The Project Gutenberg eBook, Stille Kmpfer, by Josephine Siebe


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Title: Stille Kmpfer
       Roman


Author: Josephine Siebe



Release Date: September 23, 2014  [eBook #46940]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK STILLE KMPFER***


E-text prepared by Norbert H. Langkau, Jens Poenisch and the Online
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      Im Original gesperrter Text wird ~so dargestellt~.

      Weitere Hinweise finden sich am Ende des Buches.





STILLE KMPFER.

Roman

von

JOSEPHINE SIEBE.







    [Illustration]

Dresden und Leipzig
E. Pierson's Verlag (R. Lincke)
k. k. Hofbuchhndler
1901.

-- ~Alle Rechte vorbehalten.~ --
Unbefugter Nachdruck wird gerichtlich verfolgt.

Druck von E. Pierson's Verlag (R. Lincke) in Dresden.




    [Illustration]


Weit hin dehnt sich das Land, kein Hgel, keine Berge hemmen den
Blick. Wogende Felder, grne Wiesen, Seen, die wie flssiges Silber
blinken und hin und wieder ein Stck Wald, darin die weien Stmme
der schlanken Birken hell hervorleuchten und das alles berspannt vom
tiefblauen Himmel, berflutet von heiem Sonnenglanz.

Auf den Feldern sind die Leute beschftigt, den goldenen Segen
einzuernten. Der Vogt steht dabei und versucht die Leute mit krftigen
Fluchworten zu schnellerer Arbeit anzuspornen; nur manchmal hlt er
inne, um einen Schluck aus seiner Wudkiflasche zur Strkung zu nehmen.

Wie Feuer durchrieselt es ihn, immer sengender wird die Glut, nirgends
khler Schatten, es flimmert und flirrt, tanzt und schwankt um ihn her.
Immer kleiner werden die schwarzen Mongolenaugen, matter die Flche von
seinen Lippen, schlielich lt er sich auf einem Feldsteine am Wege
nieder, blinzelt noch ab und zu nach den Leuten hinber, dann sinkt
der Kopf tief auf die Brust und regelmige Atemzge verraten bald den
Schlaf des treuen Wchters.

Er schlft, raunen sich die Arbeiter zu und aufatmend lassen sie die
Sensen sinken, die Frauen hren mit dem Zusammenbinden der Garben auf
und beginnen halblaut mit einander zu schwatzen. --

Auf dem Wege, der dicht an dem Felde vorber fhrt, kommt ein Mann
daher in langsamen, gleichmigen Schritten, wie einer, dem es nicht
sonderlich eilt. Es ist eine hohe Gestalt mit langherabwallendem,
blonden Bart und khn geschnittenem Gesicht. Seine einfache dunkle
Kleidung verleiht ihm beinahe das Aussehen eines Priesters.

Gebenedeit sei der Herr Jesus Christus! grt er laut, als er den
Schnittern nahe ist.

Die Mdchen kichern und die Mnner wenden sich verdrossen ab, nur ein
alter Mann erwidert mrrisch den Gru und sagt:

Von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen!

Der Vogt, der von dem Schalle der Stimmen erwacht ist, fhrt scheltend
empor.

Strt der Ketzer, der Tagedieb uns noch in der Arbeit? dann folgt dem
ruhig Weiterschreitenden eine Flut von Schimpfworten nach, vermischt
mit dem schadenfrohen Lachen der anderen.

Der Gehhnte findet kein Wort der Erwiderung, aber in seinem Gesicht
liegt der Ausdruck tiefer Bitterkeit und seine grauen Augen streifen
mit wehmtigem Blick die schimmernde Welt um ihn her.

Immer das alte Lied, murmelte er. Ha und Migunst auf jedem
Schritt, und dann hebt er pltzlich mit bittender Geberde die Arme zum
Himmel empor:

Oh, mein Gott, hilf mir zum Frieden, gieb mir die Kraft dazu, den
Kampf zu bestehen! Wie eine Bitte und Forderung zugleich, ringen sich
die Worte von seinen Lippen.

Vor dem Wanderer taucht endlich ein Dorf auf, kleine mit Stroh gedeckte
Htten, hin und wieder ein Haus aus roten Ziegeln, aber nirgends
ein Grtchen davor, selten nur als Schmuck eine Staude leuchtender
Sonnenblumen oder bunter Malven. Hinter den erblindeten Fenstern kein
Vorhang, hchstens ein Rosmarintopf.

Die Strae, die das Dorf durchschneidet, zeigt Wellenlinien, tief
ausgefahrene Gleise, ab und zu ein groer Stein darin, den aus dem Wege
zu schaffen, sich niemand die Mhe nimmt. -- Gnse und kleine Kinder
vollfhren einen hellen Lrm, Schmutz, wohin man sieht, aber alles
berflutet von der leuchtenden Sonne.

Vor seinem Hause sitzt Wolf Schmul; ein Schild ber der Thr
verkndet, da es hier Schnaps, Bier, Seife, Zwirn, Zucker, Heringe
und dergleichen mehr zu kaufen giebt. Er dreht die Daumen und rechnet,
den Gru des vorbergehenden Mannes erwidert er durch ein verstohlenes
Nicken.

Der Michael Wisniewski braucht nichts von ihm, warum soll er, Wolf
Schmul, da hflich sein? Aber unhflich auch nicht, denn der Michael
knnte doch einmal mit ihm ein Geschft machen, darum erwidert er
seinen Gru, es sieht's ja keiner.

In dem Pfarrhause sind die grnen Fensterlden geschlossen, der
Wanderer zgert, wirft einen halb sehnschtigen, halb trotzigen Blick
hinber, dann geht er weiter. Hinter ihm tnt das Gejohle der Kinder
und in angemessener Entfernung folgt ihm die kleine Herde nach.

Endlich sein Heim, er atmet auf!

Von einem Garten umgeben, in dem es blht in allen Farben, steht
ein kleines, rotes Ziegelhaus, das sich von den anderen nur dadurch
unterscheidet, da hier spiegelnde Sauberkeit herrscht. Die Thr
schliet sich hinter ihm, aber noch immer ertnt von drauen Geschrei,
und hliche Schimpfworte fliegen ihm nach, bis eine mchtige Dogge aus
dem Hause tritt und ihr tiefes, zorniges Gebell die Kinderschar von
dannen scheucht.

Der Mann ist ber den halbdunklen Flur geschritten und betritt ein
groes Zimmer, das behaglich eingerichtet, nicht den Eindruck einer
Bauernstube macht. Er lt sich auf einer Bank am Ofen nieder,
seine Zge sprechen von seelischer Ermdung und wie er so vor sich
niederstarrt, graben sich die Falten auf seiner Stirn immer tiefer ein.

Da wird drauen auf den Fliesen des Flures ein schlrfender Schritt
hrbar, die Thr des Zimmers ffnet sich und ein Mann tritt herein;
der Kopf eines Fanatikers auf einem kleinen, verwachsenen Krper. Er
schreitet auf den am Ofen Sitzenden zu und legt seine Hand auf dessen
Schulter.

Michael, Michael! Dieser sieht auf mit leerem, trostlosem Blick.

Benjamin, hast Du es wieder gehrt, wie sie mich verfolgten, wie sie
mich hhnten, mich, den Ketzer, den Ausgestoenen?

Ha, ha! mit schrillem Lachen sprang er auf, lache doch mit,
Benjamin, lache doch ber mich Thoren, der hier sitzt in der alten
Heimat, der um sie wirbt, wie um eine sprde Schne. Lache doch mit
mir, Benjamin, ber diese Thorheit, ber meinen Wahnwitz, da ich mir
einbilde, ich knne den Leuten hier helfen, sie herausholen aus diesem
Dunst von Aberglauben, Dummheit und Branntwein. Ein Prophet wollte ich
ihnen sein, wollte ihnen den Bann zeigen, in dem sie leben, wollte sie
los lsen aus -- -- ach, was wollte ich nicht alles und was habe ich
erreicht? Was bin ich ihnen? Ein Ketzer, ein Fremdling in der Heimat,
ein Thor, ein rechter Thor, und er sank wieder auf die Bank und barg
das blonde Haupt in den Hnden.

Fort mchte ich, fort zu dem stillen Frieden des Sanddorfes hinauf, zu
Tabea zurck, sthnte Michael.

Es schien, als wachse die Gestalt des Kleinen, ein Ausdruck finsteren
Hasses trat in sein Gesicht, die Augen wurden fast schwarz vor Erregung.

Fort willst Du, Michael, das begonnene Werk feige im Stich lassen? Du,
ein Auserwhlter, reut Dich so schnell der geleistete Schwur? Wehe Dir,
Michael, wenn Du auf halbem Wege umkehrst! Seine schmale, kncherne
Hand fate mit eisernem Druck die Schultern des anderen und schttelte
ihn:

Hrst Du, Michael, Du darfst nicht umkehren, darfst dem groen Werke
nicht untreu werden!

Langsam glitten die Hnde von dem Gesicht Michaels und mit finsterem
Blick streifte er den Kleinen. Ein leiser Schauer lief durch seine
Glieder.

Denkst Du nicht daran, Benjamin, was Vater Abraham sagte von der
Duldung des einen gegen den anderen?

Dieser schttelte das Haupt und sagte:

Vater Abraham ist ein alter Mann, wir sind jung; als ich drauen
in der Welt war, habe ich Spott und Hohn erdulden mssen um meines
Bekenntnisses willen. Da habe ich gelernt, da nicht die Duldung zum
Ziele fhrt, nein, der Kampf allein, und ich will kmpfen fr meinen
Glauben! Nicht weltfern und verspottet will ich leben, frei vor den
Menschen unsere Lehre bekennen; wie eine Flut, die alles mit sich
reit, soll sie die Welt berstrmen. Wir drfen nicht nachlassen,
weiter, immer weiter vorwrts schreiten und Du mut mit, es giebt kein
Zurck, Du mut Dein Wort halten, hrst Du es!

Beinahe schreiend stie der Kleine die letzten Worte hervor, wie
eiserne Klammern gruben sich seine Finger in den Arm des anderen, der
diesen leidenschaftlichen Ausbruch stumm ber sich ergehen lie.

Seine Augen schweiften mit traurigem Ausdruck nach der Ecke des
Zimmers. Dort erhob sich, ein seltener Schmuck in einem Bauernhause, in
weier, reiner Schnheit eine Kopie von Thorwalsens unvergleichlicher
Christusstatue. Ging's nicht wie ein Hauch seelischen Friedens von der
weien Gestalt aus? Sehnend streckte Michael seine Arme darnach hin,
da traf Benjamins Blick mit dem seinen zusammen und dieser sagte, den
Freund verstehend, mit schwankender Stimme:

Wir mssen doch kmpfen, Michael, wenn wir siegen wollen.

       *       *       *       *       *

Michael Wisniewski war ein Kind des Dorfes, sein Vater Vogt bei Herrn
von Leninski auf Lochowo. Seine Mutter entstammte einer deutschen
Familie, sie hatte lange Jahre bei einem reichen alten Frulein in der
Kreisstadt gedient, die ihr, wie ihr Mann oft sagte, nur Raupen in den
Kopf gesetzt hatte. Sie hatte von ihrer Herrin vieles gelernt, vieles,
was in ihrem Heimatsdorfe wenig Verstndnis fand. Nach dem Tode ihrer
Gnnerin kam sie auf das Gut zu Herrn von Leninski und heiratete dort
bald darauf den Vogt, einen uerlich stattlichen Mann.

Die stille, sinnige Frau litt schwer unter der rohen Herrschsucht ihres
Gatten, der sich bald nach ihrer Verheiratung dem Trunke ergab.

Es waren wste Scenen, die Michael aus seiner Kindheit in der
Erinnerung geblieben. Polternd und fluchend kam der Vater oft heim
und es geschah nicht selten, da er sich dann an Weib und Kind
vergriff. Schweigend ertrug die Mutter alles, sie fand nie ein Wort der
Erwiderung auf die rohen Schimpfreden des Mannes. Michael erinnerte
sich, wie sie sich nach solchen Auftritten oft mit ihm in eine Ecke
geflchtet hatte und wie dann die heien Mutterthrnen sein Haupt
berstrmten. --

Eines Tages fand man sie bewutlos am Boden liegend, schreiend warf
sich der Knabe ber sie und versuchte, sie durch Liebkosungen zu
erwecken. Noch einmal schlug sie die scheuen Dulderaugen auf und
Friede, ach Friede, der Propst soll kommen, murmelten die Lippen und
ihr Kind traf ein Blick so herzzerreiend in seinem Jammer, seiner
Liebe, da er sich dem Knaben unvergelich einprgte; dann ging ein
Recken durch den Krper und sie war tot.

Aus der Schenke holten sie den Mann, der fluchend sein Weib noch im
Tode schmhte, bis er endlich einschlief. Neben der toten Mutter
und dem seinen Rausch ausschlafenden Vater sa der Knabe und hielt
Totenwache und grbelte ber die letzten Worte der Mutter nach, bis
sich ihm eine Hand auf die Schulter legte und eine ernstfreundliche
Stimme sprach: Armes, armes Kind!

Der Knabe sah auf und blickte in das Gesicht des Propstes Ryback,
dem Geistlichen des Dorfes, in dessen Zgen ein eigener, liebevoller
Ausdruck lag. Da verga Michael die ehrfrchtige Scheu, die er stets
vor dem Geistlichen gehegt; er legte seinen Kopf an dessen Brust und
weinte seinen heien, jungen Schmerz an dem Herzen des Priesters aus.

Ich habe Deiner Mutter gelobt, Dich zu hten, fr Dich zu sorgen,
sagte der geistliche Herr, mit der Hand das Haupt des schluchzenden
Knaben streichelnd. Vertraue mir, ich verlasse Dich nicht, und der
Segen Deiner Mutter ist mit Dir.

Von jener Stunde an war Michael der Schtzling des Propstes, sein Vater
hatte schnell eingewilligt, da dieser die Erziehung des Knaben leiten
sollte. Sonderbarer Weise ging der Vogt seinem Sohne aus dem Wege und
es kam nicht mehr vor, da er sich an dem Jungen vergriff.

Schon da die Mutter noch am Leben war, hatte Michael wenig mit den
anderen Knaben verkehrt, nun er aber der Schtzling des Propstes
geworden, nahm er eine ganz besondere Stellung im Dorfe ein.

Er wird ein Propst, dies Wort gab ihm einen hheren Rang vor den
anderen, es schtzte ihn, isolierte ihn aber auch. Das kleine,
verwaiste, sich nach Liebe sehnende Herz des Knaben schlo sich nun
ganz in schrankenloser Hingabe seinem Lehrer an, und es war, als wrde
auch der Propst in Gegenwart des Knaben ein anderer.

Kalt und streng, beinahe nie ein Lcheln auf dem schmalen, scharf
geschnittenen Gesicht seiner Gemeinde gegenber, war er fr Michael
immer ein gtiger, teilnehmender Freund.

Nichts gab es auch, das dieser dem vergtterten Lehrer verschwieg,
und freundlich mute er oft der groen Liebe und Anbetung des Knaben
steuern.

Brennend war Michaels Wunsch, dereinst auch ein Priester zu werden, ihm
war es Gewiheit, da die letzten Worte der sterbenden Mutter denselben
Wunsch bedeuteten.

Seltsam, der Propst strubte sich anfangs dagegen, aber da er sah,
wie der heranwachsende Knabe keinen anderen Wunsch hegte, gab er nach
und bereitete ihn fr das Priesterseminar vor, auf das er ihn nach
einigen Jahren brachte. Einsam blieb Michael auch dort, ein Fremdling
unter seinen Genossen, dabei einer der fleiigsten Schler, nur
von dem Gedanken erfllt, seinem vterlichen Freund durch treueste
Pflichterfllung zu danken.

Es war ein Frhsommertag. In ewig junger Schnheit hatte die Erde
sich geschmckt. Michael Wisniewski, der seit wenigen Tagen aus dem
Priesterseminar zu den Ferien heimgekehrt war, geno mit frohem
Herzen den Reiz der heimatlichen Erde. Wohl hatte er gelesen, da
es fremde Lnder, andere Gegenden gbe, die herrlicher anzuschauen
wren; vielleicht wie das arme Aschenbrdel gegen juwelengeschmckte
Knigstchter, verglich er, sich eines deutschen Mrchens erinnernd,
welches seine Mutter ihm einst erzhlt hatte. Trotzdem aber dnkte ihm
dies Stck flachen Landes schn, wie kein anderes, und in vollen Zgen
atmete er die warme Sommerluft ein.

Am Morgen hatte er in des Propstes Studierstube gestanden und den
Worten des geistlichen Freundes gelauscht. In dem khlen Zimmer mit
den langen Bcherreihen an der Wand, die dem blden Dorfjungen einst
so gewaltigen Respekt eingeflt hatten, bis sie ihre goldene Weisheit
auch vor ihm aufthaten und er die stummen Freunde lieb gewann.

Noch klangen ihm die Worte des Priesters im Ohr:

berlege reiflich, mein Sohn, es ist ein schner, aber auch ein
schwerer Beruf, den Du erstrebst. Fesselt Dich kein Gedanke, kein
Wunsch ans Weltliche? Kannst Du ein Priester sein aus innerem
Herzensdrang, wohl Dir, aber wehe, Michael, wenn Du das Gelbde, das
Heilige, verletzt! -- Nur noch kurze Zeit, dann sollst Du die Weihe
empfangen, darum prfe Dich selbst. Gehe in Deine stille Kammer oder
gehe hinaus in die herrliche, freie Gottesnatur, erforsche und erfrage
Dein Herz, ob es nichts in der Welt giebt, das Dir begehrenswerter
dnkt, ob es voll und ganz Deinem knftigen Berufe gehrt?

Michael that, wie der Priester ihm geraten. Er fand aber keinen
Gedanken, der ihn von der heiligen Weihe zurckhalten konnte. Vor dem
Muttergottesbilde, das am Wege stand, lag er auf den Knieen und betete
in heier Inbrunst, bis der Abend herniedersank. Dann schlug er den
Weg nach dem Dorfe wieder ein. Die Seele war ihm erfllt von heiligen
Schauern, aber mit leuchtenden Augen, wie ein Sieger, schritt er dahin.

Tief senkte sich die Dmmerung schon nieder, als er die Dorfstrae
erreichte. Vor den niedrigen Htten saen die Frauen schwatzend
beisammen; in einer groen Pftze mitten auf der Strae patschten die
nur halb bekleideten Kinder umher, und ihr Lachen und Schreien erfllte
die Luft.

Aus dem Kruge aber drang wster Lrm, und Michael hastete, schnell
daran vorbeizukommen, ihm war in seiner weihevollen Stimmung mehr denn
je das tierische Brllen der Betrunkenen zuwider.

Zwei Mnner kamen gerade ber die ausgetretene Schwelle des Wirtshauses
gestolpert, und mit jhem Schreck erkannte Michael in dem einen seinen
Vater. Auch der Betrunkene hatte ihn bemerkt und lallte:

Michael, Goldsohn! kommst gerade recht, wir haben auf den knftigen,
gndigen Herrn Propst getrunken. Dabei machte er eine Bewegung, als
wolle er des Sohnes Rock kssen, verlor aber das Gleichgewicht und
taumelte ihm in die Arme. Sein heier, nach Fusel riechender Atem
schlug demselben ins Gesicht. Blitzschnell tauchte da ein Bild vor des
Sohnes Augen auf, die Mutter klaglos des Vaters Mihandlungen erduldend.

Zorn und Ekel stiegen siedend hei in ihm auf, es flimmerte vor seinen
Augen; dieser Niederschlag war zu pltzlich auf die Hochflut seiner
Gefhle gekommen.

Weg, keuchte er, dem Trunkenen einen Sto versetzend, da er
rcklings zu Boden fiel.

Michael achtete nicht darauf, er eilte davon, denselben Weg, den er
gekommen war, bis er wieder vor dem Muttergottesbilde anlangte und hier
bitterlich weinend niedersank. Er umklammerte das hlzerne Bildwerk und
flehte und klagte, warum, er wute es selbst kaum, ihm war nur, als
mte er sich retten vor dem Schmutz, den er soeben geschaut.

Wie lange er so gelegen, er wute es nicht, mit schmerzender Stirn
erhob er sich endlich und schlug langsam, mit schweren Schritten, den
Weg nach dem Dorfe wieder ein.

Je nher er dem Vaterhause kam, desto schwerer erfate ein unnennbares
Angstgefhl seine Seele. Es war eine klare Mondscheinnacht und in
dem zitternden, silbernen Licht lag der Weg hell vor ihm, und in
diesem weien Licht konnte er deutlich sehen, da Menschen vor dem
kleinen Hause standen. Als er nher kam, sah er auch, wie sie vor
ihm zurckwichen, die Weiber sich bekreuzigten und die Mnner ihn
mit finsteren Blicken maen. Es htte kaum der rtlich brennenden
Wachskerzen bedurft, das Mondlicht zeigte es ihm schon; da drinnen in
der Stube das Lager, auf diesem der Mann, den er Vater nannte, die
Hnde ber der Brust zusammengefaltet, die Augen offen, mit stierem
Blick auf den Sohn gerichtet, die starre Ruhe des Todes ber der
Gestalt.

Ein einziger Laut kam ber die Lippen des Jnglings, ein Schrei voll
namenloser Qual. Eine Weile noch stand er, mit entsetztem Blicke nach
dem Toten starrend, dann brach er zusammen; ob er es wohl noch hrte,
wie die alte Anuszka aufkreischte:

Heilige Jungfrau! stehe mir bei, da ist der Mrder! --

Der Woiciech Wisniewski ist am Herzschlag gestorben, erklrte der
dicke Kreisphysikus, der am anderen Tage so gegen Mittag ankam; frher
zu kommen war ihm nicht mglich gewesen.

Heiliger Anton, es ist auch eine zu gemtliche Sitzung gewesen in der
kleinen Weinstube des Roman Przybilski, der den besten und feurigsten
Ungarwein fhrte weit und breit! --

Da ist eben nichts zu machen, Herr Propst, der Wisniewski ist tot, er
liebte den Wudki zu sehr, ja, das ist das Unglck der Leute!

Der dicke Herr hob das Glas mit dem funkelnden Wein in die Hhe und
trank bedchtig.

Heiliger Anton, was fhrte der Propst fr einen guten Tropfen! --

Also am Herzschlag gestorben und nicht an den Folgen des Falles, den
er durch die Heftigkeit seines Sohnes gethan hat, ist es so, Herr
Sanittsrat?

Ganz recht, Herr Propst, der Fall htte den Wisniewski nicht
umgebracht, der Schnaps, der Schnaps ist der Missethter, und der
dicke Herr lacht, als erzhlte er den kstlichsten Witz.

Der Propst atmet tief auf, als wrde eine schwere Last von seiner Seele
genommen.

Bei dem Scheine einer kleinen, trb brennenden llampe sitzt Michael
und hat einen alten, vergilbten Pappkasten vor sich. Er will die
Papiere seines Vaters suchen, mechanisch lst er den Knoten, mit dem
sie zusammengeknpft, und durchblttert die wenigen Schriftstcke;
die Geburtsscheine, der Trauschein der Eltern, einige verblate
Heiligenbilder, in einer kleinen Schachtel ein silbernes Kreuz an einem
schmalen Kettchen, das ist alles, aber da fllt dem Suchenden noch
etwas in die Hnde. Ein verschlossener Brief, darauf in verblater
Schrift: An meinen Sohn, wenn er gro ist.

Ein wehmtiges Lcheln gleitet ber Michaels Gesicht, von seiner
Mutter! Er sieht auf die ungelenken Schriftzge und denkt an die, die
sie schrieb, die in seiner Erinnerung wie eine Heilige vor ihm steht,
und mit stiller Andacht ffnet er diesen letzten Gru seiner Mutter.

Er liest, liest erst mit inniger Wehmut die Unterschrift, liest dann
mit wachsendem Staunen, mit herzbeklemmendem Entsetzen. Ein Schrei
entringt sich seinen Lippen, die Hand ballt den Brief zusammen und
schleudert ihn weit von sich, dann lacht er, ein heiseres, wahnsinniges
Lachen.

Lge, Lge, alles um ihn her und der Tote da drben war sein Vater
nicht, sondern der Mann, den er verehrt wie einen Heiligen, in dem er
das Ideal seiner Knabentrume gesehen und seine Mutter? Da stand es in
dem Briefe, das Bekenntnis ihrer Snde, darum das schweigende Dulden,
ach mein Gott! Lge sein Leben, Lge alles, was er geglaubt, wofr er
gestrebt, was er gehat, was er geliebt! --

Der Jngling barg seinen Kopf in den Hnden und ein wildes,
verzweifeltes Schluchzen erschtterte seinen Krper. --

Drei Tage spter wanderte Michael Wisniewski aus der Heimat fort wie
einer, dem noch der Schlaf die Sinne umfngt, dem noch der bange,
schwere Traum einer unruhvollen Nacht auf der Seele liegt, so wanderte
er dahin durch die sonnengleienden Fluren.

Tot alles, was seinem Leben Inhalt gab, herunter gerissen in den Staub,
beschmutzt und zertrmmert jene stolzen Bilder, die er in seinem Herzen
aufgerichtet hatte.

Ein Verknder des Friedens wollte er werden, ein demtiger Priester
des Herrn, Trost den Armen wollte er bringen; so stolz hatte er sich
gefhlt in seiner Kraft, in der Reinheit seiner jungen Seele.

Vorbei, verloren, unwiederbringlich verloren der glckliche
Kinderglaube! Ach, htte er noch Thrnen gehabt, htte er den schweren,
dumpfen Schmerz noch lsen knnen durch heie, heie Thrnen.

Fremder wurde die Gegend, den Spiegel des Sees sah er nicht mehr
glitzern. Das weie Schlo des Herrn von Leninski grte durch die
grnen Bume nicht mehr hindurch, weiter, immer weiter fhrte sein Weg,
aus der Heimat fort in die groe, fremde Welt hinein, einer mehr unter
den Tausenden, die ber Trmmer dahingehen.

       *       *       *       *       *

Kalter, rauher Herbsttag war es, da brauste der Sturm ber das kurische
Haff und erfate den kleinen Ewer, dessen Besatzung tapfer versuchte,
des wilden Elementes Herr zu werden.

Eine Weile trieb er ihn hin und her, um pltzlich des Spieles mde, das
Fahrzeug mit krftigem Sto, wie eine Nuschale herumzuwirbeln.

Ein Gurgeln, vereinzelte Hilferufe, die in dem Tosen des Sturmes
verhallten; auf dem Wasser schwammen Bretter, zerbrochene Mastbume,
hin und wieder tauchte ein bleiches Menschengesicht auf, ein Arm, der
versuchte, eine rettende Planke zu erfassen. Aber die Wellen bumten
sich auf, schlugen ber den kmpfenden, schwachen Menschen zusammen,
und der Sturm tobte weiter, wild und bermtig. --

An einer Bucht des kurischen Haffes lag klein, weltfern und weltfremd
ein Drfchen im Sande, dessen Bewohner an jenem strmischen Herbsttage
bang auf die erregte See schauten. Da rief eine helle Mdchenstimme:

Ein Mensch, seht doch ein Mensch!

Eine Welle warf ihn hin und her wie eine Feder.

Vater Abraham hilf doch! Das Mdchen, fast noch ein Kind, hob die
braunen Augen flehend zu einem alten Manne empor.

Dieser nickte nur stumm, wenige kurze Worte und drei Mnner bestiegen
ein kleines Fahrzeug.

Mit Gott, sagten sie und dann begann der Kampf mit dem Meere, ihm
sein Opfer zu entreien.

Atemlose Spannung, stille, angstvolle Gebete und dann ein Jubelschrei
aus allen Kehlen. Triefend, aber mit stolzem, festen Schritt kamen die
Mnner ans Land, einen in ihren Armen, der bleich und still war.

Eile, Tabea, rste ein Bett im Hause, so Gott dem Fremdling das Leben
lt, soll er Pflege bei uns finden.

Das Mdchen eilte davon, und bald lag der Gerettete in den bunten
Kissen des groen Federbettes in der Staatsstube des Fischerhauses und
Vater Abraham hob dankend die Augen zum Himmel auf.

Er lebt! --

An dem Herd in der Kche, von der Glut des Feuers rosig angehaucht,
stand Tabea und ihre Lippen sprachen auch ein dankbares: Er lebt, er
lebt!

Wohl lebte der Fremdling, den der Sturm in das stille Haus in dem
Dorfe auf dem Sande verschlagen hatte, er lebte, aber hitziges Fieber
durchtobte den jungen Krper und Wochen vergingen, ehe Vater Abraham
sagen konnte:

Er lebt! und so Gott will, wird er gesund am Leib und der Herr gebe,
da auch die Seele gesunde, denn die Fiebertrume haben mir verraten,
wie krank diese arme, junge Seele ist. -- --

Schon durchwirbelte weier Schnee die Luft, Wlle von Schnee trmten
sich wie eine Mauer um das Dorf auf dem Sande und das Brausen des
Meeres klang dumpf und drohend, als wolle es den Winter warnen, den
Kampf mit ihm aufzunehmen.

Im hochgetrmten, altmodisch geschnitzten Bette lag Michael Wisniewski
und schlief. Der grne Kachelofen spendete treulich Wrme und die matte
Wintersonne fiel durch das Fenster grade auf Tabeas dunklen Scheitel.

Das Mdchen sa vor dem Bette, die Hnde in dem Scho gefaltet und sah
mit dunklen, trumerischen Kinderaugen auf den Schlafenden.

Wenn er erwacht aus dem Schlaf, werden seine Sinne klar sein,
hatte Vater Abraham gesagt und nun sa das Mdchen und harrte des
Augenblicks, da der Fremdling mit dem schnen, bleichen Gesicht die
Augen ffnen wrde. Das junge Herz des Mdchens war voll Mitleid fr
den armen blassen Mann, wirr waren die Worte gewesen, die er im Fieber
gesprochen. Oft war Tabea erschrocken zurck gewichen, wenn der Kranke
so geschrieen und wilde Flche ausgestoen hatte.

Seine Seele ist krank, so hatte Vater Abraham gesagt und das Mdchen
hatte still gefleht:

Ach, heiliger Gott, gieb ihm auch die Gesundheit der Seele wieder.

       *       *       *       *       *

Stille Leute waren es, die in dem Dorfe auf dem Sande wohnten; aus
fernen Landen waren ihre Vorfahren, verfolgt um ihres Glaubens willen,
hierher geflchtet, hatten hier ihre Heimat gegrndet und lebten
weltfern, treu an dem alten Glauben haltend, bei einander.

Vater Abraham, in dessen Haus der Sturm Michael Wisniewski verschlagen
hatte, war der lteste der Gemeinde und geno hohes Ansehen, nicht
allein bei den Seinen, nein, auch aus den Drfern, die hinter den
Sandwllen im blhenden Lande lagen, kamen die Leute zu dem alten
Mennoniten und holten sich manch' guten Rat.

Hell flackerte das Feuer in dem groen Kachelofen, vor dem Michael,
sorgsam in Decken eingehllt, sa, knisternd sprhten die Funken und
eine trauliche Wrme umgab den Kranken. Rtliches Licht lag schimmernd
auf den altmodischen Mbeln und auf den blitzenden Kannen und Krgen,
die den Sims zierten.

Das Meer braust und der Sturm heult, da ist es nicht gut drauen zu
weilen, sagte Abraham Jakobeit, der auf der Ofenbank sa, zu seinem
jungen Gaste.

Der schaute mit sinnenden Augen in das helle Feuer, die Blsse der
Krankheit lag noch auf seinem Gesicht, aus den Augen leuchtete noch
nicht frohes Hoffen der Genesung, wie ein Schleier war es darber
gebreitet.

Doch mu es schn sein, da unten zu schlafen auf dem khlen, nassen
Grunde! Mag der Sturm toben, mag das Meer zrnend grollen, der da unten
liegt, der hrt es nicht mehr! Warum, ach, warum habt Ihr grade mich
gerettet! so klagte der Kranke mehr zu sich, als zu dem Alten gewandt.

Der sah mit seinen hellen Augen prfend zu ihm hin. Seine Seele ist
krank, hatte er zu Tabea gesagt, nun genas der Krper, ob es ihm wohl
gelang, auch die junge Seele zu retten?

Neunundsechszig Jahre hat mein Leben gewhrt, sprach der alte Mann,
gute Stunden hat es mir gebracht, aber auch Stunden voll Herzleid und
Gram. Stunden, in denen ich zu Gott gerufen habe: Warum, warum mir
dies Leid, habe ich denn so groe Snde gethan? Mein Gott hat mir die
Antwort ins Herz gelegt und ich bin stille geworden. Manchmal bin ich
drauen auf dem Meere gewesen, dann kam mir in meinem Leid wohl der
Gedanke, wie schn es sein mte, da unten zu liegen in tiefem Schlaf,
die Stimme in mir aber sprach: Wenn Deine Zeit gekommen ist, wird Dein
Herrgott Dich rufen! und ich sah um mich und fand, da meine Arbeit
noch nicht gethan, da mein Leben noch nicht so gewesen, da ich von
hinnen gehen konnte mit dem Gefhl, Du bist nicht ganz unntz gewesen.

Dann nahm ich meine Arbeit auf und ber der Arbeit schwand mein lauter
Schmerz, er wurde still, ich lernte sehen und sah, da es noch mehr
Leid gab, noch schwereres als das meine.

Seht, Ihr seid jung, dem Meere habe ich Euch abgerungen, mit Gottes
Hilfe gelang es meinen schwachen Krften auch die Macht des Fiebers zu
bewltigen. Nicht Neugier ist es, nur herzliche Teilnahme, wenn ich Sie
bitte, vertrauen Sie mir Ihren Kummer an, noch knnen meine Schultern
eines anderen Herzeleid mit tragen.

Da schlug Michael die Hnde vor sein Gesicht und heie Thrnen rannen
ihm ber die bleichen Wangen.

Ich kann nicht, kann es nicht sagen, sthnte er.

Noch nicht, klang das Echo in dem Herzen des alten Mannes, aber
gesegnet seien diese Thrnen, mich dnkt, es sind seit lange die
ersten!

Die Tage verrannen, strenger Winter herrschte im Land, aber Michael
merkte es kaum, so warm war er gebettet, so umhegt von sorgender Liebe.

Da war Frau Johanna, Vater Abrahams Tochter, die vereinsamt nach dem
Tode von Mann und Kind ins Vaterhaus zurckgekehrt. Wie sie bemht war
um den Genesenden und dieser, fr den auer der seiner Mutter, noch
keine Frauenhand liebend gesorgt, empfand dankbar diese freundliche
Sorge, an der auch Tabea teilnahm.

Und dann diese Plauderstunden am flackernden Feuer, in denen der alte
Mennonit aus dem reichen Born seiner Lebenserfahrungen schpfte.

Wie gern lauschte Michael, eine andere, eine neue Welt war es, die sich
vor ihm aufthat, war es die bessere?

Mennoniten nannten sich die Leute, unter die ihn das Schicksal
verschlagen hatte, Ketzer nach seinem alten Glauben; er erinnerte sich
wohl, wie Propst Ryback diese Sekte einst heftig geschmht hatte.

Aber waren die Menschen, die ihn so hegten und pflegten wie ihren
eigenen Sohn, wirklich so verdammungswrdig? --

Lange schwieg Michael ber sich und seine bitteren Erfahrungen, aber
dann kam eine Stunde, in der er, in traulicher Dmmerung neben dem
alten Manne sitzend, mit diesem ber das, was sein Herz bewegte, zu
reden begann. Er sprach von den Strmen seiner Jugend, von seinen
hohen, stolzen Plnen, einst ein Auserwhlter des Herrn, ein Bote des
Friedens zu werden. Dann, leise stockend, von seltsamem Vertrauen
zu dem Alten erfllt, sprach er auch von dem Fluch, der sein Leben
vergiftet, von der Erkenntnis der Snde seiner Eltern.

Was er begraben im tiefsten Herzen, er holte es vor, und in
leidenschaftlicher Anklage sprach er von jener Stunde, da er voll
Schmerz und Zorn vor seinem Vater gestanden, da er ihm geflucht hatte,
ihm und der toten Mutter. Bis er dann endlich zur Besinnung gekommen
war und all' die leidenschaftliche Liebe, die er fr den Freund gehegt,
wieder zum Durchbruch kam.

Er sah wieder das zu Eis erstarrte Gesicht des Mannes, hrte die
heisere Stimme:

Schweig', Bube, Fluch ber Dich, wenn Du verrtst, was zwischen uns
steht, geh' fort von hier, so weit wie mglich -- fort, fort! Und in
seinem Gesicht las man die Angst, die blasse Furcht vor dem Urteil, vor
dem Gerede der Menschen; da ergriff den Sohn grenzenlose Verachtung und
er strmte hinaus.

Michael sthnte auf, zu machtvoll war die Erinnerung ber ihn
gekommen.--

Seit Jahren bin ich umhergewandert, fuhr er fort, damals, als
mein Ziel, mein Streben, mein Hoffen zu meinen Fen lag, wurde ich
Seemann, mich trieb es so viel Meilen wie mglich zwischen die Heimat
und mich zu legen. Viel bin ich umhergewandert, in fernen Weltteilen
bin ich gewesen, mein Blick ist weiter geworden, meine Kenntnisse
grer, aber etwas habe ich nicht wieder finden knnen -- den alten
Kinderglauben. Was damals in meinem Herzen zerbrochen ist, habe ich
nicht mehr auffrischen knnen, nicht mehr die Brcken finden, die
mich hinbergeleitet htten in das Land des Glaubens. Welcher ist der
rechte? ber diesem Grbeln habe ich ihn verloren!

Wie ein Aufschrei kamen diese Worte aus seiner Brust, und erschttert
sah der alte Mann auf seinen jungen Gefhrten nieder.

Ja, Du armes, junges Blut, Du arme, kranke Seele! Mein Herrgott, gieb
mir die Kraft, sie zu heilen, bat er in seinem Herzen, und mit sanfter
Hand begann er die Heilung.

Aus dem Buche seines Lebens und seiner Lebenserfahrungen berichtete er
seinem jungen Gaste, und dieser lernte daraus verstehen, wie es kam,
da dieser einfache Fischer seine Genossen so an Kenntnissen berragte.

In seiner Jugend war Abraham Jakobeit als Seemann Jahre lang in fernen
Landen gewesen, er hatte es bis zum Kapitn gebracht. Sein Weib war ihm
gestorben und sein Sohn wurde bei Verwandten der Frau erzogen. Jung
ging auch dieser in die Welt und verlor sein Leben auf der See.

Da sehnte sich auch Abraham nach Ruhe, er kehrte zurck in die Heimat
und nahm Benjamin und Tabea, die verwaisten Kinder seines Sohnes zu
sich.

Seit Jahren lebte er nun wieder hier in der Heimat, seine reicheren
Erfahrungen, sein greres Wissen zum Besten seiner Mitmenschen
verwertend.

Er war ein glubiger Mennonit geblieben, lebte getreu den einfachen,
strengen Satzungen seiner Sekte, verabscheute den Krieg, hoch ber
Allem stand ihm der Frieden im Herzen der Menschen zueinander, aber
er hatte drauen in der Welt gelernt, da jeder Glaube, so er nur
aufrichtig sei, zum Guten leiten knne, und diese seine berzeugung
sprach er auch offen gegen Michael aus.

Immer inniger schlo dieser sich an den alten Mann an, je mehr seine
Krperkrfte zunahmen, desto lichter wurde es auch in seinem kranken
Gemte.

Er fhlte sich zufrieden in dem kleinen Kreise, und bald gehrte er
so dazu, da der Gedanke an Trennung in weite Ferne gerckt wurde.
Fr Vater Abraham war er ein Sohn, fr Frau Johanna ein Kind ihrer
mtterlichen Sorge, fr Tabea ein lterer Bruder, und fr Benjamin?

Das htte er wohl selbst nicht zu sagen gewut, was er fr diesen
bedeutete.

Es war berhaupt etwas Eigenes um Benjamin. -- Verwachsen und
schwchlich, hatte dieser von Kindheit an eine etwas einsame Stellung
eingenommen, die durch sein verschlossenes, grblerisches Wesen noch
verschrft wurde.

Wie ein Fremdling stand er unter den Seinen, fremdartig war schon
sein ueres, er gehrte mehr dem Stamme seiner Mutter an, die eine
Sdlnderin gewesen war. Sein scharfgeschnittenes Gesicht mit den
leidenschaftlichen, dunklen Augen hatte so wenig hnlichkeit mit den
hellen Zgen Vater Abrahams, wie sein wilder Fanatismus mit dessen
milder Gte.

Ja, fanatisch war Benjamin, und Michael entsetzte sich fast, als er das
erstemal die Wahrnehmung machte, welch finsterer Geist in dem Krper
des Verwachsenen wohnte.

Da war nichts von der milden Friedenslehre des Grovaters, nichts
von Tabeas reinem Kinderglauben, nicht Duldung und Frieden, Kampf,
erbitterter Kampf war dessen Losung.

Nach und nach hatte auch Michael mehr von Benjamins Leben erfahren.
Dieser war mehrere Jahre in Amerika gewesen, hatte sich dort einer
Sekte angeschlossen, die aus den Mennoniten hervorgegangen war, aber
noch wenig gemein hatte mit deren alten, einfachen Satzungen. Von
verschiedenen Sekten etwas annehmend, waren sie nach und nach zu wilden
Fanatikern geworden.

Vor einem Jahre ungefhr war er dann zurckgekehrt, und mit tiefem
Schmerz hatte der Grovater erkannt, wie verschieden ihre Anschauungen
geworden sind.

Beherrscht von fanatischem Glaubenseifer, getrieben von dem brennenden
Ehrgeiz, eine Rolle zu spielen, wollte der Enkel ein Prophet werden. Er
fand die Lehren des Grovaters viel zu kindlich, zu sanft. Mit Feuer
und Schwert wollte er die Welt erobern, seine Lehre sollte herrschen,
vor ihr sollte die Menschheit sich beugen. --

Anfangs stie Michael diese wilde Art ab, aber hatte er nicht auch
einst davon getrumt, ein Lehrer, ein Prophet zu werden? Wohl stritt
er sich mit Benjamin, aber doch suchte er ihn wieder auf, und nach
und nach gewann dieser Einflu auf Michael. Niemand gewahrte es, wie
er diesen im Grunde etwas schwankenden Charakter beherrschte, strker
war noch Vater Abrahams und Tabeas milder Einflu; aber Benjamin war
klug und sagte sich, da, sobald dieser nicht unmittelbar sei, er der
strkere werde, und Michaels glnzende Rednergabe und seine stattliche,
sympathische Erscheinung brauchte er zu seinen Plnen, das waren
Vorzge, die ihm fehlten, wie er mit Bitterkeit lngst erkannt hatte.

Er wagte aber auch nicht, dem Grovater gegenberzutreten, denn so
sehr er sich innerlich dagegen strubte, die milde Ruhe, die klare,
freundliche Weltanschauung und der echte, tiefe Glaube des Alten
zwangen ihm unendliche Hochachtung ab.

Er hoffte auf die Zeit, einmal mute sie kommen, da er mit Michael das
groe Werk der Bekehrung begann. --

So flossen die Monde dahin, der Fremdling, der einst krank und weltmde
im Dorfe auf dem Sande eingekehrt, war nun ein lieber Hausgenosse
geworden; er trieb im Sommer das Gewerbe der Mnner, die Fischerei,
erweiterte im Winter seine Kenntnisse durch eifriges Studium. Die
kleinen Ersparnisse aus seiner Wanderzeit bentzte er teilweise dazu,
sich eine Bibliothek anzuschaffen.

Wohl kam ihm manchmal die Sehnsucht nach der verlassenen Welt, der
Ehrgeiz regte sich in ihm, sich eine Stellung, die seinen Kenntnissen
entsprach, zu erringen, statt hier thatenlos in dem weltfremden
Drfchen zu leben. In solchen Stunden gewannen Benjamins Plne Macht
ber ihn; kam dann aber Tabea mit ihrer weichen, sen Stimme und
rief ihn, mit ihr zu kommen, und sa er dann bei den Frauen und dem
Grovater im traulichen Zimmer oder vor dem Hause auf der Bank, mit dem
Blick nach dem weiten Meere, im ernsten Gesprch, dann kam der Friede
wieder ber ihn und die unruhigen Gedanken wurden stille. --

Da fand er einmal, da in einer Zeitung ein Aufruf stand, der ihn
selbst betraf. Sein Name stand darin, er wurde gesucht; ein Verwandter
seiner Mutter war gestorben und er der Erbe des kleinen Vermgens.

Von jener Stunde an wich die Ruhe von ihm, machtvoll berkam ihn
die Sehnsucht nach der alten Heimat. Nur einmal wollte er dahin
zurckkehren, noch einmal das kleine Haus betreten, darinnen er seine
Kindheit verlebt, noch einmal an das Grab der Mutter treten, an die er
jetzt mit immer verzeihenderer Liebe dachte.

Noch einmal wollte er dem gegenbertreten, um dessentwillen er einst
die Heimat verlassen hatte. Nicht mehr im Zorn, in alter Liebe wollte
er ihm die Hand reichen, wollte am Vaterherzen ruhen und dann mit
vershntem Gefhl die Heimat fr immer verlassen.

Wochenlang kmpfte er gegen diese Sehnsucht, er wurde still und in sich
gekehrt, bis ihm der alte Jakobeit zuletzt selbst zuredete, sich seinen
Wunsch zu erfllen.

Er ging, aber noch ehe er das Sanddorf verlie, kam eine Stunde, in der
er neben Tabea am brausenden Meere stand, ihre Hand fest in der seinen
haltend, ihre dunklen Augen suchte.

Das tobende Meer brachte mich einst zu Euch; krank an Seele und Leib,
kam ich in Euer Haus, Du warst die erste, die ich, aus Fieberwahn
erwachend, erkannte. Seit jener Stunde wohnt Dein Bild in meinem
Herzen, nun gehe ich fort, nur aber, wenn Du die erste sein willst,
die mich empfngt, so ich wieder komme, mich empfngt als meine liebe
Braut, willst Du, Tabea?

Hei flutete eine Blutwelle ber das liebliche Mdchengesicht, mit
einem Blick voll Glck und Liebe sah sie zu dem Manne auf und sagte
mit verhaltenem Jubel in der Stimme:

Ich will, ach Michael, wie liebe ich Dich! Sie legte den Kopf an
seine Brust und er kte fast ehrfurchtsvoll die reine Mdchenstirn.

Das Meer brauste und schumte, Welle strzte ber Welle -- sie
hrten das Gelbnis der Liebe bis zum Tode, das die beiden jungen
Menschenkinder mit einander eintauschten.

Zwei Tage spter zog Michael von dannen, Benjamin war sein Gefhrte,
der hatte so darum gebeten, da Michael nicht Nein sagen mochte.

Er schalt sich selbst thricht, wenn er Benjamins Gegenwart als Last
empfand, es ruhte auf ihm wie eine Ahnung schweren, kommenden Leides.

       *       *       *       *       *

In den Zeiten des polnisches Knigreiches gehrten die Herren von
Leninski zu dem angesehendsten, reichsten Adel, aber wie der morsche
Thron der Polen in Splitter sank, so zerfiel auch im Laufe der Jahre
die Herrlichkeit der Leninskis. Das Gold rann ihnen aus den Hnden, ein
Stck Land des alten Besitzes nach dem anderen mute verkauft werden
und heute sa der jetzige Herr, Marcel von Leninski auf Lochowo und
sah wehmtig auf den geringen Rest, der ihm von dem einstigen Reichtum
geblieben war.

Inmitten eines romantischen, vllig ungepflegten Parkes, mit der Front
nach einem schilfumkrnzten, kleinen See lag Schlo Lochowo. Nach
der Landstrae zu dehnten sich die weitlufigen, dem Verfall nahen
Wirtschaftsgebude aus, an die sich das Dorf anschlo.

Boguslaw von Leninski, der Prchtige, wie ihn seine Nachkommen
nannten, hatte Jahre lang in Paris gelebt; der glnzende Hof, der die
schne, unglckliche Marie Antoinette umgab, sagte seinem beweglichen
Temperament so zu, da er seiner Besitzungen im fernen Polen nur
gedachte, wenn er Geld brauchte.

Als die Strme der Revolution sich erhoben, verlie er das geliebte,
glnzende Paris mit schwerem Herzen und mit leichtem Beutel.

In der Einsamkeit der heimischen Wlder begann er sich, in Erinnerung
der glnzenden Tage, ein =petit Versaille= aufzubauen, aber ehe noch
der Bau vollendet war, rief ihn der Tod ab und sein Erbe, der sich
gentigt sah, den grten Teil der alten Herrschaft zu verkaufen,
lie von einfachen Handwerkern den Bau vollenden; denn schon
erklang der Kriegslrm des groen Korsen auch in die Einsamkeit der
russisch-deutschen Gebiete.

Ein Stckwerk, mit feinem Kunstsinn begonnen, von ungeschickten Hnden
vollendet, blieb Schlo Lochowo.

Im Sommer freilich, wenn die Kletterrosen, die sich daran emporrankten,
in Blte standen, die schlanken Trme vom Sonnengold umflossen in
die blaue Luft ragten, bot es einen Anblick, der wohl ein Malerauge
entzcken konnte. --

Herr Marcel von Leninski, der von seinen Ahnen das leichte Blut und die
sanguinische Lebensanschauung geerbt hatte, mhte sich redlich, sich
und den Seinen den letzten Rest der alten Herrlichkeit zu erhalten.

Frau Halinka, seine Lebensgefhrtin, machte es ihm freilich oft schwer
genug. In ihrer Jugend einst eine groe Schnheit, hatte sie ein Jahr
ihrer Mdchenzeit in Paris verbracht und dann, froh, ein standesgemes
Unterkommen zu finden, ihren alten Verehrer und derzeitigen Gatten
geheiratet.

Herr Marcel hatte weder die Schnheit, noch den sprhenden Geist
seines glnzenden Ahnherrn geerbt, er bewunderte seine schne Gattin
aufrichtig und that so viel fr ihre Luxusbedrfnisse, wie es seine
Mittel irgend erlaubten. Aber Frau Halinka konnte das Jahr in Paris,
das Jahr ihrer Triumphe nicht vergessen, sie war fest berzeugt, sich
herabgelassen zu haben, indem sie Frau von Leninska wurde.

Immer und immer erzhlte sie von dem einen glnzenden Jahre, anfangs
imponierte sie ihrem einfachen, gutmtigen Manne, aber die Jahre
verwischten die Eindrcke, jetzt geschah es mit wiederkehrender
Regelmigkeit, da der gute Marcel bei den Erzhlungen in sanften
Schlummer fiel.

Kasia, die jngste Tochter, dagegen lauschte mit fiebernder
Aufmerksamkeit den mtterlichen Erzhlungen, sie kannte kein greres
Vergngen, immer wieder war sie es, die die Mutter zu neuen Berichten
anregte. Dann sa sie da, die dunklen Augen strahlten, die feinen
Lippen leicht geffnet, jeder Nerv an ihr lebte, es prickelte und
zuckte in ihren Gliedern, sie war mitten drin in dem rauschenden Leben.
Sie lachte, weinte, tollte, kokettierte und heier kreiste das leichte
Blut der Vorfahren in ihren Adern.

Frau Halinka erzhlte, hingerissen durch der Tochter Begeisterung immer
mehr und Herr von Leninski schttelte manchmal vom Schlaf erwachend
das Haupt, wenn er hrte, da die stolze Herzogin von M. seiner Frau
gesagt, sie wre die Blume der Blumen, und da Graf Armand de St. ihr
sein Herz und seine Millionen zu Fen gelegt, hatte er noch gar nicht
gewut. Ein leises, verschmitztes Lcheln trat auf seine Lippen -- Du
lieber Himmel, die Zeit verwischt die Erinnerungen! --

Wladislaw, der einzige Sohn und Erbe, hatte es vorgezogen, in
sterreichische Dienste zu treten, er stand in einer kleinen bhmischen
Garnison als Oberleutnant, seine Briefe bildeten der Mutter Entzcken
und des Vaters Sorgen, denn mit absoluter Sicherheit kehrte darin stets
die Wendung wieder, ich brauche Geld.

Still und sanft waltete noch eine andere im Hause, Maria, die lteste
der Schwestern, sie war es, die den Haushalt in Ordnung hielt.

Unsere Maruszka ist unser guter Hausgeist, pflegte Frau Halinka wohl
anerkennend zu sagen, whrend ihre Blicke stolz an der lieblichen
Erscheinung ihrer jngeren Tochter hingen.

Jusia kommt, Jusia kommt!

Einen offenen Brief in der Hand strmte Kasia wie ein Wirbelwind in das
Boudoir der Mutter.

Frau Halinka las in einem neuen franzsischen Roman, whrend Maria
Faden um Faden durch eine feine Stickerei zog.

Tief neigte jetzt Kasia den zierlichen Krper vor ihnen und sagte mit
komischem Ernst:

Meine Damen, gestatten Sie, da ich Ihnen die freudige Mitteilung
machen darf, da Grfin Jusia Potocka bermorgen Einzug in unser Schlo
halten wird!

Wildfang. Frau Halinka lchelte nachsichtig, whrend auf ihr stark
verblhtes Gesicht ein freudiger Ausdruck trat. In der That, ich mu
gestehen, eine ganz angenehme Abwechslung, dieser berraschende Besuch
der Komtesse.

Wundervoll, unbeschreiblich schn! jubelte Kasia. Ach, Mama, was
wird uns Jusia alles erzhlen knnen, bedenke doch, wie viel sie
gesehen hat, seit wir vor zwei Jahren das Kloster verlieen; Nizza,
Rom, Paris, das himmlische Paris, ach, ich beneide sie, die Glckliche!

Nur nicht gar so enthusiasmiert, =ma petite=, ich war auch in Paris
und wer wei, ob Komtesse Jusia eine so vorzgliche Kennerin des
pariser Lebens ist, wie ich es war. Ob sie den Esprit und die Eleganz
besitzt, es so zu erfassen wie ich, nun wir werden ja sehen, jedenfalls
ist es auch mir angenehm, einmal wieder von meinem Paris reden zu
knnen.

brigens Maria, hast Du in mein neues Cape auch die Etiquette von =Bon
march= eingenht? Es ist mir lieber, wenn Grfin Jusia sieht, da wir
einen Teil unserer Toiletten aus Paris beziehen.

Aber Mama! vorwurfsvoll erhob die Angeredete ihre ernsten, dunklen
Augen zur Mutter.

Schweig, Maria, ich wei, was ich uns schuldig bin, triff lieber die
Vorbereitungen fr unseren Gast!

Still verlie diese das Zimmer, die Lippen fest aufeinander gepret,
als wolle sie die Worte zurckdrngen. Ach, wie sie sich schmte ber
die thrichte Eitelkeit der Mutter, die immer und immer wieder die
Etiquettes der pariser Firmen, die noch von den Toiletten aus den
ersten Jahren ihrer Ehe stammten, heraustrennen und in die neuen, in
der Kreisstadt gekauften Sachen nhen lie.

Mit mdem Schritt erstieg Maria die Treppe zu dem oberen Stockwerk,
sich berlegend, welche Zimmer sie dem jungen Gast geben sollte. Es
gab deren genug in dem weiten Bau, aber die wenigsten waren mbliert,
Stckwerk der Bau, Stckwerk die Einrichtung. Kostbare Empire- und
Rokokombel, die fehlenden Stcke durch einfache, vom Tischler
gefertigte Sachen ersetzt.

Schweren Herzens begann Maria ihre Arbeit, aus allen Rumen trug sie
etwas zusammen, bis sie endlich ihr Werk wehmtig betrachtend inne
hielt. Stckwerk auen wie innen! ach Gott, wie mssen die Menschen
glcklich sein, die in geordneten Verhltnissen leben! --

Maria bist Du oben? unterbrach die helle Stimme der Schwester ihre
Gedanken.

Was giebt es, Kasia? Leichtfig kam diese schon die Treppe herauf.

Marinka, mein Seelchen! rief sie aus, reizend ist das Zimmer! Ach,
denke Dir nur, wie lieb von Mama, sie will mit uns nach der Stadt
fahren und uns neue Toiletten kaufen. Einen Ball will sie auch geben,
whrend Jusia da ist, endlich einmal etwas Abwechslung!

Aber Kasia! Erschrocken sieht Maria die Schwester an. Solche
Ausgaben sind doch unmglich, Papa hat ohnehin so viel Sorgen. Die
Ernte ist dieses Jahr durchaus nicht gut, dazu das Unglck im Frhjahr
mit den Khen und Wladzin hat gestern auch wieder um Geld geschrieben.
Nein, diese Ausgaben darf Mama nicht machen.

Du bist eine unertrgliche Pedantin, keine Freude gnnst Du uns, nur
sparen, nur sparen, und Mama hat ganz recht, wenn sie sagt, Du seist
verbauert.

Das reizende Gesicht Kasias war durch Zorn entstellt, die Thrnen
strzten ihr aus den Augen und zitternd vor Wut trat sie mit den
zierlichen Fen auf den Boden.

Was wohl dabei ist! schrie sie. Was wird das gro kosten? Der Jude
giebt Papa schon Geld!

Kasia!

Schweig, Du verdirbst mir all meine Freude! Sie strmte zum Zimmer
hinaus und krachend flog die Thr hinter ihr ins Schlo.

Die zierliche, von Maria mhsam gekittete Vase auf dem kleinen
Rokokotisch fiel klirrend zur Erde und whrend das junge Mdchen die
Stcke sammelte, rannen die heien Thrnen ber ihre Wangen:

Stckwerk alles, alles, der Jude giebt Geld, bis der Jude das Gut
nimmt und dann. -- Oh heilige Mutter Gottes, hilf!

       *       *       *       *       *

  =Oh chre tante!= Da sitze ich nun seit drei Tagen in dieser
  polnisch-deutschen Einsamkeit, mit dem brennenden Wunsch, diesen
  lndlichen Aufenthalt erst mit einem Badeort des =high life=
  vertauschen zu knnen. Diese guten Leninskis sind unglaublich naiv,
  sie denken wirklich, mich habe einzig und allein die Sehnsucht zu
  ihnen getrieben. Wenn sie ahnten, wie sehr ich =vis--vis de rien=
  stehe, wie froh ich war, da mir die Einladung dieser thrichten,
  kleinen Kasia einfiel. Lcherlich, immer soll ich von meinem
  glnzenden Leben erzhlen, wenn sie wten, wie die Kehrseite
  aussieht, wie hungrig wir oft auf den Boulevards promeniert sind!
  -- Ein Glck, da die alte Frstin sich Deiner erinnerte, jeden
  Abend ist mein Gebet, es mge ihr einfallen, mich auch zu sich zu
  laden, in Ruland wrde ich vielleicht bessere Chancen haben, eine
  Partie zu machen, den glnzenden Rahmen, den ich brauche, zu finden.
  -- Was soll ich Dir von den Leninski berichten? =Madame= ist etwas
  einfltig, von der einstigen Schnheit sieht man nichts mehr. (Wer
  wei, wie viel sie berhaupt davon besessen hat.)

  =Monsieur= ist etwas verbauert, er macht manchmal einen recht
  miglckten Versuch, galant zu sein. Kasia ist ohne Frage reizend,
  ich glaube, sie knnte, mit dem ntigen Geld versehen, Furore machen.
  Maria ist hbsch, nicht mein Geschmack, sie sieht aus, als knnte sie
  einen Mann in kleinen Verhltnissen aus Liebe heiraten, oder -- in
  ein Kloster gehen. Eines so unpraktisch wie das andere.

  =Adio=, teure Tante, ich werde jetzt mit Kasia spazieren gehen,
  Gnseblmchen pflcken, Gedichte machen und von diesen einfltigen
  Dorfjungen meine Schnheit, dieses mein Kapital, meine Hoffnung,
  bewundern lassen.

  Ich ksse Deine Hand, schreibe bald und bringe Erlsung

        Deiner trostlosen Jusia.

Die Schreiberin schliet hastig den Brief und adressiert ihn. Von unten
herauf tnt schon Kasias helle Stimme, die ihren Namen ruft. -- Rasch
setzt sie einen groen, weien Hut auf ihr krauses rotblondes Gelock,
ein wohlgeflliger Blick in den schmalen Empirespiegel, eine Kuhand
ihrem eigenen Bild und leichtfig eilt sie die Treppe hinab. Kasia,
mein Seelchen, verzeih, da ich Dich warten lie, aber sieh! ich hatte
so viel an Tante Amlie zu schreiben, wie reizend es hier bei Euch ist,
wie lieb Ihr seid und da ich keinen greren Wunsch hege, recht, recht
lange bei Euch zu bleiben, komm, ich will blos Deiner Mama, von der
ich ganz enthusiasmiert bin, die Hand kssen. Wenige Minuten spter
wandeln die jungen Damen durch das Dorf, mit offenem Munde stehen die
Kinder und schauen ihnen nach. Paninka Kasia, die kennen sie, aber das
fremde Frulein mit dem weien Kleid, die so leicht ber den Schmutz
der Strae schwebt, schchtert sie ein und in stummer Bewunderung
blicken sie ihr nach.

Mein Gott, Kasia, wie geistreich diese Kinder aussehen, sie lacht,
nein, sieh diesen Fratz dort, gerade so starrte mich der holde Prinz
Sergei an vergangenen Winter in Nizza. Aber sieh, wie idyllisch das
Huschen hier liegt, sag, wem gehrt es? Sie bleibt vor dem kleinen
Haus am Ende des Dorfes stehen, das von bunten Blumen umblht, seltsam
absticht gegen die anderen im Schmutz stehenden Nachbarhuser. Da
knarrt die Thre und Michaels hohe Gestalt wird im Rahmen sichtbar,
seine ernsten Augen haften voll Erstaunen auf den beiden lichten
Mdchengestalten, die da am Gitter seines Gartens stehen. Er tritt
einige Schritte nher, verneigt sich und sagt mit seiner ruhigen,
klangvollen Stimme:

Gott zum Gru und Gottes Frieden! Dabei ruhen seine Blicke unverwandt
auf Grfin Jusias reizvoller Erscheinung. Mit beiden Hnden greift
diese in die blhenden Clematisranken am Gitter und sieht mit seltsamem
Lcheln zu dem schlanken Mann hin. Sekundenlang ruhen beider Blicke
ineinander, dann wendet sich Michael heftig um und schreitet mit
stummem Gru in sein Haus zurck.

Kasia, sag doch, wer war dieser seltsame Mensch, ein Apollo an
Schnheit in Eurem Dorf? Jusia reit einige von den Blten am Gitter
ab und befestigt sie in ihrem Grtel, schnell erzhle, =ma petite=,
ich wittere eine romantische Geschichte, der blonde Apollo mit seinem
frommen Gru und seinem geistlichen Rock interessiert mich?

Romantisch ist die Sache nicht gerade, erwiderte Kasia, hochmtig
das feine Nschen rmpfend, Dein Apollo, wie Du ihn nennst, obgleich
ich noch keinen Apollo mit einem Rock gesehen habe, ist einfach ein
Dorfjunge, der eine etwas bessere Erziehung genossen hat, Propst Ryback
hat ihn unterrichtet, er sollte sich dem geistlichen Stande widmen.
Eines schnen Tages verschwand er aber pltzlich und tauchte erst
ungefhr im Februar dieses Jahres wieder auf. Er bezog sein Haus, das
der Propst bis dahin fr ihn verwaltet hatte, und soll sich gleich in
den ersten Tagen wieder vollstndig mit diesem berworfen haben. Dann
fing er hier in der Gegend an zu predigen, eine neue Lehre. Mit ihm
ist ein kleiner verwachsener Mensch. Papa sagt, es wren Mennoniten,
aber Propst Dzimbowski aus Skiernewice meinte neulich, es seien keine
echten Mennoniten, die wren stiller und machten keine Propaganda fr
ihren Glauben; diese gehrten vielmehr einer neuen, amerikanischen
Sekte an. Die haben schon viele Anhnger, hier in Lochowo nicht, aber
in Birkenhof und Skiernewice laufen die Leute ihnen zu, die hiesigen
stehen zu sehr unter dem Einflu von unserem Propst, der sehr fanatisch
ist und die Leute gegen den Ketzer einzunehmen wei. Es ist ja Unsinn,
was sie predigen, der Blonde soll brigens wunderbar reden knnen,
sie wollen eine groe Gemeinde grnden mit vlliger Gleichheit aller,
verdammen den Krieg und Alkoholismus und reden schrecklich viel von
innerer Glckseligkeit. Papa sagte schon, er wundert sich, da sie bis
jetzt mit heiler Haut davon gekommen sind und prophezeit ihnen ein
gewaltsames Ende.

So nun aber genug von diesen langweiligen Dingen, erzhle mir lieber
mehr von Deinem Leben! Jusia Potocka wendet noch einmal den Kopf nach
dem kleinen Hause und beginnt dann zu erzhlen; sie rollt Bilder voll
Glanz und Licht vor Kasias Augen auf, und diese lauscht mit klopfendem
Herzen, immer brennender wird der Wunsch in ihr, auch mit in diesem
glnzenden Strom des Lebens schwimmen zu knnen.

       *       *       *       *       *

Tiefe, feierliche Sabbathstille herrscht im Walde. Gestern flo der
Regen in Strmen auf die schier verschmachtete Erde nieder, heute
stehen die Bume und Pflanzen in neuer Kraft da, sie recken und dehnen
sich, sie fhlen sich noch frisch und jung, und ferne liegt ihnen der
Gedanke an die Strme des Herbstes, des Winters Klte. --

Maria schreitet auf dem weichen Moosboden dahin, so feierlich still
ist es ringsum, die Birkenstmme leuchten hell und zitternd schwanken
die Zweige, vom sanften Wind bewegt, hin und her. Es ist ein seltsames
Wohlgefhl, das Maria in diesem Stck heimischen Waldes berkommt.
Sie wei wohl, da man ber die Eintnigkeit dieses Landes spottet,
ber die kargen Wlder, in die der blaue Himmel durch groe Lcken
hineinscheint. Kein khles, geheimnisvolles Walddunkel, nicht jene
zum Himmel ragenden Bume, jene murmelnden, wild ber Felsen und
Baumwurzeln strzende Bche des Hochgebirges, und dennoch, sie liebt
diesen rmlichen Wald. Hier ist es, wo Ruhe und Frieden ber sie kommt,
wo die nagenden Sorgen, die dsteren Gedanken sie verlassen, oh Du
lieber, barmherziger Wald! Whrend sie so dahinschreitet, schweifen
ihre Gedanken in die Vergangenheit, in die kurze, glckliche Zeit ihres
Lebens. Wie fern sie ihr liegt, manchmal will ihr dnken, als verblasse
die Erinnerung in dem tglichen Kampf, aber dann, wenn sie allein ist,
wie hier in dem Frieden des Waldes, dann berkommt sie mit aller Gewalt
das alte Glck, das alte Leid, ihr Herz jubelt und weint, und licht
stehen ihr die sonnigen Tage von einst vor der Seele.

Eine entfernte Verwandte ihrer Mutter, ein altes Frulein, hatte sich
pltzlich erinnert, da ihre Cousine Halinka zwei Tchter besa und
geschrieben, da sie gern einmal eine ihrer Nichten sehen mchte, ihr
sei die Reise zu weit, sie wrde sich aber ber einen Besuch freuen und
bte hiermit ihre Cousine, ihr doch eine ihrer Tchter einige Wochen
nach Dresden zu schicken. Maria war gerade aus dem Kloster gekommen,
wo die Leninskis eine Freistelle besaen, da kam der Brief der Tante
und da dieselbe als reich galt, stimmte auch Papa Leninski fr die
Reise. An einem weichen, milden Frhlingsabend kam Maria in Dresden
an, wie klar stand ihr doch alles vor der Seele. Die alte Tante, die
ihr wie ein Wesen aus einer fremden Welt erschien. Frisch, trotz ihrer
sechzig Jahre, wie eine Junge, so lebensfroh, so teilnehmend, so
verstndnisvoll fr die Jugend und dabei so abgeklrt in ihrem Urteil,
ber den Kleinkram der Welt stehend, mit einem Herzen, das warm fr
alles Schne und Edle schlug. Unwiderstehlich fhlte Maria sich zu ihr
hingezogen, in wenig Tagen hing sie mit inniger, verehrender Liebe an
der alten Dame.

Jener erste Abend in Dresden, wie ein leuchtendes Bild stand er in
ihrer Erinnerung, ber die breite Brcke, die die Neustadt mit der
Altstadt verbindet, fuhren sie in einem offenen Wagen; wie ein breiter
Streifen flssigen Goldes lag die Elbe im Glanz der untergehenden Sonne
unter ihnen. Groe Dampfer, kleine buntbewimpelte Khne glitten ber
sie hin. Am jenseitigen Ufer ragten die stolzen Bauten einer glnzenden
Vergangenheit empor, die scheidende Sonne umglhte sie noch einmal, da
es aussah, als ob all die Ecken und Spitzen im Feuer stnden. Von einem
der Dampfer kam eine weiche, trumerische Musik und vermischte sich mit
dem Lrm der groen Stadt. So traumhaft schn wie dieser erste Abend
waren die Wochen, die ihm folgten.

Leise seufzte Maria auf, vergangen die Jugend, das Glck. Im Garten
der Tante war es, da trat er ihr das erste Mal entgegen, strahlend vor
Stolz ber den glnzend errungenen Doktortitel. Seine Eltern waren
langjhrige Freunde von Marias Tante und der Verkehr zwischen beiden
Husern ein sehr reger. Der junge Doktor sollte einige Wochen im
Elternhaus verleben, einige Wochen der Freiheit, und es war eigentlich
natrlich, da bei den Ausflgen, die er mit seinen jungen Schwestern
unternahm, Maria mit dabei war.

Im Scherz und Spiel, im ernsten Gesprch, immer fand sich der junge
Arzt mit Maria zusammen, es war dem Mdchen, als sei alles von ihr
genommen, was dster und schwer ihr junges Leben bedrckt hatte, in
vollen Zgen geno sie jetzt ihre Jugend und in ihrem Herzen erblhte
ein stilles, heimliches Glck. Sie wuten es bald, Heinz Werner und
Maria, da sie einander liebten, nicht mit jener Leidenschaft, die
wie im Sturm ber alles hinweg rast und, wenn verflogen, bittere
Ernchterung zurcklt, eine stille, heilige, treue Liebe war es, die
die Beiden erfllte. Wie ein Schatten stieg manchmal der Gedanke an die
Eltern in Maria auf, sie kannte nur zu gut den Hochmut Frau Halinkas
und wute, da diese nicht so leicht ihre Einwilligung zu einer Heirat
mit einem Brgerlichen und noch dazu einem Protestanten geben wrde.
Aber mit dem glcklichen Leichtsinn der Jugend verscheuchte sie solche
Gedanken, vorlufig sollte es selbst den Eltern ein Geheimnis bleiben,
denn noch war Dr. Heinz nicht in der Lage, eine Frau heimzufhren, und
so beschlossen beide, ihr stilles Bndnis an niemand zu verraten.

Ob es wohl die Tante ahnte, sie lud Maria beim Abschied herzlich ein,
bald wieder zu kommen, ja, sie sprach die Absicht aus, die Eltern zu
bitten, ihr Maria fr lange Zeit zu berlassen. Beht' Dich Gott,
mein Kind, sei tapfer und bleibe Dir selbst getreu, sagte sie, die
weinende Maria in ihre Arme schlieend. Noch ein letzter Hndedruck dem
Geliebten und langsam fuhr der Zug von dannen.

Vier Wochen spter reiste Herr von Leninski zum Begrbnis der
Tante, um bitter enttuscht heimzukehren; der Tod hatte die rstige
Frau berrascht, noch ehe sie ihren Willen ausfhren und Maria zur
Erbin einsetzen konnte. Die Shne ihres Bruders, zwei gewissenlose
Verschwender, erbten das Vermgen, und leicht rann das Geld durch
ihre Finger, mit dem die alte Tante so viel Segen gestiftet und hatte
stiften wollen. Maria weinte um sie wie um eine Mutter! Fnf Jahre
waren vergangen. Der, auf den Maria gehofft, nach dem sie gebangt, war
nicht gekommen, und wie ein Traum lag das Glck hinter ihr. Oh, du
barmherziger Wald, der du so geduldig das immer neue Leid anhrst, so
milde, sanfte Lieder rauschst, aus denen es klingt wie Mrchensang:
er kommt noch, er kommt noch, sei getrost, arm' Menschenkind! Ruhiger
wird Maria, mit schweren Sorgen ist sie hergekommen, mit einem gut Teil
leichterem Herzen tritt sie den Heimweg an. --

Auf den Stufen der Veranda steht bereits Kasia, ungeduldig nach ihr
ausschauend. Es ist gut, da Du kommst, Maria, drinnen ist -- oh
staune -- Besuch! Der alte Sanittsrat stellt uns seinen Stellvertreter
vor, er mu natrlich wieder nach Karlsbad, komm herein, oder vielmehr,
geh' Du hinein, ich bleibe hier, es lohnt sich nicht der Mhe, so ein
simpler Doktor, der als Stellvertreter geht, ich begreife Jusia nicht,
die schrecklich liebenswrdig thut! Sie rmpfte das feine Nschen,
warf die zerpflckten Bltter einer Rose ber die Stufen der Treppe und
hpfte davon, Maria die Pflichten der Wirtin berlassend.

Mit der ihr eigenen, gelassenen Ruhe betrat diese den Salon, auf
ihrem feinen, durchgeistigten Gesicht lag noch der Ausdruck stiller
Sehnsucht. Jusias helles Lachen klang ihr entgegen; Frau Halinka liebte
die knstliche Dmmerung, sie war die vorteilhafteste Beleuchtung fr
ihre verblhte Schnheit, so herrschte auch heute nur mige Helle in
dem groen Gemach, und Maria, die aus dem grellen Sonnenlicht kam,
war zuerst nicht im stande, die einzelnen Personen zu unterscheiden.
Da klang die krhende Stimme des Sanittsrates, die so wenig zu seiner
robusten Erscheinung pate, an ihr Ohr, und dann eine andere, krftige,
frhliche Mnnerstimme, bei deren Ton Maria zusammenfuhr, waren es noch
die Trume des Waldes, die sie narrten? Wahrheit, war es Wahrheit? Da
stand der vor ihr, nach dem sie sich gebangt und gesehnt all die Jahre,
mechanisch legte sie die Hand in die seine. Wir sind ja alte Bekannte,
mein gndiges Frulein, sagte er herzlich, da hob sie die Augen und
sah ihn an, sah in seine treuen Augen, die redeten so vertraut zu ihr,
da die Jahre vor ihr versanken mit ihrem Leid, ihren Thrnen, und ein
heies Glcksgefhl sie durchstrmte.

Maria! Frau Halinka rief hchst mibilligend ihren Namen. Kind, wo
bist Du mit Deinen Gedanken, siehst Du nicht, da Herr Sanittsrat Dich
begren will!

Verwirrt blickte Maria um sich, ihr war, als mten alle wissen, was da
geschehen war in den wenigen Sekunden, hei drngte sich ihr das Blut
in die Wangen, mit einer ihr fremden Hast reichte sie dem alten Herrn
die Hand, die dieser mit einem verzckten Blick an die Lippen zog. Dann
sprach sie auch, gleichgiltige Worte, lchelte, war liebenswrdig,
dabei sah sie nur immer ihn, hrte seine Stimme, und in ihrem Herzen
sang und klang es so laut, da sie meinte, die Anderen mten es hren:
Er ist da, er ist da! --

Grfin Jusia schmiegte sich wie ein Ktzchen in den Sessel und warf
unter den langen, schwarzen Wimpern hervor prfende Blicke auf den
jungen Arzt. Der war anders wie die Herren ihrer Gesellschaft, aber in
einem so den Nest wre er zum flirten gerade recht. Hbsch war er,
aber er sah so ernsthaft, so philisterhaft aus, nein, dies war nicht
der rechte Ausdruck, er sah so deutsch aus, sagte sie sich. Dabei mute
sie sich aber doch gestehen, er kmmerte sich herzlich wenig um sie,
nicht Schchternheit war es, nein, Gleichgiltigkeit, aber wie er Maria
anblickte! Grfin Jusia beginnt zu kombinieren, prfend gleiten ihre
Augen von einem zum andern, nun, da mte sie doch blind sein, wenn
da nicht eine hchst sentimentale, romantische Liebesaffaire dahinter
steckte, ich werde es ergrnden! denkt sie, wenigstens eine Abwechslung
in der trostlosen, langweiligen Einsamkeit.

Die Herren wollen sich verabschieden, aber Herr von Leninski erhebt
Einspruch: Selbstverstndlich sind Sie unsere Gste, na, das wre
ja noch besser, wenn Sie Lochowo ungespeist und ungetrnkt verlassen
wollten. Der Hausherr lacht drhnend ber seinen eigenen Witz, von
dem Sanittsrat sekundiert, der wohl zu wrdigen wei, welch edlen
Ungarwein der Keller von Lochowo birgt. --

Mgen die Leute sagen, die Leninskis wrden bald Samuel Schmuhl, dem
Hauptglubiger, Lochowo berlassen mssen; Gste, die einkehren in
den wunderlichen Bau, merken nichts davon. Die matte Dmmerung in
dem Speisesaal, hervorgerufen durch farbige Fenster, verhindert, da
man gewahrt, wie verblichen und zerschlissen die Seidenbezge der
altertmlichen Mbel sind. Marias geschickte Hnde haben verstanden,
vielfach die Schden zu verbergen, sie hat auch die hohen, gekitteten
Vasen mit grazisen Struen gefllt und die Tafel in anmutiger Weise
geordnet. Dazu die liebenswrdige Hausfrau -- Frau Halinka ist in
Gesellschaft immer liebenswrdig --, der joviale Gatte, die zierlichen
Mdchenerscheinungen, der goldne Wein in den Glsern vereinen sich zu
einem reizvollen Ganzen. Selten verlt ein Gast das Haus, der nicht
den Wunsch hegt, bald wieder einkehren zu knnen.

Dann eine Bootfahrt auf dem See, fr die der Sanittsrat eifrig
stimmt, um nachher zu erklren, er wolle bei Herrn von Leninski
bleiben, der lchelt verstndnisinnig, er kennt die schattige Laube,
in der der opfermtige Sanittsrat nach Tisch seinen inneren Menschen
einer nheren Prfung unterzieht; ihm ist es recht, hegt er doch die
gleiche Absicht. Nach der Fahrt ein Wandern durch die verschlungenen
Gnge des alten Parkes, der noch die Anlagen zeigt, die Herr Bogislaw
der Prchtige von einem franzsischen Gartenknstler hatte beginnen
lassen. Im Laufe der Jahre war er aber verwildert, die Wege von
Gras berwuchert, die steinernen Gtterbilder mit ihren dicken
Barockgesichtern waren von Schlingpflanzen umzogen, besonders der Teil,
der am See lag, war eine dichte, grne Wildnis.

Hier erst ist es dem jungen Arzt mglich, einige kurze Minuten mit
Maria allein zu sein. Hier erst vermag er ihr in hastigen Worten zu
erklren, warum er so lange fern geblieben. Die Eltern waren ihm rasch
hintereinander gestorben, das geringe Vermgen blieb seinen beiden
Schwestern. Er hatte tapfer gearbeitet, um vorwrts zu kommen, ber
dem Ringen aber verflo die Zeit, und so kam es, da er erst heute,
nach mehr denn fnf Jahren, sein Wort einlsen konnte. Gut traf es
sich, da er in einer Fachzeitung das Gesuch des Sanittsrates las, er
hoffte, so am besten zu ihr zu gelangen, er benutzte seine Ferien und
stellte sich dem alten Herrn als Stellvertreter.

Maria, Du mein Lieb, in Deinen Augen las ich, da Du mir die Treue
gehalten hast die langen Jahre, Maria, mein Glck! Nun soll uns nichts
mehr trennen, komme, was da mag, ich halte Dich fest, mein Glck,
leidenschaftlich zog der Mann das Mdchen an sich und sie widerstand
nicht. Lange hatte sie gehofft, geharrt auf ihr Glck, nun war es da,
war gekommen, wie der Frhling ber Nacht, fest schlang sie die Arme
um den Geliebten. Ihre Augen tauchten ineinander, um sie versinkt die
Welt, sie sehen nur sich und fhlen nur, da sie einander gehren fr
Zeit und Ewigkeit, bebend vor Glck flstern sie nur das Eine: Ich
liebe Dich.

Nherkommende Stimmen wecken sie erst aus ihrer Versunkenheit, hastig,
helle Glut auf den Wangen, befreit sich Maria, ein kurzer, inniger
Hndedruck, und schon sehen sie die hellen Kleider Kasias und Jusias
durch das Gebsch schimmern.

Nein, Maria! Wie echauffiert Du aussiehst! Jusia hngt sich an ihren
Arm und sieht spttisch zu dem jungen Mdchen auf, das vergeblich
versucht, seiner Verwirrung Herr zu werden. Und endlich gelingt es ihr,
sich dem seichten Geplauder und den kleinen Bosheiten zu entziehen,
unter dem Vorwand, im Haus nach dem Rechten sehen zu mssen. In dem
Flur kommt ihr der Vater entgegen, hochrot im Gesicht, eine dicke
Zornesfalte auf der Stirn, er strmt an ihr vorber, ohne auf ihren
erschreckten Zuruf zu achten. Bestrzt tritt Maria in das Zimmer der
Mutter und findet diese in Thrnen aufgelst.

Mama, ach, was ist geschehen, ein Unglck, sag', oder hat Wlaciu
wieder geschrieben?

Frau Halinka schnellt empor, verschwunden ist die vornehme Ruhe ihrer
Bewegungen, wie eine Wahnsinnige eilt sie im Zimmer umher und stt
mit vor Thrnen erstickter Stimme hervor: Marcel ist ein Tyrann,
ein Geizhals, ein Grobian, wegen der paar Mark, die ich fr unsere
Toiletten ausgegeben habe, schreit er mich an, und einen Ball, ein
harmloses, kleines Vergngen, erklrt er fr eine Unmglichkeit. Oh,
ich unglckliche Frau, meine Schnheit, meine Jugend habe ich diesem
Mann geopfert, ich, die ich eine der glnzendsten Frauen Frankreichs
sein knnte, versaure, verkmmere hier in diesem den Erdenwinkel, und
dann werde ich noch eine Verschwenderin genannt! rmer bin ich, wie
die rmste Kthnerfrau, oh, ich unglckliches Weib, wre ich nur tot,
dann wre ich niemand zur Last! Und in ein hysterisches Schluchzen
ausbrechend, kauert sie sich in einen Fauteuil.

Maria mht sich, sie zu beruhigen, sie reibt ihr die Schlfen mit
klnischem Wasser und spricht weiche, liebkosende Worte zu ihr, nach
und nach legt sich das wilde Weinen, Frau Halinka wird ruhiger und
erklrt schlielich, sie wolle allein sein.

Geh', mein armes Kind, verlass' Deine unglckliche Mutter. Sie haucht
einen Ku auf Marias Stirn und sinkt wie gebrochen in ihren Stuhl
zurck.

Langsam, als trge sie Zentnerlast, steigt Maria zu ihrem Zimmer empor,
auf das heie Glcksgefhl, das sie durchglht in den letzten Stunden,
ist ein Reif gefallen, und finster drohend steigt wieder das Gespenst
auf, das ihr schon manche Stunde verbittert, die Armut, die verhllt,
verborgen das Haus durchschleicht. Die Bume des Parkes rauschten; der
See liegt leuchtend im Sonnenschein; von unten schallen Stimmen zu ihr
empor, sorglos, frhlich trllert Kasia ein Lied, und eine, ach so
geliebte Stimme fllt jubelnd ein. Die Lauscherin birgt den Kopf in
die Hnde, sie schreit und weint nicht, wie Frau Halinka, ihre Augen
bleiben trocken, aber immer schwerer wird ihr armes, junges Herz von
den ungeweinten Thrnen.

Laue Sommerluft strmt durch die geffneten Fenster des Speisesaals,
Lachen, Sprechen, Klirren dringt hinaus in die stille Nacht, dasselbe
Bild wie am Mittag, nur grer der Kreis; Propst Ryback und sein
Amtsbruder aus S. und zwei benachbarte Besitzer mit ihren Frauen
sind hinzugekommen. Frau Halinka ist liebenswrdiger denn je, in
ihrer Toilette aus mattlila Seide sieht sie so vorteilhaft aus, da
selbst Grfin Jusia an die einstige Schnheit zu glauben beginnt.
Ihr Gatte sieht sie bewundernd an, verwischt ist die Sorgenfalte auf
seiner Stirn, der goldene Wein in den hellen Glsern blinkt, er rinnt
wie Feuer durch die Adern, immer heller blitzen die Augen, und Herr
von Ronkowski hebt das Glas und ruft: Himmel und Hlle, Hochwrden
verzeihen, die schnsten Frauen giebt es doch auf Lochowo, sie leben
hoch, hoch, hoch! Er wirft das Glas in weitem Bogen, da es in tausend
Scherben zersplitternd zu Boden fllt, und jubelnd folgen die anderen
Gste dem Beispiel und werfen ihre Glser zur Erde. Propst Ryback
lchelt nachsichtig, er ist dergleichen zu sehr gewhnt, um noch daran
Ansto zu nehmen. Nur zwei werden immer stiller in der Gesellschaft,
auf Maria lastet schwer der Gedanke an den Auftritt des Nachmittags,
liebevoll hat sie vor dem Essen des Vaters Hand ergriffen und ihm
zugeflstert: Armer Papa, so viel Sorgen hast Du!

Aber freundlich sie streichelnd, hat er lchelnd erwidert: Mama hat
mal wieder Dummheiten gemacht, na, morgen mu Schmuhlchen kommen; aber,
Donnerwetter, hbsch sieht die Mama heute aus, wirklich! Sie sticht
beinahe ihre Tchter aus.

Dr. Werner fhlt sich sehr unbehaglich in der fremden Gesellschaft.
Armes Lieb, denkt er bei sich, wie wenig mag ihr dieser Ton zusagen,
wie bla mein ses Herz aussieht, und er hebt sein Glas und neigt es
ihr zu, da trifft ihn der Blick ihrer Augen und er erschrickt vor dem
tiefen Weh, das in diesen dunklen Sternen liegt. --

Endlich rsten die Gste sich zum Aufbruch, die Herren kssen den Damen
die Hand, der dicke Sanittsrat versichert immer wieder, er wrde im
Bad rechte Sehnsucht haben nach Lochowo und seinen reizenden Frauen,
dabei verneigt er sich, die Hnde aufs Herz gedrckt, und sieht mit den
kleinen, wasserblauen Augen so schmachtend auf die schlanken Mdchen,
da Jusia und Kasia nur mhsam ihr Spottlachen verbergen knnen.

Leb' wohl, mein Lieb, sagt Heinz Werner, mit innigem Druck Marias
schmale Rechte umschlieend, sag' mir, wann darf ich zu Deinem Vater
kommen mit meiner Bitte?

Noch nicht, Heinz, noch nicht, wehrt Maria angstvoll, und wieder
sieht sie den Geliebten an mit einem so schmerzvollen Ausdruck in
den groen, dunklen Augen, da dieser an sich halten mu, um nicht
das Mdchen in seine Arme zu reien und sie zu kssen, bis um diesen
ernsten Mund ein Lcheln zuckt.

Die Wagen rollen von dannen, still ist es in dem alten Schlo geworden,
ein Licht nach dem anderen verlscht, nur droben in dem kleinen
Giebelzimmer, das Maria bewohnt, schimmert Licht, die anderen schlafen
lngst, nur Maria ist noch wach, allein mit ihren Gedanken, die dem
einsam dahin rollenden Wagen folgen. Gewi, der alte Sanittsrat
schlft und er, ihr Geliebter, ob er wohl wacht, an sie denkt! Sie
lchelt vor sich hin und breitet die Arme aus, ach knnte sie mit
ihm dahin fahren auf dem stillen Weg, nur sie beide allein durch die
schweigende Nacht, dem Glck entgegen, dem Morgenrot, und die Sorge
hinter sich lassen.

Oh, ihr grauen Gespenster der Nacht, wie manchmal habt ihr schon den
Schlaf von diesen jungen Augen gescheucht! Die Eltern und Geschwister
gehen an dem dunklen Schatten vorbei und sehen sie nicht, nur sie, sie
allein fhlt ihre Gegenwart, ihr rauben sie Jugendlust und Mut, sie
allein hat sehende Augen und sieht den Abgrund zu ihren Fen. Sie wei
es nur zu gut, ein einziger Fehlschlag und Lochowo, der letzte Rest der
alten Herrlichkeit, ist verloren; drauen auf den Feldern steht die
Ernte so schlecht, wie soll es im Herbst werden, der alte Schmuhl in
der Kreisstadt hat noch rckstndige Zinsen zu fordern, er hat geduldig
genug gewartet, aber wie, wenn er die Geduld verliert? Dann denkt
sie wieder an Heinz, wie er heute vor ihr gestanden, sie mit seinen
guten, offenen Augen so ehrlich angeblickt. Ach, darf sie es denn, ihn
hineinziehen in die traurigen Verhltnisse des Elternhauses, er sah
freilich nicht nach Geld und Gut, er wrde sie nehmen, wie sie ging
und stand, aber wrde sie nicht ein Hindernis sein auf seinem Weg! Sie
schlang die Hnde ineinander, und wie ein Aufschrei rang es sich aus
ihrer Brust: Oh, nur das Rechte thun! Als der Morgen graute, senkte
sich endlich der Schlaf ber ihre heien, verweinten Augen, ein fester,
traumloser Schlaf, der ihr fr Stunden die Sorge scheuchte.

Auch Heinz Werner hatte lange den Schlaf nicht gefunden. Hatte anfangs
die Gewiheit, da Maria ihn nicht vergessen, da sie an ihm hing mit
der alten Liebe, ihn mit unendlichem Glck erfllt, so hatte ihn das so
pltzlich vernderte Wesen der Geliebten, ihre sichtliche Schwermut,
groe Sorge bereitet. Bald genug sollte er den Grund dieser Vernderung
erfahren; auf der Heimfahrt war es, da hatte der Sanittsrat, behaglich
in der Ecke des Wagens sitzend, gesagt: Famoses Haus, dieses Lochowo,
nur schade, da es sich auch bald fr frohe Gste schlieen wird.

Schlieen, wieso? hatte Heinz gespannt gefragt.

Na, der alte Schmuhl in G. hat ja schon den grten Anteil davon, und
wenn die Herrschaften so weiter wirtschaften, ist das Ende wohl nicht
fern, die Gndige versteht ja vom Haushalt so viel, wie ein Minister
vom allgemeinen Notstand; wenn nicht die Maria wre, die Ordnung hielt,
ginge es noch mehr drunter und drber. Schade um das Haus, man ist nun
so lange da ein- und ausgegangen und hat einen guten Tropfen getrunken,
wer wei, vielleicht kauft es die Ansiedlungskommission, aber dann sind
die schnen Zeiten erst recht vorbei. S'ist wirklich schade.

Ghnend lehnte er sich in die Polster des Wagens zurck und wenige
Minuten spter verkndete ein sanftes Schnarchen, da er ber den
Sorgen um das Schicksal seiner Freunde sanft entschlummert war.

Heinz Werner hatte mit offenen Augen in die schweigende Nacht geblickt,
als knne aus dem Dunkel heraus das Bild seiner Zukunft treten. Arme,
liebe Maria, sagte er, und dann reckte er sich, er fhlte seine junge
Kraft, fhlte sich stark genug, den Kampf mit dem Leben aufzunehmen,
fr Marie und mit ihr.

       *       *       *       *       *

Heie Schwle herrschte, kein Blatt regte sich an den Bumen, schlaff,
lechzend nach Frische, standen die Blumen auf dem trockenen, staubigen
Erdboden und eine atemlose Stille hielt wie ein schwerer, mder Druck
die Natur umfangen.

Den schmalen Weg, der vom Schlosse her, hart am See vorbei, nach dem
Dorf fhrt, schlenderte Grfin Jusia. Sie hatte es nicht ausgehalten
droben in ihrem Zimmer, in das sie sich, Kopfschmerzen vorschtzend,
zurck gezogen hatte, um den endlosen Erzhlungen Frau Halinkas ber
die Zeit ihrer Jugend zu entgehen. Auf der weien Stirn des jungen
Mdchens liegt eine tiefe Falte und ihre Hnde zerpflcken nervs einen
Brief in tausend kleine Stcke, die sie dann in weitem Bogen ber das
Wasser streut. Aushalten, aushalten! Oh! Tante Amlie, Du hast gut
reden, murmelt sie, energisch mit den kleinen Fen auf den weichen
Boden aufstampfend. Ich halte es nicht aus, nein, nein! ruft sie dann
laut, als knnte es Tante Amlie hren.

Da auf dem Wasser schwamm der Brief, der ihr die Nachricht gebracht,
da es der Tante bisher noch nicht gelungen sei, die Frstin zu einer
Einladung an die liebe Nichte zu bewegen.

Halte aus, mein Seelchen, bis zum Herbst mut Du schon in Lochowo
bleiben, es ist mir unmglich, die Mittel zu einer anderen Reise zu
erschwingen! Halte aus!

Jusia Potocka hebt die Arme, als mchte sie unsichtbare Fesseln davon
abstreifen, oh, wre sie frei, frei von der erdrckenden Kette der
Armseligkeit, frei und reich, oh, leben knnen im brausenden Strudel
der groen Welt, gefeiert, umgeben von Glanz und Luxus. War es nicht
ein Dasein zum toll werden hier in Lochowo, in dieser knstlich
vertuschten Misre, die ihre scharfen Augen nur zu gut sahen, dann noch
lieber in einer engen, kleinen Wohnung, vier Treppen hoch in Paris,
sah sie doch da wenigstens von fern das Leben, das heitere, brausende,
glnzende Leben, das, ach, so kurz war.

Leben, genieen, flsterten ihre Lippen, ich will nicht wie eine
Nonne dies kurze, blhende Leben vertrauern, nein, nein, ich will
nicht, nicht eine Stunde gebe ich her, hrst Du es, Du da oben, ich
bitte, ich fordere, ich will meine Jugend auskosten, ich will Reichtum,
Glck und Glanz, ich will. --

Ein dumpfes Grollen schreckte sie auf und verstrt sah sie nach dem
Himmel. Dieser hatte sich vollstndig verndert, die lichten, blauen
Wolken waren verschwunden, gelblich grau war er jetzt berzogen und
den Westen begrenzte eine nachtdunkle Wolkenwand. Die Stille war
noch schwerer, noch mder geworden, bis pltzlich ein jher Windsto
herniederfuhr und drre Bltter und feinen Sand empor wirbelte. Ein
Gewitter! Einen angsterfllten Blick nur hatte Jusia auf den Himmel
geworfen, dann beginnt sie zu laufen, verflogen sind ihre Trume und
Angst beherrscht sie, bebende Furcht, ihre kleine, feige Seele kann das
Erhabene in dem Aufruhr der Elemente nicht fassen; sie zittert nur vor
dem gewaltigen Schauspiel der Natur. Schon fallen schwere Regentropfen
klatschend herab, da erreicht sie das erste Haus im Dorf, blendend
fhrt gerade ein Blitz hernieder, dem krachend der Donner folgt, mit
einem hellen Schrei flchtet sie und steht atemlos, zitternd, in dem
Flur von Michael Wisniewskis kleinem Haus. Sie lehnt sich an die Wand
und starrt hinaus in das tosende Wetter, wieder zuckt ein Strahl
hernieder, den Flur sekundenlang mit blulichem Licht erfllend, ihm
folgt der Donner so rasch und heftig, da es ist, als schwanke das Haus
in seinen Grundfesten.

Oh, heilige Jungfrau, steh mir bei, ruft Jusia laut und bedeckt ihr
Gesicht mit den Hnden, sie taumelte frmlich, da umfassen sie zwei
starke Arme, eine Stimme schlgt an ihr Ohr:

Oh, gndige Grfin, was ist geschehen?

Sie sieht wie durch einen Nebelschleier hindurch das schne, ernste
Gesicht Michael Wisniewskis, matt schliet sie die Augen und lehnt sich
fester in die schtzenden Arme.

Michael steht regungslos, die leichte Gestalt in seinen Armen haltend,
seine Blicke ruhen wie gebannt auf dem sen, blassen Gesicht des
Mdchens.

Seit jener Stunde, da er sie das erste Mal gesehen am Gitter seines
Gartens, hat er ihr Bild nicht los werden knnen, in seine Trume hat
es sich geschlichen, bei seinen einsamen Wanderungen, seinen ernsten
Studien hat es ihn umgaukelt. So hatte noch nie ein Weib im ersten
Augenblick des Begegnens seinen Sinn gefangen genommen, wie dieses
vornehme, fremde Mdchen, das er nun in seinen Armen hielt. Er fhlt
die Wrme ihres Krpers, an seine Wangen streifen ihre feinen, blonden
Haare, sein Herz klopft in rasender Schnelle, seine Pulse hmmern, vor
seinen Augen flimmert und flirrt es, aber er steht unbeweglich, wohl
kommt ihm der Gedanke, Wasser zu holen, die Ohnmchtige in das Zimmer
zu tragen, aber er vermag sich nicht loszureien aus dem Bann.

Endlich schlgt Jusia die Augen auf, sie blickt verwirrt um sich,
sieht das erregte Mnnergesicht ber sich geneigt und lst sich nun
langsam aus den sie umschlingenden Armen, dabei aber huscht ein leises,
spttisches Lcheln ber ihr Gesicht, ach, sie versteht so gut die
Sprache der Augen zu lesen und die ihres blonden Schtzers reden eine
so ehrliche Sprache.

Auf den Steinflieen des Flurs wird ein schlrfender Schritt hrbar,
zwei dunkle, scharfe Augen schweifen sphend umher, die Gestalt
Benjamins lst sich aus dem Dunkel, er tritt, die Gruppe vor sich
erstaunt betrachtend, nher.

Vor allem Kranken, Elenden hegt Jusia Potocka eine unberwindliche
Abneigung und dieser migestaltete Mensch, der so unerwartet vor
ihr auftaucht, flt ihr Entsetzen ein und sie weicht unwillkrlich
zurck, sich an Michael anschmiegend. Benjamin hat ihre Bewegung wohl
gesehen, ein haerfllter Blick streift die Beiden, trotzdem sagt er
mit leidlich beherrschter Stimme: Michael, willst Du die Dame nicht
ins Zimmer geleiten, das Wetter wird noch etwas anhalten und so lange
mu das gndige Frulein schon mit unserer schlichten Behausung vorlieb
nehmen.

Er ffnet, sich verneigend, die Thr und tief aufatmend berschreitet
Jusia Potocka die Schwelle. Und die blonde Fee kehrte in die Htte des
Hirten ein, ein Leuchten ging von ihr aus wie eitel Sonnenschein und
Jung Severin rief: Gelobt seist Du, Dobrinka, fr das Licht, das Du
mir bringst, heit es im Mrchen und Michael will es erscheinen, als
sei das Mrchen zur Wahrheit geworden, da das blonde Mdchen seine
Schwelle berschritt. Jusia hat in einem hohen Lehnstuhl Platz genommen
und neugierig gleiten ihre Blicke ber ihre Umgebung hin, den niedrigen
Raum mit schlichten, dunklen Holzmbeln, an der Wand ein Regal mit
Bchern gefllt, alles einfach aber durchaus nicht buerlich. Sie sieht
die weie Christusstatue, die aus der magischen Gewitterbeleuchtung
sich in lebendiger Klarheit hervorhebt und ein eigenes Gefhl berkommt
sie. Ihr ist es pltzlich, als sei sie in diesem Raume eine andere,
nicht mehr die alte Jusia Potocka, die kalte, raffiniert kokette
Weltdame, sie wei, sie braucht nicht viel Kunst anzuwenden, um den
blonden Heiligen, wie sie ihn seit Kasias Erzhlung nennt, an sich
zu ziehen, aber hier in diesem Raume ist es ihr unmglich, sie ist
ordentlich befangen, ahnungslos, da gerade dies befangene, vertrumte
Wesen sie in Michaels Augen um so reizvoller erscheinen lt. Sie
fhlt, wie unverwandt des Mannes Blicke auf ihr ruhen, die traumhafte
Stille, nur unterbrochen durch die schon ferneren Donnerschlge, das
Pltschern des Regens, bedrckt sie, so sagt sie hastig, nur um zu
sprechen, um den Laut einer Stimme zu hren:

Erzhlen Sie mir doch etwas von Ihrem Leben, Sie sind gewi viel in
der Welt herum gekommen und haben mancherlei erlebt?

Wie Sie befehlen, gndiges Frulein, sagt Michael mit einer steifen
Verbeugung und rgert sich selbst ber die Unbeholfenheit, mit der er
ihrer freundlichen Gte entgegen kommt; er kann doch aber nicht rufen,
wie es in seinem Innern klingt: >Alles, alles will ich thun, nur la
mich Dich anschauen immerdar<.

Ich befehle doch nicht, ich bitte nur und will Sie durchaus nicht
qulen, wenn Sie nicht gern sprechen, erwidert sie mit halbem Lcheln.

Oh gewi gern! stammelt Michael und beginnt nun von seinen
Wanderfahrten zu berichten, er spricht von dem Dorf auf dem Sande, von
Vater Abraham, von Tabea, da stockt seine Stimme und ein warmes Rot
steigt in seine Wangen.

Welch' altmodischer Name, wer ist Tabea?

Seine Braut! ruft da Benjamin aus dem Hintergrunde hervor und
zugleich kam er wieder nher. Seine Braut, gndige Komtesse, meine
Schwester, verzeihen Sie, ich scheine das Unglck zu haben, Sie immer
zu erschrecken, wirklich, ich bedaure es tief; doch das Gewitter
scheint nachgelassen zu haben, soll ich wohl Jens, unseren dienstbaren
Geist, beordern, da fr gndiges Frulein ein Wagen vom Schlo
geschickt wird?

Danke, ich gehe, Jusia Potocka war aufgesprungen, ein hochmtiger
Blick streifte Benjamin, dann reichte sie Michael die Hand, die dieser
ehrerbietig an die Lippen fhrte. Ich sehe Sie wieder, Sie mssen mir
von Ihrer Braut erzhlen und Dank fr Ihren Schutz. Das weie Kleid
leicht emporraffend, schritt sie durch den blhenden Garten der Strae
zu.

Als Fee Dobrinka die Htte verlie, da war das Licht erloschen, ging
das Mrchen weiter.

Michael stand und sah sehnschtig der weien Gestalt nach, ach, hatte
sie nicht alles Licht mit fortgenommen! Schwer legte sich eine Hand auf
die Schulter des Sinnenden: Michael hte Dich, raunt ihm Benjamin zu,
hte Dich vor diesem blonden Weib, sie spielt mit Dir und sieht doch
nur den Bauernbursch in Dir, denk' an unser Werk, an Tabea, hte Dich.

Da ri sich Michael los: La' mich, ich bin kein Kind, kein
Wortbrchiger, und Du solltest Dich eher schmen, unseren Gast, eine
Dame, die schutzsuchend unser Haus betritt, so zu verletzen.

Michael freute sich beinahe ber den Vorwurf, den er dem Freund machen
konnte, als Vergeltung fr dessen Mahnung, die ihn, obgleich er es
nicht eingestehen wollte, tief getroffen hatte. Mit einem kurzen
Lebewohl strmte er hinaus, fort, nur fort in die Einsamkeit, hinaus
in den Frieden der Natur. Er eilte den Weg ber die Wiesen hinunter an
den See, dort unter den hohen Bumen warf er sich nieder und prete
die heie Stirn in das khle, feuchte Gras, oh htte er doch das so
wildklopfende, heie Herz khlen knnen. Noch nie war er der Macht der
Leidenschaft unterlegen, noch nie hatte der Gedanke an Frauenliebe sein
Herz hher schlagen lassen und nun war es ber ihn gekommen, wie ein
Fieber, das ihn schttelte, das sein Blut sieden lie.

Er rang gegen den Dmon in seiner Brust, er beschwor das Bild seiner
Braut vor sein geistiges Auge. Tabea! sthnte er, Tabea, komme
zu mir! Vergeblich, Tabeas Bild zerflo wie im Nebel und immer
wieder sah er Grfin Jusias holde Gestalt vor sich. Er schmhte sich
selbst, nannte sich einen wortbrchigen Narren, einen thrichten
Bauernjungen, er hielt es sich vor, da die junge Grfin ihn garnicht
fr gleichberechtigt ansah, er rief seinen Stolz zur Wehr hervor,
vergebenes Mhen, das lockende Bild wollte nicht weichen. Rauschte es
nicht in den Zweigen der hohen Ulmen, klang es nicht aus den girrenden
Schreien der Wasservgel hervor, flsterte nicht das schwankende
Schilf: Jusia, Jusia!

Tief senkten sich bereits die Schatten der Nacht hernieder, da kam
endlich etwas Ruhe in des Mannes Herz, es war wie eine Ruhe nach einem
Sturm, die tiefe Ermattung zurcklt und die bange Frage, wann wird er
wieder zu brausen beginnen?

Grfin Jusia hatte nach ihrem Aufenthalt in Michaels Haus den Weg,
der direkt nach dem Schlo fhrte, eingeschlagen, in ihr kmpften
widerstreitende Empfindungen. Sie war emprt ber Benjamins Anmaung
und fand, da sie selbst sich benommen hatte, wie ein Pensionsmdchen.
Dann wieder amsierte sie sich ber Michaels schrankenlose Bewunderung,
die ihr, so wenig sie es sich eingestehen mochte, doch schmeichelte,
und fter kehrten ihre Gedanken zu dem Augenblick zurck, da sie, aus
ihrer Betubung erwachend, dies schne, stolze Gesicht angstvoll ber
sich geneigt sah. Arme Tabea, dachte sie mit heimlicher Freude, sie
reckte die schlanke Figur etwas, whrend ein triumphierender Ausdruck
auf ihr Gesicht trat. Oh, es war kstlich, die Macht zu erproben, die
sie ber Mnnerherzen besa, das richtete sie auf und sthlte ihre
Hoffnung auf den groen Erfolg ihres Lebens, der ihr Reichtum und Glanz
geben sollte, den allein wrdigen Namen fr ihre Schnheit.

Ein rasch daherkommender Wagen zog ihre Aufmerksamkeit an, sie erkannte
in dem Herrn darin Dr. Werner, der flchtig grte, sie sah ihm nach.
Puh! war das ein Gesicht, schlimmer wie das Wetter vorhin! Ei, sollte
der Doktor gar von Lochowo kommen, war etwas geschehen, hatte er gar
um Maria angehalten, vielleicht hatte sie ein kleines, aufregendes
Schauspiel verpat? Ihre Neugierde war erregt und schnell eilte sie
dahin, um so bald wie mglich zum Schlo zu gelangen. Die Terrasse war
leer, ebenso der weite Vorflur, sie ging auf den Salon der Hausfrau zu,
da ffnete sich auch schon dessen Thr und Kasia schlpfte heraus.

Jusia, komm' schnell, ich mu Dir etwas mitteilen! Sie zog die
Freundin mit fort nach deren Zimmer. Denke Dir, wie grlich, Maria
liebt diesen Dr. Werner, soeben war er da und hat um ihre Hand
angehalten, Mama ist auer sich, sprudelte sie hervor. Sag' doch, ist
es nicht emprend?

Warum, mein Seelchen?

Warum, mein Gott, Jusia, eine Maria von Leninska will einen Dr. Werner
von Dingsda heiraten, der noch dazu ein Deutscher, ein Protestant ist,
das ist doch einfach lcherlich, widersinnig, erniedrigend, ich finde
keine Worte fr meine Emprung. Die kleinen Hnde der Sprecherin
ballten sich zusammen. Eine Schmach fr uns ist es! schrie sie.

Jusia lachte auf, ihr weiches, klingendes Lachen: Nun, was die
mangelnden Worte betrifft, daran fehlt es ja nicht, meine se Kasia!
brigens bist Du ein Nrrchen. Warum verdenkst Du es denn Deiner
Schwester so, wenn sie hier fort will aus dieser Einsamkeit, sie denkt
halt, besser ein brgerlicher Mann, ein simpler, kleiner Doktor, wie
gar kein Mann!

Das sagst Du, Jusia, Grfin Potocka, deren Ahnen bereits unter
Johann Sobieski eine Rolle spielten? Ja, wrdest denn Du eine Heirat
schlieen, die nicht standesgem ist?

Jusia kniff die Augen ein wenig zusammen und sah spttisch in
Kasias aufgeregtes Gesicht. Wenn er reich wre! Kleine, dumme
Klosterschwester, man merkt, Du hast die Welt noch nicht gesehen,
hast noch die Klosterideen, wo wir sehr aristokratisch waren und es
als selbstverstndlich ansahen, da unsere Priorin eine Prinzessin
von Geblt war, wir saen eben hinter Klostermauern. -- In der Welt
ist es anders, was nutzt uns der Adel ohne den Lebenssaft des Goldes,
Reichtum giebt Freiheit, giebt Lebensgenu, Du wirst es schon noch
einmal verstehen. Sieh mich nicht so entgeistert an und sei nicht zu
emprt ber Deine Schwester. =Chacqu'un  son got, ma chre=, ich
wrde mich ja auch dafr bedanken, als Frau Dr. Werner irgendwo in
Dingsda zu sitzen, aber Maria, die pat hin. Sie kommt sicher mit
dem denkbar wenigsten Wirtschaftsgeld aus, hlt sich nur ein kleines
Aufwartemdchen, trgt womglich drei Jahre denselben Hut und zieht
nur an hohen Festtagen ein seidenes Kleid an, bekommt rote Hnde mit
zerstochenen Fingern vom kochen und stopfen. Einmal wchentlich geht
sie vielleicht zu einem sogenannten Krnzchen und Sonntags mit ihrem
Mann und smtlichen Babys spazieren. Oh, und Kasia, besuchst Du sie, so
giebt es Braten zu Tisch, Du wirst smtlichen Honorationen von Dingsda
vorgestellt, vielleicht, wer kann es wissen, findet einer der Jnglinge
von Dingsda in Dir sein Ideal und er macht Dich zu einer ehrsamen
Brgersfrau, und am Sonntag geht ihr dann zusammen spazieren.

Oh pfui, Jusia, hre auf, Du bist abscheulich! Noch ber unser Unglck
zu spotten!

La gut sein, Kleine, wenn Du nicht willst, rolle ich keine
verfhrerischen Zukunftsbilder mehr vor Deinen Blicken auf, erzhle Du
mir lieber, wie die Sache eigentlich war?

Was ist da zu erzhlen, sagte Kasia, whrend ihr die Thrnen ber die
Wangen liefen. Dieser Mensch kam, lie sich melden und brachte auch
sofort seinen Antrag vor, ich war im Nebenzimmer und hrte alles, Du
mut nicht denken, ich htte gehorcht, unterbrach sie sich, Jusias
spttisches Gesicht bemerkend, sie sprachen laut genug und Mama schrie
frmlich vor Schreck, Du kannst Dir denken, wie emprt sie berhaupt
war.

Kann ich mir denken, setzte Jusia in Gedanken hinzu, schade, schade,
da ich Frau Halinkas Entsetzen nicht gesehen habe.

Dann kam Maria, fuhr die Erzhlerin fort, sie erklrte auch gleich,
da sie den Menschen liebe, denke nur, schon seit fnf Jahren, Gott!
wenn er nicht so simpel wre, fnde ich das Ganze ja riesig romantisch.
Mama bekam dann einen Weinkrampf und Papa bat den Doktor, sich zu
entfernen. Wie er gegangen war, gab es noch eine furchtbare Scene,
Maria war auch so verstockt, wenn sie wenigstens geweint und geschrieen
htte, gesagt, sie ginge ins Kloster oder ins Wasser, aber nein! stumm
und bla stand sie da; nun sitzt sie oben in ihrem Zimmer und hat sich
eingeschlossen. Das Abscheulichste ist, gerade wie dieser Mensch kam,
berieten Mama und ich ber unser Sommerfest, und nun wird gewi nichts
daraus. Oh, das Leben ist zu schwer, ich bin zu unglcklich! Und immer
heftiger flossen ihre Thrnen! --

Kasia, mein Seelchen, nimm diese Angelegenheit doch nicht so tragisch,
lache doch lieber mit mir, Thrnen verderben blo den Teint, lasse
Deine Schwester thun, was sie will, Du brauchst ja den Doktor nicht zu
heiraten, und das Sommerfest wird schon stattfinden, sage mir lieber,
welche Toilette Du whlen wirst und wer erwartet wird?

Ach, mir ist jetzt alles gleich, erwiderte Kasia, abscheulich von
Maria, uns solchen Kummer zu bereiten, -- glaubst Du wohl, da rosa mir
stehen wird?

Sicher, mein Herz, Jusia zog die Freundin an sich, sag' endlich, wer
wird erscheinen?

Oben in ihrem Zimmer sa Maria am Fenster und starrte mit thrnenlosen
Augen hinber nach dem blinkenden See, der jetzt so ruhig und glatt
dalag, als wre nie ein Gewittersturm darber hingebraust. Sie htte
weinen mgen, heie, bittere Thrnen, aber ihre Augen blieben trocken,
ihr fehlte die Kraft zum Weinen. Sie war so unsglich mde von allen
stillen Kmpfen, ach, htte sie jetzt ihr Haupt an des Geliebten
Brust legen knnen, still, ganz still, und mit ihm fortgehen knnen,
dahin, wo Ruhe und Frieden war. Vorhin bei dem Sturm der Entrstung
war sie still gewesen, sie hatte wohl das Gefhl, als msse sie rufen:
Lat mir doch mein Glck, mein reines, stolzes Glck, strt mir doch
nicht den Frieden meiner Liebe! Aber kein Laut war ber ihre Lippen
gekommen, nur mit Entsetzen hatte sie gefhlt, wie innerlich fremd
sie den Ihren war. Keine Frage von Mutter und Schwester nach ihrer
Liebe, nur Standesvorurteile, nicht die Person des Mannes galt, dem
sie sich zu eigen geben wollte, nur sein Rang, seine Stellung. Stumm
hatte sie alle Schmhungen ber sich ergehen lassen, als zuletzt Kasia
ausgerufen hatte: Ach, nun wird gewi nichts aus unserem Ball, da war
sie gegangen, Bitterkeit und Verachtung im Herzen, hierher hatte sie
sich geflchtet, wo sie schon so oft in einsamen Stunden stille Kmpfe
ausgefochten hatte. --

Drauen erklang ein Schritt, es war, als dmpfe jemand vorsichtig
seinen schweren Tritt, lauschend hob Maria den Kopf, kam jemand zu ihr?
Nun klopft es zaghaft und ein leises Ruspern wurde hrbar. Sie sprang
empor und ffnete hastig die Thr. Papa, Du, Du kommst zu mir?

Herr von Leninski schlpfte hinein, leise die Thr hinter sich
zuziehend.

Hm, ich wollte mal sehen, wie es Dir geht, sagte er, sie dabei mit
einem Blick voll herzlicher Liebe ansehend.

Maria war es, als lse sich ein Reif von ihrem Herzen, mit einem
Jubelruf warf sie sich in die Arme des Vaters und heie Thrnen
strzten ihr aus den Augen.

Herr Marcel strich ihr, so sanft er konnte, ber das dunkle Haar.
Mein Kind, flsterte er, whrend es in seinen Augen bedenklich feucht
schimmerte, mein armes, gutes Kind, hast Du ihn denn gar so lieb?

Maria hob den Kopf ein wenig: Ja, Vater, sagte sie unter Thrnen
lchelnd, ich habe ihn lieb, mehr wie ich sagen kann!

Hm ja, na die Mama ist ja sehr aufgebracht, ich wollte Dir aber doch
sagen, hm ja, ich persnlich habe nichts dagegen, gar nichts, na und
wenn Du gern willst, der Stefan fhrt zur Stadt, vielleicht soll er
einen Brief besorgen, hm, wie gesagt, die Mama ist dagegen, aber die
Zeit, die Zeit.

Oh du einziger, guter Vater, stammelte Maria, whrend ihr
unaufhaltsam die Thrnen ber die Wangen flossen.

Mein bestes Kind, Du mein tapferer Kamerad, schreib es ihm nur, mir
ist er als Sohn willkommen, und wie gesagt, die Zeit, die Zeit.

Vorsichtig trat Herr von Leninski den Rckweg an, es brauchte ja gerade
niemand zu wissen, da er bei Maria gewesen war, an dem Zimmer seiner
Frau vorbei schlich er sogar auf Fuspitzen. Hm ja, die Frauen sind
sonderbar, seufzte er und dachte dabei an Frau Halinkas Weinkrmpfe,
die ausdauernder und in ihrer Wirkung nachdrcklicher waren, wie seine
gelegentlichen Zornesausbrche.

       *       *       *       *       *

  =Chre tante!= -- Du siehst, ich bin noch am Leben, noch nicht
  gestorben vor Langeweile, aber ich gebe Dir die Versicherung,
  lange bleibt meine Seele nicht in diesem den Nest und wenn ihr
  der Krper, wegen mangelnden Reisegeldes, nicht folgen kann, wird
  es wohl eine Trennung geben, also bereite Dich immer vor, da Dir
  pltzlich mein armer Geist erscheint, der das Idyll von Lochowo
  verlassen hat. Doch eine Abwechslung winkt in dieser lndlichen
  Stille, um Dir davon zu erzhlen, schreibe ich heute. Ein Ball, ein
  Sommerfest oder wie Du es nennen willst, soll es geben, wenn -- wenn
  nmlich Papa von Leninski in der Lage ist, den ntigen Mammon dazu
  herzugeben, was mir durchaus nicht sicher erscheint. Etliche Familien
  aus der Umgegend sollen kommen, Kasia rmpft die Nase, da auch das
  brgerliche Element vertreten sein soll. Es geht die Sage, da auch
  einige mnnliche Erscheinungen, die noch nicht die Ehefesseln tragen,
  das Fest verherrlichen werden und wenn ich Dir sage, da auch Graf
  Kasimir Sucholski erscheint, der trotz seiner fnfzig Jahre noch
  seine Millionen und seine Freiheit besitzt, geht sicher in Deinem
  Tantenherzen strahlend die Sonne der Hoffnung auf. Nun noch eine
  lcherliche, kleine Neuheit, Maria will sich verloben mit einem Dr.
  Heinrich Werner, wohnhaft in irgend einem kleinen Nest, schade, da
  Du diesen Familiensturm nicht erlebt hast. =Madame= war rasend und
  ist jetzt elegisch, =monsieur= war still und ist noch immer still,
  im Grunde aber scheint er mir sehr zufrieden zu sein, wenigstens
  eine Tochter versorgt zu wissen. Kasia ist emprt, vollstndig
  Aristokratin, sie hat die Schwester frmlich, unter uns gesagt, =la
  petite= hat Rasse, ich glaube beinahe, ich lade sie mir nicht in mein
  knftiges Haus. Und Maria! Oh, es wre wert, dies Bild festzuhalten,
  sie ist verklrt, nur Liebe, nur Demut, ich bin sicher, sie sieht in
  diesem Doktor aus Dingsda einen Halbgott und wird selig sein, darf
  sie erst ihrem Herrn die Strmpfe stopfen und die Suppe kochen, sie
  fhlt sich im Paradies, zieht sie erst in ihr bescheidenes Heim. Die
  Ansichten von Glck sind eben verschieden, mein Gtze heit Reichtum
  und Schnheit, ich will leben, leben, dies, ach so kurze Dasein
  genieen und nicht verkmmern in der elenden Misre!

  Lebe wohl, =chre tante=, bitte zu den Heiligen, da sie mein Gebet
  erhren. Immer in Liebe

        Deine tieftraurige Jusia.

Wenn ich nur wte, ob Graf Kasimir wirklich so reich ist, wie Fama
sagt! so berlegt Jusia, whrend sie den Brief in den im Hausflur
befindlichen Postkasten senkt und dann mit leisen Schritten das Schlo
verlt. Sie frchtet, Kasia knnte kommen, lieber vertieft sie sich
in die Lektre von Paul Bourgets neuesten Roman, den ihr Tante Amlie
gesandt, als sich an den endlosen Gesprchen ber Marias unbegreifliche
Rcksichtslosigkeit zu erbauen. Leichtfig eilt sie die verschlungenen
Wege des Parkes entlang, dem See zu und besteigt dort angekommen, den,
an einer Kette liegenden Kahn; trumerisch sieht sie auf das graue
Wasser, das leise pltschernd an die Wnde des Bootes schlgt.

    =Oh pescator dell'onda=
            =Fidelin=
    =Vieni pesca in qua=
    =Colla bella sua barca=
    =Colla bella sene va=
          =Fidelin lin la=

trllert sie, mit sehnschtigen Augen in die Ferne blickend, dem groen
unbekannten Glck entgegen.

    =Colla bella sene va,=
         =Fidelin, lin la!=

Der einsam am Ufer des Sees dahinschreitende Mann hebt den Kopf, da der
helle Gesang an sein Ohr schlgt. Er lauscht. Da stockt ihm der Atem,
als er durch das Gebsch das rote Kleid der Sngerin schimmern sieht.

Fhre mich nicht in Versuchung, stammelt er und will zurck, nur
nicht wieder mit ihr sprechen, sie sehen, deren Bild ihn umgaukelt im
Wachen und Trumen.

    =Jo vo un basin d'amore Fidelin=,

klingt es zu ihm herber, die weichen Laute der fremden Sprache umkosen
ihn wie Schmeichelworte. Mit Zauberfden zieht es ihn nher, immer
nher, Schritt fr Schritt, bis er an der kleinen Bucht steht und mit
heien Augen auf Jusia Potocka sieht.

Diese stt einen leisen Schrei aus, da die dunkle Gestalt neben ihr
auftaucht.

Verzeihung, gndigstes Frulein, da ich Sie erschreckt habe, der
Gesang zog mich an, stammelt Michael sich fast demtig verneigend,
seine Stimme bebt dabei, seine Augen sehen mit flehender Bewunderung zu
dem schnen Mdchen nieder und Jusia lchelt, durch den Sinn zieht ihr
der Gedanke:

Wie gerufen kommt er, mir die Langeweile dieser Stunde zu vertreiben.

Sie sollen Verzeihung erlangen, wenn Sie mich an das jenseitige Ufer
rudern wollen, immer am Schilf entlang, es sollen da noch Wasserrosen
blhen, die mchte ich haben!

Nicht eine Sekunde zgert Michael, er denkt nicht an sein Mhen, die
blonde Grfin zu vergessen, an all' die heien, unruhigen Tage, er
sieht nur das holde Gesicht, hrt die se, weiche Stimme und ist
vollstndig in Jusias Bann.

So fhrt er sie hinaus auf das stille, graue Wasser. -- Es ist einer
jener trben, sonnenlosen Sptsommertage, die Vorboten des kommenden
Herbstes; eine endlose graue Flche, spannt sich der Himmel ber die
Erde; der Horizont verschwimmt in demselben eintnigen Grau.

Regungslos stehen die hohen Ulmen, die tief sich neigenden
Trauereschen, keine flimmernden Lichter zucken golden ber sie hin,
all' die leuchtenden, glhenden Farben des Sommers sind ertrunken in
dem schweren, eintnigen Grau. Kein Laut auch unterbricht die Stille
ringsum, nur manchmal wird der klagende Schrei eines Wasservogels
hrbar, ein Fischreiher streicht, nach Beute sphend, ber das Wasser
hin und leise rauscht das Schilf, an dem der Kahn entlang gleitet.

Erzhlen Sie mir mehr von ihrem Leben, von Ihrer Braut, unterbricht
Jusia Potocka das Schweigen, sie neigt sich vor und sieht prfend in
das schne Mnnergesicht mit dem schwermtigen Zug darin. Sagen Sie
mir, wie sieht Ihre Braut aus, ist sie hbsch, woher hat denn sie den
seltsamen Namen Tabea?

Michael schweigt, er will antworten, aber er kann nicht, die Kehle
ist ihm wie zugeschnrt. Tabea! er soll von Tabea reden, er mu sich
beinahe besinnen, wo er den Namen gehrt hat, alles ist vergessen in
der Minute, da ihn Grfin Jusia rief und er sieht nur immer sie, sie
allein. Tabea! der Name klingt wie fernes Meeresrauschen und das Meer
ist so weit, so weit!

Er bleibt die Antwort schuldig und sieht die Fragerin nur an mit seinen
ernsten Augen, so flehend, so um Liebe heischend, da ein banges Gefhl
Jusia berschleicht.

Soll sie das Spiel, das sie so leichtherzig begann, nicht lieber enden,
soll sie nicht umkehren?

Es ist ein gefhrliches, aber fr sie kstliches Spiel, es reizt sie,
diesen Mann, der so gar nicht mit ihren bisherigen Bewunderern zu
vergleichen ist, in ihrem Banne zu sehen, mag es lcherlich, mag es
absurd erscheinen, so wie dieser blonde Schwrmer hat ihr noch keiner
gefallen.

Sie schlgt mit einer kleinen Gerte auf das Wasser, da die hellen
Tropfen ihr ins Gesicht spritzen, soll sie zurck, soll sie weiter
fahren, allein mit ihm? Sie sieht ihn von der Seite an, er hat die
Ruder eingezogen und sitzt in mder Haltung still da, als fhle er
ihren Blick, wendet er sich ihr zu, ihre Augen kreuzen sich und ruhen
sekundenlang ineinander, dann sagt Jusia Potocka mit leisem Lachen:

Ach, sehen Sie dort, da sind noch Wasserrosen, ach, schnell fahren Sie
hin, ich mchte welche haben, sie streckt verlangend die weien Hnde
nach den Blumen aus und Michael treibt den Kahn mit einigen raschen
Ruderschlgen nher und zieht die weien Blten, an ihren langen,
schlpfrigen Stengeln, aus dem Wasser und legt sie zu Jusias Fen
nieder, die sie ineinander schlingt und sie sich wie eine weie Krone
aufs Haupt setzt. Sehen Sie mich an, Herr Wisniewski, sehe ich nun
nicht aus, wie eine Wasserfrau?

Schwermtig schttelt er das Haupt: Oh nein, Komtesse, oh nein, nicht
wie eine Nixe, die sind schlecht, und locken uns arme, thrichte
Menschen in Leid und Tod. Sie gleichen eher einer -- er bricht
stockend ab und wendet den Blick von ihr.

Wie sehe ich eher aus, schnell, das mssen Sie mir sagen, sonst werde
ich bse, oder ist es so wenig schmeichelhaft fr mich, da Sie es
nicht sagen knnen?

Es ist keine Schmeichelei, es ist Wahrheit; Sie gleichen einer holden,
gtigen Fee, zu gut, zu schn und -- unerreichbar fr uns Menschen,
sagt Michael, und die letzten Worte ersterben in einem Flstern.

Legen Sie dort an, sehen Sie, da ist eine Einfahrt, ich mchte ein
Stck dort entlang gehen, ruft Jusia fast befehlend statt jeder
anderen Antwort, und wieder gehorcht Michael willenlos ihrem Wunsch,
bald darauf fhrt der Kahn in die schmale Bucht ein und leichtfig
springt Jusia ans Land.

Immer dichter waren die grauen Wolkenschleier auf die Landschaft
herniedergesunken, sie hatten das jenseitige Ufer mit dem Schlo
umhllt, die Baumgruppen waren untergetaucht in dem grauen Nebel,
es schien, als ginge der See in unermeliche Weiten, als gbe es
keine Ufer, keine Huser, keine Bume, nichts als graues, trbes
Wasser. Leise begann jetzt ein feiner Regen herniederzurieseln, der
aber die beiden Wanderer, die unter den dichten Trauereschen am Ufer
dahingingen, nicht traf.

Sehen Sie, es regnet, auf dem Wasser sieht man es, wie fatal! Ob es
wohl lange dauert?

Jusia streckte bei diesen Worten die weie Hand unter dem schtzenden
Bltterdach hervor, um die fallenden Tropfen zu spren.

Es wird Landregen, der vergeht nicht so schnell, es ist ein treuer
Geselle, sagt Michael.

Dann wollen wir rasch umkehren, es hat ja keinen Zweck, zu warten,
schade, da wir unseren Gang nicht weiter ausdehnen konnten, die
Grfin wandte sich, um nach der Bucht zurckzukehren; vorsichtig,
so viel wie mglich die Nsse meidend, setzte sie den Fu auf einen
glatten Stein, der aber unter dem Druck nachgab, sie glitt aus und wre
gefallen, wenn Michael sie nicht in seinen Armen aufgefangen htte.

Zum zweitenmal hielt er das schne Mdchen umfangen, ihr weiches,
schimmerndes Haar streifte seine Wange, er fhlte, wie ein leises Beben
ihre Gestalt durchlief; da verga er alles, seine Braut, das stille
Dorf auf dem Sande, verga seine Ehre, seinen Stand, alles, alles, er
sah nur das schne, lebensvolle Weib, das er in seinen Armen hielt. Da
ri es ihn fort, wie ein toller, wahnsinniger Rausch durchdrang es ihn,
fester umschlang er sie und dann kte er sie, kte sie auf die roten
Lippen, auf das flimmernde Haar, er kte die geschlossenen Augen und
dazwischen stammelte er heie, bethrende Liebesworte.

Jusia erzitterte unter der Leidenschaft des Mannes, die wie ein Sturm
ber sie hinbrauste, dennoch machte sie keinen Versuch, sich aus den
sie umschlingenden Armen zu befreien, sie schmiegte sich fester an
seine Schulter, schlo die Augen wie in seliger Betubung.

Einmal kam ihr der Gedanke: Schade, da er nicht Kasimir Sucholski
ist, und wenn Tante Amlie mich sehe, da mute sie lcheln, und
Michael kte sie auf die lchelnden Lippen und flsterte:

Oh, Du Hohe, Du Geliebte, meine Knigin, mein Glck, ich liebe Dich,
ich liebe Dich. --

Immer dichter hllte die Ferne sich in ihr graues Nebelgewand, kein
Laut, kein Ruf drang an das Ohr der Beiden, sie waren so einsam in dem
wallenden Nebel, wie auf einer stillen, fernen Insel.

So verrann die Zeit fr das Paar unter den hngenden Eschen wie eine
kurze, flchtige Minute, irgendwo schlug ein Hund an, das langgezogene
Bellen trug den ersten Laut der Welt in diese graue Einsamkeit und
schreckte Jusia Potocka empor. Tief aufatmend befreite sie sich aus
Michaels Armen.

Es kommt jemand, heilige Jungfrau, wenn mich ein Mensch sieht. Sie
strich sich das zerzauste Haar aus der Stirn und sah angstvoll um
sich. Rasch, nur rasch, ich mu zurck, man wird mich suchen, mich
vermissen! Sie hastete, um vorwrts zu kommen, jetzt, da sie aus dem
Bann der letzten Stunde erwacht war, berkam sie eine namenlose feige
Angst, da jemand sie sehen knnte. Sie zitterte vor Ungeduld, vorwrts
zu kommen, und ergriff Michaels Hand, ihn mit sich ziehend. Schnell
doch, nur fort von hier, ich mu zurck, oh, wre ich doch erst in
Lochowo!

Michael folgte ihr willenlos, er konnte sich nicht so jh aus dem
schnen Traum lsen, ihm war alles andere, die Menschen, alles so
vllig gleichgiltig. Mechanisch setzte er die Ruder ein, leise strich
der Kahn ber das Wasser, das gurgelnd an seine Wnde schlug, alles wie
zuvor und doch so anders. Jusia Potocka sphte angstvoll aus, ob ein
anderes Boot ihnen entgegen kme, ob man sie suchte. Das Ufer mit den
Trauereschen tauchte im Nebel unter, verschwommen und grau sahen die
Umrisse von Schlo Lochowo hervor, mit einem Seufzer der Erleichterung
begrte Jusia das Bild, dort war das Ufer; noch lag der Kahn nicht
fest, da sprang sie schon heraus und eilte mit einem flchtigen: Auf
Wiedersehen! davon.

Die hohen Bume des Parkes nahmen sie in ihren Schatten auf, sie hrte
nicht mehr den flehenden Ruf des Mannes: Bleibe, ach, bleibe doch,
wann seh' ich Dich wieder?

Immer strker rauschte der Regen nieder, der trbe Tag war kaum
merklich zum Abend geworden, immer noch sa Michael im Kahn und starrte
nach dem Park, als msse die Pforte sich ffnen und eine holde Gestalt
heraustreten.

Er war wie im Fieber, wie wahnwitzige Fieberphantasien jagten die
Gedanken sich hinter seiner Stirn. Aus dem wallenden Nebel lsten sich
Gestalten heraus, er sah Propst Ryback, sah Vater Abraham und -- Tabea,
da sthnte er vor Qual und Scham. Dann wieder fhlte er Jusias Gestalt
in seinen Armen, er meinte den Duft ihrer schimmernden Haare zu spren,
da zuckte er vor Leidenschaft, er streckte die Arme aus und schluchzte:
Jusia, Jusia, aber alles blieb stumm.

Kein Laut drang aus dem Schlo zu dem einsamen Mann herber, einige
Fenster erhellten sich, dort weilte sie jetzt, ob sie wohl lachte und
sprach mit ihrer hellen, weichen Stimme, ob sie wohl an ihn dachte?

Spt erst raffte sich Michael auf, vllig durchnt, totmatt von den
qulenden Gedanken, schlug er den Rckweg ein; er ging durch das Dorf,
heute war es ihm vollstndig gleichgiltig, ob man ihm Schmhworte
nachrief oder nicht. Wie ausgestorben lag das Dorf da, nur aus dem Krug
erscholl wstes Johlen, und Michael dachte gerade wie einst; damit
kehrten ihm die Gedanken zur Vergangenheit zurck, heie Sehnsucht
ergriff ihn pltzlich nach der entschwundenen Zeit der Jugend, der
Reinheit, da er mit schuldlosem Herzen oft denselben Weg gegangen war.

Da stand er am Pfarrhaus, durch die grnen Fensterlden schimmerte
Licht, der Propst weilte in seinem Studierzimmer, und als trieb ihn
eine unsichtbare Macht vorwrts, der er nicht widerstehen konnte, trat
Michael nher. Oh, nur jetzt in dieser Stunde eine treue Hand ergreifen
knnen, jetzt Vater sagen drfen, Vater -- ich verstehe Dich und
Deine Schuld, denn jetzt wei ich, was Leidenschaft heit, wei, welche
unbesiegbare Macht sie ist, die uns zur Snde treiben kann.

Immer nher zieht es ihn, er durchschreitet den kleinen Vorgarten, er
tritt durch die offene Hausthr in den weiten Flur, in dem eine kleine
llampe ein mattes Licht verbreitet; er schleicht sich an die Thr des
Studierzimmers und setzt sich dort auf die schmale Holzbank nieder,
auf der er wartend einst so oft gesessen hat. Er legt den Kopf an den
Thrpfosten und lauscht, ob er nicht drinnen den Schritt des Propstes
hrt, aber an sein Ohr schlgt nur das Gerusch des fallenden Regens
drauen und das wilde Klopfen seines eigenen Herzens.

Ihm ist zu Mute, als sei er heimgekehrt nach langen, langen Jahren,
er denkt nicht daran, wie Propst Ryback ihm entgegengetreten ist,
als er im Winter in seine Heimat zurckkam, in dieser Stunde hat er
alles vergessen, er hat nur grenzenlose Sehnsucht nach einem gtigen,
verstehenden Wort, nach jemand, der seine heie, verzehrende Liebe
versteht. Er tastet nach der Klinke und ffnet leise die Thr, er sieht
im Lichtkreis einer Lampe den Geistlichen sitzen, den Kopf tief ber
ein Buch geneigt.

Vater! Wie ein Hauch rang es sich von seinen Lippen.

Michael! Der Propst sprang nicht empor, regungslos blieb er sitzen
und sah entsetzt auf den Mann in der Thr. Sekundenlang ruhten die
beiden Augenpaare ineinander, bis sich der Propst erhob, ein eisiger
Zug legte sich auf sein Gesicht, als er hart sagte: In meinem Haus ist
kein Raum fr einen Abtrnnigen!

Vater! In verzweifelndem Flehen, in beginnendem Trotz klang der Ruf.

Kein Raum fr einen Abtrnnigen, wiederholte der Propst tonlos.

Auch keinen Raum fr den Sohn?

Michael schrie es fast und doch klang namenlose Angst durch seine Worte.

Es war, als schwanke die stolze Gestalt des Geistlichen, aber nur kurz
war die Schwche.

Ein Priester hat keinen Sohn, darf keine Liebe haben, als die zu der
heiligen Kirche, sagte er fest.

Michael lachte auf, wild, hhnisch, rasch trat er nher.

Du, stie er hervor, Du, der Du mein Leben verbittert hast, mich
hineingetrieben in Zweifel und Irrtmer, der Du die Schuld trgst,
da mir mein stolzer, reiner Kinderglaube verloren ging, Du, der
mir alles genommen, was rein und gut in mir war, Du verdammst mich
als Abtrnnigen, schiltst mich einen Ketzer und stt mich fort! Du
verweigerst mir Vaterliebe, Du verleugnest mich aus feiger Angst vor
der Welt, Du entziehst mir, was der rmste seinem Kinde giebt: Liebe!
und nennst Dich einen Priester, einen Christ! Oh, ich Thor, ich kam her
und wollte mich an die Brust des Vaters flchten, wollte Dir sagen,
da ich Deinen Fehltritt verstehe, und verstehen heit verzeihen, ich
wollte nur ein wenig Liebe. Aber wehe Dir, die Liebe lt sich nicht
leugnen, hte Dich, da nicht einst eine Stunde kommt, in der all Dein
Flehen, Dein Rufen vergebens ist, in der Du einsam bist und Dein Herz
vergebens nach der Liebe Deines Kindes schreit, hte Dich vor dem zu
spt. --

In wortlosem Entsetzen stand der Propst, er sah das
leidenschaftdurchwhlte Gesicht des Sohnes, hrte die furchtbare
Anklage, dann schlug ein grelles, verzweifeltes Lachen an sein Ohr,
krachend fiel die Thr ins Schlo, er war allein. -- Er wollte rufen:
Kehr zurck, komm wieder! Kein Laut kam ber seine Lippen, gebrochen
sank er auf einen Stuhl nieder, mit starrem Blick nach der Thre
schauend, als mte diese sich ffnen und der Sohn noch einmal kommen.
Alles blieb still, der alte Mann sa stundenlang so, bis er endlich
laut vor sich hin sagte: Ein Priester darf nicht lieben, er gehrt nur
der heiligen Kirche! --

Michael strmte davon, seinem kleinen Hause zu, das so still dalag
wie die anderen; vor der Thr sa die mchtige Dogge und begrte mit
freudigem Winseln den heimgekehrten Herrn. Leicht strich ihr dieser
ber den Kopf, ihm that die Freude des Hundes ordentlich wohl.

Benjamin schien bereits zu schlafen oder war noch nicht zurckgekehrt,
Michael dachte daran, da heute Nachmittag eine Andacht im jenseitigen
Walde hatte stattfinden sollen, er dachte daran, wie an etwas, das
weit, weit hinter ihm lag, er war nur froh, jetzt nicht dem Freunde
Rede stehen zu mssen, in dieser Stimmung nicht dem forschenden Blick
der dunklen Augen standhalten zu mssen. Er zndete ein Licht an und
betrat das niedrige Wohnzimmer, er prallte frmlich zurck, aus der
Ecke leuchtete das weie Bild des Heilands ihm entgegen, die Kerze in
seiner Hand warf unruhige Lichter darauf, die darber hinhuschten und
dem weien Bildwerk einen Schimmer von Leben verliehen.

Seine aufs uerste angespannten Nerven verloren die Spannkraft, laut
weinend warf er sich vor der Statue nieder und streckte die Arme aus.

Hilf, hilf! sthnte er; er wollte beten, aber er konnte nicht, er
stammelte nur wirre Worte, in ihm tobte alles wirr durcheinander, Liebe
und Leidenschaft, Scham, Reue und Zorn stritten in ihm, bis zuletzt die
mchtige Stimme der Leidenschaft all' die anderen bertnte. Jusias
Bild trat vor seine Augen, er hrte ihr Lachen, sah ihr ses Gesicht,
er kte wieder ihren roten Mund und hielt sie in seinen Armen. So
verharrte er regungslos zu den Fen des Christusbildes, bis ein
wohlthtiger Schlaf sich auf seine Augen senkte und im Traum flsterten
seine Lippen: Jusia, Jusia.

       *       *       *       *       *

Noch immer herrschte eine schwle Stimmung auf Lochowo, Frau von
Leninska ging herum mit der Miene einer trauernden Niobe, sie hllte
sich gegen Maria und gegen ihren Gatten, der zu ihrer Emprung
ordentlich zrtlich zu ersterer war, in eisiges Schweigen; nur gegen
Jusia und Kasia war sie milde. Selten wohnte sie den Mahlzeiten bei,
sie lag in ihrem Boudoir, eine Schale Konfekt neben sich, und studierte
die neuen Modezeitungen, neben diesen aber lag offen ihr Gebetbuch und
ihr Rosenkranz und sobald ihr Gatte oder Maria das Zimmer betraten,
griff sie danach.

Mde lie sie soeben das Journal, in dem sie gelesen hatte, sinken, im
Grunde war es doch recht ermdend, eine sorgende Mutter zu sein, da
ffnete sich vorsichtig die Thre und Kasia trat ber die Schwelle.

Ach Du bist es, mein Seelchen, sage, ist der Propst noch nicht
gekommen?

Nein, Mama, er wird aber wohl bald erscheinen.

Ach, kme er doch nur, da mein armes, bangendes Herz Ruhe fnde, oh
meine Nerven! sthnte Frau Halinka.

Soll der Propst mit Maria sprechen, Mama? Ich frchte auch, er wird
keinen Einflu haben, Maria ist furchtbar eigensinnig, auf meine
Vorstellungen hat sie mir nur erwidert, ich verstnde nicht, was
Liebe ist, allerdings! diese Liebe verstehe ich nicht, sagte Kasia,
hochmtig das hbsche Kpfchen hebend.

Gott sei es geklagt, Marias Eigensinn macht mich krank, sage, mein
Liebling, wie nimmt Grfin Jusia die Sache auf, ich vermied bisher ein
Gesprch mit ihr darber, ist sie nicht emprt, wie es all' unsere
Freunde sein wrden?

Emprt, oh nein, etwas zgernd kam die Antwort von Kasias Lippen;
Mama, ich mu es Dir sagen, ich bin eigentlich etwas indigniert ber
die Art, wie Jusia den Fall auffat, denke nur, sie findet es gar
nicht schlimm, einen Brgerlichen zu heiraten; sie sagt so ungefhr:
>das Geld wiegt den Adel auf<, ich glaube beinahe, sie wrde einen
Brgerlichen heiraten, wenn er nur reich wre!

Ja, mein Kind, das ist etwas anderes, leider, leider sind die Zeiten
vorber, wo der Adel die einzige Macht war, heute teilt er sich mit der
Macht des Geldes, aber dieser Dr. Werner ist ja nicht einmal reich, ja,
knnte er Maria ein standesgemes Leben bieten, ach, fr das Glck
meines Kindes wollte ich mich demtigen, ich bin ja so selbstlos, lebe
nur fr Euch, bringe mich selbst zum Opfer, ach!

Mama, ich glaube, Propst Ryback ist gekommen, unterbrach Kasia
die Redende, froh, da sie das Gesprch beenden konnte, denn sie
wute, wenn die Mama einmal begann, von sich und ihrer Aufopferung zu
sprechen, kam sie so bald nicht zu Ende.

Der Propst, ach, es ist mir wirklich ein Trost, und rasch ergriff
Frau Halinka das Gebetbuch und sah erst auf, als Propst Ryback vor ihr
stand.

Oh, mein teurer Freund, gut, da Sie kommen, mir armen Frau Trost zu
bringen, rief sie, des Geistlichen Hand erfassend, und nun folgte die
ganze Leidensgeschichte, unaufhaltsam flo der Strom ihrer Rede dahin
und schweigend hrte der Propst ihr zu.

Darf ich Maria sprechen, gndige Frau? sagte er statt jeder Antwort.

Gewi, oh gewi, das ist es ja, was ich wnsche, auf Sie, ihren alten
Lehrer und Beichtvater, wird mein irregeleitetes Kind vielleicht eher
hren, wie auf die Stimme der sorgenden Mutter, ich werde sie rufen
lassen.

Bitte, nein! Der Propst zog Frau Halinkas Hand von der Klingel fort.
Ich werde zu ihr gehen, es ist besser, ich spreche allein zu ihr, ich
komme nachher und erstatte Ihnen Bericht, bis dahin Gott befohlen, ich
werde Maria schon finden.

Mit diesen Worten verlie er das Zimmer, eine Erwiderung Frau Halinkas
gar nicht abwartend.

Unerhrt eigentlich, diese Art, einfach meinen Wunsch unbeachtet zu
lassen, der gute Propst scheint seine Stellung etwas zu vergessen, aber
daran ist wieder Marcel schuld, der versteht auch nicht im Geringsten,
seine Wrde als Patronatsherr zu betonen, ich mu ihm wirklich einige
Vorstellungen darber machen. --

Propst Ryback brauchte nicht lange nach seinem Beichtkind zu suchen,
in ihrem Zimmer fand er sie, unthtig am Fenster sitzend und mit
versonnenen Augen in die Ferne schauend.

Langsam stieg ihr ein feines Rot in die Wangen, als sie den Geistlichen
erblickte.

Gelobt sei Jesus Christus, sagte er, ihr segnend die Hand auf das
dunkle Haar legend.

In Ewigkeit, Amen, erwidert sie, ihm ehrerbietig die Hand kssend.

Du wirst ahnen, warum ich komme, Maria? frug er.

Er nannte sie, die er getauft und in die Lehre der heiligen Kirche
eingefhrt hatte, noch Maria und Du, auf ihren besonderen Wunsch war es
so geblieben.

Ja, Hochwrden, ich wei es, ich wei auch, da Sie im Auftrag
meiner Mutter kommen, aber ich will es Ihnen gleich sagen, da Sie
vergebens kommen. Sie, Hochwrden, wissen ja, wie ich gerungen habe
gegen diese Liebe, wie ich still mein Leid getragen habe, aber nun
ist mein Glck gekommen und ich will es halten. Sagen Sie nichts von
Religionsunterschied, von Standesvorurteil, fuhr sie beinahe heftig
fort, so da der Priester erstaunt auf sie sah. War das die stille
ergebene Maria, die da sprach mit glhenden Wangen und strahlenden
Augen? Mein Gott wei es, wie ich gekmpft habe gegen diese Liebe,
nicht einmal, hundertmal habe ich es mir gesagt, Du darfst Dich dem
Gefhl nicht hingeben, darfst diese thrichte Hoffnung nicht hegen, er
hat Dich lngst vergessen, aber immer wieder bertnte die Sehnsucht
alles, und als er vor wenig Tagen vor mir stand, da wute ich es, diese
Liebe kann nicht sterben, sie ist ein Teil meines Selbst, sie ist mein
Leben! Meine Mutter und Schwester widerstreben mir, sie sehen nur den
brgerlichen Mann, nicht sein groes, gtiges Herz, sie schelten mich,
verdammen mich und heien meine Liebe ein Unrecht. Sie haben es mich
gelehrt, die heilige Schrift sagt es uns, da die Liebe von Gott kommt,
kann sie da ein Unrecht sein? Nein, Hochwrden, nein, meine Liebe
ist keine Snde, was zwischen uns steht, ist Menschenwort, Gott, der
ber uns Allen ist, an den wir glauben, wie wir uns auch nennen, ob
Katholiken, ob Protestanten, ist ein Gott der Liebe, der nicht zrnt,
wenn wir die Liebe im Herzen tragen. Was hilft es dagegen zu kmpfen,
leugnen lt sich die Liebe nicht, sie bleibt doch Siegerin. Meinem
Glauben werde ich treu bleiben, wie er dem seinen, meinem Glauben,
aber auch meiner Liebe, denn ich liebe ihn mit der Liebe, die alles
trgt, alles duldet, mag Sorge und Leid unser Los sein, mag eine Welt
sich zwischen uns stellen, er ist mein Glck und meine Liebe ist
unwandelbar!

Maria schwieg, feines Rot lag auf ihren Wangen, die Augen strahlten und
ein Ausdruck von Begeisterung verklrte ihr Gesicht frmlich.

Unverwandt sah der Propst auf das Mdchen, er wollte sprechen in Frau
Halinkas Namen, aber die Kehle war ihm wie zugeschnrt, aus dem Nebel
der Vergangenheit lste sich ein Bild, er sah vor sich ein schlichtes
Mdchen aus dem Volk, die ihm alles gegeben hatte, ihre Liebe, ihre
Ehre, und er sagte ihr, er msse scheiden von ihr, um der Welt, um
seines Gelbnisses Willen, da hatte sie demtig gesagt: Ich will aus
Deinem Leben gehen, aber meine Liebe kann erst mit mir sterben, sie
ist unwandelbar. Vor wenig Stunden hatte der Sohn jenes Weibes ihm
zugerufen: Die Liebe lt sich nicht leugnen, hatte er recht?

Totenstille herrschte im Zimmer, Propst Ryback hatte die Hand ber
die Augen gelegt, er war beinahe zusammen gesunken auf seinem Stuhl
und Maria stand und sah mit strahlenden Augen, mit lchelnden Lippen
hinber nach dem leuchtenden See, er verwandelte sich vor ihren Blicken
in einen breiten Flu, sie sah prchtige Kuppeln, schimmernde Huser
sich in ihm spiegeln, sie sa im Schiff mit ihm, dem Geliebten, Hand in
Hand.

Eine dicke Fliege flog summend im Zimmer umher, sie stie mit dem Kopf
an die Fensterscheiben, sie wollte hinaus in den Sonnenschein, in die
Freiheit.

Schwerfllig erhob sich endlich der Geistliche, auf seinem sonst so
strengen Gesicht lag ein milder, wehmtiger Zug, den Maria noch nie
an ihm gesehen hatte, er ergriff die Hand des Mdchens und hielt sie
einige Minuten fest in der seinen, forschend in Marias Gesicht sehend,
dann sagte er ruhig:

Ich will nicht erst versuchen, Dich umzustimmen, meine Tochter, ich
sehe, es wre vergebens, mchtest Du nie den Schritt bereuen und nie
Deinem Glauben und Dir selbst untreu werden, die heilige Jungfrau
schtze Dich. Er machte das Zeichen des Kreuzes ber ihrem Haupt
und verlie dann das Zimmer; er ging auch nicht mehr zu Frau Halinka
hinein, er schritt hastig durch das Dorf, seinem Hause zu.

In seinem Studierzimmer, in das durch die dichtbewachsenen Fenster ein
gedmpftes, grnliches Licht fiel, sa er dann und sann. In seinen
Ohren klangen die Worte nach, die Maria zu ihm gesprochen hatte, das
Wort von der Liebe, die sich nicht verleugnen lt, war es nicht
Wahrheit, hatte er nicht selbst gegen die Gefhle gerungen, die er als
Priester nicht hegen durfte? Er sah noch immer das bleiche Weib vor
sich, tot am Boden liegend, er hrte noch das verzweifelte Schluchzen
des Knaben; dann fhlte er die weiche Kinderhand in der seinen, sah die
groen Kinderaugen fragend in inniger Liebe auf sich gerichtet.

Der einsame Mann sthnte auf. Fort, fort mit diesen Bildern, alles lag
weit hinter ihm, hart wollte er gegen sich sein, wie er es gegen den
Abtrnnigen gewesen war, keine Brcke gab es zwischen ihnen.

Was war nur mit ihm, war er denn schon so alt und schwach, da die
Worte eines Mdchens an seinen Grundstzen zu rtteln vermochten?

Nein, sagte er vor sich hin, ich will nicht schwach werden, oh Herr,
gieb mir die Kraft dazu, reie dies thrichte Gefhl aus meinem Herzen,
da kein anderer Gedanke darinnen lebe, als der, Dir und unserer
heiligen Kirche zu dienen!

Dann verlie der Geistliche das Zimmer und ging durch den Garten
bis zur Kirche und betrat diese, sie war leer, in einer Ecke lag
zusammengewundenes Grn und Blumen, grellbunte Astern, zartfarbene
Balsaminen und starkduftender Lavendel, vermischt mit Birkenlaub und
Rosmarin, bestimmt, zu dem morgenden Marientag die Kirche zu schmcken.

Der Propst blieb stehen und sah auf die Blumen nieder. Auch eine Maria
war jene gewesen, deren blasses, trauriges Antlitz ihm nicht aus den
Sinnen kommen wollte. Eine Maria, eine arme, mde, gequlte Dulderin!
Er wandte hastig den Blick von den Blumen und schritt zum Altar, dort
kniete er nieder und rang mit sich in stummem Gebet, bis ihn das
ffnen der Kirchthr aufschreckte. Dicht am Eingang kniete ein junges
Weib, heie Zhren rollten ihr ber die Wangen; als sie den Priester
erblickte, fuhr sie erschrocken zusammen.

Bist Du es, Valevka? schweres Leid scheint Dich zu bedrcken, bete zu
der heiligen Jungfrau, damit Dir Trost werde! Er machte das Zeichen
des Kreuzes ber ihrem Haupt und schritt dann weiter, das Mdchen
richtete sich auf und streckte die Hnde nach ihm aus, als wolle sie
ihn halten, er wandte sich noch einmal um und sie sah in sein strenges
Gesicht, das unbeweglicher denn je war. Willst Du noch etwas, Valevka?

Stumm bewegte diese verneinend das Haupt und sank in ihre Stellung
zurck, Propst Ryback verlie die Kirche, ihm nach klang ein leises,
wehes Schluchzen.

       *       *       *       *       *

Die weiten Sle von Schlo Lochowo hallten wider von Kasias lustigem
Lachen und Singen, vergessen war der rger und die Emprung der letzten
Tage, eitel Sonnenschein lag auf ihrem Gesicht, sie trllerte und
zwitscherte wie ein Vogel, war ausnahmsweise liebenswrdig gegen die
Dienstboten und fand sogar fr Maria ein freundliches Wort. Auch Frau
Halinka hatte sich von ihrem Leidenslager erhoben, hatte mit wehmtigem
Blick die Trsterinnen ihrer sorgenvollen Stunden, Modenzeitung,
Gebetbuch und Konfektschachtel, =ad acta= gelegt und hatte es fr gut
befunden, Herrn Marcel eine huldreiche Miene zu zeigen. All diese
welterschtternden Vernderungen hatte der Hausherr mit der einfachen
Frage veranlat, wann das geplante Sommerfest stattfinden sollte und ob
die Damen Wnsche dazu htten, er fhre nach der Kreisstadt und sollte
es ihm ein Vergngen sein, alle Kommissionen zu erledigen. Frau Halinka
fand danach das erste freundliche Lcheln seit langem fr ihren Gatten;
Kasia jubelte laut auf und umarmte strmisch ihren einzig geliebten
Herzenspapa, auch Grfin Jusia wurde sichtlich lebhafter, als sie es
seit einigen Tagen gewesen und Maria -- sie ging still hinaus und
dachte: Armer, lieber, schwacher Vater, wie schwer mut Du ringen um
den Frieden im Haus.

Der Kommissionszettel wurde lang, sehr lang und das Gesicht Herrn von
Leninskis nicht krzer; der Seufzer, mit dem er seinen Wagen zu der
bewuten Fahrt bestieg, war auch lang, er endete eigentlich erst, als
er in der Kreisstadt angelangt, das Haus von Samuel Schmuhl verlassen
hatte und seine Brieftasche eine Anzahl blauer Scheine aufwies. Den
Gedanken, wie verschwindend wenig ihm noch von dem letzten Ernteertrag
blieb, splte er bei Roman Przybilski mit einem Schoppen Ungarwein
hinweg.

       *       *       *       *       *

Sag doch, Jusia, findest Du wirklich, da dieses matte Rosa
vorteilhaft fr mich ist, sag' es doch bitte aufrichtig, Mama ist ja
entzckt davon, ich mchte aber doch Dein Urteil hren?

Reizend, Hlle wie Kern, besttigte Jusia mit zerstreutem Blick,
Kasias zierliches Persnchen musternd, das wie eine Bachstelze hin und
her wippte.

Ach Jusia, weit Du, ich wnschte, dieses Fest bedeutete eine Wandlung
in meinem Leben, aber dazu ist wohl keine Aussicht.

Ach so, eine Wandlung mit Trauring und Namensnderung, Hochzeitsreise
nach Paris u. s. w., ich verstehe.

Nein, Jusia, Du bist unheimlich klug, lachte Kasia halb verlegen,
aber Recht hast Du und ein Unrecht ist dieser Wunsch ja nicht, ach,
wenn doch ein furchtbar reicher, furchtbar schner, --

Furchtbar vornehmer Mann kme und klein Kasia mit sich nhme,
unterbrach Jusia sie lachend. O Du einfltiges, anspruchsvolles Kind,
reich, schn, vornehm und alles in erhhtem Mastabe, nein, da bin
ich doch bescheidener, ich begnge mich mit furchtbarem Reichtum und
nehme sogar furchtbare Dummheit in den Kauf, die ist angenehmer wie
Schnheit, denn schne Mnner sind noch eitler wie schne Frauen und
beide Teile eitel, vertrgt sich nicht gut zusammen.

Nein, Jusia, hre auf; Du bist grlich, wenn Du so anfngst, sage mir
lieber, welche Blumen ich nehmen soll, ich will hbsch sein; Jemand
ist doch da, fr den es sich vielleicht lohnte, Du weit, da Graf
Sucholski zugesagt hat, schn ist er ja nicht, eher hlich und alt,
aber reich und vornehm, Mama sagt, das wren gengende Vorteile.

Kasia tritt vor den Spiegel und hlt eine noch nicht voll erblhte
Theerose an ihr braunes Haar, sie sieht nicht den halb spttischen,
halb rgerlichen Blick der Freundin.

Eine Konkurrentin also und mir scheint, keine zu unterschtzende,
murmelt diese, dann tritt sie hinter die am Spiegel stehende und
vergleicht sorgsam die beiden Gesichter und sagt ruhig: Die weie
Rose steht Dir nicht, nimm lieber ein etwas krftigeres Rosa, aber
nun mu ich einmal nach meiner eigenen Toilette sehen, =addio=,
Kleine, verliebe Dich nicht in Dein eigenes Spiegelbild! Aber was ich
noch fragen wollte, wird Marias Verlobter zugegen sein und wird das
Brautpaar vorgestellt werden?

Um Himmelswillen, Jusia, was denkst Du, das ist doch einfach
unmglich, es wre geradezu ein Skandal, nein, diese berraschung
knnen wir unseren Gsten nicht bereiten, zumal die Sucholskis denken
in dieser Beziehung so streng. Mir vergeht gleich alle Freude, wenn
von der unseligen Sache gesprochen wird, ich hoffe immer noch, Maria
besinnt sich, aber nun hat sie ja noch einen Bundesgenossen, ich finde
es unbegreiflich von Propst Ryback, fr Maria zu sprechen, noch der
Mama zuzureden, in diese romantische Heirat zu willigen, ich wrde
lachen, wenn ich mich nicht so rgern mte.

Rege Dich nur nicht auf, mein Herz, sagte Jusia, ich wollte es nur
wissen, und whrend sie den Korridor nach ihrem Zimmer entlang geht,
denkt sie: Ein interessanter Gesprchsstoff, um die Unterhaltung mit
Graf Kasimir zu beginnen.

Lange steht sie dann vor ihrem Spiegel und prft nachdenklich ihre
Erscheinung, ein weies Seidenkleid umschliet in tadellosem Sitz ihre
schlanke Gestalt, es ist ein schnes Bild, das ihr entgegenstrahlt,
aber vor ihrem geistigen Auge taucht ein anderes daneben auf, das einen
hlichen Schatten wirft. Sie starrt in den Spiegel und eine feine
Falte grbt sich in ihre weie Stirn.

Es ist zum wahnsinnig werden, murmelt sie, immer dieselben
thrichten Gedanken, immer das hliche Bild, fort, fort damit, ich
will nicht mehr an die Stunde im Kahn erinnert sein, ich will nicht!
Oh, wenn Tante Amlie dies erfhre oder die Leninskis, Prinz Sergei
und all die Anderen, Grfin Jusia Potocka, die Stolze, die Kalte, lt
sich von einem etwas verfeinerten Bauernburschen kssen, nur weil
er zufllig zur rechten Zeit kommt, die Langweile einer Stunde zu
verscheuchen! Pfui, wie hlich, Jusia, woran dachtest Du, als Du in
des blonden Propheten Armen lagst? Es wird Zeit, da ich fortkomme, die
Einsamkeit ruft diese verrckten Gedanken hervor; ja, fort, fort, dann
werden auch diese Bilder schwinden, ich hasse mich selbst, hrst Du es,
Jusia Potocka, ich hasse Dich, knnte Dich erwrgen vor Wut ber Deine
unglaubliche Thorheit; wenn doch der Mensch wer wei wo wre und mir
nicht gerade bei jeder Gelegenheit begegnete, ich glaube, es geschieht
noch mit Absicht! Wie er mich anschmachtet, es ist zum lachen, eine
richtige Fastnachtskomdie, ich glaube gar, er denkt, es giebt nun eine
frhliche Hochzeit, ich ziehe als Prophetenfrau mit in sein Huschen
hinter den Malven, bete, koche Suppe etc. und bin hochbeglckt. Ha, ha!
Ja, lache nur, dumme, einfltige Jusia, oder weine lieber ber Deine
Thorheit, sie stampfte mit dem Fue auf und ballte die weien Hnde
gegen den Spiegel: Pfui, wie hlich, wie kindisch, wie lcherlich
hast Du Dich benommen, oh, wre ich nur erst fort, weit fort von
hier! --

Grfin Jusia hatte Recht, Michael suchte mit Absicht jede Begegnung
herbei, er streifte in der Nhe von Schlo Lochowo umher, er sphte
ber die Mauer des Parkes, harrte stundenlang an der kleinen Bucht am
See, sa trumend unter den hngenden Eschen, immer in der stillen
Hoffnung, Du wirst sie sehen, sie wird Dich anlcheln, wie auf jener
einsamen Fahrt.

Wohl begegnete er ihr, aber nie allein, entweder schritt sie mit Kasia
von Leninska in munterem Geplauder einher oder sie fuhr an ihm vorber,
aber nie traf ihn ihr Blick, ihre Augen schweiften ber ihn hinweg,
als htte es nie einen Augenblick gegeben, in dem sie in seinen Armen
geruht. Mit hochmtiger Klte erwiderte sie seinen Gru, sie sah nicht
das stumme Flehen, das heie Werben in seinen Blicken. In dem Manne
aber loderte der Brand, den sie entfacht hatte, hell auf. Er kmpfte
einen verzweifelten Kampf mit seinem Stolz, seiner Leidenschaft und der
mahnenden Stimme seines Gewisses.

Unruhevoll irrte er umher, er hrte kaum darauf, wenn Benjamin ihm
frohlockend von dem Anwachsen seiner Gemeinde sprach, ja, er empfand
pltzlich ein frmliches Grauen vor dessen Fanatismus, seine Lehre, die
einsamen Gottesdienste im Walde, erschienen ihm als Komdie, jetzt, da
er gleichsam in einem anderen Banne stand, erkannte er das Unklare und
Verworrene in Benjamins neuem Glauben. In Stunden der Ernchterung, in
denen er erwachte aus dem Fieber seiner Liebe, ergriff ihn heie Angst
um den irregeleiteten Freund, um sich selbst, er sah dann den Abgrund,
an dem sie beide standen, Benjamin, verstrickt in seine verworrenen
Lehren, er, im Bann der Leidenschaft. Dann dachte er voll tiefer
Sehnsucht an das stille Dorf auf dem Sande, mit seinem Frieden, an das
schlichte, keusche Mdchen und an die klugen Augen Vater Abrahams, dann
fate er den Entschlu, Benjamin zu bewegen, mit ihm heimzukehren;
dann sah er wieder die Grfin oder er ging hinunter an den See, und
vergessen waren all seine guten Vorstze, mchtiger denn je loderte die
Flamme in seinem Herzen auf und beherrschte seine Sinne.

Benjamin bemerkte wohl des Freundes innere Kmpfe. Michael war auch im
Grunde eine zu wahrhaftige Natur, um erfolgreich Komdie spielen zu
knnen, und so lag seine Seele bald offen vor dem Freunde da. Dieser,
der nur eine Leidenschaft, ein Ziel kannte, seine Lehre zu verbreiten
und dadurch gleichsam ein Herrscher zu werden, hatte nur Verachtung fr
diese weibische Schwche, wie er es nannte. Statt dem Freund als Freund
zur Seite zu stehen, dessem schwankenden Charakter eine Sttze zu sein,
griff er zum Spott; mit beiendem, hhnischem Spott berschttete er
diesen, zog seine Liebe zu Jusia Potocka in den Staub und erreichte
gerade dadurch, da Michael sich im Trotz von ihm abwandte, und
verbittert ber das geringe Verstndnis, das er fand, sich immer tiefer
in seine Schwrmerei verstrickte.

Weit Du auch, da bermorgen auf dem Schlo ein Ball stattfindet,
es nimmt mich Wunder, da sie Dich nicht eingeladen haben, spottete
Benjamin, indem er Hut und Stock nahm, um sich zum Fortgehen zu rsten.

Michael schwieg, er lie des Freundes Hohn ruhig ber sich ergehen und
las anscheinend eifrig weiter.

Nun, kommst Du nicht mit, Du fehlst jetzt beinahe immer bei den
Andachten, natrlich, Grfinnen sind nicht dabei und nach Bauerndirnen
sieht mein vornehmer Freund wohl nicht?

Schweig, Benjamin, fuhr Michael auf, warum ich nicht zu den
Andachten komme, ahnst Du sehr wohl, weil ich eingesehen habe, da Du
mit Deinen phantastischen Lehren, mit Deinen Utopien, da Ihr alle
auswandern wollt und in Amerika einen Staat grnden, in dem Ihr als
Brder und Schwestern leben wollt, blo den Leuten die Kpfe verwirrst.
Ja, ich leugne nicht, als ich hierher kam, meinte ich auch, ich wrde
meinen Heimatgenossen ein Heil bringen, aber ich habe eingesehen, da
sie viel glcklicher sind ohne uns, warum ihren Frieden stren! La uns
lieber heimkehren, Benjamin, heim nach unserem stillen Dorf, zurck in
den Frieden!

Nachdem Du Dich sehnst, wie ein Greis, nein, ich will nicht Ruhe, ich
will Kampf, gehe Du heim, wenn Dich die Sehnsucht treibt, Du bist ja
doch wie ein schwankendes Rohr, ja, gehe heim, setze Dich hinter den
Ofen und rede klug; Du bist ein Schwchling! Ein Blick aus Weiberaugen
gengt, um Dich pltzlich hellsehend zu machen, um alles, fr was Du
seit Monaten gekmpft hast, ber Bord zu werfen.

Nein, mein Benjamin, diese Vorwrfe verdiene ich nicht, seit vielen
Monaten fhle ich, da wir nicht Segen stiften, da wir nur Unheil
anrichten, wir bringen Zerwrfnis in die Familien, Unruhe in die
Herzen, ziehen uns Feinde zu und -- machen niemand glcklich.

Oh, Du weiser Moralprediger, Du, hhnte Benjamin, woher kommt Dir
so pltzlich Deine Erleuchtung? Hast wohl einen Mahnbrief erhalten aus
unserem stillen Sanddorf, und darum der Umschwung Deiner Gefhle?

Eine jhe Glut stieg in Michaels Gesicht.

Ja, sagte er gepret, Vater Abraham hat geschrieben, willst Du
lesen?

Nein, danke, ich kann mir ungefhr vorstellen, was er schreibt; nun,
er ist ein alter Mann, und Alter sehnt sich nach Ruhe, aber Du bist in
der Kraft Deiner Jahre und willst schon vom Kampf zurcktreten, willst
feige das begonnene Werk verlassen, und alles um eines Weibes willen?
Ja, fahre nur auf, es ist doch so, ich ahnte es an dem Tag, an dem die
blonde Hexe hier eintrat und vor mir zusammenschrak, wie vor einem
giftigen Reptil, da sah ich es kommen, da wute ich, da Dein Schwur an
Tabea nur leerer Schall war. Du zuckst zusammen, das Wort trifft Dich,
denn es ist wahr, gehe Du nur heim, vielleicht ist es besser so!

Ja, ich gehe auch heim, ich sehne mich nach der Stille im Sanddorf,
aber nicht allein, komm mit mir Benjamin, ich will die harten Worte,
die Du mir soeben gesagt hast, vergessen; la uns wieder Brder sein,
wie einst, reich mir die Hand und komm mit mir zurck zur Heimat! Er
war aufgesprungen und streckte flehend dem Gefhrten die Hand hin, aus
seinen Augen leuchtete die alte Innigkeit.

Mit heiserem Auflachen wich Benjamin zurck: Ach so, nun soll eine
Vershnungskomdie aufgefhrt werden, zu was die Heuchelei, Bruder,
Freund, als ob man Freunde sein kann, wenn man sich hat. Und ich hasse
Dich, Du brauchst mich nicht anzustarren, als wre ich wahnsinnig, ich
hasse Dich, denn Du bist mir im Weg. Lngst habe ich es eingesehen, bei
Deinen Schwrmeraugen, Deiner Reckengestalt vergessen die Weiber sich
und kommen zur Betstunde, vor mir aber weichen sie zurck, wie damals
die holde Grfin; aber ich will nicht immer der Zweite sein, hrst Du,
nicht immer vor Dir zurckstehen, ich will herrschen. Mir sollen die
Menschen sich beugen, ein Fhrer will ich sein und meine Lehre mu
siegen!

Mit schriller Stimme stie Benjamin die Worte hervor, ein verzehrendes
Feuer brannte in seinen Augen, sein Gesicht war totenbla geworden,
die Zge in Ha verzerrt, da Michael unwillkrlich zurckwich. War es
nicht ein Wahnsinniger, der da vor ihm stand? Grauen schttelte ihn und
er vermochte keine Antwort zu finden. Aber diese erwartete Benjamin
garnicht, spttisch sah er in das verstrte Gesicht des Anderen und
verlie dann rasch das Zimmer, und wenige Augenblicke spter knarrte
das eiserne Gitter, Benjamin hatte das Haus verlassen.

Er geht zu seiner Gemeinde, auch hier das Band zerrissen, nun
stehe ich bald ganz allein, dachte der Zurckbleibende mit tiefer
Bitterkeit. Dann nahm er noch einmal den Brief zur Hand, der ihn heute
aufgerttelt hatte aus dem schweren Traum der letzten Zeit.

Mein lieber Sohn, begann er, die Tage werden zu Wochen und deren
sind schon viele vergangen und vergebens sehen meine alten Augen nach
meinen heimkehrenden Shnen aus. Oh Michael, ich will nicht in Dich
dringen, nur bitten will ich, komm' zurck, lat ab die Hnde von Eurem
Werk, kehrt zurck in den stillen Frieden unseres Dorfes! Ihr bringt
Unruhe in die Herzen Deiner Heimatgenossen, lat sie in ihrem Glauben,
er ist so gut wie der unsere. Sieh', mein Sohn, unser Bekenntnis sagt:
>Wir sollen in Liebe und Frieden mit einander leben, wir sollen auch
nicht den Frieden unserer Mitmenschen stren< und thut man dies nicht,
wenn man die Herzen in Zweifel bringt? Ich fhle aus Deinen kurzen
Briefen heraus, da eine Last auf Deiner Seele liegt, kehr' zurck,
vielleicht finde ich mit Gottes Hilfe wieder die Kraft, sie Dir zu
erleichtern wie einst. Tabeas Augen sehen so fragend auf das weite
Meer, komm, Michael, und lse die Frage!

Michael lie den Brief sinken.

Lse die Frage, oh, wenn ich es noch knnte, aber Du hast recht, Du
treuer, alter Warner, ich werde heimkehren zu dem stillen Sanddorf und
meine Schuld beichten, oh, Tabea, werde ich Verzeihung finden?

An dem Tag blieb Michael daheim, er eilte nicht rastlos an den Ufern
des Sees entlang, sphte nicht mit heien Augen hinaus, als drauen
ein Wagen rollte, er packte seine Sachen und ordnete alles zu seiner
Abreise, die am nchsten Tag stattfinden sollte, er suchte jeden Winkel
des kleinen Hauses auf, um Abschied zu nehmen fr immer und ging
endlich zur Ruh, mit dem festen Vorsatz, mit der sicheren Hoffnung,
wieder sein altes Leben zu beginnen.

In der heien, schwlen Sommernacht aber floh der Schlaf seine
Augen, seine kaum zur Ruh' gekommenen Gedanken verwirrten sich, ein
verfhrerisches Bild lockte ihn, er sah blonde, weiche Haare, hrte ein
helles, melodisches Lachen und fiebernd vor Sehnsucht streckte er die
Arme aus: Jusia, Jusia! schrie der Mann in die stille Nacht hinein,
seine Pulse hmmerten, seine Stirn glhte, vergessen war der Brief
Vater Abrahams, vergessen war die Frage in Tabeas Augen.

Am nchsten Tage reiste Michael nicht ab, Morgen! beschwichtigte er
die leise mahnende Stimme seines Gewissens, ich darf kein Feigling
sein, ich mu es Jusia erklren, warum ich gehe, und so blieb er,
wieder rastlos umherirrend, aber vergebens, nirgends erblickte er die
Geliebte.

       *       *       *       *       *

In Schlo Lochowo wurde beinahe das Unterste nach oben gekehrt, es
herrschte ein heidenmiger Wirrwarr, so hatte Herr von Leninski
gesagt, als seine Gattin zu Mittag sein geliebtes Rauchzimmer mit
Beschlag belegte. Ich mu hier einige Anordnungen treffen, Marcel,
Du mut Dir heute schon einen anderen Platz suchen, hatte sie mit
lieblichstem Lcheln gesagt, er hatte ihr galant die Hand gekt und
war seufzend von dannen gegangen.

Sein Rauchzimmer, sein Tuskulum, in das er sich manch liebes Mal vor
Frau Halinkas Liebenswrdigkeiten und vor den Gedanken an fllige
Zinsen geflchtet hatte, um hier, bei einer Havanna und einem
Glschen Ungarwein die Sorgen des Lebens zu vergessen, auch das wurde
hineingezogen in den gewaltigen Umsturz. Wie Ahasverus zog er nun
umher, in dem weiten Schlosse ein stilles Pltzchen zum ungestrten
Nachdenken zu finden. Stille Pltzchen gab es genug, khle, lauschige
Zimmer, die eben nur khl und lauschig waren und sonst auch nicht das
geringste Mbelstck aufwiesen, das einem mden Krper zum Ruheplatz
dienen konnte.

Gerade als er seufzend in den Park wandern wollte, um in einer
Hngematte die ersehnte Ruhe zu finden, traf er Maria und diese wute
Rat, in dem linken Seitenflgel befand sich ein Zimmer, in dem ein
altes Ledersopha, ein Tisch und ein mchtiger Flickkorb ein gemtliches
Trio bildeten; hier sa Maria manche Stunde, um Risse und Lcher
kunstvoll zusammen zu nhen und hier fand Herr Marcel die Ruhe, an
dem aufregenden Tag des Balles. Als ihn Maria verlie, lag er auf dem
Sopha und blies behaglich blaue Rauchwolken in die Luft und hielt
Selbstgesprch: Wenn der Kerl, der Doktor auch eine arme Frau, hm,
eine sehr arme Frau bekommt, einen Schatz erhlt er doch an ihr, ich
denke beinahe, mein grtes Wertstck.

Endlich war alles so weit, ein Teil der Gste war bereits eingetroffen
und hatte sich, die Toiletten zu ordnen, in die Fremdenzimmer
zurckgezogen. Frau Halinka rauschte in silbergrauer Seide durch die
Sle und nickte wohlgefllig zu den Anordnungen, die Maria getroffen
hatte, sie rckte hier eine Vase zurecht und schob da einen etwas
verschossenen Sessel mehr in den Schatten und warf im Vorbeigehen
huldvolle Blicke ihrem eigenen Spiegelbild zu.

Es ist nicht so leicht, so ein Fest zu arrangieren, wandte sie sich
an Jusia, die neben ihr herschritt, aber ich habe in meiner Jugend in
Paris gute Studien gemacht, so glnzend wie die dortigen Feste waren,
ist es ja in unseren einfachen Landverhltnissen nicht herzustellen,
ich denke aber doch, ich lege mir Ehre ein.

Gewi, pflichtete Jusia bei, ich mu gestehen, gndigste Frau,
ich bin entzckt von den Arrangements, bewunderungswert, wie alles,
was Sie thun, im Stillen dachte die Sprecherin: wre die knftige
Doktorsehefrau nicht gewesen, ich htte die Verwirrung sehen mgen!

Jusia Potocka sah bildschn aus in ihrem weien Gewand mit einer
mattgelben Rose im Haar, um den schlanken Hals lag eine schmale,
goldene Kette mit einem kleinen Medaillon aus Brillanten, das letzte
Schmuckstck aus dem einst so reichen Schatz der Potockis, oft genug
war es in Gefahr gewesen, den Weg seiner Genossen zu gehen, aber immer
schtzte es die alte Prophezeiung, da seiner Trgerin Glck beschieden
sei.

Kasia stand vor dem Spiegel und zupfte unaufhrlich an sich herum, sie
sah reizend aus und war auch augenscheinlich sehr befriedigt von ihrer
eigenen kleinen Person.

Wagen rollten vor, neue Gste kamen und bald belebte eine bunte,
lachende, plaudernde Menge die Rume, Graf Kasimir Sucholski kam auch,
Jusia Potocka sah kaum auf bei der Vorstellung, stolz und khl neigte
sie das Haupt; der reiche Erbe schien sehr wenig Eindruck auf sie zu
machen, desto lebhafter begrte ihn Kasia von Leninska, er verwickelte
sie bald in ein lustiges Wortgefecht und Frau Halinka, die mit scharfen
Augen diese Scene beobachtet hatte, nickte befriedigt; aber seltsam,
mehr und mehr widmete der Graf Jusia seine Aufmerksamkeit, er folgte
ihr bald wie ein Schatten, da sagte sich Frau Halinka rgerlich: Man
mu nie zu lange Besuch haben, Jusias Anwesenheit ist heute recht
berflssig, sie verga nur den kleinen Umstand, da das Fest dem
lieben Gast zu Ehren gegeben wurde.

Die Musik lockte und schmeichelte, dann wieder klang sie wild und
feurig, wie der Sturm, der ber den See braust; die tanzenden Paare
wirbelten durcheinander, heie, prickelnde Lebenslust durchglhte sie,
die Augen strahlten, die Lippen lachten, die Blumen in den hohen Vasen
dufteten betubend und durch die offenen Fenster strmte warme, weiche
Sommerluft herein.

Drauen neben der Veranda, die nach dem Park zufhrte, stand ein Mann
und starrte mit brennenden Blicken durch ein Fenster nach dem Saal. Er
sah in dem Gewirr der Tanzenden nur eine, jedesmal, wenn sie an dem
Fenster vorbeikam, durchzuckte es den Mann, als msse er hineinstrzen
und sie an sich reiend rufen: Sie ist mein, mein Lieb, mein Leben,
mein Glck!

Den Tag ber war Michael umhergeirrt, bis er zuletzt die erleuchteten
Fenster gewahrend, sich in den Park geschlichen hatte, er wollte sie
nur noch einmal sehen, noch einmal mit ihr sprechen, die geliebte
Stimme hren und dann fr immer fortgehen, Vater Abrahams Ruf folgen.

Er sah sie in ihrem weien Kleid, schn wie die Fee im Mrchen, er
sah, wie ihr Tnzer sich zu ihr niederbeugte, sie lachte, er meinte,
das weiche, girrende Lachen herauszuhren aus dem Rauschen der Musik.
Seine Hnde umklammerten das wilde Rosengestruch, da sich die Dornen
in sein Fleisch gruben, er achtete nicht darauf, rasende Eifersucht
erfllte ihn, htte er sie jetzt doch kssen knnen, kssen bis zur
Sinnlosigkeit. Niederschlagen htte er den Mann neben ihr mgen, er
hate es, dieses blasierte, kalkweie Gesicht, mit den Spuren eines
durchtollten Lebens in den Zgen, und sie lachte diesen Menschen an,
ihre Augen sahen gerade so berckend zu diesem empor, wie damals zu ihm
unter den Trauereschen am See.

Michael Wisniewski barg sein Gesicht in die Hnde und sthnte auf in
heier Qual, dann fuhr er wieder empor, wo war sie jetzt, mit wem
tanzte sie?

Vergebens strengte er seine Blicke an, er sah sie nicht mehr, er
prete den Kopf an die Scheiben, er frchtete nicht, da man ihn im
Saal gewahren knne, es war ihm vollstndig gleichgiltig, nur sehen
mute er die Geliebte. Neben ihm rauschte pltzlich ein Kleid, ein
helles, girrendes Lachen schlug an sein Ohr, trumte er denn, war das
nicht ihre Stimme, die er hrte? Dann sprach auch eine Mnnerstimme in
eigentmlich schleppendem Ton, der Lauscher schrak zusammen, er drehte
sich hastig um, da auf der Veranda, an die Brstung gelehnt, stand
Jusia Potocka und plauderte mit ihrem Tnzer.

In diesem Augenblick verga Michael alles, die gesellschaftliche
Kluft, die sie trennte, seine guten Vorstze, die stille Frage in
Tabeas Augen, alles, er sah nur das Weib vor sich, das er liebte mit
verzehrender, alle Schranken durchbrechender Glut.

Er trat einen Schritt vorwrts und hob seine Arme zu der Steinbrstung
empor. Jusia, Jusia! rief er flehend in gedmpftem Ton.

Wie von einer Natter gebissen, schnellte diese empor, ihr perlendes
Lachen brach ab, mit angstvoll geffneten Augen stierte sie auf den
Mann.

Mein Gott, Herr Graf, kommen Sie schnell, das ist ja der halbverrckte
Mensch, stammelte sie, hastig des Grafen Hand ergreifend und ihn mit
fortziehend. Ein entsetzlicher Mensch, der wohl religisen Wahnsinn
hat, mich verfolgt er frmlich, bitte, bitte, schtzen Sie mich!

Michael hrte alles, er hrte ihre vor Angst bebende Stimme, dann
wieder die nselnde ihres Begleiters.

Mit der Reitpeitsche zchtigen mte man den Kerl fr seine
Frechheit!

Dann ein leises, eindringliches Flstern, ein kurzes Auflachen Jusias,
durch das noch die verhaltene Angst klang, und die Stimmen verloren
sich in dem Rauschen der Musik, die Veranda war leer. --

Noch immer stand Michael und sah wie im Traum auf die Stelle, wo
er soeben ihre lichte Gestalt gesehen, nur langsam erfate er das
Geschehene; er, verspottet und ausgelacht, sein Gtzenbild zertrmmert
zu seinen Fen, ein dumpfer Laut kam ber seine Lippen, wie ein
Verfolgter eilte er davon, durch den Park ber die Felder, ihm gleich,
wohin, nur fort, fort, hinaus in die schweigende Nacht. --

Rastlos irrte er umher, er achtete nicht auf den Weg, manchmal stie
er an einen Stein oder stolperte ber einen Grabenrand, dann raffte er
sich wieder empor und eilte weiter, das Rauschen der Musik verhallte
in der Ferne, dann wieder kam es nher, er merkte es nicht, in seinen
Ohren gellten nur immer ihre verchtlichen Worte. Zuletzt berkam
ihn eine tiefe krperliche Ermattung und mit dieser kehrten ihm die
Gedanken zurck, er blieb stehen und sah um sich, wo er sich befand.

Er mute in einem groen Kreis um Schlo Lochowo herumgegangen sein,
die Landstrae, vom Mondlicht erhellt, lag vor ihm, am Ende das Dorf,
dessen Kirchturm dunkel in die Nacht hineinragte, zur Seite schimmerten
die erleuchteten Fenster von Lochowo. Dort, etwas abseits, stand auch
noch das alte Muttergottesbild, und bei seinem Anblick kam ein groes
Sehnen in sein Herz, er schritt darauf zu und nahm unwillkrlich den
Hut ab. Die Sule stand noch, wie einst, ein wenig schief, ein paar
Krnze hingen daran und bewegten sich leise im Winde, er sah auch
noch das groe, gelbliche Wachsherz hngen, vielleicht auch war es
ein neues, das irgend ein Mdchen in der Not des eigenen Herzens
gestiftet hatte. Er meinte, jeden Zug des Bildes zu erkennen, die
Madonna mit dem gleichmigen, freundlichen Lcheln in dem blauen
Mantel, den Jesusknaben mit dem goldenen Heiligenschein, und, wie einst
der Jngling, kniete jetzt der Mann nieder und umschlang das alte,
hlzerne Bild, als msse ihm der Trost kommen, und weinte. Thrnen voll
Zorn, Ha und Bitterkeit, voll Reue ber sein eigenes Fehlen und voll
namenloser Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies seines unschuldigen
Kinderherzens.

Wie lange war es her, da er nicht mehr geweint hatte, und nun rann
die salzige Flut unaufhrlich aus seinen Augen, als msse sie alles
Leid, alle Bitterkeit hinwegschwemmen. Er betete auch, er stammelte
unzusammenhngende Worte, er war in dieser Stunde kein Mennonit, kein
Katholik, er redete zu dem Vater der Welt, er sprach zu ihm wie ein
irrender Sohn, der, mde heimgekehrt, den Kopf an des Vaters Brust
birgt. Langsam kam eine erlsende Ruhe ber ihn, Klarheit in sein
verwirrtes Fhlen und Denken; die Dissonanz seines Inneren lste sich
in dieser sternenklaren Nacht zu einem wehmtigen Schmerz, ein stilles
Sehnen kam ber ihn: nach dem Frieden in Vater Abrahams Hause, nach
Tabeas reinen Kinderaugen, dort allein war seine Heimat.

Endlich erhob er sich. Nun werde ich nicht wieder wankend, noch heute
Nacht trete ich den Heimweg an, klang es in ihm, noch einmal schlang
er die Arme um das hlzerne Bild und legte den Kopf daran, er nahm den
letzten Abschied von der alten Heimat, in der niemand ihn liebte, die
ihm nun vllig zur Fremde werden sollte.

Mit festem Schritt trat er dann den Weg an, der ihn durch das Dorf zu
seinem Hause fhrte, dort wollte er noch Benjamin verstndigen und dann
zur nchsten Bahnstation wandern.

Je nher er dem Dorfe kam, je greller schlugen die Tne der Tanzmusik
an sein Ohr, sie kamen aber von zwei Seiten, und mit leisem Schrecken
gewahrte er beim Nherkommen, da vor dem Krug, trotz der spten
Nachtstunde, noch getanzt wurde; zwei Mnner vollfhrten dazu auf einem
Dudelsack und einer verstimmten Geige ein grelles Getse.

Schon zuckte sein Fu, schon wollte er umkehren, aber nein, dachte
er, mgen sie mich schmhen, nun ficht es mich nicht mehr an, und er
schritt so gelassen an den Leuten vorber, als htten sie ihn nie mit
hhnenden Worten gescholten.

Seht den Ketzer, wo schleicht der in der Nacht herum, rief eine
heisere, trunkene Stimme, aus dem Knuel der Tanzenden lste sich die
Gestalt eines Mannes und schritt auf Michael zu. Kommst mir gerade
recht, brllte er den ruhig Stehenbleibenden an, habe ein Hhnchen
mit Dir zu rupfen, =psia crew=, kennst mich wohl nicht, bist wohl zu
vornehm geworden, he?

Ich kenne Dich wohl, Woicech, sagte Michael gelassen zu dem einstigen
Spielkameraden, was willst Du von mir?

Wo die Valevka ist, sollst Du mir sagen?

Ich kenne keine Valevka, was ist mit ihr?

Fort ist sie seit drei Tagen, das Aufgebot wollten wir bestellen, nun
ist sie fort, Du hast ihr geholfen, gesteh' es nur, sie ist immer zu
Euren Betereien, zu Eurem Ketzerspuk im Walde gerannt, gieb sie raus,
Schurke, oder wehe Dir!

Michael erinnerte sich dunkel an ein blasses, verschchtertes Mdchen,
das Benjamin mit Valevka angeredet, er hatte sie kaum beachtet.

Ich wei es nicht, wo sie ist, willst Du sonst noch etwas? Sonst gieb
den Weg frei!

Einen Augenblick imponierte dem Burschen die Festigkeit sichtlich, er
trat zurck, seine angeborene Unterwrfigkeit, die vor dem Herrn sich
beugt, kam hervor; da rief eine keifende, hhnende Stimme aus der Menge:

Seht doch den Woicech, wie ihm der Mut alle wird, seht doch, und wie
er erst geprahlt hat!

Ein heiserer Schrei rang sich ber die Lippen des Trunkenen, mit
schwankendem Gang, mit starrem Blick kam er wieder nher an Michael
heran, der Branntweinduft schlug diesem entgegen und die Erinnerung
erfate ihn, er sah die wste Scene vor sich, in der Nacht, da sein
Pflegevater starb, ein Schauer berrieselte ihn und er streckte
unwillkrlich die Hand aus, den Betrunkenen abzuwehren.

Die anderen Burschen, auch einige Weiber, waren nher herangetreten, um
zu sehen, wie der Woicech mit dem Ketzer umspringen wrde; als Michael
den Betrunkenen abwehren wollte, ging ein Schrei der Entrstung durch
ihre Reihen.

Woicech, er will Dich schlagen, lass' es Dir nicht gefallen, brllten
sie.

Mich schlagen, mich, der Ketzer, mit einem Wutschrei raffte sich der
Bursche auf, blitzschnell hatte er sein Messer gezogen und stie im
blinden Zorn um sich.

Michael sah pltzlich das blitzende Messer vor sich, er fhlte einen
Sto und taumelte, seine Hnde griffen nach der Brust, warm rieselte es
an seinen Fingern nieder; ein Schwindel ergriff ihn, er sah alles vor
sich in einem blutroten Nebel zerflieen, wie aus weiter, weiter Ferne
hrte er Musik, mit einem dumpfen chzen brach er zusammen.

Sekundenlang standen die Leute wie erstarrt vor dem Geschehenen, bis
eine Frau aufschrie: Heilige Jungfrau, der Woicech hat ihn erstochen,
holt den Pan Kommissar!

Da kam Leben in die Menge, gellende Rufe der Frauen mischten sich mit
dem Fluchen der Mnner, jh verstummte die Musik, Wolf Salomon strzte
hnderingend hervor und rief: Erstochen hat er ihn, oh der verfluchte
Mrder, ich armer Mann, was wird der Pan Kommissar sagen, er schliet
mir den Krug, ich bin ruiniert!

Alles schrie aufgeregt durcheinander, alle Heiligen wurden angerufen,
den Woicech, der mit bldem Lachen davon taumelte, trafen einige
Pffe, die Weiber zeterten nach dem Pan Propst, die Mnner nach dem
Pan Kommissar; eine Frau lief schlielich, den Propst zu holen, einige
andere folgten ihr, immerfort jammernd, als mten sie der stillen
Strae das Unheil verknden.

Der Stellmacher beriet erst mit dem vollstndig fassungslosen Salomon,
ehe er sich gemchlich auf den Weg nach dem Schlo begab, vielleicht
war der Pan Kommissar dort oder ein Wagen wurde nach ihm ausgesandt.

Keine Hand aber rhrte sich, dem Todwunden zu helfen, er war ja nicht
mehr einer der Ihrigen und alles so lassen, hatte doch der Pan
Kommissar ausdrcklich gesagt, als der Frantizack Wakowiak sich erhngt
hatte, alles so lassen, nichts anrhren, bis das Gericht kommt, so
standen sie und blickten mit blder Neugier auf den Mann nieder, dem
langsam der rote Lebensstrom aus der Brust quoll.

Auf einmal verstummte die lebhafte Rede, ein verhaltenes Flstern
ging durch die Reihen und alle sahen gespannt auf die Dorfstrae, die
entlang ein kleiner Trupp kam, der Propst in sichtlicher Hast voran,
gefolgt von einigen weinenden Frauen.

Der Propst! Die Leute neigen sich demtig, als der Geistliche in
ihren Kreis trat, der Krugwirt fing lauter an zu zetern und die trb
brennende llampe, die er herbei geholt hatte, schwankte bedenklich
in seiner Hand. Das flackernde Licht fiel gerade auf das totenbleiche
Gesicht des Geistlichen, scheu wichen die Menschen zurck, vor dem
Sterbenden, der da auf dem Rasen lag, war ihr Reden nicht verstummt,
aber vor dem Priester mit den gleichsam versteinten Zgen wurden sie
stille.

Kein Laut, kein Schrei kam ber des alten Mannes Lippen, da er nun in
dem schwankenden Licht der Lampe, im Strahl des Mondes, den stillen
blassen Mann erblickte, der in einer Lache roten Blutes lag. Er ri
nur mit zitternden Fingern ein Tuch aus der Tasche und prete es auf
die Stelle, wo unaufhrlich das Blut hervorsickerte, dann umschlang er
behutsam den Kopf des Verwundeten.

Helft tragen, sagte er rauh, zu mir!

Die Leute, die erst nicht die Hand gerhrt, griffen nun rasch zu und
trugen ihn die kurze Strecke bis nach der Protein.

Wenige Minuten spter lag Michael auf dem Sopha im Studierzimmer,
die Trger waren gegangen, einer war zum Arzt gefahren, die alte,
unaufhrlich lamentierende Haushlterin hatte Propst Ryback
hinausgeschickt, nun war er allein mit dem Sterbenden. Er hatte so gut
er es vermochte, einen Verband um die Wunde gelegt, um das Blut zu
stillen, denn ehe der Arzt kam, konnten Stunden vergehen; nun sa er
regungslos, unverwandt auf das blasse Gesicht starrend.

Nur nicht sterben, nicht sterben, oh Gott, la ihn nicht sterben,
schrie es in seinem Inneren.

Drauen auf der Strae verstummte allgemach das Schreien, die
schlrfenden Schritte seiner Haushlterin waren verhallt, nur manchmal
bellte ein Hund auf, sonst unterbrach kein Laut die tiefe Stille umher.

Allein Vater und Sohn, mit beiden Hnden umklammerte der Alte die
wachsbleiche, schlaffe Hand des Jungen.

Michael, stirb nicht, wach auf, hre mich doch, stirb nicht, mein
Sohn, ach, stirb nicht, hrst Du mich, ach, stirb nicht! In namenloser
Angst flsterte er es, keinen Blick von dem weien Gesicht wendend, oh
Gott, er atmete noch, noch war Leben in ihm.

Oh Du barmherziger Gott, la ihn nicht sterben, Michael stirb nicht
so, sieh mich noch einmal an, noch einmal!

Drauen rollte ein Wagen, der Propst fuhr auf, der Arzt, vielleicht
kommt er schon, er rettet ihn noch, aber das Rollen verliert sich in
der Ferne, wohl einer der Gste vom Schlo, der vom Ball heimfhrt.

Wieder eine vergebene Hoffnung, die Minuten verrinnen, sie werden zu
Stunden, immer noch liegt Michael still und unbeweglich da, nur der
leise, kaum merkbare Atem zeigt, da noch Leben in ihm ist; immer
angstvoller klingt das Flehen des Propstes. Wach' auf, oh nur noch
einmal, oh Michael vergieb!

Vor den Augen des alten Mannes zieht sein ganzes Leben vorbei, sein
Fehlen und sein Shnen; aber hat er denn geshnt? Nein, tausendmal
nein, schreit es in ihm, ich habe nicht geshnt, neue Schuld zu der
alten gehuft, den Sohn verleugnet, ihn hinausgetrieben, seinen Frieden
gestrt, seinen Glauben an die Menschheit erschttert. Selbstgerecht
bin ich gewesen, stolz auf mein Priestertum, oh und welch schlechter
Priester!

Die Liebe lt sich nicht verleugnen, sie bleibt Siegerin, er denkt
an die Worte Marias, ja, er hat die Liebe leugnen wollen, sie aus
seinen Herzen reien. Thrichtes Unterfangen! In dieser Stunde fhlt er
es, die Liebe lt sich nicht leugnen und nun ihm die Einsicht kommt,
ist es zu spt.

Wach' auf, wach' auf, fleht er von neuem, nur einmal noch sage Vater
zu mir! Oh Du allmchtiger Erbarmer da droben, la ihn mir, nimm ihn
nicht jetzt, wo ich shnen mchte, nur kurze Zeit noch la ihn mir, nur
einen Tag, oh, nur eine Stunde, groer Gott, sei barmherzig!

Glitt nicht ein Zucken ber die Zge des Sterbenden, der Alte beugte
sich sphend ber ihn, tuschte ihn nur das Flackern des Lichtes,
nein, wirklich der Atem ging rascher, die Lieder hoben sich ein wenig,
tastend glitten die Hnde ber die Decke hin.

Michael, wach' auf!

Es war, als htte der Schrei die fliehende Seele zurckgehalten,
langsam ffnete Michael die Augen, mit leerem, fremdem Blick ruhten
sie auf dem Geistlichen, der seine Hnde krampfhaft umklammerte, mit
versagender Stimme flsterte: Mein Sohn, vergieb, ach, vergieb!

Vater, lieber, lieber Vater, wie ein Hauch nur klangen die Worte, ein
leises, friedliches Lcheln verklrte das Gesicht des Todwunden, ach,
nun ist alles gut -- mir ist so wohl -- Tabea -- Vater -- ich -- die
Augen schlossen sich wieder, immer leiser wurde der Atem -- ein kurzes
Rcheln -- ein Ruck ging durch die Gestalt -- die Hand, die der Alte in
der seinen hielt, wurde eiskalt. --

Michael, mein Sohn, mit einem Aufschrei brach der Vater neben dem
Toten zusammen, er prete seine runzelige Wange an die eiskalte des
Sohnes, er umklammerte krampfhaft dessen Finger, er kte die kalten
Lippen und weinte. --

Am Himmel war strahlend das Frhrot aufgeflammt, die ersten Laute
erwachenden Lebens drangen in das stille Sterbezimmer, aber der
alte Mann, der dort Totenwache hielt, sa zusammengebrochen bei der
verlschenden Lampe und sah nicht den Schimmer des jungen Tages. Erst
als ein Wagen vor dem Hause hielt, ein rascher, junger Schritt: sich
dem Zimmer nherte, fuhr er auf, er strich sich mit der Hand ber die
Augen und ging gebeugt, mit mden Schritten, dem eintretenden Arzt
entgegen.

Sie kommen zu spt, Herr Doktor, sagte er mit klangloser Stimme, es
ist vorbei!

Der Arzt trat rasch nher. Ja, ich komme zu spt, besttigte er, ein
schrecklicher Fall, der Mann, der mich holte, hat mir berichtet. Er
neigte sich ber den Toten und untersuchte die Wunde. Verblutung, der
Mann wre bei sofortiger Hilfe wohl noch zu retten gewesen, ich komme
in Wahrheit zu spt!

Zu spt, wiederholte der Geistliche, immer mit derselben tonlosen
Stimme, wir kommen oft zu spt im Leben und der Tote hat nun den
Frieden.

Teilnahmsvoll betrachtete Dr. Werner das Gesicht des alten Mannes. Sie
sind sehr erschttert, Herr Propst, stand Ihnen der Verstorbene nahe?

Ja, sehr nahe, sagte der Alte mit seltsam wehem Lcheln, sanft ber
die Stirn des Toten streichend, ich habe ihn lieb gehabt, aber ich kam
auch zu spt!

Beinahe gleichgltig beantwortete er dann noch einige Fragen des
Arztes. Als dieser sich bald verabschiedete, nahm er dessen Hand in die
seine und sagte: Sie sind verlobt mit Maria von Leninska, Gott segne
Ihren Bund und bewahre Sie vor dem Zuspt, noch einmal, Gott segne
Sie! Er drckte dem berraschten die Hand und ging ohne ein weiteres
Wort in sein Zimmer zurck, dort setzte er sich an seinen Schreibtisch
und schrieb ein Entlassungsgesuch, er sei alt und mde seines Amtes.

       *       *       *       *       *

Wenige Tage nach dem Ball nahm Grfin Jusia Abschied von Schlo
Lochowo, sie folgte einer dringenden Einladung der Grfin Wanda
Sucholska, einer Tante des Grafen Kasimir, die in ihr die Tochter
einer teuren Jugendfreundin gefunden hatte und sie nun gebeten, einige
Wochen ihr Gast zu sein; viel hatte zu dieser Aufforderung Graf Kasimir
beigetragen.

Frohlockend begrte Jusia die ersehnte Vernderung, den Anfang eines
neuen Lebens. Der Abschied von der Misre des alten, dachte sie, da
sie den Leninskis Lebewohl sagte. Ein wortreicher, thrnenvoller
Abschied; Jusia Potocka rhmte so viel, wie entzckend die Wochen ihres
Aufenthaltes auf Lochowo gewesen sei, da sie sie nie vergessen wrde,
da Herr von Leninski in seiner Harmlosigkeit sich wunderte, warum sie
da schon abfuhr, wenn es ihr doch so gut gefallen htte.

Frau Halinka war sehr liebenswrdig, obgleich sie im Grunde wnschte,
der Gast htte nie ihre Schwelle betreten, denn in ihrer Absicht hatte
es nicht gelegen, eine Verbindung Jusias mit Graf Sucholski zu frdern
und so sagte sie in aufrichtigem Schmerz:

Die heilige Jungfrau schtze Sie, mein teures Kind, und wenn Lochowo
fr Sie der Anfang eines Glckes bedeuten sollte, so seien Sie
berzeugt, da es niemand mehr freuen wrde, wie mich.

Maria gab der Scheidenden nur khl die Hand, whrend Kasia unter
strmenden Thrnen mit in den Wagen stieg, fr sie bedeutete der
Abschied wieder der Anfang einer Zeit voll trostloser Langerweile, sie
weinte so herzbrechend, da Jusia flchtiges Mitleid fhlte.

Sei ruhig, Kleine, sagte sie, ich verspreche Dir, ich lade Dich auf
einige Zeit zu mir, wenn -- ich erst am Ziel bin, vielleicht nchsten
Frhling nach Nizza, wenn Du nicht vorziehst, zu Deiner Schwester, der
Frau Doktorin nach Dingsda zu reisen und Dich an dem Glck in der Htte
zu erfreuen.

Oh pfui, Jusia, halb lachend, halb weinend rief es Kasia, spotte
nicht ber unser Unglck, oh, wre ich an Marias Stelle gewesen, nie
htte ich ja gesagt, ich begreife auch nicht, da die Eltern nun doch
ihre Zustimmung gegeben haben.

Ach, Kleine, ereifre Dich doch nicht, jeder nach seinem Geschmack, la
doch Deiner Schwester ihr kleines Glck, es mu auch Menschen geben,
die sich einbilden, ohne die sogenannte Liebe nicht leben zu knnen.

Durch die Luft zog ein Ton, ein melancholischer, dnner Glockenklang.

Die Totenglocke, sagte Kasia, sie begraben wohl den Wisniewski, Papa
hat doch Recht behalten, sie haben ihn erschlagen. Aber mein Himmel!
Jusia, was fehlt Dir, bist Du krank, Du siehst erschreckend bla aus?

Nichts, danke, danke, wehrte Jusia die besorgte Freundin ab,
es friert mich nur! Sie schauerte zusammen trotz der sengenden
Sonnenhitze und prete die Hnde an die Ohren. Ich kann diese Tne
heute nicht vertragen, sie klingen so disharmonisch, bitte, Kasia, sage
dem Kutscher, er soll schneller fahren, ich will fort, so rasch wie
mglich.

Wirklich, Jusia, Du bist krank, Du siehst furchtbar elend aus, wollen
wir umkehren?

Nein, nur fort, fort, schau mich nicht so entsetzt an, Kleine, ich bin
nervs, weiter nichts, und Eure Glocke ist so entsetzlich verstimmt.

Der Kutscher hob die Peitsche, immer rascher fuhr der Wagen dahin,
immer entfernter klang der melancholische Laut, bis er zuletzt dem
eilenden Wagen nicht mehr zu folgen vermochte; aber Jusia Potocka hrte
ihn noch, als lngst Lochowo hinter ihr lag.

Auf der staubigen Dorfstrae entlang trugen sie Michael Wisniewski zur
letzten Ruhe; wer irgend konnte, ging mit, that es doch Propst Ryback
selbst, also mute der Tote wohl vershnt im alten Glauben gestorben
sein, denn sonst wrde der Propst doch nicht als Geistlicher mitgehen.
Benjamin Jakobeit fehlte im Trauergefolge, er war am Tag nach Michaels
Tod abgereist, wohin wute niemand. Die Leute erzhlten sich flsternd,
da er sich geweigert htte, die Propstei zu betreten, und verlangt,
der Tote sollte in sein eigenes Haus gebracht werden, aber der Propst
hatte es nicht geduldet, und so war Benjamin fortgezogen, wie die Leute
sagten, nach Amerika, ohne noch einmal den toten Freund gesehen zu
haben. Das Haus mit dem blhenden Garten stand verwaist.

Auf dem kleinen, halbverwilderten Dorfkirchhof hatten sie dem Toten das
Grab bereitet an der Seite seiner Mutter. Die Totenglocke lutete mit
ihrem mden, zitternden Klang, als Propst Ryback an das offene Grab
trat und mit leiser Stimme ein Gebet sprach.

Ruhe in Frieden, Michael Wisniewski, in dem Frieden, den Du vergeblich
gesucht unter heien Schmerzen auf dieser Erde, wir alle sind arme,
irrende, fehlende Friedenssucher, stille Kmpfer auf dieser Erde, ach,
rechne uns unser Fehlen nicht an und nimm uns auf in Deinen Frieden, Du
barmherziger Gott, sagte der alte Mann am Schlusse des Gebetes mehr zu
sich, als zu den Leuten, die in stumpfer Gleichgiltigkeit dabei standen
und kaum den Sinn der Worte erfaten.

Die kurze Feier war zu Ende, die Frauen hatten einige Thrnen geweint,
wie es sich so schickte, dann hatten sie Alle dem Toten drei Hnde voll
Erde nachgeworfen und waren heimgegangen mit dem stolzen Bewutsein,
ein gutes Werk gethan zu haben.

Propst Ryback hatte auch den Friedhof verlassen und war die sonnige
Landstrae weiter gegangen, bis an das alte Muttergottesbild am
Weg, da hatte er sich mde auf einen Stein gesetzt und seine Blicke
schweiften nach dem Dorfe hin, das im grellen Sonnenlicht dalag. Seine
Augen umfassen das sonnige Landschaftsbild, drben schimmert wie ein
leuchtendes Auge der See, zur Seite zieht sich der Wald hin, in dessen
Grn bereits die ersten bunten Herbstfarben aufflammen. Er sieht den
weien, staubigen Weg, wie der sich in der Ferne verliert, in wenigen
Tagen wird er ihn zum letztenmal befahren, dann wird er fr immer
sein stilles Priesterhaus verlassen, die Gemeinde, in der er so lange
gewirkt, das stille Grab auf dem Friedhof. Aber die Erinnerung daran
wird er mitnehmen in seine einsame Klosterzelle, fern im ewigen Rom.
Ruhe will er dort suchen fr die letzten Tage seines Lebens; er wird
dort von seiner Zelle aus auf die sonnigen Hhen des Sabinergebirges
sehen knnen, und doch wei er, da er sich unsagbar sehnen wird nach
dem stillen Dorf mit seinen kleinen, schmutzigen Husern, seiner
staubigen Landstrae, nach all den Menschen, unter denen er bisher
gelebt. Einsam wird er seines Weges gehen und einsam sterben! Er denkt
an die junge Braut dort oben im Dorf auf dem Sande, ach, knnte er doch
zu ihr gehen und bitten: Habe mich lieb um des Toten willen, lass'
mich nicht allein in der Einsamkeit meines Herzens!

Oh, nur ein wenig Liebe, murmelt er, nur jemand auf der groen Welt,
der mir ein wenig Liebe schenkt.

So sitzt er und sinnt, bis junge, frohe Stimmen an sein Ohr schlagen,
er sieht auf und sieht Maria von Leninska mit ihrem Brutigam Arm in
Arm daherkommen. Sie bleiben stehen, als sie den Geistlichen gewahren,
und Maria zieht, wie sie als Kind gewohnt war, die Hand desselben an
ihre Lippen.

Sie wollen uns verlassen, sagte Papa, ist es wahr? Sie sieht fragend
zu ihm auf.

Ja, meine Tochter, ich bin alt und mde und sehne mich nach Ruhe, Du
aber gehst dem Glck entgegen, Gott geleite Dich!

Er will von dannen gehen, da fat Maria noch einmal seine Hand und sagt:

Ich danke Ihnen noch fr die guten Worte, die Sie bei Mama fr mich
eingelegt haben, ich werde Sie nie vergessen, mein treuer, vterlicher
Freund, und noch einmal kt sie innig seine Hand.

Auch Heinz Werner ergreift dieselbe und sagt warm: Lassen Sie sich
auch von mir danken, Sie haben mir zu meinem Glck verholfen.

Gott segne Euch, murmelt der alte Mann und wendet sich hastig ab, die
beiden gehen weiter Hand in Hand, ihre klaren Stimmen schallen noch zu
dem Einsamen hin, der, an das hlzerne Bild gelehnt, ihnen nachblickt,
wie sie so jung, so kraftvoll und mutig, so stolz in ihrer Liebe
dahinschreiten.

In die groe Traurigkeit seines Herzens ist ein heller Strahl gefallen
und er wei, da er dies Bild in der Erinnerung behalten wird, diese
glcklichen, jungen Menschen, die seiner in Liebe gedenken.

    [Illustration]




      *      *      *      *      *      *




Weitere Hinweise zur Transkription

    Der Schmutztitel wurde entfernt.

    Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
    korrigiert.

    Textkorrekturen:

    S. 5: knchere zu kncherne
        (Seine schmale, kncherne Hand ...)

    S. 7: herzzereiend zu herzzerreiend
        (... so herzzerreiend in seinem Jammer)

    S. 32: Empire zu Empire-
        (... kostbare Empire- und Rokokombel ...)
      heraus zu herauf
        (... kam diese schon die Treppe herauf)

    S. 33: cher zu chre
        (Oh, chre tante!)

    S. 46: sie zu Sie
        (... unglckliche Mutter. Sie haucht ...)

    S. 56: halben zu halbem
        (... mit halbem Lcheln)

    S. 60: chre zu chre
        (Chacqu'un  son got, ma chre, ...)

    S. 66: chere zu chre
        (Lebe wohl, chre tante, ...)

    S. 68: den zu denn
        (woher hat denn sie ...)

    S. 71: erzittterte zu erzitterte
        (Jusia erzitterte ...)

    S. 72: Amelie zu Amlie
        (... und wenn Tante Amlie mich sehe ...)
      Michals zu Michaels
        (... befreite sie sich aus Michaels Armen.)
      worwrts zu vorwrts
        (..., um vorwrts zu kommen, ...)

    S. 74: durchnst zu durchnt
        (..., vllig durchnt, ...)

    S. 76: schilst zu schiltst
        (..., schiltst mich einen Ketzer ...)
      Vater zu Vaters
        (... die Brust des Vaters ...)

    S. 80: ihrem zu ihren
        (... auf Sie, ihren alten Lehrer ...)

    S. 81: Armen zu Amen
        (In Ewigkeit, Amen ...)

    S. 89: Amelie zu Amlie
        (..., wenn Tante Amlie ...)

    S. 98: prikelnde zu prickelnde
        (... prickelnde Lebenslust ...)

    S. 103: Nachstunde zu Nachtstunde
        (... trotz der spten Nachtstunde ...)

    S. 105: Hnderingend zu hnderingend
        (... strzte hnderingend hervor ...)

    S. 106: rie zu ri
        (Er ri nur mit zitternden Fingern ...)

    S. 113: Jakubeit zu Jakobeit
        (Benjamin Jakobeit fehlte ...)

    Die beiden Schreibweisen Probst und Propst wurden zu Propst
    vereinheitlicht.



***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK STILLE KMPFER***


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