Project Gutenberg's Die Mumie von Rotterdam, Zweiter Theil, by Georg Dring

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Title: Die Mumie von Rotterdam, Zweiter Theil

Author: Georg Dring

Release Date: September 6, 2014 [EBook #46778]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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=Die Mumie von Rotterdam.=

=Novelle=

=in zwei Theilen=

=von=

=Georg Dring.=


=Zweiter Theil.=

=Frankfurt= am Main.

Gedruckt und verlegt von Johann David Sauerlnder.

1829.




1.


Die zwei hoffnungsvollen Schler des Leydener Professors =Eobanus
Hazenbrook= hatten, als sie ihn am heutigen Morgen verlieen, ihre
Schritte zum Haven von =Rotterdam= gelenkt. Es dnkte ihnen
wahrscheinlich, da =Clelia van Vlieten= mit ihrem Herzallerliebsten zu
Wasser entflohen sey, indem sie hier nicht so leicht eine Entdeckung und
Verfolgung zu frchten hatten, als auf einem Landwege.

_Sandis!_ sagte =Le Vaillant=, als sie an der vorberstrmenden =Maas=
standen und zahllose Schiffe ab- und zufahren sahen, wir sind ein Paar
irrende Ritter geworden aus den Zeiten der Tafelrunde und ziehen auf
Abentheuer, wie die Helden =Lancelot= und =Parcival=. Aber wo ist unsere
=Dame vom See=, wo ist das =heilige Graal=? -- Da fahren Schiffe nach
Ost- und Westindien, nach =Constantinopel= und =Copenhagen=, sie alle
wissen das Ziel ihrer Reise, den Weg, den sie zu nehmen haben, aber wir
stehen schon hier, wie vor einem bezauberten Schlosse, das uns hundert
Pforten zeigt, aber keine vor uns aufthut, weil wir den Talisman nicht
kennen, der sie erffnet.

Es wird sich Alles finden! erwiederte der ruhige =La Paix=. Nur nichts
bereilt, nur nicht Sturm gelaufen am unrechten Orte. _Festina lente!_
sagen die Alten und der Professor, und ein Sprchlein, das sich seit
tausend Jahren bewhrt hat, kann uns wohl auch zum Frommen gereichen.
Haben wir doch jetzt Ferienzeit, Geld im Sacke und sind der Aufsicht des
lstigen Professors entledigt. Mag er seine egyptische Gelehrsamkeit
auskramen, wo er will, uns soll das freie Leben behagen und wenn wir in
dieser Zeit den Musen opfern, so mssen es hollndische seyn im
Spitzenhubchen und Silbermieder!

_Caddis!_ rief sein Freund. Das heit weise gesprochen. Wir wollen
deine Lebensphilosophie so lange in's Praktische bersetzen, wie es
unsere Gelder aushalten. Aber die Hauptsache ist, da wir erst wissen,
wo der Wind die =Amasia= hingeweht hat, die wir aufsuchen sollen. Ist es
zu Lande, so fhren wir in unsern Brsen Alles, was wir bedrfen; ist es
aber zu Wasser, so mssen wir reichlich fr die nothwendigsten
Lebensmittel sorgen: als da sind gerucherte Wrste, Wildpret, Austern,
Mandeln, Rosinen und Zucker; dann jene Getrnke, deren wir durchaus
bedrfen, um Jugend und Leben zu conserviren: den belebenden Genever,
den krftigen Rhum, den beruhigenden Burgunder und das treffliche Bier
aus Lwen, dem man mit Recht den kniglichen Namen des Pharao gegeben
hat.

Nimm dich in Acht! ermahnte =La Paix= und zeigte mit der erhobenen Hand
nach einem Manne in der Kleidung eines gemeinen Schiffers, der schlafend
so hart am Rande des Havenbassins lag, da er bei der geringsten
Bewegung hinabfallen konnte. Nimm dir ein Beispiel an dem Burschen! Der
scheint auch dem hold belebenden Genever so lange zugesprochen zu
haben, bis er den Gang am Havenbassin fr seine Hangematte angesehen und
sich unbekmmert hingelegt hat zum Schlafe, aus dem ihn ein unruhiger
Traum in den ewigen befrdern kann. Komm her, =Le Vaillant=! Wir wollen
ein gutes Werk thun! Nimm du den Schlfer bei den Schultern, ich nehme
ihn an den Fen. Da legen wir ihn zur Seite, mit dem Kopfe auf die
Wollscke dort, und wir knnen so uns einbilden, ein Menschenleben
gerettet zu haben.

=Le Vaillant= griff sogleich zu. Aber er that dieses so derb, da der
Seemann, whrend sie ihn nach dem von =La Paix= bezeichneten Platze
trugen, halb erwachte und, ihr Benehmen miverstehend, heftig mit den
Fusten um sich schlug.

Seyd Ihr es, Myn Heer =Cornelius van Daalen=? rief er, ohne die Augen zu
ffnen, mit lallender Zunge und noch von der Macht des betubenden
Wachholderrausches befangen. Soll ich Euch noch einmal an Bord der
=Syrene= fhren, wie ich in dieser Nacht gethan, mit der schnen Jungfer,
die sich so gar innig an Euch schmiegte! Kommt nur her! Die Brcke
liegt. Gleich sind wir drben, wo Capitn =Jansen= Euch erwartet.

Bei allen Reichthmern der Gascogne! rief =Le Vaillant=, indem er den
verstummenden Trunkenbold ziemlich unsanft auf die Wollscke hinwarf.
Jetzt wirst du dich doch berzeugen, da der Wachholder gar kein zu
verachtendes Getrnk ist, denn er ls't die Zungen und ffnet die
Herzen. Er ist uns der Compa geworden, nach dem wir unsere Fahrt regeln
knnen. Aber der Bursch mu noch mehr reden! Ich will ihn mit meiner
Degenspitze kitzeln, bis er munter genug geworden ist, um die ganze
Entfhrungsgeschichte ausfhrlich zu erzhlen.

Bist du rasend? sagte =La Paix= und hielt den Unbesonnenen zurck, der
schon den Degen halb entblt hatte. Siehst du dort die stmmigen
Bursche herumschlendern, seine Freunde und Cameraden, die jetzt gerade
ein miges Stndchen htten, um es bei der geringsten Gewaltthtigkeit
gegen ihn, mit einer gymnastischen Uebung auszufllen, die uns bel
bekommen drfte? Sieh, wie sie schon argwhnisch ihre Blicke auf uns
richten! Wir mssen die Sache anders anfangen. Wir wissen nun schon
genug, um in wenigen Augenblicken ganz im Reinen seyn zu knnen. La
mich nur machen! Jene selbst sollen uns das Uebrige sagen, aber dazu
mssen wir ihr Vertrauen gewinnen.

Er beugte sich nun zu dem Schlafenden herab. Er fate ihn so sanft und
zart an, wie er nur vermochte, legte ihn mglichst bequem auf die
Wollscke und steckte ihm, so da es die nher tretenden und neugierig
gaffenden Seeleute deutlich bemerken konnten, ein Stck Geld in die
halbgeffnete Hand.

Richtig! sagte jetzt einer von diesen, der ganz nahe herangekommen
war. Es ist =Peter Trip= von der Barke =Syrene=, Capitn =Jansen=. Er kann
das Trinken nicht lassen, bis ihn der Verstand verlt und, ich wette
zehn hollndische Dreidecker gegen eine spanische Galliotte, da er
sich an derselben Stelle benebelt hat, wo Ihr ihn fandet. Aber woher mag
er das Geld bekommen haben? Niemand borgt ihm mehr und sein Capitn hebt
ihm schon seit lang den Sold auf, damit er in seinen alten Tagen etwas
hat.

Indem die Schiffleute sich ber diesen wichtigen Gegenstand in die
scharfsinnigsten Vermuthungen verloren, zeigte sich =La Paix= noch immer
thtig, dem Schlafenden eine recht bequeme Lage zu verschaffen. Er
zupfte bald an den Wollscken, auf welchen er hingestreckt lag, bald
suchte er ihn mit den in Unordnung gerathenen Kleidern gegen die khle
Luft zu verwahren, bald rckte er ihm den schweren sinkenden Kopf
zurecht.

Bemhet Euch nicht so sehr um ihn! hob jetzt wieder der Mann an, der
vorher gesprochen hatte. Er schlft jetzt sein Stck weg, bis der
Wachholder all verdampft ist, der ihm den Kopf einnimmt. Er fhlt auch
nicht, ob er weich oder hart liegt, denn seine Knochen sind die Steine
mehr gewohnt, als ein Bett oder die Hangematte. Sein Herr ist heute
Morgen in aller Frhe nach =Antwerpen= unter Segel gegangen. Der =Peter=
thut nicht mehr gut auf dem Schiffe. Er ist zu steif und zu faul.
Deshalb lt ihn der Capitn immer daheim, damit er im Gewlbe die
Kisten und Ballen verwahre, die fr die nchste Fahrt eingebracht
werden.

Nach =Antwerpen=? _Morgu!_ dahin mssen wir auch, fuhr =Le Vaillant=
unbesonnen heraus, und noch in dieser Stunde.

Der franzsische Schwur, der bereilt seinen Lippen entflohen, machte
sogleich die Matrosen stutzig. Sie sahen ihn finster an. Sie flsterten
einander ihre Vermuthungen zu und einige ballten schon drohend die
krftigen Fuste, um sie im nchsten Augenblicke vielleicht den Feind
des Vaterlandes empfinden zu lassen. Da trat der besonnene =La Paix= dem
leichtsinnigen Freunde ebenso heftig, wie bedeutsam, auf den Fu und
sagte zu den Umstehenden mit seiner sanften, fast mdchenhaften Stimme:

Wir sind Wallonen, liebe Leute. Wir kommen von =Leyden= und wollen in die
Heimath, um unsere Eltern zu besuchen. Aber wir haben Eile. Wir wren
heute Morgen schon gern mit der =Syrene= abgefahren, doch sind wir zu spt
gekommen und wir sahen die Barke schon in weiter Ferne, als wir am Haven
anlangten. Da, Freunde, trinkt einmal auf unsere Gesundheit! Sagt mir
aber auch, ob wir nicht gleich Gelegenheit finden knnen, auf irgend
einem schnellen Fahrzeuge der =Syrene= nachzusegeln und sie noch whrend
ihrer Fahrt zu erreichen?

Nichts leichter, als das! erwiederte sehr freundlich der Seemann, der
sich selbst zum Sprecher aufgeworfen und das Geld genommen hatte. Seht
Ihr dort den Kutter, der eben anfngt sich zu bewegen und hin und her zu
schaukeln auf den Wellen? Die Leute drauf sind im Begriff, die Anker zu
lichten und in Zeit von fnf Minuten sind alle Segel aufgespannt und er
tritt seine Fahrt durch den =Biesbosch= und das =Hollands-Diep= nach
=Middelburg= an, um die Binnengewsser von den kreuzenden Dons rein zu
fegen und zu kehren. =Der= holt die =Syrene= noch vor Abends ein. Kommt in
meinen Nachen! In zwei Minuten bring' ich Euch an Bord. Der Capitn ist
ein Seehund, der ein Dutzend Spagnols zum Frhstck aufzehrt. Aber er
liebt auch das Geld und wenn Ihr nicht karg seyd, so nimmt er Euch gern
mit. Es giebt dann auch wohl Gelegenheit, Euere Bratspiee auf die Dons
zu versuchen, denn, wie es heit, so treiben sie die Frechheit so weit,
ihre Flagge im =Biesbosch= und im =Diep= blicken zu lassen.

Das knnte mir gefallen! sagte mit einem behaglichen Lcheln =Le
Vaillant= zu =La Paix= in lateinischer Sprache, whrend beide dem Schiffer
zu seinem Kahne folgten. Wenn ich meinen Degen einmal an einem andern
wetzen kann, so gilt mir's gleichviel, ob's an einem englischen oder an
einem spanischen geschieht. Ich kann so die Hidalgo's nicht leiden wegen
ihres Hochmuths und das Bndni, das sie mit unserm allergndigsten
=Ludwig= geschlossen, ist ganz und gar nicht nach meinem Sinne.

Mit der Schnelligkeit eines Pfeiles durchschnitt das kleine Fahrzeug, in
dem sie sich befanden, die Wellen. Es wurde von acht krftigen und
gebten Armen fortbewegt. Sie erreichten den Kutter gerade in dem
Augenblicke, als der letzte Anker gehoben werden sollte. Ihrer Aufnahme
stellte sich keine Schwierigkeit entgegen und, von gnstigen Winden
fortgetrieben, hatten sie bald die gute Stadt =Rotterdam= aus den Augen
verloren.

=La Paix= grollte mit seinem Freunde, der unbesonnen und voreilig wie er
einmal war, die unmige Forderung des Capitns sogleich bewilligt
hatte, ohne weiter zu handeln. Er ging auf der einen Seite des Verdeckes
mit untergeschlagenen Armen auf und nieder, whrend jener, trotzig den
Groll erwiedernd, auf der anderen Seite, nur mit schnelleren und
unruhigeren Schritten dasselbe that. =La Paix= war im Grunde ebenso
reizbar wie =Le Vaillant=, nur hatte er sich gewhnt eine Sanftmuth und
Ruhe zu affectiren, die viele fr eine wirkliche Eigenthmlichkeit
seines Characters hielten. Aber manche seiner Mitstudenten in =Leyden=
muten sich schon berzeugen, da er ebenso leicht zu beleidigen und
ebenso bereit sey, jede Beleidigung zu rchen, wie sein Landsmann aus
der Gascogne. Dabei war sein Groll tiefer und dauernder. Was =Le Vaillant=
in einer Viertelstunde lngst wieder vergessen hatte, das nagte noch
lange an der Seele seines Freundes und konnte durch den geringsten
Ansto zu einem Ausbruche des Unwillens angeregt werden, der sich nur
schlecht unter der Maske eines kalten und ruhigen Spottes verbarg.

In den Anblick der vorbereilenden Ufer verloren, die der lebhaften
Empfnglichkeit =Le Vaillant's= manchen Anziehungspunkt boten, dachte
dieser bald nicht mehr an den unbedeutenden Zwiespalt und dessen
Gegenstand. Erst, als er dem Freunde am Vordertheile des Schiffes
begegnete und die spttische Miene bemerkte, mit der ihn dieser
betrachtete, kam ihm die Sache wieder in's Gedchtni. Von jeher war ihm
nichts so verhat gewesen, als der kalte Hohn, in den =La Paix= bei
solchen Gelegenheiten sich wappnete. Auch in ihm wurde die Galle jetzt
wieder rege und er sagte, indem er, die Hand an das Gef seines langen
Raufdegens legend, vor dem Cameraden stehen blieb:

_Corbleu_, Sire =La Paix=, Ihr macht ein Gesicht, als suchtet Ihr Hndel!
Uebrigens ist Euch bekannt, da der Mann, der einem Waffengang nie aus
dem Wege geht, nicht fern ist und ich mu Euch ersuchen, Euere
spttischen Blicke nicht auf ihn, sondern nach einer andern Seite zu
richten, wohin es Euch sonst belieben mag.

Ich sehe hin, wohin ich will und ob ich spttisch oder zrtlich blicken
mag, das liegt ebensowohl ganz in meinem Willen; erwiederte mit
erknstelter Klte =La Paix=. Im Uebrigen beruhige dich, guter =Le
Vaillant=! fuhr er in einem Tone des Hohns fort, der seinem Freunde ber
Alles verhat und unertrglich war. Wir wollen uns nicht entzweien! Ich
habe mir im Gegentheile vorgenommen, fr dich die Wohlthtigkeit fremder
Leute anzusprechen, wenn du unser smmtliches Reisegeld gromthig
verschleudert haben wirst, damit es dir wenigstens nicht an einem Diner
de Gascogne, an einer Zwiebel und einem Stck Brod fehlt!

_Caddis!_ fuhr =Le Vaillant= auf: ich glaube gar, du willst meines
Vaterlandes spotten? La dir das vergehen oder es ist aus mit unserer
Freundschaft! Freilich speist man gern Zwiebeln an den Ufern der
=Garonne=, aber wenn das geschieht, so kommt es daher, weil eine
gascognische Zwiebel delikater ist, als Alles, was das Raffinement
Euerer Pariser Kche ersinnen kann. _Sandis!_ du solltest Zwiebeln mit mir
gefrhstckt haben im Garten meines Vaters, als ich manchmal, da ich
noch ein Knabe war, gegen sein Verbot hinein schlich und naschte und
nicht aufhren konnte zu naschen. Ich habe kstliche Dinge spter kennen
gelernt in =Frankreich= und im Auslande, aber aller Wohlgeschmack der
Sdfrchte, der Seefische und der Austern ist nur ein Schatten gegen die
Delicatesse einer Zwiebel in meiner Heimath.

=Le Vaillant= war bei dem Lobe seines Vaterlandes wieder in seinen
gutmthigen Ton gerathen und es wre Alles freundlich zwischen den
beiden jungen Leuten abgethan worden, wenn der Andere ebenso schnell
seinen Groll vergessen und seine Neckereien htte lassen knnen. =La
Paix= aber begann aufs Neue in jenem kalten spttischen Tone:

So lange du deine Gasconaden nur auf die Zwiebeln beschrnkst, kann ich
sie mir wohl gefallen lassen. Willst du sie aber auf meinen Beutel
erstrecken, so mu ich sie mir verbitten. Schon zu oft haben deine
Sottisen ihn in einen Zustand der Schwindsucht versetzt und mein Vater
drfte endlich mde werden, an einem unheilbaren Kranken immerfort zu
curiren.

Sottisen? entgegnete ernst und gesetzt =Le Vaillant=, indem er mit dem
Anstande eines Mannes, der wohl wei, da bei einer Ehrensache kein
Punkt ritterlicher Courtoisie aus den Augen gesetzt werden darf, einen
Schritt zurckthat. Das ist eine Beleidigung, wie Ihr wit, die nur mit
dem Degen in der Hand wieder gut gemacht werden kann, Sire =La Paix=. So
es Euch beliebt, wollen wir gleich einen Gang mit einander machen und
ich hoffe, da ich bis jetzt noch keinen Mangel an Muth bei Euch
wahrgenommen, Euch dazu bereit zu finden.

Gewi, Sire =Le Vaillant=! versetzte der Aufgeforderte, dessen
natrlichem Muthe jetzt die erknstelte Ruhe wich. Noch nie habe ich
eine Einladung dieser Art ausgeschlagen, besonders wenn sie von den
Ufern der Garonne kam, wo der Muth mehr auf der Zunge, als an der
Degenspitze sitzt.

Zieh! rief durch diesen neuen Spott zum Uebermae gereizt, der Gegner
mit ausbrechender Wuth. Deinesgleichen habe ich schon ein Dutzend vor
meiner Degenspitze hergetrieben. _Sandis!_ Ich will deine Klinge
zerbrechen und hinwegschleudern, da du sie in den Fluthen der Nordsee
wieder suchen sollst!

Bei allem Ernste der Sache mute =La Paix= laut auflachen ber diese
ungeheuere Gasconade. =Le Vaillant= wurde nun noch wthender. In einem
Augenblicke waren beide mit den gewaltigen, den ganzen Vorderarm
bedeckenden Stulpenhandschuhen bekleidet, die sie im Grtel bei sich
fhrten.

_En garde!_ schrie der junge Gascogner, mit dem Degen in der Hand zum
Ausfalle gerstet.

=La Paix= stand ihm ruhig gegenber. Auch er hatte den Degen gezogen und
schien den Angriff des Freundes, den er, wie er jetzt wohl einsah,
muthwillig selbst zu seinem Gegner gemacht hatte, zu erwarten. Sein
sanftes Angesicht, seine schlanke Gestalt, die sich in der zierlichen
Fechterstellung auf das Vortheilhafteste zeigte, gaben ihm das Ansehen
einer Amazone, deren Muth dem Vertrauen auf ihre Kunstfertigkeit gleich
ist.

Aber es sollte kein Blut vergossen werden zwischen den beiden Freunden!
=Le Vaillant= hatte zweimal den drohenden Appell, wie ihn die franzsische
Fechtersitte vorschreibt, durch Stampfen mit dem Fue gegeben, er war
eben im Begriffe, beim drittenmale auf die Brust des Freundes
auszufallen; als pltzlich hart an seiner Seite eine tiefe Bastimme
laut ward und zugleich ein schwirrender Ton ber ihren Huptern erklang.

Halt da! gebot die Bastimme mit dem Ausdrucke einer Bestimmtheit, der
die Arme der Kampflustigen lhmte. Wer es wagt und den Degen zckt auf
den andern, dem zerschmettere ich im Augenblick das Gehirn. Rauferei,
Meuterei auf meinem Schiffe? Seh doch einer die Gelbschnbel! Habe ich
Euch den Platz auf dem Kutter vermiethet, da Ihr hier Lrm anfangt und
mir das Verdeck mit Euerem Blute besudelt? Hier bin ich Herr: Capitn
=Jonas=! Hinein mit den Klingen in die Scheiden oder Ihr sollt lernen, was
es heit, gekielholt werden!

Die beiden unbesonnenen jungen Leute sahen sich umringt. Mehrere
Matrosen hatten einen Kreis um sie geschlossen. Der Capitn und seine
Leute schwangen mit drohenden Gebehrden schwere Ruder ber ihren
Huptern und ein Wort, ein Wink des Capitns, so fielen diese nieder zu
zermalmenden Schlgen. Die Blicke, mit denen =Le Vaillant= und =La Paix=
diese rasch und in aller Stille getroffenen Anstalten musterten,
sprachen deutlich ihre Betroffenheit und die Erkenntni aus, da eben
hier kein anderes Heil, als in unbedingter Unterwerfung zu finden sey.

Unter dem hoch gehobenen rechten Arme des Capitns blickte das lchelnde
Antlitz eines schnen, etwa zwanzigjhrigen Mdchens hervor. Sie schien
sich an der Verlegenheit der zwei Jnglinge zu weiden. Das halb
verbissene Lachen gab ihren Zgen etwas sehr Schalkhaftes und Reizendes.
=La Paix= bemerkte sie zuerst und sein leicht entzndbares Herz fing
sogleich Feuer an den lebhaften Augen des schnen Mdchens. Wie sein
Freund bereilt und vorschnell in allen Dingen war, so war es =La Paix=
allein in der Liebe, aber hier auch in einem solchen Uebermae, da er,
wenn er verliebt war, leicht zu allen brigen Fehlern verleitet werden
konnte, von denen er sonst mit allem Aufwande von Beredsamkeit seinen
Cameraden abzuhalten suchte. Glcklicherweise war seine Liebe ebenso
flchtig, wie stark. Der Anblick des reizenden Wesens gab ihm seine
Fassung zurck. Mit einem lauten Gelchter und indem er den Degen rasch
in die Scheide schob, ging er auf =Le Vaillant= zu, bot diesem freundlich
die Hand und sagte in franzsischer Sprache, von der er voraussetzte,
da sie keiner der Anwesenden verstnde:

_Soyons amis, Cinna!_ Wir waren nahe daran, einen dummen Streich zu
machen und ich war daran Schuld. Gieb mir die Hand, =Le Vaillant=! Ich
habe dich gekrnkt, mein Freund, aber du hast nun einige Grobheiten
voraus, die du mir bei Gelegenheit mit Interessen wiedergeben darfst!

Der leidenschaftliche, aber dabei gutmthige Gascogner schlug ein.

_Sandis!_ sagte er. Du mut es auch nicht gar zu grob machen. Wo soll
ich sonst die Interessen herausbringen, ohne wieder den Degen zur Hand
zu nehmen?

Jetzt trat =La Paix= zu dem =Capitn=. Dieser blickte ihn aus dem einen
Auge, das ihm bei einem milungenen Versuche, ein englisches
Linienschiff durch einen Brander in die Luft zu sprengen, brig
geblieben war, finster und argwhnisch an. Seine Leute hatten zwar die
Ruder sinken lassen, aber in ihren Gebehrden lag noch so viel Drohendes,
da der Jngling wohl einsah, er msse alle seine Gewandtheit aufbieten,
um das bisherige gute Vernehmen wieder herzustellen. Besonders frchtete
er, da man sie als Franzosen erkennen mchte und dann war's vorbei mit
allen schnen Plnen, mit allen zu erwartenden Abentheuern.

Capitn =Jonas=, eine kurze stmmige Gestalt, war schon ein Fnfziger.
Sein Kopf zeigte einen nackten Scheitel, von einem schwarzen
Sammetkppchen leicht bedeckt. Auf der Stelle, wo sein rechtes Auge
gesessen, lag ein Pflaster, das linke schien die beiden Jnglinge zu
durchbohren. Er stand da, wie ein Richter, der das Bekenntni eines
Schuldigen erwartet. Neben ihm war seine Tochter hervorgetreten, die
reizende =Juliane=, in deren anmuthigen Gesichtszgen ein Ausdruck von
Leichtsinn, der dem Menschenkenner unangenehm auffallen mute,
berwiegend hervortrat. Sie hatte seit frher Kindheit alle Kreuz- und
Querzge des Vaters auf Flssen und Meeren mitgemacht, hatte immer unter
Mnnern gelebt und war von dem Alten, der Alles, auer dem Dienste und
der Schiffsordnung, gleichgltig ansah, ganz ihren Neigungen berlassen
worden.

Indem der zierliche =La Paix= sich beiden nherte, wendete sich seine
Verbeugung mehr nach der Tochter, wie nach dem Vater hin.

Verzeiht, wohlmgender Heer, sagte er in gutem Hollndisch und mit
einem feinen Lcheln auf den Lippen, zu diesem, wenn ich Euch bemerken
mu, da Ihr von einem Irrthume befangen, mich und meinen Freund in
einem ernstlichen Handgemenge whntet. Wie kmen wir dazu: Stuben- und
Schlafgenossen seit langer Zeit? Wir wollten uns die Zeit vertreiben mit
einem leichten Fechterspiele, mit einer Uebung, wie wir sie Morgens
gewhnlich unternehmen. Freilich hatten wir Unrecht, Euch nicht zuvor
davon in Kenntni zu setzen und ich wrde untrstlich seyn, wenn unsere
Unbesonnenheit vielleicht diese zarte Jungfrau erschreckt htte!

Nein, nein! entgegnete lachend =Juliane=. Ich bin nicht so schreckhaft,
wie Ihr Euch einbildet, und habe schon ganz andere Dinge gesehen, als
ein Paar junge Leute, die mit ihren Degen ein zweckloses Spiel trieben.
Auch erkannte ich gleich, setzte sie mit einem listigen Blicke hinzu,
da das Ganze nur auf einen Scherz abgesehen war. Deshalb wird's auch
der Vater nicht so genau nehmen, denn ein Scherz ist kein unerlaubtes
Ding an Bord des =lustigen Freiers von Rotterdam=.

Der Capitn schien zwar mit dieser Erklrung nicht ganz zufrieden, aber
sey es, da er dem Rathe seiner Tochter zu folgen gewohnt war, oder da
er die reich scheinenden jungen Leute nicht weiter bedrngen mochte:
genug! er gab den Matrosen einen Wink, sich wieder an ihre angewiesene
Pltze zu begeben und zog sich selbst brummend in die Gegend des
Steuerruders zurck.

Der =lustige Freier von Rotterdam= segelte so schnell, da sie bald den
Haven und die weien, glnzenden Huser von =Dortrecht= zur Seite hatten.
=La Paix= stand neben =Julianen= und schien bereits in ein sehr
vertrauliches Gesprch mit dem Mdchen verflochten, das ihm offenbar
eine groe Freundlichkeit und Geflligkeit zeigte. Sein nicht so
glcklicher Freund lag auf eine Bank hingestreckt und bemhete sich,
seine Aufmerksamkeit dem vierten Buche der Aeneide zu widmen, die er zu
seiner Unterhaltung auf die Reise mitgenommen hatte. Aber weder =Aeneas=
noch =Dido= wollten ihn heute ansprechen. Statt mit beiden in die
verhngnivolle Hhle zu wandern und sie dort zu belauschen, flogen
seine Blicke oft neidisch nach dem kosenden Paare hin und als sich
dieses endlich gar von dem Verdecke in das Innere des Schiffes
zurckzog, warf er das Buch unwillig zur Seite und trat an das
Hinterdeck, um hier seine heie Brust durch die anstrmende scharfe
Herbstluft khlen zu lassen.

Kommt mit in meine Cajte! sagte =Juliane=, indem sie den entzckten =La
Paix= die dunkele Treppe hinabzog. =Die= hat der Vater fr mich besonders
einrichten lassen und wir sind da ungestrter und traulicher, als in dem
groen Zimmer, wo bald den Bootsmann, bald den Vater, bald einen anderen
irgend ein Geschft hinfhrt. Ihr sollt sehen, wie hbsch und glnzend
Alles bei mir aufgeputzt ist. Das ist so recht ein Staatszimmerchen fr
einen jungen Mann von nobler Herkunft, wie Ihr zu seyn scheint, Myn
Heer!

In der That schimmerten und blinkten auch die Mahagoniwnde des artigen
Kabinets, wie venetianische Spiegel. Allenthalben sah dem Jnglinge,
neben dem seinigen, das anmuthige, schalkhafte Gesicht seiner
freundlichen Begleiterin entgegen. Er hatte noch nie ein weibliches
Wesen gefunden, das, nach einer so kurzen Bekanntschaft, sich ihm so
zuvorkommend genhert htte, und gewi war unter diesen Umstnden der
Gedanke, da er, wie =Csar= gekommen sey, um zu sehen und zu siegen, bei
einem jungen, leicht anregbaren Franzosen sehr verzeihlich.

Eine Laute lag auf dem Seidenpolster, das lngs der einen Seitenwand
hinlief. =Juliane= schob das Instrument bei Seite und, nachdem sie
schkernd den jungen Mann zum Sitzen genthigt, ffnete sie ein
Schrnkchen und holte ein versiegeltes Flschchen und einen Teller mit
kstlich duftenden Zimmetschnitten hervor.

Wir wollen frhstcken! sagte sie, indem sie Beides auf das Tischchen
vor dem Polster stellte und sich neben =La Paix= niederlie. Hier ist
kstlicher =Rosoli=, den mir mein Oheim aus =Schidam= verehrt, und diese
Zimmetschnitten habe ich selbst gebacken. Lat Euch Beides munden! Wir
haben noch einige Stunden, bis wir die =Syrene= erreichen, und die mssen
wir so gut, als mglich auszufllen suchen.

=La Paix= war berselig. Er ergriff ihre Hand und zog sie an seine Lippen.
Sie aber entwand sie ihm lachend, um von einem nahe befindlichen
Gestelle ein Paar zierliche silberne Becher herbeizureichen, die sie mit
dem sen geistigen Getrnk bis zum Rande fllte.

Auf gut Glck in unserm Vorhaben! sagte sie und stie mit einem
Feuerblicke, der dem Leydener Studenten tief in die Seele drang, an den
Becher, den dieser ergriffen hatte. Er wurde doch ein wenig betroffen,
als er =Julianen= den nicht gar kleinen Pokal auf einen Zug leeren sah;
folgte aber, um nicht zurck zu bleiben, ihrem Beispiele und verstie
so, von seiner Verliebtheit irre gefhrt, schon zum erstenmale gegen
seine Gewohnheit, von gebrannten Wassern nur zu nippen. Das Getrnk war
sehr stark. Dem zarten =La Paix= drngte es Thrnen in die Augen, whrend
=Juliane= nicht anders that, als habe sie ein Glas Wasser getrunken. Sie
lachte ihn aus und schenkte von Neuem ein.

Ihr seyd ein Student und knnt nicht trinken? spottete sie. Ihr sollt
es von mir lernen, da Ihr Euch nicht wieder vor einem hollndischen
Mdchen zu schmen braucht! Freilich sind sie nicht alle, wie ich, auf
den Schiffen gro gewachsen, wo die Seeluft eine krftige Nahrung und
ein starkes Getrnk erheischt; aber eine Stadtjungfer aus =Amsterdam=
oder dem =Haag= verschmht doch auch ein Glschen =Rosoli= nicht, denn
es reinigt die Haut und belebt das Blut. Trinkt noch einmal! Ihr sollt
eine gute Lehrmeisterin an mir finden. Stot an! Auf das Wohl derer, die
Ihr liebt!

=La Paix= sah voraus, da der Uebergenu des ungewohnten Getrnks ihm
einen Rausch zuziehen wrde; aber er konnte diese Gesundheit nicht
ausschlagen.

Auf Euer Wohl! entgegnete er und zwang sich noch einmal den Becher zu
leeren.

Whrend =Juliane= rasch den Inhalt des ihrigen hinabstrzte, warf sie
einen forschenden Blick auf ihren Gesellschafter. Sie sah ein, da sie
ihm, zu Erreichung ihrer Absicht, nicht weiter mit Trinken zusetzen
drfe. Sie schob lachend die Glser bei Seite, drang ihm einige Schnitte
des Zimmetgebckes auf und sagte:

Ich wette, Euer Freund _Caddis_ ist mehr vertraut mit der Rosoliflasche,
als Ihr! An den Ufern der Garonne gebraucht man nicht blos den
Zwiebelsaft zur Strkung der Krfte, man kennt auch recht gut die
hlfreichen Geisterchen, die in einer solchen Phiole verstpselt und
verborgen stecken.

Diese Anspielung auf sein frheres Gesprch mit =Le Vaillant=, verrieth
dem Studenten, da =Juliane= sie belauscht hatte, da sie ihre Sprache
verstehe und, was noch schlimmer war, ohne Zweifel sie auch als
Franzosen erkenne. Dennoch besa er noch Herrschaft genug ber sich, um
sich nicht weiter zu verrathen. Wie htte er auch in einem solchen
Augenblicke mehr an andere Dinge denken knnen, als an das reizende
Wesen an seiner Seite? Sie hatte ihm jetzt ihre Hand berlassen, er
durfte diese an seine Lippen drcken. Sein ganzes Innere war erregt,
sein Herz klopfte ungestm, er sah mit schmachtenden Blicken die holde
=Juliane= an, ohne den spttischen Zug, der bei aller Freundlichkeit in
ihrer Miene lag, zu bemerken.

Himmlische =Juliane=! rief er im Tone der Begeisterung. Ihr macht mich
zum Glcklichsten aller Sterblichen, indem Ihr mir erlaubt, diese
schnste Stunde meines Lebens an Euerer Seite hinzubringen. O, wer immer
so fort schiffen knnte, immer fort -- bis an der Welt Ende!

Das wrde sehr langweilig seyn! lachte das Mdchen hell auf. Hrt
lieber zu! Ich will Euch ein franzsisches Liedchen singen. Ihr liebt ja
die franzsische Sprache! setzte sie scharf betonend hinzu, und
vielleicht behagt Euch mein Lied besser, als mein Rosoli, und meine
Zimmetschnitten.

Sie ergriff die Laute und stimmte ein leichtsinniges Lied an. Ihre
liebliche Stimme steigerte das Entzcken des schwrmerischen Jnglings
zu einem hohen Grade; seine Augen hafteten an den zierlichen Fingern,
die leicht und gewandt ber die Saiten flogen. Aus ihren Blicken
sprheten Blitze auf ihn, die Worte des Liedes sagten noch mehr: um
keine Schtze der Welt htte =La Paix= diese Augenblicke hingegeben!

Das Lied war erst zur Hlfte, als =Juliane= pltzlich die Laute auf's
Polster warf, ihr hbsches Gesichtchen in verdrieliche Falten legte und
mit dem Ausdrucke der Ungeduld ausrief:

Mein Himmel, auch der Gesang langweilt mich! Wir mssen etwas Anderes
vornehmen. Wir sind noch nicht im =Biesbosch=, fuhr sie fort, indem sie
durch's Fenster sah, wir mssen Alles aufbieten, die langweilige Fahrt
ertrglich zu machen. Da habt Ihr ein Andenken an diese Stunde, lieber
Junker! Es ist ein Riechflschlein mit kstlichem Balsam, das mir
wiederum der gute Oheim in =Schidam= verehrt. Denkt dabei manchmal an die
frhliche =Juliane=, die es so gar gut mit Euch gemeint!

Bei diesen Worten zog sie ein Schubldchen aus dem Tischchen und nahm,
whrend =La Paix= mit wonnetrunkener Miene das se Aroma des Bchschens
in sich sog, Wrfel und Karten hervor. Der Student achtete nicht darauf.
Er war, nachdem er das Geschenk in der Nhe des Herzens wohl verwahrt
hatte, beschftigt, ein goldenes Kettchen von seinem Halse loszumachen,
an dem sich eine werthvolle Schaumnze von demselben Metall befand.
Beides hatte er in der Abschiedsstunde von seiner Mutter erhalten, und
er achtete es ber Alles hoch. Aber der Sinnentaumel ri ihn fort. Was
er in einem Zustande ruhiger Besonnenheit um keinen Preis hingegeben
haben wrde, fiel jetzt der listigen =Juliane= als eine willkommene Beute
zu.

Sie hielt die glnzende Gabe ans Licht, betrachtete sie mit lsternen
Blicken und fragte endlich im Tone des Zweifels:

Ist's gut Gold, lieber Junker? Man mu doch wissen, was man trgt von
so werther Hand.

Gewi! betheuerte =La Paix=. Aecht Peruanisches! Mein Grovater hat es
selbst aus Amerika mitgebracht. O, glaubt mir, himmlische =Juliane=, so
lauter und stark, wie dieses Metall, ist die Liebe, die ich zu Euch im
Herzen trage!

Charmant! versetzte die himmlische =Juliane=, indem sie die schne Kette
mit dem Schaustck behaglich in ihr Mieder schob. Aber lat uns Eins
wrfeln, Herzensjunker! Blos zum Scherz, einen Gulden den Einsatz und
wer zuletzt gewonnen hat, der lacht den andern aus! Ich wrfle fr mein
Leben gern. Die Stunden verfliegen, wie Minuten, und das Spiel versetzt
in eine so angenehme Spannung, die ich mit Nichts in der Welt
vergleichen kann. Kommt her! Da ist mein Satz. Die Sache wird bald
abgethan seyn, denn viel darf ich nicht wagen, weil mich der Vater sehr
knapp hlt im Gelde.

Sie schttete ihr kleines Brs'chen auf dem Tische aus. Was htte =La
Paix= in dem Zustande der Liebe und halber Trunkenheit, in dem er sich
befand, dem verfhrerischen Mdchen abschlagen knnen? Er setzte und
verlor rasch hintereinander. Sie neckte ihn mit seinem Verluste und
meinte, er sey nicht strker im Spielen, wie im Trinken. Diese Neckerei
reizte den jungen Mann, der ganz aus seinem gewhnlichen Geleis gekommen
war, immer mehr. Die Stze wurden verdoppelt, das Glck blieb =Julianen=
getreu. Whrend des Spiels unterhielt sie ihn mit kurzweiligen Reden,
nannte ihn bald ihren Herzensjunker, bald ihr liebstes Studentchen, und
ihre freundlichen Blicke verwirrten ihn noch berdem so sehr, da er gar
nicht bemerkte, wie ihr kleiner Finger oft auf den Tisch huschte, einen
ihr ungnstigen Wurf in einen gnstigen verwandelnd, und wie sie zuletzt
sogar ganz andere Wrfel unter dem Tischchen hervorbrachte und mit
diesen gegen ihn und die schon vorhandenen spielte. Es war noch keine
halbe Stunde vergangen, als der letzte Gulden aus des Studenten Brse zu
ihr hinberflog und dieser den leeren Beutel verlegen vor sich
hinhielt.

Aber das laute Gelchter, das =Juliane=, indem sie aufstand, erschallen
lie, brachte ihn einigermaen zur Besinnung. Der dumme Streich, den er
gemacht hatte, wurde ihm klar; allein noch lie ihn die Liebe nicht aus
ihren Schlingen.

Herrliches Mdchen! rief er aus und schritt ihr mit geffneten Armen
nach: Alles was ich besitze gehrt Euch, aber nehmt auch mein Herz an
und lat unsere Lippen diesen sen Bund besiegeln!

Da vernderte sich mit einemmale =Julianens= ganzes Wesen. Ihre Blicke
wurden finster, ihre Zge streng und ernst, sie sah den Jngling von
oben bis unten mit einer geringschtzigen Miene an und sagte wegwerfend:

Was fllt Euch ein, Junker? Ihr mt wohl wenig mit ehrsamen Jungfrauen
umgegangen seyn, da Ihr eine Freundlichkeit, wie sie das gesellige
Leben mit sich bringt, fr eine Aufmunterung zu unanstndiger
Aufdringlichkeit nehmt. Ich habe Euch Hflichkeit erwiesen und dafr
gebt Ihr mir Schimpf zurck. Ich drfte das meinem Vater entdecken und
er wrde diese Beleidigung auf eine Weise bestrafen, die Euer
unerlaubtes Liebesfeuer wohl abkhlen sollte! Doch ich will gromthig
seyn. Ich verzeihe Euch, Euere groe Jugend mag Euch entschuldigen! Wenn
Ihr einmal aus den Knabenjahren heraus seyd, dann wird ein tugendhaftes
Mdchen wohl eher, ohne Gefahr fr ihre Ehre, bei Euch verweilen
knnen.

Die himmlische =Juliane= warf noch einen durchbohrenden Blick auf den
betretenen =La Paix=. Dann rauschte sie schnellen Schrittes aus dem
Closett, die Treppe hinauf nach dem Verdeck hin. Der Student sah ihr
dumm nach. Endlich erst begriff er -- zu spt -- die ganze Gre seiner
Albernheit. Er sah ein, da er in das Netz einer listigen Betrgerin
gefallen sey, da er, der sonst so weise und besonnene =La Paix= -- einen
Gimpelstreich begangen habe, vor dem sich selbst der so oft getadelte =Le
Vaillant= zu hten gewut haben wrde. Er hatte Alles verspielt bis auf
den letzten Heller, das immer so treu bewahrte Angedenken seiner Mutter
war auch dahin und -- was hatte er dafr? Ein hlzernes Bchschen, das
stark nach Moschus und Wachholder roch. Ingrimmig ri er es hervor,
schleuderte es zu Boden und zertrat es.

Mute ich darum Latein und Griechisch lernen, Philologie und
Physiologie studiren, Anatomie und Medecin treiben, um mich auf eine so
bejammernswrdige Weise anfhren zu lassen? rief er gegen sich selbst
erbittert aus. Wenn =Le Vaillant= die Sache merkt, wie wird er
triumphiren! Doch Ruhe, =La Paix=, Fassung, Frieden! Es ist nicht das
erstemal, da dir die Moneten ausgingen. Ein braver Bursch verzagt
nicht!

Der Rausch von Liebe und Rosoli war verflogen. Er ging gefat auf das
Verdeck. Sein Antlitz zeigte Ruhe und Heiterkeit. Er warf nur einen
Seitenblick auf =Juliane=, die jetzt neben =Le Vaillant= am Vordertheile
des Schiffes stand und diesen ebenso freundlich anlockend beugelte und
besprach, wie sie es frher ihm selbst gemacht hatte. =Le Vaillant= aber
blickte noch immer verdrielich und gab ihr kurze Antworten.

=Den= will sie auch kirren! sagte =La Paix= zu sich selbst. Ich werde
ihr aber den Spa verderben. Franzsisch versteht die Schlange, aber
jetzt soll mir mein Latein helfen, wenn es mir auch gegen ihre Knste
nichts gentzt hat.

Der =lustige Freier von Rotterdam= befand sich jetzt zwischen den Inseln
des =Biesbosches= und Capitn =Jonas= hatte mit dem Auswerfen des
Senkbleies, mit mancherlei Wendungen des Schiffes, um den Untiefen zu
entgehen, so Viel zu thun, da er nicht auf das Tchterlein achten
konnte, wenn er es berhaupt auch fr Noth gehalten htte.

Mit freiem Anstande und ungetrbter Stirn trat =La Paix= zu seinem
Freunde, der eben anfing durch =Julianens= fortgesetzte Freundlichkeit
erwrmt zu werden und seine auf dem Gelnder ruhende Hand dicht neben
die ihrige gerckt hatte. Die listige Gaunerin schien betroffen ber
seine Gegenwart und sein unbefangenes Wesen. Nach einem Augenblicke aber
lchelte sie zu ihm hin, als wenn nichts vorgefallen wre. Die goldene
Kette prangte an ihrem Halse und =La Paix= mute einen Seufzer ber seine
Thorheit, dieses Kleinod an eine Unwrdige verschleudert zu haben,
unterdrcken. Mit wenigen Worten hatte er dem staunenden =Le Vaillant=
seine Abentheuer berichtet. Dieser verschluckte ein _Caddis_, das ihm auf
der Zunge schwebte. Dann besann er sich einen Moment, sah bedeutungsvoll
nach seinem Cameraden und wandte sich nun mit einer sehr hflichen
Gebehrde zu =Julianen=, die vergebens bemht gewesen, etwas von der
franzsisch klingenden Mittheilung zu verstehen.

Prangende Schnheit, deren Reize des Aeuern noch weit bertroffen
werden von denen des Innern, begann er in einem ernsten und
ehrerbietigen Tone, hinter dem sich aber der Spott schlecht versteckte:
wie ich so eben vernehme, so liebt Ihr ein kurzweiliges Spiel und seyd
auch nebenbei dem Rosoli nicht abhold! _Sandis!_ Das sind auch eben meine
Passionen und ich habe bis jetzt vergebens versucht, sie auch meinem
Freunde da werth und theuer zu machen. Der Rosoli bringt ihn herunter,
aber er nicht jenen. Das Spiel kann ihn nur ergtzen, wenn er verliert,
weil er so gar mildthtig ist und lieber gibt, denn nimmt. Ihr seht, wie
ihm die Freude ber seinen Verlust die Wange gerthet hat, wie er noch
einmal so heiter in die Welt blickt, als frher, da er noch nicht
verloren hatte! Ihr habt ihn glcklich gemacht, aber mich unglcklich!
Nach jenem Kettlein mit der Schaumnze, die nur eine schlechte Zierde
Euerer vortrefflichen Person ist, stand schon lange mein Gelst.
_Caddis!_ Ich habe ihm Geld, ich habe Alles geboten fr dieses Kleinod.
Jetzt besitzt Ihr es. Aber hrt noch, Dame sonder Gleichen! Seht diesen
Diamant an meinem Finger! Ich setze ihn gegen die Kette mit dem
Schaustck, wir spielen d'rum und wem Fortuna wohl will, dem wird
Beides!

Die Blicke der Dame sonder Gleichen ruheten mit groer Begehrlichkeit
auf dem kstlichen Ringe. Die Strahlen des Diamants drangen bis in ihr
Herz: er hatte gewi den vierfachen Werth der Kette und des Schaustcks.
Wie herrlich mute er sich nicht an =Julianens= zarter Hand ausnehmen?
Ein solches Kleinod besa sie noch gar nicht. Sie konnte dem lockenden
Vorschlag nicht widerstehen.

Gern, edler Junker! erwiederte sie. Harret nur einen Augenblick, bis
ich die Wrfel heraufhole!

Was Wrfel! entgegnete =Le Vaillant=, sie zurckhaltend. Wir thun es
krzer ab. Hier ist mein Ring, Ihr legt das Kettlein daneben. Diesen
Reichsthaler werf ich in die Hhe: _rex_ oder Schrift! Auf was haltet
Ihr?

Die Begierde, den schnen Ring zu besitzen, berwog bei der edeln
=Juliane= jede Bedenklichkeit.

_Rex!_ rief sie, die diese Spielweise recht wohl verstand, mit
zitternder Stimme und glhenden Blicken. Der Thaler flog in die Hhe und
wieder zur Erde. Schon glaubte sie gewonnen zu haben, schon streckte sie
die Hand nach beiden Kleinoden aus. --

=Schrift!= sagte da stark und kaltbltig =Le Vaillant=, indem er auf das
liegende Silberstck wies. Die Kette war sein, er gab sie mit einem
triumphirenden Lcheln seinem Freunde zurck.

Ihr mt weiter mit mir spielen! eiferte die treffliche Jungfrau. Ihre
Wangen frbten sich dunkelroth, ihre Augen blitzten. Ihr mt mir
Revange geben, fuhr sie fort, Ihr mt mir einen Satz halten im
Wrfelspiele, das auch weit unterhaltender ist, als Euer erbrmlicher
_Rex_, mit dem ich nichts zu thun haben mag!

Ein andresmal, hochedle Jungfrau! versetzte mit einer tiefen
Verbeugung der Gascogner: wenn wir uns einmal wieder treffen in der
Welt!

Bei diesen Worten nahm er =La Paix= unter den Arm und zog ihn nach einem
anderen Theile des Schiffes.

Das vergesse ich dir nicht, =Le Vaillant=! sagte dieser, indem er dem
Freunde herzlich die Hand drckte. Du hast nun viel zu gut bei mir:
einige Grobheiten und einen unbezahlbaren Freundschaftsdienst.

=Juliane= aber sah den zwei jungen Mnnern mit boshaften Blicken nach. Sie
bedachte sich ein Wenig. Dann wurde ihre Miene wieder heiter und
lachend und singend hpfte sie nach dem Vater zum Steuerruder hin. Sie
sprach mit diesem eifrig und bedeutungsvoll, das eine Auge des Alten
richtete sich oft nach den Studenten, er lchelte hmisch und gab der
Tochter eine kurze Antwort, die diese jedoch ganz zufrieden zu stellen
schien.

Noch immer schwebte der Kutter in den Gewssern des =Biesbosches=. Bald
aber muten sie ins Offene kommen und die =Syrene=, die unmglich einen
groen Vorsprung haben konnte, mute sich ihnen zeigen. Da rollte es mit
einemmale, wie Kanonendonner ber die Wellen heran, die durch einen
Wind, der sich erhoben hatte, bewegt wurden, da folgten dem ersten
Schue in geringer Entfernung mehrere andere, ein dunkler Rauch stieg
hinter einer Insel, dem Kutter zur Rechten, auf, der Himmel hatte sich
verdunkelt und eine schwarze Wolke hing drohend herab.

Alle Segel auf! befahl des Capitns Stimme. Das ist ein Tanz zwischen
Geusen und Spaniern oder Franzosen. Wir mssen auch dabei seyn. Frisch,
ihr Jungen! Das kann gute Beute geben, wenn wir noch bei Zeiten
anlangen!

Schreiend flog =Juliane=, die nur Muth hinter'm Wrfelbecher besa, in die
Cajte hinab. In wenigen Minuten hatte sich eine stolze Wucht von Segeln
ber dem Kutter entfaltet. Er scho wie ein Pfeil ber die Wogen hin.
Schu folgte jetzt auf Schu, das Gefecht konnte keine halbe Meile
entfernt seyn.

_Morgu._ sagte =Le Vaillant= zu =La Paix=, indem er seinen Degen in der
Scheide lpfte. Es wird etwas Warmes setzen! Sind es Spanier, so mache
ich gemeinschaftliche Sache mit dem =lustigen Freier von Rotterdam=; sind
es aber Landsleute, so falle ich ihm in den Rcken.

Man kam dem Orte des Gefechtes immer nher. Jetzt schwieg das Feuer des
groben Geschtzes, aber deutlich wurden die Sche der Hakenbchsen, das
Geschrei der Kmpfenden vernommen.

Leewrts! commandirte =Jonas= nach dem Steuermanne hin. Die Bewegung
wurde vollzogen, das Fahrzeug scho nur noch einige Schiffslngen weit
vor sich hin, die Spitze der Insel war erreicht, der berraschten
Mannschaft des Kutters zeigte sich die spanische Schebecke in Flammen
und =Jansen's= wohlbekannte Barke, die in einer Stellung, welche sie als
Siegerin verkndete, dem brennenden Fahrzeug gegenber hielt.

Victoria! jubelten Alle und die zwei lebhaften Jnglinge von =Leyden=
konnten sich nicht enthalten miteinzustimmen.

Da erblickte =Le Vaillant=, der ein sehr scharfes Auge besa und mit
groer Aufmerksamkeit das ihm neue Schauspiel betrachtete, durch den
heranziehenden Rauch hindurch einen kleinen Nachen, der gerade auf den
Kutter zuruderte. Er kam nher. Er schwankte hin und her auf den Wellen,
er schien beschdigt und dem Untersinken nahe. Der Gascogner unterschied
fnf Menschen in dem kleinen Fahrzeuge, von denen zwei emsig die Ruder
bearbeiteten, die andern drei ebenso eifrig den Nachen von dem Wasser
zu entleeren suchten, das durch alle Fugen eindrang.

_Sandis!_ rief er dem Capitn zu, indem er ihn auf die Gefahr der
Menschen im Nachen aufmerksam machte. =Die= gehen unter, wenn ihnen nicht
bald geholfen wird.

Der Kutter war dem Nachen jetzt so nahe, da man die herbeirudernden
Leute erkennen konnte. Einer von ihnen schwang ein weies Tuch nach dem
=lustigen Freier von Rotterdam= hin.

Ich will mit dem Spagnol in die Luft fahren, brach =Jonas= in wilder
Heftigkeit aus, wenn das nicht =Herrmanneke= von =Jansens= Barke ist und
neben ihm -- wahrhaftig -- das ist mein alter Freund, Heer =Cornelius van
Daalen=, des dicksten Mannes Sohn in =Rotterdam=! Wie kommt der Landlufer
in das Seehundsgebiet, was hat er zu fischen im =Biesbosch=?

Die Jlle lag am Kutter, aber sie war auch im Begriff unterzugehen. Taue
und Leitern flogen nach den befreundeten Mnnern herab. Sie kletterten
an Bord, whrend ihr Fahrzeug versank. Die Gesichter von Pulverdampf
geschwrzt, die Kleider halb verbrannt, von Wasser triefend, standen
sie, munter um sich blickend, vor dem staunenden Capitn des Kutters.
Auch =Le Vaillant= und =La Paix= hatten sich herbeigedrngt. Mit Blicken
der Neugierde sahen sie auf =Cornelius=, der sich durch seinen Anstand
und seine Kleidung vor den brigen auszeichnete. Sie erblickten ihren
Feind in ihm, den Gegner, dem sie eine kostbare Beute abnehmen wollten;
aber sie konnten zugleich nicht umhin, seine kriegerische Haltung, den
Muth, den er eben bei einem wahrscheinlich sehr gefhrlichen Unternehmen
bewiesen, zu bewundern.

=Herrmanneke= war der erste an Bord Gekommene, welcher die Stille
unterbrach.

Gebt mir ein Glas Brandwein! sagte er. Wir haben es wohl verdient.
Aber dem Heern =Cornelius= gebt zwei, denn er hat mehr gethan, als wir
andern alle.

Er erhielt was er verlangte. Zu =Cornelius= war schon Capitn =Jonas=
getreten. Er wollte eben sprechen, da flog die Schebecke in die Luft,
und in starrem Verstummen stand Alles auf dem Kutter. Das Wasser wogte
ungestm. Aus der verdunkelten Luft flogen einzelne Trmmer der
zerschmetterten =Schebecke= herab. Den zwei Studenten von =Leyden=, die
dergleichen noch nie gesehen, trat das Blut zum Herzen.

Das haben =wir= gethan! hob mit stolzem Selbstbewutseyn der Bootsmann
der =Syrene= an. Oder, setzte er verdrielich hinzu, Junker =Cornelius=
hat eigentlich dem Don den rothen Hahn aufgesteckt und wir haben nur die
Jlle unter seinem Spiegel gehalten, damit der verwegenste Streich, der
je in diesen Gewssern erlebt worden, ausgefhrt werden konnte!

Ihr, Myn Heer =van Daalen=? sagte im Tone zweifelhaften Erstaunens
Capitn =Jonas=. Ihr habt Euch auf das Element gewagt, das keine Balken
hat? Ihr habt dem Spagnol ein Autodaf angezndet auf seinem eigenen
Schiffe, so da er als ein geluterter Christ gen Himmel gefahren? Auf
Seemannsehre, dann mu nchstens der Landheld =Marlborough= die Flotte
kommandiren und Prinz =Eugenius= ihm als Vice-Admiral beigegeben werden!

Nassau und Oranien! erwiederte lachend =Cornelius=, indem er sich von
einem Matrosen seinen Uniformrock subern lie. Ihr macht viel
Aufhebens um nichts! Die spanischen Butterschluche waren alle am
Vorsteven mit Entern beschftigt, da kletterte ich ungesehen im
Pulverdampfe auf ihr Schiff, schlich in die Nhe der Pulverkammer und
machte das glimmende Brandwerk fest -- das ist Alles! Dergleichen Dinge
kommen uns Landsoldaten zu hunderten vor, aber wir halten sie fr nichts
Besonderes und reden nicht viel davon.

=Jonas= schwieg verblfft, aber durch die Reihen seiner Leute lief ein
Gemurmel des Beifalls. =Le Vaillant= drckte dem =La Paix= die Hand. Beide
verstanden sich. Sie theilten das Gefhl der Achtung vor dem jungen
Helden, aber sie dachten auch daran, da es ihnen um so grere Ehre
bringen wrde, dem khnen =Cornelius= die entfhrte =Clelia= wieder
abzunehmen.

_Sandis!_ flsterte der Gascogner seinem Freunde zu. Das ist ein
wackerer Bursche, allein eben darum mssen wir unserm Plane getreu
bleiben und ohne Furcht auf das Ziel los gehen.

Gewi! entgegnete =La Paix=. Wir haben unser Wort gegeben.

In diesem Augenblicke kehrte der erste Gedanke an die Geliebte in
=Cornelius= Seele zurck. Es gewhrte ihm eine se Empfindung, auch ihr,
durch den khnen Streich, der ihm gelungen, Freiheit, Ehre und
wahrscheinlich das Leben selbst gerettet zu haben. Aber in welcher
Sorge, in welcher entsetzlichen Bengstigung um ihn konnte sie schweben,
whrend er ruhig und sicher hier verweilte und die Zeit mit unntzen
Dingen hinbrachte!

Schafft mich schnell zurck auf die Barke! sagte er hastig zu dem
Kutter-Capitn. Verliert keinen Augenblick! Jeder kann dem theuersten
Leben Gefahr bringen!

=Jonas= sah ihn erstaunt an, aber auf seinen Wink ward sogleich ein Boot
in's Wasser gelassen. Und wohin fhrt Euch Euer Weg weiter von
Antwerpen? rief er dem Forteilenden nach.

Nach =Mastricht=, Capitn! erwiederte =Cornelius= hinabspringend. Die
vier Matrosen von der =Syrene= und einige Leute des Kutters folgten ihm.

Jetzt ist es Zeit! sagte =La Paix= zu seinem Freunde und Beide drngten
sich vor, um auch das nach der Barke abgehende Boot zu besteigen.

Halt da! donnerte die Stimme des Kutter-Capitns sie an, indem er
ihnen in den Weg trat. Ihr bleibt zurck! Ihr seyd Franzosen, ihr seyd
meine Gefangene!

Wthend griffen die zwei Studenten nach den Degen, um sich mit Gewalt
freie Bahn zu machen; aber im nmlichen Augenblicke schon sahen sie sich
ihrer Waffen beraubt. Einige Matrosen hatten sie von hinten ergriffen,
kein Widerstand war mglich.

Das Boot stie ab. Mit einem schallenden Gelchter lie =Jonas= die
entwaffneten Jnglinge stehen. Der laute Spott der Matrosen verwundete
sie bis in das tief Innerste.

Das ist =Julianens= Werk! knirschte =Le Vaillant= im verbissenen Ingrimm.
_Corbleu!_ Ich werde mich an ihr rchen.

Nur ruhig! ermahnte =La Paix=. Mit Gewalt ist hier nichts zu thun.

Der Kutter zog stolz an der Barke vorber. Die Capitne begrten sich.
Auf der Bank am Steuerborde lag bleich und, wie es schien, in tiefer
Ohnmacht eine wei gekleidete Frauengestalt. Man war so nahe, da man
ihre schnen, regelmigen Zge erkennen konnte. =Le Vaillant= und =La
Paix= muten sehen, wie =Cornelius= hastig an Bord der =Syrene= stieg,
wie er sich in unruhiger Bewegung der Ohnmchtigen nherte und sie mit
dem Feuer, mit der Besorgni eines Liebenden an seine Brust schlo.

Das ist =Clelia van Vlieten=! sprach mit einiger Erbitterung =La Paix=.
Sie sind glcklich vereint und wir --

_Sandis!_ unterbrach ihn der Gascogner mit dem Fue aufstampfend. Ich
gnne ihm das Mdchen, aber unsere Ehre gebietet uns, sie ihm zu
entreien.

Wenn wir uns erst selbst dem Capitn =Jonas= und seiner verschmitzten
=Juliane= entrissen haben werden! setzte =La Paix= kaltbltig hinzu.
=Mastricht= heit die Losung: dort finden wir sie wieder!

Von gnstigen Winden getragen, schwebte der =lustige Freier von Rotterdam=
dem =Hollands-Diep= zu. Bald sah man die Barke nur noch wie einen kleinen
schwarzen Punkt, in weiter Entfernung hinter sich. Noch einige Minuten
lang konnten die scharfsichtigen Blicke der Leydener Studenten sie
erreichen. Dann war sie ganz verschwunden.




2.


In =Cornelius= Armen erwachte Jungfrau =Clelia van Vlieten= aus tiefer
Bewutlosigkeit. Noch war sein Gesicht von Pulverdampf geschwrzt,
versengte Haare hingen auf die Stirn herab. Als sie ihn erkannte, fuhr
sie erschrocken zurck. Die Erinnerung des Geschehenen erwachte in ihrer
Seele. Welchen schrecklichen Gefahren hatte sich nicht der Geliebte blos
gestellt, wie leicht konnte er nicht von den ergrimmten Feinden bemerkt,
von ihnen auf das Grausamste behandelt, wie leicht konnte er nicht
selbst in das Verderben mit hineingerissen worden seyn, das er jenen
durch seine verwegene That bereitet! Aber war diese denn nicht auch um
ihretwillen unternommen worden? Ach, aus der Tiefe ihres Herzens erklang
eine Stimme, die ihr die Versicherung gab, da nur die Liebe zu ihr den
jungen Mann zu einem so khnen Werke habe begeistern knnen! Sie sah
=Jansen= in ihrer Nhe, sie sah sich und den Geliebten von Seeleuten
umgeben, die neugierig auf Beide blickten. Ihre ganze Lage wurde ihr
jetzt deutlich. Schchtern schlug sie die Blicke nieder.

Fhrt mich in die Cajte! sagte sie leise zu =Cornelius=, aber in einem
so zrtlichen Tone, wie sie noch nie zu ihm gesprochen hatte. Entzcken
ergriff seine Seele. Er sah ein, da jetzt erst =Clelia's= Liebe zu ihm
ihre ganze Strke gewonnen habe, da sie in ihrer ganzen Macht ihr
selbst klar geworden sey. Bisher war das Mdchen noch mehr Kind als
Jungfrau gewesen, sie hatte mit den Gefhlen ein leichtes, ihr
wohlgeflliges Spiel getrieben, sie hatte den beschrnkten Blick nicht
ber den Kreis ihres Hauses erstreckt. Der heutige Tag mit seinen
vielfachen, wunderlich verschlungenen Begebenheiten hatte sie gereift.
Sie erkannte die Kraft der Liebe, sie fhlte sich ihr unterthan, sie
wute nun, da die Empfindungen, die ihr frher ein Spiel gewesen, ihre
Beherrscher geworden waren.

Nehmt mir das Schwesterlein wohl in acht! rief Frau =Beckje=, die eben
vom Cajtendache herab, nach ihrem Manne hinsprang, ihm zu. Ihr habt
doch kein Feuerwerk mehr bei Euch, womit Ihr dem Kinde Schaden thun
knntet, etwa unter'm Kleide in der Gegend des Herzens?

=Cornelius= befand sich nicht in der Stimmung, diese Neckerei zu
beantworten. Htte er aber auch gewollt, so wrde seine Rede nur
vergebens gewesen seyn, denn =Beckje= war rasch wie der Wind an ihm
vorbergeflogen, um ihrem lieben =Jansen= ihre Freude ber den Sieg und
sein Wohlergehen an den Tag zu legen.

In der Cajte fand Junker =van Daalen= und seine schne Begleiterin die
bengstigte =Philippintje= auf den Knieen liegend und sinnlose Gebete vor
sich hin plappernd. Sie hatte nicht den Muth sich umzuwenden, um die
Eintretenden zu betrachten und ihre guten Freunde in ihnen zu erkennen.

Sie kommen, sie kommen! zeterte sie im Tone des Entsetzens. Sie sind
da die spanischen Belialsshne und wollen mich und mein himmlisches
Theil. Warum habe ich doch immer auf den =Schiwa= geschimpft und ihm nicht
Ehre erwiesen, wie der hochmgende Heer =van Vlieten= gethan aus guten
Grnden und in weiser Absicht! Jetzt knnte mir der Heidengott beistehen
gegen die satanischen Spagnols, die kein Erbarmen haben und alle Ketzer
brennen, wie wir daheim in =Rotterdam= die liebliche Caffeebohne --

Ruhig, ruhig, Jungfrau =Philippintje=! unterbrach sie =Cornelius=. Wir
sind es ja: =Clelia= und ich!

Die Knieende starrte betubt zu ihnen auf. Sie schien jetzt zu wissen,
wer vor ihr stand, aber ihre Angst wollte nicht weichen, ebensowenig wie
der Irrthum, der sich ihrer bemchtigt hatte. Sie betastete mit
zitternder Hand =Cornelius= verbrannte Kleider. Dann sagte sie gepret:

=Er= hat uns, das ist gewi! Den edeln Junker hat er schon angefangen zu
braten und dann mit Wasser wieder das Feuer gelscht, damit die Qual
desto lnger dauere, da sind die deutlichsten Spuren: die verbrannte
Krause, die geschwrzte Stickerei am Rocke, die Wasserflecken am ganzen
Leibe. Die Mnner werden gebraten, die Frauen in's Kloster gesteckt.
Ach, =Cltje=, mein Kind, du siehst schon aus, wie eine unglckliche
Nonne, bleich und abgezehrt, schmachtend und verschmachtend! Wir werden
nimmermehr den wrdigen Domine schauen, nie mehr den sen Ton seiner
Rede hren: ein Mnch, ein entsetzlicher Mnch mit Kutte und Strick
angethan, wird an unserer unsterblichen Seele zerren, bis er sie
hinabgezerrt hat in den hllischen Schwefelpfuhl --

Holland und England! fiel jetzt der ungeduldig werdende Junker mit
rauhem, lautem Tone ein! So nehmt doch nur Vernunft an! Der Spagnol
kann uns nichts mehr thun, er wird uns weder braten noch sieden, im
Gegentheile ist er halbgebraten auf gen Himmel und wieder hinab in die
Wogen gefahren. Wir haben ihn in die Luft gesprengt.

In die Luft, -- sagte die staunende =Philippintje=, indem einige Rthe
auf die gefurchten Wangen zurckkehrte und sie sich halb vom Boden
erhob. Ihr habt ihn gesprengt, fuhr sie zweifelnd fort, ganz
auseinander gesprengt, den Spagnol, so da nichts mehr von ihm da ist,
auch nicht ein Stckchen, ein Arm oder ein Bein, mit dem er uns ein
Uebles thun knnte?

Weder Arm, noch Bein, noch Fu und Hand! versetzte lachend der junge
Kriegsmann. Die Winde haben sich in ihn getheilt, und jeder hat seinen
Antheil mit sich gefhrt.

Das vergelte Euch Gott! sthnte, wie sich von einer schweren Last
erleichtert fhlend, aus tiefer Brust die Hausjungfer und stand ganz
auf. Ihr habt ein gutes Werk gethan, indem Ihr einen Spagnol gesprengt.
O, ich htte wohl sehen mgen, wie der gottlose Dieb, der uns das
Bischen Caffee und Zucker nicht gnnt und in seiner Bosheit den edeln
Thee vertheuert, auseinander gefahren ist! Ich habe wohl Thren und
Schlsser sprengen sehen, aber einen Spanier noch nicht. =Cltje=, wie sah
er denn aus? Hat er Hrner und Bocksfe gehabt, wie der Leibhaftige?
Sind ihm Flammen aus dem Rachen hervorgegangen, blauer Dunst und
belriechender Rauch?

Besinne dich doch, =Philippintje=! ermahnte =Clelia= und lie sich bei
diesen Worten erschpft nieder. Wir haben ein Seegefecht bestanden und
das ist siegreich zu Ende gebracht worden durch den Muth des Junker =van
Daalen=, der das feindliche Schiff in Brand gesteckt.

Richtig, =Cltje=, richtig! erwiederte zu sich kommend das Mdchen. Ich
besinne mich darauf. Also angesteckt hat er den Spagnol, wie ein
Schwefelhlzchen? Das war ein gescheidter Streich. Ja, ja, sie brennen
gut die Spagnols, denn sie sind fett von vielem Oeltrinken und
Butteressen! Aber hatte ich nun Unrecht, als ich dir den hochedlen
Junker anrhmte als einen, dem man wohl sein Schicksal vertrauen drfe?
Wer kann in diesen wilden, kriegerischen Zeiten ein schwaches Frauenbild
besser beschirmen, als er, der zu Lande Admiral und auf der See General
seyn knnte? Ja, lacht nur, aber =Philippintje= hat doch recht! Es ist
keine Kleinigkeit, einem Spagnol so nahe zu kommen, da man ihm den
brennenden Zunder an den fetten Leib halten kann, besonders wenn er sich
widersetzt, wie das so in seiner Art liegt. Meine Gromutter selig hat
mir erzhlt, da so ein Don von der ganzen Stadt =Leyden= belagert und
beschossen worden ist, da er sich durch Zauberspruch und Amulett
feuerfest gemacht habe und zuletzt unter Wasser gesetzt werden mute,
vor dem die Hexenknste nicht bestehen knnen. Das war die berhmte
Belagerung von =Leyden=. Und mein =Balthasar= -- was ist nicht meinem
=Balthasar= Alles begegnet mit ihnen --

Erzhlt uns das ein andermal, gute =Philippintje=! fiel ihr =Cornelius=
in die Rede. Geht lieber hinauf zu Frau =Beckje= und lat Euch eine
Strkung geben. Ihr scheint derer zu bedrfen.

Ihr habt Recht! antwortete =Philippintje=, indem sie der Thre zuwankte.
Es ist mir schwach um's Herz und auf der Brust. Der Bootsmann besitzt
ein treffliches, strkendes Elixir. =Den= will ich um einige Trpflein
ansprechen. Halte dich wacker, mein =Cltje=! Denk' an den gesprengten
Spagnol und an die treue Liebe des hochedlen Junkers!

Sie schlich seufzend und sthnend die Treppe nach dem Verdecke hinauf.
=Cornelius= setzte sich an =Clelia's= Seite, nahm ihre Hand und sagte mit
zrtlichen Blicken:

Habt Ihr Euch erholt von Euerem Schrecken, von der mir so theuern
Besorgni um mich? O =Clelia=, knnt Ihr mir verzeihen, da ich aus Euerm
stillen freundlichen Leben Euch herausgerissen habe in dieses unruhige
gefhrliche Welttreiben? Wenn Ihr meine Liebe billigt, so knnt Ihr mir
nicht zrnen, denn =sie= hat mich zu Thorheit und Unbesonnenheit
fortgerissen, und -- ich mu es voll Scham gestehen -- zu Lge und
Betrug. Ich will mich nicht entschuldigen. Ihr mgt mich richten, wie
Ihr wollt. Gebietet mir, Euch zurckzufhren, Euch nie wieder zu sehen,
Euch auf ewig zu entsagen -- ich werde diese Strafe nicht ertragen, aber
ich werde mich ihr unterwerfen ohne Murren.

Ihr kennt meinen Entschlu, Junker =Cornelius=! antwortete mit einem
sanften Lcheln =Clelia= und er glaubte einen leisen Druck ihrer Hand
wahrzunehmen. Ihr kennt auch meine Gesinnungen. Ich wei nicht, ob mein
Vater unter den eingetretenen Umstnden je das Bndni zwischen uns
billigen wird, aber das wei ich, da ich nie einem anderen Manne, als
Euch, meine Hand reichen werde. Ja, lieber =Cornelius=, ich gelobe Euch
das! Ihr habt freilich auf eine unbesonnene Weise mich thrigtes Mdchen
verleitet, allein Ihr habt auch wiederum Euer Leben gewagt um
meinetwillen und eine Heldenthat vollbracht, von der man erzhlen wird
im Vaterlande. Noch gestern war ich ein bldes Kind von geringer
Einsicht, fremd in Welt- und Kriegshndeln, glaubend einem jeden Worte
und fgsam in Alles, was man mir vorschlug. Ich bin eine andere geworden
seitdem. Ich berlege, ich handle selbst. Ich habe nicht allein meinen
Vater, ich habe auch meine Ehre zu bedenken. Wir gehen nach =Mastricht=
zur Muhme. Wie wir es schon verabredet, suchen wir von dort aus um des
Vaters Einwilligung nach. Ach, =Cornelius=, das werden lange Tage der
Erwartung seyn, bis wir seine Antwort erhalten! So stark ich mich auch
zu machen suche, so bin ich doch nur ein schwaches Mdchen, das in
ngstlichen Zweifeln frchten und schwanken wird. Welches Glck, wenn
ich als Euere Braut, von unsern Vtern willkommen geheien, nach
=Rotterdam= zurckkehren drfte! Nur =so= oder nimmer sieht mich die
Vaterstadt wieder. Wird mir des Vaters Verzeihung nicht, versagt er
seine Erlaubni zu unserm Glcke, in seinem leider gerechten Zorne, dann
bleibe ich ganz bei der Muhme und bringe meine Tage einsam und verlassen
hin, von jeder Weltfreude geschieden, zur Bue meines kindischen
Leichtsinns.

=Clelia=, ich verdiene Euch nicht; sagte erbittert auf sich selbst der
Junker, stand auf und ging bewegt im Zimmer auf und nieder. Ihr seyd
wahrhaftig zu gut fr einen tollen Jungen, der sich arg an Euch
versndigt. Nicht genug, da Ihr mir verzeiht, da Ihr mir Euere Liebe
schenkt -- Ihr wollt auch duldsam und ergeben ben fr meine
Thorheiten, fr Snden, die ich, die aber nicht Ihr begangen habt. O,
ich erkenne Eueren ganzen Werth und meinen eigenen Unwerth! Aber ich
will auch ein anderer werden, als ich bisher war. Ihr sollt sehen, da
ich den Leichtsinn hinter mir lasse und wenigstens =strebe= Euerer wrdig
zu werden.

Der Entschlu, den er in diesem Augenblicke fate, war in der That der
erste Schritt zu seiner Besserung. Er wollte nicht nur =Clelia= whrend
der Reise fr seine Schwester gelten lassen, er wollte sie auch als eine
solche halten, doch ohne die Vertraulichkeit eines Bruders gegen sie zu
ben, immer in den Schranken der Ehrerbietung, die ihre Gesinnung ihm
einflste. Mit diesem Vorsatze reifte auch der Gedanke in seiner Seele,
da es unrecht von ihm gehandelt sey, =Clelien= noch lnger auf dem
trgerischen Elemente den Gefahren auszusetzen, welche dieses selbst und
der lebhaft auf ihm gefhrte Krieg bot. Zu Land schien ihm die Reise
weit sicherer. Waren auch an manchen Stellen feindliche Haufen
vorgedrungen, so konnte man ja das voraus erfahren und seine Maregeln
darnach treffen. =Cornelius= kannte aus seinen frheren Feldzgen alle
Wege und Stege. Er war mit allen Kriegslisten vertraut, er konnte darauf
rechnen, an den meisten Orten, die der Landweg berhrte, Bekannte zu
finden. Aber auf dem Schiffe? Hier war ringsum eine Schranke gezogen,
die niemand berschreiten konnte. Wer einmal in diesen Kreis gebannt
war, der mute jedem Geschicke stehen, das sich in seine Bahn warf. War
es der entsetzliche Sturm, der verwstend heranstrzt und Alles
vernichtet, was sich ihm entgegenstellt, war es die furchtbare
Wasserhose, die in ihren Wirbel Segel, Masten und Schiffe wthend
hineinreit, war es ein bermchtiger Feind, der das unbedeutende
Fahrzeug unter der Last seines Gewichtes verchtlich in die Nacht der
Wogen hinabdrcken konnte! Freilich htte der verwegene Muth des jungen
Kriegsmannes allen diesen Dingen Hohn gesprochen, aber =Clelia= -- Nein!
Nein! Ihr Leben, ihre Ehre durfte nicht lnger diesen Gefahren
ausgesetzt bleiben.

Die Abenddmmerung fing schon an, das kleine Gemach in Schatten zu
hllen. Sie befanden sich nicht weit von der Festung =Willemstadt=. Wie
=Jansen= schon frher geuert hatte, sollte die Barke bei einigen einsam
stehenden Husern in der Nhe dieses Ortes anlegen und es stand dann
einem jeden frei, die Nacht am Lande, oder an Bord des Fahrzeuges
zuzubringen.

=Cornelius= erffnete =Clelien= seine Absicht. Er that dieses auf eine
zarte und ehrerbietige Weise, die von ihr sehr wohl aufgenommen wurde
und welche ihn selbst in einem vortheilhaften Lichte erscheinen lie.

Wie Ihr es fr gut findet, lieber Junker! entgegnete traulich und
ungezwungen das Mdchen. Ich habe immer nur still in meinem vterlichen
Hause gelebt und bin unbekannt mit den Regeln der Vorsicht, die man auf
Reisen beobachten mu. Ich verlasse mich ganz auf Euch in dieser
Angelegenheit und ich glaube, ich kann es auch jetzt.

Ein freundlicher und liebevoller Blick begleitete diese Worte.

Bei dem Degen des groen =Marlborough=! rief feuerig der junge Mann:
ich wre nicht werth, unter Knig =Wilhelm= gefochten zu haben, wenn ich
jemals Euer Vertrauen wieder zu tuschen vermchte. Ihr habt ganz ber
mich zu gebieten, wie ber einen Diener, der Euch den vollkommensten
Gehorsam schuldig ist. Ja, =Clelia=, ich will Euch durch meine Ehrfurcht,
durch Gehorsam und Treue dahin bringen, da Ihr vergessen sollt, wie ich
einmal diese Gefhle auer Augen gesetzt und Euch tief gekrnkt habe
durch schmhlichen Betrug! Ihr sollt in =Cornelius van Daalen= einen neuen
Menschen kennen lernen, der von dem alten nichts brig behalten hat, als
eben das wenige Gute, was an ihm war. Ich glaubte glcklich zu werden
durch jenen unbesonnenen Streich, aber wie sehr habe ich mich geirrt! Es
gibt kein entsetzlicheres Gefhl, als das des eigenen Unwerths, das fort
und fort am Herzen nagt.

Ihr mt nicht so Viel =denken=! trstete gutmthig lchelnd =Clelia=.
Sonst war ja das =Denken= Euch zuwider, wie unserer =Philippintje= der
=Schiwa=; warum wollt Ihr Euch jetzt in qulende Gedanken versenken, die
doch nichts bessern knnen?

Mich knnen und sollen sie bessern; entgegnete =Cornelius= mit einem
Ernst, der ihm seltsam anstand. Ich habe ihnen nur zu oft und zu lange
meine Seele verschlossen, ich habe die kstlichsten Gaben des Menschen
von mir verbannt, um ganz den Thorheiten zu leben, die ich aus dem
wilden Kriegstreiben mitheimgebracht.

Nein, nein! bat =Clelia=. Ihr drft Euere heitere Laune nicht
verbannen, sie mu uns die Beschwerden der Reise erleichtern, sie wird
uns unvermerkt und freundlich an den Ort unserer Bestimmung fhren. Und
weil Ihr mich doch einmal zu Euerer Gebieterin erkoren habt, setzte sie
schalkhaft und bedeutungsvoll hinzu, so befehle ich Euch hiermit, jeden
dsteren, unangenehmen Gedanken von Euch fern zu halten und fortan als
ein freundlicher Gesellschafter mir zur Seiten zu bleiben!

Sie stand auf und nherte sich der Thre. =Cornelius= betrachtete sie mit
Blicken voll Entzcken. Das war dieselbe =Clelia= nicht mehr, die mit
kindischer Bldigkeit durch die Straen von =Rotterdam= zur Kirche
geschritten, die, wie einem Bibelspruche, den Worten Glauben geschenkt,
welche der Leichtsinn ihr vorgeplaudert, die nichts kannte als den engen
Raum des Hauses, als den Weg zur Kirche und wieder zurck, die mit
groer Wichtigkeit jede Kleinigkeit behandelt, ohne der Dinge
eigentliche Bedeutung zu erkennen. Wie verstndig, wie schonend, wie
zart und liebevoll zugleich begegnete sie nicht ihm, der doch so schwer
gegen sie gefehlt! Welche Selbstbeherrschung wute sie ber sich zu
ben, mit welcher Gte suchte sie ihn zu trsten und zu erheben und wie
schn, wie unvergleichlich und reizend stand ihr nicht Alles an, was sie
sagte und that!

Sie ist ein Engel! rief er aus, als sie durch die Thre verschwunden
war. Und ich -- ich -- o! ich will den Himmel zu erringen suchen, den
sie nur allein bereiten kann!

Er eilte ihr nach und erreichte sie noch, ehe sie das Verdeck betrat.
Auf diesem hatte indessen Alles eine andere Gestalt gewonnen. Die
kriegerischen Rstungen waren verschwunden, das Bord war von
Waffentrmmern und Blut gesubert worden, die Verwundeten befanden sich
unter sorgsamer Pflege im Raume: Alles hatte ein friedliches Ansehen,
nur der drohende Besen prangte noch an der Spitze des Mastes.

Auf dem Vorder- und Hinterverdecke erblickte man Gruppen frhlicher
Seeleute. =Jansen= war ein strenger, aber dabei auch ein gutmthiger und
jovialer Befehlshaber. Seine Leute hatten sich gut gehalten, sie hatten
ihm einen groen Dienst geleistet, indem die reiche, von ihm verbrgte
Ladung vor dem Spanier gerettet worden war. Er wollte ihnen nun auch
vergelten, er wollte ihnen einen lustigen Abend machen. Ein Fchen
Genever ward ihnen preigegeben, die Mundrationen an Kse und Hring
wurden verdoppelt und Tabak erhielt ein jeder soviel, da er auf mehrere
Wochen hin genug hatte. Was konnte das Herz eines hollndischen Matrosen
mehr begehren? Die Seeleute berlieen sich auch einer Freude, die sie
ganz aus der Ruhe und Stille, welche auf hollndischen Schiffen
gewhnlich herrscht, herausri. Sie scherzten und lachten, sie sangen
allerlei Spottlieder auf die spanischen Dons, Volksgesnge, die damals
im Gebrauche und in den Niederlanden allgemein verbreitet waren.

Als =Cornelius= auf dem Verdeck erschien, ward ihm von den Matrosen, die
in einem Kreise am Vordertheile versammelt waren, ein lautes Vivat
gebracht. Alle strmten auf ihn zu. Er mute mit jedem trinken, aber er
nippte von dem Inhalte der dargebotenen Glser nur zum Scheine und um
keinen der frhlichen Seeleute durch eine Weigerung zu krnken.

Ein wackerer Junge! rief der eine. Er hat die =Syrene= gerettet. Ohne
ihn hingen wir dem Spagnol im Schlepptau!

Schade, da er kein Seehund ist! schrie ein anderer. Er wrde das
Meer rein halten von spanischen Don's und franzsischen Mosje's!

Er ist so tapfer, wie seine Schwester schn ist; jubelte ein dritter,
der dem Genever etwas mehr zugesprochen hatte, als seine Cameraden.
Auch seine Schwester soll leben!

Hoch! stimmten die Uebrigen ein. =Clelia= wandte sich errthend ab und
ging mit dem Junker nach dem Platz am Steuerruder, wohin =Jansens=
mchtige Stimme sie rief.

Backbord und Bramsegel! Da ist unser unzertrennliches Geschwisterpaar;
empfing er sie in spttischem Tone. Der Held des Tages erscheint und
die Heldin, denn ich wette zehn hollndische Linienschiffe gegen ein
Treekschujt, ohne die Schwester htten wir uns noch mit dem Hidalgo
herumbalgen knnen, bis mit Gotteshlfe der Kutter herbeigekommen wre,
um uns Beistand zu bringen! Kommt! Setzt Euch zu uns! =Beckje= hat einen
warmen Wrzwein gebraut, der sich wohl trinken lt auf solche Arbeit
und an Neuigkeiten zur Unterhaltung wird's auch nicht fehlen.

=Clelia= war in einem so hohen Grade betroffen ber den Anblick, den die
hier befindliche Gesellschaft gewhrte, da sie von =Jansens= Rede wenig
vernahm. =Beckje= sa recht behaglich auf der Bank neben ihrem Manne und
-- rauchte ihr Pfeifchen mit dem Anstande einer Raucherin, die lngst
die ersten Beschwerden dieses Vergngens berwunden und das Lehrgeld
der edeln Kunst abgetragen hat, nun aber sie in ihrem ganzen Umfange, in
allen ihren Feinheiten zu wrdigen und zu genieen versteht. Sie dampfte
mit =Jansen= und dem Bootsmanne =Herrmanneke=, der auf der anderen Seite
neben ihr sa, um die Wette. So wenig Jungfrau =van Vlieten= diesen Genu
dem zarten Geschlechte angemessen hielt, so war ihr doch recht wohl
bekannt, da viele Frauen in =Holland=, die durch ihren Beruf meistens im
Freien beschftigt sind, sich so an ihr Pfeifchen gewhnen, da es ihnen
oft werther ist, als selbst der sonst so sehr beliebte Thee. Deshalb
mochte sie auch der Frau des Capitns nicht grollen ber die Uebung
einer Neigung, die ihr auch gut anstand und die sie mit vieler
Zierlichkeit zu treiben wute. Aber =Clelia= traute kaum ihren Augen, als
sie auch =Philippintje= in einer recht traulichen und hingebenden Stellung
neben dem Bootsmanne erblickte, ein groes Glas mit dampfendem Wrzwein
vor sich und zwischen den ngstlich zusammengekniffenen Lippen -- ein
dampfendes Stummelchen. Sie hatte das Gesicht widerwrtig verzogen, als
kmpfe sie zwischen ihrem Willen und dem Uebelgeschmack der ungewohnten
Sache. Sie wollte diesen aber mit Gewalt verbergen und der Zwang, den
sie sich anthat, eine Behaglichkeit zu zeigen, die in diesen
Augenblicken ihr ganz fremd war, gab ihr ein hchst lcherliches
Ansehen. Sie schien brigens gar nicht bestrzt, von ihrer jungen
Gebieterin in dieser Beschftigung betroffen zu werden. Sie sah sie so
keck und sicher an, da =Clelia= wohl ahnete, es msse hinter dieser
Gemthsruhe noch etwas anderes stecken, als der bloe Weinmuth.

Holland und England! rief mit einem lauten Gelchter Junker =Cornelius=,
indem er zu =Philippintje= trat. Ihr raucht ja wie die spanische
Schebecke, ehe sie gen Himmel fuhr! Nehmt Euch in acht! Wer das
Krutlein noch nicht kennt, soll nicht mit ihm scherzen. Die erste
Bekanntschaft fhrt immer ihr Unangenehmes mit sich.

Strt mir das liebe Kind nicht! legte sich =Beckje= eifrig dazwischen.
Sie wei wohl, was sie thut und warum sie es thut. Auch hat sie schon
treffliche Anlagen gezeigt und bis morgen -- dafr ist mir gar nicht
bange -- hlt sie mit =Herrmanneke= gleichen Schritt, der den ganzen Tag
ber an seinem Stummel kauet und den Schlaf nur deshalb nicht leiden
kann, weil er sich mit dem Rauchen nicht vertrgt.

Man mu sich an Alles gewhnen! sagte mit erzwungener Ruhe
=Philippintje=, whrend eine leichte Blsse ber ihre gefurchten Wangen
flog. Man wei nicht, wo man es nthig hat und wenn man es einmal kann,
so braucht man wenigstens nicht zurckzustehen in einer guten
Gesellschaft, wie die hier gegenwrtige.

Mit einem tchtigen Schlucke des dampfenden Getrnkes suchte sie alle
hlichen Empfindungen, die sich ihr vorbergehend aufdrngten,
hinabzusplen. Der Bootsmann nickte ihr vertraulich und ermunternd zu.
Es schien sich zwischen beiden ein Verstndni entsponnen zu haben, das
=Clelien= neu war und das sie sich noch nicht erklren konnte.

Du wirst dich krank machen, =Philippintje=; sagte in gutmthig
ermahnendem Tone die Jungfrau. Leg' die Pfeife weg! Fr dich ist das
Rauchen eine berflige Sache und im Hause meines Vaters wrde dir es
auf keine Weise gestattet werden.

Versuche es nur selbst einmal, =Cltje=! erwiederte =Philippintje= und
bot der abwehrenden Herrin die Pfeife dar. Es ist etwas Kstliches. Es
prickelt und pizgelt so angenehm auf der Zunge, da ich es mit nichts
vergleichen kann. Nur einen Zug, =Cltje=, und du wirst ganz anders
sprechen.

=Clelia= wandte sich mit Widerwillen zur Seite.

Du magst nicht? fuhr =Philippintje= fort. Auch gut! Ich will dich nicht
zwingen. Wenn du aber meinst, da ich das Rauchen nicht nthig htte, so
lebst du in einem groen Irrthume. Auch ist es ein lblicher und
christlicher Gebrauch, denn unser Domine in =Rotterdam= raucht auch und
noch dazu aus einer Pfeife, so gro wie eine Theekanne. Freilich wrde
in deines Vaters Hause der Tabaksrauch die Vorhnge schwrzen, die
schne weie Wsche verderben und dem hochmgenden Heern selbst wohl zur
Last fallen; aber mein Haus wird in Zukunft ein anderes seyn. In freier
Luft, zwischen Himmel und Wasser werde ich leben, das Steuerbord wird
meine Kche, das Backbord mein Kmmerlein seyn. Ich werde keinen Caffee
mehr brennen, keinen Zucker mehr stoen, keine Rosinen mehr belesen.
Alle diese Kleinigkeiten bleiben mir fern; nur die herrlichen
Meereswogen werden mich umrauschen, der Sturm wird ber mein Haupt
hintoben -- aber das ist mir Alles nur Spa, das gilt mir jetzt nicht
mehr, wie das Gebroddel im Theekessel, wenn das Wasser kocht. Vivat das
Seeleben!

=Clelia= stand erstarrt. Die Begeisterung, zu der =Philippintje= erhoben
war, konnte nichts anderes, als eine Folge des reichlichen Genusses von
=Beckje's= geistigem Getrnk seyn. Sie entwickelte Ansichten und eine
Lebendigkeit, die bisher bei ihr geschlummert hatten. =Jansens= und seiner
Frau heimliches und bedeutungsvolles Lachen lieen =Cornelius= vermuthen,
da irgend ein seltsames Geheimni hinter der ganzen Sache verborgen
sey. Nur =Herrmanneke= bewahrte seinen Gleichmuth, sah ernsthaft vor sich
hin und lie im Uebrigen seinem Glase Gerechtigkeit widerfahren.

Rauchen mu sie, wenn ich sie heirathen soll! begann jetzt der
Bootsmann mit fester und ruhiger Stimme. Was hilft mir aller Caffee,
aller Zucker, aller Thee und selbst die Flein Genever, die sie, wie
sie sagt, ihrem Heern verschlampt hat, wenn sie nicht mit mir eine
Pfeife rauchen kann und wenn ich sie nicht vom Dampfe verschnert sehe,
der wie ein Schleier um ihr Antlitz schwebt und die Runzeln unkenntlich
macht. Ja, sie mu rauchen! Hundert Dukaten jhrlichen Einkommens fallen
ihr einmal heim, wie sie versichert, aber an dem Gelde ist mir nichts
gelegen, denn ich lebe und sterbe am Borde der =Syrene= mit dem Stummel im
Munde. Mann und Weib sind ein Leib; deshalb mu sie rauchen. Ich habe
ihr die Ehe versprochen und ihr einen halben Ruyter auf die Hand
gegeben gegen einen silbernen Reif, den sie mir verehrt; aber Alles
unter der Bedingung, da sie Tabak raucht und gleich im Augenblicke
anfngt zur Probe. Sie hat es rechtschaffen gethan und Blixen! es soll
ihr gut gehen, als eines Bootsmanns Frau, wenn sie gut raucht.

So ist es, mein =Cltje=! besttigte die liebenswrdige Braut
=Herrmanneke's=, indem sie von Neuem die Pfeife zu den bleichen, zuckenden
Lippen fhrte, die sie einige Augenblicke lang hatte ruhen lassen. Ich
bin noch frher in den lieben Brautstand gekommen, als du, Kind, und das
ist nicht mehr als recht und billig, da ich einige Jahre lter bin. Aber
sey nicht traurig deshalb, =Cltje=! Auch dich wird die Reihe treffen und
wir Beide werden dann glcklich seyn, du zu Land und ich zu Wasser. Habe
ich ihm denn widerstehen knnen, dem Schalk von Bootsmann, wie Ihr ihn
da seht? O, er besitzt Ueberredungsknste, mit denen er nur zu leicht
ein unerfahrenes Mdchenherz bezwingt! Und dann -- ach, =Cltje=! Gott
hat ihn gezeichnet, aber nicht zum Bsen sondern zum Guten. Er hat ihn
gezeichnet mit der Gestalt, mit den Gebehrden und den Gesichtszgen
meines seligen =Balthasar=! Es war mir als kehre dieser aus dem Grabe
zurck und begehre die Liebe, die ich ihm gelobt. Und das Rauchen! Hat
denn nicht der liebe =Balthasar= auch seine Pfeife geliebt und den
amerikanischen Canaster, den ich ihm aus des Heern Gewlbe oft
zugesteckt, wie sein Leben? Wer kann fr sein Herz, Seelen-=Cltje=? Es
ist ein schwaches und wankelmthiges Ding, wie schon die Schrift sagt
und die Schrift Lgen strafen, wre sndlich! Habe ich nun die ersten
Tage meiner Jugend als Jungfrau =Philippintje= in Ehren verlebt, so will
ich nun die schnste Zeit meines Lebens als Frau Bootsmann auf der
=Syrene= genieen.

Aber =Philippintje=, flsterte =Clelia=, die hinter sie getreten war, ihr
in's Ohr, denkst du denn gar nicht mehr an mich, an meine Lage, an mein
Verhltni mit Junker =Cornelius=, an dein Versprechen uns zu begleiten zu
der Muhme und dort das Weitere zu erwarten?

Ja, ja! Ich erinnere mich wohl! entgegnete die glckliche Braut und
blies eine dicke Dampfwolke vor sich hin. Umstnde verndern die Sache.
Ich hatte Unrecht, so etwas zu versprechen, denn der Mensch steht in
Gottes Hand und soll nicht eigenmchtig ber sich verfgen; ich wrde
noch greres Unrecht haben, wenn ich ein so sndiges Versprechen halten
wollte. Fhre mich nicht in Versuchung, =Cltje=! Du warst sonst immer ein
frommes Kind und wirst deiner Herzensfreundin nichts Schlechtes zumuthen
wollen. Weit du was, Kind? Heirathe du deinen Bruder, den Junker
=Cornelius=: dann ist uns allen geholfen!

Erglhend trat =Clelia= zurck und wandte ihr Gesicht ab, indem sie auf
das Ufer mit den gastlichen Wohnungen blickte, dem sich die Barke
nherte. =Beckje= und =Jansen= hatten sich bei =Philippintje's=
unbedachtsamer Aeuerung bedeutungsvolle Blicke zugeworfen, als shen
sie nun besttigt, was sie bereits geahnt.

=Philippintje=, sagte jetzt =Cornelius=, der =Clelias= Stelle hinter dem
Sitze der schmauchenden Hausjungfer eingenommen hatte, mit erbittertem
und verbissenem Tone: Ihr kennt unsern Vertrag. Hundert Dukaten
jhrlich auf Lebenslang, wenn Ihr bei uns bleibt, bis alles geschlichtet
ist, zwischen uns und Heern =Tobias=; keinen Deut, wenn Ihr frher uns
verlat!

Was frag' ich viel nach Geld und Gut, wenn ich zufrieden bin!
erwiederte das Mdchen und trank einmal dazu. Behaltet Euere Dukaten
und ich behalte meinen Bootsmann. =Herrmanneke= macht sich nichts aus dem
Gelde, wie Ihr selbst gehrt habt, und mir geht jetzt seine Liebe ber
Alles. Ja, das eigentliche Leben soll nun erst recht anfangen! In der
Kche und in der Rauchkammer ist meines Bleibens nicht mehr, ich mu
hinaus in die frohe, weite Welt. Niemand soll mich davon abhalten und
gegen Gewalt wird mich mein Bootsmann schtzen.

Das wird er! versicherte =Herrmanneke=, indem er die geballte Rechte
drohend vor sich hinstreckte und mit der Linken an das Messer in seinem
Grtel griff. Wenn sie raucht und mich haben will, so sollen sie
tausend Teufel nicht von mir losreien. Galgen und Rad schneide ich =dem=
ins Gesicht, der sich dagegen auflehnt und trge er einen Bratspie an
der Seite, so lang wie die groe Raa eines Dreideckers, und wre er noch
dazu der beste Freund meines Capitns! Abspenstig lasse ich mir meine
Braut nicht machen, notabene: wenn sie raucht.

In diesem Augenblicke stie die Barke an's Land. Es war vllig dmmerig
geworden. Aus den Husern am Ufer schimmerten freundliche Lichter
herber. Auch schien es ziemlich lustig dort herzugehen. In einer der
Wohnungen, die am Hellsten erleuchtet war, ertnte Musik: eine
Sackpfeife und eine Geige, die sich in den schreiendsten Milauten zu
berbieten suchten. Am Strande war Niemand zu sehen. Irgend ein Ereigni
im Innern ihrer Huser mochte den Bewohnern in diesem Augenblicke
wichtiger erscheinen, als die Ankunft eines Fahrzeuges, das sie schon
oft bei sich gesehen hatten und dessen Mannschaft ihnen genau bekannt
war.

Jenes Haus, aus welchem die Musik herberschallte, wurde dem fragenden
=Cornelius= von =Jansen= als das bezeichnet, wo er Bewirthung und
Nachtlager finden knne.

=Beckje=, ich und meine Leute, wir bleiben an Bord, setzte der Capitn
hinzu. Wir sind das so gewohnt und berdem mssen wir jetzt noch
besonders auf unserer Hut seyn. Morgen frh um sechs Uhr werden die
Anker gelichtet, die Bller geben das Zeichen und wer dann nicht an Bord
ist, der bleibt am Lande: so will es die Schiffsregel. Gute Nacht,
=Cornelius=.

Dieser war schon =Clelien= nachgeeilt. Das Mdchen empfand eine besondere
Sehnsucht, den festen Boden zu betreten und in der gewohnten Umgebung
huslicher Gegenstnde sich von den Abentheuern des Tages zu sammeln und
zu erholen. Sie stand dicht am Rande des Schiffes, der das Ufer
berhrte. =Cornelius= hatte sie erreicht und ergriff ihren Arm, um ihr
an's Land zu helfen.

Nehmt mich mit! Nehmt mich mit! rief da =Philippintje's= Jammerstimme.
Ist das recht und fromm von dir gehandelt, =Cltje=, da du Diejenige,
die Mutterstelle bei dir vertreten hat, zurcklassen willst, wenn du zu
Musik und Freude gehest? Warte nur, Kind! Ich komme schon, ich komme.

Sie warf dem berraschten Bootsmann die Pfeife hin und stand eilig auf.
Aber das Schiff, Himmel, Wasser und Land dreheten sich um sie in
wirbelnden Kreisen. Vor ihren Augen flammten Blitze auf, sie
durchzuckten schmerzhaft ihr Haupt, sie verwirrten sie, so da sie kaum
wute, wohin sie ihre Schritte richten sollte. Wie das Hohngelchter
hllischer Geister tnte ihr dazwischen der Spott =Jansens= und =Beckje's=
in die Ohren, die ihren Zustand erkannten und eine Lust daran fanden,
die bei Leuten ihres Gewerbes wohl zu entschuldigen war. Dem
entsetzlichen Schiwa gleich starrte =Herrmanneke's= Angesicht aus einer
dicken Rauchwolke ihr entgegen. Taumelnd entfloh sie. Sie griff sich an
dem Schiffsgelnder fort bis zu dem Junker =van Daalen= hin. Diesem, der
eben =Clelien= an's Land gehoben hatte, sank sie in die Arme.

Die nehme ich nicht! sprach ganz ruhig der Bootsmann hinter ihr her.
Sie lernt das Rauchen nimmermehr. Der Tabak vertrgt sich nicht mit
ihrer Natur und eine so bejahrte Natur lt sich nicht zwingen.

Indessen hatte sich =Philippintje=, von tdtlicher Bengstigung ergriffen,
fest an =Cornelius= geklammert. Ihr Antlitz brannte in Fiebergluth, sie
zitterte an allen Gliedern.

O nehmt mich mit, Herzensjunker! flehete sie. Ich bin elend, ich bin
krank, der Tod sitzt mir schon auf der Zunge und ich fhle es, ich
berlebe die Nacht nicht! Ihr habt mich fortgelockt aus dem Hause, wo
alle Herrlichkeiten der Welt, Caffee, Zucker, Thee und Rosinen mir im
Ueberflusse zu Gebote standen, Ihr mt nun auch fr mich sorgen und mir
ein ruhiges Sterbestndlein bereiten, mit dem Siechentrster, und ein
ehrliches Begrbni mit dem schwarzbeflorten Ansprecher[A] und dem
stattlichen Leichenkonducte. Auf einmal ist mir's an's Herz geschossen
eiskalt und in den Kopf siedend hei und ich wei nun, da es aus ist
und ich bald Rechenschaft geben mu von jedem Stckchen Canel, von jedem
Loth Zucker, von allen Dingen, die ich dem hochmgenden Heern =Tobias van
Vlieten= ungetreu vertragen. Und wie wird's mir gehen, wenn die Rede
kommt auf den gottlosen Schiwa, da ich ihn alle Sonnabende gewaschen
und gebrstet habe? Aber, nein! Das fllt mir nicht zur Last, das war im
Herrendienste und =der= geht vor Gottesdienst.

  [A] =Aanspreeker=. Dieser ladet die Gste zum Leichenbegngnisse ein
      und fhrt den feierlichen Zug an.

=Cornelius= sah ein, da =Philippintje= auf dem Wege war, in einer freilich
schmerzhaften und qulenden Weise, von ihrer Verirrung geheilt zu
werden. Es mute ihm viel daran gelegen seyn, sie als =Cleliens=
Gesellschafterin beizubehalten. Er war berzeugt, da sie, wenn sie
wieder vllig Herrin ihrer Besinnung geworden, ihren Vortheil zu sehr in
Anschlag bringen werde, um noch weiter an die tolle Heirath mit
=Herrmanneke= zu denken. Rasch schwang er die Jammernde auf seinen Arm und
schritt, von der unbedeutenden Last wenig gehemmt, =Clelien= nach, die
indessen sich den hell erleuchteten Husern genhert hatte.

Sie ist krank, sagte er in gedmpftem Tone zu der erschreckenden
Geliebten: aber es wird vorbergehen und keine schlimmen, sondern fr
uns die besten Folgen haben.

Ja, =Cltje=, mein Kind, ich bin elend zum Sterben; wimmerte
=Philippintje= von =Cornelius= Schulter herab. Die Strafe folgt der Snde
auf dem Fue und ich mu nun sterben an der Pfeife Tabak, die ich dem
verfhrerischen Bootsmann zu Gefallen geraucht. Aber verla mich nicht
in meiner letzten Stunde! Denke daran zurck, wie ich deiner gepflegt,
als du im Scharlachfieber und in den Blattern lagst, wie ich Tag und
Nacht bei dir hingebracht und jeder Bissen, den du genossest, jeder
Trunk, der dir Khlung brachte, durch meine Hand gegangen ist. Gehe auch
mit zu meiner Leiche, Kind! Lege mir einen Kranz von weien Blumen auf
das Grab, wie er mir gebhrt, als einer heimgegangenen Jungfrau.

=Clelia=, in deren Seele sich mitleidige Theilnahme in einem hohen Grade
regte, wollte die Bedrngte trsten, aber diese hrte nicht darauf. Ihre
Klage verlor sich in ein unartikulirtes Weinen, das nur durch einzelne
Ausrufungen ohne besondere Bedeutung gestrt wurde. Sie rhrte sich
nicht, sie schien aller Herrschaft ber ihre Glieder beraubt.

Als die Reisenden das Haus betraten, nach dem sie =Jansen= hingewiesen
hatte, fanden sie den Hausflur festlich geschmckt. Es glnzte Alles von
Reinlichkeit, der rothe Backsteinboden war mit farbigem Sand in allerlei
zierlichen Figuren bestreut, an den Wnden hingen Krnze von knstlichen
Blumen aus buntem Papier geschnitten, zwischen diesen Schildereien von
unterschiedenem Werthe.

Die Musik tnte aus der Kche, die in vielen Husern auf dem Lande auch
zugleich das Prunkgemach ist, in dem man die Gste empfngt. =Cornelius=
und =Clelia= waren zu vertraut mit den Gewohnheiten ihres Vaterlandes, um
nicht sogleich den Zweck der nahe an der Hausthre aufgestellten groen
Filzschuhe zu erkennen und sie ber die ihrigen zu ziehen, damit der
saubere Hausgang und der Porzellanboden der Kche, in der sie nun die
Hausfrau aufsuchen muten, nicht befleckt wrden.

Es ging sehr lustig her in der Kche, nmlich in so weit es die
hollndischen Anstandsregeln erlaubten. Vor dem blankstrahlenden Heerdte
thronte auf einem erhabenem Sitze die Wirthin des Hauses, eine Frau von
mittlerem Alter, die mit unerschtterlicher Gemthsruhe in die Tasse
Thee blickte, die eben die eine Hand zum Munde fhrte, whrend die
andere eine Butterschnitte mit geruchertem Stockfisch hielt. Ihre Stirn
wurde von einer ungeheueren Spitzenhaube beschattet, bis zum Halse
steckte sie in der reichbeblumten Calamankjacke, deren mchtige Sche
weit ber die Kniee hinabreichten. In hnlicher Beschftigung und
Haltung saen in einem Halbkreise ihre Freundinnen und Nachbarinnen ihr
zur Seite. Alle sahen starr in die dampfenden Theetassen und auf den
duftenden Stockfisch des Butterbrotes. Nur zeichneten sich die Gste
von der Hausfrau dadurch aus, da sie smmtlich die groen schwarzen
Regentcher, deren Zipfel den Boden berhrten, um den Kopf geschlungen
hatten, welche die Hollnderinnen auf dem Lande, sobald sie nur die
Schwelle ihrer Wohnungen bertreten, bei Sonnenschein und
Schneegestber, bei Windstille und Sturm, nicht verlassen. Im Uebrigen
schien sich die ganze Gesellschaft sehr behaglich zu fhlen. Keiner der
Theetrinkenden fehlte das beliebte, sanft von unten erwrmende
=Feuerstvchen= und jede hatte zu gelegentlicher Dienstleistung das
zierliche =Quispeldschen= neben sich. Es war eine Gesellschaft von
Freundinnen im hchsten Grade der geselligen Freude: keine sprach ein
Wort, aber alle Bedrfnisse hollndischer Bequemlichkeit waren
befriedigt und das blank gescheuerte, funkelnde und strahlende
Messing- und Kupfergeschirr, der glnzende Reichthum des englischen
Zinns, des japanischen Porzellans in den gebohnten Glasschrnken
erquickte noch berdem die Augen der versammelten Frauen, wenn sie diese
einmal von der Theetasse und vom Stockfische aufschlugen. Je weniger
aber die Gesellschaft sich laut machte, desto mehr glaubten die zwei
Musikanten fr eine lrmende Unterhaltung sorgen zu mssen. Der
Dudelsackblser, eine hagere bleiche Figur, schien die letzten Odemzge
aufwenden zu wollen, um durch seine melodischen Tne ber die schwer zu
erschtternden Herzen seiner Zuhrerinnen zu siegen. Der Geiger, noch
kleiner und hagerer, rang mit ihm um den Preis des Sieges. Beide saen
in einem Winkel der Kche auf einer umgestrzten Tonne und hatten einen
ungeheueren Bierkrug zwischen sich.

Wenn der Zweck, der diese muntere Gesellschaft hier vereinigt hatte,
nicht durch sie selbst und ihre Aeusserungen klar wurde, so befand sich
doch =ein= Gegenstand in der Kche, der jedem Eingebornen sogleich einen
vollstndigen Aufschlu gab. Es war nmlich =Kuh-Visite= bei der
gastfreien Wirthin und die geschlachtete, ausgeweidete, zierlich mit
Bndern und goldpapiernen Blumen geschmckte Dulderin, die den
Bedrfnissen des nahenden Winters zum Opfer gefallen war, hing an einem
eigenen Gestelle von hell polirtem Nubaumholz der Hausfrau gerade
gegenber, so da sie von allen Anwesenden fortwhrend angeschaut und
bewundert werden konnte. Sie hatte das treue Haupt nach ihrer ehemaligen
Herrin hingewendet und sah diese aus den lichtlosen Augenhhlen ebenso
geistreich an, wie sie wiederum von ihr in einzelnen Augenblicken der
Trennung von Thee und Stockfisch, angeblickt wurde. Es lag wirklich
etwas Rhrendes in dem Umtausche dieser Blicke. Beide waren gewi
Herzensfreundinnen gewesen, aber das unerbittliche Schicksal hatte
geboten und die eine mute fallen, wenn auch nicht unter der Hand der
Freundin, doch unter ihren Augen und auf ihr Gehei.

Kaum hatte =Cornelius= einen Blick in die hell erleuchtete Kche geworfen,
so sah er auch gleich die Bedeutung des Festes ein und da er dieses
nicht durch einen Aufruf der Wirthin stren drfe.

=Janneke!= rief er zurcktretend, und sogleich haspelte sich hinter der
Tonne, auf welcher die Musikanten ihr entsetzliches Gelrm trieben, der
Hausknecht hervor, der gewhnlich in Holland bei diesem Namen gerufen
wird. Dem kleinen kugelrunden Burschen fiel es schwer, sich zwischen den
trinkenden Frauen hindurch zu winden, ohne eine von diesen, was ein
unverzeihliches Verbrechen gewesen wre, durch Berhrung zu stren. Er
begann auf verschiedenen Seiten seine Versuche, aber hier traten ihm die
ungeheueren Sche einer Calamankjacke, dort die langen Zipfel eines
Regentuches in den Weg. Gerade gehend hindurchzukommen, war eine reine
Unmglichkeit, denn die Ellnbogen der Damen hielten so eng zusammen, da
bei dem taktmigen Theetrinken, zu dem die Hausfrau immer das Zeichen
gab, eine allgemeine geruschvolle Reibung entstand. Endlich fate
=Janneke= einen raschen Entschlu zu einer khnen That. Er warf sich nahe
an der Kchenwand glatt auf den Leib nieder und kroch nun zwischen
dieser und dem eher zu berhrenden Feuerstvchen, das die Fe der hier
sitzenden trug, hervor, um das Verlangen des angekommenen Gastes zu
vernehmen.

Er stand odemlos vor dem Reisenden und sah mit Blicken dummen Erstaunens
auf =Philippintje=, die noch immer seufzend und sthnend auf =Cornelius=
Schultern ruhete und seinen Hals so ngstlich umklammert hielt, als
wolle sie ihn nicht lassen ihr Lebelang. Des Junkers Gebot trieb den
Hausknecht, sie in das Gastzimmer des obern Stocks zu fhren, wo der
Kriegsmann sich sogleich seiner sen Last entledigte und sie auf ein
Ruhebett niederlie.

Das ist mein letztes Lager! sagte mit sehr schwacher Stimme
=Philippintje=, die nur Leiden, aber nicht Freuden des Brautstandes
kennen lernen sollte. Ich war des ledigen Standes mde und wollte nun
selbander das Glck der Jugend genieen, denn: >es ist nicht gut, da du
allein seyst,< und: >Er schuf ein Mnnlein und ein Frulein;< sagt die
Schrift. Aber es soll nicht seyn! Das Beien und Prickeln auf der Zunge
und in den Augen htte ich wohl ertragen dem Bootsmanne zu Liebe, aber
der Qualm ist mir in's Herz gedrungen und will nun heraus und wird es
zersprengen zur Strafe meiner Snden. Ach, wer nur ein reines Gewissen
htte in dieser Stunde! fuhr sie jammernd fort. Aber was liegt nicht
Alles darauf und drckt es schwer hinab, so da es sich nicht erheben
kann von der Erde? =Cltje=, wenn du je wieder heim kommest in die
fromme Stadt =Rotterdam=, so sprich deinen Vater an um Verzeihung fr
die arme Snderin, die dann nicht mehr lebt und gestraft worden ist
durch das, woran sie gesndigt. Entdecke ihm, da der kostbare Canaster,
den er so oft im Gewlbe vermit, durch mich dem Domine zugetragen
worden, da ich glaubte mir mit dem Tabak ein Sthlchen im Himmel zu
erbauen, das aber, wie ich nun wohl einsehe, ein rauchender, qulender
Sitz in der Hlle geworden ist. Ich kann nicht mehr, lebe wohl,
=Cltje=! Haltet sie gut, Junker =Cornelius=!

Sie schwieg und kehrte sich tief aufseufzend nach der Wandseite. So
groe Unbequemlichkeit dieser Zustand ihr auch erregen mute, so hatte
er doch nichts, was ernstliche Besorgnisse htte verursachen knnen. Bis
zum Morgen war gewi Alles vorber und =Philippintje= war um eine gute
Lehre und eine ntzliche Erfahrung reicher!

Lat mich allein mit ihr, Junker =Cornelius=! bat =Clelia=. Sie wird
sich eher beruhigen und alle Pflege, deren sie bedarf, kann sie von mir
erhalten. Sendet mir nur Thee. =Der= wird die beste Arznei fr sie
seyn.

=Cornelius= schob den Hausknecht, der noch immer das ihm unbegreifliche
Schauspiel anglotzte, vor sich her zur Thre hinaus. Er sorgte dafr,
da der verlangte Trank in das Krankenzimmer gebracht wurde und berlie
sich dem Nachdenken ber seine tollen Streiche und die Begebenheiten des
heutigen Tages, indem er, bei dem Klange der schreienden Instrumente,
vor dem Hause auf und nieder ging. Es war ein sternenheller Abend. Fr
einen der letzten Tage des Oktobers wehete die Luft ziemlich lau. In
den leicht bewegten Wellen schwankte das Spiegelbild des Mondes lieblich
hin und her. Von der Barke schwammen einzelne laute Worte, munteres
Gelchter und der Gesang =Beckje's= herber. =Cornelius= empfand einen
Augenblick Lust, seinem Freunde =Jansen= noch einen spten Besuch zu
machen; allein diese Anwandlung verlor sich bald in ernste Betrachtungen
ber seine Lage, ber die Zukunft, der er =Clelien= ausgesetzt. Eine
finstere Stimmung, wie er sie frher nie gekannt, bemchtigte sich
seiner. Es war Unzufriedenheit mit sich selbst, mit dem Schicksale, das
ihn, wie er meinte, dahin getrieben, dumme Streiche zu machen.

Er war wohl ber eine Stunde in solche Gedanken versunken am Strande hin
und her gewandelt, als die Musik im Innern des Hauses verstummte.
Schweigend und geisterartig schlichen die schwarz verhllten Frauen von
der Kuhvisite nach Hause. Sie waren selig in ihrem Innern. Sie hatten ja
Thee getrunken und Butterbrod mit Stockfisch gespeist! Welcher Wunsch,
welche Sehnsucht wre noch in ihren Herzen zurckgeblieben?

Auf die Ermahnung =Janneke's=, der die Hausthre verschlieen wollte,
begab sich =Cornelius= in die gastliche Wohnung zurck und suchte sein
Zimmer. Er gedachte einige Stunden zu ruhen, aber die Schwermuth, die
ber ihn gekommen war, verscheuchte den Schlaf von seinen Augen. Er
fhlte, da er in einem Wendepunkte seines Lebens stehe. Die
tausendfarbigen Bilder, die der Leichtsinn erschaffen, die seine
Phantasie genhrt hatte, waren in dunkele Nacht untergegangen. Die
Zukunft starrte ihm mit einem finstern, drohenden Antlitze entgegen;
aber er beschlo gegen alles Ueble, das sie bringen knne, zu kmpfen,
wie ein Mann, =Clelien= als unerschtterlicher Beschtzer redlich zur
Seite zu stehen und sich das geliebte Mdchen, das seine Unbesonnenheit
aus dem ruhigen Geleise ihres huslichen Lebens gerissen, durch ein
edles Benehmen zu gewinnen. --

Wir mten den Pinsel und den Sinn eines niederlndischen Malers fr
solche Dinge besitzen, wollten wir -- wenn es auch der Leser vergnnte
-- alle Qualen und Uebel, die =Philippintje= im Laufe dieser Nacht
berstand, zu schildern versuchen. Es war schon nahe gegen Morgen, als
Junker =van Daalen= durch den Hausknecht in das Krankenzimmer beschieden
wurde, wo man seiner begehre. In einem Augenblicke war er drben.

Die Gepeinigte sa halbaufrecht und reichte ihm sehnsuchtsvoll beide
Arme entgegen. =Clelia= stand an einem Tische und bereitete frischen Thee,
whrend sie ihn aus dem bleichen, berwachten Angesichte freundlich
anlchelte.

Ach, es ist gut, da Ihr kommt, hochedler Junker! sagte =Philippintje=
mit gepreter, aber doch erkrftigter Stimme. Ich kann nicht leben und
nicht sterben. Das Goldstck, das mir =Herrmanneke= fr das Verlbni auf
die Hand gegeben, brennt mir auf dem Herzen und lt mich nicht von
dannen fahren. Erzeigt mir noch einen Dienst auf der Welt, den letzten
Liebesdienst. Nehmt das Goldstck, gebt es ihm zurck und bringt mir den
Ring wieder, den ich treuer htte bewahren sollen, da er noch von
=Balthasar= selig stammt. Ich habe furchtbare Dinge gesehen in dieser
Nacht. Auf der einen Seite stand =Balthasar=, auf der anderen, mit dem
Stummel im Munde, =Herrmanneke=, und beide rissen sich um mich, wie die
hllischen Geister um eine arme Seele. Das Gezerre wollte kein Ende
nehmen. Da trat aus dem schrecklichen Tabaksqualm, den der Bootsmann
verbreitete, Heern =Tobias van Vlieten's= lange hagere Gestalt hervor und
schrie mit Donnerstimme: Hebt Euch weg von ihr, denn sie ist mein, weil
sie mir ihre Seele dahingegeben hat fr Caffee und Zucker, so sie mir
gestohlen! =Balthasar= und =Herrmanneke= verschwanden und ich glaubte nun
nicht anders, als der hochmgende =Heer= werde mir den Hals umdrehen, so
da ich mit dem schwarzangelaufenen Gesichte hinter mich sehen mte,
allem Gebrauche und aller Schicklichkeit zuwider. Aber =Cltje's= liebe
Stimme, die trstlich dazwischen klang, verscheuchte die entsetzlichen
Bilder und der Zuckerthee, den sie mir einflste, trieb den kalten
Schauer fort, der mir durch alle Glieder rann. Geht, hochedler Junker,
geht: ich beschwre Euch! Die Seele will sich vom Leibe lsen, aber sie
vermag es nicht, denn das Goldstck und der Ring hlt sie am Irdischen
fest. Da ist der halbe =Ruyter= des Bootsmannes. Holt mir meinen Ring und
bringt mir gleich auch den Siechentrster und den Ansprecher mit!

Aus =Philippintje's= berstrmender Redseligkeit erkannte der Junker, da
ihr Uebel bereits im Abnehmen sey und nur die erregte Einbildungskraft
ihr noch immer den Tod als eine nahe, unvermeidliche Sache vorspiegle.
Ein Wink =Clelia's= bestimmte ihn, das Goldstck aus =Philippintje's=
bebender Hand anzunehmen.

Nun eilt, eilt, hochmgender Heer =Cornelius=! flehete sie von Neuem.
Lat die arme Seele nicht zu lange kmpfen und nach Erlsung
schmachten! Sagt dem Bootsmann, da wir geschieden seyen fr die
irdische Zeitlichkeit und die himmlische Ewigkeit! Er hat mich ums Leben
gebracht mit seiner Pfeife, aber ich verzeihe es ihm auf dem Sterbebett,
als eine gute Christin, die keinen Groll mit hinbernimmt ins
Himmelreich. Eilt, lieber Junker! Erlset die arme Seele!

Sie sank in die Kissen zurck. Ehe noch =Cornelius= die Thre erreichte,
verriethen schon laute unmelodische Tne, die ihren Lippen entschwebten,
da sie in einen tiefen, ihr wahrscheinlich hchst wohlthtigen Schlaf
gefallen sey.

Es war ein khler, feuchter Morgen. Dicke Nebel lagen auf dem
Hollands-Diep und dem flachen Kstenlande. Wie durch einen grauen Flor
schimmerte die Leuchte von der Barke herber. Noch fand =Cornelius=
niemand ermuntert, als den Bootsmann, den er suchte und der am Steuer
Wacht hielt. Die glimmende Pfeife in =Herrmanneke's= Munde zeigte dem
Junker den Weg. Es hielt nicht schwer, jenen zu bewegen den leichten
silbernen Ring, den er von =Philippintje= als Liebeszeichen empfangen
hatte, gegen das werthvollere Goldstck herauszugeben.

Ich mchte sie nicht, und wenn sie in Zucker und Caffee eingepkelt
wre! sagte der unfeine Seemann. Was thte ich mit einer Frau, der
eine halbe Pfeife Tabak den Kopf verdreht und die den Wachholder wohl
gern haben mag, aber keine Natur, ihn zu vertragen? Es ist auch besser,
ich bleibe ledig. Capitn =Jansen= zahlt mir doch nicht mehr, wenn ich
auch eine Frau nehme und da meine Frau durchaus Tabak rauchen mu, so
gbe das eine doppelte Ausgabe, die ich am Ende nicht bestreiten knnte.
Sie hatte mich beschwatzt, die Jungfrau! Sie sprach mir so viel vor von
meiner Aehnlichkeit mit ihrem lieben seligen =Balthasar=, von ihrem
Reichthum an Zucker, Caffee und selbst Canaster, da es mir am Ende in
den Sinn kam: Blixen! das wre eine Frau fr dich. Ich platzte heraus
mit dem Antrag und sie hielt mich fest an meinen Worten, wie die Harpune
den Wallfisch. Und als sie sich gar eine Pfeife stopfte und anfing zu
dampfen, wie ein Alter, da ging mir das Herz auf, als wre ich erst
zwanzig Jahre alt und sie wre ein Mdchen von siebzehn. Ich sah sie
nicht hinter der Rauchwolke und machte mir wei, sie wre entsetzlich
schn. Doch genug von dem Schatze! Es ist vorbei und ich will sie mir
aus dem Sinn schlagen.

Er stieg auf und machte einen Gang nach dem Vorderkastelle hin.
=Cornelius= suchte indessen =Clelia's= Gepck zusammen und rief den
Schiffsjungen, der in der Kche schlummerte, herbei, damit er es an's
Land trage. =Jansen= war nirgends zu sehen. Der Junker lie ihn und
=Beckje= durch =Herrmanneke= gren und von der Vernderung seines
Reiseplans benachrichtigen.

Als =Cornelius= wieder leise in das Frauengemach trat, um den Erfolg
seiner Sendung zu melden, lag =Philippintje= noch in tiefem Schlafe. Auch
=Clelia= war auf ihrem Sitze in einen leichten Schlummer gefallen. Er
nherte sich ihr vorsichtig. Er konnte sich das Vergngen nicht
versagen, die reizende Geliebte, deren Wangen mit lieblichen Rosen
prangten, einige Augenblicke zu betrachten. Ihre Odemzge waren sanft;
leicht hob sich die Brust, in der alles Glck seiner Zukunft ruhete. Die
geschlossenen Wimpern zuckten, um die Purpurlippen begann ein
freundliches Lcheln zu spielen.

=Cornelius!= bebte es von dem halbgeffneten Munde.

Sein Entzcken war vollkommen. Er mute sich bezwingen, nicht laut den
Namen der Geliebten zu rufen, nicht den sen Traum zu stren, dessen
glcklicher Gegenstand =er= war. Kaum konnten sich seine Blicke von ihr
trennen. Wie schn war sie doch! Der Engel seines Lebens, von dem er
nicht allein ein glckliches, auch ein edleres Daseyn erwarten konnte,
lag da in sanfter Ruhe, den Himmel im schnen Antlitze, der im Herzen
heimisch war. Von einem Gefhle der Ehrfurcht ergriffen, trat er zurck.
Es that ihm leid, schon so lange verweilt zu haben, es war ihm, als habe
er einen Verrath an dem herrlichen Mdchen begangen.

Auch er geno jetzt einiger Stunden ruhigen Schlummers. Als er erwachte
und durch's Fenster sah auf den Spiegel des Hollands-Diep, war es hell
geworden, die Sonne stand schon ziemlich hoch, von der =Syrene= war nichts
mehr zu erblicken. Die Heiterkeit, die auf Land und Wasser ruhete, fand
er auch in seinem Gemthe wieder. Der Anblick der ruhig schlummernden
=Clelia= hatte einen unbeschreiblichen Eindruck auf ihn gemacht, und sich
so fest in seine Seele geprgt, da er das liebliche Bild fortwhrend
vor sich zu sehen whnte. Seine guten Vorstze gaben ihm die
Zufriedenheit mit sich selbst zurck. Er nannte den frohen Sinn, der ihn
immer belebt hatte, wieder sein Eigenthum, aber er war nun auch
berzeugt, Festigkeit und Willen zu besitzen, ihn zu zgeln, da er
nicht wieder seine Dmme durchbreche und in unbesonnenen, tollen
Streichen ausstrme.

Erst gegen Mittag fand er Einla bei =Clelien=. =Philippintje= war, wie er
vorausgesehen hatte, frisch und gesund, fuhr geschftig im Zimmer umher
und suchte seine Blicke zu vermeiden. Als er ihr den silbernen Ring
zurckgab, trat eine Thrne in ihr Auge.

Hat es ihm nicht sehr wehe gethan, dem =Herrmanneke=? fragte sie. Um
Gotteswillen! Er hat sich doch nicht etwa ein Leid zugefgt?

Das ich nicht wte! versetzte kaltbltig Junker =Cornelius=. Er
schien im Gegentheile ganz zufrieden mit dieser Wendung der Sache. Eine
Frau, die das Rauchen nicht ertragen knne, wre ein fr allemal nichts
fr ihn, meinte er.

Der Bsewicht! grollte =Philippintje=. Er htte es doch noch einmal
probiren knnen! Aber ich verliere nichts an ihm. Frau Bootsmann kann
ich immer noch werden.

Alles war zur Fortsetzung der Reise auf dem Landwege bereit. Sie hatten
einen weiten, ziemlich unbebaueten Landstrich zu durchziehen. Mancherlei
Beschwerlichkeiten stellten sich ihnen in den Weg, aber sie durften auch
hoffen, hier nicht so leicht auf feindliche Streifpartheien zu stoen,
die sich mehr in jenen Gegenden hielten, wo sie erwarten konnten, ihre
Raub- und Plnderungssucht befriedigt zu sehen.

=Cornelius= hatte, vermittelst guter Bezahlung -- er war gewohnt, immer
eine ansehnliche Summe in Gold bei sich zu fhren -- von der Wirthin des
Hauses einen Wagen, mit vier starken ostfriesischen Pferden, fr die
nchsten Tage gemiethet. =Janneke=, der Hausknecht, sollte den Kutscher
machen und fr die richtige Rckkehr des Fuhrwerks sorgen. Freilich war
dieses weit entfernt, die Bequemlichkeiten zu bieten, welche in unseren
Zeiten von einem wohleingerichteten Reisewagen gefordert werden. Es war
ein einfacher Leiterwagen, mit einem Dache von Wachstuch versehen, das
man ffnen und verschlieen konnte, wie es der Wechsel der Witterung
gebot. Aber das Innere hatte =Cornelius= mit aller Sorgfalt eines
Liebenden so behaglich eingerichtet, wie es die Umstnde zulieen. Die
Seiten waren mit warmhaltendem Tuche beschlagen, der Boden mit Kissen
belegt und zu dem Sitze fr =Clelia= hatte er den prchtigen und hchst
bequemen Lehnstuhl der Wirthin theuer erkauft und schaukelnd in starke
Riemen eingehngt. Nach damaligen Begriffen war dieses schon ein sehr
stattliches Fuhrwerk, das die Tochter des dicksten Mannes in =Rotterdam=
sich nicht schmen durfte zu besteigen.

Bald war man freundlich eingerichtet in der kleinen beweglichen Wohnung.
Auch fr Proviant, fr Leckerbissen, so gut sie das Gasthaus geboten,
hatte der Junker gesorgt. Rasch trabten die vier muthigen Rosse
landeinwrts von dannen. =Clelia= sa voll stillen Seelenfriedens dem
glcklichen =Cornelius= gegenber. =Philippintje= schien sehr in sich
gekehrt. Von einer kleinen Anhhe warf sie noch einmal einen Blick hinab
auf das silberglnzende Hollands-Diep, dessen Wellen sie gestern noch
als eine hoffnungsvolle Braut geschaukelt hatten.

Der Treulose! Der Tabakstyrann! murmelte sie in sich hinein, dann
verschlo sie die Augen und stellte sich, um allen beschmenden Fragen
auszuweichen, als ob sie schliefe.




3.


Der Kutter, den Capitn =Jonas= befehligte, hatte indessen, durch seine
leichte Bauart und den besten Wind begnstigt, mit der Eile eines die
Lfte durchschneidenden Vogels, seine Fahrt durch das =Hollands-Diep= nach
dem =Kramer= fortgesetzt. So sehr auch die zwei jungen Leute, die dem
Professor =Hazenbrook= durch die Zurckfhrung der schnen =Clelia= die
Aussicht auf den Besitz des Mumienkrpers von Heer =Tobias van Vlieten=
sichern wollten, sich frher der Flchtigkeit des =lustigen Freiers von
Rotterdam= erfreut hatten, so lstig fiel sie ihnen jetzt, da eben sie es
war, die sie immer weiter von dem Gegenstande ihres Forschens und ihres
Verlangens entfernte. Sie sahen auch wenig Hoffnung vor sich, bald von
ihrer unerwarteten Haft befreit zu werden. Capitn =Jonas= ging finster
und schweigend auf dem Verdecke auf und nieder, wrdigte sie keines
Blickes und die Mannschaft folgte seinem Beispiele. Die schne =Juliane=
war auch, nachdem sie vernommen, da die spanische Schebecke in die Luft
geflogen und nach dieser Himmelfahrt, keine weitere Gefahr vorhanden
sey, wieder erschienen und tanzte und sang leichtfertig am Bord umher.
Dann und wann sah sie wohl nach den Gefangenen hin, aber in ihren Augen
zeigte sich so viel Hohn und Schadenfreude, da selbst =La Paix=, der
bisher nur sich selbst Vorwrfe ber seine vorschnelle Verliebtheit und
die in dieser begangenen Thorheiten gemacht hatte, sich gestand, es
msse ein ses Gefhl seyn, an dieser Snderin Rache zu nehmen. Sie
schien mit allen Personen der Mannschaft genau befreundet. Sie plauderte
so vertraut mit dem Schiffsjungen und mit den Matrosen, wie mit dem
Steuermann und dem Bootsfhrer. Alle nannten sie =du= und manche
Freiheiten, welche sich die jungen Mnner nahmen, wurden von ihr mehr
muthwillig und auffordernd, als ernst und zurckweisend, abgelehnt.

=La Paix!= sagte =Le Vaillant=, indem er mit dem Freunde zur Seite trat
und einen verchtlichen Blick auf das Mdchen warf. =Die= htte mich zu
keinem dummen Streiche verleiten knnen! _Caddis!_ In dem Lande, wo die
herrliche Garonne strmt, htte sie, nach altem Gebrauche, einen gelben
Kittel tragen mssen, um ein Abzeichen zu haben vor andern ehrbaren
Frauen. Ich will ihr nur rathen, mir nicht zu nahe zu kommen, sie mchte
sonst Dinge hren, die ihr nicht lieb wren und ich wollte ihr einen
Spiegel vorhalten mit ihrem ganzen vortrefflichen Wesen und Wandel, vor
dem sie zurckprallen sollte, als htte sie einen Drachen erblickt.

Sey ruhig und verstelle dich! ermahnte =La Paix=. Ich habe wohl grere
Ursache, sie zu hassen, als du, aber ich sehe ein, da wir doch nur
durch sie allein unsere Freiheit erlangen knnen. Wir drfen es nicht
noch mehr mit ihr verderben, als es schon geschehen ist. Sie ist listig
und boshaft, aber sie ist auch habgierig. Gieb Acht! Sie kommt von
selbst, um als eine gute Seelenverkuferin mit uns zu handeln ber unser
Lsegeld. Sie sieht uns fr Citronen an, die man so lange auspressen
mu, als nur noch der Gewinn eines Tropfens zu erwarten ist.

_Sandis!_ fuhr der junge Gascogner fort, ohne seines Gefhrten Rede zu
beachten. Der werthe Professor hat uns da in eine schne Patsche
gebracht, aus der wir uns nun selbst herausarbeiten knnen. Was hat der
Mann auch fr tolle Gedanken! Welcher Mensch, auer ihm, kme in der
weiten Welt auf die wunderbare Idee, aus einem Rotterdammer Theekaufmann
eine egyptische Mumie, einen Pharao und Sesostris zu machen? _Morgu!_
Wenn ich die Geschichte einmal in meinen alten Tagen meinen Kindern und
Kindeskindern erzhle, so werden sie behaupten, ich binde ihnen etwas
auf oder der Professor sey wahnwitzig gewesen.

Ist er es denn etwa nicht? entgegnete kaltbltig der andere. Er ist
sonst ein gescheidter und gelehrter Mann, von dem wir Mancherlei lernen
knnen, aber er hat einen Tick und dieser Tick besteht eben in seinem
unsinnigen Gelst nach einem viertausendjhrigen Bewohner der Nilufer,
mit dem er sein Schookind, das Naturalienkabinet, putzen will. Hat es
denn nicht Leute gegeben, mit denen man die anmuthigste Unterhaltung von
der Welt fhren konnte, die man als Wunder von Verstand anstaunte, bis
zufllig die Rede auf Macedonien oder Jerusalem kam, und dann der eine
ganz ernsthaft versicherte, er sey =Alexander der Groe= und habe den
=Darius= besiegt, oder der andere in aller Ruhe hinwarf, =er=, als der
=weise Salomo=, msse am Besten wissen, wie es beim Tempelbaue von
Jerusalem hergegangen sey? Gerade ein solcher Thor ist unser Professor.
Er ist belehrend, vernnftig, geistreich, bis ihm etwas aufstt, das
seine egyptische Narrheit aufrhrt. Dann sind aber auch von ihr mit
einemmale alle Dmme, die sein Verstand ihr entgegenstellen kann,
berschwemmt, er wird fortgerissen zu den kstlichsten Tollheiten und
wir -- nun wir haben dann einen Gegenstand zum Lachen, wir sind seiner
lstigen Aufsicht entledigt und knnen dann unserer Freiheit genieen
-- wie wir es zum Beispiel jetzt thun.

Eine schne Freiheit, das! brummte =Le Vaillant=. Eingeschrnkt auf das
Verdeck eines kleinen Schiffes, ohne Waffen, bewacht von fnfzig Augen
--

Du irrst! wandte mit stoischer Ruhe =La Paix= ein. Es sind
neunundvierzig oder einundfnfzig, denn unser edler Capitn zhlt nur
eins. Ach, =Le Vaillant=, was mich weit mehr betrbt, fuhr er in
schwermthigem Tone fort, ist, da auch wir zwei, jeder in seiner
besonderen Weise, einen solchen wahnwitzigen Tick haben!

_Corbleu!_ fuhr sein Freund auf. Ich ersuche dich, in solchen
Ausdrcken von dir allein zu sprechen. Ich, Gottlob! habe mir meinen
gesunden Verstand bewahrt und hoffe, da ich dermaleinst in dem Schlosse
meiner edeln Eltern, an dem die herrliche Garonne vorberfliet, weder
als =Alexander der Groe=, noch als =weiser Salomo= auftreten werde.

In welchem schmhlichen Irrthume lebst du doch, bester Freund! sprach
sehr sanft =La Paix= weiter. Ist denn das nicht schon ein Tick, da du
dich fr so ganz erstaunlich gescheidt hltst, und wie weit ist denn der
Sprung von diesem Wahne der Gescheidtheit bis zum Wahne der Weisheit,
der dich im nchsten Augenblicke in deinen eigenen Begriffen zum weisen
=Salomo= erhebt? Und da du mit deinen Gedanken nur immer in der Gascogne,
deren Vorzge ich brigens nicht bestreiten will, lebst, da du die
Zwiebel von der Garonne hher schtzest, als die kstliche Ananas von
Amboina, da du gar nicht herauskommen kannst aus den Kraftwrtern, die
in deiner Heimath beliebt sind, ist denn das nicht ein arger Tick? Und
ich? Ach, theuerer =Le Vaillant=, mit mir steht es noch weit schlimmer!
Ich sehe jedes hbsche Mdchen mit Blicken an, wie =Hazenbrook= die
egyptischen Mumien. Habe ich nicht ein schauderhaftes Beispiel meines
Wahnwitzes im Laufe des heutigen Tages gegeben? Htte mir ein
geringfgiges Mdchen, wie die =Juliane=, mein smmtliches Geld, nebst der
sonst so werthgehaltenen goldenen Kette, dem theueren Angedenken meiner
Mutter, abnehmen knnen, wenn ich nicht von einem entsetzlichen Tick
befallen wre? Und noch einmal von dir zu sprechen, Liebster! Womit
willst du deine Rauflust bei jeder unbedeutenden Gelegenheit, die Wuth,
dein Blut oder das eines andern zu vergieen, dein Leben um einer
Lumperei willen auf's Spiel zu setzen, anders entschuldigen, als mit dem
Wahnwitze, der heimlich in deinem Innern wohnt, den aber die geringste
Kleinigkeit ins Daseyn ruft? Glaube mir, Bester! Wir sind sehr zu
beklagen.

Du magst wohl recht haben! versetzte im Tone einer bei ihm seltenen
Niedergeschlagenheit =Le Vaillant=, auf den die schwermthige Stimmung, in
die sich sein Freund hineingeredet, ansteckend gewirkt hatte. Wir sind
bel dran! Wir treiben wahnwitziges Zeug, _ergo_: sind wir wahnwitzig.

Sie gingen schweigend und in sich gekehrt auf dem Verdecke hin und her.
Ihre Blicke waren zur Erde gerichtet, in ihren Zgen lag der Ausdruck
eines Kummers, der schwer auf ihrem Herzen zu lasten schien. Aller Muth
war, ihrem Aeuern nach, von ihnen gewichen. Was wrden ihre Mitschler
in =Leyden= gesagt haben, wenn sie die zwei sonst so lebensfrohen
Franzosen, den kecken =Le Vaillant=, der mit den verwegenen Blicken die
Welt erobern zu wollen schien, den milden =La Paix=, dessen immerwhrende
Freundlichkeit sprchwrtlich geworden war, in diesem Zustande erblickt
htten?

=Juliane=, die sie heimlich, aber sehr aufmerksam beobachtete, holte ihre
Laute hervor, lie ein Paar Griffe durch die Saiten rauschen und sang
ein munteres franzsisches Liedchen, das zu Freude und Frohsinn
aufforderte. Die Studenten hatten das Ansehen, es nicht zu hren. Die
Falten von ihrer Stirn wichen nicht, der Ausdruck tiefen Grams beharrte
in ihren Mienen. Da legte =Juliane= das Instrument weg und nherte sich
ihnen mit theilnehmender Gebehrde. Sie glaubte den Augenblick gnstig,
wieder eine Art von Vertraulichkeit mit ihnen anzuknpfen, die ihr zur
Ausfhrung ihrer still entworfenen Plane behlflich seyn sollte. Der
Schwermthige ist nicht grob, dachte sie, er giebt im schlimmsten Falle
keine Antwort und darauf hin kann ich's wagen.

Verbannt Euern Kummer, Messieurs! sagte sie, indem sie den Studenten
in den Weg trat. Heute mir, morgen dir! sagt das Sprchwort, und alle
Dinge in der Welt sind vernderlich, wie Ihr wit. Was habt Ihr auch
gro zu klagen? Ihr seyd hier in so guter Gesellschaft, als sich nur auf
irgend einem hollndischen Schiffe findet, Ihr werdet anstndig
behandelt, als Kriegsgefangene, und Ihr drft nur wollen, so werde ich
selbst gern mich bemhen, Euch die Zeit auf eine angenehme Weise zu
verkrzen. Habt Ihr noch sonst ein Begehren? Entdeckt Euch mir. =Juliane=
ist gewi Euere Freundin und wird Alles thun, Euere Wnsche zu
befriedigen. Sprecht! Fehlt Euch etwas?

Eine Kleinigkeit, Mademoiselle, versetzte, nachdem er einen langen
starren Blick auf sie gerichtet hatte, in dumpfem Tone =La Paix=. Wir
sind wahnwitzig: weiter nichts!

=Juliane= bebte zurck. Die beiden jungen Leute hatten in der That Etwas
in ihrem Wesen, das den Worten desjenigen, der zu ihr gesprochen hatte,
Besttigung zu verleihen schien. Sie sah sich furchtsam um, ob auch
Leute in der Nhe seyen, die ihr im Falle der Noth Beistand leisten
knnten. Zu ihrem Troste stand ihr Vater nicht weit und einige Matrosen,
die ihr Ruf sogleich erreichen konnte, waren in der Nhe beschftigt.

Ihre Bestrzung wurde sogleich von =La Paix= bemerkt. Er trat rasch auf
sie zu, ergriff stark die Hand der sich Strubenden und hielt sie, trotz
aller Versuche von ihrer Seite, sie ihm zu entziehen, fest in der
seinigen.

Ja, Mademoiselle, wir sind wahnwitzig und ich sage dieses, nicht etwa
um Euch zu tuschen, sondern im vollen Ernste, fuhr =La Paix= in einem
noch hohleren Tone, als er vorher angenommen hatte, fort. Es ist ein
Familienfehler bei meinem Freunde und mir. Wenn unser Uebel zum
Ausbruche kommt, kann uns niemand widerstehen. Menschenhnde sind nicht
fhig uns zu greifen, Menschenkraft vermag nicht uns zu bewltigen. Wir
zertrmmern Alles, wir vernichten Alles, was sich in unserer Nhe
befindet. Nichts was nied- und nagelfest, ist vor uns sicher und -- ich
mu das Aergste gestehen! -- wir sehen in unserer Verblendung Alle, die
dem weiblichen Geschlechte angehren, fr Raubthiere an, die wir von der
Erde vertilgen mssen und kostete es unser eigenes Leben. So ist es,
unvergleichliche =Juliane=! Einem solchen Ausbruche geht dann immer ein
Zustand der Schwermuth, der Bengstigung, einer kaum zu ertragenden
Niedergeschlagenheit voran, wie ungefhr Derjenige, in dem wir uns jetzt
befinden. Wir sehen dann allerlei Phantome, ganz gewhnliche Dinge und
Menschen erscheinen uns wunderbar und seltsam, ganz anders, wie sie in
der Wirklichkeit sich verhalten. So kommt Ihr zum Beispiel, treffliche
Mademoiselle, mir in diesem Augenblicke einigermaen wie die heidnische
Zauberin =Circe= vor. Es ist mir, als httet Ihr wie jene gewaltige Dame
des Alterthums die Passion, Menschen in Thiere zu verwandeln, und es
fehlte Euch nichts dazu, als die Macht. Aber meine Einbildungskraft
strmt dann, ohne da ich sie zu zgeln vermag, immer weiter. Ihr
verwandelt Euch vor meinen sichtlichen Augen. Jetzt, Mademoiselle, sehe
ich Euch mit einemmale ganz anders, als vorher. Bei allen Strmen des
Hollands-Diep und des Biesbosches, Ihr seyd der Drache, der das goldene
Vlie bewacht, und ich bin =Jason=, der Held der Argo, der gekommen ist,
Euch zu ermorden! =Medea=, die Hexe, steht mir bei, ich vergifte Euch,
ich verbrenne Euch in feueriger Lohe -- Beruhigt Euch, holdselige
=Juliane=! sprach er weiter und verwandelte den wilden schreienden Ton,
durch den er sie entsetzt und fast zu dem Entschlusse, nach Hlfe zu
rufen, gebracht hatte, in den Laut sanfter Schwermuth. Seyd ohne
Furcht, Allerliebenswrdigste! Dergleichen Anwandlungen sind nur
vorbergehend, wie Wetterleuchten vor dem Ausbruche des Gewitters. Fr
heute habt Ihr nichts zu besorgen. =Le Vaillant= und ich, wir halten uns
noch bis morgen. Es knnen noch einzelne Zuflle sich zeigen, aber die
sind unschdlich. Ihr werdet uns in eine immer tiefer werdende
Schwermuth versinken, vielleicht Strme von Thrnen vergieen sehen,
eine seltsame Einbildung wird die andere jagen -- das darf Euch nicht
kmmern, das ist nur noch der leichte unschuldige Zeitvertreib des
Wahnwitzes. Aber morgen, morgen -- setzte er, mit einem tiefen Seufzer,
bedeutungsvoll hinzu, morgen erscheint der Tag des Kampfes, der
Vernichtung, des blutigen Verderbens. Dann stehe ich fr nichts. Dann
vermgen keine Stricke, keine Banden, keine Ketten uns zu halten!

Ihr wollt nur scherzen! sagte =Juliane= mit einem erzwungenen Lcheln,
indem sie sich fort und fort bemhete, ihre Hand aus des jungen Mannes
pressender Rechten loszuwinden. Ihr und Euer Freund habt zwar ein
betrbtes Ansehen, aber keineswegs das von tollen Leuten. Der Rosoli
meines Oheims spukt Euch wohl noch im Kopfe und wenn der verflogen ist,
werden auch wohl die Wahnbilder aus Eurem Gehirne entweichen.

O da es so wre! erwiederte =La Paix= mit gedmpfter Stimme und zum
Himmel gerichteten Blicken. Aber ich kenne uns: den schrecklichen =Le
Vaillant=, wenn sein Unstern ber ihn aufgeht, und mich, der sich selbst
in den Augenblicken der Wuth verschlingen mchte. In =Leyden=, der
herrlichen Universittsstadt, nennt man uns nur den Lwen und den Tiger;
denn man hat uns gesehen in dem furchtbaren Zustande, der die Welt zu
vernichten droht, man verschlo alle Thore, man lie Regimenter gegen
uns marschiren -- Alles vergebens! Die Wuth mute sich in sich selbst
verzehren. Dann waren wir wieder die besten Bursche von der Welt und
tranken Brderschaft mit den Soldaten und den Commilitonen, die wir
vorher angefallen hatten wie reiende Thiere. Ihr wit nun Alles. Ihr
seyd gewarnt. Lat jetzt ab von mir, denn ich fhle, da meine
Einbildungskraft wieder anfngt sich zu regen! Es knnten sich Gestalten
zeigen, ich knnte Dinge sprechen -- Ja, ja, trefflichste =Juliane=! Es
ist besser, wir brechen jetzt ab. Erwgt Alles wohl, was ich Euch
entdeckt habe. Morgen, morgen wird Blut flieen in Strmen, vielleicht
das Euerige, das noch heute Euere Wangen rthet, das noch heute Euer
edles Herz hebt zu gefhlvollen Schlgen fr die halbe Menschheit!

=Juliane= wute noch immer nicht, ob das was sie hrte, Scherz oder Ernst
sey. Dennoch lie ihre natrliche Furchtsamkeit, die sie auch jetzt,
nach ihrer sonstigen Gewohnheit, unter muthig klingenden Worten zu
verstecken strebte, sie das Schlimmste erwarten.

O ich habe ganz andere Dinge gesehen! versetzte sie, aber nicht in
jenem muthwilligen Tone, wie sie dieselbe Redensart bei dem bereilten
Zweikampfe zwischen den beiden Studenten vorgebracht hatte. Ich frchte
mich nicht. Mein Vater ist da, der Bootsmann ist ein starker Mann und
von den brigen Leuten steht einer immer fr zwei.

=La Paix= antwortete nichts. Mit einem groen, bedauernden Blicke
betrachtete er das Mdchen von oben bis unten, schttelte traurig den
Kopf und prete aus tiefer Brust einen so klagenden Seufzer, da er
=Julianen= durch Mark und Bein ging.

Schade um das reizende Wesen! sprach er dann, sie mit glsernen Augen
anstarrend, dumpf in sich hinein. Heute noch so schn und morgen -- Tod
-- Blut -- Asche!

Er wandte sich mit seinem Freunde ab und ging nach einer andern Seite.
=Juliane= sah ihnen zitternd nach. Ein Frsteln zog durch ihre Glieder.
Sie versuchte zu lcheln; sie mute mit den Zhnen klappern und Thrnen
traten ihr in die Augen. Es war bereits dmmerig geworden. Die
Dsterheit, die auf den Wellen und auf dem Schiffe lag, erhhete das
unheimliche Gefhl, von dem sie sich ergriffen fand, um Vieles.

Es ist Alles Lge, es ist Alles lcherlich! sagte sie sich selbst.
Wie knnen denn zwei Menschen den vereinten Anstrengungen so vieler
andern widerstehen, wenn diese sich ihnen entgegenwerfen im Ausbruche
ihrer Tollheit, um sie zu bndigen und zu knebeln? Pah! ich glaube
nichts von dem ganzen Geschwtz. Das ist Prahlerei, blauer Dunst! Aber
in ihrem Innern sprach eine Stimme, die den gewaltsam aufgebotenen Muth
zu Schanden machte. Sie war in frheren Jahren einmal bei einer
Verwandten in =Friesland= zu Besuch gewesen. Dort brachte es die Sitte mit
sich, da Frauen und Jungfrauen sich fters zu Abendversammlungen
zusammenfanden, in denen alte seltsame Geschichten erzhlt wurden, deren
Inhalt gewhnlich die Herzen mit Schauder erfllte, und die Gemther zu
Bangigkeit und Zagen stimmte. Dort war auch von den ehemaligen
friesischen Knigen erzhlt worden, von gewaltigen Seehelden, die weit
vom Norden herabgekommen waren und Wunder der Kraft und der Tapferkeit
verrichteten. Wenn diese nun in Zorn geriethen, so waren sie in eine
Wuth verfallen, deren Aeuerungen keine Gewalt, keine Uebermacht zu
hemmen vermocht. Es war ber sie gekommen, wie eine Krankheit. Nicht
alle waren ihr unterworfen gewesen, nur einzelne, und man hatte dieses
Uebel die Berserkerwuth genannt. =Juliane= dachte in ihrer Aufregung nicht
daran, da die zwei jungen Leute nichts weniger, als Nordlands-Reken
seyen. Die Stimme aus ihrem Innern rief ihr nur immer zu: =Juliane=,
=Juliane=, dein letztes Stndlein ist nahe! Du hast dich des Lebens
erfreuet, aber du wirst nun bald starr, blutig und kalt daliegen. Sie
konnte mit allem Aufgebote ihrer Besonnenheit diese Stimme nicht zum
Schweigen bringen. In diesem Kampfe widriger Zweifel zog sie sich an das
Steuerruder neben ihren Vater zurck und verfiel hier in ein tiefes
Nachdenken. Von Zeit zu Zeit warf sie aber doch einen und den andern
verstohlenen Blick auf die beiden Studenten, deren dunkele Gestalten
sich in der Dmmerung schattenartig am Vordertheile des Fahrzeuges hin
und her bewegten.

_Caddis!_ sagte =Le Vaillant=, als er sich mit seinem Freunde allein und
unbelauscht sah, zu diesem. Du treibst es zu weit. Einen kleinen Tick
lie ich mir schon gefallen, aber du machst uns ganz und gar zu Narren
und ich will es loben, wenn man nicht hinterrcks ber uns herfllt, um
uns gebunden an einen sicheren Ort zu bringen.

Der Spa war kstlich! versetzte leise der Angeredete. Er hat mich
aus meiner trbseligen Stimmung herausgerissen, er hat mir meine Ruhe
wiedergegeben. Wie die schne Snderin zitterte um das Bischen Leben,
das sie so bel anwendet, wie sie ihre Hand so gern losgerungen htte,
aus der des Wahnwitzigen, wie ihre Seele gepeinigt und geprickelt wurde
zwischen Wahrheit und Lge, zwischen Grauen und dem lcherlichsten
Wahne! =Le Vaillant=, du thust mir leid, denn bei deiner Denkart, bei
deinen Gefhlen, die nur rasch und heftig, aber nicht tief und
ergreifend sind, konntest du unmglich den Genu haben, den mir die
Folterqual der listigen Gaunerin gewhrte. Deine Besorgni ist thricht.
Sie wagt nichts gegen uns, sie frchtet den Alles vernichtenden Ausbruch
unserer Wuth zu beschleunigen. Ich ahne, da noch ganz andere Dinge sich
aus meinem glcklichen Einfalle entspinnen werden. Halte dich nur immer
hbsch ruhig an meiner Seite. Schlage die Arme unter, wie ich, hefte die
Blicke auf den Boden, nimm einen langsamen abgemessenen Schritt an,
bleibe stehen, wenn ich stehen bleibe, sthne klglich, wenn ich es
thue, genug, folge in Allem meinem Beispiele und du wirst sehen -- es
ist unser Schade nicht!

Trotz der einbrechenden Nacht schwebte der Kutter noch immer mit
ausgespannten Segeln ber die Wellenflche hin. Laternen waren
ausgehngt worden, die Strahlen des Mondes zitterten auf dem bewegten
Wasser und lieen nach der linken Seite hin einen dunkeln Streif sehen,
der das Uferland bezeichnete. Bei der milden Luft, welche Abends der
frischen Khle des Tages gefolgt war, blieben die meisten der Leute auf
dem Verdecke, wo sie sich mit Segelflicken, Netzausbessern und
dergleichen beschftigten. Nur Capitn =Jonas=, der den Abend gern ruhig
in seiner Cajte bei der Madeiraflasche zubrachte und diejenigen der
Matrosen, denen die heutige Nachtwache zufiel, hatten sich
zurckgezogen. =Juliane= sa noch immer in Sinnen verloren an einer
Stelle, wo sie durch die arbeitenden Matrosen von den Gefahr drohenden
Gefangenen geschieden war. Diese beharrten in ihrer Theilnahmlosigkeit,
in ihrem dstern Hinbrten. Mit untergeschlagenen Armen wandelten sie
auf und nieder, kein Wort ging ber ihre Lippen, nur tiefe, lauthallende
Seufzer, die selbst bis zu der fernen =Juliane= herberdrangen, entquollen
von Zeit zu Zeit ihrer Brust.

Es mochte gegen die zehente Abendstunde seyn, als auf des Steuermanns
Gehei, der im Auftrage seines Capitns befehligte, nicht weit vom
Lande die Anker ausgeworfen wurden. Einige Matrosen lagen schon
schlafend auf den Bnken des Verdeckes, andere rsteten sich, ebenfalls
zur Ruhe zu gehen. Niemand schien sich um die Kriegsgefangenen zu
kmmern.

Kannst du schwimmen, =La Paix=? raunte diesem sein Freund zu. Was mich
betrifft, so getraue ich mich wohl, diese Handvoll Wasser zu
durchschneiden, wie ein Delphin, und in zehn Minuten sptestens am Lande
zu seyn. _Morgu!_ ich habe dir ganz andere Kunststcke gemacht in dieser
Gattung. Die Garonne ist Zeuge meiner Thaten gewesen und man gab mir
wegen meiner Schwimmfertigkeit den Namen des =Fisches=, wie jenem
Sizilianer, der einen goldenen Becher aus dem Schlunde der Charybdis
holte.

Ich kann nicht schwimmen! gab =La Paix= trocken zur Antwort. Es ist
auch gar nicht nthig, da du deine Fischnatur zu besonderen
Anstrengungen in diesen Gewssern aufbietest, die vielleicht nicht so
freundlich seyn drften, wie deine heimathliche Garonne. Gedulde dich
nur eine ganz kurze Zeit und ich verspreche dir, man wird uns auf die
hflichste Weise einladen, ein Boot zu besteigen, das uns frei und ledig
an's Land bringt, die vortreffliche =Juliane= selbst wird sich alle Mhe
geben, uns -- vielleicht noch mit einiger Bercksichtigung ihres
zeitlichen Vortheils -- von dem =lustigen Freier von Rotterdam=
wegzuschaffen und dann -- nun dann knnen wir ja, wenn es uns beliebt,
die Barke des Sire =Jansen= erwarten und unsern Plan auf die schne
=Clelia= verfolgen.

Frher, als =La Paix= selbst erwartet hatte, ging seine Prophezeiung in
Erfllung. Das letzte Wort war kaum seinen Lippen entschwebt, so fhlte
er sich an seinem Kleide gezupft. Um nicht aus seiner Rolle zu fallen,
wandte er sich mit einem schweren Seufzer um. Einer der Schiffsjungen
stand vor ihm, aber mit so gerader und argloser Miene, da der Student
wohl einsah, diesem ahne nichts von den entsetzlichen Dingen, welche
=Juliane= befrchtete.

Die Schiffsjungfer lt Euch gren! sagte vertraulich und leise der
Knabe, so da es nur die beiden Jnglinge hren konnten. Sie hat
Mitleid mit Euch und she es nicht gern, wenn Ihr in's Unglck
geriethet. Sie will suchen, einige Matrosen zu gewinnen, die Euch
heimlich, whrend der Capitn bei'm Weine sitzt, an's Ufer bugsiren.
Aber dazu braucht sie Geld oder Geldeswerth. Sie meint, der Ring, den
der Junker am Finger trgt, wre wie dazu gemacht, die Leute zu
verblenden. Er soll ihr ein Zeichen seyn, da Ihr den Vorschlag annehmt.
Gebt ihn! Im Augenblicke hat ihn die Schiffsjungfer, in einer
Viertelstunde seyd Ihr am Lande!

_Sandis!_ Wenn es nur daran liegt! fuhr =Le Vaillant= heraus und gab ihm
den Ring. Jetzt geh, schaffe die Leute und das Boot. Ich wute doch,
da die listige Hexe mich noch um den Ring bringen wrde! Aber es geht
nichts ber die Freiheit und lieber frei bei einem Stcke Haferbrot und
einem Glase Wasser, als gefangen bei Rehbraten und Champagnerwein.

Unbesonnener! zrnte =La Paix= halblaut zu ihm hin. Wir wren auch ohne
dieses Opfer zum Ziele gekommen! Geh, mein Sohn, wandte er sich dann
in einem hohlen dumpfen Tone, der den Knaben wirklich stutzen machte, zu
diesem: sage deiner Jungfer, wir sendeten ihr den Ring, weil in unserem
Zustande nichts Irdisches mehr einen Werth fr uns htte. Im Uebrigen
mge sie thun was sie wolle, sie mge uns an Bord behalten oder ans Land
bringen lassen: morgen breche der Tag der Schrecken an, die sie kenne,
die keine Gewalt der Erde abzuwenden vermge!

Verblfft schlich sich der Junge fort. Whrend =Le Vaillant= seinen
Gefhrten noch mit Vorwrfen bestrmte, da er =Julianen= eine Antwort
ertheilt, die sie leicht in ihren gnstigen Gesinnungen schwankend
machen knne, hrten sie pltzlich zu ihrer Seite ein Pltschern im
Wasser. Ein Blick ber den Schiffsrand belehrte sie, da ein Boot schon
losgemacht sey, da mehrere Matrosen im Begriffe waren, leise
hinabzusteigen, da =Juliane= auf diese Weise ihr Wort lsen und, wie =La
Paix= einsah, sich von den Gegenstnden ihrer Furcht befreien wollte.

Kommt mit mir! flsterte ihnen der Junge zu, der vom Steuerborde
zurckgekehrt war. In wenigen Augenblicken saen sie in dem Boote, die
Ruderer rhrten emsig die Arme, weder ber ihre Lippen, noch ber die
der jungen Leute ging eine Silbe. Der dunkle Streif, der vor ihren
Blicken lag, kam ihnen immer nher, die hher gehenden Wellen, die sich
an den Faschinendmmen des Ufers brachen, erhielten das kleine Fahrzeug
in heftiger schaukelnder Bewegung. Fern herber leuchteten die Laternen
des Kutters. In ngstlicher Spannung sahen die Studenten auf diesen.
Bald schien es ihnen, als erblickten sie viele dunkle Gestalten, die
sich in unruhigem Treiben vor den Lichtern hin und her bewegten, es war
ihnen, als vernhmen sie verworrene Stimmen vom Schiffe herber, sie
glaubten ihre Flucht entdeckt, vielleicht von der treulosen =Juliane=
selbst verrathen; dann dnkte sie es gar, der Kutter rcke von seiner
Stelle, ihnen nach und seine Gestalt vergrerte an dem Dmmerglanze des
Horizonts sich zu einem furchtbaren, gigantischen Schiffsungeheuer.
Aber sie erkannten leicht die Bilder des Wahns, welche die erregte
Phantasie ihnen vorfhrte. Keine Verfolgung bedrohete sie mit neuer
Gefangenschaft, kein Hinderni trat ihnen in den Weg. Die kundigen
Matrosen fanden einen Platz, welcher zum Landen geeignet war. =La Paix=
und =Le Vaillant= sprangen, ohne eine Einladung hiezu abzuwarten, an's
Ufer. Sie vernahmen, da man ihnen etwas nachwarf. Es waren ihre Degen,
die sie freudig aufrafften, um sich sogleich damit zu umgrten. Das Boot
stie ab. Sie standen allein an einer flachen den Kste, in einem
unbekannten Lande, ohne Freund, ohne Fhrer. Nirgends war ein Strauch
oder ein Baum zu erblicken, kein gastliches Obdach zeigte sich, wohin
sie die Augen auch richteten.

Was nun? sagte =La Paix=, indem er sich vergebens nach einem betretenen
Pfade umsah. In diesem verwnschten Sumpflande, zwischen den
labyrinthisch verschlungenen Canlen ist es gefhrlich, Nachts
umherzuirren. Hier am Ufer in der Nhe des Kutters den Tag abzuwarten,
mchte ich ebensowenig rathen --

Alberne Bedenklichkeiten! rief sein Freund. Vorwrts, immer vorwrts,
das ist der Wahlspruch meines Hauses, seitdem einer meiner Ahnherrn die
eisernen Reihen der Schweizer in der Schlacht bei Marignano durchbrach!
_Caddis!_ Wir wollen dieses Land im Sturm erobern, du und ich, und wenn
es von unzhlichen Morsten und Canlen geschtzt wre. Vorwrts, =La
Paix=! Unser gutes Glck wird uns fhren.

Meinetwegen! antwortete sein Gefhrte. Ihre Leitung dem Zufalle
berlassend, schritten sie rasch am Ufer hin in die von Mond- und
Sternenlicht sanft erhellte Nacht.




4.


Der Professor =Eobanus Hazenbrook=, den wir vielleicht schon zu lange aus
den Augen verloren, hatte, nachdem er die kleine Schenke, dem =van
Vlietenschen= Hause gegenber bezogen, den ganzen Tag ber, wie ein Fuchs
vor dem verschlossenen Taubenschlage, hinter dem Schiebfensterchen
seines Zimmers sehnsuchtsvoll geharrt, ob nicht wenigstens ein Theil
von dem Gegenstande seiner wissenschaftlichen Liebe, das hoch gehaltene
Antlitz des Herrn =Tobias=, sich zeigen werde. Vergebliche Hoffnung! Alle
Vorhnge hinter den Fenstern waren niedergelassen, die Hausthre ffnete
sich selten und dann war es immer nur eine untergeordnete Person, eine
Magd, oder ein Knecht, die schnell heraushuschte und bei der Rckkehr
ebenso rasch wieder durch den Eingang verschwand. =Eobanus= befand sich in
einer Unruhe, wie er sie noch nie empfunden hatte. Dem lange
nachgerungenen Ziele seiner Wnsche, das ihn so oft getuscht, stand er
jetzt so nahe und dennoch -- so fern. Konnte der reiche Handelsherr,
wenn er malitis war, sich nicht in der Verzweiflung all zu stark aufs
Trinken legen, vielleicht gar auf den Genu nhrenden Bieres, das dann
gedeihlich auf seine Fettzellen wirkte, indem es alle schne Hoffnungen
=Hazenbrooks= untergrub? Konnte er nicht -- qulte sich der Professor
weiter -- berdrig der gegenwrtigen Einsamkeit seines Hauses, sich in
Zerstreuungen strzen, die sonst der Hollnder nur vor dem dreiigsten
Jahre sich gestattet, und, wie der Beispiele ja so viele vorkamen, eben
durch diese Zerstreuungen, indem sie nur unbedeutend an seinen
gewaltigen Geldscken zehrten, jugendlich wieder aufblhen und -- was
bei allen Vermuthungen, denen sich =Eobanus= berlie, ihm als das Aergste
erschien -- wiederum Fett ansetzen?

O Fett, Fett! rief der Professor, indem er wie verzweifelt durch sein
kleines, von einer Lampe nur dster beleuchtetes Gemach hinstrmte. Du
nagst an meinem Leben, du nagst an der Blthe der Wissenschaft, die sich
eben entfalten will und gedeihen zur kstlichen reifen Frucht. Deine
feindselige Gegenwart droht der hieroglyphischen Vorwelt, ihrer
Wiedergeburt in reizender Mumiengestalt, schmhliches Verderben. Wie oft
hast du, ob ich dich gleich immer in Ehren gehalten und nicht ein
elendes halbes Pfund deines Eigenthums dir fr meinen Leib entwandt,
nicht schon meine trefflichsten Plane, meine herrlichsten Werke,
Meisterstcke, die fr eine tausendjhrige Dauer bestimmt waren,
boshaft zerstrt in einer warmen Frhlingsnacht? Ja, Schndliches, das
hast du gethan und gerade in der schnen jugendlichen Zeit des Jahres,
wo in dem Wurme, wie im Nilpferde, in der Krte, wie im Crocodille, in
der Rose, wie in der Camillenblume, sich frische Lebenskrfte regen, in
dieser von der Natur geheiligten Zeit hast du heimtckisch gemordet, was
ich mit unsglicher Mhe und einer Kunst, die nirgends ihres Gleichen
hat, in's wissenschaftliche Leben gerufen! Ich sehe sie noch vor mir,
alle die Geliebten, die ich mir selbst bereitet und die ich gromthig
als Eigenthum der erlauchten Lugduner Akademie berlassen wollte.
Glaubst du, ich htte dich vergessen, schalkhafte Artemisia, mit dem
Grbchen in der goldbelegten Wange, mit der sanftgewlbten Brust, im
Glanze deiner dunkelbraunen Schnheit? Und du, majesttischer Memnon,
einst ein stattlicher Grenadier im Leibregimente Knig =Wilhelms=, du,
dessen Mumienhlle sieben Fu ma und dessen Adlernase sich erhaben
aufdrngte unter der sinnvollsten Hieroglyphenschrift, mutest auch du
zu einem jammervollen Nichts werden im flchtigen Laufe eines warmen
Lenzmorgens? _Vanitas Vanitatum, omnia Vanitas!_ Alles ist vergnglich auf
dieser Erde!

=Hazenbrook= war nahe daran Thrnen zu vergieen. Er warf sich trostlos in
einen Sessel, die schmerzlichen Erinnerungen, welche er wieder
aufgefrischt hatte, nagten an seinem Herzen. Unten in der Schenke
ertnte Musik. Sie schien ihm ein schreiender Milaut in seinen Kummer.
Er hrte das Gerusch der Tanzenden, er vernahm einzelne jubelnde
Stimmen. Das ist dmonischer Hohn, dachte er, der dich neckt und
deiner spottet in deiner Verzweiflung. Um Mitternacht war es still
geworden im Hause; auf den Straen aber wisperte und regte es sich
seltsam. Dieses Gerusch und Geraschel beachtete der Professor nicht,
nur der nahe Lrm hatte ihn in seinen schwermthigen Betrachtungen
gestrt. Er war nicht zu Bette gegangen. Noch unberhrt stand sein
Abendbrot auf dem Tische. Das Blut kochte in seinen Adern, sein Herz
klopfte ungestm, sein Kopf brannte fieberhaft. Er sprang auf und trat
an's Fenster. Gegenber in =van Vlietens= Hause dmmerte ein mattes Licht,
wie dem Erlschen nahe, hinter einem der Vorhnge. Er ffnete das
Fenster. Seine sehnschtigen Blicke hingen an dem flackernden Lichte.
Das wunderliche Gewisper und Rauschen in den Straen drang vernehmlicher
herauf, aber wie htte =Eobanus= jetzt fr etwas Anderes Sinn gehabt, als
fr seinen =Tobias=, der ohne Zweifel hinter dem matt glnzenden Vorhange
weilte?

O wer jetzt ein Rabe wre oder ein Engelein! seufzte =Eobanus=. Wer
sich nur so hoch zu schwingen vermchte, wie der fabelhafte =Icarus=! Die
Strahlen der Sonne knnten mir nicht schaden in dieser Stunde und =Luna=
ist ja Verliebten gnstig. Nur einen Blick mchte ich werfen durch die
Spalte des Vorhangs, nur ein Weniges sehen von den lieblichen
Knochenspitzen seines Antlitzes, von den langgereckten Gliedern seiner
holdseligen Hnde. Grausames Schicksal, das mich ihm nicht nher
gestellt, das mich nicht zu seiner Tochter oder seiner Schwester
gemacht hat! Wie wollte ich mich stets seines Anblicks erfreuen, wie ihn
schtzen und bewahren vor Allem, was in das Zellgewebe hliche fette
Massen werfen knnte? Und wenn ein pltzlicher, schneller Tod -- das
glcklichste was nach einem Ausspruche des delphischen Gottes dem
Menschen begegnen kann -- ihn trfe, wenn ein schmerzloser Schlagflu
dem kummervollen sublunaren Leben ein Ende machte, wenn ich dann in dem
reizenden Cadaver den Erben des pharaonischen Knigsthrones vor meinen
leiblichen Augen she, wie wollte ich dann erst ihn lieben, wie alle
Mittel der Kunst aufbieten auch die irdische Gestalt zu erhalten mir zur
Erquickung und _in usum_ der Musen! Er erkennt meine Liebe nicht, er
versteht nicht sie zu wrdigen, er duldet sie blos gegen schnde
Vergeltung. Aber Ihr, meine wackern _famuli_, =La Paix= und =Le Vaillant=,
Ihr werdet die geraubte =Helena= zurckbringen, mir verschreibt sich der
Liebliche im Testamente als Legat und dann, =Tobias=, dann wird auch die
glckliche Zeit nicht fern seyn, in der du mir als Eigenthum
heimfllst.

Er hatte in hoffnungsvoller Verzckung die Arme zum Fenster
hinausgebreitet, das glhende Antlitz war nach dem erleuchteten Fenster
im van Vlietenschen Hause aufgerichtet, seine Augen hingen mit dem
Vorgefhle ser Wonne an dem Dmmerlichte hinter dem Vorhange: da
bewegte es sich lauter dicht unter ihm in der Strae, da scho es
rauschend empor und ein mchtiger Wasserstrahl, der heftig und kltend
ihm gerade ins Gesicht fuhr, warf ihn mit unwiderstehlicher Gewalt auf
den Boden des Zimmers nieder. Ehe er sich besinnen konnte, drang noch
ein Strom von Wasser nach, durchnte ihn gnzlich und berschwemmte den
Boden. Sein wissenschaftliches Liebesfeuer war in einem Augenblicke
abgekhlt. Er sprang auf und verschlo instinktmig das Fenster. Aber
wohin sollte er sich flchten in dieser unerwarteten Noth? Er selbst
durchnt, keine trockene Stelle am Boden, wohin er seinen Fu setzen
konnte! Und immer rauschte und strmte es drauen fort an den Wnden und
Fenstern des Hauses, als wenn eine Sndfluth einbrche, als ob
Wasserfluthen gegen ein brennendes Haus geschleudert wrden, und es war
doch Alles dunkel drauen und friedlich, wie in einer gewhnlichen
Nacht! Aber =Eobanus= sah schon klar den Grund seines Migeschicks, er
erkannte, da seine eigene Vergessenheit ihn in die unangenehme Lage
gebracht hatte, in der er sich befand. War denn der vergangene Tag nicht
ein Sonnabend gewesen und war es denn in den gesammten Generalstaaten
nicht lblicher Gebrauch, da in der Nacht vom Sonnabend auf den Sonntag
die Auenseite aller Huser, vermittelst gewhnlicher Feuerspritzen, von
oben bis unten mit Wasser gereinigt wurde? Daran hatte, von seiner
Leidenschaft verblendet, =Hazenbrook= nicht gedacht, er hatte das Gerusch
in den Straen nicht vernommen und also auch nicht gedeutet, er hatte
die Gefahr, in der er schwebte, erst erkannt, als sie wirklich einbrach
und pltzlich seinen sen Schwrmereien ein schmhliches Ende machte.

Er war auf einen Stuhl gesprungen. Zhneklappernd stand er hier und
bemhete sich, von einem Nagel in der Wand einen alten Pelz
herbeizulangen, den er als Schlafrock zu benutzen pflegte. Das
Unternehmen war milich, er konnte einen gefhrlichen Fall auf den
nassen Boden thun. Aber er brachte es glcklich zu Stande, schnell
kleidete er sich um und erreichte dann mit einem verwegenen Sprunge das
Bett, unter dessen thurmhoher Federdecke er seine bebenden Glieder
vergrub. Frher, als er gehofft hatte, fand sich der Schlummer zu ihm.
Die Natur bte ihr Recht und die erschpften Krfte des Professors
lieen, nach dem berstandenen kalten Bade, sich leicht von der Macht
des Schlafes bezwingen, ohne wieder durch erregende Phantasiegebilde zu
neuen Anstrengungen veranlat werden zu knnen.

Wie dieser Tag dem unglcklichen, sehnschtigen =Hazenbrook= langsam
verstrichen war, so gingen noch mehrere vorber. Auch die Nchte glichen
jener ersten Nacht, die er in drstender, wehmthiger Leidenschaft am
Fenster verweilt; nur war er jetzt auf acht Tage hinaus gegen jeden
Angriff von unten gesichert und konnte seine Mondscheinklagen ungestrt
gegen den erleuchteten Fenstervorhang, die Lichthlle des Gegenstandes
seiner Liebe, wie er ihn nannte, ausstrmen. Er wurde von Stunde zu
Stunde melancholischer. Speise und Trank, welche er sonst eben nicht
verachtete, waren ihm jetzt gleichgltig. Die reizendsten Mdchen aus
der Stadt und vom Lande, an denen er in frheren Zeiten so gern die
Muskellehre studirt hatte, konnten jetzt dicht unter seinem Fenster
vorbergehen und er wrdigte sie keines Blickes. Immer nur hing sein
Auge an dem geheimnivollen Vorhange, dem Isisschleier, der sich fr ihn
nicht heben wollte. Nur Abends betrat er auf ein flchtiges Stndchen
die Strae, aber nicht um etwa lustzuwandeln und sich zu entschdigen
fr die selbst auferlegte Gefangenschaft im engen Zimmerchen; nein! er
nahm dann einen Platz im Schatten eines Baumes, dicht neben der Thre
des =van Vlietenschen= Hauses ein. Hier lauschte er in ngstlicher
Spannung auf jedes Gerusch, auf jeden Laut, der sich im Innern
vernehmen lie, er hoffte einen Aufschlu, eine Kunde von seinem =Tobias=
zu erhorchen, aber Alles, was er vernahm, beschrnkte sich auf fern her
tnendes Geklapper mit Tpfen und Schsseln aus der Kche, auf ein
zrtliches Gesprch des Hausknechtes mit der Stubenjungfer hinter der
Thre. Er war untrstlich. Verlie in dieser Abendstunde einer von den
Leuten des Herrn =van Vlieten= das Haus, so befand er sich mit einem
mchtigen Sprunge sogleich an dessen Seite, suchte mit ungemeiner
Hflichkeit eine Unterhaltung anzuspinnen und eine oder die andere
Mittheilung ber des Patrons Wohlbefinden und seinen Gemthszustand
herauszulocken; die Dienerschaft des dicksten Mannes war aber so
wortkarg und wurde bald so grob gegen den zudringlichen Fremden, da
=Eobanus= gnzlich von diesen Entdeckungsversuchen abstand. Seine
Leidenschaft qulte ihn unsglich.

Ich mu etwas Auerordentliches wagen; sagte er eines Abends zu sich
selbst, als er wiederum vergebens den trotzigen Hausknecht auf einem
Gange ber die Strae angeredet hatte. _Aut Cesar aut nihil!_ Wie jener
Rmer dem Staate zu Liebe, strze ich mich zur Ehre der Wissenschaft
und des erlauchten _Lugdunum_ in den feuerigen Schlund. Wagen gewinnt. Der
Lohn ist der That werth.

Er stand zum Sprunge gerstet auf seiner Stelle. Da kam der Diener von
seinem Gange zurck, schlo arglos die Thre auf und trat in's Haus. Ihm
auf dem Fue sprang =Hazenbrook= nach. Aber auch dieses khne Unternehmen
fiel zu seinem Unheile aus. Ehe er noch durch die Thre gelangte, schlug
der Hausknecht diese so gewaltig zu, da des Professors Fu entsetzlich
gequetscht wurde und er selbst mit einem Wehelaute auf das Pflaster
niedersank. Unter den heftigsten Schmerzen und mit der grten
Anstrengung hinkte er in seine Wohnung zurck. Der Seelenqual hatte sich
nun auch krperliches Leiden gesellt; er mute mehrere Tage das Zimmer
hten.

Es war ein heiterer Morgen, als er zum erstenmale wieder die im
Erdgeschoe liegende Schenkstube betrat, um hier sein Frhstck
einzunehmen. Er war sehr trauerig gestimmt. Er hoffte das laute
Treiben, das hier um diese Stunde herrschte, werde ihn zerstreuen. Neben
seiner Hauptsorge um die Erhaltung des Herrn =van Vlieten=, bis die rechte
Zeit gekommen, um dessen mgliche Hinneigung zu etwaiger Corpulenz,
hatten sich nun auch Bedenklichkeiten ber das Schicksal der zwei jungen
Leute in ihm erhoben, die er zur Verfolgung des Herrn =Cornelius van
Daalen= und der schnen =Clelia= abgesendet. Er hrte und sah nichts von
ihnen. Tglich hatte er in's =Wappen von Rotterdam= geschickt und nach
Briefen fragen lassen, aber immer war der Bote leer zurckgekommen. In
welche tdtliche Verlegenheit brachte nicht seine unglckliche Liebe den
Professor? Wo war sein frischer Lebensmuth, wo war seine Freude an der
Wissenschaft, die ihm sonst in so vielfacher Gestalt willkommen gewesen,
hin? Ach, Alles weilte hinter dem neidischen Vorhange des Herrn =van
Vlieten=! Sein besseres geistiges Selbst war dort und er mute, getrennt
von diesem, in einer schnden Kneipe hausen, gemeinen Wachholder trinken
und mit einem Heringe seinen geschwchten Appetit zu reizen suchen. Und
die jungen Leute? Waren sie nicht seiner vterlichen Aufsicht anvertraut
worden von den Eltern? Hatte er sich nicht verpflichtet, sie in _literis
et moribus_ zu bilden und wie hatte er dieser Verpflichtung Genge
geleistet, indem er sie von seiner Person, in deren Umgang ihnen die
Wissenschaften beigebracht werden sollten, entfernt und indem er sie
auf's Geradewohl zu Jungfernraub und Entfhrung ermuntert? Nur der
Gedanke an =Tobias=, an die Zukunft, die seinen lang gehegten, so oft
verfehlten Wunsch endlich erfllen werde, konnte ihn einigermaen
erheben. Er rief den schnen Augenblick wieder in seine Erinnerung
zurck, wo er zum Erstenmale den wrdigen Handelsherrn am Haven von
=Rotterdam= erblickt, wo er trunken vor Entzcken sogleich alle Keime
einer trefflichen Mumie, die seine Kunst zur Entwicklung und Reife
bringen knne, in ihm erkannt, wo das se Feuer der jugendlichen Liebe
ihn wonniglich durchstrmt und er selbst sich gleich mit hoher
Betheuerung gelobt: =Den= mut du haben, um jeden Preis, =der= mu dein
=Amenophis=, dein =Sesostris= werden, =der= mu die Ehre deines Kunst- und
Naturalienkabinets retten und behaupten vor aller Welt!

Begeistert von diesem reizenden Bilde der Vergangenheit, geno =Eobanus=
etwas mehr Wachholder, als gewhnlich. Im Stillen trank er auf das Wohl
seines theueren =Tobias=, aber er war besonnen genug, diesen Wunsch nicht
weiter, als bis zu der Zeit auszudehnen, wo =La Paix= und =Le Vaillant= die
entflohene =Clelia= zurckgebracht haben und die Testamentsclauseln, zu
denen sich der Vater anheischig gemacht, fest und unwiderruflich
niedergeschrieben seyn wrden. Der Himmel schenke ihm ein langes Leben
bis dahin und behte ihn vor Fett! setzte er vergngt hinzu.

An den brigen Tischen wurde indessen sehr lebhaft gesprochen. Die
Gesellschaft bestand hier aus Matrosen, aus Lasttrgern und andern
Leuten, die in groen Handelsstdten ihren Erwerb auf freier Strae
finden. Man unterhielt sich ber die neuesten Kriegs- und Welthndel,
ber den Untergang der spanischen Silberflotte im Haven von =Vigo=, ber
die jngsten Waffenthaten des Herzogs von =Marlborough=.

=Hazenbrook= hatte bis jetzt auf das Gesprch dieser Leute, das von
manchem derben Schiffmannsfluche, von mancher krftigen Bemerkung der
Lasttrger gewrzt wurde, nicht geachtet. Erst als der Name =Cornelius
van Daalen= genannt wurde, horchte er hoch auf und nherte sich auf eine
unscheinbare Weise den Lrmenden.

Die Landratze! fuhr einer von den Matrosen im Tone der Verwunderung
auf. Wer htte ihr das zugetrauet? Der Bursche ging immer so steif und
vornehm in seinem Tressenrock an unser einem vorber, da man ihn eher
fr eine geputzte Segelstange, als fr einen khnen Jungen, der seinen
Hals einmal an ein Wagstck setzt, gehalten htte. Und er selbst hat die
Schebecke in Brand gesteckt, eigenhndig sagst du?

So wahr ich =Peter Trip= heie und ihr mich frei haltet am heutigen
Morgen! erwiederte mit schwerer Zunge der Angeredete und leerte ein
groes Glas. Freilich, mte ich nicht immer wichtiger Geschfte halber
im Haven bleiben, htte ich knnen auf der =Syrene= seyn, als es drunter
und drber ging mit dem berlegenen Spagnol, so htte es eines solchen
Naseweis von Landjunker nicht bedurft, um den Feind in die Luft zu
sprengen!

Wenn sich das mit Saufen thun liee, so wrest du gewi der erste
gewesen! bemerkte, unter dem schallenden Gelchter seiner Genossen, ein
Anderer. Das ist dein wichtigstes Geschft zu Land und zur See.

Lat ihn weiter erzhlen! rief der erste. Ihr werdet ihn bse machen
mit Eueren aufgewrmten Witzen und dann erfahren wir nichts. Da =Peter
Trip= gern trinkt ist eine alte Geschichte hier in =Rotterdam= und wir
wollen Neues hren von Drauen herein!

Er mchte nur gern allen Wachholder in der Welt fr sich allein haben,
sagte =Trip= mit einem giftigen Blick auf den Sptter. Aber ich lasse
mich nicht irre machen, der Ruhm des Schiffes, dem ich angehre, soll
so laut werden, wie ihn =Peters= Mund nur auszubringen vermag und ihr alle
da, die ihr auf Linienschiffen und Fregatten dient, sollt Respect
bekommen vor der Barke =Syrene=, Capitn =Jansen=!

Erzhle nur, lieber =Trip=! bat sein Freund. Trink erst noch einmal!
Das macht die Zunge gelufig.

Weder zu dem einen, noch zu dem andern lie sich =Peter= lange nthigen.
Der lauschende =Hazenbrook= erfuhr nun das kriegerische Abentheuer im
Biesbosch, das unsern Lesern bereits bekannt ist. Der Erzhlende selbst
war von dem Bootsmanne eines Schiffes, welches der =Syrene= am Tage nach
dem Gefechte begegnete, davon unterrichtet worden. Aber =Eobanus= erfuhr
noch mehr. Er hrte, da eine wunderschne Jungfer mit =Cornelius= an Bord
der Barke gewesen, da beide schon am Abende des ersten Tages die =Syrene=
verlassen, um ihre Reise nach =Mastricht= zu Lande fortzusetzen, er
vernahm auch von zwei jungen Leuten, die auf dem nachfolgenden =lustigen
Freier von Rotterdam= sich eingeschifft hatten und, der genauen
Beschreibung zu Folge keine andern seyn konnten, als die Leydener
Studenten =Le Vaillant= und =La Paix=.

Er sah seine Angelegenheit in schnster Blthe stehen, der gedeihlichen
Frucht entgegenreifend. Nichts schien ihm gewisser, als da die zwei
Jnglinge die Spur der Entflohenen gefunden haben muten, da entweder
=La Paix= durch List oder =Le Vaillant=, der ein vortrefflicher Fechter
war, durch Gewalt sich in den Besitz der Jungfrau =van Vlieten= setzen
wrde, um sie ihm zurckzubringen, als Pfand fr des Vaters
testamentarische Verfgung. Er war seelenvergngt und stimmte, ohne an
den Ort zu denken, wo er sich befand, zum Erstaunen aller Anwesenden das
lateinische Lied an:

    _Ecce quam bonum,
    Bonum et jucundum etc._

Das tobende Gelchter der Matrosen ri ihn aus seiner Zerstreuung empor.
Von ihren Spottreden verfolgt, floh er auf sein Zimmer, aber indem er
die Treppe zu diesem hinaufrannte, kam ihm noch ein sehr glcklicher
Gedanke in den Sinn. Konnte er denn die Nachrichten, die er aus dem
Munde des wachholderdurstigen =Peter Trip= gesammelt, nicht zum Vorwande
eines Besuchs bei Herrn =van Vlieten= benutzen? Gab ihm nicht der
glcklichste Zufall Mittel und Wege an die Hand, den Isisschleier, der
sich vor ihm nicht lften wollte, zu umgehen und hinter ihn zu blicken
nach demjenigen, der seiner Sinne und Gefhle Meister geworden? Er
kleidete sich rasch an. Der beste Rock und die Sonntagsweste wurden
hervorgeholt, ein kleiner zierlicher Stahldegen an die Seite gesteckt
und das Seidenhtchen mit der rothen Besetzung, das seine akademische
Wrde bezeichnete, unter den Arm genommen. Er betrachtete sich, nachdem
Alles zu Stande gebracht, wohlgefllig im Spiegel.

Du siehst ja aus, wie ein Brutigam, =Eobanus=? schmunzelte er sich
selbst an. Und bin ich es denn etwa nicht? erwiederte er. Bin ich
nicht ein Brutigam der Musen und will eben hingehen, ein neues
Verlbni mit ihnen zu feiern _per procurationem_ durch einen ihrer
Stellvertreter?

Er mute, um das Haus zu verlassen, seinen Weg durch die Schenkstube
nehmen. Hier war es indessen still geworden. Die Leute waren ihren
Geschften nachgegangen und nur die aufrumende Wirthin erblickte zu
ihrer nicht geringen Verwunderung ihren Miethsmann im Glanze eines
Feiertagsstaates, wie ihn in der guten Stadt =Rotterdam= nur die
hochmgenden Herrn Brgermeister bei festlichen Gelegenheiten zu tragen
pflegten. =Hazenbrook= grte mit einem gndigen Lcheln. Zufllig warf er
einen Blick durch's Fenster nach dem gegenberliegenden =van Vlietenschen=
Hause. Eben schritt, von dem Hausknechte, dessen Derbheit =Eobanus= zum
Oeftern empfunden hatte, begleitet, ein ansehnlicher, sehr wohlbeleibter
Mann, den groen Klappenhut tief auf die borstigen Augenbrauen gedrckt,
die starkgliederige Gestalt in einen schwarzen Talar gehllt, auf den
Eingang los. =Hazenbrook= wurde bei dem Anblicke des Mannes -- er wute
nicht warum, -- von einem unangenehmen Gefhle ergriffen.

O weh! rief die Wirthin, indem sie ihrer Geschftigkeit Einhalt that.
Es mu ein gefhrlicher Kranker drben im Hause seyn. Das ist der
Doctor =Mauritius=, den man gewhnlich nur den Leichendoctor nennt, da er
immer erst gerufen wird, wenn die Kranken schon dem Tode nahe sind und
die meisten ihm dann wegsterben unter der Hand. Er ist der geschickteste
in der Stadt, aber er ist auch so reich, wie geschickt, und geht deshalb
nur zu solchen, die von den andern Doctoren schon aufgegeben worden
sind. Gewilich ist Heer =van Vlieten= selbst der Kranke, denn man hat ihn
schon seit vielen Tagen nicht auer dem Hause gesehen und von Jungfer
=Cltje= und =Philippintje= wird Allerlei gemunkelt, das dem Alten wohl
schwer aufs Herz und in die Glieder gefallen seyn mag. Aber nun ist's
vorbei mit Reichthum und Herrlichkeit -- ich gebe keine Caffeebohne
dafr, da der =Myn Heer= nicht in einer halben Stunde kalt und todt auf
seinem Damastbette liegt; der Doctor =Mauritius= lt nicht mit sich
spaen!

Da mu ich auch dabei seyn! rief =Hazenbrook=, dem der kalte
Angstschwei in dicken Tropfen auf Stirn und Wange getreten war. Wie ein
Pfeil, scho er aus dem Zimmer, ber die Strae hinter dem Doctor her.
Er fand die Thre nur angelehnt, man hatte in der dringenden Eile und in
der Besorgni um den Kranken, der in der That den Besuch des verrufenen
Leichendoctors veranlat, vergessen sie zu verschlieen. =Eobanus= flog,
ohne einem der Hausbewohner zu begegnen, die Treppe hinauf, nach dem
Zimmer, in welchem er jene merkwrdige Uebereinkunft mit Herrn =Tobias=
geschlossen. Es war leer. Nur das Fratzenbild des =Schiwa= grins'te ihn
grauenvoll an, und die Pagoden wackelten, wie zum Grue, mit den
widrigen Kahlkpfen. Er fuhr zurck. Er lauschte ngstlich in den
Gngen, ob er nicht irgendwo ein Gerusch vernhme, das ihm den
Aufenthalt des Ersehnten anzeige. Da hrte er in seiner Nhe Stimmen:
eine schwache, klagende, eine andere, die sich laut und ermahnend
erhob. Nur eine Thre trennte ihn von dem Gemache, in dem gesprochen
wurde. Er legte das Ohr an und horchte. Kein Zweifel! Das war Herrn =van
Vlietens=, ihm so lieblich klingender, heiserer Ton und die andere Stimme
konnte keinem anderen angehren, als dem Leichendoctor. =Tobias= sprach so
leise, da =Hazenbrook= sich vergeblich bemhete, die Worte zu
unterscheiden. Bald aber wurde jener von dem Doctor =Mauritius=
unterbrochen, der sich sehr verstndlich in folgender Weise vernehmen
lie:

Ihr selbst tragt die Schuld Eueres Uebels, =Myn Heer van Vlieten=! Das
heie Clima Indiens hat Euere besten Krfte aufgezehrt und Ihr thut
nichts, sie zu ersetzen, Euch wieder ein Wenig in's Fleisch zu werfen,
das Euch, wie Figura zeigt, an allen Orten und Enden abgeht. Sehet mich
an, =Myn Heer=! Ich bin gesund, weil ich wohl beleibt bin, ich bin
wohlbeleibt, weil ich krftige, nahrhafte Speisen geniee. Was soll aus
Euch werden, wenn Ihr hier fortlebt in derselben Art, wie Ihr in
Batavia existirt? Die scharfen Gewrze, die Likre, das leider
allgemein gewordene Theetrinken, werden Euch nach und nach ganz
aufzehren von innen heraus, so da Ihr vergeht, wie eine Lampe, der das
Oel fehlt. Von dieser Stunde an mt Ihr Euere Dit ndern oder Ihr seyd
in den nchsten acht Tagen dem Schooe der Erde wiedergegeben. Ich werde
zuvrderst fr Euer Mittagsmahl sorgen. Ich schicke Euch Rindfleisch und
Kartoffeln, eine Schpsenkeule mit Gurken, einen Puterbraten mit Reis
und einen Mehlbrei, der Euch, wenn Ihr ihn ein viertel Jahr lang tglich
genossen habt, gewilich das Zellgewebe ausfllen soll mit schner,
spiegelblanker Corpulenz. Dazu eine Flasche alten Rheinwein, die Ihr
leeren mt bis auf den letzten Tropfen. Ladet Euch heitere
theilnehmende Gste ein. Auch ich werde zum Oeftern an Euerer Tafel
erscheinen, um darauf zu sehen, da Ihr mir tchtig esset. Die hliche
Zimmetfarbe Eueres Antlitzes, das Gelb in Eurem Auge -- sie mssen fort,
denn sie sind widerwrtige Zeichen innerlicher Destruction. Essen mt
Ihr, essen -- so viel als mglich, damit Ihr fett, das heit gesund und
glcklich werdet. Sagt es denn nicht schon die Stimme des Volks, die
einen reichen, glcklichen Mann =dick= nennt, da nur in der Corpulenz das
einzige irdische Heil liegt? Und _vox populi vox Dei_: das lasse ich mir
nicht weglugnen!

Dem lauschenden =Hazenbrook= strubte sich das Haupthaar bei diesen
entsetzlichen Rathschlgen, die seinen theuersten Hoffnungen Verderben
droheten. Er konnte nicht lnger ein gleichgltiger, unthtiger Zuhrer
bleiben. Doch besa er Geistesgegenwart genug, um einzusehen, da es
gerathen seyn drfte, den innerlich kochenden Zorn unter uere Milde
und Freundlichkeit zu verbergen. Er ffnete leise die Thre und trat
ein. Das Zimmer war nicht gro, er stand gleich vor dem Lager, auf
welchem der Kranke ruhete, zwischen diesem und dem Doctor =Mauritius=.

Der Herr Collega verzeihen, redete er mit sanfter einschmeichelnder
Stimme, die sich aber bald in den Ton der gereizten Leidenschaftlichkeit
verwandelte, den Doctor an, aber ich kann unmglich, was die Dit des
Patienten betrifft, der gleichen Meinung seyn, die ich zufllig vor der
Thre vernommen! Was ist Gesundheit? Krperliches Wohlbefinden: der
Krper mag nun dick oder dnn seyn! Im Gegentheil ist eine edle
Hagerkeit, welche die ursprnglichen Formen der menschlichen
Leibesgestalt rein hervortreten lt, weit vorzuziehen jener schwammigen
Beleibtheit, die allenthalben, statt schner, wohl und weise von dem
Schpfer berechneter Form, nur monstrse Auswchse, hliche
Balggeschwulste zeigt. Nichts ist auch dem irdischen Leben
nachtheiliger, als wenn die besten Krfte sich im unseligen Fette,
dieser Schmachgeburt der Schlemmerei und Vllerei, verlieren. Wie kann
das Blut belebend die Adern durchstrmen, wenn immer der Schwamm des
Zellgewebes an ihm saugt? Wohin kann die Spannkraft der Nerven noch
wirken, wenn Alles erschlafft ist unter gemeinen sinnlichen Reizen? Habt
Ihr je vernommen, bester Heer Collega, da =Methusalem= Corpulenz besessen
habe? Ist nicht Fettleibigkeit der sichere Vorbote der Schlag- und
Steckflsse, der Gicht und Wassersucht? Hinweg mit ihr! Hager, fettlos
mu die Welt werden, um sich einer dauerhaften Gesundheit zu erfreuen.

Herr =Tobias= sah ngstlich zu dem Doctor hinauf. Er bemerkte, da sich
auf dessen Stirn eine dunkele Wolke zusammenzog, er wollte sie durch
einige entschuldigende Worte zerstreuen, aber ehe er zum Sprechen kommen
konnte, brach das drohende Wetter schon los.

Wer sagt das, wer wagt mir zu opponiren? donnerte =Mauritius= im Tone
der hchsten Erbitterung, den der Angriff auf seine eigene
Persnlichkeit mit sich brachte, den Professor an. Ich habe noch nie
eine _Disputationem_ ber die Kunst des Hypocrates und Galenus
ausgeschlagen, aber, ehe ich mich darauf einlasse, mu ich erst wissen,
ob ich mit einem Manne vom Fache oder einem Ignoranten zu thun habe, als
welchen Euch Euere bisher ausgesprochenen Grundstze darstellen. Sagt
Euern Namen, ich bin der Doctor =Mauritius=, wohlbekannt in den gesammten
Generalstaaten!

Und ich bin =Eobanus Hazenbrook=, erwiederte mit Wrde der
Aufgeforderte, Professor ordinarius der weltberhmten Lugduner
Academie, Custos _theatri anatomici_ daselbst und ein Freund und College
des groen =Boerhaave=.

Des groen =Boerhaave=! spottete =Mauritius=. O, ich habe ihn noch sehr
klein gesehen, diesen groen =Boerhaave=, ehe er das theologische Barett
gegen den medicinischen Doctorhut vertauscht. Damals schrieb er
Predigten statt Recepte und es wre gut, wenn er dabei geblieben wre,
denn seine tolle Neuerungssucht wird die edle Kunst bald in einen blauen
Dunst verwandeln. Ihr also, =Myn Heer=, fuhr der Doctor mit grinsendem
Hohne fort, seyd der Professor =Hazenbrook=, von dem ich schon so vieles
Merkwrdige gehrt? Nun es ist mir in Wahrheit eine unerwartete
Annehmlichkeit, ein so seltsames Exemplar wissenschaftlicher
Monstruositt, wie Ihr dem Rufe nach seyn sollt, in dieser Stunde kennen
zu lernen.

Ein seltsames Exemplar -- eine wissenschaftliche Monstruositt? fragte
erstaunt =Eobanus=. Was wollt Ihr damit sagen?

Also den berchtigten Mumienprofessor sehe ich vor mir, in wahrhafter
leiblicher Gestalt! sprach, ohne sich stren zu lassen, mit beiendem
Spott der Doctor weiter. Da wundert's mich freilich nicht, da Ihr die
Hagerkeit in Schutz nehmt, denn Ihr mchtet gern die gesamte Menschheit
zu =einem= Stockfische ausdrren und sie dann einbalsamiren fr Euere
Naturalienkammer. Der edelste, hchste Zweck der rztlichen
Wissenschaft, Menschenwohl zu erhalten und zu befrdern, ist Euch fremd
geblieben, da er keinen Werth fr Euch hat und Ihr den Menschen erst
anfangt hoch zu achten, wenn er im Begriff ist, seinen letzten Seufzer
auszuhauchen. O, ich kenne Euch wohl und Euer Treiben! Man wei, welche
Versuche Ihr daheim angestellt, man wei aber auch, wie sie Euch
vereitelt worden sind durch die Natur selbst, der Ihr Gewalt anthun
wolltet. Mit Euch consultire ich nicht! Einer von uns beiden ist zu viel
hier, wandte er sich jetzt zu =Tobias=, dem das ruhige Lager indessen
zum glhenden Laurentiusroste geworden war: soll =er= gehen oder =ich=?

Um Gotteswillen, sthnte =van Vlieten=, whrend =Hazenbrook= bei der
unerwarteten Entdeckung seiner, wie er whnte, im tiefsten Geheimnisse
betriebenen Einbalsamirungs-Versuche, stumm und starr seinem Feinde
gegenber stand: ich will ja gern Rindfleisch essen und Brei schlucken
und fett werden, wenn es nur anschlgt! Aber verlat mich nicht, Myn
Heer Doctor! Auf Euch setze ich meine einzige Hoffnung und in dieser
Stunde schwre ich den Gewrzen, dem Likre und dem Thee ab. Schickt mir
fr heute Etwas aus Euerer vortrefflichen Kche, morgen will ich schon
selbst sorgen und es soll braten, sieden und broddeln in meinem Hause,
wohin man nur blickt.

So ist es recht! sagte belobend =Mauritius= und trat auf die eine Seite
des Bettes, um dem Kranken nochmals den Puls zu fhlen.

In seiner Verzweiflung strzte =Hazenbrook= auf die andere und raunte dem
Patienten in die Ohren:

Gedenkt unseres Vertrags! Ich habe schon Nachricht von der Tochter. Sie
hat den Weg nach =Mastricht= genommen, meine Leute setzen ihr nach.

Lat mich in Frieden! entgegnete unwillig =Tobias=. Was habe ich von
der =Cltje= und was hat sie von mir, wenn ich todt bin? Erst mu ich
gesund werden, fett mu ich werden, um Vaterfreuden zu genieen, dann
mag sie wieder kommen und dann mgt auch Ihr Euch wieder einfinden zu
weiterer Besprechung. Bis dahin Gott befohlen!

Ihr habt es vernommen! sagte =Mauritius= gebieterisch, indem er in
triumphirender Haltung vor den Professor trat. Euere Gegenwart ist dem
Patienten lstig, sie kann ihm sogar zu groem Nachtheile gereichen.
Wollt Ihr hartnckig erwarten, da man Euch mit Gewalt entferne? Wollt
Ihr es auf Euer Gewissen laden, da Ihr meinem Kranken durch Euern Trotz
den Appetit verderbt und er dann weder Mehlbrei noch Puterbraten, noch
Rheinwein zu sich nehmen mag, die ihn allein erretten knnen vom nahen
Tode? Fort mit Euch, Heer Mumienprofessor, oder ich rufe das
Hausgesinde!

Alles ist verloren! jammerte aus dem Zimmer strzend =Eobanus=. Er wird
fett oder er stirbt vor der Zeit. Ich bin geprellt, ich bin schndlich
betrogen!

Erst in der stillen Umgebung seines Zimmers fand er die verlorene
Besinnung wieder, aber sein Leben schien ihm de und werthlos. Er
wnschte, er hoffte nichts mehr.




5.


Gegen den Mittag eines ziemlich kalten Novembertages hielt vor einem
einsamen Bauernhofe, nur etwa eine halbe Tagereise von =Mastricht=
entfernt, ein lndliches Fuhrwerk, wie es, sobald es die kalte
Jahreszeit erlaubt, in jenen Gegenden gebruchlich ist. Es hatte die
Nacht gefroren, Kanle und Teiche waren mit einer festen Eishlle
bedeckt, nur die greren Flsse hatten der Gewalt des frh einfallenden
Frostes nicht unterlegen. Das Fuhrwerk, dessen wir gedachten, bestand
aus dem oberen Theile eines Leiterwagens, das auf einer Schleife
befestigt war und mit dieser einen leicht ber die Schneeflur und den
Eisspiegel hingleitenden Schlitten bildete. Die beeis'te Leinwandhlle
ber den Wagen lie nicht entdecken, ob jemand sich im Innern desselben
befand. Den zwei magern Pferden, welche ihn zogen, sah man die Ermdung
und das Bedrfni, bei gutem Futter im warmen Stalle die verlorenen
Krfte wiederzuersetzen, an. Ihre Glieder zitterten, ihre Kpfe waren
tief zur Erde herabgesenkt. Demungeachtet schien der Fhrer, der in
diesem Augenblicke von seinem hlzernen Sitze herabsprang, keinen
lngeren Aufenthalt an diesem Orte zu beabsichtigen. Er rief einen
Knaben aus dem Hause und nachdem er diesem bedeutet, den Thieren Brot
und Wasser zu geben, trat er zu dem Fuhrwerke, ls'te die obere Decke
und untersttzte zwei heraussteigende Frauen mit einer Leichtigkeit und
einem Anstande, die mit dem groben Kittel, der ihn verhllte, im
Widerspruche waren. Die Frauen schienen, wie er selbst, der Umgegend
anzugehren. Ihre Kleidung war lndlich, wohl verwahrend gegen die
Klte, und sie hatten sich so sehr in das weite schwarze Regentuch
verhllt, da man Gestalt und Antlitz nicht zu erkennen vermochte. Die
eine nahm, whrend sie dem Hause zuschritt, den Arm des Mannes, die
andere folgte langsamer nach, indem sie einen Pack trug, dessen uere
Hlle aus der feinsten hollndischen Leinwand bestand.

Im Kamine der Kche glhete ein freundliches Torffeuer. An diesem nahmen
sogleich die Frauen Platz, ohne jedoch noch ein Wort gegen den Landmann
gesprochen zu haben, der ihnen mit freundlicher Einladung bis zur
Hausthre entgegen gekommen war.

Indessen schritt ihr Begleiter unruhig in der Kche auf und nieder. Er
trat bald an's Fenster, an das die immer dichter fallenden Schneeflocken
schlugen, und trommelte an den Scheiben; bald that er einige hastige
Schritte nach dem Hauseigenthmer hin, als wollte er eine Frage an
diesen richten, die ihm sehr wichtig sey, aber ehe er sie noch
vorbrachte, schien er sich eines anderen zu besinnen, und kehrte wieder
zum Fenster zurck.

Der Besitzer des Hofes hatte sich, nachdem er eine Zeitlang vergebens
auf die Anrede seiner Gste gewartet, behaglich in einen weiten
Lehnsessel niedergelassen. Von hier aus beobachtete er ruhig die
Bewegungen und das Benehmen der schweigenden Gesellschaft. Endlich
zeigte sich ein Lcheln auf seinem Angesichte, er stand auf, ging zu dem
Manne hin und sagte mit gutmthiger Freundlichkeit:

Ich errathe, was Euch im Kopfe herumgeht! Ihr seyd ein guter
Niederlnder und mchtet nicht gern mit dem Franzosengesindel, das hier
in der Gegend schwrmt, zusammenkommen. Ich kann Euch das nicht
verdenken, es ist auch nicht meine Liebhaberei. Warum wollt Ihr aber
Euch nicht einem Landsmanne vertrauen? In den ganzen Generalittslanden
ist keiner, der einen wackeren Oranier an den Feind verriethe!

Holland und England! rief der andere, in welchem wir nun den Junker
=van Daalen=, so wie in seinen Gesellschafterinnen =Clelien= und
=Philippintje= erkennen, in einem Tone, als wlze sich eine Last von
seiner Brust: Du hast recht! Kein rechtschaffener Niederlnder verrth
den andern. Die Knste und Schliche, die ich in den letzten Tagen
anwenden mute, um den Streifpartheien zu entgehen, haben mir den Kopf
ganz verwirrt. Dann verlie uns auch, wo die Gefahr am dringendsten war,
der feige Bursche, der uns zum Fhrer diente, mit Wagen und Pferden, ich
mute die elenden Thiere mit dem zerbrechlichen Fuhrwerke kaufen und, da
ich die Wege nicht kannte, oft auf's Geradewohl umherirren.

Sprecht nicht so laut! ermahnte mit warnender Gebehrde der Landmann.
Vor mir seyd Ihr sicher, aber nicht vor anderen, die sich mit halber
Gewalt in mein Haus gedrngt haben.

O, ich bin bewaffnet und habe wohl schon eher die Herren Franzosen
meinen Degen empfinden lassen! antwortete =Cornelius=, indem er seinen
Kittel aufschlug, unter dem sich Pistolen und ein kurzes Schwerdt
zeigten. Sagt schnell, wer ist es und wie viele sind ihrer?

In dem ersten Schrecken ber die Entdeckung, welche sie aus dem Munde
ihres gutmthigen Wirthes vernahmen, hatte eine der Frauen sich rasch
umgewendet und das Regentuch, das beinahe zur Hlfte ihr Gesicht
verhllte, war auf die Schulter niedergefallen. Der fr weibliche
Schnheit keinesweges unempfindliche Landmann sah mit Bewunderung in
=Cleliens= reizendes, durch die freie Luft, der sie einige Tage lang sich
ausgesetzt hatte, in blhender Frische glnzendes Angesicht. Tief
errthend bemerkte sie es und zog langsam wieder das Tuch hinauf.

Auch ohne die Waffen httet Ihr den Kriegsmann nicht verleugnen
knnen! sagte der ehrliche Niederlnder, nachdem er seine freundlichen
Blicke zur Genge auf =Clelien= hatte ruhen lassen, wieder zu =Cornelius=
gewandt, Euer ganzes Wesen verrth Euch. Schon als Ihr ankamet und
Euere Pferde halten machtet, sah ich Euch an, da Ihr nicht gewohnt
seyd, die Handthierung eines Fuhrmanns zu treiben. Ihr hieltet die
Peitsche, wie einen Degen, Ihr schwanget sie, als wolltet Ihr auf den
Feind einhauen. Als Ihr an den Wagen tratet, um die Frauen herabzuheben,
standet Ihr kerzengrade und sahet so khn um Euch, wie ein Feldhauptmann
an der Spitze seines Hufleins. Die Jungfer da, fuhr er auf =Clelien=
deutend fort, ist auch nicht bei uns auf dem Lande gewachsen und ich
wette, es ist dieselbe, der von den wilden Gesellen, vor denen ich Euch
warnte, nachgesprt wird.

Nachgesprt -- =ihr=? fuhr der Junker, von Zorn und Befremden ergriffen
auf, whrend die zwei Frauen ngstliche Blicke auf den Hausbesitzer
richteten. Es ist nicht mglich, niemand kann wissen --

Ihr knnt Euch darauf verlassen! unterbrach ihn mit leiser, behutsamer
Stimme der Landmann. Ihr seyd Herr =Cornelius van Daalen= und das ist
Jungfrau =Clelia van Vlieten=. Man kennt Euch, man hat Euch genannt und
ich bin berzeugt, da diejenigen, welche Euch nachsetzen, nichts Gutes
gegen Euch im Schilde fhren.

Die drei Reisenden waren im hchsten Grade betreten ber diese
Entdeckung. Jeder Gedanke an einen Irrthum mute verschwinden, als ihr
wohlmeinender Wirth die Namen der zwei Hauptpersonen aussprach. Aber wer
konnten diese Verfolger seyn, die eine so genaue Kenntni des Weges
besaen, den das flchtige Paar eingeschlagen hatte? Sie muten, so
dachte =Cornelius=, nothwendig im Auftrage des Herrn =van Vlieten= handeln,
sie waren, wie es ihm bald nicht mehr zu bezweifeln schien, abgesandte
Gerichtspersonen von =Rotterdam=, die sich wenigstens der Geliebten
bemchtigen wollten, um sie in das vterliche Haus zurckzufhren.

Die Wege der Vorsehung sind wunderlich! jammerte indessen
=Philippintje=. Um ein gottgeflliges Werk zu thun, dem entsetzlichen
=Schiwa= auszuweichen und der noch entsetzlicheren Nonnenschaft, sind wir
ausgezogen, gleich dem Volke Israels aus dem Lande Egypten, aber auch
uns verfolgt der grimmige Pharao und ich sehe noch kein rothes Meer, das
uns den Gefallen thun will, ihn zu verschlingen!

Still! gebot, durch den Drang der Umstnde beunruhigt und gereizt,
=Cornelius= nach ihr hin. Seyd so gut, wandte er sich dann zu dem
Hausbesitzer, und gebt mir eine nhere Kunde von den Leuten, die Ihr
meint. Beschreibt mir ihre Personen, nennt mir ihre Anzahl und sagt mir,
ob Ihr sie fr Niederlnder oder fr Fremde haltet?

Einen Augenblick! erwiederte der Landmann, ging hierauf zur Thre und
fuhr, nachdem er diese sorgfltig verschlossen und verriegelt, in jenem
gedmpften Tone, den er bisher beobachtet hatte, fort. Es sind ihrer
vier. Aber nur zwei von ihnen scheinen eigentlich Absichten auf Euch und
Euere Reisegefhrtin zu haben. Die anderen beiden kommen mir vor, wie
ein Paar verlaufene Gesellen, die sich gegen Bezahlung zu jedem Streiche
hergeben und wenn ich nicht irre, so habe ich ihre Galgengesichter
schon am Haven von =Antwerpen= gesehen, wenn ich Viktualien zum Verkaufe
dorthin gebracht. Sie mengen sich auch wenig in das Gesprch jener zwei,
unterhalten sich meist in flmischer Mundart und von niedrigen,
nichtswrdigen Dingen. Jene aber sind ein Paar junge Leute von hbschem,
munterem Ansehen. Sie sagen, sie wren Studenten von =Leyden=, aber ich
halte sie fr verkappte Franzosen, denn, wenn sie auch mit mir
hollndisch reden, so sprechen sie doch unter sich in franzsischer
Zunge, von der ich bei dem Getreidehandel ber die Grenze Manches
verstehen gelernt habe.

Und diese sollten uns nachforschen, uns verfolgen? fiel der Junker im
Tone des Unglaubens und Zweifels ein. Unmglich! setzte er versichernd
zu. Ich kenne diese Leute nicht, ihr Unternehmen ist gewi gegen einen
anderen gerichtet!

Nein, nein! versetzte der redliche Warner rgerlich und
kopfschttelnd. Ihr seyd es und noch mehr die liebliche Jungfrau da,
auf welche sie einen Streich abgesehen haben. Meinen Augen und Ohren
kann ich trauen und woher sollte ich denn Euch, die ich in dieser Stunde
zum erstenmale sehe, bei Namen zu nennen wissen, wenn ich diese Namen
nicht von andern erfahren htte, welchen an den Personen ungemein viel
gelegen ist? Genug! Es war in der Dmmerung des heutigen Morgens, als
mit einemmale Pferdegestampf die Strae herab klang, die Reiter vor
meiner Wohnung hielten und mit heftigem Klopfen und unter wilden
Drohungen Einla verlangten. Ich berzeugte mich bald, da ich mit
meinem fnfzehnjhrigen Knaben den Strmenden einen vergeblichen
Widerstand leisten wrde. Ich ffnete also freiwillig und fragte ruhig
nach ihrem Begehren. Sie aber eilten an mir vorber, gleich die Treppe
hinauf in die besten Zimmer. Hier empfingen mich, der wohl ein ziemlich
saueres Gesicht zeigen mochte, die jungen Leute lachend, versicherten,
ich knne ganz ruhig seyn bei ihrem Besuche, sie stnden fr Alles und
wrden, was ihnen an Speise und Trank nthig sey, bei Gulden und Stber
bezahlen. Zur Bekrftigung ihrer Worte hndigten sie mir ein Stck Geld
ein. Dann aber fingen sie sogleich an, sich sehr genau nach einem Manne
und zwei Frauen zu erkundigen, die am gestrigen Tage hier
vorbergekommen seyn mchten. Sie beschrieben Euch und Euere
Reisegefhrtinnen auf das Deutlichste, sie nannten, indem sie in dem
Wahne, ich verstehe sie nicht, franzsisch mit einander sprachen, Euere
Namen und einer von ihnen schwur, er msse Euch die Tochter des Herrn
=van Vlieten= abjagen und solle er Euch bis an's Ende der Welt verfolgen!
Sie sagten, wenn Ihr noch nicht vorbergezogen wret, so mtet Ihr
heute durchaus ankommen, sie htten die sichere Spur. Jetzt habt Ihr
Alles vernommen, was ich wei. Ihr seyd ein guter Hollnder, deswegen
halte ich zu Euch. Wren nur noch ein Paar Mnner, wie wir im Hause, so
wollten wir schon fertig werden mit den fremden Schelmen -- und doch,
wenn ich's bedenke -- setzte er unruhig die Mtze rckend hinzu -- ich
knnte Euch nicht ffentlich beistehen, denn hier an dem abgelegenen
Orte mu ich jeder Parthei Freund scheinen. Aber Ihr selbst werdet
jetzt am Besten wissen, was Ihr zu thun habt, um in Frieden Alles
auszugleichen, denn gewilich sind Euch die Leute bekannt und Ihr
durchschaut den Grund Ihres Betragens.

Ich will ein Franzose werden, wenn ich sie kenne und mehr von ihnen
wei, als was Ihr mir gesagt habt! betheuerte =Cornelius= und ging bewegt
im Zimmer auf und nieder. O ich frchte sie nicht, fuhr er zu sich
selbst sprechend fort, und wollte ihnen wohl den Weg zeigen, aber --
=Clelia=! Nein, nein! Sie darf keine Gefahr mehr laufen. Der Mann hat
Recht. Wir mssen dem seltsamen Handel auf friedlichem Wege auszuweichen
suchen!

In diesem Augenblicke rief ihn das geliebte Mdchen mit sanfter Stimme
zu sich heran.

Ich wei, Ihr seyd khn und muthig, Junker =Cornelius=, sagte sie, aber
bezwingt diesesmal jede Aufwallung, die uns Allen Nachtheil und mir
vielleicht um Euretwillen schweren Kummer bringen drfte. Ja, =Cornelius=,
Ihr seyd mir theuer und jede Gefahr, die Euerem Leben droht, jeder
Tropfe Eueres Blutes, der in einem solchen Streite vergossen werden
knnte, wrde mich unglcklich und elend machen. Lat uns still wieder
den Wagen besteigen und unseren Weg fortsetzen. So gelingt es uns
vielleicht, diesen unbekannten, rthselhaften Verfolgern zu entgehen.

=Cltje=, du sprichst wie ein Buch! stimmte ngstlich =Philippintje= ein.
Ja! Wir wollen wieder in den Wagen, wir wollen fort.

Der Landmann aber trat kopfschttelnd zu ihnen heran und sagte:

Ihr irrt, wenn Ihr glaubt, da Ihr nicht bemerkt und erkannt worden
seyd! Die zwei jungen Leute haben Falkenaugen und seit dem frhen Morgen
liegen sie schon hinter den Fenstern, um zu spioniren. Kein Hofknecht im
schlechten Kittel, kein Butterweib im Regentuche ist vorbergegangen,
ohne da nicht einer von ihnen herabgeschossen wre, wie der Blitz, um
sie nher zu untersuchen. Bei Euch verhalten sie sich still. Das kommt
daher, weil sie ihrer Sache gewi sind. Aber sie schmieden gewi einen
Anschlag, wie sie Euch am Sichersten angreifen, wenn Ihr an nichts
denkt. Lat mich einmal hinauf! Ich will in dem dunkeln Kmmerchen, das
an ihr Zimmer stt, einmal lauern und lauschen. Da ist jedes Wort zu
vernehmen, da kann ich durch eine Spalte in der Bretterwand selbst jede
ihrer Bewegungen beobachten.

Unbegreiflich! sprach der Junker, der sich einem vergeblichen
Nachsinnen ber die wunderliche Angelegenheit hingegeben hatte. Aber,
wit Ihr was? Nehmt mich mit! Nichts soll meine Gegenwart verrathen, das
gelobe ich Euch. Vielleicht klrt sich, wenn ich die unbekannten Gegner
sehe, in einem Augenblicke Alles auf, ein unschdlicher Irrthum
entrthselt sich und wir knnen in aller Sicherheit einige Stunden der
Ruhe bei Euch zubringen, deren die Frauen so sehr benthigt sind.

Nach einem kurzen Bedenken willigte der Hausbesitzer ein. Whrend
=Philippintje=, am Feuer sitzen bleibend, trben Gedanken nachhing und
=Clelia= durch das Fenster auf die weiten Schneegefilde blickte, begaben
sich die zwei Mnner, durch eine Hinterthre der Kche ein schmales,
dsteres Treppchen hinauf, zu dem Orte, der ihren Absichten in jeder
Beziehung entsprach. In dem finsteren Kmmerchen hrten sie jedes Wort,
das in dem benachbarten Zimmer laut wurde, durch die Wandritze sah
=Cornelius= ganz deutlich diejenigen, die aus einer unerklrlichen Ursache
die Geliebte ihm entreien wollten.

Seine Blicke verweilten nicht lange bei den unbedeutenden Gestalten der
zwei schmutzigen Bursche, die in einem Winkel saen und in dummer
Erwartung vor sich hinsahen. Sie richteten sich sogleich auf die
wohlgekleideten Jnglinge, die in unruhiger Bewegung auf und
niederschritten und in einem Wortstreite begriffen schienen. =Cornelius=
hatte sie schon gesehen. Ein augenblickliches Nachdenken belehrte ihn,
da dieses am Bord des =lustigen Freiers von Rotterdam= geschehen sey, er
ahnete zugleich, da sie damals schon in dem Unternehmen begriffen
gewesen, das sie jetzt wiederum in seinen Weg fhrte.

_Caddis!_ rief der eine von ihnen mit Heftigkeit. Die Gelegenheit ist
da, so gut wir sie nur wnschen knnen. In fnf Minuten ist Alles
abgethan. Wir rcken dem Sire =Cornelius= mit dem Degen auf den Leib, er
mu das Mdchen herausgeben und wir fhren sie auf demselben Wagen, der
sie hierher gebracht, im Triumphe zurck nach =Rotterdam= zum Professor
=Hazenbrook=. Er harrt unserer gewi noch im Gasthofe und finden wir ihn
da nicht mehr, so mu die Schne mit nach =Leyden= wandern, wo dann der
Professor das Weitere verfgen wird.

Es ist nicht mglich, dich zu Ruhe und Besonnenheit zu bringen!
versetzte mit einer Sanftmuth, die sehr gegen die Heftigkeit seines
Gefhrten abstach, der andere. Es wrde an Tolldreistigkeit grenzen,
wenn wir hier, wo der Wirth es sicherlich mit ihm hielte, wo in den
Stllen und Scheunen ein Anzahl Knechte versteckt seyn kann, die auf den
ersten Wink gegen uns stnde, einen Angriff auf den muthigen Kriegsmann
wagen wollten, der gewi gut mit Waffen versehen ist und sie auch zu
gebrauchen versteht. Nein, =Le Vaillant=, das ist nichts! Wir bleiben
hbsch ruhig und still hier oben. Wir beobachten mit Luchsaugen Alles,
was bei dem Wagen vorgeht. Ungehindert lassen wir sie einsteigen und
abfahren. Sind sie aber ein Paar hundert Schritte entfernt von diesem
Hause, dann auf unsere Pferde, ihnen nach in gestrecktem Gallopp, dem
Junker =Cornelius= die Pistole unter die Nase, ehe er sich dessen
versieht, er herunter vom Bocke, wir hinauf, unsere vier Pferde noch
vorgespannt -- und querfeldein fort ber Stock und Stein!

Der Erstere machte keine weitere Einwendung. Er schien sich schweigend
der besseren Ansicht seines Cameraden zu unterwerfen.

=Cornelius= hatte genug gesehen, genug gehrt. Die Namen =Hazenbrook=
und =Le Vaillant= klangen ihm wie Arabisch. Alles war ihm noch
unbegreiflich, nur war er jetzt vllig von den feindlichen Absichten,
welche die, wie Studenten gekleideten, zwei jungen Leute gegen ihn und
=Clelien= hegten, berzeugt. Nichts anderes, als eine Kriegslist konnte
aus dieser kritischen Lage helfen, wenn es nicht zu einem Handgemenge
kommen sollte, dessen Ausgang sehr zweifelhaft war. Indem er seinen
Fhrer die dunkele Treppe hinabzog, strengte er vergebens seine Gedanken
an, irgend ein Rettungsmittel zu ersinnen.

Er sah sehr verstrt aus, als er zu den Frauen in die Kche
zurckkehrte. =Clelia= trat ihm mit forschenden Blicken entgegen. Sie
schien ruhig, aber ihr Inneres war in groer Bewegung. =Philippintje= warf
nun einen Blick auf den Junker. Sie glaubte ihr Todesurtheil in seinen
Zgen zu lesen, sie brach in lautes Weinen aus.

Ich habe Diejenigen gesehen, hob =Cornelius= an, die sich, aus einer
mir unbegreiflichen Ursache, ein Geschft daraus machen, uns in einer
feindlichen Absicht zu verfolgen. Sie wollen Euch mir entreien, Euch
einem gewissen =Hazenbrook= zufhren, von dem ich nie etwas gehrt habe.
Bei dem Degen des groen Marlborough! Ich frchte sie alle Vier nicht
und gedchte es mit ihnen aufzunehmen, oder wrde gern untergehen im
Kampfe fr Euch; aber was sollte dann aus Euch werden, ohne Freund, ohne
Beschtzer hier im fremden Lande?

=Hazenbrook?= wiederholte =Clelia=, in Nachdenken verloren. Auch ich
habe diesen Namen niemals vernommen.

Er klingt wie Indisch! versicherte jammernd =Philippintje=. Gewi ist
es ein Gtze, wie der =Schiwa=, und wir als schuldlose Jungfrauen sollen
ihm zum Opfer gebracht werden!

Ich glaube, ich habe das Mittel gefunden, die sauberen Gesellen um die
Frucht ihrer Mhen zu bringen und ihnen eine Nase zu drehen, die von
hier bis =Mastricht= reicht, nahm jetzt der Landmann, der bisher in einer
nachsinnenden Stellung hinter dem Junker gestanden hatte, das Wort. Sie
wollen sich ruhig halten und warten, bis Ihr Euch in den Wagen
zurckbegeben habt und abgefahren seyd? Sie mgen warten! Sie sollen,
wenn Ihr anders meinen Rath befolgt, noch stundenlang am Fenster stehen
und sich die Augen aus dem Kopfe sehen nach Euerer Abreise, whrend Ihr
schon wenigstens halbweg =Mastricht= seyd und dann von ihnen nichts mehr
zu befrchten habt. Hrt mich an! Allenthalben ist das Wasser der Teiche
ausgetreten auf die Wiesen, dann ist es gefroren und von hier bis zum
Ziele Euerer Reise ist die herrlichste Schlittenbahn von der Welt. Ihr
seyd ein Hollnder. Ein tchtiger Hollnder luft jedes Pferd zu
Schanden, wenn er Schlittschuhe unter den Fen hat. Ich gebe Euch zwei
Stuhlschlitten, in diese packen wir die Frauen, den einen fhrt Ihr, den
andern mein Junge und der Bse mte sein Spiel haben, wenn Ihr die fnf
Stunden bis zur Stadt nicht vor Abend zurcklegtet. Ich lasse Euch zur
Hinterthre hinaus. Die oben warten und warten -- wann die Dmmerung
nahet, trete ich ganz gleichmthig an den Wagen, spanne aus und ziehe
die Thiere in den Stall. Dann mgen sie kommen und fragen -- mir soll es
nicht an Antworten fehlen! Was sagt Ihr zu dem Anschlage?

Nassau und Oranien! rief =Cornelius=, indem er den Mann in der Freude
seines Herzens umarmte. Er ist vortrefflich, er ist nicht mit Geld zu
bezahlen!

=Philippintje= aber stand zitternd auf und seufzte:

In einem Schlitten soll ich fahren? Ueber's Eis? Einbrechen,
ertrinken?

Niemand hrte auf sie. Whrend der wackere Hausbesitzer seinem Sohne die
nthigen Erffnungen machte, Schlitten und Schlittschuhe in den
gehrigen Stand setzte, nahmen die Reisenden einige Erfrischungen zu
sich, wie sie der lndliche Haushalt ihres Wirthes darbot. =Clelia= war
jetzt ruhig und gefat. Wo sie eben nur dunkele, rthselhafte Nacht
erblickt hatte, erschien ihr trstlich und freundlich wieder ein
Hoffnungsstern. Sie sprach ihrer Gefhrtin Muth ein. Sie stimmte einen
scherzhaften Ton an und brachte es wirklich bald dahin, da =Philippintje=
anfing, ihre Besorgnisse zu verbannen und sich sogar auf die Lustfahrt
im Schlitten freuete.

Jetzt kam der Landmann zurck. Alles war fertig, Alles zur Abreise
bereit. Sie entfernten sich leise durch die hintere Thre des Gemaches;
sie schlichen durch dunkle Gnge, durch die gerumigen Viehstlle, durch
den Garten. Das Schneegestber hatte aufgehrt. Nur eine dnne
durchsichtige, weie Flordecke lag auf dem weiten Eisspiegel, der sich,
als sie aus dem Garten traten, ihren Blicken bot. Des Wirthes Knabe
harrte hier mit Schlittschuhen und Schlitten. Vergebens bemhete sich
=Cornelius=, dem Manne eine Belohnung aufzudringen.

Ihr kommt schon einmal wieder! antwortete er. Bis dahin hat es Zeit.
Euer Fuhrwerk und Euere Pferde bleiben mir ja ohnehin im Versatze,
fgte er lchelnd hinzu.

In dem Augenblicke ihrer Abfahrt brach die Sonne durch Wolken. Sie
rthete =Clelia's= Wangen und lie das blhende Mdchen in einem
Himmelsglanze erscheinen, der =Cornelius= mit Entzcken und den
nachsehenden Landmann mit Bewunderung erfllte.

Mit Windeseile flogen die Schlitten ber die silberglnzende Eisdecke
hin. =Cornelius= hatte seit seinen Knabenjahren fr einen Meister im
Schlittschuhlaufen gegolten; aber der Sohn des Wirthes bertraf ihn,
wenn auch nicht an Zierlichkeit der Bewegungen, doch in Gewandtheit und
Geschwindigkeit bei Weitem. Das mute =Philippintje= zu ihrem oftmaligen
Schrecken und Entsetzen erfahren. Er machte die knstlichsten Drehungen
und Schleuderungen mit dem Schlitten, in dem sie sa, er fuhr sie wie
toll im wirbelnden Kreise herum, er zog sie lange Strecken hindurch
hinterrcks fort und wenn sie dann anfing, zu schreien und zu schelten,
so lachte er hell auf, sprach ihr freundlich zu und versicherte, das sey
hier zu Lande die Manier, ihre Mdchen und Weiber schrieen auch, aber
sie shen es doch gern und, weil man das wte, kehrte man sich nicht
daran. Er begann dann von Neuem sein neckendes Spiel, ohne sich jedoch
jemals von dem Junker weit zu entfernen, der, seine schne Last vor sich
hin schiebend, alle Krfte aufbieten mute, um nicht hinter dem
flchtigen Knaben zurckzubleiben.

Der Landmann war in der Gartenthre stehen geblieben und hatte ihnen so
lange nachgesehen, wie seine Blicke sie erreichen konnten. Er wnschte
ihnen alles Glck auf den Weg. =Cornelius= offenes treuherziges Wesen
hatte ihn angesprochen, und der Eindruck, den =Clelia's= Schnheit auf ihn
gemacht hatte, war von jenen Gefhlen des Wohlwollens begleitet, die wir
denjenigen, die durch einen persnlichen Vorzug sich in unseren Augen
auszeichnen, so gern zu widmen geneigt sind. Er ging in das Haus, in das
Gemach zurck, wo noch am Kamine der Stuhl stand, auf dem das schne
Mdchen gesessen hatte. Ein zufriedenes Lcheln schwebte auf seinen
Zgen. Er glaubte ein gutes Werk gethan zu haben, er mute sich im
Stillen ber die Tuschung der Laurer im ersten Stocke lustig machen. Er
horchte nach ihnen hin. Alles war ruhig. Sie standen gewi in gespannter
Erwartung am Fenster und gedachten, in jedem Augenblicke die reizende
Beute, die sie schon in ihrem sicheren Besitz sahen, aus dem Hause
treten zu sehen, sie standen gewi bereit, sogleich, wenn es ihr
Anschlag mit sich brachte, hinabzustrmen, ihre Pferde zu besteigen und
das Werk zu vollfhren, das, nach ihrem Wahne, ihnen gar nicht
fehlschlagen konnte! Der Landmann mute laut auflachen, wenn er sich das
in seinen Gedanken ausmalte. Um die Tuschung fortzusetzen, ging er
hinaus zu den Pferden, gab ihnen zu trinken und warf ihnen Heu vor, als
sollten sie sich zu der ferneren Reise vorbereiten und strken. Ein
Blick nach den Fenstern des oberen Stocks belehrte ihn, da die zwei
jungen Leute ihren Lauerposten nicht verlassen hatten. Ihr steht mir
gut dort! dachte er. Ergtzt Euch nur noch ein Paar Stunden, an der
freien Aussicht, die Ihr oben habt; dann mgt Ihr ausfliegen wohin Ihr
wollt, meine Eisvgel holt Ihr doch nicht ein.

=Le Vaillant= und sein Gefhrte -- in diesem haben unsere Leser schon
lngst den Leydener Studenten =La Paix= wiedererkannt -- befanden sich
indessen in jenem peinigenden Zustande, den das Gefhl der Erwartung
einer nahen Catastrophe, des heranrckenden Momentes, in dem sich der
Ausgang eines noch zweifelhaften Unternehmens entscheiden mu, in
seinem Gefolge hat. Sie waren in jener Nacht, in der wir sie verlieen,
glcklich zu einer einsamen Kstenwohnung gelangt, sie hatten die
vorberfahrende Barke =Syrene= bestiegen, allein, indem sie hier gewi
=Clelien= und =Cornelius= zu finden glaubten, sich in ihren Hoffnungen
getuscht gesehen. Aber sie kannten ja das Reiseziel der Flchtlinge! In
=Antwerpen= waren sie an's Land gestiegen. Frische Geldsummen, die sie
hier bei einem befreundeten Handelshause aufnahmen, setzten sie in den
Stand, Pferde zu kaufen und zwei Diener zu miethen, die sie bei ihrem
Unternehmen untersttzen sollten. Sie schlugen den nchsten Weg nach
=Mastricht= ein, aber =La Paix= gebrauchte die Vorsicht, seine Leute zum
Oefteren seitwrts in's Land zu schicken, um hier nach den Verfolgten zu
forschen. So gelang es ihm, die Spur der Flchtlinge zu finden. Schon
frher wrde er sie ereilt haben, wre nicht der Junker =van Daalen= von
der rechten Strae ab, auf Seitenwege gerathen, auf welchen die
Nachsetzenden ihn nicht vermutheten. Deshalb gewannen sie auch den
Vorsprung einer halben Tagereise vor ihm. In dem einsamen Gehf, zu dem
sie am heutigen Morgen gelangt waren, beschlossen sie auf gut Glck hin,
einen Tag zu rasten. Sie waren nun berzeugt, da die Flchtlinge hier
noch nicht vorbergezogen seyn konnten, sie sahen endlich, wie wir
wissen, am Mittage dieses Tages eine Hoffnung erfllt, die ihnen schon
so oft fehlgeschlagen war.

_Morbleu!_ sagte =Le Vaillant= zu seinem Freunde, der nur Augen fr das
unten harrende Fuhrwerk zu haben schien, nachdem beide schon ber eine
Stunde am Fenster gestanden und nutzlos auf einen Umstand gelauert
hatten, der ihnen die baldige Abfahrt der Flchtlinge anzeigen mchte.
=Die= sitzen fest am Kamin und machen uns wohl die Zeit noch lang, ehe
wir uns auf die Klepper werfen knnen, um ihnen den Spa zu verderben.
_Sandis!_ Du httest meinen Rath annehmen sollen. Jetzt wre Alles gethan,
wir htten das Vgelchen im Kficht und wren schon auf dem Rckwege
nach der Heimath, wo unser wrdiger Professor gewi mit sehnschtig
geffneten Armen den Preis fr seinen Amenophis Pharao erwartet. Du
wirst es noch erleben, da wir endlich, wenn wir meinen, die Huldgestalt
zu fassen, nur in einen blauen Dunst greifen und daran ist nichts
anderes schuld, als deine ewige Bedenklichkeit, dein endloses Zaudern.
_Caddis_ --

Still, sie kommen! unterbrach ihn =La Paix= und seine Blicke glnzten.
Aber es war nur der Landmann, der wohlgemuth aus dem Hause trat und den
Pferden Futter vorwarf. Nichts destoweniger nahmen die Studenten seine
Erscheinung als eine gnstige Vorbedeutung auf. =Le Vaillant= nahm seinen
groen Raufdegen von der Wand und grtete sich damit, ebenso =La Paix=.
Die beiden Gesellen, deren bles Aussehen eher ein Paar Wegelagerer
vermuthen lie, als die Diener zweier Musenshne, erhoben sich und
dehnten, wie zu baldiger Thtigkeit und zum bevorstehenden Handgemenge,
die gedrngten starkgliedrigen Gestalten, die ebenfalls mit Pistolen und
kurzen Degen wohl versehen waren.

=Le Vaillant= rieb sich zufrieden die Hnde, whrend sein Freund wieder
ungeduldig zum Fenster trat. Der Landmann war verschwunden. Alles wieder
still, wie zuvor.

Die Weiber knnen nicht aus dem Neste kommen! grollte =Le Vaillant=,
nachdem er an die Seite seines Gefhrten getreten war. _Morbleu!_ Htten
wir es nur mit Mnnern zu thun, so wren wir lngst im freien Felde mit
ihnen aneinander und du solltest sehen, da keiner vermag vor =Le
Vaillant's= Schwerdt zu bestehen!

Die Gelegenheit wird schon kommen, wo du deine Heldenthaten an den Mann
bringen kannst; erwiederte kaltsinnig =La Paix=. Jetzt richte deinen
Muth gegen dich selbst und bekmpfe deine Hitze, deine Ungeduld.

=La Paix= war, durch seines Freundes unaufhrliche Aufforderungen gereizt,
nun hartnckig geworden und bestand fest auf seinem Sinne, obschon sich
in einzelnen Augenblicken eine gewisse Besorgni ber die Richtigkeit
seiner Ansicht in ihm regte. Immer hatte =Le Vaillant= eine Art von
Oberherrschaft von Seiten seines Landsmannes anerkannt. Dieser unterwarf
er sich auch jetzt, zwar mit Widerwillen, aber nicht ohne alles
Vertrauen, das auf so viele gnstige Erfolge des Freundes in hnlichen
Fllen begrndet war.

Aber noch eine Stunde verging in der Pein des Harrens, eine andere
schlich ebenso mit Schneckenschritt vorber und nichts vernderte sich
in der Lage der Verbndeten. Die Abenddmmerung nherte sich. Viele
Landleute, Mnner und Weiber, kamen aus den benachbarten Stdtchen, wo
ihr lndlicher Handel sie hingefhrt hatte, zurck und kehrten in dem
einsamen Hofe ein, um hier, wie sie es gewohnt waren, zu bernachten und
morgen in der Frhe des Tages ihren Weg nach der entlegenen Heimath
fortzusetzen.

Jetzt war der Augenblick der Enttuschung gekommen. =La Paix= mute sehen,
wie im vollen Gelchter mit anderen Landleuten und mit Gebehrden, die
den Studenten und seine Begleiter deutlich genug als den Gegenstand
seines Spottes bezeichneten, der Wirth aus dem Hause trat, die Pferde
ausspannte und das Fuhrwerk, das die schne =Clelia= getragen hatte, unter
Dach schob. Er bi sich in die Lippen. Er trat hastig vom Fenster zurck
und sagte mit rgerlicher gepreter Stimme:

Wir sind betrogen! Ich durchschaue die ganze Geschichte, den listigen
Streich, den man uns gespielt hat. Der Wirth ist ein Spitzbube. Er hat
uns verrathen, er hat die Beute, die uns schon sicher war, lngst weiter
geschafft, whrend er uns mit dem ruhig wartenden Fuhrwerke genarrt.

_Sandis!_ so mssen wir ihm den Hals brechen; fuhr =Le Vaillant= wild auf
und legte die Hand an den Degen.

Versuche es nur! entgegnete spitz sein Freund. Die fnfzig rstigen
Bauernhnde, die dem Schelm jetzt zu Gebote stehen, werden dir die Lust
dazu schon vertreiben. Ehe du ihm an die Gurgel kommst, werden die
Dreschflegel so auf deinem Rcken herumtanzen, da du dein Lebelang
nicht wieder gerade gehen kannst. Aber es ist kein Augenblick zu
verlieren! Wir mssen ihnen nach. Fhrt die Pferde vor! rief er den
Dienern zu. Vielleicht ist uns die Nacht gnstiger, als der Tag.

Sie strmten die Treppe hinab. In der Thre der Kche stand der
Hauseigenthmer, hinter ihm ein Haufe von Bauern, mit feisten,
wohlgenhrten Gesichtern. Sie hielten die derben Knochenfuste, wie zum
Angriffe gerstet, empor, sie lachten laut auf, als sie die
Herabeilenden erblickten.

Ihr wollt schon fort? rief der Wirth mit scheinbarem Bedauern, hinter
dem der Schalk sich verbarg, ihnen zu: Gewi den andern nach? Ja, da
mt Ihr Euch eilen, denn die sind schon vor mehr als drei Stunden
abgereis't, so rasch und auf so flchtigem Fuhrwerk, da sie in diesem
Augenblicke wohl vor den Thoren von =Mastricht= halten knnen.

Die Studenten wrdigten ihn keiner Antwort. =Le Vaillant= scho einen
wthenden Blick nach ihm hin. Aber auer einem: _Caddis!_ das ihm
unwillkhrlich zwischen den Zhnen hervordrang, lie er keine
Verwnschung, keine Drohung laut werden. In wenigen Augenblicken standen
die Pferde bereit. Mit wilder Hast schwangen sich die Jnglinge auf und
flogen, wie vom Sturmwinde gejagt, in die winterliche Gegend hin. Die
Diener folgten ihnen nach. Bald war das Gerusch ihrer Rosse verhallt.
Ein lauer Sdwind strich ber die Flche und erweichte und lockerte die
Eis- und Schneedecke, die auf den Gewssern und auf dem Lande ruhete.




6.


In einem lieblichen Thale, das die Wellen der Maas durchschneiden, liegt
die Stadt =Mastricht=. Freilich sah man jetzt nichts von dem Grn der
Ufer, das im Frhlinge und Sommer, in weiten blumendurchwirkten
Wiesenflchen sich hindehnt, und der Reiz, der dieser Gegend in einem
geringeren Grade auch im Winter bleibt, war jetzt von den Schatten der
Abenddmmerung verhllt! Aber dennoch wurde sie von drei Reisenden, die
eben einen Hgel erstiegen hatten, auf dem sich ihnen die aus der Stadt
herberglnzenden Lichter wie freundliche Sterne zeigten, als das Ziel
einer mheseligen und selbst nicht gefahrlosen Wanderung begrt. Die
drei Reisenden waren =Cornelius= und seine Begleiterinnen. Sie hatten in
einer geringen Entfernung von der Stelle, wo wir sie finden, die
Schlitten verlassen mssen, da ihnen der Sohn ihres wohlwollenden
Wirthes auf dem einsamen Gehf erklrte, er msse bei dem beginnenden
Thauwetter nothwendig umkehren, um noch, ehe das Eis auf den Wiesen
gnzlich aufgels't sey, glcklich die Heimath zu erreichen. Der Junker
erkannte die Billigkeit dieses Verlangens und man entschlo sich, den
etwa noch dreiviertelstndigen Weg bis zur Stadt zu Fu zurckzulegen.
=Cornelius= selbst belastete sich mit =Cleliens= Gepck, die ruhig und ohne
eine Klage ber die Beschwerden, welche sie zu ertragen hatte, an seiner
Seite hinschritt. Um so lauter ertnte =Philippintje's= unermdlicher
Jammer.

Es geschieht mir schon recht! keuchte sie, indem sie sich bemhete,
mit den andern gleichen Schritt zu halten. Ich habe mich verblenden
lassen von dem Mammon, ich mu zu Grunde gehen, weil ich das goldene
Kalb angebetet. Htte ich nur das Tabakrauchen vertragen knnen! Jetzt
se ich als eine vergngte und glckliche Braut in der warmen Cajte
bei Frau =Beckje= und =Herrmanneke=, mein Hochzeiter besuchte mich, wenn es
die Arbeit erlaubte, und brchte mir eine Herzenserquickung. Aber was
habe ich hier? In Schnee und Eis mu ich waten, Hunger und Kummer leiden
und jeder Augenblick kann mein letzter seyn auf diesen schlpfrigen
Wegen, wo des Menschen Fu nicht haftet und alle Gebete, die ich in der
Angst meines Herzens ersinne, den Schritt nicht fester und sicherer
machen. Ich wei wohl, ich habe es verdient, auch um =Herrmanneke= habe
ich es verdient. Warum schickte ich ihm sein Goldstck wieder und
verlangte meinen Ring zurck? >Du sollst Eltern und Heimath verlassen,
du sollst ihm folgen ber Land und Meer,< sagt die Schrift. Ach, ich
habe schwer gesndigt und ich frchte, nahe ist das Stndlein des
Gerichtes!

Man hatte sich schon so sehr an ihre Klagen gewhnt, da man nicht mehr
darauf hrte. =Clelia= stand neben =Cornelius= und blickte in's Thal hinab,
aus dem die Lichter heraufschimmerten.

Welcher freundliche Anblick! sagte sie. Diese glnzenden Punkte
verbannen in einem Augenblicke das drckende Gefhl des Fremdartigen,
der Verlassenheit aus unserer Seele. Es ist, als sprche uns ein
geselliger Geist aus ihnen an, wir fhlen uns den Menschen nahe, deren
Treiben sie erhellen. Es dnkt uns, als gewhre schon ihr ferner
Schimmer einen Schutz, dessen wir bisher entbehrten, und das Vertrauen
in unserer Brust nimmt zu und wir sind fast gewi, an der Sttte Freunde
zu finden, von der uns ein so willkommener Gru geworden.

Halt! Was ist das? sprach =Cornelius= mit gedmpfter, aber bewegter
Stimme, indem er die Geliebte, die so eben den Fu hob, um in's Thal
hinabzuschreiten, zurckhielt. Ich hre Waffengerusch, ich vernehme
schwere Tritte, wie von kriegerisch geordneten Reihen, die im Marsche
begriffen sind!

Er hielt den Odem zurck und horchte. =Clelia= schmiegte sich ngstlich an
ihn.

Das ist das jngste Gericht, das heranrckt; faselte =Philippintje=.
Jetzt werden sie gesondert werden, die Rechten von den Linken, die
Lmmer von den Wlfen --

Still! gebot der Junker so ernst, da die Hausjungfer
zusammenschreckend die fernere Rede, die noch auf ihren Lippen schwebte,
tief in ihr Inneres zurckschluckte.

=Cornelius= hatte sich nicht getuscht. Eine dunkele Masse bewegte sich
einen Hohlweg heran, eine andere rckte, tiefer im Thale, am Fluufer
nach der ruhig und unbesorgt scheinenden Stadt hin. Sein kriegskundiger
Blick lie ihn sogleich erkennen, da sie in der Stunde in die Nhe von
=Mastricht= gelangt seyen, wo von einem feindlichen Heerhaufen ein
Ueberfall der Stadt versucht werden sollte. O was htte er darum
gegeben, wenn er jetzt mit flchtigen Schritten an den Feinden vorber
eilen, mit lautem Rufe zu den Waffen die Besatzung aus ihrer
verderblichen Sicherheit htte aufschrecken knnen? Aber ein Gegenstand
hherer Besorgni lag ihm nher. =Clelia's= ngstliche Blicke hafteten an
den seinigen. Sie hatte er in diese Verwirrung, in diese Gefahren
gerissen; sie mute er schtzen und retten.

Ich kann es Euch nicht verhehlen, flsterte er ihr zu: Die
Heranziehenden sind Franzosen. Der Weg nach der Stadt ist uns
abgeschnitten. Es kann zu blutigen Auftritten kommen. Wir mssen uns
bemhen, ein sicheres Versteck zu finden. Haltet Euch nur stark und
aufrecht, theuerste =Clelia=!

Seyd unbesorgt um meinetwillen! versetzte =Clelia= mit fester Stimme.
Jetzt kenne ich die Gefahr, jetzt fhle ich mich wieder stark und
gefat zu jedem Unternehmen. Sagt, was zu thun ist: in bin bereit!

Verlat mich nur nicht! flehete =Philippintje=, indem sie sich an den
einen Arm des jungen Mannes klammerte. Sind es Franzosen, so bin ich
wirklich noch bler dran, als wenn das jngste Gericht kme, denn ich
verstehe kein Franzsisch und knnte nicht Rede und Antwort geben.

Da stiegen pltzlich zahllose Leuchtkugeln aus der bedroheten Stadt
empor in den dunkeln Abendhimmel und breiteten sich hier zu groen
feuerigen Garben aus, welche die weite Gegend im hellsten Lichtglanze
erscheinen lieen. Man erkannte die Haufen der Feinde, die im Eilschritt
an beiden Ufern der Maas heraufrckten, zwischen den Reisenden und der
Stadt zeigte sich ein verwirrtes Treiben kriegerischer Gestalten.

Der junge Kriegsmann konnte seine Freude nicht unterdrcken.

Hoho, sie schlafen nicht! jubelte er laut. Sie haben nur die Augen
zugehalten, um den vorwitzigen Feind zu betrgen. Jetzt wird's losgehen,
jetzt werden sie gut hollndisch mit ihm sprechen.

Auch aus =Cleliens= Blicken strahlte die Begeisterung der Vaterlandsliebe!
Sie verga ihrer eigenen Gefahr, sie hatte nur Sinn fr das groe
Ereigni, das sich unter ihren Augen entwickelte. Aber in welchem
entsetzlichen Zustande befand sich dagegen =Philippintje=? Auf einer
wsten Insel, selbst ohne die Gesellschaft =Herrmanneke's=, wre sie in
diesem Augenblicke lieber gewesen, als hier, wo mit Feuer und Licht, mit
Pulver und Blei, kein Spa getrieben wurde!

Whrend die Leuchtkugeln aus der Stadt mit Blitzesschnelle einander
folgten und das Geschtz von den Wllen Vernichtung in die Reihen der
anrckenden Feinde schleuderte, zog der dunkele Haufe, den =Cornelius=
zuerst bemerkt hatte, mit so wenigem Gerusche als mglich, immer nher
den Hohlweg herauf. Am jenseitigen Fluufer hatten jetzt die Franzosen
ebenfalls Geschtze auffahren lassen und beantworteten das Feuer der zu
ihrem Empfange gersteten Gegner. Mit berechnender Langsamkeit wich der
Junker vor Denjenigen, die gerade auf sie zu den Hgel heran rckten,
zurck. Er drngte die Frauen seitwrts, um aus der Richtung, die jener
dunkele Haufe nahm, zu kommen, und wenn er sich durch diese Bewegung
immer weiter von der Stadt entfernte, so sah er auch recht wohl ein, da
unter den gegenwrtigen Umstnden nicht daran gedacht werden knne, in
diese zu gelangen. Sie wurden immer mehr in schrger Richtung den Hgel
hinaufgedrngt. =Clelia= folgte mit Ruhe und Aufmerksamkeit, indem sie
leicht ihren Arm auf den seinigen gelegt hatte, seinen Bewegungen;
=Philippintje= aber hing wie eine schwere Last an ihm, sie sprach nichts,
sie seufzte auch nicht mehr, sie befand sich in einer Geistesstumpfheit,
die sie jedes eigenen Entschlusses, des Willens ber sich selbst unfhig
machte.

Der dunkele Haufe, der den Flchtlingen Gefahr drohete, war indessen aus
dem Hohlwege auf ein Terrain gelangt, wo sich seine einzelnen Glieder
mehr entwickeln und rascher vorwrts bewegen konnten. Die Verlegenheit
des jungen Kriegsmannes stieg von Augenblick zu Augenblick. Er sah ein,
da es die Absicht der Feinde sey, die Spitze der Anhhe zu gewinnen,
um sich hier festzusetzen, indem sie zugleich den unteren Theil zu
umzingeln bemht waren, um die Ausfhrung ihres Plans zu untersttzen.
Immer blieb ihm nur der schmale Weg seitwrts brig und selbst diesen
konnte er nur mit groer Besorgni fr seinen theuern Schtzling
betreten, da die Geschtze auf den Wllen der Stadt nun auch anfingen
ihre Kugeln nach dieser Richtung zu senden, was er, aus dem whrend
seiner kriegerischen Laufbahn oft genug vernommenem Sausen und Schwirren
um und ber ihm, nur zu gut erkannte. Er drngte jetzt rascher auf
seinem Pfade vorwrts; er mute frchten durch die Feinde, die sich
jetzt nach allen Seiten um den Hgel zerstreueten, abgeschnitten zu
werden. Die Erfahrung, die er in frheren Feldzgen gesammelt, kam ihm
jetzt sehr zu statten. Indem er sich mit seinen Begleiterinnen im
Schatten von Hecken und Buschwerk hinschlich, beobachtete sein scharfes
Auge Alles, was vorging, er berechnete voraus, welche Stellen sie den
Andrngenden, die ihm der Lichtglanz der Leuchtkugeln zeigte, am Besten
verbergen wrden, er hoffte schon in kurzer Zeit den Hgel umgangen und
das geliebte Mdchen in Sicherheit gebracht zu haben. Aber ein einziger
Augenblick sollte mit einemmale seine Hoffnungen vernichten! Er hatte
eben im Schatten eines Weidenbaumes Halt gemacht, um seine Gefhrtinnen
Odem schpfen zu lassen, als pltzlich eine nahe in seinem Rcken, von
dem Gipfel der Anhhe aufsteigende Masse von Leuchtkugeln den ganzen
Hgel mit Tageshelle berglnzte, so da jeder Baum, jeder Strauch, da
die Uniformen und Waffen der heranziehenden Franzosen zu erkennen waren.
Diese sahen ihr bisher verborgen gehaltenes Unternehmen verrathen. Mit
wildem Geschrei strzten sie jetzt den Hgel hinauf, von dessen Spitze
der Donner der Kanonen ihr regelloses Gewehrfeuer beantwortete.

Das ist ein Sturm auf die Schanze! rief =Cornelius=, die ganze Gre der
Gefahr einsehend. Fort! Fort! Wir befinden uns zwischen den Strmenden
und den Vertheidigern. Nur immer links zur Seite! Nur noch hundert
Schritte und wir sind glcklich heraus!

In wilder Hast ri er die Frauen mit sich fort. Er warf, um weniger in
den eiligen Bewegungen, welche die Umstnde erforderten, gehindert zu
seyn, =Cleliens= Gepck, das er bisher noch auf dem Rcken getragen hatte,
von sich. =Clelia= flog leicht, wie ein Reh ber die schlpfrige
Schneeflche hin, =Philippintje=, von tdtlicher Angst getrieben, bot alle
Krfte auf, um nicht zurckzubleiben. Eine Vertiefung, ein dunkler
Einschnitt, der die Anhhe hinauflief, lag vor ihnen. Diesen suchte der
Junker zu erreichen; hier gedachte er mehr Sicherheit und Schutz fr die
Frauen zu finden. Indessen zischten immer neue Leuchtkugeln von der
Stadt und von der Schanze ber ihren Huptern auf. Die Geschtze beider
Vertheidigungspunkte donnerten in mchtiger Vereinigung. Die Kanonen der
Gegner am Fluufer blieben ihnen keine Antwort schuldig und das
Gewehrfeuer wurde ringsum allgemein, so da =Cornelius= mit kriegskundiger
Umsicht erkannte, es msse ein Ausfall aus der Stadt gemacht worden
seyn, dem vielleicht ein hnlicher Versuch aus der Schanze die Hand
bieten werde.

Ihre Lage wurde immer milicher. Wie ein geheztes Wild flogen sie ber
den Boden hin, allein die Feinde drngten allenthalben heran, sie
schienen der Erde zu entsteigen. Mit einer raschen Bewegung schleuderte
=Cornelius= die schwarzen Regentcher von den Schultern seiner
Begleiterinnen, die sie auf der glnzenden Schneedecke verrathen
konnten. Allein diese Vorsicht kam zu spt. Sie waren schon von einigen
feindlichen Soldaten, die hinter einem Busche verborgen gelegen,
entdeckt. Sie sahen sich verfolgt. Ausrufungen, sie zum Stehen zu
bringen, Flche und Verwnschungen klangen hinter ihnen her und wurden
in Augenblicken, wo der Kanonendonner ruhete, um desto krftiger wieder
zu beginnen, von den ngstlich Lauschenden vernommen. Sie eilten
unaufhaltsam weiter, aber die Verfolger sumten auch nicht. =Cornelius=
erkannte ihre Gestalten in geringer Entfernung, er sah, wie sie jetzt
stehen blieben, ihre Feuergewehre anlegten, und wenige Augenblicke
darauf hrte er die Kugeln, die sich das theuerste Leben zum Ziele
gesetzt hatten, zu seinem Entzcken unschdlich vorber pfeifen. Zur
hchsten Wuth gereizt, ri er im Fliehen seine Pistolen aus dem Grtel
und scho sie auf die Nachsetzenden ab. Er mute getroffen haben, er
vernahm einen Schrei, er gewann einen Vorsprung, indem die Gegner einige
Augenblicke bei dem verwundeten Cameraden verweilten.

Die Flchtlinge standen jetzt in der dsteren Vertiefung, die der Junker
frher fr eine Stelle gehalten hatte, welche ihnen Sicherheit gewhren
knne. Aber die Nhe der Verfolger machte jetzt auch diese Hoffnung sehr
zweifelhaft. Er vernahm schon wieder ihr wildes Gebrll, das Gerusch
ihrer herannahenden Schritte, den Knall ihrer Musketen, die sie auf's
Geradewohl abfeuerten. Er sandte ngstliche, verzweiflungsvolle Blicke
umher, die in der Dmmerung, welche hier herrschte, irgend einen sichern
Versteck erforschen sollten. Da zeigte ihm das Licht einer Rakete, die
aus der Mitte eines feindlichen Haufens am Flussesufer, wahrscheinlich
zu einem bedeutungsvollen Signale, aufstieg, eine dunkele, in das Innere
des Berges fhrende Oeffnung.

Da hinein! sthnte er aus gepreter Brust und drngte die zgernden
Frauen nach dem Hhleneingange. Hier allein ist Rettung zu hoffen.
Diese Zuflucht wird vielleicht gar nicht entdeckt und im Nothfalle kann
ein einzelner Mann den schmalen Eingang gegen ein Dutzend solcher
Schurken vertheidigen.

Sie traten in die finstere Wlbung. Schon wurden die dunkelen Gestalten
der Verfolger am ueren Rande der Vertiefung sichtbar, man hrte, wie
sie einander zuriefen und nach den Verschwundenen forschten.

=Cornelius= hatte fr nichts anderes Sinn, als fr die Gefahr, in der
=Clelia= schwebte. Er hatte mit beiden Hnden seine Begleiterinnen
ergriffen und zog sie tiefer in die Hhle, die sich weit in das Innere
der Erde auszudehnen schien. Er horchte zurck. Welche Beruhigung fr
ihn, als er kein Gerusch vernahm, das auf eine Entdeckung ihres
Schlupfwinkels durch die Nachsetzenden schlieen lie! Dunkelheit umgab
sie von allen Seiten. Er lie jetzt nur =Clelien= eine Hand, whrend er
sich mit der andern an den feuchten Hhlenwnden hingriff. =Philippintje=
fate mit beiden Hnden die freigebliebene ihrer Gebieterin. Der Boden,
auf dem sie hinschritten, war eben und schien aus einem dnngelockerten
Sande zu bestehen, der ihrem weitern Gange keine Schwierigkeiten
entgegenstellte. Bald befanden sie sich so tief im Schooe der Erde, da
sie das Musketenfeuer nur wenig noch vernahmen und selbst der Donner der
Geschtze, dumpf wie aus weiter Entfernung, ber ihren Huptern
hinrollte. In dem Gewlbe selbst waltete tiefes Schweigen. Kein anderer
Laut war zu vernehmen, als die Schritte der Flchtigen, als ihre
Odemzge, die sich schwer der angsterfllten Brust entrangen.

Ueber eine Viertelstunde weit mochten sie in dem finstern Hhlenschlund
vorwrts gedrungen seyn, als =Cornelius= Halt machte und in einem Tone,
als wlze sich eine Centnerlast von seiner Brust, ausrief:

Ihr seyd gerettet, theuere =Clelia=! Hrt Ihr, wie Kampf und
Blutvergieen weit von uns fern sind, als gehrten sie einer andern Welt
an, die mit unserem Leben in keiner Verbindung steht, die das Euere
nicht bedrohen kann? Nassau und Oranien! Sie werden gut bedient die
Heern Franzosen. Sie glaubten still und unbemerkt als ungeladene Gste
zum Mahle zu kommen, aber man hatte sie erwartet, man hatte fr sie
zugerichtet, um sie nach Verdienst zu bewirthen und sie heimzusenden,
wenn sie satt wren des reichlichen Gastmahles.

Ich bin Zeuge eines groen Schauspieles gewesen, sagte das Mdchen,
indem sie in die Dunkelheit starrte, in deren tiefem Hintergrunde ihre
Phantasie einzelne Gegenstnde des erlebten Ereignisses erscheinen lie:
ich habe zum Erstenmal den ganzen Werth des Gefhls, ein ruhmwrdiges
Vaterland zu besitzen, erkannt. Glaubt nicht, Junker =Cornelius=, da
meine Seele einen Augenblick gezagt habe, nur der Krper war nicht immer
stark genug, der Gewalt der ueren Eindrcke zu widerstehen.

Es ist vorbei mit mir! begann mit schwacher Stimme =Philippintje= und
setzte sich, ohne jedoch =Cleliens= Hand los zu lassen, am Boden nieder.
Hier werdet Ihr meinen letzten Seufzer hren, hier werdet Ihr mich
begraben. Der Schreck hat mir nichts gethan, die Kugeln haben mich nicht
getroffen, aber die Dunkelheit, die entsetzliche, furchtbare Dunkelheit,
in der jedwedes Unglck unbemerkt heran kommen kann, weil man es nicht
sieht, =die= bringt mich um's Leben.

Beruhige dich, =Philippintje=! trstete =Clelia=. Deine beste Freundin
ist dir nahe und in Junker =Cornelius= haben wir einen Beschtzer, der uns
in keiner Gefahr verlt.

Beruhigen? lachte convulsivisch die Hausjungfer. Kann der Junker
sehen in dieser egyptischen Finsterni? O, =Cltje=, die Nacht ist keines
Menschen Freund! Am Himmel, wo die lieben Englein wohnen, da ist es
hell, da scheint die Sonne, da leuchtet der Mond, da glnzen die
Sternlein: alles Licht gehrt dem Himmel! Aber die Dunkelheit ist
schwarz, schwarz wie der grliche Schiwa in Eueres Vaters
Staatszimmer, schwarz, wie der hochwrdige Domine die Hllengeister
beschreibt. Ich habe es gesagt: hier ist mein Grab. Wir kommen nimmer
wieder heraus an das Tageslicht.

Da fhlte pltzlich =Clelia= die Hand des Junkers, die in der ihrigen lag,
heftig erbeben. Sie nahm voll Besorgni seinen Arm; sie bemerkte, da
gewaltige Schauer seinen ganzen Krper erschtterten, er wankte, er
hielt sich sogar einen Augenblick an seiner Begleiterin aufrecht.

Um Gotteswillen, was ist Euch? rief diese, von Schrecken erfllt.
Wird Euch unwohl, hat Euch ein Schwindel ergriffen?

O, da nur ich es wre, da nur mich das grliche Schicksal trfe, dem
wir nun Alle nicht entgehen knnen! brach er im Tone der hchsten
Verzweiflung aus. Gerettet wret Ihr, sagte ich? Ich Thor -- ich
unbesonnener, vergelicher Thor! Ihr seyd verloren, =Clelia=, mit weit
entsetzlicherer Gewiheit verloren, als Ihr es mitten unter dem Feuer
der Geschtze, verfolgt von den beutegierigen Feinden waret! Die Kugel
ist vom Zufalle geleitet, in der Brust des Menschen wohnt Erbarmen, ein
wohlwollendes Gefhl fr die schwcher Geborne; aber hier, hier -- und
ich selbst, ich Unglckseliger, fhrte Euch herein!

Ein Schluchzen, das der bitter aufsteigende Groll gegen sich selbst
hervorbrachte, erstickte seine Stimme. Seine Hand bebte nicht mehr; aber
sie hielt die Rechte =Cleliens= krampfhaft gepret, sie erschtterte diese
in unwillkrlichen Zuckungen.

Erklrt Euch deutlicher! flehete das Mdchen, mehr von inniger
Theilnahme an dem beunruhigenden Zustande ihres Freundes, als von Furcht
vor dem ihr noch unbekannten Gegenstande seiner Aufregung, bewegt. Sagt
mir Alles. Ich bin nicht so schwach, wie Ihr vielleicht glaubt. Ich habe
zwar nur eine kurze Lehrzeit in der Schule der Erfahrungen gemacht,
aber, seyd berzeugt, sie ist mir nicht nutzlos vorbergegangen.

Es wrde auch zu nichts fhren, das Unabwendbare Euch verbergen zu
wollen; erwiederte mit erknstelter Ruhe, whrend die krampfhaften
Zuckungen seiner Hand fortdauernd den Sturm im Innern verriethen, der
Junker. Wir befinden uns hier in einem weiten Grabe, aus dem es keine
Erlsung giebt, als durch den Tod. Diese Gnge, in die wir uns schon zu
tief verirrt, sind endlos, tausendfach verschlungen, auf viele Stunden
weit hinfhrend in ihren unzhligen Windungen. Habt Ihr nie von dem
=Petersberge= gehrt, nie von dem wunderbaren Bau seines Innern, der seit
vielen Jahrhunderten durch Menschenhnde gebildet worden, indem sie ihn
nach allen Richtungen hin ausgehlt, um seine herrlichen Mauersteine zu
gewinnen? Die Dunkelheit vor Euren Blicken verbrgt Euch den weit
gewlbten, vielleicht haushohen Gang. Nur die Bewohner der Umgegend sind
mit den labyrinthischen Wegen, die ihn durchkreuzen, bekannt. Aber auch
sie wrden nicht wagen, diese ohne Licht zu betreten. Wehe dem, welchem
die Fackel, dieses einzige schwache Werkzeug der Lebenserhaltung, dieser
Brge fr den Wiederanblick des himmlischen Tageslichtes, erlischt!
Wehe uns, die meine Tollheit, die ein unseliges Verhngni in diesen
Aufenthalt des unentrinnbaren Todes gefhrt hat!

Ich habe es ja gesagt! sthnte =Philippintje= in dumpfem Hinbrten vom
Boden auf. An der Dunkelheit mssen wir sterben.

Macht Euch keine Vorwrfe! Rechnet Euch das nicht zum Fehler an, was
der Drang des Augenblickes gebieterisch verlangte! nahm =Clelia= mit
bewunderungswrdiger Gelassenheit das Wort. Meint Ihr, es gbe keinen
Fhrer, der auch in der Nacht dieser Grfte ber uns wacht, dessen Hand
uns leitet, dessen Odem uns umweht? fuhr sie dann begeistert fort. Wie
eitel ist nicht Menschenhlfe und Menschenthun auf Erden? Unser
Vertrauen mu hher wohnen. Auch ber diesem Berge wlbt sich das
Himmelszelt und der Fhrer, von dem ich spreche, durchschaut Felsen und
Gestein und sein liebevolles Auge leitet diejenigen, die nicht an ihm
zweifeln. O =Cornelius=, Ihr habt mich wenig gekannt, wenn Ihr glaubtet,
die Offenbarung unserer Lage wrde mich niederbeugen! Besser hier, als
drauen im blutigen Zwiespalt des Weltgewhls, besser in der Hand
Gottes, als in =der= der Menschen!

Und dennoch -- fuhr in diesem Augenblicke der Junker auf und es war
ihm, als erhelle ein Blitz die Nacht, die sie verhllte, und dennoch
ist eine Mglichkeit der Rettung denkbar. Noch dauert das Schieen, noch
dauert auerhalb der Streit. Was andern Verderben, uns kann es Rettung
bringen. Ja, =Clelia=! Wir wollen diese Stelle verlassen, wir wollen dem
Schalle von Auen nachgehen, vielleicht erreichen wir glcklich wieder
den Eingang, vielleicht -- O kommt nur, kommt! Die Augenblicke sind
kostbar. Wie leicht knnen nicht in dem nchsten schon diese Geschtze
verstummen, wie leicht ist nicht die letzte schwache Hoffnung
vernichtet!

Sie begannen auf's Neue die mhsame Wanderung durch die dunkeln Rume.
=Cornelius= drngte =Clelien= in unruhiger Hast vorwrts, =Philippintje=
hatte sich wie frher angeschlossen. Bald tnte das Schieen nahe, bald
wieder ferne. Die uerste Aufmerksamkeit gehrte dazu, sich immer in
einer bestimmten Richtung zu erhalten, da das ganze Innere des
=Petersberges= eigentlich nur =ein= ungeheueres Gewlbe bildet, von
unzhligen dicken Sandsteinpfeilern getragen, zwischen denen sich die
tausendfltigen Gnge hinwinden. Und welche Brgschaft war, da man in
der eingeschlagenen Richtung nicht schon irre? Klangen doch die immer
seltener werdenden Schsse bald rechts, bald links, bald vor den
Bedrngten, bald ber ihren Kpfen!

Dennoch waren sie es allein, die =Cornelius= Hoffnung aufrecht hielten.
Als sie jetzt nur in langen Zwischenrumen noch ertnten, schien ihm ein
jeder wie ein neuer Ruf zum Leben, wie ein Gru der bald eintreffenden
Hlfe. Seine bebende Hand griff sich von Pfeiler zu Pfeiler, hastige
Worte, von zitternder Lippe ausgestoen, suchten =Clelien= mehr zu
beruhigen, als sie dessen bedurfte.

Endlich war der letzte Kanonendonner ber ihre Hupter hingerollt, matt,
hinschwindend, wie das Abschiedswort eines Sterbenden. In unsglicher
Spannung wartete =Cornelius= auf einen folgenden. Es kam keiner. Sein Herz
pochte schwer, das Blut erstarrte in seinen Adern, Minuten schlichen wie
Stunden vorber. Alles blieb still, nur die Odemzge der Verlassenen,
=Philippintje's= Sthnen, das von Zeit zu Zeit diese unterbrach, tnten in
die schweigende Nacht.

Ohne zu wissen, was er that, drngte der Junker seine Begleiterinnen
noch eine kurze Strecke fort. Dann blieb er stehen und sprach in einem
leisen Tone der Entsagung:

Der Kampf ist zu Ende und mit ihm unsere letzte Hoffnung!

Er bemerkte, indem er an der Bergwand hintastete, eine Stelle, die wie
ein Ruhesitz ausgehauen war. Hier lie er =Clelien= nieder. Er setzte sich
neben sie. Die ltere Begleiterin nahm auf der anderen Seite Platz.
=Philippintje= konnte die fr ihre Krfte bermige Anstrengung nicht
lnger ertragen. Sie fiel nach wenigen Augenblicken in einen tiefen
Schlaf.

=Cornelius= befand sich in einem qualvollen Zustande. Er konnte den
Gefhlen, die sein Herz zerrissen, nicht Worte leihen. Selbst der sanfte
Hndedruck der Geliebten, mit dem sie ihm die Versicherung zu geben
schien, da sie ihr Schicksal nicht schmerze, da sie ruhig in eine
Zukunft sehe, die ihm so grlich dnkte, konnte keinen flchtigen
Trost, keinen Augenblick der Ruhe in seine Seele bringen. Trostlos,
erbittert gegen sich und das Verhngni starrte er in die de, todte
Nacht.

Aus dieser Geistesdumpfheit wurde er pltzlich durch einen hellen,
klingenden Ton, ganz in seiner Nhe, erweckt. Er fuhr von seinem Sitze
auf, ohne jedoch die Hand =Clelia's= loszulassen, welche, selbst betroffen
ber den Klang, der so unerwartet die rings herrschende Stille
unterbrochen hatte, zusammengefahren war. Er griff mit der freien
Rechten, soweit er reichen konnte, umher, er berhrte einen feuchten,
steinigen Gegenstand, den seine Hnde umspannen konnten, der, frei vom
Boden in die Hhe stehend, die Gestalt eines dnnen Baumstammes zu haben
schien.

Der Zufall hatte sie an die Stelle gefhrt, wo eine seltsame Laune der
Natur, mitten im Dome des =Petersberges=, zwischen dessen unendliche
Sandsteingeklfte eine Tropfsteinader eingeschoben hat. Dieses im Laufe
von Jahrhunderten erzeugte Gebilde ist das einzige dieser Art in dem
weiten, unterirdischen Raume. Die Leute, denen das Innere des
=Petersberges= nicht fremd ist, kennen es wohl und bezeichnen es in ihrer
Unwissenheit und nur mit Bercksichtigung seiner ueren Merkmale, mit
dem Namen des =versteinerten Baumes=.

=Cornelius= war nur im Allgemeinen von dem Wunderwerke, das sich hier im
Schooe der Erde verbarg, nicht von dessen Einzelnheiten unterrichtet.
Er glaubte nicht anders, als da er glcklicherweise auf ein von
Menschenhnden errichtetes Kennzeichen, auf eine Art von Wegweiser
gestoen sey, der denjenigen, die mit seinen nheren Beziehungen
vertraut waren, den Ausgang aus den labyrinthischen Gngen erleichtern
konnte. Die ausgehauenen Sitze in der Steinwand schienen seine
Vermuthung zu besttigen. Er theilte sie, indem ein Strahl von Hoffnung
in seine Seele drang, =Clelien= mit.

Ich kann mich noch nicht in den Gedanken ergeben, Euch, in dem Wahne
Euch zu retten, in das sichere Verderben gefhrt zu haben! fgte er in
einem Tone, der die fortdauernde Bewegung seines Innern zeigte, hinzu.
Nein, nein! So schrecklich kann eine einzige Unbesonnenheit nicht
bestraft werden. Lat mich noch einen Versuch wagen! Dieses Merkmal ist
nicht umsonst hier aufgestellt. Wer wei, ob es mir nicht gelingt, den
Rettungsweg, auf den es hindeutet, zu finden? Als ich genthigt war,
selbst die Leitung unseres Fuhrwerkes zu bernehmen, dachte ich wohl
nicht, da an den Fden der Stricke, mit denen ich auf den Nothfall mich
versehen mute, die Mglichkeit einer Hlfe aus dem entsetzlichsten
Verderben geknpft sey! Ja, =Clelia=, ich hoffe, von dem Geschicke, das
unsere Schritte so wunderbar geleitet, auch das Werkzeug erhalten zu
haben, Euer theueres Leben zu retten! Lat mich nur machen! Schon fhle
ich mich von schner Hoffnung belebt, mein alter Muth, mein
Selbstvertrauen sind zurckgekehrt!

Noch whrend er sprach, war er bereits beschftigt gewesen, die
einzelnen Fden der Stricke, mit denen er sich umgrtet hatte,
loszuwickeln. Er knpfte sie aneinander, das Band, das er aus ihnen
bildete, wuchs rasch zu einer bedeutenden Lnge, obschon die herrschende
Dunkelheit ihm seine Arbeit sehr erschwerte.

Ihr habt Recht! nahm indessen =Clelia= das Wort. Die Pflicht der
Selbsterhaltung, welche die Vorsehung in die Seele des Menschen gelegt,
gebietet uns, auch das Letzte zu versuchen, wie der Schiffbrchige nach
einem dnnen Zweig greift, um, indem er sein Leben zu retten bemht ist,
den letzten Zoll des Dankes fr dieses Geschenk abzutragen. Man hat mir
von einem Mdchen des Alterthums erzhlt, das ihrem Geliebten in einem
hnlichen Falle ein Gespinnst von ihren Hnden mitgab, das ihn auch
glcklich wieder an das Tageslicht zurckfhrte. Geht, =Cornelius=! Ihr
mt allein gehen, wie der Freund jenes Mdchens, denn ich darf die
Arme nicht verlassen, die keiner weiteren Anstrengung fhig ist. Geht
und sucht einen Rettungspfad! Aber wenn Ihr zurckkehrt und es ist Euch
nicht gelungen, ihn zu finden, so lat Euch nicht von allzu groem
Schmerze ergreifen -- Gott hat wohl noch andere Mittel, uns zu helfen,
und die Stunden der Prfung gehen schnell vorber.

Ich bin darauf vorbereitet, allein zu gehen; versetzte der junge Mann.
Auch Euere Krfte drfen nicht mehr erschpft werden, als sie es schon
sind. Es knnen Augenblicke kommen, in denen ein geringer Grad von mehr
oder minderer Strke ber Leben und Tod entscheidet! Ja, =Clelia=, ich mu
Euch verlassen; aber ich kehre hoffentlich als ein Bote der Rettung
zurck. Dasselbe unbedeutende Werkzeug, das uns diese bringen kann,
fhrt mich auch wieder in Euere beseligende Nhe.

Unter diesen Worten hatte er das eine Ende des Fadens fest um den
einzeln stehenden Pfahl geschlungen, den er fr ein von Menschenhnden
errichtetes Werk hielt. Oft stieg, whrend dieser Arbeit, der Gedanke
in ihm auf, sein Versuch knne doch unntz seyn, er knne ihn vielleicht
ganz von =Clelien= trennen; aber er entfernte den qulenden Gedanken mit
Gewalt aus seiner Brust und gab nur der Hoffnung Raum, Hlfe und Rettung
zurckzubringen. Er sagte der Geliebten auch kein Lebewohl, er drckte
ihr nur die Hand und der Gegendruck, den er empfand, erhhete seinen
Muth und sein Vertrauen. An dem Pfahle hatte er eine erhhete Stelle
gefunden, die ihm die Richtung zu bezeichnen schien, welche er nehmen
msse. Mit khner Hoffnung auf sein gutes Glck trat er die zweifelhafte
Wanderung an. Seine Hand hielt den verhngnivollen Faden. Bald waren
seine Schritte in den weiten Gewlben verhallt.

=Clelia= hatte ihnen nachgelauscht, so lange sie sie vernehmen konnte. Als
sie verstummten, ergriff sie ein sehr natrliches Gefhl von
Bengstigung, von Verlassenheit, das nur durch =Philippintje's= Nhe, die
sich durch die schweren Odemzge der Schlafenden bemerklich machte,
durch den Klang des in gemessenen Zwischenrumen niederfallenden
Wassertropfens, einigermaen beruhigt wurde. Die milde Luft, die in dem
eingeschlossenen, gegen jeden Zudrang strmischer Winde geschtzten Raum
herrschte, wirkte wohlthuend auf =Clelien=. Aber auch sie empfand die
Folgen der Anstrengungen des Tages. Ihre Augenlieder sanken schwer herab
und sie hatte Mhe, sich des Schlafes zu erwehren. Sie kmpfte dagegen,
so sehr sie vermochte. Sie hielt mit Gewalt die Augen offen und starrte
in die Dunkelheit. Allein selbst dieses angestrengte Hinschauen in eine
gegenstandlose Finsterni, die nichts bot, den Geist zerstreuend zu
beleben, vermehrte ihre Abspannung. Endlich konnte sie nicht lnger
widerstehen. Wie aus weiter Ferne hrte sie noch einmal den Fall des
Wassertropfens, =Philippintje's= Odemzge verstummeten vor ihrem Ohre: sie
fiel in einen tiefen und festen Schlaf.

Mehrere Stunden mochten die beiden Frauen, in dieser ungestrten
Abgeschiedenheit von der Welt, fortgeschlummert haben, als ein Gerusch
in ihrer Nhe, ein Laut von menschlichen Stimmen sie pltzlich
erweckte. Sie versuchten die Augen zu ffnen, aber ein blendender
Lichtglanz, der ihnen entgegenstrahlte, nthigte sie, diesen Versuch
noch aufzuschieben.

=Cornelius=, seyd Ihr es? sagte in dem halblauten Tone einer eben
Erwachten =Clelia=. Habt Ihr den Ausgang gefunden, bringt Ihr Hlfe?

Sie erhielt keine Antwort, aber, indem sie sich vllig ermunterte,
vernahm sie das Flstern mehrerer Menschen untereinander, sie hrte
ihren Namen nennen von Stimmen, die ihr unbekannt waren. Endlich konnte
sie den Glanz des Lichtes ertragen. Sie blickte auf, sie sah sich und
=Philippintje= von mehreren fremden Mnnern umgeben, die sie mit dem
Ausdrucke freudiger Ueberraschung in ihren Mienen betrachteten. Sie
konnte sich nicht gleich fassen. Erst, als sie bei dem Glanze der
brennenden Fackeln, mit denen einige von den Mnnern versehen waren, das
weite, weie Gewlbe ber ihrem Haupte, die hochaufstrebenden
Steinpfeiler zu beiden Seiten erkannte, kehrte die Erinnerung der
vergangenen Ereignisse zurck. Jetzt nahm sie die Fremden nher in's
Auge. Zwei von diesen, junge wohlgekleidete Leute, traten ihr mit
ehrerbietigem Anstande nher. Die brigen blieben in einiger Entfernung
stehen und schienen den Jnglingen untergeben.

Ihr kennt uns nicht, nahm einer von diesen mit sanfter, fast
mdchenhafter Stimme das Wort: aber wir kennen Euch wohl. Das
wunderlichste Verhngni fhrt uns in diesen unterirdischen Irrgngen
zusammen und gewhrt mir und meinem Freunde das Glck, Euch vielleicht
einen Dienst zu leisten, indem wir zugleich eine Pflicht erfllen, die
uns gegen Eueren Vater, Heern =Tobias van Vlieten=, obliegt.

Ihr kommt von Heern =Tobias=? rief =Philippintje= in halber Verwirrung.
Er schickt Euch, uns aus diesem hllischen Abgrunde zu erlsen? Der
brave Mann! Das wird ihm nicht unvergolten bleiben in seinem Liebsten:
im Handel und Wandel.

=Clelia= war aufgestanden. Sie fhlte sich sehr ermattet, ihre Glieder
zitterten. Mit Erstaunen vernahm sie die Worte des fremden Jnglings.
Der Glanz weiblicher Wrde, der ihr ganzes Wesen umgab, machte einen
unbeschreiblichen Eindruck auf die jungen Mnner. Wre sie eine Knigin
gewesen, so htte sie ihnen keine tiefere Ehrerbietung einflsen knnen.
Die zwei Leydener Studenten -- wer von unsern Lesern htte sie nicht
schon erkannt? -- waren mit dem Vorsatze den Flchtlingen gefolgt, ihr
Unternehmen, wenn sich die Gelegenheit bte, mit jener Leichtigkeit und
jenem Uebermuthe auszufhren, zu dem sie sich durch den leichtsinnigen
Schritt, der =Clelien= aus dem vterlichen Hause entfernt, berechtigt
glaubten. Vielleicht hatte der entzndliche =La Paix= sogar eine leise
Hoffnung gehegt, dem bevorstehenden Abentheuer noch einen sern Lohn
abzugewinnen! Als sie aber jetzt das schne bleiche Mdchen vor sich
sahen, mit der Hoheit der Unschuld in Blick und Miene, waren ihre
Gesinnungen pltzlich umgewandelt. Beide nahmen sich, ohne ein Wort
darber zu wechseln, vor, dem Versprechen, das sie dem Professor
gegeben, zwar getreu zu bleiben, =Clelien= aber in der aufmerksamsten und
achtungsvollsten Weise zurckzubegleiten.

Diese hatte indessen, whrend sie sich leicht auf =Philippintje's=
Schulter sttzte, ber die Erscheinung der Fremden nachgedacht. Die
Begebenheit in dem einsam gelegenen Gehf kam ihr in den Sinn und eine
Ahnung der Wahrheit, da sie dieselben Verfolger vor sich sehe, denen
sie damals glcklich entgangen, drang sich ihr auf. Ihr Kopf schmerzte
sie sehr. Der zartgebaute Krper empfand die Folgen der Anstrengungen
und Entbehrungen, der Schrecken und Besorgnisse, welche der vergangene
Tag und der noch strmischere Abend im Geleite gehabt hatten.

Mein Vater? hob sie nach einer Pause mit schwacher Stimme an: Er
sollte Euch senden? Ihr httet Pflichten gegen ihn? Unbegreiflich! fuhr
sie kopfschttelnd fort. Ich sah Euch noch nie. Unter den Freunden und
Bekannten meines Vaters, welche unser Haus besuchten, erinnere ich mich
nicht, jemals Euch begegnet zu haben.

_Caddis!_ erwiederte =Le Vaillant= in einem minder lauten Tone, als
gewhnlich. Wir sind auch nicht von den ordinren guten Freunden, die
immer da sind, wo es einen Lffel Suppe oder eine Schale Thee giebt. Wir
sind von der besten Sorte: Freunde in der Noth, und ich glaube, da Ihr,
edle Jungfrau, in diesem Augenblicke Gelegenheit httet, dieses zu
bemerken, wenn Ihr nur bedenken wolltet, da ohne unsere Ankunft die
Zeit Euch noch unendlich lang htte werden knnen in diesem
labyrinthischen Souterain, in das wir uns nur mit dem Beistande kundiger
Fhrer gewagt.

Verzeihet, Jungfrau =van Vlieten=! unterbrach =La Paix= seinen Gefhrten,
der noch weiter sprechen wollte: mein Freund meint es sehr gut, aber er
fehlt oft in der Wahl der Ausdrcke und es knnte dann scheinen, als
vergesse er der Achtung, die er Euch schuldig ist. Hrt mich an! Ich
will Euch Alles aufrichtig und unumwunden erzhlen, wie es sich verhlt.
Wir haben Euerem Vater versprochen, Euch zurckzubringen, wir verfolgten
Euch auf dem Kutter, der bei der Barke eintraf, als gerade das
spanische Schiff in die Luft flog, wir verfehlten Euch dann immer, bis
wir gestern Nachmittags Euch in jener lndlichen Wohnung anlangen sahen,
aus der ihr uns wiederum auf eine fast unerklrliche Weise entkamet. Wir
muten auf's Neue unsere Verfolgung beginnen. Vor dem =Petersberge=
langten wir gerade an, um einige Minuten lang in die allgemeine Flucht
der zurckgeschlagenen Strmenden fortgerissen zu werden. Als es uns
gelungen war, uns dem Gedrnge zu entziehen, lie uns ein glcklicher
Zufall Euer Gepck, Kleidungsstcke, die mit Euerem Namen bezeichnet
waren, finden. Indem wir bei'm Scheine der Leuchtkugeln beschftigt
waren, es nher zu untersuchen, sprangen einige franzsische Marodeurs
auf uns ein, behaupteten, diese Beute gehre mit Recht ihnen, da sie die
beiden Frauen nebst ihrem Begleiter, der das Gepck abgeworfen, bis zu
dem kleineren Eingange des =Petersberges= verfolgt, sich aber aus Vorsicht
nicht in diesen, den Flchtlingen nach, gewagt htten. Ihr mutet
gerade hier angekommen seyn, als der erste Angriff statt gefunden
hatte. Nichts dnkte uns wahrscheinlicher, als da Ihr, abgedrngt von
der Stadt, verfolgt von den habgierigen Marodeurs, Schutz in diesen
unterirdischen Gngen, deren Gefahren Euch unbekannt waren, gesucht
haben mchtet! Ich gestehe es Euch, edle Jungfrau, da wir von der
tdlichsten Besorgni um Euer Schicksal ergriffen wurden. Erst als es
ein wenig ruhiger geworden war in den Umgebungen des Berges, als der Tag
anfing zu grauen, glckte es uns Leute zu finden, die mit den
unzhlichen Hhlenwindungen dieses unterirdischen Gebietes vertraut
sind. Frher, als wir es hofften, hat uns ein gnstiger Zufall in Euere
Nhe gefhrt und es bleibt uns nur die Bitte brig, da Euch gefallen
mge, Euch sogleich mit uns auf den Weg in Euere Heimath zu begeben. So
ist es nicht allein mein Wunsch, so ist es der Wille Eueres Vaters, wie
ihn diese Zeilen aussprechen.

O fort, fort! rief =Philippintje=, die noch immer von Grauen erfllt
wurde, sobald sie in den dunkeln Hintergrund der Gnge blickte. Fort
aus der Hlle in's Paradies, aus diesem den Grabe zu den Fleischtpfen
des Heern =van Vlieten=! Lat uns nicht zaudern, die Fackeln brennen herab
und wenn noch einmal die entsetzliche Dunkelheit einbricht, so ist es um
mein Leben geschehen!

=Cleliens= Schwche hatte unter der Rede des Studenten zugenommen. Sie
vernahm seine Worte nur halb laut, sie begriff nur weniges von dem, was
er sagte. Ein unertrglicher Druck lag ihr im Kopfe. Sie hielt den
Zettel, den er ihr berreicht hatte, fast besinnungslos in der Rechten.
Mit einer letzten, uersten Anstrengung fhrte sie ihn vor die Augen.
Sie erkannte die Hand ihres Vaters, sie verstand in einem flchtigen
Aufglimmen ihrer geistigen Krfte seinen Inhalt, dann lie sie ihn matt
zur Erde fallen und sank selbst ohnmchtig zurck auf den Steinsitz.

=Philippintje= schrie laut auf, aber =La Paix=, der in der That bemerkt,
da das Niederbrennen der Fackeln jeden lngeren Aufenthalt gefhrlich
machte, bemchtigte sich, ohne weiteres Besinnen, der schnen
Ohnmchtigen und trug sie in seinen Armen nach =der= Richtung fort, die
dem von =Cornelius= eingeschlagenen Wege entgegengesetzt war. Die Fhrer
eilten mit flchtigen Schritten voraus. Zum erstenmale dachte
=Philippintje= jetzt an den Junker, der whrend ihres Schlafes abhanden
gekommen war. Ihr Mitleid erwachte. Sollte =er= denn Hungers sterben in
der grauenvollen Dunkelheit, whrend sie und =Clelia= gerettet der
Heimath zueilten? Sie fing an laut zu jammern, sie rief seinen Namen; da
aber gebot ihr =Le Vaillant= in einem so herrischen Tone zu schweigen,
da sie eingeschchtert verstummte. Keuchend folgte sie den
voraneilenden Mnnern. Bald war es still geworden an der Stelle, wo noch
=Cornelius= Faden an dem Tropfsteingebild hing. Nur der fallende Tropfen
wiederholte eintnig und abgemessen seinen tausendjhrigen Klang.




7.


Herr =Cornelius van Daalen= war in heftiger Unruhe fortgeschritten, als er
die Frauen verlie, um einen Ausgang oder Beistand zu suchen. Der
Drang, recht bald wieder zu =Clelien= zurckzukehren, spornte ihn zur
Eile. In dieser verga er oft der nthigen Vorsicht, stie an die Ecken
der Wnde, strauchelte ber kleine Unebenheiten im Boden und war
manchmal nahe daran, den wichtigen Faden seiner Hand entschlpfen zu
lassen. Noch nie hatte er eine so strmische Bewegung seines Inneren
empfunden, wie jetzt. Ein inneres Feuer drohete ihn zu verzehren. Seine
Stirn war glhend, seine Zunge brannte am Gaumen. Oft kam es ihm vor,
als blickten hliche Larven mit teuflischem Grinsen aus der Finsterni
hervor, lchelten ihn hhnisch an und die tollen Bilder wurden sprechend
und riefen ihm ihr entsetzliches Willkommen zu und sagten: fliehe nur
immerhin, du entgehst uns doch nicht, du nicht und die schne =Clelia=!
Wir sind die Dmonen des Hungers und werden bald nagen an der Gestalt
des lieblichen Mdchens und wie wir uns ihrer reizenden Glieder
bemchtigen, so zerstren wir sie auch, denn in der Vernichtung besteht
unser Daseyn. Und du hast sie uns zugefhrt, du bist unser Genosse,
aber wir zerstren auch dich, wir reien auch dich in die martervolle
Vernichtung, denn wir kennen keine Dankbarkeit. Wandere hin, wandere
her! du bleibst uns verfallen. Unser Reich ist gro, aber es ist ein
Kerker, aus dem kein Entrinnen!

Dennoch sah er ein, da diese Gestalten, die er auen zu sehen und zu
hren whnte, nur in seinem Inneren lebten. Er prete die Hand an die
brennende Stirne:

Mein Kopf, mein Kopf! chzte er. O Himmel, erhalte mir =noch= meinen
Verstand!

Er ward ber den Klang seiner eigenen Worte betroffen. Einige
Augenblicke schwebte er in der Tuschung, ein anderer habe gesprochen.
Er blieb stehen, hielt den Odem an und horchte, aber er vernahm nichts,
als das Hammern der Pulse in seinem Haupte, als das Klopfen seines
Herzens. Er strmte weiter. Die teuflischen Larven erschienen wieder in
den finsteren Rumen, manchmal schien es den gereizten Augen, als zeige
sich dazwischen ein ferner Lichtschimmer, er sandte einen Freudeblick in
die Seele des Jnglings, der aber gleich wieder durch die Erkenntni
der Tuschung in herben Schmerz berging. Die hhnenden Bilder waren es
nicht allein, die aus dem Gewirre der rastlos arbeitenden, ungezgelten
Phantasie aufstiegen. Es gab Augenblicke, in denen schne Erinnerungen,
in einem schneidenden Gegensatze zu der Wirklichkeit, hervorbrachen. Er
stand wieder am Bord der =Syrene= und sah in den blauen, heiteren Himmel
und in die grnlichen Wogen. =Clelia= befand sich an seiner Seite, sie
hatte seine Hand ergriffen, sie sprach se Worte von Vergebung und
knftigem Glcke. Die Schebecke fuhr heran, der khnste Gedanke, von
Vaterlands- und Frauenliebe erzeugt, keimte in seiner Seele, er warf
Feuer in das feindliche Schiff, dem Vaterlande zum Ruhme, der Geliebten
zum Schutze. Tollheit, nutzlose Verwegenheit! hhneten dann die
Teufelslarven, selbst Wahnbilder, diese Tuschung hinweg. Wir haben sie
doch, sie und dich! Gegen uns hilft kein Muth, nicht Schwerdt, nicht
Geschtz, uns unterliegt der Held, wie das schwache Weib. Nein, nein!
schrie von entsetzlicher Qual ergriffen, =Cornelius= laut in die Nacht
hinaus. Sie ist nicht Euer. Ihr seyd die Geister der Lge! Ihr habt
keinen Theil an ihr!

Seine Erschpfung nthigte ihn zu einer kurzen Rast. Er lehnte sich an
die Wand des Gewlbes, er prete den heien Kopf an den khlenden Stein.
Er suchte sich zu sammeln. Er bemhete sich seine Gedanken zu ordnen und
die Ueberzeugung recht stark in sich werden zu lassen, da nur Ruhe und
Besonnenheit helfen knne, wenn Hlfe mglich sey. Die krperliche Ruhe
that ihm wohl. Indem er das erkannte, theilte sie sich unbemerkt,
freilich nur in einem geringen Grade dem Gemthe mit. Unwillkrlich
richteten sich seine Gedanken nun ernster und milder auf den Gegenstand,
der bisher seine Phantasie zu den peinigendsten Vorstellungen
fortgerissen hatte: auf =Clelien=. Ihr blhendes, lebensfrisches Wesen,
der Friede, der in diesem waltete, trat vor seine Seele. Welcher Liebe,
welcher Verehrung war sie nicht wrdig, wrdig =geworden= im Laufe weniger
erfahrungsreicher Tage? Sie steht unter einem hheren Schutze, als dem
deinigen! sprach es berzeugungsvoll in seinem Inneren. Zur Rettung
dieses Engels kannst du nur ein schwaches Werkzeug seyn, wenn du
berhaupt dazu erkoren bist!

Er ging weiter, nicht mehr in jener wilden Hast, die bisher seine
Schritte beflgelt hatte, rasch zwar, aber auch aufmerksam und besonnen.
Er hemmte jetzt von Zeit zu Zeit seinen Schritt und lauschte, ob irgend
ein ferner Ton, ein Hoffnung erregendes Gerusch sich vernehmen lasse,
er achtete sehr auf den Faden, den seine Finger hielten, auf das einzige
Mittel, das ihn zu =Clelien= zurckfhren konnte. Aber wie sich das
Schicksal oft darin zu gefallen scheint, aller Vorsicht der Sterblichen
gerade dann zu trotzen, wenn diese sich am Sichersten mit ihr geschirmt
zu haben glauben, so geschah es auch hier. Eben wollte =Cornelius= um eine
Windung des Ganges biegen, als er pltzlich ber einen am Boden
liegenden Stein strauchelte und fiel. Der Faden entglitt seiner Hand,
sie haschte ngstlich in das Leere, Entsetzen ergriff ihn und
durchstrmte in eisigen Schauern sein ganzes Wesen.

Er warf sich lang hin auf den Boden. Seine bebenden Finger gruben sich
in den Sand, sie durchwhlten diesen, so weit er reichen konnte.
Vergebens! Der Faden war nicht zu finden. Er kroch auf der Erde fort und
suchte weiter. Angstschwei bedeckte seine Stirn. Das entsetzliche
Hammern im Kopfe, das beklemmende Pochen des Herzens begann auf's Neue.
Die teuflischen Larven grins'ten ihn wieder an, er hrte ihre hhnenden
Stimmen, aber die Phantasie hatte ihre Gewalt vor der schrecklichern
Wirklichkeit verloren. Der Faden, der Faden! Er dachte nichts anderes,
ber seine Lippen bebte unaufhrlich dieses Wort. Die Unbesonnenheit,
den Leichtsinn, der ihn zu =Cleliens= Entfhrer gemacht, bte er im
Uebermae. Er fhlte, da nicht viel fehle, ihn zum Wahnsinne zu
bringen. Schon wurde seine Besinnung schwcher, er whlte lange an einer
und derselben Stelle nur mechanisch im Staube, immer ferner und unklarer
wurde ihm der Gegenstand, nach dem er suchte. Stundenlang kroch er im
Kreise umher und tastete und forschte und fand nichts. Die Qualen, die
er empfand, vermag keine Feder zu schildern. Bitter, aber dennoch
beruhigend drang sich ihm endlich die Ueberzeugung auf, da jede fernere
Bemhung eitel sey.

In dieser Wahrnehmung nthigte ihn ein seltsames Gefhl, laut auf zu
lachen. Die weiten Gnge nahmen den wunderlichen Schall vervielfltigend
auf und gaben ihn so zurck. Er erbebte. Was er gethan hatte, kam ihm
wie ein Frevel vor. Er lag jetzt unbeweglich an der Erde, den Kopf in
die Hand gesttzt. Seine Stimmung war weich geworden.

Wir wren zusammen gestorben, wenn ich bei ihr geblieben wre! sagte
er zu sich selbst. Jetzt ist es anders. Ich werde nicht den Schmerz
haben, ihren letzten Odemzug zu hren oder ihr ist es erspart, neben
meiner Leiche zu sterben.

In den entsetzlichsten Lagen, die das Geschick dem Menschen bereiten
kann, fhrt der Gedanke an den Tod immer etwas Beruhigendes und
Trstliches mit sich. Er ist der letzte Freund, nach dem wir reichen,
aber auch der sicherste, der die gewnschte Erlsung bringt. =Cornelius=
erfuhr das in diesen Stunden. Er fand eine solche Wonne in der Hoffnung
auf den Tod, da er bald ganz sich der schnen Aussicht auf die
Wiedervereinigung mit =Clelien=, wenn sie gestorben seyn wrden, hingab.
Er dachte nicht an Krankheit, Schmerz und Qualen, die dazwischen lagen.
Ein himmlischer Glanz umgab ihn und in dem Himmelsglanze standen er und
=Clelia= und waren nun verbunden, schner und besser, als sie es je auf
Erden werden konnten. Aber seltsam war es dennoch, da in diesen
herrlichen Traum sich immer eine bittere Empfindung drngte, weil er sie
nun nicht mehr auf Erden sehen, nie mehr einen Laut von ihren Lippen
vernehmen werde. Auch diese Empfindung verstummte, als nun ein Zustand
geistiger und krperlicher Abspannung eintrat, als Alles vor seinen
Augen in =ein= Lichtmeer verschwamm und er halb wachend, halb schlafend,
nur Seligkeit und Himmelswonne dachte. So htte er hinberschlummern
mgen in das Jenseits, das schon seine Pforten ihm aufgethan hatte.

Welche wunderbare Tne rauschten da mit einemmale zu ihm her aus nicht
groer Entfernung, durch die weiten Hallen, mchtig, feierlich, wie
Kirchengesang? Waren es die Stimmen der Engel, die ihn und =Clelien= im
Voraus willkommen heien wollten? Er erhob sich, er lauschte. Das
reizende Traumbild verschwand in die de Finsterni, aber die Tne
blieben, sie rauschten gewaltiger; die Mauerwand, an der er sich hielt,
schien von ihnen zu erbeben. Er verlie seine Stelle, langsam, horchend
ging er dem Gesange nach. Er tnte oft nher, oft ferner. Selbst von ihm
geleitet, konnte =Cornelius= nicht vermeiden, manchmal vom Wege abzuirren.
Endlich war er so nahe, da er einzelne Worte des Gesanges unterscheiden
konnte.

Es waren Stellen aus einem geistlichen Liede zum Lobe und Preise Gottes,
das erquickenden Balsam in seine Brust go. Er blieb stehen und schpfte
tiefer Odem. Menschen, Menschen! jubelte es in seiner Seele. Er htte
aber noch nicht sprechen knnen, wenn er jetzt schon unter ihnen
gestanden htte. Die Freude wirkte erlahmender auf ihn, wie das
Entsetzen. Er vermochte nur mit Mhe sich fortzubewegen. Er schwankte,
wie ein Kind bei den ersten Versuchen zu gehen.

Da stand er pltzlich am Eingange eines hohen Domes. Zahllose Lichter
flammten vor ihm auf, viele Menschen zeigten sich seinem Blicke, zu
Andacht, zur Ehre des Allmchtigen vereinigt. Er mute die geblendeten
Augen wieder schlieen. Aber entzckend ergriff der Gedanke, da nun
=Clelia= gerettet, da der Ort, wo er sie verlassen, leicht zu bezeichnen
und von kundigen Fhrern zu finden sey, sein ganzes Wesen. Von einem
seit lange nicht empfundenen Gefhle bewltigt, stimmte er leise, ohne
das Dunkel, das ihn noch verbarg, zu verlassen, in die letzten Worte des
Liedes, das eben zu Ende ging, ein. Indem er auf diese Weise Theil an
der andchtigen Handlung nahm, fhlte er sich wunderbar gestrkt.

Er trat vor. Einige Frauen flohen bei seinem Anblicke laut schreiend und
zitternd hinter die Mnner zurck. Er sah Degen gezckt, Musketen
gehoben. Als man aber nur den einzigen Fremdling gewahrte, dessen
Antlitz Leichenblsse bedeckte, als man beim Lichte der nher
herbeigebrachten Fackeln unter dem zerrissenen Kittel die Farbe Oraniens
erkannte, da kamen viele der Versammelten theilnehmend und neugierig
nher. Bald sah er sich als den Mittelpunkt einer Menschenmenge, die mit
Fragen auf ihn einstrmte. Er mute schweigen, er mute sich erst noch
sammeln, um zusammenhngend zu antworten. Aus den Reden der Leute um
ihn, erfuhr er, da sie Einwohner von =Mastricht= seyen, die aus Furcht
vor dem erwarteten Angriffe mit den Ihrigen und ihrer besten Habe in den
Petersberg geflchtet waren, wie das in kriegerischen Zeiten oft
geschah. Vertrauete Mnner hatten ihnen jetzt von Auen die Nachricht
gebracht, da das Unternehmen der Feinde vereitelt worden, und sie
wollten eben, nachdem sie dem Hchsten ihren Dank dargebracht, ihren
Zufluchtsort verlassen, um zu dem verwais'ten Heerdte zurckzukehren,
als =Cornelius= unter ihnen erschien.

Endlich vermochte er zu reden. Seine Stimme war schwach, heiser und
erschpft. Die mitleidigen Menschen, die seinen Zustand erkannten,
reichten ihm eine Erquickung. Er geno sie, ohne zu wissen, was er that.
Aber er konnte doch nun verstndlicher sprechen, er konnte erzhlen, wie
er durch die verfolgenden Feinde mit seinen Begleiterinnen in den Berg
gedrngt worden sey, er konnte den Ort beschreiben, wo er diese
verlassen hatte.

Das ist bei dem versteinerten Baume! riefen sogleich mehrere Stimmen.
Einige Mnner traten vor und erboten sich, ihn dahin zu begleiten. Sie
schienen ihm Boten des Himmels. Die anwesenden Frauen beklagten laut das
arme Mdchen, das sie nicht kannten und das, den schrecklichsten
Zweifeln berlassen, zurckgeblieben war. Sie gaben den Mnnern
Lebensmittel und Arzneien mit auf den Weg; sie empfahlen ihnen Eile,
aber bei dieser auch Vorsicht, damit sie den nchsten Weg nicht
verfehlen mchten.

Von Hoffnung belebt, vermochte =Cornelius= mit den Fhrern gleichen
Schritt zu halten. Alles was er ertragen hatte, war vergessen. Nur der
Gedanke, =Clelien= in kurzer Zeit wiederzusehen, sie dem Leben
zurckzugeben, erfllte seine ganze Seele. Die mchtigen Gewlbe, die
ihm wie eine ungeheuere Todtengruft vorgekommen waren, dnkten ihm jetzt
ein Tempel des allgegenwrtigen Wesens, das sich da am Mchtigsten
zeigt, wo die Noth am Grten ist. Wenn er seitwrts in die
weiteinlaufenden, sich nach allen Richtungen durchschneidenden Gnge
blickte, dann konnte er kaum begreifen, da gerade =er= glcklich genug
seyn mute, nicht abzuirren in entlegenere Schluchten, wo ein gewisser
Tod sein Loos gewesen wre. Die Mnner, die ihn begleiteten, deuteten
auf einzelne schwarze Kreuze, welche die glatte, weie Oberflche der
Steinwand zeigte. Es waren Denkmale von Todten, die hier, jedes Trostes
und Beistandes von Ihresgleichen entbehrend, das Loos der Sterblichen
ereilt hatte. Sie gingen nachdenklich daran vorber. =Cornelius= verbannte
die trbe Erinnerung aus seiner Seele. Er sah nur Leben und Freude vor
sich, warum sollte er sich die reizende Aussicht verderben lassen? Er
hatte nun auch Sinn und Gefhl fr das collossale Wunderwerk, das seit
einem Jahrtausende vielleicht der Ameisenflei des Menschen in den Berg
hineingebaut. Welche mchtige Bogen, deren Decke der Glanz der Fackeln
nicht erreichte, welche unzhliche Menge von Gngen deren einer, nach
Versicherung der Fhrer, mehrere Stunden weit in gerader Richtung unter
der Erde fortlief! Was war aus den Menschen geworden, die hier, dem
Bedrfni anderer frhnend, der Natur den Reichthum abgerungen, den sie
ewig wiedergebhrt? Wer wute noch ihre Namen, whrend ihr Werk ihr
einstiges Daseyn verkndigte? Was galten die Namen anderer, die
Neugierde und nicht Thatkraft hergetrieben, die zur lcherlichen
Verewigung ihrer flchtigen Anwesenheit sich, die Stunde und den Tag, wo
sie, von erfahrenen Fhrern begleitet, den Besuch des Petersberges
gewagt, an die Wnde der riesigen Bergsulen geschrieben hatten? Der
Odem der Zeit verweht sie und den Laut, mit dem man sie nannte. Die
Natur steht, wie eine immer lchelnde Riesin, ber dem Grabe alles
dessen, was einst lebte! --

Hrt Ihr den fallenden Tropfen? unterbrach einer der Mnner das
herrschende Schweigen, indem alle einige Augenblicke stehen blieben und
lauschten. Gleich sind wir da. Es ist eine wunderliche Sache um diesen
einzigen Ton in den sonst stillen und todten Gewlben. Ich habe oft
lange, wenn ich von der schweren Steinhauerarbeit ausruhte, an dieser
Stelle gesessen und konnte nicht mde werden, dem lieblichen Klange
zuzuhren.

=Cornelius= beschleunigte seine Schritte. Auch jetzt klopfte sein Herz,
aber vor freudiger Hoffnung.

=Clelia!= rief er laut, ehe sie noch um den Pfeiler getreten waren, der
die Stelle verbarg. Sein Ruf verhallte in dem Gewlbe, es kam keine
Antwort. Beunruhigt schritt er vor. Da standen sie an dem Orte, den er
suchte, er sah das Tropfsteingebild, von dem noch sein Faden herabhing,
er erkannte die Sitze in der Wand, aber =Clelia= und ihre Gefhrtin waren
verschwunden.

=Clelia, Clelia!= wiederholte er schreiend. Alles blieb stumm. Mit
tdtlichem Schreck ergriff ihn der Gedanke, sie habe in der Besorgni um
ihn, in der Ungeduld des Erwartens sich entfernt, um ihn aufzusuchen,
und irre jetzt umher, wie er frher gethan. Die Mnner sahen sich
bedenklich an. Da bemerkte einer von Ihnen den Zettel, den =La Paix= dem
Mdchen bergeben und den sie, ihrer Schwche erliegend, zur Erde hatte
fallen lassen. Er hob ihn auf und reichte ihn dem Junker.

=Cornelius= kannte die Hand. Sein Inhalt, der Name =Hazenbrook= machte ihm
Alles klar. Seine entsetzliche Furcht war gewichen, aber das bittere
Gefhl, berlistet und der Geliebten beraubt worden zu seyn, nahm ihre
Stelle ein.

Sie ist gerettet! sagte er mit zusammengekniffenen Lippen zu seinen
Begleitern. Andere haben sie befreit und ins Leben zurckgefhrt. Es
ist nun gut so. Ich habe nur noch eine Bitte an Euch. Fhrt mich so
schnell aus dem Berge, wie mglich, da ich ihnen folge und sie auch
von der Furcht um meinetwillen befreie.

Er knitterte das Papier zusammen und steckte es zu sich. Es war ihm
klar, da =Clelia= mit Gewalt msse fortgebracht worden seyn, denn, wenn
sie auch als ein folgsames Kind sich dem Willen ihres Vaters unterworfen
htte, so wrde sie sicher darauf gedrungen haben, seine Rckkehr zu
erwarten, damit auch er an der Rettung Theil nhme. Schweigend ging er
mit den Mnnern. Diese Wendung seines abentheuerlichen Unternehmens
brachte ihn in seine gewhnliche Gemthsstimmung zurck. Es galt nun
neues Handeln, neues Ringen nach dem Besitz der Geliebten. Der
unbekannte =Hazenbrook=, dem Herr =van Vlieten= seine vterliche Gewalt
ber =Clelien= bertragen und der diese wieder durch andere ben lassen,
konnte, wie er glaubte, nur ein vom Vater begnstigter Nebenbuhler seyn.
Es schien ihm einleuchtend, da der Knoten, zu dem sich sein Schicksal
verschlungen hatte, jetzt nur in =Rotterdam= gels't werden knne. An
=Cleliens= Treue zweifelte er keinen Augenblick. In dem Vertrauen auf
diese sah er immer noch, wenn auch wie durch Nebel, einer glcklichen
Zukunft, seiner Vereinigung mit dem theueren Mdchen entgegen.

Sie hatten den Ausgang erreicht: nicht jene enge Hhlenffnung, durch
welche =Cornelius= am Abende zuvor mit seinen Reisegefhrtinnen das
Labyrinth des Petersberges zum erstenmale betreten, nein! sie standen
unter einem hohen, weiten Schwibbogen, unter einem mchtigen Portal,
dessen Seitenwnde entfernt genug von einander waren, um einem
bespannten Wagen Einla zu gestatten. So sehr auch =Cornelius= sich zur
Eile bewogen fhlte, so mute er doch einige Augenblicke verweilen und
der Scene, die sich vor ihm erffnete, seine Aufmerksamkeit schenken. Da
lag =Mastricht= mit seinen weien Husern und glnzenden Thrmen. Glocken
und Glockenspiele lieen sich von diesen vernehmen, das Te Deum rauschte
im heiligen Gesange aus den Kirchen zum Himmel auf, und die Sonne
lchelte so mild vom sanft blauen Gewlke hernieder, da es ihm war,
als msse sie selbst ihre Freude an der Dankbarkeit der Sterblichen
haben, die diese im frommen Gesange zum Himmel trugen. Eine laue Luft
wehete, wie Frhlingsodem. Die weie Hlle, die noch gestern die Erde
bedeckte, war verschwunden und von den Hgeln jenseits der =Maas= grte
ein versptetes Grn, wie ein verhallender, letzter Abschiedsruf des
schon geschiedenen Sommers. Drben am anderen Ufer des Flues sah man
umgestrzte Kanonen, zerbrochene Pulverkarren und hnliche Werkzeuge,
welche die Wahlstatt eines Gefechtes, nach seinem Ausgange, bezeichnen.
Viele Leute waren um diese Gegenstnde versammelt. Ganz und gar aber
hatte sich das Land zwischen der Stadt und dem Petersberge in seiner
ueren Gestalt verndert. Hier stand Alles unter Wasser. Jener Hohlweg,
in welchem unter dem Schutze der Dunkelheit, die Feinde gegen die
Petersschanze gezogen waren, der niedere Grund, durch den =Cornelius= und
die Frauen ihre Flucht nach der aufsteigenden Anhhe und der dsteren
Vertiefung gerichtet hatten, sie lagen unter einem Wasserspiegel, der
noch immer zu steigen schien und dessen Wellchen nicht weit von
=Cornelius= Fen den Berg besplten. Viele Boote und Khne, alle mit den
Orangewimpeln lustig prangend, fuhren hin und her. Man vernahm den
munteren Zuruf der Schiffenden, wo vor einigen Stunden der Donner des
Geschtzes, das Getse der Kmpfenden, das Wimmern der Verwundeten und
Sterbenden in wilder Verwirrung die Lfte durchdrungen hatte. Einzelne
Khne hielten an verschiedenen Stellen und die darin Befindlichen hatten
groe Netze und Haken ausgeworfen, um nach verlorenen Waffen und anderen
Beutestcken zu suchen.

Die Mnner, welche den Junker =van Daalen= begleiteten, lieen ihre Freude
ber diesen Anblick laut werden. Einer von ihnen sagte lachend:

Das wird ihnen eine gute Lehre seyn und sie werden so bald nicht wieder
versuchen, die feste Stadt =Mastricht= zu nehmen, wie ein offenes Dorf,
das weder Wlle noch Kanonen hat. Aber der =Jeker= hat doch auch
diesesmal das Beste gethan! Das Wasser hat dem Feuer geholfen und als
die in der Stadt die Schleuen geffnet, ist der =Jeker= ber die Feinde
gekommen, wie die Sndfluth ber die bsen Menschen, die von der Erde
vertilgt werden sollten.

Auf sein nheres Befragen erfuhr =Cornelius=, da der =Jeker= ein nicht
unbedeutender Flu sey, der sich innerhalb der Stadt in die grere =Maas=
ergiee und durch Schleuen auf das flache Land nchst dem Petersberge
geleitet werden knne, was bei frheren Belagerungen der Stadt schon zum
grten Vortheile gereicht sey. Jetzt erkannte er deutlich in der
nothgedrungenen Flucht in die Irrgnge des Berges die Leitung einer
hheren Macht, die ihm und =Clelien= wohlwollte. Wre es ihnen auch
geglckt, einen Versteck in den Niederungen am Fue des Berges zu
finden: jetzt wrden sie wahrscheinlich, mit so vielen anderen
Verunglckten, =ein= Grab unter den immer hher andrngenden Wogen
gefunden haben!

Die Mnner verlieen ihn, um sich zu den zurckgebliebenen Ihrigen in
den Berg zurckzubegeben. Er belohnte sie reichlich. Dann ging er am
Rande des Wassers hin, um einen Nachen aufzusuchen, der ihn zur Stadt
brchte. In einem anliegenden Boote sah er einen Mann stehen, der ihm
den Rcken zukehrte. Auf seinen Ruf wandte sich dieser um. Eine Wolke
von Rauch, die aus seinem Munde strmte, zertheilte sich und ein
bekanntes Gesicht, von einem Ende bis zum anderen von einer mchtigen
Schmarre durchzogen, grinsete ihn an.

=Herrmanneke=, du? rief =Cornelius= im lebhaften Erstaunen. =Nassau und
Oranien!= Wie kommst du hierher? Wo ist dein Herr, wo die =Syrene=?

Der Bootsmann lachte dumpf aus dem dichten Rauch, der aufs Neue sein
Antlitz verbarg, bot seinem alten Gefhrten bei dem Angriffe auf die
Schebecke, treuherzig die Hand und erwiederte:

In =Antwerpen= war unseres Bleibens nicht lange. Wir bekamen schon am
ersten Tage Fracht nach =Mastricht=, lichteten und hatten kaum den Anker
geworfen und ausgeladen, als der Spa mit den Franzmnnern losging. Die
=Syrene= liegt unten, mitten im Flue, und hat die Nachtgste nach beiden
Seiten hin gut bedient mit eisernen Pillen, die manchem von ihnen
Kopfweh gemacht haben mgen. Was den Capitn angeht, so hat der seine
Fahrt auf die Schanze dort oben gerichtet und bringt Munition ein. Harrt
nur einen Augenblick, Junker =Cornelius=! Er mu gleich zurckkommen. Dann
geht's auf die Barke und bei dem guten Winde werden noch in dieser
Stunde die Anker gehoben zur lustigen Fahrt nach =Rotterdam=.

Nach =Rotterdam=? rief =Cornelius= froh berrascht. Beim Waffenruhme
=Marlborough's=! das heit Glck im Unglck. Ich fahre mit Euch. Wir
wollen es noch einmal zu Wasser mit einander versuchen, alter Camerad!

=Herrmanneke= lie die Hand mit der Pfeife aus dem Munde sinken. Er
blickte schchtern umher, dann sah er bedenklich den Junker an.

Wo ist denn Euer Frauenvolk? sagte er mit einem Ausdrucke von Unruhe
und Besorgni in seinen Zgen, der diesen bisher fremd gewesen war.
Die Junge meine ich nicht, sondern die Alte, mit der ich nicht gern
wieder auf einem Ankerplatze zusammenkommen mchte, da sie den Tabak
doch nimmermehr vertragen lernt.

=Cornelius= konnte sich eines Lchelns ber die Furcht, welche der
Bootsmann vor dem allzugroen Eindrucke von =Philippintje's= Reizen auf
sein empfngliches Herz zu hegen schien, nicht erwehren.

Sey unbesorgt, =Herrmanneke=! antwortete er in launigem Tone. Ich bin
ganz allein und diejenige, deren Anblick dein Liebesfeuer wieder
anzuschren vermchte, wandelt jetzt auf Pfaden, wo wir ihr schwerlich
begegnen. Ueberdem hat sie dir auch das Goldstck zurckgeschickt, das
du ihr auf die Treue gegeben, und das ist der deutlichste Beweis, da
sie ihr Herz ganz und gar von dir abgewendet hat und als Jungfrau leben
und sterben will.

Der Bootsmann erwiederte nichts, aber indem er die sen Erinnerungen an
=Philippintje= zu bekmpfen suchte, dampfte er strker, als bisher.
=Jansen= kam jetzt den Berg herab und rief schon aus der Ferne dem Freunde
ein herzliches Willkommen zu. Er war nicht sehr erstaunt, ihn hier zu
finden, da er ja aus seinem Munde wute, da =Mastricht= das Ziel seiner
Reise sey. Whrend =Herrmanneke= die beiden Freunde nach der Stelle
hinruderte, wo die =Syrene= vor Anker lag, erfuhr =Jansen= von =Cornelius=
Alles, was diesem seit ihrer Trennung begegnet war. Er sah seine
Vermuthung ber die nur vorgebliche Verwandtschaft =Cleliens= mit dem
Junker besttigt. Als dieser von den beiden Studenten sprach und ihre
Personen beschrieb, rief =Jansen= wild aus:

Bramsegel und Backbord! Die beiden Schelme habe ich auf der =Syrene=
gehabt und dir selbst sie nachgefhrt bis =Antwerpen=. Htte ich damals
gewut, was ich jetzt wei, wie htte ich sie anfhren und abfhren
wollen! Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. La uns nur erst wieder
in =Rotterdam= seyn! Da stehe ich dir bei als ein dankbarer Freund, und
die Jungfrau =Clelia= mu dafr Frau =van Daalen= werden, da du den
Spagnol, wie einen feuerigen Drachen, zum Himmel fahren machtest. Ein
Dienst ist des andern werth. Eine Frau fr einen Drachen -- umgekehrt
findet sich das oft in der Welt!

Sie langten bei der Barke an. Frau =Beckje= empfing den Freund ihres
Mannes mit ihren gewhnlichen Neckereien. In der nchsten Viertelstunde
schon wurden die Anker aufgewunden und, von gnstigen Winden fortbewegt,
schwebte die =Syrene=, zwischen den Huserreihen der Stadt =Mastricht= und
der Vorstadt =Wyk=, die =Maas= hinab ihrer Heimath zu.




8.


Niemand verlebte indessen eine trostlosere Zeit, als der Professor
=Eobanus Hazenbrook=. Tglich mute er aus dem Fenster der unbequemen
Wohnung, in die er sich der Wissenschaft zu Liebe einquartirt hatte, die
kstlichen Gerichte vorbertragen sehen, welche der Doctor =Mauritius=
seinem Patienten schickte. Dieser aber selbst blieb ihm unsichtbar und
schien fr ihn ein Gegenstand unerreichbarer Wnsche geworden zu seyn.
Hoffen und Harren macht Manchen zum Narren! Dieser Spruch lag ihm immer
im Kopfe und ob es ihm auch dnkte, da er nahe daran sey, den Verstand
zu verlieren, so konnte er doch nicht ablassen, nach dem verhngten
Fenster sehnschtig hinaufzuugeln und eine Zukunft zu ahnen, die ihm
alle Entbehrungen, alle Leiden des Krpers und des Geistes reichlich
vergelten wrde.

=Eobanus= hatte das Bedrfni oft in Gesellschaft zu seyn. Vor der
Mumienangelegenheit aber mute alles Andere zurckstehen. Er beschlo,
sich in die Umstnde zu schicken und nur eine Morgenstunde unter den
Leuten, die sich in der Schenkstube des Hauses um diese Zeit
versammelten, hinzubringen. Freilich fand er Anfangs die Unterhaltung
der Matrosen und Lasttrger nicht ganz nach seinem Geschmacke, als er
aber erfuhr, da =Peter Trip=, dessen sich der gtige Leser wohl noch als
eines immerdurstigen Untergebenen des Capitn =Jansen= erinnert, in
frheren Jahren in =Alexandrien= gewesen sey und von da mit einem
gelehrten Reisenden eine Wanderung in das Innere =Egyptens= unternommen
habe, rechnete er diese Stunden zu den kstlichsten seines Lebens. Er
nahm nun seinen Platz immer neben =Peter= ein, der sehr in seiner Achtung
gestiegen war, bewirthete ihn tglich und notirte, was dieser zum
schuldigen Danke ber die Pyramiden und ihre Katakomben berichtete,
sorgfltig in sein Gedchtnibuch. So geschah es, da beide herzinnige
Freunde wurden: der Professor aus Begeisterung fr das Land, das der Nil
bewssert, =Peter Trip= aus reiner Liebe zum Wachholder.

Am Meisten krnkte es den Professor, seinen wohlbeleibten Gegner, den
Doctor =Mauritius=, immer mit einer Miene aus dem Hause des Herrn
=Tobias= zurckkehren zu sehen, in der sich Vergngen und
Selbstzufriedenheit malten. Was konnte diese anders erzeugen, als das
Gelingen, der glckliche Fortgang seiner entsetzlichen Cur? In den
triumphirenden Blicken, in dem breiten Lcheln, das auf den vollen
Wangen des Leichendoctors lag, glaubte =Eobanus= das Vernichtungsurtheil
seiner letzten, ohnehin nur schwachen Hoffnung zu lesen. Gewi war Herr
=van Vlieten= schon auf dem besten Wege, ebenso corpulent, ebenso fett
und nutzlos fr die Kunst der leiblichen Verewigung zu werden, wie
=Mauritius= selbst. Des Professors Phantasie, die sich freilich nur fr
einen Gegenstand, aber fr diesen grenzenlos entflammte, malte dann in's
Groe. =Tobias= trat auf ihn zu in dem allbekannten zimmetfarbenen
Ueberrocke, aber er war ihm an allen Ecken und Enden zu eng geworden.
Mit groer Mhe schien der Rock ber dem gerundeten Bauch
zusammengeknpft und mit einemmale sprangen mit lautem Gerusche die
Knpfe und der Rundbauch in der schwarzen Sammetweste trat weit ber die
zurckfahrenden Sche des kaneelfarbigen Kleides hervor. Ansehnliche
Waden strotzten unter dem Kniebande gleichsam hhnisch nach =Hazenbrook=
hin, die Farbe der Wangen war wei und glnzend geworden, die sonst
nadelfeine Spitznase hatte sich zwischen den herausquellenden Pausbacken
in ein angenehmes Stumpfnschen verwandelt und das Stumpfnschen rmpfte
sich, als das abscheuliche Bild lebenslustige Blicke auf =Eobanus= warf,
als der schwellende Mund sich zu einem malitisen Lcheln verzog, und
die Migeburt seiner Phantasie nun in jenem dicken, gedmpften Tone, der
auch den Fettansatz in Brust und Hals verrieth, zu sprechen begann: So
du lange lebest auf Erden, so du vergngt bist! Der =Heer Eobanus
Hazenbrook=, Professor vielberhmter Lugduner Academie, wie auch Custos
_theatri anatomici_, ist in einen tiefen Irrthum versunken, wenn er sich
schmeichelt, mich einzuschlachten fr seine egyptische Vorzeit. Jetzt
erst fngt mir's an, recht wohl zu werden auf der lieben Welt, ich will
mir Gutes thun und gedeihen, und ich hoffe unter dem Beistande des
wrdigen Doctor =Mauritius=, der die rechte Behandlungsart getroffen,
meine hundert Jhrchen herauszubringen. Ja, =Myn Heer Professor=, es ist
mir selbst gar nicht bange dafr, die Nachricht von Euerem zeitlichen
Hintritt noch lange vor dem meinigen zu vernehmen und zum Danke fr
Euere guten Absichten mit mir sinne ich schon darauf, einen Bleikeller,
gleich =dem= in der guten Stadt =Bremen= erbauen zu lassen, in welchem
dann Euer Balg verwahrt werden soll, bis zum Stndlein des jngsten
Gerichtes! -- So ungefhr redete =Hazenbrook= sich selbst im Namen des
Herrn =van Vlieten= an. Nichts aber war dem Professor verhater, als
jene Bleimumien, die sich in dem gedachten Keller und in einigen
Kirchengewlben finden. Sie existirten weder fr, noch durch die
Wissenschaft. Sie fften das Leben nach, aber nur das gegenwrtige
bedeutungslose, nicht ein altvergangenes, klassisches, das geheimnivoll
durch Jahrtausende gehegt worden war und, wenn man ihm nachsprte, schon
in seinen Nebendingen eine Quelle von Bereicherungen fr die
Wissenschaft ward. Er rief =Trip=, den er ber die Strae gehen sah,
herauf, um sich von ihm die hlichen Bilder ausreden zu lassen. =Trip=
kam gern und bald befand sich =Hazenbrook= durch seine Erzhlungen
wieder seelenfroh an die Ufer des Nils versetzt. Er lauschte und
lchelte. Er war ganz Ohr: warum besa er nicht das Wnschhtlein des
=Fortunatus=, um im nchsten Augenblicke im Innern einer der wunderbaren
Pyramiden von =Sakhara= oder =Ghizeh= zu sitzen und in den Grabmlern
lngst entschlafener Knige, als ein wissenschaftlicher Leichenwurm,
herumzustbern? --

Uebrigens befand sich Herr =van Vlieten= keinesweges in einem so
behaglichen und gedeihlichen Zustande, wie =Eobanus= frchtete. Die
vernderte Lebensweise wirkte nachtheilig, statt gnstig auf ihn. Die
reichlichen, nahrhaften Mahlzeiten erschpften seine Krfte, indem sie
diese fr Augenblicke erhoben, denen dann wieder Stunden der tiefsten
Abspannung folgten. =Mauritius= versicherte zwar tglich, es gehe besser,
der Puls sey lebenskrftiger und frischer geworden und es unterliege
keinem Zweifel, da, wenn Herr =Tobias= fortfahre, Rindfleisch und
Kartoffeln zu speisen, die vollstndige Genesung bald erfolgen werde;
allein der Patient selbst empfand eine fortschreitende Abnahme der
Krfte, Kopfschmerz und Fieber plagten ihn unaufhrlich, keine Nacht
wollte ihm den ersehnten Schlaf bringen. Wenn er das dem Doctor klagte,
so lachte dieser und sprach: Habt auch Ihr den thrigten Glauben, da
der Schlaf das Zeichen einer gesunden Natur sey? Thorheit! Unsinn! der
kraftlose, erschlaffte Krper unterwirft sich diesem sklavischen Zwange;
der starke, genesende weiset ihn zurck. Es ist lcherlich, wenn man von
einem alten Menschen behauptet, er habe siebenzig oder achtzig Jahre
gelebt, da er, wenn er sich dem gewhnlichen Mibrauche des Schlafes
hingegeben, doch nur fnfunddreiig oder vierzig Jahre gelebt, indem er
die brige Zeit vertrumt und verschlafen hat. Schlaft =nicht= und seyd
gesund, das ist besser, als wenn Ihr, wie ein Murmelthier in seine
Hhle, Euch in das Federbett verkriecht, um jedesmal, wann es Nacht
wird, bis zum andern Morgen einen todten Menschen vorzustellen.

So wute der Doctor =Mauritius= Alles zum Besten zu erklren und =Tobias=
glaubte ihm gern, wenn er's auch anders fhlte. Der Doctor mute es ja
besser verstehen, als er, dafr hatte er studirt, strich zu Neujahr sein
gutes Honorar ein und der Kranke dachte schon mit Grauen an die
ungeheuere Rechnung, die jener fr gelieferte Rindsbraten, Kapaunen,
Welsche und Rheinweine aufstellen wrde! Er war sehr vergngt ber die
Besserung, die, nach =Mauritius= Aussage, von Stunde zu Stunde
selbststndiger und offenkundiger wurde. Der Druck im Kopfe schmerzte
ihn sehr, Hitze wechselte mit Frost, aber er lachte unter Zhneklappern
und sagte seinem alten Geschftsfhrer, der ihn tglich zu Abend
besuchte, die Mittel des Doctors schlgen trefflich an, er fhle schon,
da er bald anfangen werde, sich wie ein Fisch im Wasser zu befinden und
der Frost, der sich von Zeit zu Zeit melde, sey ein erfreuliches
Vorzeichen dazu. Der alte treue Diener des Hauses sah ihn bedenklich an.
Es wollte ihm vorkommen, als belebe eine ungewhnliche Aufregung seinen
wohlmgenden Patron, der nicht aufhren konnte, von den angenehmen
Gefhlen des Frostes und der Hitze, von dem Nutzen der Schlaflosigkeit,
von den vortrefflichen Heilkrften im Rindsbraten und in den Kartoffeln
zu sprechen.

Er liegt im Fieber, er phantasirt! war das Resultat der Betrachtungen,
die der Geschftsfhrer ber Herrn =Tobias= anstellte. Sein Stndlein
kann kommen, ehe er es selbst erwartet, und ich als ein christlicher
Handlungsdiener mu dafr sorgen, da er nicht hinfhrt in seinen Snden
an den Ort der ewigen Fieberschauer, des Heulens und des Zhneklapperns.
Ich will den Domine rufen. Er mu ihn vorbereiten, er mu die Seele
reinigen vom sndigen Profit, den er an Caffee und Zucker, an Tabak und
Indigo genommen.

Der alte Mann schlich, whrend Herr =van Vlieten= noch im besten Zuge war,
die Curmethode des Doctors =Mauritius= zu preisen, unbemerkt und leise zur
Thre hinaus. Der Patient bemerkte seine Abwesenheit nicht. Er sah den
Schlafrock, der ber einer Stuhllehne hing, fr den Geschftsfhrer an.
Bei dem dsteren Lichte, das die sehr verdeckte Lampe verbreitete,
konnte dieses um so leichter geschehen, da es in der Weise des Dieners
lag, bei solchen Reden des wohlmgenden Patrons, die nicht bestimmte
Fragen ber Handlungsgegenstnde enthielten, in ehrerbietiger Stille zu
verharren. Nach einiger Zeit aber mute =Tobias= verstummen. Der Reiz des
Fiebers begann nachzulassen, er fhlte sich schwach, er griff nach der
Weinflasche, die ihm, als ein vorzgliches Mittel die Krfte
wiederzubeleben, der Doctor vor das Bett gestellt hatte. Eben war er im
Begriff, einen tchtigen Schluck den brigen, die diesem schon
vorangegangen waren, folgen zu lassen, als die Thre sich langsam
ffnete und mit feierlichen Schritten der Domine hereintrat.

Ohne ein Wort zu sprechen, schritt er auf das Lager des Kranken los und
nahm den Sessel ein, der zu dessen Fen stand. Jetzt erst erblickte
Herr =Tobias= die ganz schwarz gekleidete Gestalt. Er erkannte den Domine
und verbarg die halb geleerte Flasche schnell unter sein Kopfkissen.

Die Nachrichten und Familienurkunden, welche uns zur Quelle unserer,
will's Gott! dem Leser wohlgeflligen Erzhlung dienen, enthalten keine
nhere Mittheilung ber die Unterredung des Domine mit Herrn =van
Vlieten=. So viel aber ist gewi, da der Geistliche weit vergngter
fortging, als er gekommen war, da er dem Geschftsfhrer, der ihn
drauen erwartete, die Versicherung gab, er habe den Leidenden in der
allerchristlichsten Gemthsstimmung verlassen und, da gleich darauf die
Schelle im Krankenzimmer den Hausknecht beschied, welchem Herr =van
Vlieten= mit schwacher, aber ruhiger Stimme anempfahl, dem Doctor
=Mauritius= fernerhin unter keinerlei Vorwand den Eintritt zu gestatten
und noch in dieser Stunde das gotteslsterliche Bild des =Schiwa= den
Flammen zu bergeben. Dann lie er den alten Diener wieder eintreten. Er
redete ihn sehr sanft, fast wehmthig an. Er bat den hoch Erstaunten,
ihm einige Capitel aus einem Erbauungsbuche vorzulesen. Nachdem dieses
geschehen war, beurlaubte er ihn und fiel zum erstenmale, seit langer
Zeit, in einen ruhigen, fieberlosen Schlummer.

=Hazenbrook= hatte das Kommen und Gehen des Domine wohl erlauert. Er
ahnete die Wahrheit, es schien ihm auch ganz natrlich, da Herr =Tobias=
durch die unsinnige Cur des Doctor =Mauritius= hingeopfert werde vor der
Zeit, wenn nicht etwa schlummernde Krfte in seinem Krper zum
siegreichen Widerstande erwachten, alle Angriffe der nahrhaften Speisen
und geistigen Getrnke zurck und in ihre entfernteste Zufluchtssttte,
in das Zellgewebe, verwiesen, damit sie dort unseliges,
verabscheuungswrdiges Fett ansetzten. Das Letztere sollte nun freilich
nicht erfolgen. Aber war =Eobanus= deshalb besser daran? Fett oder todt
=vor= dem ausgesetzten Selbstlegate, das war fr ihn die nmliche Sache:
das eine wie das andere raubte ihm die hoffnungsvolle Aussicht, seinem
Schoo- und Herzenskinde, dem Leydenschen Naturalienkabinet, mit einem
jungen Egyptier, dem seine zwei, bis dreitausend Jhrchen recht wohl
anstanden, ein Geschenk zu machen.

Er lag noch spt im Fenster seiner Wohnung. Die Glockenspiele von den
Thrmen kndigten eben die eilfte Stunde Abends an, als er einen letzten
Seufzer zu dem dmmerigen Fenster des Herrn =van Vlieten= hinaufschickte
und sich nun in sein Zimmer zurckziehen wollte. Da wurden seine Blicke
von einer dunkeln Wolke, die gerade hinter der gegenberliegenden
Huserreihe aufstieg, angezogen. Die Wolke breitete sich rasch aus, sie
drngte sich unglckdeutend ber dem Hause des reichsten Mannes von
=Rotterdam= empor, rothe zngelnde Flammen folgten ihr in wenigen
Augenblicken.

Feuer! Feuer! wollte der Professor schreien, aber das Wort erstarb ihm
auf der Zunge. Er stand bewegungslos, stumm und starr, als schon das
Getse in den Straen sich wild heranwlzte zu der Brandsttte, als die
Melodieen der Glockenspiele in schaueriges Sturmgelute bergegangen
waren, als zahllose Menschen nach den Hintergebuden des =van
Vlietenschen= Hauses strmten, wo das Feuer ausgebrochen war. Die rothe
Gluth am nchtlichen Himmel wirkte auf ihn, wie der Blick der
Klapperschlange auf Thiere, die sie sich zum Opfer erkoren hat. Er
konnte seine Augen nicht abwenden von den aufzischenden Flammen, er war
nicht Herr seiner Bewegungen, seiner Sprache, er stand wie gebannt,
obgleich ihm ein dunkeles Gefhl sagte: du mut hinber, aus diesem
Brande kann dein Glck, wie der Phnix aus der Asche, erstehen, du mut
handeln und retten, du rettest dein besseres Selbst, du gewinnst der
wissenschaftlichen Idee, fr die du kmpfest und ringest, endlich ein
Leben! --

=Schiwa's= Rache lag schrecklich auf den Gewlben und Speichern des
Handelsherrn. Er war es, der noch im Untergange einen Triumph feierte,
der im Sterben das befreundete Element, das so manches ihm einst
dargebrachte Opfer verherrlichte, das nun zu seiner Vernichtung
gebraucht wurde, aufgerufen hatte, seine Rache zu bernehmen. Noch
einmal erschien seine alte Macht. Sie strebte in Gluthen zum Himmel und
schien gegen diesen zu wthen, da er nicht hier die Tempel des Gtzen
dulde, wie in dem schneren Hindostan. Darum also hatte man ihn gehegt
und gepflegt viele Jahre hindurch im Prunkzimmer des =van Vlietenschen=
Hauses, um seine geheiligten Glieder unter der Axt des Hausknechtes zu
brechen, um sie in schnde, unscheinbare Asche zu verwandeln, die vom
Winde verwehet wrde? Zndet nur! Brennt nur! In knisternden Funken flog
der tckische Geist des Gtzen empor in das Sparrwerk des weiten
Waarenhauses, in dessen Nhe man ihm den Untergang in den Flammen
bereitete, er nistete sich dort still ein und erst als die Nacht
gekommen war, als der Friede sich in Sternenglanz und Himmelsdunkel zu
der Erde neigte, da brach die verhaltene Wuth des Ergrimmten los und
warf sich zerstrend auf die Schtze seines Vaterlandes, die hier die
Gewinnsucht aufgespeichert hatte.

Des Professors Bezauberung war noch nicht gels't. Die Gebude, die zu
dem Hause des Herrn =Tobias= gehrten, besaen einen ansehnlichen Umfang,
sie nahmen fast ein ganzes Stadtviertel ein. Der Brand wthete
jenseits, noch war es in der Strae, nach welcher die Vorderseite des
Wohnhauses ging, still geblieben. Als aber auch hier jetzt mehrere Leute
heranstrmten, die verschlossene Thre gewaltsam erbrachen und in das
Innere drangen, fhlte =Hazenbrook= pltzlich seine Besinnung und seine
Kraft zurckkehren. In unruhiger Hast flog er die Treppe hinab, aus dem
Hause, ber die Strae, jenen Leuten nach. Er sah sie im Hintergrunde
des Hausganges, nach den vom Scheine des Feuers erhellten Hfen
verschwinden. Das war sein Weg nicht. Er stieg die wohlbekannte Treppe
hinauf. Hier war es still und dunkel. Tastend suchte er nach der Thre,
die in das Krankenzimmer fhrte. Er fand lange die rechte nicht, die
Eingnge, auf die er traf, waren verschlossen. Da blieb er stehen und
lauschte mit zurckgehaltenem Odem. Das Geschrei der Lschenden, der
Klang der Sturmglocke drang dumpf zu seinen Ohren, aber dazwischen auch
ein matter Seufzer, ein Gerusch, wie es die Bemhungen eines Kraftlosen
hervorbringen knnen, der sich liegend auf dem Boden fortzubewegen
sucht. Jetzt flammete ein neuer Feuerstrahl empor und sandte seinen
rothen Schein durch ein Fenster, das bisher in Dunkelheit verborgen
gewesen. Der Gang war erhellt, wie am Tage. =Hazenbrook= erkannte die
Umgebungen. In einem Winkel, weit von ihm ab, lag die Thre, die er
suchte. Ebenso rasch, wie der Feuerstrahl aufgeschossen war, erlosch er
wieder und die alte Finsterni trat auf's Neue ein; aber =Eobanus= kannte
nun einmal die Richtung, die er zu nehmen hatte, ging eilig vorwrts und
stie die nur angelehnte Thre, hinter der noch einmal jenes Aechzen
erklang, mit einer hastigen Bewegung auf.

Welcher Anblick bot sich ihm hier in dem durch die Nachtlampe nur
sprlich erleuchteten Gemach! Der Kranke war allein, man hatte ihn
wahrscheinlich, da die in den entlegenen Gebuden wthende Feuersbrunst
die Thtigkeit Aller erheischte, vergessen. Diese Ueberzeugung schien
sich ihm selbst mit der Furcht, hier verlassen und hlflos zuletzt ein
Opfer des weiter um sich greifenden Brandes zu werden, aufgedrngt zu
haben. Das Geschrei in den Straen hatte sein Ohr erreicht, es hatte ihm
das Unglck verkndet, das sein Eigenthum, seine ost- und westindischen
Vorrthe getroffen. Der erste Schreck wirkte wie ein Blitzstrahl auf
ihn. Es war ihm, als sey er mit einer unzerreibaren Kette an sein Lager
gefesselt. Dann aber gab ihm der entsetzliche Gedanke, bei lebendigem
Leibe zu verbrennen, der mchtige Drang nach Selbsterhaltung einige
Krfte zurck. Er versuchte aufzustehen, er ergriff die nchsten
Kleidungsstcke, in die er sich mhesam hllte, er warf den dicken
pohlnischen Schlafpelz um sich. Jetzt versuchte er sich der Thre zu
nhern, allein dieser Anstrengung war seine Kraft nicht gewachsen. Er
sank zu Boden, er bewegte sich kriechend noch ein Wenig vorwrts, dann
konnte er nicht mehr, er wurde ohnmchtig und ein schwaches Aechzen war
das einzige Lebenszeichen, das er noch von sich gab.

So fand ihn der Professor. Die wissenschaftlichen Absichten, welche
dieser mit =Tobias= hatte, wichen in den ersten Augenblicken den Gefhlen
der Menschlichkeit, aber ganz konnte er doch eine angenehme Empfindung
darber nicht unterdrcken, da er Herrn =van Vlietens= Angesicht und
Gestalt wo mglich noch hagerer und ausgedrrter wieder fand, als
damals, da er ihn zum erstenmale am Haven erblickt. Er beugte sich zu
ihm nieder, er rief ihn laut bei Namen. Keine Antwort! Nur ein
brechender Blick heftete sich auf ihn. Er fhlte nach dem Herzen. Es
schlug noch, aber sehr schwach; ebenso der Puls. Das Geschrei von Auen
ertnte lrmender und nher. Die Glocken strmten heftiger. Da ergriff
ein groer Gedanke den Professor.

Ich will ihn dem Leben wiedergeben oder er soll, dem =Mauritius= und sich
selbst zum Trotz, doch mein seyn im Tode. _Aut Cesar, aut nihil._ Ueber
den Rubicon fhrt nur Khnheit.

So rief er pathetisch und sein Entschlu war gefat. =Eobanus= war ein
groer Mann von gewaltigem Knochenbau und besa eine ungewhnliche
Strke. Wie eine Feder schwang er den leichten =Tobias= auf seinen Arm,
wie eine Geliebte drckte er ihn an seine Brust. Ein ses Gefhl kam
ber ihn. Endlich hatte er ihn, nach dem er so lange vergebens
geschmachtet, endlich ruhete er an seinem Herzen. Er glaubte schon die
kstlichste Mumie zu halten, mit geheimnivollen Hieroglyphen bedeckt,
die Sphinx, die in Zukunft allen Besuchern seines Museums ein
unauflsliches Rthsel, zu dem er nur allein den Schlel besa, bieten
wrde. Dennoch stand der Vorsatz fest in ihm, kein Mittel der Kunst
unversucht zu lassen, das Leben des Hlflosen zu erhalten. Ganz im
Hintergrunde seiner Seele keimte auch wohl die Hoffnung, da in diesem
Falle Dankbarkeit thun wrde, was er im entgegengesetzten von seiner
Geistesgegenwart und Verwegenheit zu erwarten hatte. Aber nur unter der
Hlle des tiefsten Geheimnisses konnte er einen, wie den anderen Plan
ausfhren, kein =Mauritius=, kein Freund oder Bekannter des Herrn =van
Vlieten= durfte ihn nur ahnen.

Ohne noch ber die Art der Ausfhrung seines khnen Anschlages mit sich
einig zu seyn, verlie =Hazenbrook= das Gemach. Er trug seine theuere
Last sehr vorsichtig, er nahm sich in Acht, mit ihr irgendwo anzustoen.
Pltzlich war die Furcht ber ihn gekommen, man knne ihn berraschen
und ernstlichen Einspruch thun. Jeder Augenblick lngeren Verweilens
schien ihm gefhrlich, er betrat eilig den dunkelen Gang. Das
Dmmerlicht, das aus dem Krankenzimmer hinter ihm herleuchtete, fiel auf
eine offene Thre gerade gegenber. Ein khler Luftzug strmte durch
diese ein. Vielleicht bot sich ihm hier ein Ausgang, abgelegen und
verborgen, wo er nicht frchten durfte, Menschen zu begegnen. In der
That fhrte hier eine schmale Treppe abwrts, dieselbe, ber welche
einst =Clelia= und =Cornelius= ihre Flucht bewerkstelligt hatten. Auf gutes
Glck stieg =Eobanus= hinab. Nur schwach und selten lieen sich noch die
Seufzer des Kranken vernehmen, desto lauter tobte drauen die
Menschenmenge und die Sturmglocke.

Odemlos stand er endlich am Fue der Treppe. Seine Rechte griff
untersuchend an der Thre hin und her, die ihm hier den Weg versperrte.
Sie war nur durch einen Riegel von Innen verschlossen. Leicht schob er
diesen zurck. Die schwere Pforte wich und er sah sich unter freiem
Himmel, in einer Nebenstrae, nahe bei einem Canal, der diese
durchschnitt. Aber dieser trstliche Anblick war es nicht allein, der
sich ihm bot. Zu seinem Entsetzen bemerkte er dicht vor sich zwei
dunkele Mannsgestalten, die, wie es ihm schien, eben bemht gewesen, die
Thre, durch welche er trat, von Auen zu ffnen.

Wer da? rief er mit der ngstlichen Heftigkeit eines trotzigen
Snders, der sich auf der That ertappt sieht.

=Peter Trip!= war die Antwort, die ihm wie Musik klang.

=Trip= -- du! entgegnete freudig =Hazenbrook=. Dich fhrt mein guter
Genius, mein Spiritus familiaris, her. Sprich! Was schaffst du, was
treibst du hier?

Nun, erwiederte =Peter= mit verlegener Stimme, mein Camerad und ich,
wir stehen hier und mein Boot liegt dicht an im Canale. Wir sind da, um
zu retten, Geld und Gut, Kostbarkeiten und Gerth --

Ich verstehe! unterbrach ihn, den Stand der Sache berschauend,
schmunzelnd =Eobanus=. Ihr wollt in Euere Scke retten, was hier in der
entfernteren Wohnung die Flamme nicht erreichen kann. Aber ich wei Euch
einen sicherern und dabei ehrlichern Verdienst. Euer Boot ist da.
Getrauet Ihr Euch wohl, mich mit dem Kranken, den ich hier in meinen
Armen halte -- einen meiner jungen Leute, welcher bei Herrn =van Vlieten=
Tisch und Wohnung gehabt -- unbemerkt und still zu Wasser aus der Stadt
fort und dann weiter nach meinem Aufenthaltsorte =Leyden= zu schaffen? Ich
habe meine Ursachen, da Alles verborgen und heimlich betrieben wird.
Zehn Dukaten fr jeden, wenn wir an Ort und Stelle sind! Was sagt Ihr
dazu?

=Peter= zgerte einige Augenblicke, ehe er eine Antwort gab. Dann sagte er
in bedenklichem Tone:

Ein groes Kunststck wre es nicht, Euch unbemerkt fort zu boogsiren!
Wir haben das zu Nacht hundertmal getrieben, um das Havengeld zu sparen.
Aber es ist so eine Sache -- geradeheraus, Euere Ladung kommt mir
verdchtig vor.

Dummes Zeug! versetzte mit erzwungenem Lachen =Hazenbrook=. Zugleich
schritt er ohne Weiteres mit dem Ohnmchtigen, dem er die Nachtmtze
tief in's Gesicht gezogen hatte, rasch nach dem Boote hin. Whrend er
dieses betrat und seine Last sanft auf die Bank niederlie, rief er nach
den langsam folgenden Mnnern zurck: Vorwrts, Ihr Leute! Sparet Euere
unntzen Bedenklichkeiten! Auer der versprochenen Belohnung erhlt noch
jeder freien Brandtwein auf ein ganzes Jahr.

Freien Brandtwein auf ein ganzes Jahr! wiederholte =Trip= in seligem
Staunen. Topp! Wir sind die Eueren mit Leib und Seele, mgt Ihr nun ein
Schelmenstck oder ein ehrliches Werk vorhaben! das habt Ihr zu
verantworten.

Sie sprangen in das Fahrzeug und ihre krftigen Arme brachten es rasch
aus der Nhe des =van Vlietenschen= Hauses. Geruschlos zog es ber die
schmale Wasserflche der Canle, zwischen den hohen Huserreihen hin.
Bald befand er sich in einer entlegenen Gegend der Stadt, wo man nur
wenig mehr von dem Feuerlrm vernahm. Der rthliche Schein am Himmel
wurde schwcher. Besorgt hatte =Eobanus= den kraftlos chzenden Kranken in
seinen Pelz gehllt. Er lauschte auf seine Odemzge, er hatte die Rechte
auf sein Herz gelegt. Ihm selbst gingen tausend verwirrte Gedanken im
Kopfe herum. Zunchst aber stand der Vorsatz in ihm fest, so bald sie
glcklich die Stadt verlassen haben und sich im Canale von =Leyden=
befinden wrden, aus dem ersten Hause ein Bett herbeizuschaffen, um die
Lage des Leidenden zu verbessern. Er war noch von ngstlichen Zweifeln
ber das Gelingen seines Unternehmens beunruhigt. Er blickte argwhnisch
nach den beiden Ruderern. Diesen aber schien es ganz gleichgltig zu
seyn, welche Ladung ihr Fahrzeug enthielt. Ihre Gedanken schwelgten
schon im Vorgenusse der reizenden Zukunft, die ihnen das Versprechen
=Hazenbrooks= erffnet hatte.




9.


Gegen die Abenddmmerung des folgenden Tages standen an der Brandsttte
des =van Vlietenschen= Waarenhauses drei ansehnliche Mnner von
verschiedenem Alter, in denen wir Herrn =Jan van Daalen=, seinen Sohn
=Cornelius= und dessen Freund, den Schiffscapitn =Jansen=, wiederfinden.
Ihre Blicke waren auf den mchtigen Schutthaufen gerichtet. Hier und da
stand noch ein einzelnes Mauerstck, eine schwarze trauerige Ruine. Die
starken Seitenwnde des Gebudes hatten der Wuth des Feuers nicht
widerstehen knnen und waren unter ihrem Andrange zusammengestrzt.
Viele Arbeiter waren beschftigt, die zu Kohlen gebrannten, noch
rauchenden Balken hinwegzuschaffen, andere gruben und suchten in dem
Schutte nach Gegenstnden, die vielleicht der Zufall unbeschdigt
erhalten hatte. Nur dieses einzelne Waarengebude war von den Flammen
gnzlich vernichtet worden, nebst seinem kostbaren Inhalte an Gewrzen,
edeln Spezereien und andern werthvollen Handelsartikeln. Das Wohnhaus
stand unversehrt, ebenso waren andere, in dem Umkreise der =van
Vlietenschen= Besitzungen befindliche Waarenbehlter von dem Brande
verschont geblieben. Man schlug den Schaden hoch an, aber keinesweges so
bedeutend, da er dem dicksten Manne von =Rotterdam= empfindlich htte
seyn knnen. Aber dieser dickste Mann selbst? Was war aus ihm geworden,
welch wunderbare Macht hatte ihn aus der Mitte seiner Mitbrger
entrckt, ohne da nur eine Spur von ihm geblieben wre?

Es ist unbegreiflich! sagte Herr =Jan=, indem die nichtssagenden grauen
Augen in den Schutt starrten und der Kopf mit der ungeheueren
Lockenpercke sich zur Bekrftigung des Gesagten einige Augenblicke lang
wackelnd hin- und herbewegte. Er deutete mit dem Porcellanknopfe seines
spanischen Rohres nach dem im Hintergrunde sichtbaren Wohnhause und fuhr
fort. Dort war er noch gestern Abends spt, dort hat ihn der Domine
nicht lange vor dem Ausbruche des Feuers verlassen und jetzt -- wie von
der Erde weggeblasen, wie nie da gewesen, wie in eine erbrmliche Null,
die =vor= der Eins steht, aufgels't!

Nassau und Oranien! hob mit einem verdrielichen Gesichte =Cornelius=,
der erst vor einer Stunde auf =Jansens= Barke angelangt war, an. Das ist
eine wunderliche Geschichte. Vater und Tochter fort -- spurlos
verschwunden! Das Haus mit seinem Reichthume, mit dem groen
Handelsgeschfte verdet, verwais't. Das ist noch das tollste von allen
tollen Ereignissen, die ich im Laufe weniger Tage erlebt habe.

Es ist fatal! brummte Herr =Jan= vor sich hin. Jetzt wre die beste
Gelegenheit, den alten Handel wegen =Cltje= und =Cornelius= richtig zu
machen, denn, nachdem ihm das Waarenhaus niedergebrannt, ist Alles
ausgeglichen und ich bin wenigstens ebenso dick, wie =van Vlieten=. Dumme
Streiche! Will man mit dem Alten handeln, so ist er nicht auf dem
Platze; will man nach der Tochter greifen, so fat man die leere Luft.

Er war sehr krank und schwach? forschte der Sohn weiter. Es ist nicht
zu denken, da er ohne Untersttzung, ohne anderen Beistand sich
entfernt habe.

Wer kann das wissen? wandte der alte =van Daalen= ein. Der Domine sagt,
er habe ihn sehr elend und ermattet gefunden; der Doctor =Mauritius=
behauptet, das sey nicht mglich, denn Mittags noch habe er eine
gebratene Gans mit gutem Appetit allein verzehrt und eine Flasche
Rheinwein dazu ausgestochen. Dem =Tobias= waren immer die Schwarzrcke ein
Dorn im Auge. Ich meinerseits glaube, er hat sich in der Weinlaune nur
einen Spa mit dem Domine gemacht. Er hat ihm eine Nase gedreht mit der
Mattigkeit und der Todesfurcht. Lat uns nur das Ende erwarten!
Vielleicht ist er bei der Bemhung, irgend Etwas aus dem Feuer zu
retten, umgekommen und seine Gebeine werden noch unter dem Schutte
gefunden.

Indessen verfolgten die scharfen Blicke des Barkencapitns einen
Menschen, der sich taumelnd und dem Anscheine nach betrunken, zwischen
dem Haufen der hier zahlreich versammelten neugierigen Bewohner von
=Rotterdam= umhertrieb. Er war noch zu weit entfernt von ihm, er verlor
sich zu oft hinter den einzelnen Gruppen der Zuschauer, als da =Jansen=
ihn mit Bestimmtheit htte erkennen knnen. Aber eine dunkele Vermuthung
fesselte seine Blicke an den Mann. Jetzt kam dieser nher, jetzt wandte
er sein Angesicht, jetzt sah auch er den Capitn und war nun ngstlich
bemht, sich wieder unter der Menge zu verbergen. =Jansen= hatte ihn
erkannt! Sein Donnerruf: =Peter Trip!= brachte ihn zum Stehen und fhrte
ihn bald darauf, freilich in einigen Schlangenlinien, die er vergebens
strebte in eine gerade Richtung zu verwandeln, vor den Capitn.

=Jansen= hatte ihm, whrend er langsam nher kam, finstere durchbohrende
Blicke zugesandt, deren Bedeutung er aber, bei der schon eintretenden
Dmmerung und in der Befangenheit des Rausches schwerlich erkannte.

Wo kommst du her, =Peter=? Warum warst du nicht auf deinem Posten, als
ich ankam? fragte in einem rauhen, strengen Tone der Schiffsherr. =Trip=
zgerte mit der Antwort. Bramsegel und Backbord! fuhr =Jansen= heftiger
auf ihn ein und hob die gewaltige Faust. Soll ich dir Rede machen, soll
ich dich deine Schuldigkeit lehren?

Capitn, antwortete mit halb lallender, halb zitternder Stimme =Peter=:
seyd nicht bse, verzeiht einem armen Teufel, da er eine Fahrt auf
eigene Rechnung gemacht. Aber seht -- der Verdienst lohnte auch die
Mhe: zehn blanke Dukaten und berdem noch freier Wachholder auf ein
ganzes Jahr!

Was soll das heien? sagte =Jansen= erstaunt zu =Cornelius=. Des
Burschen Hand, in der man sonst nur das Ruder oder das Brandweinglas
erblickt, ist mit Gold bedeckt, er faselt noch von andern Dingen, die
meinen Argwohn erregen -- Kerl! wandte er sich drohend zu =Trip=
zurck: hast du schlechte Streiche getrieben, so nimm dich in Acht! Ich
knnte dir den hanfenen Zwieback zu schmecken geben und, Sturm und
Wetter! wenn du gar gestohlen httest, so mtest du baumeln ohne Gnade
und Barmherzigkeit. Heraus mit der Sprache! Was hast du gethan, wo kommt
das Geld her?

Ehrlich erworbenes Geld, ehrlich erworbener Wachholder! erwiederte
=Peter=, der jetzt seinen Entschlu genommen hatte, mit grerer Ruhe.
Ich habe geschworen, von der Sache nichts auszuplaudern, aber wenn Ihr
sie zu wissen begehrt, so mu ich sie sagen, denn Ihr seyd mein Herr und
Herrendienst geht vor Gottesdienst. Kurz und gut, ich habe einen Kranken
nach =Leyden= gefahren in dieser Nacht! =Clas Rycke= war auch dabei und
sein Boot mute ber den Spiegel gleiten, wie die fliegenden Fische ber
das Meer von =Java=. Der kranke junge Mensch war so zufrieden damit, da
er sich nicht rhrte und regte und der Professor, der uns gedungen,
lobte uns sehr und lachte immer vergngt in sich hinein.

Was fr ein Professor? forschte =Jansen= weiter. Wie nannte er sich?

Wie er sich nannte? versetzte, seine Mtze verlegen hin und her
rckend, =Peter=. Genau wei ich's nicht mehr. =Hasenfu= oder
=Hasenkopf=: eins von Beiden!

=Hazenbrook!= fiel ungeduldig =Cornelius= ein.

Wahrhaftig! sagte im dummen Erstaunen der Matrose. Ihr wit's besser,
als ich, und waret doch nicht dabei!

=Hazenbrook!= wiederholte Herr =Jan=. So wahr ich lebe, das ist derselbe
Professor, der, als ich mit Heern =van Vlieten= das Letztemal am Haven
spazieren ging, ihn durchaus berreden wollte, er solle sich nach seinem
Tode als eine egyptische Mumie einsalzen lassen.

=Cleliens= Ruber! rief in heftiger Bewegung =Cornelius=.

Nur still, nur ruhig! ermahnte der Capitn. Wir werden bald Land
sehen. Ihr mt mir nur durch Euer Gerede und Gelrm den Burschen nicht
verblffen. Sprich weiter, =Trip=! kehrte er sich wieder zu diesem. Wie
sah der kranke junge Mensch aus? War er zart und schmchtig?

=Peter= sann ein Weilchen nach. Dann antwortete er in treuherzigem Tone:

Wahrhaftig, Capitn, das kann ich Euch nicht so genau sagen! Die
Nachtmtze sa ihm tief auf die Nase herab und der Pelz hllte ihn bis
ber's Kinn ein. Der Professor lehnte sich auch immer so ber ihn hin,
da man wenig von ihm sehen konnte. Aber als wir mit Tagesanbruch in
=Leyden= hielten, kam mir die Nase spitz und roth vor und ein stachlichter
Bart trat ber den Pelz heraus.

So war es =Clelia= nicht! sagte der Junker, der sich in der Hoffnung,
eine Spur der Geliebten zu finden, unangenehm getuscht sah.

Ein junger Mensch mit einer rothen Nase und einem stachelichten Barte?
hob im Tone des Argwohns und der Erwgung =Jansen= auf's Neue an. Wo habt
Ihr sie denn eingenommen, Eueren jungen Menschen und Eueren Professor?

Das war eine Frage, deren Beantwortung =Peter Trip= gern vermieden htte.
Sie konnte weiter fhren und den Capitn mit seinen Rettungsversuchen
whrend des Brandes, die =Hazenbrook= ganz richtig als Bemhungen fr den
eigenen Seckel bezeichnet hatte, bekannt machen. Aber er frchtete die
Strenge seines Herrn und hatte nicht den Muth ihn zu belgen.

Ei, dort! erwiederte er mit gedmpfter Stimme und zeigte nach dem =van
Vlietenschen= Wohnhause. An einer Hinterthre. Der Professor brachte den
ohnmchtigen Kranken herab. Er hatte recht seine Last mit ihm. Wir
muten versprechen, nichts zu verrathen, so ging's fort und wir
schmuggelten die Passagiere glcklich an der Havenwache vorbei.

Whrend des Brandes? fragte hastig =Jansen=.

Gleich zu Anfang, lautete die Antwort. Es war Alles still dort.
Niemand hat uns gesehen.

Blixen, mir geht ein Licht auf! fuhr Herr =Jan= mit einemmale aus seiner
gewhnlichen Ruhe empor. Der Kranke war kein anderer als Myn Heer =van
Vlieten= und der verdammte Professor hat ihn entfhrt, um ihn auf
egyptische Art einzumachen. Aber das soll ihm bel bekommen, dem
Menschendieb! Ich laufe zum Brgermeister, ich lasse mir gerichtliche
Vollmacht geben, ich will sehen, ob ein dicker und angesehener
Bewindhebber von =Rotterdam= von einem solchen egyptischen Seeruber
ungestraft aus seiner eigenen Stube gestohlen werden darf!

Was er gehrt hatte, war hinreichend seinen Zorn zu entflammen. Er
drngte sich rasch durch die versammelten Neugierigen und richtete seine
Schritte nach dem Hause des Brgermeisters. In der Person des Herrn
=Tobias= schien ihm der ganze Handelsstand von =Rotterdam= schwer
beleidigt. Er selbst wollte noch an diesem Abende die Reise nach
=Leyden= antreten, um dort unter gerichtlichem Beistande den alten
Freund, mit dem er doch manche Schaale Thee im Prinzen-Collegium
getrunken, wenn es noch mglich sey, von dem schmhlichen Schicksale des
Einmachens zu retten. Dieses war ein groer Entschlu fr einen Mann,
der so sehr an ein ruhiges, gemchliches Leben gewhnt war, wie Herr
=van Daalen=: aber welche mchtige Hebel hatten auch mit einemmale
seine Seele ergriffen? Es war die =Rache=, die er frher noch nie
gekannt, die -- Hoffnung, die ihn neu belebte!

Fort, fort! rief auch =Cornelius=, als der Alte kaum den Rcken gewandt
hatte. Beim Degen des groen =Marlborough=, dieser =Hazenbrook= ist ein
entsetzlicher Mensch! Er lt die Tochter entfhren, whrend er selbst
den Vater raubt. Welche schrecklichen Absichten lauern unter der Hlle
dieses Geheimnisses? Ich will sie zerreien, zerhauen mit dem Degen,
wenn es seyn mu. Komm mit, =Jansen=! Meine Pferde sind gesattelt. In drei
Stunden sind wir in =Leyden=. Nassau und Oranien! Ich will den Professor
und der Professor soll mich kennen lernen.

Meinetwegen! versetzte =Jansen=. Ich bin ein schlechter Reiter und wenn
ich den Hals breche, hast du es auf dem Gewissen. Aber ich habe dir
versprochen, dich nicht allein in der tollen Geschichte stecken zu
lassen und mein Wort halte ich. Du, rief er, schon im Fortgehen, nach
=Peter Trip= hin, der sich bereits mit dem Gedanken schmeichelte, von
seinem gestrengen Gebieter vergessen worden zu seyn, du trollst dich im
Augenblicke auf die =Syrene= und wenn du sie eher verlssest, als ich
wiederkomme, so soll dir des Bootsmanns Ruderstange um den Kopf wirbeln,
da du deine Dukaten fr Kopfstcke ansiehest und dir die Wachholderlust
auf lange hin vergeht!

Die beiden Freunde schritten eilig der nicht weit entlegenen Wohnung des
Herrn =van Daalen= zu. =Peter Trip= schlug taumelnd den Weg nach der Gegend
des Havens ein, wo die =Syrene= vor Anker zu liegen pflegte.




10.


_Obiit!_ Er hat vollendet! Kein Odemzug mehr, kein Herzschlag! sagte
der Professor =Eobanus Hazenbrook= und bemhete sich, eine Thrne aus
dem trockenen Auge zu pressen. Er stand in seinem kleinen Schlafzimmer
an dem Lager, auf dem, seit der am frhen Morgen erfolgten Ankunft in
=Leyden=, Herr =Tobias van Vlieten= in fortdauernder Bewutlosigkeit
geruhet hatte. Vergebens hatte der Professor dem Leidenden strkende
Tropfen eingeflt, vergebens alle Mittel erschpft, die, jedem ueren
Merkmale nach, gnzlich erschlafften Lebenskrfte zu heben. Das Aechzen
des Kranken war von Stunde zu Stunde schwcher geworden, jetzt hatte es
ganz aufgehrt.

Das ist das Werk des Doctor =Mauritius=! sprach =Hazenbrook=, sich
selbst ber den Gewissenszweifel beruhigen wollend, da die nchtliche
Reise den Tod des Patienten veranlat oder beschleunigt habe.
Rindfleisch und Rheinwein! Es heit eine Feuersbrunst mit Pech und
Schwefel lschen, wenn man solche Dinge in ein schon erhitztes und
erregtes Blut wirft. Da liegt er nun starr und todt -- geschlachtet von
dem verrckten Leichendoctor! Aber ich will aus ihm selbst ihm ein
Mausoleum bereiten, zu dem die staunende Nachwelt wallfahrten soll, wie
zu einem wunderthtigen Heiligenbilde. Jetzt erst ist er mein. _Habeo
Themistoclem!_

Er schwieg und sah mit einem milden Lcheln in das Antlitz und die noch
offenen Augen des Liegenden.

Freilich, hob er nach einer ziemlichen Pause wieder an, knnte es
Ignoranten geben, die da meinen mchten, diese Augen seyen noch nicht
eigentlich gebrochen und das leise Zucken in den Wimpern verrathe eine
Lebensspur. Aber haben sie die Natur in ihre geheimsten Gnge verfolgt,
wie der Professor =Eobanus Hazenbrook=? Die erstarrende Ader zuckt noch,
allein es ist nicht das Leben, das sie bewegt. So zappeln auch noch die
Glieder der todten Schlange, der man den Kopf abgeschnitten, das Bein,
das man der Spinne abgerissen hat. Es sind die letzten Regungen des
zurckgebliebenen Leibes, an denen die geschiedene Seele keinen Theil
hat. Meinen Scharfblick tuscht nichts, meine Erfahrung hat sich in
tausend Fllen bewhrt!

Was man wnscht, das glaubt man gern. So ging es auch dem Professor.
Nichts schien mehr der Erfllung seines heiesten Wunsches
entgegenzustehen. Den =Tobias= hatte er nur geliebt in der Hoffnung auf
seinen Tod: was Wunder, da er sich jetzt dem freudigen Glauben hingab,
diese Hoffnung sey nun in Wirklichkeit bergegangen? Aber sein in Freude
berschwellendes Gefhl war es eben, was diesesmal seinen Verstand
betrog und seinen rztlichen Blick trbte. Herr =van Vlieten= war
keineswegs todt, wie =Hazenbrook= mit Sicherheit whnte. Im
Gegentheile bereitete gerade jetzt eine Crisis im Innern die schleunige
fast wunderbare Genesung des Kranken vor. Er lag im Starrkrampfe. Er
hatte Alles gesehen, Alles gehrt, was mit ihm vorgegangen war. Er sah
noch in diesem Augenblicke den Professor mit dem schmunzelnden
Einbalsamirungslcheln auf dem Gesichte, er vernahm aus seinem Munde die
Erklrung, da er -- der Lebende nun gestorben sey und sich demnchst
selbst, als irgend ein egyptischer Mumienknig, zum verewigten Denkmale
gesetzt werden solle. Entsetzliche Lage! Er wollte schreien, aber die
Kehle war ihm wie zugeschnrt, die Zunge versagte ihm jeden Dienst. Er
wollte sich bewegen, wthend um sich schlagen; seine Glieder waren
starr, unvermgend zu der geringsten Thtigkeit. Und immer stand der
Professor vor ihm mit dem grlichen Lcheln, mit dem Ausdrucke innigen
Wohlgefallens an der vermeinten Leiche!

Wie ward ihm aber gar, als nun =Hazenbrook= seinen vertrauten Diener rief
und mit dessen Hlfe ihn eine breite Treppe hinauf in einen
hochgewlbten Saal trug, wo ihn allenthalben schauerliche Sinnbilder des
Todes angrins'ten! Es war das anatomische Theater. Der Professor geno
einer freien Wohnung im Universittsgebude und hielt es fr das
Rathsamste, sein Einbalsamirungsgeschft im Zergliederungssaale, der
whrend der Ferienzeit ihm vollkommene Verborgenheit gewhrte, zu
beginnen. Der starre Krper des Herrn =Tobias= war von den beiden Mnnern
auf eine groe Tafel niedergelegt worden. Jetzt sah er freilich nichts
mehr von den Gerippen, die in einzelnen Nischen des Saales aufgestellt
waren, von den Zergliederungs- und Amputations-Apparaten an den Wnden,
die er fr Marterwerkzeuge gehalten hatte. Sein starrer Blick haftete an
der gewlbten Decke. Durch die Fenster in dieser schien der Mond,
schimmerten die Sterne herab. Da dachte er: ich sehe noch den Himmel und
seine schnen Lichter und bin dennoch gestorben, ich kann noch denken
und mich sehnen nach meinem lieben Kinde, das ich durch allzu groe
Strenge von mir getrieben, und sie heien mich doch schon den seligen
=Tobias=! Die Wehmuth trat ihm an's Herz. Es war ihm, als msse er weinen,
wie ein Kind, aber auch die Thrnen hielt der Krampf gefesselt.

Indessen durchschritt der Professor seelenvergngt den Schauplatz seiner
Heldenthaten. Er hatte den Diener fortgeschickt. Seine Blicke ruheten
bald behaglich auf irgend einem wohlgelungenen Prparat, bald auf einem
seltsamen Monstrum, deren mehrere gut erhalten und ausgestopft in dem
Gemache standen; immer aber kehrten sie doch mit dem Ausdrucke einer
vollkommenen Zufriedenheit, eines Wohlwollens, das mit jedem Augenblicke
stieg, nach dem groen Secirungstische zurck, auf dem Herr =van Vlieten=
die Sternlein und den lieben Mond beugelte. Mitternacht war nahe.
=Hazenbrook= ahnete nicht, da der Glockenschlag dieser verhngnivollen
Stunde ihn mit einemmale von dem Gipfel seiner Freude, aus dem
Paradiesgarten seiner, wie er whnte, erfllten Hoffnungen schleudern
wrde. --

An einem der Stadtthore von =Leyden= fand whrend dieser Zeit eine Scene
statt, die mit den bedeutendsten Verhltnissen unserer Geschichte in
einer zu innigen Beziehung steht, als da wir ihrer nur leichthin
gedenken drften. Ein bedeckter und verschlossener Wagen fuhr langsam
ber die Zugbrcke und durch das geffnete Thor. Die zwei Pferde, welche
ihn zogen, schienen sehr ermdet und muten sowohl durch die
Peitschenschlge ihres Fhrers, wie durch die ermunternden Zureden eines
nebenreitenden Begleiters bewogen werden, ihren matten Schritt
fortzusetzen. Ein anderer Begleiter hielt indessen bei der Thorwache,
um deren pflichtmige Erkundigungen zu beantworten und ohne da er zwei
hinter ihm haltender Reiter, die im scharfen Trabe nachgekommen waren,
sonderlich geachtet htte. Er schien sehr eilig und verdrielich ber
den nothgedrungenen Aufenthalt.

Zum Professor =Hazenbrook=! _Caddis!_ Wie oft soll ich es wiederholen!
rief er ungeduldig nach der Wache hin, indem er dem langsam
fortkriechenden Fuhrwerke folgte.

Bramsegel und Backbord! flsterte einer der beiden spter anlangenden
Reiter seinem Gefhrten zu. Wir segeln mit gutem Winde. Dieser _Caddis_
ist einer von den zwei Spitzbuben, die ich dir auf der Syrene
nachgefhrt, und ich will nie wieder einen Anker auswerfen oder ein
Segel hien lassen, wenn in dem neumodischen Kasten, den sie eine
Kutsche nennen, nicht Jungfer =Cltje= und =Herrmanneke's= Braut, die
holdselige =Philippintje=, sitzen!

Bei dem Ruhme Oraniens! Ich glaube es selbst; erwiederte =Cornelius=,
der mit seinem Freunde den sechsstndigen Weg von =Rotterdam= nach =Leyden=
in Sturmeseile zurckgelegt hatte. Wir mssen die Spur verfolgen. Hier
werden sich alle Rthsel lsen, hier werde ich endlich meinen seltsamen
Feind, den Professor =Hazenbrook=, von Angesicht zu Angesicht kennen
lernen.

Er sprang vom Pferde; =Jansen= folgte seinem Beispiele. Die militrischen
Abzeichen, welche =Cornelius= trug, machten jede weitere Errterung mit
der Wache berflig. Whrend sie zu Fu die schneckenartig sich
fortbewegende Kutsche erreichten, blieben die Pferde bei der Thorwache
zurck. Das Herz des Junkers =van Daalen= pochte in strmischer Unruhe!
Seine Blicke hingen an dem Wagen, sie htten die dnne Scheidewand, die
ihn von der wahrscheinlich wiedergefundenen Geliebten trennte,
durchbohren mgen. Die Schritte der beiden Freunde waren leise, jetzt
waren sie dem Wagen ganz nahe, jetzt schwangen sie sich von einem
gemeinsamen Gedanken ergriffen im nmlichen Augenblick auf das breite
Hinterbrett der schwerflligen Kutsche, das zum Tragen der Reisekisten
bestimmt war. Niemand hatte sie bemerkt. Die Begleiter des Wagens ritten
langsam vor diesem her und ahneten nicht, was sich hinter ihrem Rcken
begab. =Jansen= lachte mit unterdrcktem Kichern in sich hinein, whrend
=Cornelius= lauschte, ob er nicht etwa =Cleliens= theuere Stimme im Inneren
des Wagens vernehmen knne. Seine Mhe war eitel; das Rasseln der
Kutsche auf dem Steinpflaster verschlang jeden anderen Ton.

Durch viele Straen waren sie schon gekommen und das Licht des Mondes
htte die beiden Freunde leicht verrathen knnen, wenn es einem von den
Reitern eingefallen wre, zurckzubleiben und die Lage der Dinge zu
untersuchen. Aber sie waren ihrem Ziele zu nahe, um noch irgend eine
Gefahr zu befrchten. Sie plauderten sorglos von der Ueberraschung des
Professors, der einen solchen Besuch um Mitternacht gewi nicht erwarten
wrde.

Endlich hielt die Kutsche vor einem groen steinernen Gebude. Einer der
Reitenden stieg ab und ffnete mit einem Schlssel, den er bei sich
fhrte. Mit einem dumpfen Getse fuhr der Wagen in ein dunkeles Gewlbe.
Das Thor schlo sich hinter ihm.

Wir sind gefangen! flsterte =Jansen= nach =Cornelius= hin.

Wir haben Waffen; entgegnete leise dieser.

Ich mu doch den Alten erst vorbereiten; sagte in vernehmlichem Tone
jetzt derjenige der zwei Begleiter, der bereits den Boden betreten
hatte. =Cornelius= erkannte ihn an der Stimme. Es war der junge Mann, der
damals in dem lndlichen Gehfe zu den saumseligen Maasregeln gerathen,
welche des Junkers Flucht mit den beiden Frauen begnstigten. Er
arbeitet noch oben im Saale, denn es ist Licht dort, sprach er weiter.
Fhre du indessen die Pferde zum Stalle, =Le Vaillant=! Der Wagen bleibt
bis zu meiner Rckkehr ruhig an Ort und Stelle.

Alles geschah nach der Angabe des Fortschreitenden. Er schien ermdet.
Seine langsamen Schritte drhnten im Wiederhalle von der steinernen
Treppe herab, die er hinaufging. Ringsum herrschte vllige Dunkelheit.
=Cornelius= und =Jansen= schlichen vor zum Kutschenschlage. Der Fhrer des
Wagens war auf seinem Sitze fest eingeschlafen. =Jansen= bewachte ihn; der
zurckgebliebene Begleiter hatte die Pferde nach dem Hintergrunde eines
gerumig scheinenden Hofes gefhrt.

=Clelia!= sprach leise, aber im Tone der innigsten Liebe, der Hoffnung
und Furcht, =Cornelius= durch die Ritze der Ledervorhnge in das Innere
der Kutsche.

=Cornelius!= antwortete eine Stimme, deren Ton ihn mit Entzcken
erfllte.

Im nchsten Augenblicke war der Schlag geffnet. =Clelia= sank zitternd an
die Brust ihres Freundes. Laute unmelodische Odemzge verriethen die
Anwesenheit =Philippintje's=, aber auch zugleich, da sie sich in
demselben Zustande befand, wie der Rosselenker auf dem Bocke.

Hinauf, hinan! sagte hastig =Jansen=, indem er den frei gebliebenen Arm
=Cleliens= ergriff. Immer den Schritten des Schelmen nach, die uns den
Weg weisen sollen. Wir mssen dem Feind auf den Leib rcken, wir mssen
an sein Bord. Ich ahne, da wir oben eine Person finden, der unsere
Gegenwart leicht noch erwnschter kommen drfte, als der Jungfrau
=Cltje=.

Whrend der furchtlose Seemann sich hastig an dem Gelnder der in das
obere Stock fhrenden Treppe fortgriff, suchte =Cornelius= mit dem Freunde
gleichen Schritt zu halten. =Clelia= schwebte, von den krftigen Armen der
zwei eilenden Mnner untersttzt, mehr durch den dunkelen Raum aufwrts,
als da sie sich ihrer Fe zu bedienen brauchte. Man erreichte einen
ebenen Boden. Ganz nahe war man jetzt den hallenden Tritten des
Vorangegangenen.

=Clelia= und ihre Begleiter blieben stehen. Sie hielten den Odem an, sie
lauschten. Auch derjenige, dem sie gefolgt waren, hatte seine Schritte
gehemmt. Er klopfte jetzt an eine Thre, er nannte seinen Namen: =La
Paix=. =Jansen= drngte =Clelien= und seinen Freund vor, dem Sprechenden so
nahe, da sie das Rauschen seines Mantels an der Wand vernehmen konnten.

Da ffnete sich die Thre, ein Lichtglanz strmte heraus, ein schwarz
gekleideter Mann erschien in ihr und breitete die Arme dem Eintretenden
entgegen, mit den Worten:

_Salve_, Musenkindlein! Du kommst zur guten Stunde: _habeo Themistoclem_!

Aber im nmlichen Augenblicke drang auch =Jansen= mit =Cornelius= und
=Clelien= dem betroffenen Studenten nach in den hellen Saal, im nmlichen
Augenblicke hob der Hammer der Glocke des Universittsgebudes, die sich
gerade ber dem anatomischen Theater befand, aus zum ersten Schlage der
Mitternachtsstunde, er drhnte schwirrend ber den Huptern der seltsam
Versammelten hin, das Glockenspiel in der Uhr fing an das damals eben
neu aufgekommene Lied: =Prinz Eugenius, der edle Ritter=, zu spielen und
-- siehe! der Starrkrampf des Herrn =van Vlieten= war gelst, die
schlummernde Lebenskraft schien nur einer solchen Anregung von Auen
geharrt zu haben, um, nach der glcklich vollendeten Crisis, wieder frei
und frisch in die Wirklichkeit zu treten. Noch wandte der Professor, den
fremden Besuch anstaunend, ihm den Rcken. Als aber =Hazenbrook= sich
umkehrte, als die Uebrigen ihm auf dem Fue in das Gemach folgten, da
stand schon Herr =Tobias= mitten im Saale, umwallt von dem weiten Pelze,
der durch seines Herrn Sprung von der Tafel in eine flatternde Bewegung
gerathen war.

=Hazenbrook= verlor die Sprache und sank in einen Sessel, die beiden
Freunde betrachteten mit Befremdung die wunderliche Umgebung, die
Skelette und Migeburten, die ausgestopften Thiere und seltsamen
Werkzeuge an den Wnden, deren Bedeutung ihnen unbekannt war. Nur =Clelia=
hatte fr nichts anderes Augen, als den schwer gekrnkten, schwer
beleidigten Vater. Sie ahnete nicht das Spiel des Zufalls, das sie hier
mit ihm zusammenfhrte, sie wute ja nicht anders, als da sie auf
seinen Befehl hierher gebracht worden sey, sie mute glauben, da er sie
absichtlich hier erwarte. Sie warf sich ihm zu Fen, ihre Thrnen
flossen und mit bebender, flehender Stimme sagte sie:

O verzeihet mir, mein Vater, da ich mich so arg an Euch versndigt!
Ihr habt groes Recht mir zu zrnen, mich zu strafen, so hart Ihr wollt,
aber schenkt mir dann auch Euere Vergebung, schenkt mir Euere Liebe
wieder!

Ein Ausdruck von Milde zeigte sich in dem Antlitze des Herrn =van
Vlieten=, als er auf die Tochter niedersah. Dann fuhren seine Blicke wild
im Kreise umher. Sie trafen auf =Hazenbrook=. Er schauderte zurck, als
habe er einen Basilisken erblickt.

Ich verzeihe dir, stie er hastig heraus, ich verzeihe dem =Cornelius=,
ich verzeihe Allen, aber =dem= verzeihe ich nicht, dem schndlichen
Menschenruber, dem satanischen Mumien-Professor! Fort von hier im
Augenblicke! Die Luft hier ist vergiftet und die Gerippe starren mich
an, als wollten sie mich begren als ihren guten Freund und
Gevattersmann. Ich ersticke hier! Ich mu ins Freie, in ein anderes
Haus.

Er schritt mit einer Eile und Festigkeit nach der Thre, die
augenscheinlich die vllige Rckkehr seiner Krfte erwiesen. =Jansen= ri
ein Licht an sich und eilte voraus. Von =Cornelius= gefhrt folgte =Clelia=
dem vershnten Vater. So leicht hatte sie nicht gehofft, seine
Verzeihung zu erhalten, so bald hatte sie noch weniger geahnt, ihn dem
jungen Manne, dem ihre Liebe gehrte, geneigt zu sehen. Wie ein schner
Traum dnkte sie Alles. Sie sah wohl ein, da in dessen Hintergrunde ein
Rthsel stehe, welchem sie die gnstige Wendung ihres Schicksals
verdanke, aber sie vermochte es nicht zu erklren und gab sich auch
lieber der Wirklichkeit hin, die sie klar und freundlich ansprach.

=La Paix= sandte den Forteilenden einen staunenden und fragenden Blick
nach, der deutlich sagte, da er von Allem, was eben unter seinen Augen
vorgegangen war, nichts begreife. Er konnte ihre Entfernung nicht
verhindern, wenn er auch gewollt htte. Der Zustand des Professors
erheischte seine ganze Sorgfalt.

Jungfrau =Philippintje= hatte indessen im Innern der haltenden Kutsche ihr
Schlfchen fortgesetzt. Sie erwachte erst von dem Schein der Kerze, mit
der =Jansen= in den Wagen leuchtete. Ihr Blick fiel auf Herrn =van
Vlieten=. Sie sah den strengen Brodherrn im wohlbekannten Schlafpelze,
sie glaubte sich in der heimathlichen Wohnung zu =Rotterdam=, sie schrie
laut auf und wollte sich aus dem Wagen strzen.

Ruhig! gebot der Capitn und schob sie unsanft in die Kutsche zurck.
Verstummend schmiegte sie sich in einen Winkel. Sie sah, wie Herr =Tobias=
einstieg, ein Zittern ergriff sie, als sie die Nhe des Gebieters, der
dicht neben ihr Platz nahm, fhlte. =Clelia= folgte dem Vater. Der milde
Strahl des Friedens, der aus ihrem Auge und Antlitze leuchtete, drang
trstlich in =Philippintje's= Herz.

Whrend =Jansen= den schweren Riegel am Thore zurckschob und dieses
ffnete, hatte =Cornelius= den noch immer schlafenden Kutscher erweckt und
ihm in einem Tone, der keinen Widerspruch zulie, angedeutet, den Wagen
augenblicklich umzuwenden und nach dem besten Gasthause zu fahren. Der
Mann war noch schlaftrunken. Er glaubte einen seiner bisherigen Herrn
vor sich zu sehen und gehorchte ohne Umstnde.

_Caddis!_ Was hat das zu bedeuten? rief =Le Vaillant=, als er von seinem
Geschfte, das ihn in den Hintergebuden des Hofes gehalten hatte,
zurckkehrte und beim Lichte der von =Jansen= am Boden zurckgelassenen
Kerze den Thorweg offen, den Wagen verschwunden sah. Er strmte die
Treppe hinauf. Er hoffte oben bei =La Paix= und dem Professor Aufschlu zu
erhalten. Als er aber den Saal betrat, herrschte hier eine Stille, wie
im Grabe. Er fand =Hazenbrook= bleich und kraftlos in den Armen seines
Freundes =La Paix=.

       *       *       *       *       *

Die schnen Hoffnungen, welche den Liebenden diese Mitternachtsstunde
gebracht hatte, wurden erfllt. In der Frhe des nchsten Tages langte
auch Herr =Jan van Daalen= mit gerichtlichen Vollmachten an, die nun
berflig geworden waren. =Cleliens= Vater erwachte erst am Abend aus
einem tiefen und strkenden Schlafe. Es bedurfte nur weniger Hin- und
Herrede zwischen den beiden alten Herrn, um den bisherigen dicksten
Mann von =Rotterdam= zu berzeugen, da er, nach dem erlittenen
Brandschaden, den Ruhm jenes Vorzuges mit Herrn =van Daalen= theilen
msse. Dieser Ueberzeugung folgte die Einwilligung des Herrn =Tobias= in
das Glck der beiden Kinder. Alles kam nun zur Erklrung: die
Leidensgeschichte =van Vlietens=, die Doppel-Entfhrung =Cleliens= und
=Philippintje's=, die Zartheit und Ehrfurcht, mit welcher sie von den
Studenten behandelt worden waren!

Der fatale =Schiwa=! Er ist an allem Unglcke schuld; seufzte =Tobias=.

Gesegnet sey der =Schiwa=! flsterte, die blinzelnden Augen auf =Clelien=
richtend, Herr =van Daalen= fr sich hin.

Um jedem belen Leumunde auszuweichen, wurde beschlossen, die Hochzeit
ganz in der Stille hier in =Leyden= zu feiern. Alles sollte so schnell,
als mglich abgemacht werden und bis dahin die ganze Gesellschaft, wie
sie sich zusammen befand, ruhig an Ort und Stelle bleiben. Schon acht
Tage spter erschien fr =Clelien= und =Cornelius= der glcklichste Tag
ihres Lebens. Frau =Beckje= war zugegen und half ihn feiern; =Herrmanneke=,
der Bootsmann, aber hatte die Einladung, die =Philippintje= heimlich an
ihn ergehen lassen, ausgeschlagen, indem er sich entschuldigt: bei den
vornehmen Leuten drfe er keinen Tabak rauchen und seine Pfeife sey ihm
lieber, als eine Hochzeit nebst Frau und Kindern. Von diesem Augenblicke
an schwor die Hausjungfer, den Treulosen ganz und gar zu vergessen und
der reichen Belohnung, die sie von =Cornelius= zu erwarten hatte, sich
allein, im friedlichen Jungfrauenstande, zu erfreuen.

=Hazenbrook= erlebte diesen Tag nicht. Ein Schlagflu hatte ihn in jener
mitternchtlichen Stunde getroffen. Er starb wenige Tage darauf, in den
Armen seiner Schler, an den Folgen seiner vereitelten Hoffnungen.

=Le Vaillant= und =La Paix= vollendeten ihre Studien und kehrten in ihr
Vaterland zurck. Der Zufall wollte, da sie, als sie kaum die Grenze
hinter sich hatten, unter einer Gauklerbande die schne =Juliane=, die sie
einst auf dem =lustigen Freier von Rotterdam= gekannt, wiederfanden. Das
Schiff ihres Vaters war von einem franzsischen Fahrzeuge genommen
worden, Capitn =Jonas= an den im Gefechte erhaltenen Wunden gestorben.
Sie wurde als eine gute Beute mit nach Frankreich gefhrt und widmete
sich bald einer Lebensart, die mit ihren Neigungen vollkommen
bereinstimmte.

Uebrigens blieben die Abentheuer des Herrn =van Vlieten= und die Gefahr,
welche er gelaufen hatte, bei lebendigem Leibe einbalsamirt zu werden,
nicht verschwiegen. Bis an sein Lebensende behielt er den Beinamen der
=Mumie von Rotterdam=.




In demselben Verlage sind folgende empfehlenswerthe Bcher erschienen:


Bilder aus England.

Von Adrian.

Zwei Theile mit 6 Kupfern. Geheftet Thlr. 3. 12 ggr. oder fl. 6.

Die =Hallische=, =Jenaische= und =Leipziger Literatur-Zeitungen=, das
=Berliner Conversationsblatt=, die =Bltter fr literarische
Unterhaltung=, =Hesperus= u. A. haben sich ber dieses Werk auf das
Vortheilhafteste ausgesprochen. Das ausgezeichnete Darsteller-Talent,
die leichte, lebendige Schilderungsgabe des Verfassers, der reizende
Wechsel der Gegenstnde, das Interesse, das den Leser vom Anfang bis zum
Ende fesselt, und der elegante Styl sowie die Wahl der Gegenstnde, die
treue, stets aus dem Leben gegriffene Darstellung des anziehenden
Landes, in welches uns der Verfasser einfhrt, in welchem er uns
heimisch macht, die liebenswrdigen und wunderlichen Charaktere, mit
welchen er verkehrt und die er so treffend schildert, -- alles das sind
Vorzge, welche die eben so unterhaltenden, als lehrreichen =Bilder aus
England= auszeichnen und ihnen in gebildeten Kreisen einen so groen
Beifall gewonnen haben.

=Inhalt des ersten Theils=: 1) Calais. 2) Das Dampfboot. 3) Dover. 4)
Reise nach London. 5) Ankunft in London. 6) Wohnungen. 7) Der Morgen. 8)
Der Abend. 9) Die Nacht. 10) London im Frhling und im Herbste. 11) Die
Kauflden. 12) Die Londnerinnen. 13) Spaziergang in London. 14)
Vauxhall. 15) Das Gesinde. 16) Die Matrosen. 17) Franzosen und
Englnder. 18) Die ffentlichen Wagen. 19) Szenen vor Gericht. 20)
Nachtszenen in den Straen von London. 21) Das Sptjahr. 22) Die
Westminster Abtei. 23) Die Theater. 24) Die Londner Brcke.

=Inhalt des zweiten Theils=: 1) Der St. Valentins-Tag. 2) Der erste
Mai. 3) Ein Sonntag in England. 4) Ein Nachmittag zu Hampton Court. 5)
Der Greis in Dulwich College. 6) Der Alterthmler. 7) Thomas Marshal,
Esq. 8) Ausflug nach Norfolk. 9) Herr North. 10) Die Dichterhalle. 11)
Der geheimnivolle Wagen. 12) Die Kunst in London. 13) Das Tunnel. 14)
Ueberfahrt nach Boulogne. =Anhang=: I. Vauxhall-Gesnge. II. Valentines.


In ganz hnlichem Geiste verfat, und die Resultate einer neuen Reise
des Herrn Professor =Adrian= nach England, sind die unter der Presse
befindlichen

Skizzen aus England,

von Adrian,

welche eine Fortsetzung der Bilder aus England bilden und noch im Laufe
dieses Jahrs erscheinen werden.


Phantasiegemlde fr 1830.

=Von= _Dr._ =Georg Dring=.

Mit einem Titelkupfer von =Fleischmann=. Cartonirt Thlr. 1. 12 gr. oder
fl. 2. 45 kr.

So wie der Verfasser dieses Werkes, das sich nun schon seit einer Reihe
von Jahren der Theilnahme des gebildeten Publikums erfreuen darf, in
frheren Jahrgngen oft mit khnem und krftigem Pinsel das Leben und
die Natur unter fremden Zonen, wahr und lebensfrisch, dargestellt hat,
so malt er in diesem Jahrgange mit gleich lebendigen und treffenden
Farben das Leben unserer hheren geselligen Kreise, mit seinen
anziehenden Gestalten und seinen abstossenden Zerrbildern, mit seinem
blendenden Glanze und seinen entstellenden Flecken. Dabei wird ein
friedliches und freundliches Gemthsleben nicht vernachlssigt, in das
wir aus jenem rauschenden, tuschenden Treiben gern eintreten. Die
anziehende Darstellungsgabe des Verfassers ist zu bekannt, als da wir
ihrer noch besonders zu gedenken brauchten.


Napoleon durch sich selbst gerichtet.

Von J. Weitzel.

12. Geheftet 16 gr. oder fl. 1. 12 kr.

Der uns lngst durch die Tiefe, die Kraft und den Freimuth seines
sachkundigen Urtheils bewhrte Verfasser dieser Schrift, lie die
Lobspender und die Schmher vorerst in hellen Haufen vorberziehen,
bevor er das sprechende Bild des so viel besprochenen und so wirre
beurtheilten Napoleon, wie es, den Hauptzgen seines Thuns und seiner
Aeuerung nach, im treuen Spiegel der Geschichte sich zeigt, aufstellte,
und aus verschiedenen neuen Gesichtspunkten es betrachten lehrte. So
steht er, mit ernster Beobachtung, an der Seite des noch fr Wahrheit
und Menschenrecht begeisterten =Jnglings=, wie er eine Preis-Aufgabe
bearbeitet; so sucht er den =Mann= auf in dem Kreise seiner Familie und
folgt ihm auf seiner weltgeschichtlichen Heldenbahn, mit lebendiger
Farbengebung die ergreifende Erscheinung der persnlichen Nhe des
=Kaisers= vergegenwrtigend, welche dem Verfasser selbst, unter
verschiedenen Verhltnissen und Umstnden, zu verschiedenen Zeiten,
geworden.


Friedemann und die Seinen,

oder das Gottesreich auf Erden.

Ein Familienbuch zur Veredlung des huslichen und brgerlichen Lebens.

Von G. A. Gruner.

4 Theile. gr. 12. Geheftet. Thlr. 3. 8 gr. oder fl. 6.

Der Zweck erheiternder Unterhaltung ist kein unverdienstlicher in
unserer Zeit. Es ist erfreulich, da die Schrift, welche wir hiermit im
greren Kreise zur Kunde bringen, diesen Zweck, nach dem einstimmigen
Zeugnisse der nicht Wenigen, in deren Hnden sie sich bereits befindet,
in den verschiedensten Familien schon erreicht hat. Es ist erfreulich um
des weiteren und hheren Zieles willen, welches ihr aufgestellt ist.

Sie will die Schnheit des Christenthums durch die wahre und
unverknstelte Darstellung eines huslichen Lebens in allen Stnden der
brgerlichen Gesellschaft, das ein tieferes und gehaltreicheres ist, als
das gewhnliche, wie es aber gar wohl berall gelebt werden knnte, in
einem Lichte zeigen, welches das Wort des abgezogenen Begriffes nicht zu
geben vermag.


=Erzhlungen= von J. =Schopenhauer=. Acht Theile. =Zweite wohlfeilere
Ausgabe.= Auf Velinpap. Rthlr. 10. 20 ggr. oder fl. 19. 24 kr. Auf
Druckpap. Rthlr. 8. od. fl. 14.

=Inhalt=: Frhlingsliebe. -- Der Gnstling. -- Ha und Liebe. -- Die Reise
nach Flandern. -- Sommerliebe. -- Leontine und Natalie. -- Claire. --
Der Schnee. -- Die erste Liebe. -- Anton Solario. -- Die Freunde. --
Josebeth. -- Die Brunnengste. -- Die arme Margareth. -- Der Balkon. --
Der Blumenstrau.


Washington Irving's smmtliche Werke.

32.-40. Bndchen. =Die Eroberung Granada's.= 6 Bndchen. 12. Geheftet. Auf
=weiem Druckvelin= Rthlr. 1. oder fl. 1. 48 kr. Auf ordinrem Druckpapier
16 gr. oder fl. 1. 12. kr. -- =Humoristische Geschichte von New-York.= 3
Bndchen. 12. Geheftet. Auf =weiem Druckvelin= 12 gr. oder 54 kr. Auf
ordinrem Druckpapier 8 gr. oder 36 kr.


Catullus.

Uebersetzt von =Konrad Schwenk=. gr. 12. Geheftet. Auf geglttetem
Velin- und weiem Druckpapier.




Liste der vorgenommenen Korrekturen


Seite 6, Hangmatte durch Hangematte ersetzt (Der scheint auch dem
hold belebenden Genever so lange zugesprochen zu haben, bis er den Gang
am Havenbassin fr seine Hangematte angesehen und sich unbekmmert
hingelegt hat zum Schlafe, aus dem ihn ein unruhiger Traum in den ewigen
befrdern kann.)

Seite 10, Fragezeichen am Satzende durch Punkt ersetzt (Deshalb lt ihn
der Capitn immer daheim, damit er im Gewlbe die Kisten und Ballen
verwahre, die fr die nchste Fahrt eingebracht werden.)

Seite 12, Bies-Bosch durch Biesbosch ersetzt (Es giebt dann auch
wohl Gelegenheit, Euere Bratspiee auf die Dons zu versuchen, denn, wie
es heit, so treiben sie die Frechheit so weit, ihre Flagge im =Biesbosch=
und im =Diep= blicken zu lassen.)

Seite 27, schckernd durch schkernd ersetzt (=Juliane= schob das
Instrument bei Seite und, nachdem sie schkernd den jungen Mann zum Sitzen
genthigt, ffnete sie ein Schrnkchen ...)

Seite 32, hingegegeben durch hingegeben ersetzt (... um keine
Schtze der Welt htte =La Paix= diese Augenblicke hingegeben!)

Seite 48, Herrmaneke durch Herrmanneke ersetzt (=Herrmanneke= war der
erste an Bord Gekommene, welcher die Stille unterbrach.)

Seite 53, am Bord durch an Bord ersetzt (=Le Vaillant= und =La Paix=
muten sehen, wie =Cornelius= hastig an Bord der =Syrene= stieg, ...)

Seite 54, Blicken durch Blicke ersetzt (Noch einige Minuten lang
konnten die scharfsichtigen Blicke der Leydener Studenten sie
erreichen.)

Seite 62, Bootsman durch Bootsmann ersetzt (Der Bootsmann besitzt
ein treffliches, strkendes Elixir.)

Seite 81, Apostroph hinter besitzt entfernt (O, er besitzt
Ueberredungsknste, mit denen er nur zu leicht ein unerfahrenes
Mdchenherz bezwingt!)

Seite 85, Mislauten durch Milauten ersetzt (eine Sackpfeife und
eine Geige, die sich in den schreiendsten Milauten zu berbieten
suchten.)

Seite 92, sassen durch saen ersetzt (In hnlicher Beschftigung und
Haltung saen in einem Halbkreise ihre Freundinnen und Nachbarinnen ihr
zur Seite.)

Seite 93, zn durch zu ersetzt (Im Uebrigen schien sich die ganze
Gesellschaft sehr behaglich zu fhlen.)

Seite 95, Augenhlen durch Augenhhlen ersetzt (Sie hatte das treue
Haupt nach ihrer ehemaligen Herrin hingewendet und sah diese aus den
lichtlosen Augenhhlen ebenso geistreich an, ...)

Seite 94, sassen durch saen ersetzt (Beide saen in einem Winkel
der Kche auf einer umgestrzten Tonne und hatten einen ungeheueren
Bierkrug zwischen sich.)

Seite 97, ganze Anfhrungszeichen innerhalb der wrtlichen Rede durch
>halbe Guillemets< ersetzt (Ich war des ledigen Standes mde und wollte
nun selbander das Glck der Jugend genieen, denn: >es ist nicht gut,
da du allein seyst,< und: >Er schuf ein Mnnlein und ein Frulein;< sagt
die Schrift.)

Seite 105, eingepckelt durch eingepkelt ersetzt (Ich mchte sie
nicht, und wenn sie in Zucker und Caffee eingepkelt wre! sagte der
unfeine Seemann.)

Seite 110, nichs durch nichts ersetzt (Eine Frau, die das Rauchen
nicht ertragen knne, wre ein fr allemal nichts fr ihn, meinte er.)

Seite 115, Gescogner durch Gascogner ersetzt (_Sandis!_ fuhr der
junge Gascogner fort, ohne seines Gefhrten Rede zu beachten.)

Seite 116, ein durch eine ersetzt (Welcher Mensch, auer ihm, kme
in der weiten Welt auf die wunderbare Idee, aus einem Rotterdammer
Theekaufmann eine egyptische Mumie, einen Pharao und Sesostris zu
machen?)

Seite 117, edle durch edler ersetzt (Es sind neunundvierzig oder
einundfnfzig, denn unser edler Capitn zhlt nur eins.)

Seite 118, fehlendes Anfhrungszeichen vor Ich ergnzt (_Corbleu!_
fuhr sein Freund auf. Ich ersuche dich, in solchen Ausdrcken von dir
allein zu sprechen.)

Seite 124, mir durch wir ersetzt (Einem solchen Ausbruche geht dann
immer ein Zustand der Schwermuth, der Bengstigung, einer kaum zu
ertragenden Niedergeschlagenheit voran, wie ungefhr Derjenige, in dem
wir uns jetzt befinden.)

Seite 124, wir durch mir ersetzt (So kommt Ihr zum Beispiel,
treffliche Mademoiselle, mir in diesem Augenblicke einigermaen wie die
heidnische Zauberin =Circe= vor.)

Seite 130, Bersekerwuth durch Berserkerwuth ersetzt (Nicht alle
waren ihr unterworfen gewesen, nur einzelne, und man hatte dieses Uebel
die Berserkerwuth genannt.)

Seite 137, das durch da߫ ersetzt (Ein Blick ber den Schiffsrand
belehrte sie, da ein Boot schon losgemacht sey, ...)

Seite 140, fehlenden Punkt ergnzt (Alberne Bedenklichkeiten! rief
sein Freund.)

Seite 140, erorbern durch erobern ersetzt (_Caddis!_ Wir wollen
dieses Land im Sturm erobern, du und ich, und wenn es von unzhlichen
Morsten und Canlen geschtzt wre.)

Seite 144, Mislaut durch Milaut ersetzt (Sie schien ihm ein
schreiender Milaut in seinen Kummer.)

Seite 148, Misgeschicks durch Migeschicks ersetzt (Aber =Eobanus= sah
schon klar den Grund seines Migeschicks, er erkannte, da seine eigene
Vergessenheit ihn in die unangenehme Lage gebracht hatte, in der er sich
befand.)

Seite 149, naen durch nassen ersetzt (Das Unternehmen war milich,
er konnte einen gefhrlichen Fall auf den nassen Boden thun.)

Seite 154, treflichen durch trefflichen sowie jungendlichen durch
jugendlichen ersetzt (..., wo er trunken vor Entzcken sogleich alle
Keime einer trefflichen Mumie, die seine Kunst zur Entwicklung und Reife
bringen knne, in ihm erkannt, wo das se Feuer der jugendlichen Liebe
ihn wonniglich durchstrmt und er selbst sich gleich mit hoher
Betheuerung gelobt:)

Seite 157, war durch wahr ersetzt (So wahr ich =Peter Trip= heie und
ihr mich frei haltet am heutigen Morgen!)

Seite 159, vortreflicher durch vortrefflicher ersetzt (... oder =Le
Vaillant=, der ein vortrefflicher Fechter war, ...)

Seite 172, fehlendes schlieendes Anfhrungszeichen ergnzt (Lat mich
in Frieden! entgegnete unwillig =Tobias=.)

Seite 174, nnd durch und ersetzt (Den zwei magern Pferden, welche
ihn zogen, sah man die Ermdung und das Bedrfni, bei gutem Futter im
warmen Stalle die verlorenen Krfte wiederzuersetzen, an.)

Seite 202, Schwert durch Schwerdt ersetzt (... und du solltest
sehen, da keiner vermag vor =Le Vaillant's= Schwerdt zu bestehen!)

Seite 204, rstige durch rstigen ersetzt (Die fnfzig rstigen
Bauernhnde, die dem Schelm jetzt zu Gebote stehen, werden dir die Lust
dazu schon vertreiben.)

Seite 207, uud durch und ersetzt (Die drei Reisenden waren =Cornelius=
und seine Begleiterinnen.)

Seite 208, ganze Anfhrungszeichen innerhalb der wrtlichen Rede durch
>halbe Guillemets< ersetzt (>Du sollst Eltern und Heimath verlassen, du
sollst ihm folgen ber Land und Meer,< sagt die Schrift.)

Seite 213, Herrmannek's durch Herrmanneke's ersetzt (Auf einer
wsten Insel, selbst ohne die Gesellschaft =Herrmanneke's=, wre sie in
diesem Augenblicke lieber gewesen, als hier, ...)

Seite 217, Vertheidigungspuncte durch Vertheidigungspunkte ersetzt
(Die Geschtze beider Vertheidigungspunkte donnerten in mchtiger
Vereinigung.)

Seite 220, dunkele durch dunkelen ersetzt (Schon wurden die dunkelen
Gestalten der Verfolger am ueren Rande der Vertiefung sichtbar, ...)

Seite 221, finsteru durch finstern ersetzt (Ueber eine Viertelstunde
weit mochten sie in dem finstern Hhlenschlund vorwrts gedrungen
seyn, ...)

Seite 261, fehlendes schlieendes Anfhrungszeichen ergnzt (... und
konnte nicht mde werden, dem lieblichen Klange zuzuhren.)

Seite 262, widerholte durch wiederholte ersetzt (=Clelia, Clelia!=
wiederholte er schreiend.)

Seite 269, Hermanneke durch Herrmanneke ersetzt (=Herrmanneke= lie
die Hand mit der Pfeife aus dem Munde sinken.)

Seite 269, fehlenden Punkt am Satzende ergnzt (Er blickte schchtern
umher, dann sah er bedenklich den Junker an.)

Seite 280, Zhnklappern durch Zhneklappern ersetzt (Der Druck im
Kopfe schmerzte ihn sehr, Hitze wechselte mit Frost, aber er lachte
unter Zhneklappern und sagte seinem alten Geschftsfhrer, ...)

Seite 283, auempfahl durch anempfahl ersetzt (... welchem Herr =van
Vlieten= mit schwacher, aber ruhiger Stimme anempfahl, ...)

Seite 293, ein durch eine ersetzt (Das Dmmerlicht, das aus dem
Krankenzimmer hinter ihm herleuchtete, fiel auf eine offene Thre gerade
gegenber.)

Seite 300, meniger durch weniger ersetzt (Das ist noch das tollste
von allen tollen Ereignissen, die ich im Laufe weniger Tage erlebt
habe.)

Seite 307, Mnth durch Muth ersetzt (Aber er frchtete die Strenge
seines Herrn und hatte nicht den Muth ihn zu belgen.)

Seite 309, berflssiges Anfhrungszeichen am Satzende entfernt (Es war
die =Rache=, die er frher noch nie gekannt, die -- Hoffnung, die ihn neu
belebte!)

Seite 311, Bewutloigkeit durch Bewutlosigkeit ersetzt (Er stand
in seinem kleinen Schlafzimmer an dem Lager, auf dem, seit der am frhen
Morgen erfolgten Ankunft in =Leyden=, Herr =Tobias van Vlieten= in
fortdauernder Bewutlosigkeit geruhet hatte.)

Seite 314, vollommene durch vollkommene und Zergliederungssale
durch Zergliederungssaale ersetzt (Der Professor geno einer freien
Wohnung im Universittsgebude und hielt es fr das Rathsamste, sein
Einbalsamirungsgeschft im Zergliederungssaale, der whrend der
Ferienzeit ihm vollkommene Verborgenheit gewhrte, zu beginnen.)

Seite 315, Sales durch Saales ersetzt (Jetzt sah er freilich nichts
mehr von den Gerippen, die in einzelnen Nischen des Saales aufgestellt
waren, von den Zergliederungs- und Amputations-Apparaten an den Wnden,
die er fr Marterwerkzeuge gehalten hatte.)

Seite 315, dacht durch dachte ersetzt (Da dachte er: ich sehe noch
den Himmel und seine schnen Lichter ...)

Seite 317, Hermanneke's durch Herrmanneke's ersetzt (... und ich
will nie wieder einen Anker auswerfen oder ein Segel hien lassen, wenn
in dem neumodischen Kasten, den sie eine Kutsche nennen, nicht Jungfer
=Cltje= und =Herrmanneke's= Braut, die holdselige =Philippintje=, sitzen!)

Seite 318, durchboren durch durchbohren ersetzt (Seine Blicke hingen
an dem Wagen, sie htten die dnne Scheidewand, die ihn von der
wahrscheinlich wiedergefundenen Geliebten trennte, durchbohren mgen.)

Seite 318, schwerfltigen durch schwerflligen ersetzt (..., jetzt
schwangen sie sich von einem gemeinsamen Gedanken ergriffen im nmlichen
Augenblick auf das breite Hinterbrett der schwerflligen Kutsche, das
zum Tragen der Reisekisten bestimmt war.)

Seite 323, Themistcolem durch Themistoclem ersetzt (_Salve_,
Musenkindlein! Du kommst zur guten Stunde: _habeo Themistoclem_!)

Seite 324, Misgeburten durch Migeburten ersetzt (=Hazenbrook= verlor
die Sprache und sank in einen Sessel, die beiden Freunde betrachteten
mit Befremdung die wunderliche Umgebung, die Skelette und Migeburten,
die ausgestopften Thiere und seltsamen Werkzeuge an den Wnden, deren
Bedeutung ihnen unbekannt war.)

Seite 327, Komma hinter Friedens ergnzt (Der milde Strahl des
Friedens, der aus ihrem Auge und Antlitze leuchtete, drang trstlich in
=Philippintje's= Herz.)

Seite 327, augenblicklch durch augenblicklich ersetzt (..., den
Wagen augenblicklich umzuwenden und nach dem besten Gasthause zu
fahren.)

Seite 329, nnd durch und ersetzt (..., die Doppel-Entfhrung
=Cleliens= und =Philippintje's=, ...)

Seite 333, Dampfbot durch Dampfboot ersetzt (in der Buchempfehlung
Bilder aus England von Adrian)





End of the Project Gutenberg EBook of Die Mumie von Rotterdam, Zweiter Theil, by 
Georg Dring

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electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
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fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

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providing it to you may choose to give you a second opportunity to
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is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
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law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

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with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

