und die Eigenthmer, denen sie frher gehrt haben,
kennt?

Aber, mein bester Herr Geheimer Justizrath...

Ja oder Nein?

Bitte mich zu paddoniren, ich habe die Frage nicht verstanden, sagte
der Mann ruhig.

Der Justizrath bi sich auf die Lippe. Ich frage Euch, ob Ihr wit,
woher die Sachen stammen, oder ob Ihr es nicht wit.

Staatsanwalt Witte trat in diesem Augenblick in's Zimmer und ging auf
den Justizrath zu, dem er etwas in's Ohr flsterte.

Heberger warf ihm einen scheuen Blick zu und sagte dann entschieden:
Nein!

Herr Staatsanwalt, fragte der Justizrath, ist Ihnen nicht auch in der
letzten Zeit Silberzeug weggekommen? Ich dchte, Sie htten die Anzeige
gemacht. Wollen Sie einmal geflligst dort auf dem Tisch nachsehen, ob
Sie da vielleicht einige der Ihnen gehrenden Sachen finden?

Sie haben da eine ganze Collection, lachte Witte, indem er der
Aufforderung Folge leistete; aber ich fand schon gestern Abend an Ort
und Stelle einige alte Bekannte unter den Silbersachen -- da hier die
Lffel gehren mir, ebenso dieser Deckel, und diese Zuckerzange kommt
mir ebenfalls so vor, als ob ich sie frher schon in der Hand gehabt;
aber zu der mchte ich nicht schwren -- meine Frau wird sie jedenfalls
besser kennen.

Und wann waren Sie noch im Besitz dieser Sachen?

Vor einigen Wochen.

Und wer glaubt Ihr wohl, Heberger, da Euch da die Sachen in dieser
Zeit in die Kohlenkammer getragen hat, wenn Ihr selbst nichts davon
wit?

Thut mir leid, Herr Geheimer Justizrath, Ihnen darber keine gengende
Auskunft geben zu knnen, sagte Heberger verstockt; vielleicht
einer von meinen Lehrjungen -- es ist nichtsnutzige Bande, und der eine
besonders ein ganz concaver Mensch.

Dann leugnet Ihr auch vielleicht, da Ihr vor drei Abenden, oder
vielmehr an jenem Abend, an welchem der alte Salomon berfallen und
erschlagen wurde, in der Judengasse waret?

So viel ich mich erinnere, sagte Heberger, bin ich an jenem Abend
gar nicht ausgewesen; es wre aber mglich, da ich eine oder die andere
Besorgni irgendwo gehabt htte.

So? Ihr seid aber bestimmt dort gesehen worden, und ich kann Euch einen
Zeugen stellen, der sogar mit Euch gesprochen und Euch gemahnt hat, ihm
seine Stiefel bald zu schicken -- den Krschnermeister Peters.

Ach Gott, ja, Herr Geheimer Justizrath, sagte Heberger, es knnte
doch am Ende sein -- wer denkt aber an solche Kleinigkeiten! In der Nhe
der Judengasse ist allerdings eine Apotheke, wohin ich manchmal gehe und
mir etwas gegen meine Beschwer hole. Ich habe immer solche Concessionen
nach dem Unterleib.

Und Ihr habt des alten Salomon Haus an dem Abend nicht betreten?
Besinnt Euch wohl!

Da brauche ich mich nicht zu besinnen, sagte der Schuhmacher mit
einem frommen Blick nach oben. Ich sehe wohl, da Sie mich in einem
schrecklichen Verdacht haben; aber wollte Gott, der alte Salomon lebte
noch, so wrde er selber auftreten und bezeugen, da er mich nie und
nimmer in seinem Laden, ja nicht einmal in seinem ganzen Leben gesehen
hat!

Der Justizrath hatte dem Staatsanwalt, der wieder neben ihm stand, leise
etwas gesagt, und dieser ging jetzt nach der nahen Thr, die er ffnete.
Im nchsten Augenblick stand der alte Salomon selber in der Thr. Die
Wirkung aber, die der Anblick des Todtgeglaubten auf den Verbrecher
ausbte, war so zauberschnell als furchtbar. Ob er nun dachte, da er
eine Erscheinung vor sich she, oder ob ihn das Bewutsein zu Boden
warf, mit diesem Zeugen gegen sich doch rettungslos verloren zu sein,
mit einem jhen Aufschrei brach er in die Kniee, die Arme gegen das
Furchtbare ausstreckend, winselte er: Gnade, Gnade! und strzte dann
mit dem Gesicht auf den Boden nieder.

Bei dem Gott meiner Vter, sagte der alte Salomon feierlich, das ist
der Mann, der mich an jenem Abend berfallen und geschlagen hat; das
ist der Mann, der schon vorher in meinem Laden war und mich verleiten
wollte, Silberzeug von ihm zu kaufen!

Als er schwieg, herrschte lautlose Stille in dem weiten Raum, so
ergreifend, so tief erschtternd war der Moment, und Aller Augen
hafteten schweigend und erwartungsvoll an dem Elenden, der gebrochen,
zerknirscht am Boden lag.

Witte ging endlich zu ihm, um ihn aufzuheben; aber er rhrte sich
nicht. Er war keineswegs ohnmchtig geworden, denn seine ganze Stellung
verrieth das; aber er scheute sich, das Auge wieder zu erheben, um nicht
noch einmal den entsetzlichen Anblick zu haben.

Der Justizrath klingelte, und als einer der Sicherheitsdiener in das
Zimmer trat, sagte er ruhig: Schaffen Sie den Mann in seine Zelle;
aber da Niemand zu ihm gelassen wird, ausgenommen er verlangt den
Geistlichen.

Heberger, sagte der Mann, indem er ihn an der Schulter rttelte,
Heberger, steht auf, Ihr sollt mitkommen; hrt Ihr nicht?

Der Schuhmacher hob sich langsam auf die Kniee, aber er nahm den Blick
nicht vom Boden. Er stand auf, blieb aber wie in einander gebrochen, und
als er sich der Thr zuwandte, mute ihn der Polizeidiener untersttzen,
da er nicht wieder zusammenknickte und zu Boden fiel.




4.

Das gndige Frulein.


Drauen im Schlosse Wendelsheim war es ein trostloses, des Leben, denn
mit dem Hinscheiden des jungen Barons Benno schien es fast, als ob dem
alten Platz auch der letzte freundliche Lichtblick genommen sei, der ihn
bis dahin doch wenigstens auf Momente erhellte. Benno mochte wohl immer
krank, recht krank gewesen sein; aber sein mildes, liebreiches Wesen,
das er auch dem niedrigsten Tagelhner gegenber bewahrte, hatte doch
Allen wohlgethan, die mit ihm in Berhrung kamen, und flackerte sein
junges Leben zu Zeiten -- wo die Krankheit auf Tage, ja auf Wochen oft
gnzlich zu weichen schien -- wieder einmal auf, dann belebte er durch
seine kindliche Heiterkeit den ganzen Platz und glttete selbst -- was
sonst unmglich schien -- fr kurze Zeit die Stirn der harten, stolzen
und herzlosen Tante.

Jetzt war auch er dahingegangen, und hinten im Park, neben der kleinen
Capelle, wo das Erbbegrbni derer von Wendelsheim stand, beigesetzt
worden. Aber mit ihm schied der letzte freundliche Stern des alten,
den Herrenhauses. Die Tante zeigte sich unnahbarer als je, und der alte
Baron ging die nchsten Tage nach der Beerdigung wie in einem wilden,
wsten Traum umher. Wenn ihn der Verwalter nach irgend einem die
Wirthschaft betreffenden Gegenstand fragte, winkte er ihn rasch und
hastig mit der Hand fort, und stundenlang konnte er allein drauen im
Park auf und ab gehen, mit den Hnden in der Luft herumfechten und laut
und heftig dazu mit sich selber sprechen. Aber Niemand durfte dann in
seine Nhe kommen, selbst nicht Kathinka, gegen die er sich noch am
freundlichsten oder wenigstens am stillsten zeigte; denn er duldete,
da sie ihm das Essen auf sein Zimmer brachte, ihm den Stuhl nachher
zum Fenster rckte und den Kaffee auf den kleinen Tisch daneben stellte.
Aber er sprach auch nicht mit ihr. Nur manchmal war es, als ob er sich
zu ihr wenden, sie um etwas fragen wolle; aber er seufzte dann immer
tief auf, schttelte den Kopf und versank wieder in sein altes Brten.
-- Die Tante durfte sein Zimmer gar nicht betreten und kam auch von
selber nicht, schien aber jede Gelegenheit abzulauern, wo sie ber das
arme Mdchen herfallen und sie auszanken konnte, und sagte ihr dabei oft
die hrtesten, grausamsten Sachen.

Bruno war bis jetzt jeden Tag herausgekommen, um nach dem Vater zu
sehen, dessen Zustand ihn in der That besorgt machte; aber der alte
Baron verkehrte auch nicht mit ihm. Er nickte ihm wohl zu, wenn er in's
Zimmer trat, und duldete es, da der Sohn seine Hand nahm und drckte;
aber dann war es auch jedesmal, als ob er danach zusammenschaudere, und
das Gesicht in den Hnden bergend, sthnte er wohl: Mein Sohn, mein
Sohn! und sank bleich und vor sich niederstarrend in den Lehnstuhl
zurck.

Bruno suchte ihn zu trsten; er hatte nie geglaubt, da der Verlust
des Knaben den Vater so furchtbar ergreifen wrde. So natrlich es auch
dabei schien, da er in dem andern Sohn Ersatz fr den verlorenen suchen
solle, so wenig wandte er sich dem zu, und wenn er ihn auch nicht von
sich stie, so duldete er doch nur gewissermaen seine Gegenwart, und
schien befriedigt, wenn er ihn wieder verlie.

Mit der Tante verkehrte Bruno gar nicht: er grte sie, wenn er sie im
Hause traf, aber er suchte sie nie auf, und doch schien gerade sie seit
Benno's Tode freundlicher gegen ihn geworden zu sein, als sie es je
gewesen. Sie sorgte sogar, woran sie frher nie gedacht, Morgens, wenn
er kam, fr sein Frhstck und schickte die Knechte von der Arbeit fort,
um nach seinem Pferd zu sehen.

Die Leute im Schlosse lachten darber, denn die Ursache lag auf der
Hand. Der alte Baron war so auffallend geistesschwach geworden, da er
der Leitung des ganzen Anwesens nicht einmal mehr vorstehen konnte,
und der junge Baron bekam jetzt in wenigen Wochen die groe Erbschaft
ausgezahlt, wo er denn doch von selber Herr des Ganzen wurde. _Ihre_
Macht hatte dann aufgehrt, wenn sie sich nicht selber gut mit ihm
stellte, und sie wunderten sich nur, da sie nicht schon lange gegen
ihn eingelenkt und ihn sich zum Freund gewonnen hatte. Sie kannten den
Charakter ihres verbissenen, keiner Zuneigung fhigen Wesens noch viel
zu wenig, sie wuten nicht, welche furchtbare Gewalt sie sich selbst
diesem Wenigen gegenber, zu dem sie sich zwang, anthun mute. Bruno
nahm aber selbst das Wenige dankbar an; sie hatten ihn im Schlosse
wahrlich nicht verwhnt, und durch den Tod des Bruders ohnedies weich
gestimmt, sehnte sich sein Herz nach einem freundlichen Wort und Blick.

Allerdings hatte er heute noch Manches mit dem Vater besprechen und ihm
zugleich mittheilen wollen, da er den ersuchten Abschied, und zwar
als Hauptmann, erhalten habe; aber es war mit dem alten Mann nicht zu
sprechen, und sowie er nur davon beginnen wollte, winkte er schon mit
der Hand; er wollte nicht gestrt sein und malte nur in einem fort mit
einem Bleistift wunderliche Zeichen auf ein Stck Papier.

Bruno hoffte allerdings, da sich diese geistige Schwche, wenn nur der
erste Schmerz berwunden wre, geben wrde, sah aber auch, da er vor
der Hand auf jede ernste Besprechung mit ihm verzichten msse. Er lie
also sein Pferd satteln und wollte eben zurck nach der Stadt reiten,
als Kathinka zu ihm trat und mit leiser, zitternder Stimme sagte: Ach,
Herr Baron, erlauben Sie mir eine Frage....

Ja, Kathinka, sagte der Officier freundlich; was ist es?

Es gehen hier so bse Gerchte im Schlo, fuhr das junge Mdchen
schchtern fort -- und die Tante hat es nur besttigt--, da nmlich
der junge Herr Baumann, der immer so gut mit Ihrem seligen Bruder war
und ihn so lieb hatte, einen Mord begangen habe und jetzt im Gefngni
sein Urtheil erwarte -- ist das wahr? -- Die Tante, fuhr sie scheu
fort, als Bruno noch schwieg und sie nur aufmerksam betrachtete, meint
sogar, er sei ein recht bser, heuchlerischer Mensch, der jetzt seine
verdiente Strafe erleiden wrde.

Bruno hatte sie wirklich staunend angesehen, denn das junge, scheue,
gedrckte Wesen des Mdchens hatte ihn, wenn er wirklich einmal
herauskam, sie eigentlich nie beachten lassen. Sie war auch meist immer
auswrts beschftigt gewesen, und traf er sie einmal, als sein Bruder
noch lebte, in dessen Krankenzimmer, so verlie sie dasselbe gewhnlich
immer, sobald er es betrat. Jetzt stand sie vor ihm, die groen,
bittenden Augen in Angst und Mitleiden fragend zu ihm erhoben, die
Wangen leicht errthend, als sie dem berraschten Blick des jungen Herrn
begegnete. Wie schn sie war -- und welche trbe Jugend verbrachte sie
hier in den den Mauern des alten Schlosses!

Ist das wahr, Herr Baron? fragte das junge Mdchen noch einmal und
schlug den Blick jetzt scheu zu Boden.

Nein, Kathinka, sagte Bruno herzlich, das ist _nicht_ wahr. Fritz
Baumann ist allerdings durch zufllige Umstnde in den Verdacht
gekommen, bei jener dunkeln That betheiligt gewesen zu sein, aber der
wirkliche Mrder jetzt entdeckt, und wie ich noch heute Morgen hrte, so
hat er ein volles Gestndni ber seine That abgelegt, nach dem Baumann
entweder schon freigelassen ist oder jedenfalls in der allernchsten
Zeit freigelassen wird. Er hat mit der Sache nicht allein nichts zu
thun gehabt, sondern sogar, aller Wahrscheinlichkeit nach, durch sein
pltzliches Erscheinen den Dieb verjagt und verhindert, den alten Mann
vllig umzubringen.

Gott sei Dank! flsterte Kathinka leise. Es wrde mir recht weh
gethan haben, so Bses von ihm zu glauben -- auch Ihnen dank' ich fr
das gute Wort!

Bruno wollte noch etwas erwiedern, aber der Tante keifende Stimme rief
sie fort, und wie ein gescheuchtes Reh floh sie ber den Hof hinber
nach dem Schlosse zu.

Bruno stieg seufzend in den Sattel und ritt langsam zum Thor hinaus.
Wozu nur das ewige Schelten und Keifen -- wozu der ewige, unausgesetzte
Unfriede daheim, der Jedem das Haus zu einer Hlle machte?

Dicht vor dem Thor, und noch mit seinen trben Gedanken beschftigt,
begegnete er dem Staatsanwalt Witte, der eben in das Schlo wollte. Der
Staatsanwalt fuhr in einem Einspnner und lie halten, so da Bruno sah,
er wnsche ihn zu sprechen. Er zgelte deshalb sein Pferd ein und ritt
an das kleine Fuhrwerk heran.

Ach, lieber Baron, sagte Witte nach der ersten Begrung, und es
kam Bruno fast vor, als ob der sonst so ruhige und seiner Sache stets
sichere Mann in einer Art von Verlegenheit sei -- ist Ihr Herr Vater
wohl zu Hause und knnte ich ihn sprechen?

Mein Vater ist allerdings zu Hause, seufzte Bruno, dessen Gedanken
rasch wieder abgeleitet wurden, aber ich glaube kaum, da Sie ihn
sprechen, wenigstens keinesfalls etwas mit ihm besprechen knnen, wenn
Sie zu dem Zweck herausgekommen sind.

Ist er krank?

Nein; er befindet sich krperlich wohl, aber geistig so niedergedrckt,
da er an nichts Antheil nimmt und besonders auf keine Frage antwortet.
Ich frchte, der Tod meines Bruders hat ihn so angegriffen, und er wird
einer langen Zeit der Ruhe bedrfen, bis er sich wieder vollstndig
erholt. Ich wrde Sie jedenfalls dringend bitten, nicht ber Geschfte
mit ihm zu reden.

Hm, das thut mir ja herzlich leid -- Gemthsbewegung also, sagte Witte
sinnend -- aber Ihre Frulein Tante ist zu sprechen?

Wenn sie erledigen kann, was Sie abzumachen haben -- gewi. Sie ist
daheim; sie verlt in der That das Schlo selten oder nie.

Doch nicht auch etwa von Gemthsbewegung afficirt? fragte Witte, denn
der Charakter der Dame war in Alburg gut genug bekannt.

Bruno lchelte. Von keiner wenigstens, die sie untauglich zu Geschften
machte. Sehen Sie, wie Sie mit ihr fertig werden -- = propos!= haben
Sie etwas Nheres ber Fritz Baumann's Freilassung gehrt?

Ich komme gerade daher: sie ist eben erfolgt. Der alte Salomon hat
selber so dringend fr ihn gebeten und so entschieden verneint, da auch
nur die Mglichkeit eines Einverstndnisses mit seinem Onkel sei, da,
nach Heberger's vollem Gestndni, das Gericht ihn wohl freigeben
mute.

Das freut mich -- dann bitte, sagen Sie es doch Kathinka, dem jungen
Mdchen, das Sie im Hause finden -- meines verstorbenen Bruders
Krankenpflegerin. Sie kennen sie ja wohl -- es wird sie freuen.

Allerdings; ich werde es ausrichten. Und dem jungen Mann freundlich
zunickend, gab er seinem Pferd die Peitsche und fuhr in das Schlo
hinein, wo er aber eine Zeit lang warten und knallen mute, bis Jemand
kam, der ihn der Sorge fr das Thier enthob.

Zieht das Pferd einen Augenblick in den Stall, lieber Freund, sagte er
zu dem Mann, ich habe etwas mit dem gndigen Frulein zu reden. Was ist
denn das fr ein furchtbarer Skandal da oben?

Was wird's sein, sagte der Mann mrrisch, das tgliche Elend -- sie
hat's wieder mit dem armen Ding, der Mamsell. Vorher war sie um den
Finger zu wickeln, sie fra ordentlich aus der Hand -- jetzt, nun der
Baron fort ist, scheint der Teufel wieder loszugehen!

Mit _wem_ hat sie's?

Mit der Frulein Kathinka, die ihr thut, was sie ihr an den Augen
absehen kann -- nun wird's aber bald ein Ende haben, sie hat ihr eben
angekndigt, da sie heute ber acht Tage das Schlo verlassen soll --
das arme junge Blut! Nun mu sie zu fremden Menschen dienen gehen,
denn sie hat nichts, als was sie auf dem Leibe trgt -- aber immer noch
lieber bei fremden Menschen, als bei dem Drachen!

Der Staatsanwalt hatte den geschwtzigen Mann ruhig reden lassen und nur
dabei nach dem Schlo hinber gehorcht, von dem noch immer die keifende
Stimme der Alten herbertnte. Und sollte es gar nicht mglich sein,
den Drachen zahm zu machen? sagte er nach einer Weile, inde der Mann
das Pferd noch ausschirrte. Was meint Ihr?

Den? rief der Mann und sah den Staatsanwalt verwundert an. Und wenn
der Teufel selber aus der Hlle kme und eine ganze Compagnie kleiner
Teufel mitbrchte, von der mt' er die Finger lassen und machen, da er
wieder in seinen Pfuhl kme! Die zeigt's ihm!

Na, versuchen kann man's ja immer, lachte Witte, den Hals wird sie
Einem doch nicht gleich umdrehen.

Hren Sie, sagte der Mann ernsthaft, wenn Sie auf so einen Versuch
aus sind, dann mchte ich das Pferd lieber gleich wieder einschirren
und den Wagen umdrehen und vor's Thor fahren, damit Sie nachher gleich
hineinspringen und auskneifen knnen. Sie ist heute gerade in der
Laune.

Nun, es mu nicht gleich sein, lchelte Witte; aber wunderlichere
Dinge sind schon in der Welt passirt. Gebt nur unterdessen dem Pferd ein
Maul voll Heu, sonst beit es Euch die Krippe zu Schanden; es hat sich
das so angewhnt. Und damit legte er seine Peitsche in den Wagen und
ging langsam dem Portal des Schlosses zu, wo er noch immer die zankende
Stimme des gndigen, oder vielmehr sehr ungndigen Fruleins hrte. Er
lie sich aber nicht dadurch abschrecken, und whrend ihm der Knecht
ganz verwundert nachschaute -- denn von ihnen kam ihr bei solcher
Gelegenheit Niemand freiwillig in die Nhe--, betrat er das Schlo
selber und stieg die Treppe hinauf.

Auf der halben Treppe kam aber Kathinka schon dem Staatsanwalt bleich
und mit rothgeweinten Augen entgegen und erschrak sichtlich, als sie
einen Fremden erblickte. Sie schmte sich jedenfalls, so von ihm gesehen
zu werden, und stand einen Moment unschlssig, als wenn sie nicht wisse,
ob sie an ihm vorbeieilen oder die Treppe wieder hinaufflchten
solle. Witte lie ihr aber keine Zeit, weder das eine noch das andere
auszufhren.

Mein liebes Frulein, sagte er, laufen Sie nicht vor mir davon -- ich
bin ein alter Mann und kenne die Verhltnisse hier im Hause gut genug --
wo kann ich denn wohl Frulein von Wendelsheim antreffen, denn ich hre
merkwrdiger Weise ihre Stimme nicht mehr oben?

Sie wird in ihrer Stube sein, sagte Kathinka, sich scheu und hastig
die Thrnen abtrocknend. Sie entschuldigen mich wohl...

Den Augenblick -- nur noch einen Auftrag habe ich an Sie auszurichten.

Fr mich?

Der junge Baron gab ihn mir drauen; er erfuhr von mir, da der
Mechanikus Baumann freigesprochen und seiner Haft entlassen ist, und bat
mich, Ihnen das zu sagen.

Ich danke Ihnen, flsterte Kathinka, lie sich aber jetzt nicht lnger
halten, sondern eilte, so rasch sie konnte, die Treppe hinab.

Witte sah ihr kopfschttelnd nach; aber andere Dinge gingen ihm auch
im Kopf herum, und die Treppe hinansteigend, traf er oben ein
Dienstmdchen, das Fenster putzte. Knnen Sie mir sagen, liebes Kind,
wo ich das gndige Frulein von Wendelsheim treffe? fragte er dieses.

Jawoll, sagte das Mdchen, gleich da drin ist sie.

Schn, erwiederte Witte, indem er seine Brieftasche vorholte und eine
Karte herausnahm, die er dem Mdchen hinhielt. Mchten Sie dann wohl so
gut sein und diese Karte zu dem gndigen Frulein hineintragen und ihr
sagen, der Herr, dessen Name darauf stehe, sei hier drauen und wnsche
mit ihr zu sprechen?

Jawoll, entgegnete das Mdchen wieder, aber ohne die Hand nach der
Karte auszustrecken, das mchten Sie woll, nicht wahr? Ne, einmal
gemacht und nicht wieder. Wenn Sie mit ihr sprechen wollen, gehn Sie
selber hinein -- ich aber nich.

Witte lachte. Das gndige Frulein, sagte er, scheint sich hier sehr
in Respect gesetzt zu haben -- beit sie?

Ne, aber sie kratzt, sagte die Magd.

In der That? Nun, dann werd' ich mein Glck auf eigene Hand versuchen!
Und damit schob er Karte und Brieftasche wieder zurck, ging dann auf
die bezeichnete Thr zu und klopfte herzhaft an.

Ein scharfes, zorniges Herein! wurde fast augenblicklich gerufen, und
der Staatsanwalt, der nur noch sah, da das Mdchen ihr Fensterputzen
unterbrochen hatte und neugierig hinbersah, um wahrscheinlich Zeuge des
Empfanges zu sein, trat auf die Schwelle und sagte:

Mein gndiges Frulein, ich konnte Niemanden finden, der mich anmelden
wollte -- Sie entschuldigen, da ich Sie stre...

Was wollen Sie? lautete die kurze, barsche Gegenfrage.

Nur Sie sprechen -- ich bin der Staatsanwalt Witte, sagte dieser,
indem er die Thr wieder hinter sich zuzog.

Und was wollen Sie von _mir_?

Um Ihnen das zu sagen, bin ich ganz besonders von Alburg
herausgekommen, erwiederte der Staatsanwalt, stellte seinen Hut auf die
nchste Commode und zog sich die Handschuhe aus, die er hineinwarf.

Aber woher wissen Sie, fragte Frulein von Wendelsheim, emprt ber
die Freiheit, die sich der Fremde nahm, da ich berhaupt jetzt Zeit
und Lust habe, Sie anzuhren?

Mein gndiges Frulein, sagte aber Witte trocken, die Sache ist viel
zu wichtig, um lange vorher mit Worten um eine Form zu streiten. Ihres
eigenen Selbst wegen _mssen_ Sie mich anhren, um sich einen Weg vor
das Gericht zu ersparen.

_Mir_? rief die Dame emprt. Habe ich etwas mit den Gerichten zu
thun?

Bitte, nehmen Sie Platz, erwiederte Witte, der fest entschlossen
schien, sich nicht einschchtern zu lassen, indem er sich selber einen
Stuhl zum Tisch rckte. Wir werden nicht sogleich fertig sein; ich
komme in der Erbschafts-Angelegenheit -- oder vielmehr in der Sache der
Erbfolge.

Und weshalb gehen Sie da nicht zu meinem Bruder?

Ihr Herr Bruder ist, wie mir der junge Baron vorhin sagte, geistig so
abgespannt, da er mir augenblicklich nichts helfen kann, denn was _ich_
jetzt mit Ihnen zu reden habe, erfordert einen klaren und ungetrbten
Verstand. Wir knnen doch nicht behorcht werden?

Frulein von Wendelsheim sah ihn staunend an; der Mann trat aber so
entschieden und bestimmt auf und machte so entsetzlich wenig Umstnde
mit ihr -- er mute einen wichtigen Grund dafr haben, oder er war einer
der unverschmtesten Menschen, die ihr im ganzen Leben vorgekommen.

Nein, sagte sie, ihn staunend betrachtend, rechts und links sind
unbewohnte Zimmer.

Das Mdchen auf dem Vorsaal wird horchen.

Das wagt keine von meinen Dienstboten -- aber ich wte auch nicht,
welches Geheimni wir Beide mit einander zu besprechen htten.

Haben Sie gar kein Geheimni, mein gndiges Frulein? sagte der
Staatsanwalt und sah sie dabei starr an. Bitte, besinnen Sie sich.

Und wenn ich es htte, sagte finster die Dame, wer gbe _Ihnen_ ein
Recht, danach zu fragen?

Gut, fuhr Witte ruhig fort, dann setzen Sie einmal den Fall, da ich
Mitwisser desselben geworden wre.

Frulein von Wendelsheim fate fast krampfhaft die Lehne des Stuhls,
neben dem sie stand, und Witte tuschte sich wohl nicht, wenn er zu
bemerken glaubte, da sie erbleichte, als ihr Blick dem fest auf sie
gehefteten Auge des Juristen begegnete. Aber Frulein von Wendelsheim
hatte keine schwachen Nerven, und whrend schon im nchsten Moment
ein trotziges, verchtliches Lcheln um ihre Lippen spielte, sagte sie
scharf: Sie haben eine merkwrdige Art und Weise, sich bei einer Dame
einzufhren; da Sie aber einmal da sind und mein Bruder in der That
nicht wohl ist, so reden Sie. Doch mu ich Sie bitten, sich kurz zu
fassen, denn ich habe weder Lust noch Zeit zu einer langen Unterredung.
Also was ist es?

Witte machte eine leise Verbeugung, und whrend sie sich selbst auf das
ihm gegenberstehende Sopha setzte, sagte er: Ich werde mich _sehr_
kurz fassen. Die Sache bedarf auch keiner weiteren Vorrede. Sie
wissen, da heute ber vierzehn Tage die Erbschaft fr den mnnlichen
Leibeserben der Familie Wendelsheim fllig ist und an dem Tage mit
den zu dem Capital geschlagenen Zinsen, einige unbedeutende
Verwaltungskosten abgerechnet, ausgezahlt werden wird.

Sind Sie deshalb gekommen, um mir das zu sagen? fragte das gndige
Frulein kalt.

Ich sage, Sie wissen das, fuhr Witte ruhig fort; aber der
eigenthmliche Fall besteht dabei, da Sie _nicht_ wissen, wer der
wirkliche Erbe des Wendelsheim'schen Vermgens ist.

Mein Herr! fuhr die Dame von ihrem Sitz empor.

Bitte, behalten Sie Platz, mein gndiges Frulein, sagte Witte
trocken; ich bin noch lange nicht fertig, und Sie mgen Ihr Erstaunen
fr einen spteren Punkt meiner Relation aufsparen.

Wenn ich erstaunt bin, sagte Frulein von Wendelsheim mit einer
Stimme, die genau so klang wie der grollende Donner vor Ausbruch eines
Sturmes, so war es nur ber Ihre Unverschmtheit!

Bitte, mein gndiges Frulein, sagte Witte, soll ich Sie vielleicht
daran erinnern, da das Kind der Baronin von Wendelsheim unmittelbar
nach der Geburt mit einem andern vertauscht wurde?

Die Dame stand dem Staatsanwalt gegenber; ihre ganze Gestalt zitterte,
ob vor Aufregung und Schreck, oder verhaltener Wuth, lie sich freilich
kaum bestimmen; aber gewaltsam fate sie sich -- sie mute erst hren,
was der Mann noch zu sagen hatte -- und nur mit vor Zorn bebender Stimme
zischte sie: Das faule Mrchen, das damals im Mund des Volks war, aber
als erbrmliche Lge verstummen mute!

Man hatte keine Beweise, sagte Witte, und die Sache schlief die
langen Jahre. Das Wunderbare aber dabei ist, da selbst _Sie_ den
_wahren_ Thatbestand nicht kannten. Ja, mein gndiges Frulein, wenn Sie
auch noch so hhnisch lcheln, ich bestehe doch auf meiner Behauptung.
Sie glaubten nmlich damals, da die Baronin von Wendelsheim eine
_Tochter_ geboren habe, die wenige Tage oder Wochen spter gestorben
sei; die Thatsache aber ist, da sie einen _Sohn_ geboren hat, der
bis zu dieser Stunde noch _lebt_ und wohl und gesund ist, und jenes
nichtswrdige Weib, die Heberger, nur den Tausch vollbrachte und
Ihnen einen andern Knaben unterschob, um sich den reichen, in Aussicht
gestellten Gewinn nicht entgehen zu lassen.

Die Wirkung, welche diese Worte auf das Frulein von Wendelsheim
machten, war merkwrdig. Ihr Gesicht nahm eine fast erdfahle Frbung an,
die Augen traten ihr aus den Hhlen, ihre Lippen ffneten sich, und
den magern rechten Arm, der wie in Fieberfrost hin und wieder flog,
vorstreckend, stand sie so fr einen Augenblick dem Staatsanwalt
gegenber. Endlich stammelte sie: Eine Lge -- eine schndliche --
teuflisch erfundene Lge!

Mein gndiges Frulein, sagte Witte, ich bin nicht besonders
empfindlich und verzeihe Ihnen in der jetzigen Aufregung gern ein hartes
Wort, aber Sie werden auch einsehen, da Sie dadurch Ihre Sache nur
verschlechtern, nie verbessern knnen. Erlauben Sie mir deshalb, Ihnen
einfach zu sagen, weshalb ich hergekommen bin, und seien Sie versichert,
da ich Ihnen nichts mittheile, was ich nicht durch lebende Zeugen
beweisen kann. Ich verlange von Ihnen vor der Hand kein Eingestndni
des Geschehenen, und bitte Sie nur, die Thatsache im Gedchtnisse zu
behalten, da der Familie Wendelsheim ein wirklicher, leiblicher Erbe
_lebt_ und der bisherige Baron, Bruno von Wendelsheim genannt, ein
untergeschobenes Kind ist. Ich kenne Sie dabei als Frau von klarem,
ruhigem und sehr scharfem Verstand , und bin einzig und allein deshalb
hier herausgefahren, um mit dem Baron und Ihnen -- oder unter den
jetzigen Umstnden mit Ihnen allein -- zu berlegen, wie und auf welche
Art der wirkliche Erbe am besten wieder in seine Rechte einzusetzen und
der vermeintliche auf irgend eine zu arrangirende Art zu entschdigen
sei, ohne dabei Ihren Namen zu compromittiren. Ich mu Ihnen dabei
gestehen, da ich selber um einen Ausweg verlegen bin; aber ich mchte,
wenn es irgend mglicher Weise anginge, den Eclat von Ihrem Hause
abwenden. Sie sehen daraus, da ich nicht als Feind, sondern als Freund
zu Ihnen komme.

Witte hatte sich in der Frau vollstndig verrechnet. Er war ihr mit der
festen Ueberzeugung gegenbergetreten, da er sie mit den nach einander
aufgehuften Thatsachen jedenfalls zerschmettern und augenblicklich zu
einem Bekenntni ihrer Schuld bringen wrde, wenn er sie eben um gar
nichts fragte, sondern ihr im Gegentheil zeige, da er schon Alles
wisse. An wen anders konnte sie sich dann nachher um Hlfe anklammern,
wenn er selber ihr die Hand dazu bot? Aber er hatte in seiner Berechnung
einen Factor zur Geltung gebracht, der in dem Nervensystem des gndigen
Fruleins gar nicht existirte: das Gewissen -- und darum stimmte das
Facit nicht.

In den Zgen des Fruleins war schon, whrend er noch sprach,
eine auffallende Vernderung vorgegangen; das erst vor Schreck und
Ueberraschung weitgeffnete Auge hatte sich wieder zusammengezogen,
der Mund geschlossen; aber die rechte Hand blieb noch wie krampfhaft
geballt, und erst als er geendet, sagte sie, aber jetzt mit ruhiger, wie
spttischer Stimme: Und war das Alles, was mir der Herr Staatsanwalt
mitzutheilen hatte?

Witte erschrak; er glaubte schon Grund gefat zu haben, und fhlte
jetzt, da ihm der Boden wieder unter den Fen wegging. Nein, mein
gndiges Frulein, sagte er rasch, denn Sie scheinen noch immer an
meinen Worten zu zweifeln; aber Sie wissen vielleicht nicht, da das
Heberger'sche Ehepaar hinter Schlo und Riegel sitzt und...

Wollen Sie etwa behaupten, fuhr die Dame auf, da jenes Weib etwas
gegen mich aussagt? Aber, setzte sie pltzlich kalt und hhnisch hinzu,
wie ich eben so gut wei, da das unmglich ist, so sehe ich auch an
Ihrem Gesicht, da es nicht geschehen ist! Sie selber spielen dabei
jedoch eine klgliche Rolle, Herr Staatsanwalt, wie Sie wohl einsehen
werden, und fallen mit Ihrem Versuche, einer Familie ein Geheimni
aufdrngen zu wollen, in der gar keins besteht, sehr traurig ab -- ich
glaube, Ihr Geschft ist jetzt hier erledigt.

Und verlangen Sie nicht einmal den _Namen_ des rechtmigen Erben,
ihres eigenen Neffen, zu wissen? sagte Witte, wirklich ganz durch diese
starre Ruhe auer Fassung gebracht.

Es wird sich gleich bleiben, erwiederte Frulein von Wendelsheim,
selbst nicht einmal die Schwche der Neugierde verrathend, ob Sie
beabsichtigten, uns einen Schuster oder Schneider unterzuschieben.
Ich will nichts weiter von der Sache hren und ersuche Sie jetzt ganz
ernstlich, mich zu verlassen.

Auch noch hinausgeworfen fr meinen guten Willen -- versteht sich!
lachte Witte bitter vor sich hin, indem er von seinem Stuhl aufstand
und seinen Hut nahm. Aber, mein gndiges Frulein, Sie haben sich jetzt
auch die Folgen selber zuzuschreiben -- ich hatte gehofft, die Sache...

Da mich Ihre Hoffnungen nicht im mindesten interessiren, Herr
Staatsanwalt, sagte die Dame, so ersuche ich Sie, das Gesprch drauen
fortzusetzen -- ich habe Ihr Geschwtz jetzt satt.

Sehr schn, mein gndiges Frulein! rief Witte, dem das denn doch
zu arg wurde, indem er sich aber vorsichtiger Weise nach der Thr
zurckzog, denn der in diesem weiblichen Unhold schlummernde Drache
schien sich zu regen. Von meinem _Geschwtz_ sollen Sie nicht lnger
belstigt werden, aber vielleicht gefllt Ihnen dann eine Vorladung vor
Gericht besser, die...

Die Dame fuhr mit so zornsprhenden Augen auf ihn ein, da er es fr
das Beste hielt, das Zimmer zu verlassen; denn er hielt sie in ihrem
jetzigen Zustand, gereizt und zum Aeuersten getrieben, auch zu Allem
fhig. Er mochte aber dabei die Thr wohl etwas rascher auf- und wieder
zugemacht haben, als das in der gewhnlichen gesellschaftlichen Form die
Sitte erheischt, und als er drauen aufblickte, sah er durch den einen
Fensterflgel durch, den sie in der Hand hielt und gerade abputzte, in
das vergngt grinsende Gesicht der Magd, die etwas Anderes gar nicht
erwartet zu haben schien.

Na, war's hbsch? flsterte das boshafte Geschpf auch noch, als er,
ohne sie weiter zu beachten, an ihr vorberschreiten wollte; aber er
hielt es natrlich nicht der Mhe werth, ihr eine Antwort zu geben, und
eilte, so rasch er konnte, die Treppe hinunter und auf den Stall zu, wo
er sich augenblicklich sein Pferd wieder einschirren lie. Der Knecht
schien sich zu gern in ein Gesprch mit ihm einlassen zu wollen, um zu
erfahren, wie es oben abgelaufen. Witte fhlte sich aber nicht in der
Stimmung, drckte ihm ein gutes Trinkgeld in die Hand, setzte sich auf
und fuhr in einem scharfen Trab zum Thor hinaus. Er war auch dabei sehr
unzufrieden mit sich selber, denn er hatte bei dem ganzen verunglckten
Versuch, die Sache durch einen entscheidenden Schritt zu erledigen,
nicht allein nichts erreicht, sondern vielleicht eher Schaden
angerichtet, und gar nicht zu seiner besondern Erbauung fiel ihm in
dem nchsten Augenblick der Major und Rath Frhbach ein, die etwa in
hnlicher Weise von Vollmers abgezogen waren. Jene handelten freilich
nur auf einen Verdacht, er selber aber auf die Gewiheit der Thatsachen
hin; doch was halfen ihm die, so lange es ihm an Beweisen dafr fehlte,
und mit denen sah er sich vollstndig auf den Sand gesetzt.

Heberger, total gebrochen und eingeschchtert, hatte allerdings Alles,
was man von ihm wollte, gestanden, die Heberger selber aber, bei
welcher er dann, aber auch noch ganz privatim, den Versuch gemacht, um
eine Zustimmung von ihr zu erhalten, kalt und hhnisch erwiedert,
sie wisse von nichts, und als er ihr endlich das Zeugni ihres Mannes
vorhielt, geantwortet, dann erledige sich die Sache von selber. Mglich,
da die verstorbene Frau Baronin die Absicht gehabt habe, einen solchen
Tausch zu machen, falls ihr eine Tochter geboren wrde -- sie knne es
nicht sagen und die Frau auch nicht mehr fragen, denn sie wre todt;
dann htte sich das aber auch natrlich durch die Geburt eines Sohnes
unnthig gezeigt und jede Mutter ihr eigenes Kind erzogen.

Dabei blieb sie, und dagegen wrde selbst Heberger's Zeugni nichts
geholfen haben. Durch diesen konnte allerdings der Versuch eines Betrugs
constatirt werden, aber nie die Ausfhrung desselben und der wirkliche
Tausch. Die Kinder waren ihm im Dunkeln berliefert worden, und er
selber htte nie im Leben beschwren knnen, ob er dasselbe Kind oder
ein anderes dafr zurckgetragen.

Aber jetzt half es nichts mehr; er war schon zu weit gegangen, um noch
zurck zu knnen. Auf der einen Seite drngte ihn der alte Baumann
selber, die Sache zum Abschlu zu bringen, auf der andern war er jetzt
der Gefahr ausgesetzt, da dieses entsetzliche Frulein von Wendelsheim
sogar eine hnliche Klage gegen ihn richtete, wie die Frau Mller gegen
den Major. Bis zu diesem Augenblick hatte er Alles allein auf eigene
Faust und im Stillen betrieben, nun ging das nicht lnger; er mute
selber die Anzeige beim Gericht machen. Ueberdies war auch der Termin
der Erbschafts-Auszahlung so nahe herangerckt, da er sich htte
die grte Verantwortung zuziehen knnen, wenn er eine derartige ihm
gemachte Anzeige ber denselben hinaus verheimlichte. Er durfte eben
nicht lnger zgern und das Ganze auf die eigenen Schultern nehmen, und
mit dem Entschlu wurde er auch wieder ruhiger und selbstzufriedener.
Sein Pferd fhlte die Peitsche, und der leichte Wagen rollte rasch der
Stadt entgegen.




5.

Rathlos und Rath Frhbach.


In den letzten Tagen hatte ein so wunderliches Verhltni im
Baumann'schen Hause geherrscht, da selbst der Gesell und die Lehrlinge
darauf aufmerksam geworden waren und den Kopf darber schttelten. Sonst
war nichts als Friede und Freundlichkeit in der Familie, und wenn der
alte Schlossermeister mit seinem jngsten Kind, seinem kleinen Liebling,
manchmal nach Feierabend spielte, lachte er oft so herzlich ber dessen
kindischen Frohsinn, da die Leute auf der Strae stehen blieben und
unwillkrlich mitlachen muten, wenn sie auch keine Ahnung hatten,
was da drinnen so Lustiges vorging. Jetzt war das anders, viel anders
geworden. Der alte Baumann stand den ganzen Tag bis Abends spt am Ambo
und hmmerte auf das Eisen ein oder feilte an seiner Arbeit; wenn er
sich aber noch vor wenigen Tagen ein lustig Lied dazu gepfiffen oder
gesungen, so verrichtete er jetzt sein Tagewerk stumm und mit dster
zusammengezogenen Brauen, und kein Wort wurde in der Werksttte
gesprochen, das sich nicht auf die Arbeit bezog und nothwendig
gesprochen werden mute.

Und welche Vernderung konnte erst mit der Meisterin vorgegangen sein?
Sie war nicht krank, denn sie schaffte den ganzen Tag in der Kche und
verrichtete alle ihre Besorgungen pnktlich, wie zuvor; aber sie kam
gar nicht mehr vorn in die Stube, auer wenn sie Morgens rein machte
und Mittags zum Essen, und selbst dann hatte sie einen andern Platz am
Tische, als frher, nicht mehr neben dem Meister, sondern zwischen ihrer
kleinen Else und dem Gesellen; und keine Frage that der Meister an sie,
keine Silbe wurde berhaupt bei Tische gesprochen.

Den Leuten war das natrlich unheimlich, aber keiner von ihnen, selbst
Karl nicht, der Sohn vom Hause, wagte nach der Ursache zu fragen.
Meister und Meisterin muten sich mitsammen gezankt haben, wenn das auch
eigentlich nie vorfiel und Keiner von Allen etwas gehrt haben wollte;
das aber blieb die einzige Erklrung, die sie darber wuten, und
war das der Fall, dann vershnten sie sich auch wieder und das alte
Verhltni wurde hergestellt -- da es nur so viele Tage dauerte!

Das Essen war vorber; der Meister stand wieder drauen bei seiner
Arbeit und die Frau wusch das Geschirr auf, als ein Polizeidiener in die
Werksttte kam und nach der Frau Baumann fragte.

Was soll sie? sagte der Schlossermeister, der todtenbleich geworden
war, indem er den Hammer auf dem Ambo ruhen lie.

Ich habe hier eine Vorladung fr sie auf heute Nachmittag vier Uhr.

Schn; legen Sie das Papier nur dahin, es soll ausgerichtet werden.

Nein; ich mu es ihr selber geben.

Dann gehen Sie in die Kche, sagte der alte Mann dster, drehte
sich ab und schob das Eisen in den Feuerherd, dessen Gluth, durch den
Blasebalg angefacht, emporloderte.

Die Leute in der Werksttte sahen ihm verwundert nach. Sie begriffen
nicht, was die Meisterin mit der Polizei zu thun haben knnte. Der
Meister wute es, aber er sagte kein Wort; er sah nicht auf, als der
Polizeibeamte seine Pflicht erfllt hatte und die Werksttte wieder
verlie; er ging nicht zu seiner Frau, um mit der zu sprechen. Er htte
sich nicht weniger darum bekmmern knnen, und wenn die Bestellung im
Nachbarhause abgegeben wre.

Da warf Karl pltzlich seine Feile hin, rief: Der Fritz! und sprang
der Thr zu, durch deren kleines, angelaufenes Glasfenster er den Bruder
erkannt hatte. Und die kleine Else hatte im Zimmer den Ruf gehrt und
kam herausgesprungen, und wie er die Thr ffnete, klammerte sie sich an
ihn, lie sich von ihm emporheben und herzte und kte ihn.

Und das war jetzt ein Fragen und Jauchzen zwischen den jungen Leuten,
da der Fritz wieder frei war und kein Verdacht der nichtswrdigen That
mehr auf ihm lastete; und die Kleine hatte nur immer ihre Aermchen um
seinen Nacken geschlagen und weinte und lachte: die bsen Mnner drften
ihren Fritz nun nicht wieder in's Gefngni stecken, und er solle bei
ihr bleiben und nie wieder von ihr fortgehen.

Auch der Vater hatte seine Arbeit bei Seite gelassen und ihm die Hand
entgegengestreckt, die er derb schttelte und drckte.

Aber wo ist die Mutter? rief Fritz. Weshalb kommt sie nicht? Geh'
hin, Elschen, und ruf' sie; sag' ihr, der Fritz sei wiedergekommen.

Bleib', Else, sagte der Vater; sie ist in der Kche -- geh' dann zu
ihr.

Fritz sah den Vater verwundert an und dann den Bruder. Karl machte ihm
aber hinter dessen Rcken ein Zeichen, das er zwar nicht verstand, aber
doch daraus ersah, es msse etwas vorgefallen sein, und er thte besser,
fr den Augenblick nicht weiter nachzuforschen. Wie er aber nur in der
Werksttte dem Vater und den Uebrigen flchtig erzhlt hatte, wie es da
oben gewesen und er heute Morgen freigelassen sei, ja, eigentlich schon
vor drei Stunden htte hier sein mssen und nur durch ein Versehen
des albernen Schlieers noch zurckgehalten wre, da griff er sein
Schwesterchen wieder auf und sprang hinber in die Kche zur Mutter, um
diese zu begren.

Es dauerte lange, bis er wieder zurckkam, und jetzt ohne die kleine
Else, und als er in die Werkstatt kam, ging er auf den Vater zu und
sagte: Vater, was ist denn eigentlich hier im Hause vorgegangen? Ihr
seht mir Alle so sonderbar aus, so fremd. Mir ist, als ob ich jahrelang
entfernt gewesen wre und nicht nur kaum eine Woche oder etwas mehr. Was
habt Ihr nur? Wie ich in die Kche kam, fiel mir die Mutter um den Hals
und weinte, als ob ihr das Herz brechen mte, wollte sich auch gar
nicht mehr beruhigen, und jetzt hat sie die kleine Else auf dem Scho
und kt das Kind in Einem fort und drckt es an sich.

Komm einmal mit herein, Fritz, sagte der Vater ernst; ich habe ein
Wort mit Dir zu reden.

Mit _mir_, Vater? Ist etwas vorgefallen?

Ja, und etwas, das Dir nicht lnger ein Geheimni bleiben darf,
eigentlich htte nie ein Geheimni bleiben sollen.

Aber willst Du nicht erst einmal zur Mutter gehen?

Nachher, mein Junge; zuerst komm einmal mit mir in's Zimmer hinber,
denn mir -- hat's beinahe das Herz abgedrckt die letzten Tage, und es
ist Zeit, da ich's los werde -- ich halt's nicht mehr lnger aus.

Ich begreife Dich nicht, Vater.

Du wirst's bald begreifen lernen, nickte der Alte still vor sich hin;
komm nur mit, da wir die Sache abmachen, denn ich mu wieder an die
Arbeit. Und Du, Karl, geh' einmal zur alten Bertram hinber und frage
sie, ob sie Zeit htte, ein paar Tage hier zu uns herber zu kommen und
uns in der Wirthschaft zu helfen.

Ist die Mutter krank geworden, Vater? rief Karl rasch.

Nein, sagte der Schlossermeister; aber la es auch lieber sein,
ich will nachher selber zu ihr gehen -- komm, Fritz! Und ihm
voranschreitend, ging er in die Stube hinein, setzte sich dort in den
alten Lehnstuhl und winkte dem Sohn, auf einem andern Sessel Platz zu
nehmen.

Karl schttelte mit dem Kopf; er konnte sich gar nicht denken, was der
Alte heute hatte und wie tief und langsam er da drinnen sprach, und
dann sein Bruder -- wie heftig. Die Worte freilich lieen sich hier
drauen nicht verstehen; aber etwas Besonderes mute es sein. Und
weshalb erfuhr er nichts davon? Gehrte er nicht zur Familie?

Die Mutter _wute_, was die beiden Mnner mitsammen sprachen. Drauen
in der Kche sa sie niedergekauert an der Thr, die in die Stube fhrte
und deren Schwelle sie nicht mehr zu berschreiten wagte, das Gesicht in
den Hnden geborgen, und zwischen den dnnen Fingern quollen die heien,
brennenden Thrnen vor. So sa sie, bis die Zeit kam, in der sie auf das
Amt gefordert war; sie wute, da sie von dort nicht wiederkehren
wrde. Sie war aufgestanden und hatte ein kleines Bndel Wsche
zusammengeschnrt, das Nothwendigste nur, das sie brauchte, und das
unter dem Arm, trat sie endlich in die Werksttte -- sie vermied die
Stube--, um ihren schweren Weg anzutreten. Aber Fritz hatte sie durch
das kleine Fenster in der Wohnstube gesehen, und mit wenigen Stzen war
er drauen bei ihr.

Mutter! rief er und schlang seine Arme um ihren Nacken.

Und Du nennst mich Mutter? sagte die Frau erstaunt und sah ihn mit den
groen, thrnengefllten Augen an.

Meine liebe, liebe Mutter! Und fest und herzlich drckte er sie an
sich; sie aber, whrend sie ihr Haupt einen Moment an seine Schulter
lehnte, sagte leise:

Ich danke Dir, Fritz, ich danke Dir aus tiefstem Herzen; jetzt werd'
ich hingehen und fr Dich sprechen -- verla Dich darauf, Dir soll Dein
Recht werden!

Und Du, Mutter...?

Sorge Dich nicht um mich, ich habe es nicht verdient. Leb' wohl! Und
ihn noch einmal auf die Stirn kssend, machte sie sich von ihm los. Fast
unwillkrlich wandte sie sich dabei dem Mann zu, um auch Abschied von
ihm zu nehmen; aber der Schlossermeister hatte die Arme auf die
Brust gekreuzt und schaute finster zur Seite -- es war keine Spur von
Vershnung in seinen harten Zgen zu erkennen.

Leb' wohl, Gottfried, sagte sie leise und streckte ihm die Hand
entgegen.

Leb' wohl! sagte Baumann, ohne sie anzusehen, drehte sich ab und
schritt wieder in die Stube zurck.

Seine Frau wagte nicht ihm dahin zu folgen. Karl war vorgesprungen und
wollte jetzt wissen, was sie habe, weshalb sie Abschied nhme. Sie kte
ihm das ruige, ehrliche Gesicht, hob noch einmal die kleine Else auf,
die sich an sie hing und nicht von ihr lassen wollte, ri sich los und
eilte mit raschen Schritten auf die Strae hinaus und dem Polizeigebude
zu, in dessen dsterem Thore sie verschwand.----

Der Staatsanwalt Witte befand sich an dem Tag in einer sehr
unbehaglichen Stimmung, denn er hatte etwas unternommen, von dem er
noch nicht recht klar sah, wie er es ausfhren sollte. Wenn er sich auch
bewut war, nur seine Pflicht dabei zu thun, und ihn gesetzlich -- der
Fall mochte entschieden werden, wie er wollte -- nicht die geringste
Verantwortlichkeit treffen konnte, so tuschte er sich auch nicht
einen Moment ber das Aufsehen, das derselbe, besonders in den hheren
Schichten der Gesellschaft, erwecken wrde, und er wute dabei recht
gut, da Alles fr ihn nur von dem Erfolg dabei abhnge, denn nach dem
Erfolg allein urtheilt die Welt. Fiel er mit seiner Klage durch, so
konnte er sich erstlich darauf verlassen, da Frulein von Wendelsheim
Himmel und Erde in Bewegung setzen wrde, um sich an denen zu rchen,
die es gewagt hatten, ihr entgegenzutreten. Aber das nicht allein: es
mute ihm auch wesentlich in seinem Rufe als Staatsanwalt schaden, zu
einer dann als Schwindelei hingestellten Geschichte die Hand geboten zu
haben, und dagegen half ihm nicht einmal der gute Name, den er bis jetzt
als redlicher Mann in der Stadt hatte. Er kannte die Welt dafr viel zu
genau.

Aber es lie sich nicht mehr ndern; der Stein rollte, und durch seinen
heutigen Besuch bei Frulein von Wendelsheim hatte er berdies dem Fa
den Boden ausgestoen. Jetzt kmpfte er so gut fr sich selber, als fr
die Rechte des wirklichen und leiblichen Wendelsheim'schen Erben, und
wute berdies die gute Sache auf seiner Seite -- freilich noch immer
nicht genug gegen zwei bse Weiber, so lange diese einig waren. Wenn man
sie nur htte entzweien knnen -- aber wie?

Einer seiner Schreiber steckte den Kopf in die Thr und meldete einen
Besuch.

Habe ich Ihnen nicht gesagt, da ich fr Niemanden heute zu sprechen
bin? fragte Witte scharf.

Es ist der junge Baumann; er behauptet, er mte Sie sprechen, und zwar
in einer wichtigen Angelegenheit.

Der junge Baumann, hm -- lassen Sie ihn hereinkommen. Der kann mir
nachdenken helfen, brummte er halblaut vor sich hin.

Fritz trat ein; er sah erschpft und bleich aus. Herr Staatsanwalt,
sagte er, nach meinem letzten Hiersein hatte ich geglaubt, Ihre
Schwelle nicht wieder betreten zu drfen; aber die Verhltnisse zwingen
mich dazu.

Lieber junger Freund, sagte Witte, Sie sind _mir_ stets angenehm
gewesen und werden es bleiben, wie sich auch immer die spteren
Verhltnisse gestalten; Frauen haben allerdings ihren eigenen Kopf, aber
-- reden wir nicht davon. Was fhrt Sie zu mir?

Mein Vater hat mir Alles gesagt....

Ich dachte es mir, und es ist vielleicht besser so, einmal muten Sie
es doch erfahren.

Aber die Mutter ist auf's Amt gefordert und nicht wieder zurckgekehrt;
sie werden doch um Gottes willen die arme Frau nicht gefangen halten?

Mein lieber Herr Baumann -- erlauben Sie, da ich Sie jetzt noch bei
Ihrem alten Namen nenne--, das lt sich nicht ndern, sagte Witte
achselzuckend; die Gerechtigkeit mu ihren Lauf und in dem Laufe
ihre Form haben. Aber seien Sie versichert, da sie sich nicht in
unfreundlichen Hnden befindet. Ich war selber oben, als sie ankam
und verhrt wurde; sie legte ein offenes, reumthiges Gestndni ihres
ganzen Vergehens ab, aber so ohne jede Beschnigung fr sich selbst, so
nur von dem Einen Gedanken durchdrungen, Alles wieder gut zu machen, da
sie sich den Polizei-Director selber schon ganz gewonnen hat. Ich habe
auch mit diesem gesprochen; jede Erleichterung, die ihr die Hausordnung
des Gefngnisses verstattet, wird ihr werden. Aber in Freiheit kann
sie nicht wieder gesetzt werden, bis Alles auf die eine oder andere Art
erledigt ist.

Meine arme Mutter....!

Sie nennen sie Ihre Mutter?

Und ist sie es mir nicht gewesen die vielen, vielen Jahre lang? Hat
sie nicht mit treuer Liebe fr mich gesorgt und nie, nie, so lange ich
denken kann, ein rauhes oder hartes Wort fr mich gehabt?

Ich hoffe, es wird noch Alles gut gehen, sagte Witte.

Und glauben Sie wirklich, da sie wahr gesprochen? fuhr Fritz bewegt
fort, da nicht irgend eine fixe Idee sie erfat hat, in der sie jetzt
Sachen behauptet, die gar nicht existiren?

Ich glaube jedes Wort, das sie gesprochen hat, sagte Witte ruhig und
bestimmt.

Aber das Alles klingt so fabelhaft, so wild, so unmglich; ich bin gar
nicht im Stande, mich hineinzudenken.

Das wre gerade kein Wunder, nickte Witte, denn hnliche Dinge kommen
sonst auch eigentlich nur in Feenmrchen vor, wo arme Hirten pltzlich
Prinzen werden und dann die bliche Knigstochter heirathen. Uebrigens
gebe ich Ihnen mein Wort, junger Freund, da kein Mensch in der Welt so
tolle, wahnsinnige Dinge erfinden kann, als wirklich existiren und zu
Tage kommen. Besonders jeder Rechtsanwalt wird Ihnen das besttigen,
denn was der Welt sonst hufig verborgen bleibt, mssen sie mit allen
Verwickelungen und Einzelheiten stets erfahren.

Und wenn es wirklich so wre, wer, glauben Sie, da die grte Schuld
an jener Tuschung trgt? Doch nicht die Mutter?

Nein, sicher nicht; jedenfalls jenes bsartige Weibsstck, die
Schustersfrau, und Ihre Frulein Tante.

_Meine_ Tante? sagte Fritz, tief aufseufzend. Die Natur scheint
wirklich nicht glcklich mit der Wahl meiner Tanten zu sein, denn
wenn ich mir zwischen beiden, der bisherigen und der zuknftigen, eine
auszusuchen htte, ich wte nicht, welche ich nehmen sollte.

Ich wrde fr Beide danken, sagte Witte trocken; aber Eine ist Ihnen
sicher. Doch wir vergeuden unsere Zeit. Was fhrt Sie zu mir?

Weiter nichts, als die Besttigung aus Ihrem Mund zu hren, da nicht
vielleicht nur ein irrer Wahn, eine Einbildung meine Mutter zu dem
Gestndni getrieben hat, und wenn das nicht der Fall wre, mit Ihnen zu
berathen, wie wir ihr helfen, wie sie retten knnen.

Da ist vor der Hand gar nichts zu thun, sagte der Staatsanwalt, als
dem Gesetz eben seinen Lauf zu lassen; von ihrer Untersuchungshaft kann
sie kein Mensch, und wenn es der Justizminister wre, befreien.

Doch was soll jetzt geschehen?

Ja, das ist eben die Frage, nickte Witte still vor sich hin, und ich
gbe selber viel Geld darum, wenn ich sie richtig beantworten knnte.
Geschehen kann sehr viel; aber da das Richtige zuerst geschieht, das
ist der Hauptpunkt, und der Teufel wei, was das Richtige ist -- ich
nicht?

Sie glauben nicht, da meiner Mutter Zeugni allein gengt?

Gott bewahre -- kein Gedanke daran! Die Erbschafts-Commission wrde
sich nie davon bestimmen lassen, denn eine solche Behauptung knnte am
Ende jede Mutter aufstellen, um ihrem Kind eine Erbschaft von nahezu
einer halben Million zuzuwenden.

Und der arme Bruno von Wendelsheim...

Der arme Bruno von Wendelsheim? meinte Witte. Sagen Sie lieber: die
armen Leute, die dem armen Bruno von Wendelsheim auf seine Erbschaft hin
die vielen Tausende geborgt haben!

Er wird sie bezahlen.

Er denkt gar nicht daran, denn seinen guten Willen kann er nicht
wechseln lassen. Ich bin fest berzeugt, da er ber dreiigtausend
Thaler Schulden hat -- wenn das reicht.

Das wre allerdings viel, aber er wird sie doch bezahlen, sagte
Baumann bestimmt -- er oder ich, wer nun die Erbschaft antritt.

Wollten Sie das wirklich?

Wrden Sie nicht das Nmliche an meiner Stelle thun? Denn war er mehr
schuldig an dem Tausch, als ich selber? Aber welchen nchsten Schritt
beabsichtigen Sie -- darf ich ihn wissen?

Der Staatsanwalt war aufgestanden und ein paarmal in seiner kleinen
Stube auf und ab gegangen.

Ich war heute in Wendelsheim, sagte er, und kam gerade zur rechten
Zeit, um einem heftigen Auftritt Ihrer Frulein Tante mit dem jungen
Mdchen da drauen -- wie heit sie doch gleich?

Mit Kathinka?

Ja, mit Kathinka beizuwohnen. Dann hatte ich eine Unterredung mit der
Dame selbst; ich wollte sie zu einem Gestndni bringen, aber es milang
grndlich.

Die Baronin von Wendelsheim hat also nie um den Tausch gewut?

Es scheint nicht so; aller Vermuthung nach hat Frulein von Wendelsheim
die Kleinigkeit, jedenfalls unter Mitwissen Ihres Vaters, besorgt.

Sie leugnete?

Sie lie sich nicht einmal herbei, zu leugnen, denn damit htte sie
sich auf der Defensive halten mssen, sondern sie ging augenblicklich,
wie ein tapferer Feldherr, zur Offensive ber, und ich gebe Ihnen mein
Wort, sie leistete darin Auerordentliches. Von der Dame ist auch nie
ein Gestndni zu gewrtigen; eher verrth der Stuhl da, wo der Baum
gestanden hat, aus dem er einst geschnitten wurde.

Und wre es denn nicht mglich, die ganze Sache zurckzuziehen? O,
Gott ist mein Zeuge, ich verlange den Reichthum nicht, und ehe so groes
Elend ber so viele Menschen kommt....

Das ist zu spt, mein junger Freund, sagte Witte, und zwar nicht
allein der Gerichte, sondern vorzglich Ihres eigenen Vaters -- des
Schlossermeisters, wollte ich sagen -- wegen; denn dessen Schdel ist
hrter als das Eisen, das er schmiedet. Aber es ginge auch berhaupt
nicht, die Sache ist schon zu weit gediehen; wir knnten nicht mehr
zurck, selbst wenn wir wollten. Aber wir wollen auch nicht, setzte er
hartnckig hinzu, und es ist eine Art von Zweikampf daraus geworden,
den ich schon ehrenhalber mit Ihrer Frulein Tante auszufechten habe.

Und meine arme Mutter?

Sorgen Sie sich nicht um sie. Ihre Pflegemutter hat allerdings gefehlt
und wird dafr gestraft werden mssen; aber stellt sich die Untersuchung
so heraus, wie ich vermuthe, so wird die Strafe nicht berhart
ausfallen. Nicht so gnstig mchte freilich das Urtheil fr den Baron
lauten, der mit voller, ruhiger Ueberlegung dabei gehandelt haben mu
und nur von der noch schlaueren Schustersfrau berlistet wurde.

So wre Benno mein Bruder gewesen! seufzte Fritz. Und o, wie lieb
hab' ich den Knaben gehabt, ohne es zu wissen, wie manche lange Stunde
an seinem Bett gesessen und ihm in die guten, klugen Augen gesehen!
Jenes arme Mdchen aber, das jetzt von dem gndigen Frulein so hart
behandelt wird, war seine treue Pflegerin, und Benno hing mit solcher
Liebe an ihr!

Witte stand am Fenster und trommelte an den Scheiben. Es ist eine ganz
verfluchte Geschichte, sagte er endlich, und es wird uns nichts brig
bleiben, als den Stier bei den Hrnern zu fassen, wie man so zu sagen
pflegt, und der Stier ist dieses Mal kein Anderer, als die gndige
Tante.

Ich habe kein Mitleiden mit ihr, sagte Fritz.

Ja, es ist nur das Schlimme, da sie das auch gar nicht verlangt. Sie
zeigt die Zhne, und wenn wir die Sache, wie sie jetzt steht, vor die
Geschworenen bringen, deren Sitzungen in nchster Zeit beginnen, so ist
es undenkbar, da sie sich hindurchfinden.

Aber wre es nicht mglich, weitere Zeugen aufzutreiben?

Nein; das Frauenzimmer, das damals der Frau Heberger hlfreiche
Hand geleistet hat und dessen Aussage jetzt allerdings von der grten
Wichtigkeit wre, ist, wie ich von Ihrer Mutter, der Frau Baumann,
gehrt habe, leider in der Zeit gestorben. Lieber Gott, es sind
vierundzwanzig Jahre her, und die erst spter hinzugerufene Amme des
jungen Barons -- _die_ Geschichte kenn' ich genau -- wei von nichts
und kann von nichts wissen, denn als sie eintraf, war die ganze Sache
abgemacht.

Kennt der Lieutenant von Wendelsheim schon die Gefahr, die seinen
Ansprchen droht -- seine wirklichen Eltern?

Nein -- wird ihm auch eine angenehme Ueberraschung sein; aber wie bis
jetzt Alles liegt, schwebt er noch nicht einmal in bergroer Gefahr,
sie zu verlieren, denn ich frchte fast, wir fallen durch.

Und dann wird die Mutter wieder freigegeben?

Ich glaube nicht, da dann eine Veranlassung sein kann, sie lnger
festzuhalten; denn da eine Tuschung beabsichtigt wurde, sind wir im
Stande zu beweisen, und wenn die brigen Theilnehmer derselben frei
ausgehen, kann die Frau Baumann allein nicht dafr gestraft werden.

So mag es denn gehen, wie Gott will, sagte Fritz Baumann; lge es
in meiner Hand, durch Verzichtleisten auf die Erbschaft die Mutter zu
befreien, mit Freude tht' ich es den Augenblick und gbe Ihnen dazu
jede Vollmacht; ist es aber nicht mglich, dann freilich mu ich dem
Schicksal seinen Lauf lassen, und hoffe nur, mit Allem nichts zu thun zu
haben, bis es vorber ist.

Auch selbst das kann ich Ihnen nicht versprechen, sagte Witte; der
einzige, wenn auch schwache Beweis, den wir vielleicht haben, liegt in
der Familienhnlichkeit der verschiedenen betheiligten Personen, und
vor den Geschworenen kann der allerdings wichtig werden. Dann mssen
Sie aber sowohl als Lieutenant von Wendelsheim vor den Schranken
erscheinen.

Fritz Baumann seufzte tief auf. Ich kann's nicht ndern! und dem
Staatsanwalt die Hand reichend, verlie er langsam das Zimmer.

Wie er die Thr hinter sich zudrckte, kam die Frau Staatsanwalt in
einem schwerseidenen Kleide ber den Vorsaal gerauscht, gerade auf die
Thr des Arbeitszimmers zu.

Ist mein Mann zu Hause? wollte sie den Fremden fragen, als sie ihn
pltzlich erkannte und, bei den ersten Worten kurz abbrechend, ihn mit
einem so hochmthigen, verchtlichen Blick ber die eine Schulter ansah,
da Fritz kaum ein Lcheln unterdrcken konnte. Es hat immer etwas
Komisches, wenn eine Dame knstlich vornehm aussehen will, denn die
wirklich vornehme Dame ist in ihren ganzen Bewegungen stets einfach und
natrlich und denkt gar nicht daran, den Kopf so weit zurckzuwerfen.

Frau Staatsanwalt Witte rauschte aber stolz, wie ein Schwan auf stiller
Fluth, und majesttisch an dem jungen Mann vorber und tauchte in
das Breauzimmer ein, wo die sitzenden Schreiber von ihren Sthlen
emporfuhren und die stehenden sich bckten.

Mein Mann in seinem Zimmer? fragte sie.

Der Eine deutete mit seiner Feder in achtungsvoll bejahender Antwort
nach der nchsten Thr, und die Dame, Sand, Papierschnitzeln, gebrauchte
Stahlfedern und was sonst noch auf der Erde lag, hinter sich drein
kehrend, verschwand in ihres Gatten Zimmer.

Was wollte der Mensch wieder bei Dir? war hier die erste Frage, die
sie that.

Welcher Mensch, mein Kind?

Der Herr Baumann, wenn Dir das besser klingt.

Ah, der junge Baumann; er hatte Einiges mit mir zu besprechen.

Und wagt der noch, nach dem, was vorgefallen, unser Haus zu betreten?

Liebes Kind, sagte der Staatsanwalt, der seit der letzten
Ueberraschung bei Hebergers angefangen hatte sich zu emancipiren, und
dem das hochmthige Wesen der Gattin, dem eigenen schlichten Charakter
gegenber, hchst fatal war -- wenn Du bei seiner Tante einen Besuch
machst, wird er mir den doch erwiedern drfen!

Witte, rief die Frau mehr emprt als erschreckt, Du weit, da ich
dazu nur durch die Rthin Frhbach verleitet wurde; es ist niedrig und
unwrdig von Dir, mir das vorzuwerfen!

Was wnschest Du, mein Schatz? Ich bin gerade im Begriff, auszugehen.

Ich wollte Dich in etwas um Rath fragen, sagte die Frau, rasch
abbrechend, denn ihre Gedanken liefen allerdings in dem Augenblick auch
auf Anderes hinaus. Der junge Baron von Weldern -- Du kennst ja den
alten Baron von Weldern mit dem reizenden Rittergut am Vorberge -- hat
uns heute Morgen seinen Besuch gemacht, und ich wollte Dich fragen, ob
Du es nicht vielleicht fr passend hieltest, wenn wir ihn fr morgen
Abend zu einer Tasse Thee bten! ich hatte mir gedacht....

Ich will Dir etwas sagen, mein liebes Kind, unterbrach sie der
Staatsanwalt, und ich bitte, Dich fr die Zukunft danach zu richten:
ich verbiete Dir also hiermit auf das strengste, von heute ab weder zu
Thee, noch Kaffee, Mittag- oder Abendessen je wieder einen Adeligen,
einen Baron oder Grafen, oder welchen Titel die Herren sonst fhren
mgen, einzuladen!

Aber, Witte! rief die Frau und schlug vor Erstaunen die Hnde
zusammen.

Du hast mich doch verstanden?

Du bist wohl wahnsinnig geworden? rief seine zrtliche Gattin.

Ich war noch nie so voll bei Verstande, als in diesem Augenblick,
entgegnete der Staatsanwalt und griff nach seinem Hut, denn er wnschte
diese Scene doch so viel als mglich abzukrzen.

Aber unsere Stellung im Leben....

Ist eine hchst ehrenvolle, erwiederte Witte, so lange wir uns
auf dem Boden derselben bewegen, und -- es werden uns nachher solche
Demthigungen erspart werden, wie wir sie jetzt erfahren mssen.

Welche Demthigung? fragte die Frau erstaunt.

Das ist eine kleine Ueberraschung, liebes Herz, sagte Witte, die Dir
noch vorbehalten bleibt; Du magst Dich aber immer darauf gefat machen.
Du nimmst es mir nicht bel, da ich Dich verlasse, ich habe dringende
Geschfte.

Aber ich werde doch als Frau vom Hause einladen drfen, wen es mir
beliebt? rief die Frau, emprt ber diese rcksichtslose und ganz
ungewohnte Behandlung.

Doch nicht, mein Schatz, sagte Witte, der heute gerade in der Stimmung
war, seinen einmal geuerten Willen durchzusetzen, oder Du knntest
in die unangenehme Lage kommen, da weder ich noch Ottilie bei Deiner
Festlichkeit erschienen; und ich wei, da Du zu verstndig bist, Dir
eine solche Blamage ffentlich aufzuladen! Und damit griff er seinen
Stock aus der Ecke auf und schritt mit den Worten: Ich gehe auf die
Polizei! durch seine Schreibstube hin und die Treppe hinunter, seine
auf's uerste emprte Frau heute sich selber berlassend.

Unten in der Strae sah er nach der Uhr -- es war noch zu frh; er hatte
noch ber eine halbe Stunde Zeit, ehe er den Polizei-Director sprechen
konnte, denn die auf heute anberaumte Sitzung war, wie er recht gut
wute, noch nicht aus. Aber er zog es doch vor, seine Zeit lieber auf
der Strae abzuwarten, als nach der letzten Erklrung die Scene mit
seiner Frau zu verlngern. Er konnte ja indessen eine kleine Promenade
durch die Anlagen der Stadt machen; in jetziger Tageszeit fand er wenig
oder gar keine Menschen dort, und vielleicht kam er dabei auf einen
guten Gedanken, die Sache, die ihm jetzt vor allen anderen am Herzen
lag, in der richtigen Weise anzugreifen und zu beenden. Aber es fiel
ihm nichts ein; welche Mittel er auch ersann, berall traten ihm mit
eiserner Stirn die beiden Frauen -- die Heberger und das gndige
Frulein -- entgegen, und er sah keinen Ausweg aus diesem Labyrinth.

Ah, mein lieber Staatsanwalt! hrte er da eine Stimme, fhlte, wie
sich zu gleicher Zeit ein Arm in den seinigen schob, und als er sich
etwas berrascht danach umdrehte, erkannte er das dicke, gutmthige
Gesicht des Raths Frhbach, der ihm freundlich ber seine Brille
zunickte.

Ah, mein lieber Rath!

Auch auf einem Spaziergang, lieber Freund? Ja, das ist auch meine
einzige Arznei, schon meiner Verdauung wegen. Ich sage Ihnen, wenn ich
mich Nachmittags recht in eine gesunde Transspiration gelaufen habe,
befinde ich mich Abends noch einmal so wohl. Aber was ich gleich sagen
wollte, wissen Sie nichts davon, was ist denn das fr eine Geschichte?
Als ich vorhin an der Polizei vorber ging, sagte mir der eine
Polizeidiener, dessen Frau einen kleinen Obstgarten hat und uns immer
Obst und etwas Gemse bringt -- ich bin dadurch mit dem Mann bekannt
geworden, und Sie wissen, die Polizei mu man sich immer zu Freunden
halten--, da sie eben die Baumann, die Schlossersfrau und die
Schwester der Heberger, eingesperrt und auf Numero Sicher gebracht
htten.

Der Polizeidiener htte auch etwas Gescheidteres thun knnen, als aus
der Schule zu schwatzen, sagte Witte.

Aber mir, bester Freund, sagte Frhbach, mir kann er es doch
sagen; er wei ja recht gut, da ich mit keinem Menschen darber rede.
Jedenfalls steht das mit der Diebesgeschichte in Verbindung und die
beiden Schwestern haben gemeinschaftlich gearbeitet. Das war doch ein
Glck, Staatsanwalt, wie? da ich damals gleich auf einer Haussuchung
bestand und Ihnen die Vollmacht ausstellte? Wir wren der Bande sonst im
Leben nicht auf die Spur gekommen.

Allerdings nicht, lieber Rath, allerdings nicht, sagte Witte, der sich
indessen nur auf einen Ausweg besann, um von seinem lstigen Begleiter
loszukommen, denn er schwatzte nicht allein jede Unterhaltung, sondern
auch die Gedanken selber todt.

Da fllt mir dabei eine ganz hnliche Geschichte aus Schwerin ein,
fuhr der Rath fort, der jetzt mit geblhten Segeln in seinem Elemente
schwamm und noch einmal so breit und aufgedunsen zu werden schien. Da
hatten wir auch ein Dienstmdchen, eine ganz brave, ordentliche Person,
wie wir glaubten, und deren Schwester kam manchmal auf Besuch zu ihr;
aber es fehlte uns immer etwas, bald ein Lffel, bald eine Serviette,
bald auch einmal etwas schmutzige Wsche -- meine Seele dachte
aber nicht an das Mdchen oder ihre Schwester, denn es waren gar so
ordentliche Personen. Mein Frauchen aber, das darin auerordentlich
scharf ist -- ich sage Ihnen, Staatsanwalt, die Frau wrde zu einem
Untersuchungsrichter passen, so genau kommt sie der Sache immer auf den
Grund, und die Hebergers hat sie schon lange in Verdacht gehabt -- was
wollte ich denn gleich sagen -- ja, meine Frau sagte eines Tages zu mir:
Du, Mnni, sagt sie, der Pauline trau' ich nicht, mit der ist's nicht
richtig! Nun denke ich schon 'was Anderes und sage: Ih bewahre, liebes
Kind, die Pauline mu ja schon wenigstens sechsundvierzig Jahr alt sein!
Aber meine Frau sagt: Ih, Gott bewahre, das mein' ich gar nicht, ich
meine wegen der silbernen Lffel! Ja so! sag' ich, und nun fllt mir
auch so Manches ein, das mir verdchtig vorkommen konnte. Zuerst wollte
die Pauline eine kleine Erbschaft gemacht haben, und ich traute der
Sache nicht, aber wir konnten ihr auch nicht beweisen, da es nicht wahr
wre.

Hm, sagte Witte und sah den Rath an.

Und dann, fuhr dieser fort, steckte sie immer mit ihrer Schwester so
durch. Nun hatte die Pauline eine bse Eigenschaft, das wute ich: sie
horchte. Wenn ich mich manchmal mit meiner Frau vertraulich unterhielt
und von Dem und Jenem sprach, dann hatte sie immer das Ohr am
Schlsselloch. Damit dachte ich sie denn auch zu fangen, da sie sich
einmal selber verrathen sollte; und wie ihre Schwester wiederkam, rief
ich sie herein, ich htte ihr 'was zu sagen, und fragte sie dann nach
einer Pauline Weber, die gar nicht existirte, und sagte ihr, da uns die
Pauline frher so bestohlen htte, und fing nun an, etwas lauter auf die
Pauline zu schimpfen, was das fr ein schlechtes Frauenzimmer wre
und uns silberne Lffel und Servietten und Wsche und was sonst noch
weggenommen htte. Auf einmal geht die Thr auf, und die Pauline strzt
herein, und ich denke, sie soll mich und meine Frau in Stcke reien, so
wthend war sie. Wir konnten sie auch wirklich kaum beruhigen, da wir
gar nicht sie, sondern eine ganz andere Pauline gemeint htten, denn sie
drohte in Einem fort mit der Polizei. Aber es war auch ein Glck, da
ich nichts weiter gesagt hatte, denn wie sich spter herausstellte, war
sie's auch gar nicht gewesen, sondern eine Aufwrterin, die wir manchmal
im Hause hatten und die bei einer andern Dieberei erwischt wurde und
Alles eingestand.

Sonderbar, sonderbar, sagte Witte und schttelte in Einem fort mit dem
Kopf, man sollte es nicht fr mglich halten....

Nicht wahr? sagte Rath Frhbach, nicht wenig durch die Anerkennung
geschmeichelt. Ja, es passiren wirklich wunderbare Sachen auf der Welt;
aber man mu nur einen Blick dafr haben. Ich sage Ihnen, da begegnete
ich eines Tages dem Regierungs-Prsidenten Hesse, einem alten Freunde
von mir, auf dem Markte....

Sie entschuldigen mich gewi, lieber Rath, ich mu hier abbiegen,
unterbrach ihn Witte, dem eine Fluth von Gedanken durch den Kopf scho.

Das macht nichts, sagte Rath Frhbach freundlich, ich habe gar nichts
zu versumen; ich begleite Sie. Also der Prsident....

Aber ich biege hier gleich in das nchste Haus ab; ich habe dort
Jemanden in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen. Sie erzhlen mir
die Geschichte ein ander Mal, wie?

Gewi, mit dem grten Vergngen, sagte Frhbach; sie ist brigens
gar nicht lang, und wenn Sie....

Hier ist das Haus -- ich danke Ihnen, lieber Rath. Auf Wiedersehen!
Und damit ging Witte in ein vollkommen fremdes Haus, in dem er keine
Menschenseele kannte, und stieg dort, nur in dem Gefhl, den sonst nicht
abzuschttelnden Rath los zu werden, und ganz in Gedanken eine Treppe
nach der andern hinauf, bis er sich pltzlich unter dem Dache vor einer
schmalen, mit einem Vorhngeschlo versehenen Bodenthr fand und nun
nicht weiter konnte.

Herr Du mein Gott, sagte er hier, ordentlich erstaunt, wo bin ich
hingerathen? Die verdammten Treppen! Aber hieher ist er mir doch nicht
gefolgt -- jetzt kann ich nur machen, da ich wieder hinunter komme.

Ganz unbemerkt sollte das aber nicht geschehen; denn die Treppe war
steil und unbequem zu gehen, er hatte dabei etwas Gerusch nicht
vermeiden knnen. Wie er in der dritten Etage wieder ankam, ffnete
sich eine Thr, und eine Frau fragte, den Kopf herausstreckend: Zu wem
wollen Sie?

Witte mochte nicht sagen, da er nur auf gut Glck hier hinaufgelaufen
sei, und nach dem ersten besten Namen, der ihm einfiel, fragte er:
Knnen Sie mir nicht sagen, liebe Frau, ob hier der Schneider Mller
wohnt?

Ja wohl, der wohnt hier, nickte die Frau, die Thr jetzt aufmachend;
bitte, wollen Sie nicht nher treten?

Das ist Pech! brummte Witte leise vor sich hin und las jetzt wirklich
zu seiner Ueberraschung auf einem an der Thr angehefteten Schilde die
zierlich geschriebenen Worte: Karl Mller, Schneidermeister. Es half
aber nichts, nach der Frage mute er hineingehen und wute auch in der
ersten Verlegenheit wirklich nicht, was er anders thun sollte. Er htte
aber kein Advocat sein mssen, wenn er um irgend einen Ausweg verlegen
gewesen wre, und kaum betrat er deshalb auch die kleine, entsetzlich
dumpfige Werksttte, wo ein bleich genug aussehender junger Mann mit
zwei Lehrjungen arbeitete, als er auf diesen zuging und sagte: Ach,
mein lieber Herr Mller, ich bin der Staatsanwalt Witte und suche einen
Schneider Mller mit dem Vornamen Chrysostomus, kann ihn aber im ganzen
Adrekalender nicht finden. Wren _Sie_ vielleicht im Stande, mir
Aufklrung zugeben und zu sagen, wo ich ihn treffen kann?

Der arme Schneider, dessen Gesicht sich ordentlich aufgeklrt hatte,
als er, wie er glaubte, einen neuen Kunden eintreten sah, schien etwas
niedergeschlagen, erwiederte aber doch, er bedauere, nicht dienen zu
knnen. Er selber sei noch nicht so sehr lange hier ansssig und kenne
keinen Chrysostomus Mller.

Witte sah sich in der Stube um; sie war unendlich sauber gehalten, aber
auch unendlich rmlich und enthielt kaum das Nothdrftigste von Mbeln.
Neben dem Meister lag auch sein Vesperbrot, und in der That nicht mehr,
als um was er wahrscheinlich tglich bat, sein tglich Brot, eine
harte Kruste, ohne Butter oder andere Zuthat. Witte war schon im Begriff
zu gehen, als er noch auf der Schwelle stehen blieb und sagte: Ich
bin mit dem Meister, der meine Kleider macht, nicht recht zufrieden und
mchte gern einmal wechseln; haben Sie Zeit, so kommen Sie morgen frh
um acht Uhr zu mir, aber nicht spter, um mir Ma zu nehmen. Wenn Sie
ordentlich arbeiten, bekommen Sie nicht allein einen guten Kunden,
sondern ich werde Sie auch noch weiter empfehlen -- hier haben Sie meine
Karte. -- Und mit dem Bewutsein, ein gutes Werk gethan zu haben, stieg
er die Treppe wieder hinab.

Er hatte den Schneider aber schon vergessen, ehe er nur das Haus
verlie, denn andere Dinge gingen ihm jetzt im Kopf herum: die Erbschaft
der Frau Heberger! Da er daran auch noch gar nicht gedacht! Da war
ein Anhaltspunkt, denn er zweifelte keinen Augenblick, da die Heberger
darber, wo sie das Geld damals erhoben, keine gengende Auskunft wrde
geben knnen, und dann nun -- wenn er ein Mittel fand, die Heberger zum
Reden zu bringen -- des Raths Erzhlung, wenn sie auch, wie alle seine
Geschichten, einfach im Sande verlief, hatte eine wahre Flle von Ideen
in ihm wachgerufen, und er brauchte Zeit, um die zu verarbeiten.

Vor allen Dingen mute er noch eine Besprechung mit der Frau Baumann
haben, und raschen Schrittes eilte er jetzt auf das Polizeigebude zu.




6.

Auf dem Criminalamt.


Witte hatte an dem Abend eine lange Besprechung mit dem die Untersuchung
fhrenden Justizrath und erfuhr darin Manches, was er zur Ausfhrung
seines immer erst flchtig und noch unklar entworfenen Plans gebrauchen
konnte.

So hatte sich bei einer genaueren Nachforschung ber die gestohlenen
und bei Heberger gefundenen Gegenstnde ergeben, da viele Sachen von
Stellen herrhrten, in welche Heberger selber nie einen Fu gesetzt, wo
aber seine Frau desto hufiger ein- und ausgegangen war, und es stellte
sich dadurch als ganz bestimmt heraus, das sie ebenfalls nicht allein
die Hehlerin gemacht, sondern auch einen Theil der Kostbarkeiten selber
entwendet haben mute. Vieles war allerdings schon verkauft worden, und
da der Schuhmacher ein umfangreiches Gestndni abgelegt, so kam
man auch dadurch hinter einige gewerbsmige Hehler-Spelunken, die
aufgehoben wurden. Alles hatte er aber doch nicht untergebracht und
jedenfalls auf eine sptere, gelegene Zeit aufgespart. So fand sich auch
unter dem gestohlenen Gut noch verschiedenes Silberzeug, welches das
Wendelsheim'sche Wappen trug und ebenfalls nur von der Frau gestohlen
sein konnte, und auf dieses basirte Witte einige Hoffnung, um das
gndige und allerdings leicht irritirbare Frulein gegen die Frau
aufzubringen; aber strkere Mittel muten freilich noch mitwirken.

Der Untersuchungsrichter gab brigens seine Zustimmung zu Allem, drngte
aber, rasch vorwrts zu gehen, um keiner der Parteien lange Zeit zur
Ueberlegung zu gestatten, denn dadurch wrde oft, wie er behauptete, ein
nie wieder einzubringender Vortheil aus der Hand gegeben. Witte strubte
sich allerdings dagegen; er war seiner Sache viel zu wenig sicher, um
nicht frchten zu mssen, durch zu groe Eile das Ganze zu berstrzen,
und ging der erste Anlauf verloren, so konnten sie sich nur als
geschlagen betrachten. Der Untersuchungsrichter, ein alter, sehr
tchtiger Criminalist, bestand aber auf seinem Willen, und das gndige
Frulein von Wendelsheim wurde deshalb zu dem Zweck durch einen
expressen Boten auf morgen frh halb zwlf Uhr auf das Criminalamt
beschieden -- ein weiterer Grund der Vorladung war natrlich nicht
dabei bemerkt, der Gensdarme aber, der die Vorladung zu befrdern hatte,
angewiesen worden, sich zugleich eine Liste von ihr ber auf Wendelsheim
vermite Silbersachen oder sonstige Gegenstnde zu erbitten.

Von der Frau Baumann, die der Staatsanwalt sehr still und niedergedrckt
antraf, wollte er jetzt erfragen, welchen Platz ihre Schwester damals
angegeben habe, um die vermeintliche Erbschaft zu erheben. Da beide
Schwestern die Zeit ihrer Abwesenheit nur in einer nicht sehr entfernten
kleinen Stadt zugebracht, hatte sie ihm schon erzhlt. Die Frau
Baumann erinnerte sich auch, da Berlin genannt gewesen, was der
Schlossermeister ebenfalls besttigte, denn er hatte in jener Zeit fest
geglaubt, die beiden Schwestern wren dorthin gereist, aber, mit nicht
dem geringsten Verdacht einer Tuschung, nicht weiter danach gefragt.

Am nchsten Morgen um acht Uhr kam der von ihm bestellte Schneider
Mller, um ihm Ma zu nehmen. Er hatte schon gar nicht mehr an den Mann
gedacht, der sich aber mit dem Glockenschlag einstellte. Witte schickte
dann in den nchsten Laden hinber, um sich einige Stcke Tuch herber
bringen zu lassen, und bis die eintrafen, unterhielt er sich mit dem
Manne. Mller war ein geborener Mecklenburger, seine Mutter stammte aus
Alburg, und nach des Vaters Tode hatte sie das Heimweh bekommen und sich
hieher zurckgezogen, wo er sich dann mit der neuen Gewerbefreiheit eine
Werkstatt grndete. Aber das Geschft ging noch schlecht -- er htte
gern geheirathet, um seiner alten Mutter die Sorge fr die Wirthschaft
abzunehmen -- aber es ging nicht, er mute es auf sptere Zeiten
verschieben und sich erst etwas verdienen, ehe er daran denken
konnte, denn ein reiches Mdchen -- das heit Eine, die an zwei- bis
dreihundert Thaler im Vermgen hatte -- nahm ihn ja doch nicht.

Es war die alte Geschichte, das Ankmpfen eines fleiigen, braven Mannes
gegen den tglichen Bedarf. Indessen kam das Tuch, wurde bestimmt und
berliefert, und der junge Schneidermeister versprach die Kleider auf
den angegebenen Tag pnktlich abzuliefern. Witte wute, da er Wort
halten wrde, und wenn er htte Tag und Nacht arbeiten sollen.

So rckte die Zeit heran, wo er auf das Criminalamt mute. Das Verhr
der Heberger war auf zehn Uhr festgesetzt, und etwa eine Viertelstunde
vor dem bestimmten Termin fand er sich oben ein. Bald darauf wurde die
Frau vorgefhrt, aber auf ihr ganzes Wesen schien die bisherige Haft
nicht den geringsten Eindruck gemacht zu haben. Sie sah finster und
verschlossen aus wie immer, und mit zusammengekniffenen Augen blickte
sie die drei Mnner, den Untersuchungsrichter, den Protokollanten
und Witte, der seitwrts an einem Fenster stand, tckisch, aber auch
verchtlich an, als ob sie sich bewut sei, da diese, trotz aller
Kreuzfragen, nichts aus ihr herausbringen sollten, als was sie
selber Willens sei, ihnen zu sagen. Wer htte sie zwingen knnen! Der
Untersuchungsrichter berraschte sie da einigermaen, indem er begann:

Heberger, Ihr seid heute eigentlich zu keinem richtigen Verhr
herbeschieden, sondern nur um Auskunft ber verschiedene, minder
wichtige Dinge in Hinsicht auf den verbten Diebstahl zu geben.

Die Frau schwieg und schaute strrisch vor sich nieder; sie erwartete
das Weitere.

Was die verschiedenen, bei Euch aufgefundenen Silbersachen betrifft,
fuhr der Untersuchungsrichter fort, so wit Ihr, da bei sehr vielen
der Beweis Eurer eigenen Thtigkeit geliefert ist. Alles hat sich
aber nicht gefunden, besonders einige Stcke, bei denen den frheren
Eigenthmern viel daran liegt, sie wieder zu bekommen. Euer Mann
versichert, da nichts von Euch selber eingeschmolzen sei, und wir haben
keinen Grund, daran zu zweifeln; jedenfalls ist aber, wie der Beweis
vorliegt, ein Theil des gestohlenen Gutes von Euch verkauft worden
und Einiges davon auch wirklich wieder gefunden, Anderes natrlich
verschwunden. Nun hat sich bei den Gegenstnden auch ein Theil derselben
als Eigenthum der Familie Wendelsheim herausgestellt. Das scheint aber
nur der kleinste Theil dessen zu sein, was Ihr dort bei Seite gebracht
habt, und es ist uns von derselben die Weisung zugegangen, auch nach
einem sehr schweren silbernen Teller mit dem Familienwappen zu forschen,
den Ihr bei Eurem letzten Besuche dort mitgenommen haben mt, denn er
ist seit der Zeit verschwunden.

Und wer sagt das? fragte die Frau finster.

Das kann Euch einerlei sein, fuhr der Untersuchungsrichter fort; ich
sage es, und das ist genug.

Stellt mir den Baron gegenber, sagte die Alte trotzig, und lat
ihn mich nach einem gestohlenen Stck fragen, und ich werde ihm Antwort
geben -- Niemandem weiter.

Der Baron, sagte der Untersuchungsrichter, ist schwer krank,
krperlich nicht sowohl als geistig; er bekmmert sich um gar nichts
mehr, und das gndige Frulein von Wendelsheim hat jetzt im Schlosse die
alleinige Leitung der Geschfte.

Das gndige Frulein von Wendelsheim hat mich nach einem gestohlenen
Teller fragen lassen? rief die Frau, wild und zornig emporfahrend.

Ich habe Euch schon einmal gesagt, da Euch das einerlei sein kann,
_wer_ danach fragen lt, entgegnete der Inquirent; ich frage Euch
jetzt danach, und mir habt Ihr zu antworten.

Ich wei von keinem Teller, sagte die Frau strrisch, habe nie einen
in dem gottvergessenen Hause, das ich wollte, ich htte es nie im Leben
betreten, gesehen.

Ihr seid eine hartgesottene Person, sagte der Inquirent; die
Herrschaft da drauen ist so freundlich und liebevoll gewesen, und aus
Dankbarkeit dafr stehlt Ihr derselben das Silber und die Wsche selbst
aus dem Kasten heraus.

Wer hat behauptet, da ich ihnen Wsche aus dem Kasten genommen habe?
rief die Frau mit blitzenden Augen. Und liebevoll behandeln? -- Wenn
ich wte, da das bse Geschpf... -- Sie bi sich auf die Lippen und
schwieg.

Was wolltet Ihr sagen?

Nichts -- ich wei von nichts.

Gut, dann hat hier der Herr Staatsanwalt Witte nur noch eine Frage an
Euch zu richten, die Ihr ihm hoffentlich besser beantworten werdet, als
mir die meinigen.

Der Staatsanwalt Witte? sagte die Frau spttisch. Ich denke, der
_wei_ Alles! Was hat denn der da noch zu _fragen_?

Ich will Euch 'was sagen, Heberger, erwiederte Witte, ich wei auch
mehr, als Euch vielleicht lieb und zutrglich ist, und was ich Euch
fragen will, hat, wie Ihr gleich hren werdet, mit nichts etwas zu
thun, was ich nicht wte -- es ist nur wegen einer von Euren Lgen. Ich
mchte deshalb hren, wie der Platz heit, wo Ihr damals die Erbschaft
fr Euch und Eure Schwester erhoben habt -- Ihr wit doch, welche ich
meine -- und wo die Papiere sind, die Euch darber ausgestellt wurden.

Ich habe keine Papiere, knurrte die Frau; es ist drei- oder
vierundzwanzig Jahre darber hingegangen.

Das wre mglich, da die in der Zeit verloren gegangen wren, nickte
Witte; aber den Namen der Stadt werdet Ihr doch wohl noch wissen, wo
Ihr das Geld bekommen habt?

Die Frau schwieg und sah finster vor sich nieder.

Es hilft Euch nichts, Heberger, sagte Witte kopfschttelnd. Woher
Ihr das Geld wirklich bekommen habt, wollt Ihr nicht gestehen -- es ist
auch nicht nthig, wir haben es schon erfahren; aber die Frau ist jetzt
todt, der Mann geistesschwach geworden und also von dem Arm des Gesetzes
nicht zu erreichen. Von der Familie Wendelsheim hat Niemand weiter mit
der schmutzigen Geschichte zu thun gehabt, denn das gndige Frulein
ist dazu eine viel zu achtbare Dame; also seid Ihr die, an die wir
uns allein halten knnen. Gebt mir nur blos einen Platz an, wo Ihr die
Erbschaft wollt erhoben haben, ich schreibe dann gleich hin, und Ihr
wit selber recht gut, da in acht oder vierzehn Tagen die Antwort
eintrifft: es wre kein Wort von der ganzen Geschichte wahr. Aber Ihr
habt damit Euren Zweck erreicht und das Urtheil noch um ein paar Wochen
hinausgeschoben. Uebrigens hilft Euch das nicht einmal etwas, denn fr
die von Euch verbten Diebsthle und die Hehlerschaft des Uebrigen kommt
Ihr schon vorher in's Zuchthaus. Also wo war Eure Erbschaft her?

Die Frau hatte den Sprechenden mit ihren groen, lichtblauen Augen starr
angesehen und war anscheinend dem, was er sagte, mit der gespanntesten
Aufmerksamkeit gefolgt. Sie beantwortete aber die Frage nicht gleich,
sondern fragte im Gegentheil zurck:

Der Baron von Wendelsheim ist geisteskrank?

Die Wendelsheim'sche Familie, habe ich Euch schon gesagt, hat mit der
Sache, den rechtmigen Erben ausgenommen, weiter gar nichts zu thun --
lat die nur, sagte Witte; sie soll auch gar nicht belstigt werden --
Eure Schwester hat uns Alles ausfhrlich eingestanden -- beantwortet mir
also meine Frage...

Und was wei meine Schwester davon? knurrte die Frau.

Wo also wollt Ihr die Erbschaft erhoben haben?

Sie glauben es mir doch nicht...

Nein, darauf kommt auch nichts an; es ist nur, da der Form gengt
wird, und die mu beachtet werden.

Ich kann mich jetzt nicht darauf besinnen.

Gut, ich will Euch nicht drngen, sagte Witte, nach seiner Uhr sehend;
es sind jetzt gerade zehn Minuten ber zehn Uhr -- ich gebe Euch eine
halbe Stunde Zeit. Ueberlegt Euch indessen, was Ihr mir sagen wollt; bis
dahin aber mu ich eine Antwort haben, oder das Gericht nimmt an, da
Ihr dieselbe verweigert, und das ist dann, wie Ihr recht wohl wit,
eben so gut wie ein stummes Eingestndni, da Ihr den Ort nicht nennen
_knnt_, weil er nicht existirt. -- Sie erlauben wohl, da die Frau
die kurze Zeit in dem Nebenzimmer bleibt, damit wir sie nachher gleich
wieder bei der Hand haben?

Jawohl, nickte der Untersuchungsrichter; die anstoende Stube ist
leer, sie kann dort warten. -- Er klingelte, und als einer der
Leute eintrat, gab er Ordre, da die Frau da nebenan einen Augenblick
eintreten solle, bis sie wieder in ihre Zelle gefhrt wrde. Noch ehe
sie aber das Zimmer verlassen hatte, fragte er den Polizeidiener: Ist
das gndige Frulein von Wendelsheim erschienen, um ihr Silberzeug
wieder in Empfang zu nehmen?

Jawohl, Herr Justizrath, erwiederte der Mann, sie ist eben
vorgefahren.

Schn. So ersuchen Sie die Dame, einen Augenblick zu warten -- oder es
ist auch nicht nthig, setzte er hinzu. Fhren Sie nur die Frau ab;
ich werde selber gehen.

Die Heberger war stehen geblieben, als sie den Namen hrte; jetzt bi
sie die Zhne fest zusammen und folgte dem Manne.

So, sagte sie, als sie in's andere Zimmer trat, und ist das etwa
Gerechtigkeit? Das Frauenzimmer, weil sie hochadelig und vornehm ist,
wird _ersucht_ einzutreten, und fhrt in ihrem Wagen vor, und mich
behandelt man wie einen Hund, der aus einem Kasten in den andern gefhrt
wird!

Wenn die gestohlen oder sonst ein Verbrechen begangen htte, wie Ihr,
brummte der Mann, so wrde sie gerade so behandelt, und jetzt haltet's
Maul und setzt Euch da auf den Stuhl hin, bis Ihr wieder gerufen
werdet! Und damit ging er wieder hinaus, schlo von auen die Thr,
welche auf den Vorsaal fhrte, und lie die Gefangene, mit Gift und
bitterer Galle im Herzen, allein zurck.

Und hatte dieser Staatsanwalt, den sie hate -- hate wie nur ein Weib
hassen kann, nicht recht, wenn er sagte, da sie doch fr das
Zuchthaus reif sei, mochte geschehen, was da wolle? Da sie sich an den
Diebsthlen betheiligt, war nicht mehr abzuleugnen -- die gefundenen
Gegenstnde zeugten klar genug gegen sie--, und was dann? Sie wurde
eingesperrt und mute Wolle spinnen, und wenn sie endlich wieder frei
kam, wiesen die Kinder mit Fingern auf sie und schrieen: Die -- die
kommt aus dem Zuchthaus, die hat gestohlen! Und das Frulein von
Wendelsheim indessen fuhr in ihrer Kutsche vornehm an die Polizei heran,
und die Leute, welche _sie_ mit Verachtung behandelten, machten ihr eine
Verbeugung. -- Und fr wen hatte sie Alles gethan? Fr sich allein, fr
die lumpigen paar Tausend Thaler etwa? Und zeigte sich ihr jetzt auch
nur Einer von Allen als Freund? Ihre eigene Schwester verrieth sie --
der Schlosserssohn, den _sie_ zum Baron gemacht, kannte er sie etwa nur,
wenn er ihr in der Strae begegnete -- und das gndige Frulein...?
-- Sie versank in dumpfes, grimmiges Brten und hielt dabei die dnne
Unterlippe fest und unerbittlich zwischen ihren Zhnen eingeklemmt.
Drauen war Alles ruhig, sie hrte keinen Ton eine lange Zeit. Jetzt
wurde eine Thr geffnet und gleich darauf eine Stimme laut, deren
scharfen Ausdruck sie nur zu gut kannte -- es war die des Fruleins
von Wendelsheim -- und war die besser, als sie? Ja, abgewlzt hatte sie
Alles von sich und auf die arme, selige Baronin geschoben, die eher
ihr eigenes Leben als ihr Kind geopfert htte -- und der Baron verrckt
geworden? -- Sie schauderte zusammen, wenn sie sich die Mglichkeit
dachte, denn das sah aus wie Gottes Strafgericht. -- Und hier der de
Raum, die vergitterten Fenster, die Verachtung, mit der sie von allen
Menschen behandelt wurde! Die Brust wurde ihr so eng, sie konnte kaum
Athem holen und sprang wieder von dem Stuhl empor. Jetzt pltzlich
horchte sie hoch auf -- drauen hrte sie ihren Namen nennen, und wie
ein Schatten glitt sie nach der Thr, an die sie ihr Ohr prete.

Das gndige Frulein war auerordentlich pnktlich und eigentlich noch
acht Minuten vor ihrer Zeit, aber auch mit schlecht verbissenem
Ingrimm eingetroffen, weil man gewagt hatte, ihr die Einladung auf das
Criminalamt auf einem der gewhnlichen gedruckten Bogen, wie fr gemeine
Verbrecher, zu senden. Der mute denn natrlich den Leuten auf dem Hofe
in die Hnde fallen, und schon darber erbost, konnte sich ihre Laune
durch das lange Warten natrlich nicht verbessern.

Was will man von mir? fragte sie einen alten Polizeidiener, der auf
einem hohen Sessel an einem Stehpult sa und eine Liste vor sich hatte.

Der Mann zuckte nur die Achseln, deutete auf die eine Thr und meinte,
sie wrde es da drin schon erfahren.

Und weshalb werde ich nicht vorgelassen?

's ist noch Jemand drin, sagte der Polizeibeamte, ohne sie anzusehen.
Hier geht Alles nach der Reihe. Wenn Sie dran kommen sollen, wird
geklingelt.

Jetzt wurde die Thr aufgemacht und der Actuar rief heraus: Frulein
von Wendelsheim in Nr.17!

Was? schrie das gndige Frulein, in jhem Schreck emporfahrend, und
wurde in dem Moment todtenbleich. Man will mich doch nicht einkerkern?

Ne, lachte der alte Polizeidiener gutmthig, noch nicht -- die
Nummer 17 ist nicht gemeint, die Thr da gerade vor, da sollen Sie
hineingehen. Und er deutete dabei mit der Hand auf die bezeichnete
Nummer.

Das gndige Frulein holte tief Athem -- die ganze Umgebung hatte doch
einen unheimlichen Eindruck auf sie gemacht; sie war dadurch so ganz aus
ihrer frheren Sphre herausgerissen -- es _frchtete_ sie hier
Niemand, und selbst die untersten Diener behandelten sie mit einer
Gleichgltigkeit, die sie emprte, die ihr aber auch imponirte.

Sie schritt auf das ihr angegebene Zimmer zu und ffnete die Thr --
es war ein groer, gerumiger, der Saal mit einem grn beschlagenen,
langen Tisch in der Mitte von vielen Sthlen. Er diente jedenfalls zu
gewissen Zeiten als Sitzungszimmer. Auf dem Tisch aber lagen die von dem
Heberger'schen Ehepaare gestohlenen Gegenstnde ausgebreitet, und
durch die andere Thr trat jetzt der Untersuchungsrichter mit dem ihn
begleitenden Witte herein.

Mein gndiges Frulein, sagte der Justizrath, ohne es der Mhe werth
zu halten, sich zu entschuldigen, da er sie so lange im Vorzimmer hatte
warten lassen, es hat sich herausgestellt, da Sie durch die Ihnen sehr
wohl bekannte Heberger ebenfalls nicht unbetrchtlich bestohlen sind.
Es haben sich da besonders verschiedene Silbersachen gefunden, die noch
das Wappen Ihrer Familie tragen. Wollen Sie einmal geflligst nachsehen,
ob Sie das Alles als das Eigenthum Ihres Herrn Bruders erkennen?

Frulein von Wendelsheim, deren Miene sich sehr verfinstert hatte, als
sie den Staatsanwalt erkannte, wollte schon fragen, weshalb man ihr
nicht eben so gut die Sachen htte hinausschicken knnen, anstatt sie
selber hieher zu bemhen; der alte Justizrath sah aber so ernst und
wrdig aus und schien sich dabei hier so in seinem vollen Recht zu
fhlen, da sie die Frage wieder verbi und der Aufforderung Folge
leistete. Sie erkannte und besttigte auch bald die nach Schlo
Wendelsheim gehrenden Sachen und uerte dabei, sie htte der Person,
der Heberger, wohl zugetraut, solche schlechte Handlungen begehen zu
knnen.

Und doch haben Sie sich mit der Person so nahe einlassen knnen, mein
gndiges Frulein, sagte der Justizrath kalt. Bitte, treten Sie
hier in das andere Zimmer; die Sachen sollen Ihnen spter, wenn die
Untersuchung geschlossen ist, verabfolgt werden. Damit ging er ihr
voran zur andern Thr, wo Witte schon, die Hand auf der Klinke, stand.

Mit der Person nahe eingelassen? sagte Frulein von Wendelsheim und
ma den alten Herrn mit ihrem Blick von oben bis unten. Was wollen Sie
damit sagen?

Mein gndiges Frulein, erwiederte der Justizrath, die Sache ist kein
Geheimni mehr. Jene Frau Baumann, die ihren Sohn damals hergegeben, hat
Alles bekannt und ein reumthiges Gestndni abgelegt...

Die Frau Baumann? rief das gndige Frulein und wechselte in jhem
Schreck die Farbe. Welche Baumann?

Die Schlossersfrau -- und das ist sonst eine vollkommen unbescholtene
Person...

Aber das nicht allein, mein gndiges Frulein, sagte jetzt Witte,
der einen letzten, verzweifelten Versuch machte, die Dame zum Reden
zu bringen, auch die gefangene Heberger hat Alles eingestanden und
erklrt, da sie nur mit Ihnen und Ihrer Hlfe den Tausch bewerkstelligt
htte. Sie werden sich dagegen jedenfalls zu verantworten haben.

Die Heberger? rief Frulein von Wendelsheim in ausbrechender Wuth,
und Witte ffnete rasch die Thr, whrend sie der Justizrath durch ein
Zeichen bat, dort hinein zu treten. Und so eine schlechte Person, so
eine ganz gemeine Diebin durfte sich das unterstehen, und das Gericht
legt auf das Gewicht, was so ein Geschpf sagt? Hren Sie, was die
Leute drauen auf dem Land ber das Weib sprechen: da ist auch keine
Schlechtigkeit auf der Erde, die _der_ nicht zur Last gelegt wird, und
mir, der Schwester des Barons von Wendelsheim, wollen Sie...

Sie kam nicht weiter; in dem Moment wurde die gegenberliegende Thr
aufgerissen und wie eine Furie strzte die Heberger heraus.

Was? schrie sie, das adelige Weibsbild will hier ber mich herziehen
und _meine_ Snden aufzhlen? Und ich soll schweigen und das Maul
halten und mich einsperren und schlecht behandeln lassen, nur da _sie_
grobrodig in ihrer Kutsche fahren und die Schandgosche ber andere
Leute aufreien kann? Ei, zum Henker, dann kann ich auch reden, und nun
ist's doch einerlei und die Geschichte hier aus.

Frulein von Wendelsheim erschrak. Sie war schlau genug, im Augenblick
die ihr gelegte Falle zu sehen, und wie sie sich einen Moment unbemerkt
glaubte -- denn die Blicke der Beamten hingen an dem gereizten Weibe--,
blinzelte sie ihr rasch mit den Augen zu. Aber das war gefehlt; sie
machte das Uebel dadurch nur wo mglich noch schlimmer, denn die
Heberger, der das nicht entging, tobte nun erst recht heraus:

Ja, jetzt haben Sie gut blinzeln, nicht wahr -- nun die Heberger da
ist und auf einmal Alles gehrt hat? Mir brauchen Sie aber nicht mehr
zuzuwinken und heimliche Zeichen zu geben -- mir nicht, das ist vorbei,
und jetzt hren Sie hier auch die ganze Geschichte: der Fritz Baumann
ist der Sohn vom Baron und der Bruno der Junge vom Schlosser -- die da
hat sie vertauscht und die ganze Sache abgekartet, weil sie glaubte, da
es ein Mdchen wre. Der alte Baron wollte erst nicht -- die Frau, die
selige Baronin, hat nie ein Wort davon erfahren. Alles, was die Baumann
gesagt hat, ist wahr, und wenn Ihr _mir_ nicht glaubt, dann lebt hier in
der Stadt noch Jemand, der es bezeugen kann -- die Frau, die damals als
Wartefrau bei der Baronin diente....

Aber die ist ja todt, denk' ich? rief Witte rasch.

Weil ich's der Baumann gesagt habe, hat die's geglaubt. Nein, sie lebt
hier in der Stadt; damals zog sie nach Mecklenburg und heirathete
einen Schneider, jetzt ist der Mann gestorben und sie mit ihrem Sohne
zurckgekommen. Wo sie gerade wohnen, wei ich nicht, aber sie werden zu
finden sein. Und nun steckt die da auch ein, am liebsten zu mir in das
nmliche Loch, da ich doch wenigstens die paar Tage, die ich noch auf
der Welt bin, eine Freude habe.

Witte triumphirte im Stillen ber die gelungene List, aber ihn
schauderte auch zugleich, wenn er die Megre ansah, die mit den
fliegenden, grauen Haaren und den weit aufgerissenen, ordentlich
unheimlich lichten Augen eher einer von Macbeth's Hexen als einem
menschlichen Wesen glich. Starr vor Grimm und Entsetzen aber stand
ihr das gndige Frulein gegenber -- vor Grimm ber ihre eigene
Machtlosigkeit, vor Entsetzen ber die ihr in die Zhne geschleuderte
Anklage, der zu begegnen sie im ersten Augenblick weder Worte noch
Gedanken fand.

Der Einzige in der That im ganzen Zimmer, der sein kaltes Blut bewahrt
zu haben schien, war der Actuar, der an seinem Tische mit ordentlich
fliegender Feder stenographisch die Worte nachschrieb, welche ber die
Lippen des rasenden Weibes sprudelten. _Der_ Anblick gab aber auch das
Frulein von Wendelsheim sich selber wieder, und mit einem hhnischen
Blick auf den Schreibenden sagte sie:

Nun, Frau Heberger, Sie haben wenigstens den Herren hier den Gefallen
gethan und Alles gesagt, was _Sie_ wuten oder zu wissen glaubten, und
demnach hat allerdings, wie es scheint, auf dem Schlosse ein Betrug
stattgefunden oder finden sollen -- _ich_ wei es nicht; nur da _ich_
damit nicht in Verbindung stand, hoffe ich zu beweisen. Fr jetzt
ersuche ich die Herren, mir zu sagen, ob ich zu einem Verhr oder nur
dazu vorgefordert gewesen bin, um die Frau da zum Reden zu bringen.

Mein gndiges Frulein, sagte der Justizrath trocken, da noch keine
wirkliche Anklage gegen Sie formulirt ist, glaube ich, da wir Sie heute
entlassen knnen. Die eine Frage beantworten Sie mir nur: Sie haben
gehrt, was jene, allerdings wenig glaubwrdige Frau ber Sie gesagt hat
-- in wie weit ist das begrndet?

So weit es mich betrifft, eine faule, erbrmliche Lge, sagte die Dame
stolz.

So leugnen Sie jedes Mitwissen an dem Vergehen ab?

Jedes.

Aber Sie bezweifeln das Vergehen selber nicht?

Ich bezweifle es allerdings, weil ich es nicht fr mglich halte.

Sehr schn. Sie werden Ihre Vorladung erhalten, wenn Sie hier wieder zu
erscheinen haben.

Und die darf gehen und ich werde eingesperrt? rief die Heberger. Und
wissen Sie, was _die_ ihrem Bruder gestohlen hat, seit sie ihm drauen
die Wirthschaft fhrt -- jedes Jahr mehr, als ich und mein Mann unser
ganzes Leben zusammengebracht haben!

Schaffen Sie die Frau wieder in ihre Zelle, Schultze, sagte der
Justizrath zu dem Polizeidiener, der schon in die Thr getreten war, als
die Heberger in ihr erstes Toben ausbrach.

Und das ist Gerechtigkeit! hohnlachte das Weib. Verdreht und
gewendet, wie man's gerade braucht, gelogen und betrogen, nur nicht fr
das vornehme Pack, dem man nicht zu nahe treten darf!

Schaffen Sie das Weib hinaus!

Komm, Heberger! rief der Polizeidiener, sie am Arm ergreifend.

Fat mich nicht an! schrie sie aber auf, indem sie sich wieder von
ihm losri. Ich gehe schon von selber, mag den Spectakel auch gar nicht
lnger mit ansehen -- pfui! rief sie, vor dem Justizrath und Witte
ausspuckend, und schritt dann mit raschen, zornigen Schritten aus der
Thr.

Frulein von Wendelsheim wartete noch einen Augenblick. Sie horchte nach
auen zu, um wahrscheinlich erst die Schustersfrau aus dem Vorsaal zu
lassen, ehe sie ihr selber dahin folgte. Wie drauen Alles ruhig war,
sagte sie: Dann werde ich mich jetzt entfernen und das Weitere ruhig
abwarten.

Verziehen Sie noch einen Augenblick, sagte der Justizrath, der
indessen mit Witte heimlich geflstert hatte. Ihr Bruder scheint
geisteskrank zu sein, nicht wahr?

Er hat wenigstens die letzten Tage viel phantasirt und ist vllig
theilnahmlos; aber ich hoffe, da sich das in der nchsten Zeit geben
wird.

Dann werden Sie mir erlauben, sagte der Justizrath, Sie durch einen
von unseren Beamten begleiten zu lassen, dem Sie auf Schlo Wendelsheim,
bis die Untersuchung geschlossen ist und die Geschworenen ihren
Entscheid abgegeben haben, smmtliche Schlssel berliefern, wie er auch
die Verwaltung des Gutes bis zu der Zeit unter sich behlt.

Herr Justizrath! rief Frulein von Wendelsheim emporfahrend.

Mein gndiges Frulein, sagte dieser kalt, Sie selber stehen unter
einer schweren Anklage, und ich wre vielleicht berechtigt, Sie gar
nicht wieder fortzulassen. In der Voraussetzung aber, da Sie zu jeder,
Ihnen bestimmten Zeit vor Gericht erscheinen, will ich davon absehen.
Die Verwaltung des Schlosses dagegen wird, entweder bis der alte Baron
wieder hergestellt oder der wirkliche Erbe unzweifelhaft festgestellt
ist, der von mir mitgegebene Beamte bernehmen. Assessor Schuster wird
das besorgen und Actuar Bessel mag ihn begleiten, um gemeinschaftlich
Alles, die Wohnungsrume ausgenommen, unter Siegel zu legen.

Sie verlangen doch nicht, da ich unter Polizeibedeckung nach Hause
fahren soll?

Nein, die beiden Herren werden _vor Ihnen her_ fahren und Sie mit Ihrem
Kutscher ihnen folgen. Es versteht sich, da indessen auf dem Schlosse
Alles unverndert im =Status quo= bleibt, Niemand entlassen, Niemand
Fremdes zugemiethet und nichts verkauft oder verborgt wird. Herr
Staatsanwalt Witte, Sie thten mir einen besondern Gefallen, wenn Sie,
als Vertreter der Regierung, die Herren heute Abend begleiteten und der
Ausfhrung selber beiwohnten.

Frulein von Wendelsheim war todtenbla geworden; sie wollte sprechen,
aber sie konnte nicht. Es wurde hier auch Alles so geschftsmig
betrieben -- was htte es ihr geholfen! War es dabei das Bewutsein
ihrer Schuld, das sie mit niederdrckte? Sie wagte aber kein Wort der
Widerrede, und nur die Lippen zusammengepret, da sie wei aussahen,
wankte sie aus dem Zimmer und auf den Vorsaal hinaus.

Wissen Sie, Justizrath, was das Merkwrdigste bei der Geschichte ist,
sagte Witte, der die letzten Minuten im Zimmer auf und ab gegangen war
und sich vor innerlichem Vergngen die Hnde gerieben hatte, indem er
vor dem Angeredeten stehen blieb -- da ich eben jenen Schneider Mller
und seine Mutter, von der die Heberger vorhin sprach, gestern Abend
zufllig aufgefunden habe, ohne Ahnung natrlich, da sie dieser
Angelegenheit so nahe standen.

Aber wie?

Rath Frhbach, der langweiligste Mensch seines Jahrhunderts, hat mich
aus Verzweiflung in ein fremdes Haus hinaufgejagt -- doch die Geschichte
erzhle ich Ihnen ein andermal -- kurz, der Mller arbeitet jetzt fr
mich.

Und wissen Sie bestimmt, da es der rechte ist? Der Name Mller.

Gar kein Zweifel, und _jetzt_ wollen wir der Sache schon auf den Grund
kommen, verlassen Sie sich auf mich -- aber nun bitte, eilen Sie auch
unsere Abfahrt, denn dem gndigen Frulein wird sonst die Zeit zu lang.

Der Justizrath war ein Mann von wenig Worten, aber ziemlich rasch
im Handeln. In sehr kurzer Zeit war Alles geordnet, und hinter dem
gemietheten Fiaker fuhr, sehr zum Erstaunen des herrschaftlichen
Kutschers, die Carrosse des Fruleins von Wendelsheim her, das sich, wie
sie nur das Schlo erreichten, augenblicklich auf ihr Zimmer verfgte
und sich dort einriegeln wollte. Die Erlaubni wurde ihr aber nicht
gleich. Vor allen Dingen versiegelte Assessor Schuster, der nichts halb
that, smmtliche Papiere der Gndigen selber, so wthend und aufgebracht
sie sich darber auch zeigte. Er hatte dazu allerdings keinen besondern
Auftrag, that es aber auf Witte's Rath, weil sie nicht wissen konnten,
wie sie vielleicht einmal spter gebraucht werden und von Werth sein
knnten. Dann mute sie ihm smmtliche Schlssel bergeben. Silber
und Wsche, wie alles Derartige, so weit es nicht zum tglichen Bedarf
diente, wurde versiegelt, ber das Andere ein flchtiges Inventar
aufgenommen, und Nachts um zwlf Uhr erst verlie Witte das Schlo
wieder, um nach Hause zurckzukehren.

Der alte Baron wurde gar nicht belstigt; er erfuhr auch nichts oder sah
nichts von der Vernderung im Schlosse. Oben im Zimmer sa er an seinem
Tisch, auf den ihm der Diener, als es dunkel wurde, die Lampe stellte;
er hatte sich aus seiner Bibliothek ein paar Bcher genommen und
beschftigte sich jetzt damit, einzelne Seiten aus den Bnden zu reien
und die Bltter zu verschiedenen komischen Figuren mit einer Schere
auszuschneiden. Er besa darin wirklich eine Gewandtheit, und es war
auch in der That das Einzige, was er in seinem ganzen Leben gelernt
hatte.




7.

Nach allen Seiten.


Am nchsten Morgen war Witte in voller Thtigkeit; denn jetzt wute
er sich der Erreichung seines Zieles gewi, und es galt nur noch, die
verschiedenen Fden fest in die Hand zu nehmen. Vor allen Dingen ging
er zum Untersuchungsrichter, um diesem mitzutheilen, da er fr jene
frhere Wartefrau vllige Straflosigkeit vom Justiz-Ministerium
erbitten wolle, vorausgesetzt nmlich, da sie Alles, was sie ber die
verwickelte Sache wute, aufrichtig gestand. Er glaubte auch, er wrde
den Herrn noch im Bette finden und herausklopfen mssen; der war
aber schon auf und fertig angezogen und kam ihm gleich mit den Worten
entgegen:

Wissen Sie das Neueste, Staatsanwalt? Eben bekomme ich die Meldung, da
sich die Heberger diese Nacht in ihrem Gefngnisse erdrosselt hat --
eine verfluchte Geschichte!

Bah, sagte Witte, den die Todesnachricht ungemein ruhig lie, die
kann jetzt abkommen, denn was wir brauchen, haben wir von ihr; ja,
im Gegentheil bekommt das von ihr abgelegte Gestndni durch ihren
freiwilligen Tod nur um so greres Gewicht.

Und was fhrt Sie so frh zu mir?

Witte theilte ihm seine Absicht mit, und der Justizrath erklrte
ebenfalls, da er keinen Augenblick zweifle, die Bitte werde
zugestanden, noch dazu, da jene Person, whrend sie im Stande war ein
wichtiges Zeugni abzulegen, jedenfalls eine sehr untergeordnete Rolle
bei dem Betrug gespielt hatte.

Noch whrend sie zusammen sprachen, kam ein reitender Bote von
Schlo Wendelsheim mit einer Anfrage an den Justizrath. Frulein von
Wendelsheim bestand nmlich darauf, einen Besuch in der Stadt zu machen,
und fragte an, ob der Justizrath ihr die Erlaubni dazu geben wolle.

Der Justizrath schrieb einfach unter den Brief selber: Frulein von
Wendelsheim hat Hausarrest! und sandte den Boten wieder damit zum
Schlosse.

Witte kehrte langsam nach Hause zurck; in der Sache war allerdings
nichts zu thun, bis die Rckantwort vom Justiz-Ministerium eintraf; es
schien aber dabei kaum mglich, da die wirkliche Thatsache, von der
schon so viele Leute unterrichtet waren, lnger ein Geheimni bleiben
konnte. Ein unbehagliches Gefhl berkam ihn dabei, wenn er an den
bisherigen Baron, den Lieutenant von Wendelsheim, dachte, der, als
eigentliche Hauptperson des Ganzen, noch wahrscheinlich keine Ahnung
von dem ber ihn hereinbrechenden Unheil hatte. Einmal fate er wohl den
Entschlu, ihn rufen zu lassen und ihm Alles mitzutheilen; aber wer von
uns macht sich gern muthwillig zum Trger einer bsen oder schmerzlichen
Nachricht? Und Witte besa zu viel Zartgefhl, noch aus manchem andern
Grunde, um eine solche Enthllung freiwillig auf sich zu nehmen. Er that
deshalb auch, was man gewhnlich in einem solchen Fall thut: er verschob
die Ausfhrung seines Vorhabens auf den Nachmittag oder vielleicht auf
morgen frh, wie es sich gerade passen wrde, denn zu versumen war ja
doch nichts dabei.

Zu Hause fand er auch so viel zu thun, da er kaum zur Besinnung kam,
und sein Mittagessen beseitigte er rasch, denn seine Frau sprach bei
Tische kein Wort; sie spielte noch die Beleidigte des neulich erlassenen
Verbots der Adeligen wegen, und selbst Ottilie war kleinlaut und hatte
rothe Rnder um die Augen. Witte aber that, als merke er das gar nicht,
verzehrte seine Mahlzeit, trank, wie gewhnlich, seine Flasche Wein dazu
und ging dann wieder in sein Arbeitszimmer hinber.

Die Schreiber waren noch nicht von ihrer Estunde zurckgekehrt, als es
pltzlich anklopfte und auf sein Herein! Lieutenant von Wendelsheim,
aber in Civil -- denn er hatte seinen Abschied schon erhalten -- zu ihm
in's Zimmer trat.

Str' ich Sie, Herr Staatsanwalt?

Mich? Gewi nicht, sagte der alte Herr, aber fast erschrocken, denn
Bruno von Wendelsheim sah so bleich aus wie die Wand. Bitte, treten Sie
nher, lieber Baron -- hier herein, wenn Sie so gut sein wollen; meine
Leute kommen bald zurck und haben da ihre Pltze. Mit was kann ich
Ihnen dienen?

Herr Staatsanwalt, sagte Bruno, der der Einladung Folge leistete, ich
kenne Sie als einen Ehrenmann....

Lieber Herr Baron, aber wollen Sie denn nicht Platz nehmen?

Wendelsheim wehrte mit einer dankenden Bewegung der Hand ab und fuhr
fort: Ich komme deshalb, um eine Frage an Sie zu richten, Mann zu
Mann.

Wenn ich im Stande bin, sie Ihnen zu beantworten, sagte Witte und
wnschte sich in dem Augenblick zehn oder zwanzig Meilen fort von da.

Niemand weiter in der ganzen Stadt so gut als Sie, sagte der junge
Mann, denn wie mir versichert ist, haben Sie die Leitung der ganzen
Affaire in der Hand. So sagen Sie mir denn: in wie weit ist das Gercht
begrndet, da bei meiner Geburt ein Kindertausch mit der Frau eines
hiesigen Handwerkers stattgefunden hat und ich demnach nicht der
leibliche Sohn des alten Baron von Wendelsheim, sondern der des
Schlossers Baumann wre?

Alle Teufel, rief Witte berrascht, und wo haben Sie das schon
gehrt?

Beantworten Sie mir erst die Frage, Herr Staatsanwalt.

Wenn Sie mich drngen, sagte Witte achselzuckend, so mu ich Ihnen
allerdings, was Sie mich eben gefragt haben, besttigen. Aber woher
Sie....

Und ich bin nicht das, als was ich erzogen worden, der Erbe des Hauses
von Wendelsheim, sondern eines Schlossers Sohn?

Mein lieber, junger Freund, sagte Witte verlegen, denn es that
ihm weh, das dem armen jungen Manne so mit nackten drren Worten zu
besttigen, vor allen Dingen ist ja noch kein Urtheilsspruch in der
Sache gefllt, und nur der allerdings gegrndete Verdacht....

Aber ich frage Sie ja nicht nach einem Urtheilsspruch, sagte Bruno
bewegt; Ihre Meinung, nach eigener, fester Ueberzeugung, will ich nur
wissen, und glauben Sie um Gottes willen nicht, setzte er rasch hinzu,
da Sie mich dadurch etwa schlimmer krnken, als wenn Sie mir die
Wahrheit vorenthalten. Mu ich es denn nicht wissen, wenn etwas
Derartiges im Werke ist, und denken Sie etwa, da fremde Menschen
zartfhlender in ihrer Enthllung sein werden -- oder gewesen sind?

Sie haben recht, sagte Witte entschlossen, und nun bitte, erzhlen
Sie mir, was Sie gehrt haben, und ich gebe Ihnen mein Wort, da Sie
dann die reine Wahrheit von mir hren sollen.

Bruno erzhlte jetzt, aber Alles so ausfhrlich, da Witte eigentlich
gar nichts mehr hinzuzusetzen fand. Er wute in der That Alles, und der
Staatsanwalt konnte ihm nur besttigen, da die Sache allerdings
bis jetzt so stehe, ein wirklicher Entscheid aber erst durch das
Geschworenengericht stattfinden wrde, dessen nchste Sitzung in etwa
acht oder neun Tagen fiel.

Aber nun, fuhr er fort, bitte ich Sie auch dringend, mir zu sagen,
durch wen Sie das Alles erfahren haben, denn ich gebe Ihnen die
Versicherung, da ich es nicht begreife.

Ich begreife nur nicht, da ich es nicht schon frher gehrt habe,
sagte Bruno, denn meine Quelle ist wahrlich nicht geheimnivoller Art.
Ich erfuhr es heute Morgen durch Rath Frhbach.

Durch Rath Frhbach? rief Witte, den Kopf schttelnd. Dann brauchen
wir auch allerdings kein Geheimni mehr daraus zu machen, denn wenn
_der_ Herr es wei, ist es schlimmer, als ob es in der Zeitung gestanden
htte. Aber lieber junger Freund, fuhr er fort, als er sah, da Bruno
zum Fenster getreten war und die glhend heie Stirn gegen die Scheibe
prete, nehmen Sie sich um Gottes willen die Sache nicht so zu
Herzen. Erstlich ist das Ganze noch gar nicht entschieden. Eine feste
Behauptung: es sei so oder so, steht noch Keinem von uns zu, und im
allerschlimmsten Falle -- ei, zum Wetter auch, im Unglck bewhrt sich
erst der Mann, im Glck knnen wir Alle oben schwimmen, und Sie sind
jung und krftig und haben die Welt noch vor sich -- sehen mir auch
wahrhaftig nicht aus, als ob Sie so leicht verzagen wrden.

Bruno schwieg; er stand am Fenster und sah ber die Grten und
Hintergebude der Nachbarhuser hinaus, aber in Alledem kein festes,
bestimmtes Bild. Das Ganze flimmerte und flatterte ihm vor den Augen.
All' die Luftschlsser, die er sich seit seiner Jugend gebaut und in
bunten Farben aufgethrmt, strzten polternd zusammen, und Alles, was
ihm im dunkeln Hintergrund blieb und sich zu fester Form gestaltete, war
-- eine Schlosserwerkstatt und das von den Blgen aufgewhlte Feuer.
Er hrte auch nicht, was der Staatsanwalt sprach -- wenigstens nur mit
halbem Ohr--, in seinem Innern trug er eine vergeudete Jugend zu Grabe,
und schwarz und dster nur lag die Zukunft vor ihm da.

Rebekka -- sein schner Traum -- er war stolz darauf gewesen, ihretwegen
allen Vorurtheilen Trotz zu bieten und sie zu sich emporzuheben -- und
wie anders stand jetzt der arme Schlosserssohn dem reichen Juden, dem er
noch dazu ohne Aussicht auf Hlfe bs verschuldet war, gegenber! Es war
doch ein schwerer Schlag, so mit einem Male Alles zu verlieren, was
man bis dahin fest und sicher sein geglaubt -- Familie, Namen, Eltern,
Vermgen, Braut, Heimath, und dafr nichts zu bekommen, nichts, als die
Berechtigung, in eine Familie einzutreten, die ihn als Sugling vor die
Thr gesetzt.

Witte war in peinlicher Verlegenheit. Der arme junge Mann, der so
unverschuldet das Alles mute ber sich ergehen lassen, that ihm
wirklich leid, aber er fhlte auch, da er ihn gerade dadurch, wenn er
ihm Mitleid zeige, am tiefsten verwunden knne. Und Trost einsprechen?
Da fiel ihm selber nichts ein, was er ihm htte sagen knnen.

Drauen kamen die Schreiber vom Essen zurck und nahmen ihre Pltze
wieder ein. Das Gerusch weckte Bruno aus seinen Trumen; er sah sich
scheu um und sagte endlich:

Entschuldigen Sie mein wunderliches Wesen, Herr Staatsanwalt, ich
fhle, ich werde Ihnen lstig; aber es ist noch Alles so neu, so fremd
fr mich, ich mu mich erst hinein gewhnen, wie in diese neuen Kleider,
die ich trage.

Lstig? Aber lieber, bester junger Freund, glauben Sie das um Gottes
willen nicht!

Und was rathen Sie mir, jetzt zu thun? Was _kann_ ich thun?

Vor der Hand nichts auf der Welt, als die Entscheidung ruhig abwarten.
Wei brigens Rath Frhbach um die Sache, so wird sie auch heute
Nachmittag in allen Kaffeegesellschaften besprochen, und wenn Sie dann
meinem Rath folgen wollen, so machen Sie indessen eine kleine Reise nach
der Residenz oder in die Berge, oder wohin Sie wollen. Lassen Sie mich
nur wissen, wo Sie sind, damit ich Ihnen rechtzeitig schreiben kann,
wann Sie hier eintreffen mssen, um vielleicht auch Ihre eigenen Rechte
zu wahren. Niemand kann vorher sagen, wie sich Alles gestaltet.

Ich glaube, es ist das Beste, was ich thun kann, sagte Bruno nach
kurzem Zgern; ich wre jetzt auch nicht im Stande, Jemanden zu sehen
oder zu sprechen. Ich mu erst selber Zeit haben, mich zu sammeln und
das Weitere zu berlegen.

Aber Sie vergessen nicht, mir zu schreiben?

Sie sollen augenblicklich Nachricht erhalten, sobald ich nur erst
selber wei, wo ich mich die Zeit ber aufhalten werde. Wahrscheinlich
auf dem Wald; ich kenne dort oben einen alten Frster und gehe
vielleicht mit ihm auf die Jagd. Auch die Einsamkeit wird mir wohl thun,
ich bedarf jetzt derselben.

Witte drckte ihm herzlich die Hand.

Und nun leben Sie wohl bis dahin. Wenn Sie mich wiedersehen, hoffe ich,
da ich gefater und vernnftiger sein werde, als heute. Es ist mir nur
noch Alles zu fremd, zu neu. -- Er erwiederte den Druck der Hand und
verlie das Zimmer, wollte auch augenblicklich die Treppe hinabeilen,
als er der Frau Staatsanwalt in den Weg lief, die gerade aus der Kche
kam.

Ach, mein lieber Herr Baron, sagte sie freundlich, Sie kommen wohl
gerade von meinem Manne? Geschftssachen -- immer Geschftssachen. Ja,
wenn man bald ein so groes Vermgen bernimmt, giebt es allerdings viel
zu thun. Aber wollen Sie nicht einen Augenblick nher treten?

Sie sind unendlich gtig, gndige Frau, stammelte Bruno verlegen;
aber -- ich bin gerade in groer Eile -- die Post...

Ja, dann freilich will ich Sie nicht aufhalten.

Bitte, empfehlen Sie mich Ihrer Frulein Tochter!

Die Frau neigte huldreich das Haupt, und Bruno war froh, als er sich
gleich darauf wieder auf offener Strae und in frischer Luft fand.

Witte hatte selber keine Ruhe; es gab noch so Manches fr ihn zu
besorgen, da es ihn nicht in seinen vier Wnden lie. Durch die rasche
Verbreitung des Gerchts, deren Ursprung er sich immer noch nicht zu
erklren wute, war er auch in seinen Schritten mit der Schneiderswittwe
gedrngt, damit sie nicht erst von anderer Seite aufmerksam gemacht und
eingeschchtert wurde. Er beschlo deshalb, augenblicklich zu ihr zu
gehen und ihr Alles zu sagen; denn da das Justiz-Ministerium eine
zustimmende Antwort geben wrde, verstand sich eigentlich von selbst.

Im Anfang fand er die Frau allerdings scheu und zurckhaltend. Sie
schtzte Gedchtnischwche vor; die Sache sei so lange her und sie
habe in der Zeit so viel durchgemacht, da sie sich auf Einzelheiten aus
jenen Jahren gar nicht mehr erinnern knne. Witte sagte ihr darauf, es
wrde auch kein Mensch in sie dringen, aber sie mge sich in der
Zeit besinnen. Komme das Schreiben zurck, das sie jeder Strafe oder
Verantwortung ber Vergangenes entbinde, dann versprach er ihr nur,
falls sie getreu und wahr Alles berichten wolle, was sie noch wisse,
eine namhafte Summe, mit der ihr Sohn hier, oder wo er wolle, ein
Geschft erffnen knne. Auerdem drfe sie sich versichert halten, da
er zu ihr stehen werde und sie seiner Protection gewi sei. Komme ihre
Freisprechung von jeder Verantwortung aber nicht, dann brauche sie ja
kein Wort zu sagen und nur dabei zu bleiben, da sie sich auf nichts
mehr besinne, und es knne ihr eben so wenig etwas geschehen.

Nachdem er die Frau solcher Art, so gut es gehen wollte, beruhigt und
auch ihren Sohn berzeugt hatte, da er wirklich keinen Hinterhalt habe,
sondern es ehrlich meine, schlenderte er, in Gedanken die Vorflle der
letzten Tage noch einmal recapitulirend, langsam um die Promenade herum;
er hatte fr den Moment kein bestimmtes Ziel und wollte nur allein mit
sich selber sein.

Ah, mein lieber Staatsanwalt, sagte da pltzlich die bekannte Stimme
des berall und nirgend herumfahrenden Frhbach, so pensiv? Wissen Sie
schon die Neuigkeit?

Ach, mein lieber Rath! sagte Witte, ordentlich emporfahrend, denn
er hatte sich eben in Gedanken ganz allein mit dieser nmlichen
Persnlichkeit beschftigt. Wo kommen Sie auf einmal her?

Lieber Gott, sagte der Rath, ich bin ja das geplagteste Menschenkind
auf der Welt, denn ich mu lediglich meiner Verdauung wegen den halben
Tag auf den Fen sein und spazieren laufen! Ihr gesunden Menschen wit
gar nicht, wie gut Ihr daran seid -- aber haben Sie schon die Neuigkeit
gehrt?

Welche Neuigkeit, lieber Rath?

Nun, da der Baron von Wendelsheim gar nicht der Baron von Wendelsheim
ist, sondern der Sohn vom Schlosser Baumann, und umgekehrt; die ganze
Stadt ist ja voll davon.

Die ganze Stadt? rief Witte wirklich in Erstaunen. Aber durch wen, um
des Himmels willen, kann nur die ganze Stadt das erfahren haben?

Durch mich, Freundchen, lchelte der Rath, indem er den Staatsanwalt
scherzhaft mit dem einen Finger auf die Rippen stie, durch mich; ich
bringe Alles heraus, sage ich Ihnen, Alles, die Polizei mag es geheim
halten, wie sie will -- ich hab's.

Das ist in der That merkwrdig, sagte Witte; aber ich begreife nur
nicht, wie? denn so viel ich davon gehrt habe, ist die Sache noch nicht
einmal bei den Gerichten genau bekannt.

Sehen Sie wohl, und ich wei sie doch, schmunzelte Frhbach.

Und knnen Sie mir Ihre Quelle nicht mittheilen? fragte Witte. Ich
versichere Ihnen, ich gbe manchmal etwas darum, so rasch berichtet zu
sein, und auf ein kleines Opfer sollte es mir dabei nicht ankommen.

Ich werde Ihnen den Mann recommandiren, sagte Rath Frhbach gutmthig
-- ein paar Cigarren manchmal, ein Glas Bier oder Wein, wie es trifft,
und ein bischen Freundlichkeit, das ist die Hauptsache. Man mu mit den
Leuten thun, als wenn man ihres Gleichen wre; das schmeichelt ihnen,
und ich sage Ihnen, sie sind dann um den Finger zu wickeln.

Und wer ist der Biedermann, der Ihnen so vortreffliche Dienste
leistet?

Mein alter Polizeidiener, lachte Frhbach, ich habe Ihnen ja schon
von ihm erzhlt, der Schultze; Christian heit er mit Vornamen -- ein
famoser Kerl, und so gefllig. Die Polizei mu man sich berdies zu
Freunden halten.

Also Christian Schultze? Danke Ihnen, sagte Witte, den Namen werde
ich mir merken. Es ist allerdings sehr angenehm, Jemanden auf der
Polizei zu haben, der an den Thren horcht und die Sachen dann weiter
erzhlt.

Und wie sollte man's anders erzhlen? lchelte Frhbach. Die
Herren vom Gericht selber erzhlen nichts, denn die haben -- ich bitte
tausendmal um Entschuldigung! unterbrach er sich selber, denn in dem
Augenblick klang es gerade, als ob ein Stck Baumwollenzeug von einander
gerissen wrde, und Rath Frhbach fand sich mit seinem breiten linken
Fue voll und schwer auf der Schleppe einer fremden Dame, die wrdig
vorberrauschen wollte. Jetzt ging es nicht mehr -- der ganze hintere
Theil des Kleides hing herunter, und Frhbach, in aller Verlegenheit,
rief: Ach Gott, das thut mir doch unendlich leid! Aber bitte, warten
Sie einen Augenblick, meine Frau steckt mir doch immer Stecknadeln in
den Rock -- wenn -- einmal -- unterwegs -- wo sind sie denn nur....

Die Dame schleuderte ihm einen Blick zu, der ihn rettungslos zu Boden
geschmettert haben mte, wenn er die Gewalt besessen htte, die sie
hineinlegte; dann wandte sie sich kurz ab und drehte um, wahrscheinlich
um irgend ein bekanntes Haus aufzusuchen und den Schaden wieder
auszubessern.

Das ist eine verzweifelte Geschichte mit den jetzigen Damenmoden,
lieber Staatsanwalt, sagte Frhbach, als er, noch einen verlegenen
Blick hinter seinem Opfer her werfend, neben Witte hin und jetzt zwar in
die Stadt hinein schritt; ich sage Ihnen, man wei gar nicht mehr, wo
man hintreten soll, und eine Treppe hinter einer Dame hinunter zu
gehen, ist, wenn man in Rufsnhe bleiben und sie nicht aus dem Gesicht
verlieren will, rein unmglich.

Ja, lachte Witte, der sich ber den kleinen Zwischenfall sehr amsirt
hatte, aber machen Sie einmal etwas dagegen; da hilft alles Reden
nicht. Die Mode sieht sehr elegant an den Stellen aus, worauf sie
berechnet ist: im Salon oder in der eigenen Equipage; auf der Strae
aber fegen die feinsten Damen ebenso wohl allen Staub wie jeden Schmutz
und Unrath zusammen, der in ihrem Wege liegt. Und nicht einmal die
feinsten, fuhr er fort; sehen Sie die Dame da vor uns. Mit einer
schweren, spitzenbesetzten Sammetmantille trgt sie, wie es scheint,
einen Marktkorb unter derselben, und wie sieht sie dabei um die Fe
herum aus -- wie schlumpig.

Alle Teufel, sagte der Rath, der sich seine Brille etwas in die Hhe
geschoben hatte, um die bezeichnete Dame besser betrachten zu knnen,
das ist ja meine Frau!

Der Staatsanwalt bi sich auf die Lippe; aber das Unglck war geschehen,
und wenn man etwas Derartiges verbessern will, macht man es eher noch
schlimmer. Er opferte deshalb lieber seine eigene Gattin und sagte: Sie
machen es alle so, die meinige ebenfalls. -- Es war ein groes Glck
fr den Staatsanwalt, da sich seine Frau nicht in Hrweite befand.

Aber, Frauchen, wo kommst Du denn her? sagte der Rath zrtlich, als
sie die Dame berholten, und Witte hielt den Moment fr gnstig, sich
seitab zu drcken. Frhbach lie aber seinen Arm nicht los.

Vom Markt, Mnni, erwiederte die Dame in der Sammetmantille. Und
wohin willst Du? Kommst Du nicht mit nach Hause?

Ich wollte nur einmal zum Major hinausgehen und mit ihm ber die
bewute Sache sprechen.

Ah, Herr Staatsanwalt, sagte die Dame, eine Verbeugung nach einer
ganz verkehrten Seite hin machend, sehr angenehm! Sie suchte dabei den
Marktkorb zu verheimlichen, aber es ging nicht. Hat Ihnen Mnni schon
erzhlt?

Ja, nickte Witte; ich war auf's uerste erstaunt.

Und Sie wuten von gar nichts? Merkwrdig! Wei es denn Ihre Frau
Gemahlin schon? Ich werde gleich nach Tische einmal zu ihr gehen. Aber
mit dem Essen knnte es heute spt werden, Mnni -- lieber Gott, man
trifft unterwegs so viele Bekannte; aber ich biege hier ab. Und sich
wieder wenigstens drei Strich aus der Linie verbeugend, nickte sie ihrem
Manne zrtlich zu und -- fegte weiter.

Witte hatte sich erst von dem Rath losmachen wollen; da er aber den
Major als sein Ziel nannte, besann er sich eines Besseren. Er hatte doch
fr den Augenblick nichts Wichtiges vor und wollte sich das Vergngen
nicht entgehen lassen, Zeuge von der Ueberraschung des Majors zu sein.
Frhbach sollte wenigstens _den_ Genu nicht allein haben. Mit _der_
Voraussicht lie er sich selber unterwegs Mittheilungen aus der
Schweriner Chronik machen.

Im Hause des Majors sah es brigens, als sie dasselbe erreichten,
wahrhaft trostlos aus. Der alte Major selber sa in seinem Lehnstuhl,
das eine Bein lang ausgestreckt und dick mit Tchern verbunden und in
eine wollene Decke eingeschnrt -- Frau von Bleheim lag, ihren Kopf
unter Kreuzband, mit geschlossenen Augen auf dem Sopha und tastete nur
manchmal nach einer riesigen Schale mit Kamillenthee, die vor ihr auf
einem zum Sopha gerckten Stuhl stand und mit ihrem unangenehmen Duft
das ganze Zimmer erfllte.

Aber auch die Liese hatte wieder Zahnschmerzen und winselte und
erklrte, sie hielt's nun nimmer aus, und der Christian kam gerade
mit einer groen Flasche Medicin, die er aus der Apotheke geholt, in's
Zimmer gekrochen und kndete dem Major an, er msse sich in's Bett
legen, denn er htte hinten am Kreuz eine groe Beule, und die wrde
jetzt wohl aufgehen oder der ganze Knochen mit herauskommen.

Gott soll mich bewahren, Major, rief der Staatsanwalt, als er einen
Blick in der Krankenstube umher geworfen hatte, in Ihrem Lazareth
sieht's ja schlimmer aus, als je! Wie, um des Himmels willen, halten
Sie's nur aus?

Ich halt's auch nicht mehr aus, sthnte der Major, jetzt ist's vorbei
und am Ende. Hier am Bein kommt's mir immer weiter herauf, und so wie's
in den Leib tritt, dann thut der Mensch noch ein paar Schnapper, und
nachher ist Schicht -- dann geht der lange Urlaub an.

Aber Sie sehen wohl aus -- nicht wahr, Rath?

Vortrefflich, besttigte dieser -- ordentlich rothe Backen.

O Du mein Jesus, sthnte der Kranke, das auch noch -- ich kann kein
Glied mehr rhren! Der Lump, der Christian, jammert in Einem fort ber
sein Kreuz mit einer Beule dran -- wollte Gott, ich htte nur eine
Beule, damit das Elend da einmal an die Luft kme; aber so sitzt's
innerlich und frit sich immer weiter hinein.

Versndigen Sie sich nicht, sagte Christian feierlich, so 'ne Beule,
wie ich habe, soll sich wahrhaftig kein Christenmensch wnschen -- ich
wnschte sie wenigstens meinem rgsten Feinde nicht -- und das Stechen,
o Du mein blutiger Heiland, ich wollte, ich wre todt!

Von mir red't Keiner was, winselte die Liese, und wenn's mir auch die
Kinnbacken aus einander reit. Ja wohl, das ist ja nur die alte Liese,
und so lange die nur herumkriecht und ihre Arbeit thut, mag's sie in
den Zhnen reien, so viel wie's will -- wer schiert sich drum? --
Und damit ging sie hinaus und schlug die Thr hinter sich zu, da die
Fenster klirrten.

Aber den Rath Frhbach litt's nicht lnger; das Geheimni drckte ihm
fast die Seele ab.

Haben Sie's schon gehrt, Major? rief er, die Wendelsheim'sche
Geschichte ist zum Ausbruch gekommen?

Was fr eine Wendelsheim'sche Geschichte? sthnte dieser. Ich wei
von nichts. Was soll ich hier hren? Mir erzhlt kein Deubel 'was.

Aber deshalb sind wir Beide ja gerade zu Ihnen herausgekommen! rief
der Rath.

Wegen der Wendelsheim'schen Geschichte? Hat sich das alte -- o mein
Bein! -- hat sich das alte Frauenzimmer noch nicht beruhigt? Da sie der
Henker hole! Und auf der Fahrt damals, Rath, habe ich mir meinen letzten
Rest geholt. Die Erkltung ist mir in dasselbe Bein geschlagen, mit dem
ich damals an dem offenen Leder sa -- und Ihr verfluchter Aepfelwein!
Er bi die Zhne zusammen und schlug mit der Faust auf die eine Lehne
seines Stuhles.

Ob sich die noch nicht beruhigt hat? lachte der Rath. Na, ich denke,
die wird beruhigt werden. Hatte ich denn nicht etwa Recht und ist es
jetzt anders gekommen, als ich es mir die ganze Zeit gedacht?

Hol' Sie der Teufel, Rath! rief der Major, vor innerlichem Schmerz die
Zhne zusammenbeiend und ein jmmerliches Gesicht ziehend. Ich liege
hier so schon auf der Folter, und Sie kommen nun auch noch, um mich zu
langweilen. Ich verstehe kein Wort von Allem, was Sie sagen.

Sie verstehen nicht, was ich sage? Die Wendelsheim'sche Geschichte
ist zum Ausbruch gekommen, sag' ich, der Kindertausch constatirt und
festgestellt. Das Frulein von Wendelsheim steckt mit drin und war
gestern schon deshalb im Verhr, und die Frau Mller ebenfalls. Polizei
auf dem Schlosse drauen, bis der richtige Erbe ermittelt ist -- der
Lieutenant von Wendelsheim abgesetzt -- die ganze Stadt in Aufruhr...

Hurrah! schrie pltzlich der Major, von seinem Stuhl emporspringend
und Gicht, Umschlge, Beine, Rcken, Kreuz und wie die Schlachtfelder
seiner verschiedenen Krankheiten alle hieen, ganz vergessend, hurrah,
hurrah, hurrah hoch!

Und der Baron von Wendelsheim ist verrckt geworden, sagte der Rath.

Und noch einmal hurrah! schrie der Major, da Frau von Bleheim von
ihrem Sopha emporfuhr und die Liese den verbundenen Kopf erschreckt
wieder in die Thr hereinsteckte und rief: Na um des Erlsers willen,
was ist denn nu los?

Liese, rief der Major, der einen allerdings nicht recht glckenden
Versuch machte, auf dem einen Bein zu stehen und das andere, kranke,
emporzuheben, kommen Sie 'mal herein.

Was soll ich denn?

Was hab' ich Ihr versprochen, wenn die Wendelsheim'sche Lumperei an den
Tag kommt und die ihr Recht kriegen, denen es gebhrt?

Fnf Thaler, Herr Major; aber die stehen im Schornstein, knurrte
die alte Magd. Wenn ich das Alles kriegen sollte, was _Sie_ mir schon
versprochen haben!

Hier sind sie, Liese, rief der Major und schleppte sein linkes Bein
dem Tische zu, in dessen Schieblade er seine Brieftasche liegen hatte;
da -- da sind die fnf Thaler, und noch einmal hurrah!

Und ich kriege wieder gar nichts! chzte Christian.

Ihr sollt auch einen haben, alter Schwede -- damit geht in die Apotheke
und lat Euch Euer erbrmliches Kreuz einreiben. Und hier, reit mir
einmal den alten wollenen Fetzen herunter und gebt mir die Tuchstiefel
her, und meinen Rock, Liese, und die Mtze.

Aber wohin willst Du denn nur, um alle Heiligen, wimmerte Frau von
Bleheim. Was hast Du nur vor?

Auf's Amt, natrlich, rief der Major, die Erbschaft augenblicklich
mit Beschlag belegen! Witte ist ja deshalb nur herausgekommen. Nicht
wahr, Staatsanwalt, Sie gehen mit?

Wenn Sie es wnschen, warum nicht? erwiederte dieser, der sich im
Stillen nicht wenig ber den sehr nutzlosen Jubel des Majors gefreut
hatte. Aber ich glaube, Sie knnen sich den Weg sparen.

Nein, sagte der Major entschieden, indem er sich wieder auf seinen
Stuhl setzte und die Decke abzuschlen anfing -- mu selber dabei sein
-- halte ich fr meine Pflicht, so lange ich nur noch kriechen kann.

Aber was wollen Sie oben?

Sie haben es ja eben gehrt. Protest einlegen, da die Erbschaft nicht
an die Wendelsheim'sche Familie ausgezahlt wird, nicht einen Groschen
sollen sie jetzt kriegen, nicht einen rothen Heller!

Aber bester Major, wie wollen Sie das hindern?

Wie ich das hindern will? Lautet die Erbschafts-Clausel nicht, da nur
in dem Fall mnnlicher Nachkommenschaft -- ehelicher, versteht sich --
das Vermgen an diese Familie ausgezahlt werden soll? Wenn aber jetzt
bewiesen wird, da der Sohn gar nicht der Sohn des Barons ist -- und
habe ich es Ihnen nicht immer und immer gesagt, Staatsanwalt? --
wenn ein Kindertausch stattgefunden hat, an und fr sich schon ein
Verbrechen, so ist die Gesellschaft futsch! Meinen Stiefel, Christian!

Ja, lieber Major, sagte der Staatsanwalt, da das vertauschte Kind
aber ebenfalls ein Sohn ist, so geht doch sicherlich die Erbschaft auf
diesen ber.

Ein Sohn? schrie der Major und blieb vor Schrecken halb in seinem
Stiefel stecken.

Aber das ist ja gar nicht mglich, rief Frhbach, die Frau Mller hat
ja nur eine Tochter!

Die Frau Mller, sagte der Staatsanwalt, hat mit der Sache gar nichts
zu thun; sie ist vollkommen unbetheiligt dabei und _jene_ Frau Mller
eine ganz andere. Ihr Polizeidiener hat da nicht richtig aufgepat. Die
Heberger hat die beiden Shne, den der Schlossersfrau Baumann und
den der Baronin, ausgetauscht und den Baron glauben machen, es sei ein
Mdchen gewesen, um den Lohn zu bekommen. Das ist die ganze Geschichte.

Aber ein Schlosserssohn, sagte Rath Frhbach ganz verwirrt, kann
unmglich Baron werden und eine halbe Million erben!

Und warum nicht? Eben so gut, wie schon mancher Baron Schlosser
geworden ist; gehen Sie nur einmal hinber nach Amerika.

O Gott, mein Bein! sthnte der Major und sank mit dem halb angezogenen
Stiefel wieder in seinen Stuhl zurck. Christian, Esel, so zieht mir
doch den verdammten Stiefel ab; Ihr seht ja, da ich es vor Schmerzen
kaum aushalten kann -- ah, wie das brennt!

Aber ich begreife gar nicht, bemerkte Rath Frhbach, der Witte
verwundert ansah -- ich glaubte, Sie wten noch gar nichts von der
ganzen Sache, und jetzt...

Wei ich mehr davon, als Ihr Christian Schultze, wie? lachte Witte.
Ja, lieber Major, beruhigen Sie sich. Allerdings hatten Sie mit Ihrem
Verdacht, da in der Familie Wendelsheim falsches Spiel getrieben wre,
vollkommen recht; der einzige Fehler war nur, da dieser Verdacht -- und
sehr natrlicher Weise -- nach einem ausgetauschten Mdchen suchte. Sie
wissen ja, wie wir damals selbst bei Baumanns nachgeforscht haben, aber
wer dachte an so etwas?

O, mein Bein! sthnte der Major; Christian, das zieht hier -- wickelt
mir doch die Decke um. Liese, die fnf Thaler hat Sie auf der Strae
gefunden -- o Gott, die Schmerzen!

Frau von Bleheim lag schon wieder ausgestreckt auf dem Sopha, und nur
die Liese schien ihre Zahnschmerzen vergessen oder wenigstens fr den
Augenblick bei Seite geschoben zu haben, denn sie betrachtete sich immer
verstohlen die fnf Thaler, die wahrscheinlich nicht so hufig in diesem
Hause des Jammers abfallen mochten.

Witte hatte aber jetzt seinen Zweck erreicht, und der Rath Frhbach sa
ebenfalls wie auf Kohlen, da er sich von seiner Neuigkeit einen ganz
andern Erfolg versprochen. Ehe er sich aber nur so weit entschlieen
konnte, ob er gehen oder bleiben sollte, hatte Witte seinen Hut
aufgegriffen, dem Major -- der ihm aber gar nicht antwortete -- einen
kurzen Gru zugerufen und war auch gleich darauf im Freien drauen, wo
er tchtig ausschritt.

Frhbach mute es doch ebenfalls fr das Beste gehalten haben, sich
zu entfernen; als er aber auf die Strae trat, sah er den Staatsanwalt
schon in weiter Ferne und mute den Versuch aufgeben, ihn einzuholen und
sich noch weiter mit ihm auszusprechen, denn auf sein Rufen drehte sich
der Davoneilende gar nicht um.




8.

Vor den Geschworenen.


Am nchsten Morgen berraschte der Polizeidiener Christian Schultze
den Rath Frhbach noch im Bett und jammerte und klagte, da er aus
dem Dienst gejagt wre, und zwar nur seinetwegen. Er verlangte auch
Schadenersatz, bekam aber natrlich nichts, brachte jedoch den Rath in
eine unbeschreibliche Aufregung und verdarb ihm das ganze Frhstck.

Witte war indessen ungemein thtig, und als nach zwei Tagen ein Rescript
des Justizministeriums eintraf, wonach der Frau Mller, als keiner
Hauptschuldigen bei dem Betruge, vllige Straflosigkeit zugesichert
wurde, falls sie frei und wahr Alles bekennen wolle, was sie ber den
Fall wisse, so stand auch nach dieser Seite nichts mehr im Wege.

_Eine_ Scene hatte er allerdings noch im eigenen Hause, als seine Frau
den wahren Thatbestand erfuhr; Ottilie wurde ohnmchtig, und die Frau
Staatsanwalt wrde ebenfalls Krmpfe bekommen haben, wenn das Mdchen
nicht gleich bei der Hand gewesen wre. Witte selber bekam aber dadurch
Oberwasser. Seine Frau war nie so kleinlaut gewesen, als nach der Zeit;
er konnte sie jetzt um den Finger wickeln und fhlte sich berzeugt, da
es eine heilsame Lehre fr sie sein wrde.

Indessen rckte der Tag heran, an welchem der Fall vor die Geschworenen
gebracht werden sollte; denn Witte hatte sein Mglichstes gethan,
um jede Schwierigkeit zu beseitigen, damit der Termin der
Erbschafts-Auszahlung nicht versumt wurde, was nachher nur noch wieder
Umstnde gemacht htte. Von Bruno erhielt er ebenfalls einen Brief
und schrieb ihm umgehend Tag und Stunde, in welcher er hier eintreffen
msse, und wie der Morgen endlich herannahte, lt es sich denken, da
die Bevlkerung von Alburg einen lebhaften Antheil an der Sache nahm.
Schon stundenlang vorher drngte sich das Publikum vor der Thr des
Sitzungssaales, und die Polizei hatte nicht geringe Schwierigkeit, um
nur einigermaen Ordnung in die Masse zu bringen und Unglcksflle zu
verhten.

Die Tribnen waren natrlich berfllt; was an Menschen in den Saal
hineinging, prete hinzu, und selbst hochstehende Damen wurden trotz
ihrer Crinolinen zu einem Minimum zusammengedrckt. Es war aber auch in
der That ein Fall, der in alle Schichten der Bevlkerung eingriff, und
der rmste Handwerker nahm nicht minder Theil daran als die Crme der
Gesellschaft, denn er war eben so viel bei dem Erfolge betheiligt und
freute sich dazu schon im voraus auf den Entscheid der Richter, whrend
die =haute vole= dadurch da solche Schwchen der hheren Stnde vor
die Oeffentlichkeit gebracht wurden, einen noch greren Widerwillen
gegen das berhaupt zu liberale Institut der Geschworenengerichte fate.
Aber hingehen muten sie trotzdem; sie htten nicht um die Welt, die
Untersuchung versumen mgen!

Und wie lange dauerten ihnen die Vorbereitungen, bis die Geschworenen
gewhlt waren und ihre Pltze eingenommen hatten und der Richter die
Verhandlung mit einer kurzen Einleitung erffnete! Dann erst trat
Staatsanwalt Witte als Klger auf und beschuldigte in kurzer, aber
kerniger Rede den Baron von Wendelsheim und dessen Schwester, Frulein
Aurelia von Wendelsheim, mit Hlfe der damaligen Hebamme, der bekannten
Frau Heberger, zwischen der Frau des Schlossers Baumann und der Frau
Baronin die Kinder vertauscht zu haben. Er legte dabei klar das Motiv
der ersten Anregung dazu vor: die Furcht des Barons, keinen mnnlichen
Erben zu bekommen und dadurch der Erbschaft verlustig zu gehen, whrend
er sich, da er wute, da seine Gemahlin nie ihre Einwilligung dazu
geben wrde, der Hlfe seiner Schwester versicherte, ja, mglicherweise
von dieser erst dazu getrieben wurde. Da die Heberger nachher, als
sie sich durch die unerwartete Geburt eines Sohnes der Gefahr ausgesetzt
sah, den versprochenen, bedeutenden Lohn zu verlieren, nicht allein
die Mutter des Kindes, sondern nun auch den Vater und dessen Schwester
betrog, indem sie die Thatsache, da es ein Sohn sei, verheimlichte und
sie in dem Glauben bestrkte, es sei wirklich ein Mdchen gewesen, war
leicht zu erklren.

Die Heberger tuschte dann auch spter nochmals den Baron, indem sie
ihn durch irgend einen gleichgltigen Todtenschein eines weiblichen
Kindes glauben machte, seine Tochter sei gestorben. Dadurch vermied sie
jede, sonst doch mgliche Nachforschung des Vaters. Der Todtenschein
hatte sich unter den Papieren des Fruleins von Wendelsheim gefunden und
Witte nach genauer Untersuchung herausbekommen, da jenes Kind auf einem
entfernten Dorfe von vllig unbescholtenen Eltern geboren und auch
dort kurze Zeit danach verblichen sei. Bei dessen Geburt waren die
Schwiegermutter und zwei Verwandte zugegen gewesen, und das Kind, vom
ersten Moment an krnkelnd, von dem dortigen Wundarzte behandelt und die
ganze Zeit, bis zu seinem Tod, nicht aus den Augen gelassen worden.

Ruchbar sei die That durch die Frau Baumann selber geworden, die, von
Gewissensbissen gepeinigt und in der Angst, den damals auf falschen
Verdacht hin gefnglich eingezogenen Erben an seinem Leben geschdigt zu
sehen, ein offenes Bekenntni abgelegt habe. Es gehe daraus hervor, da
sie selber nur hchst ungern und halb von ihrer Schwester gezwungen,
fast unmittelbar nach der Geburt ihres Kindes, jedenfalls innerhalb der
ersten vierundzwanzig Stunden, ihren Sohn in der Hoffnung hergegeben
habe, ihn und die Familie, in die er eingefhrt wurde, glcklich zu
machen. Als ihr ein Sohn, aber nicht der ihrige, dafr zurckgebracht
wurde, gerieth sie auer sich; es war jedoch zu spt. Die Heberger
drngte in sie, und sie schwieg -- schwieg bis jetzt.

Da die Heberger die Hauptschuldige sei, habe sie nicht allein auf dem
Criminalamt, nach dem dort aufgenommenen Protokoll, was nachher verlesen
werden solle, selber erklrt, sondern auch durch ihren Selbstmord, weil
sie die Strafe frchtete, erhrtet. Gleich schuldig mit ihr sei wohl der
Vater des Kindes, der Baron von Wendelsheim, aber von Gott selber auer
den Bereich menschlicher Strafe gebracht, da sein Geist wandere und
vllige Besinnung ihm, nach dem Ausspruche der Aerzte kaum je wieder
zurckkehren wrde.

Da die Frau Baronin selber nichts von dem Tausche der Kinder gewut,
stehe fest; desto strkerer Verdacht, ja, fast die Gewiheit der That
ruhe aber dagegen auf jenem Frulein von Wendelsheim, die, in der
Furcht, den alten Glanz des Hauses erlschen zu sehen und selber ohne
hinreichende Mittel, das Zusammenbrechen desselben zu verhindern, zu
diesem Verbrechen ihre Zuflucht genommen habe, um es abzuwenden.
Sie allein sei auch strafbar, da sich die Hauptschuldige der Strafe
entzogen; denn sie, als hochstehende, gebildete Frau wute genau, was
sie that, und handelte dabei mit vollem Vorbedacht. Die Geschworenen
ersuche er daher, die Rechte des wirklichen Erben, des bisher von dem
Schlosser Baumann unter dem Namen Friedrich erzogenen Sohnes, zu prfen,
und er hoffe, der Gerichtshof werde dann jener Dame die hrteste Strafe
zuerkennen, die das Gesetz berhaupt in diesem Falle gestatte.

Witte hatte auerordentlich ruhig gesprochen, und die einzelnen
Thatsachen, die brigens schon seit den letzten Tagen im Publikum
ziemlich genau bekannt waren, nun so klar und deutlich als mglich
vorgelegt. Er wollte jedenfalls erst den Advocaten des Gegenparts
veranlassen, dagegen aufzutreten. Das Publikum selber achtete aber
nur wenig auf seine Rede, denn Aller Blicke hingen an den beiden
Angeklagten, der Schlossersfrau und dem gndigen Frulein, die ihren
Platz auf der Seite der Verklagten hatten, und ein grerer Unterschied
wre zwischen zwei weiblichen Wesen kaum denkbar gewesen, als die Beiden
zeigten.

Die Frau Baumann, in ein blaues, einfaches Kattunrckchen gekleidet,
eine schneeweie Haube auf, das milde, gute Gesicht bleich und
eingefallen, die Augen niedergeschlagen in Scham und Angst, sa auf der
Bank, whrend neben ihr, hoch aufgerichtet und stolz, aber bis auf's
Innerste ber den Schimpf emprt, der ihr hier angethan, in Putz und
Schmuck von Sammet und Seide strotzend und aus den bs blickenden Augen
giftige Blitze nach allen Seiten, besonders aber auf den Staatsanwalt
Witte schleudernd, das gndige Frulein stand. In dem Zuschauerraume, wo
besonders eine Gruppe von Handwerkern beisammen standen, flsterten die
Leute auch schon miteinander, und manche Bemerkung wurde laut: Das ist
die Rechte, das ist ein bser Drachen; seht nur, wie hoch sie die
Nase trgt; sie schmt sich gar nicht -- und wie sie die Leute daheim
behandelt -- ein Hund hat's besser, als ihre Dienstboten!

Pst! Pst! flsterten indessen wieder Andere, denn jetzt begann der von
dem gndigen Frulein angenommene Advocat nicht allein seine Clientin zu
vertheidigen, sondern die ganze Klage als einen aus der Luft gegriffenen
Verdacht anzufechten. Das gndige Frulein schilderte er dabei wie eine
Heilige, die, whrend sie noch nie einem Menschen Ursache zur Klage
gegeben, hier auf eine unwrdige Weise angegriffen und verdchtigt
wrde. Aus der Selbstanklage der Frau Baumann geht allerdings hervor,
da eine Tuschung in der Familie beabsichtigt gewesen sein knne,
obgleich auch selbst darber jetzt, nach dem Tode jener Heberger,
der Beweis fehle. Es sei die Unwahrscheinlichkeit aber auf das Hchste
gesteigert, wenn man annehmen wolle, da zwei Knaben gegen einander
ausgewechselt wren. Ein Resultat wrde die Sache nicht weiter gehabt
haben, als da sich zwei Mtter von ihren Kindern trennten, und die
Anklage mache der Phantasie seines geehrten Vorredners allerdings viel
Ehre, aber an dem gesunden Verstand der Geschworenen wrde sie machtlos
abprallen.

Als er das gndige Frulein so auerordentlich lobte, wurden von
mehreren Seiten hhnische Rufe laut, als: Hoho! Jawohl, so sieht sie
auch aus! -- Die Beamten stellten aber augenblicklich die Ruhe wieder
her, und als er endlich damit schlo, indem er nur noch in einer
lngeren Phrase das Motiv der Frau Baumann hervorhob, jetzt, durch eine
solche Erklrung, ihrem eigenen Sohn die reiche Erbschaft zuzuwenden,
bat er die Geschworenen, den Fall ruhig zu berlegen, und sie wrden
dann selber zu der Ueberzeugung gelangen, da die ganze Klage -- als zu
absurd zur Verhandlung -- zurckgewiesen werden msse.

Staatsanwalt Witte lie jetzt den gefangenen Heberger als Zeugen
vorrufen, und ein traurigeres Bild menschlicher Erniedrigung konnte es
kaum geben, als der Verbrecher zeigte. Die kurze Zeit seiner Haft hatte
ihn bleich und hohlwangig gemacht; die Augen starrten wild und fast
bldsinnig umher, und eingeschchtert durch die vielen Menschen, kroch
er ordentlich zusammen unter der Last seiner Snde, seines Jammers.
Er machte auch als Zeuge keinen besondern gnstigen Eindruck auf die
Geschworenen; trotzdem mute er gehrt werden, und von dem Vorsitzenden
befragt, legte er denn auch ein unumwundenes Gestndni ab. Er
verheimlichte oder beschnigte nichts. Er erzhlte, da er den
neugeborenen Sohn der Baumann, warm in wollene Tcher eingeschlagen,
in das zu dem Zweck geheizte Gartenzimmer des Parks getragen, bis
seine Frau ihm durch ein in ein bestimmtes Fenster gestelltes Licht ein
Zeichen gegeben habe. Dann sei er zu dem Schlosse gegangen, wo er sein
Weib mit dem fremden Kinde getroffen hatte. Sie nahm ihm das, was er
gebracht, dort ab, gab ihm das andere und flsterte ihm dabei zu, er
solle nur ihrer Schwester sagen, er brchte ihr Kind wieder mit, der
Tausch sei nicht nthig gewesen. Aber seine Schwgerin habe gleich
gesehen, da es ein fremdes Kind sei, und geweint und geschrieen, und er
htte sie kaum beruhigen knnen.

Der Advocat des Gegenparts fragte jetzt den Schuhmacher, ob er
beschwren knne, da er nicht wieder dasselbe Kind zurckgetragen, was
er mitgenommen, und woher er wissen wolle, da es ein anderes gewesen
sei, noch dazu, da ihm seine Frau selber gesagt htte, es wre das
nmliche.

Heberger, der jetzt im Reden etwas mehr Muth fate, erwiederte, wenn
seine Frau nicht die Kinder austauschen wollte, so wrde sie das
dem Baron gehrige nicht aus dem Wochenzimmer auf die kalte Treppe
hinuntergetragen haben. Ueberdies htte er deutlich genug gefhlt, wie
ihm das getragene weggenommen und ein anderes dafr gegeben sei; das
zweite sei auch leichter gewesen, als das erste.

Der Advocat des gndigen Fruleins, dem der ungnstige Eindruck
nicht entgehen konnte, welchen Hebergers ganze Erscheinung auf die
Geschworenen gemacht, benutzte den augenblicklich, um die Aussage des
Zeugen zu verdchtigen. Er war auerdem, wie alle Welt wute, ein Dieb
und Einbrecher, und sein Zeugni verlor dadurch jedenfalls an Werth.
Die dagegen von seiner Seite aufgerufene Zeugin Frau Barbara Mller aus
Vollmers, als Amme des Kindes, trat desto respectabler auf, denn sie
machte gleich von vorn herein den Eindruck einer achtbaren, durchaus
rechtlichen Frau, und Alles, was sie ber die Wendelsheim'sche Familie
sagte, zu der sie fast unmittelbar nach der Geburt des Kindes als
Amme gerufen, klang auerordentlich lobenswerth. Auch ber die Tante
uerte sie sich; sie sei wohl ein bischen scharf und knapp gewesen,
aber sonst ganz gut, und was das alberne Gewsch von einem Umtausch
der Kinder betreffe, so wisse sie wohl, woher das komme, und _die_
Gesellschaft sei auch schon bei _ihr_ gewesen; aber sie sollten nur
wiederkommen, sie wolle ihnen heimleuchten.

Ich ersuche den Vorsitzenden, sagte Witte, die Frau zu fragen, zu
welcher Stunde sie auf Schlo Wendelsheim eingetroffen ist.

Die Antwort lautete: Morgens halb sieben Uhr.

Gut, sagte Witte, dann habe ich nur zu bemerken, da die von
Heberger angegebene Zeit des Tausches zwischen zwlf und ein Uhr in der
Nacht fllt.

Andere Zeugen wurden jetzt noch herbeigerufen. Einer, der Grtner,
hatte, wie er aussagte, Heberger im Garten gesehen und wollte das
Schreien eines Kindes gehrt haben; aber ganz sicher fhle er sich darin
nicht. Andere hatten nur darber reden und die Vermuthung aussprechen
hren, da nicht Alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Weitere,
schlagende Beweise wurden aber nicht vorgebracht. Der Advocat fr das
gndige Frulein schien sich schon auf die Schlurede vorzubereiten,
indem er den frevelhaften Uebermuth des Gegenparts hervorhob, auf solch
nichtige Beweisgrnde hin ein altes, edles Haus mit Koth zu besudeln,
und dazu auch noch den Zeitpunkt zu benutzen, wo der Trger desselben,
der alte Baron, durch den Tod seines zweiten Sohnes unnatrlich
aufgeregt, gerade augenblicklich von einem Kopfleiden befallen sei und
nicht selber hier erscheinen knne, um seine Rechte zu vertheidigen.

Das gndige Frulein triumphirte. Recht wie hhnisch flog ihr Blick ber
die Versammlung, als Witte ganz ruhig bat, ihm zu gestatten, noch eine
Zeugin vorzufhren. Die kleine Frau Mller, die Mutter des Schneiders
Mller, kam dann herein; sie sah sehr nett und sauber, aber auch sehr
rmlich aus und schien im Anfang schchtern; aber das gab sich bald,
denn fr sie war dieser Proce zum wahren Heil geworden.

Bis jetzt hatten die frheren Vorgnge in der Wendelsheim'schen Familie
noch immer mit drckender Schwere auf ihr gelastet und ihr manche
unruhige Stunde bereitet. Von heute an sollte das aufhren; sie brauchte
kein Geheimni mehr vor den Menschen zu haben und dann auch keine Strafe
dafr zu frchten, wenn sie nur Alles wahr und offen ausgesagt, was sie
wute.

Von dieser Zeugin schien der gegnerische Rechtsanwalt aber gar nichts
erfahren zu haben, denn Witte hatte ihr Erscheinen sehr geheim gehalten.
Auch Frulein von Wendelsheim sah die kleine Frau berrascht an, denn
sie kannte sie nicht wieder und konnte sich nicht besinnen, sie je
gesehen zu haben -- was wute die von der Sache?

Die Frage richtete jetzt der Vorsitzende an sie, und anfangs mit leiser,
kaum hrbarer Stimme, so da sie aufgefordert werden mute, lauter zu
sprechen, sagte sie jetzt:

Ach, ich war ja zu jener Zeit schon ein paar Tage vorher von der
Heberger der gndigen Frau Baronin als Wartefrau recommandirt! Kennen
Sie mich denn nicht mehr, gndiges Frulein? Ich bin ja die Lisbeth, und
_Sie_ waren immer so gut und freundlich gegen mich!

Jetzt erkannte sie das gndige Frulein wirklich; aber die Ueberraschung
war keine freudige, denn sie wechselte die Farbe und winkte dann ihren
Advocaten heran, dem sie einige Worte zuflsterte. Noch mchtiger
wirkte aber ihr Erscheinen auf die Schlossersfrau, die erst nur ziemlich
theilnahmlos zu ihr aufgesehen hatte, bei Nennung des Namens aber
emporzuckte und mit gefalteten Hnden flsterte: O mein Gott, die
Todten stehen auf!

Und Sie mssen mich ja auch noch kennen, Frau Baumann, nickte ihr die
kleine Frau zu, wenn wir uns auch die langen, langen Jahre hindurch
nicht gesehen haben, denn die Heberger wollte nicht, als ich hieher
zurckkam, da ich zu Ihnen ging. Es schien ihr selber nicht recht; sie
hatte geglaubt, ich wre nach Amerika gezogen.

Und was wissen Sie von der Sache, in welcher die Familie Wendelsheim
angeklagt ist, das erstgeborene Kind mit einem andern vertauscht zu
haben? Knnen Sie etwas Nheres darber angeben?

Ach, es wird schon so sein, seufzte die kleine Frau, und manchmal
und manchmal hab' ich gewnscht, ich wre gar nicht dabei gewesen, denn
recht war's nicht....

Ich mchte den Gerichtshof ersuchen, sagte der Rechtsanwalt des
gndigen Fruleins, die Identitt dieser auf einmal herzugerufenen Frau
erst untersuchen zu lassen, ehe sie die Geschworenen durch irgend eine
Erzhlung beeinflut. Es scheint sie kein Mensch hier zu kennen, und da
ich....

Jawohl, jawohl, rief es von mehreren Seiten, das ist die Frau Mller,
die in Mecklenburg war! -- Die Ruhe mute erst wieder hergestellt
werden, und dann wurde Frulein von Wendelsheim gefragt, ob sie die
Person kenne. Sie verneinte es. Die Frau Baumann dagegen besttigte,
da sie eine entfernte Verwandte von ihnen sei und zu jener Zeit als
Wartefrau auf dem Schlo Wendelsheim gedient habe. Der Grtner vom
Schlo befand sich ebenfalls als Zeuge im Saal und erkannte sie jetzt
auch wieder; auch eine Frau unter den Zuschauern, die sie selber
bezeichnete. Auerdem brachte sie aber auch jetzt ihr altes Dienstbuch
zum Vorschein, aus dem sich deutlich genug ergab, da sie nicht allein
die richtige Person sei, sondern auch gerade in jener Zeit im Schlosse
thtig gewesen wre.

Ihr Zeugni war schlagend. Die Heberger hatte das Kind gleich
unmittelbar nach der Geburt gewaschen, eingewickelt und aus dem Zimmer
getragen, whrend sie selber an der Waschbtte stehen bleiben und in
dem Wasser pltschern mute, als ob das Kind noch darin sei. Die Frau
Baronin hatte mit geschlossenen Augen im Bett gelegen, und nur das
gndige Frulein war noch in der Stube und stand meist immer neben dem
Bette.

Ob sie glaube, da das gndige Frulein das Wegtragen des Kindes gesehen
habe?

Sie wte nicht gut, wie es anders mglich sei; das gndige Frulein
wre allerdings nicht zu ihr an die Waschbtte gekommen und habe nicht
nachgesehen, es sei auch etwas dunkel in der Ecke gewesen; aber sie
habe doch das Weggehen der Heberger bemerkt, und in der Zeit drfe eine
Hebamme nicht aus dem Zimmer.

Der Advocat des gndigen Fruleins wollte jetzt die Frage an die
Schneiderswittwe gestellt haben, ob sie beschwren knne, da Frulein
von Wendelsheim gewut, was die Heberger beabsichtigt.

Schwren konnte sie nicht; man knne keinem Menschen in's Herz sehen.
Sie htte allerdings viel mit der Heberger gesprochen und sei oft nach
der Thr gelaufen, und sie htte indessen in dem Wasser gepltschert,
als ob das Kind gewaschen wrde. Endlich sei die Heberger wieder
hereingekommen.

Ob das gndige Frulein mit ihr geflstert habe, als sie in die Thr
getreten sei?

Das knne sie doch nicht so genau sagen; so viele Jahre wren darber
verflossen, und sie mchte Niemandem Unrecht thun, denn das gndige
Frulein sei immer so gut mit ihr gewesen.

Und brachte die Heberger das Kind zurck?

Das nicht, was sie mitgenommen hatte, sagte die Frau kopfschttelnd; ein
viel strkeres mit einem weit greren Kopfe, und halb erfroren sei's
gewesen vor Klte und Nsse; aber sie htten es gleich in das warme
Wasser gesteckt, und da habe es sich bald erholt. Dann erst sei es zu
der Frau Baronin in's Bett gekommen, die es geherzt und gekt htte,
und der Baron wre dann gerufen worden, und ein ungeheures Gejubel im
Hause ber die Geburt eines Knaben losgegangen. Die Leute htten alle
Wein bekommen, mitten in der Nacht, und sie und die Heberger auch. In
der Nacht habe der Baron denn auch noch einen Wagen geschickt, um die
Amme abzuholen, welche gegen Morgen eintraf und das Kind berliefert
bekam, und sie selber sei nachher noch vier Wochen als Wartefrau der
Baronin im Schlosse geblieben.

Ob sie gewut habe, da der, wie sie meinte, untergeschobene Knabe das
Kind der Frau Baumann sei?

Ganz bestimmt gewut eigentlich nicht, aber vermuthet htte sie es, nach
Aeuerungen, welche die Heberger darber gethan, aber auch nie danach
fragen mgen, weil sie Angst gehabt, da es herauskommen und sie auch
straffllig werden knne.

Der gegnerische Advocat suchte sie ein paarmal durch Kreuzfragen irre
zu machen; aber sie blieb fest bei ihrer einfachen Erzhlung und
widersprach sich nicht ein einziges Mal.

Witte bat jetzt, das Protokoll zu verlesen, das der Actuar
niedergeschrieben und dem noch ein Nachtrag beigefgt war. In ihrer
Zelle war die Heberger nmlich noch einmal befragt worden, den Ort
anzugeben, wo sie die Erbschaft erhoben haben wollte, und hatte dann
erklrt, sie sollten sie kein solches dummes Zeug fragen, sie wten nun
die ganze Geschichte. Das Geld habe sie von dem Baron fr sich und ihre
Schwester bekommen.

Jetzt aber, fuhr dann Witte unter dem Eindruck dieser Enthllung
fort, mu ich um die Erlaubni bitten, die betreffende Familie den
Geschworenen vorzufhren. Leider war der alte Baron von Wendelsheim
selber nicht im Stande, hier zu erscheinen: sein trauriges Leiden
verhindert ihn daran, und Krankheit wie Gewissensbisse haben den sonst
so krftigen Mann gebrochen; aber ich glaube, es ist wenigstens nthig,
da Sie mit eigenen Augen besttigt sehen, was Sie hier eben gehrt
haben.

Er erhielt die Erlaubni, und wenige Minuten spter, whrend jetzt eine
so lautlose Stille im Saal herrschte, da man das Athmen der Einzelnen
hren konnte, ffnete sich die Thr, und der alte Schlosser Baumann,
begleitet von seinen drei Shnen, mit ihnen aber der bisherige Baron
Bruno von Wendelsheim, traten in den Saal und nahmen den Platz vor den
Geschworenen ein.

Der alte Baumann war bla, hatte aber die Zhne fest zusammengebissen,
und zu seiner Rechten und Linken standen Bruno und Fritz, whrend Witte
Karl, den zweiten Sohn, neben Bruno stellte -- der letztere natrlich
jetzt in Civil und in einen dunklen, einfachen Rock geknpft.

Bruno hatte keinen Blutstropfen in den Wangen, aber er ertrug den fr
ihn furchtbaren Moment wie ein Mann; er war fest und ruhig, und sein
Auge haftete ernst, aber nicht herausfordernd auf den Geschworenen.
Bemerkbar war aber der Eindruck, den sein Erscheinen neben der Familie
auf die Mutter selber machte. Mit weit geffneten Augen und getrennten
Lippen, beide Hnde wie krampfhaft auf dem eigenen Herzen gefaltet,
sa sie da, und ihr Blick hing fast mit Stolz, aber doch auch mit
furchtbarem Schmerz an dem Antlitz des Sohnes.

Bei dem Erscheinen der Familie herrschte anfangs, wie schon gesagt, eine
wahrhaft unheimliche Stille in dem groen Saal; aber das dauerte nicht
lange, denn bald erhob sich ein scheues, kaum hrbares Flstern, das
aber strker und strker wurde, und selbst der Vorsitzende bog sich zu
dem neben ihm sitzenden Justizrath nieder und sagte ihm einige leise
Worte, wobei dieser mit dem Kopf nickte. Die Bewegung hatte aber ihren
Grund in der fast auffallenden Aehnlichkeit Bruno's mit dem nur um zwei
Jahre jngeren Karl, und die Beiden standen da, unverkennbar als zwei
Brder, als zwei Schlinge von demselben Stock, neben einander. Bruno
mochte um eine Kleinigkeit grer sein, und sein Gesicht zeigte
etwas mehr Intelligenz, aber die Zge waren bis in das Kleinste hinab
unverkennbar die nmlichen, whrend das Antlitz von Fritz einen ganz
entschieden andern Charakter trug.

Fritz war braun von Haar, ja, fast zu Schwarz hinneigend, mit dunklen
Augen, Bruno, wie alle Shne des Schlossermeisters, blond, mit blauen
Augen, und dabei etwas, wenn auch nur wenig abgestumpfter Nase,
whrend Fritz' Profil viel mehr Aehnlichkeit mit dem des Fruleins von
Wendelsheim verrieth.

Da erhob sich die Mutter von ihrem Sitz -- ihre Kniee zitterten, und sie
mute sich fast gewaltsam aufrecht halten. Ehe aber nur weiter ein Wort
gesprochen werden konnte, trat sie vor und begann erst leise, dann aber
mit immer festerer Stimme: Ich wei nicht, ob ich hier reden darf, aber
ich kann jetzt nicht lnger schweigen. Jener bse Mann hat gesagt, ich
habe die Lge nur ersonnen, um meinem Kinde, meinem Sohn eine groe
Erbschaft zuzuwenden -- o, wenn er in mein Herz sehen knnte! Jahr nach
Jahr habe ich gejammert um das Kind und mich gegrmt und abgehrmt, aber
immer im Stillen, immer allein, denn es war keine Seele, der ich mich
vertrauen durfte. Ich htte ihm auch ferner entsagt, denn die Snde war
einmal geschehen, und ich frchtete mich mit dem Gestndni dessen, was
ich gethan, vor meinen braven Mann hinzutreten, bis endlich die Angst
dazu kam, da der Knabe, der durch meine Schuld seinen Eltern entfhrt
war, zu Unglck oder Tod kommen knnte, weil man seinen wahren Stand
nicht kannte. Da litt mich's nicht lnger -- die Sehnsucht nach dem
eigenen Kinde prete mir dabei fast das Herz ab -- ich begegnete ihm auf
der Strae, und er kannte mich nicht und ging kalt vorber, wo ich ihm
htte an die Brust fallen und weinen mgen -- o, nur einmal weinen! Wie
ich es je wieder gut machen soll, welches Herzeleid ich ihm in dieser
Stunde angethan, ich wei es nicht -- ich verstehe auch Vieles von dem
nicht, was andere Leute hier gesagt haben, aber das -- das ist mein
Kind -- das hier! stammelte sie und nherte sich Bruno, der ihr in
unbeschreiblicher Aufregung gegenberstand -- das mein Sohn, den ich
nicht an mein Herz drcken durfte, seit ihn mir die Schwester an
jenem entsetzlichen Abend aus den Armen ri -- das hier -- das... Sie
vermochte nicht mehr, sie konnte sich nicht lnger halten, und Alles
vergessend, was sie hier umgab, Richter, Geschworene, Klger, Zuschauer,
umfate sie krampfhaft den Sohn, sank an ihm nieder, umklammerte seine
Kniee und schluchzte laut.

Da aber konnte sich auch Bruno nicht lnger halten. Er erkannte in der
Frau dieselbe, die ihn so oft und schchtern auf der Strae gegrt,
whrend er gleichgltig an ihr vorbeigeeilt; er vermuthete in ihr
dieselbe, die ihm oft mit rhrender Sorge kleine Geldsummen gesandt,
welche sie sich am Munde abgedarbt, und die Frau fassend und
emporhebend, drckte er sie mit den Worten: Mutter -- meine Mutter! an
sein Herz.

Kaum ein Auge in der ganzen Versammlung blieb bei dieser Scene
thrnenleer -- das gndige Frulein von Wendelsheim, ihr Sachwalter und
der alte Schlosser Baumann ausgenommen. Stumm und starr stand er neben
der Gruppe, mit keinem andern Bewutsein, als dem der Schande und Scham,
sich an diesem Ort zu finden.

Die Verhandlung war durch diesen Zwischenfall fast gestrt worden, und
der Sachwalter des Fruleins protestirte dagegen; er fhlte und sah,
welchen Todessto es all' seinen Aussichten auf Erfolg versetzte. Witte
verzichtete brigens von jetzt ab auf das Wort; er wute recht gut,
da er die Wirkung dieses Moments selbst durch das Beste, was er sagen
mochte, nur htte abschwchen knnen, und der Advocat des Gegenparts
versuchte nun die undankbare Arbeit, in einer lngeren Rede nicht allein
die vorgebrachten Zeugen zu verdchtigen, sondern auch die Aehnlichkeit
zwischen den Geschwistern abzustreiten. Schon dadurch, da er sie
leugnete, bekannte er stillschweigend, da er sie ebenfalls bemerkt.

Der Prsident des Gerichtshofes gab jetzt einen kurzen Ueberblick
ber die Verhandlung und richtete seine Mahnung besonders an die
Geschworenen, auf ihren geleisteten Eid hin sorgfltig zu prfen,
welche Ansprche sie fr die allein geltenden hielten, wer nach ihrer
wirklichen und festen Ueberzeugung der Erbe von Wendelsheim, und wer
in Folge der Verhandlung, sobald ein Betrug festgestellt worden, als
strafbar dabei betrachtet werden msse. Er fhrte dabei die einzelnen
Angeklagten auf und formulirte das ihnen zur Last gelegte Vergehen, auf
das sie nun allein ihr Schuldig oder Nichtschuldig zu antworten.

Die Geschworenen zogen sich zurck, und wieder lief das Flstern
durch den Saal, denn Alles wollte nun dem Nachbar seine eigene Meinung
mittheilen oder dessen Ansicht hren, und mit ihrem Urtheile waren die
Leute auch rasch genug fertig. Das gndige Frulein, welches noch dort
so stolz und hochmthig als je stand, mute in's Zuchthaus, denn sie
hatte die ganze Geschichte angezettelt und betrieben, und die Frau des
Schlossers Baumann wurde freigesprochen, weil sie Alles ehrlich bekannt
und den Betrug aufgedeckt habe. Der Fritz Baumann wurde dann ein
vornehmer Herr und der Lieutenant ein Schlosser...

Die Geschworenen! tnte es pltzlich durch den Saal. Sie waren nur
ausnahmsweise kurze Zeit weggeblieben, und es schien deshalb, da fast
gar keine Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen geherrscht habe (die
einzige in der That ber Frulein von Wendelsheim). Der Vormann theilte
das von ihnen gefllte Verdict mit; es lautet etwa:

Da zwischen ihnen kein Zweifel bestehe; es habe allerdings ein Betrug
durch den heimlichen Umtausch der Kinder stattgefunden, und zwar so,
da der von dem Schlosser Baumann erzogene Sohn Friedrich der Erbe des
Wendelsheim'schen Namens und zugleich aller damit verbundenen Vortheile
und Nachtheile sei, whrend der bis dahin unter dem Namen Bruno von
Wendelsheim gekannte Herr unfehlbar der wirkliche Sohn des Schlossers
Baumann wre.

Die genannte Frau desselben, Katharina, sei ferner schuldig der
Wissenschaft und Beihlfe des Betrugs in der nmlichen Angelegenheit;
aber die Geschworenen empfhlen sie warm der milden Beurtheilung des
hohen Gerichtshofes.

Der Schuhmacher Heberger schuldig, in jeder Hinsicht das Verbrechen
befrdert zu haben.

Die Frau Lisbeth Mller schuldig, jene, eines gewaltsamen Todes
verstorbene Frau Heberger wissentlich, wenn auch nur als untergeordnete
Dienerin, untersttzt zu haben.

Frulein Aurelia von Wendelsheim nichtschuldig, da die Beweise ber ihre
wirkliche Betheiligung oder Mitwissenschaft an dem Betrug zu unreichend
seien.

Wieder erhob sich das Flstern, aber diesmal drohend und unwirsch, denn
die allgemeine Stimme war gegen das gndige Frulein, und man hatte
einen entschieden andern Ausspruch erwartet. Aber die Ruhe stellte sich
augenblicklich von selber wieder her, als sich der Vorsitzende erhob,
um nach dem von den Geschworenen gesprochenen Verdicte den eigentlichen
Urtheilsspruch zu verknden. Derselbe trug den Gefhlen der Menge
Rechnung.

Frau Baumann wurde des Betrugs, ihr Kind gegen das einer andern Frau
heimlich, ohne Wissen der Mutter und um dem eigenen Sohne eine groe
Erbschaft zu sichern, vertauscht zu haben, als berfhrt erklrt, aber
unter mildernden Umstnden, da sie erstens ihr Verbrechen reumthig
selbst gestanden, und dann auch, aus bergroer Liebe fr ihr erstes
Kind, und zwar innerhalb der ersten vierundzwanzig Stunden, so gehandelt
habe, wo das Gesetz selber das Verbrechen des Kindesmordes gelinder
beurtheilt und richtet, als wenn es spter verbt wre. Die ber sie
verhngte Strafe erkenne das Gericht, nach den betreffenden Paragraphen,
in mildester Form zu sechsmonatlicher Gefngnihaft.

Der Schuhmacher Heberger, als berfhrt erklrt, den Betrug seiner
Frau, mit Aussicht auf Gewinn, wissentlich und bswillig gefrdert und
untersttzt zu haben, zu drei Jahren Arbeitshaus, ohne indessen
einer andern gegen ihn eingeleiteten criminellen Untersuchung dadurch
vorgreifen zu wollen.

Frau Lisbeth Mller sei zwar auch fr schuldig erklrt; das hohe
Justizministerium habe ihr aber schon im Voraus, unter der Bedingung,
da sie Alles reumthig und der Wahrheit gem bekenne, im Falle ihrer
Verurtheilung die Strafe gndig erlassen.

Frulein Aurelia von Wendelsheim knne eben so wohl den Gerichtshof
straflos verlassen; die polizeiliche Aufsicht auf Schlo Wendelsheim
werde aber so lange fortbestehen, bis der rechtmige Erbe, Herr
Friedrich von Wendelsheim, die Besitzung -- was ihm von jetzt an jeden
Augenblick freistehe -- bernehme.

Frulein von Wendelsheim schien nur auf den Moment gewartet zu haben.
Mit Sammet und Seide rauschte sie aus der Umfriedigung hinaus, denn
nicht mit Unrecht wnschte sie den Saal frher als die brigen Zuschauer
zu verlassen, weil ihr die Stimmung derselben gegen ihre Person wohl
kein Geheimni geblieben sein konnte. Aber so ganz unbemerkt und
unbegrt sollte sie sich doch nicht entfernen, denn Aller Augen
hafteten in diesem Augenblicke auf ihr, und kaum nherte sie sich der
Thr, an der ein paar Polizeidiener Wache hielten, als auch wie auf
gemeinsame Verabredung ein allgemeines Zischen, Pfeifen und Sthnen
losbrach -- ja, ein paar der rohesten Burschen, mit zufllig einem Apfel
in der Tasche, um vielleicht den Hunger in einer zu langen Sitzung zu
stillen, opferten ihr Frhstck, und ein Glck fr sie, da sie nicht
mehr weit zu gehen hatte, denn kleine Dreierbrtchen, Endchen Wurst und
jene Frchte fingen schon an um sie hernieder zu hageln.

Kreidebleich vor Wuth, gewann sie endlich die Thr und rauschte hinaus,
um sich unten in den ihrer harrenden Wagen zu werfen und, fast auer
sich vor Gift und Galle, nach Schlo Wendelsheim zurckzufahren.

Aber die Verhandlung war noch nicht ganz geschlossen, denn die
Verurtheilte mute erst erklren, ob sie sich der Strafe unterwerfen
wolle, und es hatte einige Mhe, die Ruhe wieder herzustellen. Katharina
Baumann aber, die jetzt wieder auf ihre Bank zurckgewankt war und dort
still weinend sa, dankte dem Richter fr sein mildes Urtheil; sie htte
ein weit strengeres erwartet -- und vielleicht verdient.

Da trat Fritz Baumann, der jetzige Friedrich von Wendelsheim, vor. Er
hatte bis dahin, die Brust von widerstreitenden Gefhlen bewegt, still
und fast regungslos an seinem Platze gestanden. Jetzt schilderte er mit
glhenden Worten die Liebe und Sorgfalt, mit der jene Frau, die er bis
dahin fr seine Mutter gehalten, seine Jugend berwacht und fr ihn
gesorgt und ihn geliebt habe wie ihr eigenes Kind. -- Hier steht ihr
wirklicher Sohn, fuhr er dabei bewegt fort -- lat ihn frei bekennen,
ob er in _seiner_ Heimath, in _seiner_ Familie solche Liebe fand, ob
Alles an ihn gewandt wurde, um ihn zu einem braven, tchtigen Mann
heranzureifen! Ich hatte eine Jugend, so froh und glcklich, wie sie
ein Mensch nur haben kann -- ich lernte dabei arbeiten, um mir frei und
unabhngig von irgend wem meinen Lebensweg zu bahnen, und das dank' ich
nur diesem wackern Mann da -- dieser braven Frau -- dem besten Vater,
der besten Mutter, die es geben kann! Und wenn deshalb meine Bitten
etwas ber Sie vermgen -- o, so erwirken Sie Gnade fr die arme Frau!

Ein beiflliges Gemurmel lief durch den noch immer dicht gedrngten
Raum, und selbst der Vorsitzende nickte ihm freundlich zu. Vor der
Hand war aber natrlich in der Sache weiter nichts zu thun, denn die
Gnadenbewilligung lag allein in einer hheren Hand.

Fritz wollte sich jetzt noch einmal an seinen Vater wenden; als er sich
aber nach ihm umdrehte, konnte er ihn nirgends mehr bemerken. Er hatte
mit seinen Shnen, ohne Abschiedswort an ihn oder die Frau selber, den
Saal verlassen und war still und dster nach Hause zurckgekehrt, Bruno
ihm aber nicht gefolgt. Das Entsetzliche hatte ihn ja zu rasch erreicht,
um sich so gleich und pltzlich hinein zu finden -- er stand und zgerte
und schien seine Umgebung fast vergessen zu haben.

Fritz ging auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen. Er nahm sie;
aber dann sich abwendend, flsterte er: Nur jetzt nicht, nur jetzt
nicht -- ich kann nicht reden, nicht denken! und eilte rasch aus dem
Saal.




9.

Der Erbe.


Welche Sensation das Resultat dieses Geschworenengerichts in Alburg
machte, lt sich denken; es wurde fast von nichts weiter gesprochen,
und Frulein von Wendelsheim mute ber sich das Schwerste ergehen
lassen, was Bierbnke oder Kaffeetische berhaupt zu leisten im Stande
sind. Es wre fr sie auch in der That nicht gerathen gewesen, sich in
der nchsten Zeit wieder in Alburg zu zeigen, denn keine Polizei oder
Gensdarmerie htte sie vor Beleidigungen, ja, vielleicht persnlichen
Angriffen schtzen knnen. Allerdings brach sich bei der gebildeten
Klasse bald die Ueberzeugung Bahn, da die Geschworenen ihr Verdict kaum
anders abgeben konnten, als sie es gethan; denn allerdings war
durch keine einzige Aussage, als die der damals zur Wuth getriebenen
Heberger, die Schuld der Dame entschieden festgestellt. Aber
Niemand zweifelte trotzdem daran, whrend der Handwerkerstand auf das
bestimmteste behauptete, der adelige Drachen sei nur deshalb ungerupft
davon gekommen, weil sie ein von vor ihrem Namen htte und in einem
groen Schlosse wohne.

Wer sich am allerwenigsten um das Ganze kmmerte und doch eigentlich
das grte Interesse daran hatte, war der Erbe selber. An demselben
Nachmittage verbrachte er allerdings noch wohl zwei Stunden mit dem
Staatsanwalt in eifriger Unterhaltung und bei verschlossenen Thren,
erhielt auch von diesem noch an demselben Abend ein Paket Papiere
ausgehndigt, mit denen er dann, den Nachtzug benutzend, in die Residenz
fuhr. Er hatte aber Niemanden weiter gesprochen, keinen Besuch gemacht
oder empfangen und auch in der That mit keinem Menschen sonst verkehrt.

Indessen war der Tag der Erbschaftszahlung herangerckt, und es schien
fast, als ob die Herren der Commission nicht bel Lust htten, die
Auszahlung zu verzgern und den Urtheilsspruch der Geschworenen
anzufechten; der Sachwalter des gndigen Fruleins hatte sich wenigstens
die grte Mhe gegeben, um dahin zu wirken. Aber sie mochten doch wohl
am Ende einsehen, da sie nicht durchdringen wrden; die Beweise waren
zu klar geliefert worden, und nur auf die Vollmacht hin, die Witte in
Hnden hielt, weigerten sie sich, die Summe auszuzahlen. Eine Clausel
des Testaments lautete, da es der Erbe _selber_ in Empfang nehmen
msse, was sie als persnlich interpretirten.

Das verzgerte die Auszahlung aber nur um einen Tag, denn am nchsten
Morgen kehrte Fritz schon zurck, und zwar selig ber den Erfolg seiner
Reise.

Auch in der Residenz war seine Sache eifrig besprochen worden, und
es hatte dadurch -- da sich selbst die knigliche Familie dafr
interessirte -- wenig Schwierigkeit fr ihn, eine Audienz beim Knige zu
erlangen, um dort persnlich das Gnadengesuch fr seine Pflegemutter
zu befrworten. Der Knigin selber, die zugegen war, standen dabei die
Thrnen in den Augen, und als er sich endlich verabschiedete, wurde
ihm die freundliche Versicherung, er solle nur ruhig zurck auf seine
Besitzung reisen, seine Bitte werde Erhrung finden.

Der Telegraph befrderte auch schon vor seinem Wiedereintreffen in
Alburg den Gnadenerla Sr. Majestt an das Criminalgericht daselbst.
Seine Pflegemutter wurde an demselben Tage freigelassen, an welchem er
die Stadt betrat.

Jetzt hatte er freilich genug mit sich selber und seinen Geschften zu
thun, um an etwas Anderes denken zu knnen. Das Capital mute erhoben
werden, und zugleich erschien eine Ankndigung des Staatsanwalts Witte,
da Alle, welche eine Forderung an die Familie Wendelsheim htten
oder zu haben glaubten, sich bei ihm in seiner Wohnung melden und die
Rechnungen einreichen sollten -- und wahrlich, er bekam dadurch Arbeit.
An dem Tage wurde ihm bald das Haus gestrmt, weil die meisten Glubiger
schon gefrchtet oder vielmehr gar nicht erwartet hatten, da der neue
Erbe die Schulden fr den Eingeschobenen bezahlen werde.

Fritz selber befate sich nicht damit; er bat Witte, der die Annahme und
das Eintragen der Rechnungen einem seiner Schreiber bertrug, mit ihm
nach Wendelsheim hinaus zu fahren, denn er frchtete sich ordentlich
davor, das alte Schlo, das von jetzt ab sein Eigenthum sein sollte,
allein zu betreten. Witte war dabei ein praktischer Mann, der ihm
den besten und vernnftigsten Rath ber die knftige Verwaltung geben
konnte.

Er hatte auch geglaubt, seinen Einzug ganz still und unbeachtet halten
zu knnen, und sich vorgenommen, einfach in einem Miethwagen hinaus zu
fahren und beim Verwalter abzusteigen, mit dem er das Meiste ja bereden
mute. Witte war indessen anderer Ansicht gewesen, und ohne ihm etwas
davon zu sagen, schickte er Morgens in aller Frhe einen reitenden Boten
nach Wendelsheim, der den Leuten im Schlosse das Eintreffen ihres neuen
jungen Herrn melden mute; denn er hielt es fr nicht in der Ordnung,
da derselbe unbemerkt und unbeachtet wie ein Handlungsreisender das
Schlo seiner Vter, aus dem er so lange unschuldig verbannt gewesen,
betrete.

Der Bote brachte einen wahren Aufruhr im alten Schlo hervor, denn der
Zustand dort war auf die Lnge der Zeit unertrglich geworden, und Alles
jubelte ja dem neuen Gebieter, den sie bei seinen seltenen Besuchen und
seiner freundlichen Theilnahme fr den verstorbenen jungen Herrn immer
lieb gehabt, aus vollem Herzen ein Willkommen entgegen. Das ganze Dorf
wurde auch augenblicklich aufgeboten, um Blumen und Bsche zu pflcken
und Krnze zu winden; die Leute legten alle ihren Sonntagsstaat an,
und selbst der Schulmeister lie sich die ganze Dorfschule noch einmal
frisch berwaschen und den letzten Choral repetiren, den sie neulich
mitsammen durchgegangen, denn etwas Neues in der Geschwindigkeit zu
lernen, wre unmglich gewesen. Vorposten wurden dazu mit Stangen
und Tchern daran auf die nchste Hhe beordert, um die erste nahende
Extrapost, deren Postillon einen weien Federbusch -- nach Anordnung
Witte's als Gala -- trug, gleich durch Schwenken der Tcher anzumelden.

Der Verwalter machte auerdem den khnen Vorschlag, ein paar alte
Bller, die noch im Wagenschuppen standen, vorzuholen, zu laden und
abzuschieen, wenn die Extrapost in das Thor einfahren wrde. Es stellte
sich nur die einzige Schwierigkeit heraus, da kein Pulver da und die
Zeit zu kurz war, um deshalb noch einmal in die Stadt zu schicken. Der
alte Baron hatte allerdings, wie man recht gut wute, Pulver oben
in seinem Gewehrschrank; aber den konnte man natrlich nicht darum
ersuchen, denn er lie Niemanden vor und gab auch auf gar keine Frage
oder Bitte Antwort. Der Bllergru mute deshalb unterbleiben.

Und jetzt war Alles fertig; weigekleidete Jungfrauen konnten allerdings
nur zwei im Dorfe aufgetrieben werden. Es fehlte nmlich an rein
gewaschenen weien Kleidern, zwei ausgenommen, die rasch geplttet
werden konnten, und mit den Zweien mute man sich denn auch begngen, um
sie zum Blumenstreuen zu verwenden. Es sieht immer besser aus, wenn das
eine weigekleidete Jungfrau verrichtet, und der Schulmeister besonders
hielt es fr unerllich.

Die Leute standen dabei in grter Spannung auf dem Hof. Die Extrapost
hatte um eilf Uhr eintreffen sollen, und jetzt war es schon halb Zwlf
und noch keine Spur davon zu sehen, selbst nicht von der Hhe aus. Halt!
dort hob sich _eine_ Fahnenstange, das verabredete Zeichen, da ein
Wagen in Sicht kam, wenn man ihn auch noch nicht genau unterscheiden
konnte. Alles drngte gespannt dem Thor zu -- jetzt ging die zweite
in die Hhe -- Hurrah, das sind sie! Und nun ging es an ein wahres
Durcheinander, um Jeden in der Geschwindigkeit auf seinen richtigen
Platz zu bringen.

Sogar ein paar Instrumente hatte man im Dorf aufgetrieben, Leute, die
manchmal, um Musik zu machen, auf die Jahrmrkte zogen: eine Trompete,
eine Posaune, eine Clarinette und eine Geige, und mit denen war
schon unten vor dem Wirthshaus ein Tusch einexercirt worden.
Unglcklicherweise hatte aber der Trompeter beim Heraufkommen sein
Mundstck verloren -- die alte Schraube hielt nicht fest -- und die
ganze Zeit in Todesangst danach gesucht. Er fand es nicht wieder, es
mute irgendwo in das Gras gefallen sein, und Posaune und Clarinette mit
der Violine sollten jetzt den Tusch allein spielen.

Jetzt kam der Wagen in Sicht, voraus, was sie laufen konnten, die beiden
Jungen mit den Fahnenstangen, und wie der Wagen jetzt auf ein Zeichen
des Verwalters im Schritt in das Thor hineinfuhr, scheuten die Pferde,
denn die Posaune platzte, da ihr die Trompete fehlte, zu frh los und
die Clarinette setzte falsch ein, whrend die Violine mit ihrem Tusch
und ihrer feinen, piependen Stimme ordentlich durchging und schon fix
und fertig damit war, ehe die Posaune nur wieder ihr altes Messing
eingeholt hatte.

Aber mit donnerndem Jubel brach jetzt das Hurrahgeschrei der Dorf- und
Schlobewohner aus, ein Hurrah, das aus voller Kehle und volleren Herzen
laut und jubelnd herausgestoen wurde; und die Mdchen warfen ihre
Blumen den Pferden vor die Hufe, die Frauen schwenkten ihre Tcher,
die Mnner ihre Mtzen und Hte, und die Luft bebte ordentlich von den
Jubelrufen.

Fritz sa im Wagen, die Thrnen liefen ihm an den Wangen nieder -- er
konnte kaum danken und winken vor innerer Bewegung; aber Witte besorgte
das fr ihn. Er schwenkte seinen Hut nach allen Seiten, sein ganzes
Gesicht strahlte vor Freude, denn nicht mit Unrecht betrachtete er dies
Alles als sein eigentliches Werk; und als der Choral jetzt begann und
die Schuljungen vor Angst und Rhrung nicht singen konnten und
der Schulmeister, aus Furcht, da sie sich blamiren wrden, allein
hinausbrllte, und dann der Trompeter pltzlich jubelnd mit dem endlich
gefundenen Mundstcke zurckkam und nun den Tusch, freilich etwas
versptet, mitten in den Choral hinein schmetterte, wollte er sich rein
ausschtten vor Lachen.

Der Verwalter hatte sich vorgenommen gehabt, dem jungen Herrn, wenn er
aus dem Wagen stieg, eine Rede zu halten; aber es war ihm gegangen, wie
dem Trompeter mit seinem Instrument, er hatte das Hauptende davon: den
Anfang, verloren und blieb stecken, ehe er nur begann. So war denn wohl
alles Einstudirte vergessen, aber was ihm im Herzen und auf der Zunge
lag, doch nicht, und wie der junge Mann aus dem Wagen sprang, streckte
er ihm die breite Hand entgegen und sagte: Gott sei Dank, da Sie da
sind, da Sie's sind, Gott segne Sie und Ihren Eingang! Und das war die
beste Rede, die er htte halten knnen.

Fritz war froh, als er sich dem Lrm und Jubel da drauen in dem stillen
Stbchen des Verwalters entziehen konnte. Er wollte noch nicht in's
Schlo hinaufgehen, er mochte seiner Tante nicht begegnen, bis Alles
geordnet und besprochen war.

Der Beamte, der bis jetzt die Controle im Schlosse gehabt, kam hieher
und bergab ihm die Schlssel, und bald hatte er sich mit dem alten
Verwalter ber die nchst zu nehmenden Schritte in der Bewirthschaftung
des Gutes vereinigt oder vielmehr Alles gut geheien, was der Alte, mit
der Fhrung berhaupt betraut, bis dahin unternommen. Ueberall nthige
Verbesserungen konnten natrlich erst in ruhigerer Zeit vorgenommen
werden; der Verwalter bekam aber unbeschrnkte Vollmacht, Alles
anzuordnen und vorzubereiten, was er fr dringend nthig halte, damit
nicht so viel Zeit versumt wrde, denn in den letzten Jahren war ja
fast das Ganze in Verfall gerathen.

Gern htte Fritz seinen Vater gesehen; aber der Verwalter rieth ihm
dringend ab, auch nur den Versuch zu machen, da sich der Zustand des
alten Barons in den letzten Tagen sehr verschlimmert haben sollte.
Kathinka und der Arzt waren die einzigen, die zu ihm durften; das
Mdchen, dem das Reinmachen der Zimmer oblag, mute sich Morgens nur
hineinstehlen und mehrmals selbst flchten, wenn er es nur gewahrte.
Fremde Menschen duldete er gar nicht um sich. Der Arzt hatte eines
Tages, da er selbst verhindert war zu kommen, seinen Famulus zu ihm
gesandt; auf den aber strzte er augenblicklich los, so da er sich gar
nicht schnell genug aus dem Zimmer retten konnte. Seit der Zeit war
es auch ernstlich besprochen worden, ob man ihn nicht einer Anstalt
bergeben msse, um bei einem einmal pltzlich ausbrechenden Wuthanfall
Unglck zu vermeiden.

Und wo war Kathinka, da er sie noch nicht gesehen, denn im Hofe konnte
sie nicht gewesen sein? Der Verwalter wute es nicht; sie hatte
vorhin, als die Extrapost einfuhr, oben an einem der Fenster gestanden,
wahrscheinlich befand sie sich noch oben.

Indessen kam die Meldung, da fr den jungen neuen Herrn das Frhstck
oben aufgetragen sei; aber Fritz hatte vorher noch eine andere Pflicht
zu erfllen: er mute das Grab seines armen Benno, seines Bruders,
besuchen, und bat deshalb den Staatsanwalt, alles noch Nthige unter der
Zeit mit dem Verwalter zu besprechen. Er wollte dort drauen ungestrt
und allein sein.

Er kannte ja auch den Weg dahin gut genug! oft und oft war er in
frheren Zeiten, manchmal mit seinem kranken Bruder, manchmal allein,
durch den Park gewandert, mit keiner Ahnung damals freilich, da er auf
seinem eigenen Besitzthum stehe. Eigenthmliche Gefhle durchzogen ihm
deshalb auch heute die Brust, als er das Laub der alten Bume wieder
ber sich rauschen hrte und die grotesk verschnittenen Taxushecken sah,
die den Gemsegarten auf der einen Seite einfriedigten. Wie wunderbar
war das Alles gekommen, wie unbegreiflich, ungeahnt, und so rasch dabei,
da er noch immer wie in einem Traum dahinschritt und in dem Traum
doch wieder das jubelnde Willkommen hrte, das ihm seine knftigen
Untergebenen zugerufen, doch wieder die glcklichen, freundlichen
Gesichter sah, die ihm von allen Seiten entgegen lachten.

Die Augen auf den Boden geheftet, nur mit den Bildern beschftigt,
durchwanderte er den langen, etwas gewundenen Gang, der zu dem
Erbbegrbni der von Wendelsheim fhrte, bis er den offenen Platz
erreichte, der die stille, freundliche Ruhesttte umgab.

Die kleine Capelle, in der das Todtenamt gehalten wurde, stand rechts,
und dicht daran geschmiegt lagen die Grber, nicht in dumpfer
Gruft, sondern in der Mutter Erde, unter grnem Rasen und schattigen
Trauer-Eschen und Weiden -- und dort drben?

Sein Fu zgerte -- an dem letzten, noch mit Blumen reich geschmckten
Grabe kniete eine weibliche Gestalt und betete; es war Kathinka, er
erkannte sie im Augenblick. Sie konnte ihn auch nicht gehrt haben, denn
sie vernderte ihre Stellung nicht im geringsten, und er blieb stehen,
um sie nicht zu stren. Aber sein Auge haftete fest auf ihr, und
unwillkrlich faltete er die Hnde und schmte sich dabei der Thrnen
nicht, die ihm die Wangen netzten; aber es waren nicht allein Thrnen
der Trauer um den so frh geschiedenen Bruder -- es waren auch Thrnen
des Glcks. Jetzt erhob sie sich; sie hatte ihre Andacht wohl beendet
und wollte zu dem Schlosse zurckkehren, als sie den Fremden auf dem
freien Platz bemerkte und erschreckt zusammenzuckte. Aber sie mute ihn
erkannt haben, denn scheu wich sie ihm aus, grte ehrfurchtsvoll und
wollte den andern Weg einschlagen, der an dem Gitter des Parks hinlief.

Kathinka, sagte Fritz herzlich, bin ich Ihnen so fremd geworden, da
Sie mir nicht einmal mehr, wie sonst, die Hand zum Gru bieten?

Ich wei nicht, Herr Baron, sagte das junge Mdchen ngstlich und
wurde dabei purpurroth; ich wute nicht, da Sie so bald hieher kommen
wrden, und war nur hier, um -- Abschied zu nehmen.

Abschied, Kathinka?

Ja; das gndige Frulein hatte mir schon vor einiger Zeit befohlen, das
Schlo zu verlassen; aber ich durfte nicht fort. Der fremde Herr, der in
den letzten Tagen den Befehl hier fhrte, litt es nicht; Niemand
durfte den Platz verlassen, wie er sagte, bis der rechtmige Besitzer
eingetroffen sei, der dann selber zu bestimmen haben wrde.

Und Sie haben noch einmal an meines armen Benno Grab gebetet?

Er war der einzige Freund, den ich auf der Welt hatte, sagte das junge
Mdchen weich; ich durfte den Platz nicht verlassen, ohne wenigstens
von ihm Abschied zu nehmen.

Und gehen Sie gern, Kathinka?

Das junge Mdchen schwieg; ein eigenes, wehes Gefhl prete ihr das Herz
zusammen, und sie brauchte Minuten, um sich zu sammeln. Endlich sagte
sie leise: So lange der -- so lange Ihr Bruder lebte, wrde ich mich
schwer vom Schlosse Wendelsheim getrennt haben; jetzt bedarf man meiner
nicht mehr, und -- das gndige Frulein sieht auch meine Gegenwart nicht
gern.

Aber wohin wollen Sie sich wenden?

Ich -- wei es noch nicht; ich -- habe Aussicht, als Lehrerin in ein
Institut zu treten.

Unter fremden Menschen?

Unter fremden Menschen? wiederholte Kathinka wehmthig. Ich war die
Fremdeste im Schlosse von Allen. Aber Sie entschuldigen mich wohl, Herr
Baron; ich mchte meine Sachen packen, und glaube doch nicht, da meiner
Abreise noch etwas im Wege steht.

Herr Baron? wiederholte Fritz unwillkrlich leise; wie sonderbar, wie
unnatrlich das klingt!

Aber es ist doch Ihr Titel!

Und glauben Sie, Kathinka, da mich der Titel freuen wrde, wenn ich
dadurch alte Freunde verlieren sollte?

Sie werden keine alten Freunde dadurch verlieren, Herr Baron, aber
viele neue wohl dadurch gewinnen.

Aber Sie habe ich doch dadurch verloren, Kathinka, sagte Fritz
herzlich; Sie waren sonst so einfach unbefangen, so gut mit mir und
sind jetzt auf einmal so entsetzlich kalt und hflich geworden.

Waren Sie nicht Benno's treuester Freund?

Also nur Benno's wegen?

Herr Baron! sagte das arme Mdchen, und wieder scho ihr das Blut in
Strmen in Wangen und Schlfe.

Ich hatte mich so darauf gefreut, Sie wieder hier zu finden, fuhr
Fritz herzlich fort, mit Ihnen mich der Zeiten zu erinnern, wo Benno
noch lebte; jetzt, da ich komme, wollen Sie das Schlo verlassen.

Ich mu, Herr Baron.

Aber selbst wenn mein gndiges Frulein Tante gar nicht mehr den
Oberbefehl hier htte -- ein Zustand, der _sehr_ wahrscheinlich ist--,
wrden Sie dann immer noch fort wollen?

Ja, Herr Baron -- ich wrde doch gehen.

Dann haben Sie einen andern Grund.

Kathinka schwieg; sie war jetzt eben so bleich geworden, als sie vorher
roth gewesen.

Und darf ich ihn nicht wissen?

Noch immer stand das junge Mdchen und sah still und lautlos zur Erde
nieder.

Da trat Fritz ihr nher, nahm ihre Hand und sagte leise: Kathinka,
ich kenne Ihr ganzes Leben, ich wei, was Sie hier in dem alten Schlo
ausgehalten, wei, mit wie himmlischer Geduld Sie Alles ertragen
haben nur des Bruders wegen, und lebte Benno noch, nie, nie htte er
gestattet, da Sie Schlo Wendelsheim verlassen drften. Ich bin sein
Erbe, nicht allein der Erbe seines Gutes, nein, auch seiner Liebe
-- gehen Sie nicht fort. Sie haben Schlo Wendelsheim als eine Hlle
gesehen, machen Sie es selber zu einem Himmel.

Herr Baron! rief Kathinka, bestrzt zu ihm aufsehend.

Erschrecken Sie nicht darber, Kathinka, rief Fritz, sie mit seinem
linken Arme umfassend -- werden Sie mein Weib -- ich war Ihnen gut vom
ersten Augenblick an, wo ich Sie gesehen, und suchte doch das Glck an
anderer Sttte, wo ich es wahrscheinlich nie gefunden htte. Jetzt bin
ich zurckgekehrt...

Um Gottes willen, rief Kathinka beinahe auer sich, Ihren Scherz
knnen Sie ja doch an Benno's Grab nicht mit einer armen Waise treiben
-- und Ernst? Es ist ja nicht mglich, nicht denkbar!

Werden Sie mein Weib, Kathinka, bat Fritz noch einmal und sah ihr so
treu, so liebend in die Augen, da ihr schwindelte. Einen heiligeren
Platz fr Ihr Jawort, als des Bruders Grab, finden wir nicht auf der
weiten Welt, und da sein Geist mit Jubel unsern Bund segnet -- glauben
Sie es nicht?

Aber es ist -- es ist ja doch nicht mglich!

Bist Du mir gut, Kathinka? drngte Fritz, indem er sie fester an sich
prete; o, sage nur das eine Wrtchen: Ja!

Gut? rief das junge Mdchen, und whrend sie ihr Haupt an seiner Brust
barg, machte ein Thrnenstrom ihrem gepreten Herzen Luft. Fritz aber,
ohne sie loszulassen, in Glck und Seligkeit, fhrte sie zu dem Grabe
des Bruders, und dort, sich fest umschlingend, beteten Beide still und
hei.

Und nun komm, sagte Fritz endlich, sie mit sich vom Boden hebend; mir
bleibt noch viel daheim im Schlo zu thun, denn von heute ab hab' ich es
bernommen. Du wirst so lange, bis unser Bund gesegnet werden kann, zu
der alten Verwalterin hinberziehen, und da Dich die Tante nicht mehr
krnkt, dafr la mich sorgen. Aber eine Frage beantworte mir noch,
Kathinka, ehe wir den Park verlassen: Weshalb wolltest Du doch das
Schlo meiden, auch wenn die Tante da nicht mehr zu befehlen htte?

Kathinka war wieder blutroth geworden; sie richtete sich von der Brust
des Geliebten, der sie noch immer umschlungen hielt, auf und sah ihm in
die Augen.

Und darf ich es wissen?

Und wieder barg sie ihr Haupt an seiner Schulter und flsterte: Weil
ich elend geworden wre, wenn ich Dich in den Armen einer andern Gattin
gesehen htte!

Mein Lieb, mein ses, herziges Lieb! Und so warst Du mir schon lange
gut?

O, von ganzem Herzen und von ganzer Seele! rief die Jungfrau und
umschlang zum ersten Male den Geliebten mit beiden Armen.

Es waren selige Augenblicke des Glckes, in denen die beiden Liebenden
langsam durch den schattigen Park zurck dem alten Schlosse zuwanderten,
und erst als sie in Sicht des unmittelbar daran stoenden offenen
Platzes kamen, wand sich Kathinka von ihm los, warf noch einmal die
Arme um seinen Nacken, begegnete seinem heien Ku, und floh dann scheu
seitab durch die Bsche, um den Hof von einer andern Seite zu erreichen.

Als Fritz ihn betrat, kam ihm Witte entgegen und sagte ihm, das gndige
Frulein habe schon zum dritten Mal nach ihm geschickt und erwarte ihn
beim Frhstck.

Welches gndige Frulein? fragte Fritz zerstreut.

Welches? lachte der Staatsanwalt; nun, Ihre Frulein Tante. Wenn die
aber die Honneurs macht, will ich lieber nicht mit hinber gehen, um ihr
den Appetit nicht zu verderben.

Ich frchte, lieber Staatsanwalt, nickte Fritz, ich werde ihn ihr
selber verderben mssen; aber kommen Sie, denn ich habe nachher noch
etwas sehr Wichtiges vor, bei dem ich gern wnschte, da Sie Zeuge
wren.

Beide Mnner schritten jetzt dem Portal des Schlosses zu, wo sie oben
den alten Verwalter trafen, der, mit ein paar Flaschen Wein beladen, aus
dem Keller stieg.

Haben Sie keinen Champagner unten, Wunting?

Ja gewi, Herr Baron.

Schn, der darf heute nicht fehlen; aber bringen Sie ihn selber in's
Zimmer und frhstcken Sie mit uns. =A propos=, wo steckt denn Frulein
Kathinka?

Wie ich in den Keller ging, stieg sie die Treppe hinauf; ich glaube,
sie wird in ihrem Zimmer sein.

Dann schicken Sie Jemanden hinauf, ich liee sie bitten, in das
Frhstckszimmer zu kommen. Es sind doch Gedecke genug aufgelegt?

Ja, mein bester Herr Baron, sagte der Verwalter etwas verlegen, das
liee sich wohl gleich besorgen, aber -- die Sache hat einen Haken. Sie
-- kennen die Hausordnung auf Schlo Wendelsheim noch nicht. Das gndige
Frulein it weder mit mir, noch mit der Kathinka an einem Tisch,
und als das der alte Herr Baron einmal einfhren wollte, hat es einen
Hauptspectakel gegeben. Ich mchte doch nicht die Ursache sein, da es
gleich am ersten Tage zu Zank und Unfrieden kme -- der wird so nicht
ausbleiben, setzte er leise hinzu.

Haben Sie keine Furcht, Wunting, nickte ihm Fritz zu, mein gndiges
Frulein Tante soll, was das Frhstck betrifft, nicht in ihren Gefhlen
verletzt und auch kein Zank und Unfrieden hervorgerufen werden. Erfllen
Sie nur meine Bitte und besorgen mir Alles nach der angegebenen Art; das
Andere berlassen Sie mir.

Damit stieg er langsam, Witte unter den Arm fassend, die Treppe hinauf,
betrat aber das ihm bezeichnete Frhstckszimmer noch nicht, sondern
zuerst den groen Saal, von dessen Balcon aus er den ganzen Hof und
einen groen Theil des Parkes bersehen konnte. Und das Alles war jetzt
_sein_ -- sein Eigenthum, sein Erbe von Eltern her, die er nie gekannt,
oder, wenn gekannt, nur scheu und fremd betrachtet, an deren Herzen er
nie gelegen, nie ein freundliches Wort nur von ihnen vernommen hatte. Es
war ihm recht weich und weh zu Sinn -- und doch auch wieder so wohl, so
glcklich, da er htte weinen mgen, aber zugleich aufjubeln vor Lust
und Seligkeit.

Witte betrachtete sich inde die Bilder an den Wnden und das ganze
alte, auerordentlich reiche, aber verwitterte und verblichene
Ameublement, das genau so aussah, als ob es einer Ritterfamilie gehrt
und ein paar Jahrhunderte unbenutzt hinter verschlossenen Thren
und verhangenen Fenstern gestanden habe, bis der Verwalter sie hier
aufsuchte und meldete, es sei Alles bereit, Frulein Kathinka frchte
sich aber, in das Zimmer zu gehen, bis der Herr Baron mitkme.

Ein leichtes Lcheln flog ber das Antlitz des jungen Mannes und er
sagte freundlich: So kommen Sie, Staatsanwalt, kommen Sie, lieber
Wunting, denn ich mu Ihnen gestehen, da ich hungrig geworden bin, und
der Champagner darf ebenfalls nicht kalt werden.

Und damit eilte er leichten Schrittes hinaus ber den Gang, auf dem
Kathinka harrend am Fenster stand. Aber er redete sie nicht an, nur
einen lchelnden Wink gab er ihr, und betrat jetzt, von den Uebrigen
gefolgt, das Frhstckszimmer, in dem ihn seine Tante, in eine
schwerseidene, violettblaue Robe gekleidet, stehend erwartete. Wie sie
ihn sah, ging sie auf ihn zu, streckte ihm die Hand entgegen und sagte:

Erlaube mir, Fritz, Dich auf Schlo Wendelsheim willkommen zu heien!
Ein wunderliches Geschick hat Dich so lange davon fern gehalten, und
jetzt -- nun, nimmst Du meine Hand nicht? rief sie, ihn erstaunt
ansehend. Ist das Dein erster Gru auf unserem alten Stammsitz?

Mein gndiges Frulein, sagte Fritz kalt und fest, was Sie thun
_konnten_, um sich diesen ersten Gru߫ zu ersparen, haben Sie redlich
gethan. Gott hat es anders gewollt, und ich bin in die Mauern, aus denen
ich heimlich und in einen Mantel gewickelt in strmischer Nacht nicht
verbannt, nein, verstoen wurde, bei hellem Sonnenschein zurckgekehrt;
aber nicht mehr als Kind, sondern als Mann und Herr -- von jetzt ab
keine Gemeinschaft mehr zwischen Ihnen und mir!

Fritz, rief das gndige Frulein erschreckt, denn bis zu diesem
Augenblick hatte sie noch gehofft, ihre Autoritt im Schlosse nicht
ganz zu verlieren, und glaubst auch Du jenen faulen Zungen, die mich
verdchtigten?

Die Stimme des _Volkes_ gegen Sie ist Ihnen bekannt, sagte Fritz
ruhig, Sie haben sie wenigstens bei Ihrem Austritt aus dem Saal der
Geschworenen erfahren. Ich theile dessen Glauben, da _Sie_ gerade die
Hauptschuldige des Verbrechens waren. Aber wie dem auch sei, ich will
nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Dieses Schlo, das Sie die langen
Jahre zu einem Fegefeuer Ihrer Untergebenen machten...

Herr Baron! rief das gndige Frulein, emporfahrend.

Soll Ihnen nicht verschlossen werden. Bleiben Sie, wenn Sie es
wnschen, hier wohnen, und ich werde Ihnen in dem neuen Flgel Ihre
Zimmer herrichten lassen. Im Schlosse selber wirthschafte ich aber von
diesem Augenblicke an _mit meiner Hausfrau_ als unumschrnkter Herr,
und meine Hausfrau, fuhr er fort, sich nach dem schchtern zur Seite
stehenden Mdchen umdrehend und ihre Hand ergreifend, wird Kathinka
werden.

Kathinka? rief Frulein von Wendelsheim entsetzt, whrend der alte
Verwalter mit einem dankbaren Blick nach oben seine Hnde faltete und
Staatsanwalt Witte leise vor sich hin mit dem Kopf nickte.

Ich wei, da Sie ein nicht unbedeutendes Vermgen haben, setzte Fritz
hinzu, hinlnglich wenigstens, um bequem davon leben zu knnen; sollten
Sie deshalb vorziehen, Schlo Wendelsheim zu verlassen, so steht Ihnen
nichts im Wege, ja, ich erlaube mir sogar, Ihnen noch einen jhrlichen
Zuschu von tausend Thalern anzubieten. Bleiben Sie aber hier, so
verbiete ich Ihnen hiermit auf das strengste, unsern Theil des Schlosses
je zu betreten, oder...

Genug, genug, Herr Baron von Wendelsheim, unterbrach ihn die Dame,
in zornigem Grimm emporfahrend, bergenug, um mir zu beweisen, da Sie
Ihrer Erziehung Ehre machen! Schlo Wendelsheim hat bis jetzt seinen
alten Namen in Schmuck und Stolz bewahrt; ich will nicht Zeuge sein, wie
er in den Staub getreten wird!

Und sich rasch abwendend, eilte sie nach der Thr, durch die sie in Hast
verschwand.

Ich htte nie geglaubt, sagte Witte trocken, da ich noch in meinen
alten Jahren ein solches Vergngen empfinden wrde, einen Drachen
fliegen zu sehen; Frulein von Wendelsheim's beste Seite ist aber
entschieden ihr Rcktheil. Und das Ihre Braut, Baron?

Meine liebe, se Braut! rief Fritz, das tief errthende Mdchen an
sich ziehend. Es ist rascher gekommen, als ich eigentlich glaubte; aber
sie wollte uns hier entfliehen, und da wute ich kein besseres Mittel,
um sie zu halten, als sie zu bitten, mein braves Weib zu werden.

Und tausend Gottes Segen ber Sie Beide, rief der alte Verwalter
jubelnd, denn jetzt geht eine neue Sonne ber Wendelsheim auf!




10.

Bruno.


Staatsanwalt Witte hatte auf den nchsten Morgen Bruno Baumann bitten
lassen, zu ihm zu kommen und einiges Geschftliche mit ihm zu regeln. Es
war nthig, da er die verschiedenen eingelaufenen Rechnungen wenigstens
durchsah, um so viel als mglich eine Uebervortheilung von Seiten der
Glubiger zu vermeiden.

Bruno kam zur bestimmten Zeit und sah in Witte's Hinterstbchen die
eingelaufenen Papiere durch, die sich allerdings auf eine ziemlich
bedeutende Summe beliefen, aber dennoch die Ziffer noch lange nicht
erreichten, die der Staatsanwalt erwartet oder vielmehr gefrchtet
hatte.

Bruno war natrlich in einer sehr gedrckten Stimmung, aber doch ernst
und gefat, und Witte wirklich von der Resignation gerhrt, mit der er
Alles ber sich ergehen lie.

Mein lieber junger Freund, sagte er auch endlich, als sich jener mit
einem kaum unterdrckten Seufzer von seinem Stuhl erhob und die Papiere
zurckschob, lassen Sie den Kopf nicht sinken. Es hat Sie allerdings in
der Tuschung aller Ihrer Erwartungen ein harter Schlag getroffen, aber
er ist doch nicht so schlimm, als Sie vielleicht jetzt glauben mgen.
Da Friedrich von Wendelsheim alle die Schulden bezahlt, welche sein
Vater oder Sie auf den Namen gemacht haben, ist eine Sache, die sich
von selbst versteht; denn wre _er_ an Ihrer Stelle gewesen, so htte
er ebenfalls Schulden machen mssen und -- mit einer andern Erziehung
-- mglicher Weise noch ganz anders gewirthschaftet. Er fhlt aber auch,
da Sie, und noch dazu ganz unverschuldeter Weise, in einem Alter in das
Leben hinausgeworfen werden, wo man nicht mehr anfangen kann zu lernen,
um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, und hat mich deshalb
gestern beauftragt, Ihnen ein Capital von dreiigtausend Thalern
auszahlen zu lassen, das Sie also jeder Sorge fr Ihre knftige Existenz
berhebt und Sie vollkommen frei und unabhngig in die Welt stellt. Sie
knnen jeden Augenblick darber verfgen.

Bruno war feuerroth bei dem Anerbieten geworden, und er bedurfte einiger
Zeit, ehe er etwas erwiedern konnte. Endlich sagte er leise: Herr
Staatsanwalt, der Erbe von Wendelsheim ist ein Ehrenmann, und sagen Sie
ihm fr sein gromthiges Anerbieten meinen herzlichsten Dank -- wie ich
auch Ihnen fr die freundliche und zarte Weise danke, mit der Sie es mir
mitgetheilt -- aber ich kann es nicht annehmen.

Den Henker auch, rief Witte ordentlich erschreckt, dreiigtausend
Thaler wirft man doch bei Gott nicht mit einer Handbewegung aus dem
Fenster!

Hren Sie mich ruhig an, sagte Bruno. Dafr schon, da er die
Schulden bezahlt, die ich, ohne es zu wissen, auf einen fremden Namen
gemacht, bin ich ihm dankbar, und nehme das mit Freuden an, weil ich
wei, da ich an seiner Stelle ebenso gehandelt htte. Ich mu es auch
-- nicht meinetwegen, sondern der armen Leute wegen, die ihr Vertrauen
auf den alten Namen nicht so theuer bezahlen drfen. Dadurch zahlt er
es theilweise fr sich selber ab -- weiter darf es nicht gehen. Ich kann
kein Almosen von einem Fremden nehmen.

Das sind die unglckseligen, berspannten Vorurtheile von Ehre, die
Ihnen noch aus Ihrem frheren Stande ankleben! rief der Staatsanwalt.

Wollte Gott, sagte Bruno, jener Stand htte keine schlimmeren
Vorurtheile, wie Sie es nennen, als das innige Gefhl fr seine Ehre --
es wre dann Manches besser.

Aber Sie sagen, Sie htten, was die Rechnungen betrifft, das Nmliche
an seiner Stelle gethan -- htten Sie nicht ebenso in Betreff einer
Summe gehandelt, die dem unschuldig Ausgestoenen wenigstens den Schmerz
der Abhngigkeit erspart?

Ich glaube, ja, sagte Bruno nach einigem Zgern. Ich glaube, ich
wrde ihm ein hnliches Anerbieten gemacht haben; aber ich bin eben
so fest berzeugt, da er es aus den nmlichen Grnden zurckgewiesen
htte, als die sind, welche mich jetzt dazu bestimmen.

Aber lieber, bester Herr...

Lassen Sie uns enden. Ich trage das drckende Gefhl, ihm zu Dank
verpflichtet zu sein, schon jetzt mit mir fort, wenn er es auch selber
gesucht hat auf freundliche Art zu mildern, indem er Sie zum Vermittler
machte. Ich werde morgen die Stadt verlassen, um nie mehr hieher
zurckzukehren, und nur noch zwei schwere Wege stehen mir bevor.

Haben Sie Ihre Eltern noch nicht besucht?

Nein, ich bin jetzt im Begriff dorthin zu gehen -- erlauben Sie
vielleicht, da ich mich vorher bei Ihrer Familie verabschiede, die mir
immer so viel Freundlichkeit bewiesen?

Hm -- ja -- gewi! rief Witte rasch, und dann die Thr ffnend, rief
er hinaus: Gehe einmal einer von Ihnen hinber zu meiner Frau und sage
ihr, der Herr Lieutenant Bau--, der Herr Lieutenant von Wendelsheim
wnsche ihr seine Aufwartung -- seinen Abschiedsbesuch zu machen!

Es pat Alles nicht mehr, lieber Staatsanwalt, lchelte Bruno
wehmthig, als er die Thr wieder schlo, weder der Lieutenant, noch
der Name. Ich bin der schlichte Bruno Baumann geworden, und wenn mir
der Name auch noch eben so unbequem ist, wie mir die ungewohnten
Civilkleider sitzen, so werde ich mich doch mit der Zeit hineinfinden
mssen.

Ich kann mir's denken, nickte der Staatsanwalt, horchte aber doch
dabei unruhig nach der Thr -- er hatte so eine Ahnung. Jetzt hrte er
Jemanden kommen, und der junge Schreiber steckte gleich darauf den Kopf
in's Zimmer und sagte:

Frau Staatsanwalt lt unendlich bedauern: sie hat Kopfschmerzen, und
Frulein Ottilie sind noch nicht angekleidet.

Der Staatsanwalt nickte still vor sich hin -- genau so, wie er erwartet.
Bruno sah ihn an und seufzte:

Die Damen haben recht, sagte er; ich htte mir die Abweisung ersparen
knnen. Aber Sie drfen es mir nicht so bel nehmen, lieber Herr -- man
findet sich ja nicht so rasch in die neuen Verhltnisse.

Witte war aufgestanden und lief einmal durch's Zimmer; jetzt blieb er
vor Bruno stehen, streckte ihm die Hand entgegen und sagte herzlich:

Wir bleiben Freunde -- was auch kommen mge, und wenn Sie je im Leben
Rath oder Hlfe brauchen, Baumann, so kommen Sie zu mir, und -- Sie
sollen Ihren Mann an mir finden....

Staatsanwalt Witte zu Hause? hrten sie drauen eine Stimme -- es
war Fritz, der im nchsten Augenblick in der Thr stand. Als er Bruno
bemerkte, streckte er ihm herzlich die Hand entgegen: Ich habe mich
lange danach gesehnt, Sie zu treffen, Bruno.

Auch ich freue mich, sagte Bruno zurckhaltend, um Ihnen meinen Dank
fr das -- Geschehene auszusprechen, Herr Baron....

Herr Baron, rief Fritz unwillig -- und das von Ihnen? Eben so gut wie
es _mir_ unmglich ist, Sie mit dem Namen zu nennen, den ich so lange
getragen habe, so wenig drfen Sie sich dabei Gewalt anthun! Wir sind
Leidensgefhrten, alte, langjhrige Leidensgefhrten, die sich zum
ersten Male im Leben in jener strmischen Nacht im Parke von Wendelsheim
begegneten und, selber willenlos, in fremde Bahnen geworfen wurden. Wie
feindlich auch damals die Welt gegen uns auftrat -- wir selber mssen
Freunde bleiben, und dazu biete ich Ihnen die Hand. Aber dann auch
kein Baron mehr, sondern Fritz und Bruno und ein herzliches Du, wie es
solchen Unglcksbrdern ziemt.

Bruno prete die ihm gereichte Hand herzlich, und der Staatsanwalt rief:
Aber er will das Geld nicht nehmen...

Kein Wort mehr darber, bat aber Bruno -- alles Andere nehme ich an,
vor Allem am liebsten Deinen Brudergru, Fritz, und damit Du siehst, da
ich auf Deine Liebe zhle, trete ich gleich vor Dich mit einer Bitte...

O wie gern wenn ich sie erfllen kann!

Begleite mich zu den Eltern -- ich war noch nicht dort und frchte den
ersten Schritt in meines Vaters Haus.

Armer Bruno, sagte Fritz mit tiefem Gefhl -- so komm; wir wollen
gehen, und unterwegs erzhlst Du mir Deine Plne fr Dein knftiges
Leben -- ich Dir die meinigen.

Die Strae hinab gingen die beiden jungen Leute Arm in Arm, und wer
ihnen unterwegs begegnete und sie erkannte, blieb stehen und sah ihnen
nach; und Bruno erzhlte dem neu gewonnenen Freund, da er beabsichtige,
morgen nach Hamburg und von da nach Amerika zu gehen, um dort ein neues
Leben zu beginnen, und Fritz dagegen sagte ihm von der Vernderung auf
Schlo Wendelsheim, dem trostlosen Zustand des Vaters, der Bestrafung
der Tante und seiner glcklichen Liebe, bis sie die alte Werksttte
Baumann's erreichten und unwillkrlich an der Schwelle stehen blieben.

Wie manche glckliche Stunde habe ich hier verlebt, sagte Fritz weich,
und darin, Bruno, bist Du weit glcklicher als ich, denn Du findest
brave, wackere Eltern, deren Liebe ich Dir die langen Jahre gestohlen
-- o wenn Du mir nur verstatten wolltest, das im kleinsten Theile wieder
gut zu machen!

La es sein, Fritz, sagte Bruno trbe; es war uns Beiden nicht
verstattet, am Herzen der eigenen Mutter zu ruhen -- aber es ist vorbei.
Dir war es zum Heil -- mir, dem es zum Glcke gereichen sollte, wurde es
zum Verderben. Also vorwrts -- es hilft nichts mehr, zurckzuschauen.

In der Schlosserwerkstatt gingen die Hmmer fleiig, wie in alter Zeit;
aber es wurde nicht dabei gepfiffen und gesungen wie in alter Zeit. Ein
trber Geist lag auf dem alten Hause. Nicht das Unglck -- das wrde
_diese_ Herzen einander nicht entfremdet haben--, nein, die _Snde_
war hindurch geschritten und hatte ihre dunkeln Spuren hinterlassen. Ein
bser Geist war eingezogen -- das Mitrauen, und das Unglck hatte sich
in einer Sttte unter Thrnen und Seufzern behaglich eingerichtet,
wo sonst nur das Glck, wenn auch mit harter Arbeit, seinen Wohnsitz
aufgeschlagen.

Der alte Baumann stand am Ambo wie gewhnlich und formte mit kundiger
und geschickter Hand seine Arbeit; neben ihm arbeitete Karl mit den
Lehrlingen, und als Fritz zuerst in der Thr erschien, warf Karl seinen
Hammer hin, sprang auf ihn zu und reichte ihm treuherzig die ruige
Hand. Auch dem Vater zuckte es einmal im Arme, als ob er ein Gleiches
thun wolle. Da bemerkte er den eigenen Sohn, der hinter dem Pflegesohn
die Schwelle betrat, und er schlug in dem Augenblick auf die dnne,
rothglhende Stange, die er in der Zange hielt, mit solcher Gewalt ein,
da er sie zu Fasern breit aus einander schmetterte.

Fritz ging auf ihn zu: Vater, hast Du keinen Gru fr Deine Shne?

Meine Shne, Herr Baron? sagte der alte Mann. Ich _hatte_ einen,
aber...

Er kam nicht weiter. Fritz hing an seinem Halse und kte ihn. Hab' ich
das verdient, rief er dabei, da Du _mich_ Baron nennst?

Nein, zum Teufel, nein! rief der alte Mann, den Hammer zu Boden
schleudernd und den Pflegesohn umarmend. Sei mir nicht bse, Fritz, es
-- fuhr mir nur so heraus, und ich -- meinte den -- Andern, setzte er
scheu hinzu.

Und hat _er_ es verdient, Vater? sagte Fritz vorwurfsvoll. Haben sie
ihm da drauen in dem den Schlo nicht seine ganze Jugend gestohlen?
Und wo er _Alles_ verloren, willst Du ihm selbst das vorenthalten, was
ihm allein noch gehrt -- das Herz des Vaters und der Mutter?

Und der Mutter, sagte der Alte dster -- die ihn _verkauft_ hat --
wohl bekomm' die Liebe...

Vater, reich' ihm Deine Hand; er ist gut und brav geblieben trotz
alledem, und _wir_ Beide sind Brder geworden. Wolltest Du Dich von ihm
lossagen? -- Hast Du selbst ein _Recht_ dazu?

Vater! sagte Bruno leise und streckte ihm die Hand entgegen.

Du hast recht, Fritz, sagte der alte Mann, sich zornig mit dem oberen,
aufgekrmpten Theile des Aermels die Stirn wischend; Scham, Schande
und Zorn haben mich ungerecht gegen Dich -- gegen ihn gemacht. Komm,
Unglckssohn, fuhr er fort, ihm die Arme entgegenstreckend -- komm,
sei mir nicht bse und vergi den Empfang -- Du bist ja unschuldig, und
Gott mag es denen verzeihen, die so sndhaft, so schmhlich sndhaft an
Dir gehandelt haben!

Mein Vater! rief Bruno, und beide Mnner hielten sich in heier
Umarmung fest umschlossen.

Und das ist Karl? sagte Bruno, als er sich endlich wieder aus seinem
Arme wand und dem derben Burschen die Hand entgegenstreckte.

Ja, Bruno, sagte dieser treuherzig, und will auch einen Ku haben --
schwarz bist Du nun doch einmal auf der einen Seite. 's ist auch hbsch
von Dir, da Dich der Titel nicht stolz gemacht hat, und wir wollen
schon gute Brderschaft halten.

Und wo ist die Mutter?

Die Brauen des Schlossermeisters zogen sich wieder finster zusammen, und
nur mit dem Daumen ber die Schulter deutend, sagte er: Dort hinten --
in der Kche.

Und darf ich zu ihr?

Ich fhre Dich hin, Bruno! rief Fritz, seine Hand ergreifend und ihn
mit sich fortziehend.

Und dort drauen sa sie verlassen und allein, verbannt aus den Rumen,
in denen sie sonst mit sorgender Hand gewirthschaftet, und nun, als ihr
Sohn, um den sie das Alles verschuldet und geduldet, zu ihr trat und sie
mit dem sen, kaum gekannten Namen Mutter! rief, da flog sie empor, da
schlang sie die Arme um seinen Nacken und prete ihn an sich, als ob sie
ihn nie im Leben wieder lassen wolle.

Fritz hatte sich zurckgezogen, um dieses erste Begegnen nicht zu
stren, und schritt zurck zum Vater. -- Vater, zrnst Du der Mutter
noch?

Nein, sagte der Mann finster; weshalb auch -- ich habe nichts mehr
mit ihr zu thun.

Nichts mit ihr zu thun?

Nein -- nicht mehr -- in nchster Woche werden wir geschieden.

Vater! rief Fritz erschreckt, um Gottes willen nein -- das darf ja
nicht sein! Hat denn die arme Mutter nicht schon so viel ertragen?

Viel ertragen? sagte der Mann finster. Sie hat erst angefangen, und
mir inde mein ganzes Leben vergiftet -- Du weit, wie glcklich wir
zusammen gelebt haben, fuhr er bewegt fort, wie nie ein bses Wort
unter uns gefallen. Ich habe die Frau auf Hnden getragen, immer und
immer, und nie glauben wollen, da es eine bessere Ehe auf Erden geben
knne, als die unsere. Das ist jetzt Alles vorbei; denn nicht allein,
da sie mich einmal betrogen hat -- das htte ich ihr vielleicht
verziehen--, aber sie hat den Betrug beinahe ein Menschenalter durch
fortgefhrt. Jedes freundliche Lcheln, das ich von ihr in der langen
Zeit gesehen, war gelogen -- jeder Ku, jeder Hndedruck ein Betrug, und
wie das mein Herz mit Gift und Galle berfllt hat, da es endlich einmal
zu einem Ausbruch kam und kommen mute, kann ich Dir nicht sagen. Ich
habe mir selber ber das Gefhl Vorwrfe gemacht, fuhr er rasch fort,
als er sah, da Fritz etwas entgegnen wollte; ich wei, da es nicht
christlich ist; ich habe mit selber gesagt, sie ist Dir die langen Jahre
eine treue Gattin, Deinen Kindern eine gute Mutter gewesen, und der
eine Fehltritt war schlimm, aber der liebe Gott wird ihr schlielich
verzeihen, so thu' Du es auch -- es ging nicht. Ich wei, da ich mich
selber damit unglcklich mache, mein ganzes Leben lang, aber ich kann's
nicht ndern. Ich habe es nicht verdient, aber ich mu es tragen, und --
werd's auch mit der Zeit tragen lernen.

Und der Mutter willst Du die Kinder, den Kindern die Mutter nehmen?

Sie hat das Nmliche gethan, sagte der alte Mann finster; sie mag
jetzt ben, was sie damals verbrach. Rede mir nichts weiter davon,
Fritz -- Du kennst mich zur Genge und weit, da Widerspruch mich nur
eher in meinen Vorstzen befestigt, aber nie im Leben davon abbringen
kann. Da sieh, fuhr er fort, indem er die Thr des kleinen Wohnzimmers
neben der Werksttte aufstie -- da haus' ich jetzt, das ist meine
Heimath, wenn ich des Abends von der Arbeit so mde bin, da ich die
Knochen nicht mehr rhren kann -- da steht jetzt mein Bett, und dort
schlaf' ich allein -- wie ein alter Junggeselle, der ich wieder geworden
bin.

Und die Mutter?

Hat das Schlafzimmer neben der Kche, wo sie mit der Else ist, bis --
die Scheidung einmal geregelt ist. Es dauert immer so lange, ehe man's
fertig bringt, und der Staatsanwalt Witte wollte erst gar nicht dran.
Jetzt hat er mir versprochen, es zu beeilen. Er wei auch am besten mit
allen Wegen und Formen, die man bei solchen Sachen zu beobachten hat,
Bescheid und hat mir zugestehen mssen, da dieser Fall hinreichenden
Grund zur Scheidung gbe.

Und was werden die Leute in Alburg sagen?

Gerade damit die nichts sagen _knnen_, la ich mich scheiden, trotzte
der Alte. Glaubst Du denn, da auch nur ein Dienstmdchen durch die
Stadt liefe, das nicht stehen bliebe und uns nachshe, wenn ich wieder
mit Deiner -- Pflegemutter ausginge? Nein, wahrhaftig nicht -- wir wren
das Gesptt und der Klatsch der ganzen Stadt, und so lange ich das noch
vermeiden kann, werde ich mich ihm gewi nicht muthwillig aussetzen.
Aber, was ich Dich fragen wollte, Fritz: was gedenkt der -- Herr
Lieutenant jetzt zu thun?

Vater!

Gut -- der Bruno also, wenn Dir das besser klingt. Was hat er gelernt,
womit er sich hier sein Brot verdienen wrde? Denn da er bei mir als
Lehrling in die Werkstatt eintreten mchte -- was das Natrlichste
wre--, kann ich mir doch nicht denken.

Er will nach Amerika, Vater.

Nach Amerika? sagte der Alte, still vor sich hin mit dem Kopf nickend.
Der Gedanke ist nicht so unrecht, und ich -- ich wollte, ich wre auch
drben, denn hier in Deutschland werde ich doch nicht mehr froh. Hol's
der Teufel, setzte er hinzu, indem er seinen Hammer wieder aufgriff und
eine neue Eisenstange in's Feuer schob, ich wollte, ich wre todt
und lg' drauen unter dem khlen Rasen, um nur einmal eine Weile
ausschlafen zu knnen von all' dem Grbeln und Denken, das Einem die
Stirn bald auseinander reit! Aber da kommt der Bruno wieder -- nimm
ihn mit fort, Fritz -- mir ist jetzt so wunderlich zu Muthe -- ich mu
meinen Ingrimm erst eine Weile an dem Eisen auslassen, nachher wird's
besser -- nimm ihn mit fort.

Fritz kannte den Vater zu gut, um nicht zu wissen, da er recht hatte.
In solcher Zeit war es am besten, ihn allein zu lassen; sein ruhiger
Verstand und sein gutes Herz arbeiteten sich dann vielleicht wieder an
die Oberflche; wurde aber von auen gestrt, so loderte der heimlich
genhrte Aerger auch oft lichterloh empor, und man verdarb jedenfalls
weit mehr, als man ntzte. Sobald Bruno deshalb die Werkstatt wieder
betrat, nahm er ihn unter den Arm und fhrte ihn der Thr zu.

Wir kommen wieder, Vater! rief er dem Alten zu, Bruno hat noch
Einiges zu besorgen, und ich auch -- auf Wiedersehen -- Adieu, Karl!
Ein Wink fr Bruno, und dieser folgte ihm vor die Thr, wo ihm Fritz
die Ursache ihres raschen Abschieds mit wenigen Worten erklrte. Und wo
willst Du jetzt hin?

Den schwersten Gang von allen thun, sagte Bruno leise. Aber frage
mich nicht, wenigstens nicht jetzt -- morgen sollst Du Alles wissen,
morgen seh' ich Dich auch noch, um Abschied von Dir zu nehmen. Du kommst
doch in die Stadt? Ich mchte Wendelsheim nicht wieder betreten...

Gewi -- und Du willst wirklich fort?

Ich mu. Glaubst Du, da ich es hier ertragen knnte, zu leben, wo ich
jede Stunde einem frheren Kameraden begegnen und dann die kalten oder
gar hhnischen Blicke ansehen mte? Nein -- nur ber dem Meer drben
giebt es noch eine Heilung fr mich. Und jetzt lebe wohl, denn den Weg,
den ich heute zu gehen habe, mu ich allein gehen.

Er hatte sich von dem Arm des jungen Mannes losgemacht und schritt
langsam und schweren Herzens die Strae nieder. Aber es mute sein, und
er sich jetzt, wie er von Stand und Reichthum losgerissen worden, auch
noch von dem Letzten losreien, was ihm geblieben -- von seiner Liebe.

Seine Bahn war schnurstracks dem Hause Salomon's zu, das er jetzt seit
Wochen, seit er das Furchtbare erfahren, nicht mehr betreten. Er
mute noch einmal dorthin, um Abschied zu nehmen, um Rebekka ihr Wort
zurckzugeben. Ja, einmal hatte er mit Stolz geglaubt, die Geliebte zu
sich emporheben, sie mit Rang und Glanz umgeben zu knnen und keck dabei
den Vorurtheilen seines Standes zu trotzen -- das war vorbei. Er, der
arme, pfenniglose Wanderer, der Sohn eines armen Handwerkers, konnte
nicht mehr um die Tochter des reichen Juden freien, ja, Salomon selber
wrde sich geweigert haben, sie ihm zu geben und sein Kind mit ihm in
die Fremde hinausziehen zu lassen. Also vorwrts! Mit seinem Entschlu
war er im Reinen, und jetzt galt es ja nur, dem Schweren noch das
Schwerste beizufgen; dann war Alles berstanden.

Wie in einem Traum schritt er aber heute durch die Judengasse, wie in
einem wsten, bsen Traum; er hob die Augen nicht vom Boden, und nur das
Summen, Schreien und Toben, das Lachen und Kreischen der Kinder hrte
er, als er hindurchschritt, wie aus weiter Ferne.

Jetzt hatte er Salomon's Laden erreicht und sah zu seinem Erstaunen
den Alten emsig beschftigt, einen Theil seiner Sachen zu ordnen, einen
andern einzupacken, und viele Kisten standen schon theils zugenagelt,
theils noch offen in dem Raum umher. Der alte Mann war auch nicht
allein; seit jenem Mordanfall hatte er den dunkeln Laden nie wieder
allein betreten und immer zwei Leute bei sich, damit, wenn er Einen
fortschicken mute, wenigstens Einer bei ihm blieb. Diese halfen ihm
jetzt auch beim Packen. Kaum aber hrte er einen fremden Schritt und
erkannte, sich danach umdrehend, Bruno, als er, erschreckt emporfahrend,
ausrief:

Gott der Gerechte, der Herr Baron! Ist er doch endlich gekommen, und
wie ist mir geworden die Zeit so lang in der langen Weile!

Lieber Salomon....

Warten Sie einen Augenblick, Herr Baron -- Ihr Beiden, wandte er sich
dann an die Arbeiter, hrt fr heute auf; werden wir doch nicht fertig
in einem Tag oder in einer Woche. Macht mir den Laden zu vorn und zieht
mir den Schlssel hbsch ab -- und das Hofthor auch; wir werden gleich
hinaufgehen, Herr Baron, kann Ihnen dann auch Ihre Quittung geben
ber Alles. Vor einer Stunde war der Mann hier, hat mir das ganze Geld
gebracht, Capital und Zinsen, bei Heller und Pfennig. Ein nobler
Herr, ein sehr nobler Herr, der Herr Staatsanwalt Witte -- htte aber
wahrhaftig eine solche Eile nicht gehabt. Ich konnte warten, und wrde
auch mit Geduld gewartet haben -- noch so lang.

Ihr wit Alles, was vorgegangen ist, Salomon?

Soll ich nicht wissen, was die ganze Stadt wei, sagte der alte Mann;
die Kinder sprechen davon auf der Strae und die Mdchen am Brunnen.
Es war ein trauriger Fall fr die Frau Mutter. Soll ich leben -- ich
begreif's nicht -- sind jetzt auf einmal in die Verwandtschaft gekommen
-- Ihr Herr Onkel hat mir den Hieb ber den Kopf gegeben....

Lassen wir das, Salomon, sagte Bruno mit einem schweren Seufzer, denn
es war ihm furchtbar, das Entsetzliche gerade in diesem Augenblick noch
einmal durchzuleben. Ich freue mich, da das Geld von dem jetzigen
Erben so gewissenhaft ausgezahlt ist -- ich selber wre es nicht im
Stand gewesen.

Ein Kunststck, sagte der alte Mann, wenn man eine halbe Million so
mit Einem Schlag verliert -- vor dem Mund weg.

Das also drckt mich wenigstens nicht mehr, fuhr Bruno fort, und nur
noch Eins bleibt mir zu thun brig, Salomon -- Euch erstlich fr alles
Liebe und Gute zu danken, was Ihr mir gethan, und dann -- Abschied zu
nehmen von Euch und Eurer Familie -- von Rebekka.

Abschied -- wie hait? sagte der alte Mann, der aber in vortrefflicher
Stimmung zu sein schien. Sie wollen doch nicht fort von Alburg, Herr
Baron?

Und weshalb nennt Ihr mich noch immer Baron?

Gott der Gerechte, wenn ich Ihnen jetzt auf einmal sagte, ich heie
nicht Salomon, ich heie Isaak -- wrden Sie nicht immer zu mir sagen:
Wie geht's, Salomon? und nicht: Wie geht's, Isaak? -- Es liegt einmal
auf der Zunge, und wenn man spricht, fhrt's heraus.

Aber ich bin kein Baron mehr und -- bin es nie gewesen.

Wenn das das grte Unglck wre, was Sie betroffen hat, man knnt's
ertragen. Aber wo wollen Sie hin, da Sie kommen, um Abschied zu
nehmen?

Nach Amerika, Salomon, sagte Bruno entschlossen. Ich bin jetzt
arm, habe nichts mehr, und mu mir nun selber eine Existenz zu grnden
suchen. Frher wre ich stolz darauf gewesen, Rebekka die Meine nennen
zu knnen -- jetzt bin ich hergekommen, um ihr das mir gegebene Wort
zurckzubringen; ich darf ihr Schicksal nicht an das eines Heimathlosen
binden. So lat mich noch einmal zu ihr hinaufgehen -- es ist das letzte
Mal--, noch einmal ihr in das gute Auge schauen und ihre Hand drcken,
dann bin ich frei und -- werde Euch nicht mehr lstig fallen.

Was das fr a Red' ist, sagte der alte Mann, lstig fallen! Der Herr
Baron -- wollt' ich sagen: Herr Baumann -- wissen recht gut, da Sie uns
nicht lstig gefallen sind. Aber wir wollen hinaufgehen; der Laden
ist zu -- mu nur einmal nachsehen, ob das nichtsnutzige Volk seine
Schuldigkeit gethan. So, Alles in Ordnung; jetzt werd' ich hier
zuschlieen, und nun kommen Sie, Herr Baron -- wollt ich sagen: Herr
Baumann--, da wir noch einmal zur Rebekka gehen, ehe Sie reisen nach
Amerika -- Gott soll's behten, Amerika -- und das viele salzige Wasser
dazwischen -- das wird eine Reise werden!

Bruno erinnerte sich gar nicht, den alten Mann je so gesprchig gesehen
zu haben, wie heute; aber das eigene Herz war ihm zu schwer, um viel
darauf zu achten. Wie schwer wurden ihm die Fe, als er jetzt die
Treppe hinaufstieg, die er sonst so oft mit wenigen Stzen berflogen --
fast so schwer als damals, da er Rebekka bitten wollte, sein Ehrenwort
einzulsen, und doch die Bitte dann nicht ber die Lippen brachte. Heute
_mute_ er reden, hier half kein Zgern mehr, denn die Wrfel waren
gefallen, und Salomon schien ja auch seine Reise nach Amerika ganz
in der Ordnung zu finden. Was blieb einem armen, aus seiner Carrire
gerissenen Menschen berhaupt anders brig, als das Vaterland zu meiden
und in einer neuen Welt ein neues Leben zu beginnen!

Jetzt waren sie oben. Salomon ffnete mit seinem kleinen Schlssel die
uere Saalthr, schlo sie dann wieder und hing die Kette vor. Dann
aber lachte er und rief: Rebekkche, Rebekkche! Wir haben ihn gefangen
-- hier ist er!

Drinnen in der Stube ertnte ein Freudenschrei, die Thr flog auf und
Rebekka weinend, jauchzend in Bruno's Arme.

So, rief der alte Mann, das wird ein ordentlicher Abschied, fangen
gleich damit an! Soll ich leben und gesund sein, wenn ich's mir nicht
gedacht habe!

Und jubelnd zog das junge, blhende Mdchen den Geliebten in die Stube
hinein, und an seinem Halse weinte und lachte sie, da er so lange, so
ewig lange fortgeblieben, und dankte ihm, da er jetzt wiedergekehrt
wre und die Sorge von ihrer Seele genommen htte. Bruno wollte
sprechen, aber er kam gar nicht zu Worte. Mit ihren Kssen erstickte sie
das Schwere, das er zu sagen hatte, und doch nur schwerer wurde es ja
gerade durch dieses Zgern, durch diese Liebkosungen, die ihm das Glck,
das er im Begriff war, von sich zu stoen, nur wieder mit all' seinem
unwiderstehlichen Zauber um die Seele flochten.

Der Vater und die Mutter standen dabei. Da streckte Bruno endlich die
Hand nach ihm aus und bat den alten Mann: Sprecht Ihr mit ihr, Salomon
-- ich kann es ja nicht! Ihr wit Alles -- o, bitte, sagt ihr, was mich
hergefhrt!

Gut, nickte Salomon vergngt, werd' ich sprechen, und nun, Rebekkche,
wirst Du zuhren, was Dir der Herr Baron -- wollt' ich sagen: der Herr
Baumann -- mitzutheilen hat. Als er aber ist gekommen, um Abschied zu
nehmen, weil er nach Amerika will, mu er gerathen sein in ein falsches
Haus, denn da wir auch nach Amerika gehen und die Reise also zusammen
machen, braucht man nicht zu nehmen Abschied -- es ist kein Verstand
darin....

Aber, Salomon....

Auerdem will er zurckgeben dem Rebekkche ihr Wort, was sie ihm hat
gegeben als Baron -- wie hait? Hat sie ihn dabei genannt Baron oder
Bruno, bei seinem Vornamen? Nun, den Bruno hat er doch behalten, mu er
nicht auch behalten das Wort?

Aber, Salomon....

Und als er ist nicht mehr Erbe von eine halbe Million -- mit Abzug der
Kosten--, ist er auch nicht mehr Baron, und die Sache wird sich heben.
Dem _Baron_ hatte ich mein Jawort gegeben -- ja, aber mit wie schwerem
Herzen -- der Himmel wei es, denn ich sah nichts als Unglck darin fr
mein Kind -- Demthigung und Thrnen und Zank in der Familie, wo soll
sein einig und Ein Herz und Eine Seele! Jetzt hat er abgeschttelt den
Baron, und nun ist er der einfache Bruno Baumann, der Sohn von'm braven
Mann, dem Schlosser Baumann, und als das Rebekkche an ihm hngt mit
ihrem ganzen Herzen und sich zu Tode hrmen wrde, wenn sie ihn sollt'
verlieren, und als er bewiesen hat, da er ist ein braver Mann wie sein
Vater, der alte Schlosser Baumann, und _kein_ Baron -- Soll ich leben,
mir geht der Odem aus -- so wollen wir machen kurzen Proce und sagen:
der Gott unserer Vter segne den Bund Eurer Herzen -- seid glcklich und
macht uns alte Leute auch glcklich in Eurem Glck!

Aber, Salomon, rief Bruno, betubt von der auf ihn einstrmenden
Seligkeit, ich bin arm, blutarm, und nicht im Stande, eine Frau zu
ernhren!

Wie hait? sagte Salomon. Sie sind jung und geschickt und ein Meister
auf dem Instrument -- Amerika ist ein freies Land -- glauben Sie,
da sich in einem freien Land ein junger, geschickter Mensch nicht
durchbringen kann _mit_ seiner Frau? Und sollt' es wo fehlen, hat der
alte Salomon nicht Geld genug und nur ein einziges Kind, was er will
glcklich machen, wenn's in seinen Krften steht?

Und Ihr wollt Alle fort?

Alle, sagte der alte Mann jetzt pltzlich ernst; es ist kein Boden
hier fr uns, und seit dem letzten Raubanfall hab' ich das Vertrauen zu
der Stadt verloren, in der ich heimisch war. Ich kann den Laden nicht
mehr betreten ohne Furcht und Grauen, ich sehe immer den kleinen Mann
hereinkommen, und seine hlichen, stechenden Augen. Wir gehen mit dem
nchsten Schiff. Viel von meinen Sachen hab' ich schon hier verkauft
-- Manches billig, Manches theuer -- viel nehm' ich mit. Als es ist ein
neues Land, brauchen sie Antiquitten; der alte Salomon kommt nicht zu
kurz. Sie aber, Herr Baron -- wollt' ich sagen: Herr Baumann--, Sie
meinen jetzt, Sie wollen dem Rebekkche ihr Wort zurckgeben, und ich
soll mein Kind mit nach Amerika nehmen und soll sehen, wie es sich
abhrmt und grmt und weint, blos weil Sie nicht mehr sind Baron -- hat
sie das um Sie verdient?

Rebekka, rief Bruno in jauchzender Seligkeit, ist es wahr, Mdchen?
Du stt den armen, schlichten Sohn eines Handwerkers nicht zurck? Du
willst Dein Geschick an das seine ketten?

Dein bin ich, Bruno! rief das schne Mdchen, in Glck und Liebe
erglhend und ihn fest umschlingend. Dein fr immer, Dein in Freud' und
Leid -- bis in den Tod!

Rebekka -- meine Rebekka!

Gott der Gerechte, was ein Abschied! sagte Salomon.




11.

Eine Scheidung.


Drei Tage waren nach den oben beschriebenen Vorgngen verflossen, als
der Schlossermeister Baumann eines Morgens zu dem Staatsanwalt Witte kam
und ihn dringend bat, die Scheidung mit seiner Frau zu betreiben, da
er willens sei, Alburg zu verlassen, und nicht mit dem Gefhl fortgehen
mge, noch eine Frau da zu haben. Er htte mit seiner Frau, wie er
sagte, gesprochen, und sie fge sich in Alles; nur an Einem Punkt hnge
es, an dem jngsten Kinde, das noch nicht ganz sieben Jahre alt sei und
das die Mutter nicht hergeben wolle. Mit dem siebenten Jahre, das wisse
er wohl, gehre es sein; aber er knne und wolle nicht so lange warten
und bte deshalb den Staatsanwalt, das zu vermitteln.

Sie sind ein alter Starrkopf, Baumann, sagte Witte ernst. Hat die
arme Frau nicht schon genug ertragen und ausgestanden und wollten Sie
Ihr auch noch den letzten Schmerz hinzufgen?

Ich kann das Kind nicht zurcklassen, Herr Staatsanwalt, sagte der
Schlossermeister, es ist meine ganze Seele; und die Mutter -- es wird
nicht so schlimm sein, als sie jetzt es denkt. Hat sie sich von dem
ersten Kinde, an dem jede Mutter mit ihrem ganzen, vollen Herzen hngt
und lieber den letzten Blutstropfen hergbe, ehe sie es missen mchte,
trennen knnen, so wird es ihr bei dem letzten auch nicht so schwer
werden. Sie soll auch keine Noth leiden; ich lasse ihr das Haus und
Alles, was ich an Vermgen habe, nur die Reisekosten abgerechnet.
Ich will mit meinen Jungen nach Amerika; der Bruno geht auch mit und
heirathet des alten Salomon Tochter. Mir ist's auch recht, denn ich
kenne den alten Salomon als eine treue, ehrliche Seele, die mehr
christliches Gefhl fr ihre Mitmenschen hat, als mancher Christ. Von
dem, was ihr bleibt, kann sie also recht gut leben, wenn sie das Kind
nicht mit zu versorgen hat, und deshalb wr' es nur vernnftig, da sie
sich fgte.

Also sie weigert sich, das Kind herauszugeben?

Sie weigert sich gerade nicht, sagte der Mann finster, aber sie weint
und jammert den ganzen Tag, da ich ihr doch nur das Eine lassen mchte,
wenn ich ihr alles Andere wegnehme, und zwingen mcht' ich sie gerade
nicht, kann aber auch das Kind nicht missen.

Und was soll _ich_ dabei thun?

Ihr zureden, Herr Staatsanwalt, sagte der Schlossermeister. Ich kann
nicht reden -- entweder werde ich zornig oder weichmulig, und das pat
Beides nicht. Sie verstehen das aber besser, es ist ja auch Ihr Amt
und Geschft. Sie knnen ihr die Sache aus einander setzen und ihr klar
machen, da die Kinder zum Vater gehren; mir glaubt sie's nicht und
bringt dann so hochstylige Redensarten hinein, da ich gar nicht wei,
was ich ihr darauf erwiedern soll -- und das pat mir nicht.

Gut, sagte Witte, dann bringen Sie Ihre Frau mit her. Sie wollen doch
nur, was recht ist, nicht wahr?

Gott soll mich behten, da ich je 'was Anderes wollte!

Schn, dann hoffe ich Alles in Ordnung zu bringen. Ihre Frau ist ja
auch vernnftig und sonst gut und brav.

Das ist sie, nickte der Schlosser, und war es mir die langen Jahre
hindurch, bis auf den Einen Tag, die Eine Stunde, die unser Aller Glck
zerstrt und zum Fenster hinausgeworfen hat.

Und doch wollen Sie sich von ihr scheiden lassen?

Ich habe es einmal gesagt, und jetzt mu es sein -- es geht nicht
anders!

Gut. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich, und meine Pflicht wohl,
Ihnen abzurathen, aber zwingen kann ich Sie nicht; also bringen Sie mir
die Frau. Aber noch Eins, auch das kleine Mdchen mu dabei sein, damit
gleich Alles abgemacht wird.

Das Kind -- die Else?

Gewi.

Lieber wr's mir, sie hrte gerade nicht, was wir mitsammen
verhandeln.

Schmen Sie sich vor dem Kinde?

Schmen? Zum Teufel, nein; ich brauche mich vor keinem Menschen zu
schmen, am wenigsten vor meinem eigenen Kind!

Nun gut, dann bleibt es dabei. Wann wollen Sie kommen?

Je eher die Geschichte abgemacht ist, desto besser, sagte der Mann,
denn ich halt's so nicht mehr lange aus, und selbst der Karl fngt
mir an zu flennen -- da mu ein Ende dran. Ich hol' sie auf dem Fleck,
wenn's Ihnen recht ist.

Mir ist's recht, Baumann, ich werde zu Hause sein. Also sonst haben Sie
sich ber Alles mit ihr vereinigt?

Ueber Alles; es war auch nicht schwer. Sie hat kein Wort dazu gesagt
und war mit Allem einverstanden. Es liegt auch nicht in ihrer Natur, zu
widersprechen.

Schn, dann holen Sie Ihre Frau und das Kind; ich hoffe, da wir rasch
damit in Ordnung kommen.

Gott gebe es! flsterte der Mann und schritt starr und eisern aus der
Thr hinaus und seiner eigenen Wohnung zu.

Witte ging indessen in seine eigene Wohnung hinber, um dort ein wenig
zu frhstcken. Als er das Zimmer seiner Frau betrat, stand diese am
Fenster und sah auf die Strae hinaus.

War nicht eben der alte Baumann bei Dir?

Ja, mein Schatz.

Was wollte er denn?

Sich scheiden lassen von seiner Frau, lautete die kurze Antwort.

Von seiner Frau -- wegen der Geschichte?

Allerdings.

Da hat er recht, sagte die Frau Staatsanwalt mit Emphase, das
verdient sie nicht besser!

So? sagte Witte und blickte Ottilie, die mit einer Arbeit
beschftigt am Fenster sa, scharf an. Das Mdchen sah abgehrmt und
niedergeschlagen aus; aber desto mehr blhte dafr die Mutter und hatte
sich mit Bndern, Schleifen und Locken ordentlich herausgeputzt. So?
wiederholte Witte noch einmal. Und was hat die Frau denn eigentlich
gethan, wenn ich fragen darf?

Was sie gethan hat? rief im hchsten Erstaunen und sich rasch nach ihm
umwendend die Frau Staatsanwalt. Nun, das nehme mir aber kein Mensch
bel -- und das fragst Du mich? Wei nicht die ganze Stadt, da sie ihr
eigenes Kind hergegeben hat, um es vornehm und adelig zu machen, und
htte sie fr eine solche Unnatrlichkeit nicht eigentlich das Zuchthaus
verdient?

Und was hast Du gethan, Therese? sagte Witte, indem er ihr recht ernst
und fast wehmthig in's Auge sah. Hast Du Dein Kind nicht auch hergeben
wollen, um es recht vornehm und adelig zu machen?

Aber Witte!

Hast Du ihr nicht schon seit Jahren mit Deinen albernen Reden, wie
vornehm sie sei und was wei ich Alles, und was fr eine gute Partie
sie einmal machen mte, das Ohr und Herz vergiftet, da ich, wenn
ich beschwichtigen und dmpfen wollte, nur immer hinter dem Rcken
ausgelacht und verspottet wurde? Dein Vergehen war allerdings
nicht criminalrechtlicher Art; Du thatest nur, was tausend andere,
unvernnftige Mtter ebenfalls thun -- Du pflanztest einen Span von
dem Sparren, den Du selber im Kopfe trgst, in Deiner Tochter Herz, und
jetzt hast Du die erste Strafe dafr -- und sie auch; aber ich frchte
fast, die Lection wird noch nicht scharf genug gewesen sein.

Du phantasirst wohl heute Morgen? sagte seine Frau, den Kopf
verchtlich zurckwerfend.

Die Phantasie ist dann ziemlich realistisch. Fritz Baumann, ein braver,
tchtiger und anstndiger Mann, der Ottilie liebte, wurde mit Hohn und
Verachtung abgewiesen, weil sich die Frau Mutter einbildete, der Erbe
von Wendelsheim bewerbe sich um sie. Die Sache hat sich jetzt gewandt;
aus dem Fritz Baumann ist der Erbe von Wendelsheim geworden und....

Wenn sie _den_ haben wollte, sagte die Frau Staatsanwalt, knnte sie
ihn noch alle Tage kriegen.

Und hat sich neulich, fuhr Witte ruhig fort, mit jener armen Waise
auf dem Schlosse, Kathinka von Stromsee, verlobt.

Verlobt?

Allerdings, whrend der frhere Lieutenant von Wendelsheim, jetzt Bruno
Baumann, die wunderschne Tochter des alten Salomon heirathet und mit
ihm und den Seinigen nach Amerika geht.

Nun, und was interessirt das _uns_? fragte die Mutter.

Sieh Deine Tochter an und frage sie, ob es sie interessirt, sagte
Witte finster. Mit bescheidenen Ansprchen ist es vielleicht mglich,
da sie noch ein treues Herz, wie es ihr Fritz Baumann brachte, findet,
um ihr Schicksal zu theilen, aber mit Deinem jetzigen Wahnsinn nicht;
und wer die Schuld daran trgt, wenn sie einmal allein und freudlos
durch's Leben gehen mu, das warst Du mit genau demselben Hochmuth, der
jene arme Frau zum Kindertausch trieb.

Du bist unausstehlich heute, Witte!

Der Staatsanwalt seufzte recht aus tiefster Brust und sagte kein Wort
weiter. Eher htte sich seine Frau, das wute er gut genug, die Zunge
abgebissen, ehe sie eingestand, da sie Unrecht gehabt; aber mglich ja
doch, da die Warnung Wurzel in dem Herzen der Tochter schlug. Er konnte
nichts weiter dabei thun und ging wieder in sein Arbeitszimmer hinber,
um dort die Familie Baumann zu erwarten.

Baumann war auch schon unterwegs. Er selber ging voran, die Frau hinter
ihm her und hatte fast krampfhaft das Handgelenk der Kleinen mit
ihren dnnen Fingern umschlossen. Sie trug ein einfach dunkelblaues
Kattunkleid _ohne_ Crinoline, ein weies Tuch um den Hals und eine weie
Haube auf und ging mit niedergeschlagenen Augen den ganzen Weg. Sie
wute ja recht gut, da sie von allen Menschen angesehen wurde, wute
auch, weshalb, und Scham und Schmerz drckten sie fast zu Boden nieder.

Jetzt hatten sie das Haus des Staatsanwalts erreicht, ohne unterwegs
auch nur Eine Silbe mit einander zu sprechen. Der Mann ging vorauf,
langsam und finster, die Frau folgte ihm mit dem Kinde; aber sie hatte
es auf und in den Arm genommen und bedeckte es hinter dem Rcken des
Gatten mit ihren Kssen -- es waren vielleicht die letzten, die sie
ihm ja im Leben gab. An der Thr klopfte er an und trat ein; die Frau
schritt hinter ihm her, als ob sie zur Richtbank gefhrt wrde.

So, Herr Staatsanwalt, sagte Baumann, als sie durch die Schreiberstube
hindurch das hintere Zimmer betreten hatten, hier ist die Frau, und die
Else haben wir auch mitgebracht; und nun seien Sie so gut und reden Sie
mit ihr, da wir mit der Geschichte zu Stande kommen -- ich habe das
ewige Hin- und Herzerren satt.

Der Mann sah mrrisch aus, die Frau still und ergeben in Alles, was man
ber sie verfgen wrde.

Nun, liebe Frau, begann Witte -- bitte, nehmen Sie sich den Stuhl,
denn Sie scheinen mde zu sein und wir werden vielleicht nicht sogleich
fertig--, die Hauptsache ist, ob Sie in die Trennung von Ihrem Mann
gewilligt haben, denn ich glaube, da in diesem Fall das Gericht das von
Ihnen verbte Vergehen als hinlnglichen Scheidungsgrund ansehen wrde.

Ja, sagte die Frau leise, ohne die Augen vom Boden zu nehmen, mein
Mann hat seit dem Unglckstag einen Ha auf mich geworfen, und er wrde
nie wieder glcklich mit mir leben knnen. Ich will nicht an seinem
Unglck schuld sein; er ist gut und brav und mu fr die Kinder sorgen.

Sie sind also auch mit dem zufrieden, was er Ihnen, wenn er fort geht,
zu Ihrem Lebensunterhalt lt?

Ich brauche es nicht Alles -- ich werde sehr eingeschrnkt leben --
ich brauche fr mich nur sehr wenig und gehe auch jedenfalls, wenn mich
Jemand aufnehmen will, wieder in Dienst -- vielleicht als Warte- oder
Krankenfrau.

Witte sah Baumann an; der Mann stand aufgerichtet, die Brauen fest
zusammengezogen, die Zhne auf einander gebissen, und starrte finster
vor sich nieder.

Also scheint ja so weit Alles geregelt, meinte der Staatsanwalt, und
die Sache wird keine groen Schwierigkeiten haben. Nur sagt mir Ihr
Mann, da Sie ihm das jngste Kind -- die Kleine da ist's, nicht wahr?

Ja, Herr Staatsanwalt, flsterte die Frau, aber so leise, da er die
Worte kaum verstand.

Da Sie ihm also das Kind nicht berlassen wollen, und das Gesetz
spricht dem Vater dasselbe allerdings erst im siebenten Jahre zu.
Glauben Sie aber nicht, da es fr das Kind selber besser ist, wenn es
unter der starken Leitung des Mannes erzogen wird?

O Du lieber Gott, seufzte die Frau, es ist noch so jung; es bedarf
noch so der Pflege der Mutter und hngt so mit ganzer Seele an mir...!

Und an mir auch, sagte Baumann dster; nicht wahr, Else, Du hast
Deinen Vater lieb?

O, so lieb! flsterte die Kleine, die bis jetzt scheu den Worten
gelauscht hatte und wohl gar noch nicht recht verstand, um was es sich
hier eigentlich handle.

Wre es denn da nicht besser, Baumann, sagte Witte, da Sie
wenigstens das halbe Jahr noch hier in Deutschland blieben? Das Kind ist
dann so viel lter und es knnte nachher gar keine weitere Uneinigkeit
stattfinden.

Es geht nicht, Herr Staatsanwalt, sagte der Schlossermeister, es geht
wahrhaftig nicht! Mir brennt der Boden hier unter den Fen, denn
kein Mensch hat mir je im Leben etwas nachsagen knnen; ich habe
meine Pflicht und Schuldigkeit gethan wie ein Mann, und keine Seele
bervortheilt und geschdigt, und trotzdem jetzt, wo ich mich irgendwo
sehen lasse, bleiben die Leute stehen, deuten mit Fingern auf mich und
sagen: Da, das ist der Schlosser, dessen Frau die Kinder vertauscht hat,
und sein Sohn ist der Baron von Wendelsheim! -- Das ertrag' ich nicht
lnger; es frit mir das Herz ab, und ich komme mir immer so vor, als ob
ich am Pranger stnde.

Die Frau hatte ihr Gesicht in den Hnden geborgen und weinte still, und
Else schmiegte sich furchtsam an sie.

Aber Ihre Frau hat auch viel, recht viel ausgestanden die langen Jahre
hindurch, sagte Witte, und eigentlich Strafe genug fr ihr Vergehen
erlitten. Wenn sie nun auch das letzte Kind hergeben soll...

Und wollen Sie, da ich die Strafe dafr erleide? beharrte der Mann.
Das Kind ist mein ganzes Leben; wenn ich den ganzen Tag schwer und hart
gearbeitet habe, ist es meine einzige Erholung, da ich die Kleine
auf den Schoo nehme und mir von ihr vorplaudern lasse. Wenn ich das
entbehren mte, wrd' ich verrckt -- und die Else selbst, sie freut
sich den ganzen Tag auf die Zeit.

Ja, liebe Frau, sagte Witte, wenn das Kind so an dem Vater hngt,
wrde ich Ihnen selber rathen, es ihm zu berlassen. Sie sind ja dann
auch jeder Sorge fr dasselbe berhoben, und ich wei auerdem gar
nicht, wie Sie es sich hier einrichten wollten, wenn Sie wieder in
Dienst gehen, denn Sie mten doch die Kleine in der Zeit sich selber
berlassen.

Sie braucht nicht in Dienst zu gehen, sagte finster der Mann, sie hat
so viel, da sie davon, mit ein bischen Arbeit nebenbei, leben kann; und
ich mchte auch nicht, da sie wieder in Dienst ginge. Es pat nicht,
und sie -- wrde sich auch nicht glcklich darin fhlen.

Glcklich, seufzte die Frau leise.

Ja, Leutchen, damit kommen wir nicht zum Ziel, sagte der
Staatsanwalt, dem die arme Frau von Herzen leid that, der aber auch den
Schlossermeister viel zu genau kannte, um ihm direct zu widersprechen;
er htte dadurch jedenfalls viel mehr verdorben, als gut gemacht. Auf
die Weise knnen wir noch eine Stunde hin und her reden und bleiben auf
demselben Fleck. Ich will Euch deshalb einen Vorschlag machen. Das Kind,
so jung es ist, hat doch auch eine Stimme; Sie, Baumann, behaupten,
da es mit voller Liebe an Ihnen hngt, ebenso die Mutter. Die Mutter
_htte_ das Recht, die Kleine noch etwa ein halbes Jahr bei sich zu
behalten, dann mte sie es doch dem Vater bergeben, und wie schnell
vergeht ein halbes Jahr. Wenn Ihr also meinem Rath folgen wollt, so lat
das Kind selber entscheiden, bei wem es bleiben will, bei dem Vater oder
der Mutter, und der andere Theil fgt sich dann geduldig in das nicht zu
Aendernde. Sind Sie damit einverstanden, Frau Baumann?

Ich habe kein Recht mehr, mitzusprechen, sagte die Frau leise und
mit von Thrnen fast erstickter Stimme; ich darf auch vielleicht diese
letzte Hoffnung nicht einmal annehmen. Ich habe meinem Mann ein so
groes und schweres Herzeleid angethan, da ich ihm kein weiteres
zufgen darf. Wenn sein Herz so an dem Kinde hngt, da er glaubt, er
wird unglcklich, wenn er es missen soll -- so mag er es nehmen --
jetzt nehmen -- heute noch. Ich habe jede Strafe verdient und will mich
geduldig fgen.

Nein, rief der Mann barsch, aber mit fest auf einander gebissenen
Zhnen -- die Worte kamen ihm auch dabei sehr schwer aus der Kehle--,
der Staatsanwalt hat recht -- so will ich das Kind nicht. Die Else
soll selber entscheiden, mit wem sie gehen will -- mit mir oder mit
der Mutter, und wenn sie dann... Er schluckte ein paarmal heftig und
schwieg; endlich fuhr er fort: So machen Sie's fertig, Staatsanwalt,
ich halt's nicht mehr lnger aus!

Gut; also komm einmal her, mein liebes Kind. Siehst Du, Dein Vater und
Deine Mutter, die jetzt so lange zusammen gelebt und Dich beide so lieb
haben, wollen sich nun trennen. Der Vater wird fort von hier ziehen und
die Mutter dableiben. Sie mchten Dich beide gern haben, aber das geht
doch nicht; also sollst Du jetzt sagen, ob Du, wenn beide von einander
gehen, mit dem Vater ziehen oder bei der Mutter bleiben willst.
Verstehst Du, was ich sage?

Ja, flsterte die Kleine, die halb erschreckt, aber die groen, klugen
Augen weit geffnet zugehrt und dabei bald den Vater, bald die Mutter
angesehen hatte, als ob sie zwischen beiden whle.

Also bei wem willst Du bleiben, mein Herz?

Bei Beiden, sagte die Kleine, whrend ihr volle Thrnen in die Augen
traten, indem sie zum Vater sprang und seine Hand ergriff; Du darfst
nicht fortgehen, Vater, oder Du mut die Mutter mitnehmen. Ich will bei
Euch Beiden bleiben und Euch immer recht, recht lieb haben und recht gut
und brav sein, und dann wirst Du auch wieder lachen und die Mutter nicht
mehr so viel weinen.

Baumann, sagte Witte, dem selber die Thrnen in die Augen traten,
hrt Ihr das Kind? Hrt Ihr, was es sagt? Eure Frau ist Euch
sechsundzwanzig lange Jahre eine gute, treue Gattin gewesen; sie hat
den einen Fehltritt begangen, ja, aber auch furchtbar dafr gebt. Der
Gerichtshof hat ihr Vergehen nicht fr so entsetzlich strafbar gefunden,
der Knig selbst, in Betracht dessen, was sie sonst gelitten und welche
Reue sie gezeigt, ihr die ganze Strafe geschenkt, und denen allen war
sie nur eine _fremde_ Frau! Wollt Ihr hrter und unerbittlicher sein,
als selbst der Richter und der Knig? Seht die Frau an -- dreht Eure
Augen nicht ab, denn Euer Herz zieht Euch doch hin--, seht sie an, wie
der Gram und Kummer sie gebrochen hat, und fr ihr ganzes Leben wollt
Ihr _die_ Frau dem Jammer, der Reue berlassen?

Geh' nicht von der Mutter, Vater, bat Else und hing sich an seinen
Arm; Du wrdest nie wieder lachen und froh sein knnen und die arme
Mutter immer, immer weinen!

Der Mann drehte den Kopf noch nicht; er sah nur starr und wie mit
glsernen Augen auf sein Kind nieder, auf seine kleine Else. Geh' nicht
von der Mutter, Vater! bat sie -- und jetzt drehte er das Antlitz
ihr zu -- ihr, die er die langen, langen Jahre geliebt und im Herzen
getragen und die ihn so glcklich gemacht hatte, da er sich gar kein
Leben ohne sie denken konnte. Und als sein Auge sie traf, als er die in
Demuth und Schmerz gebeugte Frau vor sich kauern sah, mit keinem Wort
des Widerspruchs, keinem Gedanken, als sich nur seinem ausgesprochenen
Willen zu fgen, da brach pltzlich das Eis.

Katharina, sagte er, und das Wort rang sich ihm ordentlich von seiner
Brust los -- wollen wir -- bei einander aushalten?

Gottfried! rief die Frau, ihrem Glck kaum trauend und die gefalteten
Hnde zu ihm erhebend.

Die Else hat recht, fuhr Baumann fort, es geht nicht; wir haben Beide
schwer getragen, aber jetzt -- Alles vergessen und vergeben!

Gottfried, schrie die Frau, emporspringend, Du wolltest...

Bei Dir aushalten in Freud' und Leid, wie ich es Dir einst
zugeschworen. Nach Amerika geh' ich, das ist bestimmt -- aber Du gehst
mit, und die Kinder alle mit einander, und der alte Gott -- wird dort
weiter helfen!

Die Frau hing an seinem Halse, sie schluchzte und jauchzte, und die
Schreiber drin in der Nebenstube unterbrachen ihre Arbeit und horchten
nach den fremdartigen Tnen in der sonst so stillen und geschftsmigen
Stube hinber; und als nachher die Schlossersleute heraus kamen, Arm in
Arm, und der Mann das Kind trug, und der alte Staatsanwalt hinter ihnen
die Augen selber voller Thrnen hatte, da wuten sie erst recht nicht,
was sie aus der Sache machen sollten.




12.

Schlu.


Drauen im Schlosse Wendelsheim waren dem jungen Herrn der Besitzung die
wenigen Tage wie in einem glcklichen Traum verflossen, und whrend eine
Unzahl von Handwerkern in den alten Rumen wirthschaftete, um sie neu
und wohnlich wieder herzurichten, damit Fritz sein liebes Brutchen bald
heimfhren knne als zchtige Hausfrau, schien auch ein ganz anderes
Leben mit den Arbeitern eingekehrt. Das summte und brummte nur so den
ganzen Tag von lustigen Liedern und Lachen und Scherzen, wo frher Einer
dem Andern scheu ausgewichen war und seine Arbeit gethan hatte, nicht
als eine freudige Beschftigung, sondern wie nur, um sie los zu sein.
Aber Grund genug dazu war auch vorhanden, denn das gndige Frulein,
die steinerne Tante, hatte den Platz gerumt und war, wthend ber die
erlittene Beschimpfung, wthend ber den Neffen, ber Kathinka, ber die
ganze Welt, schon am nchsten Tage abgefahren mit Sack und Pack, und das
allerdings konnte ihre Laune dabei nicht verbessern, da die Leute und
Arbeiter vom Hofe, als sie endlich in den Wagen stieg, in lauten Jubel
und ein nicht enden wollendes Hurrah ausbrachen, mit dem sie aus dem
Schlosse begleitet wurde. Aber sie hatte es sich auch freilich selber
zuzuschreiben, denn sie lie _keinen_ Freund zurck, da Keiner im ganzen
Schlosse war -- von ihrem eigenen Neffen bis zu dem letzten Kuhjungen
herunter--, der nicht die Stunde gesegnet htte, wo sie dem Platz den
Rcken kehrte.

Wohin sie ging? Niemand kmmerte sich darum, da man wute, da sie hier
nie wieder einziehen wrde.

Aber eine andere Sorge lag den Leuten und besonders dem jungen Herrn auf
dem Herzen, und das war die Sorge um den Baron selber, dessen Zustand
sich mit jedem Tag verschlimmerte, und in vllige Wuthausbrche
berzugehen schien. Seit zwei Tagen hatte er schon Niemanden mehr
in sein Zimmer gelassen; das Essen war ihm, mit Lebensgefahr fr den
Bringenden, in die Stube hineingeschoben worden, und die Voraussicht,
da noch Alles ein bles Ende nehmen knne, steigerte sich so, um Fritz
zu veranlassen, selber in die Stadt zu fahren und einen Arzt mit
ein paar Wrtern der dortigen Irrenanstalt, die mit solchen Kranken
umzugehen wissen, herauszuholen; aber er kam trotzdem zu spt.

Als er in den Hof einfuhr, hrten sie pltzlich eine dumpfe Explosion
und sahen gleich darauf aus den zertrmmerten Fenstern der Stube des
alten Herrn dichte, weie Rauchwolken hervorquellen. Alles strzte
natrlich hinauf, die Spritze wurde augenblicklich in Gang gesetzt und
Wasser von allen Seiten herbeigeschleppt, um einem mglichen Brand zu
begegnen. Als sie seine von innen verriegelte Thr einschlugen,
bedurfte es dabei einer geraumen Zeit, ehe sie nur in das Gemach selber
vordringen konnten, denn Pulverdampf drang in dicken, gelblich-weien
Schwaden so dicht wie eine Mauer heraus, und nicht das Geringste war in
dem ganzen Raum zu erkennen. Durch das Oeffnen der Thr aber und mit den
zersplitterten Fenstern bildete sich ein Zug, der nach einiger Zeit Luft
gab, und wie sich der Rauch endlich verzog, fanden sie unter brennenden
Trmmern und unter einem Theil der eingestrzten Zimmerdecke den
Leichnam des alten, unglcklichen Mannes, der hier und auf solche Weise
den Tod gefunden.

Erklrt war die Sache leicht. Der Baron hatte, wie man recht gut wute,
in seinem Gewehrschrank Pulver liegen, aus dem er sich, wenn er frher
manchmal auf die Jagd ging, selber seine Patronen machte. Wie viel es
gewesen, lie sich nicht bestimmen, und da er absichtlich Feuer dazu
gebracht, war kaum anzunehmen. Wahrscheinlich hatte er in einem von
seinen Anfllen die Idee gefat, frische Patronen zu machen -- wie
sich dann das Pulver entzndet, wer konnte es sagen! Aber der ganze
Gewehrschrank war aus einander gesprengt und ein Theil der Waffen durch
den Luftdruck an die entgegengesetzte Wand des Zimmers geschleudert, wo
sie verbogen oder zertrmmert lagen.

Einzelne Mbel brannten auch, aber des Feuers wurde man bald Herr und
der Leichnam dann in einen andern Theil des Schlosses getragen und dort
auf sein letztes Bett gelegt.

Schlo Wendelsheim war jetzt zu einem Hause der Trauer geworden, wenn
auch Fritz selber keinen so tiefen Schmerz ber den Tod eines Vaters
fhlen konnte, den er eigentlich kaum gekannt und der ihn nie geliebt,
nie Liebe von ihm verlangt hatte. Aber Freude und Jubel war zugleich
in die rmliche Wohnung des Schlossers Baumann eingezogen -- Glck und
Seligkeit in die Herzen und ein heiteres Lachen und ein frohes Singen
durch alle Rume. Selbst dem alten, starren Schlossermeister schien eine
wahre Last von der Seele genommen zu sein, die er sich freilich selber
aufgebrdet und mit seinem Trotzkopf auch vielleicht das lange Leben
durchgeschleppt htte bis zum Grabe. Jetzt war das vorbei, und was ihn
dabei heiter und froh machte: da nicht _er_ das Glck wieder hatte
einkehren lassen in sein Haus, oder seine Frau -- das Alles wre ihm
fort und fort ein drckendes Gefhl geblieben -- nein, da es sein Kind
gewesen, seine kleine Else, und er lie die Kleine fast nicht mehr aus
den Armen.

Indessen wurden jetzt aber alle Vorbereitungen zur baldigen Abreise
scharf betrieben. Der Entschlu, nach Amerika auszuwandern, stand
felsenfest bei ihm, und hier in Alburg htte ja auch Alles die
Erinnerung an das Ueberstandene fast stndlich wieder wachgerufen. Ueber
den Verkauf seines Hauses trat er augenblicklich mit einem Nachbar, der
ihm schon lange darauf ein Gebot gethan, in Unterhandlung. Das beste
Werkzeug wurde eingepackt, um es mitzunehmen -- denn drben wollten sie
genau wieder so beginnen, wie sie hier aufgehrt--, Amboe und alles zu
Schwere natrlich hier verkauft, und in kaum acht Tagen konnte schon mit
der Fortschaffung der Effecten begonnen werden.

Auch Salomon hatte nicht gesumt seine Abreise zu betreiben, und die
beiden Familien waren entschlossen, nicht allein die Reise zusammen zu
machen, sondern sich auch in Amerika gemeinschaftlich einen passenden
Platz auszusuchen und dort eine Niederlassung zu grnden.

In diese selbe Zeit fiel die Besttigung von Heberger's Urtheil. Er
hatte sich an die Gnade des Knigs gewandt, aber ohne Erfolg. Er war zu
zwanzigjhriger Zuchthausstrafe verurtheilt und wurde an dem nmlichen
Tag in die Strafanstalt abgeliefert, als die Auswanderer die Stadt
verlieen.

Fritz kam jetzt fast alle Tage in die Stadt, um seine Pflegeeltern, ber
deren neu gewonnenes Glck er selige Freude fhlte, noch recht oft
zu sehen, und hatte auch den Vater dringend gebeten, eine nicht
unbedeutende Summe von ihm anzunehmen, um damit sein Fortkommen in dem
fremden Welttheil zu sichern; aber der alte, starrkpfige Mann wollte
nicht. So lange er seine Fuste und seine Jungen htte, meinte er, so
lange sei er auch selber Manns genug, sich durch die Welt zu bringen;
wrde er einmal alt und schwach -- was aber wohl noch eine Weile dauern
knne -- und sollte er es nothwendig brauchen, na, dann wollte er an
Fritz schreiben und es ihn wissen lassen, eher nicht.

Es war nichts mit ihm anzufangen.

Die Hochzeit des jungen Erben von Wendelsheim mute brigens, durch
den Todesfall des alten Barons aufgehalten, natrlich noch eine Weile
hinausgeschoben werden, sonst htte Fritz die Eltern auch gar nicht
frher fortgelassen. So aber beschlo er, wenigstens sie bis Hamburg,
als den Ort der Einschiffung, zu begleiten.

Morgens war das smmtliche Passagiergut, da man die Frachtgter lange
vorausgeschickt, aufgegeben worden, und die Reisenden hatten schon ihre
Pltze im Coup genommen. Witte, der sie bis dahin begleitet, um noch
einen letzten Abschied von ihnen zu nehmen, stand drauen auf dem Perron
am Wagenfenster, als Rath Frhbach, den linken Arm wie gewhnlich auf
dem Rcken, langsam angeschlendert kam und, durch den davor stehenden
Staatsanwalt aufmerksam gemacht, zu seinem Erstaunen die ganze
Gesellschaft erkannte.

Alle Wetter, rief er berrascht aus, ich habe es schon in der Stadt
an verschiedenen Orten gehrt, aber immer nicht glauben wollen! Also
soll es wirklich nach Amerika gehen?

Nach Amerika, lieber Rath! rief Bruno, der selig neben seiner Braut
im Wagen sa, da der alte Salomon bestimmt hatte, der vielen
Schwierigkeiten wegen, die ihnen hier in Deutschland bei einer solchen
Trauung gemacht wrden, dieselbe aufzuschieben, bis sie New-York
erreichten. -- Nach Amerika -- und wenn Sie etwas dahin zu bestellen
htten....

Hm, sagte der Rath, da fllt mir eine Geschichte ein. In
Schwerin....

In dem Moment pfiff die Locomotive. Wagen frei, meine Herren! rief der
Schaffner. Es geht fort! Die Wagen thaten einen Ruck, setzten sich
in Bewegung, und fort brauste der kleine Schnellzug, seinem Ziel, der
fernen Hansestadt entgegen.

In Hamburg angekommen, sahen sie sich, wie das gewhnlich geht,
noch genthigt, einige Tage auf die Abfahrt des als segelfertig
angekndigten Schiffes zu warten, und das konnte Baumann doch
nicht verhindern, da ihnen Fritz nmlich statt der genommenen
Zwischendeck-Billets bequeme Kajtenpltze ausmachte. Aber er hatte
dabei auch auerordentlich viel und geheimnivoll mit dem alten Salomon,
den er selber schon von frher als einen braven und rechtlichen Mann
kannte, zu verhandeln und zu besprechen und war oft stundenlang mit ihm
abwesend. Was es aber gewesen, erfuhr Niemand, selbst nicht, als das
Schiff endlich seine Abfahrt signalisirte und die Passagiere an Bord
muten.

Der Abschied war herzlich. Fritz hatte noch nicht vergessen, die alten
Baumanns als seine wirklichen Eltern zu betrachten, und die kleine Else
trug er selber in's Boot und von dort in seinem Arm an Bord hinauf.
Jetzt noch ein Hndedruck, noch ein Ku -- dann blhten die Segel aus
-- Tcher winkten nach, und fort mit einer gnstigen Brise glitt
das Schiff, das glckliche Menschen einer neuen Heimath
entgegenfhrte.----

       *       *       *       *       *

Ein volles Jahr war vergangen, aber Fritz, lngst mit der Geliebten
vereinigt und im Besitz alles dessen, was einen Menschen wirklich
glcklich machen kann, hatte noch immer nichts von seinen Lieben in
Amerika gehrt und sehnte sich doch so nach einem Brief.

Von Salomon erhielt er allerdings einmal, nach kaum sechs Monaten,
ein paar geschftliche Zeilen, die ihm anzeigten, da sie glcklich da
drben gelandet wren und ihre neue Heimath bezogen htten, da es auch
Allen gut ging, er aber weiter nichts schreiben wolle, da es ihm der
alte Baumann verboten. Der nmlich habe selber die Absicht, ihm einen
langen Brief zu schicken, und dem mge er deshalb nicht vorgreifen.

Aber der versprochene Brief kam nicht, und Monat nach Monat verging,
so da Fritz schon anfing sich zu sorgen. Da brachte der Postbote eines
Tages den ersehnten, und das war wirklich ein _Brief_.

Auf grobes Schreibpapier geschrieben, reichlich vier Bogen davon
zusammengefaltet und mit einer Unzahl von Siegeln beklebt, wog er in das
Unglaubliche und kostete ein Heidenporto. Fritz aber jubelte laut auf,
als er ihn erhielt. Das waren die starren, ehrlichen Zge seines alten
Pflegevaters, und mit wenigen Stzen sprang er hinauf in das Zimmer
seiner kleinen Frau, um mit dieser das Schriftstck gemeinschaftlich zu
genieen.

Beide lachten auch hell auf, als sie den Brief ffneten und die
Buchstaben sahen, die wie durch einander geworfenes Werkzeug auf dem
Papier umher lagen; aber Fritz traten doch die Thrnen in die Augen,
denn in den rauhen Zgen sah er das Bild des braven, wackern Mannes
wieder, so klar und deutlich, als ob er vor ihm stnde.

Kathinka wrde freilich lange gebraucht haben, bis sie die wunderlich
zusammengestellten Zeichen entziffert htte; Fritz aber, der seines
Vaters Handschrift schon von frher kannte, fand sich leicht hinein, und
wie er nur einmal die ersten Zeilen bewltigt, las er die Hieroglyphen
frisch vom Blatte weg. Der Brief lautete:

Mein lieber Fritz! Eigentlich habe ich mir schon seit sechs Monaten
jeden Tag vorgenommen, an Dich zu schreiben, aber es kam immer 'was
dazwischen, und dann geht es mit Schreiben hier in Amerika gar nicht so
leicht wie daheim, denn die Dinte trocknet Einem immer ein, und wenn man
nachher Wasser dazu giet, ist nichts drin.

Aber ich mu Dir vor allen Dingen danken fr Deine Liebe und Gte!
Bser Junge, hatte ich Dir nicht gesagt, da wir uns hier unser
Fortkommen selber grnden wollten? Und was machst Du nun fr Streiche?
Wie wir herkommen, reise ich mit dem alten Salomon, der ein ganz
tchtiger Kerl ist, und mit Bruno in's Land hinein, um uns etwas
auszusuchen. In Indiana fanden wir eine prachtvolle Farm mit einem
herrlichen, groen Backsteinhause, fnfzig Acker urbar gemachtem und ich
wei gar nicht wie viel Holzland und Prairie, mit Vieh und Pferden
und Allem, was dazu gehrt; aber wir bernachteten da blos, um einen
Nachbarplatz anzusehen, denn ich konnte natrlich nicht daran denken,
eine solche Farm zu kaufen; mein Capital htte nicht einmal fr das Haus
allein ausgereicht, das gro genug ist fr drei Familien, und noch
dazu eine kleine Stadt ganz dicht dabei, als ob sie dazu gehrte. Daran
grnzte aber ein kleines Huschen mit ein paar Acker Feld, das noch
beinahe mit zur Stadt gehrte, und der alte Salomon beredet mich
richtig, das kleine Nest zu kaufen; er wolle dann dicht daneben in die
Stadt ziehen, damit wir hbsch bei einander wohnten. Das thu' ich denn
endlich, obgleich mir das kleine Nest nicht besonders gefiel; aber es
war doch ein Obdach, und wir verzehrten doch nicht so viel Geld, als in
der Stadt, und ich bekam vielleicht auch aus der Stadt heraus, wo gar
kein Schlosser war, Arbeit. Wir reisen also zurck und holen die Frauen
und Kinder ab, und nur Salomon blieb selber dort, um Alles herzurichten.
Aber denke Dir, wie wir zurckkommen und in das kleine Haus ziehen
wollen, will sich der alte Jude vor lauter Vergngen todtlachen und
behauptet, da das groe Haus mit allem Feld und Vieh und wei Gott, was
sonst noch, mein gehre! Ich wollt's erst gar nicht glauben, und wie er
mir sagte, da er es in Deinem Auftrage fr mich gekauft htte, wollt'
ich fuchsteufelwild werden -- aber es war gar so hbsch und herrlich da
und die Frauen und Kinder so glcklich und selig in dem Gedanken, und
geheult haben sie vor Rhrung und Dir tausend und tausendmal fr Deine
treue Liebe gedankt! Da berlegte ich mir denn endlich die Sache. Es ist
ja doch Dein Junge, wenn er's auch nicht wirklich ist -- Du hast ihn
auf den Armen grogezogen und die Mutter hat sich um ihn gesorgt und
gengstigt -- er hat's auch, es thut ihm nicht weh, und von ihm kann
ich's nehmen. Und da sitzen wir jetzt -- die glcklichsten Menschen, die
es auf der Welt geben kann -- und das grte Glck, da ich die Mutter
mitgenommen habe, sonst htt' ich's hier im Lande nicht ausgehalten, und
Du solltest nur sehen, wie sie wirthschaftet und schafft, und wie heiter
und glcklich sie geworden ist!

Ich habe mir jetzt eine kleine Werkstatt eine Strecke vom Hause ab
gebaut, damit sie drinnen das arge Klopfen nicht hren, denn Arbeit
giebt's heidenmig viel, und ich werde manchmal mit dem Karl gar nicht
fertig. Der Franz ist noch als Gesell in New-York geblieben; er soll
erst 'was Tchtiges lernen und dann auch zu uns herkommen, und Bruno,
der mit seiner jungen Frau und dem alten Salomon'schen Paare bei uns im
Hause wohnt, bis sein eigenes fertig ist, was er fr sich baut, fhrt
uns die ganze Feldwirthschaft und hat sich tchtig hineingefunden.

Wenn wir Dich nur noch hier htten, so wre Alles gut; aber wenn es
irgend angeht, so mut Du uns einmal besuchen.

Und jetzt lebe wohl! Wir sind Alle gesund und wohl, und Bruno ist ganz
selig mit seiner jungen, hbschen Frau, die ein ganz braves, fleiiges
Weibchen ist -- und der alte Salomon reist im Lande umher und handelt;
das knnen die Art Leute nun einmal nicht lassen.

Karl will auch nchstens heirathen -- eine Nachbarstochter --
meinetwegen -- wir haben's Alle nicht besser gemacht.

Aber nun leb' noch einmal wohl -- hab' nochmals tausend Dank, mein
braver Fritz, fr Deine Liebe! Gre Deine liebe Frau und den Herrn
Witte schn von mir und sage ihm, auch ihm wren wir Alle recht von
Herzen dankbar. Und nun habe ich noch zahllose Gre und Ksse von Allen
zu bestellen; sie wollten selber noch etwas mit in den Brief schreiben,
aber ich habe Niemanden hineingucken lassen, denn er sieht ein bischen
wild aus und es sind viele Klexe drin -- die Feder ist mir immer zu dnn
und zu leicht zum Halten.

Gott segne Dich, mein guter Fritz, und Dein braves Weib!

  Dein treuer Vater

  _Gottfried Baumann_.


  _Ende._

  Druck von _G. Ptz_ in Naumburg a. S.




[Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Der Halbtitel wurde entfernt.

Ein an den vorderen Buchdeckel angeklebter Zettel mit Verlagswerbung
wurde nicht in den Text aufgenommen.

Fehlende und falsch gesetzte Anfhrungszeichen wurden stillschweigend
korrigiert.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, mit
folgenden Ausnahmen:

  Seite 51:
  "Rthiu" gendert in "Rthin"
  (Das wird er schon, nickte die Frau Rthin)

  Seite 67:
  "da" gendert in "das"
  (Hol's der Teufel, das ist ein ganzes Nest von Sachen)

  Seite 113:
  "vielmher" gendert in "vielmehr"
  (oder vielmehr in der Sache der Erbfolge)

  Seite 147:
  "stestenden" gendert in "stehenden"
  (emporfuhren und die stehenden sich bckten)

  Seite 167:
  "das" gendert in "da"
  (habe Euch schon einmal gesagt, da Euch das einerlei sein)

  Seite 168:
  "erwiderte" vereinheitlicht zu "erwiederte"
  (Ich will Euch 'was sagen, Heberger, erwiederte Witte)

  Seite 185:
  "," eingefgt
  (sagte dieser kalt, Sie selber stehen)

  Seite 215:
  "Frbach" gendert in "Frhbach"
  (Aber ein Schlosserssohn, sagte Rath Frhbach ganz verwirrt)

  Seite 229:
  "denn" gendert in "den"
  (sie machte gleich von vorn herein den Eindruck)

  Seite 332:
  "das" gendert in "da"
  (konnte Baumann doch nicht verhindern, da ihnen Fritz)]






End of Project Gutenberg's Der Erbe. Dritter Band., by Friedrich Gerstcker

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     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
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     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
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     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

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forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
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1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
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liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

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written explanation to the person you received the work from.  If you
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providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

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warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
