The Project Gutenberg EBook of Robinson in Australien, by Amalia Schoppe

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Title: Robinson in Australien
       Ein Lehr- und Lesebuch fr gute Kinder

Author: Amalia Schoppe

Release Date: March 21, 2015 [EBook #48541]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Robinson
  in
  Australien.

  Ein Lehr- und Lesebuch
  fr gute Kinder.

  von
  Amalia Schoppe,
  geborne Weise.

  Heidelberg.
  Verlagshandlung von _Joseph Engelmann_.
  1843.




An meine jungen Leser und Leserinnen.


Hoffentlich, meine Geliebten, erzeuge ich Euch einen Gefallen mit diesem
neuen _Robinson_; einmal, weil mir fortwhrend von vielen lieben Kindern
die Versicherung gegeben wird, da sie meine Jugendschriften gerne lesen;
dann aber auch, weil der Titel viel Lockendes fr Euch haben wird, indem
gewi Euer junges Herz bei dem Namen _Robinson_ hher schlgt. Ihr werdet
also dieses neue Buch Eurer Freundin mit gespannter Erwartung in die Hnde
nehmen und Euch hoffentlich nicht in derselben getuscht sehen.

Mein Zweck war, als ich diesen neuen Robinson verfate, und in ihm die
Schicksale eines zwar armen, aber sinnigen und wackern Knaben mittheilte,
Euch zugleich mit einem Welttheile bekannt zu machen, von dem selbst viele
gebildete Erwachsene noch wenig wissen: Ihr sollt Australien, den zuletzt
entdeckten, nur noch mangelhaft erforschten Welttheil, in seinem Clima,
seinem Boden und Pflanzen- und Thierreiche nher kennen lernen; und somit
bitte ich Euch, mein Buch nicht blo zur flchtigen Unterhaltung, gleichsam
um die Zeit, unser Kostbarstes zu tdten, in die Hand zu nehmen, sondern
zugleich auch Belehrung, Bereicherung Eures Wissens, daraus zu schpfen.
Da der _Robinson_ Euch nebenbei auf eine angenehme Weise unterhalten soll,
glaube ich Euch versprechen zu drfen.

Zu dem doppelten Zwecke: zu _bilden_, zu _belehren_ und Euch _frohe Stunden
zu bereiten_, schrieb ich bisher alle meine Bcher, und da Euch die frhern
immer willkommen waren, hoffe ich, wird es auch dieses sein.

Ich gre Euch smmtlich mit dem Grue inniger Liebe. Nicht mehr in dem
groen, prchtigen Hamburg, nicht zwischen den Trmmerhaufen dieser mir
ewig theuren Stadt, sondern in _Jena_, dem freundlichen Orte zwischen den
Bergen, die das reizende Saalthal rings wie ein Rahmen umfassen, schrieb
ich den _Robinson_ fr Euch.

Der Geber alles Guten sei mit Euch Allen, meine geliebten Kinder.

  _Jena_, im October 1842.

    _Eure treugesinnte_

      #Amalia#.




Der neue Robinson.




Erstes Kapitel.


Viele von Euch, meine geliebten Kinder, werden schon einmal von der groen
Handelsstadt Hamburg gehrt haben. Sie liegt an einem herrlichen Flusse,
der Elbe, die hier schon eine Meile breit und ihrem Einflusse in die nur
zwlf Meilen von Hamburg entfernte Nordsee nahe ist.

In dieser groen Welt- und Handelsstadt giebt es viele prchtige Palste,
dagegen aber auch eine Menge enger Gassen und kleiner Huser; ja, ein Theil
der Bevlkerung wohnt sogar unter der Erde in sogenannten Kellern, trben,
feuchten Wohnungen, in die das goldene Tageslicht nur sprlich fllt,
wehalb auch die Bewohner derselben in der Regel bleich und krnklich
aussehen. Denn eben die Sonne, welche den duftigen Kelch der Rose frbt,
frbt auch die Wangen der Menschen.

In einem dieser Keller wohnte eine arme Wittwe mit ihrem einzigen Kinde,
einem Sohne von etwa zwlf bis dreizehn Jahren. Sie hatte, seit dem Tode
ihres Mannes, der ein Schiffscapitn gewesen war, einen kleinen Handel
angefangen, um sich und ihren _William_ -- so hie der Knabe -- nothdrftig
zu ernhren. Allein das Geschft ging seit einiger Zeit schlecht, da sich
in einem benachbarten Hause eine hnliche Handlung, wie die der Wittwe
_Robinson_, etablirt hatte und diese ihr die Nahrung schmlerte. So sah die
arme Frau sorgenvollen Tagen und schlaflosen Nchten entgegen, besonders da
es bereits gegen den Winter ging, wo der Mensch zu seinem Unterhalte mehr
bedarf, als im Sommer.

Die Hlfe Anderer anzusprechen, davor wrde sich Frau Robinson geschmt
und weit lieber den bittersten Hunger, als das demthigende Gefhl ertragen
haben, von der Gnade anderer Menschen abhngig zu sein. Denn sie hatte
einst bessere Tage gesehen und gehrte durch ihre Geburt einer Nation an,
die sich in der Regel durch einen edlen Stolz auszeichnet: Der englischen
nmlich.

Ihr Vater war, wie ihr verstorbener Mann, ein Schiffscapitain gewesen und
zwar ein so erfahrener, geschickter, da ein bedeutendes Handlungshaus,
das Rhederei trieb, ihn von England berief und ihm sein bestes Schiff,
die _Fortuna_, zur Fhrung anvertraute. Damit segelte dann der Capitain
_Elliot_ -- so hie Frau Robinsons Vater -- durch alle Meere und fhrte von
allen Welttheilen die kostbarsten Waaren in den Hafen von Hamburg. Er galt
nicht nur fr einen streng rechtlichen Mann, sondern er war es in der
That: denn statt sich selbst zu bereichern, wie so Manche es in seiner Lage
gethan haben wrden, dachte er nur an den Vortheil seiner Rheder, das will
sagen, der Kaufleute, deren Schiff er fhrte, und so kam es, da, als
er starb, er seiner einzigen, bereits mit einem ihm befreundeten
Schiffscapitain verheiratheten Tochter kaum mehr hinterlie, als einen
unbefleckten Namen und den Ruf eines durchaus redlichen und geschickten
Mannes.

Mit diesem Erbtheile war aber sowohl seine Tochter _Anna_, als auch deren
Mann, der wackere Schiffscapitain _Robinson_, vllig zufrieden; mit Recht
sagten Beide, da ein guter Leumund das erste und kstlichste aller Gter
sei.

Der Ruf von strenger Redlichkeit, den sich Capitain Elliot erworben hatte,
kam auch seinem Schwiegersohne Robinson zu Gute; denn kaum hatte Elliot, in
Folge einer langwierigen Krankheit, seine Augen geschlossen, so trugen die
Rheder der Fortuna seinem Schwiegersohn die Fhrung des herrlichen Schiffes
an. Mit Recht schlo man, da der ein Biedermann sein msse, dem Capitain
Elliot seinen besten Schatz, die einzige geliebte Tochter, zum Eigenthume
gegeben hatte.

So stand also Capitain Robinson nach dem Tode seines Schwiegervaters als
Befehlshaber und Fhrer auf dem Verdeck der Fortuna und zwar unter noch
gnstigeren Aussichten, als der wackere Elliot: die Rheder hatten ihm einen
Antheil an dem Gewinne zugesagt und wenn die Geschfte nur einigermaen
gingen, so konnte der junge Capitain in einigen Jahren ein wohlhabender
Mann sein.

Da er das werden wrde, dazu hatte es den besten Anschein. Er brachte zu
einer sehr gelegenen Zeit eine Ladung Gewrze von den molukkischen Inseln
bei Asien und der Gewinn war fr die Rheder so bedeutend, da eine
Summe von 10,000 Mark, etwa 4000 Thaler preuisch fr den thtigen und
umsichtigen Robinson abfiel. Dieses Vermgen vermehrte sich noch im Laufe
einiger Jahre und man durfte glauben, da unser Capitain binnen Kurzem ein
reicher Mann sein wrde.

Wenn ihm diese Aussicht eine erfreuliche war, so war dies mehr um seine
liebe Frau und sein einziges Shnchen William, als weil er den Reichthum an
und fr sich schtzte. Diesen beiden Geliebten eine angenehme, sorgenlose
Existenz verschaffen zu knnen, der Gedanke war es, der seine Seele mit
Freude erfllte und ihn ohne Murren den gresten Gefahren trotzen lie.

So hatte Robinson schon fnf bis sechs Reisen mit der Fortuna gemacht und
auf jeder derselben bedeutende Vortheile fr die Rheder und sich selbst
erzielt, als der Vorsteher des Hauses, ein eben so braver als geschickter
und vorsichtiger Kaufmann, starb. Zwei Shne, die zum Kaufmannsstande
erzogen worden waren, erbten sein Vermgen und seine weltberhmte Handlung.
Allein des Vaters Geist ruhte nicht auf ihnen: sie wollten noch reicher
werden, als sie ohnehin schon waren, lieen sich auf groe Speculationen
ein und, da diese miglckten, sahen sie sich nach Verlauf einiger Jahre
um all ihr Erbgut gebracht. Ihnen blieb fast nichts mehr brig, als die
Fortuna, das seither vom Capitain Robinson gefhrte Schiff.

Aber auch dieses Besitzthum war im Grunde nur noch ein eingebildetes; denn
die Fortuna war durch die Reihe von Jahren, die sie See gehalten hatte, so
morsch und schadhaft geworden, da Capitain Robinson erklrte: es hiee
das Leben seiner Matrosen und sein eigenes auf's Spiel setzen, wenn er noch
eine Reise damit machte, und aus diesem Grunde verweigerte er es geradehin.

Man kann sich vorstellen, wie ungelegen eine solche Erklrung den beiden
jungen Rhedern kam, besonders in diesem Augenblick, wo sie fast ihre letzte
Hoffnung auf die Fortuna gesetzt hatten. Sie lieen auch nicht mit Bitten
und Vorstellungen nach, bis sie Robinson dahin vermocht hatten, noch eine
Reise mit der Fortuna zu machen, nachdem diese nothdrftig ausgebessert
worden war.

Es war ein sehr trber Abend, als der Capitain Abschied von seiner lieben
Anna und seinem Shnchen William nahm, um sich an den Bord der Fortuna zu
begeben. Zum ersten Male in seinem Leben empfand er eine Anwandlung von
Furcht; zum ersten Male, seitdem er in das Mannesalter getreten, drngte
sich ihm eine Thrne zwischen die Wimpern, als er seine Frau und sein Kind
umarmte, indem er Abschied von ihnen nahm. Auch sie konnten sich diesmal
nicht von ihm losreien; auch sie hingen laut schluchzend an seinem Halse
und bedeckten ihn mit ihren Thrnen und Kssen: allen dreien war, als glte
es einen Abschied auf immer.

Aber es mute doch geschieden sein und frh am andern Morgen, mit Anbruch
des Tages, segelte die Fortuna die Elbe hinab. Ein frischer Ostwind
schwellte ihre weien Segel und da sich die Ebbe mit dem gnstigen Winde
vereinte, erreichte die Fortuna schon nach wenigen Stunden die Nordsee bei
Cuxhafen. An diesem Orte nahm Capitain Robinson, wie es gebruchlich ist,
Lootsen an Bord, die ihn durch die gefhrlichen Stellen bis in die offene
See fhren muten, wo er selbst sein Schiff zu lenken verstand.

Da es unter meinen lieben jungen Lesern und Leserinnen gewi viele gibt,
die nicht wissen, was _Lootsen_ fr Leute sind, will ich es ihnen erklren.
Man benennt Mnner mit diesem Namen, die eine so vollkommene Kenntni
des Fahrwassers haben, da sie die Tiefen, Klippen und Sandbnke auf das
Genaueste kennen. Solcher Hindernisse fr die Schifffahrt gibt es nun am
meisten an der Mndung der Flsse, wehalb man an solchen Orten gewhnlich
Lootsen annimmt, um keinen Schaden zu leiden. Ist man aber ber die
gefhrlichen Stellen hinaus, so besteigen die Lootsen ihr an das groe
Seeschiff angehngtes kleineres Fahrzeug und kehren in den Hafen zurck.

Das thaten auch die Lootsen der Fortuna. Beim Scheiden hndigte Capitain
Robinson denselben noch einen Brief an seine liebe Frau mit dem Befehl ein,
ihn in Cuxhafen auf die Post zu geben, und er kam der Madame Robinson auch
richtig zu Hnden. Ach! er sollte das letzte Lebenszeichen sein, das die
arme Frau von ihrem geliebten Manne erhielt!

Zwar war die Fortuna noch in dem Hafen von Vera Cruz eingelaufen und
hatte daselbst eine Ladung an Bord genommen, mit der Robinson nach Hamburg
zurckkehren wollte; allein seit dem Augenblick, wo man die Fortuna von
diesem Hafen aus dem Gesichte verlor, wurde nichts weiter von ihr gesehen
noch gehrt. Aller Wahrscheinlichkeit nach war also das Schiff gesunken,
indem es, alt und morsch wie es war, zu viel Wasser geschpft hatte.

So vergingen sechs Monate, ohne da Frau Robinson etwas von ihrem lieben
Manne, die Rheder etwas von der Fortuna hrten und jetzt fing man an, sich
erst leisen, dann immer heftigeren Besorgnissen hinzugeben. Endlich waren
neun Monate, dann ein rundes Jahr verstrichen und die Fortuna war noch
immer nicht in den Hafen eingelaufen. Da konnte die arme Frau nicht lnger
an ihrem Unglck zweifeln: ihr geliebter Mann war auf der See geblieben und
sie sollte ihn nie wieder sehen!

Ihr Schmerz war grenzenlos und sie brachte Tag und Nacht fast nur mit
Weinen zu. Ihr einziger Trost war der kleine William, der ganz das Ebenbild
seines guten Vaters und ein schner, freundlicher Knabe war. Wenn er die
Mutter weinen sah, umschlang er ihren Hals mit seinen beiden Aermchen und
bat: Gute Mutter, weine doch nicht! Ich will auch ganz artig sein und Dir
und dem lieben Vater keinen Kummer machen! Wenn er aber das sagte, dann
weinte die Mutter noch heftiger und er endlich mit ihr.

In einem alten Sprichwort heit es: Ein Unglck kommt selten allein.
Dieser Spruch schien sich auch an Frau Robinson bewhren zu wollen.
Ein Jahr war kaum seit dem Verschwinden ihres Gatten dahingeflossen, so
erklrten die jungen Kaufleute, denen die Fortuna zugehrt hatte, da
sie ihren Glubigern nicht gerecht werden, das heit, ihre Schulden nicht
bezahlen knnten. Eine solche Erklrung heit man _bancerott_ machen. Das
Wort stammt aus dem Italienischen von =Banca rotta= -- zerbrochenen Bank
-- her, indem es in Genua Gebrauch war, den Kaufleuten, die nicht bezahlen
konnten, zum Schimpfe die Zahlbank zu zerschlagen oder zu zerbrechen.

Einen solchen Bancerott machten nun die jungen Kaufleute und da der
Kapitain Robinson ihnen all sein erworbenes Geld anvertraut hatte, ging es
mit verloren. Frau Robinson erhielt von dem Vielen, das man ihr schuldete,
nur eine sehr geringe Summe ausbezahlt und von dieser war schon nach einem
Jahre kein Heller mehr brig, da die Arme durch den erlittenen groen
Kummer in eine schwere Krankheit verfallen war, die ihre letzten
Hlfsmittel aufzehrte.

Endlich durch die Hlfe der Aerzte von dieser Krankheit wieder genesen,
sah sich die arme Frau aller Hlfsmittel fr ihre eigene und ihres
Kindes Existenz beraubt. Sie mute also darauf denken, durch Arbeit ihren
Unterhalt zu verdienen und so suchte sie eine ihren Krften und Fhigkeiten
angemessene Beschftigung. Man kam ihren Wnschen freundlich entgegen und
gab ihr feine Wsche zum Nhen. Sie verrichtete diese Arbeit eine Zeitlang
mit groem Fleie und der ihr eigenthmlichen Pnktlichkeit; allein zu
ihrem nicht geringen Erschrecken entdeckte sie, da ihre Augen nicht mehr
recht dienen wollten und sie sie theils durch das viele Weinen, theils
durch die feine die Sehkraft allzusehr anstrengende Arbeit gnzlich
verdorben hatte. Sie befragte jetzt einen Arzt und dieser erklrte ihr,
da, wenn sie nicht gnzlich erblinden wolle, sie die feine Arbeit ganz
aufgeben und eine andere Lebensweise ergreifen msse.

Wovon soll ich aber? rief die arme Frau bei dieser Erklrung im hchsten
Grade erschrocken aus, mich und mein armes Kind in Zukunft ernhren? Sie
werden wissen, lieber Herr Doktor, fgte sie mit einem schweren Seufzer
hinzu, da ich meinen geliebten Mann und zu gleicher Zeit auch das von
ihm erworbene Vermgen verloren habe, folglich durch Arbeiten Brod fr mein
Kind und mich erwerben mu.

Wohl wei ich das, liebe Madame Robinson, erwiederte ihr der Arzt, der
ein vortrefflicher Mann und ein wahrer Menschenfreund war; aber ich mu
trotz dem bei meinem Ausspruche beharren und Sie dringend ermahnen, fr
die Folge ihres Lebens allen feinen, die Augen anstrengenden Arbeiten zu
entsagen.

So wrde mir nichts weiter brig bleiben, als mein Kind an die Hand zu
nehmen und von Haus zu Haus betteln zu gehen, sagte sie, indem ein Strom
von Thrnen ihr ber die bleichen Wangen scho, und das Herr Doktor,
vermchte ich nicht. Lieber sterben, als betteln!

Kommen Sie morgen um dieselbe Stunde wieder zu mir, sagte der Arzt nach
einem kurzen Nachdenken. Ich will die Sache mit meiner Frau berlegen; sie
ist wohlmeinend und verstndig; ich hoffe, sie wird uns irgend einen Ausweg
zeigen knnen, und was an mir liegt, so knnen Sie auf mich rechnen; so
weit es meine Krfte erlauben, will ich Ihnen beistehen. Ich bin leider
noch ein junger Arzt und besitze kein eigenes Vermgen; auch ist meine
Praxis noch klein, sonst wrde ich gewi mehr thun, als ich jetzt werde
thun knnen. Sorgen Sie inde weder fr die Bezahlung meiner rztlichen
Bemhungen, noch fr die Medicin und wenden Sie die Ihnen von mir
verschriebenen Medicamente sorgfltig an.

Er reichte ihr bei diesen Worten zum Abschiede die Hand und die arme,
grambeladene Frau kehrte in ihre bescheidene Wohnung zurck. Am andern
Morgen war sie wieder bei ihrem zur Hlfe willigen Freunde. Dieser schien
sie schon erwartet zu haben und fhrte sie zu seiner Frau, die sie zu sich
auf den Sopha lud und sie auf das Liebevollste und Zuvorkommendste empfing.
Gute und gefhlvolle Menschen sind stets am hflichsten gegen Unglckliche;
niedere Seelen dagegen kriechen vor Reichthum, Ansehen und Macht. Wenn
ich Personen hart und unhflich mit Leidenden, in ihrem Vermgen
Heruntergekommenen umgehen sehe, dann habe ich gleich keine gute Meinung
weder von ihrem Herzen, noch von ihrem Verstande.

Meine liebe Madame Robinson, sagte die treffliche Frau, indem sie ihr die
Hand reichte, mit jener herzgewinnenden Freundlichkeit, die Leidenden so
wohl thut, mein guter Mann hat mir von Ihnen und Ihrem unverschuldeten
Leiden erzhlt, indem er mich zugleich aufforderte, Ihnen nach Krften
mit Rath und That zu Hlfe zu kommen. Nach lngerem Nachsinnen ist mir
ein Ausweg eingefallen. Da drben, -- sie wies auf ein gegenberliegendes
Huschen -- wohnte eine Frau, die sich lange Zeit hindurch anstndig durch
den Verkauf von Sdfrchten und allerlei Eingemachtem ernhrte. Es war
freilich bei dem kleinen Handel nicht viel brig; allein er schtzte die
Frau gegen Mangel und Sorge. Seit wenigen Tagen ist sie gestorben und das
Huschen steht zur Miethe. Wenn Sie wollen, miethen _wir_ es fr Sie --
der sehr geizige Hauswirth wrde es wohl schwerlich ohne eine gengende
Brgschaft an _Sie_ vermiethen -- und strecken Ihnen ein Smmchen zum
Ankaufe der nthigen Artikel vor. Auf diese Weise, so scheint es mir,
wrden Sie das Nothwendige erwerben knnen, ohne Ihre armen Augen noch
ferner anzustrengen. Was sagen Sie zu diesem Vorschlage?

Die gute Frau Robinson glaubte die Stimme eines Engels zu hren, als sie
diese Worte vernahm. Es fehlte nicht viel, so wre sie der trefflichen Frau
zu Fen gefallen, um ihr zu danken, wie es ihr Herz ihr gebot; sie hatte
kaum Worte, nur Thrnen.

Nicht wahr, fragte ihre Wohlthterin gerhrt, nicht wahr, Sie gehen
auf meinen Vorschlag ein und mein Mann macht noch heute die Sache mit dem
Hauswirthe richtig, damit uns kein Anderer zuvorkomme?

O, wenn Sie die Gte haben wollten! stammelte Frau Robinson, indem sie
die Hnde der Trefflichen ergriff. Sie wollte mehr sagen, vermochte es aber
vor Rhrung nicht.

Die Sache ist so gut wie abgemacht, entgegnete ihr diese, und jetzt, ich
bitte Sie, beruhigen Sie sich, regen Sie sich nicht zu sehr auf, fgte
sie liebevoll hinzu; mein Mann behauptet, da Sie solche Gemthsbewegungen
nicht gut ertragen knnen, und namentlich Ihren Augen dadurch schaden
wrden.

Frau Robinson ging jetzt und schon nach acht Tagen bezog sie mit ihrem
lieben William die neue Wohnung und trat ihr neues Geschft an.




Zweites Kapitel.


Drei Jahre hindurch verlebte Frau Robinson, wenn auch nicht in Glck und
Freude -- denn noch immer konnte sie sich nicht ber den Verlust ihres
Mannes trsten -- doch in Friede und ohne allzuschwere Sorge in dem ihr von
dem wackern Arzte gemietheten Hause. Das Geschft war leicht und nicht eben
unangenehm und William, der jetzt zwlf Jahre alt geworden war, ging ihr in
seinen Musestunden so wacker dabei zur Hand, als wre er noch einmal so alt
gewesen. Er war ein beraus sinniger und verstndiger Knabe, der auf Alles
Acht gab und schnell diesen und jenen ihm gezeigten Handgriff begriff.
In der Schule, die er fast unausgesetzt besuchte -- so wollte es seine
verstndige Mutter -- liebten ihn die Lehrer und seine Mitschler, weil
er gegen erstere stets ehrerbietig, gegen die letzteren hlfreich und
freundlich war. Man konnte ihn freilich nicht eben einen groen Kopf
nennen, und ein Licht der Gelehrsamkeit wrde wohl schwerlich, selbst
bei dem besten Unterrichte, aus ihm geworden sein; allein er war fleiig,
sinnig und ein hchst verstndiger Knabe, der zu mechanischen Arbeiten eine
groe Neigung hatte; auch wollte er, wie er sagte, entweder ein Tischler
oder Drechsler werden und die Mutter hatte nichts dagegen, da er ein
Handwerk ergriffe.

Die edle Familie, welche sich der Frau Robinson in der Zeit ihrer Noth so
menschenfreundlich angenommen, hatte inde seit lnger denn einem Jahre
Hamburg verlassen, indem der junge Arzt einem ehrenvollen Rufe nach Ruland
folgte, wo er bei der Armee als Stabsarzt angestellt wurde. Er hatte
nmlich das Glck gehabt, einem reisenden, sehr reichen und vornehmen
Russen, einem Prinzen, durch seine groe Geschicklichkeit und Sorgfalt das
Leben zu retten. Als dieser heimgekehrt war, empfahl er dem Kaiser seinen
Erretter so dringend, da man den geschickten Mann unter den glnzendsten
Bedingungen nach Ruland berief, wo er in der Folge eben so reich als
angesehen wurde.

Durch diesen Zufall hatte Frau Robinson ihre gromthigen Beschtzer
verloren, und so glcklich es fr diese war, so unglcklich war er fr die
arme Frau. Kurz nach der Abreise der Beiden fiel es einem Speculanten ein,
die kleinen Huser, wovon Frau Robinson das eine bewohnte, zu kaufen,
sie bis auf den Grund niederreien und an deren Stelle groe, prachtvolle
Huser erbauen zu lassen, und da er dem Besitzer der kleinen Wohnungen eine
ansehnliche Summe bot, war man des Handels bald einig. Frau Robinson mute
also ihre bisherige Wohnung, in der es ihr so wohl ergangen war, verlassen
und sich nach einer andern umsehen. Da sie in der Gegend als eine redliche
und zuverlssige Frau bekannt war und frchten mute, ihre Kundschaft zu
verlieren, wenn sie in einen andern Theil der sehr groen Stadt zge, sah
sie sich in der Nhe ihrer bisherigen Wohnung nach einer andern um. Allein
die Huser waren zum Theil so gro und die Miethe so theuer, da ihr
endlich nichts weiter brig blieb, als einen eben frei werdenden Keller zu
miethen.

Dies war ein enger, trauriger und dsterer Aufenthalt; nur auf wenige
Augenblicke fiel ein Sonnenstrahl in das kleine, dumpfe Stbchen und die
noch kleinere Schlafsttte entbehrte sogar gnzlich des lieben Tageslichts.
Inde mute man sich doch noch glcklich schtzen, diese Wohnung um einen
migen Preis erstanden zu haben und Williams Umsicht und Liebe wute sie
zu verschnern.

An Sparsamkeit von Jugend auf gewhnt, hatte er alle seine Schulhefte
aufgehoben und beklebte mit dem dadurch gewonnenen Papier die nur mit Kalk
beworfenen Wnde. Als er damit fertig und alles gehrig getrocknet war,
verschaffte er sich Farbe und einen Malerpinsel und strich die Papierwnde
so eben und gut mit einer hellen Farbe an, da das Ganze wirklich ein recht
freundliches Ansehen gewann. Dann zog er auch vor dem kleinen Fenster des
Stbchens eine Menge Blumen, die er sich zu verschaffen gewut hatte. Da
er bei Allen beliebt war, gab ihm bald dieser, bald jener seiner Mitschler
ein hbsches Pflnzchen oder auch nur einen Absenker und er verstand es
so zu hegen und zu pflegen, da es in kurzer Zeit freudig emporwuchs
und Stengel, Blthen und Blumen trieb. So oft er eine Stunde Zeit hatte,
beschftigte er sich mit seinen Blumen, trug sie ins Freie hinaus, bego
und putzte sie und hatte seine herzinnige Freude daran, wenn die Blicke
seiner lieben Mutter mit Wohlgefallen darauf ruhten.

An diesem Orte verlebte man so noch ein Jahr und es schien, als ob das
Schicksal mde geworden sei, die arme Frau Robinson zu verfolgen. Die
alten Kunden blieben ihr getreu und der kleine Handel ging ganz so gut,
wie vorher. Da, als man sich dessen nicht versah, miethete einer der ersten
Fruchthndler der Stadt, ein Mann, der bereits durch diesen Handel reich
geworden war, eins der neu erbauten Huser und etablirte sich in demselben,
indem er einen Gehlfen hineinsetzte. Alle nur erdenklichen Frchte und
die Leckereien aller Zonen und Welttheile wurden hinter Spiegelfenstern
zur Schau ausgestellt; in krystallenen Gefen schwammen Forellen und
Goldfische; hier glhten Orangen, Citronen und Apfelsinen; dort dufteten
Ananasse, Melonen und Granatpfel; von den kstlichsten Trauben waren
Guirlanden gebildet, Kse standen da in Ananasform; Kastanien, Rosienen,
Mandeln u.s.w. bildeten den Hintergrund; kurz, Alles was nur Auge und
Gaumen reizen konnte, war da und in der gresten Flle.

Wie armselig nahm sich dagegen der Keller der Frau Robinson aus! Auch sah
Keiner mehr auf denselben nieder, sondern die Blicke aller Vorbergehenden
wendeten sich auf das groartige Etablissement in dem schnen Hause; Alles
strmte dahin, whrend der Keller fast gnzlich verdete.

Dies war ein furchtbarer Schlag fr die Vielgeprfte und htte sie nicht
Gott im Herzen gehabt, nicht ihm vertraut, so wrde sie diesem neuen
Unglcke vielleicht erlegen sein. Sie aber wandte Herz und Auge zum Himmel
empor und sagte: Herr, in Deine Hnde lege ich mein Geschick: Du wirst
wissen, wozu mir diese neue Prfung ntz ist und Dein Kind nicht allzusehr
prfen. Dein heiliger Wille geschehe im Himmel, wie auf Erden. Amen!

Trotz dieses frommen, unerschtterlichen Vertrauens zu ihrem himmlischen
Vater trat ihr aber doch eine Thrne in das Auge, wenn sie an die Zukunft
ihres lieben Williams dachte. Denn die Zeit war nahe, wo er zu einem
Meister in die Lehre gethan werden mute und dazu war vor allen Dingen Geld
erforderlich. Woher aber dieses nehmen, da der Erwerb so schmal geworden,
da man an manchen Tagen sich kaum an trockenem Brode satt essen konnte?
Wenn man den Keller htte verlassen und in einem andern Theile der Stadt
eine andere Wohnung miethen knnen, so wre vielleicht noch alles gut
gegangen; allein das konnte man nicht, da man, in der Furcht, vielleicht
von dem Hauswirthe in der Miethe aufgetrieben zu werden, den Keller auf
Contract, das heit, auf mehrere Jahre gemiethet hatte. Man mute also
bleiben, wo man war und seinem vlligen Ruin entgegensehen.

So standen die Sachen, als der Fruchthndler, welcher das groe Haus
gemiethet hatte, zur nicht geringen Verwunderung der Frau Robinson an einem
Morgen zu ihr eintrat und sie fragte; ob sie geneigt sei, seinem Geschfte
vorzustehen? wofr er ihr eine billige Vergtung geben, auch die Miethe fr
den Keller auf sich nehmen wolle.

Zu dieser Anfrage wurde er durch den Umstand veranlat, da er entdeckt
hatte, wie der von ihm eingesetzte Gehlfe ihn um bedeutende Summen
betrogen. Er mute ihn also aus dem Dienste jagen und sich nach einer
redlichen, auch mit dem Geschfte vertrauten Person umsehen. Man schlug
ihm dazu Frau Robinson vor, deren Charakter man ihm sehr rhmte, und da
sie berdie diese Art von Handel kannte, stand er nicht an, auf sie zu
reflectiren.

Ein solcher Vorschlag war nicht zu verachten; allein der hinkende Bote kam
nach: Herr _Berger_ -- so hie der groe Fruchthndler -- forderte von Frau
Robinson, da sie sich schon jetzt von ihrem Sohne trennen und ihn in
die Lehre geben solle, obgleich er noch nicht das gehrige Alter und
die erforderlichen Krperkrfte erlangt hatte. Denn, sagte er, so ein
Brschchen kann leicht in Verfhrung gerathen und knnte es mir eben so mit
ihm ergehen, wie mit meinem frheren Gehlfen, der mein Geld verthat und
mich in groen Verlust brachte.

Vergebens betheuerte ihm Frau Robinson, da er dergleichen von ihrem
William nicht zu befrchten habe: er blieb bei seiner Meinung und seinen
Ansichten und verlie sie mit den Worten:

Ueberlegen Sie meinen Vorschlag: ich lasse Ihnen bis Morgen Mittag Zeit.
Gehen Sie dann nicht auf denselben ein, so mu ich mich nach einer andern
Hlfe umsehen.

Mutter, nahm William das Wort, liebe Mutter, Du solltest den Vorschlag
des Herrn Berger nur annehmen, und Dir keine unnthige Sorge um mich
machen.

Was redest Du mein Kind? versetzte die Mutter, bist Du doch mein Ein und
mein Alles, und lebe ich nur noch fr Dich!

O, ich wei, welche groe Liebe Du mir schenkst, versetzte William
gerhrt; aber ich dchte, da ich doch vielleicht schon einen Meister
fnde, der mich zu sich nhme, obschon ich noch nicht das gehrige Alter
habe. Ich wrde in diesem Falle ein Jahr lnger Lehrbursche sein mssen und
das wollte ich gerne, wenn ich Dich nur einer so schweren Sorge berhoben
she. Erlaubst Du mir, fgte er schmeichelnd hinzu, erlaubst Du, liebes
Mtterchen, mir, zu dem Meister Brandt zu gehen, und ihn zu fragen, ob er
mich schon jetzt zu sich nehmen und mich in seinem Handwerke unterrichten
wolle? Ich denke, da er es thun werde, da er gut und freundlich ist und
mir versprochen hat, da er mein Lehrherr werden wolle.

Die Mutter machte noch einige Einwendungen gegen diesen Vorschlag, dann
aber willigte sie, den dringenden Bitten Williams nachgebend, endlich
doch ein und der gute Knabe sprang die Gasse hinunter, um sich zum
Tischlermeister Brandt zu begeben, der nicht weit von ihnen wohnte.

Er fand den Meister, einen freundlichen und geschickten Mann, in seiner
Werkstatt beschftigt. Als er unsern William eintreten sah, lie er die
fleiige und kunstfertige Hand, die den Hobel fhrte, einen Augenblick
ruhen, um sie ihm zur Bewillkommung entgegen zu strecken.

Nun, sagte er, da bist Du wieder, um zuzusehen? Es gefllt mir an Dir,
da Du schon jetzt eine so groe Neigung fr Dein knftiges Geschft hast
und in Deinen Muestunden meiner Arbeit zusiehst. Aus Dir wird, so hoffe
ich zu Gott, einmal ein tchtiger Mann in unserm Fache werden und ich freue
mich schon auf die Zeit, wo Du zu mir ins Haus und in die Lehre treten
wirst.

Lieber Meister, antwortete ihm William etwas schchtern, wie man es
allemal zu sein pflegt, wenn man eine Bitte vorzutragen hat, von deren
Gewhrung viel fr uns abhngt. Lieber Meister Brandt, sollte es nicht
mglich sein, da Ihr mich schon jetzt gleich, wo mglich schon Morgen, zu
Euch in die Lehre nhmet?

Wenn das von mir abhinge, versetzte der wackere Mann freundlich, so
nhme ich Dich lieber heute als morgen um so mehr, da ich so eben einen
Lehrburschen habe fortschicken mssen, der trge, unlustig zur Arbeit,
verlogen und mit so vielen andern Fehlern behaftet war, da ich ihn nicht
bei mir behalten konnte, schon meiner Kinder wegen, die er mir vielleicht
mit verdorben haben wrde. Ich mu mich daher nach einem andern
Lehrburschen umsehen und.....

Der werde _ich_ sein? nicht wahr? unterbrach ihn William mit freudig
bewegter Stimme.

Der wrdest Du unfehlbar sein, versetzte der Meister, wenn Du zwei Jahre
lter und schon confirmirt wrest.

O, confirmirt knnte ich ja spter werden, sagte William, und was mein
Alter anbetrifft, so knnte es Euch, lieber Meister, wohl gleichgltig
sein, wenn ich nur die erforderlichen Krfte und Fhigkeiten bese; ich
gelobe Euch aber, da ich durch Flei und Aufmerksamkeit ersetzen will, was
mir noch an Jahren abgeht.

Wehalb wnschest Du denn aber, sofort bei mir einzutreten? forschte der
Meister; Du hast Dich doch nicht etwa gar mit Deiner braven Mutter erzrnt
und wnschest dehalb, sie auf der Stelle zu verlassen?

Gott bewahre! rief William, dem bei dieser Aeuerung des Meisters das
Blut in die Wangen stieg, und nun erzhlte er dem guten Manne mit seiner
gewohnten Offenheit, wie die Sachen standen und was es eigentlich war, das
ihn zu dem Wunsche bewog, die geliebte Mutter schon jetzt zu verlassen.

Brandt hrte ihm mit theilnehmender Aufmerksamkeit zu, dann, als er geendet
hatte, reichte er ihm die Hand und sagte mit gerhrter Stimme:

Wie glcklich wrde ich sein, wenn ich Deinen Wunsch gewhren knnte; das
kann ich aber leider nicht. Wir Handwerker haben unsere eigenen Gesetze
und die verbieten es uns, einen Knaben, der noch nicht das fnfzehnte Jahr
erreicht hat und noch nicht confirmirt ist, in die Lehre zu nehmen. So leid
es mir also auch thut, so mu ich Dir Deine Bitte abschlagen.

Das war nun fr unsern William ein trostloser Bescheid. Er war mit der
gresten Hoffnung hergekommen, da er der Gte Brandt's fest vertraute, und
hoffnungslos sollte er jetzt von ihm scheiden. Der Gedanke, was jetzt aus
seiner guten Mutter werden solle, prete ihm bittere Thrnen aus, deren
Strom Meister Brandt vergebens zu hemmen bemht war.

In dem Augenblick, wo diese am heftigsten flossen, ffnete sich die
Thr der Werkstatt und ein Mann von mittleren Jahren, von untersetzter,
krftiger Gestalt, mit einem von der Sonne gebrunten Gesichte, trat zu
den Beiden ein. Seine Kleidung war sehr fein und ganz neu, hing ihm aber
ziemlich weit auf dem Leibe; er hatte einen weilichen Kastorhut auf dem
Kopfe; um den Hals war ein buntes, seidenes Tuch geknpft, dessen Zipfel
weit auf die Brust herabfielen; er trug sehr weite Hosen von blauem Tuche,
eine lange, goldene Uhrkette mit einem halben Dutzend goldener Uhrschlssel
und Pettschaften daran und aus der Tasche seines Rockes guckte ein
hochrothes, seidenes Schnupftuch hervor. Unser William erkannte auf den
ersten Blick einen Schiffskapitain in diesem Manne und im Andenken an
seinen lieben, verschollenen Vater schlug sein Herz mchtig beim Anblick
desselben.

Da er sich, als die Thre sich ffnete, nach dem Eintretenden umgesehen
hatte, blickte dieser ihm in das von Thrnen berstrmte Gesicht und mit
seemnnischer Freundlichkeit auf ihn zugehend, sagte er:

Was ist denn dem Jngelchen, da es so weint?

William errthete ber und ber bei dieser Frage des fremden Mannes und
Kapitain _Hansen_ -- dies war sein Name -- der es bemerkte, fuhr fort:

Du brauchst Dich vor mir Deiner Thrnen nicht zu schmen, Kleiner;
freilich wenn Du ein groer Kerl wrest und flenntest dann, so wrd'
ich 'ne schlechte Idee von Dir bekommen. Sag' mir lieber, was Dir ist,
vielleicht kann ich Dir helfen.

Das arme Kind ist bel daran, nahm jetzt Meister Brandt das Wort, und
nun erzhlte er dem Kapitain, wie die Sachen standen. Dieser hrte ihm
mit gespannter Aufmerksamkeit und sichtbarer Theilnahme zu; dann, als er
geendet hatte, nahm er das Wort und sagte:

Dem armen Jungen und seiner Mutter wrde leicht zu helfen sein, wenn beide
keine Abneigung gegen das Seeleben htten.

Die habe ich gewi nicht, antwortete ihm William, waren doch mein Vater
und Grovater eben so gut Schiffscapitaine, als, wie ich glaube, der Herr
es sind.

So? Dein Vater und Grovater waren Seeleute? fragte Kapitain Hansen
berrascht. Wie hieen sie, mein Jngelchen?

Mein Grovater hie Elliot und mein Vater Arthur Robinson, versetzte
William, schon etwas dreister.

Das sind Namen, die zur See guten Klang halten, nahm Hansen wieder das
Wort. Ich hrte oft von ihnen reden, sowohl in Europa, als in andern
Welttheilen, und es freut mich, da ich die Bekanntschaft des Sohnes
und Enkels so braver Leute gemacht habe, fgte er liebevoll hinzu.
Hoffentlich bist Du, mein Kind, nicht aus der Art geschlagen und wenn dem
so sein sollte, wrde es eine groe Freude fr mich sein, erst aus Dir eine
tchtige Theerjacke,[1] dann aber einen Capitain zu machen, wie es Deine
Vorfahren waren. Httest Du wohl Lust, mit mir auf die See zu gehen?

  [1]: In der seemnnischen Sprache nennt man so die Matrosen.

William errthete bei diesem Vorschlag ber und ber. Es war ihm bis jetzt
noch gar nicht eingefallen, da ein solcher Ausweg ihm brig bliebe, um
seine gute Mutter von der Sorge um ihn zu befreien und so berraschte er
ihn um so mehr. Hansen, der sein Errthen falsch deuten, sagte:

Wenn Du Dich aber frchtest, so bleib' lieber zu Hause: ein Seemann mu
vor allen Dingen Muth in der Brust haben und sich vor Nichts frchten.

O, ich frchte mich vor dem Wasser gewi nicht, war die Antwort Williams,
und wenn meine gute Mutter nur wollte, wie ich will, so wre der Handel
bald geschlossen.

So befrage Deine Mutter, versetzte der Capitain, und bringe mir Morgen,
zwischen acht und neun Uhr, Deine Antwort. Hier ist meine Adresse, fgte
er hinzu, indem er ein Blatt Papier aus seiner Brieftasche ri und seinen
Namen und seine Wohnung darauf bemerkte. Du mut Dich aber schnell
entschlieen, fuhr er fort; mein Schiff liegt segelfertig und ich warte
nur noch auf gnstigen Wind, um den Hafen zu verlassen. Bringst Du mir
Morgen frh bis neun Uhr keine Antwort, so suche ich mir einen andern
Jungen, denn ich mu einen haben; Du aber wrdest mir der liebste sein, da
Du von so wackern Seeleuten abstammst.

Der Capitain wandte sich jetzt an Meister Brandt, mit dem er von Geschften
zu sprechen hatte, und unser William, dem durch den Vorschlag Hansens
eine neue Welt aufgegangen war, eilte mit schnellen Schritten nach seiner
Wohnung zurck, um ihn der Mutter mitzutheilen.




Drittes Kapitel.


Als die Mutter ihn so eilig und mit vor Freude glhenden Wangen bei sich
anlangen sah, glaubte sie schon, da Meister Brandt auf den Wunsch Williams
eingegangen sei und ihm versprochen habe, ihn schon jetzt zu sich in
das Haus zu nehmen. Diese glckliche Tuschung whrte aber nur wenige
Augenblicke, indem William ihr die abschlgige Antwort des Tischlers,
zugleich aber den Vorschlag Hansens, ihn mit auf die See nehmen zu wollen,
mittheilte. Die gute Frau wurde todtenbleich vor Schrecken, als William sie
dringend bat, ihm ihre Erlaubni zur Mitreise nicht versagen zu wollen und
nach einem kurzen Nachdenken erklrte sie mit Bestimmtheit, da sie lieber
Alles erdulden, als ihr Liebstes dem unsichern Elemente anvertrauen wolle.

Ich habe, sagte sie unter Thrnen, kein anderes Gut auf Erden, als Dich
und der Gedanke, mich von Dir trennen zu sollen, wrde vllig unertrglich
fr mich sein. Mge daher kommen was da will: ich lasse Dich nicht und
will lieber Hunger und Kummer mit Dir ertragen, als getrennt von Dir im
Wohlleben schwelgen.

Vergebens bot William seine ganze kindliche Beredsamkeit auf, sie zu einem
andern Entschlusse zu bringen: sie beharrte bei dem einmal gefaten und
befahl ihm, sofort zu dem Capitain Hansen zu gehen, um diesem zu sagen,
da er nicht auf ihn rechnen und sich sobald als mglich einen andern
Kajtenwchter suchen mge.

Mit schwerem Herzen und zum ersten Male mit innerm Widerstreben
gehorchte William ihr. Nicht mit schnellen Schritten sondern langsam und
niedergedrckt, wanderte er den Vorsetzen zu, wo sich die Wohnung des
Capitains befand. Er traf diesen nicht zu Hause an, wohl aber seine Frau,
die ihm sagte, da ihr Mann so eben an Bord gegangen sei, weil der Wind
sich gedreht habe.

Da es mglich ist, fgte die Frau Capitainin hinzu, da mein Mann noch
heute absegelt, lasse ich mich sogleich an das Schiff fahren, um Abschied
von ihm zu nehmen, und wenn Du willst, kannst Du mit mir gehen, um selbst
Deine Bestellung an ihn auszurichten.

William, der noch nie, so weit seine Erinnerung reichte, auf einem groen
Schiffe gewesen war, nahm diesen Vorschlag mit Freuden an und ehe noch eine
halbe Stunde vergangen war, befanden Beide sich am Bord der _Hoffnung_, wie
das groe, prchtige vom Kapitain Hansen befehligte Kauffarteischiff hie.

Als der Capitain ihn mit seiner Frau an Bord kommen sah, lchelte er ihm
freundlich zu und sagte:

Nun, ich sehe, Du bist von chtem Schrot und Korn und zauderst nicht, Dein
Glck auf dem schnen Elemente zu versuchen. Es ist mir sehr lieb, da Du
da bist; der Wind ist so gnstig als mglich und in einer Stunde geht
es vorwrts. Es wrde mich, da ich fest auf Dich gerechnet, in groe
Verlegenheit gesetzt haben, wenn Du nicht gekommen wrest.

Ach, lieber Herr Capitain, versetzte William mit unsicherer, fast von
Thrnen erstickter Stimme, ich bin nicht hier, um mit Ihnen in See zu
gehen, sondern um Ihnen zu sagen, da meine Mutter mir mit Bestimmtheit die
Erlaubni verweigert hat, ein Seemann zu werden.

Ei, da mut Du, sofern Du wirklich Neigung zum Seeleben hast, es ihr ber
den Kopf nehmen, antwortete ihm Hansen. Die Mtter sind gar zaghafte,
ngstliche Geschpfe, fgte er hinzu. Mit der meinigen ging es mir nicht
besser; die htte weit lieber einen Federfuchser aus mir gemacht, als einen
Seemann; ich aber schlug ihr ein Schnippchen und ehe sie es sich versah,
schwamm ich auf dem Meere. Als ich einmal fort war, mute sie sich schon
trsten und beruhigen, und das wird auch die Deinige thun, wenn die Sache
einmal nicht mehr zu ndern ist. Nicht wahr, Du bleibst bei mir? schlo er
seine Rede, indem er William die Hand reichte.

Ach, drfte ich das doch, ohne eine Snde zu begehen, sagte der arme
Knabe, dem die hellen Thrnen ber die Wangen flossen, aber der liebe
Gott wrde es mir, denke ich, nie vergeben, wenn ich meine gute, liebevolle
Mutter durch solchen Ungehorsam betrbte; es knnte berdie ihr Tod sein,
wenn sie nicht wte, wo ich geblieben wre.

Dafr drfte leicht Rath geschafft werden, versetzte der Capitain. Meine
Frau kehrt an's Land zurck und die knnte Deiner Mutter schon Bescheid
sagen. Wo wohnt sie?

William nannte ihm die Gasse und die Hausnummer, bestand aber trotz dem
darauf, da er mit der Frau Capitainin an's Land zurckkehren wolle.

Du kannst Dir das noch ein Weilchen berlegen, sagte Hansen nach einem
kurzen Nachdenken: das Schiff segelt noch nicht ab und Du wirst noch
immer vor Dunkelwerden an's Land kommen knnen. Komm mit in die Kajte und
verzehre ein Waizenbrod mit mir; dabei kannst Du berlegen, was Du zu thun
hast.

William, der wirklich mit sich selbst kmpfte, folgte dieser Einladung und
Capitain Hansen bewirthete seinen jungen Gast auf das Beste. Er bot ihm
auch ein Glschen Cognac an, das William, der nie dergleichen gekostet
hatte, aber verschmhte. Hansen lie darauf eine Flasche sen Weins,
Mallaga, bringen und drang William ein Glschen davon auf; es mundete
ihm, da der Wein sehr s und angenehm war. Er kannte die Gefahr eines so
feurigen Getrnkes nicht und trank in aller Unschuld, schon halb von dem
ersten Glase berauscht, ein zweites, vielleicht gar ein drittes; denn
schon wute der arme Knabe nicht mehr, was er that, und bevor noch ein
Viertelstndchen vergangen war, lag er in einem so tiefen Schlafe auf dem
Sopha in der Kajte des Capitains, da die Welt htte untergehen knnen,
ohne da er es bemerkt haben wrde.

Du willst ihn also mit Gewalt und wider seinen Willen mitnehmen? fragte
die Frau des Capitains, einen mitleidigen Blick auf den armen Schlafenden
wendend, ihren Mann.

Gewi will ich das, versetzte Hansen mit einem hlichen Lachen; kam er
mir doch eben recht und ist mir vllig unentbehrlich. Du weit, welche Mhe
ich mir gegeben habe, einen Schiffsjungen zu erhalten, nachdem der frhere,
aus Amerika mitgebrachte, mir hier entlaufen ist, und jetzt sollte ich die
gute Gelegenheit unbenutzt lassen, mir das durchaus nothwendige Subjekt zu
verschaffen?

Was wird aber die Mutter des armen Knaben sagen? wie wird sie sich
ngstigen und grmen! wandte die gute Frau ein. Ich glaube, da ich vor
Angst strbe, wenn mir das begegnete, fgte sie hinzu; Du solltest ihn
wecken und mit mir an's Land gehen lassen!

Da ich ein Narr wre! rief Hansen unwillig. Wollte man auf
Weibergeschwtz hren und auf Weiberthrnen sehen, so wrde man zu Nichts
in der Welt kommen. La mich mit Deinen Vorstellungen in Ruhe und kehre Du
in Gottesnamen allein an das Land zurck. In einer Stunde sind wir aus dem
Hafen und, wenn der Wind so bleibt wie er jetzt ist, schon ber Nacht in
See. In dieser Jahreszeit hat man keine Stunde zu verlieren; der Dezember
ist nahe und wenn ich mich nicht spute, friert mir die Hoffnung gar noch
hier ein.

Die Frau, welche ihren Mann genau kannte und recht gut wute, da man durch
Vorstellungen nichts ber seinen starren, bsen Sinn gewann, wandte ihr
Auge seufzend von dem armen Schlfer ab und schickte sich an, das Schiff
ohne ihn zu verlassen, was sie that, nachdem sie einen kurzen Abschied von
ihrem Manne genommen hatte.

Die Sache war die, da Capitain Hansen in dem Rufe eines bsen Mannes und
argen Tyrannen stand, wehalb es ihm allemal schwer fiel, sein Schiff zu
bemannen, am allerschwersten aber, einen Kajtenwchter zu finden,
weil diese armen Unglcklichen, in seiner unmittelbaren Nhe lebend, es
schlimmer als die wirklichen Matrosen hatten, die, da sie bereits Mnner
waren, ihm bei vorkommenden Gelegenheiten die Stirn boten.

Sobald er den armen William bei dem Tischlermeister erblickte, fuhr der
Gedanke ihm durch den Kopf: das knnte wohl ein Schiffsjunge fr dich sein,
und er nahm die Miene groer Freundlichkeit gegen den armen Getuschten an,
um ihn desto sicherer ins Netz zu locken. Es war auch nicht an dem, da er
von dem Vater und Grovater William's etwas gehrt hatte; da es ihm aber
auf eine Lge mehr oder minder nicht ankam, brachte er auch die vor, da
ihm der Name und Ruf derselben bekannt sei.

Trotz dem wre ihm sein Vorhaben milungen und er htte ohne Kajtenwchter
absegeln mssen, wenn der Zufall den armen William nicht an Bord und in die
Gewalt des bsen Mannes gefhrt htte; so wie der Knabe aber das Verdeck
betreten hatte, gelobte Hansen es sich, da er nicht wieder von Bord solle,
und wir haben gesehen, durch welches abscheuliche Mittel er seinen bsen
Willen durchzusetzen wute.

Whrend nun William im tiefsten Schlafe in der Kajte des Capitains lag und
die Hoffnung alle ihre Segel entfaltete, um den Hafen noch vor Anbruch der
Nacht zu verlassen, stand Frau Robinson eine unbeschreibliche Angst um ihr
armes Kind aus. Es dmmerte bereits und noch immer war William nicht wieder
da. Der Weg bis zu den Vorsetzen, wo, wie sie wute, Capitain Hansen seine
Wohnung hatte, war zwar weit; aber trotz dem htte der Knabe, wenn ihm kein
Unfall zugestoen, doch schon lngst zurck sein mssen. Endlich wurde es
vllig dunkel und das Gerusch in den Gassen nahm bereits ab; mit jeder
dahinschwindenden Minute vermehrte sich die Angst der armen Frau und diese
nahm endlich so sehr berhand, da sie ihren Keller zuschlo und sich
auf den Weg nach den Vorsetzen machte, wo sie sich nach der Wohnung des
Capitains Hansen erkundigen wollte.

Obgleich sie so schnell ging, als es ihre Krfte nur irgend erlaubten, war
es ihr doch, als ob sie nicht von der Stelle kme. Endlich hatte sie
die Vorsetzen erreicht und nach langem Fragen auch die gesuchte Wohnung
gefunden. Bevor sie diese betrat, mute sie erst einige Augenblicke an der
Thre stehen bleiben, um Athem und Muth zu schpfen; denn was sollte wohl
aus ihr werden, wenn man ihr auch hier keine Nachricht ber ihren William
ertheilen knnte?

Nach einigen Minuten der Erholung drckte sie den Thrklopfer nieder und
trat in das Haus. Es war vllig dunkel auf der Flur und es herrschte
eine Stille in der Wohnung, als wre sie gnzlich unbewohnt. Erst als sie
mehrere Male und mit immer lauterer Stimme guten Abend! gerufen hatte,
ffnete sich im Hintergrunde der Flur eine Thr und eine noch ziemlich
junge Frau trat, mit einem Lichte in der Hand, aus derselben ihr entgegen.

Bin ich hier recht? fragte Frau Robinson mit vor Angst und Beklemmung
bebender Stimme; ich suche den Herrn Schiffskapitain Hansen?

Wenn Sie den zu sprechen wnschen, antwortete ihr die Frau, so kommen
Sie leider zu spt: mein Mann ist bereits seit einigen Stunden abgesegelt.

So habe ich die Ehre, seine Frau zu sprechen, fragte die arme Mutter.

Ihnen zu dienen, war die Antwort; aber treten Sie gtigst zu mir ein,
fgte die Capitainsfrau hinzu, indem sie die Stubenthr ffnete.

Verzeihen Sie meine Zudringlichkeit, liebe Madame, nahm Frau Robinson
wieder das Wort; einer armen Mutter, die schier vor Angst vergeht, werden
Sie gewi einige Nachsicht schenken. Ich suche meinen Sohn, den ich
mit einem Auftrage an Ihren Mann schickte, und der, ganz wider seine
Gewohnheit, nicht wieder nach Hause zurckgekehrt ist. Mein Name ist
Robinson; vielleicht hrten sie ihn von Ihrem Manne nennen, der so gtig
sein wollte, meinen William mit sich zu nehmen, was ich aber nicht zugeben
konnte.

Ach! Sie sind die Mutter des jungen Menschen? antwortete ihr die
Capitainin nicht ohne Verlegenheit. Es freut mich, fuhr sie nach einigem
Zgern fort, denn ihr fiel die Lge eben so schwer, als sie ihrem Manne
leicht fiel, es freut mich, Ihnen sagen zu knnen, da er sich in seiner
neuen Lage ganz wohl befindet und wahrscheinlich vollkommen glcklich
fhlt, da er seinen Beruf mit groer Liebe ergriffen hat.

Von welchem Berufe reden Sie, Madame? fragte Frau Robinson erbleichend;
sollte mein William, der bisher der zrtlichste, gehorsamste und beste
Sohn war, wider meinen ausdrcklichen Willen gehandelt und sich bei Ihrem
Manne als Kajtenwchter verdungen haben?

Ich wei nichts davon, ob es mit oder gegen Ihren Willen geschah,
versetzte die Gefragte sichtbar verlegen; nur so viel kann ich Ihnen
sagen, da ihr Sohn mit meinem Manne gegangen ist und jetzt wahrscheinlich
schon mehrere Meilen von hier auf der Elbe schwimmt.

Wie ein Donnerschlag traf diese Nachricht die arme Mutter: sie gab in
diesem Augenblick ihr geliebtes Kind, ihr einziges Gut auf Erden, nicht
nur leiblich, sondern auch moralisch verloren; denn was durfte sie noch von
einem Sohne erwarten, der so lieblos gegen sie gehandelt, sie so getuscht
hatte?

Ihr wurde dunkel vor den Augen; die Knie wankten unter ihr und sie wre,
von einer Ohnmacht befangen, zu Boden gesunken, wenn die Frau Hansen ihren
Zustand nicht bemerkt htte und ihr zur Hlfe gekommen wre. Sie eilte auf
die Schwankende zu, untersttzte sie mit ihren Armen und fhrte sie zum
Sopha, wo sie dem Anscheine nach ohne Leben niedersank.

Die Frau Hansen war im ersten Augenblick so erschrocken, da sie nicht
wute, was sie thun, was beginnen solle. Dann lief sie zur Klingel und zog
diese mit Heftigkeit an, um ihre Magd herbei zu rufen, die sie, so wie sie
eingetreten war, zum nchsten Arzt schickte. So wie dieser den Zustand der
Frau Robinson untersucht hatte, erklrte er, da die Krankheit nicht viel
zu bedeuten habe und gab ihr einige starke Sachen zu riechen, um sie aus
ihrer Ohnmacht zu erwecken. Unter diesen Bemhungen kam die Leidende bald
wieder zu sich und ihr Gefhl machte sich in einem Strome von Thrnen Luft.

Frau Hansen weihte ihr die innigste Theilnahme, und hatte sie vorher schon
in ihrem Herzen die Handlungsweise ihres Mannes getadelt, so that sie es
jetzt, wo sie die arme Mutter einer so groen Betrbni hingegeben sah,
doppelt; aber sie hatte trotz dem nicht den tugendhaften Muth, ihr die
Wahrheit zu sagen, obgleich sie ihren Kummer dadurch um die Hlfte htte
vermindern knnen; denn immer und immer wieder rief Frau Robinson mit
schmerzlich bewegter Stimme:

Das konnte mir ein Kind thun, welches ich mit so vieler Liebe gro gemacht
habe? Auf solche Weise konnte mein William mich hintergehen, er, den ich
fr die Redlichkeit und Aufrichtigkeit selbst hielt?

Weniger betrbte sie die Trennung von dem geliebten Sohne, als der Flecken,
der scheinbar durch dieselbe auf sein Gemth und seinen Charakter fiel: und
durch ein einziges Wort htte Frau Hansen sie hierber beruhigen knnen.
Mute sie aber nicht die schndliche Handlungsweise ihres Gatten zugleich
mit enthllen? Dieser Gedanke verschlo ihr die Lippe und sie lie die
Mutter mit der ganzen Last ihres Kummers von hinnen gehen. Dies war ein
groes, unverzeihliches Unrecht von der sonst so guten und gefhlvollen
Frau.




Viertes Kapitel.


Inde schwamm die _Hoffnung_, von einem frischen Ostwinde getrieben,
majesttisch mit geblhten Segeln die Elbe hinunter und nahm bei
Cuxhafen die Lootsen ein. William schlief, von dem starken und ihm vllig
ungewohnten Wein benebelt, als wolle er nie mehr erwachen: hatte er
doch schon sonst einen festen gesunden Schlaf, wie er der lieben Jugend
eigenthmlich ist, und mute am Morgen stets von der guten Mutter mehrere
Male geweckt werden, um die Schulstunden nicht zu versumen. Das Gerusch
auf dem Verdecke strte ihn nicht, da er es in seiner Vaterstadt gewohnt
geworden war, bei einem solchen zu schlafen.

Hoch stand bereits, trotz der weit vorgerckten Jahreszeit, die liebe Sonne
am stlichen Himmel, als er endlich erwachte. Er setzte sich ber Erde,
rieb sich die Augen, fhlte nach seinem Kopfe, der ihn sehr schmerzte,
wie es nach einem gehabten Rausche der Fall zu sein pflegt, und sah mit
verwirrten Augen umher. Alle ihn umgebenden Gegenstnde waren ihm vllig
unbekannt und schon wollte er sich wieder zum Schlafe niederlegen, weil er
zu trumen glaubte, als er den Capitain zu sich eintreten sah.

Nun, Jngelchen, sagte dieser lachend, das nenne ich geschlafen!

Wo bin ich denn? fragte William, indem er sich die Augen rieb.

Wo Du bist? fragte der Capitain gleichfalls. Weit Du denn nicht mehr,
da Du Dich an Bord der _Hoffnung_ und schon mitten im Meere befindest?

Bei diesen Worten sprang der arme Knabe vollends auf und sein eben noch vom
Schlafe gerthetes Gesicht wurde todtenbleich.

So habe ich die Zeit verschlafen und das Schiff ist mit mir fortgesegelt?
rief er mit dem Tone des hchsten Entsetzens aus. Groer Gott! was soll
jetzt aus mir armen Knaben, was aus meiner unglcklichen Mutter werden? und
wird sie sich nicht gar zu Tode um mich grmen? Setzt mich, Herr Capitain,
ich flehe Euch darum um Gotteswillen an, setzt mich sobald als mglich an's
Land! Wenn es auch noch so weit ist, will ich gerne zu Fue nach Hamburg
zurcklaufen; gute Menschen werden mir schon den Weg dahin zeigen; denn
es wre doch gar zu traurig, wenn meine gute Mutter aus Kummer um mich
und meinen vermeinten Ungehorsam strbe, oder sich ihre lieben, ohnehin so
kranken Augen blind weinte.

Nrrchen, versetzte der Capitain, dessen bses Herz sich an der Angst des
armen Knaben ergtzte, Nrrchen, vom Festlande wird nicht eher die Rede
sein, bis wir die Insel Java, bei Asien, erreicht haben: denn dahin steuern
wir, und Du mut Dich schon auf dem Wasser zufrieden geben. Was aber
Deine Mutter anbetrifft, so wird sie sich schon bei meiner Frau nach Dir
erkundigen und von der hren, wie die Sachen stehen; Du aber denke von nun
an nur darauf, Deine Pflichten am Bord gehrig zu erfllen, und mir keine
Gelegenheit zur Unzufriedenheit zu geben, denn sonst wrde es Dir nicht gut
ergehen.

Vergebens bat und beschwor William noch ferner den bsen Mann, ihn ans
Land setzen zu lassen, da er nicht wute, da dies unter den gegenwrtigen
Umstnden vllig unmglich sei; und wre es auch mglich gewesen, so wrde
Capitain Hansen doch nie darein gewilligt haben, seine Beute wieder fahren
zu lassen. Dem armen William blieb also nichts weiter brig, als sich in
sein Schicksal zu ergeben, was er nach vielen vergossenen heien Thrnen
that.

Seiner Mutter wurde aber doch am folgenden Tage, als sie ihr Unglck den
theilnehmenden Nachbarn klagte, ein groer Trost. Auf dem Wege zu dem
Capitain war William nmlich einem seiner Schulgefhrten, der gleichfalls
in der Nachbarschaft wohnte, begegnet, und diesem hatte er erzhlt, da er
zu dem Capitain Hansen gehe, um ihm im Namen seiner Mutter zu sagen, da
diese nicht in seine Entfernung willige, und bei dieser Gelegenheit hatte
er gegen den Schulfreund geuert: Er wrde um keinen Preis wider den
Willen seiner Mutter mit dem Capitain gehen, denn das wrde eine groe
Snde sein.

Diese Mittheilung beruhigte die gute Frau Robinson in Etwas und sie dachte
sich ungefhr den Zusammenhang der Sache. Eine groe Last war ihr vom
Herzen genommen, als sie sich sagen mute, da ihr William an den ihr
bereiteten Schmerzen gewi unschuldig sei; ihn schuldig, ungehorsam und
lieblos zu wissen, das war es, was sie so sehr zu Boden gedrckt hatte.
Ihre Thrnen flossen also sanfter, und wie immer legte sie voll Vertrauen
ihr eigenes und das Geschick ihres theuren Kindes in die Hnde ihres
himmlischen Vaters.

Der Wind blieb inde gnstig; er hatte sich gedreht, als man die Elbe
verlie und wehte jetzt so, da man gar bald die hohe See und schon
nach einigen Tagen den Kanal erreichte. Man nennt die Meerenge zwischen
Frankreich und England so, wie diejenigen unter Euch Geliebten schon wissen
werden, die sich bereits etwas mit der eben so angenehmen als ntzlichen
Wissenschaft der Erdbeschreibung oder Geographie vertraut gemacht haben.
Die Passage durch den Kanal, den die Franzosen =La Manche= nennen, wird
von den Seeleuten fr eine gefhrliche gehalten, der vielen Klippen und
Felsenriffe wegen, die an beiden Ksten, sowohl an der franzsischen als an
der englischen angetroffen werden. Inde mute man es dem Capitain Hansen
zum Ruhme nachsagen, da er, wenn auch kein guter, gefhlvoller Mensch,
doch ein tchtiger Seemann war, und da Wind und Wetter gnstig blieben,
hatte man bald den gefhrlichen Kanal hinter sich und steuerte in den
groen atlantischen Ocean hinein, der seine ungeheuren Wasserflchen
zwischen den beiden Welttheilen Europa und Amerika ausbreitet. Den groen
Weltmeeren, deren man in der Geographie fnfe zhlt, gibt man aber den
Namen _Ocean_.

Ich bitte diejenigen unter Euch, die durch diesen _neuen Robinson_ nicht
blos unterhalten, sondern zugleich auch belehrt sein wollen, und
deren werden hoffentlich recht viele sein, eine Weltcharte oder ein
_Planiglobium_ zur Hand zu nehmen und unserm jungen Reisenden auf derselben
zu folgen. Es ist eine schne Fhigkeit, stets das Ntzliche mit dem
Angenehmen zu verbinden, und ich ermahne Euch, sie zeitig zu ben. Ihr
werdet dadurch nach und nach eine Menge Kenntnisse erlangen, die Euch sonst
vielleicht fremd blieben. Jetzt aber zurck zu unserm Robinson, der
seinen, in England hufig vorkommenden Namen nicht vergebens fhrte, da das
Schicksal ihn dazu ausersehen hatte, hnliche Begebenheiten zu erleben,
wie der, den Vater Campe, zum Ergtzen so vieler Kinder, in seinem
vielgelesenen Buche geschildert hat.

Unser William Robinson war also auf dem hohen Meere und fing bereits an,
sich mit seinem Schicksale auszushnen, da er einsehen gelernt hatte, da
es ein unabnderliches sei. Zwar war Capitain Hansen ein strenger, ja sogar
bser und ungerechter Gebieter, der seine schlimme Laune stets an seiner
Umgebung auslie; allein William hatte es doch besser bei ihm, als die
frhern Schiffsjungen, weil er sanft, geduldig und stets aufmerksam gegen
seinen Herrn, stets freundlich und dienstfertig gegen seine Mitmannschaft
war. Hatte der Capitain einmal seine bse Laune -- und diese trat allemal
ein, wenn Wind und Wetter der Fahrt nicht gnstig waren, wehalb die
Matrosen ihn unter sich immer nur die _Wetterfahne_ nannten -- so ging
William ihm klug aus dem Wege und verdoppelte seine Aufmerksamkeit gegen
ihn. Er trat dann so leise auf, da man ihn kaum hren konnte, und sah
immer nach den Augen des See-Tyrannen, um jeden leisen Wunsch desselben
zu errathen, bevor er noch nthig hatte, ihn auszusprechen. Sein von Natur
gutes Gedchtni und die groe Geschicklichkeit, welche er sich bei allen
Handhabungen durch frhzeitige Uebung erworben hatte, kamen ihm jetzt sehr
zu statten. Er fhrte pnktlich die ihm ertheilten Befehle aus, lie weder
Teller, Tassen noch Glser fallen, wie andere plumpe Schiffsjungen es
hufig gethan hatten, und hielt die Kajte des Capitains so rein und
ordentlich, da auch nicht ein Stubchen darin zu entdecken war. Er dachte,
so lange sein Dienst dauerte, nicht an andere Dinge, sondern nur an seine
Pflichten und Obliegenheiten. Abends aber, wenn er sein hartes Lager
aufsuchen und die ermdeten Glieder darauf ausstrecken durfte, dann
gedachte er der jetzt so fernen Heimath, der geliebten Mutter und ihrer
Zrtlichkeit fr ihn, und manche Thrne flo aus seinen Augen und benetzte
sein hartes Kopfkissen von Seegras.

Es konnte nicht fehlen, da ein Charakter, wie der unsers William, nicht
eine gewisse Gewalt auf das rohe, unfreundliche Gemth des Capitains
ausben mute. Ohne da dieser selbst einmal eine Ahnung davon hatte,
liebte er den stillen, freundlichen und behenden Knaben, und weil er
ihn liebte, ging er besser mit ihm um, als mit irgend einem Andern der
Mannschaft; Alle aber gnnten William diesen Vorzug von Herzen, weil er
gegen Jeden gut und gefllig war, auch nie die Vorliebe des Capitains dazu
mibrauchte, die brigen Matrosen bei ihm zu verklagen oder ihm von diesen
begangene kleinere oder grere Versehen mitzutheilen.

Die Neigung, welche Capitain Hansen nach und nach fr William fate, gab
sich nicht blos dadurch kund, da er ihm von Zeit zu Zeit von den bessern
Speien, die auf seine Tafel kamen, etwas mittheilte, sondern auch dadurch,
da er in vielen andern Dingen fr ihn sorgte. So war unser neuer Robinson
durch seine Kleidung nicht wenig in Verlegenheit gesetzt. War er doch wie
er ging und stand nur mit den Kleidern, die er anhatte, zur See gegangen
und hatte nicht einmal ein zweites Hemd zum Wechseln mitnehmen knnen. Man
kann sich vorstellen, wie schrecklich eine solche Entbehrung fr den an
strenge Reinlichkeit gewhnten William sein mute, und seine Noth wurde
noch grer, als er sein schmutziges Hemd nicht mehr unter der Jacke
verbergen konnte, an der bald alle Knopflcher ausgerissen waren, weil er
sie tglich und bei der schwersten Arbeit auf dem Leibe hatte. Er sah auch
bald einem schmutzigen, zerlumpten Bettler so hnlich, wie _ein_ Ei dem
andern; nur Gesicht und Hnde konnte er rein halten und das that er.

Endlich bemerkte der Capitain seinen blen Zustand und sagte:

Du siehst ja aber verteufelt zerlumpt aus! Hast Du denn nichts Anderes
anzuziehen?

Ach nein! versetzte der arme Knabe, und dabei schossen ihm die hellen
Thrnen ber die Wangen.

Der Capitain, welcher nicht leiden konnte, da Jemand weinte, wollte schon
auffahren, als er sich pltzlich besann und sagte:

Daran habe ich wahrhaftig nicht gedacht! Du bist ja ohne alle weitere
Kleidung, als die, welche Du am Leibe hattest, an Bord gekommen. Nun,
fgte er freundlicher hinzu, dem soll abgeholfen werden und zwar gleich.
Fr's Erste will ich Dir eins von meinen Hemden geben, damit Du wechseln
und das waschen und ausbessern kannst, was Du bis jetzt getragen, und
Franz, der, wie ich gehrt habe, einem Schneider aus der Lehre gelaufen
ist, um ein Seemann zu werden, -- woran er nach meinem Bednken sehr gut
that -- Franz soll Dir sogleich von meinem abgesetzten Zeuge einen andern
Anzug machen, damit Du nicht lnger wie eine Vogelscheuche unter uns umher
gehst.

Gesagt, gethan! Capitain Hansen war gewohnt, das, was er wollte, schnell
ins Werk gerichtet zu sehen, und so vergingen nicht zwei Tage, als William
schon seinen neuen, netten Anzug hatte. In seinem ganzen Leben hatte er
sich noch nicht so ber eine neue Kleidung gefreut, als ber diese; er
kam sich so verndert darin vor, da er sich einige Augenblicke mit
Wohlgefallen in dem sonst sorgfltig mit den Blicken vermiedenen Spiegel
betrachtete. Vor allen Dingen aber erfreute ihn das reine Hemd und er
konnte es nicht genug befhlen und betrachten. So lernen wir erst durch die
Erfahrung den hohen Werth mancher Gter kennen, die wir, eben weil sie
uns bisher nicht gefehlt haben, weil wir glaubten, sie _drften_ uns nicht
fehlen, nicht gehrig zu schtzen wuten und sie ohne Dank gegen Gott und
Menschen hinnahmen. Auch unser William, so gut und dankbar er im Ganzen
war, hatte nie daran gedacht, seiner guten Mutter dafr zu danken, da sie
stets fr seine Kleidung und Wsche eine so groe Sorgfalt gehabt hatte;
jetzt aber dankte er ihr aus voller Seele dafr und Thrnen der Rhrung
traten ihm dabei in die Augen.




Fnftes Kapitel.


Um von Europa nach Asien zu kommen, mu man den ganzen atlantischen Ocean
durchschiffen und dann von diesem, indem man um das uerste sdliche
Vorgebirge Afrikas, das sogenannte Cap, biegt, in den groen indischen
Ocean bergehen. Am Cap oder, wie es auch genannt wird, dem _Vorgebirge der
guten Hoffnung_, mute man anlegen, um Wasser und Lebensmittel einzunehmen,
weil die Vorrthe, die man von Hamburg mitgenommen, nicht weiter reichen
wollten.

Wie wohl that es unserm jungen Seemanne, als er, nachdem er so lange nur
das bewegliche Element des Wassers unter sich gehabt hatte, endlich den
festen Boden wieder betrat! Wie lange hatte er kein grnes Blatt gesehen,
keinen Vogelgesang gehrt, in kein anderes Menschen-Antlitz geschaut, als
in das der Matrosen und des Capitains, die die Reise mit ihm gemacht! Wie
ein junges Fllen, das nach langen Wintertagen aus dem Stalle hervorgeholt,
zuerst die grne Weide wieder betritt, sprang er am Ufer umher und jauchzte
laut auf vor Freude, als er den ersten, grnen Baum wieder erblickte.
Ueberdies bot dieser ihm einen ganz neuen, berraschenden Anblick dar, denn
es war eine Palme, die er zwar bereits in Abbildungen, aber noch nie in der
Natur gesehen hatte. Er lief in vollen Sprngen auf den herrlichen Baum zu
und umfate den knotigen Stamm desselben mit seinen beiden Armen, wie er
sonst in der Freude seines Herzens oft bei seiner lieben Mutter gethan
hatte. Dabei liefen ihm die hellen Thrnen ber die Wangen; sie flossen
diesmal aber nicht dem Schmerze, sondern dem Entzcken.

Nachdem sich dieses einigermaen gelegt hatte, sah er sich weiter um
und gewahrte in einiger Entfernung eine Gruppe von Bumen, deren Kronen
ziemlich rund, wie die der in seiner Vaterstadt gesehenen Kugel-Akazien,
waren. Er eilte darauf zu und wurde schon aus der Ferne durch den
lieblichen, fast betubenden Duft der schneeweien Blten auf die
Vermuthung gebracht, da er Orangenbume vor sich habe. Als er nher kam,
sah er an den goldgelben Frchten, womit diese Bume bedeckt waren, da er
sich in seiner Meinung nicht geirrt habe. Nicht nur die Zweige waren mit
Blten und reifen und halbreifen duftigen Frchten bedeckt, sondern sie
lagen auch in Massen abgefallen am Boden, wie bei uns Aepfel und Birnen,
wenn der Sturm die Fruchtbume im Herbste geschttelt hat. Viele davon
waren noch frisch und gut, andere aber schon verfault, weil sich Keiner
darum zu bekmmern schien, sie aufzulesen. Unser William hatte zwar groen
Appetit, seinen brennenden Durst durch diese eben so duftigen als saftigen
Frchte zu lschen; da ihm aber seine Mutter die greste Ehrfurcht vor dem
Eigenthume Anderer eingeflt hatte, wagte er es doch nicht, sich zu bcken
und einige von den herrlichen, am Boden liegenden Orangen aufzuheben, bis
andere Matrosen von dem Schiffe sich zu ihm gesellten und, indem sie sich
die Taschen und Mtzen mit Orangen fllten, ihm sagten: da es hier Jedem
erlaubt sei, so viele Frchte zu nehmen, als ihm beliebe, indem sie wild
wchsen und Allen gleichsam zugehrten. Sie konnten das wissen, da sie
schon mehrere Male das Vorgebirge der guten Hoffnung besucht hatten und
hier eben so gut Bescheid wuten, wie in ihrer Heimath. Er lie sich
das nicht zwei Mal sagen und erquickte sich jetzt auch an den duftigen
Frchten.

Komm nur weiter mit uns, sagte jetzt _Jakob_, ein bereits ziemlich alter
Matrose, dessen stark gebruntes Gesicht verrieth, da er schon lange zur
See gefahren; komm nur, wir wollen Dir etwas noch Besseres zeigen, als
diese sen Orangen. In dieser Gegend wchst eine Rebe, deren Frchte nicht
Ihresgleichen in der ganzen brigen Welt hat. Der davon gewonnene Wein
wird, nach dem Weinberge, von dem man ihn erzielt, _Constanzia_ genannt und
so theuer in Europa verkauft wie kein anderer Wein; die Trauben aber sind
das Kstlichste, was der Mensch nur genieen kann.

Gehrt denn auch dieser Weinberg Niemanden an und darf man auch von ihm
Trauben pflcken, ohne Jemanden nahe zu treten? fragte William, als man
bei demselben angelangt war.

Das nun wohl nicht, versetzte Jakob, durch diese unerwartete Frage des
Knaben etwas in Verlegenheit gesetzt; vielmehr wrde der Besitzer, ein
Hollnder, es sehr bel vermerken, wenn er uns dabei ertappte, da wir
von seinen Trauben nhmen, aus denen er einen so groen Gewinn zu ziehen
versteht; wer aber wrde sich wohl daran kehren, wo es etwas so Gutes zu
erhaschen gibt? fgte er hinzu.

Ich werde mich wohl daran kehren, versetzte William; fern sei es von
mir, mir das Geringste mit Unrecht anzueignen. So hat meine brave Mutter es
mir gelehrt und dabei will ich, so lange ich lebe, bleiben.

Thue das, mein Sohn! lie sich jetzt pltzlich eine Stimme vernehmen,
die, Allen ganz unerwartet, hinter einer dichten Hecke hervorkam, und zu
gleicher Zeit erhob sich ein menschliches Antlitz hinter derselben. Die
Andern, welche sich schuldig fhlten -- sie hatten ja stehlen wollen --
ergriffen erschrocken die Flucht; unser William, dessen Gewissen vllig
rein war, blieb aber stehen und sah den alten Mann, der ihr Gesprch
belauscht hatte, furchtlos an.

Ich habe Alles gehrt, mein Sohn, sagte der Besitzer des Weinbergs --
denn er war es selbst -- und freue mich, die Bekanntschaft eines so braven
jungen Menschen gemacht zu haben. Bleibe bei Deinen guten Grundstzen und
es wird Dir stets wohl ergehen. Warte aber einen Augenblick: ich will Dich
fr Deine Redlichkeit belohnen, indem ich Dir die sonst fest verschlossen
gehaltene Pforte meines Weinbergs ffne und Dich in denselben fhre, damit
Du Dich nach Herzenslust an meinen guten Trauben sttigest; denn fr einen
so braven, redlichen Burschen habe ich immer noch einige davon brig.
Den andern aber wrde es schlecht bekommen sein, wenn sie, ber den Zaun
steigend, auf anderm Wege in meinen Weinberg gedrungen wren. Ich mu auf
solche ungeladene Gste gefat sein, da Jeder, der hier landet, von meinen
weitberhmten Trauben naschen will, und wrde wohl schwerlich eine
einzige davon in die Kelter bringen, wenn ich nicht die gehrige Vorsicht
angewendet htte. Zu dem Ende lie ich mir _Fuangeln_ aus Europa
herberkommen und legte sie dicht an der Hecke rund um den Weinberg.
Von Zeit zu Zeit habe ich Warnungstafeln aufgestellt, auf denen in allen
lebenden Sprachen zu lesen ist, welches Unheil die hlichen Nscher in
meinem Weinberge erwartet; denn ungewarnt sollten selbst diese nicht in ihr
Unglck gehen.

Als er diese Worte geendet hatte, ffnete er mit einem schweren Schlssel,
den er bei sich trug, die groe und hohe eiserne Pforte und lud unsern
William zum Eintritt, zugleich aber auch zum Genusse seiner herrlichen
Trauben ein, wobei er ihm seine Lebensschicksale erzhlte, die seltsam
genug waren. Als ein armer Knabe war er aus Holland, seinem Geburtslande,
auf einem groen Handelsschiffe nach dem Cap gekommen und Krankheits halber
daselbst zurckgeblieben. Ein Deutscher nahm sich des Verlassenen an,
wehalb er auch die deutsche Sprache vollkommen gut sprach und verstand.
Durch Flei und Redlichkeit erwarb er sich im Laufe der Jahre einiges
Vermgen, kaufte darauf den Weinberg, dessen Werth man damals noch nicht
kannte, fr eine geringe Summe an, kultivirte die ppig wachsenden Reben
desselben, grub und dngte den sehr steinigten, trockenen Boden gehrig und
sah sich nach einigen Jahren in dem Besitze eines Weinbergs, um den jeder
ihn beneidete und der ihn nach und nach durch seinen Ertrag zum reichen
Manne machte.

Dieses Alles erzhlte der freundliche Greis unserm William, whrend dieser
sich, auf seine Einladung, an Trauben sttigte, von deren Kstlichkeit und
Wrze man in Europa keinen Begriff haben kann. Als William nicht mehr zu
essen vermochte, fllte er ihm Mtze, Taschen und sein Sacktuch auch noch
mit Trauben an, ermahnte ihn dringend, auch ferner stets auf Gottes Wegen
zu gehen, und entlie ihn endlich mit seinem Segen.

Dieses Abentheuer war das angenehmste, das unser junger Freund noch in
seinem, freilich kurzen, Leben erlebt hatte und selbst noch als Greis
erinnerte er sich desselben mit groer Freude, indem er zugleich
behauptete, ihm habe nie wieder etwas so geschmeckt, wie diese ihm mit so
groer Liebe und Freundlichkeit geschenkten Trauben.

Als er endlich zu seinen, ihn in einiger Entfernung erwartenden Genossen
zurckkehrte, erzhlte er ihnen, was ihm begegnet war und vertheilte die
ihm mitgegebenen Trauben an sie.

Wetter! rief der alte Jakob, als William ihm von den von dem Hollnder
gelegten Fuangeln erzhlte. Da htten wir schn ankommen und uns
vielleicht fr unsere ganze Lebenszeit unglcklich machen knnen; denn mit
den Dingern ist nicht zu spassen und wer zufllig darauf tritt, wird leicht
zum Krppel, weil sie tief in den Fu eindringen und oft unheilbare Wunden
zurcklassen.

Man hatte wirklich Gott fr die Abwendung einer so groen Gefahr zu
danken; unser William ging fr die Mittheilung seiner auf rechtlichem Wege
erworbenen Trauben auch nicht leer an Dank aus und Alle waren hchlichst
zufrieden.

Es war bereits ziemlich spt, als man von diesem, mit Erlaubni des
Capitains unternommenen Ausfluge zurckkehrte und Capitain Hansen donnerte
und fluchte schon ber das allzulange Ausbleiben. Er besnftigte sich
indessen, als er William, den er schon gar nicht mehr entbehren konnte, mit
zurckkehren sah. Er hatte sich nmlich selbst Vorwrfe darber gemacht,
da er diesem erlaubt hatte, mit den Andern ans Land zu gehen, da er
frchten mute, da der auf so hinterlistige Weise Angeworbene ihm
entfliehen und Schutz bei der Behrde gegen ihn suchen wrde; er war daher
herzlich froh, als er ihn wiederkommen sah. An dergleichen dachte aber
Williams redliche, arglose Seele nicht einmal; auch hatte er sich jetzt
bereits an das Seeleben gewhnt, um so mehr, da Capitain Hansen ihn wider
seine sonstige Gewohnheit ziemlich gut behandelte.

Fr einen jungen, strebsamen Menschen, der sich gern in der Welt umsieht
und auf Alles merkt, mu eine Reise in so entfernte Gegenden auch immer
einen groen Reiz haben. Jeden Tag, ja jede Stunde, gab es da etwas Neues
und die Quelle der Belehrung versiegte keinen Augenblick. Bald war es ein
Delphin, der neben dem Schiffe herschwamm, bald ein fliegender Fisch,
der sich in seinem silbernen Schuppenkleide aus der grnen Tiefe
emporschnellte; bald ein grulicher Hayfisch, der seinen gestachelten
Rachen weit ffnete, um seine Beute zu erhaschen, der seine Aufmerksamkeit
und Wibegierde auf sich zog. Bald sah man in groer Entfernung graue,
gezackte Nebelwlkchen am Horizonte aufsteigen und die erfahrenen Seeleute
erklrten ihm, da es die Berge der entfernten Kste wren, die er
erblickte, bald lie sich ein Wandervogel, ermdet von der weiten Reise
ber das unendliche Meer, auf die Spitze des Mastes nieder, um auszuruhen
und wurde mit lautem Jubel von der Mannschaft begrt; bald warf man, bei
Windstille, Netze und Angelhacken aus, um die Bewohner der khlen Tiefe zum
leckern Mahle zu fangen; bald schwammen die Trmmer gescheiterter
Schiffe an ihnen vorber und gaben reichlichen Stoff zu Erzhlungen von
Schiffbrchen und andern Unfllen zur See; bald endlich theilte der
alte Jakob, der ein lebendiges Magazin von Sagen und Mhrchen war, der
aufmerksamen ihm zuhrenden Mannschaft die allerschnsten Sagen mit; kurz,
es fehlte weder an Unterhaltung, noch an Abwechslung an Bord, und so gefiel
sich endlich unser William gar sehr in seinen neuen Verhltnissen; ja,
htte der Gedanke an den groen Kummer, den seine gute Mutter erdulden
wrde, seine Heiterkeit nicht oft getrbt, so wrde er sich vielleicht
vollkommen glcklich gefhlt haben.




Sechstes Kapitel.


Nach dem ersten glcklich abgelaufenen Versuche, den der Capitain mit
unserm William gemacht hatte, stand er nicht an, diesem ebensowohl als der
brigen Mannschaft die Erlaubni zu ertheilen, die sogenannte Capstadt zu
besuchen. Hier bekam unser junger Freund viel Merkwrdiges zu sehen, unter
andern sah er dort auch die _Hottentotten_, wie die Hollnder diese, an der
Sdspitze Afrika's lebende Nation nennen, die sich selbst _Quanquis_ nennt.
Die gelbbraune Farbe derselben, ihr der Wolle hnliches, schwarzes Haar,
ihre groen Muler und eingedrckten Nasen, mehr aber noch ihre hchst
seltsame Sprache, die mehr einem Schnalzen, denn einer menschlichen Sprache
glich, waren fr unsern Neuling so auffallende Dinge, da er sich nicht
satt daran sehen konnte und oft vor Verwunderung auer sich war. Von ihrem
Schmutze, der selbst den der Grnlnder noch bersteigt, von ihren hchst
seltsamen Sitten und Gebruchen, wute man ihm viel zu erzhlen und er
hrte dem Erzhler mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu. Dieses Volk ist
brigens gutmthig und friedlich, mit Ausnahme eines Stammes, den man die
Buschmnner nennt, weil sie in einer waldigen Gegend wohnen. Diese sind
tckisch, ruberisch und oft sogar grausam; sie machen auf die europischen
Ansiedler oder Colonisten frmlich Jagd, wie wir auf wilde Thiere, und wehe
dem, der in ihre Hnde fllt!

Sie treiben durchaus keinen Ackerbau, sondern leben fast nur von der Jagd
und dem Raube; sie berauben aber nicht blos die Europer, die sie mit
Recht als ihre Feinde ansehen, sondern die ihnen verwandten Stmme der
Hottentotten und _Kaffern_, wie eine andere, gleichfalls in der Nhe der
Sdspitze von Afrika wohnende Nation heit. Wie die Thiere, denken die
Buschmnner nicht an den folgenden Tag, sorgen auch niemals fr die
Vermehrung ihres Viehstandes. So wie sie ein Stck Vieh geraubt und
in Sicherheit gebracht haben, schlachten sie es und verzehren es,
grtentheils roh, auf der Stelle; sie haben so wenig Eckel, da sie selbst
die Eingeweide zur Nahrung nicht einmal verschmhen. Haben sie sich recht
satt gegessen, so legen sie sich hin und schlafen, bis der Hunger sie
wieder weckt und zu neuen Raubzgen anspornt. Knnen sie nichts erhaschen
und qult der Hunger sie allzusehr, so schnallen sie sich mit breiten
Lederstreifen den Magen und Unterleib ein und sollen dann sehr lange
hungern knnen.

Sie sind beraus wild, grausam und rachschtig und vergiften die Spitzen
ihrer Pfeile mit dem Safte von nur ihnen bekannten giftigen Pflanzen, so
da jede Wunde, die sie damit beibringen, sogleich tdtlich wird.

Dieser Buschmnner werden aber immer weniger, da die Colonisten
genthigt sind, Militr gegen sie auszusenden und gegen sie eine Art von
Vertilgungskrieg zu fhren. Wie schrecklich! da Mensch gegen Mensch auf
diese Weise verfhrt.

Von allen diesen, fr unsern William fast unglaublichen Dingen hrte er in
der Capstadt erzhlen und konnte nicht satt werden, sich davon erzhlen zu
lassen. Ja, er trug sogar kein geringes, wenn gleich mit Furcht gemischtes
Verlangen, einmal einen Buschmann von Angesicht zu Angesicht zu sehen, was
ihm freilich wohl sehr bel bekommen seyn wrde.

Endlich hatte Capitain Hansen die nthigen Vorrthe eingenommen und
wartete nur noch auf einen gnstigen Wind, um wieder unter Segel und seinem
Bestimmungsorte, der, wie schon gesagt, die den Hollndern gehrige Insel
_Java_ war, entgegen zu gehen.

Dieser mit so groer Sehnsucht erwartete gnstige Wind stellte sich endlich
ein und die _Hoffnung_ verlie mit geblhten Segeln den Hafen. Bald schwamm
das Schiff jetzt im groen indischen Weltmeere und steuerte den sogenannten
_Sunda-Inseln_, wovon Java eine ist, zu; die drei andern zu dieser groen
Inselgruppe gehrigen Inseln heien _Borneo_, _Sumatra_ und _Celebes_;
auer diesen vier groen Sunda-Inseln gibt es noch eine Menge kleinerer,
mit deren Aufzhlung ich Euch aber nicht belstigen will.

Die Fruchtbarkeit dieser Inseln ist auerordentlich gro und der Handel
derselben betrchtlich. Die edelsten und von den Europern am meisten
gesuchten Produkte wachsen dort und werden durch die Handelsschiffe nach
allen bewohnten Theilen der Erde ausgefhrt. Aus Java, besonders aus
der Hauptstadt _Batavia_, erhlt man Reis, Kaffee, Tabak, etwas Indigo,
Baumwolle und Gewrze. Hier, wo so viele treffliche und ntzliche Produkte
wachsen, findet man aber auch den so vielbesprochenen Giftbaum, den
_Bohan-Uzas_, von dem ich Euch, da Ihr wohl schon oft davon gehrt haben
werdet, etwas Nheres mittheilen will. Er wchst in waldigen, nicht zu hoch
gelegenen Gegenden auf den Sunda- und _Philippinischen_ Inseln, die in der
Nhe der erstern liegen, besonders aber auf Java. Er wird an hundert Fu
oder fnfzig Ellen hoch und hat einen geraden Stamm, mit knochenartigen
Auswchsen. Die Blten sind gelb mit grner Bltendecke; die Bltter
oval-lnglich mit feinen Hrchen besetzt. Man hat diesem, allerdings
beraus giftigen Baum doch weit mehr Bses nachgesagt, als er verdient,
wie z.B. da darber hinfliegende Vgel, von den Ausdnstungen des Uzas
berhrt, sogleich todt aus der Luft zur Erde niederfielen und Menschen
und andere Sugethiere, die sich in seine Nhe wagten, dasselbe Schicksal
erlitten; ja, man nannte ein Thal auf Java, wo ein solcher Bohan-Uzas
stand, sogar das _Thal des Todes_, weil von den giftigen Ausdnstungen
desselben sogleich alles Leben ersterben sollte. Dieses alles gehrt nicht
der Wahrheit, sondern allein der Fabel an. Der Baum ist allerdings sehr
giftig; aber die Wilden gewinnen das Gift fr ihre tdtlichen Pfeile allein
dadurch, da sie den Stamm des Bohan-Uzas mit einem Messer oder scharfen
Steine ritzen, woraus ein milchiger Saft aus der Rinde hervorquillt, der
schnell zu einem Gummi-Harze gerinnt. Diesen Saft vermischen die noch
wilden Javanensen mit andern giftigen Substanzen und tauchen ihre
Pfeilspitzen hinein, worauf jede damit gemachte Wunde auf der Stelle
tdtlich wird. Der giftreiche Uzas hat brigens ein sehr schnes Ansehen
und ist ein krftiger Baum mit einer wohlgewachsenen, herrlichen Krone. Er
trgt eine steinigte Frucht. So viel von dem Uzas.

Auf Java, und berhaupt auf den Sunda-Inseln, besonders auf Borneo, findet
man auch das dem Menschen so hnliche Thier, den _Urang-Utang_, den die
Ureinwohner fr einen wirklichen Menschen halten, der aus Trgheit
weder sprechen noch arbeiten wolle; man nennt den Urang-Utang auch den
_Waldmenschen_. Er geht, wie Euch schon bekannt sein wird, aufrecht und
hat oft einen Knittel als Spazierstock oder als Waffe in einer seiner
Vorderhnde; denn da die Affen vier Hnde haben, werdet Ihr schon
wissen. Wenn er angegriffen wird, vertheidigt er sich wacker und soll ein
gefhrlicher Feind sein, wenn man ihm allein begegnet.

Unser William wrde, wenn er nach Java gekommen wre, dieses Alles und noch
viel Merkwrdiges gesehen haben; allein das Schicksal wollte es anders und
er sah diese Insel nur aus weiter Ferne, ohne sie je zu erreichen, wie ich
Euch nachstehend in dieser wahrhaften Geschichte erzhlen werde.

Wind und Wetter blieben zu Anfang der Fahrt vom Cap der guten Hoffnung ins
indische Weltmeer hinein durchaus gnstig, und wie ein groer Vogel mit
seinen weitausgebreiteten Schwingen die blaue Luft durchschneidet, so
durchschnitt die mit schnen weien Segeln bespannte _Hoffnung_ den Ocean.
Stolz und herrlich mute sich das Schiff ausnehmen, indem es so sicher
durch die bewegte Wasserflche hinglitt. Wie lustig flatterten nicht die
hochrothen Wimpel, die schne Flagge mit dem kniglichen Wappen im Winde!
Wie glnzte und schimmerte Alles am Bord, wo eine wahrhaft musterhafte
Reinlichkeit und Ordnung herrschte; denn das mute man dem Capitain Hansen,
trotz seiner sonstigen blen Eigenschaften, lassen, er war ein ganzer
Seemann und hielt in allen Dingen auf die strengste Ordnung; nicht ein
einziges Endchen Tau durfte am unrechten Orte umherliegen und die erste
Putzdame konnte nicht eiferschtiger ber ihren Staat wachen, als unser
Capitain ber die Sauberkeit seiner schnen _Hoffnung_.

Endlich an einem Morgen, als es eben Tag zu werden begann, rief der
Matrose, der oben im Mastkorbe sa, mit lauter und freudiger Stimme Land!
aufs Verdeck hinunter. Der Capitain kam auf diesen Ruf schnell aus der
Kajte hervor und befahl William, der ihm gefolgt war, das prchtige,
weitsehende Fernrohr zu bringen, damit er untersuchen knne, ob der sich
im Nord-Ost am fernen Rande des Horizontes zeigende, graue Nebelstreif
wirklich Land, und, wie er vermuthen durfte, die Kste von Java sei. Er
richtete lange das Fernrohr, das er auf Williams Schulter gelegt hatte, auf
den grauen Streif; denn die Entfernung war noch so gro, da man nur mit
Mhe unterscheiden konnte, ob man wirklich Land oder nur eine Wolkenschicht
vor sich habe. So wie aber die Sonne etwas hher gestiegen war, unterschied
er mit dem Fernrohr deutlich die hohen Bergspitzen Java's und sagte jetzt
freudig: Es ist wirklich Land und bald werden wir am Ziele sein.

Dieser Ausspruch erfreute die Herzen Aller, die ihn hrten. Wenn man so
lange auf der See geschwommen und nichts als Himmel ber, als Wasser unter
sich gehabt hat, dann sehnt man sich endlich doch wohl nach einem
festen, grnen Boden unter seinen Fen, und wenn man so lange nichts als
gepckeltes Fleisch und trockene Hlsenfrchte, wenn es hoch kmmt, eine
Mehlspeise oder Fische gegessen hat, nach frischem Fleische und grnem,
saftigem Geme.

Es herrschte also ber diesen Ausspruch des Capitains groe Freude am Bord:
wute man doch, da man sich auf ihn verlassen konnte, besonders, da es
nicht das erste Mal war, da er diese Reise machte. Eine so glckliche,
ungetrbte Fahrt, wie diese, hatte man noch nicht gemacht; so behauptete
selbst der lteste Matrose am Bord, der alte Jakob, der von seinem
fnfzehnten, bis zu seinem fnfzigsten Jahre fast immer auf der See gewesen
war.

Inde sollte die groe Freude der Mannschaft und des Capitains bald getrbt
werden. Die bisher so ruhige, gleichsam spiegelglatte See fing an, sich zu
kruseln; es tauchten immer grere Wellen, als ob das Meer unten koche,
aus der Tiefe empor; zwar versprte man auf dem Schiffe noch keinen Wind,
vielmehr schwieg dieser gnzlich, als wolle eine Windstille eintreten;
allein das Meer braus'te hohl und gab ein Getse von sich, wie wenn in
weiter Ferne der Donner rollt.

Die Mannschaft kannte so etwas und Alles wurde still, als sich diese Boten
eines herannahenden Sturmes kund thaten. Je grer die vorhergehende Stille
gewesen war, je mehr hatte man von jenem zu frchten. Ein anderes, Allen
wohlbekanntes bles Zeichen waren die ber das Schiff hinfliegenden groen
Wandervgel, die ein klgliches Geschrei in der Luft erhoben und statt
sich zum Ausruhen auf die Masten und Segelstangen nieder zu lassen, im
schnellsten Fluge vorberschossen. Das thaten sie, um wo mglich noch vor
dem ausbrechenden Orkane das Festland zu erreichen.

Die See frbte sich immer dunkler; die Wellen wurden mit jeder Stunde
grer und begrnzten sich mit schneeweien Rndern von Schaum. Der
Capitain verlie das Verdeck nicht und schaute sich mit ernster Miene
und ohne ein Wort zu sagen nach allen Seiten um, ob er nicht noch andere
Zeichen des nahenden Sturmes entdecke. Endlich erblickte er, gerade in
der Richtung, von welcher der Wind herkam, ein kleines dunkles Wlkchen am
Himmel, und sich an den Steuermann wendend, sagte er:

Jetzt kommt es! Aufgepat!

Er ertheilte dann der Mannschaft die nthigen Befehle, um auf das Kommende
bereit zu sein, lie einen Theil der Segel einziehen und befahl die
greste Vor- und Umsicht.

Das Wetter wird wahrscheinlich sehr schlimm werden und wir haben uns zu
frh ber die glckliche Fahrt gefreut, sagte er mit bedenklicher Miene.
Von Glck werden wir zu sagen haben, wenn wir mit leidlichem Schaden davon
kommen. Habt ihr das dunkle Wlkchen da unten, -- er zeigte gen Westen
mit der Hand -- wohl gesehen? wandte er sich an den neben ihm stehenden
Untersteuermann; das bedeutet nichts Gutes und wird schnell genug, Tod
und Verderben in seinem Schooe tragend, heraufkommen. Dazu wird es bereits
Abend; es darf Keiner diese Nacht zu Bett gehen, denn wenn uns das Unwetter
im Schlafe berraschte, knnte das Unheil gro werden. Daher aufgepat!
sage ich nochmals und keiner verlasse seinen Posten!

William, der neben dem Capitain stand und jedes seiner Worte vernahm, hatte
denn doch ganz seltsame Empfindungen in seiner Brust, als er von Sturm
und Unwetter reden hrte und, wie es sehr wahrscheinlich war, sie selbst
mitbestehen sollte. Er hatte bereits oft von Schiffbrchen und andern
Unfllen zur See gehrt oder gelesen; das aber erfllte ihn nur mit einem
gewissermaen angenehmen Grausen und stachelte blos seine Neugierde auf
den Ausgang der Sache; jetzt aber, wo er selbst daran und eine mitspielende
Person in dem groen Drama sein sollte, war ihm ganz anders zu Muthe und
trotz der drckenden Schwle des Abends rieselte ihm von Zeit zu Zeit ein
kalter Schauder durch die Glieder.

Inde begriff er doch noch nicht, wie das bezeichnete kleine dunkle
Wlkchen am fernsten Rande des westlichen Horizontes so verderblich fr
Schiff und Mannschaft werden knne; war es doch noch so fern und kaum
wenig grer, als da er es mit seinen beiden ausgebreiteten Hnden htte
bedecken knnen. Er wagte es mit einiger Schchternheit, seine bescheidenen
Zweifel nicht gegen den Capitain selbst, wohl aber gegen den ihm
befreundeten Obersteuermann zu uern; dieser aber belehrte ihn eines
Bessern, indem er zu ihm sagte:

Die Wolke da drben _scheint_ nur klein, ist es aber nicht. Nur die
auerordentlich groe Entfernung und der groe unermeliche Raum, in dem
sie schwimmt, lt sie unsern Blicken so unbedeutend erscheinen. Du wirst
schon selbst bemerkt haben, lieber William, wie sehr die Entfernung zur
scheinbaren Verkleinerung der Gegenstnde beitrgt. Wenn man z.B. auf
einem Berge, auf einem hohen Thurme oder auch nur auf dem Dache eines
Hauses steht, erscheinen die unten wandelnden Menschen und Thiere uns in
fast zwerghafter Gestalt. Eben so ist es mit den Gegenstnden, die wir am
Horizont erblicken. Nimm nur einmal die Sonne oder den Mond, deren Scheibe
man fast mit der Hand bedecken kann, und doch ist die erstere 113 Mal
groer als unsere Erde, obgleich diese eine Masse von 2659 Millionen 310190
kubischen Meilen hat; eine kubische Meile ist aber eine, die eine Meile
lang, breit und hoch ist. Bedenke, wie gro also die um 113 Mal so groe
Sonne sein mu und doch macht die auerordentliche Entfernung, da sie
uns nicht grer _erscheint_, wie der innere Theil eines migen Tellers.
Hiernach wirst Du schlieen knnen, da auch jene, jetzt so klein
scheinende Wolke sehr gro sei und uns, wenn sie sich ber uns ausbreiten
sollte, Gefahr und Verderben bringen knnte. Alles wird fr uns davon
abhngen, ob der Wind in seiner jetzigen Richtung bleibt, oder davon
abspringt; ist das letztere der Fall, so drfte die Gefahr minder gro
werden.

William, der dem unterrichteten Manne mit der gespanntesten Aufmerksamkeit
zugehrt hatte, dankte fr die ihm ertheilte Belehrung und richtete jetzt
auch seine Blicke fast unausgesetzt auf die kleine dunkle Wolke.




Siebentes Kapitel.


Der Wind stand inde noch immer aus Westen und die Wolke, von ihm
getrieben, kam immer nher und nher; so wie sie aber heraneilte, wurde
sie grer. Noch hohler als frher schon ging die See; die Wellen schlugen
gegen die Seitenwnde des Schiffs, als wollten sie sie zerschellen; der
Schaum spritzte, so wie der Kiel die Wogen durchschnitt, so hoch empor, da
er auf's Verdeck niederfiel. Jetzt lieen sich auch bereits einzelne,
noch in ziemlich groen Pausen kommende Windste verspren; die freien
Zwischenrume wurden immer krzer, die Ste selbst anhaltender. Endlich
war der vollstndigste Orcan da. Der Himmel hatte sich schwarz bezogen; es
donnerte aus den Wolken; Blitze zuckten, die ganze Natur schien in Aufruhr
zu sein. Die Wellen gingen so hoch, da sie ber das Verdeck strzten
und von demselben Manches mit sich in die Tiefe hinabrissen. Dazu kam die
Nacht, die das Grausenhafte der Scene noch vermehrte.

Der Capitain war dem Anscheine nach ruhig, aber sehr bleich; ein Beben
seiner Stimme, so oft er einen Befehl ertheilte, verrieth, da er seine
innere Furcht nur bemeisterte, vielleicht, um die Mannschaft nicht zu
erschrecken: war diese doch ohnehin, trotz ihres Muthes, schon erschrocken
genug, indem sich kaum einer erinnerte, je einen solchen Orkan erlebt zu
haben.

Die ltesten und verwegensten Matrosen, Mnner, denen sonst immer, nach
der schlechten Gewohnheit der Soldaten und Seeleute, Flche auf den Lippen
schwebten, lieen alle Augenblicke ein: Gott steh' uns bei! oder:
Gott sei uns armen Menschen gndig! hren. Man vernahm weder mehr ein
frhliches Singen noch Pfeifen am Bord; Alles verrichtete seine Arbeit
still; nur die Stimme des Capitains wurde von Zeit zu Zeit, Befehle
ertheilend, gehrt; oft bertobte der Sturm sie.

Die Gewalt desselben nahm mit jedem Augenblick zu, und obgleich die
meisten Segel eingerefft waren, wurde das Schiff doch pfeilschnell vorwrts
getrieben. Der Steuermann vermochte das Steuer nicht mehr zu regieren,
sondern mute das Schiff dem Winde und den Wellen fast gnzlich berlassen.
Menschenmacht und Menschenhlfe vermochte nichts mehr: man mute sich in
Gottes Hand geben und glaubte dem Ende seiner Tage nahe zu sein.

Um das Unheil zu vermehren, brach endlich auch noch das Steuer entzwei,
indem eine Stowelle dagegen schlug; jetzt gab es keine Lenkung des
Schiffes mehr, und Luft und Wasser hatten freies Spiel.

Selbst dem Capitain entsank der Muth; bis dahin hatte er einen wirklich
bewunderungswrdigen gezeigt. Sein Ansehen hatte etwas Furchtbares; sein
Gesicht war todtenbleich, und sein krauses Haar strubte sich auf dem
Haupte empor; in seinen Mienen lagen Furcht und Entsetzen; allein kein
Wort, das Furcht verrathen htte, entfuhr seinen Lippen. Nur als er an
William vorberging, der in der Kajte auf seinen Knieen lag und, wie seine
fromme Mutter es ihm im Glck und Unglck gelehrt hatte, zu Gott um Rettung
emporflehte, sagte Capitain Hansen wie vor sich hin:

Armer Junge! Dein Leben habe ich auf dem Gewissen! Ich beging ein schweres
Unrecht, das ich vor Gott zu verantworten haben werde, indem ich Dich
Deiner Heimath und einer minder gefahrvollen Beschftigung entri.

Obgleich nun die Gefahr mit jedem Augenblick hher stieg und Alle sich
ihres Lebens begaben, war doch durch das Gebet eine grere Ruhe ber das
Herz des armen William gekommen. Wie oft hatte er seine gute Mutter in
Augenblicken der Noth die Worte sagen hren:

Nicht wie ich, sondern wie mein Vater im Himmel will? und dieser sich
jetzt erinnernd, sagte er sie auch, wodurch eine wahrhaft himmlische Ruhe
ber sein Herz kam. Zwar erfllte ihn der Gedanke mit Betrbni, schon so
jung, so fern von der theuren Mutter und der geliebten Heimath sterben zu
sollen, in die grausenvolle Tiefe des Meeres hinabsinken zu mssen; allein
Schrecken oder wohl gar Entsetzen flte er ihm nicht ein: wute er doch,
da es nach diesem Leben noch ein anderes, wie die heilige Schrift verhie,
_besseres_ geben wrde; wie htte er sich also wohl vor dem Tode frchten
sollen? Da er aber zu leben _wnschte_, wie natrlich war das nicht?

So beschmte dieser Knabe in seiner durch wahrhafte Frmmigkeit und
Gottergebenheit hervorgegangenen Ruhe die ltern Mnner. Trotz derselben
lie er aber doch die Hnde nicht in den Schoos sinken, sondern verrichtete
mit Kraft und Besonnenheit die ihm aufgetragenen Geschfte.

Die grauenvolle Nacht ging endlich vorber und der Himmel klrte sich
etwas auf. Von Zeit zu Zeit fiel ein Sonnenstrahl durch den dunklen
Wolkenschleier, womit er berzogen war; aber der Sturm legte sich nicht
und trieb das Schiff wie ein Spielwerk vor sich her. Wo man war, wute man
nicht, da eine Sturzwelle den Kompa ber Bord gerissen hatte, folglich
der Capitain seine Beobachtungen nicht anstellen konnte; gelenkt konnte das
Schiff auch nicht mehr werden, weil das Steuer zerbrochen war. Man sah kein
Land mehr, nichts als das Wasser unter, den Himmel ber sich.

Dies war, obwohl an sich schrecklich genug, doch gewissermaen ein Trost
fr die armen Schiffbrchigen, indem die greste Gefahr ihnen von der Nhe
des Landes kommen mute. In dieser Nhe ist nmlich das Meer gewhnlich
mit verborgenen oder offenbaren Klippen und Felsenriffen best, an denen
steuerlose Schiffe unfehlbar scheitern mssen, wenn der Wind sie gegen
dieselben treibt. Daher war es fr unsere Seefahrer trstlich, da sie
nirgends Land zu ersphen vermochten. Legte sich der Orcan nur bald,
so durfte man sogar noch auf Rettung hoffen: das Schadhafte konnte
ausgebessert, die zerrissenen Segel konnten geflickt werden und man,
wenn gleich nur nothdrftig und mit groer Anstrengung, doch noch einen
rettenden Hafen erreichen.

So betete jetzt Alles am Bord, ganz im Gegensatze zu frher: Nur kein
Land! Nur kein Land! Der Sturm konnte, _mute_ sich ja endlich doch
legen; wenn aber das Schiff auf Klippen stie, dann war keine Rettung mehr
mglich.

Allein auch die letzte Hoffnung sollte zu Trmmern gehen. Nachdem das
Schiff noch einige Stunden, vom Sturme gepeitscht, gegen Osten getrieben
worden war, erblickte man ganz deutlich, und bereits mit bloem Auge, den
bewuten grauen Streif am Himmel, der auf Land deutete, und der Wind trieb
das Schiff in gerader Richtung darauf zu.

Jetzt verstummte Alles vor Schrecken; der Capitain selbst bewahrte seine
uere Fassung nicht mehr und sagte der erschrockenen Mannschaft geradezu
heraus, da sie ihre Seele Gott befehlen mchten.

Immer deutlicher trat die Kste hervor -- ob es eine Insel oder ein
Festland sei, vermochte man nicht zu entscheiden, da man nicht wute, wo
man sich befand -- und um den Schrecken noch zu vermehren, sah man, da
sie bergig war. Wenn sich aber Berge am Lande befanden, so durfte man
schlieen, da sie bis ins Meer hinein sich erstrecken wrden. Die
Erfahrung lehrt nmlich, da jedes Gebirge drei Abstufungen hat: das
hchste oder Hauptgebirge; das Mittel- und endlich das Vorgebirge, welches
letztere gewhnlich sich in Klippen und Felsenriffen im Meere endigt.
Letztere hatte man also jetzt auch an der Kste zu erwarten, auf die das
steuerlose Schiff zugetrieben wurde.

Der Capitain ertheilte jetzt keine Befehle mehr; denn wie htte man sie
ausfhren sollen? Die Mannschaft arbeitete nicht mehr; denn wozu konnte die
Arbeit noch ntzen? Eine tiefe, lautlose Stille herrschte am Bord; nur
von Zeit zu Zeit stieg der Schiffszimmermann mit einer Laterne in den Raum
hinab, um nachzusehen, ob auch kein Leck entstanden sei und das Schiff
Wasser schpfe. In dieser Hinsicht brachte er immer trstliche Nachrichten
mit herauf: der Boden des Schiffes war noch fest und kein Leck zu
entdecken.

Da, als eben der Zimmermann wieder die Leiter hinan stieg, um sich aufs
Verdeck zu begeben, erhielt die _Hoffnung_, Allen unerwartet, einen
furchtbaren Sto, so da ihre eichenen Rippen erkrachten und Diejenigen,
welche standen, in Gefahr waren umzufallen.

Nun ist das Unglck da! rief der Capitain aufspringend. Es kann nicht
fehlen, der Sto mu einen Leck gegeben haben. Schnell hinab, Zimmermann!
herrschte er diesen an, schnell hinab und nachgesehen, was es da unten
gibt.

Er hatte kaum diese Worte ausgesprochen, so erfolgte ein zweiter, noch
weit heftigerer Sto; dann stand das eben noch pfeilschnell dahinschieende
Schiff pltzlich still, woraus man schlo, da es sich zwischen zweien im
Meere verborgenen Felsenriffen festgeklemmt habe.




Achtes Kapitel.


Die Blsse des Todes hatte alle Gesichter berzogen, so wie das Schiff
pltzlich still stand; es war, als wre das eben noch so lebendige zur
Leiche geworden. Die tiefste Stille herrschte an Bord; dann brachen einige
in laute Klagen aus, die der Capitain dadurch zu beschwichtigen suchte, da
er zu ihnen sagte:

Was hilft das Wimmern und Klagen? Es steht nun einmal im Buche des
Schicksals geschrieben, da wir in der salzigen Fluth unsern Untergang
finden sollen, und dabei ist es denn doch einigermaen ein Trost, da wir
auf cht seemnnische Weise umkommen. Der Tod wird hier wahrscheinlich nur
ein Augenblick sein; wren wir am Lande gestorben, so htte es vielleicht
lnger gedauert, bis wir damit durch gewesen wren.

Dieser Trost wollte aber bei Keinem Eingang finden; mehrere der Matrosen
waren noch jung und liebten das Leben und selbst die lteren unter ihnen
mochten nicht an den Tod denken.

In der Seele unsers Williams gingen seltsame Dinge vor, als er den Capitain
also reden hrte und die hellen Thrnen schossen ihm aus den Augen,
indem er an die theure Mutter und ihren Schmerz, an die Heimath und seine
Gespielen dachte, die er nun wahrscheinlich nicht wieder sehen sollte.
Dieser Schmerz war so natrlich und er hatte sich seiner nicht zu schmen,
um so weniger, da er noch ein Knabe und kein gereifter Mann war.

Der tiefen Betrbni und dem thatenlosen Schrecken der Mannschaft folgte
bald ein anderer Zustand und die Hoffnung, da dennoch vielleicht Rettung
mglich sei, blitzte in vielen Herzen, gleich einem Stern in dunkler Nacht,
auf. Die Thtigkeit erwachte wieder: man sah sich nach Rettungsmitteln
um; das groe Boot war noch da; man konnte sich, wenn das Schiff wirklich
sinken oder in Trmmer gehen sollte, zum Theil auf diesem, zum Theil durch
Befestigen an den Schiffstrmmern vielleicht noch retten.

Der in den Raum hinabgestiegene Schiffszimmermann kam wieder herauf; seine
Miene verkndete nichts Gutes; die Blicke Aller richteten sich ngstlich
und erwartungsvoll auf ihn.

Es sind schon sechs Fu Wasser im Raume, sagte er mit fast tonloser
Stimme, und es wchst mit jeder Minute; ein groes Leck mu da sein: wo
aber? vermag ich nicht zu entdecken, da das Wasser schon so hoch gestiegen
ist.

An die Pumpen! An die Pumpen! erscholl es jetzt aus dem Munde der
Matrosen und Alle strzten, ohne erst den Befehl des Capitains abzuwarten,
in den Raum hinab, um die Arbeit zu beginnen.

Arme Jungens! sagte der Schiffszimmermann mit einem schmerzlichen Lcheln
um den bleichen Mund, arme Jungens, es wird Euch nichts helfen: das Leck
ist zu gro und Eure Krfte werden nicht ausreichen, das Wasser im Raume zu
bewltigen.

Ist das Eure feste Ueberzeugung, Meister? fragte ihn der Capitain, der
aus einem dumpfen Dahinbrten pltzlich zu erwachen schien.

Ja, versetzte der Gefragte, und wenn ihrer zweimal so viele wren, so
wrden sie nicht Herr des Wassers werden.

So sollen sie die Zeit nicht mit unntzer Arbeit verlieren, sagte der
Capitain und lie einen Ruf erschallen, auf den Alle wieder auf's Verdeck
kamen.

Meister Steffen sagt, nahm der Capitain das Wort, als die Matrosen ihn
umstanden, da es mit dem Pumpen nichts sei und wir eine wahrscheinlich
sehr kostbare Zeit nur damit verlieren wrden. Wir drfen seinem Worte
vertrauen, da er ein geschickter, vielerfahrner Mann ist und sich schon
oft den Wind um die Nase hat wehen lassen. Denken wir also auf eine andere
Rettung. Lat das Boot ins Meer hinab; vielleicht legt sich der Sturm in
Kurzem und wir knnen mit dem Boote See halten. Die Kste kann nicht fern
sein! Gott knnte sich unser erbarmen und uns an dieselbe fhren. Wendet
also Eure Krfte darauf, das Boot ins Meer hinabzulassen und sobald sich
der Sturm nur in Etwas legen sollte, wollen wir es besteigen.

Gehorsam diesem Befehle machten sich die Matrosen an die Arbeit und schon
nach Verlauf weniger Minuten schauckelte sich das Boot auf den bewegten
Wellen. Nur kurz dauerte aber die Freude: eine ungeheure Sturzwelle kam
und ri in ihrem Anprall das Boot mit sich fort; ihre Kraft war so gro
gewesen, da sie das starke Tau zerrissen hatte, als wre das Fahrzeug an
einem Zwirnsfaden befestigt gewesen.

Ein Schrei des Entsetzens entfuhr bei diesem Anblick dem Munde Aller; der
Capitain aber sagte, wie vor sich hin, mit dumpfem Tone:

Nun ist's aus! Gott erbarme sich unser!

In dem Augenblicke fing das eben noch ganz fest liegende Schiff an, eine
schwankende Bewegung zu machen, ein Krachen, wie vom Einsturz eines groen
Gebudes, lie sich vernehmen und zugleich stieg das Wasser von unten
herauf aufs Verdeck. Das Schiff war geborsten und bestand nur noch aus
Trmmern.

Jeder wute jetzt, was es galt und griff nach einer rettenden Planke. Der
groe Mast, der bereits geknickt gewesen war, begrub in seinem Umsturze
zwei Matrosen, die in der Richtung standen, in der er fiel. Ob sie dadurch
getdtet wurden, oder erst in den Wellen ihr Ende fanden, ist nicht zu
bestimmen, denn Jeder dachte in dem Augenblick nur an sich und an die
eigene Rettung.

Unser William, noch ein Neuling auf dem Meere, wute nicht, was er thun,
was er beginnen sollte. Er stand neben dem Capitain, rang die Hnde und
schickte Gebete fr seine Rettung zum Himmel empor. Zufllig fiel der Blick
des Capitains auf den armen Knaben und, trotz der eigenen Noth und Gefahr,
jammerte sein Schicksal ihn; es war sein Gewissen, das ihm Theilnahme und
Mitleid fr ihn einflte.

Komm, sagte er zu unserm William, indem er ihm die Hand reichte; komm,
wir wollen zusammen unser Heil versuchen, und sollten wir untergehen, so
vergib mir Deinen Tod, an dem ich schuld bin.

Er zog ihn mit sich fort, zum groen Maste hin, der bereits auf dem Verdeck
im Wasser schwamm, denn so hoch war dieses bereits gestiegen, ergriff ein
starkes Tau und befestigte mit diesem den halbtodten Knaben an den Mast.
Darauf suchte er ein zweites Tau, umschlang sich damit und befestigte es
gleichfalls daran. Kaum war dies geschehen, so schwamm der Mast von den
Schiffstrmmern ins Meer hinab und die Wogen schossen darber hin.

Was weiter mit ihm vorging, vermochte unser William nicht zu sagen: die
Sinne hatten ihn verlassen und er hing wie schon todt an dem Maste, der,
der Richtung des Windes folgend, an eine unbekannte Kste trieb, wo er, von
einer ungeheuren Welle hoch aufs Land hinaufgeworfen, am Ufer liegen blieb.

Der Ton einer Stimme erweckte William aus seiner Betubung; er erkannte die
des Capitains, aber sie war so schwach, da er sie kaum zu unterscheiden
vermochte.

Lebst Du noch? fragte diese Stimme.

William ri die Augen auf und sah sich um.

Was gibts? und wo sind wir? fragte er verwundert.

Am Lande, versetzte der Capitain, und vielleicht gerettet, fgte er
hinzu, wenn Du nmlich noch so viele Kraft hast, Dein Messer nehmen und
erst Dich, dann mich losschneiden zu knnen, damit wir uns vor der nchsten
Sturzwelle hher auf das Ufer hinauf retten. Bleiben wir aber hier, so
fhrt sie uns wohl wieder ins Meer hinab und dann Ade, Leben!

William hatte jetzt seine volle Besinnung wieder und da seine Arme frei
waren, zog er das groe, an einem Bande um seinen Hals hngende Messer
aus seinem Busen hervor, ffnete es mhsam mit seinen vom Wasser ganz
erstarrten Hnden, schnitt die ihn an den Mast befestigenden Stricke
entzwei und machte den Versuch, sich zu erheben. Allein er war wie ein
Betrunkener und taumelte gleich wieder zur Erde nieder.

Mach schnell oder wir sind verloren! rief der Capitain mit schon
ersterbender Stimme. Ich kann mich nicht rhren, fgte er hinzu, und
habe wahrscheinlich etwas an meinem Leibe zerbrochen, auch strmt mir das
helle Blut ber das Gesicht.

William raffte jetzt den letzten Rest seiner Krfte zusammen und taumelte
zu seinem Leidensgenossen hin. Der Anblick desselben war ein entsetzlicher.
Das Blut rieselte, wie aus einer Quelle, aus einer groen Kopfwunde hervor
und hatte sowohl sein Gesicht, als seine Kleidung berstrmt. Ein Schrei
des Entsetzens entfuhr bei dem Anblick den Lippen des Knaben; aber trotz
dem verlie ihn seine Geistesgegenwart nicht. Er ging zu dem Kapitn,
zerschnitt die Bande womit er an dem Maste befestigt war, und zog ihn, da
er erklrte, nicht gehen zu knnen, hher auf den Strand hinauf, um ihn
vor den Sturzwellen in Sicherheit zu bringen. Es war die hchste Zeit damit
gewesen, denn keine halbe Minute verging, so ri eine mchtige Welle den
rettenden Mast wieder in das Meer hinab und wrde folglich auch unsere
Beiden mit sich fortgerissen haben, wenn sie sich nicht zuvor weiter
entfernt htten.

Schrecklich war es anzuhren, wie der Capitain chzte und sthnte, als
William ihn fortzog; der Unglckliche hatte den Schenkel zerbrochen und war
berdies mit Wunden bedeckt, worunter die groe Kopfwunde die gefhrlichste
war. Er hatte diese schrecklichen Verwundungen dadurch erlitten, da das
Ende des Mastes, an das er sich befestigt hatte durch die Gewalt der Wellen
gegen ein Korallenriff getrieben wurde, und der Sto war so heftig gewesen,
da er ihm das Bein zerbrach; berdie hatten die spitzig hervorragenden
Zacken des Riffs ihm mehrere Wunden beigebracht, die alle stark bluteten.

Der Anblick dieses unglcklichen Mannes prete William heie Thrnen aus
und lie ihn sein eigenes Unglck vergessen. Wie es uns in Augenblicken
groer Gefahr zu ergehen pflegt, erging es auch unserm William: Gott hatte
ihm grere geistige Krfte, denn je zuvor verliehen und diese machten es
mglich, da er mit Besonnenheit handeln und berlegen konnte, was er zu
thun habe, um die Leiden und Schmerzen seines Genossen zu lindern.

Dieser redete schon nicht mehr und lag mit festgeschlossenen Augen da; der
letzte Rest seiner Krfte hatte ihn verlassen und er schien bereits eine
Beute des Todes zu sein.

Trotz dem gab William den Versuch seiner Rettung nicht auf. Er entkleidete
sich und zog sein Hemd aus, um durch Zerreien desselben die nthige
Leinwand zum Verbinden der groen Kopfwunde zu erhalten. Er machte aus
diesem Hemde, das natrlich vom Seewasser ganz durchdrungen war, ein
starkes Polster und eine Binde, legte das erstere auf die Wunde und
befestigte es mit der letztern um den Kopf. Kaum aber berhrte das mit
salzigem Wasser getrnkte Polster die Wunde, so schrie der arme Verwundete
vor Schmerz laut auf und fuhr mit der Hand nach dem Haupte, um es wieder
abzureien.

Trotz dem, da der Schrei und die heftige Bewegung des Leidenden ihn
erschreckten, freute er sich doch ber dieses neue Lebenszeichen, denn er
hatte den Capitain schon todt oder doch im Sterben begriffen geglaubt.

Was machst Du? und wehalb thust Du mir weh? rief der Capitain, ihn mit
zornigen Blicken anstarrend.

Lieber Herr Capitain, antwortete ihm der zitternde Knabe, ich wollte
Ihre schwere Wunde verbinden und bin vielleicht nicht vorsichtig genug
gewesen. Ach wie leid thut es mir, Ihnen wider meinen Willen wehe gethan zu
haben, fgte er, vor Angst und Wehmuth schluchzend, hinzu.

La es gut sein, sagte der Capitain mit bereits ersterbender Stimme, la
es gut sein und mache mir keine Schmerzen mehr. Mit mir ist es aus, und
ich bin ein Mann des Todes, fgte er mit einem schweren Seufzer hinzu, der
fast wie Aechzen klang.

Das wolle Gott verhten! versetzte William; sind wir doch am Ufer und
gerettet!

Ja, Du bist, dem Himmel sei gedankt! wahrscheinlich gerettet, erwiederte
ihm der Capitain; aber ich werde nicht mit dem Leben davon kommen; rieselt
es mir doch schon wie Todesschauer durch Mark und Bein und umflort sich
mein Blick, so da ich Deine Gesichtszge kaum mehr unterscheiden kann. Das
ist, wie ich glaube, der Tod, fgte er mit ersterbender Stimme hinzu.

William, der selbst glaubte, da es bald mit dem armen Manne aus sein
wrde, konnte ihm vor Weinen nicht antworten. Sein Schmerz war so gro, als
aufrichtig, und er dachte in diesem Augenblick nicht mehr daran, wie
dieser Mann gegen ihn gehandelt, und da er ihm sein trauriges Schicksal zu
verdanken hatte.

Nach einigen Minuten, whrend welcher William weinend neben ihm kniete,
ffnete der Capitain wieder die Lippen und schien sprechen zu wollen;
allein seine Kraft war dahin, und nur wie ein leiser Hauch ertnte
das Wort: Wasser! von seinem blassen Munde. William, der sich zu ihm
niedergebeugt hatte, vernahm es und erhob sich, um das Verlangte zu holen.
Jetzt aber fiel pltzlich der Gedanke seiner Hlflosigkeit und seiner
ganzen schrecklichen Lage auf sein Herz. Groer Gott! woher Wasser nehmen?
und wenn er auch wirklich welches fnde, in welchem Gefe es schpfen und
zu dem vor Durst Verschmachtenden bringen?

Er stand wie erstarrt da und wute sich weder zu rathen noch zu helfen.

Wasser! Wasser! Ich verbrenne! rief jetzt der Sterbende mit der letzten
Anstrengung seiner Krfte, und William strzte, ohne zu wissen, was er
that, von ihm fort, tiefer in das Land hinein.

Bald betrat er einen grnen, mit starkem, in groen einzelnen Bscheln
stehenden Grase bedeckten Boden und schaute umher. Hie und da erhob sich
ein Baum aus dem Erdreiche, dessen seltsam geformtes, unserm Farrenkraute
hnliches Laub ihm aufgefallen sein wrde, wenn seine Gedanken nicht
gnzlich darauf gerichtet gewesen wren, Wasser zu finden. Dieses
aber zeigte sich seinen Blicken nicht, so ngstlich sie auch darnach
umhersphten. Fast eine Viertelstunde war er gelaufen und seine nur noch
so schwachen, vom heien Sonnenbrande noch mehr aufgezehrten Krfte drohten
bereits zu erliegen, als er den Boden unter sich weich werden fhlte. Er
bckte sich und fate mit der Hand darnach, und, o Freude! er war feucht!
Wo sich aber ein feuchter Boden zeigte, da mute auch Wasser in der Nhe
sein.

Dieser Gedanke strkte und ermuthigte ihn und er schritt vorwrts. Es
dauerte auch nicht lange, so vernahm sein sorgsam lauschendes Ohr
ein leises Rieseln; er stand still, um zu horchen und vernahm dieses
erfreuliche Gerusch jetzt ganz deutlich in der nchsten Nhe. Ein in
dichteren Bscheln stehendes Gras, dessen Farbe berdies frischer, als die
des brigen Grases war, fiel ihm auf; er bckte sich darnach nieder, bog es
auseinander und, o Entzcken! ein schmaler Silberstreif des allerhellsten
Wassers zeigte sich zwischen dem saftigeren Grase.

Worin es aber schpfen, um es dem armen Verschmachtenden zu bringen?
werdet Ihr, meine Geliebten, jetzt gewi fragen.

Unser William, den ich Euch als einen klugen und sinnreichen Knaben
geschildert habe, wute das bereits: er hatte seine _Tasche_ zum
Wassergefe ausersehen.

Seine Tasche? werdet Ihr wieder rufen; seine Tasche? Du willst uns wohl
zum Besten haben, liebe Amalie? Wissen wir denn nicht, da Leinwand eben
so gut wie ein Sieb ist und die Flssigkeit hindurch laufen lt? Da wrde
also der arme Verwundete keinen Tropfen erhalten und vollends verschmachten
mssen, um so mehr, da der William fast eine halbe Stunde zu laufen hatte,
bevor er wieder zu ihm gelangte.

Ganz recht, meine lieben Kinder; aber unser William brachte trotz dem das
Wasser in seiner Tasche zu dem armen Sterbenden und erquickte ihn damit.
Diese Tasche war aber nicht von Leinewand, sondern, wie es bei den Matrosen
Sitte ist, von _Leder_, das, wie Ihr wissen werdet, so leicht das Wasser
nicht hindurch lt. Der gescheidte Knabe hatte sich dieses Umstandes
erinnert, und auf dem Wege bereits diese lederne Tasche aus seiner Hose
geschnitten, um sie, sobald er Wasser fnde, als Schlauch zu gebrauchen.
Auf diesen Gedanken war er gekommen, weil er sich erinnerte, in einer
Reisebeschreibung gelesen zu haben, da die Spanier ihren Wein zum Theil
in Schluchen von Ziegenleder aufbewahren. Hieraus knnt ihr ersehen, wie
frderlich es ist, wenn man beim Lesen guter Bcher auf Alles merkt und das
Gelesene seinem Gedchtnisse einzuprgen sucht.

William hatte jetzt also nicht nur helles, khles, kstliches Wasser,
sondern auch, Dank seiner Aufmerksamkeit und Besonnenheit, ein Gef, um
es zu schpfen und fortzutragen. Er schpfte es aber nicht ohne weiteres in
seinen ledernen Schlauch oder vielmehr Beutel, sondern reinigte die Tasche
erst gehrig von dem salzigen Seewasser, von dem sie fast durchdrungen war;
dann lschte er erst selbst seinen brennenden Durst und als er fand, da
das Wasser in seinem Beutel vllig geschmacklos war, schpfte er ihn wieder
voll und kehrte zum Strande zurck, wo der arme Verwundete nach einem
khlenden Trunke schmachtete. Die Menschenliebe, dieses wahrhaft gttliche
Gefhl, verlieh ihm eine ungewhnliche Kraft, und schneller als er selbst
gedacht hatte, langte er bei dem Sterbenden an.

Dieser lag mit todtenbleichem Antlitze und festgeschlossenen Augen da;
William glaubte, da er bereits verschieden sei und wollte sich eben
weinend neben ihn niedersetzen, als ein Seufzer den Lippen des Sterbenden
entfuhr und wieder glaubte William das Flehen um Wasser zu hren.

Hier ist Wasser, Gott sei gedankt! rief er laut und mit freudig bewegter
Stimme.

Der Sterbende vermochte ihm nicht zu antworten; aber er ffnete, zum
Zeichen, da er ihn verstanden habe, die Lippen, als begehre er zu trinken.
William flte ihm mit der gresten Vorsicht einige Tropfen Wasser ein.
Diese brachten eine so groe Wirkung auf den Capitain hervor, da er schon
nach wenigen Minuten die Augen aufschlug und seinen jungen Wohlthter mit
dankbaren Blicken ansah.

William, welcher bemerkte, da der Leidende sehr schlecht und unbequem
mit dem Kopfe lag, was ihm noch mehr Schmerzen verursachen mute, sann auf
Mittel, ihm eine bequemere Lage zu geben, ohne seinen armen zerschlagenen
Krper zu bewegen. Bald hatte sein erfinderischer Geist das Nthige
erfunden: er erinnerte sich des hohen Grases, womit der Boden in einiger
Entfernung vom Strande bedeckt war, eilte fort und schnitt mit seinem
Taschenmesser so viel davon ab, als er mit beiden Armen zu fassen
vermochte. Dies gab ein weiches, khles und kstliches Kopfkissen ab, indem
er es behutsam unter das Haupt des Verwundeten schob.

Dieser schien jetzt, nachdem er sich gehrig an dem kstlichen,
krystallhellen Wasser gelabt, vllig wieder zur Besinnung gekommen zu sein.
Reden konnte er zwar noch nicht; allein er schaute seinen jungen Wohlthter
mit liebevollen Blicken an und drckte ihm von Zeit zu Zeit die Hand, zum
Zeichen seiner Dankbarkeit; William bemerkte, da ihm dabei die hellen
Thrnen ber die Wangen liefen.

Obgleich selbst entkrftet und fast todtmde, dachte der gute Junge doch
nicht an sich und seine eigenen Leiden und Entbehrungen, sondern allein
an den armen Mann, der tausendmal grere Schmerzen zu erdulden hatte.
Er dachte auch nicht daran, da eben dieser sein Feind die Ursache seines
gegenwrtigen Migeschicks war, sondern allein daran, wie er ihm helfen,
auf welche Weise er seine Leiden lindern knne.

Nur einige wenige Minuten ruhte er aus, nachdem er ihm das weichere Lager
fr sein Haupt bereitet hatte, dann erhob er sich wieder, um einen Schutz
gegen die sengenden Sonnenstrahlen fr seinen lieben Kranken zu suchen. Auf
diesem Wege fielen ihm die Bume mit dem farrenkrautartigen Laube auf. Er
eilte auf sie zu und schnitt eine Menge von den ber eine Elle langen und
halb so breiten Blttern ab, die er auf einen Haufen legte, bis er eine
gehrige Menge von Stcken geschnitten haben wrde, von denen er eine Art
von Htte aufbauen und diese mit dem breiten Laube des Farrenkraut-Baumes
bedecken wollte. Denn Ihr mt wissen, geliebte Kinder, da die Pflanze,
welche bei uns an feuchten und schattigen Stellen niedrig am Boden wchst
und kaum eine Hhe von einem Fue erreicht, in Australien zum stattlichen,
beraus schnen Baume gedeiht. Solche Farrenkraut-Bume hatte nun unser
William vor sich; da er aber von der Pflanzenkunde wenig oder gar nichts
wute, konnte er diese herrliche Pflanze nicht benennen; nur so viel sagte
er sich, da sie zu dem beabsichtigten Zwecke ganz vortrefflich passe.

Vermittelst seines starken und zum Glcke sehr scharfen Messers -- es war
ein Geschenk von dem armen alten Jakob, der wohl jetzt tief im Meeresgrunde
lag und den ewigen Schlaf schlief -- schnitt er eine Menge Stecken ab
und trug sie zum Strande, wo er sie ziemlich tief in den sandigen Boden
einsteckte und ber dem Krper des Verwundeten eine Art von Gerst davon
aufbaute. Er hatte zwar weder Hammer, Bohrer noch Ngel, um die Stcke
aneinander zu befestigen; allein er wute sich trotz dem zu helfen. Er
hatte nmlich bemerkt, da die Frucht tragenden Halme des Grases, wovon er
fr seinen lieben Kranken ein Lager fr das Haupt gemacht hatte, sehr stark
und zh waren, und so bediente er sich derselben statt der Stricke, um
die Stbe aneinander zu binden. Dabei kam ihm wieder die Aufmerksamkeit zu
statten, die er von jeher allen ihm begegnenden Dingen und Sachen schenkte.
Seine Mutter war frher mehrere Male um die Erndtezeit mit ihm ins Feld
gegangen und da hatte er bemerkt, da die Garbenbinderinnen eine Handvoll
Stroh zusammendrehten, um damit die Garben zu binden. Ebenso verfuhr er
mit den ziemlich langen und sehr zhen Grashalmen, die auf solche Weise
behandelt, die ihm fehlenden Stricke vollkommen ersetzten.

Als sein Gerst aufgebaut war, holte er das Farrenkraut und bedeckte seinen
Bau mit den breiten Blttern desselben. Es nahm sich fast so aus, wie die
Lauberhtten der Israeliten und gewhrte nicht nur dem Leidenden
Schutz gegen die brennenden Sonnenstrahlen, sondern auch, als die Sonne
untergegangen war, gegen die eintretende Khle der Nacht.

Unter diesen liebevollen Bemhungen des guten Knaben war es Abend geworden.
Die Sonne hatte bereits ihre Laufbahn vollendet und war am westlichen Rande
des Horizonts ins Meer hinabgesunken. Der Verwundete lag in einer Art von
Halbschlummer, aus dem er aber von Zeit zu Zeit erwachte, um Wasser zu
fordern. Da er dem Schmachtenden dieses immer geben knne, auch dafr
hatte unser William auf eine sinnreiche Weise gesorgt, indem er an seiner
Ledertasche einen Stiel befestigte; er hatte nmlich oben am Rande zwei
Lcher hineingebohrt, durch die er einen ziemlich langen Stecken schob, und
indem er das untere Ende des Steckens schrg in die Erde steckte, erhielt
sich sein Wassergef schwebend, so da kein Tropfen verloren ging.

Auf diese Weise hatte unser Freund nun freilich fr das nchste Bedrfni
seines lieben Verwundeten gesorgt; allein wer sorgte fr das seinige? Es
meldete sich nmlich bald ein bser Gast bei ihm: der Hunger, und er hatte
nichts, um ihn zu befriedigen. An einer reichlich besetzten Tafel ist der
Hunger ein hchst willkommener Genosse, der alle Speisen wrzt; allein in
der Einde, wo es an allen Mitteln fehlt, ihn zu befriedigen, da macht er
sich nicht wenig unangenehm.

Dies empfand unser William jetzt, und er fate oft an seinen armen Magen,
der anfing, gewaltig zu knurren.

Ach! seufzte er, den Blick auf das schne Gras werfend, welches in
reichster Flle rund umher stand, wie glcklich, wer doch hier ein Pferd
wre!

Es war inde schon zu spt, noch auf die Entdeckung eines menschlichen
Nahrungsmittels auszugehen und so legte er sich mit dem frommen Spruche:
der liebe Vater im Himmel wird schon helfen! auf den Sand neben seinen
Kranken nieder und schlief bald ein.

[Illustration: ~Seite 71.~]




Neuntes Kapitel.


Nicht lange konnte unser junger Freund schlafen, indem ein immer strker
werdendes Aechzen des neben ihm ruhenden Capitains ihn weckte. Er fuhr
empor, rieb sich die Augen und sah sich nach allen Seiten um. Die erst
anbrechende Morgendmmerung lie ihn die ihn umgebenden Gegenstnde kaum
noch erkennen und ein angenehmer Traum hatte berdies seine Gedanken
verwirrt. Ihm trumte nmlich, da er wieder in der geliebten Heimath, im
Arme seiner theuren Mutter sei, die ihn unter Freudenthrnen willkommen
hie, und ihm das Versprechen abnahm, da er sie nicht wieder verlassen
wolle. Auch er hatte im Traume Thrnen der Freude und Rhrung vergossen,
und seine Augen waren beim Erwachen noch feucht davon.

Das immer lauter und schmerzlicher werdende Aechzen des armen Leidenden
neben ihm entri ihn bald seinen angenehmen Vorstellungen und machte ihn
darauf aufmerksam, wo er sich befinde. Er sprang schnell auf und trat zu
der ber dem Krper des Capitains gemachten Laubhtte, auerhalb deren er
geschlafen hatte, weil nur Raum fr _eine_ Person darin war. Er machte
sich die bittersten Vorwrfe, da er hatte schlafen knnen, whrend
ein menschliches Wesen so entsetzlich neben ihm litt, und doch war es,
besonders bei seinem Alter, so natrlich, da er nach den gehabten groen
Anstrengungen in Schlaf verfiel.

Wie ist Ihnen, Herr Capitain? fragte er mit vor Mitleid bebender Stimme,
und kann ich Ihnen mit irgend Etwas zu Hlfe kommen? Er verga in dem
Augenblick seine gnzliche Hlfslosigkeit und da er dem Leidenden nichts
zu bieten habe, als hchstens einen Trunk Wasser aus der entdeckten Quelle.

Er erhielt lngere Zeit keine Antwort auf seine Frage; dann sagte der
Capitain mit kaum vernehmbarer Stimme:

La mich in Ruhe sterben! -- Es ist der Tod, mit dem ich kmpfe -- und er
ist bitter -- bitter, wenn man nicht so gelebt hat, wie man gesollt htte.
O meine arme Frau! -- mein liebes Kind! -- und auch Du, armer Junge! Er
konnte nicht weiter reden; ein lautes Schluchzen unterbrach seine Worte,
und auch William, dem sich das Herz in der Brust krampfhaft zusammenzog,
vermochte kein Wort hervorzubringen.

Ja! Ja! fuhr der Capitain nach einer ziemlich langen Pause fort; ja, nun
kmmt's! Ich wollte in meinem wsten Leben immer nicht daran glauben, da
eine Stunde kommen wrde, wo ich mit Abscheu auf mich selbst, mit Zittern
in die Zukunft blicken wrde, und nun ist sie doch da! und nun greift die
Furcht vor dem unbestechbaren Richter da oben, vor den Strafen, die mich
Jenseits erwarten, nach meinem Herzen und ich zittere wie ein armer Snder,
den man zum Hochgerichte fhrt. -- Ich verspottete frher das Alles -- ich
glaubte weder an Gott, noch an Tugend! ich sprach der letztern Hohn und
frhnte unbedachtsam meinen wilden Trieben; ich spottete ber die, die es
anders, besser machten, und nun ist die Hlle in meinem Herzen, und nun, wo
ich nichts mehr gut machen, mich nicht mehr bessern, reinigen kann, nun
mu ich verzweifeln! Er verzerrte bei den letztern Worten so grausam die
Mienen seines Gesichts, da William, der in Thrnen zerflieend neben ihm
kniete, entsetzt aufsprang und gern weit, weit weg geflohen wre.

Der Sterbende wurde jetzt still und William trat ihm schchtern wieder
nher. Mit andchtig gefalteten Hnden stand er neben dem Verzweifelnden
und schickte heie Gebete fr sein Seelenheil zum Himmel empor.

Nach einer ziemlich langen Pause rief der Capitain, indem er die Augen weit
aufri und William damit anstarrte.

Wo bist Du? Ich sehe Dich ja nicht mehr? Hast auch Du mich verlassen, und
willst mir in meiner Sterbestunde nicht beistehen?

Ich bin hier, Herr Capitain, antwortete ihm William schluchzend; ich
habe Sie nicht verlassen und werde nicht von Ihnen weichen. O knnte ich
doch mit meinem armen Leben das Ihrige retten! fgte er mit dem Tone der
Wahrheit hinzu.

Guter Knabe! erwiederte ihm der Sterbende mit einer Stimme, die vor
Rhrung brach; guter Knabe, ich habe so viele Liebe und Treue nicht von
Dir verdient. Ich handelte auch gegen Dich schlecht -- ich war hart, war
grausam gegen Dich; das kleinste Versehen brachte mich in Zorn und zog Dir
Strafe zu -- O!

Nein! rief William, indem er mit seiner heien Hand nach der bereits
erkaltenden des Capitains griff, nein, Herr Capitain, Sie sind so hart
nicht gegen mich gewesen, wie Sie selbst sich jetzt anklagen! Erinnern Sie
sich noch, wie Sie mir eins von Ihren Hemden gaben, als Sie entdeckten,
da ich nur das einzige habe, was ich auf dem Leibe hatte? O, das war eine
groe Wohlthat, die Sie mir erwiesen, und so lange ich lebe, werde ich
derselben dankbar gedenken.

Das ist ein kleiner Trost, versetzte der Sterbende; ich war also doch
nicht allzu hart auch gegen Dich? Ich hinterlasse doch ein Herz, das nicht
in Ha gegen mich schlgt, sondern mir vielmehr dankbare Gefhle weiht? O,
wie s mu es sein, sich in der Sterbestunde sagen zu knnen: ich that
so viel Gutes, als ich vermochte; ich entprete keinem Auge Schmerzens-,
vielen aber Freudenthrnen; ich freute mich mit den Glcklichen, weinte mit
den Kummervollen; ich handelte nach dem Gebot des Evangeliums und war ein
guter Christ und Mensch! -- Knnte ich nur noch einmal von vorne anfangen,
wie ganz anders sollte es werden, welch ein gottgeflliges Leben wollte ich
fhren! fgte er nach einer langen Pause hinzu. Aber nun ist es aus --
das Ziel, von dem es keine Umkehr mehr gibt, ist erreicht -- ich mu
vor meinen Richter da oben treten und die Handlungen meines Lebens
verantworten! O!----

Seine Stimme brach und Thrnen schossen ihm aus den Augen hervor, in denen
die Sehkraft bereits erloschen war. Ein Mitleid, wie William es in seinem
Leben noch nicht empfunden hatte, ergriff sein Herz; er erfate die bereits
gnzlich erstarrte Hand des Sterbenden und sagte schluchzend:

Bedenken Sie, lieber Herr Capitain, da unsere heilige Religion unsern
Gott nicht blos einen gerechten, sondern auch _gndigen_ Gott nennt
und sagt, da der bereuende Snder Gnade vor seinen Augen finden werde.
Vertrauen Sie diesen trstenden Worten und sterben Sie in Frieden.

Dank! Dank! Dir fr diesen trstlichen Zuspruch, versetzte der Sterbende;
und nun reiche mir Deine Hand, die ich noch fhlen werde, wenn schon mein
Auge Dich nicht mehr sehen kann, weil der herannahende Tod seine Sehkraft
gelhmt hat; reiche mir Deine Hand und gib mir auch noch den Trost mit auf
die groe Reise, da Du mir vergeben hast, was ich an Dir frevelte; dies
wird mir den sonst so schweren Tod doch in Etwas erleichtern.

Sterben Sie meinetwegen in Frieden, versetzte William, indem er seine
Hand innig drckte, und mge Gott Ihnen nicht mehr zrnen, als ich es
thue.

Du bist ein guter Knabe; war die gerhrte Antwort des Sterbenden;
bleibe wie Du bist, werde immer besser und gedenke so lange Du lebst
der Sterbestunde und der Verzweiflung eines sndhaften Menschen. Wenn Du
kannst, so sage mir ein Gebet oder ein frommes Lied her, unter dem meine
Seele hinberschlummere in das bessere Jenseits.

William besann sich einige Augenblicke auf ein passendes Gebet oder ein
trstendes Lied; endlich fiel ihm das herrliche Gedicht von einem groen
deutschen Dichter, _Klopstock_, ein, welches so anfngt:

  Auferstehn, ja auferstehn
  Wirst Du
  Mein Staub nach kurzer Ruh!
  Unsterblich Leben
  Wird der Dich schuf
  Dir geben:
  Gelobt sei Gott!

und da er es gnzlich auswendig wute, sagte er es mit gerhrter Stimme
her. Die eben noch so schmerzlich verzerrten Zge des Sterbenden nahmen
nach und nach einen mildern, freundlichern Ausdruck an; die bisher starr
vor sich hinsehenden, bereits gebrochenen Augen schlossen sich und die
Lippen bewegten sich leise, indem sie das herrliche Gedicht nachsprachen.

Es war ein groer, feierlicher Augenblick. Die Sonne ging blutroth am
fernsten stlichen Rande des Horizontes auf und bestreute die Meereswellen
mit Gold und Purpur. Die feierlichste Stille herrschte rings umher und
nichts wurde gehrt, als das Rauschen der Wellen, die, nachdem sich der
Sturm gelegt, wie spielend an das Ufer kamen und sich an den Steinen und
Muscheln des Strandes brachen.

Endlich war William mit dem Hersagen seines Gedichts und der arme Capitain
mit dem Leben fertig: er hatte ausgelitten und es blieb jetzt nichts mehr
von dem vor Kurzem noch so thatkrftigen Manne brig, als eine leblose
Hlle. Wohl ihm, wenn der Ruf der Tugend und Frmmigkeit, wenn gute, edle
Thaten ihn berlebt htten! Wie frhlich und getrost htte er dann
eingehen knnen in das Reich Gottes, wie zuversichtlich vor den Thron des
unbestechlichen Richters treten!

William wute nicht, da er todt sei und hielt den Todesschlaf fr einen
gewhnlichen Schlummer. Zwar fiel ihm die groe Vernderung auf, die mit
den Gesichtszgen des Sterbenden seit einigen Minuten vorgegangen war;
allein er, der noch niemals einen Todten gesehen hatte, wute nicht, was
dieses zu bedeuten habe, und da er den vermeintlich Schlafenden nicht
stren wollte, sich auch das Bedrfni des Hungers wieder mchtig bei ihm
meldete, stand er leise vom Boden auf und entfernte sich von der Leiche,
um, wo mglich, irgend einen Gegenstand zu suchen, durch den er sich
sttigen knnte.

Er schlug den ihm bereits bekannten Weg zur Quelle wieder ein und kam
endlich zu einer Gruppe von Bumen, die ihm schon aus der Ferne bekannt
vorgekommen waren; als er ihnen nher kam, sah er, da er sich in seiner
Voraussetzung nicht geirrt habe: es waren _Akazien_, die er erblickte.

Akazien? hre ich Euch, meine Geliebten, rufen. So war das Schiff durch
den Sturm wohl wieder nach Europa verschlagen worden? Denn in unsern Grten
stehen Akazien und erfllen im Frhlinge die Luft mit dem Dufte ihrer
herrlichen schneeweien Blten.

Allerdings, antworte ich Euch auf Eure Frage, haben wir die Akazie in
unsern Grten; allein sie sind nicht heimisch bei uns, sondern aus andern
Welttheilen, namentlich aus Australien, dem fnften Welttheile zu uns
herbergebracht. Wir haben auf diese Weise uns eine Menge von Bumen
und schnen Zierpflanzen angeeignet, unter andern auch die segensreichen
Fruchtbume, die grtentheils aus Asien herstammen. Die Akazie verpflanzte
man nun zwar nicht ihrer labenden Frchte wegen auf unsern Boden, sondern
weil sie ein beraus schnes Ansehen, einen hohen, schlanken Wuchs, eine
schn gebildete Krone und ein beraus anmuthig geformtes, hellgrnes,
gefiedertes Laub, vor allen Dingen aber kstlich duftende Blten hat. Sie
ist eine Zierde unserer Grten und ffentlichen Pltze, obgleich sie bei
uns die Schnheit und Pracht nicht erreicht, die sie in ihrem heimathlichen
Lande zur Schau trgt.

William war nicht wenig erfreut, auf so gute Bekannte in einer so
entfernten Gegend zu stoen und sah die prchtigen Bume mit wahrem
Entzcken an, obschon er glaubte, da sie ihm keine Nahrung darbieten
wrden. Darin aber hatte er sich geirrt, denn als er die vor ihm
stehenden Bume genauer betrachtete, sah er, da fast aus jedem Zweige ein
krystallhelles Gummi hervorgeschwitzt war, das vollkommen dem arabischen
glich, und da er sich erinnerte, gehrt zu haben, da ein solches Gummi
sehr vielen Nahrungsstoff enthalte, bog er einige Zweige zu sich herab und
sammelte eine Handvoll Gummi, das ohne allen Geschmack war und ihm sehr
leicht auf der Zunge verging. Zwar konnte er sich an diesem Nahrungsmittel
nicht vollkommen sttigen; allein schon nach wenigen Minuten lieen die
Schmerzen in seinem vllig ausgehungerten Magen nach und ein Gefhl von
Wohlbehagen trat an die Stelle desselben, das noch vermehrt wurde, als
er vermittelst seines mitgenommenen Beutels einen frischen Trunk aus der
schnen Quelle geschpft hatte.

Jetzt, wo sein dringendstes Bedrfni wenigstens einigermaen gestillt war,
dachte er wieder an seinen lieben Kranken und in der Hoffnung, da auch
ihm vielleicht beim Erwachen mit einem Nahrungsmittel gedient sein drfte,
sammelte er noch eine gute Handvoll von dem Gummi, fllte seine Ledertasche
mit Wasser an und wanderte dem Strande wieder zu.




Zehntes Kapitel.


Der Capitain lag noch, als er bei demselben anlangte, ganz in der Stellung,
in der er ihn verlassen hatte. Sein Gesicht war aber wachsbleich geworden
und seine leichtgekrmmten, ber der Brust liegenden Finger hatten dieselbe
Farbe angenommen. Einen hchst widerwrtigen Eindruck machte es auf ihn,
da eine Menge geflgelter Insekten seinen armen Freund umflogen und
sich mit Gier auf die verwundeten Stellen seines Kopfs und Gesichts
niederlieen, von denen sie das Blut zu saugen schienen. Er verjagte sie
mit einem breiten und langen Blatte des Farrenkraut-Baumes, das er vom
Dache der Htte abgenommen hatte; allein sie lieen sich nicht vertreiben
und kamen immer und immer wieder. Der Capitain aber lie alles mit sich
geschehen, und rhrte kein Glied, zuckte nicht einmal mit den Augenwimpern.

Ach! sagte jetzt William, nachdem er ihn lange mit Aufmerksamkeit
betrachtet hatte, mit schmerzlich bewegter Stimme: ich glaube, er ist
todt!

Um sich zu berzeugen, ob er es sei, knieete er neben ihm nieder und fate
nach seiner Hand; sie war eiskalt und steif; die Arme und Finger hatten
ihre Beweglichkeit verloren; die Brust hob sich nicht mehr wie beim Athmen;
die Augen waren fest geschlossen und der Mund stand etwas offen.

Ja, er hat ausgelitten, er ist todt! rief jetzt William, dem ein Strom
von Thrnen ber die Wangen scho; er ist wirklich todt und ich bin jetzt
ganz allein auf der groen, weiten Erde!

Der Gedanke hatte etwas so Entsetzliches fr ihn, da seine Thrnen heier
strmten und er in laute Klagen ausbrach. Niemand trocknete diese Thrnen
von seinen Wangen; keine menschliche Stimme redete Worte des Trostes
zu ihm: er war allein, verlassen von aller Welt; Keiner theilte seinen
Schmerz, Keiner wrde sich seiner Freude freuen.

Zum ersten Male im Leben begriff er, welche Wohlthat Gott uns Menschen
schon allein dadurch erzeigt hat, da er uns in der Gesellschaft Anderer
aufwachsen lt; da er uns Eltern, Geschwister, Genossen gab. Er hatte
daran nie zuvor gedacht und, wenn gleich Gott fr sehr viel Gutes, doch
dafr niemals aus der Flle der Seele gedankt.

Der Anblick der Leiche erfllte ihn endlich mit einem Gefhle von Grauen,
ber das er nicht Herr zu werden vermochte. Aber wohin mit ihm? wie ihn,
da er kein anderes Gerth, als sein Taschenmesser besa, ein Grab bereiten?
Sie unbestattet am Strande liegen, sie die Beute habschtiger Insekten
werden zu lassen, dagegen strubte sich sein Gefhl. Er konnte freilich
von dannen, tiefer in das Land hineingehen und fr die Folgezeit diesen
traurigen Ort vermeiden; allein das wrde ihn nicht beruhigt haben; er
mute, um sich zufrieden geben zu knnen, die Leiche dem heiligen Schooe
der Erde anvertrauen, damit sie, wie es in der Schrift heit, wieder zur
Erde wrde.

Bald hatte sein erfinderischer Geist ein Hlfsmittel ersonnen. Es bedurfte
jetzt, da sein armer Genosse todt war, keiner Htte zu seinem Schutze mehr;
er ri also einen der strkern Stbe, die das Laubdach sttzten, aus
dem Boden und bediente sich seiner statt einer Schaufel. Die Arbeit war,
besonders bei dem heien Sonnenbrande -- denn es war in Australien Sommer,
whrend in Europa noch Schnee und Eis zu sehen war -- sehr mhsam und ging
nur langsam von statten, da der Stecken eine Schaufel oder ein Grabscheit
nur sehr unvollkommen ersetzte, allein seine Ausdauer berwand alle
Schwierigkeiten und der beraus lockere, so nahe am Meere sandige Boden
untersttzte ihn bei der Arbeit, so da gegen Abend ein Loch bereitet war,
in das er den Krper des Verstorbenen zu senken vermochte. Er bedeckte
diesen dann nothdrftig mit der ausgeworfenen Erde und zum Ueberflusse auch
noch mit den Stben und Blttern, die seither zur Htte gedient hatten.

Als das Grab fertig und diese heilige Pflicht von ihm erfllt war, machte
er, zur Bezeichnung der Sttte, wo die irdischen Uebereste des Capitains
ruhten, aus zwei kreuzweis zusammengebundenen Stben ein Kreuz und pflanzte
es neben dem Grabe in den Boden.

Seine Krfte waren vllig erschpft, als er mit dieser mhsamen Arbeit
endlich fertig war. Zwar hatte er sich dadurch zu strken und den Hunger
vom Leibe zu halten gesucht, da er von Zeit zu Zeit ein Stck von dem
mitgenommenen Gummi in den Mund nahm und dazu einen Schluck Wasser trank;
allein dieses leichte Nahrungsmittel reichte fr die Lnge nicht aus,
besonders bei so schwerer Arbeit nicht, und sein Magen zeigte ein
dringendes Verlangen nach einer nahrhafteren, festeren Speie. Woher
sie aber nehmen? wo sie aufsuchen? Das wute er sich nicht zu sagen
und wnschte sich jetzt den ledernen Riemen der Kaffern, von dem er am
Vorgebirge der guten Hoffnung erzhlen gehrt hatte, um sich den bellenden
Magen damit zusammen zu schnren. Er verzweifelte zwar nicht daran, da er
noch so glcklich sein wrde, eine consistentere Nahrung, und wenn es auch
nur eine ebare Wurzel wre, zu finden; allein seine gnzlich erschpften
Krfte und die wenige Zeit, die ihm noch bis zum vlligen Anbruche der
Nacht brig blieb, reichten nicht dazu aus, sie zu suchen: hatte er doch
kaum noch so viele Kraft, den Ort, wo die Leiche ruhte, zu verlassen und
den Platz unter den Akazien zu erreichen, wo er die Nacht zuzubringen
beschlossen hatte.

Der Boden war hier hart, da, wie schon gesagt, das ziemlich hohe Gras nicht
wie bei uns dicht neben einander, sondern in einzelnen Bscheln stand; auch
bedeckten weiche Moose den Boden nicht, wie in Europa an schattigen Orten;
denn bis jetzt hat man, so viel mir bekannt, noch keine Moose in Australien
entdeckt; aber trotz dem verfiel unser Freund bald in einen tiefen Schlaf;
denn dem Mden ist leicht gebettet und htte der Hunger und die auf sein
Gesicht fallenden Sonnenstrahlen ihn nicht frh geweckt, so wrde er wohl
bis zum hellen Mittage auf seinem harten Lager geschlafen haben.

Sein erstes Geschft nach dem Erwachen war, Gott fr den ihm in der Nacht
gewhrten Schutz und guten Schlaf zu danken. So hatte seine Mutter es
ihn gelehrt, und obgleich er jetzt durch mehrere tausend Meilen von ihr
getrennt war, so behielt er diesen frommen Gebrauch doch bei. Nachdem er
gebetet hatte, ging er zur Quelle, erfrischte sich durch einen Trunk daraus
und wusch sich dann Gesicht und Hnde in der krystallhellen Fluth. Ihm
war so wohl und leicht dadurch geworden, da er aller schweren Sorgen sich
entschlug und seinem Vater im Himmel gnzlich vertraute.

Der Morgen war so schn, wie man sich ihn nur denken kann. Die Sonne stand
an einem hohen, tiefblauen, vllig wolkenlosen Himmel; die Erde war mit
kstlichem Grn und einer Menge noch nie zuvor gesehener Blumen bedeckt;
die durch die Nachtluft erfrischten Bume hauchten einen winzigen Duft aus
und bunte Vgel schttelten ihr Gefieder in den Zweigen derselben, indem
sie zugleich ihr Morgenlied zum Lobe des Schpfers aller Dinge erschallen
lieen.

William hatte, da ihn nichts an den Platz unter den Akazien fesselte, seine
Wanderung wieder angetreten und ging, in der Hoffnung, irgend etwas Ebares
zu finden, tiefer ins Land hinein; konnte es ihm doch gleichviel sein,
wohin er wanderte.

Auf dieser Wanderung fiel es ihm nicht wenig auf, da er die Stmme
mehrerer ihm unbekannten Bume vllig von ihrer Rinde entblt erblickte.
Diese lag, wie von der Hand eines Baumschnders abgeschlt, unter den
Bumen. Noch auffallender aber war es ihm, da trotz dem die Krone der
Bume so frisch und grn war, als wre dem Stamme nichts geschehen. Er
wute, da bei uns Bume absterben, deren Stamm man frevelhafter Weise
abgeschlt hat, und staunte so nicht wenig, hier das Gegentheil zu finden.
Unser Freund wute damals noch nicht -- in der Folge erfuhr er es durch
angestellte Beobachtungen -- da in Australien die meisten Bume gegen den
dortigen Frhling, der um die Zeit unseres Herbstes fllt, die Rinde von
selbst abstreifen, sich also gleichsam wie unsere Krebse und Schlangen
_huten_, und da unter der alten, abgestorbenen Rinde schon eine neue,
zarte, dem Auge kaum bemerkbare sitzt.

Indem seine Blicke nun berall sorgfltig umher sphten, um wo mglich ein
Nahrungsmittel zu entdecken, fiel ihm ein anderer Baum auf, dessen Wuchs
dem unserer Kirsche glich und der bei ganz hnlichen Blttern auch eine
hnliche, hochrothe Frucht trug, nur mit dem Unterschiede, da der Kern,
oder wie wir die holzige Hlle des Kerns nennen, der _Stein_, statt im
Innern der Frucht, an der Seite nach _auen_ sa. Dies fiel ihm so auf,
da er lange in Betrachtung dieser wunderbaren Erscheinung stehen blieb.
Endlich wagte er es, auf die Gefahr hin, vielleicht eine giftige Frucht
zu genieen, denn das war leicht mglich, da er sie nicht kannte, eine
Handvoll davon zu pflcken und sie zu verzehren. Sie hatte allerdings im
Geschmacke einige Aehnlichkeit mit unserer Kirsche, allein sie war herber
und nicht eben angenehm: trotz dem erfrischte sie ihn und da er, nachdem
er einige Zeit unter dem Baume ausgeruht hatte, keine ble Wirkung davon
versprte, wagte er es, sich vllig satt an diesen Kirschen zu essen. Der
Baum war allerdings die _australische Kirsche_.

Als er, etwas gestrkt durch die festere Nahrung, seine Wanderung weiter
fortsetzte, nahm er wahr, da die Stmme vieler Bume, namentlich ltere,
vllig hohl waren. Man findet zwar auch in andern Welttheilen hohle Bume,
aber deren lange nicht so viele, als er hier fand. Diese Erscheinung
rhrte, wie er spterhin wahrnahm, von zwei Arten in Australien hufig
vorkommenden Ameisen, den weien und den schwarzen, her. Die weien werfen
sich zuerst auf einen solchen Baum, den sie sich zum Sitze ausersehen
haben, und bohren ihn von unten bis oben voll Lcher, so da er fast zum
Siebe wird. Haben Sie ihre Brut gemacht, so folgen ihnen die schwarzen
nach, die die von ihnen gemachten Lcher wieder so genau mit Erde
ausfllen, da kein einziges leer bleibt. Aber die so durchbohrten Theile
des Stammes sterben mit der Zeit ab und dies macht, da man in Australien
so viele hohle Bume findet. Noch auffallender drfte es fr Euch, meine
Theuren, sein, da Reisende uns die Mittheilung machten, da eine Menge
Bume in Australien ein _unverbrennliches_ Holz liefern. Dies soll
daher rhren, da das Holz sehr viele Alauntheile enthlt, die dem
Verbrennungsprozesse bekanntlich hinderlich sind. Man benutzt diese
unverbrennlichen Bume daher gern zum Zimmerholze, indem sie dem Brande
eben so gut widerstehen, als Huser es thun wrden, die ganz von Stein
aufgefhrt wren.

Auch Mannabume -- der Botaniker nennt sie in der Kunstsprache =Eucalyptus
mannifera=, welchen Namen Ihr Euch merken mgt -- fand unser William auf
seiner Wanderung; er kannte aber weder ihren Namen, noch wute er, da
man dieses, in Flocken an den Bumen hngende Harz in unsern Apotheken als
Arzneimittel gebraucht. Ein Glck war es fr ihn, da er diemal nichts
davon geno, denn es ist ein tchtiges Abfhrungsmittel, wie er spterhin
gewahr werden sollte, als er sich in einer Anwandlung von Naschhaftigkeit
zum Genusse dieses slichen Saftes verleiten lie.

Zu seinem nicht geringen Erstaunen fand unser William hier, wo Alles
so ganz anders, als in Europa war, eine gute alte Bekannte, die Nessel
nmlich. Als er sie erblickte, glaubte er, doch vielleicht eine andere, nur
der uern Form nach hnliche Pflanze vor sich zu haben, auch war sie hier
viel grer und ppiger; als er sich aber bckte, um sie leise anzurhren,
entdeckte er, da sie ganz dieselbe Eigenschaft besitze, wie die
europische: er verbrannte sich nmlich recht derb die Hand, an der gleich
eine Menge von Pusteln aufliefen, die heftig juckten. Htte er die Nessel
nur recht derbe angegriffen, so wrde das nicht geschehen sein, denn dann
wrden die feinen Hrchen, womit Blatt und Stengel dieser Pflanze berst
sind und die durch ihr Eindringen in die Haut eben die Pusteln und das
lstige Jucken hervorbringen, von seinen Fingern _niedergedrckt_ worden
und htten ihm nicht schaden knnen. Den Versuch knnt Ihr jederzeit in
unsern Grten und Feldern machen.

Da das Jucken von der unvorsichtig berhrten Nessel fast unertrglich war
und William sich erinnerte, da man es durch Eintauchen in kaltes Wasser
lindern knne, sah er sich nach seiner lieben Quelle um: wo aber war die
jetzt? Vergebens durchsuchte er die Stellen, wo das Gras etwas dichter, als
an den brigen stand; vergebens durchstreifte er, trotz seiner Mdigkeit,
noch eine groe Strecke: die Quelle war wie verschwunden und er entdeckte
auch keine andere, wenigstens fr den Augenblick nicht.

Das war denn sehr traurig fr unsern armen jungen Freund. Wenn er das
lstige Jucken auch geduldig ertragen htte, so stellte sich doch ein so
brennender Durst bei ihm ein, da er ihn mit den Kirschen, deren er noch
einige fand, nicht zu lschen vermochte, um so weniger, da hier diese
Frucht weder so angenehm schmeckend, noch saftig war, wie in Europa.

Zu dieser groen Plage gesellte sich bald eine zweite: eine so groe
Ermdung, da seine Beine ihn nicht weiter zu tragen vermochten. Dabei
brannten seine Fe wie Feuer, da sie stets auf einem fast glhend heien
Boden fortgewandelt waren. Zwar war dieser, wie schon gesagt, mit Gras
bedeckt; allein es stand in einzelnen Bscheln ziemlich weit auseinander
und lie groe freie Zwischenrume, auf die William treten mute, wenn er
nicht alle Augenblicke ber die sehr hohen Grasbulte stolpern wollte. Die
Ursache, wehalb das Gras in Australien, trotz der so auerordentlichen
Fruchtbarkeit des Bodens, nur in einzelnen Bscheln steht, ist die, da
es hier nur sehr wenige Arten von Futterkrutern gibt, whrend ein
Naturforscher, _Sainclair_, auf einen Quadratfu Wiesenland in England zwei
und zwanzig Arten davon entdeckte. Diese groe Verschiedenheit der Grser
bewirkt, da der Rasen in unserm Welttheile so dicht und schn ist; denn
jedes dieser Kruter zieht _andere_ Nahrungsstoffe aus der Erde an sich,
folglich knnen sie sehr gut neben einander bestehen, ohne sich in Hinsicht
der Nahrung zu beeintrchtigen. Ich will Euch, meine Geliebten, dies durch
ein Beispiel zu erlutern suchen. Gesetzt, man sperrte zwei oder
drei verschiedenartige Vgel in einem Kfige ein und gbe ihnen
verschiedenartiges Futter in hinlnglicher Menge, so wrden sie recht gut
neben einander bestehen und sich lange ernhren knnen, wenn der eine Vogel
diese, der andere jene Krner zu seiner Nahrung erwhlte; wrden aber alle
nur die _eine_ Sorte von Krnern fressen wollen, so wrde der Vorrath bald
aufgezehrt sein und Mangel fr alle entstehen. Aus eben dem Grunde gedeiht
der nur mit sehr wenigen Grasarten bedeckte australische Rasen nicht so gut
wie der unsrige.

Nachdem William noch ber eine Stunde gelaufen war, um seine geliebte
Quelle oder auch eine andere wieder zu finden, wollten seine Krfte
zum fernem Umherlaufen nicht mehr ausreichen und er sank in tdtlicher
Ermattung unter einem groen Baume nieder, der ihm wenigstens einigen
Schatten gewhrte. Die Plage, welche der brennende Durst ihm verursachte,
war so gro, da er sich zuerst von seinem bisherigen Muthe verlassen
fhlte und sich hinsetzte und bitterlich zu weinen anfing. Was sollte
auch in der That aus ihm werden, wenn er kein Wasser mehr fnde, um seinen
brennenden Durst zu lschen.

Da aber nichts so leicht mde macht, als das Weinen, und er berdies durch
das lange Umherstreifen in der brennenden Sonnenhitze vllig ermattet war,
fiel er bald in einen tiefen Schlaf und verga, wenigstens auf einige Zeit,
seine Leiden.

O, welche Wohlthaten der Natur oder vielmehr der Gottheit sind Wasser und
Schlaf, und wie Wenige danken doch ihrem himmlischen Vater fr beide
groen Gaben! Nur der Verschmachtende, der pltzlich eine frisch sprudelnde
Quelle, der Kranke, welcher nach langem, den letzten Rest seiner Krfte
verzehrendem Wachen endlich einen erquickenden Schlaf findet, nur sie
werden vielleicht die Pflicht des Dankes gegen den Schpfer aller Dinge
erfllen.




Elftes Kapitel.


William wrde, trotz des ihn qulenden Durstes, vielleicht noch lnger
geschlafen haben, wenn die Berhrung eines eiskalten Gegenstandes, der
ber seine am Boden ruhende Hand hinkroch, ihn nicht geweckt htte. Diese
Berhrung weckte ihn auf und er zog die Hand, welche sie erlitten hatte,
eilig an sich. In demselben Augenblick scho eine wohl 12 bis 14 Fu lange
Schlange mit der gresten Schnelligkeit und wie erschreckt durch seine
rasche Bewegung durch die hohen Grasbschel fort. Sein Schrecken bei diesem
Anblicke war, wie Ihr Euch vorstellen knnt, nicht gering, denn er wute,
da es viele giftige Schlangen gibt und frchtete sich so mit Recht vor
der Nhe dieser Thiere. Seine Furcht war diemal vergeblich gewesen, wie er
spterhin erfahren sollte. Die Schlange, welche ber seine Hand gekrochen
war, war die Diamant-Schlange, die einzige _nicht_ giftige dieser Gegend,
wehalb sie auch von den Eingeborenen als ein Leckerbissen verzehrt wird.
Ihr mchtet wohl nicht darauf zu Gaste gehen? -- Ich auch nicht.

Die Furcht, eine Beute dieses hlichen Reptils zu werden, trieb William
nicht nur vom Boden empor, sondern sogar zur eiligen Flucht: konnten doch
noch mehrere dieser Thiere an dem Orte sein. Da der Schlaf ihn gestrkt
hatte, eilte er rasch von dannen; nach welcher Richtung? das wute er
selbst nicht; auch konnte es ihm ja so ziemlich gleichgltig sein, da er
nun aufs Geradewohl fortlaufen mute, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben.
Ihm war nur darum zu thun, so weit als mglich aus dem Bereiche der
hlichen Schlangen zu kommen, vor denen er, ihrer giftigen Eigenschaften
wegen, eine groe Furcht hatte. Diese war in der That so gro, da er fast
seines Durstes darber verga und erst wieder daran erinnert wurde, als
pltzlich ein Rauschen, wie von herabfallendem Wasser, an sein Ohr drang.

Er stand still, um zu lauschen; dann rief er pltzlich mit dem Tone des
hchsten Entzckens aus:

Ja! das ist Wasser!

Vor ihm lag ein miger Hgel und obgleich, in der Ebene geboren, des
Bergsteigens nicht gewohnt, klomm er ihn so schnell hinan, als wre er ein
Kind der Alpen. Auf der Spitze des Hgels angelangt, zeigte sich seinen
Blicken ein entzckendes Schauspiel. Zwischen einer Reihe miger Hgel lag
ein schnes, mit dem lieblichsten Grn bekleidetes, den herrlichsten, nie
zuvor gesehenen Blumen bes'tes Thal, durch das sich ein silberheller Bach
murmelnd hinwand. Dieser strzte sich von der Spitze des Hgels, auf dem er
stand, in das schne Thal hinab und bildete, indem er von Zeit zu Zeit ber
hervorspringende Felsstcke hinrauschte, die anmuthigsten Wasserflle, von
denen ein schneeweier Schaum emporspritzte; unten am Fue des Hgels
aber angelangt, wurde das Wasser hell wie Bergkrystall, so da sich der
tiefblaue Himmel darin abspiegelte.

Ein Freudenruf, nur von Gott und der schweigenden Natur gehrt, entfuhr bei
diesem entzckenden Anblick den Lippen unsers jungen Freundes. Er glaubte
das Paradies vor sich zu haben, denn etwas so Reizendes, wie dieses Thal,
hatte er in seinem Leben noch nicht gesehen. Wie ein Vogel flog er den
Hgel hinunter, zu dem schnen Bache hin, legte sich an denselben nieder
und schpfte seine erquickliche Fluth mit der Hand; er lie sich in
seiner Freude und seinem groen Durste nicht erst die Zeit, sein ledernes
Trinkgef hervorzuziehen, um Wasser darin zu schpfen, sondern bediente
sich lieber des jedem Menschen angebornen Schpfgefes, der hohlen Hand,
um zu trinken. Als er seinen Durst gelscht und somit das erste dringendste
Bedrfni befriedigt hatte, dachte er schon an Luxus, denn so machen es die
Menschen in allen Verhltnissen des Lebens. Schnell warf er seine Kleider
ab und stand mit _einem_ Sprung mitten im Bache. Welche Erquickung, als
die khle Fluth seine heien Glieder berhrte; aber zugleich auch welche
Unvorsichtigkeit, so erhitzt ins Wasser zu springen. Die Folgen davon
sollte er nur zu bald empfinden.

Zuerst hatte er nichts als Wohlbehagen und Erquickung davon; allein der
hinkende Bote kam nach. Als er sich gehrig erfrischt und lngere Zeit im
Wasser gepltschert hatte, verlie er den Bach endlich wieder und fhlte
sich so leicht und frisch, als wre er neugeboren. Eines Handtuchs, um
sich abzutrocknen, bedurfte er unter diesem Himmelsstriche nicht: die
liebe Sonne verrichtete dieses Geschft in wenigen Minuten, so da er seine
Kleider gleich wieder anziehen konnte. Vielleicht wre selbst jetzt noch
Alles gut gegangen, wenn er sich auf die heftige und pltzliche Abkhlung
im Wasser gleich wieder in starke Bewegung, wo mglich in Schwei gesetzt
htte. Daran dachte aber unser Unbesonnener nicht, sondern er legte sich,
etwas ermdet durch das genommene Bad, neben dem Stamme eines sehr groen
und schnen Gummi-Baumes nieder, dessen breite und bltterreiche Krone ihm
einen vollkommenen Schutz gegen die Strahlen der Sonne gewhrten.

Er schlief nicht, denn er war nur etwas ermdet und fhlte das Bedrfni
des Schlafes nicht, sondern er ruhte nur und schaute mit aufmerksamem
Auge um sich, schon aus Furcht vor den Schlangen, mit denen er keine
Gemeinschaft pflegen mochte. Zu seiner nicht geringen Verwunderung sah er
zwischen dem Grase Frsche umherhpfen, die eine schne, dunkelgrne Farbe,
hellgelbe Streifen ber den Rcken und viele schwarzen Punkte hatten. Da
Niemand sie in dieser Wildni strte und verfolgte, thaten sie nicht im
geringsten schchtern, sondern krochen zutraulich heran oder hpften dicht
neben ihm im Grase.

Noch eine andere alte Bekannte, die Eidechse, traf er hier an; sie
schlpfte aus einem kleinen Loche in der Erde hervor und sah ihn mit ihren
klugen, glnzenden Augen so verstndig an, als wolle sie eine Conversation
mit ihm anknpfen. Wie zudringlich und wenig scheu diese Thiere, sowie auch
die Frsche waren, sollte er in der Folge in Erfahrung bringen, da sie sich
in Menge in seiner Wohnung einfanden und so bekannt mit ihm thaten, als
wren sie eingeladene liebe Gste. Sie schliefen oft bei ihm auf seinem
Graslager, thaten ihm aber nie etwas, so da er ganz vertraut mit ihnen
wurde und sie nicht selten mit gefangenen Fliegen und andern geflgelten
Insekten ftterte, die, wie er aus der Naturgeschichte wute, ihre
Lieblingsspeise waren. Er sah sie auch auf die Bume klettern; allein
zu ihrem Verderben; denn hier lauerten einige Raubvgel ihnen auf und
verzehrten sie, ohne viele Complimente zu machen.

Nachdem William allerlei Beobachtungen und Betrachtungen angestellt
hatte, erhob er sich wieder, um weiter zu wandern; denn kaum war das eine
Bedrfni befriedigt, so meldete sich schon ein anderes, der Hunger.

Indem er so durch das reizende Thal hinstreifte, kam er zu einer Stelle,
wo das hohe Gras sichtbar niedergebrannt war, und als er etwas weiter ging,
zeigte sich ein Haufen Asche, um den einige Knochen umherlagen, seinen
nicht wenig berraschten Blicken; sogar einige halbverbrannte Holzstcke
lagen umher. Hier hatten also Menschen gehaus't; -- welche Entdeckung!

Vor Erstaunen wurzelte sein Fu am Boden. Er bckte sich, um die Asche zu
befhlen und berzeugte sich auch durch das Gefhl, da sein Auge ihn
nicht getuscht habe. Hier waren demnach -- wie htte er noch lnger
daran zweifeln knnen? -- Menschen gewesen und hatten sich aller
Wahrscheinlichkeit nach Speise bereitet; denn wozu sonst Feuer anznden? Es
waren vielleicht gar welche ganz in der Nhe, etwa hinter den Hgeln,
die das Thal einschlossen? Welcher Art aber waren sie? und hatte er das
Begegnen nicht viel mehr zu frchten, als zu wnschen? Hatte er doch von
Menschenfressern unter den Wilden gehrt? Er wute nicht, ob er sich ber
eine solche Nhe freuen oder betrben sollte.

Eine andere Entdeckung, die er machte, erfllte ihn inde mit der reinsten
Freude. Er sah an einer Stelle eine Pflanze aus dem Boden hervorgewachsen,
deren Kraut einige Aehnlichkeit mit dem unserer Kartoffel hatte, nur da
der Stamm hher und dicker und die Bltter etwas anders geformt waren. Um
sich zu berzeugen, ob er sich nicht in seiner Voraussetzung geirrt habe,
grub er mit seinem Taschenmesser ein Loch in die Erde und whlte bald eine
lngliche, ziemlich groe Knolle daraus hervor. Der Zufall hatte ihn die
wilde Patate, die unsern Kartoffeln sehr hnlich ist, entdecken lassen.
Wie glcklich wrde ihn dieser Fund gemacht haben, wenn er zugleich Feuer
gehabt htte, um sie zu braten; das aber fehlte ihm, und wie sich welches
verschaffen?

Die Noth indessen ist die Mutter der Erfindungen. William hatte noch nicht
lange nachgesonnen, so glaubte er es schon zu haben. Er dachte an sein
ziemlich groes, starkes, vom besten Stahl gemachtes Taschenmesser, dessen
Rcken gar fglich die Stelle eines Feuerstahls vertreten konnte. Es kam
also nur noch darauf an, einen Feuerstein und etwas Zunder zu finden,
denn um Holz durfte er nicht verlegen sein und nur zu der Brandsttte
zurckkehren, um es zu finden; auch fr Zunder trug er keine Sorge: ein
Eckchen von seinem dnnen baumwollenen Taschentuche konnte gar fglich die
Stelle desselben vertreten.

Der Stein aber machte ihm Sorge und so emsig er auch suchte, so konnte er
doch keinen entdecken, der dem Kieselsteine nur entfernt hnlich gewesen
wre. Endlich, als er bereits die Hoffnung aufgeben wollte, das Gewnschte
zu finden, fiel ihm ein, da er beim Baden in dem Bache auf Steinchen
getreten war und sich an einem derselben den Fu leicht geritzt hatte: das
konnte mglicherweise ein Kieselstein gewesen sein, und er glaubte dies
um so eher, als er von Europa her wute, da die Bche gern ein Bett von
Kieseln habe.

Er eilte also mit schnellen Schritten zu seinem geliebten Bache zurck,
zog Schuhe und Strmpfe aus und watete mit bloen Fen mitten in denselben
hinein. Es dauerte auch nicht lange, so fhlte er seine Fusohlen wieder
von einem etwas scharfen Gegenstande berhrt; er bckte sich, langte auf
den Grund des Baches nieder und brachte mit der Hand eine Menge Steine
herauf, worunter sich ein prchtiger Kieselstein befand, der fast die Form
eines Flintensteines hatte und also zu dem beabsichtigten Zwecke vollkommen
dienen konnte.

Wer war froher als er! Er trocknete den Stein, ging damit zu der
Brandstelle, sammelte die angebrannten Holzstckchen zusammen, raufte
einige Hnde voll gnzlich vertrockneten Grases aus, sammelte ein Hufchen
von der abgefallenen Baumrinde, die so trocken wie Stroh war, und ri, als
er dieses Alles vorbereitet hatte, ein Stck von seinem Taschentuche ab,
das die Stelle des Zunders vertreten sollte.

Er hatte die Sache sich aber leichter gedacht, als sie in der That war:
sein Zunder taugte nichts und wenn auch wirklich ein Fnkchen auf das
baumwollene Zeug fiel und zndete, so verlosch es doch sogleich wieder.
Eine halbe Stunde und lnger mhte er sich mit dem Feuerschlagen ab und
wollte schon den Gedanken aufgeben, sich Feuer zu verschaffen, als ihm
einfiel, das Stckchen Zeug zwischen zwei Steinen gleichsam zu einer Art
von Pulver zu zerreiben, was nach seiner Meinung besser znden wrde,
als das Lppchen von dem Tuche. Auch diese Arbeit war nicht ohne Mhe und
kostete viele Zeit; endlich siegte er aber doch durch Beharrlichkeit ber
alle Hindernisse und siehe da! der Sieg war sein. Kaum waren ein Paar
Fnkchen in den Zunder gefallen, so glimmte das Ganze; er legte schnell
erst von dem trockenen Grase darauf und blies es zur Flamme an, dann
legte er von der Rinde dazu und endlich die gefundenen angebrannten
Holzstckchen, die bald in einer lustigen Flamme emporloderten.

Als er damit zu Stande war, holte er eine gute Hand voll von seinen
herrlichen Pataten, wusch sie an der Quelle rein und legte sie an das
Feuer, wo sie schnell brieten; ein grner, sehr biegsamer Baumzweig, den er
wie eine Zange zusammenbog, mute die Stelle der Feuerzange beim Umwenden
der Pataten vertreten; mit der Hand konnte er diese nicht anfassen, da sie
bereits glhend hei vom Feuer waren.

Sein Appetit war durch den Anblick der kartoffelartigen Frucht so
gestachelt worden, da er ihn kaum mehr zu zgeln vermochte und
wahrscheinlich -- er selbst hat nichts davon gesagt -- einige davon halbroh
verzehrte, welche Gier ihm unter diesen Umstnden schon nachzusehen sein
durfte, so schlecht eine solche sonst auch fr uns Menschen lt, indem sie
uns den Thieren hnlich macht.

Nie hat wohl dem rgsten Prasser, dem gresten Leckermaul eine Mahlzeit,
mochte sie auch noch so ausgesucht, noch so trefflich bereitet sein,
so geschmeckt, wie dieses Gericht Pataten unserm ausgehungerten William
mundete. Er hatte weder Butter noch Fett, ja nicht einmal Salz dazu; aber
an solche Leckereien dachte der gute Junge gar nicht; berdies hatten die
Pataten einen etwas slichen, mehr dem Obste hnlichen Geschmack, als
unsere gewhnlichen Kartoffeln.

Wie schmeckte, nach eingenommenem Mahle, auch ein frischer Trunk aus
dem Bache, und wie lustig sangen buntgefiederte Vgel in den Zweigen des
Gummi-Baumes, unter dem er sich zur Ruhe niederlegte; wie dufteten Blumen
und Kruter, die ihm zum Lager dienten; O, er wre vollkommen glcklich
gewesen, und htte kaum noch einen Wunsch brig gehabt, wenn er seine
geliebte Mutter bei sich haben und ihr den Reichthum und die Herrlichkeit
dieser Wildni htte zeigen knnen.

Sein erster Gedanke, nachdem er sich unter dem Gummi-Baume zur Ruhe
niedergelegt hatte, war ein Gebet an Gott, ein heies, inniges Dankgebet;
sein letzter, bevor er einschlief, der an seine Mutter und die theure
Heimath.

Eine empfindliche Klte erweckte ihn gegen Morgen. Es hatte, wie es in
diesen Gegenden der Fall zu sein pflegt, stark gethaut und Gesicht,
Haare und Kleidung waren ganz na davon. Schauder, wie von Fieberfrost,
durchstrmten sein Gebein; er zitterte vor Klte und innerem Unbehagen,
obgleich es eben nicht kalt, sondern die Luft nur etwas frischer, als
gewhnlich war. Er wollte, trotz dem da der Tag nur erst zu grauen begann,
aufstehen und sich durch Bewegung etwas zu erwrmen suchen; allein es
verursachte ihm groe Beschwerde, sich vom Boden zu erheben. Seine Glieder
wurden steif und so wie er Hand, Fu oder Nacken bewegte, hatte er den
empfindlichsten Schmerz auszustehen.

Trotz dem erhob er sich; allein er wre bald wieder umgefallen, so
schwindelte ihm der Kopf, der obendrein sehr wehe that; auch wurde ihm das
Schlucken schwer. Dies waren die traurigen Folgen des kalten Badens nach
einer groen Erhitzung. Wenn es nun schon ein groes Ungemach ist, krank
zu sein, wenn uns alle erdenkliche Hlfe geleistet, jegliche mgliche
Erleichterung verschafft wird, ein wie viel greres mute es nicht fr
unsern William sein, dem Keiner zu Hlfe kommen, den Keiner hegen und
pflegen konnte. Trotz dem raffte er sich auf und taumelte eine Strecke
fort. Alle Gegenstnde drehten sich im Kreise um ihn her; das Sehen fiel
ihm schwer; sein Athem war kurz und beengt und Hnde und Fe versagten ihm
den Dienst; er fhlte sich so krank, wie er noch nie im Leben sich gefhlt
hatte, selbst damals nicht, als die Masern bei ihm zum Ausbruche kamen, und
er glaubte, da sein letztes Stndchen gekommen sei, als er in tdtlicher
Ermattung und unter den heftigsten Gliederschmerzen in der Nhe des Baches
zur Erde sank.

Erst jetzt dachte er ber die vermuthliche Ursache einer so pltzlichen
Erkrankung nach, und hatte sie bald ausgefunden. Wie oft hatte seine
sorgsame Mutter ihn nicht vor pltzlicher Erkltung nach groer Erhitzung
gewarnt, und ihm die so leicht schdlichen Folgen einer solchen Erkltung
vorgestellt; wie oft hatte sie ihm nicht das Glas vom Munde genommen, wenn
er nach einem raschen Gange trinken wollte! Und jetzt hatte er an alle
diese wohlgemeinten Warnungen nicht gedacht, sondern war, fast triefend von
Schwei, in das kalte Wasser des Baches gegangen. Mit wie vielen Leiden
und Schmerzen mute der Arme diese Unvorsichtigkeit und ein Gefhl
augenblicklichen Wohlbehagens nicht bezahlen!

Bald wechselte der Frost, der seine Glieder geschttelt hatte, mit einer
brennenden Hitze ab. Sein Gesicht, seine Hnde, seine Fusohlen glhten:
dabei schmerzte ihn jedes Glied seines Krpers; seine Zunge klebte vor
Durst am Gaumen fest; seine Augen waren roth und brannten wie Feuer. Er
hatte das greste Verlangen, aus dem nahen Bache seinen glhenden Durst zu
lschen; allein er vermochte nicht aufzustehen, nicht die wenigen Schritte
bis zu demselben zu machen.

Seine Lage war in der That die schrecklichste und prete ihm Wehklagen und
Jammern aus. Bedenkt, Kinder, was es sagen will, von aller Welt verlassen,
ohne Erquickung, ohne eine Handreichung, ja, ohne liebevollen Zuspruch, so
in einer Wste krank da zu liegen, und schenkt unserm armen Freunde Euer
aufrichtiges Bedauern, verargt es ihm auch nicht, da er wimmerte und
weinte. Thut ihr das doch wohl auch einmal in schweren Krankheiten, trotz
dem da Alles liebevoll um Euch bemht ist und die Kunst Alles aufbietet,
Euch Linderung zu verschaffen; ja, klagt und wimmert Ihr vielleicht nicht
blos -- denn das wrde Euch im Uebermae der Schmerzen schon nachzusehen
sein -- sondern werdet sogar ungeduldig und gegen Eure Umgebung undankbar
und ungerecht! Das Letztere aber ist eine Snde; jeder Kranke sollte
dankbarer sein, als der Gesunde, weil ersterer noch weit mehr Liebe und
Sorgfalt bedarf und findet als letzterer.

Unser William konnte aber weder dankbar noch undankbar sein: es nahm sich
Keiner seiner an; keine Hand schob ihm ein weiches Kopfkissen unter
sein armes, heftig schmerzendes Haupt; keine trocknete ihm die hellen
Schweiperlen von der glhenden Stirn; keine reichte ihm den khlen Trunk,
nach dem er schmachtete; er war allein, verlassen von aller Welt und selbst
unfhig, irgend Etwas fr sich zu thun. Der arme, arme William!




Zwlftes Kapitel.


Trotz der groen Schmerzen, die es ihm verursachte, mute der Kranke doch
aufstehen, um seinen Durst zu lschen, der endlich zu einer unertrglichen
Qual fr ihn wurde, um so mehr, da er die Rolle des Tantalus zu spielen
gezwungen war und ganz in der Nhe des kstlichsten Wassers, das er rieseln
und rauschen hrte, vor Durst verschmachten sollte. Er erhob sich also;
allein seine Beine versagten ihm den Dienst und er sank mehrere Male um;
endlich erreichte er aber doch den Bach und trank nun mit vollen Zgen. Er
konnte sich nicht wieder von dem herrlichen erquicklichen Wasser trennen
und eingedenk der Mhseligkeiten und Schmerzen, die es ihm gemacht hatte,
bis zu demselben zu gelangen, legte er sich ganz in der Nhe des Baches
nieder.

Ein Glck war es fr ihn, da er keinen Hunger versprte, wie man dies bei
Kranken in der Regel bemerkt, denn wie htte er, der kaum seine Hnde zu
rhren und keine zehn Schritte ohne die entsetzlichsten Schmerzen zu gehen
vermochte, sich Nahrungsmittel suchen sollen?

Dieser schreckliche Zustand dauerte volle drei Tage und der arme William
glaubte sich dem Tode nahe. Er wrde in seiner vllig hlflosen Lage,
verlassen von aller Kreatur, vllig haben verzweifeln mssen, wenn er
nicht von seiner Mutter zur Frmmigkeit angehalten worden wre und ein
unbegrenztes Vertrauen zu seinem himmlischen Vater gehabt htte. Dieses
Vertrauen und ein inbrnstiges Gebet zu Gott erhielten seinen Muth aufrecht
und wurden vielleicht seine Lebensretter; denn wie sehr wrde es seinen
Zustand verschlimmert haben, wenn er, statt sein Leben und Schicksal in die
Hnde seines himmlischen Vaters zu legen, sich einer wilden Verzweiflung
berlassen htte.

Seine grte Plage war die Schlaflosigkeit, die theils durch seine groen
Schmerzen, theils dadurch herbeigefhrt wurde, da er sich gar keine
Bewegung machen konnte. Da war es denn eine gute Sache fr ihn, da er
sich zeitig daran gewhnt hatte, auf Alles Achtung zu geben, was um ihn her
vorging, denn sonst wrde er die tdtlichste Langeweile gehabt haben. Am
Tage schenkte er den ihn umstehenden Grsern und Blumen, den schngefrbten
Schmetterlingen und Libellen, die ihn umflatterten, den Kfern und
Wrmchen, die sich auf den Spitzen der Grashalme wiegten, oder am Boden
hinkrochen, seine Aufmerksamkeit und jeder Gegenstand gab ihm hinlnglichen
Stoff, Betrachtungen anstellen zu knnen, da Alles hier ganz anders als
in Europa war. In der Nacht beschftigte er sich damit, die Gestirne
zu beobachten und mit seinen Blicken ihren Lauf zu verfolgen, sich die
Stellung zu bemerken, in der die einzelnen Gestirne gegeneinander standen.
Zuweilen gewhrte das Flattern oder der Ruf eines Nachtvogels ihm eine
angenehme Unterhaltung; selbst das Quacken der Frsche, die am Rande des
Baches ihr eintniges Nachtlied anstimmten, war fr sein Ohr jetzt
kein unangenehmer Ton, so wenig er frher auch dieser Musik der
Sumpf-Nachtigallen Geschmack hatte abgewinnen knnen: belebte es doch die
sonst so schweigsame Natur!

Nachdem unser William drei volle Tage und Nchte so gelegen, ohne irgend
Etwas zu sich zu nehmen, als das Wasser, das er aus seinem lieben
Bache schpfte, fing er endlich an, eine leise Anwandlung von Hunger zu
verspren; dies war das erste Zeichen der wiederkehrenden Genesung und er
dankte Gott dafr, obgleich er nicht wute, wie er den erwachenden Appetit
stillen solle; war er doch noch zu schwach, um mit seinem Messer sich
Pataten aus der Erde graben zu knnen, und woher htte er vollends die
Kraft nehmen sollen, Feuer anzumachen, um sie zu braten? Er mute sich
also einer neuen Geduldsprobe und Hungerkur unterwerfen, bis er sich wieder
etwas strker fhlen wrde. Dieser Mangel an Nahrung -- so unglaublich
diese Behauptung Euch auch klingen mag -- befrderte seine Genesung
bedeutend. Ein kranker Krper bedarf in der Regel gar keiner Nahrung, ja
sie schadet ihm in den meisten Fllen, und vermchten alle Kranke es ber
sich, die strengste Dit zu halten, so wrden sie noch einmal so schnell
genesen. Zu einer solchen Enthaltsamkeit sah sich aber unser William durch
seine Lage gezwungen und erst am fnften Tage, als sein Appetit recht gro
geworden war, zwang ihn dieser, den Versuch zum Aufstehen zu machen, und
jetzt ging es.

Zwar schwankte er noch wie ein vom Winde hin und her bewegtes Rohr; zwar
drehten sich scheinbar alle Gegenstnde um ihn her im Kreise, wie es bei
groer Schwche der Fall zu sein pflegt; zwar mute er sich nach zehn bis
zwanzig zurckgelegten Schritten erst niedersetzen, um auszuruhen; allein
es ging doch immer besser und besser und in der Zeit von einer Stunde hatte
er eine gute Strecke zurckgelegt, indem er immer dem Laufe des Baches
folgte.

Ein zwar niedriges, aber dem Anscheine nach dichtes Gebsch zeigte sich in
einiger Entfernung. In der Hoffnung, dort vielleicht irgend etwas Ebares
zu finden, strengte er den letzten Rest seiner Krfte an, um es zu
erreichen. Wie belohnte sich aber diese Anstrengung nicht fr unsern armen
Hungernden! Als er sich dem Gestruche bis auf einige wenige Schritte
genhert hatte, sah er fast jeden Zweig desselben mit schwellenden,
dunkelrothen Beeren bedeckt, die traubenweise daran hingen und auf den
ersten Blick von ihm fr Himbeeren erkannt wurden. Seine Schwche gnzlich
vergessend, strzte er auf diese labenden, duftigen Frchte zu und a eine
gute Menge davon. Es war ein Glck fr ihn, da er keine festere Nahrung
gefunden hatte, weil er sich mit einer solchen den vllig ausgehungerten
Magen gewi gnzlich verdorben haben wrde. Jetzt aber fhlte er sich nach
dem Genusse der khlenden und duftigen Frucht auerordentlich erquickt
und so behaglich, wie seit lngerer Zeit nicht; ja, er konnte sogar ohne
allzugroe Beschwerde zu seiner geliebten Quelle zurck kehren, denn von
dieser trennte er sich nur ungern.

Es ging von nun an immer besser; ja er konnte sogar seinen Appetit wieder
an den nhrenden Pataten stillen, die, nchst dem Wasser, die greste
Wohlthat fr ihn waren.

So wie er nun seine ersten Bedrfnisse befriedigt sah, dachte er bereits
auf andere. Obgleich der Himmelsstrich, unter dem er sich befand, einer
der wrmsten, mildesten der Erde war, so empfand er doch oft, des stark
fallenden Thaues wegen, Nachts ein heftiges Frsteln, besonders gegen
Morgen, wo die Nachtkhle immer am empfindlichsten ist. Er sah sich also,
so wie seine Krfte es nur erlaubten, nach einem schtzenden Obdache um,
das aber nicht allzuweit von seinem geliebten Bache entfernt sein durfte.

Er hatte mehrfach gelesen und gehrt, da manche Berge Hhlen enthielten
und seine Gedanken waren auf eine solche gerichtet. Er umkreite also
die nchsten Hgel und war bald so glcklich, eine gerumige Hhle
zu entdecken. Der Boden derselben war zwar mit Staub und Schmutz, die
Seitenwnde mit Spinnenweben bedeckt; auch zeigten viele Thierspuren,
sowohl von Vgeln als vierfigen Thieren, da die Hhle diesen seither
zum Aufenthalte gedient hatte; allein der Unrath konnte leicht beseitigt
werden, und dann bot sie ihm einen willkommenen, schtzenden Aufenthalt.

Ein Besen war sehr leicht gemacht, indem er eine Handvoll von den ziemlich
starken Blttern des Farrenkraut-Baumes vermittelst des zhen und langen
Grases zusammenband und in diesen Bndel einen starken Stock steckte, um
ihn gehrig handhaben zu knnen. Er war so msig bei der Arbeit und verga
seine gegenwrtige verlassene Lage so gnzlich, da er sich mehrere Male
auf das Verdeck des Schiffes versetzt glaubte, wo er Arbeiten der Art zu
verrichten gehabt hatte und bald mit Diesem, bald mit Jenem der Mannschaft
eine Unterhaltung anzuknpfen im Begriff war. Aber ach! keine Stimme
antwortete ihm, kein Auge blickte wohlwollend auf ihn: er war verlassen von
aller Welt, gleichsam abgetrennt von aller menschlichen Gesellschaft, und
mit einem tiefen Seufzer setzte er bei diesen niederschlagenden Gedanken
sein Reinigungsgeschft fort.

Bald jedoch kehrte, zugleich mit dem unbegrenztesten Vertrauen zu seinem
himmlischen Vater, seine ihm angeborene Heiterkeit zurck und mit lauter
Stimme sang er demselben ein Dank- und Loblied. Wie angenehm wurde er bei
dieser Gelegenheit nicht berrascht, als eine andere Stimme der seinigen
gleichsam zu antworten schien. Er stand halb erschrocken, halb erfreut,
still und schaute sich nach allen Seiten um; nun aber schwieg die Stimme
und lie sich erst wieder vernehmen, als er sein Lied fortsetzte. Jetzt
begriff er, was es war: er hatte das nahe Echo durch seine eigene Stimme
geweckt und seine eigenen Laute waren es, die, von einer etwa 60 Schritt
von ihm entfernten Felsenwand zurckgeworfen, ihm antworteten. Er lchelte,
als er diese Entdeckung machte, und diese Laute in der Einde, dieser Ton
einer menschlichen Stimme, wenn gleich nur seiner eigenen, machten ihm so
viele Freude, da er mehrere Male den geliebten Namen seiner Mutter, so wie
der frhern Bekannten, rief, um ihn von dem Echo wiedergegeben zu hren.
Da er keinen menschlichen Laut in dieser ganzen Zeit vernommen, dies
hatte ihn besonders in seiner jetzigen Einsamkeit betrbt und so enthob die
Entdeckung des Echos ihn eines beklemmenden Gefhls, indem es diese Einde
gleichsam belebte.

Endlich war unser William mit seinem Reinigungs-Geschfte fertig und jetzt
konnte er auf ein weiches, bequemes Lager fr die Nacht denken. Auf die
Entdeckung eines zu diesem Zwecke besonders sich eignenden Mooses glaubte
er verzichten zu mssen, da er auf seiner Wanderung keine Pflanze der
Art erblickt hatte; allein das hohe Gras und mehr noch die Bltter des
Farrenkraut-Baumes versprachen ihm eine erwnschte Aushlfe. Zwar machte es
ihm keine kleine Mhe, mit seinem Taschenmesser so viel Gras abzuschneiden,
als er zu einem Lager bedurfte; zwar vergo er Strme von Schwei bei
dieser in der brennendsten Sonnenhitze verrichteten Arbeit; aber er lie
doch nicht davon ab: war er doch auf dem Schiffe an eine oft eben so
ermdende Thtigkeit gewhnt worden. Auch strkte ihn der Gedanke, wie s
es sich im khlen Schatten der Hhle, auf dem weichen, duftigen Lager ruhen
wrde, bei seiner mhevollen Arbeit, und wie schmeckten ihm seine Pataten,
wie der Trunk aus khler Quelle nach derselben.

Er war jedoch so ermdet, da er, als er sich mit Anbruch der Nacht zur
Ruhe niederlegte, keines Schlummerliedes bedurfte, um einzuschlafen. Wie
lange er geschlafen haben mochte, als er sich, noch mitten in der Nacht,
und in der gresten Dunkelheit, durch einen rauhen Gegenstand geweckt
fhlte, der ber sein Gesicht hinstrich, vermochte er nicht zu bestimmen.
Er fuhr erschrocken in die Hhe und wute sich im ersten Augenblick nicht
zu besinnen, wo er sich befnde, noch weniger aber sich zu sagen, was es
gewesen war, das ihn so unerwartet geweckt hatte. Er rieb sich die Augen,
als wenn er auch in der ihn umgebenden rabenschwarzen Finsterni so besser
sehen knne, und schaute sich nach allen Seiten mit lautpochendem Herzen
um.

Lange sah er nichts; endlich aber erblickte er in einiger Entfernung vor
sich zwei glnzende Punkte, die, da sie oft ihre Stelle vernderten, von
einem lebenden Geschpfe herkommen muten. Dieser Anblick erfllte ihn
mit solcher Angst, da ihm der Schwei aus allen Poren seines Krpers
hervorbrach und er regungslos nach dem Winkel schaute, wo er die beiden
feurigen Punkte erblickte. Bald vernahm er auch ein erst leises, dann immer
strker werdendes Schnurren, wie von einer groen Katze. An eine solche
dachte er in seiner Angst nicht, sondern an Lwen und Tiger, die, wie er
aus der Naturgeschichte wute, gleichfalls zum Katzengeschlechte gehrten
und, wie er meinte, recht gut Bewohner dieses Landes sein knnten. Sein
Wissen reichte nicht so weit, wie ohne Zweifel das eurige, meine geliebten
Kinder! Ihr wrdet Euch in Australien nicht vor Lwen und Tigern gefrchtet
haben, weil Euch gewi bekannt ist, da dieser Welttheil keine Thiere der
Art besitzt.

Unser William wagte nicht, sich zu bewegen, aus Furcht, die Aufmerksamkeit
seines vermeintlichen Feindes und Verschlingers durch das leiseste Gerusch
auf sich zu ziehen. Starr waren seine Augen auf die beiden beweglichen
leuchtenden Punkte gerichtet und mit immer mehr steigendem Entsetzen
erfllte ihn das Schnurren, das aus demselben Winkel hervorkam. Jeden
Augenblick glaubte er die Beute des vermeintlichen Ungeheuers zu werden und
seine Angst war so gro, da er nicht einmal Gott um die Erhaltung seines
Lebens zu bitten vermochte.

Unter welchen Empfindungen er den Rest der Nacht verbrachte, vermcht Ihr
Euch nicht vorzustellen. Kein Schlaf kam mehr in seine Augen und um die
eben so nthige als ersehnte Ruhe war es geschehen; ja, er wagte nicht
einmal, sich wieder niederzulegen, aus Furcht, da er durch irgend ein
Gerusch die Aufmerksamkeit seines Feindes auf sich ziehen mchte.

Endlich brach der so hei ersehnte Tag an und zu seiner eigenen
Verwunderung lebte er noch. Er sah durch die Oeffnung der Hhle einen
schwachen Lichtschimmer dringen, und nicht lange dauerte es, so fiel selbst
ein Sonnenstrahl auf den Vordergrund des Einganges. Dieser Anblick, den er
nicht mehr zu erleben gehofft hatte, stillte sein Bangen in Etwas und er
wagte es jetzt, sich zu erheben, um wo mglich die Hhle zu verlassen und
auf irgend einem Baume eine Zuflucht gegen seinen vermeintlichen Feind zu
suchen.

So wie er sich aber erhob -- o Schrecken! erhob sich dieser auch; allein
er sprang nicht auf ihn zu, um ihm seine kralligen Tatzen in den Leib zu
schlagen, sondern schlpfte, schnell und geschmeidig wie ein Aal, zur Hhle
hinaus.

Wer war denn aber dieser bse nchtliche Strenfried? hre ich Euch
neugierig fragen.

Eine Katze.

Eine Katze? Du spaest mit uns! Wie sollte die dorthin gekommen sein?

Und doch war es eine Katze, geliebte Kinder; zwar keine gezhmte, wie
die, welche wir der Muse und Ratten wegen in unsere Wohnungen aufgenommen
haben, sondern eine _wilde_ Katze, hnlich der, die man auch noch in
einigen Wldern Europas antrifft. Sie sind in Australien aber kleiner, als
bei uns, braun und schwarz gestreift, lang, dnn und lang geschwnzt;
ihre Krallen sind sehr lang und scharf und ihre Schnauze gleicht der eines
Ferkels. Sie fallen brigens nie Menschen und grere Thiere an, sondern
begngen sich mit Vgeln, die sie in ihren Nestern auf den Bumen im
Schlafe berraschen.

Als unser William dieses winzige Thierchen erblickte, das wahrscheinlich
eine noch weit grere Furcht vor ihm, als er vor dem vermeintlichen Lwen
oder Tiger gehabt hatte, und zugleich seiner ausgestandenen Angst gedachte,
mute er unwillkhrlich lcheln; dies war wohl das erste Lcheln, das seit
seinem Schiffbruche ihm auf den Lippen schwebte.

Bald zog ihn ein leises Wimmern im Innern der Hhle wieder in diese zurck;
er lauschte und vernahm fest deutlich Tne, die nur von jungen Ktzchen
herkommen konnten. In dieser Voraussetzung hatte er sich nicht geirrt;
schon nach kurzem Suchen entdeckte er in einer Felsenspalte ein Nest mit 7
bis 8 jungen Ktzchen, die wahrscheinlich ein solches Klaggeschrei erhoben,
weil ihre Mutter und Ernhrerin sie verlassen hatte. Der Anblick dieser
artigen Thierchen erfreute Williams Herz: er kroch auf dem Bauche in die
Felsenspalte und holte sich eins davon heraus, um es zu streicheln; aber es
erhob ein noch lauteres Klaggeschrei, was vermuthlich die drauen ngstlich
harrende Mutter vernahm. Mit _einem_ Satze war diese in der Hhle, mit
einem zweiten auf Williams Schulter und ehe er es sich versah, hatte sie
mit ihrem Maule das schreiende Ktzchen erfat und sprang damit zum Neste,
wo sie es zu den andern Thierchen legte; bald sogen alle begierig an ihr,
sie aber sah sehr zornig aus, und sowie sich William nur der Felsenspalte
nherte, erhob sie sich, strubte das Haar empor, machte einen Katzenbuckel
und schlug mit dem Schwanze um sich. Trotz ihrer Furcht vor dem ihr
vllig unbekannten Geschpfe, trotz der groen Ueberlegenheit an Gre und
krperlichen Krften, die dasselbe vor ihr hatte, bereitete sie sich doch
aus mtterlicher Liebe auf einen Kampf mit unserm William vor und wrde
wahrscheinlich lieber ihr Leben, als eins ihrer Ktzchen in seinen Hnden
gelassen haben. William ehrte ihre Gefhle und erkannte ihre Rechte an.
Er beschlo, die arme, so rhrend zrtliche Mutter nicht ferner zu
beunruhigen, sie aber wo mglich durch Wohlthaten fr sich zu gewinnen. Er
lie sie daher in Ruhe; als er aber sein Mittagsessen verzehrte, warf er
ihr einige von seinen gebratenen Pataten in die Felsenspalte und suchte
zu beobachten, welche Wirkung diese Gabe auf seine Nachbarin hervorbringen
wrde. Ohne Zweifel hatte unser Freund auf einige Erkenntlichkeit
gerechnet; allein er sah sich in dieser Erwartung getuscht. Zwar beroch
die Katze die Pataten, dann aber lie sie sie unangerhrt liegen und kehrte
zu ihren Jungen zurck. Dies setzte ihn einigermaen in Erstaunen: er wute
nicht, da diese zu den Raubthieren gehrenden Geschpfe im wilden Zustande
nur animalische Nahrung zu sich nehmen und Vegetabilien oder Pflanzenkost
gnzlich verschmhen.

Die Katze wollte also von ihm nichts wissen; trotz dem aber war ihm ihre
Gesellschaft sehr angenehm, seit er sich nicht mehr vor ihr frchtete,
und als die Nacht heran kam, legte er sich vllig unbesorgt vor seiner
Nachbarschaft zur Ruhe nieder; ja, er schlief auf seinem Lager von Gras
und Blttern vollkommen so gut, wie in einem weichen Bette: gesnder,
naturgemer aber gewi.




Dreizehntes Kapitel.


Das Allernothwendigste hatte unser William jetzt: Wasser, um seinen Durst
zu lschen, die Pataten, welche seinen Hunger stillten und endlich gar ein
schtzendes Obdach mit einem guten Lager; selbst an Leckereien fehlte es
ihm nicht, da die schnsten Himbeeren, obschon an so niedrigen Struchen
wie bei uns die Heidelbeeren, in so groer Flle vorhanden waren, da er
sich vom Morgen bis zum Abende daran htte satt essen knnen. Trotz dem
aber fehlte ihm nicht nur Etwas, sondern sogar sehr Viel; besonders trug er
ein groes Verlangen nach einer animalischen oder thierischen Kost, an die
er von frhester Jugend auf gewhnt worden war. Wie sich aber eine solche
verschaffen? Er hatte weder eine Flinte noch Bogen und Pfeile, ja nicht
einmal eine Schlinge vermochte er zu machen, weil er sich nicht darauf
verstand, um irgend ein Thier darin zu fangen. Zwar htte er Nachts, wo
die wilde Katze oft auf lngere Zeit auf Beute ausging, leicht eines der
Ktzchen nehmen und es tdten knnen, dagegen aber strubte sich sein
Gefhl, auch vielleicht ein ihm selbst kaum bewuter Eckel gegen eine so
ungewohnte Kost, und so blieben die wilden Ktzchen ungefhrdet von ihrem
menschlichen Nachbar.

Da das Verlangen nach einer vernderten Nahrung immer strker wurde,
beschlo er, den Weg zum Strande zu suchen. Er hegte die Hoffnung, dort
vielleicht eine Schildkrte oder doch Muscheln zu finden, die er dann am
Feuer braten und zur Speise bereiten wollte. Da ihm sehr daran gelegen sein
mute, den Rckweg zu seiner Hhle nicht zu verfehlen, ging er erst immer
hart am Bache hin, dann aber, als dieser sich nach und nach zwischen dem
immer hher und dichter werdenden Grase verlor, schnitt er mit seinem
Messer ziemlich groe Kerben an die zu Seiten seines Weges stehenden Bume,
wodurch er sich den Rckweg offen erhielt.

Lange wanderte er fort, ohne das Meer zu entdecken; endlich hrte er es,
zu seiner nicht geringen Freude, hinter einem Felsen brausen und rauschen.
Schnell erklomm er den Felsen und hatte jetzt das unermeliche Meer vor
sich, das an der Stelle, wo er sich befand, einen ziemlich tief in das Land
hineingehenden Meerbusen bildete. Erstaunt und entzckt schaute er auf
das groartige Schauspiel, das sich seinen Blicken darbot. Durch die lange
Fahrt auf dem Ocean war er so vertraut mit dem Meere und dieses ihm so lieb
geworden, da ihm beim Anblick desselben die hellen Freudenthrnen ber die
Wangen schossen. Hatte er doch auch besondere Ursache, es zu lieben, da ihm
allein Rettung durch ein etwa an der Insel landendes Schiff kommen konnte.
Nachdem er sich lngere Zeit an Betrachtungen vergngt hatte, stieg er den
Felsen hinab, um am Strande nach ebaren Muscheln -- er trumte sogar von
Austern, die man ihm in Hamburg als groe Leckerbissen gerhmt hatte -- zu
suchen. Er fand zwar eine Menge der allerschnsten, buntesten Muscheln, die
er unter andern Umstnden gewi begierig aufgelesen haben wrde, jetzt
aber unbeachtet liegen lie, weil sie leer und von ihren frhern Bewohnern
smmtlich verlassen waren.

Statt des vergebens Gesuchten that er aber einen Fund, dessen Wichtigkeit
ihm bald einleuchten sollte. Eine ziemliche Strecke vom Wasser entfernt,
aber doch an der Grenze des Strandes, sah er einen Stein liegen --
wenigstens hielt er eine Zeitlang den ihm auffallenden Gegenstand dafr
-- dessen regelmige Form seine Aufmerksamkeit erregte. Er nherte
sich demselben mit eiligen Schritten und wie ward ihm, als er, statt des
erwarteten Steins, eine braunroth angemalte Kiste fand! Er erkannte sie auf
den ersten Blick fr die des Schiffs-Zimmermanns der Hoffnung, auch war
der Name dieses Mannes, wenn auch die mit weier Oelfarbe darauf gemalten
Buchstaben zum Theil abgerieben waren, noch ganz deutlich darauf zu lesen;
ber diesem Namen war das ihm so wohlbekannte Hamburger Wappen, die drei
Thrme, mit dem sie haltenden Lwen daneben, in bunten Farben abgebildet.

Die hellen Thrnen schossen ihm ber die Wangen bei dieser unerwarteten
Erinnerung an die geliebte Vaterstadt, an das Schiff, auf dem er den
weiten Ocean durchschwommen, an die Mannschaft desselben, die jetzt tief
im Meeresgrunde lag oder wohl schon die Beute gefriger Hayfische geworden
war. Mit unaussprechlicher Rhrung mute er in diesem Augenblicke jedes
gtigen, freundlichen Worts gedenken, das der Eine oder Andere dieser
Mnner whrend seines langen und steten Beisammenseins mit ihnen zu
ihm gesprochen hatten, der frhlichen Gesnge, die sie in ihren wenigen
Musestunden erschallen lieen, der Mhrchen und Sagen, deren sie eine so
groe Menge wuten, und mit anmuthiger Einfachheit zu erzhlen verstanden;
der kleinen Neckereien, die sie sich im harmlosen Scherze gegen einander
erlaubten; der Belehrungen, die er von den Aelteren und Ernsteren empfing,
wenn er diese oder jene Sache noch nicht anzugreifen verstand. Und das
Alles war nun todt und hin; die frhlichen Laute der bekannten Stimmen
waren fr immer erstorben; die bald heitern, bald ernsten Blicke erloschen,
die Kraft dieser Muskeln gelhmt -- todt! todt war so viel Leben und
Regsamkeit!

Wer wrde in diesem Augenblick wohl ungerhrt geblieben sein? wer htte
in demselben wohl an die, unter den gegenwrtigen Umstnden unermelichen
Schtze denken knnen, die eben diese Kiste, welche unserm William
heie Thrnen entlockte, in ihrem Innern barg? Er dachte gewi im ersten
Augenblick nicht daran, sondern kniete neben derselben nieder, kte sie
unter Thrnen und nannte mit leiser, von Schluchzen unterbrochener Stimme
den Namen des ehemaligen Besitzers. Dieser war, obschon uerlich ein
ernster, fast rauher Mann, doch im Grunde ein vortrefflicher, wohlmeinender
Mensch gewesen, der besonders unserm jungen Freunde sehr gewogen war und
ihm manchen Liebesdienst erwiesen hatte.

William war so in Schmerz und Erinnerung versunken, da er nicht bemerkte,
da es bereits Abend geworden war, und zu dunkeln begann. Als er sich
endlich aufraffte und an die Rckkehr nach seiner Hhle dachte, war es
bereits zu spt dazu und er mute sich entschlieen, die Nacht am Strande
zuzubringen, da er, wenn er den Rckweg angetreten, sich leicht htte
verirren knnen, weil er die an den Bumen gemachten Einschnitte nicht mehr
erkennen konnte. Er bereitete sich daher ein Lager am Strande, indem er
sich gewissermaen in den warmen Sand einwhlte, und lehnte das mde Haupt
gegen die geliebte Kiste.

Erst spt, als bereits der Vollmond hoch am Himmel stand, schlief er ein
und trumte von der geliebten Heimath, von der theuren, ber Alles theuren
Mutter, von seinen Gespielen und Schulgenossen. O, er war noch einmal
vollkommen glcklich; aber ach! der erste im Osten sich zeigende Strahl der
Sonne verscheuchte dieses holde Glck, indem er ihn weckte. Er rieb sich
die Augen, seufzte tief auf, indem er um sich blickte, und erhob sich
schwankend von seinem beweglichen Lager.

Der Gedanke, wie ntzlich ihm der Inhalt der Kiste werden knne, konnte
nicht lange ausbleiben; zugleich aber erhoben sich in seiner Seele
Bedenklichkeiten ber sein Recht, sich die darin enthaltenen Sachen
aneignen zu drfen, und lange kmpfte er mit sich selbst darber.
Endlich sagte er sich, da einmal der frhere Besitzer dieser Kiste aller
Wahrscheinlichkeit nach todt, dann aber fr ihn keine Mglichkeit vorhanden
sei, selbst wenn er lebte, sie ihm wieder zuzustellen. Ferner war die Noth,
in der er sich befand, so gro und er aller sonstigen Hlfe so gnzlich
beraubt, da er meinte, Gott werde es ihm schon vergeben, da er sich des
Inhalts der Kiste bemchtige und zu seinem Besten verwende.

Eine andere Frage, nachdem er diese beseitigt hatte, war nun die, wie er
die Kiste ffnen solle? Der Zimmermann hatte sie aller Wahrscheinlichkeit
nach selbst und, da er ein tchtiger Mann in seinem Geschfte war, gewi
sehr fest gebaut. Zwar htte er trotz dem den Deckel leicht mit einem
groen und kantigen Steine zerschlagen knnen; allein zu diesem Auswege,
der ihm noch brig blieb, wenn kein anderer sich erdenken lie, konnte er
immer noch greifen und der Gedanke, die Kiste ganz zu erhalten, war ihm so
angenehm, da er lieber erst alles Andere versuchen, als sie zertrmmern
wollte. Er hatte bemerkt, da die Schlosser mit einem an der Spitze etwas
krumm gebogenen Instrumente von Eisen leicht zugesprungene Schlsser
aufmachten, und da er als ein kluger und aufmerksamer Knabe sich alle dabei
angewandten Handgriffe gemerkt hatte, kam es nur darauf an, da er einen
gehrig starken Nagel fnde, der dann vermittelst eines statt des Hammers
dienenden Steins leicht die gehrige Form erhalten knnte. Er ging also, um
einen Nagel zu suchen, noch etwas weiter den Strand hinauf.

Dieser Weg wurde ihm reichlich belohnt, indem er noch eine Menge
Schiffstrmmer, sogar den ganzen Spiegel des gescheiterten Schiffs,
und einige Tonnen mit Zwieback am Ufer fand. Seine Freude bei diesem
unerwarteten Anblick war nicht gering und er machte sich sogleich ans Werk,
die Trmmer weiter auf den Strand hinauf zu ziehen, damit nicht etwa eine
hher gehende See sie wieder ins Meer zurckfhrte. Wie vielen Schwei
vergo er bei dieser, seine Krfte fast bersteigenden Arbeit; aber
obgleich ihn Hunger und Durst nicht wenig bei derselben qulten, versagte
er sich doch die Befriedigung dieser dringenden Bedrfnisse, um seinen
Schatz erst in Sicherheit zu bringen. Jedes Stckchen Brett, mochte es
auch schon halb zertrmmert sein, war ein Schatz fr ihn, dem es an allem
fehlte. Nur den Spiegel des Schiffs vermochte er, seiner Schwere wegen,
nicht von der Stelle zu bringen, und ihn zu zertrmmern, dazu fehlte es ihm
an den gehrigen Gerthschaften. Was htte er nicht jetzt darum gegeben,
einen Genossen zu haben, der ihm hlfreiche Hand bei der sauren Arbeit
leistete!

Als er das, was ihm mglich gewesen war zu retten, hher auf den Strand und
somit in Sicherheit gebracht hatte, dachte er zunchst daran, seinen Hunger
und Durst zu stillen und freute sich in seinem Herzen nicht wenig, den
ersteren mit dem in den Tonnen enthaltenen Zwiebacke stillen zu knnen. Er
zerschlug daher eine derselben und die Zwiebacke kamen zu Tage; aber ach!
sie hatten sich, aufgeweicht durch das Seewasser, in einen Brei verwandelt
und dieser schmeckte so salzig und bitter, da er nicht einen Mund voll
davon herunter zu wrgen vermochte.

Die Hoffnung, die er auf diesen Fund gesetzt hatte, war also eine
vergebliche gewesen, und er mute sich nach einem andern Nahrungsmittel
umsehen. In der Nhe war dieses nicht zu finden, was ihn sehr betrbte,
da er mit dem Aufsuchen so viele Zeit verlieren mute; denn auch mit der
Hoffnung, Muscheln am Strande zu finden, war es nichts gewesen. Erst nach
langem, fruchtlosen Umherirren fand er einen Baum, der groe Aehnlichkeit
mit unserm Birnbaume und eine Frucht wie dieser hatte.

Ha! Birnen! rief er bei diesem willkommenen Anblicke mit freudig bewegter
Stimme aus, und schon nach wenigen Augenblicken hatte er zehn bis zwlf
Stck mit einem Stecken, den er sich geschnitten, heruntergeschlagen.
Jetzt sollte es ans Schmausen gehen; aber o weh! wie bitter sah sich
unser William abermals in seiner Hoffnung getuscht! Die ihn so lieblich
anlchelnden Birnen waren nichts weiter, als die Saamenkapseln eines
dem Birnbaum hnlichen Baumes und die Schale war so hart, da sie seinen
tchtigen Zhnen Trotz bot. Er lie sie also liegen und setzte, etwas
entmuthigt, seine Wanderung fort. Die gleichfalls nicht eben einladenden,
aber doch geniebaren Kirschen muten endlich aushelfen und waren dehalb
willkommen, weil sie den Hunger und Durst zugleich stillten. Er a
eine tchtige Portion davon, legte sich dann unter den Schatten eines
prachtvollen, seine Aeste weit ausstreckenden Gummi-Baumes nieder und
verfiel in einen sanften Schlaf.

Zwar hatte er sich beim Einschlafen vorgenommen, nur ein Stndchen zu ruhen
und dann an den Strand zu gehen, um seine Kiste zu ffnen; allein aus dem
sich gegnnten Stndchen wurden drei bis vier Stunden und als er endlich
wieder erwachte, sank die Sonne bereits in das Meer hinab, so da er eilen
mute, wenn er den Strand noch vor Dunkelwerden wieder erreichen wollte. In
der Eile mochte unser Freund aber nicht auf den rechten Weg gemerkt haben,
denn das Meer wollte sich noch immer seinen Blicken nicht zeigen und
doch dunkelte es bereits. Endlich mute er fr diesen Abend die Hoffnung
gnzlich aufgeben, seine Schtze noch zu erreichen und es blieb ihm weiter
nichts brig, als Schutz und nchtliche Ruhe unter freiem Himmel oder einem
stark belaubten Baume zu suchen. Frh, mit Anbruch des Tages, weckten ihn
aber die empfindliche Morgenkhle und der beraus stark gefallene Thau, der
bereits seine wenigen Kleidungsstcke gnzlich durchnt hatte. Da er jetzt
schon die Gefahr einer solchen Durchnssung kannte, sprang er schnell
auf und machte sich eilig auf den Weg, um sein Blut wieder in Bewegung
zu setzen. Er war noch keine halbe Stunde gegangen, so vernahm er aus
der Ferne das Brausen und Rauschen der Wellen, die seinem Ohre wie die
lieblichste Musik erklangen, und nicht lange, so stand er wieder an dem
heiersehnten Meeresstrande, zwar in einiger Entfernung von den geborgenen
Schtzen, aber doch so nahe, da er sie bereits mit seinen scharfen Blicken
erreichen konnte.

Als er ihnen nher kam, fiel es ihm nicht wenig auf, da er sich etwas
Lebendiges zwischen den Schiffstrmmern bewegen und hin und hergehen sah.
Sein erster Gedanke war, da es vermuthlich ein Raubthier sei; denn vor
diesen frchtete er sich immer noch, da er nicht wute, da Australien
keine fleischfressenden Thiere besitzt, die dem Menschen gefhrlich werden.
Als er aber, schchtern und mit groer Vorsicht nher ging, bemerkte er, zu
seiner nicht geringen Ueberraschung, da sein vermeintlicher Feind auf zwei
Beinen und aufrecht ging.

Gewi ein Affe, vielleicht gar ein Urang-Utang! sagte er bei sich. Er
irrte aber in dieser Voraussetzung, denn auch Thiere dieser Gattung sind in
Australien nicht zu Hause.

Sein Erstaunen erreichte aber den hchsten Grad, als er am Strande,
unfern der von ihm geborgenen Sachen, ein Canot, oder indianisches Boot,
erblickte. Es hatte die Gestalt eines groen Troges und war aus einem
ausgehhlten Baumstamme gemacht. Aus Vorsicht hatte der Besitzer desselben
es auf den Strand gezogen, was sich seiner Leichtigkeit und Kleinheit wegen
leicht bewerkstelligen lie.

William, der sich jetzt vor einem vielleicht Menschen fressenden Wilden,
wie zuvor vor Lwen und Tigern, frchtete, ging nur langsam und mit groer
Vorsicht auf den Wilden zu, der seinerseits so msig mit dem Aufschlagen
der Kiste beschftigt war, da er die Ankunft unsers Freundes nicht eher
bemerkte, als bis dieser ihm ganz nahe stand.

Ein Schrei des Entsetzens entfuhr dem armen Wilden, der ein Knabe von
dreizehn bis vierzehn Jahren zu sein schien, krauses Haar und eine ziemlich
dunkle Hautfarbe, aber im Uebrigen einen sehr wohlgebildeten Krper hatte,
so bald er eines Menschen ansichtig wurde, wie er noch nie zuvor einen
gesehen. Er glaubte ohne Zweifel den weien Geist, eine Gottheit, die von
diesen Wilden angebetet und sehr gefrchtet wird, vor sich zu haben und
strzte zur Erde nieder, das Gesicht gegen den Boden drckend und die Hnde
weit von sich streckend. Dabei stie er so erbrmliche, seltsam klingende
Tne aus, da William sich kaum eines Lchelns erwehren konnte, so wenig
ihm auch sonst darnach zu Muthe war. Der Augenblick, wo er einen Menschen
wiederfand, war ja ein groer, beraus wichtiger fr ihn.

Da William sah, da er Furcht einflte, schwand natrlich die seinige und
das Mitleid mit dem armen, zitternden Wilden nahm die Stelle derselben ein.
Er bckte sich zu dem armen _Kolbi_ -- dies war sein Name, wie er spterhin
erfuhr -- nieder und berhrte seinen nackten Krper sanft mit der Hand,
indem er ihm gute Worte gab und ihm Muth einzusprechen suchte. Aber Kolbi
verstand ihn nicht und die sanfte Berhrung von Seiten des vermeinten
Geistes vermehrte dermaen sein Entsetzen, da sein armer Krper wie ein
Espenlaub zitterte.

William, der nicht wute, was er anfangen sollte, um den armen Knaben zu
beruhigen, kniete neben ihm nieder, streichelte seinen Kopf und sprach in
so sanften Tnen zu ihm, da es dem armen Zitternden, obgleich er seine
Worte nicht verstehen konnte, doch begreiflich wurde, da er nichts Bses
von ihm zu befrchten habe. Er erhob also das Haupt etwas vom Boden und
sah unsern William von der Seite an; so wie er ihm aber in das Gesicht sah,
schauderte er sichtbar zusammen und schlo die Augen wieder, ganz wie der
Strau es machen soll, der seinen Kopf in den Busch steckt und meint, sein
Verfolger sehe ihn nicht, weil er diesen nicht mehr sieht.

Endlich gelang es unserm jungen Freunde doch, dem Wilden einiges Vertrauen
einzuflen; Kolbi erhob sich wenn gleich noch leise zitternd, und reichte
dem weien Manne sogar die Hand, als dieser ihm die seinige bot. Beide
gingen jetzt wieder zu der Kiste, die William so sehr am Herzen lag. Kolbi
hatte ihm die Mhe erspart, das Schlo vermittelst eines krumm gebogenen
Nagels zu ffnen, indem er in seinem Unverstande den Deckel mit einem Stein
zertrmmert hatte, so da der Inhalt bereits zu Tage lag. Diesen bildeten,
auer Wsche und Kleidungsstcken, etwas Geld, das fr William jetzt ohne
allen Werth war, da er nichts dafr kaufen konnte, eine Menge sehr guter
Handwerksgerthe, als Sgen, Hobel, Bohrer, Hammer, ein Beil, Meissel
u.dgl.m., einige Seecharten, ein Gebet- und Gesangbuch und endlich eine
silberne Uhr, die zwar still stand, weil sie nicht aufgezogen war, aber
durchaus nicht gelitten hatte, wie berhaupt die Sachen in der Kiste nicht.
Denn der brave Zimmermann hatte seine Lade so tchtig gearbeitet und sogar
das Schlsselloch mit einem so gut schlieenden Schieber versehen, da auch
nicht ein Tropfen Seewasser in das Behltni gedrungen war.

Der Anblick der Uhr machte William eine auerordentliche Freude, und da der
Schlssel an einer schweren silbernen Kette daran hing, zog er sie gleich
auf; sie ging! Kolbi sah Alles, was er that, mit neugierigem Erstaunen an;
als ihm William aber die Uhr vor das Ohr hielt, damit er sie picken hre,
erschrack er nochmals so, da er fast wieder zur Erde gefallen wre, und
die Uhr angebetet htte, wie frher unsern Freund; ja, das lebhafteste
Entsetzen spiegelte sich in seinen Blicken ab, als er William den
vermeinten Gott in seine Tasche stecken sah.

Unser Schiffbrchiger war durch das Auffinden der Kiste und der Trmmer des
Schiffs, weit mehr aber noch durch das Begegnen Kolbis auf einmal zu einem
Reichthum gelangt, den er nicht mehr zu hoffen gewagt hatte. Es gelang ihm
auch, dem jungen Wilden ein so groes Vertrauen einzuflen, da dieser
ihm, als er gegen Abend zu seiner geliebten Hhle zurckkehrte, willig
dahin folgte. Kolbi war ihm von sehr groem Nutzen, indem er einen Theil
dessen, was William gleich in Sicherheit bringen wollte, auf seine starken
Schultern nahm, so da, da Beide trugen, der werthvolle Inhalt der Kiste
gleich in die Hhle geschafft wurde. Nicht wenig erstaunte Kolbi, als
er William, so wie sie in derselben angelangt waren, vermittelst eines
gleichfalls gefundenen Feuerstahls, Schwamms und Steines Feuer anmachen,
und die Pataten daran legen sah. Als diese gehrig gebraten waren, theilte
William sein einfaches Mahl mit seinem schwarzen Freunde, der vermuthlich
lange keine so gute Kost genossen hatte, denn er lie es sich vortrefflich
schmecken und auch keine einzige Patate blieb brig. Auch William hatte den
besten Appetit von der Welt; in zwei Tagen waren es nur Kirschen gewesen,
mit denen er ihn hatte stillen knnen, und so war ihm die derbere Nahrung
jetzt sehr erwnscht.

Als Beide sich gehrig gesttigt und ihren Durst durch einen frischen Trunk
aus der Quelle gestillt hatten, legten sie sich auf dem weichen Lager,
eintrchtig wie Brder, neben einander nieder und schliefen bald ein; unser
William jedoch erst, nachdem er die Pflicht des Dankes gegen seinen so
gndigen und gtigen Vater im Himmel erfllt hatte, und o! fr wie viel
Gutes hatte er ihm nicht mit gerhrter Seele am Abende dieses Tags zu
danken!

[Illustration: ~Seite 131.~]




Vierzehntes Kapitel.


Als er am andern Morgen erwachte, hatte er Mhe sich zu berzeugen, da die
Erlebnisse der beiden vorhergehenden Tage nicht ein bloer Traum gewesen
sey, und erst als er Kolbi am Eingange der Hhle erblickte -- dieser war
etwas frher erwacht und aufgestanden als er -- begriff er sein Glck. Auch
er erhob sich, ging zu seinem jungen Freunde, gab diesem freundlich die
Hand und kniete dann am Eingange der Hhle nieder, um Gott sein Morgen- und
Dankgebet darzubringen. Kolbi, der glaubte, da er Alles nachmachen msse,
was der gute weie Geist -- so nannte er unsern William noch -- that,
kniete neben ihm nieder und faltete eben so andchtig seine Hnde, als
htte er gewut, warum es sich handelte; davon hatte der Arme aber keinen
Begriff.

William fhrte darauf Kolbi zu der Stelle, wo die Pataten wuchsen, damit
er ihm behlflich sey, einige davon aus der Erde zu nehmen, weil sie ihr
Frhstck damit halten wollten. Wie es schien, verstand sich der junge
Wilde besser darauf, als er selbst; er brach einen Stecken vom nchsten
Baume, und whlte die Erde so schnell und geschickt damit auf, da er eine
Menge dieser ebaren Knollen ans Tageslicht frderte. Als William ihn so
gut unterrichtet sah, machte er Feuer an, um sie zu braten; Kolbi verstand
auch jetzt, was er wollte, und trug die gewonnenen Frchte eilig herbei;
jetzt aber mute William seiner groen Geschftigkeit Einhalt thun, denn
der Wilde, der weder von Eckel noch Reinlichkeit viel wute, wollte die
Pataten mit aller daranhngender Erde an das Feuer legen und sie wrden ihm
auch so ganz vortrefflich gemundet haben. Aber nicht so William, dieser ri
sie wieder vom Feuer, legte sie Kolbi in die Arme, nahm den Rest und eilte
damit dem Bache zu, wohin ihm der Wilde nicht ohne einige Verwunderung
folgte. Hier angelangt, wusch er erst die Frucht rein und bedeutete dann
Kolbi durch Zeichen, da er sie jetzt ans Feuer legen und braten lassen
drfe, was dieser auch that, ohne begreifen zu knnen, wozu die eben
gesehene Procedur gut seyn konnte.

Nach eingenommenem Frhstcke fhrte William erst seinen Freund zu der
Stelle, wo die Himbeeren in so groer Flle wuchsen; auch diese kannte
Kolbi und lie sich nicht lange nthigen, zuzugreifen. Als man sich
gesttigt hatte, fllen sie ein mitgenommenes Beutelchen, das man unter den
geretteten Sachen gefunden hatte, mit diesen duftigen Frchten an und auch
die Ledertasche wurde mit Wasser angefllt, worauf Beide wieder den Weg
zum Strande antraten, um auch die zurckgebliebenen Bretter, Ngel, Balken
u.s.w. zu bergen.

William, der jetzt schon klger geworden war, hatte einige Endchen starken
Bindgarns mitgenommen und befestigte vermittelst desselben einige Bretter
so aneinander, da sie eine Art von Schleife bildeten, worauf man bequem
andere Bretter fortbringen konnte, indem man die Schleife hinter sich
herzog. Nicht wenig mute sich unser junger Freund ber die Klugheit und
Gelehrigkeit des Wilden wundern. So wie William etwas that, richtete er
aufmerksam seine Blicke auf jede seiner Bewegungen, und es dauerte nicht
lange, so hatte er seine Absicht begriffen, in die er dann eben so klug als
geschickt und behende einging.

Welch ein Trost, welch eine Freude war der Besitz Kolbis fr William!
Zwar konnte er nicht anders, als durch Zeichen zu ihm reden; zwar verstand
Keiner die Sprache des Andern; aber trotz dem unterhielten sie sich doch
schon durch Blicke und Zeichen, die Kolbi schnell begriff, denn er war ein
sehr gescheidter junger Mensch. Welch Entzcken war es fr unsern Freund,
als er wieder in ein Menschenauge blicken und Liebe und Dankbarkeit daran
lesen konnte! Auch that Kolbi gar nicht mehr scheu gegen ihn, sondern
bezeigte sich jetzt vollkommen zutraulich, und wenn er gleich William,
seiner weien Hautfarbe wegen, noch fr ein berirdisches Wesen hielt,
so frchtete er sich doch nicht mehr vor ihm, wie er zu Anfang ihrer
Bekanntschaft gethan hatte. Ihr mt nmlich wissen, liebe Kinder, da
die Schwarzen sich den bsen Geist _wei_ malen, whrend wir den Teufel
schwarz. Der Anblick eines Europers, des ersten, den er in seinem Leben
sah, war also wohl dazu geeignet, unserm armen Australier eine ungemessene
Furcht einzuflen. Fast drei Tage bedurfte man, um die geborgenen
Schiffstrmmer zu der Hhle zu schaffen; denn auch den Spiegel des Schiffs
hatte man fortbringen knnen, da man ihn vermittelst des gefundenen Beiles
kleiner gemacht hatte. Am dritten Tage, als man den letzten Weg zum Strande
-- wenigstens fr diesmal -- machte, warf Kolbi pltzlich die Last, womit
er seine Schultern beladen hatte, zu Boden, und ehe William es sich versah,
hatte er den Stamm eines sehr hohen Baumes, fast bis zum Gipfel desselben,
erklettert. William wute nicht, was diese Erscheinung zu bedeuten habe,
und stand erwartungsvoll unter dem Baume, um abzuwarten, was sein Gefhrte
da oben schaffen wrde. Er sah, da dieser mit der Hand in eine Hhlung
des Baumes langte und sie bald wieder hervorzog; er hielt dabei, wie
triumphirend, etwas in die Hhe; was es war, konnte aber William nicht
unterscheiden, bis Kolbi wieder unten bei ihm anlangte.

Knnt Ihr vielleicht errathen, was der Wilde dort oben in dem Baume gesucht
und gefunden hatte? Strengt einmal Euere Denkkraft an; solltet Ihr mein
Rthsel aber nicht lsen, so will ich Euch den Schlssel dazu in die Hand
geben. Es gibt in Australien, eben so gut wie bei uns, Bienen.... -- O!
nun wissen wir Dein Geheimni schon! rufen jetzt gewi Viele von Euch:
Der Kolbi brachte eine Honigscheibe herunter; nicht wahr?

Ja, eine Honigscheibe hielt er wirklich in der Hand, und zwar eine mit
dem hellsten, schnsten Honig, den man sich nur denken kann. Gewohnt, mit
seinen beraus scharfen Augen berall umherzusphen, hatte er einige wilde
Bienen entdeckt, welche die Spitze des Baumes umschwrmten und daraus
geschlossen, da er dort oben ein Nest finden wrde. Da er sich in dieser
Voraussetzung nicht geirrt hatte, zeigte die Honigscheibe in seiner Hand.
Mit der ihm eigenthmlichen rhrenden Gutmthigkeit bot er den leckern
Fund seinem Freunde dar, bevor er selbst noch das Geringste davon gekostet
hatte; William nahm das Geschenk zwar an, allein er wollte es mit ihm
theilen, was Kolbi jedoch nicht litt, denn er sollte den Honig einmal
allein behalten. William, der so vielen Honig nicht auf einmal genieen
konnte, kostete etwas davon und beschlo den Rest fr eine andere Zeit
aufzuheben. Er legte ihn daher, so wie man in der Hhle angelangt war,
auf einen Felsenvorsprung, denn Gefe hatte man ja nicht, um ihn anders
aufzuheben.

Mitten in der Nacht wurden beide Schlfer, trotz ihres festen Schlafs,
durch ein hchst lstiges Kriechen und Krabbeln, das sie auf allen
entblten Theilen ihres Krpers -- der arme Kolbi ber seinen ganzen
nackten Leib -- empfunden, mehreremale aufgeweckt; sie waren aber so
schlaftrunken, da sie sogleich wieder einschliefen und erst gegen Morgen
vllig munter wurden. Wie erschracken aber Beide, als sie sich anblickten!
Jeder war ber den ganzen Leib mit Ameisen bedeckt, die ihnen zwar nichts
thaten, sondern nur ber die beiden Schlfer weg, zu dem Honig krochen,
dessen Geruch die ganze Ameisen-Nachbarschaft in die Hhle gelockt hatte;
denn Sigkeiten sind fr diese Thierchen ein wahrhafter Leckerbissen, und
sie gehen ihnen emsig nach.

Sobald Kolbi sah, was es gab, sprang er auf, entkleidete sich von der
Binde, die er um seine Lenden gewunden hatte, und eilte, die Binde
schwankend und schttelnd, um sie von den lstigen Gsten zu befreien, dem
Bache zu, indem er sich tchtig badete und abwusch, um das lstige Brennen
und Jucken los zu werden. William begriff, da die von seinem Gefhrten
ergriffene Maregel eine sehr ersprieliche sey, und folgte seinem
Beispiele, was ihn sehr erfrischte.

Ein schlimmer Umstand trat aber jetzt ein: die Hhle war fr sie, wenn auch
vielleicht nicht fr immer, doch fr lngere Zeit, verloren und man mute
sich beeilen, die darin geborgenen Sachen herauszunehmen. So lange die
Ameisen nach dem Geruch des Honigs witterten, drangen sie in groen Zgen
in die Hhle und es war nicht darauf zu rechnen, da dieser Geruch sich
sobald wieder verlieren wrde, selbst wenn man den Honig herausnhme. Das
war dann freilich eine betrbte Sache; sie entmuthigte inde unsere Beiden
nicht; hatte man doch jetzt Holz und Bretter genug, um sich eine Htte
bauen zu knnen, und noch an demselben Tage wurde der Anfang damit gemacht.
William wollte aber eine solche nicht blo fr eine kurze Zeit, sondern
gleich gehrig herstellen, und so mute man es sich gefallen lassen, einige
Nchte unter freiem Himmel zuzubringen. Man legte die Htte auf einem
kleinen Vorsprunge des Hgels, von wo aus man eine sehr reizende Aussicht
auf das umliegende Thal hatte, an, und machte sie so gerumig, da man
nicht nur selbst Platz darin fand, sondern auch alle Gerthschaften
bewahren und gegen die Einflsse von Luft und Wetter schtzen konnte.

Kolbi zeigte sich auch bei diesem Geschfte beraus thtig und gelehrig.
Man sah es ihm an, da die nicht die erste Htte war, die er erbaute;
nur mit den europischen Gerthschaften wute er nicht umzugehen, und sah
besonders William mit groem Erstaunen zu, als dieser vermittelst einer
Sge, die von den Handwerkern der Fuchsschwanz genannt wird, ein Brett
durchschnitt, das fr den beabsichtigten Zweck zu lang war.

Beim Einrammen der das Dach der Htte tragen sollenden Pfhle bewies
sich Kolbi so geschickt, da er William weit hinter sich lie. Dieser war
nmlich sehr um eine Schaufel oder eine Grabscheit verlegen, und wute
nicht, wie er ohne diese, ihm unentbehrlich scheinenden Instrumente ein
gehrig tiefes Loch in die Erde graben sollte. Das verstand Kolbi aber
vortrefflich: er suchte sich unter den vielen umherliegenden Steinen einen
Stein aus, der fast die Form einer Schaufel hatte, legte sich neben der
Stelle, wohin der Pfahl kommen sollte, auf den Bauch nieder und schaufelte
jetzt mit beiden Hnden die Erde so schnell weg, da schon nach wenigen
Minuten ein ziemlich tiefes Loch da war. Auch beim Befestigen der Pfhle
zeigte er sich eben so geschickt. Erst schaufelte er alle ausgeworfene Erde
davon, dann klopfte er den Boden fest und endlich trieb er in diesen noch
Steine und Holzsplitter ein, was wesentlich dazu beitrug, die Stbe recht
fest zu machen.

Da William sah, da er seinem Freunde diese Arbeit ruhig berlassen knne,
machte er sich an andere, die er besser verstand. Die Schiffstrmmer
enthielten eine groe Menge Ngel von fast allen Gren; sie muten aber
erst herausgezogen und auf einem Steine gerade geklopft werden, bevor man
sie nochmals gebrauchen konnte. Das war eine sehr schwierige Arbeit; allein
William war es bereits gewohnt, mit vielen Hindernissen zu kmpfen, und
so berwand er endlich auch diese. Die Menge von Ngeln, die er auf diese
Weise gewann, war ein ordentlicher Schatz fr ihn, auch verachtete er, die
Wichtigkeit desselben einsehend, nicht das kleinste Stiftchen.

Bald standen die Pfhle und an die Bedachung konnte gedacht werden. William
machte diese so gut und zierlich und das Ganze hatte berhaupt ein so
geflliges Ansehen, da er selbst seine Freude daran hatte und Kolbi,
der gewohnt war, sie auf andere Weise kund zu thun, die possierlichsten
Freudensprnge machte. Sogar an eine Hausthre konnte man denken, da es an
einigen Hngen nicht fehlte, und es zeigte sich bald, wie gut man gethan
hatte, die Htte damit zu versehen. Das Wetter blieb nicht immer gut,
sondern es kam eine sehr schlimme Zeit, von der ich Euch, meine Geliebten,
spterhin erzhlen werde.

Als die Htte einigermaen im Stande war, dachte William bereits auf einige
Mobilien, als auf Tische und Bnke, die bisher noch gefehlt hatten. Die
Arbeit ging zwar langsam von statten, aber er wurde dabei von Kolbi gut
untersttzt, indem dieser schnell manchen Handgriff fate und mit groer
Beharrlichkeit bei der Arbeit aushielt. Ein groes Vergngen war es dabei
fr William, Kolbi in seiner Muttersprache zu unterrichten. Er zeigte auf
die verschiedenen Gegenstnde und nannte blo das Hauptwort, als: Sonne,
Mond, Baum, Blume u.s.w., und zu seinem nicht geringen Erstaunen lernte
Kolbi gleich nach dem ersten Namen die verschiedenen Namen der Gegenstnde
auswendig und wandte sie das nchstemal richtig an. Man hat berhaupt die
Bemerkung gemacht, da das Gedchtni wilder Menschen sehr scharf ist und
diese nicht nur schnell lernen, sondern das Gelernte auch gut behalten.
Dies war ganz besonders bei Kolbi der Fall, den die Natur berhaupt
mit ganz vortrefflichen Gaben ausgestattet hatte. In Hinsicht der
Schnelligkeit, Biegsamkeit und Behendigkeit konnte kein Europer sich mit
ihm vergleichen; auch waren Gesicht, Geruch und Gehr von einer wirklich
erstaunungswrdigen Schrfe.




Fnfzehntes Kapitel.


Unsre Colonisten hatten jetzt zwar das Nothwendigste: ein schtzendes
Obdach, die nothdrftige Nahrung und Geselligkeit; aber trotz dem blieb
fr Beide noch mancher Wunsch unbefriedigt und dahin gehrte vorzglich der
nach einer abwechselnden Speise, an die besonders William sich in seinem
frhern Leben gewhnt hatte. Die Pataten und Frchte, womit sich Beide
seither gesttigt hatten, fllten ihnen zwar den Magen, aber sie wurden
trotz dem nicht vllig satt davon, und selbst nachdem sie ihren Hunger
gestillt hatten, blieb eine empfindliche Leere in demselben zurck.

Sobald William sich seinem Freunde verstndlich machen konnte, theilte er
ihm seinen Wunsch nach einer nhrendern Speise mit. Es machte ihm freilich
viele Mhe, Kolbi sein Verlangen mitzutheilen, und dies mute mehr durch
Zeichen, als durch Worte geschehen; endlich aber begriff der gute Wilde
ihn und nickte, wie bejahend, mit dem Haupte. Bald darauf forderte er von
William das Messer, mit dem er bereits sehr geschickt umzugehen wute, und
entfernte sich damit in das nahe Gebsch. William wute nicht, was er im
Sinne hatte, lie ihn aber gewhren und erwartete geduldig seine Rckkehr.

Er blieb ziemlich lange weg, dann kehrte er, in seiner Hand mehre
Baumzweige tragend, mit freudigem Gesichte zurck und wies seinem Freunde
triumphirend das Mitgebrachte. William begriff erst nicht, was Kolbi mit
den geschnittenen Stecken wollte und sah ihm mit einiger Neugierde zu,
als er sich auf den Boden niedersetzte und an seinen Stecken zu schnitzen
anfing. Bald aber wurde ihm die Absicht seines Freundes klar: Dieser
schnitzte aus dem mitgebrachten Holze einen beraus zierlichen Bogen
und als dieser fertig war, auch eine Handvoll Pfeile, erstere von einem
biegsamen, letztere von sehr hartem, festen Holze. Die Arbeit konnte aber
nicht vollendet werden, denn dem Bogen fehlte noch die Sehne, den Pfeilen
die scharfe Spitze von Metall und die Federn; William war nicht wenig
neugierig, wie Kolbi es anfangen wrde, diesem Mangel abzuhelfen.

Schon in der nchsten Nacht sollte diese Neugierde befriedigt werden. Er
sah Kolbi, so wie es vllig dunkel geworden war, fortwandern; wohin, konnte
er nicht in Erfahrung bringen, da der Wilde sich ihm nicht verstndlich
machen konnte. Er blieb so lange weg, da William sich sehr um ihn
ngstigte und schon im Begriffe war, ihm nachzugehen und ihn aufzusuchen,
als er ihn mit raschen Schritten herbeieilen hrte. Was er gethan, und was
er von seiner nchtlichen Wanderung mitgebracht hatte, konnte er nicht in
Erfahrung bringen, da, als Kolbi zurckkehrte, der bis dahin leuchtende
Mond untergegangen war und eine vollkommene Dunkelheit in der Htte und
selbst drauen herrschte; Licht hatten aber unsre Beiden nicht, um sich die
Nacht zu erhellen.

So wie Kolbi wieder angelangt war, warf er sich auf sein Lager nieder,
seinem Freunde eine gute Nacht zurufend, denn diese Worte und die Bedeutung
derselben hatte er bereits von William gelernt, der sie ihm jeden Abend
zurief, so wie er sich zum Schlafen niederlegte. Frh am andern Morgen,
als erst William, dann Kolbi erwacht war, ging letzterer aus der Htte in's
Freie hinaus und kehrte gleich darauf mit zwei todten Vgeln in der Hand,
die dem Ansehen nach unsern Tauben glichen, nur weit grer und von
einem schnen schillernden Gefieder waren, zu seinem Genossen zurck. Mit
triumphirenden Blicken zeigte er seinen Fang, bedeutete William, da er auf
seinen Streifereien am vorhergehenden Tage ein Nest dieser Thiere hoch in
der Spitze eines sehr hohen Baumes entdeckt, und beide Eltern, die Mutter
darin, den Vater daneben, berrascht und getdtet habe. Er hatte sich
die Stelle, wo der Baum mit dem Neste stand, und diesen selbst so genau
gemerkt, da er ihn auch whrend der Nacht wieder zu finden vermochte,
wobei ihm freilich der Mondschein etwas zu Hlfe kam.

Man kann sich vorstellen, wie erfreut William ber den Anblick dieser Vgel
war, die ihm einen leckern Braten verhieen. Er zndete sogleich ein gutes
Feuer an, steckte zu beiden Seiten derselben zwei Stbe in die Erde, die
oben durch ihre Zweige eine Gabel bildeten, und schnitzte von starkem
Holze einen Spie, an den er die Tauben stecken und ihn dann auf die beiden
Gabeln legen wollte, zwischen denen sich das Feuer befand. Kolbi lie ihn
gewhren und machte sich seinerseits an die Arbeit. Mit einer wirklich
bewunderungswrdigen Geschicklichkeit und Schnelligkeit rupfte er die
Tauben, wobei er Sorge trug, da kein Federchen verloren ging, denn diese
waren von der grten Wichtigkeit fr den von ihm beabsichtigten Zweck. Als
er mit dieser Arbeit fertig war, schnitt er den Vgeln den Bauch auf und
nahm behutsam aus beiden die Eingeweide heraus, mit welchen er zum nahen
Bache ging, um sie von allem Unrathe zu reinigen; die Tauben selbst aber
warf er William zu, der sich anschickte, sie an seinem improvisirten Spiee
zu braten.

Was Kolbi mit den Federn wollte, hatte William bereits begriffen; aber was
er mit den Eingeweiden anzufangen gedachte, blieb ihm so lange ein Rthsel,
bis dieser mit den gereinigten Gedrmen vom Bache zurckkehrte, und indem
er mehrere davon sehr fest zusammendrehte, eine Bogensehne davon machte.
William bewunderte die Geschicklichkeit und Aemsigkeit seines Freundes
nicht wenig, und brach in einen Jubelruf aus, als Kolbi ihm triumphirend
den fertigen Bogen und die vermittelst der Taubenfedern bereits befiederten
Pfeile zeigte, an welchem letztern nichts mehr fehlte, als die tdtende
Spitze. Er zweifelte jetzt aber keinen Augenblick mehr daran, da Kolbi
auch dazu Rath schaffen wrde, und dieses Vertrauen durfte er, nach den
Proben, die er von seiner Geschicklichkeit und Einsicht abgelegt, wohl zu
ihm haben.

Die beiden Tauben waren inde gebraten, und wenn sie gleich nicht so lecker
waren, wie die, welche eure gute Mutter, untersttzt von einer geschickten
Kchin, zuweilen auf den Tisch bringt, wenn sie auch nicht in einem Meere
von Butter schwammen; ja, wenn ihnen sogar das Salz zur Wrze fehlte, so
glaubte doch William, in seinem ganzen Leben kein so leckeres Mahl gehalten
zu haben, als dieses. Auch Kolbi lie sich seine Taube wohl schmecken,
wobei er mit der grten Sorgfalt die Knchelchen sammelte und auf die
Seite legte. Was er damit beginnen, zu welchem Zwecke er sie benutzen
wollte, begriff William wieder nicht, bis er seinen Freund die vorher schon
geschnitzten und befiederten Pfeile hervornehmen und ihn sie mit kleinen
scharfen Spitzen versehen sah, die er von den Knchelchen vermittelst des
Messers geschnitzt hatte.

Jetzt war ihm Alles klar, und seine Freude nicht gering, als er sich
nun sogar auch im Besitze einer Waffe sah, die ihm noch viele solche
Leckerbissen versprach, wie er eben genossen hatte.

In Hinsicht der Handhabung des Bogens sah er sich aber weit von Kolbi
bertroffen, dessen Augen und Hnde so sicher waren, da er fast nie sein
Ziel verfehlte, whrend William, zum nicht geringen Ergtzen des wilden
Jgers, unter zehnmal kaum _einmal_ traf. Uebung macht den Meister, heit
es im Sprichwort; so ging es auch mit William bald besser, und er wurde
lange nicht mehr so oft von dem ber seine grere Geschicklichkeit
triumphirenden Kolbi ausgelacht.

Jetzt hatte man in der That keine Noth mehr zu leiden. Die Gegend wimmelte
von Vgeln aller Art; da gab es nicht nur wilde Tauben und Hhner in Menge,
sondern auch Gnse und Enten, worunter die sogenannte _Holz-Ente_, welche
ihre Jungen im Walde ausbrtet, als besonders schmackhaft erfunden wurde.
Auf dem Bache erblickte man den schwarzen Schwan; denn in Australien, das
fast in allen Dingen gnzlich verschieden von den andern Welttheilen ist,
haben die bei uns schneeweien Schwne ein schwarzes Gefieder.

Unter den Vgeln fiel unserm William besonders der _Emu_ -- so nannte
Kolbi dieses Thier -- oder der australische Kasuar, auf. Wenn die Kasuare
aufrecht stehen und ihre langen Hlse in die Hhe strecken, erreichen
sie fast die Gre eines Mannes. Sie sehen in der That wunderbar aus, und
William konnte sich sogar einiger Furcht vor diesen riesigen Thieren nicht
erwehren, wenn er ihnen auf seinen Streifereien begegnete. Der Emu hat
einen langen Hals und sehr lange Beine, einen plump gebauten Krper und,
obgleich er zum Vogelgeschlechte gehrt, weder Federn noch Flgel. Die
Stelle der Federn vertritt eine Art von Haaren, die aber sehr dnn auf den
Krper geset und gleichsam ein Mittelding zwischen Haaren und Federn sind;
statt der Flgel hat er zwei kurze Lappen an der Seite. Eine Stimme hat man
noch nicht an dem Emu bemerkt. Das Fliegen ist diesen Thieren unmglich,
dagegen aber laufen sie, wenn sie verfolgt werden, sehr schnell.

Die Eingeborenen machen mit Hunden Jagd auf sie. Man kann nur die Keulen
zur Speise benutzen, diese aber schmecken ganz wie unser Rindfleisch. Auch
die Eier sind ein Leckerbissen. Man findet sechs bis sieben in einem
Neste, und sie sind so gro, da man die Schaalen zu Gefen bentzen kann.
William war nicht wenig erfreut, als Kolbi auf einen ihrer Streifereien ein
Emunest entdeckte; jubelnd trug man es heim, geno mit groem Behagen den
Inhalt, und hatte noch obendrein mehre ganz artige Gefe, an denen es
ihnen seither sehr gefehlt hatte.

Die wilden Truthhne -- zwei Arten entdeckte man bis jetzt davon, die
dunkeln und die blaufarbigen -- waren ein groer Leckerbissen fr unsre
Colonisten. Ihr Fleisch war zart und saftig, und hatte den allerbesten
Geschmack, da es fetter als das der brigen wilden Vgel war. Sie bewohnen
die buschigen Stellen der Insel und sind nicht leicht zu erlegen, da sie
sehr furchtsamer und vorsichtiger Natur sind. Auer diesen Vgeln fand man
noch Schnepfen, die groe Taube, die von Kolbi _Wanga-Wanga_ genannt wurde;
zwei Arten brauner Tauben, und die schne Federbusch- und grne Taube. Ein
sehr schnes Thier ist auch der Bergfasan, welcher nicht nur vortrefflich
schmeckt, sondern auch ein Spottvogel ist, der die Stimmen anderer Vgel
nachzumachen versteht. Auch Krhen und Elstern, gute Bekannte unsers
Williams von der Heimath her, zeigten sich in groer Menge; allein unsere
Schtzen machten keine Jagd darauf, da ihr Fleisch nicht geniebar ist. Auf
den Gipfeln der Berge hauste der Knig der Vgel, der Adler, der hier einen
weien Kopf hat; auch an andern Raubthieren, namentlich an Falken,
fehlte es nicht. Sie sind die Feinde der andern Vgel und sehr von ihnen
gefrchtet.

Auf einem Spaziergange, den William und Kolbi an einem schnen Abende
machten, erblickte ersterer einen schneeweien, schn befiederten Vogel,
den er auf den ersten Blick fr einen Kakatu erkannte; er hatte nmlich
einen solchen frher in einer Menagerie gesehen, und war nicht wenig
erfreut, ihn hier im Naturzustande zu erblicken. Spterhin entdeckte er
vier Arten von Kakatus: zwei schwarze, ohne Federbsche, mit gelbgefleckten
Flgeln und eben so gestreiften Schwnzen; dann den weien mit gelben und
endlich den schieferfarbigen mit rothem Federbusch. Besonderes Vergngen
gewhrten unserm William, fr den diese ganze Thierwelt vllig neu war, die
vielen Papageien, die er erblickte. Man findet sie in Australien fast von
allen Farben und Gren und prchtiger gefiedert, als sonst irgendwo. Er
sah diese Thiere, die man in Europa so theuer bezahlt, in ganzen Schwrmen
umherfliegen und fast jedes Gebsch davon belebt. Da war der schne
Knigspapagei mit seinem herrlichen grnen Gefieder, dem glnzendrothen
Kopf und Nacken -- auch ihr werdet ihn schon gesehen haben; -- den kleinen
Rosehillpapagey mit rothem Kopf und gelber Brust; den Bergpapagei, der blau
ist und in allen Farben des Regenbogens schillert. Williams Auge konnte
nicht mde werden, diese schnen Thiere zu betrachten und da sie, niemals
bisher von den Menschen verfolgt, durchaus nicht scheu thaten, konnte er
ihnen ganz nahe kommen und sie mit Mue besehen. Kolbi, der gute Kolbi
bemerkte kaum, welche Freude sein Genosse an diesen Vgeln hatte, so war
er auch schon darauf bedacht, einige davon fr seinen Freund zu fangen.
Er legte ihnen sehr geschickt Schlingen, und da er ihre Lieblingsnahrung
kannte, lockte er sie vermittelst derselben in diese. William hatte bald
eine vollstndige Sammlung dieser schnen Geschpfe, und man sah sich
genthigt, einen Winkel der Htte mit Brettern abzukleiden, um einen
groen Kfig fr die lieben Gste herzustellen. In migen Stunden vertrieb
William sich die Zeit damit, diese Vgel zu zhmen und ihnen, da er ihre
groe Gelehrigkeit kannte, Worte aussprechen zu lehren. Hierin zeichnete
sich vor allen andern der groe Knigspapagei aus, der sehr bald, zu
Williams nicht geringem Ergtzen, ganz deutlich seinen und Kolbis Namen
aussprach und nach und nach auch noch andere Worte, als: Mutter, Vater,
guten Morgen erlernte; William wollte ihm auch den Namen seiner geliebten
Vaterstadt Hamburg lehren; allein dies war eine zu schwierige Aufgabe fr
seine kleine Kehle, und das Wort kam nur sehr unvollkommen heraus.

So hatten unsre Beiden in ihrer Einsamkeit und Abgeschiedenheit auch ihre
kleinen Gensse und Freuden, die noch durch das Einfangen eines jungen
australischen Hundes, den man _Dingo_ nennt, vermehrt wurden. Diese Hunde
sind von den unsrigen sehr verschieden. Sie haben entweder dunkles oder
rthliches Haar, das sehr zottig ist, lange, buschige Schwnze, spitzige
Ohren, sehr dicke Kpfe und etwas spitzige Schnautzen. Sie laufen mit
wahrhaft erstaunenswerther Schnelligkeit und beien tchtig um sich, wenn
sie sich zu vertheidigen gezwungen sind. Sie bellen nicht wie unsre Hunde,
stoen aber oft ein erbrmliches Geheul aus, das besonders bei Nachtzeiten
hchst widerlich klingt. Sie sind Raubthiere und werden von andern
Thieren sehr gefrchtet, die sie vermge ihrer groen Schnelligkeit leicht
erreichen. Sie tdten sie nicht, reien ihnen aber mit ihren scharfen
Zhnen ein Stck Fleisch aus und an dieser Wunde sterben dann die armen
Gebissenen eines qualvolleren Todes, als wenn sie auf der Stelle von ihnen
getdtet worden wren.

Kolbi, der eben kein Kostverchter war, hatte schon mehre Male Dingos
erlegt und sich einen fr seinen Gaumen hchst schmackhaften Braten davon
gemacht; William mochte dabei aber nicht sein Gast sein, weil das Fleisch
einen beraus widerlichen Geruch hatte. Die Aehnlichkeit dieser Thiere mit
den ihm von der Heimath her so lieb gewordenen Hunden, bewog ihn aber zu
dem Wunsche, einen jungen Dingo zu besitzen, um ihn zhmen und abrichten
zu knnen. Kaum war Kolbi dieser Wunsch bekannt geworden, so dachte er auch
schon darauf, ihn zu befriedigen. Die Sache war aber nicht eben leicht in's
Werk zu richten, indem der Dingo, der sehr scheu ist, sein Nest beraus
gut zu verstecken wei; auch war es, selbst wenn man bewaffnet war, nicht
ungefhrlich, sich dem Lager zu nhern, wenn die Alten gegenwrtig waren,
da diese ihre Jungen wthend vertheidigten.

Inde verzagte unser Kolbi trotzdem nicht, und als er erst einmal so
glcklich gewesen war, das Nest eines Dingo's zu entdecken, lauerte er
so lange auf, bis er die bereits dem Sugen entwachsenen Jungen allein
berraschte. Er ergriff eines davon und trug es eilig zur Htte, sich nicht
daran kehrend, da es sich strubte und mit den kleinen spitzigen Zhnen
tchtig um sich bi.

Nicht wenig erfreut war William, sowohl ber diesen neuen Beweis von der
Zuneigung seines Kolbi, als ber den Besitz des artigen Thieres; denn
obschon im erwachsenen Zustande mehr hlich als hbsch, sind die jungen
Dingos doch ganz allerliebst; auch wollte William das Thier weniger zum
Zeitvertreibe haben, als es zum Wchter erziehen.

Der kleine Dingo machte unsern Beiden zu Anfang das Leben sehr schwer. Er
bi um sich, so wie man sich seinem Behlter nur nahte, heulte die ganzen
Nchte hindurch und verschmhte zuerst sogar jegliche Nahrung, so da
unsre Freunde, die frchten muten, ihn elendiglich umkommen zu sehen, aus
Mitleid schon im Begriffe waren, ihm seine Freiheit wieder zu geben. Da
nderte das kleine Ungethm, vermuthlich, weil der Hunger ihm allzu sehr
zusetzte, pltzlich seine Natur: er geno nicht nur etwas von dem ihm
hingeworfenen Fleische, sondern nahm es schon nach wenigen Tagen begierig
aus der Hand Williams oder Kolbis; ja, es waren nun erst einige Wochen
verstrichen, so wollte er keine andere Nahrung nehmen, als die einer der
beiden Freunde ihm reichte; selbst das Wasser, welches man ihm in einer
der von den Kasuar-Eiern gewonnenen Schaalen reichte, mute ihm hingehalten
werden, wenn er es trinken sollte, und statt die ihm hingehaltene Hand, wie
frher, zu beien, leckte er sie dankbar. Jetzt, da er sich so vernnftig
und zuthunlich bezeigte, glaubte man ihm die Freiheit schenken zu drfen.
Man ffnete seinen kleinen Kerker und er kroch aus demselben hervor. Er
mibrauchte die ihm gewhrte Freiheit auch nicht, sondern trennte sich
nicht mehr von seinen Gebietern, die freilich seine volle Zuneigung auch
durch ihr liebreiches Betragen verdienten. Es war entschieden beider
Liebling und mancher Leckerbissen fiel ihm zu. Wenn sie ihr einfaches Mahl
hielten, gesellte er sich allemal zu ihnen und war offenbar _in ihrem
Bunde der Dritte_. Mit klugen Augen sah er bald den Einen, bald den Andern
an, ob nicht etwa ein Bissen fr ihn abfiele, und erhielt er ihn, so leckte
er dankbar die Hand des Gebers. William, der ihn nie neckte und zerrte, wie
Kolbi zuweilen in seinem kindischen Muthwillen that, schien ganz besonders
seine Gunst zu besitzen, denn jede Nacht schlief er ganz dicht neben jenem.
Man hatte auf Williams Wunsch dem Dingo den Namen _Waldmann_ gegeben, nach
einem artigen Tackelchen, das in der Heimath der Liebling unsers Freundes
gewesen war, und das Thier hrte bald sehr verstndig auf diesen Namen.
Ueberaus schwer war es aber gefallen, den Hund an gekochte oder vielmehr
gebratene Speisen, noch schwerer aber, ihn an den Genu der Pataten zu
gewhnen. Seiner Natur nach fra er nichts als rohes Fleisch und durchaus
keine Pflanzenkost; endlich gewhnte er sich aber doch daran, die Knochen
des gebratenen Fleisches zu nagen, und als man ihn einige Zeit hatte
hungern lassen, fra er sogar mit Begierde die ihm dargereichten Pataten.
So fehlte es unsern beiden Einsiedlern keineswegs an kleinen Genssen und
Freuden, ja sogar nicht an Unterhaltung, indem Kolbi nach und nach Williams
Sprache verstehen und selbst nothdrftig sprechen lernte. Zwar klang das,
was er sagte, oft beraus possierlich und mit den Frwrtern wute er
namentlich noch immer nicht zurecht zu kommen, auch verwechselte er die
Artikel; allein eben dieses Kauderwlsch ergtzte William und berdies
verstanden sie einander ganz vollkommen, zumal da letzterer bereits
eine Menge Wrter von der Papuas-Sprache -- der Volksstamm, zu dem Kolbi
gehrte, nennt sich die Papuas -- verstand, so da, wenn Kolbi eine Sache
auf deutsch nicht zu nennen wute, er sie nur in seiner Muttersprache zu
nennen brauchte, um sich seinem Freunde verstndlich zu machen. William
wrde sich geschmt haben, sich von Kolbi in der Gelehrigkeit bertreffen
zu lassen, und so legte er sich auf die Papuas-Sprache, wie Kolbi auf die
deutsche.

Wenn es dunkel wurde und sie folglich keine Arbeit mehr verrichten konnten,
vertrieben sie sich die Zeit wechselseitig mit Erzhlungen von ihrer
Vergangenheit und den Sitten und Gebruchen der Nation, zu der sie
gehrten. William war der Erste, welcher seinem Freunde die von ihm
erlebten Schicksale mittheilte, und Kolbi folgte seinem Beispiele.

Er erzhlte ihm, da er auf seinem winzigen, aus einem ausgehhlten
Baumstamme gemachten Canot von der Kste eines groen, groen
Landes herbergekommen sei, weil die Feinde seines Stammes, in deren
Gefangenschaft er im Kriege gerathen war, ihn hatten braten und verzehren
wollen.

--Verzehren?! rief William entsetzt bei diesen Worten aus; verzehren?
das wre ja abscheulich gewesen!

--O, Menschenfleisch soll sehr gut schmecken, versetzte Kolbi ruhig,
und wre ich nur noch ein Jahr lter gewesen, so wrde auch ich es gewi
gekostet haben; denn bei meinem Stamme erhalten es nur die tapfern Krieger,
die schon einen Feind erlegt oder gefangen genommen haben. Wre ich nun
grer und strker geworden, so htte ich auch schon einen Feind tdten
oder mit meinen Hnden gefangen nehmen wollen, und dann wrde man es mir
nicht verwehrt haben, sein Fleisch zu braten und zu verzehren.

--Ich danke Gott dafr, Kolbi, da du eine solche Snde nicht begingest,
sagte William, der bei dem Gedanken schauderte, da sein so herzlich
geliebter Kolbi ein Menschenfresser htte werden knnen.

--Ich wei nicht, was eine Snde fr ein Ding ist, versetzte Kolbi;
aber so viel wei ich, da es mir sehr leid thut, da es hier keine Feinde
gibt, die man erlegen und deren Fleisch man essen kann; denn es soll besser
schmecken, als das der Kngeruh, selbst wenn diese noch jung und zart sind.
So sagte mir wenigstens mein Vater, der oft Menschenfleisch genossen hat,
nun aber keins mehr it, weil er todt und wahrscheinlich von den Feinden
aufgegessen ist. Ich selbst sah ihn in der Schlacht fallen, als ich ihm die
Waffen in derselben nachtrug, und da die Feinde den Sieg erhielten, weil
der gute Geist, den wir _Koyan_ nennen, sich von uns abgewendet hatte,
werden sie ihn wohl gefunden und mit sich geschleppt haben.

--Wie geriethest aber du in Gefangenschaft? und wie gelang es dir,
dich aus derselben zu befreien und hieher in dem Canot zu retten? fragte
William, der, von Neugierde getrieben, es fr ein Andermal versparte,
seinen Freund davon zu unterrichten, was eine Snde sei.

--Das will ich dir sagen, versetzte Kolbi. Als mein Vater von der Lanze
eines Feindes getroffen worden war und blutend zu Boden sank, wurde ich so
betrbt, da ich neben ihm niederfiel und vor bergroer Betrbni nicht
daran dachte, mich zu retten. Zwar rief er mit der letzten Anstrengung
seiner Krfte zu: Flieh, mein Sohn! Rette dich! sonst werden die Feinde,
wenn sie den Sieg erhalten, auch dich schlachten und verzehren! allein ich
war viel zu betrbt, um diesem Befehle Folge leisten zu knnen; auch mochte
ich meinen Vater nicht verlassen, so lange noch Leben in ihm war. Als aber
sein Athem stockte; als er die Augen schlo, um sie nicht mehr aufzuthun,
da war es zu spt, mich zu retten. Die Feinde hatten unsern Stamm in die
Flucht geschlagen; ich wurde neben der Leiche meines Vaters ergriffen;
man band mir die Hnde auf den Rcken fest und schleppte mich fort an den
Strand des Meeres, wo man ein Siegesfest feiern und die Erschlagenen, mich
wahrscheinlich auch, nachdem man mich geschlachtet, verzehren wollte.
Ich war sehr traurig, denn ich mochte mich nicht braten und verzehren
lassen......

--Das verdenke ich dir nicht, unterbrach William den Erzhler; ich
htte das auch nicht gemgt. Aber erzhle weiter; ich bin sehr begierig
darauf, wie du dich rettetest.

--Als die Feinde mich mit sich an's Ufer geschleppt hatten, fuhr Kolbi
fort, banden sie mich an einen Baum fest, der unfern des Platzes stand,
wo sie ihr Siegesfest feiern wollten und wo sie bereits ein groes Feuer
angezndet hatten, an dem die Getdteten und ich gebraten werden sollten.
Ich weinte bitterlich und erwartete jeden Augenblick den Tod. Sie
bereiteten inde den _Kawa_, indem sie eine Wurzel kauten und den dadurch
erhaltenen Brei mit Wasser vermischten, wie es bei uns Sitte ist; wer aber
viel von diesem Getrnke trinkt, der wird wie toll und wei nicht mehr, was
er thut; er macht die nrrischten Sprnge und ist so ausgelassen lustig,
da es eine Freude ist, ihn zuzusehen. Die Feinde tranken nun vielen Kawa
und als ich sie in dem dir eben beschriebenen Zustande sah, glaubte ich,
da es Zeit sei, an meine Rettung zu denken. Ich versuchte, eine meiner
Hnde aus der Schlinge zu ziehen, mit der beide an den Baum befestigt
waren, und nach einiger Anstrengung gelang es mir. Denn, als Alles das
bereits hoch empor lodernde Feuer umtanzte und Keiner mehr Acht auf mich
gab, warf ich mich auf den Boden nieder und kroch auf dem Bauche, wie eine
Schlange, durch das hohe Gras hin, bis ich in einen Wald gelangte. Hier
erhob ich mich und eilte so schnell von dannen, da es den Feinden nicht
mglich gewesen sein wrde, mich noch wieder einzuholen. Lange irrte ich in
dem mir vllig unbekannten Walde umher, nhrte mich von Beeren und
Wurzeln und schlief des Nachts auf Bumen, zwischen deren Zweigen ich mich
festklemmte, um im Schlafe nicht herunter zu fallen. Endlich gelangte ich
wieder an das Meer und da ich, zu meiner Freude, am Strande ein Canot fand,
schob ich es in das Wasser, setzte mich hinein und ruderte fort. Wohin?
das wute ich selbst nicht, auch war es mir gleich viel, wenn ich nur nicht
wieder in die Gewalt derer fiele, die mich braten und verzehren wollten.
Ich hatte gehrt, da gegen Aufgang des groen Gestirns, das du Sonne
nennst, nicht allzufern von der Kste, ein Eiland lge, und dahin steuerte
ich in der Hoffnung es zu finden. Das Glck verlie mich nicht, und nachdem
ich fast einen halben und einen ganzen Tag auf dem Meere umhergeschifft
war, erblickte mein Auge in der Abenddmmerung die Kste der Insel, die ich
bald glcklich erreichte. Ich zog mein Canot auf den Strand und legte mich
darein, um zu schlafen; denn es war dunkel geworden und ich so mde, da
ich kaum an meinen groen Hunger dachte. Am andern Morgen, als ich die
an den Strand getriebenen Trmmer des groen Hauses auf dem Meere, das du
Schiff nennst, betrachtete, und die gleichfalls entdeckte Kiste ffnete,
fandest du mich. Alles Andere aber weit du auch, da ich dich zu Anfang
fr den bsen Geist _Potayan_ hielt, der den armen schwarzen Leuten groen
Schaden zufgt, und mich sehr vor dir frchtete. Hier schlo Kolbi seine
Erzhlung, die ich Euch nicht in seiner unvollstndigen, kauderwlschen
Sprache, sondern in der mitgetheilt habe, die Euer Ohr gewohnt ist.




Sechszehntes Kapitel.


Dadurch, da unsre Freunde jetzt hinlnglich mit Jagdgerth versehen waren
-- denn Kolbi hatte fr William auch einen trefflichen Bogen gemacht und
Pfeile schnitzte er stets in Menge -- konnten sie bereits darauf denken,
auch den vierfigen Thieren der Insel den Krieg zu erklren. Es gab deren
nicht viele auf derselben, wie Australien berhaupt nicht eben reich an
vierfigen Thieren ist; dafr aber waren sie desto seltsamer, und unser
William, dem sie bisher vllig unbekannt geblieben waren, konnte oft vor
Erstaunen kein Wort hervorbringen, wenn er ihnen auf seinen Streifereien
begegnete.

Da war zuerst das _Kngeruh_, wovon es wohl fnf bis sechs verschiedene
Arten gab, und das grte einheimische Thier Australiens ist, und, obschon
es oft an 200 Pfund wiegt, zum _Musegeschlecht_ gehrt.

--Zum Musegeschlecht sollte ein so groes Thier gehren? fragt wohl der
Eine oder Andere voll Verwunderung.

--Zu keinem andern, ist meine Antwort, und wenn Ihr eine Naturgeschichte
zur Hand nehmt, die mit Abbildungen versehen ist, werdet Ihr finden, da
dieses groe und seltsam gebildete Thier in seinem Bau, bis auf die langen
Hinter- und sehr kurzen Vorderfe, eine groe Aehnlichkeit mit unsern
Musen hat. Es gibt graue, rthliche und schwarzbraune Kngeruhs, und fast
von allen Gren, bis zur Kngeruhratte hinab, die gern in hohlen Bumen
wohnt.

Kaum kann ein Anblick seltsamer sein, als der dieser Thiere. Der Krper
derselben ist, wie schon gesagt, wie der einer groen Maus gestaltet, sie
haben aber wohl dreimal so lange Hinter- als Vorderfe und gehen fast
bestndig auf den ersteren, folglich in aufrechter Stellung.

Der sehr kurzen Vorderfe bedienen sie sich fast nur, um ihre Nahrung zu
erfassen, die in Gras und Krutern besteht. Ihres beraus langen, starken
und dicken Schwanzes bedienen sie sich zum Sttzpunkte, er vertritt
also gleichsam die Stelle eines dritten Beins. Ihr Gang ist eine Art von
bestndigem Hpfen, wobei sie sehr schnell von der Stelle kommen. Sie haben
nur _ein_ Junges zur Zeit, das sie, bis es gehrig ausgewachsen, in einem
unter ihrem Leibe befindlichen Beutel tragen, weshalb man sie auch zu den
_Beutelthieren_ zhlt. Sie sind durchaus harmlos und, wo man nicht hufig
Jagd auf sie macht, auch wenig scheu. Wenn sie verfolgt werden, machen sie
ungeheure Sprnge und setzen oft sogar ber breite Bche und Hecken weg,
wobei ihnen ihr starker Schwanz gleichsam als Springstock dient. Man jagt
sie, da ihr Fleisch sehr schmackhaft und beliebt ist, mit Hunden, die sie
in die Beine beien, umwerfen und durch Bisse in die Kehle tdten.

Ein anderes seltsames Thier, dem unsere Freunde zuweilen in den Wldern
begegneten, war der _Koala_ oder australische Br. Er hat die Gre eines
erwachsenen Pudels und ist hellgrau von Farbe. Ihm fehlt der Schwanz
gnzlich. Die Ohren stehen unten sehr weit und breit, oben spitzig hoch
ber dem Kopf empor und geben ihm ein seltsames Ansehen. Als Kolbi einst
ein solches Thier erblickte, und dieses, um sich durch die Flucht vor ihm
zu retten, einen sehr hohen Gummibaum erklomm, was sie, trotz ihres etwas
plumpen Krpers mit groer Gewandtheit thun, war auch er nicht trge und
ehe zwei Minuten verstrichen waren, hatte er es im hchsten Gipfel des
Baumes erreicht, nahm es in seine Arme, drckte ihm die Kehle zu und warf
es, da er es todt glaubte, hinunter; denn der Koala gilt bei den Wilden fr
einen groen Leckerbissen, und man war eben um einen guten Braten verlegen.
Dieses Thier vermittelst Pfeilschsse zu erlegen, wre nicht gut mglich
gewesen, da es ein sehr dickes, zottiges Fell hat.

Kolbi war nicht wenig froh, da die Expedition ihm so gut gelungen war; er
hatte aber die Rechnung ohne den Wirth gemacht: der Koala war nicht vllig
in seinen Armen erstickt und so glcklich gefallen, da er, nachdem er
einige Augenblicke wie betubt unter dem Baume gelegen, sich pltzlich
aufrichtete und davon lief. Dies rettete ihn jedoch nicht, denn kaum hatte
er sich auf die Beine gemacht, so war Waldmann, der Dingo, sein natrlicher
Feind, schon hinter ihm, erreichte ihn bald und erwrgte ihn. Auch die
Koalas oder Beutel-Bren gehren zu den Thieren, die ihre Jungen in
einem Beutel unter ihrem Leibe tragen. Sie sind vllig harmlos wie die
Kngeruh's[2] und nhren sich nur von Pflanzenkost, am liebsten von den
jungen Sprossen der Gummi-Bume. Wenn nun gleich unser William bisher schon
ber die vielen ungewohnten Erscheinungen in der Thierwelt erstaunt gewesen
war, so sollte er es durch ein in seiner Art einziges Thier noch mehr
werden.

  [2]: Der groe Naturforscher _Oken_ schreibt den Namen dieses Thieres
  in seiner Naturgeschichte _Knge-Ruh_.

Als er mit seinem Kolbi an einem Abende an dem herrlichen Bache entlang
spaziren ging, sah er in der kristallhellen Fluth ein Thier sich bewegen,
von dem er nicht zu sagen wute, ob es ein Fisch, ein Vogel oder ein
Sugethier sei. Es war ungefhr 1 Fu lang, hatte einen mit kurzen braunen
Haaren bewachsenen Krper, der in einer Art von Fischschwanz endete, hinten
zwei lngere, vorn zwei sehr kurze Fe, deren Klauen mit Schwimmhuten
versehen waren, und, was das Wunderbare der Erscheinung vermehrte, ein
Maul, das vollkommen einem breiten Eulenschnabel glich, was ihm ein
vogelartiges Ansehen gab.

Diese Erscheinung war so auffallend, da William beim unerwarteten Anblick
dieses seltsamen Thieres einen Ruf der Verwunderung erschallen lie, auf
den Kolbi zu ihm trat, um zu sehen, was es gbe. William zeigte mit der
Hand nach der Gegend, wo das Thier sich im Wasser bewegte und sah seinen
Freund fragend an, als wolle er von ihm Aufschlu ber diese seltsamste
aller Erscheinungen verlangen. Kolbi zeigte aber kein Erstaunen in seinen
Mienen, denn fr ihn war das Thier kein Fremdling und mit gleichgltigem
Tone sprach er das Wort _Mouflengong_ aus, mit welchem Namen die
Eingeborenen es benennen. Es war aber das sogenannte _Schnabelthier_
(=Ornithorhynchus paradoxus=), ber das von den Naturforschern schon so
viel geschrieben worden ist. Nach langem Streiten, ob das Thier ein Fisch,
ein Vogel oder ein Sugethier sei, ist ausgemacht worden, da es zu den
Sugethieren gehrt, denn es bringt lebendige Junge zur Welt und sugt sie.

Gern htte William dieses seltsame Geschpf noch lnger beobachtet, allein
Kolbi warf aus Muthwillen mit einem Steine darnach, und alsobald tauchte
es unter, kam auch nicht wieder zum Vorschein, was William sehr leid that,
denn er konnte sich nicht satt daran sehen.

Das Schnabelthier wird nur in den Flssen und Seen Australiens gefunden,
wo es sich von Insecten und deren Eiern nhrt, die es unter den Wurzeln
der Wasserpflanzen sucht. Ein Naturforscher, Herr _Bennett_, ein Englnder,
reiste eigends in der Absicht nach Australien, die Natur dieses seltsamen
Geschpfes zu erforschen, und ihm verdanken wir grtentheils, was wir
darber wissen.

Auer den Euch bereits genannten und zum Theil beschriebenen Thieren, sah
unser William auch noch die sogenannten fliegenden Fchse, harmlose Thiere,
die aber ein gar hliches Ansehen und Aehnlichkeit mit unsern Fledermusen
haben, fliegende Eichhrnchen, Opossums, _Bandikuts_, die viermal so
gro wie unsere Ratten und den Wilden eine angenehme Speise sind. Auch
an Stachelschweinen fehlte es nicht; sie hatten Aehnlichkeit mit den
europischen.

Kolbi, dem diese Thierwelt schon bekannt war, konnte nicht begreifen, wie
William so groes Vergngen daran finden konnte, diese fr ihn so vllig
neuen Gegenstnde genau in Augenschein zu nehmen, und mehre Male meinte er,
es msse wohl in dem Vaterlande seines Freundes weder Thiere noch Pflanzen
geben, da William so oft sein Erstaunen ber dieses oder Jenes an den Tag
legte. Dieser belehrte ihn zwar eines andern, indem er ihm sagte, da man
zwar in Europa auch Thiere und Pflanzen, aber ganz anderer Art habe.

--Nun, versetzte Kolbi, so begreife ich nicht, weshalb du dich bei den
unsrigen so lange aufhltst: Thier ist Thier, und Pflanze, Pflanze!

Da es ein groes Vergngen fr einen denkenden Menschen sei, sich zu
belehren, davon hatte unser Wilder keinen Begriff. Fr ihn hatten nur
solche Dinge Bedeutsamkeit, von denen er mehr oder minder Nutzen ziehen
konnte. In dieser Zeit machte Kolbi, der die Augen berall hatte, die
Entdeckung, da ein Thier, welches er _Wombat_ nannte, in der Nhe ihrer
Htte sein msse, und er pries seinem Freunde dasselbe als eine sehr
leckere Speise. Er hatte nmlich eine Hhle dieses Thiers entdeckt; denn es
grbt sich solche in die Erde, um whrend des Tages darin zu schlafen.
Der _Wombat_ oder das Beutel-Murmelthier, ist bis jetzt nur in Australien
gefunden worden, und gehrt zu den Pflanzen fressenden Thieren. Es ist fast
so gro, wie eine englische Dogge, grau von Farbe und sehr plump gebaut;
in seinen Bewegungen ist es uerst langsam. Man brachte zwei dieser Thiere
nach Paris, um ihre Lebensweise zu erforschen, und sie waren bald so
zahm, wie unsre Hunde; allein sie zeigten weder den Verstand noch die
Gelehrigkeit derselben, sondern waren dumm und so trge, da man sie selbst
durch Schlge nicht zum schnellerem Fortlaufen zu bewegen vermochte. Sie
gehren zu den Beutelthieren, d.h. zu den Thieren, die ihre Jungen
in einem an ihrem Leibe befindlichen Beutel bei sich tragen, bis diese
selbststndig sind und sich selbst ernhren knnen.

Die Wilden stellen ihnen besonders ihres Fetts wegen nach, und eben deshalb
war unser Kolbi auch so begierig, eins zu fangen und zum leckern Mahle zu
bereiten. Lange entzog es sich seinen Bemhungen und der Dingo, der tief
in seine Hhle einkroch und es mit dem Maule aus derselben hervorzog, mute
endlich das Beste dabei thun. Kolbi tdtete es jetzt, zog ihm das Fell ab
und zertheilte es in kleinere Stcke. Das Fleisch des Wombats war in der
That ein Leckerbissen und so fett, da beim Braten sehr viel Fett in's
Feuer trof. Was htte unser William nicht darum gegeben, dieses auffangen
und statt des Oels oder Talgs gebrauchen zu knnen; es fehlte ihm aber an
einer Bratpfanne, um es aufzufangen. Er htte dieses Fett aus dem Grunde
so gern aufgehoben, weil es die bereits sehr langen Abende, die man vllig
mig wegen Mangel an Licht zubringen mute, ihm verkrzt haben wrde; denn
der Miggang war fr unsern Freund eine entsetzliche Plage.

Am Tage gab es freilich Beschftigung fr Beide genug. Man hatte immer noch
mit der Htte zu thun, in der man diese oder jene Bequemlichkeit anbrachte,
und deren Ritzen man sorgfltig mit Gras verstopfte, weil Kolbi geuert
hatte, es werde nun bald eine sehr schlimme Zeit kommen, in der viel, viel
Wasser -- so drckte er sich aus, vom Himmel herabfallen wrde. Da
er darunter den Regen verstand, werdet Ihr, meine Geliebten, wohl schon
begriffen haben.

Ferner hatte man angefangen, einen Garten auf dem Abhange des Hgels,
worauf die Htte lag, anzulegen und ihn, zum Schutze gegen die wilden
Thiere mit einer steinernen Mauer zu umgeben. An Steinen dazu fehlte es
nicht, nur machte es einige Mhe, sie den Hgel hinanzuschleppen. Als
die Umzumung fertig war, machte William von einem Stcke Eichenholz ein
Grabscheit, die die gewnschten Dienste beim Umgraben des Bodens leistete;
auch einen Rechen oder eine Hacke machte er, um das gegrabene Land zu
ebnen, das dann in ordentliche Beete eingetheilt wurde. Auf diese Weise
gewann das Pltzchen ganz das Ansehen eines Gartens. Als der Boden bereitet
war, dachte man auch daran, ihn zu bepflanzen. Zuerst setzte man neben der
Mauer und rund um dieselbe, Himbeerstruche, die, da man sie fleiig bego,
bald frhlich fortwuchsen. Aber wie mhselig war dieses Begieen, da man
kein anderes Gef dazu hatte, als die Ledertasche oder die Eierschalen,
die William von den Eiern des _Emus_ oder australischen Kasuars gewonnen
hatte. Wie viele Male mute man den Berg hinab und wieder hinaufsteigen,
um die vielen Pflanzen zu begieen! Dabei bewies aber Kolbi eine wirklich
auerordentliche Ausdauer, die die Williams bei Weitem bertraf.

Auf die bereiteten Beete pflanzte man dann Pataten, diese fr unsre
Einsiedler so wichtige Frucht. William verfuhr ganz so damit, wie man in
Europa mit den Kartoffeln verfhrt und sein Flei wurde reichlich belohnt.

Ein besonderes Interesse gewhrten ihm aber einige Apfelsinen-Krne, die
er in einer der Taschen der Kleidungsstcke gefunden hatte, welche ehemals
seinem guten Freunde, dem Zimmermann, angehrt hatten. Zu welchem Zwecke
dieser sie aufgehoben -- vielleicht, um sie bei seiner Rckkehr nach Europa
selbst zu pflanzen? -- wute er sich nicht zu sagen; genug, er fand zehn
bis zwlf Stck davon, die sorgfltig in Papier gewickelt waren, und
zugleich mit ihnen einige platte Krner, die er auf den ersten Blick fr
Gurkenkrner erkannte, die aber, wie sich spterhin auswies, Krner von
Melonen waren.

Dieser Fund versetzte unsern William in eine Art von Freudentaumel und es
htte nicht viel gefehlt, da er die lieben Krner gekt. Er bereitete fr
sie eine besondere gute Stelle, reinigte sie von allen Steinchen und legte
die Krner, etwa zwei bis drei Fu von einander entfernt, einen halben Zoll
tief in die Erde, was er mit einer Art von heiliger Empfindung that. Damit
nicht etwa die Papageyen, deren Genschigkeit ihm bereits bekannt war,
ber die _Steffens-Stelle_ -- so hatte er sie im Andenken an den guten
Zimmermann benannt -- kmen, die gelegten Krner hervorwhlten und
aufpickten, bedeckte er sie mit den Blttern des Farrenkrautbaumes, die
ihnen hinlnglichen Schutz gewhrten. Er hatte die Vorsicht gehabt, die
vermeinten Gurkenkerne von den Orangenkrnen zu trennen, und dies bekam
ihm sehr gut, wie die Folge zeigte. Die sich bald ber alle Erwartung
ausbreitenden, die Gre unserer Krbispflanzen erreichenden
Melonenpflanzen wrden die zarten Orangenstmmchen bald berwuchert und
gnzlich unterdrckt haben.

Da die Erde beraus trocken war, bego er sie jeden Abend; allein trotz dem
lagen die Krner viel zu lange fr seine Ungeduld in der Erde, ohne sich
zu zeigen. Endlich aber zuckte das erste grne Blttchen, das noch die
zersprengte Hlse gleich einem Mtzchen auf dem Kopfe hatte, aus dem Boden
hervor, und der Jubel der Freunde war kein kleiner. Es waren die Melonen,
die sich zuerst hervor gemacht hatten; bald aber zeigten die Orangen
gleichfalls ihre zarten Spitzen und wuchsen von nun an frhlich fort.

Wenn Einer von Euch Lieben auch einmal vom Schicksale zum Robinson bestimmt
sein und gerade auf dieses Eiland kommen sollte, so werdet Ihr Euch an
den herrlichen Frchten dieser Stmmchen laben und unsers Williams dabei
gedenken knnen, der selbst sie nicht genieen sollte. Auch die Melonen
drften sich selbst fortgepflanzt haben und nicht weniger willkommen sein,
als die saftigen und duftigen Orangen.




Siebenzehntes Kapitel.


In der kleinen Colonie trugen sich inde zwei Vorflle zu, bei welchem
William, bei dem erstern mit einem kleinen, bei den letzern aber mit einem
groen Schrecken davon kam.

William, der einstmals allein auf der Insel umherstreifte, weil Kolbi eben
beschftigt war, neue Pfeile zu spitzen, lie sich durch eine ihm
sonst nicht eigenthmliche Naschhaftigkeit verleiten, etwas von dem
weirthlichen Stoffe zu kosten, der in leichten Flocken an dem Grase unter
den Bumen hing, die von den Naturforschern =Eucalyptus manniferra= genannt
werden. Diese Bume schwitzen einen solchen Saft in groer Menge aus und
streuen ihn auf den unterliegenden Rasen, oder er bleibt auch in leichten
Flocken an den zarten Zweigen hngen.

Diese Flocken hatten einen sehr angenehmen, slichen Geschmack, und das
war es, was unsern Freund verfhrte, ziemlich viel davon zu genieen. Aber
o Himmel! wie schlecht bekam ihm seine Naschhaftigkeit, fast so schlecht
wie _Fritz dem Nscher_, in dem Euch gewi bekannten Gedichte, die
seinige.

Kaum hatte er das Manna -- denn dieses war es, was er genossen hatte --
zehn Minuten im Leibe, so wurde ihm entsetzlich bel und dabei stellte
sich ein Bauchgrimmen ein, wie er es nie zuvor gehabt hatte. Seine Krfte
drohten ihn gnzlich zu verlassen und nur mit der uersten Anstrengung
vermochte er sich nach Hause zu schleppen, wo er wie ein halbtodter Mensch
niedersank und in ein solches Aechzen und Sthnen ausbrach, da Kolbi
erschrocken seine Arbeit niederwarf und ihn fragte: ob er denn todt bleiben
wolle?

--Ach! sthnte William ich glaube, da ich irgend ein Gift genossen
habe und sterben mu. Armer Kolbi, was soll denn aus dir werden?

--Wenn du stirbst, dann sterbe ich auch, versetzte der gute Junge; ich
mag nicht mehr ohne William leben; William ist so gut gegen Kolbi! Die
hellen Thrnen traten ihm bei diesen Worten in die Augen und weinend setzte
er sich zu seinem, sich wie ein Wurm windenden und krmmenden Freunde
nieder; wie er ihm helfen, wodurch seinen Zustand erleichtern solle? das
wute er nicht.

--Kolbi, nahm William nach einer Pause wieder das Wort, Kolbi, ich
glaube nicht, da ich davon kommen werde, denn die Schmerzen in meinen
Eingeweiden sind zu gro, als da ich sie lange aushalten knnte. Wenn ich
aber sterben sollte, dann versprich mir zwei Dinge: erstlich, nicht mit mir
sterben, sondern nach Gottes Willen auch ohne mich fortleben zu wollen,
und dann, mich ordentlich zu begraben, in dem Grtchen vielleicht, das
wir angelegt haben, und dessen Frchte ich wohl schwerlich noch genieen
werde. -- Ich will wohl ein groes Loch in die Erde graben und dich
hineinlegen, wenn du dich nicht mehr rhren und nicht mehr die Augen
aufschlagen kannst, versetzte Kolbi; allein wenn du darin liegst, dann
grabe ich gleich ein zweites Loch fr mich, denn ich will nicht ohne dich
leben.

William wollte ihm aber das Strfliche eines solchen Vorsatzes
auseinandersetzen, als das Manna die Wirkung auf ihn hervorbrachte, wegen
welcher es in unsern Apotheken aufbewahrt wird: es ist nmlich ein sehr
starkes Abfhrungsmittel, und da William eine gute Portion davon zu sich
genommen hatte, war die Wirkung dem angemessen. Hilf Himmel! wie oft mute
der arme Junge nicht ein entlegenes Pltzchen aufsuchen, um seinem Freunde
nicht beschwerlich zu fallen! Wie ermattet, wie elend fhlte er sich nicht,
wie oft wnschte er nicht, durch den Tod von seinen Leiden befreit zu
werden!

Die ganze Nacht ging es so fort, und erst mit Anbruch des nchsten Morgens
legten sich die Schmerzen und die brigen lstigen Wirkungen des Mannas, so
da er ein wenig einschlafen konnte. Der gute Kolbi sa weinend neben
ihm und lauschte auf seine Athemzge, ob sie auch schon stockten; denn er
glaubte nicht anders, als da sein geliebter William ber das groe Wasser
hinfliegen wrde, denn die Wilden Australiens stellen sich so den Tod vor.

Einige Stunden ruhigen Schlafs wirkten aber wie ein Wunder: William fhlte
sich beim Erwachen wie neugeboren und ganz ohne Schmerzen. Zwar war er noch
so matt, als htte er eine lange Krankheit berstanden, und sah so bleich
aus wie einer, der schon lange im Grabe gelegen; aber trotz dem war sein
Zustand jetzt doch so, da er wieder neue Lebenshoffnungen zu schpfen
begann; ja, es regte sich sogar wieder einiger Hunger bei ihm, was, nach
der erlittenen groen Ausleerung, eben kein Wunder war.

Als Kolbi sein Verlangen nach Nahrung vernahm, war er sehr vergngt, denn
mit Recht dachte er, da sein Freund sich jetzt in der Genesung befinden
mte. Er hatte noch ein Stck von einer gebratenen Taube und gab es
William, der es mit gutem Appetit verzehrte. Einige Himbeeren, die Kolbi
ihm zu seiner Erquickung pflckte, bekamen ihm ganz vortrefflich, indem
sie seinen brennenden Durst zugleich lschten. Schon nach zwei Tagen
befand William sich vollkommen wieder wohl; so oft er aber einen Mannabaum
erblickte, mute er an sein Abentheuer denken.

Der zweite Vorfall wre bald weit schlimmer abgelaufen.

Ihr werdet euch erinnern, da William unter den Sachen des Zimmermanns
auch eine silberne Uhr gefunden hatte und sie sehr werth hielt. Er zog sie
regelmig jeden Morgen auf und stellte sie jede Woche einmal um Mittag,
wenn die Sonne gerade ber seinem Scheitel stand, so da sie doch ungefhr
die richtige Tageszeit anzeigte. Kolbi sah immer sehr aufmerksam zu,
wenn er die Uhr aufzog, denn jetzt frchtete er sich nicht mehr vor
dem lebendigen Dinge, wie er sie nannte, nachdem ihm William die
Zusammensetzung der Uhr, das Ineinandergreifen der Rder u.s.w. gezeigt
und ihm die Sache nothdrftig erklrt hatte. Zwar war trotzdem noch immer
eine geheime Scheu in dem Wilden vor dem lebendigen Dinge, und er sah es
oft furchtsam von der Seite an; allein er erschrack nicht mehr davor, wie
frher, wenn er es zufllig berhrte.

An einem Morgen, wo William ber eine andere Beschftigung vergessen hatte,
die Uhr aufzuziehen, kam eine ganz besondere Khnheit ber den armen Kolbi.
Nach einigem Zgern nahm er die Uhr, legte sie ans Ohr und steckte den
Schlssel in das Loch, so wie er sie nicht mehr gehen hrte, um sie
aufzuziehen. Dies hatte er oft von William gesehen und glaubte es auch zu
knnen. Er drehte und drehte; die Uhr fing an zu zucken und seine Freude
war gro; konnte er ja nun doch auch das Ding lebendig machen! Er kam sich
zugleich wie ein Held und wie ein groer Knstler vor.

Er drehte also, da die Sache so gut ging, erst langsam, dann immer
geschwinder fort, bis es auf einmal im Innern der Uhr knack! sgte und es
furchtbar zu schwirren anfing. Ein wahrhaftes Entsetzen ergriff ihn, und er
lie sie in diesem Augenblick auf den Boden fallen. Da sie auf den harten
Stein fiel, zerbrach das Glas und sprang in Splittern weit umher.

Einige Augenblicke stand Kolbi wie vom Schlage gerhrt. Er glaubte nun doch
an Zauberei, und da irgend ein Geist in der Uhr verborgen sei, der seinen
Zorn gegen ihn durch das Schwirren habe kund geben wollen. Wenn ihm dieser
Gedanke an sich nun schon eine panische Furcht einflte, so wurde sie noch
durch die Vorstellung von dem Zorne vermehrt, den William wie er meinte,
darber an den Tag legen wrde, da er die Uhr zerbrochen hatte, so da der
arme Wilde keine andere Rettung, als durch eine eilige Flucht sah.

Er schlich sich aus der Htte, kroch hinter der steinernen Befriedigung des
Gartens auf seinem Bauche fort, um von dem im Garten beschftigten William
nicht gesehen zu werden, und fort war er!

Als William mit seiner Arbeit fertig war und in das Haus zurckkehrte,
wunderte er sich zwar, Kolbi nicht dort zu finden; allein er hatte doch
keine Ahnung davon, wie die Sachen standen, sondern glaubte vielmehr, da
sein Freund vielleicht auf die Jagd oder sonst wohin gegangen sei, um ihm
eine angenehme Ueberraschung zu bereiten, wie er oft zu thun gewohnt war.
Als aber der Abend herankam und Kolbi noch immer nicht zurckgekehrt war,
ja, als es endlich sogar Nacht wurde und Mond und Sterne hell am Himmel
standen, da ergriff ihn eine unendliche Angst um den so innig geliebten
Genossen und diese trieb ihn aus der Htte fort, um ihn zu suchen. So
lange war Kolbi noch nie weggeblieben: es mute ihm also irgend ein Unfall
begegnet sein!

Er durchstreifte die ganze Umgegend; er rief ohne Aufhren den Namen seines
Freundes; keine andere Stimme aber antwortete ihm, als seine eigene, die
durch das nahe Echo zurckgeworfen wurde.

Jetzt bemchtigte sich eine wahrhafte Verzweiflung seiner. Er kehrte in die
Htte zurck und sank laut weinend auf sein Lager. Kein Schlaf kam in seine
Augen.

Frh, mit dem ersten Strahl des Tages, erhob er sich wieder, um seine
Nachforschungen fortzusetzen. Er durchstreifte nicht nur die Umgegend und
den nahen Wald von Gummibumen, sondern wagte sich sogar in Gegenden,
die noch nicht von ihnen besucht worden waren, so da er endlich an
das jenseitige Meeresufer gelangte. Obgleich die Sonne ihre sengendsten
Strahlen vom Himmel herniedersendete; obgleich er den ganzen Tag nichts
genossen hatte, als dann und wann einen Trunk aus der Quelle, so fhlte
er in seiner groen Angst doch weder Hunger und Durst, sondern rannte nur
immer vorwrts, stets den Namen Kolbi's rufend, bis die Stimme ihm den
Dienst versagte und er nicht mehr rufen konnte.

So brach der zweite Abend an und da William zu weit von der Htte entfernt
war, um noch dahin zurckkehren zu knnen, warf er sich laut weinend unter
einem Baume nieder, um, wo mglich, einigen Schlaf zu finden.

Stellt Euch, meine jungen Freunde, die trostlose Lage unseres Williams
vor, und Ihr werdet nicht nur seinen Schmerz begreifen, sondern gewi
das innigste Mitleid mit ihm haben. Wenn es schon eine bittere Sache ist,
inmitten der menschlichen Gesellschaft einen geliebten Freund zu verlieren,
um wie viel hrter mute es nicht sein, den _einzigen_ Genossen einben
zu sollen? Und Kolbi war, obschon nur ein Wilder, der beste zrtlichste
Freund. Seine Liebe und Hingebung fr William kannte keine Grenzen; er war
immer nur darauf bedacht, ihm eine Freude zu machen, ihm die Arbeiten zu
erleichtern und die greren Beschwerden abzunehmen. Er besa das reinste,
beste Herz von der Welt und bte, ohne einmal zu wissen, was Tugend
sei, die schnsten, erhabensten Tugenden. Er war unfhig zur Lge und
Verstellung, stets wahr, treu, uneigenntzig und aufopfernd; an sich
selbst dachte er immer zuletzt, desto mehr aber an seinen William, den er
gleichsam wie ein hheres Wesen verehrte, weil er fhlte, wie sehr dieser
ihm an Verstand, Einsicht und Wissen berlegen sei. Dabei besa er eine
unverwstlich gute Laune und war immer zu Scherzen und Spssen aufgelegt.
Er sang den ganzen Tag bei der Arbeit, hpfte und sprang wie ein Reh,
machte Purzelbume und die nrrischsten Capriolen, so da er William
zugleich auf die angenehmste Weise unterhielt.

Er konnte aber auch wieder ernsthaft sein und sich zusammennehmen, und zwar
besonders beim Lernen. William, der Mitleid mit seiner groen Unwissenheit
hatte, war nmlich auf den Gedanken gekommen, seinen Kolbi in manchen
Dingen zu unterrichten und ihm richtigere Ideen davon beizubringen. Zu den
Gegenstnden, worin er ihn unterrichtete, gehrte auch das Lesen. Er hatte
ja in der Kiste des Zimmermanns zwei Bcher gefunden, und diese konnten ihm
sehr gut dazu dienen, seinem Kolbi eine Wissenschaft beizubringen, die mit
Recht als die Mutter aller brigen Wissenschaften angesehen wird. Er zeigte
ihm also in dem mit ziemlich groen Lettern gedruckten Gesangbuche erst
die Lettern des groen, dann auch die des kleinen A-B-Cs, und lehrte ihn
zugleich die Aussprache. Um Kolbi nicht zu ermden, oder ihm, der das
Lernen nicht gewohnt war, gar einen Eckel dagegen einzuflen, zeigte er
ihm jeden Tag nur _einen_ Buchstaben, so da er in vier und zwanzig Tagen
erst das Alphabet kennen lernte. Das aber konnte Kolbi bald so gut, da
er gar nicht mehr fehlte, und jetzt konnte William schon zum Buchstabiren
bergehen. Der eben nicht sehr geschmeidigen Zunge fielen aber manche Laute
sehr schwer und es war possirlich anzuhren, wie er sich damit abkasteite;
besondere Mhe machte es ihm, Worte auszusprechen, in denen mehre stumme
Buchstaben hinter einander vorkamen, und die Silben gehrig trennen
zu lernen. Inde berwand sein Eifer und sein Flei endlich doch alle
Hindernisse. An und fr sich machte ihm das Lesenlernen gar kein Vergngen,
weil er noch nicht begriff, wozu es gut sein solle; aber er sah, da er
William durch seinen Flei Freude machte, und so unterwarf er sich ihm zu
Liebe dieser Anstrengung.

Ich denke, Kinder, da Ihr den guten Kolbi auch schon lieb gewonnen
habt; wie viel mehr mute William, der tglich und stndlich mit ihm
zusammenlebte, ihn nicht lieben! Und jetzt sollte er diesen theuren Freund,
seinen einzigen Genossen, vielleicht fr immer verlieren! Der Gedanke
drckte ihn so zu Boden, da selbst das heie, innige Gebet, welches er zu
Gott vor dem Einschlafen emporschickte, ihn nicht zu ermuthigen vermochte.

Endlich aber schlief er doch vor bergroer Ermdung ein, und war im Traume
glcklicher, als er beim Wachen gewesen war: er erblickte seinen geliebten
Kolbi, der in der Htte am Boden sa und Pfeile schnitzte. Dieser Traum
erweckte ihn: er erhob sich und schaute verwirrt um sich. Es war noch sehr
frh und der Thau lag noch auf den Grsern und Pflanzen. Wie ward ihm, als
er auf diesen die Spuren von Menschentritten wahrnahm! Die Insel war also
noch von andern menschlichen Geschpfen bewohnt? Oder sollte Kolbi?.....
Der Gedanke machte, da er aufsprang und nach allen Seiten um sich blickte.
Er verfolgte dann die Fuspuren im Grase, und gelangte, ihnen immer
folgend, zu einer Art von Vorgebirge, das in das Meer hinaus lief und fast
bis an den Strand hinabging. Er erklomm einen der Hgel desselben und sah
nun -- wer beschriebe wohl sein Entzcken? -- Kolbi, seinen geliebten
Kolbi auf einer Felsenklippe sitzen und in das vor ihm liegende blaue Meer
hinausschauen. Es konnte kein Anderer als Kolbi sein: er erkannte ihn
an der Kleidung, die er ihm endlich, nach langer Weigerung, aufgedrungen
hatte; denn der Wilde fand sie zu Anfang -- vielleicht auch jetzt noch --
eben so unbequem als berflssig und lie sich schwer dazu bereden, eine
leichte Hose von Leinwand und eine Jacke von demselben Stoffe anzuziehen.

--Kolbi! Kolbi! rief William mit lauter, freudig bewegter Stimme und
streckte zugleich die Arme gegen ihn aus. Kolbi vernahm sogleich die Laute
der ihm so theuern, wohlbekannten Stimme; allein er antwortete nicht wie
sonst freudig auf den Zuruf, sondern erhob sich, sah sich nach William um,
und ergriff eiligst die Flucht.

--Was ist das? fragte sich William, der ihm erschrocken nachstarrte.
Sollte ich ihn vielleicht beleidigt oder gekrnkt haben, ohne es zu
wissen? War er doch so freundlich und liebevoll gegen mich, als ich ihn das
letzte Mal sah?

Whrend William diese Betrachtungen anstellte, war er jedoch dem geliebten
Flchtlinge nachgeeilt, und sei es nun, da er diesmal schneller als Kolbi
war; sei es, da dieser bereits bittere Reue ber seine unbedachtsame
Flucht empfand, und sich willig einholen lie; genug, er wurde von dem ihn
Verfolgenden am Saume des Waldes glcklich eingeholt.

--Was ist dir, Kolbi? und weshalb fliehst du vor mir? fragte ihn
William, so wie er ihn erreicht und zum Stehen gebracht hatte.

Statt ihm auf diese Frage zu antworten, warf sich der arme Junge vor ihm
auf die Knie nieder, umfate seine Fe, als wolle er Verzeihung von ihm
erstehen, und vergo einen Strom von Thrnen.

--Sprich, Kolbi, mein theurer Kolbi, was ist dir? fragte William, indem
er sich zu ihm niederbog und ihn, wiewohl vergebens, aufzuheben suchte, um
ihn in seine Arme zu schlieen und an sein Herz zu drcken.

Kolbi hatte aber noch immer keine andere Antwort, als Thrnen.

--Ach! sagte jetzt William mit traurigem Tone; jetzt begreife ich Dich!
Du wolltest mich heimlich verlassen, Kolbi; Du sehntest dich nach deinen
Landsleuten, nach deinen frhern Gespielen und wolltest versuchen, zu ihnen
ber das Meer zurck zu schwimmen? Unsre Einsamkeit war dir lstig geworden
und du hattest nicht den Muth, von mir Abschied zu nehmen? Sprich, Kolbi,
ist es nicht so?

--O nein! nein! schluchzte Kolbi; William ist mir der Liebste auf der
Welt, lieber als die ganze Welt! Kolbi mte sterben, wenn er William nicht
mehr htte!

--Nun, was war es denn, was Dich zur Flucht antrieb? fragte William,
dessen Verwunderung mit jedem Augenblicke wuchs.

--Kolbi ist nicht werth, da William ihn lieb hat, sagte der arme Junge,
indem ein neuer Strom von Thrnen ihm ber die schwarzen Wangen flo;
Kolbi hat William betrbt, hat das _Ding_ entzwei gemacht; Kolbi ist ein
ganz schlechter Mensch geworden und will todt bleiben!

--Du hast die Uhr zerbrochen? fragte William, der wute, was er unter
dem Dinge verstand, aufathmend.

--Ja, die Uhr, versetzte der arme Wilde, und der Geist in dem Dinge
wurde sehr bse -- o, sehr bse! -- und er zischte mich an, wie die groe
gelbe Schlange, wenn man sie mit einem Stecken schlgt. Kolbi war so
erschrocken darber, da er das Ding fallen lie und es zerbrach; o, Kolbi
war sehr bse!

--Gott sei gedankt, da es nichts weiter ist! rief William erfreut aus.
Zwar war mir die Uhr sehr werth, indem sie mich an ihren frhern Besitzer
erinnerte, der ein gar braver Mann war; allein tausend solcher Uhren,
und noch weit mehr gbe ich freudig um dich hin, mein Kolbi! Trste und
beruhige dich daher: ich bin gar nicht bse, nicht einmal betrbt; habe ich
doch dich wieder, meinen guten, guten Kolbi! Er breitete ihm bei diesen
Worten die Arme entgegen, in die Kolbi laut schluchzend sank. Der Friede
war jetzt wieder zwischen den Freunden geschlossen und Arm in Arm traten
unsere Beiden den Rckweg zur Htte an.

Auf dem Wege erzhlte Kolbi, da William ihm oft ganz nahe gewesen sei und
er seinen Ruf deutlich vernommen, dann aber aus Furcht vor ihm die hchsten
Bume erklommen habe, auf denen William ihn nicht gesucht. Dies war auch
der Fall an dem Abende gewesen, wo William, vom langen Umherstreifen
gnzlich ermattet, sich unter dem Eucalyptus zum Schlafen niedergelegt.
Sobald Kolbi, der sich keine hundert Schritte von ihm befand, ihn
eingeschlafen sah, hatte er sich vorsichtig nher geschlichen und sich,
beschtzt von der Dunkelheit, neben ihm niedergelegt. Mit Anbruch des Tages
hatte er ihn aber verlassen, um seine Flucht fortzusetzen; denn, fgte er
mit traurigem Tone hinzu, ich wollte dir nicht wieder vor Augen treten und
in der Einsamkeit vor Hunger und Kummer umkommen.




Achtzehntes Kapitel.


Unter solchen Gesprchen waren sie endlich wieder bei der Htte angelangt,
die sie in ihrem vorigem Stande fanden; nur der arme Dingo und die
Vgel hatten groe Noth gelitten, da ihnen Speise und Trank whrend der
Abwesenheit der Freunde ausgegangen waren, und sie sich beides nicht hatten
verschaffen knnen, weil William sie whrend der Nacht einzusperren gewohnt
war und vergessen hatte, sie bei seinem Weggehen aus ihrem Kerker zu
befreien.

--Gieb Futter! Gieb Futter! rief der groe Knigspapagei unaufhrlich:
denn diese Worte hatte William ihn gelehrt und so oft er Futter haben
wollte, rief er sie; der Dingo aber heulte erbrmlich, so da die Freunde
nichts Eiligeres zu thun hatten, als die armen Gefangenen zu befreien und
ihnen Speise und Trank zu reichen. Der Dingo lief sogleich an den Bach, um
seinen gewi sehr peinigenden Durst zu lschen, und Kolbi folgte ihm mit
dem Lederbeutel dahin, um Wasser fr die Vgel zu schpfen, die inde
von William mit den fr sie eingesammelten Krnern und Frchten gespeiset
wurden. Auch fr Waldmann waren noch einige Knochen da, ber die er sich
begierig hermachte, und so war der groen Noth der armen Thiere abgeholfen.

Schon auf dem Wege zur Htte hatte Kolbi sich oft nach dem Himmel
umgesehen. Jetzt, als man die Thiere versorgt hatte, that er es nochmals
und sagte dann zu William:

--Bse Zeit! Bse Zeit!

Dieser wute nicht, was die Worte zu bedeuten haben sollten und sah
neugierig bald Kolbi, bald den Himmel an. Letzterer hatte sich mit noch
leichten Wlkchen bedeckt, die sich aber bald zusammenzogen und wie
ungeheure Berge am fernsten Rande des Horizontes aufthrmten.

Kolbi, der aus Erfahrung wute, da diese Erscheinung den nahen Ausbruch
von Sturm, Regen und Gewitter bedeute, lief zu der Stelle, wo die ihnen
so nothwendigen Pataten in Menge wuchsen, grub so viele davon aus, als ihm
mglich war, und lud William, der ihm erstaunt zusah, mit den Worten:

--Bse Zeit kommt! Pataten sammeln! Nicht zgern, Pataten in die Htte zu
bringen! zur Theilnahme an seinem Geschfte ein.

William begriff jetzt, was er mit seinem: Bse Zeit! Bse Zeit! sagen
wollte, und war ihm eifrig bei seiner Beschftigung behlflich. Sie muten
sich in der That sputen: immer dichter zogen sich die Wolken zusammen,
immer dunkler wurde der Himmel und schon hrte man das ferne Rollen des
Donners; dabei hatte sich ein Wind erhoben, der in einzelnen Sten zwar
nur noch, doch die Luft heftig erschtterte. Obgleich man ber eine halbe
Stunde vom Meere entfernt war, hrte man es doch _rohren_, wie die
Seeleute das hohle Brausen des Meeres, welches groen Strmen und Gewittern
voranzugehen pflegt, zu nennen pflegen. Kolbi, der immer in der freien
Natur und in der Nhe des Meeres gelebt hatte, war ein scharfer und
unfehlbarer Beobachter in allen Dingen der Art geworden und seine
Prophezeihungen trafen immer richtig ein.

Die Richtigkeit seiner Voraussage sollte sich auch diesmal bewhren: immer
strker und hohler braute das Meer; immer heftiger und anhaltender wurden
die Windste; immer schwrzer berzog sich der Himmel: immer strker wurde
das Rollen des Donners, das bald zu einem furchtbaren Krachen und Prasseln
wurde, dem zackige Blitze jedesmal vorangingen, und nicht lange, so fielen
groe, schwere Regentropfen vom Himmel nieder. Es war ein Glck fr unsre
Freunde, da Kolbi die Naturerscheinungen so genau kannte; denn sehr
schlimm wrde es fr sie gewesen sein, wenn sie sich nicht gehrig mit
Vorrthen versehen htten. Whrend des Unwetters Pataten aus der Erde zu
graben, sie in die Htte zu bringen, das wre vllig unmglich gewesen.
Der Regen ergo sich nicht etwa wie bei uns, sondern bestndig, wie ein
heftiger Platzregen, der alle Niederungen schon nach wenigen Stunden
in Smpfe und Pftzen verwandelt hatte. Der sonst so sanft und ruhig
dahinflieende Bach war bald zu einem reienden Strome geworden und
berschwemmte, aus seinen Ufern getreten, die umliegenden Gegenden. Er
erhielt immer neue Nahrung von den kleineren Bergquellen, die sich in ihn
ergossen und die ganze Niederung, das ganze frher so lachende Thal wurde
in einen einzigen groen See verwandelt.

Dabei rollte der Donner fortwhrend in den Lften; zackige Blitze
durchzuckten die dunklen Wolkenmassen und fuhren bald in diesen, bald
in jenen Baum, dessen Spitzen sie abbrachen oder den sie gnzlich
niederstrzten, so da er krachend zu Boden fiel.

Die Gewitter halten in diesen Gegenden nicht, wie bei uns nur einige
Stunden, sondern fast immer mehrere Tage an, auch sind sie weit
furchtbarer. Die ganze Natur scheint bei ihnen in Aufruhr zu sein und Alles
tritt aus seiner gewohnten Ordnung.

Da es das erste Gewitter der Art war, welches William erlebte, erschreckte
es ihn zu Anfang nicht wenig; bald aber gewhnte er sich auch daran, und
jetzt gewhrte ihm das wirklich groartige Schauspiel sogar Genu.

Die Htte legte bei diesem Unwetter ihr Probestck ab und lobte ihre
Baumeister. Obschon nur von Brettern aufgebaut und mit Brettern gedeckt,
trotzte sie doch den sich vom Himmel herabstrzenden Fluthen und lie auch
nicht _einen_ Tropfen Wasser durch, so da sie Menschen und Thieren den
vollkommensten Schutz gewhrte. Die letztern bezeigten sich furchtsamer als
Kolbi, der auch nicht die geringste Aengstlichkeit verrieth. Er verrichtete
alle ihm obliegende Geschfte so ruhig, als wre kein Aufruhr in der Natur
gewesen; dagegen heulte der Dingo fast unaufhrlich und die Papageien
schrieen ganz erbrmlich, indem sie zugleich mit den Flgeln schlugen,
als wollten sie den Regen, von dem sie doch nicht getroffen wurden,
abschtteln.

William, der jetzt wieder ganz ruhig und gefat geworden war, dachte daran,
diese schlimme Zeit zu einer Arbeit zu bentzen, die eigentlich schon
lngst htte beschafft werden mssen, aber immer aufgehoben worden war,
weil es drauen nothwendigere Dinge zu thun gab. Der Mangel an Gefen,
worin man etwas aufbewahren, namentlich, worin man einen Vorrath von Wasser
sammeln konnte, war unsern beiden Einsiedlern schon lange empfindlich
gewesen, und jetzt, wo man doch nichts anderes beginnen konnte, sollte
endlich demselben abgeholfen werden.

Man besa noch einige Holzblcke, die vermuthlich die Trmmer von dem
groen Maste des gestrandeten Schiffs, auf dem William gereist war, oder
eines andern Schiffes waren. Man hatte sie an einem Tage, wo man das
Meer besuchte -- und dies geschah fast tglich, da man msig nach einem
rettenden Schiffe umhersphte -- am Strande gefunden und sie, ihrer
Ntzlichkeit wegen, in die Htte gebracht. Dies war freilich, bei ihrer
Gre und Schwere, eine mhselige Arbeit gewesen, bei der unsre Beiden
manchen Schweitropfen vergieen muten; aber sie scheuten solche
Anstrengungen nicht, und so war ihnen das saure Werk gelungen. William
forderte Kolbi auf, ihm behlflich zu sein; man legte die Holzstcke auf
eine Art von Stellage und schnitt dann mit der Sge Stcke von 1 Fu oder
1 Fu Lnge davon. Da sie von einem Maste abstammten, hatten sie
von selbst eine runde Form; man hatte also nur nthig, sie sorgfltig
auszuhhlen, was man vermittelst eines Meissels mit nicht allzugroer Mhe
that. Freilich war auch diese Arbeit keine leichte und ein Drechsler wrde
in wenigen Minuten vielleicht zu Stande gebracht haben, wozu sie bei dem
angestrengtesten Fleie einen ganzen Tag bedurften; aber dies schreckte sie
nicht, und drei bis vier hbsche Gefe wurden fertig, wovon eines sogleich
zum Trinktrog fr die Thiere bestimmt wurde.

Auerdem verfertigte Kolbi, der sich darauf verstand, noch einige
allerliebste Krbe von einem sehr starken Grase, das auf den Inseln
Australiens gefunden und von den Europern neuseelndischer Flachs
genannt wird. Die Fasern dieses Grases sind so stark und biegsam, da
man angefangen hat, Anker- und andere Schiffstaue davon zu machen, die an
Haltbarkeit bei weitem die von Hanf gemachten bertreffen sollen.

Von diesem trefflichen Grase hatte Kolbi schon vor einiger Zeit eine gute
Portion neben der Htte aufgehuft, weil man schon lange mit der Idee
umgegangen war, Krbe und Krbchen davon zu flechten.

Whrend nun William den Drechsler spielte, machte sich Kolbi an die Krbe,
und er gab seinem Freunde Gelegenheit, seine Geschicklichkeit zu bewundern.
Mit unglaublicher Schnelle machte er das artigste Krbchen von der Welt
fertig, und es fehlte ihm sogar nicht einmal an Zierlichkeit und angenehmer
Form. Er verstand runde und lngliche zu machen und versah jedes Krbchen
mit so festen Henkeln, da man ihm etwas anvertrauen konnte, ohne frchten
zu mssen, da der Inhalt auf die Erde fiele.

So verstrich denn auch diese Zeit, die sonst so trb und unangenehm fr sie
gewesen sein wrde, auf eine wirklich angenehme Weise, indem sie whrend
derselben sich unausgesetzt einer lohnenden, ntzlichen Thtigkeit
befleiigten. Ja, das Unwetter htte noch weit lnger dauern knnen, ohne
ihnen lstig zu fallen, um so mehr, da ihr Vorrath an Pataten noch immer
ausreichte, Dank sei es der Frsorge Kolbi's.

Endlich schien die bisher sich so emprt gezeigt habende Natur in ihr
frheres Geleis zurcktreten zu wollen, nachdem das Unwetter etwa acht Tage
angehalten hatte. Eine ordentliche Regenzeit, die fnf bis sechs Wochen
zu dauern pflegt, wie man sie in andern tropischen Lndern[3] zu finden
gewohnt ist, giebt es in Australien nicht. Die Stelle derselben vertreten
ziemlich starke und lnger als bei uns anhaltende Gewitter und Regengsse,
die aber die Natur auerordentlich erfrischen und den Pflanzenwuchs
befrdern.

  [3]: Tropische Lnder nennt man solche, die zwischen den Wendekreisen
  liegen.

Das Gewitter hatte schon lngere Zeit aufgehrt; der Sturm legte sich nach
und nach, auch der Regen fiel nicht mehr in Strmen, sondern bereits in
kleineren Tropfen. Am Abende des achten Tages regnete es noch etwas,
als man aber am Morgen des neunten erwachte, lachte die Sonne hell vom
heitersten Himmel herab.

Unsere Freunde konnten jetzt wenigstens aus der Htte in's Freie
hinaustreten, wenn sich gleich noch nicht in das gnzlich berschwemmte
Thal wagen. Ihr erster Gang war in den Garten, um nach ihren lieben
Pflanzen und Pflnzchen zu sehen.

Htten sie den Garten unten im Thale angelegt, so wrde es vermuthlich bel
um die jungen Orangen- und Melonenpflanzen ausgesehen haben; aber zum Glck
lag er an einem Abhange des Hgels, auf dem die Htte stand, und so hatten
ihre kleinen Anlagen nicht den mindesten Schaden gelitten. Im Gegentheil,
es war bewunderungswrdig, wie sie gewachsen waren, seit man sie zuletzt
gesehen. Die Orangen hatten schon allerliebste Blttchen und die Melonen
fingen bereits an, sich auf dem Boden auszubreiten.

Williams Freude bei diesem Anblick knnt Ihr Euch vorstellen, meine
geliebten Kinder. Der Eine oder Andere von Euch besitzt gewi auch ein
Grtchen oder doch ein Beet, worauf er sen, pflanzen und wirthschaften
kann und wird in diesem Falle mitempfinden knnen, was unser William
empfand, als er Alles so weit gediehen erblickte. Mir ist es wenigstens als
Kind oft so ergangen, da ich Abends vor Ungeduld kaum einschlafen konnte,
wenn irgend eine schne Blume auf meinem Beete sich zu entfalten, ihren
farbigen Kelch dem Lichte zu ffnen im Begriff war; und frh, wenn kaum der
junge Morgen sich im Osten zeigte, wenn noch die glnzenden Thauperlen an
den Spitzen der Grser hingen, war ich schon wieder im Garten und stand
entzckt vor meiner lieben, lieben Blume. Dieser Freude an der Natur und
dem, was sie hervorbringt, habe ich vielleicht meiner Gewohnheit, frh
aufzustehen, zu verdanken, fr die ich Gott nicht genug danken kann. Die
Natur ist am Morgen am schnsten, der Mensch selbst am frischesten und am
besten zur Thtigkeit aufgelegt. Dies habe ich erkannt und mich daher bei
der guten Gewohnheit erhalten. Die meisten von den vielen Bchern, die
Euch und andern gute Kinder schon erfreut haben, sind in solchen Stunden
geschrieben worden, in denen der gern spt aufstehende Grostdter sich
noch im warmen Bette dreht. Macht es so wie ich, und Ihr werdet, meine
Geliebten, viele Zeit, ein gutes Wohlbefinden, Kraft und Munterkeit dadurch
gewinnen.

William konnte sich nicht satt sehen an seinen Pflnzchen und auch Kolbi
stimmte in seine Freude ein, obgleich er noch keinen Begriff davon hatte,
welche kstliche Frchte sowohl die Melonen, als die Orangen zu tragen
bestimmt waren. Die Frchte der erstern sollte er jedoch bald kennen
lernen; denn die Pflanzen wuchsen, da man htte glauben sollen, sie
wachsen zu sehen.

[Illustration: ~Seite 185.~]




Neunzehntes Kapitel.


Man kann sich keinen Begriff davon machen, wie angenehm die Luft, wie
erfrischt Alles nach diesem anhaltenden Regen und nach der Entladung der
Luft durch das Gewitter von allen in ihr angehuften Unreinigkeiten war.
Alle Pflanzen glnzten, dufteten und standen krftiger. Es dauerte auch
nicht gar lange, so hatte der Boden das berflssige Wasser eingesogen und
unsre Beiden konnten sich wieder in das Thal hinabwagen, wo der schne Bach
seine gewhnlichen Ufer wieder gefunden hatte.

Unsre Einsiedler konnten jetzt auch wieder ihren gewohnten Beschftigungen
nachgehen und sich durch die Jagd einen leckern Braten verschaffen; ja,
wie der Mensch ungengsam von Natur ist, William bezeigte sogar ein Gelste
nach Fischen, so da er darauf dachte, von dem zhen neuseelndischen
Flachse ein Netz zu machen, in dem er am Meere die harmlosen Bewohner der
khlen Fluth zu fangen gedachte. Er hatte aber die Rechnung ohne den Wirth
gemacht: hart am Strande waren keine Fische und an einem Kahne fehlte es
ihnen, weil William nicht die Vorsicht gebraucht hatte, das Canot, auf dem
Kolbi hergekommen, gehrig zu befestigen: die nchste etwas hochgehende See
hatte es also mit sich fortgerissen.

Indessen verzweifelten unsre Freunde keineswegs daran, auch noch ein Canot
herzustellen; sie trauten sich, im Besitze ihrer Gerthschaften, schon
immer mehr und mehr zu, besonders da sie mit jedem Tage geschickter in der
Handhabung derselben wurden. Ein Baumstamm konnte vermittelst der Sge und
der Axt in wenigen Tagen gefllt werden und das Aushhlen desselben
durch darin angezndetes Feuer verstand Kolbi sehr gut. Es wurde also
beschlossen, schon in den nchsten Tagen zum Werke zu schreiten und es kam
nur noch darauf an, einen passenden Baum zu finden.

Dieser Plan, der gewi von ihnen ausgefhrt worden wre, sollte aber durch
ein schreckliches Ereigni, das sich mit ihnen zutrug, zu Wasser werden.

An einem Morgen, als sie aus dem Schlafe erwachten und sich eben anschicken
wollten, ihr Frhstck zu bereiten, kam der Dingo, welcher bereits die
Htte verlassen hatte, mit einem klglichen Geheul angerennt und zu ihrem
nicht geringen Entsetzen sahen sie, da in seinem Fell ein Pfeil hing. Das
arme Thier schttelte sich, um die ihn auf den Tod verwundende Waffe los
zu werden, aber es war vergeblich! der Pfeil stack fest, und winselnd kroch
er, seine Gebieter mit dem der Wunde entquillendem Blute bespritzend, zu
ihnen heran. Kolbi war sogleich bereit, den Pfeil aus der Wunde zu ziehen,
um seine Qual zu enden; allein der arme Waldmann war auf den Tod getroffen,
und schon nach wenigen Augenblicken verendete er zu den Fen unserer
erschrockenen Colonisten.

Dies war, da man das gute Thier sehr lieb gewonnen hatte, freilich schon an
und fr sich ein trauriges Ereigni und sie konnten sich nicht enthalten,
ihrem treuen und zuthunlichen Genossen eine Thrne nachzuweinen; allein die
Sache hatte eine noch weit schlimmere Seite; es mute eine Menschenhand,
die eines Wilden gewesen sein, die den Pfeil auf den Dingo abgeschossen
hatte; denn Europer wrden das Thier mit andern Waffen erlegt haben.

Dieser Gedanke drngte sich Beiden zugleich auf, und die grte Furcht
bemchtigte sich ihrer. Was sollte aus ihnen werden, wenn Wilde an der
Insel gelandet wren und sie vielleicht durchstreiften? Ihr Schicksal
war nicht zweifelhaft, wenn sie diesen in die Hnde fielen: man wrde sie
ergreifen, tdten und verzehren.

Nachdem sich ihr Schmerz ber den Tod des treuen Thieres etwas gelegt
hatte, waren sie auf ihre eigene Sicherheit bedacht, und Kolbi, der
behender als William war, schlug vor, da er den hchsten Baum des nchsten
Hgels erklimmen wolle, um von diesem hohen Standpunkte aus die Insel zu
berschauen, whrend William am Fue desselben auf seine Berichte wartete.
Gesagt, gethan! Schnell wie ein Eichhrnchen erklomm Kolbi den hohen
Eukalyptus, aber weit schneller noch, als er hinaufgeklettert war, kam er,
ohne ein Wort gesprochen zu haben, wieder herab, ergriff Williams Hand und
rief ihm mit dem Tone des Entsetzens zu:

--Fort! Fort! sie kommen!

William folgte ihm wie betubt; doch verlor er selbst in diesem furchtbaren
Augenblicke seine Besinnung und Besonnenheit nicht. Er bat Kolbi, ihm zur
Htte zu folgen und hier angelangt, bepackte er ihn und sich selbst mit
ihren besten, unentbehrlichsten Gerthschaften, wozu auch die von Kolbi
verfertigten Waffen gehrten, und dann erst ergriffen Beide die Flucht.

Wohin aber? fragte man sich. Die Insel war, wie sie jetzt wuten, nur von
geringem Umfange und bot nirgends einen sichern Versteck dar, sie htten
einen solchen dann in den hchsten Gipfeln der Bume des nahen Waldes
suchen mssen. Zwar dachte man an die Ameisenhhle, wie man die Hhle
neben der Htte nach dem Besuche der lstigen Thierchen nannte; allein man
verwarf diesen Gedanken sogleich wieder, da sie zu nahe bei der Htte
lag. Es stand mit Recht zu vermuthen, da die Wilden, so wie sie die Htte
entdeckten, auf Menschen schlieen wrden, die sie erbaut und bewohnt
htten, und in diesem Falle wrde man sie in der nahe gelegenen Hhle
zuerst suchen. Schon auf dem Wege in den Wald kam William noch ein
guter Gedanke und er theilte ihn Kolbi mit: man wollte die Htte durch
Niederreien zerstren, um den Wilden Glauben zu machen, da sie bereits
seit lngerer Zeit von ihren Bewohnern verlassen worden sei. Man kehrte
also, so dringend auch die Gefahr bereits war, nochmals zur Htte zurck,
bediente sich der Axt, die das Dach tragende Pfhle umzuhauen, und sah
schon nach einer kurzen Frist in Trmmer zusammensinken, was man mit so
groer Mhe und Anstrengung aufgebaut hatte.

Jetzt erst dachte man an eilige Flucht. Es war aber auch die hchste Zeit,
denn kaum hatte man den schtzenden Wald erreicht und sich hinter dichtem
Gebsch verborgen, so sah man die Wilden in dicken Schaaren ber den Hgel
herabkommen, an dessen Abhange die kleine Besitzung lag. Unsere Beiden
waren noch so nahe, da sie deutlich Alles unterscheiden und sogar den Ruf
einzelner Stimmen vernehmen konnten.

Bald drngte sich Alles auf _einer_ Stelle zusammen und bildete einen
dichten Menschenknuel: ohne Zweifel hatte man die Trmmer der Htte
entdeckt und war verwundert, in dieser Einde die Reste einer menschlichen
Wohnung zu finden. Bald sah man auch einzelne Wilde die Spitze des Hgels
erklimmen und sich sorgfltig nach allen Seiten umsehen, als suche man
Etwas; allein zum Glcke waren unsre Beiden gut versteckt durch das dichte
Gebsch, und die Spher kehrten zu den Uebrigen zurck, ohne Etwas entdeckt
zu haben.

Man durfte aber nicht in dieser Nhe weilen, weil es den Wilden jeden
Augenblick einfallen konnte, in das Gebsch zu dringen und es zu
durchsuchen. Unsre Flchtlinge setzten daher, so eilig sie konnten, ihren
Weg weiter fort und drangen immer tiefer in das Gehlz ein. Aber bald waren
sie auch hier nicht mehr sicher, denn schon vernahm ihr Ohr am Eingange
des Waldes verwirrte Stimmen, und so wlzte sich der Schwarm, aller
Wahrscheinlichkeit nach, hieher. Ihre Angst erreichte den hchsten Gipfel
und sie wuten nicht, wohin ihre Zuflucht nehmen; da sahen sie in einer
geringen Entfernung einen Koala oder australischen Bren aus einem dichten
Gewinde von Rankengewchsen hervorkriechen, und daraus schlieend, da er
dort seine Hhle haben werde, eilten sie auf die Stelle zu. Sie sahen sich
in dieser Erwartung nicht getuscht, und fanden unter dem Gestruche einen
in die Erde hinabgehenden Eingang, der zwar nicht breiter war, als da sie
auf dem Bauche kriechend, in die Hhle des Bren gelangen konnten, ihnen
aber fr den Fall der Noth doch einige Sicherheit gewhrte.

Schnell machten sie sich daran, mit der Axt und ihren Hnden, die die
Stelle einer Schaufel vertreten muten, den Eingang zu erweitern, wobei sie
sich wohl hteten, die aufgeworfene Erde umherzustreuen, denn das wrde den
Wilden ihren Zufluchtsort verrathen haben; sie warfen sie vielmehr zwischen
die Ranken und vertilgten mit groer Sorgfalt jede Spur ihrer mhsamen
Arbeit.

Diese wurde ber alle Erwartung belohnt; denn kaum hatten sie die Oeffnung
einige Fu tief erweitert, so dehnte sich die Hhle aus und wurde endlich
so breit und gerumig, da sie, wenn auch nicht aufrecht darin stehen, doch
darin sitzen konnten.

Ein Knurren und Brummen ganz in ihrer Nhe verrieth ihnen, da die Hhle
noch auer ihnen von einem andern Geschpfe bewohnt sei, wahrscheinlich
von einem weiblichen Koala, das hier seine Jungen sugte. Eine solche Nhe
konnte ihnen, obgleich sie sich nicht vor dem harmlosen Thiere frchteten,
nicht angenehm sein, schon des blen Geruchs wegen, den diese Geschpfe
verbreiteten, und so muten sie sich entschlieen, den eigentlichen
Besitzer der Hhle aus derselben zu vertreiben, was ihnen nach einigen
derben Pffen, die sie dem armen Thiere versetzten, gelang. Knurrend und
brummend nahm es, seine Jungen mit sich fhrend, seinen Abschied und unsre
Beiden sahen sich im ruhigen Besitze des usurpirten Zufluchtsorts. Diese
Besitznahme war im Grunde eine Ungerechtigkeit; aber die dringende Gefahr
konnte ihnen zur Entschuldigung gereichen.

Hier saen nun unsre Beiden in der tiefsten Finsterni im Schooe der Erde;
ihnen fehlte Alles und doch hatten sie Gott zu preisen, da er ihnen einen
solchen Zufluchtsort gezeigt hatte, der ihnen wenigstens die Hoffnung lie,
ihr Leben zu bewahren. Hand in Hand saen William und Kolbi da und waren so
niedergedrckt, da sie kein Wort zu reden wagten.

Nicht lange sollte ihre Ruhe dauern. Kaum waren sie eine halbe Stunde in
der Hhle gewesen, so drang ein Ton verwirrter Stimmen, das dem Summen
eines Bienenschwarmes glich, zu ihren Ohren und sie schlossen daraus,
da die Wilden sich ihrem Zufluchtsorte genhert htten. In dieser
Voraussetzung irrten sie sich nicht: die Wilden hatten wirklich den
khleren Wald zu ihrem Aufenthaltsorte ausersehen und waren zu der Insel
gekommen, um hier ein groes Fest zu feiern.

Ihr bisheriger Huptling war nmlich im Kriege gefallen, und sie wollten
einen neuen erwhlen, bei welcher Gelegenheit stets groe Festlichkeiten
von ihnen veranstaltet werden. Zu solchen gehrten vor allen Dingen
Schmausereien -- macht man es doch bei solchen Gelegenheiten im
civilisirten Europa nicht besser! -- und da ihnen bekannt sein mochte, da
die Insel sehr viel Wildpret hege, waren sie herbergeschifft, um hier ihre
Gastmhler zu halten.

Lautes Rufen, Geschrei, Gesang sogar, lieen sich bald ganz in der Nhe
vernehmen, und Kolbi, der khner als sein Freund, auf dem Bauche bis
zum Eingange der Hhle vorgekrochen war, sah, vom Gestrpp und den
Rankengewchsen verdeckt, da man viel trockenes Holz herbeischleppte, um
ein groes Feuer anzuznden. Alles war berhaupt beschftigt. Einige Wilde
trugen Erde und Laub zusammen, woraus sie einen Hgel machten, vermuthlich
zum Sitze fr den neu zu erwhlenden Huptling; andere schrften ihre
Waffen und die Weiber und Kinder trugen Laub und Blumen herbei, aus denen
sie Krnze winden wollten.

Unter einem hohen Baume und mit dem Rcken gegen den Stamm desselben
gelehnt, sa aber ein Greis, den Kolbi auf den ersten Blick fr den
_Zauberer_ erkannte, denn so nennen die Wilden ihre Priester. Er war zwar,
wie die brigen Wilden, bis auf ein Schurzfell, welches er um den Leib
gebunden hatte, vllig nackt; allein um seinen Hals hatte er ein Gewinde
von todten Schlangen, das ihm ein abschreckendes Ansehen gab, und in der
Hand trug er ein groes steinernes Messer.

Dieses Messers bedienen sich die Priester, um den jungen Mdchen die beiden
ersten Gelenke des kleinen Fingers an der linken Hand abzuhauen; denn wie
die Europerinnen ihre Ohren durchbohren lassen, um Ringe hineinzuhngen,
was gleichfalls eine sehr lcherliche Mode ist, so verstmmeln die Wilden
ihre Hand und glauben sich dadurch recht schn zu machen.

Dem Zauberer oder Priester nherte sich Alles mit der grten Ehrfurcht,
und Keiner wrde es gewagt haben, ihm den Rcken zuzukehren.

Whrend die Mnner sich zur Jagd anschickten, sammelten die Weiber die
Wurzeln von einer Art von Farrenkraut, die ihnen zur Speise dienen. Sie
zerklopften sie mit Steinen und rsteten sie am Feuer; diese nicht eben
wohlschmeckende Speise nannten sie _Uga-Due_. Noch Andere sammelten von
einem Gummibaum ein grnes Gummi, das sie _Kudi_ nannten. Es vertritt, da
es einen scharfen Geschmack hat, die Stelle des Branntweins bei ihnen und
sie kauen es bestndig. Auch Pataten, von den Wilden _Kumara_ genannt,
sammelten sie in Menge zu dem vorhabenden Gastmahle ein. Zu diesen
Vegetabilien lieferten die Mnner bald Fleischspeisen. Sie schossen mit
ihren Pfeilen eine Menge _Kukupas_ (wilde Tauben), einen Dingo, einige
Stachelschweine, fliegende Fchse und endlich gar ein Kngeruh, worber
sich ein groes Freudengeschrei erhob, als die glcklichen Jger damit
angeschleppt kamen.

Als William sah, da sein Freund Kolbi in seinem sichern Verstecke
unbemerkt blieb, trieb ihn die Neugierde, auf seinem Bauche auch aus der
Hhle hervorzukriechen, um den Treiben der Wilden zuzusehen.

Er sah, da dieser Menschenschlag fast ganz so schwarz, wie sein Kolbi war;
nur hatte dieser letztere eine etwas angenehmere Gesichtsbildung und sah
vor allen Dingen freundlicher aus. Sie hatten einen kleinen, aber sehr
regelmigen Wuchs, ein etwas breites Gesicht, das bei den Mnnern sehr
brtig war; eine stumpfe Nase, durch deren Scheidewand sie kleine Knochen-
oder Rohrstcke gezogen hatten, was sie sehr verunstaltete; dicke
Lippen, sehr weie Zhne, schwarze, tiefliegende Augen und sehr buschige
Augenbraunen. Auf dem Kopfe trugen sie ein kleines Netz von Opossum-Haaren,
das ihnen fast die Augen verdeckte, so da sie es zurckschlagen muten,
wenn sie etwas genauer sehen wollten. Die meisten hatten eine feuerfarbene
Binde, woran ein kleines Schurzfell hing, um den Leib geschlungen und ihre
Haut war so glnzend, wie polirtes Ebenholz. Wie Kolbi seinem Freunde schon
frher erzhlt hatte, reiben sie sich den Krper mit Fischhl ein, wichsen
sich also gleichsam, wie wir unsere Schuhe und Stiefel. Lange konnte
William nicht begreifen, womit sie sich den Kopf geschmckt hatten, der
einige Aehnlichkeit mit dem eines Stachelschweins durch einen hchst
seltsamen Aufputz hatte, bis Kolbi ihm erklrte, da seine Landsleute
sich das Haar mit einer Art von Gummi zusammenklebten und es dann mit
Fischgrten und Vogelknochen besteckten. Viele von den Wilden waren vom
Kopfe bis auf die Fe ttowirt, d.h. mit weier und rother Farbe bemalt;
Kolbi erklrte ihm, da sie sich mit der rothen bemalten, wenn es in den
Kampf gehen sollte, mit der weien aber, wenn zum Tanze. Sehr hlich
machten sie die breiten weien Ringe, die sie sich unter den Augen von
einer weien, unserer Kreide hnlichen Erde gemacht hatten. Allen Mnnern
fehlte ein Vorderzahn, den man ihnen unter groen Ceremonien ausreit, so
wie sie in das Jnglingsalter treten. Ihr Haar ist brigens nicht kurz,
kraus und wollig, wie das der Neger, sondern vielmehr glatt, lang und sehr
schwarz; es knnte eine Zierde an ihnen sein, wenn sie es nicht = la=
Stachelschwein frisirten.

Alle ohne Ausnahme waren bewaffnet, selbst die Knaben trugen eine Art von
Wurfspie; Andere hatten eine Keule, die sie _Waddis_ nannten oder Stangen
(_Womerra_), Schilde, Lanzen, Bogen und Pfeile, steinerne Aexte u.s.w.
Diese Waffen sind reich mit ausgeschnitzten Figuren verziert, die oft nicht
ohne Anmuth sind. Sie fhren immer Feuer mit sich, weil sie es, des vielen
unverbrennbaren Holzes wegen, schwer anmachen.

Ihre musikalischen Instrumente, worauf sie aber wirkliche Tne
hervorbrachten, bestanden in einer Art von Rohrflte oder vielmehr Pfeife,
die sie aber nicht mit dem Munde, sondern mit den _Naslchern_ spielten,
was sich seltsam genug annahm. Andere Musikanten hatten plumpe Leyern
mit drei Saiten und noch andere Muscheln, die man See-Trompeten nennt und
worauf sie Tne hervorbrachten, als sei das jngste Gericht gekommen. Vom
Tacte, von einer Melodie scheinen sie keinen Begriff zu haben; Jeder blies,
was ihm einfiel, und dies gab die kstlichste Katzenmusik von der Welt.
Dies Alles wrde unserm William, fr den es vllig neu war, sehr belustigt
haben, wenn er nicht fr sein Leben htte frchten mssen. Die bisher
heitre Sonne verwandelte sich aber bald in eine sehr tragische. Ein Knabe,
der vielleicht dreizehn bis vierzehn Jahre alt sein mochte, kam jubelnd mit
einem _Opossum_ angeschleppt, das er erlegt hatte. Dies ist ein Thier von
der Gre eines Fuchses, hat aber in seinem Wesen viel vom Eichhrnchen;
auch nhrt es sich nur von Pflanzenkost. Wenn es schlft, rollt es sich
wie eine Kugel zusammen; wenn es wacht oder frit, setzt es sich auf die
Hinterfe, legt den Schwanz auf den Rcken und hlt seine Speise mit den
Vorderfen, wie ein Affe. Es hat auf dem Rcken lange braune Haare, die
nach dem Bauche zu in's Gelbliche fallen. Wird es verfolgt, so stt es ein
rauhes Geschrei aus. Die Augen sind gro und klug, die Schnauze ist sehr
spitz. Will es auf den Bumen von einem Zweige zum andern springen, so
wickelt es seinen langen Rollschwanz um einen Ast und springt dann mit dem
brigen Theile seines Krpers. Das Opossum gehrt zu den Beutelthieren,
wovon es so verschiedene Arten in Australien giebt.

Kaum hatten die Wilden den armen Knaben mit seiner Beute erblickt, so
sprangen alle, welche bisher am Boden gelagert gewesen waren, mit dem
Geschrei:

  Tapu! Tapu!

auf, schwangen ihre Waffen und umringten den zitternden Knaben, der
erschrocken seine Beute hatte fallen lassen und vor Schrecken am ganzen
Leibe zitterte. Der Zauberer oder Priester, welcher bisher unbeweglich,
einer Statue gleich, unter seinem Baume gesessen hatte, erhob sich jetzt
auch; seine Augen funkelten vor Zorn und drohend schwang er sein groes
steinernes Messer ber seinem Haupte. Alles machte dem Zornigen ehrerbietig
Platz, so da er sich ungehindert dem armen Knaben nhern konnte, der vor
Angst auf seine Knie niedergesunken war und seine Arme kreuzweis ber die
Brust gelegt hatte. Als der Priester bei ihm angelangt war, murmelte
er einige unverstndliche Worte, die wie das ferne Rollen eines Donners
klangen, und senkte dann sein groes Messer tief in die Brust des armen
Schlachtopfers, das sogleich umsank und aus dessen Leibe ein dicker Strom
von Blut hervorquoll.

Entsetzen ergriff William bei diesem Anblick, whrend Kolbi so ruhig zusah,
als wre gar nichts geschehen, und nahe war ersterer daran, einen lauten
Schrei auszustoen; er hielt ihn aber zum Glck zurck, denn er wrde
sie den Wilden verrathen haben und dann wre ihr Loos gewi kein besseres
gewesen, als das des armen Knaben.

Dieser wlzte sich noch einige Augenblicke in seinem eigenen Blute am
Boden, dann wurde er pltzlich still. Das arme Opfer des Aberglaubens hatte
ausgelitten: es war todt.

Mit der Freude und dem Feste der Wilden war es jetzt augenscheinlich aus.
Man nahm die Waffen auf; man warf Blumen und Krnze zur Erde; die lrmende
Musik verstummte und der Zug entfernte sich mit langsamen Schritten und
auf die Brust gesenktem Haupte, von dem Priester gefhrt. Dieser hielt
sein blutiges Messer hoch empor und rief von Zeit zu Zeit mit schauerlichem
Tone: Tapu! Tapu!

--Jetzt sind wir sicher, sagte Kolbi, sich vom Boden erhebend; sie
schiffen sich sofort wieder ein, und kehren nie nach diesem Eilande zurck,
da der Tapu durch den Knaben gebrochen worden ist.

--Was aber ist der Tapu? fragte William, der vor Entsetzen stumm
geworden war und erst jetzt seine Sprache wiederfand. -- Was der Tapu
ist? wiederholte Kolbi und sah ihn verwundert ber seine Unwissenheit an.
Der Tapu ist der Tapu, fgte er hinzu; wei William denn das nicht?

Nein, versetzte dieser; wie sollte ich wissen, was ein Tapu ist? Nur
soviel habe ich eben erfahren, da es etwas Schreckliches ist, da er dem
armen Knaben das Leben gekostet hat.

Unser Kolbi war nicht gelehrt genug, um William die Sache gehrig erklren
zu knnen, auch verstand er sie in der That selbst kaum und wute nur
soviel, da, wer den Tapu gebrochen, sein Leben verwirkt hat. Da Ihr, meine
Theuren, gewi aber eben so neugierig seid, wie unser William war, will ich
Euch die Erklrung nicht vorenthalten.

_Tapu_ oder auch _Tabu_ -- das erstere Wort ist das richtigere -- bedeutet
so viel als ein Verbot, dieses oder jenes Thier, diese oder jene Pflanze,
einen Stein, ein Haus, ein Feld, kurz irgend eine Sache berhren, das
Thier, worauf der Tapu gelegt, tdten, die andern Gegenstnde berhren zu
drfen. Es ist dies eine sich selbst auferlegte freiwillige Entbehrung,
etwa wie unsere katholischen Glaubensbrder sich an gewien Tagen des
Fleischgenusses enthalten. Das Wort des Priesters oder des Oberhaupts, ein
Traum, den der Eine oder Andere gehabt hat, lt den Tapu auf eine Sache
legen; das Wort bedeutet also dem Sinne nach so viel als _Verbot_.

Dieses Verbot darf, bis es wieder aufgehoben ist, von keinem Mitgliede
des Stammes gebrochen werden, und bricht es Einer, so ist er dem Tode
verfallen. Der arme Knabe hatte wahrscheinlich vergessen oder berhrt, da
der Priester den Tabu ber das Opossum ausgesprochen, und als er jetzt mit
einem erlegten Thiere dieser Art ankam, war er dem Tode verfallen. Der
Ort aber, wo der Tapu gebrochen worden ist, wird von den Wilden als
ein entweihter, als ein Ort des Unheils angesehen, daher augenblicklich
verlassen, um nie wieder betreten zu werden. Das geschah auch jetzt, und
bevor noch eine Stunde verflossen war, befand sich kein Mensch, auer
unsern beiden Freunden, mehr auf der Insel.

Wie gern wre Kolbi, der noch immer an seinen aberglubischen Vorstellungen
hing, seinen Brdern gefolgt; da er aber in ihnen die Feinde seines Stammes
erkannt hatte, wagte er es nicht, sondern wollte lieber auf der Insel
seinem Schicksale entgensehen.




Zwanzigstes Kapitel.


Der Anblick, den das Haus und dessen Umgebung gewhrte, war der
niederschlagendste von der Welt. Die Wilden hatten die Htte nicht nur
eingerissen, sondern auch einen Theil der Bretter verbrannt. Von den
Gerthen, die mit so groem Fleie und unter so anhaltender Anstrengung
von ihnen verfertigt worden waren, fand man nur einige wenige unter den
Trmmern vor, und auch diese waren zum Theil zerstrt. Das Behltni, worin
man die Thiere aufbewahrt hatte, war erbrochen und diese selbst fort:
ob die Wilden sie getdtet, ob ihnen die Freiheit gegeben hatten? wer
vermochte das zu bestimmen?

Unsre Freunde waren so betrbt ber den Anblick, der sich ihnen darbot,
da sie ganz verstummt waren und sich mit Augen ansahen, in denen Thrnen
perlten.

Ein schwerer Gang stand unserm William, der sich mehr als Kolbi fr die
Gartenanlage interessirte, noch bevor: er wagte es kaum, die Gartenmauer zu
ersteigen; denn was konnte er erwarten, als auch in diesem die Gruel der
Verwstung zu erblicken?

Endlich raffte er sich auf und erstieg die Mauer; als er oben auf derselben
stand, verklrte ein Lcheln, das erste nach lngerer Zeit, sein Antlitz
und mit lauter, freudig bewegter Stimme rief er: Kolbi! Kolbi!

Dieser kam auf den Ruf seines Freundes eiligst herbeigerannt und fragte,
was es gbe?

Freude! Freude! rief ihm William entgegen. Unser Garten ist unversehrt
und die Melonen stehen in vollster Blte.--

Kolbi, der nicht wute, welch' eine kstliche Frucht die Melone sei,
bezeigte weniger Freude, als William erwartet hatte, und sagte sogar
verdrielich:

Da sie uns alles Andere zerstrt haben, htten sie den Garten auch noch
zerstren knnen!

--So denke und spreche ich nicht, versetzte William etwas gergert durch
die Gleichgltigkeit seines Freundes; ich danke vielmehr Gott, da er uns
diese Freude noch lie.--

--Ich wrde deinem Gott auch gedankt haben, obgleich ich ihn noch nicht
recht kenne und mich fast so sehr vor ihm frchte, wie vor dem bsen Geiste
_Potayan_, wenn er uns die Htte und alles Andere auch bewahrt htte: da
nun aber die Htte in Trmmer liegt und unsere Gefe zerschlagen sind,
htte er die Blumen immerhin auch mit zerstren lassen knnen; denn Blumen,
und viel schnere als diese, blhen ja berall.

--Wenn du erst einmal die Frchte dieser Blumen gekostet haben wirst,
versetzte William, dann wirst du anders sprechen; ich aber danke meinem
Gott, der ein freundlicher Gott ist, fr die kleine Gabe, wie fr die
groe.

Er verlie mit diesen Worten Kolbi, um nach seinen Orangenbumchen zu
sehen, die ihm fast eben so sehr am Herzen lagen, als die Melonen, obgleich
er wute, da er noch viele Jahre wrde warten mssen, bevor er von ihnen
Frchte zu ernten erwarten durfte. Zu seiner nicht geringen Freude waren
auch sie, wie alles Andere, unversehrt; ja sie hatten whrend der Regenzeit
artige Blttchen getrieben und sahen ganz frisch und krftig aus.

Als er Alles gehrig besehen hatte und eben wieder zu Kolbi zurckkehren
wollte, der traurig neben den Trmmern der Htte sa, hrte er die Worte
rufen:

--Gieb Futter! Gieb Futter!

--Ach! da bist auch du noch?! rief er freudig bewegt aus und ging auf
die Gegend zu, von welcher der Ton gekommen war. Lange konnte er das artige
Thierchen nicht finden; es hatte sich unter der Gartenmauer verkrochen,
verrieth sich aber bald durch seinen wiederholten Ruf: Gieb Futter! Gieb
Futter!

Endlich entdeckte William seinen Schlupfwinkel, und als er die Hand
hineinsteckte, hpfte das artige Thier -- Ihr werdet schon errathen haben,
da es der Knigspapagei war -- ihm auf dieselbe, und sah ihn mit klugen
Blicken an, als er es in die Hhe hob.

William trug ihn sogleich zu dem trauernden Kolbi, dessen Gesicht beim
Anblick seines Lieblings vor Freude verklrt wurde. Der Verlust des
Papageis war ihm fast eben so nahe gegangen, als der der Htte und alles
Andern, und so hatte er durch das Wiederfinden desselben auch seine
Freude in der Trbsal. Er nahm ihn von Williams Hand auf die seinige und
streichelte ihn mit der andern, was das Thierchen sich willig gefallen
lie.

--Hre, sagte dann Kolbi, nun mag ich deinen guten Geist, den du Gott
nennst, schon besser leiden; da er uns den lieben Vogel wieder gab, war
wirklich recht gut von ihm.

--Du wirst den lieben Gott schon noch nher kennen und ihn dann eben so
lieben lernen, wie ich ihn liebe, war Williams Antwort.

--Wenn er aber so gut ist, wie du sagst, versetzte Kolbi, weshalb lie
er denn die Feinde an das Eiland kommen und unsern Dingo tdten, unsre
Htte zerstren, unsre Gefe zertrmmern? Du sagst mir immer, da er eine
so groe Macht habe und Alles knne, was er wolle; so htte er ja auch die
Feinde abhalten knnen, uns so groen Schaden zuzufgen und uns in solche
Angst zu versetzen?

Ich wei noch nicht, versetzte William ernst, wozu es gut und fr uns
heilsam war, da wir dieses Unheil erfahren muten; allein ich hege das
feste Vertrauen zu der Gnade, Weisheit und Freundlichkeit meines Gottes,
da er es auch in dieser Prfung gut mit uns meinte, und da sie zu unserm
wahren Heile dienen werde.

Kolbi konnte dies noch nicht recht verstehen, sondern schttelte bedenklich
das Haupt und meinte: Gottes Gte offenbare sich nur in dem seinen
Geschpfen verliehenen _Glcke_. Er sollte aber, zu seinem Heile, eines
Bessern belehrt und davon berzeugt werden, da Gott seine Menschen eben
am meisten liebt, wenn er ihnen Trbsal sendet. William legte inde nicht
lange die Hnde in den Schoo, sondern machte sich sogleich davon, die
Trmmer der Htte zu untersuchen, um zu sehen, ob die Wiederherstellung
derselben wohl mglich sein wrde. Diese Untersuchung gewhrte aber
ein ziemlich trostloses Resultat: weit ber die Hlfte der Bretter war
verbrannt und der noch brig gebliebene Theil in einem solchen Zustande,
da an den Wiederaufbau nicht gedacht werden konnte; ja, der Rest der
Bretter reichte nicht einmal hin, das Dach einer von groen Steinen
ausgefhrten Htte zu decken. Das war dann freilich eine ziemlich trostlose
Aussicht, um so mehr, da die Hhle noch immer von den Ameisen bewohnt
wurde, die sich fr immer huslich darin niedergelassen zu haben schienen.
Inde mute doch ernstlich auf ein sicheres Obdach gedacht werden, da, wenn
wieder ein Unwetter eintreten sollte, sie ohne ein solches nicht htten
sein knnen.

Die Sache hatte inde groe Schwierigkeiten, denn einestheils hatte man
bereits die in der Nhe aufzutreibenden grern Steine zur Umzunung
des Gartens benutzt, und die Gartenmauer wieder einzureien, dazu konnte
William sich nicht verstehen, da er sich des vielen vergossenen Schweies
erinnerte, unter dem sie die nthigen Steine herbeigeschafft und
aufgethrmt hatten; anderntheils wurden zum Bau der Htte eine so groe
Menge von Steinen erfordert, da man Monate lang daran htte schleppen
mssen, und doch war das Bedrfni eines schtzenden Obdachs so dringend.
Die Mauern, welche die Htte bilden sollten, muten von einer doppelten
Lage von Steinen aufgefhrt werden, damit sich die eine Lage gegen die
andere sttze; denn man hatte ja keinen Mrtel, um die Steine gehrig
miteinander zu verbinden und aneinander zu befestigen.

Es sieht sehr schlimm um uns aus, sagte William zu Kolbi, der sich wie
ein Kind noch immer mit dem wiedergefundenen Papagei beschftigte und fr
nichts Anderes Sinn zu haben schien, es sieht sehr schlimm um uns aus, und
wir werden, frchte ich, noch manche Nacht unter freiem Himmel zubringen
mssen, bevor wir wieder eine neue Htte haben werden.

Da wir unter freiem Himmel schlafen, ist nicht nthig, versetzte Kolbi
mit gleichgltigem Tone; fr mich wre das brigens kein allzugroes
Unglck, da ich daran gewhnt bin, fgte er hinzu, und Regen und Unwetter
wird es sobald wohl nicht wieder geben: hat doch der bse Geist alles
Wasser ausgegossen und mu erst neues wieder sammeln, um es ber uns
auszuschtten.

Ich aber frchte mich davor, unter freiem Himmel bernachten zu mssen,
nahm William wieder das Wort, wei ich doch, wie nachtheilig das auf meine
Gesundheit wirkt.

Nun, so arbeiten wir nur am Tage hier, versetzte Kolbi, und kriechen
Nachts in die Hhle des Koala, die nicht allzuweit von hier ist. Das Thier
wird sie uns schon noch lngere Zeit abtreten mssen und sollte es sich
zudringlich zeigen, so haben wir ja noch unsere Axt, um es todt schlagen zu
knnen.

William, der an diesen Ausweg nicht gedacht hatte, war sehr erfreut ber
Kolbis Vorschlag und nahm ihn mit Freuden an. Dann wurde sogleich zum Werk
geschritten: man rumte die Trmmer weg, legte alles brauchbare Holz auf
die Seite, reinigte den Boden und schleppte Steine herbei, welches letztere
freilich eine unendlich mhsame Arbeit war, da man die Steine zum Theil
sehr weit suchen mute. Inde verlor man trotz dem den Muth nicht und auch
die Krfte reichten aus, da man sie durch eine gehrige Nahrung und einen
gesunden Schlaf wieder strkte.

Auch fr eine grere Bequemlichkeit in der Hhle des armen Koala wurde
gesorgt, indem man sie so erweiterte, da Beide bequem Platz nebeneinander
fanden, und man den Boden mit ausgerauftem Grase bedeckte, das ein weiches,
duftiges Lager bildete.

Man arbeitete unausgesetzt den ganzen Tag ber, mit Ausnahme der Zeit,
deren man zur Zubereitung und zum Genusse der Speisen bedurfte, und
schon nach etwa vierzehn Tagen hatte die Steinmauer, die man in einem
regelrechten Viereck auffhrte, die halbe Hhe ihres Leibes erreicht. Mit
herzinniger Freude sahen unsere Freunde ihr mhsames Werk mit jedem Tage
mehr wachsen, und so sauer ihnen auch manchmal der Transport der schweren
Steine wurde, die noch obendrein bergauf geschleppt werden muten, so
hrte man doch keine Klage von ihnen, und unter frhlichen Gesprchen und
Gesngen schritt das Werk vorwrts.

Die Melonen waren indessen auch nicht faul, und gaben sich Mhe zu wachsen,
wie mir einstmals ein kleiner Knabe naiv von den ber Nacht aufgebrochenen
Blumen sagte. Die Ranken breiteten sich bereits ber eine groe Flche des
Bodens aus und die Bltter hatten eine in Europa nicht vorkommende Gre
erreicht; unter ihnen aber reifte still die herrliche, saftreiche und
duftige Frucht, die hier, unter dem heien Himmelsstriche, die Gre eines
migen Krbis erreicht. Es war der Samen der schnen Netzmelone gewesen,
den William gefunden und der Erde anvertraut hatte. Jeden Tag bildete sich
das weiliche Netz deutlicher auf der grngelben Flche der Frucht aus, und
endlich lie sich eine davon bereits etwas weicher anfhlen, so da William
meinte, man knne schon zum Genusse derselben schreiten.

Es wrde mir schwer werden, Euch zu beschreiben, mit welchen Empfindungen
unser Freund sein Messer hervorzog, um die Frucht abzuschneiden; ich mchte
sie eine heilige nennen, denn seine Seele war mit Dank gegen Gott, den
Geber alles Guten, erfllt; Kolbi aber stand ziemlich gleichgltig dabei
und sah zu, wie William die Melone abschnitt und aufhob; ihn ergtzte noch
nichts daran, als die Gre der Frucht und ihr ungewohntes Ansehen; Gott
fr die Gabe zu danken, kam ihm aber nicht in den Sinn.

William trug inde die Melone unter einen groen Gummi-Baum, holte ein
Stckchen Brett herbei, legte es auf den Boden und die Melone darauf, um
sie auf diesem improvisirten Teller zu zerschneiden. So wie das Messer
hineindrang, fuhr ein hochgelber Saft aus der Wunde hervor, die er
der Frucht beigebracht hatte, so da ihm das Wasser schon im Munde
zusammenlief; dann schnitt er ein Paar tchtige Schnitte ab und gab erst
Kolbi eine, dann nahm er selbst eine andere und bi hinein. O, wie s
schmeckte die Frucht, wie duftig, wie labend war sie, wie angenehm khlend!

Kolbi sagte nichts, aber nicht, weil ihm die Melone nicht schmeckte,
sondern weil sie ihm _so gut_ schmeckte, wie noch nie etwas in seinem
Leben; das Entzcken beraubte ihn der Sprache und er kaute mit beiden
Backen.

Nun, sagte William, der ihm mit Vergngen zusah, nun, wie schmeckt
Dir die Melone? und war es nicht ein Glck, da die Feinde die lieben
Pflnzchen verschonten? Gelt, Du hast jetzt auch Deine Freude daran,
Kolbi?

Ein groes Glck war es, da sie die Pflanzen nicht auch zerstrten, wie
alles Andere, versetzte Kolbi, indem er sich die vom Safte der Frucht
betrufelten Finger ableckte -- denn ein manierlicher Esser war der arme
Wilde noch keineswegs; -- ein groes Glck, William! Du aber bist sehr
geschickt, da Du solche gute Melonen machen kannst! ich knnte das nicht!

Ich habe sie nicht gemacht, war Williams Antwort; sie ist eine Gabe
unseres lieben Vaters im Himmel, des guten Gottes.

O, Du willst mir etwas vorlgen, sagte Kolbi schlau lchelnd; aber Kolbi
ist nicht so dumm, Kolbi hat gesehen, wie Du die Melonen gemacht hast, und
er glaubt Dir nicht, da Dein Gott sie gemacht habe.

Ich konnte nichts weiter thun, als da ich die gefundenen Kerne in die
Erde steckte, versetzte William; aber diese Kerne waren ein Werk, ein
Geschenk Gottes, und er gab Sonnenschein und Regen und das liebe Erdreich
dazu, in denen sie wuchsen und gediehen; ich konnte weder die Erde, noch
Sonnenschein und Regen machen, das konnte nur Gott.

Kolbi antwortete seinem Freunde nicht, denn er war noch nicht im Stande,
ihn zu verstehen; er starrte aber lange vor sich hin, als wenn er recht
ernstlich ber die Sache nachdchte, dann sagte er:

Hre William, wenn es wahr ist, da dein Gott die Melonen gemacht hat --
und ich glaube es Dir, weil Du Kolbi noch niemals belogen hast -- so
will ich ihn auch lieb haben, lieber als den guten Geist _Koyan_, den wir
anrufen, wenn wir in Noth sind oder etwas haben wollen; denn Koyan kann so
gute Melonen nicht machen. Wenn meine Brder diese Melonen schmeckten, und
ich ihnen sagte: die hat der Gott der weien Leute gemacht, so wrden sie
ihn auch lieben, wie ich ihn jetzt liebe.

Thue das, versetzte William gerhrt, und danke ihm zugleich fr die
herrliche Gabe.

Kann er denn meinen Dank hren? fragte Kolbi verwundert und sah sich fast
ngstlich nach allen Seiten um, als frchte er, Gott, zu erblicken.

Wohl kann er das, versetzte William.

Er ist ja aber nicht da und ich sehe ihn nirgends?

Er ist _unsichtbar_, aber _berall_, war die Antwort.

Das verstand Kolbi wieder nicht, selbst da nicht, als William ihn darauf
aufmerksam machte, da man in seinem Lande doch auch an einen guten und
bsen Geist glaube, obgleich ihn keiner gesehen.

O, die hat man wohl gesehen! versetzte Kolbi.

Sahst Du sie denn je? fragte William.

Nein, ich nicht, auch keiner meiner Brder; aber die Zauberer sahen sie
und sprachen mit ihnen, versetzte Kolbi.

Das glaube ich nicht, erwiederte William; Eure Zauberer sind Lgner,
wenn sie das sagen; den guten Geist, wie Ihr den nennt, den wir Gott
nennen, sieht Niemand, hrt Niemand: er ist unsichtbar, wie ich Dir schon
gesagt habe.

Wie aber wei man denn, da er da ist? fragte Kolbi.

Man erkennt sein Dasein an seinen Werken.

Das war wieder zu hoch fr unsern armen, unwissenden Wilden; William aber
wollte ihm die Sache gern deutlich machen und fuhr fort:

Gesetzt, Du und ich, Kolbi, trennten uns auf einige Zeit; Du gingest
dahin, ich dorthin und wir shen einander auch gar nicht mehr, so wrdest
Du doch, wenn Du nach einiger Zeit hierher zurckkehrtest und die Htte
gnzlich vollendet fndest, bei Dir sagen: die hat William fertig
gemacht; so wrdest Du sagen, wenn Du mich auch gar nicht mehr shest.

Ja, das wrde ich; denn wer sonst sollte sie gemacht haben? war Kolbis
Antwort.

--Sieh, fuhr William fort, eben so hat sich der liebe Gott in frherer
Zeit den Menschen offenbaret, damit sie an sein Dasein glauben und ihn
anbeten sollten; jetzt, wo sie das thun, redet er nicht mehr zu ihnen,
sondern offenbart sich ihnen nur noch durch seine Werke. Er ist es, der die
Welt geschaffen hat und erhlt; der die Sonne, den Mond, die Sterne, das
Meer, die Erde machte, der sie mit Menschen und Thieren bevlkerte, der
Regen und Sonnenschein, Sturm und Gewitter giebt, der die Keime in der Erde
sich entwickeln, die Pflanzen wachsen und gedeihen, die Frucht reifen lt,
damit sich seine Geschpfe davon nhren, daran erfreuen. Er kann, was
er will, denn er ist _allmchtig_; er will immer nur das Beste seiner
Geschpfe, denn er ist _allgtig_, er lenkt Alles zum Besten, denn er ist
_allweise_, das heit, er besitzt mehr Verstand und Einsicht, als alle
seine brigen Geschpfe zusammen; er sieht und hrt Alles, denn er ist
_allgegenwrtig_.

--Hre William, versetzte Kolbi nach einer ziemlich langen Pause,
whrend welcher er ernstlich nachgedacht zu haben schien, hre, ich will
deinen Gott, von dem du so viel Gutes sagst, auch lieb haben, noch lieber,
als den guten Geist, von dem die Zauberer erzhlen.

Thue das, mein Kolbi, antwortete ihm William, indem er ihm die Hand
reichte, und wenn du willst, lehre ich dich beten zu unserm guten Gott im
Himmel; das Gebet, der Dank seiner Menschen sind ihm angenehm.

--Ach! versetzte der arme Kolbi mit einem tiefen Seufzer, wie werde ich
das lernen knnen? bin ich doch dumm!

--Du bist keineswegs dumm, sondern nur unwissend, antwortete ihm
William; dumm ist nur Der, _der nichts lernen kann_, unwissend aber,
welcher wohl lernen knnte, bisher aber noch nichts gelernt hat.

--Es wre ein groes Glck, wenn ich nicht dumm wre und noch beten --
sagtest du nicht so? -- lernen knnte, erwiederte Kolbi.

Unter diesen und hnlichen Gesprchen verbrachten die Freunde ein sehr
angenehmes Stndchen. Sie lieen sich dabei die Melone vortrefflich
schmecken, von der William, ein guter Haushlter, die Kerne sorgfltig
sammelte, um sie demnchst der lieben Erde wieder anzuvertrauen, damit sie
neue Frchte trge. Er trocknete sie, indem er sie auf ein groes Blatt
legte, an der Sonne und steckte dann hie und da einen Kern in die Erde. Als
sie emporkeimten, sah Kolbi nicht mehr mit Gleichgltigkeit auf die jungen
Pflnzchen, sondern freute sich ihrer, wie frher William.

Die berflssigen Kerne -- Ihr werdet wissen, welch' eine Menge eine
einzige Melone hat, und unsre Colonisten hatten davon mehr als hundert --
blieben auch nicht unbenutzt. Der schne zahme Papagei naschte nicht nur
sehr gern von der duftigen Frucht, sondern fast lieber noch von den Kernen,
die slich und sehr wohlschmeckend sind. Man gewann also ein sehr gutes
und reichliches Futter fr das liebe Thierchen und hatte nicht mehr nthig,
es mhsam zu suchen, was man frher gezwungen gewesen war zu thun.

Der Bau der Htte rckte inde vorwrts und da man jetzt Zeit hatte,
an Alles zu denken, wurde im Hintergrunde derselben sogar ein Feuerherd
angelegt, den man zwar nicht immer, wohl aber whrend eines heftigen Regens
benutzen wollte. Man hatte nmlich whrend der Regentage groe Mhe gehabt,
die Htte vor dem Verbrennen zu beschtzen, da man gezwungen gewesen war,
das Feuer in derselben anzumachen, weil der drauen fallende heftige Regen
es ausgelscht haben wrde. Dazu gesellte sich noch ein hchst heftiger
Rauch, dem man keinen Abzug geben konnte, weil man die Thre nicht immer
ffnen durfte. Diesen groen Unbequemlichkeiten sollte jetzt durch den Bau
eines Heerdes und Schlotfanges abgeholfen werden. Die Sache war nicht eben
leicht, aber William probirte so lange, bis sie gieng, und an Ausdauer
bertrafen ihn Wenige. Zwar mute er, um den Schlotfang bilden zu knnen,
einige von seinen Brettern hergeben; allein die Sache war zu wichtig und
so durfte er nicht anstehen, sie in's Werk zu richten. In allem Andern
vertraute er Gott und hoffte mit Zuversicht auf seinen Beistand.

Endlich war die Htte so weit, da nur noch das Dach fehlte, aber um dieses
stand es bel: die brig gebliebenen Bretter reichten kaum zur Hlfte aus
und an eine Thr war vollends nicht zu denken. Doch war letztere durchaus
nothwendig, schon der giftigen Schlangen wegen, die ihnen unfehlbar
nchtliche Besuche abstatten wrden, wenn sie die Htte nicht wohl
verwahrten; hatten sie doch schon in der Erdhhle des Koala Mhe genug,
sich dieser feindlichen Gste zu erwehren.

Die Sachen standen also ziemlich trostlos; man verlor jedoch den Muth
nicht und beschlo, die ganze Insel, immer am Meeresstrande hingehend,
zu umkreisen, in der Hoffnung, vielleicht noch einige Planken von dem
gestrandeten Schiffe zu entdecken, auf dem William hergekommen, oder auch
von einem andern, das von demselben unglcklichen Schicksale betroffen
worden war.

Zu dieser Reise, obgleich die Insel nicht gro war, bedurfte es doch
einiger Vorbereitungen, weil man nicht sicher sein konnte, berall
Lebensmittel zu finden. Man mute daher einige Vorrthe mit sich nehmen und
ersah zu diesem ein paar Melonen, so wie eine Portion Pataten aus, die man
in einem linnenen Quersacke mit sich nahm. Nachdem man Alles wohl bedacht
und beschafft hatte, trat man in Gottes Namen die Wanderung an.




Einundzwanzigstes Kapitel.


Frhlich und wohlgemuth, theils unter heitern, theils unter belehrenden
Gesprchen, wanderten unsere Freunde fort. William, der das herzlichste
Verlangen trug, seinen geliebten Kolbi mit dem erhabenen Wesen nher
bekannt zu machen, auf das er sein vollstes, innigstes Vertrauen setzte, zu
dem er sich in Freud' und Leid immer zuerst wandte, redete seinem Begleiter
auf diesem Wege viel von Gott, und zu seiner Freude fand er jetzt schon ein
offeneres Ohr fr die Wahrheiten der Religion bei demselben, als er frher
gefunden haben wrde. Nach und nach entsagte Kolbi seinen aberglubischen
Vorstellungen und wandte sein Herz dem einigen wahren Gott zu. William,
dem das eine unaussprechliche Freude machte, versumte keine sich ihm
darbietende Gelegenheit, ihn auf die Wunder der Natur und zugleich auf die
erhabenen Eigenschaften Gottes aufmerksam zu machen, und da er zwar nicht
gelehrt, aber eindringlich und aus innerster Ueberzeugung sprach, fanden
seine Worte Eingang bei seinem Freunde.

Den eigentlichen Zweck ihrer Wanderung schienen unsre Beiden inde
verfehlen zu sollen. Wie sorgsam sie auch sphten, so erblickten sie doch
am Meeresstrande nicht das Geringste, das ihnen zu ihrem Zwecke htte
dienen knnen. Es lagen zwar viele schne bunte Muscheln und Steine genug
am Ufer, allein auch nicht das kleinste Stckchen Holz, das ihnen zu ihrem
Bau htte dienen knnen.

Dies war ihnen natrlich sehr unangenehm; allein es entmuthigte William
keineswegs, sondern er sann sogleich auf Abhlfe, die ja auch noch immer
mglich war, da sie ihre Gerthschaften vor der Zerstrungswuth der Wilden
gerettet hatten.

Am zweiten Morgen ihrer fruchtlosen Wanderung war es Kolbi, der zuerst
erwachte und dem nahen Meere zueilte, um sich in der khlen Fluth zu baden,
wie es seine Gewohnheit in der Heimath gewesen war. Er hatte kaum seine
wenige Bekleidung abgeworfen und schickte sich eben an, sich ins Wasser zu
strzen, als sein ber das Meer hinstreifender scharfer Blick ein kleines
dunkles Pnktchen am uersten Rande des Horizontes entdeckte. Er starrte
es einige Augenblicke an und bemerkte, da es beweglich war. Jetzt weckte
er William, um ihn auf die Erscheinung aufmerksam zu machen; denn er wute
mit Gewiheit, da das schwarze Pnktchen am vorhergehenden Abende nicht an
der Stelle gewesen war, und so erregte es mit Recht seine Aufmerksamkeit.

William, der durch Kolbi in einem lieblichen Traume gestrt worden war, der
ihn nach der geliebten Heimath, in das Haus seiner Mutter versetzte, war
fast ein wenig unwillig, da Kolbi ihn erweckt hatte, er rieb sich die noch
schlaftrunkenen Augen und fragte, was es denn gbe?

Einen schwarzen Punkt gibt es da drben, der gestern Abend vor unserm
Einschlafen noch nicht da war, antwortete ihm Kolbi; komm nur und sieh
selbst.

Jetzt sprang William auf; denn er wute noch von seiner Seereise her,
was solche schwarze Punkte am uersten Rande des Horizontes zu bedeuten
hatten, und sein Herz schlug fast hrbar in der Brust.

Wo siehst Du denn den Punkt? fragte er, seine ganze Sehkraft, wiewohl
vergeblich, anstrengend; denn sein Auge war, obschon sehr gut, doch nicht
so scharf sehend, als das seines Freundes.

Da! da! war Kolbis Antwort, indem er mit der Hand nach der Gegend
hinzeigte. Siehst Du es denn nicht?

Ich sehe nichts, gar nichts! antwortete ihm William; Du hast Dich wohl
getuscht, Kolbi?

Gewi nicht! Ich sehe es deutlich, ganz deutlich, und es bewegt sich!

O mein Gott! rief William bei diesen Worten, und er wurde bla vor
Freude; o mein Gott, wenn es ein Schiff wre!

Es ist nur ein Punkt, sage ich Dir, und kein Schiff, versetzte Kolbi,
wenn es ein Canot wre, mte es ja grer sein.

Aus groer Ferne gesehen, erscheinen die Dinge viel kleiner, antwortete
ihm William, der noch immer nach der ihm bezeichneten Gegend hinstarrte,
aber leider nichts sehen konnte.

Siehst Du denn den Punkt noch immer? fragte er Kolbi nach einer ziemlich
langen Pause, die zwischen den Freunden entstanden war.

So deutlich, wie ich Dich sehe, war die Antwort, und der Punkt ist jetzt
schon grer, als er in dem Augenblicke war, wo ich ihn zuerst sah.

Wie pochte das Herz in Williams Brust bei diesen Worten! Wie strmten seine
Gefhle ber! Konnte er noch daran zweifeln, da das, was sein schrfer
sehender Freund sah, ein Schiff, vielleicht gar ein von Europa kommendes
Schiff sei? So war vielleicht Rettung, Erlsung nahe! So sollten Leiden und
Entbehrungen vielleicht ihr Ende bald finden! Thrnen traten ihm, besonders
bei dem Gedanken, seine ber Alles theure Mutter, die geliebte Heimath
wiedersehen zu sollen, in die Augen, und rollten in Strmen ber seine
Wangen. Kolbi, der ihn weinen sah, fragte theilnehmend:

Du weinst? Hat Kolbi Dich betrbt, William? Was hat Kolbi Dir Bses
gethan?

O nichts, nichts, Du guter, lieber Kolbi, rief William, indem er den
Freund umarmte; Du hast mir im Gegentheil durch Deine Entdeckung eine
unendlich groe Freude gemacht. Das, was Du mit Deinem gebteren
Auge bereits siehst und was ich noch nicht sehen kann, ist aller
Wahrscheinlichkeit nach eines von den groen schwimmenden Gebuden, von
denen ich Dir so viel erzhlt habe, und die wir Schiffe nennen. Auf einem
solchen Schiffe bin ich hierhergekommen, wie Du schon weit, und wenn es
Gottes Wille wre, mich zu erretten, so knnte das, was Du siehst, hier in
der Nhe Anker werfen, die Mannschaft knnte ans Land kommen und mich mit
sich nehmen, nach Europa, in die geliebte Heimath zurck.--

Und dann bliebe Kolbi hier allein zurck und strbe aus Kummer ber
William? fragte der Wilde traurig.

Nicht doch! Wie knnte ich Dich wohl verlassen, Dich, meinen einzigen,
meinen liebsten Freund auf der Welt? war Williams Antwort. Nein, Kolbi,
fgte er unter Thrnen hinzu; nein, ohne Dich ginge ich nicht! Aber
meine weien Brder wrden uns Beide mitnehmen; ich wrde Dich in meine
Vaterstadt Hamburg, in das Haus meiner Mutter fhren, wrde ihr sagen: da
ist mein Freund, mein Bruder Kolbi; nimm ihn an zu Deinem Sohne und liebe
ihn, wie Du mich liebst; und sie wrde Dich eben so lieben, Kolbi, denn sie
ist gut und liebevoll!

Das Alles sprach er unter immer heftiger strmenden Thrnen und Kolbi, der
ihn nicht weinen sehen konnte, ohne mitzuweinen, weinte auch diesmal mit.

Eine Stunde und drber verging inde noch, bevor auch William den
beweglichen schwarzen Punkt am Horizont unterscheiden konnte; so wie er ihn
aber gesehen hatte, sank er auf seine Kniee nieder und sandte ein heies
Dankgebet zu seinem himmlischen Vater empor; denn sein Herz zweifelte schon
nicht mehr an der Rettung.

Der Morgen und selbst der noch brige Rest des Tages verging den Freunden
in einer Art von bnglicher Erwartung. William besonders war in tiefster
Seele bewegt; Kolbi dagegen, seit er das Versprechen von seinem Freunde
hatte, da er ihn nicht allein auf der Insel zurcklassen wolle, weit
ruhiger; letzterer konnte sogar von den mitgenommenen Speisen genieen,
whrend William keinen Bissen ber seine Lippen zu bringen vermochte, wie
man gewhnlich in einer so groen innern Bewegtheit nicht an Speise und
Trank zu denken vermag.

Die Freunde hatten sich auf einer kleinen Erhhung in der Nhe des Strandes
niedergesetzt und schauten mit unverwandten Blicken auf das Meer hinaus.
Der zu Anfang so kleine Punkt trat mit jeder Stunde deutlicher hervor und
als es zu dmmern begann, konnte man bereits die Umrisse des Schiffs genau
unterscheiden.

Was htte William nicht darum gegeben, wenn die Natur diesmal zu seinen
Gunsten ihre gewohnte Ordnung umgekehrt und es nicht htte Nacht werden
lassen? Aber ach! sie ging ihren gewohnten Gang fort und mit jedem
Augenblick wurde es dunkler, bis endlich vollkommene Nacht auf den
Gegenstnden ruhte, und das Auge nichts mehr unterschied, als ber sich den
Himmel und die Sterne.

William konnte trotz dem, da er nichts mehr zu sehen vermochte, kein Auge
zuthun; Kolbi aber schlief, wie gewhnlich und erwachte erst, als sein
Freund ihn mit lautem, frhlichem Zuruf erweckte. Die liebe Sonne war zwar
noch nicht aufgegangen; aber schon zeigten sich ihre rosigen Boten, schne,
purpurrothe Wlkchen am stlichen Himmel und die Helligkeit verdrngte
siegreich die Nacht, die bisher mit ihren Schleiern Meer und Erde bedeckt
hatte.

Man sah jetzt ganz deutlich, etwa in der Entfernung einer deutschen Meile,
das Schiff liegen; doch war es der Insel nicht nher gekommen; vermuthlich
hatte es sich aus Vorsicht whrend der Nacht vor Anker gelegt, um nicht
zwischen die Klippen und Felsenriffe zu gerathen, womit das Meer in der
Nhe der Insel best sein konnte. Kaum war es inde vllig Tag geworden,
so entfaltete es seine schneeweien Segel wieder und schwamm zwar langsam,
aber majesttisch heran.

William verwandte kein Auge mehr davon und folgte mit seinen Blicken jeder
Bewegung des Schiffes. Es schien ihm inde nothwendig, der Mannschaft
desselben ein Signal zu geben, da man Menschen, auf Rettung hoffende
Menschen, auf der Insel finden wrde, und so bat er Kolbi, mit dem Beile,
das man mit auf die Wanderung genommen hatte, im nchsten Gehlze einige
lange Aeste zu fllen und sie her zu bringen. Kolbi willfahrte ihm, ohne
begreifen zu knnen, was er mit dem Begehrten wolle.

Als er mit seinen Aesten wieder bei William angelangt war, band dieser sie
zusammen, so da sie eine ziemlich lange Stange bildeten, und befestigte an
der Spitze derselben sein weies Hemd, das er inzwischen ausgezogen hatte.
Beide steckten dann die improvisirte Fahne so tief in den Sand des Strandes
ein, das sie fest und aufrecht stand. William wute, da man auf den
Schiffen die Gewohnheit hat, sich fleiig mit dem Fernrohr nach allen
Seiten umzuschauen, und gab sich so der Hoffnung hin, da man auch sein
Signal bald entdecken werde.

Dies geschah in der That; er bemerkte, da eine groe Bewegung auf dem
Schiffe entstand und hoffte, obgleich er noch nichts genau zu unterscheiden
vermochte, da man ein Boot aussetzen und einige Mannschaft zur Insel
senden wrde.

Es dauerte auch nicht gar lange, so rief Kolbi:

Ein Canot! Ein Canot!

Bei diesem Rufe sank William betend auf seine Kniee nieder und sendete
ein heies Dankgebet zu seinem himmlischen Vater empor: durfte er doch nun
nicht mehr daran zweifeln, da die Rettung nahe sei!

[Illustration: ~Seite 224.~]




Zweiundwanzigstes Kapitel.


Nach Verlauf von etwa anderthalb Stunden war das Boot der Insel bis auf
einige Flintenschsse nahe gekommen. William und Kolbi standen hart am
Strande und streckten den Rettern flehend die Hnde entgegen. Man winkte
ihnen mit Mtzen und Taschentchern, man schien sie anzurufen; allein die
Brandung des Meeres bertnte den Ruf der menschlichen Stimme.

Kolbi, sagte jetzt William, wir Beide knnen schwimmen; komm, la uns
in das Meer strzen und zu unsern Rettern hinberschwimmen, die vielleicht
durch die Furcht zurckgehalten werden, ihr leichtes Fahrzeug durch im
Meere verborgene Klippen gefhrdet zu wissen; ich glaube aber, da man an
dieser Stelle, trotz der heftigen Brandung, ohne Gefahr landen kann, und
das wollen wir ihnen sagen.

Kolbi war mit dem Vorschlage seines Freundes zufrieden; im Nu waren die
Kleider abgeworfen und Beide sprangen beherzt in das Meer. Als das die
Leute in der Barke sahen, setzten sie die Ruder, die bisher geruht hatten,
wieder in Bewegung, und man steuerte getrosten Muthes auf die beiden khnen
Schwimmer zu, die man bald erreichte.

So wie William und Kolbi in der Nhe des Bootes angelangt waren, rief man
ihnen in deutscher Sprache -- o welch ein himmlischer Klang war die fr
das Ohr unsers Williams! -- zu: sie mchten nur getrost an Bord kommen,
und schon nach wenigen Minuten standen unsere Freunde mitten unter der
Mannschaft.

Man begrte einander, man befragte sie nach ihrem Namen, nach ihren
Schicksalen, ihrem Vaterlande; man war nicht wenig erstaunt, auch einen
Eingeborenen des Landes -- denn dafr erkannte man Kolbi auf den ersten
Blick -- ziemlich fertig Deutsch reden zu hren, und hrte mit sichtbarer
Theilnahme Williams Erzhlung zu.

Diese Theilnahme bewies ihm vor allen Andern ein hoch und schlank
gewachsener Mann von mittleren Jahren, aus dessen angenehmen, gewinnenden
und freundlichen Gesichtszgen zugleich Milde, Freundlichkeit und Geist
hervorstrahlten. Er trug ziemlich langes, lockiges Haar, das fast bis auf
die Schultern hinabfiel, und sprach fertig Deutsch, obwohl mit einem etwas
fremdartigen Accent.

Alle, die im Boote waren, bezeigten gegen diesen Mann eine ganz besondere
Ehrfurcht und Zuneigung, denn so wie er sprach, schwiegen sogleich alle
Andere.

Whrend die Matrosen sich besonders mit Kolbi beschftigten, der ihre
Aufmerksamkeit fast mehr noch als William in Anspruch nahm, mute
Letzterer sich zu dem freundlichen Manne setzen, um ihm ausfhrlicher
seine Erlebnisse mitzutheilen. Als William ihm sagte, da er, obschon von
englischen Eltern abstammend, doch ein Hamburger von Geburt sei, verklrte
ein angenehmes Lcheln das Gesicht des liebenswrdigen Mannes und er sagte:

Hamburg kenne ich sehr gut und habe mich zu verschiedenen Zeiten daselbst
aufgehalten.

Das war denn eine groe Freude fr William, besonders als der Fremde seine
geliebte Vaterstadt lobte und sagte, da sie eine der angenehmsten und
bedeutendsten Stdte der Welt sei und er sie sehr lieb gewonnen habe.

Das von einem vorsichtigen und geschickten Steuermann gelenkte Boot landete
endlich an der Insel und Alle stiegen aus; zuerst unsere beiden Freunde,
die jetzt wieder dem Anstande huldigen und sich bekleiden wollten; denn
auch Kolbi mochte nicht gern mehr ganz blos gehen und hatte sich schon
gnzlich an seine Kleidung gewhnt.

Sobald man gelandet war, erging die Bitte an unsere beiden Colonisten, der
Mannschaft eine gute Quelle zu zeigen, damit man die mitgebrachten Fsser
damit anflle, denn der Wassermangel, welcher an dem groen Schiffe fhlbar
geworden war, hatte den Kapitain desselben vermocht, seinen Curs nach der
Insel zu richten, in der Hoffnung, daselbst diesem empfindlichen Mangel
abhelfen zu knnen.

Da man sich in dieser Hoffnung nicht getuscht hatte, wit Ihr, meine
Lieben. William und Kolbi fhrten die Mannschaft auf dem krzesten Wege
zu ihrem herrlichen Bache in der Nhe der halbfertigen Htte, und Alle
erlabten sich an dem kstlichen Getrnke, das sie so lange schon in solcher
Frische vermit hatten; niemals hatte ihnen der feurigste Wein so gut
geschmeckt, wie jetzt der frische Trunk aus der Quelle.

William und sein Kolbi konnten aber auch noch auf andere Weise der Pflicht
der Gastfreundschaft genug thun. Einige der kstlichen Melonen wurden aus
dem Garten geholt und an die Mannschaft des Boots vertheilt; man machte
ein groes Feuer an und legte eine Menge Pataten an die hoch emporlodernde
Flamme; whrend diese brieten, pflckte man die aus Gras und Stben
geflochtenen Krbe, voll der saftigsten Himbeeren, die nicht minder
willkommen als die Melonen waren, und Kolbi, der schon gar nicht mehr fremd
gegen die weien Mnner that, versprach, da er, wenn man ihm nur einige
Zeit lassen wolle, einen guten Braten zum Gastmahle liefern wrde.

Dieses Anerbieten war nicht zu verachten, da die Mannschaft so lange kein
frisches Fleisch genossen und sich seit Monaten allein mit gesalzenem
beholfen hatte, und so sprang Kolbi auf, griff nach Bogen und Pfeilen und
strmte fort.

Whrend er auf die Jagd ging, wurde beschlossen, die mitgebrachten
Wasserfsser zu fllen und an Bord zu schaffen, damit sich die auf dem
groen Schiffe befindliche Mannschaft daran erquicke, der Kapitain aber
auch zugleich Nachricht ber den Stand der Angelegenheiten erhalte.
William, der selbst in seiner fast bergroen Freude seine Besonnenheit
nicht verloren hatte, schlug vor, aus einigen Brettern, die das Dach der
Htte bildeten, eine Art von Schleife zu machen und vermittelst derselben
die jetzt gefllten, mithin schweren Wasserfsser leichter ans Ufer zu
fhren. Dieser Vorschlag wurde mit Freuden angenommen, und bevor noch eine
Stunde vergangen war, hatte man mit vereinten Krften die Schleife in Stand
gesetzt und zog sie, mit den Fssern und einigen Melonen beladen, unter
lautem Jubel an den Strand.

Ein Theil der Mannschaft, unter diesen der freundliche Mann, den William
gleich beim ersten Anblick schon so lieb gewonnen hatte, blieb auf der
Insel zurck, um die Ankunft der Uebrigen daselbst zu erwarten, denn man
zweifelte nicht daran, da Alle nach der Reihe kommen wrden, um sich auf
der Insel zu erfrischen.

Der liebe Mann, welcher William so sehr gefiel, war aber kein Anderer, als
der berhmte Dichter und Botaniker _Adalbert von Chamisso_, der auf der
russischen Brigg _Rurik_, gefhrt von dem Capitain _Otto_ von _Kotzebue_,
die Reise um die Welt mitmachte und jetzt mit den Andern auf diese
australische Insel gekommen war. Sollte der Eine oder Andere von Euch
die nachgelassenen Werke dieses eben so liebenswrdigen als edlen und
interessanten Mannes noch nicht kennen, so bittet Eure Eltern, da sie
Euch damit bekannt machen, namentlich mit der _Reise um die Welt_, die
er geschrieben hat und mit seinen Gedichten, die zu den schnsten gehren,
welche wir besitzen, obgleich ihr Verfasser von Geburt ein Franzose war.

Adalbert von Chamisso ist jetzt todt, aber sein Andenken lebt in seinen
Freunden und Freundinnen, zu welchen letztern auch ich mich zhlen darf,
fort, und seine Werke werden ewig leben.

Sobald der Marquis -- denn das war Chamisso von Geburt -- sich einigermaen
erfrischt hatte, bat er William, sein Fhrer auf der Insel zu sein, deren
Pflanzenwelt fr den Botaniker oder Pflanzenkundigen ein groes Interesse
haben mute. William war gern dazu bereit, und unsere Beiden traten ihre
Wanderung an. Alle Augenblicke blieb Chamisso stehen, um bald dieses,
bald jenes Pflnzchen zu beschauen und zu pflcken, und Alles, was seine
Aufmerksamkeit erregte, wurde sorgfltig in eine blecherne Kapsel gelegt,
die er an einem ledernen Riemen ber der Schulter hngen hatte.

Der Spaziergang, den beide machten, brachte sie einander noch nher.
William empfand gegen diesen liebenswrdigen und gelehrten Mann zugleich
die innigste Zuneigung und Ehrfurcht, und der offene William gefiel auch
ihm ganz besonders. Erst nach mehreren Stunden kehrte man zur Htte zurck,
wo man eben beschftigt war, die Jagdbeute Kolbis zum Braten vorzubereiten.
Diese bestand in mehreren wilden Tauben und einem jungen Kngeruh, das er
zu erlegen glcklich genug gewesen war. Man rupfte und sengte die Tauben
und zog dem Kngeruh das schne, sammtweiche Fell ab; man zersgte und
zerhieb die Bretter, die einen Theil des Daches der Htte gebildet hatten
und machte ein mchtiges Feuer an, um die Speisen daran zu braten. Allen
lief das Wasser im Munde zusammen, wenn sie an den sie erwartenden leckern
Genu dachten; aber allgemein war auch die Klage: Htten wir doch nur
daran gedacht, Salz und Schsseln mit vom Schiffe bringen zu lassen! Denn
Fleisch ohne Salz zu essen, verstanden sie noch nicht, wie unser William,
der sich Jahre lang ohne dieses nothwendigste aller Gewrze hatte behelfen
mssen.

Gro war daher ihre Freude, als die vom Schiffe Zurckkehrenden, mit ihrem
Kapitain an der Spitze, sorgsamer als sie gewesen waren und sowohl an Salz,
als an Gefe zum Kochen und Braten gedacht hatten. Ein frhliches Hurrah!
begrte sie, als sie das mitgebrachte von der Schleife packten und es
neben dem Feuer aufstellten. Jetzt erst konnte ein leckerer Braten gemacht,
konnten die Pataten in einem groen Kessel, den man ber dem Feuer aufhing,
in Salz und Wasser gehrig gekocht werden.

Der Reichthum, den die Insel an Wildbret und Geflgel darbot, bestimmte den
Kapitain der Brigg Rurik, sich fr ein lngeres Verweilen auf derselben
zu erklren, da die Mannschaft des Schiffes sowohl durch den in der letzten
Zeit eingetretenen Wassermangel, als durch den bestndigen Genu des
gesalzenen Fleisches etwas gelitten hatte. Es waren mehrere Krankheitsflle
an Bord vorgekommen, und der Schiffsarzt hatte einen Wechsel der
Nahrungsmittel fr die Mannschaft gewnscht.

Auch Adalbert von Chamisso war mit dem lngern Verweilen auf der Insel sehr
zufrieden, da er eine Menge ihm bis dahin unbekannter Pflanzen darauf
fand, die er sorgfltig trocknete und in sein Herbarium (oder seine
Krutersammlung) legte. Er war vom frhesten Morgen bis spt in die Nacht
auf den Beinen; oft begleitete ihn der Schiffsarzt, der sich auch sehr fr
die Pflanzenkunde interessirte, fterer aber noch unser William, fr den
er eine besondere Neigung gefat zu haben schien, und der ihm von seinem
Aufenthalte auf der Insel so viel zu erzhlen wute.

Allen erging es auf derselben sehr wohl, zumal da man in dem herrlichen
Bache eine Art von Brunnenkresse gefunden hatte, die fr die am Scorbut
leidenden Kranken eine wahre Wohlthat war, indem sie sie von dieser
lstigen Krankheit schnell wieder herstellte. Allein die bisher so wenig
von William und Kolbi belstigte Thierwelt hatte es seit der Landung der
russischen Mannschaft sehr schlimm. Man stellte Allem, was nur irgend
geniebar war, beharrlich nach: die wilden Tauben waren nicht mehr in den
hchsten Gipfeln der Bume sicher; der Koango nicht mehr in seiner Hhle;
die sonst so wenig scheuen Kngeruh's wurden von allen Seiten umstellt und
mit Pulver und Blei getdtet. Alle Augenblicke erschallte der Knall einer
Flinte, denn auch die an Bord befindlichen Naturforscher stellten den
kleineren Thieren nach, um sie ausstopfen und ihren Sammlungen hinzufgen
zu knnen! kurz, der Krieg zwischen Menschen und Thieren war ausgebrochen,
die letzteren aber sehr im Nachtheile, da sie kein Vertheidigungsmittel
hatten und vllig wehrlos niedergeschossen wurden.

Hchst seltsam war die Wirkung anzusehen, die der erste Flintenschu, den
Kolbi in seinem Leben vernahm, auf den armen Wilden machte. Zwar hatte er
die von der Schiffsmannschaft mitgebrachten Flinten gesehen und sie sogar,
neugierig wie er von Natur war, in die Hand genommen und sie von allen
Seiten betrachtet; er war auch gegenwrtig gewesen, als man sie mit Pulver
und Blei lud und hatte jede Bewegung der sie Ladenden mit angestrengter
Aufmerksamkeit verfolgt; allein was nun aus dem _Dinge_ -- Ding nannte
er Alles, was er noch nicht kannte -- werden solle, das wute er nicht.
Zufllig war es der Arzt, mit dem er auf seine Einladung ausgegangen war,
welcher den ersten Schu that, den er in seinem Leben hrte. Dieser hatte
hoch in dem Wipfel eines Eucalyptus einen sehr schnen Papagey erblickt und
wnschte ihn fr seine Sammlung zu haben. Kolbi sah, wie er _das Ding_
von der Schulter nahm, hrte das kleine Gerusch, welches durch das
Aufspannen des Hahns verursacht wurde, sah, wie der Arzt anlegte und zielte
und erwartete zwar mit Neugierde, aber auch mit Ruhe, was nun kommen wrde.
Da -- o wie ward ihm! -- da knallte es pltzlich dicht neben ihm los, und
zugleich mit dem gutgetroffenen Papagey strzte der Arme zur Erde.

Der Arzt war ber die doppelte Wirkung, die sein Schu gehabt hatte, sehr
erschrocken; er warf das Gewehr weg und kniete neben Kolbi nieder, der mit
festgeschlossenen Augen dalag und mit Hnden und Fen zappelte, als wre
er selbst von dem tdtlichen Blei getroffen worden.

Vergebens redete der Arzt ihm zu, ohne alle Furcht zu sein, indem ihm weder
Schaden zugefgt worden sei noch werden solle; er antwortete ihm nicht,
sondern zappelte mit seinen Extremitten fort und chzte mit noch immer
geschlossenen Augen wie ein Sterbender.

Erst nach langem Zureden gelang es dem selbst durch den Vorfall
erschrockenen Arzte, ihn einigermaen zu beruhigen und ihn dahin zu
bringen, da er sich vom Boden erhob; dazu konnte er ihn aber nicht
bewegen, da er ihn noch ferner auf seiner Streiferei begleitete; Kolbi
ergriff die Flucht, so wie er auf seinen Beinen stand, und lief zu William,
um diesem unter Thrnen sein Unglck zu klagen und ihn zu bitten, mit ihm
die Flucht zu ergreifen; denn, sagte er, er wolle keinen Verkehr mehr mit
den _Donner-Leuten_ haben.

Es wurde selbst William sehr schwer, ihn nur einigermaen zu beruhigen,
und ihn von der Flucht abzuhalten; dazu aber konnte er ihn nicht wieder
bringen, nochmals ein Gewehr in die Hand zu nehmen; denn darin se der
bse Geist, behauptete er.

Endlich, nachdem man sich beinahe acht Tage auf der Insel aufgehalten und
ihr, auf den Wunsch Chamisso's, den Namen _Rosmarien-Insel_ gegeben hatte,
-- so nannte er sie nach einer theuren Freundin, welche Rosa-Maria hie und
ihm auch bereits in die Ewigkeit gefolgt ist -- schickte man sich an, sie
zu verlassen und auf's neue mit dem Rurik die hohe See zu suchen.

William und Kolbi, die man natrlich mitnahm, packten von ihren wenigen
Sachen ein, was sie nur konnten, denn jetzt, wo sie fr immer von ihrer
lieben Insel scheiden sollten, hatte Alles, was sie dort besaen, einen
doppelten Werth fr sie. Besonders trug William Sorge dafr, in die Kiste
des Schiffszimmermanns Alles zu legen, was noch von den darin enthaltenen
Sachen vorhanden war. Er hatte die Absicht, wo mglich das Fehlende in
Hamburg zu ersetzen und das Ganze dann den Erben seines verstorbenen
Freundes zuzustellen; da diese in seiner Vaterstadt lebten, wute er und
hoffte so, sie auffinden und ihnen ihr rechtmiges Erbthum zustellen zu
knnen. Wie werth und theuer mute nicht fr diese Leute jedes Stck sein,
das der arme Steffen einst besessen hatte.

Kaum werdet Ihr es glauben knnen, und doch war dem so: William vermochte
sich nicht ohne heien Schmerz von seiner geliebten Insel zu trennen,
obschon ihn das Wiedersehen der ber alles geliebten Mutter, der theuren
Heimath bevorstand. Hatte er doch auf der Insel manchen guten Tag, manche
herzerhebende Stunde im Umgange mit seinem geliebten Kolbi verlebt; hatte
er doch auf ihr Nahrung und Obdach gefunden und seine krperlichen und
geistigen Krfte ben und erkennen gelernt; der Gedanke an dieses Alles
erfllte ihn zugleich mit Wehmuth und Dankbarkeit.

Am letzten Abende, als die Insel frh am andern Morgen verlassen werden
sollte, ergriff er die Hand seines Kolbi, um allein mit diesem noch einen
langen Spaziergang zu machen. Es war bereits khl geworden und sie
konnten also rasch fortwandern. Himmel und Erde waren gleich schn: die
untergehende Sonne spiegelte sich im Meere ab; die Luft fhrte ihnen
balsamische Dfte zu; die Gipfel der hohen Eucalypten waren noch mit dem
Golde der scheidenden Sonne bestreut; die Vgel sangen ihr Abendlied in den
Wipfeln; der Bach murmelte so traut; die hohen Grser bewegten sich leise
im sanften Abendwinde und es war eine Stille und Feier in der Natur, die
ihre Herzen unaussprechlich rhrte.

Lange standen beide Hand in Hand auf der Spitze des Hgels, an dessen
Abhange ihr Huschen lag, das jetzt nur noch eine unfrmliche Steinmasse
mehr war, und schauten auf dasselbe mit von Thrnen feuchten Blicken
hinab. Dann gingen sie in den Garten, und zugleich mit Wehmuth und Liebe
betrachteten sie die Pflanzen, die so frhlich darin wuchsen und von nun an
ihre Pflege entbehren wrden. Auch Kolbi war sehr still und augenscheinlich
bewegt; was er in diesem Augenblick empfand, vermochte er nicht
auszudrcken; aber auch in seinem dunklen Auge glnzte eine Thrne.

Williams Gefhle wallten endlich in einem Dankgebete ber; er sank auf
seine Kniee nieder und dankte Gott aus der Flle seines Herzens fr alles
Gute, was er von seiner Gnade empfangen hatte. Dann reichte er Kolbi die
Hand, und Beide setzten schweigend ihre Wanderung fort, von der sie erst
mit Anbruch der Nacht zurckkehrten.




Dreiundzwanzigstes Kapitel.


Frh am andern Morgen ging es an Bord des Ruriks, an den man bereits am
vorhergehenden Tage alle gesammelten Lebensmittel geschafft hatte.

William und Kolbi waren die letztern in dem Zuge, der sich unter frhlichem
Geplauder, unter Scherzen und Lachen dem Strande nherte. Da, als man
bereits eine gute Strecke von der Htte entfernt war, hrten unsere beiden
Freunde pltzlich das ihnen so wohlbekannte: Gieb Futter, Gieb Futter!

O, mein Gott! rief William, den Arm Kolbis loslassend und einige Schritte
zurckgehend, bald htten wir unsern guten Freund hier vergessen! Wie
wrde mich das betrbt haben!

Es dauerte keine Minute, so sa der schne Lori ihm auf der Schulter; denn
da er ihn nie neckte, wie Kolbi aus Muthwillen zuweilen that, hatte der
Papagei eine ganz besondere Vorliebe fr ihn gefat.

Komm, sagte William, das glnzende Gefieder des schnen Thieres sanft
streichelnd, komm, Lori, Du sollst mit mir und, wenn Gott mir meine
geliebte Mutter erhalten hat, ihr zur Freude, mir aber zur Erinnerung an
dieses rettende Eiland dienen; denn nie werde ich deine Stimme vernehmen,
ohne an Alles erinnert zu werden, was ich hier erlebte.

Der Vogel sah ihn mit seinen klugen Augen so verstndig an, als verstnde
er seine Worte, und auf dem Wege zum Strande hrte er nicht auf, zu
plaudern und zu pfeifen, denn auch das Letztere hatte er von seinen
Erziehern gelernt.

Der Wind war gnstig; das Schiff lichtete, sowie alle am Bord waren, die
Anker; die Segel schwellten und der majesttische Rurik setzte sich in
Bewegung. Es dauerte nicht lange, so hatte man die geliebte Insel aus dem
Gesichte verloren.

Immer frisch ging es vorwrts, denn der Rurik war auf der Heimreise
begriffen. Der Wind blieb lange gnstig; man lief in der Nacht vom 30. auf
den 31.Mrz in die _Tafelbai_, beim _Vorgebirge der guten Hoffnung_, ein
und verweilte daselbst acht Tage, was unserm William Gelegenheit gab,
den Besitzer des Constantia-Weinbergs, seinen guten Hollnder, wieder
aufzusuchen, und ihm zugleich seinen auf der Reise und durch den erlittenen
Schiffbruch erworbenen Freund Kolbi vorzustellen.

Dieser treffliche Mann war so erfreut ber das Wiedersehen Williams und
hrte seiner interessanten Erzhlung mit so groem Interesse zu, da sich
unser Freund ganz wie zu Hause bei ihm fhlte. Als es endlich an's Scheiden
ging, umarmte der gute Hollnder William fast unter Thrnen der Rhrung und
drckte ihm ein Pckchen mit den Worten in die Hand:

--Nimm das zum Geschenke von mir und mge es dir Segen bringen, mein
Sohn! Wenn es dir in deiner Vaterstadt wohl ergeht, dann gedenke auch
zuweilen meiner!

Er wandte sich jetzt mit nassem Auge von den beiden Freunden ab und ging;
auch William, minder sein Kolbi, war tief gerhrt.

Die fernere Reise war, bis auf einige wenige strmische Tage, sehr vom
Glck begnstigt und ich wte Euch, meine Geliebten, nicht eben viel
Neues davon zu erzhlen. Nur des Umstandes mu ich noch erwhnen, da
der _Rurik_ bei der Insel _St.Helena_ vor Anker ging und man also
Gelegenheit hatte, den gresten Mann des Jahrhunderts und einer der
gresten aller Zeiten, auf dieser durch ihn so berhmt und bekannt
gewordenen Insel zu sehen. Ich brauche Euch wohl kaum noch den Namen
_Napoleon Bonaparte_ zu nennen; denn Ihr werdet wissen, da dieser als
Gefangener auf der Insel St.Helena schmachtete und daselbst auch sein
thatenreiches Leben endete. Freilich sah unser William den groen Mann nur
flchtig auf einem Spazierritte, den er in Begleitung der ihn bewachenden
Officiere machte; aber die Erinnerung an diese Begegnung blieb ihm fr den
Rest seines Lebens eine hchst angenehme.

Endlich lief der _Rurik_, nach einer eben so schnellen als glcklichen
Fahrt, am 16.Juni des Jahres 1818 in den Hafen von Portsmuth in England
ein, und schon am 18. gingen William und Kolbi in Begleitung ihres Freundes
und Beschtzers, Adalbert von Chamisso, an das Land. Hier trennte dieser
sich von Beiden, nachdem er gromthig die Ueberfahrt fr sie auf einem
eben nach Hamburg unter Segel gehenden Paquetboote bezahlt hatte. Der
Abschied war sehr schmerzlich; denn sowohl William als Kolbi hatten ihren
Beschtzer von Herzen lieb gewonnen. Er versprach ihnen aber, falls er nach
Hamburg kommen sollte, sie aufzusuchen, und hat auch hierin Wort gehalten.

Wie schlug William das Herz, als er nach einer eben so schnellen als
glcklichen Fahrt und nach einer Abwesenheit von fast vier Jahren, die
Thrme seiner Vaterstadt und endlich den mit Schiffen angefllten Hafen
derselben wieder erblickte!

Tausend Fragen drngten sich ihm auf, worunter die: ob er seine geliebte
Mutter auch noch wieder finden wrde? ob der Gram um ihn sie nicht
vielleicht gar getdtet habe? sein Herz zu ngstlichen Schlgen bewegte.

Endlich konnte er aus der leichten Barke an's Land springen; Kolbi folgte
ihm. Dieser, dem Alles neu war, wollte jeden Augenblick stehen bleiben und
bald ber Dieses, bald ber Jenes Auskunft von ihm haben; allein er war
nicht im Stande, ihm die gewnschten Erklrungen zu geben, sondern eilte
rastlos vorwrts, bis er bei der niedern Wohnung anlangte, in der er seine
Mutter verlassen hatte.

Eine ihm vllig fremde Frau stand vor der Kellertreppe, und fast athemlos
vor banger Furcht fragte er nach seiner Mutter. Die Frau, welche erst vor
Kurzem eingezogen war, wute ihm keine Auskunft zu geben, und schon wollte
sich Verzweiflung seiner Seele bemchtigen -- denn er glaubte die gute
Mutter todt -- als sich die Thr des dem Keller gegenberliegenden Hauses
ffnete und ein ihm gleich auf den ersten Blick wohlbekanntes Gesicht
aus derselben neugierig auf Kolbi schaute; dieser erregte durch
sein ungewhnliches Aeuere natrlich die Aufmerksamkeit aller ihnen
Begegnenden.

--Fritz! Fritz! rief William mit lauter Stimme und strzte auf seinen
Jugendgespielen und Schulgenossen zu.

Dieser erkannte ihn nicht sogleich. William war seit ihrer Trennung um vier
Jahre lter geworden und von der sdlichen Sonne so gebrunt, da er weit
eher einem Mulatten, als einem Europer hnlich sah.

--Erkennst du mich denn nicht mehr, Fritz? fragte ihn William mit
traurigem Tone; erkennst du deinen Freund William Robinson nicht mehr?
fgte er hinzu.

--Mein Gott! Du! rief dieser jetzt, indem er ihm in die Arme strzte.
Du lebst, William? Wie wird sich deine Mutter freuen, die dich als todt
beweinte!

--So lebt sie doch noch? rief William, und ein Strom von Freudenthrnen
scho ihm ber die Wangen. O Gott, mein guter gndiger Gott, wie danke
ich Dir! sagte er, die Hnde zum Himmel emporstreckend. Viel htte nicht
gefehlt, so wre er auf der offenen Gasse auf seine Kniee niedergesunken,
um seinem himmlischen Vater fr die ihm erzeigte groe Gnade zu danken.

--O, fhre mich zu meiner Mutter! rief er dann, die beiden Hnde seines
Jugendfreundes erfassend, fhre mich auf der Stelle zu ihr: mein Herz
droht vor Sehnsucht nach der Geliebten zu zerspringen!

--Gemach, mein Freund, antwortete ihm der besonnene Freund; Du
darfst so unerwartet nicht zu ihr eintreten: Die Ueberraschung knnte
sie vielleicht gar tdten. Tritt erst in unser Haus und warte, bis ich
zurckkomme. Sie wohnt da drben, in dem groen Fruchtlager; ich gehe zu
ihr, um sie vorsichtig auf die Freude vorzubereiten, die ihrer harrt; denn
sonst knnte leicht aus dem Glck ein Unglck entstehen.

William fand das, was Fritz sagte, vernnftig und trat mit seinem Kolbi
in das Haus, whrend Fritz zu der Frau Robinson hinbersprang, um sie
vorzubereiten. Er machte seine Sache sehr geschickt. Erst sagte er ihr,
da man glaube, das schne Schiff, die _Hoffnung_, sei doch nicht
untergegangen, wie man so lange gewhnt; dann ging er weiter und immer
weiter und endlich trat er mit der vollen, glcklichen Wahrheit hervor.
Trotz der gebrauchten Vorsicht war die zrtliche Mutter doch fast einer
Ohnmacht nahe, als er ihr die Versicherung gab, da ihr William lebe und
nur wenige Schritte von ihr entfernt, in seinem Hause sei. Als sie sich
einigermaen von ihrem freudigen Schrecken erholt hatte, lie sie sich
nicht lnger halten; sie strzte fort, dem Hause von Fritzens Eltern zu und
lag, halb todt vor Uebermaa an Freude, in den Armen des so lange als todt
beweinten Sohnes.

_Welche Feder_ wre wohl im Stande, dieses Wiedersehen zu schildern? Die
meine ist zu schwach dazu und ich mu es Euch, meine Geliebten, berlassen,
Euch selbst alle die nun folgenden rhrenden Scenen auszumalen.

Als der erste Sturm der Empfindung sich in Etwas gelegt hatte, ergriff
William die Hand seines Kolbi und fhrte ihn mit den Worten zu seiner
Mutter:

--Umarme auch ihn und nenne ihn deinen zweiten Sohn, denn er ist mein
liebster Freund, mein Bruder und nach dir mir der liebste auf der Welt.

--Ja, er soll auch mein Sohn sein, versetzte die Mutter und umarmte bei
diesen Worten den tiefgerhrten Kolbi, der die Mutter seines Williams auch
schon lieb gewonnen hatte.

Dann ging's an's Erzhlen und Ihr knnt Euch vorstellen, wie interessant
der Frau Robinson jedes Wort war, das ihr geliebter Sohn zu ihr redete.
Fast bis um Mitternacht dauerten die Mittheilungen Williams, und selbst da
konnte man noch nicht einschlafen.

Etwa zehn Jahre nach diesen glcklichen Vorfllen sprach man sehr viel
in der Stadt von dem reichen Kaufmann Herrn William Robinson, von dem man
behauptete, da ihm alle seine Speculationen ber Erwartung glckten. Als
Compagnon war ein Eingeborener Australiens, der die heilige Taufe erhalten
und den Namen _Williams_ in derselben angenommen hatte, in die Handlung
aufgenommen worden und er zeichnete sich durch Geschicklichkeit und
Flei eben so sehr aus, als durch sein liebreiches Wesen und seine
Wohlthtigkeit.

Die Sache hing so zusammen:

Als William einige Tage nach seiner Rckkehr seine Sachen vom Bord des
Paquetboots geholt hatte -- auch den Lori verga er nicht -- fiel ihm
das Pckchen in die Hnde, das der gute Hollnder am Vorgebirge der guten
Hoffnung ihm beim Abschiede in die Hand gedrckt hatte, und das bis dahin
unerffnet geblieben war. Jetzt ffnete er es und fand, zu seiner nicht
geringen Ueberraschung, eine Rolle blanker Louis'dors, fnfzig an der Zahl,
darin. Zitternd vor Freude brachte er der Mutter seinen Schatz und erzhlte
ihr zugleich, wie er dazu gekommen.

--Das Geld, sagte die fromme und verstndige Mutter, mut Du im Handel
anlegen: es wird dir Segen bringen, da du es durch deine Rechtschaffenheit
erwarbst. Meine Lage in diesem Hause ist zwar nicht glnzend, aber Herr
Berger behandelt mich anstndig und hat Vertrauen zu mir; so kann ich es
schon noch eine Weile bei ihm aushalten; segnet aber Gott deine Geschfte,
dann ziehe ich zu dir.

Und Gott segnete das Geschft des guten, redlichen Williams. Schon nach
einem Jahre hatte sich sein kleines Kapital verdoppelt, und, wie schon
angedeutet worden, nach etwa zehn Jahren war er ein reicher, reicher
Mann, hatte ein groes Haus, eine liebenswrdige tugendhafte Frau und ein
Huflein hoffnungsvoller Kinder.

Die Mutter und sein Kolbi, der inde von geschickten Lehrern unterrichtet
worden war, wohnten bei ihm und letzterer war sogar sein Compagnon
geworden.

Oft, wenn die Freunde in traulichen Gesprchen ihrer Vergangenheit und
wunderbaren Lebensschicksale gedachten, sagte William:

--Erinnerst du dich noch, Kolbi so nannte er ihn noch immer, wenn sie
allein waren -- was ich dir bei Gelegenheit der Zerstrung unserer Htte
durch die Feinde deines Stammes sagte: da Gott es oft dann am besten mit
uns meint, wenn er uns Trbsal sendet?

--Wohl erinnere ich mich deiner Worte, versetzte Kolbi, und habe
derselben sehr oft gedenken mssen. Htten die Feinde unsere Htte nicht
zerstrt, so wrden wir vielleicht nicht an den Strand gegangen sein,
um Bretter zu suchen: der _Rurik_ wre wahrscheinlich an der Insel
vorbergesegelt, ohne sie zu besuchen, und wir sen jetzt wohl noch auf
derselben. Gelobt sei Gott, der gndige, allweise Gott, der seine Menschen
segnet, indem er sie zu prfen scheint.




In der Verlagshandlung von #J. Engelmann# in _Heidelberg_ sind auch
folgende

  Unterhaltungs- und Jugendschriften etc.

erschienen, und in allen _Buchhandlungen_ zu den beigesetzten Preisen zu
haben.


#Beck#, =Dr.= (Schuldirektor in Neuwied), Geschichten, Sagen und
Naturgemlde des Rheins, aus dem Munde deutscher, besonders rheinischer
Dichter. Ein Erinnerungsbuch fr Fremde und Einheimische sowie auch fr
Gedchtni- und Vortragsbungen in und auer der Schule. Mit der Ansicht
von Rheinstein. 12. Brosch. 2fl. od. 1Thlr.8gr.

  Der Herausgeber dieser eben so vollstndigen als zweckmigen Sammlung
  hat sich nicht blos auf die _Geschichte_ beschrnkt, sondern auch,
  woran das Rheinland so reich ist, seine _Sagen_ bercksichtigt,
  und endlich dem weitgepriesenen Rheinwein zu Ehren, eine Reihe
  Rheinweinlieder beigefgt.


#Engelmann#, =Dr.= #J.B.#, Gebete und Erweckungen zum Gebet. Ein
Andachtsbuch fr Familien. Mit einem Kupfer. In allegorischem Umschlage.
geb. 1fl.24 kr. od. 22gr.

  Dieser herrliche Kranz ist aus den schnsten Blumen, welche die Muse
  der Religion und des Gefhls spendet, gewunden -- aus den erwhltesten,
  die ihre geweihte Snger: _Klopstock_, _Cramer_, _Gellert_, _Caroline_,
  _Rudolphi_, _Herder_, _Novalis_, _Jacobi_, _Krummacher_, _Seume_,
  _Haller_, _Kosegarten_, _Pfeffel_, _Julie_, _Veillodter_, _Brger_,
  _Hlty_, _Matthisson_ und mehrere, auf den Altar des Heiligen, Guten
  und Wahren niederlegen. -- In den Betrachtungen ber Gott, Jesus,
  Tod und Unsterblichkeit, in den Trostgesngen bei den Grbern unserer
  Lieben, in den Morgen- und Abendliedern, und andern vermischten
  Inhalts, wird das fromme Gemth Erhebung zur Andacht, Beruhigung im
  Leiden und Kraft zum heitern Fortschreiten auf der Prfungsbahn dieses
  Lebens finden -- und so wird dieses Buch jedem Familienkreise und jedem
  Einzelnen, der ein solches zu haben wnscht, ein willkommener Begleiter
  sein.


#Geib, Karl#, die Volkssagen der Rheinlande. In Romanzen und Balladen. Mit
22 Kupfern. 8. 1.Band 1828. In schnem Einbande 3fl. oder 2Thlr.

Deren 2.Band. In Romanzen, Balladen und poetischen Erzhlungen. Mit 21
Kupfern 1836. Geschmackvoller Einband in Catton-Taffent. 3fl. od. 2Thlr.

Jeder Band wird besonders gegeben. Beide Bnde _zusammen genommen_ kosten
5fl.24kr. oder 3Thlr.12gr.

  Die in diesen beiden Bnden enthaltenen _Sagen_ in poetischem Gewande
  sind bereits, dem grern Theile nach, in dem Taschenbuch Cornelia 1824
  und folgende Jahrgnge abgedruckt.

  Aufgefordert durch den allgemeinen Beifall, den diese Dichtungen
  erhielten, und durch die Wnsche vieler Freunde und Bewunderer
  des Rheins, haben wir uns entschlossen, eine besondere, elegant
  ausgestattete Sammlung derselben herauszugeben, die sich auch darum zu
  Geschenken der Freundschaft und Liebe ganz besonders eignet. Auer den
  zu den _Sagen_ gehrigen schnen Kupfern und Stahlstichen, enthlt der
  1.Band noch ein neues, vortreffliches Titelkupfer.


#Haug, Fr.#, Fabeln fr Jung und Alt. In sechs Bchern. 16. br.
1.fl.12kr. od. 18gr.

  Die _Fabel_ ist in neueren Zeiten wenig, oder vielmehr gar nicht
  cultivirt worden. _Fr. Haug_ versuchte sich vor einigen Jahren in
  diesem Fache. Er fand Beifall, und sendete nun, ermuthigt, jenen
  _dreihundert Fabeln zweihundert weitere_ nach. Sie sind nicht der
  _Jugend_ allein, auch dem _Alter_ geweiht, und groentheils berhmten
  Dichtern anderer Nationen frei nachgebildet.


#Helwig, Amalie#v., geb. v.Imhoff. Die Sage vom Wolfsbrunnen, Mhrchen.
2.Aufl. Mit 1 Kupf. 8. Brosch 1fl. oder 16gr. Ausgabe mit 5 Kupfern,
elegant geb. in Futteral, 2fl. od 1Thlr.8 gr.


#Reinhardt, Lina.# Festgabe in zehn neuen dramatischen Spielen fr die
deutsche Jugend. 12. 2fl.24kr. oder 1Thlr.15 gr.

  Die Kinderschauspiele der vortrefflichen _Lina Reinhardt_ haben in dem
  Kreise, fr den sie zunchst bestimmt sind, so wie bei Erwachsenen
  so viel Beifall gefunden -- _zwei_ Ausgaben muten in kurzer Zeit
  veranstaltet werden -- da ich mich gern entschlo, eine neue Sammlung
  der Art aus der beliebten und belobten Feder dieser Schriftstellerin
  zu bringen. Heiterkeit, Frischheit und Neuheit zeichnen diese kleinen
  Dramen vor allen andern der Art vortheilhaft aus. Zum besondern
  Verdienste gereicht es der Verfasserin, da sie bei allen diesen
  Stcken immer eine _streng moralische_ Tendenz vor Augen hatte, so da
  sie nicht nur erheitern und erfreuen, sondern zugleich auch _bilden_
  und _belehren_.

----Neues Kindertheater, der heranwachsenden Jugend bestimmt. 2fl.24
kr. oder 1Thlr.14gr.

  Auch diese Sammlung schliet sich wrdig an die frheren derselben
  Verfasserin an. Nicht die Absicht, aus Kindern Bhnenknstler oder nach
  Lob begierige Declamatoren zu bilden, hat die Herausgabe dieses neuen
  Kindertheaters veranlat, sondern die von den ausgezeichnetsten
  Pdagogen anerkannte Erwgung, da die dramatische Darstellung
  vorzglich geeignet ist, Eindruck auf das jugendliche Gemth zu machen,
  und recht angewendet, in der Form des Spiels dem Saamen des Guten einen
  gedeihlichen Boden bereiten kann.

----Noth und Rettung am Lebensmorgen. Sechs Erzhlungen fr die reifende
Jugend. 1fl.36kr. od. 1Thlr.2gr.

  Die streng religis-moralische Tendenz aller Schriften der Verfasserin
  zeichnet auch diese Erzhlungen fr die reifere Jugend aus. Glckliche
  Wahl der behandelten Gegenstnde, anziehende Darstellung und eine
  blhende Sprache haben dem Bchlein schon viele Freunde verschafft, und
  mit dem grten Rechte ist es allen Vtern und Mttern zu empfehlen,
  die ihren Kindern eine anziehende und doch gediegene, wahrhaft Geist
  und Herz bildende Lectre verschaffen wollen.


#Schoppe, A.#, geb. Weise. Elegantes Geschenk zur Fest-, Namens- und
Geburtstagsfeier. Zugleich ein Geschenk- und Erinnerungsbchlein fr
Reisende am Rhein-, Main-, Mosel- und Nekarstrande. Enthaltend 60 Stahl-
und Kupferstiche zu den schnsten Volkssagen. 26 Portrts berhmter und
interessanter Personen und 26 Genre-Bilder, im Ganzen 112 Stahl-
und Kupferstiche, mit den dazu gehrenden Sagen und Beschreibungen.
5fl.24kr. oder 3Thlr.12gr.


#Schoppe, A.#, Christliche Erzhlungen fr die gebildete Jugend beiderlei
Geschlechts. 12.2fl. od. 1Thlr.8gr.

  In einer Zeit, wo so viele darauf hinarbeiten, sowohl die christliche
  Lehre, als Gesinnung zu untergraben, durften diese Erzhlungen aus der
  Feder einer _Amalie Schoppe_ geb. Weise, gewi vielen hchst willkommen
  sein. Wie hoch sie den wahren Christensinn hlt, wenn er sich nicht
  blos in Worten, sondern in Werken zeigt, thun diese trefflichen
  Erzhlungen dar, deren jede ein Spruch der Bergpredigt zum Grunde
  gelegt und als Motto vorangestellt ist. Ueber den Beruf der Verfasserin
  zu Schriften der Art noch etwas sagen zu wollen, wre hchst
  berflssig, da 140 Bnde von ihr, mit gleicher Gunst vom Publikum
  aufgenommen, wohl zur Genge fr ihr Talent sprechen. Familien, die
  es wahrhaft gut mit ihren Kindern meinen, empfehlen wir mit vollster
  Ueberzeugung diese ausgezeichnet christlich-moralischen Erzhlungen.

----Erste Nahrung fr Geist und Herz. Elementar-, Lehr- und Lesebuch zur
Unterhaltung und zum stufenweien Unterricht der Kinder vom sechsten Jahre
an. Frei nach dem Englischen der =Early Lessons=, von _M.Edgeworth_ fr
die deutsche Jugend bearbeitet. 4.Bdch. 8. _Gebunden_. 4fl.48kr. od.
3Thlr.4gr.

  Diese vortrefflichen in ihrer Art _einzigen_ Werke, welche im Original
  _zehn_ Auflagen erlebten, sind hier zuerst dem deutschen Publikum in
  einer freien Bearbeitung aus der Feder einer allgemein bekannten und
  mit Recht beliebten Jugendschriftstellerin dargeboten. Was man davon
  zu fordern berechtigt ist, sprechen die Titel vollstndig aus; der
  Verleger aber glaubt in diesen Werken einem lang- und tiefgefhlten
  Bedrfnisse abgeholfen zu haben, indem er der deutschen Jugend
  Lesebcher bietet, wie sie sie bisher in solcher Gediegenheit noch
  nicht besa. Tiefer, aber immer milder Ernst bei der Erziehung wechselt
  mit der geistreichsten und angenehmsten Unterhaltung ab. Unablssig
  wird auf Geist und Gemth, sowie auf zweckmige Belehrung hingewirkt,
  und besonders auch erhalten sinnige und sorgfltige Eltern und Erzieher
  hier Winke, sowohl beim Unterricht, als bei der Menschenbildung, die
  sie gewi mit Dank und Achtung aufnehmen werden. Die hier
  gegebenen Bnde bilden einen wahren und vollstndigen _Haus-_ und
  _Familien-Schatz_, der auch in unserm Vaterlande diejenige ehrenvolle
  Anerkennung finden wird, die diese Werke bei unsern berseeischen
  Nachbarn in so reichlichem Maae fand, wo man sie fast in jeder
  gebildeten, fr das Wohl ihrer Kinder wahrhaft besorgten Familie
  antrifft.

Damenbibliothek. Aus dem Gebiete der Unterhaltung und des Wissens.
Einheimischen und fremden Quellen entnommen. Den Gebildeten des schnen
Geschlechts gewidmet. Herausgegeben von Hofrath _A.Schreiber_. 16
Bndchen. 8. brosch. 9fl.36 kr. od. 6Thlr.8gr.

  Die Aufnahme, welche die Damenbibliothek gefunden, war aufmunternd fr
  den Herausgeber und Verleger, und unbefangene Leser haben anerkannt,
  da die Tendenz dieser Bibliothek nie aus den Augen gelassen
  worden, und viele der darin enthaltenen Aufstze einen nicht blos
  vorbergehenden Werth haben. Der in mancher Hinsicht merkwrdige
  Chinesische Roman: Die beiden Muhmen, wurden unverstmmelt und in einer
  gediegenen Uebersetzung gegeben; die geistreichen Bemerkungen der
  Frau von Minutoli ber Egypten, die Notizen ber das franzsische
  Ritterthum, das Gemlde des franzsischen Hofes im achtzehnten
  Jahrhundert, die Geschichte des Marquis von Posa, die mit allgemeinem
  Beifall aufgenommenen Novellen des Herausgebers, die Erzhlungen von
  Caroline Stille, Amalie Schoppe, die Beitrge von Alednog, Geib, Haug,
  Ingemann, Saldagno etc. etc. wrden jeder hnlichen Sammlung
  Ehre machen, und man darf berhaupt von den meisten Aufstzen der
  Damen-Bibliothek rhmen, da sie auch bei wiederholter Lektre noch ein
  frisches lebhaftes Interesse gewhren. Dazu kommt die elegante uere
  Ausstattung, und der geringe Preis, der in der That genau erwogen
  und verglichen, ebenso billig ist, als der der berufenen
  Zweigroschen-Ausgaben, nur da hier fr 36 kr. auf einmal geboten wird,
  was dort in kleinen Gaben erscheint.


#Schreiber,A.#, Sagen aus den Gegenden des Rheins und des Schwarzwaldes.
Zweite sehr vermehrte Auflage. Brosch. 2fl. od. 1Thlr.8gr. -- Derselben
2tr.Bd. 2fl. od. 1Thlr.8gr.

  Diese anziehenden Sagen sind in der einfachen schmucklosen Sprache
  erzhlt -- der einzig wahren fr solche geschichtlichen Traditionen
  -- deren der Herr Verfasser wie des hhern Styls so mchtig ist. Ein
  zweites Bndchen -- lngst erwartet und gewnscht, aber versptet durch
  andere literarischen Arbeiten des Herrn Verfassers -- ist im Manuscript
  vollendet und wird demnchst erscheinen.

Die _franzsische_ Ausgabe mit 32 Kupfern, gezeichnet und gestochen von
den besten Meistern. 2te Auflage. Geb. in Futteral 4fl.48kr. od.
3Thlr.4gr.

Der zweite Band allein, schn geb., mit 17 Kupfern 3fl. oder 2Thlr.

Die _englische_ Ausgabe mit 33 Kupfern 4fl.48kr. oder 3Thlr.4 gr.

Dieselbe ohne Kupfer 1fl.40kr. od. 1Thlr.4gr.


#Stille, Caroline#, Moralische Erzhlungen fr die gebildete Jugend. Nach
Mi _Edgeworth_ frei bearbeitet. 12. Aufl. Velinpapier brosch. 1fl. od.
16gr.

  Die zu London in zwei Theilen erschienenen =Tales by Maria Edgeworth=,
  mit so ausgezeichnetem Beifall aufgenommen, da sie bereits die
  10.Auflage erlebt haben, sind hier von der geachteten Schriftstellerin
  _Caroline Stille_, fr die deutsche, vorzugsweise die weibliche
  Lesewelt bearbeitet.

  Durch das Anziehende der treu aufgefaten und geistvoll wiedergegebenen
  Darstellungen aus dem Leben, verdient das Werk die Anerkennung, deren
  es sich in seinem Vaterlande zu erfreuen hat, in eben so hohem Grade,
  als durch die reinsittlichen Andeutungen, welche sich durch das Ganze
  verflechten.


#Thieme, M.# Kleiner deutscher Ehrentempel, oder das Leben berhmter
Deutschen neuerer Zeit. Zur Unterhaltung, Nacheiferung und Erweckung
der Vaterlandsliebe fr Jung und Alt. Mit einem Titelkupfer. 8. brosch.
1fl.30kr. od. 1Thlr.


#Cornelia.# Taschenbuch fr deutsche Frauen, begrndet von A.Schreiber,
fr das Jahr 1843, fortgesetzt von _Amalie Schoppe_, geb. Weise. Mit 7
Stahlstichen. 28ter Jahrgang. Zweite Folge 2terJahrgang.




[ Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textanteile, die in
=Antiqua-Schrift= gedruckt wurden, sind jeweils markiert.

Illustrationen wurden jeweils an Kapitelenden geschoben. Ob die vierte,
hier schwarz-weie Illustration im Originalbuch coloriert ist, konnte nicht
geklrt werden.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, einschlielich
uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "msig" -- "emsig",
"Hlflosigkeit" -- "Hlfslosigkeit", "Leinewand" -- "Leinwand", "Orcan"
-- "Orkan", "Schiffscapitain" -- "Schiffscapitn" -- "Schiffskapitain",
"Speise" -- "Speie",

mit folgenden Ausnahmen:

  Anfhrungszeichen wurden korrigiert;

  Seite 26:
  "wir" gendert in "mir"
  (Nicht wahr, Du bleibst bei mir?)

  Seite 38:
  "Kajtte" gendert in "Kajte"
  (und hielt die Kajte des Capitains so rein und ordentlich)

  Seite 42:
  "Baume" gendert in "Bume"
  (den goldgelben Frchten, womit diese Bume bedeckt waren)

  Seite 44:
  "ergeben" gendert in "ergehen"
  (und es wird Dir stets wohl ergehen)

  Seite 59:
  "Keil" gendert in "Kiel"
  (der Schaum spritzte, so wie der Kiel die Wogen durchschnitt)

  Seite 60:
  "hattte" gendert in "hatte"
  (wie seine fromme Mutter es ihm im Glck und Unglck gelehrt hatte)

  Seite 62:
  "Felsenriffe" gendert in "Felsenriffen"
  (mit verborgenen oder offenbaren Klippen und Felsenriffen best)

  Seite 103:
  "hrem" gendert in "ihrem"
  (allein zu ihrem Verderben)

  Seite 104:
  "." eingefgt
  (die Bltter etwas anders geformt waren. Um sich zu berzeugen)

  Seite 104:
  "milde" gendert in "wilde"
  (die wilde Patate, die unsern Kartoffeln sehr hnlich ist)

  Seite 121:
  "ihm" gendert in "ihr"
  (seit er sich nicht mehr vor ihr frchtete)

  Seite 132:
  "," eingefgt
  (und schlo die Augen wieder, ganz wie der Strau es machen soll)

  Seite 137:
  "Frucht" gendert in "Furcht"
  (unserm armen Australier eine ungemessene Furcht einzuflen)

  Seite 137:
  "?" gendert in "."
  (so will ich Euch den Schlssel dazu in die Hand geben.)

  Seite 138:
  "Bume" gendert in "Bienen"
  (wilde Bienen entdeckt, welche die Spitze des Baumes umschwrmten)

  Seite 144:
  "bemerkt" gendert in "gemerkt"
  (und diesen selbst so genau gemerkt)

  Seite 148:
  "Keilen" gendert in "Keulen"
  (Man kann nur die Keulen zur Speise benutzen)

  Seite 156:
  "schleppten" gendert in "schleppte"
  (und schleppte mich fort an den Strand des Meeres)

  Seite 175/176:
  "Let-ern" gendert in "Lettern"
  (gedruckten Gesangbuche erst die Lettern des groen)

  Seite 190:
  "Baustamm" gendert in "Baumstamm"
  (Ein Baumstamm konnte vermittelst der Sge und der Axt)

  Seite 192:
  "belegenen" gendert in "gelegenen"
  (in der nahe gelegenen Hhle zuerst suchen)

  Seite 200:
  ";" gendert in ","
  (welche bisher am Boden gelagert gewesen waren, mit dem Geschrei)

  Seite 202:
  "mute" gendert in "wute"
  (verstand er sie in der That selbst kaum und wute nur soviel)

  Seite 238:
  "schellen" gendert in "schnellen"
  (nach einer eben so schnellen als glcklichen Fahrt)

  Seite 246:
  "Sammlnng" gendert in "Sammlung"
  (eine neue Sammlung der Art)

  Seite 247:
  "Bedrfuisse" gendert in "Bedrfnisse"
  (einem lang- und tiefgefhlten Bedrfnisse abgeholfen zu haben)

  Seite 248:
  "," eingefgt
  (Ingemann, Saldagno etc. etc. wrden jeder hnlichen Sammlung)]







End of Project Gutenberg's Robinson in Australien, by Amalia Schoppe

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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